Dick Francis Doping Roman
Eines Tages bekommt der australische Pferdezüchter Daniel Roke unvermutet Besuch von einem En...
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Dick Francis Doping Roman
Eines Tages bekommt der australische Pferdezüchter Daniel Roke unvermutet Besuch von einem Engländer, der sich als Earl October vorstellt. Der englische Graf sucht ihn wegen eines ganz besonderen Anliegens auf: Ihn beschäftigt ein mysteriöser DopingSkandal in England, und er braucht einen erfahrenen Fachmann zur Aufklärung des Falls. Daniel Roke soll, als Stallmann verkleidet, in den Gestüten der verdächtigen Trainer arbeiten und heimlich seine Nachforschungen anstellen. Der Job ist gefährlich, bereits hat ein Journalist bei seiner Recherche zum Fall auf rätselhafte Weise sein Leben verloren. Aber Daniel Roke nimmt das Angebot Octobers an, und er lernt so das harte Leben der Pferdepfleger kennen, von denen manch einer an seine Grenzen kommt …
Dick Francis Doping Originaltitel: ›For Kicks‹ Aus dem Englischen von Malte Krutzsch Verlag: Diogenes Verlag AG Zürich Erscheinungsjahr: 2000 ISBN: 3 257 23254 3
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Das Buch Eines Tages bekommt der australische Pferdezüchter Daniel Roke unvermutet Besuch von einem Engländer, der sich als Earl October vorstellt. Der englische Graf sucht ihn wegen eines ganz besonderen Anliegens auf: Ihn beschäftigt ein mysteriöser Doping-Skandal in England, und er braucht einen erfahrenen Fachmann zur Aufklärung des Falls. Daniel Roke soll, als Stallmann verkleidet, in den Gestüten der verdächtigen Trainer arbeiten und heimlich seine Nachforschungen anstellen. Der Job ist gefährlich, bereits hat ein Journalist bei seiner Recherche zum Fall auf rätselhafte Weise sein Leben verloren. Aber Daniel Roke nimmt das Angebot Octobers an, und er lernt so das harte Leben der Pferdepfleger kennen, von denen manch einer an seine Grenzen kommt … »Einen Dick Francis zu lesen bedeutet, das Gewohnte, das Liebgewonnene wiederzuentdecken, wieder zu genießen. Und dabei ist jede Geschichte frisch, neu, phantasiegesättigt. Mit Präzision und Feinfühligkeit, mit dezentem Geschmack und enormem Wissen werden die zahllosen Knoten in den Handlungsteppich geknüpft. Der Leser befindet sich vollkommen, aber unmerklich in der Hand dieses Großmeisters des Kriminalromans.« Joachim Huber/Der Tagesspiegel, Berlin »Wer zu den Büchern von Francis greift, weiß, daß er Spannung satt und sauber bekommt.« Martina I. Kischke/Frankfurter Rundschau
Der Autor
Dick Francis, geboren 1920, war viele Jahre Englands erfolgreichster Jockey, bis ein mysteriöser Sturz 1956 seine Karriere beendete. Seit 35 Jahren schreibt er jedes Jahr einen Roman. Dick Francis wurde unter anderem dreifach mit dem Edgar Allan Poe Award und dem Grand Master Award ausgezeichnet. Er lebt mit seiner Frau auf den Cayman-Inseln.
Dick Francis
Doping Roman Aus dem Englischen von Malte Krutzsch
Diogenes
Titel der 1965 bei Michael Joseph Ltd., London, erschienenen Originalausgabe: ›For Kicks‹ Copyright © 1965 by Dick Francis Die deutsche Erstausgabe erschien 1965 unter dem Titel ›Der Trick, den keiner kannte‹ im Wilhelm Goldmann Verlag GmbH, München Umschlagillustration von Tomi Ungerer Neuübersetzung
Alle deutschen Rechte vorbehalten Copyright © 2000 Diogenes Verlag AG Zürich www.diogenes.ch 250/00/52/1 ISBN 3 257 23254 3
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D
er Earl of October schneite in einem hellblauen Holden, der schon bessere Tage gesehen hatte, aber nicht gleich nach Gefahr und Tod roch, in mein Leben. Ich sah ihn in die Einfahrt einbiegen, als ich über die kleine Koppel aufs Haus zuging, und beobachtete mißmutig, wie er sich auf unserem Privatweg näherte. Ein Vertreter, dachte ich; wir brauchen nichts. Sanft kam das blaue Fahrzeug zwischen mir und der Haustür zum Stehen. Der Mann, der ihm entstieg, sah aus wie Mitte Vierzig, war mittelgroß und kräftig gebaut, hatte einen großen, gutgeformten Kopf und glattgebürstetes braunes Haar. Er trug graue Hosen, ein dünnes Wollhemd mit dunkler, dezenter Krawatte und hielt die unvermeidliche Aktentasche im Arm. Ich seufzte und stieg unter dem Koppelzaun durch, um ihn wegzuschicken. »Wo finde ich Mr. Daniel Roke?« fragte er. Ein Englisch, aus dem selbst mein ungeübtes Ohr die teure britische Public School heraushören konnte; und nach der zurückhaltenden Autorität, die er ausstrahlte, zu urteilen, vielleicht doch kein Vertreter. Ich sah mir den Mann genauer an und kam davon ab, ihm zu sagen, ich sei nicht zu Hause. Trotz des alten Autos konnte es ein Kunde sein. »Ich bin Daniel Roke«, sagte ich ohne sonderliche Begeisterung. Ein schnelles, überraschtes Blinzeln. »Oh«, sagte er ausdruckslos. 6
Diese Reaktion war ich gewohnt. Ich entsprach nicht der gängigen Vorstellung von dem Besitzer eines erfolgreichen Gestüts. Schon weil ich zu jung aussah, auch wenn ich mich nicht so fühlte; und meine Schwester Belinda fand, die wenigsten Geschäftsleute hätten soviel von einem italienischen Bauernburschen an sich. Nettes Mädchen, meine Schwester. Es war einfach so, daß ich schwarze Haare und braune Augen hatte und schnell braun wurde bei meinem dunklen Teint. An dem Tag hatte ich noch dazu meine ältesten, abgewetztesten Jeans an, ungeputzte Stiefeletten und sonst nichts. Ich hatte einer Stute, die jedesmal unter Schwierigkeiten abfohlte, Geburtshilfe geleistet; da waren Schlips und Kragen fehl am Platz. Das Ergebnis meiner – und der Stute – Bemühungen war ein schmächtiges Stutfohlen mit einem Stelzfuß vorn links, wenn nicht auch noch vorn rechts, der operiert werden mußte und mich mehr Geld kosten konnte, als das Fohlen einbringen würde. Mein Besucher schaute auf die sauberen, weiß abgezäunten Koppeln, auf den L-förmigen Stallhof und auf die mit Zedernschindeln gedeckten Abfohlboxen drüben, wo das arme Neugeborene im Stroh lag. Alles sah solide und gepflegt aus, denn ich steckte viel Arbeit hinein, um meine Pferde zu guten Preisen verkaufen zu können. Der Blick des Besuchers wanderte zu der großen, blaugrünen Lagune links von uns, an deren fernem Ufer die schneebedeckten Berge in steinerner Schönheit steil aufragten. Weiße Wolken hingen wie Federbüsche über den Gipfeln. Für ihn, der das zum ersten Mal sah, ein tolles, großartiges Panorama. Für mich Mauern. »Wunderschön«, meinte er beifällig. Dann wandte er sich energisch zu mir, sagte aber ein wenig zögernd: »Ich, ehm … hörte in Perlooma, daß Sie einen, ehm … englischen Stallmann haben, der gern, ehm … nach Hause möchte …« 7
Er brach ab und setzte neu an. »Das kommt jetzt vielleicht überraschend, aber wenn er mir geeignet scheint, wäre ich unter Umständen bereit, seine Überfahrt zu bezahlen und ihm drüben eine Stellung zu verschaffen …« Er schwieg wieder. Pferdepfleger, dachte ich, konnten in England schwerlich so knapp sein, daß man sie in Australien beschaffen mußte. »Wollen Sie nicht ins Haus kommen?« fragte ich. »Und mir das erklären?« Ich führte ihn ins Wohnzimmer und hörte seinen erstaunten Ausruf, als er hinter mir eintrat. Alle unsere Besucher waren von dem Raum beeindruckt. Ein großes Fenster auf der gegenüberliegenden Seite rahmte den prächtigsten Teil der Lagune und der Berge ein, holte sie gleichsam näher heran und machte sie für mich damit nur noch erdrückender. Ich setzte mich mit dem Rücken dazu in einen alten Bugholzschaukelstuhl und bot ihm einen bequemen Sessel mit Blick auf das Panorama an. »Also, Mr. …?« begann ich. »October«, sagte er leichthin. »Nicht Mister. Earl.« »October – wie der Monat?« Es war gerade Oktober. »Wie der Monat«, bestätigte er. Ich musterte ihn neugierig. Er entsprach nicht meiner Vorstellung von einem Grafen. Er sah aus wie ein Geschäftsmann, ein Generaldirektor auf Urlaub. Dann fiel mir ein, daß eins das andere nicht ausschloß und daß es sicher auch Grafen gab, die in der Wirtschaft tätig waren. »Ich bin ganz spontan hierhergekommen«, eröffnete er mir, »und ich weiß selbst nicht, ob man so etwas tun soll.« Er schwieg, zog ein goldenes Zigarettenetui hervor und gewann Zeit zum Nachdenken, indem er mit seinem Feu8
erzeug hantierte. Er lächelte flüchtig. »Vielleicht sollte ich erst einmal sagen, daß ich zwar beruflich in Australien bin – ich habe Geschäftsinteressen in Sydney –, daß mich aber eine private Rundreise durch die großen hiesigen Rennsport- und Zuchtzentren zuletzt hier in die Snowies geführt hat. Bei uns in England bin ich Mitglied der Behörde, die für den Sport zwischen den Flaggen – den Hindernissport – zuständig ist, deshalb interessieren mich Ihre Pferde natürlich sehr … Nun, ich habe also in Perlooma zu Mittag gegessen« – er meinte die nächste Stadt, die rund fünfundzwanzig Kilometer entfernt war –, »und dabei kam ich mit jemand ins Gespräch, der gleich hörte, daß ich Brite bin, und mir erzählte, er kenne sonst nur einen einzigen Engländer hier, und zwar einen Pferdepfleger, der so töricht sei, wieder nach Hause zu wollen.« »Ja«, meinte ich. »Das ist Simmons.« »Arthur Simmons«, nickte er. »Wie ist der so?« »Er versteht sich auf Pferde«, sagte ich. »Aber nach England zieht es ihn nur, wenn er betrunken ist. Und er betrinkt sich nur in Perlooma.« »Oh«, sagte er. »Dann würde er also nicht fahren, wenn er die Gelegenheit bekäme?« »Das weiß ich nicht. Kommt drauf an, was Sie von ihm wollen.« Er zog an seiner Zigarette, klopfte die Asche ab und sah zum Fenster hinaus. »Vor ein oder zwei Jahren hatten wir wiederholt Ärger mit gedopten Rennpferden«, sagte er plötzlich. »Zuviel Ärger. Es gab Gerichtsverfahren und Freiheitsstrafen, die Stallwachen wurden verstärkt, Speichel- und Urinuntersuchungen in größerem Umfang durchgeführt. Bei vielen Rennen kontrollieren wir jetzt die ersten vier Pferde, um so das Doping zur Leistungssteigerung zu unterbinden, 9
und jeder geschlagene Favorit, der uns verdächtig vorkommt, wird auf leistungsmindernde Mittel untersucht. Seit Inkrafttreten der neuen Bestimmungen sind die Ergebnisse fast aller Untersuchungen negativ gewesen.« »Das ist ja sehr erfreulich«, meinte ich ohne allzu großes Interesse. »Nein. Eben nicht. Jemand hat ein Mittel gefunden, das unsere Chemiker nicht nachweisen können.« »Das kann doch wohl nicht sein«, meinte ich höflich. Mir ging der Nachmittag verloren, und ich hatte noch allerhand zu tun. Er spürte meine mangelnde Teilnahme. »Es geht um zehn Fälle, alles Sieger. Zehn, bei denen wir uns sicher sind. Die betroffenen Pferde wirken offenbar auffällig stimuliert – ich habe selbst noch keins gesehen –, aber die Untersuchungen ergeben nichts.« Er schwieg. »Doping ist fast immer ein Insiderjob«, sagte er und blickte vom Fenster wieder zu mir. »Das heißt, in der Regel mischen Stallangestellte mit, selbst wenn sie den anderen nur zeigen, welches Pferd in welcher Box steht.« Ich nickte. Schiebereien gab es auch in Australien. »Wir, das heißt die beiden anderen Leiter der Hindernisbehörde und ich, haben schon verschiedentlich überlegt, ob man nicht auch die Aufklärung der Dopingfälle quasi zur Insidersache machen sollte …« »Indem man einen Pferdepfleger als Spion einsetzt?« fragte ich. Er zuckte ein wenig zusammen. »Ihr Australier seid so direkt«, murmelte er. »Aber darauf läuft es hinaus, ja. Wir haben das bisher allerdings nur theoretisch erörtert, weil so ein Vorhaben schwer in die Tat umzusetzen ist und wir offengestanden nicht wußten, wie wir an einen Pferdepfleger herankommen sollten, bei dem man sicher 10
sein kann, daß er, ehm … nicht schon für die Gegenseite arbeitet.« Ich lächelte. »Und Arthur Simmons erscheint Ihnen unbedenklich?« »Ja. Und als Engländer würde er sich auch glatt in die Szene einfügen. Diese Idee kam mir, als ich im Restaurant zahlte. Also habe ich nach dem Weg gefragt und bin kurzerhand hierhergefahren, um ihn mir einmal anzusehen.« »Sie können gern mit ihm reden«, sagte ich und stand auf. »Aber ich glaube nicht, daß was daraus wird.« »Er würde weit über dem Tarif bezahlt«, erwiderte er, mich mißverstehend. »Ich wollte damit nicht sagen, daß er sich nicht überreden ließe«, erläuterte ich, »sondern daß er für so etwas nicht genug auf dem Kasten hat.« Er folgte mir wieder hinaus an die Frühlingssonne. In dieser Höhe war es immer noch kühl, und ich sah ihn frösteln, als er aus dem warmen Haus trat. Abschätzend blickte er auf meinen immer noch nackten Brustkorb. »Einen Moment, ich hole ihn«, sagte ich, ging um die Ecke und pfiff schrill auf zwei Fingern zu der kleinen Baracke auf der anderen Hofseite hinüber. Jemand steckte fragend den Kopf zum Fenster heraus, und ich rief: »Ich brauche Arthur.« Der Mann nickte, verschwand, und schon kam Arthur Simmons, klein, alt, säbelbeinig und von ergreifend schlichtem Gemüt, wie ein Krebs aus seiner Höhle. Ich ließ ihn mit Lord October allein, um nachzuschauen, wie das kleine Stutfohlen im Leben zurechtkam. Nicht schlecht, auch wenn seine Stehversuche mit dem verkorksten Vorderbein kläglich anzusehen waren. 11
Ich ließ es bei seiner Mutter und kehrte zu Lord October zurück. Von weitem sah ich, wie er einen Geldschein aus der Brieftasche nahm und ihn Arthur anbot und wie Arthur, ungeachtet seiner englischen Geburt, das Geld ablehnte. Er ist schon so lange hier, dachte ich, daß er zum Australier geworden ist. Nach England zieht ihn nichts mehr, ganz gleich, was er im Suff erzählt. »Sie hatten recht«, sagte October. »Er ist ein prima Kerl, aber für unsere Zwecke ungeeignet. Ich habe das gar nicht erst angesprochen.« »Ist es nicht von jedem noch so gescheiten Pferdepfleger etwas viel verlangt, wenn er die Wahrheit finden soll, wo Leute wie Sie mit Ihrem Latein am Ende sind?« Er verzog das Gesicht. »Schon. Da liegt eine der Schwierigkeiten, von denen ich sprach. Wir müssen aber jede, wirklich jede Möglichkeit ausschöpfen. Sie machen sich keine Vorstellung davon, wie ernst die Lage ist!« Wir gingen zu seinem Wagen, und er öffnete den Schlag. »Vielen Dank für Ihr Verständnis, Mr. Roke. Es war wie gesagt ein spontaner Entschluß von mir, hierherzukommen. Hoffentlich habe ich Ihre Zeit nicht über Gebühr beansprucht?« Er lächelte noch immer ein wenig verhalten, ein wenig unsicher. Ich schüttelte den Kopf und erwiderte sein Lächeln, dann ließ er den Wagen an, wendete und fuhr davon. Ich hatte ihn schon vergessen, ehe er zum Tor hinaus war. Aus den Augen, aus dem Sinn; aber aus meinem Leben verschwunden war er noch lange nicht. Am nächsten Tag bei Sonnenuntergang kam er wieder. Er saß in dem kleinen blauen Auto und rauchte gemächlich, da er wohl festgestellt hatte, daß niemand im Haus war. 12
Ich ging von dem Stallgebäude, wo ich meinen Anteil an der abendlichen Arbeit verrichtet hatte, zu ihm hinüber und dachte nebenbei, daß er mich schon wieder im schmutzigsten Räuberzivil antraf. Er stieg aus, als er mich kommen sah, und trat seine Zigarette aus. »Mr. Roke.« Er bot mir die Hand, und ich schlug ein. Diesmal beeilte er sich nicht, sein Anliegen vorzubringen. Diesmal war er keiner spontanen Regung gefolgt. Er hatte auch nichts Zögerliches mehr an sich. Um so stärker war die von ihm ausgehende Autorität zu spüren, eine Kraft und ein Wille, die sich sicher bestens dazu eigneten, klardenkende Vorstandskollegen für einen unliebsamen Vorschlag zu gewinnen. Im selben Moment wußte ich, warum er wiedergekommen war. Ich sah ihn einen Augenblick prüfend an, deutete dann zum Haus hin und führte ihn wieder ins Wohnzimmer. »Etwas zu trinken?« fragte ich. »Whisky?« »Gern.« Er nahm das Glas. »Wenn Sie erlauben, ziehe ich mich schnell um«, sagte ich. Und nehme Bedenkzeit, ergänzte ich im stillen. Ich ging duschen, zog eine anständige Hose, Socken und Slipper an, dazu ein weißes Popelinehemd und eine marineblaue Seidenkrawatte. Vor dem Spiegel bürstete ich die noch feuchten Haare sorgfältig nach hinten und vergewisserte mich, daß meine Fingernägel sauber waren. Geschniegelt und gebügelt diskutierte es sich besser. Besonders mit einem so resoluten Grafen. Er stand auf, als ich zurückkam, und nahm mein verändertes Aussehen mit einem einzigen Blick zur Kenntnis. 13
Ich lächelte flüchtig, goß mir etwas zu trinken ein und schenkte ihm nach. »Sie können sich vielleicht denken, weshalb ich hier bin«, sagte er. »Vielleicht.« »Ich wollte Sie überreden, die Aufgabe zu übernehmen, für die ich Simmons vorgesehen hatte«, sagte er ruhig, ohne weitere Vorrede. »Ja.« Ich trank einen Schluck. »Aber ich kann nicht.« Wir faßten uns ins Auge. Ich wußte, daß der Daniel Roke, den er vor sich sah, schon ein anderer war als der, den er kennengelernt hatte. Solider. Vielleicht eher seinen Erwartungen entsprechend. Kleider machen Leute, dachte ich ironisch. Es dämmerte, und ich schaltete das Licht an. Die Berge draußen vor dem Fenster wichen in die Dunkelheit zurück; das war mir nur recht, denn jetzt hieß es stark sein, und October hatte das ganze Massiv bildlich und buchstäblich auf seiner Seite. Das Dumme war nämlich, daß ich sein tolles Angebot liebend gern angenommen hätte. Dabei war es Irrsinn. Ich konnte mir das gar nicht leisten. »Inzwischen habe ich ein ziemlich klares Bild von Ihnen«, sagte er gedehnt. »Als ich gestern von hier wegfuhr, dachte ich auf einmal, schade, daß er nicht Arthur Simmons ist; Sie wären ideal gewesen. Sie sahen, wenn ich so sagen darf, für die Rolle wie geschaffen aus.« Es klang, als müsse er sich entschuldigen. »Aber jetzt nicht mehr?« »Das wissen Sie doch selbst. Deswegen haben Sie sich ja wohl umgezogen. Aber Sie können, wenn Sie wollen. Auf die Idee wäre ich bestimmt gar nicht erst gekommen, hätten Sie sich mir gestern hier so gepflegt präsentiert wie 14
jetzt. Aber da kamen Sie gerade von der Koppel, abgerissen und halb nackt, Typ Zigeuner, und ich hielt Sie wirklich für einen Stallangestellten … tut mir leid.« Ich lächelte ein wenig. »Macht nichts, das kommt öfter vor.« »Und dann, wie Sie reden«, sagte er. »Ihr australischer Akzent ist gar nicht so ausgeprägt, da hört man noch ganz andere … Bei Ihnen klingt das wie reines Cockney, Sie müßten’s nur ein bißchen breitziehen. Wenn man«, fuhr er mit fester Stimme fort, als ich ihn unterbrechen wollte, »einen gebildeten Engländer in einem Stall als Pfleger arbeiten läßt, hören die anderen Pfleger mit großer Wahrscheinlichkeit sofort, daß er unecht ist. Bei Ihnen nicht. Ihr Aussehen stimmt, und wie Sie reden stimmt. Sie scheinen mir die ideale Lösung für unser Problem zu sein. Eine bessere Lösung, als ich mir hätte träumen lassen.« »Äußerlich«, meinte ich trocken. »In jeder Beziehung. Sie vergessen, daß ich ganz gut über Sie Bescheid weiß. Als ich gestern nachmittag nach Perlooma zurückkam, dachte ich, ehm … den nimmst du mal unter die Lupe, wie man sagt; ich wollte wissen, was für ein Mensch Sie eigentlich sind … ob auch nur die leiseste Chance besteht, daß eine solche Aufgabe Sie reizt.« Er trank, schwieg, wartete. »Ich kann so was nicht machen«, sagte ich. »Ich habe hier genug zu tun.« Die Untertreibung des Monats. »Könnten Sie zwanzigtausend gebrauchen?« Er fragte das ganz nebenbei, im Plauderton. Die Antwort darauf war kurz und bündig ja; doch statt dessen sagte ich nach einem Augenblick: »Pfund oder australische Dollar?« Seine Mundwinkel kräuselten sich, und seine Augen wurden schmal; er war belustigt. 15
»Pfund natürlich«, sagte er mit Ironie. Ich schwieg. Ich sah ihn nur an. Als lese er meine Gedanken, nahm er in einem Sessel Platz, schlug lässig die Beine übereinander und sagte: »Ich kann Ihnen verraten, was Sie damit anfangen würden, wenn Sie wollen. Sie würden das Medizinstudium finanzieren, das Ihre Schwester Belinda anstrebt. Sie würden Ihre jüngere Schwester Helen auf die ersehnte Kunstschule gehen lassen. Sie würden genug auf die Seite legen, damit Ihr Bruder Philip, dreizehn, Rechtsanwalt werden kann, wenn er das später noch möchte. Sie könnten hier mehr Leute einstellen, anstatt sich kaputtzurackern, damit Ihre Familie genug zu essen und zum Anziehen hat und etwas lernen kann.« Vielleicht verstand sich seine Gründlichkeit von selbst, und doch nahm ich ihm übel, daß er seine Nase so tief in meine Privatangelegenheiten gesteckt hatte. Seit ich aber wegen eines im Zorn gesprochenen Wortes einmal auf einem schon fast verkauften Jährling sitzengeblieben war, der sich in der Woche darauf ein Bein brach, ließ ich mich so schnell zu keiner unbedachten Äußerung mehr hinreißen. »Auch ich habe zwei Mädchen und einen Jungen großgezogen«, sagte er. »Ich weiß, was das kostet. Meine Älteste studiert, der Junge und seine Zwillingsschwester sind gerade mit der Schule fertig.« Als ich immer noch nichts sagte, fuhr er fort: »Sie sind in England geboren und als Kind nach Australien gekommen. Ihr Vater, Howard Roke, war ein gefragter Rechtsanwalt. Er und Ihre Mutter sind beim Segeln verunglückt und ertrunken, als Sie achtzehn waren. Seit damals ernähren Sie sich und Ihre Geschwister durch die Pferdezucht. Wie ich höre, wollten Sie eigentlich in die Fußstapfen Ihres Vaters treten, haben dann aber mit dem hinterlassenen Geld hier, im früheren Ferienhaus der Familie, das Ge16
schäft gegründet. Sie haben Erfolg damit. Ihre Pferde gelten als rittig und gut ausgebildet. Sie sind tüchtig, und man respektiert Sie.« Lächelnd sah er zu mir auf. Ich stand steif vor ihm. Mir war klar, daß noch mehr kommen würde. Er sagte: »Für Ihren Schulleiter in Geelong sind Sie ein kluger Kopf, der mit seinem Grips nichts anfängt. Ihr Banker meint, Sie geben wenig für sich selber aus. Ihr Arzt sagt, Sie haben in den neun Jahren, die Sie hier wohnen, noch nie Urlaub gemacht, nur mal wegen eines gebrochenen Beins vier Wochen im Krankenhaus gelegen. Ihr Pastor sagt, Sie kommen nie in die Kirche, und ist sehr enttäuscht darüber.« Er trank einen Schluck. Resoluten Grafen, so schien es, standen viele Türen offen. »Und schließlich«, ergänzte er mit einem schiefen Lächeln, »meinte der Barmann vom ›Goldenen Schnabeltier‹ in Perlooma, er würde Ihnen trotz Ihres blendenden Aussehens die eigene Schwester anvertrauen.« »Und welche Schlußfolgerung ziehen Sie aus all dem?« fragte ich, nicht mehr ganz so aufgebracht. »Daß Sie ein langweiliger, fleißiger Tugendbold sind«, antwortete er. Ich mußte lachen und setzte mich hin. »Stimmt«, gab ich zu. »Andererseits sagen alle, daß Sie bei der Stange bleiben, wenn Sie einmal etwas angefangen haben, und daß Sie schwere körperliche Arbeit gewohnt sind. Sie verstehen so viel von Pferden, daß Sie den Pflegerjob mit links hinkriegen.« »Die ganze Idee ist verrückt«, sagte ich seufzend. »Das klappt so nicht, weder mit mir noch mit Arthur Simmons 17
oder sonst jemand. Das ist einfach nicht durchführbar. Es gibt doch Hunderte von Rennställen in Großbritannien. Man könnte Monate dort herumgeistern, ohne etwas mitzukriegen, während ringsherum gedopt wird, was das Zeug hält.« Er schüttelte den Kopf. »Das glaube ich nicht. Es gibt erstaunlich wenig unehrliche Pferdepfleger, weit weniger, als Sie und die meisten anderen Leute sich vorstellen. Wenn da einer als käuflich bekannt ist, stürzen sich die Gauner und Ganoven auf ihn wie auf einen unbewachten Geldschrank. Unser Mann brauchte nur dafür zu sorgen, daß sich herumspricht, er sei Angeboten zugänglich. Er würde sie bekommen, glauben Sie mir.« »Aber auch die, um die es Ihnen geht? Das scheint mir doch sehr fraglich.« »Es ist eine Chance. Für uns heißt es, jede Chance nutzen. Jede, die uns noch bleibt. Wir haben alle Leute, die mit den betroffenen Pferden zu tun hatten, eingehend befragt und sind keinen Schritt vorangekommen. Die Polizei sagt, sie kann uns nicht helfen. Da die verwendete Substanz nicht nachgewiesen ist, fehlt ihr ein Anhalt. Wir haben ein Detektivbüro beauftragt, und auch das war ein Schlag ins Wasser. Der direkte Weg hat überhaupt nichts gebracht. Der verdeckte Weg kann nicht weniger bringen. Ich bin sicher, und ich setze zwanzigtausend Pfund darauf, daß der Umweg über Sie uns weiterbringt. Machen Sie’s?« »Ich weiß nicht«, sagte ich und verfluchte meine Schwachheit. »Kommt nicht in Frage«, hätte ich sagen müssen. Er stieß sofort nach, beugte sich vor und redete auf einmal schneller, mit leidenschaftlichem Engagement in jedem Wort. »Kann ich Ihnen begreiflich machen, wie be18
sorgt meine Kollegen und ich wegen dieser nicht nachweisbaren Dopingfälle sind? Ich besitze mehrere Rennpferde – Steepler hauptsächlich –, und meine Familie liebt und unterstützt den Rennsport seit Generationen. Das Wohl dieses Sports bedeutet mir und meinesgleichen mehr, als ich sagen kann … Und es ist zum zweitenmal innerhalb von drei Jahren ernstlich gefährdet. Bei der letzten großen Dopingwelle gab es satirische Spitzen in Presse und Fernsehen, und noch einmal darf uns das einfach nicht passieren. Bis jetzt konnten wir vermeiden, ins Gerede zu kommen, weil die Fälle über Monate verteilt sind – der erste liegt über ein Jahr zurück, und auf Nachfragen antworten wir immer nur, Probe negativ, aber wir müssen dieses neue Mittel nachweisen, bevor es weithin in Gebrauch kommt. Sonst wird das eine größere Gefahr für den Rennsport als alles bisher Dagewesene. Wenn die unnachweislich gedopten Sieger zum Alltag werden, ist es um das Vertrauen der Öffentlichkeit geschehen, und der Hindernissport erleidet einen Schaden, von dem er sich allenfalls nach Jahren erholen wird. Dabei steht weit mehr auf dem Spiel als ein angenehmer Zeitvertreib. Der Rennsport ist ein Wirtschaftszweig mit Tausenden von Beschäftigten … und Gestütsbesitzer wie Sie stehen mittendrin. Die Abkehr der Öffentlichkeit würde böse Folgen haben. Sie denken vielleicht, ich habe Ihnen ungewöhnlich viel Geld geboten, damit Sie nach England kommen und schauen, ob Sie uns helfen können, aber ich bin ein reicher Mann, und, glauben Sie mir, der Fortbestand des Rennsports ist mir noch viel mehr wert. Meine Pferde haben in der vorigen Saison fast zwanzigtausend an Sieggeld eingebracht, und wenn ich die einsetzen kann, um der Gefahr ein Ende zu bereiten, will ich das gern tun.« »Sie gehen heute ganz anders zur Sache als gestern«, sagte ich langsam. 19
Er lehnte sich zurück. »Gestern brauchte ich Sie nicht zu überzeugen. Meine Einstellung war dieselbe.« »Es gibt doch bestimmt jemanden in England, der für Sie nachforschen kann«, wandte ich ein. »Leute, die mit der Szene dort vertraut sind. Im Gegensatz zu mir. Ich bin mit neun Jahren nach Australien gekommen. Ich würde Ihnen nichts nützen. Das ist aussichtslos.« Na also, lobte ich mich. Es geht auch härter. Er schaute auf sein Glas, und seine Antwort kam zögernd. »Nun … wir hatten auch schon jemanden in England … einen Rennsportjournalisten. Bestes Gespür für Stories, sehr diskret; genau unser Mann. Leider hat er ein paar Wochen lang ohne Erfolg recherchiert. Dann ist er tödlich mit dem Wagen verunglückt, der Ärmste.« »Und wenn Sie sich jemand anders nehmen?« beharrte ich. »Er ist erst im Juni verunglückt, als der Hindernissport in der Sommerpause war. Die neue Saison lief im August an, und da kam uns die Idee mit dem Pferdepfleger und all ihren Haken.« »Nehmen Sie einen Bauernsohn«, schlug ich vor. »Ländlicher Akzent, Erfahrung mit Pferden … alles da.« Er schüttelte den Kopf. »England ist zu klein. Wenn da ein Bauernsohn beim Pferderennen ein Pferd im Führring begleitet, spricht sich das rum. Zu viele Leute würden ihn erkennen und Fragen stellen.« »Dann eben einen Landarbeitersohn, der intelligent genug ist.« »Sollen wir Tests veranstalten?« fragte er säuerlich. Es trat Stille ein, dann sah er von seinem Glas auf. Sein Gesicht war ernst, beinah streng. »Also?« 20
Ich wollte klipp und klar nein sagen. Tatsächlich sagte ich wiederum: »Ich weiß nicht.« »Was kann ich tun, um Sie zu überreden?« »Nichts«, erwiderte ich. »Ich werde darüber nachdenken. Ich gebe Ihnen morgen Bescheid.« »In Ordnung.« Er stand auf, lehnte meine Einladung zum Essen ab und ging, wie er gekommen war, mit der ganzen Kraft seiner Persönlichkeit. Das Haus wirkte leer, als ich nach der Verabschiedung wieder hineinging. Der Vollmond strahlte am schwarzen Himmel, und durch eine Lücke zwischen den Bergen reckte der ferne Mount Kosciusko seinen stumpfen, schneebedeckten Gipfel ins Licht. Ich saß auf einem Felsen hoch oben am Berghang und sah auf mein Zuhause hinunter. Da lag die Lagune, lagen die großen Weiden, die sich bis zum Busch hin erstreckten, die kleinen, weiß eingezäunten Koppeln beim Haus, die Abfohlboxen mit ihrem schimmernden Dach, das große Stallgebäude, die Schlafbaracke, das niedrige Wohnhaus, lang und elegant, gespiegeltes Mondlicht in dem großen Fenster am Ende. Da lag mein Gefängnis. Anfangs war es nicht schlecht gewesen. Wir hatten keine Verwandten, die sich um uns kümmerten, und für mich war es eine Genugtuung, die Leute zu widerlegen, die meinten, ich könne nicht genug verdienen, um drei kleine Kinder – Belinda, Helen und Philip – mitzuernähren. Ich mochte Pferde, hatte sie immer schon gern gehabt, und das Geschäft lief von Anfang an recht gut. Jedenfalls hatten wir alle zu essen, und ich redete mir sogar ein, daß ich für den Anwaltsberuf eigentlich gar nicht geschaffen sei. 21
Meine Eltern hatten Belinda und Helen nach Frensham schicken wollen, und als es soweit war, kamen sie dort auch hin. Sicher hätte sich eine weniger kostspielige Schule finden lassen, aber sie sollten nach Möglichkeit bekommen, was ich bekommen hatte – und deshalb war Philip jetzt in Geelong. Mein Unternehmen war mit der Zeit gewachsen, aber auch das Schulgeld, die Löhne und die Unterhaltskosten waren gestiegen. Ich war gefangen in einer Aufwärtsspirale, und zu viel hing davon ab, daß ich am Ball bleiben konnte. Mein Beinbruch bei einem Jagdrennen, mit zweiundzwanzig, hatte die schlimmste finanzielle Krise in den ganzen neun Jahren ausgelöst – und notgedrungen hatte ich auf so waghalsige Abenteuer fortan verzichten müssen. Die ewige Arbeit störte mich nicht. Ich mochte meine Geschwister sehr gern. Ich bereute nichts, was ich getan hatte. Aber das Gefühl, Gefangener in einer schönen, selbstgebauten Falle zu sein, nagte empfindlich an meiner Zufriedenheit als treusorgender älterer Bruder. In acht oder zehn Jahren würden sie alle erwachsen, mit ihrer Ausbildung fertig und verheiratet sein, und meine Arbeit war getan. In zehn Jahren war ich siebenunddreißig. Vielleicht war ich bis dahin auch verheiratet, hatte eigene Kinder und schickte sie nach Frensham und nach Geelong … Seit über vier Jahren unterdrückte ich nach Kräften den Wunsch auszubrechen. Das ging leichter, wenn meine Geschwister in den Ferien nach Hause kamen, wenn das Haus von ihrem Lärm erfüllt war, wenn Philips Tischlerkünste überall herumlagen und die Rüschenwäsche der Mädchen zum Trocknen im Bad hing. Im Sommer ritten wir oder schwammen in der Lagune (dem See, wie meine britischen Eltern sagten), und im Winter liefen wir in den Bergen Ski. Wir verstanden uns bestens, und sie sahen nichts von dem, was wir hatten, als selbst22
verständlich an. Auch jetzt, wo sie größer wurden, konnte ich keine Anzeichen von jugendlicher Auflehnung bei ihnen feststellen. Sie machten mir wirklich Freude. Acht Tage nachdem sie ins Internat zurückgekehrt waren, packte es mich dann meistens wieder: das heftige Verlangen, frei zu sein, frei und ungebunden für geraume Zeit, um endlich einmal weiter herumzukommen als zu den Verkaufsauktionen, weiter als gerade schnell einmal nach Sydney, Melbourne oder Cooma. Geld verdienen Tag für Tag allein war noch kein Leben, und es gab mehr zu sehen auf der Welt als nur den einen schönen Flecken. Das Füttern der anderen Nestlinge hatte mich so sehr in Anspruch genommen, daß ich noch nie ausgeflogen war. Da konnte ich mir zehnmal sagen, solche Gedanken seien müßig, das reine Selbstmitleid, ich hätte keinen Grund, mich zu beklagen. Nachts hielten mich schwere Depressionen wach, und in den schwarzen Zahlen blieb ich nur, weil ich tagsüber das Letzte aus mir herausholte. Als Lord October erschien, waren die Kinder seit elf Tagen wieder in der Schule, und ich schlief schlecht. Vielleicht saß ich deshalb um vier Uhr morgens an einem Berghang und versuchte mir darüber klarzuwerden, ob ich eine eigenartige Stelle als Pferdepfleger auf der anderen Seite der Welt annehmen sollte oder nicht. Die Tür des Käfigs hatte sich zwar geöffnet; aber der Köder, der davor baumelte, um mich herauszulocken, schien mir verdächtig groß. Zwanzigtausend englische Pfund … ein Haufen Geld. Allerdings hatte October nicht wissen können, wie es in mir kribbelte, und vielleicht gedacht, mit weniger käme er nicht an. (Wieviel hatte er wohl Arthur bieten wollen?) Andererseits war da der tödlich verunglückte Rennsportjournalist … Wenn October oder seine Kollegen den leise23
sten Zweifel hegten, daß er wirklich einem Unfall zum Opfer gefallen war, hätte das die hohe Summe auch erklärt, nämlich als Reuegeld. Durch den Beruf meines Vaters hatte ich früher einiges über Verbrechen und Verbrecher mitbekommen, und ich wußte zuviel, um die Möglichkeit eines arrangierten Unfalls als kompletten Unsinn abzutun. Ich hatte die Ordnungs- und Wahrheitsliebe meines Vaters geerbt und sein logisches Denken früh schätzengelernt, wenngleich ich ihn im Umgang mit unschuldigen Zeugen vor Gericht oft zu rüde fand. Mein Empfinden war stets, daß Recht geschehen sollte und daß mein Vater der Welt keinen guten Dienst erwies, wenn er die Schuldigen herauspaukte. Zum Strafverteidiger taugst du mit dieser Einstellung nicht, meinte er. Geh halt zur Polizei. England, dachte ich. Zwanzigtausend Pfund. Detektiv spielen. Um ehrlich zu sein, Octobers Vorstellungen vom Ernst der Lage hatten mich nicht berührt. Der englische Rennsport fand auf der anderen Seite des Erdballs statt. Ich kannte keinen, der damit zu tun hatte. Wie es um seinen Ruf bestellt war, kümmerte mich herzlich wenig. Wenn ich hinfuhr, dann nicht aus selbstloser Hilfsbereitschaft. Ich würde nur fahren, weil mich das Abenteuer lockte, weil es spannend zu werden versprach, weil die Sirene sang, ich solle jede Verantwortung sausenlassen, die Fesseln sprengen und ins volle Leben eintauchen. Der gesunde Menschenverstand sagte mir, die ganze Idee sei verrückt, der Earl of October sei ein hoffnungsloser Spinner, ich hätte kein Recht, meine Geschwister sich selbst zu überlassen, während ich mich in der Weltgeschichte herumtrieb, es gebe für mich nur eins, zu bleiben, wo ich war, und damit müsse ich zufrieden sein. Der gesunde Menschenverstand unterlag. 24
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eun Tage später flog ich mit einer Boeing 707 nach England. Ich schlief fast die ganzen sechsunddreißig Stunden von Sydney nach Darwin, von Darwin über Singapur und Rangun nach Kalkutta, von Kalkutta nach Karachi und Damaskus und von Damaskus über Düsseldorf zum Londoner Flughafen. Hinter mir lag eine Unzahl praktischer Vorkehrungen und die Schreibarbeit von Monaten, gedrängt in eine einzige Woche. Ich wußte zwar nicht, wie lange ich fortbleiben würde, sagte mir aber, daß ein halbes Jahr genügen mußte, um etwas zu erreichen, und ging auch bei meiner Planung davon aus. Der Gestütsmeister sollte die volle Verantwortung für die Ausbildung und den Verkauf der vorhandenen Pferde übernehmen, jedoch keine neuen kaufen oder züchten. Mit der Wartung des Geländes und der Gebäude beauftragte ich eine Firma. Die Frau, die für meine in der Baracke wohnenden Pfleger kochte, versprach mir, meine Geschwister mitzuversorgen, wenn sie in den großen Weihnachts-Sommerferien von Dezember bis Februar nach Hause kamen. Meine Bank erhielt vordatierte Schecks für Schulgeld, Pferdefutter und Sattelzeug, und meinem Futtermeister übergab ich gleich einen ganzen Stapel Schecks, die er der Reihe nach zur Entlohnung und Verpflegung der Männer 25
einlösen sollte. October versicherte mir, daß mein Honorar mir unverzüglich überwiesen werde. »Wenn ich keinen Erfolg habe, bekommen Sie Ihr Geld zurück, abzüglich meiner Auslagen«, erklärte ich ihm. Er schüttelte den Kopf, aber ich bestand darauf, und am Ende schlossen wir einen Kompromiß. Zehntausend bekam ich sofort, und die anderen zehn, wenn mein Einsatz Erfolg brachte. Ich ging mit October zu meinen Anwälten und ließ die etwas ungewöhnliche Abmachung in die nüchternen Worte eines rechtsgültigen Vertrags fassen, den er mit einem ironischen Lächeln nach mir unterschrieb. Mit seiner Belustigung war es jedoch prompt vorbei, als ich ihn im Hinausgehen bat, mein Leben zu versichern. »Ich glaube nicht, daß das geht«, sagte er stirnrunzelnd. »Weil sich … kein Versicherer dafür findet?« fragte ich. Er antwortete nicht. »Ich habe einen Vertrag unterschrieben«, hob ich hervor. »Glauben Sie, ich habe das blind getan?« »Das war Ihre Idee.« Er machte ein gequältes Gesicht. »Ich werde Sie nicht darauf festnageln.« »Was ist wirklich mit dem Journalisten passiert?« fragte ich. Er schüttelte den Kopf und wich meinem Blick aus. »Ich weiß es nicht. Es sah schon aus wie ein Unfall. Er kam in einer Kurve im Moor von Yorkshire von der Straße ab. Der Wagen fing Feuer, als er den Abhang hinunterstürzte. Er hatte keine Chance. Ein so netter Kerl …« »Es schreckt mich nicht ab, wenn Sie Grund haben, anzunehmen, daß es kein Unfall war«, sagte ich ernst, »aber seien Sie offen zu mir. War es keiner, dann müßte er 26
schon weit gekommen sein, dann muß er etwas Entscheidendes herausgefunden haben. Für mich wäre es dann wichtig zu wissen, wo er gewesen ist und was er in den Tagen vor seinem Tod gemacht hat.« »Haben Sie sich das überlegt, bevor Sie zugesagt haben?« »Natürlich.« Er lächelte, als sei ihm ein Stein vom Herzen gefallen. »Bei Gott, Mr. Roke, je näher ich Sie kennenlerne, desto froher bin ich, daß ich in Perlooma zu Mittag gegessen und mich hinter Arthur Simmons geklemmt habe. Nun … Tommy Stapleton – der Journalist – war ein guter Fahrer, aber gegen Unfälle ist wohl keiner gefeit. Es geschah an einem Sonntag Anfang Juni. Eigentlich schon Montag. Er starb gegen zwei Uhr früh. Um halb zwei war einem Anwohner der Straße noch nichts aufgefallen, und gegen halb drei sah ein Ehepaar, das von einer Party kam, das durchbrochene Geländer an der Kurve und hielt an. Der Wagen brannte noch. Sie sahen den roten Feuerschein im Tal und meldeten den Unfall in der nächsten Stadt. Die Polizei nimmt an, daß Stapleton am Steuer eingeschlafen ist. Gibt es ja öfter. Sie konnte aber nicht feststellen, wo er nach der Abfahrt von irgendwelchen Freunden um fünf bis zu dem Unglück im Moor gewesen ist. Das ist nur eine Stunde Fahrt, es bleiben also acht Stunden offen. Niemand hat die Lücke gefüllt und gesagt, er sei den Abend bei ihm gewesen, obwohl in fast allen Zeitungen darüber berichtet wurde. Es hieß dann wohl, er könne mit einer Frau zusammengewesen sein … der Frau eines anderen, die aus gutem Grund schweigt. Jedenfalls wurde das Ganze als normaler Verkehrsunfall behandelt. Wo er in den Tagen davor war, haben wir unauffällig überprüft. Er hat nichts getan, was von seinem Arbeitsall27
tag abgewichen wäre. Er fuhr am Donnerstag in London, wo seine Zeitung ihren Sitz hat, los, ging Freitag und Samstag in Bogside zum Pferderennen, blieb zum Wochenende bei Freunden in der Nähe von Hexham, Northumberland, und brach dort, wie gesagt, am Sonntag gegen siebzehn Uhr auf, um nach London zurückzukehren. Die Freunde fanden ihn ganz normal und nett wie immer. Wir, das heißt, meine beiden Amtskollegen und ich, baten die Polizei in Yorkshire, uns zu zeigen, was aus dem Wrack geborgen werden konnte, aber es war nichts von Belang dabei. Seine lederne Aktentasche wurde unbeschädigt auf halber Höhe des Hangs gefunden, neben einer der Hintertüren, die beim Überschlagen abgerissen worden war, aber es waren nur die üblichen Rennsportzeitungen und Rennberichte drin. Wir haben genau nachgesehen. Auch bei ihm zu Hause – er war Junggeselle und lebte bei Mutter und Schwester – durften wir uns umsehen, fanden aber keinen Hinweis auf seine Recherchen, nichts. Wir wandten uns an die Rennsportredaktion seiner Zeitung, um zu sehen, was er am Arbeitsplatz zurückgelassen hatte. Nichts als ein paar persönliche Dinge und einen Umschlag mit Zeitungsausschnitten über Dopingfälle. Den haben wir uns geben lassen. Sie können sich die Clips ansehen, wenn Sie nach England kommen. Ich befürchte nur, sie werden Ihnen nichts nützen. Sie sind sehr lückenhaft.« »Okay«, sagte ich. Wir gingen die Straße entlang zu unseren Autos, seinem gemieteten Holden und meinem weißen Kombi. Als wir neben den beiden staubigen Fahrzeugen standen, meinte ich: »Sie möchten gern glauben, daß es ein Unfall war … Sie gäben was drum.« Er nickte ernst. »Der Gedanke, es könnte anders sein, ist gräßlich. Würden nicht diese acht Stunden fehlen, käme man gar nicht darauf.« 28
Ich zuckte die Achseln. »Er kann sie denkbar harmlos zugebracht haben. In einer Bar. Im Restaurant. Im Kino. Mit einem Mädchen.« »Möglich«, sagte er. Aber die Zweifel blieben, bei ihm wie bei mir. Am nächsten Tag wollte er mit dem Mietwagen in Sydney sein und zurück nach England fliegen. Er gab mir auf dem Gehsteig die Hand und nannte mir die Adresse in London, wo ich mich wieder mit ihm treffen sollte. Mit einem Fuß schon im Wagen, sagte er: »Könnten Sie denn bei Ihrem Einsatz, ehm … auch in die Haut eines, sagen wir, etwas unzuverlässigen Pferdepflegers schlüpfen, damit die Gauner sich zu Ihnen hingezogen fühlen?« »Klar«, grinste ich. »Dann darf ich vielleicht vorschlagen, daß Sie sich Koteletten wachsen lassen. Es ist erstaunlich, wieviel Mißtrauen ein paar Zentimeter Haar vor den Ohren wecken können!« Ich mußte lachen. »Gute Idee.« »Und lassen Sie Ihre Kleider hier«, fügte er an. »Ich besorge Ihnen britische Sachen, die zu Ihrer neuen Identität passen.« »In Ordnung.« Er setzte sich ans Steuer. »Au revoir dann, Mr. Roke.« »Au revoir, Lord October«, sagte ich. Als er fort war und seine Überzeugungskraft mit ihm, erschien mir das, was ich vorhatte, unvernünftiger denn je. Aber ich hatte es satt, vernünftig zu sein. Ich setzte die Vorbereitungen für meinen Ausbruch auf Hochtouren fort und erwachte jeden Morgen voller Ungeduld. Zwei Tage vor der geplanten Abreise flog ich nach Geelong, um mich von Philip zu verabschieden, und teilte sei29
nem Schulleiter mit, daß ich für einige Zeit in Europa sein würde; wie lange, stehe noch nicht fest. Ich flog über Frensham zurück, um meine Schwestern noch zu sehen, die sich beide über die dunklen Backenbartschatten erregten, die meinem Gesicht schon den gewünschten unzuverlässigen Touch gaben. »Rasier dir die bloß ab«, meinte Belinda. »Das ist viel zu sexy. Die höheren Semester hier schwärmen ohnehin von dir, und wenn sie dich so sehen, bist du fällig.« »Das klingt doch herrlich«, sagte ich und grinste sie liebevoll an. Helen, blond, beinah sechzehn, war sanft und anmutig wie die Blumen, die sie so gern zeichnete. Sie war die unselbständigste von den dreien und hatte am meisten unter dem Verlust der Mutter gelitten. »Heißt das«, fragte sie besorgt, »daß du den ganzen Sommer fort bist?« Sie sah mich an, als wäre der Mount Kosciusko eingestürzt. »Ihr kommt schon klar. Du bist doch jetzt ein großes Mädchen«, zog ich sie auf. »Aber die Ferien sind dann so langweilig.« »Bringt eben ein paar Freunde mit.« »Oh!« Ihr Gesicht hellte sich auf. »Dürfen wir? Ja, das wär’ schön.« Sie küßte mich ein wenig beruhigt zum Abschied und ging in ihre Klasse zurück. Meine älteste Schwester und ich verstanden uns sehr gut, und ihr allein vertraute ich den wahren Zweck meines »Urlaubs« an, weil ich ihr das schuldig war. Wider Erwarten brachte es sie aus der Fassung. »Liebster Dan«, sie schlang ihren Arm um meinen und hielt ihre Tränen zurück, »ich weiß, es war Knochenarbeit 30
für dich, uns großzuziehen, und wir sollten froh sein, wenn du endlich einmal etwas für dich selber tun willst, aber sei bitte vorsichtig. Wir … wir möchten, daß du wiederkommst.« »Aber natürlich«, versprach ich hilflos und lieh ihr mein Taschentuch. »Ich komme schon wieder.« Das Taxi brachte mich vom Flughafen in einem grauen Nieselregen, der keineswegs meiner Stimmung entsprach, über einen Platz voller Bäume zum Londoner Haus des Earl of October. Ich hatte Sonne in mir. Schwung. Auf mein Klingeln öffnete ein Diener mit freundlichem Gesicht die vornehme schwarze Tür, nahm mir die Reisetasche aus der Hand und sagte, da Seine Lordschaft mich erwarte, werde er mich gleich nach oben führen. »Oben« entpuppte sich als ein purpurroter Salon im ersten Stock, wo drei Männer mit Gläsern in den Händen um einen elektrisch geheizten Adam-Kamin herumstanden. Drei Männer in entspannter Haltung, die Gesichter der sich öffnenden Tür zugewandt. Drei Männer, die alle die gleiche Autorität ausstrahlten, die mir bei October aufgefallen war. Das herrschende Triumvirat des Hindernissports. Macher. Verankert und etabliert in hundertjähriger Machttradition. Sie nahmen die Angelegenheit nicht so leicht wie ich. »Mr. Roke, Mylord«, sagte der Diener, als er mich hineinführte. October kam auf mich zu und gab mir die Hand. »Guten Flug gehabt?« »Ja, danke.« Er blickte zu den beiden anderen. »Meine beiden Mitstreiter möchten Sie auch begrüßen.« 31
»Macclesfield«, sagte der größere von ihnen, ein älterer Mann mit krummem Rücken und wildem weißem Haar. Er beugte sich vor und streckte eine sehnige Hand aus. »Sehr interessant, Sie kennenzulernen, Mr. Roke.« Er hatte scharfblickende Adleraugen. »Und das ist Colonel Beckett.« Er deutete auf den schmalen, kränklich wirkenden dritten Mann, der mir ebenfalls die Hand gab, aber kaum zufaßte. Dann schwiegen sie vereint und schauten mich an, als käme ich von einem anderen Stern. »Ich stehe zu Ihrer Verfügung«, sagte ich höflich. »Ja, gut … kommen wir gleich zur Sache«, sagte October und bot mir einen Ledersessel an. »Aber möchten Sie etwas trinken?« »Gern.« Er gab mir ein Glas von dem mildesten Whisky, der je meinen Gaumen berührt hatte, und alle setzten sich. »Meine Pferde«, begann October in zwanglosem Gesprächston, »stehen alle bei mir in Yorkshire, wo ich meinen Landsitz habe. Ich bilde sie nicht selbst aus, weil ich zu oft geschäftlich unterwegs bin. Ein Mann namens Inskip hat die Trainerlizenz – er ist selbständig und trainiert außer den meinen noch mehrere Pferde von Bekannten. Zur Zeit sind etwa fünfunddreißig Pferde dort, von denen elf mir gehören. Wir halten es für das beste, wenn Sie in meinem Stall als Pfleger anfangen; Sie können dann ja wechseln, wenn es angezeigt scheint. Ist das bis dahin klar?« Ich nickte. »Inskip«, fuhr er fort, »ist ein ehrlicher Mensch, aber leider redet er auch gern, deshalb darf ihm zunächst einmal die Art und Weise Ihres Eintritts in den Stall keinen Grund 32
zum Schwätzen geben. Da die Einstellung der Pfleger allein seine Sache ist, wird er, nicht ich, Sie einstellen müssen. Um dafür zu sorgen, daß wir Leute brauchen und Ihre Bewerbung prompt angenommen wird, schicken Colonel Beckett und Sir Stuart Macclesfield übermorgen je drei Jungpferde zu mir. Die Pferde taugen nichts, möchte ich meinen, aber bessere konnten wir so schnell nicht auftreiben.« Alle lächelten. Recht hatten sie. Ich begann ihre Planungsarbeit zu bewundern. »In vier Tagen, wenn dann alles unter dem Arbeitsanfall stöhnt, tauchen Sie auf und bieten Ihre Dienste an. Okay?« »Okay.« »Hier ist Ihre Referenz.« Er reichte mir einen Umschlag. »Sie stammt von einer Kusine von mir, die in Cornwall ein paar Jagdpferde hält. Ich habe mit ihr vereinbart, daß sie Sie empfiehlt, falls Inskip nachfragt. Allzu suspekt dürfen Sie ja auch nicht gleich erscheinen, sonst stellt Inskip Sie nicht ein.« »Verstehe«, sagte ich. »Inskip wird nach Ihrer Versicherungs- und Ihrer Lohnsteuerkarte fragen, Unterlagen, die man normalerweise von der vorherigen Arbeitsstelle mitbringt. Hier sind sie.« Er gab sie mir. »Die Versicherungskarte ist gestempelt und stellt kein Problem dar, weil erst im Mai nächsten Jahres wieder danach gefragt wird, und dann brauchen wir sie hoffentlich nicht mehr. Mit der Lohnsteuer ist es schwieriger, aber wir haben die Karte so angelegt, daß die Adresse auf dem Abschnitt, den Inskip bei Ihrer Einstellung ans Finanzamt schicken muß, unleserlich ist. Daraus sollte sich eine durchaus natürliche Verwirrung ergeben, die ausreicht, um zu verschleiern, daß Sie nicht in Cornwall gearbeitet haben.« 33
»Verstehe«, sagte ich. Und beeindruckt war ich auch. Sir Stuart Macclesfield räusperte sich, und Colonel Beckett rieb sich die Nase. »Eine Frage zu dem Doping«, sagte ich. »Sie haben mir erklärt, Ihre Chemiker könnten das verwendete Mittel nicht nachweisen, aber mehr weiß ich bisher nicht. Wieso sind Sie denn so sicher, daß gedopt wird?« October blickte zu Macclesfield, der mit seiner schnarrenden alten Stimme langsam sagte: »Wenn ein Pferd mit Schaum vor dem Maul aus einem Rennen kommt, wenn ihm die Augen rausquellen und der Schweiß nur so runterläuft, liegt der Verdacht nahe, daß ihm ein leistungssteigerndes Mittel verabreicht worden ist. Die meisten Dopingsünder fahren ja deshalb schlecht dabei, weil es schwer ist, Reizmittel so zu dosieren, daß ein Pferd ohne verdächtige Symptome gewinnt. Hätten Sie die von uns untersuchten Pferde gesehen, Sie hätten sie für restlos vollgepumpt gehalten. Aber die Proben waren alle negativ.« »Was sagen Ihre Chemiker?« »Im gotteslästerlichen Wortlaut?« meinte Beckett ironisch. Ich grinste. »Im Kern.« »Daß es keine Substanz gibt, die sie nicht nachweisen können«, sagte Beckett. »Was ist mit Adrenalin?« fragte ich. Die hohen Herren wechselten Blicke, und Beckett sagte: »Die meisten der betroffenen Pferde hatten zwar einen ziemlich hohen Adrenalinspiegel, aber um zu beurteilen, ob das für ein bestimmtes Pferd normal ist, reicht eine einmalige Untersuchung nicht aus. Die natürliche Adrenalinausschüttung variiert von Pferd zu Pferd erheblich, und man müßte sie vor und nach mehreren Rennen und auch in 34
verschiedenen Stadien ihres Trainings kontrollieren, um festzustellen, wo für das einzelne Pferd die Norm liegt. Erst wenn man die normalen Werte kennt, weiß man, ob es eine Dosis zusätzlich erhalten hat. Apropos … Sie werden wissen, daß man Adrenalin nicht oral verabreichen kann. Es muß gespritzt werden und wirkt sofort. Unsere Pferde waren vor dem Start alle ruhig und gelassen. Durch Adrenalin stimulierte Pferde sind da schon aufgedreht. Außerdem verrät sich die subkutane Injektion von Adrenalin oft auch dadurch, daß dem Pferd weit um die Einstichstelle herum die Haare hochstehen. Wirklich narrensicher ist nur eine Injektion in die Halsschlagader, aber das will gekonnt sein, und wir schließen aus, daß in diesen Fällen so verfahren wurde.« »Die Leute vom Labor rieten uns, von mechanischen Einwirkungen auszugehen«, sagte October. »Da hat man ja schon alles mögliche probiert. Elektroschocks zum Beispiel. Es gab Jockeys, die haben Batterien in ihren Sattel oder ihre Peitsche eingebaut, um die Pferde mit Stromstößen in den Sieg zu treiben. Der Schweiß der Pferde war dabei ein vorzüglicher Leiter. Wir haben diese Dinge wirklich eingehend geprüft und sind der festen Überzeugung, daß keiner der betreffenden Jockeys unübliche technische Hilfsmittel benutzt hat.« »Wir haben unsere Aufzeichnungen, die Laborberichte, zahlreiche Zeitungsausschnitte und überhaupt alles, was uns irgendwie sachdienlich schien, gesammelt«, sagte Macclesfield und wies auf einen Stapel von drei Aktendeckeln, die neben mir auf dem Tisch lagen. »Und Sie haben vier Tage Zeit, das durchzulesen und darüber nachzudenken«, fügte October mit einem flüchtigen Lächeln hinzu. »Ein Zimmer ist hier für Sie hergerichtet; mein Diener wird für Sie dasein. Ich kann leider nicht bleiben, ich muß heute abend nach Yorkshire zurück.« 35
Beckett sah auf seine Armbanduhr und erhob sich langsam. »Zeit für mich, Edward.« Zu mir sagte er mit einem Blick, der so klar und lebhaft war wie sein Körper hinfällig: »Sie packen das. Aber machen Sie Dampf dahinter, ja? Die Zeit läuft gegen uns.« Es kam mir vor, als sei October erleichtert. Sicher war ich mir dessen erst, als Macclesfield mir wieder die Hand gab und schnarrte: »Jetzt, wo Sie da sind, scheint mir der ganze Plan auch durchführbar zu sein … Mr. Roke, ich wünsche Ihnen gutes Gelingen.« October brachte die beiden zur Haustür, kam wieder herauf und sah mich in dem purpurroten Zimmer an. »Zu meiner Freude darf ich sagen, daß sie sehr angetan von Ihnen sind, Mr. Roke.« Oben in dem luxuriösen Gästezimmer mit dunkelgrünem Teppichboden und Messingbett, wo ich die nächsten vier Nächte schlafen sollte, stellte ich fest, daß der Diener meine wenigen mitgebrachten Sachen ausgepackt und säuberlich in die Fächer eines schweren edwardianischen Kleiderschranks geräumt hatte. Auf dem Boden neben meiner lederbesetzten Leinenreisetasche stand ein billiger Kunstfaserkoffer mit angerosteten Schlössern. Amüsiert untersuchte ich seinen Inhalt. Obenauf lag ein dickes, zugeklebtes Kuvert mit meinem Namen. Ich riß es auf und fand ein Bündel Fünfpfundnoten darin, vierzig insgesamt – und auf einem beiliegenden Zettel stand: »Gutes Geld für schlechte Zeiten.« Ich lachte laut. Auch sonst hatte October an alles gedacht, von der Unterwäsche bis zum Waschzeug, von Stiefeletten bis zum Regencape, von Jeans bis zu Schlafanzügen. Im Ausschnitt einer schwarzen Lederjacke steckte ein zweiter Zettel von ihm. 36
»Die Jacke ergänzt die Koteletten. Beides zusammen wird Ihre Erscheinung nachhaltig verändern. So laufen hier die schrägen Vögel herum. Viel Glück.« Ich sah mir die Stiefeletten an. Sie waren gebraucht und ungeputzt, paßten aber, wie ich feststellte, erstaunlich gut. Ich zog sie aus und probierte ein Paar superspitze schwarze Straßenschuhe an. Ein schrecklicher Anblick, aber auch sie paßten, und ich behielt sie an, um meine Füße (und Augen) an sie zu gewöhnen. Die drei Aktendeckel, die ich, als October nach Yorkshire abgefahren war, mit nach oben genommen hatte, lagen auf einem Tischchen neben einem kleinen Sessel, und mit dem Gefühl, daß keine Zeit mehr zu verlieren sei, setzte ich mich hin, nahm mir den ersten vor und machte mich ans Lesen. Da ich kein einziges Wort ausließ, brauchte ich zwei Tage, um den gesamten Inhalt der Mappen durchzuackern. Und doch starrte ich am Ende auf den Teppichboden, ohne eine brauchbare Idee im Kopf zu haben. Da waren handund maschinengeschriebene Protokolle von den amtlichen Befragungen der Trainer, Jockeys, Futtermeister, Pfleger, Hufbeschlagschmiede und Tierärzte, die mit den elf mutmaßlich gedopten Pferden zu tun gehabt hatten. Da war der langatmige Bericht einer Detektei, die »in entspannter Umgebung« zahlreiche Jockeys befragt und nichts dabei herausbekommen hatte. Ein Buchmacher berichtete zehn Seiten lang ausführlich über die auf die betroffenen Pferde abgeschlossenen Wetten, faßte aber im letzten Satz bündig zusammen: »Wir haben keinen Hinweis auf Einzelpersonen oder Gruppen, die regelmäßig an diesen Pferden verdient hätten, und kommen daher zu dem Schluß, daß solche Einzelpersonen oder Gruppen nur am Totalisator gewettet haben können.« Weiter unten in der Mappe fand ich einen Brief der Toto GmbH, der besagte, daß keiner ihrer 37
Kreditkunden alle betroffenen Pferde gewettet habe, daß aber die Barwetten auf der Rennbahn freilich nicht zu überprüfen seien. Die zweite Mappe enthielt Laborberichte über elf analysierte Urin- und Speichelproben. Der erste Bericht bezog sich auf ein Pferd namens Charcoal und war anderthalb Jahre alt. Der letzte galt einem erst im September, als October in Australien war, kontrollierten Pferd namens Rudyard. Unter jedem einzelnen Bericht stand in säuberlicher Handschrift das Wort »negativ«. Die Presse hatte haarscharf am Verleumdungsparagraphen vorbeigeschrieben. Die Zeitungsausschnitte in Mappe Nummer drei enthielten Sätze wie »Charcoal schlug eine gänzlich ungewohnte Gangart ein« und »Sieger Rudyard wirkte im Absattelring mächtig erregt ob seines Erfolges«. Über Charcoal und die drei Pferde nach ihm gab es noch relativ wenig zu lesen, doch dann hatte jemand ein Medienbüro beauftragt: Die letzten sieben Fälle waren durch Ausschnitte aus mehreren Tages-, Abend-, Lokal- und Rennsportzeitungen dokumentiert. Unten in Mappe drei fand ich noch einen mittelgroßen gelben Umschlag. Er trug den Vermerk: »Ausgehändigt von der Sportredaktion des Daily Scope am 10. Juni«. Ich begriff, daß es sich um die Ausschnitte handeln mußte, die der unglückliche Journalist Stapleton gesammelt hatte, und öffnete den Umschlag gespannt. Zu meiner großen Enttäuschung – denn ich hätte wirklich etwas Hilfe gebrauchen können – handelte es sich aber bis auf drei nur um Ausschnitte, die ich schon kannte. Einer von den drei neuen war ein Kurzporträt der Besitzerin von Charcoal, der zweite ein Bericht über ein (nicht 38
zu den elf gehörendes) Pferd, das am dritten Juni in Cartmel, Lancashire, im Führring durchgedreht war und eine Frau tödlich verletzt hatte, der dritte ein langer Artikel aus einer Rennsport-Wochenzeitung über berühmte Dopingfälle, wie sie aufgedeckt und wie sie geahndet wurden. Ich las und las und kam auch damit nicht weiter. Nach so viel unergiebiger Konzentration lief ich den ganzen nächsten Tag in London umher, atmete mit einem berauschenden Gefühl der Befreiung die dicke Großstadtluft, fragte immer wieder nach dem Weg und hörte den Auskunftgebenden gut zu. Von meinem Akzent hatte sich October vielleicht zuviel erhofft, denn noch vor Mittag erkannte man mich zweimal als Australier. Meine Eltern waren bis zu ihrem Tod ganz Engländer geblieben, aber ich hatte es mit neun Jahren für ratsam gehalten, in der Schule nicht »anders« zu sein, und mir die Sprechweise meiner neuen Heimat angeeignet. Ich konnte sie nicht mehr ablegen, selbst wenn ich es gewollt hätte; sollte mein Englisch also wie Cockney klingen, mußte ich offensichtlich noch daran arbeiten. Ich wanderte weiter nach Osten, schaute, fragte, hörte zu. Allmählich kam ich zu dem Schluß, daß es gehen könnte, wenn ich nicht ganz so schneidig sprach und den Wortendungen Luft ließ. Ich übte den ganzen Nachmittag, und schließlich gelang es mir sogar, ein paar Vokale abzuwandeln. Niemand fragte mehr, woher ich kam – für mich ein Zeichen des Erfolgs –, und als ich mich zu guter Letzt bei einem Straßenhändler erkundigte, wo die Busse nach Westen abfahren, konnte ich im Akzent zwischen meiner Frage und seiner Antwort keinen großen Unterschied mehr hören. Ich kaufte mir einen Geldgürtel aus starkem Leinen mit Reißverschluß. Er ließ sich unterm Hemd flach auf der Taille tragen, sogar mit den zweihundert Pfund, und viel39
leicht würde ich einmal froh sein, dieses Geld griffbereit zu haben. Am Abend versuchte ich mit neuer Energie, das Dopingproblem von einer anderen Seite her anzugehen, indem ich schaute, ob die Pferde irgend etwas miteinander gemein hatten. Es sah nicht so aus. Alle hatten verschiedene Trainer. Alle gehörten verschiedenen Besitzern, und alle waren von verschiedenen Jockeys geritten worden. Das einzige, was sie miteinander gemein hatten, war, daß sie nichts gemein hatten. Ich seufzte und ging zu Bett. Terence, der Diener, mit dem ich mich ein wenig angefreundet hatte, weckte mich am vierten Tag, indem er mit einem voll beladenen Frühstückstablett in mein Zimmer kam. »Der Verurteilte langte noch einmal kräftig zu«, sagte er, hob den silbernen Deckel ab und ließ mich an einem Teller mit Eiern und Schinken schnuppern. »Wie meinen Sie das?« fragte ich, zufrieden gähnend. »Ich weiß nicht, was Sie und Seine Lordschaft vorhaben, aber wo Sie auch hingehen, Sie betreten eine andere Welt. Ihr Anzug zum Beispiel stammt nicht aus derselben Ecke wie das Zeug da.« Er nahm den Kunstfaserkoffer, setzte ihn auf einen Hokker und klappte ihn auf. Behutsam, als wäre es Seide, legte er eine Baumwollunterhose und ein kariertes Baumwollhemd heraus, dazu einen gerippten hellbraunen Pullover, eine enge, anthrazitfarbene Hose und schwarze Socken. Mit angewidertem Blick hängte er die schwarze Lederjakke über die Stuhllehne und ergänzte das Arrangement durch die spitzen Schuhe. 40
»Seine Lordschaft hat mich angewiesen, darauf zu achten, daß Sie alle mitgebrachten Sachen dalassen und nur die hier mitnehmen«, sagte er bedauernd. »Haben Sie die gekauft«, fragte ich amüsiert, »oder Lord October?« »Lord October.« Er lächelte plötzlich, als er zur Tür ging. »Hätte ich gern gesehen, wie er da im Discountladen zwischen den drängelnden Hausfrauen am Wühltisch steht.« Ich frühstückte, nahm ein Bad, rasierte mich und schlüpfte von Kopf bis Fuß in die neuen Sachen, einschließlich der schwarzen Joppe, deren Reißverschluß ich hochzog. Dann bürstete ich mir die Haare nicht nach hinten, sondern nach vorn, so daß die kurzen schwarzen Fransen in die Stirn fielen. Terence kam wieder, um das Tablett abzuholen, und sah mich vor dem Wandspiegel stehen. Statt ihn wie sonst anzulächeln, drehte ich mich langsam auf dem Absatz um und fixierte ihn grimmig mit zusammengekniffenen Augen. »Du liebe Zeit!« entfuhr es ihm. »Gut«, meinte ich vergnügt. »Sie würden mir also nicht trauen?« »Ich würde mich hüten.« »Und welchen Eindruck haben Sie sonst von mir? Würden Sie mir Arbeit geben?« »Zur Haustür kämen Sie hier erst gar nicht rein. Höchstens hintenrum. Ich würde mir Ihre Referenzen gut ansehen, bevor ich Sie einstellte – und wenn ich nicht schwer unter Druck wäre, würde ich es lieber lassen. Sie sehen verschlagen aus … und, na ja, ein bißchen … gefährlich fast.« 41
Ich öffnete den Reißverschluß der Lederjacke, so daß der karierte Hemdkragen und der hellbraune Pullover zu sehen waren. Eine legere Note. »Und jetzt?« fragte ich. Er neigte prüfend den Kopf zur Seite. »Ja, jetzt würde ich Sie vielleicht nehmen. So sehen Sie gleich normaler aus. Nicht unbedingt ehrlicher, aber leichter zu handhaben.« »Danke, Terence. Das kommt genau hin, glaube ich. Durchschnitt, aber unehrlich.« Ich lächelte freudig. »Dann will ich mich mal auf den Weg machen.« »Sie haben nichts Eigenes bei sich?« »Nur meine Uhr«, versicherte ich ihm. »Gut«, sagte er. Ich bemerkte mit Interesse, daß er zum erstenmal in den vier Tagen das ungezwungene, automatische »Sir« weggelassen hatte; und als ich den billigen Koffer ergriff, machte er keine Anstalten, ihn mir wie die Reisetasche bei meiner Ankunft abzunehmen. Wir gingen hinunter zur Haustür, wo ich ihm die Hand bot, mich für seine Fürsorge bedankte und ihm einen Fünfpfundschein gab. Einen von Octobers Fünfern. Er nahm ihn lächelnd an und betrachtete mich in meiner neuen Identität. Ich grinste breit. »Wiedersehen, Terence.« »Auf Wiedersehen, und vielen Dank … Sir«, sagte er; und im Davongehen hörte ich ihn lachen. Den nächsten Hinweis darauf, daß mein Kleiderwechsel einen gewaltigen Statusverlust bedeutete, gab mir der Taxifahrer, den ich am Ende des Platzes heranwinkte. Er wollte erst mein Geld sehen, bevor er mich zum Bahnhof 42
King’s Cross fuhr. Ich nahm den Mittagszug nach Harrogate und fing mir die mißbilligenden Blicke eines vis-à-vis sitzenden steifen Mannes mit ausgefransten Manschetten ein. Das läuft ja alles, dachte ich, während die regennasse Herbstlandschaft an mir vorbeiflog; du machst wirklich einen zweifelhaften Eindruck. Ich mußte um die Ecke denken, um mich darüber zu freuen. Von Harrogate fuhr ich mit dem Bus nach der kleinen Ortschaft Slaw, erkundigte mich nach dem Weg, ging die letzten drei Kilometer bis zu Octobers Landgut zu Fuß und kam dort kurz vor sechs an, die beste Zeit, um Arbeit in einem Rennstall zu finden. Sie hatten wirklich alle Hände voll zu tun; ich fragte nach dem Futtermeister, und dieser brachte mich zu Inskip, der auf seinem abendlichen Rundgang war. Inskip musterte mich und schürzte die Lippen. Er war ein mürrischer, relativ junger Mann mit Brille, schütterem rotblondem Haar und schlafflippigem Mund. »Referenzen?« Seine Stimme hingegen war scharf und gebieterisch. Ich nahm den Brief von Octobers Kusine aus der Tasche und gab ihn ihm. Er faltete ihn auseinander, las ihn und steckte ihn ein. »Mit Rennpferden haben Sie also noch nicht gearbeitet?« »Nein.« »Wann könnten Sie anfangen?« »Sofort.« Ich wies auf meinen Koffer. Er zögerte, aber nur kurz. »Zufällig brauchen wir gerade jemand. Wir versuchen es mit Ihnen. Wally, besorgen Sie ihm bei Mrs. Allnut ein Bett, er kann morgen früh anfangen. Der übliche Lohn«, wandte er sich wieder an mich, 43
»elf Pfund die Woche, davon bekommt Mrs. Allnut drei für Kost und Logis. Ihre Karten können Sie mir morgen geben. Alles klar?« »Ja«, sagte ich und war im Geschäft.
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ch schlich mich behutsam in die neue Umgebung ein wie ein Ketzer in den Himmel, um nicht auf- und hinauszufliegen, bevor ich ganz dazugehörte. Am ersten Abend kargte ich mit Worten, weil ich meinem angelernten Akzent nicht traute, aber bald wurde mir klar, daß bei der Vielfalt von Dialekten, die im Stall gesprochen wurden, mein Cockney-Australisch gar nicht auffiel. Wally, der Futtermeister, ein drahtiger kleiner Mann mit schlechtsitzenden dritten Zähnen, hatte mich zur Schlafplatzbelegung in das Haus beim Tor geschickt, in dem etwa ein Dutzend unverheiratete Pferdepfleger wohnten. Ich kam in einen kleinen, vollgestopften Raum im ersten Stock mit sechs Betten, einem Kleiderschrank, zwei Kommoden und vier Stühlen, die die Nachttische ersetzten; nur in der Mitte waren ungefähr zwei Quadratmeter frei. Dünne, geblümte Vorhänge an den Fenstern, auf dem Fußboden blankes Linoleum. Mein Bett war mit den Jahren in der Mitte zwar arg eingesunken, aber nicht unbequem, und es war mit weißen Laken und grauen Wolldecken frisch hergerichtet. Mrs. Allnut, die mich ohne zu fackeln in ihrem Haus aufnahm, war eine rundliche kleine Frohnatur mit einem Haarknoten auf dem Kopf. Sie hielt das Haus blitzsauber und achtete auch darauf, daß sich die Pfleger wuschen. Sie konnte kochen, und das Essen war einfach, aber reichlich. Alles in allem ein gutes Quartier. 45
Anfangs nahm ich mich sehr in acht, aber die Anpassung an die Umgebung, an die Gemeinschaft war doch leichter, als ich mir vorgestellt hatte. Ein paarmal konnte ich mich in den ersten Tagen gerade noch bremsen, als ich einem anderen Pfleger sagen wollte, was er zu tun habe; neun Jahre alte Gewohnheiten sind zäh. Und ich war überrascht, ja ein wenig bestürzt über die unterwürfige Haltung, die alle gegenüber Inskip einnahmen, wenigstens wenn er dabei war; meine Leute zu Hause gingen mit mir viel vertraulicher um. Daß ich sie bezahlte und sie Lohn empfingen, stellte mich als Mensch nicht über sie, und das war uns auch allen klar. Aber bei Inskip und, wie ich noch feststellen sollte, überhaupt in England war wenig von dem beinah aggressiven Gleichheitsstreben Australiens zu spüren. Die Pferdepfleger schienen sich generell damit abzufinden, daß sie in der Welt niedriger eingestuft wurden als Menschen wie Inskip und October. Ich fand das würdelos, beschämend und seltsam. Aber ich behielt meine Ansicht für mich. Wally, der es unerhört fand, wie lässig ich bei meiner Ankunft aufgetreten war, wies mich an, Inskip mit »Sir« und October mit »Mylord« anzureden; wenn ich aber ein verdammter Kommunist sei, könne ich gleich wieder abhauen – und so legte ich schleunigst den, wie er es nannte, »geziemenden« Respekt an den Tag. Andererseits fiel es mir gerade wegen der zwanglosen Beziehung zu meinen eigenen Leuten jetzt nicht weiter schwer, Pfleger unter Pflegern zu sein. Ich spürte keine Zurückhaltung auf ihrer und – nachdem sich das Akzentproblem erledigt hatte – auch keine Befangenheit auf meiner Seite. Von daher mußte ich October recht geben: Wäre ich in England aufgewachsen und nach Eton statt nach unserem ebenso exklusiven Geelong gegangen, hätte ich mich in die Stallgemeinschaft nicht so leicht einfügen können. 46
Inskip teilte mir drei neu eingetroffene Pferde zu, und das war aus meiner Sicht nicht gerade ideal, denn auf die Rennbahn würde ich vorerst mit denen nicht kommen. Sie waren weder fit noch für irgendwelche Rennen genannt, und selbst wenn sie sich als brauchbar erwiesen, würde es Wochen dauern, bis sie antreten konnten. Darüber dachte ich nach, während ich ihnen Heu und Wasser brachte, ihre Boxen ausfegte und sie in der Morgenarbeit ritt. Am zweiten Abend erschien October gegen sechs mit einer Gruppe von Gästen. Inskip, vorab informiert, hatte uns allen Beine gemacht, damit wir schneller fertig wurden, und sich durch einen vorgezogenen Kontrollgang überzeugt, daß alles in Butter war. Jeder Pfleger stand bei demjenigen der von ihm betreuten Pferde, das dem Ausgangspunkt der Inspektion am nächsten war. October und seine Freunde, begleitet von Inskip und Wally, schritten von Box zu Box, plauderten, lachten, besprachen im Vorbeigehen die einzelnen Pferde. Als sie zu mir kamen, warf mir October einen Blick zu und sagte: »Sie sind neu hier, was?« »Ja, Mylord.« Das war es dann auch schon, aber als ich das erste Pferd für die Nacht eingeschlossen hatte und weiter unten im Stall beim zweiten wartete, kam er herüber, um meinen Schützling zu streicheln und seine Beine abzutasten, und als er sich dann aufrichtete, zwinkerte er mir verschmitzt zu. Da die anderen Leute vor mir standen, bewahrte ich mit Mühe ein ernstes Gesicht. Er schneuzte sich, um nicht zu lachen. Wir waren beide in solchen Täuschungsmanövern nicht geübt. Nach der Inspektion und dem anschließenden Abendessen mit den anderen Pflegern ging ich mit zweien von ihnen zu Fuß nach Slaw ins Gasthaus. Als wir unser erstes 47
Bier halb getrunken hatten, stand ich auf, spazierte hinaus und rief October an. »Wer spricht, bitte?« erkundigte sich eine Männerstimme. Einen Augenblick war ich ratlos, dann sagte ich: »Perlooma«, denn wenn er das hörte, würde er sofort schalten. Er kam an den Apparat. »Probleme?« »Nein«, sagte ich. »Werden vom Amt hier Ihre Gespräche mitgehört?« »Gute Frage.« Er zögerte. »Wo sind Sie?« »In Slaw, in der Telefonzelle am Ortseingang.« »Ich habe Gäste heute abend; hat es Zeit bis morgen?« »Ja.« Er überlegte. »Können Sie mir sagen, um was es geht?« »Ja. Ich brauche die gesammelten Rennberichte der letzten sieben oder acht Jahre und alles, was Sie an Informationen über die elf … Betroffenen beibringen können.« »Wonach suchen Sie?« »Das weiß ich noch nicht«, sagte ich. »Brauchen Sie sonst noch was?« »Ja, aber das geht nicht am Telefon.« Er überlegte. »Hinter den Stallungen ist ein Bach, der aus dem Moor kommt. Laufen Sie morgen nach dem Mittagessen ein Stück da hinauf.« »Gut.« Ich hängte ein und kehrte in die Kneipe zu meinem Bier zurück. »Du warst aber lange weg«, sagte Paddy, einer der beiden Pfleger, mit denen ich dort war. »Wir sind schon eins weiter. Hast du die Wandsprüche auf dem Klo studiert, oder was?« 48
»Da stehen ein paar Sachen«, meinte der andere, ein schlaksiger Achtzehnjähriger, »aus denen ich nicht schlau werde.« »Das schadet nichts«, versicherte ihm Paddy. Mit seinen vierzig Jahren vertrat er bei vielen der jüngeren Pfleger die Vaterstelle. Sie schliefen links und rechts von mir, Paddy und Grits, in unserem kleinen Schlafsaal. Paddy, blitzgescheit im Gegensatz zu Grits, war ein zäher kleiner Ire mit Augen, denen nichts entging. Von dem Moment an, als ich meinen Koffer auf das Bett geworfen und unter seinem neugierigen Blick meine Schlafsachen ausgepackt hatte, war ich froh gewesen, daß October darauf bestanden hatte, mich völlig neu einzukleiden. »Trinken wir noch ein Glas?« »Na gut«, stimmte Paddy zu. »Eins kann ich mir wohl gerade noch leisten.« Ich ging mit den Gläsern zur Theke und holte Nachschub; Paddy und Grits kramten in ihren Taschen, wurden fündig und gaben mir jeder elf Pence zurück. Das starke, bittere Bier schien mir die sieben Kilometer Fußweg nicht wert zu sein, aber viele von den Pflegern hatten Fahrräder oder klapprige Autos und kamen mehrmals die Woche hierher. »Heute abend tut sich nichts«, brummelte Grits. Sein Gesicht hellte sich auf. »Morgen ist Zahltag.« »Da wird die Bude voll«, stimmte Paddy bei. »Soupy und die Grangerleute und das ganze Volk.« »Die Grangerleute?« fragte ich. »Du weißt aber auch gar nichts«, meinte Grits ein wenig herablassend. »Die Leute von Grangers Stall, auf der anderen Seite vom Berg.« 49
»Kommst du denn vom Mond?« fragte Paddy. »Er ist ja neu im Rennsport«, verteidigte mich Grits. »Na, trotzdem!« Paddy trank über den Mittelstrich weg und wischte sich den Mund mit dem Handrücken. Grits trank aus und seufzte. »Das wär’s. Ich glaub, dann sollten wir mal wieder.« Auf dem Rückweg zum Stall unterhielten wir uns wie immer über Pferde. Am nächsten Nachmittag verließ ich unauffällig den Hof und schlenderte am Bach entlang, wobei ich hin und wieder einen Stein nahm und ihn hineinwarf, als sähe ich gern, wie das Wasser aufspritzte. Ein paar Pfleger spielten auf der Koppel hinterm Hof Fußball, aber sie achteten nicht auf mich. Ein ganzes Stück bergauf, wo der Bach durch eine tiefe, grasbewachsene Rinne lief, stieß ich auf October, der, eine Zigarette rauchend, auf einem Stein saß. Er hatte einen Jagdhund, einen schwarzen Retriever, bei sich und eine Flinte und eine volle Jagdtasche vor sich liegen. »Dr. Livingstone, nehme ich an«, sagte er lächelnd. »Ganz recht, Mr. Stanley. Wie haben Sie das erraten?« Ich setzte mich auf den nächsten Stein. Er tippte mit dem Fuß an die Jagdtasche. »Da sind die Rennberichte drin und ein Notizbuch mit allem, was Beckett und ich an Fakten über die elf Pferde in so kurzer Zeit zusammengekriegt haben. Aber da nützen Ihnen die Berichte in den Akten, die Sie gesehen haben, doch sicher mehr.« »Alles kann nützlich sein … das weiß man nie. In Stapletons Kuvert war auch ein interessanter Ausschnitt. Ein Artikel über bekannte Dopingfälle. Da stand, daß be50
stimmte Pferde einfach durch chemische Veränderungen in ihrem Körper harmlose Nahrung in etwas umsetzen, das beim Dopingtest positiv anschlägt. Funktioniert das vielleicht auch umgekehrt? Ich meine, könnte es sein, daß manche Pferde ein Dopingmittel in harmlose Stoffe aufspalten, so daß bei den Kontrollen nichts festzustellen ist?« »Ich kümmere mich darum.« »Etwas anderes noch«, sagte ich. »Ich bin drei von den Kleppern zugeteilt worden, um die Sie Ihren Stall bereichert haben, das heißt, ich komme auf keine Rennbahn. Aber wenn Sie einen davon vielleicht wieder verkaufen, hätte ich Gelegenheit, bei der Auktion mit Leuten von anderen Ställen zusammenzukommen. Da hier noch drei andere Pfleger je drei Pferde betreuen, wäre ich nicht gleich überflüssig, und vielleicht bekäme ich dann ein renntaugliches Pferd anvertraut.« »Ich verkaufe eins«, sagte er, »aber bis es zur Versteigerung kommt, das dauert. Der Antrag muß fast einen Monat vor dem Verkaufstermin beim Auktionator sein.« Ich nickte. »Es ist zum Verzweifeln. Wenn ich bloß wüßte, wie ich an ein Pferd komme, das demnächst läuft. Am besten noch auf einer weit entfernten Rennbahn, denn mit Zwischenstation wäre es ideal.« »Pfleger bekommen nicht einfach neue Pferde«, sagte er und rieb sich das Kinn. »Ich weiß. Das ist Glückssache. Man kriegt sie, wenn sie kommen, und behält sie, bis sie gehen. Taugen sie nichts, hat man Pech gehabt.« Wir standen auf. Der Retriever, der, die Schnauze auf den Pfoten, die ganze Zeit still dagelegen hatte, kam ebenfalls hoch, streckte sich, wedelte mit dem Schwanz und sah seinen Herrn vertrauensvoll an. October bückte sich, 51
gab dem Hund einen zärtlichen Klaps und hob die Flinte auf. Ich nahm die Jagdtasche und hängte sie mir um. Wir gaben uns die Hand, und October sagte lächelnd: »Es interessiert Sie vielleicht, daß Inskip der Meinung ist, Sie reiten ungewöhnlich gut für einen Pfleger. Wörtlich sagte er, daß er Leuten von Ihrem Aussehen eigentlich nicht traut, aber Sie hätten Hände wie ein Engel. Passen Sie lieber auf.« »Verflucht«, sagte ich. »Daran habe ich gar nicht gedacht.« Er grinste und ging den Berg hinauf, während ich mich wieder bachabwärts wandte und wenig Grund zum Grinsen fand. So lustig es sein mochte, im Wolfspelz herumzulaufen – wenn ich jetzt auch noch meine Reitkünste verstecken mußte, ging das an meinen Stolz. Die Kneipe in Slaw hatte Hochbetrieb an diesem Abend, und die Lohntüten wurden geplündert. Etwa die Hälfte von Octobers Leuten waren dort – einer hatte mich im Auto mitgenommen – und auch ein Teil der Grangerleute, einschließlich dreier Mädels, die eine Menge Zweideutigkeiten zu hören bekamen und ihren Spaß daran hatten. Hauptsächlich aber wurde immer wieder gutmütig damit geprahlt, daß die eigenen Pferde besser seien als alle anderen. »Mein Gaul gewinnt am Mittwoch sonnenklar.« »Klarer Fall von denkste …« »Du mit deinem Walroß mußt doch ganz still sein.« »Das war der Jockey, Mann, der hat den Start versaut …« »… fett für zwei und störrisch wie ein Esel.« Die Sprüche flogen hin und her, während die Luft stickig wurde vom Zigarettenrauch und von zu vielen Leuten auf zu engem Raum. In einer Ecke lief ein Dartspiel zwischen 52
schlecht zielenden Gegnern, in einer anderen klackten Billardkugeln. Ich lümmelte mich auf einen Stuhl, den Arm über die Lehne gehängt, und sah Paddy und einem von Grangers Leuten bei einer scharfen Runde Domino zu. Pferde, Autos, Fußball, Boxen, Kino, das letzte Tanzfest und wieder Pferde, immer wieder Pferde. Ich hörte mir das alles an und kam lediglich zu der Überzeugung, daß die meisten hier mit ihrem Leben zufrieden, daß sie gutmütig, aufmerksam und harmlos waren. »Du bist neu hier, was?« sagte eine herausfordernde Stimme in mein Ohr. Ich drehte den Kopf und sah zu dem Mann hoch. »Ja«, sagte ich träge. Seine Augen waren die ersten in Yorkshire, in denen ich etwas von der Falschheit entdecken konnte, nach der ich suchte. Ich gab ihm seinen Blick zurück, bis seine Lippen sich in der Erkenntnis kräuselten, daß ich einer von seiner Sorte sei. »Wie heißt du?« »Dan«, antwortete ich, »und du?« »Thomas Nathaniel Tarleton.« Er wartete auf irgendeine Reaktion, bloß ahnte ich nicht, auf welche. »T.N.T.«, sagte Paddy entgegenkommend und sah von seinen Steinen auf. »Soupy.« Sein rascher Blick streifte uns beide. »Hochexplosiv, der Herr«, murmelte ich. Soupy Tarleton zeigte ein kleines raubtierhaftes Lächeln, wohl um mich zu beeindrucken. Er war ungefähr in meinem Alter, aber ein heller Typ, mit der rötlichen Gesichtsfarbe, die mir bei so vielen Engländern schon aufgefallen war. Seine hellbraunen Augen standen ein wenig vor, und ein schmaler Oberlippenbart zierte den wulstigen, feucht 53
aussehenden Mund. Am rechten kleinen Finger trug er einen schweren Goldring, am linken Handgelenk eine teure goldene Uhr. Seine Kleidung war aus gutem Tuch, sehr modisch, und die wunderschöne, mit Webpelz gefütterte Steppjacke, die er über dem Arm trug, mußte ihn drei Wochenlöhne gekostet haben. Er machte keine Anstalten, sich mit mir anzufreunden. Nachdem er mich so eingehend gemustert hatte wie ich ihn, nickte er lediglich, sagte: »Bis dann« und schob ab, um beim Billard zuzusehen. Grits kam mit einem kleinen Bier von der Theke und setzte sich neben Paddy auf die Bank. »Soupy darfst du nicht trauen«, erklärte er mir freundlich, nichts als Güte in dem grobknochigen, unintelligenten Gesicht. Paddy legte eine doppelte Drei an, drehte sich zu uns um und warf mir einen langen, prüfenden Blick zu. »Um Dan brauchst du dir keine Gedanken zu machen, Grits«, sagte er. »Der ist wie Soupy. Die passen gut zusammen. Gleich und gleich gesellt sich gern, das weißt du.« »Aber du hast doch gesagt, ich soll Soupy nicht trauen«, wandte Grits ein und sah beunruhigt von einem zum anderen. »Ganz recht«, meinte Paddy nur. Er legte eine Drei-Vier an und konzentrierte sich aufs Domino. Grits rückte ein Stück näher an Paddy heran und warf mir einen wirren, verlegenen Blick zu. Dann hatte er plötzlich nur noch Augen für sein Bierglas und sah mich nicht mehr an. Genau das war der Moment, glaube ich, wo aus dem Spiel für mich Ernst wurde. Ich mochte Paddy und Grits, 54
und drei Tage lang hatten sie mich ohne weiteres akzeptiert. Jetzt sah Paddy mich als jemanden, der Fäden in Richtung Soupy spann, und hatte sich konsequent von mir abgewandt. Ich hätte darauf gefaßt sein müssen, aber es traf mich, und es war ein Vorgeschmack dessen, was kommen sollte. Colonel Becketts Stabsarbeit blieb weiterhin erstklassig. Nachdem wir einmal die Offensive ergriffen hatten, zögerte er nicht, den Angriff massiv zu unterstützen; sobald er also von October erfuhr, daß ich mit drei unnützen Pferden im Stall festsaß, traf er Anstalten zu meiner Befreiung. Am Dienstag nachmittag – ich war seit einer Woche dort – hielt mich Wally, der Futtermeister, an, als ich mit zwei Eimern Wasser über den Hof kam. »Dein Pferd in der 17 wird morgen abgeholt«, sagte er. »Du mußt dich also bis Mittag dranhalten, ihr fahrt um halb eins. Das Pferd kommt in einen Rennstall bei Nottingham. Ihr ladet es aus und bringt dafür ein neues mit. Okay?« »Okay«, sagte ich. Wally wahrte Distanz zu mir; doch übers Wochenende hatte ich mich damit abgefunden, daß ich nun mal ein gewisses Mißtrauen erregen mußte, auch wenn es mir gegen den Strich ging. Fast den ganzen Sonntag über hatte ich die Rennberichte studiert, für die anderen im Haus eine ganz normale Beschäftigung, und als am Abend alle in die Kneipe zogen, machte ich mich mit dem Bleistift konzentriert an die Arbeit und nahm die elf Pferde und ihre forcierten Siege unter die Lupe. Richtig war, wie ich den Zeitungsausschnitten in London schon entnommen hatte, daß zu jedem Pferd ein anderer Besitzer, Trainer und Jockey gehörte, doch traf es nicht zu, daß sie überhaupt nichts gemeinsam gehabt 55
hätten. Als ich den Umschlag mit meinen Aufzeichnungen zuklebte und ihn zusammen mit Octobers Notizbuch unter ein paar Rennberichtsjahrgängen in der Jagdtasche verstaute, weg von den neugierigen Blicken der angeheiterten Heimkehrer, war ich im Besitz von immerhin vier, wenn auch wenig hilfreichen Übereinstimmungen. Erstens hatten alle Pferde Verkaufsrennen gewonnen – Rennen, nach denen der Sieger zur Versteigerung kommt. Drei Pferde waren dabei von ihren Besitzern zurückersteigert, die übrigen zu mäßigen Preisen verkauft worden. Zweitens hatten alle Pferde in ihrer Rennlaufbahn bewiesen, daß sie im Feld gut aussehen konnten, nur beim Finish hatte es ihnen entweder an Kraft oder an Mut gefehlt. Drittens hatte keines von ihnen je ein Rennen gewonnen außer demjenigen, für das es gedopt worden war, wenngleich sich alle hin und wieder hatten plazieren können. Viertens, keines von ihnen hatte bei einer Quote unter 110 zu 10 gesiegt. Octobers Notizen wie auch den Rennberichten entnahm ich, daß einige der Pferde mehr als einmal den Trainer gewechselt hatten, aber bei so mäßigen, erfolglosen Tieren war das nicht anders zu erwarten. Ebensowenig half mir die Information, daß die Pferde alle von verschiedenen Vätern und aus verschiedenen Müttern stammten, daß ihr Alter zwischen fünf und elf Jahren lag, daß sie nicht alle von einer Farbe waren. Sie hatten auch nicht alle auf der gleichen Rennbahn gesiegt, allerdings nun auch nicht alle auf verschiedenen; nach der ungefähren Vorstellung in meinem Kopf lagen die fraglichen Bahnen alle im Norden Englands – Kelso, Haydock, Sedgefield, Stafford und Ludlow. Ich wollte mir das auf einer Karte ansehen, aber im Hause Allnut gab es keine. 56
Ich ging zu Bett in dem überfüllten kleinen Schlafsaal, wo die Bierfahnen der Pferdepfleger alsbald den vertrauten Geruch nach Schuhcreme und Haaröl verdrängten, doch mein Vorschlag, das kleine Schiebefenster etwas mehr als nur zehn Zentimeter zu öffnen, wurde glatt abgelehnt. Anscheinend richteten sich die Jungs alle nach Paddy, dem Aufgewecktesten am Ort, und wenn Paddy mir nicht grün war, waren sie es auch nicht. Hätte ich unter diesen Umständen verlangt, das Fenster ganz zu schließen, wäre es wahrscheinlich weit aufgestoßen worden, und ich hätte frische Luft genug bekommen. Ich lächelte schief im Dunkeln, lauschte den knarrenden Sprungfedern, den schläfrigen, kichernden Stimmen, die noch einmal die Sprüche des Abends durchgingen, und während ich mich herumwälzte, um eine angenehme Lage auf der verbeulten Matratze zu finden, mußte ich an die Leute in meiner Schlafbaracke daheim denken und fragte mich, wie eigentlich für sie das Leben aussah. Mittwoch früh bekam ich einen Vorgeschmack vom schneidenden Yorkshire-Wind, und während wir mit eisigen Händen und laufenden Nasen herumsausten, versicherte mir einer von den Jungs vergnügt, der Wind könne sechs Monate am Stück so blasen. Ich versorgte meine drei Pferde im Eiltempo, aber als der Transporter mich und eines von ihnen um halb eins abholte, dachte ich angesichts meiner dürftigen Garderobe nur noch, daß Octobers großes, viereckiges Haus oben an der Auffahrt über eine sehr gute Zentralheizung verfügen müsse. Nach sechs oder sieben Kilometern drückte ich auf die Klingel, die in den meisten Pferdetransportern Laderaum und Fahrerhaus verbindet. Der Fahrer hielt auch prompt und sah mich fragend an, als ich neben ihm einstieg. »Das Pferd ist ruhig«, sagte ich, »und hier hab ich’s wärmer.« 57
Er grinste, fuhr wieder an und brüllte fast, um den Lärm des Motors zu übertönen. »Dacht’ ich doch gleich, daß du nicht alles so genau nimmst. Das Pferd wird verkauft und soll in gutem Zustand ankommen … den Chef würd’s umhauen, wenn er wüßte, daß du vorne sitzt.« Ich war mir ziemlich sicher, daß der Chef, also Inskip, sich darüber keineswegs gewundert hätte; nach mir selbst zu urteilen, waren Vorgesetzte nicht so naiv. »Der Chef kann mich mal«, gab ich zurück. Dafür sah er mich schräg an, und ich dachte bei mir, daß es doch recht einfach war, sich einen schlechten Ruf zu verschaffen, wenn man es darauf anlegte. Pferdetransportfahrer kamen scharenweise zu den Rennen und hatten, wenn sie erst mal dort waren, nichts zu tun. Sie konnten in der Kantine schwätzen, den ganzen Nachmittag konnten sie umherlaufen und reden. Dabei würde sich schnell genug herumsprechen, daß es unter Inskips Leuten offenbar ein schwarzes Schaf gab. Wir machten halt, um in einem Fernfahrercafe etwas zu essen, und ein Stück weiter dann noch einmal, damit ich mir zwei Wollhemden, einen schwarzen Pullover, dicke Socken, Wollhandschuhe und eine Strickmütze kaufen konnte, wie die anderen Pfleger sie an diesem kalten Morgen getragen hatten. Der Fahrer, der mitgekommen war, um sich ein Paar Socken zu kaufen, sah auf mein Zeug und meinte, ich hätte wohl ganz schön Geld. Ich grinste bedeutungsvoll und sagte, man müsse eben wissen, wo es zu holen sei, worauf er sichtlich noch mehr an mir zweifelte. Mitte des Nachmittags rollten wir in den Hof eines Rennstalls in Leicestershire, und hier zeigte sich, wie hervorragend Becketts Stabsarbeit war. Das Pferd, das ich mit zurücknehmen und fortan betreuen sollte, war ein fähiger 58
Hürdler, der, in Jagdrennen noch sieglos, am Anfang seiner Karriere als Steepler stand, und er war mit sämtlichen Nennungen an Colonel Beckett gegangen. Wie ich von seinem bisherigen Pfleger, der ihn mir mit saurer Miene übergab, erfuhr, konnte er also in allen Rennen starten, für die sein Vorbesitzer ihn gemeldet hatte. »Und wo wäre das?« fragte ich. »Ach, der kommt rum – Newbury, Cheltenham, Sandown und so weiter, und nächste Woche soll er in Bristol ran.« Traurig gab der Pfleger mir das Strickhalfter in die Hand. »Mir ist schleierhaft, wieso der Alte sich auf einmal von ihm trennt. Das ist ein Prachtkerl, und wenn er jemals auf der Rennbahn nicht so gut und so gepflegt aussieht wie jetzt, bekommst du es mit mir zu tun, verlaß dich drauf.« Ich hatte schon festgestellt, wie sehr im Rennsport die Pfleger an ihren Pferden hingen, und ich glaubte dem Mann aufs Wort. »Wie heißt er denn?« fragte ich. »Sparking Plug … Gemein, den so zu nennen … He, Sparks, alter Freund … hm, mein Alter … he, Alter …« Liebevoll streichelte er die Nase des Pferdes. Wir luden ihn in den Transporter, und diesmal blieb ich hinten, wo ich hingehörte, um auf ihn aufzupassen. Wenn Beckett sich das Unternehmen ein Vermögen kosten ließ – denn billig kam man an ein so ideales Pferd nicht innerhalb von Tagen –, dann sollte das Vermögen auch in guten Händen sein. Ehe wir zurückfuhren, warf ich einen Blick auf die Straßenkarte im Fahrerhaus und sah zu meiner Freude, daß alle Rennbahnen im Land darauf mit Tusche markiert waren. Ich lieh sie mir sofort aus und studierte sie während der Fahrt. Die Bahnen, für die Sparking Plug laut seinem 59
Pfleger genannt war, lagen fast alle im Süden. Fahrten mit Übernachtung, wie gewünscht. Ich grinste. Die fünf Rennbahnen, auf denen die elf Pferde gesiegt hatten, lagen jedoch nicht alle so weit nördlich, wie ich angenommen hatte. Ludlow und Stafford konnte man noch beinah zum Süden rechnen, zumal ich bei meinem Englandbild unwillkürlich von Harrogate ausging. Auf der Karte schienen die fünf Bahnen in keiner Beziehung zueinander zu stehen: Weit davon entfernt, einen säuberlichen Kreis zu bilden, aus dem sich ein Mittelpunkt hätte ableiten lassen, waren sie mehr oder weniger in einem Bogen von Nordosten nach Südwesten angeordnet, und ihre Lage sagte mir nichts. Den Rest der Rückfahrt verbrachte ich – wie überhaupt den größten Teil meiner Arbeitszeit – damit, daß ich mir alles, was ich von den elf Pferden wußte, durch den Kopf gehen ließ und auf eine Eingebung wartete wie ein Angler auf den Fisch, als müßten sich all die unzusammenhängenden Fakten plötzlich zu einem schlüssigen Gesamtbild fügen. Aber eigentlich rechnete ich noch nicht damit, denn ich hatte ja kaum angefangen, und selbst elektronische Gehirne finden erst Lösungen, wenn man sie ausreichend mit Daten füttert. Am Freitag abend besuchte ich wieder die Kneipe in Slaw und schlug Soupy beim Dartspiel. Er stöhnte, wies auf den Billardtisch und rächte sich umgehend. Dann tranken wir ein Bier zusammen und glotzten uns an. Wir machten wenig Worte und brauchten auch keine; bald stand ich wieder auf, um den Dartspielern zuzusehen. Sie waren so schlecht wie in der Woche zuvor. »Du hast Soupy geschlagen, was, Dan?« Ich nickte, und schon bekam ich ein paar Pfeile in die Hand gedrückt. 60
»Wenn du Soupy schlägst, gehörst du in die Mannschaft.« »Welche Mannschaft?« »Die vom Stall. Wir spielen gegen andere Ställe und haben so was wie eine Yorkshire-Liga. Manchmal fahren wir nach Middleham, Wetherby oder Richmond, manchmal kommen die anderen her. Soupy ist der Beste im Grangerteam. Meinst du, du packst ihn noch mal, oder war das Glück?« Ich warf drei Darts. Alle gingen in die Zwanzig. Aus einem unerfindlichen Grund hatte ich schon immer gut zielen können. »Gott«, riefen die Jungs. »Weiter.« Ich warf noch drei: In der Zwanzig wurde es ziemlich voll. »Du bist in der Mannschaft«, sagten sie. »Himmel noch mal.« »Wann ist das nächste Match?« fragte ich. »Hier war vor vierzehn Tagen eins. Das nächste ist kommenden Sonntag in Burndale, nach dem Fußballspiel. Kannst du mit einem Ball zufällig auch so umgehen?« »Bedaure.« Ich schaute auf den letzten Pfeil in meiner Hand. Ich konnte mit einem Stein eine Ratte im Lauf treffen; das war mir oft genug gelungen, wenn meine Leute zwischen den Futterkisten eine entdeckt und sie herausgescheucht hatten. Wieviel einfacher mußte es sein, ein galoppierendes Pferd – eine weit größere Zielscheibe – mit einem Pfeil zu treffen. »Wirf den ins Zentrum«, drängte der Pfleger neben mir. Ich setzte ihn ins Zentrum. Die Jungs jubelten. »Diesmal gewinnen wir die Meisterschaft«, meinten sie grinsend. Grits grinste auch. Nur Paddy nicht. 61
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O
ctobers Sohn und seine beiden Töchter kamen zum Wochenende nach Hause, das ältere Mädchen in einem knallroten TR4, der mir bald zum vertrauten Anblick wurde, da sie öfter an den Stallungen vorbeifuhr, und die Zwillinge mit ihrem Vater, nicht ganz so schnell. Da sie alle drei regelmäßig ausritten, wenn sie zu Hause waren, befahl mir Wally am Samstag, zwei meiner Pferde zum Hinausgehen mit dem ersten Lot zu satteln, Sparking Plug für mich und das andere für Lady Patricia Tarren. Lady Patricia Tarren, so stellte ich fest, als ich das Pferd im ersten Morgengrauen zu ihr hinausführte, war eine hinreißende Schönheit mit blaßrosa Lippen und dichten, geschwungenen Wimpern, die sie geschickt einzusetzen wußte. Sie hatte ein grünes Kopftuch um ihr kastanienbraunes Haar gebunden und trug der Kälte wegen eine schwarzweiß gemusterte Skijacke. In der Hand hielt sie leuchtendgrüne Wollhandschuhe. »Sie sind neu hier«, meinte sie und sah mich unter den Wimpern hindurch an. »Wie heißen Sie?« »Dan … Miss«, sagte ich. Mir war gerade klargeworden, daß ich keine Ahnung hatte, wie eine Grafentochter anzureden war. Wally hatte sich dazu nicht geäußert. »Gut … dann helfen Sie mir mal rauf.« Ich trat gehorsam zu ihr hin, doch als ich mich bückte, um sie hochzuwerfen, strich sie mir mit der bloßen Hand über Kopf und Hals, nahm mein rechtes Ohrläppchen zwi62
schen die Finger und kniff mit scharfen Nägeln fest hinein. Ihre großen Augen blitzten herausfordernd. Ich hielt ihrem Blick stand. Als ich mich weder rührte noch etwas sagte, kicherte sie, ließ das Ohr los und zog gelassen ihre Handschuhe an. Ich warf sie in den Sattel; sie beugte sich vor, um die Zügel aufzunehmen, und ließ direkt vor meinem Gesicht ihre dichten Wimpern klimpern. »Gut schauen Sie aus, Danny«, sagte sie, »Danny mit den feurigen Augen.« Mir fiel keine Antwort darauf ein, die sich mit meiner Stellung vereinbaren ließ. Sie lachte, setzte das Pferd in Bewegung und ritt über den Hof davon. Ihre Schwester, die ein von Grits gehaltenes Pferd bestieg, schien mir aus zwanzig Metern in dem schwachen Licht viel heller im Teint zu sein und beinah genauso schön. Gott helfe October, dachte ich, wenn er auf die beiden aufpassen muß. Ich wollte kehrtmachen, um Sparking Plug zu holen, und da stand Octobers achtzehnjähriger Sohn neben mir. Er kam ganz nach seinem Vater, war aber noch nicht so kräftig und im Auftreten weniger souverän. »Um meine Zwillingsschwester brauchen Sie sich nicht weiter zu kümmern«, sagte er mit ruhiger, gelangweilter Stimme und musterte mich. »Sie schäkert gern.« Er neigte den Kopf und ging zu seinem bereitstehenden Pferd; wie es aussah, hatte ich gerade eine Warnung erhalten. Wenn seine Schwester sich allen Männern gegenüber so aufreizend benahm, mußte er im Warnen geübt sein. Belustigt holte ich Sparking Plug, saß auf und ritt hinter den anderen Pferden über die Felder zum Moor. Die Luft und die Aussicht waren wie immer, wenn das Wetter stimmte, fantastisch. Die Sonne kündigte sich am fernen Horizont erst an und gab ein Licht, als sei die Welt noch im Entstehen. Ich betrachtete die schattenhaften Umrisse 63
der vor mir bergan ziehenden Pferde, sah die weißen Atemwölkchen, die in der kalten Luft ihren Nüstern entströmten. Als der glitzernde Rand der Sonne hervorbrach, war plötzlich alles in Licht und Farbe getaucht, die Pferde trabten in den verschiedensten Brauntönen, von denen sich die gestreiften Strickmützen der Reiter, die fröhlich bunten Kleider der Töchter Octobers abhoben. October selbst, begleitet von seinem Hund, kam mit einem Landrover aufs Moor, um die Pferde bei der Arbeit zu sehen. Samstag war der Tag fürs Galopptraining, hatte ich festgestellt, und da sich der Graf zum Wochenende meist in Yorkshire aufhielt, legte er Wert darauf, dabeizusein. Inskip ließ uns auf dem Berg im Kreis reiten, während er die Pferde in Zweiergruppen einteilte und ihre Reiter instruierte. Zu mir sagte er: »Dan, gehen Sie etwas mehr als halbschnell. Ihr Pferd läuft am Mittwoch. Nicht zu hart rannehmen, aber wir wollen sehen, was er draufhat.« Als Begleitpferd teilte er mir eins der besten des Stalls zu. Nachdem er seine Anweisungen gegeben hatte, trabte er den breiten grünen Grasstreifen entlang, der sich durch das Heidegestrüpp zog, und October fuhr langsam hinter ihm her. Wir gingen weiter im Kreis, bis die beiden am anderen Ende der etwa zweieinhalb Kilometer langen, sanft geschwungenen, sanft ansteigenden Arbeitsbahn angelangt waren. »Okay«, sagte Wally zum ersten Paar. »Ab!« Die beiden Pferde galoppierten an, gingen zunächst ein gleichmäßiges Tempo, beschleunigten mehr und mehr, zogen an Inskip und October vorbei, wurden langsamer und hielten an. »Die nächsten zwei«, rief Wally. 64
Wir waren bereit und galoppierten sofort los. In Australien hatte ich unzählige Rennpferde gezüchtet und angeritten, aber in England hatte ich mit Sparking Plug zum erstenmal ein gutes erwischt, und mich interessierte, wie er abschneiden würde. Daß er ein Hürdler war und ich mehr an Flachpferde gewöhnt war, erwies sich als ganz unproblematisch, und trotz seines harten Mauls, gegen das ich liebend gern etwas getan hätte, galoppierte er ausgezeichnet. Ruhig und gleichmäßig, in perfekter Haltung, flog er die Bahn entlang und hielt mühelos mit dem sieggewohnten Begleitpferd mit, und obwohl wir wie angewiesen nur halbes Tempo gingen, stand außer Zweifel, daß Sparking Plug fit und für das kommende Rennen bereit war. Ich war so engagiert geritten, daß ich ganz vergessen hatte, meinen Reitstil zu verhunzen. Das wurde mir erst klar, als ich das Pferd anhielt – keine leichte Übung bei dem Maul – und mit ihm zurückritt. Ich stöhnte innerlich über mich selbst: Was ich in England vorhatte, würde mir nie gelingen, wenn ich mit dem Kopf so wenig bei der Sache war. Ich brachte Sparking Plug neben dem Begleitpferd vor Inskip und October zum Stehen, damit sie sehen konnten, wie sehr die Tiere schnauften. Sparking Plugs Rippen hoben und senkten sich leicht: Er war kaum außer Atem. Die beiden Männer nickten, und mein Kollege und ich sprangen ab und führten die Pferde trocken. Paar für Paar kamen die anderen Pferde die Bahn herunter, und ihnen folgte eine Gruppe von nur leicht Galoppierenden. Als alle gearbeitet hatten, saßen die meisten Pfleger wieder auf, und wir traten den Rückweg vom Trainingsgelände zum Stall an. Ich führte mein Pferd als letztes im Lot, und Octobers ältere Tochter, die unmittelbar vor mir ritt, schnitt mich praktisch von der Unterhaltung der anderen Pfleger ab. Sie betrachtete die weite Moorlandschaft, ohne dabei am Vordermann zu bleiben, und bis 65
wir den Feldweg erreichten, waren ihre Vorderleute zehn Meter entfernt. Als sie an einem Ginsterbusch vorbeikam, flog kreischend und flügelschlagend ein Vogel auf, und ihr Pferd fuhr erschrocken herum und stieg. Mit bemerkenswerter Körperbeherrschung blieb sie oben und zog sich von irgendwo unter dem rechten Ohr des Pferdes wieder in den Sattel, doch unter ihrem Tritt riß der Bügelriemen, und der Steigbügel fiel klirrend auf die Erde. Ich blieb stehen und hob ihn auf, aber er ließ sich nicht mehr am Riemen befestigen. »Danke«, sagte sie. »Wie ärgerlich!« Sie sprang herunter. »Den Rest kann ich genausogut zu Fuß gehen.« Ich ergriff den Zügel ihres Pferdes, um es für sie zu führen, doch sie nahm ihn mir gleich wieder ab. »Sehr liebenswürdig«, sagte sie, »aber das kann ich schon selbst.« Der Weg war hier recht breit, und sie ging neben mir den Hang hinunter. Bei näherem Hinsehen glich sie ihrer Schwester Patricia überhaupt nicht. Sie hatte glattes, silberblondes Haar, helle Wimpern, offen blickende graue Augen, einen festen, freundlichen Mund und strahlte eine Ruhe aus, in der Anmut und Zurückhaltung lagen. Unbefangen gingen wir eine Weile schweigend nebeneinander her. »Ein herrlicher Morgen«, sagte sie schließlich. »Herrlich«, stimmte ich zu, »aber kalt.« Die Engländer reden immer übers Wetter, dachte ich, und im November sind schöne Tage so selten, daß man erst recht darüber spricht. Zu Hause ging es auf den Sommer zu … »Sind Sie schon lange bei uns?« fragte sie kurz darauf. »Erst zehn Tage.« 66
»Und gefällt es Ihnen?« »Aber ja. Der Stall ist gut geführt …« »Mr. Inskip würde sich freuen, das zu hören«, meinte sie trocken. Ich warf ihr einen Blick zu, doch sie sah lächelnd vor sich auf den Boden. Nach weiteren hundert Metern sagte sie: »Was haben Sie da für ein Pferd? Ich glaube, das kenne ich auch noch nicht.« »Es ist erst seit Mittwoch hier …« Ich erzählte ihr das Wenige, was ich über Sparking Plugs Herkunft, seine Fähigkeiten und Möglichkeiten wußte. Sie nickte. »Wäre schön für Sie, wenn er ein paar Rennen gewinnen könnte. Wo Sie ihn doch betreuen.« »Ja«, sagte ich, erstaunt, daß sie so dachte. Wir näherten uns wieder dem Stall. »Entschuldigen Sie«, sagte sie freundlich, »aber ich weiß nicht, wie Sie heißen.« »Daniel Roke«, sagte ich – und wunderte mich, wieso es mir nach all den Leuten, die mich in den letzten Tagen danach gefragt hatten, nur bei ihr angebracht schien, mit dem vollen Namen zu antworten. »Danke.« Sie schwieg und sagte dann in einem ruhigen Ton, aus dem ich erfreut, aber auch belustigt das Bestreben heraushörte, mich nicht in Verlegenheit zu bringen: »Lord October ist mein Vater. Ich bin Elinor Tarren.« Wir waren beim Hoftor angelangt. Ich ließ ihr den Vortritt, was mir ein freundliches, wenn auch unpersönliches Lächeln eintrug, und sie führte ihr Pferd über den Hof zu seiner Box. Ein wirklich nettes Mädchen, dachte ich flüchtig, als ich mich daranmachte, Sparking Plug den Schweiß abzubürsten, ihm die Hufe zu reinigen, Mähne und 67
Schweif auszukämmen, Augen und Maul auszuschwammen, sein Stroh zu erneuern und ihm Wasser und Heu zu bringen, bevor ich das Pferd, das Patricia geritten hatte, ebenso versorgte. Patricia, dachte ich grinsend, war ganz und gar kein nettes Mädchen. Als ich zum Frühstück ins Haus ging, gab mir Mrs. Allnut einen Brief, der gerade für mich gekommen war. Der Umschlag, abgestempelt in London am Tag zuvor, enthielt ein Blatt Papier mit einem einzigen maschinegeschriebenen Satz: »Mr. Stanley wird am Sonntag um 15 Uhr bei den Victoriafällen sein.« Ich stopfte den Brief in meine Tasche und ließ mir meinen Haferbrei schmecken. Es regnete stark, als ich am nächsten Nachmittag den Bach entlangspazierte. Ich war vor October an der kleinen Böschung und wartete auf ihn, während sich die Regentropfen einen Weg in meinen Kragen suchten. Er kam wieder mit seinem Hund den Berg herunter; sein Wagen, sagte er, stehe oben an der wenig befahrenen Straße. »Wir unterhalten uns aber besser hier, wenn es Ihnen nicht zu naß ist«, fügte er hinzu, »sonst sieht uns vielleicht jemand im Auto hocken und wundert sich.« »Es ist mir nicht zu naß«, versicherte ich ihm lächelnd. »Gut … also, wie kommen Sie voran?« Ich sagte ihm, was ich von Becketts neuem Pferd hielt und von den neuen Möglichkeiten, die es mir bot. – Er nickte. »Roddy Beckett war im Krieg berühmt für die Geschwindigkeit und Präzision, mit der er Versorgungsgüter nachschob. Wenn er das Sagen hatte, geriet niemand an die falsche Munition oder an lauter linke Stiefel.« 68
»Einige Zweifel an meiner Ehrlichkeit habe ich schon mal geweckt«, sagte ich, »aber die kann ich diese Woche in Bristol und nächstes Wochenende in Burndale noch verstärken. Da nehme ich am Sonntag an einem Dartturnier teil.« »In Burndale gab es schon öfter Dopingfälle«, meinte er nachdenklich. »Vielleicht beißt einer an.« »Wäre nicht schlecht …« »Konnten Sie mit den Rennberichten was anfangen?« fragte er. »Haben Sie über die elf Pferde noch mal nachgedacht?« »Ich habe an kaum etwas anderes gedacht«, sagte ich, »und ich halte es für möglich, auch wenn die Chance vielleicht nicht groß ist, daß Sie beim nächsten Pferd, das an die Reihe kommt, einen Dopingtest vornehmen können, bevor es an den Start geht. Immer vorausgesetzt, es gibt ein nächstes Pferd … Aber ich wüßte nicht, was dagegen spricht, da den Verantwortlichen noch nie etwas passiert ist.« Er sah mich gespannt an, während der Regen von der heruntergeklappten Krempe seines Hutes troff. »Sie haben eine Spur?« »Nicht direkt. Es ist nur ein statistischer Anhalt. Aber ich könnte mir denken, daß das nächste Pferd ein Verkaufsrennen entweder in Kelso, Sedgefield, Ludlow, Stafford oder Haydock gewinnt.« Ich erläuterte ihm die Gründe für meine Annahme und fuhr fort: »Es müßte doch möglich sein, vor allen Verkaufsrennen auf diesen Bahnen generell Speichelproben zu nehmen – bei einer zweitägigen Veranstaltung gibt’s ja doch nur immer eins –, und man kann die Proben ja wegwerfen und die Untersuchungskosten sparen, wenn, ehm … kein Dopingverdacht aufkommt.« 69
»Ziemlicher Aufwand«, meinte er langsam, »aber wenn es was bringt, läßt sich das auch machen.« »Vielleicht stoßen die Chemiker auf etwas Brauchbares.« »Ja. Aber auch sonst sind wir schon ein ganzes Stück weiter, wenn wir ein gedoptes Pferd abpassen können, statt nur hilflos dazustehen, wenn wieder eins aufgetaucht ist. Menschenskind«, er schüttelte gereizt den Kopf, »daß wir da nicht längst dran gedacht haben. Jetzt, wo Sie es sagen, liegt es auf der Hand, das so anzugehen.« »Bis jetzt hat ja auch noch keiner wirklich alle verfügbaren Informationen vor sich gehabt und bewußt nach einem gemeinsamen Faktor gesucht. Das Problem ist quasi immer von der anderen Seite angegangen worden, indem man bei jedem neuen Fall die Frage stellte, wer hatte Zugang zu dem Pferd, wer hat’s gefüttert, wer gesattelt und so weiter.« Er nickte düster. »Und noch etwas«, sagte ich. »Die Chemiker meinten doch, da keine Droge nachzuweisen sei, sollten Sie nach mechanischen Einwirkungen suchen … Wissen Sie, ob die Pferde äußerlich genauso gründlich untersucht worden sind wie die Jockeys und ihre Ausrüstung? Mir kam neulich abend der Gedanke, daß ich mit einem Wurfpfeil ohne weiteres ein Pferd in die Flanke treffen könnte, und genauso könnte jeder gute Schütze da ein Gummigeschoß landen. So etwas würde wirken wie ein Hornissenstich … das macht jedem Pferd Beine.« »Soweit ich weiß, ist bei keinem der Pferde etwas Derartiges gefunden worden, aber ich frage noch mal. Übrigens habe ich im Labor nachgehört, ob Pferde Drogen in harmlose Substanzen aufspalten können, und es hieß, das sei unmöglich.« 70
»Also wieder eine Unklarheit beseitigt.« »Ja.« Er pfiff seinem Hund, der auf der anderen Seite der Böschung herumstöberte. »Nächstes Wochenende sind Sie ja in Burndale, aber danach sollten wir uns sonntags nachmittags um diese Zeit hier immer treffen und besprechen, wie es vorangeht. Wenn ich samstags nicht zur Morgenarbeit komme, wissen Sie, daß ich nicht da bin. Übrigens war Ihr reiterisches Können gestern auf Sparking Plug unübersehbar. Dabei hatten wir doch ausgemacht, daß Sie sich etwas zurückhalten. Und obendrein«, setzte er mit einem kleinen Lächeln hinzu, »hält Inskip Sie für einen flinken und gewissenhaften Arbeiter.« »Verdammt … wenn ich nicht aufpasse, bekomme ich noch ein gutes Zeugnis.« »Ein sehr gutes«, ahmte er meinen Akzent nach. »Wie gefällt Ihnen denn das Pferdepflegerdasein?« »Manchmal hat es was … Ihre Töchter sind sehr hübsch.« Er lächelte. »Ja – danke übrigens, daß Sie Elinor geholfen haben. Sie sagte mir, Sie seien sehr aufmerksam gewesen.« »Nicht der Rede wert.« »Patty macht mir ganz schön zu schaffen«, meinte er nachdenklich. »Ich wünschte, sie könnte sich mal entscheiden, was sie mit ihrem Leben anfangen will. So wie in London geht das mit ihr nicht weiter – endlose Partys, ausgehen bis in die Puppen … na ja, das ist nicht Ihre Sorge, Mr. Roke.« Wir gaben uns wie üblich die Hand, und er stapfte den Berg hinauf. Es war immer noch trist und naß, als ich den Rückweg antrat. Sparking Plug reiste wie geplant die vierhundert Kilometer hinunter nach Bristol, und ich begleitete ihn. Die 71
Rennbahn lag außerhalb der Stadt, und der Transportfahrer erzählte mir, als wir unterwegs zum Essen anhielten, daß die Stallungen dort, nachdem ein Feuer sie verwüstet hatte, komplett neu gebaut worden seien. Die Boxen waren wirklich sauber und bequem, doch was die Pfleger in Begeisterung versetzte, waren die neuen Unterkünfte für sie selbst. Auch ich staunte darüber. Im wesentlichen bestand die Herberge aus einem Erholungsraum und zwei langen Schlafsälen mit je dreißig Betten, alle frisch bezogen unter flauschigen blauen Wolldecken. Jedes Bett hatte eine eigene Wandleuchte, die Räume hatten Fußbodenheizung und waren mit Vinyl ausgelegt, im Waschraum gab es moderne Duschen, daneben einen extra Raum zum Trocknen nasser Kleidung. Das ganze Haus war warm und hell, die Farbenzusammenstellung offensichtlich Facharbeit. »Gott, wir sind echt im Hilton«, meinte ein Spaßvogel, der, gerade zur Tür hereingekommen, neben mir stehenblieb und seine Leinentasche auf ein freies Bett warf. »Das hier ist noch gar nichts«, sagte ein langer, knochiger Bursche in einem zu kleinen blauen Pulli, »wenn du durch den Flur gehst, kommst du in eine Riesenkantine mit ordentlichen Stühlen, Fernseher, Pingpongtisch und allem Pipapo.« Andere Stimmen fielen ein. »Das reicht an Newbury ran.« »Aber locker.« »Es schlägt Ascot.« Einige nickten. »In Ascot gibt’s doch nur Etagenbetten.« Die Herbergen in Newbury und Ascot galten offenbar als die komfortabelsten im Land. 72
»Man könnte meinen, die Bonzen hätten plötzlich geschnallt, daß wir auch Menschen sind«, hetzte ein Fuchsgesicht mit streitlustiger Stimme. »Ein himmelweiter Unterschied zu den verwanzten Pennen von früher«, nickte ein älterer kleiner Mann mit einem Gesicht wie ein verschrumpelter Apfel. »Aber in Amerika sollen die Jungs es überall so gut haben.« »Die wissen hier auch, daß ihnen die Dreckarbeit bald keiner mehr abnimmt, wenn sie uns nicht anständig behandeln«, sagte der Hetzer. »Die Zeiten ändern sich.« »Wo ich herkomme, wird man ganz gut behandelt«, sagte ich, warf meine Sachen auf das freie Bett neben seinem und gab mich so locker, natürlich, unauffällig, wie es eben ging. Ich war hier viel befangener als in Slaw, wo ich wenigstens meine Arbeit in- und auswendig kannte und zu den anderen Pflegern vorsichtig eine normale Beziehung hatte aufbauen können. Hier blieben mir nur zwei Abende, und wenn ich vorankommen wollte, mußte ich das Gespräch in die gewünschte Richtung lenken. Die Rennberichte hatte ich inzwischen gut im Kopf, und seit vierzehn Tagen spitzte ich die Ohren, um mir den Rennsportjargon anzueignen; dennoch zweifelte ich, ob ich alles, was ich in Bristol zu hören bekam, verstehen würde, und hatte Angst, ich selbst könnte mich auf die unmöglichste und unpflegerhafteste Art und Weise verplappern. »Wo kommst’n her?« fragte der Spaßvogel, indem er mich beiläufig musterte. »Von Lord October«, sagte ich. »Ach, von Inskip, meinst du? Da bist du aber weit gefahren …« »Inskip mag angehen«, räumte der Hetzer widerwillig ein, »aber für manche sind wir doch immer noch die Fuß73
abtreter; die glauben nicht, daß wir genauso Anrecht auf ein bißchen Sonne haben wie jeder andere auch.« »Ja«, sagte der Knochige ernst. »Ich hab von einem Stall gehört, wo die Pfleger kaum was zu beißen kriegen und geknüppelt werden, wenn sie nicht hart genug rangehen, und auf jeden kommen vier bis fünf Pferde, weil’s da keiner lange aushält.« »Wo ist denn das?« fragte ich träge. »Damit ich da einen Bogen drum machen kann, wenn ich bei Inskip mal aufhöre.« »Bei dir in der Gegend«, antwortete er unbestimmt. »Irgendwo.« »Nein, weiter nördlich, in Durham …«, meldete sich ein anderer, ein schlanker, hübscher Kerl, dem noch der erste Bartflaum sproß. »Du kennst das also auch?« Er nickte. »Spielt aber eigentlich keine Rolle, weil nur ein Verrückter dahin geht. Ein Ausbeutungsbetrieb ist das, Zustände wie vor hundert Jahren. Die kriegen auch nur Gesindel, das sonst keiner haben will.« »Das muß an die Öffentlichkeit«, schimpfte der Hetzer. »Wem gehört denn der Laden?« »Einem gewissen Humber«, sagte der Hübsche, »Keine Ahnung vom Trainieren und jedes Schaltjahr ein Sieg … Auf der Rennbahn sieht man manchmal seinen Reisefuttermeister, wie er Leute zu ködern sucht und dann prompt eine Abfuhr kriegt.« »Da muß man doch was tun«, sagte der Hetzer automatisch, und ich nahm an, das war seine übliche Leier: Da muß man doch was tun – nur bitte nicht er selbst. Alle zogen in die Kantine, wo es reichlich, gut und kostenlos zu essen gab. Auf den anschließenden Gang in die 74
Kneipe wurde verzichtet, als sich herausstellte, daß die nächste gut drei Kilometer entfernt war und kein Bus dahin fuhr, daß aber in der schönen, warmen Kantine einige Kasten Bier hinter dem Tresen standen. Es war nicht weiter schwer, die Jungs auf das Thema Doping zu bringen, und dann wollten sie gar nicht mehr damit aufhören. Keiner von den über zwanzig Anwesenden hatte jemals einem Pferd »etwas gegeben«, zumindest gab es keiner zu, aber alle kannten jemanden, der einen kannte, welcher. Ich trank mein Bier, hörte zu und machte ein ungespielt interessiertes Gesicht. »… hat ihn mit einem Spritzer Säure lahmgelegt, als er aus dem Führring kam …« »… ihm eine solche Ladung Langsam-Macher verpaßt, daß er am Morgen in der Box eingegangen ist …« »… sieben Gummiringe aus dem Mist gezogen …« »… derart vollgepumpt, daß er am ersten Sprung durchgelaufen ist; er war stockblind …« »… eine halbe Stunde vor dem Rennen einen großen Eimer Wasser, das ihm dann im Bauch herumgeschwappt ist.« »… ihm einen halben Liter Whisky eingetrichtert.« »… früher hat man Pferden, die nicht richtig atmen konnten, am Renntag eine Kanüle in die Luftröhre eingesetzt, bis sich rausstellte, daß nicht die verbesserte Sauerstoffzufuhr sie zum Sieg geführt hat, sondern das Kokain, mit dem sie vor der Operation vollgeknallt wurden.« »Der hatte einen hohlen Apfel in der Hand, gefüllt mit Schlaftabletten …« »… wirft er die Spritze direkt einem Steward vor die Füße.« »Gibt es denn eigentlich etwas, das noch keiner probiert hat?« fragte ich. 75
»Schwarze Magie höchstens«, meinte der Hübsche. Alle lachten. »Es könnte aber mal einer einen Dreh finden«, warf ich ein, »den keiner durchschaut und den man endlos durchziehen kann, ohne aufzufliegen.« »Himmel«, rief der Spaßvogel, »beschrei das nicht. Der arme alte Rennsport, man wüßte ja gar nicht mehr, woran man ist. Die Buchmacher würden ausrasten.« Er grinste breit. Der kleine Ältere war weniger amüsiert. »Das gibt’s doch schon lange«, sagte er und nickte ernst. »Manche Trainer haben das zu einer hohen Kunst entwickelt, aber wirklich. Die dopen ihre Pferde regelmäßig seit Jahr und Tag.« Aber die anderen Pfleger widersprachen. Die Dopingkontrollen hätten mit der alten Garde der falschspielenden Trainer aufgeräumt; die hätten ihre Lizenz verloren und arbeiteten nicht mehr im Rennsport. Das alte Reglement sei streng gewesen, gaben sie zu, denn danach wurde ein Trainer schon wegen eines einzigen gedopten Pferdes automatisch von allen Rennen ausgeschlossen. Nicht immer aber steckte der Trainer dahinter, schon gar nicht, wenn das Pferd leistungsmindernd gedopt war. Welcher Trainer, fragten sie, würde ein Pferd verlieren lassen, das er monatelang auf Sieg trainiert hatte? Aber seit der neuen Regelung wurde ihrer Meinung nach wahrscheinlich mehr gedopt als früher. »Ist doch klar, jetzt wissen die Leute, daß sie dem Trainer nicht gleich das Leben ruinieren, sie versauen ihm höchstens ein Rennen. Gibt weniger Gewissensbisse. Vielleicht wären auch mehr Pfleger bereit, für einen Fünfziger ein paar Aspirin ins Futter zu mischen, wenn sie wüßten, daß der Stall dann nicht zugemacht wird und ihr Job flötengeht.« 76
Sie unterhielten sich weiter, nachdenklich und derb, doch es war klar, daß sie über die elf Pferde, die mich beschäftigten, nichts wußten. Keiner von ihnen arbeitete für die betroffenen Ställe, und offensichtlich kannten sie die Berichte und Mutmaßungen aus der Presse nicht oder hatten sie vereinzelt über einen Zeitraum von anderthalb Jahren gelesen, anstatt wie ich alles auf einmal, in der Zusammenschau. Die Diskussion verebbte, Gähnen machte sich breit, und als wir schwatzend schlafen gingen, seufzte ich erleichtert, weil ich den Abend hinter mich gebracht hatte, ohne groß aufzufallen. Da ich genau darauf achtete, was die anderen Pfleger taten, zog ich auch am nächsten Tag keine neugierigen Blikke auf mich. Am frühen Nachmittag holte ich Sparking Plug aus dem Stall, führte ihn im Führring herum, hielt ihm den Kopf, während er gesattelt wurde, führte ihn wieder herum, hielt ihn, als der Jockey aufsaß, führte ihn auf die Bahn und schaute dann von der Tribüne fürs Stallpersonal aus dem Rennen zu. Sparking Plug gewann. Ich freute mich. Ich nahm ihn am Ausgang vom Geläuf wieder in Empfang und führte ihn in den großen Absattelring für den Sieger. Colonel Beckett erwartete uns dort, auf einen Stock gestützt. Er klapste das Pferd, gratulierte dem Jockey, der seinen Sattel abnahm, um zur Waage zu gehen, und meinte ironisch zu mir: »Damit wäre wenigstens etwas vom Kaufpreis wieder reingeholt.« »Es ist ein gutes Pferd und für den Zweck goldrichtig.« »Schön. Brauchen Sie sonst noch was?« »Ja. Noch viel mehr Einzelheiten über die elf Pferde … wo sie gezogen wurden, was sie gefressen haben, ob sie mal krank waren, wo ihre Transportfahrer Rast gemacht 77
haben, woher ihr Zaumzeug stammt, ob sie auf der Bahn beschlagen wurden und von welchem Schmied … all diese Sachen.« »Ist das Ihr Ernst?« »Ja.« »Aber sie hatten doch nichts gemeinsam, außer daß sie gedopt waren.« »Wie ich das sehe, muß die Frage heißen, was hatten sie gemeinsam, damit sie gedopt werden konnten?« Ich streichelte Sparking Plugs Nase. Er war nervös und aufgeregt nach seinem Sieg. Colonel Beckett sah mich nüchtern an. »Mr. Roke, Sie werden Ihre Informationen bekommen.« Ich lächelte. »Vielen Dank. Und auf Sparking Plug passe ich jetzt auf. Der holt Ihnen den Kaufpreis leicht wieder raus.« »Pferde wegführen«, rief ein Funktionär; und nach einem müden Winken von Colonel Beckett brachte ich Sparking Plug zurück zu den Stallungen und führte ihn, bis er sich beruhigt hatte. An diesem Abend, dem Abend zwischen den beiden Renntagen, waren viel mehr Pfleger in der Herberge, und ich brachte das Gespräch wieder aufs Doping, versuchte außerdem aber auch den Eindruck zu erwecken, ich sei nicht unbedingt der Meinung, ablehnen zu müssen, wenn mich jemand bitten würde, ihm für fünfzig Pfund zu zeigen, in welcher Box ein bestimmtes Pferd stand. Dafür erntete ich ziemlich viele mißbilligende Blicke, aber auch einen sehr aufmerksamen von einem kleinwüchsigen Pfleger, der regelmäßig die zu groß geratene Nase hochzog. Am nächsten Morgen im Waschraum benutzte er das Becken neben meinem und zischelte: »War das dein Ernst 78
gestern abend, fünfzig auf die Hand, und du zeigst auf eine Box?« Ich zuckte die Achseln. »Warum denn nicht?« Er sah sich verstohlen um. Es war zum Lachen. »Ich könnte dich vielleicht mit einem zusammenbringen, den das interessiert – wenn wir halbe-halbe machen.« »Halbe-halbe?« fuhr ich ihn an. »Wofür hältst du mich?« »Na gut … ich will fünf«, gab er nach und zog die Nase hoch. »Ich weiß nicht …« »Ein reelles Angebot«, murmelte er. »Man darf doch nicht jedem zeigen, wo ein Pferd steht«, sagte ich tugendhaft und trocknete mein Gesicht ab. Er starrte mich verblüfft an. »Unter sechzig geht’s auf keinen Fall, wenn du fünf abhaben willst.« Er wußte nicht, ob er lachen oder fluchen sollte. Ich ließ ihn damit allein und machte mich auf den Weg, um Sparking Plug heim nach Yorkshire zu bringen.
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A
m Freitag abend war ich wieder in Slaw in der Kneipe und glotzte den zurückglotzenden Soupy an. Am Sonntag hatte das halbe Personal ab Mittag frei, um zu dem Fußballspiel und dem Dartturnier nach Burndale zu fahren, und da wir beides gewannen, wurde anschließend kräftig gefeiert und Bier getrunken. Die Jungs aus Burndale meinten lediglich, daß ich neu sei und Gift für ihre Chancen in der Dartliga, schenkten mir sonst aber kaum Beachtung. Bei ihnen gab es keinen Soupy, auch wenn October von Dopingfällen in dem Ort gesprochen hatte, und kein Mensch interessierte sich dafür, ob ich ein krummer Hund war. In der Woche darauf versorgte ich meine drei Pferde, las die Rennberichte, strengte meinen Kopf an und kam zu nichts. Paddy blieb kühl und ebenso Wally, dem Paddy offensichtlich von meinem Draht zu Soupy erzählt hatte. Wally zeigte sein Mißfallen, indem er mir zusätzliche Nachmittagsarbeit aufbrummte, so daß ich jeden Tag in den eigentlich zur Entspannung gedachten freien Stunden zwischen Mittagessen und der Abendstallzeit um vier den Hof fegen, Sattelzeug putzen, Hafer quetschen, Stroh häckseln, Inskips Wagen waschen oder die Fenster der Boxen reinigen mußte. Ich erledigte das alles klaglos und dachte bei mir, daß ich mich bei elf Stunden täglich mit Recht über zuviel Arbeit beschweren konnte, wenn ich einmal einen Grund brauchte, Krach zu schlagen und abzuhauen. 80
Freitag mittag reiste ich jedoch wieder mit Sparking Plug, diesmal nach Cheltenham, und es war nicht nur der Transportfahrer dabei, sondern auch Grits mit seinem Pferd und der Reisefuttermeister. In den Rennbahnstallungen erfuhr ich, daß an diesem Abend ein Essen zu Ehren des Champion-Jockeys der vergangenen Saison gegeben wurde, und die Pfleger, die über Nacht dort blieben, wollten zur Feier des Tages auf ein Tanzfest gehen. Grits und ich fuhren also, nachdem wir unsere Pferde versorgt, Abendbrot gegessen und uns feingemacht hatten, mit dem Bus in die Stadt und bezahlten unseren Eintritt zu dem Tanz. Der Saal war groß, die Band war laut und heiß, aber noch tanzten nicht viele Leute. Die Mädels standen in kleinen Gruppen da und sahen zu den größeren Gruppen junger Männer hinüber, und gerade noch rechtzeitig unterdrückte ich die Bemerkung, wie seltsam ich das fand; Grits dachte sicher, ich hielte es für normal. Ich ging mit ihm in die Bar, wo Pfleger von der Rennbahn bereits mit den Einheimischen ins Gespräch kamen, und gab ihm ein Bier aus, obwohl es mir leid tat, daß er mit ansehen würde, wie ich den Abend zu nutzen gedachte. Der arme Grits war hin- und hergerissen zwischen Treue zu Paddy und augenscheinlicher Sympathie für mich, und ich würde ihn schwer enttäuschen. Am liebsten hätte ich ihm alles erklärt. Ich war versucht, den Abend harmlos zu gestalten. Aber wie konnte ich es rechtfertigen, eine einmalige Gelegenheit verstreichen zu lassen, nur um mir vorübergehend die Achtung eines unbedarften Pferdepflegers zu erhalten, so sympathisch er mir auch sein mochte? Ich mußte mir zehntausend Pfund verdienen. »Grits, geh und such dir ein Mädchen zum Tanzen.« Er lächelte zaghaft. »Ich kenne die doch gar nicht.« »Na und? Mit einem netten Kerl wie dir tanzt jede gern. Du brauchst nur eine aufzufordern.« 81
»Nein. Ich bleib lieber bei dir.« »Also gut. Dann trink noch was.« »Wenn ich leer habe.« Ich drehte mich zur Theke um, an der wir lehnten, und knallte mein kaum angerührtes Glas auf den Tresen. »Der Seich hängt mir zum Hals raus. He, Bedienung, einen doppelten Whisky.« »Dan!« Grits’ Verwirrung zeigte mir, daß ich den richtigen Ton getroffen hatte. Der Barmann goß den Whisky ein und nahm mein Geld. »Bleiben Sie gleich da«, sagte ich laut zu ihm. »Dasselbe noch mal.« Ich spürte eher, als ich sah, daß die Pfleger weiter oben am Tresen sich nach mir umdrehten, also kippte ich den ersten Whisky mit zwei Schlucken hinunter und wischte mir mit dem Handrücken den Mund. Dann schob ich das leere Glas dem Barmann hin und zahlte für das zweite. »Dan«, Grits zupfte mich am Ärmel, »mußt du so rangehen?« »Ja«, sagte ich grimmig. »Such du dir ein Mädchen zum Tanzen.« Aber er ging nicht. Er sah zu, wie ich den zweiten Whisky trank und noch einen bestellte. Kummer stand in seinen Augen. Die anderen Pfleger rückten näher heran. »He, Mann, du schluckst ganz schön«, meinte einer von ihnen, ein Langer in meinem Alter, mit einem knalligen blauen Anzug. »Kümmre dich um deinen Kram«, sagte ich grob. »Bist du nicht bei Inskip?« fragte er. 82
»Doch … Inskip … Prost Mahlzeit.« Ich griff zum dritten Glas. Whisky vertrug ich eine Menge, außerdem hatte ich besonders gut gegessen. Ich würde mit Sicherheit noch klar im Kopf sein, wenn man mich längst für betrunken hielt; aber ich mußte meine Schau abziehen, solange das Publikum selbst noch nüchtern genug war, um sich nachher genau daran zu erinnern. »Elf lumpige Pfund«, tönte ich, »mehr kriegst du nicht dafür, daß du dich die ganze Woche krummlegst.« Einigen sprach ich aus der Seele, aber der im blauen Anzug sagte: »Warum gibst du es dann für Whisky aus?« »Wofür denn sonst? Schmeckt gut, dröhnt gut. Irgendwas braucht man doch bei der Schufterei.« Blauer Anzug meinte zu Grits: »Ist ziemlich schlecht drauf, dein Partner.« »Tja«, sagte Grits unruhig, »diese Woche hat er sich aber auch wirklich ranhalten müssen …« »Du kümmerst dich um Pferde, für die sie Tausende hinblättern, und du weißt, wie du sie pflegst und reitest und versorgst, ist mitentscheidend dafür, ob sie siegen oder nicht, aber du kriegst keinen anständigen Lohn dafür …« Ich trank den dritten Whisky aus, machte hick und sagte: »Verdammt ungerecht.« Die Bar füllte sich, und ihrem Äußeren und ihren hin und her gehenden Begrüßungen nach hatte wenigstens die Hälfte der Gäste etwas mit dem Rennsport zu tun. Buchmachergehilfen, Turfspione, Pfleger – die Stadt war voll von ihnen, und für sie wurde der Tanz veranstaltet. Die Alkoholnachfrage stieg, und ich mußte mich mit beiden Händen bemerkbar machen, um meinen vierten doppelten Whisky innerhalb einer Viertelstunde zu bekommen. 83
Ein wenig schwankend, das Glas in der Hand, wandte ich mich dem wachsenden Kreis meiner Zuhörer zu. »Ich wollte, ich hätte«, begann ich. Was zum Teufel wollte ich? »Ich wollte, ich hätte … ein Motorrad. Ich wollte, ich könnte meiner Mieze was bieten. Könnte Urlaub im Ausland machen … in einem feinen Hotel wohnen und die Lakaien scheuchen … Trinken möchte ich, soviel ich will, und eines Tages genug gespart haben für ein Haus. Und kann ich hoffen, daß daraus was wird? Denkste! Wißt ihr, was ich heute morgen in meiner Lohntüte gefunden habe? Sieben Pfund und vier Pence …« Ich maulte und meckerte weiter, den ganzen Abend lang. Neue Zuhörer kamen, alte gingen, und ich zog meinen Auftritt durch, bis ich ziemlich sicher war, allen aus der Szene vermittelt zu haben, daß einer von Inskips Leuten nach Geld lechzte, je mehr, je lieber. Aber nicht einmal Grits, der mit unglücklicher Miene die ganze Zeit dabeistand und völlig nüchtern blieb, schien aufzufallen, daß ich mich immer betrunkener gebärdete, obwohl ich von Glas zu Glas langsamer trank. Nachdem ich schließlich kunstvoll gegen einen Pfeiler getaumelt war und mich daran wieder hochgezogen hatte, rief Grits mir ins Ohr: »Dan, ich gehe jetzt, und du kommst am besten mit, sonst verpaßt du den letzten Bus, und in deinem Zustand kannst du schlecht zu Fuß gehen.« »Hm?« Ich schielte ihn an. Blauer Anzug, direkt hinter ihm, war auch wieder zur Stelle. »Soll ich dir helfen, ihn rauszuschaffen?« fragte er Grits. Grits sah mich angewidert an, und ich schmiß mich gegen ihn und umschlang seine Schultern: Auf die Hilfe, die von Blauem Anzug zu erwarten war, verzichtete ich lieber. »Grits, alter Freund, wenn du sagst, wir gehen, dann gehen wir.« 84
Gefolgt von Blauem Anzug, strebten wir zur Tür, wobei ich so stark schwankte, daß Grits sich gegen mich stemmen mußte. Inzwischen hatten aber auch viele andere Schwierigkeiten, gerade zu gehen, und die Abordnung an der Bushaltestelle schaukelte sanft wie Meereswellen. Ich grinste im Schutz der Dunkelheit, blickte zum Himmel und dachte, wenn die Saat, die ich heute ausgestreut habe, keine Früchte trägt, kann es im britischen Rennsport nicht viel Doping geben. Ich war vielleicht nicht betrunken gewesen, wachte aber am nächsten Morgen dennoch mit fürchterlichen Kopfschmerzen auf; alles für einen guten Zweck, dachte ich und gab mir Mühe, den Schmiedehammer hinter meinen Augen zu ignorieren. Sparking Plug lief sein Rennen und verlor mit einer halben Länge. Ich nutzte die Gelegenheit, um auf der Tribüne fürs Stallpersonal zu verkünden, daß damit auch der Rest meines Wochenlohns hinüber sei. Colonel Beckett klopfte im vollen Absattelring den Hals seines Pferdes und sagte beiläufig zu mir: »Klappt’s eben nächstes Mal, hm? Was Sie angefordert haben, geht Ihnen mit der Post zu.« Er drehte sich um und redete wieder mit Inskip und seinem Jockey über das Rennen. Am Abend fuhren wir alle zurück nach Yorkshire; Grits und ich schliefen die meiste Zeit auf den Bänken im Transporter. Als er sich hinlegte, meinte er vorwurfsvoll: »Ich wußte nicht, daß du so ungern bei Inskip bist … und betrunken kannte ich dich auch noch nicht.« »Es ist nicht die Arbeit, Grits, nur der Lohn.« Ich mußte meine Rolle beibehalten. »Aber andere haben Frau und Kinder zu ernähren und kriegen auch nicht mehr.« Er sagte das mißbilligend, und 85
mein Verhalten mußte ihn wirklich verstört haben, denn er redete nur noch wenig mit mir. Am nächsten Nachmittag hatte ich October nichts Neues zu berichten, und unser Treffen am Bach war kurz. Er sagte mir jedoch, daß die Informationen, die Beckett abgeschickt hatte, von elf eifrigen jungen Offiziersanwärtern gesammelt worden waren, die auf diesem Weg ihre Tatkraft unter Beweis stellen und im Wettstreit miteinander herausfinden sollten, wer den lückenlosesten Bericht über das ihm zugeteilte Pferd liefern konnte. Bestimmte Fragen – die von mir angeregten – waren dabei vorgegeben. Alles andere war ihrer Phantasie und ihrer Spürnase überlassen worden, und Beckett hatte October erzählt, das habe sich voll ausgezahlt. Ich ging den Berg wieder hinunter, mehr denn je beeindruckt von der Stabsarbeit des Colonels, und doch setzte mich die Sendung, die am nächsten Tag eintraf, in Erstaunen. Wally fand wieder eine extra Nachmittagsbeschäftigung für mich, so daß ich erst nach dem Abendessen, als die Hälfte der Leute nach Slaw gefahren war, das Päckchen in den Schlafsaal hinaufbringen und öffnen konnte. Es enthielt einen Schnellhefter mit 237 paginierten Schreibmaschinenseiten, wie ein Buchmanuskript, und so etwas innerhalb einer Woche auf die Beine zu stellen, war nicht nur für die Offiziersanwärter, sondern auch für die Schreibkräfte eine Leistung. Die Berichte bestanden weitgehend aus Stichwörtern und Notizen, auf griffige, aber platzschluckende Formulierungen hatte niemand Wert gelegt – es war kompakte Information von A bis Z. Mrs. Almuts Stimme tönte durch das Treppenhaus: »Dan, würden Sie mir bitte einen Eimer Kohlen holen?« Ich versteckte das Manuskript zwischen den Laken in meinem Bett und ging in die gemütliche Gemeinschafts86
küche hinunter, in der wir aßen und den größten Teil unserer Freizeit verbrachten. Was man dort las, bekamen alle mit, und überhaupt war mein Leben praktisch vom Aufstehen bis zum Schlafengehen überwacht; für eine ungestörte Beschäftigung mit dem Manuskript blieb nur das Bad. An diesem Abend wartete ich also, bis alle schliefen, dann ging ich über den Flur und sperrte mich ein, bereit, mich auf eine Magenverstimmung herauszureden, falls jemand neugierig wurde. Es ging sehr langsam; nach vier Stunden hatte ich erst die Hälfte gelesen. Steif stand ich auf, reckte mich, gähnte und ging in den Schlafsaal zurück. Niemand muckste sich. In der folgenden Nacht, als ich darauf wartete, daß die anderen einschliefen, damit ich wieder an die Arbeit gehen konnte, hörte ich, wie sie sich über die Kneipe in Slaw unterhielten, wo vier von ihnen den Abend verbracht hatten. »Wer war denn der Typ bei Soupy?« fragte Grits. »Den hab ich noch nie gesehen.« »Gestern abend war der auch da«, sagte ein anderer. »Komischer Vogel.« »Was war denn an dem komisch?« fragte ein Junge, der daheim geblieben war und ferngesehen hatte, während ich in einem Sessel etwas Schlaf nachholte. »Weiß nicht«, sagte Grits. »Der hat sich dauernd umgesehen.« »Als hätte er jemand gesucht«, warf ein anderer ein. Paddy sagte mit fester Stimme rechts von mir: »Haltet euch von dem mal schön fern, und auch von Soupy. Ich sag’s euch, solche Leute taugen nichts.« »Ja, aber der mit dem scharfen goldenen Schlips hat uns doch eine Runde spendiert. Da kann er doch so verkehrt nicht sein …« 87
Paddy seufzte über dieses Ausmaß an Naivität. »Wärst du Eva im Paradies gewesen, du hättest den Apfel gleich verdrückt, auch ohne Schlange.« »Ach, na ja«, gähnte Grits. »Morgen kreuzt der wahrscheinlich nicht mehr auf. Die Zeit wird knapp oder so, hat er zu Soupy gesagt.« Sie wurden immer leiser und schliefen ein, und ich lag wach im Dunkeln und dachte, ich könnte gerade etwas wirklich Interessantes gehört haben. Für den nächsten Abend war jedenfalls ein Kneipenbesuch angezeigt. Bevor mir endgültig die Augen zufielen, gab ich mir einen Ruck, stieg aus dem warmen Bett, zog mich ins Bad zurück und las noch einmal vier Stunden lang, bis ich das Manuskript durchhatte. Ich saß auf dem Boden, den Rükken an die Wand gelehnt, und starrte ohne zu sehen auf die Badezimmereinrichtung. Es gab nicht einen einzigen Faktor, der übereinstimmend in den mikroskopisch genau dokumentierten Lebensläufen aller elf Pferde auftrat. Keinen gemeinsamen Nenner. Dabei kam es schon vor, daß bei vier oder fünf Pferden das eine oder andere übereinstimmte – etwa die Marke der von ihren Jockeys verwendeten Sättel, das Futterwürfelfabrikat oder der Ort, wo sie zur Versteigerung gekommen waren –, aber meine Hoffnungen auf einen greifbaren Hinweis in dieser Datenfülle hatten sich in Luft aufgelöst. Fröstelnd, steif und deprimiert kroch ich wieder ins Bett. Am nächsten Abend um acht ging ich allein nach Slaw, da alle anderen abgebrannt waren und sich sowieso lieber Z Cars im Fernsehen anschauen wollten. »Ich denke, du hast dein ganzes Geld in Cheltenham auf Sparks verwettet«, bemerkte Grits. »So zwei Shilling hab ich noch«, sagte ich und klimperte mit ein paar Münzen. »Für ein Bier reicht’s.« 88
Die Kneipe war wie so oft am Mittwoch leer. Von Soupy oder seinem geheimnisvollen Freund war nichts zu sehen, und nachdem ich ein Bier bestellt hatte, vertrieb ich mir die Zeit, indem ich mehrere Runden von eins bis zwanzig auf der Dartscheibe warf und dasselbe in Trebles versuchte. Schließlich zog ich die Pfeile aus der Scheibe, sah auf die Uhr und sagte mir, ich sei umsonst hergekommen – da erschien, nicht von draußen, sondern aus der Bar nebenan, ein Mann am Eingang. Er hatte ein Glas mit einer leicht sprudelnden, bernsteinfarbenen Flüssigkeit und eine schlanke Zigarre in der Linken, während er mit der Rechten die Tür aufhielt. Er musterte mich und sagte: »Sind Sie Pferdepfleger?« »Ja.« »Bei Granger oder bei Inskip?« »Inskip.« »Hmm.« Er kam herein und ließ die Tür hinter sich zufallen. »Sie können sich zehn Shilling verdienen, wenn Sie morgen abend einen Ihrer Kollegen mit hierherbringen … und es gibt Freibier für Sie beide.« Ich sah ihn interessiert an. »Wer soll’s denn sein?« fragte ich. »Ein bestimmter? Am Freitag kommen viele her.« »Also, morgen wär’s mir lieber. Je früher, desto besser, sag ich immer. Und wen Sie mitbringen, ehm … sagen Sie mir doch mal ein paar Namen, dann picke ich einen raus, hm?« Schwachsinn, dachte ich, denn es kam mir vor, als wollte er bloß nicht direkt, nicht ausdrücklich nach mir fragen. »Na gut. Paddy, Grits, Wally, Steve, Ron …« Ich hielt inne. »Weiter«, sagte er. »Reg, Norman, Dave, Jeff, Dan, Mike …« 89
Seine Augen blitzten auf. »Dan«, sagte er. »Der Name läßt sich hören. Bringen Sie Dan mit.« »Der bin ich selber«, sagte ich. Einen Moment lang furchte sich die Stirn unter der Halbglatze, und seine Augen verengten sich vor Unmut. »Lassen Sie die Spielchen«, sagte er scharf. »Sie haben damit angefangen«, erwiderte ich sanft. Er setzte sich auf eine Bank und stellte behutsam sein Glas ab. »Warum sind Sie heute abend allein hergekommen?« fragte er. »Ich hatte Durst.« Eine kurze Stille trat ein, während er sich einen Schlachtplan zurechtlegte. Er war von gedrungener Gestalt, sein dunkler Anzug eine Nummer zu klein, unter dem offenen Jackett trug er ein cremefarbenes Hemd mit Monogramm und eine goldseidene Krawatte. Seine Finger waren kurz und dick, dick auch sein aus dem Hemdkragen quellender Hals, und der Blick, mit dem er mich ansah, hatte nichts Freundliches. Schließlich sagte er: »Es gibt doch bei Ihnen ein Pferd namens Sparking Plug?« »Ja.« »Und das startet am Montag in Leicester.« »Soviel ich weiß, ja.« »Wie schätzen Sie seine Chancen ein?« fragte er. »Wollen Sie einen Tip, Mister, oder was? Den können Sie haben. Sparking Plug wird von mir betreut, und keiner, der am Montag mitläuft, reicht an ihn heran.« »Sie glauben also, daß er siegt.« »Aber sicher.« 90
»Und Sie setzen auf ihn?« »Natürlich.« »Ihren halben Lohn? Vier Pfund oder so?« »Kann sein.« »Aber er wird als Favorit starten. Mit Sicherheit. Dann gewinnen Sie bestenfalls soviel, wie Sie einsetzen – noch mal vier Pfund. Doll hört sich das nicht an, wenn man bedenkt, daß Sie über mich auf … runde hundert Pfund kommen können.« »Quatsch«, tönte ich, aber mit einem schrägen Blick, der ihm sagte, daß ich mehr hören wollte. Seiner Sache sicher, beugte er sich vor. »Sie können nein sagen, wenn Sie wollen. Sie können nein sagen, und weg bin ich, und wir haben uns nie gesehen, aber wenn Sie schlau sind und mitspielen, kann ich Ihnen vielleicht etwas Gutes tun.« »Was müßte ich für den Hunderter machen?« fragte ich rundheraus. Er sah sich vorsichtig um und redete noch leiser. »Sie brauchen Sparking Plug am Sonntag abend nur etwas ins Futter zu tun. Weiter nichts. Das ist ein Klacks.« »Ein Klacks«, wiederholte ich; und das war es auch. »Machen Sie mit?« fragte er gespannt. »Ich weiß Ihren Namen nicht.« »Den brauchen Sie auch nicht.« Entschiedenes Kopfschütteln. »Sind Sie Buchmacher?« »Nein«, sagte er. »Und jetzt haben wir mal genug gefragt. Machen Sie mit?« »Wenn Sie kein Buchmacher sind«, überlegte ich laut, »und Sie wollen es sich hundert Pfund kosten lassen, daß 91
ein bestimmter Favorit nicht gewinnt, dann wollen Sie vermutlich nicht nur absahnen, indem Sie auf die anderen Starter setzen, sondern indem Sie einigen Buchmachern flüstern, daß das Rennen manipuliert ist, und die werden Ihnen dafür so dankbar sein, daß Ihnen jeder mindestens einen Fünfziger zusteckt. Es gibt elftausend Buchmacher im Land. Eine ganze Menge. Aber Sie gehen sicher immer wieder zu den gleichen. Wo Sie immer wieder gern gesehen sind.« Sein Gesicht war ein solches Bild der Bestürzung und Ungläubigkeit, daß ich wußte, ich hatte ins Schwarze getroffen. »Woher haben Sie das …?« fragte er schwach. »Ich bin doch nicht von gestern«, sagte ich mit einem boshaften Lächeln. »Regen Sie sich ab. Niemand hat mir was erzählt.« Ich schwieg. »Sparking Plug bekommt seinen Futterzusatz, aber ich will mehr. Zweihundert.« »Nein. Dann lassen wir’s.« Er wischte sich die Stirn. »In Ordnung.« Ich zuckte die Achseln. »Also gut, hundertfünfzig«, sagte er widerstrebend. »Hundertfünfzig«, willigte ich ein. »Im voraus.« »Eine Hälfte vorher, die andere danach«, sagte er automatisch. Es war keinesfalls das erste Mal, daß er einen derartigen Handel abschloß. Ich erklärte mich einverstanden. Er sagte, wenn ich Samstag abend in die Kneipe käme, würde ich ein Päckchen für Sparking Plug und fünfundsiebzig Pfund für mich erhalten, worauf ich nickte und ging, während er noch mürrisch in sein Glas starrte. Auf dem Heimweg strich ich Soupy von meiner Liste eventuell nützlicher Verbindungsleute. Er hatte mir zwar einen Dopingauftrag verschafft, aber ich war gebeten wor92
den, einen Favoriten in einem Sieglosenrennen zurückzuhalten, nicht etwa ein müdes, lang stehendes Pferd in einem Verkaufsrennen anzutreiben. Daß ein- und dieselben Betrüger mit beiden Maschen arbeiteten, war äußerst unwahrscheinlich. In dieser und den beiden folgenden Nächten widmete ich mich wieder Colonel Becketts Manuskript und las es sorgfältig noch einmal. Das einzige nennenswerte Ergebnis war, daß mich die endlose Arbeit im Stall schlauchte, weil ich fünf Nächte hintereinander nur drei Stunden geschlafen hatte. Aber mir graute einfach davor, October am Sonntag sagen zu müssen, daß die elf jungen Männer ihre Mammutuntersuchung umsonst veranstaltet hatten, und ich wurde das dunkle Gefühl nicht los, diesen vollgepackten Seiten doch noch etwas Wesentliches entnehmen zu können, wenn ich nur dranblieb. Am Sonntag morgen ritten Octobers Töchter mit dem ersten Lot hinaus, obwohl es ungemütlich kalt und windig war. Elinor sagte mir nur im Vorübergehen höflich guten Morgen, aber Patty, die wieder eins von meinen Pferden ritt, ließ, als ich sie raufwarf, ihre Wimpern klimpern und drängte sich unnötigerweise an mich. »Sie sind vorige Woche nicht hiergewesen, Danny«, sagte sie, die Bügel fassend. »Wo waren Sie?« »In Cheltenham … Miss.« »Aha. Und nächsten Samstag?« »Da bin ich hier.« Sie sagte betont von oben herab: »Dann denken Sie nächsten Sonnabend bitte daran, die Bügel kürzer zu schnallen, bevor ich aufsitze. So sind sie viel zu lang.« Anstatt sie selbst anzupassen, bedeutete sie mir, ihr das 93
abzunehmen, und sah mir belustigt dabei zu. Als ich den zweiten Bügel schnallte, ließ sie ihr Knie über meine Hände streichen und stieß es mir unsanft in die Rippen. »Was du dir alles gefallen läßt, Danny«, meinte sie leise und beugte sich vor. »Ein flotter Kerl wie du sollte sich ein bißchen wehren, hm?« »Ich will nicht rausfliegen«, sagte ich mit unbewegtem Gesicht. »Was für ein Feigling«, spöttelte sie und lenkte ihr Pferd weg. Wenn sie so weitermacht, bringt sie sich noch mal bös in Schwierigkeiten, dachte ich. Sie war zu aufreizend. Ihr tolles Aussehen allein machte es nicht, und ihre schmerzhaften kleinen Tricks waren bloß ärgerlich. Irritierend und provozierend war die versteckte Aufforderung in ihrem Verhalten. Ich vergaß sie, holte Sparking Plug, schwang mich auf seinen Rücken und ritt aufs Moor hinaus, um ihm die übliche Bewegung zu verschaffen. Das Wetter wurde an diesem Tag zusehends schlechter, und als wir mit dem zweiten Lot draußen waren, goß es in Strömen, so heftig, daß wir völlig durchnäßt und mit brennenden Gesichtern zurückkehrten. Vielleicht, weil der Regen anhielt, vielleicht auch, weil es immerhin Samstag war, gab mir Wally ausnahmsweise keine Nachmittagsbeschäftigung, und ich verbrachte die drei Stunden mit neun oder zehn anderen Pflegern in der Gemeinschaftsküche, wo wir dem um die Ecke pfeifenden Wind lauschten und uns die Chepstower Rennen im Fernsehen anschauten, während unsere nassen Pullover, Reithosen und Socken in der Ofenwärme dampften. Ich legte die Rennberichte der vorigen Saison auf den Küchentisch, stützte den Kopf in die linke Hand und blät94
terte mit der rechten die Seiten um. Deprimiert darüber, daß ich mit den Dossiers der elf Pferde so wenig anfangen konnte und daß ich mich bei den anderen hier so unbeliebt machen mußte, bedrückt wohl auch, weil mir der Sonnenschein fehlte, den ich sonst um diese Jahreszeit genoß, fragte ich mich, ob die ganze Maskerade nicht von Anfang an ein fürchterlicher Mißgriff gewesen war. Aber ich hatte Octobers Geld genommen und konnte nicht aussteigen, noch Monate nicht. Ein alles andere als tröstlicher Gedanke. Ich überließ mich meinem Trübsinn und vergeudete die dringend benötigte Freizeit. Heute glaube ich, es war eher das Gefühl drohenden Versagens als bloße Müdigkeit, was mir an jenem Nachmittag zusetzte, denn obwohl noch einige Härten auf mich zukamen, bereute ich nur damals ernstlich, auf October gehört zu haben, und wünschte mir von Herzen, wieder in meinem gemütlichen australischen Käfig zu sein. Die Jungs vorm Fernseher machten abfällige Bemerkungen über die Jockeys und schlossen untereinander Wetten auf das Rennergebnis ab. »Das entscheidet sich wieder, wenn’s die Zielgerade raufgeht«, meinte Paddy. »Ein langes Ende … das steht nur Aladdin durch.« »Unsinn«, widersprach ihm Grits. »Da kannst du Lobster Cocktail fliegen sehen …« Mürrisch blätterte ich in den Rennberichten, sah sie planlos vielleicht zum hundertsten Mal durch und stieß durch Zufall in der allgemeinen Einführung auf einen Lageplan der Rennbahn von Chepstow. Alle großen Rennbahnen waren dort mit Kursverlauf, Tribünen, Hindernissen, Start und Ziel schematisch dargestellt, und die Bahnen von Ludlow, Stafford und Haydock hatte ich mir ergebnislos bereits angesehen. Von Kelso und Sedgefield 95
gab es keinen Plan. Auf den Abbildungsteil folgten ein paar Seiten Kurzinformation mit Angaben zur Kurslänge, Rennvereinsadressen, Bahnrekorden und so weiter. Spaßeshalber schlug ich Chepstow nach. Paddys »langes Ende« war dort in Zahlen angegeben: zweihundertfünfzig Meter. Ich sah Kelso, Sedgefield, Ludlow, Stafford und Haydock nach. Sie hatten viel längere Schlußgeraden als Chepstow. Ich schlug die Einlaufgeraden sämtlicher Bahnen nach. Die vom Grand-National-Kurs in Aintree war die zweitlängste. Die längste überhaupt war Sedgefield; an dritter, vierter, fünfter und sechster Stelle kamen Ludlow, Haydock, Kelso und Stafford. Sie alle hatten Zielgeraden von über vierhundert Metern. Die geographische Lage tat nichts zur Sache: Die Doper hatten diese fünf Bahnen fast mit Sicherheit herausgegriffen, weil dort vom letzten Hindernis zum Ziel gut vierhundert Meter zu laufen waren. Es war ein erster, wenn auch kleiner Fortschritt, diese Gesetzmäßigkeit in dem Allerlei erkannt zu haben. Nicht mehr ganz so niedergedrückt legte ich die Rennberichte weg und ging um vier wohl oder übel mit den anderen auf den vom Regen überschwemmten Hof hinaus, um mich je eine Stunde meinen drei Schützlingen zu widmen, ihr Fell zu striegeln, damit es einen gesunden Glanz bekam, ihre Streu zu erneuern, ihnen Wasser zu holen, während Inskips Rundgang ihre Köpfe zu halten, ihnen die Stalldecke aufzulegen und schließlich noch ihr Futter zu bringen. Wie üblich wurde es sieben, bis wir alle fertig waren, und acht, bis wir gegessen und uns umgezogen hatten und hinunter nach Slaw brettern konnten, sieben Mann in einem klapprigen alten Austin. Billard, Dart, Domino, endlose, harmlose Aufschneidereien, alles wie gehabt. Geduldig saß ich da und wartete. Es war fast zehn, die Zeit, um die Pferdepfleger und andere Frühaufsteher allmählich austrinken, da schlenderte 96
Soupy in Richtung Ausgang, sah, daß ich ihn beobachtete, und bedeutete mir mit dem Kopf, ihm zu folgen. Ich stand auf, ging hinter ihm hinaus und fand ihn auf der Toilette. »Das ist für dich. Der Rest am Dienstag«, sagte er knapp, zog die Lippe hoch, glotzte mich zum Zeichen seiner Härte eisig an und gab mir ein dickes braunes Kuvert. Ich steckte es in meine schwarze Lederjacke und nickte ihm zu. Wortlos, ohne zu lächeln, eisigen Blickes drehte ich mich auf dem Absatz um und kehrte in die Bar zurück – Minuten später kam auch er wieder herein, als wäre nichts gewesen. So zwängte ich mich dann zur holprigen Rückfahrt in den Austin und trug, als ich mich in unserem kleinen Schlafsaal hinlegte, fünfundsiebzig Pfund und ein Päckchen weißes Pulver direkt über dem Herzen.
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ctober tauchte den Finger in das Pulver und kostete es. »Ich weiß auch nicht, was das ist«, sagte er kopfschüttelnd. »Wir lassen es analysieren.« Ich bückte mich nach seinem Hund, streichelte ihn und kraulte ihn hinter den Ohren. »Ist Ihnen klar«, sagte October, »was für ein Risiko Sie eingehen, wenn Sie das Geld annehmen, dem Pferd aber das Zeug nicht geben?« Ich grinste ihn an. »Das ist nicht zum Lachen«, sagte er ernst. »Diese Leute können ganz schön ruppig werden, und es nützt uns wenig, wenn man Ihnen die Rippen bricht …« »An sich fände ich es auch besser, wenn Sparking Plug nicht gewinnen würde«, sagte ich, mich aufrichtend. »Die Leute, hinter denen wir eigentlich her sind, werden kaum an mich herantreten, wenn sie hören, daß ich schon mal jemand verladen habe.« »Sie sagen es.« Er hörte sich erleichtert an. »Sparking Plug muß verlieren, aber Inskip … wie erkläre ich dem, daß der Jockey hinterhermachen soll?« »Das geht nicht«, sagte ich. »Die darf man da nicht reinziehen. Aber ich bin auch noch da. Das Pferd gewinnt schon nicht, wenn ich es morgen früh dursten lasse und ihm kurz vor dem Rennen einen Eimer Wasser hinstelle.« 98
Er sah mich belustigt an. »Sie haben ja schon einiges gelernt.« »Und ob; die Haare würden Ihnen zu Berge stehen.« Er erwiderte mein Lächeln. »Also gut. Es geht wohl nicht anders. Man fragt sich, was die Hindernisbehörde davon halten würde, daß einer ihrer Leiter mit einem seiner Stallangestellten verabredet, einen Favoriten zurückzuhalten?« Er lachte. »Roddy Beckett weihe ich ein, aber für Inskip und für die Pfleger hier, die auf das Pferd setzen, ist das gar nicht lustig, und auch für das breite Publikum nicht, das sein Geld verliert.« »Nein«, gab ich zu. Er faltete das Päckchen mit dem weißen Pulver zusammen und steckte es wieder zu dem Geld. Die fünfundsiebzig Pfund im Umschlag bestanden törichterweise aus einem Bündel neuer Fünfer mit fortlaufenden Nummern; October wollte versuchen, festzustellen, an wen sie ausgegeben worden waren. Ich erzählte ihm von den langen Zielgeraden auf den Bahnen, wo die elf Pferde gewonnen hatten. »Das hört sich fast so an, als hätten sie doch Vitamine benutzt«, meinte er nachdenklich. »Die kann man bei der Dopinguntersuchung nicht nachweisen, da sie letztlich keine Drogen, sondern Nährstoffe sind. Die ganze Vitaminfrage ist sehr schwierig.« »Sie erhöhen die Ausdauer?« »Und zwar beträchtlich. Für Pferde, die auf den letzten achthundert Metern ›eingehen‹ – und wie Sie festgestellt haben, gehören unsere elf ja dazu –, wäre das ideal. Aber an Vitamine haben wir mit als erstes gedacht, und wir mußten sie streichen. In massiver Dosis in die Blutbahn 99
injiziert, können sie Pferden zwar zum Sieg verhelfen, und in der Analyse zeigen sie sich nicht, weil sie bei der Siegesanstrengung aufgebraucht werden, aber sie hinterlassen auch sonst keine Spuren. Sie erregen nicht, und die Pferde sehen nach dem Rennen nicht aus, als ständen sie bis zu den Ohren unter Speed.« Er seufzte. »Ich weiß auch nicht …« Bedauernd gestand ich ein, daß Becketts Manuskript mich nicht weitergebracht hatte. »Weder Beckett noch ich haben uns davon so viel versprochen wie Sie«, sagte er. »Ich habe mich diese Woche eingehend mit ihm beraten, wir sind der Meinung, daß Sie am ehesten noch etwas finden können, was bei den breit angelegten Ermittlungen damals übersehen wurde, wenn Sie in einem der Ställe arbeiten, wo die elf Pferde zum Zeitpunkt ihres Dopings trainiert wurden. Acht Tiere sind inzwischen leider verkauft worden und haben den Stall gewechselt, aber drei sind noch bei ihren damaligen Trainern, und es wäre vielleicht das beste, Sie kämen dort unter.« »Gut«, sagte ich. »Geht klar. Ich frage bei allen dreien. Aber die Fährte ist schon reichlich kalt … und Kandidat Nummer zwölf wird in einem ganz anderen Stall auftauchen. In Haydock war wohl diese Woche nichts?« »Nein. Wir haben von allen Teilnehmern am Verkaufsrennen vorher Speichelproben genommen, uns die Untersuchung aber geschenkt, weil der Favorit ganz normal gesiegt hat. Da wir dank Ihnen jetzt jedoch wissen, daß die fünf Bahnen bewußt wegen ihrer langen Zielgeraden ausgewählt worden sind, werden wir dort künftig besonders gut aufpassen. Zumal, wenn eins der elf Pferde da wieder läuft.« »Sie können ja im Rennkalender nachsehen, ob eins genannt ist«, stimmte ich zu. »Bis jetzt ist aber noch keins 100
zweimal gedopt worden, und ich wüßte nicht, warum sich das ändern sollte.« Eine eisige Bö fegte die Anhöhe hinunter, und er fröstelte. Der Bach, vom gestrigen Regen angeschwollen, rauschte durch sein felsiges Bett. October pfiff seinem Hund, der am Ufer herumschnüffelte. »Übrigens«, sagte er, als er mir die Hand gab, »die Tierärzte sind der Meinung, daß die Pferde weder durch Pfeile noch durch Gummimunition oder sonstige Geschosse angetrieben wurden. Ganz ausschließen können sie es allerdings nicht. Die Pferde wurden damals nicht allzu genau untersucht. Beim nächsten Mal werde ich dafür sorgen, daß jeder Zentimeter Haut nach Einstichen abgekämmt wird.« »Gut.« Wir lächelten einander an und trennten uns. Ich mochte ihn. Er hatte Phantasie und einen Humor, der sein ehrfurchtgebietendes, machtbewußtes Auftreten milderte. Ein Kämpfer, dachte ich bewundernd: willensstark, körperlich stark, selbstbewußt; ein Mann, der sich den Grafentitel verdienen würde, wenn er ihn nicht geerbt hätte. Sparking Plug mußte am Abend und am nächsten Morgen ohne seinen Eimer Wasser auskommen. Der Fahrer, der ihn nach Leicester brachte, hatte die Taschen voll schwerverdientem Pflegergeld, das er auf ihn setzen sollte, und ich kam mir vor wie ein Verräter. Inskips zweites Pferd, im gleichen Transporter angereist, startete im dritten Lauf, aber Sparking Plugs Rennen war erst das fünfte, so daß ich mir die beiden ersten in Ruhe anschauen konnte. Ich kaufte mir ein Programm, suchte mir einen Platz am Führring und sah zu, wie die Pferde für das erste Rennen herumgeführt wurden. Aus den Rennberichten kannte ich zwar die Namen vieler Trainer, aber persönlich kennengelernt hatte ich noch keinen, und so 101
versuchte ich interessehalber, den einen oder anderen, der sich da im Führring mit seinem Jockey unterhielt, mit einem Namen zu verbinden. Im ersten Rennen waren es nur sieben: Owen, Cundell, Beeby, Cazalet, Humber … Humber? Was hatte ich über Humber gehört? Es fiel mir nicht ein. Sicher nicht so wichtig, dachte ich. Humbers Pferd sah von allen im Ring am schlechtesten aus, und dem Pfleger mit den ungeputzten Schuhen und dem schmutzigen Regenmantel, der es herumführte, schien alles egal zu sein. Als der Jockey die Jacke auszog, sah man an seinem Dreß noch die Schlammspritzer aus einem anderen Rennen, und der Trainer, der keinen Wert auf saubere Farben oder gepflegtes Personal gelegt hatte, war ein massiger, übellaunig wirkender Mann, der sich auf einen dicken, knorrigen Gehstock stützte. Humbers Pfleger stand, als wir dem Rennen zuschauten, zufällig neben mir auf der Tribüne. »Gute Chancen?« sprach ich ihn an. »Mit dem Vieh verplempert man nur seine Zeit«, sagte er und zog die Lippe hoch. »Ich kann’s nicht mehr sehen.« »Oh. Vielleicht schlägt sich dein anderes Pferd ja besser«, meinte ich, als sich die Teilnehmer am Start aufstellten. »Mein anderes Pferd?« Er lachte unfroh. »Drei andere hab ich noch, kannst du dir das vorstellen? Mir reicht’s mit dem Laden. Ende der Woche hau ich ab, Lohn hin, Lohn her.« Plötzlich wußte ich wieder, was ich über Humber gehört hatte. Die schlechtesten Arbeitsbedingungen im Land, hatte der Junge in Bristol erzählt: Pfleger, die hungern mußten und geschlagen wurden, ein Stall, der nur noch den Ausschuß bekam. »Lohn hin, Lohn her?« fragte ich. 102
»Bei denen gibt’s sechzehn Pfund statt elf die Woche«, sagte er, »aber das macht den Bock nicht fett. Ich hab die Schnauze voll von Humber. Ich hör auf.« Das Rennen begann, und Humbers Pferd wurde Letzter. Sein Pfleger verschwand schimpfend, um es wegzuführen. Ich lächelte, ging hinter ihm die Stufen hinunter und vergaß ihn, weil unten an der Tribüne ein ungepflegter Mann mit einem schwarzen Schnurrbart stand, den ich bei dem Cheltenhamer Tanzfest in der Bar gesehen hatte. Ich ging langsam zum Führring hinüber, um mich wieder an die Abzäunung zu stellen, und er kam mir unauffällig nach. Er blieb neben mir stehen, schaute auf das einzige schon im Ring befindliche Pferd und meinte: »Sie sind knapp bei Kasse, wie ich höre.« »Heute abend nicht mehr«, gab ich zurück und musterte ihn. Er warf mir einen Blick zu. »Hm. Sind Sie sich mit Sparking Plug so sicher?« »Bin ich«, sagte ich mit einem fiesen Grinsen. Jemand hatte ihm freundlicherweise erzählt, welches Pferd ich betreute. Er mußte sich also über mich erkundigt haben. Ich ging davon aus, daß ihm nichts Vorteilhaftes zu Ohren gekommen war. »Hmm.« Eine ganze Minute verstrich. Dann sagte er beiläufig: »Haben Sie schon mal daran gedacht, woanders hinzugehen … zu einem anderen Stall?« »Klar«, gab ich achselzuckend zu. »Wer denn nicht?« »Gute Pfleger sind immer gefragt«, erklärte er, »und Sie sollen mit den Händen sehr geschickt sein. Mit einer Empfehlung von Inskip kommen Sie überall rein, wenn Sie warten können, bis was frei wird.« 103
»Wo denn?« fragte ich; aber er ließ sich nicht drängen. Nach einer weiteren Pause sagte er, noch immer im Plauderton: »Es kann sehr, ehm … lukrativ sein, für bestimmte Ställe zu arbeiten.« »So?« »Das heißt«, er hüstelte diskret, »wenn man bereit ist, etwas mehr zu tun, als dort verlangt wird.« »Zum Beispiel?« »Ach … Verschiedenes«, sagte er unbestimmt. »Je nachdem. Alles, was demjenigen nützt, der dafür Ihr Einkommen aufbessert.« »Und der wäre?« Ein dünnes Lächeln. »Betrachten Sie mich als seinen Stellvertreter. Also, er bietet fünf Pfund die Woche für Trainingsergebnisse und ähnliche Auskünfte sowie eine gute Prämie für gelegentliche Sonderaufgaben, die, ehm, heikler sind.« »Klingt nicht übel«, meinte ich langsam und saugte an meiner Unterlippe. »Geht das nicht bei Inskip?« »Nein«, sagte er. »Bei dem laufen die Pferde immer auf Sieg. In solchen Ställen brauchen wir keinen ständigen Mitarbeiter. Zur Zeit gibt es aber zwei wettfreudige Ställe, wo uns ein Mann fehlt, und da könnten wir Sie gebrauchen.« Er nannte die Namen zweier führender Trainer, die nicht zu den dreien gehörten, bei denen ich mich ohnehin bewerben wollte. Jetzt mußte ich überlegen, ob es nicht sinnvoller war, mich in einen offenbar gut organisierten Spionagering einzuschleichen, als mich an ein ehedem gedoptes Pferd zu hängen, das mit ziemlicher Sicherheit nicht noch einmal gedopt werden würde. »Ich denke drüber nach«, sagte ich. »Wo kann ich Sie erreichen?« 104
»Bis wir Sie auf der Gehaltsliste haben, gar nicht«, versetzte er. »Sparking Plug läuft im fünften, oder? Danach können Sie mir ja Bescheid geben. Sie sehen mich, wenn Sie ihn zum Stall zurückbringen. Nicken Sie, wenn Sie dabei sind, sonst schütteln Sie den Kopf. Aber so eine Gelegenheit, die läßt einer wie Sie sich nicht entgehen.« Die leise Verachtung in seinem Lächeln traf mich trotz allem. Er wandte sich ab und ging ein paar Schritte, dann kam er noch einmal zurück. »Soll ich denn auf Sparking Plug ordentlich was setzen?« fragte er. »Ach na ja … ehm, an Ihrer Stelle würde ich mir das Geld sparen.« Er blickte erst überrascht, dann argwöhnisch, dann pfiffig drein. »Also daher weht der Wind«, sagte er. »Ei, ei.« Er lachte und sah mich an, als wäre ich unter einem Stein hervorgekrochen. Ein Mann, der seine Werkzeuge verachtete. »Ich merke schon, daß Sie uns sehr nützlich werden können. Sehr, sehr nützlich!« Ich schaute hinter ihm her. Ich hatte ihm nicht aus Freundlichkeit davon abgeraten, auf Sparking Plug zu setzen, sondern weil ich mir nur damit sein Vertrauen erhalten konnte. Als er fünfzig Meter weg war, folgte ich ihm. Er ging schnurstracks zum Buchmacherring, schlenderte an den Ständen entlang und studierte die von den einzelnen Firmen angebotenen Quoten; offenbar wollte er aber wirklich nur eine Wette für das nächste Rennen anlegen, denn er machte keine Anstalten, jemandem von dem Ausgang unserer Unterhaltung zu berichten. Seufzend setzte ich zehn Shilling auf einen Außenseiter und ging zurück, um zu sehen, wie die Pferde auf die Bahn kamen.
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Sparking Plug trank durstig zwei volle Eimer Wasser, stolperte über das vorletzte Hindernis und trabte, begleitet von Buhrufen aus den billigen Rängen, müde hinter den sieben anderen Startern durchs Ziel. Er tat mir leid. Widerwärtig, ein stolzes Pferd so zu behandeln. Der Ungepflegte mit dem schwarzen Schnurrbart stand bereit, als ich das Pferd zu den Stallungen führte. Ich nickte ihm zu, und er grinste bedeutsam. »Sie hören von mir«, sagte er. Auf der Heimfahrt im Transporter und am nächsten Tag zu Hause war die Stimmung gedrückt wegen Sparking Plugs unerklärlicher Niederlage, und am Dienstag abend ging ich allein nach Slaw, wo mir Soupy die zweiten fünfundsiebzig Pfund gab. Ich sah sie mir an. Wieder fünfzehn neue Fünfer, ihre Nummern schlossen an die ersten fünfzehn an. »Danke«, sagte ich. »Und was springt für dich dabei raus?« Soupys wulstige Lippen kräuselten sich. »Genug. Ihr Knaller habt das Risiko, ich kriege einen Anteil dafür, daß ich euch an Land ziehe. Ist doch in Ordnung, oder?« »Klar. Und wie oft ziehst du das so durch?« Ich steckte das Kuvert mit dem Geld ein. Er zuckte die Achseln, machte ein selbstzufriedenes Gesicht. »Typen wie dich erkenne ich auf zwei Kilometer. Inskip scheint doch nachzulassen. Das erste Mal, daß bei dem so ein falscher Fuffziger landet. Aber die Dartturniere, die bringen’s. Ich bin gut, verstehst du? Immer in der Mannschaft. Und in Yorkshire gibt es viele Ställe … und immer wieder geschlagene Favoriten, die den Leuten ein Rätsel sind.« »Du bist wirklich clever«, sagte ich. 106
Er lächelte. Das fand er auch. Auf dem Heimweg nahm ich mir vor, unter dem explosiven Herrn TNT eine Lunte anzuzünden. Nach dem Angebot des Mannes mit dem schwarzen Schnurrbart beschloß ich, Becketts Manuskript noch einmal im Hinblick darauf durchzulesen, ob die elf Dopingfälle auf systematische Spionage zurückgehen konnten. Ein neuer Ansatz bringt vielleicht neue Ergebnisse, dachte ich, und um so besser kann ich entscheiden, ob ich den Spionageauftrag sausenlasse und statt dessen wie geplant in einen durch Doping aufgefallenen Rennstall gehe. Im Bad eingeschlossen, begann ich wieder auf Seite 1. Auf Seite 67, im ersten Teil der Lebensgeschichte des fünften Pferdes, las ich: »Auf der Auktion in Ascot von D. L. Mentiff, York, für 420 Guineen gekauft; für 500 Pfund weiterverkauft an H. Humber, Posset, County Durham, blieb dort drei Monate, lief zwei Maidenrennen, ohne sich zu plazieren; weiterverkauft in Doncaster für 600 Guineen an N. W. Davies, Leeds, der ihn von L. Peterson in Mars Edge, Staffordshire, trainieren ließ; blieb dort achtzehn Monate, lief vier Maidenrennen, fünf Sieglosenrennen, ohne sich zu plazieren. Liste der Rennen siehe unten.« Drei Monate bei Humber. Ich lächelte. Anscheinend blieben die Pferde auch nicht länger bei ihm als die Pfleger. Seite für Seite ackerte ich die Einzelheiten durch. Auf Seite 94 las ich folgendes: »Alamo kam dann in Kelso zur Auktion, und Mr. John Arbuthnot, Berwickshire, erwarb ihn für 300 Pfund. Er wurde von H. Humber, Posset, County Durham, trainiert, aber für kein Rennen genannt, und Mr. Arbuthnot verkaufte ihn zum gleichen Preis an Humber. Einige Wochen später kam er in Kelso erneut zur Auktion. Mr. Clement Smithson, Nantwich, 107
Cheshire, kaufte ihn für 375 Guineen, behielt ihn den Sommer über zu Hause, schickte ihn dann zu einem Trainer namens Samuel Martin nach Malton, Yorkshire, wo er bis Weihnachten vier Maidenrennen lief, ohne sich zu plazieren (siehe Liste).« Ich massierte meinen steifen Nacken. Wieder Humber. Ich las weiter. Auf Seite 180 hieß es: »Ridgeway ging dann zur Begleichung einer Schuld an den Farmer James Green, Home Farm, Crayford, Surrey. Mr. Green ließ ihn zwei Jahre auf der Koppel und anschließend einreiten in der Hoffnung, ein gutes Jagdpferd aus ihm zu machen, verkaufte ihn dann aber an Mr. Taplow aus Pewsey, Wiltshire, der ihn als Rennpferd ausbilden lassen wollte. Ridgeway wurde von Ronald Streat, Pewsey, für Flachrennen trainiert, konnte sich aber in keinem seiner vier Starts in jenem Sommer plazieren. Mr. Taplow verkaufte Ridgeway daraufhin privat an den Farmer Albert George, Bridge Lewes, Shropshire, der ihn selbst trainieren wollte, jedoch nicht die nötige Zeit fand und ihn an einen Bekannten seines Vetters in der Nähe von Durham verkaufte, einen Trainer namens Hedley Humber. Humber hielt das Pferd offenbar für unbrauchbar; es kam im November in Doncaster zur Auktion und ging für 290 Guineen an Mr. P. J. Brewer, The Manor, Witherby, Lancashire …« Ich las das gesamte Manuskript, wühlte mich durch die Unzahl von Namen, doch Humber wurde nirgends mehr erwähnt. Drei von den elf Pferden waren irgendwann in ihrer Laufbahn für kurze Zeit in Humbers Obhut gewesen. Das war schon alles. Ich rieb mir die vom Schlafmangel entzündeten Augen, und plötzlich schrillte ein Wecker in dem stillen Haus. 108
Überrascht sah ich auf die Uhr. Halb sieben schon. Ich stand auf, streckte mich, benutzte das Bad als Bad, schob das Manuskript unter die Schlafanzugjacke und den Pullover, den ich darüber trug, und schlurfte gähnend in den Schlafsaal zurück, wo die anderen bereits aufgestanden waren und mit verquollenen Augen in ihre Kleider stiegen. Im Hof unten war es so kalt, daß alles, was man anfaßte, den Fingern die Wärme zu rauben schien und jeder Atemzug schneidend in die Brust drang. Ausmisten, aufsatteln; raus aufs Moor, galoppieren, führen, zurück zum Stall, Schweiß ausbürsten, Pferd einstellen, mit Futter und Wasser versorgen, dann frühstücken. Das gleiche fürs zweite Pferd, das gleiche fürs dritte Pferd, dann Mittagessen. Während wir aßen, kam Wally herein und wies zwei andere und mich an, das Sattelzeug zu säubern, und nachdem wir unsere Pflaumen mit Eiercreme verdrückt hatten, gingen wir in die Sattelkammer und machten uns ans Werk. Es war schön warm dort, weil der Ofen brannte, und ich legte meinen Kopf auf einen Sattel und schlief fest ein. Einer der anderen stieß mich an und sagte: »Wach auf, Dan, wir haben viel zu tun«, womit er mich aus meinen Träumen riß, aber noch ehe ich die Augen aufschlug, meinte der andere: »Ach, laß ihn, der macht schon genug«, und dankbar überließ ich mich wieder dem Schlaf. Viel zu schnell war es vier Uhr, kamen die drei Stunden Abendstallzeit, danach um sieben das Abendbrot, und wieder war ein Tag fast vorbei. Die meiste Zeit dachte ich darüber nach, daß Humbers Name dreimal in dem Manuskript auftauchte. Ich sah eigentlich nicht ein, warum dem mehr Bedeutung zukommen sollte als der Tatsache, daß vier von den elf Pferden zum Zeitpunkt ihres Dopings Preßfutter bekommen hatten. Bedenklich war nur, daß mir der Name beim ersten und zweiten Lesen glatt entgangen war. Zwar hatte ich keinen 109
Grund gehabt, auf den Namen Humber zu achten, bevor ich ihn und sein Pferd gesehen und mit seinem Pfleger gesprochen hatte, aber wenn mir ein Name entgangen war, der dreimal vorkam, konnte ich auch andere übersehen haben. Nur wenn ich eine Liste von allen im Manuskript erwähnten Namen anlegte, konnte ich sehen, ob sonst noch einer in Verbindung mit mehreren Pferden auftauchte. Ein Elektronenrechner hätte das in Sekunden erledigt. Mich würde es wohl wieder eine Nacht im Bad kosten. Über tausend Namen standen in dem Manuskript. Ich schrieb die Hälfte davon Mittwoch nacht heraus, schlief ein wenig, ergänzte die Liste in der Nacht auf Freitag und fiel wieder ins Bett. Am Freitag schien zur Abwechslung die Sonne, und der Morgen auf dem Moor war schön. Ich ließ Sparking Plug in der Mitte des Lots traben und dachte über die Liste nach. Außer Humbers Namen tauchte nur ein einziger noch in Verbindung mit mehr als zwei Pferden auf. Aber dieser eine war ein gewisser Paul J. Adams, und ihm hatten zu verschiedenen Zeiten gleich sechs der Pferde gehört. Sechs von elf. Das konnte kein Zufall sein. Es war einfach zu ungewöhnlich. Ich war mir sicher, die erste entscheidende Entdeckung gemacht zu haben, auch wenn mir nicht einging, wie der Umstand, daß Paul J. Adams einmal für ein paar Monate ein Pferd besessen hatte, erklären sollte, daß es ein oder zwei Jahre später gedopt werden konnte. Ich grübelte den ganzen Vormittag vergebens darüber nach. Da es draußen schön war, fand Wally, das sei die Gelegenheit für mich, ein paar Decken zu schrubben. Gemeint waren die Stalldecken der Pferde; man mußte sie auf dem Beton im Hof ausbreiten, mit einem Schlauch abspritzen, mit einem langstieligen Besen und Waschmittel schrubben, wiederum abspritzen und sie zum Abtropfen über den 110
Zaun hängen, bevor sie zum Trocknen in die warme Sattelkammer gebracht wurden. Niemand machte das gern, und Wally, der mich seit Sparking Plugs Niederlage noch unfreundlicher behandelte (wenngleich er nicht so weit gegangen war, mir die Schuld daran zu geben), sagte mir mit kaum verhohlener Abneigung, heute sei ich eben an der Reihe. Egal, dachte ich, als ich nach dem Essen fünf Stalldekken ausbreitete und sie einweichte, so kannst du wenigstens zwei Stunden ungestört nachdenken. Doch wie so oft irrte ich mich. Um drei Uhr, als die Pferde dösten und die Pfleger, soweit sie nicht mit ihrem Wochenlohn nach Harrogate gebraust waren, Siesta hielten, das Leben im Stall also ruhte und nur ich mit meinem Besen widerwillig zugange war, kam Patty Tarren zum Tor herein, überquerte den Hof und blieb vor mir stehen. Sie trug ein einfaches grünes Kleid aus warmem, weichem Tweed mit Silberknöpfen vom Kragen bis zum Saum. Das kastanienbraune Haar, von einem breiten grünen Band aus der Stirn gehalten, fiel glatt und glänzend auf ihre Schultern, und mit den langen, dichten Wimpern und dem hellrosa Mund stellte sie ungefähr die reizvollste Unterbrechung dar, die ein hart arbeitender Stallmann sich wünschen konnte. »Hallo, Danny«, sagte sie. »Guten Tag, Miss.« »Ich hab dich vom Fenster aus gesehen«, sagte sie. Ich drehte mich überrascht um, da ich Octobers Haus völlig hinter Bäumen verborgen geglaubt hatte, aber tatsächlich konnte man weiter oben am Hang durch eine Lücke zwischen den unbelaubten Ästen eine Hausecke und ein Fenster sehen. Aber es war weit weg. Wenn Patty mich auf 111
die Entfernung erkannt hatte, mußte sie durch ein Fernglas geschaut haben. »Du sahst ein bißchen einsam aus, da dachte ich, ich unterhalte mich mal mit dir.« »Danke, Miss.« »Die übrige Familie«, sagte sie und schlug die Wimpern nieder, »Kommt auch erst heute abend, und allein in dem großen Schuppen wußte ich gar nichts anzufangen, das wird schnell langweilig. Da dachte ich, mit dir kann man wenigstens reden.« »Mhm.« Ich stützte mich auf den Besen, sah in ihr reizendes Gesicht und fand, daß ihre Augen einen Ausdruck hatten, der ihrem Alter nicht entsprach. »Es ist ziemlich kalt hier, hm? Ich wollte was mit dir bereden … Können wir uns nicht da in den Eingang stellen?« Ohne eine Antwort abzuwarten, ging sie auf den fraglichen Eingang, es war der des Heuspeichers, zu und trat hinein. Ich folgte ihr und lehnte den Besen gegen den Türpfosten. »Ja, Miss?« sagte ich. Es war halb dunkel in dem Raum. Wie sich herausstellte, ging es ihr doch nicht in erster Linie ums Reden. Sie schlang die Arme um meinen Hals und bot mir die Lippen zum Kuß. Ich beugte mich vor und küßte sie. Octobers Tochter war nicht unerfahren. Sie küßte mit Zunge und Zähnen, und sie bewegte ihren Bauch rhythmisch gegen meinen. Meine Muskeln verkrampften sich. Sie duftete nach frischer Seife, unschuldiger, als sie sich benahm. »Na siehst du«, sagte sie kichernd, machte sich los und ging auf die Heuballen zu, die den Raum halb ausfüllten. 112
»Komm«, sagte sie über die Schulter und stieg auch schon auf die Ballen, die eine durchgehend gerade Fläche bildeten. Ich folgte ihr langsam. Oben setzte ich mich, schaute auf den Boden hinunter, sah den Besen an der Tür, den Eimer und eine von der Sonne beschienene Stalldecke draußen. Auf dem Heu hatte Philip, als er klein war, jahrelang am liebsten gespielt … und wie gut, daß dir jetzt deine Familie einfällt, dachte ich. Patty lag einen Meter von mir entfernt auf dem Rücken. Ihre weit geöffneten Augen glänzten, und auf ihren Lippen lag ein merkwürdiges kleines Lächeln. Ohne den Blick von mir zu wenden, öffnete sie die Silberknöpfe an ihrem Kleid bis weit unter die Taille. Dann ließ sie mit einer schüttelnden Bewegung das Kleid auseinanderfallen. Sie hatte nichts darunter an. Ich betrachtete ihren Körper, perlmuttfarben, schlank, begehrenswert; und es durchlief ihn ein leiser Schauer der Erwartung. Ich sah ihr wieder ins Gesicht. Die Augen waren groß und dunkel, und ihr merkwürdiges Lächeln kam mir plötzlich verstohlen, gierig und ganz und gar verdorben vor. Unvermittelt sah ich mich, wie sie mich sehen mußte, so wie ich mich in dem großen Spiegel in Octobers Stadthaus gesehen hatte, ein flotter, etwas zwielichtiger Bursche mit dunklen Haaren und unlauteren Absichten. Da wußte ich ihr Lächeln einzuordnen. Ich wandte mich ab, drehte ihr den Rücken zu und spürte, wie Zorn und Scham in mir aufstiegen. »Ziehen Sie sich an«, sagte ich. »Warum? Kriegst du keinen hoch, Danny?« »Ziehen Sie sich an«, wiederholte ich. »Der Spaß ist vorbei.« 113
Ich sprang vom Heu herunter und ging, ohne mich umzudrehen, zur Tür hinaus. Schnappte mir den Besen, fluchte verhalten und schrubbte vor lauter Wut über mich selbst die nächste Stalldecke, bis mir die Arme weh taten. Nach einer Weile sah ich sie im wieder zugeknöpften Kleid aus dem Heuspeicher kommen, um sich blicken und zu einer Schlammpfütze am Rand des Betons gehen. Sie saute sich gründlich die Schuhe ein, trat dann wie ein böses Kind auf die Decke, die ich gerade gereinigt hatte, und streifte den ganzen Matsch mitten darauf ab. Ihre Augen waren groß, ihr Gesicht ausdruckslos, als sie mich ansah. »Das wird dir noch leid tun, Danny«, sagte sie nur und ging ohne Eile über den Hof davon, wobei das kastanienbraune Haar ein wenig auf dem grünen Tweedkleid wippte. Ich schrubbte die Decke noch einmal. Warum hatte ich sie geküßt? Warum war ich mit ihr, obwohl ich nach diesem Kuß über sie Bescheid wußte, ins Heu gegangen? Wie hatte ich so dumm, so gierig, so unbesonnen sein können? Sinnlose Bestürzung erfüllte mich. Man brauchte eine Einladung zum Essen nicht anzunehmen, selbst wenn die Vorspeise Appetit gemacht hatte. Nahm man sie aber an, durfte man das Gebotene nicht so schroff zurückweisen. Sie hatte allen Grund, wütend zu sein. Und ich hatte allen Grund, bestürzt zu sein. Seit neun Jahren ersetzte ich zwei Mädchen, von denen eines fast so alt war wie Patty, den Vater. Als sie klein waren, hatte ich ihnen beigebracht, sich nicht von Fremden mitnehmen zu lassen, und als sie größer wurden, wie man raffinierteren Fallstricken entgeht. Und jetzt war ich selbst einer derjenigen, vor denen alle Eltern warnen. 114
Ich hatte ein entsetzlich schlechtes Gewissen gegenüber October, denn es ließ sich nicht leugnen, daß ich das gleiche gewollt hatte wie Patty.
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A
m nächsten Morgen ritt Elinor mein Pferd, und Patty, die sie offensichtlich überredet hatte, mit ihr zu tauschen, mied es peinlich, mich auch nur anzusehen. Elinor, ein dunkles Kopftuch um das silberblonde Haar, ließ sich ohne weiteres von mir raufwerfen, lächelte dankend und ritt mit ihrer Schwester an der Spitze des Lots davon. Als wir jedoch vom Training zurückkamen, führte sie das Pferd in die Box und begann es zu putzen, während ich mich um Sparking Plug kümmerte. Ich merkte das erst, als ich den Hof hinunterkam, und war überrascht, sie dort zu sehen, da Patty das Pferd stets gezäumt, gesattelt und verdreckt in der Box zurückgelassen hatte. »Holen Sie Heu und Wasser«, sagte sie. »Den habe ich gleich sauber.« Ich trug Sattel und Zaumzeug in die Sattelkammer und brachte Heu und Wasser. Elinor bürstete die Mähne des Pferdes an, und ich legte ihm die Decke über und schloß den Gurt. Sie sah zu, wie ich Stroh nachstreute, um ihm ein bequemes Lager zu bereiten, und wartete, bis ich die Tür verriegelt hatte. »Danke«, sagte ich. »Vielen Dank.« Sie lächelte. »Das tu ich gern. Wirklich. Ich mag Pferde, besonders Rennpferde. Drahtig, schnell und aufregend.« »Ja«, stimmte ich zu. Wir gingen gemeinsam über den Hof, sie zum Ausgang und ich zum Pflegerhaus. 116
»Es ist so anders, als was ich sonst jeden Tag mache«, sagte sie. »Was machen Sie denn sonst?« »Ach … studieren. An der Uni Durham.« Sie mußte über etwas lächeln, das ihr dabei einfiel. Es hatte nichts mit mir zu tun. Wenn man von gleich zu gleich mit ihr verkehrte, dachte ich, fand man bei Elinor sicher mehr als nur gutes Benehmen. »Sie reiten wirklich erstaunlich gut«, sagte sie plötzlich. »Heute morgen hörte ich Inskip zu Vater sagen, man sollte Ihnen eine Lizenz besorgen. Haben Sie noch nie daran gedacht, Rennen zu reiten?« »Das wäre ein Traum«, sagte ich inbrünstig, ohne zu überlegen. »Ja, und was hindert Sie?« »Hm … ich höre hier vielleicht bald auf.« »Schade.« Ein höfliches Bedauern, mehr nicht. Wir kamen beim Pflegerhaus an. Sie lächelte mir freundlich zu und ging weiter, verließ den Hof, verschwand. Vielleicht sehe ich sie nie wieder, dachte ich, und es tat mir ein wenig leid. Als der Transporter mit einem Sieger, einem Dritten und einem Geschlagenen von den Rennen zurückkam, stieg ich ins Fahrerhaus und nahm mir noch einmal die Landkarte vor. Ich wollte feststellen, wo der Wohnort von Paul Adams lag, und nach einigem Suchen fand ich ihn auch. Als mir die Bedeutung dieser Entdeckung aufging, schmunzelte ich erstaunt. Wie es aussah, gab es noch einen Stall, wo ich mich bewerben konnte. Ich ging in Mrs. Allnuts gemütliche Küche, aß Mrs. Allnuts köstliche Kartoffeln mit Ei, ihren Kuchen, 117
ihre Butterstullen, schlief schließlich traumlos auf Mrs. Allnuts verbeulter Matratze und badete am nächsten Morgen ausgiebig in Mrs. Allnuts blitzsauberem Badezimmer. Am Nachmittag ging ich den Bach entlang zu meinem Rendezvous mit October, dem ich nun endlich etwas Brauchbares zu erzählen hatte. Er empfing mich mit steinerner Miene, und bevor ich ein Wort sagen konnte, schlug er mir mit voller Wucht auf den Mund. Es war ein gezielter Schlag mit dem Handrükken, der aus der Hüfte kam, und ich sah ihn viel zu spät. »Wofür war das denn?« fragte ich, mit der Zunge über meine Zähne fahrend, die zum Glück noch alle da waren. Er starrte mich böse an. »Patty hat mir erzählt …« Er brach ab, als fielen ihm die Worte zu schwer. »Ach so«, sagte ich ausdruckslos. »Ach so, ja!« äffte er mich nach. Er atmete schnaufend, und es sah aus, als würde er mich noch einmal schlagen. Ich stieß meine Hände in die Hosentaschen, und er holte nicht aus, sondern ließ die Arme hängen, wenn er auch die Hände immer wieder zur Faust ballte. »Was hat Ihnen Patty erzählt?« »Alles.« Sein Zorn war fast greifbar. »Heulend kam sie heute morgen zu mir … Sie hat mir erzählt, wie Sie sie in den Heuspeicher gedrängt und sie festgehalten haben, so sehr sie sich auch wehrte … und wo Sie überall mit Ihren Händen waren … bis Sie sie dann gezwungen haben … sie gezwungen haben …« Er brachte es nicht über die Lippen. Ich war entsetzt. »Das stimmt doch nicht«, sagte ich heftig. »Ich habe nichts dergleichen getan. Geküßt habe ich sie, und das war’s. Alles andere hat sie erfunden.« »Das kann sie gar nicht erfunden haben. So detailgenau … Sie wüßte so was nicht, wenn sie es nicht erlebt hätte.« 118
Ich öffnete den Mund und schloß ihn wieder. Sicher hatte sie es erlebt; irgendwo, mit irgend jemand, mehr als einmal und bestimmt auch freiwillig. Aber ich merkte schon, daß sie wenigstens bis zu einem gewissen Grad mit ihrer abscheulichen Rache durchkommen würde, denn es gibt Dinge, die man dem Vater einer jungen Frau nicht sagen kann, zumal wenn man ihn mag. »Noch nie habe ich mich so in einem Menschen getäuscht«, sagte October schneidend. »Ich hielt Sie für verantwortungsbewußt … oder doch für jemand, der sich beherrschen kann. Nicht für einen geilen Haderlumpen, der mein Geld – und meine Wertschätzung – nimmt und sich heimlich an meiner Tochter vergreift.« Das Körnchen Wahrheit daran traf mich schon, und Schuldgefühle hatte ich wegen meines törichten Verhaltens sowieso. Aber ich mußte mich trotz allem wehren, denn niemals hätte ich Patty Schaden zugefügt, und außerdem lief noch die Untersuchung der Dopingfälle. Jetzt, wo ich damit so weit gekommen war, wollte ich mich nicht in Unehren heimschicken lassen. »Ich bin mit Patty in den Heuspeicher gegangen«, sagte ich langsam. »Und ich habe sie geküßt. Einmal. Ein Kuß. Weiter habe ich sie nicht angerührt. Ich habe sie buchstäblich nicht angefaßt, weder ihre Hand noch ihr Kleid … nichts.« Er sah mir lange fest in die Augen, während sein Zorn allmählich nachließ und einer Art Müdigkeit wich. Schließlich sagte er beinah gefaßt: »Einer von euch lügt. Ich muß meiner Tochter glauben.« Die Worte hatten einen unerwartet flehenden Beiklang. »Ja«, sagte ich. Ich wandte den Blick ab, sah den Bach hinauf. »Ein Problem wäre damit immerhin gelöst.« »Welches Problem?« 119
»Wie ich hier ohne Referenz mit Schimpf und Schande gefeuert werden kann.« Das war so weit weg von dem, was ihn beschäftigte, daß es erst nach einigen Sekunden überhaupt zu ihm durchdrang, doch dann maß er mich mit einem aufmerksamen Blick aus schmalen Augenschlitzen, dem ich nicht auswich. »Sie wollen die Untersuchung also fortführen?« »Wenn es Ihnen recht ist.« »Ja«, sagte er mit schwerer Stimme. »Zumal Sie ja weggehen und keine Gelegenheit mehr haben werden, Patty zu sehen. Was immer ich persönlich von Ihnen halte, Sie bleiben unsere größte Hoffnung in dieser Angelegenheit, und das Wohl des Rennsports muß mir vorgehen.« Er schwieg. Ich sann über die ziemlich trübe Aussicht nach, eine solche Arbeit für einen Mann tun zu müssen, der mich verabscheute. Aber der Gedanke, aufzugeben, schien mir schlimmer. Sehr merkwürdig. Schließlich sagte er: »Wieso wollen Sie denn ohne Referenz gehen? Ohne Referenzen nimmt man Sie in keinem der drei Stalle.« »Keine Empfehlung ist die beste Empfehlung für den Stall, wo ich hinwill.« »Nämlich?« »Zu Hedley Humber.« »Humber?« sagte er düster und ungläubig. »Wieso denn das nun? Er ist ein miserabler Trainer und hat keines der gedopten Pferde trainiert. Was wollen Sie da?« »Er hat die Pferde nicht trainiert, als sie siegten«, gab ich zu, »aber drei von ihnen sind in ihrer Laufbahn vorher durch seine Hände gegangen. Und es gibt einen gewissen P. J. Adams, der zum einen oder anderen Zeitpunkt weite120
re sechs von den elf besessen hat. Der Landkarte nach wohnt Adams keine fünfzehn Kilometer von Humber entfernt. Humber lebt in Posset, das noch in Durham liegt, und Adams in Teilbridge, das schon zu Northumberland gehört. Neun von den elf Pferden waren also zeitweise in diesem kleinen Bereich der Britischen Inseln untergebracht. Keines blieb lange. Die Dossiers über Transistor und Rudyard sind weit weniger ausführlich als die anderen, was ihre ersten Jahre angeht, und ich glaube, es ließe sich bestimmt nachweisen, daß auch sie für kurze Zeit unter den Fittichen entweder von Adams oder Humber gewesen sind.« »Aber wie soll sich denn der Aufenthalt bei Adams oder Humber auf die Schnelligkeit der Pferde Monate oder Jahre später ausgewirkt haben?« »Das weiß ich nicht«, sagte ich. »Aber ich würde es gerne herausfinden.« Ein Schweigen entstand. »Also gut«, erwiderte er mit schwerer Stimme. »Ich sage Inskip, daß Sie entlassen sind. Und zwar, weil Sie Patricia belästigt haben.« »In Ordnung.« Er blickte mich kalt an. »Sie können mir dann schriftlich berichten. Ich will Sie nicht mehr sehen.« Ich schaute ihm nach, als er kräftigen Schrittes den Berg hinaufging. Ich wußte nicht, ob er wirklich noch überzeugt war, daß ich getan hatte, was Patty behauptete; ich wußte nur, daß er es glauben mußte. Die andere Möglichkeit, die Wahrheit, war ungleich schlimmer. Welcher Vater möchte schon wahrhaben, daß seine schöne achtzehnjährige Tochter ein verlogenes Flittchen ist? Was mich betraf, so war ich alles in allem noch glimpflich davongekommen; hätte ich gehört, daß jemand Belin121
da oder Helen unsittlich belästigt habe, hätte ich ihn totgeschlagen. Nach dem zweiten Lot am nächsten Tag sagte Inskip mir klipp und klar, was er von mir hielt, und es war nicht schön zu hören. Nachdem er mir zur Schadenfreude der Jungs, die mit ihren vollen Eimern, vollen Heunetzen und langen Ohren um uns herumlatschten, mitten auf dem Hof den Kopf gewaschen hatte, gab er mir meine Versicherungs- und die Lohnsteuerkarte zurück, die mit ihrer unleserlichen Adresse in Cornwall noch immer eine ungeknackte Nuß war, und befahl mir, auf der Stelle meinen Kram zu packen und zu verschwinden. Ich brauchte seinen Namen auch nicht als Referenz anzugeben, denn Lord October habe ihm ausdrücklich untersagt, für meinen Charakter zu bürgen, und er könne die Entscheidung seines Chefs nur begrüßen. Er gab mir einen Wochenlohn als Abfindung, minus Mrs. Allnuts Anteil, und damit hatte es sich. Ich packte meine Sachen in dem kleinen Schlafsaal; klopfte zum Abschied noch einmal auf das Bett, in dem ich sechs Wochen geschlafen hatte, und ging hinunter in die Küche, wo die Jungs zu Mittag aßen. Elf Augenpaare schauten mich an. Die einen verächtlich, die anderen erstaunt, ein oder zwei dumm belustigt. Keiner sah aus, als bedauerte er, daß ich fortging. Mrs. Allnut gab mir ein dickes Käsesandwich mit, und das verzehrte ich auf der Talwanderung nach Slaw, wo ich den Zweiuhrbus nach Harrogate nehmen wollte. Und wohin dann? Kein vernünftiger Pferdepfleger würde von einem erfolgreichen Stall wie dem Inskipschen direkt zu Humber laufen, auch wenn er hochkant rausgeflogen war; es mußte erst ein Weilchen mit mir abwärts gehen, damit das unver122
dächtig wirkte. Überhaupt hielt ich es für wesentlich besser, wenn nicht ich nach Arbeit fragte, sondern Humbers Reisefuttermeister sie mir anbot. Das konnte so schwer nicht sein. Wenn ich mich auf allen Rennbahnen, wo Humber Starter hatte, blicken ließ und mich jedesmal ein Stück heruntergekommener präsentierte, so als brauchte ich immer dringender Arbeit, dann würde der Stall, der keine Pfleger fand, eines Tages anbeißen. Bis dahin brauchte ich eine Bleibe. Während der Bus hinunter nach Harrogate gondelte, faßte ich meinen Plan. Der Nordosten mußte es sein, da wo Humbers Pferde liefen. Eine große Stadt, in der ich anonym sein konnte. Eine lebhafte Stadt, damit mir die Zeit zwischen den Renntagen nicht lang wurde. Mit Hilfe der Straßenkarten und Reiseführer in der Stadtbibliothek Harrogate entschied ich mich für Newcastle, und dank zweier hilfsbereiter Fernfahrer kam ich am Spätnachmittag dort an und nahm mir ein Zimmer in einem billigen Hotel. Es war ein schreckliches Zimmer mit kaffeebrauner Tapete, die sich von den Wänden löste, brüchigem, gemustertem Linoleum am Boden, einer harten, schmalen Liege und verkratzten Möbeln aus gebeiztem Furnierholz. Nur seine unerwartete Sauberkeit und ein nagelneues Waschbecken in der Ecke machten es erträglich, doch ich mußte zugeben, daß es meiner äußeren Erscheinung und meinen Zwecken bestens entsprach. Ich aß gebackenen Fisch mit Pommes frites für drei Shilling sechs, ging ins Kino und genoß es, weder drei Pferde versorgen noch jedes Wort, das ich sagte, abwägen zu müssen. Die wiedergewonnene Freiheit war so wohltuend, daß meine Stimmung sich erheblich besserte und ich sogar den Ärger mit October vergaß. Am nächsten Morgen schickte ich ihm per Einschreiben die zweiten fünfundsiebzig Pfund, die ich ihm bei unserem 123
Treffen am Sonntag nicht übergeben hatte, zusammen mit einem förmlichen Brief, in dem ich kurz erklärte, warum erst einige Zeit verstreichen sollte, bevor ich bei Humber anfing. Von der Post aus ging ich in ein Wettbüro und schrieb mir die Rennveranstaltungen der nächsten Wochen heraus. Es war Anfang Dezember, und vor der ersten Januarwoche standen im Norden nur wenige Rennen an – vertane Zeit aus meiner Sicht und ärgerlich. Nach dem Renntag in Newcastle am kommenden Sonnabend fanden nördlich von Nottinghamshire bis zum zweiten Weihnachtsfeiertag, über vierzehn Tage später, keine Rennen mehr statt. Ungeachtet dieses Rückschlags begab ich mich auf die Suche nach einem zünftigen gebrauchten Motorrad. Erst am späten Nachmittag fand ich genau das, was mir vorschwebte, eine vier Jahre alte, frisierte 500-cc-Norton aus der Hand eines jetzt einbeinigen jungen Mannes, der auf dem schnellen Weg nach Norden einmal zu oft Gas gegeben hatte. Der Verkäufer erzählte mir die Geschichte gut gelaunt, während er mein Geld nahm, und versicherte mir, die Maschine schaffe auch jetzt noch 160 Stundenkilometer. Ich bedankte mich höflich und ließ sie bei ihm stehen, weil sie noch einen neuen Auspufftopf sowie neue Handgriffe, Bremskabel und Reifen bekommen sollte. In Slaw war ich ganz gut ohne eigenes Fahrzeug ausgekommen, und über meine Beweglichkeit in Posset würde ich mir auch keine Gedanken gemacht haben, hätte mir nicht eine warnende Stimme dauernd gesagt, daß ich es vielleicht einmal ratsam finden könnte, mich schnell davonzumachen. Der Journalist Tony Stapleton ging mir nicht aus dem Kopf. Zwischen Hexham und Yorkshire hatte er acht Stunden verloren und den Tod gefunden. Zwischen Hexham und Yorkshire lag Posset. 124
Der erste, den ich vier Tage darauf in Newcastle beim Pferderennen sah, war der Mann mit dem schwarzen Schnurrbart, der mir einen Dauerposten als Stallspion angetragen hatte. Er stand unauffällig in einer Ecke am Eingang und redete mit einem großohrigen Jungen, den ich später ein Pferd aus einem landesweit bekannten Wettstall herumführen sah. Aus einiger Entfernung beobachtete ich, wie er dem Jungen ein weißes Kuvert gab und ein braunes dafür in Empfang nahm. Gekaufte Informationen, dachte ich, und bezahlt vor aller Augen, als wäre nichts dabei. Ich schlenderte hinter Schwarzem Schnurrbart her, als er nach der Transaktion in den Buchmacherring ging. Wieder sah es aus, als studierte er nur die Quoten für das erste Rennen, und wie schon einmal setzte ich ein paar Shilling auf den Favoriten, falls jemand aufgefallen war, daß ich dem Schnurrbärtigen folgte. Der legte trotz seines Kursvergleichs keine Wette an, sondern ging an die Absperrung, die den Ring von der eigentlichen Bahn trennte. Dort blieb er wie zufällig neben einer künstlich rothaarigen Frau stehen, die eine Leopardenfelljacke über einem dunkelgrauen Rock trug. Sie wandte ihm den Kopf zu, und sie sprachen miteinander. Nach einer Weile zog er das braune Kuvert aus der Brusttasche und legte es in ein Rennprogramm, das er Augenblicke später mit dem der Frau austauschte. Er entfernte sich von den Rails, während sie das Rennprogramm mit dem Kuvert in einer großen, glänzendschwarzen Handtasche verstaute. Im Schutz der letzten Buchmacherreihe beobachtete ich, wie sie das Clubhaus betrat und auf den Rasen vor der Mitgliedertribüne ging. Dorthin konnte ich ihr nicht folgen, doch von der Haupttribüne aus sah ich, wie sie durch den nächsten Tribünenabschnitt wanderte. Man schien sie zu kennen. Sie unterhielt sich mit ver125
schiedenen Leuten – einem gebückten alten Herrn mit Schlapphut, einem fettleibigen jungen Mann, der ihr wiederholt den Arm tätschelte, zwei Damen in Nerz, einer Gruppe von drei Männern, die schallend lachten und mir die Sicht verstellten, so daß ich nicht mitbekam, ob sie einem von ihnen das braune Kuvert übergeben hatte. Die Pferde kamen auf die Bahn, und die Zuschauer zogen auf die Tribüne, um sich das Rennen anzusehen. Die Rothaarige verschwand im Gewühl auf der Mitgliedertribüne, aber ich konnte es nicht ändern. Das Rennen begann, und der Favorit gewann leicht mit zehn Längen. Das Publikum feierte ihn. Ich blieb stehen, wo ich war, während die Leute ringsum von der Tribüne strömten, und wartete, ohne mir allzuviel Hoffnung zu machen, ob die rothaarige Leopardenfrau nicht noch einmal auftauchte. Und da war sie. In der einen Hand hielt sie ihre Tasche, in der anderen das Rennprogramm. Diesmal wechselte sie ein paar Worte mit einem kleinen dicken Mann, bevor sie zu den Buchmachern herüberkam, die nicht weit von mir an der Absperrung zwischen dem Ring und den Mitgliederplätzen standen. Jetzt erst sah ich deutlich ihr Gesicht; sie war jünger, als ich angenommen hatte, und nicht so hübsch; ihre oberen Zähne standen auseinander. Mit schneidender, blecherner Stimme sagte sie: »Ich möchte bezahlen, Bimmo«, zog ein braunes Kuvert aus ihrer Handtasche und reichte es einem kleinen Mann mit Brille, der auf einer Kiste neben einer Tafel mit der Aufschrift BIMMO BOGNOR, GEGR. 1920, MANCHESTER UND LONDON stand. Mr. Bimmo Bognor nahm das Kuvert und steckte es mit einem kernigen »Man dankt«, das an mein gespitztes Ohr drang, in seine Jackentasche. 126
Ich verließ die Tribüne und holte mir meinen kleinen Wettgewinn und wußte nur, daß die Rothaarige Bimmo Bognor ein Kuvert übergeben hatte, das so aussah wie dasjenige, das Schwarzer Schnurrbart von dem großohrigen Pfleger bekommen hatte, aber nicht, ob es dasselbe war. Sie konnte das Kuvert des Pflegers einem der Leute zugesteckt haben, mit denen ich sie hatte reden sehen, oder sonst jemandem auf der Tribüne, als sie mir aus den Augen geraten war, und hatte dann vielleicht ganz ehrlich ihren Buchmacher bezahlt. Um die Kette genau zu verfolgen, schien es mir das beste, eine dringende Nachricht auf den Weg zu schicken – so dringend, daß kein langes Hin und Her entstand, sondern eine direkte Verbindung von A nach B und von B nach C hergestellt wurde. Da Sparking Plug im fünften Rennen antrat, stellte die dringende Nachricht kein Problem dar; um aber Schwarzen Schnurrbart genau im richtigen Moment abzupassen, mußte ich ihn den ganzen Nachmittag im Auge behalten. Zum Glück war er ein Gewohnheitstier. Er schaute immer von der gleichen Tribünenecke aus den Rennen zu, ging zwischendurch immer in die gleiche Bar und stand unauffällig am Eingang zum Geläuf, wenn die Pferde aus dem Führring kamen. Er wettete nicht. Humber hatte zwei Starter, einen im dritten und einen im letzten Lauf, und obwohl ich mein Hauptanliegen damit bis zum späten Nachmittag beiseite schob, ließ ich das dritte Rennen verstreichen, ohne mich nach seinem Reisefuttermeister umzusehen. Statt dessen blieb ich in einer gewissen Entfernung hinter dem Schwarzen Schnurrbart. Nach dem vierten Rennen folgte ich ihm in die Bar und rempelte ihn kräftig an, als er sein Glas hob. Das Bier schwappte ihm über die Hand und lief an seinem Ärmel 127
runter, und fluchend fuhr er herum und hatte mein Gesicht direkt vor seiner Nase. »Entschuldigung«, sagte ich. »Ach, Sie sind’s!« Ich legte eitel Überraschung in meine Stimme. Seine Augen wurden schmal. »Was machen Sie denn hier? Sparking Plug läuft doch jetzt.« Ich blickte finster. »Ich bin nicht mehr bei Inskip.« »Haben Sie jetzt einen Job, wie ich ihn empfohlen habe? Gut.« »Noch nicht. Das kann auch ein Weilchen dauern, denke ich.« »Wieso? Ist nichts frei?« »Anscheinend ist keiner versessen auf mich, seit ich bei Inskip rausgeflogen bin.« »Was sind Sie?« fragte er scharf. »Bei Inskip rausgeflogen«, wiederholte ich. »Weshalb?« »Es hat ihnen nicht gepaßt, daß Sparking Plug vor acht Tagen, als Sie mich angesprochen haben, verloren hat. Sie könnten zwar nichts beweisen, meinten sie, aber sie würden keinen Wert mehr auf mich legen und tschüs.« »Das ist aber schade«, sagte er und wollte sich verkrümeln. »Wer zuletzt lacht, lacht am besten«, feixte ich und hielt ihn am Arm fest. »Passen Sie auf, Mann, die kriegen ihr Fett.« »Wie darf ich das verstehen?« In seinem Tonfall lag unverhohlene Verachtung, aber seine Augen waren gespannt. »Sparking Plug siegt heute auch nicht«, erklärte ich. »Kann er gar nicht, weil er’s am Magen hat.« »Und woher wissen Sie das?« 128
»Ich habe seinen Leckstein mit Paraffinöl getränkt«, sagte ich. »Seit ich am Montag weg bin, schleckt er ein bewährtes Abführmittel. Das dämpft die Lust am Rennen. Der gewinnt garantiert nicht.« Ich lachte. Schwarzer Schnurrbart warf mir einen entgeisterten Blick zu, machte sich von mir los und eilte aus der Bar. Ich folgte ihm vorsichtig. Er stürmte förmlich hinunter in den Buchmacherring und schaute sich verzweifelt um. Die Rothaarige war nirgends zu sehen, doch sie mußte in der Nähe gewesen sein, denn auf einmal kam sie zügig an den Rails entlang zu der Stelle, wo sie sich vorhin getroffen hatten. Schon war Schwarzer Schnurrbart bei ihr. Er redete heftig auf sie ein. Sie hörte zu und nickte. Ein wenig beruhigt ließ er sie stehen und ging vom Buchmacherring wieder zum Führring. Die Frau wartete, bis er außer Sicht war, betrat dann entschlossen die Mitgliedertribüne und ging an der Absperrung entlang wieder zu Bimmo Bognor. Der kleine Mann beugte sich über den Zaun vor, während sie ernst etwas zu ihm sagte. Er nickte mehrmals, worauf sie wieder lächelte, und als er sich umdrehte, um mit seinen Schreibern zu reden, sah ich, daß auch er breit grinste. Ohne Eile ging ich an den Buchmacherständen entlang und sah mir die Quoten an. Sparking Plug war wegen seiner wasserbedingten Niederlage neulich nicht Favorit, aber mehr als 60 zu 10 traute sich niemand anzubieten. Zu diesem Kurs setzte ich bei einem sichtlich erfolgreichen und fröhlichen Buchmacher in der hintersten Reihe vierzig Pfund – meinen gesamten Inskiplohn – auf meinen früheren Schützling. Wenige Minuten später, immer noch im Ring, hörte ich, wie Mr. Bimmo Bognor einem Strom von Kunden 80 zu 10 für Sparking Plug anbot, und sah, wie er in der Gewißheit, nichts auszahlen zu müssen, ihr Geld einstrich. 129
Zufrieden lächelnd ging ich auf die Tribüne und sah von ganz oben zu, wie Sparking Plug aus der Konkurrenz Hackfleisch machte und mit beleidigenden zwanzig Längen gewann. Schade nur, daß ich da oben nicht hören konnte, was Mr. Bognor von dem Ergebnis hielt. Mein fröhlicher Buchmacher blätterte mir anstandslos zweihundertvierzig Pfund in Fünfernoten hin. Um Schwarzem Schnurrbart und eventuellen Vergeltungsschlägen zu entgehen, begab ich mich zu den billigen Plätzen im Innenraum der Rennbahn und verbrachte dort langweilige zwanzig Minuten, ging durch den Ausgang vom Geläuf zurück, als die Teilnehmer des letzten Rennens aufgaloppierten, und stahl mich die Treppe hinauf zur Tribüne für das Stallpersonal. Humbers Reisefuttermeister stand ziemlich weit oben. Ich drängte mich unsanft an ihm vorbei und stolperte absichtlich über seine Füße. »Passen Sie doch auf, wo Sie hintreten«, sagte er verärgert und fuhr zu mir herum. »Verzeihung, Mann. Hühneraugen, oder was?« »Das geht Sie einen Feuchten an«, sagte er und musterte mich böse. Er würde mich wiedererkennen. Ich biß auf meinen Daumennagel. »Wissen Sie, wer von dem Verein hier Davies’ Futtermeister ist?« fragte ich. »Der da drüben mit dem roten Halstuch. Warum?« »Ich brauche Arbeit«, versetzte ich, und bevor er etwas dazu sagen konnte, drängelte ich mich zu dem Mann mit dem roten Halstuch durch. Sein Stall hatte ein Pferd in dem Rennen. Ich fragte ihn leise, ob sie zwei drin hätten, und er schüttelte den Kopf und sagte nein. Aus dem Augenwinkel sah ich, daß Humbers Futtermeister die abschlägige Antwort nicht entgangen war. Wie 130
gewünscht glaubte er offensichtlich, ich hätte nach Arbeit gefragt und sei abgewiesen worden. Nachdem dieser Keim gelegt war, schaute ich mir beruhigt das Rennen an (Humbers Pferd wurde Letzter) und verließ die Rennbahn unauffällig über den Sattelplatz und den Mitgliederparkplatz, ohne von Schwarzem Schnurrbart oder einem rachsüchtigen Bimmo Bognor abgefangen zu werden. Der Sonntag danach, den ich teils in meinem öden Zimmer, teils auf den menschenleeren Straßen verbrachte, überzeugte mich endgültig, daß ich nicht noch vierzehn Tage untätig in Newcastle herumhängen konnte, und auch der. Gedanke an eine einsame Weihnacht in den kaffeebraunen vier alten Wänden war wenig verlockend. Zudem hatte ich zweihundert Pfund Buchmachergeld neben dem Rest von Octobers Vorschuß in meinem Gürtel, und erst am zweiten Weihnachtsfeiertag in Stafford lief wieder ein Pferd von Humber. Ich brauchte nur zehn Minuten, um zu entscheiden, was ich bis dahin anfangen sollte. Am Sonntag abend schrieb ich October einen Bericht über Bimmo Bognors geheimen Nachrichtendienst, und um ein Uhr früh nahm ich den Schnellzug nach London. Den Montag verbrachte ich mit Einkaufen, und Dienstag abend, gepflegt, von Kopf bis Fuß neu eingekleidet und ausgestattet mit einem teuren Paar Kästle-Skiern, trug ich mich in das Fremdenbuch eines gemütlichen, erstklassigen kleinen Hotels in einem verschneiten Dolomitendorf ein. Die vierzehn Tage in Italien änderten nichts am Ergebnis meiner Arbeit für October, doch für mich waren sie sehr wichtig. Zum erstenmal seit dem Tod meiner Eltern machte ich richtig Urlaub, zum erstenmal seit neun Jahren dachte ich sorglos und unbeschwert nur an mich selbst. 131
Ich wurde jünger. Anstrengende Tage auf den Hängen und eine Reihe von durchtanzten Après-Ski-Abenden ließen die Jahre des Verantwortungsbewußtseins wie Häute von mir abfallen, bis ich mich wie siebenundzwanzig statt wie fünfzig fühlte, wie ein junger Mann statt wie ein Familienvater, bis die innere Befreiung, die mit meiner Abreise aus Australien begonnen und mich durch meine Zeit bei Inskip getragen hatte, plötzlich abgeschlossen schien. Besonders schön war auch die Zeit mit einer der Empfangsangestellten, einer lebhaften, gutgewachsenen jungen Frau, die mich auf den ersten Blick mochte und sich nicht lange bitten ließ, nachts in mein Bett zu kommen. Sie nannte mich ihre Weihnachtsüberraschung. Ich sei ihr ausgelassenster Liebhaber seit langem und sie sei gern mit mir zusammen. Wahrscheinlich trieb sie es wesentlich wilder als Patty, aber sie war mit sich im reinen, und ich fühlte mich sauwohl mit ihr anstatt beschämt. Am Tag meiner Abreise, als ich ihr ein goldenes Armband schenkte, küßte sie mich und sagte, ich solle nicht wiederkommen, denn beim zweitenmal sei alles nicht mehr so schön. Für Junggesellen war dieses Mädchen ein Geschenk des Himmels. Ich flog an Weihnachten zurück nach England, geistig und körperlich in Höchstform und gewappnet gegen alles Üble, was von Humber kommen konnte. Das war schon ganz gut so.
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n Stafford am zweiten Weihnachtsfeiertag warf eines der im ersten Lauf, dem Verkaufsrennen, startenden Pferde gleich nachdem es an vierter Stelle über das letzte Hindernis gekommen war, seinen Jockey ab, durchbrach die Rails und stob über das ungemähte Gras in der Platzmitte davon. Ein Pfleger, der nicht weit von mir auf den zugigen Stufen hinter dem Waageraum stand, rannte fluchend los, um es einzufangen, doch da das Pferd wie durchgedreht von einem Ende der Bahn zum anderen galoppierte, brauchten der Pfleger, der Trainer und ungefähr zehn Helfer eine Viertelstunde, bis sie es am Zaum zu fassen bekamen. Ich sah zu, wie sie das Pferd, einen Braunen ohne Abzeichen, mit besorgten Gesichtern von der Bahn herunter und an mir vorbei zu den Stallungen führten. Das arme Tier schäumte und triefte vor Schweiß und war offensichtlich in Panik; Schaum bedeckte Nüstern und Maul, und es verdrehte wild die Augen. Mit angelegten Ohren, zitternden Muskeln schlug es nach jedem aus, der in seine Nähe kam. Dem Rennprogramm entnahm ich, daß es Superman hieß. Es gehörte nicht zu den elfen, über die ich ermittelte, doch sein hochgeputschtes Aussehen und sein panisches Verhalten, noch dazu ausgerechnet hier in Stafford beim Verkaufsrennen, überzeugten mich, daß es das zwölfte in der Reihe war. Das zwölfte; und bei ihm war es schiefge133
gangen. Wie Beckett gesagt hatte, waren die Anzeichen des Dopings unübersehbar. Ich hatte noch nie ein Pferd in einem solchen Zustand erlebt, für den mir die Bezeichnung »erregter Sieger« aus den Zeitungsausschnitten viel zu mild erschien, und ich kam zu dem Schluß, daß Superman entweder eine Überdosis erhalten oder die bei den anderen bewährte Dosis überaus schlecht vertragen hatte. Weder October noch Macclesfield waren nach Stafford gekommen. Ich hoffte inständig, daß die von October versprochenen Vorbeugemaßnahmen wie etwa Speichelproben vor dem Start trotz Weihnachten auch hier durchgeführt worden waren, denn ohne meine Tarnung aufzugeben, konnte ich weder einen Funktionär danach fragen noch verlangen, daß man den Jockey nach seinen Eindrücken befragte, ungewöhnliche Wetten überprüfte und das Pferd genauestens auf Einstiche untersuchte. Da Superman alle Sprünge sicher genommen hatte, neigte ich immer mehr zu der Ansicht, daß das Doping erst unmittelbar vor oder nach dem letzten Hindernis auf ihn gewirkt haben konnte. Da erst war er durchgedreht und hatte, statt zu siegen, seinen Jockey abgeworfen und das Weite gesucht. Da erst hatte er den Energieschub für die letzten vierhundert Meter bekommen, für die lange Zielgerade, die ihm Zeit und Raum ließ, an den Führenden vorbeizuziehen. Der einzige auf der Rennbahn, mit dem ich unbesorgt reden konnte, war Supermans Pfleger, doch bei dem Zustand seines Pferdes würde es sicher einige Zeit dauern, bis er aus dem Stall kam. Inzwischen mußte ich mich weiter darum kümmern, bei Humber eine Stellung zu bekommen. Ich war ungekämmt, mit hochgestelltem Lederkragen auf der Rennbahn erschienen, die spitzen Schuhe ungeputzt, die Hände in den Taschen, und zeigte ein mürri134
sches Gesicht. Ich blamierte die Innung und war mir dessen bewußt. Es war kein Vergnügen gewesen, an diesem Morgen wieder in »Dannys« Klamotten zu schlüpfen. Die Pullover stanken nach Pferd, die enge, billige Freizeithose sah schmuddlig aus, das Unterzeug war grau gewaschen, und an den Arbeitsjeans klebte noch Dreck. Weil es schwierig gewesen wäre, die Sachen an Weihnachten zurückzubekommen, hatte ich darauf verzichtet, sie vor meiner Abreise in die Reinigung zu geben, und obwohl ich sie ungern so angezogen hatte, wie sie waren, bereute ich es nicht. Um so heruntergekommener sah ich aus. Rasiert und umgezogen hatte ich mich in der Flughafengarderobe in West Kensington, die Skier und mein Reisegepäck hatte ich in der Gepäckaufbewahrung am Bahnhof Euston deponiert, dann eine Stunde ungemütlich dort auf einem Wartesitz geschlafen und mir Sandwiches und Kaffee an der Selbstbedienungstheke geholt, bevor ich in den Sonderzug nach Stafford gestiegen war. Wenn das so weiterging, dachte ich ironisch, würden meine Habseligkeiten bald quer über London verteilt sein, denn weder auf der Hin- noch auf der Rückreise hatte ich mich entschließen können, die bei Terence in Octobers Londoner Wohnung zurückgelassenen Sachen abzuholen. Ich wollte October nicht begegnen. Ich mochte ihn und war nicht geneigt, mich seinem bitteren Groll auszusetzen, wenn es nicht unbedingt sein mußte. Humber hatte an Weihnachten nur einen Starter, ein schmächtiges Hürdenpferd im vierten Rennen. Ich hängte mich über die Abzäunung bei den Sattelboxen und schaute zu, wie der Hürdler vom Futtermeister aufgesattelt wurde, während Humber selbst, auf seinen knorrigen Gehstock gestützt, Anweisungen gab. Ihn hatte ich mir noch einmal gut ansehen wollen, und sein Anblick war ermutigend in135
sofern, als man ihm durchaus Böses zutrauen konnte, und entmutigend insofern, als ich ihm würde gehorchen müssen. Sein massiger Leib steckte in einem gutgeschnittenen kurzen Kamelhaarmantel, unter dem dunkle Hosen und blitzblanke Schuhe hervorschauten. Auf dem Kopf trug er eine sehr korrekt aufgesetzte Melone, an den Händen makellose, helle Schweinslederhandschuhe. Sein Gesicht war großflächig, aber nicht fett, mit harten Zügen. Augen, die nicht lächelten, ein verbissener Mund und tiefe Furchen von den Nasenflügeln bis zum Kinn verliehen ihm einen Ausdruck kalten Eigenwillens. Er stand ganz still und machte keine Bewegung zuviel, das genaue Gegenteil von Inskip, der dauernd um die Pferde herumturnte, Gurte und Schnallen kontrollierte, am Sattel schob, am Sattel zog, Beine abtastete und nervös immer noch mal nach dem Rechten sah. Hier bei Humber war der Junge, der das Pferd hielt, nervös. Verängstigt, konnte man schon sagen. Immer wieder warf er verhuschte, erschreckte Blicke auf Humber, und so gut es ging, blieb er hinter dem Pferd in Deckung. Ein dünner, abgerissener Junge um die Sechzehn, und wie es mir vorkam, geistig nicht ganz auf der Höhe. Der Futtermeister, ein gestandener Mann mit großer Nase und unfreundlicher Miene, paßte in Ruhe den Sattel an und bedeutete dem Pfleger nickend, das Pferd in den Führring zu bringen. Humber ging mit. Sein leichtes Hinken wurde durch den Gebrauch des Gehstocks mehr oder minder kaschiert, und er lief stur geradeaus wie ein Panzer, als müßten alle anderen selbstverständlich weichen. Ich folgte ihm, hängte mich an die Führringrails und sah zu, wie er seinen Jockey instruierte, einen Erlaubnisreiter, der sein Pferd mit berechtigter Skepsis betrachtete. Nicht 136
Humber, sondern der Futtermeister warf den Jockey rauf und nahm die Decke des Pferdes an sich. Wieder zurück auf der Tribüne fürs Stallpersonal, stellte ich mich direkt vor den Futtermeister, und in der Stille vor dem Start versuchte ich den unbekannten Pfleger, der neben mir stand, anzupumpen. Zu meiner Erleichterung, wenn auch nicht unerwartet, lehnte er das Ansinnen so empört und so laut ab, daß Humbers Futtermeister es mitbekommen mußte. Ich zog die Schultern hoch und widerstand der Versuchung, mich umzudrehen und zu schauen, ob es gewirkt hatte. Humbers Pferd machte auf der Zielgeraden schlapp und wurde Zweitletzter. Niemand wunderte sich. Danach postierte ich mich am Stalltor, um Supermans Pfleger abzupassen, aber der ließ noch eine halbe Stunde auf sich warten und kam erst nach dem fünften Rennen heraus. Ich ging wie durch Zufall neben ihm her und meinte: »Du hast ja ganz schön was am Hals, Mann.« Er fragte mich, für wen ich arbeitete; als ich Inskip sagte, taute er auf und meinte, eine Tasse Tee und was zu essen wäre nach dem ganzen Theater nicht schlecht. »Kommt er immer so überdreht aus dem Rennen?« fragte ich, während wir unsere Käsesandwiches verzehrten. »Nein, normalerweise ist er hundemüde. Aber heute war auch wirklich der Teufel los, Mann.« »Wieso?« »Na, erst mal haben sie allen Startern vor dem Rennen irgendwelche Proben abgenommen. Kannst du mir sagen, was das soll? Wieso vorher? Das bringt doch nichts. Hast du das schon mal erlebt?« Ich schüttelte den Kopf. 137
»Dann ist Super so gelaufen, wie er immer läuft; man denkt, daß er locker ins Geld kommt, und am letzten Hindernis kann er nicht mehr. Will er nicht mehr, schätze ich. Dummer Sack. Sie haben sein Herz untersucht, aber das ist in Ordnung. Er hat einfach nicht den Mumm zu kämpfen. Und heute, genau am letzten Hindernis, schmeißt er die Bremse weg und dampft los wie vom Teufel gehetzt. Hast du das gesehen? Nervös ist er eigentlich immer, aber als wir ihn heute gefangen haben, ging er die Wände hoch. Dem Chef war angst und bang. Super sah aus wie gedopt, und da wollte er ihn von sich aus untersuchen lassen, bevor die Rennleitung sagt, er hat dem Pferd was gegeben, und ihm seine Lizenz wegnimmt. Ein paar Tierärzte sind um ihn herumgetanzt, um ihm die und die Proben abzunehmen … wirklich getanzt, weil Super sie zu gern über die Stallwand gekickt hätte … und schließlich haben sie ihm was zur Beruhigung gespritzt. Aber wie wir den nach Hause kriegen sollen, ist mir ein Rätsel.« »Betreust du ihn schon lange?« fragte ich mitfühlend. »Seit Saisonbeginn haben wir ihn. So ungefähr vier Monate. Er ist wie gesagt dünnhäutig, aber vor dem Ausfall hier hatte ich ihn gerade so an mich gewöhnt. Ich hoffe bloß, daß er wieder auf den Boden kommt, bis die Spritzen nachlassen.« »Wer hat ihn denn vorher gehabt?« fragte ich beiläufig. »Voriges Jahr war er in einem kleinen Stall in Devon, bei einem Privattrainer namens Beaney, glaube ich. Ja, Beaney, da hat er angefangen, nur gebracht hat er nichts.« »Wahrscheinlich ist er da beim Anreiten nervös gemacht worden«, sagte ich. »Nein, eben nicht, ich hab mit einem Pfleger von Beaney gesprochen, als wir im August bei den Rennen in Devon waren, und der meinte, ich würde von einem anderen 138
Pferd reden, denn Superman sei friedlich, brav und pflegeleicht. Oder aber in dem Sommer, nachdem sie ihn abgegeben hätten und bevor er zu uns kam, müsse ihm etwas aufs Gemüt geschlagen sein.« »Wo war er denn da?« fragte ich, nach der Tasse orangefarbenen Tees greifend. »Keine Ahnung. Der Chef hat ihn, glaube ich, in Ascot gekauft, und zwar billig. Jetzt schlägt er ihn bestimmt wieder los, wenn ihm einer mehr als der Abdecker zahlt. Armer Super. So ein Knallkopf.« Er starrte düster in seinen Tee. »Du meinst also nicht, daß er heute verrückt gespielt hat, weil er gedopt war?« »Ich glaube, er ist einfach ausgerastet«, sagte er. »Völlig ausgerastet. Es hatte doch keiner Gelegenheit, ihn zu dopen, außer mir, dem Chef und Chalky. Ich hab nichts gemacht, der Chef macht so was nicht, und auch Chalky wird sich hüten, wo er, sein ganzer Stolz, seit letzten Monat erst Futtermeister ist …« Wir tranken aus und gingen, um uns das letzte Rennen anzuschauen, doch über Superman wußte sein Betreuer nichts mehr zu erzählen, was mir weitergeholfen hätte. Nach dem Rennen ging ich in die Stadt und gab von einer Telefonzelle aus zwei gleichlautende Telegramme an October auf, eins nach London, eins nach Slaw, da ich nicht wußte, wo er sich aufhielt: »Brauche dringend Auskunft über Superman, besonders, wohin Besitzertrainer Beaney, Devon, ihn ca. Mai letzten Jahres abgegeben hat. Antwort postlagernd, Newcastle-upon-Tyne.« Den Abend verbrachte ich, Welten entfernt von der Heiterkeit des Vortags, in einem dreiviertel leeren Kino, wo ein ödes Musical lief, und die Nacht in einem schmuddligen Hotel garni, wo man mich von oben herab musterte 139
und im voraus zahlen ließ. Würde ich mich je daran gewöhnen, wie Dreck behandelt zu werden? Es war jedesmal wieder ein Schlag. Wahrscheinlich hatte ich die Achtung, die man einander in Australien entgegenbrachte, für viel zu selbstverständlich genommen. In Zukunft würde ich sie zu schätzen wissen, dachte ich kläglich, als die Wirtin mich in ein unfreundliches kleines Zimmer führte und mir einen argwöhnischen Vortrag hielt von wegen keine Selbstverpflegung, kein warmes Wasser und kein Damenbesuch. Am folgenden Nachmittag lungerte ich mit bedrückter Armesündermiene auffällig vor Humbers Futtermeister herum, und nach den Rennen kehrte ich per Bus und Bahn nach Newcastle zurück. Am nächsten Morgen holte ich. mein aufgerüstetes Motorrad ab und fuhr bei der Post vorbei, um zu sehen, ob schon Antwort von October da war. Der Mann am Schalter gab mir einen Umschlag. Er enthielt ein mit der Maschine beschriebenes Blatt ohne Anrede, ohne Unterschrift: »Superman wurde in Irland geboren und gezogen. Zweimaliger Besitzerwechsel, bevor er zu John Beaney nach Devon kam. Von Beaney wurde er am 3. Mai verkauft an H. Humber, Posset, County Durham. Humber brachte ihn zur Juliauktion nach Ascot, dort ging er für 260 Pfund an seinen jetzigen Trainer. Die gestrigen Untersuchungen im Fall Superman in Stafford sind bislang fruchtlos; die Dopingproben sind noch nicht ausgewertet, werden aber kaum etwas bringen. Der Rennbahntierarzt war, wie Sie scheinbar auch, überzeugt, daß die Sache stank, und hat die Haut des Pferdes gründlich untersucht, aber keine Einstiche gefunden außer denen, die von seinen eigenen Beruhigungsspritzen stammten. Superman war vor dem Rennen offenbar in normaler Verfassung. Sein Jockey fand bis zum letzten Hindernis 140
alles normal, dann bekam das Pferd eine Art Krampf und warf ihn ab. Weitere Ermittlungen über Rudyard ergaben, daß er im Winter vor vier Jahren von P. J. Adams, Tellbridge, Northumberland gekauft und nach kurzer Zeit in Ascot wieder verkauft wurde. Transistor wurde von Adams vor drei Jahren in Doncaster ersteigert und drei Monate später in Newcastle wieder verkauft. Die fortlaufend numerierten dreißig Fünfpfundnoten wurden von der Barclays Bank in Birmingham, Zweigstelle New Street, an einen gewissen Lewis Greenfield ausgegeben, der genau Ihrer Beschreibung des Mannes, der Sie in Slaw angesprochen hat, entspricht. Wir werden gegen Greenfield und T. N. Tarleton vorgehen, jedoch damit warten, bis Ihre Hauptaufgabe zu Ende gebracht ist. Ihren Bericht über Bimmo Bognor haben wir zur Kenntnis genommen, doch wie Sie ganz richtig sagen, ist der Erwerb von Rennstallinformationen nicht strafbar. Offizielle Schritte sind nicht vorgesehen, aber bestimmte Trainer können und sollen auf den Spionagering hingewiesen werden.« Ich zerriß das Blatt und warf es stückchenweise in den Papierkorb, dann setzte ich mich auf mein Motorrad und rauschte die A1 hinunter nach Catterick. Es fuhr sich gut, schön schnell vor allem, und kam tatsächlich noch auf hundertsechzig Sachen. In Catterick biß Humbers Futtermeister an diesem Samstag an wie eine hungrige Forelle. Inskip hatte zwei Pferde geschickt, von denen Paddy eins betreute, und vor dem zweiten Rennen sah ich den cleveren kleinen Iren auf der Begleitertribüne ernst mit Humbers Futtermeister reden. Ich befürchtete, er könnte sich erweichen lassen, etwas Günstiges über mich zu sa141
gen, aber die Sorge hätte ich mir sparen können. Er trieb sie mir persönlich aus. »Du bist ein blöder Hund«, sagte er und maß mich vom Zottelkopf bis zu den staubigen Schuhspitzen. »Das hast du jetzt davon. Der Kerl von Humber hat sich nach dir erkundigt; weshalb du bei Inskip rausgeflogen bist, wollte er wissen, und ich hab ihm den wahren Grund gesagt, nicht den Quatsch von der gnädigen Tochter.« »Was für einen wahren Grund denn?« fragte ich erstaunt. Er verzog verächtlich den Mund. »Die Leute reden doch. Meinst du vielleicht, die behalten irgendeinen Klatsch für sich? Meinst du, Grits hat mir nicht erzählt, wie du dich in Cheltenham besoffen hast und über Inskip hergezogen bist? Und deine Sprüche in Bristol, daß du Leuten zeigen würdest, wo bestimmte Pferde stehen, sind auch zu mir gedrungen. Und mit dem schrägen Soupy verstehst du dich ja glänzend. Und als wir damals alle unseren Lohn auf Sparking Plug gesetzt haben und er stehengeblieben ist … jede Wette, daß das dein Werk war. Ich habe Humbers Typ gesagt, er wäre verrückt, dich zu nehmen. Du bist das Letzte, Dan, auf dich kann jeder Stall verzichten, und das hab ich ihm gesagt.« »Danke.« »Reiten kannst du«, stieß Paddy angewidert nach, »das muß man dir lassen. Vergeudetes Talent ist das. Du kommst in keinem ordentlichen Stall mehr unter, einen faulen Apfel muß man von den guten trennen.« - »Hast du das Humbers Stallmann auch gesagt?« »Daß kein ordentlicher Stall dich nimmt, hab ich ihm gesagt«, nickte er. »Und wenn du mich fragst, das geschieht dir verdammt recht.« Er ließ mich abrupt stehen. Ich seufzte und sagte mir, daß Paddys schlechte Meinung mir eigentlich schmeicheln müsse. 142
Humbers Futtermeister sprach mich zwischen den beiden letzten Rennen auf dem Sattelplatz an. »He da«, sagte er und packte mich am Arm. »Ich hab gehört, Sie suchen Arbeit.« »Stimmt.« »Da hab ich vielleicht was für Sie. Wird gut bezahlt, weit überm Durchschnitt.« »Bei wem denn?« fragte ich. »Und wieviel?« »Sechzehn Pfund die Woche.« »Läßt sich hören«, sagte ich. »Wo?« »Bei mir. Für Mr. Humber. In Durham.« »Humber«, wiederholte ich mürrisch. »Sie brauchen doch Arbeit, oder nicht? Wenn Sie es natürlich nicht nötig haben, Geld zu verdienen, ist das was anderes.« Spöttisch betrachtete er meinen schäbigen Aufzug. »Ich brauche schon Arbeit«, murmelte ich. »Na und?« »Vielleicht nimmt er mich nicht«, sagte ich grimmig. »Mich haben schon einige abblitzen lassen.« »Wenn ich ein gutes Wort einlege, nimmt er Sie; uns fehlt grad einer. Nächsten Mittwoch sind hier wieder Rennen. Ich fühle vor, und wenn das klargeht, können Sie am Mittwoch mit Mr. Humber sprechen. Er sagt Ihnen dann, ob er Sie nimmt oder nicht.« »Fragen wir ihn doch gleich«, sagte ich. »Nein. Warten Sie bis Mittwoch.« »Na schön«, sagte ich widerwillig. »Wenn’s sein muß.« Ihm war förmlich anzusehen, wie er dachte, ich würde bis Mittwoch noch mehr nach Arbeit lechzen, nach jedem Strohhalm greifen und mich von Gerüchten über schlechte Bedingungen nicht mehr abschrecken lassen. 143
Ich hatte die zweihundert Pfund des Buchmachers und die Hälfte des bei Inskip verdienten Geldes für meinen Italientrip ausgegeben (der jeden Penny wert war), und nachdem ich das Motorrad und die Übernachtung in einer Reihe billiger Absteigen bezahlt hatte, war von Octobers zweihundert Pfund Spesenvorschuß so gut wie nichts übrig. Von weiteren Vorschüssen hatte er nichts gesagt, und ich wollte ihn nicht darum bitten, aber da ich die andere Hälfte meines Lohns ausgeben konnte, wie es mir paßte, verbriet ich sie innerhalb von drei Tagen fast restlos auf einer Motorradtour nach Edinburgh, wo ich herumlief, die Schönheiten der Stadt bewunderte und mir unter den vielen Touristen recht merkwürdig vorkam. Am Dienstag abend, zu Silvester, trat ich mutig dem Oberkellner des L'Aperitif gegenüber, dem die vollendete Höflichkeit, mit der er mich bediente, hoch anzurechnen war, wenn er sich auch, bevor er mir einen kleinen Ecktisch zuwies, mit gutem Recht vergewisserte, ob ich genug Geld dabeihatte. Ohne mich um die entrüsteten Blicke besser gekleideter Gäste zu kümmern, aß ich im Gedanken an kommende Humbersche Verhältnisse geruhsam ein erstklassiges, riesiges Diner – Hummer, Ente mit Orangensauce, Zitronensoufflé, Brie – und trank fast eine ganze Flasche 1948er Château Leauville Lescases dazu. Nachdem ich es so noch einmal ausgiebig genossen hatte, mein eigener Herr zu sein, brauste ich am Neujahrstag die A1 hinunter nach Catterick und heuerte guten Mutes in Englands schlimmstem Rennstall an.
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ie Gerüchte waren Hedley Humber kaum gerecht geworden. Was den Stallangestellten dort Übles zugemutet wurde, hatte so viel Methode, daß ich am ersten Tag schon zu dem Schluß kam, die Mißstände seien gewollt, damit niemand zu lange blieb. Ich fand heraus, daß lediglich der Futter- und der Reisefuttermeister, die beide in Posset wohnten, seit mehr als drei Monaten im Stall beschäftigt waren und daß der gemeine Pfleger im Schnitt nach acht bis zehn Wochen zu der Erkenntnis kam, mit sechzehn Pfund sei er hier unterbezahlt. Das bedeutete, daß außer den beiden Futtermeistern niemand vom Stallpersonal wußte, was im Sommer mit Superman geschehen war, denn damals waren sie alle noch nicht hier. Die beiden Topleute aber blieben zweifellos gerade deshalb, weil sie wußten, was ablief; wenn ich sie also nach Superman fragte, konnte es mir sehr schnell so ergehen wie Tommy Stapleton. Ich hatte genug über die schmutzigen, verlotterten Unterkünfte in manchen Ställen gehört und wußte auch, daß manche Pfleger es nicht besser verdienten – etwa solche, die ihre Stühle verheizten, statt Kohlen zu holen, oder die zum Geschirrabwaschen die Toilettenspülung nahmen –, aber die Verhältnisse bei Humber waren nahezu unmenschlich. Als Schlafraum diente ein schmaler Heuspeicher über den Pferden. Man konnte jeden Hufschlag und das Rasseln 145
der Ketten hören, und durch die Ritzen im Bretterboden sah man direkt in die Boxen. Eisige Zugluft trug den Geruch von schmutzigem Stroh herauf. Über dem Heuspeicher gab es keine Decke, nur die Dachsparren und Schindeln, und er war nur über eine Leiter durch ein Loch im Boden zu erreichen. Eine Scheibe des einzigen kleinen Fensters war zerbrochen und mit Packpapier überklebt worden, so daß statt Licht nur Kälte hereinkam. Die sieben Betten, die das ganze Mobiliar des Heuspeichers darstellten, waren einfache Rahmen aus Metallrohren mit straff darübergespanntem Segeltuch. Für jedes Bett waren zwei graue Decken und ein Kopfkissen vorgesehen, aber ich mußte mir mein Zeug erst erobern, weil andere es beim Weggang meines Vorgängers in Beschlag genommen hatten. Das Kissen war ohne Bezug, es gab keine Laken, keine Matratzen. Alle schliefen der Wärme wegen in ihren Kleidern, und als ich den dritten Tag dort war, fing es an zu schneien. Die Küche am Fuß der Leiter, der einzige Raum, der den Pflegern noch zur Verfügung stand, war nichts anderes als die letzte Box auf der einen Stallseite. Man hatte so wenig dazu getan, sie wohnlich zu gestalten, daß sich der Gedanke aufdrängte, ihre Benutzer würden als Tiere angesehen und auch so behandelt. Das kleine Fenster war noch vergittert, und die zweiteilige Stalltür ließ sich immer noch von außen verriegeln. Der nackte Betonfußboden war von Abflußrinnen durchzogen, eine Wand bestand aus rohen Brettern, die ein Pferd mit den Hufen traktiert hatte, die drei anderen aus nacktem Backstein. Es war immer kalt, feucht und schmutzig in dem Raum, und wenn er einem Pferd vielleicht auch genügend Platz geboten hatte, so war er für sieben Männer doch ungemütlich eng. Die spärliche Einrichtung bestand aus grobgezimmerten Sitzbänken an zwei Wänden, einem Holztisch, einem arg 146
ramponierten Elektroherd, einem Bord fürs Geschirr und einem alten Marmorwaschtisch mit Blechkanne und Blechschüssel, unserem ganzen Bad. Anderen Bedürfnissen diente ein Holzhäuschen neben dem Misthaufen. Das Essen, von einer schlampigen Frau zubereitet, die allzeit Lockenwickler trug, war noch schlimmer als die Unterkunft. Humber, der mich mit einem gleichgültigen Blick und einem Nicken eingestellt hatte, wies mir mit dem gleichen Mangel an Interesse bei meiner Ankunft im Stall vier Pferde zu und sagte mir ihre Boxennummern. Weder er noch sonst jemand sagte mir ihre Namen. Der Futtermeister, der ein Pferd selbst betreute, hatte entgegen der allgemeinen Gepflogenheit offenbar wenig zu sagen; es war Humber, der die Anweisungen gab und darauf achtete, daß sie befolgt wurden. Er war ein Tyrann, nicht so sehr, was das Wie, sondern das Wieviel der geforderten Arbeit anging. Es standen gut dreißig Pferde im Stall. Der Futtermeister versorgte eins davon, der Reisefuttermeister, der auch den Transporter fuhr, gar keins. So kamen neunundzwanzig Pferde auf sieben Pfleger, die obendrein die Trainingsbahn und Haus und Hof in Schuß zu halten hatten. An Renntagen, wenn ein oder zwei Pfleger unterwegs waren, mußten die anderen oft jeder sechs Pferde versorgen. Meine Zeit bei Inskip war dagegen ein Erholungsurlaub gewesen. Beim geringsten Anzeichen von Drückebergerei teilte Humber empfindliche kleine Strafen aus und schrie mit schneidender Stimme, er zahle mehr Lohn für mehr Arbeit, und wem das nicht passe, der könne gehen. Da sie alle nur dort waren, weil bessere Ställe die Finger von ihnen ließen, bedeutete der Weggang von Humber automatisch ihren Abschied von der Rennwelt. Da spielte es dann 147
auch keine Rolle mehr, was sie über den Stall wußten. Klug ausgedacht. Meine Gefährten in diesem finsteren Loch waren weder freundlich noch liebenswert. Der beste von ihnen war noch der zurückgebliebene Junge, den ich Weihnachten in Stafford gesehen hatte. Er hieß Jerry und mußte eine Menge Knüffe einstecken, weil er langsamer und dümmer war als alle anderen. Zwei der Leute hatten Knasterfahrung, und gegen ihre Lebenseinstellung nahm sich Soupy Tarleton wie ein Sonntagsschüler aus. Einem dieser beiden mußte ich meine Decken, dem anderen, einem bulligen Schläger namens Charlie, mein Kopfkissen entreißen. Sie waren die beiden Raufbolde der Truppe und traten nicht nur gern um sich, sondern logen auch wie gedruckt und sorgten dafür, daß stets andere an ihrer Stelle bestraft wurden. Reggie war der Mundräuber. Dünn, blaß, mit einem Tic im linken Augenlid, hatte er lange, geschmeidige Hände, die einem schneller das Brot vom Teller klauten, als das Auge wahrnahm. Ich trat viel von meinen mageren Rationen an ihn ab, bevor ich ihn in flagranti ertappte, und es blieb mir ein Rätsel, wie er ein solcher Strich sein konnte, obwohl er mehr als alle anderen aß. Einer war hörbehindert. Eintönig leiernd erzählte er mir, er habe, als er klein war, von seinem Vater zuviel Schläge hinter die Ohren bekommen. Da er sich im Bett manchmal einnäßte, stank er. Der siebte, Geoff, war schon am längsten da und dachte selbst nach zehn Wochen noch nicht ans Weggehen. Er hatte die Angewohnheit, sich verstohlen umzublicken, und da er, wenn Jimmy oder Charlie Schwanke aus dem Knast erzählten, immer aussah, als müsse er heulen, gelangte ich zu dem Schluß, daß er irgend etwas auf dem Kerbholz hat148
te und befürchtete, es könne herauskommen. Vielleicht waren zehn Wochen bei Humber dem Gefängnis ja vorzuziehen, aber darüber ließ sich streiten. Der Reisefuttermeister, Jud Wilson, hatte sie über mich ins Bild gesetzt. Daß ich nicht vertrauenswürdig sei, glaubten sie gern, aber ihrer Meinung nach hatte ich großes Schwein gehabt, am Knast vorbeigekommen zu sein, wenn das mit Octobers Tochter stimmte, und sie kriegten sich kaum darüber ein und rissen gnadenlos obszöne Witze, die mir oft genug unter die Haut gingen. Ich fand ihre ständige Nähe anstrengend, das Essen scheußlich, die Arbeit aufreibend und die Kälte grauenhaft. So lernte ich auf recht unsanfte Weise, daß mein Leben in Australien auch in den schwierigsten Zeiten ein Zuckerlecken gewesen war. Bevor ich zu Humber ging, hatte ich mich gewundert, wie irgend jemand so dumm sein konnte, für teures Geld einen derart erfolglosen Trainer in Anspruch zu nehmen, aber nach und nach fand ich die Erklärung dafür. Schon der Stall selbst war eine Überraschung. So wie die Pferde auf der Rennbahn aussahen, hätte man sich ihr Zuhause voller Unkraut, mit aus den Angeln gebrochenen Stalltüren, abgeblättertem Lack vorgestellt, doch der Betrieb war sauber und machte einen gutgeführten Eindruck, für den die Pfleger ihre Nachmittage opferten. Die hübsche Fassade kostete Humber nichts als hin und wieder einen Eimer Farbe und etwas Sklaventreiberei. Gegenüber den Besitzern, die mitunter zur Stallbesichtigung vorbeikamen, trat er selbstbewußt und überzeugend auf, und wie ich später herausfand, nahm er geringere Gebühren als jeder andere, was ihm natürlich auch Zulauf brachte. Außerdem waren nicht nur Rennpferde bei ihm, sondern auch einige Jagdpferde, deren Unterbringung, Verköstigung und Bewegung er sich gut be149
zahlen ließ, ohne für ihr Training verantwortlich zu sein. Von den anderen Pflegern erfuhr ich, daß in der ganzen Saison nur sieben Pferde aus dem Stall gestartet waren, die dafür aber um so härter ranmußten und im Schnitt alle zehn Tage ein Rennen absolvierten. Ein Sieger, zwei Zweite, ein dritter Platz war das Ergebnis. Von den sieben betreute ich keins. Ich war einem Quartett zugeteilt worden, das aus zwei offenbar Humber selbst gehörenden Rennpferden und zwei Jagdpferden bestand. Die beiden Rennpferde waren Braune, ungefähr sieben Jahre alt; das eine hatte ein feines Maul und keinen Speed, das andere ging zwar gut über die Trainingssprünge, war aber unleidlich. Ich löcherte Cass, den Futtermeister, bis er mir sagte, sie hießen Dobbin und Sooty. Diese turfuntypischen Namen tauchten weder in den gesammelten Rennberichten noch unter Humber in Horses in Training auf, und ich hielt es für mehr als wahrscheinlich, daß Rudyard, Superman, Charcoal und die anderen ihr kurzes Zwischenspiel hier unter ähnlich nichtssagenden Pseudonymen gegeben hatten. Ein aus der Rennwelt verabschiedeter Pfleger würde niemals den Dobbin oder Sooty, den er einmal betreut hatte, mit dem Rudyard in Verbindung bringen, der unter einem anderen Trainer zwei Jahre später ein Rennen gewann. Aber wieso, wieso gewann er zwei Jahre später? Darüber wußte ich noch immer nichts. Die Kälte kam, biß sich fest und blieb. Aber so schlimm wie der vorige Winter könne es unmöglich werden, meinten die anderen, und ich mußte daran denken, daß ich im Januar und Februar damals in der Sonne gebraten hatte. Ich fragte mich, was Belinda, Helen und Philip aus ihren 150
langen Ferien machten und was sie davon halten würden, wenn sie mich in meinem dreckfressenden Schattendasein sehen könnten. Auch die Vorstellung, was meine Leute wohl zu ihrem auf den Hund gekommenen Chef sagen würden, heiterte mich auf, und solche kleinen Lichtblicke waren es, die mir nicht nur die öde Zeit verkürzten, sondern auch halfen, meine innere Identität zu bewahren. Während die Schinderei tagein, tagaus weiterging, begann ich mich zu fragen, ob jemand, der sich auf ein so radikales Rollenspiel einließ, wirklich wußte, was er tat. Ausdruck, Sprechweise und Bewegungen mußten rigoros auf die überzeugende Darbietung blöder Schnoddrigkeit hin zugeschnitten werden. Ich arbeitete schlampig und ritt schweren Herzens wie ein Kartoffelsack; aber auch das Verstellen fiel mit der Zeit leichter. Es war, als könnte einem der Verkorkste, den man spielte, in Fleisch und Blut übergehen. Ob man sich die menschliche Würde soweit abschminken konnte, daß man sie schließlich, ohne es zu merken, ganz verlor? Die Frage blieb akademisch, hoffte ich, und solange ich ab und zu noch im stillen über mich lachen konnte, war ich vermutlich außer Gefahr. Meine Annahme, daß die Pfleger nach drei Monaten in aller Form gegangen wurden, fand ich bei Kandidat Geoff Smith bestätigt. Humber ritt nie mit seinen Pferden aus, sondern kam mit einem Kleintransporter zum Trainingsgelände, schaute ihnen bei der Arbeit zu und war vor ihnen wieder daheim, um die Stallungen unter die Lupe zu nehmen. Eines Tages, als wir mit dem zweiten Lot zurückkamen, stand Humber wieder einmal sichtlich mißgestimmt auf dem Hof. »Smith und Roke, Sie bringen die Pferde in ihre Boxen und kommen wieder her.« 151
Wir gehorchten. »Roke.« »Sir.« »Die Krippen Ihrer Pferde sind ja nicht zum Ansehen. Machen Sie die sauber.« »Ja, Sir.« »Und damit Sie sich in Zukunft dafür Zeit nehmen, stehen Sie nächste Woche um halb sechs auf.« »Sir.« Ich seufzte innerlich, empfand die Schikane aber noch als eine der milderen aus seinem Katalog, da mir Frühaufstehen weiter nichts ausmachte. Man mußte lediglich gut eine Stunde lang untätig im Hof herumstehen. Dunkel, kalt und langweilig. Er selbst war auch kein Langschläfer. Sein Schlafzimmerfenster ging auf den Hof, und wenn jemand nicht Punkt zwanzig nach sechs mit brennender Taschenlampe draußen angetreten war, wußte er es immer. »Nun zu Ihnen.« Er sah Geoff berechnend an. »In Box 7 steht der Dreck. Sie schaffen das Stroh raus und schrubben den Boden mit Desinfektionsmittel, bevor Sie essen gehen.« »Aber Sir«, wandte Geoff unvorsichtigerweise ein, »wenn ich nicht mit den anderen am Tisch bin, lassen die mir nichts übrig.« »Das hätten Sie sich vorher überlegen sollen, dann hätten Sie auch Ihre Arbeit gemacht. Für die fünfzig Prozent, die ich mehr zahle als andere Trainer, will ich Leistung sehen. Sie tun gefälligst, was ich Ihnen sage.« »Aber Sir«, jammerte Geoff, der wußte, daß ihm ohne die Hauptmahlzeit schwer der Magen knurren würde, »Kann ich das nicht heute nachmittag machen?« 152
Humber ließ beiläufig den Gehstock durch seine Hand gleiten und faßte ihn am unteren Ende. Dann holte er aus und zog den knorrigen Griff mit Wucht über Geoffs Oberschenkel. Geoff schrie auf und rieb sich das Bein. »Vor dem Essen«, wiederholte Humber – und ging, auf den Stock gestützt, davon. Geoff wurde um seinen Anteil an dem halb zerkochten, wäßrigen H