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Buch Der Schlafende König von Aglirta ist erwacht und hat seinen Thron bestiegen. Aber er muss gleich darauf erneut freiwillig in den Schlaf sinken, um den mächtigen Erzzauberer, der als Schlange bekannt ist, zu dem gleichen Schicksal zu verdammen. Damit kehrt jedoch keine Ruhe in Aglirta ein: Die Anhänger der Schlange streben weiterhin nach der Macht im Land, und ein charismatischer Kriegsherr schart eine stetig wachsende Armee um sich und droht, den Thron an sich zu reißen. Wieder ist es die Bande der Vier (die junge Zauberin Embra, der kleine Dieb Craer, der hünenhafte Krieger Hawkril und der Heiler Sarasper), die sich dem drohenden Verhängnis entgegenstemmt und die Zukunft von Aglirta zu retten versucht. Autor Ed Greenwood, geboren 1959 in Toronto, hat mit den »Forgotten Realms« eine der beliebtesten Welten für die FantasyLeser und Rollenspieler erschaffen. Er hat sie in zahlreichen Veröffentlichungen beschrieben und dazu eine Reihe von Romanen verfasst, unter anderem den populären Zyklus »Die Legende von Elminster«. Ed Greenwood ist Bibliothekar und lebt in einem alten Farmhaus bei Ontario.
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Ed Greenwood
Die verzauberte Schlange Der Ring der Vier 3 Ins Deutsche übertragen von Marcel Bieger
BLANVALET
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Die amerikanische Originalausgabe erschien unter dem Titel »A Dragon’s Ascension. A Tale of the Band of Four (vol. 3)« bei Tor Books, New York. Umwelthinweis: Alle bedruckten Materialien dieses Taschenbuches sind chlorfrei und umweltschonend. Blanvalet Taschenbücher erscheinen im Goldmann Verlag, einem Unternehmen der Verlagsgruppe Random House GmbH. 1. Auflage Deutsche Erstveröffentlichung Juli 2004 Copyright © der Originalausgabe 2002 by Ed Greenwood Copyright © der deutschsprachigen Ausgabe 2004 by Wilhelm Goldmann Verlag, München, in der Verlagsgruppe Random House GmbH Dieses Werk wurde vermittelt durch die Literarische Agentur Thomas Schluck GmbH, 30827 Garbsen. Umschlaggestaltung: Design Team München Umschlagillustration: Agt. Schlück/Maitz Satz: deutsch-türkischer fotosatz, Berlin Druck: GGP Media, Pößneck Verlagsnummer: 24290 Redaktion: Cornelia Köhler Glossar: Marcel Bieger und Cornelia Köhler UH · Herstellung: Peter Papenbrok Made in Germany ISBN 3-442-24290-8 www.blanvalet-verlag.de
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Für Shalyena
Lass deine Straße hell leuchten Dein Herz glücklich sein Deine Freunde zahlreich Und die Schatzruhe deiner Erinnerungen voller Glanz
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Der Feind der Schlange Ist der Drache Keine echte kriechende Viper Sondern ein Magier in schwarzen Roben Sein Herz schwärzer als das Gewand der Nacht Seine Hände triefend von Blut Seine Zauber so tief Kriechen und schleichen Über Tod und dahinschwindende Jahre Könige fallen, Türme stürzen ein Immer wachsam Im Schatten lauernd Schlüpft sie in dunkle Träume Die Schlange, welche sich wieder erheben wird Er flüstert Fürsten ins Ohr Stiehlt sich des Nachts in ihren Geist Und tückische Männer singen seinen Namen Gierige Narren füllen seine Tempel Kronen fallen vor seinen Fängen Man murrt und verbirgt sich vor ihm Der wahren, kriechenden Viper Aber nicht vergeblich steht man gegen ihn auf Das Schwert geschärft, ihn zu verderben Irrt nicht zu Gipfeln tief von Schnee bedeckt Oder vergessenen Ruinen, hallende Grotten Jagd nicht den Lindwurm, der nach Golde strebt
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Denn der Feind der Schlange ist Der Drache Haelithe von Ranschree, Barde DER WEG DER TAPFERKEIT niedergeschrieben in den Tagen des Königs Gaur (also vor viel zu langer Zeit)
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Aus den Chroniken von Aglirta
Eine Geschichte C In der Zeit der Vielen Zauberer, als ganz Darsar nach den Dwaerindim suchte und sich jedes Jahr Königreiche erhoben und wieder vergingen, erschien in Aglirta die Bande der Vier, deren Schicksal es war, dem Land ohne König wieder einen Herrscher zu geben. Aber vielen erschien dies nicht die Erlösung und den Frieden zu bringen, von welchen die Weissagungen gesprochen hatten. Diese Viererbande erhob sich in verzweifelten Zeiten, in den Tagen, nachdem Fürst Schwarzgult versucht hatte, in seinem langen Zwist mit dem rivalisierenden Haus von Silberbaum an Boden zu gewinnen und gegen die reichen Inseln von Ieirembor in den Krieg zu ziehen. Er hatte es sich zum Ziel gesetzt, sich die riesigen Mengen an Bauholz und Erzen anzueignen, aber er wurde besiegt und musste sich unter großen Verlusten an Soldaten und Rittern zurückziehen, wobei Schwarzgult selbst im Getümmel verschollen ging. Dann bemächtigte sich der grausame Fürst Silberbaum dank der Mithilfe seiner die Dunklen Drei genannten Magier, der Ländereien Schwarzgults und bekriegte anschließend mit
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Erfolg die Fürstentümer, welche seinen eigenen Besitz umgaben. So großartig war der Aufstieg seiner Macht, dass es ganz danach aussah, als ob er bald der König von Aglirta sein würde, dessen wahrer Herrscher länger, als es sich irgendein lebender Mensch ins Gedächtnis rufen konnte, in einem Zauberschlaf gefangen lag. Dann kehrten zwei verzweifelte aglirtanische Krieger – der große Ritter Hawkril Anharu, der zuverlässigste unter Schwarzgults Männern, obgleich er jeden Rang ablehnte, und sein bester Freund, der scharfzüngige und geschickte Beschaffer Craer Delnbein – als Gesetzlose nach Aglirta zurück und versuchten unerhört kühn, die mit Juwelen besetzten Gewänder der Herrin der Edelsteine – Fürst Silberbaums Tochter – aus deren Schlafgemach zu stehlen. Die Dunklen Drei hatten die Fürstentochter in mancherlei Zauberkünsten ausgebildet, sie jedoch gleichzeitig versklavt. Die Burg Silberbaum war ihr Gefängnis, und die Pläne der Zauberer sahen vor, die Edle eines Tages in die Mauern der Burg zu bannen, auf dass sie ihnen als lebende Festung diene. Und aus diesem Grund verbündete sich Embra Silberbaum, welche die beiden Diebe mit Leichtigkeit hätte töten können, mit denselben und schloss einen Pakt mit ihnen, gemeinsam zu fliehen. Verfolgt von den Mächten des Fürsten flohen die drei zum Schweigenden Haus, dem verfluchten und seit langem leer stehenden Besitz des Hauses Silberbaum. Dort trafen sie auf einen alten Heiler, Sarasper Kodelmer, welcher unter anderem die Gestalt eines Langzahns – von manchen auch Wolfsspinne genannt – annehmen konnte.
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Craers Freund seit langer Zeit, hatte er sich vor allen Menschen verborgen, da er nicht in die Sklaverei geraten wollte. Die Fürsten trachteten nämlich danach, alle Heiler in Ketten zu legen, da sie ihnen nützlich sein mochten. So entstand die Viererbande, eine Gruppe, so fröhlich wie nur irgendeine Gaunerbande, welche von den Barden besungen wurde. Im Laufe ihrer Bemühungen wurden Fürst Silberbaum und seine Dunklen Drei niedergerungen und der Schlafende König aufgeweckt, auf dass er wieder von Treibschaum aus herrsche. König Kelgrael Schneestern belohnte sie, indem er einem jeden von ihnen den Titel eines Hochfürsten von Aglirta verlieh, so wie er den zurückgekehrten Fürsten Schwarzgult zum Regenten von Aglirta ernannte, bevor er in seinen Zauberschlaf zurückkehrte. Denn nur wenn Kelgrael schlief, konnte sein Feind seit altersher, der bösartige und höchst mächtige Erzmagier, welchen die Menschen nur als die Schlange kannten, ebenso im Schlaf gefangen und fern von der Welt gehalten werden, welche er so dringend zu beherrschen strebte. Aber während all dem Hader unter den ehrgeizigen Fürsten und Zauberern sowie allen möglichen Leuten, welche nach den vier mächtigen Dwaerindim-Steinen suchten, wurden die Bürger von Aglirta der schlechten Regierung von Herzen überdrüssig. Sie wandten sich der Anbetung der Schlange zu, deren geschuppte Priester – welche in Wirklichkeit keineswegs echte Priester, sondern Zauberer waren und, sobald ihre Macht zunahm, mehr und mehr die Gestalt von Schlangen annahmen – die Gläubigen in Verschwörungen verwickelten, welche die Erlangung der Krone von Aglirta zum Ziel hatten.
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Sie wandten sich ebenso Fürsten zu, welche auch nach der Krone gierten und von denen ein jeder hoffte, der große König zu werden, welcher Aglirta so lange gefehlt hatte und welcher Frieden und Gerechtigkeit ins Land ohne König zurückbringen würde. Das Volk sehnte sich nach Frieden und einem Wiedererblühen des Landes. Und während der ganzen Zeit beäugten fremde Zauberer das Tal von Aglirta und mischten sich in das Getümmel ein, und gleichzeitig lagen die geheimnisvollen Gesichtslosen auf der Lauer. Die Viererbande eilte hierhin und dorthin und versuchte, alle möglichen Fehler zu berichtigen. Aber trotzdem hielten die Schlächtereien und das Suchen nach den Dwaerindim unvermindert an, und keiner unter all denen, welche unbarmherzig hin und her galoppierten, sahen das Große Verhängnis voraus, welches auf sie zuraste. Oder besser gesagt das Jüngste Gericht, welches sie mit ihren eigenen Taten rasch und unbarmherzig über ihr geliebtes Aglirta brachten – und dazu über ganz Darsar.
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Eines Drachen Aufstieg
Prolog C Lampenlicht spiegelte sich auf den glänzend polierten Rändern eines Dutzends Delkamper-Schildern. Ein junger Mann in einem prächtigen seidenen Hemd starrte an üppigen blauen Wandteppichen vorbei in das Blinken und murmelte: »Wenn alle Welt mein Liebchen verriete ... der Wind ihre Lebensflamme mit sich trüge ... mit sich trüge ...« Er seufzte tief, ließ sein Pergament sinken und spießte mit seiner Feder eine unschuldige Wackelfrucht auf. »Oh, wäre ich doch nur der Barde, für den sie mich halten!«, murmelte er düster und blickte mit finster gerunzelter Stirn aus dem offenen Fenster zu den Sternen hinauf. Flaeros Delkamper ließ seine Stiefel krachend auf die glänzende Oberfläche seines besten Schlafzimmertisches fallen und lehnte sich in seinem Sessel zurück. Der Kampf gegen Drachen war ein Kinderspiel im Vergleich zu dem Schmieden von Balladen. Vom Strand her wehte eine Brise und brachte den vertrauten Geruch von Seetang mit sich. Ruhelos schwang Flaeros die Füße wieder auf den Boden, sprang auf und bewegte sich in der lässigen Parodie eines hö-
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fischen Tanzes geschmeidig quer durch den Raum. Dann ließ er seine Handflächen auf das Fensterbrett sinken und starrte über die Bucht von Ragalar, deren Wasser im Licht des aufsteigenden Mondes unter dem vertrauten Sternengewölbe schimmerten. Über Jahre hinweg hatte er hier am frühen Abend gestanden und auf den schmalen, sich vor ihm erstreckenden Streifen von Darsar geblickt, über welchen der Wind blies, ganz gleichgültig, wie hochmütig oder reich die Delkampers sein mochten oder wie laut und belebt es in der grauen Stadt Ragalar zuging. Sein Ururahn hatte hier gestanden, als er in seinem Alter gewesen war, und ohne Zweifel ebenfalls zu den gleichen Sternen hinaufgestarrt. Diese Burg, Varandaur, der Sitz der Delkampers, ragte seit mindestens vier Jahrhunderten wie ein grimmiges träges Maul aus Stein über dieser Ecke der Bucht von Ragalar auf – der Turm, in welchem er jetzt stand, mit all seinen neun Stockwerken, hing geradezu über den Wassern, da er vorsprang und über die Gischt ragte wie der Bug eines großen Schiffes aus Stein, und – Ein melodisches Läuten erklang hinter ihm. Flaeros wirbelte herum. Wer mochte ihn zu dieser nächtlichen Stunde stören? Das Geläut erklang erneut wie das Husten eines sich vornehm zurückhaltenden Dieners. Der Barde der Delkampers lächelte dünn und rief: »Nur herein!« Dann hob er eine Braue. »Janthlin?« »Selbstverständlich, Fürst Flaeros«, kam die achtungsvolle Antwort.
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Der Barde wandte sich wieder dem Fenster zu, so dass nur die Sterne erkennen konnten, wie sich sein Lächeln zu einem fröhlichen Grinsen verbreiterte. Janthlin klingt immer so, als sei er der Welt überdrüssig und geradezu schmerzlich darum bemüht, die hohen Herrschaften zu erfreuen, welchen er diente. Flaeros machte wieder ein ernstes Gesicht und wandte den Kopf um. »Was bringt euch nach Mondaufgang hierher?«, fragte er die Reihen von Schilden. »Braucht jemand dringend ein Lied?« »Nein, Herr. Unten in der Halle sind wir mit Musik wohl versorgt. Ein fahrender Sänger spielt als Gegenleistung für ein Festmahl bei Kerzenschein und ein Bett für die Nacht auf seiner Harfe. Er ist aus Aglirta hierher gereist, so sagt er wenigstens, ein –« Flaeros wirbelte herum und raste wie ein aufziehender Sturm an dem Diener vorbei. »Ja, Janthlin, das habt Ihr gut gemacht. Vielen Dank! Ja, seid bedankt!« Die letzten Worte hallten von der Treppe her in den Raum zurück, da Flaeros bereits die Stufen hinuntereilte. Der alte Diener drehte sich mit leicht unsicheren Schritten um, schaute zu, wie der Schatten seines jungen Herrn die Wand hinuntereilte, und lächelte jetzt seinerseits ein wenig. Der Junge glich so sehr seinem Vater. Flitzt wie ein Vogel umher, hüpft wie eine Flamme ... Janthlins Lächeln verschwand, als ihm zwangsläufig die nächste Zeile der alten Ballade in den Sinn kam. Sein Todesschrei hallt ungehört, und nur sein Name bleibt übrig. Das war so eine Sache mit Balladen. Nur zu oft nahmen
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sie eine Wendung, die einem nicht gefiel. So wie die Liebe. Wie das Leben. Hmmm. Janthlin langte in den Ausschnitt seines Gewandes, zog die Flasche flüssigen Feuers hervor, welche er dort bereithielt, um solch finstere, immer häufiger auftretende Gedanken einfach wegzuspülen – und benutzte den Inhalt. Das hell klingende, verschnörkelte Harfenspiel endete mit einigen letzten, wehmütigen Tönen, als Flaeros die UrdragonTreppe hinuntersprang und auf dem Absatz innehielt, von welchem aus man die Hohe Halle überblicken konnte. Unter den Lampen dort unten drängte sich eine große Menge von Dienern und Delkamper-Onkeln in ihren scharlachroten und goldenen Gewändern, und in vielen Händen befanden sich leere Kelchgläser, was einen nicht weiter verwundern durfte, da nirgendwo eine Maid zu sehen war, die herbeigeeilt wäre, sie zu füllen. Alle sprachen gleichzeitig und überschütteten den Mann mit den traurigen Augen und der abgetragenen Lederkleidung, welcher auf einem Stuhl mitten auf der langen Festtafel saß, ganz nahe bei dem großen, zum Meer hin offenen Fenster, mit Fragen. Die Harfe in seinen Händen vibrierte noch immer. Neuigkeiten aus Aglirta waren es immer wert, dass man ihnen lauschte – und hier saß auch noch ein Geschichtenerzähler, welchem man Fragen stellen konnte – das war etwas ganz anderes als das armselige, mit Vorsicht zu genießende Geflüster aus siebenter Hand ... Der Sänger schaute zu Flaeros herauf und schien leise zu nicken, obwohl man wegen seines herabhängenden Schnurr-
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bartes die Bewegung nicht ganz genau erkennen konnte. »Ich bin in dieses glückliche Haus gekommen«, hob der Fremde plötzlich an, und seine Worte schienen eine unerwartete Bresche in das laute Stimmengewirr zu schlagen, »denn unter all dem neuesten Auf und Ab der fürstlichen Prahlereien, der verlorenen Lieben und der Warenknappheiten gibt es eine wirkliche Neuigkeit für einen unter euch: Der Herrscher von Aglirta hat den dringenden Ruf ergehen lassen, mit einem gewissen Flaeros Delkamper sprechen zu wollen!« Köpfe fuhren herum, man runzelte die Stirn, und überall erklang Gemurmel. »Flaeros?«, fragte mehr als einer der Onkel, und zwar so erstaunt, dass es den jungen Barden tief gekränkt hätte, wäre der nicht gerade die letzten Treppenstufen hinuntergehastet mit den Worten: »Hier bin ich!« Der Sänger – die Dreifaltigkeit möge ihn segnen! – vollführte mit der freien Hand eine schwungvolle Bewegung von der Harfe weg, so wie es das Musikervölkchen zu tun pflegte, um einem fahrenden Sänger den Gruß zu entbieten. »Fürst Flaeros, ich heiße Taercever Rotmantel, fahrender Harfenspieler, und es ist mir eine Ehre, Euch zu begegnen. Bevor Ihr eine Frage stellt: Ich weiß auch nicht mehr zu berichten als die schlichte Bekanntmachung, die ich gerade übermittelt habe. Der Regent hofft, Euch so bald wie möglich in Treibschaum zu sehen, da er eine Unterredung mit Euch führen will.« Flaeros richtete sich hoch auf, da er spürte, dass die Augen aller in Varandaur Versammelten auf ihm ruhten. Dann bemühte er sich um eine möglichst tief und honigsüß klingende Stimme.
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»Ich danke Euch, Meister der Harfe. Es ist eine Ehre, dass Ihr Eure Musik in unserem Haus erklingen lasst, und ich stelle nur eine Frage, die uns allen auf der Seele brennt: Wie lauten die neuesten Neuigkeiten aus Aglirta?« Der Sänger Taercever lächelte, und ein gewisses Zucken seiner Mundwinkel erinnerte verdächtig an Spott. »Das übliche Gerangel der Fürsten um Macht. Die erwartungsvoll ausgestreckten Hände der Söldner füllen sich wieder mit reichlich Geld, weil die Straßenräuberei gewaltig zunimmt.« »Ist das denn tatsächlich der Fall?«, knurrte der Flaeros am nächsten verwandte Onkel und wedelte dabei mit einem glänzenden Kelch von der Größe zweier Dienerköpfe hin und her wie mit einem missbilligend gereckten Finger. Der Sänger zuckte mit den Schultern. »Wenn bewaffnete Männer ohne Anstellung ein solch reiches Land durchziehen, werter Fürst«, sagte er zu der glänzenden Kurve seiner Harfe, »dann entsteht immer Ärger, und zwar nicht zu knapp. Aber handelt es sich um so viel unaufschiebbaren, unvorhersehbaren Ärger, dass es Dutzender von Lanzenträgern und Zwanzigertrupps von Bogenschützen bedarf, um mit ihnen fertig zu werden?« »Tja«, polterte ein anderer Onkel, »ich verstehe, was Ihr sagen wollt. Das ist eine Melodie, die wir alle schon ein paarmal zu oft vernommen haben. Also bricht früher oder später wieder ein Krieg aus. Sonst noch etwas?« »Auf dem Markt von Ibryn sah man eine sprechende Kuh«, fuhr der Sänger leichthin fort und machte dann eine Pause, um das unvermeidliche und begeistert gewährte Schnauben und missbilligende Brummen entgegenzunehmen. »Oh, und noch etwas: Ein Flüstern wie von ausgeschüttelten seidenen
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Bettbezügen geht in ganz Aglirta um, dass nämlich der Regent Ausschau hält nach – diesem da!« Aus den Falten seines wetterfesten Umhangs, welcher in einem Bündel neben ihm lag, zog der Sänger etwas Helles, das einem Handspiegel gleich das Flackern des Herdfeuers einfing und widerspiegelte. Er hielt ein Zepter aus purem Gold in der Hand, dem man die Form eines Drachenkopfes mit leicht geöffnetem Maul gegeben hatte, welcher auf dem stolz geschwungenen Bogen eines Halses mit vielen Schuppen prangte. Der Sänger bewegte langsam den Arm, so dass alle, welche um ihn herum standen, die Schönheit des Zepters bewundern konnten. Die Augen, die aus bernsteinfarbenen Edelsteinen bestehen mochten, schienen zu glitzern, als ob der Drache tatsächlich in der Lage wäre, mit ihnen zu sehen. Alles schnappte nach Luft, und so manch einer wich zurück. »Der Feind der Schlange«, murmelte einer in der Menge, noch bevor Flaeros die Worte aussprechen konnte. Und dann löste sich aus der nach vorn blickenden Gruppe der Diener eine Gestalt. Ein gut aussehender Bediensteter stieß den Arm eines Delkamper-Onkels zur Seite, der nach ihm greifen wollte, und seine Finger glichen plötzlich zischenden, zustoßenden Schlangenköpfen. Die Menge keuchte und schrie, aber der Diener verlangsamte seinen Schritt nicht, sondern stürmte vorwärts und sprang auf den Tisch, auf welchem sich der Sänger vorbeugte, um seinen Mantel um seine Harfe zu wickeln. Taercever blickte auf, sah das Unheil nahen und schwang das Zepter in seiner Hand – aber nicht etwa in Richtung des heranstürmenden Dieners, sondern auf Flaeros zu, welcher
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noch immer am Fuß der Treppe stand. Der junge Barde griff nach dem Zepter und versuchte gleichzeitig, den Diener im Auge zu behalten; das schwere Zepter versetzte seinem Arm einen betäubenden Schlag und fiel dann klappernd auf die Stufen neben seinen Füßen. Ein Messer blitzte auf. Serviermädchen schrien auf. Der Sänger sprang zurück. Ein Onkel schleuderte vergeblich seinen Kelch, ein anderer bellte nach den Wachen, und dann verfing sich Taercever mit einem Absatz in seinem Stuhl. Das Möbel stürzte um, als der Diener sich in einem Hechtsprung nach vorn warf und seine schimmernde Klinge niederfahren ließ und dann wieder hochriss – und sowohl der Schlangenanbeter wie auch der Sänger stürzten gemeinsam aus dem Fenster. Von unten erklang ein donnerndes Platschen – und jeder im Raum setzte sich eilends in Bewegung. »Ergreift den Schlangenkopf!«, brüllte Onkel Hulgor. Seine heisere Stimme übertönte trompetengleich den allgemeinen Aufruhr. »Ich kümmere mich dann schon um ihn!« »Die Dreifaltigkeit möge auf uns niederschauen«, zischte Onkel Sarth Hulgor zu und bedachte seinen jungen Verwandten mit einem Blick, als der Barde das Zepter aufhob und erstaunt anstarrte, »aber der junge Flaeros scheint gezogene Schwerter und die Gefahr wie einen unablässig flatternden Umhang zu tragen!« »Jawohl«, bestätigte Hulgor mit einer gewissen Befriedigung, als beide Onkel ihre schlanken, reich verzierten Schwerter zogen und beobachteten, wie Wachen mit Hellebarden in den Händen in den Raum marschierten. »Der Jun-
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ge ist zu so etwas wie einer Berühmtheit geworden – jedenfalls in Aglirta.« »Ja«, bestätigte Sarth säuerlich. »Von dort pflegt auch immer aller Ärger herzustammen.« Und während Hulgor mit der Klinge in Richtung Fenster wedelte und Befehle im Hinblick auf Boote, Laternen, Netze und Haken gab, hielt Sarth Wache über den vom Donner gerührten Barden, welcher immer noch das Zepter in Händen hielt, es wieder und wieder herumdrehte, als könne er eine Bewegung darinnen spüren ... eine Magie, welche dafür sorgte, dass sein Arm klopfte und prickelte. »Der Regent braucht auf der Stelle dieses Ding hier – und meine Anwesenheit noch dazu«, murmelte Flaeros. »Augenblicklich.« Der junge Mann sprang hastig die Treppe hoch, als befolge er eigene Befehle, und eilte in seine Gemächer zurück, um Vorbereitungen zu treffen. Sarth schüttelte den Kopf und rannte, das glitzernde Schwert gezückt, dem Barden nach. Er keuchte und stöhnte aber bereits nach einigen wenigen Stufen, während rings um ihn herum ganz Varandaur in einen lauten Tumult ausbrach. Er wurde allmählich zu alt für solcherlei Ereignisse ... »So wie wir alle«, schimpfte er und köpfte im Vorbeilaufen ein besonders hässliches Gesteck aus Kronenblumen. Die Blüten fielen seinem Schwert ohne Gegenwehr zum Opfer und verstreuten einen Regen goldener Blätter. Sarth stürmte weiter, wobei sich seine Beine schwerer und immer schwerer anfühlten. Jawohl, viel zu alt.
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Etwas erhob sich tropfend aus der nachtschwarzen See und glitzerte feucht im Licht des Mondes, als aus einer Flosse Finger entstanden und dann ein menschlicher Arm. Der Arm hielt sich an einem feuchten Felsen fest, dann erschien eine gesichtslose Schnauze und gesellte sich dazu. Die Schnauze schob sich höher empor, verdickte sich und wurde zu einem Kopf, welcher eine zweite Kreatur beobachtete, die sich mit gewundenem Schwanz aus dem Wasser erhob und selbst Arme entwickelte, während sich ihr gesichtsloser Kopf zu einem großen Maul spaltete, welches eine in einen feuchten Mantel gewickelte Harfe auf den Fels spuckte. Im Kopf des anderen Gestaltwandlers klaffte ein ähnlicher Spalt auf. Er spuckte das Messer des Dieners auf den Fels neben dem Mantel, dann erschien so etwas wie ein verdrehtes Lächeln auf dem, was eigentlich kein Gesicht war. »Nettes Harfenspiel.« »Ich gebe mir Mühe, Indle. Ich gebe mir Mühe.« Der Koglaur, welcher sich für gewöhnlich Oblarma nannte, hievte sich vollends auf den Felsen. Schwanz und Flossen schmolzen im Mondlicht, bis schließlich eine wohlgeformte menschliche Frau dalag. Neben ihr trieb der Koglaur, welcher sich oft Indle nannte, ein Weilchen länger auf den leise plätschernden Wellen und starrte über die Bucht von Ragalar. Am Strand nahe der dunklen Masse von Varandaurs Türmen bewegten sich zahlreiche Laternen hin und her, und Fackeln flackerten spuckend auf Booten, welche die Wasser durchpflügten wie ein aufgebrachter Schwarm von Glühwürmchen. Ein echtes Glühwürmchen flog schnell wie ein Pfeil an Indles Kopf vorbei. Ein Tentakel schoss nach oben, ringelte
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sich zusammen und zuckte über Oblarmas Kopf. Nachdem der Fangarm sich zusammengezogen und wieder in Oblarmas neue Finger verwandelt hatte, schimmerte das Glühwürmchen inmitten von Oblarmas neu entstandenen glänzenden Locken. »Hmm«, machte Indle und musterte seine Gefährtin, während er das Kleiderbündel hochhob, welches sie früher am Tag hier verborgen hatten. »Warum ist mir das nicht schon eher eingefallen?« Eines von Oblarmas Augen quoll aus ihrem Kopf. Es saß auf einer Art fleischernem Stängel, welcher sich hochschlängelte und nach hinten verdrehte, so dass sie sich das lautlos grün und blau aufblitzende Insekt auf ihrem Kopf anschauen konnte. »Wie ein kleiner Edelstein«, murmelte sie erfreut und zog eine Weste über bemerkenswerten und seltsamerweise fast trockenen Brüsten zurecht, welche einen Augenblick zuvor noch nicht vorhanden gewesen waren. »Ich möchte gern –« Indle gab ein scharfes Zischen von sich und bedeutete ihr mit wedelnden Händen, still zu sein. Oblarma gab keinen Laut mehr von sich. In der Stille der Nacht hörten sie das Platschen von Rudern, Stimmengemurmel von Boot zu Boot, das dumpfe Geräusch, als ein Boot gegen alte, durchnässte Bohlen stieß – und das Donnern von Hufen. Das klang ganz nach Flaeros Delkamper, der mit zwei Rittern auf den Fersen so schnell wie möglich dahingaloppierte. Binnen weniger Augenblicke verklangen die Geräusche in der endlosen Dunkelheit.
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Sie mussten tatsächlich in Eile sein. »Zu manch einem kommt das Abenteuer spät«, sprach Indle zufrieden und hievte sich auf die Felsen. Dabei versprühte er so viel Wasser, dass Oblarma sich hastig zur Seite rollte, um ihre Kleidung halbwegs trocken zu halten. »Anscheinend hat unser kleines Täuschungsmanöver so gut funktioniert wie –« »Ein ganz normaler Tag auf Treibschaum«, erwiderte der andere Koglaur trocken. »Und ganz wie ein Höfling, welcher aus Versehen Verrat begeht und erwischt wird, so wird gerade eben der echte Diener von seiner kleinen Schlangenanbeterversammlung nach Hause schlendern – geradewegs in die Arme all der Delkamper’schen Ritter mit den harten Augen, ganz zu schweigen von den vor Wut kochenden DelkamperOnkeln.« Indle deutete eine kleine Verbeugung an. »Und es ist mir sogar gelungen, Euch nicht zu stechen.« Oblarma kicherte. »Das ist auch besser so. Mir gefällt es, Taercever zu sein.« »Solange Ihr nicht in die Nähe seiner Gläubiger kommt, was?«, meinte Indle und pflückte seine Kleider aus dem hohen Gras über den Felsen. »Er starb vor sechs Sommern einsam und allein irgendwo im Hinterland«, antwortete Oblarma mit einem liebenswürdigen Lächeln. »Ungefähr so erfolgreich wie alle fahrenden Sänger. Glaubt Ihr, dass er überhaupt jemandem viel Geld geschuldet haben könnte?« Indle zuckte mit den Schultern. »Es bedarf nur einer Schuld, einem Mann den Tod zu bescheren – wenn es die
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falsche ist.« Oblarma antwortete mit einem dünnen Lächeln. »Das ist eine Lektion, welche viele Leute in Aglirta niemals zu lernen scheinen. Ich frage mich, wer als Nächster den tödlichen Preis zahlen muss.«
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Eins
Die huldvollen Gastgeber von Aglirta C Die Brise wehte viel zu gleichmäßig. Die Blätter auf den Bäumen rings um die vier Reiter raschelten unaufhörlich. Craer runzelte die Stirn und duckte sich ein wenig tiefer in seinen Sattel. Hunderte von Bogenschützen könnten zusammengekauert und in bequemer Schussweite irgendwo in diesem sonnendurchfluteten Wald auf uns warten – bei der Dreifaltigkeit, die Hälfte von ihnen könnte Bäume für Brennholz fällen, während der Rest sie mit lautem Geschrei anfeuert! – und wegen all dem Gezische und Geraschel der Blätter würden Reiter auf der Straße von der Gefahr nichts ahnen, bevor es zu spät wäre und alle von entschieden zu vielen Pfeilen gespickt wären, um sie missachten zu können. Ganz besonders diese vier Reiter: Die Bande der Vier, Aglirtas einzige Hochfürsten. Vier Leute, derer die Fürsten des Reiches, seien sie nun treu ergeben, gut oder was auch immer, Craers Vermutung nach aus tiefstem Herzen satt waren.
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Er warf einen Blick nach hinten, bemerkte Hawkrils ruhiges Nicken und murmelte seinem sanften Grauen zu: »Bei den Hörnern der Herrin! Ich weiß gar nicht mehr, wohin wir geritten sind! Warum können wir nicht einen Fürsten nach dem anderen aufsuchen, und zwar in einer vernünftigen Reihenfolge, anstatt hin und zurück und kreuz und quer durch das ganze gesegnete Tal zu reiten?« Embras melodisches Lachen durchdrang die Luft neben ihm und bewirkte, dass sein Pferd mit den Ohren zuckte. Craer seufzte; er hatte ihren Flüsterzauber ganz vergessen. Die Vier konnten murmeln und flüstern, und dennoch hörten sie einander so deutlich, als steckten sie in einer stillen Kammer die Köpfe zusammen und ritten nicht durch einen winddurchbrausten Wald, wobei sie Abstand hielten, um kein allzu leichtes, unübersehbares Ziel für Bogenschützen abzugeben. »Auf diese Weise«, erklärte die Fürstin Silberbaum mit geradezu aufreizend süßer Stimme, »werden es meine Mitfürsten einen Hauch zu schwierig finden, den freigebigen Gastgeber zu spielen, der sorgfältig irgendwelche ›Unfälle‹ für uns arrangiert ... oder uns den Preis, nach dem wir suchen, unter der Nase wegstiehlt.« Oh ja, der Preis: der vierte magische Dwaer-Stein. Derzeitiger Aufenthaltsort unbekannt, aber zumindest an dem Tag, an welchem man sie zu Hochfürsten und Embras Vater, Fürst Schwarzgult, zum Regenten ernannt hatte, hatte sich der Stein insgeheim im Besitz eines der Fürsten von Aglirta befunden. Und um ihn ihrerseits zu finden, hatten die Hochfürsten entschieden zu viele Tage damit zugebracht, auf den Straßen
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entlang des Silberflusses und kreuz und quer durch Aglirta zu reiten und einen Fürsten nach dem anderen zu besuchen. Craer Delnbein fiel während ihrer Besuche nicht einmal die unangenehmste Aufgabe zu, aber hier im Wald, als vorderster Reiter und leichtestes Ziel ... »Ich danke Euch, Embra«, erwiderte er mit so seidiger Stimme wie nur möglich. »Wenn Ihr einen Zauber wüsstet, welcher lauernde Bogenschützen abweist, statt mir heimlich zu lauschen ...« »Immer mit der Ruhe«, rügte ihn Saraspers heisere Stimme, als sei Craer ein ungehorsamer, aber gutmütiger Hund. »Immer mit der Ruhe!« Behandelte man ihn etwa wie einen unwillkommenen Wurm? Dann würde er sich auch wie einer verhalten. Craer knurrte wie einer der kläffenden parfümierten Schoßhunde, welche die Fürstin Rildra so abgöttisch liebte und deren den Knöcheln nicht zuträgliche Bekanntschaft sie drei Burgen zuvor gemacht hatten. Wenigstens war ihm die Genugtuung widerfahren, unter den bewusst teilnahmslosen Blicken zweier grinsender Wachen eines dieser hartnäckigen, Stiefel zernagenden Geschöpfe aus einem Fenster in den Burggraben zu befördern. Was sahen solch dumme Personen wie die Fürstin nur in solchen – »Stimmt etwas nicht, Flinkfinger?«, murmelte Hawkril. Craer stieß ein Schnauben aus. »Eine Armee könnte neben uns herstampfen, Bäume fällen, um den Weg freizuhauen, und ich würde sie nicht hören.« Er starrte noch angestrengter nach vorn, als hätte er Fackeln statt Augen, um die ewig tanzenden Blätter zu durchdringen.
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»Ich bitte um Ruhe für seine Eminenz, den Hochfürsten Delnbein«, meldete sich Sarasper feierlich zu Wort. »Ihr Bäume, stillgestanden! Wind, lege dich!« Als einzige Antwort stieß Craer ein betont rüdes Geräusch aus. Sie befanden sich wenigstens einen Tagesritt von dem nächsten Fürsten entfernt – wo Embra hoffentlich ungestört wieder einmal ihren Dwaerindim-Suchzauber wirken würde, während Hawkril sie aufmerksam bewachte, Craer eine ach so kluge Unterhaltung mit den Dienern, Hauptmännern der Wache und Verwaltern führen und Sarasper seine Magie benutzen würde, um die Bedrohung durch alle Arten von Giften abzuwehren, welche dem Essen oder den Getränken der Vier beigemischt sein mochten. Bis jetzt war es ihnen nicht gelungen, den fehlenden Dwaer aufzutreiben, aber sie hatten zwei Versuche abgewehrt, vergiftet zu werden, und sich dafür entschieden, allen Tötungsversuchen mit einem Lächeln zu begegnen, statt ihre Gastgeber herauszufordern. »Wir erreichen lediglich, uns immer unbeliebter zu machen und uns zudem als willige Ziele darzubieten, nicht wahr?«, erklang plötzlich Saraspers Flüstern aus der Luft dicht neben Craers linkem Ohr. »Nun, aber vergesst nicht, dass wir auf diese Weise Aglirtas schöne Landschaft zu sehen bekommen«, brummte Hawkril. »Ich bin schon an übleren Orten eine Zielscheibe gewesen.« »Viel zu viel von Aglirtas schöner Landschaft, wenn ihr mich fragt«, grollte Craer. »Und wir haben uns verirrt und in äußerst schlechter Laune einen zusätzlichen Tag auf den Nebenstraßen verschwendet, nachdem uns ein gewisser Craer Delnbein mit lauter
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Stimme den falschen Weg gewiesen hatte, wenn Ihr uns schon daran erinnern müsst«, erzählte Embra müßig ihren Fingernägeln. Sarasper kicherte. »Ja, wir sind wirklich ganz besonders großzügig mit Fehlern behaftete Helden.« »Nein, mein guter Mitfürst von Treibschaum, wir waren ganz besonders großzügig mit Fehlern behaftete Helden – jetzt sind wir aufdringliche Hochfürsten«, erklärte Craer dem alten Heiler triumphierend. »Versucht, das im Gedächtnis zu behalten, und die nötige Großspurigkeit wird Euch viel leichter zufliegen.« Etwas summte so nahe an seiner Wange vorbei, dass es brannte. Craers Pferd bäumte sich mit einem erschreckten Schnauben auf, das beinahe einem Schrei glich, und der kleinste der Hochfürsten befreite sich mit einer Eile aus den Steigbügeln, welche plötzlich viel dringlicher geboten zu sein schien als jegliche Art von Großspurigkeit. Die lange erwarteten Pfeile drangen wie ein zischender Sturm aus den Bäumen, flackerten wie von magischem Feuer erfasst auf und verlangsamten sich sichtbar, als sie Embras Schildzauber erreichten. »Schon wieder Straßenräuber!«, zischte Craer und tastete nach den Zügeln, während er gleichzeitig einen Dolch zog und festzustellen versuchte, woher genau die Pfeile kamen und von wie vielen Bögen sie abgeschossen wurden. »Befreit einen Wald von den Ratten, und sie huschen zum nächsten!« Embras Schild flammte gut sichtbar rings um sie herum auf, als die Zauberin ihren Dwaer um mehr Kraft anrief. Die nach ihnen ausgeschickten Pfeile hingen zu Dutzenden im
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Zauberfeuer des Schutzschildes und glitten nur ganz träge vorwärts durch die Luft. Craer schlug einen mit der Klinge seines Dolches zur Seite und brachte dadurch den Zauber zum Erlöschen – der Pfeil schoss augenblicklich davon und fuhr bebend mitten zwischen die Steine der Straßeneinfassung – und der Beschaffer duckte sich unter der hässlichen Spitze eines weiteren Pfeils hindurch. »Ein Dutzend?«, rief er und starrte in die Bäume, während er versuchte, seinen schnaubenden Grauen unter Kontrolle zu bekommen. »Hier auf der Seite sind noch mehr«, erwiderte Hawkril bedächtig. »Mindestens zwanzig.« »Straßenräuber tun sich dieser Tage zu Armeen zusammen, will mir scheinen«, grunzte Sarasper. »Sollen wir versuchen, ihnen davonzureiten?« Als ob ihnen die unsichtbaren Angreifer zugehört hätten, sprangen in Leder gekleidete Männer mit grimmigen Mienen aus den Bäumen. Wieder andere kamen hinter dunklen Baumstämmen und wucherndem Unterholz zum Vorschein und schickten sich an, die sich vor den Vieren erstreckende Straße zu versperren – und das Gleiche geschah in ihrem Rücken. »Vierzig, wenn nicht noch mehr«, berichtigte sich Hawkril. »Diese Straßenräuber vermehren sich schnell!« Der Ritter beugte sich tief über seinen Sattel, um den Griff seines großen Kriegsschwertes besser packen zu können, welches er quer über seiner Schulter trug – und musste dann hastig an den Zügeln seines Rosses zerren, als das Pferd vor Schreck seitwärts auszubrechen drohte. Weitere Männer brachen aus den in der Nähe wachsenden
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Bäumen, und eine neue Ladung Pfeile raste aus den raschelnden Zweigen. Embra keuchte vor Schmerz, und ihr Dwaer flammte blendend hell auf. Hawkril riss fluchend sein Pferd herum und schlug mit dem Kriegsschwert wütend Pfeile beiseite, während er seinem Tier die Sporen gab. Wenn seine Herrin verletzt war – Die Fürstin Silberbaum schwankte mit verzerrtem Gesicht in ihrem Sattel. Der herannahende Ritter konnte keinen Pfeil erkennen, der ihr diesen Schmerz hätte bescheren können. Auch Sarasper hielt sich den Kopf und stöhnte. Unsichtbare Pfeilzauber, die jene trafen, welche Magie zu wirken vermochten? Also befanden sich auch Zauberer in den Bäumen. Aber das spielte keine Rolle; die Vier mussten sich so oder so aus dieser Falle befreien, sonst würden sie umkommen. Die echten Pfeile glitten immer näher heran und bildeten ein sich zusammenziehendes Netz aus glühenden Punkten rings um Sarasper und Embra herum. Hawkril machte seinem immer stärker anwachsenden Ärger knurrend Luft und griff nach dem Schild, welcher hinter ihm auf und ab tanzte. Er war zu klein, um sie alle zu schützen, aber wenn es dem Hünen gelang, Embra ein paar kostbare Sekunden für ein mächtiges Zauberfeuer zu verschaffen oder sie aus den sich schließenden Fängen dieser Falle zu reißen, dann könnte es durchaus sein, dass – Craer sprang aus seinem Sattel, und einen Augenblick darauf bohrten sich nicht weniger als sechs Pfeilspitzen in die Flanken seines todgeweihten Grauen. Craer schlug einen siebten Pfeil beiseite, warf sich in den Straßenstaub und rollte sich eilends aus dem Weg. Binnen eines weiteren Augen-
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blicks würde sein Pferd genau über ihm zusammenbrechen, sich hin und her wälzen, schreien und austreten, und Craer legte keinen Wert darauf, den schmerzvollen Todeskampf des Rosses direkt unter demselben mitzuerleben. Der Beschaffer wollte den Todeskampf von nirgendwo aus beobachten müssen, aber die Dreifaltigkeit schien zu verlangen, dass ihnen eine gewisse Viererbande von Hochfürsten immer wieder einmal eine gewalttätige Unterhaltung lieferte, und ... »Der Tag schreitet voran«, sprach Craer zu dem Dolch in seiner Hand, welchen er gleich darauf in das Gesicht eines brüllenden Bogenschützen schleuderte, der seinerseits ein grausam gebogenes Schwert gezückt hatte, »und wir sind anscheinend hinter unser gewohntes Blutvergießen zurückgefallen. All das friedliche Dahinreiten, das Feiern und die höflichen Gespräche bei einem Glas Wein sind schuld daran. Sterbt, Ihr Hund von einem Pferdeschlächter!« Der Bogenschütze gurgelte, versuchte, den Dolch zu ergreifen, welcher aus seinem Auge wuchs, und stolperte dann vorwärts, ohne eine weitere Antwort zu geben. Pfeile fuhren in die Erde und streiften einander dabei. Von Embras Schild befreit, schossen sie über die Steine am Boden oder summten mit neuer Energie davon. Craer wölbte sich um einen Schaft herum, holte einen weiteren Dolch aus einer handlichen Scheide und warf sich flach auf den Boden, um einem weiteren Pfeil zu entgehen. Dann rannte er zurück in Richtung der Hufe von Hawkrils gewaltigem Streitross. Erstickte Schreie und Flüche rings um ihn herum sagten ihm, dass es im Gegensatz zu ihm etlichen seiner Angreifer an Beweglichkeit mangelte.
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»Ha, ich vermute, die sind einfach nicht aus dem Holz gemacht, aus welchem man Helden schnitzt«, murmelte er und rannte weiter. »Craer«, krächzte Embra, und es klang schrecklicherweise so, als schluchze sie, »wollt Ihr endlich Ruhe geben?« Ihr nächstes Wort hätte sie geschrien, sofern sie noch über genug Luft zum Schreien verfügt hätte. Stattdessen kam ein entsetzliches, trockenes Keuchen aus ihrer Kehle – das augenblicklich von Hawkrils Gebrüll übertönt wurde: »Embra! Embra! So sprecht doch, Mädchen!« Jetzt war er mit Gurgeln und Stöhnen an der Reihe. Und Craer riskierte einen Blick nach oben, obwohl er doch vollauf mit seinem eigenen tödlichen Spiel beschäftigt war und sich hin und her wälzte, dann wieder vorwärts hastete und immer wieder nach links und rechts blickte, um nach heranfliegenden Pfeilen Ausschau zu halten. Er sah gerade rechtzeitig hin, um zu sehen, wie sein ältester Freund mit von Pfeilen gespickter rechter Schulter aus dem hohen Drachensattel kippte, während sein sich aufbäumendes Pferd in Todespein mit den Hufen auf die Luft eindrosch, weil aus seiner ganzen rechten Seite ein wahrer Wald aus Pfeilen spross. Embras Schutzschild zerschmolz. Sie würden hier, mitten auf der sonnengesprenkelten Straße unter den schönen Bäumen mit ihren verfluchten raschelnden Blättern sterben, besiegt von dieser Armee aus dem Nichts, und – Plötzliche purpurne Blitze zischten spuckend über die Straße und hätten den Beschaffer beinahe geblendet. Craer warf sich flach auf eine Stelle, von der er hoffte, dass kein Pfeil sie finden würde, und fragte sich, welche Magie ihnen
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wohl jetzt nach dem Leben trachten mochte. Bei den Göttern, Aglirta schien vor Leuten überzuquellen, die auf Mord aus waren. Konnten sie sich nicht an die fürstlichen Gepflogenheiten halten und ein mit ein wenig gutem, altem Gift gewürztes Festmahl veranstalten? Mussten ihre Mordanschläge immer auf staubigen Straßen stattfinden mit flammenden Zauberbannen und dreimal verfluchten Pfeilen? »Ich kann nur vermuten«, drangen Saraspers angespannte Worte in sein Ohr, »dass Ihr dem gespannt lauschenden Land einmal mehr Eure Beschwerde vortragen wollt. Zu viel Magie, zu viel Wälzerei im Staub, und noch dazu Pfeile – habe ich die Liste vollständig wiedergegeben?« »Ihr haltet Euch für einen Herold?«, gab Craer flüsternd zurück. »Also habe ich mit der Schreierei angefangen, ja? Bittet um Vergebung ... Embra muss immer noch über genug Bewusstsein verfügen, dass das Fernhören weiterhin funktioniert. Ich liege hier flach auf meinem Gesicht und sehe immer noch purpurne und weiße Blitze, wann immer ich versuche, irgendetwas anzuschauen – wollt Ihr so gnädig sein, mir mitzuteilen, was geschehen ist?« »Später«, sagte der Heiler grimmig. »Und jetzt bleibt still liegen und rührt Euch nicht.« »Wie bitte?« »Haltet den Mund, Beschaffer!« Etwas an Saraspers stählernem, wütendem Ton bewirkte, dass Craer schwieg, jedenfalls fürs Erste. Mit zusammengekniffenen Augen starrte er den wirbelnden Staub an – welcher gerade eben sichtbar war als träger Schatten hinter dem weißen und purpurnen Feuer, welches immer noch vor seinen verwunderten Augen hin und her tanzte – und wartete,
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bis seine Sehfähigkeit so weit zurückgekehrt war, dass er ein wenig mehr von dem erkennen konnte, was Sarasper so sehr erschreckt hatte. Was auch immer es sein mochte, es hatte die Bogenschützen mittels der Blitze getötet oder vor Schreck erstarren lassen; die einzigen Laute stammten von dem gedämpften Ausschlagen eines getroffenen Pferdes, das sich im Todeskampf wand. Craer wartete voller Anspannung mit dem gezückten Dolch in der Hand. Er hoffte, den Feind ausmachen zu können, bevor er von einem Schwert oder einem Speer aufgespießt wurde. Ganz nahe bei seinem Kopf knirschte ein Stiefel über die Steine der Straße, und er hörte, wie Embra keuchte. Sollte er sich mit aller Kraft zur Seite werfen oder –? Nicht allzu weit von dem aufgewirbelten Staub und den vielen auf der Straße niedergestreckten Körpern entfernt schloss sich eine Hand behutsam um einen Knoten an einer Stelle, an der einst ein Ast gewachsen war. Der Besitzer der Hand lehnte sich um die Biegung eines dunklen, alten Baumstumpfes und spähte durch die raschelnden Blätter auf die wenigen Gestalten, welche sich dort bewegten, wo noch vor wenigen Augenblicken ein Kampf gewütet hatte. Kein Pfeil sirrte durch die Luft, und es stand auch kein Schütze bereit, weitere abzuschießen – aber die Hochfürsten von Aglirta hatten allem Anschein nach keinen Sieg errungen. Der Dieb der Bande lag reglos auf der Straße. Wäre da nicht das verräterische Beben seiner angespannten Schultern gewesen, so hätte man glauben können, er sei tot. Halb zusammengesunken hockte Hochfürst Hawkril An-
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haru ein Stück weit entfernt stöhnend auf der Straße. Einer seiner Arme war dunkel und nass von Blut und durch eine Vielzahl von Pfeilen an seinen Oberköper geheftet. Der Hüne grimassierte in Richtung einer einsamen Gestalt, die langsamen Schrittes die Straße entlang auf ihn zuschritt. Zweimal versuchte der schwerfällige Ritter, sein Kriegsschwert mit den zitternden, vor Blut triefenden Fingern seines verletzten Armes aufzuheben – und versagte zweimal. Hinter dem Ritter in seiner Rüstung lagen zusammengesunken der Heiler und die Zauberin an einem mit Farnen bewachsenen Wall, welcher die entgegengesetzte Seite der Straße begrenzte. Der alte Mann versuchte, den reglosen Körper der weißgesichtigen Frau mit seinem eigenen zu schützen. Er starrte ebenfalls die sich nähernde einsame Gestalt an. Der Beobachter im Wald zog sich zurück und drückte sich tief hinter den seinen Körper verbergenden Baumstumpf. Aber er schaute nach wie vor genau hin. Roter Nebel des Schmerzes kringelte sich in den Ecken von Hawkrils Blickfeld. Er spuckte Blut und versuchte, seiner Qual Herr zu werden und die klare Sicht auf den Mann zu behalten, der jetzt auf ihn zukam. Groß, schlank, dunkel und jung. Und gut aussehend ... auf seiner linken Wange prangte eine kleine Tätowierung in Form eines auf der Spitze stehenden Dolches, und scharfe – nein, glühende, schwarze Augen brannten darüber. Er trug ein paar Ringe an den langen, schlanken Fingern, und seine Hände wiesen keinerlei Spuren harter Arbeit auf. Im Gürtel steckte ein Dolch, und er trug schwarze, enge Hosen, darüber eine aufwändig gearbeitete Tunika, welche aber keinerlei Ab-
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zeichen oder adlige Farben aufwies. Diesen Mann, dessen war sich Hawkril gewiss, hatte er nie zuvor gesehen. Der Neuankömmling hielt knapp außerhalb der Reichweite des Ritters an und schaute auf den vor Schmerz zusammengekrümmten Krieger. Seine Hände baumelten leer nach unten, waren aber leicht gekrümmt. Fäden purpurfarbenen Rauchs, durchsetzt mit blitzenden weißen Funken, stiegen noch immer zwischen seinen Fingern auf – und die Funken prasselten bedrohlich, als er jetzt die Hände hob und auf Hawkril und Sarasper deutete. »Soll ich Euch alle töten, Ihr Hochfürsten von Aglirta?«, fragte der unbekannte Zauberer mit einer Stimme, welche kaum lauter klang als ein Flüstern. »Oder könnt Ihr mir einen guten Grund dafür nennen, warum ich Euch am Leben lassen sollte?« »Werter Fürst«, sagte der alte Verwalter unruhig, »ein Mann ist gekommen, Euch zu sehen. In voller Rüstung und mit gezücktem Schwert und begleitet von einem Dutzend kampfbereiter Männer. Er gibt als Namen lediglich ›Kleine Blume‹ an.« Fürst Nesmor Glarond lächelte dünn und hob die Hand zu einem Zeichen, welches seine Wachen hier und da im Thronsaal von Glarondar dazu brachte, hastig die Schwerter zu ziehen und dann wieder in einer neuen Position zu erstarren. Ihr Herr warf einen kurzen Blick hinauf zu den vergoldeten Galerien und gab ein weiteres Zeichen. Seine Pagen sahen die Geste, drehten sich um und bellten leise, aber tödlich
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kalte Befehle. Die Gesichter der zahlreichen Höflinge, welche täglich Stunde um Stunde damit zubrachten, sich entlang der reich geschnitzten Geländer aufzureihen, auf den Fürst niederzuschauen und auf einen noch so geringen Ausrutscher seinerseits zu warten – oder das kleinste Anzeichen für eine Gunst –, verschwanden von einem Augenblick auf den anderen unter missbilligendem Gemurmel. Glaronds Lächeln verschwand. Lasst sie sich nur darüber wundern, weshalb sie so plötzlich hinweggefegt wurden. Ehrgeiziger Pöbel, einer wie der andere, welchen man am besten von dem fern hielt, über was binnen Kurzem verhandelt werden würde. Nur diejenigen, welche zählten, mussten bleiben – oder erhielten die Erlaubnis dazu. Bei seiner ›Kleinen Blume‹ handelte es sich um einen gefährlichen Mann, und er würde zweifellos ein zäher Verhandlungspartner sein; falls sich die Sache schlecht für den Stolz von Glarond anließ, dann war es besser, wenn so wenig Leute wie möglich zuschauten. Fürst Glarond war sich der Tatsache durchaus bewusst, dass er nicht eben zu den beliebtesten Männern des Landes zählte. Binnen weniger Augenblicke hatte der Verwalter in der Nähe der Tür Haltung angenommen. Er verbeugte sich vor seinem Herrn. Inzwischen hielt sich nur noch so viel Pöbel im Saal auf, wie es den Wünschen des Stolzes von Glarond entsprach. Der Mann auf dem Thron antwortete mit einem Nicken, hob eine Hand und wies beinahe träge auf die Tür. Der Verwalter wandte sich um, öffnete die Türflügel weit und trat dann wieder zurück, ohne anzukündigen, wer da einzutreten im Begriff war.
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Man hätte beinahe brüllen müssen, um jemanden über all das plötzliche rhythmische Geklapper hinweg ankündigen zu können, welches sich jetzt erhob: Das Geräusch von Männern in voller Rüstung, die rasch im Gleichschritt heranmarschierten. Sie kamen mit entblößten Köpfen und leeren Händen in den Thronsaal von Glarondar, aber mit einem Schritt, als seien sie die Herren dieser Halle. Sie bestiegen das Podest, auf welchem der Thron stand, und kamen dann ebenso selbstverständlich zu einem Halt wie jede förmliche Wache bei einer Parade. Die Wachen des Fürsten versteiften sich und beäugten die Neuankömmlinge voller Unruhe. Es bedurfte nicht des geschärften Auges eines Veteranen, um beurteilen zu können, dass sie in der Minderzahl waren – und vielleicht sogar besiegt. Viele von ihnen bemerkten auch nicht, dass auf den Treppen zu den Galerien und entlang der rückwärtigen Wand der Halle kurze Handgemenge ausbrachen, als sich Beschaffer in Lederharnischen mit gespannten, gegen die Decke gerichteten Armbrüsten ihren Weg durch die Höflinge und Pagen bahnten und auf gewisse Standorte zustrebten, die ihnen einen Vorteil verschafften. Unbekannte Männer, welche mit harten, eifrigen Blicken den ganzen Saal nach Zielen absuchten. »Seid willkommen, Fürst Blutklinge«, sagte Glarond ruhig und erhob sich von seinem Thron. »Euer Ruhm eilt Euch voraus.« Der Mann an der Spitze der Bewaffneten lächelte ein geisterhaftes Lächeln, welches jedoch nicht bis zu seinen Augen reichte, und erwiderte: »Ein Fürst bin ich noch nicht, Glarond, obwohl mich manch einer als Kriegsherrn bezeichnet.
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Sendrith Duthjack, zu Euren Diensten – sofern wir zu einer Übereinkunft kommen.« Der Fürst neigte den Kopf. »Ich bin kein unvernünftiger Mann.« So manch einer in dem Saal hätte dieser Erklärung mitnichten zugestimmt, aber keiner unter den wie erstarrt dastehenden Anwesenden entschloss sich dazu, dies hörbar kundzutun. Der Fürst galt auch nicht als ein Mann, der leicht vergab. »Und ich«, sagte Duthjack, »halte die Bündnisse in Ehren, welche ich schließe. Ich denke, dass Ihr das wisst.« Wieder neigte Glarond den Kopf. »Das weiß ich in der Tat. Und wie es der Zufall will, halte auch ich mich an geschlossene Übereinkünfte. Sollen wir damit anfangen, dass ich verkünde, wofür ich Euch und die Klingen unter Eurem Befehl anheuern möchte?« »Tut das. Keine Aufgabe ist unannehmbar für mich, sofern wir uns über den Preis verständigen, und meine wird darin bestehen, Euch zu antworten«, erwiderte Duthjack. Seine Soldaten drehten sich wie ein Mann um, obwohl ihr Anführer weder einen Befehl noch ein Zeichen gegeben hatte. Sie blickten die Höflinge zu beiden Seiten des Podestes an – und ihre Panzerhandschuhe klirrten, als sie die Hände fest um die Waffen schlossen. Die Stille, die nun folgte, schien so angespannt zu sein wie eine zurückgezogene Bogensehne. Mehr als ein Mann in dem Saal schluckte – und musste feststellen, dass er eine trockene Kehle hatte. »Mich verlangt danach«, sagte Fürst Glarond ruhig, »König von Aglirta zu sein. Bevor noch der erste Schnee fällt, will ich
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als unbestrittener Herr über das ganze Tal auf dem Flussthron sitzen, und alle Fürsten sollen mir die Treue geschworen haben oder tot sein. Einfach genug?« Duthjack nickte. »Habt Ihr Zauberer, welche für Euch kämpfen?« Der Fürst schüttelte den Kopf. »Nicht einen«, entgegnete er in einem Tonfall, der nahe legte, dass er noch mehr sagen wollte. Stattdessen schwieg er. Ein Schweißfilm war auf seine Stirn getreten und glitzerte über seinen Brauen, aber er straffte das Kinn und starrte seine gewappneten Besucher an, als sei er bereits König. Duthjack erklärte tonlos: »Andere werden welche haben. Unsere Verluste werden groß sein. Zweitausend Goldstücke – Sundars aus Ragalar oder karraglanische Zostarrs, keine Münzen aus Aglirta – für jeden Schwertkämpfer, welchen ich Euch bringe. Eine schriftlich niedergelegte Liste der Aufgaben und Ziele meiner Truppe, von welcher wir beide Abschriften erhalten. Die Hälfte der Summe muss ausgezahlt werden, noch bevor eine Klinge gezogen wird; nur Überlebende dürfen die zweite Hälfte einfordern, die bis spätestens in der Mitte des Winters ausgezahlt sein muss.« Glarond nickte langsam. »Und Euer Anteil?« »Einhundert ragalanische Sundars und dazu ein Fürstentum flussabwärts. Hellbanner würde mir gefallen.« »Loushoond«, gab der Fürst entschlossen zurück. Schweigen breitete sich aus, zuerst zögernd, aber dann, als es nicht enden wollte, mit immer stärkerer Anspannung. Die im Saal verbliebenen Höflinge schauten einander an und dann geschwind in eine andere Richtung. Keiner traute sich, die beiden Männer, welche einander im Herzen des Saa-
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les gegenüberstanden, länger anzublicken. Langsam nickte Duthjack. Sein Gesicht sah nachdenklich und zurückhaltend aus. Der Fürst konnte kaum glauben, dass alles so einfach sein sollte, und lehnte sich auf seinem Thron nach vorn. Schweiß strömte über seine Stirn, und er fragte eilig: »Also haben wir ein Abkommen?« Der Mann, der oft Blutklinge genannt wurde, lächelte. Er zog seine Panzerhandschuhe aus und übergab sie ohne einen Blick zurück einem seiner Männer, welcher hinter ihm stand. Dann trat er vor und streckte eine Hand aus. Der Fürst erhob sich vom Thron, stieg die einzelne Stufe zum Podest hinunter, wo die Söldner standen, und streckte seinerseits die Hand aus, um Duthjacks Finger zu ergreifen. Die Hände der beiden Männer trafen sich und packten zu, und Glarond verzog schmerzlich das Gesicht. Bevor er auch nur einen Hauch von Unwillen äußern konnte, packte die freie Hand des Kriegsherrn den Fürsten bei der Kehle. Finger aus Eisen schlossen sich, und der Stolz von Glarond gab einen dünnen und erschrockenen, erstickten Ton von sich. Duthjacks Lächeln war ebenso eisig wie seine Stimme. »Nein, werter Fürst Glarond, das haben wir mitnichten. Von den Fürsten abgesehen, habe ich mich auch mit anderen im Tal beraten und mir andere Sichtweisen hinsichtlich der Zukunft des Tals angehört. Warum sollte ich mich damit begnügen, ein Fürst zu werden – unter so vielen fetten, verderbten, überheblichen fürstlichen Narren – wenn ich auf dem Thron von Aglirta sitzen könnte? Ihr braucht mich, werter Glarond ... ich hingegen brauche Euch nicht.«
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Er drückte die Finger unvermittelt mit aller Kraft zusammen, zermalmte den Knorpel in der Kehle des Fürsten, und Glaronds erstickte Laute erstarben. Geschickt pflückte Duthjack den goldenen Stirnreif vom Kopf des zusammensackenden Mannes – und dann strafften sich seine Schulternmuskeln, und der aus hundert schauerlichen Geschichten als Blutklinge berüchtigte Söldner schleuderte den Leichnam von sich. Schlaff kollerte der Körper die Stufen des Podestes hinunter. Mit den Händen am Schwertgriff und kehlig knurrend stürmten die Wachen des Fürsten vor ... und hielten dann unsicher inne, als sich überall im Saal kleine Armbrüste bedrohlich in Richtung ihrer Kehlen und Gesichter hoben. Der Stolz von Glarond lag inzwischen reglos am Boden, und seine blicklosen Augen starrten aus einem seltsam abgewinkelten, blaurot angelaufenen Kopf mit erfrorenem, ewigem Staunen zur Decke hoch. Aus der Gruppe der entsetzten Höflinge, welche dem Thron am nächsten standen, löste sich ein in reich verzierte rubinrote Seide gehüllter Mann. Er räusperte sich, hob eine mit schweren Ringen geschmückte Hand, brachte ein brüchiges Lächeln zustande und rief: »Gegrüßt sei Fürst Duthjack!« Der Kriegsherr lächelte, schritt auf den Mann zu und meinte kalt: »Nein. Das glaube ich nicht.« Mit einer weichen, bedachten Bewegung zog er sein Schwert – und rammte es dem Höfling in den Leib. Als blutiger Stahl aus dem zuckenden Rücken des Mannes drang und die rubinrote Seide beinahe lautlos durchschnitt, lösten sich überall im Saal Bolzen von Armbrüsten, und Höflinge
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stöhnten, schrien, keuchten oder gurgelten – und fielen hin und starben. »Fürsten sind schon lange genug der Fluch Aglirtas gewesen«, sagte Duthjack zu einem alten Wachposten, der eine Schwertlänge entfernt Haltung angenommen hatte; Angst ließ den grauweißen Schnurrbart des Mannes beben. »Es ist an der Zeit und eigentlich schon längst überfällig, dass jemand Jagd auf die Fürsten macht. Kein so edler Zeitvertreib wie die Hirschjagd, aber hoffentlich lohnender. Euer Name, alter Krieger?« »Th-Tharim, Fürst Blutklinge«, stammelte der Wächter, fiel auf die Knie und hielt sein Schwert mit dem Griff voran Duthjack hin. »Ehr seid ein kluger Mann, Tharim«, sagte der Kriegsherr mit einem eisigen Lächeln, »und vorsichtig noch dazu. Ich lasse Euch am Leben, sofern Ihr mir versprecht, mir einen kleinen Dienst zu erweisen: Teilt den Rittern von Glarond mit, dass von nun an ich ihr Herr bin. Fürst von Glarond, falls es denn sein muss. Ach, und sagt ihnen noch etwas: Ihr Kriegsherr befielt ihnen, sich zu bewaffnen, sich auf einen Krieg vorzubereiten und binnen zweier Nächte zu Pferde bereitzustehen.« »Jawohl, Fürst Blutklinge. Zu Pferde und bereit.« Der alte Soldat erhob sich, zögerte und wartete sichtlich ab. Duthjacks kaltes Lächeln verbreiterte sich. »Nein, ich werde Euch nicht sagen, wohin es geht. Sagt ihnen nur, dass wir in den Krieg reiten.« Der Wächter nickte. »Und auf dem Weg dorthin Fürsten jagen«, murmelte er und versuchte seinerseits, ein unstetes Lächeln zustande zu bringen.
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Blutklinges Lächeln wurde womöglich noch eisiger. »Klugheit wird gern überschätzt, meint Ihr nicht auch?« Während Tharim hastig »Ja, Fürst« murmelte und sich davonmachte, kehrte sein Zittern deutlich sichtbar zurück.
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Im Sattel ins Abenteuer C Die Gestalt hinter dem Baum lehnte sich weiter vor und versuchte, sich nicht ein einziges leise gemurmeltes Wort oder einen einzigen Atemzug auf der Straße dort drüben entgehen zu lassen. Über den aufgehäuften, wie Stoffpuppen aussehenden Leichen der Bogenschützen summten bereits Fliegen – und die todbringenden Blitze ringelten sich noch immer um die Finger des Zauberers, welcher auf der Straße stand. »Ihr solltet uns am Leben lassen, falls Euch das Schicksal Aglirtas am Herzen liegt«, krächzte Sarasper. Auf seiner Miene zeichnete sich nicht die geringste Spur von Furcht ab, als er jetzt den Zauberer anblickte. »Viel zu lange hat das Land nicht nur keinen König, sondern auch kein Gesetz gehabt, es sei denn, man bezeichnet die sich ständig verändernden Launen skrupelloser Fürsten und Tersepte als rechtmäßig. Wir streben ein Aglirta an, in welchem alle ohne Furcht einherwandeln können, die Gesetze stark sind und der Friede nicht gebrochen wird, auf dass alle Bewohner die Früchte ihrer Arbeit ernten, ihr Handwerk ausüben und Geld verdienen können, ohne befürchten zu
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müssen, dass grausame Fürsten und ihre ...« »Zauberer?«, fragte der wohlgestalte junge Mann spöttisch. »Ich glaube, dass wir alle den Frieden wollen und einen guten Herrscher, Heiler. Und Bögen hat man schon immer besser gespannt, um Wild für die Tafel zu schießen, statt das Leben von Männern auszulöschen.« Er stieß den am nächsten liegenden Bogenschützen mit der Spitze seines Fußes an und fügte hinzu: »Aber die da würden, sofern sie noch am Leben wären, für sich in Anspruch nehmen, dass sie der Erhaltung des Friedens dienen unter dem Kommando eines weisen und gerechten Herrschers – und wo ist der Unterschied zwischen ihnen und euch? Ihr seid nichts weiter als vier Gefährten, die großspurig sind wie Straßenräuber, während sie euch zahlenmäßig bei weitem übertreffen und zudem den Befehlen von irgend wem folgen ... und in diesen Tagen der Hochfürsten und Regenten fällt es mir schwer zu glauben, dass Rebellenarmeen durch Aglirta marschieren!« »Wer seid Ihr?«, fragte Sarasper in aller Ruhe, »dass Ihr Euch über uns lustig macht?« In diesem Augenblick keuchte Hawkril vor Schmerz, und die Köpfe des Zauberers und des Heilers wandten sich dem Hünen zu, welcher sich gerade einen Pfeil aus dem Arm zog. Ein Schwall schwarzen Blutes quoll hervor, und der Ritter sackte zur Seite und auf die Straße, wo er sich stöhnend hin und her wand. Sarasper bettete Embra sanft zwischen die Farne, erhob sich und eilte zu Hawkril. »Bleibt, wo Ihr seid!«, gebot der Zauberer barsch und hob eine Funken versprühende Hand.
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Sarasper kniete sich neben seinen verletzten Freund und erklärte seelenruhig: »Heilen ist das, was ich tue, Herr Zauberer. Die vielen Leute, denen ich während all der Jahre geholfen habe und welche ich, falls ich am Leben bleibe, über die nächsten Jahre hinweg heilen werde, können nur darauf hoffen, dass das Hinwegblasen von allen, die Euch nicht gehorchen, nicht die einzige Kunst ist, welche Ihr beherrscht.« Mit von Hawkrils Blut feuchten Fingern tastete er nach den Schnallen und Riemen, welche die Schulterplatten des Ritters zusammenhielten. »Gehorcht mir, Heiler!«, zischte der Zauberer mit vor Zorn scharfer Stimme. »Ich bin Jhavarr Bogendrachen, und –« Sarasper hob den Kopf, blickte in die Augen des Mannes und nickte. »Ihr seid nach Aglirta gekommen, um den Tod Eurer Schwester zu rächen«, sagte er leise. »Sie starb durch die Hand eines Zauberers, möchte ich hinzufügen.« Helle Blitze rasten kurz um zwei geballte Fäuste und lösten sich rasch wieder auf. Der Magier holte tief und bebend Luft und erwiderte dann so ruhig, als spräche er über das nicht weiter bemerkenswerte Wetter der vergangenen Tage: »Ihr seht die Dinge richtig, Heiler. Cathaleira Bogendrachen war die fähigste unter allen lebenden Magiern unserer Familie, und wir beide standen uns – sehr nahe. Wir sprachen oft über weite Entfernungen hinweg miteinander, und ich weiß sehr wohl, dass sie ihren Meister hier in Aglirta lieben lernte. Soweit mir meine magischen Fähigkeiten enthüllten, schlachtete er sie mit eigener Hand, und ihre Empfindungen wurden Teil eines Ungeheuers, welches er erschuf. Das kann ich kaum glauben, aber ...« Jhavarrs Stimme gewann an Stärke, und er zischte: »Ich
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habe auch erfahren, dass ihr Vier dabei geholfen habt, das Ungeheuer zu töten, und damit meine Schwester in den kalten, endlosen Schlaf schicktet, aus dem niemand mehr erwacht.« Sarasper seufzte. »Da hat Euch jemand etwas Falsches erzählt. Wir hatten daran keinen Anteil«, erklärte der Heiler. »Diejenigen, welche das Ungeheuer niedermachten, versuchten in dieser Nacht, auch uns zu töten. Tharlorn von den Donnern verriet Eure Schwester, ja – weil er Eifersucht und Überdruss empfand angesichts ihrer wachsenden Fähigkeiten als Zauberin, dessen bin ich mir gewiss. Vergebt mir meine unverblümten Worte, aber er schnitt ihren Körper auf wie ein Fischhändler aus Sirl, wenn er den größten Fisch des Tagesfanges ausnimmt. Einer seiner geringeren Lehrlinge war anwesend und vertraute sich einem Freund an, weil er hoffte, dass er gerächt würde, sollte Tharlorn ihm das gleiche Schicksal zugedacht haben.« »Und der berühmte und viel gefürchtete Tharlorn ist tot«, sagte Jhavarr grimmig. »Ich wollte, ich könnte mir dessen sicher sein.« Sarasper, der sich zitternd an die Heilung des unter seinen Händen gleichfalls bebenden Hawkril machte, schaute forschend auf. »Habt Ihr einen Grund, dies zu bezweifeln?« Jhavarr Bogendrachen richtete sich auf und sagte langsam und eisig: »Ich bezweifle gar nichts, denn bis jetzt weiß ich zu wenig. Aus dem gleichen Grund kann ich nichts und niemandem trauen. So hört denn dies: Ich werde alle töten, die irgendwie an Cathaleiras Tod beteiligt waren. Ganz gleichgültig, wo sie sich verstecken oder wie sie sich herausreden mögen. Das schwöre ich.«
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Der Zauberer schritt zwischen ausgestreckten Bogenschützen dahin, seufzte, als sein Blick auf die Fliegen fiel, welche über die gen Himmel gerichteten Augäpfel krochen, und fügte in gemäßigterem Tonfall hinzu: »Ich weiß ein wenig über die Gepflogenheiten von Magiern, Sarasper. Ich suche Tharlorns Lehrling, um sicherzustellen, dass sein Herr wirklich tot ist und niemand anderen in seiner Gestalt in den Kampf schickte ... und ob irgendjemand mitgeholfen hat, das Ungeheuer ins Leben zu rufen.« Er wirbelte herum und flüsterte beinahe schluchzend: »Alle sollen sie bezahlen – und sie werden unter Schmerzen sterben und genau wissen, warum ich ihnen das Leben nehme. Darsar ist ärmer seit ihrem Tod, aber ich werde es noch tiefer und äußerst gründlich in den Ruin treiben, bevor ich meine Aufgabe beendet habe!« Hawkril stöhnte, zog einen weiteren Pfeil heraus und erbebte von neuem. Sarasper nickte dem Zauberer müde zu und fuhr mit der Heilung fort. »Für gewöhnlich ein vergebliches Unterfangen«, murmelte er, »und viel zu oft eines, welches den Rächer beherrscht wie ein Sklaventreiber – aber keiner dieser Gründe macht Euer Unterfangen weniger ehrenwert. Ich hoffe, dass Ihr findet, wonach Ihr sucht, junger Bogendrachen ... und zudem auch noch Euren Frieden.« Die beiden Männer starrten sich für lange Zeit in die Augen, bevor Jhavarr mit nun ruhiger Stimme erklärte: »Danke für Eure Worte, Heiler, aber vernehmt meine ernste Warnung: Sollte ich erfahren, dass einer unter euch Hochfürsten oder der Regent Schwarzgult oder sonst jemand in Aglirta irgendetwas mit dem Tod meiner Schwester zu schaffen hat-
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te, dann werde ich den Schuldigen vernichten – und zwar so qualvoll und grausam, wie ich das nur kann.« Embra richtete sich in eine sitzende Haltung auf und murmelte: »H-Hawkril? Sarassss-? Bogendrachen starrte sie an, lächelte plötzlich, hob die Hände und ließ Blitze zucken. Sein Lächeln wirkte alles andere als freundlich. Blendend helle purpurweiße Strahlen schossen über die Straße und wieder zurück und brandeten über die im Staub zusammengeduckten Gestalten. Sarasper wurde herumgewirbelt, Embra fiel in die Farne zurück ... und dann gab Bogendrachen ein Zeichen, und die Blitze strömten wieder zu ihm zurück. Inmitten der prasselnden Windungen seiner Magie kam etwas auf ihn zu, das noch einen Augenblick zuvor auf Embras Brust gebaumelt hatte: ein gesprenkelter graubrauner Stein. Bogendrachen nahm den Dwaer-Stein, welcher die letzten Fünkchen des Zaubers hinter sich herzog, in die Hand und versuchte, sein Gewicht abzuschätzen. Der Stein war leichter, als es seiner Größe entsprochen hätte, aber der Zauberer hielt unzweifelhaft einen Weltenstein in Händen. Macht durchströmte seinen Arm, und sein Lächeln wurde breiter und endlich aufrichtig. »Der wird nützlich für mich sein – und viel weniger eine Gefahr für Aglirta darstellen, als er es in eurer laxen Obhut gewesen ist, ihr ach so mächtigen Hochfürsten. Keiner der Dwaerindim ist ein Spielzeug, welches sich für jeden eignet, es sei denn, es handelt sich um einen Zauberer ... und noch dazu einen verantwortungsbewussten, besonnenen Magier.«
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Hawkril versuchte mit vor Schmerz verzerrtem Gesicht, sich auf die Füße zu kämpfen, wobei er sein Kriegsschwert als Stütze benutzte, um den nur wenige Schritte entfernten Zauberer zu erreichen ... Bogendrachen lächelte und benutzte dieses Mal den Dwaer, um Blitze hervorzurufen. Es würde Spaß machen, einen Mann so weit wegzuschleudern, wie das Auge reicht, und ihn gleichzeitig zu rösten, wo es jetzt so einfach war, solche Kräfte zu beschwören! Über die Hügelkuppe dort drüben ... Man brauchte einige Augenblicke, um ein Gefühl dafür zu entwickeln, wie der Stein erweckt werden konnte, und während dieser kurzen Zeitspanne warf Jhavarr den Stein versehentlich in die Luft über seiner Handfläche, wo der Dwaer herumspann und eifrig Funken versprühte. Bogendrachen hob lässig die andere Hand, um den taumelnden Ritter zu töten – als plötzlich etwas silberhell Blitzendes und Eiskaltes zwischen seinen Fingern hindurchschoss und einen vor Schmerz keuchenden Zauberer zurückließ, der seine Hand schüttelte ... und Blut sah. Er zuckte zusammen und schaute in die Richtung, aus welcher das silbrige Ding gekommen war. Eine schmale Gestalt hatte sich zwischen den Leichen auf der Straße aufgerichtet. Ein zweiter Dolch schoss auf Jhavarr zu, und ein dritter befand sich bereits in Craers Hand. Bogendrachen zuckte hastig von der vorbeiwirbelnden Klinge weg, griff sich den Dwaer aus der Luft – und versetzte sich selbst an einen anderen Ort und hinterließ nichts als ein paar Fünkchen. Craers dritter Dolch sirrte um einen Lidschlag zu spät durch die Stelle, an der sich gerade eben noch der Ma-
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gier befunden hatte. Plötzlich herrschte auf der Straße tiefe Stille. Craer rannte hinter seinen Dolchen her für den Fall, dass sich der Zauberer nur ein paar Bäume weiter weg versetzt hatte und beschloss, Blitze zu der Stelle zu schicken, an der sich Craer befand. Er griff sich zwei der Dolche im Laufen, wirbelte herum, duckte sich und erstarrte, um zu lauschen ... und hörte nichts als das Rascheln der Blätter. Vorsichtig spähte der Hochfürst hier und da in die Bäume, hielt nach allem Möglichen Ausschau, sei es nun ein Bogenschütze oder ein mörderischer junger Zauberer. Die Blätter raschelten so fröhlich wie zuvor, sonnige Flecke tanzten im Grün der Bäume, und Craer konnte zwischen all den großen, dunklen Baumstämmen keine bedrohliche Gestalt ausmachen. Unter stummen, aber inbrünstigen Flüchen rannte Craer zurück zur Straße. Hawkril war aufs Gesicht gefallen und hatte dabei einen Laut von sich gegeben, welchen er nur ausstieß, wenn seine Verletzungen wirklich übel waren. Er rührte sich nicht. Genauso wenig wie Sarasper und Embra, und ohne den Dwaer gab es wenig, was sich ein Beschaffer zuzutrauen wagte, falls sie im Sterben lagen ... nicht viel mehr als Gebete. »Urvater Eiche und Gnädige Herrin«, begann Craer unsicher und kletterte dabei hastig über die toten Bogenschützen und durch die summenden Fliegenschwärme zu der Stelle, wo Hawkril zusammengebrochen war, »hört jetzt mein –« »Tanth der Straße! Ihr Hochfürsten, ich komme in Frieden!« Craers Kopf fuhr hoch. Die Stimme war männlich und klang jung, unsicher und anders als die von Jhavarr Bogendra-
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chen, und Tanth bedeutete in der Sprache des Hinterlandes >ich grüße Euch in friedlicher Absicht und wünsche keinen Pfeil zur Antwort‹, aber jedermann, der nahe genug herankommen wollte, um sein Ziel sicher zu treffen, konnte einen solchen Ruf ausstoßen! Mit einem einzigen, wütenden Sprung krachte Craer durch Farne und zwischen die Bäume, von wo aus der Ruf gekommen war, und in seinen beiden Händen glitzerten Dolche. »Warum«, fragte Aglirtas neuester Fürst die Ritter sanft, »wollt ihr mit mir reiten? Jetzt sagt mir die Wahrheit.« Der jüngere der Männer errötete und warf einen raschen Blick auf den älteren Ritter, welcher neben ihm stand. Der runzelte die Stirn, musterte Blutklinge mit festem Blick aus grauen Augen und meinte: »Ich habe von Euch gehört, Duthjack, Gutes wie auch Schlechtes, aber Eure Siege übertreffen Eure Niederlagen. Und Ihr lasst Eure Männer nicht im Stich. Das gefällt mir – und das wünsche ich mir von einem König. So, und um Euch die Wahrheit zu sagen, wir sind hier, um eine neue Straße zum Ruhm für Aglirta zu finden. Wir möchten in einem starken und gerechten Reich alt werden, nicht in diesem Land ohne König, dafür aber mit Fürsten, welche endlos aufeinander einstechen und Zauberer anheuern, die ihre neuesten und grausamsten Zauberbanne an den Bewohnern des Tales ausprobieren.« Blutklinge nickte nachdenklich. »Eine neue Straße zum Ruhm für Aglirta.« Er blickte auf und grinste wild. »Das klingt gut – denn das ist genau das, was ich ebenfalls wünsche.«
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Er erhob sich aus seinem Stuhl und streckte die Rechte aus. »Lasst uns diese Straße gemeinsam bauen.« Der Regent von Aglirta ging zu der Landkarte an der Wand, starrte zum vielleicht vierten Mal an diesem Tag darauf und seufzte. Weder der Schlafende König noch irgendeiner seiner gekrönten Vorgänger hatte je geglaubt, eine Karte von Aglirta sei notwendig – und jetzt wünschte er sich, er besäße deren drei, um mit Steinen und Holzstückchen markieren zu können, welche Winkelzüge und Bewegungen seine ehrgeizigen Fürsten mit ihren Armeen unternahmen. Ja, sie und die Magier von Sirl überschätzten sich so maßlos, dass sie Aglirta als einen zur Lese reifen Weinberg betrachteten – und zwar für ihren eigenen Bedarf – ganz zu schweigen von Aglirtas eigenen Zauberern und den geheimnisvollen Koglaur sowie den feindlichen Priestern der Schlange. Ja, die Schlangenanbeter trieben in jedem Weiler und bei jeder Dorfversammlung ihr Unwesen, und zwar von einem Ende des Landes ohne König bis zum anderen. Ezendor Schwarzgult stieß einen tiefen Seufzer aus. Als er noch unter dem Namen Goldener Greif bekannt gewesen war, als Kriegerfürst und Hauptwidersacher des schurkischen Fürsten Faerod Silberbaum, als ›Edler Fürst‹, welchen viele hassten und wieder andere priesen, alle jedoch achteten, konnte er ausreiten, sein Schwert schwingen und Recht sprechen, wie es ihm gefiel, gelegentlich einen Fluch über den abwesenden König oder deren viele gegenüber seinen Rivalen ausstoßen. Jetzt, da er die hallenden, gewölbten Kammern
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und den glänzenden Marmor von Treibschaum durchwanderte, beobachteten ihn zu jeder Zeit die ehrgeizigen Augen von hundert glattzüngigen Höflingen, und es juckte ihn in den Fingern, sein Schwert im Kampf zu schwingen. Aber er wagte es nicht, den Thron der Macht zu verlassen, damit kein anderer die Herrschaft an sich riss oder dringende Botschaften verloren gingen und er ahnungslos vor dem stand, was die Karten zeigten oder geschwätzige Zungen erzählten. Bei der Dreifaltigkeit, hatten Männer in Aglirta nichts Besseres zu tun, als Ränke zu schmieden, ihre Dolche zu wetzen und sie bei Nacht zu gebrauchen? »Wir könnten ein so großes Land sein!«, brüllte er plötzlich und erschreckte den am nächsten stehenden pflichtbewussten Pagen, der an der Tür neben einer reglosen Wache stand. »Frieden und ein paar gute Ernten, und wir würden nur so in Geld schwimmen und von Leuten überrannt werden, welche ihr Los verbessern wollen ...« Seine Stimme verklang, als er ein weiteres Mal wütend zu der Landkarte schritt. Und ich könnte auf die Jagd gehen, fügte er stumm hinzu, während seine Augen über die gemalten Abbilder der Windfangs wanderten. Wie unzureichend diese Karte doch all die kleinen Täler und versteckten Pfade zeigte – daran musste er bald etwas ändern ... sofern ein Friede dies zuließ. Auf die Jagd nach Verrätern und Gesetzlosen und schurkischen Magiern, die allesamt zu einem viel zu übermächtigen Fluch für dieses schöne Land geworden sind. Schwarzgults Lippen kräuselten sich, als er sich von der Landkarte abwandte. Als ob das etwas Neues wäre.
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»Verstehe ich das richtig«, fragte der Kriegsherr mit der glänzenden Rüstung, welcher in einem Sattel mit hohem Knauf saß, »dass hier ein Veteran namens Belth Ardurgan lebt? Habe ich Recht?« Der Junge mit dem offen stehenden Mund starrte zu dem Reiter hoch und riss die Augen weit auf, bevor er etwas Unverständliches stammelte, das aber ohne Zweifel die Frage bejahte. Blutklinge lächelte ermutigend und sagte: »Wollt Ihr mich zu ihm bringen? Ich bitte darum.« Zu dem Stammeln gesellte sich ein begeistertes Nicken. Blutklinge lächelte noch einmal, schwang sich aus dem Sattel und kam klirrend auf dem Boden auf. Er sah irgendwie noch größer aus, wenn er auf dem Boden stand. Sein jetzt vor Aufregung stummer Führer winkte ihn durch einen dunklen Eingang. Blutklinge zog den Kopf ein, spähte in den dahinter liegenden Raum – und stellte fest, dass er in die ruhigen Augen eines von Narben gezeichneten alten Mannes blickte, der einen gespannten Bogen in Händen hielt. Die Pfeilspitze wies genau auf Blutklinges Kehle. »Welch ein schöner Tag«, sagte der Kriegsherr ohne Zögern zu dem Bogenschützen. »Ich komme in Frieden und möchte ein Geschäft mit Belth Ardurgan abschließen. Habe ich ihn gefunden?« »Das habt Ihr«, kam die ruhige Antwort. »Euer Begehr, Herr Namenlos?« Der große Mann in der Rüstung lächelte. »Ich heiße Sendrith Duthjack, und man nennt mich Blutklinge. Ich bin jahrelang Söldner gewesen und habe einige
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Erfolge errungen.« Belth Ardurgan nickte. »Auch ich ritt einst gegen klingende Münze in den Krieg. Da war ich noch jünger.« Auch Duthjack nickte. »Auch ich werde alt – und stelle fest, dass ich mich ganz unsagbar nach Frieden sehne. Frieden für ganz Aglirta.« Der Bogenschütze stieß ein Schnauben aus. »Solche Worte habe ich schon früher vernommen.« Er senkte seinen Bogen und richtete die Pfeilspitze ein kleines bisschen zur Seite. »Und?« »Und jetzt brauche ich Hauptleute für meine Schwerter, und mir wurde gesagt, Ihr wärt einer der besten. Ich brauche Hauptmänner, weil ich jetzt auf einmal der Fürst von Glarond bin – und kein Bedürfnis verspüre, ein weiterer dieser endlos keifenden Fürsten von Aglirta zu sein mit ihren Überfällen und ihren Zauberern und ihren Messerstechereien in den Straßen von Sirl. Ich sehne mich nach Frieden. Ich wünsche mir einen neuen König für das Land ohne König – einen echten König, der für Recht und Ordnung im ganzen Land sorgt... für alle Aglirtaner und nicht bloß für die mit Geld und mit Schlössern.« »Ein neuer König«, meinte Ardurgan langsam, als ließe er sich die Worte auf der Zunge zergehen, »und dieser neue König wärt Ihr, so wie ich die Sache verstehe?« Blutklinge neigte den Kopf. »Wenn mir die Dreifaltigkeit diese Gunst gewährt.« Der Bogen des alten Soldaten hob sich wieder. »Ich bin all des Blutes und der Schwerter und der harten Ritte überdrüssig. Mehr als überdrüssig. Ich könnte all Euren Träumen in diesem Augenblick ein Ende bereiten – indem
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ich einfach die Bogensehne losließe.« Duthjack nickte. »Das könntet Dir in der Tat.« Er spreizte die Hände, um zu zeigen, dass seine Finger sich nicht in der Nähe irgendeiner seiner eigenen Waffen befanden, und fragte ruhig: »Wünscht Ihr Euch das für Aglirta?« »Nein«, erwiderte Belth Ardurgan bedächtig. »Nein, das wünsche ich mir nicht.« Er senkte den Bogen und räusperte sich. »Ihr stellt Hauptleute ein, habt Ihr gesagt?« »Für das Doppelte des üblichen Lohns«, erklärte Blutklinge beiläufig. »Ich wünsche mir gute Offiziere überall im Königreich, sobald ich auf dem Thron sitze – und nicht, dass Männer tapfer in den Tod gehen, damit ich an die Spitze gelange.« »Das klingt gerecht«, meinte Ardurgan, schüttelte den Kopf – und grinste dann plötzlich, trat vorwärts und streckte die Hand aus. »Ich glaube, Herr Fürst und zukünftiger König, wir haben ein Abkommen. Für Aglirta!« »Für Aglirta«, erwiderte Blutklinge und verschränkte nach Art der Krieger die Unterarme mit denen des alten Bogenschützen. »Auf dass es endlich einen wahren König bekommt!« »Auf dass es endlich einen wahren König bekommt«, erklangen wie ein Echo mehrere Stimmen hinter Duthjacks Rücken. Er fuhr herum und sah sich etlichen Fuhrleuten, einem Landarbeiter und einem Müller gegenüber, welche sich alle in der Tür drängten. Bei den Göttern, sie waren leise herangeschlichen. Einige trugen Dolche in den Händen – aber unter seinem Blick hoben sie die Waffen in eiligem Salut in die Höhe. »Ja?«, fragte Blutklinge milde.
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Der Müller leckte sich über die Lippen. »Nun ... Fürst... wir sind nicht gerade Krieger, aber ... Ihr werdet Soldaten brauchen, habe ich Recht?« »Und Fuhrleute, um Proviant und Bier heranzuschaffen«, fügte einer der Kutscher hinzu. »Geld ist in diesen Zeiten knapp?«, fragte der Kriegsherr leichthin. Der Müller spuckte auf den Boden. »Kupfer habe ich genug«, entgegnete er grob. »Aber mir mangelt es an einem König und gerechten Gesetzen und dem Gefühl der Sicherheit. Wenn Ihr ein guter König für Aglirta seid, dann stehen wir an Eurer Seite.« Blutklinge lächelte. »Dann bin ich der Richtige für euch. Alle, die mit mir reiten möchten – und ehrlich dafür bezahlt werden wollen –, finden sich heute Abend in meinem Lager im Schwarzhelmwald ein.« Er schaute zu Ardurgan zurück und fügte hinzu: »Kommt angetan in Eurer Rüstung, zum Reiten bereit, Hauptmann.« Ardurgan grinste und nickte. »Zu Befehl, mein Fürst.« »Oh«, machte der kleine Junge, der Blutklinge eben bis zum Gürtel reichte. »Heißt das, Ihr werdet nicht mit ihm kämpfen? Keiner wird sterben?« »Ich fürchte nein«, antwortete Blutklinge ernst und beugte sich vor. »Nicht hier, so die Götter es wollen.« Der Junge sah empört aus. »Wozu ist es dann nütze, König zu sein, wenn Ihr nicht Leute töten könnt?« Die rings umher stehenden Männer kicherten peinlich berührt, aber Blutklinge richtete sich auf und fragte ruhig: »Wie kann es der Bursche besser wissen, wenn er nichts anderes gehört und gesehen hat? Deshalb ist es höchste Zeit, aller-
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höchste Zeit, dass Aglirta einen neuen König bekommt!« »Ein neuer König für Aglirta!«, schrie jemand, und alle fielen in den Ruf ein. Blutklinge winkte Ardurgan zu, wandte sich um und ging zurück zu seinem Pferd, begleitet von aufgeregten Stimmen. Viele Frauen standen da und beobachteten ihn, und keine von ihnen sah glücklich aus. »Ihr nehmt uns unsere Männer weg, auf dass sie getötet werden?«, schrie eine. Blutklinge schwang sich in den Sattel und drehte sich um. »Nein. Ich reite um des Friedens willen – und für einen neuen König für Aglirta!« »Ha«, sagte eine der Frauen bitter, »das sagen sie immer.« Aber als Blutklinge lächelte, die Achseln zuckte und sein Pferd wendete, stiegen hinter ihm Rufe in den Himmel. »Ein neuer König!« und »Ein wahrer König!« und »Blutklinge! Für Blutklinge und den Sieg!« Er grinste und spornte sein Ross zum Galopp an. Für Blutklinge und den Sieg ... das hatte einen guten Klang. Er würde das zu seinem Schlachtruf machen. Der Kriegsfürst trieb sein Pferd noch mehr an; er brauchte jetzt viele Krieger und musste viele Ardurgans aufsuchen. »Wozu ist es dann nütze, König zu sein, wenn Ihr nicht Leute töten könnt?«, sprach er laut vor sich hin. Wie Recht der Junge hat. Wie entsetzlich Recht. Mittlerweile ritt ein einsamer Reiter über die Höhe von Shaunsel. Sein Umhang flatterte hinter ihm her, die Straße war frei, von der Sonne beschienen und so gut wie verlassen, und er hatte die ihn begleitenden Ritter – in voller Rüstung und mit
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zwei Reitpferden, welche schon bei ihrem Aufbruch in der Nacht zuvor erschöpft gewesen waren – weit hinter sich gelassen. Flaeros Delkamper lachte dem Himmel hoch über seinem Kopf aus schierer Freude laut zu. Er war wieder mitten in ein Abenteuer hineingeritten, der Regent wünschte, ihn zu sehen, und Sänger grüßten ihn wie einen der großen alten Barden aus vergangenen Zeiten! »Aha!«, brüllte er aus voller Kehle. »Ein Hoch den Delkampers!« Er hatte sich nie zuvor getraut, diesen Schlachtruf auszustoßen – nicht in all den Jahren, in welchen er sich zu schmächtig, zu schwach und zu ungeschickt mit dem Schwert geglaubt hatte, um auch nur einen Dolch zur Verteidigung der Familienehre zu ziehen ... und genau gesagt, befand er sich derzeit gar nicht in einer Schlacht, sondern galoppierte nur so schnell die Küstenstraße entlang, dass es seiner eigenen Sicherheit kaum zuträglich war. Aber keiner konnte ihn hier hören – aufgepasst, ihr aufmerksamen Lauscher in ganz Darsar – obwohl er doch jemand Wichtiges war, bei den Dreien! Dieser Ritt nach Teln würde seine Reise um ein gutes Dutzend Tage oder noch mehr beschleunigen. Er konnte an Bord eines der schnellen, mit Gewürzen und Seide beladenen Schiffe von Malavar Obalar gehen und geradewegs den Silberfluss nach Treibschaum hinaufsegeln! Ja! »Ein Hoch den Delkampers!«, schrie er noch einmal und lachte unbändig. »Bei der Dreifaltigkeit, was für ein Lärm!«, schimpfte ein neben der Straße aufgetürmter Heuhaufen, erhob sich plötzlich mannshoch und zog fest an einem gewachsten Seil, wel-
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ches zu seinen Füßen um einen alten Zaunpfosten gebunden war. »Jawohl! Es wird mir ein Vergnügen sein, diesen feinen, jungen Tölpel vom Pferd zu holen!«, erklärte ein anderer Heuhaufen auf der gegenüberliegenden Seite der Straße und zog am anderen Ende des Seils – und als das dahingaloppierende Delkamper-Pferd dagegen raste, stolperte es und ging wiehernd zu Boden. Das Tier schlug wie wild mit den Hufen aus, eine Staubwolke stieg in die Höhe, und ein benommener Reiter rollte über den Boden. Heubüschel hinter sich herziehend lachte Suskar laut und bewegte sich schwerfällig vorwärts, wobei er ein langes Messer zückte. Das Pferd hatte sich den Hals gebrochen und lag reglos da, von einem schwach austretenden Hinterlauf einmal abgesehen. Es gab keine Satteltaschen – aber der Reiter trug immerhin prächtige, seidene Gewänder ... und schimmerte dort nicht Gold? »Auf ihn, Baerm – lasst ihn nicht entkommen!«, brüllte er, als der Jüngling auf dem Boden unter Spucken und Husten und mit aufgerissenen Augen versuchte, auf die Füße zu kommen und wegzulaufen. Er lief heftig humpelnd und auf geradezu komische Weise stolpernd und mit wie Windmühlenflügel rudernden Armen, um das Gleichgewicht zu halten, über die Wiese, und Baerm hüpfte hinter ihm her. Ein langer, schmutziger Arm erwischte den stolpernden Jüngling an der Schulter, wirbelte ihn herum und schleuderte ihn zu Boden – und Baerm rammte dem jungen Mann beide Fäuste in den Magen und erzielte so das gewünschte Ergebnis.
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»Rindfleisch und Karotten«, stellte Suskar angewidert fest, als er schließlich neben dem sich krampfhaft übergebenden, in Seide gehüllten Bündel ankam, bei welchem Baerm Wache hielt. »Warum muss es immer Rindfleisch mit Karotten sein? Isst man in Aglirta nichts anderes?« »Nun«, grollte eine Stimme gleich hinter ihm, »Ihr könntet eine Mahlzeit aus – kaltem Stahl probieren!« Suskar erstarrte, als etwas Kaltes, Eisiges in seinen Rücken fuhr und eine Taubheit mit sich brachte, welche zuerst brannte und dann dunkel, feucht und spitz aus seinem Bauch brach. Baerm starrte für eine, wie es schien, endlos lange Zeit darauf nieder, bevor er beinahe widerstrebend den Blick hob und über Suskars Schulter schaute. Dann schrie er. »Ah«, sprach ihn die grimmige Stimme an, »Ihr seid wirklich erfreut, mich zu sehen. So gefällt es mir.« Baerm hatte nicht mehr als zwei Sätze gemacht, nachdem er sich eilends umgedreht und die Flucht angetreten hatte, als ihn eine schwere, mit aller Macht geschwungene Keule am Hinterkopf traf und ins rote Vergessen schickte. Dicht neben ihm sackte der stöhnende Körper Suskars auf den Boden. Flaeros ächzte, schüttelte den Kopf in dem Versuch, die Benommenheit in seinem Schädel loszuwerden, und japste: »W-wer –?« »Meine Eltern, welche über gewandte Zungen verfügt haben müssen, nannten mich Glarsimber Belklarravus«, antwortete die schroffe Stimme von weiter oben, und starke Finger griffen sich eine Hand voll Seide und zogen daran. Flaeros blinzelte, saß plötzlich aufrecht da und starrte in ein Gesicht, welches er kannte ... und zwar von dem prächtigen
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Schauspiel in Treibschaum her, als der Lächelnde Wolf von Sart umbenannt worden war in – »Fürst Hellbanner!«, keuchte er. »Ja, so lautet mein neuer Name«, meinte der Mann mit dem Doppelkinn und dem wild wuchernden Backenbart und steckte sein Schwert in die Scheide. Dann machte er ein paar Schritte vorwärts und hob seinen Streitkolben auf. »So wohlgeboren, dass ich mich noch nicht daran gewöhnt habe. Ihr seid natürlich der Barde Flaeros Delkamper.« »J-ja! Bei der Dreifaltigkeit, seid bedankt, Fürst! Ich – Ihr – Ihr habt mir das Leben gerettet!« Der Fürst zuckte die Achseln, lächelte und legte einen Arm so schwungvoll um die Schultern des Barden, dass dieser beinahe wieder auf den Boden gekippt wäre. »Nun kommt, junger Mann, zurück zur Straße«, sagte Glarsimber lebhaft. »Ihr wart in einiger Eile, wie ich annehme.« »Ja«, bestätigte Flaeros stockend. Sein Schädel dröhnte noch immer – alles war so plötzlich passiert, und – Er runzelte die Stirn. »Werter Herr Fürst«, sagte er, »die Drei müssen wahrlich auf mich herablächeln, dass Ihr mir so fern von Aglirta zu Hilfe eiltet!« Der Fürst kicherte in seine Armbeuge und murmelte so etwas wie: »Nur Narren!« Sie trampelten gemeinsam ein paar Schritte lang Heu nieder, dann traute sich Flaeros, seinen Retter anzuschauen und seiner Frage Nachdruck zu verleihen. »Fürst?« Glarsimber lächelte schief – und schaute dann weg in Richtung Meer. »Nun, Bursche«, teilte er der Luft direkt vor seiner Nase mit, »ich wurde hergeschickt, um – etwas zu er-
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ledigen.« Flaeros schnappte nach Luft. »Ihr müsst Euch auf einer von Schwarzgult befohlenen Mission befinden!« Der Fürst zuckte mit den Schultern, grinste noch schiefer und meinte nur: »Vielleicht.« Der tiefblaue Rauch stieg ein wenig höher, und der Zauberer, welcher daneben stand, hielt den Dwaer in seiner Hand in die Höhe und kicherte. »Denkt daran, denkt daran, wie es getan werden muss, und schon ist es geschehen. Keine Dutzende von Zauberbannen mehr und tagelange Suchereien nach seltenen Pülverchen und Bannwörtern. Kein Wunder, dass die Herrin der Edelsteine den Zaubermeister abwehrte und seither fast gleichgültig durch ein Dutzend Zauberduelle gegangen ist.« Jhavarr Bogendrachens Lächeln wurde immer breiter. »Und Schwarzgult besitzt zwei weitere dieser Steine, oder täusche ich mich da? Ich sehe mich zu dem Schluss gezwungen, dass er etwas mit dem Tod meiner Schwester zu schaffen hatte. Oh ja.« Der Rauch wirbelte immer rascher in die Höhe, und aus seinen Windungen ringelte sich etwas Langes und Dunkles mit vielen Schuppen: eine Talviper! Aber bislang waren noch keiner Talviper jemals kleine, flatternde Flügel hinter dem Kopf und noch weitere aus dem Rücken gesprossen so wie die, welche jetzt den Rauch aufwirbelten. »Kleine, fliegende Schlange«, murmelte der Zauberer, »gebunden an meinen Willen, sollst du sogleich nach Norden fliegen und mein Spitzel sein!«
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Er bewegte die Hand nach vorn, als wolle er einen Stein in einen Teich schleudern – und der blaue Rauch erhob sich zu einer brüllenden Spirale, raste heulend vor Zorn in ein Anderswo, welches sich in den Schatten hinter der Tür zu seiner Studierstube verbarg – und nahm die fliegende Schlange mit sich. »Eine plumpe Beschwörung«, erzählte er seinem Spiegelbild in dem ovalen Spiegel neben der Tür, »aber sie ist immerhin durch Magie an mich gebunden.« Er wandte sich wieder den letzten wirbelnden Fäden blauen Rauchs zu, welche sich drehten, sanken und wieder aufstiegen über den Resten der Beschwörung. »Schleiche dich an und verfolge die Bande der Vier«, flüsterte er. »Spioniere jede hochfürstliche Tat aus, so dass ich sie sehen kann und darüber Kenntnis erlange. Seien sie nun schuldig oder nicht, sie gleichen den umherstreifenden Jagdkatzen von Aglirta. Ärger folgt ihnen auf dem Fuße, und in ihrer Ungeschicklichkeit bringen sie ihn den anderen ... und irgendwo da draußen ist der vierte der Dwaerindim. Ja.« Er ging zu einem ganz besonderen Edelstein, welcher auf einem Tisch lag. Die Unterseite war flach und glatt, die Oberseite gewölbt und schimmernd, und das Juwel wies die Länge einer Hand auf. Er polierte den Edelstein mit den Fingern, und blaue Rauchwölkchen stiegen von dort auf, wo er ihn berührt hatte. Der Magier starrte in die Wölkchen hinein und erblickte eine mit Leichen übersäte Straße. Eine Straße, welche er kannte. Er zuckte die Achseln und wendete sich ab, während der Rauch verging. Sein Spitzel würde ohne Unterlass spionieren und sich an
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alles erinnern, was der Magier nicht durch seine Augen sehen konnte. Und falls diese vier Hanswurste von Hochfürsten den Spion bemerken sollten, dann würde die Schlange wachsen, sobald man auf sie einschlug. Hieb für Hieb würde sie anschwellen und zuschlagen wie ein turmgroßes, fliegendes Nilpferd, sollte das notwendig sein. Jhavarr Bogendrachen lächelte; da würde sich das Zuschauen lohnen. Ein eitler Zeitvertreib, sicher, aber wozu waren »Helden« sonst nütze?
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Drei
Zauberer fallen aus den Bäumen C Craer kannte das weiße Gesicht mit den weit aufgerissenen Augen. Er hatte nicht damit gerechnet, es hier in diesem von der Dreifaltigkeit verfluchten Wald voller raschelnder Blätter und tödlicher Pfeile anzutreffen, aber trotzdem war es da über einer entsetzt schluckenden Kehle, welche sein Dolch im nächsten Augenblick aufzuschlitzen drohte. »Raulin Burgmäntel«, stieß Craer leise, aber keineswegs freundlich hervor, »was bei den heiligen tanzenden Göttern tut Ihr hier?« »I-ich –« Eine schmale Hand hob sich und schob Craers Dolch beiseite. Raulin wirkte ein wenig überrascht, als der Beschaffer dies zuließ, anstatt ihm die Kehle oder die Finger zu zerschneiden. Er räusperte sich, starrte Craer sehr, sehr vorsichtig an und meinte: »Ich habe euch Vier beobachtet und bin euch gefolgt.« »Warum? Wollt Ihr Eure Kleider zurückhaben?« Raulin lief dunkelrot an.
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»Hochfürst Delnbein, bitte. Ich – ich habe euch in der Hoffnung beobachtet, noch einmal eine Chance zu bekommen. Ich möchte wie ihr sein und mit euch reiten, um Aglirta stark zu machen, und – und euch zu helfen, wenn ihr –« Hinter Craer erklang ein äußerst lautes Schnauben. Hawkril stand blass, mit Blut befleckt und wackelig, aber mit klaren Augen und dem Kriegsschwert fest in der Hand auf den Beinen. »Ihr bekommt Eure Chance, junger Mann, und seid willkommen. Aglirta hat ohnehin zu wenige Freunde, so dass wir jede helfende Hand, welche uns beisteht, brauchen können. Craer, steckt den Dolch weg und kommt zu mir. Um Embra steht es nicht gut.« Mit einer Miene, auf der sich so etwas wie Ekel abzeichnete, wirbelte Hochfürst Delnbein von dem Jungen weg, der in einem Gasthaus an ihrer Seite gekämpft und sich trotz der Tatsache, dass ihn ein gewisser Beschaffer bewusstlos geschlagen und den größten Teil seiner Kleider gestohlen hatte, an dem großen Kampf im Schweigenden Haus beteiligt hatte. Craer lief durch den Farn voraus zu der mit Leichen übersäten Straße. Raulin starrte all das Blut und die von Fliegenschwärmen umsummten Toten an, wurde käsebleich und musste mehrere Male schlucken. Craer musterte den Jungen und wies dann auf die andere Seite der Straße, wo Sarasper und Embra Seite an Seite stumm, bleich und reglos zusammengesunken auf dem Boden lagen. Ihre Kleider waren angesengt, und ein starker Brandgeruch ging von ihnen aus. »Nun, mein Junge«, meinte Craer bitter, »kennt Ihr irgendeinen Heilzauber?«
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Raulin öffnete den Mund zu einer Antwort, die nicht »Ja« lauten würde, brachte aber nicht mehr als ein Stammeln zustande, als ein paar von Leichen versperrte Schritte entfernt die Luft zu schimmern begann. Ein paar silberne Schatten schienen über dem Boden zu tanzen, und plötzlich standen da vier Frauen. Sie standen dicht beieinander, in dunkle Gewänder gehüllt, schlank und groß – und dadurch, dass ihre gestiefelten Füße eine Handbreit über der Straße auf der Luft standen, wirkten sie noch größer. Sie schienen Schwestern zu sein, denn mit ihren wunderschönen Gesichtern und den riesigen, graugrünen Augen sahen sie sich sehr ähnlich. Sie hielten Zauberstäbe in den Händen, gekrönt von glitzernden Edelsteinen, welche vor Magie knackten. Sie betrachteten die Toten und die Überlebenden, und ihre Mienen sahen weder beeindruckt noch freundlich aus. Craer befleißigte sich eines Tones, der zu ihrem kalten, wortlosen Starren passte. »Was haben wir denn da? Eine Zaubererversammlung? Oder sind wir auf einen Weg gestolpert, welchen auch noch der letzte Magier und die letzte Zauberin von Darsar entlangwandelt, um jeden Morgen Zauberbanne aus der gleichen Quelle zu holen?« Ein Zauberstab hob sich träge und wies auf des Beschaffers Brust – und dann lächelte die Zauberin höhnisch und richtete den Stab bedrohlich auf Hawkril. »Wir folgen Jhavarr Bogendrachen«, erklärte die Besitzerin dieses Stabes kalt und schritt auf leerer Luft vorwärts, »und wissen, dass er hier gewesen ist. Wer seid ihr, und was hattet ihr mit ihm zu schaffen?«
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Craer sah die Frau finster an, aber Hawkril nannte grollend ihre Namen und Titel und stellte dabei Raulin als den »Barden Burgmäntel, Sohn eines berühmten Vaters« vor, worauf der Jüngling rot anlief, aber strahlte. Dann fügte der Ritter hinzu: »Keiner von uns hat diesen Bogendrachen-Zauberer je zuvor gesehen, und er hatte anscheinend nichts Besseres zu tun, als uns anzugreifen.« »Jetzt seid ihr an der Reihe«, mischte sich Craer ein. »Wir sind hier die Adligen von hohem Rang; enthüllt uns eure Namen.« »Ariathe, Dacele, Olone und Tschamarra«, kam Olones rasche und stolze Antwort. Ihr Finger wies jeweils auf die Namensträgerin, wobei sie jedoch ihren Zauberstab unentwegt auf Hawkrils gepanzerte Brust gerichtet hielt. »Wir sind Schwestern und keineswegs von so geringem Rang wie gewisse andere Anwesende. Talasorn ist der Name unserer Familie.« Craer erstarrte. »Seid ihr mit Raevur Talasorn aus Sirlptar Verwandt?« »Wir sind seine Töchter«, teilte ihm Olone kalt mit, »und wir wollen seinen Tod rächen. Der Erwachte König und sein Regent müssen sterben, und ein paar andere noch dazu.« »Talasorn fiel im Kampf gegen Fürst Kardassa«, meinte Hawkril bedächtig. »Viele verloren an jenem Tag ihr Leben. Der alte – äh, Kardassa stand für den König, und der Rest trachtete danach, den Thron zu stürzen.« Er runzelte die Stirn. »Was bedeutet, dass diejenigen, welche Kardassa in seiner eigenen Burg angriffen, Feinde von Aglirta gewesen sein müssen.« »Unser Vater war ein liebenswürdiger und diplomatischer
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Mann; er gehörte zu den führenden Magiern von Sirlptar«, erklärte Ariathe verärgert. »Er verbündete sich nicht etwa deshalb mit Fürst Adeln gegen den Erwachten König, um Schneestern die Krone zu entreißen, sondern weil er ein starkes, vereintes Aglirta anstrebte, in dem ein gesteigerter Handel und Wohlstand dafür sorgen würden, dass mehr Reichtum entstünde. Und damit wären mehr Bürger in der Lage, einen Zauberer anzuheuern. Auf diese Weise wollte unser Vater uns ein Leben voller Wohlstand und Ansehen verschaffen.« Craer zog die Brauen zusammen. »Wie bitte?«, fragte er gleichermaßen zweifelnd wie verblüfft. »Ihm ging es um Wohlstand und Ansehen?« Raulin Burgmäntel legte eine Hand auf Craers Arm und räusperte sich. Dann hob er, um Schweigen bittend, den Finger, schritt auf die Zauberinnen zu, bis er die vier Schwestern beinahe berührte. Die gleiche Anzahl von Zauberstäben richtete sich auf sein Gesicht. Raulin achtete nicht weiter darauf, sondern blickte in den Himmel und rezitierte einige Sätze, als riefe er sich vor langer Zeit gelernte Worte, welche ihm bis zu diesem Augenblick entfallen waren, ins Gedächtnis zurück. »Die Zauberkraft der vier Töchter Raevur Talasorns übertraf bei weitem die ihres Vaters. Da sein Eheweib Iyrinda vor langer Zeit gestorben war, richtete er seine ganze Liebe auf Olone, die älteste; Ariathe von den mächtigen Zaubern; Dacele; und Tschamarra. Er kam zu dem Schluss, dass seine vier Töchter zu klug und zu schön seien, um sie zu verheiraten – er wollte verhindern, dass irgendwelche Kriegerfürsten sie schlecht behandelten und unterbanden, dass sie ihre Magie
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benutzten oder ihrem eigenen Willen folgten.« Craer zog die Brauen hoch, aber die Zauberinnen lächelten. »Heutigentags sind die Barden wohl unterrichtet«, bemerkte Dacele. »Jedes Wort entspricht der Wahrheit.« »Genug davon«, schnappte Ariathe. »Diese Hochfürsten dienen dem Erwachten König – zerblast sie zu Staub, und lasst uns von hier verschwinden!« »Nein!«, warf Tschamarra ein. »Das allzu schnelle Schleudern von Bannen hat unseren Vater immer wieder in neue Schwierigkeiten gebracht. Wir täten besser daran, Bogendrachen zu folgen und erst einmal herauszufinden, wer wer ist.« »Gut gesagt«, stimmte ihr Olone zu. »Uns bleiben später alle Zeit der Welt und gewiss Gelegenheiten zuhauf, Burgen zu Staub zu zerblasen.« »Lasst uns nicht zu lange damit warten«, schnappte Ariathe und starrte Craer Unheil verkündend an. Der Beschaffer streckte ihr zur Antwort die Zunge heraus – einen Augenblick bevor Olones nach oben fahrende Hand die Schwestern wieder ins schimmernde Nirgendwo beförderte. Kein von einem Zauberstab geschleuderter Blitz traf den Beschaffer, und keine Spur wies darauf hin, dass hier noch vor einigen Herzschlägen die Erscheinungen gestanden hatten. Durch die ansonsten leere Luft summten nur die Fliegen. Craer schaute Hawkril an, und Hawkril erwiderte den Blick. Alle beide stießen zur gleichen Zeit einen Seufzer aus. Der Beschaffer machte einen tänzelnden Schritt vorwärts und wirbelte dann herum, um Hawkril und Raulin anzuschauen. Er spreizte die Arme und sagte in plötzlicher Ver-
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zweiflung: »Was ist nur in Aglirta los? Wir reiten an einem schönen sonnigen Tag die Straße entlang und haben nichts als ein nettes, sauberes Geheimnis im Sinn, und auf einmal fallen Zauberer aus den Bäumen und der Luft – die Dreifaltigkeit mag wissen woher –, Jünglinge wünschen, sich uns anzuschließen, und das Verhängnis droht uns jeden Augenblick auf den Kopf zu fallen –« Raulin hob eine Hand, um ein weiteres Mal um Ruhe zu bitten. Mit einer Geste bedeutete ihm der finster dreinschauende Craer, doch bitteschön weiterzumachen. Der Jüngling hielt dem Beschaffer eine kleine, fein verzierte Metallflasche hin. »Eine der Zauberinnen – Tschamarra, drückte mir das da in die Hand«, erklärte er und zeigte dann auf Sarasper. »Sie wollte nicht, dass ihre Schwestern das Fläschchen sahen.« Craer hielt den Flakon in die Höhe und starrte ihn mit einer Mischung aus Erstaunen und Misstrauen an. Hawkril lächelte und wiederholte: »Was ist bloß in Aglirta los?« Wortlos schaute der Beschaffer auf Sarasper und Embra und dann auf Hawkril. Hilflos zuckte er mit den Achseln. Hawkril hob ebenfalls die Schultern. »Haben wir eine Wahl?« Craer nickte, entkorkte das Fläschchen, verschloss es mit einem Finger und kippte es gerade so stark, dass der Inhalt seine Fingerspitze benetzte. Dann schnüffelte er daran und leckte an der winzigen Spur Flüssigkeit – und dann tat der Kleine das, von dem die beiden anderen gewusst hatten, dass er es tun würde: Craer steckte den Flaschenhals zwischen Saraspers Lippen und kippte einen kleinen Schluck in den
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Mund des Heilers. Der alte Mann hustete, schüttelte sich heftig vor Ekel und verzog das Gesicht, setzte noch einmal zu einem heftigen, quälenden Husten an und spuckte schließlich aus wie ein erzürnter Trunkenbold. Die Augen hielt er fest geschlossen. Mit gerunzelter Stirn blickte Craer auf Sarasper nieder, dann wandte er sich Embra zu. Eine klauenartige Hand zupfte von hinten am Ellbogen des Beschaffers, bevor dieser die Flasche in den Mund der jungen Frau schieben konnte, begleitet von dem mit rauer, krächzender Stimme ausgestoßenen Ruf: »Wartet!« Craer wandte sich um. »Seid sparsam damit«, stieß Sarasper hervor, »jeder von uns kann davon trinken. Überlasst mir ihre Heilung.« Craer winkte mit der Hand, um dem Heiler anzudeuten, er könne sich Embra zuwenden, verschloss die Flasche, hängte sie an seinen Gürtel und schüttelte den Kopf. »Ich wünschte, ich wüsste nur einmal, was hier vorgeht«, sagte er zu den Bäumen über seinem Kopf. »Als wir als Soldaten im Dienste Schwarzgults kämpften oder meinethalben sogar als hungernde Gesetzlose umherzogen, waren die Dinge viel einfacher. Man wusste, wo man stand –« »Ja, meistens einen Schritt von der Schlinge des Henkers entfernt«, brummte Hawkril, »dank Eures Dranges, große, hässliche und nutzlose Sachen zu stehlen.« Craer spreizte die Finger. »Groß seid Ihr tatsächlich, das stimmt, und nutzlos ebenfalls, aber hässlich, na, ich weiß nicht ...« »Richtig«, bemerkte Sarasper mit einem Funkeln tief in seinen müden Augen, »ich würde nicht herumlaufen und erklären, ein Mann sei hässlich, das mögen die Drei 76
klären, ein Mann sei hässlich, das mögen die Drei verhüten.« »Wir sind verrückt, Junge«, erklärte Hawkril Raulin. »Lauft so schnell und so weit wie möglich weg, solange Ihr das noch könnt.« Der junge Barde grinste den Hünen an. »Um die Wahrheit zu sagen, Hochfürst Anharu, habe ich das vermisst. Es herrscht überall in Aglirta ein Mangel an guten Possenreißern.« Craer erstarrte. Sarasper schaute auf, zog dann langsam seinen Dolch aus dem Gürtel und musterte Raulin mit hartem Blick. Wie die Flanke eines schwerfälligen, gerüsteten Berges wandte sich Hawkril langsam um und starrte den jungen Barden an. Raulin riss die Augen auf und begann zu zittern, begegnete aber mutig dem Blick des Ritters. Augen so scharf und furchtlos wie eine Schwertklinge bohrten sich in Raulin Burgmäntel hinein und durch ihn hindurch ... Und dann teilte sich Hawkrils Gesicht zu einem breiten Grinsen. Plötzlich brüllend vor Lachen nahm er den Barden in eine blaue Flecke erzeugende, staubige und blutige Umarmung. Vor Erleichterung wie wild grinsend lachte Raulin ebenfalls, und die beiden tanzten kurz an einem ebenfalls grinsenden Craer vorbei zu Sarasper, welcher den Kopf schüttelte. Der alte Heiler senkte aber nicht seinen fein gearbeiteten Dolch. Der war ein Geschenk des Regenten Schwarzgult, fiel Raulin ein, als er sah, wie sich Saraspers Lippen zusammenpressten. Der Barde keuchte, als ein blauer Schimmer entlang der glänzenden Schneide des Dolches erschien und sich schnell in
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blauweißes Feuer verwandelte. Sarasper drehte den Dolch langsam hin und her und murmelte: »Und so mag alle Tötungsmagie vorbeiziehen.« Die Hand des alten Heilers zitterte ... und dann floss der blauweiße Schimmer langsam an der Schneide hinunter und anschließend über seine runzelige Hand, seinen Arm und über seine Brust zu seinem anderen Arm und von dort aus über den ausgestreckten Fingern seiner anderen Hand zu Embras Kehle. Während Raulin noch wie verzaubert zusah, bemerkte er, dass sich die wunderschöne Kehle der Zauberin in einem tiefen Seufzer bewegte. Sarasper hielt seine Hand möglichst still, und sein Dolch sah inzwischen dunkel und leblos aus, und Embra schluckte unter der Berührung des Heilers. Langsam wanderten Saraspers runzlige Finger zu ihrem Kinn hoch und berührten ihre Lippen. Ihre Augenlieder flatterten sofort, sie stöhnte leise – und öffnete die Augen und blickte ihn an. »Wie viele Male habt Ihr mich wieder zusammengeflickt?« »Weniger oft als Eure beiden Kleider stehlenden Tölpel dort drüben«, knurrte der alte Mann laut. »Sie haben schon für einen Ersatz für Euch gesorgt.« Er zuckte mit dem Kopf in Richtung Raulin, der Embra unbehaglich anlächelte, sich verneigte und in förmlichen Ton sagte: »Mein Tag ist erleuchtet von unserem Treffen, schöne Edle Hochfürstin – äh, Fürstin Silberbaum.« Als er sich ob seiner Unsicherheit, welche Anrede nun die richtige für Embra sein mochte, verhaspelte, grinste die Herrin der Edelsteine auffallend ähnlich wie Hawkril und antwortete: »Ich fühle mich durch Eure Hochachtung geehrt,
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Barde Burgmäntel. Nennt mich Embra – und bitte nicht einfach ›Em‹.« Sie musterte die anderen Mitglieder der Viererbande und fügte hinzu: »Ihr hört doch zu, werte Herren? Ein wenig Höflichkeit kann nie schaden.« Craer gab eine Parodie einer verzwickten höfischen Verbeugung zum Besten und lispelte geziert: »Meine gute, strahlende Edle, ich bereue zutiefst meine gegenwärtigen und vergangenen fehlgeleiteten Versuche, Eure Garderobe zu erleichtern, aber ich bin den wachsamen Göttern auf ewig dafür dankbar, dass sie zusahen, dass diese heimtückische Verfehlung dazu führte, dass wir beide uns in Harmonie und den liebenswürdigen Banden der Freundschaft einander annäherten!« Er straffte sich und bemerkte mit seiner normalen Stimme: »Und ich kann dem nur hinzufügen, dass mir als altem Soldaten scheinen will, dass wir uns besser von diesem Ort fortbewegen, bevor noch weitere Zauberer – oder Bogenschützen – hier erscheinen.« »Ganz richtig«, stimmte ihm Hawkril eilig zu. »Wir sollten uns auf den Weg machen – und sei es auch nur, um den Wölfen und Wildhunden Bewegung zu verschaffen, indem sie unseren Spuren folgen.« »Bewegung? Sie werden mit auf dem Boden schleifenden Bäuchen unserer Spur folgen, wenn sie erst all diese Bogenschützen verschlungen haben«, bemerkte Sarasper. Craer und Hawkril schüttelten gleichzeitig den Kopf. »Nein«, erklärte der Hüne grimmig, »für die Jäger des Tales mit den Reißzähnen sind die Toten einer Schlacht sichere Beute; zudem werden neugierige Kreaturen davon angelockt, welche getötet werden und noch mehr Beute bringen. Unsere Spuren, die von diesem Ort wegführen, werden zuerst ver-
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folgt.« »Um den Vorratskeller immer voller zu machen«, fügte Craer hinzu. »Wir müssen los!« »Wohin?«, fragte Embra, während sie sich von den zerdrückten Farnen erhob und sich streckte – und sogleich stöhnte, schwankte und dann zuließ, dass Sarasper sie stützte. Bleich im Gesicht setzte sie sich anmutig wieder hin, winkte Hawkrils hilfreich ausgestreckte Hand weg und fügte hinzu: »Männer aus Aglirta scheinen großen Wert darauf zu legen, irgendwelche Orte zu erstürmen, mit den Schwertern zu wedeln und dabei zu brüllen – aber ich, faul und verwöhnt, wie ich adliges Ding nun einmal bin, frage erst einmal danach, wohin ich mich auf den Weg mache und aus welchem Grund solche Eile geboten ist, bevor ich anfange, herumzuschreien und durch die Gegend zu stampfen.« »Ihr habt ein bestimmtes Ziel vor Augen, das kann ich klar erkennen«, sagte Hawkril ruhig und starrte sie an. »Wohin und aus welchem Grund?« Embra zuckte die Achseln. »Mein Dwaer ist verschwunden. Ihr werdet mir sicher berichten, wie das passierte und wer ihn mir genommen hat, aber wartet damit bis später. Der Widerhall jüngst gewirkter Zauber strömt hier um uns herum so stark, dass es mir so vorkommt, als brüllten mir Männer unterschiedliche Schlachtrufe ins Ohr, wobei alle Schulter an Schulter in einem kleinen Ankleidezimmer stehen. Lasst uns nach Treibschaum gehen. Dort schützen uns Schwarz–, meines Vaters zwei Dwaerindim, und zudem noch ein paar weitere wertvolle Tintenfässer oder singende Schmuckkästchen meiner Familie. Dort kann ich einige vertrackte Zauber ausprobieren, um meinen Dwaer aufzuspüren.«
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Sie erhob sich von neuem, stieg geschickt über die ausgestreckten Körper und sprudelte heraus: »Ohne den Stein fühle ich mich nackt. Als sei er ein Teil von mir, etwas, das ich bestimmt war zu haben. Jeder Zauberer sehnt sich danach, einen Dwaer zu besitzen, ja, aber es ist jetzt meiner, als hätte ihn die Dreifaltigkeit für meine Hand gemacht.« Sarasper schaute sie an und steckte dann mit einem gewissen Unmut den Dolch ein, aus welchem er alle Magie abgezogen hatte, um die junge Frau zu heilen. »So einfach ist das nicht, Embra«, schnappte er. »›Die Götter wollten, dass ich das tue, also tue ich es‹. Ist Euch bewusst, wie gefährlich solche Worte sind? Wie verrückt jene werden, welche sie aussprechen, und welchen Schaden sie anrichten? Die Götter kündigen keine netten kleinen Schicksale für uns an, Mädchen. So einfach sieht das nie aus.« »Langsam, Sarasper, langsam«, murmelte Craer. »Aber Euer Einwand ist zweifellos stichhaltig. Barde, merkt Euch also, dass Embra das Gefühl hat, sie brauche den Dwaer zurück – und sich der Rest von uns todsicher ist, dass wir ohne ihn binnen Kurzem umgebracht werden ... nämlich genau dann, wenn wir dem nächsten unfreundlichen Zauberer begegnen.« Bevor Raulin noch antworten konnte, drehte sich der Beschaffer um, schaute ihm direkt in die Augen und fügte hinzu: »Nun, hier trennen sich am besten unsere Wege –« »Nein«, unterbrach ihn Hawkril mit fester Stimme. »Selbst wenn wir ihn dadurch nicht in die Fänge der Wölfe werfen würden, sage ich, dass der Junge bei uns bleibt. Das habe ich schon zuvor erklärt: Jede Hand, welche für Aglirta kämpft, muss uns willkommen sein – wie sonst sollte das Land jemals mehr sein als eine Ansammlung selbstsüchtiger Familien mit
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ihren Fehden, Ränken und ein paar Trupps von Schwertbrüdern? Was geschähe, wenn noch mehr Vierergruppen wütender Zauberinnen kreuz und quer durch das Land zögen, um Rache an wirklichen oder eingebildeten Feinden zu nehmen?« Sarasper seufzte. »Raulin Burgmäntel. Tapfer, willig, von gutem Wesen – und ein Körper mehr, den ich vielleicht wieder heilen muss«, sagte er zu seinen von getrocknetem Blut überzogenen Händen. Das meiste stammte von Hawkril, aber ein bisschen auch von Embra und ihm selbst. »Ein Leben mehr, das wir bei unseren kleinen Abenteuern verschwenden können.« Der Heiler blickte scharf nach oben und fügte hinzu: »Junge, wenn Ihr mit uns kommt, dann seid Ihr ein Narr. Euer Schicksal wird höchstwahrscheinlich ein schneller Tod sein, und den Göttern mag es gefallen, ihn Euch schneller zu bescheren, als Euch lieb ist – zumal wenn wir mit all unserer Mangelhaftigkeit beteiligt sind.« »Ich sage, dass Raulin uns und Aglirta seine Nützlichkeit bewiesen und jedes Recht hat, sich mit uns in Gefahr zu begeben – oder klüger zu sein und woanders hinzugehen – so er sich dafür entscheidet«, erklärte Embra. »Wir sprechen hier nicht über jemanden, der noch nie mit uns geritten ist und die Gefahren nicht kennt oder noch nicht bewiesen hat, dass er damit umgehen kann. Ihm soll die Wahl überlassen bleiben.« Craer schaute Sarasper an, und beide Männer zuckten mit den Schultern. »Herrin«, sagte schließlich der Beschaffer, während er sich wieder zu der Zauberin umwandte, »wir folgen Eurem Rat-
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schlag – und sei es nur, um unseren Ohren all die Dinge zu ersparen, welche Ihr uns in den vor uns liegenden Tagen mit Gewissheit immer und immer wieder vorhalten werdet, falls wir das nicht tun.« Embra lächelte zuckersüß. »Ah, zu guter Letzt verstehen wir uns richtig.« Sie schaute Raulin an. »Wollt Ihr immer noch mit uns reisen? Wir wetzen die ganze Zeit über unsere scharfen Zungen.« »Ich will«, erklärte der junge Barde entschlossen. »Gut«, meinte Craer kurz und bündig. Er zeigte auf die Leichen auf der Straße und fügte hinzu: »Dolche. Holt mir zwanzig Stück – und wickelt sie in einen Umhang, welchen jemand nicht mehr braucht. Benutzt einen anderen Umhang, um alle einigermaßen anständigen Stiefel einzusammeln, die Ihr seht; sie sind bare Münze wert. Dann –« »Craer!«, schimpfte Embra. »Wir haben einen Verbündeten gewonnen, keinen Packesel!« Mit großen Augen drehte sich der Beschaffer zu ihr herum und hob die Hände. »Was, werte Herrin Hochfürstin? Ist diese Sammelei nicht genau das, was ich täte, wenn Raulin nicht bei uns wäre? Hmmm?« Die hoch stehende Sonne brannte auf die Straße nieder, wo ein immer blasser werdender Jüngling vorsichtig Dolche aus Scheiden zog und dann auch Letztere einsammelte samt den Gürteln, an welchen sie hingen, wobei ihm der Hochfürst Delnbein zur Hand ging. An einem Ast hoch droben in einem Baum hingen zwei wache, aufmerksame Fledermäuse.
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Die Tiere beobachteten und belauschten die Menschen unter ihnen. Als die fünf schließlich die Straße hinuntergingen und immer noch Scherze und scharfzüngige Worte austauschten, schauten die Fledermäuse einander an und erhoben sich in die Luft. Eine flatterte hinter den sich entfernenden Menschen her, die andere schoss allem Anschein nach ganz bewusst zwischen den Bäumen hindurch in die entgegengesetzte Richtung. Craer hatte es sich zur Gewohnheit gemacht, sich unvermittelt umzudrehen und im Gehen zurückzublicken – und zwar in regelmäßigen Abständen –, aber die Fledermaus, welche hinter der Viererbande und Raulin herflog, achtete darauf, hinter Blättern verborgen zu bleiben und den Menschen unbemerkt zu folgen. Genauso wenig bemerkte der aufmerksame und misstrauische Beschaffer einen Wirbel stiller Funken und seltsamer Farben, der plötzlich zwischen zwei Thaerulbäumen ein kleines Stückchen hinter der Fledermaus auftauchte. Aus dem Wirbel erschien inmitten eines kleinen, blauen Rauchwölkchens eine Viper mit vielen kleinen, den Rücken entlang angeordneten Flügelpaaren. Sie bäumte sich kurz auf und glitt dann vorwärts, um den fünf die Straße entlangtrottenden Menschen zu folgen. Auch die Schlange achtete darauf, unsichtbar zu bleiben und weder von dem sich ab und zu umdrehenden Beschaffer noch von der vor ihr dahinflatternden Fledermaus bemerkt zu werden. Falls die Fledermaus bemerkte, was sich hinter ihr abspielte, so ließ sie sich das nicht anmerken – aber andererseits tun das Fledermäuse insgesamt nicht allzu häufig.
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Die einsame Gestalt in der dunklen, warmen Höhle erstarrte über dem Fließzauber und beugte sich dann vor, um genauer darauf zu spähen. »Stark«, sagte sie überrascht«. »Sehr stark – aber schlafend. Kein Dwaer – aber was sonst?« Dann zuckte sie die Achseln und sagte in die leere Dunkelheit: »Egal. Was auch immer es sein mag, ich werde es bekommen! Wenn Kriegsherren Eisenköpfe sammeln, um auf den Thron zuzumarschieren, und sich zudem überall Schlangenanbeter herumtreiben, dann kann man gar nicht genug Magie haben.« Die Dunkelheit gab keine Antwort, aber darum kümmerte sich der einsame Zauberer schon lange nicht mehr. Er sprach oft mit der Dunkelheit. Gerade jetzt lächelte er auf ausgesprochen unangenehme Weise. Er begab sich in sichere Entfernung von dem schimmernden Nebel des Fließzaubers und wirkte einen anderen Bann. »Vorwärts, meine Geschmolzenen. Vorwärts, und schnappt euch dieses magische Ding für mich.« Dann seufzte er und fügte hinzu: »Selbst wenn eure Gefährten es bis jetzt nicht geschafft haben, vier stümperhafte Hochfürsten in meinem Auftrag zu töten. Korloun, Eure Geschöpfe lassen einiges zu wünschen übrig.« Korloun war selbstverständlich viel zu tot, um antworten zu können. »Wünsche«, murmelte der Zauberer in die Leere – und dachte wie immer an Embra Silberbaum. Nackt und wunderschön, so wie er sie oft erblickt hatte, wenn er sie ausspioniert hatte in jenem Sommer, als er sie an die Burg gebunden hatte. Wild ... und hilflos ...
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Er stieß einen weiteren Seufzer aus und erzählte dem Dunkel: »Embra, Ihr hättet eine wunderbare Sklavin abgegeben.« Dann lächelte er wieder. »Und vielleicht tut Ihr das ja auch noch eines Tages.« Wenn man dem verwitterten Schild draußen Glauben schenkte, dann handelte es sich bei dem »Ruhm von Aglirta« um eine Art goldenen Drachen mit zwei Köpfen und einem unmöglich langen, gewundenen und verknoteten Schwanz. Aber vielleicht zeitigten ein paar Krüge Dunkelbier zu viel bei den Visionen eines Künstlers die gleiche Wirkung wie bei dem gemeinen Volk, und der wirkliche Drache verfügte über nur einen Kopf und einen bescheideneren Schwanz. Vielleicht war der Künstler aber auch von den Göttern gesegnet gewesen und hatte die Gelegenheit gehabt, einen Nachtlindwurm zu Gesicht zu bekommen, und diese Erfahrung überlebt ... und sich lediglich bei den Farben geirrt. Drachen, Nachtlindwürmer und Ruhm welcher Art auch immer bekam man so selten zu Gesicht, dass man sie in dieser entlegenen Ecke des Tals nahe dem Vorgebirge der Windfangs, welche sich nördlich und westlich von Tselagra erstreckten, nur aus Geschichten kannte. Im düsteren, schmutzigen Inneren des »Ruhm von Aglirta« pflegten die Gäste übellaunige Gespräche zu führen, während Ratten über den mit Stroh bestreuten, alles andere als geraden Boden huschten. Erschöpfte Männer in abgetragenen Kitteln und mit flickenübersäten Umhängen sprachen eher dem Bier als dem Eintopf zu. Man vernahm viel öfter Murren über in Gold schwimmende Kaufleute im weit entfernten, von Die-
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ben bewohnten Sirlptar und die Narren in Treibschaum, als dass über Wölfe, das Wetter, Gesetzlose und seltsame Untiere aus den Bergen geschimpft wurde. Überall wetterten die Leute über ihre Könige und deren Taten, seien es nun Steuern, schwerfällige Soldaten oder drohender Krieg. Aber an diesem Nachmittag herrschte Verbissenheit im »Ruhm von Aglirta«, eine Dunkelheit der Herzen und eine Hoffnungslosigkeit, welche schon seit Monaten auf dem Grund der großen Bierhumpen gelauert hatte und immer stärker und schwer wiegender wurde. »Das Chaos erfasst Aglirta, so wie eines Würgers Hand eine Kehle zusammendrückt, das hat er gesagt«, sagte der alte Adbert und legte stöhnend den Stumpf seines linken Beines auf die Bank neben sich. »Ich hab ihn gehört – diesen Barden, der wie Seewind das Tal hoch und herunter alles sieht und bei den Dreien alles hört.« »Das Chaos erstickt Aglirta, seit ich denken kann, und davor auch schon«, antwortete Thaeker Schwarzmantel und spuckte auf eine vorbeihuschende Ratte. »Aglirta stirbt einen langsamen Tod, müsst Ihr zugeben.« »Bloß nichts zugeben!«, rief einer der Luroan-Brüder von seinem Ecktisch herüber. »Das ist immer sicherer!« »Das glaubt Ihr wohl, was, Guruld?«, gab Thaeker zurück und schwang seinen Humpen. »Seht es doch als Unterhaltung, welche uns von den Göttern geschickt wurde! Dieser Fürst widersetzt sich jenem Regenten, und wieder ein anderer trotzt ihm dort, einmal mehr und einmal weniger – deshalb erwachte der Schlafende König und ernannte einen der Fürsten zu seinem Stellvertreter. Schwarzgult ist immer noch der Gauner, als den wir ihn kennen, Zauberer töten sich mit-
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tels Zauberbannen, wie sie das immer getan haben, unser großartiger König zog sich wieder in seine Träume zurück, und – was? Das hier ist immer noch das Land ohne König, so sieht es doch aus!« »Jawohl, das stimmt«, meinte ein anderer Mann. »Seit den Tagen meiner Vorväter bekämpfen sich die Fürsten und greifen nach der Macht, und das haben sie wahrscheinlich schon immer getan. Nichts ändert sich.« »Und wie steht es mit diesen großartigen Hochfürsten?«, knurrte Guruld Luroan. »Wozu sind die gut? Das sind einfach nur ein paar Fürsten mehr, wenn ihr mich fragt.« Er spuckte auf das Stroh auf dem Boden und knallte seinen Humpen auf den Tisch, aber der alte Adbert drehte sich so schnell auf seinem Stuhl um, dass er beinahe umgekippt wäre. »Hütet Eure Zunge!«, bellte er ärgerlich und überraschte damit die Männer im ganzen dunklen Schankraum des »Ruhm von Aglirta«. »Ich habe die Viererbande auf meiner letzen Fahrt mit dem Wagen gesehen und mir meine Meinung gebildet – und das ist mehr, als der Rest von euch behaupten kann!« Er schwenkte seinen Humpen so heftig, dass Bier herausschwappte und auf den Tisch tropfte – und das schockierte seine Kumpane mehr als alle Worte, die er hätte sagen können. Der alte Adbert verschüttete einen Tropfen seines Bieres? »Ich habe von ihrem Kampf auf Treibschaum mit Silberbaums Zauberern gehört«, fügte der einbeinige Mann hinzu. »Das habt ihr alle, ich weiß, aber ich habe mit Männern gesprochen, die dort gewesen sind. Mit gezückten Schwertern und voller Angst, jeden Augenblick das Leben zu verlieren – und ich sage euch eins: Wir sollten der Dreifaltigkeit jede
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Nacht auf Knien dafür danken, dass sie uns die Bande der Vier geschickt hat. Sie sind die Einzigen, die jetzt noch die Fürsten in Schach halten!« »Gut gesagt!«, mischte sich ein Hausierer ein. »Ich habe mich überall im Tal umgehört und die Augen aufgesperrt. Sie halten die Fürsten zumindest davon ab, jedermann zu erstechen oder aufzuhängen, dessen Gesicht ihnen nicht gefällt oder dessen Land oder Tochter ihnen zu gut gefällt. Wenn die Viererbande fällt, wer soll dann noch die Fürsten zurückhalten?« »Ja«, fügte Thaeker Schwarzmantel düster hinzu, »und die Schlangenpriester.« Der älteste Mann in Raum, Saurn Belrastor, erhob seinen Humpen und schlug dagegen, um dem Wirt anzuzeigen, dass er Nachschub brauchte. Saurn tat das so selten, dass sich alle Männer bei dem Geräusch nach ihm umdrehten. Saurn musterte sie alle und meinte säuerlich: »Wenn das Schicksal von Aglirta auf den Schultern von vier herumziehenden Abenteurern ruht, dann sind wir in der Tat dem Untergang geweiht. Vier sollen uns retten? Vor ganzen Armeen?« »Wir sind tatsächlich verflucht«, stimmte ihm der alte Adbert ruhig zu und starrte in die Tiefen seines Humpens. Ihm schien nicht zu gefallen, was er dort erblickte. »Ich werde meine ganze Familie um die Windfangs herum nach Dalondblas bringen, Straßenräuber hin oder her«, erklärte Tarsam Faurolk grimmig, woraufhin viele im Schankraum den Mund aufsperrten. Die vier Hügel mit den Schafen verlassen und davonlaufen nach – nirgendwo? Als wolle er auf ihre Verwirrung antworten, fügte er düster hinzu: »Nichts als Tod und Verhängnis wandeln dieser Tage
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über Aglirtas Straßen. Lieber ohne Geld und lebendig als ein reicher Leichnam, wenn wieder Krieg im ganzen Tal wütet. Flieht, solange ihr das noch könnt, falls ihr noch bei Verstand seid.« Der alte Adbert stieß ein kurzes, bitteres Lachen aus. »Bei Verstand? Jüngelchen, ich bin Aglirtaner – natürlich besitze ich keinen Verstand!« Hier und da erklang als Antwort ein Lachen, aber keines davon kündete von Fröhlichkeit. Sogar dem Wirt, der mehr Humpen nachfüllte als seit vielen Monaten, fiel es schwer zu lächeln. Er konnte nicht anders, als viele tote Männer auf den Feldern in den Hügeln liegen zu sehen, die auf die Wölfe warteten. Dann wäre immer noch Zeit zum Lächeln. Schädeln fällt das Lächeln nicht schwer.
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Hoch zu Ross in den Krieg C Der Wachposten auf der Brücke schob sich wegen der heiß brennenden hellen Morgensonne den Helm in den Nacken. Angewidert fuhr er sich mit der Hand durchs schweißnasse Haar und schaute sehnsüchtig zu dem Schatten hinüber, welchen der alte Schildholzbaum spendete. Wenn die nächsten paar Leute vorbei sind, ja, bei der Herrin! Ein wenig Schatten, ein bisschen kühles Wasser, dann ein Schluck aus meiner Flasche, um den fauligen Flussschlammgeschmack zu vertreiben, und ... ja ... Sammarthes Kräuterkarren fuhr quietschend vorbei, und er bedachte die angestrengt ziehenden Frau und ihre beiden Töchtern mit einem Nicken und einem Lächeln. Das jüngste Kind hüpfte barfuß einher und trug einen Tanselzweig in den Händen. Das Mädchen erwiderte als Einzige das Lächeln. Kuldin zuckte die Achseln und dachte wieder an die baldige Abkühlung. Oh, wenn er nur schon aus der Sonne wäre! Er machte sich nicht die Mühe, seinen Speer zu senken oder seinen Helm vorschriftsmäßig aufzusetzen, als die nächsten Neuankömmlinge, welche nach Sart wollten, an der Brücke ankamen. Der Mann an der Spitze war schmutzig und
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hatte wild dreinblickende Augen. Seine Kleider hingen in Fetzen, und er brabbelte halb gesungene, sich reimende, aber ansonsten unverständliche und offenkundig sinnlose Wortfetzen vor sich hin. Um seine Stirn schlangen sich Lederbänder, ebenso um drei Stellen eines jeden Arms, seiner Schenkel und um die Fußknöchel, außerdem hingen welche an seinem breiten Gürtel. Die anderen Enden der Lederriemen hielten zwei Wächter, die genauso erschöpft wirkten, wie Kuldin sich fühlte. Sie trotteten hinter ihrem Gefangenen her. Jeder von ihnen trug außerdem eine kleine gespannte Armbrust – in Carraglas nannte man solche Waffen Pfeilgewehre – in der Hand. »Ein Verrückter«, erklärte der dem Mann am nächsten gehende Wächter und nickte in Richtung des sabbernden, brabbelnden Mannes, welchen er bewachte. »Wir bringen ihn zu dem Jahrmarkt, um lindernde Zaubertränke zu finden.« »Ein reicher Verrückter«, fügte der andere Wächter hinzu, »oder Ihr würdet nicht erleben, dass ich in dieser Hitze einen Mann wie einen Hund ausführe.« »Das glaube ich gern!«, erwiderte Kuldin aus tiefstem Herzen. Er winkte sie nach Sart hinein – und so kam es, dass er immer noch mit erhobenem Arm und freundlichen Gefühlen im Herzen dastand, als die Wächter sich wie ein Mann umdrehten und ihre Armbrüste abschossen. Ein Bolzen fuhr tief in Kuldins Nase, ein anderer bohrte sich in eines seiner Augen. Der Verrückte war schon herumgewirbelt und sprang auf den Wachposten zu, wobei ein Dolch in seiner Hand aufblitzte. Kuldin taumelte gegen das Brückengeländer zurück, sank in sich zusammen und kippte beinahe über das Geländer. Der
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Dolch hob und senkte sich, dann langte eine Hand unter die Knie des Wachpostens und hob die Beine des Mannes in die Höhe. Der Brückenwächter wurde nach oben und über das Geländer gehievt und fand zu guter Letzt mit einem lauten Platschen Kühlung. Der Verrückte drehte sich zu den beiden Männern um, welche ihn geführt hatten, und hielt grinsend Kuldins Signalhorn in die Höhe. »Ich hab’s!«, verkündete er, wandte sich um und rannte in der Richtung die Straße entlang, aus welcher sie gekommen waren. Die beiden Männer wechselten einen Blick, dann gingen sie links und rechts der Straße auf der zu Sart gehörenden Seite in Deckung. »Ihm macht das alles ein bisschen zu viel Spaß, was meint Ihr?«, murmelte einer der beiden und legte einen neuen Bolzen ein. »Manchmal denke ich, dass er wirklich ein wenig verrückt ist.« »Ach, so sind Schauspieler nun mal«, antwortete der andere. »Er spielt bloß deshalb verrückt, weil er zur Abwechslung mal Aussicht auf ein paar Goldstücke hat.« »Wir sollen ihn nicht töten, solange nicht alle über die Brücke sind, oder?« Die Worte erklangen hinter einem plötzlich bebenden Sroanbeerenbusch. »Ihr wollt doch nicht etwa, dass wir die Angelegenheit ein wenig beschleunigen?« »Einen Befehl von Blutklinge persönlich missachten? Heilige Drachenscheiße, nein! Aber vielleicht seid Ihr selbst ja auf der Suche nach einem frühen Grab?« »Schon gut, schon gut«, sagte der Sroanbeerenbusch säuerlich. »War nur mal so ein Einfall.«
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»Es ist am besten, wenn treu ergebene Krieger davon Abstand nehmen, nur mal so auf dumme Gedanken zu kommen«, erklang eine weitere Stimme nüchtern und ganz aus der Nähe. Daraufhin entstand ein Augenblick eisigen Schweigens, bis einer der Büsche zögernd fragte: »F-Fürst Blutklinge?« »Allerdings! Richtet eure Bolzen auf den Boden oder sterbt!« »Jawohl, Fürst!«, erklärten beide Stimmen hastig, während von der Straße her das Donnern von Hufen und das Quietschen von Ledersätteln stetig lauter wurden. Um die Biegung, um welche der Kräuterkarren und der Verrückte gekommen waren, aus den Bäumen des Waldes von Sirl (niemand benutzte den Namen, der auf den neuen Karten verzeichnet war; Schönwald schien einfach nicht zu einem solch düsteren, dornigen und überwucherten Ort zu passen) erschien eine Gruppe berittener Krieger ... dahinter einige Dutzend Armbrustschützen, eine lange Reihe von Speerträgern und noch weiteren Rittern zu Pferde. An der Spitze dieser Armee ritt ein großer Mann in großartig geriffelter Rüstung auf einem Ross, welches ebenfalls eine Panzerung trug. »Aber – wer –«, stammelte der Sroanbeerenbusch verwirrt. »Ein falscher Blutklinge natürlich für den Fall, dass irgendwelche Verteidiger von Sart aus Tapferkeit oder Verzweiflung beschließen, dass eine kopflose Armee so gut wie besiegt ist«, erklärte Blutklinge kalt. »Ich habe keinesfalls angeordnet, dass Ihr nicht nachdenken sollt, Lornelth. Ich habe vorgeschlagen, dass meine allertreuesten Kämpfer sich nicht irgendwelchen müßigen Grübeleien hingeben, wenn sie in die Schlacht ziehen.«
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»Ihr – Ihr kennt meinen Namen?« Der Bogenschütze, welcher bis jetzt zu den jüngsten und am wenigsten beachteten Mitgliedern der berittenen Garde Glaronds gezählt hatte, starrte den älteren Mann verblüfft an. »Selbstverständlich. Ein Fürst, der die Namen seiner Männer nicht kennt? Dieser Mann wäre ein Narr.« Auf der andere Seite der Straße kicherte ein Wyverndorn unbehaglich – und dann trampelten zwischen den beiden Büschen donnernde, Staub aufwirbelnde Hufe vorbei, und jedes Gespräch wurde unmöglich, als die Streitkräfte von Sendrith Duthjack, Fürst von Glarond und bekannt als Blutklinge, in Sart einfielen. »Beruhigt Euch, Craer«, sagte Sarasper spöttisch. »Zwischen hier und dem Silberfluss allein erstrecken sich bloß um die dreihundert Meilen an Nebenstraßen – ganz zu schweigen davon, wie es in dem nächsten Fürstentum aussieht oder gar im übernächsten. Und das königliche Begleitschreiben, welches uns freies Geleit zusichert, kann in jedem einzelnen in Stücke gerissen werden, jeden Tag mindestens zwanzigmal.« Schnaufend und schwitzend warf der Beschaffer Sarasper im Vorbeigehen einen bösen, wortlosen Blick zu und hastete in Richtung der nächsten Biegung, wo die Straße in tiefen Wald eintauchte und einen scharfen Zacken um eine zerklüftete, feuchte und von wildem Wein überwucherte Felsnase machte, welche so hoch aufragte wie sechs Männer. Craer spähte lange in den tiefen Schatten, bevor er die Hand hob, um den anderen anzuzeigen, dass sie zu ihm aufschließen sollten. »Ich habe etwas gehört, das versichere ich euch«, erklärte
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er mürrisch, als sich Raulin und seine Mithochfürsten um ihn versammelt hatten und Embra und Sarasper ihn breit anlächelten. »Wir werden verfolgt oder beobachtet, während wir auf eine wartende Falle aus Schwertern vor uns zulaufen. Das kann ich spüren.« »Oh, spürt Ihr so etwas öfter?«, fragte der alte Heiler unschuldig, als sie schließlich gemeinsam im Schatten unter den Bäumen standen. »Bevor oder nachdem Ihr eine Flasche geleert habt?« Craer bedachte Sarasper mit einem finsteren Blick und murmelte: »Seid ruhig. Bitte. Ich – da ist es wieder!« Alle erstarrten gehorsam und lauschten gespannt auf das, was Craer alarmiert hatte. Stille ... Stille ... ein weit entfernter Vogelschrei, dann das Rascheln von Flügeln, als sich viel näher bei den fünfen ein aufgeschreckter Waldvogel in die Luft schwang. »Da«, hauchte Craer. »Kein Gezwitscher in der Nähe, aber ein Vogel – vielleicht ein Pinienhahn, dem Geräusch nach zu schließen, und sie fliegen erst im letzten Moment auf, wenn unsere Stiefel schon fast auf sie treten – welcher ganz nahe bei uns aufgeschreckt wurde. Drückt euch an den Felsen, schnell und leise, und dann muss jeder wieder ganz still sein!« Alle gehorchten, und sobald sie mit den Schultern Stein berührten, beobachteten alle Craers erhobene Hand. Er forderte sie auf zu schweigen, und genau das taten sie auch. Es schien eine endlose Zeitspanne zu verstreichen, bevor sie das tiefe, schwache Geräusch von Steinen vernahmen, welche von einem schweren Tritt umgetreten wurden. Das Geräusch schien aus allen Richtungen gleichzeitig zu kommen, von hinten, von –
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Craer wies direkt nach oben zu der Spitze der Felsnase über ihren Köpfen. Dann legte er einen Finger auf die Lippen und vollführte die nach unten gerichtete, krallende Bewegung, welche »erstarrt zu Stein und gebt keinen Laut von euch« bedeutete. Raulin und die vier Hochfürsten pressten sich gegen die raue Oberfläche des Felsens und verharrten so für eine endlos lange Zeit, bevor kleine Steine niedergerieselt kamen. Etwas kletterte die Felsnase herunter. Ungefähr zur gleichen Zeit schritt plötzlich ein Krieger aus den Farnen und dem Unterholz und trat auf die Straße vor ihnen. Und sogleich folgten ihm weitere. Raulin sah die Gestalten an und stieß ein Keuchen aus. Die Krieger starrten blicklos vor sich hin, und ihr Fleisch wirkte irgendwie gesackt und verdreht wie altes Kerzenwachs, welches mitten in der Bewegung erstarrt ist. Sie bewegten sich stetig, aber ungeschickt vorwärts, als seien sie nicht so richtig lebendig, und – »Geschmolzene«, flüsterte Embra. »Hütet Euch! Wenn Ihr sie berührt, dann können sie in Flammen aufgehen!« Während sie sprach, hatte Hawkril sein großes Kriegsschwert gelöst und trat von dem Felsen weg, um den heranschreitenden Kriegern entgegenzutreten. Auf der Straße befanden sich jetzt sieben oder acht Geschmolzene, und zwischen den Bäumen verbargen sich vielleicht noch weitere. »Hinter uns?«, fragte der Hüne ruhig. Craer spähte um den Felsen herum. »Nein, aber –«, er verdrehte sich und schaute nach oben, »vier kommen den Fels herunter, und oben sind noch mehr.« Embra schaute ebenfalls nach oben und trat einen Schritt
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von dem Felsen weg, aber Sarasper fiel ihr in den Arm, welchen sie erheben wollte, und sagte: »Hebt Euch Eure Zauber auf, jedenfalls für den Augenblick. Vielleicht brauchen wir sie, um von hier wegzukommen.« »W-was soll ich tun?«, fragte Raulin unsicher. »Beobachtet den Weg, welchen wir gekommen sind, Junge«, schnappte Craer und wies in die angegebene Richtung, »und wenn Ihr jemanden seht, ganz egal, ob Mensch oder Ungeheuer, dann schreit laut, wer da kommt, wie viele und wie nahe sie sind.« Mit einem plötzlichen, schnellen Hieb schlug Hawkril einem Geschmolzenen die Fußknöchel durch. Das Wesen fiel in unheimlichem, atemlosem Schweigen schwer auf die Seite, und der ihm folgende Geschmolzene stolperte über seinen Kameraden. Das Kriegsschwert enthauptete den zweiten Geschmolzenen, noch bevor sich der erste auf Hände und Knie gerollt hatte und auf Hawkril zuzukriechen begann. Er schlug einmal auf das Wesen ein und duckte sich zurück, als eine Gruppe von drei weiteren Geschmolzenen rasch auf ihn zuschritt. »Welcher Magier? Was meint Ihr?«, fragte Sarasper die Herrin der Edelsteine. Die Zauberin zuckte die Achseln. »Es könnte jeder sein; wer weiß, wie viele Magier Korlouns Aufzeichnungen gelesen haben? Sie müssen nach uns ausgeschickt worden sein, und das erklärt Craers Gefühl, beobachtet zu werden – jemand beobachtet uns gerade in diesem Augenblick aus der Ferne.« Sie überquerte eilig die Straße und kniete sich neben einen abgestorbenen Schössling, murmelte ein paar Worte und rief
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Fingerflammen hervor. Sie benutzte eine Hand wie eine Axtklinge und brannte in Bodenhöhe den Schössling durch, fing ihn im Umkippen auf und übergab ihn Craer. Wortlos nickend drehte sich der Beschaffer um, rief Sarasper mit einer Kopfbewegung zu sich und stieß den hölzernen Stab die Felsnase hoch in Richtung des untersten Geschmolzenen. Der befand sich gerade eben außer Reichweite, und Craer schwang den Stab hastig nach unten und herum, um die Schulter eines der Wesen auf der Straße zu erwischen und ihn seitwärts in seine beiden Kameraden zu schleudern, die damit beschäftigt waren, auf Hawkrils parierendes Kriegsschwert einzuschlagen. In Windeseile beugte sich der Hüne vor, zog seine Klinge nach unten und hackte von der anderen Seite auf das Trio ein – und alle zusammen gingen wie ein einstürzender Heuhaufen zu Boden. Craer sprang mit seinem Dolch in der einen und dem Stab in der andern Hand herbei und schlug wie ein Wahnsinniger zu. Dann schoss plötzlich ein brüllendes Feuer von den sich windenden Körpern der niedergestreckten Wesen nach oben, und der Beschaffer schwang sich mit Hilfe seines Stabes hastig aus dem Inferno – versengt und mit einem wilden Grinsen im Gesicht. »Also wünscht der uns beobachtende Magier, dass wir gebraten werden?« Wieder stieß er das geschwärzte, glimmende Ende des Stabes nach oben, und dieses Mal gelang es ihm, den Beinen des untersten Kletterers einen kräftigen Stoß zu verpassen.
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Das Wesen verlor den Halt, versuchte, sich an Kletterpflanzen und Fels festzuhalten, und fiel – und der Beschaffer und Sarasper stürzten sich auf den Geschmolzenen, erwischten einen Stiefel und einen Ellbogen und zogen, so fest sie nur konnten. In der gleichen toten Stille wirbelte der Geschmolzene an Hawkril vorbei wie eine Stoffpuppe und krachte in den brennenden Haufen seiner Kameraden. Zwei weitere Geschmolzene versuchten, an dieser Feuersbrunst vorbeizugelangen, wurden aber durch gewaltige Schwünge von Hawkrils Kriegsschwert zurückgehalten, welche sie in die Flammen zu fegen drohten, selbst wenn es ihnen gelingen mochte, die Schläge abzuwehren, welche ihnen die Gliedmaßen abzuhacken drohten. Craer schaute den Felsen hoch und beobachtete die Geschmolzenen, die immer noch oben standen, dann wandte er sich um und musterte die steif einherschreitenden Wesen, welche um den flammenden Haufen herumtappten und versuchten, Hawkril einzukreisen. Dann rief er: »Raulin – ist immer noch alles leer?« »Ja«, schrie der junge Barde zur Antwort. Craer nickte und brüllte: »Zurück, alle miteinander! Hawkril, zieht Euch hinter die Felsnase zurück!« Der Hüne gab knurrend seinem Missfallen Ausdruck, wandelnde Leichen abschlachten zu müssen, trat dann aber widerstrebend den Rückzug an – und noch während er das tat, strömten Unmengen von Geschmolzenen zwischen den Bäumen hervor. Mit dem schwelenden Stab in der Hand schaute Craer immer noch nach oben, während er die anderen zurück auf
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die Straße winkte. Das, was er erwartet hatte, traf fast augenblicklich ein: Ein Geschmolzener sprang von dem Felsen und versuchte, auf Sarasper zu landen. Mit einem schiefen Lächeln schoss der Beschaffer zu haargenau der richtigen Stelle, stemmte die Füße in den Boden und hielt den Stab fest, so dass sich der herabspringende Krieger selbst pfählte. Das Wesen erbebte, brach auseinander und fiel dann in sich zusammen, und Craer sprang eilends zurück, gerade rechtzeitig, bevor der Geschmolzene in Flammen aufging. Ein weiteres der schrecklichen Wesen sprang oder fiel vom Felsen, und der keuchende Beschaffer rannte an Hawkrils Seite, um die Flanke des zurückweichenden Ritters zu decken. Dann drehte er sich plötzlich um und schrie: »Embra! Jetzt!« Die Hochfürstin hob beide Hände über den Kopf, murmelte zischend ein paar unverständliche Worte und warf die Arme nach vorn, als schleudere sie einen Mehlsack auf jemanden, der am Boden darauf wartete. Craer und Hawkril warfen sich von der Straße zwischen die Bäume, als Embras wohlgeformte Hände nach unten schossen. Flammen rollten aus der leeren Luft vor der Zauberin, eine große, zischende Feuersbrunst, welche die Geschmolzenen von dem Felsen pflückte, zwei aus den Bäumen fallen ließ und alles überschwemmte, was sich auf der Straße befand. Überall brach plötzlich Feuer aus, als wer auch immer die Geschmolzenen beherrschte die dahintaumelnden Männer in der Hoffnung in Flammen aufgehen ließ, einen der Vier zu erwischen. Embra lächelte grimmig und zerrte an ihrem Feuer, als
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greife sie nach einer unsichtbaren Steppdecke oder einem Fischernetz in der Luft, um es zurückzuziehen, und – Die Blätter dort oben fingen mit lautem Prasseln Feuer, und die letzten Geschmolzenen wurden vom Felsen geschleudert und stürzten in tödlicher Stille in die unten lodernden Flammen. Raulin und die anderen beobachteten die Feuersbrunst und den Wald zu beiden Seiten ganz genau, sahen aber keinen Feind außer einem einsamen, brennenden Geschmolzenen, der wenigstens zehn Schritte aus dem Feuer auf sie zukam und versuchte, nach ihnen zu greifen, obwohl er bereits zu Asche zerfiel. »Möchte jemand einen Festbraten?«, fragte Craer und winkte mit einer Hand in die ersterbenden Flammen. »Ich fürchte, das Fleisch ist ein wenig angebrannt«, antwortete Hawkril, »aber danke für die freundliche Einladung.« Er warf einen flüchtigen Blick auf die zerbröckelnden Knochen inmitten der wütenden roten Flammen, dann wies er auf etwas. »Dieser da dort drüben ist weniger verbrannt als die anderen. Gibt es eine Möglichkeit, mein liebes Mädchen, herauszufinden, welcher Magier die Geschmolzenen geschickt hat?« Embra zuckte die Achseln und lächelte. »Das glaube ich nicht, aber es kann nicht schaden, einen Blick darauf zu werfen.« Vorsichtig suchte sie sich einen Weg durch die Haufen von Asche und die spuckenden Flammen und strebte auf einen Geschmolzenen zu, welcher von den Hüften aufwärts den Flammen entgangen war – oder eher auswärts, denn
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dank Hawkrils Kriegsschwert lag das Wesen in einem Knäuel aus verletzten Gliedmaßen auf einer Seite der Straße. Embra warf vorsichtige Blicke nach allen Seiten und beugte sich dann vor, um mit gerunzelter Stirn den Geschmolzenen zu begutachten. Nach einer Weile stieß sie einen Seufzer aus, schüttelte den Kopf und richtete sich wieder auf – nur um auf eine glühende Kohle zu treten und hastig zur Seite zu springen, woraufhin sie ungeschickt auf ihren Knien landete. Mitten in ihrem Sprung schoss etwas an ihr vorbei – blitzte in Höhe ihrer Schulter auf und bohrte sich in einen nahen Baum. »Bei Sargh!«, keuchte Craer und stürzte sich mit einem wilden, krachenden Sprung zwischen die Bäume. Er stürmte über Stolperfallen und raste mit halsbrecherischer Geschwindigkeit durch Büsche und Unterholz, ohne sich die Zeit zu nehmen, nach einem seiner Dolche zu greifen – aber es bedurfte nur eines Augenblicks, eine Waffe zu zücken und zu schleudern, als er eine kleine Lichtung erreichte und einen in lange Gewänder gehüllten Mann weglaufen und in einen tintenschwarzen Wirbel in der Luft eintauchen sah. Der Mann verschwand in dem sich drehenden Oval aus Dunkelheit, welches sich daraufhin schneller drehte und augenblicklich ins Nichts kreiselte. Es schluckte Craers Dolch, bevor es zu klein wurde, um es überhaupt noch erkennen zu können – und wenn der Stahl etwas traf, dann hinterließ er keine Spur davon. Knurrend stürmte Craer vorwärts, um mit einem weiteren Dolch auf die Stelle einzustechen, an welcher sich das Oval befunden hatte, aber er traf nichts als Luft. Er hatte von Anfang an gewusst, dass sein Angriff vergeb-
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lich sein würde, aber es war immerhin einen Versuch wert gewesen. Keuchend stapfte Craer durch den dichten Wald zurück und traf seine Kameraden auf den Pfeil starrend an, der Embra nach dem Leben getrachtete hatte. Aber es war gar kein Pfeil, sondern eine steif und gerade ausgestreckte Schlange mit aufgerissenem Maul, dessen Zähne sich tief in die Rinde des Baumes gebohrt hatten. Die geschlitzten Augen verdrehten sich nach hinten, um den Beschaffer anzusehen, als der sich vorbeugte und mürrisch auf die seltsame Erscheinung spähte. Der geschuppte Körper wurde durch einen Zauberbann steif und unbeweglich gehalten ... »Sie bleibt so, bis ihre Zähne mit Fleisch in Berührung kommen«, murmelte Embra. Craer zog eine Augenbraue hoch und streckte langsam eine Hand aus, um die Schlange zu packen. »Nein!«, zischte die Hochfürstin. »Sie kann als Mittelpunkt für gegen uns gerichtete Magie benutzt werden. Lasst sie, wo sie ist.« Craer zögerte und brachte die Hand näher an die Schlange heran – und das Tier verdrehte die Augen noch weiter, um ihn anzuschauen. Daraufhin zog Craer widerstrebend die Hand zurück. Er verzog ein wenig das Gesicht; es fällt einem Beschaffer immer schwer, etwas Interessantes in Reichweite zu haben, ohne zupacken zu können. »Nun«, murrte Sarasper hinter ihm, »wenigstens haben wir heute irgendetwas erreicht. Craer Delnbein hat ein klein wenig Besonnenheit gelernt. Zum ersten Mal, nehme ich an.« Craer drehte ganz langsam den Kopf und bedachte den
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Heiler mit einer alles andere als liebevollen Miene. Dabei streifte sein Blick Raulin – der sich darum bemühte, möglichst teilnahmslos auszusehen – und dann Embra und Hawkril, die vergeblich versuchten, ein Lächeln zu unterdrücken. Das Gesicht des Schwertkämpfers, der auf einem großartigen, kastanienbraunen Ross an der Spitze der hastig aufgebauten Garnison ritt, wirkte ziemlich blass. Genauer gesagt, so weiß wie der Schnee auf den Windfangs. Der große Mann in der geriffelten Rüstung lächelte, als er die offene Hand zum Gruß hob. »Seid gegrüßt, Hauptmann von Sart! Wo befindet sich der Fürst Hellbanner? Ich habe in Geschäften mit ihm zu reden!« Der Hauptmann leckte sich die Lippen. »N-nicht hier«, antwortete er widerstrebend. »Auf einer Reise im Dienste der Krone, wohin, das wissen wir nicht.« Er beäugte die Soldaten des großen Mannes in Rüstung und deren gezückte Waffen und fragte: »Wer seid Ihr, Herr – und welche Geschäfte führen Euch nach Hellbanner, dass Dir eine Armee braucht, um sie abzuschließen?« »Eure Augen erblicken den neuen Fürsten von Glarond«, erwiderte der Mann an der Spitze der Bewaffneten, »aber die Männer nennen mich weit öfter – Blutklinge.« Ein hastiges Gemurmel erhob sich unter den Wachen von Burg Sart, und einer in der Linie der Posten, welche den Weg durch das Tor versperrten, keuchte laut. »Mein Ruhm eilt mir voraus, wie es scheint«, sagte Blutklinge freundlich, »was unsere Geschäfte miteinander erheblich einfacher machen sollte.«
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»Äh – unsere Geschäfte?« »Nun, da der Fürst von Hellbanner so unvorsichtig ist, wenn es um die Sicherheit und Herrschaft in seinem Land geht, dass er es offen und ohne Verteidigung lässt und Armeen einmarschieren können – so wie diese hier, welche über die Straßen von Gilth zog, ohne dass auch nur eine Klinge gezückt wurde, um uns aufzuhalten, und die mit ähnlichem Mangel an Herausforderungen oder Überprüfung hierher kam. Ich erachte Glarsimber Belklarravus als unfähig, ein solches Amt zu führen, und erkläre, dass dieses Land an mich fällt. Kurz gesagt, ich bin von jetzt an der Fürst von Hellbanner, und –« »Wie könnt Ihr es wagen?«, schrie der Hauptmann, und in einer einzigen, blitzschnellen Bewegung zog er sein Schwert und schleuderte es durch die Luft. »Männer, widersteht diesem Abschaum von Gesetzlosen!« Der Wurf des Hauptmanns erfolgte ebenso unerwartet wie zielgenau, und der Mann in der geriffelten Rüstung kippte lautlos aus dem Sattel, und aus seinem hochgeklappten Visier Spross ein Schwertgriff, sodass Blut in alle Richtungen spritzte. Mit Gebrüll stürmten die Männer aus Hellbanner vor – nur um verwirrt vor einer Linie plötzlich auf sie gerichteter Lanzenspitzen innezuhalten. Eine andere tiefe Stimme befahl: »Bogenschützen!«, und die Speerträger warfen sich plötzlich alle wie ein Mann zu Boden und enthüllten eine Reihe steingesichtiger Armbrustschützen. Das Krachen, welches der Hagel ihrer Bolzen verursachte, erklang betäubend laut durch den Vorhof der Burg – und noch bevor das Echo in dem verrückten Surren eines
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halben Hunderts Winden verhallt war, da die Bogenschützen ihre Bögen wieder bereitmachten, waren der Hauptmann und sein Pferd bereits auf die Pflastersteine gestürzt, gespickt von so vielen Pfeilen, dass sie an vielzweigige Bäume erinnerten. Mausetote Bäume. Den Befehl hatte ein zweiter, ein wenig kleinerer Mann erteilt, welcher eine unauffällige, verschrammte Rüstung trug und auf einem Pferd hinter dem jetzt reiterlosen Ross des Hünen in der geriffelten Rüstung saß. Noch während die Männer von Hellbanner zusahen – und die Speerträger sich erhoben und sie erneut bedrohten –, konnte man sehen, dass dieser Mann lächelte, bevor er das Visier seines Helms entschlossen herunterklappte. »Wie der Zufall es will, bin ich Blutklinge«, dröhnte seine Stimme hohl und beinahe träge klingend zu ihnen herüber, als er seine gepanzerte Hand zum Gruß hob, »und ich biete euch eine Wahl an: Ihr gebt auf oder sterbt. Gilth gehört mir, und bis zur Abenddämmerung wird Sarth ebenfalls mein sein, ganz egal, was geschehen mag. Ich bin euer neuer Fürst; werdet ihr mir dienen oder nicht? Trefft eure Wahl, Männer von Hellbanner, denn ich bin weder besonders geduldig noch gnädig gestimmt.« Seinen Worten folgte ein kurzer Tumult am Eingang zur Burg, als die Soldaten von Hellbanner Blicke wechselten, hin und her drängten und Flüche ausstießen. Einige senkten die Arme und traten zurück. Andere blieben trotzig an Ort und Stelle stehen, und einer unter ihnen schlug mit dem Schwert nach einem Kameraden, der seine Waffe zu Boden geworfen hatte. Keiner machte Anstalten, die kurzen, brutalen Hiebe zu beenden, welche daraufhin fielen.
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Blutklinges Speerträger sahen teilnahmslos zu ... und dann breitete sich ein nicht enden wollendes Schweigen aus. Man konnte erkennen, dass vielleicht zwanzig Soldaten von Hellbanner mit erhobenen Schilden und Schwertern verteidigungsbereit im Eingang standen. Etwa ebenso viele standen unentschlossen und mit leeren Händen daneben und blickten ziemlich hilflos drein. »Diejenigen, welche sich ergeben haben«, knurrte Blutklinge, »ducken sich sogleich auf den Boden – mit dem Gesicht nach unten – und rühren sich nicht von der Stelle, bis ich es befehle.« Nach kurzem Zögern ließen sich die unbewaffneten Männer unter Geklapper auf die Bäuche fallen und ließen die wenigen zum Widerstand entschlossenen Bewaffneten im Eingang stehen. »Solche Treue sollte belohnt werden«, erklärte Blutklinge feierlich, schaute hoch und sah ringsherum aufgeschreckter Gesichter, welche aus Fenstern und von Balkonen herabstarrten. Dann senkte sich seine erhobene Hand nach unten. Die Reihe von Speeren wurde geschleudert, und beinahe gleichzeitig warfen sich Blutklinges Speerträger auf die Pflastersteine. Die Soldaten von Hellbanner wankten und drehten sich noch immer um die eigene Achse, als ein halbes Hundert Armbrüste so laut und zischend wie immer abgeschossen wurde. Als der Bolzenhagel versiegt war, standen nur noch drei Männer im Eingang. Blutklinges Ross tänzelte unruhig und schnaubte, als ihm der Geruch von Blut in die Nase stieg, aber sein Reiter saß so fest im Sattel, als handele es sich um einen soliden, unbeweglichen Thron. Dann fragte er in sanf-
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tem Ton: »Ihr drei tapferen Männer – habt ihr es euch noch einmal überlegt? Wollt ihr an meiner Seite kämpfen oder euch noch immer gegen mich stellen? Ich bezahle euch gut, und klingende Münze ist ein besserer Lohn als das wartende Grab.« Ein Soldat legte Schwert und Schild nieder – aber der neben ihm stehende Mann wandte sich um und trieb sein Schwert in die seitliche Verschnürung der Rüstung seines Kameraden, und der fiel zu Boden. Die beiden überlebenden Soldaten wechselten einen grimmigen Blick, strafften die Schultern und stellten sich entschlossen Blutklinges Armee. »Halduth«, sagte der Kriegsherr ruhig, und die Reihen seiner Männer teilten sich vor einem Mann, welcher sogar noch größer war als der falsche Blutklinge in der geriffelten Rüstung – einem Mann, der ohne Ankündigung oder Verzögerung einen Arm zurückriss und einen baumlangen Kriegsspeer schleuderte. Der Speer traf einen der beiden verbliebenen Verteidiger mitten in die Brust, riss den Mann von den Füßen und schleuderte ihn mindestens zwanzig Schritt weit in den Burghof. Als der Speer schliddernd zum Halten kam, erinnerte die um ihn gewickelte blutige, breiige Masse in nichts mehr an einen Menschen, und alles Leben war von ihr gewichen. Der letzte Mann warf schreiend den Schild von sich – und raste dann brüllend zwischen die Reihen von Blutklinges Männern, wobei er wie wild um sich hieb. Für eine erstaunlich lange Zeit hackte er zu, schlug aus und spuckte laut schreiend drei Mal »Hellbanner!«, aus, aber am Ende wurde er überwältigt, und Männer wandten sich von ihm ab, erhoben blutige Klingen und salutierten Sendrith Duthjack.
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Blutklinge wies wortlos auf die Burg, und unter Gebrüll stürmten seine Männer hinein, wobei sie die Schwerter schwenkten und ein Triumphgeschrei ausstießen. Die Befehle waren unmissverständlich: Keine Zerstörung und keine Brandschatzung, kein Plündern von Pferdefleisch, keine Gewalt gegen Angehörige welcher Kirche auch immer, gegen Köche oder Küchenmägde – aber mit allen anderen, nämlich Soldaten, Hauptmännern, Höflingen und Frauen konnten sie machen, was sie wollten. Als das Schreien anhub, wandte sich Blutklinge im Sattel um und schaute in bestimmte erwartungsvolle Gesichter, dann meinte er: »Lorthkul, bleibt mit Euren Männern um mich herum auf dem Posten. Darag, geht und sorgt dafür, dass meine Befehle befolgt werden.« Darag salutierte mit teilnahmsloser Miene und befahl seinen Männern, loszumarschieren. Blutklinge beobachtete eine Weile, wie johlende Männer kreuz und quer über den Burghof liefen, und lächelte. Dann wandte er sich wieder um und sagte zu Lorthkul: »Findet den Markt. Wir werden Kräuter kaufen und uns an der schönen Stadt von Sart erfreuen, bis Darag uns bestellen lässt, dass das Fest bereitet ist. Burgen sind solch laute, blutige Orte.«
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Ein Sturm von Schlangen C Die Gesichter der Gemeinen waren weiß vor Entsetzen; ohne jeden Zweifel rechneten sie damit, hier in dieser Nacht zu sterben, während sie unter den freundlichen, aber festen Händen der Soldaten von Blutklinges Armee in die Banketthalle der Burg von Sart schlurften. Als alle Platz genommen hatten – wobei jeweils vier bewaffnete Krieger in voller, immer noch blutverschmierter Rüstung gegenüber der gleichen Anzahl von Bürgern Platz nahmen –, und Hauptmänner an jedem Tisch erfolgreich Ruhe befohlen hatten, teilten sich die Wandteppiche hinter dem hohen Fürstenthron, und ein großer Mann in einfachem Waffenrock kam in Sicht, welcher den großen Kelch des Fürsten in der Hand hielt. »Willkommen« begann er in freundlichem Ton, »ich bin euer Fürst – Herr sowohl von Hellbanner als auch von Glarond. Ich bin mir sicher, dass ihr alle euch der Unannehmlichkeiten erinnert, welche sich heute hier ereignet haben, und meine Männer haben euch etliche Kammern voller Aas gezeigt, von welchem wir diese Hallen gesäubert haben: Höflinge, die schon vor Jahren sterben oder ehrliche Arbeit hät-
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ten verrichten sollen, wie ihr das tut, statt hier geziert in Festmählern zu schwelgen, während ihr schwitzen musstet.« Er bedachte alle mit einem Lächeln. »Nun, Freunde, es gibt hier keine Hinterlist. Solange keiner von euch so töricht ist, eine Klinge zu zücken und zu versuchen, einen meiner Männer zu verletzen, wird keiner von euch in dieser Nacht sterben. Esst und trinkt aus Herzenslust! Seid fröhlich, denn dies ist ein strahlender Neuanfang für Sart und Hellbanner!« Der Fürst hob seinen Kelch zu einem Trinkspruch. »Das ist euer Fest, und dies hier ist eure Burg. In Blutklinges Aglirta – ja, die Gerüchte sind wahr, mögen wir allezeit in solch erfreulichem Frieden zusammentreffen – wird es keine mit Juwelen behangenen Ausbeuter geben, die euch mit immer neuen Steuern ausbluten lassen. Ihr werdet feststellen, dass ich mit leichter und gnädiger Hand regieren werde, und meine Herrschaft wird gerecht sein – solange ihr nur ein wenig Essen und Trinken für meine Armee aufspart, wenn ich auf Treibschaum zumarschieren lasse, auf dass ich den Flussthron übernehme und euer rechtmäßiger König werde.« Das schwache Echo weit entfernten betrunkenen Singens erreichte ihn. Der Mann, der sich Blutklinge nannte, lächelte schwach und begab sich auf die Suche nach einem ganz bestimmten offenen Fenster. Als er es mitten unter all den feinen Wandvertäfelungen, Gobelins und glänzenden Statuen fand, stieß er es fest zu, um die Feiergeräusche auszuschließen, und murmelte: »Das Fest ist recht weit fortgeschritten«, und griff nach seinem Kelch mit Wein. Bei der Dreifaltigkeit, diese Fürsten verstanden zu leben!
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Dieser reiche, kirschrote Aluith-Wein aus dem Hochland von Sheiryn schmeckte wie Nüsse und Feuer und wärmte einem den Bauch ebenso angenehm, wie er die Zunge erfreute. Blutklinge ließ den Kelch kreisen, um die Spiegelung des Kerzenlichts auf dem Gefäß zu sehen, und ging barfüßig durch den Raum, bei dem es sich bis vor kurzem noch um die Studierstube des Glarsimber-Wolfes gehandelt hatte. Seine Männer hatten dafür gesorgt, dass zwei ängstliche, aber durchaus anziehende Dienstmägde in seinem Bett auf ihn warteten, aber der Kriegsherr hatte es nicht eilig, sein Gemach aufzusuchen. Darag hatte die Mädchen geknebelt, um sie ruhig zu halten, und an den Bettpfosten festgebunden, damit sie sich nicht verletzten oder etwa verschwanden; sie würden sich also kaum von der Stelle rühren, bis es ihm gefiel, sie aufzusuchen. Er wanderte in dem Studierzimmer auf und ab. Blutklinge sah Bücher, sehr viele Bücher, und einige unter ihnen schienen zu alt und zu staubig zu sein, als dass Glarsimber sie berührt haben könnte. Müßig zog er einen der Bände heraus, öffnete ihn und las auf der zufällig aufgeblätterten Seite: »Der gesegnete Text beginnt, ja, das tut er, und schallt trompetenhell über Hügel und Türme, Zinnen und Dächer, um in die Ohren und auch Herzen der törichten Menschen zu dringen und kein Leben unberührt zu lassen und keine Seele ungeleitet ...« Grinsend klappte Blutklinge das Buch zu und zog den Kopf ein, um nicht in die unvermeidliche Staubwolke zu geraten, und schob dann das Buch zurück an seinen Platz. Er schüttelte den Kopf. Warum verschwendeten ansonsten klar denkende Männer ihre Zeit mit solch nichts sagenden Kin-
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kerlitzchen – solch bedeutungslosen Unsinn? In dieser Nacht empfand er eine innere Unruhe. Sart war zu leicht gefallen; die Aufgabe erschien ihm irgendwie unvollendet. Der Fürst von Glarond und Hellbanner stand müßig vor Glarsimbers Landkarte von Aglirta und starrte gedankenverloren auf die Schleifen und Windungen des Silberflusses. »Welche Eroberung kommt als nächste?«, fragte er leichthin die leere Luft. »Ach, Entscheidungen, Entscheidungen ...« Die aus dem Nichts hinter seinem Rücken kommende Stimme erklang ebenso leise wie unerwartet. »Gemach, Blutklinge, verändert nichts, worauf wir uns verständigt haben. Wir können Euch nicht mittels Magie abschirmen, wenn Ihr Euch uns gegenüber absichtlich wie ein Tyrann verhaltet und dorthin reitet, wo wir dies nicht erwarten.« Sendrith Duthjacks Gesicht wirkte plötzlich so hart wie Stein, und seine Augen glitzerten wie Juwelen, als sich seine Hand wie eine Klaue um den fürstlichen Kelch schloss – aber er achtete darauf, dass sich seine Miene zu einer gleichmütigen Maske entspannte, bevor er sich zu dem Sprecher umdrehte. Aber ein Lächeln trug er nicht zur Schau. Rotgolden aufschimmernd und sich hell vor der Dunkelheit seiner Träume abzeichnend, ragte er glänzend und wild über ihm auf und starrte ihn geradewegs an. Er starrte zurück in die goldenen, wissenden Augen des Drachen, gefangen und festgehalten von der Ehre, als ob er auf ein Schwert aufgespießt wäre. Er konnte sich nicht rühren und auch nicht sprechen, und er war zu verängstigt, um zu schreien, als sich der große
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Wurm träge und so weich auf seinen riesigen Schwingen umwandte. Groß wie eine Burg schoss er auf ihn nieder, raste nach unten und öffnete die großen Kiefer und Klauen ... Und dann wachte er auf, so wie immer. Flaeros blieb stehen, schnappte nach Luft und wischte sich den Schweiß mit dem Ärmel von den Brauen. »Fürst«, japste er, »können wir vielleicht eine Rast machen?« Der Fürst von Hellbanner wandte sich um und musterte ihn mit einem prüfenden Blick. »Warum, Junge? Wir sind erst einen halben Tag unterwegs, und noch dazu ohne allzu große Eile. Seid Ihr in etwas getreten? Habt Ihr eine versteckte Verletzung oder so etwas Ähnliches?« Der Barde der Delkampers richtete sich kerzengerade auf und lächelte dann den Glarsimber-Wolf kläglich an. »Nein«, keuchte er, »ich bin einfach nicht daran gewöhnt – an –« Der Fürst schnaubte. »Wie könnt Ihr ein Barde sein und lange Verfolgungsjagden beschreiben, wenn Ihr nicht wenigstens einen einzigen Tag lang durch die Wälder gewandert seid? Ihr trieft vor Schweiß, dabei tragt Ihr nicht einmal eine Rüstung! Was haben die Delkampers anstelle eines Rückgrates? Zerknickte Strohhalme?« Flaeros zuckte zusammen, aber Glarsimber legte ihm eine schwere Hand auf die Schulter und zwang ihn nachgerade hinunter in eine sitzende Stellung auf einen Stein neben der Straße. »Setzt Euch, Junge, und ruht Euch aus«, knurrte er. »Es ist doch so, dass Aglirta schon seit etlichen Jahrhunderten auf Rettung wartet. Was machen da ein oder zwei Tage mehr schon aus?« Und mit diesen Worten pflanzte er sein eigenes ausladen-
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des Hinterteil auf den danebenliegenden Stein. Sie hatten eine ganze Weile dagesessen und gemeinsam schwer geatmet, als der Fürst erstarrte, den Kopf ein wenig zur Seite drehte und aufmerksam lauschte, wobei er die Hand warnend in die Höhe hielt. Flaeros beugte den Kopf und lehnte sich in die gleiche Richtung vor. Es dauerte nicht lange, und er vernahm das Geräusch, welches die Aufmerksamkeit des Fürsten erregt hatte und jetzt dafür sorgte, dass Glarsimber um Ruhe heischend einen Finger auf die Lippen legte und mit einer Geste bedeutete, dass sie sich alle beide erheben sollten. Der alte Krieger zog sofort mit beinahe übertriebener Vorsicht und Langsamkeit seine Klinge, sodass diese geräuschlos aus der Scheide fuhr, und legte die Finger auf ein Handgelenk des Barden, bevor Flaeros noch seinem Beispiel folgen konnte. Dann verlagerte er seinen Griff auf des Sängers Unterarm und führte den jungen Mann von den Felsen weg dorthin, wo sich eine freie Stelle über der Straße auf tat, weil dort vor langer Zeit ein Baum umgestürzt war. Dann drehte sich der Fürst wieder um und spähte in die Richtung, aus welcher die leisen Töne erklungen waren – das Geräusch von Schritten und heftig und ungeschickt auftretenden Stiefeln auf weichem Untergrund. Der Fürst duckte sich nieder und hielt den Schwertgriff in Nasenhöhe, wobei die Spitze hochragte wie der Bug eines Schiffes. Und dann tauchten schwerfällig taumelnd die Geschmolzenen auf. Sie waren tot oder sahen jedenfalls so aus, und dennoch bewegten sie sich. Steif und ungeschickt schritten sie mit leeren Augen dahin, hielten dabei die Schwerter in Händen, und
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ihr Fleisch schmolz tropfend auf abscheuliche Weise von ihren Schädeln und den weiter unten befindlichen Knochen. »Eiche und die Herrin seien mit mir!«, fluchte der Fürst und kniff die Augen zusammen. Geschmolzene! Waren sie nicht alle zusammen mit Korloun zugrunde gegangen? Oder – die Götter mögen dies verhüten – schrieb etwa jeder verdammte Zauberer alles und jedes nieder, sodass er damit prahlen konnte? Und diese Schriftstücke fielen dann in die Hände anderer Zauberer und so weiter und so weiter ... aber natürlich: Wahrscheinlich wusste inzwischen jeder Magier im Tal, wie man diese Wesen herstellte! »Lauft, Junge«, erklärte er knapp, »denen da könnt Ihr nicht standhalten. Versucht es, und lasst sie Euch packen, und sie werden auf der Stelle explodieren und Euch mit in den Tod nehmen!« »Aber – ich kann Euch doch nicht verlassen!«, wandte Flaeros ein, hin und her gerissen zwischen dem Bedürfnis, so schnell wie möglich die Flucht anzutreten, und dem Widerstreben, den beruhigenden Schutz zu verlassen, welchen Glarsimbers Schwert bot. »Ach, Ihr wollt wohl bleiben und zusehen, wie der heldenhafte Fürst fällt, um dann eine Ballade darüber zu verfassen?«, meinte der Lächelnde Wolf, wobei er die herannahenden Geschmolzenen keinen Augenblick aus den Augen ließ. »Könnt Ihr das nicht auch aus der Ferne beobachten? Oder vielleicht irgendeine nützliche Magie mit dem Zepter wirken, welches Ihr so ungeschickt vor mir zu verbergen trachtet?« »Ich – äh –« Der Barde Flaeros mit der silbernen Zunge kämpfte noch immer um Worte, als der erste Geschmolzene Glarsimber er-
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reichte – und sein Schwert mit solch wilder Kraft und Schnelligkeit schwang, dass man gar nicht glauben konnte, es mit einem dahinstolpernden, ungeschickten Wesen zu tun zu haben. Aber der Lächelnde Wolf war nicht mehr da. Ein schneller Schritt zur Seite, eine Vorwärtsbewegung nach rechts – und die niedersausende Klinge verfehlte den gepanzerten Schenkel Glarsimbers um Haaresbreite. Der Wolf riss sein eigenes kurzes Schwert zu einem Schlag herum, welcher den Kopf des Geschmolzenen traf, der augenblicklich lose auf dem blutleeren Hals wankte, was aber den schlurfenden Kadaver nicht im Geringsten zu verlangsamen schien. Der Geschmolzene wandte sich taumelnd um und hieb wieder mit aller Gewalt zu, sodass sein Hieb Funken auf dem Schwert des Fürsten schlug – und dieses Mal sprang Glarsimber hastig zurück, denn drei weitere Geschmolzene kamen heran und hackten gemeinsam auf ihn ein, ohne auf die Klingen ihrer Gefährten oder den dazwischen geratenden Arm des ersten Angreifers zu achten. Dieser Arm baumelte nur noch an einigen wenigen Sehnen, als sie fertig waren, und einer der Geschmolzenen war vom Rückwärtsschwung eines anderen niedergeschlagen worden, aber keiner der lauernden Untoten schien Schmerz zu empfinden oder überhaupt die Wunden wahrzunehmen, welche ihnen zugefügt wurden, oder was mit ihren Gefährten geschah. Sie taumelten vorwärts, und Glarsimber warf einen kurzen Blick über die Schulter, knurrte einen Fluch und stieß mit seinem Schwert unter Flaeros Delkampers Achselhöhle hindurch. »Bei den Göttern, schaut Ihr Euch denn niemals um?«
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Flaeros schluckte, rannte ein paar Schritte und drehte sich rechtzeitig um, um zu sehen, wie der Fürst von Hellbanner in einem Wirbel von Schwerthieben einem Geschmolzenen das Gesicht aufschlitzte, vorwärts sprang und den Getroffenen umtrat, dann wieder herumwirbelte und zu der Stelle zurückeilte, wo er den Kampf aufgenommen hatte, und den Schwerthieb eines weiteren Geschmolzenen parierte, bevor dieser Flaeros aufspießen konnte. »Ist das die herzhafte Übung, für welche Ihr Euch Eure Kräfte aufsparen wolltet, Junge?«, keuchte Glarsimber im Vorbeilaufen. »Ich würde es zu schätzen wissen, wenn Ihr ein wenig herumspringen würdet, da Ihr schon keine Klinge schwingen wollt – verschafft einfach diesen Leichnamen ein wenig Bewegung, das ist alles, was ich von Euch verlange!« Flaeros warf ihm einen entsetzten Blick zu, erkannte dann, dass der Fürst scherzte, und duckte sich danach wild entschlossen unter einem Schwertstreich eines Geschmolzenen hindurch – nur um den eisigen Stich einer weiteren Klinge zu spüren, deren Spitze sein Fleisch ritzte, nachdem sie einen dicken Umhang und feine Delkamper-Kleider durchschnitten hatte. Glarsimber schrie etwas und vertrieb den Geschmolzenen mit wütenden Schlägen, sodass der Feind mit abgetrennten Unterarmen zurücktaumelte, und dann erschien es dem keuchenden, stolpernden Barden so, als wären sie von dunkeln Klingen umgeben, deren Kreis sich langsam um sie schloss, dass die Geschmolzenen die Spitzen ihrer Schwerter gewissermaßen unbeteiligt auf sie richteten und sie trotz der Bemühungen des Fürsten dem Untergang geweiht waren ... Plötzlich schien die Luft um sie herum eiskalt zu werden, was Flaeros sehr ungewöhnlich vorkam, ein blauer Nebel o-
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der Rauch stieg auf, und da waren seltsame schattige Bäume, die so gar nicht zu dem Wald rings um sie herum passen wollten – und der blaue Schein formte einen Ring oder Bogen um sie herum, in welchen sie durch die zustoßenden Klingen der Geschmolzenen gezwungen wurden, und Glarsimber fluchte und stampfte auf den Boden und hackte zu ... Und plötzlich befanden sie sich an einem anderen Ort, in einem Wald, der ganz nach Aglirta aussah: Flaeros, Fürst Belklarravus und ein gutes Dutzend Geschmolzener. »Wir sind wie Vieh zusammengetrieben worden, Junge! Aufgepasst!«, brüllte Glarsimber und schlug und parierte wie ein Wahnsinniger. Flaeros duckte sich unter einem Geschmolzenen weg, rollte sich von der niederfahrenden Klinge eines anderen fort – und fand sich plötzlich ohne Feind mitten unter längst abgestorbenen Zweigen im Unterholz eines dichten Waldes wieder. Ein Stück weit entfernt malten Sonnenstrahlen kleine Lichtteiche auf den Boden – von Blättern umgebene Lichtungen leuchteten hell in der Sonne – und noch weiter weg wurde das grüne Dunkel heller, denn dort schien der Wald aufzuhören, und dahinter musste sich offenes Land erstrecken. Der Barde kam auf die Füße und rannte so schnell wie nie zuvor in seinem Leben. Er krachte durch brüchige, tote Zweige und rutschte schlüpfrig glatte, von abgestorbenen Blättern und Moos bedeckte Abhänge hinunter, rang nach Luft und lief und lief. Alle Gedanken an tapfere Fürsten und Drachenzepter und Herrscher waren ihm vergangen, er dachte nur noch an Flucht vor den stillen, lauernden Gestalten, welche nach ihm griffen mit ihrem herunterhängenden, tropfenden Fleisch.
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»Für Hellbanner! Für Sart! Ah, bei der Herrin – für mich, verdammt noch mal!« Fürst Glarsimber hackte durch das, was mittlerweile der vierzigste verwundete geschmolzene Arm sein musste. Keiner von ihnen hat bislang Feuer gefangen, den Göttern sei Dank – aber warum, frage ich mich? Er war gerade durch ein Zaubertor geschritten, und man hatte sie wie Schafe hindurchgetrieben, ihn und den Jungen – aber warum? Und wo bei den Klauen des Dunklen befand sich Flaeros überhaupt? Der Lächelnde Wolf schlug die Klinge eines Geschmolzenen beiseite, dann den Ellbogen der Hand, welche das Schwert geführt hatte, und wirbelte den Leichnam herum. Dann hieb er von hinten wild auf dessen Knie ein und warf ihn für immer auf den Rücken. Dies war der Letzte gewesen. Er war fertig. Müde stützte sich Glarsimber auf sein Schwert, rang nach Luft und bellte den Namen des Barden. Er bekam keine Antwort. Er schaute sich um, blickte, da er mit dem Schlimmsten rechnete, unter die Bäume, und rief dann noch einmal den Namen des Sängers. Aber rings um ihn herum lagen nur die in Stücke gehauenen Geschmolzenen, und er entdeckte nicht einmal eine Spur von Blut. Der Fürst von Hellbanner stieß einen herzhaften Fluch aus, welcher alle Barden dieser Welt einschloss, köpfte einen Schössling, welcher ihm im Weg stand, und machte sich grimmig auf die Suche.
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»Den Leinpfad entlang, Herr, den ganzen Tag und die ganze Nacht«, keuchte der Mann und fiel mit dem Gesicht zuerst auf den polierten Marmorboden von Treibschaum. Schwarzgult kniete neben ihm, achtete nicht weiter auf die schockierten Blicke der Höflinge und fragte den erschöpften, halb tot wirkenden Mann: »Blutklinge nahm für sich den Titel eines Fürsten von Glarond in Anspruch, noch bevor seine Männer Burg Sart einnahmen?« »Ja, werter Regent«, antwortete der Mann mit schwacher, ersterbender Stimme, »Glarond und Hellbanner, so sagte er – und dass unsere Armee sich seiner anschließen sollte.« Seine Worte endeten in einem Stöhnen, und seine Augen schlossen sich. »Meinen Dank für Eure Treue«, sagte der Regent und drückte die Schulter des Mannes. Er erhob sich und fuhr den am nächsten stehenden Höfling an: »Tempelheiler! Hierher, auf der Stelle, um nach diesem braven Mann zu sehen!« »F-Fürst?« Schwarzgult packte den ungläubigen Höfling an der Schulter, wies auf den bewusstlosen und von der Reise verdreckten Mann, welcher ausgestreckt auf dem Marmorboden vor dem Flussthron lag, und zischte: »So sollte ein Höfling sein! Prägt Euch wahre Treue gut ein, und außerdem den Lohn dafür – und bei den Hörnern der Herrin! Holt die Heiler herbei! Lauft augenblicklich los!« Seine letzten Worte schrie er so laut, dass der Höfling beinahe taub wurde, rückwärts die Stufen hinunter stolperte und hart und schmerzhaft auf dem Hintern landete – aber er kämpfte sich rasch auf die Füße und machte sich eilends auf den Weg, zwar unter sichtlichen Schmerzen, aber mit beein-
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druckender Schnelligkeit. Schwarzgult wirbelte herum und wies auf einen anderen Höfling. »Ihr da! Zu den Unterkünften mit Euch! Sagt den Hauptleuten, sie sollen sich bereithalten – für den Krieg!« Er deutete auf den nächsten Mann. »Und Ihr begebt Euch zum Südturm; sagt Halvan, er solle sich ebenfalls bereithalten. Dann lasst alles andere stehen und liegen und unterstellt Euch Garzhars Befehl. Er wird hier das Kommando führen.« Der Höfling glotzte ihn an. »Der alte Garzhar von der Wache? Das Kommando? Aber – Herr – wo werdet Ihr -?« »Ich werde in den Krieg reiten«, erwiderte der Regent mit einem grausamen Lächeln, »wenigstens ein letztes Mal. Für Aglirta und eine Zukunft für uns alle!« Sein Lächeln wurde bitter. »Um es mit den Worten der Barden auszudrücken.« Die Attacke kam vollkommen überraschend. Im Glauben, sich mit den hastig zusammengerufenen bewaffneten Kräften von Brostos zwischen ihnen und der Brigantenarmee von Blutklinge in Sicherheit zu befinden, suchten die Ritter von Maerlin in den roten Umhängen immer noch ihre besten Schwerter und prächtigsten Rüstungen zusammen, als Segelschiffe gegen die Hafenmauern knirschten und die Soldaten von Blutklinge ans Ufer stürmten und alles aufspießten, was ihnen vor die Lanzen kam – und die entrüstet Befehle schreienden Ritter mit Salven schwerer Armbrustbolzen begrüßten, welche wie pfeifende Todesstürme Hunderte binnen weniger Atemzüge töteten. Dann kam es nur noch darauf an, reiterlose Pferde einzufangen und durch das Fürstentum zu reiten und schlecht ge-
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wappnete, aber mit beeindruckenden Schnurrbärten ausgestattete Männer niederzustechen, welche versuchten, sich zu verstecken oder ihre wenigen Habseligkeiten zusammenzuraffen. Brostos würde standhalten, und zwar mit einer allzu dünnen Reihe von Rittern und in aller Hast bewaffneten Bauern, welche angsterfüllt entlang den Grenzen des Fürstentums abwarteten. Sie würden nicht im Traum daran denken, ein Land zu betreten, welches nicht ihr eigenes war – weshalb sollte man also Klingen gegen sie verschwenden, wenn sie sich ergeben würden wie die dankbaren Feiglinge, welche sie waren, sobald der neue König sie nach Treibschaum befahl? Burg Maerlin wurde bei Einbruch der Nacht genommen, und in den Verliesen drängten sich verängstigte fürstliche Erben, Frauen, Gäste und Höflinge, welche Reichtümer versteckt hatten oder dies zumindest behaupteten, mit welchen sie sich freizukaufen gedachten, sofern man ihnen eine Bedeckung zur Verfügung stelle, um sich in deren Besitz zu bringen. Blutklinge arbeitete bereits an einer Liste der Männer, bei denen seine Leute sicherstellen sollten, dass ihnen ein »Unfall« zustieß, nachdem ihre Schätze sicher in Blutklinges Besitz waren, und jener, die harmlos genug schienen, um sie gehen zu lassen. In dieser Nacht warteten drei hübsche, in Ketten gelegte Mädchen in seinem Bett, aber sie würden warten müssen, bis ein weiteres Festmahl gerichtet und einer anderen verblüfften Versammlung einfacher Bürger erzählt worden war, dass es in Blutklinges Aglirta keine mit Juwelen behängten, ausbeuterischen Höflinge und viel zu hohe Steuern mehr geben würde
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– sofern sie ein wenig Essen und Trinken für seine Armeen aufsparen könnten, mit denen er nach Treibschaum marschierte, um den Thron einzunehmen. Der Erfolg war ihm inzwischen so nahe, dass er ihn förmlich riechen konnte. »Ich habe dabei ein schlechtes Gefühl«, knurrte Craer, als sie gemeinsam die Straße entlangtrotteten. »Was, beim Laufen? Versucht doch, Euch all die Jahre ins Gedächtnis zu rufen, in welchen Ihr noch kein Hochfürst gewesen seid, und Eure Füße sollten sich an dieses vertraute Gefühl erinnern«, erwiderte Sarasper mit falscher Besorgnis und Anteilnahme. »Nein, Ihr alter Tollpatsch, ich meinte nicht meine Füße, sondern die Straße. Es ist viel zu ruhig«, gab Craer zurück. »Wo sind all die Hausierer geblieben? Und die Fuhrleute? Bei der Dreifaltigkeit, nicht ein Wagen ist zu sehen, ganz zu schweigen von einer Karawane! Nur die Leute aus den Dörfern ringsumher, so wie diese Holzfäller dort drüben – jedenfalls niemand, der weit gereist wäre!« »Da habt Ihr nur zu Recht«, brummte Hawkril nachdenklich. »Ja, auf einer Straße wie dieser müsste mehr Betrieb sein.« Raulin und Embra schauten Craer aus großen, ängstlichen Augen an. Der Beschaffer nickte bedächtig und verlieh der Furcht Ausdruck, welche alle beschlich. »Was ist nur in Aglirta geschehen, während wir im götterverlassenen Hinterland herumgezogen sind? Was?«
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»Bereit, Halvan?«, rief Schwarzgult und zügelte entschlossen sein riesiges, vor Empörung wie ein Drache schnaubendes schwarzes Schlachtross. »Ho, mein Herrscher!«, brüllte der fette Mann in Rüstung, welcher im Sattel eines fast ebenso großen Pferdes saß. »Die Anzahl meiner Schwerter aus Sirl wird mit Leichtigkeit alles übertreffen, was Blutklinge uns entgegenschicken mag!« Schwarzgult grinste. »Für das Geld, das Ihr mich kostet, ist das auch das Mindeste, was ich erwarte! Was, es gibt keine Tanzmädchen als Zugabe?« Halvan warf den Kopf in den Nacken und brüllte vor Lachen. Sie verstanden einander, der Regent von Aglirta und der Söldnerhauptmann aus Sirl. Schwarzgult hatte ein paar Hundert Mann aus den Überresten seiner eigenen alten fürstlichen Streitmacht rekrutiert – falls aber die Nachrichten stimmten, dass Blutklinge Maerlin eingenommen hatte, dann bedeutete dies, dass der Herrscher von Aglirta kaum ausreichend Männer befehligte, um die Ställe der Burg Maerlin zu bewachen und für die Sicherheit der Pferde dieser MöchtegernThronräuber zu sorgen. Halvans Truppen zählten fast tausend Mann, aber bei einem Fünftel von ihnen handelte es sich um ungeübte Jünglinge, welche eifrig danach trachteten, ihre Schwerter zum ersten Mal in Blut zu tauchen – wobei sie durch ihre Unbesonnenheit und Hitzköpfigkeit Gefahr liefen, auf dem Schlachtfeld zur Gefahr für Freund und Feind zu werden. Aber Halvan konnte er trauen, und seine Ergebenheit wurde von den Bannen dreier Magier aus Sirl gewährleistet, welche aus der Ferne seinen Kopf zu blutigem Brei zerquet-
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schen konnten, sollte er Schwarzgult hintergehen. Das war das Beste am Anheuern von Söldnern aus Sirl und machte sie dreimal so wertvoll wie jeden anderen angeheuerten Soldaten. Selbst wenn sie alle dazu verdammt waren, von Blutklinges Hand zu sterben – nun, zumindest würde sich der Thronräuber als starker Kriegshauptmann erweisen müssen, wenn er sie alle töten wollte, und vielleicht würde es Blutklinge ja gelingen, den Thron gegen feindliche Zauberer und lauernde Schlangenpriester zu behaupten und Aglirta zu neuer Stärke zu führen. Der Goldene Greif hatte sich eines langen und guten Lebens erfreut, und am Ende rufen die Götter uns alle zu sich. Allerdings bereitete es viel mehr Freude, andere zuerst in die ewige Umarmung der Drei zu schicken und noch dazu die Unglücksboten ein weiteres Mal an der Nase herumzuführen ... Der Wind nahm an Stärke zu und ließ die Blätter in den Bäumen rascheln, und wieder grinste Schwarzgult wie ein sorgloser Junge, der zum Spielen nach draußen darf. Wieder einmal ritt er in seiner alten Rüstung in den Krieg, befreit von plappernden Höflingen, umherhuschenden Schreiberlingen und endlosen Papieren, Papieren und noch mehr Papieren, welche gelesen und unterschrieben werden mussten. Es kam zu einem kurzen Wirrwarr aus sich gegenseitig bedrängenden Pferden und gut gelaunt fluchenden Reitern, als sich der königliche Trupp von Aglirta formierte wie eine riesige Speerspitze und sich anschickte, sich in die dunkle, enge Straße zu ergießen.
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Sobald die Ordnung hergestellt war, gewannen die Reiter an Geschwindigkeit. »Die Lanzen gesenkt!«, befahlen Schwarzgult und Halvan wie mit einer Stimme den voranreitenden Rittern und tauschten dann ein Grinsen aus, als der Donner der Hufe laut durch den düsteren Hohlweg hallte. Von den Bauernhäusern nahe dem Hafen erstreckte sich die Hauptstraße durch den südlichen Teil von Silberbaum durch diese dicht gewachsenen Wälder bis zu dem offenen Gelände der Felder von Sarth. Dort, ganz in der Nähe des verschlafenen Dörfchens Sarth, würden sie auf Blutklinges Armee treffen und genügend Raum für das Schwingen von Schwertern haben. Wenn sich das Glück gegen sie wendete, konnten sie sich immer noch in die Wälder zurückziehen und im Schatten Mann gegen Mann kämpfen – aber wenn das geschah, würde Blutklinge höchstwahrscheinlich Segelschiffe an ihnen vorbeischmuggeln, Treibschaum einnehmen und sich selbst zum König ernennen. Ähnliche Wälder – und Sümpfe nach Süden hin, welche so gefährlich und von stechenden Insekten heimgesucht waren, dass kein Mensch sie je betrat – versperrten Blutklinge das Vorrücken von Maerlin aus nach Osten. Falls er seine Männer nicht schwimmen ließ oder über Nacht hundert neue Schiffe baute, dann würde der Thronräuber nach Sarth kommen müssen. Wenn es Schwarzgult nur gelänge, als Erster dort anzukommen – er könnte die alten Gräben und Wagenbrücken und Hecken als Schilde benutzen und Blutklinge teuer dafür bezahlen lassen, dass der Söldnerführer nach der Krone griff. Wenn ...
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Die vordersten Reiter stießen ein Triumphgeschrei aus, als sie aus dem Wald brachen und entdeckten, dass auf den hügeligen Feldern keine Fahnen wehten und auch kein glitzernder Stahl auf sie wartete. Sie waren rechtzeitig angekommen! Sie – Sie kippten stumm vor Überraschung aus den Sätteln und starben unter den Hufen der nachfolgenden Rösser – Mann für Mann von Schwarzgults besten Kämpfern. Was, bei den Göttern –? Dort! »Lanzen hoch! Seid zum Angriff bereit! Visiere nach unten!«, röhrte Schwarzgult in den Steigbügeln stehend, auf dass seine Stimme überall gehört würde. Schlangenpriester standen unter den letzten Bäumen am Waldrand und schleuderten aus erhobenen Händen kleine Speere auf die vorbeidonnernden Reiter. Speere, welche den flüchtigen Schimmer von Magie hinter sich herzogen und unbeirrbar ins Ziel trafen: Die ungeschützten Gesichter und Kehlen von Männern, welche ihre Brustpanzer nicht zugeschnürt und ihre Visiere nicht heruntergeklappt hatten. Nein, es handelte sich nicht um Speere, sondern um Pfeile ... Pfeile mit seltsamen Spitzen, welche wie die klaffenden Mäuler von – »Schlangen!«, fluchte Halvan. »Sie bewerfen uns mit Schlangen!« Die Priester warfen Schlange auf Schlange, kleine, steife Pfeile, welche viel zu viele Krieger trafen, sodass sie sterbend aus den Sätteln kippten. Diejenigen, welche ihr Ziel verfehlten, wanden sich zischend am Boden, obwohl viele von trampelnden Pferdehufen zerquetscht wurden. Schwarzgult
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sah einen Priester, welcher seine letzte Schlange schleuderte und dann mit dem blanken Messer in der Hand losrannte und dabei wie rasend schrie. Furchtlosen Auges hackte er auf die Schlachtrösser ein. Er wurde wieder und wieder von Reitern umgestoßen, erhob sich aber stets wieder aufs Neue. Furchtlos – sie wirkten alle furchtlos. Betäubt von einem Zaubertrank oder vielleicht einem magischen Bann ihres Schlangengottes. Schwarzgult beugte sich nach vorn und versetzte einem dolchschwingenden Priester einen Hieb quer übers Gesicht. Er begegnete einem hasserfüllten Blick aus glitzernden Augen und schlug noch einmal zu. Der Mann vergoss kein Blut! Der Schwertstreich hatte sein Fleisch aufgeschlitzt und war am darunterliegenden Knochen entlanggeschrammt, genau über Kiefer und Nase und Stirn – aber trotzdem kam kein Blut! »Noch mehr Magie!«, fluchte er und tastete nach den Dwaerindim in ihrem Beutel unter seiner linken Achselhöhle. Nun, wenn heutigentags Magie zu den bevorzugten Schwertern gehörte ... Während er diesem Gedanken nachhing, erreichte er die erste Wagenbrücke auf dem Feld von Sarth, wo die Straße den sich krümmenden Bachlauf des Krommor kreuzte. Vor ihm stießen Ritter Flüche aus und kämpften mit den Zügeln, und Schwarzgult sah, dass die Brücke verschwunden war. Um einen halsbrecherischen Sturz in das enge, tiefe Bett des Baches zu verhindern, mussten die Reiter nach rechts und links das Ufer entlang ausweichen – und dann erklangen Schreie und das Klirren von Waffen. Schwarzgult ritt in eine Richtung, Halvan in die andere – und alle beide fanden sich einem Heer gegenüber, welches zu
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Fuß die Uferböschung hochkletterte und sie in einer unregelmäßigen Linie aus dunklen, mit Dung verschmierten Pieken, Hellebarden und Heugabeln angriff. Söldner! Eine pöbelhafte, zusammengewürfelte Truppe tätowierter und mit seltsamen Rüstungen ausgestatteter Männer von, wie es schien, jedem Hafen und aus jeder Stadt in Darsar – und noch dazu Tausende von ihnen! Ungläubig und mit offenem Mund starrte Schwarzgult auf das sich vor ihm abspielende Geschehen. Er konnte Piraten mit roten Schärpen aus Jaranda erkennen, welche Schulter an Schulter mit grimmigen, Spitzhelme tragenden Rittern aus Pelaerth herbeirannten. Sogar als der königliche Trupp schwerfällig Halt machte in einem Durcheinander von schreienden, Schwerthiebe austeilenden Männern, erklang plötzlich das Donnern von Hufen von weit hinter den Scheunen von Sarth – und um einen Obstgarten herum kam eine lange, schnell galoppierende Reihe von Reitern in Sicht. Wimpel aus hell schimmernder Seide – in Orangetönen, Gold und lebhaftem Limonengrün, Farben, wie man sie in Aglirta noch nie zu Gesicht bekommen hatte – flatterten von den Spitzen ihrer langen Lanzen. »Flammenreiter!«, schrie Halvan und klang genauso ungläubig wie Schwarzgult. Die Furcht erregenden Krieger aus dem heißen Süden, welche man in Aglirta noch nie auf einem Schlachtfeld gesehen hatte ... dunkelhäutige Männer mit strohfarbenem Haar aus dem fernen Sarinda jenseits von Karraghas, welche in Seide gekleidet kämpften, wobei lange, an ihren Armschützern befestigte Bänder aus dem gleichen Material im Wind flatterten. Sie trugen keine Rüstung außer den gläsernen Platten auf ihren Unterarmen und magische
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Schwerter aus gehärtetem Glas! Die Schatzkisten der Geschuppten mussten wahrhaft tief sein, um solch weit entfernt lebende Kämpfer – noch dazu unbemerkt – hierher zu bringen. Nirgendwo zeigte sich auch nur eine Spur von Blutklinge – das hier musste sich um das von den Schlangenanbetern höchstselbst hervorgerufene Verhängnis für Aglirta handeln. Ein Speer zischte heran, prallte von Schwarzgults Schulterpanzer ab und fiel zu Boden, ohne Schaden anzurichten. Der Regent stieß einen Fluch aus und griff nach dem Horn, welches an seinem Gürtel hing, um das Signal zu geben, sich zu sammeln und einen Ring aus Lanzen zu bilden. Kaum auf dem Schlachtfeld, und schon würde der königliche Trupp seinen letzten Standort einnehmen! Halvan wartete bereits auf das Hornsignal. Schwarzgult hielt das Horn hoch, so dass der Hauptmann aus Sirl es genau sehen konnte, aber er wandte den Kopf wieder nach Süden, als er schließlich hineinblies, um auf den Fluss zu schauen. War das Unheil so grenzenlos, dass es Blutklinge gelungen war, auf Schiffen hinter diesem Getümmel hier durchzuschlüpfen? Nein, die Drei hatten ihm wenigstens diese kleine Gnade gewährt. Nun, jetzt war die Zeit gekommen, ruhmvoll zu sterben für Aglirta und den rechtmäßigen König! Er brüllte diesen Schlachtruf, als er sein Pferd herumriss und auf den höchsten nächstgelegenen Hügel zuritt, und dann hörte er, wie die Männer – seine eigenen, treu ergebenen Männer aus Schwarzgult – den Schlachtruf aufnahmen, zuerst zögernd, dann stolz, als die Hufe ihrer Schlachtrösser Gerste zerstampften und die Hügelspitze auf sie zuzuspringen
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schien. Hinter ihnen gewannen die dahingaloppierenden Flammenreiter an Geschwindigkeit, senkten ihre Speere und versuchten, den königlichen Trupp zu überrennen, bevor noch ein Lanzenring geformt worden war. Schlangenpriester rannten furchtlos neben den Rittern aus Aglirta einher und schleuderten Dolche auf die Männer. Schwarzgult sah, dass sich noch mehr von ihnen aus der Gerste erhoben und zu den anderen gesellten, und sie brachten noch mehr Schlangenpfeile mit – nein, ein Zauber hatte sie herbefördert. Egal. Er schaute in ihre Augen, und sie erwiderten seinen Blick – und in ihren Augen stand der Tod. Die kalt lächelnden Schlangenpriester hatten sich eingefunden, um sich an dem Spiel um die Krone zu beteiligen.
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Sechs
Ein König wird sich erheben C Die Straße wand sich durch verlassenes und verödetes Ackerland, und Craer knurrte vor sich hin. Das hohe Gras bot beste Versteckmöglichkeiten für Banditen aller Art. Der Weg senkte sich in eine schattige Mulde, überquerte einen Bach und verschwand in dem dahinter liegenden Gehölz. Die Gefährten spähten am Waldrand entlang, machten aber nicht mehr als ein paar tanzende Sonnenlichtflecke zwischen den Blättern aus. »Raulin?«, fragte der Beschaffer leise. Er befand sich an der Spitze des Zuges müder Wanderer. »Nur Fliegen und Flattermäntel«, antwortete der fahrende Sänger von seinem Platz hinten und warf schon wieder einen Blick über die Schulter. Craer wandte sich an Hawkril: »Mir kommt das recht unheimlich vor. Der Landstrich hier dürfte nicht so menschenleer sein ... Entweder ist eine Seuche ausgebrochen, von der wir noch nichts erfahren haben, oder letzte Nacht ist hier ein Dutzend Drachen mit einem Riesenhunger vorbeigekommen.«
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Der Hüne zuckte hilflos die Achseln. »Vielleicht haben sie Euch ja kommen sehen und rasch alles versteckt, was ihnen lieb und wert ist.« »In solchen Breiten wie dieser kann es sich dabei höchstens um ein Rindvieh handeln«, schnaubte der Beschaffer. Sarasper aber schüttelte das Haupt. »Nein, mein werter Hochfürst, wenn die Zeiten hart sind, bleibt einem armen Bauersmann nur ein einziger Besitz, nämlich er selbst!« Craer schnaubte verächtlich: »Ihr meint also, sie haben ihre Schatztruhen vom Speicher geholt, sich damit in den Keller begeben, hinter sich abgeschlossen, sich dann in die Kiste gelegt und von innen zugemacht?« »Ruhe!«, zischte der Alte. »Schaut nach vorn. Mir scheint, als hätte ich drüben jemanden zwischen den Bäumen herumhuschen sehen.« »Wahrscheinlich habt Ihr wieder zu tief ins Glas geschaut, alter Knabe«, murrte Craer. »Wer weiß, was Ihr Euch da eingebildet habt ...« Er brachte seinen Satz aber nicht zu Ende, denn eben funkelte eine Rüstung zwischen den Zweigen. In der steckte ein mächtiger Mann, und der hielt ein Schwert in der Hand. Die Gefährten beobachteten ihn und kamen zu dem Schluss, dass er allein durch das Gehölz schlich. Und etwas an seinen Zügen kam ihnen bekannt vor. Die langen Koteletten, das runde Gesicht – »Hellbanner!«, rief der Beschaffer. »Lächelnder Wolf, hier!« Des Recken Kopf ruckte hoch, und er spähte durch das Geäst nach dem Rufer. Offenbar hatte er zwar der Straße folgen wollen, aber nicht allzu sehr darauf geachtet, wohin ihn seine Schritte führten.
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Jetzt brach der Wolf durch das Unterholz und näherte sich mit gerunzelter Stirn der Truppe. »Einen schönen Tag wünsche ich, Ihr Herren Hochfürsten«, grüßte er sie. »Habt ihr womöglich einen dummen jungen Barden hier vorbeilaufen sehen?« Die restlichen Gefährten drehten sich wie ein Mann zu Raulin um, welcher seinerseits Glarsimber von Sart verwirrt ansah. Der Fürst zog eine Braue hoch und wandte sich an den Jüngling: »Nun, mein Freund, wie steht’s, habt Ihr einen solchen geschaut?« »Dieser hier zieht nämlich auch als fahrender Sänger durch die Lande«, erklärte Sarasper derweil dem Wolf und deutete auf Raulin. »Aber nein, nein«, wehrte Glarsimber ab. »Ich suche doch nach Flaeros Delkamper. Aber sagt an, ist jener Jüngling also wirklich auch Barde?« »Na ja, eigentlich hat mein Vater sich damit Ruhm erworben«, erklärte Raulin. »Aber verratet uns doch, lieber Fürst, was denn vorgefallen ist.« Glarsimber aber sah zunächst die Hochfürsten fragend an, bis Embra zustimmend nickte: »Ja, mein Herr, wir haben keine Geheimnisse voreinander und genießen auch das volle Vertrauen des jetzigen Regenten. Deswegen frisch von der Leber weg, Fürst.« Der Fürst von Hellbanner legte die Stirn wieder in Sorgenfalten. »Eine Menge hat sich getan, aber am wichtigsten dürfte sein, dass der Söldner, welchen man Blutklinge nennt, eine Armee um sich gesammelt hat und in diesem Moment nach Treibschaum marschiert ...
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Er will sich selbst zum König von Aglirta krönen, und dafür ist er bereit, über so viele Leichen wie nötig zu gehen. Jeglicher Widerstand wird sofort niedergeschlagen.« Die Wanderer starrten ihn mit offenem Mund an. »Was sprecht Ihr da, Glarsimber?«, fragte Craer erregt. »Habt Ihr den Kriegsfürsten denn mit eigenen Augen gesehen?« Der Fürst schüttelte den Kopf. »Nein, und unter normalen Umständen würde ich es nicht glauben. Aber derjenige, von welchem ich das erfahren habe, muss als vollkommen vertrauenswürdig angesehen werden.« »Und wer war das?«, wollte der Heiler gleich erfahren. Der Wolf wirkte unbehaglich und rückte erst nach einem Moment mit der Sprache heraus. »Seine Majestät, der König Kelgrael selbst ...« Er senkte die Stimme und fuhr im Verschwörerton fort: »Wie ein Geist erschien er mir und flackerte wie eine Kerzenflamme. Die ganze Zeit über habe ich durch ihn hindurchsehen können.« »Ja, das muss der König gewesen sein«, bestätigte Hawkril, auch wenn man ihm ansah, dass er es kaum glauben wollte. Danach überzog Betrübnis seine Miene. Wie hatte es nur so weit kommen können, dass im Stromtal alles schief gelaufen war? Was stimmte nicht in diesem Land, welches er seine Heimat nannte und welchem er jetzt als Hochfürst diente? Der König war Hellbanner erschienen und hatte ihn vor einem Thronräuber gewarnt ... warum hatte er sich dann nicht den Gefährten gezeigt? Die anderen Hochfürsten sahen sich mit langen Gesichtern und kopfschüttelnd an. Ihnen gingen wohl ähnliche Gedan-
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ken durch den Kopf. »Vergebung, edle Hochfürsten, aber warum schaut ihr so bekümmert drein?«, wollte Raulin wissen. »Kann es sein, dass ihr unserem Gast gern glauben möchtet, aber seine Nachricht nicht zu fassen vermögt?« Craer grinste ihn humorlos an. »Ganz recht, mein Junge, Ihr habt damit den Nagel auf den Kopf getroffen.« »Wisst Ihr, so etwas passt eigentlich nicht zu einem Söldnerhauptmann«, erklärte ihm Sarasper. »Warum sollte man die Mühe auf sich nehmen und sich selbst auf den Thron setzen? Man fährt doch viel besser, wenn man hier und dort ein paar kleinere Scharmützel nährt und die Hand aufhält, um sie zu unterdrücken ... Deswegen fragen wir uns alle, was eigentlich im Lande vorgeht.« »Ein König wird sich erheben ...«, sang Hawkril leise vor sich hin und stellte dann zu seinem Verdruss fest, dass er den Rest der Worte vergessen hatte. Und das wollte dem Hünen als schlechtes Vorzeichen erscheinen. »Ein König wird sich erheben«, sprach eine sanfte Stimme in einer Kammer, in welcher es mit einem Mal ein wenig heller wurde. Das rührte von dem großen, in bunte Steine eingefassten Spiegel her, auf dem sich nun allerlei Farben drehten ... Und aus diesen entstanden die Mauern und Türme der Insel Treibschaum ... und Scharen von Kriegern, endlos wie der Strom, welche sich daran machten, die Wälle zu erklimmen. »Wird langsam auch Zeit«, meinte die Stimme.
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Der Mann in dem kostbaren Gewand, an welchem die Goldketten nur so klirrten, trug eine gelangweilte Miene zur Schau, als er durch die Halle schritt. Er summte etwas vor sich hin und betrachtete dabei seine vergoldeten Fingernägel. Zu ärgerlich! Schon wieder war an einer Ecke die Farbe abgeplatzt. Er blieb vor dem ovalen Spiegel neben der Statue von König Olaurian stehen, welcher Aglirta vor so langer Zeit beherrscht hatte, dass man damals noch keine Fürstentümer gekannt hatte. »In den Tagen, an welchen die Götter der Dreifaltigkeit über die Erde wandelten und die Bäume ihre Wurzeln noch nicht im Boden versenkt hatten, sondern frei durch die Luft schwebten und von den Stürmen hoch und höher getragen wurden«, zitierte der Höfling mit großen Gesten, »begab es sich aber, dass Aglirta geboren wurde.« Er breitete die Arme wie ein fahrender Geschichtenerzähler aus. »Mit ihm kam der König, ein großer Krieg hob an, und überall entstanden Tod und Zerstörung. Die Bestien wurden in fernste Ecken geschleudert, und die Straßen senkten sich auf das Land. Und endlich wurden die Dinge wichtig ... vertrieben ward die endlose, erstickende Langeweile ...« »Wenn es Euch nicht zu viele Umstände bereitet, edler Saraedrin«, sprach ihn da ein Wächter unumwunden an, »so bewegt doch Eure gelangweilten Beine gleich in den Thronsaal. Der Reichsverweser Garzhar erwartet nämlich dringend Euren Bericht!« Thelmert Saraedrin hob ruckartig den Kopf. »Ach wirklich? Ich pflege keine Anweisungen von alten Tattergreisen entgegenzunehmen, welche kaum noch in ihre Rüstung pas-
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sen ... und von vorlauten Tür Wächtern erst recht nicht!« »Wir alle sollten uns darauf freuen, Zeit unseres Lebens etwas dazulernen zu dürfen«, entgegnete der Wächter. »Und seien es nur gute Angewohnheiten. Selbst in der Stunde des Todes ist es dafür nicht zu spät ...« Der Soldat ließ das Ende des Satzes offen und zog dafür sein Schwert drei Fingerbreit weit aus der Scheide. »Drohen, immer nur drohen, dass ist alles, was ihr Stahlköpfe vermögt, nicht wahr«, höhnte der Mann mit den vielen Goldketten. »Dabei seid ihr nicht mehr als alte Knacker, die jetzt, da der Regent in den Krieg gezogen ist, wie Pfauen durch den Palast stolzieren und sich Wunder was einbilden, wie wichtig sie seien!« »Fein beobachtet, Herr«, gab der Wächter zurück, »der Regent ist tatsächlich in Sachen Krieg verreist. Deswegen bindet Euch Euer Treueid dem Thron gegenüber auch an den Stellvertreter des Regenten, an den Reichsverweser Garzhar. Und nun sputet Euch, sonst kommt es auf Treibschaum schon zu Mord und Totschlag, noch ehe Blutklinge vor unsere Tore gezogen ist!« Saraedrin aber winkte ab. »Seht Ihr, wie ich vor Furcht bebe? Meine Hände zittern so sehr, dass ich kaum die Tür öffnen kann.« Der Wächter ließ sich nicht lange bitten und öffnete ihm. Zum Dank erhielt er von dem Höfling ein spöttisches Lächeln. Darüber freute sich der alte Soldat so sehr, dass er Saraedrin einen Fußtritt in den Allerwertesten verpasste. Der Höfling flog geradezu in den Thronsaal und rutschte über den glatten Marmorboden auf den Herrschersitz zu. Fluchend richtete er sich wieder auf. Doch bevor er sich so recht
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wieder gefasst hatte, sprach ihn eine altersheisere Stimme an. »Eure Eile ehrt Euch, Saraedrin. Ich hoffe doch, dies geschieht, weil Ihr mir endlich die versprochenen Aufstellungen vorlegen könnt. Versteht bitte mein Drängen, ich bin nicht mehr der Jüngste und würde sie gern noch vor meinem Ableben zu Gesicht bekommen.« Der Höfling war vor Zorn und Scham rot angelaufen und gab unwirsch zurück: »Wen interessiert es denn schon, wie viele Fässer Salzheringe und wie viele Käseräder sich in unseren Lägern befinden? Der Regent ist in den Krieg gezogen, und wir beschäftigen uns hier mit nichts anderem als –« »Nun, bei einer Belagerung kommen sie uns gewiss sehr gelegen«, entgegnete Garzhar mit stahlharter Stimme. »Morgen, mein lieber Thelmert Saraedrin, passt man Euch eine Rüstung an und bringt Euch bei, das Schwert zu schwingen. Übermorgen möchte ich dann sehen, wie Ihr eine solche Waffe zu gebrauchen versteht, ohne dabei über Eure eigenen Füße zu stolpern.« »Was?«, kreischte der Vornehme. Er starrte den Reichsverweser an, zuckte bei dessen kalter Miene zusammen, fasste sich wieder und entgegnete spitzfindig: »Und womit darf ich Euch überübermorgen erfreuen?« »Ich rechne nicht damit, dass es für uns ein Überübermorgen geben wird«, erwiderte Garzhar, »weder für Euch noch für mich.« Der Höfling schüttelte ungläubig den Kopf. Daraufhin strich sich der Greis mit einer vernarbten Hand durch das schüttere weiße Haar, setzte eine grimmige Miene auf und fühlte sich zu einer Entgegnung bemüßigt. »Ich sehe keinen Weg, wie ich unsere Insel gegen einen
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Großangriff verteidigen könnte. Was steht mir denn schon zur Verfügung? Ein Dutzend alt gewordene Krieger, zwei Dutzend Zofen und Mägde, drei Dutzend verweichlichte und im Waffengebrauch völlig ungeübte Höflinge und noch einige Knechte, Köche und dergleichen ... Selbst wenn der Feind so blöde wäre, nur an einer einzigen Stelle anzugreifen, selbst wenn wir uns durch Zufall gerade alle an dieser Stelle befänden und nicht erst aus allen Teilen der Burg heranrennen müssten, und selbst wenn die Dreifaltigkeit es an diesem Tage besonders gut mit uns meinte, könnten wir keine Minute widerstehen – ein paar gut gezielte Pfeilschüsse und Speerwürfe, und der Dienst tuende Koch könnte uns alle von der Essensliste streichen.« »Was? Wieso? Warum?«, entfuhr es dem Vornehmen in rascher Folge und furchtbar laut. Er ruderte noch mit den Armen durch die Luft, als seine Worte von den hohen Wänden des Thronsaals hin und her geworfen wurden. »Aus welchem Grund halten wir uns dann noch hier auf?« Alle anderen im Thronsaal waren nun auf den erregten Höfling aufmerksam geworden und sputeten sich nun mehr oder weniger vornehm, näher zu kommen. »Die Kriegsmänner und ich bleiben hier, weil wir uns dazu verpflichtet haben«, antwortete der Reichsverweser langsam und kalt, »denn genau das verlangt ein Treueid auf König und Thron.« Mit einem verächtlichen Blick wandte er sich von dem Höfling ab. »Warum ihr Stutzer und Gecken aber immer noch hier seid, habe ich nie verstanden. Tagtäglich beklagt ihr euch doch darüber, wie unsäglich langweilig es hier sei. Dass ihr am Königshof stets einen reich gedeckten Tisch vorfindet,
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kann doch wohl nicht der Grund für euer anhaltendes Verweilen an diesem grässlichen Ort sein, oder?« »Mit Verlaub, Herr«, wandte einer der Höflinge ein, die eben näher gekommen waren, »aber gegen eine solche Darlegung muss ich mich ganz entschieden verwahren. In all den Jahren auf dieser Burg habe ich –« »Herr! Herr Reichsverweser!«, brüllte in diesem Moment der Wächter an der Tür. »Zu Hülf! Zu Hülf! Der Feind schwärmt in die Burg ein. Er ist beim Nordausguck-Turm über die Mauer gestiegen und hat schon das Gartentor erreicht. Daeruth verlangt dringend nach Verstärkung!« »Seid bedankt, Ilibar! Bewacht Ihr nun den Thron!« Garzhar erhob sich vom Thron und humpelte, so rasch er es vermochte, über den glatten Marmorboden. Im Lauf zog er sein Schwert und rief nach dem Pagen Tarth. Schon erschien der an seiner Seite, reichte ihm seinen Helm und hielt auch noch einen kühlen Trunk für den Reichsverweser bereit. Dem Greis blieb vor Staunen der Mund offen stehen. Er klopfte dem Jungen auf die Schulter. »Dass ich so viel Eifer noch erleben darf. Schafft Ihr nun die Köche, Knechte und Mägde fort.« »Wie, Herr?«, rief der hinzugetretene Höfling. »Ihr verfügt noch über Boote? Und ich glaubte schon, der Regent hätte sie alle mitgenommen ... Wo habt Ihr die Kähne vertäut?« »Begebt Euch endlich auf Euren Posten, Nilvarr!«, schrie Garzhar ihn an, ohne in seinem humpelnden raschen Lauf zur Tür innezuhalten. Aber der Höfling geruhte, den Befehl zu überhören, und eilte schon dem Knaben hinterher. »Page! He da, Junge. Ich
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verlange, dass Ihr auf der Stelle stehen bleibt –« »Tarth!«, brüllte der Greis über die Schulter. »Ihr folgt dem Befehl, welchen ich Euch letzte Nacht gegeben habe.« »Mit dem größten Vergnügen, Herr!«, bestätigte der Page und sauste schon in Richtung einer anderen Tür. Nilvarr und Saraedrin bemühten sich, ihn trotz ihrer Leibesfülle einzuholen. Saraedrin kam etwas rascher voran, aber daher war Nilvarr um einiges näher an dem Knaben heran. So nahe, dass er schon eine Hand ausstreckte, um sie dem Knaben auf die Schulter zu legen und ihn so zum Anhalten zu zwingen. »Stehen bleiben, Ihr kleine Kröte!«, schnaufte er. »Ich bin Fürst des Reiches und Beamter des Hofes! Wenn ich Euch einen Befehl erteile, habt Ihr zu gehorchen, andernfalls soll es Euch schlecht ergehen!« »Dann macht das ja jetzt auch nichts mehr!«, entgegnete der Knabe, blieb unvermittelt stehen und bückte sich. Der Höfling flog über den Knaben hinweg, landete hart auf dem Marmorboden, rollte hilflos noch ein Stück weiter und landete Saraedrin vor den Füßen. Thelmert konnte wirklich nichts dagegen unternehmen. Er flog ebenfalls der Länge nach hin. Als die beiden sich endlich aufgerappelt hatten und ihren Lauf zu der betreffenden Tür fortsetzten, hatte sich dort bereits ein halbes Dutzend andere Vornehme eingefunden – Und diesen stellte sich der getreue Türwächter Iliver Quelver mit gezücktem Schwert entgegen. Und mit einem gehässigen Grinsen. »Angesichts der angespannten Lage bleibt mir wohl nichts anderes übrig«, erklärte er den hohen Herren, »als jeden, wel-
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cher versucht, an mir vorbeizukommen, als Verräter an der Krone und Spion des Thronräubers Blutklinge anzusehen.« Der Türwächter ließ seine Klinge ein wenig auf und ab wippen. »Und ihr wisst, wie man in Kriegszeiten mit Verrätern verfährt.« Die Höflinge hielten inne, um den anderen den Vortritt zu lassen. Sie wagten es nicht so recht, einander anzuschauen, und fortgehen wollten sie auch nicht. In diesen Moment der Unsicherheit platzten ein schriller Schrei und das Klirren von Waffen. An der Tür entstand Geraschel und Gestampfe, und ehe er sich versah, war Ilibar wieder allein und starrte kopfschüttelnd den entfliehenden Höflingen hinterher. Sie liefen die Treppen hinauf, um die Galerien zu erreichen und über sie zu ihren Gemächern zu gelangen. »Dann sterben sie eben einsam in ihren Verstecken«, murmelte der Wächter und schwang sein Schwert durch die Luft. In Gedanken hatte er sich längst darauf eingestellt, bald zu sterben. »Nicht einmal eine Zofe versüßt ihnen die letzten Stunden. Hoffentlich gehen sie nicht vor der Zeit an Langeweile ein.« Das Klirren von Waffen und Rüstungen wurde stetig lauter. Ilibar schluckte. Bei der Dreifaltigkeit, die Unseren weichen aber rasch! Nur die Greise unter den Wächtern waren in Treibschaum zurückgeblieben. Und natürlich die Hand voll sich zu wichtig nehmender Höflinge, welche andernorts niemand haben wollte. Alle anderen waren mit Schwarzgult geritten, um Blut-
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klinge aufs Haupt zu schlagen. Aber selbst mit der Hilfe der Söldner aus Sirl würde das sicher nicht einfach werden. Der Kriegsfürst hatte alle Fürstentümer auf seinem Weg wie eine Naturgewalt überrollt. Wer von den dortigen Soldaten überlebt hatte, hatte sich ihm angeschlossen. Wenigstens sterbe ich bei der Erfüllung einer wichtigen Aufgabe, sagte sich der Wächter. Vor meinem Ende kann ich noch etwas Wesentliches tun. Er baute sich breitbeinig vor dem leeren Thron auf, hielt das gezogene Schwert in der Hand und rief in den leeren, widerhallenden Saal hinein: »Gehörnte Herrin, schenk uns den Sieg, auch gegen alle Hoffnung! Vorvater Eiche, lass mich dem Feind widerstehen! Dunkler, führe meine tödliche Klinge. Bleib an meiner Seite, Dreifaltigkeit, wenn du Aglirta nur halb so sehr liebst wie ich!« Die letzten Worte hatte Ilibar nur noch geflüstert, aber sie erfüllten den ganzen, großen Raum. Als ihr letzter Widerhall vergangen war, hörte der Wächter von draußen einen verzweifelten Ruf. Dem folgte ein Krachen, Fluchen und ein ohrenbetäubender Knall. Die Türen, welche der alte Mann so lange bewacht hatte, wurden aufgestoßen. Reichsverweser Garzhar und zwei weitere Wächter kamen sich rückwärts bewegend in den Raum und wehrten ächzend und schnaufend die Angreifer ab, welche vom Flur nachdrängten. Garzhar hatte seinen Helm verloren, und sein linker Schulterschutz hing nutzlos herab. Wenn sie gegen junge, vor Kraft strotzende Feinde angetreten wären, lägen sie längst irgendwo in ihrem Blut. Aber sie hatten es mit Geschmolzenen zu tun.
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Und die waren auf ihre Art noch schlimmer. Ebenso blindlings wie unerbittlich drängten sie voran und ließen sich weder von eigenen Verlusten noch von Treffern aufhalten. Ilibar zuckte zusammen, als zwei Schwerter von verschiedenen Seiten auf den Reichsverweser zusausten. Garzhar riss seine Waffe hoch und wehrte die Gegner in einem verzweifelten Rundumschlag ab. Der alte Mann drehte den Kopf zur Seite, als die Klingen aufeinander krachten und Funken stoben. Garzhar entging so einem schweren Treffer, wich aber dennoch zurück und wäre dabei fast zu Fall gekommen. Ilibar konnte diesen Anblick nicht länger ertragen. »Herr! Hierher, zu mir!«, rief er ihm zu. »Kommt zum Thron! Ruht Ihr Euch aus, und lasst mich ein Weilchen mit ihnen spielen!« Das alte, wettergegerbte Gesicht drehte sich zu dem Wächter um, und Garzhar setzte ein mattes Grinsen auf. Dann zeigte der Reichsverweser mit seinem Schwert auf die beiden am weitesten vorgedrungenen Geschmolzenen. »Bitte, mein lieber Ilibar, bedient Euch.« Seine Worte übertönten das Todesächzen eines der beiden anderen Wächter, welcher, von zwei Schwertstreichen zugleich getroffen, stöhnend niedersank. »Mit mir geht es bald zu Ende ...« Ilibar stürmte, so rasch es seine alten Beine erlaubten, zum Kampfort und wäre fast auf dem glatten Marmor ausgerutscht. Als er dann die Geschmolzenen erreichte, geriet er endgültig aus dem Gleichgewicht, als er einer weit geschwungenen Klinge ausweichen wollte.
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Auf dem Hinterteil rutschte er in den Haufen der toten Gegner. Die Feinde waren blind, aber irgendwie wussten sie immer, wo sich lebendes Fleisch befand. Ilibar glitt einem zwischen den Beinen hindurch, richtete sich hinter ihm rasch wieder auf und hieb ihm einen Arm, ein Bein und den Kopf ab. Schon taumelte der nächste Geschmolzene heran, und der alte Mann wich ihm geschickt aus, damit er nicht plötzlich zwischen zwei Feinde geriet. Er konnte einen raschen Blick bis ans andere Ende der Halle werfen. Aus allen Eingängen schlurften die Scharen der Geschmolzenen heran. Außer ihm schien sich ihnen niemand mehr entgegenzustellen. Also würde er es ganz allein mit ihnen aufnehmen müssen. »Mögen die Götter mir beistehen!«, knurrte der Wächter und hieb auf den ersten Feind ein. Die Klinge drang tief in dessen Hals ein, und sein Kopf hing schief herab. Aber der Geschmolzene wehrte sich weiter, als sei nichts geschehen. »Rückzug zum Thron!«, gebot Garzhar. »Dort sammeln wir uns erneut!« Bei dem anderen übrig gebliebenen Wächter mochte es sich um Keldert handeln. Ilibar hatte nicht so genau hinsehen können. Von ihm ertönte zur Bestätigung nur ein Stöhnen, denn er empfing nur einen Stich in den Bauch und konnte nicht einmal einen Schritt in Richtung Thron machen. Während Ilibar zum Thron zurückeilte, wo sich der Reichsverweser bereitmachte, ein weiteres Mal die Geschmolzenen zu empfangen, zerhackten diese den zu Boden gegangenen Keldert. »So sind wir also die Letzten«, keuchte Garzhar, als Ilibar
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sich zu ihm gesellte. Sie zogen sich auf die Rückseite des Throns zurück, damit der ihnen die eine Seite sicherte, und stellten sich dann Rücken an Rücken hin. »Habt Ihr Euren Frieden mit der Dreifaltigkeit gemacht?«, fragte der Reichsverweser. »Ja, das habe ich«, nickte der Wächter. »Ihr sicher auch, oder?« Garzhar verzog das Gesicht zu einem schrecklichen Grinsen. »Da draußen gibt es ein Mädchen, das ich immer heiraten wollte. Aber irgendwie bin ich nie dazu gekommen.« Sie wehrten die ersten Gegner ab, und danach fuhr Garzhar fort: »Doch das dürfte jetzt nicht mehr wichtig sein, also bin ich wohl im Frieden mit den Göttern.« Er enthauptete einen Geschmolzenen mit einem einzigen kühnen Streich und brüllte: »Für Aglirta!« »Für Aglirta!«, nahm Ilibar seinen Schlachtruf auf, und sie hieben wie wild gewordene Schlachter auf die Menge der Feinde ein. Eine ganze Weile wehrten sie sich so, bis der Reichsverweser schließlich wort- und klaglos zu Boden sank. Daraufhin fand der letzte Wächter den Mut, etwas zu tun, was er früher nie gewagt hätte. Er bestieg hurtig den Thron, wehrte sich von oben und schrie den Angreifern, deren Scharen kein Ende zu nehmen schienen, seinen Trotz entgegen. Über einem glühenden Spiegel ertönte ein leises, angewidertes Zischen. Dem folgten einige leise Worte, und dann loderte der Spiegel gleißend hell auf.
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Die Geschmolzenen in seiner unmittelbaren Umgebung gingen unvermittelt in Flammen auf, und Ilibar brüllte ihnen seine Schmerzen trotzig entgegen. Schreiend sprang er die Stufen des Throns hinunter, hieb wie wild um sich und zerhackte die verkohlenden und zerbröckelnden Untoten. Doch immer noch drängten neue Feinde durch die Türen herein, welche Ilibar doch eigentlich zu bewachen hatte. Diese brannten nicht, und sie kannten nur ein Ziel: den letzten der Wächter zu erschlagen. Vor lauter Qualm konnte Ilibar nichts mehr sehen. Er sprang in die Richtung, in welcher er die Türen wusste. Der Gestank seines verbrannten Haares und seines versengten Fleisches bereitete ihm Übelkeit. Da traf ihn etwas Hartes und Schweres, und er wurde aus der Bahn geworfen. Noch während Ilibar sich um die eigene Achse drehte, verlor er sein Schwert irgendwo zwischen den Flammen. Ein weiterer Treffer beendete das Leben von Ilibar Quelver, und er sank der kühlen Dunkelheit entgegen. Sanftes Lachen erhob sich über dem flackernden Spiegel. Der zeigte ein ersterbendes Feuer im Thronsaal von Treibschaum, Dutzende von Geschmolzenen, welche auf den Herrschersitz von Aglirta zu drängten, dann nur noch leere Gänge und Räume, verlassene Küchen und marschierende Untote, welche in jedes einzelne Gemach eindrangen. Hie und da erhob sich vor ihnen eine Fledermaus unter die Decke und ergriff flatternd die Flucht. »Da frage ich mich doch«, meinte die leise Stimme, »ob der Herr der Fledermäuse wirklich immer noch lebt.«
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Der Sprecher schnaubte wieder und wehte mit einer Hand über den Spiegel, welcher darauf sofort dunkel wurde. Mit rauschenden Gewändern eilte er aus seiner Kammer, den langen Gang hinunter und durch den Wirbel der Magie hindurch, welcher sich am Ende um die eigene Achse drehte. Wieder ertönte das leise Lachen, doch diesmal in der Thronkammer von Treibschaum. Eine Hand bewegte sich kaum merklich, und schon machten die Geschmolzenen gehorsam eine Gasse zum Herrschersitz frei. Schatten umhüllten den Mann in den vornehmen Gewändern, als er am Ende der Gasse stand und den Thron in Augenschein nahm. Doch diese Schatten waren nicht nur Vorboten der Dunkelheit, sondern Schutzzauber, welche ihn vor allen Unbilden bewahren würden. Der Mann hob beide Hände und bewirkte einen neuen Zauber: Aus den Schatten löste sich ein bis dahin nicht vorhandenes Leuchten, waberte über den Marmorboden, bestieg die Stufen zum Thron und umschlich den Herrschersitz wie eine Raubkatze ihre Beute. Doch dort oben befanden sich weder Zepter noch Krone noch Reichsapfel – und auch sonst nichts. Daraufhin verging das Leuchten langsam. Der Mann verharrte für eine Weile in Schweigen, ehe er den gleichen Zauber ein zweites Mal aus den Schatten erzeugte. Wieder strömte suchendes Strahlen auf den Thron zu, umrundete ihn und stieg bis hinauf zur Decke. Doch keine zauberischen Fallen lauerten hier. Selbstredend war viel Magie in den Thron verwoben, aber man hatte keinen Hinterhalt gelegt, und keine böse Quelle war zur Abwehr erwacht.
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Erleichtert lächelnd setzte der Mann sich nun in Bewegung und ließ sich auf dem Herrschersitz nieder. Sein Schattenumhang verging im Nu, und Ingryl Ambelter, der Zaubermeister von Treibschaum, warf den Kopf in den Nacken, um laut zu lachen. Die Krone mochte zurzeit das Haupt dieses Toren Schwarzgult zieren, aber der Flussthron enthielt Zauber, von denen dieser nichts ahnte. Wer sich auf diese verstand, vermochte es, gewaltige Macht auszuüben. König, Regent und Reichsverweser spielten in diesem Moment keine Rolle mehr, denn eben hatte Aglirta seinen neuen Herrscher bekommen. Ingryl sandte einen Befehl aus, und im nächsten Augenblick fielen einige hundert Untote wie ein Mann vor ihm auf die Knie. Zufrieden lächelnd ließ Ambelter den Blick über seine getreuen Geschmolzenen wandern, legte die Arme auf die dafür vorgesehenen Lehnen und bezog vom Thron die Kraft, den Zauber zu bewirken, welchen er schon so lange auslösen wollte. Im Zeitraum einiger weniger Herzschläge und eines Funkenstiebens war alles erledigt. Ambelter heulte vor Begeisterung. Weit entfernt zuckte der Regent von Aglirta im Sattel zusammen. Rings um ihn herum wütete die Schlacht, doch er presste die Hände an den Kopf. Unsägliche Schmerzen hatten ihn aus heiterem Himmel befallen. Der Zauber hatte ihn getroffen, und inneres Feuer zerkochte ihm das Gehirn.
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Von Zeptern, Fledermäusen und verspielten Geiern C In der schattigen Senke war es angenehm kühl, und der Bach plätscherte dunkel, voll köstlichen Nasses und auch sonst einladend an ihnen vorbei. Raulin betrachtete den friedlichen Wald, welcher sich ringsherum erstreckte, und konnte es einfach nicht glauben, dass in eben dieser Stunde irgendwo in Aglirta Heere aufeinander prallten ... sich schreiend aufeinander stürzten und sich gegenseitig nach dem Leben trachteten. Er schüttelte leise den Kopf, wovon die fünf Gefährten, welche ihn umstanden, aber nichts mitbekamen. Wie üblich führte Craer das Wort. »Für den Augenblick wenigstens müssen wir von der Dwaerindim-Suche lassen! Zuerst gilt es, Blutklinge in den Staub zu zwingen. Dabei ist diese Aufgabe gar nicht so grundverschieden von unserem eigentlichen Anliegen ... Denn wenn Blutklinge damit fortfährt, einen Fürsten nach dem anderen zu meucheln, kann es uns eigentlich gleich sein, wer die Zaubersteine in seinen Besitz gebracht hat. Dann
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kann sich der Kriegsherr ihrer nämlich erfreuen ... wenn sie nicht in den Wirren der Schlacht verloren gehen, und das hülfe uns ja auch nicht weiter.« »Und wie, schlagt Ihr vor, sollen wir Blutklinge in den Staub zwingen?«, fragte Embra spitz. »Wir sind vier Hochfürsten, ein Fürst und ein fahrender Sänger, also sechs, wenn ich mich nicht verzählt habe. Reichlich wenig, um gegen ein Heer anzutreten.« Der Beschaffer lächelte und verbeugte sich vor ihr. »Edle Herrin Silberbaum, ich schlage vor, dass wir mit Blutklinge gewissenhaft so vorgehen, wie Ihr es in der vortrefflichen Strategie vorschlagt, welche Ihr uns jetzt unterbreitet.« »Das hätte ich mir ja gleich denken können«, murrte die Edle, musste dann aber doch kichern. Alle anderen beugten sich vor, um nichts von dem zu verpassen, was sie nun zu verkünden hatte. Warum gerade ich, ihr Götter! seufzte die junge Frau. Aber dann sprach sie schon und legte einen Plan dar, was sie selbst am allermeisten überraschte. Vielleicht hatte die Dreifaltigkeit sie ja überraschenderweise doch einmal gehört – auch wenn Embra nicht so recht verstand, was sie da eigentlich von sich gab. »Wir müssen auf dem schnellsten Wege nach Treibschaum zurück. Wenn ich mich der Macht von meines Vaters Dwaer bediene, vermag ich vielleicht, Blutklinge aufzuspüren. Danach verleihen wir Hawkril mit Hilfe des Zaubersteins das Aussehen des Kriegsherrn ...« Ja, das kam wirklich aus ihrem Munde, wunderte sich die Fürstin. »Und mittels eines Sprungzaubers schicken wir unseren
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Freund dann ins Lager des Feindes. Dort muss er versuchen, Blutklinge zu töten, um schließlich als der Kriegsherr vor seine Truppen zu treten. Diesen gibt er dann so widersprüchliche Befehle, dass die Soldaten in die unterschiedlichsten Richtungen auseinander laufen und sich das Heer so auflöst. Damit wäre diese Gefahr dann vom Flussthron abgewendet.« Die anderen hielten sich den Bauch vor Lachen, bis Sarasper schließlich ernsthaft sprach: »Das klingt so blödsinnig, dass es unter Umständen Erfolg haben könnte.« »Also gut, dann machen wir es so«, rief Craer dann gleich. »Schluss jetzt mit dem Herumschleichen auf abgelegenen Straßen. Wir haben ein Reich zu retten, ein paar Fürsten die Ohren lang zu ziehen und einigen Magiern den Hintern zu versohlen.« »Eine erfrischende Einstellung«, stimmte der Fürst von Hellbanner sofort zu. »Ihr werdet doch die Güte haben, mich mitzunehmen, oder?« Sofort kehrte Schweigen ein, und die Hochfürsten sahen sich betreten an. Schließlich ergriff Embra wieder das Wort. »Das dürfte, gelinde gesagt, auf Schwierigkeiten stoßen, denn im Moment vermag ich es noch nicht einmal, mich selbst nach Treibschaum zu befördern, geschweige denn die ganze Gruppe. Mir fehlt es einfach an magischer Kraft.« »Was könnte denn Abhilfe schaffen?«, fragte Glarsimber. »Alle Gegenstände, welchen einige zauberische Kraft innewohnt und die bedenkenlos geopfert werden können. Denn meine Banne werden alle Magie aus ihnen heraussaugen, bis von ihnen nur zerbröckelnde Reste übrig geblieben sind.« Schon grinste der Lächelnde Wolf und griff in seine Um-
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hängetasche. Er zog eine Halskette heraus und legte der Herrin etwas Glänzendes in die Hand. »Mein Notgroschen, der noch von der Schlacht im Schweigenden Haus übrig geblieben ist, als Ornentar sich in ein Schlangenungeheuer verwandelte und der Regent sich als Sturmharfe entpuppte.« Die Gefährten beugten sich rasch vor, um einen Blick auf das zu werfen, was Embra jetzt in der Hand hielt. Selbst Raulin verrenkte den Hals. Sie gewahrten eine Art Medaillon, wie es vornehme Fräulein trugen, bevor sie heirateten oder sich einem Liebhaber hingaben. Darin bewahrten sie dann eine Locke oder etwas anderes von demjenigen auf, für welchen ihr Herz schlug. Das Schmuckstück war fein gearbeitet, noch verhältnismäßig neu, bestand aus Kupfer und besaß die Form einer Hand. Hellbanner erklärte der Herrin: »Einer der Fürsten hat das Stück bei sich gehabt, übrigens derjenige, welcher sich später als Schlangenpriester herausstellte. Berührt mit dem Medaillon Metall, und es fängt an zu singen. Der Ton, welchen es von sich gibt, verrät Euch dann, ob das Metall echt ist.« »Das ist doch Schlangenzauber!«, rief Craer voller Misstrauen. »Und so etwas tragt Ihr mit Euch herum?« Aber der alte Sarasper schüttelte das Haupt. »Nein, mein Sohn, ein viel älterer Zauber, und ein besserer.« Embra hielt die Bronzehand seufzend hoch und setzte dazu an, ihren Sprungbann zu murmeln. »Ich hoffe, dieses Ding vermag mehr, als nur herauszufinden, ob es sich bei einem Stück Gold wirklich um Edelmetall handelt.« Sie beäugte den magischen Gegenstand. »Am liebsten würde ich diese Hand ja genauer prüfen, aber leider ...« Die
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Herrin schloss die Finger um die Bronze. »In wenigen Momenten wird davon nur Schlacke übrig geblieben sein, zu unserem Nutz und Frommen.« Während die Zauberin die Beschwörungsformel murmelte, verfolgte Raulin mit Erstaunen, wie der Beschaffer nun vorging. Der zog Embra nämlich über dem Hintern das Hemd aus der Hose, schob den Stoff so weit wie möglich hoch und hielt ihn auf halber Rückenhöhe fest. Die anderen traten darauf hin heran und legten ihrer Gefährtin eine Hand auf die nackte Haut. Glarsimber grinste plötzlich und gesellte seine behaarte Pranke zu den anderen. Raulin fasste sich schließlich auch ein Herz und folgte dem Beispiel der anderen. Embras Haut fühlte sich wunderbar samtig, weich und warm an. Blaues Leuchten erfüllte die Ränder ihrer Blickwinkel. Raulin drehte den Kopf, um nachzuschauen, bekam aber nur die Bäume des Waldes zu sehen. Dafür rührte sich etwas unter der Haut der Fürstentochter und erzeugte in seinen Fingerspitzen ein Prickeln ... Die Zauberformel endete in einem Vers: »Möge diese Bronze sich dazu verdingen, uns unserm Ziel näher zu bringen.« »In Aglirta muss sich in diesen Tagen so vieles verdingen«, grunzte der alte Weise. »Menschen, Vieh, Fürsten ... und dennoch geht so vieles zugrunde. Wertvolle Magie, Träume, Vertrauen und Menschen.« Raulin traten Tränen in die Augen, und er blinzelte den alten Heiler an. »Wollt Ihr wohl damit aufhören, mir die Laune zu verder-
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ben«, grollte Glarsimber. »Höchste Zeit, mal wieder jemanden zu erschlagen.« »Wann ist denn nicht die Zeit dazu?«, wandte Embra ein. Sie hob die Hände über den Kopf und spürte, wie die Magie an ihnen herablief. »Hat es je einen Zeitpunkt gegeben, der dafür ungünstig gewesen wäre?« WÄHRENDDESSEN Das Zepter lag glatt, schwer und gut in seiner Hand. Flaeros Delkamper hatte nicht die leiseste Ahnung, wie man die in ihm schlummernde Magie wecken oder gar einsetzen sollte. Dabei konnte gar kein Zweifel daran bestehen, dass diesem Stab Zauberkräfte innewohnten. Warum sonst würde der Regent so großen Wert auf sein Zepter legen? Er spürte aber, wie viel Sicherheit es ihm gab, diesen Stab überhaupt zu halten. Ganz gleich, ob die Geschmolzenen nah oder fern waren. Auch jetzt umschloss Flaeros Delkamper ihn mit seiner Rechten, als er durch das faulende Laub, die abgefallenen Äste und die vielen Pilze auf dem Waldboden schritt. Als er durch die Farnwedel spähte, entdeckte er auf der Straße vorbeireitende Soldaten. »Ein König wird auferstehen«, sprach er beim Anblick der vielen Fahnen leise, welche von den Bannerträgern hochgehalten wurden. Flaeros erkannte die Farben von Loushoond, Ornentar und Tarlagar. Trupp nach Trupp donnerte über die Straße, und der Boden erbebte unter den Hufen. Krieg hatte in Aglirta Einzug gehalten, daran konnte jetzt
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kein Zweifel mehr bestehen, denn diese Straße führte zum Hafen, von dem aus man zur Insel Treibschaum gelangte. Und dorthin waren die Truppen von mindestens drei Fürsten unterwegs – wohl kaum zu einem Höflichkeitsbesuch. Unvermittelt ging ein Blitz auf die Straße nieder. Die Schwadronen gerieten in Unordnung, als die Reiter fluchend versuchten, ihre Rösser zum Stehen zu bringen. Flaeros beugte sich vor und spähte durch die Farne. Er musste mehrmals blinzeln, weil der Blitz ihn so geblendet hatte. Anstelle der Lichterscheinung zeigte sich jetzt ein Mann, welcher etwa einen Meter über dem Boden schwebte. Also konnte es sich bei ihm nur um einen Zauberer handeln, Groß und schlank schwebte er da und blickte der Schar zornig entgegen. Grüne und blaue Flammen loderten seine Arme hinauf und hinab. »Man nennt mich Jhavarr Bogendrachen!«, donnerte er ihnen entgegen. »Lasst euch ja nicht einfallen, eine Waffe gegen mich zu erheben. Ich suche nur einen Mann.« Ein alter Kämpe, welcher sein unruhiges Reittier immer noch zügeln musste, fragte: »So sagt denn an, wen Ihr sucht.« »Hält sich der Regent Schwarzgult unter euch auf? Ich konnte ihn auf Treibschaum nicht finden.« »Nein, das tut er nicht«, antwortete ein anderer Ritter. »Wie man uns sagte, soll er gegen den Kriegsfürsten Blutklinge in die Schlacht gezogen sein, irgendwo am südlichen Ufer des Stromes.« Der Magier schnaubte wütend, warf die Arme hoch und verschwand im Auflodern der Flammen. »Könige kommen ... und vor allem gehen sie auch wie-
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der«, murmelte Flaeros und ließ die Farnwedel los. Aber er beobachtete die Reiter noch eine Weile. Sie zeigten hierhin und dorthin, und unter ihnen erhob sich auch viel Geschrei. Nur ein Ritter blieb völlig ruhig und gelassen. Er stand ganz in Flaeros’ Nähe und grollte nur voller Verachtung »Zauberer!« vor sich hin. Nun näherte sich ein Reiter in hell glänzender Rüstung. Er trug die Farben des Hauses Tarlagar auf seinem offenbar neu angefertigten Waffenrock. Zwei Gefolgsmänner in der gleichen Aufmachung folgten ihm. »Ornentar!«, rief der Vornehme mit einer Stimme, welcher man anhörte, wie wichtig er sich vorkam. »Die Vorhut dürfte inzwischen den Hafen erreicht haben. Sollen wir ebenfalls dorthin aufbrechen?« »Aber unbedingt!«, erhielt er von einer mindestens ebenso eingebildet klingenden Stimme zur Antwort. »Wir sollten uns gleich auf den Weg machen und uns nicht länger von irgendwelchen verrückt gewordenen Magiern aufhalten lassen. Niemals werden wir größere Aussichten darauf haben, den Thron für uns zu erlangen, und wie seit langem nicht mehr bedarf Aglirta unseres Beistands und unserer Leitung!« Flaeros hatte nicht gesehen, ob einer von ihnen die Hand gehoben hatte, aber im nächsten Moment gaben sie alle wie ein Mann ihren Pferden die Sporen und preschten davon. Die vielen Hufe donnerten und hinterließen eine Staubwolke. »Und wer von euch will dann regieren, während die anderen so lange Aglirta beistehen dürfen?«, fragte Flaeros vor sich hin, kam leichtfüßig wieder hoch, als die letzten Ritter gerade hinter der Biegung verschwanden, und folgte ihnen – allerdings auf seiner Seite des Farnvorhangs.
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»Die alte Geschichte, meine Herren«, erklärte er der leeren Luft mit leise tadelndem Unterton, und Zweige zerbrachen unter seinem Schritt. »Wenn man solche Fragen nicht bald und von vornherein regelt, lässt das Unheil nicht lange auf sich warten.« Mit solch weisen Worten auf der Zunge stolperte Flaeros über eine Baumwurzel und fiel mitten im Laub aufs Gesicht. Im selben Moment zischte etwas über ihn hinweg und fuhr in einen nur wenige Schritte entfernten Baumstamm. Flaeros starrte darauf. Ein Pfeil? Nein, bei allen Göttern, eine starre Schlange! Ihre Zähne hatten sich tief in das Holz gebohrt, und jetzt drehte sie die Augen nach hinten, um nach ihrem Opfer zu schauen. Der Barde rappelte sich halb auf und drehte sich um, um festzustellen, woher dieses eigenartige Geschoss gekommen sein mochte. Im nächsten Moment starrte er mit offenem Mund auf einen Mann in einem eigentümlichen Gewand. Auf einen Schlangenpriester! Dieser grinste hämisch und zog schon eine weitere Schlange aus seinem Ärmel, ebenfalls starr und gerade wie ein Stab. Mit der holte der Priester weit aus und drohte, das Tier wie einen Speer nach Flaeros zu werfen. Der junge Mann schluckte und griff nach dem Einzigen, was ihm als Waffe dienen mochte, um damit die Schlange abzuwehren – dem Drachenzepter! Beim Anblick dieses Zepters verging dem Priester das gehässige Lachen. Entsetzt machte er auf dem Absatz kehrt und floh Hals über Kopf zwischen den Bäumen hindurch. Der Priester rannte, als ginge es um sein Leben. So voller Panik
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war nicht einmal Flaeros irgendwann während seiner zahlreichen Abenteuer gewesen. Der Sänger der Delkampers schaute verwundert auf die Stelle, an welcher der Schlangenpriester eben noch gestanden hatte. Dann betrachtete er kurz sein Zepter, zuckte die Achseln und nahm die Verfolgung der Ritterschar wieder auf. Diesmal bewahrte ihn ein gnädiges Schicksal davor, den Baumwurzeln ins Gehege zu kommen – den ersten wenigstens. In einer Burg, welche sich weitab vom Silberfluss, von heranpreschenden Rittern und mit Blut getränkten Schlachtfeldern erhob, stand ein Mann mit dem Rücken zu einem offenen Bogenfenster. Zu Paaren, Dreiergruppen oder gleich im Dutzend flatterten Fledermäuse aus dem Himmel und steuerten eben dieses Fenster an. Der Mann schenkte ihnen nicht einmal einen Blick, selbst dann nicht, als sie sich wie Vögel auf seine Schultern hockten, sich aneinander festhielten und so einen ständig wachsenden, lebenden Umhang für ihn bildeten. Der Gebieter dieses Ungeziefers hatte aber nur Augen für die Ansammlung von aufrecht stehenden Lichtbildern, welche die ganze Kammer anfüllten. Eines davon zeigte einen Mann, welcher lachend auf einem Thron saß und von einer Armee schweigender und leblos wirkender Krieger umringt wurde. Deren Fleisch befand sich ständig in Bewegung und schien wie Kerzenwachs von ihnen abzuschmelzen. Das nächste Bild wartete mit Rittern im gestreckten Galopp auf, welche die Farben von drei verschiedenen Fürsten
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trugen. Und das dahinter lenkte den Blick auf eine wilde Schlacht, in welcher Hunderte von Kriegern aufeinander einschlugen, -stachen und -hackten. Sie stiegen über Leichenberge und hatten oft genug Mühe, auf dem vor Blut rutschigen Boden nicht auszugleiten. Andere Lichtbilder zeigten andere Szenen, wie zum Beispiel von Thronsälen voller Bittsteller oder von Frauen, welche brütend in Spiegel starrten. Und auf wieder anderen drängten sich junge Zauberlehrlinge um Kristallkugeln. Der Magier schüttelte langsam den Kopf, während sein Blick von einem Bild zum nächsten wanderte ... »Wir haben eindeutig zu viele Mitspieler«, murmelte er vor sich hin und rieb sich die Wange, weil eine Fledermaus keine Ruhe geben wollte und ihm ständig etwas ins Ohr fiepte. Aber der Herr der Fledermäuse dachte überhaupt nicht daran, sich in das bevorstehende Gemetzel zwischen Ingryl Ambelter, Schwarzgult und seinen Spielzeugrittern, dem nach dem Thron strebenden Blutklinge und den Schlangenpriestern einzumischen. Das war ihm nun doch etwas zu heikel. Da erschien es ihm doch lohnender, die Hände in den Schoß zu legen und in Ruhe abzuwarten, bis sich günstigere Zeiten eingestellt hatten. Vor zwei Jahren noch hätte er nicht so viel Geduld aufgebracht und sich mitten ins Getümmel gestürzt, auch wenn er sich dabei die Finger verbrannt hätte ... und genauso war es ja dann auch gekommen. Hin und wieder sind aber auch die mächtigsten Magier nicht davor gefeit, dazuzulernen – wenn auch widerstrebend und alles andere als schnell. Dem Herrn der Fledermäuse war
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solches Glück widerfahren, und deswegen würde er in seiner Burg bleiben und sich einstweilen nicht aus seiner Deckung trauen. Natürlich wäre jeder, der bei einer solchen Schlacht verwundet liegen blieb – gleich ob Zauberer oder Krieger – eine leichte Beute. Doch selbst davor wollte er sich zurückhalten und lieber wie ein Geier auf das eigentliche Aas warten. Ezendor Schwarzgult nahm kaum wahr, wie sein Ross unruhig tänzelte und die Getreuen an seiner Seite alle Schwerter, Äxte, Keulen und Speere abwehrten, welche sich auf den Regenten richteten. Sie schirmten ihren Herren mit ihren Schilden ab und schützten ihn auch unter Gefahr für ihr eigenes Leben. Schwarzgult konnte sich nicht darum kümmern, denn er besaß weder die Kraft noch die Fähigkeit, etwas anderes zu tun, als mit dem Wurm in seinem Kopf zu ringen, welcher weiter durch sein Gehirn wütete und sich nach allen Seiten hin ausbreitete. Der Regent wusste aber, dass ihm die Tränen übers Gesicht liefen und er dummes Zeug redete ... wenn er sich nicht gerade erbrach, am ganzen Leib zitterte oder sich unter den magischen Peitschenhieben wand. Schwarzgult wusste auch noch, wer er war. Und dass Ingryl Ambelter, welcher diese Qualen bewirkte, vor Freude ganz außer sich sein musste. Er spürte geradezu, wie der verhasste Magier sich an seiner Pein labte und jede seiner Zuckungen genoss. Neugierig betrachtete Ingryl gewiss alles, was er im Gedächtnis von Kel-
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graels Statthalter auf dem Thron von Treibschaum vorfand. Währenddessen wichen die Soldaten des Regenten immer weiter zurück, und dieser vermaledeite Bannschmied ließ sich immer neue Teufeleien einfallen. Bei der Dreifaltigkeit, was musste man eigentlich noch alles unternehmen, um diesen Magier vom Leben zum Tod zu befördern? Ambelter war schon mehrere Male umgebracht worden -und hatte es sicher verdient, unter den grässlichsten Qualen zu sterben. Aber da stand Ingryl schon wieder auf den Beinen, setzte nach Belieben Wühlwürmer in anderer Leute Gehirn und lachte sich ins Fäustchen. Woher nahm er nur die dazu erforderliche Zauberkraft? Bei den Hörnern der Göttin! Ambelter musste den Flussthron errungen haben und sich dessen magischer Macht bedienen! Mit einem Wutschrei benutzte Schwarzgult die zauberische Verbindung, mit welcher Kelgrael ihn ausgestattet hatte. Kein starker Strang, sondern nur ein dünner Faden, welcher niemals gegen einen starken Recken auf dem Thron durchkäme. Und schon gar nicht gegen einen Erzmagier, welcher sich auf dem Herrschersitz breit gemacht hatte. Aber die Wut half dem Regenten, und für einen kurzen Moment gelang es ihm, die Magie des Throns anzuzapfen und den Wurm in seinem Kopf aus der Fassung zu bringen. Schwarzgult nutzte diesen Augenblick, um die Dwaerindim aus der Tasche zu reißen, warf sie vor sich in die Luft und rief ihre Macht auf. Als deren Energie in ihn strömte und ihn wie glühendes Feuer erfüllte, durchfuhr ihn auch ein gewaltiger Blitz, welcher ihn kurz durchrüttelte, aber, wichtiger
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noch, den Wurm wie auch das Feixen Ambelters vertrieb. Mit zusammengebissenen Zähnen und einem gequälten Grinsen sandte der Regent nun den Blitz durch die Thronverbindung gegen Ingryl. Die riesige Entfernung zwischen den Sarth-Feldern und der Thronkammer von Treibschaum wurde im Zeitraum eines Augenaufschlags bewältigt. Ohne Erbarmen schleuderte Schwarzgult alle Energie in den Geist des Erzmagiers und wütete darin mit der gleichen Zerstörungswut, wie Ambelter sie vorhin ihm hatte angedeihen lassen. »Sterbt, verwünschter Magier!«, brüllte er dazu. »Fort mit Euch, Elender!« Aber Ingryl würde auch diesen Angriff überleben, ahnte der Regent, mochte er sich auch noch so sehr das Gegenteil wünschen. Magier mogelten sich immer irgendwie durch. Wütend hieb Schwarzgult wieder und wieder auf den gepeinigten Geist ein. Ohne Plan und Ordnung schlug er das feindliche Gehirn, einzig von der Hoffnung beseelt, so viel Schaden wie möglich anzurichten. Doch viel zu früh schon spürte er, wie seine glühend heißen, aus der Energie der Zaubersteine gespeisten Angriffe abgewehrt wurden – so einfach wie bei einer parierenden Schwertklinge. Wie das seinem Feind möglich gewesen war, würde er wohl nie erfahren. Mit halbem Ohr vernahm der Regent das allgemeine Geschrei um ihn herum, sah mit einem Auge die Dwaerindim, welche um seinen Kopf herumschwebten, und bemerkte nun auch die Pfeile und Armbrustbolzen, welche in Wolken durch die Luft schwirrten, Schwarzgult riss seine Zaubersteinenergie zurück und fand sich im nächsten Moment auf der
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Hügelkuppe von Sarth wieder. Gerade machten die Flammenreiter die Letzten seiner Leibgarde nieder und drangen noch grimmiger vor, um auch ihm den Rest zu geben. Der Regent empfing sie mit einem harten Grinsen, und seine Augen funkelten drohend und gefährlich. Jemand stöhnte vor Furcht, dabei hatte der oberste Fürst sich noch nicht einmal im Sattel aufgerichtet, um allen Feinden Grund zur Verzweiflung zu geben. »Für Schwarzgult!«, rief er mit donnernder und weithin hörbarer Stimme. »Für Aglirta!« Und auf seiner Hügelkuppe schoss eine weiße Flamme in die Höhe, so hell und grell, dass sie die Sonne überstrahlte. Die Krieger schrien geblendet auf, noch bevor die Flamme nach ihnen griff. Die Dwaerindim sausten so rasch umeinander, dass die Luft sang, und die Feinde starben zu Tausenden. Sarindanische Seide löste sich von einem Moment auf den anderen in Nichts auf, und sarindanisches Fleisch warf Blasen und zerfiel. Der Regent schleuderte den Feinden seine Wut entgegen, brüllte sie hinaus, und wohin er auch den Blick wandte, vergingen die Feinde in ganzen Trauben. Ein Beben baute sich in Schwarzgult auf, und das sagte ihm, dass er bald damit aufhören musste, wenn er nicht vom rasenden Drehen der Zaubersteine zerrissen werden wollte ... In diesem Moment rettete Ingryl sein Abwehrschild. Er hatte ihn ganz aus Gewohnheit errichtet, um sich vor den bohrenden Blicken beobachtender Zauberer zu bewahren. Dabei nutzte ihm dieser Schutz unter den obwaltenden Umständen wenig.
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Der Zauberer entdeckte, dass der Schild zwei Löcher aufwies, groß genug, um ihn jedem Beobachter zu offenbaren ... Und dennoch reichte dieser Schild jetzt aus, ihm das Leben zu retten ... In den letzten Sekunden, bevor sein Gehirn zerkocht worden wäre, gelang es Ambelter, sich vor der Zauberenergie Schwarzgults zu ducken. Wirkungslos raste die Macht über ihn hinweg. Während er sich am Thron wie an einem Rettungsanker festhielt, gelang es ihm, dem Strahl einen Stoß zu versetzen und gegen den Abwehrschild zu senden. Dieser vermochte ihn zwar nur einen Augenblick lang aufzuhalten, so als wolle man mit einem Fischernetz einen Feuerball fesseln, aber die