DIE ONTOLOGIE FRANZ BRENTANOS
PHAENOMENOLOGICA REIHE GEGR ÜNDET VON H.L. VAN BREDA UND PUBLIZIERT UNTER SCHIRMHERRSCH...
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DIE ONTOLOGIE FRANZ BRENTANOS
PHAENOMENOLOGICA REIHE GEGR ÜNDET VON H.L. VAN BREDA UND PUBLIZIERT UNTER SCHIRMHERRSCHAFT DER HUSSERL-ARCHIVE
172
ARKADIUSZ CHRUDZIMSKI
DIE ONTOLOGIE FRANZ BRENTANOS
Redaktionskomitee: Direktor: R. Bernet (Husserl-Archief, Leuven) Sekretär: J. Taminiaux (Centre d' etudes phenomenologiques, Louvain-Ia-Neuve) Mitglieder: S. IJsseling (HusserlArchief, Leuven), H. Leonardy (Centre d'etude s phenomenologiques, Louvain-laNeuve) , U. Meile (Husserl-Archief, Leuven), B. Stevens (Centre d'etudes phenomenologiques, Louvain -Ia-Neuve) Wissenschaftlicher Beirat: R. Bernas coni (Memphis State University), D. Carr (Emory University, Atlanta), E.S . Cascy (State University of New York at Stony Brook), R. Cobb-Stevcns (Boston College), J.F. Courtine (Archives-Husserl, Paris), F. Dastur (Universite de Nice), K. Düsing (Husserl-A rchiv, Köln), J. Hart (lndiana University, Bloomington), K. Held (Bergische Universit ät Wuppertal), K.E. Kaehler (Husserl-Archiv, Köln), D. Lohmar (Husserl -Archiv, Köln), W.R. McKenna (Miami University, Oxford, USA), J.N. Mohanty (Temple University, Philadelphia), E.W. Orth (Universität Trier), P. Ricoeur (Paris), C. Sini (Universitä degli Studi di Milano) , R. Sokolowski (Catholic Univcrsity of America, Washington D.C.), B. Waldenfels (Ruhr-Universität , Bochum)
ARKADIUSZ CHRUDZIMSKI Universität Zielona Gora. Polen und Universität, Salzburg, Osterreich
DIE ONTOLOGIE FRANZ BRENTANOS
KLUWER ACADEMIC PUBLISHERS DORDRECHT / BOSTON / LONDON
A c.I.P. Catalogue record for this book is available from the Library of Congress.
ISBN I-4020-1859-2
Published by Kluwer Academic Publishers , P.O. Box 17, 3300 AA Dordrecht, Tbe Netherlands . Sold and distributed in North, Central and South America by Kluwer Academic Publishers, 101 Philip Drive, Norwell , MA 02061, U.S.A. In all other countries, sold and distributed by KJuwer Academic Publishers, P.O. Box 322, 3300 AH Dordrecht , The Netherlands.
Printed on acid-free paper
All Rights Reserved © 2004 KJuwer Academic Publishers No part of this work may be reproduced, stored in a retrieval system, or transmitted in any form or by any means, electronic, mechanical, photocopying, microfilming , recording or otherwise, without written permiss ion from the Publisher, with the exception of any material supplied specifically for the purpose of being entered and executed on a computer system, for exclusive usc by thc purchaser of the work. Printed in the Netherlands.
INHAL TSVERZEICHNIS
EINFÜHRUNG 1. INDIVIDUELL UND ALLGEMEIN 1.1 1.2 1.3 1.4 1.5
Allgemeine Entitäten Tropen Inter-ind ividuelle und intra-individuelle Relationen Sachverhalte Mengen, Begriffe und Prädikate
5 6 12 21
29 30
2 . DIE ELEMENTE DER ARISTOTELISCHEN METAPHYSIK 33 2.1 2.2 2.3 2.4 2.5 2.6
Das ontologische Quadrat Substantiale und akzidentelle Eigenschaften Das Seiende im Sinne der Kategorien Das dem Vermögen nach und der Wirklichkeit nach Seiende Das Seiende im Sinne des Wahren Die Aristotel ische Intentionalitätstheorie
33 39 47 52 54
3.
BRENTANOS FRÜHER KONZEPTUALISMUS
60
3.1 3.2 3.3 3.4 3.5 3.6 3.7 3.8 3.9
Die frühen Studien zu Aristoteles (1862-1867) Das Seiende im Sinne des Wahren und das real Seiende Sub stanz und Akzidens Physische Teile des Seienden Logische Teile des Seienden Metaphysische Teile des Seienden Relationen , Grenzen und Kontinua Kategorien, Materie und Form Die Probleme der konzeptualistischen Auffassung
61 70
4.
DIE ONTOLOGIE DER "MITTLEREN" PERIODE
4.1 4.2 4.3 4.4 4.5 4.6 4.7
Bren tanos deskriptive Ontologie Eigenschaften und Begriffe Relationen Die Theorie der Teile in der Deskriptiven Psychologie (1890 /91 ) Die .Konstruierbarkeit" von Entitäten Die Ontologie der intentionalen Beziehung Der Ontologische Reichtum der mittleren Periode und der frühe Konzeptualismus
56
79 91
95 104 110 115 119
123 124 138 146 152 159 168 174
vi 5 . REISMUS
176
5.1 5.2 5.3 5.4 5.5 5.6 5.7
180 183 188 193 196 199
Sub stanzen und Akz ident ien Atome und Kontinua Relationen Die intentionale Beziehung Die Kateg orientafel Zurüc k zum Konzeptual ismus Die Phasen der konzeptualistischen Reduktion
177
S CHLUSSWORT
211
BIBLIOGRAPHIE
213
NAMENREGISTER
221
EINFÜHRUNG
Franz Brentano (1838-1917) ist dem breiten philosophischen Publikum in erster Linie als der Philosoph der Intentionalität bekannt. Es waren jedoch ontologische Probleme, die ihn am Beginn seiner Karriere besonders bewegten und denen er die letzten Jahre seines Lebens widmete. Auch in seinen deskriptiv-psychologischen und logischen Vorlesungen zögert Brentano nicht den ontologischen Fragen bezüglich Substanzen, Eigenschaften oder immanenten Objekten. Die demonstrativ antimetaphysische Problemstellung der Psychologie vom empirischen Standpunkt (1874) ist wahrscheinlich als eine strategische Maßnahme zu deuten, die der junge Brentano getroffen hat, um im entscheidenden Moment seiner Karriere in den Augen potentieller Gutachter möglichst wenig "scholastisch" auszusehen. I Heute braucht man auf solche Überlegungen nicht mehr Rücksicht zu nehmen. Deshalb soll im vorliegenden Buch explizit die Ontologie Brentanos in ihrer interessanten Entwicklung dargestellt werden. Es gibt drei große Perioden in Brentanos ontologischem Denken: Die frühe Periode (1862-1874) beginnt mit der Dissertation Von der mannigfachen Bedeutung des Seienden nach Aristoteles (1862), in der sich Brentano mit der Aristotelischen Kategorienlehre auseinandersetzt, und umfaßt wichtige (bisher unpublizierte) Vorlesungen zur Metaphysik, die Brentano seit 1867 in Würzburg hielt (Manuskript M 96). Diese frühe Ontologie konzentriert sich auf reale Dinge der Außenwelt. Alle bloß gedachten Objekte, die später für Brentano so wichtig werden sollen, werden in der frühen Periode in Anknüpfung an Aristoteles' Lehre als Seiendes im Sinne des Wahren klassifiziert und aus dem Interessengebiet der Ontologie ausgeschieden. Die mittlere Periode (1874-1904) beginnt mit der Psychologie vom empirischen Standpunkt (1874), in der Brentano die Intentionalität für die zeitgenössische Philosophie neu "entdeckt" und zugleich zum Definitionsmerkmal des Psychischen macht. In dieser Periode untersucht er in erster Linie diejenigen ontologischen Probleme, die in Zusammenhang mit seiner Intentionalitätstheorie stehen. Er beschäftigt sich daher besonders mit Entitäten wie immanenten Objekten, nicht-existierenden und zeitlich modifizierten Gegenständen, sowie mit Sachverhalten. Das in der frühen Ontologie diskreditierte Seiende im Sinne des Wahren wird in dieser Periode ontologisch ernst genommen und Brentano entwickelt eine sehr einflußreiche Ontologie der intentionalen Beziehung, deren Weiterentwicklung man bei Marty, Twardowski, Meinong und Husserl fmdet.
I Vgl. dazu Antonelli 2001, S.346-350. Münch betont diesen Anti-Ontologismus der Psychologie ß rentanos und will davon auf die Unhaltbarkeit jeder .ontotoglstcrenden" Interpretation des immanenten Objekts schließen. Vgl. M ünch 1993, S. 76-78.
A. Chrudzimski et al. (eds.), Die Ontologie Franz Brentanos © Kluwer Academic Publishers 2004
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EINFÜHRUNG
Die Philosophie der späten .reistischen" Periode (1904-1917) resultiert aus der Enttäuschung über die Theorie des immanenten Objekts, die Brentano in der mittleren Periode entwickelte. Brentano mußte feststellen, daß diese Theorie sehr viele kontraintuitive Aspekte hat, so daß er schließlich den Begriff des immanenten Objekts nicht nur als philosophisch unbrauchbar, sondern sogar als strenggenommen konzeptuell unmöglich betrachtete. Eine These des späten Brentano ist es, daß wir nur Begriffe von realen Dingen bilden können. Es gibt nur reale Dinge und wir können uns keine anderen Entitäten als solche Dinge vorstellen - behauptet er jetzt. In der bisherigen Brentano-Forschung wurde in erster Linie seine späte Ontologie untersucht. Von R. M. Chisholm, P. Simons und B. Smith stammen viele wertvolle Aufsätze zu diesem Thema. Die Betonung der späten Ontologie Brentanos entspricht gewissermaßen der Bewertung, welche die ersten Herausgeber des Brentano-Nachlasses (0. Kraus, A. Kastil, F. Mayer-Hillebrand) dem Werk Brentanos gaben .t Sie haben die späte Philosophie ihres Meisters als eine Art philosophische Offenbarung betrachtet, die früheren Phasen hingegen als "verfehlt", "unreif' oder "inzwischen überholt" diskreditiert. Zumindest vom historischen Standpunkt aus ist eine solche selektive Zugangsweise unakzeptabel. Die Ontologie der intentionalen Beziehung , die Brentano in seiner mittleren Periode entwickelte, wird gewöhnlich in erster Linie als Intentionalitätstheorie und erst dann als Ontologie betrachtet. Man konzentriert sich darauf, ob immanente Objekte (bzw . andere Entitäten) in der Intentionalitätstheorie eine erklärende Funktion erfüllen und ob die resultierende Intentionalitätslehre plausibel ist. Die Probleme des ontologischen Aufbaus dieser Entitäten bleiben normalerweise unberücksichtigt.' Die frühe Ontologie Brentanos stellt das Gebiet dar, das bisher am wenigsten erforscht wurde . Der Grund dafür liegt sicherlich darin, daß der ontologische Haupttext dieser Periode - die Würzburger Vorlesungen zur Metaphysik (M 96) immer noch unpubliziert ist. Lediglich der Aufsatz Baumgartner/Simons 1992/1993 und einige Kapitel des Buchs Antonelli 200 I behandeln etwas ausführlicher die Theorie der physischen, metaphysischen und logischen "Teile", die Brentano in diesen Vorlesungen entwickelte. Was in der Brentano-Literatur fehlt und was dieses Buch liefern will, ist eine 4 systematische Darstellung der gesamten Ontologie Brentanos. Es soll die drei Phasen der Brentanoschen Ontologie in ihrer komplizierten "Dialektik und Kontinuität" darstellen und zeigen, daß eine solche Darstellung nicht nur von einem ideengeschichtlichen, sondern auch von einem systematischen Standpunkt sehr interessant ist. Das Buch gliedert sich in fünf Kapitel. Die zwei ersten Kapitel dienen als eine allgemeine Einfiihrung . Wir wollen in ihnen die wichtigsten ontologischen Begriffe einführen, mit denen wir in diesem Buch ständig zu tun haben werden (wie z.B. allgem eine Entität, individuelle Eigenschaft, externe und interne Relation), sowie Vgl. z.B. die Einfüh rung von Franziska Mayer-H illebrand in Brentano 1977. Als Ausnahme sei Smith 1992/93 erwähnt. 4 Eine kurze Darstellung der Ontologie Brentanos in ihrer drei Phasen kann man in Chrudzimski/Sm ith 2003 finden. 2
3
EINFÜHRUNG
3
die grundlegenden Thesen der Aristotelischen Metaphysik kurz erörtern. Im dritten Kapitel wird die frühe Ontologie Brentanos besprochen. Diese Ontologie sieht auf den ersten Blick sehr Aristotelisch aus, letztlich stellt sie jedoch eine Version des Konzeptualismus dar. Im vierten Kapitel gehen wir zur mittleren Periode der Philosophie Brentanos über. Das war die Periode, die auf seine Schüler den größten Einfluß ausgeübt hat und die für die Wirkungsgeschichte Brentanos zweifelsohne die Wichtigste ist. Die Metaphysik, die Brentano zu dieser Zeit entwickelte, wird allerdings sehr selten genauer unter die Lupe genommen. Eine unserer Thesen wird sein , daß die reiche Ontologie der intentionalen Beziehung, die Brentano zu dieser Zeit entwickelte, aus der selbstkritischen Reflexion auf die Ontologie der frühen Periode resultierte. Im letzten Kapitel besprechen wir die reistische Ontologie des späten Brentano. Wir zeigen, daß sie zum großen Teil eine Rückkehr zum Konzeptualismus der ersten Periode darstellt. Sie ist deshalb keine vollständige Rückkehr , weil sich der Konzeptualismus des späten Brentano, im Gegensatz zum Kon zeptualismus seiner ersten Periode, auf eine ontologisch robuste Theorie der psychischen Akzidentien stützt. Ein wichtiger Punkt muß noch betont werden. In seiner Metaphysik wollte Brentano nicht nur die Theorie der allgemeinen Struktur des Seienden (Ontologi e im engeren Sinne) entwickeln, sondern auch Fragen der Theologie und Kosmologie beantworten. In diesem Buch werden wir uns jedoch auf die allgemeinen ontologischen Fragen konzentrieren und konsequenterweise nur denjenigen Teil seiner Metaphysik berücksichtigen, den Brentano Ontologie im engeren Sinne nennt. Es gibt viele Personen und Institutionen, ohne die dieses Buch nicht entstehen hätte können. Auf die Idee, mich mit der Philosophie Franz Brentanos zu beschäftigen, bin ich Mitte neunziger Jahre durch meinen Doktorvater, Prof. Guido Küng (Fre iburg / Schweiz) gekommen. Dank ihm konnte ich auch zum ersten Mal die Manuskripte Brentanos stud ieren. Besonders wichtig für meine Arbeit an diesem Buch war jedoch die Franz Brentano Forschung an der Universität Würzburg und ihr Leiter Prof. Wilhelm Baumgartner. Der Plan des Buchs ist während meines Aufenthalts in Würzburg (1999/2000) entstanden. Ich habe damals an dem Buch Intentionalitätstheorie beim frühen Brentano (Chrudzirnski 2001a) gearbeitet und wollte mich danach auf die späte Intentionalitätslehre Brentanos konzentrieren. Als ich jedoch versucht habe, diese in den Griff zu bekommen, mußte ich feststellen, daß dies ohne eine ernsthafte Auseinandersetzung mit seiner späten Ontologie kaum möglich ist. Auf der anderen Seite sah ich, daß eine interessante Kontinuität zwischen der sehr frühen und der späten Ontologie Brentanos besteht - eine Kontinuität, die oft unbemerkt bleibt, weil die frühen Vorlesungen zur Metaphysik Brentanos nur als Manuskript vorhanden sind . Allmählich habe ich begriffen, wie viele der interessanten ontologischen Ideen Brentanos unbekannt sind und wie viel ein Buch, das seine Ontologie in ihren verschiedenen Phasen darstellt, zum Verständnis seines Werkes beitragen könnte, so daß ich es schließlich als sinnvoller erachtete, mein nächstes Buch der Ontologie Brentanos zu widmen. Es war Wilhelm Baumgartner, der mich überzeugt hat, daß es sich nicht nur aus historischen Gründen lohnt, die Manuskripte Brentanos aus der Periode vor der Psychologie vom empiri-
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EINFÜHRUNG
sehen Standpunkt etwas genauer zu studieren. Er hat mir auch die von ihm edierte Version der Metaphys ik-Vorlesung (M 96) sowie den Briefwechsel Brentano-Marty zur Verfiigung gestellt. Ihm und seinen Mitarbeitern - Alexander Kraus und Andrea Reimherr - bin ich auch für unzählige erläuternde Hinweise zu diesen Editionen dankbar. Ohne diese Hilfe wäre das dritte Kapitel meines Buchs undenkbar. Meine Arbeit habe ich 2000-2002 an der Universität Salzburg fortgesetzt. Auch hier konnte ich, dank Dr. Johannes Brandl, die teilweise edierte Version eines wichtigen Manuskripts (Logik-Vorlesung , EL 72) benutzen. Ihm und Prof. Edgar Morscher möchte ich für die ständige Unterstützung sowie für Gespräche, die meine ontologischen Analysen in mehrfacher Hinsicht beeinflußt haben , danken. Einen besonderen Dank schulde ich Prof. Andrzej P öltawski (Krakau), bei dem ich vor Jahren meine Magisterarbeit geschrieben habe . Als Schüler von Roman Ingarden hatte er immer die Wichtigkeit einer deskriptiven Ontologie betont. Zugleich hat er aber die Legitimität einer systematischen Forschung anerkannt, welche eventuell zu einer Revision von prima facie plausiblen "deskriptiven" Thesen führen kann. Es scheint, daß der wahre Schlüssel zum Verständnis des Werks Brentanos eben im Zusammenspiel von diesen zwei Tendenzen liegt. Für die sprachlichen Korrekturen bin ich Dr. Johannes Brandl , Dr. Alexander Hieke , Dr. Wolfgang Huemer, Dr. Hannes Leitgeb und Dr. Anne Siegetsleitner dankbar. Dem Verlag Kluwer Academic Publishers und der Zeitschrift Brentano Studien danke ich für die Erlaubnis, einige Stellen von Chrudzimski 1998/99 und von Chrudzimski 2001 a in diesem Buch zu verwenden. Meine Arbeit wurde von der Alexander von Humboldt-Stifiung und vom Österreichischen Fonds zur Förderung der wissenschaftlichen Forschung (Projekte Nr. M 551 und M 642) gefördert. Nach der Danksagung kommt nun die Zeit für eine Entschuldigung. Um eine solche bitte ich meine Frau für alles, worauf sie bere it war, in Zusammenhang mit diesem Buch zu verzichten.
KAPITEL I
INDIVIDUELL UND ALLGEMEIN
Im ersten Kapitel wollen wir den allgemeinsten ontologischen Rahmen unserer Untersuchung skizzieren. Wir führen die wichtigsten Begriffe ein, mit denen wir später ständig hantieren werden. Wir beginnen mit dem ontologischen Problem, das am häufigsten mit der scholastischen Philosophie assoziiert wird - mit dem Problem der Universalien. Es handelt sich um die Frage, ob man in der allgemeinsten Analyse der Realität, die man heute dank der mangelnden Phantasie Andronikos' von Rhodos Metaphysik nennt, unbedingt allgemeine Entitäten einführen muß Entitäten, die als numerisch streng identisch in mehreren individuellen Gegenständen instantiiert werden können. Es gibt individuelle rote Dinge . Gibt es aber auch die Röte, d.h. etwas, was sie alle gemeinsam haben? Und wenn es solche Universalien gibt, welches ist ihre Natur ? In seiner Einführung zu den Kategorien des Aristoteles läßt Porphyrios diese Frage vorsichtig beiseite. Die Frage, ob sie [d.h. Spezies , Genera, spezifische Differenzen I Seinsbestand haben, oder allein in bloßen Gedanken liegen, und wenn sie denn wirklich sind, ob es Körper sind oder körperlose Wesen , und ob sie getrennt rein für sich (sind) oder nur in Wahrnehmb arem und in dessen Reich ihr Sein haben, darüber zu sprechen versage ich mir, da ein derartiges Unterfangen sehr in die Tiefe geht und weiterer, ausführlicherer Untersuchung bedarf [...J. (Porphyrios , Isagoge, I)
Die nachfolgenden Generationen von Philosophen betrachteten aber in der Regel gerade diese Probleme als die Spannendsten. "Er versprach darüber zu schweigen", kommentiert diese Stelle Boethius, "wir aber wollen bescheiden, mit dem Zügel der Mäßigung, eben das berühren." (Boethius, In Isagogen, S. 21) Ganz unabhängig davon, ob die Auffassung, die das Problem der Universalien als das Problem der mittelalterlichen Philosophie sehen will, historisch korrekt ist oder nicht , scheint es jedenfalls ein genuines philosophisches Problem zu sein, das in fast unveränderter Form auch heute den Spielraum bestimmt, in dem sich die wichtigsten metaphysischen Antagonismen bilden . Wenn man Universalien annimmt, stellen sich übrigens viele weitere Fragen. Entspricht ein Universale jedem Prädikat der Sprache.i d.h. nicht nur "positiven" Daß dieses Postulat in dieser uneingeschränkten Form paradoxe Konsequen zen nach sich zieht, ist wohl bekannt. Definieren wir z.B. das Prädikat ,,P' als ein Prädikat , das von allen Prädikaten prädi zierbar ist. die von sich selbst nicht prädiz ierbar sind. Der uneingeschränkten Form des radikalen Platonismus zufolge müßte diesem Prädikat eine Eigenschaft entsprechen , und zwar eine Eigenschaft E, die jeder Eigenschaft zukommt, die sich selbst nicht zukommt. Um zu verstehen , daß es keine solche Eigenschaft geben kann, müssen wir nur die Frage stellen , ob E sich selbst zukommt oder nicht? Solche, nach dem Muster des Russellschen Paradoxes konstruiert en Prädikate müssen also auf jeden Fall aus dem Wettbewerb ausgeschlossen werden . Auch unter dieser Einschränkung gibt es jedo ch genug Spielraum , um mehr und minder radikale Versionen des metaphysischen Realismus zu konstruie ren. Die klassischen Streitpunkte bilden Z.B. negative und disjunktive Eigenschaften . 5
5 A. Chrudzimski et al. (eds.), Die Ontologie Franz Brentanos © Kluwer Academic Publishers 2004
KAPITEL I
6
Ausdrucken wie "rot", sondern auch negativen ("nicht-rot"), konjunktiven ("rot und dreieckig"), disjunktiven ("rot oder grün") und relativen ("nördlich vom Kölner Dom")? Was sollen wir über die Prädikate der Art "mit a identisch zu sein" sagen , in denen .o" ein Eigenname ist? Entspricht auch ihnen ein Universale , das - paradoxerweise - gewissermaßen per definitionem nur durch ein einziges Individuum instantiiert werden kann ? In diesem Kapitel besprechen wir Argumente, die zur Annahme von allgemeinen Entitäten führen, sowie die Hauptpositionen, die die Existenz von Universalien ablehnen. Bei dieser Gelegenheit werden Begriffe einer allgemeinen Eigenschaft, einer individuellen Eigenschaft (eines Tropus), eines Sachverhalts, sowie das Problem der internen und externen Relationen kurz besprochen. 1 .1 ALLGEMEIN E ENTITÄ TEN
Metaphysische Realisten, die für die Existenz von Universalien argumentieren, behaupten, daß die Annahme dieser allgemeinen Entitäten für eine ontologische Analyse absolut unumgänglich ist. Sie berufen sich dabei auf ein paar typische Argumente , die gewisse Eigenschaften des Alltagsdiskurses beton en, welche die prinzipielle Unentbehrlichkeit der allgemeinen Entitäten nahelegen. (A) So wird oft behauptet, daß bereits die allgemeine semantische Theorie der Prädikation die Einführung der allgemeinen Entitäten erzwingt. Immer wenn wir eine Eigenschaft von einem Individuum prädizieren - sagt uns der metaphysische Realist - erkennen wir ein Verhältnis der Exemplifizierung (bzw . Instantiierung) an, das zwischen dem genannten Individuum und der entsprechenden Eigenschaft bestehen soll. Unsere Prädikation ist genau dann richtig, wenn dieses Verhältni s tatsächlich besteht. Der erste Schritt, der zur realistischen Position führt, besteht also darin , daß man neben der "normalen" Regel der Existenz-Generalisierung: (REG)
Fa :: (3x)(Fx) ,
die uns erlaubt, aus einem Satz, in dem von einem bestimmten Individuum a ein Prädikat "F' ausgesagt wird, auf die Existenz eines Objektes , das F ist, zu schließen, eine Regel der Existenz-Generalisierung höherer Stufe annimmt: (REG*)
Fa:::> (3j)(fa) .
Im Gegensatz zur Regel (REG), die uns erlaubt , aus dem Satz der Form "Fa" auf die Existenz von etwas , wovon man das Prädikat aussagt , zu schließen, legitimiert die Regel (REG*) eine Folgerung, die von der Form "Fa" zu einem Satz führt, der von der Existenz dessen, was man aussagt, spricht. Dieser Schritt suggeriert, daß nicht nur dem, wovon man ein Prädikat aussagt , sondern auch dem, was man dabei aussagt, gewissermaßen der Status einer Entität zukommt. " 6 Wir setzen hier die gegenständliche Interpretation der Quantoren voraus , die für Quine s Analy se der ontologischen Verpflichtungen mit dem Slogan: " Ta be is to be a value of abound variabl e" charakte-
INDIVIDUELL UND ALLGEMEIN
7
Die Regeln (REG) und (REG*) setzen natürlich voraus, daß die in Frage kommende Sprache bereits eine rudimentär "logisch geordnete" Sprache ist. Sie implizieren also nicht, daß man eine Entität für j edes Prädikat (und, wenn es darum geht, auch nicht für jeden nominalen Ausdruck) der Umgangsprache postuliert. Wer also keine negativen oder disjunktiven Eigenschaften annehmen will, kann Z.B. darauf bestehen, daß die Regeln (REG) und (REG*) erst dann Anwendung finden, wenn alle de re-Negationen der Umgangsprache als Satzjunktoren interpretiert werden , die keine semantischen Korrelate brauchen . Nicht allen Philosophen ersche int allerdings die Quantifizierung der Prädikatenvariablen als syntaktisch unproblematisch. Schon eine leicht philosophisch verdor bene Umgangssprache neigt dazu, die Form ,,Fa" in solchen Kontexten durch eine Form zu ersetzen, die zwei nominalen Ausdrücke durch ein mehr oder weniger technisches Relationswort verbindet. Die umgangssprachliche kopulative Konstruktion "a ist F-end" wird dabei als ein generalisierbares Vorbild betrachtet. (Vgl. z.B. Aristoteles , Hermeneutik, 20a 3, 2lb 9) Man ersetzt also die Form "Fa" (z.B. .Sokrates denkt") durch die Form : "a ist F-end" ("Sokrates ist denkend") oder "a exemplifiziert (instantiiert) F-heit" ("Sokrates exemplifiziert (instantiiert) Denktätigkeit") . Die Regel der Existenz-Generalisierung höherer Stufe nimmt in diesem Fall die folgende Form an: (REG**)
Fa :=J (:3x)(a .J x),
wobei die technische Bezeichnung " ..l" die Beziehung der Exemplijizierung markiert, die wir im gegenwärtigen Stadium der Analyse noch ontologisch neutral verstehen wollen . Sie ist eine Beziehung, die zwischen dem semantischen Korrelat von .a" und dem semantischen Korrelat von " F ' bestehen muß, wenn der Satz "Fa" wahr sein soll, und zwar unabhängig davon, was diese Korrelate (insbesondere das Korrelat von "F') sind. Diese Beziehung kann - je nach der konkreten ontologischen Theorie - eine Instantiierung einer allgemeinen Entität, ein Haben (als eines abstrakten Teils) einer individuellen Eigenschaft, das Gehören des Individuums zu einer Menge von Individuen usw . sein. Der metaphysische Realist spezifiziert jedoch die Regel (REG**), so daß die ontologische Neutralität verlorengeht. Diese ontologische Verstärkung hängt mit dem zweiten klassischen realistischen Argument zusammen. (B) Dieses Argument stützt sich auf die Beobachtung, daß man sehr oft von den Individuen die Identität der von ihnen gehabten Eigenschaften prädiziert. Wir sagen nicht nur: "Diese (bestimmte) Rose ist rot", wir sagen auch: "Sowohl diese (bestimmt e) Rose als auch diese (bestimmte) Tomate ist rot." Und wir folgern daraus, daß diese beiden Gegenstände dieselbe Farbe haben. Wichtig ist dabei , daß die Feststellungen dieser Art für unsere alltäglichen und wissenschaftlichen Klassifikationen von zentraler Bedeutung sind. Jede solche Klassifikation ordnet Gegenstände ristisch ist. Vgl. dazu Quinc 1948 und Quine 1960, S. 224 . Zur Kritik des Kriteriums Quines , auf die wir hier nicht näher eingehen werden , vgl. Lejewski 1955, Lejewski 1970, Lejewski 1985/86 , Prior 1971, S. 35-48, Geach 1951, Küng 1974, Künne 1983, S. 118-128, Alston 1958. Über ontolo gische Verpflichtungen vgl. auch Chrudzimski 2003 .
KAPITEL I
8
eben nach der Gleichheit und Verschiedenheit ihrer Eigenschaften. Die Eigenschaft der Alltagssprache, auf die sich dieses Argument bezieht, kann also keineswegs leicht marginalisiert bzw. eliminiert werden. Dem metaphysischen Realisten zufolge behaupten wir in den Sätzen, in denen man die Identität der Eigenschaften prädiz iert, nichts weniger als daß eine numerisch streng identische Entität in einem ganz buchstäblichen Sinne in mehreren Individuen vorkommt. Die entsprechende "Regel der strengen Identität" sieht folgendermaßen aus: (RSI)
Fa /\ Fb :» (:3x)(:3y)[(a .J x) /\ (b .J y ) /\ x=y).
Der metaphysische Realist nimmt konsequenterweise an, daß die semantischen Korrelate der Prädikate Entitäten sind, die als numerisch streng identisch in vielen Individuen vorkommen können . Solche Entitäten wollen wir allgemein nennen. Wenn wir die Relation des mereologischen Überlappens, die zwischen zwei konkreten Individuen a und b genau dann besteht, wenn a und b gemeinsame konkrete Teile haben, als "EB" bezeichnen, sieht die besondere, realistische Version der Regel (REG**) folgendermaßen aus:
Fa :» (:3x){(a .J x) /\
O( :3y) ( :3 z) [~(y
EB z) /\ (y.J x) /\ (z .J x)]) .
Die Regel sagt uns, daß wir aus dem Satz "Fa" auf die Existenz einer Entität schließen können, die erstens (i) durch a exemplifiziert wird und zweitens (ii) als identisch dieselbe von zwei konkreten Individuen exemplifiziert werden kann, selbst dann , wenn diese zwei Individuen keine gemeinsamen konkreten Teile haben (d.h., wenn sie mer eologisch disjunkt sind) . Wenn wir also die realistisch verstandene Exempl ifikation als ".J R" bezeichnen, dann gilt: (a
J
b) :=> O( :3x)( :3y)[~(x EB y) /\ (x .J b) /\ (y.J b»).
Die realistische Version der REG können wir jetzt folgendermaßen ausdrücken: (REGJ
Fa:=> (:3x)(a
J
x ),
Diese Regel erlaubt uns, aus dem Satz "Fa" die Existenz einer allgemeinen Eigenschaft , die durch das Individuum a exemplifiziert wird, zu deduzieren. Gewöhnlich werden Namen von solchen Entitäten durch die Suffixe ,,-heil", ,,-keit", ,,-schaft" gebildet. Die These des metaphysischen Realisten ist, daß die Form .Fx" generell als ,,x exemplifiziert F-heit" übersetzt werden kann . (C) Das dritte realistische Argument betont die semantischen Rätsel der sogenannten abstrakten individuellen Termini, wie "Röte" , .Farbe", "Freundschaft" (d.h. der Termini, die wir durch die Form .Fsheit" markieren) . Solche Termini hören wir - beziehen sich auf allgemeine Entitäten in einer ähnlichen Weise, wie sich "normale" Eigennamen auf konkrete Individuen beziehen. In dieser Weise können wir uns also auf allgemeine Gegenstände beziehen , und - die oben referierte
INDIVIDUELL UND ALLGEMEIN
9
Theorie der Prädikation vorausgesetzt - von ihnen andere allgemeine Gegenstände aussagen. Sagen wir etwa: "Die Röte ist eine Farbe", so beziehen wir uns auf ein Universale (Röte) und behaupten, daß dieses Universale ein anderes (höheres) Universale (Farbe) in einem gewissen Sinne instantiiert. Diese Instantiierung höherer Ordnung wird allerdings üblicherweise anders behandelt als die Instantiierung, die zwischen einem allgemeinen Gegenstand und einem Individuum besteht. 7 Denn wir bemerken, daß nicht nur die Röte, sondern auch ein rotes Ding die Eigenschaft Farbe involviert. Ein rotes Ding ist nämlich nicht nur rot sondern es ist auch farbig. Die Eigenschaft farbig-zu-sein, die durch ein rotes Ding exemplifiziert wird, kann natürlich nicht dieselbe Eigenschaft sein wie die Eigenschaft eine-Farbe-zu-sein, die von der Röte exemplifiziert sein sollte. Man kann allerdings die Frage stellen, ob wir tatsächlich beide Eigenschaften (jarbig-zu-sein und eine-Farbe-zu-sein) brauchen . Wenn wir bereit sind, neben der Relation der Exemplifizierung, die zwischen einem Gegenstand und einer von ihm gehabten Eigenschaft besteht, eine Relation des Enthaltenseins einzuführen, die zwischen den Eigenschaften "von verschiedenen Allgemeinheit" besteht, dann können wir auf eine dieser Eigenschaften (nämlich auf die Eigenschaft höherer Ordnung) verzichten. Wir können in diesem Fall nur mit einer Eigenschaft (Farbe) operieren , die von einem roten Ding exemplifiziert wird und die in einer roten Farbe (in einer Eigenschaft) enthalten ist. Die Begründung für den Satz: "Die Röte ist eine Farbe" läge nach dieser Auffassung nicht darin, daß das Universale Röte das Universale Farbe exemplifiziert, sondern darin, daß das Universale Röte das Universale 8 Farbe enthält . (D) Das führt uns zum nächsten realistischen Argument, das im Zusammenhang mit den Problemen der modalen Kontexte ("Es ist möglich/notwendig, daß...") formuliert wird. Im Rahmen der realistischen Position kann man die Verwendung von modalen Operatoren in einer einfachen Weise erklären, indem man sich auf die oben signalisierte Tatsache bezieht, daß Universalien zu anderen Universalien in verschiedenen Abhängigkeitsverhältnissen stehen (im Besonderen, wie im Beispiel mit den Eigenschaften Röte und Farbe, scheinen sie die höheren Universalien in einem gewissen Sinne zu "enthalten"). Wenn es also allgemeine Entitäten gibt, die als numerisch identisch durch mehrere Individuen instantiiert werden können, und wenn zwischen diesen allgemeinen Entitäten derartige quasi-mereologische Verhältnisse bestehen, dann können wir modale Wahrheiten nach einem verhältnismäßig einfachen Muster erklären: Notwendig: [Jedes Fist G] =Df. Die Eigenschaft F-zu-sein enthält die Eigenschaft G-zu-sein.
7 Lowe schreibt jedoch: ,,[1] take the species-genus relation to be the same as that between an individual and a sort or kind which it instantiates.", Lowe 1989, S. 37. Lowe unterscheidet jedoch scharf zwischen der Instantiierung von "Arten" ("Das ist ein Hund") und dem Haben von (akzidentellen) Eigenschaften ("Das ist weiß") . Darüber werden wir im nächsten Kapitel sprechen. 8 P1aton spricht von solchen Verhältnissen in seinem Phaidon , 104d I-lOSe!. Aristoteles in der Ersten Analytik interpretiert sie als die Beziehungen des .Enthaltenseins" zwischen den Begriffen . Vgl. ibid ., 2Sb 33-2Sb 40.
KAPITEL I
10
Möglich : [Ein Fist G] =Df. Die Eigenschaft F-zu-sein schließt die Eigenschaft Gszu-sein nicht aus (d.h. die Eigenschaft Fszu-sein enthält nicht die Eigenschaft nicht-Gszu-seini. Die metaphysischen Realisten bilden allerdings keine homogene Gruppe. Der Hauptunterschied betrifft die Stellung gegenüber den unexemplijizierten Universalien. Die Platoniker behaupten, daß die Existenz der allgemeinen Entitäten von der Existenz der sie exemplifizierten Individuen völlig unabhängig ist. Die Existenz der unexemplifizierten Universalien ist demzufolge zumindest logisch möglich . Als das Argument werden sehr oft (E) kontrafaktische Konditionale und (F) intentionale Kontexte angeführt . Sagen wir etwa: "Jeder Zentaur wäre notwendigerweise ein Halbmensch", so setzen wir, wie es scheint, nicht die reale Existenz eines Zentauren voraus. Wenn uns also die oben skizzierte realistische Erklärung in der Form: "Die Eigenschaft Zentaurheit enthält die Eigenschaft Halbmenschlichkeit" zugänglich sein sollte, müssen wir uns, wie es scheint, auch auf die nicht-exemplifizierten Eigenschaften (in diesem Fall auf die Zentaurheit) beziehen dürfen, was zu implizieren scheint, daß es solche Eigenschaften in einem gewissen Sinne doch geben muß. (Vgl. Plantinga 1974, Chisholm 1989) Es gibt auch Philosophen, die aus der bloßen Tatsache, daß man an einen Zentauren denken kann, auf das Vorhandensein der Eigenschaft Zentaurheit schließen , die in einer solchen intentionalen Beziehung mental erfaßt werde ." Der radikalsten Form des Platonismus zufolge muß jedem beliebigen Prädikat (einer entsprechend analysierten Sprache) ein Universale entsprechen . Diese Position nimmt also eine verstärkte Regel der Existenz-Generalisierung höherer Stufe an: (REGRP)
[(:Jx)(Fx) v
~(:Jx)(Fx)]
::) (:Jx)(x=F-heit).
9 Das für Platon charakteristische Argument " aus Wissenschaften" sagt, daß die Existenz der unveränderlichen Allgemeinheiten eine unentbehrliche Bedingung der Möglichkeit einer Wissenschaft darstellt. Das Argument hängt natürlich mit dem Bild der wahrnehmbaren Welt als eines beständigen Flusses, das Platon von Heraklit übernommen hat, sowie mit seiner Konzeption der Wissenschaft zusammen . Man kann aber bemerken, daß auch die Punkte (E) und (F) in dieser Denklinie mitspielen. Wenn eine Wissenschaft, um überhaupt Wissenschaft zu sein , von den Beziehungen zwischen den allgemeinen Entitäten (etwa nach dem Muster, das unter (D) angeführt wurde) handeln muß, dann kann sie sich auf die wahrnehmbare Welt (wenn überhaupt) nur in der Weise beziehen, daß sie kontrafaktische Kon ditionale formuliert. Nun hat Platon keineswegs alle Zusammenhänge der Wissenschaft mit der wahrnehmbaren Welt geleugnet. Für die mathematische Erkenntnis sind nach ihm z. B. die Bild er (Zeichnungen) von großer Bedeutung. Die sinnliche Welt soll also selbst bei Platon kognitiv erreichbar sein. Damit jedoch das Wissen über die Allgemeinheiten von der sinnlichen Erfahrung unabhängig sein könnte, muß der kognitive Zugang zu den Ideen keine Vermittlung durch die sinnliche Erfahrung involvieren. Einer der Wege, auf welchen dies gew ährleistet werden kann, ist die Annahme, daß in jeder intentionalen Beziehung auf ein (nicht unbedingt existie rendes) Individuum ein mentales Erfassen der entsprechenden allgemeinen Eigenschaft involviert ist. Im Fall der Beziehung auf einen Zentauren wäre es die Eigenschaft Zentaurheit. Die Intentionalitätstheorie dieser Art finden wir bei Chisholm. Vgl. Chisholm 1976 und Chisholm 1981.
INDIVIDUELL U N D ALLGEMEIN
11
In unserer (REG RP) beziehen wir uns auf eine allgemeine Entität durch einen abstrakten individuellen Namen .Fsheit", Das Suffix ,,-heit" fungiert dabei wie ein Operator, der aus einem prädizierbaren Satzteil einen Namen macht. Ein solcher Name - so der metaphysische Realismus - bezeichnet diejenige Entität, die ein ontologisches Korrelat dieses prädizierbaren Satzteils darstellt. Eine logisch transparentere Konstruktion erhalten wir mit Hilfe des sogenannten Lambda-Op erators . Vor jedem offenen Satz .Fx \XcX 3" .r ," dürfen wir einen solchen Operator "AxJXcX3' ''X;' schreiben, wodurch wir einen Namen der entsprechenden n-stelligen Relation erhalten :
Angenommen, der betreffende offene Satz enthält nur eine Variable (n=l), so erhalten wir den Namen einer monadischen Eigenschaft. Wenn der Satz in Klammem keine Variablen enthält (wenn er kein offener Satz ist, wenn n=O), erhalten wir den Namen einer Proposition. Unsere Regel nimmt im Fall, daß n=l (d.h. für die monadischen Eigenschaften), die folgende Form an: (REGRP)
[(3x)(Fx) v
~ ( 3x) (Fx )] :::J (3y)[Y=Ax(Fx)].
Wichtig ist allerdings, daß der Lambda-Operator intensional verstanden werden muß. Der Name "Ax(Fx)" bezieht sich auf eine intensional verstanden e Eigenschaft, die sich im Besonderen von der Menge derjenigen x, für die gilt, daß Fx, - d.h. von der Menge {x : Fx} - unterscheidet. Den folgenden zwei Eigenschaften : Pegasus-zusein und Zentaur-zu-sein entspricht dieselbe - nämlich leere - Menge. Als Eigenschaften sind sie jedoch verschieden . Eine gemäßigte Form der (REG RP) läßt nur widerspruchs freie Eigenschaften zu: (REG RP*) O(3x)(Fx):::J (3x)(x=F-heit) . Mit dem Lambda-Operator: (REG RP*) O(3x)(Fx ) :::J (3y)[y=Ax(Fx)]. Nicht alle metaphysischen Realisten glauben jedoch an unexemplijizierte Universalien. Neben den Platonikern gibt es auch Aristoteliker, nach denen die Existenz der nicht-exemplifizierten Universalien metaphysisch unmöglich ist. Die allgemeinen Entitäten können nach ihnen per definitionem nur in den Individuen existieren." Die Aristotelische Version der Regel der Existenz-Generalis ierung höherer Stufe sagt also, daß das entsprechend e Universale dann und nur dann existiert, wenn in der Welt ein Exemplar von ihm existiert: 10 In unserem Buch interpretieren wir die Aristotelische Lehre als eine Version des metaph ysischen Reali smu s. Wir sind uns aber bewußt, daß die Stellen, die diese Interpretation unterstützen, auch konzeptualistisch gedeutet werden können .
KAPITEL I
12
(REG RA )
(:3x)(Fx);: (:3x)(x=F-heit),
bzw .
(REG RA )
(:3x)(Fx) ;: (:3Y)[y="-x(Fx)]
d.h.:
[(:3x)(Fx) => (:3x)(x=F-heit)] 1\
[ ~(:3x)(Fx)
bzw.
{(:3x)(Fx) => (:3Y)[y=KX(Fx)]}
1\ {~(:3x)(Fx)
=> ~( :3x ) (x=F- h eit) ] => ~( :3Y) [y= "-x ( Fx)]}
Die Probleme der kontrafaktischen Konditionale und der intentionalen Kontexte müssen in diesem Fall in einer anderen , ontologisch weniger kontroversen Weise gelöst werden , was typischerweise dazu fuhrt, daß ein Aristoteliker zwischen den ontologisch verbindlichen, in den Dingen instantiierten Allgemeinheiten und den (eventuell sie erfassenden) begrifflichen Gebilden streng unterscheidet, wozu ein Platoniker im Allgemeinen nicht verpflichtet ist. Ein Aristoteliker kann dann behaupten, daß nicht allen Begriffen genuine Allgemeinheiten entsprechen. Das Problem, das er in diesem Fall zu lösen hat, ist natürlich, die ontologische Natur von Begriffen zu erklären. 1 .2 TROPEN
Philosophen, die die Existenz von Universalien ablehnen , die man gewöhnlich (obwohl etymologisch unrichtig) pauschal als Nominalisten bezeichnet, leugnen die Existenz von Entitäten, die als im buchstäblichen Sinne numerisch identisch in mehreren Individuen enthalten sein können . Es gibt - behaupten sie - nur Individuen, und alle unter (A)-(F) angeftihrten Probleme lassen sich im Rahmen der Welt, die nur Individuen enthält , perfekt erklären . Die nominalistischen Erklärungen verlaufen nach verschiedenen Mustern . In diesem Abschnitt besprechen wir die Auffassung derjenigen Philosophen, die zwar keine allgemeinen Entitäten zulassen , die jedoch individuelle Eigenschaften anerkennen. Solche individuellen Eigenschaften werden heute unter dem von Williams (1953) geprägten, zunächst etwas irreftihrenden Namen "Tropen" behandelt. 11 Ein Anhänger der Tropentheorie nimmt wie die Realisten an, daß jede Prädikation eine genuine Aussage über zwei Entitäten ist. Er nimmt also nicht nur die Regel (REG), sondern auch eine Version der Regel der Existenz-Generalisierung höherer Stufe an. Diese Regel ist insofern der (REGrJ ähnlich, als sie erlaubt, aus dem Satz ,,Fa" die Existenz eines ontologischen Korrelats von ,,F' abzuleiten, sie unterscheidet sich jedoch von (REG R) dadurch, daß dieses Korrelat nicht als eine allgemeine Entität verstanden wird. Wir haben bereits gesagt, daß wir (REG**)
Fa => (:3x)(a .J x),
11 Über die Schwierigkeiten der Tropentheorie. die wir in dies em Abschnitt behandeln, vgl. Chrudzimski 2001c und Chrudz imski 2002 .
INDIVIDUELL UND ALLGEMEIN
13
als eine neutrale Version der Regel der Existenz-Generalisierung höherer Stufe betrachten wollen. Diese Regel postuliert nur "irgendein" semantisches Korrelat des Prädikats; und jetzt sehen wir, daß sie in der Tat sowohl von einem ontologischen Realisten als auch von einem Anhänger der Tropentheorie akzeptiert wird . Die spezifische tropentheoretische Version dieser Regel können wir dadurch erhalten, daß wir die Voraussetzung der Möglichkeit einer mehrfachen Exemplifizierung , die der Realist macht, leugnen. Die Regel nimmt dann die folgende Form an : Fa :: (3x){(a .J x) /\
~O(3y)(3z)[ ~(Y
$ z) /\ (y .J x) /\ (z .J x))} .
Wenn Individuum a F ist, dann gibt es zwar eine Entität, die von a gehabt wird, diese Entität kann jedoch nicht von zwei Individuen gehabt werden, wenn diese zwei Individuen nicht überlappen (wenn sie mereologisch disjunkt sind) . Die Bedingung, daß y und z keine gemeinsamen konkreten Teile haben, ist wichtig. Im Besonderen, würde die Bedingung ,,~(y=z)" nicht reichen, denn es ist z.B. möglich, daß zwei verschiedene Individuen a und b dieselbe individuelle Eigenschaft haben, wenn diese Eigenschaft ihrem gemeinsamen Teil zukommt. (Sowohl ein Apfel, als auch seine Oberfläche haben dieselbe individuelle Röte . Sowohl ein Schwert, als auch seine Klinge haben dieselbe individuelle Schärfe USW.)12 Wenn wir die für die individuellen Eigenschaften charakteristische "einmalige" Exemplifizierung als ,,:i' bezeichnen, sieht die tropentheoretische Version der Regel der Existenz-Generalisierung höherer Stufe folgendermaßen aus: (REGTT)
Fa :» (3x)(a 3X),
wobei natürlich gilt, daß : (TI.I)
(a ;) b)::::>
~O(3x)(3y)[~ (x
$ y) /\ (y.J b) /\ (z.J b») .
Ein Anhänger der Tropentheorie nimmt also (im Gegensatz zum metaphysischen Realisten) an, daß zwischen den ontologischen Korrelaten eines Prädikats, die zu zwei mereologisch disjunkten Individuen gehören, nie das Verhältnis der Identität besteht, was wir das Prinzip der individuellen Verschiedenheit von Eigenschaften nennen können. Er muß darauf bestehen, daß jedes rote Ding eine individuelle Röte hat , die von der Röte jedes anderen Individuums individuell verschieden ist. Das Prinzip der individuellen Verschiedenheit von Eigenschaften soll allerdings von einem anderen Prinzip scharf unterschieden werden, mit dem es oft verwechselt wird. Es handelt sich um das Prinzip, das wir das Prinzip der Untransferierbarkeit von Eigenschaften nennen können. Dieses Prinz ip besagt, daß , wenn einem Individuum a eine individuelle Eigenschaft b zukommt, es unmöglich ist, daß es ein Individuum gäbe , das von a mereologisch disjunkt wäre und das die Eigenschaft b hätte . 12 In
Lehrer/McGee 1992, S. 43 finden wir das folgende Prinzip :
" O (\fq){ q is an individual qualit y ::::> O(\fx)(\fy)[(x has q & y has q) ::::> x and y overlap
mereologically]J ."
KAPIT EL I
14
(TI.2)
(a 3 b) ::::> ~O(3x)[~(x EB a)
1\
(X.J b)) .
Dieses Prinzip ist stärker als das Prinzip (TI.1). Es schließt nicht nur die Möglichkeit einer mehrfachen Exemplifizierung aus, sondern fordert auch, daß eine individuelle Eigenschaft b, die aktuell dem Individuum a zukommt , keinem anderen, von a mereologisch disjunktem Individuum zukommen könnt e, und zwar selbst dann nicht, wenn sie a nicht zukommen würde , ja selbst dann, wenn es das Individuum a gar nicht gäbe . Das Prinzip (TI.2) setzt also voraus , daß die individuellen Eigenschaften nicht nur nicht mehrfach exemplifizierbar sind, sondern daß sie darüber hinaus eine gewisse Zugehörigkeit zum Individuum, zu dem sie aktuell gehören, ontologisch eingebaut haben. Auf den ersten Blick sieht das Prinzip (TI.2) nicht unplausibel aus, bei genauerem Hinsehen erweist es sich jedoch, daß der Begriff einer individuellen Eigenschaft, der ontologisch interessant sind, die entgegengesetzte Voraussetzung involviert, nämlich das Prinzip der Transferierbarkeit von Eigenschaften : ( ~TI .2)
(a 3 bi
:» O ( 3x) [~(x EB a)
1\
(X .J b)) .
Die Unterscheidung von zwei Begriffen von individuellen Eigenschaften (von den untransferierbaren und transferierbaren Tropen) , die wir gerade machen , ist in der Tat sehr wichtig . Im Rahmen der ontologischen Analyse funktionieren nämlich diese zwei Typen von Eigenschaften sehr unterschiedlich und trotzdem werden sie in der zeitgenössischen Tropenontologie sehr oft systematisch vermengt. Der Tropenbegriff, der das Prinzip (TI.2) voraussetzt, entsteht auf einem sehr natürlichen Weg. Schon wenn wir eine individuelle Röte von einer allgemeinen Röte dadurch unterscheiden, daß wir sagen, daß es sich um dies e bestimmte Röte dieses bestimmten Individuums handelt, wird das Prinzip (TI.2) nahegelegt. Das Bild der Abstraktion, das dieses Prozeß als ein Außer-Acht-Lassen von irrelevanten Aspekten eines konkreten Individuums auffaßt, favorisiert ebenfalls dieses Prinzip . Denn was anderes können wir durch eine solche Abstraktion erhalten, wenn nicht einen (abstrakten) Teil eines bestimmten Gegenstands ? In diesem Fall scheint jedoch die Zugehörigkeit zu diesem Gegenstand in das Produkt der Abstraktion tatsächlich ontologisch eingebaut zu sein. Sogar im klassischen Aufsatz von Williams, in dem der Terminus "Tropus" in seiner metaphysischen Bedeutung eingeführt wurde, bedient sich der Autor bei der Erklärung dieses Begriffs mit dem Bild einer solchen Abstraktion. Nach Williams können wir uns die individuellen Eigenschaften als Produkt der Teilung eines individuellen Gegenstands vorstellen. Wir wissen alle, worin eine solche Teilung in konkrete, physische Teile besteht. Stellen wir uns jedoch eine feinere Technik vor, suggeriert Williams, durch die wir "dünnere" Teile gewinnen können. (Williams 1953, S. 115) Eben auf diese Weise gelangen wir zu den sogenannten abstrakten Aspekten eines Dings, die er "Tropen" nennt. Und schließlich scheint auch unser gesunder Menschenverstand gegen die Transferierbarkeit von Tropen zu sprechen . Was sollte das bedeuten , wenn ich sage, daß
INDIVIDUE LL UND ALLGEMEIN
15
eine individuelle Farbe , die ich habe, jemandem anderen zukommen könnte? Ändert die Annahme, daß ich eine andere Farbe habe, etwas an der Absurdität dieses Gedankens? Nehmen wir z.B. an, daß eine Tomate a aktuell rot ist, und betrachten wir den Gedanken, daß in einer kontrafaktischen Situation der Röte-Tropus r, der aktu ell einen abstrakten Teil der Tomate a bildet, einer anderen Tomate b zukommt. Um die Situation zu vereinfachen, nehmen wir an, daß in dieser kontrafaktischen Situation die Tomate a grün ist. Sie hat also anstatt des Röte-Tropus reinen GrüneTropus g . Nun nehmen wir an, daß eine gewisse Zeit später die Tomate a rot wird und die Tomate b in irgendeiner Weise (z.B. durch eine direkte Intervention Gottes) eine grüne Farbe bekommt. Was hindert uns dann, anzunehmen, daß die zwei Tropen rund g einfach ihre Plätze gewechselt haben, daß der Tropus r auf die Tomate a und der Tropus g auf die Tomate b gewandert sind . Sind jedoch solche "wandernden Aspekte" nicht einfach ontologisch absurd? Die Plausibilität des Untransferierbarkeitsprinzips sinkt jedoch abrupt, sobald wir uns auf die Aufgaben konzentrieren, die Tropen im Rahmen einer ontologischen Analyse zu erfüllen haben. Tropen sind als eine Schicht der ontologischen Struktur der Welt gedacht, die diese Struktur philosophisch verständlicher machen sollte . Ein Tropentheoretiker nimmt an, daß die Eigenschaften, welche den individuellen Gegenständen zukommen, selbst individuelle Entitäten sind, und will im Besonderen die Fragen beantworten, wie solche individuellen Eigens chaften zum Aufbau eines konkreten Individuums beitragen. Die klassischen Fragen lauten : Sind die konkreten Individuen bloße Bündel von Tropen, oder brauchen wir noch einen ontologischen Träger, der die Tropen "hat"? Wenn die konkreten Individuen Bün del von Tropen sind, was ist die bündelnde Relation? Ist sie im Russellschen Sinne "extern" oder wird sie durch die "absoluten Naturen" von Tropen mit Notwendigkeit impliziert? Sind alle Tropen mit "ihrem" Individuum mit Notwendigkeit verbunden, oder gibt es auch kontingente Tropen? Was man zunächst bemerkt, ist, daß unter Voraussetzung der Untransferierbarkeit alle diese Fragen trivialerweise zu beantworten sind . Unter der Voraussetzung des Prinzips (TT .2) ist es z.B. klar, daß die Tropenontologie kein zusätzliches Substrat braucht, das die Tropen verbinden würde , denn die Zugehörigkeit zu einem bestimmten Individuum ist in jeden Tropus bereits eingebaut. In diesem Fall ist es aber auch klar, daß die bündelnde Relation eine interne Relation im Sinne Russells ist - eine Relation, die dureh die "absoluten Naturen" von Tropen mit Notwendigkeit impliziert wird. Denn die Zugehörigkeit zu diesem konkreten Individuum (das sich uns jetzt als ein Bündel von Tropen präsentiert) ist - um es zu wiederholen - in j edem Tropus bere its eingebaut. Schließlich ist es ebenfalls klar, daß alle Tropen seinem Ind ividuum mit Notwendigkeit zukommen, denn sie wurden j a von vornherein als Aspekte dieses Individuums bestimmt. Diese Konsequenzen sollten uns gegenüber dem Prinzip der Untransferierbarkeit misstrauisch machen. Es scheint nämlich, daß wir Entitäten erhalten haben, die vom ontologischen Standpunkt völlig unbrauchbar sind . Und warum es dazu komm en mußte , können wir verstehen, wenn wir uns noch einmal auf das Bild der Abstraktion, das zum Begriff von untransferierbaren Tropen führt, konzentrieren. Abstrahieren heißt nach diesem Bild, die irrelevanten Aspekte eines konkreten Gegen-
16
KAPIT EL 1
stands außer Acht lassen. Abstrahieren wir in dieser Weise eine rote Farbe, dann konzentrieren wir uns auf sie, und lassen die anderen Aspekte des Gegenstands beiseite. Was wir allerdings dadurch erreichen, ist nicht die rote Farbe schlechthin (egal ob allgemein oder individuell), sondern vielmehr die rote Farbe mit der ganzen Struktur der Zugeh örigkeit zum jeweiligen Individuum . Die Tatsache ist also, daß jede so herauspräparierte Eigenschaft in Wirkl ichkeit die ganze ontologische Struktu r des konkreten Individuums bereits implizit enthält. Konsequenterweise gibt es keine Chance, daß diese Struktur mittels des Begriffs einer solchen Eigen schaft analysiert werden könnte . Ein wichtiger Punkt, der damit zusammenhängt , muß hier betont werden. Eine der Hauptthesen jeder Tropentheorie ist, daß wir in unserer Ontologie (zumindest) für jedes rote Ding einen Röte-Tropus brauchen.l '' Solche Röte-Tropen sind Entitäten, die sozusagen nur aus der Röte bestehen. Genauer genommen sind sie reine individuelle Rot-Aspekte . Im Fall der untransferierbaren Tropen beinhaltet diese Individualität eine Zugehörigkeit zu einem konkreten Ding und dadurch könnten die einzelnen untransferierbaren Tropen voneinander unterschieden werden . Was hingegen die transferierbaren Tropen betrifft, so gibt es in ihnen keine solche Zugehörigkeit und dementsprechend kein principium individuationis außer einer "bloßen" Individualität. Auch das Prinzip der Identit ät des Ununterscheidbaren gilt also für die transferierbaren Tropen nicht. Wir sehen, daß der Schritt, der alle ununterscheidbaren individuellen Aspekte in ein homogenes Universale schmelzen läßt, in der Tat sehr einfach ist. Dennoch sind es transferierbare Tropen, die ontologisch effizient sind . Wenn man ein konkretes Individuum in untransferierbare Tropen zerlegt, vollzieht man in Wirklichkeit keine interessante ontologische Analyse , sondern man "schneidet" das Individuum bloß in "sehr dünne Scheiben", von denen jedoch jede eine Struktur involviert, die ein ontologisches Fundament für eine Zuschreibung von Eigenschaften darstellt. Wie diese Struktur genauer aussieht , wird dadurch nicht gesagt. Ein Sachverhaltstheoretiker sagt, daß es sich dabei um eine propositionale Struktur handelt, ein Aristoteliker würde von Instantiierung einer Eigens chaft durch ein Substrat sprechen, viele Tropentheoretiker würden darauf bestehen, daß ein konkretes Individuum ein Bündel von Tropen ist. Um jedoch diesen Behauptungen einen ontologischen Inhalt zu geben - d.h. sie in eine artikulierte ontolog ische Theorie einzubetten - , müssen wir zu einem anderen Begriff einer individuellen Eigenschaft übergehen, und zwar zum Begriff eines transferierbaren Tropus. Solche Tropen haben keine eingebaute Zugehörigkeit zu einem konkreten Individuum. Im ontologischen Aufbau eines solchen Tropus finden wir nichts, was verhindern würde , daß er einem anderen Individuum zukommen könnte . Die Tropen, von denen wir jetzt sprechen, könnten also von einem anderen Individuum gehabt werden. Das vorausgesetzte Prinzip ist das (~TT.2). Wenn wir das Bild der Abstraktion als eines Außer-Acht-Lassens folgen wollen , können wir die transferierbaren Tropen als ein Produkt der Abstraktion "zweiter
D .Zumindest für j edes rote Ding", weil es auch Tropentheoretiker gibt, die dar über hin aus mögliche Tropen postulieren, was wir allerdings für einen Fehlschritt halten . Vgl. unten Fußnote 17.
INDIVIDUELL UND ALLGEMEIN
17
Stufe" betrachten . Die untransferierbaren Tropen erhalten wir, indem wir von den irrelevanten Aspekten "ihres" Individuums absehen. Um zu den transferierbaren Tropen zu übergehen, müssen wir noch zusätzlich davon abstrahieren, daß sie in dieser Weise abstrahiert wurden. Wir müssen die eingebaute Zugehörigkeit zu einem konkreten Individuum lösen und nur eine unbestimmte "Ungesättigtheit" behalten, die nur "irgendeinen" ontologischen Träger fordert und noch nichts über die ontologische Natur dieses Trägers aussagt. Das sind die Tropen, die ontologisch interessant sind. Bezüglich solcher Tropen kann man die Frage stellen, ob sie noch ein Substrat brauchen oder nicht. Man kann fragen, ob die Relation zwischen einem solchen Tropus und dem entsprechenden konkreten Individuum intern oder extern ist. Alle Entscheidungen dieser Art erscheinen jetzt als substantielle ontologische Thesen, die sie in der Tat sein sollten. Transferierbare Tropen involvieren, wie wir gesehen haben, viele kontraintuitive Aspekte. Sie sind schon ziemlich weit von dem intuitiven Begriff eines individuellen Aspekts eines Dings entfernt. Denn dieser intuitive Begriff ist eben der Begriff eines untransferierbaren Tropus. Die transferierbaren Tropen ähneln in vielen Aspekten eher den Universalien als den individuellen Aspekten, die mit ihren Trägem ontologisch fest verbunden sind. Wir wollen den Eindruck dieser Kontraintuitivität keineswegs herunterspielen. Ganz im Gegenteil, wir wollen ihn als eine wichtige ontologische Einsicht betonen. Die zeitgenössische Tropenontologie suggeriert nämlich oft, daß der Tropenbegriff, mit dem sie operiert, ontologisch unproblematisch und intuitiv verständlich sei. Das ist aber ein trügerischer Schein, der aus der Oszillation zwischen zwei Tropenbegriffen resultiert. Das Versprechen der intuitiven Verständlichkeit kann höchstens für die untransferierbaren Tropen gehalten werden. Die traurige Tatsache ist aber, daß diese Tropen metaphysisch uninteressant sind und daß die Analysen der Tropentheorie mit dem Begriff der transferierbaren Tropen hantieren müssen. Transferierbar oder untransferierbar sind die Tropen jedenfalls unwiederholbar. Wenn es mehrere (mereologisch disjunkte) rote Dinge gibt, dann muß jedes von ihnen seine eigene rote Farbe haben. Eine berechtigte Frage, die sich angesichts einer Tropentheorie ergibt, ist also: was bewirkt, daß zwei rote Dinge beide als rot klassifiziert werden können? Die typische Antwort führt die Beziehung der Ähnlichkeit ein, die zwischen den individuellen Eigenschaften besteht. 14 Zwei verschiedene Individuen können dann nur in der Weise "dieselbe" Eigenschaft haben, wenn sie ähnliche Tropen besitzen:
14 Die Idee, daß es die Relation der Ähnlichkeit ist, die die Einheit von Universalien herstellt, ist ziemlich alt. Vgl. "Wenn daher Genera und Spezies gedacht werden, dann wird aus den Einzeldingen, in denen diese sind , deren gegenseitige Ähnlichkeit [similitudo] erfaßt und herausgehoben [colligitur] [···1; und diese durch den Geist gedachte und richtig durchschaute gegenseitige Ähnlichkeit stellt eine Spezies dar; und andererseits verursacht die aus verschiedenen Spezies erkannte gegenseitige Ähnlichkeit, die nur in den Spezies selbst oder in den dazugehörigen Individuen sein kann, ein Genus . Diese sind somit freilich in den Einzeldingen, die Universalien aber werden durch das Denken hervorgebracht; und daher darf man eine Spezies für nichts anderes halten, als einen Gedanken [cogitatio], der aus der substantialen Ähnlichkeit von sich der Zahl nach unterscheidenden Individuen erschlossen wurde, ein genus aber als einen Gedanken, der aus der Ähnlichkeit der Spezies erschlossen wurde .", Boethius, In Isagogen , 30.
KAPITEL I
18
(RÄÄ)
Fa /\ Fb
~
(:3x)(:3y)[(a
:I
x) /\ (b :I y) /\ x:~].
Das Zeichen ,,::" bezieht sich auf die Relation der strengen Ähnlichkeit, die wie jede Ähnlichkeit eine symmetrische Relation ist, die jedoch darüber hinaus noch reflexiv und transitiv ist. Die Relation der strengen Ähnlichkeit ist also eine lquivalenzRelation . 15 1m Rahmen der Tropentheorie brauchen wir also zunächst keine allgemeinen Entitäten. Stattdessen haben wir ein Feld von Tropen - von individuellen Aspekten der Dinge . In Wirklichkeit brauchen wir jedoch von vornherein noch zwei wichtige Relationen. Zum einen müssen Tropen in die Eigenschaftsmengen aufgeteilt werden, was durch die Relation der Ähnlichkeit zustande kommt. Zum anderen muß man erklären, wie mehrere Tropen zum selben konkreten Individuum gehören können . Üblicherweise führt man zu diesem Zwecke eine weitere Relation ein, die man Relation der Kompräsenz nennen kann . 16 Tropen , die zum selben Individuum gehören, sind diejenigen Tropen , die kompräsent sind. Wenn man also Universalien zugunsten von individuellen Eigenschaften eliminiert, erhält man eine Theorie , in der ausschließlich Tropen als Grundbausteine der Realität fungieren, die dann durch die Relation der Ähnlichkeit in Universalien und durch die Relation der Kompräsenz in konkrete Individuen geordnet werden. Universalien sind Mengen von ähnlichen Tropen und konkrete Individuen sind Bündel von kompräsenten Tropen. Die Eigenschaften, die wir mittels der Relation der strengen (vollständigen) Ähnlichkeit konstruieren können, sind jedoch ausschließlich "absolut präzise" Eigenschaften. In unserer Ontologie können wir zwar eine Röte einer absolut bestimmten Abschattung A haben, wir erhalten jedoch nie solche Eigenschaften wie die Röte schlechthin , geschweige denn die Farbe . Solche "allgemeineren" Eigenschaften brauchen wir jedoch, wenn wir den realistischen Argumenten, die sich auf die Rätsel der individuellen abstrakten Termini beziehen, Rechnung tragen wollen . Wenn wir den Satz: "Röte ist eine Farbe" in der Sprache der Tropentheorie ausdrücken wollen, dann brauchen wir jedenfalls tropentheoretische Entsprechungen der Eigenschaften Röte und Farbe . Um solche Probleme zu lösen, führt man eine Relation der unvollkommenen Ähnlichkeit, die wie strenge Ähnlichkeit symmetrisch, aber im Gegensatz zu ihr weder reflexiv noch transitiv ist. (Vgl. Armstrong 1989, S. 40 f.; Armstrong 1992, S. 171) Solche Relation erlaubt uns, Tropenmengen zu bilden , die weniger bestimmten Eigenschaften entsprechen. Betrachten wir eine Relation der Ähnlichkeit, die zu einem bestimmten Grad n unvollkommen ist C:"). Eine Tropenmenge, die eine allgemeine Eigenschaft bildet ,
15 Wer kein e Relation der Ähnlichkeit einführen will, kann die Tatsache , daß mehre re indi viduelle Eigenschaften eine Menge von F-Eigenschaften bilden , als eine primitiv e (ax iomatis ch festgel egte ) Tatsache betr achten . Diese Lösung bevo rzugt e einer der " Väter" der zeitgenöss ischen Tropen ont ologie Stout. Vgl. Stout 1921/22 , S. 155 f Vgl. dazu auch Maurin 2002, S. 65-67. 16 In Williams 1953 heißt sie .concnrrence". Es gibt allerdings auch Trop enth eoretiker, die auf der Unentbehrlichkeit eines Trägers von Tropen bestehen . Vgl. z.B. Martin 1980.
INDIVIDUELL UND ALLGEMEIN
19
deren Allgemeinheit dem Grad der Unvollkommenheit der Ähnlichkeit n entspricht, können wir uns als die Menge von denjenigen Tropen vorstellen, die einem bestimmten (für diese Eigenschaft paradigmatischen) Tropus a zumindest so ähnlich sind, daß sie zu ihm in der Relation ::"stehen . Die Erklärung der modalen Kontexte wird in der ersten Annährung folgendermaßen aussehen: Die Eigenschaft F ist von der Eigenschaft G prädizierbar, wenn die entsprechende F-Menge von Tropen eine Teilmenge der G-Menge von Tropen bildet. Ein Tropentheoretiker kann demgemäß auch eine Erklärung der Modalitäten liefern, die der realistischen Erklärung sehr ähnlich ist: Notwendig: [Jedes Fist G] =Df. Die Eigenschaft G-zu sein (eine Menge von Tropen) enthält die Eigenschaft F-zu sein (eine Menge von Tropen). Wir sehen, daß das Inklusionsverhältnis zwischen den Eigenschaften gewissermaßen umgekehrt wurde. Allgemeinere Eigenschaften sind nach der realistischen Theorie in den weniger allgemeinen Eigenschaften enthalten. Sie bilden echte Teile von den weniger allgemeinen Eigenschaften. Gemäß der Tropentheorie sind weniger allgemeine Eigenschaften in den allgemeineren enthalten. Sie bilden ihre echten oder unechten Teilmengen. In Wirklichkeit funktioniert jedoch die Erklärung der modalen Kontexte im Rahmen der Tropentheorie nicht so einfach . Denn die Tatsache, daß die Menge der Röte-Tropen eine echte Teilmenge der Menge der Farbe-Tropen ist, besteht keineswegs mit Notwendigkeit. Es könnte ja so sein, daß die einzige Farbe, die in der ganzen Welt vorkommt, eben die rote Farbe ist. In diesem Fall wäre aber die Menge der Röte-Tropen mit der Menge der Farbe-Tropen identisch und wir könnten, abhängig davon, ob wir die Relation der Enthaltenseins als die Relation eine-echteTeilmenge-zu-sein oder als die Relation eine-echte-oder-unechte-Teilmenge-zu-sein interpretieren, entweder gar nicht sagen, daß jeder rote Gegenstand notwendigerweise ein farbiger Gegenstand ist, oder wir könnten sowohl das sagen, daß jeder rote Gegenstand notwendigerweise ein farbiger Gegenstand ist, als auch das, daß jeder farbige Gegenstand notwendigerweise ein roter Gegenstand ist, was natürlich unrichtig ist. Um die modalen Kontexte im Rahmen dieser ontologischen Apparatur zu erklären, müssen wir also entweder von den möglichen Tropen sprechen, was aber ein ziemlich desperater Schritt ist,17 oder wir müssen bei der Formulierung der Erklärung auch das berücksichtigen, wie vollkommen oder unvollkommen die Ähnlichkeitsrelation ist, mittels der die relevanten Mengen von Tropen gebildet wurden . Die Erklärung nimmt dann die folgende Form an:
17 Wir nennen diesen Schritt deswegen desperat, weil er zu einer evident zu reichen Ontologie führt . Wenn wir nämlich schon bereit sind, Possibilia einzuführen , dann brauchen wir gar keine Eigenschaften (weder als Universalien, noch als Tropen). Jede Eigenschaft kann nämlich als eine Menge von möglichen Individuen interpretiert werden (intuitiv: als die Menge von denjenigen möglichen Individuen, die diese Eigenschaft haben).
KAPITEL
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Notwendig: [Jedes Fist G] =Df. (1) Entweder ist die Menge der F-Tropen eine echte Teilmenge der Menge der G-Tropen; (2) oder (i) die Menge der F-Tropen ist mit der Menge der G-Tropen identisch; und (ii) die Ähnlichkeitsrelation. mit deren Hilfe die Menge der F-Tropen gebildet wurde, ist nicht weniger vollkommen als die Ähnlichkeitsrelation, mit deren Hilfe die Menge der G-Tropen gebildet wurde . Andererseits können wir natürlich die modalen Operatoren auch als ein primitives Element unserer logischen Grammatik betrachten. Fassen wir kurz zusammen. Philosophen, die Eigenschaften als unreduzierbare Elemente der Realität ansehen, schlagen uns drei Bilder der "Zugehörigkeit" von Eigenschaften zu konkreten Individuen vor :
Platonisches Bild allgemeine Entität "real abgetrennt" von Individuen
Aristotelisches Bild allg,emeine Entität als 'gemeinsamer Teil" streng identisch "in" Vielen Individuen
@, .....~ l
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B
Tropentheorie
1\
~';i;~rn der
Aehnlichkeit
individuell verschiedene Eigenschaften vereinigte durch die Relation der AeFinlichkeit
INDI VIDU E LL UN D ALLGE ME I N
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Nach Platon sind allgemeine Entitäten von Individuen real verschieden. Das, was bestimmt, ob Individuen an einer solchen Entität "teilhaben" (ob sie Z.B. rot sind), ist die Relation der Teilnahme oder Nachahmung, die bei Platon recht rätselhaft bleibt und die wahrscheinlich als primitiver, undefinierbarer Terminus der Theorie angesehen werden muß." Was bei Aristoteles geschah, war vor allem ein Transfer der allgemeinen Entitäten in die konkreten Individuen. Die Allgemeinheiten existieren infolgedessen nicht mehr unabhängig von Individuen und anstatt einer geheimnisvollen Relation der Teilnahme, die zwischen zwei real getrennten Entitäten besteht, hat man die Relation der Exemplifizierung, die sich sozusagen "innerhalb" eines konkreten Individuums abspielt. Was jedoch weiterhin geheimnisvoll und rätselhaft bleibt, ist die Tatsache, daß die allgemeinen Entitäten, die in den konkreten Individuen vorkommen , in vielen Individuen numerisch streng identisch sind. Es scheint, daß Aristoteles die realistischen Argumente (A)-(D) völlig akzeptierte. Nur die Argumente (E)-(F), welche die Platonische Version des metaphysischen Realismus bevorzugen, hatten in seinen Augen wenig Kraft. In einer bildliehen Darstellung muß man also die Aristotelische Eigenschaft irgendwie als einen gemeinsamen Teil von vielen Individuen betrachten, was für manche sehr kontraintuitiv aussehen mag. Diese Kontraintuitivität bildet den Grund, warum heute viele Philosophen eher die Theorie der individuellen Eigenschaften bevorzugen - die Theorie, die jed em roten Ding seine eigene Röte zuordnet. Die selbstverständliche Frage, was alle diese individuellen Eigenschaften zu Vorkommnissen derselben Farbe macht, wird dann normalerweise durch die Referenz auf die Relation der Ähnlichkeit beantwortet und die konkreten Individuen werden oft als Bündel von kompräsenten Tropen interpretiert. 1 .3 INTE R -I NDIVIDUE LLE U ND I N TR A- IN D IV ID U E L L E R E L A nONEN
Der ontologische Status der Relationen der Ähnlichkeit und Kompräsenz bildet allerdings einen schwierigen Punkt der Tropentheorie. Diese Relationen bestehen zwischen mehreren individuellen Tropen. Sollen sie also als Universalien interpretiert werden? Ein Anhänger der Tropentheorie, der seine individuellen Eigenschaften gerade zum Zwecke der Eliminierung von Universalien eingeftihrt hat, würde einen solchen Vorschlag sehr ungern annehmen. Wenn er ihn jedoch ablehnt, dann wird man von ihm erwartet, daß er den ontologischen Status dieser Relationen doch erklärt. Die Lösung, die zunächst attraktiv erscheint, verläuft nach dem gleichen Muster wie die Elirninierung von Universalien, die der Tropentheor etiker vorschlägt. Universalien müssen durch die Ähnlichkeitsmengen von Tropen ersetzt werden. Wenn wir das jedoch im Fall der Ähnlichkeitsrelation tun möchten, machen wir den ersten Schritt eines unendlichen Regresses. Es gibt viele Tropen der Ähnlich-
18 Die Schwierigkeiten, die Platon im "selbstkritischen" Dialog Parmenides formuliert, zeigen vor allem, daß die Metapher, in die Platon seine Ideenlehre kleidet, sehr beschränkte Gültigke it besitzen. Weder die Rede von einer "Teil nahme" der Einzeldingen an der Idee, noch die Charakterisierung der Beziehung zwischen der Idee und dem Einzelding als ,,Ähnlichkeit" darf ernst genommen werden. Vg1. Parmenides, 130e 4-I3 Ie 8, 132d 5-133a 3.
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KAPIT EL I
keitsrelation - in Ordnung, aber was macht sie zu den Tropen derselben Relation ? Es ist natürlich die Ähnlichkeit zweiter Stufe, die zwischen ihnen besteht , die aber auch mehrfach exemplifiziert wird und dementsprechend zu ihrer Einheit eine Ähnlichkeit dritter Stufe braucht usw. Ein Tropentheoretiker wird also in der Regel gezwungen sein, die Relation der Ähnlichkeit nicht als eine normale Relation , sondern als einen metaphysisch primitiven, weiter unerklärbaren Nexus zu betrachten. 19 Mit einer ähnlichen Situation wird übrigens auch der metaphysische Realist konfrontiert, wenn er die Relation der Exemplifizierung zu erklären versucht. Diese Relation besteht zwischen mehreren Paaren von Individuen und Eigenschaften. Sie ist also ein mehrfach exemplifiziertes Universale. Soll das jedoch bedeuten, daß die geordneten Paare (Individuum, Eigenschaft) die Relation der Exemplifizierung exemplifizieren? Brauchen wir dann eine Exemplifizierung zweiter Stufe, die wieder durch die geordneten Paare « Individuum, Eigenschaft), Exemplifizierung) exemplifiziert wäre? Auch der Realist wird also einen metaphysisch grundlegenden Nexus der Exemplifizierung brauchen, der im Rahmen seiner Theorie nicht weiter erklärbar ist. Im Allgemeinen ist es zu bemerken, daß jede Erklärung irgendwann ihren Endpunkt erreichen muß . Metaphysik stellt in dieser Hinsicht keine Ausnahme dar. Die Relation der Kompräsenz muß wahrscheinlich ebenfalls als ein unreduzierbarer Nexus betrachtet werden. Wenn wir sie nämlich als eine normale Relation interpretieren, dann wird sie (da sie zwischen mehreren Paaren von Tropen besteht) entweder zu einem Universale, oder sie muß als eine Ähnlichkeitsklasse von den relationalen Kompräsenz-Tropen betrachtet werden . In dem letztgenannten Fall können wir jedoch die folgende Frage stellen : Ist der Kompräsenz-Tropus k, der zwischen zwei Tropen a und b besteht, mit ihnen kompräsent oder nicht ? Keine Antwort macht uns glücklich, denn wenn k mit a und mit b nicht kompräsent ist, dann scheint k zum konkreten Individuum, zu dem a und b gehören, nicht zu gehören, was ziemlich befremdlich klingt. Wenn hingegen k mit a und mit b kompräsent ist, dann haben wir die Kompräsenz höherer Stufe (die Kompräsenz von a und k und die Kompräsenz von bund k), und eventuell den Anfang eines unendlichen Regresses, denn eine solche Kompräsenz ist wieder entweder ein Universale, oder eine Ähnlichkeitsklasse von Tropen, und jeder solche Kompräsenz-Tropus höherer Ordnung wird dann wieder mit a und k kompräsent oder nichtkompräsent sein müssen. Die Relationen der Ähnlichkeit, Instantiierung und Kompräsenz scheinen also einen ausgezeichneten Status zu genießen. Noch deutlicher bemerkt man das, wenn man das Problem der Reduzierbarkeit von Relationen auf monadische Eigenschaften unter die Lupe nimmt, das viele Philosophen beschäftigte. Unter den Relationen können wir nämlich zwei Gruppen unterscheiden. Für die Relationen der ersten Gruppe gilt das Prinzip , daß sie genau dann bestehen, wenn ihre Argumente mit bestimmten monadischen Eigenschaften existieren. Das Bestehen von Argumenten, die bestimmte monadische Eigenschaften haben, ist eine not-
19 Einige Autoren betrachten jedoch einen solch en Regreß als bloß virtuell . Vgl. Küng 1967, S. 168, Loux 1978, S. 46.
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wendige und hinreichende Bedingung des Bestehens der Relation. Solche Relationen sind in diesem Sinne durch die Existenz ihrer Argumente mit den entsprechenden monadischen Eigenschaften mit Notwendigkeit impliziert. Man kann sagen, daß sie auf ihren Argumenten supervenieren. So muß z.B., wenn Hans 40 Jahre alt ist und Peter 30 Jahre alt ist, die Relation ist älter als zwischen Hans und Peter zwangsläufig bestehen. Sie ist in diesem Sinne auf die Existenz und die mo nadischen Eigenschaften von Hans und Peter ontologisch reduzierbar. 20 Es gab und gibt viele Philosophen, die zur Auffassung neigen, daß alle Relationen in diesem Sinne auf den monadischen Eigenschaften ihrer Glieder supervenieren, gemäß dem Prinzip:
(Sup .)
(Vx)(Vy)(VR){xRy == (3F)(3G)[Fx /\ Gy /\ D(Vz)(Vw)(Fz /\ Gw ~ zRw)]}
Das Prinzip (Sup.) besagt, daß alle Relationen, die aktuell vorkommen, auf den monadischen Eigenschaften ihrer Glieder supervenieren. Für einen Philosophen, der kein Platoniker ist, muß das allerdings nicht bedeuten, daß die Relationen, die mit dem Prinzip (Sup .) in Widerspruch stehen , unmöglich sind. Das wird erst durch eine modalisierte Version des Prinzips gewährleistet: (Sup .D)
D(Vx)(Vy)(VR){xRy == (3F)(3G)[Fx /\ Gy /\ D(Vz)(Vw)(Fz /\ Gw zRw)]}
~
Das Prinzip (Sup.D) besagt, daß die Supervenienz von Relationen nicht bloß kon tingent für alle aktu ellen Relationen gilt, sondern, sozusagen, aus dem Wesen der ontologischen Kategorie Relation folgt. Wir können uns aber auch andere Relationen denken, die auf die Existenz ihrer Argumente und auf die Eigenschaften dieser Argumente nicht reduzierbar wären. Wenn wir eine Relation dieser Art als R bezeichnen, dann ist die Tatsache, daß R zwischen a und b besteht, in keiner Weise durch die "absolute Natur" von a und b (d.h. durch die Gesamtheit der nicht-relationalen Eigenschaften von a und b) impli ziert . Die Gegenstände a und b können alle ihre monadischen Eigenschaften behal21 ten, und das Bestehen der Relation R zwischen ihnen kann trotzdem entfallen. Bekanntlich hat Russell derartige Relationen "extern" genannt. 22 Russell behauptet also die Negation von (Sup .): (r-Sup.)
(3x)(3y)(3R){xRy /\ ~[(3F)(3G)[Fx /\ Gy /\ D(Vz)(Vw)(Fz /\ Gw ~ zRw)]]) ,
Dieser Paragraph wurde aus Chrudzimski 2001a , S. 244 übernommen . Paragraph wurde aus Chrudzimski 2001a . S. 244 übernommen . 22 VgJ. " I mainta in that there are such facts as that x has the relation R to y, and that such facts are not in general reducible to, or inferable from, a fact about x only and a fact about y only: they do not imply that x and y have any complexity, or any intrinsic property distinguishing them from a z and a w which do not have the relation R. This is what I mean when I say that relations are external", Russell 1910, S.374. 20
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oder mindestens die Negation von (Sup.O): (~Sup .O)
O(3x)(3y)(3R){xRy /\ ~[(3F)(3G)[Fx /\ Gy /\ O(V'z)(V'w)(Fz /\ zRw)]])
GW:J
Die typischen Kandidaten für solche unreduzierbaren Relationen sind die räumlichen und zeitlichen Beziehungen. Die Philosophen, die einerseits räumliche und zeitliche Stellen nicht als Objekte einführen wollen und andererseits den Gegenständen keine absoluten räumlichen und zeitlichen Bestimmungen zuschreiben, betrachten diese Bestimmungen oft als rein relational . Die Tatsache, daß ein Gegenstand von einem anderen so und so entfernt ist, reduziert sich dementsprechend auf keine absoluten räumlichen Lokalisierungen, die diesen Gegenständen zukommen würden . Denn es gibt, so wird behauptet, keine solchen Lokalisierungen. Die räumliche Relation, in der sich zwei Gegenstände befinden, ist auf keine Eigenschaften dieser Gegenstände reduzierbar .r' Die Relationen der ersten Gruppe werden gewöhnlich als intern bezeichnet. 24 Ob solche supervenierenden Relationen deswegen als auf monadische Eigenschaften ihrer Glieder ontologisch reduzierbar zu interpretieren sind, ist eine kontroverse Frage. Armstrong betrachtet Relationen, die auf den monadischen Eigenschaften ihrer Glieder supervenieren, als keine ontologische Bereicherung im Vergleich zu diesen monadischen Eigenschaften (vgl. Armstrong 1997, S. 12) und wir finden diese Ansicht plausibel. Erst wenn wir externe Relationen im Sinne Russells einführen - behauptet er -, wird unsere Ontologie im Vergleich zu einer Ontologie, die ausschließlich mit den monadischen Eigenschaften operiert, um eine zusätzliche Kategorie bereichert.
Dieser Paragraph wurde aus Chrudzimski 2001a, S. 244 übernommen . Heute werden oft alle Relationen, die nicht extern im Sinne Russells sind, als "intern" bezeichnet. Vgl. .Two or more particulars are internally related if and only if there exist properties of the particulars which logically necessitate that the relation holds .", Armstrong 1978, vol. 2, S. 85. Johansson betont jedoch, daß dieser Sprachgebrauch irreführend sein kann. Russell hat nämlich den Begriff der externen Relation in seiner Polemik gegen die holistische Position Bradleys eingeführt. Bradley behauptete, daß es nur interne Relationen gibt, in Wirklichkeit verstand er jedoch unter der Bezeichnung "intern" viel mehr , als nur eine Negation der Russellschen Externalität. Intern im Sinne Bradleys ist nämlich eine Relation, die bereits im Begriff eines ihrer Glieder enthalten ist. Eine solch e Situation haben wir z.B. im Fall des Begriffs Schüler . Aufgrund des Begriffs können wir wissen, daß jeder Schüler eine Relation zum Lehrer involviert. Denn Schüler zu sein heißt ja (von jemandem) gelehrt zu werden. Im Zusammenhang damit unterscheidet Johansson drei Arten von Relationen, die er .Jnternal'', "extemal" und "grounded" nennt. Er definiert: ,,08.1: x and y are internally related if and only if it is logically impossible for x and y (0 exi st independently of each other.", Johansson 1989, S. 120. ,,08.2: Rxy is an external relation if and only if it is logically possible that there exist a z and a w with exactly the same qualities (quality = substance or property) as x and y, respectively , but between which the relation R does not hold .", Johansson 1989, S. 119. ,,08.3 : Rxy is a grounded relation if and only if it is logically impossible for there to exist a z and a w with exactly the same qualities as x and y, respectively, but between which the relation R does not hold .", Johansson 1989, S. 120. 23
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Es gilt jedoch zu bemerken, daß die Philosophen, die das Wort "Supervenienz" in seiner philosophischen Bedeutung eingeführt haben, eher auf eine Art nichtreduktionistischer ontologischer Abhängigkeit abgezielt hatten. Entitäten, die auf anderen Entitäten supervenieren, sind zwar durch die Existenz ihrer SupervenienzBasis mit Notwendigkeit impliziert, sie seien jedoch trotzdem auf diese Basis nicht reduzierbar. Sie bilden eine genuin distinkte ontologische Kategone ." Die ganze Diskussion wird zusätzlich dadurch erschwert, daß man nicht immer genau weiß, was unter dem Begriff einer ontologischen Reduktion zu verstehen ist. Noch mehr umstritten ist die Frage, ob die Supervenienz einer bestimmten Relation in irgendwelchem Sinne ihre "Unwichtigkeit" impliziert ." In diesem Buch werden wir diese Fragen nicht zu beantworten versuchen . Eines steht allerdings fest: Die Relationen, die in unserem Sinne auf den monadischen Eigenschaften ihrer Glieder supervenieren, sind durch die Existenz ihrer Glieder mit den entsprechenden Eigenschaften mit Notwendigkeit impliziert. In diesem Sinne brauchen sie in einer vollständigen Beschreibung der Welt neben den monadischen Eigenschaften nicht einmal erwähnt zu werden. Unabhängig von den Fragen der ontologischen Reduzierbarkeit und der philosophischen Wichtigkeit, ist es also zweifellos, daß, wenn es möglich wäre, alle Relationen für intern zu erklären, unser philosophisches Weltbild viel einfacher sein könnte. Darüber hinaus erscheint vielen Philosophen eine "reine Relativität", mit der wir im Fall der externen Relationen zu tun haben, als etwas völlig unverständliches. Konsequenterweise gab es und gibt viele Versuche, die These der Supervenienz von allen Relationen zu verfechten.Y In diesem Buch werden wir nicht untersuchen, ob diese These in Bezug auf alle Relationen, die zwischen den konkreten Individuen bestehen, tatsächlich aufrechterhalten werden kann. Was wir hingegen zeigen wollen, ist, daß sie in Bezug auf jene spezifischen Beziehungen, welche die innere Struktur eines konkreten Individuums konstituieren, mit Sicherheit nicht gilt. Wir meinen die Beziehungen der Instantiierung, der Kompräsenz und der Ähnlichkeit, von denen wir oben gesprochen haben. Wir werden diese Beziehungen als intra-individuelle Relationen be-
25 Es ging um die .Supervenienz" von morali schen Werten auf desk riptiven Tatsachen wie bei G. E. Moore und R. M . Hare und um die .Emergenz" des Psychischen wie bei C. L. Morgan und C. 0 Broad . Zur Analys e des Superv en ienz-Begriffs vgl. Kim 1999. 26 Johansson argumentiert, daß es keineswegs der Fall ist. Die Relationen könnten für uns er Denken und Handeln wichtig sein, selbst dann , wenn sie ontologisch reduzierbar wären . Vgl. "It mak cs a lot of difference to a lot ofboys whether or not they are taller than a cert ain girl. ", Johan sson 1989, S. 125. 27 Campbell, der diese Auffassung vertritt, be zeichnet sie als .Foundationism" Vgl. : .Foundationism is committed to the slogan 'No relationaI differences without qualitative differences' or "Th ere are no merely relational differences' .", Campbell 1990, S. 113. Auch Stumpf besteht darauf, daß jeder Relati on "ein absoluter Inhalt" zugrunde liegen muß . Vgl. dazu auch Stumpf 1873, S. 124: "E ntweder versteht man hier unter Lage [...) was wir Ort nennen , und dann ist sie keine Relation [...]; ode r man verst eht darunter die Bezi ehung der Punkte zu einander (od er zu einem dritten) , und dann liegt dieser Relation , wie jeder, ein absoluter Inhalt zu Grunde , das sind eben hier die beiden Orte; denn man meint eine örtliche Bezi ehung ." Vgl. auch Stumpf 1883, S. 13: "So kann es Beziehungen zwisc hen Empfindungen geb en , aber schließlich müssen doch irgend welche absolute Inhalte vorhanden sein, welche wir auf einander bezi ehen." Vgl. auch Chisholm 1992b , S. 12: .Every Relation [...] is an attribut e - an attribute that is exemplified by other attributes."
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zeichnen, und zwar im Gegensatz zu den inter-individuellen Relationen, die zwischen konkreten Individuen bestehen. Betrachten wir zunächst die von den metaphysischen Realisten postulierte Relation der Exemplifizierung. Sie besteht zwischen einem konkreten Individuum und einem Universale, das von diesem Individuum exemplifiziert wird - z.B. zwischen Sokrates und Weisheit. Die Tatsache, daß diese Relation keineswegs eine interne Relation im Sinne Russells sein kann, liegt auf der Hand. Denn wäre sie intern , so müßte Sokrates zwangsläufig weise sein und es ist offensichtlich, daß die Weisheit nicht ein Charakteristikum ist, das Sokrates (oder jemandem anderen , mit der möglichen Ausnahme Gottes) mit Notwendigkeit zukommen würde . Zumindest im Fall der sogenannten akzidentellen Bestimmungen muß die Relation der Exemplifizierung als extern betrachtet werden. Ein schwierigeres Problem haben wir im Fall der essentiellen bzw. substantialen Bestimmungen, d.h. den Bestimmungen, die einem Gegenstand "seinem Wesen nach" zukommen, die also per definitionem ohne Untergang des betreffenden Gegenstands nicht entfallen können . Ist z.B. die Relation der Instantiierung, die zwischen Sokrates und dem Mensch-sein oder zwischen einem Menschen und der Eigenschaft ein-Lebewesen-zu-sein besteht , nicht als intern zu interpretieren? Die Frage ist, wie gesagt, schwierig und wir werden nicht versuchen , sie in aller Allgemeinheit zu beantworten. Die Frage, die man zuerst stellen muß, ist allerdings, was das heißt, daß es Sokrates oder daß es einen Menschen überhaupt gibt. Die Antwort eines metaphysischen Realisten , der eine Unterscheidung zwischen substantialen und akzidentellen Eigenschaften macht , lautet: es heißt, daß eine bestimmte substantiale Eigenschaft (hier : das Mensch-sein) oder vielleicht eine individuelle Natur - eine haecceitas - exemplifiziert wird; und das ist im Allgemeinen keineswegs eine notwendige Tatsache. Es könnte ja auf der Welt nicht nur keinen Soktrates, sondern überhaupt keinen Menschen geben. Wenn es in der Welt überhaupt konkrete Individuen gibt, die notwendig existieren, dann sind es bestenfalls nur jene spezielle Fälle, von denen ontologische Gottesbeweise handeln. Die Exernplifizierung bleibt also nach wie vor keine interne Relation . Intern sind nur die Beziehungen zwischen Universalien, wie Z.B. das Verhältnis des Enthaltenseins zwischen der Mensch ennatur und der Lebewesen-Natur. Ob Exemplifizierung von essentiellen Eigenschaften deswegen als eine externe Relation interpretiert werden soll, ist allerdings nicht klar. Wir erinnern uns, daß eine externe Relation zwischen zwei Gegenständen ohne Rücksicht auf ihre absoluten Naturen besteht. Eine externe Relation, die zwischen a und b besteht, könnte also entfallen, ohne irgendwelche Änderung in den absoluten Bestimmungen von a und b. Wie kann man diese Bedingungen mit der Instantiierung einer essentiellen Eigenschaft vergleichen? Die prinzipielle Frage ist: Zwischen was eigentlich besteht die Instantiierung einer essentiellen Eigenschaft? Ein Glied der Instantiierung-Relation ist natürlich die allgemeine Eigenschaft selbst (z.B. die Mensch ennatur[ . Was ist aber der zweite Glied? Vergessen wir nicht , daß es, wenn das entsprechende Universale nicht exemplifiziert wird, das betreffende Individuum schlicht und einfach nicht gibt.
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Platon und Aristoteles haben von einem ungeformten Stoff bzw . einer ersten Materie gesprochen, die als das zweite Glied der Instantiierung-Relation fungiert . (Platon, Timaios 50b-c, Aristoteles, Metaphysik l069b 7-9) Das Problem besteht j edoch einerseits darin , daß die Doktrin der ersten Materie eine höchst kontroverse Lehre ist, die heute kaum jemand akzeptieren möchte, andererseits darin, daß die erste Materie per definitionem keine Bestimmungen hat. Es macht also ohnehin keinen Sinn zu sagen, daß die Instantiierung-Relation zwischen der ersten Materie und einem Universale ohne Rücksicht auf die absolute Natur der Materie besteht, denn die erste Materie ist ja etwas, das als solches keine Natur hat. Wir sehen , daß die Exemplifizierung nur sehr bedingt als eine Relation betrachtet werden kann . Das relationale Modell paßt noch am besten auf die akzidentellen Eigenschaften und in diesem Fall ist es auch klar, daß die Exemplifizierung-Beziehung eher einer externen Relation ähnelt. Im Fall der Instantiierung von essentiellen Eigenschaften scheint hingegen die ganze Relation -Metapher zu kollabieren. Gehen wir jetzt zur Relation der Kompräsenz über, die zwischen den zum selben konkreten Individuum gehörenden Tropen besteht. Wenn wir auf die kontingenten Eigenschaften blicken, wird es ebenfalls klar, daß es auch hier keine interne Relation vorliegt. Sokrates ist weise und das heißt nach der Tropentheorie, daß ein Weisheit-Tropus zum Sokrates-Bündel gehört . Sokrates könnte aber auch dumm sein, und das heißt, daß die Relation der Kompräsenz, die zwischen dem WeisheitTropus und den restlichen Tropen des Sokrates-B ündels besteht, keine interne Relation sein kann . Es gibt zwar Philosophen, die das Gegenteil behaupten, das hat allerdings seinen Grund darin, daß sie den Begriff der untransferierbaren Tropen für metaphysisch maßgebend halten," was jedoch ein Irrtum ist. Schon die Konse quenz, daß alle Eigenschaften in diesem Fall ihren Subjekten mit Notwendigkeit zukommen müssen, spricht genug gegen diese Ansicht. Wie im Fall von Universalien haben wir wieder einige wichtige Fundierungsverhältnisse zwischen den Tropen, wie z.B. das Verhältnis der ontologischen Abhängigkeit, das zwischen den Farbe-Tropen und Ausdehnung-Tropen besteht. Alles was farbig ist, muß ausgedehnt sein, sagt ein berühmter, obwohl auf den ersten Blick nicht besonders interessanter Satz, was in der Sprache der Tropentheorie soviel bedeutet, daß jeder Farbe-Tropus notwendigerweise mit einem AusdehnungTropus kompräsent sein muß . Was in diesem Fall sehr wichtig ist, ist allerdings die Tatsache, daß diese Fundierungsverhältnisse nicht zwischen den bestimmten Tropen, sondern zwischen den Ähnlichkeitsklassen von Tropen bestehen. Ein bestimmter Farbe-Tropus braucht keinen bestimmten Ausdehnung-Tropus. Er braucht bloß
28 So argumentiert Z.B. Bacon (1995, 22). Er betrachtet die Relation der Kompräsenz als internal und zieht sogar explizit die Konsequenz, daß sie sich dementsprechend zwischen den möglichen Welten nicht ändern kann . Sein Argument ist, daß ,,[i]f concurrence is accidental, then Socrates ' whiteness mightjust as weil have been Plato's , and vice versa." (Bacon 1995, 135) Es ist klar, daß hier die Tropen gemeint sind, die eine eingebaute Zugehörigkeit zu den konkreten Individuen (zu Sokrates und zu Platon) haben. Auch Simons will die Relation zwischen einem Tropus und "se inem" Individuum als intern betrachten (Simons 2001, S. 249), was wieder seine Quelle in der Untransferierbarkeit-Konzeption von Tropen hat. Die Tendenz , die Untransferierbarkeit von Tropen als etwas ontologisch selbstverständliches zu betrachten, ist sehr deutlich in Mulligan/Simons/Smith 1984.
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KAPI TEL I
irgendeinen Tropus, der zur Kategorie Ausdehnung, d.h. zu einer Klasse von Tropen, die durch eine besonders lockere Ähnlichkeitsrelation vereinigt sind, gehört. Die Relation der Kompräsenz hat sich also ebenfalls als extern erwiesen . Was hingegen die Relation der Ähnlichkeit betrifft, so sind wir geneigt, sie als einen paradigmatischen Fall einer internen Relation zu betrachten . Worin könnte eine Ähnlichkeit bestehen, wenn nicht darin, daß die Entitäten, die ähnlich sind, beide eine bestimmte absolute Natur haben? Dennoch kann die Ähnlichkeit, die uns hier interessiert, nicht als eine interne Relation interpretiert werden. Man übersieht nämlich leicht, daß die Ähnlichkeit von Tropen eine ganz andere Beziehung ist als die Ähnlichkeit von konkreten Individuen. Die konkreten Individuen sind ähnlich, wenn sie z.B. beide rot, beide dreieckig oder beide weich sind: d.h. wenn sie dieselben Eigenschaften haben. Eben deswegen ist sie eine interne Relation. Hätten die betreffenden konkreten Individuen andere Eigenschaften, so würde die Ähnlichkeitsrelation zwischen ihnen nicht bestehen (oder wir hätten es mit Ähnlichkeit in einer anderen Hinsicht zu tun). Die Identität von Eigenschaften wird aber im Rahmen der Tropentheorie durch die Ähnlichkeit von Tropen erklärt. Zwei konkrete Individuen haben "dieselbe" Eigenschaft, wenn sie ähnliche Tropen besitzen. Wenn wir also jetzt die Ähnlichkeit von Tropen als eine interne Relation interpretieren wollen, die durch die absoluten Naturen von Tropen impliziert wird, bewegt sich unsere Analyse in einem offensichtlichen Kreis. Denn was könnten die absoluten Naturen von Tropen sein, wenn nicht ihre Eigenschaften, und wie kann die Identität der Natur erklärt werden, wenn nicht durch eine Rückkehr zum metaphysischen Realismus bzw. durch eine Ähn29 lichkeit höherer Stufe. In diesem Fall wäre es jedoch gewiß besser, entweder den metaphysischen Realismus schon von vornherein in Kauf zu nehmen oder bei der Ähnlichkeit erster Stufe zu bleiben . Die Relation der Ähnlichkeit von Tropen ist also keineswegs intern. Sie extern zu nennen , erscheint allerdings auch ziemlich ungeschickt , denn das würde ja bedeuten, daß sie ohne irgendwelche Veränderung von Tropen entstehen und verschwinden könnte . Wir sehen hier besonders deutlich, daß man es im Fall der Ähnlichkeitsrelation tatsächlich mit einem primitiven Nexus zu tun hat, zu dem die konzeptuellen Werkzeuge, die man zur Analyse der inter-individuellen Relationen erfolgreich verwenden kann, nur sehr bedingt passen. Die Relation der Ähnlichkeit , die zwischen zwei Tropen besteht, kann zwar ohne Veränderung von Tropen nicht verschwinden, und die Tropen können sich, wenn es darum geht, als solche auch nicht verändern, es ist aber nicht die Natur von Tropen, die das Bestehen der Ähnlichkeitsrelation impliziert, sondern umgekehrt : es ist das Bestehen der Ähnlichkeitsrelation, das die Natur der in Frage kommenden Tropen konstituiert .
Campbell scheint diesen Fehler zu machen. Er will die Relati on der Ähnlichkeit als eine interne Relation betrachten, die auf den individuellen Eigenschaften sup erveniert . (Campbell 1990, S. 37) Individuelle Eigenschaften müssen dementsprechend gewisse Naturen haben, die das Bestehen der Relation der Ähnlichkeit implizieren . Vg1. .The resemblance relation among the Fs hold in virtue of the fact that thosc items are F, not the other way around. Tropes (abstract particulars, quality-instances) must be particular nature s. They are not 'bare particulars' which, without some sirnilarity-tie, would have no nature at all.", Campbell 1990, S. 59 f. 29
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1.4 SA CHV ERHALTE
Wenn man einmal die Wichtigkeit der intra-individuellen Relationen und insbesondere die Tatsache, daß sie auf jeden Fall nicht als interne Relationen zu interpretieren sind, eingesehen hat, kann man die philosophischen Gründe für die Einführung von propositionalen Entitäten besser einschätzen. Solche Entitäten, die wir hier pauschal Sachverhalte nennen." werden typischerweise im Kontext der semantischen Untersuchungen eingeführt, nämlich als Wahrmach er für unsere Sätze, Urteile, Überzeugungen oder was auch immer in unserer Theorie die Rolle von Wahrheitsträgern einnimmt. Was den Satz "Hans ist größer als Peter" wahr macht, ist - so die These der Anhänger der Sachverhaltssemantik - der Sachverhalt, daß Hans größer als Peter ist. Der Grund, warum der Satz .Peter ist größer als Hans" falsch ist, ist der Umstand, daß es den Sachverhalt, daß Peter größer als Hans ist, nicht gibt (daß ein solcher Sachverhalt nicht besteht). Die Ontologie der Semantik, die mit den propositionalen Entitäten hantiert, nimmt allerdings verschiedene Gestalten an. Manche Philosophen wollen auch von nicht-existierenden Sachverhalten sprechen. Die Sachverhalte, die existieren, bilden nach dieser Theorie nur eine spezielle Gruppe unter den Sachverhalten. Sie werden üblicherweise Tatsachen genannt. Dieser Auffassung zufolge ist also nicht jeder Sachverhalt eine Tatsache. Die Semantik kann unter Voraussetzung einer solchen Ontologie vereinheitlicht werden. Jeder Satz - egal ob wahr oder falsch - hat einen Sachverhalt als sein semantisches Korrelat. Dieses Korrelat kann also als seine Bedeutung fungieren. Der Satz ist genau dann wahr, wenn "sein" Sachverhalt zugleich eine Tatsache iSt. 3 1 Nicht alle Philosophen - vor allem nicht diejenigen, die ungern von den nichtexistierenden Entitäten sprechen - wollen allerdings die Bedeutungsentitäten auf die gleiche Ebene wie die wahrmachende Realität stellen. Viele folgen der Intuition, nach der die Bedeutungsentitäten von unserer kognitiven Tätigkeit ontologisch abhängig sind, während das, was einige Wahrheitsträger wahr macht, zur ontologisch unabhängigen, "transzendenten" Realität gehört. Dementsprechend unterscheidet man die Geist-abhängigen Gebilde/ 2 die von manchen Propositionen genannt werden/ 3 und die Geist-unabhängigen Tatsachen. Jeder Wahrheitsträger hat eine Proposition als Bedeutung, aber nur einigen solchen Propositionen (nämlich den wahren) entsprechen Tatsachen. Um den Preis der Einführung von zwei Typen der propositionalen Entitäten (den Geist-abhängigen Propositionen und den Geist-unabhän-
Zur Geschichte des Begriffs Sachverhalt vgl. Smith 1992 und Rojszczak/Smith 2001 _ Von den Sachverhalten und Tatsach en hat in diesem Kontext Wittgenstein in seinem Tractatus gesprochen . Eine konsequente Theorie dieser Art vertritt Meinong . Er nennt Sachve rhalt e Objektiv e und unterscheidet unter ihnen bestehende und nicht-bestehende. 32 Von solchen Geist-abhängigen, strukturierten Bedeutungsentit äten hat Brentano unter dem Namen "Inhalte" gesp rochen . 33 Der Terminus "Proposition" hat allerdings bei verschiedenen Philosophen sehr unterschiedliche Bedeutungen . Propositionen werden sehr oft als Geist-unabhängige Entitäten und als primäre Wahrheitsträger betrachtet. 30
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KAPITEL I
gigen Tatsachen) können wir uns von den nicht-existierenden Sachverhalten befreien. Aufgrund unserer Untersuchungen zu den intra-individuellen Relationen sehen wir jedoch klar, daß man auch von semantischen Überlegungen unabhängige Gründe finden kann, die zur Einführung von Sachverhalten verleiten können. Betrachten wir die Relation der Exemplijizierung und ihre tropentheoretische Entsprechung die Relation der Kompräsenz . Wir haben gesehen, daß sie keineswegs als interne Relationen im Sinne Russells interpretiert werden können. Selbst wenn wir in unserer Welt sowohl Sokrates als auch Weisheit haben, ist es noch nicht klar, ob Sokrates weise ist. Um einen weis en Sokrates zu haben, müssen wir gewährleisten, daß die Weisheit mit Sokrates "verbunden" ist, was, je nach unserer Lieblingsontologie, entweder durch Exemplifikation oder durch Kompräsenz zustande kommt. Da aber beide Relationen extern sind, ist der Komplex weiser Sokrates auf jeden Fall wesentlich mehr als eine bloße Summe seiner zwei Konstituenten. Ob wir diesen Komplex mit Armstrong (1997) Sachverhalt nennen wollen oder nicht, hängt natürlich einzig und allein von unserer sprachlichen Konvention ab. Selbst aber, wenn wir das Wort "Sachverhalt" vermeiden wollen, müssen wir uns bewußt sein, daß wir durch den bloßen Verzicht auf dieses Wort keine sparsamere Ontologie erhalten, als diejenige , welche in diesem Kontext explizit mit den propositionalen Entitäten operiert . 1.5 MENGEN, B EGRIFF E U N D PRÄDIKAT E
Außer der Einführung von individuellen Eigenschaften, gibt es auch andere Versuche, die prinzipielle Entbehrlichkeit der allgemeinen Entitäten aufzuzeigen. Wir listen einige der klassischen Positionen auf. Die Fraktion der Nominalisten, die man .E xtensionalisten" nennen kann, besteht darauf, daß alle Probleme, welche die Realisten durch ihre allgemeinen Entitäten lösen wollen, auch durch die Referenz auf Mengen von konkreten Individuen gelöst werden können. Die Individuen a und b sind F genau dann, wenn a und b zur Menge der F-Gegenstände gehören . Die Referenz-Mengen können durch die Relation der Ähnlichkeit bestimmt werden , die jedoch diesmal nicht zwischen den individuellen Eigenschaften (die es in diesem ontologischen Modell nicht gibt), sondern zwischen den konkreten Individuen besteht. (Vgl. z.B. Price 1953, Kap. 1) Alternativ können die Referenz-Mengen axiomatisch bestimmt werden, d.h. sie können als primitive, weiter nicht erklärbare Segregation des Universums betrachtet werden . Diese Position erscheint als unplausibel, sobald wir annehmen , daß verschiedene Eigenschaften koextensional und trotzdem als Eigenschaften verschieden sein können. Ein weiteres Problem bereitet die Relation der Ähnlichkeit. Eine Antwort auf die Frage, ob zwei konkrete Individuen ähnlich sind oder nicht, setzt nämlich voraus , daß man den Aspekt spezifiziert, unter dem sie ähnlich oder unähnlich sein sollen . Zwei Äpfel können ähnliche Farbe und trotzdem verschiedene Größen haben . Diese Aspekte sind jedoch nichts anders als die Gattungen von Eigenschaften, unter welche die absolut spezifischen Eigenschaften (wie eine absolut
INDIVIDUELL UND ALLGEMEIN
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bestimmte Abschattung der roten Farbe, eine absolut bestimmte Größe, Gestalt usw.) fallen . Sie sind also selbst Universalien, die doch durch diese Technik eliminiert werden sollten." Die Tropentheorie hat diese Probleme nicht, da sie die Relation der Ähnlichkeit nicht zwischen den konkreten Individuen, sondern zwischen den abstrakten Aspekten von diesen Individuen situiert - zwischen den Aspekten, die keine weiteren Aspekte haben, unter denen sie ähnlich oder unähnlich sein könnten. (Vgl. Campbelll981, S. 135) Die nächste Gruppe der Gegner von Universalien - die der Konzeptualisten glaubt, daß das ganze Geheimnis der Allgemeinheit in unseren Begriffen und ihrer Anwendbarkeit auf Individuen steckt. Die Individuen a und b sind F genau dann, wenn sowohl a als auch b unter den Begriff F fallen. Das, was allgemein ist, sind demzufolge nur unsere Begriffe. Die letzte Gruppe - die im ursprüng liehen Sinne Nominalisten - wiederholen die konzeptualistische Argumentation für Worte . Die Individuen a und b sind F genau dann, wenn der allgemeine Name (bzw. Prädikat) " F ' sowohl in Bezug auf aals auch in Bezug auf b richtig angewendet werden kann . Allgemein sind nur unsere Worte . Die Probleme der konzeptualistischen und nominalistischen Auffassung bestehen zum einen darin, daß man in ihrem Rahmen auf jeden Fall eher von den BegriffTypen (bzw . Namen- oder Prädikatentyp en) und nicht von den individuellen tokens sprechen will. Das Problem der Allgemeinheit scheint demgemäß lediglich verschoben zu werden . Zum anderen muß ein Anhänger der konzeptualistischen bzw. nominal istischen Analyse unreduzierbare Elemente des normativen Diskurses einführen , Die Individuen a und b sind F genau dann, wenn sowohl a als auch bunter den Begriff F bzw. unter das Prädikat ,,F' fallen. Dies bedeutet jedoch nicht bloß, daß sie als F gedacht bzw. sprachlich klassifiziert werden (oder werden können) . Es geht darum, daß eine solche konzeptuelle oder sprachliche Klassifikation richtig wäre. Über diese Probleme werden wir noch im Folgenden sprechen . Einige zusätzliche Probleme der konzeptualistischen Auffassung treten mit aller Deutlichkeit zutage, sobald wir die ontologische Struktur der Begriffe unter die Lupe nehmen. Wenn der Konzeptualismus wirklich eine ontologi sch sinnvoll e Erklärung des Universalienproblems darstellen soll, dann soll die Theorie, die statt Universalien mit Begriffen operiert , entweder wesentlich einfacher sein oder mit einer Art von Entitäten operieren, die ontologisch weniger problematisch oder unserer philosophischen Analyse wesentlich leichter zugänglich sind als allgemeine
Price versucht dieses Argument zu entkräften, indem er sich auf eine ausgezeichnete Gruppe von paradigmatischen Fällen beruft . Er schreibt: .Every class has, as it were, a nucleus [...] consisting of a small group of standard objects or exemplars. [...) What is required is only that every other member of the class should resemble the class-exemplars as closely as they resemble one another.", Price 1953, S. 46 f. (Vgl. die ähnliche Idee in Camap 1928, S. 152.) Goodman hat jedo ch ein Gegenargument formuliert, das er .rhe difficulty of impe rfect community" nennt. (Goodman 1966, S. 163 f.) Stellen wir uns eine Menge M von drei Gegenständen vor. Der erste Gegenstand ist Fund G, der zweite Gegenstand ist G und H, und der dritte Gegenstand ist Hund F. Zwischen jedem Paar der Gegenstände der Menge M besteht die geforderte Relation der Ähnlichkeit und trotzdem gibt es keine gemeinsam e Eigenschaft, die alle Gegenstände der Menge M haben (außer der trivialen " Eigenschaft", daß sie alle zur Menge M gehören). 34
32
KAPITEL I
Entitäten . Es scheint indessen, daß bezüglich den Entitäten, die man "Begriffe" nennt, keines davon der Fall ist. Es scheint insbesondere , daß man den ontologischen Status von Begriffen erst dann erklären kann, wenn man bereits über eine fertige Ontologie verfügt. Sind sie mentale Akzidentien von Subjekten, wie es die Scholastiker oft dargestellt haben, dann brauchen wir eine Theorie von Akzidentien und die konzeptualistische Erklärung wird offenkundig zirkulär. Sind sie Fregesche Funktionen, dann nehmen wir, wie es scheint, bereits eine Art Platonismus in Kauf. Sind sie Entitäten sui generis wie z.B. Brentanosche immanente Objekte, dann stellt sich die Frage, ob sie weniger ontologisch geheimnisvoll sind als Entitäten, die durch sie wegerklärt werden sollen. In jedem Fall zeigen viele Konzeptualisten eine für den Autor dieses Buchs nicht ganz nachvollziehbare Tendenz, die Rede von den Begriffen und ihrer Anwendung so zu betrachten , als ob sie keine ontologischen Verpflichtungen nach sich zöge. Wir werden diese Tendenz am Beispiel der frühen Lehre Brentanos bald beobachten können . Die besprochenen metaphysischen Positionen können wir in der folgenden Tabelle zusammenfassen:
Realisten Es gibt allgemeine Entitäten
Nominalisten (im weiten Sinne) Es gibt keine allgem einen Entitäten
Plat oniker
Aristoteliker
Tropentheorie
Extensionalisten
Konz eptualisten
Es gibt allgemeine Eigenschaften unabhängig von Individuen
Es gibt allgemeine Eigenschaften nur "in" den lndiv iduen
Es gibt individu elle Eigenschaften
Es gibt keine Eigenschaften nur Mengen von Individuen
Es gibt keine Eigenschaften
Es gibt Eigensch aften
nur Begriffe
Es gibt keine Eigens chaften
Der Einfachheit halber haben wir in unserer Tabelle von den Entitäten, die unter Kategorie der allgemeinen Gegenständen fallen können, nur Eigenschaften berücksichtigt. Diese Kategorie wird sehr oft auch Relationen und unter Umständen auch propositionale Entitäten (wie Propositionen, Sachverhalte, und darunter manchmal auch maximale Sachverhalte, d.h. mögliche Welten) umfassen. Was die Relationen betrifft , so können sie als n-stellige (n > I) Eigenschaften interpretiert werden. Alternativ können Eigenschaften als l-stellige Relationen, und Sachverhalte - darunter auch maximale - als O-stellige Relationen betrachtet werden.
KAPITEL 2
DIE ELEMENTE DER ARISTOTELISCHEN METAPHYSIK
Bevor wir auf Brentanos Philosophie direkt eingehen werden, wollen wir in diesem Kapitel kurz die grundlegenden Thesen der Aristotelischen Metaphysik erörtern. Da die permanenten Verweise auf Aristoteles bei der Besprechung der Ontologie Brentanos aufjeden Fall unumgänglich sein werden, finden wir es zweckmäßig , die Hauptinformationen zu den relevanten Punkten seiner Metaphysik an einem Ort zu sammeln. Wir wollen dadurch dem Leser schon am Anfang einen Überblick über den begrifflichen Rahmen ermöglichen, in dem Brentano sein Philosophieren anfing und dessen viele Elemente er Zeit seines Lebens bewahrte. Die folgende Darstellung ist allerdings keineswegs als ein selbständiges und ausführliches Referat der ontologischen Position Aristoteles' gedacht. Umso weniger werden in diesem Kapitel die einzelnen Thesen begründet und verschiedene Interpretationen der Aristotelischen Lehre diskutiert. Was folgt, ist eine synthetische und in vielen Punkten auch eher dogmatische Darstellung derjenigen Punkte der Aristotelischen Metaphysik, die für Brentanos Verständnis des Seienden ausschlaggebend waren. Es ist eine Einführung in die Lehre Brentanos, und als solche soll es auch gelesen werden. 2 .1 DAS ONTOLOGISCHE QUADRAT
In unserem Buch werden wir Aristoteles als einen metaphysischen Realisten interpretieren , wir sind uns aber bewußt, daß die Stellen, die diese Interpretation zu unterstützen scheinen, auch konzeptualistisch gedeutet werden können.35 Die Frage, ob Aristoteles Realist war, ist in der Tat dergestalt schwierig zu beantworten, daß sogar Wilhelm von Ockham seine Philosophie als die getreuste Aristoteles-Auslegung vorstellen konnte und auch Brentano Aristoteles immer als einen Konzeptualisten vorgestellt hat. Wir glauben jedoch, daß die Annahme der unreduzierbaren Allgemeinheiten in rebus mit der Mehrheit davon, was Aristoteles geschrieben hat, am besten harmoniert. Unserem Aristoteles zufolge gibt es also allgemeine Entitäten, die allerdings nur "in" Individuen existieren können. "Sind alle gesund," schreibt er, "so ist Gesundheit, Krankheit aber nicht, entsprechend auch, wenn alles weiß ist, so wird Weiße sein, Schwärze dagegen nicht." (Kategorien, 11, 14a 7-10) In seinen Kategorien (I a 20~ Ib 9) unterscheidet er vier Typen von Entitäten, und zwar nach zwei Prinzipien: (1) ob sie von anderen Entitäten ausgesagt (prädiziert) werden können; und
35 Die folgenden Sätze können Z.B. sowohl von den allgemeinen Entitäten als auch von den Begriffen oder Prädikaten handeln : "Das Allgemeine ist das Gemeinsame. Denn was mehreren zukommt, nennen wir das Allgemeine .", Aristoteles , Von den Teilen der Tiere, Buch I, Kap. 4, 644a 27; oder ,,[Dlas Allgemeine [...1ist mehrerem gemeinsam ; denn eben das heißt ja allgemein, was seiner Natur nach mehreren zukommt. ", Metaphysik , I038b 10-12 .
33 A. Chrudzimski et al. (eds.), Die Ontologie Franz Brentanos © Kluwer Academic Publishers 2004
KAPITEL 2
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(2) ob sie in anderen Entitäten (enthalten) sind. Rein kombinatorisch ergeben sich daraus vier Kategorien: (i) Entitäten, die von anderen Entitäten nicht ausgesagt werden können und in keinen anderen Entitäten enthalten sind; (ii) Entitäten , die von anderen Entitäten ausgesagt werden können und in keinen anderen Entitäten enthalten sind; (iii) Entitäten, die von anderen Entitäten nicht ausgesagt werden können und in anderen Entitäten enthalten sind; (vi) Entitäten , die von anderen Entitäten ausgesagt werden können und in anderen Entitäten enthalten sind. (Vgl. dazu AngeleIli 1991; AngeleIli 1967, Kap. 1; Degen 1991.) Wir erhalten konsequenterweise die bekannte Figur , die AngeleIli (1967 , S. 12; 1991) ontologisches Quadrat genannt hat: 1I
-
-
-
-
-
-
-
Nein (i) von keinem I
I
I I
Enthalten-
Nein
-
-
-
-
-
-
-
-
-
-
-
~
Prädi zierb arkeit von einem Subjekt
-
-
-I I
Ja (ii)
prä izierbar
Su~ ekt
von einem Subdekt prä izierbar
"in" keinem Subjekt
"in" keinem Subjekt
I
~r~n einem
Subjekt
(iii)
Ja
(iv)
von kein em SubJekt prä izierb ar
von einem prä izierbar
"in" einem Subjekt
Ilin"einem Subjekt
Su~ekt
I
- - - - - - - - - -- -
In der Rubrik (i) des Quadrats finden wir die konkreten Individuen, die Aristoteles Substanzen (bzw . erste Substanzen) nennt. Die paradigmatischen Beispiele dieser Kategorie, die man bei Aristoteles findet, sind die physischen Individuen "mittlerer Größe" - typischerweise die zu den "natürlichen Arten" zugehörigen Lebewesen, wie Sokrates, ein bestimmter Hund, ein bestimmtes Pferd. Die Kategorie Substanz umfaßt jedoch alle konkreten Individuen überhaupt, und diese bilden nach Aristoteles die Hauptbausteine der Realität. Alles, was in der Metaphysik Aristoteles ' als eine unabhängig existierende Entität auftritt, muß vor allem Substanz sein. Als ein wichtiges Kriterium, ob eine gegebene Entität Substanz ist, wird an vielen Stellen die Kontinuität des Gegenstands genannt. Die Substanzen sind Kontinua , wobei es sich bei der paradigmatischen Gruppe der Ausgangsbeispiele um eine raumzeitliche Kontinuität handelt. Teile und Kollektive von Dingen sind nach Aristoteles lediglich potentiell (dem Vermögen nach) . Sie werden aktuell erst dann, wenn sie tatsächlich "ausgeschnitten" bzw . zu einem Ganzen "zusammengesetzt" werden , d.h. wenn die Kontinuitätsverhältnisse entsprechend verändert werden . Heute sind wir es gewöhnt, Entitäten dieser Art als die unproblematischsten Bewohner des philosophischen Universums zu betrachten . Andere Arten von Entitäten werden üblicherweise gerade als eine Erklärung der Probleme, mit denen wir im
ARISTOTELISCHE METAPHYSIK
35
Bereich der konkreten Individuen konfrontiert werden, eingeführt. Die Philosophen, die den post-kantianischen Jargon bevorzugen, würden sagen, daß die konkreten Individuen dieser Art die Hauptkategorie unseres konzeptuellen Schemas bilden, und es gibt bekannte "transzendentale" Argumente für die These, daß sie eine solche Hauptkategorie bilden müssen. 36 Ohne zu versuchen, die Frage zu beantworten, inwiefern diese philosophische Selbstverständlichkeit des Substanzbegriffs auf die enorme Autorität des Meisters von Stagira zurückzuführen ist, bemerken wir dennoch, daß die philosophischen Theorien, welche die Probleme der Welt von konkreten Individuen zu erklären versuchen, nicht selten in einer Eliminierung der Kategorie der individuellen Substanz kulminieren. Theorien der konkreten Individuen als Bündel von Eigenschaften, verschiedene Versionen von Prozeß- und Situationsontologien finden wir nur allzu oft;37 und zur Zeit Aristoteles' war es doch kein geringerer als Platon, der die allgemeinen Entitäten als unabhängige Realitäten stipulierte und die Welt der konkreten Individuen für eine Art Schein erklärte. Vor diesem Hintergrund verliert die Aristotelische These der ontologischen Priorität von konkreten Individuen den Schein einer Alltagsselbstverständlichkeit und präsentiert sich als das, was sie tatsächlich war: als eine starke ontologische These, welche die unmittelbare ontologische Tradition dezidiert in Frage stellt und zu ihrer Begründung ein äußerst kompliziertes ontologisches Gerüst braucht. Welches sind aber Entitäten, welche die sonstigen Viertel des ontologischen Quadrats besetzen - die Entitäten, die Aristoteles zufolge, insofern sie überhaupt sind, in einem ontologischen Verhältnis zu den Substanzen stehen müssen? Die Dichotomie, die nach dem Prinzip der Prädizierbarkeit verläuft, fällt im Grunde mit der Dichotomie Allgemeinheit-Individualität zusammen." Nach Aristoteles heißen "allgemein" diejenigen Entitäten, die als numerisch streng identisch in vielen Individuen vorkommen können. Wenn der Satz: "a und b haben dieselbe Farbe F ' als Behauptung interpretiert wird, daß die Farbe F als im strengen Sinne dieselbe Entität in beiden Dingen (a und b) vorkommt, dann gehört es zu den Wahrheitsbedingungen dieses Satzes, daß die Farbe F eine im obigen Sinne allgemeine Entität ist. In unserem Buch möchten wir diesem Wortgebrauch folgen. Im Besonderen wollen wir das Wort "abstrakt", das im Rahmen einer vagen Rede von den "abstrakten Entitäten" sehr oft auch Allgemeinheit mitbedeutet, für eine andere Funktion reservieren. Als abstrakt wollen wir nämlich diejenigen Entitäten bezeichnen, die in ihrer Existenz in Bezug auf andere Entitäten wesentlich unselbständig sind, die also in der Aristotelischen Terminologie in einem Subjekt sein müssen. Das Gegenteil
36 Die bekannteste zeitgen össische Argumentation dieser Art finden wir in Strawsons Individuals (Strawson 1964). 37 Vgl. z.B. die Prozeßontologie in Whitehead 1929/197 8, die "kombinatorische Tatsachenontologie" in Wittgensteins Tractatus (Wittgenstein 1922), die Situationsontologie in Barwise/Perry 1983 und in Wolniewic z 1985. Die Theorie der konkreten Individuen als Bündel von Universalien war für einige Perioden Russells charakteristisch. Die These, daß die konkreten Individuen Bündel von individuellen Eigenschaften sind, ist die orthodoxe Position im Rahmen der Tropenontologie. 38 Vgl. "Vereinfacht, was nicht mehr geteilt werden kann und somit eines der Zahl naeh ist, wird von keinem Zugrundeliegenden ausgesagt [...J.", Kategorien, Ib 6-7.
KAPITEL 2
36
der so verstandenen Abstraktheit ist Konkretheit. Konkrete Entitäten existieren "an sich", unabhängig von anderen Gegenständen. Welche Beziehungen zwischen diesen zwei Dichotomien: allgemein-individuell und abstrakt-konkret bestehen, und insbesondere , ob alle allgemeinen Entitäten a fortiori abstrakt sind, hängt von den konkreten Thesen der jeweiligen ontologischen Theorie ab. Eine Platonische Eigenschaft, die als numerisch identisch von vielen Individuen exemplifiziert werden kann, wäre natürlich eine allgemeine (also nicht individuelle) Entität. Da sie jedoch völlig unabhängig von der Existenz solcher Individuen besteht, ist sie zugleich - wie befremdlich es auch klingen mag - kein abstraktes , sondern ein konkretes Seiende. Wenn hingegen, wie es Aristoteles lehrt, Eigenschaften nur in konkreten, individuellen Substanzen sein können, dann sind alle Eigenschaften abstrakt. Auch die Anhänger der individuellen Eigenschaften würden auf ihre Abstraktheit bestehen . Die individuellen Eigenschaften können "außerhalb" ihrer Träger nicht existieren. Da sie jedoch individuelle Aspekte dieser Träger bilden, sind sie keine Universalien , sondern abstrakte Individuen . (Die Träger - die konkreten Individuen - werden übrigens von den Anhängern der Tropentheorie sehr oft als Bündel von individuellen Eigenschaften interpretiert .) Durch die Kreuzung von den zwei Unterscheidungen individuell-allgemein und konkret-abstrakt erhalten wir ein neues ontologisches Quadrat: -
~
-
-
-
-
-
-
-
-
-
-
-I
Prädi zierb arkeit - - - - - - - - - - - -, - - - - - - - - - - -
r - - - -- - -; - - - -
,, Nein - individuell ,, (1)
I
Nein
konkret I
I I
Enthalten- , sem "in" einem Subjekt I I
~bs trakt
(2)
individuell konkret
allgemein konkret
Aristotelische Substan z
Eigenscha t
(3)
Ja
Ja - allgemein
indiv iduell abstrakt individuelle Eigenschaft
, , , , ,
Platonisch~
(4 ) all~mein
abs akt
Ari stotelis~he
Eigenscha t
I
- - - - - - - -I - -
Nicht nur graphische Ähnlichkeit suggeriert, daß sich die von Aristoteles aufgezählten Kategorien mit den Kategorien unseres Quadrats (zumindest zum Teil) gleichsetzen lassen. Unter der Rubrik (1) haben wir bereits die Aristotelische Substanz und unter (4) die Aristotelische Eigenschaft plaziert und diese Entscheidung erscheint tatsächlich sehr plausibel. Die Entitäten, die von anderen Entitäten nicht ausgesagt werden können und in keinen anderen Entitäten enthalten sind, sind genau die Entitäten, die in unserer Terminologie zugleich individuell und konkret sind; und diese sind Substanzen, so
ARISTOTELISCHE METAPHYSIK
37
wie Aristoteles dieses Wort verstand - die konkret-individuellen Hauptbausteine der Realität. In den Kategorien (3a 7-4a 13) versucht er, den Substanzbegriff durch ein Paar Charakteristika verständlich zu machen. Eine Substanz ist etwas, das (im Gegensatz zu einem Akzidens) nicht an einem Zugrundeliegenden vorkommt (3a 7-8); sie ist (im Gegensatz zu einer allgemeinen Entität, die als numerisch dieselbe in vielen Individuen vorkommt) etwas unteilbares und eines der Zahl nach (3b 13); sie läßt kein Gegenteil (3b 24-25) und kein Mehr und Minder (3b 32) zu. "Das am stärksten Eigentümliche der Wesenheit [d.h. der Substanz] scheint [aber] zu sein, daß das, was da mit sich selbig und der Zahl nach eines ist, fähig ist, die gegenteiligen Bestimmungen an sich zu nehmen." (4a 10-13) Ein bestimmter Mensch kann z.B. "mal warm mal kalt und nichtsnutzig und tüchtig" sein. (4a 21_22)39 Die Kategorie (4) scheint ebenfalls mit der Aristotelischen Kategorie (iv) unproblematisch zusammenzufallen . Der Aristotelische Hauptbegriff der Eigenschaft faßt Eigenschaften als Entitäten auf, die von anderen Entitäten ausgesagt werden können (d.h. allgemein sind), die jedoch unabhängig von den individuell-konkreten Substanzen nicht existieren können. Sie scheinen mithin ontologisch unselbständig (d.h. abstrakt) zu sein. Die Philosophen des XVII und XVIII Jahrhunderts haben sich in ihren Formulierungen des Substanzbegriffs in der Regel auf einen der Aspekte des Aristotelischen Begriffs konzentriert. Descartes betont vor allem die ontologische Selbständigkeit der Substanz. Vgl. "Unter Substanz können wir nur ein Ding verstehen , das so existiert, daß es zu seiner Existenz keines anderen Dinges bedarf; und eine Substanz, die durchau s keines anderen Dinges bedarf, kann man nur als einzige denken, d.h. als Gott. Alle anderen aber können, wie wir sehen, nur mit Gottes Beistand existieren . Deshalb gebührt der Name Substanz Gott und den übrigen Dingen nicht in gleichem Sinne, univoce, wie man in den Schulen sagt, d.h. es gibt keine deutlich einzusehende Bedeutung dieses Wortes, welche Gott und den Geschöpfen gemeins am wäre.", Descartes 1644, § 51 (S. 17 f.). Ähnlich sieht die Sache Spinoza, wobei er in erster Linie die konzeptuelle Unabhängigkeit des Substanzbegriffs betont. Vgl. "Unter Substanz verstehe ich das, was in sich ist, und durch sich begriffen wird, das heißt das, dessen Begriff, um gebildet werden zu können , den Begriff eines anderen Dinges nicht bedarf.", Spinoza 1677, Definition 3 (S. 3). Ihren Höhepunkt hat diese Entwicklungslinie im Werk von Leibniz gefunden . Vgl. "Es ist wohl wahr, daß man, wenn mehrere Prädikate ein und demselben Subjekte zugeschrieben werden, und wenn dieses Subjekt wiederum keinem anderen mehr zugeschrieben wird, dies eine individuelle Substan z nennt ; das ist aber nicht ausreichend , und eine solche Erklärung ist nur nominal. [...] Nun steht fest, daß jede wahre Aussage eine Grundlage in der Natur der Sache hat, und wenn ein Satz nicht identisch ist, das heißt , wenn das Prädikat nicht im Subjekte enthalten ist, so muß es darin virtuell enthalten sein, und das nennen die Philosophen in-esse (In-sein) , indem sie sagen, daß das Prädikat im Subjekt ist. So muß der Subjektbegriff immer den des Prädikats in sich schließen , derart, daß derjenige, der den Begriff des Subjektes vollkommen verstünde, auch urteilen würde, daß das Prädikat ihm zugehört. Da dies so ist, können wir sagen, daß die Natur einer individu ellen Substanz oder eines vollständigen Wesens darin besteht, einen so erfüllten Begriff zu haben, daß er zureichend ist, um alle Prädikate des Subjekts , dem dieser Begriff zugeschrieben wird, zu verstehen und daraus abzuleiten .", Leibniz 1686a, S. 75. Andere Philosoph en haben hingegen die Substrat-F unktion für den wichtigsten Aspekt des Substanzbegriffs gehalten. Der Substanzbegri ff, der für Locke maßgebend ist, ist der Begriff eines erfahrungsmäßig nicht gegeben en (bloß postuli erten) Trägers der erfahrungsmäßig feststellbaren Eigenschaften (die Locke ausnahmslos als Akzidentien interpretiert). Vgl. "So that if any one will examine hirnself concem ing his Notion 0/ pure Substanc e in general, he will find he has no other !dea of it at all, but only a Supposition of he knows not what Support of such Qualities, which are capable of producing simple Ideas in us; which Qualities are commonly called Accidents .", Locke 1689, Book 11, Ch. XXIII, § 2. Kant verfolgt die Intuition, welche die Substanz als ein bleibendes Substrat der Veränderung sieht. Vgl. Kritik der reinen Vernunft, A 182, B 225. 39
38
KAPITEL 2
Was die Kategorie der individuellen Eigenschaften (3) betrifft, die einerseits abstrakt, d.h. von den Substanzen seinsabhängig, andererseits jedoch als genau so individuell wie diese Substanzen sind, so nennt Aristoteles in den Kategorien Beispiele solcher Entitäten und situiert sie im Viertel (iii) seines Quadrats . Es handelt sich um Entitäten wie diese individuelle Größe dieses individuellen Sokrates oder diese individuelle Röte dieser individuellen Rose. In seinem Kommentar zu Aristoteles' Kategorien schreibt Boethius : Ebenso auch das Akzidens - denn wenn ich "W issenschaft" sage, so habe ich ein universales Ding erwähnt, weil "Wissenschaft" sowohl über die Grammatik, Rhetorik als auch alle anderen [Disziplinen] prädiziert wird , die ihr untergeordnet sind; wenn ich aber .Platons Wissen" gesagt habe, dann nenne ich ein partikuläres Wissen, da ja jedes Akzidenz, was Individuen betrifft, selbst ein Individuum wird und Platons Wissen wie auch Platon selbst ein partikuläres [Ding] ist. (Boethius, In Categorias, S. 39)
Wir sehen, daß es sich bei diesen "individualisierten" Eigenschaften mit großer Wahrscheinlichkeit um individuelle Eigenschaften handelt, die eine eingebaute Zugehörigkeit zu einem bestimmten Individuum haben, die also nicht in andere Individuen transferierbar sind. Und mit aller Sicherheit sind solche individuelle Eigenschaften nicht wiederholbar. Ein anderer Mensch kann die individuelle Größe des individuellen Sokrates keineswegs haben, selbst wenn er "gleich groß" ist. Auch dann muß er seine eigene individuelle Größe haben, die allerdings der Größe von 40 Sokrates spezifisch gleich ist. Wenn wir "ontologisch verbindlich" sagen möchten, daß zwei numerisch verschiedene Gegenstände (die keine gemeinsamen konkreten Teile haben) dieselbe Größe haben, dann müssen wir eine allgemeine Eigenschaft meinen . Ob die Kategorie der individuellen Eigenschaften im Rahmen der Aristotelischen Metaphysik wirklich eine wichtige Rolle spielt, ist unklar. (Vgl. AngeleIli 1991, S. 12.) Im ersten Kapitel haben wir gesehen, daß die untransferierbaren Tropen in Wirklichkeit keine effiziente metaphysische Apparatur liefern. In jedem Fall nennt Aristoteles die individuellen Eigenschaften unter (iii). Da er die Prädizierbarkeit einer Entität von anderen Entitäten mit ihrer Allgemeinheit verbindet," können nach ihm solche individuellen Eigenschaften von den anderen Entitäten nicht ausgesagt 42 werden . Größere konzeptuelle Probleme bereitet uns die Aristotelische Kategorie (ii). Wir finden dort Entitäten, die wie Substanzen in keinen anderen Entitäten enthalten sind, die jedoch von anderen Entitäten ausgesagt werden können (die also in vielen Individuen wiederkehren können und in diesem Sinne allgemein sind). Es könnte
40 Die Frage, worin dieses Verhältnis besteht, bildet übrigens das Hauptproblern aller Anhänger der individuellen Eigenschaften. Typischerweise beruft man sich, wie wir im ersten Kapitel gesehen haben, auf die Relation der Ahnlichkeit, die zwischen den individuellen abstrakten Eigenschaften besteht. 41 Vgl. ,,[D]ie einen Gegenstände [sind] allgemein [...], die anderen einzeln - mit 'allgemein' meine ich : Was von der Art ist, von mehreren Gegenständen ausgesagt zu werden; mit 'einzeln ' etwas, wo das nicht geht; Beispiel: 'Mensch' gehört zum Allgemeinen , 'Kallias' zu den Einzelbestimmungen [...]", Hermeneutik, 7, 17a 38-39. 42 Die Philosophen, die nur individuelle Eigenschaften anerkennen, versuchen indes zu zeigen , in weichem Sinne solche individuellen Eigenschaften von den konkreten Individuen doch ausgesagt werden können und wie, durch gewisse mengentheoretische Konstruktionen, sogar die Prädikation der Identität von Eigenschaften simuliert werden kann .
ARISTOTELISCHE METAPHYSIK
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sich hier um Platonische Formen handeln, die nach seinem Erfinder doch allgemein und zugleich konkret (d.h . von anderen Entitäten seinsunabhängig) sein sollen. Die Aristotelische Kategorie (ii) ließe sich in diesem Fall mit unserer Kategorie (2) identifi zieren. Bekanntlich hat aber Aristoteles die Existenz derartiger allgemeiner Konkreta an vielen Stellen explizit geleugnet." Die Kategorie (ii), die sich als eine der Möglichkeiten aus der Kreuzung von den zwei Aristotelischen Dichotomien rein kombinatorisch ergibt, müßte also in diesem Fall als eine bloß angebliche Möglichkeit bezeichnet werden. Bald werden wir aber sehen, daß man im Rahmen der Aristotelischen Metaphysik doch Entitäten findet, die der Kategorie (ii) zuzuordnen sind. Es handelt sich zudem um eine sehr wichtige Kategorie, ohne die die ganze Aristotelische Metaphysik prinzipiell unverständlich wäre . Die Entitäten, die Aristoteles in Rubrik (ii) situiert heißen substantiale Formen oder zweite Substanzen und bilden unentbehrliche Bestandteile der ersten Substanzen, die sich in Rubrik (i) befinden. Um das alles richtig zu verstehen, müssen wir aber unsere Analyse ein wenig komplizieren. 2 .2 SUBSTANTIAL E UND AKZIDENTELLE EIGENSCHAFTEN
Unser ontologisches Quadrat läßt sich also unter diesen Voraussetzungen mit dem Aristotelischen gewissermaßen vereinigen. Die Sachlage kompliziert sich jedoch dadurch, daß wir in unserer bisherigen Untersuchung eine Unterscheidung außer Acht gelassen haben, die für Aristoteles absolut zentral ist. Es handelt sich um die Unterscheidung zwischen substantialen und akzidentellen Eigenschaften, die in der zeitgenössischen Philosophie aus verschiedenen, teils guten, teils schlechten Gründen üblicherweise vernachlässigt wird. Nach Aristoteles sind nämlich Bestimmungen, die von einem Subjekt ausgesagt werden, keineswegs gleichberechtigt. Unter den Prädikaten, die von einem Gegenstand ausgesagt werden, unterscheidet er einerseits die Hauptbestimmung, die das " Was" des Gegenstands angibt, und andererseits andere Prädikate, die mehr oder weniger zufällige (akzidentelle) Zustände des Gegenstands betreffen. Akzidens nennt man dasjenige, was sich zwar an etwas findet und mit Wahrheit von ihm ausgesagt werden kann, aber weder notwendig noch in den meisten Fällen sich findet [...]. (Metaphysik, 1025a 14_15)44
43 Vgl. Z.B. die ausführliche Argumentation in der Metaphys ik, 1038b 8-1041 a 5. 44 Weiter schreibt jedoch Aristoteles: " In einer anderen Bedeutung nennt man Akzidens auch das, was einem Gegenstand an sich zukommt, ohne in seinem Wesen zu liegen, z.B. dem Dreieck die Winkelsumme von zwei Rechten . Das Akzidens in diesem Sinne kann ewig sein, in jenem aber durchaus nicht.", Metaphysik, I025a 30-33 . Wir haben hier die Bestimmungen, die mit Notwendigk eit aus dem Wesen des Gegenstands folgen. Der Begriff Akzidens ist also bei Aristoteles zweideutig. Die Bestimmung, die sich durchgesetzt hat, ist jedoch vor allem die Erstgenannte: Akzidens als etwas Unwesentliches. Vgl. " Ein Seiendes ist entweder an sich oder akzidentell, bzw. ein Begriff ist entweder notwendig oder veränderlich. So ist ein Mensch ein an sich Seiendes, wogegen ein gelehrter Mensch oder ein König akzidentelle Seiende sind. Denn jedes Ding, das 'Mensch' genannt wird, kann nicht aufhören , Mensch zu sein, außer es würde vernichtet , dagegen kann jemand beginnen oder aufhören König oder Gelehrter zu sein, auch wenn er selbst derselbe ist.", Leibniz 1686b, S. 5.
40
KAPIT EL 2
Die Entitäten, die von anderen Entitäten prädiziert werden können, zerfallen dementsprechend in wesentliche Bestimmungen, die das Was des Gegenstands konstituieren, die Aristoteles substantiale Formen nennt, und Akzidentien, die einer Substanz zwar (ab und zu) zukommen, die jedoch entfallen können, ohne daß die Substanz dadurch seine Integrität und Identität verliert. ,,Nebenbei zutreffend [d.h. Akzidens] ist" - definiert Porphyrios - , "solches, was auftreten und auch verschwinden kann ohne Verderben für den betroffenen Gegenstand." (Isagoge, 5) Wir haben hier mit einer der wichtigsten Dichotomien zu tun, die Aristoteles zufolge die systematische Mehrdeutigkeit des Seienden nach sich zieht. (Vgl. Metaphysik, 1017a 24-30) Sowohl substantiale Form als auch Akzidentien können in einem grammatisch wohlgeformten und unter Umständen auch sachlich richtigen Satz von einem Subjekt ausgesagt werden. Sie werden allerdings sehr unterschied lich ausgesagt. Während man nämlich die Akzidentien von einer Substanz (d.h. von einem bereits "fertigen" Seienden) prädiziert, kann die substantiale Form erst von einem durch die höchste metaphysische Abstraktion herauspräparierten unqualifizierten (sozusagen "logischen") Subjekt der Prädikation ausgesagt werden. (Vgl. Metaphysik, 1029a 22-24) Der Grund dafür besteht darin, daß die substantiale Form den unentbehrlichen Bestandteil jedes konkreten Seienden bildet. Erst aus der Vereinigung einer solchen Form mit der Aristotelischen Materie (die bei der Prädikation einer substant ialen Form eben als das logische Subjekt fungiert) ergibt sich ein konkretes Seiendes, das dann als Träger von Akzidentien fungieren kann. Eine Art-Bestimmung (z.B. Mensch) wird also Aristoteles zufolge nicht von einem konkreten Menschen in dem Sinne ausgesagt, in welchem von ihm seine akzidentellen Eigenschaften (wie z.B. weiß, gebildet) ausgesagt werden. Wir sagen: "dieser Mensch ist weiß" oder "dieser Mensch ist gebildet". Zu sagen, daß "dieser Mensch Mensch ist", wäre jedoch zumindest extravagant. Derartige Art-Bestimmungen prädizieren wir erst dann, wenn wir ein zunächst unbestimmtes Objekt als ein einer bestimmten Art Zugehöriges klassifizieren. Ein paradigmatisches Beispiel einer solchen Prädikation wäre: "das ist (ein) Mensch" , wobei sich das Wort "das" auf ein (zumindest im Rahmen dieser Aussage) völlig unbestimmtes Etwas bezieht. Es bezieht sich auf einen TrägerAspekt, der aus einem Gegenstand auch dann noch bleibt, wenn wir ihm alle seine (akzidentellen und wesentlichen) Eigenschaften "wegnehmen". Diesen Aspekt des Seienden nennt Aristoteles Materie oder Substrat. Dieses formale Etwas darf natürlich keine Bestimmungen besitzen, durch die es beschrieben werden kann, denn es wurde genau durch den Ausschluß aller solchen Bestimmungen erreicht. Es beinhaltet jedoch mindestens die Individualität, so daß jede Art- oder Akzidens-Bestimmung automatisch eine Bestimmung eines Individuums sein muß. Das "Wegnehmen" der Art-Bestimmungen kann übrigens nur fiktiv erfolgen. Was real existiert sind Substanzen , die immer eine Zusammensetzung eines Form-Aspekts mit einem Materie-Aspekt beinhalten . Solchen Substanzen kommen dann eventuell auch Akzidentien zu. Der Aristotelische Begriff der Materie, mit dem wir gerade konfrontiert werden, involviert übrigens mindestens zwei Elemente. Das erste ist der bereits angesprochene Subjekt-Aspekt. Die Materie fungiert als der endgültige logische Träger, von
ARISTOTELISCHE METAPHYSIK
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dem sogar die jedes konkrete Ding mitkonstituierende Art-Bestimmung ohne weiteres ausgesagt werden kann. Das zweite Element ist hingegen der Aspekt der Potentialität, der die Veränderlichkeit und insbesondere das Entstehen und Vergehen von Seienden erklärt. In dieser Bedeutung ist Materie das, was bei jeder Veränderung bleibt und was den metaphysischen Ort der Potentialitäten, die in der jeweiligen Veränderung aktualisiert werden, bildet - die Theorie, die wir noch später kurz besprechen. Eine Verallgemeinerung dieses Aspekts führt uns zum Begriff der ersten Materie, die gewissermaßen den Bereich der metaphysischen Möglichkeiten umgrenzt, deren (partielle) Aktualisierungen alle Seienden darstellen, denen wir in der Welt begegnen können. Wir können jetzt den Sinn verstehen, in dem die so verstandene Materie Indivi dualität beinhaltet (und in welchem sie bei Aristoteles als das Individualitätsprinzip fungiert). Die Materie bestimmt, wie gesagt, den Rahmen der ontologischen Möglichkeit. Sie schreibt vor, was existieren kann. Nun sind nach Aristoteles die unabhängig existierenden allgemeinen Entitäten nicht etwa aus irgendwelchen zufälligen Gründen nicht vorhanden. Sie sind nach ihm schlechtweg undenkbar, was bedeutet, daß sie den in der Materie vorprogrammierten Rahmen der ontologischen Möglichkeit sprengen. Was man bei der Interpretation der Aristotelischen Philosophie nicht vergessen darf, ist, daß seine Terminologie gewissermaßen eine Umkehrung dessen bildet, was wir heute (und das heißt vor allem: nach Kant) gewöhnt sind. In der zeitgenössischen Ontologie bezieht sich nämlich das Wort "formal" (wie Z.B. in der Bezeichnung "formale Ontologie") auf diejenigen Aspekte des Seienden, die notwendige strukturelle Züge der Welt bestimmen, während man unter "materiell" das versteht, was über den kontingenten "Inhalt" der Welt entscheidet.45 Bei Aristoteles funktioniert diese Terminologie genau umgekehrt. Die "logische Form der Welt" wird durch die Materie bestimmt 46 und substantiale und akzidentelle Formen bilden gerade den Inhalt der Welt. Da also ontologisch selbständige Allgemeinheiten Aristoteles zufolge undenkbar sind und eine derart generelle Undenkbarkeit im Rahmen seiner Metaphysik in der Materie vorprogrammiert sein muß, beinhaltet der Materie-Aspekt, der in jeder konkreten Substanz involviert ist, bereits die Individualität. Deswegen mußte Aristoteles nach keinem zusätzlichen principium individuationis suchen. Die Frage der ontologischen Individualität wird dementsprechend in einer charakteristischen Weise von allen epistemischen Fragen, wie man das betreffende Individuum von den anderen unterscheiden kann, befreit. Es scheint insbesondere, daß Leibniz' Prinzip der Identität des Ununterscheidbaren 47 durch keine der ontologischen Thesen Aristo-
45 So ist es z.B. bei Husserl und Ingarden, wenn sie von der formalen und materialen Ontologie sprechen . 46 Ingarden schreibt sogar explizit, daß die Materie im Sinne von Aristoteles einen Aspekt der Form eines individuellen Gegenstands darstellt. Vg1.lngarden 1964/65 , Bd. 11, Teil I, Kap VII, §34. 47 Vg1."Jede Monade muß sogar von jeder anderen verschieden sein. Denn es gibt niemals in der Natur zwei Seiende, die einander vollkommen gleich wären und bei denen es nicht möglich wäre, einen inneren oder auf einer inneren Bestimmung (denominatio intrinseca) beruhenden Unterschied zu finden .", Leibniz 1714, S. 443.
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KAPITEL 2
teles' impliziert wird. Ein Aristoteliker, der dieses Prinzip plausibel findet, muß es im Rahmen der Aristotelischen Metaphysik extra postulieren." Wir kehren jedoch zu den Problemen der Prädizierbarkeit von Entitäten zurück . Die Akzidentien werden nicht von einem unqualifizierten logischen Subjekt, sondern von einem durch seine wesentlichen Eigenschaften bereits bestimmten , konkreten Gegenstand ausgesagt. Sie sind ferner von solchen konkreten Entitäten seinsabhängig und sind in diesem Sinne "in einer anderen Entität". Was hingegen die substantiale Form betrifft, so kann sie nicht als in diesem Sinne seinsabhängig bezeichnet werden . Sie ist nicht in einem konkreten Ding in dem Sinne, in welchem dies auf Akzidentien zutrifft. Die substantiale Form konstituiert nämlich (zusammen mit der Materie) jedes konkrete Ding. Der metaphysische Sprung von den abstrakten Aspekten (in der Aristotelischen Terminologie : Prinzipien, Ursachen) des Seienden zu den konkreten Individuen findet mit der Instantiierung einer substantialen Form statt. Diese Instantiierung ergibt "mit einem Schlag" Individuen (und zwar Individuen der Art, die durch die betreffende substantiale Form bestimmt ist), wobei die Form als Allgemeinheitsaspekt des Seienden und die Materie als das Individualitätsprinzip fungieren . (Vgl. Metaphysik , 1034a 7-8) Dennoch kann die Form (im Rahmen einer Was-Prädikation) von diesem Ding (und zwar genauer - von seiner Materie) in einer gewissen Weise ausgesagt werden. (Vgl. Metaphysik, 1029a 21-24) In einer solchen Aussage wird gewissermaßen der Gegenstand in seinem Form-Aspekt von sich selbst in seinem Individualitätsaspekt prädiziert. In der Was-Prädikation: "das ist (ein) Mensch" bezieht sich demgemäß das grammatische Subjekt der Aussage (das Wort "das") auf den unqualifizierten Individualitätsaspekt, während das grammatische Objekt (der allgemeine Name "Mensch") dem Form-Aspekt Ausdruck gibt. In einer Prädikation eines Akzidens : "dieser Mensch ist gebildet" bezieht sich hingegen das grammatische Subjekt auf einen individuellen Gegenstand, dem eine (akzidentelle) Eigenschaft zugeschrieben wird, auf die sich das grammatische Objekt ("gebildet") bezieht. Die Was-Prädikation können wir, angesichts dieser Besonderheiten interne Prädikation nennen, und zwar im Gegensatz zur externen Prädikation, in der ein Akzidens von einem individuell-konkreten Subjekt ausgesagt wird. Aristoteles sagt in den Kategorien (Kap. 5, 2a), daß bei der Prädikation von Arten (von zweiten Substanzen) von einem Subjekt sowohl der Name als auch der Begriff ausgesagt wird. Die erste Substanz - ein individueller Mensch - , von der Aristoteles zufolge die zweite Substanz (die Art Mensch) ausgesagt wird (auch wenn als Subjekt der Prädikation streng genommen nicht die Substanz, sondern der unqualifizierte Materie-Aspekt dient), ist wesentlich ein Mensch . In diesem Sinne wird in einer solchen Prädikation sowohl der Name als auch der Begriff ausgesagt. Bei den Akzidentien hingegen (sofern sie überhaupt prädizierbar sind, d.h. nicht als individuelle Akzidentien verstanden werden) kann von einem Subjekt ausschließlich der Name ausgesagt werden. Ein bestimmter Mensch kann zwar unter Umständen wahrhaftig als gebildet bezeichnet werden, gebildet zu sein gehört jedoch nicht zum Begriff eines Menschen . Gebildet zu sein ist kein konstitutives Element der Art
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Brentano bestand auf diesem Prinzip . Vgl. z.B. Brentano 1933, S. 247.
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Mensch. Es gibt sowohl gebildete als auch ungebildete Menschen. In diesem Sinne wird in einer solchen Prädikation lediglich der Name, jedoch nicht der Begriff ausgesagt. Dieses Bild der inneren Struktur des Seienden findet seine Entsprechung in der Aristotelischen Lehre von der Definition. Einen Begriff von einer Entität zu haben heißt nach der Aristotelischen Intentionalitätslehre, die wir noch im letzten Abschnitt dieses Kapitels kurz besprechen, die Form des betreffenden Gegenstands (des Gegenstands, der unter den Begriff fällt) in einer speziellen (mentalen) Weise aufzunehmen . Solche Begriffe erweisen sich aber als analysierbare Strukturen, die im Besonderen die realistischen Erklärungen der modalen Kontexte, auf die wir im ersten Kapitel aufmerksam gemacht haben, zulassen. Einen Begriff zu definieren, heißt nach Aristoteles die nächste Gattung der Entität, die unter den Begriff fällt, anzugeben, zusammen mit der differentia specifica, die sie von den anderen Entitäten, die zu dieser Gattung gehören, unterscheidet. Aristoteles verwendet hier ein Modell, nach dem Begriffe gewissermaßen aus Teilen bestehen . Der Begriff Lebewesen bildet z.B. einen echten Teil des Begriffs Pferd, und die Entscheidung, welches der zwei Begriffselemente als ein Teil und welches als ein umfassendes Ganzes betrachtet werden soll, hängt davon ab, welches Element "abgetrennt" werden kann und welches nicht. Aristoteles stützt sich auf die Intuition, die besagt, daß die Teile, die in einem Ganzen vollständig enthalten sind, aus diesem Ganzen herauspräpariert werden können, so daß sie (die Teile) weiter bestehen . Ein Ganzes hingegen, aus dem ein Teil entfernt wurde, wird durch 49 eine solche Operation eo ipso vernichtet. Er betrachtet konsequenterweise die abtrennbaren Begriffselemente als Teile und die nicht-abtrennbaren Begriffselemente als sie umfassende Ganze. Den Begriff Pferd können wir Z.B. nicht denken, ohne den Aspekt Lebewesen zu berücksichtigen. Denn jedes Pferd muß doch ein Lebewesen sein. Der Begriff Lebewesen kann jedoch auch unabhängig vom Begriff Pferd gedacht werden. Es gibt viele Lebewesen, die keine Pferde sind (oder es kann zumindest solche Lebewesen geben). Das begriffliche Element Lebewesen ist demgemäß vom begrifflichen Element Pferd abtrennbar, jedoch nicht umgekehrt. Nach der Aristotelischen Metapher bedeutet dies, daß das Element Lebewesen einen echten Teil des Elements Pferd bildet. Dieses Verhältnis Teil-Ganzes, das nach dieser Lehre zwischen den begrifflichen Elementen besteht, bildet übrigens die Umkehrung vom Inklusionsverhältnis, das zwischen den Mengen der Gegenstände, die unter Begriffe fallen, besteht (zumindest wenn man alle möglichen Gegenstände berücksichtigt). Das Begriffselement Lebewesen bildet einen (echten) Teil des Begriffselements Pferd, und eben deswegen bildet die Menge der Pferde lediglich eine Teilmenge der Menge der Lebewesen . In diesem Sinne soll die häufig wiederholte These verstanden wer-
VgI. "Dem Begriffe nach nämlich ist das Allgemeine früher, der sinnlichen Wahrnehmung nach das Einzelne . Und dem Begriffe nach ist auch das Akzidens früher als das Ganze (dem es zugehört), Z.B. Gebildet früher als gebildeter Mensch. Denn der Begriff kann als gesamter nicht bestehen , ohne den Teil; wiewohl Gebildet auch nicht existieren kann, ohne daß jemand gebildet ist.", Metaphysik , IOl8b 34-37. Chisholm nennt dieses Prinzip das Prinzip des mereologischen Essentialismus. VgI. Z.B. Chisholm 1982a, S. 8. 49
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KAPITEL 2
den, daß mit der Bereicherung des Inhalts des Begriffs sein Umfang abnimmt und umgekehrt.50 Das folgende einfache Schema mag diese Ideen veranschaulichen. Ding
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alle (möglichen) Dinge Abstraktion
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Die Abstraktion, die im wesentlichen in der Thematisierung der inneren Struktur eines Begriffs und in der Abtrennung seiner abtrennbaren Teile besteht, führt uns hier zunächst vom Begriff eines Pferdes zum Begriff eines Lebewesens und dann, im nächsten Schritt, vom Begriff eines Lebewesens zum Begriff eines Dings. Den Teil-Ganzes-Verhältnissen von Begriffselementen entsprechen die Inklusionsverhältnisse der (möglichen) Umfange. Die Menge der (möglichen) Pferde ist eine echte Teilmenge der Menge der (möglichen) Lebewesen, und die Menge der (möglichen) Lebewesen ist eine echte Teilmenge der Menge der (möglichen) Dingen . Bisher haben wir ausschließlich von den Begriffselementen gesprochen, die den Elementen von substantialen Formen der Seienden entsprechen . Was geschieht jedoch, wenn wir jetzt auch die Akzidentien berücksichtigen? Denken wir uns beispielsweise ein weißes Pferd, das sich am Ort 0 befindet und versuchen wir, die logische Struktur dieses Begriffs zu analysieren. Es ist allerdings logisch nicht ausgeschlossen, daß es nur eine Art von Lebewesen , nämlich Pferde, gibt. In diesem Fall wurde nat ürlich die Regel scheitern . Deswegen haben wir betont , daß man hier eigentlich von den möglichen Gegenständen sprechen muß. Im Allgemeinen haben wir es hier mit einem stark nicht-extensionalen Diskurs zu tun. 50
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Der erste Punkt, den wir bemerken, ist, daß man hier nur sehr bedingt im Rahmen einer einfachen verschachtelten Struktur operieren darf. Wir können natürlich den Begriff eines weißen Pferdes als ein Ganzes, das den Begriff eines Pferdes als Teil enthält, interpretieren . Ein weißes Pferd muß natürlich ein Pferd sein, aber ein Pferd muß nicht unbedingt weiß sein. Alles scheint mithin in Ordnung zu sein. Das erste Problem taucht aber auf, wenn wir auch die Bestimmung sich-am-OrtO-zu-bejinden berücksichtigen. Sollen wir etwa den Begriff eines weißen Pferdes als ein Teil des Begriffs eines weißen Pferdes, das sich am Ort 0 befindet, interpretieren ? Wir können es natürlich tun. Ein solcher Schritt scheint aber schon sehr arbiträr zu sein. Die akzidentellen Bestimmungen müssen also im Aristotelischen Modell anders behandelt werden. Sie gehen nicht mehr in die verschachtelte Begriffsstruktur hinein, die in der Aristotelischen Definition zum Ausdruck kommt, sondern bilden Strukturen, die zwar in Bezug auf ihre Substanz unselbständig sind, die aber in Bezug auf andere Akzidentien keine solche Unselbständigkeit aufweisen . Graphisch kann die Situation folgendermaßen illustriert werden: r - - - - - --- ---., I
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Die begriffliche Struktur auf der linken Seite involviert den substantialen Kern (den Begriff Pferd) und zwei akzidentelle Komponenten (Weiß und am-Ort-Oi . Diese Komponenten befmden sich auf derselben logischen Ebene (jede kann entfallen, ohne daß die andere gefährdet würde), und sie sind weder im Begriff eines Pferdes enthalten, noch enthalten sie den Begriff eines Pferdes als ihren Teil. Auch diese
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KAPIT EL 2
Eigenschaft ist richtig, denn weiß bzw. am Ort 0 kann doch nicht nur ein Pferd, sondern auch ein Mensch, ein Hund oder ein Tisch sein; und ein Pferd braucht ebenfalls weder weiß noch am Ort 0 zu sein. Die akzidentellen Bestimmungen sind dennoch begrifflich unselbständig . Sie brauchen zwar nicht unbedingt den Begriff Pferd als ihre Vervollständigung, irgendeinen Begriff (einer Substanz) brauchen sie aber zwangsläufig . Akzidentien existieren nämlich nur in einer Substanz . Diese Besonderheit haben wir zum Ausdruck gebracht, indem wir eine Seite des jeweiligen Akzidens-Begriffs mit einer gestrichelten Linie gezeichnet haben. Ein weiterer wichtiger Punkt besteht darin, daß wir auf der rechten Seite des Schemas, wo sich die Umfänge der Begriffe befinden, nicht mehr mit den möglichen Umfängen operieren . Möchten wir es tun, könnten wir kein bestimmtes Schema erhalten . Es ist möglich, daß alle Pferde weiß sind, es ist aber auch möglich, daß sie alle schwarz sind. Es ist möglich, daß es nur ein einziges Pferd gibt, das sich am Ort 0 befindet , es ist aber genauso möglich, daß wir am Ort 0 kein Pferd finden. Was für ein Akzidens charakteristisch ist, ist eben das, daß es etwas Zufälliges (eben etwas Akzidentelles) ist. Welches war aber Aristoteles' Kriterium für die Unterscheidung von substantialen und akzidentellen Charakteristika, die, wie wir sehen, so schwerwiegende Konsequenzen hat? Nun scheint es, daß die Begriffe von "natürlichen Arten" (in erster Linie diejenigen von Tieren und Pflanzen) deswegen eine so ausgezeichnete ontologische Stellung genießen, weil sie gerade diejenigen Begriffe sind, die in den Erklärungen der Biologie und Zoologie die zentrale Rolle spielen. Dies waren zweifelsohne Disziplinen, die für Aristoteles am wichtigsten waren. Sogar in seiner Physik hat er nicht die geringste Tendenz, die Hauptarten von Seienden etwa auf physische Objekte zu reduzieren, was für uns heute so selbstverständlich erscheint. Die Hierarchie der natürlichen Arten wird stattdessen zu einem wesentlichen Bestandteil einer stark teleologischen Sichtweise . In den Untersuchungen der Ethik und Politik spielt wieder der Begriff eines (handelnden) Menschen eine zentrale Rolle. Wir haben bemerkt , daß die streng geordnete Reihenfolge nur in Bezug auf die substantialen Begriffselemente als natürlich erscheint. Die Reihenfolge Pferd, Lebewesen, Ding scheint fest bestimmt zu sein und läßt sich, wie es scheint, nicht umkehren bzw . anders verändern . Es ist klar, daß jedes Pferd ein Lebewesen sein muß, jedoch nicht umgekehrt, daß jedes Lebewesen ein Ding sein muß, aber nicht jedes Ding ein Lebewesen . Die Begriffe von Akzidentien weisen hingegen keine solche feste Ordnung auf. Die substantialen Bestimmungen scheinen also eine starre Hierarchie aufzuweisen, die bei den akzidentellen Bestimmungen offensichtlich fehlt. Der Grund dafür besteht wieder darin, daß die Bestimmungen, die wir mit Aristoteles "substantial" nennen , im Gegensatz zu den als akzidentell bezeichneten Bestimmungen wichtige Bestandteile des wissenschaftlichen Weltbilds sind und dementsprechend schon seit langem in die wissenschaftlichen Gesetze und Klassifikationen tief eingebettet sind. Das Netz dieser Gesetze und Klassifikationen determiniert die Bedeutung der entsprechenden Termini, so daß es ohne weiteres klar ist, daß jedes Pferd ein Lebewesen ist, aber nicht umgekehrt . Wäre für unsere allgemeine Klassifikation aus irgend-
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welchen Gründen eher das Merkmal weiß zu sein von übergeordneter Bedeutung, müßte es vielleicht noch vor der Bestimmung Lebewesen situiert werden, so daß weiße und nicht-weiße Lebewesen als gattungsverschieden angesehen werden müßten . Wenn dann auch die Frage, ob etwas ein Lebewesen oder ein Stück unbelebter Materie ist, für unsere Zwecke ganz irrelevant wäre, würde wahrscheinlich die Bestimmung ein Lebewesen zu sein zum Status einer akzidentellen Bestimmung degradiert. Es scheint mithin, daß die Erklärung der privilegierten Stellung der Artbegriffe im Grunde pragmatisch ist. Sie sind diejenigen Begriffe, die das Hauptgerüst der höchsten Form der Wissenschaft, die für Aristoteles zugänglich war, bildeten. Ob man angesichts der Relativität der wissenschaftlichen Weltbeschreibung, mit der wir heute so vertraut sind, die metaphysische Relevanz der Unterscheidung von substantialen und akzidentellen Eigenschaften nicht in Frage stellen soll, wollen wir nicht entscheiden. Es gab jedenfalls viele Philosophen, die sie in Frage gestellt 51 haben . Die Relativität der wissenschaftlichen Klassifikationen können wir übrigens am Beispiel von einigen Thesen Aristoteles' sehr klar beobachten. Wir meinen seine vom heutigen Standpunkt völlig phantastische Astronomie, derentwillen er ewige, unveränderliche Substanzen postulierte, oder die überlieferte Lehre der "Naturphilosophen" von den vier Elementen Erde, Wasser, Luft und Feuer, die Grundsto ffe der Welt darstellen sollen, aus welchen alle Gegenstände irgend wie zusammengesetzt werden . Im Gegensatz zu Aristotelischen biolog ischen Klassifikationen, die wir heute als zwar "ungenau", jedoch nach den im Grunde richtigen Prinzipien durchgeführt bezeichnen würden , neigen wir dazu, die eben erwähnten Theorien kurzerhand für prinzipiell verkehrt zu erklären. Die Probleme der radikalen Umstrukturierung der konzeptuellen Schemata , die uns heute so selbstverständlich erscheinen, wären jedoch für Aristoteles aller Wahrscheinlichkeit nach überhaupt schwer vorstellbar. Die Zeit der philosophischen Thematisierung von wissenschaftlichen Revolutionen sollte erst viel später kommen . 2 .3 DAS SEIENDE IM SINNE DER KATEGORI EN
Verschiedene Weisen der Prädikation spiegeln Aristoteles zufolge die systematisch e Mehrdeutigkeit des Seienden wider. Die Kopula kann manchmal sehr ungezwungen angewendet werden. Die grammatische Form derartiger Aussagen hat zunächst keine direkte metaphysische Relevanz . "Das Seiende wird" - sagt uns Aristoteles in diesem Fall "in akzidentellem Sinne ausgesagt" . (Metaphysik , 1117a 7) Die extreme Form einer solchen Redeweise bilden Sätze der Art: "Der Gebildete ist weiß", in denen ein Akzidens von einem anderen ausgesagt wird. Der Satz ist wahr, wenn die beiden Akzidentien (zufälligerweise) demselben Subjekt zukommen. Das Seiende kann jedoch auch "an sich" ausgesagt werden . (Metaphysik, 1117a 7-8) Der Sprachgebrauch wird in diesem Fall durch die ontologischen AbhängigEs gibt allerdings Philosophen, die die Aristotelische Unterscheidung zwischen substantial er ArtForm ("kinds") und akzidentellen Bestimmungen auch heute ernst nehm en. Vgl. Loux 1978, S. 163166; Loux 1998, S. 117-127; Wigg ins 1980; Lowe 1989.
51
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KA PITEL 2
keitsverhältnisse geleitet und spiegelt gewissermaßen die innere Struktur des Seienden wider. Auch in diesem Fall wird jedoch die Kopula mehrfach verwendet und diese Mannigfaltigkeit mimt die Mannigfaltigkeit des Seienden, die Aristoteles in seinen Kategorien darzulegen versuchte . Das Seiende ist mehrdeutig, weil es teils als Was (als zweite Substanz und zwar in diesem Fall vom unqualifiz ierten Subjekt - von der Materie), teils als Akzidens (diesmal von der individuell-konkreten Substanz) ausgesagt wird. Die Akzidentien zerfallen ihrerseits noch in absolute (d.h. einstellige) Akzidentien, die als ihr Seinsfundament nur ein einziges Subjekt fordern, und relative Akzidentien , die ein Subjekt zu einem anderen in Beziehung setzen. Die absoluten Akzidentien zerfallen dann noch in verschiedene Typen . In der Metaphysik nennt Aristoteles Quantität, Qualität , Tun, Leiden, Wo und Wann. (Metaphysik, 1l17a 24-28) Das Seiende ist also mehrdeutig - es ist kein Gattungsbegriff. Diese Mehrdeutigkeit ist jedoch nicht zufällig, sondern systematisch . Alle Kategorien stehen nämlich in bestimmten Verhältnissen zum zentralen Begriff der individuell-konkreten Substanz. Der Begriff Seiende s ist dementsprechend zwar kein allgemeiner Gattungsbegriff, unter den alle Kategorien des Seienden aufgrund eines gemeinsamen Charakteristikums fallen würden. Neben dem Begriff Eines gehört auch der Begriff Seiendes zu den Begriffen, die man später transzendentale Begriffe nannte. Sie transzendieren die höchsten Gattungen (Kategor ien) und lassen sich buchstäblich auf alles anwenden . Denn alles, worauf der Begriff des Seienden nicht anwendbar wäre, wäre ein Nicht-Seiendes und ein Nicht-Seiendes gibt es nicht (und zwar nicht etwa per Zufall, sondern per dejinitionem) . Nichtsdestoweniger gibt es ein leitendes Prinzip , das die Anwendung des Quasi-Begriffs des Seienden reguliert, das Seiende wird zwar mehrdeut ig, nichtsdestoweniger analog ausgesagt. (Vgl. Metaphy sik, 1003a 33-1003b 19) Das Prinzip steckt in den Abhängigkeitsverhältnissen von einer Substanz , die in alle Aspekte des Seienden eingebaut sind. Alles, was ist, ist entweder Substanz oder von der Substanz irgendwie seinsabhängig . (Metaphysik, 1003b 6-10, 1028a 10-20) Die gesamte Aristotelische Metaphysik kann als eine minuziöse Entfaltung dieses leitenden Prinzips angesehen werden. Die Konsequenzen der Aristotelischen Kategori enlehre für die Interpretation des ontologischen Quadrats sind nicht schwer einzusehen . Die Kategorie der allgemeinen Eigenschaften unseres Quadrats (4), zerfällt in zwei Klassen: die allgemeinen Akzidentien und die allgemeinen substantialen Formen. Der Kategorie (iv) des Aristotelischen Quadrats sollten dann ausschließlich die allgemeinen Akzidentien zugeordnet werden, während die substantialen Formen (die von anderen Entitäten ausgesagt werden, die jedoch nicht "in" anderen Entitäten sind) den Platz (ii) belegen. Die Kategorie (iii) würde in dieser Situation nur die individuellen Akzidentien enthalten. Auf dieser Basis können wir versuchen, das allgemeine Schema eines wichtigen Fragments der Aristotelischen Metaphysik zu konstruieren :
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"externe" Prädikation Ein Akzidens wird vom qualifizierten Subjekt (von der Substanz) ausgesagt.
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"interne" Prädikation Die Form wird vom unqualifizierten Subjekt ausgesagt.
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Beipiel: "Das ist (ein) Mensch. "
Materie
(Formursache) Art-Aspekt
(Stoffursache) ung\lalifiziertes Subjekt
Die mit der gestrichelten Linie gezeichneten Ellipsen symbolisieren die individuellkonkreten Substanzen - die Aristotelischen Hauptbausteine der Realität. Jede Substanz enthält zwei immanente Ursachen (bzw. Prinzipien) - Stoffursache (Materie), weIche die Individualität des Seienden bestimmt und Formursache (substantiale Form), die den Art-Aspekt des Seienden bildet. Formursachen sind (unserem) Aristoteles zufolge genuine Allgemeinheiten in rebus. Deshalb wurde die Form Mensch als ein gemeinsamer Teil von zwei Substanzen symbolisiert. Durch das Abstraktionsvermögen der menschlichen Seele kann eine solche Form in Gedanken abgetrennt werden, wodurch eine Wissenschaft, die zwar von den Individuen handelt, jedoch von der Einmaligkeit der konkreten Individuen abstrahiert, möglich ist. 52 In den Substanzen "stecken" ihre (seinsabhängigen) Akzidentien. Sie sind einerseits allgemein, d.h. können von vielen Substanzen sinnvoll ausgesagt werden. Viele Rosen sind rot. Andererseits besitzen sie einen Individualitätsaspekt. Sie können auch als diese individuelle Röte dieses konkreten Individuums aufgefaßt werden. Jede Rose hat in einem gewissen Sinne "ihre eigene" rote Farbe . In dieser Form sind Akzidentien nach Aristoteles schon nicht mehr von anderen Entitäten
Platon, der einerseits zwischen dem Allgemeinen und Individuellen eine unüberbrückbare Kluft sah, und andererseits als den Gegenstand der Wissenschaft das Allgemeine sehen wollte, wurde schließlich zur Theorie geführt, die die echte Realität den real abgetrennten Allgemeinheiten (Ideen) zumißt und die Welt der sinnlichen Individuen für eine Art Schein erklärt. Für Aristoteles, der den Allgemeinheitsaspekt in den Individuen pIaziert und dem menschlichen Verstand ein Abstraktionsvermögen zuschreibt, existiert dieses Dilemma nicht. Die Wissenschaft handelt in allgemeiner Weise von den konkreten Individuen. 52
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KAPIT EL 2
prädizierbar. Dieser Doppelseitigkeit der Akzidentien versuchen wir graphisch Rechnung zu tragen, indem wir in ihnen einerseits einen mit dem Namen des Akzidens beschriebenen Kasten, der sich außerhalb der Substanz befindet und als identisch derselbe mit mehreren Substanzen verbunden werden kann (Allgerneinheitsaspekt), und andererseits eine Linie, die den Kasten mit der individuell-konkreten Substanz verbindet, und teilweise "in" der Substanz steckt, unterscheiden. Die Allgemeinheitskasten könnten, ähnlich wie die den Substanzen immanenten substantialen Formen, mehreren Substanzen zukommen, was ihre strenge Allgemeinheit symbolisieren soll. In unserem Schema haben wir auch versucht, verschiedene Weisen der Prädikation zu veranschaulichen, welche die systematische Mehrdeutigkeit des Seienden widerspiegeln. Wir haben eine ontologisch unverbindliche bloß akzidentelle Prädikation, in der zwei beliebige Charakteristika durch die Kopula "ist" verbunden werden. Ein derartiger Satz wird wahr sein, wenn die genannten Charakteristika (zufälligerweise) demselben Subjekt zukommen . Außerdem haben wir Prädikationen, in denen das Seiende "an sich" ausgesagt wird, und zwar in drei Hauptformen: die "interne" Was-Prädikation, die den Aspekt der substantialen Form von einem unqualifizierten Subjekt der Prädikation (von der Materie) aussagt, die "externe" Prädikation von absoluten (monadischen) Akzidentien , die schon von der qualifizierten Substanz ausgesagt werden, und die (ebenfalls "externe") Relation-Prädikation, in der einer Substanz ein Charakteristikum zugeschrieben wird, das sie erst in Bezug auf eine andere Substanz hat. In unserem Schema haben wir als Beispiel einer Relation-Prädikation den Satz ,,A ist der gleichen Art wie B" genommen, in welchem dem A eine Eigenschaft aufgrund der Relation der Gleichartigkeit, in der es zum B steht, zugeschrieben wird. Diese Relation besteht zwischen zwei Substanzen genau dann, wenn sie dieselbe substantiale Form instantiieren . Unsere Relation reduziert sich demgemäß im Grunde auf bestimmte monadische Eigenschaften ihrer Fundamente (darauf, daß beide Fundamente dieselbe substantiale Form instantiieren). Die Relation der Gleichartigkeit besteht zwischen A und B genau dann, wenn A und B dieselbe substantiale Form instantiieren. Daß A und B dieselbe substantiale Form instantiieren , bildet die notwendige und hinreichende Bedingung des Bestehens dieser Relation . Auch für viele andere Arten von Relationen scheint die These ihrer Reduzierbarkeit auf monadische Eigenschaften ihrer Fundamente völlig berechtigt zu sein. Die Tatsache, daß Hans größer als Peter ist, ist durch ihre absoluten Größen impliziert. Die Tatsache, daß Peter dennoch intelligenter ist, reduziert sich in einer ähnlichen Weise auf ihre absoluten "geistigen" Attribute . Es scheint, daß Aristoteles diese These in Bezug auf alle Relationen aufstellen wollte. Er schreibt, daß "das Relative am wenigsten ein Wesen und etwas Seiendes ist" (Metaphysik, 1088a 30-31), und als Argument dafür dient die Feststellung, daß bei den Relativen kein selbständiges Entstehen und Vergehen stattfindet in dem Sinne, in welchem dies bei den monadischen Eigenschaften der Fall ist. Ein Relatives entsteht und vergeht abhängig davon, wie sich die monadischen Eigenschaften der Fundamente der Relation verändern. ,,[O]hne verändert zu werden, wird das-
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selbe bald größer, bald kleiner oder gleich sein, wenn das andere der Quantität nach verändert ist." (Metaphysik, I088a 34-1088b 1) Aristoteles glaubte also offensichtlich nicht an Relationen, die viel später von Russell "extern" genannt wurden. Die Relation R ist in diesem Sinne extern , wenn sie zwischen zwei Gegenständen a und b besteht und wenn es möglich ist, daß es zwei Gegenstände x und y gibt, die so sind, daß x dieselben monadischen Eigenschaften wie a und y dieselben monadischen Eigenschaften wie b haben, und daß zwischen x und y die Relation R nicht besteht. Externe Relationen bestehen also unabhängig von den monadischen Eigenschaften ihrer Glieder. Die These, daß es keine externen Relationen im Sinne Russells gibt - die These, die nicht nur Aristoteles vertritt - kann man die These der Sup ervenienz von Relationen nennen. Sie besagt, daß zwischen zwei Gegenständen a und b nur dann eine Relation R besteht, wenn a und b derartige monadische Eigenschaften haben, die das Bestehen der Relation R zwischen a und b mit Notwendigkeit implizieren. In diesem Sinne sollen alle Relationen auf den monadischen Eigenschaften ihrer Glieder supervenieren . Im ersten Kapitel haben wir gesehen, daß wenn wir uns erlauben, Prädikatenvariablen zu quantifizieren, die These der Supervenienz von Relationen folgendermaßen formuliert werden kann: (Sup.)
(Vx)(Vy)(VR){xRy ;: (3F)(:3G)[Fx zRw)]}
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D(Vz)( Vw)(Fz
A
Gw :::)
Und wenn wir darauf bestehen möchten, daß diese ontologische Reduzierbarkeit allen Relationen nicht bloß kontingent zukommt, sondern aus dem Wesen der ontologischen Kategorie Relation folgt, können wir eine modalisierte Version annehmen: (Sup.D)
D(Vx)(Vy)(VR){xRy ;: (3F)(3G)[Fx zRw)]}
A
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Gw :::)
Diese These ist für unsere weiteren Analysen sehr wichtig. Es scheint, daß sie sowohl für Brentano als auch für viele seiner Schüler als ein unerschütterliches Axiom fungierte. Wir haben schon im ersten Kapitel betont, daß es nicht ganz klar ist, ob die These der Supervenienz von Relationen als ihre Reduzierbarkeit auf monadische Eigenschaften interpretiert werden soll, und zwar vor allem deshalb, weil der involvierte Begriff der Reduzierbarkeit nicht immer einen klaren Sinn besitzt. Umso weniger wollen wir behaupten, daß die These der Supervenienz eine ontologische "Unwichtigkeit" von Relationen impliziert. Es ist allerdings per definitionem klar, daß das Bestehen bzw. Nicht-Bestehen von Relationen, die in dem obigen Sinne auf den monadischen Eigenschaften supervenieren, durch die monadischen Eigenschaften ihrer Glieder mit Notwendigkeit impliziert sind. Wenn wir eine vollständige Beschreibung der Welt, in der nur solche Relationen auftreten, liefern möchten, bräuchten wir also lediglich alle Gegenstände und alle ihre monadischen Eigenschaften zu spezifizieren. In diesem - und nur in diesem - Sinne kann man behaupten, daß die supervenierenden Relationen auf die monadischen Eigenschaften ihrer
52
KAPIT EL 2
Glieder ontologisch reduzierbar sind. In diesem Sinne sind sie also tatsächlich "am wenigsten ein Wesen und etwas Seiendes". 2 .4 DAS D EM VERMÖGEN NACH UND DER WIRKLICHKEIT NACH S EIENDE
Die oben skizzierte "innere Struktur" des Seienden erschöpft jedoch keineswegs die ontologische Apparatur, die Aristoteles den konkurrierenden Theorien gegenüberstellen wollte . Eine sehr wichtige Unterscheidung, die der Aristotelischen Philosophie den Weg zum Erfolg geebnet hat, ist die Unterscheidung zwischen dem dem Vermögen nach und dem der Wirklichkeit nach Seienden. Erst diese Unterscheidung erlaubte es Aristoteles, die Phänomene der Bewegung und Veränderung kohärent zu erklären - die Probleme , mit denen die ganze voraristotelische Philosophie enorme Schwierigkeiten hatte. So hat man bekanntlich in der Schule von Parmenides argumentiert, daß jede Veränderung zugleich einen Übergang von einem Seienden (von dem, was vor der Veränderung war) zu einem Nicht-Sein dieses Seienden und von einem NichtSeiendem (von dem, was es vor der Veränderung nicht gab) zu einem Seienden bedeuten muß . Das Seiende muß sich also, sofern es sich verändert , in ein NichtSeiendes verwandeln und ein Nicht-Seiendes muß zugleich zum Seienden werden. Nun gibt es ein Nicht-Seiendes per dejinitionem nicht, wovon zu folgen scheint, daß Veränderung unmöglich ist. Generationen von Philosophen haben deshalb versucht, beobachtbare Veränderungen für eine Art Schein zu erklären. Platon, der die erfahrungsmäßig zugängliche Welt mit Heraklit als einen ständigen Fluß der Veränderung sah, postulierte deshalb eine andere Welt der real abgetrennten Allgemeinheiten, die nach den Parmenideischen Prinzipien funktioniert. Nur diese unveränderlichen Allgemeinheiten sind Seiende im strengen Sinne . Die sinnlich wahrnehmbare Welt wird zu einem Seienden als ob degradiert, wobei die Natur dieser schwächeren Seinsweise höchst unklar blieb und später in den neuplatonischen Schulen immer aufs neue reinterpretiert wurde . Aristoteles hat jedoch derartige Ergebnisse als eine reductio ad absurdum der Voraussetzungen der Folgerung interpretiert. "Für uns dagegen soll die Grundannahme sein", lesen wir in seiner Physik, "die natürlichen Gegenstände unterliegen entweder alle oder zum Teil dem Wechsel. Das ist klar, wenn man von der Einzelerscheinung ausgeht." (Physik, l85a 12-14) Und eine solche Veränderung bedeutet nach Aristoteles auch kein philosophisch unerklärbares Rätsel. Sie erscheint zwar unmöglich, solange man annimmt , daß sich ein Seiendes ausschließlich in eine reine Negation verwandeln kann, es ist dem jedoch nicht so. Im Allgemeinen besteht kein Seiendes aus einer reinen Aktualität. Wenn wir von der reinen Aktualität des ersten Bewegers, die im System von Aristoteles ebenfalls ihren Platz findet, absehen, dann enthält jedes Seiende gewisse Potentialitäten. Dem Vermögen nach ist es immer etwas anderes als das, was es aktuell ist. Veränderung bedeutet demgemäß nicht einen Sprung vom Nicht-Sein zum Sein, sondern lediglich eine Aktualisierung von etwas, was potentiell bereits ist. Sie spielt sich innerhalb des Bereichs des Seienden ab. Es handelt sich um einen Übergang von einem dem Ver-
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mögen nach Seienden zu einem der Wirklichkeit nach Seienden. (Vgl. Physik, 19lb 27-l92b 4) Bei jeder Veränderung - schreibt Aristoteles - "beharrt etwas"; und da es sich nicht um die wechselnden Bestimmungen handeln kann, muß es noch - schließt er - "ein Drittes" (neben den wechselnden Bestimmungen) geben - "die Materie (den Stoff)" (Metaphysik , l069b 7-9), die übrigens, wie wir gesehen haben, bereits aus anderen Gründen, die mit der logischen Struktur der Was-Prädikation zusammenhängen, in einer ähnlichen Funktion eingefiihrt wurde. Eine Veränderung bedeutet also, daß der Stoff, der den metaphysischen Ort der Potentialität bildet, verschiedene Bestimmungen aufnimmt. Wenn wir das Wort "Form" so weit verstehen, daß es auch akzidentelle Formen urnfaßt, dann - sagt uns Aristoteles - ist jede Veränderung ein Übergang von einer gewissen Art .Formberaubung" zur "Form" , wobei als Substrat, das die Form aufnimmt, die Materie (der Stoff) fungiert. "Drei sind also der Ursachen und drei Prinzipien: zwei bildet der Gegensatz, dessen eines Glied der Begriff und die Form, das andere die Formberaubung (Privation) ist, das dritte ist der Stoff." (Metaphysik, l069b 32-34) Diese drei Ursachen bzw. Prinzipien bilden die immanenten Elemente einer Veränderung . Es muß jedoch nach Aristote1es noch eine äußere Ursache der Veränderung geben, nämlich die bewegende Ursache, die diesen übergang sozusagen "auslöst". (Metaphys ik, l070a 1, 1070b 23)53 Wir erhalten konsequenterweise das folgende berühmte Modell:
immanente Elemente
,
-,
, \ \
\ \
\ \
~--.......
Stoff
I I
Veränderun g
I I
I I
, Formberaubung :
,
,
I
'
Es gibt nach Aristoteles vier Hauptarten von Veränderung (Bewegung im weiten Aristotelischen Sinne): (i) die radikalste Veränderung des Was eines Gegenstands (Entstehen und Vergehen); (ii) die Veränderung der Quantität (Vermengung und Verminderung) ; (iii) die Veränderung der Qualität (Umwandlung) und (iv) die VerWenn wir dazu noch die Zweckursach e berücksichtigen, erhalten wir das klassische Aristotelische Zusammenspiel von vier Ursachen (Materie, Form, bewegende Ursache und Zweckursache). Die Probleme der Teleologie in der Aristotelis chen Welt lassen wir allerdings in diesem Buch beise ite.
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KAPITEL 2
änderung des Ortes (Bewegung im engeren Sinne). In den Kategorien (ii)-(iv) haben wir mit den akzidentellen Veränderungen zu tun, in denen als Stoff der Veränderung die konkret-individuelle Substanz fungiert. Unter (i) finden wir hingegen das Entstehen und Vergehen von Substanzen . In diesem Fall wird die substantiale Form verändert und als das Substrat der Veränderung kann nur der erste Stoff (die erste Materie) bleiben. 2 .5 DAS SEIENDE IM SINNE D ES WAHR EN
Die mannigfache Bedeutung des Seienden wird allerdings durch das oben Gesagte nicht erschöpft . Es gibt nach Aristoteles noch Seiendes im Sinne des Wahren. Im V. Buch der Metaphysik schreibt er: "Ferner bezeichnet das Sein und das Ist, daß etwas wahr ist, das Nichtsein aber, daß etwas nicht wahr sei, sondern falsch [...]." (Metaphysik , 1017a 31-32) Am Ende des VI. Buchs schließt er das so verstandene Wahre und Falsche aus dem Bereich der Metaphysik aus. "Denn das Falsche und das Wahre liegt nicht in den Dingen [...], sondern im Denken." (Metaphysik , I028a 2527) Wenn man von der Wahrheit und Falschheit spricht, handelt es sich also in erster Linie um die Wahrheit und Falschheit, die eigentlich nicht den Dingen, sondern unseren Gedanken zukommt und die eventuell den Anlaß gibt, dem Gegenstand eines Gedankens das Sein bzw . Nichtsein (im Sinne der "Wahrheit") zuzuschreiben . Dieses Wahr-Sein (bzw. Falsch-Sein) des Gegenstands bedeutet jedoch zunächst keine ontologisch unreduzierbare Redeweise. Der Gegenstand ist "wahr", wenn ein anerkennender Gedanke , der ihn zum Objekt hat, wahr ist. Dies ist jedoch genau dann der Fall, wenn der Gegenstand ist. Der Gegenstand ist "falsch", wenn ein solcher auf ihn gerichteter Gedanke falsch ist. Und das findet genau dann statt, wenn es einen solchen Gegenstand nicht gibt . "Zu sagen nämlich, das Seiende sei nicht oder das Nicht-Seiende sei, ist falsch, dagegen zu sagen, das Seiende sei und das Nicht-Seiende sei nicht, ist wahr." (Metaphysik, IOllb 24-25) Die Sachlage kompliziert sich jedoch, sobald Aristoteles das Verhältnis des Wahrmachens präziser zu erklären versucht. Bekanntlich gilt er als der Vater der klassischen adaequat io-Definition der Wahrheit, die den Begriff der Wahrheit in dem Sinne, in welchem sie, wie oben gesagt, den Gedanken zukommt , durch eine Beziehung auf eine wahrmachende Realität definiert. Die oben besprochene Wahrheit und Falschheit kommt den Urteilen zu und zwar deswegen, weil jedes Urteil eine Verbindung bzw . Trennung beinhaltet. Die grundlegende Form des Urteils ist nach Aristoteles die kategorische Form ,,A ist B" . Eben diese Form bildet den Ausgangspunkt sowohl für die Aristotelische Syllogistik als auch für die Aufzählung von verschiedenen Kategorien, in denen das Seiende in verschiedenen Bedeutungen ausgesagt wird. Wenn eine solche gedankliche Verbindung bzw. Trennung der Realität entspricht - wenn sie das verbindet, was in der Realität verbunden ist, bzw . das trennt, was in der Realität getrennt ist -, ist das Urteil wahr. Im entgegengesetzten Fall ist es falsch. Die Aristotelischen Wahrmacher sind also ausschließlich die zusammengesetzten Strukturen, in denen etwas mit etwas verbunden bzw. etwas von etwas getrennt ist.
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Von den unzusammengesetzten Dingen gibt es Aristoteles zufolge keine Wahrheit und Falschheit, keine Erkenntnis und keinen Irrtum. Sie können lediglich entweder er/aßt oder nicht er/aßt werden. In diesem Kontext begegnen wir bei Aristoteles dem Begriff des Seienden im Sinne des Wahren, der diesmal ontologisch relevant zu sein scheint. Er nennt eine solche zusammengesetzte wahrmachende Struktur "das im eigentliehsten Sinne seiende Wahre oder Falsche" . Zitieren wir diese wichtige Stelle: Indem das Seiende und das Nichtseiende teils nach den Formen der Kategorien ausgesagt wird, teils nach Vermögen (Möglichkeit) und Wirklichkeit derselben oder deren Gegenteil, teils als das im eigentlichsten Sinne seiende Wahre oder Falsche - dieses aber liegt bei den Dingen durch Zusammensetzung und Trennung vor, so daß der die Wahrheit sagt, der vom Getrennten urteilt, es sei getrennt, von dem Zusammengesetzten, es sei zusammengesetzt, der dagegen im Irrtum ist, welcher anders denkt als die Dinge sich verhalten - : so fragt sich, wann denn das genannte Wahre oder Falsche vorliegt ; denn wir müssen untersuchen, was wir damit meinen . Nicht darum nämlich , weil unser Urteil, du seiest weiß, wahr ist, bist du weiß, sondern darum, weil du weiß bist, sagen wir die Wahrheit, indem wir dies behaupten. (Metaphysik, 1051 a 34-1051 b 9; meine Hervorhebungen)
Die Frage, ob Aristoteles hier zum Zwecke der Formulierung seiner Korrespondenz-Wahrheitstheorie als "das im eigentlichsten Sinne seiende Wahre oder Falsehe" etwa die Kategorie der propositionalen Entitäten einführt - die Kategorie, die sich erst viel später unter den Namen "Inhalte", "Sachverhalte", "Objektive", "Situationen" oder "Propositionen" höchstes Ansehen verschaffte - wäre aller Wahrscheinlichkeit nach falsch gestellt. Die propositionalen Entitäten, so wie wir sie heute kennen, werden nämlich gewöhnlich den Entitäten der nominalen Form (den Objekten) gegenübergestellt. Im Rahmen der Metaphysik von Aristotelcs findet hingegen allem Anschein nach keine solche Gegenüberstellung statt. Alle Entitäten, insofern sie überhaupt sind, sind Substanzen; und jede Substanz besitzt, wie wir gesehen haben, eine Struktur, die sich eventuell als ein propositionales Korrelat eines kategorischen Satzes darstellen läßt.54 (Aus jedem Hund können wir den Sachverhalt, daß dieser Gegenstand ein Hund ist, aus jeder roten Rose den Sachverhalt, daß diese Rose rot ist, machen.) In diesem Sinne ist die propositionale Struktur in jeder Substanz bereits involviert, sie scheint jedoch keine "ontologische Bereicherung" gegenüber den Substanzen "der nominalen Form" darzustellen, allerdings nur deswegen, weil die Substanzen der nominalen Form bereits eine mehr als genug reiche Struktur involvieren. Bei "dem Unzusammengesetzten Sein und Nicht-Sein" finden wir Aristoteles zufolge keine semantische Wahrheit und Falschheit im normalen Sinne. Solche unzusammengesetzten "Dinge" können lediglich entweder er/aßt oder nicht-er/aßt werden. Was bedeutet nun aber bei dem Unzusammengesetzten Sein und Nicht-Sein , Wahr und Falsch? [...] [V]ielmehr ist es beim Wahren und Falschen hier so, daß jenes ein .Berühren" und Sagen ist - das Sagen ist nicht dasselbe wie Aussagen über etwas - , das Nichtwissen aber ist "Nicht-BerUhren" . [... J [D]as Wahre besteht [hier] darin, die Dinge zu denken (vern ünftig zu erfassen). Irrtum und Täuschung gibt es in Bezug auf dieses nicht, sondern nur Unwissenheit [...]. (Metaphysik, 105lb 17-I052a 2)
54 Mit der Ausnahme der einfachen Substanz - der reinen Aktualität des ersten Bewegers, die wir jedoch im Rahmen unserer beschränkten Untersuchung beiseite lassen.
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KAPITEL 2
Mit einer solchen "Unfehlbarkeit" haben wir Z.B. bei der rudimentären sinnlichen Perzeption zu tun. Sie kann nach Aristoteles noch in keinem verständlichen Sinne falsch sein. An dieser elementaren Stufe werden einfache Objekte von den verschiedenen Sinnen aufgenommen, noch nichts wird jedoch geurteilt. 55 Das bildet allerdings schon das Thema des nächsten Abschnittes . 2 .6 DI E ARISTOT ELIS CHE INTENTIONALlTÄTSTHEORI E
In seiner Abhandlung Über die Seele skizziert Aristoteles eine Theorie, welche die oben besprochene begriffliche Apparatur auf die Probleme anwendet , die wir heute die Probleme der intentionalen Beziehung nennen würden. Die erkenntnisfähige Seele, die nach Aristoteles die Art-Form des Körpers ist, hat eine merkwürdige Fähigkeit. Sie kann von einem Gegenstand seine Form aufnehmen, ohne jedoch mit ihm artgleich zu werden . (Über die Seele, 424a 11-17) Eben in dieser Weise dringen die äußeren Dinge gewissermaßen in die erkennende Seele hinein, so daß sie wie sich später die Scholastiker ausdrückten - im erkennenden Subjekt objektiv (d.h. als Objekte seiner kognitiven Tätigkeit) sind . Wir finden hier die Anwendung der Unterscheidung zwischen dem dem Vermögen nach und dem der Wirklichkeit nach Seienden, die wir oben kurz besprochen haben. Die Seele ist dem Vermögen nach jede beliebige Form (Über die Seele, 431b 21), so daß sie "Form der Formen" genannt werden kann . (Über die Seele, 432a 1) Die kognitive Potentialität der Sinne wird durch den kausalen Einfluß der physischen Gegenstände aktualisiert . Die erste - nach Aristoteles absolut unentbehrliche - Stufe der Erkenntnis ist die sinnliche Perzeption, wobei die äußeren physischen Gegenstände als bewegende Ursachen fungieren. (Über die Seele, 416a 33) Die Aristotelische Theorie der Intentionalität ist also in einem wichtigen Sinne eine kausale Theorie . Die Seele verhält sich im Rahmen der intentionalen Beziehung zunächst rein passiv. Es sind die Objekte der intentionalen Beziehung, die den ganzen Vorgang stimulieren . Die sinnlichen Formen der Objekte der intentionalen Beziehung werden dann mittels des Vermögens der Phantasie in der Gestalt der "sinnlichen Bilder" ("Phan tasmata") behalten , so daß sie einer weiteren Verarbeitung unterzogen werden können, wobei jedes solche "Bild" in einer früheren Empfindung seine "bewegende Ursache" haben muß. (Über die Seele , 429a 1) Die kognitive Aktivität kommt erst im dritten Schritt zustande, und besteht in erster Linie in der Abstraktion. Aus den sinnlichen Formen (Phantasmata) werden intellektuelle Formen (allgemeine Begriffe) abstrahiert . Dazu braucht man Aristoteles zufolge einerseits ein Vermögen, das insofern den Sinnen ähnlich ist, als es die Formen (diesmal aber nicht-sinnliche , z.B. substantiale Art- bzw. Gattungsformen) aufnehmen kann. Aristoteles nennt dieses Vermögen passive Vernunft. Andererseits
Vgl. auch : "Die bloßen Name n und Handlungsworte für sich gle ichen nun dem Denkinhalt ohne Verkn üpfurig und Trennung, z.B, ' Mensch' oder 'w eiß ' , wenn nicht etwas hinzugesetzt wird : da liegt nirgends wahr oder falsch vor. Beleg dafür ist: Auch 'Bockhirsch ' bezeichnet ja etwas , nur noch nichts Wahres oder Falsches, - solange man noch nicht ein ' sein' oder ' nicht sein ' dazusetzt , entweder einfach so oder aufZeit.", Hermeneutik, I, 16a 13-18. 55
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ist nach Aristoteles auch eine Entsprechung der bewegenden Ursache nötig, die eine solche Aktualisierung der intellektuellen Potentialität stimuliert . Dieser Aspekt der Vernunft tritt bei Aristoteles unter dem Namen tätige Vernunft auf. Aristoteles schreibt, daß sie dem Licht ähnlich ist, indern sie alle Formen , die dem Vermögen nach bereits in der passiven Vernunft stecken, zur kognitiven Wirklichkeit werden läßt, ähnlich wie das Licht, das Aristoteles zufolge erst die Potentialität der Farben zur Aktualität macht. Der Licht-Metapher zum Trotz bildet die Lehre von der tätigen Vernunft einen äußerst dunklen Punkt der Aristotelischen Philosophie. Die Interpreten sind weder bezüglich des metaphysischen Status noch bezüglich der kognitiven Funktion dieses Seelenvermögens einig. Die Hauptvoraussetzung, welche die Einführung der tätigen Vernunft bei Aristoteles erzwungen hat, war seine Überzeugung, daß der sinnliche "niedrigere" Teil der Seele auf keinen Fall direkt auf die passive Vernunft wirken kann. Die einfache kausale Theorie, die für die sinnliche Perzeption charakteristisch war, war also nicht mehr möglich . Die Annahme, daß die wirkende Ursache der Aktualisierung der intellektuellen Erkenntnis von der gleichen Natur sein muß wie die Vernunft selbst, führte zur Einführung der tätigen Vernunft - einer reinen geistigen Aktualität. Andererseits besteht Aristoteles jedoch darauf, daß die intellektuelle Erkenntnis nur auf dem von der sinnlichen Perzeption vorgegebenen Material operieren darf. Dieses Material muß also letztlich doch einen kausal-ähnlichen Einfluß auf den passiven Intellekt ausüben können . Die Metapher des Lichts kann suggerieren, daß die tätige Vernunft vielleicht eigentlich nicht auf die passive Vernunft, sondern vielmehr auf die Phantasmata wirkt, so daß ihre konzeptuelle Struktur, die auf der sinnlichen Stufe kognitiv unzugänglich ist, irgendwie zutage tritt, und somit vorn passiven intellektuellen Vermögen aufgenommen werden kann.56 In unserem Buch müssen wir glücklicherweise auf die Dilemmata dieses schwierigen Fragments der Aristotelischen Erkenntnistheorie nicht näher eingehen. Wir nehmen an, daß die letzterwähnte Interpretation im Allgemeinen den Geist der Aristotelischen Lehre wiedergibt. Was für unsere Untersuchungen wichtig ist, ist ausschließlich die allgemeine Idee der Abhängigkeit der begriffsbildenden Mechanismen von einern vorgegebenen sinnlichen Material sowie das Bild dieser Begriffsbildung als einer Abstraktion, die den Elementen der ontologischen Struktur des Seienden gewisse mentale Repräsentationen (Begriffe) zuordnet. Wichtig ist auch die Aristotelische Idee dieser Repräsentation: die Aufnahme der Form des Gegenstands von dem passiven Vermögen der Seele.
So interpretiert Thomas von Aquin die Aristotelische Lehre von der tätigen Vernunft . Vgl. "Demgemäß also wird, soweit die Phantasiebilder in Betracht kommen , die intellektuelle Erkenntnis durch den Sinn verursacht. Weil aber die Phantasiebilder den möglichen Verstand (intellectus possibilis, Verstand in Möglichkeit) nicht verändern können, sondern dieselben durch den wirkenden Verstand (intellectus agens) actu intelligibel werden müssen , so kann man nicht sagen , daß die sinnliche Erkenntnis die ganze und vollkommene Ursache der Verstandeserkenntnis sei , sondem sie ist vielmehr gewissermaßen die Materie der Ursache.", Summa theologica , I, q.84, a.6 (in : Thomas von Aquin 1977, S. 23 f.) 56
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KAPITEL 2
Neben der Abstraktion besteht eine andere wichtige Funktion der Vernunft in der Verbindung und Trennung der begrifflichen Elemente , was, wie wir bereits wissen, erst die Wahrheit und Falschheit von Gedanken ermöglicht. In dieser Weise werden nach Aristoteles alle unsere Begriffe auf einem mehr oder weniger direkten Weg aus der Erfahrung gewonnen. Diese These , die man als These des Begriffsempirismus bezeichnen kann, hat in vielen philosophischen Bereichen sehr schwerwiegende Konsequenzen. Im Kontext der Aristotelischen Polemik mit der Platonischen Theorie der real abgetrennten Allgemeinheiten impliziert sie, daß wir in unseren alltäglichen und wissenschaftlichen Erklärungen nur mit solchen Begriffen hantieren können, die ihre Quelle in der sinnlichen Erfahrung haben. Konsequenterweise suggeriert sie stark, daß wir uns auch in unseren metaphysischen Erklärungen nur um solche Begriffe kümmern müssen, die entweder durch gewisse Individuen "erfiillt werden" oder die aus solchen real "erfüllten" begrifflichen Elementen durch intellektuelle Operationen "zusammengesetzt" werden können . Die These des Begriffsempirismus verspricht mithin, die spezifisch Platonischen Argumente, die wir im ersten Kapitel unter (E) und (F) erwähnt haben , zu neutralisieren. Das Schema einer einfachen intentionalen Beziehung kann im Rahmen der Aristotelischen Theorie folgendermaßen aussehen:
Seele
,
das Ding fallt unter den Begriff -,
III. Stufe Abstraktion
,
,
\ \
II. Stufe "Produktion" der Phantasmata
I. Stufe sinnliche Perzeption kausale Beziehung
konkretes Ding
bewegende Ursache der smnlichen Erkenntnis
ARISTOTELISCHE METAPHYSIK
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Unser Schema ist natürlich keineswegs als eine unanfechtbare Interpretation der Aristotelischen Lehre gedacht. Es gibt viele Aspekte (insbesondere, wie gesagt, die Natur und die Rolle der tätigen Vernunft, die quasi-kausale Rolle der Phantasmata, der Sinn, in welchem die Seele die Form des Objekts aufnimmt), die eine lange Wirkungsgeschichte haben und viele interpretative Kontroversen involvieren. Auf alle diese Probleme können wir in unserem Buch nicht näher eingehen. Unser Schema entspricht im Wesentlichen der Interpretation, die Brentano - wohl unter dem Einfluß von Thomas von Aquirr" - für richtig hielt.
57 Vgl. " Es ist Thomas zufolge entscheidend, daß ich dann etwas bestimme und erfasse, was bereits in den Phantasmata enthalten ist. Ich füge den Phantasmata nichts hinzu. Vielmehr werden diese von meinem Intellekt ' illuminiert' , wie Thomas in metaphorischer Weise sagt (vgl. ST) , q. 85, art. I, ad 4).", Perler 2002, S. 63.
KAPITEL 3
BERENTANOS FRÜHER KONZEPTUALISMUS
In diesem Kapitel wollen wir die frühe Ontologie Brentanos besprechen, die in vielen Aspekten sehr Aristotelisch ist. Es scheint, daß der junge Brentano die Aristotelische Sichtweise als eine im Wesentlichen richtige Weltauffassung betrachtete. "Ich hatte mich", schreibt Brentano 1916 in einem oft zitierten Brief an Kraus, "zunächst als Lehrling an einen Meister anzuschließen und konnte, in der Zeit kläglichsten Verfalls der Philosophie geboren, keinen besseren als den alten Aristoteles finden, zu dessen nicht immer leichtem Verständnis mir oft Thomas von Aquin dienen mußte ." (Brentano 1977, S. 291) Und so wurde vor allem die sehr frühe Ontologie Brentanos zu einer Art Auseinandersetzung mit dem Aristotelischen Weltbild. In seiner Diskussion mit den Thesen des Meisters hat Brentano zwar sehr schnell viele Aspekte der Aristotelischen Lehre revidiert, nichtsdestoweniger kann ein großer Teil seiner frühen Ontologie als ein meistens ganz expliziter Kommentar zu Aristoteles betrachtet werden. Zu den wichtigen Aristotelischen Elementen, die Brentano in seiner frühen Periode übernommen hat, gehört die Überzeugung von der Unentbehrlichkeit des Substanzbegriffs und die Auffassung, die den substantialen Träger nicht als ein "bloßes Subjekt", sondern als eine durch die wesentlichen Eigenschaften mitkonstituierte einheitliche Struktur interpretiert . An der Berechtigung der Unterscheidung zwischen wesentlichen und akzidentellen Eigenschaften hat Brentano in der Tat nie gezweifelt. Ferner spielt die Unterscheidung von zwei Hauptformen des Seienden des dem Vermögen nach und des der Wirklichkeit nach Seienden - in der Ontologie des jungen Brentano eine wichtige Rolle. Auch der Aristotelische Begriff des Seienden im Sinne des Wahren wird übernommen, wobei jedoch Brentano eindeutig die "subjektive" Seite dieses Begriffs, die mit der psychischen Realität des Urteils zusammenhängt, privilegiert. Die Realität der Wahrmacher, die im Rahmen der Wahrheitstheorie Aristoteles ' eine so große Rolle spielt, verliert bei Brentano ihre Bedeutung. Tatsächlich bevorzugte er eindeutig eine epistemische (und demgemäß dezidiert anti-Aristotelische) Auslegung des Wahrheitsbegriffs. Die Intentionalitäts lehre Aristoteles' wird von Brentano durch die scholastische Terminologie der objektiven Existenz des Gegenstands im Geist interpretiert. In der frühen Periode wird diese Existenzweise unter den Begriff des Seienden im Sinne des Wahren subsumiert und generell als metaphysisch belanglos betrachtet. Später, in der Psychologie vom emp irischen Standpunkt (1874) , wird sie zum Definitionsmerkmal des Psychischen gemacht und in den späteren Untersuchungen (1880-90) gewinnt sie immer mehr an ontologischer Bedeutung , um schließlich 1904 als eine Fiktion der Sprache endgültig verworfen zu werden. Der Aristotelische Begriffsempirismus bildet einen weiteren Punkt, der den jungen Brentano sehr beeinflußt hat und den er Zeit seines Lebens aufrechterhalten wollte. 60 A. Chrudzimski et al. (eds.), Die Ontologie Franz Brentanos © Kluwer Academic Publishers 2004
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Der ontologische Haupttext der frühen Periode, aufgrund dessen wir die frühe Metaphysik Brentanos rekonstruieren, ist das Manuskript der Vorlesungen zur Metaphysik, die Brentano seit 1867 in Würzburg gehalten hat (Brentano M 96). Wir beginnen jedoch mit einer kurzen Besprechung der Dissertation Brentanos Von der mannigfachen Bedeutung des Seienden nach Aristoteles (Brentano 1862) und seiner Habilitationsschrift Die Psychologie von Aristoteles (Brentano 1867). 3 .1 DIE F RÜ HE N STU D IE N ZU ARISTOTEL E S ( 186 2- 1867 )
In seiner Dissertation Von der mannigfachen Bedeutung des Seienden bei Aristoteles (1862) versucht Brentano eine kohärente Interpretation der Aristotelischen Kategorienlehre zu geben. Brentano geht es dabei in erster Linie darum, sich ein fundiertes Verständnis der Aristotelischen Lehre zu verschaffen . Aufgrund des Textes scheint es allerdings, daß der junge Brentano die Aristotelische Lehre von der systematischen Mehrdeutigkeit des Seienden, sowie die zentrale Rolle des Substanzbegriffs vorbehaltlos akzeptiert. Brentano referiert die Position Aristoteles' auf folgende Weise: Das Seiende wird in mannigfachen Bedeutungen ausgesagt und unter diesen Bedeutungen finden wir einerseits die zentrale Bedeutungsachse, welche die unabhängigen Hauptstrukturen der Welt - die individuellen , konkreten Substanzen - betrifft, und andererseits viele analoge Bedeutungen, in welchen auch andere Aspekte der Realität als seiend bezeichnet werden können , vorausgesetzt , daß es eine Kette der ontologischen Dependenzen gibt, die diese Aspekte mit den individuellen, konkreten Substanzen verbinden. Den metaphysischen Kern der Realität bildet demgemäß das Seiende im Sinne der Kategorien, wobei Brentano darauf besteht , daß die Aristotelische Kategorientafel keine zufällige , "rhapsodische", oder bloß als Beispiel dienende ist. Unten reproduzieren wir das Schema der Kategorien, das Brentano annimmt (Brentano 1862, S. 175): Seiende s
Substanz
Akzidens
Relation
absolutes Akzidens
immanent
~
Quantität
Qualität
transzendent
kausal
~
Tun
A. Chrudzimski , Die Ontologie Franz Brentanos © Springer-Verlag Berlin Heidelberg 2004
Leiden
~
Wo
Wann
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KAPITEL 3
Seine "systematische Deduktion" der Kategorien (Brentano 1862, S. 148-175) verläuft wie folgt: Das Seiende wird zunächst in Substanzen und Akzidentien aufgeteilt, je nachdem, ob es unabhängig existiert (Substanz) oder "in" anderen Entitäten enthalten sein muß (Akzidens). Die Entität, in der ein Akzidens enthalten sein muß, ist natürlich eine Substanz. Akzidentien zerfallen ihrerseits in zwei Gruppen, abhängig davon , ob sie nur eine, oder mehrere Substanzen voraussetzen. Wir erhalten dementsprechend einerseits die sogenannten absoluten Akzidentien (auf die man sich durch l -stellige Prädikate bezieht), andererseits die Relationen (deren sprachlicher Ausdruck mittels 2- oder mehrsteIliger Prädikate erfolgt) . Die Relationen sind für Brentano, ähnlich wie für Aristoteles, weniger interessant. Sie bilden die schwächste Form des Seienden, dessen Werden vom Wechsel der monadischen Eigenschaften abhängt. (Vgl. Brentano 1862, S. 190) Das Hauptgewicht der weiteren Aufteilung liegt demgemäß auf den absoluten Akzidentien und diese zerfallen in immanente (Inhärenzen), kausale (Affektionen) und transzendente (äußerliche Umstände) . Die immanenten Akzidentien sind komplett "in" seinem Subjekt. Dazu gehören Quantität und Qualität, wovon erstere eine Bestimmung von der Seite der Materie, letztere eine Bestimmung von der Seite der Form ist. Die Akzidentien der zweiten Gruppe (Affektionen) sind, wie Brentano schreibt, teilweise im Subjekt, teilweise außer ihm . Es handelt sich um die Bestimmungen, die mit den kausalen Einwirkungen zu tun haben : Tun (aktiv) und Leiden (passiv) . Die letzte Gruppe von Akzidentien - äußerliche Umstände - umfaßt die Bestimmungen, die, wie Brentano sagt, dem Subjekt "von außen" zukommen. Dazu zählt Brentano Ort und Zeit. Der result ierende Baum soll allerdings nicht suggerieren, daß die niedrigsten Arten von Kategorien unter höhere Gattungen fallen. So wie das Seiende kein Gattungsbegriff ist, so sind auch die mittleren Stufen keine Gattungen. Die Einheit ist auf allen Stufen bloß analog . Für alle Kategorien gilt ferner die Gegenüberstellung von dem dem Vermögen nach und dem der Wirklichkeit nach Seienden. (Brentano 1862, S. 49) Den Begriff des Seienden im Sinne des Wahren betrachtet Brentano in seiner Dissertation als ontologisch belanglos. Er bez ieht sich dabei auf jene Stellen, an welchen Aristoteles diesen Begriff mit dem Begriff des Urteils verbindet. (Brentano 1862, S.22) Die ontologisch wichtige Realität der Wahrrnacher, auf die wir im vorigen Kapitel aufmerksam gemacht haben , wird hingegen heruntergespielt. Brentanos Interpretation betrachtet die urteilsmäßige Wahrheit/Falschheit als Hauptbegriff, von dem die anderen Wahrheitsbegriffe analog abgeleitet werden. Ein wahrer Begriff ist ein Begriff, der einen Bestandteil eines wahren Urteils bildet. Ein wahres Objekt ist das Objekt eines wahren Urteils. (Brentano 1862, S. 31) An einer Stelle will Brentano sogar eher das Urteil selbst als seiend (im Sinne des Wahren) bezeichnen (Brentano 1862, S. 31), wobei es nicht ganz klar ist, ob er hier unter dem Urteil die psychische Realität des Urteilens oder eher den Urteisinhalt verstehen will - die Unterscheidung, die er erst später mit aller Klarheit durchführen wird . Brentano gibt hier als Beispiele Aussagen, die sich auf Fiktionen beziehen : "Die Zentauren sind fabelhafte Ungetüme" und .Jupiter ist ein Abgott". Er schreibt, daß man in solchen Fällen die Kopula "ist" ausschließlich im Sinne "es ist wahr" ver-
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wendet. Wir haben in solchen Fällen mit dem Seienden im Sinne des Wahren zu tun, obwohl es die Gegenstände, von denen die betreffenden Aussagen handeln, strenggenommen nicht gibt. Im Sinne des Wahren "ist" demgemäß auch alles, was es nicht gibt, denn es ist natürlich wahr, daß es nicht existiert. In diesem Sinne ist also selbst ein Nichtseiendes. Was für diese Seinsweise entscheidend ist, ist die Möglichkeit, daß etwas zum Objekt des Denkens wird. Alles, was gedacht werden kann, alles, was nach dem scholastischen Wortgebrauch objektiv im Geist existieren kann, kann in einem wahren Urteil "beurteilt" werden. (Brentano 1862, S. 37) Wir finden hier die Anfänge der Intentionalitätstheorie Brentanos, deren Aristotelisch-scholastischen Wurzel noch sehr deutlich sind. Brentano übernimmt die scholastische Lehre von der objektiven Existenz im Geist und subsumiert alles, was objektiv im Geist existiert unter den Begriff des Seienden im Sinne des Wahren, was zunächst soviel bedeutet, daß bezüglich der in diesem Sinn seienden Objekte alle ontologischen Verpflichtungen suspendiert werden. Die Objekte des Denkens "sind objektiv", insofern sie gedacht werden. Dieser Umstand stellt für den jungen Brentano jedoch kein ontologisches Problem dar. Das Seiende im Sinne des Wahren gehört nicht zum Gegenstand der Metaphysik, wiewohl es zugleich den Hauptgegenstand der Logik bildet. (Brentano 1862, S. 39) Die scholastische Lehre von der objektiven Existenz wurde also von Brentano als ein unproblematisches Werkzeug der Analyse betrachtet. Wann immer ein Subjekt an etwas denkt, dürfen wir auch sagen, daß das Gedachte als solches im denkenden Subjekt ist. Als solches ist es jedoch bloß im Subjekt. Keine ontologischen Probleme hängen damit zusammen. Die objektive Seinsweise - so möchte man sagen - wurde genau in der Absicht eingeführt, damit die ontologischen Fragen bezüglich des objektiv im Geist Existierenden als irrelevant betrachtet werden können. Noch in der Psychologie vom empirischen Standpunkt (1874), wo die objektive Existenz des Gegenstands im Geist, die dort intentional e Inexistenz genannt wird, als Definitionsmerkmal des Psychischen auftritt (Brentano 1874/1924, S. 124) und zum zentralen Begriff der Brentanoschen Psychologie wird, kann man diesen Begriff möglicherweise noch in dieser ontologisch unverbindlichen Weise interpretieren. In seinen späteren deskriptiv-psychologischen Untersuchungen - vor allem in den Vorlesungen aus den achtziger und neunziger Jahren - hat jedoch Brentano die immanenten Objekte explizit thematisiert. Hier kann man mit guten Gründen von einer Ontologie des immanenten Objekts sprechen, wodurch das zunächst diskreditierte Sein im Sinne des Wahren immer mehr an Bedeutung gewinnt. Das Gedachte als solches wird nun zu einer ontologisch ernst zu nehmenden, zusätzlichen Kategorie, die enorme philosophische Schwierigkeiten verursachte. Diese faszinierende Geschichte, die wir in Chrudzimski 200 Ia genau dargestellt haben, mündete um 1904 in die reistische Philosophie, die derartige immanente Objekte als Fiktionen der Sprache verwirft. Ein wichtiger Aspekt der Interpretation der Aristotelischen Lehre in Brentanos Dissertation besteht darin, daß auch Universalien kurzerhand unter den Begriff des Seienden im Sinne des Wahren subsumiert werden. Sowohl die Gegenüberstellung der allgemeinen und individuellen Entitäten, die sich in der Hermeneutik (7, 17a 38) findet, als auch die Rede von den zweiten Substanzen , die von den Individuen prädi-
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KAPITEL 3
zierbar sind, soll Brentano zufolge nicht so verstanden werden, als ob hier ein realer Unterschied in rebus vorliege . Wir hätten hier vielmehr mit einer bloßen distinctio rationis zu tun - mit einem Unterschied, der nur im Geiste stattfindet. (Brentano 1862, S. 131 f., 201 f.) Ob diese Interpretation wirklich auf Aristoteles zutrifft, ist zweifelhaft. Aristoteles wird hier im Grunde als ein Konzeptualist dargestellt, während er aller Wahrscheinlichkeit nach doch unredu zierbare Allgemeinheiten in rebus postulierte. Sehr bemerkenswert ist die Auffassung der zweiten Substanz als ein ens rationis . Diese Auffassung legt nahe, daß die innere material-formale Struktur der ersten Substanzen von Brentano letztlich als keine reale Komplexität, sondern als eine gedankliche, wenn auch .xum fundamento in re" (was immer dies heißen mag) Konstruk tion betrachtet wird - eine Konstruktion, die auf eine Substanz, die real ein unstrukturiertes Ganze ist, gewissermaßen "von außen" projiziert wird. Das ist die Auffassung, die wir im Zusammenhang mit den Würzburger Metaphysik-Vorlesungen (Brentano M 96) bald beobachten werden . In seiner Dissertation spricht Brentano noch von der substantialen Form . Diese Form wird jedoch nicht als Spezies (d.h. als Universale , das nach Brcntano ein ens rationis , nämlich ein logischer Teil des Seienden ist), sondern als ein Aspekt des individuell-konkreten Dings, aufgrund dessen es unter eine Spezies fallt, betrachtet. "So ist denn die Form", wie Brentano sagt, "als ein physischer, nicht logischer Teil des Dinges anzusehen [...]." (Brentano 1862, S. 140) Später wird Brentano solch individuell-abstrakten Aspekte der konkreten Individuen metaphysische Teile nennen . Was für uns hier von Bedeutung ist, ist natürlich nicht die Frage der historischen Richtigkeit der Brentanoschen Aristoteles-Auslegung, sondern es sind die Elemente seiner eigenen philosophischen Sichtsweise, die in dieser Auslegung zutage treten. Die konzeptualistische Lösung des Universalienproblems bildet eines der unerschütterlichen Elemente dieser Sichtsweise . Immer wenn Brentano ontologisch ernsthaft von den Eigenschaften eines Dings spricht, handelt es sich um individuelle Entitäten, die entweder als abstrakte Aspekte eines individuellen Dings oder sogar als ein konkretes Individuum interpretiert werden; und das Sein der Universalien interpretiert er immer als ein Sein im Geist. Dieses Sein im Geist involviert zwar in der Periode zwischen 1874 und 1904 eine beträchtliche ontologische Apparatur der immanenten Objekte, die genuin allgemeinen Entitäten gehören allerdings nicht zu dieser Apparatur. Am Beispiel dieser konzeptualistischen Auslegung des Universalien-Problems sowie der ausgebauten Interpretation des Seienden im Sinne des Wahren sehen wir, daß Brentano in seiner Dissertation sehr eigenständig ist. Er übernimmt nur diejenigen Elemente der Aristotelischen Theorie, die er zu einem kohärenten Bild zusammenfügen kann, und die in die Richtung weisen, in die er selbst gehen will. Insbesondere konzentriert er sich auf die Stellen, wo Aristoteles die subjektive Seite des Wahrheitsbegriffs betont, vernachlässigt hingegen jene Stellen, wo die Realität der Wahrmacher akzentuiert wird. Er interpretiert ferner das ganze Problem durch die scholastische, ontologisch abwertende Terminologie des ens obiectivum . Es scheint , daß die epistemische Auffassung des Wahrheitsbegriffs, die in eine unzwei -
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deutig anti-Aristotelische Richtung geht, - die Auffassung, die schon fünf Jahre später, in der Würzburger Metaphysik-Vorlesung sehr deutlich zutage tritt, - bereits in Brentanos Dissertation latent im Hintergrund steht. Die Eigenständigkeit und Selektivität, mit der Brentano den Aristotelischen Begriff des Seienden im Sinne des Wahren und seine Theorie der allgemeinen Entitäten präpariert, läßt vermuten, daß er die Aristotelische Lehre von der mannigfachen Bedeutung des Seienden, die er in seiner Interpretation beibehält, auch für die im Grunde richtige Metaphysik hielt. Schon in der Würzburger Metaphysik-Vorlesung präsentiert er jedoch eine andere Lehre, die den Kategorienbegriff ebenfalls unter das Seiende im Sinne des Wahren subsumiert, und vertritt die These der Eindeutigkeit des realen Seienden . Die Tatsache, daß er in diesen Vorlesungen die Aristotelische Kategorienlehre ausflihrlich bespricht und im Rahmen seiner Metaphysik doch einen Platz für sie zu finden versucht, unterstützt zusätzlich die Annahme, daß er sie noch vor Kurzem als eine richtige ontologische Auffassung betrachtete. In seiner Habilitationsschrift Die Psychologie von Aristoteles (1867) behandelt Brentano vor allem die Aristotelische Erkenntnis- sowie Abstraktionstheorie : Themen, die für die weitere Entwicklung seiner Philosophie von großer Bedeutung sind. Brentano erörtert die Aristotelische Theorie der Seelenvermögen, wobei der tätigen Vernunft besondere Beachtung geschenkt wird. Er betont den Begriffsempi rismus Aristoteles' und besteht konsequent darauf, daß die Aktivität der Begriffsbildung notwendigerweise einen gewissen Einfluß der Phantasmata auf die passive Vernunft voraussetzt. Konsequenterweise nimmt er an, daß die tätige Vernunft eher auf die Phantasmata, denn direkt auf die passive Vernunft wirkt (Brentano 1867, S. 164) - das war die Auffassung, die wir im zweiten Kapitel angenommen haben. Eine interessante Stelle finden wir in der Habilitationsschrift Brentanos im Zusammenhang mit der objektiven Existenz der Denkobjekte. Diese Stelle zeigt wie leicht und unbemerkt der Übergang vom Postulat einer speziellen, per definitionem ontologisch unverbindlichen "objektiven" oder "bloß intentionalen" Seinsweise des Objekts zur Einflihrung einer speziellen Kategorie des Seienden erfolgen kann.58 Der Begriff der objektiven Existenz im Geist wird in Brentanos Habilitation ebenfalls als ein vertrautes Werkzeug der Analyse verwendet. "Wir gebrauchen den Ausdruck 'objektiv:", sagt Brentano, ,,[...] in jenem [Sinne], den die Aristoteliker des Mittelalters damit [...] zu verbinden pflegten [...]. Materiell, als physische Beschaffenheit, ist die Kälte in dem Kalten; als Objekt, d.h. als Empfundenes, ist sie in dem Kältefühlenden." (Brentano 1867, S. 80) Wir haben hier die Lehre, die jedem wahrgenommenen Charakteristikum eines physischen Dings eine "objektive" Seinsweise "im" wahrnehmenden Subjekt zuschreibt. Bei der Interpretation der Aristotelischen Intentionalitätslehre schreibt jedoch Brentano: Wenn ein schwarzer und ein weißer Körper von dem Gesichtssinne wahrgenommen werden , so sind sie nicht sie selbst, aber Analoga von ihnen in dem Gesichtssinne, und da nun diese in einem Sinne vereinigt sind und in ihrem Unterschiede der Verschiedenheit der äußeren Dinge entsprechen, so unterscheidet er durch sie die äußeren Gegenstände. Es sei A das Weiße und B das Schwarze und C verhalte sich zu D wie A zu B, also auch umgekehrt. Wenn nun C und D in einem Sinne, nämlich in dem
58
Die nächsten drei Paragraphen wurden von Chrudzimski 2001a, S. 116 übernomm en.
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KAPITEL 3
Gesichtssinne sind, so ist in ihm auch das Verhältnis , nicht bloß von C und D, sondern auch von A und B. (Brentano 1867, S. 94)
Die Lehre von der objektiven Existenz, die zunächst bloß von einer besonderen, ontologisch schwachen Seinsweise des prima facie selben Objekts handelt, erfährt hier eine bedeutsame Modifikation. Die Tatsache, daß ein äußeres Objekt wahrgenommen wird - d.h. daß es objektiv im Geist ist - sollte darin bestehen, daß im Gesichtssinne in Wirklichkeit nicht das Objekt selbst, sondern sein Analogon ist. Man kann vermuten , daß dieses Analogon schon nicht mehr bloß objektiv, sondern in einer ontologisch verpflichtenden Bedeutung existiert. Denn objektiv soll eben das äußere Ding im Geiste sein. Die Bemerkung, daß die Verhältnisse zwischen den äußeren Objekten gewissermaßen durch die Verhältnisse zwischen solchen Analoga erkannt werden, zeigt klar, daß sich diese Interpretation in die Richtung einer Theorie bewegt , die neben dem Subjekt und dem Objekt der intentionalen Beziehung noch eine vermittelnde (repräsentierende) Entität postuliert . Wir sehen auch, daß Brentano keineswegs die Aristotelische Erklärung des Mechanismus der objektiven Anwesenheit im Geist übernehmen will. Bei Aristoteles hieß es, die Seele nehme die Form des Gegenstands auf. Dieses Aufnehmen der Form unterscheidet sich allerdings von einer "normalen" Instantiierung . Die erkennende Seele wird nicht zum Objekt, das sie erkennt. Dank der ontologischen Apparatur, welche die allgeme inen Formen, die Materie, die eine "normale" Instantiierung der Form zuläßt, und die passive Vernunft, die ein "kognitives" Aufnehmen der Form ermöglicht, umfaßt, kann Aristoteles darauf bestehen, daß der erkannte Gegenstand im erkennenden Geist gewissermaßen in eigener Person anwesend ist. Denn es ist dieselbe Form, die auf einer Seite durch den erkannten Gegenstand instantiiert wird, und auf der anderen Seite von der passiven Vernunft aufgenommen wird. Die Tatsache, daß Brentano diesen Mechanismus ganz anders - nämlich durch Einführung einer vermittelnden Struktur, die den Gegenstand der Erkenntnis lediglich repräsentiert - erklärt, läßt darauf schließen, daß er bezüglich der ontologischen Apparatur, die in der Intentionalitätslehre Aristoteles' vorausgesetzt ist, Bedenken hatte. Und in der Tat, vor allem für den Begriff der ersten Materie hatte Brentano keine Sympathie . Im folgenden Schema wollen wir die drei Modelle der intentionalen Beziehung, denen wir gerade begegnet sind, und die für unsere weiteren Untersuchungen sehr wichtig sind, vergleichen.
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Aristotelisches Modell allgemeine Form
ein Objekt, das Fist
Modell ens obiectivum
F allgemeine Form
ein Qbjekt, das FIst, Ist objektiv in der Seele
ein Objekt, das Fist
Modell des repräsentierenden Analogons
F* (?)
>F
Relation der Repräsentation ein O~jekt, das Flst, "Analogojj" ist in der Seele
ein Objekt, das FIst
Zuerst haben wir das Aristotelische Modell . Eine intentionale Beziehung auf ein Objekt , das F ist, besteht in seinem Rahmen darin, daß eine allgemeine Form (F) zwei mal instantiiert wird. Auf der einen Seite instantiiert das Objekt der intentionalen Beziehung die Form F. Es ist ein F-Objekt. Auf der anderen Seite nimmt aber auch die sich intentional beziehende Seele dieselbe Form F auf. In diesem Fall haben wir allerdings mit keiner normalen Instantiierung zu tun. Die Seele wird nicht zu einem F-Objekt. Aristoteles sprach von einem Aufnehmen der Form ohne Materie , was jedoch nicht viel erklärt. Im Allgemeinen muß wahrscheinlich diese
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KAPITEL 3
einzigartige Art von Instantiierung, die wir als Instantiierung" bezeichnen, als ein primitiver Terminus der Aristotelischen Intentionalitätslehre angesehen werden . Die Seele, die sich auf ein F-Objekt bezieht, ist" demgemäß selbst F. Die scholastische Lehre vom ens obiectivum ändert dieses Bild. Wir haben es nicht mehr mit zwei Arten von Instantiierung zu tun, sondern man spricht nun von zwei Weisen der Existenz des Objekts der intentionalen Beziehung . Dasselbe Objekt, das unter Umständen auch in der realen Welt existiert, ist - sofern man sich auf es intentional richtet - auch objektiv im Verstand , wobei diese Seinsweise ontologisch unverpflichtend sein soll.59 In Brentanos Habilitation wird aber nahegelegt, daß diese Redeweise in Wirklichkeit etwas ganz anderes bedeutet. Nicht das F-Objekt selbst, sondern sein Analogon soll im Verstand sein. Dieses Analogon ist selbst nicht F. Es hat eine andere Eigenschaft, die wir als F* bezeichnet haben, und die die Eigenschaft F repräsentiert. Die Relation der Repräsentation, die zwischen dem äußeren Objekt der intentionalen Beziehung und seinem Analogon in der Seele besteht, resultiert aus dem Verhältnis, in dem zwei Eigenschaften Fund F* zueinander stehen, das wir in unserem Schema als ,,[?]" bezeichnet haben. Alle drei Modelle sehen so aus, als ob man dabei ohne Bedenken mit den real abgetrennten Platonischen Eigenschaften operierte . Das muß allerdings als eine bloß bildliehe Darstellungsweise betrachtet werden . Schon bei Aristoteles sind die Allgemeinheiten von den konkreten Individuen nicht real abgetrennt und Brentano akzeptierte gar keine allgemeinen Gegenstände. Im Aristotelischen Schema muß Diese Ausdrucksweise finden wir bei Petrus Johannis Olivi. Einerseits kritisiert er jede Form der Intentionalitätstheorie, die repräsentierende Entitäten einführt, und plädiert für eine direkte Beziehung zwischen einem mentalen Akt und seinem Objekt. (Vgl. Perler 2002, S. 131-144.) Andererseits schreibt er aber: ,,[Wjas wir auch immer dureh eine aktuelle Betrachtung unseres Intellekts primär und an sich begreifen, das begreifen wir in diesem Akt des Betrachtens. In dem innerlichen Begreifen und Bilden wird aber nicht nur der Akt selbst begriffen, sondern auch sein Objekt, insofern es intentional bzw. repräsentational im Akt selbst existiert." (Tracuuus de verbo, 6.2.3, zitiert nach Perler 2002 , S. 144.) Perler (2002, S. 145) bemerkt, daß diese Theorie kaum als eine Erklärung betrachtet werden kann . Es ist schwierig zu verstehen, was hier unter einen Objekt, "insofern es intentional bzw. repräsentational im Akt selbst existiert", zu verstehen ist, denn einerseits ist "damit nicht so etwas wie ein innerer Stellvertreter für den äußeren Gegenstand gemeint. Dies würde ja Olivis gesamter Argumentation gegen den Repräsentationalismus widersprechen ." Andererseits "erklärt jedoch [Olivi) nicht, wie diese beson dere [intentionale bzw . repräsentationale] Existenzweise zustande kommt. " Es scheint, daß der Verweis Olivis auf das Objekt, "insofern es intentional bzw. repräsentational im Akt selbst existiert" als eine Redeweise zu verstehen ist, die als solche noch keine bestimmte Intentionalitätstheorie - und insbesondere keinen ontologischen Rahmen für eine solche Theorie - festlegt. Auch Duns Scotus spricht in seiner Intentionalitätstheorie von den Gegenständen mit objektivem Sein , ohne ihren ontologischen Status zu erklären . Vgl. dazu Perler 2002, S. 228 : " Welchen ontologischen Status haben dann die Gegenstände mit objektivem Sein [... p Scotus läßt diese Frage offen und hat dadurch [...) eine breite Diskussion ausgelöst. Verschiedene Scotisten glaubten, der Rekurs auf Gegenstände mit objektivem Sein sei erst dann überzeugend , wenn diese Gegenstände ontologisch präzise bestimmt werden. [...) Angesichts der Vielzahl an Erklärungsversuchen stellt sich freilich die Frage , warum Scotus selber keine ausführliche Erklärung gegeben hat. Hat er einen wichtigen Punkt in seiner Theorie vernachlässigt, indem er auf eine ontologische Bestimmung verzichtet hat? Diese Frage muß nicht notwendigerweise bejahend beantwortet werden . Man kann die Pointe der scotischen Theorie auch darin sehen, daß sie bewußt auf eine ontologische Bestimmung verzichtet, weil sie nur auf einen epistemologischen Punkt abzielt und jede Reifizierung der Gegenstände mit objektivem Sein vermeiden will." S9
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dementsprechend die Form F als immanent betrachtet werden. Sie ist sowohl dem F-Gegenstand als auch der den F-Gegenstand erkennenden Seele als identisch dieselbe, wenn auch auf verschiedene Weisen, immanent. Die Interpretation der scholastischen Lehre vom ens obiectivum wird je nach Autor stark variieren, es muß aber betont werden, daß sie in der Regel als eine bloße Redeweise gemeint war, die als solche keine ontologischen Implikationen hat. Was schließlich das dritte, Brentanosche Schema betrifft, so entwickelte er eine Theorie der Entitäten, die die intentionale Beziehung vermitteln, erst in den achtziger und neunziger Jahren. Von dieser Ontologie der immanenten Entitäten werden wir im nächsten Kapitel sprechen. Zum Schluß gilt es noch zu bemerken, daß die Aristotelische Lehre schon von Albertus Magnus und Thomas von Aquin wesentlich modifiziert wurde. Beide Autoren behaupteten nämlich wiederholt, daß der ontologische Mechanismus, durch den die Aufnahme der Form eines Gegenstandes von der Seele zustande kommt, nur darin bestehen kann, daß die erkennende Seele ein bestimmtes Akzidens in einem ganz normalen Sinne hat. Das folgende Schema illustriert diese Theorie : Thomistisches Modell
G
[?l>
F
intentionale Beziehung
ein Qbjekt, das FIst
Anstatt einer Form und zwei Weisen der Instantiierung haben wir hier zwei verschiedene Formen, die in derselben Weise instantiiert sind. Die ontologische Erklärung der Tatsache, daß sich eine erkennende Seele auf ein F-Objekt bezieht, besteht darin, daß diese Seele die Form G instantiiert, und daß diese Form zur Form F in einer bestimmten Relation der "Repräsentation" steht, die wir hier als ,,[?]" bezeichnen. Sowohl Albertus als auch Thomas haben sich freilich nicht immer unzweideutig ausgedruckt. Häufig sprachen sie so, als ob sie die Theorie Aristoteles' vorbehaltlos akzeptierten. Wir lesen z.B., daß dieselbe Form, die in unserem Schema als ,,F' bezeichnet wird, im wahrnehmbaren Gegenstand ein natürliches, und im Wahrnehmungssinn ein intentionales bzw. geistiges Sein hat. (Vgl. Perler 2002, S. 13 f., 35) Andererseits sprachen sie oft von den repräsentierenden Spezies, wobei es nicht immer klar ist, ob sie darunter einfach die Form G (die von der Seele instantiiert ist) meinen, oder eher zum Modell des repräsentierenden Analogons überspringen. (Vgl. Perler 2002, S. 70 f.) Wir hoffen allerdings, daß unser Schema den Intentionen der beiden Autoren noch am besten entspricht.
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KAPITEL 3
3 .2 DAS SEIENDE IM SINNE DES WAHREN UND DAS REAL S EIEND E
Die vollständigste und detaillierteste Darstellung der frühen Ontologie Brentanos finden wir im Manuskript der Vorlesungen zur Metaphysik (Brentano M 96), die 60 Brentano seit 1867 in Würzburg gehalten hat. Während die bisher besprochenen Schriften einen in erster Linie interpretativen Charakter hatten, finden wir in diesen Vorlesungen jene metaphysische Position, die Brentano mit Sicherheit nicht nur bloß seinen Studenten vorstellt, sondern auch für richtig hält. Diese Metaphysik kann keineswegs einfach als eine Version des Aristotelismus bezeichnet werden; in vielen grundlegenden Aspekten ist sie schon sehr weit von den Ansichten des Meisters entfernt. Nichtsdestoweniger ist die ganze Problemstellung im Grunde Aristotelisch und die Lösungen werden immer zunächst bei Aristoteles und bei seinen Interpreten gesucht. Viele dieser Lösungen werden übrigens als richtig übernommen. Die Problematik, die Brentano in seinen Vorlesungen bespricht , umfaßt die folgenden Bereiche : Metaphysik (Ont ologie im weiten Sinne)
trans zendentaler Teil (Apologetik des WIssens xesen Skeptiker unä Kritiker)
Ontologi e (im eng eren Sinne)
Theologie
Kosmol ogie
Vom Werden und den Ursachen des Seienden Von den I2hysischen Te ilen
Von den logisch en TeIlen
Von den metaphysischen Teilen
Die Argumentation des "transzendentalen" Teils, in dem Brentano die epistemische Möglichkeit der Metaphysik zu erweisen versucht, wird uns weniger interessieren . Auch die Theologie und Kosmologie, die aus den äußerst skizzenhaften Notizen Brentanos zur Zeit kaum zu rekonstruieren ist, liegt außerhalb des Rahmens dieses Buchs. Die Theorie der allgemeinen Struktur des Seienden, die wir in diesem Kapitel besprechen möchten, finden wir in dem Teil, den Brentano Ontologie im engeren Sinne nennt. Sie umfaßt die Lektionen XXXVII-LXVII und handelt von den Das sehr interessante Manuskript wird gegenwärtig in Würzburg von Prof. W. Baumgartner zur Publikation vorbereitet. Da der Text bereits in einer bezüglich der Übereinstimmung mit dem Original geprüften elektronischen Version vorliegt, wäre das Zitieren nach den Seitennummern des Manu skripts eher unzweckmäßig. Andererseits werden natü rlich die Seitennummer des aktuellen Computer-Ausdruck s in der zukünftigen Edition auf ke inen Fall beibehalten. Deshalb geben wir bei den Zitaten die Nummer der Lektionen an , in welchen sich die jewe ilig zitierte Stelle befindet. Da die Lektionen in der Regel kur z sind , d ürfte die Lokalisierung der Zitate im Original keine größ eren Schwi erigkeiten bereit en. 60
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"allgemeinen Eigentümlichkeiten alles Seienden" . Sie zerfällt in (i) die Untersuchungen zur mannigfachen Bedeutung des Seienden, (ii) die Erörterung der physischen, logischen und metaphysischen (selbständigen und unselbständigen) Teile des Seienden und (iii) die Untersuchungen zum Werden und zu den Ursachen des Seienden. (M 96, XXXVII, 3) Was den ersten Punkt betrifft, so hält Brentano an der Aristotelischen Lehre von der mannigfachen Bedeutung des Seienden zum Teil weiterhin fest. Das Seiende wird entweder im eigentlichen oder im uneigentlichen Sinne ausgesagt. Nur das Seiende im ersteren Sinne bildet den Gegenstand der Ontologie. In den Würzburger Vorlesungen subsumiert Brentano alle uneigentlichen Bedeutungen des Seienden unter den Begriff des Seienden im Sinne des Wahren . In diesem Sinne ist - lesen wir - alles, was Subjekt oder Prädikat eines wahren affirmativen Satzes bilden kann. (M 96, XXXVIII, 4) In diesem Sinne ist also jedes fiktive, unmögliche oder bloß gedachte Objekt, denn es ist wahr, daß es fiktiv, unmöglich oder bloß gedacht ist. Das Seiende in diesem Sinn gehört nicht zum Gegenstand der Ontologie . Brentano setzt also seine frühe Strategie, die aus dem Wahrheitsbegriff keine ontologischen Konsequenzen ziehen will, fort. Im Gegensatz zu den früheren Studien versucht er jedoch zu zeigen, daß man zum Zweck der Wahrheitstheorie tatsächlich keine besonderen Entitäten (keine Wahrmacher, die speziell aus semantischen Gründen notwendig wären) postulieren muß. In der Lektion XXXVIII bespricht er ausführlich die Problematik der Wahrheitstheorie. Die dort entwickelte Theorie ist auch deswegen besonders interessant, weil sie die gewöhnlichen Vorstellungen von der Entwicklung der Wahrheitslehre Brentanos widerlegt. Der frühe Brentano wird nämlich sehr oft als ein Anhänger einer ontologisch starken adaequatio-Lehre gesehen - die Meinung, die man aufgrund des Vortrags Über den Begriff der Wahrheit hegt, den Brentano 1889 gehalten hat und der von Oskar Kraus als ein für den frühen Brentano repräsentativer Text im Band Wahrheit und Evidenz (Brentano 1930, S. 3-29) publiziert wurde. 1889 konnte Brentano tatsächlich eine solche adaequatio-Lehre vertreten, denn inzwischen hat er schon eine genügend starke Ontologie in Kauf genommen. In dem Wahrheitsvortrag spricht er beispielsweise von den nicht-existierenden, zeitlich modifizierten und propositionalen Entitäten. 1867 war er jedoch von solchen ontologischen Exzessen sehr weit entfernt. Daß der Geist der wirklich frühen Philosophie Brentanos, was die ontologische Sparsamkeit betrifft, sehr nah bei seinen späten reistischen Ideen liegt, ist eine der wichtigsten Entdeckungen, die man durch das Studium seiner frühen Schriften macht." In den Würzburger Vorlesungen vertritt Brentano bereits seine charakteristische 62 nicht-propositionale Urteilstheorie. Er betrachtet als die grundlegende Urteilsform die existentielle Form (,,A ist" / ,,A ist nicht"), wobei der syntaktische Teil "ist" / "ist nicht" als nicht referierend interpretiert wird - die Auffassung, die in der Psychologie zu einer der Hauptthesen der Brentanoschen Intentionalitätstheorie wird. In Chrudzimski 2001a, S. 71-74 wird gezeigt, daß die tieferen Motive der epistemisehen Auffassung des Wahrheitsbegriffs bei Brentano nicht in ontologischen Skrupeln , sondern in seinem Begriffsempirismus liegen. 62 Zur Urteilstheorie Brentanos vgl. Chisholrn 1982b, Simons I992a.
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KAPITEL 3
Dieser Teil des Urteils bezieht sich auf kein gegenständliches Element, sondern ist nur ein Zeichen des mentalen Annehmens bzw. Verwerfens des Objektes A . (M 96, XXXVIII, 4) Wir lesen : Der Satz : ein Baum ist grün ist wahr, wenn Baum und grün in der Wirklichkeit zusammentreffen, falsc h wenn sie in keinem Dinge vereinigt sind [...]. Nicht so bei dem Satze : "ein Baum ist". Der sprachliche Ausdruck ist hier wohl eine Komposition, nicht aber der inwohnende Gedanke . Ich habe nur eine Vorstellung, die eines Baumes, und dieser stimm e ich zu, und das reine Zeichen dieser Zustimmung ohne jede Beimischung eines realen Inhalts ist das "ist", das sprachl ich, aber nicht dem Gedanken nach, Prädikat ist. Das Urteil ist eine Position , nicht Komposition . So ist denn auch in der Wirkli chkeit von dem Zusamm entreffen einer Wirkli chkeit mit einer anderen , in Folge dessen die Affirmation wahr sein soll , nicht die Rede. (M 96, XXXVIII)
Brentano kritisiert dabei die Lehre von Thomas von Aquin , der neben der Aristotelischen Unterscheidung zwischen Form und Materie noch eine zweite , zwischen Sein und Wesen einführen wollte, wobei ein Wesen im Allgemeinen'" bereits die Aristotelische Form und Materie enthält und sich in Bezug auf das Sein wie eine Potenz zu einem Akt verhält. Thomas hat argumentiert, daß alles, was sich im Begriff einer Entität nicht findet, gewissermaßen als ein zusätzliches Element betrachtet werden muß. Nun können wir aus dem bloßen Begriff eines Zentauren oder eines Hundes selbstverständ64 lich nicht wissen, ob die genannten Entitäten existieren oder nicht. Das Sein eines Dings muß also - schließt Thomas - von seinem Wesen unterschieden werden . Auf einer Seite ist also das Sein eines Dings in seinem Wesen nicht eingeschloßen, auf der anderen Seite gibt es allerdings keine bloßen, nicht-existierenden Wesen. Alles, was ist, ist seiend, und das heißt bei Thomas, daß es existiert . Die Lösung, die Thomas in dieser Situation angenommen hat, besteht im Wesentlichen darin , daß die Zusammensetzung aus dem Wesen und dem Sein nach dem gleichen Modell betrachtet wird, wie die Zusammensetzung aus der Materie und der Form im Rahmen der Aristotelischen Metaphysik. Bei Aristoteles gibt es ebenfalls keine bloße Materie. Jede aktuell auftretende Materie muß geformt sein . Die Seinsweise der Materie ist exakt die Seinsweise des Trägers einer substantialen Form . In diesem Sinn verhält sich die Form gegenüber der Materie wie ein Akt zu einer Potenz. Ganz ähnlich ist es Thomas zufolge mit dem Sein und dem Wesen. Die Seinsweise eines Wesens ist zu existieren , und das bedeutet: mit einem Sein vereinigt zu sein, das in Bezug auf das Wesen wie ein Akt in Bezug auf eine Potenz fungiert .'" Der Übergang vom Aristotelischen zum Thomistischen Modell kann durch das folgende Schema illustriert werden: Wenn wir von reinen Formen einmal absehen . Bei widersprüchlichen Begriffen können wir aus dem Begriff die Nicht-Existen z des Gegenstands erkennen. Der einzige Fall einer begrifflich notwendigen Existenz könnte eventuell in Anse1ms Gott esbeweis gesucht werden . 65 Zur Lehre Thomas' vgl. "Alles, was nicht zum Begriff des Wesen oder der Quiddität gehört, ist etwa s von außen Hinzukommendes, was mit dem Wesen eine Zusammensetzung bildet; denn kein Wesen kann ohne seine Teile begriffen werden . Ein jed es Wesen oder jede Quiddität kann jedoch begriffen werden , ohne etwas über das zum Wesen oder der Quidd ität gehörige Sein zu wissen [...] Es ist somit klar, daß das Sein etwas anderes ist als das Wesen oder die Quiddität, es sei denn . es gibt ein Ding , dessen Quidd ität eben sein eigen es Sein ist [...].", De ente et essentut. S. 56. Nach Thomas gibt es natürlich ein Seiendes "dessen Quiddität eben sein eigenes Sein ist", nämlich Gott. Die Folgerung Thomas' erin63 64
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Aristoteles
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Thomas von Aquin
r
----I
I I
Form I (=Akt I),
I
I
I
(Akt der Materie):
1
-'
I
I \
Materie (=Po!enz I)
\
\
f
\
,
\
,
f
-
f f I
Wesen / / (=Potenz 2)
"interne" Prädikation
"Existenzprodikation "
Beisp iel: "Das ist ein Pferd"
Beispiel : "Dieses Ding ist (=existiert)"
mit Kopula
keine Kopula
Der Unterschied zwischen Aristoteles und Thomas besteht darin, daß das, was bei Aristoteles als ein volles Seiendes fungierte (nämlich die Zusammensetzung aus der Materie und der Form) bei Thomas als eine Potenz zweiter Ordnung (ein Wesen) interpretiert wird - eine Potenz, der noch ein Akt zweiter Ordnung (das Sein) zugesprochen werden muß. Infolgedessen kann im Rahmen der Metaphysik von Thomas die existentielle Urteilsform eine natürliche ontologische Interpretation erhalten, während sie bei Aristoteles schwer zu situieren ist. Ein Existentialurteil besteht bei Thomas gewissermaßen in einer Prädikation der Existenz von dem betreffenden 66 Wesen. In unserem Schema haben wir eine solche Prädikation, die ohne Kopula auskommt, mit der Aristotelischen internen Prädikation verglichen, die eine Kopula braucht, und die natürlich im Rahmen der Thomistischen Auffassung dieselbe ontologische Interpretation findet wie bei Aristoteles. Brentano kritisiert jedoch die Thomistische Verbesserung. Er schreibt: Wir sahen, daß so verschieden der Gebrauch des Wortes ['Seiendes' ist] , daß es manchmal für sich allein nichts bedeutend [ist] und [bloß] mitausdrückt, ähnlich den sogenannten synkategorematischcn Worten . Dies dreifach: a) als Hilfswort; b) als Kopula ; [und] c) im Existentialsatz, wo es, wie wir gesehen haben , auch kein eigentliches reales Prädikat, sondern ähnlich [wie] im vorigen Falle ein Zeich en unserer Zustimmung ist. Hiermit war etwas Wichtiges festgestellt. Der Fiktion eine[r] Zusammensetzung der Dinge [von] eine[r] essentia und ein[em] esse (actus essendi , zu welchem jene potential, die
nert übrigens an eine der dialektischen Übungen, die uns Platon in seinem Parmenides zumutet: " Wenn das 'I st' von dem seienden Eins ausgesagt wird und das 'Eins' von dem Einsseienden und das Sein und das Eins zwar nicht dasselbe sind, aber doch zu demselben Gegenstand gehören, nämlich dem vorau sgesetzten seienden Eins, muß da nicht notwendig das Ganze das seiende Eins selber sein , als seine Teile aber sich das Eins und das Sein darstellen?", Parmen ides, 142d 1-5. 66 Thomas interpretiert den "prädizierbaren" Teil (Existenz) als einen Akt des Wesens . Eine andere Mögl ichkeit, die von Avicenna ausprobiert wurde , besteht darin, die Existenz als ein Akzidens des Wesens aufzufassen.
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KAPITEL 3
selbst bei den Philosophen des ersten Ranges wie Thomas von Aquin sich findet , [ ..] war ein für allemal der Eingang verwehrt. (M 96, XXXVII)
Nach' Brentano brauchen wir also keine Unterscheidung innerhalb des Seienden, welche der grammatischen Struktur eines Existentialsatzes Rechnung tragen würde, und zwar deswegen nicht, weil das existentielle "ist" kein reales Prädikat ist, das irgendein semantisches Korrelat im Bereich des Seienden bräuchte . Das existentielle "ist" ist nur ein Zeichen einer mentalen Anerkennung. Dieses Wort drückt 67 zwar einen mentalen Zustand aus, hat aber keine Referenzfunktion. Kehren wir jedoch zur Wahrheitstheorie der Würzburger Metaphysik zurück. Wenn das Urteilen in einer mentalen Anerkennung bzw. Verwerfung des vorgestellten Objekts besteht, dann liegt das Hauptgewicht der Wahrheitstheorie auf den Vorstellungen, die uns die Objekte, die anerkannt bzw. verworfen werden, präsentieren. Brentano definiert : Wahr ist das Urteil, welches eine Vorstellung bejaht (einer Vorstellung zustimmt), die Zustimmung, oder welches eine Vorstellung vemeint (verwirft), die Verwerfung verdient (der Verwerfung wert ist). (M 96, XXXVIII, 5)
Diese Defmition involviert einen normativen Diskurs ("verdient ", "ist wert"), was nicht allen Philosophen gefällt. Seit Aristoteles spricht man vom Verhältnis der Übereinstimmung, welches die objektive Bedingung darstellen soll, auf die sich die wertenden Elemente reduzieren. Da sich das syntaktische Element "ist" / "ist nicht" nicht auf gegenständliche Strukturen in der Welt bezieht, sondern lediglich unserem mentalen Annehmen bzw. Verwerfen Ausdruck gibt, muß das Verhältnis der Übereinstimmung, durch welches die Philosophen den Wahrheitsbegriff zu definieren versuchen, als eine Übereinstimmung der im Urteil involvierten Vorstellung mit der Wirklichkeit interpretiert werden . Jeder, der eine Theorie verteidigen will, welche die Wahrheit als eine Art Übereinstimmung mit der Welt sieht, muß also in erster Linie das Verhältnis der Übereinstimmung erklären, in dem eine Vorstellung mit einer Sache stehen kann. Es läßt sich zwar, wie es Brentano zeigt, ein solches Verhältnis tatsächlich eruieren, es fällt allerdings viel komplizierter aus, als es die Rede 68 von der Übereinstimmung vermuten läßt. Ein positives Existenzurteil ,,A ist" ist z.B. genau dann wahr, wenn die Vorstellung von A mit der Wirklichkeit übereinstimmt, das negative Urteil ,,A ist nicht"
67 In diesem Kontext wurde sogar ausnahmsweise Kant gelobt , für seine These , daß das existenti elle "ist" keine Prädikation sondern lediglich eine "Position" bedeutet. Vgl. "Sein ist offenbar kein reales Prädikat , d.i. ein Begriff von irgend etwas , was zu dem Begriffe eines Dinges hinzukommen könne. Es ist bloß die Position eines Dinges oder gewisser Bestimmungen an sich selbst. ", Kritik der reinen Vernunft, A 598, B 626 . Zu einer interessanten Interpretation der Kantischen These , daß die Existen z "kein reales Prädikat" ist vg1. Morscher 1985/86 . Morsche r schreibt: ,,[...] Kant seems c1early to take existence [...] to be a second-order attribute, i.e., an attribute not of the thing whose existence is asserted, but ofa corresponding notion or thought! [...]1 suspect therefore that at least part ofwhat Kant means by saying that 'existence' is not areal predicate is that 'existence' is not e first-order predicate.", Morscher 1985/86, S. 279 . Im nächsten Kapitel werden wir übrigens sehen , daß Brentano in der mittleren Periode doch zu einer Auffassung gekommen ist, die eine Unterscheidung zwischen dem SeinAspekt und dem Sosein-Aspekt eines Gegenstands macht. 68 Zur genaueren Erörterung der Wahrheitslehre aus der Würzburger Metaphy sik-Vorlesung vgl. Chrudzimski 200Ia, Abschnitt 2.4.
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ist hingegen genau dann wahr, wenn die Vorstellung von A mit der Realität nicht übereinstimmt. Die Übereinstimmung mit der Wirklichkeit bedeutet also bei einem negativen Urteil eigentlich eine Nicht-Übereinstimmung. Dieser Fall ist zudem noch verhältnismäßig einfach zu meistem . Wie sollen wir jedoch den Begriff der Übereinstimmung für die Urteile über Vergangenheit und Zukunft bestimmen? Ist das Urteil ,,A war" wahr, so braucht der Gegenstand A natürlich j etzt nicht zu existieren. Es war einmal ein König, es gibt ihn jedoch nicht mehr. Brentano versucht dieses Problem mit Hilfe des Aristotelischen Begriffs einer unfertigen Realität, für welche er Zeit und Bewegung hält, zu bewältigen . Eine unfertige Realität ist eine Realität, die mindestens einem ihrer Teile nach nicht ist. Die Zeit ist nun (im eigentlichen Sinn) nur einem ihrer Teile nach (und genauer : nur ihrer Jetzt-Grenze nach). Als solche ist sie jedoch in einem gewissen Sinn (eben als unfertige Wirklichkeit) auch als Ganzes." Die Wahrheitsbedingungen des Urteils über Vergangenheit oder Zukunft werden dann folgendermaßen festgelegt: Sagt man also, es sei wahr, weil seine Vorstellung mit einer Realität übereinstimmt , so muß dies etwa so erklärt werden : Wenn die Zeit eine fertige Wirklichkeit wäre wie der Raum u.dgJ., so daß nacheinander seiende Realitäten sich nicht ausschlössen, so würde eine Realität mit der Vorstellung übereinstimmen . (M 96, XXXVIII, 10)
Das erste, was bei dieser Formulierung auffallt, ist die großzügige Verwendung des irrealen Konditionals. Wir wissen heute, daß eine solche Redeweise sehr schwerwiegende ontologischen Verpflichtungen bedeuten kann. " Es ist also nicht ausgeschlossen , daß die Ontologie, die sich in dieser Formulierung verbirgt, in Wirklichkeit viel komplizierter ausfällt, als dies die nominalen Phrasen der obigen Definition suggerieren. Was jedoch Brentano betrifft, so hat er sowohl in der frühen als auch in der späten Periode solche irrealen Konditionale ohne Bedenken verwendet. Das irreale Modus funktioniert bei ihm als ein primitives Element der logischen Grammatik, das keine ontologische Erklärung benötigt. Wir wollen hier nicht entscheiden, inwiefern diese Position kohärent und plausibel ist. Wir registrieren bloß diese für das Verständnis der Brentanoschen Philosophie sehr wichtige Tatsache. Neben dem irrealen Konditional finden wir auch den Aristotelischen Begriff der "unfertigen Wirklichkeit", der auch viele ontologische Rätsel birgt. Im Allgemeinen ist es nicht klar, wie ernst diese Seinsweise in der frühen Periode der Brentanoschen Philosophie genommen wurde. Das nächste Problem für die Wahrheitsdefinition stellen die Wahrheitsbedingungen für die hypothetischen und disjunktiven Urteile dar. Sie werden folgendermaßen festgelegt. Das Urteil "Entweder A ist, oder B ist." ist genau dann wahr, wenn entweder die Vorstellung seines ersten, oder die Vorstellung seines zweiten Glieds mit der Realität übereinstimmt. Das hypothetische Urteil "Wenn A ist, dann ist B." ist genau dann wahr, wenn entweder die Vorstellung seines ersten Glieds mit der Realität nicht übereinstimmt, oder die Vorstellung seines zweiten Glieds mit der Realität übereinstimmt.
Die Zeit ist dabei keine Realität für sich, sondern eine akzidente lle Bestimmung eines konkreten Individuums. 70 Sie kann z.B. zur Ontologie der möglichen Welten führen .
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KAPITEL 3
Brentano scheint hier eine Einsicht zu vermitteln, die seit der Zeit Wittgensteins (1922) und Tarskis (1933) einen sehr wichtigen Punkt aller semantischen Untersuchungen bildet. Es handelt sich darum, daß man für viele zusammengesetzten Urteile keine besondere adaequatio-Relation mit der Realität postulieren muß. Ihre semantischen Werte lassen sich als Funktionen der semantischen Werte ihrer Bestandteile darstellen, so daß man sich um die Natur des Wahrmachens nur im Fall der einfachsten atomaren Sätze kümmern muß. "Der Satz", sagt Wittgenstein, "ist eine Wahrheitsfunktion der Elementarsätze ." (Tractatus , These 5) Die Wahrheitsbedingungen der modalen Urteile, bei denen es wieder sehr schwer fallt, den Sinn der Übereinstimmung mit der Wirklichkeit zu bestimmen, werden von Brentano unter Bezugnahme auf die darin enthaltenen Begriffe so formuliert. Das modale Urteil: "Notwendigerweise : A ist" ist dann und nur dann wahr, wenn (i) die Vorstellung dieses Urteils mit der Realität übereinstimmt, und (ii) die Wahrheit dieses Urteils aus den bloßen Begriffen einleuchtet (d.h. wenn die bloße Vorstellung von A das bejahende Urteil motiviert). (M 96, XXXVIII, 10) Der Schluß, den Brentano aus dieser Erörterung zieht, ist in erster Linie negativ. Es ist uns zwar gelungen, eine Art Erklärung der adaequatio-Relation anzugeben, diese Relation erweist sich jedoch als sehr mehrdeutig. Die Form, die sie annimmt, hängt stark von der Art des involvierten Urteils ab. Die adaequatio-Relation muß also für jede Art des Urteils eigentlich von neuem definiert werden und kann demgemäß kaum als eine allgemeine Erklärung gelten, die den Wahrheitsbegriff erhellt. Eine Definition, die Wahrheit als eine Übereinstimmung mit der Wirklichkeit faßt, ist demgemäß eher irreführend, denn sie verspricht eine systematische Zuordnung der Wahrheitsträger und Wahrmacher, während in Wirklichkeit keine derartige Regelmäßigkeit existiert. Das Fazit ist also: So zeigt sich denn, daß die Erklärung: Die Wahrhe it ist die Übereinstimmung des Verstande s mit der Sache u.dgl. entweder falsch oder sehr undeutli ch und uneigentl ich zu verstehe n [ist), wechselnd je nach dem Charakter des Urteils. (M 96, XXXVIII, I I)
Wir können jedoch, schreibt Brentano weiter, eine Analyse des Wahrheitsbegriffs geben, die eine genuine erklärende Kraft besitzt. Diese Erklärung operiert mit epistemischen Begriffen . Dagegen kann man die Wahrheit auch noch bestimmen als ein erkennendes Urteil (und [man) kann sie durch Beispiele nach den verschiedenen Modis des Urteils verdeutli chen). Wahrheit und Erkenntnis sind dasselbe . (M 96, XXXVIII, 12)
Sehr ähnliche epistemische Formulierungen der Wahrheitsdefinition finden wir in den Fragmenten aus dem Nachlaß, die üblicherweise zum Illustrieren der späten, reistischen Phase der Philosophie Brentanos dienen. Die zitierte Wahrheitsdefinition kann natürlich kaum als zufriedenstellend betrachtet werden . Wir wissen, daß es neben Erkenntnissen auch zufällige Wahrheiten gibt. Der späte Brentano wird versuchen, diese Definition zu verbessern, indem er die Wahrheit mit einer idealen Möglichkeit der Erkenntnis gleichsetzt. (Vgl. Brentano 1930, S. 139) Im Abschnitt 3.6 werden wir mehr darüber sagen. Die Analyse des Wahrheitsbegriffs aus den Würzburger Vorlesungen wurde zu einem bestimmten Zweck unternommen . Brentano will zeigen, daß das Seiende im
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Sinne des Wahren nicht zum Gegenstand der Ontologie gehört. Jedes Objekt, von dem man in einem wahren affirmativen Satz spricht, kann als ein Seiendes im Sinne des Wahren bezeichnet werden. Aber diese Seinsweise braucht ontologisch nicht ernst genommen zu werden. Dafür muß Brentano jedoch zeigen, daß die Formulierung der Wahrheitsbedingungen der entsprechenden Urteile keine ontologischen Konsequenzen nach sich zieht, die nicht schon aus den anderen - von den semantischen Fragen unabhängigen - Gründen in Kauf genommen werden müßten . Das tut er in seiner Analyse des Wahrheitsbegriffs, die wir oben kurz besprochen haben. Wenn Brentano wirklich Recht hat, dann erfordert die Formulierung dieses Begriffs tatsächlich keine Entitäten, die nicht bereits aus anderen, unabhängigen Gründen eingeführt würden . Die Entitäten, die man braucht, sind fast ausschließlich reale Objekte von Vorstellungen. Diese sind konkrete reale Individuen wie ein Baum oder ein Pferd. Für negative Urteile brauchen wir im Besonderen keine nichtexistierenden Gegenstände." Und vor allem brauchen wir keine propositionalen Entitäten, die nach vielen bekannten Theorien die ontologischen Korrelate von ganzen Sätzen darstellen.f Die einzigen ungewöhnlichen Entitäten, die wir in der Definition Brentanos fmden, sind unfertige Realitäten und Begriffe. Die Begriffe gehören jedoch selbst zu den Seienden im Sinne des Wahren und die unfertigen Realitäten braucht Brentano, wie er zur Zeit der Würzburger Vorlesungen glaubte, auch unab hängig von der Wahrheitstheorie, insbesondere zur Neutralisierung der philosophischen Paradoxe der Bewegung. Das Seiende im Sinne des Wahren kann also, wie es scheint, tatsächlich als ontologisch belanglos klassifiziert werden. Es gibt jedoch noch eine Art von Sätzen, die diese These in Frage stellen können . Es handelt sich um die sogenannten "intentionalen Kontexte", die explizit von intentionalen Zuständen sprechen. Wenn wir die Sätze der Art : (1)
Hans denkt an einen Zentauren
oder (2)
Maria denkt, daß Schnee weiß ist
unter die Lupe nehmen, scheint es, daß sich ihre Wahrheitsbedingungen direkt auf die vorgestellten Entitäten beziehen müssen . Zu den logischen Konsequenzen dieser Sätze scheinen nämlich auch die Existenz-Sätze zu gehören, welche Denkobjekte anerkennen:
Die These, die bekanntlich Meinong, aber auch Brentano in seinem Vortrag Über den Begriff der Wahrheit (1889) aufstellt. 72 Frege nennt solche Entitäten "Gedanken", bei Mcinong treten sie unter dem Namen "Objektive" auf. Der "mittlere" Brentano sprach von ihnen unter dcm Namen "Inhalte". Heute werden sie oft "Sachverhalte", "Situationen" oder "Propositionen" genannt. Die möglichen Welten, die in der Philosophie der Modalitäten so große Rolle spielen, können als die maximalen widerspruchsfreien propositionalen Entitäten betrachtet werden. So interpretieren sie z.B. Plantinga und Chisholm . Vgl. Plantinga 1974, S. 44 f., Chisholm 1989, S. 43. 71
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KAPITEL
(3)
Es gibt etwas, woran Hans denkt;
(4)
Es gibt etwas, was Maria denkt,
3
die mittels der sogenannten Regel der Existenz-Generalisierung : Fa :: (3x)(Fx)
abgeleitet werden. Was den Satz (3) betrifft, so ist der Zentaur, an den Hans denkt, natürlich nicht in der von seinem Denken unabhängigen Realität. Es scheint jedoch, daß wir dann die Existenz eines Ersatzobjekts - eines (bloß) gedachten (bzw. eines nicht-existierenden) Zentauren - postulieren müssen - die Denklinie, die Brentano nach 1874 tatsächlich zu einer detailliert ausgearbeiteten Ontologie der inunanenten Denkobjekte geführt hat. Was hingegen den Satz (4) angeht, so scheint es sogar die Existenz einer propositionalen Entität zu behaupten - eine Tatsache, die vor allem Brentanos Schüler Meinong inspiriert hat, die aber auch in Brentanos Theorien aus den achtziger Jahren ihre ontologische BeIiicksichtigung fand. In den Würzburger Vorlesungen leugnet Brentano jedoch die Legitimität solcher Folgerungen . Er schreibt: Auch bei "E in Hund ist gedacht" kann ich nicht statt dessen " Ein gedachter Hund ist", wohl aber "Ein einen Hund Denkender ist" sagen . (M 96, XXXVIII, 9)
Aus dem Satz (1) können wir demgemäß den Satz: (5)
Es gibt einen an-einen-Zentauren-denkenden Hans,
nicht jedoch den Satz: (6)
Es gibt einen von-Hans-gedachten Zentauren
deduzieren . Die Regel der Existenz-Generalisierung gilt also im Rahmen der Ontologie des jungen Brentano für die intentionalen Kontexte nicht. Die Wahrheitsbedingungen der intentionalen Kontexte beziehen sich in Wirklichkeit nicht auf die Denkobjekte , sondern auf die denkenden Subjekte (die natürlich ihrerseits reale, konkrete Individuen sind) - wieder eine These, der für den späten Reismus Brentanos charakteristisch ist. In dieser Weise könnte eventuell auch das Problem gelöst werden, daß in der Erklärung der modalen Kontexte auf Begriffe Bezug genonunen wird. Die Begriffe brauchen nicht als eine besondere Kategorie des (ontologisch ernst zu nehmenden) Seienden stipuliert werden. Sie sind bloß objektiv im Verstand und können inuner eliminiert werden, indem man anstatt von Begriffen von einem so-und-so ("begrifflich") Denkenden spricht. 73 73 Wie wir sehen werden , konnte eine solche Reduktion dem jungen Brentano nicht gelingen. Der Grund besteht darin , daß er alle Eigenschaften in konzcptualistischer Weise wegerklären wollte , wor-
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"Was ist (im Unterschiede vom Seienden zur Bezeichnung der Wahrheit) das reale Seiende?", fragt nun Brentano. "Wir können es", schreibt er, "nicht definieren, aber es durch Beispiele erläutern und solches, was man leicht mit ihm verwechseln könnte [...] davon ausschließen. Haben wir es getan, so bleibt uns [noch] [..,] zu untersuchen, ob etwa auch dieses reale Seiende in einem mehrfachen Sinne den gleichen Namen führe oder nicht." (M 96, XXXIX, 13) Als Beispiel kann dienen jedes sachliche ([sach)haltige), wesenhafte Prädikat (eines unbedingt affinnativen Satzes, oder was als solches stehen kann) : Mensch, ausgedehnt, hier, jetzt u. dgl. (M 96, XXXIX, 14)
Ausgeschlossen aus dem Bereich des Realen seien hingegen: I . willkürli che Fiktionen , [...) Jupiter , Venus, Zentaur [...]. 2. wissenschaftliche Fiktionen, wie die imaginären Größen, das unendlich Kleine, der leere Raum [...], Grenzen [...]. 3. Sinnesfiktionen: Farbe , Ton oder Farbiges , Tönendes [...). 4. die Scheinprädikate der Zustimmung: seiend, notwendig; und der Verwerfung der notwend igen Falschheit: möglich . 5. die Negative : Nichts, leblos, brutum etc. und die Privative : blind , (schlecht). (Wovon es falsch ist, daß ihm ein reales Prädikat zukommt.) 6. Potentialia, wie : Kraft, Fähigkeit (aufzunehmen oder verwandelt zu werden), Verstand, (habituelle) Kenntnis, (habitu elle) Tugend u.s.f. eigentlich [wird dadurch) eine bloße Möglichkeit eines realen Seins bezeichn et. An reales Seiende geknüpft, sind sie doch in sich selber nichts (wie die Privationen) . [...] 7. Was [...] eigentlich bloßes Gewesensein oder Zukünftigsein einer Realität besagt. 8. Die verba mentis : das Vorgestellte , das Behauptete . Ebenso, wovon wir sagen , daß es im Willen (im Herzen) sei, das Begehrte, Geliebte; (aber auch das Gehaßte) . Es kann auch Nichtseiendem zukommen . Ebenso das Gekonnte (was in der Macht ist) und was in Möglichkeit ist. 9. das Abgebildete, gemalte als solches . 10. Das, was dem Vorgestellten, Behaupteten u.s.f. als solchem zukommt. in der Weise, wie es vorgestellt etc. ist. Wie: Das Allgemeine, Gattung, Art, Differenz, Subjekt, Prädikat u.dgl. (Wahrscheinlichkeit? Bedingtsein?) 11. Die Collectiva und Divisiva, d.i. das, was man erhält, wenn der Verstand viele Dinge zu einer Einheit zusammen faßt, oder wenn er ein Ding in eine Vielheit scheidet, indem er das unvollständig Erfaßte, so weit wie er sie erfaßt, als wäre es vollständig und ein Ganzes für sich, prädiziert. (M 96, XXXIX, 15-XL, 15)
Alle diese Entitäten können ruhig außer Acht gelassen werden . Ihre Seinsweise besteht lediglich darin , daß man in einer gewissen Weise wahre Gedanken artikulieren kann . In diesem Sinne gehören sie alle zum Seienden im Sinne des Wahren . 3 .3 SUBSTAN Z U N D AKZIDENS
Was nun nach der Lehre der Würzburger Metaphysik den Gegenstand der Ontologie bildet, sind zweifelsohne die konkret-individuellen Substanzen mit ihren Akzidentien, wobei - sagt Brentano - noch zu untersuchen bleibt, ob wir es in diesem Fall noch mit dem Seienden im mannigfachen Sinne (etwa mit den verschiedenen Aristotelischen Kategorien) zu tu haben.
über wir bald mehr sagen . Erst der späte Brentano, der eine nicht-konzeptualistische Theorie der Akzidentien entwickelte , konnte eine solche Redukt ion erfolgreich durchführen.
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KAPITEL 3
Daß die Unterscheidung zwischen den Eigenschaften und ihrem ontologischen Träger einen guten Sinn hat, war eines der Elemente der Aristotelischen Philosophie, die Brentano nie in Frage stellte. Auch die Theorie, die diesen Träger als eine durch die wesentlichen Eigenschaften unmittelbar qualifizierte Substanz auffaßt, der als unwesentliche Eigenschaften Akzidentien gegenüberstellt werden , hat er sowohl in der frühen, als auch in der mittleren und späten Periode aufrechterhalten. Seine Ansichten darüber, welche Bestimmungen als substantial und welche als akzidentell zu klassifizieren sind, haben sich hingegen verändert , ebenso wie die Modelle, durch welche er das Verhältnis zwischen der Substanz und ihren Akzidentien zu erklären versucht. In den Würzburger Vorlesungen rechnet Brentano Z.B. örtlich e und zeitliche Charakteristika zu den akzidentellen Bestimmungen," während sie in der späteren Periode als substantiale Eigenschaften betrachtet werden. Die örtlichen und zeitlichen Bestimmungen sind ferner nach der Theorie der Würzburger Metaphysik absolute Akzidentien. Diese Lehre finden wir in den Lektionen XVII-XXIII der Metaphysik-Vorlesung. Brentano kritisiert dort sogar die Ansichten Aristoteles', der seines Erachtens diese Akzidentien im Grunde zu Relationen gemacht hat. Wir erinnern uns an die Interpretation in Brentanos Dissertation, nach der die Kategorien Wo und Wann als Bestimmungen, die einem Ding "von außen" zugeschrieben werden, bezeichnet wurden . Alle Relationen müssen jedoch auf gewissen absoluten Eigenschaften als ihren Fundamenten beruhen - so Brentanos feste ontologische Überzeugung, entsprechend der These der Supervenienz von Relationen, welche wir in den vorigen Kapiteln formuliert haben . Wir brauchen also auch die entsprechenden absoluten zeitlichen und räumlichen Charakteristika, und zwar selbst dann, wenn sie uns erkenntnismäßig unzugänglich sind. Bei der örtlichen und zeitlichen Bestimmungen ist dies tatsächlich gerade der Fall. Die örtliche und zeitliche Position eines Gegenstands können wir nur durch eine Relation zu den Objekten, deren Position als "bekannt" vorausgesetzt wird, bestimmen. Damit jedoch zwei Dinge in einer zeitlichen bzw. räumlichen Relation stehen, müssen sie unbedingt absolute zeitliche bzw. örtliche Bestimmungen haben,
74 Er betont jed och, daß bei den Dingen , welch e diese Akzidentien überhaupt haben , die zeitliche und örtliche Bestimmung nicht f ehlen kann . Eine örtliche oder zeitliche Bestimmung kann nur in der Weise entfallen, daß sie durch eine andere örtliche oder zeitliche Bestimmung ersetzt wird . Wir haben es hier also mit einer Kategorie von "notwendigen" Akzidentien zu tun. Ihre .A kzidentalität" besteht ledigl ich darin , daß keine bestimmte zeitliche oder örtliche Bestimmung impli ziert wird . Irgendwelche Bestim mungen de r Gattung Zeit und Ort muß es jedoch geben, im Gegensatz z.B. zu solchen Akzidentien, wie Vorstellen, Denken, Empfinden, die ganz entfallen können, ohne durch eine andere Bestimmung derselben Gattung ersetzt werden zu müssen . (M 96, XLIII) In der Lektion LV der Metaphysik-Vorlesung teilt Brentano alle Akzidentien in drei Gruppen: (I) Die wenigen absolut untrennbaren Akzident ien sind die Bestimmungen, "welche dem Dinge in Bezug auf Gott zukommen, wie das Verhältnis des Geschöpfs zum Schöpfer". Andere Akzidentien sind von der Substanz trennbar, ihre Trennbarkeit hat jedoch verschiedene Grade. Einerseits haben wir (2) Akzidentien, die zwar entfallen können, die jedoch durch ein anderes Akzidens derselben Gattung ersetzt werden müssen (wie z.B, örtliche Besti mmungen für Körper), andererseits gibt es (3) Akzidentien, die entfallen können, ohne durch ein ander es Akzidens derselben Gattung erset zt werden zu müssen , wie z.B. Denk en, Empfinden.
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auf denen sich "die schwächste Form des Seienden" - die zeitliche oder räumliche Relation zwischen ihnen - aufbaut. Die These, daß jede relative Bestimmung auf gewissen absoluten Bestimmungen, wie wir heute sagen würden, .superveniert", war eine der unerschütterlichen Überzeugungen Brentanos, die viele seiner Schüler übernommen haben. Von den wenigen Ausnahmen, von denen wir noch sprechen werden, abgesehen, ist jede Relation nach Brentano ontologisch reduzierbar, indem sie ihre notwendige und hinreichende Bedingung in gewissen monadischen Eigenschaften ihrer Fundamente hat. Um die Welt vollständig zu beschreiben, brauchen wir also lediglich alle Gegenstände und alle ihre monadischen Eigenschaften aufzuzählen. Alle Relationen werden sich davon "automatisch ergeben". Die zeitlichen und örtlichen Bestimmungen bilden also nach der Lehre der Würzburger Metaphysik zwei wichtige Gattungen von absoluten Akzidentien. Sie werden aber von Brentano nicht als Universalien, sondern als individuelle Strukturen, die von ihren substantialen Träger seinsabhängig sind, interpretiert. Nach der Lehre Brentanos ist es nicht richtig zu sagen, daß viele Dinge in derselben Zeit sind. Es gibt vielmehr so viele Zeiten, wie viele es Dinge gibt. Die Zeit als eine akzidentelle Bestimmung kann nämlich, wie Brentano betont, keinesfalls als individuell identisch vielen verschiedenen Substanzen zukommen. Richtig ist nur, daß alle diese individuell verschiedenen Zeiten spezifisch gleich sind. (M 96, XXII) Die charakteristische Eigenschaft der unfertigen Wirklichkeit der Zeit besteht nämlich darin, daß sie nur ihrer Jetzt-Grenze nach ist. Dementsprechend müssen alle akzidentellen Zeitbestimmungen zwangsläufig der gleichen Spezies sein. Das gibt übrigens den Anlaß zur Lehre, welche die Zeit als eine Art des Seienden, "in dem" alle Dinge sind, auffaßt - der Lehre, die Brentano dezidiert verwirft.75 Ähnlich argumentiert Brentano bezüglich der örtlichen Charakteristika. Als Akzidentien können sie keineswegs von einem Gegenstand auf einen anderen übergehen. Wenn sich also ein Gegenstand A auf den Platz eines anderen Gegenstands B verschiebt, dann erwirbt A eine örtliche Bestimmung, die der Bestimmung, die B früher hatte, zwar spezifisch gleich ist, nichtsdestoweniger von ihr individuell verschieden sein muß. Die Besonderheit der Ortbestimmung besteht ferner darin, daß keine zwei Gegenstände eine spezifisch gleiche örtliche Bestimmung zur selben Zeit haben können. (M 96, XIX) Diese Besonderheit der Ortbestimmung verleitet zur Auffassung, der Raum sei eine Art Behälter, "in dem" sich die Dinge bewegen, die Brentano scharfkritisiert. 76 Wir sehen hier deutlich die Elemente der Tropentheorie, die wir im ersten Kapitel skizzenhaft dargestellt haben. Die zeitlichen Bestimmungen, die vielen Dingen zukommen, sind nur der Spezies nach gleich. Die verschiedenen Dinge sind nicht in derselben Zeit, jede Zeitbestimmung muß individuell verschieden sein. Ähnlich
75 VgI. dazu auch Goodman 1966, S.357 : .A ccording to our analysis a concrete phenomenal individual , ordinarily said to be in time, is regarded rather as having time in it; and its temporal size or duration - depends on how many moments it contains." Der wichtige Unterschied besteht dar in, daß die zeitlichen Momente Goodmans nicht individuelle Eigenschaften, sondern Universalien sind. 76 Ein solcher Raumbegriff war für Newton und Marty (1916) charakteristisch. Auch Johansson (1989) verteidigt diese Auffassung.
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KAPITEL 3
steht es mit dem Ort. Verschiebt sich ein Ding A - wie man es unpräzis vorphilosophisch sagt - auf den Platz, der früher von einem anderen Ding B besetzt war, so übernimmt A in Wirklichkeit nicht die örtliche Bestimmung von B. Die zwei Bestimmungen sind wieder lediglich der gleichen Spezies. Individuell müssen sie verschieden sein. Am Beispiel der örtlichen Bestimmungen sehen wir auch, daß Brentano die individuellen Eigenschaften als untransferierbar betrachtet. Die Zugehörigkeit zu einem konkreten Individuum ist in die örtliche Bestimmung ontologisch eingebaut , so daß das Ding A nicht die örtliche Bestimmung vom Ding B übernehmen kann. Es kann höchstens eine örtliche Bestimmung haben, die der örtlichen Bestimmung von A spezifisch gleich ist. Brentano hat allerdings in seinen Würzburger Vorlesungen die Theorie der individuellen Eigenschaften nicht genauer ausgearbeitet. Rätselhaft bleibt z.B., was die Rede von der "spezifischen Gleichheit" der individuellen Eigenschaften zu bedeuten hat. Soll sie buchstäblich verstanden werden, würde sie implizieren, daß mehrere individuelle Eigenschaften einer Spezies zugehören, die dann wahrscheinlich als ein Universale zu interpretieren wäre. Es ist nicht klar, ob der junge Brentano die heute populäre Auffassung , die Universalien als Ähnlichkeitsklassen von individuellen Eigenschaften definiert, annehmen wollte. Diese Lücke ist allerdings nicht so wichtig, und zwar deswegen, weil in der frühen Ontologie Brentanos letztlich auch die individuellen Eigenschaften mit Hilfe einer konzeptualistischen Technik wegerklärt werden . Wir werden darüber bald etwas mehr sagen. Brentano erörtert dann Einwände , die den Begriff eines Dings mit vielen Eigenschaften als widersprüchlich erweisen wollen. Es handelt sich im Grunde um die folgende Überlegung: wenn ein Ding A zugleich rot und dreieckig ist, dann ist A zugleich etwas Dreieckiges und etwas Rotes. Da jedo ch etwas Dreieckiges mit etwas Rotem nicht identisch zu sein scheint, kann man argumentieren , daß man es in diesem Fall mit einer Vielheit zu tun hat, die zugleich eine Einheit ist. Als Einheit soll das Ding als Ganzes entstehen und vergehen. Die Akzidentien können jedoch (und zwar per definitionem) entfallen, ohne daß das Ding zu existieren aufhört. (V gl. M 96, VII) Daß dieser Einwand wenig plausibel ist, scheint klar. Die intuitive Unplausibilität muß jedoch, soll sie philosophisch relevant sein, als Konsequenz einer Theorie erwiesen werden, die das Verhältnis Substanz-Akzidens näher artikuliert . In Lektion XXVI versucht Brentano eine solche Theorie zu geben. Vor allem bemerkt er, daß man von einer Einheit in zweifacher Weise sprechen kann: Man unterscheidet [...]: die Einheit dem Wesen nach und die Einheit dem Subjekte nach . Die Einheit des Wesens findet ihren Ausdruck darin, daß ich in abstrakter Form das eine von dem anderen prädiziere, z.B. wenn ich sage[ :] die Röte ist eine Farbe, die Ebene ist eine Fläche. Wo ich dies nicht vermag, fehlt die Einheit des Wesens , ich habe eine Mehrhe it dem Wesen nach . Die Einheit des Subjektes findet dagegen ihren Ausdruck darin , daß ich in konkreter Form das eine vom anderen aussage , z.B. der Körper ist rot, das Rote ist schwer. Jede dieser Einheiten ist eine Einheit in einem anderen Sinne , und es ist darum wohl möglich, daß, wo die eine, die andere nicht besteht, daß also was dem Subjekte nach eines, dem Wesen nach Vieles ist, und dies ist, was das Ding mit vielen Eigenschaften besagt. Es ist also hier nicht in demselb en Sinne Eines und Vieles und darum kein Widerspruch . (M 96, XXVI)
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Die wesentliche Einheit besteht dann, wenn die abstrakte Form der Prädikation angemessen ist. Eine solche Form kann, wie wir im ersten Kapitel gesehen haben, als eine Art Erklärung der modalen Kontexte funktionieren. Betrachten wir die folgenden Sätze: (1)
Alles, was rot ist, ist farbig;
(2)
Notwendigerweise : [alles, was rot ist, ist farbig];
(3)
Alle Raben sind schwarz;
(4)
Notwendigerweise : [alle Raben sind schwarz).
Die Sätze (1)-(3) sind wahr, während der Satz (4) falsch ist. Worin besteht jedoch der Unterschied zwischen den Sätzen (I) und (3), der bewirkt, daß die Anwendung des modalen Operators "Notwendigerweise" sich im Fall des Satzes (1) als wahrheitserhaltend erweist, während sie im Fall des Satzes (3) von einem wahren Satz zu einem falschen Satz führt, obwohl beide Sätze (1) und (3) uneingeschränkt allgemein sind? Die Antwort, die uns viele Philosophen geben, lautet, daß die modalen Operatoren etwas wesentlich mehr als bloß eine universelle Generalisierung ausdrücken . Der Satz (2) kann in eine abstrakt e Form überführt werden: (2*)
Die Röte ist eine Farbe .
Wir haben es jetzt mit einer Prädikation der höheren Gattung von einer Art zu tun. Wir sprechen nicht mehr von den Individuen, wie es in Satz (1), aber auch in Satz (2) der Fall war, wir sprechen von den Allgemeinheiten. Was diese Allgemeinheiten sind, die die Rätsel der modalen Kontexte erklären sollen, ist eine Frage, die die Philosophen spaltet. Platon würde sie als von den konkreten Individuen unabhängige Entitäten betrachten, Aristoteles scheint zu behaupten, daß sie als streng identisch in vielen konkreten Individuen (aber nicht außer ihnen) bestehen. Die heutigen Anhänger der individuellen Eigenschaften interpretieren sie als Mengen von individuellen Eigenschaften. Viele würden behaupten, daß die einzige Allgemeinheit in unseren "Begriffen" steckt, wobei zunächst noch offen bleibt, was man dabei unter "Begriff' versteht. Die Bezeichnung "Begriff' hat natürlich etwas mit der intentionalen Beziehung zu tun. "Begriff ' ist etwas, "mittels dessen" wir denken und "durch das" wir uns auf die Referenzobjekte beziehen. Das impliziert jedoch keineswegs, daß Begriffe in irgendwelchem Sinne mentale Entitäten sein müssen. So kann z.B. die Rolle des begrifflichen Vehikels der intentionalen Beziehung von Platonischen Entitäten übernommen werden.77
Eine Intentionalitätstheorie dieser Art finden wir bei Chisholm. Vgl. Chisholm 1976 und Chisholm 1981.
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KAPITEL 3
Brentano, der in dieser Hinsicht unter dem Einfluß von Aristoteles steht, spricht vom Verhältnis des Enthaltenseins, das zwischen den Begriffen besteht. Der Begriff eines Roten enthält den Begriff eines Farbigen. Die Begriffe heißen, sofern sie auf reale Dinge zutreffen, logische Teile dieser Dinge . Dem Satz (2*) können wir also auch die folgende Form geben : (2**)
Der logische Teil : rot zu sein enthält den logischen Teil:farbig zu sein .
Da der logische Teil rot zu sein den logischen Teil farbig zu sein enthält, aber nicht umgekehrt, kann der Teil rot zu sein vom Teil farbig zu sein nicht abgetrennt werden, der Teil farbig zu sein jedoch auch ohne den Teil rot zu sein auftreten. Nicht alles, was farbig ist, muß also rot sein, selbst wenn eine solche Generalisierung (per Zufall) wahr wäre (d.h. wenn es in der ganzen Welt nur rote Dinge gäbe) . Der logische Teil farbig zu sein ist demgemäß vom logischen Teil rot zu sein einseitig abtrennbar. Was nun den Satz (3) "Alle Raben sind schwarz" betrifft, so finden wir hier derartige konzeptuelle Abhängigkeiten nicht. Im Begriff eines Raben ist seine Farbe nicht spezifiziert. Diese logischen Teile sind also gegenseitig abtrennbar . Wenn es tatsächlich nur schwarze Raben gibt, dann ist das eine kontingente Tatsache, die 78 keine konzeptuelle Erklärung und eo ipso keine Modalisierung zuläßt. Die Einheit dieser zwei Charakteristika besteht also bloß dem Subjekt nach. (Bei der Prädikation von Arten wird, wie Aristoteles sagen würde (Kategorien, Kap . 5, 2a), von einem Subjekt nicht der Begriff, sondern bloß der Name ausgesagt.) Die schwarze Farbe ist die Eigenschaft, die zwar jedem Raben zukommt, die jedoch auch entfallen kann, ohne daß der betreffende Rabe aufhören muß, Rabe zu sein. Nach einer der klassischen Definitionen heißt eine solche Eigenschaft Akzidens. Ganz anderes ist es mit dem Satz : (5)
Alle Raben sind Tiere.
Hier gilt der modalen Satz: (6)
Notwendigerweise: [alle Raben sind Tiere]
Auch die abstrakte Form: (6*)
Der Rabe ist ein Tier
erscheint richtig . Sowohl der Name als auch der Begriff darf hier ausgesagt werden, und zwar deswegen, weil
In Wirklichkeit ist die Situation nicht so einfach . Denn außer den (im weiten Sinne) logischen Modalitäten haben wir auch nomologische Modalitäten. Es ist nicht ausgeschlossen, daß die schwarze Farbe aller Raben auf gewisse biologische Gesetzmäßigkeiten zurückzuführen wäre. Die Probleme der nomologischen Modalitäten lassen wir allerdings beiseite . 78
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der logische Teil: Rabe den logischen Teil: Tier enthält.
Die Gegner der Idee eines Dings mit vielen Eigenschaften geben sich jedoch selten mit der bloßen Unterscheidung von essentieller und akzidenteller Einheit zufrieden . Sie fordern eine Erklärung, worin die akzidentelle Einheit - die Einheit dem Subjekt nach - besteht, und an diesem Punkt tauchen, wie Brentano zugibt, tatsächlich ernsthafte Probleme auf. Man sagt, daß das Ding viele verschiedene Eigenschaften hat, sie kommen ihm zu. Also z.B. wenn einer sagt: der Körper ist schwe r, so heißt dies nicht] .] er ist eine gewisse Schwere, sondern er hat eine gewisse Schwere, er besitzt sie. Wenn aber dies, so haben wir hier nicht bloß ein zweifaches sondern ein dreifaches zu unterscheiden : I. den Körper 2. die Schwere 3. das Besitzen der Schwere, das ebenfalls dem Körper zukommt. (M 96, XXVI)
Die Frage lautet jetzt: ist die Einheit von 1. und 3. wieder bloß eine Einheit dem Subjekt nach? In diesem Fall müssen wir sagen: "der Körper [...] besitzt das Besitzen der Schwere und es wiederholt sich die Frage, wie er sich zu diesem Besitzen verhalte u.s.f. in infinitum, was absurd ist." (M 96, XXVI) Ist dagegen die Einheit von 1. und 3. eine wesentliche Einheit, dann ist der Körper das Besitzen der Schwere. In diesem Fall ist er jedoch natürlich auch das Besitzen der Härte, wovon zu folgen scheint, daß das Besitzen der Schwere das Besitzen der Härte sein muß, was jedoch falsch ist. Denn ein Ding kann aufhören, hart zu sein, ohne aufzuhören , schwer zu sein. Die Paradoxien werden also wieder aufgerollt. Im ersten Kapitel haben wir darüber gesprochen, daß sowohl realistische als auch nominalistische Ontologien letztlich gezwungen sind, das Verhältnis, das zwischen einem konkreten Individuum und einer ihm zukommenden Eigenschaft besteht, das wir in einer neutralen Formulierung als ".J" bezeichnet haben, als einen primitiven, weiter unerklärbarer Nexus zu interpretieren, der mit den "normalen" Relationen, die zwischen konkreten Individuen bestehen, nicht viel zu tun hat. Andernfalls droht ein unendlicher Regress, indem wir immer von neuem nach dem ontologischen Status der Relation, welche die Einheit zwischen dem Subjekt, der Eigenschaft und der .J-Relation immer höherer Stufe herstellt. Hier begegnen wir wieder diesem klassischen Dilemma, mit dem einzigen Unterschied, daß Brentano die entsprechende Eigenschaft und den .J-Nexus zu einem Ganzen zusammensetzt und fragt, welche Relation die gewünschte Einheit zwischen dem Subjekt und dem Komplex .J-Nexus+Eigenschaft sichert. Die erwartete Antwort lautet natürlich: ein neuer .J-artiger Nexus höherer Stufe, was den Anfang eines unendlichen Regresses bildet. Brentano erörtert zwei prima facie plausible Theorien, durch die diese Schwierigkeit beseitigt werden kann: Die erste Ansicht hält dafür, die Substanz und ihre Akzidentien seien verschied ene Seiende , sie seien aber nicht Seiende in demselben Sinne des Wortes. Nur das substantiale Sein sei ein eigentliches, ein selbständiges Sein, ein Sein schlechthin. Das Sein des Akzidens sei dagegen ein Insein ein Inwohnen in der Substanz (accidentis esse est inesse) und nur gewissermaßen ein Sein, ein esse secundum quid . Nach dieser Theorie , welche Ansicht großer Philosophen, insbesondere des Aristoteles und Thomas war, löst sich die Schwierigkeit einfach. Die Substanz, welche eine Eigenschaft hat, ist weder die
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KAPITEL 3
Eigenschaft noch das Besitzen der Eigenschaft aber dennoch kommt ihr das Besitzen nicht wie eine weitere Eigenschaft zu. Es ist vielmehr dieses Besitzen der Eigenschaft essentiell mit dieser identisch . Das Sein des Akzidens ist ja Inwohnen in der Substanz , sein Verbundensein mit ihr selber , und dies ist, was wir auch als Besitzen der Eigenschaft beze ichnen . Wir kommen also zu keinem regressus in infini tum, beim ersten Schritte schon tritt Stillstand ein. Leicht erklärt sich nach dieser Theorie , wie ein Akzidens bleibt, während das andere wechselt. Nur wenn die Substanz eine andere wird, müssen zugleich die Akzidentien wenigstens individuell andere werden. (M 96, XXVI)
Wir haben hier eine (zum Teil) Aristotelische Theorie . Sie betrachtet das Akzidens als ein von seiner Substanz verschiedenes Seiendes. Man kann demgemäß ontologisch völlig verbindlich sagen, daß die rote Farbe ist. Das Sein, das wir dem Akzidens zuschreiben, ist jedoch keineswegs auf die gleiche Ebene zu stellen wie das Sein der Substanz . Nur die Substanz existiert selbständig . Das Sein eines Akzidens ist hingegen auf das Sein der Substanz angewiesen . Das Sein des Akzidens ist ein 79 In-der-Substanz-Sein. Es ist deswegen unzweckmäßig und irreführend, neben der Substanz und dem Akzidens noch eine dritte Realität - eine Relation des Zukommens - einzuführen. Eine solche Relation bräuchte eventuell die Platonische Theorie, die jede Eigenschaft als ein unabhängiges Seiendes betrachtet. Im Rahmen der Aristotelischen Sichtweise ist sie indessen völlig überflüssig, denn sie ist im Begriff des Akzidens bereits enthalten .so Nach dieser Theorie müssen wir also auch unter den Entitäten, die zum Bereich der Ontologie gehören, verschiedene Bedeutungen des Seienden unterscheiden. Auch das Seiende im eigentlichen Sinne wird in mannigfacher Bedeutung ausgesagt. Diese Lösung sieht also den Irrtum des Einwandes nicht darin, daß er den ..1Nexus zu einer normalen Relation macht, sondern darin, daß er überhaupt die Notwendigkeit irgendeiner Verknüpfung zwischen dem Subjekt und seiner Eigenschaft annimmt. Wir brauchen überhaupt keine ..1-Verknüpfung, weder als eine normale Relation noch als einen primitiven Nexus, weil die Zugehörigkeit zu diesem Subjekt bereits in der Eigenschaft selbst steckt. (Es ist daher übrigens auch irreführend von einem Komplex ..1-Nexus+Eigenschaft zu sprechen .) Der erste Punkt, der betont werden muß, ist, daß diese Position nur sehr bedingt als Aristotelisch bezeichnet werden kann. Erstens, sie kann grundsätzlich nur für die individuellen Eigenschaften funktionieren . In keine allgemeine Eigenschaft, die als identisch dieselbe von vielen Individuen gehabt werden kann, kann eine Zugehörigkeit zu einem bestimmten Subjekt eingebaut werden. Einer allgemeinen Eigenschaft kann man nur eine unbestimmte Ungesättigtheit zuschreiben - eine Notwendigkeit, zu irgendeinem ontologischen Träger zu gehören -, jedoch kein bestimmtes Gebundensein zu einem bestimmten Individuum . Für Brentano war die Lehre von den allgemeinen Entitäten dergestalt absurd, daß er sie bei seinem Meister nie finden wollte, trotzdem scheint jedoch Aristoteles eine solche Lehre vertreten zu haben. Es ist deshalb zweifelhaft, daß seine Metaphysik ohne den .f-Nexus auskommt.
In seiner Dissertation spricht Brentano von der "Inexistenz" der Akzidentien in der Substanz. Vgl. Brentano 1862, S. 151, 167. 80 Thomas von Aquin schreibt: ,,[D]iese Weise der Definition kommt eher den Akzidentien zu, die kein vollkommenes Wesen besitzen. Daraus ergibt sich, daß sie in ihrer Definition ein Zugrundeliegendes einbeziehen müssen , das außerhalb ihres Genus ist.", De ente et essen/in , S. 45 . 79
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Sogar für die individuellen Eigenschaften ist es ferner nicht ganz klar, ob wir sie als einem bestimmten Subjekt zugehörig interpretieren sollen. Wie wir im ersten Kapitel gesehen haben, spricht vieles dafür, daß der metaphysisch wirklich interessante Begriff der individuellen Eigenschaft keine solche bestimmte Zugehörigkeit involvieren kann. Wenn wir die individuellen Eigenschaften als Grundbausteine der Realität interpretieren, aus denen mit Hilfe der Relationen der Ähnlichkeit und Kompräsenz sowohl Universalien als auch konkrete Individuen konstruiert werden, dann kann eine solche Zugehörigkeit zu einem bestimmten Subjekt nicht zum Begriff einer individuellen Eigenschaft gehören. Was zu ihrem Begriff gehört, ist nur eine allgemeine Ungesättigtheit. Eine individuelle Eigenschaft ist eine abstrakte Entität. Sie kann nur "in" einem (konkreten) Subjekt existieren, obwohl wir aus dem bloßen Begriff dieser Eigenschaft nicht wissen können, welches dieses Subjekt ist. Dasselbe gilt allerdings auch für eine allgemeine Eigenschaft, vorausgesetzt, wir operieren im Rahmen des Aristotelischen metaphysischen Modells. Die Relation der Kompräsenz, ähnlich wie die von den metaphysischen Realisten postulierte Exemplifizierung, ist eine externe, kontingente Relation. Eine solche unbestimmte Zugehörigkeit zu einem Subjekt ist zwar alles, was Brentano braucht, es ist jedoch auch zu berücksichtigen, daß auch das Bestehen der Relation der Kompräsenz involviert ist. Die ontologische Unselbständigkeit von individuellen Eigenschaften besteht nämlich exakt darin, daß sie nie isoliert auftreten, sondern immer in der Relation der Kompräsenz zu anderen individuellen Eigenschaften stehen. Das Problem des ...I-Nexus tritt also in Zusammenhang mit der Relation der Kompräsenz auf. Ist die Relation der Kompräsenz mit den individuellen Eigenschaften, die sie zu einem konkreten Individuum verknüpft, kompräsent? Bei der Diskussion der Untransferierbarkeit der örtlichen Bestimmungen haben wir gesehen, daß der junge Brentano dazu neigt, den individuellen Akzidentien doch die Zugehörigkeit zu dem konkreten Individuum, dem sie aktuell zugehören, zuzuschreiben . Wenn wir dies verallgemeinern, dann sind seine individuellen Eigenschaften untransferierbare Tropen. In diesem Fall wäre der ...I-Nexus tatsächlich in jedem Akzidens involviert, was jedoch derartige Akzidentien (wie wir im ersten Kapitel gesehen haben) ontologisch sehr ineffizient macht. Es ist also zweifelhaft, ob die von Brentano zuerst genannte Theorie selbst für individuelle Eigenschaften wirklich überzeugend ist. Brentano geht jedoch zu einer anderen Auffassung über, welche die reale Verschiedenheit der Substanz von Eigenschaften überhaupt leugnet. In weiteren Teilen der Würzburger Vorlesung wird er diese Theorie, nicht die "Aristotelische" Lehre, die er noch vor fünf Jahren zu akzeptieren schien, als richtig betrachten. Allein nicht alle geben zu, daß die Substanz und ihre Akzidentien eine Vielheit von Seienden seien . Besonders in unserer Zeit ist die Zahl derer wohl überwiegend, welche glauben, daß die Substanz samt ihren Akzidentien ein einziges Seiendes sei, daß sie mit ihnen ein einheitliches Ganze ausmache.i I In diesem Ganzen unterscheide nur unser Verstand die Substanz und jedes der Akzidentien, wie er ja auch in dem einheitlichen Ausgedehnten und in der einheitlichen Bewegung eine Vielheit von ein-
Im Manuskript folgt hier ein von Brentano gestrichener Satz: "Von diesem Ganzen sei die Substanz und jedes Akzidens Teil. "
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KAPITEL 3
ander verschiedenen Teilen unterscheide . Freilich ist die Weise dieser Teilung eine andere, diese sind quantitative,jene, wenn wir sagen wollen, metaphysische Teile des Dinges . Wir kommen aber zu ihnen insofern in ähnlicher Weise als wir das Ding zunächst unvollständig erfassen und dann den Teil , wonach wir es erfassen, gegenüber den übrigen prädizieren . Es ist also nach dieser Ansicht diese Vielheit nicht in dem Dinge, wenn auch ihr Fundament in dem Dinge ist. Nach dieser Theorie, die ebenfalls schon Aristoteles andeutet (Met[aphysik] , L. 1) 82 würde sich die Objection nach einer Seite hin noch einfacher lösen. Das Haben der Akzidentien würde ähnlich wie das Haben quantitativer Teile zu erklären sein . Von einem Drillen wäre keine Rede, da in Wahrheit nicht einmal ein Zweites bestünde. Trotzdem würden die prädizierten Teile weder mit dem Ganzen, noch miteinander ein und dasselbe sein . So wenig als Hom und Schwanz des gehörnten und geschwänzten Ochsen. (M 96, XXVI)
Diese Theorie will die Substanz mit ihren Akzidentien als ein real unteilbares Ganzes betrachten. Nur unser Verstand unterscheidet diese Aspekte . Die konzeptualistisehen Züge dieser Auffassung sind nicht zu übersehen und wir werden darüber bald mehr sagen . Brentano formuliert jedoch bezüglich der zweiten Auffassung eine weitere Schwierigkeit. Wenn die Substanz mit allen ihren Akzidentien ein real unteilbares, integrales Ganzes ist, dann scheint jede Veränderung einer substantialen Umwandlung zu gleichen. Wenn nämlich die Substanz mit ihren Akzidentien ein Ganzes ist, so scheint, sobald dieses Gan ze
aufh ört, die Substanz mit allen ihren Akzidentien einer essentiellen Umwandlung unterliegen zu müssen, und somit wäre ich, wenn ich mich örtlich bewege auch substantiell ein anderer Mensch XXVI)
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(M 96,
Das ist tatsächlich genau das Problem, das die Unterscheidung zwischen den substantialen und akzidentellen Eigenschaften erzwingt. Soll diese Unterscheidung aufgehoben werden, scheinen alle Eigenschaften gleich wichtig zu sein, und zwar so wichtig, daß das Entfallen jeder beliebigen Eigenschaft eine Aufhebung der substantialen Einheit bedeutet. Brentano glaubt jedoch, die zweite Konzeption trotzdem verteidigen zu können: Tro tzdem glaube ich, kann auch diese Theorie den Einwand lösen . Es ist nämlich nicht allgemein zuzugeben , daß mit dem Hinwegfallen eines Teiles der andere einer wesentlichen Umwandlung unterlie gt. Vielmehr gibt es Fälle , in welchen dieser beim Hinweg fallen des ers ten nur inkornplett, essentiell [aber] dasselbe bleibt, oder in welchen er ohne ihn essentiell dasselbe sein würde , was er jetzt in der Verbindung mit den Übrigen ist. (M 96, XXVI)
Der Einwand, daß, wenn wir die reale Verschiedenheit von Substanz und Akzidens leugnen, jede Veränderung zwangsläufig eine substantiale Umwandlung bedeuten muß, beruht auf der Annahme, daß in diesem Fall alle (durch den Verstand unterscheidbaren) Eigenschaften gewissermaßen zu essentiellen Eigenschaften werden müssen . Die zitierte Verteidigung stellt dies in Frage . Brentano behauptet, daß es selbst im Fall eines real unteilbaren Ganzen möglich ist, daß dieses Ganze einen Teil verliert und trotzdem essentiell dasselbe bleibt. Die These scheint auf den ersten Blick nicht besonders einleuchtend zu sein, die Beispiele , die Brentano zur
Es handelt sich wohl um die Stelle I069a 18-24. Später nimmt Brentano an, daß die örtliche Bestimmung ein essentielles Charakteristikum ist. Die Bewegung bedeutet also nach dem späten Brentano in der Tat eine substantiale Umwandlung des Körpers .
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Illustration dieser Idee bringt, können jedoch die Sache ein wenig klären. Brentano spricht von einer Bewegung, die innerhalb einer gewissen Strecke A-B essentiell dieselbe bleibt, unabhängig davon, ob sie am Punkt B abbricht oder weiter dauert, und unabhängig davon, ob sie ab Punkt B die Richtung wechselt. Es geht also darum, daß es gewisse Teile gibt, die zwar von den anderen Teilen, mit denen sie aktuell ein Ganzes bilden, nicht real verschieden sind, die jedoch auch beim Entfallen dieser Teile ihre Identität behalten würden. Der Hauptgedanke Brentanos scheint zu sein, daß ein Ding in der aktuellen Form genommen (d.h. mit allen Eigenschaften, die wir ihm berechtigterweise zuschreiben können), zwar ein real unteilbares Ganze ist, daß die gedankliche Teilung in die wesentlichen und unwesentlichen Eigenschaften trotzdem ein Grund für die berechtigte Anwendung eines modalen Diskurses darstellt. Betrachten wir eine Rose a, die gestern rot war, die jedoch heute ihre schöne Farbe verloren hat (und z.B. braun geworden ist). Nach dem Modell, das uns Brentano vorschlägt, müssen wir sagen, daß gestern die Rose a mit ihrer roten Farbe R ein unteilbares Ganze war. Wir können dieses Ganze als ,,[a]R" bezeichnen. Nur unser Verstand unterscheidet den Aspekt der Farbigkeit und stellt ihn bei einer Prädikation : "Diese Rose ist rot" (,,Ra") der Substanz gegenüber. Diese konzeptuelle Teilung zeigt jedoch, daß der (fiktive) Teil rote Farbe einen unwesentlichen Aspekt der Rose bildet (und zwar im Gegensatz zum Teil Blume, der natürlich einen wesentlichen Bestandteil der Rose darstellt). Den Teil Blume müssen wir nämlich als einen unentbehrlichen Teil des Begriffs Rose auffassen, was, wie wir wissen, im Rahmen des Aristotelisch-Brentanoschen Modells durch das Einbetten des allgemeineren Teils erfolgt. Wenn wir also den Teil Blume artikulieren wollen, könnte unsere Bezeichnung folgendermaßen aussehen: ,,[[b]a]R", wobei .b" für Blume steht. Wenn wir auch andeuten wollen, daß jede Blume eine Pflanze ist, kompliziert sich unsere Bezeichnung zur Form ,,[[[p]b]a]R" usw. Das Zukommen von Akzidentien weist hingegen keine solche Verschachtelung auf. Alle Akzidentien sind genau gleich akzidentell und befinden sich d