LEWIS WALLACE
BEN HUR ROMAN
IM BERTELSMANN LESERING Ungekürzte Ausgabe Deutsch von Alfred Günther Lizenzausgabe für de...
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LEWIS WALLACE
BEN HUR ROMAN
IM BERTELSMANN LESERING Ungekürzte Ausgabe Deutsch von Alfred Günther Lizenzausgabe für den Bertelsmann Lesering mit Genehmigung des Blüchert-Verlages, Stuttgart © Blüchert-Verlag, Stuttgart Ausstattung G. Ulrich Gesamtherstellung Mohn & Co GmbH, Gütersloh Printed in Germany • Buch Nr. 797
Als »Ben Hur« 1880 erstmals erschien, war einer der größten Bestseller der Weltliteratur geboren. Das abenteuerliche Leben des Judah Ben Hur – in Jerusalem von einem Freund denunziert, zur Fronarbeit als Galeerensklave verurteilt, nach Rom entkommen, dort zu Ruhm und Ansehen gelangt und nach einer Begegnung mit Jesus zum Christentum bekehrt – begeisterte Generationen von Lesern. Der Historienschmöker über den Niedergang des alten Roms und die frühen Tage des Christentums wurde in unzählige Sprachen übersetzt und 1959 mit Charlton Heston in der Hauptrolle in unvergeßlicher Weise verfilmt. Non-profit-ebook by tg/flo, 2002; kein Verkauf!
Erstes Buch In die Wüste Der Dschebel es Zubleh ist ein Gebirgszug von mehr als fünfzig Meilen Länge und so schmal, daß er auf der Landkarte wie eine Raupe aussieht, die von Süden nach Norden kriecht. Wenn man auf seinen rot-weißen Felsen steht und nach Osten hinunterschaut, dehnt sich die Wüste Arabiens zu Füßen, wo sich die Ostwinde, die den Weinbauern von Jericho so gefährlich sind, seit Ewigkeiten tummeln. Der Fuß der Gebirgskette ist ganz von Sand bedeckt, der vom Euphrat herübergeweht ist und dort liegenblieb; denn der Dschebel ist ein Wall vor dem Weideland von Moab und Ammon im Westen, das früher ein Teil der Wüste war. Die Araber haben ihre Sprache allem aufgeprägt, was südlich und östlich von Judäa liegt; in ihrer Sprache ist der alte Dschebel Vater zahlloser Wadis, der Wasserrinnen, welche die römische Straße durchschneiden. Heute gibt sie nur noch eine schwache Vorstellung von dem, was sie einst war, sie ist nur noch ein staubiger Weg für die syrischen Pilger nach und von Mekka. Durch ihre Rinnen, die sich immer tiefer gegraben haben, stürzen in der Regenzeit die Gießbäche in den Jordan und in ihr letztes Sammelbecken, das Tote Meer. Aus einem dieser Wadis – oder, genauer gesagt, aus dem, der am äußersten Ende des Dschebel herauskommt und von Osten nach Norden das Bett des Jabbok-Flusses bildet – kam ein Wanderer hervor auf dem Wege zur Hochebene der Wüste. Seiner Erscheinung nach mochte er etwa 45 Jahre alt sein, sein einst tiefschwarzer Bart, der breit auf seine Brust niederhing, zeigte schon weiße Fäden. Sein Gesicht war braun wie ge2
brannter Kaffee und fast ganz von einem roten Kufiyeh bedeckt – wie das Kopftuch damals von den Söhnen der Wüste genannt wurde –, so daß es nur zu einem Teil sichtbar war. Dann und wann hob er die Augen, sie waren groß und dunkel. Er trug das weite faltige Gewand des Orients; man konnte es nicht genauer beschreiben, da er unter einem kleinen Zelt auf dem Rücken eines großen weißen Dromedars saß. Die Farbe und Größe des Tiers, die Breite seiner Füße, sein von Muskeln strotzender Körper, der lange, schwanengleich gebogene schlanke Hals, der zwischen den Augen ganz weiße Kopf, der spitz zum Maul lief und vom Armreif einer Dame hätte umspannt werden können, seine Bewegungen, sein langer und elastischer, sicherer und lautloser Gang – das alles kennzeichnete sein syrisches Blut, dessen Ahnenreihe bis in die Tage des Cyrus reichte; es war ein ganz unschätzbares Tier. Es war wie üblich aufgezäumt mit roten Fransen auf der Stirn, einem Gehänge ineinander verbundener Ketten am Hals, die an jedem Ende ein klingendes silbernes Glöckchen trugen, aber ohne Zügel für den Reiter, ohne Riemen für den Treiber. Die Ausrüstung bestand aus zwei hölzernen Kästen, knapp vier Fuß lang, einer an jeder Seite des Dromedars, um die Last auszugleichen. Der eine war weich gepolstert und mit Teppichen belegt und so eingerichtet, daß der Reiter sitzen oder halb zurückgelehnt liegen konnte. Darüber war eine grüne Zeltplane gespannt. Breite Rücken- und Brustriemen und Gurte, mit unzähligen Knoten und Schleifen befestigt, hielten das Ganze an seinem Platz. So hatten die einfachen Söhne von Cush verstanden, sich die sonnenglühenden Wege der Wüste, auf denen sie ihren Geschäften wie ihren Vergnügungen nachgingen, bequem zu machen. Als das Dromedar aus dem letzten Einschnitt des Wadi hervorkam, hatte der Wanderer die Grenze von El Belka, dem alten Ammon, überschritten. Es war am frühen Morgen. Vor ihm stand die Sonne, halb vom flockigen Nebel verhüllt; vor 3
ihm dehnte sich die Wüste, nicht das Gebiet des treibenden Sandes, das lag weiter entfernt, sondern die Region, in der das Gras zu sprießen beginnt, wo die Fläche mit Granitblöcken bestreut ist, mit grauen und braunen Steinen, untermischt mit verschmachtenden Akazien und Bündeln von Kamelgras. Eiche, Dornbusch und Erdbeerbaum lagen dahinter, als wären sie bis zu einer Linie gekommen, von der sie in die wasserlose Wüste schauten und sich ängstlich duckten. Und nun waren Weg und Straße zu Ende. Das Dromedar schien noch rascher als bisher angetrieben zu werden, seine Schritte wurden länger und schneller, sein Kopf streckte sich fast waagerecht dem Horizont entgegen, durch seine weiten Nüstern trank es den Wind in großen Zügen ein. Das Zelt schwankte, es hob und senkte sich wie ein Boot auf dem Meer. Gelegentlich raschelten dürre Blätter unter den Füßen. Manchmal lag ein süßer Duft wie von Absinth in der Luft. Lerchen, Schmätzer und Mauerschwalben flogen auf, und weiße Rebhühner liefen pfeifend und gluckend über den Weg. Seltener beschleunigte ein Fuchs oder eine Hyäne den Lauf und beobachtete die Eindringlinge aus sicherer Entfernung. Zur Rechten erhoben sich die Hügel des Dschebel; ein perlgrauer Schleier lag darüber, der sich plötzlich in ein Purpurrot verwandelte, das die Sonne etwas später unvergleichlich verdichtete. Über den höchsten Spitzen der Felsen zog ein Geier auf breiten Flügeln weite Kreise. Aber von allen diesen Dingen sah der Reiter unter seinem grünen Zelt nichts; oder er zeigte wenigstens nicht, daß er es sah. Seine Augen blickten starr und traumverloren. Es war, als ob der Mann und sein Tier unter einer unsichtbaren Führung dahineilten. Zwei Stunden trabte das Dromedar dahin, sein Schritt blieb gleichmäßig und seine Richtung nach Osten fest. Die ganze Zeit über änderte der Reiter seine Haltung nicht, er blickte weder links noch rechts. In der Wüste kann man die Entfernung nicht nach Meilen messen, sondern nur durch die Saat, 4
die Stunde, und die Mazil, die Rast: drei und eine halbe Meile geben eine Stunde, fünfundzwanzig eine Rast, aber das ist die Entfernung, die ein gewöhnliches Kamel zurücklegt. Ein Dromedar echt syrischen Bluts kann leicht das Dreifache machen, in vollem Lauf ist es schneller als der Wind. Während dieses rasenden Rittes veränderte sich das Gesicht der Landschaft. Der Dschebel zog sich am westlichen Horizont wie ein blaßblauer Streifen hin. Ein Teil, ein Erdhügel aus Lehm und verhärtetem Sand, erhob sich hier und dort, dann und wann zeigten Basaltsteine ihre runden Köpfe, Vorposten des Gebirges gegen die Mächte der Ebene; überall sonst war nur Sand, manchmal so eben wie ein flacher Strand oder rund wie ein Wellenrücken, bald wie kurze Wellen, bald wie schwerer Seegang. So wechselte auch die Atmosphäre. Die Sonne, die nun hoch stand, hatte den Tau und Nebel aufgetrunken und den Wind erwärmt, der den Wanderer unter dem Zeltdach umwehte; nah und fern schimmerte die Erde in einem matten milchweißen Schein, und der Himmel füllte sich mit Glanz. Wieder waren zwei Stunden ohne Rast vergangen, die Richtung blieb die gleiche. Die Vegetation hatte gänzlich aufgehört. Hier regierte unbestritten der Sand, der an seiner Oberfläche so verkrustet war, daß er unter jedem Tritt in knirschenden Stükken auseinanderbrach. Der Dschebel war außer Sicht gekommen, und nirgends war eine Wegmarke zu sehen. Der Schatten, der dem Reiter bis jetzt gefolgt war, hatte sich nach Norden verschoben und lief um die Wette mit den Gegenständen, die ihn warfen. Genau zur Mittagsstunde blieb das Dromedar von selbst stehen und stieß einen Schrei aus, ein seltsames, mitleiderregendes Stöhnen, wie es ein Tier tut, wenn es sich gegen eine zu große Last wehrt oder wenn es um Beachtung oder eine Ruhepause fleht. Nun regte sich der Reiter und schien aus dem Schlaf zu erwachen. Er zog die Vorhänge der Houdah auf, schaute zur Sonne, betrachtete das Land nach allen Seiten 5
sorgfältig, als suche er einen bestimmten Platz. Seine Beobachtung schien ihn befriedigt zu haben, er atmete aus tiefer Brust: »Endlich, endlich!« Er nickte es mehr, als daß er es aussprach. Einen Augenblick später kreuzte er die Hände über seine Brust, beugte den Kopf und betete schweigend. Nachdem er seine fromme Pflicht erfüllt hatte, machte er sich bereit, von seinem Dromedar herunterzusteigen. Den Ton, den er ausstieß, das »Ikh, ikh!«, hatten gewiß schon die Lieblingstiere Hiobs gehört. Es war das Signal für das Dromedar, niederzuknien. Das Tier gehorchte, langsam und ächzend. Der Reiter stellte seinen Fuß auf den schlanken Hals und sprang in den Sand.
Zusammenkunft der Weisen Der Mann zeigte sich nun in seiner ganzen wohlgebauten Gestalt. Er war nicht sehr groß, aber kräftig. Nachdem er die silberne Schnur von seinem Kufiyeh gelöst und das Kopftuch von seinem Kopf genommen hatte, so daß man sein Gesicht erkennen konnte, sah man seine charaktervollen, fast schwarzen Züge, die niedrige, breite Stirn, die Adlernase, den schrägen Schnitt seiner Augen, das volle, glatte, starke, metallisch glänzende Haar, das in langen Strähnen bis auf seine Schultern fiel – alles Zeichen seiner unmißverständlichen Abstammung. So sahen die Pharaonen aus und die letzten Ptolemäer, so Mizraim, der Ahnherr der Ägypter. Er trug das Kamis, ein baumwollenes, ärmelloses weißes Hemd, das vorn offen war. Vom Kragen bis zum Gürtel war es bestickt. Darüber hatte er einen braunen wollenen Rock, die Aba, und darüber ein langes Kleid mit kurzen Ärmeln, aus Wolle und Seide gemischt, rings mit einem Saum aus dunklem Gelb. An den Füßen trug er Sandalen, die von weichen Lederriemen gehalten wurden. Eine Schärpe umgürtete das Kamis. Überra6
schend war, daß der Mann keine Waffen trug, obwohl die Wüste das Jagdgebiet der Leoparden und Löwen und ebenso der wilden Bewohner war. Nicht einmal den gekrümmten Stock hatte er bei sich, mit dem gewöhnlich die Kamele geleitet wurden. Man mußte ihn für einen friedlichen Wanderer halten, der ungewöhnlich kühn war oder unter besonderem Schutz stand. Seine Glieder waren von dem langen, ermüdenden Ritt steif geworden; er rieb seine Hände und stampfte mit den Füßen, dabei umkreiste er sein schönes Tier, dessen glänzende Augen sich beim Wiederkäuen zufrieden schlossen. Oft hielt der Fremde in seiner Wanderung inne, stand still, hielt die Hände vor die Augen, um bis an den Rand der Wüste zu spähen; und immer, wenn er seine Ausschau beendet hatte, spiegelte sich eine leichte Enttäuschung in seinem Gesicht, als erwarte er jemanden, vielleicht sogar eine verabredete Begegnung, obwohl man sich kaum vorstellen konnte, welcher Art eine Begegnung an diesem einsamen Platz, so weit entfernt von aller Zivilisation, sein mochte. Trotz seiner Enttäuschung schien der Fremde doch sicher, daß er nicht vergeblich wartete. Jetzt ging er jedenfalls zu seiner Kiste an der Seite des Dromedars, öffnete sie und entnahm ihr einen Schwamm und eine kleine Wasserflasche. Er wusch Augen, Gesicht und Nüstern des Dromedars, dann nahm er aus dem gleichen Behälter ein großes rundes, rot und weiß gestreiftes Tuch, ein Bündel langer Ruten und ein dickes Rohr. Mit Hilfe von Scharnieren verband er das Rohr mit den Stäben, breitete das Tuch darüber und war buchstäblich in seinem Hause, einem Haus, das zwar kleiner war als das der Emirs und Scheiks, aber doch ähnlich. Er holte noch einen viereckigen Teppich herbei und breitete ihn im Zelt nach der Sonnenseite zu aus. Danach hielt er noch einmal, noch sorgfältiger und mit noch lebhafteren Blicken Umschau nach allen Seiten. Bis auf einen Schakal, der in einiger Entfernung vor7
überlief, und einen Adler, der in der Richtung des Golfs von Akaba flog, waren Wüste und Himmel leblos. Er wandte sich dem Dromedar zu und sagte leise in einer Sprache, die in der Wüste unbekannt war: »Wir sind weit von zu Hause, mein windschneller Renner, wir sind weit von zu Hause, aber Gott ist mit uns. Wir müssen uns gedulden.« Dann nahm er aus einer Tasche des Sattels ein paar Bohnen und hängte sie in einem Sack vor das Maul des Dromedars, und nachdem er gesehen, mit welchem Wohlbehagen der treue Diener sein Futter nahm, wandte er sich wieder seiner Ausschau in dieser Welt von Sand zu, die in der Glut der senkrecht stehenden Sonne lag. »Sie werden kommen«, sagte er ruhig. »Er, der mich geleitet hat, wird auch sie leiten. Ich will mich vorbereiten.« Aus den Taschen, mit denen sein Koffer angefüllt war, und aus einem Weidenkorb holte er alles für ein Mahl: Schüsseln aus dichtgewebten Palmfasern, Wein in kleinen Lederflaschen, getrocknetes und geräuchertes Hammelfleisch, steinlose Shami, syrische Granatäpfel, köstliche große Datteln aus El Shebeli, den Nakhil, den Palmengärten Zentralarabiens, Käse, ähnlich wie Davids »Milchschnitten«, und Hefebrot aus der Stadtbäckerei – das alles breitete er auf dem Teppich unter dem Zelt aus. Dazu legte er drei seidene Tücher, wie sie die Leute im Osten beim Essen benützen, womit er anzeigte, daß er zwei Gäste erwartete. Alles war nun fertig. Er richtete sich auf – und siehe da! Im Osten zeigte sich ein dunkler Fleck in der Wüste. Seine Augen weiteten sich, ein Schauer ging durch seinen Körper, als habe ihn etwas Übernatürliches berührt. Der Fleck wuchs, er wurde so groß wie eine Hand. Schließlich nahm er bestimmte Formen an, und etwas später wurde ein Doppelgänger seines eigenen Dromedars deutlich, das eine Houdah trug, das Reisezelt der Leute aus Hindustan. Da kreuzte der Ägypter die Hände vor der Brust und blickte zum Himmel auf. 8
»Gott allein ist groß!« rief er mit Tränen in den Augen, die Seele von Ehrfurcht erfüllt. Der Fremde kam näher, schließlich blieb sein Tier stehen. Auch er schien nun zu erwachen. Er erblickte das kniende Dromedar, das Zelt und den betenden Mann davor. Er kreuzte seine Hände, neigte den Kopf und betete schweigend. Danach sprang er vom Hals seines Tieres in den Sand und ging dem Ägypter entgegen, der sich ihm näherte. Einen Augenblick schauten sie einander in die Augen, dann umarmten sie sich, indem sie den rechten Arm auf die Schulter des anderen, den linken um den Leib legten und das Kinn erst links, dann rechts auf des anderen Brust drückten. »Friede sei mit dir, o Diener des wahren Gottes!« sagte der Fremde. »Und mit dir, o Bruder des wahren Glaubens! – Friede und Willkommen!« erwiderte der Ägypter inbrünstig. Der Ankömmling war groß und hager, sein Gesicht war mager, mit tiefliegenden Augen und von einer Farbe zwischen Zimt und Bronze. Haar und Bart waren weiß. Auch er war unbewaffnet. Er trug das Kleid der Hindustaner, sein Kopf war von einem Tuch vielfältig umwunden, es bildete einen Turban, sein Gewand ähnelte dem des Ägypters, nur die Aba war kürzer und ließ die weiten, an den Knöcheln festgebundenen Hosen sehen. Statt der Sandalen trug er Halbschuhe aus rotem Leder, die spitz zuliefen. Mit Ausnahme der Schuhe war er von Kopf bis Fuß weiß gekleidet. Die Erscheinung des Mannes wirkte vornehm, majestätisch und ernst. Visamitra, der größte der asketischen Helden der Iliade des Ostens, schien in ihm wiederverkörpert. Er mochte ein Leben lang mit der Weisheit Brahmas genährt worden sein – der menschgewordenen Liebe. In seinen tränenerfüllten Augen war, als er sich aus der Umarmung löste, ein Ausdruck tiefer Menschenliebe. »Gott allein ist groß!« rief er aus. »Und gesegnet alle, die ihm dienen«, antwortete der Ägypter und staunte über sein eigenes Wort. »Aber laß uns warten«, 9
fügte er hinzu, »laß uns warten, denn siehe, in der Ferne kommt der andere!« Sie schauten nach Norden, und dort kam tatsächlich ein drittes Dromedar, ebenso weiß wie die beiden anderen, schwankend wie ein Schiff. Sie warteten, dicht beieinander, bis der neue Ankömmling abgestiegen war und ihnen entgegenkam. »Friede sei mit dir, o mein Bruder!« sagte er, als er den Hindu umarmte. Und der antwortete: »Gottes Wille geschehe!« Der Zuletztgekommene war ganz verschieden von seinen Freunden. Seine Gestalt war zarter, seine Gesichtsfarbe weiß, langes blondes Haar krönte seinen schmalen schönen Kopf, die Wärme seiner dunkelblauen Augen deutete auf ein weiches Gemüt und auf eine aufrichtige, rechtschaffene Natur. Sein Kopf war unbedeckt, auch er war unbewaffnet. Unter den Falten seines syrischen Überwurfs, den er mit unbewußter Grazie trug, erschien eine kurzärmelige, weitausgeschnittene Tunika, die bis zu den Knien reichte und mit einer Schnur gegürtet war. Arme, Hals und Füße waren bloß. Er trug Sandalen. Er mochte fünfzig Jahre alt sein oder älter, aber die Jahre hatten ihm nur Ernst und Charakter und seinen Worten Überlegung verliehen, die körperliche Konstitution und die seelische Klarheit waren davon unberührt. Jedermann erkannte sofort, woher er kam; wenn nicht er selbst, so stammten seine Vorfahren aus den Hainen von Athen. Als er seine Arme von dem Ägypter gelöst hatte, sprach dieser mit bebender Stimme: »Der Geist hat mich zuerst hierher geführt, daraus erkenne ich, daß ich zum Diener meiner Brüder auserwählt bin. Das Zelt ist aufgeschlagen, und das Brot ist bereit, gebrochen zu werden. Laßt mich meines Amtes walten!« Er nahm beide an der Hand, führte sie in das Zelt, löste ihre Sandalen und wusch ihre Füße, goß Wasser über ihre Hände und trocknete sie mit Tüchern. Nachdem er seine eigenen 10
Hände gewaschen hatte, sprach er: »Laßt uns nun dafür sorgen, Brüder, daß wir unsere Aufgabe erfüllen können, und essen, damit wir Kräfte sammeln. Während wir essen, wollen wir erfahren, wer die anderen sind, woher sie kommen und wie sie berufen wurden.« Dann bat er sie zum Mahl und setzte sie so, daß jeder den anderen ansehen konnte. Sie beugten gleichzeitig ihre Köpfe, kreuzten die Hände über der Brust und sprachen miteinander laut ihr einfaches Gebet: »Gott, unser aller Vater, was wir hier haben, kommt von dir, empfange unseren Dank und segne uns, damit wir fortfahren können, deinen Willen zu tun.« Während der letzten Worte hoben sie die Augen und sahen einander voller Verwunderung an. Jeder hatte in seiner Sprache gesprochen, welche die anderen nie gehört hatten, und doch hatte jeder vollkommen verstanden, was der andere gesagt hatte. Ihre Seelen waren von göttlicher Ehrfurcht durchschauert, denn sie erkannten in diesem Wunder die Gegenwart Gottes.
Der Athener spricht – Glaube Diese Zusammenkunft fand nach der damaligen Zeitrechnung im 747. Jahre der Gründung Roms statt, im Monat Dezember. Rings um das Mittelmeer war Winter. Ein solcher Ritt in die Wüste zu dieser Jahreszeit pflegte Appetit zu machen, und die Gesellschaft unter dem kleinen Zelt machte davon keine Ausnahme. Sie waren alle hungrig und langten herzhaft zu. Nach dem Wein begannen sie zu erzählen. »Für einen Reisenden in einem fremden Land«, begann der Ägypter, »ist nichts so köstlich, als seinen Namen aus dem Munde eines Freundes zu hören. Vor uns liegen viele Tage der Gemeinschaft. Es ist Zeit, daß wir uns kennenlernen. So soll, 11
wenn es euch recht ist, der Zuletztgekommene als erster sprechen.« So begann, zuerst langsam, der Grieche zu reden, mit der ihm angeborenen Selbstbeobachtung. »Was ich zu erzählen habe, meine Brüder, ist so seltsam, daß ich kaum weiß, wo ich beginnen und wie ich es angemessen schildern soll. Ich verstehe mich selber noch nicht, aber ganz gewiß bin ich, daß ich einen Höheren Willen vollziehe und daß dieser Dienst ein fortwährendes Entzücken ist. Wenn ich an die Aufgabe denke, die ich zu erfüllen habe, so erfüllt mich eine so unaussprechliche Freude, daß ich überzeugt bin, es ist der Wille Gottes.« Als der Mann schwieg, unfähig fortzufahren, senkten die anderen aus Mitgefühl ihre Blicke. »Weit von hier, im Westen«, begann er wieder, »liegt ein Land, das niemals vergessen werden wird, und sei es nur, weil die Welt ihm soviel schuldet, und zwar für Dinge, die der Menschheit die reinsten Freuden bringen. Ich will nichts von den Künsten, nichts von der Philosophie, der Beredsamkeit, der Dichtung, dem Kriegsruhm sagen – o meine Brüder, der Ruhm dieses Landes wird sein, daß es einst in seiner Sprache Ihn allen auf der Erde verkünden wird, den wir zu suchen ausgezogen sind. Das Land, von dem ich spreche, ist Griechenland. Ich bin Kaspar, der Sohn des Cleanthes aus Athen. Mein Volk hat sich ganz dem Denken gewidmet, und ich habe diese Leidenschaft geerbt. Zwar unsere Philosophen lehren uns, der größte unter ihnen, daß der Mensch eine Seele besitzt und daß sie unsterblich ist, der andre, daß es nur einen Gott gibt, einen unendlichen, gerechten Gott. Aus der Unzahl von Themen, über die unsre Schulen disputieren, wählte ich mir die beiden aus, die mir allein einer Lösung würdig schienen. Denn ich erkannte, daß es eine Beziehung zwischen Gott und der Seele geben müsse, die bis jetzt noch nicht ergründet ist. Denkt der Geist über diese Beziehung nach, so erreicht er einen toten Punkt, eine unübersteigbare Mauer, und wenn man dort ange12
kommen ist, bleibt ihm nichts anderes übrig, als laut um Hilfe zu rufen. So habe ich’s getan, aber über die Mauer kam mir keine Antwort. In meiner Verzweiflung floh ich die Städte und die Schulen.« Bei diesen Worten ging ein befriedigtes Lächeln über die hageren Züge des Hindu. »Im Norden meines Landes, in Thessalien«, fuhr der Grieche fort, »liegt ein Berg, der als Wohnsitz der Götter gilt, wo auch Zeus, den meine Landsleute für den höchsten Gott halten, seinen Sitz hat. Er heißt Olymp. Dorthin ging ich. Ich fand in einem Hügel, dort wo der Berg sich vom Westen nach Südosten wendet, eine Höhle. Dort hauste ich, ganz der Meditation ergeben – nein, ich gab mich ganz auf, jeder Atemzug war ein Gebet um Offenbarung. Ich glaubte an Gott, den unsichtbaren, höchsten Gott, und ich hielt es auch für möglich, daß er mit meinem Flehen Erbarmen haben würde und sich mir offenbaren werde.« »Und er tat es – er tat es!« rief der Hindu aus und hob seine Hände von dem seidenen Tuch auf seinem Schoß. »Hört mich, Brüder«, sagte der Grieche und zwang sich zur Ruhe. »Der Eingang zu meiner Einsiedelei schaut über einen Meeresarm, den Thermäischen Busen. Eines Tages sah ich einen Mann aus einem vorüberfahrenden Segelschiff über Bord stürzen. Er schwamm ans Ufer, ich nahm ihn auf und pflegte ihn. Er war ein Jude, wohlbewandert in der Geschichte und den Gesetzen seines Volkes, und von ihm erfuhr ich, daß es den Gott meiner Gebete wirklich gibt und daß er seit Ewigkeit der Gesetzgeber, Herrscher und König der Juden ist. Was war das anders als die Offenbarung, nach der ich mich gesehnt hatte! Mein Glaube war nicht vergeblich gewesen, Gott hatte mir geantwortet!« »Wie er es allen tut, die ihn mit solchem Glauben rufen«, sagte der Hindu. »Aber, o weh«, warf der Ägypter ein, »wie wenige sind hier 13
weise genug, zu erkennen, daß er ihnen antwortet!« »Das war nicht alles«, fuhr der Grieche fort. »Der Mann, der mir gesandt wurde, sagte mir noch mehr. Die Propheten, sagte er, die vorzeiten nach der ersten Offenbarung mit Gott geredet hatten, erklärten, daß er wiederkommen werde. Er nannte mir die Namen der Propheten und führte mir ihre eigenen Worte aus den heiligen Büchern an. Und weiter sagte er mir, daß die zweite Ankunft Gottes auf Erden nahe sei und jetzt in Jerusalem erwartet werde.« Der Grieche schwieg, und die Klarheit auf seinem Gesicht schwand. »Es ist wahr«, begann er wieder nach einer Weile, »es ist wahr, sagte mir der Mann, daß Gott und die Offenbarung, von der er gesprochen hatte, nur den Juden vorbehalten sei, und so wäre es auch jetzt. Er, der kommen soll, werde König der Juden sein. ›Wird Er nichts für die übrige Welt tun?‹ fragte ich. ›Nein‹, war die Antwort, die mit stolzer Stimme gegeben wurde, ›Nein, wir sind das auserwählte Volk.‹ Die Antwort vernichtete meine Hoffnung nicht. Warum sollte ein Gott seine Liebe und Wohltat einem Land und sogar nur einer Familie vorbehalten? Ich mußte Gewißheit haben. Schließlich überwand ich den Stolz des Mannes und erfuhr, daß seine Väter nur auserwählte Werkzeuge waren, um die Wahrheit lebendig zu erhalten, damit die ganze Welt sie schließlich erkenne und gerettet werde. – Als der Jude gegangen und ich wieder allein war, beruhigte ich meine Seele mit einem neuen Gebet, daß es mir erlaubt sein möge, den König zu sehen, wenn Er gekommen ist, und Ihn anzubeten. Eines Nachts saß ich vor dem Eingang meiner Höhle und quälte mich, den Geheimnissen meines Daseins näherzukommen und zu erkennen, was Gott ist. Plötzlich sah ich auf dem Meer unter mir – oder mehr in der Dunkelheit, die über dem Wasser war – einen Stern aufleuchten. Langsam stieg er empor, kam näher und blieb über dem Hügel und über meiner Tür stehen, so daß sein Licht voll auf 14
mich fiel. Ich stürzte nieder und schlief ein. Und in meinem Traum hörte ich eine Stimme, die sagte: ›O Kaspar! Dein Glaube hat gesiegt! Du bist gesegnet! Mit zwei andern, die aus den fernsten Teilen der Erde herkommen, wirst du Ihn sehen, der verheißen ist, und Zeugnis für Ihn ablegen. Erhebe dich am Morgen, eile ihnen entgegen und vertraue dem Geist, der dich führen wird.‹ – Am Morgen wachte ich auf, und der Geist erleuchtete mich heller als die Sonne. Ich zog meine Einsiedlerkutte aus und kleidete mich wie früher. Aus einem Versteck nahm ich mein Geld, das ich aus der Stadt mitgebracht hatte. Ich rief ein Schiff an, das vorüberfuhr, wurde an Bord genommen und landete in Antiochia. Dort kaufte ich dieses Dromedar und seine Ausrüstung. Durch die Obstgärten am Ufer des Orontes reiste ich über Emesa, Damaskus, Bostra und Philadelphia bis hierher. Und das, o Brüder, ist meine Geschichte. Laßt mich nun die eure hören!«
Erzählung des Hindu – Liebe Der Ägypter und der Hindu schauten sich an, der erste winkte dem andern zu, und der Hindu begann: »Unser Bruder hat wohl gesprochen, mögen meine Worte ebenso weise sein!« Er brach ab und fuhr nach einer Weile fort: »Ich heiße Melchior, meine Brüder. Ich rede in einer Sprache, die, wenn nicht die älteste der Welt, doch die erste ist, die sich der Schriftzeichen bediente – ich meine das Sanskrit Indiens. Ich bin von Geburt Hindu. Mein Volk war das erste, das die Felder bestellte. Was immer auch hernach geschah, die vier Vedas mußten erhalten werden, denn sie sind die frühesten Quellen der Religion und des Wissens. Von ihnen stammten die Upa-Vedas ab, die, wie von Brahma überliefert wurde, 15
Medizin, Bogenschießen, Baukunst, Musik und die vierundsechzig mechanischen Künste lehrten; die Ved-Angas widmeten sich der Astronomie, der Grammatik, der Silbenmessung der Verse, der Aussprache, der Zauberei, der Beschwörung, den religiösen Riten und Zeremonien, alles war ihnen von inspirierten Heiligen enthüllt worden. Die UpAngas, die von dem weisen Vyasa geschrieben worden sind, befassen sich mit der Kosmogonie, der Chronologie und Geographie; darin sind auch das Ramayäna und das Mahabhärata, Heldendichtungen, die der Verewigung unserer Götter und Halbgötter gewidmet sind. Das, o Brüder, sind die großen Shastras oder die Bücher der heiligen Gesetze. Für mich sind sie nun tot, doch sie werden für alle Zeit den blühenden Genius meines Volkes darstellen. Sie waren Versprechen zu rascher Vervollkommnung. Fragt ihr, warum die Versprechungen fehlschlugen? Leider verschlossen die Bücher selbst alle Tore des Fortschritts. Unter dem Vorwand der Sorge für das Geschöpf stellten ihre Verfasser das bedenkliche Prinzip auf, daß der Mensch sich nicht selbst der Entdeckung oder Erfindung widmen dürfe, da der Himmel ihm schon alles Nötige gegeben habe. Als diese Bedingung geheiligtes Gesetz wurde, versank die Lampe des Hindu-Genius in einem Brunnen, wo sie nur noch enge Mauern und bittere Wasser beleuchten konnte. Diese Andeutungen, Brüder, kommen nicht aus Stolz. Ihr werdet es verstehen, wenn ich auch sage, daß die Shastras einen höchsten Gott lehren, den Brahma, und daß uns die Puränas oder die heiligen Gedichte der Up-Angas von Tugend, guten Werken und von der Seele sprechen. So, wenn mein Bruder mir erlaubt – der Sprecher verneigte sich ehrerbietig gegen den Griechen –, hatten in den Sagenzeiten, ehe die Griechen bekannt waren, die großen Ideen von Gott und der Seele schon alle Kräfte des Hindu-Geistes erschöpft. Laß mich noch sagen, daß Brahma in denselben heiligen Büchern als eine Dreiheit dargestellt wird: Brahma, Vishnu und Shiva. Brahma 16
soll der Stammvater unseres Volkes sein, das er im Verlauf der Schöpfung in vier Kasten teilte. Zuerst bevölkerte er die Welt hienieden und die Himmel darüber, dann bereitete er die Erde für irdische Geister, dann ließ der Brahma aus seinem Munde die höchsten und edelsten, einzigen Lehrer der Vedas hervorgehen, die ihm am ähnlichsten waren; sie sprangen von seinen Lippen in vollkommenem Zustand, vollkommen ausgebildet in allen nützlichen Kenntnissen. Dann entsprangen aus seinen Armen die Kshatriya oder Krieger, aus seiner Brust, dem Sitz des Lebens, kamen die Vaisya oder Erzeuger, Schäfer, Bauern, Kaufleute, aus seinen Füßen, als Zeichen der Erniedrigung, sprang der Sudra oder Sklave, dazu verurteilt, den anderen Klassen als Leibeigener, Diener, Arbeiter und Handwerker zu dienen. Bedenkt ferner, daß das Gesetz, das mit ihnen geboren war, dem Mann einer Kaste versagte, Mitglied einer anderen zu werden. Brahma konnte keine schlechtere Ordnung schaffen: wenn ein Mann die Gesetze seiner Kaste übertrat, wurde er ausgestoßen und durfte nur mit anderen Ausgestoßenen leben.« An dieser Stelle rief der Grieche aus: »In einem solchen Staat, o Brüder, ist ein liebender Gott notwendig!« »Ja«, fügte der Ägypter hinzu, »ein liebender Gott wie der unsre!« Die Brauen des Hindu zogen sich schmerzvoll zusammen. Als er seine Erregung überwunden hatte, fuhr er mit sanfter Stimme fort: »Ich bin als Brahmane geboren. Mein Leben war bis in seine letzte Handlung, bis in die letzte Stunde vorgeschrieben. Mein erster Tropfen Nahrung, die Verleihung meines zusätzlichen Namens, mein erster Schritt in die Sonne, meine Einkleidung mit dem dreifach gewebten Tuch, wodurch ich einer von den Zweimal-Geborenen wurde, meine Einweisung in die erste Ordnung – das alles wurde mit heiligen Texten und strengen Zeremonien festlich begangen. Ich konnte nicht gehen, essen, trinken oder schlafen ohne Angst, eine Regel zu übertreten. 17
Und die Strafe, o Brüder, die Strafe wurde meiner Seele auferlegt! Je nach dem Grade meiner Unterlassung ging meine Seele in einen der Himmel – Indras Himmel ist der tiefste, der Brahmas der höchste –, oder sie wurde zurückgetrieben und mußte das Leben eines Wurms, einer Fliege, eines Fisches oder eines Viehs führen. Die Belohnung für vollkommene Befolgung der Regeln war Glückseligkeit oder Eingehen in Brahma. Das war nicht mehr Existenz, sondern vollkommene Ruhe.« Nach kurzem Nachdenken fuhr der Hindu fort: »Der Teil im Leben eines Brahmanen, den man die erste Ordnung nennt, ist seinem Studium gewidmet. Als ich soweit war, in die zweite Ordnung einzutreten – das heißt, als ich heiraten durfte und Hausherr wurde –, stellte ich alles in Frage, selbst Brahma, ich war ein Heide. Aus der Tiefe des Brunnens hatte ich oben ein Licht entdeckt und sehnte mich danach, hinaufzusteigen und zu sehen, was es alles beschien. Zuletzt – oh, nach wieviel Jahren der Plage! – stand ich im vollen Licht und erblickte den Urgrund des Lebens und der Religion, das Glied zwischen der Seele und Gott: die Liebe!« Das eingefallene Gesicht des Erzählers erhellte sich sichtbar, und er faltete seine Hände. Es entstand ein Schweigen, die anderen schauten auf ihn, der Grieche mit Tränen in den Augen. Endlich begann der Hindu wieder: »Die Seligkeit der Liebe besteht in Taten, seine Probe liegt in dem, was man für andre zu tun bereit ist. Ich konnte nicht ruhen. Brahma hatte die Welt mit so viel Unglück erfüllt. Der Sudra wandte sich an mich, ebenso die zahllosen Frommen und Benachteiligten. Die Insel von Ganga Lagor liegt dort, wo die heiligen Wasser des Ganges in den Indischen Ozean strömen. Dorthin begab ich mich. Ich hoffte dort, im Tempel, der dem weisen Kapila erbaut ist, in der Gebetsgemeinschaft mit den Jüngern, die dort in dem Gedenken an den heiligen Mann leben, Ruhe zu finden. Aber zweimal im Jahr kamen Pilgerzüge von Hindus, um die Reinigung im Wasser zu suchen. Ihr Elend stärkte meine Liebe. Um nicht zu sprechen, biß ich 18
meine Zähne zusammen. Ein Wort gegen Brahma oder die Dreiheit oder die Shastras hätte mich verdammt, ein freundlicher Akt gegen die ausgestoßenen Brahmanen, die sich dann und wann in den glühenden Sand schleppten, um dort zu sterben – ein erteilter Segen, ein Krug Wasser –, und ich wäre einer von ihnen geworden, hätte die Familie, das Land, die Vorrechte der Kaste verloren. Die Liebe siegte! Ich sprach zu den Jüngern im Tempel, sie trieben mich hinaus. Ich sprach zu den Pilgern, sie steinigten mich von der Insel. Auf den Landstraßen versuchte ich zu predigen, meine Zuhörer flohen mich oder wollten mir ans Leben. Schließlich war für mich in ganz Indien kein Platz, nicht einmal unter den Ausgestoßenen, denn sie glaubten, obwohl sie gefallen waren, noch an Brahma. In meiner äußersten Not suchte ich nach einer Einöde, wo ich mich vor allem, außer vor Gott, verbergen konnte. Ich folgte dem Ganges bis zu seiner Quelle, weit oben im Himalaja. Als ich den Paß von Hurdwar betrat, wo der Fluß in fleckenloser Reinheit in das schlammige Tiefland hinunterstürzt, betete ich für mein Volk und glaubte, daß ich ihm für immer verloren sei. Durch Schluchten, über Felsen und Gletscher, über Gipfel, die sternenhoch erschienen, machte ich meinen Weg zum Lang Tso, einem See von wunderbarer Schönheit, der am Fuße des Tise Gangri, des Gurla und des Kailas Parbot liegt, der Riesen, die ihre Eiskronen ewig zur Sonne emporrecken. Dort, in der Mitte der Erde, wo Indus, Ganges und Brahmaputra entspringen und sich ihre verschiedenen Wege bahnen, dort, wo der erste Sitz der Menschheit war und sie sich teilte, um die Welt zu bevölkern, Balk, die Mutter der Städte, verließ, um die große Tat zu bezeugen – dorthin ging ich, um mit Gott allein zu wohnen, betend, fastend, auf den Tod wartend, in einer Natur, die zu ihrem ersten Ursprung zurückgekehrt ist und in ihre Unendlichkeiten einlädt und Sicherheit dem einen, Einsamkeit dem anderen verspricht. Eines Nachts wanderte ich am Ufer des Sees und sprach zu der lauschenden Stille. – Wann 19
wird Gott kommen und sein Eigentum zurückfordern? Wird es keine Erlösung geben? – Plötzlich begann ein Licht auf dem Wasser zu zittern, bald erhob sich ein Stern, wanderte her zu mir und blieb über mir stehen. Die Helligkeit betäubte mich. Als ich auf dem Boden lag, hörte ich eine Stimme von unendlicher Lieblichkeit: ›Deine Liebe hat gesiegt. Sei gesegnet, o du Sohn Indiens! Die Erlösung ist nahe. Mit zwei anderen aus den fernen Teilen der Erde sollst du den Erlöser sehen und Zeugnis für sein Kommen ablegen. Erhebe dich am Morgen und eile den anderen entgegen. Setz all dein Vertrauen in den Geist, der dich führen wird.‹ Und von dieser Zeit an ist das Licht bei mir geblieben, so wußte ich, daß der Geist sichtbar und gegenwärtig war. Am Morgen ging ich in die Welt zurück, auf dem Wege, den ich gekommen war. In einer Spalte des Gebirges fand ich einen Stein von ungeheurem Wert, den ich in Hurdwar verkaufte. Über Lahore, Kabul und Yezd kam ich nach Isaphan. Dort kaufte ich das Dromedar, und dann reiste ich nach Bagdad, ohne auf die Karawanen zu warten. Ganz allein reiste ich, furchtlos, denn der Geist war mit mir und ist noch jetzt mit mir. Was für ein Ruhm ist uns verliehen, o Brüder! Wir sollen den Erlöser sehen, zu ihm reden – ihn anbeten! Ich bin am Ende.«
Die Geschichte des Ägypters – Gute Werke Der lebhafte Grieche erging sich in Freudenbezeugungen und Glückwünschen, worauf der Ägypter in seiner ernsten Art begann: »Ich grüße dich, mein Bruder. Du hast viel gelitten, und ich freue mich über deinen Sieg. Wenn es euch beiden recht ist, will ich euch jetzt erzählen, wer ich bin und wie es geschah, daß ich berufen wurde. Wartet einen Augenblick.« Er ging 20
hinaus, um die Dromedare zu versorgen, dann nahm er seinen Platz wieder ein. »Eure Worte, Brüder, kamen aus dem Geiste, und der Geist half mir, sie zu verstehen. Jeder von euch sprach hauptsächlich von seinem Land, das ist von großer Wichtigkeit. Ich werde es erklären, aber um meine Deutung vollständig zu machen, laßt mich zuerst von mir und meinem Volk sprechen. Ich bin Balthasar, der Ägypter. Mit uns begann Geschichte. Wir waren die ersten, welche die Ereignisse aufzeichneten, um sie zu verewigen. Infolgedessen haben wir keine Überlieferung, und statt der Dichtung geben wir euch Tatsachen. An die Paläste und Tempel, an Obelisken, an die Innenwände der Gräber schrieben wir die Namen und Taten unsrer Könige. Und dem köstlichen Papyrus vertrauten wir die Weisheit unsrer Philosophen und die Geheimnisse unsrer Religion an – alle Geheimnisse, bis auf eins, worüber ich später sprechen will. Älter als die Vedas des Para-Brahma oder die Up-Vagas des Vyasa, o Melchior, älter als die Gesänge Homers oder die Metaphysik Platos, o mein Kaspar, älter als die heiligen Bücher und Könige der Chinesen oder des Siddartha, des Sohnes der schönen Maya, älter als die Genesis des Hebräers Moses – die ältesten Niederschriften der Menschen sind die Schriften des Menes, unsres ersten Königs.« Er wandte seine großen Augen freundlich zu dem Griechen: »Im Anfang von Hellas, wo, o Kaspar, waren die Lehrer eurer Lehrer?« Der Grieche verneigte sich lächelnd. »Aus diesen Schriften«, fuhr Balthasar fort, »wissen wir, daß die Väter aus dem Fernen Osten kamen, aus den Quellgebieten der drei heiligen Flüsse, vom Mittelpunkt der Erde, dem alten Iran, von dem du sprachst, o Melchior. Und von dort brachten sie die Geschichte der Erde vor der Sintflut mit, von der Sintflut selbst, wie sie den Ariern von den Söhnen Noahs übermittelt worden war. Und sie lehrten Gott, den Schöpfer und den Anfang, und die Seele, die unsterblich ist wie er. 21
Wenn unsre Aufgabe glücklich erfüllt sein wird, bitte ich euch, mit mir zu kommen, ich will euch die heiligen Bücher unsrer Priester zeigen, unter ihnen das Buch vom Tode, in dem das Ritual steht, das die Seele nach dem Tod befolgen muß, wenn sie auf dem Wege zum Gericht geht. Die Ideen von Gott und der unsterblichen Seele waren von Mizraim in der Wüste geschaffen und von ihm an die Ufer des Nils gebracht worden. Sie waren ganz rein und leichtverständlich, so wie Gott selber ist, es war der erste Gottesdienst – ein Gesang und ein Gebet, so wie es einer freudigen und hoffnungsvollen Seele entspricht, die ihren Schöpfer liebt.« Hier hob der Grieche seine Hände und rief: »Oh, das Licht wächst in mir!« »Und in mir!« sagte der Hindu mit der gleichen Inbrunst. Der Ägypter schaute voll Güte auf sie und fuhr fort: »Religion ist nur das Gesetz, das die Menschen mit dem Schöpfer verbindet. In seiner Reinheit enthält es nur diese Elemente: Gott, die Seele und die gegenseitige Anerkennung. Daraus entsteht Anbetung, Liebe, Lohn. Dieses Gesetz war, wie alle andern Gesetze, göttlichen Ursprungs – so jenes, das die Erde an die Sonne bindet – und von Anfang an von seinem Verfasser vollendet worden. Es war, meine Brüder, die Religion der ersten Familie, die unsres Ahnen Mizraim, der nicht blind sein konnte vor der Formel der Schöpfung, die nirgends so sichtbar ist wie im frühesten Glauben und der frühesten Anbetung. Gott ist Vollkommenheit. Einfachheit ist Vollkommenheit. Der Lauf der Dinge bringt es mit sich, daß die Menschen diese Wahrheiten nicht in Frieden lassen. Viele Völker haben die Wasser des Nils geliebt, die Äthiopier, die Pali-Putra, die Hebräer, die Assyrer, Perser, Mazedonier, die Römer – mit Ausnahme der Hebräer haben sie alle zu irgendeiner Zeit dort geherrscht. Dieses Kommen und Gehen der Völker hat das alte Gesetz Mizraims verfälscht. Das Tal der Palmen wurde ein Tal der Götter. Der Höchste wurde in acht Teile geteilt, von denen 22
jeder ein Schöpfungsprinzip verkörperte, mit Ammon-Re an der Spitze. Dann kamen Isis und Osiris und ihr Kreis, die das Wasser, das Feuer, die Luft und andere Kräfte versinnbildlichen. Die Teilung ging noch weiter, bis wir eine andre Ordnung hatten, die der Stärke, des Wissens, der Liebe und ähnliches.« »In denen der alte Wahnsinn saß«, rief der Grieche temperamentvoll. »Nur die Dinge, die wir nicht erreichen können, bleiben in uns.« »Die Aufzeichnungen«, fuhr der Ägypter fort, »zeigen, daß Mizraim den Nil unter der Herrschaft der Äthiopier fand, die aus der afrikanischen Wüste gekommen waren, ein Volk von reicher, phantasievoller Begabung, gänzlich der Anbetung der Natur hingegeben. Die persische Dichtung verherrlicht die Sonne als das vollkommenste Ebenbild des Gottes Ormudz, die Kinder des Fernen Ostens bildeten ihre Götter in Holz und Elfenbein, aber die Äthiopier, die nicht schreiben konnten und keine Bücher besaßen, keinerlei medianische Fähigkeiten hatten, befreiten ihre Seele in der Anbetung der Tiere, Vögel und Insekten. Die Katze war dem Re heilig, der Stier der Isis, der Käfer dem Pthah. Ein langer Kampf gegen ihren primitiven Glauben endete damit, daß er als Religion vom neuen Reich angenommen wurde. Nun erhoben sich die gewaltigen Bauwerke an den Ufern des Stroms und in der Wüste: Obelisk, Labyrinth, Pyramide und Königsgrab, gemischt mit Krokodilgräbern. In eine solche tiefe Entwürdigung, o Brüder, stürzten die Söhne des Ariers!« Hier verließ den Ägypter zum erstenmal seine Ruhe, dann aber sprach er weiter: »Verachtet mein Volk nicht zu sehr. Nicht alle vergaßen Gott. Ich habe euch von den Geheimnissen unsrer Religion gesprochen, die alle in den Papyri aufgezeichnet sind – bis auf eins. Davon will ich jetzt reden. Wir hatten einst als König einen mit Namen Pharao, der allem Wechsel und jeder Neue23
rung zugeneigt war. Um das neue System zu festigen, wollte er das alte restlos aus unserem Geist vertreiben. Damals lebten die Hebräer als Sklaven bei uns. Sie hielten an ihrem Gott fest, und als ihre Qualen unerträglich geworden waren, wurden sie auf eine Weise befreit, die nie vergessen werden kann. Ich spreche jetzt von den Urkunden. Moses, der selbst Hebräer war, kam in den Palast und flehte um die Erlaubnis, daß die Sklaven, viele Millionen, das Land verlassen dürften. Seine Forderung geschah im Namen des Gottes von Israel. Pharao weigerte sich. Hört, was geschah! Zuerst verwandelte sich alles Wasser in den Seen, Flüssen, Brunnen und Gefäßen in Blut. Doch der König weigerte sich. Dann kamen Frösche und bedeckten das ganze Land. Doch Pharao blieb hart. Dann streute Moses Asche in die Luft, und eine Seuche kam über die Ägypter. Weiter wurde alles Vieh mit Ausnahme des hebräischen, geschlagen. Heuschrecken verwüsteten alles Grünende im Land. Am Mittag brach eine Finsternis aus, die so tief war, daß keine Lampen sie erhellen konnten. Schließlich starb die ganze Erstgeburt der Ägypter, auch im Hause Pharaos. Jetzt bewilligte er die Forderung des Moses. Aber als die Hebräer gegangen waren, folgte er ihnen mit seinem Heer. Im letzten Augenblick teilte sich das Meer, so daß die Flüchtenden trockenen Fußes hindurchgehen konnten. Als das Heer ihnen folgte, kamen die Wasser zurück und ertränkten alle, Pferde, Männer, Waffen und auch den König. – Du sprichst von Offenbarung, mein Kaspar…« Die blauen Augen des Griechen leuchteten. »Ich hörte diese Geschichte von dem Juden!« rief er. »Du bestätigst sie, o Balthasar!« »Ja, aber durch mich spricht Ägypten, nicht Moses. Ich erkläre die Inschriften auf Marmor. Die Priester haben damals aufgezeichnet, was sie erlebten, und die Überlieferung hat sich erhalten. Nun komme ich zu dem einen nicht aufgezeichneten Geheimnis. Wir hatten, Brüder, von den unglückseligen Zeiten des Pharao an immer zwei Religionen – eine private und eine 24
öffentliche, die eine der vielen Götter, an die das Volk glaubte, und die andre von dem einen Gott, die von der Priesterschaft hochgehalten wurde. Freut euch mit mir, Brüder! Wie ein Samen unter der Erde auf seine Stunde wartet, so hat die kostbare Wahrheit alles überlebt. Und nun ist ihr Tag gekommen!« Der Ägypter nahm einen Schluck Wasser aus der Flasche und fuhr fort: »Ich bin in Alexandria geboren, ein Fürst und Priester, und erhielt die übliche Erziehung meines Standes. Doch ich wurde schon sehr früh unzufrieden. Zu unserem Glauben gehörte die Vorstellung, daß die Seele nach dem Tode, nach der Auflösung des Körpers, ihre neue Entwicklung beginnt, von der niedrigsten bis zur menschlichen und höchsten Existenz, ohne Beziehung zu der Lebensführung in der Sterblichkeit. Als ich vom persischen Reich des Lichts hörte, von seinem Paradies jenseits der Brücke Chinevat, über die nur der gute Mensch schreiten kann, quälte mich dieser Gedanke unaussprechlich; um so mehr, als ich Tag und Nacht über die beiden Ideen grübelte: die Idee der Seelenwanderung und die des ewigen Lebens im Himmel. Wenn Gott gerecht war, wie mein Lehrer sagte, warum gab es einen Unterschied zwischen Gut und Böse? Es wurde mir schließlich klar, ja es wurde mir zur Gewißheit, zu einer Schlußfolgerung aus dem Gesetz, auf das ich die reine Religion zurückführte, daß der Tod nur der Augenblick der Trennung war, in dem der Sünder verloren und verlassen war und der Gläubige zu einem höheren Leben aufsteigt, nicht ins Nirwana Buddhas, auch nicht in die passive Ruhe Brahmas, o Melchior, noch in die Bedingung der Hölle, die allen im Himmel erlaubt ist nach dem Glauben des Olymps, o Kaspar, sondern Leben – tätiges Leben, freudvolles, ewiges Leben mit Gott! Diese Entdeckung führte zu einer anderen Frage. Warum sollte diese Wahrheit noch länger Geheimnis und selbstsüchtiger Trost der Priesterschaft bleiben? Der Grund 25
für seine Unterdrückung war nicht mehr vorhanden. Die Philosophie hat uns schließlich zur Toleranz geführt. In Ägypten regierte Rom statt Ramses. Eines Tages stand ich im Brucheiam, dem vornehmsten und am meisten bevölkerten Viertel Alexandrias, und predigte. Aus dem Osten und Westen kamen meine Zuhörer, Studenten, die in die Bibliothek gingen, Priester vom Serapeion, Museumsbummler, Rennbahnbesucher, Landleute aus Rhacotis – eine Riesenmenge blieb stehen und hörte mir zu. Ich predigte über Gott und die Seele, über Recht und Unrecht, über den Himmel und die Belohnung eines tugendhaften Lebens. Du, Melchior, wurdest gesteinigt. Meine Zuhörer waren zuerst verwundert, dann lachten sie. Ich versuchte es wieder, aber sie spotteten über mich, verhöhnten meinen Gott und machten meinen Himmel lächerlich. Um es nicht nutzlos hinzuziehen, ließ ich sie.« Der Hindu seufzte tief und sagte: »Der Feind des Menschen ist der Mensch, mein Bruder.« Nach einem Schweigen fuhr Balthasar fort: »Ich grübelte lange, um die Ursache meines Versagens zu finden. Schließlich gelang es mir. Jenseits des Flusses, eine Tagesreise von der Stadt, liegt ein Dorf von Hirten und Gärtnern. Ich nahm ein Boot und fuhr dorthin. Am Abend rief ich die Leute zusammen, Männer und Frauen, die Ärmsten der Armen. Ich predigte ihnen genauso, wie ich im Brucheiam gepredigt hatte. Sie lachten nicht. Am nächsten Abend sprach ich wieder zu ihnen, und sie glaubten mir, freuten sich und verbreiteten, was sie gehört hatten. Am dritten Abend fand sich eine Gemeinde zum Gebet ein. Dann ging ich zurück in die Stadt. Als ich über den Fluß fuhr, unter den Sternen, die mir noch nie so leuchteten und nahe erschienen waren, wurde mir klar, was ich falsch gemacht hatte: Wenn du eine Reform beginnen willst, gehe nicht zu den Großen und Reichen, gehe zu denen, deren Glückskrug leer ist – zu den Armen und Niedrigen. Und dann faßte ich einen Plan und widmete ihm 26
mein Leben. Zuerst sicherte ich mein großes Vermögen, damit es bereit war zur Unterstützung der Notleidenden. Von diesem Tag an, o Brüder, wanderte ich am Nil auf und ab, von Dorf zu Dorf, von Herde zu Herde und predigte von dem Einen Gott, vom rechtschaffenen Leben und dem Leben im Himmel. Ich habe viel Gutes getan, es steht mir nicht an, zu sagen wieviel. Und nun weiß ich, daß wir den Platz der Welt finden werden, der reif ist für Sein Kommen. Nach Jahren, die ich so verbracht hatte, o meine Brüder, quälte mich der Gedanke, was aus dem Glauben, den ich gepflanzt habe, werde, wenn ich nicht mehr da bin. Ich habe oft von einer Organisation geträumt, die mein Werk krönen sollte. Um euch nichts zu verbergen, sage ich, daß ich es versucht habe, aber daß es mir mißlungen ist. Die Welt ist heute so, daß der Reformer des alten MizraimGlaubens mehr als menschliche Kräfte besitzen muß. Er darf nicht nur in Gottes Namen kommen, er muß für seine Worte Beweise geben, er muß sein, was er sagt. Und das kann nur Gott selbst. Die Vorstellungen des Menschen sind so voll von Mythen und Systemen, so voll von falschen Göttern ist alles – Erde, Luft, Himmel –, so sehr haben sie sich festgesetzt, daß die Rückkehr zum ersten Glauben nur auf blutigen Wegen möglich ist, über Verfolgungen, das heißt, daß die Bekehrten bereit sein müssen, eher zu sterben, als zu widerrufen. Und wer könnte in dieser Zeit den Glauben des Menschen bis dahin bringen, wenn nicht Gott selbst? Um die Menschheit zu erlösen – ich meine nicht, zu zerstören –, muß er sich noch einmal offenbaren: ER MUSS SELBST KOMMEN.« Alle drei waren tief erschüttert. »Sind wir nicht auf dem Wege, ihn zu finden?« rief der Grieche. »Ihr versteht, warum ich versagte, als ich organisieren wollte«, fuhr der Ägypter fort. »Mir fehlte die Bestätigung. Als ich das erkannt hatte, war ich ganz verzweifelt. Ich versank ins Gebet, um meine Bitten rein und stark zu machen, wie ihr, 27
meine Brüder. Ich verließ die gewohnten Wege und ging dorthin, wo nie Menschen gewesen waren, wo nur Gott war. Ich ging zum fünften Katarakt, nach Semar, wo die Flüsse zusammenkommen, zum Bahr el Abiad, in das unbekannte innere Afrika. Dorthin, wo am Morgen der Berg, der so blau wie der Himmel ist, seinen kühlen Schatten weit über die westliche Wüste wirft und mit seinen Wasserfällen aus geschmolzenem Schnee einen kleinen See nährt, der östlich an seinem Fuß liegt. Der See ist die Mutter des großen Stroms. Länger als ein Jahr lebte ich auf dem Berg. Die Frucht des Palmbaums nährte meinen Körper, das Gebet meine Seele. Eines Nachts wanderte ich in dem Wäldchen am kleinen See und betete: ›Die Welt stirbt! Wann wirst du kommen? Warum soll ich die Erlösung nicht erleben, o Gott?‹ Das klare Wasser war voller Sterne. Einer schien seinen Platz zu verlassen und an die Oberfläche zu steigen, ein feuriger Glanz blendete meine Augen. Dann kam der Stern auf mich zu und blieb über meinem Haupt stehen. Mir war, als könnte ich ihn mit der Hand fassen. Ich fiel nieder und verdeckte mein Gesicht. Da sagte eine Stimme, die nicht irdisch war: ›Deine guten Werke haben gesiegt. Du bist gesegnet, Sohn des Mizraim! Die Erlösung kommt. Mit zwei anderen aus den fernsten Teilen der Erde sollst du den Erlöser sehen und für Ihn zeugen. Erhebe dich am Morgen und mache dich auf den Weg zu ihnen. Und wenn ihr beisammen seid, geht in die heilige Stadt Jerusalem und fragt das Volk: Wo ist der neugeborene König der Juden? Denn wir haben Seinen Stern im Osten gesehen und sind gekommen, Ihn anzubeten. – Vertraue dem Geist, er wird dich führen.‹ – Und der Stern erleuchtete mich innerlich und blieb bei mir, ein Herr und Führer. Ich ging den Fluß hinunter nach Memphis, wo ich mich für die Wüste vorbereitete. Ich kaufte mein Dromedar und kam hierher über Suez und Kufileh, durch die Länder Moab und Ammon. Gott ist mit uns, o meine Brüder!« Er schwieg, und darauf erhoben sich alle drei wie auf einen Befehl 28
und schauten sich in die Augen. »Ich sagte, es lag ein Sinn in der Ausführlichkeit, mit der wir alle unser Volk und seine Geschichte beschrieben haben«, fuhr der Ägypter fort. »Der, den wir suchen, ist ›König der Juden‹ genannt worden, unter diesem Namen sollen wir nach Ihm fragen. Aber nun wir alle voneinander gehört haben, müssen wir glauben, daß Er der Erlöser ist, nicht für die Juden allein, sondern für alle Völker der Erde. Der Patriarch, der die Sintflut überlebt hat, hatte drei Söhne, und von ihren Familien wurde die Welt bevölkert. Sie zogen aus von der alten Aryana-Vaejo, dem Land der Freude im Herzen Asiens. Indien und den Fernen Osten erreichten die Kinder zuerst. Die Nachkommen des jüngsten Sohnes gingen nach Norden, nach Europa, die des zweiten überfluteten die Wüsten am Roten Meer und gingen nach Afrika, und obwohl die meisten jetzt noch in Zelten wohnen, waren sie doch die Erbauer des Landes am Nil.« Alle drei gaben sich die Hände. »Konnte etwas göttlicher geordnet sein?« fuhr Balthasar fort. »Wenn wir den Herrn gefunden haben, werden alle Völker niederknien und Ihm mit uns huldigen. Und wenn wir uns wieder trennen und jeder seinen Weg geht, wird die Welt eine neue Wahrheit gelernt haben: der Himmel wird nicht gewonnen durch das Schwert oder durch menschliches Wissen, sondern durch Glauben, Liebe und gute Werke.« Die Stille, die folgte, wurde nur von Seufzern unterbrochen, aller Augen waren von Tränen naß. In ihnen war eine unaussprechliche Freude der Seele. Sie traten aus dem Zelt. Die Wüste und der Himmel lagen still vor ihnen. Die Sonne ging rasch unter. Die Dromedare schliefen. Das Zelt wurde abgebrochen, auch alles andere wieder in der Kiste untergebracht. Die drei bestiegen ihre Tiere und ritten unter Führung des Ägypters hintereinander nach Westen zu in die sinkende Nacht. Die Dromedare setzten sich in Trab, eins folgte dem andern, so genau, daß sie nur eine 29
Spur hinterließen. Keiner der Reiter sprach. Nach und nach stieg der Mond herauf. Und wie die drei weißen Gestalten lautlos dahineilten durch das opaleszierende Licht, sahen sie wie Geister aus, die vor bösen Schatten flohen. Plötzlich erschien vor ihnen, nicht höher als auf der Spitze eines niedrigen Hügels, eine züngelnde Flamme, und als sie hinschauten, verwandelte sie sich in ein Licht von ungeheurem Glanz: Ihre Herzen schlugen höher, ein heiliger Schauer ging durch ihre Seelen, und sie riefen wie aus einem Munde: »Der Stern! Der Stern! Gott ist mit uns!«
Das Joppa-Tor in Jerusalem In einer Öffnung an der Westseite der Mauer von Jerusalem hingen die »eichenen Flügel«, die man das Bethlehem- oder Joppa-Tor nannte. Der Platz an der Außenseite war die belebteste Stelle in der Umgebung der Stadt. Lange ehe es David nach Zion gelüstete, erhob sich hier eine Zitadelle. Als der Sohn Jesses schließlich die Jebusiten vertrieb und die Stadt zu bauen begann, wurde die Zitadelle zur Nordwestecke der neuen Mauer. Sie erhielt einen Turm, der größer war als der alte. Schon in den Tagen Salomons war der Platz vor dem Tor ein großer Markt, der von den Händlern aus Ägypten ebenso beschickt wurde wie von denen aus Tyrus und Sidon. Auch heute, nach fast 3000 Jahren, wird dort Markt gehalten. Wer eine Nadel oder eine Pistole, eine Gurke oder ein Kamel, ein Haus oder Pferd kaufen will, eine Dattel oder einen Mann, eine Melone oder eine Taube, wer ein Darlehn aufnehmen will oder einen Dolmetscher braucht, der muß am Joppa-Tor danach fragen. Zu Zeiten des Herodes, des Erbauers, war der alte Markt ungeheuer belebt. Die drei Weisen hatten sich in der Wüste am Nachmittag des 30
25. Tages im 3. Monat des Jahres – nach der hebräischen Zeitrechnung – getroffen, das heißt nach der neuen Rechnung am 25. Dezember. Das Jahr war das 2. der 193. Olympiade oder das 747. nach der Gründung Roms, das 67. nach Herodes dem Großen, das 35. seiner Regierung, das 4. vor Beginn unserer heutigen Zeitrechnung. Die Stunden des Tages werden nach judäischem Brauch nach der Sonne gerechnet; 4 Uhr morgens nach unserer Rechnung ist die erste Stunde nach Sonnenaufgang. Zu dieser Stunde ist der Markt am Joppa-Tor schon in vollem Gang. Die schweren Türflügel sind seit Morgengrauen weit geöffnet. Das Leben flutet durch das gewölbte Tor und durch die eine schmale Gasse in die Stadt. Von den Zinnen und Türmchen der großen Gebäude flattern die Taubenschwärme. Platz und Straße sind mit unförmigen großen Steinplatten belegt, von denen jeder Laut verstärkt widerhallt, auch die Rufe eines Händlers, der neben seinem halb schlafenden Esel steht, der mit Körben voll von Linsen, Bohnen, Zwiebeln und Gurken beladen ist, die frisch aus den Gärten und Terrassen von Galiläa gekommen sind. Der Händler ist höchst einfach gekleidet. Er trägt eine Art Decke aus ungebleichter, ungefärbter Wolle, die über einer Schulter befestigt und gegürtet ist, an den Füßen Sandalen. Neben ihm ein anderes imposantes Bild: ein kniendes Kamel, grobknochig, grau mit langen zottigen Büscheln fuchsroter Haare an der Kehle, am Hals und Körper. Es ist mit einem Haufen Kästen und Kisten beladen, die sonderbar auf seinem riesigen Sattel aufgebaut sind. Sein Herr ist ein kleiner, geschmeidiger Ägypter, der vom Staub der Straßen und vom Sand der Wüste mitgenommen ist. Er trägt einen verschossenen Tarbooshe, einen losen ärmellosen Kittel ohne Gürtel, der von den Schultern bis zu den Knien reicht. Seine Füße sind bloß. Das Kamel liegt unruhig unter seiner Last und bleckt die Zähne. Der Mann kümmert sich nicht darum und ruft seine frischen Früchte aus den Gärten des Kedron aus, Weintrauben, Datteln, Äpfel, 31
Feigen und Granatäpfel. An der Ecke der Gasse, dort, wo sie sich zu dem Hof öffnet, kauern Frauen mit dem Rücken an den grauen Steinen der Mauer. Sie tragen die gewohnte Kleidung der armen Klasse, einen Leinenkittel, der lose gegürtet ist, und einen Schleier oder ein Kopftuch, das den Kopf verhüllt und bis auf die Schultern fällt. Ihre Ware steckt in den irdenen Krügen, wie sie zum Wasserholen benutzt werden, und in ein paar Lederflaschen. Sie bieten Honig und Wein an. Dazwischen tummelt sich auf den Steinen ein halbes Dutzend halbnackter Kinder. Ihre braunen Körper, kohlschwarzen Augen und ihr dickes schwarzes Haar zeigen, daß sie aus dem Blut Israels stammen. Auf und ab gehen braune Burschen, die Beine nackt, in schmutziger Tunika, mit langen Bärten, und rufen ihren Sirup, ihre Tauben aus Engadi aus, die sie in Flaschen auf dem Rücken tragen. Weniger lärmend führen sich die Vogelhändler auf mit ihren Tauben, Enten und ihren persischen Singvögeln, den Nachtigallen. Die Käufer machen sich wohl keine Vorstellung, wie gefährlich oft ihr Vogelfang in den Felsen und Klippen ist. Stolz in Blau und Scharlach und ihren weißen Turbanen betragen sich die Juwelenhändler, als hätten sie etwas vom Wert ihrer Hals- und Armketten, ihrer Finger- und Nasenringe angenommen. Hier gibt es Haushaltsgegenstände, Kleider, dort Salben, und weiter hin ist der Tiermarkt für Esel, Pferde, Kälber, Schafe, Kamele, für jede Art Tiere mit Ausnahme des Schweins. Alle diese Händler mischen sich durcheinander, es ist ein Rufen und Kreischen, Streiten und Lachen. Der ganze Markt ist immer in Bewegung, und die bunte Menge der Käufer flutet auf und nieder.
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Typen am Joppa-Tor Aus dem Tor kommen zwei römische Soldaten. »Ihr Götter, wie kalt ist es!« ruft der eine. Er trägt Helm, Brustpanzer und Panzerhemd. »Erinnerst du dich, mein Cajus, an das Gewölbe im Comitium, dem Versammlungsraum der Bürger, zu Hause in Rom, von dem die Priester sagen, es sei der Eingang in die Unterwelt? Bei Pluto! Dort möchte ich heute so lange stehn, bis ich wieder warm werde!« Der andere nimmt seine Kappe ab und antwortet mit einem ironischen Lächeln: »Die Helme der Legionen, die Markus Antonius besiegten, waren voll von Schnee aus Gallicum; aber du, mein armer Freund, du kommst gerade aus Ägypten und bringst den Sommer in deinem Blut mit.« Aus der Menge kommt ein Jude, hager und mit krummem Rücken. Er trägt einen groben braunen Rock. Über Augen und Gesicht bis auf die Schultern hängt ihm das ungekämmte Haar. Er geht allein. Die Vorübergehenden lachen über ihn, wenn sie nichts Schlimmeres tun; denn er ist ein Nazarener, einer aus der verachteten Sekte, welche die Bücher Mosis nicht anerkennt und sich abscheulichen Gelübden ergibt. Sie dürfen ihr Haar nicht schneiden, solange das Gelübde gilt. Plötzlich entsteht eine Bewegung in der Menge, und scharfe und entschlossene Rufe werden laut. Ein Mann erscheint, ein Hebräer nach Aussehen und Kleidung. Ein Mantel aus schneeweißem Leinen, der am Kopf mit gelbseidener Schnur gehalten wird, fließt frei über seine Schultern nieder. Sein Kleid ist reich bestickt und von einer roten Schärpe mit goldenen Fransen mehrfach umwunden. Er ist ruhig, er lächelt über die, die ihm mit solcher Hast aus dem Wege gehen. Ein Aussätziger? Nein, es ist nur ein Samaritaner. Die scheue Menge nennt ihn einen Bastard, einen Assyrer, den zu berühren Befleckung bedeutet. Kein sterbender Israelit würde von ihm das Leben annehmen. Als David seinen Thron auf dem Berg Zion errichtete und nur 33
mit dem Stamm Juda um sich, gingen die zehn Stämme nach Sechen, in eine Stadt, die viel älter und damals unendlich reicher an heiliger Überlieferung war. Die schließliche Vereinigung der Stämme beendete nicht den Streit, der begonnen hatte. Die Samaritaner hielten fest an ihrem Heiligtum auf Gerizim, bezeichneten es als das höhere und lachten über die zornigen Gelehrten in Jerusalem. Die Zeit milderte den Haß nicht. Unter Herodes war aller Welt der Übertritt zum Glauben offen, mit Ausnahme der Samaritaner. Sie allein waren völlig und für immer aus der Gemeinschaft der Juden ausgeschlossen. Als der Samaritaner durch den Bogen des Tores ging, kamen drei Männer heraus, die sich höchlichst von allen anderen unterschieden. Es waren riesige, muskelstrotzende Kerle mit blauen Augen, kurzem hellem Haar und so weißer Haut, daß die blauen Adern hindurchschienen. Ihre Köpfe waren klein und rund, aber ihre Nacken stark wie Bäume. Sie trugen ärmellose, wollene gegürtete Tuniken, die an der Brust offen waren. Arme und Beine waren nackt und so kraftvoll, daß man an die Arena denken mußte und sich nicht wunderte, daß die Leute ihnen auswichen und nachschauten, als sie so sorglos, dreist und anmaßend dahinschritten. Es waren Gladiatorenringer, Läufer, Boxer, Fechter, Berufskämpfer, wie sie vor der römischen Zeit in Judäa unbekannt waren. Wenn sie nicht im Training waren, spazierten diese Burschen in den Königlichen Gärten umher oder saßen bei den Wächtern vor den Palasttoren; sie konnten auch Besucher aus Caesarea, Sebaste oder Jericho sein, wo Herodes, der mehr Grieche als Jude war, mit der Leidenschaft der Römer Spiele und blutige Vorführungen liebte, riesige Theater gebaut hatte und Schulen für die Kämpfer unterhielt, die aus den gallischen Provinzen oder von den slawischen Stämmen an der Donau kamen. »Beim Bacchus!« sagt einer von ihnen. »Ihre Schädel sind nicht dicker als Eierschalen.« Nebenan ist ein Fruchtstand. Der 34
Eigentümer ist kahlköpfig, sein Gesicht ist lang, seine Nase krumm wie ein Vogelschnabel. Er sitzt auf einem staubbedeckten Teppich an der Mauer, über ihm hängt ein dürftiger Vorhang, und um ihn herum stehen in Reichweite auf kleinen Hockern geflochtene Körbe voll von Mandeln, Trauben, Feigen und Granatäpfeln. An seinen Stand tritt ein schöner Mensch, ein Grieche. Um seine Schläfen liegt ein Myrtenzweig, an dem noch die hellen Blüten und halbreifen Beeren sitzen. Der Zweig hält seine lockigen Haare. Seine rote goldgestickte Tunika besteht aus dem feinsten Wollstoff, sein Gürtel aus weichem Leder wird von einer goldenen Schnalle mit einer phantasievollen Zeichnung gehalten; um seinen Hals ist ein weiß-gelber wollener Schal geschlungen und hängt auf den Rücken nieder. Seine Arme und Beine sind makellos, weiß wie aus Elfenbein, man sieht, daß sie in Bädern mit Öl und Bürsten sorgfältig gepflegt werden. Der Händler erhebt sich von seinem Sitz, verneigt sich und grüßt mit erhobenen Händen, die Handflächen nach unten, mit gespreizten Fingern. »Was gibt es heute bei dir, o Sohn aus Paphos?« fragt der junge Grieche und schaut in die Körbe des Mannes aus Cypern. »Ich bin hungrig. Was gibt’s zum Frühstück?« »Echte Früchte aus Pedius, wie sie die Sänger in Antiochia am Morgen essen, um ihre Stimmen wieder frisch zu machen«, antwortet der Händler mit klagendem, nasalem Tonfall. »Eine Feige, aber nicht von deinen besten, für die Sänger in Antiochia!« sagt der Grieche. »Du bist ein Verehrer der Aphrodite wie ich, wie die Myrte zeigt, die ich trage. Darum sage ich dir, daß die Stimmen der Sänger von Antiochia so kalt sind wie der Wind vom Kaspischen Meer. Siehst du diesen Gürtel? Ein Geschenk der mächtigen Salome!« »Der Schwester des Königs?« rief der Händler mit einem neuen mohammedanischen Gruß. »Und von königlichem Geschmack und göttlichem Urteil. 35
Und wieso nicht? Sie ist mehr Griechin als der König. – Aber mein Frühstück! Hier ist Geld, rote Kupferstücke aus Cyprus. Gib mir Trauben und…« »Willst du nicht auch Datteln nehmen?« »Nein, ich bin kein Araber.« »Oder Feigen?« »Sie könnten mich zu einem Juden machen. Nein, nur Trauben. Kein Wasser mischt sich so gut wie das Blut des Griechen und das Blut der Trauben.« Dem griechischen Sänger mit der ganzen Atmosphäre des Hofes folgt eine andere seltsame Gestalt. Ein Mann kommt langsam daher, den Blick zu Boden gesenkt, jeden Augenblick bleibt er stehen, kreuzt die Hände über der Brust, streckt sich, hebt die Augen zum Himmel, als ob er beten wolle. Nur in Jerusalem kann man eine solche Erscheinung finden. Auf dem Stirnband, das seinen Mantel hält, ist ein kleines ledernes Kästchen befestigt. Ein ähnliches Kästchen trägt er an einem Riemen am linken Arm. Die Kanten seiner Kleidung sind mit breiten Krausen geschmückt, und alle diese Zeichen – die Gebetsriemen, die breiten Kleiderborten und das Getue von Heiligkeit, das um den ganzen Mann ist – lassen ihn als einen Pharisäer erkennen, einen aus jener Organisation (religiös eine Sekte, politisch eine Partei), deren Bigotterie und Macht die Welt in großen Kummer stürzen wird. Das dichteste Gedränge vor dem Tor ist auf der Straße nach Joppa. Unter der Menge ist ein Mann von sehr vornehmem Aussehen, mit leuchtenden dunklen Augen, langem lockigem, gesalbtem Bart, in kostbarer, der Jahreszeit angepaßter Kleidung. Er trägt einen Stab und an einer Schnur um den Hals ein großes goldenes Siegel. Mehrere Diener begleiten ihn, einige mit kurzen Schwertern im Gürtel, wenn sie sich an ihn wenden, geschieht es mit der tiefsten Ehrerbietung. Bei diesem Herrn sind zwei Araber, echte Wüstensöhne, hagere, sehnige, hohlwangige Gestalten, tiefgebräunt, mit hellen Augen. Auf ihrem 36
Kopf tragen sie den roten Fes über ihren Abas. Über die linke Schulter geworfen, so daß der rechte Arm frei bleibt, tragen sie braune wollene Decken, die sie Haicks nennen. Es sind Pferdehändler, die dem vornehmen Herrn mit lautem Geschrei ihrer schrillen Stimmen eines ihrer Tiere verschachern möchten. Der Herr läßt das Gespräch durch die Diener führen und wirft nur ab und zu ein Wort ein. Als er den Cyprioten erblickt, bleibt er stehen und kauft ein paar Feigen. Der Händler kennt ihn. Es ist einer der jüdischen Prinzen aus der Stadt, der auf seinen Reisen den Unterschied zwischen den gewöhnlichen Trauben aus Syrien und denen aus Cypern kennengelernt hat, die unvergleichlich köstlicher sind mit dem Tau des Meers. Jerusalem, so reich an heiliger Geschichte und heiligen Prophezeiungen, das Jerusalem Salomos, in dem Silber nicht mehr als ein Stein galt und Zedern wie Feigenbäume, war zu einer Kopie Roms geworden, ein Zentrum unheiligen Lebens, ein Sitz heidnischer Mächte. Ein jüdischer König hatte eines Tages ein Priestergewand angelegt und war ins Allerheiligste des Tempels gegangen, um Weihrauch zu opfern, und kam als Aussätziger heraus. Aber in der gegenwärtigen Epoche hatte Pompejus den Tempel des Herodes betreten und dasselbe Allerheiligste, und er war herausgekommen, ohne daß ihm etwas Böses geschehen war. Er hatte nur einen leeren Raum gefunden und kein Zeichen von Gott.
Joseph und Maria gehen nach Bethlehem Um die dritte Stunde des Tages, viele Käufer hatten den Markt schon verlassen, aber das Gedränge war das gleiche geblieben, sah man unter den neu Ankommenden einen Mann und eine Frau auf einem Esel. Der Mann ging neben dem Kopf 37
des Esels her. Er hielt ihn an einem Riemen und lehnte sich auf einen Stock, den er sowohl zum Antreiben wie als Stütze benutzte. Seine Kleidung unterschied sich in nichts von der der Juden ringsum; sie sah nur noch sehr neu aus. Den Mantel, der von seinem Kopf herunterhing, und den Rock, der ihm bis auf die Fersen reichte, trug er vermutlich zum Sabbat, wenn er in die Synagoge ging. Sein Gesicht war unbedeckt, man konnte von ihm ablesen, daß der Mann etwa fünfzig Jahre alt war. Sein ehedem schwarzer Bart war ergraut. Er schaute um sich mit der halb neugierigen, halb müßigen Art eines Fremden aus der Provinz. Der Esel kaute an einem kleinen Bündel grünen Grases, ihn schien die Frau nicht zu kümmern, die auf seinem Rücken auf einem Sattelkissen saß. Sie trug ein Kleid aus dunklem Wollstoff, das sie vollständig einhüllte. Ein weißer Schleier kam darunter hervor, der Kopf und Hals bedeckte. Manchmal zog sie den Schleier beiseite, um dahin und dorthin einen Blick zu werfen, aber nur einen Spalt, so daß ihr Gesicht verhüllt blieb. Ein Mann war an die Gruppe herangetreten: »Bist du nicht Joseph von Nazareth?« fragte er. »Ich werde so genannt«, antwortete der Angeredete und wandte sich ernst herum. »Und du – o Friede sei mit dir, mein Freund, Rabbi Samuel!« »Auch mit dir, Joseph!« Der Rabbi schaute auf die Frau. »Friede mit dir, deinem Hause und allen den Deinen!« Bei diesem letzten Wort legte er eine Hand auf die Brust und neigte sein Haupt vor der Frau. Sie lüftete ihren Schleier ein wenig, und man konnte sehen, daß sie fast noch ein Mädchen war. Die beiden Bekannten gaben sich die rechte Hand und hoben sie, als ob sie sie an ihre Lippen führen wollten. Im letzten Augenblick lösten sie die Hände und küßten ihre eigene Hand. Dann legten sie die Hand an die Stirn. »Auf euern Kleidern ist so wenig Staub«, sagte der Rabbi 38
vertraulich, »daß ich annehme, ihr habt die Nacht in der Stadt unsrer Väter verbracht.« »Nein«, antwortete Joseph, »da wir am Abend nur bis Bethanien gekommen waren, blieben wir dort in der Karawanserei und sind heute morgen zeitig aufgebrochen.« »Die Reise, die vor euch liegt, ist lang; nicht nach Joppa, hoffe ich.« »Nur bis Bethlehem.« Die Haltung des Rabbi, die bis jetzt offen und freundlich gewesen war, verfinsterte sich plötzlich. »Jaja – ich verstehe«, sagte er. »Du bist in Bethlehem geboren und gehst nun mit deiner Tochter dahin, um dich nach kaiserlichem Befehl einschreiben zu lassen. Die Kinder Jakobs sind noch immer Sklaven, wie sie es in Ägypten waren, nur haben sie keinen Moses und keinen Josua mehr.« Joseph antwortete, ohne seine Haltung zu ändern: »Die Frau ist nicht meine Tochter.« Der Rabbi schien diese Mitteilung überhört zu haben: »Was treiben die Zeloten da unten in Galiläa?« »Ich bin Zimmermann, und Nazareth ist ein Dorf«, sagte Joseph abwehrend. »Die Straße, an der meine Werkstatt steht, führt nicht zu einer Stadt. Meine Arbeit läßt mir keine Zeit, am Streit der Parteien teilzunehmen.« »Aber du bist ein Jude«, sagte der Rabbi ernst. »Du bist ein Jude und aus dem Stamm Davids. Ich kann mir nicht denken, daß es dir Vergnügen macht, irgendeine Steuer zu zahlen, es sei denn den Schebel nach altem Brauch an Jehova.« Joseph schwieg. »Ich beklage mich nicht«, fuhr sein Freund fort, »über die Höhe der Steuer – ein Denar ist eine Kleinigkeit. O nein! Die Steuer ist eine Beleidigung. Und außerdem, was ist dieses Zahlen anders als die Unterwerfung unter die Tyrannei? Sag mir, ist es wahr, daß Judas behauptet, der Messias zu sein? Du lebst inmitten seiner Anhänger.« 39
»Ich habe gehört, daß ihn seine Anhänger für den Messias halten«, antwortete Joseph. In diesem Augenblick zog die Frau ihren Schleier beiseite und enthüllte ihr ganzes Gesicht. Der Rabbi schaute zu ihr hin und konnte die seltene Schönheit dieses Gesichts erkennen, in dem sich ein Zug von wachem Interesse zeigte. Dann stieg eine leichte Röte über Stirn und Wange, und der Schleier wurde wieder geschlossen. Der Politiker vergaß sein Thema: »Deine Tochter ist anmutig«, sagte er leise. »Sie ist nicht meine Tochter«, wiederholte Joseph. Die Neugier des Rabbi war geweckt. Als Joseph das sah, fuhr er rasch fort: »Sie ist das Kind von Joachim und Anna aus Bethlehem, von denen du gewiß gehört hast, denn sie standen in hohem Ruf.« »Ja«, bemerkte der Rabbi ehrerbietig. »Ich kenne sie. Es sind direkte Nachkommen Davids. Ich kenne sie gut.« »Sie sind gestorben, sie starben in Nazareth. Joachim war nicht reich, doch er hinterließ Haus und Garten, die unter seine Töchter Marian und Maria geteilt wurden. Um ihr den Anteil an dem Erbe zu sichern, verlangte das Gesetz, daß sie ihren nächsten Verwandten heiraten mußte. Sie ist jetzt meine Frau.« »Und du bist?« »Ihr Onkel.« »Ich verstehe! Und da ihr beide in Bethlehem geboren seid, verlangt der Römer, daß du sie mit dir nimmst, damit auch sie sich einschreiben läßt.« Der Rabbi faltete die Hände und blickte zum Himmel: »Der Gott Israels lebt noch! Die Rache ist sein!« Damit wandte er sich und ging rasch davon. Ein Fremder in der Nähe, der Josephs Erstaunen sah, sagte sanft: »Rabbi Samuel ist ein Eiferer. Judas ist kein schlimmerer.« Joseph, der mit dem Mann nicht reden wollte, tat, als hörte er nicht, und sammelte das Gras auf, das der Esel um sich gestreut hatte. Dann ergriff er seinen Stab, führte das Tier, auf dem 40
seine Frau saß, durchs Tor und schlug die Straße nach Bethlehem ein. Der Abstieg ins Tal von Hinnom war zerklüftet. Hier und da standen wilde Olivenbäume. Vorsichtig schritt der Nazarener an der Seite seiner Frau, und voller Sorgfalt leitete er den Esel am Zügel. Zu ihrer Linken blieb die Stadtmauer um den Berg Zion und zur Rechten der steile Abhang, der das Tal im Westen begrenzt. Langsam wanderten sie am Unteren Teich von Gihon vorbei, aus dem die Sonne die zögernden Schatten des Königsberges vertrieb. Langsam kamen sie vorwärts, hielten sich parallel zum Aquädukt des Salomon-Sees bis nahe an das Landhaus und begannen dann zur Ebene von Rephaim hochzusteigen. Die Sonne glühte herab auf die steinige Landschaft, und Maria, die Tochter Joachims, lüftete ihren Schleier ganz, so daß ihr Kopf unbedeckt war. Joseph erzählte gerade die Geschichte von den Philistern, als sie von David in ihrem Lager überrascht wurden. Er war etwas weitschweifig in seiner Erzählung und sprach mit der feierlichen und trockenen Art eines schwerfälligen Menschen. Sie hörte ihm nicht immer zu. Sie war nicht älter als fünfzehn Jahre. Ihre ganze Erscheinung, ihre Stimme, ihre Haltung zeigten, daß ihre Mädchenschaft nicht weit hinter ihr lag. Ihr Gesicht war vollkommen oval, seine Farbe eher blaß als hell. Ihre Nase war fehlerlos, ihre Lippen voll und reif. Sie gaben dem Mund Wärme, Empfindlichkeit und Zutrauen. Ihre Augen waren blau und groß und von hängenden Lidern und langen Wimpern beschattet, und die Flut goldenen Haares, wie sie den jüdischen Bräuten erlaubt ist, fiel los über ihren Rücken bis zu den Kissen, auf denen sie saß. Hals und Nacken waren von flaumiger Zartheit. Zu diesen körperlichen Reizen kamen noch andere, schwerer bestimmbare – ein Ausdruck von Reinheit, wie ihn nur die Seele hervorrufen kann und der kaum faßbar ist. Oft erhob sie mit zitternden Lippen die Augen zum Himmel, der selber nicht tiefer blau war; oft kreuzte sie die Hände 41
über der Brust wie in Anbetung oder Gebet; oft hob sie ihren Kopf, als lausche sie voll Spannung auf eine Stimme, die sie rief. Dann und wann, mitten in ihrem langsamen Marsch, wandte sich Joseph und schaute nach ihr, sah, wie ihr kindliches Gesicht aufblühte, vergaß seine Geschichte und wanderte weiter mit gesenktem Kopf. So zogen sie durch die weite Ebene und erreichten schließlich die Anhöhe Mär Elias, wo vor ihnen, jenseits des Tales, Bethlehem lag, das alte, alte »Haus des Brotes« mit seinen weißen Mauern, die einen Bergrücken krönten und über braunen stillen Gärten leuchteten. Hier ruhten sie sich aus, während Joseph die heiligen und berühmten Plätze betrachtete. Dann stiegen sie hinunter ins Tal zu der Quelle, wo der Schauplatz einer der größten Heldentaten von Davids starken Männern war. Der enge Raum war von Menschen und Tieren überfüllt. Joseph überkam eine Angst, ob nicht die Stadt schon zu voll war und es keinen Platz mehr für Maria gab. Ohne Zögern eilte er weiter, vorbei an dem Steinpfeiler, der Rachels Grab bezeichnete, den gartenartig bestellten Hügel hinan, grüßte keinen, den er auf dem Weg traf, bis er vor dem Tor der Karawanserei angekommen war, die an einer Straßenkreuzung außerhalb des Dorfes stand.
Die Höhle in Bethlehem Diese Karawansereien, nach einem persischen Wort »Khans« genannt, waren Einfriedigungen in der primitivsten Form ohne Gebäude oder Dach, oft ohne Tor. Der Platz dafür wurde nach drei Bedingungen gewählt: Schatten, Sicherheit und Wasser. Einen solchen Platz suchte Jakob auf, als er auszog, um eine Frau in Padan-Aram zu finden. Andre Karawansereien, besonders die an den Straßen zwischen den großen Städten wie 42
Jerusalem und Alexandrien, waren dagegen fürstliche Einrichtungen. Im allgemeinen aber waren sie nichts weiter als Häuser oder Besitzungen eines Scheiks, eine Art Hauptquartier für die Zusammenkünfte seines Stammes. Zur Beherbergung von Reisenden waren sie keineswegs gedacht; sie dienten als Märkte, Lager, wohl auch als Forts, als Treffpunkt für Kaufleute und Handwerker und schließlich auch als Schutz für verspätete Wanderer. In ihren Mauern spielten sich das ganze Jahr über die vielfältigen Geschäfte und Ereignisse einer Stadt ab. In diesen Khans gab es keinen Wirt, keinen Bediensteten, keinen Koch, nur am Eingang fand sich ein Türhüter. Aber jeder, der kam, konnte nach Belieben bleiben, ohne daß sich jemand um ihn kümmerte. Notwendigerweise mußten also alle ihr Essen mitbringen oder es bei den dortigen Händlern kaufen. Ebenso mußten sie für ihr Nachtlager und die Unterkunft ihrer Tiere sorgen. Wasser, Ruhe und Schutz war alles, was ihnen geboten wurde, und das alles ohne Bezahlung. Der Friede der Synagogen wurde manchmal durch Streitsüchtige gebrochen, der Friede in den Khans jedoch niemals. Die Karawanserei, vor der Joseph und seine Frau hielten, war nicht ganz so primitiv, aber auch keineswegs fürstlich. Sie besaß ein Gebäude, einen viereckigen, einstöckigen Block aus groben Steinen, nach außen ohne Fenster, mit einem flachen Dach, an der Ostseite lag der Eingang. Die Straße führte so dicht daran vorbei, daß die Schwelle von dem kreidigen Staub bedeckt war. Eine Ecke das Hofes war von einer niedrigen Mauer umschlossen, es war die Unterkunft für die Tiere. Ein Ort wie Bethlehem, der nur einen Scheik besitzt, besaß auch nur einen Khan. Und obwohl Joseph hier geboren war, hatte er doch infolge seiner langen Abwesenheit keine Bekannten mehr, deren Gastfreundschaft er hätte in Anspruch nehmen können. Außerdem hätte er sie nicht für Wochen oder Monate beanspruchen können, und so lange mochte die Einschreibung 43
bei der sprichwörtlichen Langsamkeit der römischen Behörden in den Provinzen wohl dauern. Er war also auf die Herberge angewiesen, deshalb war er erschrocken, als er die Menge von Männern, Knaben und Tieren sah, die Straße und Hof überfüllten. »Wir können nicht durch das Tor«, sagte er. »Laß uns hier warten und sehen, was vor sich geht.« Maria hob ihren Schleier und sah voller Neugierde dem Treiben zu, das ihr neu war. Als ein Mann sich aus der Menge herauswand und bei dem Esel stehenblieb, sprach ihn Joseph an: »Guter Freund, wenn du bist, was ich bin, ein Sohn Judas, sag mir doch, was diese Menge bedeutet?« Der Mann wandte sich wütend um, als er aber Josephs ernstes Gesicht sah, antwortete er ihm: »Friede sei mit dir, Rabbi! Ich bin ein Sohn Judas und wohne in BethDagon, dem Lande des Stammes Dan.« »Auf der Straße von Modin nach Joppa?« fragte Joseph. »Oh, du bist in Beth-Dagon gewesen? Was sind wir doch für Wanderer! Ich bin auf dem Weg zur Einschreibung.« »Auch ich und meine Frau.« Der Fremde schaute auf Maria und schwieg. Die Sonne verklärte ihr Gesicht, und ihre Schönheit schien ganz unirdisch. »Wovon sprach ich?« stotterte der Fremde, den dieser Anblick ganz verzaubert hatte. »Ach, ich erinnere mich. Ja, als der Befehl kam, habe ich an alles in der Heimat gedacht. Ich war viele Jahre fort, ich sah die Gärten und Felder, die seit den Zeiten von Boas und Ruth unverändert waren, sah die Berge Gedor hier, Gibeah drüben, Mär Elias dort, die in meiner Kinderzeit die Mauern der Welt für mich waren. Und war ich erst wütend über den Befehl, so verzieh ich jetzt dem Tyrannen und ging mit meiner Frau Rachel und meinen Kindern Deborah und Michal.« Der Fremde schaute nun wieder auf Maria, die ihn ansah und ihm zuhörte, dann sagte er: »Willst du nicht deine Frau zu der meinigen bringen, Rabbi? Sie ist dort unter dem Olivenbaum mit den Kindern. Ich sage dir, der Khan ist 44
voll. Es ist unnötig, am Tor zu fragen.« Joseph zögerte lange, ehe er antwortete: »Ich danke dir für dein Anerbieten. Wenn kein Raum für uns in der Herberge ist, wollen wir zu den Deinen gehen. Aber ich will den Torhüter selber fragen. Ich komme gleich zurück.« Er gab dem Fremden das Leitseil des Esels in die Hand und drängte sich durch die Menge. Der Torhüter saß auf einem großen Zedernblock außen vor dem Eingang. Ein Speer lehnte an der Mauer, ein Hund saß daneben. »Der Friede Jehovas sei mit dir!« sagte Joseph. »Was du gibst, sollst auch du finden, und wenn du es gefunden hast, soll es sich für dich und die Deinen vervielfältigen«, antwortete der Torhüter. »Ich bin aus Bethlehem. Gibt es keinen Platz mehr?« »Keinen!« »Du magst von mir gehört haben, ich bin Joseph von Nazareth. Dort ist das Haus meines Vaters. Ich bin aus dem Geschlecht Davids.« In diesem Wort lag Josephs Hoffnung; denn aus dem Geschlecht Davids zu stammen war die höchste Ehre für einen Sohn Judas. Und dieses Wort war auch nicht ohne Wirkung. Der Torhüter erhob sich, strich seinen Bart und sagte voller Achtung: »Rabbi, ich weiß nicht, wann sich dieses Tor zum erstenmal vor einem Wanderer geöffnet hat. Es muß mehr als tausend Jahre her sein. In all dieser Zeit wurde kein guter Mensch abgewiesen, es sei denn, es war kein Platz mehr für ihn. Wenn das einem Fremden geschah, wieviel schwerer muß es einem Torhüter fallen, einem Sohn Davids nein zu sagen! Ich grüße dich noch einmal, wenn du mit mir gehen willst, werde ich dir zeigen, daß nirgends mehr ein Platz ist oder eine Kammer, nirgends, nicht einmal auf dem Dach. Darf ich fragen, wann du gekommen bist?« »Eben jetzt.« Der Torhüter lächelte: »Den Fremden, der zu dir kommt, 45
sollst du wie einen eigenen Sohn aufnehmen, und du sollst ihn lieben wie dich selbst. Lautet nicht so das Gesetz, Rabbi?« Joseph schwieg. »Wenn so das Gesetz lautet, kann ich dann zu einem sagen, der schon lange hier ist: ›Geh deiner Wege, ein andrer ist hier, der deinen Platz braucht‹?« Joseph schwieg noch immer. »Und wenn ich so sagen würde, wem soll der Platz gehören? Sieh nur die vielen, die schon seit Mittag warten!« »Wer sind denn diese Leute?« fragte Joseph nun. »Und was tun sie hier zu dieser Zeit?« »Alle sind hier aus dem gleichen Grund, der dich hergeführt hat: der Befehl des Kaisers. Und gestern kam auch noch die Karawane aus Damaskus, die nach Arabien und Unterägypten zieht. Die hier gehören dazu, Menschen und Kamele.« Joseph erwiderte: »Der Hof ist groß!« »Ja, aber er ist voll von Frachten, Ballen von Seide, Kästen voller Gewürz und Waren aller Art.« Josephs Ausdruck veränderte sich. Er verlor seine Schwerfälligkeit, in seine matten Augen kam ein Glanz, und er sagte mit bewegter Stimme: »Ich sorge mich nicht um mich. Aber ich habe meine Frau bei mir, und die Nächte sind hier auf diesen Höhen kälter als in Nazareth. Sie darf nicht draußen bleiben. Gibt es keinen Raum in der Stadt?« »Alle diese Leute waren in der Stadt«, antwortete der Torhüter mit einer Bewegung seiner Hand, »und alle haben berichtet, daß jedes Haus besetzt ist.« »Sie ist so jung«, sprach Joseph für sich, »wenn sie auf dem Hügel schlafen soll, wird die Kälte sie töten.« Dann wandte er sich wieder an den andern. »Vielleicht kanntest du ihre Eltern Joachim und Anna, beide waren aus Bethlehem und wie ich vom Geschlecht Davids.« Dabei senkte der Torhüter die Augen nachdenklich, dann hob er seinen Kopf: 46
»Ich kann dir keinen Platz schaffen«, sagte er, »ich kann dich nicht abweisen. Rabbi, ich will tun, was ich für dich tun kann. Wieviel seid ihr?« Joseph überlegte: »Meine Frau und ein Freund mit seiner Familie aus Beth-Dagon, in allem sechs.« »Gut! du sollst nicht auf der bloßen Erde liegen. Bring deine Leute her, beeilt euch! Denn wenn die Sonne hinter dem Berg untergeht, wird es schnell Nacht, und es ist bald soweit.« »Ich segne dich im Namen aller unbehausten Wanderer!« Damit ging Joseph froh zu Maria und dem Mann aus BethDagon zurück. Der holte seine Familie; die ältere Frau auf einem Esel; die Töchter, Ebenbilder der Mutter in ihrer Jugend. Der Torhüter erkannte, daß sie zu der ärmeren Klasse gehörten. »Das ist meine Frau, von der ich sprach«, sagte Joseph zu dem Torhüter, »und das sind unsre Freunde.« Maria hatte den Schleier abgenommen. »Blaue Augen und goldnes Haar«, murmelte der Torhüter für sich und starrte sie an. »So sah der junge König aus, als er vor Saul sang.« Dann nahm er das Seil aus Josephs Hand und sagte zu Maria: »Friede sei mit dir, o Tochter Davids!« und zu den andern: »Friede euch allen!« Schließlich sagte er zu Joseph: »Folge mir, Rabbi!« Er führte die Gesellschaft durch den menschenerfüllten Eingang in den Hof und geleitete sie durch die Gruppen und Ballen, an den Kamelen, Pferden und Eseln vorbei auf einen Weg, der zu einem grauen Kalkfelsen führte, der den Khan im Westen überragte. »Wir gehen zu der Höhle«, sagte Joseph trocken. Der Führer wartete, bis Maria an seiner Seite war: »Die Höhle, zu der wir gehen, beherbergte einst euern Vorfahr David. Von dem Feld unter uns und von der Quelle pflegte er seine Herden ins Tal zu treiben. Später, als er König war, kam er hierher zurück, um auszuruhen, und brachte viele Tiere mit. Die Futterkrippen sind noch jetzt da. Besser ein Ruhelager auf 47
dem Boden, wo er einst schlief, als eins im Hof oder auf der Straße. Hier ist die Hütte vor der Höhle!« Für die Juden aus Bethlehem war eine Höhle nichts Fremdes oder Ungenügendes. Auch störte es sie nicht, daß es ein Stall gewesen war oder noch war. Sie stammten aus einem Volk von Hirten, die mit ihren Herden wanderten. Und so waren sie ihrem Führer dankbar und bewegt von dem, was er von David erzählt hatte. Die Hütte war niedrig und eng, sie lehnte sich rückwärts an den Felsen und hatte keine Fenster. Vorn war eine Tür, die in riesigen Angeln hing und dick mit ockerfarbenem Staub bedeckt war. Als der hölzerne Riegel zurückgeschoben war, wurde die Frau von ihren Kissen gehoben. Und als er die Tür öffnete, rief der Torhüter: »Tretet ein!« Die Gäste traten ein und sahen um sich. Nun sah man, daß die Hütte gerade nur die Öffnung der natürlichen Höhle oder Grotte verdeckte. Sie war etwa vierzig Fuß lang, neun oder zehn hoch und zwölf oder fünfzehn tief. Das Licht kam durch die Tür und fiel auf Haufen von Getreideähren und Viehfutter, auf Töpfe und andre Haushaltungsgegenstände. An den Seiten zogen sich steinerne Krippen hin, die niedrig genug für die Schafe waren. Abgeteilte Stände wie in Ställen gab es nicht. Alles war von Staub bedeckt, und Spinnweben hingen überall, aber der Raum war sauber und ebenso bewohnbar wie irgendein andrer Raum in der Herberge. »Kommt herein!« sagte der Führer. »Dieses Stroh und das Futter ist von Wanderern, wie ihr es seid, zurückgelassen worden. Nehmt davon, was ihr braucht.« Und zu Maria gewandt, fragte er: »Kannst du hier ruhen?« »Der Ort ist heilig«, antwortete sie. »So verlasse ich euch denn. Friede sei mit euch!« Als er gegangen war, machten sie sich daran, die Höhle wohnlich zu machen. 48
Das Licht am Himmel Zu einer bestimmten Stunde am Abend schwiegen Lärm und Gewoge in der Herberge. Jeder Jude erhob sich, wandte sein Gesicht nach Jerusalem, kreuzte die Hände über der Brust und betete, denn es war die heilige neunte Stunde, in der im Tempel auf Moriah geopfert wurde und Gott gegenwärtig war. Danach begann die Unruhe von neuem, jeder nahm seine Mahlzeit ein und bereitete sein Lager. Dann aber wurden die Lichter ausgelöscht, und es wurde still. Alles schlief. Um Mitternacht rief einer auf dem Dach: »Was ist das für ein Licht am Himmel? Wacht auf, Brüder, wacht auf und seht!« Halb noch im Schlaf richteten sie sich auf und schauten empor, dann wurden sie ganz wach, als hätte sie ein Wunder berührt. Durch jeden Raum, durch den ganzen Hof ging diese Bewegung, und schließlich starrten alle zum Himmel empor. Und das war es, was sie sahen: Ein Lichtstrahl kam aus unmeßbarer Höhe, dicht bei den nächsten Sternen, und fiel schräg auf die Erde nieder. Der Strahl verbreiterte sich nach unten immer mehr, sein Kern leuchtete und sprühte in goldenem Glanz durch die Dunkelheit. Er schien auf dem benachbarten Berg südöstlich der Stadt zu ruhen und ließ die Konturen aufleuchten. Die ganze Herberge war in Licht getaucht, es war so hell, daß die auf dem Dach jedes Gesicht unter ihnen erkennen konnten. Jedes schien vom Wunder berührt. Minutenlang verweilte der Strahl und erfüllte alle mit Angst und Entsetzen. »Saht ihr je etwas Ähnliches?« flüsterte einer. »Es scheint gerade über diesem Berg zu sein. Ich kann nicht sagen, was es ist, ich habe nie so etwas gesehen«, antwortete der andre. »Kann ein Stern zerspringen und herunterstürzen?« fragte einer stammelnd. »Wenn ein Stern fällt, verlischt sein Licht.« »Ich hab’s«, rief einer. »Die Schäfer haben einen Löwen gesehen und Feuer angezündet, um ihn von ihren Herden zu 49
vertreiben.« Der Mann neben ihm atmete tief und sagte: »Ja, das ist es. Die Herden grasten heute im Tal.« »Nein, nein! Wenn man alles Holz aus allen Tälern Judas zusammensuchte und entzündete, würde die Flamme niemals ein solches hohes und strahlendes Licht geben!« Wieder war Stille. Aber dann sagte ein Jude von würdigem Aussehen: »Brüder! Was wir sehen, ist die Leiter, die unser Vater Jakob im Traum sah. Gepriesen sei der Herr, der Gott unsrer Väter!«
Christus ist geboren Anderthalb oder auch zwei Meilen südöstlich von Bethlehem liegt eine Ebene, von der Stadt durch einen Gebirgszug getrennt, der sie gegen den Nordwind schützt. Hier wachsen Sykomoren, Zwergeichen und Fichten, in den Schluchten und Hohlwegen bilden Oliven- und Maulbeerbäume ein Dickicht. Auf dieser Ebene wurden in der ganzen Jahreszeit die Herden geweidet, Schafe, Ziegen und andres Vieh. An der von der Stadt am weitesten entfernten Stelle, dicht unter einem Felsen, war eine uralte geräumige Schafhürde, eine Mârâh. Seit undenklichen Zeiten war die Hütte ohne Dach und ziemlich verfallen. Die Einfriedung dagegen war unzerstört. Das war für die Hirten, die ihre Herden dorthin trieben, wichtiger als die Hütte. Die steinerne Mauer um das Land war mannshoch, aber doch nicht hoch genug, daß nicht manchmal Panther oder Löwen, die in der Wüste hungerten, hereinspringen konnten. Die innere Seite der Mauer war deshalb mit einer dornigen Hecke bepflanzt worden, die einen doppelten Schutz gegen solche Gefahren bildete, so daß kaum noch ein Sperling durch die überragenden Zweige schlüpfen konnte, so dicht 50
waren sie mit Dornen besetzt, scharf wie Eisenspitzen. Auch an diesem Tag waren Hirten dorthin gekommen, die frische Weideplätze für ihre Herden suchten, und vom frühen Morgen an hörte man Rufe und Axtschläge, das Blöken der Schafe und Ziegen, das Läuten der Glöckchen und Hundegebell. Als die Sonne unterging, wurden die Tiere in die Mârâh getrieben, dann wurde am Tor ein Feuer angezündet, die Hirten nahmen ihr bescheidenes Mahl ein, unterhielten sich und ließen einen Wache halten. Außer dem Wächter waren es sechs, und sie lagen oder saßen beim Feuer. Da sie gewöhnlich barhäuptig waren, stand ihr Haar in dicken Büscheln um ihren Kopf, und der Bart fiel ihnen bis auf die Brust nieder. Sie trugen Mäntel aus Kalbs- oder Lammleder mit dem Fell nach außen, die ihnen bis zu den Füßen reichten, die Arme bloß ließen und von breiten Gürteln gehalten wurden. Ihre Sandalen waren grob gearbeitet. Von der rechten Schulter hingen Taschen für ihre Nahrung und für die Steine zu ihren Schleudern, die ihnen als Waffe dienten. Neben ihnen lagen Krummstäbe, die Zeichen ihres Berufs, und zugleich noch eine Waffe. Diese Hirten von Judäa sahen rauh und wild aus wie die Hunde, die sie bei sich hatten, aber sie waren einfachen Sinns und gutherzig. Ihr Leben kreiste um ihre Herde, sie mußten wachsam sein und immer bereit, einem Tier zu helfen. Von den großen Dingen der Welt hörten sie wohl, aber es berührte sie kaum. Daß die Römer im Land waren, sahen sie, wenn ein Trupp Soldaten oder auch einmal eine Legion an ihnen vorübermarschierte, und eine Weile dachten sie wohl nach über die goldnen Adler, die diese trugen, und über das fremdartige Leben, das die gepanzerten Truppen führten. Doch sie besaßen auch ein bestimmtes Wissen und Klugheit. An den Samstagen läuterten sie sich und gingen in die Synagogen und saßen in den hintersten Bänken, weit von der Bundeslade weg. Wenn die Thora herumgetragen wurde, küßte sie keiner mit größerer Inbrunst wie sie, und keiner lauschte dem Vorleser aufmerk51
samer. In einem Vers der Shema fanden sie ihr ganzes Wissen und das Gesetz ihres einfachen Lebens – ihr Gott war der Eine Gott, und sie mußten ihn lieben mit ihrer ganzen Seele. Und sie liebten ihn wahrhaft, und das war ihre Weisheit, die denen der Könige überlegen war. Während sie miteinander sprachen, war einer um den andern eingeschlafen dort, wo er gerade lag. Die Nacht war, wie die meisten Winternächte, klar, frisch und voller Sterne. Kein Lüftchen regte sich, und es war, als ob es nie so still gewesen wäre. Am Tor schritt der Wächter auf und ab, dicht in seinen Mantel gehüllt. Manchmal blieb er stehen und lauschte einer Bewegung der schlafenden Herde oder dem Schrei eines Schakals auf der Bergseite. Die Zeit bis Mitternacht verging ihm zu langsam. Endlich war die Ablösung nahe, und er freute sich auf den Schlaf. Er ging zum Feuer, blieb aber wieder stehen. Um ihn war ein sanfter und weicher Schein, als wäre der Mond hinter Wolken hervorgekommen. Er wartete atemlos. Das Licht wurde stärker. Was er vorher nicht hatte sehen können, lag plötzlich deutlich vor ihm. Er sah die ganze Hürde taghell erleuchtet. Ein Schauer ging durch ihn. Er schaute auf. Die Sterne waren verschwunden, das Licht schien aus einem Fenster des Himmels zu kommen. Als er dorthin schaute, wuchs der Glanz. Plötzlich packte ihn der Schrecken, und er schrie: »Wacht auf, wacht auf!« Die Hunde sprangen bellend auf und liefen davon. Die Herde drückte sich erschreckt aneinander. Die Männer sprangen auf die Füße und griffen zu ihren Waffen. »Was ist?« fragten sie aus einem Munde. »Seht! Der Himmel steht im Feuer!« Plötzlich war das Licht unerträglich hell. Sie bedeckten ihre Augen und fielen auf die Knie, und da ihre Seelen von Schreck ergriffen waren, warfen sie sich auf die Erde, blind und ohn52
mächtig, und wären gestorben, hätte nicht eine Stimme gesprochen: »Fürchtet euch nicht!« Sie lauschten. »Fürchtet euch nicht! Denn siehe, ich verkündige euch große Freude, die allem Volk widerfahren wird!« In der Stimme war mehr Wohllaut als in einer Menschenstimme. Sie war tief und klar, sie durchdrang ihr ganzes Wesen und erfüllte die Hirten mit Zuversicht. Sie hoben sich auf ihre Knie und blickten ehrfurchtsvoll umher. Und da sahen sie in einem Glorienschein die Gestalt eines Menschen, angetan mit einem strahlendweißen Gewand. Über seinen Schultern erschienen die Spitzen heller gefalteter Flügel, auf seiner Stirn glänzte ein Stern, leuchtend wie Hesperus, seine Hände waren segnend zu ihnen ausgestreckt, sein Gesicht war heiter und von himmlischer Schönheit. Sie hatten oft von Engeln gehört und in ihrer einfältigen Weise darüber gesprochen. Und nun zweifelten sie nicht, sondern sagten in ihrem Herzen: Die Herrlichkeit Gottes ist über uns. Und das ist der, der einst zu den Propheten über den Fluß Ulai gekommen war. Und der Engel fuhr fort: »Denn euch ist heute der Heiland geboren in der Stadt Davids, der da Christus ist, der Herr!« Dann war er wieder still, und seine Worte sanken in ihre Herzen. »Und das ist das Zeichen für euch! Ihr werdet finden das Kindlein, in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen!« Der Bote sprach nicht mehr, er hatte seine frohe Botschaft verkündet. Doch er blieb noch. Plötzlich begann das Licht, dessen Mitte er war, zu glänzen und zu beben, und so weit man sehen konnte, war ein Aufblitzen weißer Flügel, und mit einemmal waren da Heerscharen von Engeln, und Stimmen, die sangen: »Ehre sei Gott in der Höhe und Friede auf Erden und den 53
Menschen ein Wohlgefallen!« Nicht einmal, viele Male wiederholten sie ihren Lobgesang. Dann hob der Bote seine Augen, als suche er die Billigung eines, der da oben war. Er breitete seine Schwingen majestätisch, oben waren sie weiß wie Schnee, im Schatten vielfarbig wie Perlmutter. Als er sie ganz entfaltet hatte, erhob er sich leicht, flog ohne Mühe empor und nahm das Licht mit sich hinauf. Lange nachdem er gegangen war, erklang es vom Himmel nieder: »Ehre sei Gott in der Höhe, Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen!« Nachdem sich die Hirten wiedergefunden hatten schauten sie sich sprachlos an, bis endlich einer sagte: »Es war Gabriel, Gottes Bote an die Menschen.« Keiner antwortete. »Christus, der Herr, ist geboren! Sagte er nicht so?« Nachdem ein anderer seine Stimme wiedergefunden hatte, antwortete er: »Das hat er gesagt.« »Und sagte er nicht auch: die Stadt Davids? Das ist unser Bethlehem drüben. Und daß wir Ihn als Kind in Windeln finden würden?« »Und in einer Krippe liegen!« Der erste Sprecher blickte nachdenklich in das Feuer, dann sagte er in einem plötzlichen Entschluß: »Es gibt nur einen Ort in Bethlehem, wo man Krippen findet, das ist in der Höhle bei dem alten Khan. Brüder, laßt uns gehen und sehen, was sich ereignet hat. Die Priester und Gelehrten haben schon lange auf den Christus gewartet. Nun ist Er geboren, und Gott hat uns ein Zeichen gegeben, an dem wir Ihn erkennen. Lasset uns gehen und Ihn anbeten!« »Aber die Herden!« »Gott wird auf sie achtgeben. Laßt uns eilen!« Dann machten sie sich auf und verließen die Hürde. Sie gingen um den Berg und durch die Stadt und kamen zum 54
Tor der Herberge, wo ein Wächter stand. »Was wollt ihr?« fragte er. »Wir haben heute nacht große Dinge gesehen und gehört«, antworteten sie. »Auch wir haben große Dinge gesehen, aber nichts gehört. Was hörtet ihr?« »Laßt uns zu der Höhle in der Einfriedung gehen, auf daß wir sicher sind. Dann werden wir dir alles sagen. Komm mit uns und sieh selber!« »Das ist ein vergeblicher Gang.« »Nein, Christus ist geboren.« »Christus? Woher wißt ihr das?« »Laßt uns gehen und zuerst sehen!« Der Mann lachte spöttisch: »Wirklich der Christus? Woher wollt ihr das wissen?« »Er ist heute nacht geboren und liegt nun in einer Krippe, so wurde es uns gesagt. Und es gibt in Bethlehem nur einen Ort mit Krippen.« »Die Höhle?« »Ja! Komm mit uns!« Sie gingen durch den Hof der Herberge, ohne beachtet zu werden, obwohl einige Leute noch wach waren und über das wunderbare Licht sprachen. Die Tür zur Höhle war offen. Eine Laterne brannte darin, und sie traten ohne weiteres ein. »Friede sei mit euch«, sagte der Wächter zu Joseph und dem Mann aus Beth-Dagon. »Hier sind Leute, die ein neugeborenes Kind sehen wollen, das in Windeln gewickelt und in einer Krippe liegen soll.« Das Gesicht des schwerfälligen Nazareners war für einen Augenblick tief bewegt, dann wandte er sich um und sagte: »Das Kind ist hier!« Sie wurden zu einer der Krippen geführt, und da lag das Kind. Die Laterne wurde gebracht, und die Hirten standen stumm. Das Kleine gab kein Zeichen, es war wie andre Neuge55
borene. »Wo ist die Mutter?« fragte der Wächter. Eine der Frauen nahm das Kind, ging zu Maria und legte es ihr in die Arme. Alle traten zu ihr. »Es ist der Christus!« sagte endlich ein Schäfer. »Der Christus!« wiederholten alle und fielen anbetend auf die Knie. Einer wiederholte immer wieder: »Es ist der Herr, und Seine Herrlichkeit ist über Erde und Himmel.« Und der einfache Mann, der nicht mehr zweifelte, küßte den Saum von Marias Kleid und ging, strahlend vor Freude. In der Herberge erzählten sie allen, die sich um sie sammelten, ihre Geschichte. Und als sie durch die Stadt gingen und zurück zu ihrer Hürde, sangen sie gemeinsam den Gesang der Engel: »Ehre sei Gott in der Höhe, Friede auf Erden und den Menschen ein Wohlgefallen!« Die Erzählung verbreitete sich, und das Licht, das so viele gesehen hatten, schien sie zu bestätigen. Am nächsten und dem folgenden Tag wurde die Höhle von einer Menge Neugieriger aufgesucht; einige von ihnen glaubten, aber die meisten lachten und spotteten.
Die Weisen in Jerusalem Am elften Tage nach der Geburt des Kindes näherten sich die drei, Balthasar, Kaspar und Melchior, die sich in der Wüste zusammengefunden hatten, Jerusalem auf der Straße von Sichern. Als sie die Brücke über den Kidron hinter sich gelassen, begegneten sie vielen Leuten, die stehenblieben und ihnen neugierig nachschauten. Judäa war zu dem internationalen Verbindungsweg zwischen der Wüste im Osten und dem Meer im Westen geworden, und auch die Handelsstraße von Osten nach dem Süden führte 56
durch die Provinz. Von dorther stammte ihr Wohlstand. Mit anderen Worten: Jerusalem schöpfte seinen Reichtum aus den Zöllen, die es von dem Durchgangshandel erhob. Notwendigerweise kamen hier, ähnlich wie in Rom, die mannigfaltigsten Leute aus den verschiedensten Völkern zusammen. Ein Fremder war hier kein Fremder für die Einwohner. Dennoch erweckten die drei Männer die Verwunderung aller, als sie sich der Stadt näherten. Den Gräbern der Könige gegenüber saßen an der Straße ein paar Frauen. Ein Kind, das die Reiter sah, schlug die Hände zusammen und rief: »Seht, seht! Was für schöne Glöckchen! Was für große Kamele!« Aber weder die silbernen Glöckchen noch die weißen herrlichen Kamele noch die Fremdartigkeit und die Kostbarkeit in der Erscheinung der Männer erregte die Leute. Es war die Frage, die der Mann an der Spitze stellte: »Gute Leute«, fragte Balthasar, indem er sich von seinem Sitz niederbeugte, »sind wir nicht bald in Jerusalem?« »Ja«, antwortete die Frau, in deren Arme sich das Kind verkrochen hatte. »Wenn die Bäume auf der Höhe etwas niedriger wären, könntet ihr die Türme auf dem Marktplatz sehen.« »Und wo ist der neugeborene König der Juden?« Die Frauen schauten sich verwundert an und antworteten nicht. »Habt ihr nicht von Ihm gehört?« »Nein!« »Nun wohl, so sagt allen, daß wir Seinen Stern im Osten gesehen haben und gekommen sind, Ihn anzubeten.« Dann ritten die Freunde weiter. Sie stellten ihre Frage noch vielen andern, immer mit dem gleichen Ergebnis. Eine große Gesellschaft, die zu der Grotte des Jeremias ging, war so erstaunt über die Frage und die Erscheinung der Reisenden, daß sie ihnen in die Stadt folgte. Die drei waren von ihrer Mission so tief erfüllt, daß sie kein Auge hatten für die Pracht, die sich vor ihnen auftat, weder für 57
die drei großen weißen Bauwerke auf Phasaelus, Mariamne und Hippicus, weder für Zion, das mächtigste auf dem Hügel, noch für die schimmernden Terrassen des Tempels auf Moriah, der als eins der Wunderwerke auf Erden galt. Sie erreichten schließlich den großen Turm am DamaskusTor, wo die drei Straßen von Sichern, Jericho und Gibeon zusammenliefen. Dort stand eine römische Wache. Die Menge, die schon den Kamelreitern folgte, lockte noch mehr Neugierige an, und als die Reiter anhielten und Balthasar mit dem Wachtposten redete, bildete sich ein großer Kreis um sie. »Friede sei mit dir!« grüßte der Ägypter. Der Posten antwortete nicht. »Wir kommen aus weiter Ferne und suchen den neugeborenen König der Juden. Kannst du uns sagen, wo Er zu finden ist?« Der Soldat öffnete das Visier seines Helms und rief etwas mit lauter Stimme, worauf ein Offizier aus dem Gebäude erschien: »Platz da!« Als ihm die Menge nicht gehorchen wollte, wirbelte er seinen Speer nach allen Seiten und schaffte sich damit Raum. »Was wollt ihr?« fragte er Balthasar. »Wo ist der neugeborene König der Juden?« »Herodes?« fragte der Offizier erstaunt. »Herodes erhielt sein Königreich vom Kaiser. Herodes suchen wir nicht.« »Es gibt keinen anderen König der Juden.« »Aber wir haben Seinen Stern gesehen und sind gekommen, Ihn anzubeten.« Der Römer war bestürzt. »Geht weiter!« sagte er schließlich. »Geht weiter! Ich bin kein Jude. Fragt die Lehrer im Tempel oder Annas, den Hohenpriester, oder besser noch Herodes selbst. Wenn es noch einen König der Juden gibt, so wird er ihn zu finden wissen.« Dann machte er den Fremden Platz, und sie ritten durch das 58
Tor. Ehe sie in die enge Straße einbogen, sagte Balthasar zu seinen Freunden: »Nun sind wir genugsam angekündigt. Bis Mitternacht wird die ganze Stadt von uns und unsrer Mission gehört haben. Laßt uns zur Herberge gehen!«
Die Zeugnisse vor Herodes An diesem Abend waren vor Sonnenuntergang ein paar Frauen beim Wäschewaschen auf den Stufen der Treppe, die zum Teich Siloah hinunterführte. Sie knieten vor ihren breiten irdenen Schüsseln, und ein Mädchen sprang singend die Stufen hinunter und herauf und brachte ihnen Wasser. Während sie bei ihrer Arbeit waren, kamen zwei andere Frauen herzu mit leeren Krügen auf ihren Schultern. »Friede sei mit euch!« begrüßte eine von ihnen die Wäscherinnen. Die sahen auf, schüttelten sich das Wasser von den Händen und erwiderten den Gruß. »Es ist bald Nacht, Zeit aufzuhören.« »Die Arbeit hört nie auf.« »Aber man muß auch ruhen und…« »… hören, was in der Welt vorgeht.« »Was gibt es Neues?« »Ihr habt also nichts gehört?« »Nein.« »Man sagt, der Christus ist geboren«, sagte die Neuigkeitskrämerin. Auf den Gesichtern der Wäscherinnen erschien sogleich ein Ausdruck von Neugier; die andern stellten ihre Krüge ab und setzten sich darauf. »Der Christus?« rief eine der Frauen. »So sagen sie.« »Wer?« 59
»Jeder, alle sprechen davon.« »Glaubt es jemand?« »An diesem Nachmittag kamen drei Männer über die KidronBrücke auf riesigen Kamelen, wie man sie in Jerusalem noch nie gesehen hat.« Die Zuhörer sperrten Mund und Augen auf. »Wie groß und reich die Männer sein mochten, sah man an ihren seidenen Zelten, den goldenen Sattelschnallen und den silbernen Glöckchen. Niemand kannte sie. Sie sahen aus, als ob sie vom andern Ende der Welt kämen. Nur einer von ihnen sprach und fragte alle auf der Straße, sogar Frauen und Kinder: ›Wo ist der neugeborene König der Juden?‹ Niemand konnte ihnen die Frage beantworten, niemand begriff, was sie meinten. Sie sagten noch: ›Wir haben Seinen Stern im Osten gesehen und sind gekommen, Ihn anzubeten.‹ Auch den römischen Wächter am Tor fragten sie, aber er war nicht klüger als die einfachen Leute und schickte sie zu Herodes.« »Wo sind sie jetzt?« »In der Herberge. Hunderte sind schon dort gewesen, um sie zu sehen, und Hunderte gehen noch jetzt hin.« »Wer sind sie?« »Niemand weiß es. Es heißt, sie seien Perser, weise Männer, die mit den Sternen reden, vielleicht Propheten wie Elia und Jeremia.« »Was meinen sie mit dem König der Juden?« »Den Christus, der eben geboren worden ist.« Eine der Wäscherinnen lachte und nahm ihre Arbeit wieder auf: »Schön, wenn ich Ihn sehe, will ich an Ihn glauben.« Eine dritte sagte ruhig: »Man hat Ihn schon lange erwartet. Mir würde es genügen, wenn ich sehe, daß Er einen Aussätzigen heilt.« Und alle redeten weiter, bis es Nacht war und die Kälte sie zwang, nach Hause zu gehen.
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Später am Abend, um die Zeit der ersten Nachtwache, versammelten sich etwa fünfzig Personen im Palast auf dem Berg Zion, die nur zusammenkamen, wenn Herodes es befahl und er von den tieferen Geheimnissen des jüdischen Gesetzes und der Geschichte das eine oder andre hören wollte. Es war eine Versammlung der Lehrer, der Hohenpriester und der bekanntesten Schriftgelehrten, der führenden Köpfe und Häupter der verschiedenen Sekten, sadduzäische Fürsten, die als Debattierer berühmten Pharisäer und die stoischen Philosophen der Essäer. Es war eine Sitzung des Sanhedriums. Der Raum, in dem die Versammlung stattfand, gehörte zu einem der Innenhöfe des Palastes. Er war sehr groß und im Stil ganz römisch. Der Fußboden war mit Marmorplatten ausgelegt und die fensterlosen, in Felder geteilten Wände safrangelb bemalt. In der Mitte des Raumes stand ein riesiger Diwan in der Form eines U, dessen Öffnung der Tür zugekehrt war; hellgelbe Kissen bedeckten ihn, in seiner Biegung stand ein mächtiger Dreifuß aus Bronze, mit Gold und Silber eingelegt, darüber hing an der Decke ein Leuchter mit sieben Armen, jeder Arm trug eine Lampe. Diwan und Lampen waren rein jüdisch im Stil. Die Gesellschaft saß auf dem Diwan. Ihre Kleidung unterschied sich nur in der Farbe. Die meisten Männer waren schon älter und trugen lange Bärte. Mit ihren großen Nasen, dunklen Augen, die von dichten Brauen beschattet waren, wirkten alle ernst, würdig und patriarchalisch. Vor dem Dreifuß in der Mitte des Diwans saß der Vorsitzende des Rates, die übrigen Mitglieder hatten rechts und links Platz genommen. Sein weißes Gewand schien nur ein Gerippe zu bekleiden, so eingesunken und eingeschrumpft war seine Gestalt. Seine halb von den weiß und rot gestreiften seidenen Ärmeln bedeckten Hände lagen gefaltet auf seinen Knien. Wenn er sprach, zitterte der Zeigefinger der rechten Hand. Zu einer anderen Bewegung schien er unfähig. Aber sein Kopf war imponierend, Haar und Bart silberweiß, und trotz der glanzlosen Augen und der 61
eingefallenen Wangen erweckte dieser Greis Ehrfurcht. Es war Hillel, der Babylonier. Mit seinen 106 Jahren saß er noch immer dem Hohen Rate vor, einer der Propheten von göttlicher Inspiration. Auf dem Tisch vor ihm lag eine mit hebräischen Schriftzeichen bedeckte Pergamentrolle, hinter ihm stand wartend ein reichgekleideter Page. Ihn rief am Ende der langen Diskussion, und nachdem sich alle geeinigt hatten, der Greis: »Geh und melde dem König, daß wir bereit sind, ihm Antwort zu erteilen.« Der Knabe eilte davon. Nach einiger Zeit traten zwei Offiziere ein und stellten sich rechts und links von der Tür auf. Ihnen folgte langsam eine höchst auffallende Erscheinung: ein alter Mann in einem Purpurgewand, das mit Scharlach besetzt war. Sein Gürtel war aus goldenen Gliedern und so biegsam wie Leder. Die Schließen seiner Schuhe waren mit kostbaren Steinen besetzt. Eine kleine filigrangehämmerte Krone umwand seinen Tarbusch aus weichem karmesinrotem Plüsch und fiel ihm bis auf Nacken und Schultern. Statt eines Siegels hing ein Dolch an seinem Gürtel. Er stützte sich schwer auf einen Stab und blieb oft stehen. Erst als er die Öffnung des Diwans erreicht hatte, hob er die Augen vom Boden, dann schaute er rundum, als bemerke er erst jetzt die Versammlung und wache auf. Sein Blick war so finster und durchbohrend, als suche er einen Feind. Es war Herodes der Große – ein von Krankheiten gebrochener Leib, ein von Verbrechen belastetes Gewissen, ein hervorragender Verstand, eine Seele, die würdig der Verbrüderung mit den Cäsaren war. Er war 67 Jahre alt und behütete seinen Thron mit so wacher Eifersucht, so despotischer Macht und Grausamkeit, wie sie unerbittlicher nicht denkbar waren. Bei seinem Eintritt ging eine allgemeine Bewegung durch die Versammlung. Die älteren Männer verneigten sich grüßend, andre erhoben sich, beugten das Knie und legten die Hand auf den Bart oder die Brust. 62
Nachdem er sie alle betrachtet hatte, ging Herodes zu dem Dreisitz vor dem Platz Hillels, der den kalten Blick mit einer Neigung des Kopfes erwiderte. »Die Antwort!« herrschte der König den Greis an. Er stieß seinen Stock vor ihm nieder und umfaßte ihn mit beiden Händen: »Die Antwort!« Hillel schaute dem König offen ins Auge und antwortete, während seine Genossen ihm mit höchster Aufmerksamkeit zuhörten. »Der Friede Gottes, Abrahams, Israels und Jakobs sei mit dir, o König!« Er sprach diese Worte wie ein Gebet. Dann fuhr er in anderem Ton fort: »Du hast uns gefragt, wo der Christus geboren werden sollte.« Der König nickte, aber seine bösen Blicke blieben auf den Weisen gerichtet. »Das ist die Frage!« »Dann, o König, sage ich dir und zugleich im Namen aller meiner Brüder hier, die mit mir übereinstimmen: in Bethlehem in Judäa.« Hillel blickte in das Pergament auf dem Dreifuß, zeigte mit zitterndem Finger auf eine Stelle und las: »Und du, Bethlehem im Lande Judäa, du bist nicht die geringste unter den Fürsten Judas, denn aus dir soll mir der kommen, der in Israel Herr sei!« Aus den Zügen des Herodes las man die Sorge. Er schaute nachdenklich auf das Pergament. Keiner wagte zu atmen, niemand sprach, auch der König nicht. Endlich wandte er sich um und verließ den Saal. »Wir sind entlassen, Brüder«, sagte Hillel. Die Versammelten erhoben sich, einige gingen davon. »Simeon«, rief Hillel. Ein Mann von etwa fünfzig Jahren antwortete und trat zu ihm. »Nimm das heilige Pergament, mein Sohn, rolle es vorsichtig 63
zusammen!« Der Befehl wurde vollzogen. »Nun gib mir den Arm, ich will zur Sänfte.« Es geschah, und so verließ der berühmte Lehrer mit seinem Sohn Simeon, seinem Nachfolger in der Weisheit, Gelehrsamkeit und im Amt, den Saal. Später am Abend lagen die drei Weisen, Balthasar, Kaspar und Melchior, in der Herberge noch wach. Die Steine, die ihnen als Kissen dienten, stützten ihren Kopf, so daß sie durch das offene Dach in die Tiefe des Himmels sehen konnten. Sie schauten zu den blinkenden Sternen empor und dachten über die nächste Offenbarung nach. Wie würde sie kommen, was würde sie sein? Nun waren sie in Jerusalem, sie hatten am Tor nach Ihm gefragt, an den sie immer dachten. Sie hatten Zeugnis von Seiner Geburt abgelegt. Nun blieb ihnen nur noch, Ihn zu finden. Aber sie verließen sich auf den Geist, der sie geführt hatte. Menschen, die auf Gottes Stimme lauschen und auf ein Zeichen vom Himmel warten, können nicht schlafen. Während sie so lagen, trat ein Mann herein: »Wacht auf! Ich bringe euch eine Nachricht, die keinen Aufschub duldet.« Die Männer setzten sich auf: »Von wem?« fragte der Ägypter. »Von König Herodes.« Jeden durchschauerte es. »Bist du nicht der Torhüter der Herberge?« fragte Balthasar dann. »Der bin ich.« »Was will der König von uns?« »Draußen ist sein Bote, er wird es euch sagen.« »Sage ihm, er möge warten. Wir kommen.« »Du hattest recht, mein Bruder!« sagte der Grieche, als der Wärter gegangen war. »Die Frage, die wir dem Volk auf der Straße am Tor gestellt haben, hat uns rasch bekannt gemacht. 64
Ich bin ungeduldig, laß uns rasch gehen.« Sie erhoben sich, legten ihre Sandalen an, gürteten ihre Mäntel fest und gingen hinaus. Draußen stand der Bote: »Ich grüße euch in Frieden und bitte euch um Verzeihung. Aber mein Herr, der König, hat mich gesandt, euch in den Palast zu laden, wo er mit euch allein sprechen möchte.« In dem Licht einer Lampe, die im Eingang hing, schauten sie sich an und wußten, daß der Geist über ihnen war. Dann trat der Ägypter zu dem Wärter und flüsterte ihm zu, so daß die andern es nicht hörten: »Du weißt, wo unsere Güter im Hof untergebracht sind und wo unsere Kamele liegen. Bereite, während wir fort sind, alles vor für unsere Abreise, wenn sie nötig sein sollte.« »Geht ruhig, vertraut mir!« antwortete der Wärter. »Des Königs Wille ist unser Wille«, sagte Balthasar zu dem Boten. »Wir folgen dir.« Die Straßen in der heiligen Stadt waren eng; aber der große Baumeister hatte nicht nur für Schönheit, sondern auch für Sauberkeit und Annehmlichkeit gesorgt. Die Freunde folgten ihrem Führer wortlos. Durch das blasse Sternenlicht, das sich noch oft durch die hohen Mauern und unter den Brücken verdunkelte, stiegen sie hinauf auf den Hügel. Schließlich kamen sie an ein großes Tor. Im Schein der Feuer, die in zwei Pfannen flammten, erkannten sie den Umriß eines Gebäudes und sahen Wachen regungslos bei ihren Waffen liegen. Ohne aufgehalten zu werden, traten sie in das Gebäude. Sie kamen durch gewölbte Hallen, durch Höfe und Säulengänge, über weite Treppen, Kreuzgänge und Zimmer, bis sie in einen hohen Turm geleitet wurden. Hier blieb der Bote stehen, wies auf eine offene Tür und sagte: »Tretet ein! Hier ist der König.« Das Gemach, das sie betraten, duftete von Sandelholz, und alles darin zeugte von weichlicher Pracht. In der Mitte lag ein dicker Teppich, darauf stand der Thron. Die Besucher hatten 65
nicht Zeit, den Raum zu betrachten mit seinen geschwungenen Ottomanen und Diwanen, seinen Gefäßen und Fächern, Musikinstrumenten und goldenen Leuchtern und den im wollüstigen Stil der griechischen Schule bemalten Wänden; denn Herodes saß auf seinem Thron zu ihrem Empfang in dem gleichen Gewand, das er in der Versammlung des Hohen Rats getragen hatte. Am Rande des Teppichs verneigten sie sich tief. Der König läutete, ein Diener erschien und stellte drei Stühle vor den Thron. »Setzt euch!« sagte der Fürst gnädig. »Ich bekam heute nachmittag vom Nordtor Nachricht, daß drei Fremde, die von weit her gekommen zu sein schienen, eingetroffen seien. Seid ihr es?« Der Ägypter erhielt ein Zeichen von dem Griechen und dem Hindu und antwortete mit der tiefsten Verbeugung: »Wären wir andre, als wir sind, so würde der mächtige Herodes, dessen Ruhm die ganze Welt durchdringt, nicht nach uns gesandt haben. Wir zweifeln nicht, daß wir diese Fremden sind.« Herodes dankte mit einer Handbewegung. »Wer seid ihr? Woher kommt ihr? Jeder möge für sich selbst sprechen.« Einer nach dem andern gab ihm Auskunft und berichtete von der Stadt und dem Lande seiner Geburt, den Wegen, auf denen sie nach Jerusalem gekommen waren. Etwas enttäuscht stellte Herodes direkte Fragen. »Wie lautete die Frage, die ihr dem Offizier am Tor gestellt habt?« »Wir fragten ihn: ›Wo ist der neugeborene König der Juden?‹ « »Nun verstehe ich, warum das Volk so neugierig war. Ihr regt mich nicht weniger auf. Gibt es noch einen anderen König der Juden?« Der Ägypter erbleichte nicht: 66
»Einer ist neu geboren.« Ein Ausdruck von Schmerz überflog das dunkle Gesicht des Fürsten, als ob ihn etwas quälte. »Nicht mir!« rief er aus. »Mir ist kein Sohn geboren!« Vielleicht zogen vor ihm die Bilder seiner ermordeten Kinder vorüber. Aber dann ermannte er sich und fragte weiter: »Wo ist dieser neue König?« »Das, o König, wollten wir fragen.« »Ihr erzählt mir da eine Wundermär, ein Rätsel, schwieriger als die Salomos. Wie ihr seht, bin ich in einem Alter, da die Neugierde so rege ist wie bei Kindern. Es ist grausam, damit zu spielen. Erzählt mir mehr, und ich will jeden königlich belohnen. Sagt mir alles, was ihr über den Neugeborenen wißt! Und ich will euch helfen, Ihn zu finden. Und wenn wir Ihn gefunden haben, will ich tun, was ihr wünscht. Ich will Ihn nach Jerusalem nehmen und Ihn zum König erziehen. Ich will meinen Einfluß bei dem Kaiser zu Seiner Förderung und zu Seinem Ruhm nützen. Keine Eifersucht soll zwischen uns treten, das schwöre ich. Aber erzählt mir erst, wie ihr, die ihr so weit getrennt durch Meere und Wüsten wart, alle von ihm gehört haben konntet?« »Ich will es dir wahrheitsgemäß sagen, o König.« »Sprich!« Balthasar erhob sich und sagte feierlich: »Es gibt einen allmächtigen Gott.« Herodes erschrak sichtlich. »Er befahl uns, hierherzukommen. Er verhieß uns, wir würden den Erlöser der Welt finden, Ihn sehen und anbeten und Zeugnis von Seinem Kommen ablegen. Und jeder von uns hat zum Zeichen einen Stern gesehen. Sein Geist war bei uns. O König, Sein Geist ist auch jetzt mit uns.« Ein gemeinsames Gefühl überwältigte die drei. Der Grieche konnte nur schwer einen Aufschrei unterdrücken. Herodes schaute rasch von einem zum andern, er schien noch mißtraui67
scher und unbefriedigter als zuvor. »Ihr spottet meiner«, sagte er. »Wenn nicht, erzählt mir mehr! Was geschieht durch die Ankunft des neuen Königs?« »Die Erlösung der Menschen.« »Wovon?« »Von ihren Sünden.« »Wie?« »Durch die göttlichen Mächte – Glauben, Liebe und gute Werke.« »Dann« – Herodes schwieg, und niemand konnte sagen, mit welchen Empfindungen er fortfuhr –, »dann seid ihr die Vorboten des Christus. Ist das alles?« Balthasar verneigte sich: »Wir sind deine Diener, o König!« Der Monarch klingelte, und der Diener erschien: »Bring die Geschenke!« Als der Diener zurückkam, überreichte er kniend jedem Gast ein Obergewand von scharlachroter und blauer Farbe und einen Gürtel aus Gold. Sie bedankten sich nach orientalischer Sitte für die Ehre. »Noch ein Wort«, sagte Herodes, als die Zeremonie beendet war. »Dem Offizier am Tor spracht ihr, wie jetzt auch mir, von einem Stern, den ihr im Osten saht.« »Ja«, sagte Balthasar, »Seinen Stern, den Stern des Neugeborenen.« »Zu welcher Zeit erschien er?« »Als uns befohlen wurde, hierherzureisen.« Herodes erhob sich zum Zeichen, daß die Audienz beendet war. Er stieg vom Thron herunter und sagte sehr gnädig: »Wenn ihr, o erlauchte Männer, wie ich glaube, die Vorläufer des eben geborenen Christus seid, so wißt, daß ich heute abend die weisesten Juden befragt habe, und sie haben mir einstimmig bezeugt, daß Er in Bethlehem in Judäa geboren werden soll. Ich rate euch, geht dorthin, geht und forscht sorgfältig nach dem kleinen Kind. Und wenn ihr Es gefunden habt, gebt 68
mir Nachricht, damit ich komme und Es anbete. Eurer Reise soll kein Hindernis im Weg stehen. Friede sei mit euch!« Und er verließ das Gemach, sich in seinen Mantel hüllend. Sofort erschien der Führer und geleitete sie zur Straße und dann zur Herberge. Vor dem Tor rief der Grieche leidenschaftlich: »Laßt uns nach Bethlehem gehen, o Brüder, wie uns der König geraten hat!« »Ja!« rief der Hindu. »Der Geist glüht in mir.« »So sei es!« antwortete Balthasar. »Die Kamele sind bereit.« Sie beschenkten den Torhüter, stiegen in ihre Sättel, ließen sich den Weg zum Joppa-Tor zeigen und ritten davon. Die großen Torflügel waren nicht verriegelt; sie erreichten das offene Land und nahmen die gleiche Straße, auf der Joseph und Maria gereist waren. Als sie Hinnom hinter sich ließen und die Ebene von Rephaim erreichten, erschien ein Licht – zuerst weit entfernt und schwach. Ihre Herzen schlugen höher. Das Licht wuchs rasch, sie schlossen die Augen vor seinem feurigen Glanz. Als sie wieder aufzusehen wagten, siehe, da stand der Stern wie ein anderer im Himmel, aber ganz nahe, und er ging vor ihnen her. Sie falteten ihre Hände und riefen im Übermaß ihrer Freude: »Gott ist mit uns! Gott ist mit uns!« Sie riefen es immer und immer wieder, bis der Stern sich über das Tal bei Mär Elias erhob und über einem Hause auf dem Abhang des Hügels bei der Stadt stillstand.
Die Weisen finden das Kind Es war um die dritte Nachtwache, und in Bethlehem begann es im Osten über den Bergen hell zu werden, im Tal war es noch Nacht. 69
Der Wächter auf dem Dach der alten Herberge, der in der Morgenkühle schauerte, lauschte auf die ersten Zeichen des erwachenden Lebens, als ein Licht sich den Hügel hinauf dem Hause näherte. Er hielt es für eine Fackel, die jemand trug. Dann dachte er an einen Meteor. Der Glanz wuchs. Nun erkannte er den Stern. Er schrie erschrocken auf und holte die Leute, die wach waren, aufs Dach. Der Stern näherte sich, beleuchtete Felsen, Bäume, Wege und blendete die Augen. Die Ängstlichen fielen auf die Knie und beteten, die Hände vor dem Gesicht. Die Mutigeren bedeckten ihre Augen und warfen von Zeit zu Zeit zaghafte Blicke in das Glänzen. Unterdessen lag die ganze Herberge unter dem unerträglichen Schein. Die es wagten, sahen, daß der Stern über der Höhle stehenblieb. In diesem Augenblick langten die drei Weisen an. Am Tor stiegen sie von ihren Kamelen und riefen nach dem Torhüter. Als der sich vom Schrecken erholt hatte, kam er herbei, schob den Riegel zurück und öffnete ihnen. Die Kamele sahen in dem überirdischen Licht so geisterhaft aus und die Erscheinung der drei Männer so fremdartig, daß der Wächter vor Schrecken umfiel und nicht auf die Frage antworten konnte, die sie ihm stellten. »Ist das nicht Bethlehem in Judäa?« Andre gaben ihnen Auskunft: »Nein, das ist nur die Herberge, die Stadt liegt weiter weg.« »Ist hier nicht ein neugeborenes Kind?« Die Umstehenden starrten sich an, aber einige antworteten: »Jaja!« »Führt uns zu Ihm!« rief der Grieche ungeduldig. »Führt uns zu Ihm«, wiederholte Balthasar und ließ seine Würde fallen, »denn wir haben Seinen Stern gesehen, eben als er über dem Haus stehenblieb, und sind gekommen, den Heiland anzubeten.« Der Hindu schlug die Hände zusammen: »Wahrhaftig, Gott 70
lebt! Eilt, eilt! Der Heiland ist gefunden. Wir sind gesegnet unter den Menschen!« Die Leute vom Dach kamen herunter und folgten den Fremden, als man sie durch den Hof in die Umfriedung führte. Als sie aber den Stern über der Höhle sahen, so nahe vor ihnen, wandten sie sich erschrocken ab, aber die meisten gingen weiter. Als sich die Fremden der Hütte näherten, stieg der Stern höher, und als sie an der Tür waren, schien er über ihnen zu verschwinden. Als sie eintraten, verschwand er ganz. Und wer es mit angesehen, begriff, daß zwischen dem Stern und den Fremden ein Zusammenhang war und auch mit den Bewohnern der Höhle. Der Raum war von einer Laterne erhellt, so daß die Fremden die Mutter und das Kind in Windeln finden konnten. »Ist das Kind dein Kind?« fragte Balthasar Maria. Und sie, die alle Dinge, die das Kleine betrafen, in ihrem Herzen bewegte, hielt Es ins Licht und sagte: »Das ist mein Sohn!« Sie sahen, daß das Kind wie andre Kinder war: Um Sein Haupt war weder ein Heiligenschein noch eine Krone, Seine Lippen öffneten sich nicht für Worte, und als Es die Ausbrüche ihrer Freude hörte, ihre Gebete, ihre Anrufungen, gab Es keinerlei Zeichen; aber Es schaute, ein Kind wie andre Kinder, länger in das Licht der Laterne als auf sie. Nach einer Weile erhoben sie sich, kehrten zu ihren Kamelen zurück, brachten ihre Geschenke, Gold, Weihrauch und Myrrhen, und legten sie vor dem Kind nieder, das nichts von ihren anbetenden Worten verstand. Das war nun der Erlöser, den zu finden sie so weit hergekommen waren! Dennoch beteten sie Ihn an ohne einen Zweifel. Warum? Ihr Glaube ruhte auf den Zeichen, die ihnen von Ihm gesandt worden waren, den wir als den Vater erkannt haben. Sie waren von solcher Art, daß ihnen Seine Verheißungen genügten und sie nicht nach Seinen Wegen fragten. Nur wenige hatten die 71
Zeichen gesehen und die Verheißungen gehört: die Mutter und Joseph, die Hirten und diese drei – dennoch waren sie alle eines Glaubens. Das will heißen: In diesem Zeitpunkt des Erlösungsplans war Gott alles und das Kind nichts. Aber schau vorwärts, Leser! Es wird eine Zeit kommen, da alle Zeichen von dem Sohn ausgehen. Glücklich die, die dann an Ihn glauben! Laßt uns darauf warten!
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Zweites Buch Jerusalem unter den Römern Einundzwanzig Jahre sind seit der Geburt des Kindes im Stall verflossen. Über Judäa herrscht Valerius Gratus, der vierte kaiserliche Statthalter. Seither hatte sich im Lande viel verändert, am meisten im politischen Leben. Herodes der Große war ein Jahr nach der Geburt des Kindes auf so elende Weise gestorben, daß man seinen Tod als eine Strafe Gottes ansehen durfte. Wie alle großen Herrscher, hatte er nichts anderes getan, als die Macht zu festigen, die er sich geschaffen hatte. Er träumte davon, seinen Thron und seine Krone zu vererben, um so zum Gründer einer Dynastie zu werden. In dieser Absicht teilte er in seinem Testament sein Reich unter seine drei Söhne Antipas, Philipp und Archelaus, letzterer sollte seinen Titel tragen. Das Testament bedurfte der Bestätigung des Kaisers Augustus, der sie auch gewährte mit einer Ausnahme: Archelaus sollte erst dann den Königstitel tragen, wenn er seine Fähigkeiten und seine Loyalität bewiesen hatte. Als Ersatz ernannte der Kaiser ihn zum Ethnarch. Als solcher regierte er neun Jahre und wurde dann wegen schlechter Verwaltung und wegen der Unfähigkeit, der unruhigen Elemente, die sich erhoben hatten, Herr zu werden, abgesetzt und nach Gallien verbannt. Aber die Absetzung des Archelaus genügte dem Kaiser nicht. Er strafte das Volk von Jerusalem in einer Weise, die seinen Stolz verletzte und die die Ehre der hohen Herren des Tempels traf. Er machte Judäa zu einer römischen Provinz und gliederte es der Präfektur von Syrien an. An Stelle eines Königs, der in 73
dem Palast der Herodes auf dem Berg Zion regierte, fiel die Stadt in die Hände eines Offiziers zweiten Grades, eines Beamten, der Prokurator genannt wurde und mit Rom nur über den Legaten von Syrien verkehrte, der in Antiochia residierte. Um Jerusalem noch mehr zu erniedrigen, durfte der Prokurator sich nicht dort niederlassen, sondern Caesarea wurde zum Sitz der Regierung gemacht. Und was noch schlimmer war: Das verachtete Samaria wurde der Provinz Judäa eingegliedert! In all diesen Demütigungen hatten die Juden nur einen Trost: Der Hohenpriester bezog den Palast des Herodes auf dem Marktplatz und hielt hier hof. Seine Autorität war gering. Entscheidungen über Leben und Tod waren dem Prokurator vorbehalten; Gerichtsverhandlungen wurden nach römischem Gesetz und im Namen Roms vollzogen. Selbst der Palast war zum großen Teil kaiserlichen Beamten eingeräumt und ihrem ganzen Stab von Gehilfen, Steuereinnehmern, Zöllnern, Registratoren, Spitzeln und Spionen. Dennoch lag für alle, die von einer künftigen Freiheit träumten, eine gewisse Genugtuung darin, daß der Herr im Palast ein Jude war. Seine tägliche Gegenwart erinnerte sie an die Verträge und Verheißungen der Propheten, an die Zeiten, in denen Jehova die Stämme durch die Söhne Aarons regierte. Es war für sie ein Zeichen, daß er sie nicht ganz verlassen hatte. Ihre Hoffnungen lebten noch und halfen ihnen, zornig darauf zu warten, daß der Sohn Judas einst Israel wieder regieren werde. Judäa war achtzig Jahre lang und länger eine römische Provinz gewesen, genügend Zeit, um den Kaiser über die Eigenarten der Juden zu unterrichten und ihn zu der Überzeugung zu bringen, daß sie leicht zu regieren waren, wenn man nur ihre Religion achtete. Die Vorgänger des Gratus hatten nach dieser Anschauung gehandelt, er aber schlug einen andern Kurs ein. Seine erste Regierungshandlung bestand darin, daß er den Hohenpriester Annas absetzte und sein Amt an Ismael, den Sohn des Fabus, gab. Diese Unklugheit hatte böse Folgen. 74
In Judäa bestanden zwei Parteien, die der Vornehmen und die der Separatisten, die Volkspartei. Nach dem Tode des Herodes vereinigten sich beide im Kampf gegen Archelaus, den sie vom Tempel zum Palast von Jerusalem und bis nach Rom mit Intrigen und mit der Waffe führten. Mehr als einmal hallten die heiligen Bauten auf dem Hügel Moriah von Kriegslärm wider, und schließlich gelang es, Archelaus in die Verbannung zu treiben. Obwohl beide Parteien einig waren in diesem Kampf, hatte jede doch ihr eigenes Ziel. Die Vornehmen haßten den Hohenpriester Joazar; die Separatisten stürzten ihn. Mit Archelaus fiel auch Joazar. Die Vornehmen wählten Annas, den Sohn Seths, und dadurch spalteten sich die Parteien wieder. Die Vornehmen fanden es ratsam, sich in Rom eine Stütze zu suchen, und rieten dazu, Judäa in eine Provinz zu verwandeln. Für die Separatisten war das ein Ruf zum Kampf, und als Samaria der Provinz eingegliedert wurde, gerieten die Vornehmen in die Minorität. Jetzt brauchten sie die Hilfe Roms noch mehr, um ihre Herrschaft im Tempel und im Palast weiter ausüben zu können. Fünfzehn Jahre, bis zum Regierungsantritt des Valerius Gratus, war es ihnen gelungen. Annas war ein treuer Diener Roms. Eine römische Garnison lag im Turm von Antonia. Römische Wachen standen vor den Toren des Palastes. Ein römischer Richter setzte das zivile Gericht ab. Römische Steuern wurden rücksichtslos eingetrieben und drückten auf Stadt und Land. Täglich, stündlich wurde das Volk gepeinigt und wurde sich des Unterschieds zwischen Freiheit und Abhängigkeit bewußt. Annas hatte es verhältnismäßig in Ruhe halten können. Als er sein Amt an Ismael übergeben mußte, ging er direkt aus dem Tempel zur Volkspartei über und wurde ihr Führer. Der Prokurator sah, daß die gefährlichen Feuer, die allmählich verglommen waren, wieder aufflackern mußten. Er besuchte Ismael in Jerusalem. Als die Juden ihn an der Spitze einer ganzen Kohorte römischer Legionäre durch die Stadt 75
marschieren sahen, zischten und pfiffen sie ihn aus. Wenn der Prokurator es für notwendig erachtete, ein Exempel zu statuieren, dann wehe dem ersten Missetäter!
Ben Hur und Messala An einem heißen Julinachmittag saßen in den Gärten des Palastes auf dem Berg Zion zwei Jünglinge von siebzehn oder neunzehn Jahren in ernstem Gespräch. Die Gärten waren rings von Gebäuden umgeben. Bis zum zweiten Stock zogen sich Veranden hin, die den Türen und Fenstern Schatten gaben. Vor den oberen Geschossen erhoben sich Galerien und Balustraden. Auf den von gepflegten Wegen durchkreuzten Rasenflächen standen Bäume und Sträucher, wenige große Bäume, seltene Palmen, Johannisbrot-, Aprikosen- und Walnußbäume. Ein Springbrunnen in der Mitte ergoß sein Wasser in ein tiefes Marmorbecken. Die beiden Jünglinge saßen in der Nähe des Springbrunnens an einem kleinen Tisch, der ein Gebüsch von Rohr und Oleander bewässerte. Die beiden waren wohlgestaltet, und man hätte sie beim ersten Blick für Brüder halten können. Beide hatten schwarzes Haar, dunkle Augen und waren dunkelbraun. Der ältere war ohne Kopfbedeckung. Eine lose Tunika aus feinem grauem Wollstoff mit rotem Besatz, die mit einer silbernen Schnur gegürtet war, erwies ihn als Römer. Er saß auf seinem hellblauen Mantel, Arme und Beine waren bloß und so dunkelbraun wie sein Gesicht. Wenn er in seinen Gesprächen manchmal seinen Gefährten etwas überlegen anredete, so muß man das entschuldigen. Sein Vater, auf den er sehr stolz war, residierte im Palast neben dem Hohenpriester als hoher Beamter, und die Messalas waren in Rom schon seit Generationen hoch angesehen; einer war ein Freund des Brutus gewesen, ein 76
andrer hatte Octavianus unterstützt, und als dieser Kaiser Augustus geworden war, waren die Verdienste Messalas belohnt worden. Messalas Gefährte war schmächtig. Er trug ein Gewand aus feinem weißem Leinen, wie es in Jerusalem Mode war. Ein Tuch, das von einer gelben Schnur gehalten wurde, bedeckte seinen Kopf und fiel ihm bis über den Nacken. Nicht nur das Gewand, auch sein Gesicht erwies ihn als Juden. Die Stirn des Römers war hoch und schmal, seine Nase scharf und gebogen, seine Lippen waren schmal und gerade, seine Augen kalt und unter den Brauen verborgen. Die Stirn des andern war niedrig und breit, seine Nase lang, mit starken Flügeln, seine Lippen voll und geschwungen. Mit seinem runden Kinn und den schmalen leichtgeröteten Wangen besaß er die Schönheit, Sanftheit, aber auch die Kraft seiner Rasse. Des Römers Erscheinung wirkte edel und streng, die des Juden sinnlich und gefällig. »Sagtest du nicht, daß der neue Prokurator morgen erwartet wird?« fragte der Jude seinen Freund; er sprach Griechisch, das merkwürdigerweise die Umgangssprache in den vornehmen Kreisen Judäas war, da ihre Söhne sie in den Palästen, Lagern und Schulen gelernt hatten, sogar im Tempel sprach man Griechisch. »Ja, morgen«, antwortete Messala. »Wer hat es dir gesagt?« »Ich hörte es, als es Ismael, der neue Palastgouverneur, den ihr den Hohenpriester nennt, gestern abend meinem Vater sagte. Freilich stammte die Nachricht von einem Ägypter, dem Angehörigen eines Volkes, das vergessen hat, was Wahrheit ist, ja von einem des Volkes der Idumenäer, die es nie gewußt haben. Aber heute morgen sprach ich einen Hauptmann vom Turm, und der berichtete mir, daß schon alle Vorbereitungen für den Empfang im Gang sind, daß die Soldaten schon ihre Helme und Schilde putzen und die Adler neu vergolden und daß alle Räume für die neue Garnison schon gesäubert wer77
den.« Die zynische Bemerkung über die Ägypter und Idumenäer, die dem in Rom erzogenen Messala geläufig war, hatte die Röte in das Gesicht des Juden getrieben, aber er schwieg und schaute in den Teich. »In diesem Garten haben wir Abschied genommen«, fuhr der Römer fort. »Deine letzten Worte waren: ›Friede sei mit dir!‹ und meine letzten: ›Mögen die Götter dich beschützen!‹ Erinnerst du dich noch? Wie lange mag das her sein?« »Fünf Jahre«, antwortete der Jude, noch immer den Blick auf dem Wasser. »Jedenfalls hast du Grund, dankbar zu sein – soll ich sagen den Göttern? Einerlei! Du bist prächtig herangewachsen, die Griechen würden dich schön nennen. Wenn Jupiter mit einem Ganymed zufrieden ist, was wärst du für ein Mundschenk für den Kaiser! – Aber sag mir, Judah, warum interessiert dich die Ankunft des Prokurators so sehr?« Judah hob seine dunklen Augen zu Messala und hielt seinen Blick fest: »Ja, fünf Jahre. Ich erinnere mich wohl unseres Abschieds. Du gingst nach Rom, ich sah dich abreisen und weinte, denn ich liebte dich. Die Jahre sind dahingegangen, und du bist zu mir zurückgekommen, gebildet und fürstlich – ich spotte nicht. Ich wünsche, du wärst noch der Messala von damals!« »Nein, nein, kein Ganymed, eher ein Rätsel, mein Judah. Ein paar Stunden bei meinem Lehrer für Rhetorik im Forum, ein wenig Erfahrung in der Kunst der Mysterien – und Delphi würde dich als einen Apoll empfangen. Beim Ton deiner feierlichen Stimme würde Pythia mit ihrer Krone zu dir heruntersteigen. Im Ernst, mein Freund, wieso bin ich nicht mehr der Messala, der dich verließ? Ich habe die größten Logiker der Welt gehört. Einer sagte in einer Disputation: ›Lerne deinen Gegner verstehen, ehe du ihm antwortest!‹ Gib dich mir zu erkennen!« 78
Judah errötete wieder unter dem spöttischen Blick des andern, aber er antwortete fest: »Du hast von deinen Möglichkeiten guten Gebrauch gemacht und von deinen Lehrern viel Wissen und viel Anstand gelernt. Du sprichst wie ein Meister, aber deine Rede ist bitter. Mein Messala von einst hatte kein Gift in sich, nicht um die Welt hätte er die Gefühle seines Freundes verletzt.« Der Römer lächelte, als sei ihm geschmeichelt worden, und hob seinen stolzen Kopf noch höher: »O mein feierlicher Judah, wir sind nicht in Dodona oder Pytho. Laß die Orakelsprüche und sprich deutlich! Womit hab’ ich dir weh getan?« Judah atmete tief und antwortete, indem er seinen Gürtel lockerte: »Auch ich habe in den fünf Jahren manches gelernt. Hillel mag nicht mit den Logikern zu vergleichen sein, die du gehört hast, und Simeon und Schammai sind ohne Zweifel geringer neben den Meistern des Forums. Aber ihre Lehren führen nicht auf verbotene Wege, und wer zu ihren Füßen sitzt, erhebt sich bereichert mit der Erkenntnis Gottes, des Gesetzes und Israels. Und die Frucht dieser Erkenntnis ist Liebe und Ehrfurcht vor allem, was zu ihnen gehört. Der Besuch des großen Kollegiums und meine Studien haben mich gelehrt, daß Judäa nicht mehr das ist, was es einst war. Ich kenne den Unterschied zwischen einem unabhängigen Königreich und der unbedeutenden Provinz, die es heute ist. Und ich wäre armseliger als ein Samaritaner, wenn ich die Entwürdigung meines Landes nicht empfände. Ismael ist kein rechtmäßiger Hohenpriester und kann es nicht sein, solange der edle Annas lebt. Doch er ist ein Levit, einer von den Tausenden Getreuer, die Gott dem Herrn nach unserm Glauben und unsrer Anbetung gedient haben. Sein…« Messala unterbrach ihn mit schneidendem Lachen. »Oh, jetzt verstehe ich dich. Ismael, sagst du, ist ein Thronräuber, aber einem Idumenäer mehr zu glauben als Ismael ist dasselbe, als ob man von einer Natter gestochen würde. Beim 79
trunkenen Sohn der Semele, was sind die Juden für Leute! Menschen und Dinge, selbst Himmel und Erde ändern sich – ein Jude niemals! Für ihn gibt es kein Rückwärts, kein Vorwärts. Er bleibt, was seine Vorfahren von Anbeginn waren. – Ich ziehe hier im Sand einen Kreis! Und nun sage mir, was das Leben der Juden anderes ist! Abraham hier, Isaak und Jakob dort, Gott in der Mitte. Und der Kreis, beim Herrn aller Donner, der Kreis ist zu groß. Ich ziehe ihn noch einmal…« Er unterbrach sich, bohrte den Daumen in den Sand und zog mit den Fingern einen Kreis: »Sieh, der Abdruck des Daumens ist der Tempel, die Fingerspur Judäa. Gibt es außerhalb des kleinen Kreises nichts Wertvolles mehr? Die Künste! Herodes war ein Baumeister, dafür ist er verflucht. Malerei, Skulptur – ihre Werke sind Sünde. Dichtkunst ist an eure Altäre gebunden. Mit Ausnahme in der Synagoge, wer wagt sonst Redekunst zu treiben? Was ihr im Kriege in sechs Tagen erobert habt, verliert ihr am siebenten. Das ist euer Leben und seine Begrenzung. Wer kann es mir verdenken, daß ich darüber lache! Was ist euer Gott, der sich mit der Anbetung eines solchen Volkes zufriedengibt, gegen unsern römischen Jupiter, der uns seine Adler leiht, daß wir die Welt mit unsern Waffen erobern! Hillel, Simeon, Schammai, Abtalion – was sind sie gegen jene, die uns alles lehren, was wissenswert ist?« Judah erhob sich. Sein Gesicht glühte. »Nein, nein, bleib auf deinem Platz, mein Judah, behalte deinen Platz!« rief Messala und streckte seine Hand aus. »Du spottest über mich.« »Hör mich noch weiter an!«, der Römer lächelte spöttisch. »Mögen Jupiter und seine ganze Familie, Griechen und Lateiner über mich kommen, wie sie es gewohnt sind, und unserm ernsthaften Gespräch ein Ende machen! Ich bin dir dankbar für die Freundlichkeit, daß du aus dem alten Haus deines Vaters hierhergekommen bist, um mich willkommen zu heißen, um die Liebe unsrer Kindheit – wenn möglich – zu erneuern. 80
›Geht‹, sagte mein Lehrer in der letzten Stunde, ›geht und werdet groß, erinnert euch, daß Mars regiert und Eros nicht mehr blind ist.‹ Er meinte, Liebe ist nichts, Krieg alles. In Rom ist es wirklich so. Heirat ist der erste Schritt zur Scheidung. Tugend ist eine Handelsware. Kleopatra hat uns sterbend ihre Künste hinterlassen und ist gerächt. In jedem römischen Haus hat sie einen Nachfolger. Die übrige Welt geht den gleichen Weg: Nieder mit Eros, hoch Mars! ich werde Soldat sein, und du, mein Judah, ich bedaure dich, was kannst du sein?« Judah wandte sich noch mehr dem Teich zu. Messela fuhr eitel fort: »Ja, ich bedaure dich, mein feiner Judah. Von der Schule zur Synagoge, von dort zum Tempel und dann – als Krönung des Ruhms – ein Sitz im Sanhedrium. Ein Leben ohne jede Aussicht, die Götter mögen dir beistehen! Aber ich…« Judah sah ihn an und konnte den Stolz erkennen, den Messalas Gesicht ausdrückte: »Ich! Oh, die Welt ist noch nicht vollständig erobert. Das Meer hat noch unbekannte Inseln. Im Norden gibt es noch fremde Völker. Einer kann noch den Ruhm erringen, Alexanders Marsch nach dem Fernen Osten zu vollenden. Sieh, was für Möglichkeiten einem Römer offenstehen! Ein Feldzug nach Afrika, ein anderer nach Skythien. Und dann eine Legion! Hier enden die meisten ihre Laufbahn, aber nicht ich. Beim Jupiter, was für eine Idee! Ich werde meine Legion für eine Präfektur hergeben. Denke dir ein Leben in Rom mit Geld, viel Geld, Wein, Weiber, Spiele, Dichter bei den Gelagen, Intrigen am Hofe, Würfelspiel das ganze Jahr! Ein solches Leben kann es geben – eine fette Präfektur, und es ist mein! Oh, mein Judah, hier ist Syrien! Judäa ist reich, Antiochia eine Hauptstadt für Götter. Ich will des Cyrenius Nachfolger werden, und du – du sollst mein Glück mit mir teilen.« Für den jungen Juden waren diese Gedanken neu und völlig verschieden von dem ernsten, feierlichen Stil der Gespräche, 81
die ihm vertraut waren. Er gehörte schließlich zu einem Volke, dessen Gesetze und Gebräuche Satire und Humor verboten. Und es war nur natürlich, daß er seinem Freund mit den unterschiedlichsten Empfindungen zuhörte. Die überlegene Art Messalas war ihm zuerst beleidigend erschienen, bald begann sie ihn empfindlich zu quälen, und zuletzt wurde es zu einem stechenden Schmerz. Es war eine Qual für ihn, Messala anzuhören, zumal auch ein solcher Patriotismus für einen Juden der damaligen Epoche unverständlich war. »Es gibt wohl ein paar Menschen«, sagte Judah mit einem gequälten Lächeln, »die mit ihrer Zukunft scherzen. Ich, mein Messala, gehöre nicht dazu.« Der Römer sah ihn an und antwortete: »Warum soll man die Wahrheit nicht in einen Scherz oder eine Parabel kleiden? Die große Fulvia ging eines Tages fischen. Sie fing mehr Fische als die ganze übrige Gesellschaft und gab als Grund an, daß der Haken ihrer Angel vergoldet war.« »So hast du also nicht im Scherz geredet?« »Ich sehe, mein Judah, daß ich dir nicht genug geboten habe«, antwortete der Römer rasch und mit sprühendem Blick. »Wenn ich Präfekt sein werde in dem Judäa, das mich reich machen wird, dann mache ich dich zum Hohenpriester.« Judah stand zornig auf . »Geh nicht!« bat Messala. Judah blieb unentschlossen stehen. »Ihr Götter, wie heiß ist es! Laß uns in den Schatten gehen, Judah!« »Es wäre besser, wir trennten uns. Ich wünschte, ich wäre nicht gekommen. Ich glaubte einen Freund zu finden und finde einen…« »Römer!« fiel ihm Messala ins Wort. Judahs Hände ballten sich, aber er beherrschte sich und ging. Messala erhob sich, nahm seinen Mantel von der Bank, warf ihn über die Schulter und folgte ihm. Als er ihn erreicht hatte, 82
legte er ihm die Hand auf die Schulter und ging an seiner Seite mit ihm. »So pflegten wir, meine Hand auf dir, zu gehen, als wir Kinder waren. Laß uns so bleiben bis zum Tor.« Messala versuchte ernst und freundlich zu sein, obgleich er den spöttischen Zug in seinem Gesicht nicht bannen konnte. Judah ließ sich die Vertraulichkeit gefallen. »Du bist ein Knabe, ich bin ein Mann; laß mich als Mann zu dir reden! – Glaubst du an die Parzen? Oh, ich vergaß, daß du ein Sadduzäer bist; die Essener sind klug, sie glauben an die Schwestern. Ich auch. Wie oft sind einem die drei im Wege, wenn wir tun wollen, was uns gefällt! Gerade, wenn ich meine Hand ausstreckte, um die Welt zu ergreifen, höre ich hinter mir das Schleifen ihrer Schere. Aber, mein Judah, warum zürnst du mir, als ich davon sprach, ich wollte dem alten Cyrenius folgen? Du dachtest wohl, ich will mich bereichern, indem ich Judäa ausplündere. Nimm es an! Viele Römer tun das. Warum nicht ich?« Judah ging langsamer: »Es waren vor den Römern fremde Herrscher in Judäa«, sagte er und hob die Hand. »Wo sind sie hingekommen, Messala? Judäa hat alle überlebt. Was einmal war, kann wieder sein.« »Die Parzen haben außer den Essenern noch Gläubige. Bravo, Judah, willkommen in diesem Glauben!« »Nein, Messala, rechne mich nicht dazu! Mein Glaube ruht auf dem Felsen, der vom Glauben meiner Väter gesetzt wurde seit Abraham. Er ruht auf den Bündnissen mit Gott dem Herrn von Israel.« »Zu viel Leidenschaft, mein Judah. Wie wäre mein Lehrer ergrimmt gewesen, wenn ich je in seiner Gegenwart so viel Hitze gezeigt hätte! Ich hätte dir noch andre Dinge zu sagen, aber nun fürchte ich mich.« Nach ein paar Schritten fuhr er fort: »Ich denke, du kannst mich nun anhören, besonders da 83
das, was ich zu sagen habe, dich selbst angeht. Ich möchte dir helfen, o schöner Ganymed. Ich möchte mit wirklich gutem Willen helfen. Ich liebe dich – soviel ich kann. Ich sagte dir, ich würde Soldat werden. Warum nicht auch du? Warum sollst du aus dem engen Kreis, den ich dir gezeigt habe, nicht heraustreten? Soll das dein ganzes Leben sein, das dir dein Gesetz, deine Gebräuche vorschreiben?« Judah antwortete nicht. »Wo sind die Weisen unsrer Tage? Ich meine nicht die, die das ganze Jahr über tote Dinge streiten, über die Baals, Jupiters und Jehovas, über Philosophen und Religionen. Nenne mir einen großen Namen, Judah, gleichgültig, wo du ihn findest, in Rom, Ägypten, im Osten oder hier in Jerusalem! Pluto soll mich holen, wenn es nicht ein Mann ist, der seinen Ruhm aus dem Stoff geschmiedet hat, den ihm die Gegenwart lieferte, der nur das heilig hielt, was seinem Zweck diente, und das verachtete, was ihm nichts nutzte. Wie war es mit Herodes? Wie mit den Makkabäern? Wie mit den ersten und zweiten Kaisern? Folge ihnen! Beginne jetzt! Und du wirst sehen – Rom wird dir helfen, wie es dem Idumenäer Antipater geholfen hat.« Judah zitterte vor Wut, und da das Parktor in der Nähe war, beeilte er seine Schritte, nur begierig, Messala zu entkommen: »O Rom, Rom!« murmelte er. »Sei klug!« fuhr Messala unbekümmert fort. »Verzichte auf die Narrheiten des Moses und der Überlieferungen, sieh die Lage, wie sie ist! Wage es, den Parzen ins Angesicht zu schauen, und sie werden dir sagen: Rom ist die Welt. Frage sie nach Judäa, und sie werden dir antworten: Judäa ist, was Rom will.« Sie standen vor der Pforte. Judah blieb stehen und nahm sanft Messalas Hand von seiner Schulter, Tränen in den Augen. »Ich verstehe dich, du bist ein Römer, aber du kannst mich nicht verstehen – ich bin ein Israelit. Du hast mir heute weh getan, indem du mich überzeugtest, daß wir nie mehr die Freunde sein können, die wir gewesen sind! Hier trennen wir uns. Der Friede 84
des Gottes meiner Väter sei mit dir!« Messala streckte ihm die Hand hin, Judah ging durch die Pforte. Als er verschwunden war, stand der Römer einen Augenblick schweigend, dann verließ auch er den Park, warf seinen Kopf zurück und sagte zu sich: So sei es! Eros ist tot, Mars regiert!
Ein jüdisches Haus Nicht lange danach, nachdem sich Judah vor dem Palast am Marktplatz von Messala getrennt hatte, stand er vor einem Haus in der Straße, die heute Via Dolorosa heißt und vom Stephanus-Tor, an der Nordfront des Turms von Antonia entlang, bis zum Tor des Gerichts, bald rechts, bald links abbiegend, schließlich südwärts verläuft. Das aus großen, ungeglätteten Steinblöcken gefügte strenge Gebäude war ein Eckhaus. Seine beiden Fronten von etwa hundert Fuß Länge lagen nach Westen und Norden. Es war zwei Stock hoch und vollkommen viereckig. Das Ganze machte einen festungsartigen Eindruck, nur die Fenster und Türen waren in sehr ungewöhnlichem Stil reich verziert. An der Westseite waren vier, an der Nordseite zwei Fenster im zweiten Stock nach der Straße zu. Das Erdgeschoß war ohne Fenster. Die Türen waren so dicht mit eisernen Stäben gesichert, als müßten sie Mauerbrechern standhalten. Die Türverkleidung bestand aus Marmor. Die Zeichen, mit denen sie geschmückt waren, deuteten auf einen reichen Besitzer, einen Sadduzäer. Judah klopfte, das Pförtchen in der großen Tür öffnete sich, und er trat so rasch ein, daß er den tiefen Gruß des Torhüters übersah. Er ging durch einen engen Gang mit getäfelten Wänden und Decken, an dessen beiden Seiten Steinbänke standen, die vom langen Gebrauch geglättet und gedunkelt waren. 85
Zwölf oder fünfzehn Stufen führten in einen Hof hinab, der an drei Seiten von zweistöckigen Gebäuden umgeben war. Im Erdgeschoß waren die Ställe untergebracht, um die oberen Stockwerke zogen sich Terrassen mit starken Balustraden. Überall sah man Diener. Man hörte das Reiben von Mühlsteinen. An ausgespannten Leinen flatterten Kleider. Hühner und Tauben flogen umher, in den Ställen standen Ziegen, Kühe, Esel und Pferde. Ein großes Wasserbecken zeigte, daß der Hof zu den Wirtschaftsräumen des Besitzers gehörte. An der Ostseite zog sich eine Mauer mit einer Tür hin. Durch diese Tür betrat Judah einen zweiten, geräumigen und viereckigen Hof, mit Sträuchern und Weinstöcken bepflanzt, die durch das Wasser eines Beckens frischgehalten wurden. Offene, hohe und luftige Vorhallen, die mit rot und weiß gestreiften Vorhängen beschattet waren, zogen sich um das Erdgeschoß der Gebäude. Ihre Bögen ruhten auf Bündelsäulen. Zu den mit großen Planen vor der Sonne geschützten Terrassen des Obergeschosses führte eine Treppe, eine andre von dort zum Dach. Das Dach war an allen Seiten von einer Brüstung aus sechsekkigen hellroten Ziegeln mit plastischem Gesims umgeben. Das alles war so peinlich saubergehalten und gepflegt, wie es nur in reichen und vornehmen Häusern geschieht. Judah nahm seinen Weg zwischen den blühenden Sträuchern die Treppe zur Terrasse hinauf, über die großen weißbraunen und vom Alter abgenützten Fliesen, und betrat einen mit weißblauen Ziegeln belegten Raum, der hinter dem Türvorhang im Dunkel lag. Er warf sich der Länge nach auf einen Diwan, das Gesicht in den gekreuzten Armen. Als es fast Nacht war, betrat eine Frau das Zimmer. Sie rief ihn an, und er antwortete. »Das Abendessen ist vorbei, und es ist Nacht. Ist mein Sohn nicht hungrig?« »Nein«, antwortete er. »Bist du krank?« 86
»Ich bin müde.« »Deine Mutter hat nach dir gefragt.« »Wo ist sie?« »Im Gartenhaus auf dem Dach.« Judah erhob sich: »Gut, bring mir etwas zu essen.« »Was willst du haben?« »Was du willst, Amrah. Ich bin nicht krank, aber ich fühle mich nicht wohl. Das Leben kommt mir nicht mehr so angenehm vor wie heute morgen. Das ist eine neue Krankheit, meine Amrah; und du, die mich so gut kennt und mir immer geholfen hat, wirst etwas für meinen Hunger finden, das auch Arznei für mich ist. Ich überlasse es dir.« Amrahs Fragen und der Ton, in dem sie gestellt wurden, zeugten von dem innigen Verhältnis zwischen beiden. Sie legte ihre Hand auf seine Stirn und ging dann befriedigt: »Ich werde sehen.« Nach einer Weile kam sie zurück und brachte auf einer hölzernen Platte eine Schale Milch, ein paar dünne Scheiben weißes Brot, einen Brei aus zerstoßenem Weizen, ein Brathuhn, Honig und Salz. Auf der Platte standen noch ein Silberbecher mit Wein und eine bronzene Handlampe. Der nun erhellte Raum erwies sich als Schlafzimmer. Die glatten Wände waren gemalt, an der Decke zogen sich große braune Eichenbalken hin. Ein paar Stühle mit Löwenfüßen und der mit blauem Tuch bespannte Diwan, der etwas erhöht stand und auf dem eine große gestreifte Wolldecke lag, war die ganze Einrichtung. Amrah schob einen Stuhl von Judahs Diwan und stellte die Platte darauf, dann kniete sie nieder und bediente ihn. Sie war etwa fünfzig Jahre alt, dunkel, mit braunen Augen, und ihr Gesicht hatte im Ausdruck etwas Mütterliches. Sie trug einen weißen Turban, der die Ohrläppchen frei ließ und die von einem dicken Pfriemen gebohrten Löcher erkennen ließ: Sie war eine Sklavin ägyptischer Abstammung, der auch das heilige fünfzigste Jahr keine Freiheit gebracht hatte. Sie würde sie auch gar nicht angenommen 87
haben, denn der Jüngling, den sie bediente, war ihr lieb wie ein eigener Sohn. Sie hatte ihn genährt, zum Kind erzogen und konnte diesen Dienst nicht entbehren. Für sie würde er nie ein Mann werden. Während er aß, fragte er sie: »Erinnerst du dich, o meine Amrah, noch an Messala, der mich früher oft tagelang besuchte?« »Ich erinnere mich.« »Er ist vor Jahren nach Rom gegangen und ist nun zurückgekehrt. Ich habe ihn heute besucht.« Judah wurde von einem Widerwillen geschüttelt. »Ich wußte, daß etwas vorgefallen war«, antwortete Amrah. »Messala gefiel mir nie. Sage mir alles!« Aber Judah verfiel wieder in Grübeleien und antwortete nur kurz: »Er hat sich sehr verändert, und ich will nichts mehr mit ihm zu tun haben.« Als Amrah die Platte forttrug, ging auch er hinaus und von der Terrasse aufs Dach hinauf. Auf dem Dach verbringen die Bewohner Syriens im Sommer einen großen Teil des Abends und der Nacht. Am Tag treibt sie die Sonne in die schattigen Räume und Vorhallen. Sobald die Schatten über die Berge fallen, wird das Dach Erholungsstätte, Schlafzimmer, Damenzimmer, Versammlungsplatz für die ganze Familie, wo es Musik, Tanz und Unterhaltung gibt, wo aber auch Raum ist zur Träumerei und zum Gebet. Die schon von Moses angeordnete Brüstung war von den Töpfern reich entwickelt worden. Später baute man Türme auf das Dach; die Könige und Fürsten schmückten es mit Sommerhäusern aus Marmor und Gold. Und die Dachgärten der Babylonier vollendeten den Luxus. Judah betrat einen Turm in der Nordwestecke des Daches und durch einen halbgeöffneten Vorhang ein dunkles Zimmer, das an allen vier Seiten türähnliche Öffnungen hatte, durch die man den Himmel und die Sterne sehen konnte. In einer dieser Öffnungen ruhte in den Kissen eines Diwans eine Frau in 88
weiten weißen Gewändern. Als sie die nahenden Schritte vernahm, ließ sie den juwelengeschmückten Fächer in ihrer Hand sinken und richtete sich auf: »Judah, mein Sohn.« »Ich bin es, Mutter.« Judah trat zu ihr, kniete nieder, sie legte die Arme um ihn und küßte ihn.
Die sonderbaren Fragen Ben Hurs Die Mutter legte sich wieder in ihre Kissen zurück, und Judah setzte sich neben sie und legte seinen Kopf in ihren Schoß. Beide schauten über die niedrigen Dächer der Nachbarhäuser in das blaue Dunkel des Westens, wo sich das Gebirge hinzog, und in den sternbesäten Himmel. Die Stadt war still. Nur das Wehen des Windes war zu hören. »Amrah erzählte mir, daß dir etwas zugestoßen sei«, begann die Mutter und streichelte Judahs Wange. »Als mein Judah noch ein Kind war, konnte ich ihm erlauben, sich an Kleinigkeiten zu beunruhigen, aber jetzt ist er ein Mann. Er darf nicht vergessen, daß er eines Tages mein Held sein muß.« Sie bediente sich einer Sprache, die im Lande beinahe fremd geworden war; sie wurde nur noch von wenigen alten und vornehmen Familien gesprochen, es war die Sprache, in der einst Rebekka und Rahel Benjamin vorsangen. Die Worte der Mutter hatten Judah wieder nachdenklich gestimmt. Er nahm ihre Hand, mit der sie ihm Kühlung zugefächelt hatte, und sagte: »Heute, meine Mutter, mußte ich über vieles nachdenken, was mir bis jetzt nie in den Sinn gekommen war. Sag mir zuerst, was soll ich werden?« »Hab’ ich dir’s nicht gesagt? Du sollst mein Held werden.« Er konnte ihr Gesicht nicht erkennen, doch er wußte, daß sie 89
im Scherz sprach. Er wurde ernster. »Du bist so gut und lieb, o meine Mutter. Niemand wird mich je so lieben wie du.« Er küßte ihre Hand immer wieder. »Ich kann mir denken, warum du meine Frage so abfertigst. Mein ganzes Leben hat dir gehört. Wie mild, wie gütig hast du mich geleitet! Ich wünschte, es könnte immer so bleiben. Aber das kann nicht sein. Es ist der Wille des Herrn, daß ich eines Tages ich selbst werde. Ein Tag der Trennung muß kommen – ein schmerzlicher Tag für dich. Wir wollen tapfer und ernst sein. Ich will dein Held sein, aber du mußt mich auf meinen Weg treiben. Du kennst das Gesetz: Jeder Sohn Israels muß seinen Beruf haben. Ich bin davon nicht ausgenommen. Deshalb frage ich jetzt: Soll ich die Herde hüten? Oder den Boden bestellen? Oder die Sägemühle treiben? Oder ein Schreiber oder Rechtskundiger werden? Liebe, gute Mutter, hilf mir zu einer Antwort!« »Gamaliel hielt heute eine Vorlesung«, sagte sie nachdenklich. »Ich hörte ihn nicht.« »Dann bist du wohl mit Simeon gegangen? Man sagt, er habe die Begabung seiner Familie geerbt.« »Nein, ich sah ihn nicht. Ich war auf dem Marktplatz, nicht im Tempel. Ich habe den jungen Messala besucht.« Eine gewisse Veränderung im Ton seiner Stimme ließ die Mutter aufhorchen. Eine Ahnung ließ ihr Herz rascher schlagen, der Fächer lag wieder regungslos in ihrer Hand: »Messala! Was konnte er sagen, was dich so erregt?« »Er hat sich sehr verändert.« »Du meinst, er ist als Römer zurückgekommen?« »Ja!« »Römer«, fuhr sie halb für sich fort, »für die ganze Welt bedeutet das Wort ›Herrscher‹. Wie lange war er fort?« »Fünf Jahre.« Sie hob ihren Kopf und sah in die Nacht hinaus. 90
»Der Geist der Via sacra lebt wohl in den Straßen Ägyptens und Babylons, aber in Jerusalem, unserem Jerusalem, gilt der Bund.« »Was Messala sagte, meine Mutter, war scharf genug, aber in dem Ton, in dem er es sagte, war es unerträglich.« »Ich weiß, was du meinst. Die Dichter, Redner, Senatoren und Hofleute Roms sind vernarrt in die Satire.« Judah erwiderte: »Ich glaube, alle großen Völker sind stolz, aber der Stolz der Römer ist anders als der andrer Völker. In der letzten Zeit ist er so gewachsen, daß selbst die Götter vor ihm kaum noch bestehen.« »Die Götter bestehen«, antwortete die Mutter rasch. »Mehr als ein Römer hat Anbetung als sein göttliches Recht gefordert.« »Gut, Messala besaß schon immer etwas von dieser unangenehmen Eigenschaft. Ich habe gesehen, daß er als Kind Fremde verspottete, denen selbst Herodes Ehre erwies; aber Judäa hat er stets verschont. Heute aber begann er sein Gespräch mit mir, indem er Gott und unsre Sitten angriff. Wie du es nicht anders erwartet hättest, habe ich mich endgültig von ihm getrennt. Und nun, Mutter, möchte ich genauer wissen, ob es einen Grund für die Verachtung des Römers gibt. Warum bin ich geringer? Ist mein Volk niedriger? Weshalb sollte ich mich, selbst in Gegenwart des Kaisers, als Sklave fühlen? Sage mir vor allem, warum ich, wenn ich den Wunsch dazu habe, nicht auf allen Gebieten nach den Ehren der ganzen Welt streben darf? Warum darf ich nicht das Schwert nehmen und mich dem Krieg widmen? Warum, wenn ich ein Dichter wäre, nicht jeden Gegenstand besingen? Ich kann ein Handwerker, ein Hüter der Herden, ein Kaufmann sein, warum nicht ein Künstler wie die Griechen? Sag es mir, meine Mutter – und das ist meine Verwirrung –, warum kann ein Sohn Israels nicht all das tun, was ein Römer tun kann?« Die Mutter begriff sofort, daß alle diese Fragen in Judah 91
durch das Gespräch mit Messala aufgewühlt worden waren, und sie antwortete so lebhaft, wie er gesprochen hatte: »Ich verstehe, ich verstehe. Während eurer Knabenfreundschaft war Messala beinahe wie ein Jude; wenn er hiergeblieben wäre, hätte er sich vielleicht zu unserm Glauben bekehrt, so stark sind die Einflüsse der Umgebung auf unser Leben. Aber die Jahre in Rom waren zu stark für ihn. Ich wundere mich nicht über seine Veränderung, doch«, sie senkte ihre Stimme, »er hätte mit dir schließlich zärtlicher umgehen können. Nur harte und grausame Naturen können in der Jugend ihre ersten Lieben vergessen.« Sie legte ihm die Hand auf die Stirn und streichelte sein Haar zärtlich, während sie zu den höchsten Sternen emporschaute. Ihr Stolz war nicht geringer als der seine. Sie wollte ihm antworten, aber um alles in der Welt durfte die Antwort nicht unbefriedigend ausfallen. Sie zögerte voller Befürchtungen über ihre eigenen Kräfte. »Was du wissen willst, o mein Judah, ist für eine Frau sehr schwer zu beantworten. Laß es mich bis morgen verschieben, ich will den weisen Simeon fragen.« »Schicke mich nicht zu dem Lehrer!« warf er ein. »Ich will ihn hierherkommen lassen.« . »Nein, Mutter, ich brauche mehr als eine Unterweisung. Die könnte er mir wohl besser geben als du; aber du kannst mir geben, was er nicht geben kann: den Entschluß, der die Seele einer männlichen Seele ist.« Sie sandte einen flehenden Blick zum Himmel und versuchte den Sinn seiner Fragen zu erkennen: »Wenn wir Gerechtigkeit für uns beanspruchen, ist es nicht klug, gegen andre ungerecht zu sein. Wenn wir einen besiegten Feind herabsetzen, verkleinern wir unsern Sieg.« Das hatte sie mehr zu sich selber gesagt, dann fuhr sie fort: »Verliere den Mut nicht, mein Sohn! Messala ist von vornehmer Abkunft, seine Familie ist seit vielen Generationen 92
berühmt. Schon in den Zeiten des republikanischen Rom waren die Messalas groß, einige als Soldaten, andre als Beamte. Ich kenne zwar nur einen Konsul dieses Namens, aber sie hatten alle den Rang von Senatoren, und ihr Patronat wurde immer gesucht, weil sie reich waren. Aber wenn sich dein Freund heute mit seinen Vorfahren gerühmt hätte, so könntest du ihn leicht beschämen. Denn nur wenig Römer können sich rühmen, von den Gründern Roms abzustammen. Messala jedenfalls kann es nicht. Laß sehen, ob wir besser dastehen! Dein Vater, mein Judah, ruht schon bei seinen Vätern. Aber ich erinnere mich, als ob es heute wäre, des Tages, an dem wir dich dem Herrn im Tempel darstellten. Wir opferten die Tauben, und ich nannte dem Priester deinen Namen. Er schrieb ihn in meiner Gegenwart: Judah, Sohn des Ithamar aus dem Hause Hur. Und dieser Name wurde in die Register der frommen Familie eingetragen. Ich weiß nicht, wann diese Register begonnen wurden, aber es geschah schon vor der Flucht aus Ägypten. Ich habe Hillel sagen hören, Abraham selbst habe sie mit seinem eigenen Namen begonnen. Nur einmal wurden sie abgebrochen. Aber als das Volk aus der Gefangenschaft zurückkehrte, stellte Zorobabel die Register wieder her und konnte die Familien in ununterbrochener Reihenfolge durch zwei Jahrtausende zurückverfolgen. Was bedeuten die Prahlereien der Römer gegen diese Geschlechterfolge! Danach, Judah, sind die Hirten, die dort auf Rephaim die Herden hüten, adliger als der adligste der Marcii.« »Und ich, Mutter, wer bin ich nach diesen Büchern?« »Aus ihnen haben wir bis zurück zur Gefangenschaft, zur Gründung des ersten Tempels, zum Auszug aus Ägypten die absolute Gewißheit, daß du in gerader Linie von Hur, dem Gefährten Josuas abstammst. Und genügt dir das noch nicht, so schlage die Thora auf, und du wirst im Buche Numeri unter den zweiundsiebzig Geschlechtern nach Adam den ältesten Stammvater unsers Hauses finden.« 93
In das Schweigen hinein, das nach diesem stolzen Bericht der Mutter folgte, sagte Judah: »Ich danke dir, Mutter, ich danke dir von ganzem Herzen. Ich hatte recht, wenn ich bat, nicht den guten Lehrer zu rufen. Er hätte mich nicht besser zufriedenstellen können. Aber genügt das Alter allein, um den Adel einer Familie zu beweisen?« »Oh, du vergißt, daß unser Anspruch nicht allein auf der Zeit beruht; die Auserwählung durch den Herrn ist unser höchster Ruhm.« »Du sprichst vom Volk, und ich, Mutter, spreche von der Familie, von unsrer Familie. Worin hat sie sich seit Vater Abrahams Zeiten ausgezeichnet? Was hat sie getan? Durch welche Taten hat sie sich über die andern erhoben?« Die Mutter zögerte mit ihrer Antwort. Hatte sie ihren Sohn mißverstanden? Die Fragen, die er stellte, konnten einen tieferen Grund haben als verletzte Eitelkeit. War für ihn der gefährliche Augenblick gekommen, in dem der männliche Geist in ihm erwachte und er die Hand nach Schatten ausstreckte, halb noch blind vor dem Leben und ganz ohne Erfahrung? Sie wußte, daß jedes Wort, das sie sprach, eine Gefahr heraufbeschwören konnte. »Ich fürchte, daß alles, was ich gesagt habe, mein Judah, mit einem ganz wirklichen Gegner und keinem nur eingebildeten zu tun hat. Ist Messala dieser Feind, so laß mich nicht gegen ihn im Dunkeln kämpfen. Sag mir alles, was ihr gesprochen habt!«
Rom und Israel Judah erzählte ihr alles und besonders das, was Messala über die Juden, ihre Gebräuche und ihr engumgrenztes Leben gesagt hatte. 94
Die Mutter hörte ihm schweigend zu. Judah war in den Palast gegangen voll von Liebe zu seinem Spielgefährten und hatte erwartet, denselben Messala vorzufinden, von dem er sich vor Jahren getrennt hatte. Aber er fand einen Mann, der nicht lachend von den Spielen der Vergangenheit sprach, sondern, erfüllt von Zukunftsplänen, über Ruhm und Reichtum und Macht. Nun war er mit verletztem Stolz und erregtem Ehrgeiz heimgekommen. Sie ahnte nicht, welche Wirkung das haben konnte. War es denkbar, daß ihn dieses Erlebnis vom Glauben der Väter abwandte? Nichts wäre schrecklicher. In ihr erwachte die Jüdin, und sie sprach mit fast männlicher Strenge: »Es gibt kein Volk, das sich nicht den andern Völkern gleichachtet, und keine große Nation, die sich nicht für die größte hält. Wenn der Römer auf Israel herabsieht und es verlacht, so wiederholt er nur die Torheit der Ägypter, Assyrier und Mazedonier. Und da dieses Gelächter gegen Gott gerichtet ist, so muß das Ergebnis das gleiche sein. – Es gibt kein Gesetz, das die Rangordnung der Völker bestimmt. Daher ist auch der Anspruch auf Überlegenheit eitel und jeder Streit darüber vergeblich. Ein Volk steigt empor, geht seinen Schicksalsweg und stirbt aus sich selber oder von der Hand eines andern, das seine Macht erbt, sich an seine Stelle setzt und auf seine Denkmäler neue Namen schreibt. Das heißt Geschichte. Sollte ich Gott und die Menschen in der einfachsten Form darstellen, so würde ich eine Linie und einen Kreis zeichnen. Von der Linie würde ich sagen: ›Das ist Gott, denn er allein bewegt sich ewig vorwärts‹; und vom Kreis: ›Das ist der Mensch und sein Fortschritt.‹ Ich sage nicht, daß es im Fortschritt zwischen den einzelnen Nationen keinen Unterschied gibt, nicht zwei gleichen sich. Der Unterschied liegt nicht in der Größe des Kreises, sondern in der Bewegung, die höchste ist Gott am nächsten. Dafür gibt es gewisse Zeichen. Vergleichen wir die Hebräer mit den Römern! Das einfachste Zeichen findet sich im täglichen Leben des Volkes. Dazu will 95
ich sagen: Israel hat in manchen Zeiten Gott vergessen; aber die Römer haben ihn nie gekannt. Ein Vergleich ist darum nicht möglich. Dein Freund – oder dein ehemaliger Freund – hat behauptet, daß wir keine Dichter, Künstler oder Krieger gehabt haben; damit meinte er, daß wir überhaupt keine großen Männer besaßen, das nächste deutliche Zeichen für ein Volk. Ein großer Mann, mein Knabe, ist der, dessen Leben beweist, daß er von Gott anerkannt, wenn nicht berufen wurde. Ein Perser war das Werkzeug der Strafe für unsre Vorfahren. Er führte sie in Gefangenschaft. Ein andrer Perser war auserwählt, die Kinder Israels ins Heilige Land zurückzuführen. Größer als beide war der Mazedonier, der die Verwüstung Judäas und des Tempels rächte. Alle diese Männer waren vom Herrn für einen göttlichen Auftrag auserwählt; daß sie Heiden waren, schmälert ihren Ruhm nicht. Viele halten den Krieg für den edelsten Beruf des Mannes und sehen auf den Schlachtfeldern seine erhabenste Größe emporwachsen. Wenn auch die Welt dieser Meinung ist, laß dich nicht täuschen! Daß wir etwas verehren müssen, ist ein Gesetz, das so lange gilt, solange wir es nicht verstehen. Das Gebet des Barbaren ist ein Angstschrei, den er zu der Kraft emporsendet; denn sie ist für ihn die einzige göttliche Macht, an die er glaubt, daher seine Heldenverehrung. Was ist Jupiter anderes als ein römischer Held? Die Griechen haben ihren großen Ruhm darin, daß sie den Verstand über die Kraft stellten. In Athen wird der Redner und Philosoph mehr geachtet als der Krieger. Die Wagenlenker und die schnellen Läufer sind nur Idole der Arena, die Unsterblichkeit ist nur dem Dichter vorbehalten. Sieben Städte beanspruchen es, der Geburtsort eines Dichters zu sein. Waren aber die Hellenen die ersten, die den Glauben der Barbaren nicht anerkannten? Nein! Dieser Ruhm gehört uns, mein Sohn. Gegen die brutale Kraft stellten unsre Väter Gott, in unsrer Anbetung wich der Angstschrei dem Hosianna und den Psalmen. So haben die Hebräer 96
und die Griechen die Menschheit vorwärts und aufwärts geführt. Die Griechen erreichten eine solche Vollkommenheit, daß sich die Römer herablassen mußten – mit Ausnahme des Kriegshandwerks –, alles von ihnen zu übernehmen. Ein Grieche ist das Vorbild für einen Redner im Forum. In jedem römischen Gedicht schwingt griechischer Rhythmus. Wenn ein Römer den Mund zu weisen Morallehren öffnet, zu irgendwelchen Gedanken, oder wenn er über die Geheimnisse der Natur spricht, so ist er ein Plagiator oder ein Anhänger der griechischen Schule. In nichts außer dem Krieg hat Rom Anspruch auf Originalität. Selbst die Spiele und Aufführungen der Römer sind von den Griechen entlehnt, durch Blut und Grausamkeit ihrem Pöbel angepaßt. Ihre Religion, wenn man das Religion nennen kann, ist zusammengesetzt aus dem Glauben andrer Völker; ihre am höchsten verehrten Götter, selbst Mars, stammen aus dem Olymp, und deshalb preisen sie ihren Jupiter so sehr. O mein Sohn, darum kann unser Israel in der ganzen Welt nur mit den Griechen um die Palme des schöpferischen Genies ringen. Der Römer ist durch seine Selbstsucht blind vor den Vorzügen andrer Völker und mit einem Brustpanzer gewappnet. Diese ruchlosen Räuber! Unter ihren Schritten bebt die Erde wie eine Tenne unter den Dreschflegeln. Und – es ist schlimm, daß ich das sagen muß, mein Sohn – mit andern Völkern sind auch wir unter ihre Herrschaft gekommen. Sie haben unsre höchsten und heiligsten Plätze inne, und niemand weiß, wie das enden soll. Aber das weiß ich: Mögen sie Judäa wie eine Mandel mit Hämmern zerschlagen und Jerusalem, das Öl und die Süßigkeit des Landes zerstören – der Ruhm der Männer Israels wird wie ein Licht leuchten, ihnen unerreichbar fern, denn ihre Geschichte ist die Geschichte Gottes, die er mit eigener Hand schrieb. Er sprach durch ihren Mund und war selbst in all dem Guten und Geringen, das sie taten. Er lebte mit ihnen, ein Gesetzgeber vom Sinai, ein Führer durch die 97
Wüste, ein Feldherr im Krieg, ein König des Volkes. Er war es, der selbst den Vorhang vor dem Allerheiligsten beiseite zog, seinem Wohnsitz, der wie ein Mensch zu Menschen sprach und ihnen das Recht, den Weg zur Glückseligkeit zeigte. Kann es denn sein, mein Sohn, daß sie, mit denen er lebte, nichts von ihm gewonnen hätten, daß sich selbst in ihre menschlichen Eigenschaften nicht etwas von seiner Göttlichkeit eingeprägt hätte und ihr Genius nach allen Fehlern in der Zeit nicht ein wenig vom Himmel haben sollte? Es ist wahr, Israel hat keine Bildwerke und keine Gemälde, es hat keine Künstler.« Die Mutter sagte es bedauernd, denn sie war eine Sadduzäerin, deren Glaube es ihr, im Gegensatz zu den Pharisäern, erlaubte, die Schönheit in jeder Form zu lieben. »Aber wenn man gerecht sein will, darf man nicht vergessen, daß unsre Hände gebunden waren durch das Verbot: Du sollst dir kein Bildnis noch Gleichnis machen, ein Verbot, das die Sopherim willkürlich über seinen Sinn hinaus ausgedehnt hatten. Es darf auch nicht vergessen werden, daß lange bevor Daedalus in Attika erschien und durch seine Statuen aus Holz die Skulptur so umformte, daß die Schulen von Corinth und Aegina möglich und ihr letzter Triumph, Poecile und Capitolium, erreicht wurde, zwei Israeliten, Bezaleel und Aholiab, die erste Bundeslade schufen. Und sie soll ein Meisterwerk gewesen sein mit ihrem Cherubim auf dem Gnadenstuhl. Diese Statuen waren aus Gold gehämmert, nicht gemeißelt, und es hieß, sie breiteten ihre Flügel und sahen einander an. Wer will sagen, sie wären nicht schön und nicht die ersten Statuen gewesen?« »Ich sehe nun, warum uns die Griechen übertroffen haben«, warf Judah ein; »und die Babylonier, die unsre erste Bundeslade zerstört haben, seien verflucht!« »Nein, Judah, glaube mir, sie wurde nicht zerstört, sie ging nur verloren und wurde in einer Höhle im Gebirge versteckt. 98
Hillel und Schammai meinen, sie werde eines Tages, wenn Gott es will, wiedergefunden und wiederaufgestellt werden, und Israel wird vor ihr tanzen und singen wie in alten Zeiten. Und alle, die dann die Cherubim sehen werden – und hätten sie auch die elfenbeinerne Minerva gesehen –, werden des Juden Hände küssen vor Bewunderung seines Genius, der die ganzen tausend Jahre geschlafen hat.« – Die Mutter hatte sich so ereifert, daß sie einen Augenblick Ruhe brauchte. »Du bist so gut, Mutter«, sagte Judah dankbar. »Hillel und Schammai könnten mich nicht besser überzeugen. Ich werde nie wieder so reden. Und ich bin wieder ein treuer Sohn Israels.« »Schmeichler, du weißt nicht, daß ich nur wiederhole, was ich von Hillel hörte, als er eines Tages mit einem Sophisten aus Rom stritt.« »Aber dein Herz ist in deinen Worten.« »Wo war ich stehengeblieben?« fuhr die Mutter ernst fort. »O ja, ich beanspruchte für unsre hebräischen Vorfahren die ersten Statuen. Aber die Kunst des Bildners ist nicht die einzige Kunst, und in der Kunst liegt nicht alle Größe. Ich sehe alle großen Männer durch die Jahrhunderte in Gruppen und Abteilungen nach ihrer Abstammung wandeln, hier die Inder, dort die Ägypter, da die Assyrier, die Trompeten schmettern, und die Banner wehen. Und zu beiden Seiten ziehen die zahllosen Generationen dahin. Ich höre die Griechen: ›Siehe, der Hellene führt euch!‹ Dann spricht der Römer: ›Ruhe! Was euer Platz war, ist nun der unsre, wir haben euch hinter uns gelassen wie Staub, der vergeht.‹ Aber von weit hinten und in die Zukunft hinein strahlt ein Licht, von dem alle diese Streiter nichts wissen, das Licht der Offenbarung! Und wer trägt es? Oh, das alte jüdische Blut. Wie es bei dem Gedanken aufwallt! Dreimal selig unsre Väter, die Diener Gottes und Erfüller des Bundes! Sie sind die Führer der Menschheit, der Lebendigen und der Toten. Sie gehen voran, und wenn jeder Römer ein Cäsar wäre, 99
er kann sie uns nicht rauben!« »Fahre fort, ich bitte dich«, rief Judah. »In diesen Worten höre ich die Zimbeln. Ich warte auf Miriam und die Frauen, die hinter ihnen tanzen und singen.« »Gut, mein Sohn, wenn du die Zimbeln der Prophetin hörst, so kannst du tun, was ich von dir fordern wollte. Steh mit mir an dem Weg, auf dem die Auserwählten, Israel an der Spitze des Zuges, vorbeiziehen! Zuerst die Patriarchen, dann die Väter der Stämme. Ich höre die Glöckchen ihrer Kamele und das Brüllen ihrer Herden. Und wer geht da allein und abgesondert? Ein alter Mann, aber sein Auge ist nicht trübe, seine Kraft nicht gebrochen. Er hat den Herrn von Angesicht zu Angesicht gesehen, ein Krieger, Dichter, Redner, Gesetzgeber, Prophet. Seine Größe verdunkelt jedes andre Licht, wie die Morgensonne selbst das des größten Kaisers. Hinter ihm die Richter. Und dann die Könige – der Sohn Jesses, ein Held im Kriege, ein Sänger ewiger Gesänge wie das Meer, und sein Sohn, reicher und weiser als alle Könige, der die Wüste bewohnbar gemacht hat und in ihrer Weite Städte erbaute. Vergiß Jerusalem nicht, das der Herr zu seinem Wohnsitz auf Erden gemacht hat. Neige dich tiefer, mein Sohn! Die jetzt kommen, sind die ersten und letzten ihrer Art. Ihr Angesicht ist zum Himmel erhoben, als ob sie einer Stimme von oben lauschten. Ihr Leben war voll Kummer. Ihre Gewänder duften nach Gräbern und Höhlen. Höre eine Frau unter ihnen: »Singe dem Herrn, denn er hat glorreich triumphiert!« Sie waren die Zungen Gottes, seine Diener, die durch die Himmel sehen konnten und die Zukunft sahen und die aufschrieben, was sie sahen, und uns ihre Schriften ließen, damit die Zeit sie bestätigte. Könige erbleichten, wenn sie sich ihnen näherten, und Völker zitterten bei ihrer Stimme. Die Elemente waren ihnen Untertan. In ihren Händen hielten sie jeden Segen und jeden Fluch. Sieh den Thesbiter und seinen Diener Elisäus, sieh den beklagenswerten Hilkiah und den Seher am Fluß Chebar! Und die drei Kinder Judahs im 100
Feuerofen. Und dort – o mein Sohn, fall in den Staub vor ihm, es ist der Sohn des Amos, welcher der Welt die Verheißung gab, daß der Messias kommen wird! – Bist du müde, mein Kind?« »Nein«, antwortete Judah, »ich lausche einem neuen Hohenlied Israels.« »Ich habe dir, so gut ich es konnte, unsre großen Männer gezeigt: die Patriarchen, Gesetzgeber, Krieger, Sänger und Propheten. Wenden wir uns zu den Besten Roms! Stelle unsern Moses einem Kaiser, David einem Tarquinius, einen der Makkabäer Sulla gegenüber, unsern Richtern die besten Konsuln, Salomo dem Augustus – da endet jeder Vergleich. Und dann denke an die Propheten, den Größten unter den Großen.« Sie lachte verächtlich. »Vergib mir! Ich mußte an die Wahrsager denken, die Julius Cäsar vor den Iden des März warnten, und stellte mir vor, wie er die Eingeweide eines Huhns nach bösen Anzeichen durchforschte. Wende dich von diesem Bild zu Elias, wie er auf dem Hügel an der Straße nach Samaria sitzt, mitten unter den rauchenden Leibern der Feldherrn und ihrer fünfzig, und den Sohn Ababs vor dem Zorn Gottes warnt. Wie sollten wir, mein Sohn, Jehova und Jupiter anders beurteilen als durch die Taten, die ihre Diener in ihrem Namen vollbrachten! Und was dein Tun betrifft« – sie sprach die Worte langsam und mit zitternder Stimme –, »was deine Zukunft betrifft, mein Judah, diene dem Herrn, dem Gott Israels, und nicht Rom! Für ein Kind Abrahams gibt es keinen andern Ruhm als auf den Wegen des Herrn – das ist ein großer Ruhm.« »Kann ich also Soldat werden?« fragte Judah. »Warum nicht? Nannte Moses Gott nicht einen Herrn der Heerscharen?« Nach einem langen Schweigen fuhr sie schließlich fort: »Du hast meine Erlaubnis, wenn du nur dem Herrn dienst statt dem Cäsar.« 101
Er war mit dieser Bedingung einverstanden, und da sie schwiegen, fiel er allmählich in Schlaf. Die Mutter erhob sich, schob ihm ein Kissen unter den Kopf und deckte ihn zu. Sie küßte ihn zärtlich und ging hinaus.
Der Unfall des Gratus Als Judah erwachte, stand die Sonne schon hoch über den Bergen. Die Taubenschwärme erfüllten die Luft mit dem Schimmer ihrer weißen Flügel, und gegen Südosten tauchte das goldene Gebilde des Tempels im Himmelsblau auf. Aber diesen vertrauten Dingen schenkte Judah keinen Blick. Er hörte einem Mädchen von etwa fünfzehn Jahren zu, die bei ihm auf einer Ecke des Diwans saß und zur Begleitung einer Harfe, die sie auf den Knien hielt, ein Schlaflied sang. Als sie geendet, stellte sie die Harfe nieder, legte ihre Hände in den Schoß und wartete, daß Judah sprechen würde. Die Gunst des Herodes hatte viele Persönlichkeiten, die ihn überlebten, mit Reichtümern überschüttet. Kam dieser Reichtum in die Hände eines direkten Nachkommen eines der berühmten Stämme, besonders des Stammes Juda, so wurde der glückliche Besitzer als Fürst von Jerusalem bezeichnet, eine Auszeichnung, die ihm die Ehrerbietung der weniger begünstigten Landsleute und die Achtung, wenn nicht mehr, auch der Heiden eintrug, mit denen er geschäftlich und gesellschaftlich in Berührung kam. Unter diesen Personen hatte keiner privat und öffentlich höheres Ansehen genossen als der Vater Judahs. Mit der Anhänglichkeit an sein Volk, die ihn nie verließ, hatte er auch dem König treu in der Heimat und außerhalb gedient. Mehrfach hatten ihn Aufträge des Königs nach Rom geführt; er hatte dort die Aufmerksamkeit des Kaisers Augustus gefunden, der ihn achten lernte und seine Freund102
schaft suchte. In seinem Hause bewahrte er infolgedessen viele Geschenke, die er der Freigebigkeit der Könige verdankte: purpurne Togen, elfenbeinerne Sessel, goldne Trinkschalen, deren größerer Wert darin bestand, daß sie aus der kaiserlichen Hand stammten. Ein solcher Mann mußte reich werden, doch sein Reichtum kam ihm nicht nur aus der Gunst seiner königlichen Herren. Das Gesetz, das ihm seine Tätigkeit erlaubte, war ihm hoch willkommen, und er widmete sich vielerlei Beschäftigungen. Er besaß zahllose Herden, die auf den Ebenen und Hügeln bis zum alten Libanon von seinen Hirten gehütet wurden. In den Städten am Meer und innerhalb des Landes hatte er Handelshäuser gegründet. Seine Schiffe brachten ihm Silber aus Spanien, dessen Bergwerke als die reichsten galten, und seine Karawanen kamen zweimal im Jahr, mit Seiden und Gewürz beladen, aus dem Osten. Er war ein Jude, der die Gesetze und alle Riten achtete und oft in die Synagoge und den Tempel ging. Er war ein Schriftgelehrter; er brachte gern seine Zeit in der Gesellschaft der Lehrer zu und verehrte Hillel tief. Doch er war in keinem Sinne Separatist. Er war gastfreundlich zu allen Ausländern, und die krittelnden Pharisäer beschuldigten ihn, daß er mehr als einmal an seinem Tisch Samaritaner zu Gast hatte. Wäre er ein Heide gewesen, würde die Welt wohl von ihm als einem Rivalen des Herodes Atticus gesprochen haben. Vor etwa zehn Jahren war er auf dem Meere umgekommen. Das Mädchen, das bei Judah saß, war seine Schwester Tirzah. Die Geschwister waren sich sehr ähnlich. Auch das Mädchen hatte regelmäßige Züge und war von demselben jüdischen Typ; auch sie besaß den Reiz kindlicher Unschuld. Ihr lose fallendes Kleid war auf der rechten Schulter geknöpft und ließ die Arme frei. Ein Gürtel raffte die Falten zusammen. Auf dem Kopf trug sie eine einfache silberne lyrische Haube mit einer Quaste, darüber einen gestreiften, sehr schön bestickten Schal aus dem 103
gleichen Stoff. Er war so eng um den Kopf geschlungen, daß er seine schöne Form erkennen ließ. Sie trug goldne Ringe an den Ohren und Fingern, und Armreifen, auch um den Hals eine goldene Gliederkette mit Perlen. Die Ecken ihrer Augenlider und die Spitzen der Finger waren gefärbt. Ihr Haar fiel in zwei langen Zöpfen über den Rücken; auf beiden Wangen lag gerade vor den Ohren eine Locke. Man konnte Tirzahs Grazie, Anmut und Schönheit nicht übersehen. »Sehr schön, meine Tirzah, sehr schön!« »Das Lied?« »Das Lied – und die Sängerin auch. Es hat griechische Anklänge. Wo hast du es her?« »Erinnerst du dich an den Sänger, der letzten Monat im Theater sang? Die Leute sagen, er sei Sänger am Hof des Herodes und seiner Schwester Salome. Er trat nach einem Ringkampf auf, als das Haus noch voller Lärm war. Aber schon beim ersten Ton wurde es so still, daß ich jedes Wort verstand. Von ihm habe ich das Lied.« »Aber er sang es griechisch?« »Und ich hebräisch.« »Ich bin stolz auf meine kleine Schwester. Hast du noch ein Lied, das so schön ist?« »Noch viele. Aber lassen wir das jetzt. Amrah läßt dir sagen, daß sie dir das Frühstück heraufbringt. Du brauchst nicht hinunterzugehen. Sie sollte schon hier sein. – Sie meint, du seist krank, weil du gestern etwas Schreckliches erlebt hast. Was war es? Erzähl mir, damit ich Amrah helfen kann, dich gesund zu machen. Sie kennt alle Kuren der Ägypter, die alle dumm sind; aber ich habe viele arabische Rezepte, die…« »Die noch dümmer als die ägyptischen sind«, fiel ihr Judah ins Wort und schüttelte den Kopf. »Meinst du? Nun gut«, sie griff an ihr linkes Ohr, »lassen wir sie also. Ich habe etwas, was viel sicherer und besser ist: das Amulett, das einigen unsrer Leute vor langer Zeit von einem 104
persischen Zauberer gegeben worden war. Sieh, die Inschrift ist fast verwischt.« Sie reichte ihm den Ohrring. Er nahm ihn, beschaute ihn und gab ihn ihr lachend zurück. »Und wenn ich im Sterben läge, würde ich den Zauber nicht benutzen. Es ist ein Überrest der Götzendienerei, jedem gläubigen Sohn und jeder Tochter Abrahams verboten. Nimm ihn, aber brauche ihn nie wieder!« »Verboten? Nein!« antwortete sie. »Unsres Vaters Mutter trug ihn, ich weiß nicht, an wie vielen Sabbattagen ihres Lebens. Ich habe damit wer weiß wie viele Leute geheilt, jedenfalls mehr als drei. Das Amulett ist auch anerkannt – hier ist das Zeichen des Rabbi.« »Ich glaube nicht an Amulette.« Sie hob erstaunt die Augen. »Was würde Amrah sagen?« »Amrahs Eltern pflanzten Sakiyeh in einem Garten am Nil.« »Aber Gamaliel!« »Er nennt sie gottlose Gebräuche der Ungläubigen.« Tirzah beschaute zweifelnd den Ring. »Was soll ich damit tun?« »Trag ihn, kleine Schwester. Er steht dir, macht dich schön; doch du brauchst ihn nicht dazu.« Zufrieden hängte sie den Ring wieder in ihr Ohr, gerade als Amrah mit einer Waschschüssel mit Wasser und Handtüchern auf einer Platte eintrat. Da Judah kein Pharisäer war, war die Waschung kurz. Die Dienerin verließ das Zimmer, und Tirzah begann Judahs Haar zu kämmen. Wenn sie eine Locke zu ihrer Zufriedenheit gelegt hatte, hielt sie ihm den kleinen Metallspiegel vor, den sie am Gürtel trug. Unterdessen sprachen sie weiter: »Was sagst du dazu, Tirzah – ich gehe fort.« Sie ließ erschreckt die Hände sinken. »Fort? Wann? Wohin? Warum?« 105
Er lachte: »Drei Fragen in einem Atemzug! Was bist du für ein Kind!« Aber dann wurde er ernst. »Du weißt, daß mich das Gesetz verpflichtet, mir eine Tätigkeit zu suchen. Unser guter Vater gab mir ein Beispiel. Selbst du würdest mich verachten, wenn ich die Früchte seines Wirkens im Müßiggang verzehrte. Ich fahre nach Rom.« »Oh, ich will mit dir gehn!« »Du mußt bei der Mutter bleiben. Wenn wir beide sie verließen, würde sie sterben.« Sie wurde blaß. »Jaja. Aber mußt du gehen? Hier in Jerusalem kannst du alles lernen, was ein Kaufmann wissen muß – wenn es das ist, woran du denkst.« »Daran denke ich nicht. Das Gesetz verpflichtet den Sohn nicht, den Beruf des Vaters zu wählen.« »Was kannst du sonst noch werden?« »Soldat«, sagte er mit einem gewissen Stolz. Tirzah kamen die Tränen: »Du wirst getötet werden!« Sie umarmte ihn, als wolle sie ihn zurückhalten. »Wenn es Gottes Wille ist. Aber nicht alle Soldaten werden getötet, Tirzah!« »Wir sind so glücklich. Bleib zu Hause, mein Bruder!« »Die Heimat kann nicht immer bleiben, was sie ist. Du selber wirst ja auch einmal fortgehen.« »Niemals!« »Einmal wird ein Fürst von Juda oder einer von einem andern Stamm kommen und meine Tirzah mit sich nehmen, um sie zum Licht seines Hauses zu machen. Was wird dann aus mir?« Ein Schluchzen war die Antwort. »Krieg ist ein Gewerbe«, fuhr er gelassen fort. »Um es richtig zu lernen, muß man zur Schule gehen. Es gibt keine bessere als ein römisches Lager.« »Du wirst nicht für Rom kämpfen.« »Und du – auch du hassest Rom? Die ganze Welt haßt es. Ja, 106
ich will für Rom kämpfen, und Rom wird mich lehren, eines Tages gegen Rom zu kämpfen.« »Wann willst du gehen?« Sie hörten Amrahs Schritte: »Still«, sagte er, »sie darf davon nichts wissen!« Die treue Sklavin brachte das Frühstück und stellte es auf einen Stuhl vor Judah nieder. Dann wollte sie ihn bedienen, ein weißes Handtuch über ihrem Arm. Sie tauchten ihre Finger in eine Wasserschale. Plötzlich ließ sie ein Geräusch von draußen aufhorchen. Marschmusik klang von der Straße auf der Nordseite des Hauses herauf. »Soldaten aus dem Prätorium! Ich muß sie sehen!« rief Judah, sprang vom Diwan auf lief hinaus. Einen Augenblick später lehnte er sich über die Ziegelbrüstung des Daches am äußersten Nordostende. Er war so versunken, daß er nicht merkte, wie Tirzah neben ihn trat und ihm eine Hand auf die Schulter legte. Sie konnten von hier aus, über die Dächer im Osten bis zum Turm von Antonia, die Zitadelle für die Garnison und das militärische Hauptquartier des Gouverneurs sehen. Über die Straße, die nicht breiter als zehn Fuß war, spannten sich da und dort Brücken, auf denen sich, wie auf den Dächern, Männer, Frauen und Kinder eingefunden hatten, von der Musik angelockt. Es war keine richtige Musik, sondern nur Trompetengeschmetter und die schrillen Hörner, die der Soldat so liebte. Nach einer Weile kam das Militär in Sicht. Zuerst die leichtbewaffnete Avantgarde, meist Schleuderer und Bogenschützen, die in weiten Abständen marschierten, dann eine Abteilung schwerbewaffneter Fußtruppen mit großen Schilden und langen Speeren. Dann kam die Musik und ein einzelner Offizier. Ihm folgte dicht eine Leibwache zu Pferde. Danach kamen schließlich wieder schwerbewaffnete Fußtruppen, die kein Ende zu nehmen schienen und die Straße von Mauer zu Mauer vollständig ausfüllten. 107
Die braungebrannten Körper, die rhythmische Bewegung ihrer Schilde von links nach rechts, der Glanz auf den polierten Spangen, Schuppen, Brustpanzern und Helmen, die nickenden Federbüsche, die Legionszeichen und die Speere mit den Eisenspitzen, dazu der feste, gleichmäßige Marschtritt, die ganze ernste und wachsame Haltung, die Einheit der sich bewegenden Masse – das alles machte auf Judah einen Eindruck, den er mehr fühlte, als er ihn sah. Zwei Dinge fesselten besonders seine Aufmerksamkeit: einmal der flügelschlagende Adler der Ersten Legion – ein vergoldetes Bild an der Spitze eines langen Schafts. Er wußte, daß man dem Bild göttliche Ehren erwies, wenn es aus dem Turm geholt wurde. Das zweite war der Offizier, der allein in der Kolonne ritt. Er trug keinen Helm, aber er war in voller Rüstung. An seiner Linken trug er ein kurzes Schwert. In seiner Hand hielt er einen Feldherrnstab, der wie eine Rolle weißen Papiers aussah. Statt eines Sattels saß er auf einer Purpurdecke, die wie der Zaum mit Gold bestickt und mit gelbseidenen Borten besetzt war. Noch als der Reiter weit entfernt war, bemerkte Judah, daß sein Erscheinen bei der Menge zornige Erregung auslöste. Man lehnte sich über die Brüstungen oder stand unverschämt draußen und ballte die Fäuste gegen ihn; man folgte ihm mit lauten Rufen und spuckte auf ihn, wenn er unter den Brücken hindurchritt. Die Frauen warfen ihre Sandalen nach ihm, manchmal so geschickt, daß sie ihn trafen. Als er näher kam, verstand man das Geschrei: »Räuber! Tyrann, Hund von einem Römer. Fort mit Ismael! Gib uns unsern Annas zurück!« Als er ganz nahe kam, konnte Judah erkennen, daß er die von den Soldaten so stolz zur Schau getragene Gleichgültigkeit nicht teilte. Sein Gesicht war finster, und die Blicke, die er auf seine Beleidiger warf, waren drohend. Die Furchtsamen schreckten davor zurück. Der Reiter trug, wie die Oberkommandierenden seit dem ersten Cäsar, um seinen Rang zu kennzeichnen, in der Öffent108
lichkeit nur einen Lorbeerzweig um den Kopf. Daran erkannte Judah den Offizier: Es war Valerius Gratus, der neue Prokurator von Judäa! Judah fühlte bei dem herausfordernden Sturm um den Römer Sympathie für ihn. Und als der Prokurator die Ecke des Hauses erreicht hatte, lehnte sich Judah weit über die Brüstung, um ihn vorbeireiten zu sehen. Dabei stützte er sich auf einen Ziegel, der schon vor längerer Zeit zersprungen war, ohne daß man es bemerkt hatte. Der Druck war stark genug, um das äußere Stück abzubrechen, der Ziegel rutschte. Ein jäher Schreck fuhr durch Judah. Er streckte die Hand aus, um den fallenden Ziegel zu erhaschen. Es sah genauso aus, als wolle er etwas schleudern. Es gelang ihm nicht, den Ziegel zu halten, im Gegenteil – er stieß ihn ganz über die Mauer. Er schrie aus Leibeskräften. Die Soldaten der Leibwache schauten herauf, auch der Prokurator. In diesem Augenblick traf ihn der Ziegel. Er stürzte wie tot vom Pferd. Die Kohorte hielt. Die Wache sprang von den Pferden und eilte, ihren Herrn mit den Schilden zu decken. Die Menge aber, die das alles mit angesehen hatte und glauben mußte, daß der Wurf absichtlich geschehen sei, jubelte dem Jüngling zu, als er sich vor aller Augen weit über die Brüstung beugte. Judah war wie gelähmt, als er sah, was er angerichtet hatte, und vor ihm standen alle Folgen seiner Handlung. Ein böser Geist schien jäh das Volk von Dach zu Dach zu überkommen. Sie rissen die Ziegel und anderes von den Brüstungen und begannen damit in blinder Wut die Legionäre zu bewerfen. Ein wildes Handgemenge entstand, in dem natürlich die Soldaten Sieger blieben. Judah aber erhob sich von der Brüstung schreckensbleich: »O Tirzah, Tirzah! Was soll aus uns werden!« Sie hatte die Ursache der Schreie nicht begriffen und beobachtete die Volksszenen unter ihr. Irgend etwas Schreckliches war geschehen, aber sie wußte nicht, was es war, auch nicht, daß irgend jemand, der ihr teuer war, in Gefahr schwebte. 109
»Was ist geschehen?« fragte sie in plötzlicher Angst. »Was bedeutet das alles?« »Ich habe den römischen Prokurator getötet. Der Ziegel hat ihn getroffen.« Ihr Gesicht wurde aschfahl und weiß. Sie umarmte den Bruder und sah ihm wehmütig, aber ohne ein Wort in die Augen. Seine Angst war auf sie übergegangen, und das gab ihm Mut. »Ich habe es nicht absichtlich getan, Tirzah, es war ein Zufall«, sagte er ruhiger. »Was werden sie tun?« Judah sah auf den wachsenden Tumult auf den Straßen und Dächern, und er dachte an die drohende Haltung des Gratus. Wenn er nicht tot war, wo würde seine Rache anhalten? Und wenn er tot war, zu welchen Wutausbrüchen würde nicht der Angriff der Menge die Legionäre treiben? Um einer Antwort auszuweichen, beugte er sich wieder über die Brüstung und sah gerade, wie die Leibwache dem Prokurator half, wieder sein Pferd zu besteigen. »Er lebt, er lebt, Tirzah! Gesegnet sei der Herr, der Gott unsrer Väter!« Mit diesem Ruf faßte er wieder Mut, wandte sich um und beantwortete die Frage: »Fürchte dich nicht, Tirzah. Ich werde es erklären, wie es gekommen ist. Sie werden sich unseres Vaters und seiner Dienste erinnern und uns nichts tun.« Er führte sie ins Sommerhaus. Da erzitterte das Dach unter ihren Füßen, und das Krachen von Balken, die zerschlagen wurden, drang plötzlich aus dem Hof herauf, gefolgt von Schreckensschreien und Todesstille. Er blieb stehen und lauschte. Der Schrei wiederholte sich, dann hörte man das Geräusch vieler Füße und dann das Gekreisch von Frauen in tödlicher Angst. Die Soldaten hatten das Nordtor eingeschlagen und waren in das Haus eingedrungen. Judah begriff, daß man ihn suchte. Seine erste Regung war, zu fliehen. Aber wohin? 110
Nur Flügel hätten ihm helfen können. Tirzah packte in wilder Angst seinen Arm: »O Judah, was bedeutet das?« Die Dienstboten wurden niedergemetzelt – und die Mutter? War ihre Stimme nicht unter den anderen? Mit aller Willenskraft, die ihm geblieben war, rief er: »Bleib hier, Tirzah, und warte auf mich. Ich will sehen, was es gibt, und komme dann zurück.« Seine Stimme war nicht so sicher, wie er wollte. Sie umschlang ihn fester. Deutlich jetzt und schriller – es war keine Täuschung mehr – hörte er den Schrei seiner Mutter. Er zögerte nicht länger. »Komm, wir müssen hinunter!« Die Terrasse am Fuße der Treppen war voll von Soldaten. Andre liefen mit gezogenen Schwertern von einem Raum zum andern. Auf einem Fleck knieten ein paar Frauen, umklammerten einander und baten um Gnade. Eine Frau in zerrissenen Kleidern und mit herunterhängendem Haar versuchte sich von einem Soldaten loszureißen, der alle Kraft anwenden mußte, um sie zu halten. Ihre Schreie übertönten alle anderen. Zu ihr hinunter sprang Judah mit weiten Sätzen: »Mutter! Mutter!« Sie streckte ihre Hände nach ihm aus, aber als sie ihn fast erreicht hatte, wurde sie weggerissen und beiseite gebracht. Dann hörte er, wie jemand laut sagte: »Das ist er!« Judah schaute auf und sah – Messala. »Was, das ist der Mörder?« fragte ein großer, prächtig gewappneter Legionär. »Wie? Das ist ja ein Knabe!« »Ihr Götter!« erwiderte Messala. »Eine neue Philosophie! Was würde Seneca zu der Ansicht sagen, daß ein Mann alt sein müsse, ehe er genug hassen kann, um zu töten. Ihr habt ihn. Das ist seine Mutter, dort seine Schwester. Ihr habt die ganze Familie.« Um der Liebe zu den Seinen vergaß Judah seinen Streit: »Hilf ihnen, mein Messala. Erinnere dich an unsre Knabenzeit und hilf ihnen! Ich, Judah, bitte dich!« 111
Messala tat, als höre er nicht: »Ich kann euch nichts mehr nützen«, sagte er zu dem Offizier. »In den Straßen ist mehr zu tun. Nieder mit Eros, hoch Mars!« Mit diesen letzten Worten entfernte er sich. Judah verstand ihn, und in der Bitterkeit seiner Seele flehte er zum Himmel: »In der Stunde deiner Rache, o Herr, übergib ihn meiner Hand!« Mit großer Mühe bahnte er sich den Weg zu dem Offizier. »Herr, die Frau ist meine Mutter. Verschont sie, verschont dort meine Schwester! Gott ist gerecht, er will Barmherzigkeit für Barmherzigkeit geben.« Der Mann schien bewegt. »In den Turm mit den Frauen!« rief er. »Aber tut ihnen nichts zuleide! Ihr müßt für sie einstehen!« Dann wandte er sich an die Soldaten, die Judah hielten: »Stricke her! Bindet ihm die Hände! Dann auf die Straße mit ihm! Seiner Strafe entgeht er nicht.« Die Mutter wurde weggebracht. Die kleine Tirzah in ihrem Hauskleid, unfähig vor Angst, einen Gedanken zu fassen, ging mit den Soldaten. Judah warf beiden einen letzten Blick zu, dann bedeckte er sein Gesicht mit den Händen, als ob er sich die Szene unvertilgbar einprägen wollte. Niemand sah, ob er Tränen vergoß. In ihm geschah, was man das Wunder des Lebens nennen mag. Bisher hatten die Umstände die härteren Seiten seines „Wesens, wenn er sie besaß, noch nicht aufgerufen. Er kannte nur die Liebe zur Mutter und zur Schwester. Er hatte wohl manchmal Spuren von Ehrgeiz in sich gefühlt, aber das waren mehr gestaltlose Träume gewesen. Aber jetzt, als er alles, was er verehrte, von seinen Altären gestürzt sah und die Trümmer seiner kleinen Welt der Liebe rings um sich liegen fand, war in dem jungen Ben Hur etwas aufgebrochen, was ihn verwandelte. Als er seinen Kopf hob und seine Arme ausstreckte, damit sie in Fesseln gelegt wurden, war der schöne 112
Schwung seiner Lippen verschwunden. In diesem Augenblick hatte er seine Kindheit hinter sich gelassen und war zum Mann geworden. Eine Trompete erklang im Hof. Die Soldaten verließen die Terrasse. Viele warfen die Dinge fort, die sie geplündert hatten, bis der Boden mit kostbaren Dingen bedeckt war. Als Judah hinabgestiegen, waren die Formationen wieder angetreten. Die Mutter, die Tochter, der ganze Hausstand wurde aus dem Nordtor hinausgeführt, dessen Ruinen den Durchlaß versperrten. Die Schreie der Diener, von denen manche in diesem Haus geboren waren, waren herzzerreißend. Als auch die Pferde und alles Vieh fortgetrieben wurden, begann Judah den Umfang der Rache des Prokurators zu begreifen. Das ganze Haus war ihr verfallen. Soweit der Befehl ausgeführt werden konnte, sollte nichts Lebendes in seinen Mauern zurückbleiben. Wenn in Judäa noch Leute sein sollten, die dem römischen Gouverneur ans Leben wollten, so sollte das Schicksal der fürstlichen Familie Hur eine Warnung für sie sein, und die Zerstörung des Hauses sollte die ganze Geschichte lebendig halten. Der Offizier wartete draußen, während einige Soldaten damit beschäftigt waren, das Haustor wiederherzustellen. In den Straßen hatten die Kämpfe fast aufgehört. Nur hier und da sah man noch Staubwolken zum Zeichen, daß noch nicht alles vorbei war. Die Kohorte stand in Ruhe, von ihrem Glanz hatte sie nichts verloren. Judah sorgte sich nicht um sich, aber er suchte unter den Gefangenen nach der Mutter und Tirzah. Er konnte sie nirgends erblicken. Plötzlich erhob sich von der Erde, auf der sie gelegen hatte, eine Frau und lief rasch zurück zum Tor. Einige Soldaten wollten sie fassen, aber sie entkam ihnen und rannte zu Judah und umklammerte seine Knie. »O Amrah, gute Amrah!« rief er. »Gott helfe dir! Ich kann es nicht.« Sie konnte nicht sprechen. 113
Er beugte sich nieder und flüsterte: »Lebe, Amrah, für Tirzah und meine Mutter! Sie werden zurückkommen und…« Ein Soldat zog sie fort, aber sie sprang auf und lief zum Tor und huschte in den Hof. »Laß sie laufen!« rief der Offizier. »Wir verriegeln das Haus, und sie wird verhungern.« Die Soldaten verrammelten das zerstörte Nordtor und ebenso das Westtor. Der Palast der Hurs stand nun verödet. Die Kohorte marschierte zum Turm zurück, wo sich der Prokurator von seinen Verletzungen erholte. Er gab seine Bestimmungen über die Gefangenen. Am zehnten Tag zeigte er sich auf dem Marktplatz.
Ein Galeerensklave Am nächsten Tag erschien eine Abteilung Legionäre im Palast Hur, schloß die Tür fest, versiegelte sie mit Wachs und nagelte eine Inschrift an, die in Latein besagte: »Dies ist das Eigentum des Kaisers.« Nach der Meinung der Römer genügte das, um seinen Zweck zu erfüllen. Am Tage danach näherte sich gegen Mittag ein Hauptmann mit zehn Reitern Nazareth vom Süden her, aus der Richtung von Jerusalem. Der Ort war ein unansehnliches Dorf, an einem Hügel gelegen und so unbedeutend, daß die erste Straße nichts anderes war als ein von den Herden getrampelter Pfad. Die Ebene von Esdraelon lag nahe davon im Süden, und von der Höhe im Westen konnte man die Küsten des Mittelmeers erblicken, die Gegend jenseits des Jordans und am Berge Hermon. Im Tal und auf der Ebene lagen Gärten, Weinberge, Obstgärten und Weiden. Olivenhaine bestimmten den Charakter der Landschaft. Die unregelmäßig gelagerten Häuser waren ärmlich, viereckig, einstöckig mit flachen Dächern und ganz 114
mit Weinranken bewachsen. Die Trockenheit, welche die Hügel von Judäa zu brauner lebloser Dürre verbrannt hatte, endete an der Grenzlinie von Galiläa. Als sich die Reiterschar dem Dorfe näherte, ertönte ein Trompetenstoß und wirkte wie ein Zauber auf die Einwohner. Alles lief zu den Toren, um das ungewohnte Schauspiel zu bestaunen. Nazareth lag nicht nur weit abseits einer großen Straße, sondern innerhalb der Machtsphäre des Judas von Gamala, so daß es nicht schwer war, sich vorzustellen, mit welchen Gefühlen die Legionäre dort empfangen wurden. Aber im Augenblick verdrängte die Neugier den Haß, und die Leute verschlossen Tür und Tor und liefen hinter dem Zug her. Die Neugier richtete sich vor allem auf einen Gefangenen, den die Reiter mit sich führten. Er ging zu Fuß, war barhäuptig und halbnackt. Das Ende des Riemens, der seine Hände fesselte, war um den Hals eines Pferdes geschlungen. In der Staubwolke, die von der Reiterschar aufstieg, konnten die Einwohner erkennen, daß der Gefangene noch jung war. An der Quelle ließ der Hauptmann halten und stieg mit den meisten seiner Leute ab. Der Gefangene sank in den Staub, betäubt und ohne ein Verlangen. Er schien im letzten Zustand der Erschöpfung zu sein. Als die Dorfleute sahen, daß er fast noch ein Knabe war, hätten sie ihm gern geholfen, wenn sie es gedurft hätten. Während sie zögernd herumstanden und bei den Soldaten der Wasserkrug von Hand zu Hand ging, kam ein Mann auf der Straße von Sepphoris herunter. Eine Frau rief bei seinem Anblick: »Seht, dort kommt der Zimmermann. Nun werden wir etwas erfahren.« Der Mann sah ehrwürdig aus. Dünne weiße Locken kamen unter seinem Turban hervor, und ein langer weißer Bart hing ihm bis auf die Brust über seinem gewöhnlichen grauen Rock. Er kam langsam und trug ein paar Werkzeuge – eine Axt, eine Säge und ein Schneidemesser, alles sehr grob und schwer. Er hatte augenscheinlich eine tüchtige Strecke zurückgelegt. 115
Er blieb stehen und betrachtete die Ansammlung. »O Rabbi, guter Rabbi Joseph«, rief eine Frau und kam zu ihm gelaufen. »Hier ist ein Gefangener, frage doch die Soldaten, wer es ist, was er getan hat und was sie mit ihm tun werden!« Der Rabbi schaute auf den Gefangenen, dann trat er zu dem Hauptmann. »Der Friede des Herrn sei mit dir«, sagte er mit freundlicher Würde. »Und der Friede der Götter mit dir«, antwortete der Offizier. »Kommt ihr aus Jerusalem?« »Ja.« »Euer Gefangener ist jung.« »An Jahren, ja.« »Darf ich fragen, was er getan hat?« »Er ist ein Mörder.« Das Volk wiederholte voll Staunen dieses Wort, aber Rabbi Joseph setzte seine Fragen fort. »Ist es ein Sohn Israels?« »Er ist ein Jude«, sagte der Römer trocken. Das Mitleid der Umstehenden wurde wieder rege. »Ich weiß nichts von euern Stämmen, aber ich kann über seine Familie Auskunft geben«, fuhr der Offizier fort. »Ihr mögt von einem Fürsten Hur von Jerusalem gehört haben – Ben Hur nennen sie ihn. Er lebte in den Tagen des Herodes.« »Ich kannte ihn«, sagte Joseph. »Schön, und das ist sein Sohn.« Von allen Seiten kamen Ausrufe, so daß der Hauptmann Ruhe gebot. »In den Straßen von Jerusalem hat er vorgestern beinahe den edlen Gratus getötet, indem er einen Ziegel vom Dach des Palastes seines Vater nach ihm warf.« Die Nazarener bestaunten den jungen Ben Hur wie ein wildes Tier. 116
»Hat er ihn getötet?« fragte der Rabbi. »Nein.« »Ist er verurteilt?« »Ja, auf Lebenszeit zu den Galeeren.« »Der Herr steh’ ihm bei!« sagte Joseph. Unterdessen legte ein Jüngling, der mit Joseph gekommen war, aber unbemerkt bei ihm stand, eine Axt, die er getragen hatte, beiseite, ging zu einem großen Stein, der am Brunnen lag, und holte einen Wasserkrug. Und ehe die Wache ihn daran hindern konnte, wenn sie es gewollt hätte, trat er zu dem Gefangenen und bot ihm zu trinken. Eine Hand, die sanft auf seine Schultern gelegt wurde, hatte den unglückseligen Judah aufgeweckt, und als er aufschaute, sah er in ein Gesicht, das er nie wieder vergaß. Es war das Gesicht eines Jünglings seines Alters, von goldbraunem Haar umrahmt. Mit seinen dunkelblauen Augen sah er Judah so voll Liebe und heiligem Ernst an, daß sie unwiderstehlich waren. Unter dem Blick dieses Fremden schmolzen die Tag und Nacht gehegten bitteren Träume von Rache hinweg, und in seinem Leiden wurde er zu einem Kind. Er setzte den Krug an die Lippen und trank in tiefen Zügen. Kein Wort wurde zwischen ihnen gewechselt. Als der Krug leer war, wurde die Hand, die auf seiner Schulter gelegen, ihm auf den Kopf gelegt und blieb dort in den staubigen Locken lange genug, um einen Segen zu spenden. Dann stellte der Fremde den Krug auf den Stein zurück, nahm seine Axt wieder auf und trat neben Rabbi Joseph. Alle Augen waren ihm gefolgt, die des Hauptmanns ebenso wie die der Dörfler. Als alle Soldaten und ihre Pferde getrunken hatten, ritt der Trupp weiter. Aber die Stimmung des Hauptmanns war nicht mehr die gleiche, wie sie vor dieser Szene gewesen war. Er selber hob den Gefangenen aus dem Staub auf und half ihm auf ein Pferd hinter einem Soldaten. Die Nazarener gingen in ihre Häuser zurück – unter ihnen Rabbi Joseph und sein Lehrling. 117
Das war die erste Begegnung Judahs mit dem Sohn Marias.
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Drittes Buch Quintus Arrius geht an Bord Nach der Stadt Misenum ist das Vorgebirge genannt, ein paar Meilen südwestlich von Neapel. Es war im Jahre 24 einer der bedeutendsten Orte an der Westküste Italiens. Im Hafen lag ein Teil der Flotte, teils vor Anker, teils bei Übungen. Aus der Stadt führte durch ein offenes Tor in der Mauer eine Straße zum Meer hinunter. Eine breite Mole erstreckte sich weit in die See hinaus. An einem kühlen Septembermorgen beobachtete der Torwächter eine Gruppe von zwanzig oder dreißig Personen, die in lautem Gespräch aus der Stadt kam. Die meisten waren Sklaven, die schwach brennende, qualmende Fackeln trugen. Sie verbreiteten einen starken Nardengeruch. Ihre Herren gingen Arm in Arm voraus. Einer von ihnen, etwa fünfzig Jahre alt, trug in seinem dünnen Haar einen Lorbeerkranz. Er schien der Mittelpunkt der Gesellschaft und Gegenstand irgendeiner Feier zu sein. Alle waren in weite Togen aus purpurgesäumtem weißem Wollstoff gekleidet, und der Wächter erkannte, daß es Herren von hohem Rang waren, die einen Freund nach einer festlichen Nacht zum Schiff begleiteten. »Nein, mein Quintus«, redete einer den Mann mit dem Lorbeerkranz an, »es ist unrecht von Fortuna, daß sie uns dich schon wieder so rasch fortholt. Erst gestern bist du von den Säulen des Herkules zurückgekehrt. Du hast dich noch nicht einmal wieder ans Land gewöhnen können.« »Bei Castor!« rief ein anderer, dessen Stimme noch die Zecherei verriet, »wenn ein Mann einen Fraueneid schwören darf, laßt das Klagen! Unser Quintus will nur zurückerobern, was er 119
heute nacht verloren hat. Würfel auf dem Schiff sind nicht Würfel auf dem Land, nicht wahr, Quintus?« »Lästre Fortuna nicht!« rief ein dritter. »Sie ist weder blind noch unbeständig. In Antium, wo sie unser Arrius befragt hat, hat sie ihm zugenickt, und auf der See führt sie sein Steuer. Sie nimmt uns ihn fort, aber gibt sie ihn uns nicht immer wieder mit einem neuen Sieg zurück?« »Die Griechen nehmen ihn uns«, warf ein anderer ein. »Sie sollen wir schmähen, nicht die Götter.« Mit diesen Worten durchschritt die Gesellschaft das Tor und betrat die Mole, die im Morgenlicht vor ihnen lag. Für den alten Seemann war das Rauschen der Wogen wie ein Gruß. Er zog die Seeluft in vollen Zügen ein, für ihn duftete sie herrlicher als die Narde. Er hob seine Hand: »Seht, der Wind kommt von Westen! Dank, Fortuna, meine Mutter!« sagte er ernst. Die Freunde wiederholten seinen Ausruf, und die Sklaven schwangen die Fackeln. »Dort kommt sie!« Er wies auf eine Galeere weit draußen an der Mole. »Braucht ein Seemann noch eine andre Herrin? Ist deine Lucrezia anmutiger, mein Cajus?« Er schaute voll Stolz auf das nahende Schiff. Am niedrigen Mast blähte sich ein weißes Segel; die Ruder hoben und senkten sich, waren für einen Augenblick sichtbar und tauchten dann wieder wie im Schwung und im genauesten Takt in das Wasser. »Ja, schonet die Götter«, fuhr er fort, den Blick immer auf seinem Schiff. »Sie schaffen uns die Gelegenheiten. Unsre Schuld ist es, wenn wir versagen. Und was die Griechen betrifft, mein Lentulus, so vergiß du, daß die Piraten, die ich bekämpfen will, Griechen sind. Ein Sieg über sie zählt mehr als hundert Siege über die Afrikaner.« »Führt dich dein Weg zur Ägäis?« Das Auge des Seemanns ruhte noch immer auf seinem 120
Schiff: »Welche Anmut! Welche Freiheit! Ein Vogel kann nicht freier über die Wogen ziehen! Seht doch! – Verzeih, mein Lentulus! Ja, ich gehe ins Ägäische Meer. Und da meine Abreise so rasch erfolgt, will ich auch die Umstände berichten. Aber behaltet sie für euch! Ich möchte nicht, daß ihr dem Duumvir Vorwürfe macht, wenn ihr ihn seht. Er ist mein Freund. Der Handel zwischen Griechenland ist ja, wie ihr wißt, fast ebenso bedeutend wie der zwischen Alexandria und Rom. Das Volk dort aber vergaß die Zerealien zu feiern, und dafür strafte sie Triptolemus mit einer schlechten Ernte. Jedenfalls ist der Handel so angewachsen, daß er keinen Tag unterbrochen werden darf. Vielleicht habt ihr von den chersonesischen Seeräubern gehört, die oben im Euxenischen Meerbusen kreuzen; es gibt keine Verwegeneren, beim Bacchus! Gestern kam die Nachricht nach Rom, daß sie mit einer Flotte in den Bosporus ruderten, die Galeeren bei Byzanz und Chalzedon in den Grund bohrten und, immer noch beutegierig, ins Ägäische Meer einbrachen. Die Kornhändler, deren Schiffe im östlichen Mittelmeer kreuzen, bekamen Angst. Sie hatten eine Audienz beim Kaiser. Und heute geht von Ravenna eine Flotte von hundert Galeeren ab und von Misenum« – er machte eine Pause, um die Neugier seiner Freunde zu spannen, und endete mit einem stolzen – »eine!« »Glücklicher Quintus! Wir gratulieren dir!« »Diese Auszeichnung geht der Beförderung voran. Wir begrüßen dich als Duumvir!« »Quintus Arrius, der Duumvir, klingt besser als Quintus Arrius, der Tribun.« Sie überschütteten ihn mit Glückwünschen. »Ich freue mich mit den anderen«, sagte der weinselige Freund, »aber Duumvir, man muß praktisch denken. Und ehe ich nicht weiß, ob die Beförderung dich im Würfelspiel vervollkommnet, kann ich mir keine Meinung darüber bilden, ob dir die Götter bei diesem Geschäft wohl oder übel wollen.« 121
»Dank, herzlichen Dank!« wandte sich Arrius an alle. »Hättet ihr Laternen, ich würde euch Auguren nennen. Seht her, ich will euch zeigen, was für Meisterpropheten ihr seid. Lest!« Er zog eine Schriftrolle aus seiner Toga: »Das bekam ich gestern nacht, als ich an der Tafel saß, von – Sejanus.« Dieser Name war damals noch groß in der römischen Welt. »Sejanus!« riefen alle zugleich und schauten in das Schreiben, das der große Mann geschickt hatte: Sejanus an C. Cäcilius Rufus, Duumvir Rom, am 19. der Kalenden des September Der Kaiser erhielt einen guten Bericht über den Tribun Quintus Arrius. Insbesondere hörte er von seiner Tapferkeit in den westlichen Gewässern und befiehlt infolgedessen, daß der besagte Quintus sofort nach dem Osten gesandt werde. Es ist ferner des Kaisers Wille, daß du unverzüglich einhundert Dreiruderer der ersten Klasse in vollständiger Ausrüstung ins Ägäische Meer sendest und daß Quintus den Befehl über diese Flotte übernimmt. Einzelheiten sind dir, Cäcilius, überlassen. Der Fall ist dringend, wie du aus den Berichten ersehen wirst, die zu deiner und des Quintus Kenntnis beigelegt sind. Sejanus Arrius schenkte der Vorlesung des Schreibens wenig Aufmerksamkeit. Das sich nähernde Schiff nahm ihn ganz in Anspruch. Er betrachtete es mit wahrer Leidenschaft. Nun schwang er einen Zipfel seiner Toga. Als Antwort wurde auf dem Schiff eine purpurne Fahne gehißt, während die Seeleute in das Takelwerk stiegen und das Segel einzogen. Der Schiffsschnabel drehte sich, die Ruder beschleunigten ihr Tempo. Mit voller Geschwindigkeit schoß das Schiff dem Ufer zu, wo Quintus stand. 122
»Bei den Nymphen!« rief einer der Freunde, indem er den Brief zurückgab. »Wir dürfen unserm Freunde nicht künftige Größe prophezeien, er ist schon groß. Unsre Liebe kann sich nun von großen Dingen nähren. Hast du noch mehr Neuigkeiten für uns?« »Nichts mehr«, antwortete Arrius. »Aber die Neuigkeit ist jetzt schon in Rom veraltet, wenigstens zwischen Palast und Forum. Der Duumvir ist vorsichtig. Meine Anweisungen, wo ich meine Flotte finden werde, finde ich in einem versiegelten Paket auf meinem Schiff. Wollt ihr jedoch den Göttern ein Opfer darbringen, so tut es für einen Freund, der irgendwo in der Richtung auf Sizilien segelt. Aber da ist das Schiff! Ich muß erfahren, wer es führt. Mit ihnen muß ich segeln und kämpfen. Es ist nicht leicht für ein Schiff, an einer Küste wie dieser anzulegen. Wir wollen sehen, ob sie genug Gewandtheit besitzen.« »Wie? Ist es neu für dich?« »Ich habe es noch nie gesehen, und ich weiß nicht, ob ich einen einzigen Bekannten darauf finde.« »Ist das vernünftig?« »Es liegt wenig daran. Auf der See wird man rasch miteinander bekannt. Liebe und Haß entstehen in der Stunde der Gefahr.« Die Galeere, die zur Klasse der Naves liburnicae gehörte, war lang, schmal und für schnelle Manöver berechnet. Ihr Bug war herrlich. Er teilte das Wasser, daß es zu beiden Seiten bis zum Deck emporsprang und in anmutigem Fall niederfiel. Zwei muschelblasende Tritonen schmückten die Spitze. Am Bug sprang der am Kiel befestigte Rostrum oder Schnabel unter der Wasseroberfläche vor. Er bestand aus hartem, eisenbeschlagenem Holz und diente sowohl als Schutz wie zum Angriff. Rings um das Deck zog sich ein starkes Gesims und begrenzte die schöngezackte Brustwehr. Im Schiffsrumpf waren in drei Reihen die Öffnungen für die Ruder angebracht, jede mit 123
einem Schutzleder aus Ochsenhaut verdeckt. Es waren sechzig Ruder an jeder Seite. Auf dem hohen Bug des Schiffes war eine Reihe von Stäben angebracht, sogenannte Caduci. Zwei starke Ankertaue spannten sich über das Vorderdeck. Die einfache Anlage des oberen Verdecks zeigte, daß die Ruder die wichtigsten Einrichtungen waren. In der Mitte, gegen den Bug zu, erhob sich der eine Mast, der an einer Querstange ein großes viereckiges Segel trug. Mit Ausnahme der Seeleute in der Takelage sah man auf dem Deck nur einen Mann am Bug, in Helm und Schild. Die hundertzwanzig Ruder, die vom Gebrauch und dem häufigen Säubern mit Bimsstein glänzend weiß gescheuert waren, hoben und senkten sich, als ob sie von einer Hand geführt würden. Die Galeere schoß in so großer Geschwindigkeit heran, daß die mit der Schiffahrt nicht vertrauten Freunde des Tribuns ihr ängstlich entgegenschauten. Da hob plötzlich der Mann am Bug die Hand in einer eigentümlichen Bewegung: Alle Ruder hoben sich, schwebten einen Augenblick in der Luft und fielen dann senkrecht nieder. Das Wasser schäumte und zischte auf, das Schiff erzitterte in allen Fugen und stand wie erschreckt regungslos. Wieder ein Wink der Hand, nochmals hoben sich die Ruder, schwebten und senkten sich, aber diesmal ruderten sie auf der rechten Seite vorwärts, auf der linken rückwärts. Dreimal wiederholte sich die Bewegung, dann schwang sich das Schiff um seine eigene Achse nach rechts, fing Wind und legte vorsichtig seitwärts an der Mole an. Jetzt wurde auch das Heck sichtbar; es war, ebenso wie der Bug, mit Tritonen geschmückt und trug den Namen des Schiffs in großen erhabenen Buchstaben: »Asträa«. Vor aller Augen lagen nun die Reihen der Ruder, die erhöhte Plattform, auf welcher der Bewaffnete saß, die Hand am Ruderseil, und über ihm wie ein großes gezähntes Blatt das hohe vergoldete und geschnitzte Aplustre. Ein Trompetensignal – und die ganze Mannschaft erschien 124
auf dem Verdeck, alle in ihren prächtigen Panzern mit Bronzehelmen, glänzenden Schilden und Speeren. Während sich die Truppen in Kampfordnung aufstellten, erklommen die Schiffsleute den Mast und setzten sich auf die Segelstange. Die Offiziere und die Musikanten nahmen ihren Platz ein. Alles spielte sich ohne Geschrei und Lärm ab. Als die Ruder die Mole berührten, wurde eine Brücke vom Steuermannsdeck zum Ufer gelegt. Nun wandte sich der Tribun zu seinen Freunden und sagte mit einem Ernst, den er bisher nicht gezeigt hatte: »Nun die Pflicht, meine Freunde!« Er nahm seinen Lorbeerkranz ab und reichte ihn dem einen: »Trag du den Lorbeer, Günstling der Würfel! Wenn ich zurückkehre, will ich meine Sesterzien zurückgewinnen. Wenn ich nicht Sieger bin, will ich nicht zurückkehren. Hänge den Kranz in dein Atrium.« Dann umarmte er einen nach dem andern. »Die Götter seien mit dir, o Quintus!« riefen sie. »Lebt wohl!« antwortete er ihnen. Die Sklaven, die ihre Fackeln schwangen, grüßte er mit einer Handbewegung. Dann wandte er sich dem Schiff zu, das ihn mit seinem ganzen Glanz empfing. Als er über die Brücke schritt, schmetterten die Trompeten, und über dem Aplustre stieg das vexillum purpureum empor, der Kommandantenwimpel.
Am Ruder Der Tribun stand auf dem Steuermannsdeck, den Befehl des Duumvir offen in seiner Hand, und sprach mit dem Hortator, dem Aufseher der Ruderer. »Wie stark ist deine Mannschaft?« 125
»Zweihundertzweiundfünfzig Ruderer und zehn Ersatzmänner.« »Wie oft läßt du ablösen?« »Alle zwei Stunden.« »Die Einteilung ist hart, ich werde sie abändern. Aber nicht jetzt, die Ruder dürfen Tag und Nacht nicht ruhen.« Zum Segelmeister gewandt: »Der Wind ist günstig! Laß das Segel den Rudern helfen!« Als die beiden gegangen waren, trat er zum Hauptsteuermann, dem Rector: »Wie lange dienst du?« »Zweiunddreißig Jahre.« »Hauptsächlich in welchen Meeren?« »Zwischen unserm Rom und dem Osten.« »Du bist der Mann, den ich mir wünschte.« Der Tribun schaute wieder in seine Befehle: »Am Kap von Camponella vorüber geht der Kurs nach Messina. Folge der Krümmung der kalabrischen Küste, bis Melito zu deiner Linken erscheint, dann – kennst du die Sterne, die das Ionische Meer regieren?« »Ich kenne sie.« »Dann ostwärts von Melito nach Cythera. Wenn es den Göttern gefällt, will ich bis zur Bucht von Antemona nicht ankern. Die Aufgabe drängt. Ich verlasse mich auf dich.« Arrius war ein umsichtiger Mann, klug und vorsichtig. Er gehörte zu jener Art von Männern, die auf den Altären zu Präneste und Atrium reiche Opfer brachten, aber nie vergaßen, daß die Gunst der blinden Göttin mehr von der Sorgfalt und der Urteilskraft des Anbeters abhängt als von Gaben und Gelübden. Die ganze Nacht hatte er als der Herr des Festes beim Wein und Spiel zugebracht, aber der Duft des Meeres verwandelte ihn wieder zum Seemann, und er würde nicht ruhen, bis er sein Schiff kannte. Kenntnis läßt keinen Raum für Zufall. Nachdem er mit dem Aufseher der Ruderer, dem Segelmeister, 126
dem Steuermann und den übrigen Offizieren begonnen hatte, ging der Kommandant zum Lagerverwalter, dem Maschinenmeister, dem Küchenmeister, durch jedes Quartier. Nichts entging seiner Aufmerksamkeit. Als er seinen Rundgang beendet hatte, kannte er seine ganze Mannschaft in den engen Räumen genau und wußte, mit welchem Material er auf der Reise und bei möglichen Zwischenfällen rechnen konnte. Jetzt mußte er sich nur noch persönlich über jeden einzelnen unterrichten. Das war die empfindlichste und schwierigste Aufgabe, die viel Zeit beanspruchte. Er ging dabei seinen eigenen Weg. Gegen Mittag dieses Tages befand sich die Galeere in der Gegend von Paestum. Der Wind kam noch vom Westen und füllte die Segel zur Zufriedenheit des Segelmeisters. Die Wachen waren verteilt. Auf dem Vorderdeck war der Altar errichtet, mit Salz und Gerste bestreut worden, und der Tribun hatte feierlich seine Gebete an Jupiter, Neptun und alle Meeresgötter verrichtet und zu den Gelübden Wein vergossen und Weihrauch entzündet. Und nun saß er, eine sehr kriegerische Gestalt, in der großen Kajüte. Diese Kajüte lag im Zentrum der Galeere. Sie maß fünfundsechzig mal dreißig Fuß und erhielt ihr Licht durch drei große Luken. Sie war vollkommen überdacht. Das Dach wurde von Reihen von Pfosten getragen. In der Mitte stand der Mast, von Äxten, Speeren und Wurfspießen starrend. Zu jeder Luke führten Treppen hinab; am Ende war eine Falltür, die jetzt hochgezogen war und den Raum zu einer tageshellen Halle machte. Hier war das Herz des Schiffes, die Wohnung für alle: Speise-, Schlaf-, Übungs- und Erholungsraum. Das Gesetz der eisernen Disziplin beherrschte hier das ganze bis ins kleinste geordnete Leben. Am hinteren Ende der großen Kajüte war eine Plattform, die man auf mehreren Stufen erreichte. Dort saß der Aufseher der Ruderer vor einem Schalltisch, auf dem er mit einem hölzernen Hammer den Takt für die Ruderer schlug. Zu seiner Rechten stand eine Wasseruhr, eine Clepsydra, von der 127
er die Zeit für Ablösungen und Wachen ablas. Über ihm, auf einer höheren Plattform, die von einem vergoldeten Geländer umgeben war, hatte der Tribun sein Quartier. Von hier aus konnte er alles überblicken. Es war mit einem Diwan, einem Tisch, einer Cathedra und einem mit Kissen belegten Armstuhl mit Rückenlehne ausgestattet. Alles war dank der kaiserlichen Freigebigkeit sehr kostbar. Von diesem Platz aus, zurückgelehnt in den Sessel, von den Bewegungen des Schiffes getragen, den Soldatenmantel über die Tunika geworfen, das Schwert im Gürtel, beobachtete Arrius seine ganze Mannschaft und wurde auch von ihr selbst gesehen. Sein Blick umfaßte jede Einzelheit, am längsten verweilte er bei den Ruderern. An den inneren Schiffswänden schienen auf jeder Seite drei Reihen von Bänken befestigt. In Wirklichkeit waren es nur Reihen von Stufen, die zweite war hinter und über der ersten, die dritte hinter und über der zweiten. Die sechzig Ruderer auf jeder Seite waren auf neunzehn solcher Stufen im Abstand von einem Meter untergebracht und einer zwanzigsten, deren oberster Sitz genau unter dem untersten der ersten Bank lag. Durch diese Einrichtung hatten die Ruderer genügend Raum für ihre Arbeit, und der verfügbare Raum wurde aufs beste ausgenutzt. Auf den ersten und zweiten Stufen saßen die Ruderer, auf der dritten standen sie, ihre Ruder waren länger. Die Handgriffe der Ruder waren mit Blei ausgefüllt. Sie hingen in geschmeidigen Riemen, die eine schwebende Bewegung erlaubten, was aber auch viel Geschicklichkeit verlangte, damit ein unachtsamer Ruderer nicht von einer plötzlichen Woge mit fortgerissen und ins Meer geschleudert wurde. Durch die Ruderöffnungen kam frische Luft in den Raum, Licht fiel durch ein Gitterwerk im Deck. In gewissem Sinne konnte die Lage der Ruderer schlimmer sein. Aber man darf daraus nicht schließen, daß sie etwa angenehm war. Sie durften nicht miteinander reden. Tag für Tag nahmen sie wortlos ihre Plätze ein; einer konnte dem andern nicht ins 128
Gesicht sehen. Die kurzen Pausen waren dem Schlaf und dem Essen vorbehalten. Sie lachten nie, und keiner sang. Was nützt dem Menschen die Zunge, wenn sie nichts anderes ausdrücken kann als Seufzen und Stöhnen! Allmählich versinkt ein solcher Mensch ins Schweigen. Das Leben dieser Geplagten floß wie auf einem unirdischen Strom langsam, aber unaufhaltsam einem unbekannten Ausgang zu. Für die Gefangenen gab es entweder schwere Arbeit an den Mauern und in den Straßen und Bergwerken oder auf den Kriegs- und Handelsschiffen. Als Druilius den ersten Seesieg für sein Land gewann, hatten die Ruderer den gleichen Anteil daran wie die Seeleute. Die Bänke der Ruderer waren das Zeichen sowohl für Roms Politik wie für seine Tapferkeit. Hier saßen Söhne aus fast allen Ländern, meist Kriegsgefangene, die nach ihrer Kraft und Ausdauer ausgesucht waren. Auf einer Bank ein Brite, vor ihm ein Libyer, dahinter ein Skythe, ein Gallier, ein Thebaner. Römische Sträflinge saßen zusammen mit Goten, Langobarden, Juden, Äthiopiern und Barbaren von den Küsten Maeotis’. Hier ein Athener, dort ein rothaariger Wilder von Hibernia neben blauäugigen Riesen aus Cimbrien. Die Arbeit an den Rudern genügte nicht, um den Verstand zu beschäftigen, selbst wenn es sich um stumpfe und einfältige Menschen handelte. Die Bewegungen mußten automatisch werden. Auch die Aufmerksamkeit, die sie den Wogen zuwenden mußten, war nur instinktiv wach. So wurden diese Elenden mit der Zeit stumpfsinnig, Geschöpfe mit gewaltigen Muskeln und leerem Hirn. Selbst ihr Elend wurde ihnen zur Gewohnheit. Der Tribun in seinem Sessel war mit allem möglichen beschäftigt, nur nicht mit dem Elend der Sklaven auf den Ruderbänken. Die immer gleichmäßigen Bewegungen auf beiden Seiten des Schiffes wurden nach einiger Zeit monoton, und er begann jeden einzelnen Ruderer zu betrachten. Er machte seine Beobachtungen und dachte, daß er bei den Seeräubern, wenn alles gut ging, noch bessere Männer für diese 129
Arbeit finden könnte. Die Ruderer wurden nicht mit ihren Namen, sondern mit Ziffern bezeichnet, die an die Bänke gemalt waren. Mit seinen scharfen Augen ging er eine Bank nach der andern durch und blieb schließlich bei Nummer 60 haften, der auf der ersten Bank saß, ganz nahe vor ihm. Der Ruderer war nackt wie alle, bis auf sein Lendentuch. Er war noch sehr jung, nicht älter als zwanzig. Arrius liebte nicht nur das Würfelspiel, er war auch ein Kenner des menschlichen Körpers, wie er ihn in den Gymnasien bei den berühmten Athleten bewundern konnte. Die Lehrer in diesen Schulen hatten ihm den Blick für die Qualität eines Körpers geschärft, die nicht die Muskelmasse, sondern die Persönlichkeit ausmachte. Solche Erscheinungen waren sehr selten. Kraft und Klugheit erkannte Arrius sofort in dem jungen Ruderer. Sein Körper war von vollkommener Harmonie und erweckte die Neugier und das allgemeine Interesse in dem Tribun. Auch der Kopf des Mannes war bemerkenswert. – Bei Gott, der Bursche gefällt mir! Er verspricht etwas. Ich muß mehr über ihn erfahren. Der Ruderer wandte ihm jetzt das Gesicht zu: Ein Jude! Und ein Knabe! Der Ruderer bemerkte den Blick des Arrius und errötete. Er zögerte einen Augenblick mit dem Ruder, da fiel der Hammer des Aufsehers auf den Tisch, und sein Ruder fiel im Takt mit den anderen nieder. Als er dann zurück auf den Tribun schaute, war er im höchsten Maße erstaunt – er begegnete einem freundlichen Lächeln. Währenddessen hatte die Galeere die Straße von Messina erreicht, schoß ostwärts an der Stadt vorbei und ließ die Rauchwolke über dem Ätna hinter sich. Sooft Arrius auf seinen Sitz zurückkehrte, suchte sein Blick den jungen Ruderer. – Der Bursche hat Geist. Ein Jude ist kein Barbar. Ich will mehr von ihm wissen.
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Arrius und Ben Hur auf Deck Am vierten Tag hatte die Galeere »Asträa« das Ionische Meer erreicht. Der Himmel war klar und der Wind so günstig, als wären alle Götter ihr wohlgesinnt. Arrius, der etwas ungeduldig war, hoffte seine Flotte schon zu erreichen, – ehe sie an der Ostküste der Insel Cythera gelandet war. Er verbrachte deshalb die meiste Zeit auf Deck. Mit seinem Schiff, das er nun schon genau kannte, war er vollkommen zufrieden. Wenn er auf seinem Stuhl in der Kajüte saß, gingen seine Gedanken immer wieder zu dem Ruderer Nummer 60. »Kennst du den Mann, der eben von seiner Bank aufgestanden ist?« fragte er schließlich den Aufseher. Als die Ablösung beendet war, antwortete ihm der andre: »Nummer 60?« »Ja.« »Wie du weißt, ist das Schiff kaum vor einem Monat von der Schiffsbauerei gekommen, und die Leute sind mir so neu wie das Schiff selbst.« »Er ist ein Jude«, sagte Arrius nachdenklich. »Der edle Quintus hat einen scharfen Blick.« »Er ist sehr jung.« »Aber unser bester Ruderer. Oft sah ich sein Ruder in seinen Armen fast brechen.« »Wie beträgt er sich?« »Er ist gehorsam, weiter weiß ich nichts. Einmal bat er mich um etwas.« »Um was?« »Er wollte abwechselnd auf der rechten und linken Seite beschäftigt werden.« »Gab er einen Grund dafür an?« »Er hatte beobachtet, daß die Männer, die immer auf einer Seite arbeiteten, schief wurden. Eines Tages, bei einem Sturm oder in einer Schlacht, so meinte er, müsse vielleicht gewech131
selt werden, und dann wäre er nicht voll arbeitsfähig.« »Sieh da! Der Gedanke ist neu. Was hast du sonst noch an ihm bemerkt?« »Er ist reinlicher als seine Genossen.« »Darin ist er ein Römer. Weißt du nichts über seine Geschichte?« »Kein Wort.« Der Tribun dachte eine Weile nach: »Sollte ich bei der nächsten Ablösung auf Deck sein, schick ihn mir. Er soll allein kommen.« Zwei Stunden später stand Arrius unter der Flagge. Ein Mann, der einem wichtigen Ereignis entgegenfährt und nichts tun kann als warten, muß vollkommene Ruhe bewahren. Der Steuermann saß an seinem Platz. Im Schatten des Segels schliefen einige von der Schiffsmannschaft; auf der Segelstange saß ein Posten. Als Arrius den Blick vom Solarium, der Sonnenuhr, hob, sah er den jungen Ruderer auf sich zukommen: »Der Aufseher nannte dich den edlen Arrius und sagte mir, es sei dein Wille, daß ich dich aufsuche. Hier bin ich.« Arrius betrachtete mit Bewunderung die schlanke, muskulöse Gestalt, die vor ihm stand, und dachte dabei an die Arena. Aber die Erscheinung war es nicht allein, die diese Wirkung auf ihn hatte. Es war die Stimme, die bewies, daß dieser junge Mensch unter edlen Einflüssen gestanden hatte. Sein Blick war klar und offen und eher neugierig als trotzig. Unter der Musterung des Tribuns verlor er nicht seine jugendliche Anmut. Er zeigte keine Neigung, sich zu beklagen. Weder Trotz noch Drohung war in ihm, nur tiefer Kummer war darin eingeprägt. Unter diesem Eindruck sprach der Römer zu ihm wie ein Älterer zum Jüngeren, nicht wie ein Herr zum Sklaven. »Der Aufseher sagt mir, du seist sein bester Ruderer.« »Der Aufseher ist sehr freundlich.« »Dienst du schon lange?« 132
»Länger als drei Jahre.« »Am Ruder?« »Ich habe es nicht einen Tag verlassen.« »Die Arbeit ist hart. Wenig Männer ertragen sie länger als ein Jahr, und du – du bist noch ein Knabe.« »Der edle Arrius bedenkt nicht, daß der Wille die Ausdauer stählt. Mit seiner Hilfe erträgt der Schwächere oft mehr als der Starke.« »Nach deiner Sprache bist du ein Jude.« »Meine Vorfahren reichen weiter zurück als der erste Römer – sie waren Hebräer.« »Der unbeugsame Stolz deiner Rasse ist dir nicht verlorengegangen«, sagte Arrius, als er sah, daß der Ruderer errötete. »Stolz ist nie so stark wie in Ketten.« »Welchen Grund hast du, stolz zu sein?« »Ich bin ein Jude.« Arrius lächelte. »Ich war noch nicht in Jerusalem, aber ich habe von seinen Fürsten gehört. Ich kenne einen. Er war ein Kaufmann und fuhr zur See. Er hätte ein König sein können. Welchen Rang hast du?« »Ich muß dir von der Ruderbank aus antworten. Ich bin ein Sklave. Mein Vater war ein Fürst von Jerusalem und ein Kaufmann. Er fuhr zur See. Der große Augustus kannte und ehrte ihn.« »Sein Name?« »Ithamar aus dem Hause Hur.« Der Tribun hob erstaunt die Hand: »Du bist ein Sohn Hurs?« Nach einer Weile fragte er: »Was hat dich hierhergebracht?« Judah senkte den Kopf, seine Brust wogte. Als er seine Empfindungen gemeistert hatte, schaute er dem Tribun ins Auge und antwortete: »Ich wurde des versuchten Mordes an dem Prokurator Vale133
rius Gratus angeklagt.« »Du?« rief Arrius erregt und trat einen Schritt zurück.