In jeder Generation gibt es nur eine Jägerin... Nach einer wilden Schießerei ist Sunnydale wie gelähmt. Was könnte dies...
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In jeder Generation gibt es nur eine Jägerin... Nach einer wilden Schießerei ist Sunnydale wie gelähmt. Was könnte diese bestialische Tat ausgelöst haben? Buffy Summers kann es sich denken. Wenn die Jägerin ihren prophetischen Träumen Glauben schenken kann, dann handelt es sich dieses Mal um eine besonders hinterlistige dunkle Macht. Während die Polizei mal wieder falschen Fährten nachgeht, begeben sich Buffy und ihre Freunde selbst auf die Suche nach möglichen paranormalen Ursachen. Die Einwohner von Sunnydale reagieren immer unberechenbarer auf die wachsende Anspannung, der sie ausgesetzt sind. Die Jägerin entgeht bei ihren Nachforschungen knapp dem Anschlag durch einen äußerst gut trainierten Vampir, der bis jetzt jeden Jäger umgebracht hat, der sich ihm in den Weg stellte. Steckt diese uralte Kreatur hinter der neuesten Welle des Bösen? Oder gibt es da noch eine andere Quelle... ganz in Buffys Nähe?
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Nancy Holder
Der Pakt mit dem Bösen Aus dem Amerikanischen von Lynn Vetter
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Die Deutsche Bibliothek – CIP-Einheitsaufnahme Buffy – Im Bann der Dämonen. – Köln: vgs Der Pakt mit dem Bösen / Nancy Holder. Aus dem Amerikan. von Lynn Vetter. – 1. Aufl. – 2002 ISBN 3-8025-2852-2
Das Buch »Buffy – Im Bann der Dämonen. Der Pakt mit dem Bösen.« entstand nach der gleichnamigen Fernsehserie (Orig.: Buffy, The Vampire Slayer) von Joss Whedon, ausgestrahlt bei ProSieben. © des ProSieben-Titel-Logos mit freundlicher Genehmigung der ProSieben Televisions GmbH Erstveröffentlichung bei Pocket Books, eine Unternehmensgruppe von Simon & Schuster, New York 2000. Titel der amerikanischen Originalausgabe: Buffy, The Vampire Slayer. The Evil that Men Do. ™ und © 2000 by Twentieth Century Fox Film Corporation. All Rights Reserved. 1. Auflage 2002 © der deutschsprachigen Ausgabe: Egmont vgs Verlagsgesellschaft mbH Alle Rechte vorbehalten. Umschlaggestaltung: Sens, Köln Titelfoto: © Twentieth Century Fox Film Corporation 2000 Satz: Kalle Giese, Overath Druck: Clausen & Bosse, Leck Printed in Germany ISBN 3-8025-2852-2
Besuchen Sie unsere Homepage im WWW: http://www.vgs.de 4
Prolog Höllenfeuer... Der Friedhof ging in Flammen auf, während die Kreatur durch die Luft schnellte und ihren Fuß gegen Buffys Brustkorb schlug. Buffy wurde gegen eine Mauer geschleudert und schrie vor Schmerz auf. Für einen Augenblick dachte sie, ihr Herz würde explodieren. Sie bekam keine Luft mehr. Aber wenn sie überleben wollte, durfte sie dem Schmerz keine Beachtung schenken. Das Gesicht des Angreifers war unter einer Kapuze verborgen und er war entschlossen sie zu töten – dessen war sie sich ziemlich sicher. Die Jägerin kam nicht zum Luft holen, geschweige denn zum Nachdenken, weil sie instinktiv die Schläge abwehrte, die wie ein harter Regen auf sie niederprasselten. Zuerst zielten sie auf ihr Gesicht, dann auf ihren Oberkörper, ihre Hüften und sogar ihre Kniescheiben. Die Schläge und Tritte kamen schnell und hart. Buffy kämpfte mit jedem Trick aus dem Repertoire einer Jägerin – stieß sich von der Wand ab, wirbelte durch die Luft und landete einen erstklassigen Fußtritt, der den gesichtslosen Gegner an der Kehle erwischte. Sie trieb einen doppelten Fauststoß in den Solarplexus des Angreifers und rammte ihm die Finger zwischen die Rippen. Doch nichts davon schien ihren Gegner sonderlich zu beeindrucken. Denn schon griff er erneut an und stieß Buffy ohne Anstrengung die Faust in den Unterleib. Buffy überschlug sich, konnte jedoch noch einen ordentlichen Schlag auf den Kopf landen. So ging es etwa fünf Minuten hin und her – vielleicht waren es auch fünf Stunden.
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Buffy war zwar zu Tode erschöpft, begann sich aber an diesen merkwürdigen Kampfstil zu gewöhnen. Mit der offenen Hand wehrte sie einen Schlag ab, der auf ihren Kiefer zielte. Es gelang ihr, das Kinn ihres Gegners zu packen und mit der Faust nachzusetzen. Trotzdem konnte sie die Gesichtszüge ihres Gegenübers noch immer nicht erkennen. Die Kreatur landete noch immer zu viele Treffer. Der Schweiß lief Buffy über Gesicht und Arme, während sie die tödliche Bedrohung abzuwehren versuchte. Die brütende Hitze auf dem Friedhof raubte ihr jegliche Kraft. Bäume fingen Feuer, und der Boden zeigte Anzeichen von Schwelbrand. Aus den Grabmälern stieg Rauch, während sie zischend auseinander brachen. Es war die Hölle. Doch damit kannte sich Buffy aus. Während sie sich um die eigene Achse drehte und mit ihrer soliden Fußtechnik den Kopf des Angreifers erneut erwischte, kam plötzlich ein heftiger Wind auf. Zweige brachen und fielen Funken stiebend zu Boden. Augenblicklich stand der Umhang ihres Gegners in Flammen. Doch das schien ihn überhaupt nicht zu stören. Buffy nutzte den Augenblick, um sich auf den gesichtslosen Körper zu stürzen und ihn zu Boden zu werfen. Er wehrte sich nicht. Buffys Haut warf Blasen, während sie nach dem dunklen Stoff griff, der das Gesicht des Angreifers bedeckte. Sie riss ihm die Maske herunter. Dann war die Gestalt plötzlich verschwunden. »He!«, rief Buffy und wirbelte herum. Auf der anderen Seite des Friedhofs – der jetzt totenstill war und auch nicht mehr brannte – stand ihr Gegner, eingehüllt in das Licht einer surrealen, schwarzen Flamme. Langsam öffnete er den Umhang, der seine Brust bedeckt hatte. In einem Hohlraum darunter schlug ein menschliches Herz. »Hier lebt das Böse«, flüsterte die Gestalt. 6
Dann trat sie aus dem Flammenring und zeigte Buffy ihr Gesicht. Buffy hielt die Luft an. Ihr eigenes Gesicht starrte sie an. Die Augen waren zusammengekniffen, die Lippen schmal und grausam. Auch das Lachen klang wie ihres – denn lachend verschwand die Gestalt im Dunkeln. Ein heißer Sommerwind peitschte durch die Straßen von Sunnydale. Buffy Summers träumte. Sie stöhnte im Schlaf und hielt sich schützend den Arm vors Gesicht. Schweißperlen standen ihr auf der Stirn. Die Pinien vor dem Haus ächzten unter der Macht des Sturms. Ihre Zweige schlugen gegen das offene Fenster. Vielleicht war es nicht klug für jemanden wie Buffy, der unzählige Feinde hatte, von denen einige fliegen, aber alle mit Sicherheit eine Leiter an das zweigeschossige Haus am Revelleo Drive stellen konnten, bei offenem Fenster zu schlafen. Doch Buffy vertraute ihren Instinkten. Sie war die Auserwählte, sie hatte den Kampf gegen Dämonen, Vampire und die Mächte der Finsternis aufgenommen. Ihr Wächter, Giles, trainierte sie für diese Aufgabe, als hinge ihr Leben davon ab. Und so war es ja auch. Die meisten Jägerinnen hatten ein verdammt kurzes Leben. Buffy selbst hatte eine gute Freundin begraben müssen, die ebenfalls Jägerin gewesen war: Kendra. Kendra war gerufen worden, weil es dem Meister, Buffys erstem Gegner, als sie in Sunnydale ankam, tatsächlich gelungen war, Buffy zu töten – zumindest für kurze Zeit. Der Tod war inzwischen ein wichtiger Teil ihres Leben – so wie das Böse.
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Und die Gestalt mit der Kapuze war das Böse, sehr real und sehr nah. Es spielte keine Rolle, dass sie nur in ihrem Traum aufgetaucht war. Denn die Träume der Jägerin waren keine Fantasien. Sie konnten die Zukunft zeigen, die Gegenwart enthüllen oder Vergangenes klären. Obwohl Buffy bemerkte, dass sie träumte, streckte sie die Fäuste in die Luft und brachte ihren Körper in Kampfposition, bereit sich zu verteidigen. Denn das, was in ihren Träumen passierte, konnte sie tatsächlich verletzen. Wie auch sie ihre Gegner tatsächlich verletzen konnte. Sie lauschte auf ungewöhnliche Geräusche in der Stille der Nacht. Der Wind blies heftig und es hörte sich an, als stünde sie mitten in einer Brandung. Buffys Herzschlag begann zu rasen. Hier lebt das Böse. Buffy zuckte zusammen. Was sollte das bedeuten? Dass jeder auch Böses in seinem Herzen trug? Das war nichts Neues. Selbst Buffy hatte ihre dunklen Geheimnisse, auf die sie nicht gerade stolz war. Man konnte nicht jede Nacht mit den Wölfen heulen, ohne dass sich etwas von ihrer Dunkelheit in die eigene Seele schlich. Das war der Preis, den sie zahlen musste. Es war der Preis dafür, überleben zu können. Sie schaute sich im Zimmer um. Ihr Blick streifte die Schirme, Schmetterlinge und die Plüschtiere, aber sie entdeckte nichts Ungewöhnliches. Dennoch blieb sie wachsam. Der Traum war so real gewesen. Obwohl Buffys Träume oft so waren – fast immer! Angespannt und wachsam wie sie war, wischte sie sich den Schweiß von der Stirn und stand auf. Sie trug ein weißes Top mit Spagetti-Trägern und seidene Boxershorts, die ihre Mutter aus der Geschenk-Boutique der Galerie mitgebracht hatte. Sie zeigten schwarze und blaue Kreise, umgeben von gelben 8
Sternen. Das Design nannte sich Sternenklare Nacht und der wahnsinnige Designer hatte sich ein Ohr abgeschnitten. Manche Leute waren eben vielseitig. Wie Buffy. Sie lächelte zaghaft, während sie zur Tür hinüberschlich. Sie konnte kämpfen, und jetzt konnte sie sogar Salsa tanzen, dank Oz – ausgerechnet. Oz, mit seinen Bowling-Shirts und seiner coolen Band, der wie sie ein Geheimnis hatte. Schließlich war er ein Werwolf. Aber auch ein hervorragender Tänzer. Doch sie schweifte ab. Sie musste sich mit dem Traum beschäftigten. Giles wollte, dass sie ihre Träume niederschrieb, aber das würde zu lange dauern, und außerdem erinnerte sie sich immer genau an jedes Detail. Im Augenblick ging es vor allem darum herauszufinden, ob ein Buffy-Zwilling mit Kapuze und heraushängendem Herzen irgendwo hier im Haus herumschlich. Da! Am Ende des Korridors stand eine reglose Gestalt. Buffy stürzte sich auf sie, bereit sie niederzuschlagen, als sie auf halbem Wege begriff, dass es ihre Mutter war, die doch sehr verängstigt und sehr verschlafen wirkte. »Liebling?«, brachte sie mühsam hervor. »Ist irgendwas nicht in Ordnung?« Buffy schüttelte den Kopf. »Ich konnte nicht schlafen.« »Oh.« Ihre Mutter sah immer noch verängstigt aus, aber schon weniger verschlafen. »Und deshalb wolltest du mich angreifen?« »Nicht dich«, platzte Buffy heraus, dann zuckte sie die Schultern und musste unwillkürlich lachen. »Es sind nur meine Dämonen.« Insider-Joke für Jägerinnen. »Was eigentlich«, fügte sie schnell hinzu, als ihre Mutter sie fragend anschaute, »nicht zum Lachen ist.« Joyce zuckte zusammen. »Haben wir einen Dämon im Haus, Buffy?«
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Einen Moment lang dachte Buffy schuldbewusst, sie meinte Angel. Dann sah sie, dass ihre Mutter lediglich verwirrt war, also schüttelte sie ernst den Kopf. »Nein, Mom. Es ist alles in Ordnung. Geh wieder ins Bett.« Joyce reckte den Hals. »Was machst du jetzt?« Buffy lächelte unschuldig. »Angriff. Das Opfer ist der Rest dieser Cherry-Garcia-Eiskrem.« »Nicht, wenn ich zuerst am Kühlschrank bin«, gab Joyce zurück. Sie schoss an Buffy vorbei und lief den Flur hinunter. »Mom!«, rief Buffy und rannte ihr nach. Sie war die Jägerin. Sie hätte ihre Mutter leicht überholen können. Es gab keinen Menschen, den sie nicht in einem Wettlauf besiegen konnte. Aber sie zögerte und keuchte auf dem ganzen Weg zur Küche, um ihrer Mutter den Vortritt zu lassen. Buffy erreichte die Küche, als Joyce zwei Schalen und Löffel aus dem Schrank holte, und den Preis natürlich – die halb volle Schachtel mit Cherry-Garcia-Eis. Buffy setzte sich an den Tisch und beobachtete, wie ihre Mutter das Eis in die Schalen füllte. Plötzlich wurde sie von dem Wunsch überwältigt, mehr von diesem normalen, einfachen Leben zu haben: Tochter und Mutter essen in der Küche Eis. »Ich habe nachgedacht, Buffy«, sagte ihre Mutter ernst. »Ja?«, krächzte Buffy und versuchte, sich nichts anmerken zu lassen. »Von jetzt an... kaufen wir«, sie drehte sich mit einer dramatischen Geste herum, »kaufen wir die großen Packungen. Die kleinen sind für Weicheier und wir sind keine Weicheier.« »Nein, das sind wir nicht.« Buffy reckte ihr Kinn. »In diesem Haus gibt es definitiv keine Weicheier.« »Und«, Joyce widmete sich wieder der Eiskrem. Ihr Gesicht war abgewandt, als sie unsicher fragte, »und du bist sicher, dass alles in Ordnung ist?« »Absolut«, antwortete Buffy. 10
Am Morgen würde sie Giles von ihrem Traum erzählen müssen. Denn leider hatte Buffy das dumme Gefühl, dass die Dinge absolut nicht in Ordnung waren. Aber damit würde sie ihre Mutter morgens um halb vier nicht belasten. Wenn überhaupt. Helen schlich mit einer Kerze in der Hand die dunklen Straßen hinunter. Julian wusste nicht, ob sie bemerkt hatte, dass er ihr folgte. Nichts verriet es ihm. Sie schlief kaum. Getrieben von dem Grauenvollen, das er ihr angetan hatte. Julian wünschte, er könnte mehr Bedauern empfinden für das, was er damals hatte tun müssen. Besessen davon, eine Jägerin nach der anderen zu töten, hatte Helen sie beide zur Zielscheibe gemacht. Denn es war die Aufgabe einer Jägerin, den Tod ihrer Vorgängerin zu rächen. Und das galt über Jahrhunderte hinweg. Der Wahnsinn, der daraufhin folgte, war... nun, unglücklich. Er wünschte sich ein Herz, das darüber hätte traurig sein können. Sie enthüllte einen langen, gefährlichen Dolch. Er wusste, was kommen würde. Sein eigener Durst nach Blut wuchs und verlangte, gestillt zu werden. Sie beide waren Kreaturen, die ein gewalttätiges und hemmungsloses Zeitalter hervorgebracht hatte – das Römische Imperium – und seine Vorliebe für die Gladiatorenspiele hatte ihn nie verlassen. Ein Geschöpf zu sehen, das sich vor Schmerzen wand, zu wissen, dass sein Leben an einem seidenen Faden hing, den er durchtrennen konnte... es gab kein größeres Vergnügen. Außer dem einen...
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»Jägerin«, zischte Helen. Der Dolch glitzerte im Licht der Kerze. Im Dunkeln hörte man jemanden leise wimmern. Helen lachte in sich hinein, das tiefe, harte Lachen der Wahnsinnigen und der Verdammten, und hielt die Klinge in die Flamme der Kerze. »Jägerin, ich komme, um dich herauszufordern.« »Ich... ich... Lady, ich bin keine Jägerin«, näselte die Stimme. Das kleine Mädchen würde ihr siebtes Opfer sein, seitdem sie beide diese Stadt betreten hatten. In zwei Wochen mussten es achtzehn sein. Sieben war eine magische Zahl, die erste Forderung, um mit der Verwandlung beginnen zu können. Dann folgte die Elf und zuletzt die Achtzehn, um in der entscheidenden Nacht – der Vollmond-Nacht – die Göttin Meter heraufzubeschwören. »Du bist die Jägerin und du wirst sterben für deinen Verrat«, flüsterte Helen. Sie näherte sich der Stimme. »Aber zuerst wirst du leiden. Furchtbar leiden.« Julian lächelte erwartungsvoll. »Diesen ersten Schnitt widme ich Angelus«, flüsterte sie. Zorn stieg in ihm auf. Obwohl er sich sagte, dass die Anwesenheit von Angelus in dieser Stadt, in der auch die Jägerin lebte, nur ein Zufall war. Dass es aber den Göttern gefallen hatte, die Urne des Caligula an diesen Ort zu bringen, war allerdings ein Umstand, den er und Helen nicht ignorieren konnten. Und dass die Sterne beim nächsten Vollmond in der richtigen Position stehen würden, war in der Tat ein Zeichen. Wenn sie die Riten korrekt ausführen würden, bekämen sie genügend Macht, um die Welt zu beherrschen. Was Angelus betraf... das war eine völlig andere Geschichte. Er wusste, dass Angelus sich verändert hatte, aber er wusste nicht, ob Helen von der Veränderung begeistert sein würde.
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Jedenfalls war er entschlossen, Angelus bei der nächsten Gelegenheit zu töten. Ein Schrei. Julian hatte hunderte von Helens Opfern schreien hören. Tausende. Darunter auch unzählige Jägerinnen. Jägerinnen waren ihre Leidenschaft. Sie war sehr erfinderisch gewesen und hatte sie auf verschiedene Weise getötet: Foltern, Verhungern und Erfrieren lassen oder Ertränken – um nur einige zu nennen. »Bitte um dein Leben, Auserwählte!«, rief Helen. »Auf die Knie!« »Bitte, Lady, bitte!« Julian ging zu Helen hinüber und legte seinen Arm um ihre Taille. Seine Geliebte war groß und stark. Ihr langes dichtes Haar floss den Rücken herab bis zur Hüfte. Sie trug eine Toga aus feinem Tuch, die sie hervorragend kleidete und nichts der Fantasie überließ. Nach all diesen Jahrhunderten begehrte er sie noch immer. Sie glich einer Göttin, die sie auch schon bald sein würde, wenn alles planmäßig verlief. »Meine Geliebte«, wisperte er. Das Mädchen in der Zelle hatte einmal sehr hübsch ausgesehen. Jetzt war ihre Nase gebrochen und ein paar Zähne fehlten. »Mister, helfen Sie mir«, weinte sie und kauerte sich in eine Ecke, als Helen den Dolch abermals ins Feuer hielt. »Ich hatte einen Traum, Julian«, sagte Helen und ließ dabei ihr Opfer nicht aus den Augen. »Ich sah sie vor mir, diese junge Jägerin, voller Kraft.« »Eine Jägerin ist ein besonderes Geschöpf, das vom Schicksal für eine besondere Aufgabe ausgewählt wurde. Eine Göttin auf Erden, zum Segen der Menschheit«, ergänzte Julian. »Eine Jägerin ist eine Lüge.« »Du hast Recht, mein Liebling.« Es würde nichts nützen, ihr zu erklären, dass dieses Kind keine Jägerin war.
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»Der erste Schnitt«, sagte sie, dann drehte sie sich lächelnd um. »Für dich.« Julian fühlte wieder den Zorn in sich aufsteigen, denn er wusste, sie hatte in diesem Augenblick an Angelus gedacht. Aber er verbarg seinen Ärger hinter einem freundlichen Lächeln. »Helen du hast ein großes Herz«, sagte er ernst. »Ein Herz in dem das Böse wohnt«, erwiderte sie und berührte dabei zart sein Gesicht. Dann warf sie dem Mädchen einen Blick zu. »Und schon bald werde ich mir ihr Herz nehmen. Das reine, heilige Herz einer Jägerin. Und unsere dunkle Mutter wird sich erheben, um uns in Götter zu verwandeln.« »Das ist wahr«, lautete seine Antwort.
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1 »Das Leben geht weiter«, dachte Buffy traurig, als Willow Rosenberg von ihrem Computer in der Schulbibliothek aufschaute und das Gesicht verzog. »Noch einer, Buffy«, stöhnte Willow unglücklich. Sie saßen im stickigen Halbdunkel des großen Raums. Die Bücher, die Giles so liebte, waren staubig, da niemand sie jemals auslieh. Nur wenige der Sunnydale-High-Schüler benutzten die Bibliothek, was sie zum idealen Hauptquartier der Jägerin machte. Mit den Jahren war es Buffys zweites Zuhause geworden, obwohl man nicht gerade sagen konnte, dass sie sich an diesem Ort geborgen fühlte. Schließlich hatte sie hier die schrecklichsten Prophezeiungen, Weltuntergangsvisionen und andere schlechte Nachrichten erhalten, die sie lieber aus ihrem Gedächtnis gestrichen hätte. Doch jetzt stand mehr auf dem Spiel. Vor einer Woche hatte Buffy den ersten dieser schrecklichen Träume gehabt. Seitdem träumte sie jede Nacht, und sie fühlte sich entsprechend. Aber das Schlimmste war, dass die Todesrate in Sunnydale in dieser Woche einen deutlichen Anstieg zeigte und die Morde an Brutalität kaum zu übertreffen waren. Außerdem hatte sie keine Ahnung, wie sie dem ein Ende bereiten sollte. Oz, der hinter Willow stand, legte die Hand auf ihre Schulter. Beide starrten auf den Bildschirm, als könnten sie dort die Lösung finden. »Vielleicht möchtest du dieses Fenster lieber nicht öffnen«, sagte Oz und wendete sich Buffy zu. »Hier steht Autopsiefotos.« Willow ließ sich nicht beirren und klickte die Bilder an. Doch dann wurde sie bleich. »Nicht, wenn du dein Frühstück behalten willst.« 15
Sie suchte Oz’ Hand, der sie durch eine sanfte Berührung zu beschwichtigen versuchte. »Buffy, vergiss es!« »Nein. Ich muss es wissen.« Sie stand auf, streckte ihren Körper und machte vorsichtshalber ein paar vertraute Abwehrübungen. »Ich muss wissen, womit ich es zu tun habe.« »Es wird dir gar nichts nützen«, meinte Oz. »Verlass dich auf mich.« Doch als Buffy ihn skeptisch anschaute, machte er Platz. Sie starrte auf den Monitor und versuchte das Würgen zu unterdrücken, aber es schien unmöglich. Ihr Mageninhalt suchte einen Ausgang. Halb bewusstlos tastete sie sich zurück zu ihrem Stuhl. In diesem Augenblick rief Xander ein fröhliches »Wer geht mit zum Lunch?«. Rupert Giles steckte den Kopf aus dem Büro, schaute zu Buffy hinüber und schlug Willow und Oz vor: »Ihr geht am besten schon mal!« Willow antwortete für sie beide. »Wir sind nicht hungrig.« »Trotzdem«, murmelte Oz und nahm sie bei der Hand. Willow schaute ihn verwirrt an. Dann fiel ihr Blick auf Giles und sie begriff. »Ach so. Wir sind schon weg.« Die beiden verschwanden und ließen Buffy mit ihrem Wächter zurück. Der setzte sich auf die Tischkante, faltete die Hände und schaute sie besorgt an. Sie verschränkte abwehrend die Arme über der Brust. »Sie wollen also wieder behaupten, dass ich nicht für diese Morde verantwortlich bin?« »Ja. Und zwar so lange, bis du es glaubst.« Er nickte bestätigend. »Buffy, ich bin wirklich überzeugt, dass diese letzten Verbrechen das Werk eines Verrückten sind. Ein ganz normaler, sterblicher Wahnsinniger. Die Polizei sollte damit fertig werden, meinst du nicht?«
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Als Buffy bitter auflachte, zuckte er die Schultern und begann bedächtig, seine Brille zu polieren. »Giles, das Böse ist das Böse. Es ist mein Job, mich damit zu beschäftigen. Haben Sie diese Bilder gesehen?« »Ja.« Er betrachtete sie. »Du siehst erschöpft aus, Buffy. Es ist gefährlich, sich auf Dinge einzulassen, denen man nicht gewachsen ist. Der Himmel weiß, dass du wirklich genug Verantwortung trägst. Ich möchte, dass du dich da raushältst.« Sie fuhr ihn an: »Giles, wie können Sie nur behaupten, das sei etwas Normales? Das ist unmöglich.« »Trotzdem«, antwortete er. Dann klingelte das Telefon. Als er in sein Büro ging, um den Anruf entgegenzunehmen, beschloss Buffy spontan, sich aus dem Staub zu machen. »Ich bin bei den anderen«, rief sie zu ihm hinüber. Dann war sie schon draußen. Oz und Willow hielten Händchen, und Xander schlenderte hinter ihnen her. Alle freuten sich, sie zu sehen und Buffy entspannte sich etwas. »Willst du reden?«, fragt Willow. Aber Buffy schüttelte den Kopf. »Nein, schon in Ordnung.« Sie schaute jeden einzeln an. »Wirklich.« Die drei schienen nicht überzeugt zu sein. »Okay«, sagte Willow, aber es klang ein wenig verletzt. Die Schule war zu Ende und sie war frei. Sie war erst acht Jahre alt, und sie hatte nicht vor, ihr neues Rad weiter zu bewegen als zum Eingang des Reservoirs. Aber es schien, als sei das glänzende, lavendel- und pinkfarbene Fahrrad so etwas wie ein magisches Pony, das sie überall hinbringen könnte – und sie wollte zum Wasser. Auf einem Metallschildchen vorne am Fahrrad stand Lindsey in erdbeerfarbenen Buchstaben. Die weißen Plastikschlangen wehten im Fahrtwind, während das Mädchen aufgeregt in die Pedale trat. Sie raste am Tor vorbei und winkte Mr. Bitterman 17
zu, dem Mann, der dort arbeitete. Er und seine Frau kannten Mama und Papa von der Kirche. Ihr Vater meinte, sie würden nicht besonders gut miteinander auskommen. »Hallo Lindsey, hast du ein neues Rad?«, fragte er. Schweißperlen standen ihm auf der Stirn. »Yep!« Sie schleuderte leicht bei dem Versuch zu bremsen, konnte das Rad gerade noch mit dem Fuß halten, damit es nicht hinfiel. Dann klappte sie sachgemäß den Ständer herunter und stellte das Rad ab. Als sie sich dem kleinen Gebäude näherte, in dem die Toiletten waren, kam der Mann hastig zu ihr herüber und sagte: »Die Toiletten sind heute geschlossen. Es gab eine Reparatur.« »Oh«, machte sie nur. Bitterman lachte in sich hinein und verschränkte die Arme vor der Brust, während er beobachtete, wie sie zum Wasser hinunter schlenderte und über Steine und Schilfgras stieg. »Es wird dunkel«, sagte er. »Du solltest nach Hause gehen.« »Ich bleibe nicht lange«, erwiderte sie, aber schließlich war er ein Erwachsener und sie konnte nicht einfach ignorieren, was er sagte. »Nun mach schon, Kleine.« Er lächelte ihr zu und ging hinüber zu den Toiletten. Sie wollte gerade gehen, als sich vor ihr im Wasser etwas in der Nachmittagssonne spiegelte. Sie bückte sich und entdeckte eine hübsche, kleine, funkelnde Flasche, die sie mühelos aus dem seichten Wasser zog. Lindsey inspizierte sie. Sie war nicht ganz leer. Irgendeine blaue Flüssigkeit war darin. Vielleicht ist es Parfüm. Sie öffnete den Verschluss. Beeil dich, die Sonne geht unter. Jordan Smyth hatte alles unter Kontrolle. Es war das perfekte Timing. Dieser neue Gig war cool. Alles easy. Jordan kratzte 18
sich an seinem rasierten Schädel, während er Willy in den Keller des Alibi – der Loser Bar in Sunnydale – folgte. Jordan trug einen Siegelring. Es war Brian Dellasandros Anzahlung für das Zeug, das er ihm verkauft hatte. Es machte nichts, dass die Initialen M.D. eingraviert waren. Jordan nahm an, dass Brian den Ring seinem kleinen Bruder Mark abgenommen hatte. Er pfiff vor sich hin, während er mit Willy durch den Tunnel ging, unterwegs zu den geheimen Räumen, die man wie Höhlen in den Stein gehauen hatte. Da waren sie wieder, der blonde Engländer mit dem steifen Mantel und seine schöne, schwarze Lady – die Königin. Sie hatten ein paar Kerzen aufgebaut. Alles sah ziemlich krass und irrsinnig nach Gothic aus. Jordan musste fast lachen. Es roch nach Drama. Der Engländer drehte sich herum und begrüßte die Besucher. »Guten Abend.« »He«, antwortete Willy. »Ich... äh... habe Kunden da oben.« Willy hatte Angst vor seinen neuen Mietern. Er bedauerte inzwischen, dass sie eingezogen waren. Aber Jordan wusste es besser. Das waren besonders feine Leute. Und sie konnten sehr nützlich sein. »Gut, lass uns allein«, sagte der Blonde und schickte den Barmann weg. Willy verschwand augenblicklich. Jordan bemerkte den Ausdruck von Zufriedenheit in den Gesichtern seiner Gastgeber. Der Mann betrachtete Jordan aufmerksam. »Es war richtig von Willy, dich zu uns zu bringen.« Jordan hatte ein paar illegale Sachen für Willy gemacht: Stoff gekauft oder gebunkert. Von den meisten Sachen wusste Jordan nicht einmal genau, was es war. Willy hatte vorgeschlagen, er solle für die Fremden arbeiten, und Jordan wurde in diesem Moment klar, dass Willy das nur 19
getan hatte, damit er ihnen so weit wie möglich aus dem Weg gehen konnte. Das war dumm von ihm. Diese Leute hatten viel Geld. Die Königin berührte ihn an der Stirn und fuhr mit ihrem langen Fingernagel durch sein Gesicht, bis sie an seinem Mundwinkel hängen blieb. Die Diamanten an ihrer Hand glitzerten im Kerzenlicht. »Du hast die Wahnsinns-Droge unserem Kontaktmann gegeben?«, fragte die Frau. Jordan nickte und musste innerlich grinsen über diese Bezeichnung: Drogen waren Drogen, egal wie man sie nannte. Er war cool. Er war ein Dealer, Mann. Was er nicht erwähnte, war, dass er einen Teil des Stoffes an einen seiner Kunden vertickt hatte: Brian Dellasandro. Dafür hatte er von Brian den Ring bekommen. Aber die beiden mussten nichts von diesem kleinen Nebengeschäft wissen. Der Mann schien sehr zufrieden. Und das sollte auch so bleiben. »Nun wird man Sunnydale bald schreien hören.« Jordan war nicht sicher, was damit gemeint war, verzichtete aber darauf nachzufragen. Dafür lächelte der Engländer ihn wieder an. »Es gibt eine Kunstgalerie in der Stadt. Sie hat etwas, das uns gehört. Etwas, das uns vor langer Zeit gestohlen wurde.« Jordan brachte seine Schultern zur Geltung und befingerte die Ohrringe an seinem linken Ohr. Es war eine alte Gewohnheit von ihm und er dachte nicht daran, sie abzulegen. Genau genommen hatte er eine Menge Gewohnheiten – einige davon waren teuer. »Ich habe Zeit für einen Einbruch«, sagte er bestimmt. Das Lächeln des Typen wurde breiter. »Ich weiß.« Die Königin führte das Gespräch weiter: »Wir sind wie eine Familie, verstehst du? Einer der Gründe, warum wir hierher kamen, war, nach Leuten zu schauen, die in diese Familie hineinpassen.« 20
Als sie ihre Hand auf seine Brust legte, hielt er den Atem an. Ihre Finger waren eiskalt. »Wir brauchen Leute wie dich«, fuhr sie fort. Ihre Stimme war ruhig und sexy. Sanft wie ein Seidenschal legte sie sich um Jordan. »Ich habe schon eine Familie. Ich bin auf der Straße zu Hause«, erwiderte er und hob das Kinn. Er war Jordan Smyth – mit Y – und er brauchte niemanden. Das war etwas für Verlierer. Der blonde Typ schnippte mit den Fingern und eine bizarre Erscheinung tauchte aus der Dunkelheit auf. Der Kerl hielt zwei Becher in seinen Händen, die mit etwas gefüllt waren, das ziemlich übel roch. Einen davon überreichte er Jordan. Dieser betrachtete den dickflüssigen, rötlichen Inhalt des Bechers und spürte, wie sich sein Magen umdrehte. Es sah aus wie Blut. »Also, ihr beide seid irgendwie... zusammen?«, fragte Jordan verächtlich, um seine Angst zu verbergen. »Eins wirst du in unserer Familie schnell lernen«, antwortete der Blonde. »In unseren Herzen gibt es viel Platz. Für viele Menschen und viele Arten von Beziehungen.« Die Königin ließ ihren Fingernagel an seinem Körper hinabgleiten bis zum Magen. Jordan zog sich innerlich zurück. Er war ein gut aussehender Junge. Vielleicht hatte er bisher nicht allzu viel Glück gehabt. Seit er von der Sunnydale High geflogen war, hing er immer noch hier herum. Nicht, dass irgendjemand etwas mit ihm zu tun haben wollte. Sie waren alle so beschäftigt. Keiner von ihnen merkte, dass das Einzige, was sie erreichen konnten, ein trostloses Leben in einer trostlosen Stadt war. Das war nichts für ihn. Er suchte das Abenteuer. »Wirst du für uns in die Galerie einbrechen?«, fragte der Mann. Jordan zuckte die Schultern. »Klar.«
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Die Waffe war in einem Schrank in der Garage. Zeig es ihnen. Er lud sie. Torkelte durch den Flur. Öffnete die Schlafzimmertür und richtete die Waffe auf einen der schlafenden Körper. Sein Finger spannte den Abzug. Töte sie. Das Zeug flog um ihn herum. Seine Mutter schreckte aus dem Schlaf hoch, sah, was er getan hatte, und fing an hysterisch zu schreien. Nichts davon nahm er war. Brian erkannte weder seine Mutter noch seinen Vater. Er schoss noch einmal, und als ihr Körper vom Druck gegen die Wand geschleudert wurde, schoss er wieder und wieder. Das bescheidene Haus der Dellasandros lag in einem schäbigen Außenbezirk der Stadt namens Sunnydale Estates. Aus irgendeinem Grund wollte hier niemand wohnen. Die wenigen Häuser standen weit voneinander entfernt. Manchmal hingen Kids in der Nähe herum und tranken, bis Brians Vater sie davonjagte oder die Polizei vorbeikam und sie vertrieb. Um 2.30 Uhr an diesem Freitagmorgen hörte niemand im schlafenden Sunnydale die Schüsse. Und niemand bemerkte Brian, dessen Körper die Straße Richtung Stadt entlangstolperte. Sein einziger Gedanke war Hass, sein einziges Gefühl blinde Wut. Er wischte sich über den Mund, ohne zu wissen, dass er einen Mund besaß. Sein Hellboy T-Shirt und seine blauen Trainingshosen waren über und über mit Blut verschmiert, aber er bemerkte es nicht. Er war barfuß, aber auch das warme Straßenpflaster spürte er nicht.
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Er presste das Gewehr gegen den Bauch und bewegte sich wie in Trance vorwärts. Vielleicht spürte er den heißen Wind, denn plötzlich legte er den Kopf zurück und heulte wie ein Wolf in die Nacht. Dann stieß er ein wildes, nervenzerreißendes Lachen aus, das nichts zu tun hatte mit dem liebenswürdigen Lächeln des Brian Dellasandro, dem beliebten Jungen, dem hervorragenden Schüler. Reste vom Gehirn seiner Mutter hingen in seinem kastanienbraunen Haar. Es war ein langer Weg zur Schule, aber da es erst 2.45 Uhr war, würde er sehr pünktlich sein. »Mach sie alle«, flüsterte er vor sich hin. Seine Finger umschlossen den Abzug und zitterten vor Verlangen zu töten, als eine Katze vor ihm die Straße überquerte. An der nächsten Ecke schnitten die scharfen Lavasteine aus Ms. Gibsons Garten ihm tief in die Fußsohlen. Auch als er strauchelte und auf eine zerbrochene Bierflasche trat, war seine einzige Reaktion darauf ein irritiertes Blinzeln. Eine Blutspur folgte ihm, während er davonstolperte. Es war ein heißer Wind zu spüren und die Sterne am Himmel schienen zu brennen. Als Brian hinaufschaute, zitterten sie nervös und befahlen ihm, alles zu töten, was sich bewegte. »Du hast mit Giles über deine Träume gesprochen«, vermutete Joyce. Sie und Buffy saßen mitten in der Nacht zusammen in der Küche. Buffy wollte eigentlich nicht darüber sprechen. »Ja.« Schweigend löffelten sie ihre Eisbecher. Joyce schlug vor, Popcorn in der Mikrowelle zu machen. »Wird da was draus?«, fragte Buffy und lächelte, als ihre Mutter schließlich die letzte Packung fettarme Butter hervorzog.
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»Schau mal, wir haben die Vanillewaffeln ganz vergessen«, sagte Joyce und spielte mit der Schachtel, als wollte sie dafür Werbung machen. »Sollen wir das Popcorn eintüten und Zucker darüber streuen?« Buffy zuckte mit den Schultern. »Klar.« Während ihre Mutter die Kiste öffnete, schaute sie auf die Uhr und unterdrückte ein Gähnen. Es war schon fast vier. Aber sie hatte keine Lust ins Bett zurückzugehen. Bett bedeutete Schlafen und Schlafen bedeutete Albträume. Das hatte keinen Sinn. »Verdammt, es ist schon jetzt so warm«, bemerkte Joyce. »Das wird bestimmt wieder ein brütend heißer Tag heute. Erinnerst du dich noch, wenn in L.A....« Buffy hörte nicht zu. Jemand schlich an ihrem Haus vorbei. Jemand, der sich viel zu schnell bewegte und dabei schwankte. Ein Betrunkener vielleicht. Vielleicht aber auch nicht. »Mom, bleib bitte hier, okay? Bleib in der Küche«, sagte Buffy, während sie sich bereit machte. »Buffy?« Joyce wollte fragen, was los sei, verkniff es sich aber und tat, was Buffy verlangt hatte, während ihre Tochter die Küchentür aufschloss und in den Garten hinausging. Es war ein Kind, ein Mädchen im Nachthemd. Buffy sprang über einen Busch auf die Straße. »Hallo«, sagte sie freundlich. »Schlafwandlerin?« Ein Knurren kam aus der Kehle des Mädchens, als es sich Buffy entgegenwarf. Buffy packte es an den Händen und rief: »Huhu, spring zurück, kleiner Frosch! Wach auf!« Das Mädchen kämpfte und tobte. Es fletschte die Zähne, als wollte es Buffys Gesicht zerreißen. Doch es sah nicht aus wie 24
ein Vampir. Die Haut war rosa und die Zähne waren die eines Menschen. Aber man konnte nie wissen. Buffy sah sich blitzschnell nach einer Waffe um und riss einen Ast aus dem Busch, über den sie gesprungen war. Er war nicht besonders stabil, aber die Jägerin konnte einen Vampir selbst mit einem Bleistift in Staub verwandeln. »Hör auf, okay?«, fragte Buffy. »Ich möchte dich nicht verletzen.« Das Mädchen ritzte mit ihren Fingernägeln Buffys Wange auf. Die Jägerin schnappte nach ihrer Hand und warf sie zu Boden. Sie setzte sich auf den kleinen Körper und hielt den Ast kampfbereit hoch, während sie mit der Hand nach der Arterie am Hals des Mädchens tastete. Sie fühlte einen Puls. Es war also keine Vampirin. Aber vielleicht... Dann rief ihre Mutter von der Tür herüber: »Buffy, hör auf! Das ist Lindsey Acuff!« Buffy ließ den Ast nicht los, aber sie hatte nicht vor, das Mädchen aufzuspießen. Die Kleine wehrte sich und kämpfte. Buffy befürchtete, sie niederschlagen zu müssen. »Was ist nur über sie gekommen?« Joyce tauchte neben ihr auf. »Wir bringen sie am besten rein.« »Gute Idee.« Buffy behielt Lindsey im Auge. »Halte die Tür auf, ich trage sie...« »Aua!« Joyce schrie auf. »Mom?« Buffy riss ihren Kopf herum, um zu sehen, was passiert war. Sie war nur einen Augenblick unachtsam gewesen, aber der hatte Lindsey genügt, um sie zur Seite zu stoßen und mit einem wilden Schrei Joyce in die Schulter zu beißen. Dann warf sie
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sich herum und rannte die Straße hinunter, als sei der Teufel hinter ihr her. »He!« Buffy schrie ihr nach, aber schließlich musste sie zugeben, dass es ihr wichtiger war, sich um ihre Mutter zu kümmern, als das Mädchen anzufangen. Joyce hielt sich die Wunde. Als Buffy sich über sie beugte, tropfte Blut zwischen Joyces Fingern hervor, und ihr Gesicht machte einen ziemlich erschöpften Eindruck. »Es tut mir Leid, dass ich dich abgelenkt habe«, flüsterte sie. »Ich bin auf einen Rasensprenger getreten.« »Es ist schon okay, Mom!«, sagte Buffy. Sie half ihrer Mutter auf und legte Joyces Arm um ihre Schultern. »Ich hab’s versaut. Ich hätte besser aufpassen sollen.« »Oh mein Gott.« Die Stimme von Joyce klang atemlos, als stünde sie unter Schock. »Es ist nur eine ganz normale Nacht am Höllenschlund«, bemerkte Buffy grimmig, während sie ihre Mutter langsam zur offenen Küchentür geleitete. Aber es stimmte nicht ganz. Nicht, wenn ihre Mutter in die Sache verwickelt war. Sie hasste diesen Ort. Sie hatte sich nicht gerade darum gerissen, in diese Stadt zu ziehen, nachdem man sie aus ihrer alten Schule, Hermery High, rausgeworfen hatte. Aber sie hatte immerhin die Turnhalle niedergebrannt. Und ihre Mutter hatte die Chance bekommen, in der städtischen Kunstgalerie arbeiten zu können. Sie mussten schließlich irgendwo leben. Wie hätten sie denn auch wissen sollen, dass es der Auserwählten bestimmt war, in einem Dorf namens Boca del Infierno zu landen, benannt nach den spanischen Entdeckern, die sich dort angesiedelt hatten. Der Höllenschlund war eine mystische Erscheinung, die Dämonen sowohl anzog als auch ausspie – dasselbe galt für alle möglichen anderen Arten von bösen Jungs. 26
Dieser Umstand führte dazu, dass die Jägerin ihre kostbare Zeit nicht mit Nebensächlichkeiten wie etwa einem regelmäßigen Schulbesuch verschwenden durfte. Sie konnte auch keine Verabredungen mit Leuten treffen, die es merkwürdig fanden, wenn ihre Freundin mitten aus der KinoVorstellung von Shakespeare in Love ohne Erklärung plötzlich verschwand. Auch hatte sie keine Zeit, um shoppen zu gehen oder die anderen Dinge zu tun, die sie in L.A. geliebt hatte: Partys feiern oder Cheerleading – eben oberflächlich, verwöhnt und jung zu sein. »Lauf ihr nach, Liebes«, drängte Joyce. »Kommt nicht in Frage«, antwortete Buffy. »Ich kann mich bremsen.« Buffy schwieg. Mehr als ein Mal hatte sie die Sicherheit ihrer Mutter über alles andere gestellt. Obwohl sie nicht darüber sprachen, war Buffy doch oft gezwungen gewesen, sich so zu entscheiden. Buffy zweifelte daran, dass es richtig gewesen war, ihre Mutter einzuweihen. Aber sie konnte nicht anders – damals. So vieles war in so kurzer Zeit geschehen. Dennoch war es schwieriger für Buffy als zu der Zeit, in der ihre Mutter geglaubt hatte, sie gehöre zu einer Gang gewalttätiger Schläger und komme deshalb regelmäßig blutbefleckt nach Hause. In der Küche zog Buffy mit dem Fuß einen Stuhl heran und ihre Mutter ließ sich langsam darauf nieder. Joyce war wacklig auf den Beinen und zitterte. Buffy stürzte zum Telefon. »Ich rufe den Notarzt.« Joyce schüttelte den Kopf. »Nein, Liebes.« Sie deutete mit ihrer lahmen Hand zum Küchenschrank. »Ich habe den Erste-Hilfe-Kasten wieder aufgefüllt. Hol einfach etwas zum Verbinden.« Buffy zog den Bademantel ihrer Mutter zur Seite. Selbst durch das Nachthemd konnte sie die Zahnabdrücke erkennen. Sie verzog das Gesicht. 27
»Ich weiß nicht. Das sollte genäht werden!« »Es ist nicht fair, weißt du«, sagte Joyce und zuckte zusammen, als Buffy die Wunde untersuchte. Sie berührte vorsichtig die Kratzer auf Buffys Wange. »Ich behalte Narben und du nicht. Und wenn wir schon dabei sind: Ich bekomme Falten, du nicht!« »Werde ich, wenn ich lange genug lebe«, gab Buffy den Scherz zurück. Aber ihr war nicht nach Lachen zu Mute. Vielleicht würde sie wirklich nicht lange genug leben. »Wie auch immer, ich finde, wir sollten das untersuchen lassen.« »Ach Buffy.« Joyce seufzte. »Können wir nicht einfach Popcorn machen?« Es dauerte einen Augenblick, bis Buffy begriff, dass ihre Mutter das völlig ernst meinte. »Immerhin ist es beruhigend zu wissen, dass dein Appetit nicht von einer Nah-Tod-Erfahrung in Mitleidenschaft gezogen wird«, erwiderte Buffy schlagfertig und machte sich auf die Suche nach dem Erste-Hilfe-Kasten. Aber ihre Mutter hörte gar nicht zu. Sie blickte gedankenverloren aus dem Küchenfenster. »Was ist nur in sie gefahren?« Joyce verzog das Gesicht und hielt ihre Schulter. »Was auch immer es war, ich hoffe, es ist nicht in dich gefahren.« Oder in mich. Lindsey hatte ihre Nägel ziemlich tief in Buffys Fleisch gegraben. »Ich werde Giles danach fragen.« Joyce nickte, während sie sich aus ihrem Bademantel pellte und ihre Schulter entblößte. »Gute Idee, Liebes.« Sie atmete scharf aus. »Sobald ich dich versorgt habe, werde ich mich um sie kümmern«, versprach Buffy. »Oh nein«, protestierte Joyce, aber Buffy wusste, ihre Mutter meinte das nicht so. Sie wollte, dass sie nach dem kleinen 28
Mädchen sah, sonst würde sie sich für den Rest der Nacht Sorgen machen. Sie wusste auch, dass ihre Mutter nicht glücklich darüber war, Buffy da draußen im Dunkeln zu wissen, wo sie all die hässlichen Dinge bekämpfen musste. Aber wie ihr alter Freund, der britische Hexer Ethan Rayne, sagen würde: Wenn alle Wünsche Pferde wären, würden selbst die Bettler reiten. Seit sie die Jägerin war, hatte sie einige ziemlich wilde Pferde geritten – sogar schwarze, Feuer speiende Hengste. Als Buffy das Desinfektionsmittel auftrug, hielt Joyce den Atem an. Buffys Magen zog sich zusammen, denn das alles erinnerte sie plötzlich an eine andere Nacht... Es war die erste Nacht, in der sie Angel zu sich nach Hause eingeladen hatte. Sie wusste nicht, dass er ein Vampir war, sie kannte nur den gut aussehenden, geheimnisvollen Typen, dem sie den Spitznamen Danger Man gegeben hatte, und der aus dem Nichts heraus auftauchen konnte, um sie zu warnen, bevor irgendetwas Fürchterliches geschah. Er hatte ihr auch das silberne Kreuz gegeben, das sie immer bei sich trug. Damals war er verletzt worden, weil er ihr geholfen hatte, einen Angriff abzuwehren. Also hatte sie ihn zu sich nach Hause gebracht, um seine Wunde zu versorgen. Dann allerdings hatte sie die Tätowierung gesehen, das Zeichen, das ihn als Angelus brandmarkte, als den blutrünstigsten Vampir, der jemals gelebt hatte. Aber für Buffy war er Angel, der einzige Vampir, der seine Seele zurückbekommen hatte, der einzige Vampir, der mit menschlichem Mitgefühl ebenso rang wie mit dämonischer Leidenschaft. Und sie hatte sich in ihn verliebt, mit der ganzen Verzweiflung einer jungen Frau, die wusste, dass jeder ihrer Tage der letzte sein konnte. Und dann war alles schief gelaufen... »Kann ich etwas Wasser haben, Buffy?« Die Worte von Joyce klangen undeutlich an ihr Ohr. Buffy füllte ein Glas und gab es ihrer Mutter. Dann blieb sie neben 29
ihr stehen, während Joyce das Wasser schluckweise trank, und betrachtete sie prüfend. »Mom, ich denke immer noch an Dr. Green. Erinnerst du dich, der Notarzt?« Buffy nahm ihr das leere Glas aus der Hand. »Mehr?« »Nein, danke. Ich möchte jetzt nur ein wenig ausruhen.« Joyce bestand darauf. Sie sah schon besser aus, als sie sich erhob. »Sie stellen dort so viele Fragen. Erinnerst du dich daran als ich sagte, ich sei in eine Barbecue-Gabel gefallen?« Wie sollte Buffy das vergessen? Darla, die Schöpferin Angels, hatte sie gebissen und fast getötet. »Sie stellen Fragen«, sagte Buffy hart, »aber sie suchen nicht wirklich nach Antworten.« Joyce streckte die Hand aus und fuhr sanft über Buffys Haar. »Mach dir keine Sorgen um mich, Buffy, ich werde wieder gesund. Ich möchte nicht ins Krankenhaus. In Ordnung?« »Nicht in Ordnung«, erwiderte Buffy grinsend. »Ich glaube, ich weiß, woher ich meine sture Ader habe.« »Ich auch. Von deinem Vater.« Joyce legte beschützend den Arm um ihre Tochter und drängte sie aus der Küche. »Ich habe die Tür verschlossen«, sagte Buffy. »Danke, Liebes.« Sie stiegen die Treppen hinauf. Buffy beobachtete unentschlossen, wie ihre Mutter die Schlafzimmertür öffnete und ihr mit einem Winken bedeutete, dass alles so weit in Ordnung sei. »Träum was Schönes, Mom«, sagte Buffy. »Geh nicht raus«, sagte Joyce plötzlich. Sie zitterte. »Ich habe so ein komisches Gefühl. Bleib zu Hause. Man wird sie sicher finden.« Buffy lächelte angespannt. »Es tut mir Leid, aber als Jägerin habe ich einen Eid abgelegt. Es ist langweilig und öde.« Sie
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zuckte die Schultern. »Weißt du, Mom, mir bleibt gar nichts anderes übrig.« Joyce küsste sie auf die Wange und hielt sie einen Augenblick fest. »Komm sicher zu mir zurück.« Buffy wartete, bis ihre Mutter im Zimmer verschwunden war und die Tür geschlossen hatte. Dann ging sie in ihr Zimmer und öffnete die Schublade, in der sie ihre Hilfsmittel aufbewahrte. Was soll ich mitnehmen, dachte sie. Weihwasser? Klar. Ein paar gute, scharfe Holzpflöcke? Warum nicht? Fingerschlagringe? Zu auffällig. Sie packte alles ein, schaute zum Fenster hinüber und schloss es trotz der großen Hitze. Jägerinnen hatten sehr gute Instinkte. Und gelegentlich sehr schlechte Träume. »Guten Morgen, Lemminge«, schrie Xander Harris hinüber zu einer Gruppe schnatternder Mädchen, Cordelias modebewussten Freundinnen, die ihr Bestes taten, um ihn zu ignorieren. »Ein schöner Tag für einen Massenselbstmord, was?« Er schlug seinen Schrank zu und stolzierte auf der Suche nach Buffy durch die Halle von Sunnydale High. Willow und Cordelia kamen meistens zusammen zur Schule, irgend so ein Verbindungsding zwischen ihnen, vermutete er. Das Geschwätz der beiden konnte ihm ziemlich auf den Wecker gehen. Doch er musste zugeben, dass sie viele unangenehme Erinnerungen mit sich herumschleppten, und er nahm an, dass man am besten damit klarkam, wenn man mit jemandem darüber redete. Aber die Mädchen hatten ihn nicht in ihre Morgenpläne eingeweiht, also hing er hier rum, nahm die Snobs und die Streber hoch und erntete keinerlei Anerkennung dafür. Er stürzte aus dem Gebäude hinaus auf den Hof. 31
Es war heiß wie in einer Sauna. Schon bald würde aus dem Springbrunnen nur noch Wasserdampf kommen. »Guten Morgen, Guten Morgen, Guten Morgen«, sagte er freundlich zu Typen, die seinen Kopf in der Neunten in die Toilette gesteckt hatten. Die ihn in der Vierten wegen seines Taschengeldes verprügelt und im Kindergarten drei Wochen lang über ihn gelacht hatten, weil er während der Ruhezeiten tatsächlich schlief. Mit unverhohlener Schadenfreude hatten sie gegackert, als Cordy gestern nach einer angeblichen Beleidigung davongerannt war. Gut, es war tatsächlich eine Beleidigung gewesen, aber er hatte nicht damit gerechnet, dass sie sie verstehen würde – und dann hatte sie ihm auch noch gesagt, er sei ein Verlierer und würde es immer bleiben. Ah, Sunnydale. Man musste einfach die Beständigkeit des Alltags lieben. Die Glocke läutete. Noch zehn Minuten bis zur ersten Stunde. Möge der Tag beginnen. Er lief über den Hof, ohne auf eine Baumwurzel zu achten, die vor ihm aus dem Boden ragte, und stolperte darüber. Er verlor die Balance, fiel auf die Knie und erwartete bereits einen Schlag von oben. Aus Gewohnheit – denn diese Dinge machten ihm wirklich kaum noch etwas aus. Stattdessen hörte er eine Reihe seltsamer Geräusche. Ein Knallen. Es dauerte einen Moment, bis er es als das identifizierte, was es war: nämlich Gewehrschüsse. Draußen auf dem Hof. In der Schule. Innerhalb einer Sekunde hatte er sich geduckt und verharrte bewegungslos. Einige der anderen Schüler reagierten ebenfalls, aber die meisten standen unschlüssig herum, als handle es sich um das Geräusch eines defekten Auspuffs, und unterhielten sich weiter. 32
Zehn Jahre als Helfer bei Buffys Jagdaktivitäten brachten Xander schnell auf Hochtouren. Er richtete sich auf und schrie: »Haut ab hier! Jemand hat ein Gewehr!« »Harris, du bist so daneben.« Brad Thurman, einer der großen hirnlosen Fußballidioten, schlenderte an ihm vorbei und schlug nach ihm. »Thurman, nur ein Mal –«, schrie Xander ihm nach. Plötzlich lag Thurman schreiend am Boden. Das Blut sprudelte aus seinem Oberschenkel durch seine Jeans hindurch. Arterie, dachte Xander. Er riss sich das Hemd herunter, während er zu ihm hinüberlief, ohne darauf zu achten, wohin die Kugeln flogen. Sofort fiel er auf die Knie und fing an, den Stoff um Thurmans Bein zu wickeln. Der Typ hatte echte Probleme, das Blut war kaum zu stoppen. Xander schnappte sich das Hosenbein von einem, der gerade vorbeilief, er gehörte zu Thurmans Mannschaft. »Setz dich hin und halte deine Hand da drauf. Ich hole Hilfe!« Der andere, ein aufgeblasener Typ, schüttelte den Kopf, als habe er sich verhört. »Du spinnst wohl. Irgend so ein Ausgeflippter schießt auf uns, und ich soll mich hier hinsetzen!« »Das ist dein Freund, und wenn du mir nicht hilfst, wird er sterben«, gab Xander zurück. »Also, setz dich.« Der Typ schüttelte den Kopf. Xander kniff die Augen zusammen und schaute ihm nach, während er feige davonlief. »Harris«, keuchte Thurman. Sein Mund bewegte sich, aber er konnte nicht mehr sprechen. »Ist in Ordnung, Brad«, erwiderte Xander und befestigte den Verband. An einem Halloween-Tag war er mal auf magische Weise in einen Soldaten verwandelt worden, und er erinnerte sich immer 33
noch an seinen Erste-Hilfe-Einsatz. Außerdem hatte er gelegentlich dabei geholfen, Buffy nach einem besonders brutalen Kampf zusammenzuflicken. »Aber erinnere dich daran, wenn du aus dem Krankenhaus zurückkommst, ja?«, fügte er hinzu und bemühte sich, cool zu bleiben, als er sah, wie Thurmans Augen glasig wurden. »Du schuldest mir was.« Thurman atmete schwer. Er schloss die Augen und fiel zur Seite. Für einen schrecklichen Augenblick bestand die Welt nur aus Xander und diesem Typen, der normalerweise eine furchtbare Nervensäge war und nun einfach aussah wie ein ganz normaler Siebzehnjähriger, der sein ganzes Leben noch vor sich haben sollte. Er war zwar noch nicht tot, doch ließ sich der Rest seines Lebens vermutlich in Sekunden messen. Xander wusste, wie ein Sterbender aussah. »Hey, Brad, hau nicht ab«, sagte er zu Thurman, was ziemlich merkwürdig klang, angesichts der Schüsse und Schreie ringsum. Er gab dem Bein des Jungen einen sanften Schubs, während er seine Hand weiterhin auf die stark blutende Wunde presste. »Ich möchte noch was davon haben, dass ich dir das Leben gerettet habe.« Thurmans Augen waren halb geschlossen. Er starrte ausdruckslos auf das Gras, auf dem sein Blut eine Lache bildete. »Verdammt«, Xander biss die Zähne zusammen. Um sie herum schrien alle und stießen bei dem Versuch, den Schüssen auszuweichen, voller Panik zusammen. Ein Stück des Springbrunnens brach ab und fiel ins Wasser. Xander hörte, wie ein Fenster zerbarst. Er wollte Brad Thurman nicht verlassen. Aber wenn er etwas gelernt hatte, seitdem Buffy in Sunnydale war, dann war es die Erkenntnis, dass man nicht immer gewinnen konnte. Es gab nichts, was er 34
für den Typen noch tun konnte. Er würde keine Lorbeeren ernten, wenn er bei ihm blieb. Es machte noch nicht einmal Sinn, außer vielleicht, dass der Minister sagen würde, er sei als Held gestorben, wenn sie seinen Sarg auf dem übervollen Friedhof in die Erde hinablassen würden. Der Hof glich einem Schlachtfeld. Rechts und links von ihm fielen die Leute um. Mr. Carey, der neue Sozialkundelehrer, steckte seinen Kopf aus dem Klassenzimmer im zweiten Stock und rief: »Kinder! Hierher!« Dann schrie er auf, fasste nach seinem Arm und ging in die Knie. Xander wirbelte herum und versuchte herauszufinden, woher der Schuss gekommen war. Jemand musste diesen Wahnsinnigen stoppen, und es sah nicht so aus, als sei Buffy in der Nähe. Also musste er Riker finden – oder war es Worf? Wie auch immer. Offenbar war er der einzige Helfer der Jägerin, der im Augenblick für diesen Job in Frage kam. Mann, war er froh, dass Willow und Cordy zusammen waren, und er hoffte inständig, dass sie die Schule noch nicht erreicht hatten. Vorsichtig rannte er zum Brunnen hinüber und versteckte sich dahinter. Inzwischen waren etliche Stücke herausgebrochen und das Wasser strömte aus dem zerstörten Brunnenbecken auf das Gras. Plötzlich tauchte dieser Junge neben ihm auf, wie einer, der ein halbes Dutzend Klassen übersprungen hatte. Sein Gesicht war sehr weiß und seine Augen waren unglaublich. »Steve, hau ab um Himmels willen«, sagte Xander. Steve schüttelte den Kopf. »Ich habe ihn gesehen.« Er zeigte auf das dritte Klassenzimmer von rechts im zweiten Stock. »Es ist Brian Dellasandro.«
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»Hau ab«, sagte Xander. »Brian? Hat man dich angeschossen, oder was? Das ist unmöglich!« Kugeln zischten um sie herum. »He, was zum Teufel –«, wollte Xander gerade anfangen, als er staunend zusah, wie Steve sich streckte und gleichzeitig aufrichtete. »Was tust du da?«, schrie er den Jungen an. Etwas traf Steve. Es ging so schnell, dass Xander noch nicht einmal sah, was es war. Stevie ging zu Boden, stumm und in Zeitlupe, wie eine absurde Figur in einem Ballett. »Xander, hierher!« Es war Giles. Er stand im hinteren Teil des Hauptgebäudes und versuchte, die Schüler dort hinein zu dirigieren. Giles lief über den Rasen, bis er Xander erreicht hatte. »Ihn hat es erwischt«, sagte Giles, während er Stevies Wunde untersuchte. »Versuchen wir ihn ins Hauptgebäude zu bringen.« »Ja, Sie haben Recht«, sagte Xander und packte Stevies Füße. Der Junge stöhnte. Sie beeilten sich und trugen Stevie hinter die Treppe. Die Gewehrschüsse kamen in schneller Folge. Leute schrien und fielen übereinander. Mehr als ein Mal rempelte jemand Xander an, sodass er fast zu Boden fiel. »Die Polizei kommt«, sagte Giles. Auf seiner Brille war Blut. »Ja, ja, das sagen Sie immer.« Etwas schoss an seinem Ohr vorbei. Er hätte beinahe Stevies Bein losgelassen, als er ausweichen wollte. Sie schafften es ins Gebäude. Die Halle war voller Menschen, die zum Eingang drängten. Xander konnte sich nicht daran erinnern, schon einmal so ein Chaos erlebt zu haben. Vielleicht ein Mal, als er und Willow bei einem Rave
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gewesen waren, aber das erschien ihm angesichts dieser Situation nicht halb so schlimm. Jemand rannte in Xander hinein, was ihn aus der Balance brachte. Diesmal musste er Stevies Bein loslassen, und der Junge fiel hart zu Boden. Xander bemühte sich, ihn wieder aufzuheben, als ein anderer Giles umrannte. »Lass uns in die Bibliothek gehen«, schlug dieser vor. Xander nickte. Sie erreichten die Doppeltüren der Bibliothek. Giles öffnete sie und stürzte hinein. Der Ort war menschenleer. »Das muss deprimierend für Sie sein«, sagte Xander. »Die Leute werden erschossen, und selbst jetzt denken sie nicht daran, hierher zu kommen.« Giles zog ein Gesicht. »Deine Witze sind ebenso dumm wie gut, vor allem in so einer Situation. Aber es ist ja nicht das erste Mal, dass ich das sage.« »Das stimmt, aber bisher hielt ich es immer für ein Kompliment«, gab Xander zurück. Sie trugen Stevie hinüber zum Lesetisch. Giles beugte sich über ihn und schob seine blutbefleckte Brille mit ebenso blutbefleckten Händen nach oben. »Ich rufe den Rettungswagen. Oder vielleicht besser ein Dutzend.« Xander lief in Giles’ Büro. »Gute Idee, obwohl ich sicher bin, dass sie bereits unterwegs sind«, erwiderte Giles. Fast unhörbar fügte er hinzu: »Oder wir werden hier eine Menge toter Studenten haben. Jedenfalls mehr als an einem normalen Freitag üblich sind.« »Stevie sagte, Brian Dellasandro sei der Übergeschnappte«, bemerkte Xander über seine Schulter hinweg. »Das ist absurd«, erwiderte Giles. 37
»Um ehrlich zu sein, ich halte es für einen ziemlich guten Tipp«, sagte Xander langsam. »Sogar einen verdammt guten Tipp.« In einem blutbespritzten Hellboy T-Shirt und ausgefransten Sporthosen stand Brian Dellasandro mitten in Giles’ Büro und richtete sein halbautomatisches Gewehr direkt auf Xander. »Mach sie alle fertig«, flüsterte Brian. Er hob die Waffe.
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2 Hier lebt das Böse. Während sie um ihr Leben kämpfte, hörte sie Jubel um sich herum. Tausende von Menschen saßen in den Rängen über ihr, winkten und bewarfen sie mit Blumen. Rosen. Die Blütenblätter lösten sich auf, während sie zu Boden fielen, und umgaben sie mit ihrem betörenden, überwältigenden Duft. Sie tauchte ein in ein Meer von Blut. Der Sand unter ihren Füßen dampfte. Sie rutschte aus und fiel. Die Axt in der Hand ihres Widersachers fuhr herab, und Angels Kopf rollte auf sie zu... »Nein!« Buffy schreckte hoch und versuchte, sich zu orientieren. Sie blinzelte und hob ihren Kopf von der Couch in Angels Wohnzimmer. Jemand hatte ein Kissen unter ihren Kopf gelegt und sie mit einer Steppdecke zugedeckt. Natürlich wusste sie, wer das getan hatte. Gestern Nacht hatte sie versucht sich einzureden, dass sie die beruhigende Anwesenheit eines Freundes brauche. Lindsey Acuff war nirgends zu finden gewesen. Sie war zum Haus der Acuffs gerannt, nur um festzustellen, dass ein Polizeiwagen in der Einfahrt stand, Scheinwerfer das Gelände absuchten und Lindseys Eltern völlig bekleidet und ziemlich fertig in der Küche standen und mit einem von Sunnydales Ordnungshütern sprachen. Lindseys Mutter war in Tränen aufgelöst. Ihr Vater hatte die Arme um seine Frau gelegt und starrte ausdruckslos ins Leere. Es war ein Bild des Leidens, das Buffy unglücklicherweise nicht zum ersten Male sah.
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Als Jägerin kannte sie das Schicksal von vielen Toten und wusste auch, wo sie begraben waren. Zum Beispiel die vermissten Kinder, von denen man dachte, dass sie davongelaufen seien. Buffy hatte viele Informationen, mit denen man diese Fälle hätte abschließen können. Es hätte den Eltern vielleicht nicht den Frieden gebracht, aber wenigstens wären die Ungewissheit und das bange Hoffen verschwunden. Manchmal war es das Beste, was man kriegen konnte. Denn in diesen Fällen war Hoffnung die grausamste Sache der Welt. Auch die Geschichte, dass sie angeblich zu Angel gekommen war, um einen Freund um sich zu haben, war eine verdammte Lüge. Sie musste sich damit abfinden, dass ein kleiner Teil von ihr immer noch hoffte, mit Angel irgendwie zusammen sein zu können. Das war verrückt. Sie wusste das und hatte oft genug beschlossen, den Gedanken aufzugeben. Aber es gab Kämpfe, die auch eine Jägerin nicht gewinnen konnte. Immer wieder rief sie es sich ins Gedächtnis zurück. Doch die Hoffnung hob gerade dann ihr hässliches Haupt, wenn sie am wenigsten damit rechnete. Sie hatte alles verdorben, indem sie zu Angel gegangen war. Natürlich fühlte sie sich nicht besser. Um ehrlich zu sein, sie fühlte sich miserabel. Sie hatte nicht nur ihre eigenen Vorsätze verraten, sondern wahrscheinlich auch dafür gesorgt, dass ihre Mutter noch immer auf sie wartete und Angst um sie hatte. Also war das Erste, was sie tat, zum Telefon hinüber zu gehen und zu Hause anzurufen. Beim ersten Klingeln wurde der Hörer abgehoben. Buffy schloss unwillkürlich die Augen vor Scham. »Hallo?« Sie hörte die angespannte Stimme ihrer Mutter am anderen Ende der Leitung. »Hallo, Mom, ich bin es. Ich konnte Lindsey nicht finden und bin eingeschlafen bei... einem Freund.« Sie war kurz davor 40
zu sagen bei Willow, aber dann hielt sie sich zurück. Warum sollte sie lügen? Ihre Mutter hatte bestimmt schon bei den Rosenbergs angerufen. »Ja, Willow hat mir schon Bescheid gesagt. Du warst wohl schon eingeschlafen, bevor sie telefonieren konnte. Aber es war lieb von dir, dass du sie gebeten hast, mir Bescheid zu sagen.« »Oh«, sagte Buffy unbestimmt. Sie musste sich bei Willow bedanken, obwohl es ihr Leid tat, dass die Freundin ihretwegen geschwindelt hatte. Willow log nicht gerne. Und außerdem war sie meistens nicht besonders gut darin. »Ich muss mich beeilen, um zur Schule zu kommen. Ich bin schon spät dran.« Es entstand eine Pause. Dann fragte Joyce: »Soll ich die Polizei rufen und ihnen sagen, was wir gesehen haben, Buffy? Ich weiß nicht, was ich tun soll. Die Acuffs müssen ja durchdrehen.« »Ich weiß.« Buffy seufzte. »Mom, vertraue mir. Ruf lieber nicht an. Es würde alles nur noch schlimmer machen.« »Wahrscheinlich hast du Recht.« Ihre Mutter schien frustriert. »Ich weiß, dass du Recht hast. Aber es ist schrecklich zu wissen, dass sie irgendwo da draußen ist... in dieser Verfassung.« »Nun, ich hoffe, Giles kann etwas für sie tun«, antwortete Buffy, während sie sich im Zimmer nach ihrer Tasche und ihrem Sweatshirt umsah. Beides lag neben dem Kamin, das Sweatshirt sorgfältig zusammengelegt auf der Tasche. »Wenn du das, was passiert ist, jemandem erklären willst, der nichts davon versteht, würde er uns möglicherweise nur aufhalten. Weißt du, was ich meine?« »Ja.« Wieder entstand eine Pause. »Wir haben das alles schon oft besprochen, Liebes, es ist nur so schwer, herumzusitzen und nichts tun zu können.« 41
Buffy musste unwillkürlich lächeln. Ihre Mutter hätte selbst eine ziemlich gute Jägerin abgegeben. »Was auch immer mit Lindsey nicht stimmte, vielleicht war es nur vorübergehend«, versuchte Buffy sie zu beruhigen. »Vielleicht ist sie schon wieder die Alte, ist eingeschlafen und wird irgendwann aufwachen und nach Hause gehen.« Und nicht auf einem dieser grässlichen Autopsiefotos enden. »Du bist so ein gutes Kind, Buffy«, sagte ihre Mutter. Buffys Augen weiteten sich. »Wie bitte?« »Ja, du machst mir Hoffnung. Du bist so lieb. Und jetzt sieh zu, dass du zur Schule kommst.« So viel zu diesem Telefonat. Buffy nahm ihre Tasche und ging nach unten zum Badezimmer. Neben der Dusche stand eine Tasse mit frischem Kaffee. Auch eine Notiz von Angel: Ich bin wach, wenn du reden willst. Als sie in die Dusche trat, hüllte der heiße Dampf sie völlig ein. Ihr gefiel der Gedanke, dass Angel die Dusche hören würde. Sie schloss die Augen, hob den Kopf und überließ sich dem Wasser. Nein, natürlich würde er niemals hereinplatzen. Eine frische Seife lag griffbereit, ebenso eine halbvolle Flasche Shampoo und Conditioner. Als sie begann, sich die Haare zu waschen, kam die Erinnerung an ihren Albtraum zurück und sie begann, trotz der Hitze zu frieren. Als sie den Schaum aus den Haaren spülte, stellte sie plötzlich fest, dass sie nicht daran gedacht hatte, sich ein Handtuch zu besorgen. Aber da hing ja eins frisch gewaschen, extra für sie. Er dachte eben an alles. Sie zog ihre alten Kleider wieder an und wünschte sich, sie hätte auch frische Sachen zum Anziehen. Dann schlich sie zurück in den Flur, blieb stehen, holte tief Luft und sagte sich tapfer, sie müsse weitergehen. Stattdessen rief sie leise: »Angel?« 42
Keine Antwort. Sie spürte Erleichterung und war gleichzeitig enttäuscht, als sie zum Wohnzimmer hinüberging. Dann nahm sie ihr Sweatshirt und verließ die Wohnung. Angel lag wach in seinem Zimmer und starrte mit weit geöffneten Augen in die Dunkelheit. Niemals würde Buffy wissen, wie sehr er sich danach gesehnt hatte sie hereinzubitten, als sie seinen Namen rief. Aber schon als er ihr diese Nachricht geschrieben hatte, wusste er, dass es nicht darum ging, ob sie reden mochte. Er hatte ihr mitgeteilt, was er wollte. Und das war etwas, worauf er für immer verzichten musste. Also verhielt er sich still und ließ sie in dem Glauben, er schlafe. Niemals hat ein Vampir größere Liebe empfunden, dachte er zynisch. Und obwohl er bis auf die Knochen erschöpft war, wusste er, dass er den ganzen Tag keine Ruhe finden würde. »So, jetzt kennst du mein tiefstes, dunkelstes Geheimnis«, sagte Cordelia zu Willow, während sie in einem wilden Tempo die Straße hinunterfuhr. Mariah Carey hipp-hoppte auf dem CD-Player herum und sie hatten kurz angehalten, um in der Espressobar eine Milch zu trinken. Für Willow war das alles ein bisschen viel, vor allem viel zu früh am Morgen. »Oh je«, seufzte Willow. »Ich muss zugeben, ich bin schockiert. Ich hätte nie geahnt, dass du überhaupt weißt, wo Sears ist, geschweige denn, dass du dir tatsächlich ein Paar Schuhe dort gekauft hast.« »Nun, wir haben alle irgendwie so ein Ding. Ich bin sicher, selbst bei dir gibt es so was. Ich meine, irgendein Ding, dass du eben als Ding bezeichnest, abgesehen von dem, was sowieso dein Ding ist.«
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Cordelia wandte den Blick von der Straße ab und kniff die Augen zusammen. Bei ihrem Fahrstil ist es sowieso egal, wohin sie schaut, dachte Willow. Jetzt bloß nicht panisch werden. »Ich habe dir was gestanden«, sagte Cordelia, »jetzt bist du dran.« Willow biss sich auf die Unterlippe. »Abgesehen davon, dass ich meine Eltern andauernd belüge, na ja, eben so ein Zeug...« Sie wusste, dass es unter Freundinnen üblich war, Geheimnisse zu teilen, aber sie hatte keine Lust dazu. Bei den meisten ihrer Geheimnisse handelte es sich um Dinge, die Cordelia sowieso schon wusste. Zum Beispiel das »Ding« mit Xander. Und außerdem wollte sie darüber nicht reden. Plötzlich zerrissen Sirenen die Stille, direkt hinter ihnen. Willow drehte sich ruckartig um und entdeckte gleich mehrere Polizeieinsatzwagen. Sie waren so nah, dass einer von ihnen fast Cordelias Stoßstange berührte. Cordelia seufzte und schaute in den Rückspiegel. »Was jetzt?«, fragte sie gereizt. »Ich schwöre, ich werde immer völlig grundlos angehalten.« »Von einer ganzen Armada?«, fragte Willow schrill zurück. »Was auch immer.« Das bedeutete, Cordelia wusste nicht, was eine Armada war. Sie lenkte das Auto an den Rand und versuchte dabei, einem anderen Wagen auszuweichen, der etwas unglücklich geparkt hatte. Die Polizeiautos rasten heulend vorbei, gefolgt von zwei Notarztwagen und einem Feuerwehrauto. »Wow«, entfuhr es Cordelia. »Was glaubst du, was da los ist?« Willow hielt den Atem an. »Cordelia, was ist, wenn sie zur Schule wollen?« Sie schauten sich an. 44
»Das wäre gut möglich«, sagte Cordelia. Willow nickte. Wortlos gab Cordelia Gas. Das Einzige, was Willow herausbrachte, war: »Schneller.« Xander. Obwohl sie eher sterben würde, als es zuzugeben, war dies Cordelias erster und einziger Gedanke, als sie mit quietschenden Reifen vor der Polizeibarrikade an der Kreuzung vor der Schule anhielt. Überall standen Polizeiwagen, sogar auf dem Rasen. Blaue und rote Lichter drehten sich auf den Dächern der Autos, deren Türen weit geöffnet waren. Ein großer, schwarzer LKW stand neben der Schultreppe, und ein Typ in einer dunkelgrauen Rüstung kam heraus. Er trug ein Gewehr. Als er sich umdrehte und auf den Haupteingang zulief, konnte Cordelia auf seinem Rücken in gelben Buchstaben SWAT lesen. Cordelia drehte die Fensterscheibe herunter und rief zu einem der Polizisten: »Was ist hier los?« »Wir bitten alle Schüler, die nichts mit dieser Sache zu tun haben, nach Hause zu gehen«, sagte der Typ. Er hatte einen ziemlich üblen Sonnenbrand – fast wie ein Ausschlag. »Nun, ich fürchte, wir haben ziemlich viel damit zu tun«, erwiderte Cordelia scharf und versuchte an ihm vorbeizuschauen. Willow beugte sich herüber und fragte: »Gibt es Ärger?« Mhm, dachte Cordelia, aber sie wartete auf die Antwort des Polizisten. »Wir haben alles unter Kontrolle«, erwiderte der Typ. Cordelia holte dieses Lächeln hervor, mit dem sie einen Quarterback auf fünfzig Meter Entfernung außer Gefecht setzen konnte.
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»Ich hoffe, sie haben heute Morgen Schutzcreme aufgetragen. Das sieht aus wie ein ziemlich übler Sonnenbrand.« Er blinzelte Cordelia an und fuhr sich über das Gesicht. Die Art, wie sie ihn anstrahlte, ließ ihn dahinschmelzen wie Butter in der Sonne. Ja, dachte sie und wartete. Manchmal war es so einfach. »Einer der Kids ist durchgedreht«, gab der Polizist zu und senkte die Stimme. »Hat sich welche vom Schulpersonal geschnappt. Und ein paar von den Studenten. Er ist in der Bibliothek.« Devon schlug die Tür von Oz’ Van zu und sagte: »Okay, Mann.« Er lächelte nicht und versuchte auch nicht, so zu tun, als sei alles in Ordnung zwischen ihnen. Stattdessen schaute er Oz erwartungsvoll an und zuckte die Schultern. »Ja.« Oz startete den Van, fuhr aus der Parklücke und ließ Devon zu seinem eigenen Wagen laufen, der auf dem Parkplatz des Chiropraktikers stand. Als er auf die 17. Straße einbog, warf er den CD-Player an: Eric Clapton. Ein echter Musiker, der genug von der dunklen Seite des Lebens gesehen hatte. Oz fuhr mit der Hand durch sein rotes Haar und befestigte den Sicherheitsgurt über seinem grün-braunen Bowling-TShirt. Er war nicht gerade der glücklichste Camper in den Vereinigten Staaten von Amerika. Gestern hatten er und Devon vereinbart, ein Stück durchzuspielen, das Oz für die Dingoes geschrieben hatte, und das für die Probe heute Abend vorgesehen war. Dann hatte Devon ihn am späten Abend angerufen und gefragt, ob sie den 46
Durchlauf vor der Schule machen könnten. Oz war zwar nicht unbedingt ein Morgenmensch, aber er hatte sich darauf eingelassen. Er war auch damit einverstanden gewesen, Devon zur Praxis des Chiropraktikers zu fahren, wo seine Mutter arbeitete, sodass er ihr Auto für den Rest des Tages haben konnte. Er fand sich damit ab, dass das alles viel länger gedauert hatte als erwartet und er viel zu spät zur Schule kam. Angesichts des zweifelhaften Ruhms, der Schüler mit den meisten Strafpunkten zu sein, der jemals die Oberstufe wiederholt hatte, war es nicht gerade in seinem Interesse, noch mehr Schulstunden zu versäumen. Aber er hatte Haltung bewahrt. Devon hatte das Stück ziemlich krass abgebügelt, mit einigen bissigen Kommentaren zur zweiten Strophe und immer noch hatte Oz sich zusammen genommen. Es gab einen Unterschied, ob jemand ihn persönlich angriff oder seine Arbeit kritisierte. Er verstand das. Aber dann hatte Devon damit angefangen, alles auf Willow zu schieben, vor allem sein unzuverlässiges Erscheinen bei Proben und gelegentlichen Auftritten. Das war also der wahre Grund für das Treffen. Oz war ziemlich angepisst. Er fühlte sich überfahren, weil er auf diese Konfrontation so gar nicht vorbereitet war. Auch nicht auf die Tatsache, dass die ganze Band wütend auf ihn war und stattdessen alle so getan hatten, als würden sie auf seiner Seite stehen – bis zu diesem Morgen. Er dachte, er hätte das in den letzten sechs Monaten mit der vagen Erklärung, an einem Programm teilzunehmen, ganz gut hingekriegt. Devon war so verständnisvoll und einfühlsam gewesen. Aber nun sah es so aus, als sei Devon der Meinung, ein halbes Jahr Ausreden sei genug.
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»Du musst sehen, dass du das auf die Reihe kriegst, Mann«, hatte Devon an diesem Morgen erklärt. »Oder du musst aussteigen.« Das Problem war, Oz hatte nicht einfach beschlossen, eines Tages ein Werwolf zu werden. Sein Cousin hatte ihn gebissen, ihn mit Lycanthropie infiziert, und so war er eben auch ein Werwolf geworden. Das bedeutete, dass er an drei Nächten im Monat in einem Käfig in der Schulbibliothek angekettet wurde, um nicht zu riskieren, jemanden zu töten oder selbst getötet zu werden. Aber davon durfte niemand etwas erfahren. Wie Buffy, so hatte auch er eine geheime Identität, nur dass seine nichts mit Heldentum zu tun hatte, sondern eher mit dem Ruf der dunklen Kräfte. Es war sehr unangenehm und sorgte für ausreichend Probleme. Okay, so war das Leben. Aber, dass Devon ihn tatsächlich angelogen hatte wegen dieser Probe... Er schaute auf die Uhr. Mit diesem Tempo schaffte er es vielleicht noch zur dritten Stunde. Möglicherweise musste Buffy auch nachsitzen. Er lächelte unwillkürlich. Es wäre nett, mit ihr zu plaudern, nur sie beide, hören wie es bei ihr so lief. Sie gehörte zu den erfreulichen Erscheinungen in Sunnydale, und sie war außerdem eine wirklich gute Salsa-Tänzerin. Er fasste nach unten, um auf der CD das Stück San Francisco Bay Blues zu suchen. Leider fuhr er dabei um eine Kurve. Sein Finger drückte aus Versehen auf die Pausentaste, sodass er einen Augenblick vom Fahren abgelenkt wurde. Eine Sekunde zu spät sah er das umgestürzte Auto, das die Straße blockierte. Buffy kam gerade rechtzeitig, um zu sehen, wie die Notarztwagen zum Krankenhaus aufbrachen. Cordelia überfuhr sie beinahe, hielt dann aber mit quietschenden Reifen neben ihr, sodass sie sich gerade noch auf den Beifahrersitz werfen konnte. 48
»Was ist passiert?«, schrie Buffy. »Was geht hier ab?« »Nun, heldenhafte Jägerin, Sie waren nicht da, also hat Willow die Heldin gespielt, ging in die Bibliothek und hat einen Schuss abbekommen«, schleuderte Cordelia ihr entgegen. »Und Giles hat eine Gehirnerschütterung und Xander –« »Sie wurde erschossen?« Buffy starrte sie an. »Wovon redest du?« Cordelia murmelte: »Sei still, ich muss mich aufs Fahren konzentrieren, diese Krankenwagenfahrer haben’s echt drauf.« »Cordelia«, warnte Buffy. »Okay. Brian Dellasandro ist ausgerastet, hat in der Schule rumgeballert und dabei die Hälfte der Leute erwischt. Wir warteten darauf, dass du auftauchen würdest, aber er hörte nicht damit auf, alle möglichen Leute umzubringen. Also versuchte Willow, ihm mithilfe von Zauberei vorzumachen, sie sei seine Cousine Natalia. Dann ging sie in die Bibliothek und wollte ihm die ganze Sache ausreden. Leider funktionierte das nicht. Er schoss auf sie und schlug Giles und Xander nieder. Und dann schossen die SWAT-Leute auf Brian.« Sie blickte hinüber zu Buffy. »Willow lebt, aber es geht ihr nicht besonders gut. Das heißt, sie lebt vielleicht nicht mehr lange.« Und ich war nicht da, dachte Buffy unglücklich. Weil ich bei Angel eingeschlafen bin. Im Krankenhaus fanden sie Willows Eltern, die wie erstarrt im Wartezimmer saßen. Sie hielten sich an den Händen und schauten kaum auf, als Buffy und Cordelia vorübergingen. Niemand würde ihnen etwas sagen. In solchen Augenblicken war es wirklich etwas wert, ein Verwandter zu sein oder wenigstens ein Erwachsener. Jugendlichen sagte man meistens, sie sollten warten, ansonsten ignorierte man sie. Es war nicht so wie in der Fernsehserie 90.210, wo praktisch jeder 49
Sechzehnjährige ein eigenes Unternehmen leitete, ohne dass sich jemand einmischte. Nach einer Million Jahren tauchte Buffys Mutter auf, erblickte ihre Tochter und nahm sie spontan in die Arme. »Gott sei Dank«, sagte sie. »Gott sei Dank ist dir nichts passiert.« »Jeder, außer Willow, ist ziemlich in Ordnung«, erwiderte Cordelia. »Gehirnerschütterungen. Einer hat Streifschüsse abbekommen, aber er wird es überleben.« Für einen Augenblick ließ Buffy sich gegen ihre Mutter sinken. Das ist alles nur meine Schuld. Ich könnte auch selbst geschossen haben. Ich bin vielleicht Schuld am Tod meiner besten Freundin. »Mom, kannst du etwas über Willows Zustand herausfinden?«, flüsterte Buffy. Joyce streifte beruhigend über Buffys Wange und machte sich auf den Weg zum Zimmer der Krankenschwestern. »Ich habe es schon mal gesagt und ich wiederhole es gerne«, murmelte Cordelia bewundernd. »Deine Mutter weiß wirklich, wie man jemanden zu Tränen rührt.« Buffy beobachtete still, wie ihre Mutter mit einer blonden Frau in einem weißen Kittel sprach. Krankenschwester, Ärztin, Maniküre, Buffy war es ganz egal, wenn sie nur etwas über Willow erfuhr. Die Frau redete mit Joyce, die ihrerseits tapfer zu Buffy herüberlächelte. Buffy hielt das für eine gute Nachricht, bis ihre Mutter wiederkam und sagte: »Sie wird noch immer operiert.« Buffy ging hinüber zu den Rosenbergs, die zusammensaßen wie Leo und Kate auf den Trümmern der Titanic im Atlantischen Ozean.
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Sie wartete ab, bis die beiden auf sie aufmerksam wurden, räusperte sich und sagte heiser: »Ich weiß nicht, ob man es Ihnen gesagt hat, aber Willow hat heute etwas sehr Heldenhaftes getan. Sie ging in die Bibliothek, um mit Brian zu sprechen, obwohl niemand es von ihr verlangt hatte. Sie hat versucht, Mr. Giles und Xander das Leben zu retten.« Willows Vater, Ira Rosenberg, der weiter die Hand seiner Frau hielt, sagte: »Wenn das eine anständige Schule wäre, dann würde hier kein Junge mit einem Gewehr herumlaufen.« »Ira«, unterbrach ihn seine Frau, doch sie wurde von Tränen überwältigt. Buffy musste schlucken. Wie oft hatte Willow dafür gesorgt, dass sie nicht durchdrehte unter dem Druck, den es bedeutete, eine Jägerin zu sein. Und dann gab es andere Zeiten, in denen Willow einfach nur eine ganz normale Freundin war, mit der sie über ihren Freund sprechen konnte oder darüber, dass sie keinen hatte. »Ihre Tochter...«, sie wollte etwas sagen, doch dann senkte sie den Kopf. Sie war es nicht gewohnt, mit Erwachsenen über ihre Gefühle zu sprechen. »Sie ist meine beste Freundin.« Buffy wusste, das war nicht genug, aber es war alles, was sie unter diesen Umständen hervorbrachte. Sie setzte sich zu ihrer Mutter, die immer wieder vor sich hin murmelte: »Gott sei Dank ist dir nichts passiert.« Buffy fühlte sich krank. Ich war nicht da, dachte sie. Ich habe es nicht verhindert. Die Stunden schlichen dahin. Schließlich kam ein Arzt heraus und redete mit den Rosenbergs, die daraufhin durch die Doppeltür der Notaufnahme verschwanden. Buffys Herz setzte fast aus, während sie darauf wartete, dass sie zurückkamen. Immerhin dauerte es fast zwanzig Minuten. Dann kam Frau Rosenberg zu ihr und sagte: »Willow möchte mit dir sprechen.« 51
Buffy nickte und folgte der Krankenschwester durch die Tür. Willow sah klein und hilflos aus, wie sie da im Bett lag. Ihr rotes Haar stand in grellem Kontrast zu ihrer weißen Haut und den fast blutleeren Lippen. Die Krankenschwester flüsterte ihr zu: »Sie hat viel Blut verloren. Bleib nicht zu lange, sie ist sehr müde.« Buffy nickte erneut und ging zum Bett hinüber. So ruhig wie möglich sagte sie: »Will?« Willows Augen öffneten sich langsam. Sie weinte still. »Buffy, ich konnte es nicht tun«, murmelte sie. »Ich habe alles verdorben.« »Nein, du hast es großartig gemacht.« Eine Träne lief über ihre Wange. »Es tut wirklich sehr weh.« »Ich sage der Schwester Bescheid.« »Danke. Ein toller Tag, den du dir ausgesucht hast, um dich zu verspäten.« Es war als Scherz gedacht, aber es traf genau Buffys wunden Punkt. »Oh, es tut mir so Leid, Willow. Du kannst dir gar nicht vorstellen, wie Leid es mir tut.« Aber Willow war schon wieder eingeschlafen. Die Schwester kam herein und sagte: »Du solltest jetzt wirklich gehen. Es ist nicht gut, wenn sie so viele Besucher hat.« »Willow hat gesagt, dass sie Schmerzen hat«, informierte Buffy die Schwester. »Sie bekommt Morphium über den Tropf. Ich werde den Arzt bitten, die Dosis zu erhöhen«, bot die Schwester an. Dann ging sie zum Bett, um nachzusehen. Buffy fühlte sich hilflos – schlimmer noch, nutzlos. Sie verließ das Zimmer. Anstatt zurück zum Wartezimmer zu gehen, schaute sie in den anderen Räumen nach Giles und Xander. Überall roch es nach Blut, Erbrochenem und Desinfektionsmitteln. 52
Buffy war mit diesen Gerüchen vertraut. Als die Auserwählte verbrachte sie einen guten Teil ihrer Zeit in Krankenhäusern – und Beerdigungsinstituten. Im dritten Zimmer machte sie eine besondere Entdeckung: Brian Dellasandro lag dort bewusstlos in einem Krankenbett. Eine erstaunliche Anzahl von Maschinen hielt ihn offenbar am Leben. Er sah sehr schlecht aus. Buffy fiel auf, dass niemand in dem ganzen Chaos sich gefragt hatte, was wohl mit ihm geschehen war. Als Buffy den Raum betrat, sprang Mark auf. Er war ein gewöhnlicher, magerer Junge mit einer großen Brille, der aussah wie einer dieser Jungbullen, denen man eins auf die Nase gegeben hatte. Er war vierzehn, wirkte aber wie elf. Er empfing sie mit den Worten: »Bist du Ärztin?« Sie musste in sich hineinlächeln. »Hallo. Ich bin Buffy. Ich gehe in die gleiche Schule wie du und dein Bruder«, sagte sie. Sein Gesicht war tränenüberströmt. »Er hat unsere Eltern umgebracht«, sagte er. Buffy blieb vor Schreck der Mund offen. »Ich war nicht da. Ich konnte nichts tun. Ich war nicht da«, stieß er hervor. Er bedeutete ihr, sie solle gehen, dann sank er zurück in den Stuhl und heulte vor Schmerz auf. Buffys Herz raste, ein Echo seiner Worte. Ich war nicht da.
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3 »Xander, warum schließen wir nicht Frieden?«, fragte Buffy lächelnd und öffnete die Beifahrertür von Cordelias Wagen. Ein ziemlich süßer Typ mit blauen Haaren, der zum Sunnydale Hospital gehörte, half Xander aus dem Rollstuhl. »Frieden. Das heilige Wort. Sprich es nicht aus«, brummelte Xander vor sich hin, während er aus dem Rollstuhl aufstand und ins Auto kletterte. Buffy fiel nicht auf, dass es ein Pop-Zitat war, aber es machte nichts, da sie sowieso schon lächelte. Sie war froh, dass Xander wieder der Alte war, in seinen typischen, viel zu weiten Hosen und dem übergroßen T-Shirt, auch wenn sie einen Teil seines Kopfes rasiert hatten, um sich seine Schädelverletzung genauer anzuschauen. Um ehrlich zu sein, der halb rasierte Schädel sah sogar irgendwie cool aus. Es war wunderbar. Einfach deshalb, weil er es überstanden hatte. Er hatte Glück gehabt, genau wie Giles. Nur Willow, die sie im Krankenhaus behalten hatten, war leider nicht so gut dran. Sie war deprimiert und außerdem ziemlich wütend. Immer noch behauptete sie, es habe nichts damit zu tun, dass Buffy zu spät gekommen sei. Aber Buffy glaubte ihr nicht. Vielleicht, weil sie selbst so wütend auf sich war. Am Nachmittag der Schießerei war der Van von Oz mit eingedrückter Vorderseite in einer Kurve der 17. Straße gefunden worden. In den Beulen fanden sie Spuren von schwarzer Farbe, ein Zeichen dafür, dass ein anderes Fahrzeug ihn gerammt hatte, oder umgekehrt. Aber es war kein anderer Wagen zu sehen gewesen. Nur der Van, mit offener Fahrertür. Von Oz keine Spur.
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Schon seit drei Tagen wurde er vermisst. Buffy begann, nach ihrem Salsapartner zu suchen. Was sie herausfand, war, dass die meisten Leute Oz mochten. Gleichzeitig war er ihnen ein Rätsel. Das überraschte sie nicht. Wenn du ein tiefes, dunkles Geheimnis in dir trägst, entfernt dich das automatisch von denen, die dich lieben. Sie sprach mit den Mitgliedern der Band und schnaufte ärgerlich, als Devon ihr berichtete, dass er Oz vorgeschlagen hatte, sich zusammenzureißen oder die Band zu verlassen. Armer Oz. Sie konnte ihn noch nicht einmal verteidigen, aber immerhin sagte sie ein paar allgemeine Worte darüber, dass es nicht in Ordnung sei, auf einen Freund solchen Druck auszuüben. Buffy bemühte sich, höflich zu bleiben – im Interesse von Oz. Später ließ sie ihre Enttäuschung an ein paar Mülltonnen aus. »Das ist Vandalismus.« Angel lehnte an einem verlassenen Gebäude auf der anderen Seite der Straße und ließ die Worte langsam zu ihr hinübergleiten. »Ich weiß auch nicht, warum das seit einer Woche überhand nimmt.« »Das ist mein erster Mülltonnenanfall seit irrsinnig langer Zeit.« Buffy gab der nächsten Mülltonne einen Tritt, sodass sie herumwirbelte. Dann versetzte sie ihr einen unbarmherzigen Stoß, der es in sich hatte. »Und du würdest auf keinen Fall Graffiti sprühen«, erwiderte Angel. »Wovon man in letzter Zeit auch mehr sieht als je zuvor.« »Angel, bitte!« Sie unterbrach ihre Mülltonnenattacke, warf ihr Haar zurück und versuchte sich zu beruhigen. Er zuckte die Schultern. »Irgendjemand hat die Autobahnen und Nebenstraßen verschönert. Seine Rechtschreibung ist grauenvoll. Ich dachte, du kommst vielleicht mit und wir schnappen ihn.«
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»Wir brauchen unbedingt ein Jugendzentrum in dieser Stadt«, antwortete Buffy. »Sorry, das stimmt natürlich nicht. Wir haben ja das Bronze. Das wunderbare, tolle Bronze. Was ich übrigens richtig schreiben kann – nebenbei bemerkt.« »Keine Nachricht von Oz?« Angel ging nicht auf den Scherz ein. Buffy schwieg. Sie befanden sich in dem üblen Bezirk der Stadt, der einen halben Block von dem guten Viertel entfernt lag. Die Schatten der Straßenbeleuchtung veränderten Angels Gesicht. Seine Augen verschwanden in den Höhlen, und seine Wangen wirkten eingefallen. Sie fröstelte, weil das Bild sie an den ersten ihrer bösartigen Albträume erinnerte, und sie musste sich ins Gedächtnis rufen, wie dumm dieser Traum war. Das Monster besitzt dein eigenes Gesicht. Viele billige Filme verkauften dieses Klischee als großen Schocker! »Ich geh rüber zum Alibi. Noch mal. Ich kann nicht glauben, dass Willy so ahnungslos ist, wie er tut.« Angel nickte. »Ich komme mit.« Wie immer erregten sie einiges Aufsehen, als sie zusammen das Alibi betraten. Ein paar Stammgäste zogen sich diskret zurück. Willy war auch nicht gerade überglücklich, sie zu sehen. Aber er hörte deshalb nicht etwa mit dem Zapfen auf. »Hallo«, begrüßte Buffy ihn heiter. »Gibt’s irgendwas Neues seit gestern?« Der dreckige kleine Widerling runzelte die Stirn und machte ein Riesending daraus, Buffy ein Glas Cola-Light einzuschenken, als wollte er sich bei ihr einschleimen. Er schaute fragend zu Angel herüber, aber der schüttelte nur den Kopf. Heute Abend war ihm nicht danach, aus Höflichkeit etwas zu trinken. Er wollte Antworten. 56
Angel schaute sich in dem schäbigen Laden um, in dem die Nichtmenschen von Sunnydale verkehrten. Keine Vampire heute Nacht. Keine Dämonen – keine Gespenster, wie Xander sie nannte. Nur ein paar Menschen mit traurigen Gesichtern, die zur Abwechslung ein paar positive Nachrichten hätten gebrauchen können – oder vielleicht auch nur eine ordentliche Portion Schlaf. Oder Methadon. Die übliche Mischung für eine Bar wie diese. Er legte die Beine übereinander und beugte sich freundlich über den Tresen, als wollte er sich nur ein wenig unterhalten. Seine Bürste zeichnete sich an der Hüfte ab, sodass es aussah, als trage er dort eine Knarre. Wäre er ein Mensch gewesen, hätte er vielleicht zu seinem Schutz eine Waffe getragen, aber die Jägerin und er brauchten solche kleinen Hilfsmittel nicht. »Es ist dir vielleicht aufgefallen, dass wir neuerdings eine Menge mehr Ärger hier haben als sonst. Leute rotten sich zusammen, werfen Mülltonnen um, solchen Blödsinn eben. Weißt du irgendwas darüber? Irgendjemand neu in der Stadt? Vielleicht eine Gang?« Willy brach in wildes Gelächter aus. »Klar. Eine Bande von Klopfgeistern. Die stehen auf die harte Tour. Alles Puristen.« »Oh«, machte Angel, während er sich aufrichtete. »Du versuchst hier, den Clown zu spielen. Das finde ich gar nicht lustig«. »Vor allem, weil es auch eine Menge Mordfälle gegeben hat in letzter Zeit«, ergänzte Buffy. Willys Augen bewegten sich unruhig von einer Seite zur anderen. »Es ist niemand neu in der Stadt«, murmelte er schuldbewusst vor sich hin. Dabei war es schwer zu beurteilen, ob er vielleicht doch etwas verschwieg. Er hörte sich immer so an. Außerdem hatte ein Typ wie Willy jede Menge zu verbergen, und man wusste
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nie, ob es was mit dem zu tun hatte, was im Augenblick anstand. »Du weißt, es wäre in deinem eigenen Interesse, uns davon zu erzählen«, fuhr Angel fort. »Wirklich?« Willys Augen glänzten. Angel musste sich zusammenreißen, um nicht laut zu lachen. Der Typ dachte doch tatsächlich, sie würden ihm Geld anbieten. »Wirklich. Was mein Freund hier sagen will, ist, wenn du uns nicht dein Innerstes öffnest«, mischte Buffy sich liebenswürdig ein, »dann werden wir das für dich tun und dir die Eingeweide herausreißen.« »Meine Freundin hat es auf den Punkt gebracht.« Angel schlug mit der Hand auf die Bar, sodass Willy unwillkürlich zurücksprang. »Also Willy, möchtest du nicht vielleicht doch ein wenig mit uns plaudern?« »Ich habe gar nichts zu sagen.« Sein Adamsapfel hüpfte nervös auf und ab. Angel beobachtete absichtslos eine Vene an seinem Hals, die sich heftig bewegte, und stellte fest, dass er hungrig war. Aber so hungrig auch wieder nicht. Er würde nie wieder so hungrig sein. »Wirklich, gar nichts«, blubberte Willy munter weiter. »Und nichts ist für jemanden wie dich schon viel«, sagte Buffy und schaute Angel an, als wollte sie sagen: Was machen wir jetzt? »Wenn wir herausfinden, dass du uns angelogen hast«, drohte Angel, während er sein Gesicht nur ein wenig veränderte, gerade so viel, dass Willy es bemerkte, »dann werde ich dich dafür büßen lassen, dass ich deinetwegen fast getötet wurde.« Damit hatte er Willy gepackt. »Ich habe dich nur an Spike verraten, weil diese Jägerin aus Jamaica mich bedroht hat«, wimmerte dieser. 58
»Fang bloß nicht damit an, Willy. Das bringt ihn schlecht drauf«, sagte Buffy freundlich. »Und ich schwöre dir, du hast Angel noch nie erlebt, wenn er so richtig schlecht drauf war.« »Oh doch, das habe ich«, versicherte Willy ihr. »Nicht wirklich«, sagte Angel. Er ballte die Faust und schlug sie auf die Bar – sehr vorsichtig. »Wenn du was hörst, könnte das seine Laune verbessern«, schloss Buffy. »Oh, und danke für die Cola.« Sobald die Jägerin und der Vampir verschwunden waren, wischte Willy sich die Hände ab und verschwand in Richtung Herrentoilette. Noch bevor er sie erreicht hatte, wurde er aufgehalten. Er hielt die Luft an und ging ein paar Schritte zurück. »Ich habe ihnen nichts gesagt«, stieß er hervor. »Ich habe ihnen nichts erzählt.« Die dunkelhaarige Schönheit starrte ihn an. Der Blonde fragte: »War das die Jägerin?« Er warf der Frau einen Blick zu. »Mit Angelus?« Sie sog die Luft ein. »Wir nennen ihn Angel«, erwiderte Willy. Das Gesicht des Blonden veränderte sich. Er war der grauenhafteste Vampir, den Willy je gesehen hatte – und er hatte schon eine Menge gesehen. Der Mann fasste hinüber zur Tür der Herrentoilette, zog am Griff und riss sie mühelos aus der Verankerung. Die dunkle Schöne zuckte zusammen und biss sich auf die Unterlippe. »Lass uns allein«, sagte der Vampir, während seine Begleiterin so aussah, als würde sie sich gleich in die Hosen machen. »Kein Problem.« Willy schoss zurück in die Bar und goss sich auf der Stelle ein Glas Gin ein. Er stürzte es hinunter und goss nach. Wahrscheinlich würde er noch ein paar davon brauchen, bis das Zittern aufhörte. 59
Buffy lief niedergeschlagen die Straße hinunter. »Was meinst du?«, fragte sie. Ihre Stimme versagte. »Dass du dir bessere Informanten suchen musst.« Er zwinkerte ihr aufmunternd zu. »Ich wundere mich, dass ihn noch keiner hochgenommen hat.« Buffy seufzte und versetzte der nächstbesten Mülltonne einen Tritt. »Die Nacht hat gerade erst angefangen«, bemerkte Angel leichthin. »Warst du schon auf dem Restfield-Friedhof?« »Gestern Nacht, heute noch nicht.« »Dann los, lass uns gehen.« »Danke«, war alles, was Buffy hervorbrachte. »Es tut mir Leid, dass er von Kendra angefangen hat«, fuhr Angel fort. »Es ist in Ordnung, ich komme schon damit klar«, antwortete sie knapp. »Ich weiß.« Außerhalb der Stadt, im Haus der Dellasandros, war alles dunkel. Nachdem man die Leichen weggebracht und die Spurensicherung abgeschlossen hatte, war der Eingang von der Polizei entsprechend versiegelt worden. Die Kids versammelten sich schon wieder in den Drecklöchern um das Haus herum und verbreiteten das Gerücht über Wesen, die sich angeblich im Haus herumtrieben und stöhnten. Wenn man genau hinhörte – und vor allem, wenn man ein paar Bier zu viel getrunken hatte, konnte man vielleicht einen Pistolenschuss hören. Und danach einen Schrei. Brian hatte allerdings gar keine Pistole benutzt, sondern ein Gewehr.
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Sie machten eine Mutprobe daraus, zur Tür zu rennen und die Versiegelung zu berühren. Das Nächste war, über die Mauer zu klettern, und in die Fenster zu schauen. Als die Polizei noch darüber nachdachte, ob sie einen Wachposten aufstellen sollte, waren ein paar betrunkene Fußballer gerade dabei, brennendes Holz aufs Dach zu werfen. Und trotz aller Bemühungen der örtlichen Feuerwehr, brannte das Haus in kürzester Zeit bis auf die Grundmauern ab. Weil es ein böses Haus war, flüsterten die Leute sich zu. Dann fand man Romeo Kitty, die weiße Katze, die ein paar Blocks entfernt lebte – verstümmelt. Und auch der Pudel Juwel, der weiter unten in der gleichen Straße wohnte, wurde vermisst. Seine Besitzerin, eine extrem fette Person namens Gibson, die sonst immer Zielscheibe übelster Scherze war – vor allem weil sie gerne die Bullen rief, wenn eine Party stieg – war so fertig mit den Nerven, dass sie versuchte, sich mit Pillen das Leben zu nehmen. Und niemand, nicht einmal die größten Idioten, machten sich je wieder über sie lustig. Juwel wurde eine Woche nach Ms. Gibsons Selbstmordversuch in einem Graben gefunden, der an ihren Garten grenzte. Kein schöner Anblick – und kein natürlicher Tod. Das waren nicht die Koyoten, hieß es offiziell. Ms. Gibson zog um. Einige behaupteten, sie sei nach Philadelphia zu ihrer Schwester gezogen. Andere meinten, sie sei in eine Nervenklinik gebracht worden und habe bis zum Schluss nach Juwel gerufen. Ihr leer stehendes Haus wurde jedenfalls zu einer beliebten Zielscheibe von Gerüchten, und schon bald hörte man, dass jemand sich dort nachts im Haus oder auf dem Grundstück herumtreiben sollte.
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Die Kids behaupteten, es seien böse Geister. Andere murmelten etwas von Mark Dellasandro. Wo es einen Verrückten in der Familie gab, konnte es auch zwei geben. Am Mittwoch wurde Willow aus dem Krankenhaus entlassen und Buffy wollte sie besuchen. Oz wurde seit fünf Tagen vermisst und es blieben nur noch drei Tage bis zu seiner Verwandlung. Willow sah wirklich nicht gut aus: Das fettige Haar hatte sie provisorisch nach hinten gesteckt, sie trug kein Make-up, und ihr Pullover hatte auch schon mal bessere Tage gesehen. »Es tut mir Leid, dass ich dir keine guten Neuigkeiten bringen kann«, sagte Buffy. »Du suchst eben nicht richtig.« Willow schaute nicht einmal von ihrem Monitor auf. Sie hackte auf der Tastatur herum, ging die Polizeiberichte aus Sunnydale durch und alle Informationen aus den Kliniken in der Umgebung, zu denen sie Zugang hatte. Das versetzte Buffy einen Stich. »Also weißt du, ich bin jede Nacht ein paar Extrastunden auf Patrouille, um ihn zu finden und –« »Das ist Blödsinn«, unterbrach Willow sie verzweifelt. »Es ist nicht so, als würde er sich in einen Wolf verwandeln und du könntest ihn einfangen.« Sie fasste sich an die Stirn. »Du musst deinen Kopf benutzen, verstehst du? Ich bin nicht sicher, ob dir ein so unglaublicher Gedanke jemals gekommen ist.« Willow hat Angst, versuchte Buffy sich zu beruhigen. Trotzdem fand sie es nicht okay, dass sie so mit ihr sprach. Aber ich habe es verdient, sagte sie zu sich selbst. Ich habe es sogar mehr als verdient.
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»Übrigens, Ms. Gibsons Haus wurde weit unter Marktwert von einem gewissen H. Ombra gekauft«, fuhr Willow fort. »Falls es dich interessiert.« »Mir ist aufgefallen, dass das Schild »Zu verkaufen« verschwunden ist.« Buffys Stimme zitterte. Es war ein Versuch, Willow zu besänftigen. »Ich bin dort vorbeigegangen gestern Nacht, als ich auf Streife war. Zusätzlich.« »Wenn du so stolz auf diese zusätzlichen Streifengänge bist, wie kommt es dann, dass du die kleine Acuff auch noch nicht gefunden hast?« »Hey.« Buffy runzelte die Stirn. »Ich weiß, dir geht es nicht gut, und es tut mir wirklich alles sehr Leid, Willow. Ich...« »Du bist die Jägerin, du kannst es vertragen«, schoss Willow zurück und hob ihr Kinn. Buffy richtete sich auf. »Bist du in Ordnung? Ich meine...« Willow verzog den Mund. »Wovon redest du? Mit mir ist alles in Ordnung. Du bist es doch, die völlig durch den Wind ist.« »Willow.« Buffy ließ die Hände sinken. »Bitte.« Willow warf ihr einen wütenden Blick zu. »Jeder, der mit dir zu tun hat, stirbt irgendwann. Ist dir das schon aufgefallen? Früher oder später. Ich fürchte, jetzt war Oz eben dran.« Kaltblütig drehte sie Buffy den Rücken zu und beschäftigte sich demonstrativ mit dem Computer. Keine von beiden sagte ein Wort, während sie den Cursor bewegte, Windows aufrief und wieder schloss und andere sinnlose Aktionen mit der Kiste durchführte. Buffy war verletzt. Sie beschloss zu gehen, ließ sich jedoch Zeit, ihre Sachen zusammenzupacken. Willow – die Willow, die sie kannte – würde sie nicht so gehen lassen. Aber Willow raunte nur: »Schließ die Tür, wenn du rausgehst.«
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Buffy schluckte und verließ das Zimmer so würdevoll, wie es ihr unter diesen Umständen möglich war. Leise schloss sie die Tür und lehnte sich von außen dagegen. Sie lauschte und betete, Willow würde ihre Meinung ändern und sie zurückrufen. Aber sie hörte nichts als das Klicken der Maus und das Klappern der Tastatur. Am nächsten Morgen versuchte Buffy sich aufzumuntern. Sie putzte die Küche für ihre Mutter, die völlig außer sich war und alles in sich hineinstopfte, was sie an Essbarem fand. Joyce wollte irgendwas über die Galerie loswerden. Es ging um ein zerbrochenes Fenster oder Schloss oder so ähnlich. Buffy schaffte es sogar, rechtzeitig für eine Trainingsstunde mit Giles in der Schule zu sein. Sie hatte eine CD dabei, die ihm gefallen würde. Sie war fest entschlossen, diese Musik für ihr Training zu benutzen und nicht dieses Zeug, von dem er immer sagte, dass es ihm das Gehirn aus den Ohren trieb. Four Star Mary, eine tödliche Band. Aber zu den Bay City Rollers würden seine Beine sich von selbst bewegen. »Hey«, rief Buffy gut gelaunt, als sie die Bibliothek betrat, »schauen Sie mal, was ich hier habe –« Sie wurde von einem Geräusch aus Giles’ Büro unterbrochen – hingefallenes Glas vielleicht – und rannte ohne zu zögern hinüber. Doch als sie gerade die Tür öffnen wollte, kam er ihr entgegen. »Hallo, Buffy«, sagte er kurz angebunden und schien nicht gerade erfreut, sie zu sehen. »Hallo. Was ist passiert?«, fragte sie ihn und reckte ihren Hals, um einen Blick über seinen Kopf hinweg in den Raum zu werfen. »Ist Ihnen etwas runtergefallen?« »Nur eine Tasse. Ich kümmere mich schon darum.« Er hob die Augenbrauen. »Was kann ich für dich tun?«
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Sie verzog das Gesicht. »Giles, ich glaube wirklich, Sie werden langsam alt.« Sie machte ein paar Trainingsschritte. »Das übliche Fitnessprogramm, erinnern Sie sich?« Er seufzte: »Tut mir Leid. Dafür habe ich heute Morgen keine Zeit.« Ohne ein weiteres Wort ging er zurück in sein Büro, schloss die Tür und ließ eine verblüffte Buffy zurück, die ihm nachstarrte. »Ich habe die Bay City Rollers mitgebracht«, rief sie ihm hinterher, in der Hoffnung, das würde ihn umstimmen. »Und ich habe Shaun Cassidy und die Partridge Familiy bestellt. Giles?« »Ja«, sagte er und zunächst dachte sie, er spreche mit ihr. Aber dann hörte sie, wie er fortfuhr. »Ja, ich bleibe dran.« Sie zögerte. »David?«, murmelte er. Vielleicht sollte ich nicht lauschen, ermahnte sie sich, aber sie konnte der Versuchung nicht widerstehen. Erst hatte sich Willow völlig verändert, und jetzt gab Giles ihr Rätsel auf. Vielleicht enthielt dieses Telefongespräch den Schlüssel für ihr merkwürdiges Verhalten. »Ach, du lieber Gott, es tut mir so schrecklich Leid«, hörte sie Giles sagen. »Gibt es... haben Sie große Schmerzen? Vergessen Sie es. Nein, ich kann nicht. Ich muss diesen dummen, unfähigen Trampel von einem Teenager betreuen. Nein, nein, ich bin mehr eine Art Aufpasser. Ja, sie hat auch eine Mutter, aber die kriegt gar nichts auf die Reihe. Was kann man hier in Kalifornien auch anderes erwarten?« Buffy traute ihren Ohren nicht. Sie redete sich ein, dass er diesem David etwas vormachte. Vielleicht ging es nur darum, ihm ein bestimmtes Bild zu vermitteln. Wer weiß, wer er war und wofür es gut sein konnte.
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Aber sie fand, dass er sich etwas zu gut verstellte. Seine Schauspielerei war geradezu preisverdächtig. »Eine Transplantation?«, fragte Giles. »Um Himmels willen!« Sie entfernte sich. Das war keine Verstellung. Sie war ein unfähiger, dummer Trampel und ihre Mutter kriegte nichts auf die Reihe. Buffy kochte innerlich, als sie die Bibliothek verließ. Sie fühlte sich gedemütigt. War sie auf einem anderen Planeten gelandet, ohne es zu merken? Als sie die Tür der Bibliothek gerade hinter sich schließen wollte, hörte sie wieder dieses Geräusch, als sei etwas zerbrochen. »Alarmstufe Rot«, murmelte sie. »Giles leidet unter PMS.« »Aber es war viel schlimmer«, sagte Buffy zu Cordelia, mit der sie sich zum Mittagessen getroffen hatte. Buffy hatte Burger und Fritten gekauft, und Cordelia fand, der Burger rieche wie Hundefutter. Sie war kurz davor, sich zu übergeben. »Er sagte, ich sei ein dummer unfähiger Trampel.« Cordelia rieb sich die Schläfen. In ihrem Kopf hämmerte es so stark, dass sie sich kaum auf das konzentrieren konnte, was Buffy sagte. Um ehrlich zu sein, sie konnte sich überhaupt nicht konzentrieren. Die Welt löste sich auf, und sie sah alles verschwommen, wie in einem Kaleidoskop. Was immer Buffys Problem war, es konnte nicht schlimmer sein als das. Es ist Migräne, dachte sie erschrocken. Ihre Mutter wurde oft davon gequält. Cordelia hatte gehofft, dass sie dafür nicht anfällig sei. Wie Krampfadern und Falten. Der Gedanke, dass sie damit schon im reifen Alter von siebzehn gestraft sein würde, verbesserte nicht gerade ihre Laune. »Und er sagte, meine Mutter bekäme gar nichts auf die Reihe.«
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»Vielleicht hat er versucht, jemanden zu beeindrucken«, gab Cordelia zu bedenken, aber im Grunde hatte sie keine Ahnung, was sie davon halten sollte. »Sorry?«, sagte Buffy. »Wen zum Beispiel, die Britische Gesellschaft zur Förderung der allgemeinen Bösartigkeit?« »Was?« Cordelia hielt sich die Stirn und stöhnte. »Ich fühle mich furchtbar. Ich kann jetzt nicht mit dir darüber sprechen.« Sie deutet auf ihren Joghurt und den Apfel, der vor ihr lag. »Ich kann noch nicht mal was essen. Ich fühle mich, als hätte ich eine Salmonellenvergiftung.« Nach einer Pause fragte Buffy: »Glaubst du, dass du besessen bist?« Cordelia ließ ihre Hand kraftlos auf den Schoß fallen. »Ich schwöre, Buffy, du redest völligen Blödsinn.« Sie versuchte, sich auf die Beine zu stellen. Dabei sah sie nicht besonders elegant aus in ihrem kurzen Kleid. In ihrem Schädel hämmerte es mörderisch, aber irgendwie schaffte sie es aufzustehen. »Kannst du mich nach Hause fahren? Nein, natürlich kannst du nicht. Du könntest ja noch nicht mal die Führerscheinprüfung bestehen.« »Hey«, sagte Buffy wütend. »Du weißt genau, dass ich es bis jetzt noch gar nicht versucht habe. Was ist bloß los mit euch allen?« Cordelia schielte zu ihr herüber. Der Schmerz wurde unerträglich. Und ich soll unsensibel sein? Sie stöhnte erneut auf und begann, über den Hof zu torkeln. Vielleicht konnte die Krankenschwester ihr etwas geben. Wahrscheinlich nicht, denn die Medizin, die sie brauchte, war verschreibungspflichtig und die Schule würde nicht wollen, dass man sie deswegen verklagte. Denn auf die Sunnydale High kamen eine Menge Klagen zu, soviel war sicher. Und was waren schon ihre Kopfschmerzen gegen drei tote Schüler und
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eine Menge ernsthaft verletzter Menschen? »Danke für diesen wunderbaren Augenblick«, rief Buffy ihr nach. Von der gegenüberliegenden Straßenseite beobachtete Jordan die Sunnydale-Kunstgalerie. Er war wütend. Wer konnte auch wissen, dass sie ein perfektes Alarmsystem hatten? Er hatte gewartet, bis es dunkel war, dann hatte er die Scheibe eingeschlagen und – zzzzzzing! Das Ding war losgegangen wie eine Höllenmaschine. Die Königin und ihr Freund – er nannte sich Julian – wurden langsam ungeduldig. Sie sprachen nicht mehr davon, ihn in die Familie aufzunehmen. Aber sie machten immer noch diese verrückten Dinge: Perlen in Wein auflösen, zum Beispiel, und ihn dann trinken. Die Leute waren seine Chance, aus Sunnydale endlich rauszukommen. Plötzlich fühlte Jordan, dass jemand ihn beobachtete. Wenn man sich lange genug außerhalb der Legalität bewegte, bekam man für so etwas einen sechsten Sinn. Er wirbelte herum und erahnte ein schmales Gesicht, das ihn aus einer dunklen Gasse heraus anstarrte. Nachdem er aber nichts weiter erkennen konnte, glaubte er, unter Verfolgungswahn zu leiden. Schließlich wandte er seine Aufmerksamkeit wieder der Galerie zu, traf eine Entscheidung und überquerte die Straße. Er stieß die Tür auf. Eine kleine Glocke läutete und eine adrett wirkende Vierzigerin mit blonden Locken schaute von ihrer Arbeit auf und lächelte ihn an. Sie war gerade dabei, eine Kiste mit Tongefäßen auszupacken. »Kann ich Ihnen helfen?«, fragte sie. »Haben Sie Urnen?«, fragte er zurück. Es war Nachmittag und die Sonne begann, lange Schatten zu werfen. Xander wusste nicht, wie er es geschafft hatte, sich über den Tag zu retten. Er war schlecht drauf und seine Laune 68
besserte sich nicht gerade dadurch, dass er Cordelia in der Mittagspause nach Hause fahren musste. Sie hatte die ganze Zeit geredet – irgendwas über einen Gehirntumor. Er hatte keine Ahnung, was sie damit sagen wollte, oder warum sie ihn dazu auserkoren hatte, ihren Fahrer zu spielen. Und was war der Dank? »War mir ein Vergnügen, Queen Cordelia«, rief er ihr nach, als er sie zu Hause abgeliefert hatte und nichts als ein verständnisloses »Hä?« zurückbekam. Nun saß Xander Buffy gegenüber im Unterricht. Sie sah auch nicht gerade glücklich aus. Willow und Cordy waren krank, Oz vermisst. Anscheinend spornte das ihre Lehrerin Ms. Broadman an, den Unterricht noch langweiliger zu gestalten als sonst. Der Rest der Klasse würde es sich morgen zweimal überlegen, zum Unterricht zu erscheinen. Es machte Xander verrückt und erst nach mehrmaligem Räuspern von Buffy hörte er auf, mit den Fingern auf den Tisch zu trommeln. Dann, nach einer halben Ewigkeit, näherte sich die Stunde endlich dem Ende, und sie konnten hier abhauen. »Jetzt zu den Ergebnissen eurer Klassenarbeiten«, begann Ms. Broadman. »Ich habe einige Anmerkungen dazu und möchte folgende Schüler nach dem Unterricht zu mir bitten.« Sie blickte auf einen Zettel. »Grace Wilcox, Sarah Beck, Mallory Morel, Buffy Summers und Xander Harris.« Die Glocke läutete und der Rest der Klasse stürzte augenblicklich nach draußen. Mallory und Sarah, die normalerweise nebeneinander in der letzten Reihe saßen und sich ununterbrochen gegenseitig Zettelchen schrieben, beugten sich nervös über ihre Bücher. Xander drehte sich zu Buffy herum und schaute sie fragend an.
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»Da ich zu der auserwählten Truppe gehöre«, erklärte Buffy, »kann das nur eins bedeuten: Wir sind die überflüssigen Drohnen im Bienenstock und sie ist die Königin, die auf uns verzichten kann.« »Das würde bedeuten, dass ich in Zukunft meine kostbare Zeit nicht mehr mit sinnlosem Unterricht vergeuden muss«, erwiderte Xander grinsend, obwohl er sich in Wahrheit ziemlich verarscht fühlte. Mein Gott, ich muss ein Idiot sein, dachte er. »Ich habe diese Kapitel so oft gelesen, ich habe sie praktisch auswendig gelernt. Und trotzdem.« »Und trotzdem«, sagte Buffy und seufzte. »Ich dagegen habe mich überhaupt nicht vorbereitet. Ich habe stattdessen nach Oz gesucht. Und meiner Mutter zugehört, die sich über irgendwas in der Galerie beschwerte.« Xander hob den Kopf. »Gehen die Geschäfte schlecht, sind die Statuen nicht wertvoll genug?« Buffy zuckte die Schultern. »Um ehrlich zu sein, ich habe nur halb zugehört. Schließlich ging es nicht darum, jemanden zu retten oder zu verfolgen. Ich habe quasi nur die Essenz aufgenommen. Auf den Punkt gebracht: Sie war ziemlich sauer, aber nicht meinetwegen.« Sie flüsterte bedeutungsvoll. »Mehr muss eine Jägerin und heranwachsende Tochter nicht wissen.« »Ganz richtig«, gab Xander verständnisvoll zurück. Dabei fing er wieder an, mit den Fingern auf den Tisch zu trommeln. Sollte die Broadman ihn ruhig böse anschauen. Der Unterricht war schließlich vorbei und er verbrachte seine kostbare Freizeit damit, hier herumzustehen. Nach etwa einer Minute, die einer halben Ewigkeit glich, zückte Ms. Broadman einen dünnen Stift und bewegte sich langsam um den Tisch herum auf sie zu. Irgendwie tat sie Xander Leid. Man sagte ja, dass die Dicken meistens ein schönes Gesicht haben. Schöne Augen hatte sie, 70
ja. Und ihre Haare waren auch nicht schlecht. Aber da waren diese grauenhaft abgekauten Fingernägel, eingebettet in eine blutige Nagelhaut. Es war eine neue Angewohnheit von ihr, die Xander unerträglich fand. Cordelia ging es genauso. Sie beide waren zu dem Schluss gekommen, dass jemand, der sich selbst so verstümmelte, im Grunde Hilfe brauchte. Dann dachte er an Cordelias Kopfschmerzen. Vielleicht musste sie selbst auch alles ein bisschen langsamer angehen. Klack, klack, klack, machten seine Finger. Vielleicht sollte ich mich bei den Dingoes als Drummer bewerben. »Gut, dann sehen wir mal.« Wie ein Arzt, der den Krankenbericht studiert, blickte Ms. Broadman auf den vor ihr liegenden Stapel von Klausuren. Xander blinzelte. Er kannte seine eigene Handschrift, und er erkannte auch eine dicke, rote Eins, wenn er eine sah. Verblüfft schaute er zu Buffy hinüber, die ihn angrinste und siegessicher den Daumen hob. »Auf keinen Fall«, platzte es aus ihm heraus. »Oh doch, Xand.« Buffy zeigte ihm, dass sie stolz auf ihn war. »Mr. Harris, ich möchte Ihnen Ihre Arbeit zeigen«, sagte Ms. Broadman und wendete sich ihm zu. Sie überreichte ihm einen Stapel Papier. Tatsächlich, da war eine Eins, es war keine Fata Morgana. »Wow«, Xander blinzelte. »Das ist Wahnsinn.« Ms. Broadman neigte den Kopf etwas. »Das dachte ich auch. Ich war angenehm berührt. Bis ich die Arbeit von Juli Masterson las.« Das war offenbar die nächste auf dem Stapel, die sie mit großer Geste herunternahm und Xander ebenfalls überreichte. Julie hatte, wie er auch, eine Eins bekommen. Xander schaute abwechselnd auf die eine, dann auf die andere Arbeit. 71
Er wartete. Buffy wartete auch. Die drei Mädchen im Hintergrund verhielten sich still. »Schau dir den ersten Abschnitt deiner Arbeit an«, schlug Ms. Broadman vor. Es handelte sich um ein Multiple-Choice-Verfahren. »Lies deine Antworten.« »Hhmm, A, B, A, A, B, C, D.« Ups, C und D waren beide als falsch markiert. »Und jetzt lies bitte Ms. Mastersons Antworten.« Er schaute sich ihre Ergebnisse an. Ja, es waren genau die gleichen Antworten. Xander zuckte die Schultern. »Ein Zufall.« »Nun lies bitte die Ausführungen zur ersten Frage.« »In Ordnung.« Er schaute sich auch das an. Dann hob er die Augenbrauen, während Ms. Broadman auf eine Antwort wartete. »Es ist praktisch der genaue Wortlaut, wie er im Buch steht.« »Nein, das ist er nicht«, sagte Ms. Broadman. »Zunächst dachte ich das auch, aber dann habe ich mir die Mühe gemacht, Ihren Text mit dem des Buches zu vergleichen. Tatsache ist, die Ähnlichkeit zu Ms. Mastersons Antwort ist erheblich größer.« Sie verzog ihre Nase, als stinke die Sache schlimmer als der verrottende Kadaver einer Zombie-Katze. »Nun möchte ich ihre Aufmerksamkeit auf die fünfte Frage lenken.« Sie verlangte von ihm, die ganze Prozedur zu wiederholen. Seine Arbeit, Julies Arbeit. »Nein«, Xander bestand darauf. »Es ist das, was im Buch steht.« »Das glaube ich nicht«, sagte sie spitz, nahm ihm die Papiere ab, ging langsam um den Tisch herum und baute sich vor ihm auf. Sie nahm einen roten Stift, kniff die Augen zusammen und 72
zog mit großer Befriedigung einen Strich durch die Eins. Dann schrieb sie etwas daneben. Sie hielt es ihm hin, sodass er sehen konnte, was es war: eine Sechs. »Das ist angemessener, meinst du nicht?« »Ich habe nicht von ihr abgeschrieben.« Xander bestand darauf und versuchte ruhig zu bleiben, obwohl sein Magen sich zusammenzog. »Ich kenne sie noch nicht einmal.« Dann, als ihm bewusst wurde, wie sich das anhören musste, fügte er hinzu: »Ich habe nicht einmal versucht, Sie bei dieser Arbeit zu täuschen. Ich betrüge nicht im Unterricht.« »Nein. Nur außerhalb.« Sie zeigte auf Willows leeren Stuhl. »Wie Ihre fehlenden Freunde.« »Willow hat niemanden getäuscht«, sagte Xander, während er fühlte, wie das Blut ihm in den Kopf schoss. Ihm war heiß und er fühlte sich krank. »Sie hat mir beim Lernen geholfen, das war alles.« Ms. Broadman beugte sich zu ihm herüber. »Und hat deine Hausaufgaben für dich gemacht.« »Und sie ist nicht hier, um sich oder Xander zu verteidigen«, fügte Buffy hinzu. Xander warf Buffy einen dankbaren Blick zu. »Ja genau«, sagte er. »Die Sechs bleibt«, war alles, was Ms. Broadman erwiderte. Xander fiel die Kinnlade runter. Er konnte es nicht glauben. Ein Mal hatte er wirklich sein Bestes gegeben. Ein Mal hatte er es geschafft und war besser gewesen, als er sich jemals hatte träumen lassen. Diese Ungerechtigkeit war einfach zu viel für ihn. Er sprang wütend auf und wollte sich die Arbeit schnappen. Ms. Broadman kam ihm zuvor und schwenkte sie siegessicher über ihrem Kopf, wobei dieses seltsame Lächeln auf ihrem Gesicht erschien.
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»Das ist mein Eigentum«, protestierte Xander. Jetzt begann er zu begreifen: Das Ganze bereitete ihr ein teuflisches Vergnügen. »Sie...« Das Wort lag ihm auf der Zunge. Und es war nicht gerade ein Kompliment. »Xander, bleib cool«, flüsterte Buffy ihm zu. Er wirbelte herum. »Lass mich in Ruhe, Buffy«, raunzte er sie an. Buffy schwieg verblüfft. Dann wendete er sich wieder Ms. Broadman zu und kniff die Augen zusammen. »Geben Sie mir jetzt sofort die Arbeit, oder ich...« Die Lehrerin riss die Arbeit vor seinen Augen in Stücke. Ungläubig starrte er auf das Papier. Xander hatte das Gefühl, etwas sagen zu müssen, brachte aber keinen Ton heraus. Er konnte sich nicht daran erinnern, jemals in seinem Leben so wütend gewesen zu sein. Die Fäuste geballt schaute er sie an, als wollte er sagen: Versuch es! Ohne ein weiteres Wort zu verschwenden, rannte er aus dem Klassenzimmer und schlug die Tür so fest er konnte hinter sich zu. Dafür wird sie bezahlen. Oh ja. So viel ist sicher. Sie wird bezahlen.
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4 In der letzten Unterrichtsstunde bekam Buffy eine Nachricht von Giles. Die Nachricht war offiziell und er bat sie darin, gleich nach der Schule zu ihm in die Bibliothek zu kommen. Lehrer und andere Angehörige der Fakultät konnten so etwas tun, ohne Verdacht zu erregen. Ein Gespräch mit Giles stand im Augenblick nicht gerade ganz oben auf ihrer Liste der Lieblingsbeschäftigungen. Also ließ sie sich Zeit, machte einen Umweg über die Toilette und spritzte sich kaltes Wasser ins Gesicht. Sie trank aus dem Wasserspender und schaute sich nach Xander um. Buffy fragte sich, was das alles zu bedeuten hatte, und machte sich Sorgen um ihren Freund. Es war gut, jemanden wie Xander zu haben. Freunde waren in diesen Tagen nicht so zahlreich, wie sie geglaubt hatte. Buffy stieß die Tür zur Bibliothek schwungvoll auf und fand Giles hinter seinem Schreibtisch. Er beschäftigte sich nicht, wie sie gehofft hatte, mit einem Stapel Bücher zum Thema »Besessenheit«, sondern hatte nur eine einfache Arbeitsmappe vor sich liegen. Außerdem schaute er noch nicht einmal auf, als sie näher kam, obwohl das Klacken ihrer Schuhe unüberhörbar war. »Ja und«, sagte sie kühl. »Gut.« Seine Stimme klang distanziert. Buffy war verletzt. Sie hatte vermutet – okay gehofft –, er wolle sich bei ihr entschuldigen. Jetzt wartete sie ab und machte keinen Hehl daraus, wie wütend sie war. Aber als er weiter vor sich hinschrieb, legte sie ihre Hand auf den Tisch und sagte: »Sie wollten mich sehen – Sie haben mich gesehen. War’s das?«
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»Verzeihung.« Er schaute zerstreut auf, schob seine Brille nach oben, wie nur Giles es tat, rieb seine Nase, wie nur Giles es tat, und doch... fast hätte sie geweint. Der Mann, der vor ihr saß, sah aus wie Giles und redete wie Giles, aber konnte es unmöglich sein. Der Giles, den sie kannte, hätte sie niemals als einen unfähigen, dummen Trampel beschimpft. »Tut mir sehr Leid«, wiederholte er. Dann nahm er seine Hand von der Arbeitsmappe und sagte: »Ich möchte dir etwas zeigen.« Er zögerte und sprach mit gedämpfter Stimme weiter. »Vielleicht möchtest du dich lieber setzen.« »Ich glaube nicht«, gab sie schnippisch zurück. Ihr war klar, dass sie sich kindisch benahm, aber sie konnte nicht anders. Nachdem sie jedoch die Mappe geöffnet hatte, ließ sie sich augenblicklich in den nächsten Stuhl fallen. Buffy hatte schon eine Menge Autopsiefotos gesehen, seit sie die Jägerin war. Sie hatte auch schon eine Menge Leichen gesehen. Verstümmelte, sich zersetzende Körper, verweste Leichen, Überreste von Dämonen, so abscheulich, dass sie sich nicht gerne daran erinnern mochte. Aber was sie jetzt sah, war das Fürchterlichste von allem. »Mein Gott«, flüsterte sie. »Sie suchen Mark Dellasandro.« »Warum?«, brachte sie mühsam hervor. »Er kann das unmöglich getan haben.« Kein menschliches Wesen konnte so etwas getan haben. »Weil ein Ring von ihm gefunden wurde, in...« Er zeigte es ihr. Sie konnte das Metall unter der Haut schimmern sehen. Giles blätterte zum nächsten Foto. Es zeigte das Gesicht: Lindsey Acuff. Das Zimmer drehte sich. Giles neigte sich zu ihr hinüber. »Es tut mir sehr Leid, Buffy. Ich weiß, du hast alles versucht, um sie zu finden.« 76
Die Sanftheit in seiner Stimme erschreckte sie. Es erfüllte sie aber auch mit neuer Hoffnung. Vielleicht gab es ja einen Grund, einen merkwürdigen, unverständlichen Grund für die abfälligen Worte, mit denen er über sie und ihre Mutter gesprochen hatte. Sie blickte ihn von der Seite an. Er verzog den Mund, während er den Stapel Fotos beiseite legte und nach etwas griff, was aussah wie ein Polizeibericht. »Ich möchte, dass Willow sich an den Computer setzt und versucht herauszukriegen, ob irgendetwas an diesem Autopsiebericht fehlt«, sagte er. »Wie es so oft der Fall ist.« »Okay«, antwortete Buffy. »Giles, hören Sie zu, jeder hier ist in letzter Zeit sehr... eigenartig gewesen. Einschließlich, ähm, Sie.« Buffy wurde rot, als er sie fragend anschaute, aber sie hatte jetzt keine Lust auf einen Streit mit ihm. Der eigentliche Kampf fand woanders statt, das bewiesen die Morde. Sie drehte sich mit dem Stuhl zum Bücherregal, wo Giles die wirklich interessanten Bücher aufbewahrte – in Leder gebundene Nachschlagewerke über Dämonen und Monster. Hier hatten sie auch die Wahrheit über Oz herausgefunden – seine Verwandlung zum Werwolf. »Ich fange an zu glauben, dass es sich um Besessenheit handelt.« Sie zog den Kopf ein. »Diese Träume, ich sehe meine Doppelgängerin in der dunklen Welt... das klingt doch wie Besessenheit, oder? So steht es zumindest in den Büchern.« Immerhin hörte er ihr zu. »Natürlich müssen wir uns auch um den Autopsiebericht kümmern. Aber ich glaube, es ist besser, wenn Sie Willow Bescheid sagen. Sie ist im Augenblick nicht besonders gut auf mich zu sprechen. Und wir könnten Xand-« »Wie bitte?«, sagte er schließlich. »Habe ich richtig verstanden? Du denkst, ich sei besessen?« 77
Er kniff die Augen zusammen und seine Züge nahmen einen harten Ausdruck an. Oh je. »Giles, bitte denken Sie doch mal nach«, sagte sie und wand sich in Gedanken. »Sie, ähm, Sie haben zu Ihrem Freund David gesagt, ich –« »– du hast ein privates Telefongespräch von mir belauscht?« »Sehen Sie?«, unterbrach sie ihn. »Sie sind total sauer auf mich und – na ja, Sie haben ja auch oft Grund dazu – aber darum geht es jetzt nicht, Giles.« »Ich kann es einfach nicht fassen.« Er nahm seine Brille ab und starrte sie an. »Ich weiß ja, dass du keine Manieren hast, und ich habe oft genug versucht, Entschuldigungen dafür zu finden. Immerhin hast du es nicht leicht gehabt, dein Zuhause gibt dir nicht genug Sicherheit und du hast mehr Zeit damit verbracht zu lernen, wie man einen Dämon auseinander nimmt, statt zu lernen, wie man einen Lachs filetiert. Aber das geht wirklich zu weit, Buffy. Das ist der Gipfel.« »Nein. Hören Sie zu. Hören Sie sich doch mal selbst zu.« Sie sprang aus dem Stuhl. »Giles, Leute werden ermordet, überall in Sunnydale. Eltern, Schüler und jetzt dieses kleine Mädchen. Das ist wichtig und nicht, ob ich unhöflich war oder... was auch immer.« Buffy war außer sich. »Es tut mir sehr Leid, dass ich Sie belauscht habe – wirklich sehr, sehr Leid«, fügte sie hinzu. »Aber wir müssen uns auf das wirklich Wichtige konzentrieren.« Er schaute sie verständnislos an. »Was fällt dir ein, mir zu sagen, was ich zu tun habe.« Er wendete sich ab. »Ich glaube, es ist besser, wenn du jetzt gehst.«
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»Aber Giles, Ihr Verhalten ist völlig absurd.« Sie blieb dabei. »Unter normalen Umständen würde Ihnen das selbst auffallen.« Für einen Augenblick herrschte Schweigen. »Auch gut.« Buffy warf die Arme in die Luft als Zeichen ihrer Hilflosigkeit. »Wunderbar.« Sie stapfte aus der Bibliothek hinaus und machte sich auf den Weg nach Hause. Ungefähr auf halber Strecke, dort wo der Waverly Park beginnt, holte Xander sie ein. »He Buffy«, sagte er und rempelte sie freundschaftlich an. »Was macht das Leben mit dir, Partyqueen? Du siehst aus, wie ich mich fühle.« »Xander.« Sie blieb stehen und funkelte ihn an. Dann blickte sie in seine Augen und stellte fest: »Du siehst aus, als ginge es dir gut.« »Entspann dich.« Er verzog das Gesicht. »Das ist nur vorübergehend.« Dann richtete er sich auf und schaute sie fragend an. »Was ist los mit dir? Du siehst nämlich nicht gut aus.« »Es ist nur...« Sie dachte einen Augenblick nach. »Lass nur, es ist nichts.« Sie lächelte und entspannte sich. »Sieh mal, es geht mir schon besser.« Sie schenkte ihm ein strahlendes Lächeln. »Oh, ich verstehe, du bist eine multiple Persönlichkeit und versuchst jetzt jedem Teil von dir die Möglichkeit zu geben, was aus seinem Leben zu machen?« Er schloss die Augen. »Ich möchte gern mit der Person sprechen, die ein bisschen, sagen wir, weniger gut gelaunt ist. Ihr Name ist Buffy.« »Buffy meldet sich zur Stelle«, sagte sie, so aufgekratzt, wie es eben ging. 79
»Okay.« Er schaute ihr tief in die Augen. »Sag mir, was zur Hölle hier los ist, denn ich glaube, dass du etwas darüber weißt, Buffy, und ich möchte dir helfen.« Sie dachte nach. Xander war zwar im Unterricht ein bisschen ausgerastet, aber es schien, als sei er immer noch Xander. Sie beschloss, ihn einzuweihen. »Also gut. Ich glaube, die Leute sind besessen«, platzte sie heraus. »Alle benehmen sich, als seien sie... nicht sie selbst.« Xander stieg aus dem Spiel aus. Seine Schultern schrumpften ein wenig, er schien gealtert. Plötzlich fiel Buffy auf, dass er am Nachmittag aussah, als müsse er sich schon wieder rasieren. Wie ein Erwachsener. Mit den Jahren war Xander langsam zu einem Mann geworden. »Ja, ich glaube du hast Recht.« Na bitte! »Also ist es dir auch aufgefallen?« Er hakte sich unter und sie gingen ein Stück Arm in Arm. »Aber klar, besessen vom Terror. Du redest davon, dass jeder sich benähme, als sei er ein anderer. Buffy, denk nach. Irgendein Typ bläst seine Eltern um, dann schießt er auf die Hälfte aller Schüler im Hof. Wenn das nicht für eine Gruppenpsychose reicht. Die Leute sind alle nervös – mindestens. Und wir sind vielleicht auch einfach ein bisschen sehr angespannt.« »Angespannt?« »Erinnere dich an meine Definition: Stress ist, wenn du schreiend aufwachst und feststellst, dass du gar nicht geschlafen hast. Manche Leute reagieren sehr empfindlich auf diese Mordfälle, weißt du? Sie schnappen einfach über.« Buffy nickte langsam. »Giles hat mir gerade ein paar ziemlich krasse Autopsiefotos gezeigt. Noch ein wirklich übler Mordfall.« »In Sunnydale. Erzähl mir was Neues«, sagte Xander. »Und wer ist der Gewinner?« 80
Sie holte tief Luft. »Dieses Mädchen, nach dem ich gesucht habe. Lindsey Acuff.« Xander war schockiert. »Mein Gott. Sie war ein Kind.« »Sie sah schrecklich aus. Es ist, als sei Jack the Ripper zu Besuch in der Stadt.« »Ich hoffe nur, er findet Broadman. Und ich hoffe, er findet Gefallen an ihrer Leber«, murmelte Xander. Buffy schüttelte den Kopf. »Xander, wenn du diese Bilder gesehen hättest, dann würdest du nicht so reden.« Als er widersprechen wollte, kam sie ihm zuvor. »Ich weiß, sie war sehr unfair zu dir. Und sie hat es genossen, dich zu provozieren. Ich denke, du solltest es vor den Schulausschuss bringen. Denn Snyder wird dir bestimmt nicht helfen. Dieser kleine, rattenköpfige Zwerg«, fügte sie bitter hinzu. »Oh, ich werde das mit ihr alleine regeln.« Sein Mund veränderte sich. »Und ich meine es sehr ernst, Buffy. Ich wünschte, jemand würde sich mit ihr beschäftigen, und zwar auf diese spezielle Art...« »Xander!« Sie liefen noch ein paar Schritte und dabei verging ihnen auch der Rest ihrer guten Laune. Xander sah aus, als wollte er am liebsten jede verfügbare Mülltonne ermorden. »Es ist nur, du bist auch etwas... angespannt«, sagte sie ruhig. »Alles, was ich sagen will, ist, sie sollte gut auf sich aufpassen.« Xanders Armmuskeln waren angespannt, wölbten sich kampfbereit unter dem T-Shirt. »Bleib cool, ja?«, bat sie ihn. »Tu es mir zuliebe.« Xander drückte ihre Hand. »Für dich tu ich doch alles, Süße. Ich hol dir sogar den Mond vom Himmel.«
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Der Mond. Oz hatte jedes Gefühl für die Zeit verloren. Er schaute hinauf zum Himmel, obwohl er nicht das Geringste erkennen konnte. Er war in einem Käfig eingesperrt, der mit einer Kette verschlossen war. Sein Gefängnis stand in einem kalten, feuchten Raum, der nach Moder und Alkohol roch. Eine eigenartige Mischung, die er nicht zuordnen konnte. Oz wusste nichts über seine Entführer, auch nichts darüber, wo sie ihn hingebracht hatten oder was sie von ihm wollten. Er wusste nur, dass irgendjemand einen Autounfall vorgetäuscht hatte. Sein Sicherheitsgurt hatte zwar das Schlimmste verhindert, aber nicht, dass er bewusstlos geworden war und damit jegliches Zeitgefühl verloren hatte. Als er in einem anderen Fahrzeug wieder zu sich kam, trug er eine Augenbinde. Sein überdurchschnittlich entwickelter Geruchssinn nahm ein schweres Parfüm wahr und während er danach schnüffelte, hörte Oz, wie eine Frau dicht neben seinem Ohr zu lachen begann. Dann spürte er scharfe Fingernägel, die seinen Hals entlang über sein Schlüsselbein fuhren. Ein Geruch von Blut – seinem Blut – lag in der Luft. »Also. Bist du endlich aufgewacht«, hatte die Frau geflüstert. »Wir werden viel Spaß miteinander haben.« »Oh, ich muss Ihnen sagen, dass ich fest mit jemandem gehe. Ich bin also nicht besonders an Verabredungen interessiert.« Andere Anwesende hatten über diesen Scherz gelacht. Ihre Stimmen waren voll grausamer Erwartung und Oz wünschte, er hätte besser auf die Straße geachtet, anstatt sich über Devon Gedanken zu machen. Und ich will gar nicht daran denken, was der Unfall für die Versicherungsbeiträge bedeutet. »Mondkind, wann ist es Zeit für deine Verwandlung?«, fragte sie ihn. 82
»Wie bitte?« Er versuchte zu bluffen. Der harte Schlag gegen seinen Brustkorb sagte ihm, dass sie bereits alles über sein Doppelleben wussten. Also hatte es keinen Sinn, ihnen etwas vorzumachen. »Sag mir, wann ist es so weit?«, befahl sie ihm. Würden sie ihn vorher töten? Während der Verwandlung? Danach? Er befürchtete das Schlimmste. »Wann ist es so weit?«, frage sie abermals und beugte sich diesmal direkt zu seinem Ohr hinunter. »Entschuldigen Sie, ich bin etwas durcheinander. Welchen Tag haben wir heute?« »Freitag.« »Es sind noch acht Tage.« »Oh, gut, dann können wir dich abrichten.« Sie küsste ihn, fuhr mit ihrer Zunge an seinem Gesicht entlang und blies ihm ihren heißen, feuchten Atem direkt ins Ohr. Oz hoffte, sie würde nicht beleidigt sein, dass es ihn nicht besonders erregte. Mit verbundenen Augen unter Lebensgefahr in einem Auto zu sitzen, nahm ihm den ganzen Spaß und war nicht gerade das, was ihn antörnte. »Abrichten?«, wiederholte Oz. »Ja. Wir müssen deinen Willen brechen«, sagte ein Mann in perfektem, sehr kultiviertem, britischem Englisch. Und das war alles, was man die Güte hatte, ihm mitzuteilen. Der Metallkäfig, in dem er eingesperrt war, glich ein bisschen dem in der Schulbibliothek. Oz nahm an, dass er in einem Kellergewölbe war. Es war nasskalt und roch nach Erde. Seine Entführer hatten etwas mit ihm vor und waren eifrig darum bemüht, ihre Pläne in die Tat umzusetzen.
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Eine merkwürdige Routine hatte sich eingeschlichen. Der Dämmerzustand, in dem er sich befand, wurde nur durch das Essen unterbrochen. Oz bekam Pillen, die er zunächst versteckte, bis jemand eine Taschenlampe auf sein Gesicht richtete und sagte: »Es sind nur Vitamine, du kannst sie ruhig nehmen.« Dann hatten sie gewartet, bis er sie in den Mund steckte. Angestrengt hatte er versucht, die Person hinter der Lampe zu erkennen, aber nach Stunden oder sogar Tagen in der Dunkelheit machte der Lichtschein ihn blind. Die Identität seines Wärters blieb verborgen, das Einzige, was er sagen konnte, war, dass er eine junge Stimme hatte, vielleicht war es jemand in seinem Alter? Es war schwierig, die Pillen hinter den Lippen zu verstecken, während er aß, aber es gelang ihm. Nachdem der Typ gegangen war, spuckte Oz die Pillen in seine Hand und kroch im Käfig herum auf der Suche nach einer Stelle, wo er sie verbergen konnte. Endlich entdeckte er ein kleines Loch und vergrub sie unter dem Dreck. Aber nun kam jemand. Er erkannte die Frau an ihrem Parfüm. Als er das Quietschen der Tür hörte, drehte er sich herum in der Hoffnung, wenigstens einen kleinen Lichtstrahl zu erhaschen. Kein Glück. Sie trug Schuhe mit harten Sohlen. Dem Geräusch nach zu urteilen, wahrscheinlich hohe Absätze. Während sie näher kam, zog er sich unwillkürlich zusammen. »Oz«, flüsterte sie. Sein Gesicht verzog sich zu einer Grimasse. Sie kannte seinen Namen. Was für eine Überraschung. Natürlich kannte sie seinen Namen. Sie wusste, dass er ein Werwolf war. Und hatte gewusst, dass er um eine bestimmte Zeit die 17. Straße runterfahren würde.
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Was zweifellos bedeutete, dass sie ebenfalls wusste, dass er mit Buffy befreundet war – Buffy, der Jägerin. »Oz, spiel nicht den Schüchternen«, fuhr sie fort und ihre Stimme war ein wenig schärfer als vorher. »Ich weiß, dass du wach bist.« Dann lachte sie und Oz hatte dieses Gefühl, als laufe eiskaltes Wasser seinen Rücken herunter. Es war das Lachen einer Verrückten. Die Parfum-Lady hatte offenbar nicht alle Tassen im Schrank. Das waren keine besonders guten Nachrichten für jemanden in seiner Position. Er wollte gerade etwas sagen, als er wieder Geräusche hörte, die darauf hinwiesen, dass sich noch andere der Parfum-Lady angeschlossen hatten. »Vielleicht ist er schon tot«, murmelte eine Stimme. Es war wieder der Typ von vorhin. Oz runzelte die Stirn und versuchte herauszufinden, ob er ihn von irgendwoher kannte. »Rede kein dummes Zeug, Jordan. Warum sollte er denn sterben?«, wandte die Parfum-Lady ärgerlich ein. »Wir füttern ihn und geben ihm regelmäßig Wasser. Obwohl... wir baden ihn offensichtlich nicht genug.« In ihrer Stimme schwang Verachtung. »Zu meiner Zeit wurde der Vorrat natürlich besser behandelt.« Der Vorrat? Lebender Vorrat? Oz behagte es gar nicht, zu irgendeinem Vorrat zu gehören. »Vielleicht leidet er unter der Gefangenschaft«, hörte er die andere Stimme sagen. Jordan? Jordan und weiter? »Wie ein Tier aus der Wildnis?« »Grrr«, machte die Parfum-Lady, dann lachte sie wieder. Oz war nicht gerade begeistert. Als er das Klappern von Schlüsseln hörte, das kratzende Geräusch von Metall auf Metall, wurde ihm klar, dass sie dabei waren, seinen Käfig zu öffnen. 85
Sein Herz raste. Das war vielleicht die einzige Chance, die er hatte, ihnen zu entkommen. Er zweifelte daran, dass sie ihn töten würden. Nicht bevor sie getan hatten, was immer sie planten. Vielleicht war es aber auch besser, vorher zu sterben. So leise er konnte, richtete er sich auf. Trotz seiner Dienste in der »Armee der Jägerin« war es ihm bisher noch nicht gelungen, viel über das Thema »Ausbrüche« zu lernen. Er war so angespannt, dass er Mühe hatte, klar zu denken. Es galt, eine Schwachstelle in ihrer Gruppe zu finden, die feindliche Linie zu durchbrechen, hinauszurennen und sie gleich hinter sich einzusperren. Oh ja, und vielleicht wäre es das Beste, sie vorher bewusstlos zu schlagen. Seine Lieblingsgitarre, eine für ihn unerschwingliche Stratocaster, wäre ein hervorragendes Werkzeug dafür gewesen. »Mach das Licht an«, sagte die Parfum-Lady zu ihrem Begleiter. Jetzt, dachte Oz und sprang lautlos auf die Füße. Für den Bruchteil einer Sekunde erblickte Oz die Lampe, sprang hinüber zu dem Typ, der sie hielt, schlug sie ihm aus der Hand und zog sie ihm übers Gesicht. Dann wirbelte er herum und zuckte bei der Berührung mit etwas, das er als das Gesicht der Parfum-Lady identifizierte, zurück. Jemand versuchte, nach ihm zu greifen. Er duckte sich, stürzte durch die offene Käfigtür und nahm sich die Zeit, sie sorgfältig hinter sich zu verschließen. Ein offenes Vorhängeschloss baumelte herab. Dafür musste der Schlüssel gewesen sein. Kopflos rannte er davon. Er bemerkte, dass er sich tatsächlich unter der Erde befand. Pappkartons und Holzkisten waren an den Wänden gestapelt. Geduckt rannte er vorwärts, tastete sich von einem Stein zum nächsten.
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Nun erkannte er, dass das Herumsitzen im Käfig ihn geschwächt hatte. Das nächste Mal, wenn man mich kidnappt – wenn es ein nächstes Mal geben sollte –, mache ich es wie alle Sträflinge: Trainieren, um in Form zu bleiben. »Da ist er!« Natürlich war es die Parfum-Lady und sie war dicht hinter ihm. Es würde nichts nützen, wenn er sich nach ihr umdrehte, es sei denn, er würde die Lampe nach ihr werfen. Aber er fürchtete, dies würde sie nicht von dem abhalten, was sie gerade taten. Der sich windende Tunnel hatte nur zwei Richtungen: vorwärts und rückwärts. Wenn er rückwärts ginge, würde er ihr direkt in die Arme laufen. Also blieb ihm nichts anderes übrig, als weiter vorwärts zu rennen, auch wenn er damit riskierte, erschossen zu werden. Er lief stolpernd weiter und bemerkte, dass der Boden unter ihm leicht abfiel. Als er die Taschenlampe nach unten richtete, schimmerte ein kleiner See vor ihm auf. Es dauerte nur Sekunden, bis er im Wasser war. Mit einem Aufschrei glitt er hinein, erst bis zur Hüfte, dann fast bis zur Brust. Zwar hatte er geistesgegenwärtig die Taschenlampe über den Kopf gehalten, aber damit auch der Parfum-Lady verraten, wo er war. Er machte das Licht aus und begann durch den unterirdischen Teich zu schwimmen. Das kalte Wasser ließ ihn erstarren und seine durchnässten Cordhosen hingen schwer wie Blei an ihm herab. Dann stieß er auf etwas, zuckte zurück und wäre fast der Versuchung erlegen, die Taschenlampe wieder anzumachen, aber stattdessen schwamm er schneller. »Okay, zieh ihn raus«, rief die Frau. Bevor Oz auch nur daran denken konnte, etwas dagegen zu tun, merkte er, wie er aus dem Wasser gehoben wurde. Sie hatten ihn wie einen Fisch mit einem Netz gefangen. Auf Pfosten installierte Lichter blitzten auf. 87
Während er um sich schlug und kämpfte, hörte er das grausame Lachen der Frau. »Nicht schlecht für die erste Stunde«, bemerkte sie. Oz blinzelte, um sie zu sehen und wiederholte: »Meine erste Stunde?« »Deiner Ausbildung.« Dann erblickte er sie, den muskulösen, schmalen Körper und ihr dunkles Haar, das in Locken über ihre Schultern fiel. Die schwarze Robe, die sie trug, glitzerte, als sie die Hände hob, um zu applaudieren. Sie berührte ihr Kinn mit einer großen, dramatischen Geste. Er konnte ihre Gesichtszüge nicht genau erkennen, aber ihre Stimme zeugte von echtem Vergnügen. »Okay, bring ihn zurück in seinen Käfig.« Sie drehte sich auf dem Absatz um. Die Robe folgte ihrer Bewegung. Zitternd hing Oz im Netz, während er langsam zu Boden gelassen wurde. Plötzlich trat ein Mann in Oz’ Blickfeld. Er war kahlköpfig. Große Narben zogen sich über seinen Schädel. Er trug eine ärmellose Lederjacke, schwarze Lederhosen, Boots und Handschuhe. Als das Netz in seiner Augenhöhe war, zog er ein Messer und begann, es aufzuschneiden. »Ich bin Antonius«, sagte er barsch. »Ich bin dein Lehrer.« »Und ich dachte an den persönlichen Lehrer von Mike Tyson oder an die Muskeltrainer von Madonna.« Antonius grunzte. »Du hast Courage, Kid. Courage ist gut. Sie wird dir helfen, noch ein Weilchen zu überleben.« Noch ein Weilchen? Oz mochte das nicht, dieses »noch ein Weilchen«. Es erinnerte ihn daran, dass es bald vorbei sein konnte.
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»Ich vermute, du lebst schon ein ganzes Weilchen«, setzte Oz das Gespräch fort. »Vielleicht.« Er zuckte die Schultern. »Ein paar Jahrhunderte.« Antonius verzog sein Gesicht zu einer Grimasse, während er weiter an dem Netz herumsägte. Dann steckte er plötzlich, wie beleidigt, das Messer weg, griff nach einer Fackel und hielt sie über das Netz. Oz spürte, wie es direkt neben seinem Körper zischte und rauchte. Als er davor zurückzuckte, verbrannte er sich an dem Dampf, der aus seinen Kleidern hervorquoll. Er schrie auf, schlug um sich und das Netz zerriss. Mit einem Aufschrei sprang Oz zurück in den Teich und tauchte sofort unter. Fieberhaft suchte er die Seiten ab. Dieses Wasser musste schließlich irgendwie hier hereingekommen sein. Vielleicht fand er eine Öffnung, durch die er flüchten konnte. Mit was er auch immer vorhin zusammengestoßen war, jetzt glitt es an seinem Bein entlang. Es wand es sich um seinen Körper wie eine Schlinge, die sich langsam zusammenzog. Oz konnte nicht weiterschwimmen. Er drehte sich und griff nach der Kreatur. Seine Hände berührten den glatten, gewundenen Körper einer Schlange. Einer Schlange mit großen, scharfen Zähnen. Sie gruben sich in Oz’ Handrücken und rissen an seiner Hand. Der Schmerz überwältigte ihn so sehr, dass er vor Schreck Wasser schluckte. Sein Körper verkrampfte sich, er musste husten und bekam keine Luft mehr. Als das Ding ihn zum zweiten Male biss, reagierte er nicht mehr darauf. Während er das Bewusstsein verlor, dachte er noch, soviel zum Thema »Überleben«.
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Die Spannung in der Luft von Sunnydale war fast greifbar. Wie ein Monster, das auf Beutezug ging und seine Netze um die Opfer legte. Diese Hysterie widersetzte sich jeder Logik. Einem Grollen gleich, das ein Erdbeben begleitet, kündete es von einer Gewalt, der sie alle ausgeliefert waren. Es konnte einem Menschen die Seele aus dem Leib reißen. Die Anspannung wuchs, vervielfachte und teilte sich. Sie mutierte. Sie verbreitete sich. Sie tötete. Willow saß im Lichtschein ihres Computerbildschirms. Sie musste einhändig tippen. Obwohl sie seitlich und am linken Oberarm getroffen worden war, kam sie klar. Aber ihr Kopf tat weh. Ihr Herz schmerzte ebenfalls. Sie fragte sich, ob sie nur einen schlechten Traum gehabt hatte, oder ob sie tatsächlich so abscheulich zu Buffy gewesen war. Die Erinnerung an die Worte ließ sie nicht mehr los. Willow griff nach ihrem Kamillentee und nippte daran. Dann löste sie sich unvermittelt von ihrem Computer und stand auf. Sie streckte sich und stöhnte, weil die Stiche ihr wehtaten. Draußen roch sie den frischen Duft, den der Jasmin in ihrem Garten ausströmte. Die Winde aus Santa Ana hatten sich allmählich gelegt. Als sie die Straße überquerte und zum Bürgersteig hinüberging, fröstelte sie ein wenig in ihrem kurzen Overall. Die Wunden schmerzten immer noch sehr und eigentlich hätte sie noch nicht hier draußen sein dürfen. Auf halbem Weg zum Hammersmith Park bemerkte sie, dass sie sich Buffys Haus näherte. Sie wollte zu Buffy, um sich zu entschuldigen. Sie lächelte unwillkürlich und ging schneller, obwohl sie eigentlich schon müde war. 90
Es ist nicht gerade eine tolle Idee, nachts allein in Sunnydale herumzuspazieren. Vor allem nicht, wenn man gerade angeschossen wurde. Der Mond war hinter den Wolken verborgen. In zwei Tagen war Vollmond, und Oz würde sich verwandeln. Sie kämpfte hart gegen ihre Angst, während sie die Straße überquerte. Als sie in Buffys Zimmer schaute, sah sie die Silhouette von Buffy und Angel. Buffy hatte ihren Kopf an Angels Schulter gelehnt. Er drehte sie zu sich herum und küsste sie. Der Kuss wurde sehr leidenschaftlich. Willow ballte die Fäuste. Oz wurde vermisst, war wahrscheinlich schon tot, und sie knutschte hier mit ihrem Vampirfreund herum! Sie war so wütend, dass sie zu zittern begann, auf dem Absatz kehrtmachte und nach Hause lief. Während sie die Außentür zu ihrem Zimmer schloss, klopfte ihre Mutter an die Innentür. »Willow? Brauchst du irgendwas?« »Geh zur Hölle«, raunte Willow. »Was ist los, Liebling? Ich kann dich nicht verstehen?« Willow saß im Dunkeln und schäumte vor Wut. »Was ist los mit dir, Buffy«, sagte Angel. »Du bist dabei, dich zu verlieren.« »Ich?« Sie fuhr sich mit den Fingern durch das Haar. »Alle meine Freunde benehmen sich wie komplette Idioten, aber ich bin dabei, mich zu verlieren?« Er nickte. Sie seufzte. »Ich...« Ich habe sie im Stich gelassen, weil ich mit dir zusammen war, dachte sie. »Ich habe nicht...« Sie schüttelte den Kopf. »Es geht mir gut.« Er schaute sie durchdringend an. 91
»Wirklich.« Angel konnte sie nicht belügen. Helen trat aus dem Schatten. Sie ballte die Fäuste, bis ihre Knöchel rot anliefen. Heute war eine besondere Nacht. Sie hatten der schwarzen Göttin das elfte Opfer dargebracht. Blieben sieben weitere. Dieses denkwürdige Ereignis wollte sie mit einem privaten Blutbad feiern. Eine tödliche Tour, nur sie alleine und ein Opfer. Und nun hatte der Zufall sie hierher geführt, nur um das zu sehen. Ein Jahrhundert lang hatte sie sich nach Angelus gesehnt, hatte von ihm geträumt und alles versucht, um zu ihm zu gelangen, und jetzt hatte sie ihn gefunden, in den Armen einer Jägerin. Sie biss sich auf die Unterlippe. Schmeckte ihr eigenes Blut. Ihr ganzer Körper zitterte. Wie konnte ich von ihm etwas anderes erwarten? Sie starrte zu den beiden hinüber, ihre Augenlider bebten in der Erinnerung an seine Zärtlichkeit. Noch drei Nächte, dann werden wir die Jägerin töten. Die schwarze Göttin wird uns für immer beschützen und uns zu ihren Stellvertretern hier auf Erden machen. Und dann werden wir beide gemeinsam jagen, so wie wir es früher getan haben. So stand sie da und beobachtete die beiden. Sie fühlte sich elend, gleichzeitig bebte sie vor Wut. In einiger Entfernung stand, hinter einem Baum verborgen, Julian, grub seine Finger in die Rinde und riss große Stücke heraus, während er Helen beobachtete. Ein zweites Mal wird sie mich nicht betrügen. Eher wird sie sterben.
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5 In der Höhle des Löwen. Jordan saß auf seinem Beobachtungsposten hinter einem großen Stein, als ihn plötzlich ein nervöses Schwindelgefühl erfasste. Willy hatte ihn losgeschickt, um nachzuschauen, was seine neuen Mieter so anstellten, aber wie sollte er das, was er hier beobachtete, jemand anderem begreiflich machen. Helen saß, von Kopf bis Fuß in eine schwarze Robe gehüllt, vor einem Frisiertisch aus Marmor. Der Tisch war mit Schädeln bedeckt, auf denen große, rote Kerzen brannten. Das schmelzende Wachs war, wenn es die Knochen herunterlief, von Blut kaum zu unterscheiden. Von irgendwoher hörte man Wasser tropfen, und aus der Ferne drang gedämpfter Baulärm herüber, der die Stille durchbrach. Sie starrte in den Spiegel und schminkte sich. »Wie schön bin ich heute?«, flüsterte sie dem Spiegel zu und drehte an einem Lippenstift. Sie zog ihn mit einer sinnlichen Geste über ihre Lippen, presste sie gegeneinander und lehnte sich nach vorne. Jordan konnte dort, wo er saß, ihr Spiegelbild nicht erkennen. Das war in Ordnung. Wenn er sie nicht sah, sah sie ihn auch nicht. »Grace, wie schön bin ich?«, fragte sie, während ihre Hand nach einem der Schädel griff. Sie hielt ihn vor den Spiegel, als solle der Schädel ihr Bild beurteilen. »Er liebt mich immer noch. Ich weiß es.« Sie drehte den Schädel zu sich herum, nahm etwas, das wie ein mit Juwelen besetzter Eispickel aussah und stocherte damit in den leeren Augenhöhlen herum. »Er hat zugesehen, wie ich dich tötete«, flüsterte sie. 93
»Es war... überirdisch.« Sie führte den grinsenden Totenschädel an ihre Lippen und küsste ihn. Dann legte sie ihn zurück. »Wie ich dich langsam tötete«, gurrte sie. »Es dauerte fast eine ganze Woche.« Lachend riss sie die Kerze von einem anderen Schädel, drehte ihn um und hielt sie in den Hohlraum, sodass die Flamme jeden Millimeter des Knochens berührte. »Jägerinnen sind so zäh.« Sie schien das Interesse an dem Schädel zu verlieren, denn er landete auf ihrem Schoß, während sie sich weiter mit der Form ihrer Lippen beschäftigte. Sie warf eben noch einen kritischen Blick in den Spiegel, als ihre Hand auch schon nach einem weiteren Schädel griff, den sie liebevoll über ihren Kopf hielt. »Demetrius«, flüsterte sie. »Ich habe niemals aufgehört, dich zu lieben.« Dann nahm Helen einen anderen und ließ die beiden miteinander sprechen. »Mein Liebling«, seufzte sie. »Oh Diana...« Ihr Seufzen klang tief und qualvoll. Es ließ Jordan das Blut in den Adern gefrieren. Eine ziemlich abgefahrene Tussi. Das Seufzen wurde zu einem Klageschrei, als sie die beiden Schädel an ihre Brust nahm und sie zu wiegen begann. »Angelus, Angelus«, stieß sie scharf hervor. »Angelus, komm zu mir. Schenk mir deine Liebe.« Jordan hörte Schritte aus dem Dunkeln und wollte sich ängstlich zurückziehen, doch die Neugierde war größer. Er streckte sich nach vorne, um zu sehen, wer wohl kommen würde. Es war Julian, der blonde Engländer. Er trug ein langes Gewand, eine Art Rechteck in violetter Farbe. Im Haar hatte er ein Kopfband aus goldenen Blättern.
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In seinen Händen hielt er dieselben beiden Pokale, die Jordan schon vom ersten Treffen mit ihm kannte. »Julian«, rief Helen, als sie mit den Schädeln in der Hand herumwirbelte. »Schließ mich nicht ein! Tu es nicht!« Sie begann zu zittern. Der Blonde ging auf sie zu und stellte sie wortlos auf die Füße, sodass der Schädel auf ihrem Schoß mit einem klappernden Geräusch zu Boden fiel. »Aber Helen, warum sollte ich das tun?«, fragte er mit einem sanften Singsang in der Stimme. »Hast du etwas Böses getan?« »Nein, nein«, erwiderte sie hastig. Sie bebte förmlich. Soviel zum Thema »Schuldgefühle«. »Der Rat der Wächter hat dich vergessen«, fuhr Julian fort. »Niemand sucht dich. Wenn sie merken, was vor sich geht, werden wir schon zu den Göttern gehören und sie können uns nichts mehr anhaben.« »Wir brauchen die Asche«, stieß Helen hervor. »Es bleibt nur noch wenig Zeit.« »Wir haben schon elf von ihnen getötet«, bemerkte Julian zufrieden und nahm einen Schluck aus einem der Becher. »Wir brauchen noch sieben weitere.« Er überreichte ihr den anderen Kelch. »Die Jägerin hat sechs Helfer. Den Wächter mitgerechnet.« »Ah.« Sie starrte auf den Becher, offensichtlich fürchtete sie sich, daraus zu trinken. »Durch ihre Helfer werden wir sie schnappen und dann nehmen wir uns ihr Herz. Es muss noch schlagen, wenn wir es ihr aus dem Leib reißen.« Er hob den Kelch, dann leerte er seinen Inhalt auf den Boden. Wieder war es diese Flüssigkeit, die aussah wie Blut. Dann wurde der Raum unvermittelt von einem gleißenden Licht erfüllt. Jordan duckte sich hinter einem Stein. Sein Herz hämmerte wie wild.
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»Oh Meter, schwarze Göttin, Mutter des Todes, Beschützerin«, rief Julian. Seine Stimme war stockend und verhallte langsam. Jordan fand, er hörte sich an, als sei er stoned. »Mutter des Todes, Mutter der schwarzen Götter«, fügte er hinzu. Jordan veränderte seine Position so, dass er das Geschehen im Spiegel mitverfolgen konnte. Er sah die beiden Gestalten nicht, dafür aber die riesige Statue einer Frau, die auf einem steinernen Altar stand. Ihre Gesichtszüge waren verzerrt. Ihre Augen standen dicht zusammen und schauten bedrohlich. Mit einer wilden Grimasse hielt sie den Mund geöffnet und zeigte ihre scharfen Zähne. Vor ihr erhob sich ein Hügel aus Knochen und Schädeln. »Wir werden dir die Asche deines Sohnes bringen«, flüsterte Julian, »und das Herz von Gottes Kriegerin auf Erden.« »Das schwören wir«, ergänzte Helen. Jordan hob die Schultern. Ich kann sie nicht sehen, wo zur Hölle sind sie? Er kroch um den Stein herum. Er musste es tun, obwohl er wusste, dass es grober Leichtsinn war. Muss an den selbstzerstörerischen Tendenzen liegen, von denen die Sozialarbeiter immer reden. Julian schnitt Helen mit einem ziemlich abartig aussehenden Messer in den Arm. Es blutete stark, als er einen der Kelche darunter hielt, um das Blut aufzufangen. Sie keuchte, ging aber völlig in der Sache auf. Wow, stark. »Für unsere Mutter, die über die Götter der Dunkelheit herrscht.« Julian stieg auf den Hügel aus Knochen, um den Kelch in den steinernen Schlund der Statue zu leeren. Ihre Augen schienen sich vor Entzücken zu weiten.
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»Deine Opfer haben gelitten«, versicherte der Engländer seiner Göttin. »Wir haben schon viele getötet und es werden andere folgen. In deiner Nacht werden wir dir das Herz einer Jägerin bringen. Und die Asche deines Sohnes Caligula. Und du wirst wieder auf Erden wandeln und uns zu dir erheben.« »Zu dir erheben«, wiederholte die Königin. »Und wir werden selbst wie die Götter sein, niemand wird uns aufhalten können.« Aus seinem Versteck heraus beobachtete Jordan sie und dachte: Bei allen Heiligen, die Reichen sind wirklich übergeschnappt! Acht Tage war Oz nun schon vermisst und heute Nacht begann seine Verwandlung. Buffy hatte versagt. Sie war mit Xander um acht im Bronze verabredet und hatte Angel gebeten, auch dorthin zu kommen in der Hoffnung, dass ihnen zu dritt vielleicht etwas einfallen würde. Sie zog sich gerade an, als das Telefon klingelte. Giles sagte mit seiner bekannten Giles-Stimme: »Buffy, es gibt etwas Neues. Eine Gruppe von aufgebrachten Leuten ist hinter Mark Dellasandro her. Anscheinend wurde er in der Nähe des Wasserreservoirs gesehen.« Buffy war halb angezogen. Sie trug einen langen grauen Rock und ein Top. Es fehlten bloß noch die Schuhe, die sie in der Hand hielt. »Ich meine, du solltest hingehen. Beschütze ihn. Sie wollen sein Blut sehen.« Sie ließ einen der Schuhe fallen. »Giles«, sagte sie kläglich, »es gibt eine Polizei in Sunnydale und ich bin im Bronze verabredet.« Am anderen Ende der Leitung war es still. Dann sagte Giles mit unbewegter Stimme: »Oh Verzeihung, ich wusste nicht, dass es dir wichtiger ist, Spaß zu haben, als 97
einen Jungen zu retten, der wie ein Tier gejagt wird. Meine Empfehlung an Angel, wenn du ihn beim Tanzen triffst.« »Hey«, schrie sie. »Das ist nicht fair!« »Wirklich? Ich entschuldige mich, Buffy. Dafür, dass ich jemals gedacht habe, du seist etwas anderes als ein Trampel.« »Giles!« Sie schrie in den schweigenden Hörer, dann hörte sie den Besetzt-Ton. Fieberhaft wählte sie seine Nummer, warf aber augenblicklich das schnurlose Telefon auf das Bett. Sie zog ein paar Klamotten an, die sich besser für die Jagd eigneten, und nahm ihre Tasche. Es war erst neun Uhr abends, aber im Bronze war der Teufel los. Jede Menge Leute standen herum und redeten miteinander, während die Dead Buttercups spielten – eine Band, deren bisher größter Schritt zum Weltruhm darin bestand, dass sie mittwochsabends im Bronze spielten. Mitten in der Woche – eben mittwochs – irgendwo aufzutreten, war nicht gerade das Höchste, was man erreichen konnte, aber es war immerhin besser als montags oder dienstags. Es war so, wie irgendwo in den Charts gelandet zu sein. Die Band war okay, aber nichts Besonderes. Die Espressomaschine rauchte, sie war praktisch nonstop im Einsatz. Diejenigen, die Alkohol trinken durften, holten sich Cocktails oder teures importiertes Bier. Claire Bellamy und Nick Daniels, die Managerin des Bronze und ihr Assistent, hätten wirklich zufrieden sein können. Stattdessen zickten sie herum und spielten sich auf. Sie schickten einige der Kids völlig grundlos nach Hause, nur weil ihnen gerade danach war. Im Bronze ging es genauso zu wie im Rest von Sunnydale. Hochspannung hieß die Krankheit und sie war ansteckend. 98
»Eine Massenhysterie wie zu der Zeit, als die Leute noch dachten, die Spice Girls wären tatsächlich cool«, bemerkte Xander. »Nur ich blieb von dieser Seuche verschont.« »Oh«, mischte Willow sich ein. Sie trug ihren bandagierten Arm noch immer in der Schlinge. »Ich erinnere mich noch daran, dass du das CD-Cover mit in die Badewanne genommen hast.« »Will, hör bloß damit auf«, beschwerte sich Xander und merkte, wie er rot wurde. »Natürlich stimmt das nicht.« Xander ließ seinen Blick zum Eingang des Bronze wandern. Wenn Willow gewusst hätte, dass er sie nur deshalb eingeladen hatte, damit sie und Buffy sich wieder versöhnten, hätte sie ihm, so wie sie gerade drauf war, wahrscheinlich das Kreuz gebrochen. Aber um ehrlich zu sein, ging es ihm ähnlich. Er hätte am liebsten jemanden verprügelt – irgendjemanden – , egal wen. Natürlich am liebsten Broadman, die sich seit einer Woche weigerte, mit ihm zu reden, ihm den Zugang zu ihrem Klassenzimmer verweigerte und fleißig daran arbeitete, ihn abzusägen. Xander hatte heute versucht, mit dem stellvertretenden Direktor, Mr. Osborn, zu sprechen. Aber der SD hatte vorgeschlagen, sich an Snyder zu wenden. Also war er an der ganzen Sache nicht interessiert gewesen. Am Nachmittag ging Xander noch einmal zu Broadman, die ihm aber keinen Millimeter entgegenkam. »Du musst lernen, die Konsequenzen deines Verhaltens zu tragen«, hatte sie zu ihm gesagt. Worauf Xander erwiderte: »Sie aber auch.« Broadman hob ihre Augenbrauen, was einigermaßen bizarr aussah, angesichts des ganzen Make-ups, das sie auf ihrem Gesicht verteilt hatte, und sagte höhnisch: »Mr. Harris, wollen Sie mir vielleicht drohen?«
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»Ich könnte Ihnen dieselbe Frage stellen. Warum tun Sie mir das an? Was haben Sie denn davon?« »Ich konnte dich noch nie ausstehen«, sagte sie ungerührt. »Dein Bruder war ein Versager und du bist genau wie er. Soweit ich das beurteilen kann, ist es das Beste für unser Schulsystem, wenn ihr beide so schnell wie möglich von hier verschwindet.« »Oh verstehe, und sie wollen das Ganze ein bisschen beschleunigen.« Xander ging einen Schritt auf sie zu, aber sie lächelte überlegen. »Ich sollte Sie warnen, ich kann sehr gut auf mich selbst aufpassen.« »Das glaube ich Ihnen sofort. Schauen Sie sich doch an. Wer würde sich auch sonst darum scheren, was mit Ihnen passiert.« In selben Moment tat es Xander Leid, dass er das gesagt hatte. Es war dumm und pubertär, und sicher würde es in irgendeinen ihrer Berichte einfließen – als Überschrift beispielsweise: WARNUNG: BEWAFFNETER SCHÜLER – GEFÄHRLICH – SOFORT ERSCHIESSEN! Das kam dann zu den anderen Aufzeichnungen über ihn hinzu: Chronischer Versager – hält sich für einen Spaßmacher – schwänzt regelmäßig die Schule – meistens verspätet. Und so weiter... Er erwartete eine arrogante Antwort, aber stattdessen schlug Ms. Broadman mit der Faust auf den Tisch. Sie traf einen Bleistift, der in hohem Bogen davonflog und genau auf dem Boden des Korridors landete. Und genau dort stand, was für ein Zufall, der stellvertretende Direktor, Mr. Osborne, der die ganze Szene beobachtet hatte. »Wissen Sie was, Harris«, sagte er zu Xander, »eigentlich bin ich gekommen, um bei Ms. Broadman ein gutes Wort für Sie einzulegen, damit sie Ihnen noch einmal eine zweite Chance gibt. Aber jetzt würde ich Ihnen gerne in den Hintern treten, Sie schmieriger, kleiner Bastard.« 100
»Was?« Xander starrte den Mann an, von dem er gedacht hatte, er gehöre zu den zivilisierteren Menschen. Er kleidete sich doch immer so adrett, trug Dockers und Pullover. Einer, der daran geglaubt hatte, dass die Schule wichtig wäre für die Entwicklung der Persönlichkeit, aber von seinen hyänenartigen Schülern eines Besseren belehrt worden war. Vielleicht hing das ja alles irgendwie miteinander zusammen. »Halt«, platzte Xander förmlich heraus. »Wir stehen alle unter dem Einfluss von irgendetwas.« »Wirklich.« Ms. Broadman bewegte ihre Lippen und zauberte ein Lächeln hervor, das Albträume verhieß. »Das muss ich unbedingt in meinem Bericht erwähnen. Was genau, Xander, ist die Droge, unter deren Einfluss du stehst?« »Nein, so war das nicht gemeint«, sagte Xander ängstlich. Aber dann war ihm sofort klar, dass Gerechtigkeit – wie üblich – auf Sunnydale High ein Fremdwort war. Er fühlte sich wie ein Jäger, nur dass gerade keine Monster und Dämonen beteiligt waren. Und er sich mit der menschlichen Sorte leider nicht so gut auskannte. »Ich stehe unter gar keinem Einfluss von irgendwas.« Er schaute zu dem SD. »Und mir ist überhaupt nicht danach, jemanden in den Hintern zu treten oder von jemandem getreten zu werden.« Er zeigte auf seine Lehrerin. Seine Hand zitterte dabei. »Was sie mit mir macht, ist nicht okay.« »Oh, ich denke, sie ist auf dem richtigen Weg«, sagte der Mann, während er sich Xander näherte. Dann ging alles ganz schnell. Ms. Broadman drehte seinen Arm auf den Rücken, als der SD die Faust hob. »Hey!« Xander schrie auf, denn er begriff plötzlich, was die beiden vorhatten. Er versuchte es mit einer Technik der
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Jägerin. Er ließ sich auf die Knie fallen und rollte sich zusammen wie ein Ball. Ms. Broadman flog dabei über seine Schultern und stieß mit Osborn zusammen, der gerade zu einem Schlag in Xanders Magengrube angesetzt hatte. Xander befreite sich aus dem Gedränge, schoss an den Lehrern vorbei und schlug die Tür heftig hinter sich zu. Während er den Flur hinunterrannte, gingen ihm all die schrecklichen Dinge durch den Kopf, die er jetzt gerne mit den beiden angestellt hätte. Tatsache war, dass seine Fantasien ziemlich krasse Formen annahmen. Ihnen die Eingeweide rauszureißen, war das Mindeste. Oh je, Buffy hat Recht, dachte er, als er das Gleichgewicht verlor und auf seinen Hintern fiel. Wir sind alle besessen. Dann hatte ihm irgendein rothaariger Typ zugerufen, er solle verschwinden. Xander gab ihm eine bissige Antwort und malte sich aus, wie er dem Rothaarigen die Kehle aufschlitzte oder ihn langsam zu Tode quälte. Buffy hatte so Recht. Er wusste nicht, von wem oder was er besessen war, aber er wusste, dass diese Gedanken nicht seine eigenen waren. Er war völlig neben der Spur. Jetzt, vier Stunden später, als Xander neben Willow im Bronze stand, musste er sich zusammenreißen, um seiner besten und ältesten Freundin zuzuhören. »Sie war immer total egoistisch«, murmelte sie vor sich hin. »Natürlich tut sie so, als sei alles sehr tragisch. Aber damit will sie nur unser Mitgefühl rühren. In Wirklichkeit ist es ihr doch völlig egal, was mit uns passiert. Sie hat uns dazu gebracht, sie zu mögen, nur damit wir ihr helfen. Sie hat kein Problem damit, wenn wir sterben.« Xander schaute sie verblüfft an. »Willow?« Willow runzelte die Stirn. 102
»Sie hat überhaupt nicht nach Oz gesucht. Sie treibt sich nur mit Angel rum. Sie riskiert, dass wir alle zur Hölle fahren, damit sie mit ihm zusammen sein kann. Alles andere ist ihr doch egal.« »Willow hör mir zu, ich hab’s«, sagte Xander plötzlich, denn er begriff in diesem Augenblick, was Buffy gemeint hatte. »Irgendetwas Böses hat von uns Besitz ergriffen und macht uns alle, na ja, wenigstens bösartig.« »Ich bin überhaupt nicht bösartig«, fuhr Willow ihn an. »Ich bin völlig okay.« »Nein Rosenberg«, Xander blieb dabei. »Das bist du auf keinen Fall.« »Was hast du denn überhaupt für eine Ahnung?«, gab sie zurück. Dann holte sie aus und versetzte ihm einen Stoß. »Du warst mit der miesesten Schlampe im ganzen Westen zusammen.« »Willow.« Sie machte ihn ganz schön wütend. »Willow, halt dich zurück.« Seine Hand formte sich zur Faust. Sie sah es und machte sich über ihn lustig. »Du würdest mich niemals schlagen. Du hast nicht genug Mumm.« Xander fühlte, wie sein Ärger anschwoll. »Willow, ich habe dir gesagt, du sollst aufhören. Hör einfach auf damit, okay?« Sie kniff ihre Augen zusammen. »Schwächling. Verlierer.« Das war zu viel. Bevor ihm klar wurde, was passierte, hatte er sie schon geohrfeigt. »Ach du liebe Güte«, flüsterte er, während er sich verblüfft umschaute. »Willow, es tut mir Leid. Will-« »Das wirst du mir büßen«, stieß sie hervor und drehte ihm den Rücken zu. »Hey! Wer möchte sich 20 Dollar verdienen? Ich brauche jemanden, der Xander Harris in den Hintern tritt.« 103
Angel stand im Haupteingang des Bronze und schüttelte den Kopf. Dieser Ort war ein Dampfkessel. Schon während er den Gang hinunterlief, hatte er nicht weniger als drei Raufereien beendet. Nicht etwa, weil er so ein toller Typ war, sondern weil er sonst nicht weitergekommen wäre – der Gang war ziemlich eng. In der Ecke, gleich neben der Espressomaschine, beschimpften sich zwei Frauen. Der Lärm, den die Band produzierte, verhinderte, dass man sie verstand, aber wenn Blicke töten könnten... Links von Angel war auf der Tanzfläche eine Schlägerei ausgebrochen und der Assistant Manager sah aus, als würde er lieber mitmachen, statt sie zu beenden. Irgendwas ging hier vor, und es war definitiv mehr als nur die schlechte Laune von ein paar jungen Leuten. Jemand musste das Feuer finden und löschen. Restlos. »Hallo, toter Mann.« Xander schlug ihm auf die Schulter. »Xander«, sagte Angel müde. Xander wusste, dass dieser Spitzname Angel ziemlich zu schaffen machte und benutzte ihn bei jeder sich bietenden Gelegenheit. Es gefiel ihm einfach, Leute mit seiner scharfen Zunge zu provozieren. Damit wollte er sich und den anderen beweisen, was eigentlich jedem klar sein musste: nämlich wie intelligent Xander Harris im Grunde war. Doch was Angel anging, lagen die Dinge etwas anders. Xander hatte seine völlig kindische Eifersucht an ihm ausgelassen, als Buffy sich in den Vampir verliebt hatte. Er hatte Angel auch nicht ins Leben zurückholen wollen, nachdem der Vampir seine Seele verloren und versucht hatte, sie alle umzubringen.
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»Wo ist deine Liebste, dein Babe, deine Süße?«, fragte Xander mit schneidender Stimme. »Sorry?«, fragte Angel zurück und runzelte die Stirn. Xander war völlig daneben. Auf seiner Stirn stand der kalte Schweiß, er war bleich und zitterte am ganzen Leib. Seine Augen bewegten sich schnell nach allen Seiten und seine Pupillen hatten die Größe von Wagenrädern. »Xander, was hast du eingeworfen?« Xander schlug sich mit der Faust in die linke Handfläche. »Warum bildet sich jeder ein, mich das fragen zu müssen? Mann, wie mir das auf die Nerven geht.« »Ganz ruhig«, sagte Angel und wehrte ihn mit den Händen ab. »Es scheint, du bist ein bisschen... mit den Nerven runter.« Xander biss die Zähne zusammen. »Vielleicht liegt es daran, dass deine Freundin, die kleine Schlampe, uns eigentlich schon vor einer Stunde hier treffen wollte.« »Sie hat uns beide versetzt. Willow hat Recht.« Er deutete mit dem Kopf nach hinten. Willow saß auf einem Stuhl und hatte einen Haufen zerrupfter Styroporbecher vor sich. Angel beobachte, wie sie die Becher systematisch auseinander riss. »Ist Willow in Ordnung?« »Ja. Buffy ist es doch egal, was mit uns los ist. Wir sind nur ein paar dumme Groupies, die die Jägerin um sich herum versammelt hat, falls es mal wieder ernst wird. Wir sind doch nur Schachfiguren, die geopfert werden, wenn ihr Leben bedroht ist.« »Xander, das ist nicht wahr und das weißt du genau.« Angel richtete sich auf, um den Typ genauer zu betrachten, der schon so oft sein Leben für Buffy riskiert hatte. Und für den Buffy mehr als ein Mal fast gestorben wäre. »Ihr beide. Ihr alle bedeutet ihr sehr viel.« 105
»Mhm, richtig.« Xander rammte seine Faust erneut in die Handfläche der anderen Hand. »Es bedeutet ihr alles so viel, dass sie sogar dich mit reinzieht, obwohl sie genau weiß, dass du deine Seele riskierst. Mach dir doch nichts vor, Angel. Sie benutzt dich, genauso wie uns.« Der Hass in Xanders Stimme war so groß, dass Angel zurückschreckte. Er wusste, sie alle hatten immer noch ein Problem mit ihm, besonders Xander, der Buffy ebenso liebte wie er selbst. Angel hatte eine schwere Vergangenheit hinter sich – milde ausgedrückt. Er war ein irischer Nichtsnutz gewesen, als er 1753 von Darla, seiner Herrin, in einen Vampir verwandelt wurde. Das war die Geburt von Angelus, dem Vampir mit dem Engelsgesicht, der ganz Europa terrorisierte. Er tötete seine Familie. Er trieb Drusilla in den Wahnsinn. Jeden, den die wunderschöne, unschuldige junge Frau liebte, hatte er getötet und als sie in ein Kloster geflüchtet war, machte er sie zur Vampirin. Doch dann begegnete er dem Zigeunermädchen. Als er sie umbrachte, beschwor er die Rache ihres Clans herauf. Sie gaben ihm seine Seele zurück und mit einem Mal erinnerte er sich wieder an alle Grausamkeiten, die er als Angelus verübt hatte – an all die Vampire, die er erschaffen und auf die Welt losgelassen hatte. Und dann, ohne die vollständige Wirkung des Zigeunerzaubers zu kennen, verliebte er sich in Buffy. In der Nacht vor ihrem siebzehnten Geburtstag wollte sie sich ihm voller Liebe hingegeben. Es war ein Augenblick süßer Glückseligkeit und ein Augenblick ohne Leiden, in dem er das erste Mal wieder Liebe verspürte. Und wegen dieses Augenblicks hatte er seine Seele aufs Neue verloren.
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Dennoch würde er es wieder tun – für dieses Glück seine Seele noch einmal opfern. »Xander«, sagte er ruhig. »Hast du sie zu Hause angerufen?« »Keiner da. Hab eine Nachricht hinterlassen.« »Ist dir schon mal der Gedanke gekommen, dass Buffy nicht aufgetaucht ist, weil sie in Schwierigkeiten steckt?« »Ja, glaubst du?«, bemerkte Xander und tat so, als denke er nach. Er griff sich ans Kinn. »Ne. Ich glaube, sie hat uns einfach vergessen.« »Xander.« Angel seufzte. »Hörst du dir eigentlich selber zu? Irgendwas geht hier vor.« »Was willst du denn hier?«, fragte Willow, während sie auf die beiden zukam. »Willow.« Angel schaute von ihr zu Xander und wieder zurück. Ihre Züge waren hart und verschlossen. Sie sah richtig böse aus. Wüsste er es nicht besser, er müsste vermuten, sie sei verzaubert worden, ihrer Seele beraubt und von einem Dämon besessen. Andererseits – was wusste er schon. Wortlos drehte er sich um. »Hey, toter Mann, wo gehst du hin?«, rief Xander ihm nach. »Bleib doch und trink ein Glas von diesem wunderbaren OSaft mit uns. Wir sind so unglaublich scharf darauf, mit dir zusammen abzufeiern.« Angel ging hinüber zu dem Telefon. »Hey, ich rede mit dir!«, brüllte Xander. »Dreh dich gefälligst um, wenn ich mit dir rede.« Er steht völlig neben sich, dachte Angel. Er riss sich zusammen, während er Buffys Nummer wählte. Keine Antwort. Angel legte auf, schaute sich um und war nicht gerade glücklich über das, was er sah.
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Wie schon einmal schlug Jordan gegen das untere linke Fenster der Kunstgalerie und wie zuvor blieb er erfolglos. Also wickelte er seine Jacke um den Arm und half nach. Dieses Mal ging der Alarm nicht an. Er nickte. Das hatte Willy gut gemacht. Er hatte jemanden gefunden, dem das Alarmsystem bekannt war und der es ausschalten konnte. Jordan tat es nur Leid, dass ihnen das nicht früher eingefallen war. So hatte er wertvolle Zeit verloren. Außerdem machte er sich Sorgen darüber, dass er vergesslich wurde. Um genau zu sein, er hatte regelrechte Black-outs. Stunden – viele Stunden – fehlten in seinem Gedächtnis. Dann wachte er auf und steckte in schmutzigen Kleidern. Okay, blutig waren sie auch. Der Ring, den Brian Dellasandro ihm als Bezahlung für die Droge gegeben hatte, war ebenfalls verschwunden. Jetzt, da er wusste, dass seine ziemlich durchgeknallten und ziemlich gefährlichen neuen Freunde mit allen möglichen Drogen experimentierten, nahm er an, dass sie ihm irgendwas gegeben hatten. Jordan vermutete, dass er bis zum Hals im Schlamassel steckte. Das Einzige, was er tun konnte, war durchzuhalten und sich nichts anmerken zu lassen, bis sich eine Gelegenheit bot, abzuhauen. Er kroch durch das zerbrochene Fenster in die Galerie und ging sofort zu der griechisch-römischen Urne, die ihm die nette Blondine gezeigt hatte. Da es sowieso die einzige Urne war, nahm er an, dass es diejenige war, die seine Freunde haben wollten. Das Gefäß sah einer Chiantiflasche ziemlich ähnlich, nur dass es aus braun-rotem Ton geformt war und seitlich zwei geschwungene Griffe hatte, in die schwarze Figuren eingearbeitet waren. Es waren Kampfszenen: Dämonen, die 108
gerade töteten, oder wilde Tiere, die sich gegenseitig verschlangen. Genau das, was Julian und Helen anmachen würde, dachte er. Der Verschluss bestand aus einer Art Scheibe, die mit etwas bedeckt war, das wie Wachs aussah. Helen hatte gesagt, sie befürchteten, die Urne könne zerbrechen, wenn man sie öffnete. Deshalb solle er auf jeden Fall dafür sorgen, dass sie verschlossen bliebe. Null Problemo. Jordan hatte nicht vor, sich unbeliebt zu machen. Dann nahm er ein paar goldene Halsketten mit und warf einige Gegenstände auf den Boden, damit man gleich erkannte, worum es dem Dieb gegangen war. Mit einem kurzen Blick schaute er sich um, ob es sich lohnte noch etwas mitzunehmen. Dann ging er auf Zehenspitzen zum Fenster zurück und stieg hinaus. Jordan war gerade dabei, unauffällig zu seinem Wagen hinüberzuschlendern, als Mark Dellasandro ihn über den Haufen rannte. »Das ist für Brian!«, rief der Junge. Dann schlug er ihn mit einer Brechstange nieder. Jordan Smyth – mit Y – ging bereits in der ersten Runde zu Boden. Der Werwolf legte seinen Kopf zurück und heulte. Die Wasserschlange hatte ihm ziemlich zugesetzt. Julian untersuchte die verletzte Pfote und wieder einmal erwiesen sich seine medizinischen Kenntnisse als ausgesprochen hilfreich. »Ist er in der Lage zu kämpfen?«, fragte Helen. »Oder sollen wir ihn gleich töten?« »Er wird kämpfen«, erwiderte Julian. »Und er wird eines ruhmreichen Todes sterben.« 109
6 Jordan dachte, er müsse sich vor Angst übergeben. Willy, der direkt neben ihm saß, erging es genauso. Sie befanden sich in den Höhlen unterhalb des Alibi – und hier ging wirklich der Punk ab. Helen und Julian waren extrem sauer. Auf Jordan. Etwas, was er sehr gerne vermieden hätte. Nachdem er von Mark überfallen worden war, wollte er so schnell wie möglich aus Sunnydale verschwinden. Aber dann hatte plötzlich ein schwarzer Van angehalten und ein paar komische Gestalten forderten ihn auf, die Urne herauszugeben. Als er ihnen erzählte, was passiert war, packten sie ihn in den Van und fuhren ihn hierher. Während der Fahrt hatte Jordan ein Sunnydale gesehen, das er nicht wiedererkannte. Draußen tobte der Mob. Die Leute lieferten sich grauenhafte Straßenschlachten. Es musste irgendwas mit diesen Typen und ihrer schwarzen Göttin zu tun haben, dachte er. »Du hast zugelassen, dass jemand Caligulas Urne stiehlt«, zischte Julian ihn an. »Es war ein Junge namens Mark Dellasandro«, erwiderte Jordan unsicher. »Ich habe ihn gesehen.« »Und warum würde er so etwas tun?« Julian griff nach Jordans Haaren und bog seinen Kopf zurück, sodass sein Hals frei vor ihm lag. Dann verwandelte er sich in etwas, das Jordans Blut in den Adern gefrieren ließ – einen Dämon mit goldenen Augen und langen, scharfen Zähnen. Er zischte, als er sich Jordans Hals mit seinen Krallen näherte. Schließlich stach er zu. Jordan war unfähig zu schreien.
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»Was hast du dir bloß dabei gedacht?«, sagte die Kreatur. Seine Stimme klang tief und gefährlich. »Nichts«, sagte Jordan. »Ehrlich.« »Finde sie. Bring sie zurück.« Das Ungeheuer ließ ihn los, ging wie zufällig hinüber zu einem schmutzigen Betttuch und zog es zurück. Dort lag der Körper eines jungen Mädchens. Gefesselt und geknebelt. »Wenn es dir nicht gelingt, wird mit dir dasselbe geschehen«, sagte Julian sanft. So betrachtet, fand Jordan, sei er sehr wohl in der Lage zu schreien – aber, ob er jemals wieder würde aufhören können? Dort, wo in Sunnydale heute der Staudamm und das Wasserreservoir liegt, gab es früher mal einen See. Er war entstanden, nachdem der Vulkan, der sich ursprünglich dort befand, eingebrochen war. Die spanischen Eroberer nannten ihn Lago del Infierno, See der Hölle. Sie schworen, dass die Oberfläche des Sees gebrannt habe. Flammen, so sagten sie, die zehntausende von Meilen in den Himmel hinaufragten, als wollten sie die Flügel der Engel selbst verbrennen. In den vergangenen Jahrhunderten wurde regelmäßig Sunny dort gesehen, das Seeungeheuer, das angeblich dort leben sollte. Giles glaubte, dass es an dieser Stelle eine Höllenpforte gegeben hatte, die geschlossen und deaktiviert worden war, bevor eine neue sich geöffnet hatte. Er verbrachte viel Zeit damit, mehr über den Lago del Infierno herauszufinden, in der Hoffnung, irgendwann auch den aktiven Höllenschlund schließen zu können. Im Tal, das unterhalb des Sees lag, wuchsen Mandarinen und Avocados, es war ein gutes Weideland für Kühe und Schafe. Die Bauern beschwerten sich darüber, dass der Damm, den
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man auf der Südseite des Sees gebaut hatte, nicht sicher genug sei. Tatsächlich hatte man in den Fünfzigern einige Risse nur notdürftig verschlossen. Das konnte man heute schon von der 17. Straße aus sehen – und das war ziemlich weit entfernt. Aber trotz ihrer Beschwerden passierte nichts. Der Damm hielt. Niemand schien jedoch zu wissen, dass er wirklich undicht war. Das Wasser quoll heraus durch ein ziemlich großes Loch unterhalb des Staudamms. Man hätte es bemerken müssen. Man hatte es vielleicht sogar schon bemerkt, aber die Behörden taten nichts dagegen. Sicher waren ein paar Leute gekauft worden... Mark Dellasandro kauerte in den Manzanita-Büschen, die am Fuß des Dammes wuchsen, dort wo das Wasser herauslief, und dachte darüber nach, dass er jemanden von den undichten Stellen erzählen müsste. Sie waren ziemlich groß. Wenn der Damm brach, dann würde das Tal überflutet werden. Es würden viele Menschen sterben. Aber er konnte es niemandem erzählen. Überall um den Stausee herum riefen Leute seinen Namen und drohten, ihn für die Morde, die er nicht begangen hatte, büßen zu lassen. Tränen rannen ihm über die Wangen. Er war völlig auf sich alleine gestellt, ohne Freunde. Brian hatte sich immer um ihn gekümmert. Er hatte Glück, einen Bruder wie Brian zu haben. Aber jetzt lag Brian im Koma und ihre Eltern waren beide tot! Oh Gott, bitte lass es ein Albtraum gewesen sein. Doch das hier ist leider die Wirklichkeit, sagte er sich. Und niemand wird dich hier rausholen. Diese Leute wollen dich umbringen. Vielleicht sollten sie dich umbringen. Vielleicht hast du es verdient...
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»Ich glaube, ich hab ihn gesehen!«, rief jemand und Mark zog sich augenblicklich noch mehr zusammen, um sich unter den dornigen Sträuchern zu verbergen. »Brian, hilf mir«, flüsterte er. »Irgendjemand soll mir bitte helfen.« Plötzlich öffnete sich der Himmel und es goss in Strömen. Der Mond wurde von Wolken verdeckt und hüllte Mark in schützende Dunkelheit. Der Regen war undurchdringlich und kalt. Mark konnte nicht einmal mehr seine Hände sehen, die seine Knie fest umschlossen hielten. Er erlaubte sich einen tiefen Seufzer. Für den Augenblick war er sicher. Dann zog er die kleine Tonflasche heraus und untersuchte sie. Buffy kam am Staudamm an, als es gerade zu regnen anfing. Überall liefen eine Menge Leute herum. So viele große Jungs, um einen kleinen zu fangen. Mark tat Buffy Leid. Es sei denn, er hätte tatsächlich das getan, was man ihm vorwarf. Dann würde sie seine Seele bedauern. Sie wusste, wie es in der Hölle aussah. »He, du da, Mädchen!«, schrie einer zu ihr herüber. Das fahle Licht einer Taschenlampe wurde auf sie gerichtet und ein schäbiger Typ, Bitterman, der unter einem Regenmantel verborgen war, sagte: »Regenschutz und Waffen werden in der Hütte ausgegeben.« Waffen? Buffy sagte nur: »Danke, wo ist die Hütte?« »Da, wo du hergekommen bist«, sagte die Stimme. Daran zweifelte sie. Denn sie war wie Rambo den Berg hinuntergerast. Sie nickte dem Mann zu, der Bitterman hieß und tat so, als ginge sie zu der Hütte.
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Stattdessen lief sie so schnell sie konnte zu einem nahe gelegenen Gebäude hinüber, um in Ruhe darüber nachzudenken, was sie als Nächstes tun konnte. Unter dem Waschbecken auf dem Boden der Toilette waren ein paar Spritzer. Im Dämmerlicht sahen sie aus wie braune Farbe. Oder getrocknetes Blut, dachte Buffy und bückte sich. »Hier! Da ist er!«, schrie irgendjemand. Oh je. Buffy richtete sich augenblicklich auf und stürzte nach draußen. Die Menge bewegte sich schnell auf den Damm zu. Buffy geriet mitten hinein. Es waren mindestens zweihundert Leute. Sie wollen Blut sehen, sagte sich Buffy. Sie konnte es von ihren Augen ablesen. Sie hatte Ähnliches schon oft in den Gesichtern von Dämonen und Vampiren gesehen. Wenn dieser Hunger nach Blut einmal geweckt worden war, taten sie alles, um ihn zu stillen. Ein Mann rempelte sie von der Seite an. »Ich habe einen Strick. Wenn wir den Kerl finden, ist er tot.« »Wir sollten die Polizei rufen«, forderte Buffy. Er grinste sie an. »Süße, ich bin die Polizei. Ich bin Detective des Sunnydale Police Departments. Wir sind alle hier.« Die ganze Stadt ist verrückt geworden, dachte Buffy. Es ist tatsächlich so. Und ich kann überhaupt nichts dagegen tun. »Dann wissen Sie ja, dass der Angeklagte unschuldig ist, bis das Gegenteil bewiesen wird«, beharrte Buffy. Er winkte ab. »Das ist was für dicke Bücher.« Wenn Angel der Uhr an der Wand über dem Billardtisch im Bronze trauen konnte, dann war es fast 22.00 Uhr. »Ich gehe los und suche Buffy«, sagte er. 114
Als er zum Ausgang ging, hörte er, wie Nick Daniels, der Assistent zu seiner Chefin Claire Bellamy sagte: »Jack hat eben angerufen. Sie haben Mark Dellasandro am Staudamm gesehen. Sie wollen ihn lynchen.« Angel lächelte grimmig. Jetzt wusste er genau, wo Buffy zu finden war. Er eilte hinaus in die Nacht, sein schwarzer Mantel blähte sich hinter ihm auf wie die Flügel einer riesigen Fledermaus. »Wow!« Cordelia holte tief Luft, als sie das Bronze betrat. Sie stand im Eingang und was sie sah, versetzte ihr einen Schock. Auf der Bühne waren die Bandmitglieder gerade dabei, ihre Instrumente zu zerstören. Es waren mindestens ein halbes Dutzend Schlägereien im Gange, das Geräusch berstender Gläser durchdrang den Raum. Der Boden war übersät mit Kaffeetassen – und Blut. Ungefähr drei Meter von ihr entfernt lag ein Typ auf dem Boden. Ein anderer bedrohte ihn mit erhobenen Fäusten. Es war Xander. Sie griff nach seinen Arm und hielt ihn fest. »Was machst du da?«, herrschte sie ihn an und warf einen Blick auf den Typen am Boden. Es war Luke Engstrom, der Schläger von den Razorbacks. »Ach du liebe Güte, Xander, du darfst ihn nicht verletzen. Wir brauchen ihn, um die Spiele zu gewinnen.« Xander wirbelte herum und schrie sie an: »Hey, lass mich sofort los.« Sein Gesicht hatte einen harten, hasserfüllten, grausamen Ausdruck. »Ich zeige dir, was es heißt, jemanden aus meiner Mannschaft anzugreifen«, schrie ein anderer und hechtete auf Xander zu. Es war Chess Wiater, einer der Läufer aus der
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Mannschaft der Sunnydale High. Wiater lief direkt in Cordelia hinein und streckte sie zu Boden. Für einen Augenblick sah sie rote Punkte, dann Sterne. »Hey«, protestierte Xander, als die Schatten um ihn herum sich zu bewegen begannen. Der Raum drehte sich und im gleichen Maß legte sich auch seine Wut – als sei ihr plötzlich der Saft entzogen worden. Etwas roch würzig. Blumig. »Entspann dich, ich bin eine Krankenschwester außer Dienst«, sagte die tiefe, kehlige Stimme einer Frau neben seinem Ohr. »Ich werde mich um dich kümmern. Du brauchst dringend medizinische Hilfe. Atme noch einmal tief ein.« »Cordelia«, brachte er hervor, als der Geruch abermals in seine Nase stieg. »Ihr geht es gut«, versicherte sie ihm. Die Leute hatten nicht geplant, sich hier zu treffen. Willow war sich noch nicht einmal sicher, ob irgendjemand wusste, was er hier tat. Sie alle waren vom Wahnsinn getrieben. Aber Willow hatte nicht vor, sich von dieser Situation unterkriegen zu lassen. Die schwitzenden Körper um sie herum machten sie nervös, also schlug sie sich einen Weg frei und gab jedem, der ihr nicht schnell genug ausweichen konnte, einen heftigen Stoß. Plötzlich rannte sie gegen eine harte Männerbrust und merkte, wie irgendetwas über sie ausgeschüttet wurde – eine rote Flüssigkeit, die wie ein ganzer Garten roch. »Hey«, knurrte sie, während sie aufschaute. Der Besitzer dieser interessanten, grünen Augen, in die sie blickte, war der unglaublichste Typ, den sie je gesehen hatte. Er war mindestens so alt wie Angel – nun wie Angel in Menschenjahren, nicht in Vampirjahren –, doch im Gegensatz zu Angel, der ein großer, dunkler, gut aussehender Typ war, 116
war dieser Mann hellblond – strahlend – mit einem perfekt gestutzten Ziegenbärtchen. Ein freundliches Grinsen erschien auf seinem Gesicht. »Ich bitte um Verzeihung«, sagte er. Sein Akzent war britisch wie der von Giles. Er trug ein Jacket aus schwarzem Leder, außerdem Lederhosen und ein weißes T-Shirt. »Hey«, sagte sie abermals nervös, aber während sie dastand und zwischen ihm und den roten Flecken auf ihrem Pullover hin und her schaute, verschwand mit einem Mal ihre schlechte Laune. Sie blinzelte und fühlte sich plötzlich erfrischt, als sei sie von einem Nachmittagsschläfchen aufgewacht. »Es sieht so aus, als sei dein Freund verletzt worden«, sagte der Fremde und ging zur Seite. Hinter ihm lag Xander am Boden. Seine Augen waren geschlossen. »Xander!«, rief Willow und rannte sofort zu ihm hin. »Ich bin ausgebildeter Mediziner«, bot der Mann an. »Ich werde mich um ihn kümmern.« Willow schüttelte den Kopf. »Sorry, aber, nun ja, Xander ist kein Unbekannter im Krankenhaus.« Mit einer hilflosen Geste schaute sie sich nach einem vertrauten Gesicht um. »Ich kann ihn behandeln, keine Sorge.« »Nein«, antwortete Willow bestimmt. Ihr Gesichtsausdruck duldete keinen Widerspruch. Der Mann hob seine Augenbrauen. »Du bist ein widerspenstiges kleines Ding, nicht wahr? Ich bin beeindruckt. Du wirst dich gut machen.« »Stimmt irgendetwas nicht?« Nick Daniels stand unvermittelt neben Willow und betrachtete den Unbekannten. »Ich versuche nur zu helfen. Die beiden Jungs hier sind aufeinander losgegangen.« Er zeigte auf Chess Wiater, der mit überkreuzten Beinen auf dem Boden saß und vor sich hin jammerte. 117
»Ja, diese verdammten Kids«, murmelte Nick. Zu Willow sagte er: »Geh und sag Claire, sie soll die Polizei rufen. Ich kümmere mich um die Jungs.« Willow zögerte. Sie wollte Xander nicht alleine lassen, aber sie hatte auch nichts dagegen, dass Nick sich der Situation annahm. Das konnte nur gut für Xander sein, der sich gerade in diesem Augenblick durch ein Stöhnen wieder in Erinnerung brachte und sich zu ihnen herumdrehte. »Will«, er atmete tief ein, »du riechst wirklich eigenartig.« »Oh, danke.« Sie legte prüfend die Hand auf seine Stirn. »Bist du in Ordnung?« »Abgesehen davon, dass ich die Vögel loswerden muss, die um meinen Kopf herumfliegen und Lärm machen – ja.« »Komm, ich helfe dir beim Aufstehen.« Sie stützte ihn unter dem Arm. »Ooh.« Xander hielt sich den Kopf. »Hey, glaubst du, wenn ich Wiater besiege, habe ich genug Geld fürs College?« Er schaute sich um. »Wo ist Cordelia geblieben?« Willow blinzelte. »Sie war hier?« »Oh, ja. Sie kam gerade herein.« Er schaute hinüber zu den Kids, die sich, jetzt nachdem alles vorbei war, einer nach dem anderen davonmachten. »Hat einer von euch Cordelia gesehen?« »Sie ist mit diesen Leuten weggegangen.« Ein Mädchen mit Hosenträgern und einem langen schwarzen Zopf zeigte zum Ausgang. »Diese Leute?«, wiederholte Xander und schaute in die Richtung. »Der blonde Mann und die schwarzhaarige Frau«, erklärte das Mädchen. Xander schaute Willow an. Sie spitzte die Lippen. »Der Engländer. Er sagte, er sei Arzt.« Sie runzelte die Stirn. »Nein warte, er sagte, er sei ein ausgebildeter Mediziner.« 118
»Wir gehen«, kündigte Xander an, und nahm ihre Hand. Sie kaute an ihrer Unterlippe, während sie es zuließ, dass Xander sie nach draußen führte. »Und er sagte, ich würde mich gut machen.« Sie rannten hinaus, gerade rechtzeitig, um zu sehen, wie ein schwarzer Van im Dunkeln verschwand. »Hey!«, schrie Xander ihnen nach und winkte. Er packte den Arm eines kleinen, untersetzten Typs, den er vom Nachsitzen kannte. »Hast du ein Mädchen gesehen, sie ist sehr attraktiv –« »Pass auf, wen du anfasst, Idiot!«, schrie der Kleine zurück und versetzte Xander einen harten Schlag in den Magen. Xander ging sofort zu Boden. Willow versuchte ihm aufzuhelfen, während sie dem Wagen nachstarrte, um sich das Kennzeichen zu merken. Aber es gab kein Kennzeichen. »Buffy«, stieß Xander hervor. »Wir müssen so schnell wie möglich Buffy finden.« Alles um Cordelia roch nach Blumen. Ein Teil von ihr erinnerte sich verwirrt an Bruchstücke eines Traums. Blumen, Kerzenlicht. Und Stroh. Nasses, stinkendes Stroh. Dann wurde ihr bewusst, dass sie die Augen geöffnet hatte. Sie starrte auf lange weiße Kerzen, die in einem alten, silbernen Leuchter steckten. Cordelia lag ausgestreckt auf dem Bauch, um sie herum schmutziges, feuchtes Stroh. Als ein Schatten in ihr Gesichtsfeld trat, musste sie blinzeln. Sie wandte ihren Blick nach oben. Es war eine Vampirin. Eine Frau, ganz in schwarz gekleidet, mit ebenso schwarzem, langem Haar. »Ah, du bist zurück.«
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»Zurück«, wiederholte Cordelia verwirrt. In ihrem Kopf war ein hämmernder Schmerz und ihr Mund war völlig ausgetrocknet. »Zurück unter den Lebenden. Fürs Erste«, wurde sie belehrt. Die Frau hatte ein volles Lachen und roch nach einem schweren, würzigen Parfüm. »Was willst du von mir? Wo bin ich?« Sie versuchte sich aufzurichten, aber ihr Kopf schmerzte zu stark. »Du bist in unserem Gerichtshof«, erklärte die Vampirin. Dann machte sie eine einladende Geste und ging einen Schritt zur Seite. Cordelia blieb der Mund offen stehen. Sie befand sich in einer Art Arena, die von einer hüfthohen Holzmauer umgeben war, über und über verziert mit Schnitzereien. Aber Cordelia fand nicht, dass es der rechte Augenblick sei, sich das genauer zu betrachten. Denn hinter der Wand saßen die Zuschauer: Dämonen und Vampire. Einige waren angezogen, als seien sie auf einer Togaparty, andere trugen Kleider aus Samt und Spitze, sogar ein paar abgefahrene Disco-Outfits waren darunter. Dann gab es Ungeheuer, die völlig nackt waren, und obwohl sie glaubte, schon eine Menge fetter Gestalten erlebt zu haben, stellten die meisten der hier Anwesenden alles bisher Gesehene in den Schatten. Es mussten mindestens fünfzig sein, die ihr zujohlten, als sie zu ihnen hinübersah. »Ich habe gewonnen«, rief einer. »Zwei Stunden und zwölf Minuten!« Die anderen grölten. Einige zogen Geldbeutel heraus und begannen Banknoten zu zählen. Geld wurde herumgereicht. Cordelia war wie vom Blitz getroffen.
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»Sie haben gewettet, wie lange du bewusstlos bleiben würdest«, sagte die Vampirin. »Sie wetten auf alles, es vertreibt ihnen die Zeit.« Sie lachte in sich hinein. »Sie langweilen sich so schnell. Und möchten am liebsten ständig unterhalten werden. Es hält sie davon ab, sich Schlimmeres auszudenken. Das haben sie im alten Rom gelernt.« Oberhalb der Zuschauerbänke stand ein ausnehmend attraktiver blonder Mann. Er trug ein schwarzes Lederjacket, schwarze Hosen und ein weißes T-Shirt. »Der war im Bronze«, murmelte Cordelia vor sich hin. »Ja, wir waren beide dort«, sagte die Vampirin. Sie lehnte sich hinunter zu Cordelia und fuhr mit ihren scharfen Fingernägeln ihren Hals entlang. »Wie schade. Du bist so bezaubernd.« »Fass mich nicht an«, fauchte Cordelia, doch innerlich zitterte sie. Schade? Warum ist was schade? »Wo ist Xander?«, fragte sie fordernd. »Er ist entkommen«, erklärte die Vampirin sorgenvoll. Dann lächelte sie. »Aber mach dir keine Gedanken. Wir werden ihn finden und herbringen.« Ihr Blick traf den blonden Mann. »Nicht wahr, Julian?« »Aber selbstverständlich«, erwiderte er. Cordelia schaute ebenfalls zu ihm hinüber und hielt die Luft an. Er zeigte sein Vampirgesicht. Und das bedeutete, dass er hungrig war. Das würde auch erklären, warum es schade ist, dass ich so zauberhaft bin. »Hört mal zu, Leute, es ist besser, wenn ihr mich gehen lasst«, sagte Cordelia, während sie versuchte ihre Stimme unter Kontrolle zu halten. »Ich bin mit der Jägerin befreundet und ihr wisst doch, was eine Jägerin ist?«
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Eine Kreatur, mit gelben Schuppen und einem rot-braunen Panzer, hielt sich eine der Klauen vor das breite Maul und lachte derb. Einige der anderen Dämonen und Vampire hörten auf, Geld auszutauschen und stimmten in das Lachen ein. Einer applaudierte. Etwas, das aussah wie Würmer, die man aneinander gebunden hatte, drehte sich herum und schaute zu dem Vampir hinüber, den sie Julian nannten. »Oh ja, wir wissen sehr gut, was eine Jägerin ist«, antwortete dieser. »Und wir sind hocherfreut, dass eine weitere Freundin von ihr uns mit ihrer Anwesenheit beehrt.« »Eine weitere«, wiederholte Cordelia bedrückt. Julian klatschte in die Hände, als rufe er nach einem Diener. Rechts hinter ihm hörte man ein dumpfes Geräusch, dann ein Heulen. Cordelia zuckte zurück, bedeckte den Mund mit dem Handrücken und schaute mit aufgerissenen Augen in die Richtung, aus der das Geräusch gekommen war. Die anderen reckten die Hälse, um herauszufinden, was los war. Dann ging eine Metalltür auf und ein Werwolf stakste hochbeinig in die Arena.
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7 Es gelang Buffy, sich einen Weg durch die Menschmenge zu bahnen. Sie war schmutzig und nass. Ihr war kalt. Als sie zur Südseite des Dammes hinüberrutschte, war sie ziemlich schlechter Laune. Während sie sich an einigen ManzanitaBüschen festhielt, entdeckte sie im Schein ihrer Taschenlampe Fußspuren, die weiter nach unten führten. Sie folgte ihnen, bis sie auf ein Tor stieß, an dem ein Vorhängeschloss angebracht war. Kurzerhand öffnete sie es und ging hindurch. Dann drehte sie sich um und schloss es wieder. Keiner aus der Menge schien diese Abkürzung bisher gefunden zu haben. Für einen Moment war Buffy in die Dunkelheit sicher eingehüllt, doch schon der nächste Strahl ihrer Taschenlampe konnte sie verraten. Sie wusste nicht, ob Mark Dellasandro tatsächlich hier unten war, aber sie wusste, dass sie ihn finden musste, oder er war ein toter Mann. Ein toter Junge, korrigierte sie sich. Er war ja noch ein Kind. Buffy erreichte das Ende der Stufen. Um zum Fundament des Dammes zu kommen, gab es nur noch eine Möglichkeit: Sie musste springen. Buffy stieß sich ab und landete hart. Ohne sich um ihre Verletzungen zu kümmern, kroch sie weiter. Als Wasser auf ihren Kopf tropfte, streckte sie die Hand aus und merkte, dass es nicht der Regen war. Das Wasser musste aus einer anderen Quelle kommen. Sie suchte nach ihrer Taschenlampe, doch sie fand sie nicht. Buffy musste sie beim Sprung verloren haben. Doch der Schein des Mondes genügte, um die Risse im Damm gut erkennen zu können. Buffy hielt den Atem an, als sie sah, wie groß sie waren. Vorsichtig begann sie, Marks Namen zu rufen.
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»Mark?«, rief sie leise, »ich bin eine Freundin. Bitte vertrau mir. Ich bin gekommen, um dir zu helfen.« Sie glaubte, ein Geräusch in den Büschen zu hören, aber durch das Geschrei der aufgebrachten Menschenmenge konnte sie nicht sicher sein. »Kommt hier herüber, ich habe Stufen gefunden«, rief jemand. Buffy seufzte. Nicht lange, und sie würden alle hier sein. »Mark«, flüsterte sie verzweifelt. »Bitte zeig dich. Es ist deine einzige Chance.« Sie hörte ein Wimmern, das aus den Büschen zu ihr drang. Buffy kroch hinein. Die Zweige zerkratzen ihr das Gesicht und die Hände. Als sie unvermittelt die Haut eines Menschen berührte, griff sie zu. Mark durfte sich nicht aus dem Staub machen. »Nein«, stieß er voller Angst hervor. »Ich bin Buffy«, versuchte sie ihn zu beruhigen, während sie näher kam. »Buffy Summers. Ich werde dir helfen.« Inzwischen war auch Angel am Staudamm angekommen. Er versuchte, so schnell es ging ins Tal zu gelangen und dabei der aufgebrachten Menschenmenge auszuweichen. Halte durch, Buffy, dachte er voller Sorge, als er über den Schlamm rutschte. Aber sie würde durchhalten, das wusste er. Sie war die Jägerin. Willow und Xander saßen dicht gedrängt im Führerhaus des Trucks, während der Fahrer ihnen in aller Ausführlichkeit die ganze Geschichte seiner Reise erzählte. Dann kam die Tour nach Bishop dran und schließlich die von Bishop nach Sunnydale.
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Sie hatten von dem Menschenauflauf am Staudamm gehört und wussten sofort, dass sie Buffy dort finden würden. Also waren sie per Anhalter gefahren. Als der Truck anhielt, hatten sie zwar beide gezögert, aber die Situation erlaubte ihnen nicht, wählerisch zu sein. Der Fahrer redete ununterbrochen, während die beiden so taten, als würden sie zuhören. Doch stattdessen beobachteten sie die Umgebung und versuchten, trotz des starken Regens irgendetwas zu erkennen. »Gefährliche Gegend, dieses Sunnydale. Habt ihr jemals eine Fata Morgana gesehen? Es gibt viele davon in Sunnydale. Und unheimliche Begegnungen.« Er schaute Xander durchdringend an. »Du weißt, wovon ich spreche, Sohn?« Xander schluckte und hoffte, dass es sich hierbei nicht um einen geheimen Knastcode handelte, der irgendwas zu bedeuten hatte. Vorsichtig antwortet er: »Sie meinen, wie bei Scully und Mulder? Akte X?« Der Mann nickte. Er nahm noch ein Kaugummi und quetschte es zu der enormen Masse, die er bereits in seinem Mund herumschob. Es mussten mindestens fünf sein, dachte Xander. »Ich bin einmal quer durch ganz Amerika gefahren und ich sage euch, es gibt keinen unheimlicheren Ort als Sunnydale.« Er griff nach vorne. »Kaugummi?« »Danke«, sagte Willow und nahm sich ein Stück. Sie bot Xander ebenfalls davon an. »Ich versuche es mir abzugewöhnen«, sagte er. Er legte die Hand auf Willows Arm und flüsterte: »Merkst du, was ich merke? Obwohl wir echte Probleme haben, sind wir nicht so neben der Spur wie im Bronze.« »Stimmt. Aber auch in einer anderen Situation.«
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Die Lichter des Armaturenbrettes spiegelten sich in ihrem roten Haar. Will, seine Will. Wie hatte er jemals so grausam zu ihr sein können? »Ich glaube immer mehr, dass Buffy Recht hatte. Wir waren besessen«, fügte Xander hinzu. »Und irgendwie sind wir es wieder losgeworden.« Er legte seine Hand auf die ihre. »Es tut mir Leid, Willow.« Sie drückte seine Hand. »Mir auch, Xander.« »Okay, wir sind wieder Freunde.« Oder was auch immer. »Da wir gerade von unheimlichen Dingen reden«, sagte Xander und sprach lauter, um den Truck-Fahrer in die Unterhaltung mit einzubeziehen. »Gibt es irgendwas Besonderes, das Ihnen in letzter Zeit aufgefallen ist? Ich meine hier, in Sunnydale?« Er kratzte sich am Kopf. »Wie zum Beispiel schwarze Vans ohne Kennzeichen? Oder –« Plötzlich unterbrach ein Pfeifen das Gespräch. Der Fahrer setzte sich einen Kopfhörer auf, ausgestattet mit einem integrierten Mikro. Damit wirkte er wie ein Rock-Star. »Yeah, großer J, was gibt’s?«, sagte er. Er streckte sich. »Das ist ein großes Zehn-Vierer.« Nach einem kurzen Wortwechsel beendete der Fahrer das Gespräch. Zu Xander und Willow sagte er: »Hattet ihr vielleicht einige Mordfälle in letzter Zeit?« »Wir haben hier immer irgendwelche Mordfälle«, platzte Willow heraus. Dann korrigierte sie sich. »Ja. Ein Junge hat vor kurzem seine Eltern umgebracht und ein paar tote Schüler hat man auch gefunden...« »Wir wollen den armen Mann doch nicht langweilen«, unterbrach Xander sie. 126
»Ihr wollt also zum Staudamm, um euch diesen Leuten anzuschließen?« »Mhm, kann schon sein«, sagte Xander vorsichtig. »Und Sie?« Der Mann biss die Zähne zusammen und schüttelte bedauernd den Kopf. »Ich habe ein Gewehr dahinten drin, davon könnte ich schon Gebrauch machen. Aber ich muss meinen Zeitplan einhalten. Ich transportiere Fleisch, und zwar gefroren. Na ja, und da ist ein Stempel drauf, mit Datum. Sechs Tage noch bis Sonntag.« »Fleisch«, murmelte Willow und wurde blass. »Rindfleisch, um genau zu sein.« Er verzog das Gesicht. »Ich sag euch was. Ich bin schon fast zum Vegetarier geworden, seitdem ich sehe, wie die aufgeladen werden.« Er bekam tatsächlich eine Gänsehaut, während er das erzählte. »Diese ganzen toten Rinderhälften, die sich bewegen und herumfliegen, als würden sie Hula-Hopp tanzen.« Er wischte sich den Mund ab. »Wollt ihr wissen, was sie mit den Köpfen machen?«, fügte er hinzu. »Nein«, sagten Willow und Xander wie aus einem Mund. »Der Staudamm«, stieß Xander hervor und hoffte damit das Thema zu wechseln. Der Trucker gab Xander und Willow noch einen Rat. »Kids wie ihr sollten sich da raushalten. Wenn ich mich an meine Militärzeit erinnere, kann ich nur sagen, da oben wird’s ganz schön heiß hergehen.« »Oh, wir sind daran gewöhnt, dass es heiß hergeht«, versicherte ihm Xander. Dann schluckte er und ergänzte: »Mmh, mit vielen Leuten und so.« Er wurde rot. Ganz sicher hörte sich das in den Ohren dieses Knackis an wie: Wir treffen uns in der Dusche.
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Sie fuhren noch ungefähr eine Minute weiter, bis der Fahrer den Wagen abrupt auf die Seite zog. Willow wurde gegen Xander geschleudert. Er hielt sie fest, damit sie sich nicht verletzte. Aber er konnte nicht verhindern, dass romantische Gefühle in ihr hochkamen. Willow versuchte, ihre Befangenheit zu überspielen. Schließlich war das Xander und nicht Oz. Oz. Heute war die erste Nacht seiner Verwandlung. Sie schlug sich mit der Hand auf die Beine. Sehr wahrscheinlich hielten die gleichen Leute, die Cordelia geschnappt hatten, auch Oz gefangen. Zumindest hoffte sie das. Immerhin konnte sie Giles eine Beschreibung des Engländers geben – oder der Polizei, falls das irgendetwas nützen sollte. Und den schwarzen Van hatte sie auch gesehen, auch wenn das nicht gerade viel brachte. Oz half das im Augenblick jedenfalls gar nichts. Leider. Und die Zeit raste. »Tut mir Leid«, sagte der Fahrer, als der Truck zum Stehen gekommen war. »Ich habe fast die Abzweigung verpasst.« Er beugte sich über das Lenkrad und zeigte durch die Windschutzscheibe auf die Straße. »Hier geht’s rauf zum Staudamm. Ich kann euch da hochbringen.« »Oh, danke«, schnaufte Willow. »Das ist wirklich nett von Ihnen.« Der Mann drehte die Fensterscheibe herunter und spuckte die Kaugummimasse aus. Als er sich wieder umdrehte, hatte sein Gesicht die verzerrten Züge eines Dämons angenommen und leuchtete rot. Hörner ragten aus seinem Kopf. Seine Augen glühten in einem überirdischen Purpur. Als er seine Lippen zu einem Grinsen verzog, sah Willow die längsten Zähne diesseits der Hölle. Er spie Feuer, während er nach ihr griff. »Mach dir nichts draus«, sagte er. Willow kreischte. 128
Xander riss sie zur Seite, gerade rechtzeitig, um zu verhindern, dass der Dämon seine Klauen in ihren Arm stieß. »Ihr seid doch die beiden, die man Willow und Xander nennt«, sagte er, während er mit seiner abartig langen Zunge über seine Zähne fuhr. »Ihr seid Freunde der Jägerin, die am Staudamm gesehen wurde. Julian hat mich beauftragt, euch lebend abzuliefern. Aber er hat nicht gesagt, dass ihr unbeschädigt sein müsst.« »Nein, nein!«, schrie Xander und schlug auf das Monster ein, das versuchte, sich über Willows Arm herzumachen. »Halt!« Plötzlich öffnete sich die Fahrertür und das Ungeheuer wurde durch sein eigenes Gewicht aus dem Auto herausgerissen. Es zog Willow hinter sich her, bis sie schließlich halb aus dem Wagen hing. Im Lichtschein des nächsten Blitzes sah sie die Silhouette einer weiteren Person. Es war Buffy. Xander war gerade dabei, Willow in die Kabine zurückzuziehen, als sie ihn aufhielt. »Xander, schau mal!« Xander sah zwei Gestalten durch den Sturm davonjagen: die Jägerin und ihren Angreifer. »Oh danke, danke, Buffy«, flüsterte Xander. Dann half er Willow sich aufzurichten und sagte: »Ich gehe raus, um ihr zu helfen. Versuch das Ding hier in Gang zu setzen. Wir brauchen es – zum Beispiel, um damit abzuhauen.« »Wie bitte? Aber ich...« Sie starrte auf die Gangschaltung und die Pedale. Sie war viel zu klein, um sie zu bedienen. »Xander, ich werde ihr helfen. Es ist besser, wenn du fährst.« Aber ihr Freund war schon draußen und hörte sie nicht mehr. Sie musste ihr Glück versuchen. Willow gab Gas. Der Truck röhrte, dann war es still. 129
»Gut«, sagte sie, »ich muss es anders versuchen.« In diesem Augenblick öffnete sich die Fahrertür, und sie schrie vor Schreck auf. Da stand ein Schlammungeheuer! Das Monster aus dem Staudamm! Doch es war nur ein Junge. »Ich heiße Mark«, sagte er und an einem anderen Ort zu einer anderen Zeit hätte es wohl sehr komisch gewirkt, wie er so dastand und blinzelte, über und über mit Schlamm bedeckt, aber in diesem Moment... »Buffy sagte, ich soll mich hier verstecken.« »Okay«, antwortete Willow. Sie atmete tief durch und fragte hoffnungsvoll: »Sag mal, verstehst du was von Trucks?« Zu ihrer freudigen Überraschung nickte er. »Ich und Brian... unser Onkel handelt damit. Ich weiß alles über diese großen Dinger.« Er bedeutete ihr, dass sie Platz machen sollte. »Lass mich hinter das Steuer. Wenn du willst, dann fahre ich dich bis nach Mexiko.« Buffy sah, wie Xander um den Truck herumschlich und sich auf sie zu bewegte. Sie wusste, er würde einen Überraschungsangriff versuchen, aber sie wusste auch, dass es klüger wäre, auf Distanz zu bleiben. »Xander, halt!«, schrie sie hinüber. »Ich habe hier alles im Griff.« Leider war sie dadurch einen Moment lang unaufmerksam und das genügte dem Ungeheuer, sie wieder anzugreifen. Sein Feueratem traf sie mit aller Kraft, sodass sie heftig durch die Luft geschleudert wurde und hart auf dem Boden aufschlug. »Komm hierher«, versuchte Xander den Dämon abzulenken.
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Er winkte, sprang auf und ab und drohte mit den Fäusten. Das Ungeheuer drehte sich langsam, Feuer speiend, zu ihm herum. »Komm schon, Rotnase, verschluck mich und spuck mich wieder aus. Ich werd’s dir zeigen.« Buffy schloss verzweifelt, angesichts dieser hilflosen, idiotischen Demonstration von Todesmut, die Augen, aber sie fühlte auch so etwas wie Dankbarkeit in sich aufsteigen. Dann rappelte sie sich wieder auf. Immerhin hatte Xanders kleine Showeinlage gerade ihr Leben gerettet. »Komm schon, Kleiner, zeig mir, wie heiß du bist.« Xander ließ nicht locker. »Komm schon, Baby.« »Genug!«, brüllte der Dämon und würgte Flammen hervor, die er in Xanders Richtung spie. Xander wich geschickt aus und machte sich für den Rückzug bereit. Dann wendete sich Rotnase wieder der Jägerin zu und blies noch mehr Feuer hinter ihr her. Fast berührten die Flammen ihre Haut. Sie kamen so nah an sie heran, dass sie fühlen konnte, wie sich Blasen auf ihrer Haut bildeten. Sie floh und versuchte, ihm nicht den Rücken zuzudrehen. Ohne Zweifel wollte sie ihre schöne Rückseite nicht verletzen. Sie dachte darüber nach, was sie tun konnte. Es war eine ziemlich verfahrene Situation. Es musste ein besonderes Glück gewesen sein oder vielleicht ein Wunder, dass sie und Mark von allen Auffahrten und Highways, die durch dieses verdammte kleine Nest führten, ausgerechnet diese gewählt hatten. Sie hatten geglaubt, gerade einem dieser schwarzen Vans entkommen zu sein, als sie sahen, wie der Truck abrupt stoppte.
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Jetzt war Buffy klar, dass der Dämon sie gar nicht gesehen hatte. Er war sowieso zu sehr damit beschäftigt gewesen, Willows Arm wie einen gerösteten Maiskolben zu behandeln. Der Van musste weggefahren sein. Unbewaffnet wie sie war, drehte sie sich zu dem Flammenwerfer auf zwei Beinen um und hatte nicht die leiseste Ahnung, was sie tun sollte. Xander beobachtete hilflos, wie der Dämon sich Buffy näherte. Es musste doch etwas geben, was er tun konnte. Nach allem, was sie zusammen durchgemacht hatten, war er nicht bereit, die beste Jägerin aller Zeiten an dieses Feuer speiende Ungeheuer, das Massen von Kaugummi verschlang, zu verlieren. Aber bisher, das musste er zugeben, hatte er nicht viel erreicht. »Halte durch, Buffy«, sagte er zu sich selbst. Während ich hier herumlaufe wie ein Affe im Nachthemd auf Stöckelschuhen, dachte er grimmig. Er war nicht gerade der Held der Stunde. Doch plötzlich hatte Xander eine Idee. Hatte der Dämon nicht gesagt, er habe ein Gewehr dabei? Ob das stimmte? Es gab eine Möglichkeit, das herauszufinden. »Ich bin zurüüüück«, rief er Willow zu, während er durch eine kleine Öffnung in den Truck kletterte. Er war erstaunt, dass sie auf dem Beifahrersitz saß. Noch mehr überraschte ihn, einen verschreckten Jungen hinter dem Steuer zu finden. »Er weiß, wie man das Ding fährt«, sagte Willow hastig. Xander nickte dem Jungen zu, ohne zu wissen, wen er vor sich hatte. Es kümmerte ihn auch nicht. Erst recht nicht, wenn er tatsächlich fahren konnte und nicht nur versuchte, Willow zu beeindrucken. Er kroch in den Raum hinter den Sitzen, fand dort nicht viel, bis auf ein paar – oh Gott – Knochen. 132
Dann aber... »Ein Gewehr«, rief Xander triumphierend. Er beeilte sich, wieder herauszukommen und fragte Willow: »Ihr wisst also, wie man das Ding in Bewegung setzt?« Willows Haar wippte in freudiger Erregung. »Ja, wissen wir. Wir können dieses Baby bewegen, wann immer du willst.« »Okay. Ich werde unserem Feuermonster Dampf machen.« Er schaute Willow an. »Ich versuche, ihn zu verwunden, aber was immer auch passiert, ich möchte, dass ihr ihn mit dem Truck überrollt.« Er blickte den Jungen auffordernd an. »Meinst du, du schaffst das?« Der Kleine fragte mit aufgerissenen Augen zurück: »Was geht hier ab? Was ist das für ein Ding?« »Das schafft er«, versprach Willow und legte ihre Hand auf die des Jungen. »Ich bin weg«, erklärte Xander und sprang aus dem Truck. Er rannte so schnell er konnte, um Buffy zu helfen. Die Situation war brenzlig. Der Dämon saß auf ihr, während sie verzweifelt versuchte, seinen Feuerattacken auszuweichen. Xander sorgte dafür, dass er einen festen Stand hatte, dann zielte er und feuerte. Zu seiner Begeisterung traf er den Kopf des Ungeheuers. Das Monster wirbelte herum und attackierte Xander mit seinen Flammen. Xander wich keinen Schritt zurück. Als die Flammen nur wenige Zentimeter neben ihm auftrafen, schoss er erneut. Noch einen Treffer. Das Ungeheuer taumelte zurück. Dann sprang Buffy hoch und landete einen gezielten doppelten Fußtritt auf den Brustkorb des Dämons. Als er nach hinten fiel, wurde er von einer Kugel getroffen. Die Kreatur breitete die Arme aus und drehte sich im Kreis. 133
Buffy ging in die Knie, schlug gegen die Beine des Gegners und hoffte, ihn dadurch zu Fall zu bringen. Aber sie hatte sich verschätzt und dem Dämon gelang es, sich zu ihr hinunterbeugen und sie nach oben zu ziehen. Glücklicherweise konnte sie sich befreien und trat noch einmal kräftig zu. Xander machte Willow ein Zeichen loszufahren, während er auf das Monster zulief. In seinem Hinterkopf tauchten all die Dinge auf, die er an diesem Abend über Buffy gesagt und die er zu diesem Zeitpunkt auch geglaubt hatte. Doch jetzt, in diesem Augenblick, würde er für sie sterben. »Du hässliches, fettes Ding!«, rief er dem Dämon zu. Irgendetwas zog die Aufmerksamkeit des Monsters auf sich. Seine Augen weiteten sich vor Schreck und Xander überlegte, was es sein konnte, das ihn so ausflippen ließ: Der Truck, das Gewehr oder der Junge, der auf ihn losging. Xander rannte los und fragte sich, wie die Schauspieler im Fernsehen stundenlang herumrennen konnten, ohne auch nur einmal stehen zu bleiben, um Luft zu holen. »Du ekelst mich an!«, schrie Xander. Zu seinem Erstaunen beugte der Dämon sich nach vorne, als habe er Angst oder wolle sich entschuldigen. Xander lief weiter. Der Truck hupte so laut, dass ihm fast die Ohren platzten. Er sprang, schaute nach hinten und rollte aus dem Weg. Der Truck fuhr genau auf den Dämon zu. »Nein! Meine Königin!«, schrie dieser. Dann öffnete er sein Maul, um den Truck mit seinem Flammenregen aufzuhalten. Xander musste voller Panik zusehen, wie der Wagen, als er den Dämon überrollte, Feuer fing. Der brennende Wagen schoss in Richtung Highway. Xander rannte so schnell er konnte hinterher und warf dabei das Gewehr weg. Die Fahrertür öffnete sich und jemand fiel heraus. 134
Einer. Nur einer. Dann explodierte der Truck. Die Erschütterung ließ den Boden erzittern, als das riesige Fahrzeug sich aufrichtete und auseinander brach. Große Teile halb geschmolzenen Metalls flogen durch die Luft und stürzten wie Bomben mit ohrenbetäubendem Krachen zu Boden. »Willow!«, schrie Xander. »Buffy!« »Hallo Jägerin«, sagte die Gestalt in Schwarz, die unvermittelt aus der Explosion auftauchte. Sie hatte oben auf dem Truck gestanden, als das Fahrzeug den Dämon überrollte. Nachdem das Ungeheuer den Wagen angezündet hatte, war sie zum hinteren Ende gesprungen, um dann leichtfüßig und voller Anmut auf dem Boden zu landen. Sie trug eine Robe mit einer Kapuze. Es war die Gestalt aus ihren Träumen. »Warte einen Moment, okay?«, sagte Buffy und hob ihre Hand, während sie auf das Feuer zuraste, um nachzuschauen, ob alle aus dem Truck entkommen waren. Der Gestank von brennendem Gummi und der Geruch – oh Gott – von verbranntem Fleisch lag in der Luft. Die Gestalt bewegte sich vorwärts und zog ihre Kapuze zurück. Es war eine Vampirin – nur eine Vampirin. Buffy war enttäuscht. Nach all diesem Theater, all diesen Alpträumen, hätte sie etwas Dramatischeres erwartet. Vampire erledigte sie im Schlaf. Na gut, mit geschlossenen Augen. Mit einer Hand auf dem Rücken. Buffy winkte. »Fünf Sekunden, okay? Bleib, wo du bist. Wir werden kämpfen. Ich muss nur eben etwas nachsehen.« »Oz«, sagte der Vampir. »Er lebt.« Sie öffnete ihre Robe und ließ sie zu Boden fallen.
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Sie war muskulös und voll gestylt, sie trug eine beeindruckende Rüstung, die fast ihren ganzen Körper bedeckte. »Wow. Wo hast du das auf getrieben?«, fragte Buffy voller Bewunderung, obwohl es ihre ganze Konzentration erforderte, nicht zum Truck zu laufen. Einer der Vorteile ihres Trainings mit Giles war es, genau diese Konzentration zu entwickeln. Unglücklicherweise war sie noch nicht perfekt genug ausgebildet. »Nehmen die Kreditkarten?« Die Vampirin bewegte sich unaufhaltsam in ihre Richtung und stellte sich in Kampfposition. Sie sah Respekt einflößend aus. »Mach dich ruhig über mich lustig.« »Tu ich gar nicht«, versicherte Buffy. »Ganz ehrlich. Ich bin beeindruckt. Schau, ich besitze keine Verkleidungen. Noch nicht einmal einen Umhang. Ich sollte mich wirklich mal neu einkleiden.« »Das werden wir für dich erledigen – zu deiner Beerdigung.« Ihre Augen wurden kleiner. »Hast du überhaupt eine Ahnung, wie viele Jägerinnen ich getötet habe?« Buffy zuckte die Schultern. »Hast du eine Ahnung, wie viele Vampire ich getötet habe? Ich nicht. Ich habe aufgehört sie zu zählen. Es müssen Billionen gewesen sein. Mehr als Mac Donalds Hamburger verkauft.« Die Vampirin hob eine Augenbraue. »Findest du es nicht unfein herumzuprahlen?« »Dasselbe könnte man von Leuten behaupten, die anderen in den Hals beißen und ihnen das Blut aussaugen«, gab Buffy zurück. »Aber das scheint euch ja nicht davon abzuhalten.« »Mich hat es jedenfalls nicht davon abgehalten«, sagte die Vampirin und verwandelte sich vor Buffys Augen in ihre wahre Gestalt. »Stattdessen beflügelt es mich. Ich werde mit dir um das Leben deiner Freunde kämpfen.« »Eine glänzende Idee«, erwiderte die Jägerin.
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»Doch das ist nicht die Umgebung, die ich angemessen finde.« »Ganz schön wählerisch«, sagte Buffy. »Ich habe nichts daran auszusetzen.« Dann ging sie in die Offensive und rannte auf die Vampirin zu. Sie tastete nach ihrem Holzpflock. Ups. Den musste sie verloren haben. Das war gar nicht gut. Was für ein blödsinniges Missgeschick. Dumm gelaufen, jetzt konnte sie nichts weiter tun, als sich auf die Vampirin zu stürzen und dem Schlag auszuweichen, der sie sonst mitten im Sprung getroffen hätte. Als die Vampirin nach links wegglitt, traf Buffy sie mit der rechten Ferse an der Hüfte und schlug mit voller Kraft ihre linke Hand in die Rippen der Gegnerin. Grunzend fiel die Vampirin auf den Rücken. Bevor sie aufstehen konnte, war Buffy über ihr und hielt sie in Schach. Gleichzeitig suchten ihre Augen fieberhaft nach etwas, das ihr als Pfahl dienen konnte, aber es gab nichts. Das Gewehr, das Xander benutzt hatte, fiel ihr ein, wo mochte es wohl liegen? Es ist tatsächlich wie in meinem Traum, dachte sie, während sie mit den Fäusten auf ihre Gegnerin einschlug. Das Feuer, das in der Nähe loderte, und die Gestalt unter ihr, die sie mit aller Kraft zu besiegen versuchte. Sie fühlte, wie diese Erkenntnis ihr neue Kraft gab. Ein Vampir war schließlich nur ein Vampir und Buffy hatte wirklich schon viele von ihnen zur Hölle geschickt. Dann hörte sie jemanden rufen: »Buffy!« Verwirrt stellte sie fest, dass es Angels Stimme war. Sie schaute auf. Die Vampirin nutzte ihre Unachtsamkeit und versetzte ihr einen Hieb unter das Kinn. Ihr Kopf fiel nach hinten. Jedem anderen hätte die Vampirin damit vermutlich das Genick gebrochen. 137
Es war Buffys Glück – und Unglück –, dass sie die Jägerin war. Abgesehen von einem rasch aufblitzenden Schmerz und einem leichten Schwindelgefühl, hatte sie sich schnell wieder gefasst und versetzte der Gegnerin einen gezielten Schlag ins Gesicht. »Angel?«, rief sie. Unter ihr schrie die Vampirin: »Töte ihn nicht!« Buffy runzelte die Stirn. Töte ihn nicht? Die Vampirlady hielt Buffys Faust mit beiden Händen fest und schleuderte sie nach rechts, sodass sie frei war und Buffy im Schlamm lag. Die Jägerin stand auf und versuchte, auf der nassen Erde Halt zu finden, während die Vampirin ihr auswich und geradewegs hinüber zum Truck lief. Buffy keuchte. Vor dem brennenden Fahrzeug standen mindestens sechs Vampire, die Angel festhielten, während er sich zu befreien versuchte. In der Zeit, die Buffy brauchte, um auf dem rutschigen Untergrund wieder Fuß zu fassen, hatte er schon einen von ihnen abgeschüttelt und hielt einen anderen im Würgegriff. Dann rannte eine schlanke Gestalt auf ihn zu, gefolgt von der größeren, massigeren Version eines Humanoiden: Willow und Xander. Sie lebten. Xander trug etwas, das so aussah wie ein Pfahl und während Buffy noch so schnell sie konnte auf die Gruppe zulief, hatte er ihn schon in den Rücken eines Angreifers gerammt. Der Vampir explodierte, aber schon riss ein anderer Xander den Stock aus der Hand. Im nächsten Moment wurde er herumgeschleudert und fiel zusammen mit Willow zu Boden. Einer der Vampire sprang hinzu.
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Die Frau, die eben noch mit Buffy gekämpft hatte, rannte zu dem Schauplatz und schrie den Kämpfenden irgendetwas zu. Buffy verstand es nicht, weil ihr die Sprache unbekannt war. Augenblicklich zog der Vampir, der ihre Freunde bedroht hatte, sich zurück. Die Vampirlady bewegte sich mit einem beängstigenden, theatralischen Gang auf Angel zu, gleichzeitig nahm sie einem der umstehenden Vampire den Pflock aus der Hand. Im Schein des Feuers konnte Buffy sehen, dass Angel von drei anderen Vampiren festgehalten wurde. Die Vampirin richtete den Pfahl direkt auf Angels Herz. »Nein!«, schrie Buffy und rannte. Sie musste die beiden rechtzeitig erreichen.
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8 Der Regen prasselte auf das Dach des Appartementhauses, in dem Giles wohnte. Jedes Stück Porzellan, das er besaß, lag zerstört am Boden. Jedes Glas war zerbrochen. Eine halb volle Flasche Whiskey lag offen herum und über allem wehte der Geruch von kaltem Rauch. Gott sei Dank war er wieder zu sich gekommen, bevor er seine Schallplattensammlung erreicht hatte. Giles konnte sich an viele Situationen in seinem Leben erinnern, in denen er die Geduld verloren hatte. Auch an einige, in denen er den Verstand verloren hatte. Aber was hier geschehen war, lag auf einer anderen Ebene. Er hatte niemals eine so hemmungslose Zerstörungswut empfunden und wusste absolut nicht, wie sie über ihn gekommen war. Das Einzige, woran er sich erinnerte, war, dass er von Davids Tod erfahren hatte. Und dass er die Gelegenheit verpasst hatte, sich von einem alten Freund zu verabschieden. Noch nicht einmal zu seiner Beerdigung konnte er fahren. Das hatte ihm den Rest gegeben. Voller Abscheu dachte er über sein Verhalten in den letzten Tagen nach. Was hatte er sich dabei gedacht? Hatte er allen Ernstes zu Buffy gesagt, sie sei ein Trampel? Wovon in aller Welt war er besessen gewesen? »Besessenheit. Ja, das ist es«, murmelte er vor sich hin. Er rieb sich das Kinn. Müde und verlegen wie er war, glitt sein Blick durch die Küche. Sie sah aus wie ein Schlachtfeld und verlangte dringend nach einer energischen Aufräumaktion. Aber anstatt damit anzufangen, ging Giles geradewegs zu seinen Bücherregalen und suchte alle Titel heraus, in denen das Wort »Besessenheit« vorkam. Es gab eine ganze Menge davon in seiner Privatbibliothek, und er war sich sicher, in der Schulbibliothek noch mehr zu finden. 140
Giles stapelte die Bücher auf dem Tisch vor dem Sofa und begann mit der Arbeit. Nach einer Weile wurde ihm klar, dass es einige tausend Theorien darüber gab, wodurch der Zustand der Besessenheit ausgelöst werden konnte. Von bösen Geistern bis zu schlechtem Peyote fand er alles beschrieben. Unterdessen plätscherte der Regen weiter aufs Dach. Giles hatte ungefähr den halben Stapel durchgearbeitet, als er aufgab. Er fand nicht genug brauchbare Hinweise und gab sich selbst die Schuld dafür. Buffy hatte oft genug versucht mit ihm über dieses Thema zu sprechen, aber er hatte sie nicht ernst genommen. Vielleicht konnte ein normaler Zeitgenosse sich damit rausreden, aber nicht er – nicht Giles der Wächter. Für ihn galten andere Regeln. Er musste die Jägerin beschützen. Seufzend nahm er das Telefon, um Buffy anzurufen. Es war Zeit für eine Entschuldigung. Außerdem war es höchste Zeit, sich zusammenzusetzen und nachzudenken, was zu tun war. Er hatte seine Pflichten sträflich vernachlässigt und betete, dass so etwas nie wieder passieren möge. Bereits nach dem ersten Klingeln wurde das Telefon abgehoben. »Ja.« Die Stimme klang hart und verärgert. Es war Buffys Mutter. »Joyce. Äh, Ms. Summers«, ergänzte Giles, nachdem sie auf den Vornamen nicht reagierte, »ich bin es, Giles. Ist Buffy –« »Sie ist nicht hier. Und wenn Sie sie finden, sagen Sie ihr, ich bedanke mich sehr dafür, dass sie mir eine Nachricht hinterlassen hat. Wieder mal. Was glaubt sie, was das hier ist? Eine Tankstelle?« »Es tut mir sehr Leid.« Er richtete sich auf. »Ist alles in Ordnung bei Ihnen?« »Hier? Oh, alles ist ganz wunderbar.«
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Sie stieß jedes einzelne Wort hervor. »Irgendein Idiot ist in die Galerie eingebrochen und hat ein sehr wertvolles römisches Kunstwerk gestohlen. Wofür wir haftbar sind, wie gerade festgestellt wurde. Und natürlich war es unterversichert.« »Ach, das tut mir wirklich außerordentlich Leid. Wenn ich irgendetwas für sie tun kann –« »Nein danke«, unterbrach sie ihn barsch. »Aber wenn Sie meine Tochter treffen, dann sagen Sie ihr, sie soll gefälligst nach Hause kommen. Ich habe genug davon, auf sie zu warten und mir Sorgen zu machen. Sie könnte wenigstens anrufen.« »Ja, natürlich werde ich das tun. Und wenn ich etwas vorschlagen darf –« Joyce legte auf. Giles nahm das nicht persönlich, denn er wusste, dass sie nicht bei Sinnen war. Er hoffte nur, sie würde nicht ihre Küche demolieren. Oder, wenn sie es doch täte, ausreichend versichert sein. Und dass sie hoffentlich bald von diesem grässlichen Zustand befreit würde – in Buffys Interesse. Also, zurück zu den Büchern. Nach etwa einer halben Stunde sah er unvermittelt auf und dachte: Ein altes römisches Kunstwerk? Während sie durch den Matsch rutschte, schrie Buffy aus Leibeskräften: »Nein!« Zu ihrer völligen Überraschung und Erleichterung hielt die Vampirin inne. Statt Angel den Pflock in den Körper zu stoßen, lächelte sie Buffy an. Der Regen lief ihr über das bleiche Gesicht und sammelte sich in einer Lache zu ihren Füßen. »Warum sollte ich aufhören, Jägerin?«, fragte sie. Jetzt bemerkte Buffy den fremdartigen ausländischen Akzent, mit dem sie sprach. Sie kannte ihn nicht, wusste aber, dass es nicht transsilvanisch war – oder das, was im Kino dafür
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durchgehen mochte. Auf keinen Fall war es kalifornisch oder britisch. »Er ist ein Vampir.« »Das ist mein Territorium«, stieß Buffy hervor. »Das wäre nicht gut für meinen Ruf!« Die Vampirin lächelte. »Hier hast du deinen Besitz zurück. Deinen Liebhaber.« Sie zeigte mit einer Kopfbewegung auf Angel, hielt den Pfahl jedoch weiterhin an seine Brust gepresst. »Ist es nicht so, Angelus? Du hast dich von uns abgewandt für eine von ihnen?« »Jetzt gehst du mir wirklich auf die Nerven«, sagte Buffy und rieb sich die nassen Haare aus dem Gesicht. »Du hörst dich an wie Darla.« »Seine Herrin«, ergänzte die Vampirin. Buffy war zunächst erstaunt, dass sie Darla kannte. Aber es war gut möglich, denn Angel war unter Vampiren eine Berühmtheit. »Sag Angel, wie geht es ihr?« »Sie ist tot«, erwiderte Angel. »Ich habe sie umgebracht.« Die schöne Vampirlady war schockiert. Sie brauchte ein paar Sekunden, um sich wieder zu fassen. Das genügte Buffy, um erneut anzugreifen. Die Vampire, die Angel fest hielten, wollten der Vampirin zu Hilfe eilen. Das war Angels Chance. Er befreite sich und war mit einem Sprung an Buffys Seite. Mit einem gezielten Hieb nach rechts schlug er einen seiner Widersacher zu Boden, während er gleichzeitig einem anderen Vampir den Pfahl aus der Hand riss und dafür sorgte, dass dieser sich kurz darauf in Staub verwandelte. Die Vampire wirbelten so schnell durch die Luft, dass Buffy kaum etwas erkennen konnte.
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Sie konzentrierte sich auf die Vampirin, die sie mit ein paar gezielten Schlägen und Fußtritten außer Gefecht setzen wollte. Die meisten davon schienen allerdings wenig Schaden anzurichten. Dasselbe galt auch umgekehrt. Der Kampf blieb unentschieden. »Wir sind gleich stark«, verkündete die Vampirlady keuchend. Ihre Augen schimmerten golden in der feuchten Nacht. »Das ist aufregend.« »Ja, aufregend«, knurrte Buffy, als die Vampirin gerade wieder einen Schlag landete. »Ich bin hin und weg.« Zu ihrer Linken hörte sie das charakteristische Geräusch eines Vampirtodes, dicht gefolgt von Xanders und Willows Siegesschrei. Buffy lächelte tapfer, sie konnte auf ihre durchnässten, aber gut trainierten Helfer stolz sein. Aber ein Blick in die Runde sagte ihr, dass sie noch immer zahlenmäßig unterlegen waren – und das war nicht gut. Also lenkte sie ihre volle Aufmerksamkeit noch ein Mal auf ihre Gegnerin. Die Jägerin hoffte, dass sie mit den Drohnen ein leichteres Spiel haben würde, wenn erst die Bienenkönigin geschlagen war. Es blitzte und donnerte heftig. Von irgendwoher hörte sie das Geräusch eines Motors, gefolgt von dem Quietschen der Bremsen, das plötzlich direkt hinter ihr war. Buffy hielt die Vampirin fest im Griff und rollte mit ihr nach links, als das Vorderteil des schwarzen Vans, vor dem sie und Mark vor kurzem noch geflüchtet waren, ihren Kopf nur um Haaresbreite verpasste. Dann trat ihr jemand heftig in den Rücken. »Hey«, knurrte sie, löste sich mit einer Hand von der Vampirin und griff gleichzeitig nach dem Fuß des zweiten Angreifers.
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»Danke, Buffy«, hörte sie Angel sagen, und als sie sich umdrehte, sah sie, wie der Vampir, dessen Fuß sie sich geschnappt hatte, unter Angels Pfahl explodierte. »Ein anderes Mal, Jägerin«, erklärte die dunkle Vampirin, während sie sich aus Buffys Griff befreite. Sie sprang auf die Füße und lief hinüber zum Van. Die Windschutzscheibe des Wagens war getönt, sodass Buffy den Fahrer nicht erkennen konnte. Die Beifahrertür stand bereits offen und die Vampirin sprang schnell hinein. Quietschend fuhr das Fahrzeug, unter dem Protest der zurückbleibenden Vampire, davon. In weniger als einer Minute waren zwei erledigt. Der Dritte war ein bläuliches, gummiartiges Ding, bedeckt mit einer übel riechenden Schicht, die sich wie Fett anfühlte. Es war schwierig, ihn zu halten, aber Buffy gelang es, seine Arme zu packen und auf den Rücken zu drehen, während Angel ihn mit einem glühenden Chromteil, das er unter dem brennenden Truck hervorgezogen hatte, bedrohte. Xander und Willow schauten betroffen, denn die Szene erinnerte sie daran, was Angel mit denjenigen machte, denen er Informationen zu entreißen hoffte – wie damals Giles. »Warum ist sie hier?«, fragte er den Dämon. »Was will sie?« »Sie wird mich umbringen, wenn ich es dir sage«, murmelte die Kreatur. »Oh, das ist so billig«, sagte Xander. »Als Nächstes wirst du behaupten, ihr seid vom CIA.« »Angel, ich glaube, die Frage des Tages ist eher, wer sie ist«, schlug Buffy vor und erneuerte ihren Griff, da der Dämon sich zu befreien versuchte. Angel starrte Buffy an. »Ich weiß, wer sie ist.« »Oh.« Wie wär’s, wenn du damit rausrückst, wollte Buffy gerade fragen, aber sie entschied sich, damit zu warten, bis die
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Angelegenheit mit diesem Fettkloß erledigt war. Schließlich musste der Feind nicht mehr wissen als nötig. »Okay. Lass uns anfangen. Warum seid ihr Typen in einer Nacht wie dieser hier unterwegs?« Buffy schüttelte das Monster heftig. Willow schluckte und griff nach Xanders Arm. Der Dämon grunzte. Seine mandelförmigen Augen starrten auf das glänzende Metall. Dann stammelte er zögernd: »Sie hat uns gesagt, sie sei hinter dir her, Jägerin.« Buffy seufzte. Und Cordelia behauptet, ich sei nicht beliebt. »Weißt du, wo unsere Freunde sind?«, meldete sich Willow. »Dunkelhaariges Mädchen, ziemlich süßer Junge.« Sie schaute hinauf zum Mond. »Ups. Kein Junge.« »Und das Mädchen ist ziemlich attraktiv«, fügte Xander treuherzig hinzu. »Wahrscheinlich auch ziemlich widerspenstig.« Der Dämon zuckte die Schultern. »Ich nicht wissen.« »Du nicht wissen? Kannst du unsere Sprache nicht verstehen?« Buffy drehte sich zu Angel. »Töte ihn.« »Nein!«, kreischte der Dämon, als Angel mit dem glühenden Chromteil wedelte. »Schau mal, Crisco, wir haben ein paar Fragen. Und wir brauchen Antworten. Du hast heute Nacht einen unschuldigen Jungen getötet.« Buffy trauerte für einen Moment um Mark Dellasandro, obwohl sie keineswegs bedauerte, dass Willow diejenige war, die lebend aus dem Truck entkommen konnte. »Ich bin sicher, es ist nicht der erste unschuldige Junge, den er getötet hat«, sagte Angel, während er seine Vampirgestalt annahm. Er presste das Metall auf den Arm des Dämons. Sein Schrei klang grauenvoll. Sein ganzer Körper begann zu dampfen und zu zittern. Dann löste sich der Arm auf und schmolz dahin. Ein 146
Stück davon fiel mit einem zischenden Geräusch in den Schlamm. »Urgh«, ließ Buffy vernehmen und schnitt eine Grimasse. »Möchte vielleicht einer von euch diesen Typen zur Abwechslung mal festhalten?« Sie lächelte Xander an. »Du fühlst dich sicher ausgeschlossen?« »Ne, kein Bedarf.« Willow, die neben ihm stand, schüttelte nur schwach den Kopf. »Sag’s uns jetzt – los«, befahl Buffy. »Ich fürchte, wenn Angel das nächste Mal dieses Chromteil gebraucht, wird jemand dich in einer Kiste wegbringen müssen.« »Ich kann nichts sagen. Er wird mich sonst töten.« Xander hob die Hand. »Moment mal Freund. Soweit ich das beurteilen kann, wird Angel das übernehmen.« »Nein.« Der Dämon zog seinen Kopf zurück. »Mein Körper nicht wichtig. Julian wird meine Seele töten und sie an Meter verfüttern.« »Du hast eine Seele?« Buffy zog die Stirn kraus und schaute Angel fragend an, der ebenso verwirrt zurückblickte und mit den Schultern zuckte. »Ich hab keine Ahnung, wie das funktioniert, und wer hier eine Seele hat und wer nicht.« Der Dämon öffnete sein Maul, dessen unterer Teil bereits fehlte. »Sie haben große Macht, sie und ihr König.« Angel sagte: »Ich dachte, Helen sei Julian entkommen.« Buffy warf ihm einen Blick zu. Helen? Julian? Entkommen? Jetzt war der Dämon völlig verwirrt. »Aber sie betet ihn doch an.« »Ich kenne eine andere Version«, beharrte Angel.
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Buffy fühlte einen Anflug des Gefühls, das bei einem normalen Mädchen ihres Alters wohl als Eifersucht bezeichnet würde. Normale Mädchen mit normalen Freunden – natürlich. Sie jedoch entschied sich dafür, es »außergewöhnliche Neugierde« zu nennen. »Dann hat jemand dir Märchen erzählt, Vampir.« Der Rest vom Maul des Dämons glitt aus seinem Gesicht. Ein Auge folgte, dann das zweite. »Ziemlich am Ende«, murmelte Xander bedauernd. Willow stieß einen Laut des Ekels aus und wandte sich ab. Xander hielt sie an den Schultern fest und redete beruhigend auf sie ein. »Ist schon gut, Will.« Buffy ließ das, was vom Dämon noch übrig war, los und sah zu, wie es sich allmählich im Schlamm auflöste. Dann sagte sie zu Angel: »Wenn du jetzt rülpst, rülpse ich auch.« Dann runzelte sie die Stirn. »Kannst du überhaupt rülpsen?« »Es gibt ein paar Dinge, die ein Mann lieber für sich behalten möchte«, gab Angel lächelnd zurück. »Ja, wie zum Beispiel seine Vorliebe für Pornofilme«, sagte Xander, während er sich ihnen wieder zuwendete. Als Buffy und Angel ihn gleichermaßen ungläubig anstarrten, zuckte er die Schultern. »Nicht, dass ich mich groß dafür interessieren würde. Wer hat das nötig, wenn die Ex-Freundin eine heiße Nummer ist?« Willow schaute ihn missmutig an. »Das wäre nur lustig, wenn sie hier wäre, Xander. So hört es sich einfach nur... gemein an.« Er hob die Brauen. »Gemein? Ich? Wann wäre ich je... ach, du meine Güte«, unterbrach er sich selbst, sein Blick glitt von Buffy hinüber zu dem zerstörten Truck. »Buffy.«
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Er zeigte auf etwas. Im Schein des Feuers stolperte eine zierliche Gestalt auf sie zu. Das konnte nur Mark Dellasandro sein. Buffy lief ihm sofort entgegen und die anderen folgten ihr. Als er sie sah, streckte er die Arme nach ihnen aus, dann fielen sie kraftlos herunter und er sank völlig erschöpft auf die Knie. Er schluchzte unaufhörlich. Buffy umarmte ihn. Es schnürte ihr die Kehle zu, wie er sich wimmernd an sie klammerte. Ihr war dieser Schmerz nicht unbekannt und sie wusste, sie würde ihn noch öfter erleben. Aber diesem Jungen schnitten Schmerz und Trauer tief ins Herz. Er hatte so viel durchgemacht. Und es war noch lange nicht zu Ende. Nach ein paar Minuten löste sich Buffy vorsichtig von ihm und versuchte, ihn anzusprechen. »Es ist alles gut, du bist in Sicherheit«, beschwor sie ihn. Dann musste sie allerdings hinzufügen: »Jedenfalls im Augenblick.« »Sie werden mich umbringen«, flüsterte Mark. »Alle sind völlig durchgedreht, genau wie mein... mein... Bru...« Er schloss die Augen. Sein Gesicht war tränenüberströmt. »Er hat Recht, Buffy«, sagte Xander. »Alle benehmen sich, als seien sie durchgedreht.« Er räusperte sich. »Willow und ich haben es geschafft, uns auszuklinken. Aber vielleicht werden wir auch wieder verrückt.« Er zuckte die Schultern als Zeichen seiner Hilflosigkeit und streckte Angel die Hand entgegen. »Hey, du weißt, ich bin nicht gerade dein größter Fan, aber was ich heute Abend gesagt habe...« »Schon vergessen«, erwiderte Angel schnell. Die beiden wechselten einen Blick, und Buffy wusste, er hatte nichts vergessen.
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Willow war die ganze Zeit still, was Buffy beunruhigte. Sie richtete sich auf. »Okay, bleiben wir bei Vampy. Wer ist die Tussi? Was geht hier ab? Wer ist Helen?« »Das ist eine lange Geschichte. Und eine, die ich nicht gerne zwei Mal erzähle. Ich glaube, Giles sollte sie auf jeden Fall auch hören.« Er zeigte auf den Jungen. »Außerdem könnten wir Giles vielleicht bitten, ihn zu verstecken?« »Ich glaube nicht, dass das eine gute Idee ist«, gab Buffy zu. »Giles gehört auch zu denen, die übergeschnappt sind.« »Besessen«, übersetzte Willow. »Molto besessen«, sagte Buffy. »Er hat zu mir gesagt, ich sei ein...« Sie spitzte die Lippen. Warum sollte sie es ihnen erzählen. »Nun, es gibt Dinge, die auch ein Mädchen gerne für sich behalten möchte.« Sie schaute seufzend an sich herunter. »Lasst uns die Daumen raushalten. Ich bin sicher, jemand ist ganz scharf darauf, fünf Leute mitzunehmen, die von oben bis unten mit Schlamm bedeckt sind.« Als Giles die Tür öffnete, lächelte er Buffy an und sagte hastig: »Dem Himmel sei Dank, dir ist nichts passiert. Bitte ruf sofort deine Mutter an.« »Schon verstanden.« Sie lief hinüber zum Telefon. Ihre Nummer war einprogrammiert. Sie drückte die Eins und wartete, dass ihre Mutter den Hörer abnahm. »Mom?«, sagte sie heiter. »Hallo, es tut mir Leid –« Dann weiteten sich ihre Augen. Ihr Gesicht wurde grau, sie blickte hinüber zu Xander und rollte mit den Augen. Buffy tat Xander Leid. Es war hart genug, ein Helfer der Jägerin zu sein, aber nicht zu vergleichen mit der Situation
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einer Jägerin – zumindest, was die Schwierigkeiten mit den Eltern betraf. Xander hatte wie die anderen gehofft, dass Mrs. Summers mehr Verständnis haben würde, nachdem sie von Buffys besonderem Auftrag erfahren hatte. Dass sie aufhören würde, Buffy wie einen normalen Teenager zu behandeln. Aber leider tat sie es nicht. Dabei war Buffys Leben schon schwierig genug und sie brauchte jede Unterstützung, die sie bekommen konnte. Xander versuchte, nicht ungerecht zu sein, aber er war traurig darüber, dass Buffys Mutter in dieser Situation offenbar nur noch mehr Schwierigkeiten bereitete. »Das ist Mark Dellasandro«, sagte Willow zu Giles. »Hallo Mark.« Giles Züge blieben unbewegt, aber Xander kannte ihn lange genug, um seine Körpersprache lesen zu können. Es war richtig gewesen, den Jungen hierher zu bringen. »Möchtest du vielleicht etwas Tee?« »Ja, bitte«, sagte Mark kleinlaut. Er zitterte. Alle waren von den Ereignissen der letzten Stunden gezeichnet, aber für ihn war es am schlimmsten gewesen. Er hatte viele Stunden draußen in der Kälte ausgeharrt. »Und eine Dusche«, rief Willow Giles zu. »Und vielleicht auch was zu essen. Ich helfe Ihnen.« »Oh, das geht schon in Ordnung«, sagte Giles. Aber Willow ging es nicht allein darum, ihm zu helfen. Sie beobachtete Giles, der mitten in seiner demolierten Küche stand. »Ich bin jetzt wieder in Ordnung, Willow«, beruhigte er sie und stieg über den Scherbenhaufen. Dann öffnete er den Schrank neben dem Herd und holte eine dunkelblaue Tasse heraus, auf der ein ägyptischer Ankh abgebildet war. Sie schloss die Augen und murmelte ihren Schutzzauber, den sie jeden Morgen aufsagte. 151
»Beim Licht im Herzen der Erde, verbanne ich alles Böse aus meiner Ruhestätte; Ich verbanne es aus meinem Haus und Heim; Ich halte es fern von meinem Körper und meiner Seele. Ich verbiete euch, ihr Geister des Bösen, in meinen Geist und meine Gedanken einzudringen; Euch auch nicht meiner Kraft oder meiner Ängste zu bemächtigen; Bis ihr nicht jeden einzelnen Hügel erklommen, jedes einzelne Tal bewandert habt; Jeden Strom und Fluss bewältigt; Jedes einzelne Sandkorn an jedem Strand gezählt habt; Und jeden Stern am Himmel. Ich banne euch.« Dann schaute sie Giles an und fragte: »Haben Sie vielleicht noch ein paar Teetassen, die nicht zerbrochen sind? Und vielleicht auch frischen Tee?« Er nickte bejahend. »Würdest du bitte den Wasserkocher anstellen?«, bat er sie. Dann ging er ins Wohnzimmer zurück. »Xander, würdest du Mark bitte zeigen, wo er die Dusche findet?« »Danke«, sagte Xander. »Wir finden uns schon zurecht. Aber ich denke, wir duschen besser nacheinander.« Er gab Mark einen Klaps auf die Schulter. »Komm mit.« Die beiden verschwanden nach oben. Während Giles den Tee vorbereitete, drehte Willow den Wasserhahn auf. »Nimm lieber das Wasser aus der Flasche«, forderte Giles sie auf, dann griff er sich an die Stirn. »Oh, ich habe vergessen, welches aus dem Supermarkt mitzubringen. Ich habe die ganze
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Woche dieses Leitungswasser getrunken. Es schmeckt fürchterlich.« »Ist es in England besser?«, fragte Willow. »Nicht wirklich.« Er lächelte sie an. Als die Jungs auf der Treppe nach oben verschwunden waren, senkte Giles seine Stimme und fragte Willow: »Wie viel weiß Mark?« »Nicht viel. Er weiß noch nicht einmal, dass Buffy die Jägerin ist.« Sie schluckte. »Er hat auch nicht gesehen, wie der Dämon sich im Schlamm auflöste. Aber er hat miterlebt, wie der Trucker sich in ein Feuer speiendes Monster verwandelte.« »Um Gottes willen. Ihr hattet mit Dämonen zu tun?« »Und mit dieser aufgeblasenen Vampirlady. Ihr Name ist Helen. Sie kennt Angel.« Giles starrte sie an. Sein Gesichtsausdruck ließ ihr die Haare zu Berge stehen. Giles war völlig außer sich. »Helen?«, sagte er mit tonloser Stimme und wirkte, als habe er sich eben in einen Geist verwandelt. Hinter ihm sagte Angel: »Die Betrogene.« Sie drehten sich um. Angel stand in der Tür, sein T-Shirt war voller Schlamm. Auf seinem Brustkorb glänzte ein Blutfleck, direkt über seinem Herzen. Dort, wo die Vampirin den Pfahl angesetzt hatte. Ein bisschen weiter nach unten und er hätte sich in Staub verwandelt. »Helen. Oh mein Gott.« Giles fuhr sich nervös mit beiden Händen durchs Haar. »Wir dachten, sie sei tot.« Angel bemerkte tonlos: »Das dachte ich auch.« Eine beängstigende Stille folgte. Willow brach schließlich das Schweigen mit einer Frage, die sie brennend interessierte: »Wer ist die Betrogene?« »Meine Mutter ist immer noch im Zustand der Besessenheit«, rief Buffy vom Wohnzimmer herüber. Sie 153
stellte das Telefon zurück ins Ladegerät. »Oder sie ist in den Wechseljahren. Wisst ihr, manchmal wäre es einfach nett, wenn die ersten Worte aus ihrem Mund nicht ›Warum hast du nicht angerufen?‹ lauten würden. Sie weiß doch, wie meine Nächte ablaufen. Vielleicht sollte ich ihr ein polizeiliches Suchgerät kaufen. Oder sollte ich vielleicht eine Kamera mit mir herumtragen?« Giles blickte von Willow und Angel zu Buffy hinüber. Er sah betroffen aus. Gedankenverloren bat er Willow, den Tee zu bereiten und ging hinüber ins Wohnzimmer. Er erinnerte sich an die Nacht, in der Jenny gestorben war. Er war in dieses Zimmer gekommen – natürlich durch die Vordertür –, hatte den Wein gefunden, von dem er angenommen hatte, sie habe ihn mitgebracht. Dann hatte er die weißen Kerzen gesehen, eine auf jeder Stufe der Treppe, die zu seinem Schlafzimmer führte. Auf dem Weg nach oben hatte er seine Krawatte gelöst. Sein Herz war erfüllt gewesen von den süßen Opernklängen, die sie, wie er glaubte, ausgesucht hatte für diesen Augenblick. Das war die Nacht, in der ihre Wünsche und Sehnsüchte sich erfüllen sollten. Die Nacht, in der das Begehren auf dem Höhepunkt angelangt war. Glückseligkeit. Crescendo. Stattdessen lag eine tote Frau auf seinem Bett mit einem Ausdruck in den Augen, der sagte: Warum hast du ihn nicht aufgehalten? Warum hast du mich nicht gerettet? »Oh du lieber Gott, Buffy«, brachte er mühsam hervor, während er sich setzte. Er faltete seine Hände zwischen den Knien und beugte den Kopf. Nein, er wollte nicht vom Tod sprechen. Er hatte genug davon. »Giles, was ist los? Was soll das alles bedeuten?« Sie ist noch so jung. Sie hat das ganze Leben noch vor sich. Warum hört das Universum nicht auf, ständig neue Ungeheuer zu gebären? 154
»Buffy, ich weiß nicht, wie ich dir das erklären soll«, sagte er aufrichtig. »Es geht um die Vampirin, der du begegnet bist. Helen.« »Ja, ziemlich runtergekommen, die Kleine«, sagte Buffy. »Nicht gerade meine Fall.« »Buffy, bitte setz dich.« Er deutete auf die Couch. »Giles, ich bin voller Schlamm«, protestierte sie. »Ich bleibe lieber stehen.« »Bitte, Buffy«, drängte Giles. »Hör mir gut zu. Helen gehört zu den übelsten und vor allem gefährlichsten Kreaturen, die je diesen Planeten betreten haben. Vor Jahrhunderten hat das Konzil der Wächter alle Hinweise auf sie aus dem Handbuch der Jäger entfernt. Es war ein sträflicher Versuch, ihren Namen auszulöschen. Und jeder, der einem Jäger von ihr erzählte, wurde auf der Stelle ausgeschlossen und für den Rest seines Lebens verbannt.« »Wow, seid ihr Wächter oder die Spanische Inquisition?«, wollte Buffy wissen. »Sie glaubten, dass jeder Jäger, der von ihrer Existenz erführe, automatisch Angst bekäme und aufgäbe. Du musst verstehen, Helen hat es zu ihrer besonderen Aufgabe gemacht, Jäger zu töten.« Er räusperte sich. »Einen nach dem anderen.« »Wirklich, Giles, was man Ihnen auch erzählt hat, es stimmt nicht. Ich bin mit ihr fertig geworden.« Buffy sah unzufrieden drein. »Stimmt’s, Angel?« »Buffy, hör ihm zu«, sagte Angel, während er langsam das Wohnzimmer betrat. »Als ich sie kennen lernte, damals in England, gab es eine Jägerin mit Namen Grace. Helen hatte kein Erbarmen. Sie jagte das Mädchen wie ein Bluthund einen Fuchs und riss sie in Stücke.« Sein Gesicht war unbewegt,
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seine Augen dunkel überschattet. »Es war wirklich so. Und sie hat jeden Augenblick genossen. Sie ergötzte sich daran.« Er zögerte. »Da waren auch noch andere.« »Und du warst dabei?«, fragte Buffy sanft. »Ja, das war ich.« »Gut.« Sie versuchte sich zu fassen und Giles ließ sie gewähren. Er dankte Angel für seine Unterstützung. Buffy musste davon überzeugt werden, dass Helen eine schreckliche Bedrohung darstellte. Dennoch dachte er kurz darüber nach, dass damals, als die junge Jägerin ihr Leben lassen musste, der Dämon Angelus vermutlich sehr zufrieden war. »Dann hörte man lange Zeit nichts mehr von ihr«, fuhr Giles fort. »Sie schien damit aufgehört zu haben, Jäger... herauszufordern. Also war das Konzil überzeugt davon, sie sei tot.« »Na und«, mischte Buffy sich ein, sie hatte sich schon wieder im Griff. »Tut mir Leid um die große, böse Helen, aber ihr braucht euch keine Gedanken mehr um sie zu machen. Sie hat mit den Jahren nachgelassen.« Angel hob die Hände. »Du hast sie nicht geschlagen, Buffy. Sie hat das Feld geräumt.« »Sie ist abgehauen, ja, aber...« Buffy blitzte den Vampir an. »Sie hat sich aus der Affäre gezogen, warum ein Geheimnis daraus machen? Wie auch immer, sie ist fällig.« Der Wasserkessel pfiff, und Giles zuckte zusammen. »Tut mir Leid«, rief Willow aus der Küche und begann Lärm zu machen. »Wir müssen herausfinden, was dahinter steckt«, sagte Giles zu Angel, der zustimmend nickte. »Buffys Mutter hat etwas von einem antiken römischen Kunstobjekt erzählt. Vielleicht hat Helen einen Weg gefunden, Leute zu verfluchen oder ihre Aggressivität anzustacheln.«
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»Ethan Rayne betet zu Janus«, erinnerte Angel. »Dem Gott mit den zwei Gesichtern.« »Ja«, erwiderte Giles. »Ich versuche das zu überprüfen.« Er schlug sich mit den Händen auf die Knie. »Wir haben keine Zeit zu verlieren.« »Wartet mal einen Augenblick«, protestierte Buffy. »Ich kann euch nicht folgen. Nichts von dem, was ihr gesagt habt, hat mich besonders beeindruckt. Ich meine, warum diese Panik, nur weil eine Vampirin auftaucht, die Büstenhalter aus rostfreiem Stahl trägt? Wie wäre es mit ein bisschen mehr Hintergrundinformation?« Giles betrachtete sie aufmerksam. Er sah Buffy Summers, seine Jägerin. Eine junge Frau, mit der er befreundet war. Er wehrte sich innerlich, ihr zu sagen, was sie wissen musste. Und wieso? Er fand es doch albern, wenn das Konzil der Wächter ihn dafür rügte, dass er sein Schicksal zu sehr mit dem ihren verknüpfte. Die Widerstände gegen die Art, wie er sich um Buffy sorgte, waren völlig abwegig. Die Jägerin hatte die Aufgabe, gegen das Böse zu kämpfen und ihr Leben zu riskieren. Wie sollte er sich nicht um sie sorgen? »Giles«, unterbrach Buffy seine Gedanken. »Buffy an Erde, Wächter Giles, bitte kommen! Können wir weitermachen?« Er atmete tief durch. »Es ist ganz einfach, Buffy. Helen ist mindestens 1970 Jahre alt. Von 41 bis 1901 hat sie jeden Jäger, dem sie begegnete, getötet.« »Dutzende, Buffy«, schloss Giles den kleinen Vortrag. »Hunderte«, korrigierte Angel. Buffys Lächeln verschwand. Sie versuchte in den Gesichtern der beiden zu lesen. Dann fuhr sie sich mit der Zunge über die Lippen, schluckte und richtete sich schließlich auf. »Vielleicht habt ihr Recht«, sagte sie. »Aber jetzt wird sie mich kennen lernen.« Bravo, dachte Giles bewegt und brachte immerhin ein schiefes Lächeln zu Stande. 157