Inge Dreecken
Die Silverqueen von Nevada Julia Bullette
Inhaltsangabe Oktober 1853 – die Comstock Lode zieht magisch ...
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Inge Dreecken
Die Silverqueen von Nevada Julia Bullette
Inhaltsangabe Oktober 1853 – die Comstock Lode zieht magisch Goldwäscher und Bergarbeiter, Abenteurer und Glücksritter, Spieler und brutale Geschäftemacher an. Die Erzlager am Sun Mountain scheinen unerschöpflich; aber nur für wenige erfüllt sich die Hoffnung auf Reichtum und Glück. Mitten unter den verwegenen Abenteurern und Glücksrittern bewegt sich selbstbewußt Julia Bullette, die junge, schöne und ehrgeizige ehemalige Revue-Tänzerin, die in kürzester Zeit zur vielumschwärmten, vielgeliebten und umschmeichelten wahren Herrin von Virginia City, zur Silverqueen von Washoe, aufsteigt. In dieser wild wachsenden Stadt, in der nur der Erfolg zählt, fehlt Julia nur eines zu ihrem persönlichen Glück: Tom McFarlan, den sie liebt und der sich seit seiner Ankunft in Virginia City nur noch um seinen ertragreichen Claim kümmert – und vor allem um Liza Derrick, die von Julia in Erfüllung des Jim Derrick kurz vor seinem Tode gegebenen Versprechens aus San Francisco nach Virginia City geholt worden war. Mit dem Ende des amerikanischen Bürgerkrieges geht auch in Virginia City die Pionierzeit der Diggers, Miners und Bonanza-Männer endgültig vorbei. Die ganz Großen des Silbergeschäfts schicken sich an, in der Stadt die Herrschaft zu übernehmen. Verlogene Ehrbarkeit und heuchlerische Prüderie legt sich wie ein Spinnennetz über den Distrikt. Die große Zeit von Julia Bullette ist zu Ende. Nur einmal noch huldigen ihr die alten Freunde: Als sie im Januar 1867 ermordet wird, gestaltet sich ihre letzte Fahrt zum Friedhof zu einem wahren Triumphzug. Es war, als spürten alle, daß mit dem Tode der ›Silverqueen von Nevada‹ auch all das zu Ende gegangen sei, was Virginia City zu Julia Bullettes Lebzeiten zur phantastischsten, wildesten und zugleich lebensfrohesten Stadt ganz Amerikas gemacht hatte.
Lizenzausgabe mit Genehmigung der Ferenczy Verlag AG, Zürich für Bertelsmann Reinhard Mohn OHG, Gütersloh die Europäische Bildungsgemeinschaft Verlags-GmbH, Stuttgart und die Buchgemeinschaft Donauland, Kremayr & Scheriau, Wien Diese Lizenz gilt auch für die Deutsche Buch-Gemeinschaft C.A. Koch's Verlag Nachf. Berlin – Darmstadt – Wien Schutzumschlag- und Einbandgestaltung Karl Hartig Umschlagfoto: Kindermann Gesamtherstellung Mohndruck Reinhard Mohn OHG, Gütersloh Printed in Germany • Buch-Nr. 1806'1080 Dieses eBook ist umwelt- und leserfreundlich, da es weder chlorhaltiges Papier noch einen Abgabepreis beinhaltet! ☺
Der Roman spielt zwischen 1859 und 1868 in Virginia City, Nevada, der ergiebigsten Silberstadt der Welt.
S
ie kamen von Kalifornien. Tausende waren auf dem Weg über die Sierra Nevada: mit gebeugten Rücken, auf die das schwere Gepäck drückte, und zusammengepreßten blutleeren Lippen. In ihren Augen lag ein gieriges Leuchten, wie es nur ein lohnendes Ziel hervorruft. Denn die Bonanza von Washoe zog sie magisch an. Sie verhieß Gold, Silber, sagenhaften Reichtum. ›Graukopf‹ Jim Derrick keuchte. Er spuckte dunklen Auswurf. Seit Tagen quälte ihn schmerzhafter Husten. Man konnte nur schwer sein Alter abschätzen: vielleicht schon über sechzig oder noch unter fünfzig. Sein hageres Vogelgesicht mit der vorspringenden Hakennase glich einem Totenschädel. Unter der gestrickten roten Pudelmütze ringelten sich Strähnen eisgrauen Haares hervor. Die dürren Säbelbeine, die in hüfthohen Stulpenstiefeln steckten, setzte er unsicher voreinander. Neben ihm führte Tom McFarlan, ein kräftiger Mann um die Dreißig, seinen Braunen. Er war einer der wenigen Goldsucher, die ein Pferd besaßen. Als der Aufstieg ins Gebirge steiler wurde, saß McFarlan ab, um das Tier zu schonen. Sie näherten sich dem Paß, der auf 2.800 Meter Höhe lag. McFarlan blickte Derrick von der Seite an. »Geht's noch, Jim?« Derrick pendelte wie eine Marionette hin und her. »Die dünne Luft, Tom. Die verdammt dünne, kalte Luft hier oben!« »Ist nicht mehr weit bis zum Carson-Paß, Alter. Kaum noch zwei Meilen, schätze ich.« Derrick blieb stehen und preßte die Fäuste auf die Lungenspitzen. »Als ich letztes Mal übern Paß ging, lief's leicht wie 'ne Dampfmaschine. Aber jetzt…« 1
»Bald geht's abwärts. Eine Strecke vorm Lake Tahoe weiß ich'n kleinen See, da schlagen wir Lager auf.« Mit torkelnden Schritten setzte sich Derrick wieder in Bewegung. Das letzte Stück vor dem Paß war extrem steil. Der schmale Weg zog sich in scharfen Serpentinen hinauf. Der Winter hatte früh und ungewöhnlich heftig eingesetzt. Schneidender Schneesturm schlug den Männern spitze Eisnadeln ins Gesicht. Noch nie hatte es Anfang Oktober bereits so viel Schnee und solche Kältegrade gegeben. Dieser Winter 1859 stellte sich mit grimmiger Wut vor. Er lehrte die Männer, die wahrhaftig nicht zimperlich waren, das Fürchten. Sie kamen aus aller Welt, um im Westen Amerikas ihr Glück zu machen: Iren, Italiener, Deutsche. Unzufriedene Buchhalter aus Boston und erlebnishungrige Farmersöhne aus Ohio. Spanische Adlige und russische Emigranten. Mexikaner, Mestizen, Neger. Halbe Kinder darunter und alte Männer. Sie waren seinerzeit auf Sutters Land gelaufen, als der kalifornische Goldrausch ausbrach. Und zogen dann weiter nach Grass Valley, nachdem dort einer Nuggets gefunden hatte. Wenige waren dabei reich geworden, viele kehrten krank und enttäuscht zurück. Manche hatten eine ergiebige Bonanza gefunden und den Gewinn verspielt. Das wirkliche Glück war kaum einem begegnet. Jetzt quälten sie sich zu Tausenden die Sierra hinauf und nach Nevada hinüber. Die gierige Aussicht auf die angeblich unerschöpflich reiche Comstock-Mine am Sun Mountain trieb sie voran. Wer früher kam, hatte die größere Chance auf einen ertragreichen Claim. Vielleicht war er schon Millionär, ohne es zu wissen. Das Washoe-Fieber brannte heiß in ihren Adern. »Hey-ho«, sang der blonde Arizona-Jack, ein Bursche wie ein Grizzly – breitschultrig, mit einem rosigen Kindergesicht. Er trug einen Zentnersack mit Proviant, Werkzeug und Ausrüstung so leicht, als ob nichts drin wäre als eine Ladung Hoffnung:
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»Hey-ho, old fellow, hey-ho! Wir ziehen hinüber nach Washoe, und das Glück und das Gold rollt voraus. Hey-ho, alter Waschbär, halte aus!« Die Kutsche der Wells Fargo hatte den Paß erreicht. Sam Hacket, der Postillion, fuhr nach kurzer Verschnaufpause weiter. Er hatte eine Stunde Verspätung. Auf jeden Fall wollte er heute noch Carson City erreichen. Mr. Davidson, einer der drei Passagiere, hatte ihm eine Fünf-Dollar-Note zugesteckt. Der Gentleman schien es sehr eilig zu haben; denn er wollte in Carson City ein Pferd mieten, um trotz der schneidenden Kälte noch die achtzehn Meilen bis zum Goldgräbercamp am Sun Mountain zurückzulegen. Davidson zog die goldene Uhr und ließ den Deckel aufspringen. Verärgert schüttelte er den Kopf. »Bereits vier Uhr vorbei! Wenn sich der Kerl nicht beeilt, sitzen wir, noch ehe es dunkel wird, in einer Schneeverwehung fest.« Er klopfte mit dem silbernen Knauf seines Spazierstocks gegen die Scheibe. »Vorwärts, Kutscher! Lassen Sie Galopp laufen.« Sam Hacket hörte ihn nicht. Er mußte ohnehin die Zügel kürzer nehmen, damit die Kutsche bergab nicht zu sehr ins Rollen kam. In der anderen Ecke saß ein nach der neuesten Mode geckenhaft aufgeputzter Dandy. Auch jetzt, während er lauthals schnarchte, trug er seinen grauen Zylinder auf dem Kopf. Davidson fühlte sich belästigt. Mit dem Spazierstock stupste er die Angströhre des Burschen an, der erschreckt auffuhr. »Ist was?« fragte der Dandy schlaftrunken. »Möchten Sie die Güte haben«, forderte ihn Davidson mit kaum verhohlenem Zorn auf, »sich ein wenig geräuschloser aufzuführen! Immerhin ist eine Dame anwesend.«
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Der Dandy, der sich zu Beginn der Fahrt als Andrew Zinneman aus Philadelphia vorgestellt hatte, lüftete den Zylinder und antwortete gähnend: »Bitte tausendmal um Vergebung, Miß Bullette. Tausendmal um Vergebung, Sir. Soll nicht wieder vorkommen.« Er versuchte krampfhaft, sich wachzuhalten. Nach einigen Sekunden fiel er in die Ecke zurück und schnarchte weiter. Julia Bullette lächelte vor sich hin. Sie war eine außergewöhnliche Erscheinung: Mitte zwanzig, von tadellos schlanker Figur, jedoch mit üppiger Brust, die sich unter dem schicken Reisekleid der neuesten Pariser Mode kräftig hervorwölbte. Ihr Gesicht sah ein wenig bronzerot getönt aus, offenbar mit leicht indianischem Einschlag. Es trug die rassigen Züge einer kreolischen Schönheit. Der Mund war breit geschwungen, die aufgeworfenen Lippen wirkten sehr sinnlich. Der Schneesturm schüttelte die Kutsche. Bissige Kälte drang durch die Türritzen. Julia Bullette zog die Decke fester um die Knie, legte den Pelzkragen eng um den Hals und vergrub die Hände in ihrem schwarzen Muff. Offensichtlich war Davidson von ihrer Schönheit außerordentlich beeindruckt, und er gab sich auch keine Mühe, es zu verbergen. Miß Bullette benahm sich wie eine Dame der besten Gesellschaft; und sie war auch so angezogen. Vielleicht, wie Davidson unschwer erkannte, eine Spur zu damenhaft. Möglicherweise würde sein Aufenthalt im Minenbezirk von Washoe doch nicht ganz ohne amüsante Abwechslung verlaufen. »Ich bewundere Ihren Mut, Miß Bullette«, sagte er und deutete eine Verbeugung an. »Eine alleinreisende Dame auf dem Weg in ein Goldgräbercamp: Respekt! Denn die Männer dort sind weiß Gott nicht gerade zart besaitet.«
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»Es wird mein Leben nicht kosten, Mr. Davidson«, erwiderte sie mit einem Anflug von Spott. »Jedenfalls weiß ich mit Männern umzugehen.« Er zwinkerte ihr vertraulich zu. »Daran will ich nicht zweifeln, Miß. Wissen Sie bereits, wo Sie absteigen werden?« Sie warf einen Blick durch das halbverhängte Fenster auf die Kolonne der Goldsucher, an der die Kutsche eben entlang rollte. »Nein, Sir. Ich bin noch nie im Washoe Country gewesen.« Davidson gab sich sehr beflissen. »Man hat für mich ein Apartment im International vorbestellt, bis ich mir vermutlich ein Haus mieten oder bauen werde. Ich hörte, das International sei gegenwärtig das einzig annehmbare Hotel im ganzen Bezirk. Vielleicht werden Sie auch dort Wohnung nehmen?« Julia nickte abwesend. »Vielleicht. Warum nicht?« Davidson versuchte erneut, sie nach ihrem Woher und Wohin auszufragen. »Ich denke doch«, fügte er nachdenklich hinzu, »daß wir uns schon einmal begegnet sind, Miß. Und zwar unter recht angenehmen Umständen, oder?« »Nicht, daß ich wüßte, Sir.« »Sie kommen aus New Orleans, sagen Sie?« Julia nickte. »Und waren wirklich nur vorübergehend in San Franzisco?« »Ich sagte es bereits.« »Höchst merkwürdig.« Julia konnte sich denken, wo Davidson sie wahrscheinlich gesehen hatte: in einem etwas anrüchigen Nachtlokal von San Franzisco, in dem sie sich einige Wochen lang ihr Geld als Amüsierdame verdient hatte. Sie war nicht gewillt, ihn mit der Nase draufzustoßen, falls es ihm nicht von selbst einfiel. Ohne Zweifel war Davidson ein einflußreicher Mann. Ohne Frage auch ein rücksichtsloser Mann, wenn es um Geschäfte ging. Das konnte man in seinen Augen lesen. Voraussichtlich würde sie ihn noch brauchen können. 5
Die Wahrheit war nämlich, daß auf dem Dach der Kutsche zwar drei Koffer und einige Hutschachteln mitfuhren, ihre Handtasche jedoch so gut wie nichts enthielt. Aber es bedrückte sie nicht einmal sehr, daß sie gegenwärtig kein Geld besaß. Ihr Mut war ungebrochen, insbesondere seit sie beschlossen hatte, sich vom neuentdeckten Reichtum am Sun Mountain einen möglichst großen Brocken zu sichern. »Sie reisen in Geschäften nach Nevada, Mr. Davidson?« fragte sie. Er nickte. »Im Auftrag der California Pazific Bank. Ich bin einer ihrer Direktoren und kaufe amtlich registrierte Claims auf.« »Und was machen Sie mit den Claims?« Davidson schien belustigt. »Was macht ein Mensch wohl mit einem Stück Land, auf dem er Gold oder Silber vermutet, wie?« »Er gräbt es um, weil er was zu finden hofft.« »Richtig.« »Also sind Sie so eine Art gehobener Goldgräber?« Er nahm ihre Hand und küßte sie auf die Fingerspitzen. »Sie sind einfach entzückend, Julia. Wollen Sie nicht Davy zu mir sagen? Meine Freunde nennen mich alle so.« »Einverstanden, Davy. Und wie ist das mit den Claims?« Davidson warf einen mißtrauischen Seitenblick auf den Dandy, der gewaltig schnarchte. Dann beugte er sich vor und antwortete mit gedämpfter Stimme: »Falls Sie es nicht weitersagen, Julia: Meine Gesellschaft will eine große Mine betreiben – das erste Silberbergwerk, das diesen Namen wirklich verdient. Ich werde es aufbauen und leiten.« »Ich verstehe. Und wie macht man so etwas?« Er lächelte überlegen. »Das ist eine reine Geldfrage. Manche Diggers, die einen guten Claim haben, sitzen auf Millionen, können sie jedoch nicht rausholen, weil sie mit dem Spaten in der Erde herumstochern, anstatt mit Dampfmaschinen und Arbeitskolonnen zu schürfen.« Davidson rümpfte die Nase. »Die meisten Diggers sind kleine Pinscher, die auf den Zufall hoffen – eine Glückssträhne oder einen Gold6
klumpen. Sie werden's erleben, Julia. Ich kaufe diese Burschen aus. Penrod. O'Riley. McLaughlin. Comstock. Sie alle. Das ist 'ne reine Preisfrage.« Julia runzelte die Stirn. »Sind Sie da so zuversichtlich, Davy? Warum sollten die Männer für ein paar Dollar verschleudern, was ihnen Millionen einbringen kann?« Davidson wirkte selbstsicher. Es lag ein Stück Menschenverachtung in seinem Gesichtsausdruck, als er antwortete: »Jeder Mensch ist käuflich, so oder so. Und jedermanns Selbstvertrauen läßt sich erschüttern. Man muß nur wissen wie. Sehen Sie: Ich fange ganz nebenbei an; scheinbar zufällig an der Theke im Saloon – wenn einer gerade pleite ist und auf'n Drink lauert. Ich helfe ihm aus der Patsche. Das schafft Vertrauen. Ich erweise mich als spendabel, höre mir seine Sorgen an, stecke ihm ein paar Dollar zu. Für einen durstigen Mann, der keinen Cent in der Tasche hat, auch wenn er einen Millionenclaim besitzt, ist das verdammt viel.« Julia begriff. »Und irgendwann kommen Sie mit ihm ins Geschäft, ja?« »Notwendigerweise. Ich biete ihm fünfhundert an; oder tausend. Drei- bis fünftausend, vielleicht mehr. Irgendwann wird er weich. Ob früher oder später, ist eine Frage des Charakters und der Widerstandskraft. Nicht zuletzt auch ein Ergebnis guter Informationen, versteht sich.« Julia blickte verwundert auf. »Wollen Sie damit sagen, daß Sie die Leute unter Druck setzen oder erpressen?« Er machte eine wegwerfende Handbewegung. »Warum ein so häßliches Wort für eine so einfache Sache! Es sind schon Männer wegen ein paar Dollar mit einem Loch im Kopf aufgefunden worden. Aber lassen wir das! Ich bezahle bar auf die Hand und sofort. Sprechen wir von Angenehmerem.« Allmählich begann sich draußen die Dämmerung auszubreiten. Seit einiger Zeit hatten sie keine Goldsucher mehr überholt. Offenbar hatten die Männer den Weg verlassen, um abseits ihre Lager aufzuschlagen. 7
Plötzlich peitschten Schüsse auf. Das Fensterglas zersplitterte. Eiskalte Luft zog durchs Fenster. Ein Hagel von Pfeilen schlug in das Holz der Kutsche. Einer der Pfeile zischte an Julias Gesicht vorüber und nagelte den grauen Zylinder des Dandy gegen das Sitzpolster. »Himmel, Rothäute!« sagte Davidson erschrocken. Sie hörten, wie Sam Hacket auf die Pferde einhieb und laut rief: »Jetzt festhalten, Herrschaften, und die Köpfe einziehen! Es geht um Leib und Leben. Hüa! Lauft, ihr Racker! Hüa!« Die Kutsche machte einen Satz nach vorn und jagte den Serpentinenpfad abwärts. Die Räder sprangen über den holprigen Boden. Julia, mehr überrascht als ängstlich, blickte hinaus. Von einer Lichtung her galoppierte ein Trupp eingemummter Rothäute auf schnellen Ponies. Sie versuchten der Kutsche den Weg abzuschneiden. Ihre gellenden Kriegsrufe ließen die eisige Luft erzittern. Andrew Zinneman warf einen Blick hinaus und rümpfte die Nase. »Wie unsportlich!« bemerkte er. »Zwei Dutzend gegen vier.« Er zog eine Pistole aus der Tasche und begann zu feuern. »Washoe-Indianer«, sagte Davidson. »Sollen hinterhältige Burschen sein.« Zinneman nickte. »Keine gute Rasse offenbar.« Er zielte sorgfältig. Einer der roten Männer riß die Arme hoch und stürzte vom Pferd. Wenn Julia auch kein Geld in der Handtasche trug, so doch eine Waffe. Eine Sechsunddreißiger mit weißen, goldverzierten Beingriffschalen. Und das war beileibe keine Spielzeugpistole. Davidson wunderte sich. »Sie tragen eine Waffe bei sich, Julia?« »Sie etwa nicht?« Sie wartete seine Antwort nicht ab. Von der Seite näherte sich ein Reiter, der einen Speer in der rechten Hand trug. Offenbar wollte er versuchen, auf den Kutschbock zu kommen und Hacket zu erledigen. 8
Julia zielte auf seine Brust und drückte ab. Sie sah für einen Augenblick seine entsetzten Augen. Sein Mund öffnete sich. Der dampfende Atem preßte einen schrillen Schrei heraus. Sein Pferd scheute. Im hohen Bogen flog der Mann aus dem Sattel. Das Pferd kehrte zu ihm zurück und stupste ihn mit der Nase an. Für einen Augenblick schloß Julia die Augen. »Hüa!« rief Sam Hacket, schlug mit der Peitsche auf die Kutschpferde ein und schickte einige Schüsse in den Trupp der Angreifer… Es gelang ihnen, die Rothäute abzuschütteln. Die Goldgräber waren vom Paßweg abgewichen und benutzten einen schmalen Pfad mitten durch den Wald. Tom McFarlan stützte Jim Derrick, der keuchend Schritt vor Schritt setzte, obwohl sie inzwischen den Gipfel überschritten hatten und nun abwärts gingen. Derrick schien zu phantasieren. »Ich hab' sie alle gekannt«, sagte er halblaut. »Wen hast du gekannt, Jim?« »Henry Comstock und alle. Wir haben vor Jahren drüben im Six Mile Canyon Gold gewaschen. Nicht weit von dem Platz, wo sie dieses Frühjahr den Silberberg angekratzt haben.« »Und war's was wert?« Derrick lächelte gequält. »Weißt du, wie wir's genannt haben, Tom? Des armen Mannes Bonanza. Du stehst den ganzen Tag im eiskalten Wasser und wäschst aus. Sieb um Sieb. Pfanne um Pfanne. Frag nicht, was es eingebracht hat! Kaum das Brot über Nacht, aber die Gicht in die Knochen.« Eine Weile trottete Derrick schweigend vor sich hin. Dann redete er weiter: »Hast du die Brüder Grosch gekannt, Tom? Ethea und Hosea Grosch?« McFarlan schüttelte den Kopf. »Die sind als Kinder aus Deutschland gekommen. Ihr Vater war Geistlicher in Philadelphia. Ein Mennonitenpfarrer. Zwei kräftige 9
junge Burschen, und verdammt anständig. Hab' sie damals im Six Mile Canyon getroffen. Weißt du, daß nicht Henry Comstock zuerst den Silberberg entdeckt hat, sondern die beiden Groschs?« »Ich hab' so was läuten gehört.« Derrick blieb stehen und krümmte sich. Ein trockener Husten schüttelte ihn. »Ist besser, wenn du nicht so viel redest, Alter«, sagte McFarlan. »Die kalte Luft in den Lungen ist Gift für dich. Du holst dir sonst noch 'ne Lungenentzündung.« Derrick stapfte wütend weiter. »Diese Groschs«, keuchte er. Ein ersticktes Kichern kam aus seinem Mund. Schmerz verzerrte sein Gesicht. »Ich bin 'n paar Wochen vor den Groschs am Sun Mountain gewesen, Tom, und hab' nichts gefunden. Dann kamen Ethea und Hosea zufällig dahergeschneit. Sie fanden Silberquarz. Dunkelblau leuchtend, beinahe schwarz. Sulfid. Gediegenes Silber, verstehst du, mit Gold vermischt. Der ältere Ethea wußte, was er in der Hand hatte. Viertausend Dollar wert die Tonne. Mußt du dir vorstellen, Tom.« McFarlan nickte. »Und was weiter?« Derrick schüttelte immerzu den Kopf. Er sah aus wie aufgezogen – das unermüdliche Perpendikel einer Standuhr. Der Schatten tiefen Bedauerns fiel über sein Gesicht. »So 'n Pech auch, sag' ich dir. So 'n beschissenes Pech. Zuerst hat's Hosea erwischt. Waren zwei nette Jungs, mußt du wissen. Grundsolide. Denen hätt' ich's gegönnt, Tom. Wenn einer wie ich ein Leben lang Pech gehabt hat, kriegt er 'n sechsten Sinn dafür, Tom. Das tut weh.« »Verstehe, Jim. Was ist Hosea passiert?« »Sie haben vom Morgengrauen bis in die Nacht geschuftet. Wie üblich war das Silber mit Goldstaub vermischt, auch kleine Nuggets darunter. Sie wollten so viel auswaschen, daß sie die Ausrüstung kaufen konnten, um die Silbermine auszubeuten. Sie waren sich darüber klar, daß sie auf einem Millionenvermögen standen. Eines dummen Tages haut sich Hosea den Pickel in 'n Fuß, achtet aber nicht 10
weiter drauf. Die Wunde infiziert sich. Vier Wochen später ist Hosea tot. Stirbt mitten auf einem Berg aus Gold und Silber. Das nenn' ich Pech, Tom. Ein gottsjämmerliches Pech.« Wut und die schneidende Kälte trieben ihm Tränen in die Augen. Er war blau gefroren. Eine Weile hatte der Schneesturm geschwiegen. Jetzt sang er wieder sein schauerliches Lied. »Ethea hatte aus Carson City einen Doktor kommen lassen«, fuhr Derrick fort. »Aber genutzt hat's nichts, sondern nur gekostet. Ethea mußte noch etliche Wochen Gold waschen, ehe er genug beisammen hatte, um den Doktor und das christliche Begräbnis zu bezahlen. Dann machte er sich auf den Weg über die Sierra, um in San Franzisco einen Kapitalgeber zu finden. Zusammen mit einem Kumpel, den er zufällig traf, ging er übers Gebirge. Aber es war inzwischen vorzeitig Winter geworden.« McFarlan schnupperte in die Luft. »Ist dieses Jahr auch nicht anders, Jim.« Derrick prustete. »Die beiden Burschen verirrten sich, ehe sie den Paß erreichten, und gerieten in eine Serie schrecklicher Blizzards. Vier Tage und Nächte hasteten sie wie blind durch die weiße Hölle. Am fünften Tag kamen sie nicht weit von hier zu einer kleinen Siedlung. Halb wahnsinnig vor Angst und Erschöpfung, Hände und Füße erfroren, lag Ethea zwölf Tage lang im Delirium, ehe er starb. Er nahm das Geheimnis vom Silberberg mit ins Grab. Ist das nun ein Pech, Tom, oder nicht?« McFarlan nickte. »Noch 'ne knappe Stunde, Jim, und wir sind am Lagerplatz.« Derrick taumelte, stolperte über einen Felsbrocken, der im Schnee versteckt lag, und schlug der Länge nach hin. Er hatte seine Handschuhe verloren. Seine Finger waren blutig gerissen und an den Gelenken knotig angeschwollen. Erschöpft lag er da, grub das Gesicht in den Schnee und keuchte. Eine Kette von Hustenanfällen schüttelte ihn. Die Goldsucher machten sich kaum die Mühe, um Derrick herum einen Bogen zu schlagen. Sie stapften unbeirrt, ohne den Blick 11
zu senken, vorüber – eine graue Masse Namenloser. Weißer Dampf wehte aus ihren Mündern und verlor sich im Schneegestöber. McFarlan hielt sein Pferd an. Er wußte, daß Derrick krank war. Aber er gab sich barsch. »Steh auf, Alter!« knurrte er. »Oder willst du hier Wurzeln schlagen?« McFarlan wußte zu gut, welche Energiereserven ein Mann zu mobilisieren vermochte, wenn es an seine Ehre ging. Arizona-Jacks Lied wehte weit voraus um die glashart gefrorenen Stämme der Ponderosa-Kiefern: »Hey-ho, dear mother, hey-ho!« Derrick hob mühsam den Kopf. »Ich schaff's nicht mehr, Tom.« »Ist dir schlecht?« Derrick biß sich auf die Lippen. Es schnürte ihm die Kehle zu. Ein Leben lang hatte er sich durchgebissen, ohne nur einmal schlappzumachen. Jetzt ging's einfach nicht mehr. Tränen rannen über sein eingefallenes Gesicht. McFarlan beugte sich zu ihm nieder und rüttelte ihn an der Schulter. »Hast du Schmerzen, Jim?« Derrick tastete mit steifen Fingern den Rücken ab. Er spürte das Stechen in den Lungen. »Da sitzen Hirschkäfer drin«, murmelte er. »Die zwicken mir die Lungenflügel ab. Wenn man sie nur rausholen könnte!« McFarlan legte das Ohr auf Derricks Rücken. Er hörte die Lungen rasseln wie eine Wasserpumpe mit ausgeschlagenen Ventilen. Derricks Puls ging rasch und unregelmäßig. Seine Augen glänzten fiebrig. McFarlan wußte jetzt, daß es eine Lungenentzündung war und daß es bei Derricks geschwächtem Zustand nicht viel Hoffnung gab. McFarlan blickte sich um. Die Legion der Glücksritter zog vorüber. Einer mehr oder weniger, das kümmerte keinen. Toms Pferd 12
scharrte den Schnee auseinander, um nach ein paar Grashalmen zu suchen. So ist das also, dachte McFarlan bitter. Jeder ist sich selbst der Nächste, ob Mensch oder Tier. Und am Ende kann keiner dem andern wirklich helfen. Verwirrt schüttelte er den Kopf. Derrick tastete nach seiner Hand. »Laß mich hier liegen, Junge«, murmelte er. »Leg mir was untern Kopf, Tom. Ich muß 'n bißchen ruhen. Dann geh weiter. Sieh zu, daß du bald nach Washoe kommst. Du kannst erreichen, was ich nicht geschafft habe.« Sie waren eine Gruppe von neun, die zusammen in Sacramento aufgebrochen waren. Derrick war der Älteste, Arizona-Jack der Stärkste. Dennoch hatten sie McFarlan stillschweigend als ihren Führer anerkannt. Er besaß die Fähigkeit dazu: Ausdauer und Entschlußkraft. Dazu Verstand und eine Spürnase. »Haltet mal 'ne Weile an!« rief McFarlan. »Jim muß ein bißchen verschnaufen.« Gambler Pete maulte: »So 'n Quatsch, Tom! Wenn wir nicht noch 'n Stück zum Lake Tahoe hinkommen, haben wir tausend Mann vor uns. Ich will in spätestens drei Tagen am Sun Mountain sein und meinen Claim abstecken. Jetzt zählt jede Stunde.« McFarlan blickte ihn wütend an. »Halt's Maul!« entgegnete er barsch. »Leg dein Gepäck ab, lauf zu Arizona-Jack voraus und sag ihm, er soll am Pahute Pool Lager machen. Er weiß schon Bescheid.« Murrend machte sich Gambler Pete auf den Weg. Er wagte nicht, offen zu widersprechen. McFarlan nahm Derrick das Gepäck ab und wickelte ihn in eine Decke. Dann schob er ihm ein Kochgeschirr unter den Kopf. »Den hat's erwischt«, knurrte Olaf Olafson, ein ehemaliger norwegischer Hafenbeamter aus Kristiania, mitleidig. »Verdammt hat's den Alten erwischt. Ich werde mal 'n Feuer machen.« 13
»Und koch einen Tee, Professor«, sagte McFarlan zu Walter Stein, der eine Brille trug und ein Universitätsstudium in seiner deutschen Heimat hinter sich gebracht hatte, ehe er einer Frauengeschichte wegen nach Amerika ging. Nach zwei Stunden hatte sich Jim Derrick ein wenig erholt. McFarlan setzte ihn auf sein Pferd, hängte sich Derricks Gepäck über und führte den Braunen am Zügel. Derrick hielt sich nur mühsam im Sattel. Die anderen hasteten schweigend vorwärts. Ehe sie zum Pahute Pool kamen, hörten sie Arizona-Jack bereits singen: »Hey-ho, dear mother, hey-ho! Wir ziehen hinüber nach Washoe, ich mache in der Comstock Lode mein Glück und kehre, dear mother, zu dir zurück.« Die Kutsche, halb nach vorn abgekippt, schleifte eine Weile, ehe sie zum Stillstand kam. Die Gespannpferde trugen flockigen Schaum um die Nüstern. Ihre schweißnassen Flanken zitterten vor Anstrengung. »Na also«, sagte Andrew Zinneman, der Dandy, und schob die Pistole ins Gepäck zurück. »Die Rothäute kommen so bald nicht wieder.« Davidson steckte den Kopf durch die zerschossene Scheibe. »Warum halten wir an, Kutscher?« Hacket kletterte vom Bock und öffnete den Schlag: »Tut mir leid, Herrschaften. Wir können nicht weiterfahren. Das rechte Vorderrad ist gebrochen. War ja auch kein Wunder, bei dieser Hetzjagd. Immerhin haben wir die Rothäute abgeschüttelt. War 'ne muntere Knallerei, wie? Haben sich tapfer gehalten, Ladies und Gents.« Zinneman machte eine wegwerfende Handbewegung.
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»Bedanken Sie sich bei dieser Dame, Mr. Hacket. Die schießt kaltblütig wie Kit Carson.« Hacket tippte mit zwei Fingern an den Hut. »Respekt, Madam. Tut mir leid, daß es 'n bißchen luftig geworden ist.« Davidson schien besorgt: »Sie meinen also, Kutscher, daß die Banditen uns nicht weiter verfolgen werden?« »Scheint mir sicher, Sir. Es dämmert bereits, und bei Dunkelheit haben wir von den Indsmen nichts mehr zu befürchten.« »Werden Sie den Radbruch beheben können?« »Mit einiger Anstrengung schon. Aber wir werden dennoch nicht weiterfahren können. Wäre glatter Selbstmord in der Dunkelheit auf dieser Straße. Leider können wir den Zeitverlust nicht mehr aufholen.« Davidson schüttelte verärgert den Kopf. »Und wie stellen Sie sich den Fortgang vor? Eine Nacht in dieser Kälte kann uns den Tod bringen.« »Jetzt ist Bewegung am besten«, antwortete der Kutscher. »Zieht euch warm an, Herrschaften! Haben Sie feste Stiefel dabei, Madam?« Julia nickte. »Im Koffer stecken Reitstiefel.« »Gut. Die ziehen Sie am besten gleich an, Miß. Und auch Sie, Gentlemen: möglichst festes Schuhwerk, bitte. Wir müssen leider einen kleinen Fußmarsch machen. Knapp drei Meilen abwärts, noch vor dem Lake Tahoe, hat sich ein Schweizer Siedler mit seiner Familie niedergelassen. Da können wir für die Nacht unterkommen.« Hacket begann die Pferde auszuschirren und trockenzureiben. Er wußte, daß sie sich sonst bei dieser Kälte den Tod holen konnten. Julia fror erbärmlich, obwohl sie ihren Pelzmantel trug. Als sie sich zufällig umblickte, entdeckte sie zwischen den Baumstämmen, abseits vom Weg, den Widerschein eines Feuers. Sie machte den Kutscher darauf aufmerksam. »Ich werde mal nachsehen«, sagte Hacket. Davidson äußerte Bedenken. »Seien Sie vorsichtig«, sagte er. »Vielleicht sind es Indianer. Da kämen wir vom Regen in die Traufe.« 15
»Wenn's Indianer wären«, entgegnete Hacket, »hätten sie uns schon längst entdeckt. Keine Sorge, Sir! Das ist ein Lagerfeuer von Weißen. Kein Indsman veranstaltet so einen Fackelzug, der bis runter nach Reno leuchtet. Ich denke, es sind ein paar Diggers, die sich ganz sorglos fühlen.« Hacket stapfte davon. Nach einer Viertelstunde kam er mit McFarlan, Arizona-Jack, Olaf Olafson und dem Professor zurück. Hacket sagte: »Wir haben Glück, Herrschaften. Es sind tatsächlich Goldsucher – ein paar alte Freunde darunter, die nach der Comstock Lode wollen. Wir können in einer mollig warmen Höhle an ihrem Feuer kampieren.« Davidson, durch den unerwarteten Zeitverlust verärgert, bezwang nur mühsam seine Ungeduld. »Hätte ich nur die Overland genommen!« knurrte er. »Dann wäre ich längst in Carson City.« McFarlan musterte ihn prüfend. »Meinen Sie etwa«, entgegnete er mit einem Anflug von Spott, »daß die Rothäute die OverlandKutsche ausgespart haben, nur um die Wells Fargo zu überfallen?« Davidson würdigte ihn keiner Antwort. »Was stehen Sie hier rum«, herrschte er Hacket an. »Nehmen Sie endlich das Gepäck runter und sorgen Sie dafür, daß es zum Lagerplatz kommt! Wir können es wohl kaum über Nacht auf dem Wagendach lassen.« Er bot, als befinde er sich in einem Luxushotel von San Franzisco, Julia galant den Arm, um sie durch den verschneiten Wald zum Pahute Pool zu führen. Hacket kletterte auf den Bock und begann das Gepäck abzuladen. McFarlan stemmte die Arme in die Hüften und sah zu. Der Zwischenfall zerrte an Davidsons Nerven. »Nun packt schon endlich mit an, Leute!« befahl er McFarlan und seinen Kameraden ungeduldig. McFarlan kniff ein Auge zusammen. »Sie sind offenbar Davidson, der Bankmensch, ja? Sam sagte so was.« »Ich bin Mr. Davidson, wohlgemerkt. Für Sie noch immer Mr. Davidson. Und wie heißen Sie?« 16
McFarlan tippte mit dem Zeigefinger an die Hutkrempe. »McFarlan. Tom McFarlan, Mister.« »All right. Dann packen Sie mit an, McFarlan, damit wir endlich ans Feuer kommen. Sonst erstarren wir hier noch zu lauter Eiszapfen.« »Für Sie, Davidson«, entgegnete der Goldsucher mit Seelenruhe, »bin ich Mr. McFarlan, klar?« Er drehte sich um. »Und jetzt wollen wir das Gepäck rüberschaffen. Olaf, Professor und Arizona-Jack, ihr nehmt die Koffer der Lady. Vergiß deine Pferde nicht, Sam!« Hacket drückte Zinneman und Davidson ihr Gepäck in die Hand. Dann nahm er die Pferde am Zügel. Davidson trat ihm in den Weg. »Sie wollen also mein Gepäck nicht transportieren, wie?« Hacket schüttelte gemächlich den Kopf. »Bin nicht Ihr Diener, Sir.« Davidson machte sich stark. »Zum letztenmal, Kutscher: Schaffen Sie mein Gepäck rüber, während ich mich um die Lady kümmere. Sonst werden Sie's bereuen.« McFarlan beobachtete die Szene mit fröhlichem Interesse. Hacket warf Davidson einen gleichgültigen Blick zu. »Sie können mich mal, Mister«, antwortete er und führte die Pferde in den Wald hinein. McFarlan hatte Julia betrachtet. »So was Feines und Zerbrechliches«, sagte er kopfschüttelnd. Sie warf die Lippen auf und blinzelte ihn wütend an. »Wollen Sie mir 'ne Begrüßungsansprache halten, Mr. McFarlan? Dann warten Sie gefälligst, bis wir an Ort und Stelle sind!« Julia drehte sich um und wollte Hackets Pferden folgen. McFarlan schüttelte den Kopf. »Warum so umständlich, Lady?« Ehe sie etwas entgegnen konnte, hatte er seine Arme um sie gelegt und sie emporgehoben. Wie eine Puppe trug er sie zum Pahute Pool hinüber. Sie blickte ihn überrascht an. 17
Seine Schultern waren breit. Er hatte einen ausladenden sicheren Schritt. Seine Augen blickten durchdringend – forschend und zugleich nachdenklich. Sein warmer Atem streifte ihr Gesicht. Wie ein rasch atmendes Tierjunges lag sie an seiner Brust. Der Griff seiner starken Arme fühlte sich durch den dichten Pelzmantel fest an – zupackend, besitzergreifend, schützend. Julia legte den Kopf an seine Schulter und schloß die Augen. Ihr war unendlich wohl zumute. Sie wußte nicht, warum es sich so verhielt. Aber zum erstenmal seit ihrer Kindheit, als ihr Vater sie im Arm hielt, fühlte sie sich geborgen… McFarlan und seine Freunde hatten sich am Pahute Pool, einem kleinen Gebirgssee, in einer geräumigen Höhle eingerichtet, die sich in der Felswand oberhalb des Sees verbarg. Die Öffnung war gerade groß genug, um die Pferde hineinzuführen. Obwohl in der Mitte der Höhle ein Feuer brannte, war die Luft nicht stickig. Offenbar hatte die Felskammer im hinteren Teil einen kaminartigen Abzug. Es duftete nach Bohnen mit Speck. »Wir haben bereits gegessen«, sagte McFarlan. »Aber der Professor macht Ihnen gern noch 'ne Portion, falls Ihnen unsere Speisekarte nicht zu ärmlich vorkommt.« Er breitete ein Bündel Fichtenzweige aus und legte eine Decke darüber. »Machen Sie es sich bequem, Miß. Ein extra Schlafzimmer kann ich Ihnen leider nicht bieten.« Nachdem sie sich gesetzt hatte, zog McFarlan ihr die Stiefel aus. »Und jetzt noch die Strümpfe, Lady!« Sie hob den Kopf. »Was soll ich, bitte? Am Ende verlangen Sie auch noch, daß ich für Sie einen Striptease mache.«
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Arizona-Jack, der eben einige Holzscheite aufs Feuer legte, grinste aufmunternd. »Vor uns brauchen Sie sich nicht zu genieren, Miß!« sagte er heiter. McFarlan warf ihm einen strafenden Blick zu. »Halt den Rand, Jack! Das ist 'ne Dame, klar? Da bitte ich mir anständiges Betragen aus.« Arizona-Jack knurrte. »Is' ja schon okay, Tom. Werd's mir aufschreiben und auswendig lernen.« McFarlan winkte ab. »Was ist nun, Miß? Ziehen Sie die Strümpfe aus oder nicht? Sie wollen sich doch nicht gern an Ihren hübschen Füßen ein paar häßliche Frostbeulen zuziehen, oder?« Sie gehorchte schweigend. McFarlan schob sie näher zum Feuer und begann ihre Füße zu massieren. Sie stützte sich auf die Ellbogen und schaute ihm vergnügt zu. Es tat ihr wohl. Davidson warf einen zornigen Blick auf McFarlan. »Meinen Sie nicht«, bemerkte er, »daß Sie sich etwas zuviel bei Miß Bullerte herausnehmen?« McFarlan beachtete ihn nicht. Inzwischen hatte der Professor das Essen aufgewärmt. Sam Hacket war zu ihrem Platz gekommen und schürte das Feuer. Er ließ sich vom Professor einen Schlag Bohnen geben und begann zu löffeln. McFarlan sah ihm und Julia beim Essen zu. »Wie lange fährst du schon für Wells Fargo, Sam?« »Den vierten Monat.« »Macht's Spaß?« »Mal so, mal so, Tom.« Eine Weile schwiegen sie. Dann sagte McFarlan: »Wie sieht's in Washoe aus? Lohnt es sich, dort zu graben, Sam?« Hacket wischte sich den Mund ab und zündete sich eine Pfeife an. »Für den, der Glück hat, vielleicht. Hängt vom Claim ab.« »Hast du abgesteckt, Sam?« 19
Hacket nickte. »Und bist fündig geworden?« »Noch nicht.« »Hast also 'ne Niete gezogen. Schade.« Hacket machte ein Pokergesicht. »Weiß nicht, Tom. Schon möglich.« McFarlan sah ihn verwundert an. »Na hör mal, Sam! Mußt du doch wohl, wenn du bisher nichts gefunden hast.« Hacket kicherte. »Hab' noch gar nicht zu graben angefangen. Wie sollte ich auch, wo ich doch dauernd auf Strecke bin!« »Versteh' ich nicht. Du hast einen Claim abgesteckt und das Schürfrecht erworben beim Regierungsbüro. Sitzt vielleicht auf einer faßdicken Bonanza und hast nicht mal den Spaten in die Hand genommen?« »Ich sag' dir doch, Tom, daß ich noch keine Zeit dazu hatte.« McFarlan fuhr sich übers Kinn. »Gibt es etwa nicht genug Männer am Sun Mountain, die gegen Tageslohn oder ein paar Prozent Beteiligung die Arbeit für dich machen?« Hacket nahm sein Kochgeschirr und erhob sich. »Falls du Gold oder Silber finden willst, brauchst du nicht nur einen Claim, sondern auch Glück. Ich gehöre nicht zu denen, die an einem Sonntag geboren wurden. Bei dir wär' das vielleicht was anderes, Tom.« »Das ist der reine Unsinn, Sam.« »Kein Unsinn, sondern Lebenserfahrung. Erinnerst du dich noch an Roury?« »Miles ›Schweinchen‹ Roury?« »Eben der! Das ist einer der wahren Goldkönige von Washoe.« McFarlan sperrte Mund und Nase auf. Sie kannten ›Schweinchen‹ Roury aus ihrer gemeinsamen Trapperzeit am kanadischen Bärensee. Damals hatte Roury in ihrem Camp mehr schlecht als recht den 20
Koch gemacht. Als er eines Tages mit zwei Invaliden allein im Camp zubrachte, während die Männer auf ihren Schneetellern die Fallen abgingen, fiel eine Rotte zerlumpter Tutchone-Indianer über das Lager her. Die beiden Kranken, die sich nicht wehren konnten, brachten die Rothäute um. Roury gab den verhungerten Burschen zu essen und dafür ließen sie ihn am Leben. »Hat das dicke Schwein etwa ne Ader gefunden?« fragte McFarlan verblüfft. Sam Hacket nahm einen brennenden Span aus dem Feuer und zündete erneut seine Pfeife an. »Wenn du so willst, ja. Er ist Barbesitzer am Sun Mountain und auf dem besten Weg, steinreich zu werden. Zu ihm schleppen die Miners am Abend, was sie sich tagsüber in den Gruben schwer genug verdienen müssen. ›Schweinchen‹ Roury ist einer der wenigen, die an der Comstock Lode garantiert ihren Schnitt machen. Die andern können's nur hoffen. Kapiert, Tom?« Hacket nahm Julias und McFarlans Geschirr, um es draußen im Schnee auszuwaschen. Julia lag unter ihrem Pelzmantel. McFarlan breitete noch eine Pferdedecke über ihr aus. Er nickte ihr zu. »Schlafen Sie erst mal 'n Striemen, Miß, und träumen Sie was Schönes. Sam sagt, Sie wollen auch nach der Comstock Lode rüber?« »Stimmt.« »Ist aber verdammt kein Pflaster für eine alleinstehende Frau.« Sie fächelte den Rauch weg, den die nassen Kiefernzweige beim Verbrennen entwickelten. »Das lassen Sie mal getrost meine Sorgen sein, Mr. McFarlan. Ich bin in Gras Valley gewesen und nicht unter die Räder gekommen. Also werde ich auch Washoe überstehen.« »Der Dandy aus Philadelphia sagt, daß Sie eine verdammt schnelle und sichere Pistole haben, Miß. Sie können wohl die Rothäute nicht riechen, wie?« Sie verzog den Mund.
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»Ich habe selbst ein Achtel Indio im Blut. Warum sollte ich also! Aber wenn mir einer ans Leben will, werde ich ungemütlich. Das ist alles.« Sie rollte sich auf die Seite und krümmte sich zusammen. Gleich darauf war sie eingeschlafen. McFarlan drehte sich um und ging hinaus. Vor der Höhle stand der Professor bei Apatschen-Charlie. Sie unterhielten sich leise mit Sam Hacket. Das Feuer vor dem Eingang der Höhle war nahezu erloschen. Reste von Glut sprühten in feinen Funken umher. Es schneite nicht mehr. Der Blizzard hatte den Himmel blankgefegt. Er war mit ungezählten Sternen gesprenkelt, die ein kaltes Licht ausstrahlten. Um den Mond legte sich ein blaßgelber trüber Rand. »Wird noch 'ne Menge mehr Schnee geben«, sagte Hacket. »Und das schon im Oktober. Läßt einen harten Winter erwarten.« McFarlan zündete sich eine Zigarre an und paffte schweigend vor sich hin. Eine Weile lauschten sie in die Nacht hinaus. Irgendwo im Wald, ganz in der Nähe, hörten sie das Knacken von Zweigen. Apatschen-Charlie schnupperte. »Wapiti-Hirsche«, sagte er. »Die Elks wittern den strengen Winter, wenn sie jetzt schon Menschennähe suchen. Sie verlassen das Hochgebirge und ziehen ins Tal hinunter.« Weit entfernt, aus dem Wüstenbecken von Nevada herauf, wehte der Ruf eines Heulwolfs. »Er sucht Beute und dirigiert sein Rudel«, meinte McFarlan. Aus der Höhle antwortete eines der Kutschpferde. Es wieherte verdrossen. Alle Pferde, die in ihrer Jugend als Mustangs in Freiheit aufgewachsen waren, wurden die Abneigung gegen die Coyoten ihr Leben lang nicht mehr los. Wieder schwiegen die Männer eine Weile, nachdem auch das Wiehern verstummt war. »Gottlob ist Jim eingeschlafen«, sagte der Professor schließlich. 22
»Hättest du nicht beschreien sollen, Professor«, entgegnete McFarlan unwillig. Er lauschte. »Hörst du's?« Aus der Höhle kam ein trockenes bellendes Husten. Der Professor spuckte aus. »Verdammt«, knurrte er. »Das wird ihn umbringen.« Er kehrte mit McFarlan und Hacket in die Höhle zurück, während Apatschen-Charlie die erste Wache übernahm. McFarlan beugte sich über Derrick, der in Fieberphantasien lag. »Comstock soll kommen«, murmelte der Graukopf. »Henry Comstock?« Derrick nickte eifrig. »Er und Old Virginney. Alex Henderson. Peter O'Riley. Sie sollen mich nicht länger warten lassen.« Ein Hustenanfall schüttelte ihn. Er fuhr mit verkrampften Fingern zum Hals, als ob er sich Luft verschaffen wollte, und warf sich unruhig umher. McFarlan legte ihm die Hand auf die fieberheiße Stirn. Julia trat neben ihn. »Er ist sehr krank«, sagte sie. »Hat er das schon lange?« »Er quält sich seit Tagen damit ab.« »Was sind das für Namen, die er ausspricht?« »Lauter Männer, die am Sun Mountain die Bonanza wiederentdeckt und den Silberrausch von Washoe ausgelöst haben.« Julia beugte sich nieder und packte Derrick, der die Decke weggezerrt hatte, wieder warm ein. Sie spürte, wie Derricks kraftlose Finger nach ihr tasteten und sich um ihr Handgelenk schlossen. »Komm ganz nah zu mir, Liza«, flüsterte er. Sie sah McFarlan fragend an. »Er glaubt«, antwortete McFarlan, »daß Sie seine Tochter Liza sind. Er liebt sie abgöttisch.« »Liza, mein Kind«, wiederholte Derrick. »Wie gut, daß du endlich da bist!« Sie strich ihm das Haar zurück, das schweißnaß in seine Stirn hing. »Ich muß dir ein Geheimnis anvertrauen, Liza«, murmelte Derrick. »Komm ganz nah zu mir!« 23
Sie neigte den Kopf zu ihm. »Du mußt wissen«, stieß er mühsam hervor, »daß ich schon vor Jahren mit James Finney, Henry Comstock und ein paar anderen Burschen im Doppelcanyon am Osthang des Sun Mountain gegraben habe. Nach Gold, verstehst du. Auf Sutters Farm hatten wir kein Glück gehabt. Darum gingen wir in den Washoe County. Jetzt hör genau zu, Liza.« Sie verstand kaum, was er sagte. Eine Weile schwieg er erschöpft. Nur seine Lippen bewegten sich lautlos. McFarlan rutschte von Derrick fort und legte sich wieder an seinen Platz. Er verschränkte die Arme unterm Kopf und starrte zur Höhlendecke empor. »Wir dachten«, fuhr Derrick schließlich fort, »daß wir im Twin Canyon eine ergiebige Bonanza hätten. War aber nicht. Nur für ein paar Dollar Goldstaub, kaum der Rede wert. Als ich nach Kalifornien zurückging, versprach mir Old Virginney einen Anteil, falls sie auf eine Ader stoßen sollten. Im Frühjahr sind sie im Gold Canyon fündig geworden. Patrick McLaughlin und Peter O'Riley machten Grabungsproben bis rüber zum Six Mile Canyon, und da stießen sie auf gediegenes Silber. Old Pancake Comstock kam hinterher und überredete die beiden, ihm einen Anteil abzutreten. Meinen Anteil, verstehst du?« »Ja, ich verstehe«, antwortete Julia. »Sie wuschen am Tag für etliche hundert Dollar aus – mehr als jeder andere vor ihnen. Manny Penrod schickte mir eine Nachricht rüber nach Sacramento, ich solle mich gleich auf die Socken machen, aber um Gottes Willen den Mund halten. War aber schon durchgesickert.« Schweißperlen bedeckten Derricks Gesicht. Julia tupfte es behutsam ab. »Nicht so viel reden«, sagte sie. Er versuchte den Kopf zu heben, aber es gelang ihm nicht. Kraftlos fiel er wieder zurück. 24
»Ich konnte nicht gleich kommen«, murmelte er. »Aber jetzt… Jetzt geh' ich rüber nach Nevada.« Seine Stimme war zu einem Flüstern herabgesunken. Schließlich versagte sie ganz. Ein Schluchzen entrang sich seiner Kehle. Dann verlor er erneut das Bewußtsein und versank in einem Fieberschauer. Als sie sich erheben wollte, bemerkte sie Davidson. Er legte den Zeigefinger auf die Lippen und blickte sich verstohlen um. »Was hat er gesagt?« fragte er leise. »Er weiß doch was, nicht wahr?« Sie fühlte sich überrumpelt. »Was geht das Sie an?« entgegnete sie barsch. Er ließ sich nicht abschütteln. »Der Alte hat Ihnen doch ein Geheimnis anvertraut, Julia. Mich können Sie nicht täuschen. Ich habe gehört, daß er McLaughlin und O'Riley kennt. Wenn er mit denen zu tun hat, weiß er eine Menge. Seien Sie nicht dumm, Julia! Der Alte soll reden, sobald er wieder zu sich kommt. Das kann Millionen wert sein.« Sie wollte ihn angewidert beiseite schieben, als aus dem Dunkel McFarlan auftauchte. »Was haben Sie hier zu suchen, Davidson?« sagte er feindselig. »Los, verschwinden Sie, und legen Sie sich schlafen! Wenn ich Sie noch mal hier erwische, werfe ich Sie raus.« Zitternd vor ohnmächtiger Wut zog sich Davidson zurück. McFarlan setzte sich auf die Fersen und betrachtete Derricks Gesicht, das zunehmend verfiel. »Was ist mit Liza?« fragte ihn Julia. »Hat sie keine Mutter mehr?« »Als sie drei Jahre alt war, fielen marodierende Sioux über Derricks Farm in Nebraska her und ermordeten seine Frau. Liza verkroch sich im Schuppen. Fünf Tage später kam Jim heim und fand sie halbverhungert vor. Es brachte ihn fast um den Verstand; denn er fühlte sich schuldig.« »Wieso das?« »War eine scheußliche Geschichte. Jim hat sie mir vor einiger Zeit selbst erzählt. Er muß damals ein starker Trinker gewesen sein. Manchmal, wenn es über ihn kam, ritt er von der Farm weg nach Omaha in den Saloon. Das dauerte jedesmal einige Tage. Nachdem 25
er hinterm Mietstall seinen Rausch ausgeschlafen hatte, kehrte er nach Hause zurück und tat, als ob nichts gewesen wäre. So war's seinerzeit auch. Er begrub seine Frau, verkaufte die Farm und hetzt seitdem von Bonanza zu Bonanza, um endlich das große Glück zu machen. Er hat die fixe Idee, daß er Liza ein großes Vermögen hinterlassen müßte.« »Und ist es ihm gelungen?« McFarlan zuckte die Schulter und schob neues Holz ins Feuer, ehe er sich schlafen legte. Die auflodernden Flammen warfen gespenstische Schatten über Derricks Gesicht. Allmählich kroch vom Felsboden her grimmige Kälte durch Julias Körper. Sie war in einen unruhigen Halbschlaf gefallen. Sie fuhr empor, als sie Derricks schwache Stimme hörte, und neigte sich zu ihm. Er schien bei klarem Bewußtsein. »Wer sind Sie?« fragte er matt. »Julia Bullette«, antwortete sie. Er dachte nach. Dann glitt ein schwaches Lächeln über sein von tiefen Falten durchfurchtes Gesicht. »Ja, ich erinnere mich. Rufen Sie Tom McFarlan, bitte.« McFarlan schien es gehört zu haben. Lautlos kam er herbei. Er nahm Derricks Hand. »Erkennst du mich, Jim?« »In meinem Gepäck«, sagte Derrick, »ist ein Lederbeutel. Hol ihn raus, Tom.« McFarlan fand den Beutel. Er wollte ihn Derrick in die Hand geben. »Sie soll ihn nehmen«, sagte Derrick matt und tastete nach Julias Hand. »Sie müssen mir was versprechen, Miß.« »Ja?« »Kümmern Sie sich um Liza, bitte. Den Winter verbringt sie noch im College in San Franzisco. Die Adresse finden Sie in dem Beutel. Schreiben Sie ihr, wann und wo ich gestorben bin.«
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»Sie werden doch noch nicht sterben wollen, Mr. Derrick!« sagte sie und versuchte ihrer Stimme einen burschikosen Unterton zu geben. Er kniff die Augen zusammen. »Sie müssen mich nicht trösten wollen, Miß Bullette. Ich weiß, daß ich sterben muß, und es macht mir auch nichts aus. Ich bin am Ende. Das Leben kann mir nichts mehr bieten. Nur der Gedanke, daß Liza allein sein wird, wenn ich fort bin…« Plötzlich bäumte er sich auf. Eine tiefe Unruhe schien ihn zu erfassen. »Ich werde für Liza sorgen«, sagte Julia. Er lauschte. Dann nickte er. »Danke, Julia. Und auch dir, Tom.« Er seufzte tief. »Erst jetzt merke ich, daß ich kaum was von Liza weiß, obwohl sie meine einzige Tochter ist. O Gott… Man tut immer zu wenig für die Menschen, die man liebt. Viel zu wenig… Eine letzte Bitte, Tom…« »Sprich sie aus, Alter.« »Warst mir immer ein guter Kamerad, Tom McFarlan.« Der Goldsucher schüttelte verwirrt den Kopf. »Was hab' ich schon groß für dich getan, Jim!« entgegnete er. »Sprich ein Gebet über meinem Grab. Ich bin nie fromm gewesen. Aber ich denke, es wird Liza zugute kommen, wenn jemand für meine Seele betet.« »Verlaß dich drauf, Jim.« Derricks Kopf fiel zurück. Sein Blick glitt zur Decke der Höhle empor. Ein schwaches Lächeln huschte über sein Gesicht. Seine Hände krallten sich in die Laubschütte, auf der er lag. »Guter Himmel«, stammelte Julia. »Er hat auf einmal so fremde Augen.« McFarlan beugte sich nieder. Seine Finger streiften über Derricks Stirn und drückten ihm die Augen zu. Er zog die Decke über seinen Kopf. Dann hob er Julia empor. Sie zitterte am ganzen Körper. »Ist er wirklich tot?« fragte sie. 27
McFarlan nickte. »Ich muß mich besinnen«, sagte er nach einer Weile. »Worauf, Tom?« »Auf das Gebet, das unser Vater mit uns vor dem Einschlafen sprach – drüben in Kansas, als wir noch Kinder waren. Ich fürchte, daß ich das Gebet vergessen habe.« »Bis wir ihn begraben«, antwortete sie, »wird es Ihnen wieder eingefallen sein.« Als sie am anderen Morgen beim Pahute Pool das Grab ausheben wollten, stellten sie fest, daß der Boden bereits tief gefroren war. »Ich habe an der Felswand über dem See eine kleine Höhle entdeckt«, sagte Apatschen-Charlie. »Da könnten wir ihn begraben. Was meinst du, Tom?« »Ein Indianergrab, wie?« »Es ist ein schöner Platz, Tom. Von dort blickt Jim direkt hinunter nach Nevada, auf den Sun Mountain, wo er sein Glück machen wollte. Und jeden Morgen sieht er über der Wüste die Sonne aufgehen. So haben wir meinen Vater Naratena im Saguarowald bei Tucson begraben, mit dem Blick nach Osten. Es ist besser für einen Mann, sitzend begraben zu sein, als liegend.« »In Ordnung, Charlie«, sagte McFarlan. »Machen wir's so.« Inzwischen begann Sam Hacket mit einigen Männern die Kutsche zu reparieren. Als die Sonne purpurrot über den Ranges von Nevada aufging, setzten sie Derricks Leichnam mit dem Rücken zur Wand in die kleine Höhle. Gambler Pete und Apatschen-Charlie hatten ein rohes Holzkreuz gezimmert und steckten es auf den Steinhügel vor der Grabhöhle. Julia schmückte es mit ein paar Ponderosazweigen. Die Männer nahmen die Hüte ab und falteten die Hände. »Das Gebet, Tom«, sagte Julia. McFarlan blickte sie hilfesuchend an. »Es ist mir nicht eingefallen«, erwiderte er verlegen. »Wollen Sie's nicht sprechen, Julia?« 28
»Jim Derrick war Ihr Freund, Tom. Beten Sie irgendwas. Gott wird es hören.« McFarlan drehte den Hut vor der Brust. »Vater im Himmel«, betete er nach einigem Zögern, »hier sitzt Jim Derrick vor dir. 46 Jahre alt, Farmer und Goldgräber aus Nebraska. Der gute alte Jim, dieses dämliche Walroß. Verzeih mir, Jim. Verzeih mir, lieber Gott.« Er stockte und wischte sich den Schweiß von der Stirn. »Jim war ein Säufer, und mit den Weibern nahm er's auch nicht so genau. Aber wir alle haben dieses alte Stinktier gern gehabt. Und es wäre verdammt nicht nötig gewesen, daß er schon sterben mußte. Diesen Vorwurf kann ich dir leider nicht ersparen, lieber Gott. Doch da wir alle sterben müssen und du es nun mal so gewollt hast, sei's drum… Auch wenn ich vielleicht gar nicht an dich glaube, lieber Gott: Gib ihm trotzdem den ewigen Frieden und immer was Hübsches zu sehen von seinem Platz aus. Er hat's verdammt schwer gehabt in dieser Welt, also soll er's wenigstens drüben ein bißchen leichter haben. Und gib, lieber Gott, daß seine Tochter Liza immer so gut von ihrem Vater denken möge, wie wir von unserem Kameraden Jim denken. Er war ein feiner Bursche. Amen!« »Amen«, fügte Julia hinzu. »Das haben Sie schön gebetet, Tom.« Er spuckte aus. »Dann wollen wir ihn mal zumauern, Leute, damit wir hier wegkommen!« Sie setzten den Eingang der Grabhöhle mit Felssteinen zu und füllten die Ritzen mit Moos aus, damit hungrige Raubtiere, die den Leichnam witterten, ihn nicht in ihrer Freßgier ausgruben und zerrissen. Als Sam Hacket auf dem Kutschbock ungeduldig die Zügel hochnahm und Julia in die Kutsche einstieg, standen auch McFarlan und seine Freunde abmarschbereit. »Bis bald, Tom«, sagte sie. »Wir sehen uns am Sun Mountain wieder, oder?« Er hob die Schultern. »Möglich, Miß.« 29
Davidson trommelte ungeduldig gegen die Scheibe. »Nun fahren Sie schon, Kutscher!« befahl er herrisch. McFarlan drehte sich brüsk um und zog sein Pferd hinter sich her. Julia blickte ihm nach, bis die Goldsucher hinter der Wegbiegung verschwanden. Julia preßte die Handtasche mit Derricks Lederbeutel an sich. Der Beutel enthielt nichts weiter als Lizas Adresse, einige ihrer abgegriffenen – anscheinend oft gelesenen – Briefe, eine verwischte Kartenskizze und dreihundert Dollar in Scheinen. Offenbar war das Derricks ganzer Besitz gewesen. Traurig genug für ein langes arbeitsreiches Leben, dachte sie. Verdammt zu wenig für einen Mann, der mit hängender Zunge hinter dem Glück hergelaufen war und es nicht mal am Rocksaum berühren durfte! Eine trotzige Entschlossenheit bemächtigte sich ihrer. Sie war jetzt fünfundzwanzig. Eine schöne, selbstbewußte, zielstrebige Frau. Noch lag die Zukunft vor ihr. Dieses Amerika war ein Land für die Jugend. Ein hartes, unerbittliches Land. Hier zählte nur, was jung, stark und unverbraucht war. Das allein konnte sich durchsetzen. Alles andere – das Alte, Schwache, Kraftlose – ging mitleidlos zugrunde, und niemand weinte darum. Ich werde es besser machen, dachte sie entschlossen, und ein Gefühl unbeugsamer Zuversicht durchströmte sie… Davidson versuchte die ganze Fahrt über, sie auszufragen. Er war davon überzeugt, daß sie von Derrick zumindest Hinweise auf einen erfolgversprechenden Claim erhalten hatte. Julia antwortete zerstreut. Vorübergehend wurde ihr bewußt, daß sie im Besitz von dreihundert Dollar war. Jim Derricks Geld! Es könnte ein brauchbares Startkapital sein für Washoe. Aber sofort verwarf sie diesen Gedanken. Das Geld gehörte Liza. Und sie sollte es haben. Julia durfte es nicht einmal vorübergehend ausborgen. Sie war entschlossen, es mit der nächsten Post nach San Franzisco zu schicken. 30
Nach einigen Stunden erreichten sie die Station von Carson City, einige Meilen vor der Stadt. Hacket wechselte die Pferde. Im Zentrum beim Hotel nahmen sie einen weiteren Fahrgast auf und rollten dann durch die Wüste nach Nordosten. Das Steppenland der Hochebene war mit einer dünnen Schneeschicht bedeckt, die unter der Nachmittagssonne zu schmelzen begann. Die Octillogewächse und Salzbüsche schimmerten grau im fahlen Winterlicht. Ein Schwarm Raben auf Futtersuche flatterte träge krächzend auf. Die holprige Straße begann sich um den schneebedeckten Sun Mountain herum bergauf zu winden. Ein rotschwänziger Falke zog über dem Hang seine Kreise, ehe er weitersegelte. Als Hacket eine Weile die Pferde verschnaufen ließ, deutete er nach Südwesten. Auf einer Hügelkette, gegen die absteigende Sonne, zeichnete sich die Silhouetten von drei Reitern ab. »Pahutespäher«, sagte er und spuckte aus. »Wir wollen weiterfahren.« Als die Kutsche anzog, flüchtete ein Rudel Dickhornschafe, das neben dem Weg geweidet hatte, über den Felshang hinauf. Hier oben wuchs das Gramagras spärlicher. Wacholderbüsche und Salbeistauden wurden häufiger. Sie kamen auf der Serpentinenstraße durch Gold Hill. Das Camp lag auf über zweitausend Meter Höhe. Ein Gewirr erbärmlicher Unterkünfte breitete sich vor ihnen aus. Julia kannte die Goldgräberlager von Kalifornien. Das waren fürstliche Residenzen gegen dieses Nest. Noch nie in ihrem Leben hatte sie eine solche Stadt gesehen. »Sieht recht trostlos aus«, sagte Andrew Zinneman, der Dandy aus Philadelphia. Aber er schien es nicht tragisch zu nehmen. Davidson starrte ungeduldig hinaus. Er konnte es wohl kaum erwarten, bis die Kutsche im Zentrum der Silberstadt ausrollte. Der Berghang und der Canyon waren mit Hütten und Zelten gesprenkelt wie mit Aussatz: Zelte aus alten Pferdedecken, zerrissenen Militärmänteln und Kartoffelsäcken. Wacklige Buden, aus rohen Bret31
tern gezimmert, aus Lehm oder groben Steinen errichtet, standen neben Erdlöchern, die wie riesige Maulwurfshügel aussahen. Selbst Coyotenbaue, deren Bewohner von den Goldgräbern vertrieben worden waren, dienten als Unterkünfte. Es sah aus, als hätte ein Hurrikan das alles in blinder Wut durcheinandergewürfelt. Bauchige Whiskyfässer ohne Boden steckten als Kamine auf den Dächern dieser jämmerlichen Behausungen. Schmutziger Rauch, von einem scharfen Nordwestwind emporgewirbelt, verlor sich im Grau der Dämmerung. Die Hauptstraße der Silberstadt glich einer immerwährenden Baustelle. Saloons, Läden und Kontorhäuser schossen aus dem Erdboden. Vollbeladene Lastwagen und Erzfuhren, von klobigen Pferden gezogen, rumpelten durch die C-Street. Es wimmelte von Männern aller Berufe und Altersklassen: Minenarbeiter, Goldsucher, Handwerker, Prospektoren, Händler, Falschspieler. Ehrliche und unehrliche Leute. Die meisten sahen ungepflegt, fast verwahrlost aus – vom Staub der Silberbergwerke und dem rauhen Höhenwind gegerbt. Halbverhungerte betrunkene Indianer torkelten vorüber. Kichernde Pahutesquaws, deren große dunkle Augen feucht schimmerten, schoben sich in kleinen Gruppen umher auf der Suche nach liebeshungrigen Männern. Hacket hatte Signal geblasen, ehe er die Kutsche in der City zum Stehen brachte. Aus den Saloons quollen Trauben bärtiger Männer hervor, die für eine Weile ihr Spiel unterbrachen. Die meisten von ihnen waren Minenarbeiter, die ihre schichtfreie Zeit in den Bars verbrachten. Die Ankunft der Overland- oder Wells-Fargo-Kutsche brachte jedesmal willkommene Abwechslung. Davidson half Julia aus der Kutsche. Sie trug unter dem Pelzmantel ein graues Reisekleid, dazu einen Hut mit breitem Rand. Die Männer starrten sie an, als käme sie aus einer anderen Welt. Außer den Pahutemädchen gab es im ganzen Camp keine Frauen. Wie ein Lauffeuer verbreitete sich die Nachricht durch die Stadt. 32
Sie krochen aus allen Löchern hervor, um Julia zu bestaunen. Denn so etwas hatte es am Sun Mountain noch nicht gegeben. Diese unwirkliche, verrückte Stadt des Zufalls roch nach Mühsal und Lebenshunger, nach leichtfertiger Vergänglichkeit und Bitternis. Sie wuchs von Tag zu Tag. Noch lag das Glück auf der Straße. Wer zufällig darüber stolperte, konnte reich werden. Wer eine ergiebige Bonanza besaß, gehörte zu den Helden dieser Stadt: zu den vielbewunderten Rittern des Glücks – vielleicht nur für Wochen oder Tage. Denn der Ruhm von Washoe war ebenso erregend wie vergänglich. Julia atmete in tiefen Zügen die rauchdurchtränkte Winterluft ein. Sie war am Ziel. Diese Stadt wollte sie erobern, und sie zweifelte nicht daran, daß es ihr gelingen würde. Davidson blickte sich suchend um. Dann zog er den Hut und winkte. Ein Trupp von fünf oder sechs Männern schob sich durch die Menge, die sich vor der Station verkeilt hatte und Julia anstarrte wie das achte Weltwunder. Der Mann an der Spitze trug den Stern eines US-Marshals. Nevada gehörte in jenen Jahren zum Mormonenstaat Utah, nachdem es mit Kalifornien zu den Vereinigten Staaten gekommen war. »Hey, Davy!« sagte der Marshal aufgeräumt und schlug Davidson auf die Schulter. »Schön, dich wiederzusehen. Wirst bereits sehnlich erwartet.« Er musterte Julia aufmerksam, machte dann eine kaum sichtbare Verbeugung und tippte an die Hutkrempe. »Ma'am«, murmelte er und wandte sich an Davidson: »Eine feine Fuhre hast du da mitgebracht, Davy.« »Darf ich Ihnen Marshal Bill Brewster vorstellen, Julia? Miß Julia Bullette aus New Orleans.« »Herzlich willkommen in dieser windigen Stadt, Madam«, sagte der Marshal lachend. »Ich habe einige Freunde mitgebracht, Davy.«
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Die Männer, die mit dem Marshal gekommen waren, zogen die Hände aus den Hosentaschen und grinsten breit. Brewster tippte ihnen der Reihe nach vor die Brust. »Das ist Pat O'Riley. Er und Patrick McLaughlin haben die erste Bonanza am Sun Mountain entdeckt. Dieser Gentleman ist William Davidson aus San Franzisco, ein großer Mann im Bankgeschäft.« Davidson gab ihm die Hand. »Freut mich, Mr. O'Riley.« Der Digger musterte ihn scharf. Dann nickte er. Es war, als ob sich zwei Doggen belauerten. Brewster stellte Manny Penrod, Henry Comstock und James Finney vor. »Eine Ansammlung illustrer Namen«, bemerkte Davidson. »Hab' schon viel von Ihnen gehört, Gentlemen.« Er tauchte mit dem Marshal einen vielsagenden Blick. Offensichtlich hatte Brewster dieses Zusammentreffen arrangiert, um Davidson aussichtsreiche Geschäftsverbindungen zu eröffnen. Denn die vier Männer waren – noch vor Belcher, Best, Curry, Norcross, Hale und Gould – die Besitzer der reichsten Claims im ganzen Washoe County: vielbeneidet und vielumschmeichelt. James Finney, leicht nach Whisky riechend, wälzte den Kautabakpriem von der rechten Mundseite zur linken. »Okay, Mann«, knurrte er. »Sie sind also der vielgepriesene Bankfritze!« Davidson, leicht konsterniert, nickte: »Von der California Pacific Bank, Mr. Finney.« »Ist wohl ein ziemlich feines Unternehmen, wie? Unser Marshal legt die Hand für Sie ins Feuer. Ob's da nicht bald nach geröstetem Fleisch riecht?« Davidson unterdrückte seinen aufkeimenden Unmut. Betont freundlich entgegnete er: »Jedenfalls vertrete ich ein seriöses und finanzkräftiges Unternehmen, falls Sie das meinen, Sir.« »Wollen's hoffen, Mister«, antwortete Finney ungeniert. »Können mich übrigens Old Virginney nennen. Hier nennt mich jeder so. Und dieser alte Grizzly hört auf den Namen Old Pancake. Daß er 34
in Wirklichkeit Henry Comstock heißt, hat er längst vergessen. Obwohl sie die ganze Gegend hier nach ihm benannt haben, unverständlicherweise.« Comstock stieß Finney in die Rippen. »Was hältst du ausschweifende Volksreden, Old Virginney? Kommen wir endlich zur Hauptsache!« Davidson stimmte eifrig zu. »Einverstanden«, sagte er. »Gehen wir also ins Hotel. Dort können wir in Ruhe unsere Verhandlungen beginnen. Du hast doch im International für mich Quartier gemacht, Bill?« Brewster nickte. »Wer redet von Verhandlungen«, widersprach Comstock grinsend. »Wenn Sie zu einem Drink in die Sawdust Bar mitkommen, Mr. Davidson, sind wir fürs erste ganz zufrieden.« Er schnupperte in die Luft. Von überall her stiegen Rauchsäulen in den Abendhimmel – nicht nur aus den Schornsteinen der Hütten und Häuser, sondern auch aus den größeren Minenschächten, in denen Dampfmaschinen Bohrhämmer und Abraumgeräte antrieben. »Ist nämlich eine verdammt staubige Gegend hier«, fügte Comstock hinzu. »Da sollte ein Mann schon was zum Runterspülen haben. Oder widerspricht mir jemand?« Niemand widersprach ihm. Auch Reginald Pratt nicht, der Leiter der Wells Fargo Station, der sich eilfertig herbeigedrängt hatte, um Davidson und Julia zu begrüßen. Pratt war sorgfältig gekleidet, ein Mann um dreißig, offensichtlich ein Pedant und Wichtigmacher. »Vielleicht«, warf Pratt beflissen ein, »wünschen sich Miß Bullette und Mr. Davidson zuerst ein wenig frisch zu machen. Außerdem, wenn die Herrschaften gestatten, bitte ich für später zum Abendessen ins Restaurant des International. Wells Fargo erlaubt sich, Sie alle ergebenst einzuladen.« James Finney wußte, daß die Wells Fargo im harten Konkurrenzkampf mit der Overland lag und daran interessiert war, etwas für ihr 35
öffentliches Ansehen zu tun. Er schlug Pratt mit solcher Kraft auf die Schulter, daß er erschrocken zusammenzuckte. »Das ist ein feiner Vorschlag, du Stationshengst. Wir nehmen dankend an. In der Zwischenzeit werden wir im Sawdust einen auf dein Wohl heben, Kutscher. Miles Roury, der Halsabschneider, wird dir die Rechnung präsentieren.« Finney und seine Freunde zogen vor Julia respektvoll den Hut und stapften heiter der Bar entgegen. Marshal Brewster führte Julia und Davidson über die Straße zum International, während Pratt dafür sorgte, daß ihr Gepäck ins Hotel geschafft wurde. Brewster hatte alle Mühe, ihnen einen Weg durch die Menge zu bahnen. »Macht Platz, Leute!« rief er laut. »Was gibt's denn da zu gaffen? Geht doch weiter, Männer!« Alle guckten und staunten Julia an. Selbst die Taschendiebe vergaßen zu klauen. So hielt Julia Bullette ihren Einzug in die Silberstadt von Washoe. Ihr Name ging von Mund zu Mund. Kaum angekommen, war sie bereits zu einer vielumschwärmten Berühmtheit geworden. Das International war das erste Hotel am Platze und überdies das vorerst einzige mehrstöckige Gebäude in der ganzen Stadt. Noch glich es eher einer Baustelle. Handwerker waren damit beschäftigt, einen Anbau, einen Spielsaal und eine zweite Bar zu errichten. An der Rezeption gab es gewisse Schwierigkeiten. »Noch nie ist eine alleinreisende Dame bei uns abgestiegen«, bemerkte der Portier verlegen. »Sie entschuldigen, Madam.« Julia nahm es nicht so wichtig. »Dann werde ich eben die erste sein«, erwiderte sie. Der Portier wand sich. »Was halten Sie davon, Marshal?« Brewster grinste. »Bist du zufällig Mormone, Davy? Schade! Dann könntest du dir ganz legal noch eine Frau zulegen.« 36
»Mach keine Witze, Bill«, entgegnete Davidson. »Man wird Miß Bullette doch keine Schwierigkeiten machen?« Der Marshal schob dem Portier das Gästebuch vor die Nase. »Tragen Sie ein, Ted: Miß Julia Bullette aus New Orleans, Louisiana, dem Marshal persönlich bekannt, auf der Durchreise. Einverstanden, Miß Bullette?« »Meinetwegen, Marshal. Hoffentlich werden Sie mir keine Schwierigkeiten machen, falls sich meine Abreise verzögert.« Brewster winkte ab. »Ich werde mir doch keine Laus in den Pelz setzen, Miß, und mich mit dieser Bande anlegen.« Er machte mit dem Kopf eine Bewegung zur Straße hin. Vor der Schaufensterscheibe der Empfangshalle drängten sich einige Dutzend Männer, die ihre Gesichter gegen das Glas drückten und Julia anstarrten. In ihrem Zimmer wählte sie das neue Kleid aus roter Seide, das auf der Brust ein Bukett aus künstlichen Teerosen trug. Dazu einen hochaufgetürmten großartigen Kapotthut mit Federbesatz und allerlei Gemüse darauf, sowie gelbe Spitzenhandschuhe, deren Stulpen bis zu den Ellbogen reichten. Als Davidson klopfte, um sie abzuholen, warf sie einen letzten Blick in den Spiegel. Sie kannte ihre Wirkung auf Männer. Ihre Attraktivität war das einzige Kapital, das sie einzusetzen hatte. Alles andere mußte sich finden. Vor der Zukunft jedenfalls fürchtete sie sich nicht. Im Gegenteil! Ein anregendes Prickeln neugieriger Erwartung durchströmte sie. Davidson war hingerissen. »Einfach großartig«, meinte er bewundernd und küßte ihr die Fingerspitzen. »Sie sind bei Gott die schönste Frau, die ich je gesehen habe, Julia.« Sie entzog sich ihm, als er sie in die Arme nehmen wollte, und ging zur Tür. Er trug einen dunklen Abendanzug nach dem neuesten Schnitt, der ihn schlanker und jünger machte. Julia fand, daß er ausgesprochen gut aussah. 37
Davidson bot ihr den Arm und führte sie über die Treppe hinab in den Speisesaal. Als die beiden Pagen die Flügeltür öffneten, hielt er inne und blickte sich um. Er genoß den Auftritt über die Maßen. Fast alle Tische waren besetzt. Die Gespräche verstummten. Ein Raunen lief durch den Saal. An einem der großen Mitteltische waren Finney, O'Riley, Comstock und Penrod damit beschäftigt, auf Kosten der Wells Fargo bereits die fünfte Flasche französischen Importwein zu leeren, da es im Restaurant bedauerlicherweise keinen Whisky gab. Stationschef Pratt machte gute Miene zum bösen Spiel. Er wußte, daß er eine stattliche Rechnung zu verantworten hatte. Warum ließ er sich auch mit solchen Büffeln ein? Comstock und Finney nahmen zwei Kerzenleuchter vom Tisch. Würdevoll schritten sie zur Tür. Als sie Julia im Triumphzug an ihren Tisch geleiteten, stimmten der Klavierspieler und der Trompeter eine Melodie aus Verdis La Violetta an, die seit einiger Zeit im Westen sehr beliebt war. Die Männer im Saal erhoben sich und klatschten den Takt. Julia erschrak. »Himmel«, stammelte sie, »ist das alles meinetwegen?« Finney, bereits ziemlich betrunken, küßte ihr die Hand. Es sah rührend unbeholfen aus. Er erntete dafür tosenden Beifall. Der Tisch war mit Papiergirlanden geschmückt – ein Ersatz für Blumen, die auf der windgepeitschten Höhe der Comstock Lode nicht wuchsen. Die hohen goldgerahmten Spiegel an den Saalwänden reflektierten das gelbschimmernde Kerzenlicht. Eine Welle von Sympathie schlug über Julia zusammen. Sie war freundlich zu allen. Ihre natürliche Ungezwungenheit eroberte ihr die Herzen: eine schöne und feine Frau, die jeder mit Vergnügen zu respektieren wünschte. Mit Abscheu erinnerte sie sich der Demütigungen, denen sie in manchen Nachtklubs ausgesetzt war – Begegnungen von scheußlicher Würdelosigkeit, die sie erniedrigt und beschämt hatten. 38
Das hier waren einfache Männer – klobig und ungebildet, jedoch von wacher Intelligenz. Die meisten hatten längere Zeit in den Staaten des Westens als Viehtreiber oder Fallensteller gearbeitet. Sie ließen sich nicht so leicht beeindrucken – am wenigsten von Äußerlichkeiten. Und sie besaßen ein ganz natürliches Gefühl für den Wert eines Menschen. Das verlieh ihnen eine Sicherheit, wie Stadtleute sie nur selten besaßen. Comstock nahm dem Trompeter das Instrument aus der Hand und blies einen verunglückten Tusch. Es klang wie das Röhren eines brunftigen Hirsches. Finney schwenkte sein Glas und rief: »Ein dreifaches Hurra der Silberkönigin!« Alle erhoben ihre Gläser und stimmten begeistert in den Hochruf ein. Finney schmetterte sein Glas zu Boden, und Dutzende von Gläsern zersplitterten. Der Saal verwandelte sich in eine turbulente Szenerie. Hotelmanager Henderson, ein stocksteifer Oststaatler, stand bläßlich neben der Tür und wahrte nur mühsam seine Fassung. Er hatte sich vorgenommen, aus dem International ein First-class-Hotel zu machen – eine Art Luxusherberge in diesem Sodom der Goldgräber und Glücksritter. Und jetzt geschah dies! Unablässig drängten weitere Miners, Lastkutscher und Bauarbeiter, ehrliche Diggers und weniger ehrliche Tagediebe, anständige Handwerker und zwielichtige Revolverhelden herein und machten sich an den bereits überfüllten Tischen breit. Henderson sah ein, daß dagegen kein Kraut gewachsen war. Er verzichtete darauf, den Marshal zu rufen, der wegen einer Schlägerei mit tödlichem Ausgang im Court House zu tun hatte. Was auch hätte Brewster hier wohl ausrichten können? Denn die Diggers gerieten außer Rand und Band. Das war ihr Fest, und es schien nicht geraten, es ihnen zu verderben. Penrod war bereits hoffnungslos betrunken. Er starrte mit glasigem Blick Julias Dekolleté an, hob ab und zu sein Glas, prostete ihr stumm zu, nahm einen Schluck und versank wieder in statuenhafte Starre.
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O'Riley beobachtete die Szenerie mit wachem Interesse. Sein Gesicht war kaum merklich von Pockennarben gezeichnet. Das verlieh ihm einen Ausdruck von Härte und Entschlossenheit. Julia war die einzige Frau im Restaurant. Sie wußte die Grenze abzuwägen. Ehe der Trubel seinen Höhepunkt erreichte, zog sie sich zurück. In ihrem Zimmer machte sie kein Licht, sondern warf den Pelzmantel über und trat auf den Balkon. Durch die C-Street wogte der Strom der Männer. Unablässig, wie gespenstische Schatten zogen sie durch den flackernden Lichtkegel der Petroleumlampen, die den Hoteleingang notdürftig erleuchteten. Noch immer trieben Schneeflocken durch die eisige Luft. Als Julia sich über die Balkonbrüstung beugte, nahm sie undeutlich die Silhouette der noch unfertigen Presbyterianer-Kirche mit ihrem niedrigen Turm wahr. Plötzlich brandete Lärm auf. Durch das Hotelportal wälzte sich ein Trupp Diggers, an ihrer Spitze Finney und Comstock. Finney schwang eine Whiskyflasche. »Hört mir 'n Augenblick zu, Leute!« rief er. »Haltet mal eure Mäuler und hört mir zu, verdammt noch mal.« Die Männer grölten. Im Handumdrehen sammelte sich eine riesige Menschenmenge an. Marshal Brewster kam von der B-Street herunter. »Was gibt's da mitten in der Nacht für einen Auftrieb?« rief er. »Ist's nicht besser, ihr geht jetzt heim und legt euch aufs Ohr?« »He, Marshal«, sagte Finney, leicht schwankend. »Du kommst gerade recht zur Taufe. Könntest den Paten machen, Bill – gewissermaßen in amtlicher Eigenschaft.« »Was für eine Taufe, Old Virginney?« fragte Brewster mißtrauisch. »Wirst du gleich erleben, Schrecken aller Spitzbuben.« Finney legte Comstock den Arm um die Schulter. »Hier steht mein Freund Henry Comstock«, rief er, »nach dem ihr Taugenichtse diese prachtvolle Bonanza benannt habt. Es lebe Old Pancake!« Sie stimmten begeistert in den Hochruf ein. 40
Finney schlug sich gegen die Brust. »Und hier steht Old Virginney, der Besitzer der verdammt ergiebigsten Silberader im ganzen County! Old Virginney, der dem Gauner Comstock die Hälfte seines Claims überlassen hat. Stimmt's, Old Pancake, altes Roß?« Comstock umarmte ihn. »Stimmt, Old Virginney, altes Stinktier.« »Okay, Leute.« Finney beschrieb mit der Whiskyflasche einen weiten Bogen. »Das alles ist Washoe. Unser Washoe. Euer Washoe. Der verdammt größte Silberberg, den die Welt je angekratzt hat.« »Es lebe Washoe!« riefen die Männer begeistert. Der Radau nahm spektakuläre Ausmaße an. »Jetzt reicht's aber, Leute!« rief der Marshal energisch. »Höchste Zeit, schlafen zu gehen.« Einer der Miners, gut einen Kopf größer als Brewster, entgegnete mit gewaltiger Baßstimme: »In drei Stunden geht die Frühschicht an. Acht Stunden unter der Erde, Marshal, in Staub und Hitze und Dunkelheit. So ist unser Tag, Marshal Brewster. Und das bedeutet: Wir haben noch drei Stunden Zeit, um zu feiern. Wollen Sie uns das mißgönnen, Marshal?« Brewster wußte, daß er machtlos war. »Okay«, antwortete er. »Wen willst du taufen, Old Virginney? Wo ist dein Baby?« »Unser Silberberg«, antwortete Finney, »ist das Baby – der verdammt größte Silberberg der Welt. Wißt ihr, Männer, daß sie in Europa jetzt sogar das Prägen von Münzen einstellen wollen? Begreift ihr auch, was das bedeutet, wenn die Könige von England, Frankreich, Österreich, Preußen, Rußland, von Schweden, Dänemark, Spanien – wenn all diese großkotzigen Burschen auf dem alten Kontinent, die Amerika bisher für'n Haufen Scheiß hielten, auf einmal die Hosen gestrichen voll haben?« Das war bestimmt die längste Rede, die Finney je gehalten hatte. Einige Männer stimmten Home Sweet Home an. Manny Penrod war so gerührt, daß er sich einige Tränen aus den Augenwinkeln wischte und Finney tätschelte wie eine Affenmutter ihr Junges. 41
Finney schüttelte ihn ab. »Noch einen Augenblick, Freunde!« rief er. »Dann könnt ihr euren Choral auf diese verdammt beschissene, verdammt großartige Stadt am Sun Mountain anstimmen: Die Hauptstadt von Washoe, die noch keinen Namen hat. Ist euch das eigentlich schon mal aufgefallen, Männer, daß eure Stadt noch keinen Namen hat?« Sie starrten ihn verwundert an. »Hat sie nun einen Namen, oder hat sie keinen, Marshal?« Brewster wußte nicht, worauf das hinaus sollte. »Selbstverständlich hat sie noch keinen Namen«, antwortete er. »Falsch, Marshal! Ganz falsch.« Finney drehte die Whiskyflasche um und ließ sie langsam auslaufen. »Denn ich bin James Finney aus Brookneal in Virginia, und darum taufe ich diese großartig beschissene Silberstadt am Sun Mountain auf den Namen Virginia. Es lebe Virginia City!« Der Tumult nahm unbeschreibliche Formen an. »Es lebe Virginia City!« riefen die Männer und fielen sich in die Arme. »Glück auf für Virginia City!« Finney warf die leere Flasche in die Luft. Sie fiel auf Julias Balkon und zersplitterte. Erst jetzt bemerkten die Männer, daß Julia ihnen zusah. Comstock riß den Hut vom Kopf. »Es lebe Julia Bullette, die Silberkönigin von Virginia City!« rief er. Sie winkte den Männern zu. Sie rissen die Hüte vom Kopf, wirbelten sie in die Luft und jubelten. Ein Rausch erfaßte sie. Pistolenschüsse, aus Dutzenden von Colts abgefeuert, zerrissen die Nacht. Der Trompeter blies Waltzing Mathilda. Die Männer begannen paarweise und in Gruppen auf der C-Street zu tanzen, während der Schnee auf sie herabrieselte. Wie im Taumel tanzten sie durch die Straße. Julia spürte die eisige Kälte nicht. Denn sie erlebte einen historischen Augenblick mit. Für einen Moment sah sie Jim Derricks Gesicht vor sich – seine eingefallenen Wangen, die gebrochenen Augen. Gehörte er jetzt nicht auch hierher: einer der Männer, die am Sun Mountain gegraben hat42
ten, noch ehe der große Silberrausch ausbrach? Und was hatte es ihm gebracht? Verwirrt kehrte sie ins Zimmer zurück und schloß die Balkontür. Julia setzte sich an den Tisch, nahm ein Blatt Papier und schrieb einen Brief an Liza Derrick: Liebe Eliza, schrieb sie, Ihr Vater hat mich beauftragt, Ihnen seinen letzten Gruß zu schicken. Er ist gestern nacht am Pahute Pool gestorben und dort beigesetzt. Sein letztes Wort galt Ihnen, Liza. Er hat Sie sehr geliebt. Er war ein guter Mann und ein treuer Vater. Das sagt Ihnen eine Frau, die es weiß. Wir haben ein Gebet über seinem Grab gesprochen. Er hat Tom McFarlan, seinen Kameraden, und mich gebeten, uns um Sie zu kümmern. Anbei dreihundert Dollar aus seinem Besitz. Ich will sein Vermächtnis erfüllen, wenn es mir möglich ist und Sie es wünschen. Sobald ich nach San Franzisco komme, werde ich Sie besuchen. Gott mit Ihnen, mein Kind. Virginia City, den 21. Oktober 1859 Ihre Julia Bullette. Sie lag noch lange wach. Der Lärm auf der Straße verebbte allmählich. Von den Minen wehte das monotone Rattern der Dampfhämmer herüber. Julia dachte an Tom McFarlan. Seine Augen blickten sie an – die Augen eines Mannes, den sie lieben könnte. Das wurde ihr in dieser Stunde bewußt. Sie wünschte sich sehnlich, ihm wieder zu begegnen. Im Augenblick schien ihr, daß dies für sie wichtiger war als der ganze Reichtum des Silberbergs. Die Diggers kamen ins Gold Canyon. McFarlan traf einen Jungen aus Iowa. Der Bursche hockte vor einer Bretterhütte, den Kopf in die Hände gestützt, blaß und hohl43
wangig. Er sah verwahrlost aus, die Hände schrundig – grau und struppig wie eine schwindsüchtige Maus. McFarlan hielt seinen Braunen an. »He, Ted! Du heißt doch Ted, wie?« Der Junge blickte apathisch auf und nickte. »Kennst du mich nicht mehr?« »Mag schon sein.« »Hast du nicht mit deinem Bruder am American River Gold gewaschen?« McFarlan erfuhr, daß Ted Carpenter und sein älterer Bruder Ron vor sechs Wochen nach Washoe gekommen waren und einen Job in der F & G Mine gefunden hatten. »Wie ist die Arbeit, Ted?« »Ein Scheißjob, Mister, sag' ich Ihnen.« »Aber sie zahlen gut, wie?« Ted schnippte mit den Fingern. »Viereinhalb Dollar pro Tag, für beide.« »Ich denke, sie geben drei auf den Kopf – Normalsatz in der Comstock Lode.« »Für mich nur eineinhalb, weil ich erst fünfzehn bin. Sie haben uns achtzig Dollar aufs Konto gesetzt für Arbeitskleidung, Werkzeug, Grubenlampe und all das. Vierzig auf Ron und vierzig auf mich. Versuchen Sie mal, das abzuarbeiten.« »Und wo steckt Ron?« Der Junge senkte den Kopf. »Er liegt drunten im Six Mile Canyon.« »Ist das nicht der Friedhof?« »Da buddeln sie jeden Tag welche ein. Als wir ankamen, hatten sie hier die Pocken. Andauernd bricht irgendwo ein Feuer aus, und dabei gibt's gewöhnlich ein paar Tote; von den Grubenunfällen, den Schießereien und Schlägereien gar nicht zu reden. Die Beerdigungsunternehmer werden fett davon wie die Ratten vom Abfall. Achtundvierzig Dollar hat das Begräbnis für Ron gekostet. Damit steh' ich bei Mr. Malou in der Kreide.« »Mr. Malou?« 44
»Jake Malou, der Besitzer der F & G Mine.« Der Junge starrte vor sich hin. Plötzlich fing er haltlos an zu weinen. McFarlan wartete eine Weile. Dann fragte er: »Wie ist es denn passiert?« »Sie haben lauter verrottetes Zeug in der Grube. Malou ist ein verdammter Geizkragen. Ihm macht's nichts aus, wenn da unten einer krepiert. Arbeiter gibt's ja genug, verstehen Sie.« In seine feuchten blauen Augen stieg die ohnmächtige Wut. McFarlan erfuhr, daß Teds Bruder unten auf der Sohle den mit Erzbeladenen Förderkorb einschwenken mußte. Als der Korb hochgezogen wurde, riß das Seil und schlug Ron tot. Ted sagte: »Am liebsten ginge ich nach Iowa zurück. Aber sie lassen mich nicht weg, solange noch was auf dem Konto offensteht. Das muß ich erst abarbeiten.« »Vielleicht«, antwortete McFarlan, »kann ich dir dabei helfen, Ted. Können wir erst mal bei dir unterkommen, bis wir was gefunden haben?« Ted war einverstanden. Sie legten ihr Gepäck ab und begannen sich einzurichten. Aus Balken, Lehm und Brettern bauten sie zwei weitere Hütten an, die sie mit Zelttuch abdichteten. Der Professor kochte unterdessen Bohnen mit Speck, wie üblich, und zum erstenmal seit Tagen kam Ted wieder zu einem warmen Essen. Olaf Olafson kannte in der Dorado Mine Per Anderson, einen schwedischen Vorarbeiter. Sie gingen hinüber zum Bergwerk. Am Drahtgitter beim Tor stand ein Wächter. Er musterte die Männer mißtrauisch. »Arbeit gibt's heute keine mehr«, sagte er abweisend. »Kommt übermorgen mal wieder.« Sie erklärten, daß sie Per Anderson sprechen wollten. Widerwillig ließ der Wächter sie in der Wachbude warten.
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Anderson war ein blonder breitschultriger Mann mit grünen Katzenaugen und buschigen roten Augenbrauen. Er trug grobe Cordhosen und einen speckigen Hut ohne Krempe. »Kannst du was für uns tun, Per?« fragte ihn Olafson. »Im Augenblick ist bei uns wenig los. Versucht's mal in der F & G.« McFarlan stülpte die Lippen auf. »Ist das nicht der Bruchladen, in dem letzte Woche der Förderkorb einen Mann erschlug, weil das Tragseil morsch war?« Anderson verzog das Gesicht. »Das ist nichts Besonderes in der Comstock Lode, falls Sie das meinen.« »Auch nicht, daß sie halbe Kinder wie Männer arbeiten lassen gegen Schinderlohn?« Anderson maß McFarlan mit einem abschätzigen Blick. »Drei Dollar«, antwortete er in seinem schwerfälligen Englisch, »ist der übliche Lohn in Washoe. Kaum irgendwo auf der Welt kriegen Sie für einen Job unter Tage auch nur die Hälfte. Haben Sie schon mal in einem Erzbergwerk gearbeitet?« McFarlan nickte. »Eine Zeitlang in Mexiko. Und drüben in Kalifornien.« »Name?« »McFarlan.« »Okay. Wieviel Mann seid ihr?« »Neun. Drei wollen Gold waschen. Bleiben sechs.« »Und Sie, McFarlan?« Er zuckte die Schulter. »Ich weiß es noch nicht, Vormann. Werde mich wohl erst mal ein bißchen umsehen.« Sie kamen überein, daß sie am übernächsten Tag wieder nachfragen sollten. »Im Augenblick«, so erklärte Anderson, »stoßen wir mit der Fördersohle gegen die Wand. Lauter massiver Fels. Wir haben einen neuen Schacht gegraben. Sobald wir fündig werden, stellen wir neue Leu46
te ein. Die Dorado«, fügte er hinzu, »ist ein ganz passabler Betrieb – besser als die meisten Minen hier. Mr. Robinson, der Besitzer, und die Geräte arbeiten einwandfrei. Bei uns hat's noch keinen Toten gegeben.« Am übernächsten Tag erhielten Olafson, der Professor und Apatschen-Charlie einen Job in der Dorado. Einige weitere Arbeitsplätze stellte Anderson für die übernächste Woche in Aussicht. Als die drei zur ersten Schicht einfuhren, begleitete McFarlan sie zur Grube und nahm Ted mit. »Was ist Mr. Malou für ein Mann?« fragte er Anderson. »Jake Malou von der F & G?« »Erraten, Sir.« Anderson warf einen Blick auf Ted. »Wer ist der Junge da? Krank, wie?« »Verträgt die Höhenluft nicht, und die Arbeit unter Tage noch weniger. Es ist Ted Carpenter. Seinen Bruder hat Malous verdammter Förderkorb erschlagen.« Anderson kratzte sich unter dem randlosen Hut. »Wollen Sie etwa Stunk machen, McFarlan? Das lassen Sie mal lieber bleiben! ist nicht gut für einen Mann, wenn er sich gleich am Anfang mit einem Besitzer anlegt. Das wäre mein guter Rat, weil Sie ein Freund von Olafson sind.« McFarlan rümpfte die Nase. »Geschenkt, Anderson. Komm, Ted!« Er wollte sich abwenden. Anderson zog ihn am Ärmel. Mit gesenkter Stimme sagte er: »Malou ist ein Schwein, McFarlan. Er hat die Bonanza einem gewissen Belcher für ganze tausend Dollar abgegaunert. Es ist die schäbigste Mine im ganzen Bezirk. Die Ausrüstung total verrottet.« Grinsend fügte er hinzu: »Eine tüchtige Abreibung würde ich ihm schon mal gönnen, Sie verstehen. Aber der Bursche ist zäh wie Schuhsohle.« McFarlan tippte an den Hut. »Danke, Anderson.« 47
»Übrigens: Falls Sie mal Arbeit suchen sollten, kommen Sie ruhig vorbei. Einen Mann wie Sie könnte ich immer brauchen. Aber mit mir ist nicht gut Kirschen essen. Wer mault, fliegt raus.« McFarlan grinste. »Dann haben wir uns ja verstanden, Vormann. Vielleicht komme ich gelegentlich auf Ihr Angebot zurück.« Er ging mit Ted nach Virginia City hinauf zur F & G Mine. Rechts und links von der C-Street fraßen sich die Hütten und Zelte unaufhaltsam in die Berglandschaft hinein: nach links hinauf über den Hang des Sun Mountain und nach rechts zum Six Mile Canyon hinunter. Das Poltern der Stampfhämmer, die das Silbererz in kleinere Brokken zerbrachen, übertönte das Wiehern der Zugpferde und das jämmerliche Geschrei der Lastesel. Fluchende, peitschenschwingende Kutscher lenkten ihre Erzwagen zwischen den wassergefüllten Schlaglöchern hindurch. Von überall her stiegen Staubwolken empor und legten sich als graue Schicht über die Dächer. Grünliche und gelbbraune Schwaden dampften in den Himmel. Sie sahen giftig aus, und sie enthielten auch Gift: Schwefelsäure, Blausäure und Quecksilber, mit dem die Bergwerke aus dem zerkleinerten Erz das Silber gewannen. Die F & G Mine war, wie alle Bergwerke, mit einem hohen Zaun umgeben. Über dem Eingang hing ein Schild, das mit zwei Totenköpfen verziert war. Es trug die Aufschrift: unbefugten zutritt strengstens verboten. bei zuwiderhandlung wird ohne warnung scharf geschossen. by order of mr. j. f. malou, besitzer. Vor dem Büro standen einige Dutzend Männer Schlange, die Arbeit suchten. Es hatte sich herumgesprochen, daß die F & G auf eine ergiebige Erzader gestoßen war. Der Kontrolleur, ein älterer grauhaariger Portugiese mit einem gutmütigen Gesicht und Gichtknoten an den Fingergelenken, nickte Ted freundlich zu. 48
»Hallo, Ted. Warst gestern nicht zur Schicht. Der Vormann hat schrecklich geflucht. Siehst aber auch verdammt mies aus, grün im Gesicht wie frisches Apfelmus. Tut mir leid, mein Junge. So 'n schreckliches Unglück. Kann ich was für dich tun?« McFarlan schob sich vor. »Wir möchten Mr. Malou sprechen«, sagte er. Der Kontrolleur deutete mit der Hand zum Platz hin, der mit Bergen von Abraum bedeckt war, so daß kaum eine schmale Gasse blieb. »Dort kommt er gerade.« Jake Malou war ein langer hagerer Mann, Mitte sechzig, mit einem gepflegten Schnurrbart und dürr wie eine Zaunlatte – das gelbsüchtige Gesicht faltig zerknittert, so als ob ihn eine gewaltsame Hungerkur völlig vom Fleisch gebracht hätte. Er trug einen Schneideranzug, einen breitrandigen Hut mit einem Pumaband und schwarze Lacklederschuhe. Auf der Krawatte steckte eine riesige Nadel aus zwei Grizzlyzähnen, die mit funkelnden Rubinen besetzt war. McFarlan lüftete den Hut. »Kann ich Sie mal 'n Augenblick sprechen, Sir?« sagte er höflich. »Ich heiße McFarlan.« Malou blickte auf Ted herab. »Ist das nicht der Junge, für dessen Bruder wir das Begräbnis bezahlen mußten?« Ted senkte den Blick. »Ja, Sir«, antwortete er beschämt. »Ted Carpenter ist mein Name. Ich arbeite in Ihrer Mine, Sir.« Malou nickte wohlwollend. »Dein Bruder war ein brauchbarer Arbeiter. Schade, schade. Stehst du nicht mit deinem Konto im Minus, Junge?« »Ja, Sir.« »Und warum bist du nicht im Schacht?« »Ted Carpenter«, antwortete McFarlan an seiner Stelle, »fährt nicht mehr ein, Mr. Malou.« Jake Malou kniff die Augen zu zwei dünnen Schlitzen zusammen. »So? Und wer sind Sie, bitte? Sein Onkel, der Vormund oder was sonst? Kann er nicht für sich selbst sprechen?« 49
»Ich sagte«, wiederholte McFarlan ruhig »daß Ted nicht mehr einfährt!« Malou schien von McFarlans Auftreten verunsichert. »Okay, okay«, antwortete er schließlich. »Warum auch nicht. Ist ja eine verdammt ungesunde Arbeit für so eine halbe Portion. Wenn er sein Konto klarmacht, kann er gehen.« »Sie brauchen zwei Mann Ersatz, Mr. Malou«, erwiderte McFarlan. Malou zog ein Etui aus der Tasche, entnahm ihm eine goldgerahmte Brille und setzte sie auf. Durch die funkelnden Gläser blickte er McFarlan irritiert an. »Was Sie nicht sagen! Gleich zwei?« »Einen für Ron und einen für Ted Carpenter. Ich übernehme das Konto, falls Sie den Jungen aus dem Kontrakt rauslassen und einen weiteren Mann, den ich Ihnen nenne, einstellen.« Er wollte Arizona-Jack die zweite Stelle verschaffen und Malou so einschüchtern, daß er Ted die Begräbniskosten für Ron nicht anrechnete. Malou schien nicht sehr beeindruckt. »Sie kommen sich wohl sehr stark vor, McFarlan, wie?« entgegnete er kalt. »Mit Arbeitern können Sie heute die ganze C-Street pflastern, und da bleibt sogar noch was für die D-Street übrig.« »Ich schätze«, erwiderte McFarlan seelenruhig, »daß Sie mich und meinen Freund dennoch einstellen werden, Sir.« »Und warum, bitte?« »Es könnte sich zum Beispiel herausstellen, daß das Förderseil gerissen ist, weil es zu alt und morsch war. Dann würde sich der Richter für Ron Carpenters Tod interessieren.« Auf Malous Stirn schwoll eine Zornesader. »Wollen Sie mir drohen, Mann? Das mit Carpenter war ein Unglücksfall.« »Mag schon sein, Sir.« »Das kann eine Menge Leute, die dabei waren, bezeugen.« 50
»Mag alles sein. Trotzdem, Mr. Malou. Meinen Sie nicht, daß es vernünftiger wäre, die Geschichte gütlich aus der Welt zu schaffen?« Malou zögerte. Dann winkte er McFarlan und Ted in sein Büro. Nach zehn Minuten konnte Ted gehen, ohne daß er Rons Beerdigung zu bezahlen brauchte. Außerdem hatte McFarlan für sich und Arizona-Jack einen Arbeitsplatz als Hauer. Er wußte, daß er Malou erpreßt hatte, aber es machte ihm nichts aus. Er wußte auch, daß Malou sein Feind war. Was daraus wurde, mußte sich finden. Abends hockten sie in der Hütte beieinander. Das nasse Kiefernholz, mit dem sie das Feuer unterhielten, stieß dicke gelbe Rauchschwaden aus. Olafson, Apatschen-Charlie und der Professor rollten sich auf ihrem Lager zusammen. Sie waren ausgepumpt von der ersten Schicht unter Tage. McFarlan half Ted, das Gepäck zusammenzuschnüren. »Steck ihm noch was zu essen in die Satteltaschen, Pete«, sagte McFarlan zum Gambler. »Bohnen, Speck und Brot! Du wirst einen langen Weg haben nach Iowa, Ted. Hast du überhaupt noch Angehörige dort?« »Die Mutter und sechs jüngere Geschwister, Mr. McFarlan. Vater ist tot. Wir haben eine kleine Farm, aber sie wirft kaum genug ab. Darum wollten Ron und ich hier im Westen unser Glück machen. Aber Sie sehen ja, was daraus geworden ist.« McFarlan zählte Tom fünfundsechzig Dollar auf. Ted machte hungrige Augen. »Ist das nicht zu viel, Mr. McFarlan? Mit dem Pferd macht das über hundert Dollar.« »Ich werd's mir zurückholen, Ted. Mach dir darüber keine Sorgen. Näh die Dollars gut ein und nimm den nördlichen Santa Fé Trail über Bents Fort! Er ist sicherer. Jetzt leg dich aufs Ohr und schlaf noch 'ne Strecke, ehe du losreitest! Siehst verdammt durchgeblasen aus.« »Jim Derrick«, sagte Apatschen-Charlie, »hat einen bessern Platz erwischt als dein Bruder Ron.« Ted hob den Kopf. »Wer ist Jim Derrick?« 51
»Ach, nur so. Ich mußte an einen Mann denken. Schlaf jetzt, Boy! Hast einen langen beschwerlichen Weg vor dir.« Ted lag noch lange wach. Sein schmächtiger Körper krümmte sich zusammen. Er litt unter Atemnot. Die Arbeit unter Tage auf über zweitausend Metern Höhe, hatte ihn ausgelaugt. McFarlan machte sich Sorgen um ihn. Er hoffte nur, daß der Ritt an der frischen Luft ihm guttun und Kraft geben werde. Olafson zog mit den Zähnen den Korken von einer Whiskyflasche und nahm einen kräftigen Schluck. »Wir haben, als wir von der Schicht kamen, die Lady gesehen, Tom«, sagte er. McFarlan blickte nicht auf. »So?« antwortete er einsilbig. »Sonst noch was?« »Sie kam gerade mit so 'nem feinen Pinkel aus einem Juwelierladen in der C-Street und fuhr dann mit ihm in der Kutsche weg. Ein rotzvornehmer Zweisitzer mit Lederverdeck, das Zaumzeug silberbeschlagen. Fein was fein heißt. Und die Lady erst! Schön wie die Königin von Saba.« »Und was meinst du, Olaf, geht mich das an?« »Sie sagte, du sollst dich mal bei ihr sehen lassen, Tom. Sie wohnt im International.« »Du kannst mich mal!« »Hat sie wirklich gesagt, Tom. Ehrenwort.« »Und wer war das in der Kutsche, mit dem sie fuhr?« »Einer der Silberbarone, der Besitzer der F & G Mine.« McFarlan stocherte im Feuer. Betont gleichgültig fragte er: »Hieß er Malou? Jake Malou?« »Er hat sich nicht vorgestellt. Aber wenn Malou der Besitzer der F & G ist, wird's wohl so sein. War ein langer Dürrer, mit einer Goldrandbrille.« »Unser neuer Arbeitgeber, Jack«, sagte McFarlan. »Solange er uns den Lohn nicht schuldig bleibt«, antwortete Arizona-Jack, »kann er rumkutschieren, mit wem er will.« McFarlan legte sich nieder. Ted war endlich eingeschlafen. Arizona-Jack hatte seine Gitarre genommen und sang: 52
»Hey-ho, my darling, hey-ho! Wir graben das Silber von Washoe…« Den Rest der Strophe hörte McFarlan schon nicht mehr. Julia war noch immer das Tagesgespräch von Virginia City. Davidson bemühte sich um sie. Selbstverständlich hatte er längst erfahren, daß sie sich mit Jake Malou traf. Das ärgerte ihn. »Malou ist nicht der richtige Mann für Sie, Julia«, sagte er, als sie abends im Restaurant des International saßen. Sie betupfte mit der Serviette die Lippen. »Wären Sie etwa der richtige, Davy?« »Zweifeln Sie daran?« Ohne Frage sah Davidson bedeutend besser aus als der Minenbesitzer und war auch erheblich jünger. Aber Malou war großzügig, und sie brauchte dringend Geld. Davidson hatte durchblicken lassen, daß er die Hotelrechnung übernehmen würde. Dafür erwartete er gewisse Gegenleistungen. Dem vertrockneten Malou genügte es, wenn er sich an ihrer Schönheit weiden konnte. Und Geld besaß er genug. Sie zog es vor, von Malou wertvolle Geschenke anzunehmen und einen Teil des Schmucks diskret bei einem jüdischen Trödler zu versetzen, anstatt sich von Davidson aushalten zu lassen. »Wie gehen die Geschäfte, Davy? Kommen Sie voran?« Er machte ein undurchsichtiges Gesicht. »Sieht nicht schlecht aus. Nächste Woche wird meine Bankfiliale Ecke C-Street und Union Street bezugsfertig. Ich werde eine kleine Feier vorbereiten. Sie kommen doch, Julia?« »Wird sich einrichten lassen. Man sagt, daß die Börsenkurse für Minenaktien fallen. Einige der großen Bergwerke arbeiten mit Verlust.« Davidson lächelte. »Fallende Kurse«, erwiderte er, »lassen meine Chancen steigen. Ich kann warten. Stimmt es übrigens, daß Malou die F & G verkaufen will?« 53
»Schon möglich«, antwortete sie ausweichend. »Malou und ich sprechen nicht über Geschäfte.« »Sollten Sie aber, Julia. Es wäre Ihr Schaden nicht. An der F & G hätte ich Interesse. Zehn Prozent für Sie, wenn's klappt.« Sie erhob sich. »Ich muß jetzt gehen, Davy.« Er schien enttäuscht. »Ich dachte«, sagte er, »daß wir den Abend miteinander verbringen könnten.« Sie lächelte. »Warum nicht. Kommen Sie doch später in die Brass Railing Bar.« Er blickte überrascht zu ihr auf. »Aber das ist ein Tingeltangel, Julia! Außerdem haben Frauen in den Saloons keinen Zutritt.« »Ich habe. Ist Ihnen noch keines der Plakate aufgefallen?« Tatsächlich hingen seit einer Woche Ankündigungen aus, daß Mr. Miles Roury, Besitzer des Sawdust, als zweites Etablissement die Brass Railing Bar eröffnet hatte. neu für nevada: rund um die einzelnen platzgruppen geschmackvolle messinggeländer. sehenswert. es ladet freundlichst ein: miles m. roury. Über dem Sawdust und dem Brass Railing waren bunte Transparente angebracht: grosse premiere! erstmals in virginia city: julia bullette, die silver queen, singt beliebte lieder, gitarrenbegleitung: ramon coronado. Davidson schüttelte verwirrt den Kopf. »Und warum machen Sie das, Julia?« fragte er. Sie ging nicht auf seine Frage ein. »Jake Malou hat einen Tisch reservieren lassen, Davy«, antwortete sie. »Falls Sie kommen wollen: Es wird ein Platz frei sein für Sie. Vielleicht gefällt Ihnen doch, was ich singe. Und was das Geschäft angeht«, fügte sie hinzu: »Zwan54
zig Prozent für mich. Sie können es sich überlegen. Übrigens will Manny Penrod seine Bonanza verkaufen. Er wird heute Abend auch im Brass Railing sein. Zwanzig Prozent für mich, wie gesagt.« McFarlan und Gambler Pete mußten sich, als sie die Bar betraten, mit den Ellbogen Platz verschaffen. Die polierten Messinggeländer blitzten wie Gold. Blauer Tabakrauch drehte sich in Schwaden um die Ölfunzeln wie Myriaden von Tanzmücken im Sonnenlicht. An der Schmalseite des Saloons war ein kleines Podest aufgebaut. Ein Klavierspieler hämmerte in die Tasten und entlockte dem verstimmten Instrument abgehackte Melodien. »Schau dir Schweinchen Roury an, Tom«, sagte Gambler Pete zu McFarlan. »Hat sich als Gentleman verkleidet.« Der Barbesitzer strahlte Wohlwollen und Vergnügen aus. »Hallo Tom, hallo Pete, old fellows! Ich hörte bereits, daß ihr auch in Washoe seid. Warum habt ihr euch noch nicht bei eurem alten Freund blicken lassen, he?« Er bugsierte McFarlan und Pete an einen der Seitentische. »Für euch eine Flasche Wein auf Kosten des Hauses«, erklärte er großartig. Pete winkte ab. »Behalte deine saure Brühe, Roury. Laß eine Flasche Whisky kommen, und du besitzt auf ewig unsere Zuneigung.« McFarlan blickte sich um. An der Seitenwand hing ein Porträt von Julia, das ein arbeitsloser Maler aus Ohio gegen eine Woche Freitisch produziert hatte. »In Natur«, sagte Pete, »hast du mehr von ihr, oder?« McFarlan verzog den Mund. Er erkannte Malou, der mit McLaughlin, Comstock, Penrod und einigen anderen an dem großen Tisch vor dem Podest saß. Malou gab den Ton an und hielt die Runde frei. Gambler Pete zappelte unruhig. »Könnten wir nicht erst mal ein Spiel machen, was meinst du?« 55
Sie schoben sich zu einem der Spieltische unter Julias Porträt. Der Croupier, ein schlacksiger Texaner, hatte auf den Knien einen vierundvierziger Armeerevolver liegen. Man sah dem geschniegelten Burschen an, daß seine Höflichkeit nur Politur war. Roury tauchte lautlos hinter dem Gambler auf. »Willst du etwa auch spielen, Pete?« fragte er besorgt. »Warum nicht?« antwortete Pete grinsend. »Hast du was dagegen?« »Ich will keinen Ärger, verstehst du. Auf so einen neuen Laden hat der Marshal ein besonders wachsames Auge.« Pete steckte den kleinen Finger ins Ohr und schüttelte ihn, als befinde sich Wasser in seinem Gehörgang. »Und was bedeutet das: Ärger?« »Gleich am zweiten Tag«, antwortete Roury seufzend, »gab's an diesem Tisch einen Toten. Glatter Herzdurchschuß .« »Und wer war der Pechvogel?« »Ein Falschspieler aus Carson City, der mit gezinkten Karten arbeitete.« Gambler Pete zog die Augenbrauen hoch. »Soll das heißen, daß du mich verdächtigst, Roury? Mich verdächtigen, wie?« Er tat schrecklich entrüstet. Roury wehrte entsetzt ab. »Blödsinn, Pete. Wer behauptet denn so was?« »Na also! Oder sieht's etwa so aus, daß in den Würfeln der Bank 'n Klümpchen Quecksilber steckt?« Roury zuckte empört die Schulter und drehte ab. »Er hat ein gutes Gedächtnis«, sagte McFarlan vergnügt. Denn einmal, im Trappercamp, hatte Pete mit doppelten Karten gespielt, die er aus dem Ärmel zog, und Roury um eine hübsche Summe geprellt. Sie setzten jeder einen Dollar. Pete verlor einen Tageslohn, dann gewann er sieben Dollar. »Ich glaube«, sagte er zu McFarlan, »in Rourys Würfeln steckt doch Quecksilber. Seit ich heimlich zwei Würfel ausgetauscht habe, gewinne ich.« »Hast du seine Würfel eingesteckt?« 56
»Versteht sich. Ich werde sie mal untersuchen, und gnade ihm Gott, wenn sich mein Verdacht bestätigt.« Pete wurde leichtsinnig und verlor auch mit den ausgewechselten Würfeln. McFarlan hatte eine Serie und gewann fast hundert Dollar. Der Texaner zahlte aus, ohne eine Miene zu verziehen, ließ freilich kein Auge von den beiden, bis sie an ihren Tisch zurückkehrten. Offenbar hatte er Verdacht geschöpft. Als Roury auf das Podest kletterte und Julia ankündigte, reckten die Männer die Hälse. Roury hielt eine salbungsvolle Rede. »Julia soll singen!« riefen die Männer und schlugen mit Händen und Füßen so lange den Takt, bis Roury sich verbeugte und den Platz räumte. Die Zuschauer überschütteten Julia mit rauschendem Beifall. Sie war in ein hautenges grünes Kleid gehüllt, verwegen dekolletiert, und trug halblange seidene Handschuhe, über die sie einige funkelnde Ringe gesteckt hatte. Als sie zu singen begann, hingen die Männer an ihren Lippen. Sie sang einfache Lieder, die jeder kannte – englische, französische und spanische Volkslieder. Und genau das wollten die Männer hören. Julia besaß keine große Stimme, aber sie sang gemütvoll. Das ging den Männern zu Herzen. Sie rasten vor Begeisterung. Was sie hier erlebten, war ganz nach ihrem Geschmack: eine aufregend schöne Frau, die empfindsame Lieder sang und ihnen dabei freundlich zulächelte. Mehr wollten und brauchten sie im Augenblick nicht. Der Beifall erreichte Orkanstärke. Old Pancake Comstock klatschte vergnügt in die Hände. Old Virginney riß den Revolver aus dem Gurt und feuerte einige Freudenschüsse an die Decke. Nicht zuletzt Jake Malou war zufrieden. Denn jeder wußte, daß Julia in seiner Kutsche fuhr. War das nicht schon Grund genug, stolz zu sein? Nach dem dritten Lied flogen die ersten Silberdollar aufs Podest. Lächelnd hob Julia die Röcke empor, sie zeigte sogar ihre Beine fast 57
bis zu den Knien, und die Dollar purzelten in ihren Schoß wie reife Pflaumen vom Baum. Die Männer gerieten außer Rand und Band. Ehe sie abging, ließ Julia den Rock fallen, und die Silberstücke polterten aufs Podest. Der dicke Roury watschelte herbei, bückte sich ächzend und sammelte die Münzen in einen Milcheimer. Wo hatte es so etwas schon einmal gegeben? »Schweinchen Roury«, sagte Gambler Pete, »ist ein verfluchter Digger. Er braucht nur seinen Rüssel in den Dreck zu stoßen, und schon klebt Gold dran.« »Es ist Silber«, sagte McFarlan, »und Julia Bullette wird ihm keinen Dime davon abgeben. Aber du hast recht: Roury hat eine Nase fürs Geschäft. Er wird's weit bringen.« In der Pause hämmerte der Klavierspieler auf die Tasten. Er intonierte O Susanna, und die Männer sangen den Refrain mit. Wenn Julia nicht sang, saß sie am reservierten Tisch bei Malou und seinen Gästen. Auch Davidson war inzwischen eingetroffen. Malou ließ Sekt auffahren. Finney verlangte Whisky. »He, Roury!« rief er laut durch den Saal. »Für mich eine Flasche Bourbon ohne Glas. Ich muß den scheußlichen Geschmack runterspülen.« Er machte keinen Hehl daraus, daß er Malou nicht leiden konnte. Etliche Männer drängten sich nach vorn: Bergleute, Mauleseltreiber, abgerissene Mexikaner und Mestizen. Sie wollten Julia aus der Nähe bewundern. »Drängelt nur nicht so, Leute!« jammerte Roury, der eine panische Angst vor Schlägereien hatte. »Miß Bullette wird nachher noch eine Zulage geben. Also geduldet euch und geht zur Seite, damit die Gentlemen was sehen.« Aber die Kerle wollten Julias Parfüm partout aus der Nähe schnuppern. Malou verzog angewidert das Gesicht. Auf seinen Wink rekelten sich am Nebentisch drei Burschen aus Malous Leibwache von ihren Stühlen und begannen aufzuräumen. Sie hatten keine große Mühe, die unliebsamen Gäste hinauszuprügeln. Die anderen betrachteten vergnügt die kleine Einlage. 58
»Julia!« riefen sie im Chor. »Julia soll singen!« Sie sang ein altes mexikanisches Volkslied. Neuer Dollarsegen kam über sie herab. Malou und Davidson überboten sich gegenseitig darin, Julia mit Aufmerksamkeiten zu bedenken. Es war ein Wettstreit, in dem es weder einen Sieger noch einen Besiegten gab. Inzwischen hatte sich Arizona-Jack zu McFarlan und Gambler Pete durchgeboxt. Er angelte sich einen Stuhl. »Ich denke«, sagte er lachend, »daß unsere Lady den richtigen Riecher hat. Jeden Abend einen Milcheimer voller Dollar: das gibt 'ne feine Rente. Hättest du nicht doch Lust, Tom, ihr Teilhaber zu werden?« McFarlan funkelte ihn wütend an. »Du bist ein Armleuchter, Jack. Was redest du für 'n ungegorenes Zeug.« Er winkte Roury herbei. »Wer ist der schwitzende Großsprecher, Miles, der neben Davidson sitzt?« »Der mit der Glatze? Das ist Phil Holmes, ein verkrachter Viehzüchter aus Kansas, der ein paar gute Claims besitzt. Macht eine Menge Geld mit seiner Quarzmühle. Seine Frau ist eine Madame in San Franzisco mit einem gutgehenden Haus.« »Und was hat er mit Miß Bullette zu tun?« »Was für 'ne Frage, Tom! Er ist scharf auf sie.« »Bring uns noch zwei Flaschen Bourbon, Miles!« sagte McFarlan schroff. »Liegt was verquer, Tom?« fragte Gambler Pete. »Ich habe dich noch nie so viel trinken gesehen.« McFarlan zündete sich eine Zigarre an und sog hastig den Rauch ein. »Halt's Maul!« antwortete er wütend. »Wenn du schlechte Laune hast«, warf Arizona-Jack ein, »warum schläfst du sie dann nicht im Camp aus, anstatt uns anzuöden?« »Entschuldige, Jack.« McFarlan war wütend auf sich selbst. Was ging sie ihn eigentlich an? Er kannte sie ja kaum. Sollte sie doch in Dreiteufelsnamen machen, was sie wollte! Schließlich war sie ein Tingeltangelmädchen, oder? Eine von der Sorte, die sich ein Mann für eine einsame Stunde mietet und sofort wieder vergißt. 59
»Ach, Scheiß!« sagte McFarlan knurrend und versank ins Brüten. Nachdem Julias Auftritt vorüber war und sie ins Hotel zurückkehren wollte, sah Davidson seine Stunde kommen. »Ich bringe Sie nach Hause, Julia«, sagte er. Als sie ihm zunickte, erhob sich Malou. »Okay, Gentlemen«, erklärte er mit verkniffenem Lächeln. »Wie wär's, wenn wir im International noch eine Flasche auf Miß Bullettes Erfolg leeren?« Comstock und Finney waren sofort Feuer und Flamme. Davidson stimmte säuerlich ein. Er hatte sich das ganz anders gedacht. Malous Leibwächter machten eine Gasse frei für Julia und ihre Trabanten. Einer der Schläger schleppte den Milcheimer mit den Silberdollar. Die anderen hatten die Hände über der Waffe liegen. Als sie an McFarlans Tisch vorüberkamen, stockte Julia. McFarlan hing zurückgelehnt mit ausgestreckten Beinen im Stuhl und paffte seine Zigarre. »Hallo, Tom«, sagte sie überrascht und gab ihm die Hand. »Ich wußte gar nicht, daß Sie auch da sind. Warum haben Sie sich noch nicht bei mir sehen lassen?« Er erhob sich zögernd. »Hallo«, sagte er. »Hat 'ne Menge Dollar gebracht. Gratuliere!« »Hat's Ihnen gefallen?« Er nickte und wollte sich wieder setzen. Sie wandte sich um. »Das ist Mr. McFarlan«, sagte sie. »Er und seine Freunde waren uns auf der Reise über die Sierra sehr behilflich. Sie erinnern sich, Davy?« Davidson machte ein saures Gesicht. Als sie Jake Malou vorstellen sollte, sagte McFarlan: »Nicht nötig, Miß. Wir hatten bereits das Vergnügen.« Malou lief rot an wie Erdbeergelee. »McFarlan«, sagte er hochnäsig, »ist einer meiner Minenarbeiter. Wollte ihm seine Bitte um einen Job nicht abschlagen, obwohl die Geschäftslage augenblicklich gar nicht sehr rosig ist. Sie fahren doch die Frühschicht, McFarlan, wenn ich nicht irre?« McFarlan nickte. »Von sechs bis zwei.« 60
Julia blickte verwirrt von einem zum anderen. »Wollen Sie nicht auf einen Drink mit ins International kommen, Tom?« fragte sie. »Ich würde mich freuen.« »Er wird wahrscheinlich noch ein paar Stunden schlafen wollen«, warf Malou ein, »damit er bei Arbeitsbeginn frisch ist.« Eine steile Falte kerbte sich über Julias Nasenwurzel ein. »Ich denke«, sagte sie scharf, »daß Mr. McFarlan selbst weiß, was er tun oder lassen soll. Also wie steht's, Tom?« McFarlan schüttelte störrisch den Kopf. »Danke, Miß. Gehen Sie nur. Ich trinke noch die Flasche aus, dann lege ich mich schlafen.« Ein Schatten von Traurigkeit huschte über ihr Gesicht. Dann warf sie den Kopf zurück, drehte sich abrupt um und verließ das Lokal. »Warum hast du ihr einen Korb gegeben, Tom?« fragte der Gambler. »Hast du nicht bemerkt, wie enttäuscht sie war?« McFarlan warf ihm einen finsteren Blick zu und leerte das Glas. Später gingen sie die C-Street hinauf nach Gold Hill. Noch immer pulsierte das Leben in der Straße. Aus den Bars drang das Klimpern von Klavieren und das Scheppern mechanischer Musikapparate. Ein betrunkener Indianer schoß aus einem Saloon, torkelte im Zickzack über die Veranda hinweg und stürzte auf die Straße, wo er sofort einschlief. Die Passanten gingen über ihn hinweg, ohne sich um ihn zu kümmern. Sie erreichten die letzten Häuser, ehe die Hüttencamps begannen. Der Mond über dem Sun Mountain warf ein kaltes trübes Licht, das wie grüner Schwefel schimmerte. Eine Rotte Wildkaninchen hoppelte neben dem Weg umher. Apatschen-Charlie hatte gestern eines hinter dem Lager geschossen und gebraten, aber es schmeckte zäh wie Schuhleder. Sie gingen rascher. Der scharfe Wind ließ sie frösteln. Plötzlich sprangen hinter einem Schuppen vier Männer hervor und schlugen auf sie ein. Gambler Pete stürzte und wälzte sich mit einem der Angreifer am Boden. 61
Ein baumlanger Bursche im Cordanzug schwang eine Latte, um sie McFarlan über den Schädel zu schlagen. McFarlan trat ihm mit solcher Wucht den Stiefel in den Bauch, daß er beiseite flog und wimmernd umkippte. Arizona-Jack machte kurzen Prozeß. Mit einem kräftigen Hieb beförderte er seinen Mann über den Abhang. Sie hörten ihn jämmerlich fluchen. Offenbar war er in eines der zahllosen Grabungslöcher gestürzt, das die Diggers probeweise angelegt hatten, um Erzadern aufzuspüren. So überraschend, wie die Banditen aufgetaucht waren, verschwanden sie wieder in der Dunkelheit. »Ich habe die Visage erkannt«, sagte Arizona-Jack und wischte sich die Hände an der Hose ab. »Es war einer von Malous Gorillas. Ich denke, du solltest dich vorsehen, Tom. Malou will einfach nicht, daß du ihm bei der Lady in die Quere kommst.« McFarlan antwortete nicht. Verbissen stapfte er dem Gold Canyon entgegen. Warum, dachte er, muß ich mir nur diesen Ärger einhandeln? Die Antwort wäre wohl nicht schwer zu finden gewesen. Aber McFarlan weigerte sich, sie zur Kenntnis zu nehmen. Davidson hatte Ecke Union Street seine Bankfiliale eingerichtet. Es war die erste, die eine Großbank in Virginia City eröffnete. Bislang gab es nur zwei, drei private Geldverleiher. Seit jedoch die kleineren Besitzer aus Geldmangel aufzugeben begannen und die Börsenkurse für die Claims absackten, stiegen die Chancen für die Finanzleute aus San Franzisco und New York. In der Börse an der B-Street herrschte zur Zeit Hochbetrieb. Jeden Tag gaben die Minenaktien um einige Punkte nach. Spekulanten und Makler schrien sich die Kehlen heiser. Die Großen, darunter Davidson, konnten auf ihre Stunde warten, soweit sie nicht ohnehin unter der Hand Claim um Claim aufkauften. Das Börsenfieber in Virginia City erreichte seinen ersten Höhepunkt. Noch hielten die erfolgreichen Veteranen unter den Diggers, die als erste ihre Claims abgesteckt hatten, durch. Dann gab McLaughlin 62
auf. Er holte mit verrottetem Gerät immerhin noch vierhundert Dollar am Tag aus dem Schacht. Er verkaufte durch Julias Vermittlung an Davidson für dreitausendfünfhundert Dollar. Julia kassierte zwanzig Prozent. Davidson ließ die McLaughlin Mine unter der alten Leitung weiterarbeiten. Er war vorerst gar nicht daran interessiert, daß die Grube mehr Gewinn machte. Als McFarlan eines Abends mit Arizona-Jack aus dem Horseshoe Saloon kam, wo er einige Whisky getrunken und zwanzig Dollar im Kartenspiel gewonnen hatte, fuhr gerade eine Kutsche vorüber. Über das Lederverdeck hinaus leuchtete ein prachtvoller Hut mit wippenden Straußenfedern. Arizona-Jack pfiff durch die Zähne. »Kennst du den Kutscher wieder, Tom?« »So 'ne Galgenvogelvisage«, antwortete McFarlan, »vergißt man nicht, auch wenn sie einem eine Meile unter Tag begegnet.« Es war einer von Malous Leibwächtern, die sie vor kurzem auf dem Heimweg überfallen hatten. Die Kutsche bog Ecke Taylor Street nach rechts hinunter und rollte in die B-Street. McFarlan und Arizona-Jack folgten ihr. Julia verschwand in einem der neuen Holzhäuser mit Straßengiebel und vorspringendem Säulendach. McFarlan wartete, bis die Kutsche am Ende des Blocks in die Union Street eingebogen war. »Ich bin gleich zurück, Jack«, sagte er. »Behalte das Haus im Auge.« Arizona-Jack stellte sich gegenüber, zwischen Gerümpel und Abfallkübeln, in eine Toreinfahrt. Mit dem Fuß verscheuchte er eine Ratte, die im Müll wühlte und zähnefletschend das Feld räumte. Er lehnte sich gegen den Holzpfosten, lockerte die Pistole, schob einen Kautabakpriem in den Mund und wartete. McFarlan betätigte den Klopfer. Nach einer Weile hörte er Schritte. Das Guckfenster in der Tür klappte auf und ein Lichtstrahl fiel heraus. »Hallo«, sagte McFarlan und lüftete den Hut. »Störe ich auch nicht?« 63
Sie starrte ihn an. »O Gott, Mr. Tom McFarlan höchst persönlich«, sagte sie. Er nahm den leicht spöttischen Ton in ihrer Stimme nicht auf. »Darf ich Sie mal kurz sprechen, Miß Bullette?« sagte er förmlich. Sie öffnete die Tür und machte eine einladende Geste. »Treten Sie näher, Sir.« Nach rückwärts gewandt, rief sie: »Wir haben hohen Besuch, Susana.« McFarlan folgte ihr in den kleinen Salon, der mit Polstermöbeln, einer Kredenz und einem mexikanischen Teppich ausgestattet war. Von der Küche her belauerte ihn eine ältliche Mexikanerin. Er sah sich um. »Ich habe das Haus von Phil Holmes gemietet«, sagte sie. »Er hat es für seine Frau gebaut. So lange sie noch in San Franzisco ist, überläßt er es mir.« »Ja, es ist hübsch«, sagte McFarlan. »Wirklich, sehr hübsch.« »Wollen Sie sich nicht setzen, Tom? Ich hoffe, daß Sie wenigstens heute einen Drink mit mir nehmen, nachdem Sie mich neulich versetzt haben.« Er drehte den Hut vor der Brust. »Es dauert nicht lange«, sagte er. »Machen Sie sich keine Umstände.« Sie verschwand. Gleich darauf kam die Mexikanerin mit einem Tablett und servierte Tequila. Sie machte ein säuerliches Gesicht. »Gracias«, sagte McFarlan und nippte am Glas. Als Julia zurückkam, war ihr Gesicht gerötet. Offensichtlich hatte sie sich frisch geschminkt und die Haare neu geordnet. McFarlan fand, daß ihr Parfüm ein wenig zu stark roch. »Ich habe an Liza geschrieben«, sagte sie, »und ihr das Geld geschickt. Sobald ich nach San Franzisco komme, werde ich sie besuchen.« Sie zog eine Schublade auf und entnahm ihr einen Zettel, den sie vor ihm auf den Tisch legte. »Das war in Derricks Beutel. Können Sie etwas damit anfangen?«
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Er betrachtete aufmerksam die Zeichnung. Dann schüttelte er den Kopf. »Vielleicht die Skizze einer Bonanza, die er seinerzeit fand. Sagte er nicht so etwas?« »Sie sollten Manny Penrod deswegen mal besuchen. Er wohnt bei Mrs. Tilleson in der B-Street. Er hat aus seiner Mine eine Menge herausgeholt, und es wäre doch möglich, daß er für Jim Derrick einen Anteil reserviert hat. Dann springt für Liza noch etwas heraus.« McFarlan fixierte sie mit zusammengekniffenen Augen. »Vielleicht auch für Sie, Miß Bullette? Man sagt, Sie seien gut ins Geschäft gekommen. Jeden Abend der Dollarregen im Brass Railing. Malou und Davidson lassen sich wohl auch nicht lumpen, wie?« Sie biß sich auf die Lippen. »Warum sagen Sie das, McFarlan? Nur weil Sie Frauen verachten, die ihr Leben selbst in die Hand nehmen? Ich denke, es ist besser, wenn Sie jetzt verschwinden.« Er erhob sich sofort. »Ich gehe ja schon. Den Silberbaronen möchte ich ohnehin nicht in die Quere kommen.« Sie vertrat ihm den Weg. »Macht es Ihnen wirklich Spaß, mich zu kränken, Tom?« Es schwang ein bittender Ton in ihrer Stimme mit. Er blickte störrisch auf sie herab. »Stört es Sie etwa, Ma'am?« »Warum arbeiten Sie für Malou, Tom? Haben Sie das nötig?« »Ich muß Geld verdienen. Jeder muß Geld verdienen, und jeder tut's auf seine Weise.« Sie blickte ihm in die Augen. »Nehmen Sie sich vor Malou in acht, Tom. Er ist ein nachtragender, gefährlicher Mann.« McFarlan schnaubte verächtlich. »Malou ist ein Ausbeuter, nichts weiter.« »Steigen Sie bei ihm aus, Tom. Bitte. Sie wissen zum Beispiel nicht, wie Ron Carpenter wirklich gestorben ist.« Er horchte auf. 65
»Und wie, bitte? Was ist passiert?« Sie schüttelte den Kopf. »Vergessen Sie's, Tom… Ich könnte Ihnen in einer anderen Mine einen guten Job verschaffen.« Er blickte sie wütend an. »Danke, Lady. Sie sind zu gütig.« »Sie sind wohl zu stolz, Mister«, entgegnete sie zornig, »sich von einer Frau auch nur einen guten Rat zu borgen, wie?« Er wollte antworten, verschluckte es jedoch. Sie nickte. »Ich verstehe. Nicht von so einer, wollten Sie sagen. Na schön. Wie Sie wollen, McFarlan.« Verbiestert schüttelte er den Kopf. »So hab' ich's nicht gemeint, Julia. Es gibt nämlich auch private Gründe, weshalb ich ausgerechnet für Malou arbeite.« Sie warf die Lippen auf. »Ach, Sie haben auch ein Privatleben? Hätte ich gar nicht gedacht. Und wie sieht das aus?« Sie legte den Kopf zurück. Ihre Lippen waren halb geöffnet. Das Weiß ihrer Zähne trat leuchtend hervor. Als er sie in die Arme nahm und küßte, schloß sie die Augen. »Halt mich fest, Tom«, stammelte sie. »Ich verliere sonst den Boden unter den Füßen.« Er blickte sie aufmerksam an. »Sieht es so schlimm aus, Julia?« »Ich liebe dich, Tom. Du weißt gar nicht, wie sehr ich dich liebe. Als du mich am Pahute Pool zur Höhle getragen hast, habe ich zum erstenmal wieder seit meiner Kindheit so etwas wie Geborgenheit empfunden. Ich brauche dich.« »Warum bist du überhaupt nach Washoe gegangen?« »Ist das so schwer zu begreifen?« »Ich denke«, antwortete er, »du hast die Straße des Erfolgs betreten. Gefällt dir deine Rolle als Silberkönigin von Nevada nicht?« »Wenn du willst, Tom, höre ich damit auf. Ein Wort von dir, und ich höre auch im Brass Railing zu singen auf…« Sie zögerte. »Und Davidson? Malou? Miles Roury?«
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»Warum fragst du überhaupt danach? Roury ist indiskutabel, Malou ein alter Mann, Davidson ein eiskalter Berechner. Bleib heute bei mir, Tom. Laß mich jetzt nicht allein.« Er löste sich sanft von ihr und schüttelte den Kopf. »Ich habe noch eine Besorgung zu machen, Julia.« Unter der Tür sagte sie: »Komm wieder, Tom, bitte. Vergiß nicht, daß ich dich liebe.« »Falls du es nicht vergißt«, antwortete er, »wollen wir uns gelegentlich darüber unterhalten.« Nach der nächsten Schicht ging McFarlan in die B-Street, die einen Block oberhalb der C-Street am Hang des Sun Mountain entlanglief. Auch hier wuchsen zwischen den wackligen Hütten und stinkigen Erdlöchern nacheinander einzelne Holzhäuser auf. Das Boarding House von Mrs. Tilleson begann sich aus einem Schuppen in ein ansehnliches Anwesen zu entwickeln. Wie überall in Virginia City, waren auch hier Bauleute damit beschäftigt, ein Stück Provisorium auszumerzen und an dessen Stelle etwas Stabiles, Dauerhaftes zu setzen. Es gab eine Menge Diggers und Bergarbeiter, die einiges Geld übrig hatten und sich ein Zimmer leisten konnten. In der Tat galten die Arbeitslöhne in den Minen von Washoe als die höchsten Amerikas, ja der ganzen Welt. Im Flur stieß McFarlan auf die Wirtin: eine ebenso korpulente wie resolute Frau mit roten Hamsterbacken und aufgestecktem Haar, das von ersten grauen Strähnen durchzogen wurde. Sie begann zu zetern, als McFarlan sie nach Manny Penrod fragte. »Gehören Sie auch zu den Saufkumpanen«, sagte sie abweisend, »die mithelfen, Mr. Penrods Geld durchzubringen?« Sie riß die Tür auf. »Besuch, Manny Penrod. Und damit ich's nicht vergesse: Die Miete ist mal wieder überfällig.« Penrod blinzelte. 67
»Immer rein, Mister, falls Sie kein Geld von mir wollen. Nehmen Sie 'nen Schluck?« Penrod war ein untersetzter Mann Anfang Vierzig mit gedunsenem Trinkergesicht und flackernden Augen. Quer über die Stirn zog sich eine wulstige Narbe, die offensichtlich von einem Hieb stammte. Er hockte in einem Haufen von Kleidungsstücken, Papieren und Krimskrams auf seinem Bett bei einer Flasche Whisky. »Sie sind doch McFarlan, wie?« sagte er kichernd. »Erinnere mich aus dem Brass Railing. Malou hat 'ne Stinkwut auf Sie, mein Lieber.« McFarlan winkte ab. »Sie haben also Jim beerdigt«, sagte der Digger. »So 'n Mist auch. Jim war ein guter Kumpel. Hätte verdammt noch 'n Ende Zeit gehabt damit.« McFarlan beobachtete ihn aufmerksam. »Wär's nicht möglich, Penrod, daß es Ihnen gar nicht so ungelegen kommt?« Der Digger hob den Kopf. Er wollte aufbrausen, besann sich jedoch und schnaubte geräuschvoll. »Ich sagte, Jim war ein prima Kumpel. Hat mir mal das Leben gerettet, droben am Red River. Wir wuschen Gold, als uns eine Bande Santee Sioux überfiel. Jim kam zufällig vorbei und hat uns rausgehauen. Seitdem waren wir zusammen. Worauf wollen Sie also hinaus, McFarlan?« »Vergessen Sie's, Penrod. Wie geht das Geschäft?« Der Goldgräber fuhr sich mit den Fingern durch den struppigen Schopf. »Schauen Sie sich um, McFarlan. Da liegen mehr Rechnungen von Gerätelieferanten und Ausrüstern, als ich Haare auf dem Kopf habe.« »Manche Minenbesitzer werden steinreich dabei.« Penrod lachte bitter. »Das sind die Aasgeier, McFarlan. Leute wie Malou und Davidson. Nicht Comstock, McLaughlin oder ich. Wir haben die Bonanza entdeckt, aber wir werden sie nicht ausbeuten. Der wirkliche Boom 68
steht noch bevor. Die ganz großen Geier sind noch gar nicht auf der Bildfläche erschienen, Davidson vielleicht ausgenommen. Hier müssen Sie Hunderttausende reinstecken, dann können Sie Millionen rausholen. Wer von uns kann das wohl?« Er trank die Flasche leer und warf sie hinter sich. Mit fahrigen Händen wühlte er zwischen dem Gerümpel. Dann zuckte er die Schulter. »Haben Sie nicht was zu trinken dabei, Tom?« »Kommen Sie, Penrod. Für einen Drink bin ich immer gut.« Sie gingen in die X-Ranch-Bar. Sie war bereits brechend voll, obwohl es gerade erst auf drei ging. McFarlan ließ sich eine Flasche und zwei Gläser geben. Penrod wies mit dem Kopf zu einem der Spieltische. »Dort drüben hat sich vor zwei Wochen Alfred Colonna eine Kugel durch den Kopf gejagt. War ein netter Junge, gerade zweiundzwanzig, italienischer Abstammung. Hat von einem Digger, Wells Goodwin, beim Spielen einen Schuldschein gekauft und damit einen Claim gewonnen. Für ganze fünfunddreißig Dollar. Er warf jeden Tag glatte fünfhundert ab.« »Und warum hat er sich erschossen?« Penrod hob die Schulter. »Wie gewonnen, so zerronnen. Colonna hat seine Mine binnen zwei Stunden verspielt. Anscheinend machte es ihm nicht mal viel aus. Aber als ihm hinterher der Barkeeper einen Drink verweigerte, zog er die Waffe und schoß sich eine Kugel in den Kopf. Ohne sich lange zu besinnen. War wohl die Scham, verstehen Sie? Noch zwei Stunden zuvor hätte er jeden Kredit gehabt, und dann diese Erniedrigung.« McFarlan schob ihm die Flasche hin. »Scheußlich. Aber das ist wohl keine Lösung, wie?« Penrod leerte das Glas. »War der Dritte innerhalb vier Wochen. Also: Was wollen Sie von mir, McFarlan?« »Sie wissen, daß Jim Derrick eine Tochter hat?« 69
Penrod nickte. »Jim sprach oft von ihr. Jeder von uns wußte, wie er an dem Mädchen hing. Julia sagt, daß sie der Kleinen dreihundert Dollar geschickt hat, die in Jims Tasche steckten. War das sein ganzer Nachlaß?« McFarlan zog die schmierige Kartenskizze aus der Tasche. »Dies gehört noch dazu. Kennen Sie den Wisch, Manny?« Penrod warf einen Blick darauf. »Sehen Sie das C und den Pfeil? Wir haben's Coyotenloch genannt – Wolfskuhle, weil Jim und ich da mit einem Spaten zwei Coyoten erschlugen.« »Ist das der einzige Grund, warum Derrick diese Zeichnung gemacht hat?« Penrod lächelte dünn. »Wir haben dort ein paar Nuggets gefunden, zufällig.« »Das war alles?« »Wir gruben zwei Wochen, ohne daß noch etwas dabei herauskam. Die Nuggets brachten nicht mal die Verpflegung ein. Dann ging Jim nach Kalifornien rüber.« »Und wem gehört der Claim heute?« Penrod zögerte. »Nachdem Jim weg war, vielleicht einen Monat oder sechs Wochen später, haben McLaughlin, O'Riley und ich die Silberader entdeckt, nur einen Steinwurf weit von der Wolfskuhle entfernt. Da habe ich auch den Claim abgesteckt. Er gehört mir.« Penrod griff nach der Whiskyflasche. McFarlan hielt sie fest. »Ich verstehe, Manny. Und was springt dabei für Derrick heraus? Ich meine: für seine Tochter Liza? Oder hat etwa Miß Bullette bereits eigene Forderungen angemeldet?« Penrod wackelte unwillig mit dem Kopf. »Julia ist eine Dame, und ein verdammt anständiger Kerl dazu. Das sollten Sie am besten wissen, McFarlan.« »Stimmt es, daß Sie Ihre Mine verkaufen wollen, und daß Davidson das höchste Gebot abgegeben hat?« »Kaufen Sie mir die Klitsche ab?« »Wenn ich das könnte, wäre ich dann bei Malou in Lohn und Brot? Gehört der Claim zum Minengelände, Manny?« 70
»Ich weiß zwar nicht, was Sie das angeht, McFarlan, aber er gehört nicht dazu, sondern ist getrennt eingetragen.« »Aber Sie wollen ihn zusammen mit der Mine verkaufen, wie?« Penrod zog die Stirn kraus. »Hüten Sie sich, Mann«, sagte er drohend. »Sie wollen damit doch nicht andeuten, daß ich etwas verkaufe, was mir gar nicht gehört?« McFarlan machte eine wegwerfende Handbewegung. »So ähnlich, Manny. Ist's etwa nicht so?« »Nehmen Sie sich in acht, McFarlan! Was das angeht, lasse ich nicht mit mir spaßen. Ich sagte Ihnen, daß mir Jim das Leben gerettet hat.« »Es gibt eine Menge Männer«, erwiderte McFarlan, »die so was allzu leicht vergessen, wenn's um eine Bonanza geht.« »Mag sein. Wer sagt mir, daß nicht ausgerechnet Sie zu dieser Sorte gehören?« McFarlan hatte sich eine Zigarre angezündet und schnippte die Asche auf den Boden. »Ich mache Ihnen einen Vorschlag, Manny. Sie verkaufen mir die Wolfskuhle. Ich gebe Ihnen fünfhundert Dollar und einen Vertrag, den der Richter beglaubigen soll, daß ich den Erlös zur Hälfte mit Derricks Tochter teile.« »Vielleicht«, entgegnete Penrod, »ist der Vertrag das Papier nicht wert, auf dem er steht. Wir haben jedenfalls seither kein Stäubchen Gold mehr in der Wolfskuhle gefunden.« »Das ist mein Risiko. Sie gewinnen fünfhundert Dollar und obendrein ein gutes Gewissen gegenüber Jim. Wäre das nichts?« Penrod zögerte. Dann glitt ein Lächeln über sein Gesicht. »Entweder«, sagte er, »sind Sie ein erbärmlicher Dummkopf, oder ein ganz geriebener Bursche. Haben Sie das Geld flüssig?« »Vierhundert. Den Rest pumpe ich mir bei Miles Roury.« Penrod grinste verächtlich. »Der würde nicht mal seiner eigenen Mutter einen Nickel spendieren, selbst wenn sie am Verhungern wäre.« »Das lassen Sie meine Sorge sein, Manny. Mir wird er's geben.« Sie wurden handelseinig und hinterlegten am anderen Tag im Court House den Vertrag. 71
Kurze Zeit später verkaufte Penrod seine Mine für 8.750 Dollar. Vor ihm hatte Alvah Gould die Hälfte seiner Anteile an der Gould & Curry Mine für ganze fünfhundert Dollar an Davidson veräußert und bildete sich noch ein, daß er den Bankier aus Kalifornien prächtig übers Ohr gehauen habe. Allein die Gould-Aktien brachten fünfzehn Millionen. Auch Old Pancake Comstock, nach dem sie den ganzen Silberberg genannt hatten, konnte nicht länger widerstehen. Die Bonanza hatte ihn nicht mehr gekostet als ein paar Gläser Whisky und seine Überredungskunst. Jetzt strich er elftausend Dollar ein. Die besten Nerven bewies Pokerface Pat O'Riley, der pockennarbige Skeptiker. Er widerstand allen Versuchungen, war wiederholt nahe am Bankrott und erzielte am Ende vierzigtausend Dollar. Nacheinander verschwanden die Veteranen samt Comstock selbst aus Washoe. Ihre Zeit war vorüber. Wer dann noch kaufen wollte, mußte die Dollars sackweise antransportieren. An den Bankschaltern herrschte Hochbetrieb. Nun kamen auch die Grundstücksspekulanten zum Zuge. Sie kauften große Parzellen auf, mit Vorliebe in der City, warfen die Diggers hinaus und ließen ihre Hütten abreißen. Ganze Kolonnen von Bauarbeitern rückten an und zogen hölzerne Paläste hoch: Hotels, Pensionen, Bürohäuser, Saloons. Allmählich begann sich Virginia City von einem Nomadenlager zu einer ansehnlichen Siedlung zu mausern. Das Court House war zu klein geworden. Es wich einem dreistöckigen Prachtbau, der auch zwölf nagelneue Gefängniszellen enthielt. Marshal Brewster mußte drei weitere Hilfssheriffs einstellen. Ein verkrachter Lehrer aus Connecticut, der in der C-Street auch als Kleiderhändler gescheitert war, machte eine Schule auf. Denn manche Bergarbeiter, Diggers und Angestellte, die ihre Pahutemädchen satt hatten und vergebens die Hand nach Julia ausstreckten, ließen ihre Bräute oder Familien nachkommen. Virginia City war auf fünftausend Einwohner gewachsen, vielleicht siebentausend. Niemand wußte es so genau. 72
Freilich war es noch immer keine richtige Stadt geworden, obwohl es durch das Skelett der Straßen – am Sun Mountain entlang die A- bis F-Street, senkrecht geschnitten von der Union und der Taylor Street – eine gewisse Ordnung vortäuschte. Denn noch immer lag der Ausdruck des Flüchtigen über der Ansammlung scheckiger Behausungen. Die Atmosphäre trug etwas Unwirkliches, und niemand wollte so recht daran glauben, daß man sich hier ansiedeln konnte in der Absicht, seßhaft zu werden. Das Gespenst des Zufalls hockte im Berg und rumorte darin herum. Jeder fand das ganz normal, weil eben Virginia City keine anderen Städten vergleichbare normale Stadt war. Malou hatte Julia eine Szene gemacht. Es handelte sich um den jungen Mexikaner, Ramon Coronado, der zu ihren Liedchen die Gitarre spielte. Er lief hinter ihr her wie ein Schweißhund – immer bereit, jeden zu zerreißen, der die Hand nach ihr ausstreckte. Sie ließ es sich gern gefallen. Was war schon dabei? Es gab kaum einen Mann im ganzen County, der das nicht auch für Sie getan hätte. Die Männer waren so verrückt nach ihr, daß sie das überlebensgroße bläßliche Bild im Brass Railing mit Silberdollars bepflasterten. Wer im Spiel gewann, klebte einen Dollar auf ihr Kleid. Es war bereits zur Hälfte mit Münzen bedeckt. So besaßen die Männer wenigstens symbolisch einen Anteil von ihr – sozusagen eine Aktie auf ihr Wohlwollen. Jake Malou, der ihre Miete und alles andere bezahlte, war eifersüchtig. Es gab keinen richtigen Grund dafür. Aber allein die Existenz von Coronado schien ihm Grund genug. Und dann war da McFarlan! Malou schürte seinen Haß gegen ihn. Der Minenbesitzer wußte nicht, daß Julia ihn seit jenem Abend nicht wiedergesehen hatte. Julia verzehrte sich nach ihm. Ging er ihr etwa aus dem Weg? Wieviel hätte sie für die Gewißheit gegeben, daß er etwas für sie übrig hatte! 73
Malou begriff sehr gut, was in ihr vorging. Julia sang noch immer im Brass Railing, obwohl sie gekündigt hatte, aber der geldgierige Roury bestand darauf, daß sie ihren Kontrakt erfüllte. Auch weiterhin regneten Silberdollar auf sie herab wie Manna vom Himmel. Julia hatte ein Konto bei Davidsons Bank eröffnet. Sie brauchte Malous Geld schon längst nicht mehr. Heimlich hatte sie sich an einem Saloon beteiligt, der allein mit den Spieltischen mehr abwarf, als sie im Brass Railing verdiente. Hinzu kamen die Provisionen von Davidson, der korrekt von jedem Geschäft, das sie vermittelte, zwanzig Prozent auf ihrem Konto gutschrieb. Sie blieb bei Malou aus Gewohnheit und Trotz – weil McFarlan sich nicht bei ihr sehen ließ. Manchmal befahl sie dem Kutscher, sie zum Eingang der F & G Mine zu fahren, wenn Schichtwechsel war. Es sollte nach Zufall aussehen, falls sie McFarlan begegnete. Aber es war wie verhext, sie bekam ihn nie zu Gesicht. Das Haus in der D-Street richtete sie kostbar ein. Sobald sie nicht mehr im Brass Railing singen mußte, wollte sie nach San Franzisco fahren, einen Besuch bei Liza machen und einige Mädchen mitbringen. Sie gedachte eine Bar mit weiblicher Bedienung einzurichten. Das gab es noch nicht in Virginia City, und sie versprach sich einiges davon: eine Art Heimstatt für die Bergleute, Kutscher und Cowboys, die ohne Frauen und Familien waren. Sie sollten eine gepflegte Atmosphäre vorfinden – nicht den Saloondunst vom Sawdust, dessen Boden der raffinierte Roury mit Sägespänen auslegen ließ, damit die Männer ihre Reittiere mit hereinbringen konnten. Eines Nachts wartete Malou mit einigen seiner Schläger vor dem Haus in der D-Street, als Julia nach der Vorstellung in der Kutsche ankam. Auf ihrer Fährte schlich Coronado. Malou zerrte Julia aus der Kutsche, während die Leibwächter ausschwärmten, um Coronado zusammenzuschlagen. Aber der Mexikaner hatte sie beobachtet und war zwischen den Häusern untergetaucht. 74
Malou spie Gift und Galle. »Du hältst den Kerl über Nacht bei dir«, kreischte er. »Das sollst du nicht tun, Julia. Das sollst du verdammt nicht tun.« Sie machte sich mit einem Ruck frei. Wütend entgegnete sie: »Laß mich in Frieden, Malou! Wer bist du, daß du es wagst, mich anzurühren?« »Du hast nachts diesen schäbigen Mexikaner bei dir.« Sie sah ihn mitleidig an. »Ich sage dir, Malou, daß du dich irrst. Ramon ist ein netter Bursche, nichts weiter. Aber selbst wenn du recht hättest: Was ginge es dich an, he?« Er war wie von Sinnen. Er packte Julia und schüttelte sie. Wütend schlug sie ihm ins Gesicht. »Tu das nicht noch einmal, Jake!« drohte sie. »Du wirst es sonst bereuen. Ich lasse mich von dir nicht anrühren.« »Aber von McFarlan zum Beispiel, wie? Denkst du, ich weiß nicht, was für ein Spiel du spielst?« »Sprich nicht von ihm!« entgegnete sie zornig. »Er ist ein Mann, verstehst du, ein verdammt guter Mann, dem du nicht das Wasser reichen kannst, Jake Malou.« Das hätte sie nicht sagen sollen. Er rang nach Luft. »Ich werde dafür sorgen«, drohte er, »daß man ihm das Handwerk legt. Und morgen fliegt er auf die Straße. Du kannst ihm bestellen, daß er gar nicht mehr zur Schicht anzutreten braucht.« Sie starrte ihn entsetzt an. »Das wirst du nicht tun«, sagte sie. »Warum soll er meinetwegen bestraft werden? Du wirst ihn nicht entlassen, Jake.« Malou ließ sich nicht beruhigen. »McFarlan ist eine Ratte, und ich werde ihn zertreten, wie man Ungeziefer zertritt.« Sie zögerte. Dann warf sie den Kopf zurück. »Okay, Malou. Tu, was du nicht lassen kannst. Du hast die Macht dazu. Aber verschwinde jetzt. Ich will dich nicht mehr sehen.«
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Sie betrat das Haus und verriegelte die Tür. Malou trommelte mit den Fäusten dagegen. »Mach auf!« schrie er. »Mach sofort auf, sonst schlage ich die Tür ein.« Brendan, Julias einäugiger Leibkutscher, grinste. »Sollen wir die Bude aufbrechen, Boß?« fragte er. Malou war zu allem bereit und fähig. Das Gesetz galt nicht viel in dieser räudigen Stadt, und was der Marshal nicht sah, ging den Richter nichts an. Malou war einer der mächtigsten Männer im ganzen County… An diesem Tag hatten McFarlan und Arizona-Jack in der F & G Mine, Olafson und Apatschen-Charlie in der Dorado die gleiche Schicht gefahren und anschließend einen Drink in der Reno Bar genommen, kaum hundert Schritte von Julias Haus entfernt. Als sie auf die Straße traten, um heimzugehen, kam gerade Malou mit seinen Männern entlang. McFarlan wartete, bis Malou vorüber war. Er sah Julias Kutsche aus der Union Street in die D-Street einbiegen. McFarlan beobachtete die Szene. Als Malou Julia aus der Kutsche zog, winkte er Olafson und Arizona-Jack. »Postiert euch auf der anderen Seite«, flüsterte er. »Aber rührt euch nicht, bis ich das Zeichen gebe.« Sie verschwanden im Dunkeln. McFarlan und Apatschen-Charlie liefen durch die Union Street zur C-Street hinauf und näherten sich von oben her dem Haus. Sie kamen gerade zurecht, als Brendan die Tür eintreten wollte. McFarlan zog seine Pistole. »Nimm deine schmutzigen Latschen runter, Gorilla!« befahl er und trat aus dem Schatten hervor. Brendan wirbelte herum und wollte zum Halfter langen. »Hände weg!« rief McFarlan warnend. Olafson und Arizona-Jack kamen über die Straße. Die Leibwächter zögerten, als sie sich diesen entschlossenen Männern gegenübersahen. Malou funkelte McFarlan wütend an. »Was wollen Sie hier?« keifte er. »Mischen Sie sich nicht ein, McFarlan, ich rate Ihnen gut.« 76
McFarlan schob ihn beiseite und zog dem Kutschpferd einen Hieb über. Es stieg senkrecht empor, wieherte ängstlich und raste mit dem Wagen in die Nacht hinein. »Jetzt verschwindet hier, aber rasch! Sonst mache ich euch Beine. Auch Sie, Malou!« Der Minenbesitzer hob die Hand. »Okay, Mann«, entgegnete er mit kaum beherrschter Wut. »Diesmal sind Sie obenauf. In der Mine brauchen Sie sich nicht wieder sehenzulassen. Es könnte sonst sein, daß Ihnen zufällig meine Hunde an die Gurgel springen. Das gilt auch für Ihren sauberen Freund.« Arizona-Jack spuckte Malou ein Stück Kautabak vor die Füße. »Stinkt mir schon lange«, sagte er. McFarlan schob den Revolver in den Gurt. »Ich habe verstanden, Mister. Schicken Sie Jack und mir die achtzig Dollar Kaution für Kleidung und Werkzeug raus ins Gold Canyon, und wir sind quitt. Jetzt hauen Sie ab!« Malou und seine Banditen zogen sich vorsichtig zurück. »Folgt ihnen«, sagte McFarlan, »und stellt fest, ob sie nicht noch einmal zurückkommen. Wir treffen uns in der Reno Bar.« Julia öffnete hastig die Tür. »O Gott, Tom«, schluchzte sie. »Warum läßt du mich so lange warten?« Sie zog ihn in den schwach erleuchteten Hausflur und schlang die Arme um seine Schultern. Er schob sie von sich. »Du solltest dich schämen!« sagte er. Sie starrte ihn entgeistert an. »Warum sagst du das?« entgegnete sie. »Was habe ich dir getan?« »Was bist du nur für eine Frau«, meinte er kopfschüttelnd, »daß du dich selbst so ins öffentliche Gerede bringst!« Sie wich zurück. »Ist das alles, was du zu diesem Thema zu sagen hast, Tom McFarlan? Bis du so prüde und engstirnig, daß dich nichts weiter interessiert, als was die Leute sagen könnten?« »Du singst zum Beispiel noch immer in Rourys Kaschemme, obwohl du mir versprochen hast, damit aufzuhören.« 77
»Roury läßt mich nicht aus dem Vertrag. Das mußt du verstehen, Tom.« »Und du fährst in aller Öffentlichkeit mit Malous Kutsche spazieren. Ganz Virginia City weiß, daß du seine Mätresse bist.« Es klang kalt und abweisend. Sie blickte ihn traurig an, trat dicht vor ihn hin und stellte sich auf die Zehenspitzen. Auch jetzt reichte sie ihm kaum bis zum Kinn. Sie bog seinen Kopf herab und küßte seine Stirn. »Es liegt allein bei dir, Tom McFarlan«, flüsterte sie, »das zu ändern. Sag nur ein Wort, und für mich ist das alles vergessen.« McFarlan schüttelte den Kopf. »Das bringst du nicht fertig, Julia Bullette. Du bist eine Frau, die Publikum braucht. Große Szene und Applaus. Elegante Kleider, teuren Schmuck, feine Gesellschaft. Schade!« »Ist das wirklich deine Meinung, Tom?« Fast brüsk stieß er sie zurück. »Ich sage, was ich denke«, entgegnete er. »Kannst du dir nicht vorstellen, daß mir etwas anderes unendlich wichtiger wäre?« »Und was, bitte?« »Deine Liebe, Tom!« »Das sind Worte«, erwiderte er. »Billige Worte, Julia, die du trotzdem nicht einlösen kannst!« Er wartete ihre Antwort nicht ab, sondern drehte sich um und zog die Tür hinter sich zu. Sie wollte ihm nacheilen. Ihr Schritt stockte in der Bewegung. Pochend schlug ihr Herz gegen die Brust. Was soll nur daraus werden? dachte sie. Warum ist es so kompliziert, sich zu lieben? McFarlan traf in der Reno Bar wieder mit seinen Freunden zusammen. Er ließ sich eine Flasche Whisky geben und zog sich an einen Seitentisch zurück. Er war rasch betrunken. Es fiel ihm nicht auf, daß Brendan ihn beobachtete. 78
Apatschen-Charlie hatte Brendan längst entdeckt. Sein indianisches Blut witterte Gefahr. Er beschloß, wachsam zu sein. Julia hatte ihren Kontrakt in der Brass Railing Bar erfüllt und war mit der Wells Fargo nach Carson City aufgebrochen, um dort den Anschluß an die Kutsche nach San Franzisco zu erreichen. Sie verfolgte große Pläne. In aller Stille gab sie den Auftrag, in der D-Street, nicht weit von ihrem jetzigen Wohnsitz entfernt, ein großes Haus zu bauen. Es sollte im kommenden Sommer bezugsfertig sein. Schon jetzt wollte sie in San Franzisco Einrichtungen und Möbel auswählen. In diesen Tagen stolperte ein chinesischer Wäscher aus der F-Street, der in der Dämmerung einen kürzeren Weg über die Grundstücke in der Nähe der Union Street nahm, hinter Julias Haus über eine reglos am Boden liegende Gestalt. Der Chinese stieß einen Schrei aus, ließ sein Wäschebündel fallen und rannte davon. Er lief einem Polizisten direkt in die Arme. Der Mann, über den der Wäscher gestolpert war, war Phil Holmes, Julias Hausvermieter. Er lag mit weit geöffnetem Mund und glasigen Augen in einer Blutlache. In seinem Rücken steckte ein Messer. Dr. Schiebecker stellte fest, daß der Tod vor etwa einer Stunde eingetreten sein mußte. Marshal Brewster leitete eine Untersuchung ein. Zunächst verdächtigte er den Chinesen. Aber noch am Tatort meldete sich ein Zeuge. Er sagte aus, er habe zufällig einen Mann beobachtet, der Holmes gefolgt sei. »Wie gefolgt?« fragte Brewster. »Auffällig, heimlich, gebückt, vorsichtig?« Der Mann verzog das Gesicht. »Ich dachte noch«, sagte er, »ob da nicht was im Busch ist? Kam mir jedenfalls irgendwie verdächtig vor. Ich hatte den Eindruck, Marshal, daß der Bursche was im Schilde führt. Irgend 'ne finstre Sache, vielleicht einen Einbruch oder so. Freilich hab' ich nicht an Mord gedacht, weit entfernt davon!« »Und haben Sie den Mann erkannt, Mr. Brendan?« 79
Denn tatsächlich war der Zeuge kein anderer als Malous Leibwächter. Brendan lüftete die schwarze Binde über dem rechten Auge und zuckte die Schulter. »Schwer zu sagen, Marshal. Es dämmerte bereits, aber ich bin dennoch sicher, daß es jener Digger war, der hinter Miß Bullette her ist und neulich auch Mr. Malou, meinen Boß, mit der Waffe bedroht hat.« »Und wie heißt der Mann?« »McFarlan, glaube ich. Tom McFarlan. Mr. Malou hat ihn erst unlängst entlassen, weil er vor Miß Bullettes Haus über den Chef hergefallen war. Vielleicht hat McFarlan in der Dunkelheit Holmes mit meinem Boß verwechselt und in blinder Eifersucht zugestochen. Er ist ja ganz verrückt hinter der Lady her, Marshal.« Brewster ließ seine Deputies ausschwärmen, um McFarlan zu suchen und ins Polizeibüro zu bringen. Sie fanden ihn auf seinem Claim im Coyote Hole, den er Penrod abgekauft hatte. Seit er und Arizona-Jack in der Dorado rausgeflogen waren, gruben sie hier nach Gold. Obwohl inzwischen die Dunkelheit hereingebrochen war, fand einer der Polizisten McFarlan, wie er im Schein einer Ölfunzel den Sand nach Goldstaub und Nuggets durchsiebte. Widerwillig folgte McFarlan ins Court House. Er kannte den Marshal nur flüchtig. »Wo waren Sie vor zwei Stunden, McFarlan?« fragte ihn Brewster. McFarlan musterte aus dem Augenwinkel mißtrauisch den Mann mit der schwarzen Binde überm Gesicht. »Ist das interessant für Sie, Marshal?« entgegnete er. Brewster schob die beiden Daumen neben dem Koppelschloß in den Gürtel und stemmte die Stiefelsohlen gegen die Tischkante. »Könnte schon sein, Mister. Also?« »Drunten im Coyote Hole auf meinem Claim.« »Auch bei Einbruch der Dunkelheit noch?« McFarlan nickte. »Gewiß, Marshal. Ist das verboten?« »Unsinn! Waren Sie allein?« 80
McFarlan paßte der Ton nicht. »Hören Sie, Marshall«, wandte er ein, »jetzt sagen Sie mir zuerst mal, was das alles bedeutet, ehe ich antworte. Und Sie erklären mir gefälligst, warum dieser Galgenstrick hier herumlungert!« Brendan maulte. »Er soll sich verdammt in acht nehmen, Marshal. Von einem hergelaufenen Digger lasse ich mich noch lange nicht beleidigen, klar?« Brewster warf ihm einen verärgerten Blick zu. »Sie warten gefälligst, bis Sie gefragt werden, Brendan. Und Sie, McFarlan, täten klug daran, möglichst exakte Antworten zu geben. Es geht nämlich um Mord. Mr. Brendan hat eine Aussage gemacht, die Sie schwer belastet, McFarlan. Also: Wo waren Sie um die Dämmerzeit – eine Stunde vorher und nachher?« McFarlans Blick wanderte verblüfft von Brewster zu Brendan und wieder zurück zu Brewster. Unwillig schüttelte er den Kopf. »Ich sagte Ihnen bereits, Marshal, daß ich auf meinem Claim gewesen bin.« »Allein?« »Arizona-Jack hat mit mir gearbeitet. Er ging eine halbe Stunde vor Einbruch der Dunkelheit ins Camp, um das Essen zu richten.« Der Marshal runzelte die Stirn. »Gibt's Zeugen dafür, daß Sie die ganze Zeit über die Schlucht nicht verlassen haben?« McFarlan zuckte die Schulter. »Woher soll ich das wissen? Vielleicht hat mich jemand gesehen. Meine Lampe brannte die ganze Zeit über. Aber jetzt mal raus mit der Sprache, Marshal: Was soll der Zirkus? Ich vermute doch wohl richtig, daß Sie mich eines Mordes bezichtigen, oder?« »Bis jetzt«, entgegnete Brewster sachlich, »untersuche ich lediglich einen Mordfall. Aber Mr. Brendan hat Sie schwer belastet, McFarlan.« »Brendan«, entgegnete McFarlan verächtlich, »ist Partei. Er möchte mir wahrscheinlich was am Zeug flicken, weil er Malous Krea81
tur ist und sich rächen will. Aber Sie, Brewster, sind ein neutraler Mann. Was also bedeutet das alles?« »Kennen Sie Phil Holmes?« »Flüchtig.« »Aber Miß Bullette kennen Sie besser, wie?« McFarlan zögerte. »Warum fragen Sie danach?« »Das Haus, in dem Miß Bullette wohnt, gehört Phil Holmes. Und Mr. Holmes ist der Tote, den ein Chinese bei Miß Bullettes Haus fand, mit einem Messer im Rücken, jetzt reden Sie, Brendan!« Brendan zog die Augenbrauen hoch. »McFarlan ist gefährlich«, sagte er. »Fragen Sie Mr. Malou, Marshal. Erst unlängst hat ihn McFarlan überfallen und bedroht – aus sinnloser Eifersucht.« »Der Bursche ist verrückt«, warf McFarlan ein. »Nicht ich habe Malou überfallen, sondern er hat Miß Bullette bedroht. Dafür gibt's Zeugen.« Brewster zuckte die Schulter. »Das wird sich herausstellen. Immerhin leugnen Sie offenbar nicht, McFarlan, daß Sie Miß Bullette näher kennen und, sagen wir, engere Beziehungen zu ihr unterhalten.« McFarlans Miene verfinsterte sich. »Fragen Sie sie doch selbst, Marshal«, entgegnete er. Brewster lächelte. »Sie wissen doch selbst, McFarlan, daß sich Miß Bullette gegenwärtig gar nicht in Virginia City aufhält.« McFarlan schien überrascht. Er schüttelte den Kopf. »Warum sollte ich!« »Miß Bullette hat Ihnen also nicht gesagt, daß sie für einige Zeit nach San Franzisco fährt? Interessant!« McFarlan blickte Brewster scharf an. »Nun raus mit der Sprache, Marshal: Was hat das alles mit Holmes' Tod zu tun?« »Falls es stimmt, daß Sie auf Mr. Malou eifersüchtig sind, wäre es da so abwegig, wenn Sie auch in Holmes einen lästigen Rivalen sehen? Immerhin war er Miß Bullettes Vermieter und hatte Zutritt 82
zu ihrem Haus. Und wenn Sie sich, wie Brendan aussagt, letzte Woche in der D-Street herumtrieben und Malou auflauerten, warum sollte das nicht auch heute der Fall gewesen sein? Sie überraschten Holmes, als er sich Miß Bullettes Haus näherte, und stachen ihn nach einem Wortwechsel nieder. Klingt das so abwegig?« McFarlan griff sich an den Kopf. »Das ist wirklich verrückt, Marshal«, erwiderte er. »Sagten Sie nicht selbst, daß sich Miß Bullette gar nicht in der Stadt aufhält? Welchen vernünftigen Grund gäbe es dann, einen Mann zu töten, der mir zufällig in der Nähe ihres Hauses in die Quere kommt?« Über Brewsters Gesicht glitt ein kaltes Lächeln. »Eben, McFarlan! Haben Sie nicht gerade erst eingestanden, daß Sie gar nichts von Miß Bullettes Abwesenheit wußten? Sie konnten also vermuten, daß Holmes eine Verabredung mit der Lady hatte und sahen rot. Das ist doch logisch, oder?« McFarlan blickte ihn verwirrt an und rieb sich das Kinn. »Meinetwegen ist's logisch und bleibt trotzdem Unsinn. Denn ich war nicht in der D-Street, und ich habe Holmes nicht niedergestochen. Auf einen so vagen Verdacht hin können Sie mir jedenfalls nicht kommen – am wenigsten, wenn ein Schläger, der bei Malou im Lohn steht, gegen mich auftritt.« Brewster öffnete die Schublade seines Tisches, nahm ein Messer heraus und hielt es empor. »Kennen Sie diesen Dolch, McFarlan?« »Er kommt mir bekannt vor, denke ich.« »Schauen Sie ihn sich genau an!« »Okay, Marshal. Die Doppelkerbe am Ende der Griffschale ist nicht zu verwechseln.« »Sie geben also zu, McFarlan, daß dieses Messer Ihnen gehört?« »Was wäre da zuzugeben! Es ist mein Messer. Wo haben Sie es her, verdammt noch mal?« »Es ist der Dolch, mit dem Holmes ermordet wurde.«
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McFarlan preßte die Finger gegen die Schläfen. »Das ist doch verrückt«, stieß er hervor. »Rundweg verrückt, Marshal.« Brewsters Miene wurde eisig. »Schluß jetzt damit, McFarlan! Können Sie erklären, wie dieser Dolch in Holmes' Rücken kam, wenn Sie nicht sein Mörder sind?« McFarlan blickte sich verwirrt um. Brendan grinste und stocherte mit dem kleinen Finger in den Zähnen herum. »Diesen Dolch«, entgegnete McFarlan, »habe ich seit Wochen nicht mehr in der Hand gehabt. Zuletzt war das, als ich diesem armen Burschen, Ted Carpenter, mein Pferd schenkte. Das Messer steckte in der Satteltasche und ich hab's rausgenommen, als der Gambler für Ted Verpflegung einpackte.« »Und wo haben Sie's seitdem aufbewahrt?« McFarlan griff in den Gürtel und zog ein Messer heraus. »Das trage ich am Leib, Marshal, und zwar seit Jahren schon. Ich benutze kein anderes. Das Messer aus der Satteltasche habe ich damals zu meinem Gepäck in der Hütte gelegt. Da muß mir jemand einen verdammt üblen Streich gespielt haben. Anders kann ich mir das nicht erklären.« »Also kein Geständnis, McFarlan? Wollen Sie, daß ich einen Anwalt verständige?« McFarlan schüttelte den Kopf. »Da hat Malou seine schmutzigen Pfoten drin, Marshal. Ich will mein Recht, das ist alles.« »Das sollen Sie bekommen, wenn das Große Schwurgericht zusammentritt. Geben Sie Ihr Messer und Ihre Pistole ab!« Sie brachten ihn in eine der neuen Zellen im Court House. Grübelnd hockte McFarlan auf der Pritsche. Er wußte nun, wie gefährlich es war, sich mit Malou anzulegen. Aber wie kam das Messer aus der Hütte im Gold Canyon an den Tatort? Und wie sollte er in dieser verfahrenen Situation den Kopf aus der Schlinge ziehen?
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Allmählich wurde klar, daß Virginia City kein Strohfeuer war, das rasch aufloderte, eine Menge Rauch erzeugte und bald wieder erlosch. Die Erzlager, die tief in der Erde schlummerten, waren zu weit verzweigt und zu mächtig, als daß selbst zehntausend oder mehr Miners sie in einigen Monaten hätten ausbeuten können. Unaufhaltsam trieben die Bergarbeiter die Schächte tiefer in die Erde. Der erste große Boom von Washoe schwappte auf. Die Nachricht von McFarlans Verhaftung traf die Männer draußen im Gold-Hill-Camp wie ein Keulenschlag. Sie überlegten, was sie tun könnten, aber vorerst fiel ihnen nichts Vernünftiges ein. Der Winter hatte seinen schärfsten Biß verloren. Die Temperaturen stiegen allmählich wieder an. Die Mittagssonne war bereits stark genug, an den Waldrändern in Südlage Schnee zu schmelzen. Da Arizona-Jack seit McFarlans Verhaftung allein auf dem Claim in Coyote Hole arbeitete, wollte er einen Plan verfolgen, den er zusammen mit McFarlan bereits seit einiger Zeit erwog. Nach Silver Springs hinüber gab es einen Platz, den McFarlan entdeckt und ihm näher bezeichnet hatte. »Tom sagt, es gibt dort eine Stelle, wo er unter der Wurzel einer Fuchsschwanz-Pinie etliche Nuggets fand, zwei oder drei davon erbsengroß. Ich könnte in der Zwischenzeit mal rüberreiten und ein bißchen stochern. Einige Probegrabungen machen, im Frenchman Creek auswaschen, die Nase in den Wind heben und schnuppern. Vielleicht habe ich Glück. Wenn's in Gold Hill Silber gibt, warum soll bei Silver Springs nicht Gold in der Erde liegen?« Er mietete, da er nicht allein reiten wollte, im Pioneer-Stall zwei Pferde und lud Pedro Arapoa ein, ihn zu begleiten. Pedro war ein verschlossener, wortkarger Bursche von achtzehn Jahren, Sohn eines Filipinos und einer spanischen Mutter. Er hatte sich ihnen vor einiger Zeit angeschlossen und war McFarlan treu ergeben. Arizona-Jack wußte, daß er sich auf Pedro verlassen konnte. Sie packten Verpflegung, Werkzeuge, Decken und ein Zelt auf die Reittiere. Nachdem sie ein Stück die Serpentinenstraße hinab ge85
ritten und um eine Wegbiegung gekommen waren, sahen sie im Westen die schneebedeckte Sierra im Frühlicht glänzen wie eine Kette riesiger Diamanten. Sie ließen die Pferde in leichten Trab fallen und gewannen rasch Boden. Die Mesa war von einer dünnen Schneeschicht bedeckt, die bereits von zahlreichen Rissen durchzogen war. Gegen Mittag beobachteten sie einige Truthahngeier, die flache Kreise zogen und sich dann niederließen. Sie schlachteten den Kadaver einer PronghornAntilope aus, die offenbar von einem Berglöwen gerissen und nur zum Teil verzehrt worden war. Am Abend kampierten sie an einem Bach im Schutze einer Manzanitahecke. Bereits am nächsten Tag erreichten sie den Frenchman Creek. Der kleine Bergbach sprang in Kaskaden über die Felsen und Terrassenvorsprünge in eine Schlucht hinab, die sich fast kreisrund erweiterte. Der Bach mündete über einen sandigen Abhang hinweg in einem Teich, der glasklares Wasser führte. Arizona-Jack verglich McFarlans Angaben mit der Örtlichkeit. Dann nickte er zufrieden. »Okay, Pedro. Hier machen wir Lager.« Sie schlugen das Zelt auf, kochten einen Kaffee und aßen Brot mit Speck. Dann packte Arizona-Jack zwei Hacken, eine Schaufel und zwei Goldgräberpfannen aus. Sie gingen hinüber zum Fuß des Hanges. Arizona-Jack deutete nach oben. Der Hang stieg zuerst sanft an, um sich dann zu einer steil emporgezogenen Wand aufzuwölben, in der der Creek ein unregelmäßig ausgefranstes Bett gefressen hatte. Arizona-Jack schien zufrieden. Er schritt den oberen Rand des Teichs, wo der Bach einmündete, ab. Dann stieß er den Spaten in die Erde. Der Boden am Fuß des Hangs war sandig. Der Digger kippte die Erde in seine Pfanne, beugte sich nieder und begann die Pfanne im Bach zu schütteln, so daß die Strömung über den Rand des Gefäßes glitt und die Erde allmählich ausspülte. Immer rascher ließ er die Pfanne kreisen, tauchte sie erneut ins 86
Wasser, bis sich auf dem Boden eine dünne Schicht dunklen Sandes absetzte, die einzelne gelbe Punkte enthielt: kleine Körner, kaum sichtbar. Arizona-Jack knurrte. »Gold«, sagte er, ging einen Schritt weiter und hob auch hier ein kleines Geviert Erde aus, das er in die Pfanne schüttete und zu waschen begann. Er zeigte Pedro, wo er graben mußte. »Ein Prospektor muß Zeit haben, Muchacho, und Geduld. Niemals überhastet graben und auswaschen, sonst hast du pures Gold in der Pfanne und siehst es nicht. Goldsuchen ist eine geometrische Aufgabe, mußt du wissen. Du beobachtest und erkennst den Verlauf des Bachs, der vielleicht eine Ader eingeschwemmt hat. In Gedanken ziehst du eine Linie und beginnst Probegrabungen zu machen, Meter um Meter. Wenn die Zahl der Goldplättchen in jeder Pfanne wesentlich abnimmt, mußt du dich wieder dem Hauptstrom der Ader nähern und in einer anderen Richtung graben. So werden wir bald wissen, ob es sich lohnt, hier einen Claim abzustecken.« Sie arbeiteten schweigend und verbissen. Wenn die dunkle Kiesschicht bis auf einen dünnen schwarzen Bodensatz ausgefiltert war, hielten sie die Pfanne schräg gegen die Sonne, damit das Licht die Goldkörnchen aufleuchten ließ. Pedro hatte sich nach einer Stunde vom Hauptweg der Bonanza entfernt. Er grub ins Leere. Seine Pfannen waren ausgewaschen, ohne daß er mehr als höchstens ein Goldplättchen fand. Aber das Goldfieber hatte ihn gepackt. »Ich steige mal neben dem Bachbett ein Stück über den Hang hinauf«, sagte er. Arizona-Jack, in seine Arbeit vertieft, nickte. Pedro nahm den Spaten und arbeitete sich durch ein Gewirr von Madronapflanzen und Creosotebüschen hindurch. An der steilsten Stelle mußte er über einige lockere Felsbrocken turnen und sich dann an herabhängenden Ästen emporziehen. Ein leuchtendblauer Buschhäher schlug mit schnarrendem Warngeräusch an. Aus der Ferne antwortete mit ihrem düster-melancholischen ›Kuua-kuukuuu‹ eine Waldtaube. 87
Eine grüne Kragenechse, die sich auf dem vorspringenden Felsen gesonnt hatte, hob den Kopf, riß das Maul auf, als ob sie beißen wollte, besann sich dann jedoch und flüchtete, grotesk auf den Hinterbeinen balancierend, ins Gebüsch. Pedro untersuchte das Wurzelwerk einiger Foxtail-Pinien. Arizona-Jack warf zwischendurch einen Blick zu ihm hinauf. »Sei vorsichtig, Junge«, rief er ihm zu. »Der Hang ist unterspült und locker. Er kann leicht abrutschen.« Pedro war wild darauf versessen, Gold zu finden. Mit den bloßen Händen untersuchte er den Sand, entdeckte schließlich zwischen halb verdorrten Giliastauden weißglitzernde Quarzkristalle und dann zufällig einige gelbschimmernde Punkte, die ihm entglitten und talwärts rutschten, als er sie festhalten wollte. Die Leidenschaft packte ihn, wie sie alle Goldsucher erfaßt. Er wühlte sich den Hang hinauf, stieß den Spaten ins lockere Erdreich und grub rund um die freigelegten Wurzeln der Pinien und Juniperbüsche den Boden auf. Eine rote Racerschlange, die zischend auffuhr, erschreckte ihn. Der Spaten drohte über den Hang zu fallen. Pedro griff danach, verlor das Gleichgewicht, schlug auf den Fels auf und riß einige größere Steinbrocken mit, die polternd in die Tiefe sprangen. Arizona-Jack fuhr auf. Er erkannte die Gefahr. »Festhalten!« rief er. »Wirf dich zur Seite ins Gebüsch und versuche die Zweige zu fassen!« Aber es war bereits zu spät. Das steilabfallende Bachbett, in das Pedro stürzte, bot ihm keinen Halt. Er stieß einen gellenden Schrei aus und überschlug sich einige Male, die Arme wirbelnd hochgerissen wie die Flügel eines riesigen Insekts. Auf dem grasbewachsenen Vorsprung, ehe sich der Steilhang fast senkrecht in die Schlucht neigte, suchte er noch einmal Halt, griff ins Leere, schlug mit dem Hinterkopf auf die Felsplatte auf, und eine Blutfontaine spritzte zwischen dem Haarbüschel hervor über sein Gesicht. 88
Er fiel fast lotrecht hinab und stürzte ins Geröll, das ihn noch einige Meter nach unten schob, ehe er an einer Manzanitahecke hängenblieb. Arizona-Jack sah, daß hellrotes Blut aus Pedros Hinterkopf sprudelte, unaufhaltsam in einem dünnen Strahl, und im Hemdkragen versickerte. Er drehte Pedro auf den Rücken und blickte in zwei weit aufgerissene glasige Augen. Eine Weile stand er ratlos da, unbewegt mit schlaff herabhängenden Armen, ehe er begriff, was geschehen war. Nun wußte er, daß er nichts weiter tun konnte, als ein Grab auszuheben. Er wählte einen Platz auf einem kleinen Grasplateau, das sich an der Seite wie eine Empore erhob und von den Stauden zahlreicher Mariposalilien überwuchert war. Kraftvoll stieß Arizona-Jack den Spaten ins Erdreich. Es wollte ihm noch immer nicht in den Kopf, was da geschehen war. Blanke Wut überschwemmte ihn. »Warum?« sagte er laut, während er die Erde aushob. »Warum nur? Warum?« Es gab keine andere Antwort darauf als diese: Pedro Arapoa, 18, Goldsucher. »Nein!« schrie Arizona-Jack zornig in die Stille der Einsamkeit hinein. »Verdammt noch mal, nein!« Dieses verfluchte Gold, dieses glitzernde flimmernde glänzende Gold, das zu nichts nütze war. Man konnte es weder essen noch trinken. Nicht anziehen und keine Häuser darauf bauen. Wozu also das alles? Wozu? Wozu? In diesem Augenblick, als er Pedro die Taschen ausleerte und ihn ins Grab legte, war ihm das alles zuwider wie eine ekelerregende Krankheit. Er wußte nur: Gold war der nutzloseste Gegenstand, den er kannte. Und dennoch brauchten es die Politiker, um den offenbar unvermeidlichen Krieg mit den Südstaaten zu finanzieren. Washington war ganz gierig nach Gold und Silber. 89
Die Männer setzten es an den Spieltischen ein, Männer wie Gambler Pete, Tom McFarlan und Olaf Olafson. Für ein paar Nuggets schlugen sie sich die Schädel ein. Und die Frauen trugen es um den Hals und als Diademe auf dem Kopf, als Ringe und Bänder um Finger und Arme. Schöne Frauen wie Julia Bullette. Gold machte sie glücklich, und für Gold waren sie zu haben. Und dafür mußte ein armer Bursche wie Pedro Arapoa sterben… Arizona-Jack warf einige Hände voll der mit Goldstaub durchmischten Erde auf Pedros Gesicht. Erst nachdem er das Grab zugeschüttet hatte, fiel ihm ein, daß er vergessen hatte, ihm die Augen zu schließen. Er murmelte ein Gebet, zusammenhanglos, stieß Pedros Spaten, tief ins Erdreich und suchte einen Ast, den er mit einer Liane an den Spatenstiel band, so daß ein windschiefes Kreuz entstand. Das also war von Pedro Arapoa übriggeblieben. Arizona-Jack schnürte das Gepäck zusammen und lud es den Pferden auf. Er nahm Pedros Fuchswallach an den langen Zügel und ritt aus der Schlucht des Frenchman Creek nach Südwesten, Virginia City entgegen. Er ließ die Pferde im Schritt gehen, wie sie es wollten. Der Gedanke, daß er McFarlan gegenübertreten sollte mit der Nachricht, Pedro sei tot, erschreckte ihn. Arizona-Jack ritt die ganze Nacht hindurch und hielt nicht eher an, bis er im Camp von Gold Hill eintraf. An diesem Abend hockten sie in der Hütte und hielten Kriegsrat ab. Es war Olaf Olafson gelungen, mit Hilfe von Vormann Anderson eine Besuchserlaubnis im Gefängnis zu erwirken. McFarlan hatte Grüße ausgerichtet. »Er sagt«, berichtete Olafson, »daß er verflucht und zugenäht keine Ahnung hat, wie er in diese Geschichte hineingeraten konnte. Der Marshal verlangt von ihm, er solle für die Tatzeit ein Alibi beibringen. Aber Tom hat nun mal keins.« 90
Jorge, ein feingliedriger hübscher Companero, von einer mexikanischen Insel im Pazifischen Ozean stammend, grinste verschmitzt. »Kannst du dem Marshal nicht erzählen«, sagte er zu ArizonaJack, »daß du erst eine Stunde nach Sonnenuntergang Tom und den Claim verlassen hast, und da war Holmes längst mausetot? Das wäre ein verdammt perfektes Alibi, an dem sich der Marshal die Zähne ausbeißt.« Olafson schüttelte den Kopf. »Das ist Blödsinn, Jorge. Randvoller Blödsinn. Wir müssen herausbekommen, wie Toms Dolch in die Hand dieses Gorillas gekommen ist. Das allein hilft uns weiter.« »Willst du damit andeuten, daß Brendan mit Toms Messer Holmes erstochen hat?« fragte ihn der Professor. »Zweifelst du daran? Das ist eine abgekartete Sache, sage ich euch, irgend so eine Schurkerei von Malou, um Tom eins auszuwischen.« Apatschen-Charlie schnippte ein Bündel Haare, das er sich im Nakken überm Kragen abgeschnitten hatte, ins Feuer. Es roch scheußlich, wie angesengter Pelz. »Aber wie«, entgegnete er, »ist der Bursche an Toms Messer gekommen? Tom sagt, es befand sich in seinem Gepäck.« »Brendan«, meinte der Gambler, »kann es zum Beispiel gestohlen haben. Tagsüber, als unsere Hütte mal leerstand.« »Es ist fast immer jemand von uns da«, warf der Professor ein. »Nicht immer«, entgegnete der Gambler. »Aber woher«, gab Arizona-Jack zu bedenken, »wußte Malous Leibwächter überhaupt, daß Tom einen Dolch in seinem Gepäck hatte, falls er es darauf abgesehen hatte und hier rumschnüffelte?« Gambler Pete pfiff durch die Zähne. »Vielleicht purer Zufall. Denkt es euch zum Beispiel so: Brendan sollte Tom im Auftrag von Malou was anhängen. Er paßte eine günstige Gelegenheit ab und durchsuchte die Hütte. Er fand Toms Dolch. Und da kam ihm die Idee, damit Holmes umzulegen. Der Verdacht mußte dann zwangsläufig auf Tom fallen.« »Aber warum ausgerechnet Holmes?« widersprach Arizona-Jack. 91
»Falls das stimmt«, überlegte Olafson, »müßte irgendeine Verbindung zwischen Malou und Holmes bestehen. Ein Mord, nur um Tom was anzuhängen, das wäre doch zu unwahrscheinlich, oder?« Der Professor stützte das Kinn auf die Hände und starrte nachdenklich ins Feuer. »Man müßte eine solche Verbindung nachweisen können. Irgendeine Rivalität, eine geschäftliche Auseinandersetzung zwischen Malou und Holmes. Es könnte ein Racheakt sein. Vielleicht hatte Holmes wirklich was mit der Lady und Malou erfuhr davon.« »Aber Toms Dolch!« Olafson schluckte. »Mir will nicht in den Kopf, wie ihn Brendan so ohne weiteres hier in der Hütte aufgelesen haben soll. Das klingt ziemlich weit hergeholt.« »Und wie klänge es anders?« fragte ihn der Gambler. Olafson zögerte. Dann schüttelte er den Kopf. »Los, sag's schon, Olaf!« forderte ihn Arizona-Jack auf. »Zum Beispiel, wenn einer von uns Brendan den Dolch zugespielt hätte. Einer, der noch keinen Job hat und sich von Malou eine Arbeitsstelle erkauft. Oder eine Belohnung. Fünfzig Dollar, vielleicht hundert, was weiß ich.« Sie starrten ihn entsetzt an. »Du bist verrückt, Olafson!« entgegnete der Professor wütend. »Glattweg verrückt, einen von uns zu verdächtigen.« »Im Goldland«, erwiderte Olafson ungerührt, »ist alles möglich. Da wird aus einem armen Hund über Nacht ein Millionär; warum nicht aus einem ehrlichen Digger zur Abwechslung mal ein schäbiger Verräter?« »Vielleicht«, warf der Gambler spitz ein, »verdächtigst du ausgerechnet mich, Olafson. Weil ich noch keinen Job habe und mich oft allein hier im Lager aufhalte.« Olafson nickte wütend. »Dich oder Jack, Apatschen-Charlie, mich selbst! Jeder von uns ist verdächtig. Jedenfalls müssen wir was unternehmen.«
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Sie starrten düster vor sich hin und wagten kaum, sich anzublicken – aus Furcht, sie könnten jemandem in die Augen sehen, der ein schlechtes Gewissen hatte. Tatsächlich war jeder von ihnen verdächtig. Mißtrauen schlich sich ein. Es drohte die Luft zu vergiften, in der sie miteinander leben und atmen mußten. »Ihr seid wahnsinnig!« stellte Apatschen-Charlie verächtlich fest. »Und alles wegen dieser Lady!« Jorge, der Companero aus Guadalupe, wiegte den Kopf. »Ein Mann«, sagte er scharfsinnig, »handelt wie ein Mann, wenn es um eine Frau geht.« »Wie meinst du das?« fragte ihn Arizona-Jack lauernd. Jorge spreizte die zehn Finger vorm Gesicht, so daß sich die Daumen kreuzten. Es sah aus wie ein Gitter und warf ein riesiges flakkerndes Muster an die Wand. »Ihr wißt alle, daß Tom auf die Señorita verdammt scharf ist, auch wenn er's nicht wahrhaben will. Wäre es da auszuschließen, daß er diesem Holmes selbst das Messer in den fetten Wanst stieß, weil der verfluchte Chico ihm in die Quere kam? Was aber dann, he?« Olafson schüttelte diesen bedrückenden Gedanken als erster ab. »Das scheidet aus«, antwortete er energisch. »Damit kommen wir nicht weiter. Was wir brauchen, sind mehr Einzelheiten, mehr Tatsachen.« Sie beschlossen herumzuhören und an Toms Stelle zu handeln, der verhindert war, selbst etwas zu seiner Entlastung zu unternehmen. Tatsächlich machten sie einen Digger ausfindig, der ein Erdloch in der Nähe ihrer Hütte bewohnte und behauptete, daß sich ein Bursche, auf den die Beschreibung Brendans paßte, vor einigen Tagen im Camp herumgetrieben habe. Was stand gegen die Annahme, daß er in ihre Hütte eingedrungen war und Toms Messer an sich genommen hatte. Sie wußten nicht, wieviel diese Spur gegebenenfalls wert war. Der Professor, den die Männer zum Untersuchungsführer bestimmten, 93
schien jedenfalls nicht gewillt, klein beizugeben und tatenlos zuzusehen, wie sie Tom den Prozeß machten. Die Territorial Enterprise von Virginia City brachte den Mord und McFarlans Verhaftung in großer Aufmachung. Der Redakteur des Boulevardblattes schrieb eine perfekte Schauergeschichte. Danach schien Tom so gut wie überführt. Marshal Brewster, der so tatkräftig zugepackt und so perfekt ermittelt hatte, war der Held des Tages. »Malou kann zufrieden sein«, knurrte Olafson. Falls er wirklich dahintersteckt und nicht doch McFarlan sich zu einer unüberlegten Tat hat hinreißen lassen! Aber das wußte niemand außer ihm selbst und, falls er nicht der Täter war, der unbekannte Mörder. Oder gab es doch einen Tatzeugen? Der Professor studierte jede Zeile des reißerisch aufgemachten Zeitungsberichts und hörte sich in der Stadt um. Er rückte auch Dan de Quille, dem Redakteur des Enterprise, auf die Bude und fragte ihn nach unveröffentlichten Hinweisen aus, ohne Wesentliches zu erfahren. Dann ging er mit Olafson und Apatschen-Charlie ins Chinesenviertel, das sich um die F- und die G-Street auszudehnen begann. Es gab zu dieser Zeit bereits einige hundert Chinesen in Virginia City. Die meisten von ihnen kamen aus Kanton oder anderen überquellenden Städten der Kwantung-Provinz. Sie besaßen Arbeitskontrakte mit amerikanischen Agenten, die ihnen nach Vertragsablauf freie Rückkehr in die Heimat zusicherten. Wer in Amerika starb, hatte ein Anrecht darauf, daß seine Leiche auf Kosten des Agenten nach China gebracht wurde. Im Land der Väter den ewigen Schlaf zu tun, war das letzte und höchste Ziel aller Söhne des Reichs der Mitte. Die gutbezahlte Minenarbeit freilich war den Chinesen verwehrt. Dafür sorgten anfangs die Kumpels selbst, und später schob die mächtige Bergarbeitergewerkschaft hier einen Riegel vor. Kein Besitzer hätte es gewagt, einen Chinesen unter Tage anzuheuern. 94
Nicht wenige Chinesen arbeiteten als Köche in den Restaurants oder als Hausdiener. Sie waren billiger und zuverlässiger als weiße Männer. Es gehörte zum alltäglichen Bild der Stadt am Sun Mountain, daß Chinesen mit einem Bündel auf dem Rücken durch die Straßen trippelten und das außerhalb gesammelte Feuerholz zum Verkauf anboten. Feuerholz war knapp und sehr begehrt. Besser situierte Chinesen betrieben Wäschereien, Trödelläden und Kolonialwarengeschäfte. In der Territorial Enterprise stand auch, daß der chinesische Wäscher, der über Holmes' Leiche gestolpert war, Wang-fei hieß. Der Professor zog Erkundigungen ein und erfuhr, daß der Mann hauptsächlich für die Arbeiter der Dorado Mine wusch. Das war ein nützlicher Umstand, den der Professor und Olafson auszuwerten gedachten. Im China Town fragten sie sich nach der Live Fox Street durch. Das war eine winzige schmale und bucklige Gasse, die von der F-Street zur G-Street, nicht weit von der Mill Street, lief. Die wackligen Hütten, mit Menschen und Hunden überfüllt, standen eng nebeneinander. Olafson grinste. »Knöpft eure Taschen zu, Leute«, sagte er. »Die klauen hier wie die Elstern.« »Nicht alle Chinesen stehlen«, entgegnete Apatschen-Charlie. »Und nicht alle Weißen sind ehrlich«, fügte der Professor hinzu. »Wollen wir zusehen, ob unser Mann etwas weiß.« Wang-fei war mit zwei halbwüchsigen Kulis dabei, am Bach hinter seinem Haus Bergmannswäsche zu walken. Er blickte betroffen auf, als der Professor ihn nach dem Mord an Holmes auszufragen begann. »Wang-fei nichts gesehen«, beteuerte er. »Wang-fei nichts wissen.« Er klatschte verärgert in die Hände und jagte mit zischenden Lauten und heftigen Handbewegungen die beiden Buben weg, wie man Gänse verscheucht. Olafson zog die Stirn kraus. Er traute dem Gelben nicht, der offenbar Angst hatte. Wahrscheinlich wollte er nicht noch tiefer in den Fall hineingezogen werden, als es ohnehin schon geschehen war. 95
Denn es konnte ihm gar nicht recht sein, verständlicherweise, daß sein Name in der Zeitung stand. Es war keinem Chinesen anzuraten, sich in die Händel der Weißen einzumischen. Das Leben eines Chinesen galt noch weniger als das eines weißen oder roten Mannes, das immerhin noch den Schuß Pulver wert war, der es auslöschte. Olafson beschloß, Wang-fei unter Druck zu setzen. »Beim Tempel«, sagte er scheinheilig, »steht eine Statue, die einen dicken lächelnden Mann darstellt. Weißt du, wer diese Gestalt ist?« Wang-fei legte die Hände zusammen und neigte den Kopf. »Es ist Kwan-yin.« »Und wen stellt Kwan-yin dar?« »Den Gott der Barmherzigkeit.« »Okay, Wang-fei. Wenn du willst, daß auch wir zu dir barmherzig sind, dann denke gut über das nach, was ich dir sage. Du kennst Mr. Anderson, nicht wahr?« Wang-fei machte devoten Kotau. »Gewiß, Mistel. Ganz sichel. Hochwohlgebolen Anderson big Boß in Dolado.« »Richtig. Und er ist ein guter Freund von mir. Ein sehr guter Freund von mir, du verstehst. Ich gebe dir drei Tage, dich zu besinnen. Höchstens drei Tage, klar? Falls dir in dieser Zeit nicht etwas einfällt, was uns weiterhilft, könnte es gut sein, daß sie in der Dorado Mine keine Verwendung mehr für deine mucklige Waschanstalt haben, weil ein anderer Laundryman die Arbeit besser macht. Hast du verstanden?« Wang-fei begann zu schwitzen. Quälende Angst hockte ihm im Nacken. Er verlegte sich aufs Zetern. Als es nichts nutzte, glitt ein Schatten hilfloser Traurigkeit über sein eckiges Gesicht. Es war offensichtlich, daß er sich vor etwas fürchtete. Der Professor hatte Mitleid mit ihm. Er beschloß, an die menschliche Empfindung des kleinen gelbhäutigen Mannes zu appellieren und ihm dafür zugleich Achtung zu zollen. »Sehen Sie, Mr. Wangfei«, sagte er sanft, »es geht um ein Menschenleben. Ein Mann sitzt 96
im Gefängnis unter Mordverdacht, und die Geschworenen werden ihn wahrscheinlich schuldig sprechen. Wollen Sie seinen Tod am Galgen verantworten, falls Sie etwas wissen, das den Beschuldigten entlasten kann?« Wang-fei wand sich. Olafson stieß nach. Schließlich hob der Wäscher seufzend die Hände. »Okay, Mistel. Ich will Umflage halten nach einem chinesischen Mann.« »Was für einen Mann?« Sie erfuhren, daß es vielleicht, wie man im Chinaviertel hören konnte, einen Mann gab, der über den Tathergang etwas beobachtet hatte. »Und wie heißt der Mann?« Wang-fei hob die schmalen Schultern und ließ sie nach einer Weile wieder sinken. Er wirkte erbärmlich schmalbrüstig in diesem Augenblick. Olafson packte ihn mit seinen riesigen Pranken an der Kutte. »Warum hast du das nicht dem Marshal gemeldet«, herrschte er ihn an, »damit man Nachforschungen nach dem Zeugen anstellt?« Wang-fei verbeugte sich, soweit es ihm in dieser Lage möglich war, demütig. Selbstverständlich wollte er möglichst aus der Sache heraus bleiben und auch den Kuli, falls er überhaupt existierte, nicht mit hineinziehen. Es wäre nicht das erstemal gewesen, daß sie einem Chinesen irgendein Verbrechen anhängten, nur weil es sich ganz bequem so ergab. Der Professor redete Wang-fei noch einmal ins Gewissen, auf jeden Fall den Kuli ausfindig zu machen. Immerhin: Hier zeigte sich vielleicht ein Lichtblick. »Denk an deinen dicken Gott Kwan-yin!« schärfte Olafson dem gelben Mann noch einmal ein. Er wußte, daß er einen vor Angst bebenden Menschen zurückließ. Aber es ging schließlich um das Leben von Tom McFarlan. Und falls dieser gelbe Bursche etwas verschwieg, hatte er da nicht einen Denkzettel verdient? 97
Sie schickten McFarlan Essen und Tabak in die Zelle. Dazu eine Flasche Whisky, die Ben Dickson, ein vom Gambler bestochener Hilfssheriff, ihm zusteckte. Jetzt warteten sie darauf, daß etwas geschah. Sie warteten auch auf die Rückkehr von Julia Bullette. Denn sie waren sicher, daß die Lady für McFarlan eintreten werde. Wie sie das bewerkstelligen konnte, wußten sie freilich nicht. Aber sie wußten, daß die Silver Queen eine Größe in Nevada geworden war, mit der man rechnen mußte. Apatschen-Charlie saß mit finsterer Miene da. Er traute Julia am wenigsten zu. »Wenn's schiefgeht«, murmelte er, »holen wir Tom raus.« Jorge grinste breit. »Das ist mal eine gute Idee, Charlie. Und wie willst du das anstellen?« »Ich weiß es noch nicht. Aber sind wir nicht Männer genug? Notfalls stürmen wir das Court House. Von den Diggers im Camp geht eine Menge mit, da bin ich sicher.« Der Professor machte ein bedenkliches Gesicht. Er war mehr für Law and Order. Im Grunde vertraute er auf die Gerechtigkeit und ihren Sieg. »Willst du's auf eine Schießerei ankommen lassen, Charlie?« fragte er. »Es geht auch anders«, erklärte der Apatsche entschlossen. »Ins Court House komme ich rein, und mit den Hilfssheriffs werde ich fertig. Ihr müßt für ein Pferd und Proviant sorgen, das ist alles.« – Gambler Pete kicherte. »Das ist ein schöner Plan, Charlie. Aber ich habe einen besseren. Allerdings kostet er mich ein paar Dollar.« Olafson warf dem Gambler einen finsteren Blick zu. »Um ein krummes Ding bist du wohl nie verlegen, Pete, wie?« Der Gambler blätterte grinsend die Karten auseinander und ließ sie über den wackligen Kistenholztisch springen, wie Frösche zur Laichzeit über eine Wiese hüpfen. »Ben Dickson, Brewsters krautköpfiger Deputy, hat letzte Woche fünfundzwanzig Dollar an mich verloren und kann sie nicht zurückzahlen.« 98
»Und damit willst du ihn jetzt erpressen, wie?« warf ApatschenCharlie ein. »Warum so harte Worte für so 'ne schmierige Sache, Charlie!« entgegnete Arizona-Jack. »Weiter, Pete!« »Ich doch klar wie Gin, Jack. Wenn ich mit Bens Schuldschein winke, wird er weich und vergißt mal für 'ne Weile, auf das Schlüsselbund aufzupassen. Wir müssen nur warten, bis er Nachtwache hat.« »Warten wir erstmal, bis die Lady zurückkommt«, entschied der Professor. Im Augenblick wußten die anderen auch nichts Besseres vorzuschlagen. Die Wells-Fargo-Kutsche rumpelte zwischen Reno und Carson City über den Postweg. Julia hatte in San Franzisco erreicht, was sie erreichen wollte. Einige gutaussehende, nicht zimperliche Mädchen, die sie aus dem Nachtklub kannte, waren bereit, ihr nach Virginia City zu folgen. Wenn der Bau ihres Hauses, überlegte Julia, zügig vorankam, konnte sie im Frühsommer umziehen. Dann verfügte sie über einige Mädchen, die nicht zusehen wollten, bis sie dort landeten, von wo es für sie kein Zurück mehr gab. Julia wollte ihnen ein Stück verlorener Heimat ersetzen. Ihr neues Haus in der D-Street sollte in der Unruhe der Minenstadt von Washoe eine Heimstatt für alle Heimatlosen und Vereinsamten werden. Julia hatte begriffen, was in diesen Miners, Spielern, Fuhrknechten und Desperados vorging. War sie nicht auch eine von ihnen? Ein Mensch, der überm Abgrund balancierte? Eine Frau ohne Heimat und Ziel? McFarlan freilich! Tom McFarlan, aus dem sie nicht klug wurde, könnte ihrem Leben eine andere Richtung geben. Aber was war das für ein Mann, der sie anzog und zurückstieß, der auftauchte und wieder verschwand, ruhelos wie sie selbst? Aus den Augenwinkeln betrachtete sie Liza, die neben ihr saß: dieses junge, hübsche Mädchen, das sie aus der schäbigen Pension in 99
San Franzisco herausgeholt und kurzerhand mit nach Nevada genommen hatte. Sie fühlte sich verantwortlich für dieses scheue Wesen, das ihr in eine ungewisse Zukunft folgte. »Virginia City«, sagte Julia, »ist eine Stadt der Ratten und Kaninchen.« Liza, die mit zusammengepreßten Knien dasaß wie eine Puppe mit festgestellten Gelenken, hob den Kopf. »Ratten und Kaninchen?« wiederholte sie. »Gibt es Ratten in Virginia City?« Julia lachte. »Hast du Angst vor Ratten?« »Kaninchen sind lieb und Ratten eklig. Mögen Sie Ratten?« »Sie kämpfen um ihr Leben«, antwortete Julia, »genau wie wir. Und wie die Kaninchen. Sie schlagen sich ums Fressen, hocken in ihren Löchern, um zu verdauen und zu schlafen, kommen hervor, um sich durchzubeißen. Ratten sind wie Menschen, Liza. Und Virginia City ist eine Rattenstadt. Aber ich mag sie.« Liza schob eine blonde Locke, die sich immer wieder zusammenringelte, aus der Stirn. Sie warf Julia einen durchdringenden Blick zu – blitzend und mißtrauisch. »War mein Vater auch eine Ratte?« fragte sie spitz. Julia hatte den Kutscher gebeten, in der Nähe des Pahute Pools anzuhalten, damit sie Liza das Grab ihres Vaters zeigen konnte. Die Stauden der violetten und weißen Palmerglocken wucherten in wilder Schönheit rund um Derricks Felsengruft über dem Indianersee. »Jim Derrick«, erwiderte Julia, »war ein guter Mann, und ein tapferer Mann. Er ist an dem verfluchten Rattenleben kaputtgegangen.« Liza warf den Kopf zurück. »Ich will nicht wie eine Ratte vegetieren!« entgegnete sie. Julia nahm ihre Hand. »McFarlan und ich haben deinem Vater auf dem Sterbelager versprochen, für dich zu sorgen, Liza. Ich halte mein Wort, und auch er wird es halten. McFarlan ist ein guter und anständiger Mann, wie dein Vater einer war.« 100
Julia hatte in den letzten Tagen, ohne es eigentlich zu wollen, oft genug von McFarlan gesprochen. Liza blickte sie aufmerksam an. »Sie lieben ihn, nicht wahr? Liebt er sie auch?« Julia preßte die Lippen zusammen. Liebe, dachte sie. Was bedeutete dieses Wort in einer Welt des Glücksspiels und der Versuchung? Sie blickte durchs Fenster. Ein Rudel leichtfüßiger flüchtiger Antilopen rettete sich vor dem Gespann durchs Dickicht in die Steppe hinaus. Über Nacht war Regen gefallen, der erste Regen dieses Jahres. Schmutzige Wasserlachen spritzten unter dem Hufschlag der Gespannpferde auf. In großen Kolonien standen entlang dem ausgefahrenen Postweg die gut einen Meter hohen Stauden des Mormonentees. Seine Rispen sprühten leuchtend goldgelb aus den grünen Stengeln. Als sie in Carson City ausstiegen, um in die Kutsche nach Virginia City umzusteigen, stand Sam Hacket neben dem Korral und legte gerade einer Scheckstute den Sattel auf. Hacket blickte auf und lüftete den Hut. »Hallo, Ma'am«, sagte er. »Die Silver Queen höchst persönlich. Welche Ehre.« Sie lachte. »Wie steht's in Virginia City, Mr. Hacket? Ich bin gut vier Wochen nicht dortgewesen.« Er zuckte die Schulter. »Kann damit auch nicht dienen, Miß«, antwortete er verdrossen. »Bin die letzte Zeit nur zwischen Sacramento und Reno gefahren, und ein paar Fuhren nach Salt Lake City rüber.« Julia winkte ihm mit den Fingerspitzen zu. »Sobald Sie wieder die Washoe-Route fahren, Sam, kommen Sie mich mal besuchen. Vielleicht ist Tom auch da.« Hacket schnaubte. »Ich hatte gestern meine letzte Fuhre für die Wells Fargo, Ma'am. Sie haben mir den Stuhl vor die Tür gesetzt.« »Entlassen?« 101
»Rausgeschmissen, das kommt der Wahrheit näher, Lady.« Sie runzelte die Stirn. Ein Verdacht stieg in ihr auf. »Davidson?« fragte sie. »Hat etwa er damit zu tun?« In der Tat hatte Davidson, wie sie von Hacket erfuhr, bei der Direktion der Wells Fargo Beschwerde eingelegt und erreicht, daß sie den Kutscher wegen Despektierlichkeit gegenüber den Fahrgästen auf die Straße setzten. Über Julias Gesicht glitt ein Schatten. Wie hängt das nur zusammen? dachte sie betrübt. Zuerst McFarlan, der wegen ihr seinen Job in der F & G verlor. Und jetzt Hacket! Hatte sich Davidson seinerzeit auf der Paßstraße nach dem Indianerüberfall nicht vor allem deswegen geärgert, weil Hacket in Julias Beisein nicht den beflissenen Diener spielte? Warum, so fragte sie sich insgeheim, mußte sie der Anstoß sein, daß ordentliche, ruhige Männer Ärger hatten? Das wollte sie doch keinesfalls. »Tut mir leid, Mr. Hacket«, sagte sie. »Soll ich in dieser Angelegenheit was unternehmen?« Hacket winkte lachend ab. »Lassen Sie nur, Ma'am. Ist nicht der Rede wert. Der Job war mir ohnehin zuwider geworden.« »Und was haben Sie vor?« Er schwang sich in den Sattel. »Fürs erste reite ich eine Botentour nach Reno und zum Pyramid Lake. Grüßen Sie McFarlan, Miß. Sagen Sie ihm, daß ich in drei Tagen zurück bin und dann noch eine Weile in Mrs. Potter's Boardinghouse, Washington Street, zu erreichen wäre. Falls er in nächster Zeit mal nach Carson City kommt.« Er wendete sein Pferd und galoppierte davon… Die Sonne kroch eben als himbeerrote Scheibe hinter das Schneemassiv der Sierra, als die Schnellkutsche vor der Station in Virginia City anhielt. Der Lärm, der Rauch, der Auftrieb von Wagen und Reitern, das Gekläff der Hunde und das Chaos der Menschen hüll102
te sie ein. Julia atmete tief. »Das ist unsere Stadt, Liza«, sagte sie. »Deine Stadt.« Derricks Tochter hob das Gesicht in den frischen Abendwind, der durch die C-Street wirbelte und mit weggeworfenem Abfall spielte. »Die Stadt der Ratten und Kaninchen«, antwortete Liza. »Ist schon in Ordnung, Miß Bullette. Ich hoffe, Sie werden's nie bereuen, daß Sie mich aufgenommen haben. Jedenfalls werde ich mich nützlich machen, so gut ich kann.« Sie tippte ihr gegen die Schulter. »Sag Julia zu mir, bitte. Ich hör's lieber so.« »Gut, Julia. Wenn Sie mir ein bißchen helfen, werde ich mich schon zurechtfinden.« Julia blickte sich um. Die vorübergehenden Männer zogen respektvoll den Hut vor ihr. Sie gab den Gruß mit ein paar freundlichen Worten zurück. Andrew Zinneman, der Dandy aus Philadelphia, kam eben stockschwingend, einen Schlager pfeifend, mit einem gleichfalls nach dem neuesten Chic gekleideten und aufdringlich parfümierten Brasilianer aus der Horseshoe Bar. Zinnemans Gesicht war so vollständig mit Haaren und Bart überwuchert, daß Julia ihn nicht wiedererkannte. Aber er führte eine perfekte Begrüßungsschau auf – witzig, sprühend, schlagfertig. Er genoß es, mit der Silver Queen – wenn auch nur für zwei kurze Minuten – im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit zu stehen. Der Brasilianer interessierte sich auffällig für Liza. Julia trommelte ungeduldig mit den Fingerspitzen der rechten auf die Knöchel der linken Hand. Sie winkte zwei chinesische Lastträger herbei und beauftragte sie, das Gepäck in die D-Street zu schaffen. Tom Peasley, Captain der Young American Engine Company No. 1, kam gerade über die Straße. Die Männer der Freiwilligen Feuerwehr hatten einen verantwortungsvollen Dienst. Es verging kaum ein Tag, 103
daß nicht in irgendeiner Ecke der Stadt oder einem der zahlreichen Camps ein Feuer ausbrach. Vor vier Wochen hatte Julia den Männern der Brigade Bier und selbstgeschmierte Sandwiches gebracht, als in der Nachbarschaft auf einer Müllkippe ein Schwelbrand plötzlich durch aufkommenden Wind zu einem gefährlichen Feuer aufflammte. Seitdem besaß sie die ungeteilte Sympathie der Feuerwehr und ihres Hauptmanns. Captain Peasley erbot sich, einen Zweispänner zu beschaffen. Julia machte Liza mit Peasley bekannt. Sie zog es vor, ausnahmsweise zu Fuß zu gehen. »Wenn's Ihnen recht ist, Ma'am«, sagte Peasley, »begleite ich Sie ein Stück.« Dann rückte er mit der Neuigkeit heraus. »Phil Holmes ist tot«, sagte er. »Hinterrücks erstochen. Der Marshal hat McFarlan verhaftet.« Sie wollte es nicht glauben. »Tom unter Mordverdacht«, stammelte sie, »das kann nicht sein, Mr. Peasley. Das darf um alles in der Welt nicht wahr sein!« Und doch war es so! Peasley berichtete, was er darüber gehört und gelesen hatte. Ganz Virginia City sprach davon. Um der Territorial Enterprise den Rang abzulaufen, hatten die Gold Hill News eine völlig neue Geschichte gedruckt, die sich am Ende freilich als die alte herausstellte. Übrig blieb Tom McFarlan als einziger Verdächtiger, belastet von einem ehrbaren und höchst glaubwürdigen Zeugen namens Brendan, der im Dienst des höchst ehrenwerten und angesehenen Mr. Jake Malou von der F & G stand. Was also gab es da noch zu zweifeln? Wenn man den Gold Hill News glauben konnte, handelte es sich bei McFarlan um ein zwielichtiges Subjekt: Schläger, Spieler, Trinker, Raufbold, entlassener Offizier der US-Army, Revolver- und Messerheld übelster Sorte. Na, wer sagt's denn? Offenbar hatte Malou in der Zwischenzeit gut gearbeitet. 104
»In den nächsten Tagen«, berichtete Peasley, »findet die gerichtliche Voruntersuchung statt. Es sieht gar nicht gut aus für McFarlan.« Julia war wie benommen. Eine Weile ging sie schweigend neben Peasley her. Plötzlich blieb sie stehen. »Tun Sie mir einen Gefallen, Mr. Peasley?« »Versteht sich, Ma'am.« »Schicken Sie eine Nachricht nach Gold Hill ins Camp, bitte. Einer von McFarlans Freunden möchte heute abend noch bei mir vorbeischauen.« Pearson versprach, das sofort zu erledigen. Sie bedankte sich flüchtig und zog Liza mit sich fort. Die beiden chinesischen Kulis warteten mit dem Gepäck vor der Haustür. Susana hatte Julia und Liza durchs Fenster beobachtet. Sie öffnete, gab den Kulis den Trägerlohn und verriegelte die Tür. Julia nahm Liza bei der Hand. »Das ist Liza Derrick, Susana«, sagte sie zu der Mexikanerin. »Ich denke, ihr werdet euch gut vertragen.« Susana öffnete die nebeneinandergelegten Handflächen nach oben. »Cierto, Señorita. Seguramente. Willkommen in unserem Haus, Miß Liza.« Plötzlich warf sich Julia an Susanas Brust und Tränen tropften der dicken Frau auf die Schultern. Die Alte hielt Julia fest und patschte ihr auf den Rücken. Dabei gurrte sie sanft. Nach einer Weile hob Julia den Kopf und nickte. Sie hatte sich wieder in der Gewalt. Gegen acht kamen Olafson und der Professor. Was sie zu berichten wußten, klang wenig tröstlich. »Falls die Voruntersuchung ungünstig ausfällt«, sagte Olafson, »wollen wir Tom aus dem Gefängnis rausholen. Ist er erst mal frei, dann kommt er leicht nach Arizona runter und weiter nach Mexiko. Dort ist er in Sicherheit.« 105
Julia dachte darüber nach. »Vielleicht«, antwortete sie, »wäre das eine Lösung. Aber nur eine Notlösung. Ein freier Mann sollte sich vor keinem Kopfgeldjäger verstecken müssen, am wenigsten, wenn er unschuldig ist.« »Himmel und Hölle!« rief der Professor. »Das Wichtigste hätten wir beinahe vergessen.« »Du hast recht«, fügte Olafson hinzu. »Der Chinese!« Julia horchte auf. »Der Chinese?« »Sie müssen wissen, Miß Bullette«, fuhr der Professor fort, »daß wir dem Wäscher, der Holmes' Leiche fand, ein bißchen auf den Zahn gefühlt haben, um vielleicht noch was zu erfahren. Er sollte im China Town rumhören, und er hat rumgehört.« Julia hörte ungeduldig zu. »Nun spannen Sie mich nicht auf die Folter, bitte.« »Okay, Ma'am. Es gibt da einen jungen Burschen namens Lin-li, fünfzehn oder sechzehn Jahre alt. Er soll sich, wie unser Gewährsmann berichtet, zur Tatzeit hier in der Nähe herumgetrieben haben. Wahrscheinlich wollte er Hühner stehlen.« »Das kann sehr wichtig sein«, warf Julia ein. »Warum hat ihn der Marshal nicht vernommen?« »Das ist's ja eben. Wang-fei sagt, daß der Bursche seitdem verduftet ist, wahrscheinlich vor Angst, daß sie ihm einen Diebstahl anhängen.« »Oder«, fügte Julia mit erhobener Stimme hin, »weil er den Mörder erkannt hat und deswegen um sein Leben fürchtet.« »Sie meinen: Brendan?« »Warum nicht Brendan! Oder ein anderer von Malous Leuten, in dessen Auftrag. Ein Menschenleben mehr oder weniger kümmert diese Männer doch nicht.« Olafson fixierte sie durchdringend. »Das sagen ausgerechnet Sie, Miß Bullette?« »Mit Malou und seiner Gesellschaft«, entgegnete sie scharf, »habe ich nichts mehr zu tun, Mr. Olafson. Nehmen Sie das, bitte, zur Kenntnis.« 106
Er winkte ab. »Okay, Ma'am. Vergessen Sie's.« Julia dachte nach. Dann wandte sie sich an den Professor. »Haben Sie den Hinweis auf Lin-li bereits dem Marshal mitgeteilt, Sir?« Der Professor verneinte. »Wir haben es selbst erst erfahren, kurz bevor Captain Peasley uns verständigte, daß wir sie aufsuchen sollten. Wir dachten morgen ins Court House zu gehen und eine Aussage zu machen.« »Und wohin ist Lin-li ausgerissen?« Olafson kratzte sich hinterm Ohr. »Wang-fei behauptet, kein Mensch in China Town wisse etwas darüber, nicht mal Vater, Mutter, Onkel und Vettern, was ich bei ihrem Familiensinn für ausgeschlossen halte. Aber Lin-li hat einen Onkel in Carson City. Er betreibt dort das Red Dragon Restaurant.« »Dann werden wir den Jungen dort suchen«, sagte Julia entschlossen. »Vergessen Sie's vorerst, Gentlemen. Und bitten Sie auch Ihre Freunde, darüber zu schweigen, bis wir Gewißheit haben, daß es sich wirklich um eine heiße Spur handelt. Ich gehe morgen vormittag ins Court House und werde auch Tom besuchen. Wo kann ich Sie anschließend treffen?« »Wir fahren die Frühschicht bis zwölf, Ma'am.« »Gut. Sie hören morgen von mir.« »In Ordnung, Miß.« Unter der Haustür fügte sie hinzu: »Tom kann sich auf mich verlassen. Sagen Sie das auch Ihren Kameraden, bitte.« Vergebens mühte sich Julia in dieser Nacht, Schlaf zu finden. Wenn Brendan als Kronzeuge gegen McFarlan auftrat, überlegte sie, steckte selbstverständlich Malou dahinter. Und Malou war ein gefährlicher Mann, das wußte sie am besten. Sie hatte ihm, ehe sie nach San Franzisco fuhr, den Laufpaß gegeben. Sollte es damit zusammenhängen?
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In dieser Stunde betete sie. Murmelte törichte sinnlose Worte. Und versuchte sich Fragen zu beantworten, die sie nicht beantworten konnte. Warum war McFarlan überhaupt in den Mordfall verwickelt worden? Ihretwegen etwa? Aus Peasleys Andeutungen konnte sie es heraushören… Sie warf sich unruhig hin und her, stand auf, blickte zum Fenster hinaus in die Nacht und legte sich erneut nieder. Was auch immer geschehen war und noch geschehen würde: Sie wollte zu McFarlan halten und – wenn es sein müßte – mit ihm nach Arizona oder Texas oder Mexiko gehen. Dieser Gedanke tröstete sie ein wenig. Schließlich fiel sie erschöpft in Schlaf. Im Traum blitzten sie Malous goldgeränderte Brillengläser an. Sein verkniffenes Lächeln war von Schadenfreude erfüllt. Er schüttete mit beiden Händen Perlen, Ohrringe, Edelsteine und Goldketten über sie. Entsetzt hob sie die Hände, wollte schreien… Ihr Schrei erstickte. Malous Gelächter überflutete sie wie Donnergrollen. McFarlan stand abseits. Sie konnte sein Gesicht nicht erkennen. Es war in eine milchweiße Wolke gehüllt. Sie erkannte ihn am Anzug, an seiner Haltung und an seinen Gesten. Im Gürtel steckte sein Messer. Es war mit Blut besudelt… Schweißgebadet wachte sie auf. Liza stand vor ihrem Bett. Das Flackern des Kerzenlichts fiel über ihr Gesicht. »Ich habe Sie schreien hören, Julia«, sagte Liza. »Ist Ihnen nicht wohl?« Julia setzte sich im Bett auf. Verwirrt schüttelte sie den Kopf. »Danke, Liza. Es ist nichts weiter. Ich habe einen schrecklichen Traum gehabt, das ist alles. Geh nur schlafen.« Nachdem Liza gegangen war, warf sich Julia einen Morgenmantel über und trat ans Fenster. Hinter der Wüste, über den Ranges, breitete sich ein erster Dämmerschein aus. Er nahm rasch zu, lief über die Bergspitzen und tauchte sie in orangefarbenes Licht. Dann erhob sich der obere Rand der 108
wie flüssiges Eisen glühenden Sonne über den Bergkamm. Rasch stieg sie empor. Julia wartete ungeduldig, bis es hell wurde. Marshal Brewster bot Julia und Liza einen Platz an. Er wirkte höflich und bestimmt. Mit dürren Worten berichtete er, was die Untersuchung des Mordfalles Holmes ergeben hatte. Das alles klang wenig tröstlich. »Tut mir leid, Madam«, fügte er hinzu. »So wie die Dinge stehen, sieht's keineswegs gut aus für Mr. McFarlan. Aber ich will nicht vorgreifen. Dafür ist Richter Blake zuständig.« »Also Prozeß?« Brewster zuckte mit der Schulter. »Ich denke, daß die Geschworenen das letzte Wort haben werden.« Er wandte sich an Liza. »Bedaure, Miß. Wie ich höre, ist Mr. McFarlan ein Freund Ihres verstorbenen Vaters gewesen. Eine scheußliche Sache. Aber Sie entschuldigen mich jetzt, bitte. Ich hab' noch eine Menge zu tun. Und falls Sie den Häftling sprechen wollen, Ladies, steht dem selbstverständlich nichts im Wege.« Er winkte einem Hilfssheriff, der sie in den Zellentrakt führte. McFarlan saß auf dem Rand seiner Pritsche und rauchte eine Zigarre. »Hallo, Julia«, sagte er einsilbig und erhob sich ohne besondere Eile. »Das ist Liza Derrick«, sagte Julia. »Ich habe sie aus San Franzisco mitgebracht. Wir sind unterwegs am Pahute Pool ausgestiegen und haben das Grab ihres Vaters besucht. Apatschen-Charlie hatte recht. Man hat einen wunderschönen Blick nach Nevada hinunter, über die ganze Wüste.« Er betrachtete Liza mit schräggeneigtem Kopf. »Guten Tag, Miß Derrick. Ist kein schöner Anlaß, daß wir uns begegnen, wie?« Sie wirkte gehemmt, fast eckig. »Ich möchte mich bei Ihnen bedanken, Mr. McFarlan«, sagte sie, »daß Sie meinen Vater begraben haben.« 109
Er schüttelte unwillig den Kopf. »Unsinn, Miß! Wenn's anders gelaufen wäre, hätte er's für mich getan. Vielleicht habe ich auch nicht ganz uneigennützig gehandelt. Beim Richter liegt ein Vertrag für Sie. Ich habe einen Claim gekauft, der eigentlich Ihrem Vater gehört. Die Urkunde besagt, daß Ihnen die Hälfte des Gewinns zusteht und im Falle meines Todes das ungeteilte Besitzrecht. Ich hoffe, es ist in Ihrem Sinne.« Julias Herz krampfte sich zusammen. Sie klammerte die Hände um die kühlen Eisenstäbe. »Wir sind gestern abend angekommen, Tom«, sagte sie betreten. »Mr. Peasley hat uns erzählt, was geschehen ist. Olafson, der Professor und Apatschen-Charlie lassen dich grüßen.« »Bist du gekommen«, entgegnete er, »um mich zu fragen, ob ich Holmes erstochen habe?« Es klang frostig, abweisend. Seine Unfreundlichkeit überrumpelte sie. Impulsiv entgegnete sie: »Wärst du dann so dämlich gewesen, deinen eigenen Dolch in der Leiche steckenzulassen?« McFarlan schnippte Zigarrenasche zu Boden. »Brewster denkt es jedenfalls. Er meint, ich bin überrascht worden und abgehauen, ohne mein Messer mitzunehmen. Klingt ja auch ganz plausibel, wie?« »Laß uns nicht so miteinander reden, Tom«, bat sie. »Ich zweifle nicht daran, daß du unschuldig bist und Malou irgendeine Schweinerei ausgeheckt hat. Ich war Zeuge, als Malou drohte, dich fertigzumachen und werde darüber aussagen. Das ist bestimmt wichtig, Tom. Es wird, falls es zum Prozeß kommen sollte, den Geschworenen zu denken geben. Meinst du nicht auch?« In seiner Stirn gruben sich tiefe Falten ein. »Geschenkt, Julia. Was geschehen soll, geschieht. Aber damit du's nur weißt und damit Jims Tochter es auch weiß: Ich habe Holmes nicht getötet.« Sie schluckte. »Selbstverständlich nicht, Tom. Es wird sich herausstellen, davon bin ich überzeugt. Und damit auch Klarheit darüber herrscht: Es 110
war nichts zwischen Holmes und mir, absolut nichts. Sowenig wie mit Malou, auch wenn's anders scheint.« Er blickte sie aus zusammengekniffenen Augen an. »Ist das jetzt wichtig, Julia? Im übrigen habe ich kein Recht, danach zu fragen. Es ist deine Sache, denke ich.« »Es ist auch deine Sache«, entgegnete sie leicht gereizt. »Jedenfalls solltest du es gerade jetzt wissen.« Sie unterhielten sich eine Weile. Schließlich sagte Julia: »Wir haben in Carson City Sam Hacket getroffen, Tom. Die Wells Fargo hat ihn entlassen. Hacket meint, er möchte gern mal mit dir sprechen.« McFarlan nickte abwesend. »Ist ein anständiger Bursche.« Es schien, als grüble er über etwas nach. Dann hob er den Kopf. »Du könntest mir einen Gefallen tun, Julia.« »Selbstverständlich, Tom. Ich tue alles für dich, das weißt du doch.« »Ist nur eine Kleinigkeit. Vielleicht kann es Peasley erledigen.« »Ja?« »Was ich jetzt sage, ist vorläufig nur für euch beide, Sam und Arizona-Jack bestimmt, klar?« »Weiter!« »Hacket besitzt einen Claim, der an meine Bonanza im Coyote Hole anschließt. Er hat noch nicht zu graben begonnen. Aber ich fürchte, daß ihm das Lizenzbüro die Besitzrechte entzieht, falls er nicht bald mit der Arbeit anfängt. Nun sieht's so aus, als ob sich eine Quarzader durch die Schlucht zieht, unter Hackets und meinem Claim entlang. Eine ziemlich ergiebige Ader, vermute ich. Arizona-Jack und ich sind exakt an dem Tag, als die Geschichte mit Holmes passierte, auf Sulfid gestoßen. Schwarzblaues Silberquarz, mit Gold vermischt, und zwar nahe bei der Grenze zu Sam Hackets Claim. Das ist die Sachlage.« Julia nickte. »Ich verstehe. Du willst, daß Hacket nach Washoe kommt und zusammen mit Arizona-Jack gräbt.« 111
»Falls es stimmt, was ich vermute, werden wir auch an anderen Stellen fündig. Dann wär's nur vernünftig, die beiden Claims zusammenzulegen und gemeinsam auszubeuten. Es müßte sich lohnen. Das Geld für die Maschinen und Ausrüstungen wird sich schon beschaffen lassen.« »In Ordnung, Tom. Und was soll geschehen?« »Hacket muß rüberkommen, so rasch wie möglich. Am besten reitet Arizona-Jack nach Carson City. Tom Peasley soll ihn benachrichtigen.« Ein entschlossener Zug glitt um Julias Mund. »Ich werde das selbst erledigen, Tom. Und was das Geld für den Minenbetrieb angeht: Ich habe viel verdient und eine Menge gespart…« McFarlan fuhr mit der Zungenspitze über die obere Zahnreihe. »Das laß mal meine Sorge sein, Julia. Irgendwie werde ich das schon hinbringen.« »Und wie, bitte?« entgegnete sie spitz. »Ich kann zum Beispiel einen Geologen kommen lassen, einen Surveyor, der mir ein Gutachten macht. Darauf kriegt unsere Minengesellschaft bestimmt einen Bankkredit.« »Etwa von Davidson?« »Warum nicht von Davidson!« erwiderte McFarlan bissig. »Hast du auf einmal was gegen ihn?« Verärgert schüttelte sie den Kopf. »Dem bist du nicht gewachsen, McFarlan. Dem nicht. Das ist ein eiskalter Geschäftsmann.« »Hältst du mich etwa für dämlich?« »Nicht für dämlich, Tom McFarlan, aber für zu ehrlich und zu geradeaus. Du kennst die Schliche und Winkelzüge nicht, mit denen man heutzutage Geschäfte macht. Davon verstehe ich mehr als du, Tom. Und weißt du auch, warum?« Er zuckte die Schulter. »Weil ich raffinierter bin als du und mißtrauischer. Ich weiß, wie Davidson das anstellt. Er gibt dir einen Kredit, der etwas zu dünn ist. Wenn du investiert hast, noch einen. Dann 112
noch einen. Jedesmal verlangt er eine neue Sicherheit. Am Ende gehört ihm die Bonanza, und du hast das Nachsehen.« McFarlan warf den Zigarrenstummel zu Boden und trat ihn mit einer drehenden Bewegung aus, wie man ein lästiges Insekt zertritt. »Ach, lassen wir das jetzt«, sagte er wütend. Julia lief rot an. »Du bist ein Dickschädel, Tom McFarlan. Ein verdammter Dickschädel. Und wenn ich dir, falls die Bonanza ergiebig ist, ein Geschäft vorschlage?« Er kniff das rechte Auge zusammen. »Was für ein Geschäft?« »Ich finanziere die Ausrüstung und die Arbeiter. Dafür machen wir Halbe-Halbe.« »Soll das ein Geschenk sein?« An ihren Mundwinkeln kerbte sich eine tiefe Furche ein. »Hörst du neuerdings schlecht, McFarlan? Ich sagte, es handelt sich um ein Geschäft. Was Davidson recht ist, kann mir billig sein. Falls das Gutachten des Surveyors günstig ausfällt, treten Liza und ich als Teilhaber bei dir und Sam Hacket ein. Ihr die Hälfte, wir die Hälfte.« »Und wenn sie mich aufhängen«, fügte McFarlan hinzu, »wird Liza Derrick eine gute Partie. Denn dann hat sie meine beiden Viertel gratis. Okay, Julia. Falls das Gutachten positiv ausfällt, können wir drüber reden.« Liza rümpfte die Nase. »Was bist du nur für ein Mensch, Mr. McFarlan? Wie kannst du so reden! Sobald deine Unschuld erwiesen ist, wird man dich freilassen.« »Abwarten, Mädchen!« entgegnete McFarlan, nahm eine neue Zigarre aus der Schachtel neben der Pritsche, biß die Spitze ab, die er ausspuckte, und riß ein Zündholz an. Er paffte dicke Rauchwolken durch die Stäbe. Julia preßte den Kopf ans Gitter. »Wenn's schieflaufen sollte«, flüsterte sie, »werden deine Freunde dich hier rausholen, Tom. Das sollte ich dir noch sagen.« 113
Er fächelte eine Rauchwolke aus der Luft und küßte sie flüchtig auf die Stirn. »Abwarten, Julia«, sagte er. Er wollte sich umwenden. Ihre Augen sahen ihn fragend an. »Noch was, Miß?« Sie warf den Kopf zurück. »Falls Sie mal die Absicht haben sollten zu heiraten, Mr. McFarlan, dann vergessen Sie nicht, es mir vorher mitzuteilen. Könnte schon sein, daß ich eine Frau für Sie wüßte.« Sie drehte sich um und ging rasch hinaus. Auf der Straße sagte sie zu Liza: »Du hast mich gestern gefragt, ob ich ihn liebe, Liza. Ja, ich liebe ihn. Und ich werde zu ihm halten, was auch kommt. Wie gefällt er dir?« Liza antwortete nicht. Sie war von dieser Begegnung aufgewühlt. Nicht nur, daß sie noch nie ein Gefängnis besucht hatte. Nicht nur, daß dieser Mann ein Kamerad ihres Vaters gewesen war. Es gab noch einen anderen Grund, ohne daß sie sich darüber klar gewesen wäre. Eine Empfindung wundersamen Erstaunens durchflutete sie. Ein Gefühl, wie sie es bisher nicht gekannt hatte. Über ihr Gesicht glitt ein verträumtes Lächeln. Julia blickte sie von der Seite an, wie sie mit flatterndem goldschimmerndem Haar neben ihr herging – aufrecht, jung, selbstbewußt. Hatte sie nicht das Blitzen in McFarlans Augen bemerkt, als er Liza ansah? Sie schüttelte, verärgert über sich selbst, den Kopf. Wie werde ich eifersüchtig sein auf dieses Mädchen? dachte sie beschämt. Und doch war es Eifersucht, die sie unsicher machte, grundlose Eifersucht. Sie beschloß, Toms Auftrag selbst auszuführen. Es traf sich, daß die Suche nach Lin-li keinen Aufschub duldete. Sie ließ sich mit der Nachricht an Sam Hacket leicht verbinden. Für die Fahrt zum Court House hatte Julia im Pioneer-Stall einen Zweisitzer gemietet. Bislang stand ihr Malous Kutsche zur Verfügung. Man war es in Virginia City gewohnt, daß die Silberqueen kaum zu Fuß durch die 114
Stadt ging. Sobald sie eine geeignete Kutsche auftrieb, wollte sie das Gefährt und zwei schnelle Pferde kaufen. Sie ließ Liza einsteigen, ergriff die Zügel und jagte die Pferde die Union Street hinab. Ohne sich um den durch die Hauptstraße flutenden Verkehr zu kümmern, bog sie in die C-Street ein. Sie drehte sich nicht um, als Davidson aus seinem Büro herauskam und ihr zuwinkte. Vor dem Laden von Scholl & Roberts, die erst unlängst in der CStreet ein Waffengeschäft eröffnet hatten, hielt sie an. Die Männer, die auf den hölzernen Fußgängerstegen herumlungerten, reckten die Hälse. Sie alle kannten Julia Bullette und zogen den Hut vor ihr. Aber Liza, so jung und leuchtend blond: das war etwas Neues, Ungewohntes für Virginia City. Diese mädchenhafte Grazie und Unbekümmertheit verwirrte die Männer. Sie warfen ihr scheue Blicke zu. Julia nahm die Zügel kurz. »Kannst du mit einer Pistole umgehen, Liza?« fragte sie. Das Mädchen zögerte. »Vater hat's mir vor Jahren mal beigebracht, als er in Grass Valley Gold schürfte.« »Du warst in Grass Valley?« Liza nickte. »Vater hatte dort mit zwei Freunden eine gute Bonanza gefunden. Er mietete ein Haus, engagierte ein Kindermädchen und eine Hauslehrerin für mich und holte mich nach.« Liza lächelte versonnen. »Das war ganz eigenartig: dieses große Haus für mich allein, denn Vater arbeitete Tag und Nacht auf seinem Claim. Ich dachte damals, so müßte einer Märchenprinzessin zumute sein.« Julia warf Liza einen forschenden Blick zu. »Und wann war das in Grass Valley?« Liza besann sich. »Vor sechs oder sieben Jahren. Es war der Herbst, als Lola Montez dort auftauchte. Ich kann mich noch gut erinnern.« Julia nickte. »1853«, sagte sie. »Hast du die Montez gesehen?« »Sie trat im Theater auf. Vater nahm mich mal mit. Die Männer waren ganz verrückt nach ihr. Es war eine sehr schöne Frau. Man 115
sagt, sie sei die Geliebte des Königs von Bayern und eine richtige Gräfin gewesen.« »Ja«, bestätigte Julia, »sie war eine sehr schöne Frau.« Liza blickte überraschtauf. »Haben Sie sie gekannt, Julia?« »Ich war vorübergehend auch in Grass Valley«, antwortete Julia kurz angebunden. Sie sprach nicht gern von dieser Episode. Denn Lola Montez, die im Revolutionsjahr 1848 aus Bayern ausgewiesene Gräfin Landsfeld, hatte ihr eine Szene gemacht, eine widerwärtige Szene. Damals in Grass Valley war die Montez eifersüchtig gewesen auf die jüngere Julia Bullette. Patrick Purdy Hall, versoffener Ehemann der Montez, war hinter Julia her, wie er hinter allen Tanzgirls der kleinen Theatertruppe her war. Eines Abends stand die tolle Lola nach der Vorstellung mit ihrer Leibwache beim Ausgang. Sie gab Julia eine Ohrfeige. »Das ist«, sagte sie wütend, »damit du dich erinnerst, verheirateten Männern aus dem Weg zu gehen.« Noch heute empfand Julia diese Ohrfeige wie eine Demütigung. »Und warum«, fragte sie Liza, »hat dein Vater Grass Valley verlassen?« Über Lizas Gesicht glitt ein Schimmer schmerzlichen Bedauerns. »Ich glaube, es lag an Vaters Charakter. Er war ein Träumer, kein Rechner. Er hat Tag und Nacht gearbeitet, aber er konnte nichts daraus machen. Eines Tages stand er mit leeren Händen da. Einer seiner Kompagnons hatte ihn übers Ohr gehauen und war dabei Millionär geworden, mein Vater wieder mal zum Bettler. Außerdem hatten das Haus und das Personal zu viel verschlungen.« Julia fuhr sich über die Stirn. »Ja, ich verstehe. Nun gut, Liza. Das ist vorbei. Steig aus!« Sie band die Zügel am Geländer fest und ging mit Liza in den Laden. Der Verkäufer, ein junger Mann in grasgrüner Weste mit Stutzbärtchen, kam eifrig dienernd um die Theke herumgelaufen. »Sie haben einen Wunsch, Miß Bullette? Gern zu Ihren Diensten, Madam. Was darf's sein, bitte?« 116
»Eine Pistole, nicht zu groß und nicht zu schwer. Sie soll gut in der Hand liegen, keinen zu starken Rückstoß haben und treffen, nicht um die Ecke schießen. Kapiert?« Der Verkäufer schluckte. »Die Pistole soll für Sie sein, Madam?« »Für eine Dame jedenfalls.« Julia kaufte eine sechsunddreißiger Colt-London mit Griffschalen aus Rotholz und einer Blumengravur am Lauf, die Tasche aus weichem Karibuleder, dazu Zündhütchen und Patronen. Liza begriff das alles nicht. »Ich werd's dir später erklären, Liza«, sagte sie. »Komm!« Sie stiegen in die Kutsche ein. Julia lenkte den Wagen durch die C-Street, in die Taylor Street und bis zur Dorado Mine. Vor dem Eingang hielt sie an. »Wir müssen eine Weile warten«, sagte sie. »Geht's um McFarlan?« »Es geht um McFarlan«, antwortete sie. In der Nähe des Büros stand eine Schlange von Männern an. Sie traten einzeln an den Schalter. Der Kontrolleur notierte ihre Namen und gab jedem eine Nummer. »Sie suchen Arbeit«, sagte Julia, »und viele werden sie finden. Die Dorado hat vor drei Wochen eine neue Erzader angebohrt.« »Und die Frauen neben dem Tor?« Julia machte eine hilflose Handbewegung. »Manche Männer tragen den Lohn lieber in die Saloons und Spielsäle, als nach Hause. Ihre Frauen erwarten sie deshalb gleich hier.« »Und die Indianerinnen?« »Pahutemädchen. Die Männer kaufen sie von ihrem Stamm und machen mit ihnen, was sie wollen. Sie lieben, quälen und schlagen sie. Die Mädchen bleiben trotzdem treue Squaws. Sie wissen es nicht anders.« Nach Mittag spie der Schacht verschwitzte staubbedeckte Männer aus. Sie gaben ihre Marke ab, und der Grubenschreiber drückte ihnen den Lohn in die Hand. Vier Dollar je Schicht. Seit die Dorado mit der neuen Erzader fündig geworden war und mehr Arbeiter 117
brauchte, zahlte der Besitzer einen Dollar mehr. Es war abzusehen, wann die übrigen Minen nachziehen mußten. Die Miners wirkten müde. Schweiß perlte durch die Staubschicht, die ihre Gesichter zu Masken machte. »Es ist scheußlich heiß dort unten«, sagte Julia. »Je tiefer sie die Schächte bohren und die Stollen vortreiben, desto heißer wird es. Sie sind bereits auf sechshundert, sogar achthundert Fuß Tiefe angelangt. Sie werden auf tausend kommen, vielleicht zweitausend. Das ist eine verdammte Schinderei – bei Staub und Hitze, die Beine im Wasser, weil das Grundwasser durch den Fels drückt und sich auf der Sohle sammelt. Immer wieder stürzt ein Stück Decke ein und erschlägt den Mann, der gerade an dieser Stelle arbeitet. Wundert's einen, wenn sie sich ein Pahutemädchen suchen oder im Saloon ihr Geld vertrinken, sobald sie wieder heil nach oben gekommen sind?« Liza biß die Lippen zusammen. Julia strich ihr flüchtig übers Haar. »Okay, Mädchen. Nimm's dir nicht so zu Herzen!« »Die Ratten- und Kaninchenstadt«, antwortete Liza. »Waren Sie schon mal unten im Bergwerk?« »Vor einigen Monaten hat mich der Besitzer der F & G mal mit hinuntergenommen. Ich wollte sehen, wie die Leute im Stollen arbeiten.« Liza zögerte. »Sagten Sie nicht, Julia, daß auch McFarlan eine Zeitlang in einer Mine gearbeitet hat. Sind Sie deswegen ins Bergwerk eingefahren?« Julia warf die Lippen auf. »Es ist die Hölle dort unten. Eine Vier-Dollar-Hölle, und eine ganze Menge dieser Männer bleibt für immer unten, wenn der Stollen einstürzt. Aber vergiß es, Liza. Kein Mensch kann ein Leben lang mit düsteren Gedanken rumlaufen, ohne verrückt zu werden.« Julia entdeckte Olafson, der in einer Gruppe abgearbeitet aus dem Schachthaus schlurfender Männer mit dem Professor, ApatschenCharlie und Jorge über den Platz kam. Aus ihren maskenhaften Ge118
sichtern leuchteten die hellen Augen wie runde weiße Scheiben. Die Männer erkannten Julia und begrüßten sie. »Ich war bei McFarlan«, sagte sie. »Er läßt euch grüßen. Das hier ist Jim Derricks Tochter.« »Nett, Sie kennenzulernen, Miß«, sagte Olafson verlegen. »Gibt's was Neues, Ma'am?« »Tom hat einen Auftrag für Arizona-Jack, Mr. Olafson. Richten Sie ihm was aus?« »Versteht sich, Ma'am.« »Hat er ein gutes Pferd und Zeit für einen Tag?« »Das Pferd müßte er sich im Mietstall leihen.« »Gut. Sagen Sie ihm, er soll morgen kurz vor Sonnenaufgang am Gold Canyon auf mich warten. Ich bringe ein Pferd für ihn mit. Er kommt voraussichtlich erst in der Nacht oder am andern Tag zurück.« Olaf nickte. »Werd's bestellen, Ma'am.« Die Männer trieben im Strom der Bergleute dahin, der sie ins Camp schwemmte. Ihnen entgegen eilten die Gruppen der Miners, die zur neuen Schicht einfuhren. Zwischen ihnen hindurch fuhr Julia zum Mietstall hinüber. Sie gab die Kutsche zurück und wählte zwei Pferde mit Sätteln aus: einen Rotschimmel und einen Goldbraunen. Den Stallburschen beauftragte sie, die Tiere am nächsten Morgen eine Stunde vor Sonnenaufgang in die D-Street zu bringen. Zu Hause angekommen, stellte Julia hinterm Haus einige Bierflaschen auf eine Kiste und zeigte Liza, wie sie die Pistole handhaben mußte. Nach einigen Fehlschüssen traf Liza das Ziel. Klirrend spritzten die Glassplitter auseinander. »Sie reiten morgen mit Arizona-Jack nach Carson City, nicht wahr?« sagte Liza. »Ja. Du hast richtig vermutet.« »Und warum nehmen Sie nicht die Postkutsche?«
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»Dann weiß es auch Malou. Er hat überall seine Spitzel. Es ist besser, wenn Arizona-Jack und ich unbemerkt nach Carson City kommen.« Liza überlegte. »Ich verstehe, Julia. Sie wollen nicht nur Mr. Hacket benachrichtigen, sondern auch den Chinesenjungen ausfindig machen.« »Richtig. Und wenn Malou davon Wind kriegt, könnte es leicht sein, daß Lin-li eine Kugel im Kopf hat, ehe er auch nur ein Wort sagen konnte.« »Ist das auch der Grund, warum Sie eine Pistole für mich gekauft haben?« »Indirekt. Du mußt dich nicht ängstigen, Liza. Aber es ist besser, gewappnet zu sein. Jedenfalls möchte ich sichergehen.« Nach dem Abendessen nahm Julia den Reitanzug aus dem Schrank, um ihn auszubürsten und die Sporen an die Stiefel zu schnallen. Liza half ihr dabei. Nach einer Weile sagte sie unvermittelt: »Sie sind eine seltsame Frau, Julia.« »So, bin ich das?« »Verstehen Sie es bitte nicht falsch. Ich war fünf, als meine Mutter drüben in Nebraska von den Sioux getötet wurde. Ich kann sie mir kaum noch vorstellen. Trotzdem erinnern Sie mich an sie.« »Das ist nichts Besonderes, Liza. Kinder, die sehr früh ihre Mutter verloren haben, glauben sie in jeder Frau wiederzuerkennen. Es ist die Suche nach dem verschwundenen Glück.« Ein Schatten glitt über Lizas Gesicht. »Möglich«, sagte sie abweisend. »Schon möglich.« »Ich weiß, wovon ich rede, Liza«, antwortete Julia. »Als ich acht war, brannte meine Mutter mit einem mexikanischen Offizier durch. Sie war, wie wir viel später erfuhren, nach Veracruz gegangen. Trotzdem schwor ich wenigstens einmal jede Woche Stein und Bein, daß ich sie irgendwo gesehen hatte. Ich wollte einfach nicht wahrhaben, daß sie fortgegangen war und uns alleingelassen hatte.« Plötzlich warf sich Liza an Julias Brust. »Ich mache mir Sorgen um Sie«, sagte sie verwirrt. 120
Julia betrachtete sie aufmerksam. »Weil ich morgen reite?« Sie lächelte vergnügt. »Wirklich kein Grund vorhanden, Kleines. Ich habe schon als Kind tagelang im Sattel gesessen. Außerdem reitet ArizonaJack mit. Er ist McFarlans Freund und ein zuverlässiger Mann.« »So, wie Tom?« Wieder war dieses Licht in Lizas Augen! Julia wölbte die Lippen auf. »Anders als Tom. Aber ich denke, man kann sich auf beide verlassen. Jetzt soll uns Susana was zu essen machen. Du wirst Hunger haben, Liza.« Eine halbe Stunde vor Sonnenaufgang ritt Julia, den Zügel des ledigen Pferdes am Sattelknopf angehängt, die D-Street zum Gold Canyon hinüber. Als sie durch den in bleierne Müdigkeit versunkenen Randbezirk von Virginia City kam, hatte sie das Empfinden, daß ihr ein einzelner Reiter folgte. Sie konnte sich täuschen, aber ihr Mißtrauen war geweckt. Arizona-Jack wartete, wie verabredet, am Eingang von Gold Hill. Als Julia näherkam, trat er aus dem Schatten eines Baumes hervor. Er nickte Julia zu, schob sein Gewehr in die Scabbard am Sattel des ledigen Pferdes und stieg wortlos auf. Unterwegs informierte ihn Julia über Toms Auftrag und ihre Absicht, Lin-li ausfindig zu machen. Außerdem sprach sie die Befürchtung aus, daß Malou sie möglicherweise beobachten ließ. »Wenn's so ist«, sagte Arizona-Jack, »nehmen wir am besten nicht den Postweg. Ich kenne einen wenig benutzten Bergpfad, Miß. Der Trail ist ein bißchen schmal, aber ganz gut. Sobald wir unten sind, können wir quer durch die Steppe reiten, eine Strecke den Turtle Creek entlang und durch das Gelände der Golden-K-Ranch. Einverstanden, Ma'am?« Er wartete ihre Antwort nicht ab, sondern setzte sein Pferd in raschen Trab. Inzwischen kam das Dämmerlicht herauf und zeich121
nete aus der Undurchdringlichkeit des Hochlandes zunehmend aufhellende Konturen heraus. Eine halbe Meile südlich von Gold Hill verließen sie die Straße. Ein schmaler überwucherter Pfad, mit Felsbrocken und Geröll bedeckt, führte in Windungen abwärts. »Lassen Sie die Zügel lang, Ma'am«, sagte Arizona-Jack. »Die Tiere kennen sich aus und finden den Weg allein besser.« Rasch war die Sonne über den Horizont gestiegen. Als Julia den Blick emporrichtete, beobachtete sie ein Goldadlerpaar, das hoch um den Sun Mountain seine Kreise zog – lautlos auf kaum bewegten Schwingen dahinsegelnd. Voraus schlug trällernd ein Rosenfink an. Julia sah ihn einen Augenblick lang auf einer Limber-Pinie sitzen. Sein Wangenfleck unter der braunen Kopfplatte leuchtete auffallend weiß. Der Vogel plapperte laut und hastig, gelegentlich von einer hübschen Melodie unterbrochen. Aus der Tiefe des Mesa antwortete mit großem Eifer ein Felszaunkönig. Sein schmetterndes Lied war weithin zu hören. Die Pferde setzten vorsichtig Tritt vor Tritt. Der Serpentinenweg führte über einen steilen offenen Hang talwärts. Stellenweise war der Pfad abschüssig oder mit nachrutschendem Geröll bedeckt. Die Tiere tasteten behutsam den Boden ab, ehe sie die Hufe aufsetzten. Nachdem sie ins Tal abgestiegen waren, ließen sie die Pferde ausgreifen. Die Nachtkühle wich sehr rasch, und die Wärme des sonnigen Morgens breitete sich aus. Ein starkes Rudel langschnäuziger Coatis vagabundierte vorüber. Die Nasenbären, gut fünfzig insgesamt, trugen ihre langen buschigen Ruten hochaufgerichtet wie Standarten. Eine Weile sah Julia ihnen zu, ehe sie in einem Buschwäldchen verschwanden. Sie ritten durch Mesquitesteppe. Hin und wieder wuchsen einzelne Felsgruppen aus der Hochebene. Als Arizona-Jack einen Blick rückwärts warf, knurrte er. »Wir haben einen Schatten, Miß.« »Also doch. Ich schwöre, das ist einer von Malous Leuten.« »Wir werden ihm eine Falle stellen.« 122
Sie ritten durch ein weites Feld orangeblühender Barrel-Kakteen. Nach einer halben Stunde erreichten sie den Turtel Creek, dessen Lauf sie folgten. Er führte in eine Schlucht, die allmählich tiefer und enger wurde. Zeitweise mußten sie hintereinander reiten. Nach etwa einer Meile erweiterte sich der Canyon, die Felswände traten zurück und bildeten ein großes Oval, das mit Steinblöcken übersät war. Tamarisken wucherten rechts und links. Arizona-Jack ritt mit Julia weiter am Bach entlang bis zum hinteren Ende der Erweiterung, ehe die Felswände wieder zu einer schmalen Schlucht zusammentraten. Hinter einem Vorsprung lenkten sie die Pferde durch ein Gestrüpp und ritten im Schutze einer Buschhecke zurück. Hinter einer Felsbarriere hielten sie an. »Hier können wir den Verfolger erwarten«, sagte Arizona-Jack. »Er wird annehmen, daß wir weitergeritten sind; denn unsere Spur führt drüben in das Gorge hinein.« Arizona-Jack zog das Gewehr aus dem Sattelfutteral und hielt es im Anschlag. Es vergingen nur wenige Minuten, bis näherkommender Hufschlag zu hören war. Als der Reiter die Einmündung des Canyons erreichte und die Hufspuren der beiden Pferde quer über den sandigen Boden zur anderen Seite laufen sah, nickte er befriedigt und ritt sorglos weiter. »Es ist einer von Malous Leuten«, flüsterte Julia. »Er heißt Stanton.« »Bleiben Sie hinter der Felsbarriere, Ma'am. Ich werde erst mal mit ihm reden.« Ehe der Reiter Galopp anschlagen konnte, kam Arizona-Jack mit erhobener Waffe hinter dem Felsen hervor und versperrte den Weg. Stanton zügelte sein Pferd und wollte zum Gürtel greifen. »Hände weg!« befahl Arizona-Jack unmißverständlich, legte den Zeigefinger an den Abzug und hob den Gewehrlauf an. Zorn sprühte in Stantons Augen. »Was soll das?« sagte er mühsam beherrscht. »Wer sind Sie und was wollen Sie von mir, Mister?« »Wer ich bin«, antwortete Arizona-Jack, »wissen Sie, und was ich von Ihnen will, können Sie sich wohl denken, Stanton, oder?« 123
Stanton spielte den Ahnungslosen. »Ist das die feine Art«, erwiderte er, »einen friedlichen Reiter zu überfallen?« »Und wohin soll's gehen, wenn man fragen darf?« Stanton zuckte die Schulter. »Spazieren.« »Einfach so, ohne festes Ziel?« »Ist das verboten?« »Nicht verboten, Stanton. Sie kennen doch diese Lady, wie?« Julias Rotschimmel tänzelte und stieg mit den Vorderhufen hoch. »Seit wann«, sagte sie spöttisch, »reiten Jake Malous Männer durch die Salzwüste spazieren?« Stanton machte eine verlegene Handbewegung. Er tat, als sei er freudig überrascht. »Tag auch, Miß Bullette. Wußte gar nicht, daß ich auf Ihrer Spur geritten bin.« Arizona-Jack grinste. »Aber jetzt wissen Sie's, Stanton. Und Miß Bullette hat's gar nicht gern, wenn ein Schatten an ihrer Fährte klebt. Also machen Sie gefälligst kehrt und suchen Sie sich eine andere Gegend aus!« Stanton wollte Widerstand leisten. »Sie können mir nicht befehlen«, maulte er, »wohin ich reiten soll, Mister.« Julia schnitt ihm das Wort ab. »Es ist klug, wenn Sie gehorchen, Stanton«, sagte sie. »Mit diesem Gentleman ist nicht gut Kirschen essen.« Stanton biß sich auf die Lippen. Er sah wohl ein, daß er den Kürzeren zog. Sein Blick verfinsterte sich. »Hüten Sie sich, Mann!« knurrte er, riß sein Pferd herum und trieb es in den Canyon zurück. Sie warteten, bis sein Hufschlag verklungen war. Erst dann ritten sie weiter. »Ob er uns folgen wird?« fragte Julia. Arizona-Jack nickte. »Ich bin sicher. Aber er wird vorsichtiger sein und größeren Abstand halten.« 124
Bei der Golden-K-Ranch stiegen sie ab und tränkten die Pferde. Tausende von Rindern weideten verstreut das dürre Gras und die harten Blätter der Salzbüsche. Einige Dutzend Cowboys waren damit beschäftigt, aus der Herde jene Tiere auszuwählen, die über die Sierra nach Kalifornien getrieben werden sollten. Arizona-Jack war selbst früher Cowboy gewesen. Er kannte Bill Craven, den Besitzer der Golden-K-Ranch, mit dem er vor Jahren in Wyoming geritten war. Und er kannte auch die Tragödie der Longhornrinder von Kalifornien, die vor gut zwanzig Jahren mit der Säkularisation der Missionen begann. Die spanischen Missionare hatten sich, was man auch sonst an ihrer Arbeit aussetzen mochte, um die Indianer und die Rinderzucht verdient gemacht. Als ein kalifornisches Gesetz die Klöster enteignete, begann der Massenmord an den Rinderherden. Fleisch gab es genug. Was mehr Geld brachte, waren Häute. Also gingen ganze Schiffsladungen rund um Kap Horn nach New York. Das Fleisch verfaulte auf den Weiden. In wenigen Jahren gab es in Kalifornien kaum noch Rinder. Der Preis für Rindfleisch stieg schwindelerregend. Und da ausgerechnet zu jener Zeit der große Goldrausch Zehntausende von Diggers nach Kalifornien lockte, stellte die Fleischversorgung ein ernsthaftes Problem dar. Anfangs halfen sich die Goldwäscher selbst. Binnen weniger Jahre hatten sie alles jagdbare Wild rund um die Camps abgeschossen. Die Hotels zahlten gute Preise für Katzenfleisch. Pferdesteaks waren zu einer Delikatesse geworden, und Hundefänger hatten einen einträglichen Beruf. Noch immer litt Kalifornien unter Fleischmangel. Wer Rinder liefern konnte, machte einen fetten Gewinn. Bill Craven ließ einen Treck zusammenstellen und den Longhorns das Brandzeichen der Golden-K-Ranch aufdrücken. Seine Cattlemen jagten mit ihren schnellen Pferden an der Herde entlang und schwangen die sechs, acht Meter lange Treibpeitsche aus geflochtenem Leder. Ihre Schläge knallten wie Gewehrschüsse. Nicht wenige dieser 125
Eisenhäute trugen lange Narben im Gesicht: Zeichen der wütenden Duelle, die die Cowboys untereinander mit diesen gefährlichen Peitschen austrugen. Arizona-Jack saß unruhig auf seinem Goldfuchs. »Verdammt schöne Tiere hast du, Bill«, sagte er anerkennend zu Craven. »Stehen fest im Fleisch. Das gibt drüben einen stolzen Preis.« Craven schnalzte mit der Zunge. »Die Sierra ist hoch, Jack, und die Küste weit. Letztes Jahr habe ich einen Treck gemacht und von achthundert Tieren hundertundvierzig verloren, davon allein achtzig durch einen Zyklon und dreißig durch verdorbenes Wasser.« »Okay, Bill«, antwortete Arizona-Jack. »Ich seh' schon, du wirst ein armer Mann dabei.« Craven lachte. »Du reitest mit der Lady nach Carson City, Jack?« »Erraten. Wahrscheinlich wird uns ein Bursche folgen, der sich Stanton nennt, mit 'nem Galgenvogelgesicht und tiefliegenden Augen. Reitet eine Schecke, die auf der rechten Hinterhand etwas unsauber geht. Vielleicht kannst du ihn ein bißchen zurückhalten, Bill.« Craven legte die Hand auf den Gewehrkolben. »By Jove, Jack. Werde ihn einladen, ein Glas mit uns zu trinken.« Sie kamen am späten Vormittag nach Carson City, und alles lief rascher und glatter ab, als sie es sich gedacht hatten. Im Boarding House von Mrs. Potter, Washington Street, erfuhren sie, daß Sam Hacket gestern abend aus Reno zurückgekehrt war. Er erschien auch bald auf der Bildfläche. Seine Freude, Julia und Arizona-Jack wiederzusehen, war ungekünstelt. Daß McFarlan wegen Mordverdachts im Gefängnis saß, erschütterte ihn zutiefst. »Verdammt 'ne scheußliche Geschichte. Was mich angeht, hat Tom wahrscheinlich recht, und es wäre tatsächlich besser, wenn ich mich erst mal um meinen Claim kümmere. Darüber wollen wir reden, Miß. Betreffs dieses chinesischen Burschen freilich sollten wir zu126
erst mit Old Pancake Comstock sprechen. Ich weiß zwar, wo der Red Dragon ist, war aber noch nie drin.« Julia horchte auf. »Henry Comstock? Ist er hier in Carson City?« »Gewiß, Madam. Er kam mit elftausend Dollar und hat sie in einem Supply Store investiert. Aber stellen Sie sich Old Pancake als Heringsbändiger und Hosenverkäufer vor! Das mußte ja schiefgehen.« »Hat er Pleite gemacht?« Hacket fletschte die Zähne. »Verkaufen Sie mal eine Bonanza, Lady, um Warenhausbesitzer zu werden, und Sie haben mehr alte Freunde im Liquor Shop, als Haare auf'm Kopf! Old Pancake mußte froh sein, daß ihm so 'n smarter Bursche aus Los Angeles die Schulden abnahm und dafür den Store umsonst hatte. Old Pancake steht mit leeren Händen da, Miß, und er küßt Ihnen die Füße, wenn Sie ihm 'nen Whisky spendieren. Aber lassen Sie sich nichts anmerken. Er ist da verdammt empfindlich.« Hacket führte sie einige Blocks weiter zum Comstock Store. Der jetzige Besitzer war so großzügig, Comstock im Hinterhof zwischen lauter Gerümpel in einer wackligen Bretterbude hausen zu lassen. Die Tür stand offen. Comstock lag ausgestreckt auf einer Heuschütte. Das Sonnenlicht fiel in schrägen Strahlenbündeln auf sein Gesicht. Mücken tanzten in Spiralen umher. Old Pancake schien leicht angetrunken, aber seine Gedanken waren klar. »Der Red Dragon! Klar kenn' ich den, Freunde. Hat Old Pancake, solange er in Carson City noch Kredit hatte, oft genug frequentiert. Das Ragout Pe-tsai mit Hammelfleischstreifen ist besonders zu empfehlen.« Er kicherte in sich hinein. »Dazu den Reiswein nicht zu vergessen! Die Kaschemme gehört Ku-jen. Sein Reiswein ist nicht schlecht. Aber notfalls schenkt er auch einen Bourbon aus.« Julia lächelte zustimmend. »Gut, Mr. Comstock. Also Pe-tsai mit Whisky im Red Dragon. Einverstanden?« 127
Comstock schien nicht sehr begeistert. »Sie wollen also diesen schlitzäugigen Burschen dazu bringen, Lady, den Mund aufzumachen? Ich sage Ihnen, so 'n gelber Teufel schlüpft Ihnen leichter durch die Finger, als eine Forelle ins Netz. Und falls Malou wirklich seine schmutzigen Pfoten mit im Spiel hat, woran ich nicht zweifle, wird er einen unbequemen Zeugen eher umlegen, als die Gefahr einzugehen, daß er plaudert.« »Und wie können wir das verhindern?« Comstock hatte eine brauchbare Idee: Sheriff Shultz. »Vor dem Sheriff«, sagte Comstock, »hat Ku-jen einen gewaltigen Respekt. Gehen wir rüber ins Polizeibüro und bereden die Sache.« Shultz, ein hochaufgeschossener Mann Anfang fünfzig, mit aschgrauem Haar und einem durchdringenden Blick, ließ sich berichten. Er saß reglos an seinem Tisch, auf dem ein Schachbrett stand. Offenbar war gerade eine Partie unterbrochen worden. Während Shultz zuhörte, betrachtete er die Stellung der Figuren zueinander. Nichts in seiner Miene verriet, was er dachte. »Kannst du uns helfen, Dudley?« fragte ihn Comstock, nachdem Julia ihren Bericht beendet hatte. Der Sheriff saß eine Weile vor dem Schachbrett, als überlegte er, welchen Zug er machen sollte. Ein schachspielender Sheriff, das war Arizona-Jack neu. Er rümpfte die Nase. »Ich hoffe«, sagte er ungeduldig, »daß Sie endlich einen Entschluß gefaßt haben, Sheriff.« Shultz hob mit spitzen Fingern die schwarze Dame hoch und versetzte sie nach der Seite. »Schach«, murmelte er und fügte nicht ohne Schärfe hinzu: »Ein Sheriff in der Hauptstadt von Nevada, der sich nicht jeden Zug genau überlegt, ist ein wirkungsloser Mann, Mister. Und sehr bald ein toter Mann.« »Auch wenn's nur um einen Chinesen geht?« »Der Chinese«, antwortete Shultz, »ist nur eine kleine Figur im großen Spiel. Aber einer der Könige heißt immerhin Jake Malou. Haben Sie das vergessen, Mister?« 128
Shultz verzog das Gesicht. Er beauftragte einen seiner Hilfssheriffs, Ku-jen herbeizuschaffen. Der Besitzer des Red Dragon, ein alter Herr in schwarzrotem Gewand, dessen Zopf hin und her pendelte wie das Perpendikel einer Standuhr, hörte mit undurchdringlichem Lächeln zu. Der Sheriff wußte, daß er Ku-jen in eine Zwangslage manövrierte zwischen Familienpflicht und Interessenkonflikt. Kein Chinese ließ einen Verwandten im Stich. Aber es kostete Shultz ein Fingerschnippen, und Ku-jen war seine Lizenz für den Red Dragon los. Shultz beschloß, ihm eine goldene Brücke zu bauen. »Hören Sie, Mr. Ku«, sagte er, »ich kann mir denken, wie Ihnen zumute ist. Falls wir richtig vermuten, unterdrückt Ihr Neffe wichtiges Beweismaterial für einen Mordfall, und Sie helfen ihm dabei. Das ist strafbar.« Shultz nahm einen Bauern vom Brett, warf ihn in die Luft und fing ihn wieder auf. »Ich weiß, was Sie erwidern wollen, Ku-jen. Wenn Lin-li nach Virginia City zurückgeht und dort aussagt, wird ihn der Marshal wahrscheinlich einsperren. Oder noch wahrscheinlicher: Der Mörder legt ihn um.« Ku-jen hatte die Arme vor der Brust gekreuzt. Nur die Fingerspitzen, die leicht vibrierten, verrieten seine Nervosität. »Was soll geschehen, bitte?« fragte er leise. »Ich mache Ihnen einen Vorschlag: Lin-li bleibt in Carson City. Sollte er sich strafbar gemacht haben, etwa wegen einem Diebstahl, so wird er nicht weiter verfolgt. Das kann ich verantworten. Vorausgesetzt, Ihr Neffe macht hier vor dem Richter seine Aussage zu dem Mordfall. Wir schicken das Protokoll nach Virginia City, und damit wäre die Sache für Lin-li erledigt. Einverstanden?« Ku-jen wußte, daß er keine andere Wahl hatte. Lin-lis Aussage vor dem Richter in Carson City brachte die Wende im Mordfall Holmes. Der Junge hatte an jenem Abend bei einem Nachbarn von Julia Hühner stehlen wollen – unter chinesischen Halbwüchsigen ein beliebter Sport. Lin-li lag auf der Lauer, bis es dunkel genug war, um in den Stall einzubrechen. Dabei beobachtete er zwei Männer, die 129
im Schatten eines Schuppens, gegenüber von Julias Haus standen und die Straße im Auge behielten. Bald darauf kam ein anderer Mann die Straße entlang. Es war Phil Holmes. Lin-li, der als Boy im International arbeitete, erkannte ihn zweifelsfrei. Die Männer schlugen Holmes nieder. Einer stieß ihm ein Messer in den Rücken. Dann schleiften sie ihn über die Straße hinter Julias Haus, wo sie ihn fallenließen. Hier gab es einen Trampelpfad, der den Weg zwischen der China Town und der C-Street abkürzte. Die Männer kamen, als sie Holmes auf das Grundstück schleppten, dicht an Lin-li vorüber. Er erkannte einen der Mörder: Brendan. Der andere trug ein Halstuch vor dem Gesicht. Lin-li wußte, daß Brendan zu Malous Männern gehörte, und ihm war klar, daß es einem kleinen Chinesenjungen nicht geraten schien, sich mit einem so mächtigen Mann wie Jake Malou anzulegen. Lin-li wartete eine günstige Gelegenheit ab, sich ungesehen aus dem Staub zu machen. Er lief nach Hause und erzählte seinem Vater, was geschehen war. Der sofort einberufene Familienrat entschied, den Jungen zu Onkel Ku-jen nach Carson City zu schicken, um ihn so aus der Sache herauszuhalten… Als Richter Blake im Court House von Virginia City die Voruntersuchung eröffnete, trug Brendan dreiste Zuversicht zur Schau. Lawyer Cole Woodward, den Julia gegen Toms Willen als Verteidiger engagiert hatte, ließ Malou als Zeugen laden. Der Besitzer der F & G Mine spielte den Beleidigten, als ihn Anwalt Woodward fragte, ob er von einem Komplott gegen Mr. McFarlan etwas gewußt habe. Brendans Anwalt, den Malou bezahlte, erhob Einspruch, und der Richter gab dem Einspruch statt. Brendan grinste breit. Julia Bullette sagt unter Eid aus, daß Malou eifersüchtig auf McFarlan gewesen sei und in ihrem Beisein geschworen habe, er werde McFarlan fertigmachen. Sie schloß daraus, daß sie Mr. Malou für fähig hielt, McFarlan einen Mord in die Schuhe zu schieben. 130
Wieder erhob Brendans Anwalt Einspruch, und auch dem gab Richter Blake statt. Brendan kicherte, und Malou ließ ein böses Lächeln sehen, das eisig wirkte wie Mondlicht auf einem Gletscher. Das Lächeln erstarb, als Anwalt Woodward das richterliche Protokoll von Lin-lis Aussage verlas. Brendan protestierte wütend. Malou fuhr mit kaum gebändigter, kalter Wut empor. »Euer Ehren«, stieß er scharf seine Worte aus, »wem glaubt man vor diesem hohen Gericht: einem hergelaufenen dreckigen Chinesenburschen, der für einen Quarter jeden Meineid schwört, oder diesem ehrlichen Mann, für den ich meine Hand ins Feuer lege?« Dabei deutete er auf Brendan. McFarlan grinste. Judge Blake wand sich. Er wollte es nicht unbedingt mit Malou verderben. Am Ende stand McFarlan als freier Mann auf der Straße, von seinen Freunden stürmisch begrüßt. Blake fällte einen salomonischen Spruch. Er ließ einfach den Tatverdacht gegen McFarlan fallen, ohne ihn gegen Brendan zu erheben. Marshal Brewster wollte sich damit nicht zufriedengeben. Er beschloß, Brendan zu verhaften. Aber er kam zu spät. Als Brendan merkte, wie der Hase lief, verließ er vorzeitig den Gerichtssaal. Seitdem blieb er verschwunden. Man sah ihn nach Südosten reiten, Richtung Walker Lake und Tonopah. Wahrscheinlich hatte er inzwischen die Grenze von Arizona überschritten und sich in Sicherheit gebracht. McFarlan war durch dieses Ereignis noch schweigsamer und verschlossener geworden. Seine Vermutung erwies sich als zutreffend. Die Erzader lief in beträchtlicher Dicke durch seinen und Hackets Claim. Sie gründeten eine Bergwerksgesellschaft, die Four Aces Mine. Er wählte diesen Namen, weil sie mit Julia und Liza vier Gesellschafter waren und Ju131
lias Wappen unter einem liegenden goldenen Löwen vier Asse zeigte. Denn neue