Michael Lawson
Der Luchs
s&p 01/2008
Eine tödliche Kugel wird abgefeuert, verfehlt um Haaresbreite den Präsidenten de...
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Michael Lawson
Der Luchs
s&p 01/2008
Eine tödliche Kugel wird abgefeuert, verfehlt um Haaresbreite den Präsidenten der Vereinigten Staaten – und trifft stattdessen seinen ältesten Freund! Nur ein einziger Mann kann diesen Fall aufklären, bevor der kaltblütige Schütze erneut zuschlägt: der außergewöhnliche Ermittler Joe DeMarco – berühmt-berüchtigt als »der Luchs« … ISBN: 978-3-7645-0212-6 Original: The Inside Ring (2005) Ins Deutsche übertragen von Bernhard Kempen Verlag: blanvalet Erscheinungsjahr: 1. Auflage 2006 Umschlaggestaltung: Design Team München
Dieses E-Book ist nicht zum Verkauf bestimmt!!!
Buch Drei Schüsse fallen. Der Präsident der USA ist verwundet. Sein bester Freund und ein Leibwächter sind tot. Und ganz Washington befindet sich in hellem Aufruhr! Wie konnte all das nur passieren, da der Präsident und seine Begleiter doch von einem Ring von Männern umgeben sind, die geschworen haben, ihr Leben im Ernstfall für das seine zu opfern? Für General Banks, den Leiter des Ministeriums für Heimatschutz, ist der Vorfall mehr als nur peinlich: Kurz vor dem Anschlag erhielt er nämlich eine anonyme Warnung, dass einer der Secret-Service-Agenten, die den mächtigsten Mann der Welt beschützen sollen, selbst ein gefährlicher Attentäter ist. Banks leitete das Schreiben zwar pflichtschuldig an Donnelly, den Chef des Secret Service, weiter – ist der Angelegenheit dann aber nicht mehr nachgegangen. Donnelly ganz offensichtlich auch nicht … Nun will Banks möglichst unauffällig Donnellys Rolle in dem dunklen Spiel aufdecken. Und dazu benötigt er einen Mann, der es gewohnt ist, heikle Probleme schnell und unterhalb des offiziellen Radars zu lösen: Joe DeMarco – ein ziemlich ungewöhnlicher Anwalt mit pikanter Familiengeschichte, der es versteht, die Dinge hinter den Dingen zu sehen. Freunden und Feinden besser bekannt als »der Luchs« …
Autor Michael Lawson war während seiner Dienstzeit für die US Army lange Jahre in Washington stationiert, wo er die bürokratischen Winkelzüge einer großen Regierung kennen lernte und eng mit Mitgliedern des Kongresses zusammenarbeitete. Lawson lebt heute an der amerikanischen Westküste und arbeitet derzeit an seinem zweiten Joe-DeMarco-Roman
Für meinen Vater Bernard Norman Lawson 1924-2004
Prolog Das Video beginnt damit, dass der Präsident auf einen Hubschrauber des Marine Corps zugeht. Hinter dem Hubschrauber sind die Stromschnellen des Chattooga zu erkennen, und noch weiter hinten befindet sich ein dichter Kiefernwald auf einer hohen Böschung über dem Fluss. Der Präsident trägt eine khakifarbene Hose, ein blaues T-Shirt und Wanderstiefel. Über das T-Shirt hat er sich eine leichte Anglerweste mit vielen Taschen gezogen. Er wirkt entspannt und bewegt sich ohne Eile. Er lächelt und winkt einmal in Richtung Kamera, dann beachtet er sie nicht mehr. Im dritten Jahr seiner ersten Amtszeit hat er sich an die Außenwirkung der Macht gewöhnt und lässt sich nicht mehr durch die allgegenwärtigen Medien irritieren. Vor dem Präsidenten stehen zwei Agenten des Secret Service und hinter ihm weitere zwei. Sie tragen identische dunkelblaue Windjacken und Sonnenbrillen. Ein Windstoß legt die Pistole frei, die in einem Holster unter der Jacke eines Agenten steckt. Rechts neben dem Präsidenten geht der Schriftsteller Philip Montgomery. Auch er ist für den Aufenthalt im Freien gekleidet, auch wenn seine Sachen etwas abgetragener als die des Präsidenten wirken. Montgomery unterhält sich mit dem Präsidenten, während sie gehen, dann blickt er zur Kamera und hält die Hände auseinander, als würde er einen stattlichen Fisch abmessen. Der Präsident schüttelt den Kopf und murmelt etwas, wobei er kaum die Lippen bewegt. Montgomery wirft den Kopf zurück und lacht. Als sich die Männer dem Hubschrauber nähern, treten sie in den Schatten, den die bewaldete Anhöhe auf der anderen Seite des Flusses wirft. Ein Agent, der rechts vor dem Präsidenten steht, nimmt die Sonnenbrille ab. Er klappt sie schnell zusammen und versucht sie einzustecken, aber er verfehlt die Tasche 5
der Windjacke, sodass die Sonnenbrille zu Boden fällt. Der Agent bückt sich hastig, um sie wieder aufzuheben, und Philip Montgomery, der sich immer noch mit dem Präsidenten unterhält und nach links schaut, rempelt den Agenten versehentlich an. Der Agent verliert das Gleichgewicht und droht zu stürzen, doch auch Montgomery kommt ins Straucheln und stößt gegen den Präsidenten. In ihrer Tollpatschigkeit hätte diese Kettenreaktion eine amüsante Szene ergeben können, über die die Sprecher der Abendnachrichten geschmunzelt hätten, wäre nicht in diesem Moment Philip Montgomerys Hinterkopf explodiert. Eine Sekunde später schießt dunkelrotes Blut aus der rechten Schulter des Präsidenten. Beim zweiten Schuss reagieren die Leibwächter des Präsidenten. Ein Agent reißt den Präsidenten zu Boden und wirft sich auf ihn, um ihm mit seinem Körper Deckung zu geben. Die anderen drei stellen sich um ihn herum im Dreieck auf. Der Agent, dem die Sonnenbrille heruntergefallen war, steht genau vor dem Kopf des Präsidenten, der zwischen seinen gespreizten Beinen zu erkennen ist. Die Augen des Präsidenten sind vor Angst und Schmerz weit aufgerissen. Dann verwackelt das Bild. Ein Ausschnitt des blauen Himmels, das verwischte Grün eines Waldstücks, die schwirrenden Rotorblätter des Hubschraubers. Als das Bild wieder klar wird, haben die Agenten Waffen in den Händen und suchen hektisch die Umgebung nach einem Ziel ab. Plötzlich zeigt einer der Agenten auf den Hang über dem Fluss, dann feuert er ein paarmal aus seiner Waffe. Im gleichen Moment gibt der Attentäter den dritten Schuss ab. Das Projektil fährt dem Agenten, der auf dem Präsidenten liegt, in die Stirn und verfehlt den Kopf des Präsidenten nur um knappe fünf Zentimeter. Später stellen die Experten fest, dass die Kugel zwischen den Beinen des Agenten hindurchgegangen ist, der vor dem Präsidenten steht. 6
Die letzten Bilder des Videos zeigen Montgomerys Leiche, die Gliedmaßen auf unnatürliche Weise verdreht, und dann eine Nahaufnahme vom Gesicht des Präsidenten. Es ist rot vom Blut des Agenten, der den Tod fand, als er ihm das Leben rettete. WASHINGTON, D.C.
ATTENTÄTER VOM CHATTOOGA TOT AUFGEFUNDEN FBI geht von Selbstmord aus Sharon Mathison, The Washington Post Vergangene Nacht fand die Polizei in Landover, Maryland, die Leiche des Mannes, der vermutlich für den Mordanschlag auf den Präsidenten und den Tod des Schriftstellers Philip Montgomery sowie des Agenten Robert James vom Secret Service verantwortlich ist. Am 19. Juli um 10.30 Uhr meldete ein Anrufer der Notrufzentrale, dass er einen Schuss im Haus von Harold Mark Edwards gehört habe. Die Polizei von Landover ging der Angelegenheit nach und fand Edwards’ Leiche im Haus. Nach Auskunft der FBI-Sprecherin Marilyn Peters starb Edwards offenbar durch eine selbst zugefügte Schusswunde aus einer halbautomatischen Pistole vom Kaliber 45. Peters teilte weiterhin mit, dass ein Abschiedsbrief gefunden wurde, der allem Anschein nach in der Handschrift des Toten verfasst ist. In diesem Schreiben gesteht Edwards, am 17. Juli einen Mordanschlag auf den Präsidenten verübt zu haben. Außerdem erklärt er, die Tat allein begangen zu haben. Edwards war ein arbeitsloser Maschinist, der vor sechzehn Monaten seine Kündigung erhalten hatte, 7
als sein Arbeitsplatz nach Thailand ausgelagert wurde. Die FBI-Sprecherin sagte, der Secret Service sei im Besitz zweier Briefe, die Anfang dieses Jahres von Edwards geschrieben wurden und in denen er den Präsidenten für seine Arbeitslosigkeit verantwortlich macht. In einem dieser Briefe droht Edwards dem Präsidenten mit dem Tod. Außerdem wurden in Edwards’ Haus zwei Gewehre gefunden. Eine vorläufige ballistische Untersuchung durch das FBI deutet darauf hin, dass eine dieser Waffen bei dem Mordanschlag benutzt wurde. Edwards war ein ehemaliges Mitglied der Armeereserve und galt als ausgezeichneter Schütze. Seine Nachbarn sagten aus, er sei ein passionierter Jäger und sehr verzweifelt gewesen, weil er keine neue Arbeitsstelle fand. Weiterhin unbeantwortet ist die Frage, wie Edwards am Morgen des 17. Juli in die Sicherheitszone am Chattooga in Georgia eindringen konnte. Zu diesem Thema sagte Clark Brunson, der Sprecher des Secret Service, dass er nicht bereit sei, Sicherheitsmaßnahmen, die dem Schutz des Präsidenten dienen, öffentlich zu erörtern.
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1 Die Empfangssekretärin – in Boston aufgewachsen, etwas über fünfzig und so hart wie Edelstahl – zog missbilligend eine Augenbraue hoch, als DeMarco in Mahoneys Vorzimmer trat. »Sie sind spät dran«, sagte sie. »Und er hat heute ziemlich schlechte Laune.« »Wenn ich schon zu spät bin, kann ich wohl gleich reingehen«, erwiderte DeMarco. Die Empfangssekretärin war mit einem sehr erfolgreichen Buchprüfer verheiratet. Er war sehr nett, sehr schlank, kultiviert und rücksichtsvoll. Wenn sie, was selten genug vorkam, miteinander schliefen, kreisten ihre Phantasien zumeist um kräftige italienische Bauarbeiter. Früher hatte sie von Schwarzen mit Waschbrettbäuchen und kahl rasierten Köpfen geträumt, doch in den letzten paar Monaten waren es eher Männer, die wie DeMarco aussahen: dunkles Haar, blaue Augen und ein Travolta-Grübchen am Kinn. Dazu Arme und Schultern, die für Muskelshirts von Schlägertypen gemacht waren. Leider gehörten Unpünktlichkeit und Nachlässigkeit nicht zu den Eigenschaften der Männer ihrer heimlichen Phantasien. »Nein, Sie dürfen sich setzen«, sagte sie und zeigte kurz ein sprödes Lächeln. »In ein paar Minuten, wenn ich meinen Tee ausgetrunken habe, werde ich ihm sagen, dass Sie da sind. Dann lässt er Sie noch zwanzig Minuten warten, während er mit wirklich wichtigen Leuten telefoniert.« DeMarco wusste genau, dass ein Protest sinnlos gewesen wäre. Er nahm wie befohlen Platz und zog ein Exemplar der Zeitschrift People aus dem Stapel auf dem Tisch. Er war süchtig nach Hollywood-Tratsch, aber er hätte sich lieber zu Tode foltern lassen, als es zuzugeben.
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Dreißig Minuten später trat er in Mahoneys Büro. Mahoney telefonierte und schloss gerade ein sehr einseitiges Gespräch ab. »Kommen Sie nicht auf die Idee, mich zu verarschen! Wenn Sie in dieser Angelegenheit nicht spuren, werden Sie in spätestens einem Jahr nur noch mit einem Touristenbus in die Nähe des Kapitols kommen. Sie stimmen gefälligst so ab, wie ich es Ihnen gesagt habe. Ich will nichts mehr von Absprachen hören, die Sie niemals hätten treffen dürfen.« Mahoney ließ das Telefon auf die Ladestation knallen, murmelte etwas, das wie »Wichser« klang, und richtete dann seine wässrigen blauen Augen auf DeMarco. »Waren Sie bei Flattery?«, fragte er. DeMarco zog einen unbeschrifteten Umschlag aus der Innentasche seiner Anzugjacke und reichte ihn Mahoney. Er selber wusste nicht, was sich in diesem Umschlag befand. Er legte stets großen Wert darauf, nicht zu wissen, was sich in den Umschlägen befand, die er seinem Vorgesetzten überbrachte. Mahoney riss ihn auf und holte ein Stück Papier heraus, das die Größe und Form eines Schecks hatte. Er betrachtete es, grunzte, was entweder Missbilligung oder Zufriedenheit bedeuten mochte, und deponierte das papierne Etwas in der mittleren Schublade seines Schreibtischs. »Und die Whittacker-Tussi?«, fragte Mahoney. »Sie wird als Zeugin aussagen.« »Was mussten Sie ihr geben, damit sie es tut?« »Mein Wort, dass ich ihrem Ehemann nicht verrate, mit wem sie fremdgeht.« »Mehr war nicht nötig?« »Sie hat eine eidesstattliche Erklärung unterschrieben.« »Aha«, sagte Mahoney. Habgier konnte ihn genauso wenig überraschen wie jede andere menschliche Schwäche. »Also werden die Schweine von Stock Options R Us achtzehn Monate in einem gepflegten Gefängnis auf dem Lande verbringen, während die Leute, die ihre Rente abschreiben können, für den 10
Rest ihres Lebens Hamburger futtern werden, und sie – sie bekommt ein Scheißfoto vorn auf dem Time-Magazin als Petze des Jahres. Mein Gott!« DeMarco zuckte mit den Schultern. Er konnte keine Wunder bewirken. »Brauchen Sie sonst noch etwas?«, fragte er Mahoney. »Ja, ich möchte, dass Sie …« Mahoney hielt inne, von seinen zahlreichen Süchten aus dem Konzept gebracht. Er zündete eine halb gerauchte Zigarre an und griff dann nach einer großen Thermoskanne auf dem Sideboard hinter seinem Schreibtisch. Die Thermoskanne war schartig und verbeult und mit Aufklebern verschiedener Gewerkschaften übersät. Mahoney goss sich daraus ein, und der Geruch von frischem Kaffee und altem Bourbon wehte durch den Raum. Während Mahoney von seinem morgendlichen Toddy trank, studierte DeMarco die Ansammlung von Widersprüchen, die sich da vor ihm ausbreitete. Mahoney war Alkoholiker, aber er funktionierte tadellos. Nur wenige Menschen leisteten im nüchternen Zustand, was ihm angetrunken gelang. Er war ein notorischer Ehebrecher, aber er liebte seine Frau seit vierzig Jahren heiß und innig. Er dehnte die Parteispendengesetze wie Gummi und nahm die Schecks der Lobbyisten dankbar an, und dennoch war er der beste Freund, den die Normalbürger im Regierungsviertel hatten. John Fitzpatrick Mahoney war Sprecher des Repräsentantenhauses, und wenn der Präsident einmal ausfallen sollte, stünde nur noch der Vizepräsident zwischen ihm und dem Oval Office. DeMarco bezweifelte, dass die Schöpfer des fünfundzwanzigsten Zusatzartikels zur Verfassung seinerzeit an jemanden wie Mahoney gedacht hatten. Mahoney war mit gut einem Meter achtzig genauso groß wie DeMarco, aber DeMarco kam sich immer klein vor, wenn er neben ihm stand. Mahoney hatte einen breiteren Brustkorb und mehr Bauch und machte den Eindruck eines Mannes, der sich 11
im Gleichgewicht befand und sich niemals hetzen, nervös machen oder provozieren ließ. Sein Haar war weiß und voll, sein Gesicht von gesunder rötlicher Farbe, und seine Augen leuchteten himmelblau in rot geädertem Weiß. Seine Züge waren kräftig und wohlgestaltet mit einer mächtigen Nase, vorspringendem Kinn, vollen Lippen und breiter Stirn. Es war ein Gesicht, das Stärke, Würde und Intelligenz ausstrahlte – ein Gesicht, mit dem sich jemand ohne Schwierigkeiten alle zwei Jahre in ein bedeutendes Staatsamt wählen lassen konnte. Mahoney trank den Kaffee mit Schuss aus. »Ich möchte, dass Sie Andy Banks einen Besuch abstatten.« »Dem Heimatschutz-Typen?« »Ja. Er braucht Hilfe bei einer Sache.« »Welcher?« »Keine Ahnung. Wir waren gestern Abend zusammen bei dieser Veranstaltung, und er sagte, er hätte ein Problem. Etwas sehr Persönliches. Er sagte, jemand hätte ihm gesagt, ich hätte jemanden an der Hand, der sich um Sachen kümmern kann, einen, der Augen wie ein Luchs hat und Dinge schnell durchschaut.« DeMarco nickte. Diese Beschreibung war absolut zutreffend: Er war ein Luchs, jemand, der Dinge durchschaute und sich um Sachen kümmerte. »Fahren Sie morgen Vormittag zu ihm. Er erwartet Sie.« »Was ist mit diesem Problem in Trenton?« »Kann warten. Fahren Sie zu Banks.«
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2 Andrew Banks, der Minister für Heimatschutz, war ein DreiSterne-General der Marines. Er war neunundfünfzig Jahre alt, groß und schlank, und sein brauner Anzug mit der olivgrünen Krawatte erinnerte an die Uniform, die er dreiunddreißig Jahre lang getragen hatte. Er hatte eine auffällige Nase, einen grauen Bürstenschnitt und einen Mund, der ein Strich über einem mächtigen Kinn war. DeMarco fiel auf, dass seine Augen, die von einer Brille mit Drahtgestell leicht vergrößert wurden, die Farbe von Dachpappennägeln hatten. Hinter Banks’ Schreibtisch hing, flankiert von zwei USFlaggen, ein großes Foto vom World Trade Center aus der Zeit vor dem 11. September. Die Zwillingstürme waren vom Boden aus aufgenommen worden und ragten weiß, makellos und scheinbar endlos in einen wolkenlosen blauen Himmel. Das Foto war eine lebhafte, stumme Erinnerung an Banks’ Aufgabenbereich. DeMarco saß auf einem der drei Stühle, die im Halbkreis vor dem Schreibtisch angeordnet waren. Der Stuhl war so unbequem, dass DeMarco sich fragte, ob er wohl vorher in einem Verhörraum in Guantánamo Bay verwendet worden war. »John Hastings, der Kongressabgeordnete, hat mir von Ihnen erzählt«, sagte Banks. »Er sagte, er wäre von jemandem unter Druck gesetzt worden, um sein Abstimmungsverhalten zu beeinflussen. Hastings wollte mir nicht verraten, wer es war oder worum es ging, nur, dass er sich hilfesuchend an Mahoney gewandt hatte. In null Komma nichts sollen Sie zur Stelle gewesen sein und ihn von seinen Schwierigkeiten befreit haben. Er meinte, Sie seien so etwas wie ein Retter in der Not.«
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Banks hielt inne, als erwartete er eine Antwort von DeMarco. Dieser jedoch verhielt sich wie ein vorbildlicher Zeuge vor Gericht, und da er keine Frage gehört hatte, sagte er auch nichts. »Ich habe ein Problem, vielleicht sogar ein großes, und ich möchte nicht, dass Gott und die Welt davon erfährt. Während ich noch hin und her überlegte, was ich tun sollte, traf ich gestern Abend Mahoney bei irgend so einem Empfang. Ich fragte ihn, ob er mir etwas über diesen DeMarco erzählen könnte, von dem ich gehört hatte. Und wissen Sie, was dieser Arsch Mahoney zu mir gesagt hat? Er hat gesagt: ›Ich kenne keinen DeMarco, aber er wird sich morgen früh in Ihrem Büro melden.‹ Dann ist er einfach davonspaziert und hat irgendein Mädel voll gequatscht, das nur halb so alt war wie er.« Eher war sie nur ein Drittel so alt gewesen wie Mahoney, dachte DeMarco. »Das Problem ist nur, dass ich praktisch nichts über Sie weiß.« »Ich bin Anwalt«, sagte DeMarco. »Anwalt?«, wiederholte Banks. Die Washingtoner Anwälte, die er kannte, waren aalglatt und gewieft. Sie konnten mühelos unter einer luftdichten Tür hindurchschlüpfen. Dieser DeMarco dagegen sah aus wie der Schuldeneintreiber eines italienischen Buchmachers. »Aber Sie arbeiten doch auch als Ermittler, nicht wahr?«, sagte Banks. »Ja, manchmal«, antwortete DeMarco und rückte seinen Hintern auf dem unbequemen Stuhl zurecht. »General, würden Sie jetzt bitte allmählich zur Sache kommen und mir sagen, wo Ihr Problem liegt, damit ich Ihnen sagen kann, ob ich Ihnen helfen kann oder nicht?« Banks lächelte. Es war ein Lächeln, mit dem er ausdrückte, dass es ihm ein ganz besonderes Vergnügen wäre, mit DeMarco auf den Parkplatz hinauszugehen und mit Fäusten und Füßen auf ihn loszugehen.
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»DeMarco, ich versuche gerade zu entscheiden, ob ich Sie engagieren will oder nicht. Und Sie sind mir bei dieser Entscheidung nicht gerade behilflich, wenn Sie einfach nur dasitzen und gar nichts sagen.« »General, ich bin nicht zu einem Vorstellungsgespräch hier, und Sie können mich gar nicht engagieren. Ich bekomme mein Gehalt von der Bundesregierung. Ich bin hier, weil der Sprecher mir gesagt hat, dass ich zu Ihnen gehen soll.« Banks öffnete den Mund, um DeMarco einen gepfefferten Kasernenhofanschiss der alten Schule zu verpassen, doch dann erinnerte er sich daran, dass er es nicht mit einem einfachen Gefreiten zu tun hatte. Er schüttelte den Kopf und murmelte: »Diese Scheißstadt.« DeMarco konnte seinen Frust nachempfinden. Auch er konnte Washington nicht besonders leiden. Banks erhob sich von seinem Sessel und ging zu einem Fenster. Er kehrte DeMarco den Rücken zu, schob die Hände in die Hosentaschen und starrte auf den Verkehr in der Nebraska Avenue hinab. Er brauchte weniger als dreißig Sekunden, um die Situation einzuschätzen. Als Offizier war er dazu ausgebildet worden, Entscheidungen zu treffen. Dann drehte er sich wieder zu DeMarco um. »Verdammt, mir bleibt wohl nichts anderes übrig«, sagte er. »Für mich steht zu viel auf dem Spiel, und ich habe nicht genug Zeit, mir jemand anderen zu suchen. Außerdem hat Hastings Sie empfohlen. Hastings war in der Armee, wissen Sie.« Alte Kameraden, hätte DeMarco beinahe gesagt, aber er konnte sich die Bemerkung im letzten Moment verkneifen. »Das wusste ich nicht«, sagte er stattdessen und rückte sich erneut auf dem Stuhl zurecht. Es fühlte sich an, als hätte das verdammte Ding gar kein Sitzpolster, sondern nur eine dünne Schicht Stoff, die über das härteste Holz gespannt war, das es auf diesem Planeten gab. Vielleicht war es auch gar kein Holz,
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sondern Metall oder das Zeug, aus dem die Nashörner von Nashörnern bestanden. »Okay«, sagte Banks. »Aber Sie müssen mir eins versprechen. Dass Sie alles, was ich Ihnen sagen werde, ausnahmslos für sich behalten, dass Sie keiner lebenden Menschenseele auch nur ein Sterbenswörtchen anvertrauen. Können Sie mir das versprechen?« »Das kann ich«, sagte DeMarco. Er überlegte, ob er seine rechte Hand heben sollte, fand dann aber, dass so etwas wohl leicht übertrieben wäre. Banks musterte DeMarcos Gesicht und suchte nach einem Augenzucken und anderen Anzeichen der Unehrlichkeit, aber DeMarco, der sein Handwerk verstand, ließ sich nichts anmerken. Denn er hatte gelogen. »Ich hoffe für Sie, dass Sie die Wahrheit sagen, sonst reiße ich Ihnen den Kopf ab und scheiße Ihnen ins Rückenmark.« DeMarco sah auf seine Uhr. Er vermutete, dass Banks’ Problem eine Familienangelegenheit war. Eines seiner Kinder steckte in Schwierigkeiten, oder seine Frau hatte eine Affäre mit irgendwem. »Okay«, wiederholte Banks und füllte seine Lungen mit einem tiefen Atemzug durch die Nase, als wollte er einen längeren Tauchgang unternehmen. »Ich möchte, dass Sie einen Agenten des Secret Service unter die Lupe nehmen. Er heißt Billy Ray Mattis.« »Vom Secret Service?« »Ja.« Irgendwo hatte DeMarco den Namen schon mal gehört. »Was genau erwarten Sie von mir?«, fragte DeMarco. »Ich möchte, dass Sie …« Banks hielt inne. »Ja?« Es war, als wollte er eine Jungfrau überreden, ihr Höschen auszuziehen. Dieser Typ wollte einfach nicht damit herausrücken, was er auf dem Herzen hatte. Doch irgendwann brach der Damm. 16
»Ich möchte, dass Sie nachforschen, ob Mattis ein Komplize beim Mordanschlag auf den Präsidenten war.« »Uff!«, sagte DeMarco und wäre fast vom harten Stuhl aufgesprungen. »Hören Sie auf. Sagen Sie kein Wort mehr.« DeMarco schüttelte ungläubig den Kopf. Aber er schien sich nicht verhört zu haben. »Ich dachte«, sagte er dann, »der Kerl, der auf den Präsidenten geschossen hat, wäre ein Einzeltäter gewesen.« »Das war er vermutlich auch«, sagte Banks. Das ist völlig absurd, dachte DeMarco. »Hören Sie, General«, sagte er. »Sie haben angedeutet, dass Sie zu wenig über mich wissen. Jetzt sage ich Ihnen etwas: Ich bin ein Anwalt, der verschiedene Jobs für den Kongress übernimmt. Das ist alles. Wenn ein enttäuschter Wähler zum Stalker wird, sorge ich dafür, dass er das in Zukunft sein lässt. Wenn ein Kongressabgeordneter glaubt, dass sein Sprössling Drogen nimmt, finde ich es heraus, bevor sich der Halbwüchsige strafbar macht. Wenn ein Politiker glaubt, dass seine Frau ihn betrügt, passe ich auf, dass sie mit keinem Journalisten vögelt. Mit solchen Sachen beschäftige ich mich normalerweise. Mit Kleinkram. Mordanschläge sind mir eine Nummer zu groß. Mehrere Nummern. Wenn Sie also wirklich glauben, dass dieser Agent etwas mit dem Attentat zu tun hat, sollten Sie mit dem FBI reden.« »Das möchte ich nicht tun«, sagte Banks. »Zumindest jetzt noch nicht.« »Warum nicht?« Banks antwortete nicht. Er stand einfach nur da und machte gleichzeitig einen schuldigen, störrischen und verärgerten Eindruck. In den vier Tagen seit dem Mordversuch waren Banks und Patrick Donnelly, der Leiter des Secret Service, vom FBI verhört worden. Die Presse hatte ihre Büroausgänge belagert und sie mit Fragen bestürmt, und der Kongress hatte in schneller und seltener Einigkeit beider Parteien einen Untersuchungsaus17
schuss zusammengestellt, der die zwei Männer stundenlang ausgequetscht hatte, wie es möglich gewesen sei, dass die Sicherheit des Präsidenten auf so katastrophale Weise verletzt wurde. Banks hatte also ausgiebig Gelegenheit gehabt, den Leuten von seinem Verdacht zu erzählen, dass ein Agent des Secret Service etwas mit dem Attentat zu tun habe. Doch nun gestand er DeMarco, dass er sich dazu nicht imstande fühlte. Eigentlich hätte DeMarco sofort gehen müssen, seinen Arsch von diesem verdammten Stuhl erheben, nach draußen spazieren und Banks keines weiteren Blickes würdigen. Aber ihm war klar, dass Mahoney ihn zur Schnecke machen würde, wenn er sich aus dem Staub machte, ohne mehr über die Sache erfahren zu haben. Bevor sich DeMarco für die eine oder die andere Möglichkeit entscheiden konnte, hob Banks eine Karteikarte auf, die in der Kladde auf seinem Schreibtisch lag. Er hielt sie mit spitzen Fingern an einer Ecke, als wäre sie mit Anthrax infiziert, dann reichte er sie DeMarco. »Damit hat alles angefangen«, sagte Banks. »Das ist zwar nicht das Original, aber es gibt den Wortlaut exakt wieder. Das Original habe ich weitergegeben an … – spielt keine Rolle. Lesen Sie es einfach.« DeMarco las: »Adler eins ist in Gefahr. Operation Chattooga abblasen. Der Innere Zirkel ist unterwandert. Das ist kein Scherz!« Die Nachricht war unterschrieben mit: »Ein Agent an der falschen Stelle.«
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3 Der Sprecher des Repräsentantenhauses hatte sich vor kurzem angewöhnt, zur Mittagszeit einen Spaziergang zu unternehmen, um den Herzinfarkt zu verhindern, an dem er zweifellos eines Tages sterben würde. Er hatte DeMarco angewiesen, sich um zwölf Uhr am Taft-Denkmal einzufinden. DeMarco war um zwölf Uhr fünfzehn eingetroffen, und nun war es bereits halb eins. Das Denkmal bestand aus einer drei Meter großen Bronzestatue, die Senator Robert A. Taft zeigte, und hinter dieser Statue erhob sich ein dreißig Meter hoher Glockenturm aus weißem Tennessee-Marmor. Die siebenundzwanzig Glocken waren im französischen Ort Annecy gegossen worden, die größte von ihnen wog sieben Tonnen. Was Senator Taft geleistet hatte, um solcher Ehre würdig zu sein, war nicht mehr bekannt – zumindest war es DeMarco aus dem Gedächtnis entschwunden. Aber er war dankbar für die Tatsache, dass sich die Gedenkstätte in einem netten Park nicht weit vom Kapitol befand. Es war ein guter Treffpunkt für eine Verabredung mit seinem Chef. DeMarco setzte sich auf eine Holzbank mit Blick auf das Denkmal. Er schloss die Augen, um ein Nickerchen zu machen und die Sonne zu genießen. Doch dieses simple Vergnügen wurde ihm schon bald durch den Lärm verwehrt, den zwei Eichhörnchen in seiner Nähe veranstalteten. Es war eine wilde Jagd über den Rasen, um Büsche herum und die Baumstämme hinauf und hinunter. Jedes Mal, wenn der Jäger das gejagte Tier endlich in die Enge getrieben hatte, gab sich dieses scheinbar geschlagen, um im nächsten Moment mit einem todesmutigen Sprung auf einen dünnen Ast zu flüchten, der auf den ersten Blick unerreichbar und gar nicht geeignet schien, sein Gewicht zu tragen. DeMarco konnte nicht sagen, ob die Jagd ein Paa19
rungsritual oder einfach nur ein Riesenspaß war. Auf jeden Fall ging das Treiben endlos weiter. Er wünschte sich, eines der Viecher würde sich bei einem Sprung verschätzen, aber als er sich bildlich vorstellte, wie der kleine Körper mit dem buschigen Schwanz platt am Boden läge und Blut zwischen den Nagezähnen hervorquoll, überlegte er es sich anders. DeMarco war so sehr damit beschäftigt, sich jedes denkbare Unglück auszudenken, das den Eichhörnchen zustoßen konnte, dass er überrascht zusammenzuckte, als sich Mahoney plötzlich mit seinem ganzen Gewicht auf die Parkbank fallen ließ. Noch mehr überraschte es ihn, Mahoney in Sportkleidung zu sehen. Er trug ein blaues Sweatshirt in XXL, eine blaue Jogginghose mit weißen Zierstreifen und quietschneue Nike-Turnschuhe in der Grüße von Kanus. »Ich war heute Früh bei General Banks«, sagte DeMarco. »Und?«, fragte Mahoney, noch immer außer Atem. DeMarco zögerte kurz. »Banks möchte, dass ich den Mordanschlag auf den Präsidenten genauer untersuche.« »Sie?«, fragte Mahoney. Seine Reaktion mochte vielleicht angemessen sein, aber DeMarco fühlte sich trotzdem leicht auf den Schlips getreten. »Ja. Der General befürchtet, dass ein Agent des Secret Service in die Sache verwickelt sein könnte.« »So ein Blödsinn!«, sagte Mahoney und sah auf seine Armbanduhr. Banks’ verrückte Idee langweilte ihn schon jetzt. »Er sollte mit dem FBI reden, wenn er wirklich einen solchen Verdacht hat.« »Genau das habe ich ihm auch erklärt. Aber was Sie vielleicht interessant finden werden, ist die Tatsache, dass sowohl Banks als auch Patrick Donnelly dem FBI Beweise vorenthalten, und …« »Donnelly?«, fragte Mahoney und wandte seinen beeindruckenden Schädel zur Seite, um DeMarco zum ersten Mal anzusehen. 20
»Ja«, sagte DeMarco. »Donnelly«, wiederholte Mahoney. Dann grinste er mit gelben, kräftigen Zähnen, und DeMarco fühlte sich an einen großen, zottigen Bären erinnert, und zwar einen, der soeben entdeckt hatte, dass sein Mittagessen geradewegs in seine Richtung spaziert kam. Lieber Gott, betete DeMarco, bitte verschone mich vor dem, was ich ahne! »Erzählen Sie mir, was Banks gesagt hat, Joe«, forderte Mahoney ihn auf. »Und lassen Sie kein Detail aus.« DeMarco tat es, und als er damit fertig war, saß Mahoney einfach nur da. Ein feines Lächeln umspielte seine Lippen, und sein breites irisches Gesicht zeigte einen höchst zufriedenen Ausdruck. DeMarco bemühte sich, die Katastrophe abzuwenden, die auf ihn zukam. »Es ist ziemlich unwahrscheinlich, dass sich dieser Agent etwas hat zuschulden kommen lassen, räumt sogar Banks ein, aber falls dem so ist, würde die richtige Vorgehensweise darin bestehen, das FBI zu informieren – oder die Presse.« Mahoney nickte, als wollte er DeMarcos Worten zustimmen. Allerdings war ein ganz besonderes Funkeln in seine Augen getreten. Es waren die funkelnden Augen eines Mannes, der ein Segel am Horizont gesichtet hatte und wusste, dass es sein Schiff war, dessen Heimkehr sich ankündigte. DeMarco spielte seine letzte Karte aus. »Wenn das FBI mich dabei erwischt, wie ich in dieser Geschichte herumkrame, könnten Sie damit in Verbindung gebracht werden. Und das wollen Sie bestimmt …« Mahoney erhob sich langsam von der Bank. »Helfen Sie Banks, Joe«, sagte er. »Tun Sie alles, was er von Ihnen erwartet.« Mahoney klopfte DeMarco jovial auf die Schulter. Während er davonging, hatten seine Schritte einen Schwung, der nicht allein auf seine neuen Turnschuhe zurückzuführen war. Er hatte sich 21
bereits ein kleines Stück entfernt, als DeMarco hörte, wie er bellend lachte und rief: »Donnelly! Einfach unglaublich!«
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4 »Magst du Kammermusik, Joe?« »Nein. Ich stehe mehr auf Rock ’n’ Roll. Jazz mag ich auch. Besonders wenn Ella die …« »Ausgezeichnet, mein Lieber. Heute gibt es Mozart, gespielt von einem Quartett in der Cafeteria der National Art Gallery. Ich erwarte dich um drei Uhr. Und komm nicht zu spät.« »Kennst du zufällig ein Mitglied dieses Quartetts, Emma?« Ein kurzes Schweigen am anderen Ende der Leitung. »Die Cellistin«, sagte Emma schließlich, dann lachte sie. »Auf meine alten Tage werde ich zu durchschaubar. Das gefällt mir nicht.« »Glaub mir, Emma, du wirst niemals durchschaubar sein. Aber was ich dir zu sagen habe, kann ich dir nicht sagen, wenn die Cellistin dabei ist.« »Ich werde sie zum Einkaufen schicken. Sei auf jeden Fall pünktlich, Joe.« Die Cafeteria war überfüllt, und mehrere Zuschauer mussten stehen. Emma jedoch hatte ganz allein einen Tisch für vier Personen besetzt. DeMarco konnte sich vorstellen, wie sich Musikliebhaber näherten und höflich fragten, ob sie Platz nehmen durften, worauf Emma sie mit einem bösen Blick und einem Knurren zurückwies, wie eine Löwin, die eine blutige Keule gegen eine Schar schüchterner Geier verteidigte. In diesem Moment trank die Löwin genüsslich von einem Glas Weißwein und tippte mit einem Fingernagel im Takt der Musik. Emma war groß und schlank. Ihre Gesichtszüge waren von patrizischem Schnitt, und ihre Haut war makellos. Ihr kurz geschnittenes, gepflegtes Haar war weder grau noch blond, sondern wies eine mysteriöse Schattierung irgendwo dazwi23
schen auf. Sie wirkte streng und war auf diese Weise schön, und mit ihren eisblauen Augen erinnerte sie DeMarco an die Schauspielerin Charlotte Rampling. Er vermutete, dass ihr Alter zwischen fünfzig und sechzig lag – nicht weil sie so aussah, sondern weil er kaum etwas über ihre Lebensgeschichte wusste. Wenn man über sie sprach, musste man stets ein »mutmaßlich« dazusetzen. Sie selbst gab nichts über sich preis, weder aus Vergangenheit noch Gegenwart. Sie ließ Andeutungen fallen, verlockende und zusammenhanglose Bröckchen, erklärte sich aber nie genauer, wenn man sie dazu aufforderte. Sie gab zu, früher einmal für die Regierung gearbeitet zu haben, aber was die Funktion und die Abteilung betraf, schwieg sie sich aus. Sie behauptete, im Ruhestand zu sein, doch sie verließ die Stadt immer wieder für längere Zeit und kehrte nie mit Urlaubsbräune zurück. Sie lebte auf großem Fuß und besaß ein Haus im teuren McLean in Virginia – ein Anwesen, das für eine pensionierte Staatsdienerin bestimmt nicht erschwinglich war. Sie war lesbisch, aber etwas, das sie einmal gesagt hatte, ließ DeMarco glauben, dass sie früher verheiratet gewesen war und vielleicht ein Kind hatte. Aber er war sich nicht sicher. Bei ihr war er sich niemals sicher. DeMarco wusste, dass Emma manchmal undurchschaubar war, weil sie es so wollte, weil es ihrer Widerspenstigkeit entsprach. Aber er wusste auch, dass sie manchmal so war, weil sie es sein musste. Als er sich ihrem Tisch näherte, warf er einen Blick zu den Musikern und stellte fest, dass er sich in seiner Vermutung nicht getäuscht hatte: Die Cellistin war eine atemberaubende Schönheit, eine große, gertenschlanke blonde Wikingerin mit Beinen, für die man sterben wollte, auf höchst erotische Weise gespreizt, um das Cello an sich zu drücken. DeMarco zog sich einen Stuhl heran und setzte sich neben Emma. Sie hörte das Scharren auf dem Fußboden und sagte,
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ohne aufzublicken: »Der Platz ist besetzt. Die anderen beiden auch.« »Lügnerin«, sagte DeMarco. »Selber«, murmelte Emma. Mit einer Kopfbewegung deutete DeMarco auf die Cellistin. »Wirklich eine heiße Braut.« »Eine heiße Braut? Ich bitte dich, Joe!« Während DeMarco dem Quartett zuhörte, fragte er sich, aus welchem Grund all diese Leute hier waren. Gefiel ihnen wirklich die Musik, oder zwangen sie sich dazu, das alles zu ertragen? War es eine selbst verordnete Dosis Niveau, das kulturelle Pendant zu einem Karottenkuchen, den man aß, weil er gesund war? »Hört es bald auf?«, fragte er Emma. »Ich falle ins Koma, wenn das noch lange so weitergeht.« »Sei still, und hör zu«, sagte Emma. »Es wird Zeit, dass du Geschmack für etwas anderes als die Dixie Chicks entwickelst.« Endlich hörte das Quartett auf, und die Cellistin reichte ihr Instrument einem pickelgesichtigen Hilfswilligen. Sie sah ihn mit mahnend erhobenem Zeigefinger an, dass er ja vorsichtig damit umgehen sollte, dann kam sie zu Emmas Tisch – mit wehender blonder Mähne und aufblitzenden, vollblütigen Beinen. Wäre Emma nicht mit ihm befreundet gewesen, wäre DeMarco eifersüchtig geworden. Verdammt, er war eifersüchtig! Als sie DeMarco am Tisch sitzen sah, zögerte die Cellistin, doch Emma sagte: »Alles in Ordnung, Christine, setz dich. Christine, das ist Joe. Joe arbeitet als Geldeintreiber für einen korrupten Politiker.« »Emma!«, sagte DeMarco. »Für welchen?«, fragte die hübsche Christine. Zum Glück ging Emma nicht auf ihre Frage ein. »Joe, sei so gut und hol Christine ein Glas Weißwein.« »Zu Befehl, Madam«, sagte DeMarco. 25
DeMarco kam mit einem Wein für Christine und einer Pepsi für sich selbst zurück. Emma lobte Christines Auftritt in den höchsten Tönen und schwärmte davon, dass der dritte Satz sie beinahe zu Tränen gerührt hatte. DeMarco verdrehte die Augen, als er es hörte. Emma würden nicht mal die Tränen kommen, wenn man ihr Bambussplitter unter die Zehennägel schob. Zu seiner unendlichen Erleichterung sagte Emma schließlich: »Schatz, ich habe noch etwas Geschäftliches mit Joe zu besprechen. Eine ziemlich langweilige Sache. Wie wär’s, wenn ich in einer Stunde in dein Hotelzimmer komme? Ich werde den Champagner mitbringen, den du so gerne trinkst.« »Und Erdbeeren?«, fragte Christine. »Und Erdbeeren«, sagte Emma. Als Christine sich entfernte, schüttelte Emma den Kopf und murmelte: »Erdbeeren und Champagner! Wie klischeehaft!« Sie wandte sich DeMarco zu. »Also, was hast du für ein Problem, Joseph? Gehe ich recht in der Annahme, dass dieser Arsch Mahoney dir schon wieder Ärger macht?« »Er war neulich bei einem Empfang, wo er tierisch besoffen gewesen sein muss, als er beschloss, mich an General Banks auszuleihen.« »Den Minister für Heimatschutz?« »Genau den. Also habe ich Banks heute früh besucht. Dabei erzählte er mir, dass er ein kleines Problem hat.« »Joe, eine sehr liebe Freundin wartet auf mich.« »Banks glaubt, ein Agent des Secret Service könnte ein Komplize beim Mordanschlag auf den Präsidenten gewesen sein. Sowohl Banks als auch Patrick Donnelly enthalten dem FBI Informationen vor.« »Holla! Du weißt, wie du die Aufmerksamkeit eines Mädchens gewinnst!« Dann sagte Emma genau dasselbe, was auch Mahoney zu ihm gesagt hatte: »Erzähl mir, was Banks gesagt hat, Joe. Und lass kein Detail aus.«
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5 Philip Montgomery und der Präsident hatten sich in Harvard ein Studentenzimmer geteilt. Montgomery war Trauzeuge bei der Hochzeit des Präsidenten gewesen, und der Präsident hatte Montgomery bei zwei von dessen drei Eheschließungen den gleichen Gefallen erwiesen. Später wurde er zunächst Gouverneur seines Heimatstaates, dann Senator und schließlich Präsident. Er war ein kluger Kopf, wenn auch kein Genie, und er glaubte, er würde seine Pflichten vernachlässigen, wenn er weniger als sechzehn Stunden pro Tag arbeitete. Montgomerys Temperament war das genaue Gegenteil von dem des Präsidenten. Er war ein literarisches Genie, er soff wie Tennessee Williams und spielte, prügelte und vögelte wie Hemingway. Er war ein Meister des epischen Zwölfhundert-Seiten-Schmökers, in dem sich Dichtung und Wahrheit auf so kunstvolle Weise miteinander vermischten, dass sie kaum noch auseinander zu halten waren. Was seine Leser jedoch nicht weiter störte. Seit über zwanzig Jahren hatten sich der Präsident und Montgomery einmal pro Jahr für drei oder vier Tage getroffen, um sich verschiedenen Freizeitbeschäftigungen hinzugeben. Sie fuhren Ski, gingen auf die Jagd, angelten oder unternahmen Floßfahrten. Und jedes Mal tranken sie eine Menge. Diese jährlichen Exkursionen, die dankbar von der Presse ausgeschlachtet wurden, waren die einzigen Gelegenheiten, bei denen sich der Präsident scheinbar gehen ließ. Auch in diesem Punkt war Montgomery anders. Er ließ sich immer gehen. Auch im höchsten Staatsamt fand der Präsident weiterhin Vergnügen an den Treffen mit Montgomery und bestand darauf, das Sicherheitskontingent auf das absolut notwendige Minimum zu reduzieren. Der Grund dafür war, dass es möglichst wenige Personen miterleben sollten, wenn er sich zusammen mit dem 27
Pulitzer-Preisträger wie ein besoffener Idiot aufführte. Wenn sie zum Beispiel leere Whiskey-Flaschen in den Bitterroot warfen und sie mit Pistolen zerschossen, die sie sich von der Leibwache ausgeborgt hatten. Von solchen Aktionen sollten nach Möglichkeit weder die Umweltschützer noch die Leute, die schärfere Waffengesetze forderten, Wind bekommen. In diesem Jahr hatten Montgomery und der Präsident beschlossen, am Chattooga in Georgia zu angeln. Den Termin des Ausflugs – 14. bis 17. Juli – hatte man angesichts des engen Zeitplans eines Präsidenten schon lange vorher festgelegt, doch war nach Banks’ Angaben das Ziel der Reise erst Ende Mai entschieden worden. Natürlich wussten jede Menge Leute von der Exkursion, und mögliche undichte Stellen gab es zuhauf. Banks hatte das Warnschreiben vier Tage vor der geplanten Abreise des Präsidenten nach Georgia erhalten, worauf er sofort Patrick Donnelly angerufen hatte, den Leiter des Secret Service. Donnelly hatte Banks erklärt, dass die Vermutung, ein Agent könnte den Brief geschrieben haben, verdammt weit hergeholt sei. Er hatte sich sogar amüsiert, dass Banks den Brief überhaupt für glaubwürdig hielt. Eine Reaktion, die dem General ganz und gar nicht schmeckte. Banks wies Donnelly darauf hin, dass das Schreiben auf einem Briefbogen des Secret Service ausgedruckt worden war und dass es in einem offiziellen Umschlag des Secret Service steckte, aber das Wichtigste war, dass es mit dem Postsack ausgeliefert worden war. Der Postsack wurde von einem bewaffneten Kurier überbracht und diente dazu, geheime Dokumente zwischen dem Hauptquartier des Secret Service an der H Street und Banks’ Büro an der Nebraska Avenue hin und her zu transportieren. Nur das Personal innerhalb des rundum gesicherten Hauptquartiers des Secret Service hatte Zugang zum Postsack. Auf der anderen Seite wurde er direkt an Banks’ persönlichen Assistenten ausgeliefert. Ein weiteres Indiz war der Fachjargon in der Botschaft. 28
»Adler eins« war der Kodename des Präsidenten, und den »Inneren Zirkel« bildeten die Agenten, die dem Präsidenten unterwegs am nächsten waren. Der äußere Zirkel bestand aus den Agenten, die die Umgebung des Präsidenten sicherten, entweder in der Menschenmenge, auf Dächern oder an strategisch wichtigen Wachtposten. Wenn der äußere Zirkel durchdrungen würde, müssten die Mitglieder des inneren Zirkels das Staatsoberhaupt unter Einsatz ihres Lebens schützen. Donnelly behauptete weiterhin, dass der Brief nicht echt sei. Vielleicht sei er tatsächlich von einem Agenten abgeschickt worden – viele seiner Leute waren nicht sehr angetan von den Änderungen, die Banks angeordnet hatte, seit er das Ministerium für Heimatschutz übernommen hatte. Aber das bedeutete nicht, dass man dem Inhalt des Briefs Glauben schenken musste. Donnelly war ein Meister des bürokratischen Nackenhebels, und er hätte es Banks übel genommen, wenn der den Präsidenten angerufen und ihm den sehnsüchtig erwarteten Urlaub verdorben hätte, und das nur wegen einer Nachricht zweifelhafter Herkunft, in der behauptet wurde, ihm würde Gefahr von seinen eigenen Leibwächtern drohen. Banks verzichtete auf den Anruf, aber er bewahrte den Brief auf. Sieben Tage später kamen Philip Montgomery und ein Agent des Secret Service ums Leben, und der Präsident wurde verwundet. Nach dem Mordversuch machte sich Banks bittere Vorwürfe; möglicherweise war die Nachricht doch echt, und er hatte es versäumt, entsprechende Maßnahmen einzuleiten. Er rief Donnelly an und sagte, dass er ihm den Brief schicken würde. Er wollte, dass er auf Fingerabdrücke und DNS-Spuren im Speichel untersucht wurde, die beim Zukleben zurückgeblieben sein konnten. Außerdem sollte Donnelly nachforschen, wer ihn in den Postsack gesteckt haben könnte. Donnelly gab sich alle Mühe, Banks eine Analyse des Briefes auszureden. Er sagte, wenn er das Schreiben an ein Labor schickte und anfing, die Leute auszufragen, würde der Inhalt des 29
Briefes innerhalb weniger Stunden an die Presse durchsickern. Die absolut hirnrissige Idee in die Welt zu setzen, der Secret Service könnte in das Attentat verwickelt sein, wäre das Allerletzte, was sie jetzt gebrauchen konnten. Doch Banks ließ sich nicht beirren. Donnelly mochte vom Präsidenten persönlich ernannt sein, aber Banks war immer noch sein Vorgesetzter. Am nächsten Tag kam Donnelly zu Banks. Obwohl er die Möglichkeit einer Komplizenschaft des Secret Service kategorisch zurückwies, versuchte er, Banks davon zu überzeugen, dass der Brief eine Fälschung sein musste. Erstens, so erklärte er Banks, waren alle Agenten, die am Chattooga zugegen waren, gemäß der üblichen Verfahrensweise bei derartigen Vorfällen einer Befragung unter Einsatz eines Lügendetektors unterzogen worden, um festzustellen, ob sie etwas mit der Sache zu tun hatten. Alle Agenten hatten den Test wie erwartet mit Bravour bestanden. Und falls das noch nicht genügte, waren da noch der Zeitpunkt, zu dem der Brief abgeschickt worden war, und der Bezug zu den Männern, die dem inneren Zirkel zugeteilt waren. Am Chattooga hatte der äußere Zirkel aus über sechzig Agenten bestanden. Die Blockhütte, in der sich der Präsident aufgehalten hatte, war nicht nur ausgewählt worden, weil sie sich in der Nähe guter Angelplätze befand, sondern auch wegen ihrer Lage in einer Gegend, die abgeschieden und schwer zugänglich war. Drei Tage vor der Ankunft des Präsidenten hatte der Secret Service einen großen Voraustrupp in den Bereich geschickt, der einen virtuellen, fünf Kilometer durchmessenden Kreis rund um die Blockhütte gezogen hatte. Danach waren alle Straßen und Wege blockiert und alle Zugangsmöglichkeiten mit Agenten besetzt worden. Anschließend hatte man die Sicherheitszone aus der Luft und zu Fuß durchsucht, um sich zu überzeugen, dass sich niemand darin aufhielt. Alle Personen, die vor der Ankunft des Präsidenten die Zone betreten hatten, durften sich nur in Begleitung bewegen, um zu gewährleisten, dass sie wieder verschwanden. Als der Präsident eingetroffen 30
war, wurde überhaupt niemandem mehr der Zutritt gestattet. Während der Anwesenheit des Präsidenten wurde die Zone in regelmäßigen Abständen per Hubschrauber aus der Luft kontrolliert. Nachdem die Umgebung ausreichend gesichert war, hatte man dem ausdrücklichen Wunsch des Präsidenten entsprochen und die Anzahl der Leibwächter auf ein Minimum reduziert. Den inneren Zirkel am Chattooga bildeten nur vier Agenten: Billy Mattis, Robert James – der erschossen wurde, als er den Präsidenten mit seinem Körper deckte –, Richard Matthews und Stephen Preston. Über die Besetzung des inneren Zirkels war am 5. Juli entschieden worden, und Banks hatte den Brief mit der Warnung fünf Tage später erhalten, am 10. Juli. Als der Brief abgeschickt wurde, waren Matthews und Preston noch gar nicht für den Dienst am Chattooga eingeteilt gewesen. Zwei andere Namen hatten auf der Liste gestanden, doch dann wurden diese beiden Männer, die gemeinsam in einem Wagen zur Arbeit fuhren, am 12. Juli bei einem Verkehrsunfall auf dem Beltway verletzt, worauf Matthews und Preston in letzter Minute als Ersatz einspringen mussten. Also konnte der unbekannte Verfasser des Briefes, wie Donnelly erklärte, sich nicht auf Matthews oder Preston bezogen haben. Banks warf ein, dass vielleicht einer der beiden ursprünglich zugeteilten Agenten die Sicherheitsmaßnahmen verraten haben könnte, und zwar vor dem Verkehrsunfall. Damit wäre dieser Unfall vielleicht nur eine List gewesen, mit der er vermeiden wollte, am Tag des Anschlags im Schussfeld zu stehen. Donnelly hielt diese Möglichkeit für verdammt unwahrscheinlich, wenn man den Unfallhergang betrachtete. Die Agenten waren frontal mit einem Betonmischer zusammengestoßen. Der dritte Agent war James, der Mann, der den Anschlag nicht überlebt hatte. Für Donnelly kam er schon wegen seiner tadellosen Dienstlaufbahn nicht in Frage. Er hatte dem Secret 31
Service fünfundzwanzig Jahre lang vorbildlich gedient – und nicht zuletzt hatte er sein Leben gegeben, um den Präsidenten zu schützen. Banks konterte mit der Möglichkeit, dass der Mörder den Agenten erschossen hatte, um ihn zum Schweigen zu bringen. Donnelly hielt diese Vorstellung für absurd. Das Video zeigte deutlich, dass Montgomery versehentlich durch den ersten Schuss getroffen wurde, dass der zweite den Präsidenten gestreift, aber nicht getötet hatte, während der Schütze beim dritten Mal auf den Präsidenten gezielt, aber stattdessen James getroffen hatte. Diesem Argument hatte Banks nichts entgegenzusetzen. Damit blieb nur noch ein Agent übrig: Billy Ray Mattis. Mattis hatte ebenfalls ein beeindruckendes Führungszeugnis, aber er war weder erschossen noch nach dem Brief in den Einsatz geschickt worden, sodass Donnelly ihn nicht so eindeutig wie die anderen drei Agenten ausschließen konnte. Doch das Hauptproblem mit Mattis war, so sagte Banks zu DeMarco, dass er im Video dubios wirkte. Am folgenden Tag, während Banks noch grübelte, was er mit der mysteriösen Botschaft machen sollte, wurde die Leiche von Harold Edwards zusammen mit dem Abschiedsbrief gefunden, in dem es hieß, dass er im Alleingang gehandelt hatte. Kurz darauf erhielt Banks von Donnelly telefonisch die Mitteilung, dass das Labor auf dem Warnschreiben nichts gefunden hatte. Keine Fingerabdrücke, keine Fasern, keinen Speichel, nichts. Er sagte auch, dass er mit dem Kurier gesprochen hatte, der den Postsack in Banks’ Büro gebracht hatte. Der Mann konnte sich an keinen Agenten erinnern, der ihm einen für Banks bestimmten Brief gegeben hatte. Doch Banks wollte sich mit dieser Auskunft nicht zufrieden geben.
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6 Die meisten Besucher hatten die Cafeteria der Kunstgalerie sofort verlassen, nachdem Christines Quartett seinen Auftritt beendet hatte. Nun wurden die Tische abgeräumt und die Stühle hochgestellt, und der Leiter der Putzkolonne warf Emma und DeMarco Blicke zu, die sie zum Gehen bewegen sollten. Emma ließ sich davon jedoch nicht im Geringsten beirren. »Ich verstehe es nicht«, sagte Emma. »Was genau erwartet Banks von dir?« »Er möchte, dass ich herausfinde, ob es eine Verbindung zwischen Mattis und dem Attentat gibt, und sei sie auch noch so vage«, sagte DeMarco. »Er glaubt nicht, dass sich Mattis irgendeiner Verfehlung schuldig gemacht hat, aber gleichzeitig ist er sich auch nicht hundertprozentig sicher, dass der Agent unschuldig ist. Deshalb soll ich Mattis überprüfen. Damit Banks sich anschließend mit ruhigem Gewissen zurücklehnen kann.« »Ein Politiker, der nach einem reinen Gewissen strebt«, sagte Emma, »ist wie Parzival, der nach dem Gral sucht.« »Von diesem kulturellen Querverweis abgesehen – was hältst du von der Sache, Emma?« »Mein lieber Joe, wir befinden uns hier in Washington, D.C. Hier leben die netten Leute, denen wir Sachen wie die Schweinebucht, Watergate, Iran-Contra und unsichtbare Massenvernichtungswaffen zu verdanken haben. Ob ich es für denkbar halte, dass eine offizielle Behörde – zum Beispiel eine, die von einem Intriganten wie Patrick Donnelly geleitet wird – in einen Mordanschlag gegen einen Präsidenten verwickelt sein könnte? Die Antwort lautet: Ja. Ob ich es auch für wahrscheinlich halte? Die Antwort lautet: Nein.«
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Emma trank einen Schluck Wein. »Und der einzige Grund, warum Banks dich auf Mattis ansetzt, ist die Tatsache, dass er auf diesem Video irgendwie ›dubios‹ aussieht?« »Es scheint so. Banks ist fest davon überzeugt, dass man auf sein Bauchgefühl hören sollte. Und sein Bauch sagt ihm, dass mit Mattis irgendwas faul ist. Ist dir klar, welchem der Agenten die Sonnenbrille runtergefallen ist? Billy Ray Mattis!« »Ist er deswegen für Banks so verdächtig?«, fragte Emma. »Ich weiß es nicht, aber Mattis war auch der Agent, der genau vor dem Präsidenten stand, nachdem die ersten Schüsse gefallen waren. Die letzte Kugel, die der Heckenschütze abfeuerte, ging ihm genau zwischen den Beinen hindurch. Kann seinen Schniedel nur um wenige Zentimeter verfehlt haben.« »Ein viel zu kleines Ziel …«, murmelte Emma. »Von wem stammt das Video überhaupt?« »Von einem lokalen Fernsehsender aus Gainsville. Der Präsident dachte, er könnte den Leuten eine Freude machen, wenn sie exklusiv über seinen und Montgomerys Abflug mit dem Hubschrauber berichten dürfen. Sie wurden etwa vier Stunden vorher benachrichtigt.« Ein Mitglied der Putzkolonne trat mit würdevoller Miene an ihren Tisch. Er fragte Emma höflich, ob sie bald gehen würden, damit seine Leute ihre Arbeit zu Ende bringen konnten. Emma starrte den armen Kerl nur an, bis er sich zurückzog, sich verbeugte und sich gleichzeitig auf Englisch und Spanisch entschuldigte. »Es gibt da noch etwas, das Banks Sorgen macht«, sagte DeMarco. »Aha?« »Patrick Donnelly. Er sagt, Donnellys Reaktion auf das Schreiben wäre untypisch für ihn gewesen. Ich weiß nicht, wie lange Donnelly schon Leiter des Secret Service ist …« »Schon sehr lange«, warf Emma ein.
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»… aber Banks sagt, dass er nicht dafür bekannt ist, sich ein Bein auszureißen. Und für seine Agenten tut er es schon gar nicht. Banks sagte, es hätte ihn überrascht, dass Donnelly nicht versucht hat, die Reise zum Chattooga völlig abzublasen, um seinen Arsch zu retten. Zumindest hätte er die Agenten auswechseln können, die dem inneren Zirkel zugeteilt waren, aber auch das hat er nicht getan.« »Das sehe ich genauso«, stimmte Emma zu. »Und warum hat er es nicht getan?« »Banks weiß es nicht, aber das ist für ihn ein weiterer Punkt, der ihm Sorgen macht.« »Ich kann dir noch einen Punkt nennen, der mir Sorgen machen würde, wenn ich Banks wäre«, sagte Emma. »Welchen?« »Warum hat die Person, die den Brief geschrieben hat, ausgerechnet Banks und nicht Donnelly als Adressat angegeben – den Mann, der die unmittelbare Verantwortung für den Secret Service trägt?« »Daran habe ich noch gar nicht gedacht«, sagte DeMarco. Emma schwieg einen Moment, bevor sie weitersprach. »Warum ruft Banks also nicht einfach das FBI an, erzählt den Leuten vom Brief und lässt sie weitere Nachforschungen anstellen?« »Er sagt, er sei nicht bereit, einen Medienrummel über eine mögliche Verwicklung des Secret Service in den Mordanschlag auszulösen, nur weil er ein komisches Gefühl hat. Erst recht, nachdem man Edwards’ Abschiedsbrief gefunden hat.« »Also will er, dass nicht das FBI, sondern Joseph DeMarco in der Sache ermittelt?« »Ja. Ich werde die Geschichte zumindest nicht an die Washington Post durchsickern lassen. Zumindest glaube ich, dass ich es nicht tun werde.« »Ich vermute, du bist immer noch besser als gar nichts«, murmelte Emma. 35
»Danke für dieses überwältigende Vertrauensvotum. Aber offen gesagt bin ich ganz deiner Meinung, und zu Mahoney habe ich dasselbe gesagt. Als ich ihm erklärte, dass sich Donnelly in dieser Angelegenheit merkwürdig verhalten hat, bestand er darauf, dass ich mich darum kümmere.« »Was hat Mahoney gegen Donnelly?« »Ich weiß es nicht. Und da ist noch was. Banks glaubt nicht, dass Donnelly den Brief wirklich hat analysieren lassen.« »Er glaubt, dass Donnelly ihn belogen hat?«, fragte Emma. »Ja. Banks meint, die Zeit hätte gar nicht ausgereicht, um den Brief gründlich zu untersuchen. Nicht, wenn sie eine DNSAnalyse durchgeführt und Leute befragt haben und so weiter. Als ich diesen Punkt gegenüber Mahoney erwähnte, hat er sehr interessiert die Ohren gespitzt.« »Wenn ich bedenke, was ich über Donnelly gehört habe, halte ich so ziemlich alles für möglich.« Emma fuhr sich mit einer Hand durch das kurze Haar, während sie über das nachdachte, was sie von DeMarco erfahren hatte. »Sag mir noch eins, Joseph«, fuhr sie schließlich fort. »In dieser Nachricht heißt es, der innere Zirkel sei ›unterwandert‹ worden, was immer das bedeuten soll. Wie könnte einer der vier Agenten, die den Präsidenten an jenem Tag bewacht haben, seine Sicherheit beeinträchtigt haben?« »Eine gute Frage, Emma. Auf die ich keine Antwort habe. Jedenfalls haben sie alles getan, um ihn zu schützen, als die Schüsse fielen. Außerdem waren Ort und Zeit der Reise alles andere als ein Staatsgeheimnis. Und wenn das FBI eine größere Lücke in den Sicherheitsvorkehrungen des Secret Service gefunden hätte, wäre das längst als Topthema in den Nachrichten aufgetaucht. Bisher wirft niemand dem Secret Service Fehlverhalten, Pflichtvernachlässigung oder sonst was vor. Zumindest noch nicht.« »Das ist alles hochinteressant, Joe«, sagte Emma und nahm ihre Handtasche, »aber wie ich bereits andeutete, wartet eine 36
hübsche Freundin auf mich. Wolltest du sonst noch etwas von mir?« »Ja. Es wäre schön, wenn du deine Kumpel bitten könntest, Mattis zu überprüfen. Ob er vielleicht Harold Edwards gekannt hat. Wie seine Finanzen aussehen, ob es Besonderheiten in seiner Lebensgeschichte gibt oder ähnliche Sachen.« »Er ist ein Agent des Secret Service, mein Lieber. Ich bezweifle, dass sich viel in den Datenbanken finden lässt.« »Wir müssen nachschauen.« »Wir?« DeMarco schüttelte verzweifelt den Kopf. »Warum in aller Welt hat es sich Mahoney in den Kopf gesetzt, mich mit so einer Sache zu beauftragen, Emma? Ich meine, wenn er Donnelly Schwierigkeiten machen will, braucht er doch nur dafür zu sorgen, dass die Washington Post Wind von der Geschichte bekommt!« »Ich vermute, der Sprecher des Repräsentantenhauses setzt auf eine Chance von eins zu weit über eine Million. Ich glaube kaum, dass er es auch nur ansatzweise für möglich hält, dass Mattis oder sonst jemand vom Secret Service in den Mordanschlag verwickelt war. Aber er hofft es. Und wenn es so ist, kann er Patrick Donnelly fertig machen. Das ist etwas anderes, als ihm mit unschmeichelhaften Presseberichten die Laune zu vermiesen.« »Dieser verdammte Mahoney!«, sagte DeMarco. »Komm schon, Joe! Hör auf zu heulen, und lass uns von hier verschwinden. Du musst mich zu einem Laden bringen, wo es frische Erdbeeren zu kaufen gibt.«
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7 DeMarco trat unter die große Kuppel des Kapitals, ohne einen einzigen Blick nach oben zu werfen. Um zur Treppe zu gelangen, die zu seinem Büro führte, musste er sich durch eine Touristenhorde drängeln, die mit gereckten, sonnengebräunten Hälsen ehrfürchtig zur bemalten Decke hinaufstarrte. Die Touristen gingen ihm auf die Nerven. Wegen der blöden Geschichte mit Banks war er ohnehin schlechter Laune, aber es ärgerte ihn jeden Tag aufs Neue, wenn diese Gummihälse in den Schlabbershorts ihm den Weg versperrten. Er nahm die Treppe und ging zwei Stockwerke hinunter. Statt Marmorfußboden gab es hier Linoleum, statt Kunst an der Decke nur schalldämpfende Platten mit Wasserflecken. In DeMarcos Stockwerk hielten sich die Leute auf, die arbeiteten. Hier ratterten die Maschinen der Kongressdruckerei, und genau gegenüber von seinem Büro lag der Raum mit den Notstromgeneratoren. Ab und zu erwachten die Dieselmotoren brüllend zum Leben, wenn sie getestet wurden, und DeMarco erschrak sich jedes Mal zu Tode. Ein Stück weiter befanden sich die Werkstätten des Wartungspersonals. Wenn er bedachte, was er an manchen Tagen tat, fand er es durchaus passend, dass man ihn in der Nähe der Hausmeister des Kapitals untergebracht hatte. Die verblassten Goldbuchstaben auf dem Milchglas der Tür zu DeMarcos Büro bildeten die Worte SONDERBERATER FÜR EXTERNE ANGELEGENHEITEN, J. DEMARCO. Der Titel war Mahoneys Erfindung und überdies völlig bedeutungslos. DeMarco betrat das Büro, zog seine Jacke aus, lockerte seine Krawatte und überzeugte sich, dass der Thermostat auf die geringste Stufe eingestellt war. Es war eine reine Angewohnheit, die lediglich seiner psychischen Ausgeglichenheit diente, denn er wusste aus Erfahrung, dass die Einstellung des kleinen 38
Reglers absolut keinen Einfluss auf die Raumtemperatur hatte. Er hätte seine Nachbarn, die Hausmeister, rufen können, um sich zu beschweren, aber er wusste, dass er auf ihrer Prioritätenliste ziemlich weit unten stand. Was bildete er sich ein? Jemand mit einem Büro im zweiten Untergeschoss schaffte es nie im Leben auf die vorderen Plätze der Liste. In seinem Büro drängten sich ein alter Holzschreibtisch aus der Carter-Ära und zwei unterschiedliche Stühle – einer hinter dem Schreibtisch und einer davor, für den seltenen Fall, dass er Besuch erhielt. Ein Aktenschrank aus Metall stand an einer Wand, doch er war leer, abgesehen von Telefonbüchern und einer Notration in Form einer Flasche Hennessy. DeMarco hielt nichts davon, schriftliche Aufzeichnungen aufzubewahren, die eventuell gegen ihn verwendet werden konnten. Auf seinem Schreibtisch stand eine nachgemachte Tiffany-Lampe – ein absolut überflüssiger Einrichtungsgegenstand, da die nackten, grellen Neonröhren völlig zur Beleuchtung ausreichten. Auf dem schwarz-weiß gekachelten Boden lag ein kleiner Orientteppich, dessen Hauptfarben Grün und Rotbraun waren. An der Wand gegenüber seinem Schreibtisch hingen zwei Kunstdrucke von Degas mit tanzenden Ballerinas. Seine Exfrau hatte ihm die falsche Tiffany-Lampe, den Läufer und die Ballerinas gegeben in der erfolglosen Bemühung, das Zimmer »etwas wärmer zu gestalten«. DeMarco war schon vor langer Zeit zu dem Schluss gelangt, dass nur ein Brandstifter es schaffen würde, sein Büro wärmer zu machen. DeMarco setzte sich auf den Stuhl hinter dem Schreibtisch. Er legte die Füße hoch, verschränkte die Hände hinter dem Kopf und schloss die Augen. Was sollte er wegen Billy Ray Mattis unternehmen? Er bezweifelte, dass sich der Agent irgendeines Vergehens schuldig gemacht hatte. Es war genauso, wie Emma gesagt hatte: Mahoney setzte auf ein Feld mit minimalen Chancen, und DeMarcos Karriere war sein Spielchip. Er hoffte, dass DeMarco Glück haben und etwas Unangenehmes über 39
Billy Mattis herausfinden würde. Dann könnte er Donnellys Weigerung, weitere Ermittlungen wegen des Briefs aufzunehmen, dazu benutzen, seine schlüpfrige Haut an die Wand zu nageln. DeMarco wusste nicht, was der Sprecher des Repräsentantenhauses gegen Patrick Donnelly hatte, aber es war nicht zu übersehen, dass es so war. Der Bär wollte ihn zum Mittagessen verspeisen. Das bedeutete, dass DeMarco in der Klemme steckte. Er konnte einen direkten Befehl Mahoneys nicht missachten, aber er durfte auch nichts unternehmen, was die Aufmerksamkeit des Secret Service oder des FBI erregte. Wenn sie feststellten, dass er sich in ihrem Revier herumtrieb, würden sie ihn mit ihren spitzen Schuhen zertreten – und wenn das geschah, würde Mahoney Stein und Bein schwören, dass er in seinem ganzen Leben noch nie den Namen Joe DeMarco gehört hatte. Also würde er sich wie befohlen über Billy Ray erkundigen, es aber äußerst vorsichtig tun. Unsichtbar. Diskret. Und dass er das tun konnte, setzte einen gigantischen Gedankensprung voraus. Er musste davon ausgehen, dass Mattis schuldig war. Wenn er an das Gegenteil glaubte, gab es für ihn nichts mehr zu tun. DeMarco begann seine Ermittlungen mit dem Warnschreiben. Er zog die Karteikarte hervor, die Banks ihm gegeben hatte, und sah sich noch einmal den genauen Wortlaut an. Die Unterschrift war interessant: »Ein Agent an der falschen Stelle.« Es klang, als würde der Verfasser unter Druck stehen oder etwas wissen, das er gar nicht wissen wollte. Diese Formulierung wirkte irgendwie … widerstrebend. Wenn die Warnung echt und der Secret Service tatsächlich in den Mordanschlag verwickelt war, konnte Billy Mattis derjenige gewesen sein, der sie abgeschickt hatte. Er hatte gewusst, dass der Anschlag stattfinden würde, wollte nichts damit zu tun haben, konnte ihn aber auch nicht verhindern. Eine zweite Möglichkeit war, dass sich die Nachricht auf Mattis bezog. Dass er die Sonnenbrille absichtlich fallen ließ, 40
um dem Attentäter freies Schussfeld zu geben. Eine dritte und wahrscheinlichere Möglichkeit war, dass das Schreiben ein dummer Streich und Mattis unschuldig war. Viele Möglichkeiten mit viel Wenn und Aber. DeMarco schlenderte eine aus lauter Unsinn gebaute, gelb gepflasterte Straße entlang, die ins politische Land Oz führte. Banks hatte DeMarco außerdem eine Kopie der Personalakte von Mattis gegeben. Also legte er die Karteikarte beiseite, um das helle Licht seines Intellekts auf die dünne Mappe scheinen zu lassen. Der Mann war in Uptonville in Georgia geboren, wo immer dieses Kaff liegen mochte, und hatte dort gelebt, bis er mit achtzehn Jahren in die Armee eingezogen wurde. Er verbrachte vierzehn ereignislose Monate in Süd-Korea, und nach dem Dienst trat er der Armeereserve bei und besuchte ein paar Jahre lang ein Gemeinde-College. Danach wurde er vom Secret Service eingestellt, und nun arbeitete er schon seit sechs Jahren für die Behörde. In Billy Rays Akte fanden sich zwei bemerkenswerte Vorfälle. Seine Armeereserveeinheit war während des Kriegs gegen Saddam für acht Monate reaktiviert worden, und bei dieser Gelegenheit hatte er eine nicht näher bezeichnete Heldentat vollbracht, mit der er sich einen Verwundetenorden und einen Bronzenen Stern verdient hatte. Der zweite Vorfall hatte sich zwei Jahre früher und in größerer Nähe ereignet. Während Billy in Gary, Indiana, an einer Straßenecke stand und darauf wartete, dass die Fahrzeugkolonne des Präsidenten vorbeikam, beschloss ein Bankräuber, dass der Besuch des Präsidenten eine hervorragende Deckung für einen Bankraub abgeben würde. Dem Mann, der den IQ eines Kaninchens haben musste, kam nicht in den Sinn, dass es an der Fahrtroute des Präsidenten vor Polizisten und Sicherheitsleuten in Uniform und in Zivil nur so wimmeln musste. Als der Räuber aus der Bank kam, ging der Alarm los. Ein Polizist, der sich in der Nähe aufhielt, wandte sich dem Lärm zu und zog seine Waffe, worauf 41
der Bankräuber auf den Polizisten schoss. Die Menschenmenge flüchtete in Panik, überall rannten schreiende Zivilisten wie Hühner vor einem Habicht in alle Richtungen davon, und in diesem Moment bog die Limousine des Präsidenten um die Ecke. Von allen Agenten war Billy dem Bankräuber am nächsten, doch er wagte es nicht, seine Waffe zu benutzen, weil er befürchtete, Zivilisten zu treffen. Gleichzeitig musste er dafür sorgen, dass der Bankräuber nicht auf den Wagen des Präsidenten feuerte. Also jagte Billy den Bankräuber. Seine Schutzweste hielt die erste Kugel ab, die zweite erwischte seinen linken Oberarm, dann konnte er sich auf den Bankräuber stürzen und ihn entwaffnen. Billy Mattis mochte kein besonders helles Köpfchen sein, aber er besaß zweifellos Mut. Im Dienst für sein Land war er zweimal verletzt worden. Er war Agent des Secret Service und ein dekorierter Veteran. Am Chattooga hatte er sich ohne Zögern in Lebensgefahr begeben. Konnte es jemanden geben, dem man den Versuch, den Präsidenten zu töten, weniger zutrauen würde? Was DeMarco besonders auffiel, während er Mattis’ Personalakte durchsah, war die Tatsache, dass der Mann bis vor zweieinhalb Monaten nie eine der anspruchsvolleren Aufgaben hatte übernehmen dürfen, nie zum inneren Zirkel gehört hatte. Er wurde oft als Wachmann im äußeren Sicherheitsring am Weißen Haus oder in Camp David eingesetzt und hatte häufig als anonymer Agent an der Straße gestanden, wenn der Präsident Mittelamerika mit seinem Besuch beehrte, aber er war nie als persönlicher Leibwächter für den Präsidenten oder für dessen Familie im Einsatz gewesen. DeMarco konnte der Akte nicht entnehmen, ob Billy am 15. Mai wegen seiner Heldentaten den Prätorianern zugeteilt worden war oder einfach nur, weil er inzwischen lange genug beim Secret Service war, um automatisch aufzurücken. DeMarco brauchte jemanden mit Insiderwissen, der ihm den Grund für Billys Beförderung 42
erklären konnte. Dass er erst seit kurzem der Leibwache des Präsidenten angehörte, war für DeMarco ein faszinierendes Detail – sofern man Verschwörungstheorien faszinierend finden konnte. DeMarco legte die Akte und die Karteikarte in die obere Schublade seines Schreibtischs und schloss sie ab. Dann verließ er sein Büro und ging durch den Korridor zur Werkstatt. Er klopfte an und wartete geduldig, bis er eine tiefe Stimme »Jou!« sagen hörte. Danach öffnete er die Tür. Drei Schwarze in dunkelblauen Overalls saßen an einem Tisch und spielten Karten. Ein vierter Mann, ebenfalls ein Schwarzer, ebenfalls in einem Overall, reparierte auf der Werkbank eine Klimaanlage. Als die Kartenspieler DeMarco sahen, wurde er mit dem inzwischen vertrauten Chor begrüßt: »Unser kleener Italieener!« – »Spaghetti auf die Betty!« – »Pasta la vista!« »Mein Gott!«, sagte DeMarco. »Müssen wir diese Nummer wirklich jedes Mal durchziehen?« »Klar«, sagte der Mann an der Werkbank, »jedes Mal, weil die Jungs Idioten sind und Sie wie Sonnyboy Corleone aussehen.« Dann wischte er sich die rechte Hand am Bein seines Overalls ab, ging zu DeMarco hinüber und schüttelte ihm die Hand. »Wie geht es Ihrem Jungen, Curtis?«, fragte DeMarco. Curtis Jacksons ältester Sohn spielte Baseball; er war Fänger für das Drei-A-Team der Mets. Vor einer Woche hatte ihn ein First Baseman mit der Wucht eines Monstertrucks gerammt. Er hatte den Ball nicht fallen gelassen, aber er war für die Dauer von zwei Innings ausgeknockt gewesen. »Ganz gut. Er hat einen Dickkopf wie seine Mutter. Er wird nächste Woche schon wieder spielen.« »Das freut mich.« »He, Dee-Mar-Ko«, sagte einer der Kartenspieler. »Ist Ihnen schon mal aufgefallen, dass Sie in diesem Bau der einzige Weiße mit einem Büro im Untergeschoss sind?«
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»Er ist kein Weißer«, sagte Kartenspieler Nummer zwei, »er ist ein Italiener! Er ist dunkelhäutiger als du, Clark, wenn er aus der Sonne kommt.« »Sie sollten in eine Gewerkschaft eintreten, DeMarco«, sagte der erste Kartenspieler. »So kriegen Sie einen höheren Dienstrang und ein höher gelegenes Büro.« »Bloß nicht!«, sagte DeMarco. »Wenn ich in der Gewerkschaft wäre, müsste ich diese hässlichen Overalls tragen und mit einem aufgenähten Namensschild rumrennen.« »DeMarco, Sie Blödmann«, sagte der zweite Kartenspieler, »man würde sich doch nie den eigenen Namen auf den Anzug nähen.« »Ja«, sagte Kartenspieler Nummer drei, »Ihr Name stünde dann auf meinem Hemd, DeMarco, und deshalb würde man Ihren lahmen Arsch schon bald feuern.« Während die Kartenspieler grölten und sich gegenseitig abklatschten, sagte DeMarco zu Curtis: »Warum arbeiten diese Jungs nicht?« »Nicht, dass es Sie etwas anginge, aber ihre Schicht fängt erst in einer Stunde an. Sie kommen meistens etwas früher, um Karten zu spielen, statt sich von ihren Frauen nerven zu lassen. Brauchen Sie etwas, Joe?« »Ja. Kann ich einen Fernseher und einen Videorecorder ausborgen?« »Klar«, sagte Curtis, »aber bringen Sie die Sachen bis morgen Nachmittag zurück. Da haben die Skins ein Freundschaftsspiel.« Das löste eine fünfzehnminütige Diskussion zwischen DeMarco, einem eingefleischten Fan der Redskins, und den Kartenspielern aus. Diese ließen sich nicht durch sentimentale oder geografische Loyalitäten beirren und putzten alles herunter, den Trainer, die Verteidigung und den Angriff und den Fullback, von dem sie sagten, er würde wie ein dickes Mädchen rennen. Nur in ihrer Begeisterung für die Cheerleader waren sie sich alle einig. 44
Als DeMarco wieder in seinem Büro war, steckte er eine ausgeliehene Kopie des Videos vom Attentat in den Recorder. Er drückte die Play-Taste auf der Fernbedienung und lehnte sich zurück, während er einen Finger über der Pause-Taste bereithielt. Er wollte sich ein eigenes Bild vom dubiosen Verhalten Billy Rays machen. Die TV-Kommentatoren und ihre eingeladenen Experten hatten sich in den vergangenen vier Tagen pausenlos die Köpfe darüber heiß geredet, was es zu bedeuten hatte, dass Mattis vor dem ersten Schuss die Sonnenbrille heruntergefallen war. Alle waren zur gleichen Schlussfolgerung gelangt: Mattis’ Missgeschick war ein klares Zeichen, dass Gott die Demokraten wählte. Wäre Mattis die Sonnenbrille nicht heruntergefallen, hätte Montgomery ihn nicht angerempelt. Dann wäre Montgomery nicht mit dem Präsidenten zusammengestoßen – und in diesem Fall hätte die erste Kugel den Kopf des Präsidenten zerfetzt. Die Experten vom FBI widersprachen dieser Interpretation der Ereignisse nicht, aber sie wussten auch nichts von dem Brief mit der Warnung; genauso wenig wie die Journalisten. Als DeMarco sich diesmal das Band ansah, glaubte er, dass Mattis vielleicht etwas nervöser als die anderen Agenten wirkte. Und als sich die Gruppe dem Hubschrauber näherte, unmittelbar vor dem ersten Schuss, schien Mattis den Kopf unter den Kragen seiner Windjacke einzuziehen, wie eine Schildkröte, die sich in ihrem Panzer verkriechen wollte. Doch DeMarco fiel auf, dass sich Mattis schnell und ohne Zögern bewegte, als es darum ging, den Präsidenten zu schützen, und er hatte seine Waffe noch vor den anderen Agenten abgefeuert. Die Bilder verschafften ihm keine neuen Erkenntnisse, aber nun verstand DeMarco, was Banks gemeint hatte. Mattis wirkte tatsächlich anders als die übrigen Agenten, aber es war schwer, diesen Eindruck in Worte zu fassen. Es gab nichts, worauf man mit dem Finger zeigen konnte. Vor allem wusste DeMarco inzwischen, dass das FBI dieses Video gezaprudert hatte (dieser 45
Begriff hatte sich eingebürgert, seitdem das FBI den Film des Amateurfilmers Abraham Zapruder beschlagnahmt und untersucht hatte, der zufällig Zeuge des Attentats auf John F. Kennedy geworden war und seine Kamera mitlaufen ließ). Sie hatten es Pixel für Pixel auseinander genommen, jeden Ausschnitt vergrößert und dreidimensionale Computersimulationen erstellt. Wenn das FBI und seine zahllosen Techniker in den weißen Kitteln nichts Verdächtiges in der Aufzeichnung entdeckt hatten, war es undenkbar, dass selbst DeMarcos Luchsauge eine rauchende Gewehrmündung bemerkte, die bisher übersehen worden wäre. Nachdem er sich das Video fünfmal angesehen hatte, gab er auf. Die Bilder zeigten entweder einen sehr wachsamen Agenten, der genau das tat, wozu er ausgebildet worden war, oder einen sehr nervösen Agenten, der schon vorher wusste, dass es zu einem Attentat kommen würde. DeMarco sah auf die Uhr. Es war schon vier. Die Sonne stand inzwischen tief genug am Himmel, zumindest irgendwo über dem Atlantik, womit sich DeMarco zufrieden gab. Er rief Alice an.
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8 Das »Monokel« war eine historische Gaststätte auf der Senatsseite des Kapitals, einen Block von der Union Station entfernt. Die Wände waren mit Fotos von lächelnden, aus glasigen Augen blickenden Politikern übersät. Mahoneys Bild war an auffälliger Stelle neben dem Eingang angebracht worden. Er hatte einen seiner kräftigen Arme um den Nacken eines Rivalen gelegt, der sich recht unbehaglich zu fühlen schien. DeMarco war gerne hier. Aus der Küche kamen anständige Mahlzeiten, von der Bar exzellente Martinis, und von seinem Lieblingshocker aus konnte er die jungen Damen beobachten, die auf dem Hügel arbeiteten und mit strammem Schritt in ihren engen Röcken vorbeihasteten, um die U-Bahn zu erreichen. Mr. William, der nachmittägliche Barkeeper des »Monokel«, servierte DeMarco den bestellten Martini. Dabei war sein Gesichtsausdruck so ernst, als würde er den Wein zum heiligen Abendmahl kredenzen. Mr. William war etwas über sechzig, schwarz, schlaksig gebaut und gute zwei Meter groß. Von seinen Vorfahren hatte er die würdevollen, traurigen Züge eines Leichenbestatters geerbt, doch in Wirklichkeit hatte er eine lebhafte, versaute Phantasie. »Haben Sie gestern Abend gesehen, wie die Orioles gegen Seattle gespielt haben, Joe?«, fragte Mr. William. »Dieses Thema hatten wir doch schon einmal«, sagte DeMarco, »und Sie kennen meine Ansichten zu diesem Thema ganz genau. Ich werde mir die Orioles nur dann ansehen, wenn die Senators nach Washington zurückkehren.« Im Jahr 1971 hatten die Washington Senators die Hauptstadt verlassen und waren nach Texas gegangen, wo sie zu den Texas Rangers geworden waren. Alle Baseball-Fans aus D.C. hatten den Verlust des Teams betrauert, als wären ihre innig geliebten 47
Mütter verstorben. Seit Jahren hatten sich die Washingtoner dafür eingesetzt, dass wieder ein Team der Major League in die Hauptstadt kam, was aber der Sponsor der um die Fans konkurrierenden Baltimore Orioles zu verhindern wusste, wofür ihn DeMarco mit einer Leidenschaft hasste, die nur wahre Baseballfans nachvollziehen konnten. »Dann haben Sie gar nicht Rodiguez’ Triple Play gesehen – und gleich im Anschluss Rodriguez’ Inside-the-ParkHomerun?«, fragte Mr. William. Verdammt. Sowohl ein Triple Play als auch ein Inside-thePark-Homerun waren so selten wie Dinosaurierexkremente. Und er hatte beides verpasst. Scheiß-Orioles! Der Sponsor des Teams war ein geldgieriger Spielverderber, ihre Publicity war unter aller Sau, und ihre Pitcher waren nicht einmal gut genug, um in einer Highschool-Mannschaft zu spielen. Aber sie hatten Alonzo Rodriguez, derzeit der beste Spieler aller Ligen. Trotzdem war DeMarco nicht bereit, sein Embargo aufzuheben. Niemals. »Ich scheiße auf Rodriguez und seinen Triple Play«, sagte DeMarco und bemühte sich, so zu tun, als würde er es wirklich so meinen. »Sie sind ein verdammter Dickkopf, Joe.« Das war er. DeMarco nahm einen Schluck von seinem Martini, dankte dem Schöpfer des Martinis mit einem Nicken und sagte: »Ausgezeichnet, Mr. William. Dürfte ich mal Ihr Telefon benutzen?« »Haben Sie kein Handy wie all die anderen Lichtgestalten, die hier verkehren?« »Schon, aber ich möchte meine Einheiten sparen. Nun geben Sie mir schon das Telefon. Sie müssen die Rechnung ja nicht bezahlen.« DeMarco wählte. »Joe hier«, sagte er, als Emma sich meldete. »Lange nichts von dir gehört, Joe«, antwortete Emma. »Du scheinst gut gelaunt zu sein, Emma.«
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»Ich bin gesund, wohlhabend und intelligent – und im Gegensatz zu dir bin ich sexuell aktiv. Warum sollte ich also nicht gut gelaunt sein? Was willst du? Ich lackiere mir gerade die Fingernägel.« »Ich möchte mir einen deiner Kollegen für einen Überwachungsjob ausborgen.« »Wegen der Mattis-Sache?« »Ja.« »Du gehst ja mächtig ran!« »Keine Ermittlung ohne Überwachung. Dein Mann soll Billy ein oder zwei Tage lang auf den Fersen bleiben, damit ich Banks anschließend berichten kann, dass er so sauber wie Neuschnee ist.« »Es gibt keinen sauberen Neuschnee, Joe. Denk an die Luftverschmutzung. Was willst du machen, während mein Kollege Billy beschattet?« DeMarco sagte es ihr. »Ich glaube, Mike ist gerade frei«, sagte sie. »Ich werde ihm sagen, dass er dich anrufen soll.« »Ist es derselbe Mike, den du mir im Februar ausgeborgt hast?« »Ja.« »Gut. Er ist in Ordnung. Was hat er eigentlich für einen Hintergrund?« DeMarco verdrehte die Augen, als er die Frage stellte, weil er wusste, dass er sich die Mühe hätte sparen können. Aber wie schon Mr. William festgestellt hatte, war er ein verdammter Dickkopf. »Ach, das Übliche«, sagte Emma. »Navy SEAL, Lizenz zum Töten und so weiter.« Emma legte auf. Das bedeutete, dass man Mike die Lizenz zum Töten geben konnte. DeMarco hatte im Laufe der Jahre, seit er Emma kannte, festgestellt, dass sie über Kontakte zu Leuten mit einer breiten Palette von Talenten verfügte. Ehemalige Polizisten, ExSoldaten und, wie es schien, frühere Kriminelle. Sie kannte 49
Experten für Abhöraktionen, Dokumentenfälscher und Computerhacker. Alle verstanden ihr Handwerk, und aus Gründen, die DeMarco vermutlich nie erfahren würde, waren sie Emma treu ergeben. DeMarco hatte Emma gewissermaßen durch eine Mitfahrgelegenheit kennen gelernt. Er hatte gerade einen Freund am Reagan National Airport abgesetzt und wartete vor den Taxis darauf, dass die Straße frei wurde, damit er weiterfahren konnte. Er hatte die linke Seite beobachtet, als plötzlich seine Beifahrertür geöffnet wurde und eine attraktive Frau mittleren Alters in seinen Wagen gestiegen war. Ihr eleganter weißer Hosenanzug sah leicht zerknittert aus, als hätte sie eine längere Reise hinter sich. Sie war außer Atem und machte nicht den Eindruck, dass sie in letzter Zeit viel geschlafen hatte. Das Einzige, was sie bei sich hatte, war eine Handtasche. »He, was soll …«, begann DeMarco zu fragen. »In etwa zehn Sekunden«, fiel ihm die Frau ins Wort, »werden zwei Männer aus dem Flughafengebäude kommen. Sie sind bewaffnet und werden versuchen, mich zu töten. Sie werden sie wahrscheinlich auch töten, da Sie in meiner Begleitung sind. Fahren Sie bitte sofort los.« DeMarco stellte fest, dass die Frau verzweifelt war, aber sie schien nicht in Panik zu handeln. »Hören Sie …«, begann DeMarco. »Jetzt bleiben Ihnen nur noch etwa fünf Sekunden. Ich arbeite für die Regierung, und ich sage die Wahrheit.« DeMarco hätte beinahe geantwortet: »Den Spruch habe ich schon mal gehört.« Doch er tat es nicht. Er machte sich ernsthafte Sorgen. Er sah sich die Frau sehr genau an. Sie mochte auf der Flucht vor der Polizei sein, vielleicht war sie ein Drogenkurier. Aber das glaubte er nicht. Sie hatte kein besonders freundliches Gesicht, aber es schien das Gesicht eines Menschen zu sein, dem man vertrauen konnte.
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Im nächsten Moment warf DeMarco einen Blick in den Rückspiegel und sah zwei Männer, die aus dem Terminal gelaufen kamen. Sie sahen sich hektisch auf dem Bürgersteig um, dann zeigte einer von ihnen auf DeMarcos Wagen. »Scheiße«, sagte er, trat aufs Gaspedal und fädelte sich in den Verkehr ein. »Warum haben Sie nicht einfach ein Taxi genommen?«, sagte er zur Frau. »Haben Sie die Schlange am Taxistand gesehen?«, gab sie zurück und schaute sich um. »Verdammt, da ist noch einer, der in einem Wagen auf sie gewartet hat.« DeMarco sah wieder in den Rückspiegel. Die beiden Männer stiegen in einen schwarzen Mercedes. »Was wird jetzt …?« »Fahren Sie mich zum Pentagon«, sagte die Frau. »Und wenn ein Polizist will, dass Sie anhalten, tun Sie es nicht.« »Moment …« »Es hätte zur Folge, dass auch der Polizist getötet würde, Jetzt fahren Sie endlich. Schnell!« Die Frau beobachtete den Verkehr hinter ihnen. Der Mercedes kam näher. Sie zog ein Handy aus der Handtasche. »Ich bin’s«, meldete sie sich. »Ich bin gerade aus Kairo eingetroffen. Ich habe die Probe dabei, aber sie haben an der Gepäckausgabe auf mich gewartet. Genau das sollte eigentlich nicht passieren, Sie Idiot!« Eine Weile hörte sie zu. »Nein, ich bin nicht bewaffnet. Wie zum Henker hätte ich das Flugzeug mit einer Waffe besteigen sollen? Hören Sie … Jetzt halten Sie endlich die Klappe und hören mir zu! Ich bin in Begleitung eines Zivilisten. Wir sind unterwegs mit einem Volvo, Baujahr neunzehn …« Sie warf DeMarco einen Blick zu. »Vierundneunzig«, sagte er. »Baujahr neunzehnhundertvierundneunzig, rotbraune Lackierung. Wir entfernen uns gerade vom National Airport und fahren auf den George Washington Parkway zu. Sie können uns gar nicht übersehen, weil wir mit hundert Meilen pro Stunde rasen 51
und von einem schwarzen Mercedes verfolgt werden. Jetzt schicken Sie endlich jemanden rüber! Und zwar schnell!« Sie klappte das Handy zu. »Wie heißen Sie?«, wollte sie von DeMarco wissen. »Joe«, sagte er. »Also gut, Joe. Sie müssen jetzt das Gaspedal bis zum Bodenblech durchdrücken. Wenn Sie dabei Ihren Wagen zu Klump fahren, wird das das geringste Ihrer Probleme sein.« Der Mercedes war jetzt genau hinter ihnen, aber er versuchte nicht, sie zu überholen oder sie irgendwie zum Anhalten zu zwingen. Die Frau sah sich zum anderen Wagen um. »Sie warten vermutlich, bis wir auf dem Parkway sind. Dann dürfte einer dieser Kerle seine Waffe ziehen und auf Ihre Reifen schießen.« »Gütiger Himmel!«, sagte DeMarco. »Warum werfen Sie das, was diese Leute haben wollen, nicht einfach aus dem Fenster?« Die Frau lachte. Offenbar hatte sie nicht begriffen, dass er den Vorschlag keineswegs scherzhaft gemeint hatte. Als DeMarco den George Washington Parkway erreichte, war der Mercedes fünfzig Meter hinter ihnen. Bald hatte er auf neunzig Meilen pro Stunde beschleunigt und war froh, dass nur wenig Verkehr herrschte. Er schaute in den Rückspiegel und sah, dass einer der Männer sich aus dem Beifahrerfenster des Mercedes lehnte. Dann sah er orangefarbene Lichtblitze, die von der Hand des Mannes ausgingen, aber er hörte keine Schüsse. Dafür sah er nicht weit vom Volvo entfernt mehrere Stellen auf dem Asphalt, von denen Funken aufstoben. »Mistkerle!«, brüllte DeMarco. Er drückte den Fuß fester aufs Gaspedal, aber der Volvo wurde nicht schneller. Die maximale Motorleistung war erreicht. Dann war plötzlich alles vorbei. Ein großer schwarzer Hubschrauber tauchte über dem Mercedes auf. Ein Scheinwerfer war auf den Wagen gerichtet, und DeMarco sah jemanden, der sich mit einem Gewehr im An52
schlag aus der Maschine lehnte. Er konnte nicht sagen, woher der Hubschrauber gekommen war. Der Mercedes wurde etwas langsamer und schien nach einer Ausfahrt oder einer Wendemöglichkeit zu suchen. DeMarco zog den Fuß keinen Millimeter vom Gaspedal zurück. Etwa eine Minute später sah er im Rückspiegel die Blaulichter von fünf oder sechs Fahrzeugen, die den Mercedes umstellten. »Sie können jetzt anhalten«, sagte die Frau. DeMarco fuhr weiter. »Es ist alles in Ordnung«, sagte die Frau. »Beruhigen Sie sich. Halten Sie an.« DeMarco tat es. Als der Wagen stand, legte er für einen Moment den Kopf ans Lenkrad und schloss die Augen. In dieser Haltung sagte er: »Würden Sie mir jetzt bitte erk…« »Tut mir Leid, Joe, aber das kann ich nicht.« Diese verfluchte Frau ließ nicht zu, dass er auch nur einen einzigen Satz zu Ende sprach. Ein weißer Lieferwagen mit Regierungskennzeichen hielt hinter DeMarcos Volvo an. Die Frau stieg aus, und bevor sie die Tür schloss, sagte sie: »Ich bin übrigens Emma. Und ich möchte Ihnen danken.« Dann ging sie zum Lieferwagen, der sofort weiterfuhr, nachdem sie eingestiegen war. Am nächsten Morgen saß DeMarco in seinem Büro und blätterte die Zeitung durch, weil er wissen wollte, ob die Presse vom gestrigen Vorfall erfahren hatte. Offenbar nicht. Kurz darauf klopfte es an seiner Tür, was ihn überraschte, da es nur selten vorkam, dass jemand ihn in seinem Büro besuchte. Er öffnete die Tür. Es war Emma. »Wie haben Sie …?« DeMarco wollte fragen, wie sie ihn gefunden hatte, doch dann wurde ihm bewusst, dass es eine ziemlich blödsinnige Frage war. »Ich wollte mich nur angemessen für das bedanken, was Sie gestern Abend für mich getan haben«, sagte Emma. Sie betrat 53
DeMarcos Büro, ohne auf die Erlaubnis zu warten, musterte mit hochgezogener Augenbraue die Einrichtung und reichte DeMarco schließlich einen Umschlag. »Zwei Sitzplätze für das Spiel der Wizards morgen Abend, genau hinter der Spielerbank. Ich habe gehört, dass Sie sich sehr für Sport interessieren.« »Mann!«, sagte DeMarco. Die Karten mussten um die fünfhundert Dollar gekostet haben. »Danke! Aber ich würde trotzdem gerne wissen, was eigentlich passiert ist.« »Tut mir Leid, Joe, das kann ich Ihnen nicht sagen. Aber wie heißt es immer so schön in den Witzen: Der Dank der Nation ist Ihnen gewiss. Und hier ist meine Telefonnummer, Joe.« Sie reichte DeMarco eine Visitenkarte, auf der nur eine Nummer mit der Vorwahl von Virginia stand. »Falls Sie jemals Hilfe brauchen – ganz gleich, wobei –, rufen Sie mich an«, sagte Emma. »Apropos«, sagte DeMarco und dachte an den Auftrag, den er damals gerade für Mahoney erledigte, »Sie kennen nicht zufällig jemanden, der einen Safe knacken kann?« Das war der Beginn einer langen und oftmals sehr bizarren Bekanntschaft gewesen, die DeMarco seitdem keinen Augenblick lang bereut hatte. Allerdings gab es doch eine Kleinigkeit, die DeMarco über Emma wusste. Kurz nach ihrer ersten Begegnung hatte er Mahoney gebeten, sie zu überprüfen. DeMarco hatte vermutet, dass die Frau für die CIA arbeitete, was Mahoney ohne größere Schwierigkeiten in Erfahrung bringen würde. Zumindest hatte DeMarco das gedacht. DeMarco hatte Mahoney noch nie so nervös erlebt, als dieser sich wegen der Sache bei ihm zurückmeldete. »Sie war früher bei der DIA«, sagte Mahoney. Die Defense Intelligence Agency, ein militärischer Geheimdienst, wurde 1961 vom damaligen Verteidigungsminister Robert McNamara nach dem Debakel in der Schweinebucht aufgebaut. Manche sagten, es war die Organisation, die die CIA 54
einmal sein wollte, wenn sie erwachsen wäre. Sie leistete so kompetente Arbeit, dass sie nur sehr selten Schlagzeilen machte, und war zudem an militärischen Aktionen beteiligt, die oftmals so heikel und lebenswichtig waren, dass selbst hochrangige Politiker es nicht wagten, auch nur den Ansatz von Kritik zu üben. »Als ich mich nach ihr erkundigte, sagte mein Kumpel, er würde sich zurückmelden. Im nächsten Moment standen zwei Typen in meinem Büro, die so unheimlich waren, dass ich mir fast in die Hose gemacht hätte. Sie wollten wissen, woher ich ihren Namen kenne und warum ich mich nach ihr erkundigte. Ich, der Sprecher des Repräsentantenhauses! Nachdem ich eine Weile singend vor ihnen herumgetanzt bin, dass Fred und Ginger vor Neid erblasst wären, haben sie mir schließlich erzählt, das sie eine Ex-DIA ist. Aber ich habe so das Gefühl, dass das ›Ex‹ eine glatte Lüge war.« Diese Leute schienen keinen Spaß zu verstehen. »Das war auch schon alles, was sie mir gesagt haben, Joe«, schloss Mahoney. »Was immer diese Frau für sie getan hat – eher trocknet der Potomac aus, als dass sie es ans Tageslicht kommen lassen.« DeMarco hatte sich mit dieser Information zufrieden gegeben. Er wusste jetzt etwas über Emma, das erklärte, warum sie nie etwas erklärte. Der Krach eines Lasters von der Müllabfuhr direkt neben DeMarcos rechtem Ellbogen riss ihn aus seinen Grübeleien. Doch es war gar kein Müllwagen, sondern Alices Handtasche – fünfzehn Kubikmeter aus Lederimitat, offenbar gefüllt mit ihrem kompletten Besitzstand. Ohne DeMarcos Anwesenheit zur Kenntnis zu nehmen, gab sie Mr. William ein Zeichen. Er näherte sich zögernd. Mr. William war normalerweise ein geselliger Mensch, der den Umgang mit seinen Gästen liebte. Alice stellte in dieser Hinsicht eine seltene Ausnahme dar. 55
»Einen Black Jack auf Eis, Bohnenstange, aber zackig«, sagte Alice. »Jawohl, Madam«, antwortete Mr. William. Es war nicht einfach für einen gut zwei Meter großen Mann, sich zu ducken, aber Mr. William schaffte es. »Weißt du«, sagte Alice zu DeMarco, »da du wusstest, dass ich komme und was ich trinke, hättest du dafür sorgen können, dass mein Drink schon längst bereitsteht.« »Als würde deine Leber schlapp machen, wenn du deine abendliche Dröhnung fünf Minuten später bekommst.« »Sei nicht so ein Klugscheißer.« Mr. William brachte ihren Drink, dann wich er zurück wie Michael Jackson beim Moonwalk. »He«, blaffte Alice ihn an. »Wo sind die Erdnüsse? Oder diese kleinen Goldfischdinger?« »Ich bringe Ihnen welche, Madam«, sagte Mr. William mit steinerner Miene. Seine Augen waren wie hell glühende Lämpchen, die vor einem bevorstehenden Totschlag warnten. Alice war fünfzig, hatte eine gefärbte blonde Mähne, trug zu viel Make-up und zwanzig überflüssige Pfunde mit sich herum. Sie hatte einen Mann, von dem sie nur als »das Arschloch« sprach, und einen Sohn, den sie nur als »den kleinen Wichser« bezeichnete. Alice lebte für eine einzige Leidenschaft: die Spielautomaten in Atlantic City. An jedem Wochenende pilgerte sie in ihr Mekka. Ansonsten arbeitete sie bei der Telefongesellschaft AT&T. Alice kippte die Hälfte ihres Drinks hinunter und kramte dann in den bodenlosen Tiefen ihrer Handtasche. »Hier«, sagte sie und warf sechs zerknüllte Seiten auf den Tresen vor DeMarco. Es waren Billy Mattis’ Telefondaten aus den vergangenen drei Monaten. Falls Billy tatsächlich in das Attentat verwickelt war, musste er mindestens einen Komplizen gehabt haben – den Mann, der abgedrückt hatte. Und wer einen Komplizen hatte, so DeMarcos 56
Überlegung, musste mit ihm kommunizieren. Also schaute man in den Telefonrechnungen nach, mit wem der Tatverdächtige in letzter Zeit geplaudert hatte. Wenn Billy Ray ein professioneller Killer war oder als Undercover-Agent für einen ausländischen Auftraggeber arbeitete, würde er sicherlich eine andere Kommunikationseinrichtung nutzen als das Küchentelefon. DeMarco war klar, dass ein Blick auf Billy Rays Daten ihm nicht den Beweis liefern würde, dass der Mann ein Maulwurf war, den die Russen seit seiner Geburt trainiert und schließlich per Fallschirm im ländlichen Georgia abgesetzt hatten, damit er sich von dort aus das Vertrauen der amerikanischen Elite erschlich. »Weißt du, es war ein ganz schöner Batzen Arbeit, diese Aufzeichnungen zu besorgen«, sagte Alice zu DeMarco, während sie sich mit Erdnüssen voll stopfte. Zwischendurch brüllte sie Mr. William an: »He, Spargeltarzan! Mein Glas ist leer!« »Willst du mich verarschen, Alice?«, sagte DeMarco. »Du musstest höchstens drei Tasten auf deiner Computertastatur drücken, um an diese Daten zu kommen.« »Woher willst du das wissen? Seit wann arbeitet Mister Großkotz für die größte private Telefongesellschaft dieses Landes? Außerdem bin ich diesen Monat etwas knapp bei Kasse.« Alice war jeden Monat knapp bei Kasse. DeMarco hatte den Verdacht, dass der monatliche Vorschuss, den er ihr zahlte, das Einzige war, was ihre Gläubiger davon abhielt, ihr an den runzligen Hals zu springen. Während Alice über die allgemeine wirtschaftliche Lage und ihre persönliche finanzielle Situation jammerte, sah sich DeMarco Billy Mattis’ Telefondaten an. Alice hatte ihm die Namen und Adressen von Personen und Unternehmen ausgedruckt, die Billy von Zuhause und mit seiner Telefonkarte angerufen hatte. Emmas Leute würden alle Namen überprüfen, um festzustellen, ob sich interessante Zusammenhänge ergaben, 57
aber DeMarco sah nichts, was auf den ersten Blick auffällig gewesen wäre. Keine Anrufe bei Läden, die Zielfernrohre oder Scharfschützengewehre verkauften – und vor allem keine Gespräche mit dem verstorbenen Harold Edwards. Eine Auffälligkeit gab es allerdings doch. Im Juni hatte Billy zwanzigmal innerhalb von zwei Wochen eine Jillian Mattis angerufen. DeMarco erinnerte sich, dass Billys Mutter so hieß; er hatte den Namen in dessen Personalakte gelesen. Er sah sich die Rechnung des Vormonats an und stellte fest, dass Billy seine Mutter in diesem Zeitraum nur viermal angerufen hatte. Die Häufung der Gespräche begann zwei Wochen nach seiner Zuteilung zur Leibwache des Präsidenten. DeMarco sagte sich, dass es für diesen Umstand zahllose völlig normale Erklärungen geben konnte. Vielleicht war seine Mutter in dieser Zeit krank gewesen und er hatte sich oft nach ihrem Befinden erkundigt. Oder Billy hatte geplant, sie zu besuchen, und genauere Einzelheiten mit ihr abgesprochen. Oder Billy hatte gelegentliche Anwandlungen als Muttersöhnchen. »Und?«, sagte Alice. »Und was?« DeMarco hatte ihr in den vergangenen fünf Minuten gar nicht zugehört. »Kannst du mir einen Vorschuss geben?« »Klar«, sagte DeMarco. Alice zu geben, was sie haben wollte, war einfacher, als mit ihr zu feilschen. Und Donald Trump konnte das Geld bestimmt gut gebrauchen.
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9 In Virginia, fünfzig Meilen westlich von Washington, lag Middleburg, eine Bilderbuchstadt inmitten grüner Hügel, die einst Schlachtfelder des Bürgerkriegs gewesen waren. Diese Schlachtfelder waren nun mit weißen Zäunen eingefriedete Weiden, auf denen Vollblutpferde grasten. Wohlhabende Bürger der Hauptstadt kauften Land in der Umgebung von Middleburg, wo sie an den Wochenenden Jagdausflüge unternahmen und taten, als wären sie Gutsherren. Frank Engles war kein Gutsherr vom Lande, sondern der Eigentümer einer Pension. Sein Haus war ein viktorianisches Anwesen in vielfältigen Farbschattierungen mit Bleiglasfenstern und sonnigen Mansarden, so romantisch wie ein Strauß Rosen. Es war genau die Art von Pension, in die DeMarco über ein Herbstwochenende eine Freundin mitgenommen hätte – wenn er eine Freundin gehabt hätte. DeMarco hatte General Banks gesagt, dass er sich mit jemandem unterhalten musste, der Billy kannte und dem die Beförderungspraxis des Secret Service vertraut war. Banks hatte seine Leute beauftragt, Kontakt mit der Personalabteilung des Secret Service aufzunehmen, und schon bald war der Name Frank Engles gefallen. Frank war gleich in zweifacher Hinsicht ein Glückstreffer, denn bis zu seiner Pensionierung war er Billys Vorgesetzter gewesen. Nachdem DeMarco geklingelt hatte, wurde die Tür von einer korpulenten weißhaarigen Frau geöffnet, die eine mit Mehl bestäubte Schürze trug. Sie sagte, dass er Engles hinter dem Haus finden würde. DeMarco ging also um das Haus herum und sah dort einen Mann, der Holz hackte. Er hatte DeMarco den Rücken zugekehrt. In seiner Nähe hatte es sich ein Hund auf dem Boden bequem gemacht. 59
DeMarco mochte Hunde, die sich gerne streicheln ließen und ihm nur bis zum Knie reichten. Dieser Hund jedoch war ein Schäferhund, so groß wie ein Shetland-Pony und so schmusebedürftig wie ein Eisbär. Das Tier drehte den Kopf wie ein Geschütz in DeMarcos Richtung, dann bellte es einmal und griff an. DeMarco tat genau das, was er immer tat, wenn er es mit einem hundertzwanzig Pfund schweren Wachhund zu tun bekam, der mit gefletschten Zähnen auf ihn zurannte. Er blieb reglos stehen und bemühte sich, keinen bedrohlichen Eindruck zu machen, während er sich innigst wünschte, eine Waffe zur Hand zu haben. Endlich bemerkte Engles, was sich hinter seinem Rücken tat. Er drehte sich um und sah DeMarco, der mitten im Schritt zu einer Salzsäule erstarrt war, furchtsam wie eine erschrockene Wachtel, und das vierbeinige Monstrum, das sämtliche Muskeln zum Angriff angespannt hatte. Der Agent im Ruhestand lief zu DeMarco herüber, und mit einem gelassenen Schmunzeln sagte er das, was alle Hundebesitzer sagten: »Machen Sie sich wegen Ol’ Bullet keine Sorgen. Er will Sie nur freundlich begrüßen.« Engles war Anfang sechzig. Er trug verblasste Jeans und ein gelbes T-Shirt mit der Aufschrift I ♥ VIRGINIA. Er hatte misstrauische graue Augen, eine Nase, die an mehr als einer Stelle gebrochen war, und eine kahle Stelle am Hinterkopf, die wie die Tonsur eines Mönchs aussah. Diese Kombination verlieh ihm das Aussehen eines Priesters, der keineswegs bereit war, die andere Wange hinzuhalten. Da DeMarco etwas von Engles wollte, verlangte er nicht von ihm, dass er den Wolf, den er als sein Haustier getarnt hatte, an eine möglichst kurze Kette legen und mit einem Maulkorb versehen sollte. Stattdessen sagte er: »Ja, er sieht wirklich wie ein liebes, nettes Hündchen aus.« Inzwischen beschnupperte das Tier DeMarcos Leistengegend. »Mr. Engles«, begann DeMarco und versuchte, den verfluchten Hund zu ignorieren, »mein Name ist Joe DeMarco. Ich 60
arbeite für den Kongress.« Er klappte eine Lederbrieftasche auf und zeigte ihm seinen Sicherheitsausweis. »Kongress?«, wiederholte Engles, blickte auf das Dokument und dann wieder in DeMarcos Gesicht. DeMarco hätte alles darauf verwettet, dass Engles sich jedes einzelne Wort auf seinem Ausweis eingeprägt hatte. »Richtig«, sagte DeMarco. »Ich bin wegen des kürzlich verübten Attentats auf den Präsidenten hier. Wie Sie vielleicht gehört haben, wurde ein Ausschuss eingesetzt, der die Sicherheit des Präsidenten genauer unter die Lupe nehmen soll. Ich möchte Ihnen nur ein paar Fragen stellen.« »Ich würde sagen, der Kongress sollte sich um seine eigenen Angelegenheiten kümmern«, brummte Engles, »und die Sicherheit den Experten überlassen.« DeMarco sah ihn mit einem verlegenen Lächeln an. »Unter uns gesprochen, würde ich Ihnen zustimmen. Aber wenn mein Chef sagt, dass ich reiten soll, dann springe ich auf mein Pferd.« Die Ich-mache-auch-nur-meinen-Scheißjob-Nummer funktionierte. »Klar«, sagte Engles. »Kommen Sie doch mit rein. Ich gebe Ihnen einen Kaffee aus, und dann können Sie Ihre Fragen stellen. Bullet, lass den Mann in Ruhe! Der Hund ist so zutraulich, dass er sogar einen Einbrecher abschlecken würde.« Auch das war etwas, das Hundebesitzer immer wieder sagten. Engles führte DeMarco in eine Küche, in der es nach Äpfeln und Zimt roch und die mit einem Kamin ausgestattet war, der genügend Platz für einen Julblock bot. Es war ein gemütlicher Raum, und er konnte sich vorstellen, wie hier Generationen von Enkeln Kuchenteig von den Löffeln geleckt hatten. Engles goss Kaffee in zwei große Becher, dann setzten sie sich an einen rustikalen Holztisch. Ol’ Bullet warf sich neben Engles’ Stuhl auf den Boden.
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»So, was wollen Sie von mir wissen?«, fragte Engles, während er seinen Kaffee mit Sahne verfeinerte. »Ihnen ist doch klar, dass ich im Ruhestand bin.« »Wir untersuchen das Vorgehen bei der Auswahl von Agenten, Mr. Engles. Insbesondere interessiert uns, wie der innere Zirkel zusammengestellt wird. Sie wissen schon, welche Erfahrung vorausgesetzt wird, welche Rolle die Qualifikation spielt und solche Sachen.« Die vielen Wirs hatte er Engles bewusst hingeworfen. DeMarco hoffte, dass er sich nun eine riesige Armee aus grauen Bürokraten vorstellte, die seiner Mission das Gewicht einer höchst amtlichen Untersuchung verliehen. »Was soll das?«, fragte Engles. »All das finden Sie im Personalbüro der Abteilung. Dort ist alles dokumentiert, die Ausbildungsprogramme, die Richtlinien für die Auswahl, die Anforderungen an die Qualifikation, der ganze Scheiß. Deswegen sind Sie nicht zu mir rausgefahren. Weswegen sind Sie wirklich hier?« So viel zum Gewicht einer höchst amtlichen Mission. »Ja, Sie haben Recht«, sagte DeMarco, der sich vorkam, als hätte man ihn dabei erwischt, dass er den Weihnachtsmann von seiner Arbeit abhalten wollte. »Eigentlich interessieren wir uns nur für einen Agenten, der am Chattooga dabei war. Einen Mann, für den Sie bis zu Ihrer Pensionierung zuständig waren.« »Um wen geht es?«, fragte Engles. »Billy Ray Mattis.« »Sie glauben, man hätte Mattis nicht für diesen Auftrag auswählen sollen? Geht es letztlich nur darum?« »Nicht zwangsläufig, aber an jenem Tag war er der jüngste Agent mit der wenigsten Erfahrung.« Dass Billy der jüngste Agent war, hatte DeMarco geschlussfolgert, als er das Video gesehen hatte. Dass er über die wenigste Erfahrung verfügte, war geraten.
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»Wissen Ihre Leute, dass Mattis sich in Indiana eine Kugel eingefangen hat, während er den Präsidenten schützte?«, fragte Engles. »Ja, ich habe seine Personalakte gelesen. War das der Grund, warum Sie ihn ausgewählt haben? Wegen Indiana?« Engles verstummte. Seine Hände pressten den Kaffeebecher zusammen und verrieten, wie nervös er war. Ol’ Bullet spürte sofort die Stimmungsänderung seines Herrchens. Der Köter fixierte den Blick auf DeMarcos Halsschlagader und ließ ein tiefes Knurren aus seiner Kehle aufsteigen. Engles griff nach unten und kraulte das dicke Nackenfell des Hundes, um ihn zu beruhigen, während er über DeMarcos Frage nachdachte. Als Engles nach einiger Zeit immer noch nicht geantwortet hatte, sagte DeMarco: »Hören Sie, ich will Billy Mattis nicht in den Dreck ziehen. Ich möchte nur wissen, warum er für den brisantesten Posten ausgewählt wurde, den der Secret Service zu vergeben hat.« »Vielleicht bin ich es, den Sie in den Dreck ziehen wollen«, sagte Engles. »Mr. Engles, Sie haben sich vor dem Anschlag zur Ruhe gesetzt. Ich wüsste nicht, wie man Sie für irgendetwas, das damit im Zusammenhang steht, verantwortlich machen könnte.« »Stimmt«, sagte er. »Wir sind ausschließlich daran interessiert«, sagte DeMarco mit einer Stimme, die vor falscher Aufrichtigkeit troff, »dass der Präsident auch in Zukunft die am besten geschützte Person der Welt ist – eine Aufgabe, die Männer wie Sie schon immer hervorragend erfüllt haben.« Er hoffte, dass sich nicht die Balken des Viktorianischen Hauses bogen. Engles sah DeMarco an, wandte den Blick ab und schaute ihm wieder ins Gesicht. Er räusperte sich. »Ich habe Mattis nicht ausgewählt«, sagte er. »Jeder andere Mann, der für mich gearbeitet hat, wurde von mir handverlesen. Aber was Mattis betrifft – irgendwann wurde mir einfach 63
mitgeteilt, dass er in meine Einheit versetzt würde. Als ich nach dem Grund fragte, wurde mir gesagt, dass ich keinen Wirbel machen sollte. Irgendwer wollte irgendwem einen Gefallen tun. So etwas passiert ständig.« »Wie meinen Sie das?« »Ich meine, dass der Secret Service wie jede größere Organisation funktioniert. Immer wieder werden Leute versetzt. Die Chefs vereinbaren etwas mit anderen Chefs, um ihren Lieblingen zu helfen. Oder jemand hat in einer Abteilung Schwierigkeiten, sodass man ihn auf einen anderen Posten schiebt, um zu sehen, ob er sich dort besser macht.« »Ist das auch in diesem Fall geschehen?« Engles zuckte mit den Schultern. »Ich weiß es nicht.« »Und wer hat dafür gesorgt, dass er in Ihre Einheit kommt?« Engles zögerte. »Ich habe gehört, dass es Pat höchstpersönlich gewesen sein soll. Aber ich kann es nicht mit Sicherheit sagen. Ich habe es nur gehört.« »Patrick Donnelly hat persönlich Mattis’ Versetzung angeordnet?« DeMarco konnte nicht verbergen, wie sehr ihn diese Information verblüffte. »Wie gesagt, so kam es aus der Gerüchteküche.« »Warum sollte sich der Leiter des Secret Service für die Karriere eines Billy Mattis interessieren?« »Verdammt, ich weiß es nicht. Ich verstehe auch nicht, warum das so eine große Sache sein soll. Mattis hat sämtliche Eignungstests bestanden, und nachdem ich ihn näher kennen gelernt hatte, mochte ich ihn sogar. Ein sehr ruhiger Typ. Sehr pflichtbewusst. Seine Gedanken kreisten nur um den Job. Er war keiner dieser Leute, die sich irgendwann langweilen und in der Menge nach kurzen Röcken suchen.« »Also haben Sie sich nicht über die Versetzung beschwert?« »Nein. Ich war sauer, weil die Sache über meinen Kopf hinweg entschieden wurde, aber es gab keinen Grund, warum ich deswegen Stunk machen sollte. Ich hätte es getan, wenn er 64
unfähig gewesen wäre, aber das war er nicht.« Er schüttelte den Kopf. »Armer Reynolds.« »Reynolds?« »Der Typ, der meinen Posten übernommen hat. Er muss jetzt mächtig Ärger bekommen haben, weil er zugelassen hat, dass dieser Edwards an jenem Tag freies Schussfeld hatte. Ich habe ihn neulich gesehen, wie er sein Haus verlassen hat und die verdammten Reporter ihm die Mikros ins Gesicht gerammt haben.« »Ja«, sagte DeMarco und täuschte Mitgefühl für den bedauernswerten Reynolds vor. »Aber wie steht es mit Mattis? Was glauben Sie, wie viel Ärger man ihm im Augenblick macht?« »Weswegen?«, fragte Engles. »Sie haben doch bestimmt das Video vom Attentat gesehen. Wie Mattis kurz vor dem ersten Schuss die Sonnenbrille runterfällt.« »Ist das etwa das eigentliche Problem?«, sagte Engles mit funkelnden Augen. »Hören Sie, jedem in der Einheit hätte etwas herunterfallen können, jeder hätte stolpern oder sich in die falsche Richtung bewegen können. Dass es Mattis passiert ist, hat nicht das Geringste mit seiner Erfahrung oder Auswahlprozeduren oder Versetzungen oder sonst was zu tun!« »Wahrscheinlich haben Sie Recht«, sagte DeMarco, auch wenn er nicht überzeugt klang. »Aber sagen Sie mir noch, wie Sie Mattis’ Leistung eingeschätzt haben, in der Zeit, als er für Sie gearbeitet hat, Mr. Engles.« Engles kochte immer noch und atmete einmal tief durch, um sich wieder zu fassen. »Ich will es so ausdrücken«, sagte er. »Die Leute, die für mich gearbeitet haben, lassen sich in zwei Gruppen einteilen. Im Laufe der Jahre waren auch ein paar schwere Fälle dabei, aber ich möchte unsere kostbare Zeit nicht damit verschwenden, über sie zu reden. Die erste Gruppe sind die Leute, die sich immer weiter nach oben gearbeitet haben, die ihren eigenen Kopf zum 65
Denken benutzen. Sie machen nicht immer genau das, was man ihnen sagt, aber letztlich machen sie das, was man eigentlich von ihnen erwartet. Sie verstehen, was ich damit andeuten will?« DeMarco nickte. »Die zweite Gruppe«, sagte Engles, »sind die guten Leute, zu denen Billy Mattis gehört. Er hat widerspruchslos jeden Befehl befolgt. Jede Organisation braucht Typen wie ihn, auf die man sich verlassen kann, die einfach nur tun, was man ihnen sagt, die Fußsoldaten. So jemand ist Billy, und mehr wird er niemals werden.« »Wie würden Sie seinen Charakter beschreiben?« »Wie ich bereits sagte: ruhig und umgänglich. Ordentlich erzogen, hat gelernt, seine Mama zu respektieren und sein Land zu lieben. In der Einheit hatte er keine engen Freunde, aber er kam mit allen gut zurecht. Er war ein liebenswerter Junge. Ich mochte ihn.« »Und seine politische Einstellung?« »Ich erinnere mich nicht, dass er jemals eine politische Ansicht geäußert hätte. Ich wüsste nicht einmal, ob er die Republikaner oder die Demokraten wählt – oder ob er überhaupt wählen geht.« Engles runzelte die Stirn. »Warum fragen Sie mich danach? Glauben Sie oder Ihre Leute wirklich, dass seine politischen Ansichten etwas mit dem Attentat zu tun haben können?« Autsch! »Natürlich nicht«, sagte DeMarco. »Das will ich doch hoffen. Eher würde sich Ol’ Bullet in ein Kätzchen verwandeln, als dass der Junge in so etwas verwickelt sein könnte. Stimmt’s, Bullet?«, sagte Engles und zerrte am Halsband des Hundes. Für DeMarco sah es aus, als würde Ol’ Bullet lächeln, aber vielleicht stand das Tier auch nur kurz vor dem Ersticken.
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DeMarco unterhielt sich noch eine Viertelstunde mit Frank Engles, um ihm irgendetwas Negatives über Billy Mattis zu entlocken. Erfolglos. Billy war der nette Junge von nebenan, der Saubermann, ein grundguter Mensch und noch vieles mehr. Und wahrscheinlich stimmte es sogar. Als DeMarco nach Washington zurückfuhr und sich Hundehaare von den Hosenbeinen zupfte, klingelte sein Handy. Es war Banks. »Kommen Sie um eins in mein Büro«, sagte Banks. »Das FBI hat etwas Neues über das Attentat herausgefunden, und sie schicken jemanden rüber, um mich zu informieren.«
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10 Der Besuch vom FBI bestand aus einem einzigen Agenten, der mit einem Notizblock ausgerüstet war. DeMarco konnte erkennen, dass Banks enttäuscht war. Der General a.D. hatte offensichtlich eine PowerPoint-Präsentation des Pentagons erwartet, mit Kopien von Laborberichten und farbigen Computeranimationen, die das Gelände und die Schussbahnen in 3-D zeigten. Der Agent, ein gewisser Gregory Prudom, war mittelgroß und hatte unauffällige Gesichtszüge. Sein Haar war braun und kurz geschnitten. Sein blauer Anzug, das weiße Hemd und die rotgold gestreifte Krawatte waren seine bürokratische Tarnuniform. Er wirkte so unscheinbar, dass seine eigene Mutter ihn bei einer Gegenüberstellung nicht wiedererkannt hätte. Gleichzeitig schien er einer jener Männer zu sein, die bis zum letzten Atemzug die Stellung hielten und keinen Zentimeter zurückwichen, wenn es ihnen befohlen wurde. Irgendwo in Quantico musste es eine große Stanze aus Titanstahl geben, die Männer wie Prudom produzierte. Zunächst warf Agent Prudom einen kurzen Seitenblick auf DeMarco. »General Banks, mir wurde aufgetragen, Ihnen den Gefallen zu erweisen, Sie über die neueste Entwicklung in Kenntnis zu setzen, aber mir wurde der Eindruck vermittelt, dass ich bei diesem Gespräch mit Ihnen allein sein würde. Dürfte ich fragen, wer dieser Herr ist?« »Den Gefallen?«, fragte Banks. »Ich leite das Ministerium für Heimatschutz. Ich habe ein Anrecht darauf, alles über diesen Fall zu erfahren.« »Völlig richtig, Sir. Aber gilt das auch für diesen Herrn?« »Ja. Er ist mein Assistent.«
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Prudom wandte sich an DeMarco. »Würden Sie sich bitte ausweisen, Sir?« DeMarco sah Prudom lächelnd an, machte aber keine Anstalten, seine Brieftasche zu zücken. Dieser Typ sah nicht aus, als wäre er der Assistent von irgendwem, dachte Prudom ganz offensichtlich, er sah eher aus wie die Leute, die er wegen mittelschwerer Verbrechen verhaftete. »Es ist nicht nötig, dass er Ihnen irgendeinen Ausweis zeigt, Mr. Prudom«, sagte Banks. »Sie müssen sich mit meinem Wort begnügen, dass er hinreichend befugt ist, ebenfalls über die Angelegenheit informiert zu werden. Jetzt legen Sie endlich los.« Prudom dachte eine Sekunde lang nach, während er Banks in die Augen sah. Er war keineswegs eingeschüchtert; er überlegte nur, ob es im Interesse des FBI lag, Banks vor den Kopf zu stoßen. »Nun gut«, sagte er schließlich und klappte seinen Notizblock auf. Er suchte eine Seite, auf der ein paar hingekritzelte Notizen standen. »Wir konnten inzwischen ermitteln, wie Edwards vorgegangen ist.« »Das ist ja großartig!«, sagte Banks, aber DeMarco hatte den Eindruck, dass er ein wenig nervös war. »Als der Anschlag auf den Präsidenten verübt wurde«, sagte Prudom, »haben die Agenten den Schützen nicht gesehen. Sie waren sich nicht einmal sicher, von wo aus er die Schüsse abgegeben hat.« »Und worauf haben die Agenten dann gefeuert?«, fragte Banks. »Auf die Böschung am anderen Flussufer«, sagte Prudom. »Es war die einzige Stelle, die genügend Deckung bot. Also haben sie darauf geschossen, um den Attentäter daran zu hindern, weitere Schüsse abzugeben. Dieser Versuch war erfolglos, wie Ihnen bekannt sein dürfte, denn der Schütze konnte seine Waffe ein drittes Mal benutzen, nachdem die Agenten das Gegenfeuer eröffnet hatten. Dabei wurde Agent James getötet, der sich über 69
den Präsidenten geworfen hatte. Danach gab der Attentäter keine weiteren ab, aber es konnte nicht gleich jemand zum anderen Flussufer eilen, um den Schützen zu stellen. Die überlebenden Agenten des Secret Service mussten den Präsidenten in den Hubschrauber schaffen, damit er ins nächste Krankenhaus geflogen werden konnte, und zwei der drei Agenten begleiteten ihn während des Fluges. Der dritte Agent blieb am Tatort zurück und …« »Wer war dieser Agent?«, fragte Banks. Prudom warf wieder einen Blick auf seine Notizen. »Preston. Auf jeden Fall hat dieser Agent, Preston, nach dem Abflug des Hubschraubers die anderen Agenten zusammengerufen, die im Umkreis von fünf Meilen um die Blockhütte den äußeren Sicherheitsring bildeten. Sie sollten sich dem mutmaßlichen Standort des Schützen nähern. Danach stieg Preston selbst die Böschung auf der anderen Seite des Flusses hinauf, um nach dem Attentäter zu suchen. Er brauchte eine halbe Stunde, um dorthin zu gelangen, aber zu diesem Zeitpunkt war der Attentäter längst verschwunden. Beziehungsweise musste Preston von dieser Vermutung ausgehen.« »Was soll das h…?«, setzte Banks an, aber Prudom ließ ihn mit einem erhobenen Zeigefinger verstummen. »Unser Spurensicherungsteam traf vier Stunden nach dem Anschlag am Tatort ein, aber die Kollegen fanden keine Spuren. Keine Patronenhülsen, keine Fußabdrücke, keine Stellen, an denen das Gras niedergetrampelt gewesen wäre. Jeder ging davon aus, dass Edwards die Schüsse von der Böschung über dem Fluss abgegeben hat, weil es die einzige sinnvolle Erklärung war, aber die Angehörigen des Secret Service wiesen immer wieder darauf hin, dass sie den Attentäter in diesem Fall aufgespürt hätten. Sie sagten, sie hätten die Böschung kurz vor dem geplanten Aufbruch des Präsidenten abgesucht, und der Hubschrauber, der den Präsidenten nach Washington zurückbringen sollte, ist kurz zuvor über die Böschung 70
hinweggeflogen. Jeder dachte nun, das sich dieser Scheißer Edwards verdammt gut getarnt haben muss … Entschuldigen Sie, Sir«, bat Prudom um Verständnis für seine sprachliche Entgleisung. »Fahren Sie fort«, sagte Banks. »Er hat sich anscheinend unsichtbar gemacht, weil er andernfalls vor dem Attentat auf der Böschung gesehen worden wäre. Auf jeden Fall hat ein Kollege aus dem Labor von Anfang an gesagt, dass etwas mit den Schusswinkeln nicht stimmen kann. Er führte mehrere Computersimulationen durch und stellte fest, dass die Schüsse nur von einer Stelle etwa einen Meter unterhalb der Böschung abgegeben worden sein können. Aber niemand hat seinen Einwand ernst genommen. Alle dachten, er müsse sich verrechnet haben. Gestern erhielt dieser Kollege nun die Genehmigung, nach Georgia zu fliegen und sich am Tatort umzusehen. Dort hat er ein Loch in der Seite der Böschung gefunden, etwa einen Meter unterhalb der oberen Kante!« Prudom wurde immer aufgeregter. »Verstehen Sie? Edwards hat dieses Loch – etwa zwei Meter tief und knapp einen Meter weit – in die Seite der Böschung gegraben, und zwar einige Zeit, bevor der Präsident am Chattooga eintraf. Er tarnte die Öffnung, sodass man sie erst bemerkt, wenn man mit dem Gesicht nur noch wenige Zentimeter entfernt ist und genau auf diese Stelle starrt.« »Nicht zu fassen!«, sagte Banks. »Nicht wahr?«, sagte Prudom, der sich immer weniger um eine gepflegte Ausdrucksweise bemühte. »Dieser Mistkerl ist die Böschung hinabgestiegen oder hat sich von oben abgeseilt und eine verdammte Schießscharte in den Abhang gegraben. Wenn man bedenkt, wie der Ausflug des Präsidenten geplant wurde, wann der Voraustrupp des Secret Service die Umgebung am Chattooga gesichert hat und wie die Patrouillen während der Anwesenheit des Präsidenten durchgeführt wurden, müssen wir davon ausgehen, dass er das Loch spätestens eine Woche vor der 71
Ankunft des Präsidenten angelegt haben muss. Und kurz vor der Ankunft des Präsidenten muss sich der Drecksack bei Nacht und Nebel eingeschlichen haben, an den Wachposten des äußeren Sicherheitsrings vorbei. Während der zwei Tage, die der Präsident mit Montgomery am Fluss angeln war, scheint er im Erdloch gewartet zu haben. Und jetzt kommt das Unglaublichste an dieser Geschichte: Danach muss er sich noch mindestens einen Tag lang im Loch versteckt haben! Er scheint in der zweiten Nacht nach dem Attentat entkommen zu sein, als die Leute von der Spurensicherung Feierabend gemacht haben, und dann spazierte er seelenruhig an den Wachposten des FBI vorbei. Das ist die einzige Möglichkeit, wie er sich unbemerkt von der Böschung entfernt haben kann.« »In der Washington Post habe ich Bilder von diesem Edwards gesehen«, sagte DeMarco. »Er machte nicht den Eindruck, als wäre er ein sportlicher Typ gewesen. Er sah eher etwas übergewichtig aus.« Es war das erste Mal, dass DeMarco etwas sagte, und Banks warf ihm einen Blick zu, mit dem er ihm zu verstehen gab, dass Assistenten sichtbar, aber nicht hörbar sein sollten. DeMarco tat, als würde er es nicht bemerken. Prudom zuckte mit den Schultern. »Auf jeden Fall war er schmal genug, um in das Loch zu passen. Wir haben es nachgemessen. Und nicht jeder, der etwas Übergewicht hat, muss unbeweglich sein. Außerdem war dieser Kerl ein Jäger und ein Angehöriger der Reserve, was mich zum nächsten interessanten Punkt bringt. Das Gewehr, das er benutzte, war eine Remington 700 mit einem taktischen Zielfernrohr von Leupold. Wir haben die Seriennummern in den Computer eingegeben und herausgefunden, dass beide Stücke vor einem Monat aus einem Waffenlager der Armeereserve gestohlen wurden.« Banks warf DeMarco einen Seitenblick zu. Billy Ray Mattis war ebenfalls Reservist. »Wo genau wurde das Gewehr gestohlen?«, fragte DeMarco. 72
»Am Standort von Edwards’ ehemaliger Einheit«, sagte Prudom. »In Fort Meade in Maryland.« DeMarco erinnerte sich, dass Billys Einheit in Richmond, Virginia, stationiert war. »Ich dachte, Edwards wäre Jäger«, sagte DeMarco. »Warum hat er keine eigene Waffe benutzt?« »Er hat sie verpfändet«, sagte Prudom, »weil er wegen seiner langen Arbeitslosigkeit finanzielle Schwierigkeiten hatte. In seinem Haus haben die Kollegen nur noch ein paar Schrotflinten gefunden.« »Ich vermute, das FBI untersucht nun auch den Diebstahl aus dem Waffenlager«, sagte DeMarco. Prudom nickte ungeduldig. »Natürlich. In Zusammenarbeit mit dem Geheimdienst der Armee. Aber wir haben noch nichts entdeckt, das den Vorfall direkt mit Edwards in Verbindung bringt. Abgesehen von der Tatsache, dass alle gestohlenen Waffen in seinem verdammten Haus gefunden wurden. Die 45er, mit der er sich erschossen hat, stammte ebenfalls aus dem Waffenlager.« »Ist das Gewehr der einzige handfeste Beweis, den Sie haben?«, fragte Banks. »Sie meinen, abgesehen vom Abschiedsbrief?«, erwiderte Prudom. »Ja«, sagte Banks. »In seinem Wagen haben wir eine Quittung gefunden, die von einer Tankstelle stammt, die etwa dreißig Meilen vom Chattooga entfernt ist. Aber in der Schießscharte hat der Kerl nichts zurückgelassen. Wenn man genauer darüber nachdenkt, ist auch das erstaunlich. Er hat das Loch gegraben, er hat gegessen, geschissen, gepisst und geschossen. Und er hat es geschafft, keine einzige Spur zu hinterlassen. Er hat seinen gesamten Abfall mitgenommen, als er ging, und während er sich im Loch aufhielt, muss er so etwas wie einen Ganzkörperanzug getragen haben, weil wir weder Haare noch Hautfetzen oder sonst was 73
entdeckt haben, das wir für eine DNS-Analyse benutzen könnten. Diesen Anzug haben wir in seinem Haus übrigens nicht gefunden.« Prudom klappte den Notizblock zu. »Für den Secret Service sind das alles gute Neuigkeiten, General, denn es bedeutet, dass die Leute weder nachlässig gearbeitet noch unangemessen reagiert haben. Dieser Edwards scheint ein Verrückter gewesen zu sein – aber er war gut. Verdammt gut.« »Aber wie hat er die Sache geplant?«, fragte DeMarco. Banks hätte sich beinahe ein Schleudertrauma zugezogen, so ruckartig fuhr sein Kopf bei dieser Frage herum. »Wie meinen Sie das?«, fragte Prudom. »Sie sagten, Edwards wäre eine Woche vor der Ankunft des Voraustrupps des Secret Service in Georgia gewesen und hätte in dieser Zeit die Schießscharte gegraben. Woher wusste er, wann er diese Vorbereitungen treffen musste?« »Wir sind uns nicht sicher, aber die Presse hat jedes Mal, wenn der Präsident mit Montgomery Urlaub machte, ausführlich darüber berichtet. Und wie es scheint, wussten ziemlich viele Leute hier in D.C., wann der Präsident aufbrechen würde und wohin die Reise gehen sollte. Außerdem haben wir erfahren, dass Montgomery bei einer Signierstunde den geplanten Angelausflug mit dem Präsidenten erwähnt hat. Das hat uns sein PR-Manager gesagt. Um Ihre Frage zu beantworten – wir wissen nicht genau, wie Edwards von den Plänen des Präsidenten erfahren hat, aber wir wissen, dass die Reisevorbereitungen keineswegs so geheim wie das Manhattan-Projekt waren.« Nachdem Prudom gegangen war, saßen Banks und DeMarco eine Weile schweigend da und dachten über das nach, was sie gehört hatten. »Also«, sagte Banks schließlich, »wenn Mattis genauso wie Edwards in der Armeereserve ist, werden Sie auch nähere Erkundigungen über den Einbruch im Waffenlager anstellen müssen.« 74
»Ich bezweifle, dass ich bei der Aufklärung mehr Erfolg haben werde als das FBI.« »Richtig, aber Sie müssen der Sache trotzdem nachgehen.« »Klar«, sagte DeMarco. Doch er hatte nicht die Absicht, es zu tun.
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11 Der Mann, der an der Bushaltestelle gegenüber vom Dienstgebäude des Secret Service saß, trug ein blaues Polohemd, Chinos und Sandalen mit weißen Socken. Er war über sechzig, hatte eisengraues Haar und ein Gesicht, dass sich DeMarco aus irgendeinem Grund hinter dem Plastikvisier eines Helms vorstellen konnte, wie er bei Einsätzen gegen randalierende Demonstranten getragen wurde. Es war der Mann, den Emma zur Verfügung gestellt hatte, Mike, Nachname unbekannt. »Hallo«, sagte DeMarco, als er sich neben Mike auf die Bank setzte. »Hallo, Joe«, antwortete Mike, ohne DeMarco anzusehen. Seine Augen hörten keinen Moment auf, das Gebäude auf der anderen Straßenseite zu mustern. Sie wanderten von einem Ausgang zum nächsten und gelegentlich über einen Parkplatz in der Nähe. Wenn Emma einem jemanden schickte, bekam man einen Profi. »Wie läuft es?«, fragte DeMarco. »Als würde man Farbe beim Trocknen beobachten«, antwortete Mike. »Er verlässt sein Haus um sechs Uhr dreißig und trifft hier um Punkt acht ein. Die 395 war heute früh keine Straße, sondern ein verdammter Parkplatz. Er betritt sofort das Haus und bleibt den ganzen Vormittag über drin. Was er dort macht, kann ich nicht sagen. Um zwölf kommt er raus, holt sich bei einem Straßenverkäufer einen Burrito, spaziert einmal um die Mall herum und kehrt schließlich wieder ins Gebäude zurück.« »Hat Mattis bemerkt, dass Sie ihn beschatten?« Jetzt sah Mike ihm in die Augen. Sein Blick beantwortete DeMarcos Frage besser, als es Worte vermocht hätten. »Und ich vermute, dass während seines mittäglichen Spaziergangs niemand mit ihm gesprochen hat.« 76
»Sie vermuten richtig«, sagte Mike. Sie saßen eine Weile schweigend da. Mike beobachtete weiter das Haus, DeMarco beobachtete die Frauen, die vorbeigingen. Dann dachte er noch einmal über den Bericht des FBI-Mannes nach. Was Edwards getan hatte, faszinierte ihn. Er konnte sich kaum vorstellen, wie jemand im Dunkeln kauerte, in einem klaustrophobisch engen Loch, zwei Tage lang, um auf die Gelegenheit zum Schuss zu warten – und wie dieser Jemand dann den Mumm hatte, im Loch zu bleiben, während das FBI die Umgebung nach Beweisen absuchte. Das brachte DeMarco auf einen anderen Gedanken: Warum hatte er ausgerechnet in diesem Moment geschossen? Es musste doch einfacher gewesen sein, den Präsidenten zu erwischen, während er am Fluss angelte. Stattdessen hatte er bis zum Tag der Abreise des Präsidenten gewartet, bis er von seinen Leibwächtern umringt war. Dann erinnerte er sich daran, dass Prudom die Patrouillen des Secret Service erwähnt hatte, die sich auf der Böschung umgesehen hatten, während der Präsident angelte. Vielleicht hatte das Edwards davon abgehalten, früher zuzuschlagen. Auch das nötige Geschick, sich in die Sicherheitszone hineinund wieder hinauszuschleichen, war bemerkenswert. Vor dem Attentat musste Edwards an der Postenkette des Secret Service vorbeikommen, um zur Schießscharte zu gelangen, die er zuvor angelegt hatte. Nachdem die Spurensicherung des FBI eingetroffen war, hatten die Leute nach Prudoms Angaben sechzehn Stunden pro Tag gearbeitet, und wenn sie Feierabend hatten, war die Umgebung bewacht worden, um Neugierige abzuhalten und den Tatort zu sichern. Trotzdem hatte der Attentäter sein Versteck verlassen, vermutlich einen Tag nach dem Anschlag, und war entweder die Böschung hinauf- oder zum Fluss hinuntergeklettert. Dabei hatte er seine gesamten Abfälle und seine Ausrüstung mitgeschleppt. Dann war er einfach an allen Leuten, die die Umgebung bewacht hatten, vorbeigestapft. 77
Auch das Gewehr war ein faszinierender Aspekt. Warum hatte Edwards die Tatwaffe nach Hause mitgenommen? Warum hatte er sie nicht bei der erstbesten Gelegenheit verschwinden lassen? Es machte fast den Eindruck, als würde … »Haben Sie jemals Bilder von Mickey Mantle gesehen, Joe?«, sagte Mike. »Ich meine nicht aus der Zeit, als er schon schwer krebskrank war, sondern als er noch gespielt hat.« »Klar«, sagte DeMarco. »Genauso sieht dieser Typ aus. Genauso wie der alte Mick, die Nummer sieben der New York Yankees. Warum beschatte ich jemanden, der für den Secret Service arbeitet und wie Mickey Mantle aussieht, Joe?« DeMarco erhob sich von der Bank. »Ich melde mich morgen wieder bei Ihnen, Mike. Danke, dass Sie mir bei dieser Sache helfen.« »Kein Problem, Joe«, sagte Mike. »Aber wenn ich noch einen weiteren Tag lang auf einer Betonbank in der Sonne hocke, werde ich zum Amokläufer. Und wenn das passiert, sind Sie mein erstes Opfer.« DeMarco, der Luchs, wohnte in einem kleinen Reihenhaus an der P Street in Georgetown. Der gesamte Reihenhauskomplex war aus derselben Zelle geklont – schmale, zweistöckige Bauten aus weiß gestrichenen Ziegelsteinen. Die Fenster waren mit schmiedeeisernen Gittern beschlagen, Efeu klammerte sich an die Wände, und im Frühjahr blühten Azaleen in den Blumenbeeten. Hier lebte es sich gemütlich, und seine Nachbarn und er taten so, als wären die kunstvoll gestalteten schwarzen Gitter vor den Fenstern im Erdgeschoss aus rein ästhetischen Gründen angebracht worden. Er hatte das Haus in dem Jahr gekauft, in dem er geheiratet hatte. In DeMarcos Haus sah es aus, als wären vor kurzem Einbrecher mit einem Möbelwagen vorgefahren und hätten alles ausgeräumt, was noch einigen Wert besaß. In gewisser Weise 78
traf das sogar zu. Das Haus war einst mit hochwertigen Möbeln, Orientteppichen und kostbaren Kunstwerken eingerichtet gewesen, und nun enthielt es nur noch ein paar ausgewählte Stücke, die DeMarco bei zwei Garagenverkäufen an einem Samstagmorgen erstanden hatte. Die Surround-Anlage im Wohnzimmer war durch einen einfachen Fernseher mit SiebzigZentimeter-Bildröhre auf einem billigen Metallständer ersetzt worden. Vor dem Fernseher stand ein klobiger Sessel und daneben eine Kompaktanlage, die den doppelten Zweck eines Radios und einer Abstellfläche für seinen Drink beim Lesen oder Fernsehen erfüllte. DeMarco warf seine Anzugjacke auf den Sessel – der Garderobenständer aus Eichenholz, der neben der Tür gestanden hatte, stand dort nicht mehr – und ging in die Küche. Jeder seiner Schritte auf dem nackten Holzfußboden hallte durch das Haus wie Betonungszeichen in einem Sonett an die Einsamkeit. Als seine Frau ihn verließ, hatte sie sich dagegen entschieden, das Haus zu behalten. Ihr neuer Liebhaber hatte schon ein Haus. Aber die Möbel ihres Liebhabers gefielen ihr nicht besonders. Also hatte ihr Anwalt DeMarco eine Abmachung vorgeschlagen: Wenn er in die Scheidung einwilligte, brauchte er keinen Unterhalt zu zahlen und durfte seine Rente und das mit einer hohen Hypothek belastete Haus behalten. Dafür bekam seine Frau alle Möbel und sonstigen Einrichtungsgegenstände sowie das gesamte Geld auf ihrem gemeinsamen Sparkonto, den Gegenwert seiner Lebensversicherungen und das bessere ihrer beiden Autos. DeMarcos Abendessen bestand aus zwei Stücken einer kalten Pizza, die er vor dem Kühlschrank stehend verspeiste. Das Abendessen am Vortag hatte aus Teilen derselben Pizza bestanden, nur dass sie da heiß aus der Verpackung gekommen war. DeMarco war ein guter Koch, und er kochte sehr gerne, aber nicht für nur eine Person.
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Nach dem Essen wurde er unruhig, und die Pizza lag ihm wie ein Felsblock aus Käse im Magen. Er zog sich Shorts an, dazu ein ärmelloses Redskins-Shirt und abgewetzte Tennisschuhe, dann schleppte er sich langsam in das Obergeschoss seines Hauses hinauf. Für eine kurze Zeitspanne hatte seine Ex eins der beiden Schlafzimmer als Fitness-Studio benutzt und meterweise guten Leinenstoff ruiniert, während sie darüber jammerte, dass die Fenster auf der Nordseite kein Licht hereinließen. Diesem Hobby hatte sie sich genauso wie allen anderen nur für eine kurze Phase gewidmet, bis sie wieder zu den Aktivitäten zurückgekehrt war, in denen sie es zur Meisterschaft gebracht hatte: Einkaufen und Fremdgehen. Jetzt waren die Schlafzimmer ausgeräumt, und der einzige Gegenstand, der sich im Obergeschoss von DeMarcos Haus befand, war ein fünfzig Pfund schwerer Sandsack, der träge an einem Deckenbalken baumelte wie ein kleiner, dicker Mann, der sich erhängt hatte. Wenn DeMarco gefragt wurde, wozu er diesen schweren Sandsack brauchte, antwortete er mit einem Schulterzucken, dass er ihn zum sportlichen Training benutzte. In Wirklichkeit genoss er es, ein unbelebtes Objekt zu verprügeln, wenn er schlechte Laune hatte. Er zog seine Handschuhe an, wärmte sich mit etwas Schattenboxen auf und griff dann den Sandsack an. Der Sack überstand die erste Runde recht gut, doch in der zweiten musste er viel einstecken, denn schweißüberströmt schlug DeMarco kräftig auf das Leder ein, während er sich vorstellte, wie er dem Liebhaber seiner Frau mit jedem Hieb eine Rippe brach. Dieser Liebhaber war übrigens sein Vetter. DeMarco hatte sich so sehr in seine Gewaltphantasien hineingesteigert, dass er fast die Türklingel überhört hätte. Auf seiner Veranda stand ein gedrungener Mann in den Dreißigern, der einen grauen Anzug trug. Als DeMarco die Pistole im Schulterholster unter seiner Anzugjacke bemerkte, hatte der Fremde plötzlich seine ungeteilte Aufmerksamkeit. Hinter dem 80
Mann stand eine schwarze Limousine mit Regierungskennzeichen am Straßenrand. »Sind Sie Joseph DeMarco?«, fragte der Mann. »Ja«, sagte DeMarco, der immer noch darum kämpfte, wieder zu Atem zu kommen. »Wie kann ich Ihnen behilflich sein?« DeMarco hielt es für klug, sich gegenüber Bewaffneten höflich zu benehmen. »Patrick Donnelly, der Leiter des Secret Service, würde sich gerne mit Ihnen unterhalten, Sir. Würde es Ihnen etwas ausmachen, für einen Augenblick zu ihm in seinen Wagen zu steigen?« Ach du Scheiße, dachte DeMarco. Ach du ganz große Scheiße! Er bearbeitete diesen Fall seit kaum zwei Tagen, und schon hatte der Secret Service Wind davon bekommen. Er überlegte, ob er dem Agenten die Tür vor der Nase zuschlagen und sich unter seinem Bett verstecken sollte. »Würden Sie mir jetzt bitte folgen, Sir?«, drängte der Mann im Anzug. DeMarcos Würde siegte über die Straußentaktik. »Kein Problem«, sagte er. Seine Stimme klang zuversichtlicher, als er sich fühlte. Donnellys Fahrer hielt DeMarco die Tür auf. Dieser kam sich in seinen Shorts und dem Redskins-Shirt ziemlich blöd vor, aber er stieg tapfer in den Wagen und ließ sich auf den Klappsitz gegenüber den Rücksitzen fallen, damit er Patrick Donnelly in die Augen sehen konnte. Der bewaffnete Fahrer schloss die Wagentür und blieb draußen im Abstand von ein paar Metern stehen. Anscheinend legte Mr. Donnelly Wert darauf, dass der Mann ihr Gespräch nicht mithören konnte. Pat Donnelly starrte DeMarco an, Feindseligkeit im Blick. Er war ein schlanker Mann Ende sechzig, kaum größer als eins siebzig. Sein Haar war zu einem glänzenden Schwarz gefärbt und auf der linken Seite so präzise gescheitelt, dass er ein Lineal benutzt haben musste, um den Kamm zu führen. Er hatte ein 81
schmales Gesicht, eng anliegende Ohren und kleine schwarze Augen mit Hängelidern. Sein Mund war ein brutaler Schlitz, und sein Gesicht sah nicht mehr frisch rasiert aus. DeMarco fühlte sich an einen Fechter erinnert – schlank, drahtig, gemein und jederzeit bereit, echte Degen und Schwerter zu benutzen, wenn sich die Gelegenheit ergab. DeMarco ignorierte Donnellys starrenden Blick und sah sich beiläufig in der Limousine um. Er betrachtete die mit Leder bezogenen Polster, den kleinen Fernseher, die Bar, die in die Rücklehne eines Vordersitzes eingebaut war. Der Klappsitz war bequemer als sein eigener Sessel, und er wettete, dass Donnellys Fernseher einen besseren Empfang als seiner hatte. »Ich fürchte, ich werde Schweißflecken auf Ihren Sitzbezügen hinterlassen«, sagte er zu Donnelly. »Ich habe gerade trainiert.« Du kleiner Scheißer, fügte er lautlos hinzu. »Halten Sie die Klappe«, sagte Donnelly. »Sie waren heute in Middleburg, wo Sie einen Agenten des Secret Service befragt haben, der dort seinen Ruhestand verbringt. Wie zum Henker sind Sie auf die Idee gekommen, Sie könnten die Befugnis besitzen, so etwas zu tun?« DeMarco gab Donnelly die gleiche Antwort, die er auch Frank Engles gegeben hatte. »Der Kongress macht sich Sorgen um die Sicherheit des Präsidenten, Mr. Donnelly, und …« »Erzählen Sie mir keinen Scheiß«, sagte Donnelly. »Sie haben mit Frank Engles gesprochen, weil Banks Sie mit diesem Blödsinn über Billy Mattis voll gesülzt hat.« DeMarcos Gesicht verriet keine Regung, aber in seinen Eingeweiden erwachte ein kleines, lebhaftes Tier, das an seiner Magenschleimhaut knabberte. Er wusste genau, wie Donnelly davon erfahren hatte. Engles, der seiner alten Truppe immer noch treu ergeben war, hatte irgendeinen Kumpel angerufen und ihm von DeMarco und seinen Fragen erzählt. Danach war die Neuigkeit sofort über die Befehlskette an Donnelly weitergegeben worden. Auch wenn kein anderer wusste, worum es ging, 82
kannte Donnelly Banks’ Bedenken wegen Mattis. Vielleicht hatte Donnelly sogar Banks’ Terminkalender überprüfen lassen und in Erfahrung gebracht, dass er sich mit DeMarco getroffen hatte. DeMarco hätte für seinen Besuch bei Engles einen falschen Namen benutzen sollen. »Was am Chattooga passiert ist, ist Sache des FBI und des Secret Service, Mister, und Sie werden sich da raushalten. Haben Sie verstanden? Man hat nicht nur den Täter gefunden, sondern es arbeiten dreihundert verdammte FBI-Agenten an der Aufklärung des Attentats! Selbst wenn Sie die Befugnis hätten – was zum Henker glauben Sie, werden Sie herausfinden, was meine Leute und die vom FBI nicht längst wissen?« Bevor DeMarco antworten konnte, fuhr Donnelly fort: »Ich leite den Secret Service, Sie Idiot. Das bedeutet, dass ich alles über jeden herausfinden kann. Ich weiß zum Beispiel, dass Sie John Mahoneys Gorilla sind. Wenn es um einen leichten Auftrag geht, wenn jemand wegen ein paar unbezahlter Rechnungen ein schlechtes Gewissen kriegen soll, schickt Mahoney seinen Personalchef, diesen Fettsack, der mit Hosenträgern rumläuft. Aber wenn er keine Kompromisse eingehen will, wenn er jemandem die Hölle heiß machen will, dann schickt er Sie.« »Ich arbeite nicht für den Sprecher des Repräsentantenhauses«, sagte DeMarco. »Ich bin ein unabhängiger …« »Blödsinn! Es gibt keine offiziellen Daten, die Sie mit Mahoney in Verbindung bringen, aber Mahoney hat Ihren Posten eingerichtet. Sonderberater – dass ich nicht lache! Ich weiß, dass Sie für Mahoney arbeiten.« Aber kannst du es auch beweisen?, fragte sich DeMarco. »Ich weiß auch, warum Mahoney nicht offiziell mit Ihnen in Verbindung gebracht werden möchte. Ihr Vater war Gino DeMarco, ein krimineller Schwanzlutscher, der für Carmine Taliaferro gearbeitet hat. Vor fünfzehn Jahren hat Ihr Daddy
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drei von Taliaferros Rivalen kaltgemacht, bevor der vierte Glück hatte und ihn ausknipsen konnte. So war es doch, nicht wahr?« DeMarco sagte nichts, aber er hatte das Bedürfnis, Donnelly die kleinen Ohren abzureißen, weil er seinen Vater als Schwanzlutscher bezeichnet hatte. »Das Erstaunlichste ist der Umstand«, sagte Donnelly, »dass Mahoney Sie eingestellt hat, nachdem Sie ihr Jurastudium abgeschlossen hatten. Ich weiß nicht, warum er Sie eingestellt hat – das ist das einzige Geheimnis, das ich bislang nicht enträtseln konnte. Aber ich weiß, dass er es getan hat. Und ich weiß auch, dass Ihr Vater der Grund ist, warum Mahoney die Verbindung zu Ihnen unter Verschluss hält. Er will nicht ständig jedem erklären müssen, was er mit Ihrem Spaghetti-Arsch zu tun hat.« Donnelly beugte sich vor, sodass sein Gesicht nicht mehr allzu weit von DeMarco entfernt war. »Deshalb möchte ich Sie etwas fragen, mein Junge. Wir beide wissen, was für ein egoistisches Arschloch John Mahoney ist. Was meinen Sie, wie lange Sie noch Ihren Job behalten werden, wenn die Presse von Ihnen und Ihrem Vater und Ihrer Arbeit für den Sprecher des Repräsentantenhauses erfährt?« »Haben Sie persönlich dafür gesorgt, dass Billy Mattis der Leibwache des Präsidenten zugeteilt wird, Mr. Donnelly?«, fragte DeMarco. »Was …« Donnelly unterbrach sich und holte tief Luft. »Jetzt hören Sie mir mal ganz genau zu: Meine Agenten sind sauber. Alle haben hervorragende Führungszeugnisse, insbesondere Mattis, und alle haben Tests mit dem Lügendetektor bestanden. Banks ist ein Idiot, wenn er glaubt, der Secret Service könnte irgendwas mit dieser Sache zu tun haben.« »Warum haben Sie das Warnschreiben dann nicht analysieren lassen?« »Sie unverschämter Drecksack!«, stieß Donnelly hervor. Sein Gesicht wurde puterrot. 84
Das genügt, dachte DeMarco. Jetzt kannst du an einem Herzinfarkt verrecken, du kleiner Scheißer. Donnelly öffnete den Mund, um loszubrüllen, aber er schaffte es mit Mühe, seine Emotionen wieder unter Kontrolle zu bekommen. Er zeigte mit dem Daumen auf DeMarcos Haus. »Ich schlage vor, dass Sie möglichst bald eine Immobilienannonce aufgeben«, sagte er. »Denn Sie werden nicht mehr allzu lange in dieser Stadt wohnen.« »Tatsächlich?«, fragte DeMarco. Donnelly lächelte. Er hatte kleine, scharfe Zähne. »Für Ihren Job brauchen Sie eine Unbedenklichkeitserklärung, Sie Klugscheißer. Raten Sie mal, welche Behörde für die Sicherheitsüberprüfung zuständig ist. Jetzt verschwinden Sie.« DeMarco verließ den Wagen und schloss leise die Tür. Während er zusah, wie sich die Rücklichter der Limousine entfernten, stand er reglos mitten auf der Straße. Er spürte, wie der Schweiß an seinen Armen und Beinen kalt wurde. Also wusste Donnelly über seinen Vater Bescheid.
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12 Eine Frau meldete sich an Emmas Telefon. Sie klang genauso wie Emma, die gleiche tiefe Stimme, der gleiche Tonfall, aber es war nicht Emma. Die Frau, wer immer sie war, reichte das Telefon an Emma weiter. »Wenn Sie mir etwas verkaufen wollen«, sagte Emma, »mache ich Sie ausfindig, brenne Ihr Haus nieder und töte Ihren Hund.« Sie klang, als würde sie es ernst meinen. »Ich bin’s, Joe. Wäre es nicht einfacher, wenn du dich auf eine Robinson-Liste setzen lässt, Emma?« »Diese Listen sind bei uns verfassungswidrig.« »Das mit dem Niederbrennen des Hauses und der Tötung des Hundes etwa nicht?« »Warum rufst du mich zu einer so unchristlichen Zeit an?« »Emma, es ist erst neun.« »Aha? Na gut. Was willst du?« »Patrick Donnelly hat mich vorhin besucht und bedroht. Als wir uns neulich mit deiner Freundin, dieser Cellistin, getroffen haben, hatte ich den Eindruck, dass du etwas über ihn weißt. Ich würde gerne wissen, was du weißt.« »Er ist zu dir nach Hause gekommen?« »Ja.« Emma zögerte kurz. »Also gut«, sagte sie. »Komm vorbei.« Ihre Stimme klang seltsam. Als wäre sie … besorgt. DeMarco hatte nur äußerst selten erlebt, dass Emma wegen einer Sache wahrhaftig besorgt war. Als Emma die Tür öffnete, trug sie Jeans, ein weißes T-Shirt und einen blauen Kittel, der mit Farbe beschmiert war. DeMarco wusste nicht, dass sie malte. Wieder etwas, das er nur durch einen Zufall über sie erfahren hatte. Sie führte DeMarco in ein Wohnzimmer, das geeignet war, das Titelblatt einer Einrich86
tungszeitschrift zu zieren, und goss zwei Gläser Whiskey ein. Ihren Drink kippte sie in einem Zug hinunter, um sich gleich darauf einen zweiten einzugießen. Bevor DeMarco etwas sagen konnte, betrat eine junge Frau das Wohnzimmer. Ihm fiel sofort ihre Ähnlichkeit mit Emma auf. Sie war groß und schlank wie Emma, hatte Emmas Nase und Emmas Kinn, aber ihr Haar war dunkler, und ihre Augen waren braun. Die junge Frau warf DeMarco einen misstrauischen Blick zu. »Julie, das ist Joe DeMarco. Ein Freund von mir.« Heute Abend gab es keine Spitzfindigkeiten, dass DeMarco ein Geldeintreiber sei oder so. Emma war kaum wiederzuerkennen. Die junge Frau nickte Joe zu und wandte sich dann wieder an Emma. »Ich bin müde. Wahrscheinlich der Jetlag. Ich werde mich jetzt hinhauen«, sagte Julie. Ich bin müde, Mom. Das hörte DeMarco aus ihren Worten heraus. Er war überzeugt, dass die junge Frau Emmas Tochter war. »Eine gute Idee, Schatz«, sagte Emma. »Wir klären die Sache morgen früh.« Und Emma klingt eindeutig mütterlich, dachte DeMarco fassungslos. Eine mütterliche Emma kam ihm außergewöhnlicher vor als zwei schmusende Schlangen. Nachdem Julie das Wohnzimmer verlassen hatte, sagte DeMarco: »Ist alles in Ordnung, Emma?« Emma tat seine Frage mit einem Kopfschütteln ab. »Erzähl mir, was Donnelly zu dir gesagt hat.« DeMarco teilte ihr die wesentlichen Punkte seiner recht einseitigen Unterhaltung mit Donnelly mit. »Ich wusste das mit deinem Vater«, sagte Emma. DeMarco nickte. Es überraschte ihn nicht im Geringsten.
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»Ich weiß, dass es ziemlich blöd klingt, aber er war kein schlechter Mensch.« Emma sagte nichts dazu. Nur ihre Augen weiteten sich für einen Moment voller Erstaunen. »Ja, ich weiß, was du jetzt denkst. Er war ein Killer. Wie konnte er kein schlechter Mensch gewesen sein? Aber in meinen Augen, in den Augen seines Sohnes, war er in Ordnung. Er war ein ruhiger Mann, nicht so ein Mafia-Großkotz, der ständig beweisen muss, wie taff er ist. Und wenn mein Vater nicht – äh – arbeitete, haben wir wie jede andere Familie auch gemeinsam zu Abend gegessen, und die Gespräche drehten sich meistens um mich, sein einziges Kind. Wie ich mich in der Schule und im Sport machte, warum ich keine besseren Zensuren bekam. Solche Sachen. Er war gut zu meiner Mutter, und er war gut zu mir. Er ging mit mir fast jeden Samstag zu den Yankees, wenn sie in der Stadt spielten, und an jedem Sonntag stellte er sich in die Küche und richtete das Frühstück her.« DeMarco schwieg einen Moment und erinnerte sich an seinen Vater, wie er mit ihm auf der Zuschauertribüne im Stadion der Yankees saß, eine alte Mütze auf dem Kopf, eine nicht angezündete Zigarre im Mundwinkel. Er hatte nicht viel gejubelt, sondern die meiste Zeit nur beobachtet, wie Joe sich amüsierte. Und er erinnerte sich an seine Mutter, wenn sie vom Spiel nach Hause kamen und sie mit seinem Vater schimpfte, weil er seinem Sohn so viel ungesundes Zeug zu essen gab. Dann stand der große Kerl, dessen Hände Armierungseisen verbiegen konnten, zerknirscht mit gesenktem Kopf da, während seine Augen unter der Mütze vor Vergnügen funkelten. Eins wusste DeMarco ganz genau – dass seine Mutter niemals Angst vor seinem Vater gehabt hatte. »Erst mit etwa fünfzehn Jahren habe ich erfahren, was er machte«, sagte DeMarco, »und selbst dann fiel es mir sehr schwer, es zu glauben. Ich konnte mir einfach nicht vorstellen,
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wie er jemanden in die Sümpfe von New Jersey verschleppt und ihm eine Kugel in den Kopf jagt.« »Hast du jemals mit ihm über seinen Job gesprochen?«, fragte Emma mit sanfter Stimme. »Ich habe es einmal versucht, als ich sechzehn war. Ich habe ihm irgendeine blöde Frage gestellt, ›Stimmt es, Dad, dass du für Mr. Taliaferro arbeitest?‹ oder so. Er wusste sofort, was ich meinte. Aber mein Vater hat nicht gerne über persönliche Dinge geredet.« »Das erinnert mich an jemanden, den ich flüchtig kenne«, sagte Emma und sah DeMarco an. »Jedenfalls hat er nur irgendwas gesagt wie ›Man kann sich sein Leben nicht immer aussuchen‹ und dann das Thema gewechselt. Wir haben nie wieder darüber gesprochen.« »Familien«, sagte Emma und meinte damit vielleicht auch ihre eigene. DeMarco nahm einen Schluck von seinem Drink, während sein Geist immer noch in der Vergangenheit weilte. »Er hat mich dazu überredet, Jura zu studieren«, sagte DeMarco lächelnd. »Ich glaube, er hat sich gedacht, ich könnte sehr viel Geld machen, wenn ich seine Kollegen verteidige.« »Und was war nun der Grund, warum Mahoney dich eingestellt hat, nachdem du mit dem Studium fertig warst?«, fragte Emma. DeMarco lachte. »Ich habe eine Patin, eine Freundin meiner Mutter, die ich eigentlich nur als Tante Connie kenne. Sie lebt inzwischen in Albany und arbeitet für eine Gewerkschaft, aber in jungen Jahren hatte sie einen Job in Washington. Inzwischen ist Tante Connie etwas in die Breite gegangen, sie hat einen Schnurrbart und ein Gesicht wie ein trauriges Pferd. Aber als sie jung war, sah sie aus wie Sophia Loren. Sie war einfach eine Wucht.« »Ah, ich glaube, ich weiß, was jetzt kommt«, sagte Emma. »Darauf kannst du wetten«, sagte DeMarco. »Auf jeden Fall 89
hat Tante Connie – die übrigens nie geheiratet hat – einen Sohn, der einen richtig guten Posten bei einer sehr großen Bank hat. Und Tante Connie ist Italienerin, wie ich vielleicht schon angedeutet habe, aber ihr Sohn hat eine erstaunliche Ähnlichkeit mit einem großen Kerl irischer Abstammung, den ich ganz gut kenne.« »Hab ich’s mir gedacht«, sagte Emma. »Ich hatte meinen Abschluss ungefähr zur gleichen Zeit in der Tasche, als mein Vater getötet wurde. Ich habe es meiner Mutter – und nicht zuletzt auch meinem Vater – zu verdanken, dass ich nie Ärger mit dem Gesetz hatte. Ich wurde niemals verhaftet, geschweige denn für irgendein Verbrechen verurteilt, aber wegen meines Vaters bekam ich keinen Job in der juristischen Zunft. Keine einzige Anwaltskanzlei in der westlichen Hemisphäre war bereit, Gino DeMarcos Sohn auf ihre Gehaltsliste zu setzen. Meine Mutter beklagte sich darüber bei meiner Patentante, und ich glaube, sie hat daraufhin mit Du-weißt-schon-wem gesprochen. Vielleicht hat sie gedroht, einen Vaterschaftstest bei ihm und einem gewissen Bankmitarbeiter machen zu lassen. Und dieser Du-weißt-schon-wer – der glücklich verheiratete Vater von drei ehelichen Kindern – fügte sich Tante Connies Wünschen und gab ihrem armen, unvermittelbaren Patenkind einen Job.« »Sie hat ihn also erpresst.« »Vielleicht. Vielleicht auch nicht. Es mag sein, dass Mahoney ihr einfach nur aus alter Zuneigung einen Gefallen getan hat. Ich weiß es nicht. Was auch immer dahinterstecken mag, weder sie noch Mahoney haben jemals ein einziges Wort von dem bestätigt, was ich dir gerade gesagt habe. Ich weiß nur, dass ich eines Tages völlig unverhofft einen Anruf vom Sprecher des Repräsentantenhauses erhielt, der mir einen Job anbot.« »Einen Job, den du schnellstens kündigen solltest.« »Um anschließend was zu tun, Emma?« Diese Diskussion hatten sie schon einmal geführt. 90
»Egal. Was wird Mahoney tun, wenn du ihm sagst, dass Donnelly überlegt, ob er der Presse von deinem Vater erzählen soll?« »Ich weiß es nicht. Ich werde morgen mit ihm reden. Jetzt sag mir, was du über Donnelly weißt.« »Der kleine Pat«, sagte Emma, »ist ein harter Brocken.« Emma erzählte, dass Donnelly seit einundvierzig Jahren für den Secret Service arbeitete, davon fünfzehn als Leiter der Organisation. Sein Ruf war fast genauso wie der von J. Edgar Hoover. Er führte die Organisation mit eiserner Hand und erließ mit der Launenhaftigkeit eines Königs Richtlinien für das Verhalten der Agenten. Eine weitere Ähnlichkeit zu Hoover offenbarte das Gerücht, dass er die Macht seines Amtes angeblich dazu benutzte, um das Privatleben von Bürgern auszuspionieren. »Nach dem versuchten Attentat auf Reagan im Jahr ’81 hat man versucht, ihn rauszuwerfen«, sagte Emma. »Damals war er stellvertretender Leiter und ließ bereits durchblicken, aus welchem Holz er geschnitzt war. Aber Donnelly verschanzte sich und machte klar, dass er im Fall einer Kündigung den Paparazzi verraten würde, wo die Knochen vergraben waren. Er hat Reagans Amtszeit überstanden, aber nach dem Anschlag am Chattooga fordern wieder einige Leute, dass sein Kopf rollen muss.« »Wer fordert es und warum?«, fragte DeMarco. »Jeder, der schon sehr lange dabei ist. Er ist ein hinterhältiger, intriganter kleiner Scheißer, der Politiker erpresst, um das zu kriegen, was er haben will.« »Was will er? Geld?« »Nein. Wie ich gehört habe, soll er sehr wohlhabend sein. Er will Macht. Macht über Politiker, mehr Macht für seinen Secret Service, genug Macht, um seinen Job bis zum Lebensende zu behalten.«
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»Wenn er so viel Geld hat, warum setzt er sich dann nicht einfach zur Ruhe?«, fragte DeMarco. Er konnte sich nicht vorstellen, dass jemand weiterhin als Staatsbediensteter arbeiten wollte, sobald er pensionsberechtigt war. »Ich habe es dir doch gesagt. Er liebt seinen Job. Der Secret Service ist seine Privatarmee. Er führt sich wie der Diktator einer Bananenrepublik auf. Und wenn die Gerüchte stimmen, dass er gegen jeden Politiker etwas in der Hand hat, dann wird er seinen Posten vielleicht niemals freiwillig räumen.« »Wie hat er so viel Geld gescheffelt?« Emma runzelte die Stirn. »Ich weiß es nicht«, sagte sie und schien sich selber darüber zu wundern. Sie saß einen Moment nachdenklich da, dann stand sie von der Couch auf, ging zum Telefon und wählte eine Nummer. »George, hier ist Emma. Mir geht es gut. Wie geht es dir?« Sie plauderte etwa fünf Minuten lang mit George, wer immer das sein mochte, bevor sie auf ihr eigentliches Anliegen zu sprechen kam. Sie fragte George, was er über Patrick Donnellys finanzielle Verhältnisse wusste, und danach hörte DeMarco auf dieser Seite nur noch ein gelegentliches »Aha«, »Oh« oder »Tatsächlich?« Dann sagte sie zu George, dass sie sich demnächst unbedingt zum Essen verabreden müssten, und legte auf. »George sagt …« »Wer ist George?«, wollte DeMarco wissen. »George sagt, dass er keine Ahnung hat, woher Donnellys Geld stammt. Und wenn George es nicht weiß, weiß ich nicht, wer es sonst noch wissen könnte. Aber George weiß, dass Donnelly in Pennsylvania in ärmlichen Verhältnissen aufgewachsen ist. Also scheint er nichts geerbt zu haben. Er war nie verheiratet, sodass auch diese Geldquelle nicht in Frage kommt. Und er hat nie in der Privatwirtschaft gearbeitet. Morgen werde ich jemanden anrufen, der vielleicht mehr darüber herausfinden kann.«
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DeMarco vermutete, dass dieser Jemand ein Hacker war, aber er verzichtete darauf, sich diesen Verdacht bestätigen zu lassen. Emma trank ihr Glas aus und ging noch einmal zur Bar. DeMarco hatte noch nie erlebt, dass sie sich auf diese Weise zuschüttete. Emma goss sich einen neuen Drink ein und kehrte zu DeMarco zurück. »Donnelly handelt nicht mehr rational«, sagte sie. »Wie meinst du das?« »Donnelly ist ein guter Bürokrat, und gute Bürokraten gehen keine Risiken ein. Es ist, wie Banks gesagt hat: Als dieser Brief hereinkam, hätte Donnelly unverzüglich den inneren Zirkel alarmieren müssen. Und es hätte ihm scheißegal sein müssen, ob er dadurch dem Präsidenten den Angelurlaub mit Montgomery verdirbt. Warum ist er also nicht auf Nummer sicher gegangen?« »Vielleicht …«, begann DeMarco. »Und warum ist er höchstpersönlich zu dir gekommen? Leute in seiner Stellung sprechen keine Drohungen aus, die direkt auf sie zurückgeführt werden können. Er legt nicht nur ein ungewöhnlich intensives Interesse an Billy Mattis an den Tag, er manövriert sich damit außerdem in eine unsichere Position. Was könnte ihn dazu veranlassen, sich so zu verhalten, Joe? Und welche Verbindung könnte es zwischen einem bescheidenen Agenten und dem Leiter des Secret Service geben, einem Mann, der länger als Gott auf seinem Posten sitzt? Donnelly benimmt sich wie jemand, der …« Bevor Emma ihre Überlegung ausführen konnte, war ein erstickter Schrei aus einem der hinteren Zimmer zu hören. Es klang, als hätte Julie im Schlaf geschrien. Emma stand sofort auf. Ihr Gesicht zeigte tiefe Besorgnis. »Du musst jetzt gehen, Joe. Ich muss mich um … etwas kümmern.« »Was ist mit Julie los, Emma? Du weißt, dass ich bereit bin, dir in jeder erdenklichen Weise zu helfen.«
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Emma, die immer so gelassen wirkte, die sich anscheinend durch nichts aus der Ruhe bringen ließ. Aber nicht an diesem Abend. Heute wirkte sie wie ein in die Enge getriebenes Tier. Ein sehr gefährliches in die Enge getriebenes Tier. »Danke, Joe, aber … Gute Nacht.«
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13 »Sir, haben Sie gehört, was ich Ihnen gerade gesagt habe? Donnelly weiß, dass ich für Sie arbeite, und er weiß auch über meinen Vater Bescheid. Er droht damit, die Presse zu informieren.« Mahoney reagierte immer noch nicht. Seine ganze Aufmerksamkeit wurde vom beeindruckenden Brustkorb einer Kellnerin in der Nähe beansprucht. DeMarco wusste, dass der Mann schon fast siebzig war, aber seine sexuelle Obsession war größer als die eines durchschnittlichen Teenagers. Den Viagra-Erfinder hatte er vermutlich in seinem Testament berücksichtigt. »Auch wenn er weiß, wer Ihr Vater ist«, sagte Mahoney, nachdem die Kellnerin aus seinem Blickfeld verschwunden war, »kann er noch lange nicht beweisen, dass Sie für mich arbeiten.« »Aber wenn er es doch kann, haben Sie Verbindungen zu den Gewerkschaften, und die Gewerkschaften haben Verbindungen zur Mafia, und die Mafia hat Verbindungen zu mir. Dabei könnte herauskommen, dass die Mafia Sie in der Tasche hätte und ich der Kontaktmann vor Ort wäre, der Sie im Auge behalten soll.« Der Sprecher bedachte DeMarco mit einem berechnenden Blick. Anscheinend rechnete er sich die Vorteile aus, die es mit sich brächte, wenn er DeMarco weiterhin beschäftigte. Nach fünfzehn Jahren voller zwielichtiger Schandtaten für Mahoney, eine Arbeit, die nur selten etwas mit juristischer Berufspraxis zu tun hatte, war DeMarco klar, dass er schwerer für einen neuen Job zu vermitteln sein würde als die üppig gebaute Kellnerin – die in diesem Moment an ihrem Tisch anhielt. »Möchten Sie noch Kaffee, Mr. Mahoney?«, fragte sie. »Meine Liebe, du bist der Sonnenstrahl an einem tristen Tag im Leben eines alten Mannes«, sagte Mahoney. 95
»Ach, so alt sind Sie doch gar nicht, Mr. Mahoney«, sagte seine Liebe. Ihr war offenbar bewusst, dass sie ihr Trinkgeld hauptsächlich ihrem Lächeln und ihrem Dekolleté und weniger ihrem Service zu verdanken hatte. Mahoney wartete, bis die Kellnerin gegangen war, dann zog er eine kleine Flasche aus der Innentasche seines Anzugs. Er kippte eine Unze Bourbon in seine Kaffeetasse und nahm geräuschvoll schlürfend einen Schluck. »Donnelly wird sich in Acht nehmen«, sagte er. »Wenn er jetzt etwas unternimmt, weiß er genau, dass ich die Sache mit dem Brief an die Medien durchsickern lasse.« »Außerdem hat er angedeutet, dass er an meinem Sicherheitsstatus drehen könnte.« »Das könnte er natürlich tun. Wenn seine Jungs sich Mühe geben, sind Sie anschließend verdächtiger als Osamas Stellvertreter.« »Das ist ja großartig«, sagte DeMarco. »Und was passiert, wenn er das tut?« Mahoney ging nicht auf DeMarcos Frage ein. Er zündete sich einen Zigarrenstummel an, der vor ihm im Aschenbecher gelegen hatte, blies den Rauch himmelwärts und betrachtete den Smog, den er erzeugt hatte. Niemand an den Nachbartischen erinnerte den Sprecher des Repräsentantenhauses daran, dass dies ein Nichtraucherlokal war. »Was gibt es also Neues über diesen Mattis?«, fragte er. DeMarco berichtete ihm, was er bis dato getan hatte: Akten studiert, eine Überprüfung seiner finanziellen Situation in Auftrag gegeben, eine Beschattung von Mattis organisiert, mit Frank Engles in Middleburg gesprochen. Am meisten faszinierte Mahoney das Gerücht, dass Mattis von Donnelly persönlich der Leibwache des Präsidenten zugeteilt worden sei. Alle anderen Bemühungen DeMarcos beeindruckten ihn kaum. »Gibt es irgendeine Verbindung zwischen Mattis und Edwards?«, wollte Mahoney wissen. 96
»Bisher nicht, aber ich warte noch darauf, dass sich ein Kumpel von Emma zurückmeldet.« Mahoney nahm einen weiteren Zug von seiner Zigarre und verarbeitete die Informationen mit den Windungen seines machiavellistischen Gehirns. »Donnelly macht sich verdammt große Sorgen wegen irgendwas«, sagte er. »Dass er Sie besucht hat, war völlig überflüssig. Eine Verzweiflungstat.« Die gleiche Schlussfolgerung, zu der auch Emma gelangt ist, dachte DeMarco. Mahoney lächelte und winkte einem Angestellten des Weißen Hauses zu, der gerade vorbeikam. »Dieser verdammte Wichser«, murmelte er und wandte sich wieder an DeMarco. »Setzen Sie diesen Agenten etwas unter Druck, Joe. Machen Sie ihm Feuer unterm Arsch, wie man so sagt.« »Was genau soll ich machen?«, fragte DeMarco. »Keine Ahnung. Lassen Sie sich etwas einfallen.«
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14 DeMarcos Augenlider fühlten sich an, als hätte sich darunter eine Sandschicht angesammelt, und er vermutete, dass nur noch seine ungeradzahligen Gehirnzellen funktionierten. Es war halb sechs. Morgens. Er saß mit Emma in einem Mietwagen, einem Modell, das seriösen Behördenmitarbeitern angemessen war, und sie warteten darauf, dass Billy Mattis zur Arbeit fuhr. Während DeMarco mit geschlossenen Augen dasaß, den Kopf in unbequemer Haltung gegen das Fenster auf der Beifahrerseite gelehnt, dachte er, dass nur Schweinehirten, Milchmädchen und andere landwirtschaftliche Arbeitskräfte zu so einer unchristlichen Stunde auf den Beinen sein sollten. Emma saß entspannt hinter dem Lenkrad und hing ihren eigenen Gedanken nach. Ihre amüsierte Unnahbarkeit, mit der sie ansonsten ihre Mitmenschen betrachtete, hatte sie auch heute zu Hause gelassen. Der Grund mochte die Uhrzeit sein, aber DeMarco vermutete, dass sie immer noch mit den Problemen ihrer Tochter beschäftigt war. Es überraschte ihn, dass Emma überhaupt hier war. Normalerweise waren Überwachungsjob weit unter ihrer Würde. Als er sie gefragt hatte, warum sie an diesem Morgen aufgekreuzt war, statt Mike zu schicken, hatte Emma nur gesagt: »Ach, ich bin wahrscheinlich nur neugierig, was Billy so treibt.« Vielleicht war es sogar die Wahrheit. Vordergründig mochte sich Emma gegenüber DeMarco verpflichtet fühlen, weil er ihr das Leben gerettet hatte, aber er hatte den Verdacht, der wahre Grund für ihre gelegentliche Unterstützung war nicht so sehr Dankbarkeit, sondern eher Langeweile. Sie liebte den Nervenkitzel der Jagd, auch wenn das Wild, dem DeMarco auf der Spur war, ein zahmes Kätzchen war, verglichen mit den Raubtieren, die sie in ihrem früheren Leben gejagt haben musste. Dann kann 98
noch der Tratschfaktor hinzu. Im Laufe seiner Ermittlungen förderte DeMarco häufig brisante Informationen über die Elite der Stadt zutage, von denen die Betroffenen hofften, dass sie niemals und unter gar keinen Umständen in den Zeitungen auftauchten. Emma reagierte mit einem nur allzu menschlichen Entzücken auf einige Dinge, die DeMarco ihr erzählte, aber er hatte den Verdacht, dass sie einige Bröckchen an ihre früheren Arbeitgeber weitergab, die finsteren, stets wachsamen Gestalten aus den Reihen der DIA. Doch der eigentliche und hauptsächliche Grund für ihre Anwesenheit an diesem Morgen war vermutlich weder Neugier noch Langeweile oder Tratschsüchtigkeit, sondern ihr Patriotismus. Emma mochte sich als die herausragendste Zynikerin der Nation betrachten, aber wenn Mattis oder sonst jemand versucht hatte, den Präsidenten zu töten, und sie mithelfen konnte, einen erneuten Versuch zu verhindern, dann fühlte sie sich verpflichtet, alles in ihrer Macht Stehende dazu beizutragen. Was auch immer ihr Motiv sein mochte, DeMarco war froh, sie dabeizuhaben. Außerdem machte sie sich in dieser Rolle einfach wunderbar. Ihr schlanker Körper steckte in einem praktischen dunklen Hosenanzug, dazu trug sie eine weiße Bluse, deren oberste Knöpfe geöffnet waren, und Schuhe, die sowohl zum Schleichen als auch zum Rennen geeignet waren. Vervollständigt wurde das Ensemble durch eine Waffe – eine große Waffe – in einem Holster an ihrer Hüfte. Emma wirkte professionell, kompetent und tödlich. DeMarco hatte die Waffe für etwas übertrieben gehalten und es ihr gesagt. Worauf sie geantwortet hatte: »Ich bin gerne mindestens genauso gut bewaffnet wie die Person, die ich beschatte, vor allem, wenn es sich um einen potenziellen Mordkomplizen handelt.« DeMarco glaubte immer noch nicht daran, dass sich Billy Mattis irgendeiner Komplizenschaft schuldig gemacht hatte, aber es war noch viel zu früh am Morgen, um sich mit Emma darüber zu streiten. Ihr scharfer 99
Verstand würde ihn wie ein Stück Obst aufschlitzen. Oder sie würde ihn erschießen. DeMarco öffnete ein Auge und sah zu Billys Haus hinüber. Sie parkten auf der anderen Straßenseite und gaben sich keine Mühe, ihre Intention zu verbergen. Wenn Billy zur Arbeit fuhr, würde er ein zweiköpfiges Team in einem typischen Fahrzeug einer Regierungsbehörde sehen, das praktisch vor seiner Haustür stand. Und wenn er losfuhr, würden sie ihm folgen und praktisch an seiner Stoßstange kleben. Auf diese Weise wollte DeMarco die Anweisung von Mahoney umsetzen, Billy ein wenig unter Druck zu setzen, um zu sehen, wie er reagierte. Wenn Billy nichts zu verbergen hatte, würde er sie schließlich direkt ansprechen und sie fragen, was das alles zu bedeuten habe. Darauf würden sie Unverständnis heucheln und behaupten, dass sie nur ein Ehepaar seien, das jeden Tag diese Strecke fuhr. DeMarco erkannte, dass dieser Plan – wie die meisten Pläne – darüber hinaus keine genaueren Einzelheiten vorsah. Um sechs Uhr fünfzehn verließ ein schlanker, eins achtzig großer Mann mit kurzem blondem Haar das Haus. Er trug eine Sonnenbrille und war in einen blauen Anzug mit einfarbig blauer Krawatte und einem kurzärmligen Hemd gekleidet. Das Jackett trug er über dem Arm. Als er DeMarco und Emma auf der gegenüberliegenden Straßenseite sah, blieb er stehen und musterte sie. Vielleicht dachte er für einen kurzen Moment, dass sie Journalisten seien, aber er musste diese Idee gleich wieder verwerfen, weil Journalisten sofort über die Straße gestürmt wären, um ihn auszufragen. Mattis blieb eine ganze Weile stehen und schien ernsthaft zu überlegen, ob er zu ihnen gehen und sie ansprechen sollte. Doch dann wandte er sich ab und öffnete die Tür seines Wagens. Nachdem er im Rückwärtsgang von der Auffahrt auf die Straße abgebogen war, sah er noch einmal zu Emma und DeMarco
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hinüber, bevor er losfuhr. Beide blickten geradeaus und gaben sich alle Mühe, ihn zu ignorieren. Emma blieb während der gesamten Fahrt von Annandale in den Regierungsdistrikt ein bis zwei Wagenlängen hinter Billy. Als Billy auf den Parkplatz des Secret Service bog, stellte Emma ihren Wagen so ab, dass Billy ihn sehen konnte, als er zum Eingang des Gebäudes ging. Wieder schaute Billy zu ihnen hinüber, und wieder zögerte er, als hätte er sich immer noch nicht entschieden, ob er die beiden offen ansprechen sollte. Er betrat das Gebäude, und Emma setzte DeMarco an einer Stelle ab, von der aus er zwei der Ausgänge beobachten konnte. Wenn DeMarco mit Emma zusammenarbeitete, übernahm sie automatisch das Kommando. Emma ging auf der anderen Seite des Gebäudes in Position, damit sie die übrigen Türen im Auge behalten konnte. In den nächsten dreieinhalb Stunden wurde DeMarco fünfmal wegen etwas Kleingeld, zweimal wegen Zigaretten und einmal wegen einer Wegauskunft angesprochen. Es fiel ihm schwer, die Touristen von den Schnorrern zu unterscheiden. Ein paar Minuten vor zwölf kam Billy aus dem Gebäude. Er blieb kurz auf der Treppe stehen und schaute sich um. Sofort hatte er DeMarco entdeckt. Und während Billy ihn anstarrte, starrte DeMarco zurück und zog ein Handy hervor, um Emma anzurufen. Billy ging die Treppe hinunter und schlug die Richtung ein, in der die National Mall lag. DeMarco folgte ihm, und Emma stieß an der nächsten Ecke zu DeMarco. An der Constitution Avenue, die auf der Nordseite der Mall verlief, bog Billy nach links ab, in Richtung des Kapitals. Einmal schaute er sich zu dem Mann und der Frau um, die hinter ihm gingen, aber danach blickte er wieder unbeirrt geradeaus. DeMarco lebte schon seit über zehn Jahren in D. C, aber der Panoramablick über die Mall war für ihn immer noch genauso beeindruckend wie für jeden Besucher, der sie zum ersten Mal 101
sah. Es war eine weite Ebene, auf der man Schlachten ausgetragen und Geschichte geschrieben hatte. Der Bereich zwischen dem Kapitol und dem Lincoln Memorial – fast drei Meilen lang und eine halbe breit – war seit Jahren der Ort gewesen, an dem Menschenmassen zusammenkamen, um gegen Kriege zu protestieren, für die Bürgerrechte zu demonstrieren und sich gegen die Ignoranz der herrschenden Klasse Gehör zu verschaffen. Zu beiden Seiten der Mall erhoben sich majestätische Gebäude, in denen Regierungsbehörden und das Smithsonian Institute untergebracht waren – solide Granitbastionen der Macht, die neben Marmortempeln der Kunst und der Geschichte standen. Bedauerlicherweise hatte die Nähe von Kunst und Geschichte nur wenig Einfluss auf die Regierenden – genauso wie die Proteste. Billy ging noch eine Viertelmeile, dann hielt er am Stand eines Straßenverkäufers vor der National Gallery of Art an. Er bestellte sich einen Hotdog und schaute sich erneut zu Emma und DeMarco um, während er auf sein Wechselgeld wartete. Der Ostflügel der Nationalgalerie war von I. M. Pei entworfen worden und schien überhaupt nicht zur traditionelleren Architektur rund um den großen Platz zu passen. Die Wände trafen in extrem spitzen Winkeln aufeinander, vor allem auf der Südseite, was DeMarco jedes Mal an den Bug eines steinernen Schiffs erinnerte, das durch ein urbanes Meer aus Beton und Asphalt segelte. Im Atrium hing ein riesiges Mobile von Alexander Calder von der Decke. Das Mobile war aus Stahl und Aluminium konstruiert und schwarz, blau und rot bemalt. Es hatte eine Flügelspannweite von etwa 25 Metern und wog fast tausend Pfund. Am Boden hätte das Objekt so aerodynamisch wie ein Amboss gewirkt, aber aufgehängt machte es einen schwerelosen Eindruck, als wäre es einzig und allein zum Fliegen gemacht. Der geringste Luftstrom versetzte es in flatternde Bewegungen.
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DeMarco konnte sehen, wie sich das Mobile langsam drehte, als Billy den Hotdog vom Verkäufer entgegennahm. Während Billy sich Senf auf sein Mittagessen klatschte, ging Emma unter einem Baum in Stellung und richtete ihre kalten blauen Augen auf Billys breiten Nacken. Mit einer herrischen Kopfbewegung gab sie DeMarco zu verstehen, dass er zu einem anderen Baum ein paar Meter weiter gehen sollte. Emmas Strategie bestand darin, Billy eher psychologisch als physisch zu umzingeln. Als Billy mit seinem Hotdog zufrieden war, lief er ein paar Schritte, warf unterwegs das Papier, in das sein Essen eingewickelt war, in einen Abfallbehälter und setzte sich nicht weit davon entfernt auf eine Bank. Von dort aus schaute er zunächst zu Emma und dann zu DeMarco hinüber. Er nahm einen unsicheren Bissen vom Hotdog und kaute ihn langsam durch. DeMarco beobachtete, wie sich Billys Adamsapfel auf und ab bewegte. Der Mann war so nervös, dass ihm das Schlucken schwer fiel. Dann tat Emma etwas, das DeMarco gleichzeitig genial und völlig idiotisch fand. Sie ging zum Hotdogverkäufer, ließ sich von ihm eine Papiertüte geben und näherte sich dann dem Abfallbehälter, in dem Billy seinen Müll entsorgt hatte. Emma griff in den Behälter und zog mit spitzen Fingern das Wachspapier heraus. Für einen kurzen Moment blickte sie Billy in die Augen, während sie das Papier in die Tüte legte, als würde sie ein wichtiges Beweisstück an einem Tatort sichern. Billy starrte Emma an und versuchte, seine Mahlzeit fortzusetzen. Er hob den Hotdog, um ein zweites Mal davon abzubeißen, doch wenige Zentimeter vor den Lippen hielt er in der Bewegung inne. Unvermittelt warf er den Hotdog weg, stand auf und ging mit energischen Schritten auf Emma zu. DeMarco verließ sofort seinen Beobachtungsposten, um sich in der Nähe seiner Partnerin zu postieren.
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»Warum verfolgen Sie mich?«, wollte Billy wissen. Sein Körper war vor Wut angespannt, und er hatte die Hände zu Fäusten geballt. DeMarco hörte den Südstaatenakzent in seinen Worten und konnte sich vorstellen, dass seine Stimme normalerweise tiefer und sanfter klang. DeMarco spürte auch, wie viel Angst sich unter der oberflächlichen Entrüstung verbarg. DeMarco hatte Mattis im Video und auf Fotos in der Zeitung gesehen, aber diese Aufnahmen hatten ihn nicht auf den Eindruck vorbereitet, den dieser Mann leibhaftig und aus nächster Nähe machte. Er sah wirklich wie Mickey Mantle aus, wie Mike gesagt hatte, und die Ähnlichkeit war nicht nur äußerlich. Er hatte die gleiche Aura des typisch amerikanischen Jungen vom Lande, den gleichen Flair der Unschuld, den auch Mantle zu Anfang seiner Karriere gehabt hatte. Billys Gesicht, seine Stimme, seine klaren blauen Augen – alles vermittelte exakt das, was er angeblich war: ein einfacher, aber grundehrlicher Kerl, ein gehorsamer Sohn und ein treuer Diener der Herren seines Landes. Er sah genau aus wie jemand, von dem man erwartete, dass er sich ohne Zögern eine Kugel einfing, die eigentlich für einen Politiker gedacht war. Billy wandte sich wieder an Emma. »Lady, ich habe Sie gefragt, warum Sie mich verfolgen!« Aus irgendeinem Grund ging Billy davon aus, dass Emma die Verantwortung für die Aktion trug, was DeMarco ein klein wenig ärgerte. Emma verhielt sich völlig untypisch und drehte sich zu DeMarco um, als wollte sie ihm die Entscheidung überlassen. Der überlegte, ob er alles abstreiten sollte. Dass sie ihn keineswegs verfolgten, während er keinen Zweifel daran ließ, dass er log. Aber er tat es nicht. Der Luchs wusste selber nicht, was ihn dazu veranlasste. Er hätte gerne behauptet, es wäre ein intuitiver Quantensprung gewesen, aber das war es nicht. Die Worte strömten aus DeMarcos Mund, bevor sie durch seinen Verstand zensiert werden konnten. 104
»Sie waren nur ein Agent am falschen Ort, nicht wahr, Billy?«, sagte er leise. Als DeMarco aus dem Brief zitierte, schloss Billy, der die ganze Zeit Emma wütend angestarrt hatte, plötzlich die Augen. Er hielt sie noch ein paar Herzschläge lang geschlossen und hoffte, dass die beiden »Agenten« verschwunden sein würden, wenn er sie wieder öffnete. Dann drehte er den Kopf langsam in DeMarcos Richtung. »Was … was zum Teufel soll das bedeuten?«, sagte er. »Ich glaube, das wissen Sie ganz genau, Billy.« »Verdammt, wer sind Sie? Kommen Sie vom FBI?« »Billy«, sagte Emma, »Sie haben eine Warnung an General Banks geschickt. Er sollte den Ausflug zum Chattooga abblasen. Woher wussten Sie, was an diesem Tag geschehen würde?« »Ich habe wirklich keine Ahnung, wovon Sie reden«, sagte Billy. Im Gegensatz zu Patrick Donnelly – oder zu Joe DeMarco – war Billy Mattis kein professioneller Lügner. Er blinzelte so hektisch, dass seine Augenlider wie Schmetterlinge wirkten, die sich bemühten, Fluchtgeschwindigkeit zu erreichen. »Billy«, sagte DeMarco leise, »ich glaube, Sie wurden da in etwas ziemlich Hässliches hineingezogen. Vielleicht können wir Ihnen helfen.« »Ich weiß nicht, worauf Sie hinauswollen«, beteuerte Billy. »Zeigen Sie mir bitte Ihre Ausweise.« »Warum haben Sie den Kopf eingezogen, Billy?« »Den Kopf?« »An jenem Vormittag am Fluss. Sie haben Ihre Sonnenbrille fallen gelassen, damit der Attentäter freies Schussfeld auf den Präsidenten hatte. Sie haben sich geduckt, bevor der erste Schuss fiel. Auf dem Video ist es deutlich zu sehen.« Billys Gesicht wurde knallrot. In aggressiver Haltung ging er einen Schritt auf DeMarco zu und stieß ihm heftig mit dem Zeigefinger in den Brustkorb. »Das ist eine verdammte Lüge!«, 105
sagte er. Seine Wut war nicht gespielt, und zum ersten Mal hörte DeMarco Wahrheit in seiner Stimme und sah sie in seinem Gesichtsausdruck. »In der Aufzeichnung vom Attentat kann man es genau erkennen«, wiederholte DeMarco. »Sie waren so nervös wie eine Katze auf dem heißen Grillrost, als Sie an diesem Morgen zum Hubschrauber gegangen sind. Ihre Augen sprangen herum wie Gummibälle. Sie …« »Meine Augen haben sich bewegt, weil ich die Umgebung beobachtet habe, Sie Idiot! Das war mein Job.« »Das glaube ich nicht, Billy. Ich glaube, Sie wussten, was geschehen würde, und dann haben sie genau im richtigen Moment die Sonnenbrille fallen gelassen. Haben Sie Harold Edwards eine Kopie vom Terminplan des Präsidenten gegeben, Billy?« Schweißperlen standen plötzlich auf Billys Stirn, und DeMarco sah, wie sich unter seinen Armen feuchte Flecken im kurzärmligen Hemd bildeten. Billy öffnete den Mund, um etwas zu sagen, dann schloss er ihn wieder. Seine Lippen wurden zu einer Schranke, die eine Zunge im Zaum hielt, der er nicht vertrauen konnte. Schließlich sagte er: »Ich will Ihre Ausweise sehen. Sofort!« Auch diesmal ging DeMarco nicht auf die Forderung des Agenten ein. »Wie haben Sie den Lügendetektortest überstanden, Billy?« Mattis sah ihn verdutzt an. »Welchen Test? Niemand hat mich mit einem Lügendetektor überprüft.« Nun war es DeMarco, der zögerte, weil es klang, als würde Billy die Wahrheit sagen. Dann erinnerte sich DeMarco daran, dass es Patrick Donnelly gewesen war, der Banks und dem FBI mitgeteilt hatte, dass man Billy an einen Lügendetektor angeschlossen hatte.
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»Dann lassen Sie uns darüber reden, welchen Umständen Sie es zu verdanken haben, dass Sie der Leibwache des Präsidenten zugeteilt wurden, Billy.« Billy schüttelte unnachgiebig den Kopf. »Nein. Wir reden über gar nichts. Ich sage kein Wort mehr zu Ihnen beiden.« Er wandte sich zum Gehen, doch dann blieb er noch einmal stehen. Als er sich zu ihnen umdrehte, schimmerten Tränen in seinen blauen Augen und ließen sie wie Edelsteine funkeln. »Ich habe an diesem Tag meine Pflicht erfüllt. Ich habe alles getan, um ihn zu schützen.« Seine Stimme stockte kurz, als er hinzufügte: »Ich wäre für ihn gestorben.« DeMarco glaubte ihm jedes Wort. Als Billy sich entfernte, musste DeMarco wieder an Calders Mobile denken, wie es sich langsam im Atrium des Museums drehte. Ein gewichtiges Objekt, das sich in einem so labilen Gleichgewicht befand, dass schon der Lufthauch einer geöffneten Tür ausreichte, um es in Bewegung zu setzen. Genauso wie Billy Ray Mattis – ein winziger Schubs, und er begann zu rotieren.
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15 »Unglaublich!«, sagte Emma leise. »Dieser Mistkerl«, stieß DeMarco fast gleichzeitig hervor. »Als du den Brief zitiert hast, dachte ich, der arme Junge würde sein Mittagessen verlieren.« »Ja, er kennt den Wortlaut. Daran gibt es keinen Zweifel. Aber als ich ihn beschuldigt habe, dass er sich vor dem Schuss geduckt hätte, wollte er mir am liebsten den Kopf abreißen. Er hat die Wahrheit gesagt: Er würde sterben, um den Präsidenten zu schützen.« »Richtig«, sagte Emma. »Trotzdem ist er irgendwie in die Sache verwickelt, und ich wüsste gerne, wie. Und ich sage dir noch etwas, Joe: Ich glaube, weder das FBI noch sonst jemand hat den Jungen befragt. Zumindest nicht auf die harte Tour. Ich glaube, Donnelly schirmt ihn irgendwie vor den Verhörspezialisten des FBI ab.« »Dieser verdammte Donnelly. Ich werde zu Banks gehen. Sofort. Ich muss den Dickkopf davon überzeugen, dass er sich endlich an die Bundespolizei wendet.« Emma sah DeMarco überrascht an. »Ich dachte, Mahoney hätte gesagt, dass du abwarten sollst, was Donnelly als Nächstes tut.« »Ich scheiße auf Mahoney«, sagte DeMarco mit mehr Überzeugung, als er tatsächlich empfand. Emma lächelte, das erste Mal, dass sie an diesem Tag eine Spur von Humor zeigte. »Na gut. Und was soll ich tun, während du mit dem Minister redest, Schätzchen?« »Kannst du an Billy dranbleiben?« »Nein. Aber ich kann jemanden anrufen.«
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Wie zu erwarten war, saß der Minister für Heimatschutz nicht Däumchen drehend in seinem Büro und wartete nur darauf, dass Joe DeMarco ihm endlich einen Besuch abstattete. Joe hockte zweieinhalb Stunden lang in Banks’ Wartezimmer und beobachtete, wie bedeutende Persönlichkeiten ein- und ausgingen. Ihm fiel auf, dass jeder, der Banks’ Büro betreten hatte, unglücklicher aussah, als er es wieder verließ, und gegen fünf Uhr fühlte sich auch DeMarco ziemlich unglücklich. Er hatte noch nichts zu Mittag gegessen, worüber sich sein Magen immer lauter beschwerte. Um halb sechs wurde er endlich zu Banks vorgelassen. An den Wänden seines Büros klebten plakatgroße Organisationsdiagramme. Der General ging von einem Diagramm zum nächsten und malte mit einem dicken roten Filzstift große Kreuze in die Rechtecke, die für verschiedene Abteilungen standen. Jedes Mal, wenn er einen neuen Kasten mit einem roten X verziert hatte, sagte er »Ha!«, als hätte er wieder eine Fliege mit einer Klatsche erledigt. Nun verstand DeMarco, warum das Lächeln seiner Besucher verschwunden war, nachdem sie ihn besucht hatten. Während er sich weiter auf die Organigramme konzentrierte, sagte Banks zu DeMarco: »Als das Ministerium für Heimatschutz gegründet wurde, hat man zweiundzwanzig verschiedene Organisationen mit einhundertachtzigtausend Mitarbeitern zusammengepappt, und jede dieser Organisationen hatte natürlich ihre eigene Struktur. Sie wissen schon, Führungspersonal, Finanzbuchhalter, Verwaltungskräfte, Personalabteilungen und so weiter. Aber glauben Sie, auch nur ein Einziger von diesen Verwaltungsleuten wäre freiwillig bereit, Abteilungen zusammenzulegen, um die Kosten zu reduzieren? Nein, natürlich nicht! Diese verdammten Fleischtöpfe kosten uns …« »Sie müssen dem FBI sagen, was Sie wissen.«
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Banks wandte sich von den Diagrammen ab und fasste DeMarco ins Auge. »Sie haben etwas herausgefunden, nicht wahr?«, fragte er. Eigentlich war es gar keine Frage. »Vielleicht«, antwortete DeMarco und erzählte Banks, wie er Billy Mattis auf der Mall angesprochen hatte und wie der Agent reagiert hatte, als er ihn mit dem Zitat aus der Warnung konfrontiert hatte. Banks warf den roten Filzstift gegen die Wand. »Verdammt noch mal, DeMarco!«, brüllte er. »Ich habe Ihnen nicht gesagt, dass Sie den Mann befragen sollen. Sie gehen ungefähr so feinfühlig vor wie ein Elefantenpimmel!« DeMarco konnte Banks nichts von Mahoneys Anweisung erzählen, also sagte er: »Ich bin nicht weitergekommen, General. Ich konnte keine Verbindung zwischen Mattis und Edwards finden. Oder sonst etwas, das ihn belastet hätte. Ich dachte, es wäre das Beste, ihn ein wenig unter Druck zu setzen, um zu sehen, wie er reagiert. Und seine Reaktion war hochinteressant. Wenn Sie dabei gewesen wären, würden Sie verstehen, was ich damit sagen will.« DeMarco sprach sofort weiter, bevor Banks ihm Insubordination vorwerfen konnte. »Und eine der interessantesten Reaktionen zeigte Billy, als er glaubhaft einen Lügendetektortest abgestritten hat. Donnelly scheint also auch in diesem Punkt gelogen zu haben, genauso wie er Sie bezüglich der Analyse des Briefes belogen hat.« Banks wollte etwas sagen, doch dann hielt er inne. Er schien zu erkennen, dass sich möglicherweise seine schlimmste Befürchtung bewahrheitet hatte – dass der Brief echt war und er es versäumt hatte, entsprechende Maßnahmen zu ergreifen. »Es ist Zeit, mit dem FBI zu reden, General. Die Bundespolizei muss Mattis etwas genauer unter die Lupe nehmen.« Banks ging nicht darauf ein, sondern hob den Filzstift vom Boden auf. Dann ging er zum Fenster und blickte auf den Verkehrsstau in der Straße hinab. DeMarco hätte ihm am 110
liebsten erklärt, dass all der Verkehr von Leuten verursacht wurde, die von der Arbeit kamen und zum Abendessen zu Hause sein wollten. »Nein«, sagte Banks schließlich. »Alles, was wir bis jetzt haben, ist Ihr Bauchgefühl – und das ist kein Stück besser als mein eigenes Bauchgefühl. Sie machen noch ein paar Tage lang weiter und versuchen, mir etwas Handfesteres zu bringen.« »General«, sagte DeMarco, »wenn es eine Verbindung zwischen Mattis und Harold Edwards gibt, tendiert die Wahrscheinlichkeit, dass ich aussagekräftige Beweise dafür finde, gegen Null. Die jungfräuliche Empfängnis dürfte wahrscheinlicher sein. Je länger Sie damit warten, zum FBI zu gehen, desto kälter wird die Spur und desto schlechter stehen Sie am Ende da.« Banks schüttelte den Kopf. »Noch nicht, mein Lieber, noch nicht.« DeMarco stritt sich noch weitere zehn Minuten mit Banks, aber er konnte ihn nicht von seiner Meinung abbringen. Als er sich zum Gehen wandte, hörte er hinter sich wieder den Filzstift quietschen und Banks »Ha!« rufen.
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16 »Hast du Mahoney erzählt, wie Billy gestern reagiert hat?«, fragte Emma. Sie und DeMarco fuhren auf der Mittelspur der I-395, drei Wagen hinter Billy Mattis. Es war halb sieben am Morgen des nächsten Tages. »Nein. Vergiss nicht, dass er sich nur wegen Patrick Donnelly für diese Sache interessiert«, sagte DeMarco. »Wenn ich zu ihm gegangen wäre, hätte ich von ihm dasselbe gehört, was ich auch von Banks gehört habe – dass ich noch ein paar Tage weitermachen und schauen soll, was passiert. Mein Leben wird von Arschlöchern dominiert.« Auf dem Freeway bewegte sich der Verkehr noch zähflüssiger als sonst. Die Fahrzeuge kämpften wie Rennwagen um die günstigste Position. Emma und DeMarco waren nun fünf Wagen hinter Billy zurückgefallen. Als sie sich der letzten Ausfahrt in Virginia näherten, kurz bevor es über die Fourteenth Street Bridge nach D.C. ging, bog Billy plötzlich nach rechts ab und hätte fast die Stoßstange eines Lieferwagens in der Nebenspur gestreift. Dann zog er über eine weitere Spur und zwang einen anderen Fahrer, abrupt auf die Bremse zu treten, bis er die Ausfahrt erreicht hatte. Emma ließ sich nicht anmerken, ob dieses Manöver sie überrascht hatte. Seelenruhig beobachtete sie, wie Billys Wagen verschwand. »Scheiße«, sagte DeMarco und schlug mit der Faust auf das Armaturenbrett. »Was zum Teufel macht er da?« »Uns abhängen«, sagte Emma, aber sie lächelte. »Was ist daran so witzig?«, fragte DeMarco verärgert. »Er hat uns abgehängt, aber nicht Sammy.« »Sammy?« »Ein alter Freund«, sagte Emma. 112
Emma und ihre alten Freunde. »Und was macht Sammy gerade?«, fragte er. »Joe, ich habe es dir schon einmal gesagt. Mit nur einem Wagen kannst du bei dichtem Verkehr niemandem auf den Fersen bleiben, und schon gar nicht, wenn der Betreffende weiß, dass er verfolgt wird. Man braucht mindestens zwei Wagen, noch besser wären vier. Mike hatte heute keine Zeit, also habe ich gestern Abend Sammy angerufen und ihm gesagt, dass wir Unterstützung brauchen. Seit wir auf den Freeway gefahren sind, ist er die ganze Zeit auf der rechten Spur geblieben, und jetzt hat er die gleiche Ausfahrt wie Billy genommen.« »Sehr nett von dir, mir zu sagen, dass Sammy auf meiner Gehaltsliste steht«, bemerkte DeMarco. »Sei nicht so grantig!« DeMarco brummte etwas. Das war immer noch besser, als zuzugeben, dass Emma Recht hatte. Wie immer. »Ich hoffe, du hast Sammy nicht gesagt, warum wir Mattis beschatten.« Emma beantwortete DeMarcos Unverschämtheit mit einem vorwurfsvollen Blick. »Ich habe ihm gar nichts gesagt. Er soll Billy folgen, falls er uns abschüttelt, und darauf achten, ob er mit jemandem redet.« Wieder brummte DeMarco nur. Ein paar Minuten fuhren sie schweigend weiter, bis er sagte: »Vielleicht sollten wir die nächste Ausfahrt nehmen und versuchen, ihn wiederzufinden.« »Das wäre blödsinnig«, sagte Emma. »Wir trinken irgendwo einen Kaffee und fahren dann zu Billys Büro. Irgendwann wird er dort eintreffen, und dann wird Sammy hinter ihm sein.« Um halb neun fand sich Billy tatsächlich auf dem Parkplatz ein, schloss seinen Wagen ab und ging langsam zum Gebäude des Secret Service hinüber. Sein Blick war fest auf den Boden gerichtet. Unterwegs schüttelte er den Kopf, als wäre er in ein stummes Selbstgespräch vertieft. Er sah Emma und DeMarco nicht, die auf der anderen Seite des Parkplatzes standen, obwohl 113
er dazu nur den Blick hätte heben müssen. Nachdem Billy im Gebäude verschwunden war, stiegen Emma und DeMarco aus ihrem Wagen. »Und wo ist jetzt dein Kumpel Sammy?«, fragte DeMarco. Emma antwortete nicht, sondern schaute sich weiter auf dem Parkplatz um. Als sie nach einigen Minuten immer noch nichts von Sammy gesehen hatte, sagte sie: »Vielleicht hat sich Billy mit jemandem getroffen, und Sammy ist dieser Person gefolgt.« »Klar«, sagte DeMarco. Mattis, der in solchen Dingen ausgebildet worden war, hatte diesen Sammy vermutlich innerhalb weniger Minuten abgehängt, nachdem er den Freeway verlassen hatte. Zwanzig Minuten später hob Emma den Arm und winkte einem kleinen Mann zu, der in ihre Richtung gelaufen kam. Sammy Wix wog etwa hundert Pfund und war klein genug, um als großer Bruder eines Jockeys durchzugehen. Sein unauffälliges Trollgesicht mit der langen Nase bestand aus sonnengebräuntem, runzligem Leder. Er hatte einen Händedruck, bei dem DeMarco leicht in die Knie ging. »Was hat unser Billy angestellt, Sammy?«, wollte Emma wissen. Sammy hatte einen ausgeprägten New Yorker Akzent. »Er ist ein paar Ecken weitergefahren, nachdem er vom Freeway runter ist. Dann ist er eine Weile rumgekurvt. Wollte anscheinend sichergehen, dass ihm niemand folgt. Dann hielt er an einem 7-Eleven an und telefonierte. Im Laden waren zwei Zellen nebeneinander, und da er mich nicht kennt, hab ich mich in die andere Zelle gestellt, um zu horchen, was er quatscht.« Er hielt inne und lächelte. Es war nur ein leichtes Lächeln, kaum mehr als ein Zucken der Mundwinkel. Es besagte, dass Sammy Wix immer wieder von den Leuten unterschätzt wurde und dass es ihm Spaß machte, es ihnen zu zeigen. »Er hat jede Menge Tasten gedrückt. Offenbar ein Ferngespräch, das er auf eine Telefonkarte gebucht hat.« 114
»Haben Sie die Nummer der Zelle, von der aus er angerufen hat?«, fragte DeMarco. Sammy sah DeMarco zum ersten Mal direkt an und zeigte wieder sein dezentes Lächeln. »Klar«, sagte er. »Auch die Zeit seines Anrufs.« Sein Blick ruhte noch einen Moment auf DeMarco, als wäre er sich nicht ganz sicher, ob er ihm trauen konnte. DeMarco fragte sich, ob sein Gesicht den Mann an die Typen erinnerte, die ihn als kleinen Jungen auf dem Schulhof geärgert hatten. »Auf jeden Fall klang er ziemlich aufgeregt.« Sammy sprach wieder Emma an. »Er sagte: ›Onkel Max, hier passiert gerade was sehr Komisches.‹ Bevor er noch mehr sagen kann, wird er von diesem Onkel Max angebrüllt. Das weiß ich, weil der Junge plötzlich den Hörer vom Ohr wegzieht. Dann sagt er: ›Tut mir Leid, Onkel Max.‹ Er sagt es ein paarmal. Dann: ›Nein, ich rufe von einer Telefonzelle an.‹ Und schließlich: ›Gut, ich werde Dale anrufen.‹ Dann entschuldigt er sich noch ein paarmal und legt auf.« Sammy schwieg, als hätte er das Ende seiner Geschichte erreicht. »Und wo war er, nachdem er telefoniert hat?«, fragte DeMarco. »Er ist eine halbe Stunde zu spät zur Arbeit gekommen.« »Das wollte ich gerade erzählen.« Wieder das feine, siegessichere Lächeln. »Nach dem Anruf legt er auf und wählt eine andere Nummer. Jemand geht ran. Billy nennt ihn Dale und sagt, dass sie miteinander reden müssen. Der andere, dieser Dale, quatscht ihn eine Weile voll, dann legt Billy auf.« Wieder schwieg Sammy, als wäre er fertig, doch diesmal wartete DeMarco geduldig ab. Er wollte kein zweites Mal auf den Trick des kleinen Mistkerls hereinfallen. »Anschließend steigt er in seinen Wagen und fährt nach D.C. Nicht weit von der Universität entfernt hält er an und wartet neben seinem Wagen. Ein paar Minuten später kreuzt dieser andere Typ auf. Sah irgendwie aus, als wäre er gerade aus dem 115
Bett gekrochen. Er geht zu Billy rüber, und Billy redet völlig aufgeregt mit wedelnden Armen auf ihn ein. Ich konnte nicht hören, was sie gequatscht haben, weil ich im Wagen bleiben musste. Ich stand ein Stück weiter in der zweiten Reihe. In dieser Scheißstadt findet man nie einen Parkplatz. Auf jeden Fall steht der andere Typ vor ihm, und dann scheuert er ihm eine.« »Wie bitte?«, fragte DeMarco. »Ja, er scheuert ihm eine. Verpasst ihm ’ne Ohrfeige. Nach dem Motto: ›Nun reiß dich mal zusammen!‹ Dann quatscht er eine Weile auf Billy ein und legt ihm einen Arm um die Schulter. Will ihn offenbar trösten und beruhigen. Billy nickt immer wieder, putzt sich irgendwann die Nase, als hätte er geheult, dann steigt er schließlich in seinen Wagen und fährt weg.« »Wer könnte dieser andere Typ gewesen sein?«, fragte DeMarco, zu Emma gewandt. Emma antwortete nicht, sondern sah Sammy an. Sammys Lippen zuckten. »Nachdem Billy weg ist, schnappe ich mir seinen Parkplatz und verfolge den Kerl, mit dem Billy geredet hat, zu Fuß. Er geht zu einem Wohnkomplex eine Ecke weiter, an der Ecke Nineteenth und G Street. Da habe ich mir die Namen der Mieter auf den Briefkästen angeguckt. Nur ein Name ist dabei, der mit D anfängt. Jemand, der D. Estep heißt.«
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17 DeMarco rief Alice an, gab ihr die Nummer der Telefonzelle durch, die Billy benutzt hatte, und sagte ihr, dass sie sich für ihn ins Zeug legen sollte. Er wollte wissen, wer Onkel Max war. Alice wirkte etwas unkonzentriert, als sie sagte, es würde ein paar Stunden dauern, bis sie DeMarco die gewünschte Information liefern konnte. »Alice«, sagte DeMarco. »Ich weiß genau, dass du nur zehn Minuten brauchst, um mir die verdammte Nummer rauszusuchen. Es ist dringend.« »Ich wollte gerade losziehen und einen Arzttermin wahrnehmen, als du angerufen hast. In letzter Zeit habe ich ständig Schmerzen im Brustkorb. Ich glaube, es ist mein Herz.« »Alice, du hast überhaupt kein Herz. Es kann nur eine Magenverstimmung sein. Geh morgen zum Arzt.« »Ich will nicht, dass ich deinetwegen einen Herzinfarkt bekomme!«, sagte Alice gekränkt. »Alice, weißt du, was viel schlimmer als ein Herzinfarkt wäre?«, fragte DeMarco. »Was?« »Den Hungertod zu sterben. Denn so wirst du eines Tages enden, wenn du weiterhin jede Woche deinen Gehaltsscheck an die Spielautomaten verfütterst. Du brauchst das Geld, das ich dir regelmäßig zukommen lasse, Alice. Aber wenn du die Leistung nicht erbringst, für die ich dich bezahle, werde ich aufhören, dir Geld zu schicken. Und wenn das passiert, wirst du dich am Ende des Monats von Hundefutter ernähren müssen.« »Jetzt hör mir mal zu, du gefühlloser Klotz«, zischte Alice. »Ich gehe jetzt zum Arzt. In ein paar Stunden werde ich zurück sein, falls er mich nicht ins Krankenhaus einweist, und wenn ich wieder hier bin, suche ich nach dieser verdammten Nummer.« 117
Dann legte Alice ohne ein Wort des Abschieds auf. D. Estep wohnte in einem dreistöckigen Apartmentkomplex, der insgesamt ein Dutzend Mieter beherbergte. DeMarco klingelte an der Tür, neben der »Hausmeister« stand, dann wurde er mit einem Rülpser und einem »Ja?« begrüßt. »Sind Sie der Hausmeister?« »Ja.« »Ich muss mit Ihnen reden. Drücken Sie bitte auf den Türöffner.« »Wenn Sie ein Vertreter sind, können Sie gleich wieder abzischen.« »Ich will nichts verkaufen. Ich bin Ermittlungsbeamter, und wenn Sie mich nicht reinlassen, mache ich Ihnen das Leben zur Hölle.« Ich werde mich aufblasen und schnaufen und sehr böse dreinschauen und … »Mein Leben ist bereits die Hölle, Sie Idiot«, sagte der Hausmeister, doch bevor DeMarco das Stichwort aufgreifen und sagen konnte, dass es viel schlimmer als die Hölle sein würde, hörte er das Klicken, mit dem das Türschloss geöffnet wurde. Der Hausmeister des Wohnkomplexes gehörte zu jener ästhetischen Spezies, die einen gewaltigen Bauch, aber keinen Hintern hatte. Er trug ein viel zu enges grünes T-Shirt und ausgeleierte Jeans, sodass der Betrachter von vorn eine Fettrolle, die ihm über den Gürtel hing, und von hinten den Ansatz der Poritze bewundern konnte. Der Hausmeister setzte sich in einen wackligen Sessel und griff sich eine Budweiser-Dose von einem Beistelltisch. Neben dem Sessel standen drei leere Bierdosen auf dem Boden. Während er trank, wanderten seine Augen zum Fernseher, in dem eine Familienserie lief, und er schien völlig zu vergessen, dass sich noch jemand im Raum aufhielt. Die schmuddelige Wohnung roch nach Rauch, abgestandenem Bier und mit großem Druck ausgestoßenen Verdauungsgasen. 118
DeMarco ging zum Fernseher und drückte auf den Ausschaltknopf. »He! Was soll das? Ich will das sehen!« DeMarco schaute sich nach einem Sitzplatz um, gelangte jedoch zur Erkenntnis, dass er Reinigungskosten sparen konnte, wenn er stehen blieb. »Ich muss mit Ihnen reden, und dazu brauche ich Ihre ungeteilte Aufmerksamkeit.« »Dann reden Sie. Und machen Sie schnell. Das ist meine Lieblingssendung.« »In 2B wohnt ein Mieter namens D. Estep. Ich möchte mehr über ihn wissen.« »Weswegen?« »Weil ich mit einer Ermittlung beschäftigt bin.« »Das mag ja sein. Aber wäre das nicht eine Verletzung seiner Privatsphäre oder seiner Bürgerrechte oder so was?« »Im Augenblick verletze ich nur seine Privatsphäre. Wie würde es Ihnen gefallen, wenn ich es mit Ihrer mache? Ich kann mir zum Beispiel vorstellen, dass Sie zur Weihnachtszeit Trinkgeld bekommen. Vielleicht haben Sie auch noch einen Zweitjob, der bar bezahlt wird. Ich wette, dass Sie nicht alle Ihre Einkünfte dem Finanzamt melden. Stimmt’s?« »Okay, okay. Ich hab’s kapiert. Was wollen Sie wissen? Ich habe den Kerl sowieso nie gemocht, diesen Maisgrießscheißer.« »Maisgrieß?« »Er kommt aus dem tiefsten Süden. Und spricht wie der letzte Südstaatler.« »Haben Sie etwas Schriftliches über ihn? Er muss doch einen Vertrag oder andere Dokumente ausgefüllt haben, als er die Wohnung gemietet hat.« »Ja, warten Sie, ich hole Ihnen die Sachen.« Mit einem Ächzer erhob er sich vom Sessel, unternahm den sinnlosen Versuch, sich die Hosen hochzuziehen, und stapfte langsam zu einem verbeulten olivgrünen Aktenschrank. Er 119
kramte eine Weile darin herum und zog schließlich ein einzelnes, zerknittertes Blatt Papier hervor. DeMarco nahm das Papier entgegen. Es war ein Standardmietvertrag, in dem der Bewohner des Apartments 2B als Dale Estep angegeben war. Sein Hauptwohnsitz war eine Adresse in Folkston, Georgia. DeMarco hatte noch nie von diesem Ort gehört. Er schrieb sich die Adresse und Esteps Sozialversicherungsnummer ab. Im Feld für die finanziellen Sicherheiten war nichts eingetragen. Die Mietdauer war auf drei Monate festgelegt, der Gesamtbetrag sollte einschließlich einer Schadenskaution in Höhe von fünfhundert Dollar im Voraus bezahlt werden. »Ist eine Vermietung für drei Monate nicht etwas ungewöhnlich?«, fragte DeMarco. »Ja, aber er sagte, ich könnte die Schadenskaution behalten, wenn er auszieht.« »Was macht er beruflich, wenn er die Wohnung nur für drei Monate braucht?« »Keine Ahnung. Als ich danach gefragt habe, aus reiner Freundlichkeit, sagte er zu mir, dass ich mich um meinen eigenen Kram kümmern soll.« »Was glauben Sie, was er macht?« Der Hausmeister zuckte mit den Schultern, wodurch das TShirt auf seinem Oberkörper verrutschte. »Ich weiß es nicht«, sagte er. »Er kommt und geht zu völlig unregelmäßigen Zeiten. Manchmal ist er drei oder vier Tage lang überhaupt nicht da.« »Lebt er allein?« »Ja. Ein paarmal hat er Frauen nach Hause mitgenommen, jedes Mal eine andere. Die meisten sahen nach Nutten aus.« »War jemals ein Mann bei ihm?« »Sie meinen, ob er schwul ist?« »Nein, ich meine, ob er regelmäßige Besucher hat, egal, ob männlich oder weiblich.«
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Der Hausmeister runzelte die Stirn, als hätte DeMarco ihn gebeten, ihm die Schwerkraft zu erklären. Schließlich sagte er: »Es gibt da jemanden, den ich vielleicht dreimal gesehen habe. Ich weiß aber nicht, wie er heißt. Blonder Junge, kurzes Haar, könnte beim Militär sein.« »Hat Estep einen Wagen, wenn er hier ist?« »Ja. Einen Oldtimer. Kirschrot. Mit Kennzeichen aus Georgia, Sie wissen schon, diese Wunschkennzeichen. Auf seinem steht GATOR.« DeMarco hatte dem Hausmeister mit schweren behördlichen Konsequenzen gedroht, falls er Estep von seinem Besuch erzählte, und war dann zu seinem Büro zurückgefahren. Dort fand er eine Nachricht von Alice auf seinem Anrufbeantworter vor. »Er hat einen Maxwell Taylor in Folkston, Georgia, angerufen.« Sie gab Taylors Adresse durch und fügte nach einer kurzen Pause hinzu: »Ich glaube zwar, dass es dich einen Scheißdreck interessiert, aber der Arzt sagte, dass mit meinem Herzen alles in Ordnung ist.« Eine Magenverstimmung, genau wie DeMarco vermutet hatte. Als Nächstes rief er Emma an. Er nannte ihr die Adressen von Maxwell Taylor und Dale Estep in Georgia, Esteps Sozialversicherungsnummer und das GATOR-Nummernschild und bat sie, über ihre weitläufige behördliche Verwandtschaft mehr über die Männer in Erfahrung zu bringen. »Ich muss wissen, wer diese Leute sind, Emma«, sagte DeMarco. »Sie sind aus heiterem Himmel auf der Bildfläche erschienen. Ganz offensichtlich stehen sie in Verbindung zu Billy, aber ich muss herausfinden, ob sie auch eine Verbindung zu Harold Edwards haben. Vielleicht haben sie auch gar nichts mit dem Attentat zu tun.« Den Rest des Vormittags versuchte DeMarco, mit eigenen Mitteln nachzuforschen, wer Maxwell Taylor war. Sammy Wix hatte gesagt, dass Billy ihn Onkel Max genannt hatte, aber in 121
Billys Personalakte wurde kein Verwandter namens Taylor erwähnt. Andererseits musste das nichts heißen. Die einzigen Verwandten, die in staatlichen Personalakten aufgeführt werden mussten, waren direkte Familienangehörige und Verwandte, die ebenfalls in Staatsdiensten standen. Das war Uncle Sams wasserdichte Methode, um Vetternwirtschaft zu vermeiden. Als er noch einmal Billys Akte durchblätterte, fiel ihm etwas auf, das er bislang übersehen hatte. Es war kein Vater angegeben. Im Feld für den Namen des Vaters standen nur die kryptischen Initialen »NZ«. Da die unbefleckte Empfängnis noch nicht wieder in Mode gekommen war, bezweifelte er, dass ein »nicht zutreffend« als Deutung zutreffend gewesen wäre. DeMarco wusste, dass der Secret Service den Hintergrund seiner Angestellten gründlich durchleuchtete, und ein unbekannter Vater hätte sicherlich mehr als nur eine verwundert hochgezogene Augenbraue als Reaktion ausgelöst. Hier handelte es sich um eine staatliche Behörde, die immer wieder für ihre penible Genauigkeit gerühmt wurde. Da ihm Billys Personalakte nicht weiterhalf, versuchte er es mit der Highschool, an der Billy seinen Abschluss gemacht hatte. Im Gegensatz zu seinem Erzeuger war die Schule in der Akte angegeben. Er telefonierte mit der Konrektorin, einer Dame, die wie Andy Griffiths Mutter klang. DeMarco täuschte einen vornehmen Südstaatenakzent vor und behauptete, ein Reporter aus Atlanta zu sein. Er erzählte der Dame, seinem Verleger, der gelegentlich eine etwas lange Leitung hatte, sei zu Ohren gekommen, dass ein Sohn des Staates Georgia dem Präsidenten das Leben gerettet hatte, als dieser Yankee versucht hatte, ihn zu erschießen. Nun wollte er sich erkundigen, ob es noch jemanden an der Schule gab, der sich an den Helden erinnerte. Die Konrektorin konnte DeMarco zu ihrer großen Freude verkünden, dass sie Billy persönlich kannte, da sie schon an der Schule arbeitete, seit Lesen und Schreiben in Georgia als 122
Pflichtfach eingeführt worden waren. Sie bat ihn, einen Moment zu warten, während sie das Jahrbuch der Highschool holte. Dann leierte sie die Liste von Billys hervorragenden Leistungen herunter, die sich ausschließlich auf Sportarten bezogen, die mit einem Ball gespielt wurden. Rein schulische Leistungen wurden nicht erwähnt. Dann lenkte DeMarco das Gespräch auf Billys Familie und fragte die Frau, was sie ihm über seine Herkunft sagen konnte. Es folgte eine längere Pause, und als die Konrektorin schließlich antwortete, war die Südstaatenfreundlichkeit aus ihrer Stimme verschwunden. Sie schlug vor, dass DeMarco sich direkt an Billy wandte, wenn er etwas über seine Ma und seinen Pa wissen wollte. Sie sprach tatsächlich von »Ma« und »Pa«. DeMarco erkannte an ihrem Tonfall und den Pausen zwischen den einzelnen Worten, dass sie mehr wusste, es aber für sich behalten würde. Als DeMarco dann seine letzte Frage stellte – ob sie Billys Lieblingsonkel Max Taylor kannte – hörte er, wie ihm die Tür des Schulgebäudes vor der Nase zugeschlagen wurde. Er erhielt die sachliche Mitteilung, dass es gegen die Richtlinien der Schule verstieß, Informationen über ehemalige Schüler weiterzugeben. Wenn er weitere Fragen hatte, würde er sie in schriftlicher Form an die Schulverwaltung der Gemeinde richten müssen. DeMarco legte langsam das Telefon zurück. Mit der Frage nach Billys Familie hatte er einen wunden Punkt berührt, aber er konnte sich nicht vorstellen, was der Grund dafür sein mochte. Das »Clyde« war eine Institution in Georgetown und laut dem Messingschild neben der Eingangstür vor über vierzig Jahren gegründet worden. Trotzdem schien das Lokal die Phase der Identitätsfindung immer noch nicht abgeschlossen zu haben. Modellflugzeuge hingen über manchen Tischen, Palmwedel über anderen, die Speisekarte umfasste Chili-Gerichte und französische Cuisine, alte Poster von Dampfschiffen wetteifer123
ten mit Fotos von Rennwagen und Sportlerbüsten aus längst vergangenen Tagen. In der Nähe der Theke hing ein großes Gemälde von Custers letzter Schlacht, das eher zu einem Saloon in Montana gepasst hätte. Der Laden gehörte zu DeMarcos Lieblingslokalen. Er setzte sich an einen wackligen Tisch, der nicht allzu weit von der Theke entfernt war, und wartete auf Emma. Eine Kellnerin, eine hübsche junge Frau mit viel zu viel blauem Lidschatten, fragte ihn, was er trinken wollte. Er zögerte. Eigentlich hätte er gerne etwas Süßes bestellt, zum Beispiel eine Piña Colada, aber er konnte sich lebhaft das Kichern der Kellnerin vorstellen, wenn er ihr seinen Wunsch genannt hätte. Also bestellte er einen männlichen Wodka Martini. Als das Getränk kam und wie kaltes Kerosin schmeckte, wurde ihm klar, dass Männer manchmal einen zu hohen Preis zahlten, um ihre Männlichkeit zu demonstrieren. DeMarco sah auf die Uhr. Emma verspätete sich, was recht ungewöhnlich war. Er nahm einen weiteren Schluck von seinem Drink und verzog erneut das Gesicht. Wenn Emma kam, konnte er sie vielleicht überreden, eine Piña Colada zu bestellen und mit ihm zu tauschen. DeMarco warf einen Blick zur Tür, und dabei fiel ihm eine Frau auf, die an der Theke saß. Sie hatte schwarzes Haar, braune Haut und eine ausgesprochen nette Figur. Es kam zum Blickkontakt, und die Frau sah ihn mit einem sanften Lächeln an. Kein Komm-doch-mal-rüber-Lächeln, dachte DeMarco, aber immerhin ein freundliches Hallo-Fremder-Lächeln. Oder war es vielleicht doch ein Komm-doch-mal-rüber-Lächeln? Emma betrat das Lokal. Sie begab sich in hoheitsvoller Haltung zu DeMarcos Tisch und wartete, bis er aufgestanden war und den Stuhl zurückzog, damit sie Platz nehmen konnte. Manchmal hatte sie solche Anwandlungen. Die Kellnerin kam. »Darf ich Ihnen etwas zu trinken bringen, Madam?« 124
»Ach, ich weiß nicht«, sagte Emma mit geistesabwesender Miene. Bevor DeMarco sie daran hindern konnte, zeigte sie auf seinen Wodka Martini und sagte: »Geben Sie mir einfach dasselbe, was er hat.« Nachdem die Kellnerin den Drink serviert hatte, sagte sie: »Dieser Estep ist Wildhüter in einem Nationalpark.« DeMarco hatte ihr nicht zugehört, weil er zur schwarzhaarigen Frau an der Theke schaute. Emma folgte seiner Blickrichtung und verzog verärgert den Mund. »Joe, hast du gehört, was ich gerade gesagt habe? Estep arbeitet als Wildhüter.« »Als Wildhüter?« »Ja. Er ist für ein Sumpfgebiet in Georgia zuständig. Den Okefenokee-Sumpf.« »Okefenokee?« »Willst du heute Abend jedes Wort wiederholen, das ich sage?« »Tschuldigung. Warum sollte ein Wildhüter unserem Billy eine Ohrfeige verpassen?« DeMarco schaute wieder zur Theke hinüber. Eine zweite Frau, die mit der Beute einer Marathon-Einkaufstour beladen war, ging zur schwarzhaarigen Frau. Sie umarmten sich wie alte Freundinnen. Verdammt, dachte DeMarco. Er hatte gehofft, dass die Frau allein hier war. »Ich weiß es nicht«, sagte Emma. »Aber Mr. Estep ist kein gewöhnlicher Naturliebhaber. Er ist Vietnam-Veteran mit zwei Belobigungen für Tapferkeit, aber dann wurde er mit zwanzig Jahren wegen schlechter Führung aus der Armee entlassen.« »Warum?« »Ich weiß es nicht. In den frühen Achtzigern hatte er Ärger mit der Drogenpolizei, weil er eine Lastwagenladung Haschisch über verschiedene Staatsgrenzen geschmuggelt hat. Wegen seines militärischen Führungszeugnisses erhielt er nur eine Bewährungsstrafe.« 125
»Aber du hast doch gesagt, dass er unehrenhaft entlassen wurde.« »Nein, ich sagte, er wurde wegen schlechter Führung entlassen, und ich erwähnte auch seine Auszeichnungen. Vielleicht hatte der Richter ein schlechtes Gewissen, weil er selbst nicht gedient hatte. Ich weiß nur, was mein Freund von der Drogenpolizei aus seinem Computer herausgeholt hat.« »Mehr hat er nicht gefunden?« »Nein. Nur die eine Verhaftung vor zwanzig Jahren und sonst nichts.« »Und Max Taylor?«, fragte DeMarco. »Nichts«, sagte Emma. »Nirgendwo sind Vorstrafen aufgeführt. Mein Informant versucht noch rauszukriegen, ob er oder Estep irgendeine Verbindung zu Edwards haben.« DeMarco sah, wie die schwarzhaarige Frau etwas zu ihrer Freundin sagte, worauf beide Frauen zu DeMarco herüberschauten. Die Schwarzhaarige lächelte ihn wieder an. Eindeutig ein Komm-doch-mal-rüber-Lächeln, dachte DeMarco. Kein Zweifel. »Mein Gott, Joe!«, sagte Emma. »Geh doch einfach rüber und sag ›Hallo, ich heiße Joe DeMarco und ich bin hin und weg, weil Sie genauso wie meine Exfrau aussehen. Sind Sie zufällig auch eine Schlampe?‹« »Sie sieht überhaupt nicht …« »Aber hallo! Sie ist vom gleichen mediterranen Schlag, sie hat den gleichen süßen Arsch und genauso große Titten. Wann wirst du endlich diese Frau vergessen haben?« DeMarco zuckte mit den Schultern. »Mit wie vielen Frauen habe ich dich zusammengebracht, Joe?« Es ging schon wieder los. »Es waren drei«, sagte Emma, als DeMarco nicht antwortete. »Und alle drei waren richtig nett. Und alle hatten Eigenschaften, die deine Exfrau nicht hatte, Kleinigkeiten wie Humor, Einfüh126
lungsvermögen und Intelligenz. Und alle mochten dich, auch wenn ich nicht verstehe, warum. Und du hast nicht eine von ihnen zurückgerufen.« DeMarco wusste, dass sie Recht hatte. Seine Frau war eitel, gehässig und nicht allzu helle gewesen – und sie hatte ihn mit seinem eigenen Cousin betrogen, einem Drecksack, der als Buchmacher für die alte Truppe seines Vaters gearbeitet hatte. Seine Frau hatte ihm immer erzählt, sie würde nach New York zu ihrer Mutter fahren, und dann hatte sie mit seinem Cousin das Wochenende in Atlantic City verbracht. Aber sie war auch die sinnlichste Frau gewesen, die DeMarco jemals kennen gelernt hatte. Und es war mehr als nur Sex gewesen. Er hatte sich in sie verliebt, als er sechzehn und sie vierzehn gewesen war. Sie war für ihn in jeder Hinsicht die Erste gewesen – das erste Mädchen, mit dem er Händchen gehalten hatte, das erste Mädchen, das er geküsst hatte, die erste Frau, mit der er geschlafen hatte. Er hätte Emma gerne gesagt, dass in der Liebe nichts logisch war, aber sie hatten diese Diskussion schon ein paarmal geführt. Und wenn er bedachte, in welcher Stimmung Emma war, würde sie sein Herz höchstwahrscheinlich in kleine Schnipsel zerfetzen. »Du solltest endlich wieder anfangen zu leben«, sagte Emma. »Kauf dir neue Möbel, leg dir eine Freundin zu, und kehre in die menschliche Gesellschaft zurück.« »Ja, schon gut«, sagte DeMarco. Wenn er genau hinsah, hatte die Schwarzhaarige doch Ähnlichkeit mit seiner Ex. »Was schlägst du vor, wie ich jetzt weitermachen sollte, Emma?« »Meinst du dein Privatleben oder den Fall?« »Den Fall.« »Ich weiß es nicht.« Emma sagte nur selten, dass sie etwas nicht wusste. Sie saß eine Zeit lang schweigend da und hing ihren eigenen Gedanken nach, während ihr langer Fingernagel den Rand ihres Glases entlangfuhr. 127
»Heute Nacht bin ich nicht in der Stadt, Joe. Ich komme morgen oder übermorgen wieder. Ruf Mike an, wenn du etwas brauchst.« Verdammt, er hatte sich so sehr auf seine verkümmerte Libido konzentriert, dass er Emmas Problem völlig vergessen hatte. Er kam sich wie ein egoistisches Arschloch vor. »Geht es um die junge Frau, die ich neulich in deiner Wohnung gesehen habe? Julie?« »Ja.« »Ist sie deine Tochter, Emma?« Emma zögerte. »Ja«, antwortete sie schließlich. Für DeMarco war es undenkbar, Emma zu fragen, wie sie zu einer Tochter gekommen war. Stattdessen sagte er: »Wie kann ich dir helfen, Emma? Sag es mir.« Emma nahm einen Schluck von ihrem Drink und sah DeMarco über den Rand des Glases hinweg an. »Meine Tochter ist eine brillante junge Frau, die einen grässlichen Geschmack hat, was Männer betrifft. Vor zwei Jahren hat sie etwas mit einem verheirateten Mann angefangen. Irgendwann kam sie wieder zur Vernunft und erklärte ihm, dass sie ihn nicht mehr sehen wollte. Aber er war nicht bereit, sie gehen zu lassen. Er ist völlig besessen von ihr. In den vergangenen sechs Monaten hat er sie pausenlos bedrängt. Mit E-Mails und Anrufen mitten in der Nacht. Er hat Leute beauftragt, sie zu verfolgen. Er hat ihr Telefon abgehört. Er hat ihre Post geöffnet. Vor einem Monat hat er einen Mann in die Flucht geschlagen, mit dem sich Julie getroffen hat, und letzte Woche hat sie seinetwegen ihren Job verloren. Deshalb ist sie zu mir gezogen. Er ist dabei, ihr Leben zu ruinieren.« »Dann soll sie es seiner Frau sagen.« »Das hat sie schon getan. Seine Frau ist ein Fußabtreter und hat seine Affären seit Jahren geduldig ertragen. Wahrscheinlich wird sie von diesem Monstrum missbraucht und hat viel zu viel Angst vor ihm.« 128
»Und die Polizei will Julie nicht helfen?« »Er ist die Polizei. Er ist sogar Staatsanwalt in einer großen Stadt im Westen. Er ist sehr reich und sehr mächtig und hat sehr gute Beziehungen. Der Gouverneur ist sein Kumpel, ein Senator ist sein Onkel.« »Was willst du gegen ihn unternehmen?«, fragte DeMarco. Ihre blassblauen Augen waren so kalt und lebensfeindlich wie das Polarmeer. »Vielleicht bringe ich ihn um«, sagte Emma.
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18 Byron Moore, Colonel a. D. der US-Army, war einssiebzig groß, hatte eine schlanke Figur und trug eine schwarze Hornbrille. Sein Haar war schwarz, an den Seiten kurz geschnitten und oben nach vorn gekämmt, um die hohe Stirn zu verdecken. Außerdem hatte er einen leichten Buckel und humpelte, die Folgen der Verwundungen, die er sich in Vietnam zugezogen hatte. DeMarco musste jedes Mal an Shakespeares Richard III. denken, wenn er ihn sah. Er hatte Moore vor fünf Jahren kennen gelernt. Mahoney hatte den Hinweis erhalten, dass der Assistent eines politischen Rivalen seine Verbindungen zum Pentagon nutzte, um an Insiderinformationen über die Verwendung des Militärbudgets zu gelangen. Der Mann im Pentagon brachte in Erfahrung, welche Rüstungsfirma als Nächste eine Finanzspritze zu erwarten hatte, worauf der Mitarbeiter des Kongresses losrannte und haufenweise Aktien für sich und seinen Kumpanen kaufte. Wahrscheinlich war der Sprecher des Repräsentantenhauses nur neidisch, dass er nicht selber auf diese Idee gekommen war. Während der Ermittlungen war DeMarco zu der irrtümlichen Schlussfolgerung gelangt, dass Byron Moore der Kontaktmann im Pentagon war. Als er Moore eines Abends beschattet hatte, ging Moore auf ihn los, warf ihn mit einem Judogriff um und drohte, mit einem Finger seine Luftröhre zu zerquetschen. Moore lächelte, als er die Drohung aussprach. Obwohl DeMarco zehn Zentimeter größer und fünfzig Pfund schwerer als der Colonel war, hegte er nicht den leisesten Zweifel, dass der Mann in der Lage war, seine Ankündigung in die Tat umzusetzen. Moore teilte DeMarco schließlich mit, dass er im Auftrag des Militärs am selben Fall arbeitete. Außerdem sagte er, DeMarco hätte sich völlig verrannt und steckte so tief in der Scheiße, dass 130
sonnige Tage für ihn bald nur noch eine ferne Erinnerung sein würden. Dann hatte Moore ihm verraten, wer der wirkliche Übeltäter war. Seine erste Begegnung mit dem Colonel war eine zutiefst demütigende Erfahrung gewesen. DeMarco hatte herausgefunden, dass Byron Moore ein erstklassiger Soldat gewesen war, ein Green Beret mit drei Einsätzen in Vietnam und ein Experte im unbewaffneten Kampf und für Sprengaktionen. Vor zwei Jahren sah er sich gezwungen, sich zur Ruhe zu setzen, als man ihm einen weiteren Stern verweigerte. Auf DeMarcos Frage, warum er nicht befördert worden war, antwortete er mit einem ironischen Lächeln und der Auskunft, dass es eine ganz simple Sache war. Die Armee beförderte keine buckligen Zwerge zu Generälen, weil das nicht gut für das Image des Militärs war. Moore lebte allein in einem kleinen Apartment mit Blick auf den Soldatenfriedhof in Arlington. Die endlosen Reihen der weißen Grabmäler waren unstrittig von einer wehmütigen Schönheit, aber für DeMarco war es kein Anblick, den er jeden Tag genießen wollte. Die Wohnung des Colonels hing voller Bilder mit Freunden in Uniform und Souvenirs von Feldzügen, über die das Pentagon am liebsten den Mantel des Vergessens gebreitet hätte. Auf einem kleinen Tisch stand ein Foto, das beinahe zwischen all den anderen unterging – das Bild eines jungen Byron Moore, sonnengebräunt und mit freiem Oberkörper, der symmetrisch und durchtrainiert war. Er hielt eine M16 in der Hand und blinzelte in die gnadenlose Sonne Asiens. Es gab auch ein Foto von Moores Verabschiedung. Er trug eine prächtige Ausgehuniform, seine Brust wurde von einem Regenbogen der Tapferkeit geziert, und an seinem Gürtel hing ein Ziersäbel. Sein verbittertes Lächeln war genauso schief wie seine Wirbelsäule. Byron trauerte der Armee nach, die sein ganzes Leben und seine große Liebe gewesen war. Während er sich mit DeMarco unterhielt, wanderte sein Blick immer wieder nach draußen zu 131
den weißen Grabsteinen, und DeMarco konnte sich vorstellen, wie er an den meisten anderen Tagen allein dasaß und auf den Moment wartete, an dem sein Name auf einem der Steine stand. »Ich hoffe, Sie unternehmen nichts, was diesen Estep aus der Reserve lockt, Joe«, sagte Moore. »Noch habe ich es nicht vor«, erwiderte DeMarco. »Warum? Sollte ich Angst vor ihm haben?« »Er ist ein Verrückter. Er ging gleich nach der Highschool zur Armee – freiwillig, nicht als Wehrpflichtiger. Er war ein verdammt guter Schütze, und er wurde hauptsächlich für weitläufige Erkundungen eingesetzt. Man hat ihn ganz allein losgeschickt, manchmal drei oder vier Tage am Stück, um das Gelände auszukundschaften. Wenn er etwas sah, das sich töten ließ, tötete er es.« »Ist er in dieser Hinsicht ein Verrückter?« »Nein, das war nur sein Job. Aber das Töten machte ihm viel zu viel Spaß. Haben Sie von den Leuten gehört, die da drüben mit Halsketten aus Ohren rumgelaufen sind?« DeMarco nickte. »Estep war ein leidenschaftlicher Sammler.« »War das der Grund für seine Entlassung aus der Armee?« Moore schüttelte den Kopf. »Man muss aus einem ganz besonderen Holz geschnitzt sein, um sich allein durch den Dschungel zu kämpfen. Wenn man jemanden gefunden hat, der den Mumm dazu aufbringt, nimmt man ein paar Absonderlichkeiten in Kauf.« Moore hielt für einen Moment inne. DeMarco spürte, dass er nicht an Dale Estep, sondern an sich selbst dachte, und fragte sich, welche Absonderlichkeiten zu den Eigenarten des Colonels gehören mochten. Moore ging zu seinem Schreibtisch hinüber und hob eine Handgranate auf, die er als Briefbeschwerer benutzte. DeMarco war sich instinktiv sicher, dass die Granate noch funktionsfähig und keineswegs ein harmloses Souvenir war. Moore drückte die Granate, als wäre sie eins dieser gefederten Fitnessgeräte, mit 132
denen man die Handmuskeln trainierte. »Irgendwann war Estep mit einem kleinen Trupp auf Patrouille, als sie an ein Reisfeld kamen. Dort arbeiteten sieben Vietnamesen, die Hälfte von ihnen Frauen. Der zweite Lieutenant wollte das Feld überqueren, aber es war nicht ganz klar, ob die Bauern friedlich waren oder zu den Vietcong gehörten. Er sagte seinen Männern, dass sie sich aufteilen, ruhig abwarten und eine Weile die Lage beobachten sollten. Dann erhebt sich ein alter Vietnamese und entfernt sich ein Stück von den anderen, um zu scheißen. Während er über einem Loch hockt, fällt plötzlich ein Schuss. Der Alte steht schreiend auf und starrt entsetzt auf die Stelle, wo bis eben noch sein Sack hing.« DeMarco erschauderte unwillkürlich. »Darauf mäht Estep alle nieder, bevor sie in Deckung gehen können. Kein einziger Fehlschuss. Sieben Kugeln, sieben Treffer – schneller, als man blinzeln kann. Der Lieutenant dreht durch. Schreit ›Feuer einstellen!‹, als würde auf seine eigenen Verwandten geschossen. Natürlich sind dem Lieutenant die Schlitzaugen völlig egal. Er denkt nur an My Lai. Mit jedem Toten sieht er seine Karriere weiter den Bach runtergehen. Später hat Estep behauptet, er hätte den Befehl zum Einstellen des Feuers nicht gehört. Dafür will er den Befehl gehört haben, das Feuer zu eröffnen, auch wenn ihn sonst niemand gehört hat.« »Und deswegen wurde er entlassen?« »Ja, aber in den Akten steht, dass man ihn wegen ›wiederholter Insubordination‹ rausgeworfen hat. Es gibt keine Dokumentation über das, was an jenem Tag auf dem Reisfeld passiert ist.« Der Colonel warf die Granate hoch und fing sie mit der linken Hand wieder auf. Er sah DeMarco mit einem Augenzwinkern an und fügte hinzu: »Heute trägt dieser Lieutenant zwei Sterne.« »Wenn es keine Dokumentation des Vorfalls gibt, wie haben Sie dann davon erfahren?«, wollte DeMarco wissen. 133
Moore starrte ihn an, als hätte er eine völlig idiotische Frage gestellt. »Jemand, der Estep da drüben erlebt hat«, sagte Moore, »erzählte, dass er einer der besten Schützen war, die es je gegeben hat. Und dass er völlig aufs Töten versessen war. Menschen, Affen, Vögel, egal. Schießen und Töten machte ihm mehr Spaß als Baseball oder Wichsen.« DeMarco dachte an die Schießscharte in der Böschung. »Glauben Sie, jemand mit seiner Ausbildung könnte sich gut ein paar Tage lang verstecken? Während in der Nähe überall Leute herumlaufen?« Moore lachte. »Ob er so etwas könnte? Ich will Ihnen eine kleine Geschichte erzählen, Joe. Vor meinem ersten Einsatz führten wir ein Manöver gegen eine andere Einheit durch. Diese Leute waren genauso wie Estep für längere Erkundungsvorstöße ausgebildet und mussten sich vor uns auf einer freien Fläche verstecken. Wir sollten sie finden, bevor sie uns mit Farbbeuteln töten konnten. Das Feld war zwei Meilen lang und eine halbe Meile breit, und es gab kaum Deckung. Meine Leute waren ziemlich gut. Wir haben drei von den anderen aufgespürt. Und während wir herumstanden und nach dem vierten Typen suchten, wurden wir getroffen. Jeder von uns hatte plötzlich einen Farbklecks im Nacken. Die Dinger tun höllisch weh, das kann ich Ihnen sagen. Auf jeden Fall scheinen wir einfach über den vierten Kerl rübermarschiert zu sein. Als ich mich umdrehte, konnte ich ihn immer noch nicht sehen. Und plötzlich öffnet sich ein Loch im Boden, und dieser Junge im Tarnanzug kriecht aus der Erde. Er grinst von einem Ohr zum anderen, obwohl eine Hälfte seines Gesichts voller roter Striemen und das Auge völlig zugeschwollen ist. Irgendein Vieh hat ihn gebissen, während wir nach ihm suchten, und dieser Kerl hat sich die ganze Zeit nicht bewegt.« Moore warf erneut die Handgranate in die Luft. »Ob sich Estep für ein paar Tage irgendwo verstecken könnte? Jemand 134
wie er könnte sich eine Woche lang in Ihrer Toilettenschüssel verstecken, Joe, ohne dass Sie ihn bemerken würden.«
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19 Emma hatte Eric Masons Foto auf einer Internetseite gesehen, und sie war sich sicher, dass er der Mann war, der auf den schwarzen Lexus zuging. Er war attraktiv, einen Meter achtzig groß, hatte schwarzes Haar, die Sonnenbräune eines Golfspielers und Augen, die funkelten, wenn er lächelte. Er trug einen grauen Zweireiher, ein blaues Hemd mit weißem Kragen und eine rotbraune Krawatte. Er pfiff vor sich hin und klimperte mit den Autoschlüsseln im Rhythmus. Er schien rundum zufrieden mit der Welt und sich selbst zu sein. Emma hatte eine kurzhaarige rote Perücke und eine große Sonnenbrille aufgesetzt. Sie trug Jeans, ein T-Shirt der University of Nevada und Wanderstiefel. Sie ging auf Mason zu und stimmte ihr Tempo so ab, dass sie im gleichen Moment neben ihm war, als er seinen Lexus erreichte. »Entschuldigen Sie bitte«, sagte Emma. »Sind Sie nicht Eric Mason, der Bezirksstaatsanwalt?« Mason lächelte die Frau an und zeigte seine makellos weiß überkronten Zähne. »Ja, der bin ich.« Er freute sich darauf, in seinen Club zu fahren, wo er mit seinem Makler einen trinken wollte, aber es konnte nie schaden, nett zu potenziellen Wählern zu sein. Außerdem war die Frau recht hübsch, wenn auch etwas zu alt für ihn, wie er bei näherem Hinsehen feststellte. »Ich wollte mich nur vergewissern«, sagte Emma, dann holte sie mit dem Knüppel aus, den sie an ihr Bein gepresst hatte und brach Eric Masons perfekte Nase. Mason wirbelte unter der Wucht des Schlages herum, und Emma setzte noch einmal mit einem Hieb gegen seinen Hinterkopf nach. Mason brach bewusstlos am Boden zusammen, und Emma hob seine Autoschlüssel auf, wo sie auf den Beton gefallen waren. Als sie den Kofferraum von Masons Wagen geöffnet hatte, war eine zweite 136
Frau zu ihr gestoßen, die mithalf, Mason in den Kofferraum zu verfrachten. Mason kam langsam wieder zu Bewusstsein. Er lag auf dem Rücken. Er war nicht gefesselt, aber er hatte trotzdem kaum Bewegungsspielraum. Als er eine Hand hob, stieß er auf eine harte, glatte Oberfläche, die nur zehn Zentimeter von seinem Gesicht entfernt war. Er befand sich in einer Art Kasten, und die Luft roch abgestanden, feucht … erdig. In diesem Moment wurde ihm klar, dass er sich in einem Sarg unter der Erde befand, und er begann zu schreien und mit den Händen gegen den Deckel zu hämmern. Während er schrie, glaubte er, eine Stimme im Ohr zu hören. Die Stimme sagte zu ihm, dass er still sein sollte. Er hörte auf zu schreien, obwohl er seine Panik kaum beherrschen konnte. Dann bemerkte er, dass er im linken Ohr einen Hörer hatte, aus dem die Stimme kam. »Schon besser«, sagte die Stimme, die er nun als die der rothaarigen Frau erkannte, die ihn in der Tiefgarage niedergeknüppelt hatte. »Was zum Teufel soll das?«, brüllte Mason. »Wer sind Sie? Lassen Sie mich sofort frei!« »Was ist, Mr. Mason? Leiden Sie unter Klaustrophobie?« Emma wusste, dass es so war. Sie hatte sich gründlich über den Mann informiert. »Verdammt, lassen Sie mich hier raus!« »Mr. Mason, die Luft, die Sie gegenwärtig atmen, kommt durch ein Rohr mit zwei Zentimetern Durchmesser, das sich genau über Ihrem Kopf befindet. Schauen Sie nach oben. Ich werde mit einer Lampe hineinleuchten.« Emma hielt eine Kugelschreiberleuchte über das Atemrohr. Sie konnte Masons Augen sehen. Sie waren riesig und schienen ihm aus dem Kopf springen zu wollen.
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»Im Moment ist das Atemrohr offen, Mr. Mason, aber da Sie nicht bereit sind, Vernunft anzunehmen, werde ich es jetzt mit einem Stöpsel verschließen.« »Nein!«, schrie Mason. »Ihr Luftvorrat wird in genau fünfzehn Minuten aufgebraucht sein. Ich werde in sechzehn Minuten wieder mit Ihnen reden.« »Nein!«, schrie Mason erneut. Entsetzt beobachtete er, wie das Licht erlosch, dann hörte er, wie etwas in die Öffnung des Atemrohrs gestopft wurde. In den nächsten Minuten schrie er und hämmerte mit Händen und Füßen gegen den Sargdeckel. »Sie verbrauchen den Sauerstoff viel zu schnell, Mr. Mason«, sagte die Stimme in seinem Ohr. »Unter diesen Umständen wird die Luft nicht für fünfzehn Minuten reichen, sondern vielleicht nur für dreizehn oder vierzehn. Können Sie drei Minuten lang den Atem anhalten, Mr. Mason? Sie sind doch kein Raucher, oder?« Emma wusste, dass er es war. Während Mason im Dunkeln lag und versuchte, nicht zu atmen und nicht erneut auszurasten, beobachtete Emma ihn. Über seinem Kopf war ein dünnes Glasfaserkabel angebracht, das an einen Monitor angeschlossen war. Emma könnte aufzeichnen, wie Mason starb, wenn sie wollte. Sie schaltete das Mikro aus, das sie zur Kommunikation mit Mason benutzte, und sagte zu ihrer Freundin: »Du hast wirklich gute Arbeit geleistet, Sam.« Emma und Samantha saßen auf Plastikgartenstühlen. Sie befanden sich in einer Garage zwei Meilen von Masons Haus entfernt. Der Sarg stand vor ihnen auf dem Boden. Der erdige Geruch, den Mason wahrgenommen hatte, stammte von einem kleinen Haufen Kompost neben der Atemöffnung. Samantha hatte den Sarg mit der Röhre, der Glasfaserkamera und dem Kommunikationssystem ausgestattet. »Es war ziemlich einfach«, sagte Samantha. »Alles, was ich dazu brauchte, gab es in meinem Laden. Ich musste nur noch die 138
Kiste kaufen.« Obwohl sie seit ihrer Pensionierung offiziell nicht mehr in Staatsdiensten stand, half Samantha immer wieder gewissen Behörden und alten Freunden aus, wenn spezielle Aufgaben gefordert waren. »Auf jeden Fall danke ich dir für die Unterstützung«, sagte Emma. »Kaffee?«, fragte sie und griff nach der Thermoskanne zu ihren Füßen. »Gerne«, sagte Samantha. Auf den ersten Blick schien es sich um zwei Frauen zu handeln, die sich gut verstanden und deren entspanntes Geplauder nur gelegentlich von dumpfen Geräuschen aus dem Sarg unterbrochen wurde. »Wie geht es Richard?«, fragte Emma. Richard war Samanthas Mann. »Im Moment ist er ganz wild auf Fliegenfischen. Du kennst doch Richard. Wenn er ein neues Hobby entdeckt, ist er völlig davon besessen. In den vergangenen zwei Monaten waren wir jedes Wochenende an irgendeinem Fluss, Teich oder Bibertümpel.« »Ein Ehemann kann schlimmere Hobbys haben als Fliegenfischen«, sagte Emma. »Ja. Wie zum Beispiel dieses Arschloch.« Samantha blickte auf den Sarg. Emma sah auf die Uhr. Noch zehn Minuten. Sie schaute auf dem Monitor nach, wie es Mason ging. Sie hoffte, dass er keinen Herzinfarkt bekam. »Und wie geht es deiner Enkeltochter?«, erkundigte sich Emma. Samantha hatte den Luftvorrat im Sarg sehr präzise berechnet, und als Emma zehn Minuten später wieder auf den Monitor schaute, keuchte Mason wie ein Fisch auf dem Trockenen und brach sich die manikürten Fingernägel am Sargdeckel ab. Emma zog den Stöpsel aus dem Atemrohr und richtete die Kugelschreiberleuchte auf Masons Gesicht. 139
»Mr. Mason, sind Sie jetzt bereit, mir zuzuhören?« »Ja, sicher«, sagte Mason. »Sagen Sie mir einfach, was Sie wollen. Geht es um einen meiner Fälle?« »Nein, Mr. Mason. Es geht um eine junge Frau namens Julie Fredericks, der Sie in den vergangenen sechs Monaten das Leben zur Hölle gemacht haben. Sie kann nicht mehr schlafen, sie hat Gewicht verloren, und sie nimmt Antidepressiva. Sie steht kurz vor einem Nervenzusammenbruch – und das nur, weil Sie nicht verstehen wollen, was das Wort ›nein‹ bedeutet.« »Julie?« Masons Verwirrung schien nicht vorgetäuscht zu sein. »Ja, Julie«, sagte Emma. »Sie sind ein Egoist ohne Gewissen, Mr. Mason. Und Sie haben vor nichts Angst, weil Sie wissen, dass Sie für das Rechtssystem unantastbar sind. Sie könnten diese junge Frau ungestraft weiter belästigen, bis sie entweder sich selbst oder Sie umbringt. Und wenn Julie Sie töten würde, wäre damit auch ihr Leben ruiniert.« »Ich werde damit aufhören«, sagte Mason. »Ich schwöre, dass ich aufhören werde.« »Ihnen ist niemals in den Sinn gekommen, dass sich jemand einen Scheißdreck um die Gesetze schert und Sie körperlich zur Rechenschaft ziehen könnte, nicht wahr? So etwas tun nur miese Verbrecher. Sie hätten sich niemals träumen lassen, dass so etwas einem mächtigen Mann wie Ihnen passieren könnte, und schon gar nicht wegen einer solchen Kleinigkeit wie die Belästigung einer jungen Frau.« »Bitte, ich verspreche …« »Aber es war ganz einfach. Ich habe Sie aus der Tiefgarage des Gebäudes geholt, in dem Sie arbeiten, wo es vor Gesetzeshütern nur so wimmelt. Fühlen Sie sich immer noch unantastbar, Mr. Mason?« »Wer sind Sie?« »Darüber werden wir in sechzehn Minuten reden, Mr. Mason. Ach nein, machen wir diesmal siebzehn Minuten draus.« 140
Emma steckte den Stöpsel wieder in die Atemröhre und schnitt Masons Schrei ab. »Wie geht es Audrey?«, fragte Samantha. »Sie ist nach New York gezogen.« »Oh, das tut mir Leid, Emma.« »Sie hat ein Jobangebot erhalten, das sie einfach nicht ausschlagen konnte. So etwas wollte sie schon immer machen.« »Und du konntest nicht mitgehen?« »Du kennst mich doch, Sam. Ich bin ein Gewohnheitstier. Und … nun ja, vielleicht ist es sogar besser so.« Diesmal wartete Emma, bis Mason bewusstlos wurde. Erst dann öffnete sie das Atemrohr. Einen Moment lang befürchtete sie, dass sie den Sarg aufmachen mussten, um den Mann wiederzubeleben, doch dann kam er von selbst wieder zu sich. »Können Sie mich hören, Mr. Mason?«, fragte Emma. Masons Antwort bestand aus einem gierigen Einsaugen frischer Luft. »Um Ihre Frage von vorhin zu beantworten – ich gehöre zu einer Organisation, die geschaffen wurde, um Frauen wie Julie Fredericks zu helfen, Frauen, die von Männern missbraucht und terrorisiert werden. Frauen, denen der Staat keinen Schutz gewährt, weil der Staat von Männern wie Ihnen repräsentiert wird. Es ist eine Organisation von Frauen für Frauen, Mr. Mason. Eine Organisation, die Frauen wie Julie Fredericks vor Monstern wie Ihnen schützt.« Emma sah Samantha an und zog eine Grimasse. Sie klang wie die in Leder gekleidete Heldin einer Comicserie. Samantha grinste zurück und bildete mit den Lippen die lautlosen Worte Weiter so, Mädchen! »Ich verspreche, dass ich sie in Ruhe lassen werde!«, brüllte Mason. »Ich glaube Ihnen nicht, Mr. Mason.« Emma verstopfte das Atemrohr wieder, und Mason begann zu heulen. Klaustrophobie in Kombination mit der Vorstellung, 141
lebendig begraben zu sein, gesteigert durch die sehr reale Erfahrung des Erstickens, konnte selbst den mutigsten Mann fertig machen. Und Emma wusste, dass Eric Mason nicht zu den mutigsten Männern zählte. Sechzehn Minuten später gewährte Emma ihrem Opfer wieder frische Luft. Sie rümpfte die Nase. Mason hatte sich in die teure Anzughose gemacht. Es dauerte mehrere Minuten, bis er sich so weit beruhigt hatte, dass Emma wieder mit ihm reden konnte. »Mr. Mason«, sagte Emma, »sind Sie davon überzeugt, dass wir jederzeit ohne Schwierigkeiten an Sie herankommen?« »Ja!« »Glauben Sie, es könnte passieren, dass eine nette Frau, die wie eine harmlose Großmutter aussieht, mit einer Einkaufstüte hinter Sie tritt und Ihnen mit einer schallgedämpften Pistole eine Kugel in den Rücken jagt?« »Ja!« »Glauben Sie, es könnte passieren, dass eine junge Frau, die wie eine ganz normale Sekretärin aussieht, bis zu Ihrem Büro vordringt und Gift in die Kaffeekanne schüttet, die in Ihrem Vorzimmer steht?« »Ja!« »Glauben Sie, es könnte passieren, dass eine junge Mutter, eine wirklich überzeugende junge Mutter, Sie überfährt, während Sie joggen, und anschließend erklärt, Sie wären gestolpert und zufällig unter die Räder ihres Wagens geraten? Sind Sie davon überzeugt, dass Ihnen solche oder ähnliche Dinge zustoßen könnten, Mr. Mason?« »Ja, verdammt, ja! Ich glaube Ihnen!«, kreischte Mason. »Das hoffe ich sehr, Mr. Mason, denn ich kann Ihnen versprechen, dass Ihnen etwas in dieser Art zustoßen wird, falls Sie Julie Fredericks noch einmal belästigen. Haben Sie das verstanden?« »Ja, ich schwöre bei Gott, dass ich nie wieder …«
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»Mr. Mason, in zehn Minuten wird ein Wecker klingeln. Wenn Sie dieses Signal hören, drücken Sie gegen den Deckel des Sarges. Wenn Sie gegen den Deckel drücken, bevor Sie den Wecker hören, wird ein Sprengsatz gezündet, der dafür sorgt, dass Sie Ihre Hände verlieren.« Samantha musste sich den Mund zuhalten, um nicht laut zu lachen. »Ihr Wagen steht vor dem Gebäude, in dem Sie sich befinden, Mr. Mason. Die Schlüssel liegen unter der Matte vor dem Beifahrersitz. Und noch etwas, Mr. Mason. Nachdem Sie ihre voll geschissene Hose gegen eine saubere gewechselt haben, nachdem Sie ein paar Tage wieder ins Büro gegangen sind und vor Ihren Lakaien damit geprahlt haben, was für ein toller Kerl Sie sind, nachdem Ihre Nase verheilt ist und Sie wieder mit dem zufrieden sind, was Sie im Spiegel sehen, sollten Sie unter gar keinen Umständen dem Irrglauben verfallen, dass diese Erfahrung nur ein böser Alptraum gewesen war. Vergessen Sie nicht, dass dies eine sehr reale Erfahrung ist. Wir kommen wieder, Mr. Mason, falls Julie Fredericks noch einmal von Ihnen hören sollte.«
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20 »Hallo, Emma.« »Hallo, Neil«, sagte Emma. »Du hast mir gar nicht angekündigt, dass du einen Freund mitbringst, Emma.« Neil zeigte mit seinem Kinn – beziehungsweise den drei Lagen seines Dreifachkinns – auf DeMarco. Neil war ein extrem fetter Mann Anfang fünfzig mit gelblichgrauem Pferdeschwanz, der an seinem kahler werdenden Schädel herabhing wie der Schwanz eines räudigen Tieres. Er trug ein Hawaii-Shirt, weite Shorts und Sandalen. Seine Waden hatten etwa den gleichen Umfang wie DeMarcos Oberschenkel. Der große Raum, in dem er sich ausgebreitet hatte, war vollgestellt mit Computern, Aufzeichnungsgeräten und zahllosen anderen elektronischen Apparaturen, deren Zweck DeMarco bestenfalls erraten konnte. Die einzige Beleuchtung kam von den Monitoren. Neil saß auf einem Hocker mit Rollen. Sein Hintern ragte weit über die Sitzfläche hinaus. Der Hocker ermöglichte es ihm, sich schnell und mühelos zwischen den Gerätschaften hin und her zu bewegen. Wenn er nicht sprach, leckte er an einem Fruchteis. »Du kannst ihm vertrauen, Neil«, sagte Emma. »Joe ist nicht nur mein Freund, er ist auch der Auftraggeber.« DeMarco hatte den Eindruck, dass Emma müde wirkte, aber sie schien ihre Krise überwunden zu haben. Vielleicht hatte sie mit dem Mann gesprochen, der ihrer Tochter so große Probleme machte. DeMarco wusste, das Emma sehr überzeugend sein konnte. »Ach, der Auftraggeber«, sagte Neil. »Also bezahlt er die Rechnung?« »Es wird keine Rechnung geben, Neil. Erinnerst du dich an Tel Aviv?« 144
»Emma, mein Personal und ich …« »Dein Personal?« Neil warf einen Blick in Richtung eines jungen Schwarzen, der ein Sweatshirt der Washington Wizards trug. Weder Emma noch DeMarco hatten ihn gesehen, als sie den schwach beleuchteten Raum betreten hatten. Der Mann saß in einer Ecke und hatte sich hinter dem Bildschirm eines Laptops versteckt. Rostfarbene Dreadlocks hingen ihm bis zu den Schultern herab. Sein Körper bewegte sich im Rhythmus der unhörbaren Musik, die aus seinen Kopfhörern kam. Er war so sehr in seine Arbeit und die Musik vertieft, dass er Neils Besucher offenbar gar nicht bemerkt hatte. »Personal ist nicht gut, Neil«, sagte Emma. »Genauso wie unangekündigt Freunde mitzubringen, Emma.« Mit einer Kopfbewegung nahm Emma seinen Standpunkt zur Kenntnis. »Ich wollte sagen, dass mein Personal und ich über dreißig Stunden an diesem Projekt gearbeitet haben. Dreißig Stunden, die ich für zahlende Klienten hätte nutzen können.« »Wir betrachten Tel Aviv jetzt als vollständig abbezahlt, Neil. Einverstanden?« Neil schwieg einen Moment lang, dann verzog sich sein Gesicht zu einem breiten Grinsen, das schief gewachsene Zähne offenbarte. »In diesem Fall sollten wir in mein Büro gehen, Emma. Da können wir es uns etwas gemütlicher machen.« Emma und DeMarco folgten Neils riesigem Hintern durch eine Metalltür in das Spielzimmer eines Erwachsenen. Auf den Regalen stapelten sich sämtliche existierenden Brettspiele. Hardware von Nintendo und Sega war an riesige Plasmabildschirme angeschlossen, die wie moderne Kunstwerke an den Wänden hingen. Dazwischen waren hintereinander ein Flipper, ein Billardtisch und ein Tischfußballspiel aufgereiht.
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Neil gab Emma und DeMarco mit einem Wink zu verstehen, dass sie in den Polstersesseln vor seinem unaufgeräumten Schreibtisch Platz nehmen sollten, während er sich auf einen Stuhl setzte, der eine Spezialanfertigung für seine besonderen Gewichtsverhältnisse zu sein schien. »Kann ich dir und deinem Freund etwas anbieten, Emma? Fruchteis, Müsliriegel, Konfekt?« »Um Himmels willen! Schieß lieber los, Neil.« Neil hob einen Laptop vom Fußboden auf und stellte ihn auf den Schreibtisch. Er klappte ihn auf und drückte ein paar Tasten. »Da hätten wir’s ja schon«, sagte er. »Zunächst einmal habe ich keine Verbindung zwischen dem verstorbenen Harold Edwards und irgendeinem der anderen Mitspieler im Dixieland-Drama gefunden. Mattis hat niemals Kontakt mit ihm aufgenommen, weder über E-Mail noch über Telefon. Mattis und Edwards haben niemals in der gleichen Einheit der Armeereserve gedient und gehörten auch nicht der gleichen Kirche, dem gleichen Club oder irgendeiner anderen Organisation an. Edwards war zehn Jahre älter als Mattis und lebte ausschließlich oberhalb der Mason-Dixon-Linie, was die Möglichkeit, dass sie zu irgendeinem Zeitpunkt ihres Lebens miteinander zu tun hatten, weiter reduziert. In Edwards’ medizinischen Daten ist mir aufgefallen, dass er leichtes Übergewicht hatte …« DeMarco hätte beinahe laut aufgelacht. Für Neil war vermutlich jeder, der weniger als hundert Pfund über dem Idealgewicht lag, »leicht« übergewichtig. »… aber sonst bei guter Gesundheit war, und laut Gerichtsdatenbank wurde er in den letzten drei Jahren zweimal wegen Trunkenheit am Steuer erwischt.« Neil schleckte an seinem Eis, bevor er fortfuhr. »Nun zu William Raymond Mattis. Der Kerl ist ein GS-11, und seine Frau ist eine Friseuse, die etwa fünf Dollar pro Stunde verdient.« Neil blickte vom Computerbildschirm zu Emma und 146
schüttelte bestürzt den Kopf. »Unser Land müsste dringend einen Mindestlohn einführen, mit dem man überleben kann.« »Mach weiter, Neil«, sagte Emma. »William und seine Frau leben genauso, wie man es aufgrund ihres Einkommens erwarten würde. Auf ihrem Haus lastet eine Hypothek, die erst in vierzig Jahren abgezahlt sein wird, und auf ihrem gemeinsamen Sparkonto liegen weniger als fünftausend Dollar. Jeder von ihnen hat ein Auto, mit beiden sind sie knapp hunderttausend Meilen gefahren. Sie können Gott dafür danken, dass William eines Tages eine staatliche Pension beziehen wird, sonst könnten die beiden im Alter nur noch von Dosenfutter leben. Fazit: Wenn dieser Typ ein Nachwuchsattentäter ist, dann muss in dieser Branche die Bezahlung zumindest für Berufsanfänger absolut beschissen sein. Als Nächstes kommen wir zu diesem Sumpfwärter, diesem Mr. Estep. Ein ziemlich interessanter Bursche. Er ist genauso wie William im mittleren Staatsdienst beschäftigt. Anders als William hat er überhaupt nichts gespart. Ich habe mir seine Steuererklärungen besorgt. Er hat nichts, was ihm Zinsen einbringt, und gleichzeitig bezahlt er für nichts Zinsen. Was bedeutet, dass er keine Kreditverträge abgeschlossen hat. Ursprünglich hatte ich daraus geschlussfolgert, dass Estep irgendwie mit seinem spärlichen Gehalt zurechtkommt und sein Haus vielleicht geerbt hat. Dann bin ich auf eine geniale Idee gekommen – was übrigens der Grund ist, warum alle Leute außer Emma mich so gut bezahlen. Ich habe mir seine Versicherungspolicen angesehen. Der gute Mr. Estep besitzt sämtliches Spielzeug, an dem der durchschnittliche Macho Spaß hat. Er hat eine Corvette, Baujahr 1999, die er als Neuwagen mit allen Extras gekauft hat. Sein Haus, das nicht belastet ist, wird auf einen Wert von hundertzwanzigtausend Dollar geschätzt. Wenn er in einer zivilisierten Gegend leben würde, zum Beispiel in Arlington, wäre dasselbe Haus eine halbe Million wert. Er hat außerdem einen Jeep, 147
Baujahr 2000, einen Ford-Transporter, Baujahr 2003, ein Motorboot, das dreißigtausend Dollar gekostet hat, und einen Jetski, der fünfzehntausend wert ist. Seine Waffensammlung ist mit dreißigtausend versichert. Was fällt meiner lieben Emma und ihrem Freund dazu ein?« »Das Gleiche wie dir, Neil«, sagte Emma. »Er hat ein unsichtbares Einkommen, das bar und in großen Mengen fließt.« »Du könntest ihn damit caponieren, wenn du möchtest, Emma. Oder ihm damit drohen, wenn du ihn unter Druck setzen willst.« »Caponieren?«, fragte Emma. Zum ersten Mal meldete sich DeMarco zu Wort. »Al Capone landete wegen Steuerhinterziehung im Gefängnis, nicht weil er ein Gangster war.« »Das ist mir bekannt«, sagte Emma. »Ich hatte nur noch nicht davon gehört, dass er schon als Verbform in die Umgangssprache eingegangen ist.« Das kann ich mir vorstellen, dachte DeMarco. Emma mochte es nicht, wenn Zweifel aufkamen, dass sie die intelligenteste Person im Raum war. Neil schlürfte hörbar an seinem Fruchteis und leckte dann den Stiel sauber. »Und jetzt kommen wir zu den richtig interessanten Typen«, sagte er. »Taylor und