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Das Buch Auf einer Parallelerde haben Neandertaler eine grundlegend andere Zivilisation entwickelt. Als der Quantenphysiker Ponter Boddit aus dieser Welt nach Kanada, in einen Schwerwassertank, versetzt wird, können die Wissenschaftler sein Leben nur mit knapper Not retten. Die Sprachbarriere ist schnell überwunden - dank eines Innenohr-Implantats, das jeder Neandertaler trägt. Aber dieser computerisierte Schutzengel kann nicht die kulturellen Gegensätze auslöschen, die einen unterschiedlichen Umgang mit Überbevölkerung, Religiosität und Sexualität mit sich bringen ... Der Autor Robert J. Sawyer, geboren 1960 in Ottawa, gehört zu den führenden SF-Autoren unserer Zeit. Nach dem Studium im Fachbereich >Funk und Fernsehen< an der York-Universität, Toronto, begann er 1983 eine Laufbahn als populärwissenschaftlicher Drehbuchautor. 1990 erschien sein erster SF-Roman, dem mittlerweile sechzehn weitere folgten. Sie wurden bisher in elf Sprachen übersetzt und haben mehr als dreißig Preise gewonnen. Für »Die Neanderthal-Parallaxe« erhielt er den Hugo Award 2003. Sawyer arbeitet regelmäßig für das kanadische Fernsehen und ist ein gern gesehener Gast in Talkshows. Er lebt mit seiner Ehefrau Carolyn Clink in Mississauga bei Toronto.
Robert J. Sawyer
DIE NEANDERTHAL-PARALLAXE Roman Deutsche Erstveröffentlichung Die amerikanische Originalausgabe Hominids. Volume One of The Neanderthal Parallax erschien ursprünglich in Fortsetzungen von Januar bis April 2002 in >Analog Science Fiction and Fact<; die Hardcoverausgabe folgte einen Monat später bei Tor Books, New York, die erste Paperbackausgabe ebendort im Februar 2003. Anmerkung des Autors: Das Neutrino-Observatorium von Sudbury, die Creighton-Mine sowie die Laurentian- und die York-Universität gibt es wirklich, die Personen in diesem Roman hingegen sind alle ein Produkt meiner Fantasie. Sie weisen keine Ähnlichkeit mit real existierenden Personen auf, die in diesen oder anderen Organisationen beschäftigt sind. Für Marcel Gagné und Sally Tomasevic, den einen Kumpel und den anderen. Großartige Menschen, großartige Freunde. Der südliche Regenwald birgt dagegen die Botschaft, dass die Dinge nicht zwangsläufig so laufen mussten und dass auf der Erde auch Raum für eine Spezies ist, die schon von der biologischen Ausstattung her zu einem ethischen Verhalten neigt, das wir paradoxerweise »Menschlichkeit« nennen: Achtung vor anderen, Rücksichtnahme und Abscheu vor Gewalt als Mittel zur Lösung von Interessenskonflikten. Diese Eigenschaften, die sich bei den Bonobos entwickelten, geben einen Hinweis darauf was aus dem Homo sapiens hätte werden können, wenn die Evolutionsgeschichte ein bisschen anders verlaufen wäre. RICHARD WRANGHAM UND DALE PETERSON Bruder Affe - Menschenaffen und die Ursprünge menschlicher Gewalt, übersetzt von Götz Ferdinand Kreibl Ihr habt ohnehin keinen Datenschutz - findet euch damit ab! SCOTT MCNEALY, Chef von Sun Microsystems
KAPITEL EINS Erster Tag Freitag, 2. August 148/103/24 Die Schwärze war vollkommen. Überwacht wurde sie von Louise Benoît, einer großen und gut gebauten achtundzwanzigjährigen Postdoktorandin aus Montreal mit einer Mähne dicken braunen Haars, das sie streng nach Vorschrift in ein Haarnetz gestopft hatte. Sie saß in einem engen Kontrollraum, zwei Kilometer unter der Erde - »eine Meile und eine halbe«, wie sie manchmal Besuchern aus den Staaten mit einem Akzent erklärte, den diese ganz hinreißend fanden. Der Kontrollraum befand sich unmittelbar neben der weiten, lichtlosen Kaverne, die das Neutrino-Observatorium von Sudbury beherbergte. In ihrem Zentrum hing die größte Kunststoffkugel der Welt mit zwölf Metern - »nahezu vierzig Fuß« - Durchmesser. Sie war mit elfhundert Tonnen schwerem Wasser gefüllt, das die Atomic Energy of Canada Limited zur Verfügung gestellt hatte. Eingefasst wurde diese durchsichtige Kugel von geodätisch angeordneten Streben aus rostfreiem Stahl, an denen 9604 Lichtkollektoren in Vakuumkolben hingen, die ausnahmslos auf den Behälter gerichtet waren. Alles zusammen - die Kunststoffkugel mit dem schweren Wasser sowie die geodätische Hülle - befand sich in einer zehn Stockwerke hohen, fassförmigen Kaverne, die in Noritgestein gesprengt worden war. Ein gigantischer Raum, vom Boden bis knapp unter die Decke mit ultrareinem leichten Wasser gefüllt. Die zwei Kilometer Kanadischen Schilds über Louise schirmten das schwere Wasser vor der kosmischen Strahlung 3 ab. Die Hülle aus normalem Wasser absorbierte die natürliche Hintergrundstrahlung der geringen Mengen an Uran und Thorium im umliegenden Gestein und verhinderte außerdem, dass Spuren davon bis zum schweren Wasser durchdrangen. Lediglich Neutrinos, jene unendlich kleinen, subatomaren Teilchen, die Gegenstand von Louises Forschungsarbeit waren, konnten in dieses schwere Wasser eintreten. In jeder Sekunde passieren Milliarden Neutrinos die Erde. Ein Neutrino könnte durch einen Bleiblock von der Dicke eines Lichtjahres fliegen, und die Wahrscheinlichkeit eines Zusammenstoßes mit einem anderen Teilchen läge nur bei fünfzig Prozent. Dennoch strömen Neutrinos so reichlich aus der Sonne, dass es hin und wieder zu Kollisionen kommt - und schweres Wasser ist der ideale Neutrino-Fänger. Seine Atomkerne bestehen aus einem Proton - wie bei normalem Wasser -und einem zusätzlichen Neutron. Trifft nun ein Neutrino zufällig auf ein Neutron, zerfällt dieses in ein Proton, ein Elektron und einen Lichtquant, den empfindliche Sensoren als Blitz wahrnehmen können. Zunächst hoben sich Louises dunkle, geschwungene Brauen nicht, als sie das >Ping< des Neutrino-Detektors hörte. Der kurze Alarmton ertönte etwa ein Dutzend Mal am Tag, und obwohl es normalerweise das Aufregendste war, was hier unten passierte, schaute sie dennoch nicht von ihrer Cosmopolitan auf. Aber dann ertönte das Signal erneut, und noch einmal, und schließlich erfüllte ein ununterbrochener, gleichmäßiger Ton, wie beim EKG eines Sterbenden, den Raum. Louise erhob sich von ihrem Tisch und ging zum Schaltpult des Detektors hinüber. Darauf stand ein gerahmtes Foto von Stephen Hawking - leider nicht signiert. Hawking hatte dem Observatorium vor einigen Jahren einen Besuch abgestattet, 1998, bei der großartigen Eröffnung. Louise klopfte auf den Lautsprecher, um zu prüfen, ob er hinüber war; aber das Piepen hielt an. 3 Paul Kiriyama, ein dürrer Diplomand, kam von irgendwo aus der weiten unterirdischen Anlage in den Kontrollraum geschossen. Normalerweise war er in Louises Gegenwart ziemlich nervös,
doch dieses Mal hatte es ihm die Sprache nicht verschlagen. »Was ist hier los, zum Teufel?«, fragte er. Auf dem Kontrollpult des Detektors waren 98 mal 98 Lämpchen, entsprechend der 9604 Lichtsensoren, zu einem Gitter angeordnet - und alle waren hell erleuchtet. »Vielleicht hat jemand versehentlich die Scheinwerfer in der Höhle eingeschaltet«, erwiderte Louise, aber es klang, als zweifele sie an ihren eigenen Worten. Endlich verstummte das ununterbrochene Piepen. Paul schaltete jene Monitore ein, die mit den Unterwasserkameras innerhalb der Observationskammer verbunden waren. Die Bildschirme bildeten fünf vollkommen schwarze Rechtecke. »Naja, wenn die Scheinwerfer an waren«, meinte er, »sind sie jetzt wieder aus. Ich frage mich, was ...« »Eine Supernova!«, verkündete Louise und schlug die Hände mit den langen Fingern zusammen. »Wir sollten beim Central Bureau for Astronomical Telegrams anrufen, Vorranggespräch.« Obgleich das SNO eigentlich zum Studium der Sonnen-Neutrinos eingerichtet worden war, konnte es natürlich Teilchen von überall her im Universum aufspüren. Paul nickte, warf sich in einen Stuhl, rollte zum nächsten Rechner und wählte sich beim Bureau ein. Ein Bericht wäre die Sache wohl wert gewesen, selbst wenn sie sich noch nicht sicher waren. Eine neue Folge von >Pings< ertönte vom Kontrollpult. Louise sah auf die Warnlämpchen; mehrere hundert Lichter leuchteten auf. Merkwürdig, dachte sie. Neutrinos von einer Supernova sollten nur aus einer bestimmten Richtung kommen ... »Vielleicht ist was mit dem Apparat nicht in Ordnung?«, meinte Paul, der zum gleichen Schluss gekommen war. »Oder die Verbindung zu einem der Photosensoren brennt durch, und die anderen empfangen den Lichtbogen.« 41 Ein Knirschen und Ächzen schnitt durch die Luft. Es kam von nebenan - vom Raum oberhalb des gigantischen Detektorraums. »Wir sollten wohl doch die Scheinwerfer anschalten«, meinte Louise. Das Ächzen hielt an. Es klang wie ein Untier, das in der Dunkelheit umherschlich. »Aber was, wenn es eine Supernova ist?«, fragte Paul. »Der Detektor ist nutzlos, wenn die Lampen brennen, und ...« Ein weiteres lautes Krachen. Jetzt klang es wie ein Hockeyspieler beim Schlagschuss. »Schalt die Lichter ein!« Paul entnahm die Schutzabdeckung über dem Schaltknopf und betätigte den Schalter. Die Bilder auf den Monitoren flammten grell auf, wurden dann wieder dunkler und zeigten ... »Mon dieu!«, entfuhr es Louise. »Da ist was im Tank mit dem schweren Wasser!«, meinte Paul. »Aber wie konnte ...?« »Hast du das gesehen?«, fragte Louise. »Es bewegt sich, und ... mein Gott, es ist ein Mensch!« Das Krachen und Stöhnen ging weiter, und dann ... Sie sahen es auf den Monitoren und hörten es durch die Wände. Die gigantische Kunststoffkugel brach entlang mehrerer Nahtstellen auseinander. »Gottverdammt noch mal!«, fluchte Louise, der klar wurde, dass sich das schwere jetzt mit dem normalen Wasser in der fassförmigen Kaverne mischen musste. Ihr Herz raste. Eine halbe Sekunde lang wusste sie nicht, ob sie sich mehr Sorgen um die Zerstörung des Detektors oder um den Mann machen sollte, der offensichtlich darin ertrank. »Komm schon!«, drängte Paul, der bereits zur Tür rannte, die zum Bereich über der Beobachtungskammer führte. Die Kameras waren an Videorekorder angeschlossen, ihnen würde nichts entgehen. »Un moment!«, sagte Louise. Sie schoss durch den Kontrollraum, schnappte sich ein Telefon und drückte die Nummer 4 für einen Nebenanschluss, die sie der Liste an der Wand entnommen hatte.
Es klingelte zweimal. »Dr. Montego?«, fragte Louise, als sich der Arzt der Mine mit jamaikanischem Akzent meldete. »Hier ist Louise Benoit, vom SNO. Wir brauchen Sie sofort hier unten im Neutrino-Observatorium. Da ertrinkt gerade jemand in der Detektorkammer.« »Jemand ertrinkt?«, erwiderte Montego. »Aber wie konnte dort jemand reinkommen?« »Wissen wir nicht. Beeilung, bitte!« »Bin schon unterwegs«, sagte der Arzt. Louise hängte ein und rannte zu eben jener blauen Tür, durch die Paul zuvor verschwunden und die hinter ihm ins Schloss gefallen war. Die Aufschrift darauf kannte sie in- und auswendig:
TÜR GESCHLOSSEN HALTEN! Achtung, Hochspannung! Lebensgefahr! Ab hier nur noch genehmigte elektronische Geräte Luftqualität überprüft - Eintritt gestattet Louise packte den Griff, zog die Tür auf und lief auf das weite metallene Deck hinaus. Auf einer Seite befand sich eine Falltür, die in die eigentliche Detektorkammer hinabführte; die letzten Arbeiter waren hier herausgekommen, und sie war hinter ihnen verschlossen worden. Zu Louises Erstaunen war sie nach wie vor mit vierzig Schraubbolzen versiegelt - natürlich sollte das auch so sein, aber es war schlicht ein Ding der Unmöglichkeit, dass jemand auf einem anderen Weg als durch diese Falltür hätte eindringen können ... Die Wände waren mit dunkelgrünem Kunststoff verkleidet, der Felsstaub fernhalten sollte. Dutzende Isolierrohre und Polypropylenleitungen liefen an der Decke entlang, Stahlträger folgten der Form des Raumes. An einigen Wänden reihte sich Rechner an Rechner; an anderen standen Regale, in denen Paul verzweifelt herumwühlte. Wahrscheinlich 5
suchte er eine Zange, die groß genug war, um damit die Bolzen zu lösen. Metall kreischte gequält. Louise rannte zur Falltür - nicht, dass sie diese mit den bloßen Händen hätte öffnen können. Ihr Herz vollführte einen Satz. Die Bolzen sausten in die Höhe und veranstalteten dabei einen Lärm wie Maschinengewehrfeuer. Die Falltür sprang auf und schlug dröhnend auf den Metallboden. Louise war beiseite gesprungen, aber das kalte Wasser, das wie ein Geysir herausgeschossen kam, durchnässte sie von Kopf bis Fuß. Der oberste Teil der Detektorkammer war mit Stickstoff gefüllt gewesen, der jetzt herausströmte. Der Wasserstrahl sank rasch in sich zusammen. Sie ging zu der Öffnung und sah hinab, wobei sie versuchte, möglichst wenig zu atmen. Das Innere wurde von den Scheinwerfern, die Paul eingeschaltet hatte, erhellt. Das Wasser war glasklar, Louise konnte die ganzen dreißig Meter bis auf den Grund hinab sehen. Sie erkannte die gigantischen gewölbten Teile der Kunst-stoffkugel. Der Brechungsgrad des Kunststoffs war fast identisch mit dem des Wassers, so dass es schwierig war, etwas deutlich zu erkennen. Die geborstenen Einzelteile waren mit synthetischen Seilen an der Decke befestigt, sonst wären sie bereits auf den Boden der geodätischen Hülle gesunken. Das Sichtfeld war durch die Falltür eingeschränkt, Louise konnte die Person, die dort ertrank, nicht entdecken. »Merde!« Die Scheinwerfer in der Kammer waren erloschen. »Paul!«, rief Louise. »Was tust du da?« Pauls Stimme - die jetzt wieder aus dem Kontrollraum kam - war über dem Rauschen der Lüftung und dem Schwappen des Wassers in der gewaltigen Kaverne kaum zu verstehen. »Wenn er noch lebt«, rief er zurück, »wird er durch die Falltür die Lichter sehen.« Louise nickte. Paul ging von einem Mann aus. Sie konnten es nicht wissen. Aber wer immer dort trieb und ertrank, müsste jetzt ein einzelnes erleuchtetes Quadrat von einem 5 Meter Kantenlänge in einer endlosen Dunkelheit erkennen können.
Einen Augenblick später kehrte Paul zurück. Louise warf erst ihm, dann wieder der offenen Falltür einen Blick zu. Von dem Mann war immer noch nichts zu sehen. »Einer sollte runter«, meinte sie. Pauls Mandelaugen wurden groß. »Aber ... das schwere Wasser ...« »Was anderes bleibt uns nicht übrig«, erwiderte Louise. »Wie gut kannst du schwimmen?« Paul wirkte verlegen. Alles wollte er, wie sie wusste, nur keinen schlechten Eindruck bei ihr hinterlassen, aber ... »N-nicht besonders«, stotterte er mit gesenktem Blick. Es war peinlich genug, dass Paul sie die ganze Zeit über anhimmelte, aber Louise konnte schlecht in ihrem blauen Nylonoverall vom SNO schwimmen. Darunter trug sie, wie fast alle anderen, die am SNO arbeiteten, lediglich ihre Unterwäsche. So tief unter der Erde war es tropische 40,6 Grad heiß. Sie schleuderte die Schuhe weg und öffnete dann den Reißverschluss vorn am Overall. Gottseidank trug sie heute einen BH - obgleich sie viel darum gegeben hätte, wenn es nicht gar so verführerische Spitze gewesen wäre. »Schalte die Scheinwerfer unten wieder ein«, sagte Louise. Es sprach für Paul, dass er sich prompt auf den Weg machte. Bei seiner Rückkehr war Louise längst durch die Falltür ins kalte Wasser geglitten; es war auf zehn Grad Celsius heruntergekühlt, um Bewuchs zu unterdrücken und das Rauschen der Lichtsensoren zu reduzieren. Plötzlich überkam sie Panik. Es war das jähe Gefühl, sehr hoch oben zu sein, ohne festen Boden unter den Füßen zu haben. Wassertretend hielt sie Kopf und Schultern noch in der Öffnung und wartete ab, bis der Anfall vorüberging. Anschließend holte sie drei Mal tief Luft, schloss den Mund und tauchte hinab. Beim Umherschauen konnte Louise alles deutlich erkennen, das Wasser brannte ihr nicht in den Augen. Sie suchte 6
diesen seltsamen Mann, aber die vielen Acrylteile behinderten ihre Sicht... Da! Er war tatsächlich nach oben getrieben. Zwischen der Wasseroberfläche und der darüberliegenden Etage gab es einen Spalt von vielleicht fünfzehn Zentimetern, der normalerweise mit reinem Stickstoff gefüllt war. Der Arme musste tot sein, drei Atemzüge reichten aus. Traurige Ironie: Er hatte sich, in der Hoffnung Luft zu finden, wahrscheinlich bis zur Oberfläche hochgekämpft und war von dem Gas, das er dort eingeatmet hatte, getötet worden. Mittlerweile hatte sich wahrscheinlich atembare Luft aus der offenen Falltür mit dem Stickstoff gemischt, aber für ihn kam vermutlich jede Hilfe zu spät. Erneut schob Louise Kopf und Schultern durch die Falltür hinauf. Sie sah Paul, der verzweifelt darauf wartete, dass sie etwas sagte - irgendetwas. Doch dazu war keine Zeit. Sie füllte ihre Lungen mit so viel Luft wie nur irgend möglich und tauchte erneut. Es gab nicht genügend Platz, um die Nase über Wasser zu halten, ohne sich ständig den Kopf am Metalldach zu stoßen. Der Mann war nur etwa zehn Meter entfernt. Louise schwamm los, legte die Distanz so rasch wie möglich zurück, und sah ... Eine Wolke im Wasser. Etwas Dunkles. Mon dieu! Es war Blut. Die Wolke umgab den Kopf des Mannes, so dass seine Züge nicht recht zu erkennen waren. Er rührte sich nicht. Wenn er noch lebte, war er gewiss bewusstlos. Louise verrenkte sich den Hals, um Mund und Nase in den engen Spalt zu stecken. Zaghaft atmete sie ein - jetzt war mehr als ausreichend atembare Luft vorhanden. Dann packte sie den Mann am Arm und drehte ihn herum - er war mit dem Gesicht nach unten dahingetrieben -, so dass seine Nase in den Spalt ragte. Keine Bläschen traten ihm aus dem Mund. Nichts deutete daraufhin, dass er noch atmete. 6
Louise zog ihn durchs Wasser. Das war harte Arbeit. Der Mann war ziemlich stämmig, vollständig bekleidet, und die Kleidung war mit Wasser vollgesogen. Louise stand unter Zeitdruck, aber sie registrierte, dass der Mann keinen Overall und keine Sicherheitsschuhe trug. Er konnte unmöglich einer der Bergmänner der Nickelmine sein, und obwohl sie nur einen flüchtigen Blick auf das Gesicht des Mannes geworfen hatte - ein Weißer mit blondem Bart -, sah sie, dass er auch nicht vom SNO war. Paul hockte neben der Falltür, steckte den Kopf ins Wasser und sah zu, wie sie und der Mann näherkamen. Unter anderen Umständen hätte Louise zunächst die verletzte Person aus dem Wasser gehievt und dann sich selbst. Aber die Falltür bot nicht genügend Platz für beide, und sowohl sie als auch Paul waren nötig, um diesen Hünen herauszuziehen. Louise ließ den Arm des Mannes los und steckte den Kopf durch die Falltür. Paul war inzwischen zurückgewichen. Sie schöpfte kurz Atem, dann drückte sie die Handflächen auf das nasse Deck und stemmte sich hoch. Erneut hockte sich Paul hin und half ihr. Der Mann war im Begriff davonzutreiben, aber Louise packte ihn am Arm und zog ihn zurück unter die Öffnung. Schließlich gelang es ihnen unter Aufbietung aller Kräfte den Verletzten aus dem Wasser zu ziehen. Er blutete stark aus einer Verletzung am Kopf. Sofort kniete Paul sich hin und begann mit der Mund-zu Mund-Beatmung. Bald war auch sein Gesicht blutverschmiert, da er regelmäßig nachsah, ob die breite Brust des Mannes sich bewegte. Inzwischen hatte Louise das rechte Handgelenk des Mannes gefunden und tastete nach dem Puls. Es gab keinen -nein, nein, warte mal! Da war einer! Da war ein Puls! Paul blies weiterhin Luft in die Lungen des Mannes, immer und immer wieder, und schließlich setzte dessen eigene Atmung keuchend wieder ein. Wasser und Erbrochenes 7 quollen ihm über die Lippen. Paul drehte ihm den Kopf zur Seite und die Flüssigkeit, die er ausstieß, ergoss sich aufs Deck, vermischte sich dort mit dem Blut und spülte einen Teil davon. Dennoch schien der Mann nach wie vor bewusstlos zu sein. Louise, klatschnass, fast nackt und immer noch vom kalten Wasser durchgefroren, gab ihrem Schamgefühl nach. Sie kämpfte sich wieder in ihren Overall und zog den Reißverschluss hoch - wobei ihr Paul zusah, auch wenn er vorgab, gerade eben dies nicht zu tun. Bis zu Dr. Montegos Ankunft würde es noch eine Weile dauern. Das SNO befand sich nicht bloß in zwei Kilometern Tiefe; es war darüber hinaus einen guten Kilometer vom nächsten Aufzug entfernt. Selbst wenn der Aufzugkäfig oben gewesen war - und dafür gab es keinerlei Garantie -, würde Montego immer noch über zwanzig Minuten benötigen, bis er hier wäre. Louise war der Ansicht, den Mann aus seiner nassen Kleidung herausholen zu müssen. Sie griff nach der Vorderseite seines dunkelgrauen Hemds, aber ... Es hatte keine Knöpfe - und keinen Reißverschluss. Es war anscheinend auch kein Pullover, obwohl es kragenlos war, und ... Ah, da waren sie! Versteckte Druckknöpfe oben auf den breiten Schultern. Louise versuchte, sie zu öffnen, doch es gelang ihr nicht. Sie warf einen Blick auf die Hose des Mannes. Das dunkle Olivgrün mochte im trockenen Zustand heller sein. Ein Gürtel war nicht zu sehen, stattdessen umgaben eine Reihe von Druckknöpfen und Falten den Bund ... Plötzlich kam Louise der Gedanke, dass der Mann vielleicht an der Caissonkrankheit litt. Die Detektorkammer war dreißig Meter tief; wer wusste denn, wie weit unten er gewesen oder wie rasch er aufgestiegen war? Der Luftdruck in einer solchen Tiefe betrug 130 Prozent des normalen Drucks. Das bedeutete, dass der Mann jetzt eine höhere 7 Sauerstoffkonzentration aufgenommen hatte als über der Erde und das wäre bestimmt von Vorteil. Man konnte nur abwarten. Der Mann atmete, und sein Puls schlug kräftiger.
Schließlich erhielt Louise Gelegenheit, dem Fremden richtig ins Gesicht zu sehen. Es war breit, aber nicht flach; vielmehr wichen die Wangenknochen stark zurück. Und seine Nase war gigantisch, hatte fast die Größe einer geballten Faust. Der Unterkiefer des Mannes war von einem dicken, dunkelblonden Bart bedeckt, glattes blondes Haar klebte ihm auf der Stirn. Seine Gesichtszüge erinnerten vage an einen Osteuropäer, zeigten jedoch nicht deren olivbraune Färbung, sondern erinnerten vielmehr an die eines Skandinaviers. Die weit auseinander stehenden Augen waren geschlossen. »Woher könnte er kommen?«, fragte Paul, der jetzt im Schneidersitz neben dem Mann hockte. »Niemand hätte hier runterkommen können, und ...« Louise nickte. »Und selbst wenn, wie hätte er in die versiegelte Detektorkammer gelangen sollen?« Sie hielt inne und kämmte sich das Haar aus den Augen - wobei ihr zum ersten Mal auffiel, dass sie ihr Haarnetz verloren hatte, während sie im Tank geschwommen war. »Weißt du, das schwere Wasser ist hinüber. Wenn er das hier überlebt, wird er sich einer Schadensersatzklage gegenüber sehen, die sich gewaschen hat.« Sie ertappte sich dabei, wie sie den Kopf schüttelte. Wer war dieser Mann? Vielleicht ein einheimischer Kanadier, ein Fanatiker - ein Indianer, der das Gefühl hatte, dass die Mine auf heiligem Grund und Boden lag? Aber das Haar des Mannes war blond, was unter den Einheimischen eher selten war. Ein Dummejungenstreich kam nicht in Frage, denn der Bursche schien so um die fünfunddreißig zu sein. Vielleicht war er ein Terrorist oder ein Kernkraftgegner? Doch obwohl die Atomic Energy of Canada Limited tatsächlich das schwere Wasser zur Verfügung gestellt hatte, spielten 8 Kernkraft und Radioaktivität hier vor Ort eigentlich keine Rolle. Wer er auch sein mochte, überlegte Louise, wenn er seinen Verletzungen erliegen würde, wäre er ein idealer Kandidat für den Darwin-Award. Das war klassisch angewandte Evolution: Eine Person tat etwas so unglaublich Dummes, dass es . sie das Leben kostete. 8
KAPITEL ZWEI Louise Benoît hörte, wie sich eine Tür öffnete. Jemand betrat den Raum über der Detektorkammer. »Huhuu!«, rief sie, um Dr. Montego auf sich aufmerksam zu machen. »Hier drüben!« Reuben Montego, ein kanadischer Jamaikaner Mitte dreißig, kam zu ihnen herübergeeilt. Er hatte sich den Kopf völlig kahl rasiert - was bedeutete, dass er die einzige Person war, die das SNO ohne Haarnetz betreten durfte, aber wie alle anderen einen Helm tragen musste. Der Arzt kauerte sich hin, drehte das linke Handgelenk des Verletzten und ... »Was zum Teufel ist das denn?«, fragte Reuben. Er sprach mit deutlichem Akzent. Louise sah es auch: etwas, das anscheinend in die Haut am Handgelenk des Mannes gepflanzt war; ein rechteckiger, hoch auflösender, matter Bildschirm von etwa acht mal zwei Zentimetern Größe. Eine Reihe von Symbolen war darauf zu erkennen, und das Symbol ganz links veränderte sich nahezu im Sekundentakt. Sechs kleine, jeweils verschieden gefärbte Perlen bildeten eine kleine Reihe unter dem Display, und etwas - vielleicht eine Linse - war am äußersten Ende des Gerätes, oben am Arm des Mannes, angebracht. »Eine seltsame Uhr?«, meinte Louise. Reuben ließ die Sache für den Augenblick auf sich beruhen. Er legte den Zeige- und Mittelfinger über die Speichenschlagader des Mannes. »Er hat einen recht ordentlichen Puls«, verkündete er. Daraufhin schlug er dem Mann leicht auf die Wange. Vielleicht gelangte er so rasch wieder zu Bewusstsein. »Komm schon«, sagte er ermutigend. »Komm schon. Aufwachen!« Schließlich regte sich der Mann. Er hustete heftig und weiteres Wasser spritzte ihm aus dem Mund. Dann öffnete er flatternd die Lider. Seine Iris waren von einem fesselnden
9 Goldbraun, wie Louise es noch nie zuvor gesehen hatte. Anscheinend benötigten seine Augen ein oder zwei Sekunden, bis sie sich an das Licht gewöhnt hatten, dann wurden sie riesengroß. Der Mann starrte Reuben völlig erstaunt an. Er drehte den Kopf, sah Louise und Paul und zeigte erste Anzeichen eines Schocks. Er bewegte sich ein wenig; vielleicht im Versuch, von ihnen wegzurücken? »Wer sind Sie?«, fragte Louise. Der Mann sah sie verständnislos an. »Wer sind Sie?«, wiederholte Louise. »Was wollten Sie da unten?« »Dar?«, erwiderte der Mann, und seine tiefe Stimme hob sich, als stellte er eine Frage. »Ich muss ihn ins Krankenhaus bringen«, sagte Reuben. »Er hat offensichtlich einen heftigen Schlag auf den Kopf bekommen. Wir müssen seinen Schädel röntgen.« Der Mann schaute sich auf dem Metallboden um, als könne er nicht glauben, was er da sah. »Dar barta dulb tinta?«, sagte er. »Dar hoolb k a tapar?« »Was für eine Sprache ist das?«, fragte Paul Louise. Sie zuckte mit den Achseln. »Ojibwa?«, meinte sie. Unweit der Mine lag ein Reservat der Ojibwa. »Nein«, erwiderte Reuben kopfschüttelnd. »Monta has palap ko«, ließ der Mann vernehmen. »Wir verstehen Sie nicht.«, versuchte Louise dem Fremden zu erklären. »Sprechen Sie Englisch?« Nichts. »Parlez-vous français?« Immer noch nichts. »Nihongo ga dekimasu k a ?«, versuchte es Paul, und Louise vermutete, dass das wohl heißen sollte: »Sprechen Sie Japanisch?« Mit immer noch weit geöffneten Augen starrte sie der Mann nacheinander an, gab aber keine Antwort. Reuben stand auf und streckte dem Mann eine Hand entgegen. Der sah sie eine Sekunde lang an und ergriff sie. Er besaß eine gewaltige Pranke sowie einen außergewöhnlich langen Daumen. Der Mann ließ sich hochziehen. Dann legte 9 ihm Reuben einen Arm um den breiten Rücken und half ihm, aufrecht stehen zu bleiben. Der Mann brachte gut und gern dreißig Kilo mehr als Reuben auf die Waage, und das waren alles Muskeln. Paul trat auf die andere Seite des Fremden und stützte ihn ebenfalls mit einem Arm. Louise ging den dreien voraus und hielt die Tür zum Kontrollraum auf, die sich nach Reubens Eintritt automatisch geschlossen hatte. Im Kontrollraum zog Louise ihre Sicherheitsschuhe an und stülpte den Helm über, Paul tat es ihr nach. Die Helme hatten Stirnlampen und einen eingebauten Gehörschutz, den man, falls nötig, herunterklappen konnte. Sie setzten sich zudem eine Schutzbrille auf. Reuben trug nach wie vor seinen eigenen Helm. Auf einem metallenen Spind fand Paul einen weiteren und bot ihm dem Verletzten an. Doch bevor der hätte reagieren können, schob der Arzt den Helm beiseite: »Keinen Druck auf seinen Schädel, bevor wir ihn geröntgt haben.« »Na gut, dann bringen wir ihn nach oben. Ich habe von unterwegs einen Krankenwagen gerufen.« Die vier verließen den Kontrollraum, schritten einen Korridor entlang und betraten den Empfangsbereich des SNO. Das Observatorium arbeitete unter sterilen Bedingungen -nicht, dass das jetzt noch eine Rolle spielte, dachte Louise wehmütig. Sie gingen am Staubsaugerraum vorüber, der einer Duschkabine ähnlich sah und Staub und Schmutz, von jeder Person absaugte, die das SNO betrat. Dann passierten sie eine Reihe echter Duschkabinen; jeder musste sich vor dem Betreten des SNO waschen, aber auf dem Weg nach draußen war das nicht nötig. Hier befand sich auch eine Erste-Hilfe-Station, und Louise sah, dass Reuben dem Schrank mit der
Aufschrift >Tragen< kurz einen Blick zuwarf. Aber der Fremde hielt sich gut auf den eigenen Beinen. Sie schalteten ihre Helmlampen ein und marschierten die eineinviertel Kilometer den schwach erleuchteten Tunnel mit dem irdenen Boden entlang. Die grob behauenen 10 Wände waren durchsetzt mit Stahlstangen und bedeckt mit Drahtnetzen. Zwei Kilometer unter der Erde war der Druck auf das Gestein so gewaltig, dass es ohne Abstützung in jedem frei liegenden Bereich einbrechen würde. Während sie den Stollen entlanggingen, immer wieder Schlammlöchern ausweichend, erholte der Fremde sich zusehends von seinen Strapazen. Paul und Dr. Montego waren in eine lebhafte Debatte darüber verstrickt, wie dieser Mann in die versiegelte Kammer hatte gelangen können. Louise war in Gedanken versunken - sie grübelte darüber nach, welchen Einfluss die Zerstörung des Neutronendetektors auf ihre Forschungsgelder haben würde. Den ganzen Weg durch den Stollen blies ihnen Wind ins Gesicht; gigantische Ventilatoren pumpten ständig frische Luft herab. Schließlich erreichten sie die Aufzugstation. Reuben hatte angeordnet, den Aufzugkäfig hier, auf der 6800-Fuß-Ebene, anzuhalten - die Beschilderung der Mine stammte aus der Zeit vor Kanadas Umstellung auf das metrische System. Der Aufzug wartete nach wie vor auf sie, zweifelsohne zum Ärger der Bergleute, die nach unten oder wieder hinauffahren wollten. Sie betraten den Käfig, und Reuben drückte wiederholt den Summer, der den Aufzugführer benachrichtigte, die Winde zu starten. Zitternd setzte sich der Aufzug in Bewegung. Der Käfig besaß keine eigene Beleuchtung, und Reuben, Louise und Paul hatten ihre Helmlampen ausgeschaltet, um einander nicht zu blenden. Lediglich aus den Stollen, die sie alle zweihundert Fuß passierten, blitzte das Licht durch die offene Frontseite des Käfigs. In dem unheimlichen, stroboskopartigen Schein warf Louise interessierte Blicke auf die kantigen Gesichtszüge und die tief in den Höhlen liegenden Augen des Fremden. Während sie immer höher stiegen, knackte es wiederholt in Louises Ohren. Bald hatten sie die 4600-Fuß-Ebene passiert, ihre Lieblingsebene. Die Inco zog dort Bäume für 10 Wiederaufforstungsprojekte rund um Sudbury. Die Temperatur lag konstant bei zwanzig Grad Celsius, künstliche Beleuchtung verwandelte die Etage in ein prächtiges Gewächshaus. Louise kamen verrückte Gedanken, mehr als seltsame Ideen ganz im Akte-X-Stil, wie der Mann wohl in die Kugel gelangt sein konnte, wo doch die Falltür fest verschlossen gewesen war. Aber sie behielt sie für sich. Es musste auf jeden Fall eine rationale Erklärung geben, redete sie sich ein. Es musste sie geben. Der Käfig setzte seinen langen Aufstieg fort, und der Mann schien sich allmählich über seine Lage klar zu werden. Seine seltsame Kleidung war anscheinend immer noch feucht, obgleich die Zugluft in den Stollen viel dazu beigetragen hatte, sie zu trocknen. Er versuchte, das Hemd auszuwringen, wobei ein paar Tropfen auf den gelb gestrichenen Metallboden des Aufzugkäfigs fielen. Danach strich er sich mit der großen Hand das nasse Haar aus der Stirn und offenbarte zu Louises Erstaunen eine ausgeprägte Wölbung über beiden Augen. Schließlich kam der Aufzug zitternd zum Stehen. Paul, Louise, Dr. Montego und der Fremde verließen ihn und gingen an einer kleinen Gruppe verdutzter Bergarbeiter vorbei, die darauf warteten, nach unten fahren zu können. Die vier schritten die Rampe zu dem Raum hinauf, wo die Arbeiter sich jeden Tag umzogen und ihre Kleidung gegen einheitliche Overalls eintauschten. Zwei Rettungssanitäter erwarteten sie. »Ich bin Reuben Montego«, erklärte Reuben, »der Arzt der Mine. Dieser Mann ist fast ertrunken, und er hat ein Schädeltrauma erlitten ...« Die beiden Sanitäter und der Arzt besprachen das weitere Vorgehen, während sie den Fremden in den heißen Sommertag schafften.
Paul und Louise folgten ihnen und sahen zu, wie der Arzt, der Verletzte und die Sanitäter den Rettungswagen bestiegen und auf der Schotterstraße davonjagten. »Was jetzt?«, fragte Paul. 11 Louise runzelte die Stirn. »Ich muss Dr. Mah anrufen«, erwiderte sie. Bonnie Jean Mah war die Leiterin des SNO. Sie hatte ihr Büro an der Caleton University in Ottawa, fast fünfhundert Kilometer entfernt, und ließ sich im Observatorium nur selten blicken. Das Alltagsgeschäft wurde Postdoktoranden und Examensstudenten wie Louise und Paul überlassen. »Was wirst du ihr sagen?«, fragte Paul. Louise sah dem Rettungswagen mit seinem absonderlichen Passagier nach. »Je ne saispas«, erwiderte sie, langsam den Kopf schüttelnd. 11
KAPITEL DREI Alles hatte wesentlich heiterer angefangen. »Gesunder Tag«, sagte Ponter Boddit leise, stützte das Kinn auf den gebeugten Arm und sah zu Adikor Huld hinüber, der am Waschbecken stand. »He, du Schlafmütze!«, erwiderte Adikor, drehte sich um, lehnte den muskulösen Rücken gegen den Kratzbaum und ruckelte hin und her. »Gesunder Tag!« Ponter erwiderte Adikors Lächeln. Er sah gerne zu, wie Adikor sich bewegte, wie die Muskeln seines Brustkastens arbeiteten. Ponter wusste nicht, wie er den Verlust seiner Gefährtin Klast ohne Adikors Unterstützung überlebt hätte - obwohl es immer noch Zeiten der Einsamkeit gab. Wenn Zwei Eins wurde - und das letzte Mal war gerade erst vorüber -, ging Adikor zu seiner eigenen Gefährtin und ihrem Kind. Auch Ponters Töchter waren älter geworden, und er hatte sie dieses Mal kaum zu Gesicht bekommen. Natürlich gab es viele, viele ältere Frauen, deren Männer gestorben waren, aber Frauen so voller Erfahrung und Weisheit -Frauen, die alt genug waren, um zur Wahl zu gehen! -, wollten nichts mit jemandem zu tun haben, der so jung wie Ponter war und erst 447 Monde gesehen hatte. Aber auch wenn sie sich nicht mit ihm abgegeben hatten, Ponter hatte die Zeit mit seinen Töchtern genossen, obwohl ... Es hing von der Beleuchtung ab. Manchmal jedoch, wenn die Sonne in ihrem Rücken stand und sie den Kopf einfach so neigte, war Jasmel das völlige Ebenbild ihrer Mutter. Es verschlug Ponter den Atem. Er vermisste Klast mehr, als Worte ausdrücken konnten. Adikor füllte jetzt die Wanne auf der anderen Seite des Zimmers. Er hatte sich darüber gebeugt, die Brause in der Hand, und wandte Ponter den Rücken zu. 11 Ponter legte den Kopf auf das scheibenförmige Kissen zurück und schaute zu. Einige hatten ihn davor gewarnt, zu Adikor zu ziehen. Es hatte nichts mit dem zu tun, was in der Akademie geschehen war. Es war einfach die Tatsache, dass es sehr heikel werden konnte, wenn man zusammen arbeitete und lebte. Obwohl Saldak eine große Stadt war (die Einwohnerzahl betrug über fünfundzwanzigtausend, aufgeteilt zwischen Stadtrand und Zentrum), lebten hier bloß sechs Physiker, und drei davon waren weiblich. Ponter und Adikor machte es großen Spaß, über ihre Arbeit zu sprechen und neue Theorien zu diskutieren, und sie wussten es zu schätzen, jemanden um sich zu haben, der verstand, worum es ging. Abgesehen davon ergaben die beiden auch in anderer Hinsicht ein gutes Paar. Adikor war ein Morgenmensch: Frisch und munter sprang er aus dem Bett und genoss es, das Badewasser einlaufen zu lassen. Ponter hingegen lebte auf, je weiter der Tag voranschritt. Stets kümmerte er sich um die Zubereitung des Abendessens. Aus der Brause spritzte das Wasser. Ponter mochte das Geräusch, dieses kratzige weiße Rauschen. Er stieß einen zufriedenen Seufzer aus und stieg aus dem Bett. Das Moos auf dem Fußboden kitzelte ihn an den Füßen. Er trat hinüber zum Fenster, packte die Metallplatte an den
Griffen und hob die Läden vom magnetischen Fensterrahmen. Dann langte er weit über sich zur Decke und heftete sie an eine ebenfalls magnetische Vorrichtung, wo sie tagsüber ihren festen Platz hatten. Die Sonne stieg durch die Bäume. Ihr Licht schmerzte Ponter in den Augen. Er senkte den Kopf und legte das Kinn auf die Brust, so dass die Wölbung über den Brauen einen Schatten über die Augen warf. Draußen trank ein Hirsch aus dem dreihundert Schritte entfernten Bach. Ponter ging hin und wieder auf die Jagd, aber nie in bewohnten Gebieten; diese Hirsche wussten, dass sie nichts zu fürchten hatten -nicht hier, von keinem der Menschen. In einiger Entfernung 12 erkannte Ponter das Glitzern der Solarzellen auf dem Boden neben dem Nachbarhaus. »Hak«, sagte er ins Nichts hinein, womit er sein Gefährten-Implantat bei dem Namen rief, den er ihm gegeben hatte, »wie ist die Vorhersage?« »Ziemlich gut«, erwiderte der Gefährte. »Höchste Tagestemperatur: sechzehn Grad. Tiefste Nachttemperatur: neun.« Der Gefährte benutzte eine weibliche Stimme. Ponter hatte ihn vor kurzem neu - und, wie er zugeben musste, dummerweise - so programmiert, dass er Aufzeichnungen von Klasts Stimme, die er aus ihrem Alibi-Archiv entnommen hatte, als Grundlage für die eigene Sprechweise benutzte. Er hatte geglaubt, wenn er ihre Stimme hörte, würde er sich weniger einsam fühlen. Stattdessen verspürte er jetzt jedes Mal, wenn sein Implantat mit ihm sprach, einen Stich in der Brust. »Keine Aussicht auf Regen«, fuhr sein Gefährte fort. »Wind aus zwanzig Prozent Deasil mit achtzehntausend Schritten pro Zehnteltag.« Ponter nickte. Die Scanner des Implantats konnten seine Kopfbewegung leicht erkennen. »Bad ist fertig!«, hörte er Adikor. Ponter drehte sich um. Adikor glitt gerade in die kreisrunde Wanne, die im Boden eingelassen war. Er schaltete den Sprudler an, und das Wasser brodelte um ihn herum. Ponter - nackt wie Adikor -ging hinüber und stieg ebenfalls ins Wasser. Adikor mochte es wärmer als Ponter, aber sie hatten sich schließlich auf einen Kompromiss geeinigt: eine Temperatur von siebenunddreißig Grad Celsius - Körpertemperatur. Ponter reinigte mit einer Goföas-Bürste und den Händen jene Körperteile Adikors, die dieser nicht selbst erreichen konnte oder sich lieber von Ponter säubern ließ. Dann half Adikor Ponter beim Waschen. Die Luft war sehr feucht. Ponter atmete tief ein, um seine Nebenhöhlen zu befeuchten. Pabo, eine große rötlichbraune Hündin, kam ins Zimmer. Sie wurde nicht gern 12 nass, also hielt sie mehrere Schritte Abstand von der Wanne. Aber sie verlangte nach ihrem Futter. Ponter warf Adikor einen Blick zu, der besagte: »Was soll man da machen?« und stieg aus der Wanne, wobei einzelne Tropfen auf die Moosdecke fielen. »Schon gut, Mädchen«, beruhigte er sie. »Ich zieh' mich doch schon an.« Zufrieden, dass ihre Botschaft verstanden worden war, trottete Pabo aus dem Schlafzimmer. Ponter ging zum Waschbecken hinüber und wählte eine Trockenschnur aus. Er packte die beiden Griffe und zog sie hin und her über seinen Rücken. Daraufhin nahm er einen der Griffe zwischen die Zähne und trocknete auf die gleiche Weise auch seine Arme und Beine. Ponter betrachtete sich in dem rechteckigen Spiegel über dem Waschbecken und kämmte sich adrett mit den Fingern das Haar zu beiden Seiten des Mittelscheitels. In einer Ecke des Zimmers lag ein Stapel sauberer Kleidung. Ponter ging hin und musterte sie. Normalerweise dachte er nicht viel über Kleidung nach, aber wenn Adikor und er heute Erfolg hatten, würde vielleicht einer der Exhibitionisten zu ihnen kommen. Er nahm ein dunkelgraues Hemd, streifte es über und schloss mit den Druckknöpfen oben an den Schultern die breiten offenen Streifen. Dieses Hemd war eine gute Wahl, dachte er - es war ein Geschenk von Klast.
Er wählte eine Hose, zog sie hoch und schlüpfte mit den Füßen in die bauchigen Taschen unten an den Beinen. Anschließend zog er die Lederwinkel und Bänder zu, so dass sich die Hose bequem an seine Haut schmiegte. Adikor verließ gerade den Pool. Ponter warf ihm einen Blick zu und sah dann auf das Display seines Gefährten. Sie mussten sich wirklich beeilen, der Schwebebus würde gleich kommen. Ponter eilte in den Hauptraum des Hauses. Sofort sprang Pabo an ihm empor. Er beugte sich hinab und kraulte der Hündin den Kopf. »Keine Sorge, Mädchen«, sagte er. »Ich habe dich nicht vergessen.« 13 Er öffnete die Vakuumtruhe und holte einen großen Bisonknochen heraus, ein Überbleibsel des gestrigen Abendessens. Dann legte er ihn auf den Boden - über dem Moos lagen hier Glasplatten, damit das Putzen einfacher war -, und Pabo machte sich daran, den Knochen zu benagen. Adikor kam zu Ponter in die Küche und bereitete das Frühstück. Er nahm zwei Scheiben Elchfleisch aus der Vakuumtruhe und legte sie in den Laserkocher, der sich sogleich mit Dampf füllte, damit das Fleisch wieder feucht wurde. Ponter sah durch das Fenster des Kochers, wie rubinrote Dampfschwaden in komplizierten Mustern hin und her zuckten und jeden Teil des Steaks perfekt grillten. Adikor füllte eine Schüssel mit Pinienkernen und stellte Becher mit verdünntem Ahornsirup dazu. Dann holte er die fertigen Steaks heraus. Ponter schaltete den Voyeur ein und der rechteckige Schirm an der Wand wurde sofort lebendig. Er war in vier kleinere Rechtecke unterteilt: Eines zeigte Übertragungen von Hawsts erweitertem Gefährten, ein weiterer denjenigen von Talok, der nächste präsentierte Gawlts Leben und rechts unten war Lulasm zu erkennen. Adikor war, wie Ponter wusste, Fan von Hawst, also wies er den Voyeur an, dieses Bild zu vergrößern, so dass es den ganzen Schirm ausfüllte. Ponter musste zugeben, dass Hawst stets etwas Interessantes zu bieten hatte - an diesem Morgen war er in die Außenbezirke von Saldak gefahren, wo fünf Menschen bei einem Erdrutsch lebendig begraben worden waren. Dennoch: Sollte heute ein Exhibitionist zum Eingang der Mine kommen, wäre es hoffentlich Lulasm. Ponter war der Ansicht, dass sie normalerweise die aufschlussreichsten Fragen stellte. Ponter und Adikor setzten sich und streiften sich Esshandschuhe über. Adikor streute einige Pinienkerne aus der Schüssel über sein Steak und drückte sie mit der Handfläche ins Fleisch. Ponter lächelte; das war eine von Adikors seltsamen Angewohnheiten - ihm war bisher noch nie jemand begegnet, der Ähnliches tat. 13 Ponter nahm das eigene Steak, welches immer noch leicht brutzelte, und biss ein Stück ab. Es hatte jenen scharfen Geschmack, den nur Fleisch hatte, das nie tiefgefroren worden war. Wie hatten die Leute eigentlich vor der Erfindung der Vakuum-Vorratshaltung überlebt? Kurz darauf sah Ponter den Schwebebus vor dem Haus landen. Er wies den Voyeur an, sich abzuschalten, beide warfen ihre Esshandschuhe in den Ultraschall-Reiniger, Ponter tätschelte Pabo den Kopf, dann verließen sie das Haus. Die Tür blieb offen, damit Pabo nach Lust und Laune ein- und ausgehen konnte. Sie bestiegen den Schwebebus, begrüßten die sieben anderen Fahrgäste und fuhren zur Arbeit, als wäre es ein ganz gewöhnlicher Tag. 13
KAPITEL VIER Ponter Boddit war in diesem Teil der Welt aufgewachsen; die Nickelmine war Bestandteil seines Lebens, er konnte sie sich gar nicht mehr wegdenken. Dennoch war er nie jemandem begegnet, der ihre Tiefen ergründet hatte. Der Erzabbau wurde ausschließlich von Robotern vorgenommen. Als dann bei Klast Leukämie festgestellt worden war, hatten Ponter und sie sich mit anderen
getroffen, die an Krebs erkrankt waren - zur seelischen Unterstützung und zum Austausch von Informationen. Sie trafen sich in einer Kobalanl-Einrichtung, die abends gewöhnlich frei war. Ponter hatte erwartet, dass einige der Betroffenen in der Mine gewesen waren, schließlich wären sie tief im Gestein bestimmt abnorm hoher Radioaktivität ausgesetzt gewesen. Aber niemand aus der Gruppe war jemals in die Mine hinabgestiegen. Ponter hatte herumgefragt und herausgefunden, dass es eine ungewöhnliche Nickelmine war; die Hintergrundstrahlung in dem uralten Granitgestein war extrem niedrig. Daraufhin war ihm eine Idee gekommen. Als Physiker arbeitete er mit Adikor Huld am Bau eines Quantencomputers. Die Quantenregister reagierten außerordentlich sensibel auf äußere Einflüsse; kosmische Strahlung etwa stellte ein echtes Problem dar, weil sie Inkohärenzen hervorrief. Anscheinend befand sich die Lösung direkt unter ihren Füßen. Tausend Armspannen Fels waren auch für kosmische Strahlung ein unüberwindliches Hindernis. Lediglich Neutrinos würden das Gestein durchdringen, die Experimente, die Ponter und Adikor durchführen wollten, aber nicht weiter stören. Delag Bowst war Saldaks oberster Verwaltungsbeamter, die Stellung hatte ihm der Graue Rat aufgezwungen. Aber das 14 war bei Verwaltungsbeamten natürlich immer so; niemand, der solche Aufgaben freiwillig wählte, wäre dafür geeignet. Ponter hatte Bowst seinen Vorschlag unterbreitet. Man solle ihm eine Quantencomputeranlage in der Mine errichten. Und Bowst hatte den Grauen Rat so weit überzeugt, dass er sein Einverständnis gegeben hatte. Die Anlage war schließlich gebaut worden. Ponter und Adikor hatten zwar immer noch Probleme mit unerwarteten Inkohärenzen, piezoelektrischen Entladungen etwa, die in solchen Tiefen vom Druck auf das Gestein hervorgerufen wurden, aber die beiden Physiker fanden Lösungen und die Forschungen kamen gut voran. Ponter und Adikor verließen den Schwebebus am Eingang zur Mine. Es war ein wunderschöner Sommertag, der Himmel strahlte in hellem Blau, genau, wie Ponters implantierter Gefährte versprochen hatte. Ponter roch Pollen in der Luft und hörte die klagenden Rufe der Seetaucher auf dem Wasser. Er holte einen Kopfschutz aus dem Vorrat und befestigte ihn an den Schultern: ein flaches Brett, gestützt von zwei Streben. Adikor setzte sich seinen auf. Der Aufzug am Minenaufgang war zylindrisch. Die beiden Physiker betraten die Kabine und Ponter tippte mit dem Fuß auf den Aktivierungsschalter. Der Lift begann seinen langen Abstieg. Am Ende des Schachtes angelangt verließen Ponter und Adikor den Aufzug und gingen durch den langen Stollen zum Quantencomputer-Labor; natürlich war es in einem Teil der Mine eingerichtet worden, wo keine wertvollen Erze zu finden waren. Sie schritten schweigend dahin. Es war das behagliche, gesellige Schweigen zweier Männer, die einander seit Jahren kannten. Schließlich erreichten sie die Anlage. Sie bestand aus vier Räumen. Der erste war eine winzige Zelle zum Einnehmen der Mahlzeiten; es hätte zu viel Zeit gekostet, mit dem Aufzug den ganzen Weg zurück nach oben zu fahren und dort 14 zu essen. Der zweite beherbergte eine Trockentoilette; hier unten gab es keine sanitären Installationen, daher musste der Abfall am Ende eines jeden Tages nach oben geholt werden. Der dritte umfasste den Kontrollraum mit einer Unmenge an Instrumenten und Arbeitstischen und der vierte war eine gigantische Rechnerkammer, größer als sämtliche Räume des Hauses, welches Ponter und Adikor miteinander bewohnten. Normalerweise bestand das Ziel beim Entwerfen von Rechnern darin, sie so klein wie möglich zu bauen. Die Verzögerungen durch die lichtschnelle Übertragung wurden so auf ein Minimum
beschränkt. Aber Ponters und Adikors Rechneranlage basierte auf einem anderen Prinzip: Auf Quantenebene miteinander gekoppelte Protonen wurden als Register benutzt. Daher musste es eine Möglichkeit geben, zwischen Reaktionen zu unterscheiden, die auf Grund der Kopplung gleichzeitig abliefen, und jenen, die Ergebnis einer normalen lichtschnellen Kommunikation zwischen den Protonen waren. Die einfachste Art und Weise, dies zu ermöglichen, bestand darin, den Abstand zwischen den einzelnen Registern zu vergrößern. Die Zeit, die das Licht für die Strecke zwischen zwei Registern benötigte, war so leichter messbar. Daher wurden die Protonen durch magnetische Säulen, die über die ganze Kammer verteilt waren, an Ort und Stelle gehalten. Ponter und Adikor setzten ihren Kopfschutz ab und betraten den Kontrollraum. Adikor war der Praktiker. Er fand Mittel und Wege, Ponters Ideen umzusetzen. Er wandte sich einer Konsole zu und ließ Routineprozeduren ablaufen, die erforderlich waren, um den Quantencomputer betriebsbereit zu machen. »Wann sind wir fertig?«, fragte Ponter. »Noch ein halber Zehnt«, erwiderte Adikor. »Ich habe immer noch Schwierigkeiten mit der Stabilisierung von Register 69.« »Meinst du, es wird funktionieren?«, fragte Ponter. »Ich?«, meinte Adikor. »Natürlich wird es funktionieren. 15 Das habe ich gestern gesagt, und vorgestern, und vorvorgestern.« »Der ewige Optimist«, schmunzelte Ponter. »He«, sagte Adikor, »wenn du so weit unten bist, gibt's nur noch den Weg nach oben.« Ponter lachte, ging in den Essraum und holte sich eine Tube Wasser. Er hoffte, dass das Experiment heute auch wirklich ein Erfolg werden würde. Die nächste Versammlung des Grauen Rats stand unmittelbar bevor. Er und Adikor hätten erneut zu erklären, was sie der Gemeinschaft durch ihre Arbeit zurückgeben wollten. Normalerweise wurden die Vorschläge der Wissenschaftler genehmigt - allen war bewusst, wie sehr die Wissenschaft das Leben verbessert hatte -, aber es war dennoch stets befriedigender, von positiven Ergebnissen zu berichten. Mit den Zähnen riss Ponter die Kunststoffkappe der Wassertube auf und trank etwas von der kühlen Flüssigkeit. Dann kehrte er in den Kontrollraum zurück, setzte sich an seinen Schreibtisch, studierte blassgrüne, rechteckige Plastikkärtchen und sah sich die Notizen ihres letzten Versuchs noch einmal an. Dabei trank er gelegentlich einen Schluck Wasser. Ponter hatte Adikor, der auf der anderen Seite des kleinen Raums mit verschiedenen Schaltern hantierte, den Rücken zugewandt. Die Hauptwand des Raums bestand größtenteils aus Glas, so dass der riesige Rechnerraum gut einzusehen war. Die beiden Physiker hatten bereits beträchtliche Erfolge mit ihrem Quantencomputer erzielt. Im letzten Zehntmonat war es ihnen gelungen, eine Zahl zu faktorisieren, die 1073 Wasserstoffatome als Register erfordert hatte - eine größere Menge als der gesamte Wasserstoff dieser Galaxis sowie eine über sechzigmal höhere Kapazität als die des gesamten Rechnerraums, selbst wenn er völlig mit Wasserstoff gefüllt gewesen wäre. Ihr Erfolg lag darin begründet, dass die begrenzte Anzahl physikalischer Register gleichzeitig in vielfachen, superpositionierten Zuständen existierte. 15 In gewisser Hinsicht war das nächste Experiment lediglich eine Steigerung des vorherigen: der Versuch, eine noch größere Zahl zu faktorisieren. Ponter las noch ein paar ältere Ausdrucke und justierte dann die Kameras und Tonbandgeräte neu. Er wollte sichergehen, dass das gesamte Experiment aufgezeichnet werden würde, damit hinterher kein Zweifel am Ergebnis bestünde. Wenn sie bloß ... »Fertig!«, sagte Adikor. Ponter spürte, wie sein Herz zu rasen begann. Er wünschte so sehr, dass das Experiment gelang sowohl für sich als auch für Adikor. Er hatte viel Glück im Verlauf seiner Karriere gehabt, in Physikerkreisen war sein Name wohl bekannt. Selbst wenn er heute sterben würde, man würde
sich seiner erinnern. Adikor war nicht so erfolgreich gewesen, obwohl er es ebenfalls verdient hätte. Wie wunderbar wäre es für sie beide, wenn sie Digandals Theorem beweisen könnten - oder widerlegen; beide Ergebnisse wären von Bedeutung. Zwei Schaltkonsolen waren zu bedienen, eine auf jeder Seite des kleinen Raums. Ponter blieb gleich neben der Tür, die zum Essraum führte, stehen, Adikor ging auf die gegenüberliegende Seite des Raums. Alle Bedienelemente hätten sich an einem Ort befinden sollen, aber diese Anordnung hatte fast dreißig Armspannen des kostspieligen Quantenleitungskabels gespart. »Alles klar?«, fragte Adikor. Ponter ließ den Blick über die Reihe von Lämpchen auf seiner Konsole gleiten. Alle zeigten Rot, die Farbe des Bluts, die Farbe der Gesundheit. »Ja.« Adikor nickte. »Zehn Schläge«, sagte er und begann mit dem Countdown. »Neun. Acht. Sieben. Sechs. Fünf. Vier. Drei. Zwei. Eins. Null.« Auf Ponters Konsole blitzten mehrere Lämpchen auf und zeigten an, dass die Register arbeiteten. Theoretisch hätten innerhalb eines Schlages alle möglichen Faktoren auspro 16 biert und die Ergebnisse als Reihe von Interferenzmustern auf einem photographischen Film gebannt werden sollen. Ein konventioneller Rechner müsste die Interferenzmuster dekodieren, um die Liste von Faktoren zusammenzustellen - die, falls Digandal sich irrte und diese Zahl keine Primzahl wäre, allerdings sehr lang sein konnte. Ponter verließ seine Konsole und setzte sich. Adikor ging auf und ab, sah durch das Glas auf die Reihen von Registertanks. Jeder einzelne war eine versiegelte Säule aus Glas und Stahl, die eine bestimmte Menge Wasserstoff enthielt. Schließlich ertönte von einem konventionellen Rechner ein >Ping!< - das Zeichen, dass die Auswertung der Interferenzmuster beendet war. Im Zentrum von Ponters Schaltpult befand sich ein rechteckiger Monitor, die Ergebnisse erschienen in schwarzen Hieroglyphen auf gelbem Grund. Und sie lauteten ... »Knorpel!«, fluchte Adikor, der hinter Ponter stand, eine Hand auf dessen Schulter. Auf dem Display stand: »Fehler in Register 69, Faktorisierung abgebrochen.« »Wir müssen es ersetzen«, meinte Ponter. »Es hat uns bisher nur Schwierigkeiten bereitet.« »Es ist nicht das Register«, entgegnete Adikor. »Es ist die Platte, die es am Boden festhält. Aber es wird einen Zehntag dauern, um eine neue herzustellen.« »Wir können also vor der Versammlung des Grauen Rats nichts unternehmen?«, fragte Ponter. Er freute sich nicht gerade darauf, den älteren Einwohnern sagen zu müssen, dass ihrem Wissen seit der letzten Ratsversammlung nichts hinzugefügt worden war. »Es sei denn ...« Adikors Stimme erstarb. »Was?« »Na ja, das Problem mit 69 besteht darin, dass es dazu tendiert, auf seiner Platte zu vibrieren. Die Klammern sind fehlerhaft hergestellt worden. Wenn wir etwas finden könnten, um sie irgendwie zu verankern ...« 16 Ponter sah sich im Raum um. Nichts. »Wie wäre es, wenn ich mich einfach draufstelle? Du weißt schon, die Platte mit meinem ganzen Gewicht runterdrücke. Würde sie dann auch noch vibrieren?« Adikor runzelte die Stirn. »Du wirst sie sehr ruhig halten müssen. Der Apparat toleriert natürlich eine gewisse Bewegung, aber ...« »Ich kann's versuchen«, meinte Ponter. »Nur - wird meine Anwesenheit im Rechner nicht eine Inkohärenz hervorrufen?« Adikor schüttelte den Kopf. »Nein. Die Registersäulen sind stark genug abgeschirmt. Es wäre ein wesentlich stärker radioaktiv oder elektronisch strahlendes Element als ein menschlicher Körper notwendig, um Fehler zu provozieren.«
»Na, und?« Erneut runzelte Adikor die Stirn. »Ist kaum eine besonders elegante Lösung des Problems.« »Aber es könnte funktionieren.« Adikor nickte. »Schätze, einen Versuch ist's wert. Besser, als mit leeren Händen zum Rat zu gehen.« »Also schön!«, erwiderte Ponter entschlossen. »Dann tun wir's.« Adikor nickte, und Ponter öffnete die Tür, die die anderen drei Räume von der großen Kammer mit den Registertanks trennte. Er stieg die Treppe zu dem polierten Granitboden hinab, der mit Laserstrahlen geglättet worden war. Ponter bewegte sich vorsichtig, er war hier schon einmal ausgerutscht. Als er Zylinder 69 erreicht hatte, legte er eine Hand auf die gekrümmte Oberfläche, bedeckte sie mit der anderen Hand und drückte sie dann mit aller Kraft nach unten. »Von mir aus kannst du!«, rief Ponter. »Zehn«, rief Adikor zurück. »Neun. Acht. Sieben.« Ponter mühte sich verzweifelt, die Hände ruhig zu halten. So weit er sagen konnte, vibrierte der Zylinder nicht im Geringsten. »Sechs. Fünf. Vier.« 17 Ponter holte tief Luft, um sich zu beruhigen. Er hielt sie an. »Drei. Zwei. Eins.« Also los, dachte Ponter. »Null!« Adikor hörte das Glas im Fenster des Kontrollraums heftig klirren. »Ponter!«, rief er und rannte zur Scheibe. »P-Ponter?« Aber dieser war wie vom Erdboden verschluckt. Adikor zog am Griff der unverschlossenen Tür und ... Wusch! Die Tür schwang nach außen. Sie flog förmlich auf und riss Adikor den Griff aus der Hand, als ein gewaltiger Luftstrom vom Kontrollraum an ihm vorüber in die Rechnerkammer drang. Fast wäre Adikor mit dem Gesicht voran die kleine Treppe hinabgefallen. Luft strömte rasend schnell aus dem Kontrollraum und der Mine in den Raum hinein -als wäre die Luft, die sich vorher hier befunden hatten, irgendwie schlagartig abgezogen worden. In Adikors Ohren knackte es wiederholt. »Ponter!«, rief er wieder, als der Sturm abgeflaut war. Der Raum war zwar groß, aber die in einem weiten Gitter angeordneten Registertanks waren allesamt schlanke Säulen. Ponter hätte sich unmöglich dahinter verstecken können. Was war geschehen? Wäre eine Felswand irgendwo in der Mine zusammengebrochen, hinter der sich ein Bereich niedrigen Drucks befunden hätte, dann hätte es vielleicht... Aber im gesamten Minenkomplex gab es seismische Sensoren, und die hätten den Ausstoß von Alarmgerüchen hier im Rechnerlabor ausgelöst, wenn es eine solche Störung gegeben hätte. Adikor rannte über den Granitboden. »Ponter!«, rief er immer weder. »Ponter?« Es gab keinen Spalt im Boden, er hätte also nicht vom Erdboden verschluckt werden können. Adikor konnte Register 17 tank 69, an dem Ponter gearbeitet hatte, am anderen Ende des Raums genau erkennen. Ponter war offensichtlich nicht dort, aber Adikor rannte trotzdem hinüber und suchte nach einem Hinweis, und ... Knorpel! Seine Füße fanden keinen Halt mehr und er schlug mit dem Rücken auf den Granitboden. Die Oberfläche war mit Wasser bedeckt - mit viel Wasser. Woher stammte es? Ponter hatte zuvor aus einer Tube getrunken, aber Adikor war sich sicher, dass er sie oben geleert hatte. Und abgesehen davon war das hier bei weitem mehr, als in eine Tube gepasst hätte. Das Wasser - wenn es denn Wasser war - sah sauber aus, klar. Adikor hob die nasse Handfläche ans Gesicht und schnüffelte. Nichts. Ein vorsichtiges Lecken.
Uberhaupt kein Geschmack. Es war anscheinend rein. Reines, klares Wasser. Adikors Herz klopfte heftig, seine Gedanken rasten, und er zog los, um sich einige Behälter zu besorgen und das Wasser einzusammeln. Es war der einzige Hinweis, den er hatte. Woher mochte es wohl kommen? Und wohin, um alles auf der Welt, war Ponter verschwunden? 18
KAPITEL FÜNF Was zum ...? Vollkommene Schwärze. Und - Wasser! Ponter Boddits Beine waren nass, und ... Und er versank. Das Wasser reichte ihm bis zur Taille, bis zur Brust, bis zum Kinn. Ponter trat heftig um sich. Er hatte die Augen weit geöffnet, aber da war nichts -absolut nichts - zu erkennen. Er schlug mit den Armen um sich, während er Wasser trat, schnappte nach Luft. Was war geschehen? Wo mochte er sein? Im einen Augenblick hatte er noch im Quantencomputerraum gestanden, und im nächsten ... Dunkelheit - so unerbittlich dunkel war es, dass Ponter glaubte, erblindet zu sein. Oder die Schwärze war Folge einer Explosion. Zersplitterndes Gestein stellte in diesen Tiefen stets eine Gefahr dar, und ... Und ein Einbruch unterirdischen Wassers lag durchaus im Bereich des Möglichen. Er ruderte noch etwas mit den Armen, streckte dann die Füße aus, tastete nach dem Grund, aber ... Da war nichts, überhaupt nichts. Einfach bloß noch mehr Wasser. Er konnte eine Handspanne vom Grund entfernt sein oder tausendmal so weit. Er dachte daran, hinabzutauchen, um es herauszufinden, aber da es so dunkel war, er frei dahintrieb und es keinerlei Licht gab, verlor er womöglich das Gefühl dafür, wo oben war und würde es nicht mehr rechtzeitig zurück zur Oberfläche schaffen. Er hatte Wasser in den Mund bekommen, als er nach dem Grund getastet hatte. Es hatte überhaupt keinen Geschmack, von einem unterirdischen Fluss hätte er erwartet, dass er brackig schmecken würde, aber dieses hier schien so rein wie Schmelzwasser zu sein. 18 Er schnappte weiterhin nach Luft. Sein Herz raste, und ... Er wollte zum Ufer schwimmen, wo es auch immer sein mochte ... Ein Ächzen, ein ganz, ganz tiefes Ächzen rings umher. Und wieder, wie ein erwachendes Tier, wie ... Wie etwas unter großer Spannung? Schließlich hatte er genügend Luft in den Lungen, so dass es ihm gelang, einen Schrei auszustoßen. »Hilfe!«, rief Ponter. »Hilfe!« Das Wort hallte unheimlich wider, als befände er sich in einem geschlossenen Raum. War er immer noch in der Rechnerhalle? Aber wenn ja, warum antwortete Adikor nicht? Er konnte nicht einfach hier bleiben. Noch war er nicht erschöpft, aber das würde nicht mehr lange dauern. Er musste zur Oberfläche finden, oder etwas im Wasser, das er zum Festhalten benutzen konnte, um sich damit treiben zu lassen, und ... Erneut das Ächzen, lauter, hartnäckiger. Ponter versuchte es mit Hundepaddeln. Wenn es nur etwas Licht gäbe - irgendwelches Licht. Er schwamm ein kurzes Stück, zumindest wollte es ihm so vorkommen, und ... Heftiger Schmerz! Ponter prallte mit dem Kopf gegen etwas Hartes. Er trat wieder Wasser, seine Gliedmaßen begannen zu schmerzen. Er spreizte die Finger und streckte die Hand aus, die Handfläche nach vorn. Was auch immer ihn getroffen hatte, es war hart und warm - also weder Metall noch Glas. Und es war völlig glatt, vielleicht leicht konkav, und ... Ein weiteres Ächzen. Es kam von ...
Sein Herzschlag geriet ins Stolpern; er spürte seine Augen groß werden, aber sie sahen überhaupt nichts in dieser verdammten Schwärze. ... von der harten Wand vor ihm. Er schwamm in die entgegengesetzte Richtung, der Lärm war mittlerweile ohrenbetäubend. Wo war er? 19 Immer lauter wurde es. Er schwamm weiter und ... Aua! Das tat weh! Er war gegen eine weitere harte, glatte Wand geprallt. Das waren bestimmt nicht die Wände in der Quantencomputerkammer, die waren mit weichem, schalldämpfendem Stoff ausgelegt. Schschschschsch! Plötzlich geriet das Wasser rings um Ponter in Bewegung, wurde immer schneller, wurde zum brüllenden Strom, riss ihn mit, als befände er sich in einem wütenden Fluss. Ponter holte tief Luft, atmete zugleich etwas Wasser ein, und dann ... Dann spürte er, wie ihn etwas Hartes am Kopf traf, und zum ersten Mal, seit dieser Wahnsinn angefangen hatte, erblickte er Licht: Sterne vor den Augen. Und dann wieder Schwärze, und Schweigen, und ... Nichts mehr. Adikor Huld kehrte zum Kontrollraum zurück. Erstaunt schüttelte er den Kopf, ungläubig. Ponter und er waren schon ewig Freunde, sie waren beide 145er und sich zum ersten Mal als Studenten an der Akademie der Wissenschaften begegnet. Doch während dieser ganzen Zeit hatte er nie erlebt, dass Ponter etwas für dumme Scherze übrig gehabt hätte. Abgesehen davon gab es keinen Ort, an dem er sich hätte verstecken können. Feuerschutzvorkehrungen erforderten überirdisch eine Vielzahl von Ausgängen aus einem Raum, aber hier unten war das praktisch unmöglich. Der einzige Weg nach draußen führte durch den Kontrollraum. Einige Rechnereinrichtungen hatten falsche Fußböden, um die Verkabelung zu verstecken, aber hier lag sie offen, und der Boden bestand aus uraltem, glatt poliertem Granit. Adikor hatte die Konsolen beobachtet und nicht durch die Glaswand in die Rechnerkammer geschaut. Trotzdem -er hatte kein Aufblitzen oder Ähnliches bemerkt. Wenn Ponter - nun ja, was? Verdampft? Wenn er also verdampft 19 worden wäre, hätte bestimmt Rauch oder der Geruch von Ozon in der Luft gelegen. Aber da war nichts. Er war schlicht verschwunden. Benommen ließ sich Adikor in einen Stuhl fallen - Ponters Stuhl. Er wusste nicht, was er als Nächstes tun sollte, er hatte buchstäblich keine Ahnung. Er benötigte mehrere Herzschläge, um sich zu sammeln. Er sollte die Stadtverwaltung davon in Kenntnis setzen, dass Ponter verschwunden war, dafür sorgen, dass man eine Suche organisierte. Es war vorstellbar, dass der Boden sich geöffnet hatte und Ponter in einen anderen Stollen, eine andere Ebene der Mine gefallen war und sich verletzt hatte. Adikor erhob sich. Dr. Reuben Montego, die beiden Sanitäter und der Verletzte traten durch die Automatiktüren der Notfallambulanz am St. Joseph's Health Centre, das zum Regionalkrankenhaus von Sudbury gehörte. Der Mann in der Unfallaufnahme war ein Sikh, Mitte fünfzig, mit einem jadegrünen Turban. »Was fehlt diesem Mann?«, fragte er. Reuben warf einen kurzen Blick auf das Namensschildchen des Mannes, auf dem N. SINGH, M.D., stand. »Dr. Singh«, sagte er, »ich bin Reuben Montego, zuständiger Arzt für die Creighton-Mine. Dieser Mann hier ist fast in einem Tank mit schwerem Wasser ertrunken, und er hat, wie Sie sehen, ein Schädeltrauma erlitten.« »Schweres Wasser?«, meinte Singh. »Woher haben Sie ...« »Im Neutrino-Observatorium«, entgegnete Reuben.
»Ach ja«, sagte Singh. Er drehte sich um und rief nach einem Rollstuhl, sah daraufhin wieder die Männer an und machte sich Notizen auf einem Klemmbrett. »Ungewöhnliche Körperform«, stellte er fest. »Ausgeprägte Uberaugenwülste. Sehr muskulös, sehr breitschultrig. Kurze Gliedmaßen. Und - hallo! -, was ist das denn?« 20 Reuben schüttelte den Kopf. »Ich weiß es nicht. Ist anscheinend in seine Haut implantiert.« »Sehr seltsam«, murmelte Singh. Er sah dem Mann ins Gesicht. »Wie fühlen Sie sich?« »Er spricht kein Englisch«, bemerkte Reuben. »Aha«, sagte der Sikh. »Naja, seine Knochen werden für ihn sprechen. Bringen wir ihn in die Radiologie.« Reuben Montego ging in der Notaufnahme auf und ab und unterhielt sich gelegentlich mit einem vorbeikommenden Arzt. Schließlich erfuhr er von Singh, dass die Röntgenaufnahmen fertig seien. Reuben hoffte, aus beruflicher Höflichkeit zur Auswertung hinzugezogen zu werden, und Singh bat ihn in der Tat, ihm zu folgen. Der Verletzte hielt sich nach wie vor im Röntgenraum auf, wahrscheinlich für den Fall, dass Singh weitere Bilder haben wollte. Er saß jetzt in einem Rollstuhl und wirkte erschrockener als ein kleines Kind. Der Radiologie-Assistent hatte die Röntgenbilder des Mannes - eine Frontansicht und eine Lateralansicht - vor eine erleuchtete Wandtafel geklemmt. »Sehen Sie sich das mal an!«, sagte Reuben leise. »Bemerkenswert«, meinte Singh. »Einfach bemerkenswert.« Der Schädel war lang - viel länger als ein normaler Schädel -, und er hatte eine abgerundete Ausbuchtung am Hinterkopf, fast wie ein Haarknoten. Die beiden gebogenen Wülste über den Brauen standen hervor, und die Stirn war niedrig. Die Nasenhöhlen waren gigantisch, und seltsame dreieckige Fortsätze wiesen von beiden Seiten darauf. Der riesige Unterkiefer war am unteren Bildrand zu erkennen, und es zeigte sich jetzt, was der Bart verborgen hatte: Ein Kinn fehlte. Außerdem gab es eine Lücke zwischen dem letzten Backenzahn und dem übrigen Kiefer. »So etwas habe ich noch nie gesehen«, staunte Reuben. Singhs braune Augen weiteten sich. »Ich schon«, meinte 20 er. »Ich schon.« Er wandte sich zu dem Mann um, der nach wie vor im Rollstuhl saß und sinnloses Zeug vor sich hin brabbelte. Dann konsultierte Singh erneut die geisterhaft grauen Bilder. »Unmöglich«, sagte der Sikh. »Unmöglich!« »Was?« »Es kann nicht sein ...« »Was? Dr. Singh, um Gottes willen ...« Singh hob die Hand. »Ich weiß nicht, wie das sein kann, aber ...« »Ja? Ja?« »Ihr Patient«, sagte Singh völlig verwundert, »ist anscheinend ein Neanderthaler.« 20
KAPITEL SECHS »Gute Nacht, Professor Vaughan.« »Gute Nacht, Daria. Bis morgen.« Mary Vaughan warf einen Blick auf die Uhr. Es war jetzt fünf Minuten vor 9 Uhr abends. »Seien Sie vorsichtig!« Die junge Examensstudentin lächelte. »Werd' ich.« Und sie verließ das Labor. Mary sah ihr nach und dachte wehmütig an die Zeit, als sie selbst so schlank und rank wie Daria gewesen war. Mary war achtunddreißig, kinderlos und lebte seit langem von ihrem Gatten getrennt. Sie kehrte zu ihrer Arbeit am Autoradiographenfilm zurück und las Nukleotid für Nukleotid ab. Die DNS, die sie gerade studierte, war einer Wandertaube entnommen, die im naturgeschichtlichen Museum stand. Sie war hierher an die York-Universität geschickt worden, um nachzuprüfen, ob die Gensequenz vollkommen aufgelistet werden konnte. Schon zuvor
waren Versuche unternommen worden, aber die DNS war bisher immer zu stark degeneriert gewesen. Marys Laboratorium hatte allerdings schon beispiellose Erfolge bei der Rekonstruktion von DNS vorzuweisen. Leider war auch die vorliegende Sequenz unvollständig; unmöglich, anhand dieser Probe zu bestimmen, welcher Nukleotidstrang ursprünglich vorhanden gewesen war. Mary rieb sich die Nasenwurzel. Sie müsste diesem Taubenexemplar weitere DNS entnehmen, aber sie war zu müde, um das noch heute Abend zu erledigen. Sie warf einen Blick auf die Wanduhr. Inzwischen war es kurz vor halb zehn. Das war nicht so spät. Eine Menge Seminare des Sommersemesters gingen bis 21.00 Uhr, es sollten also immer noch recht viele Menschen unterwegs sein. Wenn sie bis nach 22.00 Uhr arbeitete, rief sie gewöhnlich jemanden vom Campusbegleitdienst, der sie zu ihrem Wagen brachte. Aber 21 so früh am Abend, nun ja, da schien das noch nicht nötig zu sein. Mary zog sich den blassgrünen Laborkittel aus und hängte ihn an das Regal neben der Tür. Es war August, das Labor hatte eine Klimaanlage, aber es war bestimmt noch ziemlich warm draußen. Mary schaltete das Licht aus; eine der Neonröhren flackerte. Kurz darauf schloss sie die Tür ab und ging den Flur des zweiten Stockwerks entlang, vorbei am Pepsi-Automaten. (Pepsi hatte der York-Universität zwei Millionen Dollar dafür bezahlt, auf dem Campus der Exklusiv-Versorger für Erfrischungsgetränke zu sein.) An den Wänden hingen die üblichen schwarzen Bretter mit Ankündigungen freier Fakultätsstellen, Seminarnachrichten, Clubtreffen, Lockvogelangeboten für billige Kreditkarten und Zeitschriftenabos, dazu Zettel mit allen möglichen Dingen, die von den Studenten und der Fakultät verkauft wurden. Darunter war ein armer Tropf, der auf jemanden hoffte, der ihm tatsächlich noch Geld für eine alte elektrische Schreibmaschine geben würde. Mary folgte dem Korridor, wobei ihre Absätze auf den Fliesen klackten. Niemand war zu sehen. Sie hörte das Rauschen der Urinale aus der Herrentoilette, als sie daran vorüberging. Aber das geschah automatisch, gesteuert von einer Zeitschaltuhr. Die Tür zum Treppenhaus hatte Fenster aus Sicherheitsglas mit einliegendem Drahtgeflecht. Mary drückte sie auf und lief die Betontreppen hinab. Im Erdgeschoss angekommen, verließ sie das Treppenhaus und betrat einen weiteren Flur, der, von einem am Ende des Ganges arbeitenden Hausmeister abgesehen, ebenfalls menschenleer war. Sie betrat den Eingangsbereich, ließ die Verteilerboxen für die Campuszeitung The Excalibur hinter sich und gelangte schließlich durch die Doppeltür in die warme Nachtluft. Der Mond war noch nicht aufgegangen. Mary schritt über den Bürgersteig und kam dabei an ein paar Studenten vorbei. Sie verscheuchte ein paar lästige Insekten und ... 21 Eine Hand legte sich über ihren Mund und sie spürte etwas Kaltes und Scharfes an der Kehle. »Keinen Mucks!«, befahl eine tiefe, heisere Stimme, und jemand zog sie zurück. »Bitte ...«, flehte Mary. »Schnauze!«, fuhr der Mann sie an. Er zog sie weiter und drückte ihr dabei das Messer an den Hals. Marys Herz klopfte heftig. Die Hand über ihrem Mund löste sich, und einen Moment später lag sie auf ihrer linken Brust und quetschte sie grob und schmerzhaft. Er zerrte sie in eine kleine Nische zwischen zwei Betonmauern, die von einer großen Kiefer fast ganz verborgen war, und warf Mary herum. Er presste ihre Arme gegen die kalte raue Wand, das Messer jetzt in der Linken, mit der er zugleich ihr Handgelenk umklammert hielt. Jetzt war es ihr möglich, einen Blick auf ihren Peiniger zu werfen. Er hatte sich eine schwarze Sturmhaube über den Kopf gezogen, war jedoch eindeutig ein Weißer - um die blauen Augen herum sah sie seine Haut. Mary versuchte, ihm das Knie in die Geschlechtsteile zu rammen, aber er wich zurück.
»Kämpf nicht gegen mich!«, sagte die Stimme. Mary roch Tabak in seinem Atem und spürte, dass seine Handfläche auf ihrem Gelenk schweißnass war. Der Mann zog den Arm von der Wand zurück, riss Mary mit sich, dann drückte er beide Arme erneut gegen den Beton, das Messer bedrohlich nahe an ihrem Gesicht. Seine andere Hand tastete vorne an seiner Hose herum, und Mary hörte das Geräusch eines sich öffnenden Reißverschlusses. Ihr stieß es sauer auf. »Ich ... ich habe AIDS!«, presste sie hervor, die Augen fest verschlossen. Der Mann lachte. Ein krächzendes, humorloses Geräusch. »Dann sind wir schon zwei«, meinte er. Marys Herz setzte einen Schlag lang aus, aber er log wahrscheinlich auch. Wie vielen Frauen hatte er das schon angetan? Wie viele hatten das gleiche verzweifelte Spiel versucht? Eine Hand zerrte an ihrer Hose und zog sie hinab. Mary spürte, wie sich der Reißverschluss teilte und die Hose über 22 ihre Hüften glitt, wie sein Becken und sein steinharter Schwanz an ihrem Slip rieben. Sie schrie und plötzlich schloss sich die Hand des Mannes um ihre Kehle, seine Fingernägel drangen in ihr Fleisch. »Maul halten, Hure!« Warum kam niemand vorbei? Warum war niemand in der Nähe? Mein Gott, warum ... Eine Hand riss ihren Slip herunter, dann spürte sie seinen Penis an ihren Schamlippen. Der Mann rammte ihn ihr in die Scheide. Der Schmerz war unerträglich; ein grausames, alles vernichtendes Feuer wütete in ihrem Unterleib. Es geht nicht um Sex, dachte Mary, und Tränen quollen ihr aus den Augen. Das ist ein Gewaltverbrechen. Ihr Kreuz schlug heftig gegen die Betonmauer, als der Mann sich mit seinem vollen Gewicht gegen sie warf, seinen Penis tief in sie hineinrammte, wieder, und wieder, und noch einmal, und sein tierisches Grunzen wurde bei jedem Stoß lauter. Und dann war es endlich vorüber. Er zog sich zurück. Mary wusste, dass sie hinabschauen, nach besonderen Kennzeichen suchen sollte, dass sie nachsehen sollte, ob er beschnitten war. Alles, was helfen könnte, das Schwein zu bestrafen, wäre wichtig, aber sie ertrug es nicht, hinzusehen, ihn anzusehen. Sie legte den Kopf in den Nacken, schaute zum dunklen Himmel auf, und alles verschwamm hinter einem Tränenschleier. »So, jetzt bleibst du schön hier«, sagte der Mann und klopfte ihr mit der flachen Seite des Messers auf die Wange. »Du sagst kein Wort und bleibst fünfzehn Minuten hier stehen.« Sie hörte erneut das Geräusch seines Reißverschlusses, und anschließend die Schritte, als der Mann über den grasbedeckten Boden davonrannte. Mary lehnte sich an die Mauer, rutschte auf den Bürgersteig und zog die Knie bis ans Kinn. Sie verabscheute sich für das Gewimmer, das sich ihrer Kehle entrang. Nach einer Weile schob sie behutsam eine Hand zwischen ihre Beine, zog sie dann wieder weg. Sie betrachtete ihre Finger: kein Blut! Gott sei Dank! 22 Sie wartete, bis sich ihr Atem beruhigt und ihr Magen wieder so weit erholt hatte, dass sie aufstehen konnte, ohne sich gleich zu übergeben. Und dann erhob sie sich, schmerzgepeinigt und langsam. Sie hörte Stimmen - Frauenstimmen - in der Ferne, zwei plappernde und lachende Studentinnen, die vorübergingen. Etwas in ihr wollte nach ihnen rufen, aber die Worte blieben ihr im Hals stecken. Sie wusste, dass hier draußen vielleicht fünfundzwanzig Grad Celsius waren, aber ihr war kalt, kälter, als es ihr je im Leben gewesen war. Sie rieb sich die Arme, um sich zu wärmen. Sie brauchte - ja, wie viel? Fünf Minuten? Fünf Stunden? -, bis sie ihre Sinne wieder beieinander hatte. Sie sollte ein Telefon suchen, den Notruf wählen, die Polizei von Toronto anrufen ... oder die Campuspolizei, oder - sie hatte davon gehört, hatte in Campus-Handbüchern davon gelesen das Nothilfezentrum für Vergewaltigungsopfer der York-Universität, aber ... Aber sie wollte mit niemandem reden, wollte niemanden sehen - wollte nicht, dass jemand sie so sähe.
Mary schloss die Hose, holte tief Luft und ging los. Es dauerte einige Augenblicke, bis sie sich der Tatsache bewusst wurde, dass sie nicht zu ihrem Wagen ging, sondern vielmehr zurück zum Farquharson-Gebäude für Biowissenschaften. Als sie dort angekommen war, klammerte sie sich bis hinauf in den zweiten Stock ans Treppengeländer. Sie hatte Angst, loszulassen, hatte Angst, das Gleichgewicht zu verlieren. Zum Glück lag der Flur noch genauso verlassen vor ihr wie wenige Minuten zuvor. Es gelang ihr, ungesehen ins Labor zurückzukehren. Sie musste sich keine Sorgen machen, schwanger geworden zu sein. Sie nahm die Pille - in ihren Augen keine Sünde, sehr wohl aber in denen ihrer Mutter -, seit sie Colm geheiratet hatte, und auch nach ihrer Trennung hatte sie sie nicht abgesetzt, obwohl es wenig Sinn hatte, sie weiter 23 zu nehmen. Aber eine Klinik würde sie aufsuchen und sich einem AIDS-Test unterziehen, einfach nur, um auf Nummer Sicher zu gehen. Mary würde keine Anzeige erstatten, das stand für sie bereits fest. Wie viele Male hatte sie von Frauen gelesen, die eine Vergewaltigung verschwiegen hatten, und sie verflucht? Sie verrieten andere Frauen, ließen ein Ungeheuer davonkommen, gaben ihm Gelegenheit, es einer anderen anzutun - ihr, in diesem Fall, und dennoch ... Es war so leicht, sie zu verfluchen, wenn man selbst nicht betroffen war, es nicht selbst erlebt hatte. Sie wusste, was mit Frauen geschah, die Männer der Vergewaltigung beschuldigten, sie hatte es zahllose Male im Fernsehen gesehen. Die Männer würden ihr die Schuld in die Schuhe schieben. Sie würden behaupten, die Frau sei keine glaubwürdige Zeugin, sie sei irgendwie einverstanden gewesen, sie habe einen lockeren Lebenswandel. »Also, Sie sagen, Sie seien eine gute Katholikin, Mrs. O'Casey - oh, tut mir Leid, Sie führen diesen Namen nicht mehr, stimmt's'? Seitdem Sie Ihren Gatten Golm verlassen haben. Nein, jetzt heißt es Miss Vaughan, nicht wahr? Aber Sie und Professor O'Casey sind immer noch nach Recht und Gesetz miteinander verheiratet, oder? Sagen Sie doch bitte dem Gericht, ob Sie mit anderen Männern geschlafen haben, seitdem Sie Ihren Gatten verließen!« Die Gerechtigkeit, das wusste sie, war selten in einem Gerichtssaal anzutreffen. Sie würde in der Luft zerrissen und zu etwas Neuem zusammengesetzt werden, das sie nicht wiedererkennen würde. Und am Ende lief es aufs Gleiche hinaus. Das Ungeheuer würde davonkommen. Mary holte tief Luft. Vielleicht würde sie irgendwann ihre Meinung ändern. Aber das Einzige, was jetzt wirklich wichtig war, war ein handfestes Beweisstück, und sie, Professor Mary Vaughan, war mindestens ebenso kompetent wie eine Polizistin mit einem Notfallkoffer, um es sicherzustellen. Die Tür zu ihrem Labor hatte ein Fenster. Sie bewegte 23 sich so, dass niemand sie sehen konnte, der zufällig draußen im Flur vorüberkäme. Dann zog sie sich die Hose aus, wobei ihr bei dem Geräusch, das der eigene Reißverschluss hervorrief, fast das Herz stehen blieb. Sie holte eine Petrischale und ein paar Baumwolltupfer und sammelte den Schmutz in sich ein, wobei sie hastig einige Tränen davonblinzelte. Anschließend verschloss sie den Probenbehälter, schrieb mit roter Tinte das Datum darauf und klebte ein Etikett mit der Aufschrift >Vaughan 666< darauf, ihren Namen und die passende Zahl für ein solches Ungeheuer. Daraufhin verstaute sie ihren Slip in einem undurchsichtigen Probenbehälter, schrieb das gleiche Datum und den gleichen Namen darauf und stellte beide Behälter in den Kühlschrank, neben die DNS-Proben einer Wandermöwe, einer ägyptischen Mumie und eines Wollmammuts. 23
KAPITEL SIEBEN »Wo bin ich?« Ponter wusste, dass aus seinen Worten Panik klang, aber er konnte sie nicht unterdrücken. Er saß immer noch in dem merkwürdigen Stuhl, der auf Rollen fuhr, und das war gut so, denn er hatte seine Zweifel, ob er selbst stehen könnte. »Beruhige dich, Ponter«, sagte sein Gefährte, das Implantat. »Dein Puls ist bis auf ...« »Mich beruhigen?«, fauchte Ponter, als hätte Hak etwas völlig Lächerliches vorgeschlagen. »Wo bin ich?« »Ich weiß es nicht genau«, erwiderte der Gefährte. »Ich fange keine Signale von den Positionstürmen auf. Darüber hinaus bin ich völlig vom planetarischen Info-Netzwerk abgeschnitten und empfange keinerlei Bestätigung von den Alibi-Archiven.« »Du bist nicht defekt?« »Nein.« »Dann ... dann kann dies nicht die Erde sein, oder? Du würdest Signale empfangen, wenn ...« »Ich bin mir ganz sicher, dass es die Erde ist«, unterbrach Hak. »Hast du die Sonne bemerkt, während sie dich zu diesem weißen Fahrzeug hinübergebracht haben?« »Was ist damit?« »Ihre Farbtemperatur betrug 5200 Grad, und sie nahm ein Siebenhundertstel des Himmelsgewölbes ein - genauso wie Sol, aus dem irdischen Orbit betrachtet. Auch habe ich die meisten Bäume und Pflanzen wiedererkannt. Nein, das ist ganz eindeutig die Oberfläche der Erde.« »Aber der Gestank! Die Luft ist faulig.« »Da muss ich mich auf dein Wort verlassen«, erwiderte Hak. »Könnten wir - könnten wir in der Zeit gereist sein?« »Unwahrscheinlich«, entgegnete der Gefährte. »Aber wenn 24 ich heute Nacht die Sternbilder erkenne, werde ich imstande sein zu sagen, ob wir uns zeitlich eine beträchtliche Strecke vor oder zurück bewegt haben. Und wenn ich einige der anderen Planeten und die Mondphase entdecken kann, sollte ich das exakte Datum berechnen können.« »Aber wie können wir nach Hause? Wie können wir ...« »Ponter, beruhige dich! Du bist nahe daran zu hyper-ventilieren. Hol tief Luft! Jetzt langsam wieder ausatmen. Genau so. Entspanne dich. Noch einen Atemzug ...« »Wer sind diese Kreaturen?«, fragte Ponter und zeigte auf die dürre, haarlose Gestalt mit der dunkelbraunen Haut sowie auf die andere mit der helleren Haut und dem Tuch auf dem Kopf. »Soll ich raten?«, meinte Hak. »Es sind Gliksins.« »Gliksins?«, rief Ponter so laut, dass die beiden seltsamen Gestalten sich zu ihm umwandten. Er senkte die Summe. »Gliksins? Oh, nun komm schon ...« »Sieh dir diese Schädelbilder da drüben an!« Hak sprach durch zwei Implantate im Ohr zu ihm und konnte, indem er die Balance seiner Stimme von rechts nach links verschob, eine Richtung ebenso deutlich zu erkennen geben, als würde er mit Fingern darauf zeigen. Ponter stand auf -zitternd -, durchquerte den Raum, wobei er sich von den seltsamen Wesen entfernte und sich einer weiteren erleuchteten Tafel näherte. Mehrere Röntgenbilder von Schädeln waren darangeheftet. »Ach, du grünes Fleisch!«, stammelte Ponter beim Anblick der merkwürdigen Schädel. »Das sind Gliksins - oder?« »Ich würde sagen, ja. Keinem anderen Primaten fehlen die Wülste über den Augen, und bei keinem anderen steht der Unterkiefer so hervor.« »Gliksins! Aber die sind doch ausgestorben, und zwar seit - na ja, seit wann?« »Vielleicht 400.000 Monde«, erwiderte Hak.
»Aber dies kann unmöglich die Erde vor so langer Zeit sein«, bemerkte Ponter. »Ich meine, eine Zivilisation, wie 25 wir sie gesehen haben, muss auf jeden Fall Spuren hinterlassen, die bei archäologischen Grabungen zu finden sein müssten. Gliksins haben bestenfalls Stein zu groben Keilen gehauen, stimmt's?« »Ja.« Ponter gab sein Bestes, nicht hysterisch zu klingen. »Also, noch mal, wo sind wir?« Reuben Montego sah den Unfallarzt, Dr. Singh, mit offenem Mund an. »Was meinen Sie damit, >er ist anscheinend ein Neanderthaler« »Der Schädel weist sämtliche Charakteristika auf«, erwiderte Singh. »Glauben Sie mir. Ich habe einen Abschluss in Kraniologie.« »Aber wie kann das sein, Dr. Singh? Neanderthaler sind seit Millionen von Jahren ausgestorben!« »In Wahrheit erst seit etwa 27.000 Jahren«, meinte Singh. »Wenn einige kürzlich gemachte Funde sich als echt erweisen. Andernfalls sind sie vor 35.000 Jahren ausgestorben.« »Wie kann dann ...« »Das weiß ich nicht.« Singh wies auf die Röntgenbildern, die am Leuchtbrett klemmten. »Aber die Charakteristika hier sind unübersehbar. Eines oder zwei sind vielleicht bei irgendeinem modernen Schädel des Homo sapiens zu finden. Aber alle? Niemals!« »Welche Charakteristika?«, fragte Reuben. »Der Überaugenwulst, natürlich«, erwiderte Singh. »Er sieht völlig anders aus als bei anderen Primaten: Er ist zweifach gebogen mit einer Furche dahinter. Das Gesicht ist nach vorn gestreckt. Die Prognathie - sehen Sie mal, wie dieser Kiefer hervorspringt! Das Fehlen des Kinns. Die Kluft hinter dem letzten Backenzahn ...« Er zeigte darauf. »Und sehen Sie diese dreieckigen Vorsprünge, die in die Nasenhöhle ragen? Die findet man bei keinem anderen Säugetier, ganz zu schweigen von einem anderen Primaten.« Er tippte auf das Abbild der Schädelrückseite. »Und sehen Sie diese 25 abgerundete Ausbuchtung am Hinterkopf? Sie wird Torus occipitalis genannt. Dieser Wulst ist ein charakteristisches Merkmal des Neanderthalers.« »Sie nehmen mich auf den Arm«, sagte Reuben. »So etwas würde ich nie tun.« Reuben sah sich zu dem Fremden um, der sich aus dem Rollstuhl erhoben hatte und jetzt auf der anderen Seite des Raums voller Erstaunen ein paar Röntgenbilder von Schädeln anstarrte. Dann richtete Reuben wieder den Blick auf den Film vor sich. Weder er noch Singh waren im Raum gewesen, als der Assistent die Bilder aufgenommen hatte. Es war also möglich, dass jemand, aus welchen Gründen auch immer, verschiedene Fotos ersetzt hatte, obwohl ... Obwohl das echte Röntgenaufnahmen waren, Bilder eines lebenden Kopfs, keines Fossils: Nasenknorpel und der Umriss des Fleisches waren deutlich zu erkennen. Dennoch befand sich am Unterkiefer etwas sehr Merkwürdiges. Teile davon zeigten eine viel hellere Grauschattierung im Röntgenbild, so, als bestünden sie aus weniger dichtem Material. Und diese Teile waren glatt, konturlos, als wäre das Material von einheitlicher Zusammensetzung. »Das ist eine Fälschung«, sagte Reuben und zeigte auf den anomalen Teil des Kiefers. »Ich meine - er ist eine Fälschung. Er hat sich mittels plastischer Chirurgie das Aussehen eines Neanderthalers gegeben.« Singh musterte das Röntgenbild mit zusammengekniffenen Augen. »Hier ist was wiederhergestellt worden, ja -aber nur im Backenzahn. Die Schädelform scheint natürlich zu sein.« Reuben warf einen Blick auf den verletzten Mann, der sich nach wie vor die anderen Röntgenbilder anschaute und dabei zu sich selbst sprach. Der Arzt versuchte, sich den Schädel des Fremden unter der Haut vorzustellen. Sah er so wie derjenige aus, den ihm Singh jetzt zeigte?
»Er hat mehrere künstliche Zähne«, fuhr Singh fort und studierte nach wie vor die Aufnahme. »Der Kiefer ist teil 26 weise behandelt worden. Die übrigen Zähne wirken natürlich, obwohl die Wurzeln Taurodontie zeigen - ein weiteres Merkmal eines Neanderthalers.« Reuben wandte sich wieder den Aufnahmen zu. »Keine Karies«, meinte er abwesend »Stimmt«, sagte Singh. Er nahm sich einen Moment Zeit zur Einschätzung der Röntgenbilder. »Auf jeden Fall hat er kein subdurales Hämatom, auch sonst keine Schädelfraktur. Es besteht kein Grund, ihn hier in der Klinik zu behalten.« Reuben sah zu dem Fremdling hinüber. Wer zum Teufel konnte das sein? Er plapperte in einer fremden Sprache, und er hatte sich einer ausgedehnten plastochirurgischen Behandlung unterzogen. Könnte er ein Mitglied eines bizarren Kults sein? War er deshalb in das Neutrino-Observatorium eingebrochen? Das klang plausibel, andererseits ... Andererseits hatte Singh Recht. Abgesehen von der Wiederherstellung des Backenzahns war alles, was sie auf der Röntgenaufnahme sahen, ein natürlicher Schädel. Reuben Montego durchquerte langsam, behutsam, den Raum, als ob ... ihm ging sogleich auf, was er da tat: Er näherte sich dem Fremden nicht wie einem anderen Menschen, sondern eher wie einem wilden Tier. Und dennoch hatte bisher nichts in seinem Verhalten auf etwas anderes als auf die Herkunft aus einer zivilisierten Gesellschaft hingedeutet. Der Mann hörte Reuben näher kommen. Er wandte sich von den Röntgenbildern ab, die seine Aufmerksamkeit erregt hatten, und sah dem Arzt offen entgegen. Reuben starrte ihn an. Zuvor war ihm schon aufgefallen, dass das Gesicht seltsame Züge aufwies. Der Wulst, der über beiden Augen lag, war unübersehbar. Das Haar war präzise in der Mitte gescheitelt, nicht an einer Seite, und es sah so aus, als wäre das von Natur aus so, keine Marotte. Und die Nase ... die Nase war riesig - aber sie war nicht im Geringsten gebogen, und ihr fehlte der Rücken. Reuben hob langsam die rechte Hand und spreizte leicht die Finger. Er achtete darauf, dass die Geste zögernd wirkte 26 und nicht bedrohlich. »Darf ich?«, fragte er und brachte die Hand näher an das Gesicht des Fremden heran. Der Mann mochte die Worte nicht verstanden haben, aber die Absicht der Geste war eindeutig. Er neigte einladend den Kopf. Reuben ließ die Finger über die Uberaugenwülste, die Stirn und von vorn nach hinten über den gesamten Schädel laufen und ertastete die harte Ausbuchtung aus Knochen unter der Haut, den - wie hatte Singh das genannt? - Torus occipitalis. Es bestand überhaupt kein Zweifel: Der Schädel auf der Röntgenaufnahme gehörte zu dieser Person. »Reuben«, sagte Dr. Montego und tippte sich auf die Brust. »Rooben.« Daraufhin öffnete er die Handflächen und hielt sie dem Fremden entgegen. »Ponter«, sagte der Fremde mit tiefer, volltönender Stimme. Natürlich mochte der Fremde >Reuben< als Ausdruck für Montegos Menschenart verstehen, und >Ponter< war vielleicht der Ausdruck des Fremden für Neanderthal. Singh kam zu ihnen herüber. »Naonihal«, sagte er - das stand also für das N auf seinem Namensschildchen. »Mein Name ist Naonihal.« »Ponter«, wiederholte der Fremde. Andere Interpretationen waren immer noch möglich, dachte Reuben, aber es schien wahrscheinlich, dass dies der Name des Mannes war. Reuben nickte dem Sikh zu. »Vielen Dank für Ihre Hilfe.« Er wandte sich wieder an Ponter und bedeutete ihm zu folgen. »Kommen Sie!« Der Mann trat zum Rollstuhl. »Nein«, sagte Reuben. »Nein, das brauchen Sie nicht mehr.«
Er winkte, und der Fremde folgte ihm, zu Fuß. Singh nahm die Röntgenaufnahmen ab, steckte sie in einen großen Umschlag und ging mit ihnen zurück zum Empfang der Notaufnahme. Türen aus Milchglas versperrten den Weg. 27 Als Singh auf eine der Gummimatten davor trat, glitten sie zur Seite und ... Ein elektronisches Blitzlichtgewitter schlug ihnen entgegen. »Ist das der Bursche, der das SNO in die Luft gejagt hat?«, rief eine männliche Stimme. »Welche Schadensersatzforderung wird Inco stellen?«, fragte eine weibliche Reporterin. »Ist er verletzt?«, war ein nächster Journalist zu hören. Reuben benötigte einige Augenblicke, bis er die Szenerie verdaut hatte. Er erkannte einen Mann wieder, der Korrespondent für die örtliche CBC-Station war, und ein anderer war der für die Mine zuständige Reporter des Sudbury Star. Das weitere Dutzend Leute, die sich herandrängten, kannte er nicht, aber sie hielten ihnen Mikrofone mit den Logos von Global Televisión, CTV und Newsworld sowie den Senderzeichen örtlicher Radiostationen entgegen. Seufzend warf Reuben einen Blick auf Singh, aber er ging davon aus, dass das hier unvermeidlich war. »Wie heißt der Verdächtige?«, rief ein weiterer Reporter. »Ist er bereits vorbestraft?« Die Reporter schössen ungeniert Fotos von Ponter, der keine Anstrengung unternahm, das Gesicht zu verbergen. In diesem Augenblick traten zwei Polizeibeamte in dunkelblauen Uniformen heran. »Ist das der Terrorist?« »Terrorist?«, meinte Reuben. »Dafür gibt es keinerlei Anhaltspunkte.« »Sie sind der Minen-Arzt, nicht wahr?«, fragte einer der Polizisten. Reuben nickte. »Reuben Montego. Aber ich halte diesen Mann nicht für einen Terroristen.« »Er hat das Neutrino-Observatorium in die Luft gejagt!«, verkündete ein Reporter. »Das Observatorium ist beschädigt worden, ja«, erwiderte Reuben, »und er war dort, als das geschah. Ich glaube jedoch nicht, dass er es absichüich getan hat. Schließlich ist er fast ertrunken.« 27 »Spielt keine Rolle«, meinte der Polizist, »er wird mit uns kommen müssen.« Reuben sah auf Ponter, auf die Reporter, dann wieder auf Singh. »Sie wissen, was in solchen Fällen geschieht«, sagte er leise zu dem Sikh. »Wenn die Behörden Ponter mitnehmen, wird ihn niemand je wieder sehen.« Singh nickte langsam. »Sollte man annehmen.« Nachdenklich kaute Reuben auf seiner Unterlippe. Dann holte er tief Luft: »Ich weiß nicht, woher er stammt«, sagte er und legte seinen Arm um Ponters gewaltige Schultern, »und ich weiß nicht genau, wie er hierher gekommen ist, aber der Name dieses Mannes ist Ponter, und ...« Reuben hielt inne. Singh sah ihn an. Reuben wusste, dass er es dabei bewenden lassen konnte; ja, der Name des Mannes war nun bekannt. Er müsste nichts weiter ergänzen. Niemand würde ihn für verrückt halten. Aber wenn er fortfuhr ... Wenn er fortfuhr, wäre bald die Hölle los. »Können Sie das bitte buchstabieren?«, rief ein Reporter. Reuben schloss die Augen und sammelte innerlich Kraft. »Nur phonetisch«, erwiderte er und sah den Journalisten an. »P-O-N-T-E-R. Aber wer von Ihnen das auch am raschesten hinkritzelt, er ist bestimmt die erste Person, die je diesen Namen im englischen Alphabet niedergeschrieben hat.« Erneut hielt er inne, warf Singh einen um Unterstützung heischenden Blick zu und fuhr dann fort: »Wir haben den Verdacht, dass dieser Herr kein Homo sapiens sapiens ist. Er ist vielleicht - na ja, ich glaube, Anthropologen diskutieren nach wie vor darüber, wie diese Art von Hominiden richtig zu bezeichnen ist, stimmt's? Er ist anscheinend das, was sie entweder einen Homo neanderthalensis oder Homo sapiens neanderthalensis nennen - so oder so, er ist offensichtlich ein Neanderthaler.«
»Was?«, fragte einer der Reporter. Ein anderer schnaubte verächtlich. Und ein dritter - der Minen-Reporter vom Sudbury Star 28 schürzte die Lippen. Wie Reuben wusste, hatte dieser einen Bachelor in Geologie; zweifelsohne hatte er als Teil seines Studiums auch ein oder zwei Seminare über Paläontologie belegt. »Wie kommen Sie darauf?«, fragte er skeptisch. »Ich habe Röntgenaufnahmen seines Schädels gesehen. Dr. Singh hier war sich ziemlich sicher bei der Identifikation.« »Was hat ein Neanderthaler mit der Zerstörung des SNO zu tun?«, fragte ein Reporter. Reuben zuckte mit den Achseln, womit er zugab, dass das eine sehr gute Frage war. »Wir wissen es nicht.« »Das muss ein Schwindel sein«, meinte der Minen-Reporter. »Wenn ja, dann bin ich ebenso hereingelegt worden wie Dr. Singh.« »Dr. Singh«, rief einer der Reporter, »ist diese - diese Person hier -, ist sie ein Höhlenmensch?« »Tut mir Leid«, erwiderte Singh, »aber ich kann außer mit anderen beteiligten Ärzten nicht über einen Patienten reden.« Reuben sah Singh gespannt an. »Dr. Singh, bitte ...« »Nein«, sagte Singh. »Es gibt Regeln ...« Reuben sah einen Moment lang nachdenklich zu Boden. Dann wandte er sich mit flehendem Blick an Ponter. »Es liegt an Ihnen«, meinte er. Ponter verstand gewiss nicht die Worte, begriff anscheinend jedoch die Bedeutung der Situation. Tatsächlich kam Reuben der Gedanke, dass Ponter Gelegenheit gehabt hätte, das Weite zu suchen. Obwohl nicht besonders groß, war er doch weitaus stämmiger als die beiden Polizisten. Aber Ponter schaute zu Singh hinüber - und als Reuben der Blickrichtung des Neanderthalers folgte, begriff er, dass Ponter eigentlich den Umschlag ansah, den Singh fest umklammert hielt. Er ging zu Singh. Reuben sah, wie einer der Polizisten die Hand auf das Holster legte. Er rechnete offensichtlich damit, dass Ponter sich auf den Arzt stürzen wollte. Aber er blieb 28 direkt vor Singh stehen und streckte die fleischige Hand aus, die Handfläche nach oben - eine Geste, die unmissverständlich war. Singh schien kurz zu zögern, ließ dann allerdings den Umschlag los. Im Raum befand sich kein Leuchtbrett, und es war inzwischen dunkel geworden. Zum Glück gab es ein großes Fenster, das von einer Lampe auf dem Parkplatz dahinter erleuchtet wurde. Ponter trat hinüber. Vielleicht wusste er, dass die Polizisten versucht hätten, ihn festzuhalten, falls er stattdessen zu den Glastüren gegangen wäre, die nach draußen führten. Kurz daraufhielt er eine der Aufnahmen, die Seitenansicht, vor die Scheibe, so dass jeder sie sehen konnte. Sogleich wurden Camcorder darauf gerichtet und noch mehr Fotos geschossen. Anschließend winkte Ponter, Singh solle herüberkommen, was der Sikh auch tat. Ponter tippte auf das Röntgenbild und zeigte dann auf Singh. Er wiederholte die Geste zwei oder drei Mal, danach öffnete und schloss er die linke Hand mit gerade gehaltenen Fingern in der - anscheinend universellen - Geste für >Reden Sie!<. Dr. Singh räusperte sich, sah sich in der Vorhalle um, ließ den Blick über die Gesichter schweifen und zuckte dann leicht die Schultern. »Es, äh, es scheint, als hätte ich die Erlaubnis meines Patienten, über seine Röntgenaufnahmen zu sprechen.« Er zog einen Stift aus der Brusttasche seines Laborkittels und benutzte ihn als Zeigestock. »Sehen Sie diese charakteristisch abgerundete Ausbuchtung am Hinterkopf? Das nennen Paläontologen Torus occipilalis ...« 28
KAPITEL ACHT
Mary Vaughan war die zehn Kilometer zu ihrer Wohnung in Richmond Hill sehr langsam gefahren. Sie wohnte in der Observatory Lane, nahe dem David-Dunlap-Observatorium, das einst - kurz, und vor langer, langer Zeit - das größte optische Teleskop der Welt beherbergt hatte, jetzt aber fast nur noch als Lehrobservatorium diente, da die Lichter Torontos zu hell strahlten. Mary hatte die Wohnung auch wegen ihrer sicheren Lage erworben. Als sie in die Zufahrt einbog, winkte ihr der Wächter zu, obwohl Mary ihm - oder sonst wem - noch nicht in die Augen sehen konnte. Sie passierte die gepflegten Rasenflächen und die großen Kiefern und steuerte ihren Wagen anschließend in die unterirdische Garage auf der Rückseite des Gebäudes. Von ihrem Parkplatz war es ein weiter Weg zu den Aufzügen, aber sie hatte sich dabei niemals unsicher gefühlt, gleich, wie spät es war. An der Decke, zwischen den Abwasser- und Brauchwasserröhren und den Sprinklern, hingen Überwachungskameras, die wie die Schnauzen kleiner Igel hervorstachen. Sie wurde bis zu den Aufzügen permanent überwacht, obwohl sie sich gerade an diesem Abend - an diesem höllischen Abend - wünschte, dass niemand sie sehen könnte. Verriet sie sich durch ihren Gang? Durch die raschen Schritte? Durch den gesenkten Kopf, durch die Art und Weise, wie sie das Vorderteil ihrer Jacke umklammerte, als würden die Knöpfe nicht genügend Sicherheit bieten, genügend Geborgenheit? Geborgenheit. Nein, die würde sie gewiss nie, nie mehr verspüren. Sie betrat die Vorhalle zu den P2-Aufzügen, betätigte den einzelnen Rufknopf und wartete, dass einer der drei Lifte käme. Normalerweise sah sie sich die verschiedenen Mittei 29 lungen an, die die Verwaltung oder andere Bewohner ausgehängt hatten. Heute Abend aber hielt sie den Blick fest auf den Boden gerichtet, auf die abgenutzten, gesprenkelten Fliesen. Oberhalb der geschlossenen Aufzugtüren gab es keine Anzeige, in welcher Etage sich der Lift gerade befand, und obwohl der Aufwärts-Knopf ein paar Sekunden, bevor sich eine der Türen rumpelnd öffnete, erlöschen würde, zog sie es vor, nicht darauf zu achten. Oh, sie wollte einfach nur heim, in ihre Wohnung und allein sein. Schließlich war ein Fahrstuhl da. Sie trat ein und drückte den Knopf für die vierzehnte Etage - in Wirklichkeit wohnte sie in der dreizehnten, aber das sollte ja Unglück bringen. Uber der Leiste mit den Ziffern war ein Glasrahmen eingelassen, auf dem eine mit Laser eingebrannte Inschrift stand: »Wir wünschen Ihnen einen schönen Tag - Ihre Hausverwaltung.« Der Aufzug fuhr nach oben. Als er anhielt, glitt die Tür zitternd zur Seite, und Mary eilte den Korridor entlang -der vor kurzem auf Anweisung eben jener Hausverwaltung neu tapeziert worden war, allerdings in einer grässlichen Schattierung, wie die Farbe von Tomatencremesuppe - und erreichte ihre Wohnungstür. Sie fischte in ihrer Handtasche nach den Schlüsseln, fand sie, zog sie heraus und ... ... und starrte sie an. Tränen schössen ihr in die Augen, alles verschwamm, ihr Herz raste. Sie betrachtete einen kleinen Schlüsselanhänger, und an einem Ende - ihre stets praktisch veranlagte Schwiegermutter hatte ihn ihr geschenkt - hing eine gelbe Kunststoffpfeife, für den Fall einer Vergewaltigung. Sie hatte nie Gelegenheit gehabt, sie zu benutzen - und jetzt war es zu spät. Oh, sie hätte sie nach dem Überfall benutzen können, aber ... Vergewaltigung war ein Gewaltverbrechen, und sie hatte es überlebt. Ein Messer hatte man ihr an die Kehle gehalten, an die Wange gedrückt, und dennoch hatte sie keinen Schnitt zurückbehalten, war nicht entstellt worden. Wenn 29 sie allerdings die Pfeife benutzt hätte, wäre der Mann vielleicht zurückgekehrt und hätte sie umgebracht. Ein leises Klingeln ertönte, ein weiterer Aufzug war eingetroffen. Gleich würde einer ihrer Nachbarn den Flur betreten. Mary steckte mit zitternden Händen den Schlüssel, an dem die Pfeife baumelte, ins Schloss und betrat rasch ihre dunkle Wohnung.
Sie schlug auf den Schalter, die Lampen gingen an. Sie drehte sich um und schloss schnell die Tür. Mary zog sich die Schuhe aus und ging durch das pfirsichfarben gestrichene Wohnzimmer. Sie bemerkte, dass das rote Licht ihres Anrufbeantworters blinkte. Es war ihr gleichgültig. Sie ging ins Schlafzimmer und zog sich aus. Entledigte sich der besudelten Kleider, die sie mit Sicherheit wegwerfen würde, da sie sie niemals mehr würde tragen können. Danach huschte sie ins Bad, schaltete jedoch das Licht nicht ein; sie behalf sich mit der Beleuchtung, die von den Tiffanylampen auf ihrem Nachttisch hereinsickerte. Sie stieg in die Dusche und schrubbte sich im Halbdunkel, schrubbte und schrubbte, bis ihre Haut rot war, dann holte sie ihre schweren Flanellschlafanzüge heraus, die sie für die kältesten Winternächte aufgehoben hatte und die sie fast völlig bedeckten, zog sie an und kroch ins Bett. Sie schlang die Arme um ihren zitternden Körper, ergab sich den erneut hervorschießenden Tränen und sank schließlich, endlich, endlich, nach stundenlangen Träumen, in denen sie verfolgt wurde, und Träumen, in denen sie kämpfen musste, und Träumen, in denen sie mit Messern zerschnitten wurde, in einen gnädigen Schlaf. Reuben Montego war seinem obersten Chef, dem Präsidenten der Inco, nie begegnet und überrascht, dass er im örtlichen Telefonbuch verzeichnet war. Ziemlich beklommen rief Reuben ihn an. Der Arzt war stolz auf seinen Arbeitgeber. Die Inco war, wie so viele kanadische Gesellschaften, als Tochterunter 30 nehmen einer amerikanischen Firma entstanden. 1916 als kanadischer Zweig der International Nickel Company, eines Bergbaukonzerns aus New Jersey, gegründet, wurde die Firma zwölf Jahre später durch einen Aktientausch zum Mutterkonzern. Die Haupttätigkeit der Inco bestand im Erzabbau rund um den Meteoritenkrater hier in Sudbury, wo vor eins Komma acht Milliarden Jahren ein Asteroid zwischen einem und drei Kilometern Durchmesser mit fünfzehn Kilometern pro Sekunde eingeschlagen war. Das Vermögen der Inco stieg und fiel mit der weltweiten Nachfrage nach Nickel; die Gesellschaft stellte ein Drittel der Weltproduktion. Bei all dem war Inco aufrichtig um das Allgemeinwohl bemüht. Als Herbert Chen von der Universität von Kalifornien 1984 bemerkte, dass die Tiefe von Incos Creighton-Mine, ihre niedrige natürliche Radioaktivität sowie die Möglichkeit, große Mengen schweren Wassers zu erhalten, Sudbury zum idealen Standort für den fortschrittlichsten Neutrino-Detektor der Welt machen würde, hatte sich die Inco begeistert dazu bereit erklärt, den Ort umsonst herzurichten und die zusätzlichen Aushebungen für die zehn Stockwerke hohe Detektorkammer sowie die Grabung des 1200 Meter langen Stollens dorthin zum Selbstkostenpreis vorzunehmen. Obwohl das Neutrino-Observatorium in Sudbury ein gemeinsames Projekt von fünf kanadischen und zwei amerikanischen Universitäten sowie den Lawrence Berkeley und Brookhaven National Laboratories war, hätte der Eigentümer des Gebiets seine Ansprüche auf Schadensersatz gegen diesen Neanderthaler, diesen Ponter, anmelden müssen. Und das war Inco. »Hallo, Sir«, sagte Reuben zaghaft, als er den Präsidenten am Apparat hatte. »Entschuldigen Sie bitte, dass ich Sie daheim störe. Hier ist Reuben Montego. Ich bin der Arzt...« »Ich weiß, wer Sie sind«, unterbrach ihn eine kultivierte, tiefe Stimme. 30 Das schmeichelte Reuben, und er sprach weiter. »Sir, Sie würden mir einen Gefallen tun, wenn Sie die Mountys anrufen und denen sagen würden, dass Inco keine weiteren Forderungen gegen den Mann stellen wird, der im Neutrino-Observatorium gefunden wurde.« »Ich höre.« »Ich habe das Krankenhaus davon überzeugen können, den Mann nicht hinauszuwerfen. Das Verschlucken großer Mengen schweren Wassers kann tödlich sein, den Sicherheitshinweisen
zufolge. Es sorgt für Störungen des osmotischen Drucks an den Zellmembranen. Nun ja, der Mann hätte unmöglich genügend verschlucken können, um ernsthaft Schaden zu erleiden, aber wir benutzen das als Vorwand, damit er nicht belangt werden kann. Ansonsten säße er mittlerweile bereits im Knast.« »>Im Knast<«, wiederholte der Präsident amüsiert. Reuben fühlte sich noch mehr aus der Fassung gebracht. »Egal, wie ich gesagt habe, meiner Ansicht nach gehört er nicht ins Gefängnis.« »Sagen Sie mir den Grund dafür«, meinte die Stimme. Und genau das tat Reuben. Der Präsident der Inco war ein entschlossener Mann. »Ich werde anrufen«, versicherte er. Ponter lag auf einem - nun ja, vermutlich einem Bett, aber es war nicht ebenerdig, sondern auf einem harten Metallrahmen angebracht. Und das Kissen war eine amorphe Tasche, vollgestopft mit - er wusste es nicht so genau, aber es waren ganz bestimmt keine getrockneten Pinienkerne wie daheim. Der kahlköpfige Mann - Ponter hatte inzwischen dunkle Stoppeln auf seiner Kopfhaut entdeckt, also war die Kahlheit eine Marotte und nicht angeboren - hatte den Raum verlassen. Ponter hielt die Hände hinter dem Kopf verschränkt, damit sein Schädel einen etwas festeren Halt hatte. Hak hatte darunter nicht zu leiden. Die Scanner 31 seines Gefährten nahmen alles innerhalb einiger Schritte Entfernung wahr. Lediglich die Richtungslinsen mussten unbedeckt bleiben, wenn er etwas außerhalb der Scannerreichweite erfassen wollte. »Es ist eindeutig Nacht«, sagte Ponter in die Luft hinein. »Ja«, erwiderte Hak. Ponter spürte die Innenohr-Implantate leicht vibrieren, als er den Kopf gegen die Arme drückte. »Aber draußen ist es nicht dunkel. In diesem Raum ist ein Fenster. Sie überfluten die Umgebung mit künstlichem Licht.« »Warum wohl?«, fragte Hak. Ponter stand auf - merkwürdig, die Beine über den Bettrand baumeln zu lassen, wenn man aufstehen wollte - und eilte zum Fenster. Es war zu hell, um die Sterne erkennen zu können, aber ... »Er ist da«, sagte Ponter und hielt das Handgelenk an die Scheibe, so dass Hak ihn sehen konnte. »Das ist der irdische Mond, na gut«, meinte Hak. »Und seine Phase - eine abnehmende Sichel passt haargenau zum heutigen Datum: 148/103/24.« Kopfschüttelnd kehrte Ponter zu dem seltsam erhöhten Bett zurück. Er setzte sich auf den Rand; das war unbequem, da es keine Rückenlehne gab. Anschließend berührte er die Stelle seines Kopfs, die von dem Mann mit dem Kopftuch verbunden worden war. »Ich bin verletzt«, sprach Ponter in die Luft. »Ja«, erwiderte Hak, »aber du hast die Röntgenbilder gesehen, die sie von dir aufgenommen haben. Es ist keine ernsthafte Verletzung.« »Allerdings wäre ich auch fast ertrunken.« »Allerdings.« »Also ... also ist vielleicht mein Gehirn verletzt worden. Sauerstoffunterversorgung und ...« »Du glaubst, du würdest halluzinieren?«, fragte Hak. »Naja«, meine Ponter, hob den rechten Arm und winkte 31 über den bizarren Raum rings umher, »wie würdest du dir all das sonst erklären?« Einen Moment lang schwieg Hak. »Wenn du tatsächlich halluzinierst«, sagte der Gefährte, »nutzt es nichts, dir das Gegenteil zu versichern, weil das einfach Teil dieser Halluzination wäre.«
Ponter legte sich wieder aufs Bett und starrte zur Decke, der jeglicher Schmuck aus Zeitmessern und Kunstwerken fehlte. »Du solltest versuchen, etwas zu schlafen«, meinte Hak. »Vielleicht ergeben die Dinge am Morgen etwas mehr Sinn.« Ponter nickte. »Weißes Rauschen!«, sagte er. Hak gehorchte und spielte ein leises, beruhigendes Zischen durch die Ohr-Implantate ab, aber Ponter kam es dennoch so vor, als würde er sehr lange benötigen, bis er endlich einschlief. 32
KAPITEL NEUN Zweiter Tag Samstag, 3. August 148/103/25 Adikor Huld ertrug es nicht, im Haus zu sein. Alles erinnerte ihn an den verschwundenen Ponter. Ponters Lieblingssessel, seine Infokonsole, die Skulpturen, die er ausgesucht hatte - alles. Deshalb hatte Adikor das Haus verlassen und war auf die Veranda hinausgetreten. Traurig starrte er in die Landschaft. Pabo kam und sah ihn eine Zeit lang an; Pabo war Ponters Hündin gewesen. Adikor würde sie behalten -wenn nur das Haus nicht so einsam gewesen wäre! Pabo kehrte ins Haus zurück. Sie würde zur Eingangstür laufen und nachschauen, ob Ponter zurückkäme. Seit Adikors Heimkehr am gestrigen Tag war sie beständig zwischen den beiden Eingängen hin und her getrabt. Nie zuvor war Adikor ohne Ponter von der Arbeit zurückgekehrt; die arme Pabo war völlig durcheinander. Adikor war gleichfalls verwirrt und ungeheuer traurig. Er hatte den ganzen Morgen immer wieder geweint. Nicht geschluchzt, nicht geschnieft - einfach nur geweint, manchmal, ohne es selbst recht zu merken, bis ihm ein dicker Tropfen auf den Arm oder die Hand gefallen war. Rettungsmannschaften hatten bis zur Erschöpfung die Mine durchsucht, aber keinerlei Spur von Ponter entdeckt. Sie hatten mit Spezialausrüstung nach Ponters Implantat gesucht, jedoch keine Sendungen empfangen können. Menschen und Hunde hatten einen Schacht nach dem anderen durchstreift und versucht, den Geruch Ponters aufzufangen, der vielleicht bewusstlos irgendwo verschüttet lag und sich nicht bemerkbar machen konnte. 32 Aber nichts, nichts! Ponter blieb verschwunden, ohne eine Spur hinterlassen zu haben. Adikor rutschte in seinem Sessel hin und her. Dieser bestand aus Kiefernholz und besaß eine sich nach oben verbreiternde Rückenlehne sowie Armlehnen mit breiten flachen Stützen, auf denen man leicht eine Trinkröhre abstellen konnte. Die Frau, die ihn entworfen hatte - Adikor vergaß immer ihren Namen, obwohl er auf der Rückseite eingebrannt war -, konnte stolz darauf sein, einen solchen Beitrag für die Gesellschaft geleistet zu haben. Menschen benötigten Mobiliar; ein Tisch und zwei Schränke in Adikors Besitz stammten von der gleichen Schreinerin. Aber worin bestünde sein Beitrag jetzt, nachdem Ponter verschwunden war? Ponter war der brillante Kopf des Paares gewesen; Adikor hatte das erkannt und akzeptiert. Aber wie würde er ohne Ponter, den lieben, lieben Ponter, seinen Beitrag leisten? Soweit er es erkennen konnte, war die Arbeit am Quantencomputer gestorben. Ohne Ponter ging es nicht weiter. Andere - da war diese Gruppe Frauen auf der anderen Seite des Ozeans in Evsoy und noch eine männliche Gruppe an der Westküste dieses Kontinents - würden das Werk fortsetzen. Er wünschte ihnen Glück, doch obwohl er ihre Berichte mit großem Interesse lesen würde, ein Teil von ihm würde stets bedauern, dass nicht Ponter und ihm der Durchbruch gelungen war. Espen und Birken bildeten einen schattigen Baldachin um die Veranda, und weißes Dreiblatt blühte an der moosbewachsenen Basis der Stämme. Ein Eichhörnchen huschte vorüber, und Adikor hörte einen Specht klopfen. Er atmete den Geruch von Pollen, Mulch und frischer Erde ein. Etwas rührte sich; gelegentlich wanderte ein großes Tier so nahe an einem Haus vorüber ...
Plötzlich schoss Pabo aus der Hintertür. Sie hatte ebenfalls entdeckt, dass etwas oder jemand kam. Adikor blähte die Nasenflügel. Es war eine Person - ein Mann. 33 Könnte es ...? Pabo stieß ein klagendes Jaulen aus. Der Mann kam in Sicht. Nicht Ponter. Natürlich nicht. Adikor tat das Herz weh. Pabo schleppte sich ins Haus zurück und bezog wieder ihre Warteposition. »Gesunder Tag«, sagte Adikor zu dem Mann, der jetzt auf die Veranda trat. Er hatte ihn nie zuvor gesehen: ein stämmiger Bursche mit rötlichem Haar, der ein lockeres dunkelblaues Hemd und eine graue Hose trug. »Ist Ihr Name Adikor Huld und wohnen Sie hier am Rand von Saldak?« »Ja zum Ersten«, erwiderte Adikor, »und offensichtlich auch zum Letzteren.« Der Mann hielt den linken Arm hoch, die Innenseite des Handgelenks Adikor zugekehrt. Er wollte offenbar etwas auf Adikors Gefährten übertragen. Adikor nickte und zog einen Kontrollknopf an seinem Gefährten. Er sah zu, wie es auf dem kleinen Schirm seiner Einheit aufblitzte, als sie Daten erhielt. Er erwartete einen Ankündigungsbrief. Bestimmt war es ein Verwandter, der diesem Gebiet einen Besuch abstattete, oder vielleicht ein Handwerker, der Arbeit suchte und seine Bewerbung übertrug. Adikor konnte die Informationen leicht löschen, wenn sie uninteressant waren. »Adikor Huld«, erklärte der Mann, »es ist meine Pflicht, Sie darüber zu informieren, dass Daklar Bolbay, handelnd als Tabant der minderjährigen Kinder Jasmel Ket und Mega-meg Bek, Sie des Mordes an Ponter Boddit beschuldigt.« »Was?«, fragte Adikor und sah auf. »Sie machen Witze!« »Nein.« »Aber Daklar ist - war - Klasts Lebensgefährtin. Sie kennt mich seit Ewigkeiten.« »Dessen ungeachtet«, führte der Mann aus, »zeigen Sie mir bitte Ihr Handgelenk, damit ich bestätigen kann, dass die Dokumente richtig übertragen worden sind.« 33 Verblüfft gehorchte Adikor. Der Mann warf einen Blick auf das Display - »Bolbay verklagt Huld, Übertragung beendet« -, dann sah er wieder Adikor an. »Es wird ein Dooslarm Basadlarm geben« - ein alter Ausdruck, der wörtlich übersetzt >eine kleine Befragung vor einer großen< bedeutet -»das entscheidet, ob sie für dieses Verbrechen vor Gericht gestellt werden.« »Es hat kein Verbrechen gegeben!«, rief Adikor wütend. »Ponter ist verschwunden. Er ist vielleicht tot - das gestehe ich Ihnen zu -, aber wenn das so ist, dann war es ein Unfall!« Der Mann beachtete ihn nicht. »Es steht Ihnen frei, sich eine Person zu wählen, die zu Ihren Gunsten aussagt. Das Dooslarm Basadlarm ist für morgen anberaumt.« »Morgen!« Adikor ballte die Fäuste. »Das ist lächerlich.« »Hinausgeschobene Gerechtigkeit ist gar keine Gerechtigkeit«, sagte der Mann und ging. 33
KAPITEL ZEHN Mary brauchte einen Kaffee. Sie wälzte sich aus dem Bett, schleppte sich in die Küche und schaltete die Kaffeemaschine an. Anschließend hörte sie ihren alten silber-schwarzen Panasonic-Anrufbeantworter ab, der beim Einschalten und Zurückspulen des Bandes laut knackte. »Vier neue Nachrichten«, verkündete die kalte, emotionslose männliche Stimme. »Hallo, Schwesterherz, hier ist Christine. Ich muss dir unbedingt von dem neuen Typen erzählen, mit dem ich gehe - ich hab ihn auf der Arbeit getroffen. Ja, ich weiß, ich weiß, du hast immer
gesagt, lass dich nie mit jemandem auf der Arbeit ein, aber, wirklich, er ist so süß und so nett und so komisch. Ehrlich, Schwesterherz, er ist ein echter Schatz!« Ein echter Schatz, dachte Mary. Mein Gott, noch ein echter Schatz! Erneut ertönte die mechanische Stimme: »Freitag, 21.04 Uhr.« Das war kurz nach sechs Sacramento-Zeit. Christine musste gleich nach ihrer Rückkehr vom Büro angerufen haben. »Hey, Mary, Rose hier. Hab dich ja seit Ewigkeiten nicht mehr gesehen. Gehen wir doch mal essen, ja? Gibt's oben an der York-Uni nicht ein Blueberry Hill? Ich komm rauf, und wir gehen hin - das hier gleich um die Ecke haben sie dicht gemacht. Egal, ich schätze, du bist gerade aus hoffe, du amüsierst dich prächtig bei dem, was du gerade tust. Ruf doch zurück, ja?« »Freitag, 21.33 Uhr.« Mein Gott, dachte Mary. Du liebe Güte! Das wäre dann genau gewesen, als ... als ... Sie schloss die Augen. Und dann wurde die nächste Nachricht abgespielt: »Professor Vaughan?«, sagte eine Stimme mit jamaikanischem 34 Akzent. »Ist dort die Wohnung von Professor Mary Vaughan, der Genetikerin? Entschuldigen Sie bitte, wenn ich mich geirrt habe - und es tut mir auch Leid, so spät anzurufen; ich hab es zunächst am York-Campus probiert. Immerhin bestand die leise Chance, dass Sie noch dort sind, aber ich habe bloß Ihre Mailbox dran gehabt. Ich hatte mir von der Auskunft alle M. Vaughan in Richmond Hill geben lassen -in einem Web-Artikel, den ich gelesen habe, stand ihre Adresse.« Mary hatte den Anrufbeantworter lediglich besprochen mit: »Hier ist Mary«, aber das hatte dem Anrufer offensichtlich Auftrieb gegeben. »Wie dem auch sei - mein Gott, hoffentlich wird meine Durchsage nicht hier abgeschnitten -, sehen Sie, mein Name ist Reuben Montego, und ich bin Doktor der Medizin, Arzt in der Creighton-Mine der Inco in Sudbury. Ich weiß nicht, ob Sie schon die neuesten Nachrichten gesehen haben, aber wir haben einen ...« Er hielt inne, und Mary überlegte, weshalb; bis zu diesem Punkt war es nur so aus ihm herausgesprudelt. »Na ja, also, wenn Sie die Nachrichten nicht gesehen haben, dann sagen wir halt einfach, wir haben etwas gefunden, was wir für einen Neanderthaler in einem, äh, bemerkenswerten Zustand halten.« Mary schüttelte den Kopf. Nirgendwo in Nordamerika gab es Neanderthaler-Fossilien; der Bursche musste altes Material kanadischer Ureinwohnern haben ... »Na, egal, ich habe auf jeden Fall im Netz unter >Neanderthal und >DNS< gesucht und bin auf Ihren Namen gestoßen. Können Sie ...« Piep. Der Bursche hatte die maximale Nachrichtenlänge überschritten. »Freitag, 22.20 Uhr«, berichtete die roboterhafte Stimme. »Verdammt, wie ich diese Dinger hasse!«, sagte Dr. Montego erneut. »Sehen Sie, was ich Ihnen sagen wollte, war, dass wir Sie bitten wollten, das zu bestätigen, was wir hier haben. Können Sie mich bitte zurückrufen - zu jeder Zeit, Tag oder Nacht, unter meiner Handynummer. Sie lautet...« 34 Dazu hatte sie keine Zeit. Nicht heute, nicht in den kommenden Tagen. Schließlich war ihr Interesse nicht auf Neanderthaler beschränkt. Wenn es ein gut konservierter uralter Knochen eines Ureinwohners war, wäre das natürlich auch großartig - aber die Konservierung müsste schon bemerkenswert gut sein, damit die DNS nicht degeneriert wäre, und ... Sudbury. Das war im nördlichen Ontario. Könnten sie dort...? Das wäre fabelhaft. Ein weiterer tiefgefrorener Mann, vielleicht tief in einer Mine begraben. Aber, mein Gott, sie wollte gerade jetzt nicht darüber nachdenken; sie wollte an überhaupt nichts denken. Mary kehrte in die Küche zurück und goss sich von dem frischen Kaffee ein. Aus einem Halbliterkarton schüttete sie etwas Schokomilch hinzu - sie kannte sonst niemanden, der das tat, und sie hatte es aufgegeben, den Kaffee so in Restaurants bekommen zu wollen. Daraufhin ging sie wieder ins Wohnzimmer und schaltete den Fernseher ein, ein Gerät mit 36er-Bildschirm, das
normalerweise nicht allzu häufig in Gebrauch war. Mary zog es vor, es sich mit einem Roman von John Grisham gemütlich zu machen, oder hin und wieder mit einem Liebesschmöker, wenn sie abends daheim war. Mit der Fernbedienung schaltete sie CablePulse 24 ein, einen Kanal, der rund um die Uhr Nachrichten sendete, aber nur einen Teil des Bildschirms für die eigentliche Informationssendung reservierte. Auf der rechten Hälfte wurden aktuelle Wetter- und Börsenberichte eingeblendet, und über den unteren Bildrand liefen Schlagzeilen aus der National Post. Mary wollte sehen, was als die Höhepunkte des Tages galten und ob es endlich regnete, damit sie sich an der höheren Luftfeuchtigkeit erfreuen konnte und »Uber die gestrige Zerstörung des Neutrino-Observatoriums in Sudbury«, berichtete die Stinktier-Frau, deren Name Mary stets vergaß und die eine völlig unpassende weiße Strähne im ansonsten dunklen Haar hatte, »sind bisher 35 kaum Einzelheiten bekannt geworden, aber in der über zwei Kilometer unter der Erde liegenden Anlage hat es gegen 15.30 Uhr offenbar einen größeren Unfall gegeben. Es gab keine Verletzten, jedoch ist das 73-Millionen-Dollar-Labor zur Zeit geschlossen. Der Detektor, der im vergangenen Jahr überall auf der Welt für Schlagzeilen sorgte, dient der Neutrino-Forschung. Er ist 1998 in Anwesenheit des renommierten Physikers Stephen Hawking eröffnet worden.« Ein Film von Hawking, wie er in seinem Rollstuhl den Minenschacht hinabfuhr, lief im Hintergrund. »Und wo wir gerade von Rätseln sprechen - ein Krankenhaus in Sudbury behauptet, dass in der Mine ein lebender Neanderthaler gefunden worden sei. Dazu jetzt ein Bericht von Don Wright. Don, bitte melden!« Völlig verblüfft sah Mary zu, wie ein einheimischer kanadischer Journalist einen kurzen Bericht ablieferte. Der Bursche, den sie auf dem Bildschirm zeigten, hatte tatsächlich Uberaugenwülste aufzuweisen und ... ... mein Gott, der Schädel! Ein kurzer Blick auf ein Röntgenbild, das jemand gegen ein Fenster hielt... Er sah aus wie der Schädel eines Neanderthalers, aber ... Aber wie war das möglich? Bei allen Heiligen, der Bursche war offensichtlich kein Wilder, er hatte auch einen komischen Haarschnitt. Mary sah sich CablePulse 24 regelmäßig an. Sie wusste, dass sie nicht darüber erhaben waren, hin und wieder Geschichten zu senden, die nicht mehr als schlecht kaschierte Werbung für angelaufene Kinofilme waren, und doch ... Mary hatte den Hominiden-Listserv abonniert. Es gab oft genug müßiges Geschwätz, so dass es ihr unmöglich hätte entgehen können, wenn demnächst hier in Ontario ein Film über Neanderthaler in die Kinos käme. Sudbury ... Sie war nie in Sudbury gewesen, und ... Und, mein Gott, ja, es täte ihr bestimmt gut, einfach für eine Weile von hier zu verschwinden. Sie betätigte den Rückspulknopf ihres Anrufbeantworters; eine Zahl mit einer 35 705er-Vorwahl erschien zuerst auf dem Display. Sie drückte den Wählknopf und lehnte sich in ihrem Morticia-Sessel zurück, einem Korbstuhl mit hoher Lehne, in dem sie am liebsten saß. Nach dreimaligem Läuten meldete sich die Stimme, die sie bereits kannte. »Montego.« »Dr. Montego, hier ist Mary Vaughan.« »Professor Vaughan! Vielen Dank, dass Sie zurückrufen. Wir haben hier ...« »Dr. Montego, sehen Sie - Sie haben keine Ahnung, wie ... wie ... sehr ich gerade im Augenblick beschäftigt bin. Wenn das ein Witz ist oder ...« »Es ist kein Witz, Professor, aber wir möchten Ponter noch nicht irgendwo hinbringen. Können Sie hier rauf nach Sudbury kommen?« »Sie haben keinerlei Zweifel, dass Sie da was Echtes haben?«
»Ich weiß es nicht. Deshalb sollen Sie uns das ja bestätigen. Sehen Sie, wir haben auch versucht, Norman Thierry von der UCLA zu erreichen, aber dort ist es jetzt noch nicht einmal acht Uhr ...« Mein Gott, Thierry sollte diese Sache nicht bekommen; wenn das wahr war - obwohl: Wie konnte das sein? -, wäre es gewaltig! »Warum soll ich zu Ihnen raufkommen?«, fragte Mary. »Sie sollen die DNS-Probe direkt entnehmen. Es soll kein Zweifel an ihrer Authentizität oder Herkunft bestehen.« »Das würde - ja, ich weiß nicht genau, die Fahrt von hier nach Sudbury würde vielleicht vier Stunden dauern.« »Darüber machen Sie sich keine Sorgen«, erwiderte Montego. »Wir haben seit letzter Nacht einen Firmenjet in Pearson in Bereitschaft stehen. Schnappen Sie sich ein Taxi, fahren Sie rüber zum Flugplatz, und Sie können vor Mittag hier oben sein. Keine Sorge, Inco wird Ihnen alle Auslagen erstatten.« Mary sah sich in ihrer Wohnung um, die weißen Bücherregale, das Korbmobiliar, ihre Sammlung von Royal-Doulton36 Figurinen, die gerahmten Renoir-Drucke. Sie konnte kurz bei der York-Universität anhalten, um die richtigen Primer mitzunehmen, aber ... Nein. Nein, sie wollte nicht dorthin zurück. Noch nicht, nicht heute - vielleicht nicht bis September, wenn sie wieder mit den Vorträgen beginnen musste. Aber die Primer würde sie brauchen. Und jetzt war es Tag, und sie konnte drüben im Abschnitt DD parken und sich dem Farquharson-Gebäude aus einer völlig anderen Richtung nähern. Sie würde nicht einmal in die Nähe der Stelle kommen, wo ... ... wo ... Sie schloss die Augen. »Ich muss noch in die Universität, um ein paar Sachen zu holen, aber ...ja, in Ordnung. Ich komme.« 36
KAPITEL ELF Es waren noch vierundzwanzig Tage, bis das nächste Mal die Zwei Eins werden würde, jene wunderbaren, vier Tage dauernden Ferien, auf die sich Adikor Huld jeden Monat so sehr freute. Aber er konnte, allen Anstandsregeln zum Trotz, bestimmt nicht bis dahin warten, um mit der Person zu reden, die hoffentlich beim Dooslarm Basadlarm zu seinen Gunsten aussagen würde. Er hätte sie anrufen können, aber es ging so viel verloren, wenn nur Worte ohne Gesten oder Pheromone ausgetauscht wurden. Nein, die Sache würde sehr heikel werden; das lohnte sicher einen Abstecher ins Zentrum. Über seinen Gefährten rief Adikor ein Schwebetaxi mit Fahrer. Die Gemeinschaft besaß über dreitausend Wagen; er sollte nicht lange warten müssen. »Du weißt, dass es Letzte Fünf ist, ja?«, sagte sein Gefährte zu ihm. Knorpel! Das hatte er vergessen. Der Einfluss wäre voll zu spüren. Er war erst zweimal zuvor während der Letzten Fünf im Zentrum gewesen; er hatte Männer gekannt, die das nie getan hatten. Er hatte sich einen Spaß gemacht und behauptet, er wäre kaum lebendig wieder rausgekommen. Dennoch war es eine weise Vorsichtsmaßnahme, zuvor in die Wanne zu steigen, um die eigenen Pheromone abzuwaschen. Und genau das tat er. Anschließend trocknete er sich mit einem groben Handtuch ab und zog dann ein dunkelbraunes Hemd und eine hellbraune Hose an. Er war kaum damit fertig, da landete auch schon das Schwebetaxi vor dem Haus. Pabo, die noch immer nach Ponter Ausschau hielt, rannte hinaus, um nachzusehen, wer da gekommen war. Adikor folgte ihr.
Bei dem größtenteils durchscheinenden Taxi handelte es sich um die neueste Version mit zwei Bodeneffekt-Motoren 37 an der Unterseite und Sesseln in jeder Ecke. In einem davon saß der Fahrer. Adikor stieg ein und lehnte sich gegen den dick gepolsterten Sattelsitz neben ihm. »Sie wollen ins Zentrum?«, fragte der Fahrer, ein 143er, über dessen Kopf ein kahler Streifen lief. »Ja.« »Sie wissen, dass es Letzte Fünf ist?« »Ja.« Der Fahrer kicherte. »Nun gut, ich werde nicht auf Sie warten.« »Ich weiß«, erwiderte Adikor. »Fahren Sie los!« Der Fahrer nickte und drückte ein paar Knöpfe. Das Taxi hatte eine gute Schalldämmung; Adikor konnte die Propeller kaum hören. Er ließ sich für die Fahrt nieder. Sie kamen an zwei weiteren Taxis vorüber, in beiden saßen männliche Fahrgäste. Adikor überlegte, dass sich Fahrer wahrscheinlich sehr nützlich fühlten. Er selbst hatte nie ein Schwebetaxi gelenkt, aber vielleicht wäre das eine Arbeit, die ihm gefallen würde ... »Was tragen Sie bei?«, fragte der Fahrer. Er versuchte sich in Konversation. Adikor schaute weiter aus dem Taxi auf die vorüberziehende Stadt. »Ich bin Physiker.« »Hier?«, meinte der Fahrer offenbar ungläubig. »Wir haben eine Forschungsanlage unten in einem der Minenschächte.« »Oh, ja«, entgegnete der Fahrer. »Ich habe davon gehört. Phantastische Rechner, nicht wahr?« Eine Gans flog über ihnen dahin. Adikor folgte ihrem Flug mit dem Blick. »Genau.« »Und wie läuft's?« Ist man eines Verbrechens angeklagt, betrachtet man alles mit anderen Augen, wurde Adikor klar. Unter normalen Umständen hätte er nur belangloses Zeug erzählt, statt die traurigen Einzelheiten zu erwähnen. Aber selbst der Fahrer mochte irgendwann zur Befragung vorgeladen werden und 37 dann antworten: »Ja, Untersuchungsrichterin, ich habe den Gelehrten Huld gefahren, und als ich ihn danach fragte, wie die Dinge in seinem Rechner-Betrieb liefen, hat er gesagt: >Gut<. Ponter Boddit war tot, aber er zeigte überhaupt kein Bedauern.« Adikor holte tief Luft und wägte seine Worte sorgfältig ab. »Gestern hat es einen Unfall gegeben. Mein Partner ist getötet worden.« »Oh!«, meinte der Fahrer. »Tut mir Leid, das zu hören.« An dieser Stelle war die Landschaft kahl und öde: uralte Granitbrüche und niedriges Buschwerk. »Mir auch«, sagte Adikor. Sie fuhren schweigend weiter. Er konnte unmöglich des Mordes für schuldig befunden werden. Gewiss würde die Untersuchungsrichterin entscheiden, dass es ohne Leichnam auch keinen Beweis für Ponters Tod gäbe, ganz zu schweigen davon, dass er Opfer eines hinterhältigen Spiels geworden war. Aber wenn ... Wenn er des Mordes für schuldig befunden würde, dann ... Dann was? Bestimmt würde man ihm sein gesamtes Eigentum nehmen, und Ponters Lebensgefährtin und seine Kinder bekämen alles, aber ... aber nein, nein, Klast war jetzt seit zwanzig Monaten tot. Was geschähe über die Wegnahme seines Eigentums hinaus? Bestimmt ... bestimmt nicht das. Und dennoch: Welche andere Strafe könnten sie für Mord auferlegen? Es erschien inhuman, wurde jedoch seit der ersten Generation vollzogen, wann immer es sich als notwendig erwiesen hatte. Sicher machte er sich völlig unnötig Sorgen. Daklar Bolbay war offensichüich untröstlich über Ponters Verlust - denn Ponter war der Lebensgefährte von Daklars eigener Lebensgefährtin gewesen; sie waren beide mit Klast verbunden gewesen, und ihr Tod musste Bolbay ebenso hart
getroffen haben wie Ponter. Und jetzt hatte sie Ponter auch noch verloren! Ja, Adikor sah ein, dass ihr geistiger Zustand durch 38 den doppelten Verlust vorübergehend instabil geworden sein musste. Zweifelsohne würde Bolbay nach einem oder zwei Tagen wieder vernünftig werden, die Anklage zurückziehen und eine Entschuldigung anbieten. Und Adikor würde die Entschuldigung großmütig annehmen; was blieb ihm auch anderes übrig? Aber wenn sie die Anklage nicht fallen ließ? Wenn Adikor den ganzen Unsinn bis zu einer ordentlichen Gerichtsverhandlung durchmachen müsste? Was dann? Naja, er müsste ... Der Fahrer unterbrach Adikors Brüten mit den Worten: »Wir sind fast im Zentrum. Haben Sie eine genaue Adresse?« »Nordseite, Milbon-Platz.« Der Fahrer nickte bestätigend. Das offene Land wich kleinen Wäldchen aus Espen und Birken sowie Ansammlungen von Bauten aus Baumstämmen und grauen Ziegeln. Es war fast Mittag, und die Wolken vom Morgen waren verflogen. Während sie weiter ins Zentrum hineinflogen, sah Adikor zunächst eine, dann viele weitere bezaubernde Wesen. Zwei erblickten das Schwebetaxi und zeigten auf Adikor. Es war nicht gar so ungewöhnlich, dass ein Mann zu einer anderen Zeit als in den vier Tagen, während denen Zwei Eins wurde, ins Zentrum fand, aber es war bemerkenswert, dass er während der Letzten Fünf kam, den letzten Tagen des Monats. Adikor gab sein Bestes, die Blicke der Frauen zu übersehen, während ihn der Fahrer tiefer ins Zentrum flog. Nein, dachte er. Nein, sie konnten ihn nicht schuldig sprechen. Es gab keinen Leichnam! Und dennoch, wenn sie es täten ... Als das Taxi weiterflog, krümmte sich Adikor auf seinem Sitz zusammen. Er spürte, wie sich sein Hodensack zusammenzog, als wolle sich dessen Inhalt in seinem Rumpf verkriechen, um dort Schutz vor möglichen Schäden zu suchen. 38
KAPITEL ZWÖLF Reuben Montego war hellauf begeistert, dass Mary Vaughan auf dem Weg nach Sudbury war. Ein Teil von ihm hoffte, sie könne genetisch beweisen, dass Ponter kein Neanderthaler, sondern bloß ein guter alter Mensch war. Das würde für etwas mehr Logik in der ganzen Angelegenheit sorgen. Nach einer unruhigen Nacht wurde Reuben klar, dass es ihm wesentlich einfacher fiel, zu glauben, irgendein durchgeknallter Typ habe sich chirurgisch behandeln lassen, um wie ein Neanderthaler auszusehen. Sich eingestehen zu müssen, dass er wirklich einer war, daran mochte Reuben nicht denken. Vielleicht war Ponter tatsächlich Mitglied eines abgedrehten Kults, wie Reuben zunächst angenommen hatte. Wenn er beim Heranwachsen enge Helme getragen hätte, die innen so geformt gewesen wären wie der Kopf eines Neanderthalers, hätte sein Schädel in eben jene Form hineinwachsen können. Und irgendwann war sein Unterkieferknochen chirurgisch so verändert worden, dass er dasselbe prähistorische Aussehen angenommen hatte ... Ja, so hätte es sein können, überlegte Reuben. Es war zwecklos, direkt zum Flughafen von Sudbury zu fahren; bis zur Ankunft Professor Vaughans würde es noch ein paar Stunden dauern. Reuben machte sich auf den Weg zum St. Joseph's Health Centre, um nachzusehen, wie es Ponter ging. Nachdem er das Krankenzimmer betreten hatte, fielen ihm als Erstes die dunklen Ringe unter Ponters tief in den Höhlen liegenden Augen auf. Reuben war froh darüber, dass er selbst nie solche Anzeichen von Müdigkeit zeigte. Seine Eltern damals in Kingston (auf Jamaika, nicht in Ontario - obwohl er kurze Zeit auch dort gelebt hatte) wussten nie, ob er nicht die halbe Nacht wach geblieben war und Comics gelesen hatte.
39 Vielleicht, dachte Reuben, hätte Dr. Singh Ponter ein Beruhigungsmittel verschreiben sollen. Selbst wenn er ein Neanderthaler war, sollte das, was Menschen gegeben wurde, auch bei ihm Wirkung zeigen. Aber wenn er vor dieser Entscheidung gestanden hätte, wäre Reuben vielleicht auch auf Nummer Sicher gegangen und hätte darauf verzichtet. Jedenfalls saß Ponter aufrecht in seinem Bett und nahm ein spätes Frühstück zu sich, das ihm eine Krankenschwester gebracht hatte. Er hatte das Tablett erst längere Zeit gemustert, so, als würde etwas fehlen. Schließlich hatte er die weiße Serviette um die rechte Hand gewickelt und aß jetzt damit. Er nahm immer jeweils einen Schinkenstreifen und benutzte das Besteck nur für das Rührei, das er lieber mit dem Löffel als mit der Gabel zu sich nahm. Nachdem er an dem Toast gerochen hatte, legte Ponter ihn zurück. Er schob auch den Inhalt der kleinen Schachtel mit Kelloggs Cornflakes beiseite, obwohl er anscheinend Gefallen daran fand, sie an den vielgestaltigen Kanten ineinander zu stecken und zu einer Schüssel aufzufalten. Nach einem zögerlichen Nippen leerte er die kleine Kunststofftasse mit Orangensaft in einem Zug, wollte anscheinend aber weder mit dem Kaffee noch mit dem Viertelliterkarton entrahmter Milch etwas zu tun haben. Reuben ging ins Bad, um Ponter eine Tasse Wasser zu holen - und blieb wie angewurzelt stehen. Ponter stammte wahrhaftig aus einer anderen Welt. Es musste so sein. Oh, es war durchaus üblich, dass jemand vergaß, auf der Toilette abzuziehen, aber ... Aber Ponter hatte nicht allein nicht abgezogen - er hatte sich mit dem langen, schmalen Handtuch, statt mit dem Toilettenpapier, gesäubert. Niemandem aus der zivilisierten Welt, woher er auch kommen mochte, würde ein solcher Irrtum unterlaufen. Und Ponter entstammte einer technologischen Kultur; da war schließlich dieses mysteriöse Implantat auf der Innenseite des linken Handgelenks. 39 Naja, dachte Reuben, am besten findet man heraus, was dieser Mann zu bieten hat, wenn man mit ihm redet. Er sprach eindeutig kein Englisch - oder wollte es nicht -, aber wie Reubens alte Großmutter zu sagen pflegte: Es führen viele Wege nach Rom. »Ponter«, sagte Reuben. Das war das einzige Wort, das er letzte Nacht aufgeschnappt hatte. Der Mann schwieg einen Augenblick zu lang und neigte leicht den Kopf. Dann nickte er, als würde er jemand anderem als Reuben etwas bestätigen. »Reuben«, sagte er. Reuben lächelte. »Stimmt. Mein Name ist Reuben.« Er sprach langsam. »Und Ihr Name ist Ponter.« »Ponter, ka«, erwiderte Ponter. Reuben zeigte auf das Implantat an Ponters linkem Handgelenk. »Was ist das?« fragte er. Ponter hob den Arm. »Pasalab«, entgegnete er. Dann wiederholte er es langsam, Silbe für Silbe, denn er hatte offenbar verstanden, dass eine Stunde Sprachunterricht begonnen hatte. »Pas-a-lab.« Und bei diesem Wort ging Reuben auf, dass er einen Fehler begangen hatte; es gab keine entsprechende englische Bezeichnung. Oh, vielleicht >Implantat<, aber das war ein zu allgemeiner Ausdruck. Er entschied sich, etwas anderes zu versuchen. Er hielt einen Finger hoch. »Eins«, sagte er. »Kolb«, erwiderte Ponter. Er zeigte das Friedenszeichen. »Zwei.« »Dak«, entgegnete Ponter. Drei Finger. »Drei.« »Narb.« Vier Finger. »Vier.« »Dost.« Die ganze Hand, Finger gespreizt. »Fünf.« »Alm.«
Nun fügte Reuben jeweils einen Finger der linken Hand hinzu, bis er alle Zahlwörter von eins bis zehn beisammen hatte. Daraufhin fragte er die Zahlen wahllos ab, um zu sehen, ob Ponter stets mit dem gleichen Wort reagieren oder 40 sie einfach erfinden würde. Soweit Reuben es beurteilen konnte - er hatte Schwierigkeiten dabei, diese fremden Worte zu behalten -, beging Ponter nie einen Fehler. Es war nicht bloß ein Bluff, es war anscheinend eine echte Sprache. Als Nächstes machte sich Reuben daran, auf einzelne Körperteile zu zeigen. Er begann mit dem rasierten Kopf. »Kopf«, sagte er. Ponter zeigte auf den eigenen Kopf. »Kadun«, erklärte er seinerseits. Dann kam Reubens linkes Auge an die Reihe. »Auge.« Und dann tat Ponter etwas Erstaunliches. Er hob die rechte Hand mit der Handfläche nach außen, als wolle er Reuben darum bitten, einen Moment innezuhalten, und sprach daraufhin rasch einige Worte in seiner Sprache. Den gesenkten Kopf hielt er leicht geneigt, als kommuniziere er über ein unsichtbares Telefon mit jemandem. »Das ist erbärmlich!«, sagte Hak durch Ponters Innenohr-Implantat. »Ja?«, erwiderte Ponter. »Wir sind nicht alle wie du, weißt du. Wir können Informationen nicht einfach herunterladen.« »Umso erbärmlicher«, meinte Hak. »Also wirklich, Ponter! Wenn du darauf geachtet hättest, was sie seit unserer Ankunft miteinander gesprochen haben, wüsstest du schon viel mehr von ihrer Sprache als bloß ein paar simple Nomen. Ich habe mit hoher Zuverlässigkeit 116 Worte in ihrer Sprache katalogisiert und mit begründeter Zuverlässigkeit weitere 240 erraten, basierend auf dem Kontext, in dem sie benutzt wurden.« »Nun gut«, sagte Ponter etwas pikiert, »wenn du glaubst, du könntest das besser als ich ...« »Bei allem schuldigen Respekt - ein Schimpanse könnte besser als du eine Sprache erlernen.« »Gut!«, sagte Ponter und schaltete den Außenlautsprecher ein. 40 »Du bist dran!« »Mit Vergnügen«, entgegnete Hak durch die Ohr-Implantate und schaltete dann auf den Lautsprecher um ... »Hallo«, sagte eine weibliche Stimme. Reubens Herz vollführte einen Sprung. »Huhuu! Hier!« Reuben sah nach unten. Die Stimme kam aus dem seltsamen Implantat in Ponters linkem Handgelenk. »Sprich zur Hand«, sagte das Implantat. »Oh«, meinte Reuben, und fuhr dann fort: »Hallo.« »Hallo, Reuben«, erwiderte die weibliche Stimme. »Mein Name ist Hak.« »Hak«, wiederholte Reuben, leicht den Kopf schüttelnd. »Wo bist du?« »Ich bin hier.« »Nein, ich meine, wo bist du? Ich habe verstanden, dass das Dingsbums da eine Art Handy ist sag mal, weißt du, dass du die in Krankenhäusern nicht benutzen solltest? Es könnten Störungen in den Überwachungsgeräten auftreten. Können wir zurückrufen ...« Piep! Reuben hielt inne. Das Piepen war vom Implantat gekommen. »Sprache lernen«, sagte Hak. »Folgen!« »Lernen? Aber ...« »Folgen!«, wiederholte Hak. »Oh, ja, schon gut. Okay.« Plötzlich nickte Ponter, als hätte er eine Aufforderung gehört, von der Reuben nichts mitbekommen hatte. Er zeigte auf die Tür. »Das?«, fragte Reuben. »Oh, das ist eine Tür.« »Zu viele Worte«, sagte Hak. Reuben nickte. »Tür«, sagte er. »Tür.« Ponter erhob sich aus dem Bett und ging zur Tür. Er legte die Hand auf den Griff und zog die Tür auf.
»Ohm«, meinte Reuben und dann: »Oh! Öffnen. Öffnen.« Ponter schloss die Tür. 41 »Schließen.« Daraufhin schwang Ponter die Tür wiederholt auf und zu. Reuben runzelte zunächst die Stirn, dann verstand er. »Offnen. Du öffnest die Tür. Oder schließt sie. Öffnen. Schließen. Öffnen. Schließen.« Ponter ging zum Fenster hinüber. Er zeigte mit einer schwungvollen Bewegung beider Hände darauf. »Fenster«, sagte Reuben. Ponter klopfte an die Scheibe. »Glas«, erklärte Reuben. Als Ponter das Fenster in seinem Rahmen hochschob, so dass sich der Blendschutz zeigte, ertönte erneut die weibliche Stimme. »Ich öffne das Fenster.« »Ja!«, sagte Reuben. »Öffne das Fenster! Ja.« Ponter zog das Fenster herab. »Ich schließe das Fenster«, kommentierte die weibliche Stimme. »Ja!«, staunte Reuben. »Ja, allerdings!« 41
KAPITEL DREIZEHN Adikor Huld hatte ganz vergessen, wie die Letzten Fünf waren. Er roch sie, roch all die Frauen. Sie menstruierten nicht - noch nicht. Der Beginn der Menstrualblutung, die mit dem Neumond zusammenfiel, wäre gleichzeitig das Ende der Letzten Fünf, das Ende des gegenwärtigen Monats und der Anfang des nächsten. Aber bald würden sie alle menstruieren; das erkannte er an den Pheromonen, die in der Luft trieben. Na ja, natürlich nicht alle. Die Vorpubertären - Mitglieder der 148er-Generation - nicht, und ebenso wenig diejenigen nach der Menopause - zumeist Mitglieder der Generation 144 sowie alle früheren Generationen. Und wenn eine Frau schwanger war oder stillte, würde sie natürlich auch nicht menstruieren. Generation 149 wäre erst in einigen Monaten an der Reihe, und Generation 148 war seit langem entwöhnt. Natürlich gab es immer einige, die, normalerweise nicht aus eigener Schuld, steril waren. Aber alle übrigen, die zusammen im Zentrum lebten, rochen die Pheromone der anderen und hatten alle den gleichen Zyklus. Sie würden bald ihre Periode bekommen. Adikor verstand gut, dass viele Frauen aufgrund der hormonellen Veränderungen am Ende des Monats so zickig wurden, und dass seine männlichen Vorfahren deshalb, lange bevor sie damit angefangen hatten, die Generationen durchzunummerieren, während dieser Zeit in die Berge geflüchtet waren. Der Fahrer hatte Adikor in der Nähe des gesuchten Hauses hinausgeworfen. Es war ein einfaches rechteckiges Gebäude, das zur einen Hälfte aus herangezüchteten Bäumen und zur anderen Hälfte aus Stein und Mörtel bestand. Auf dem Dach waren Solarzellen montiert. Adikor atmete tief ein zur Beruhigung und um seine Nasennebenhöhlen 41 sowie den Geruchssinn zu schonen. Er ließ die Luft langsam wieder entweichen und ging den kleinen Pfad aus Steinen, den Blumen, Gräser und Büsche säumten, entlang. Als er die Tür erreichte, bemerkte er, dass sie ein Stück offen stand. »Hallo! Jemand zu Hause?«, rief er. Einen Augenblick später erschien Jasmel Ket. Sie war groß, geschmeidig und gerade 225 Monate alt geworden -und damit volljährig. In ihrem Gesicht erkannte Adikor Ponter wieder, und auch Klast; die glückliche Jasmel hatte ihre Augen und Wangen geerbt. »W-w-was ...?«, stotterte Jasmel. Sie bemühte sich, ihre Fassung zu wahren, und setzte dann erneut an: »Was tust du hier?«
»Gesunder Tag, Jasmel«, grüßte Adikor. »Ist lange her.« »Du hast ganz schön starke Halsmuskeln, dass du dich hertraust - und das noch während der Letzten Fünf!« »Ich habe deinen Vater nicht getötet«, sagte Adikor. »Ehrlich, ich habe es nicht getan.« »Er ist verschwunden, nicht wahr? Wo ist er denn, wenn er noch lebt?« »Wo ist sein Leichnam, wenn er tot ist?«, fragte Adikor. »Ich weiß es nicht. Daklar sagt, du hast ihn beiseite geschafft.« »Ist Daklar hier?« »Nein, sie ist zum Erfahrungsaustausch.« »Darf ich hereinkommen?« Jasmel warf einen Blick auf ihr Gefährten-Implantat, wie um sich davon zu überzeugen, dass es nach wie vor funktionierte. »I-ich glaube schon«, erwiderte sie. »Danke.« Sie wich beiseite, und Adikor betrat das Haus. Innen war es kühl, eine willkommene Erleichterung nach der sommerlichen Hitze draußen. Ein Haushaltsroboter werkelte im Hintergrund herum, hob mit seinen insektenhaften Armen diversen Schnickschnack auf und saugte mit einem kleinen Gerät den Staub ab. »Wo ist deine Schwester?«, fragte Adikor. 42 »Megameg«, sagte Jasmel und betonte den Namen, als wäre es eine Beleidigung, dass Adikor ihn anscheinend vergessen hatte. »Megameg spielt Barstalk mit Freunden.« Adikor überlegte, ob er offenbaren sollte, dass er alles über Megameg wusste. Schließlich hatte Ponter ständig von ihr und Jasmel gesprochen. Aber es war mehr als ein normaler Besuch, viel mehr. »Megameg«, wiederholte Adikor. »Ja, Megameg Bek. Eine 148, nicht wahr? Ein wenig klein für ihr Alter, aber stämmig. Wenn sie groß ist, möchte sie Chirurgin werden, glaube ich.« Jasmel schwieg. »Und du«, sagte Adikor, zur Sache kommend, »Jasmel Ket, du studierst Geschichte. Dein besonderes Interesse gilt den Evsoy vor der ersten Generation, aber du interessierst dich auch für die Generationen 30 bis 40 hier auf diesem Kontinent und ...« »Schon gut«, schnitt ihm Jasmel das Wort ab. »Dein Vater hat oft von dir gesprochen - mit großem Stolz, und großer Liebe.« Jasmel hob leicht die Brauen. Sie war offenkundig überrascht und erfreut. »Ich habe ihn nicht getötet«, wiederholte Adikor. »Glaub mir, ich vermisse ihn unendlich. Es ...« Er konnte gerade noch innehalten. Er hätte fast daraufhingewiesen, dass seit Ponters Verschwinden noch keine Zwei-wird-Eins-Zeit gekommen war; Jasmel hatte sich der Abwesenheit ihres Vaters noch nicht wirklich stellen müssen. Es wäre allerdings sehr ungewöhnlich gewesen, wenn sie ihren Vater während der letzten drei Tage nach dem Ende der Zwei-wird-Eins gesehen hätte. Adikor hingegen musste jeden wachen Augenblick mit Ponters Verschwinden zurechtkommen, mit der Leere ihres Hauses. Dennoch war es sinnlos, darüber zu streiten, wessen Kummer größer war. Schließlich sah Adikor ein, dass trotz der Liebe, die er ihm gegenüber verspürte, Ponter und seine Tochter Jasmel genetisch verwandt waren. Vielleicht hatte Jasmel das Gleiche gedacht. »Ich vermisse 42 ihn auch. Schon. Ich ...« Sie sah beiseite. »Ich habe nicht viel Zeit mit ihm verbracht, als Zwei Eins geworden ist. Da ist dieser Junge, weißt du, der ...« Adikor nickte. Er wusste nicht so genau, wie es war, Vater einer jungen Frau zu sein. Er selbst hatte kein Kind aus Generation 147. Oh, er hatte sich damals mit Lurt gepaart, als diese Generation empfangen worden war, aber sie war irgendwie nicht schwanger geworden - und ja, er hatte die uralten Witze vom Physiker und der Chemikerin, die nichts von Biologie verstanden, über sich ergehen lassen müssen. Adikors Nachkomme aus Generation 148 war Dab, ein kleiner Junge, der immer noch bei seiner Mutter lebte und jeden Augenblick mit seinem Vater genoss, wenn sie zusammenkamen.
Aber Adikor hatte Ponters - na ja, nicht Klagen, nein, das nicht - gehört. Er hatte verstanden, dass es der natürliche Lauf der Dinge war. Dennoch, dass Jasmel so wenig Zeit für ihn hatte, wenn Zwei Eins wurde, hatte Ponter immer traurig gestimmt. Und jetzt begriff Jasmel allmählich, dass ihr Vater nie mehr für sie da sein würde, dass sie die Zeit versäumt hatte, die sie mit ihm hätte verbringen können. Langsam begriff sie, dass es keine Möglichkeit mehr gab, die Zeit zurückzuholen, keine Möglichkeit, je wieder von ihm in die Arme genommen zu werden, seine Stimme zu hören, die sie lobte, ihr einen Witz erzählte oder sie fragte, wie es so lief. Adikor schaute sich im Zimmer um und setzte sich ohne Aufforderung auf einen Holzstuhl, hergestellt von derselben Schreinerin, die auch Ponters Stühle gefertigt hatte; jener Frau, die auch Klast persönlich kannte. Jasmel setzte sich in die entgegengesetzte Ecke des Zimmers; der Reinigungsroboter war mittlerweile in einen anderen Teil des Hauses weitergezogen. »Weißt du, was geschehen wird, wenn man mich schuldig spricht? «, fragte Adikor. Jasmel schloss die Augen, vielleicht, um nicht nach unten 43 blicken zu müssen. »Ja«, erwiderte sie leise, fuhr dann jedoch, wie zur Verteidigung, fort: »Aber was macht das schon für einen Unterschied? Du hast dich bereits vermehrt; du hast zwei Kinder.« »Nein, habe ich nicht«, sagte Adikor. »Ich habe nur eins, einen 148er.« »Oh«, meinte Jasmel leise. Vielleicht war sie verlegen, weil sie weniger über den Partner ihres Vaters wusste, als Adikor über dessen Töchter. »Und abgesehen davon betrifft es nicht bloß mich. Mein Sohn Dab wird auch sterilisiert, und meine Schwester Kelon - jeder, der mehr als fünfzig Prozent meines genetischen Materials mit mir teilt.« Natürlich waren das nicht mehr die barbarischen Tage von einst; dies war das Zeitalter der genetischen Tests. Wenn Kelon oder Dab beweisen konnten, dass sie nicht Adikors unvollkommene Gene geerbt hatten, würden sie normalerweise von der Operation verschont bleiben. Doch obwohl die Ursachen einiger Verbrechen in einem einzelnen Gen lagen und gut verstanden wurden, hatte ein Mord keine so simplen Merkmale. Und abgesehen davon war Mord ein so abscheuliches Verbrechen, dass man keine Möglichkeit einer Weitergabe, so unwahrscheinlich sie auch sein mochte, zulassen konnte. »Das tut mir Leid«, sagte Jasmel. »Aber ...« »Es gibt kein >Aber<«, meinte Adikor. »Ich bin unschuldig.« »Dann wird es die Untersuchungsrichterin herausfinden.« Ah, die Arglosigkeit der Jugend, dachte Adikor. »Dies ist ein äußerst ungewöhnlicher Fall«, fuhr Adikor fort. »Das gebe ich zu. Aber es gibt keinen Grund, weshalb ich den Mann hätte töten sollen, den ich liebe.« »Daklar sagt, es sei dir sehr schwer gefallen, stets im Schatten meines Vaters zu leben.« Adikor versteifte sich. »Das würde ich so nicht ausdrücken.« »Ich schon«, meinte Jasmel. »Mein Vater - seien wir doch 43 ehrlich - war intelligenter als du. Es hat dir nicht gefallen, Anhängsel seines Genius zu sein.« »>Wir leisten unseren Beitrag nach besten Kräften<«, zitierte Adikor aus dem Kodex der Zivilisation. »Allerdings«, sagte Jasmel. »Und dein Beitrag sollte höherwertig sein. Aber bei eurer gemeinsamen Arbeit waren es Ponters Ideen, die ausprobiert wurden.« »Das ist kein Grund, ihn umzubringen!«, fauchte Adikor. »Nein? Mein Vater ist verschwunden, und du warst der Einzige, der bei seinem Verschwinden zugegen war.«
»Ja, er ist verschwunden. Er ist weg, und ...« Adikor spürte, wie ihm die Tränen in die Augen traten, Tränen der Trauer und Tränen der Enttäuschung. »Ich vermisse ihn so sehr. Ich sage es erhobenen Hauptes: Ich habe es nicht getan, hätte es nie tun können.« Jasmel sah Adikor misstrauisch an. Ihre Nasenflügel weiteten sich. Sie nahm seinen Duft in sich auf, seine Pheromone. »Warum sollte ich dir glauben?«, fragte sie und verschränkte die Arme vor der Brust. Adikor runzelte die Stirn. Er hatte seinen Kummer offen gelegt; er hatte auf emotionaler Ebene argumentiert. Aber diese junge Frau hatte mehr als Ponters Augen; sie hatte auch seinen Verstand - einen scharfen, analytischen Verstand, einen Verstand, der Logik und Rationalität bevorzugte. »Na gut«, sagte Adikor. »Bedenke dies: Wenn ich schuldig bin, deinen Vater ermordet zu haben, werde ich bestraft. Ich werde nicht nur meine Fortpflanzungsfähigkeit verlieren, sondern auch meine Position und meinen Besitz. Ich werde außerstande sein, mein Werk fortzuführen. Der Graue Rat wird gewiss einen greifbareren, nützlicheren Beitrag von einem bestraften Mörder verlangen, wenn ich Teil der Gesellschaft bleiben will.« »Und er tut gut daran«, sagte Jasmel. »Ah, ja, aber wenn ich nicht schuldig bin - wenn niemand schuldig ist, wenn dein Vater verschwunden bleibt, wenn er verschollen ist, benötigt er Hilfe. Er benötigt meine Hilfe; 44 ich bin der Einzige, der ihn vielleicht... zurückholen kann. Ohne mich bleibt dein Vater mit absoluter Sicherheit verschwunden.« Er sah ihr in die goldenen Augen. »Siehst du das ein? Die vernünftigste Position ist die, mir zu glauben. Wenn ich lüge und Ponter ermordet habe - na ja, keine Strafe wird ihn zurückholen. Aber wenn ich die Wahrheit sage und Ponter nicht ermordet wurde, dann besteht die einzige Hoffnung für ihn darin, dass ich die Suche nach ihm fortsetzen kann.« »Die Mine ist durchsucht worden«, meinte Jasmel nüchtern. »Die Mine, ja, aber ...« Durfte er wagen, es ihr zu sagen? Es klang schon verrückt, wenn die Worte in seinem Schädel hallten, und er konnte sich vorstellen, wie unsinnig sie klingen mussten, wenn er sie laut äußerte. »Wir haben mit parallelen Universen gearbeitet«, sagte Adikor. »Es ist möglich - mit geringer Wahrscheinlichkeit, das weiß ich, aber ich weigere mich, ihn aufzugeben, ihn, den Mann, der sowohl dir als auch mir so wichtig ist -, dass er, nun ja, irgendwie in eines dieser Universen gerutscht ist.« Er sah sie flehend an. »Du musst ein wenig über die Arbeit deines Vaters Bescheid wissen. Selbst wenn du nur so wenig Zeit für ihn hattest...« Er sah, wie tief sie diese Worte trafen. »... muss er dir von unserer Arbeit berichtet haben, von seinen Theorien.« Jasmel nickte. »Er hat mir davon berichtet, ja.« »Naja, es könnte - nur könnte! - eine Chance bestehen. Aber ich muss dieses nervenaufreibende Dooslarm Basadlarm hinter mich bringen. Ich muss an meine Arbeit zurück.« Jasmel schwieg lange Zeit. Adikor wusste aus seinen gelegentlichen Debatten mit ihrem Vater, dass es effektiver wäre, wenn er sie in Ruhe überlegen ließe, anstatt seinen Standpunkt immer und immer wieder darzulegen. Aber er konnte nicht anders: »Bitte, Jasmel! Bitte. Es ist die einzig vernünftige Entscheidung: anzunehmen, dass ich unschuldig bin und dass eine Chance besteht, Ponter zurückzuholen.« 44 Jasmel schwieg immer noch und fragte dann plötzlich: »Was willst du also von mir?« Adikor blinzelte. »Ich, äh, ich hätte gedacht, das wäre offensichtlich«, meinte er. »Du sollst beim Dooslarm Basadlarm zu meinen Gunsten sprechen.« »Ich?«, rief Jasmel. »Aber ich bin eine von denen, die dich des Mordes beschuldigen!« Adikor hielt das linke Handgelenk hoch. »Ich habe mir die übertragenen Dokumente sorgfältig durchgelesen. Meine Anklägerin ist die Lebensgefährtin deiner Mutter, Daklar Bolbay, die im Namen der Kinder deiner Mutter handelt. Das bist du und Megameg Bek.« »Genau.«
»Aber sie kann nicht für dich handeln. Du hast jetzt 225 Monde gesehen; du bist eine Erwachsene. Ja, du kannst noch nicht wählen - ich natürlich auch noch nicht -, aber du bist für dich verantwortlich. Daklar ist nach wie vor Tabantiür die kleine Megameg, aber nicht mehr für dich.« Jasmel runzelte die Stirn. »Daran - daran hatte ich nicht gedacht. Ich hatte mich so daran gewöhnt, dass Daklar sich um meine Schwester und mich kümmert...« »Du bist jetzt vor dem Gesetz eine eigenständige Person. Und niemand könnte eine Untersuchungsrichterin besser davon überzeugen, dass ich Ponter nicht ermordet habe, als seine eigene Tochter.« Jasmel schloss die Augen, holte tief Luft und ließ sie in einem langen Seufzer langsam entweichen. »Na gut«, sagte sie schließlich. »Na gut. Wenn eine Chance, eine winzige Chance, besteht, dass mein Vater noch am Leben ist, muss ich sie ergreifen. Ich muss es tun.« Sie nickte einmal. »Ja, ich werde diejenige sein, die zu deinen Gunsten spricht.« 45
KAPITEL VIERZEHN An der Wand des Konferenzraums hingen Karten der Tunnel und Schächte der Creighton-Mine. Ein Brocken Nickelerz bildete das Herzstück eines langen Holztisches. An einem Ende des Raums stand eine kanadische Flagge, am anderen Ende befand sich ein großes Fenster, durch das der Parkplatz und das raue Land dahinter zu sehen waren. Am Kopf des Tisches saß Bonnie Jean Mah - eine Weiße mit üppigem braunen Haar, die mit einem Kanada-Chinesen verheiratet war, daher der Nachname. Sie war Leiterin des Neutrino-Observatoriums von Sudbury und gerade aus Ottawa kommend eingetroffen. An den Tischseiten saßen Louise Benoit, die große, wunderschöne Postdoktorandin, die im SNO-Kontrollraum gewesen war, als die Katastrophe passierte, ihr gegenüber befand sich Scott Naylor, ein Ingenieur der Firma, der die Kunststoffkuppel im Herzen des SNO konstruiert hatte, und daneben Albert Shawwanossoway, Top-Experte der Inco in Sachen Gesteinsmechanik. »Also gut«, sagte Bonnie Jean. »Nur um alle auf den neuesten Stand der Dinge zu bringen: Sie haben damit angefangen, die Kammer des SNO zu leeren, bevor das schwere Wasser noch weiter verseucht wird. Die AECL wird versuchen, das schwere Wasser vom leichten zu trennen, und theoretisch sollten wir in der Lage sein, die Kugel erneut zusammenzusetzen und mit dem wiedergewonnenen schweren Wasser zu füllen, so dass das SNO wieder einsatzbereit ist.« Sie musterte die Gesichter im Raum. »Aber die eigentliche Unfallursache möchte ich immer noch zu gern erfahren.« Naylor, ein kahl werdender, rundlicher Mann, erwiderte: »Ich würde sagen, die Kugel mit dem schweren Wasser ist auf Grund eines Binnendrucks geplatzt.« 45 »Könnte das von einem Menschen verursacht worden sein, der die Kugel betreten hat?«, fragte Bonnie Jean. Naylor schüttelte den Kopf. »In der Kugel befanden sich 1100 Tonnen schweres Wasser; fügen Sie das Gewicht eines Menschen hinzu, der vielleicht hundert Kilo wiegt - ein Zehntel einer Tonne -, und Sie haben die Masse bloß um ein Zehntausendstel erhöht. Menschen haben etwa die gleiche Dichte wie Wasser, also würde die Veränderung ebenfalls bloß ein Zehntausendstel betragen. Damit käme der Kunststoff spielend klar.« »Dann muss er Sprengstoff benutzt haben«, meinte Shawwanossoway, ein etwa fünfzigjähriger Ojibwa mit langem schwarzem Haar. Naylor schüttelte erneut den Kopf. »Wir haben das Wasser aus dem Tank untersucht. Es gibt keinerlei Hinweise auf einen Sprengstoff - und es existieren sowieso nicht allzu viele, die unter Wasser funktionieren würden.«
»Was dann?«, fragte Bonnie Jean. »Könnte es, ich weiß nicht recht, einen Magmaeinbruch oder etwas in der Art gegeben haben, und das Wasser hat gekocht?« Jetzt schüttelte Shawwanossoway den Kopf. »Die Temperatur des SNO und des gesamten Minenkomplexes wird streng überwacht; es hat keinerlei Veränderung gegeben. In der Observationskaverne hat stets die gleiche Temperatur von 105 Grad geherrscht - Fahrenheit, natürlich; das sind einundvierzig Grad Celsius. Heiß, aber weit entfernt von kochend. Denken Sie auch daran, dass sich die Mine anderthalb Meilen unter der Erde befindet, was bedeutet, dass der Luftdruck etwa dreizehnhundert Millibar beträgt - dreißig Prozent über dem auf Meereshöhe. Und bei höherem Druck steigt auch der Siedepunkt.« »Gibt es nicht noch eine andere Möglichkeit?«, fragte Bonnie Jean. »Was ist, wenn das schwere Wasser erstarrt ist?« »Nun gut, dann hätte es sich tatsächlich ausgedehnt, wie normales Wasser«, meinte Naylor. Er runzelte die Stirn. »Ja, das hätte die Kugel zum Platzen gebracht. Aber schweres 46 Wasser gefriert bei 3,83° Celsius. So kalt kann es da unten unmöglich werden.« Louise Benoît schaltete sich in das Gespräch ein. »Was ist, wenn mehr als nur der Mensch in die Kugel geraten ist? Wie viel Material hätte hinzukommen müssen, bis sie zerplatzt?« Naylor überlegte einen Moment. »Weiß ich nicht genau; darauf ist sie nie getestet worden. Wir haben stets gewusst, wie viel schweres Wasser AECL uns zur Verfügung stellen würde.« Er hielt inne. »Vielleicht ... ich weiß nicht recht, vielleicht zehn Prozent. Etwa hundert Kubikmeter.« »Was wie viel ist?«, fragte Louise. Sie sah sich im Konferenzraum um. »Dieser Raum hat etwa sechs Meter Länge, nicht wahr?« »Zwanzig Fuß?«, meinte Naylor. »Ja, schätze schon.« »Und er hat zehn Fuß Deckenhöhe - das sind drei Meter«, fuhr Louise fort. »Also sprechen Sie vom Volumen, das etwa so viel Material umfasst wie dieser Raum.« »Mehr oder weniger.« »Das ist lächerlich, Louise«, meinte Bonnie Jean. »Sie haben dort unten doch bloß einen Mann gefunden.« Nachdenklich nickte Louise, doch dann hob sie die geschwungenen Brauen. »Was ist mit Luft? Was wäre, wenn man einhundert Kubikmeter Luft in die Kugel pumpen würde?« Naylor nickte. »Daran habe ich auch schon gedacht. Vielleicht ist eine Gasblase in der Kugel aufgestiegen. Obwohl -wie sie da reingekommen sein sollte, habe ich keine Ahnung. Die Wasserproben, die wir entnommen haben, waren etwas mit Luft angereichert, aber ...« »Aber was?«, fragte Louise. »Nun ja, sie waren tatsächlich mit Luft angereichert, mit Stickstoff, Sauerstoff und ein wenig C02, hinzu kamen etwas Tiefengesteinsstaub und Pollen. Mit anderen Worten, ganz normale Minenluft.« »Dann hätte sie nicht vom SNO stammen können«, meinte Bonnie Jean. 46 »Genau«, erwiderte Naylor. »Dessen Luft ist gefiltert; sie ist frei von Felsstaub und anderen Verunreinigungen.« »Aber die einzigen Teile der Mine, die mit der Detektorkammer verbunden sind, liegen im SNO«, sagte Louise. Sowohl Naylor als auch Shawwanossoway nickten. »Okay, okay«, meinte Bonnie Jean und legte die Fingerspitzen aneinander. »Was haben wir also? Das Materialvolumen innerhalb der Kugel hat sich um schätzungsweise zehn Prozent erhöht, verursacht durch das Eindringen von etwa einhundert Kubikmetern ungefilterter Luft - obwohl die Luft, wäre sie nicht sehr rasch hineingepumpt worden, vom Gewicht des Wasser zusammengedrückt worden wäre, stimmt's? Und wir wissen so oder so nicht, woher die Luft
gekommen ist - sie stammte sicher nicht aus dem SNO -, oder wie sie in die Kugel eingedrungen ist, richtig?« »Das ist etwa die Größenordnung«, sagte Shawwanossoway. »Und dieser Mann - wir wissen auch nicht, wie er in die Kugel gelangt ist, oder?«, fragte Bonnie Jean. »Nein«, entgegnete Louise. »Die Luke zwischen der inneren Kugel mit schwerem Wasser und dem äußeren Tank mit dem normalen Wasser war fest verschlossen, sogar nachdem die Kugel auseinander gebrochen war.« »Also schön«, sagte Bonnie Jean, »wissen wir denn, wie dieser - dieser Neanderthaler, wie sie ihn nennen - überhaupt runter in die Mine gekommen ist?« Shawwanossoway war die einzige anwesende Person, die tatsächlich für Inco arbeitete. Er breitete die Arme aus. »Die Leute vom Minen-Sicherheitsdienst haben die Bänder und Zugangsprotokolle für die Zeitspanne von achtundvierzig Stunden vor dem Vorfall untersucht«, antwortete er. »Caprini - das ist unser Leiter des Sicherheitsdienstes -schwört, dass Köpfe rollen werden, wenn er herausfindet, wer Mist gebaut und diesen Burschen reingelassen hat, und er sagt, es wird noch Schlimmeres passieren, wenn er herausfindet, wer versucht hat, das zu vertuschen.« »Was ist, wenn keiner lügt?«, fragte Louise. 47 »Das ist einfach unmöglich, Miss Benoit«, erwiderte Shawwanossoway. »Niemand könnte in das SNO runter, ohne aufgezeichnet zu werden.« »Niemand könnte mit dem Aufzug runter«, sagte Louise. »Aber was ist, wenn er gar nicht so reingekommen ist?« »Sie meinen, er ist vielleicht zwei Kilometer senkrecht verlaufende Luftschächte runtergeklettert?«, meinte Shawwanossoway mit finsterem Gesicht. »Selbst wenn ihm das gelungen wäre - und dazu brauchte man Nerven aus Stahl -, hätten ihn die Überwachungskameras aufgezeichnet.« »Genau darauf will ich hinaus«, sagte Louise. »Er ist offensichtlich nicht in die Mine hinuntergestiegen. Wie Professorin Mah ausgeführt hat, nennen sie ihn einen Neanderthaler aber er ist einer mit so einem High-Tech-Implantat am Handgelenk; das habe ich mit eigenen Augen gesehen.« »Ja, und?«, fragte Bonnie Jean. »Bitte!«, rief Louise aus. »Sie müssen doch alle an das denken, woran ich auch denke. Er hat nicht den Aufzug benutzt. Er ist nicht die Ventilatorenschächte hinunter. Er ist in der Kugel materialisiert - er und ein Raum voll Luft.« Naylor pfiff die ersten Noten des Star-Trek-Themas. Alle lachten. »Jetzt machen Sie aber mal einen Punkt!«, sagte Bonnie Jean. »Ja, das ist eine verrückte Situation, und sie führt einen vielleicht in Versuchung, verrückte Schlüsse zu ziehen, aber bleiben wir doch auf dem Boden der Tatsachen.« Shawwanossoway konnte auch pfeifen. Er versuchte sich an der Twilight Zone. »Hört damit auf!«, fauchte Bonnie Jean. 47
KAPITEL FÜNFZEHN Mary Vaughan war der einzige Passagier im Learjet der Inco auf dem Flug von Toronto nach Sudbury. Sie hatte beim Einsteigen bemerkt, dass das Flugzeug, dessen Seiten grün gestrichen waren, am Bug den Namen >The Nickel Pickle< trug. Sie nutzte den kurzen Flug, um Notizen durchzusehen, die sie auf ihrem Notebook über ihre Forschungsarbeit festgehalten hatte. Es war Jahre her, dass sie ihre Untersuchung über die DNS
der Neanderthaler im Sdence-Magazin veröffentlicht hatte. Beim Lesen spielte sie mit der Goldkette, die sie stets um den Hals trug und an der ein kleines Kreuz hing. 1994 hatte sich Mary einen Namen gemacht, als sie das genetische Material eines 30.000 Jahre alten Bären präpariert hatte, der im Permafrost des Yukon gefunden worden war. Und als das Rheinische Amt für Bodendenkmalpflege - die für Archäologie zuständige Behörde des Rheinlandes -entschieden hatte, es sei an der Zeit zu überprüfen, ob aus der berühmtesten aller Fossilien, dem Neanderthaler, noch DNS entnommen werden konnte, hatte es sich an Mary gewandt. Sie hatte ihre Zweifel gehabt. Dieses Exemplar war ausgetrocknet, nie eingefroren gewesen und - da gingen die Meinungen auseinander - konnte gut und gern 100.000 Jahre alt sein, dreimal so alt wie der Bär. Dennoch war es eine unwiderstehliche Herausforderung gewesen. Im Juni des Jahres 1996 war sie nach Bonn geflogen und hatte sich zum Rheinischen Landesmuseum begeben, wo das Exemplar aufbewahrt wurde. Der bekannteste Teil - die Schädeldecke mit den Überaugenwülsten - wurde öffentlich ausgestellt, doch die übrigen Knochen wurden in einer stählernen Schachtel in einem Stahlschrank in einer zimmergroßen Stahlkammer 48 unter Verschluss gehalten. Ein deutscher Präparator namens Hans führte Mary in die Kammer. Sie trugen Schutzkleidung aus Kunststoff sowie Chirurgenmasken; jede Vorsichtsmaßnahme sollte einer möglichen Verunreinigung der Knochen mit moderner DNS entgegenwirken. Ja, die ursprünglichen Entdecker hatten zweifelsohne die Knochen kontaminiert - aber nach anderthalb Jahrhunderten sollte ihre ungeschützte DNS auf der Oberfläche völlig abgebaut worden sein. Mary konnte nur ein sehr kleines Stück des Knochens entnehmen; die Priester in Turin bewachten ihr Grabtuch mit der gleichen Eifersucht. Dennoch fiel es sowohl ihr als auch Hans außergewöhnlich schwer - es war, als würde man ein großartiges Kunstwerk schänden. Mary wischte sich Tränen aus den Augen, als Hans mit einer Goldschmiedesäge ein halbkreisförmiges Stück, das gerade mal einen Zentimeter breit war und lediglich drei Gramm wog, aus dem rechten Oberarmknochen, dem am besten erhaltenen Knochen, herausschnitt. Das harte Calciumcarbonat in den äußeren Schichten des Knochens sollte der eventuell im Innern noch vorhandenen DNS etwas Schutz geboten haben. Mary brachte das Gewebe in ihr Labor in Toronto und entnahm winzige Proben. Sie hatte fünf Monate harte Arbeit benötigt, um einen 379 Nukleotide großen Schnipsel aus dem Kontrollbereich der Mitochondrien-DNS des Neanderthalers zu extrahieren. Mit Hilfe der Polymerasen-Kettenreaktion reproduzierte sie Millionen von Kopien der geborgenen DNS und sequenzierte sie sorgfältig. Daraufhin überprüfte sie die entsprechenden Abschnitte von Mitochondrien-DNS bei 1600 modernen Menschen: kanadische Ureinwohner, Polynesier, Australier, Afrikaner, Asiaten und Europäer. Alle diese 1600 Menschen hatten mindestens 371 Nukleotide mit den 379 Neanderthaler-Nukleotiden gemein; die größte Abweichung lag lediglich bei acht Nukleotiden. Aber die DNS des Neanderthalers stimmte im Durch 48 schnitt mit lediglich 352 Nukleotiden der modernen Proben überein; die Abweichung betrug sage und schreibe siebenundzwanzig Basenpaare. Daraus schloss Mary, dass sich ihre Art und die des Neanderthalers vor etwa 550.000 bis 690.000 Jahren voneinander getrennt haben mussten. Ansonsten hätte ihre DNS keine derart große Abweichung zeigen können. Im Gegensatz dazu besaßen alle modernen Menschen einen gemeinsamen Vorfahren, der etwa 150.000 bis 200.000 Jahre alt war. Eine halbe Million Jahre seit der Trennung von Neanderthalern und modernen Menschen, das lag näher als die Aufspaltung zwischen Homo und seinen nächsten Verwandten, den Schimpansen und Bonobos, die vor etwa fünf bis acht Millionen Jahren erfolgt war. Aber der zeitliche Abstand war groß genug, so dass sich die Art >Neanderthaler< vom modernen
Menschen weitestgehend unterschied und nicht bloß eine Unterart darstellte: Homo neanderthalensis, nicht Homo sapiens neanderthalensis. Nicht alle waren dieser Ansicht. Milford Wolpoff von der Universität von Michigan war sicher, dass die Gene der Neanderthaler zu denen der modernen Europäer passten. Jeder Teststrang, der etwas anderes zeigte, musste eine anomale Sequenz oder eine Fehlinterpretation sein. Aber viele Paläoanthropologen waren mit Marys Analyse einverstanden, obgleich alle - auch Mary - betonten, dass weitere Studien notwendig seien, um völlige Gewissheit zu erlangen ... wenn nur weitere DNS der Neanderthaler zu finden wäre. Und jetzt war vielleicht, nur vielleicht, weitere gefunden worden. Dieser Neanderthaler konnte unmöglich echt sein, dachte Mary, aber falls doch ... Sie schloss den Laptop und schaute aus dem Fenster. Das nördliche Ontario breitete sich unter ihr aus. An vielen Stellen zeigte sich der Kanadische Schild, Espen und Birken sprenkelten die Landschaft. Das Flugzeug setzte zur Landung an. Reuben Montego hatte keine Ahnung, wie Mary Vaughan 49 aussah, aber da an Bord des Inco-Jets keine weiteren Passagiere waren, fiel es ihm auch nicht schwer, sie zu entdecken. Sie erwies sich als Weiße, Ende dreißig, mit goldblondem Haar, das dunklere Wurzeln zeigte. Sie hatte vielleicht fünf Kilo zuviel, und Reuben entdeckte, als sie näher kam, dass sie die Nacht zuvor nicht viel geschlafen hatte. »Professor Vaughan«, sagte er und streckte die Hand aus, »ich bin Reuben Montego, Werksarzt der Creighton-Mine. Vielen Dank, dass Sie hergekommen sind.« Er deutete auf die junge Frau, die er auf dem Weg zum Flughafen von Sudbury aufgelesen hatte. »Das ist Gillian Ricci, die Pressesprecherin der Inco. Sie wird sich um Sie kümmern.« Reuben dachte, dass Mary außergewöhnlich erfreut über den Anblick der attraktiven jungen Frau zu sein schien, die ihn begleitete; vielleicht war die Professorin lesbisch. Er streckte die Hand nach Marys Koffer aus. »Lassen Sie mich Ihnen helfen.« Mary ließ die Tasche los, aber sie hielt sich eher neben Gillian und nicht neben Reuben, als sie über den Asphalt schritten, auf den die Sommersonne unbarmherzig herabbrannte. Reuben und Gillian trugen eine Sonnenbrille; Mary blinzelte wegen der Helligkeit. Sie hatte offensichtlich vergessen, eine mitzunehmen. Als sie Reubens weinroten Ford Explorer erreichten, wollte sich Gillian höflich auf den Rücksitz begeben, doch Mary wehrte ab. »Nein, ich werde mich dort hinsetzen«, meinte sie. »Ich - äh - ich möchte mich etwas ausstrecken.« Ihre merkwürdige Begründung hing eine Sekunde lang zwischen ihnen in der Luft, und dann sah Reuben, wie Gillian leicht die Schultern zuckte und zum Beifahrersitz gingSie fuhren direkt zum St. Joseph's Health Centre auf der Paris Street, das knapp hinter dem schneeflockenförmigen Science-North-Museum lag. Unterwegs brachte Reuben Mary über den Vorfall am SNO und den seltsamen Mann, den sie dort gefunden hatten, auf den neuesten Stand. 49
Als sie auf den Parkplatz des Krankenhauses fuhren, sah Reuben drei Übertragungswagen der örtlichen TV-Stationen. Die Krankenhauswache hielt gewiss Reporter von Ponter fern, aber die Journalisten würden der Story auf der Spur bleiben. Sie betraten Zimmer 3-G. Ponter war aufgestanden und sah aus dem Fenster, den breiten Rücken ihnen zugewandt. Er winkte - und Reuben wurde klar, dass die TV-Kameras auf sein Fenster gerichtet sein mussten. Eine kooperative Berühmtheit, dachte Reuben. Der Bursche entwickelte sich zum Medienliebling. Reuben hüstelte höflich, und Ponter drehte sich um. Das Licht fiel durch das offene Fenster herein, sein Gesicht blieb vorerst im Schatten verborgen. Aber als er vortrat, sah Reuben mit
Belustigung, wie Mary der Unterkiefer herunterklappte. Sie hatte Ponter kurz im Fernsehen gesehen, war aber offensichtlich nicht auf die Wirklichkeit vorbereitet gewesen. »So viel zu Carleton Coon«, sagte Mary, nachdem sie offenbar wieder alle Sinne beisammen hatte. »Wie bitte?«, fragte Reuben scharf. Mary wirkte verwirrt, dann errötete sie. »Oh, nichts weiter. Carleton Coon, ein amerikanischer Anthropologe. Er ist der Mann, der gesagt hat, wenn man einen Neanderthaler in einen modernen Anzug steckt, wird er ohne weiteres als normaler Mensch durchgehen.« Reuben nickte. »Ach ja«, meinte er, und fügte dann hinzu: »Professor Mary Vaughan, ich möchte Ihnen Ponter vorstellen.« »Hallo!«, sagte die weibliche Stimme aus Ponters Implantat. Mary bekam große Augen. »Ja«, sagte Reuben nickend, »das Ding an seinem Handgelenk spricht.« »Was ist das?«, fragte Mary. »Eine sprechende Uhr?« »Viel mehr.« Mary beugte sich vor, um es näher in Augenschein zu nehmen. »Ich erkenne diese Ziffern nicht, wenn das wirklich 50 welche sind«, meinte sie. »Und - sagen Sie mal - verändern die sich nicht zu rasch für Sekunden?« »Sie haben ein gutes Auge«, lobte Reuben. »Ja, das tun sie. Das Display benutzt zehn unterschiedliche Ziffern, die ich bisher noch nie gesehen habe. Und ich habe nachgemessen: Sie verändern sich alle 0,86 Sekunden, was, wenn man es nachrechnet, exakt der einhunderttausendste Teil eines Tages ist. Mit anderen Worten, das ist eine dezimal zählende, erdgebundene Uhr. Und wie Sie sehen können, ist es ein sehr komplizierter Apparat. Das ist kein LCD-Schirm. Ich weiß nicht, was es ist, aber es ist immer lesbar, gleich, in welchem Winkel man darauf schaut oder wie hell es ist.« »Mein Name ist Hak«, sagte das Implantat im linken Handgelenk des seltsamen Mannes. »Ich bin Ponters Gefährte.« »Aha«, sagte Mary und richtete sich auf. »Oh, freut mich, Sie kennen zu lernen.« Ponter stieß eine Reihe tiefer Töne aus, die Mary nicht verstehen konnte, und Hak sagte: »Ponter ist ebenfalls erfreut, Sie kennen zu lernen.« »Wir haben den Morgen mit Sprachunterricht verbracht«, sagte Reuben und wandte sich an Mary. »Wie Sie sehen, haben wir wirklich gute Fortschritte gemacht.« »Offensichtlich«, meinte Mary erstaunt. »Hak, Ponter«, stellte Reuben vor. »Dies ist Gillian.« »Hallo«, sagte Hak. Ponter nickte. »Hallo«, erwiderte Gillian, die versuchte, ihre Fassung zu bewahren. »Hak ist ein - naja, vermutlich wäre >Computer< der richtige Ausdruck. Ein sprechender, tragbarer Rechner.« Reuben lächelte. »Lässt mein Palm-Pad verdammt alt aussehen.« »Stellt - stellt irgendwer so einen Apparat her?«, fragte Gillian. »Soweit ich weiß, nein«, erwiderte Reuben. »Aber sie -Hak - hat offensichtlich ein perfektes Gedächtnis. Sag ihr einmal ein Wort, und sie behält es für immer.« 50 »Und dieser Mann, dieser Ponter, er spricht wirklich kein Englisch?«, fragte Mary. »Nein«, erwiderte Reuben. »Unglaublich!«, staunte Mary. »Unglaublich!« Ponters Implantat piepste. »Unglaublich«, wiederholte Reuben und wandte sich an Ponter. »Das bedeutet: Es ist nicht zu glauben« - noch ein Piepsen - »nicht wahr.« Er wandte sich wieder Mary zu. »Wir haben die Konzepte von Wahr und Falsch anhand von ein wenig simpler Mathematik herausgearbeitet, obwohl es eindeutig leichter für Hak mit ihrem perfekten Gedächtnis zu sein scheint, Englisch zu lernen, als für uns, ihre Sprache zu lernen. Weder sie noch Ponter sprechen den I-Laut, und ...« »Wirklich?«, meinte Mary. Sie wirkte ziemlich ernst, dachte Reuben. Er nickte. »Ihr Name ist Mar'«, sagte Hak, die Sache demonstrierend. »Ihr Name ist Gill'an.« »Das ist - das ist erstaunlich«, meinte Mary.
»Wirklich?«, fragte Reuben. »Weshalb?« Mary holte tief Luft. »In den letzten Jahren ist darüber gestritten worden, ob Neanderthaler sprechen konnten, und wenn ja, welche Laute sie hätten erzeugen können.« »Und?«, fragte Reuben. »Einige Linguisten halten es für unmöglich, dass sie I-Lau-te hätten hervorbringen können, weil ihr Mund viel länger als der unsere ist.« »Also ist er ein Neanderthaler!«, verkündete Reuben. Mary holte noch einmal Luft und stieß sie dann langsam aus. »Naja, deshalb bin ich hier, nicht wahr?« Sie setzte die kleine Tasche ab, die sie bei sich hatte, und öffnete sie. Sie zog ein Paar Latexhandschuhe hervor und streifte sie über. Als Nächstes holte sie einen Kunststoffbehälter mit Wattestäbchen heraus und nahm eines davon in die Hand. »Sie müssen ihn dazu bringen, den Mund zu öffnen«, sagte Mary. Reuben nickte. »Das ist leicht«. 51 Er wandte sich an Ponter. »Ponter, öffne den Mund!« Eine Sekunde lang geschah gar nichts. Hak, hatte Reuben gelernt, konnte die Ubersetzung an Ponter weitergeben, ohne dass es die anderen hörten. Ponter zog die durchgehenden blonden Brauen zu den Wülsten hinauf - schon ein ziemlich überraschender Anblick -, als würde ihn die Anfrage überraschen. Aber er tat, worum man ihn gebeten hatte. Reuben war verblüfft. Auf der High School hatte er einen Freund gehabt, der sich die Faust ganz in den Mund hatte stecken können. Aber Ponters Mund ging so weit zurück und war so geräumig, dass er nicht bloß allein die Faust, sondern dazu noch ein Drittel des Unterarms hineinbekommen hätte. Mary trat zögernd heran, steckte Ponter ihr Wattestäbchen in den Mund und wischte damit über die Innenseite der langen, gewinkelten Wange. »Zellen im Mund gehen leicht ab«, erklärte sie nebenbei, weil ihr anscheinend Gillians fragender Ausdruck nicht entgangen war. »Es ist die einfachste Methode, eine DNS-Probe zu nehmen.« Sie zog den Wattestab heraus und legte ihn sofort in einen sterilen Behälter, den sie versiegelte und etikettierte. »Okay, mehr brauche ich nicht«, sagte sie. Reuben lächelte Gillian an, dann Mary. »Prächtig«, meinte er. »Wann werden wir es genau wissen?« »Naja, ich muss nach Toronto zurück, und ...« »Natürlich, wenn Sie wollen«, meinte Reuben, »aber, äh, ich habe einen Freund im Laurentian Department of Chemistry and Biochemistry angerufen. Laurentian ist eine winzige Universität, aber sie hat ein großartiges Labor, das forensische DNS-Auftragsarbeiten für die Mountys und die Bezirkspolizei erledigt. Sie könnten dort arbeiten.« »Inco wird sie gewiss nach Ramada bringen«, fügte Gillian hinzu. Mary hatte es die Sprache verschlagen. »Ich ...« Aber dann überlegte sie es sich offenbar anders. »Natürlich«, sagte sie. »Natürlich, warum nicht?« 51
KAPITEL SECHZEHN Nun, da Jasmel einverstanden war, zu seinen Gunsten zu sprechen, hätte Adikor sie gern bis zum Stadtrand mitgenommen und ihr den Schauplatz des angeblichen Verbrechens gezeigt. Aber Adikor bat Jasmel um einen Zehnteltag Geduld. Er sagte, er habe noch etwas zu erledigen, hier im Zentrum. Adikor dachte voller Liebe und Trauer an Ponters Lebensgefährtin Klast zurück. Aber er hatte selbst eine Frau, und dieses wunderbare Wesen war noch springlebendig. Er kannte Lurt Fradlo ebenso lange wie Ponter, und zusammen hatten sie einen Sohn, Dab, einen 148er. Doch obwohl er sie so lange kannte, war Adikor nur hin und wieder in Lurts Chemielabor gewesen; schließlich
waren Ferien, wenn Zwei Eins wurde, und niemand ging zur Arbeit. Zum Glück konnte sein Gefährte ihm den Weg weisen. Das Labor bestand gänzlich aus Stein; und obwohl in allen Chemielabors nur ein geringes Explosionsrisiko bestand, war es Vorschrift, das Gebäude explosions- und feuersicher zu errichten. Der Vordereingang zum Labor stand offen. Adikor trat ein. »Gesunder Tag«, sagte eine Frau, die, Adikors Meinung nach, auf bewunderungswürdige Weise ihre Überraschung darüber verbarg, zu dieser Zeit des Monats einen Mann zu sehen. »Gesunder Tag«, erwiderte Adikor. »Ich suche Lurt Fradlo.« »Diesen Flur entlang.« Adikor lächelte und ging den Korridor entlang. »Gesunder Tag«, rief er, als er den Kopf in Lurts Laboratorium steckte. Lurt wandte sich um, ein breites Grinsen auf dem hübschen Gesicht. »Adikor!« Sie lief zu ihm hinüber und umarmte ihn fest. »Was für eine freudige Überraschung!« 52 Adikor konnte sich nicht daran erinnern, Lurt je zuvor während der Letzten Fünf gesehen zu haben. Sie wirkte gesund und munter - ebenso wie Jasmel. Vielleicht wurde diese ganze Sache mit den Letzten Fünf von den Männern einfach nur hoffnungslos überbewertet... »Hallo, du Schöne«, sagte Adikor und drückte sie erneut. »Ich freu mich, dich zu sehen.« Aber Lurt kannte ihren Mann gut genug. »Da stimmt was nicht«, sagte sie und ließ ihn los. »Was ist es?« Adikor warf einen Blick zurück über die Schulter, um sich zu vergewissern, dass sie allein waren. Anschließend nahm er Lurt an die Hand und führte sie durch den Raum zu zwei Hockern, die neben einer Karte mit dem Periodensystem der Elemente standen. Lediglich zwei spindeldürre Roboter waren noch anwesend. Einer dekantierte Flüssigkeit von einem Becherglas ins andere und der nächste baute eine Apparatur aus Röhren und Glasgeräten zusammen. Adikor setzte sich, und Lurt nahm den Hocker gleich neben ihm. »Man hat mich des Mordes an Ponter angeklagt«, sagte er. Lurt bekam große Augen. »Ponter ist tot?« »Ich weiß es nicht. Er ist seit gestern Nachmittag verschollen.« »Ich war gestern Abend auf einer Flens-Party«, entgegnete Lurt. »Und habe nichts mitbekommen.« Er erzählte ihr die ganze Geschichte. Sie zeigte sich mitfühlend und zweifelte nicht an Adikors Unschuld. Lurts Vertrauen in ihn war unerschütterlich. »Soll ich für dich sprechen?«, fragte sie. Adikor sah beiseite. »Naja, das ist es halt. Siehst du, ich habe bereits Jasmel darum gebeten.« Lurt nickte. »Ponters Tochter. Ja, das würde eine Untersuchungsrichterin beeindrucken, sollte man annehmen.« »Das habe ich mir auch gedacht. Ich hoffe, du bist nicht böse.« Sie lächelte. »Nein, nein, natürlich nicht. Aber, sieh mal, wenn ich noch etwas für dich tun kann ...« 52 »Ja, da ist noch was«, erwiderte Adikor. Er zog ein kleines Glasfläschchen aus seinem Hüftbeutel. »Hier ist die Probe einer Flüssigkeit, die ich am Ort von Ponters Verschwinden entdeckt habe; davon waren Eimer voll auf dem Boden. Könntest du sie für mich analysieren?« Lurt nahm das Fläschchen entgegen und hielt es gegen das Licht. »Natürlich«, sagte sie. »Und wenn ich sonst noch was für dich tun kann, lass es mich einfach wissen.« Ponters Tochter Jasmel begleitete Adikor zum Stadtrand zurück. Sie begaben sich direkt zur Nickelmine; Adikor wollte Jasmel genau zeigen, wo ihr Vater verschwunden war. Aber als sie die Aufzugstation erreichten, zögerte Jasmel etwas. »Was ist?«, fragte Adikor.
»Ich - äh, ich leide unter Klaustrophobie.« Verwirrt schüttelte Adikor den Kopf. »Nein, das stimmt nicht. Ponter hat mir erzählt, wie du dich als kleines Kind in Dobalak-Würfeln versteckt hast. Und er hat dich letzten Zehntmonat zu einer Höhlenerkundung mitgenommen.« »Naja, äh ...« Jasmels Stimme erstarb. »Oh!«, meinte Adikor und nickte. Er hatte verstanden. »Du vertraust mir nicht, oder?« »Es ist nur ... na ja, mein Vater, er war die letzte Person, die mit dir da runter ist. Und er ist nicht wieder raufgekommen.« Adikor seufzte, verstand jedoch ihre Bedenken. Irgendjemand - irgendeine Privatperson - musste Adikor des Verbrechens beschuldigen, andernfalls würden die Mühlen der Justiz nicht in Gang kommen. Und wenn er sich jetzt Jasmels, Megamegs und Bolbays entledigte, gäbe es vielleicht niemanden mehr, der die Klage weiterverfolgte ... »Wir können jemanden mit hinabnehmen«, meinte Adikor. Jasmel überlegte eine Weile, entschied sich dann aber dagegen. Natürlich, sie könnte um eine Begleitung bitten 53 jemanden, den sie gut kannte, jemanden, dem sie völlig vertraute. Aber diese Person würde vielleicht auch befragt werden, wenn es vor ein ordentliches Gericht ginge. »Ja, Richter, ich weiß, dass Jasmel zu Gunsten Adikors spricht, aber selbst sie hatte zu viel Angst, um allein mit ihm die Mine zu betreten. Und können Sie es ihr verdenken? Nach dem, was er ihrem Vater angetan hat?« Schließlich brachte sie ein kleines Lächeln zustande - ein Lächeln, das Adikor ein wenig an Ponter erinnerte. »Nein«, sagte sie. »Nein, natürlich nicht. Ich bin bloß ganz kribbelig, schätze ich.« Ihr Lächeln wurde breiter, und dabei tat sie so, als hätte es nicht viel zu bedeuten. »Es ist immerhin diese Zeit des Monats.« Als sie sich allerdings der Aufzugstation näherten, trat ihnen ein besonders stämmiger Mann entgegen. »Bleiben Sie stehen, Gelehrter Huld!«, donnerte er los. Adikor hatte diesen Mann noch nie zuvor im Leben gesehen. »Ja, bitte?« »Sie wollen ins Labor hinunter?« »Ja, das will ich. Wer sind Sie?« »Gaskdol Dut«, antwortete der Mann. »Mein Beitrag ist Vollstreckung.« »Vollstreckung? Von was?« »Ihrer Überwachung durch das Gesetz. Ich kann Sie nicht unter die Erde gehen lassen.« »Überwachung durch das Gesetz?«, meinte Jasmel. »Was ist das?« »Das bedeutet«, erwiderte Dut, »dass die Übertragung des Gefährten des Gelehrten Huld unmittelbar durch einen lebenden, atmenden Menschen überwacht wird, wenn sie im Alibi-Archiv-Pavillon eintrifft - und so wird es sein, zehn Zehntel am Tag, neunundzwanzig Tage im Monat, bis und falls seine Unschuld erwiesen ist.« »Ich habe nicht gewusst, dass Sie das dürfen«, meinte Adikor schockiert. »O doch, allerdings«, sagte Dut. »In dem Augenblick, als 53
Daklar Bolbay ihre Klage gegen Sie eingereicht hatte, ordnete die zuständige Untersuchungsrichterin an, Sie unter gesetzliche Überwachung zu stellen.« »Warum?«, fragte Adikor und versuchte, seinen Arger zu unterdrücken. »Hat Bolbay nicht ein Dokument übertragen, das es Ihnen erklärt hat?«, fragte Dut zurück. »Wenn nicht, hat sie es versäumt. Wie dem auch sei, eine gesetzliche Überwachung stellt sicher, dass Sie nicht den Versuch unternehmen, den Bereich der Jurisdiktion zu verlassen oder mögliche Beweise manipulieren und so weiter.« »Aber das will ich ja gar nicht!«, meinte Adikor. »Warum lassen Sie mich nicht in mein Labor hinabgehen?«
Dut sah ihn an, als könne er nicht glauben, dass Adikor diese Frage überhaupt stellte. »Warum nicht? Weil die Signale Ihres Gefährten dort unten nicht empfangbar wären; wir könnten Sie nicht überwachen.« »Blödes Geschwätz«, sagte Adikor leise. Jasmel verschränkte die Arme vor der Brust. »Ich bin Jasmel Ket, und ich ...« »Ich weiß, wer Sie sind«, unterbrach der Vollstrecker. »Nun gut, dann wissen Sie auch, dass Ponter Boddit mein Vater war.« Der Vollstrecker nickte. »Dieser Mann versucht, ihn zu retten. Sie müssen ihn in sein Labor hinuntergehen lassen.« Dut schüttelte erstaunt den Kopf. »Dieser Mann ist des Mordes an Ihrem Vater beschuldigt.« »Aber es ist möglich, dass er es nicht getan hat«, sagte Jasmel. »Mein Vater ist vielleicht noch am Leben. Die einzige Möglichkeit das herauszufinden, besteht in der Wiederholung des Quantencomputer-Experiments.« »Ich weiß nichts von irgendwelchen Quantencomputer-Experimenten«, sagte Dut. »Warum überrascht mich das so gar nicht?«, meinte Adikor. 54 »Meine Güte, Sie haben aber eine große Klappe, stimmt's?«, meinte Dut und musterte Adikor von Kopf bis Fuß. »Egal, meine Anweisungen lauten, Sie davon abzuhalten, Saldak zu verlassen, und Sie daran zu hindern, Ihr Labor zu betreten. Und ich habe einen Anruf vom Alibi-Archiv-Pavillon erhalten, der besagt, dass Sie genau dies vorhatten.« »Ich muss da runter«, sagte Adikor. »Tut mir Leid«, meinte Dut und verschränkte seine mächtigen Arme vor dem gewaltigen Brustkasten. »Nicht nur, dass Sie da unten nicht überwacht werden können. Sie könnten auch versuchen, Beweismittel beiseite zu schaffen, die bislang noch nicht gefunden wurden.« Jasmel besaß den raschen Verstand ihres Vaters. »Mich hindert doch nichts daran, ins Labor hinunterzugehen, oder? Ich stehe nicht unter gesetzlicher Überwachung.« Dut überlegte. »Nein, vermutlich nicht.« »Na gut«, erwiderte Jasmel und wandte sich an Adikor. »Sag mir, was ich tun soll, um meinen Vater zurückzubringen.« Adikor schüttelte den Kopf. »So einfach ist das nicht. Die Apparate sind sehr kompliziert, Ponter und ich haben sie selbst zusammengebaut und die Hälfte der Kontrollknöpfe sind nicht mal bezeichnet.« Jasmel war sichtlich enttäuscht. Sie sah den großen Mann an. »Nun, und wenn Sie mit uns runtergehen? Sie könnten sehen, was Adikor tut.« »Da runter?« Dut lachte. »Sie wollen, dass ich an den einzigen Ort gehe, wo mein Gefährte nicht überwacht werden kann - und das mit einer Person, die dort zuvor vielleicht einen Mord begangen hat? Sie wollen mich wohl auf den Arm nehmen.« »Sie müssen ihn dort runtergehen lassen!«, beharrte Jasmel. Aber Dut schüttelte bloß den Kopf. »Nein. Ich muss nur eins: Ihn daran hindern.« 54
Adikor schob herausfordernd den Unterkiefer vor. »Wie?«, fragte er. »Ver... Verzeihung?«, entgegnete Dut. »Wie? Wie wollen Sie mich daran hindern, dort hinunterzugehen?« »Durch Anwendung jedes erforderlichen Mittels«, erwiderte Dut gleichmütig. »Na schön«, sagte Adikor. Einen Augenblick lang stand er reglos da, als überlegte er, ob es das wirklich wert war. »Na schön«, wiederholte er und ging dann zielstrebig auf den Eingang der Mine zu. »Stehen bleiben!«, befahl Dut nicht sehr überzeugend. »Oder was?«, fragte Adikor, ohne sich umzusehen. Er versuchte furchtlos zu klingen, aber in seiner Stimme schwang Angst und Verunsicherung mit. »Werden Sie mir wirklich eins über den
Schädel ziehen?« Ungewollt spannte Adikor seine Halsmuskeln an, bereitete sich schon auf den Schlag vor. »Kaum«, erwiderte Dut. »Ich werde Sie einfach mit einem Betäubungspfeil schlafen legen.« Adikor hielt inne und drehte sich um. »Oh.« Nun, er hatte nie zuvor gegen das Gesetz verstoßen er kannte auch niemanden, der das schon mal getan hätte. Es war manchmal sicher sinnvoll, Personen aufzuhalten, ohne sie ernsthaft zu verletzen. Jasmel stellte sich zwischen Dut, der jetzt seinen Pfeilwerfer in der Hand hielt, und Adikor. »Zunächst müssen Sie auf mich schießen«, forderte sie Dut heraus. »Er wird da runtergehen.« »Wenn Sie so wollen. Aber ich sollte Sie warnen: Sie werden mit grässlichen Kopfschmerzen aufwachen.« »Bitte!«, sagte Jasmel. »Er versucht, meinen Vater zu retten -verstehen Sie das denn nicht?« Zum ersten Mal bekam Duts Stimme einen warmen, milden Klang. »Sie jagen da einem Hirngespinst hinterher. Ich weiß, es muss sehr schwer sein, damit zurechtzukom 55 men, aber Sie müssen der Wahrheit ins Gesicht sehen.« Er winkte den beiden mit dem Werfer, sie sollten sich von der Mine entfernen. »Es tut mir ja Leid, aber Ihr Vater ist tot.« 55
KAPITEL SIEBZEHN Das Genetiklabor an der Laurentian-Universität besaß nicht die Spezialausrüstung von Marys Labor an der York, die nötig war, um degenerierte DNS aus alten Proben zu extrahieren. Aber das war auch nicht nötig. Es war eine simple Angelegenheit, die Zellen aus Ponters Mund zu entnehmen und die DNS aus einer der Mitochondrien zu extrahieren; jedes Genlabor der Welt war dazu in der Lage. Mary führte zwei Primer ein - kurze Stränge von Mitochondrien-DNS, die mit dem Anfang der Sequenz übereinstimmten, die sie vor Jahren dem Neanderthaler in Deutschland entnommen hatte. Daraufhin fügte sie eine enzymatische DNS-Polymerase hinzu, Auslöser einer Poly-merasen-Kettenreaktion, die den für sie interessanten Abschnitt dazu veranlassen würde, sich zu vermehren. Die entsprechende Sequenz würde sich immer und immer wieder reproduzieren und dabei jedes Mal mengenmäßig verdoppeln. Bald hätte sie Millionen Kopien des Abschnitts zum Analysieren. Wie Reuben Montego gesagt hatte, erledigte das Lauren-tian-Labor viel forensische Arbeit und besaß daher dieses Spezialklebeband, mit dem die Glasgefäße fest verschlossen wurden. Die Genetiker setzten ihre Unterschrift darauf und bezeugten somit, dass der Inhalt nicht vertauscht worden war. Auch Mary versiegelte auf diese Weise den Behälter, in dem die Polymerasen-Kettenreaktion ablief, und beschriftete ihn. Anschließend rief sie von einem Webterminal im Labor ihre E-Mails in York ab. In den letzten Tagen hatte sie mehr Mails erhalten als im gesamten Monat davor. Viele kamen von Neanderthaler-Experten, die irgendwie Wind von der Sache in der Nickel-Mine bekommen hatten. Es gab Nachrichten von der Washington-Universität, von der Universität 55
Michigan, vom UCB, UCLA, Brown und SUNY Stony Brook, aus Stanford und Cambridge, vom britischen Museum für Naturlgeschichte, vom französischen Institut de Préhistoire et de Géologie du Quaternair, von ihren alten Freunden am Rheinischen Landesmuseum und vielen mehr - und alle baten um Proben der Neanderthaler-DNS, während sie sich gleichzeitig darüber lustig machten, das Derartiges in Wirklichkeit gar nicht sein könne. Sie ließ alle Nachrichten unbeachtet, verspürte jedoch das Bedürfnis, ihrer Examensstudentin an der York-Univer-sität eine Nachricht zukommen zu lassen: Daria,
tut mir Leid, dass ich dich einfach so im Stich gelassen habe, aber ich weiß, dass du mit allem zurechtkommst. Du hast bestimmt die Berichte in der Presse gelesen, und ich kann nicht mehr sagen, als dass die Möglichkeit besteht, dass er ein Neanderthaler ist. Ich lasse gerade die DNS-Tests laufen, um sicherzugehen. Ich weiß nicht, wann ich zurückkomme. Vielleicht bleibe ich noch ein paar Tage hier. Aber ich möchte dir sagen ... dich wirklich davor warnen dass mir offenbar ein Mann gefolgt ist, als ich am Freitagabend das Labor verlassen habe. Sei vorsichtig! Wenn du länger arbeitest, lass dich von deinem Freund abholen oder rufe einen Begleiter, der dich zu deiner Wohnung zurückbringt. Gib auf dich Acht! MNV Mary las die Nachricht mehrmals durch und klickte dann auf >Senden<. Anschließend saß sie einfach nur da und starrte eine lange, lange Zeit auf den Bildschirm. Verdammt! 56 Verdammt! Verdammt! Verdammt! Sie bekam es einfach nicht aus ihrem Kopf - nicht für fünf Minuten. Vermutlich hatten sich ihre wachen Gedanken mindestens den halben Tag mit den entsetzlichen Geschehnissen von - mein Gott, war das wirklich erst gestern gewesen ? -beschäftigt. Es schien bereits so lange her zu sein, obwohl die Erinnerungen einem Skalpell gleich scharf und schmerzhaft durch ihre Gedanken schnitten. Wäre sie in Toronto gewesen, hätte sie die Sache vielleicht mit ihrer Mutter besprochen, aber ... Aber ihre Mutter war eine gute Katholikin, und unangenehme Themen ließen sich einfach nicht umgehen, wenn man eine Vergewaltigung besprach. Mama wäre besorgt darum, ob Mary vielleicht schwanger war. Nicht dass sie je einen Abbruch befürwortet hätte; Mary und sie hatten sich über das Edikt von Papst Johannes Paul II. gestritten, wonach vergewaltigte Nonnen in Bosnien ihre Kinder austragen sollten. Und ihrer Mutter zu sagen, dass sie sich um nichts Sorgen zu machen brauchte, weil sie die Pille nahm, wäre kaum besser gewesen. Für ihre Eltern war die Knaus-Ogino-Methode die einzig akzeptable Verhütungsmethode - und Mary hielt es für ein Wunder, dass sie bloß drei Geschwister hatte und nicht ein ganzes Dutzend. Sie könnte natürlich mit ihren Geschwistern reden, aber ... aber ... mit einem Mann - gleich welchem - konnte sie über so etwas Abscheuliches nie und nimmer sprechen. Also schieden ihre Brüder Bill und John schon einmal aus. Ihre einzige Schwester Christine wiederum war nach Sacramento gezogen, und am Telefon wollte sie ein so intimes Thema nun wahrlich nicht erörtern. Und dennoch musste sie mitjemandem reden. Persönlich. Jemandem von hier. Auf dem Tisch im Labor lag ein Wegweiser durch Laurentian; Mary entdeckte darin eine Karte des Campus und fand, wonach sie gesucht hatte. Sie stand auf und ging durch den Flur zum Treppenhaus, das von Science I zum Seminarge 56 bäude hinüberführte. Sie schritt das, was die Studenten von Laurentian die >Bowling-Bahn< nannten, entlang - einen langen, ebenerdigen Glaskorridor zwischen dem Seminargebäude und dem Großen Hörsaal. Die Nachmittagssonne drang durch die großen Glasfenster, ein Donut-Stand verbreitete süße Gerüche und ein paar Kioske befriedigten die studentischen
Bedürfnisse. Am Ende des Ganges wandte sie sich nach links, passierte das Verbindungsbüro, stieg eine Treppe hinauf, vorbei an der Campusbuchhandlung, und betrat einen kurzen Flur. Zum Nothilfezentrum für vergewaltigte Frauen an der York-Universität zu gehen, wäre nicht in Frage gekommen. Die Beraterinnen dort waren zumeist ehrenamtlich tätig, und obwohl alle zweifelsohne der Schweigepflicht unterlagen, hätte es sich herumgesprochen, dass ein Fakultätsmitglied überfallen worden war. Hinzu kam, dass man sie vielleicht dabei gesehen hätte, wie sie die Einrichtung betrat oder verließ. Aber die Laurentian-Universität, klein, wie sie war, hatte auch ein Nothilfezentrum. Die traurige Wahrheit war, dass jede Universität dringend eins benötigte; sie hatte gehört, dass es sogar eines an der Oral Roberts University gab. Niemand hier kannte Mary, und sie war noch nicht im Fernsehen interviewt worden, obwohl das unausweichlich war, sobald die Ergebnisse von Ponters DNS-Test vorlagen. Wenn sie also ihre Anonymität wahren wollte, musste sie schnell handeln. Die Tür stand offen. Mary betrat den kleinen Empfangsbereich. »Hallo«, sagte die junge Schwarze hinter dem Tresen. Sie stand auf und kam zu Mary herüber. »Komm rein, komm nur rein!« Mary verstand ihre eifrige Besorgnis. Viele Frauen schafften es vielleicht bis zur Türschwelle, verschwanden dann aber rasch, weil sie sich außerstande sahen, über das zu reden, was ihnen angetan worden war. Es war offensichtlich, dass Mary schon vor geraumer Zeit zum Opfer geworden war. Ihre Kleidung war korrekt, das 57 Make-up makellos und das Haar nicht zerzaust. Und sicher bekam das Büro auch Besuch von Frauen, die keine Opfer waren: die sich als freiwillige Mitarbeiterinnen meldeten, Untersuchungen anstellten, den Fotokopierer benutzen wollten. »Hat man dir wehgetan?«, fragte die Frau. Wehgetan. Ja, das war die richtige Herangehensweise. Es fiel leichter zuzugeben, dass einem wehgetan worden war, als das V-Wort zu akzeptieren. Mary nickte. »Ich muss das fragen«, meinte die Frau. Sie hatte große braune Augen und einen kleinen Schmuckstein in der Nase. »Ist es heute passiert?« Mary schüttelte den Kopf. Eine halbe Sekunde lang wirkte die Frau - nun ja, enttäuscht wäre das falsche Wort. Aber es wäre zweifelsohne weitaus interessanter gewesen, wenn es gerade erst geschehen wäre, wenn der Notfallkoffer hätte ins Spiel gebracht werden können, um Beweismittel zu sammeln, wenn ... »Gestern«, sagte Mary und ergriff zum ersten Mal das Wort. »Gestern Abend.« »War es - war es ein Bekannter?« »Nein«, erwiderte Mary ... aber dann hielt sie inne. Eigentlich war sie nicht sicher, ob die Antwort auf diese Frage stimmte. Das Ungeheuer hatte eine Sturmhaube getragen. Es hätte jeder sein können: einer ihrer Studenten, ein weiteres Fakultätsmitglied, jemand vom Hilfspersonal, ein Punk aus Driftwood. Jeder. »Ich weiß es nicht. Er - er war vermummt.« »Ich weiß, dass er dir wehgetan hat«, sagte die junge Frau, schob ihren Arm durch Marys und führte sie weiter ins Innere, »aber hat er dich verletzt? Musst du zum Arzt?« Die Frau hielt eine Hand hoch. »Wir haben eine ausgezeichnete Arztin in Rufbereitschaft.« Erneut schüttelte Mary den Kopf. »Nein«, meinte sie. »Er hatte ein ...« Zur eigenen Überraschung brach ihr die 57
Stimme. Sie setzte erneut an. »Er hatte ein Messer, aber er hat keinen Gebrauch davon gemacht.« »Ein Tier!«, meinte die Frau. Mary nickte beipflichtend. Sie gingen in ein innen liegendes Zimmer, dessen Wände in einem sanften Rosa gestrichen waren. Es gab zwei Stühle, allerdings kein Sofa - sogar hier, sogar in diesem Heiligtum, könnte
der Anblick eines Sofas zu viel sein. Die Frau bedeutete Mary, sie solle sich einen der Stühle nehmen - einen gepolsterten Lehnstuhl -, und sie setzte sich auf den anderen, ihr gegenüber, streckte den Arm aus und nahm sanft Marys linke Hand. »Würdest du mir deinen Namen sagen?«, bat die Frau. Mary dachte daran, einen fälschen Namen anzugeben, aber sie wollte diese nette junge Person, die sich so sehr bemühte, ihr zu helfen, nicht anlügen. Vielleicht würde sie der Frau ihren mittleren Namen nennen, Nicole - das wäre dann nicht wirklich eine Lüge, aber es würde immer noch ihre Identität verbergen. Doch als sie den Mund öffnete, kam »Mary«, heraus. »Mary Vaughan.« »Mary, ich heiße Keisha.« Mary sah sie an. »Wie alt bist du?«, fragte sie. »Neunzehn«, erwiderte Keisha. So jung. »Bist du ... bist du je ...?« Keisha presste die Lippen aufeinander und nickte. »Wann?« »Vor drei Jahren.« Mary spürte, wie ihre Augen groß wurden. Damals wäre die junge Frau also sechzehn gewesen; es war vielleicht -mein Gott, ihr erstes Mal war vielleicht eine Vergewaltigung gewesen! »Das tut mir Leid«, sagte Mary. Keisha neigte den Kopf, womit sie die Bemerkung akzeptierte. »Ich werde dir nicht sagen, dass du darüber hinwegkommen wirst, Mary, aber du kannst es überleben. Und dabei werden wir dir helfen.« Mary schloss die Augen, holte tief Luft und stieß sie wie 58 der aus. Sie spürte, wie ihr Keisha sanft die Hand drückte, ihr Stärke vermittelte. Schließlich ergriff sie erneut das Wort. »Ich hasse ihn«, sagte sie. Sie öffnete die Augen. Keishas Gesichtausdruck war ernst, ermutigend. »Und ...«, sagte Mary langsam, leise, »ich hasse mich selbst, dass ich es habe geschehen lassen.« Keisha nickte und streckte den anderen Arm aus, ergriff auch Marys rechte Hand und hielt sie sanft in der ihren. 58
KAPITEL ACHTZEHN Adikor und Jasmel kehrten von der Mine zu Adikors Haus zurück, dem Haus, das er mit Ponter geteilt hatte. Auf Adikors laut gesprochene Aufforderung hin schaltete sich die Beleuchtung ein, und Jasmel sah sich interessiert um. Es war das erste Mal, dass Jasmel das Heim ihres Vaters besuchte; wenn Zwei Eins wurde, kamen stets die Männer ins Zentrum, anstatt dass die Frauen hinaus zum Stadtrand gingen. Auf eine melancholische Weise war Jasmel fasziniert, während sie das Haus durchstöberte und sich Ponters Skulpturen-Sammlung ansah. Sie wusste, dass er etwas für in Stein gehauene Nagetiere übrig hatte, und bei jeder Mondfinsternis schenkte sie ihm eine solche Skulptur. Besonders gern mochte Ponter Nager, die aus Mineralien gefertigt waren, die nicht im Lebensbereich der Tiere vorkamen. Sein Stolz und seine Freude, dem Aufstellungsort gleich neben der Wadlak-Flatte nach zu urteilen, war ein einheimischer Biber aus Malachit, der aus Zentral-Evsoy importiert worden war. Während sie weiterstöberte, machte sich Adikors Gefährte mit einem >Ping!< bemerkbar. »Gesunder Tag!«, sagte er laut und deutlich. »Oh, wunderbar, meine Liebe. Großartige Neuigkeit! Einen Moment Geduld, bitte ...« Er wandte sich an Jasmel. »Das möchtest du hören; es ist meine Lebensgefährtin Lurt. Sie hat die Flüssigkeit analysiert, die ich nach dem
Verschwinden deines Vaters im Quantencomputer-Labor gefunden habe.« Adikor betäügte einen Kontrollknopf und schaltete dadurch einen externen Lautsprecher ein. »Jasmel Ket - Ponters Tochter - ist gerade bei mir«, erklärte Adikor. »Berichte weiter!« »Gesunder Tag, Jasmel«, tönte Lurt. 59
»Dir auch«, erwiderte Jasmel. »Na gut«, fuhr Lurt fort, »Ich habe eine kleine Uber-raschung für dich - weißt du, um was es sich bei der Flüssigkeit handelt, die du mir gebracht hast?« »Wasser, habe ich gedacht«, meinte Adikor. »Oder etwa nicht?« »So was in der Art. Genauer gesagt: schweres Wasser.« Jasmel hob eine Braue. »Wirklich?«, fragte Adikor. »Ja«, entgegnete Lurt. »Reines schweres Wasser. Natürlich kommen Moleküle von schwerem Wasser in der Natur vor, etwa in der Größenordnung von 0,01 Prozent in normalem Regenwasser. Aber um eine solche Konzentration zu erhalten - na ja, ich weiß nicht, wie man das hinbekommen könnte. Vermudich müsste man eine Technik entwickeln, um natürlich vorkommendes Wasser zu fraktionieren, basierend darauf, dass das schwere Wasser ein etwa zehn Prozent größeres Gewicht hat. Um die Menge zu erhalten, die du gefunden hast, wäre jedoch eine gewaltige Wassermenge nötig. Mir ist zudem keine Einrichtung bekannt, die solch eine Technologie anwendet oder entwickelt, und ich kann mir auch keinen Grund vorstellen, weshalb es jemand tun sollte.« Adikor sah Jasmel an, dann wieder sein Handgelenk. »Ein natürliches Vorkommen ist völlig ausgeschlossen? Ausgeschlossen, dass es aus dem Gestein hochgekommen ist?« »Völlig ausgeschlossen«, erwiderte Lurts Stimme. »Es war mit etwas kontaminiert, das ich schließlich als Reinigungslösung identifiziert habe, mit der ihr die Fußböden eures Labors säubert; ein getrockneter Rest muss sich im Wasser gelöst haben. Doch ansonsten war es absolut rein. Im Grundwasser wären Mineralien vorhanden; das hier war künstlich hergestellt. Von wem, das weiß ich nicht, und wie, da bin ich mir nicht sicher - aber es ist ganz bestimmt etwas, das nicht natürlich vorkommt.« »Faszinierend«, sagte Adikor. »Und es fand sich keine Spur von Ponters DNS?« 59
»Nein. Da war ein wenig deiner eigenen - zweifelsohne hast du ein paar Zellen beim Aufwischen des Wassers abgeschabt —, aber von niemand anderem. Auch keine Spur von Blutplasma oder sonst etwas, das von ihm hätte stammen können.« »Na gut. Vielen Dank!« »Gesunder Tag, mein Lieber«, sagte Lurts Stimme. »Gesunder Tag«, wiederholte Adikor und schaltete die Außenlautsprecher ab. »Was ist schweres Wasser?«, fragte Jasmel. Adikor erklärte es ihr und sagte dann: »Das muss der Schlüssel sein.« »Du sagst die Wahrheit über die Quelle des schweren Wassers?«, fragte Jasmel. »Ja, natürlich«, erwiderte Adikor. »Ich habe es nach Ponters Verschwinden vom Boden der Rechnerkammer aufgenommen.« »Es ist nicht giftig, oder?« »Schweres Wasser? Kann ich mir nicht vorstellen.« »Welchen Nutzen hat es?« »Keinen mir bekannten.« »Es ist ausgeschlossen, dass der Leichnam meines Vaters -hm, ich weiß nicht - irgendwie in schweres Wasser umgewandelt wurde?« »Das möchte ich stark bezweifeln«, erwiderte Adikor. »Und es gibt keine Spur der Chemikalien, aus denen sein Körper bestand. Er ist nicht auseinander gefallen oder spontan entflammt; er ist einfach verschwunden.« Adikor schüttelte den Kopf. »Vielleicht können wir morgen beim
Dooslarm Basadlarm der Untersuchungsrichterin erklären, weshalb wir ins Labor hinunter müssen. Bis dahin hoffe ich, dass es Ponter gut geht, wo immer er auch sein mag.« Nachdem er Mary Vaughan ins Genlabor der Laurentian-Universität gebracht hatte, besorgte sich Reuben Montego in einem Taco Bell etwas zu essen und kehrte dann zum St. 60 Joseph's Health Centre zurück. In der Lobby sah er Louise Benoît, die bezaubernde Frankokanadierin und Post-doktorandin vom SNO. Sie hatte gerade eine Auseinandersetzung mit jemandem, der von der Krankenhauswache zu sein schien. »Aber ich habe ihm das Leben gerettet!«, hörte Reuben Louise rufen. »Er möchte mich bestimmt sehen!« Reuben ging zu der jungen Frau. »Hallo«, sagte er. »Was gibt's für ein Problem?« Die Frau wandte ihm ihr reizendes Gesicht zu, und ihre braunen Augen strahlten dankbar. »Oh, Dr. Montego!«, sagte sie. »Gott sei Dank sind Sie da. Ich wollte nachsehen, wie es unserem Freund geht, aber sie wollen mich nicht zu ihm lassen.« »Ich bin Reuben Montego«, sagte Reuben zu dem Wachmann, einem muskulösen Burschen mit rotem Haar. »Ich bin Mr. Ponters ...« Nun gut, warum nicht? »... Hausarzt; das können Sie sich von Dr. Singh bestätigen lassen.« »Ich weiß, wer Sie sind«, erwiderte der Wachmann. »Und ja, Sie stehen auf der Liste.« »Also gut. Diese junge Dame gehört zu mir. Sie hat tatsächlich Ponter am Neutrino-Observatorium in Sudbury das Leben gerettet.« »Sehr schön«, meinte der Mann. »Tut mir Leid, wenn ich Ihnen lästig falle, aber ständig versuchen Reporter und neugierige PR-Mitarbeiter, sich einzuschleichen, und ...« In diesem Augenblick kam Dr. Naonihal Singh vorbei, auf dessen Kopf ein dunkelbrauner Turban prangte. »Dr. Singh!«, rief Reuben. »Hallo«, erwiderte Singh und schüttelte Reuben die Hand. »Auf der Flucht vor dem Telefon, was? Meins hat bis zum Exzess geläutet.« Reuben lächelte. »Meins auch. Jeder möchte anscheinend etwas über Mr. Ponter erfahren.« »Wissen Sie, ich bin so froh darüber, dass es ihm gut geht«, sagte Singh, »aber ich wäre ihn wirklich gern los. Wir 60 haben zur Zeit nicht genügend Betten, Mike Harris sei Dank.« Reuben nickte mitfühlend. Der ehemalige Premier von Ontario, ein Geizhals sondergleichen, hatte in der ganzen Provinz zahlreiche Krankhäuser geschlossen oder zusammengelegt. »Und«, fuhr Singh fort, »ich möchte das ja nicht allzu sehr betonen, aber wenn er von hier verschwinden könnte, würden mich vielleicht die Medien nicht mehr so belästigen.« »Wohin sollen wir ihn bringen?«, fragte Reuben. »Woher soll ich das wissen?«, fragte Singh zurück. »Aber wenn es ihm gut geht, gehört er nicht in ein Krankenhaus.« Reuben nickte. »Na schön, okay. Wir nehmen ihn mit, wenn wir gehen. Können wir uns mit ihm hinausschleichen, ohne dass es die Presse mitbekommt?« »Die Idee hinter der ganzen Sache«, meinte Singh, »ist die, dass es die Presse erfährt.« »Ja, ja«, sagte Reuben. »Aber wir möchten ihn gern unbehelligt irgendwo hinbringen, bevor sie es merken.« »Kann ich verstehen«, meinte Singh. »Bringen Sie ihn über das unterirdische Parkhaus raus. Stellen Sie Ihren Wagen dort ab. Nehmen Sie den Personalaufzug bis nach B2 und verschwinden Sie durch den Flur. So lange Ponter in Ihrem Wagen den Kopf unten hält, wird ihn niemand wegfahren sehen.« »Ausgezeichnet«, meinte Reuben. »Bitte, nehmen Sie ihn noch heute mit«, bat Singh. Reuben nickte. »Werd ich tun.«
»Vielen Dank«, sagte Singh. Reuben und Louise gingen die Treppe hoch. »Hallo Ponter«, sagte Reuben, als er das Krankenzimmer betrat. Ponter saß auf dem Bett. Er trug nach wie vor die Kleidung, in der man ihn gefunden hatte. Zunächst dachte Reuben, Ponter hätte Fernsehen geschaut, aber dann bemerkte der Arzt, wie er den linken Arm hochhielt. Haks Glasauge war auf den Bildschirm gerichtet. 61 Wahrscheinlich versuchte Ponters Gefährte weitere Worte im Zusammenhang zu erfassen und zu erlernen. »Hallo Reuben«, erwiderte Hak, wohl auch für Ponter. Der drehte sich um und sah Louise an. Reuben fiel auf, dass er nicht auf die Art und Weise reagierte, wie es ein normaler menschlicher Mann täte; auf seinem Gesicht lag kein Lächeln des Entzückens über den unerwarteten Besuch einer so hübschen jungen Frau. »Louise«, sagte Reuben, »das ist Ponter.« Louise trat vor. »Hallo Ponter!«, sagte sie. »Ich bin Louise Benoit.« »Louise hat dich aus dem Wasser gezogen«, erklärte Reuben. Jetzt lächelte Ponter warmherzig. Vielleicht sahen hier alle Menschen für ihn gleich aus, dachte Reuben. »Lou...«, sagte Haks Stimme. Ponter zuckte entschuldigend mit den Achseln. »Er kann das >I< in Ihrem Namen nicht aussprechen«, erklärte Reuben. Louise lächelte. »Schon gut. Du kannst mich Lou nennen; viele Freunde tun das.« »Lou«, wiederholte Ponter mit tiefer Stimme. »Ich ... du ... ich ...« Reuben sah Louise an. »Wir sind immer noch dabei, sein Vokabular aufzubauen. Ich fürchte, bis zu gesellschaftlichen Nettigkeiten wird es noch ein Weilchen dauern. Er versucht bestimmt, Ihnen dafür zu danken, dass Sie ihm das Leben gerettet haben.« »Sehr erfreut«, meinte Louise. »Schön, dass es dir gut geht.« Reuben nickte. »Und wo wir gerade davon sprechen«, sagte er, »Ponter, du musst gehen.« Ponter zog die Brauen hoch. »Ja!«, sagte Hak. Er sprach erneut für ihn. »Wohin? Wohin gehen?« Reuben kratzte sich am Kopf. »Das ist eine gute Frage.« 61 »Weit«, sagte Hak. »Weit.« »Du möchtest weit weg?«, fragte Reuben. »Warum?« »Der ... der ...« Haks Stimme erstarb, aber Ponter hob die Hand und legte sie sich über die riesige Nase - vielleicht die entsprechende Geste, mit der die Neanderthaler sich die Nase zudrückten. »Der Geruch?«, fragte Reuben. Er nickte und wandte sich an Louise. »Bei einem solchen Riechzinken überrascht es mich nicht, dass er einen scharfen Geruchssinn hat. Ich verabscheue den Krankenhausgeruch auch, und ich verbringe viel Zeit hier.« Louise sah zu Ponter, sprach jedoch zu Reuben. »Sie haben nach wie vor keine Ahnung, woher er kommt?« »Nein.« »Ich denke an eine Parallelwelt«, sagte Louise schlicht. »Was?«, meinte Reuben. »Oh, jetzt machen Sie aber mal halblang!« Louise hob die Schultern. »Woher könnte er sonst kommen?« »Naja, das ist eine gute Frage, aber ...« »Und wenn er aus einer Parallelwelt stammt«, sagte Louise, »könnte es doch sein, dass diese Welt keine Verbrennungsmotoren und auch nichts von den anderen Dingen hat, die unsere Luft verschmutzen. Wenn man eine sehr empfindliche Nase hat, würde man sich nie an stinkende Technologien gewöhnen.« »Mag sein, aber das bedeutet nicht unbedingt, dass er aus einem anderen Universum stammt.«
»So oder so«, meinte Louise und schob sich das lange, braune Haar aus den Augen, »möchte er wahrscheinlich möglichst weit weg von jeder Zivilisation. Irgendwohin, wo es nicht so schlimm stinkt.« »Naja, ich könnte mir Urlaub von Inco nehmen«, meinte Reuben. »Das Schöne am Job des Betriebsarztes ist, dass du dich selbst krankschreiben kannst. Ich würde wirklich gern weiter mit ihm arbeiten.« 62 »Ich habe auch nichts zu tun«, sagte Louise, »während sie das SNO wieder trockenlegen.« Reuben spürte, wie sein Herz einen Satz machte. Verdammt, er war immer noch ein alter Windhund! Aber Louise wollte bestimmt bloß aufgrund ihres wissenschaftlichen Interesses an Ponter mitkommen. Dennoch wäre es wunderbar, mehr Zeit mit ihr zu verbringen; ihr Akzent war unglaublich sexy. »Ich frage mich, ob die Behörden ihn einkassieren wollen«, meinte Reuben. »Er ist erst einen Tag hier«, erwiderte Louise, »und ich wette, in Ottawa nimmt das noch niemand so richtig ernst. Ist doch bloß wieder eine verrückte Revolverblatt-Story, wie gemacht für den National Enquirer. Bundesbeamte und Militärs tauchen nicht jedes Mal auf, wenn jemand behauptet, ein UFO gesichtet zu haben. Die haben bestimmt noch nicht mal in Erwägung gezogen, dass das echt sein könnte.« Die Gerüche sind wirklich schrecklich, dachte Ponter, als er Lou und Reuben ansah. Die beiden waren schon ein ziemlicher Kontrast: er mit dunkler Haut und völlig kahl, und sie mit einer Haut, noch bleicher als seine eigene, und dickem braunen Haar, das ihr weit über die schmalen Schultern fiel. Ponter war noch immer ängstlich und verwirrt, aber Hak flüsterte ihm immer dann beruhigende Worte in sein Innenohr-Implantat, wenn er entdeckte, dass Ponters Vitalparameter zu viel Aufregung signalisierten. Ohne Haks Hilfe wäre er bestimmt schon durchgedreht, davon war Ponter überzeugt. So viel war in so kurzer Zeit geschehen! Gestern war er noch mit Adikor im eigenen Bett erwacht, hatte seine Hündin gefüttert, war zur Arbeit gegangen ... Und jetzt war er hier, wo immer hier auch sein mochte. Hak hatte Recht: Dies musste die Erde sein. Ponter hatte zwar den Verdacht, dass es im unendlichen Weltall weitere bewohnbare Planeten gab, aber er wog hier anscheinend 62
ebenso viel wie daheim, und die Luft war atembar - zumindest soweit atembar wie die Küche seines geliebten Adikor genießbar war! Es gab faulige Gerüche, Gasgestank, fruchtige Düfte, chemische Gerüche, Gerüche, die er nicht einmal ansatzweise identifizieren konnte. Aber er musste zugeben, dass er die Luft vertrug und dass die Nahrung, die er erhielt, (meistens!) mit seinem Verdauungssystem kompatibel war. Also: die Erde. Und bestimmt nicht die Erde der Vergangenheit. Es gab Teile der modernen Erde, insbesondere in den Äquatorialregionen, die wenig erforscht waren, aber Hak hatte darauf hingewiesen, dass die Vegetation hier größtenteils die gleiche war wie in Saldak. Es war daher unwahrscheinlich, dass er sich auf einem anderen Kontinent oder auf der südlichen Halbkugel befand. Und obwohl es warm war, warfen viele der Bäume, die er gesehen hatte, ihr Laub ab; in einer Äquatorialregion geschah dies normalerweise nicht. Dann die Zukunft? Aber nein. Wenn die Menschheit aus einem unfassbaren Grund aufgehört hatte zu existieren, wären nicht die Gliksins an ihre Stelle getreten. Gliksins waren ausgestorben; ein erneutes Aufleben wäre ebenso unwahrscheinlich wie bei den Dinosauriern. Wenn dies nicht bloß die Erde, sondern tatsächlich derselbe Teil der Erde war, von der Ponter gekommen war, wo waren dann die gewaltigen Schwärme von Wandertauben? Seit seiner Ankunft hatte er keine einzige zu Gesicht bekommen. Vielleicht, dachte Ponter, wurden sie durch den Ekel erregenden Gestank vertrieben.
Aber nein. Nein. Dies war weder die Zukunft noch die Vergangenheit. Es war die Gegenwart - eine Parallelwelt, eine Welt, wo - unfassbar! - die Gliksins trotz ihrer angeborenen Dummheit nicht ausgestorben waren. 63 »Ponter«, sagte Reuben. Ponter sah auf, einen leicht verlorenen Ausdruck auf dem Gesicht, als wäre er aus einer Träumerei gerissen worden. »Ja?«, fragte er. »Ponter, wir werden dich woanders hinbringen. Wohin genau, weiß ich noch nicht. Aber, na ja, für den Anfang bringen wir dich hier raus. Du, öh, du kannst bei mir bleiben.« Ponter neigte den Kopf. Zweifelsohne lauschte er Haks Übersetzung. An ein paar Stellen wirkte er verwirrt; wahrscheinlich war sich Hak nicht ganz sicher, wie er einige von Reubens Worten wiedergeben sollte. »Ja«, sagte Ponter schließlich. »Ja. Wir gehen weg.« Reuben bedeutete Ponter voranzugehen. »Tür öffnen«, sagte Ponter. Er sprach zu sich selbst und mit offensichtlichem Vergnügen, als er die Tür zum Krankenzimmer öffnete. »Gehen durch Tür«, fuhr er fort und ließ den Worten die entsprechende Handlung folgen. Danach wartete er auf Louise und Reuben, bis sie ebenfalls die Tür hinter sich gelassen hatten. »Tür schließen«, betonte er und schloss die Tür hinter ihnen. Und dann lächelte er breit, und wenn Ponter breit lächelte, maß das Lächeln fast dreißig Zentimeter von Mundwinkel zu Mundwinkel. »Ponter draußen!« 63
KAPITEL NEUNZEHN Dr. Singhs Anweisungen befolgend, gelang es Reuben Montego, Louise Benoît und Ponter ungestört den Wagen zu erreichen, den der Arzt bereits zum Angestelltenparkplatz gebracht hatte. Er besaß einen weinroten SUV, dessen Lackierung von den Schotterstraßen auf dem Inco-Gelände zerkratzt war. Ponter stieg auf den Rücksitz, legte sich dort hin und bedeckte den Kopf mit einem Teil der heutigen Ausgabe des Sudbury Star. Louise - die zu Fuß zum Krankenhaus gekommen war - setzte sich neben Reuben. Sie hatte seine Einladung angenommen und würde bei ihm mit Ponter zu Abend essen. Er hatte gesagt, er würde sie später heimbringen. Sie fuhren los. Das Autoradio war auf CJMX-FM eingestellt; im Augenblick sang Geri Halliwell leise >It's Raming Men<. »Also«, sagte Reuben und warf Louise einen Blick zu, »bekehren Sie mich. Warum meinen Sie, dass Ponter aus einem Paralleluniversum stammt?« Einen Moment lang schürzte Louise die vollen Lippen -Mein Gott, dachte Reuben, sie ist wirklich entzückend! - und erwiderte dann: »Wie viel Ahnung haben Sie von Physik?« »Ich?«, meinte Reuben. »Stoff von der High School. Oh, und ich habe mir ein Exemplar von Eine kurze Geschichte der Zeit besorgt, als Stephen Hawking nach Sudbury gekommen ist, bin aber nicht sehr weit gekommen.« »Na schön«, sagte Louise, während Reuben nach rechts abbog, »dann möchte ich Ihnen eine Frage stellen. Wenn Sie ein einzelnes Photon auf ein Hindernis mit zwei senkrechten Schlitzen abfeuern und ein Fotopapier auf der anderen Seite zeigt ein Interferenzmuster, was ist dann geschehen?« »Ich weiß es nicht«, entgegnete Reuben ehrlich. »Also«, fuhr Louise fort, »eine Interpretation ist, dass das 63
einzelne Photon sich in eine Energiewelle verwandelt hat und beim Auftreffen auf das Hindernis an jedem Schlitz eine neue Wellenfront entstanden ist. Dann erhält man ein klassisches Interferenzmuster, wobei die Wellenberge und -täler einander verstärken oder auslöschen.«
Bei ihren Worten klingelte es leicht in Reubens Kopf. »Na gut.« »Wie ich gesagt habe, ist das eine Interpretation. Eine andere ist die, dass sich in Wahrheit das Universum kurzzeitig in zwei Universen aufspaltet. In einem saust das Photon -nach wie vor ein Teilchen - durch den linken und im anderen durch den rechten Schlitz. Und weil es keinen Unterschied macht, durch welchen Schlitz das Photon in diesem oder in einem anderen Universum saust, fallen die beiden Universen wieder zu einem zusammen. Das Interferenzmuster ist nur das Ergebnis der wiedervereinigten Universen.« Reuben nickte, allerdings nur, weil es ihm so vorkam, als wäre dies das einzig Richtige, was er tun könne. »Also«, fuhr Louise fort, »haben wir eine experimentelle physikalische Grundlage für den Glauben an die zeitweilige Existenz paralleler Universen - jene Interferenzmuster zeigen sich tatsächlich jedes Mal, wenn man nur ein Photon auf zwei Schlitze schießt. Was wäre jedoch, wenn die beiden Universen nicht wieder zu einem zusammenfielen? Was wäre, wenn sie nach der Aufspaltung getrennte Wege gingen?« »Und?«, fragte Reuben im Versuch, ihr zu folgen. »Naja«, erwiderte sie, »stellen Sie sich vor, dass sich das Universum vor, sagen wir mal, Zehntausenden von Jahren aufgespalten hat. Zu einer Zeit, als noch zwei menschliche Arten Seite an Seite lebten. Unsere Vorfahren, die Cro-magnon ...« Reuben fiel auf, dass sie das Wort aussprach, wie es eine französischsprachige Person tun würde, nämlich ohne ein hörbares >G<. »... und Ponters Vorfahren, die alten Neanderthaler. Ich weiß nicht, wie lange die beiden Arten nebeneinander existiert haben, aber ...« 64 »Von vor etwa 100.000 bis vielleicht vor 27.000 Jahren«, warf Reuben ein. Louise zeigte sich beeindruckt. Sie war überrascht, dass Reuben dieses Wissen parat hatte. Er zuckte mit den Achseln. »Wir haben eine Genetikerin aus Toronto namens Mary Vaughan hier oben bei uns. Sie hat es mir erzählt.« »Ach, so. Okay. Zu irgendeinem Zeitpunkt kam es zu einer Aufspaltung, und beide Universen entwickelten sich unabhängig voneinander weiter. In unserem haben sich die Cromagnon-Menschen durchgesetzt, im anderen die Neanderthaler, die ihre eigene Zivilisation und Sprache erschufen.« Reuben war völlig durcheinander. »Aber ... aber wie sind die beiden Universen dann wieder miteinander in Kontakt gekommen?« »Je ne sais pas«, erwiderte Louise kopfschüttelnd. Sie verließen Sudbury und fuhren die Regional Road 55 nach Lively, das kaum einen unpassenderen Namen hätte tragen können, denn von >lebendig< konnte wahrhaftig nicht die Rede sein. Dort in der Nähe lag auch die Mine. »Ponter«, meinte Reuben. »Du kannst dich wieder aufsetzen; es gibt nicht mehr viel Verkehr.« Ponter regte sich nicht. Reuben wurde klar, dass er sich zu kompliziert ausgedrückt hatte. »Ponter, auf!«, sagte er. Zeitungspapier raschelte, und Ponters mächtiger Schädel tauchte im Rückspiegel auf. »Auf«, bestätigte Ponter. »Heute Nacht«, erklärte Reuben, »wirst du in meinem Haus bleiben, hast du verstanden?« Nach einer kurzen Zeitspanne, die die Ubersetzung in Anspruch nahm, stimmte Ponter zu: »Ja.« Hak ergriff das Wort. »Ponter muss Essen haben.« »Ja«, sagte Reuben. »Ja, wir essen bald.« Etwa zwanzig Minuten später trafen sie bei Reuben ein. Es war ein modernes, zweigeschossiges Gebäude mit einigen 64
Hektar Land etwas außerhalb von Lively. Ponter, Louise und Reuben traten ein, wobei Ponter fasziniert zuschaute, als Reuben die Vordertür aufschloss, sie danach von innen verriegelte und die Kette vorlegte. Ponter lächelte. »Cool!«, sagte er entzückt. Zunächst dachte Reuben, das sei ein Kompliment wegen der Einrichtung, aber dann ging ihm auf, dass Ponter es wördich gemeint hatte. Er war augenscheinlich erfreut darüber, dass Reubens Haus klimatisiert war. »Naja«, meinte Reuben und lächelte Louise und Ponter an, »willkommen in meinen bescheidenen Gemächern. Macht es euch bequem.« Louise schaute sich um. »Sie sind nicht verheiratet?«, fragte sie. Reuben wunderte sich über die Frage; die erste und beste Interpretation war wohl, dass sie sich nach seiner Verfügbarkeit erkundigte. Die zweite und wahrscheinlichere, dass ihr plötzlich klar geworden war, sich mit einem Mann aufs Land begeben zu haben, den sie kaum kannte, und dass sie jetzt allein mit ihm und einem Neanderthaler in einem Haus war. Die dritte Variante, erkannte Reuben, während er sein unaufgeräumtes Wohnzimmer betrachtete mit all den herumliegenden Zeitschriften und Tellern mit Pizzaresten, war die, dass er ganz offensichtlich allein lebte; keine Frau hätte sich mit einer solchen Unordnung abgefunden. »Nein«, erwiderte Reuben. »Ich war mal, aber ...« Louise nickte. »Sie haben einen guten Geschmack«, meinte sie mit Blick auf das Mobiliar, einer Mischung aus karibisch und kanadisch mit viel dunklem Holz. »Das war meine Frau«, sagte Reuben. »Ich habe seit unserer Trennung nicht viel verändert.« »Aha«, meinte Louise. »Kann ich Ihnen beim Abendessen helfen?« »Nein. Ich habe gedacht, ich lege einfach ein paar Steaks auf. Ich habe hinten einen Grill.« »Ich bin Vegetarierin«, erklärte Louise. 65
»Oh! Äh, ich könnte Ihnen etwas Gemüse grillen - und, äh, eine Kartoffel?« »Das wäre großartig«, entgegnete die Postdoktorandin. »Okay«, sagte Reuben. »Sie leisten Ponter Gesellschaft?« Er verschwand im Bad, um sich die Hände zu waschen. Während er später auf der Veranda hinter dem Haus am Werke war, sah Reuben, dass Louise und Ponter ein zunehmend lebhafteres Gespräch führten. Wahrscheinlich schnappte Hak immer mehr Worte auf. Und als die Steaks schließlich fertig waren, klopfte Reuben an die Scheibe, um Louise und Ponter auf sich aufmerksam zu machen. Louise und Ponter gingen zu Reuben auf die Veranda. »Dr. Montego«, sagte Louise aufgeregt. »Ponter ist Physiker!« »Wirklich?«, meinte Reuben. »Ja. Ja, allerdings. Ich habe noch nicht alle Einzelheiten verstanden, aber er ist eindeutig Physiker - und, wie ich glaube, sogar ein Quantenphysiker.« »Wie haben Sie das rausgefunden?«, fragte Reuben. »Er hat gesagt, er denkt darüber nach, wie die Dinge funktionieren, und ich habe gesagt - unter der Annahme, dass er vielleicht Ingenieur sei -, ob er große Dinge meine. Darauf bedeutete er mir, dass er die kleinen Dinge untersuche, Dinge, die zu winzig sind, um sie sehen zu können. Und ich habe ein paar Diagramme gezeichnet - physikalische Grundlagen -, er hat sie erkannt und behauptet, dass dies seine Tätigkeit wäre.« Reuben sah Ponter mit erneuter Bewunderung an. Die niedrige Stirn und die vorstehenden Uberaugenwülste ließen ihn ein wenig, nun ja, beschränkt aussehen, aber -ein Physiker! Ein Wissenschaftler! »Schön, schön, schön«, sagte Reuben. Er bat sie, sich an den runden Tisch mit dem Sonnenschirm zu setzen, legte die Steaks sowie das gegrillte Gemüse, das er in Alufolie gewickelt hatte, auf die Teller und stellte diese auf den Tisch. Ponter lächelte sein übliches breites Lächeln. Das war für
66 ihn eindeutig ein richtiges Essen! Dann jedoch sah er sich wieder um, genauso wie er es am Morgen getan hatte, als würde er etwas vermissen. Reuben schnitt mit seinem Messer ein Stück seines Steaks ab und nahm es in den Mund. Ungeschickt ahmte Ponter nach, was Reuben getan hatte, obwohl er sich ein wesentlich größeres Stück abschnitt. Nachdem Ponter fertig gekaut hatte, stieß er einige Laute aus, die Worte in seiner Sprache gewesen sein mussten. Sogleich folgte ihnen eine männliche Stimme, die Reuben zuvor noch nicht gehört hatte. »Gut«, sagte sie. »Gutes Essen.« Die Stimme war anscheinend aus Reubens Implantat gekommen. Überrascht hob Reuben die Brauen, und Louise erklärte: »Ich bin immer etwas durcheinander gekommen, wenn wir miteinander sprachen, weil ich nicht mehr auseinander halten konnte, was das Implantat erzählte und was es von Ponter übersetzte. Jetzt benutzt es eine männliche Stimme, wenn es Ponters Worte übersetzt, und eine weibliche für sich selbst.« »Einfacher so«, meinte Haks feminine Seite. »Ja«, erwiderte Reuben, »ja, ganz bestimmt.« Behutsam öffnete Louise mit ihren langen Fingern die Folie, um ihr gegrilltes Gemüse zu essen. »Also«, sagte sie, »dann lasst uns doch sehen, was wir noch herausfinden können.« Während der nächsten Stunden redeten Reuben und Louise mit Ponter und Hak. Bald überfielen sie Scharen von Mücken. Reuben zündete eine Kerze mit Zitronenaroma an, um sie zu vertreiben, doch der Geruch brachte Ponter zum Würgen. Reuben löschte die Kerze, und sie kehrten ins Wohnzimmer zurück. Ponter setzte sich auf einen großen Lehnsessel, Louise ans eine Ende des Sofas, die Beine unterschlagen, und Reuben ans andere Ende. Sie unterhielten sich noch drei weitere Stunden und setzten die Ereignisse Stück für Stück zusammen. Und sobald 66
die ganze Geschichte ans Tageslicht gekommen war, versank Reuben völlig erstaunt im Sofa. 66
KAPITEL ZWANZIG Dritter Tag Sonntag, 4. August 148/103/26 NACHRICHTENSUCHE Stichwort(e): Neanderthaler Wie es an diesem Morgen aus Sudbury, Kanada, heißt, liegen die Heiratsanträge an den Neanderthaler gegenüber den Morddrohungen mit zwei zu eins vorn. Achtundzwanzig Frauen haben Briefe oder E-Mails über diese Zeitung an ihn geschickt und ihm einen Heiratsantrag gemacht, während die Polizei von Sudbury sowie die RCMP lediglich dreizehn Morddrohungen zu verzeichnen hatten ... USA-TODAY-SCHLAGZEILEN: - Prozentsatz derjenigen, die den so genannten Neanderthaler für einen Betrüger halten: 54. - Die glauben, es handele sich um einen echten Neanderthaler, der jedoch von irgendwoher auf dieser Erde stammt: 26. - Die glauben, er komme aus dem Weltall: 11.
- Die glauben, er komme aus einer Parallelwelt: 9. Die Polizei hat heute eine Bombe entschärft, die am Eingang zum Minenaufzug deponiert worden war, der zu der Höhle mit dem Neutrino-Observatorium von Sudbury führt, wo der so genannte Neanderthaler zum ersten Mal aufgetaucht ist... Eine religiöse Sekte in Baton Rouge, Louisiana, feiert die Ankunft des Neanderthalers in Kanada als das zweite Kommen Christi. »Natürlich sieht er wie ein Mensch aus dem Altertum aus«, erklärt
67 Reverend Hooley Gordwell. »Die Welt ist 6000 Jahre alt, und Christus ist vor einem vollen Drittel dieser Zeitspanne zu uns gekommen. Wir haben uns etwas verändert, vielleicht Dank besserer Ernährung, er aber nicht.« Die Gruppe plant eine Pilgerreise zu der Minenstadt Sudbury, Ontario, wo der Neanderthaler zur Zeit lebt.
Früh am folgenden Morgen, und nachdem sie sorgfältig darauf geachtet hatten, unterwegs nicht gesehen zu werden, trafen sich Ponter und Dr. Montego mit Mary im Labor der Laurentian-Universität. Es war Zeit für die Analyse von Ponters DNS. 379 Nukleotide zu sequenzieren erforderte präzises Arbeiten. Mary saß zusammengekauert über einer milchweißen Kunststoffabdeckung, die von darunter liegenden Neonröhren beleuchtet wurde. Sie hatte den Autoradio-graphie-Film darauf gelegt und schrieb mit einem Filzstift die Buchstaben des genetischen Alphabets für den in Frage kommenden Abschnitt heraus: G-G-C ein Triplet, das die Aminosäure Glycin kodierte; T-A-T, der Code für Tyrosin; A-T-A, das in der Mitochondrien-DNS, im Gegensatz zur Nukleus-DNS, Methionin kennzeichnete; A-A-A, das Rezept für Lysin ... Schließlich war sie fertig: Alle 379 Basen aus einem bestimmten Teil von Ponters Kontrollbereich waren identifiziert. Auf Marys Notebook gab es ein kleines DNS-Analyse-Programm. Sie fing damit an, dass sie die 379 Buchstaben, die sie gerade auf den Film geschrieben hatte, eintippte und dann Reuben bat, sie erneut einzugeben, nur um sicherzustellen, dass ihr keine Fehler unterlaufen waren. Der Computer zeigte sogleich drei Unterschiede zwischen dem, was Mary, und dem, was Reuben eingegeben hatte, an und wies - es handelte sich um ein intelligentes kleines Programm - auf ein Frameshift hin, das Mary durch ein vergessenes T verursacht hatte. Die anderen beiden Fehler waren Reubens Tippfehler. Als sie sicher waren, alle 379 67
Buchstaben korrekt eingegeben zu haben, ließ sie das Programm Ponters Sequenz mit derjenigen vergleichen, die sie dem Neanderthaler-Exemplar im Rheinischen Landesmuseum entnommen hatte. »Nun?«, fragte Reuben. »Wie lautet das Urteil?« Erstaunt lehnte sich Mary in ihren Stuhl zurück. »Die DNS, die ich von Ponter genommen habe«, erwiderte sie, »unterscheidet sich an sieben Stellen von derjenigen aus dem Neanderthaler-Fossil.« Sie hob eine Hand. »Nun war ein gewisser individueller Unterschied zu erwarten, und natürlich hat es über die Zeit hinweg einiges an genetischer Verschiebung gegeben, aber ...« »Ja?«, fragte Reuben. Mary hob die Schultern. »Er ist ein Neanderthaler, so viel steht fest.« »Wow«, sagte Reuben und schaute Ponter an, als würde er ihn zum ersten Mal sehen. »Wow! Ein lebendiger Neanderthaler!« Ponter sagte etwas in seiner eigenen Sprache, und sein Implantat interpretierte: »Meine Art verschwunden?«
»Von hier?«, fragte Mary zurück. »Ja, deine Art ist von hier verschwunden - seit wenigstens 27.000 Jahren.« Mit gesenktem Kopf sann Ponter darüber nach. Mary ebenfalls. Bis zu Ponters Auftauchen waren die nächsten lebenden Verwandten des Homo sapiens die beiden Mitglieder der Art Pan gewesen: der Schimpanse und der Bonobo. Beide waren gleichermaßen eng mit dem Menschen verwandt und besaßen etwa 95 Prozent der menschlichen DNS. Mary war noch nicht im entferntesten mit ihrem Studium von Ponters DNS fertig, doch sie schätzte, dass er etwa 99 Prozent mit dem Homo sapiens gemeinsam hatte. Aber dieses eine Prozent beinhaltete sämtliche Unterschiede. War er ein typischer Neanderthaler, war seine Hirnschale wahrscheinlich größer als die eines normalen Menschen. Und er war muskulöser als jeder andere Mensch, den Mary bisher getroffen hatte. Seine Arme waren so dick 68
wie die Oberschenkel der meisten Männer. Hinzu kam, dass seine Augen von einer unglaublichen, goldbraunen Farbe waren. Sie überlegte, ob es bei seiner Art irgendwelche unterschiedlichen Färbungen gab. Er war zudem stark behaart, obgleich es aufgrund der hellen Haut nicht so wirkte. Die Unterarme und vermudich auch der Rücken und Brustkorb waren mit Fell bedeckt. Zudem hatte er einen Bart, und das volle Haar auf dem Kopf war in der Mitte gescheitelt. Und da traf es sie wie ein Schlag, wo sie eine solche Scheitelung schon einmal gesehen hatte: Bonobos, diese geschmeidigen Affen, die manchmal Zwergschimpansen genannt wurden, zeigten eine ähnliche Behaarung. Faszinierend. Sie überlegte, ob alle Menschen seiner Art ihr Haar so kämmten oder ob es bloß der Stil war, den er bevorzugte. Ponter sagte erneut etwas in seiner Sprache. Seine Stimme war leise, vielleicht sprach er nur mit sich selbst, aber das Implantat gab die Worte trotzdem auf Englisch wieder: »Meine Art verschwunden.« Mary erwiderte so sanft, wie sie konnte: »Ja. Tut mir Eeid.« Weitere Silben flössen über Ponters Lippen, und sein Gefährte übersetzte: »Ich ... keine anderen. Ich ... ganz ...« Er schüttelte den Kopf und sagte erneut etwas. Der Gefährte schaltete auf die eigene weibliche Stimme um und sprach für sich selbst. »Mir fehlt das Vokabular, um zu übersetzen, was Ponter sagt.« Mary nickte langsam und traurig. »Das Wort, das du suchst«, meinte sie sanft, »ist >allein<.« Adikor Hulds Dooslarm Basadlarm fand im Gebäude des Grauen Rates statt, am Rand des Stadtzentrums. Männer konnten dorthin gelangen, ohne weit auf weibliches Gebiet vordringen zu müssen; Frauen konnten es betreten, ohne ihren Bereich zu verlassen. Adikor wusste nicht genau, was es für ihn bedeuten würde, dass die Voruntersuchung 68 während der Letzten Fünf stattfand, aber die Untersuchungsrichterin, eine Frau namens Komel Sard, stammte anscheinend aus der Generation 142 und hatte ihre Menopause daher schon längst hinter sich. Adikors Anklägerin, Daklar Bolbay, ließ sich gerade in dem großen rechteckigen Raum über den Fall aus. Ventilatoren bliesen Luft von der Nordseite zur Südseite hinüber, die Untersuchungsrichterin Sard saß am Südende und sah mit neutralem Ausdruck auf ihrem gefurchten, weisen Gesicht zu, wie sich die Angelegenheit vor ihr entwickelte. Die wehende Luft diente einem doppelten Zweck: Sie trug die Pheromone von den Beschuldigten zu ihr herüber, was oft mehr enthüllte als die gesprochenen Worte, und sie verhinderte, dass ihre eigenen Pheromone - die vielleicht verraten hätten, welche Argumente sie beeindruckten -vom Ankläger oder Angeklagten aufgefangen wurden, die beide am Nordende des Saals platziert waren. Adikor war Klast viele Male begegnet und stets gut mit ihr ausgekommen; schließlich war ihr Lebensgefährte Ponter gewesen. Aber Bolbay, Klasts ehemalige Lebensgefährtin, hatte anscheinend so gar nichts von Klasts Wärme oder fröhlichem Humor.
Bolbay trug eine Hose in dunklem Orange und ein ebenso gefärbtes Oberteil; Orange war stets die Farbe des Anklägers. Adikor seinerseits trug Blau, die Farbe des Angeklagten. Hunderte von Zuschauern, ebenso viele männliche wie weibliche, saßen zu beiden Seiten des Raums; ein Dooslarm Basadlarm wegen einer Mordanklage besaß einen besonderen Reiz. Jasmel Ket war ebenso anwesend wie ihre jüngere Schwester Megameg Bek. Gleiches galt für Adikors eigene Lebensgefährtin Lurt; sie hatte ihn bei ihrem Eintreffen fest in die Arme geschlossen. Neben Lurt saß Adikors Sohn Dab, der genauso alt wie die kleine Megameg war. Und es waren natürlich fast alle Exhibitionisten Saldaks da; im Augenblick gab es nichts Interessanteres als diese 69
Voruntersuchung. Trotz seiner gegenwärtigen Lage freute sich Adikor darüber, Hawst leibhaftig vor sich zu sehen, da er dessen Voyeur in der Vergangenheit so oft benutzt hatte. Er entdeckte auch Lulasm, Ponters Lieblings-Exhibitionisten, sowie Gawlt, Talok und Repeth nebst einigen anderen. Die Exhibitionisten waren leicht zu erkennen: Sie mussten silberne Kleidung tragen, was ihrer Umgebung anzeigte, dass die Sendungen ihrer Implantate öffentlich zugänglich waren. Adikor saß auf einem Hocker. Bolbay blieb genügend Raum, ihn beim Sprechen zu umkreisen, und sie tat dies mit großem theatralischen Gesten. »Also sagen Sie uns doch, Gelehrter Huld, war Ihr Experiment erfolgreich? Haben Sie erfolgreich ihre Zahl faktorisiert?« Adikor schüttelte den Kopf. »Nein.« »Also hat es nichts genutzt, unter die Erde zu gehen«, meinte Bolbay. »Wessen Idee war es eigentlich gewesen, dieses Faktorisierungs-Experiment unterirdisch durchzuführen?« Für eine Frau hatte sie eine tiefe, polternde Stimme. »Ponter und ich haben das gemeinsam beschlossen.« »Ja, ja, aber wer hat die Idee als Erster ins Spiel gebracht? Sie oder der Gelehrte Boddit?« »Das weiß ich nicht mehr so genau.« »Sie waren es, stimmt's?« Adikor zuckte mit den Achseln. »Mag sein.« Jetzt stand Bolbay vor ihm. Adikor weigerte sich, ihre Anwesenheit dadurch zur Kenntnis zu nehmen, dass er seinen Blick auf sie richtete. »Nun sagen Sie uns, Gelehrter Huld, warum Sie diesen Ort ausgewählt haben.« »Ich habe nicht gesagt, dass ich ihn ausgewählt habe. Ich habe gesagt, mag sein.« »Schön. Dann sagen Sie uns, warum dieser Ort für Ihre Arbeit ausgewählt worden ist.« Adikor runzelte die Stirn und überlegte, wie weit er ins Detail gehen sollte. »Die Erde«, entgegnete er schließlich, »wird beständig von kosmischer Strahlung bombardiert.« »Wie beispielsweise?« 69
»Ionisierende Strahlung, die aus dem Weltall kommt. Ein Strom von Protonen, Helium- und sonstigen Kernen. Wenn sie mit Kernen in unserer Atmosphäre zusammenstoßen, erzeugen sie Sekundärstrahlung - überwiegend Pionen, Muonen, Elektronen und Dwtar-Strahlen.« »Und die sind gefährlich?« »Eigentlich nicht - zumindest nicht in den geringen Mengen, die von kosmischer Strahlung erzeugt werden. Aber sie beeinflussen empfindliche Instrumente, und daher wollten wir unsere Geräte irgendwo aufstellen, wo sie von diesen Strahlen abgeschirmt waren. Und ja, die Nickelmine von Debral lag in der Nähe.« »Hätten Sie nicht eine andere Anlage nutzen können?« »Möglicherweise. Aber Debral ist einzigartig, nicht nur in Hinblick auf ihre Tiefe - es ist die tiefste Mine der Welt -, sondern auch wegen der geringen Hintergrundstrahlung ihres Gesteins. Das in vielen anderen Minen vorhandene Uran sowie die anderen radioaktiven Elemente stoßen Partikel aus, die unsere Instrumente beeinträchtigt hätten.« »Also waren Sie dort unten gut abgeschirmt?«
»Ja - von allem außer Neutrinos, vermutlich.« Adikor bekam den Ausdruck auf dem Gesicht von Untersuchungsrichterin Sard mit. »Winzige Teilchen, die durch feste Materie hindurchströmen; mit nichts kann man sich vor ihnen abschirmen.« »Na ja, waren Sie nicht noch gegen etwas anderes da unten abgeschirmt?«, fragte Bolbay. »Das verstehe ich nicht«, erwiderte Adikor. »Tausend Armspannen Felsgestein zwischen sich und der Oberfläche. Keine Strahlung - nicht einmal ein Teilchen kosmischer Strahlung, das ungehindert gewaltige Entfernungen überwunden hat-konnte Sie dort unten erreichen.« »Genau.« »Und keine Strahlung konnte von der Oberfläche dorthin gelangen, wo Sie gearbeitet haben, nicht wahr?« »Was meinen Sie damit?« 70
»Ich meine«, sagte Bolbay, »dass die Signale Ihrer Gefährten nicht an die Oberfläche übertragen werden konnten.« »Ja, das stimmt, obwohl ich wirklich nicht weiter darüber nachgedacht habe, bevor ein Vollstrecker dies mir gegenüber gestern erwähnte.« »Nicht weiter darüber nachgedacht?« Bolbay war die Un-gläubigkeit in Person. »Seit dem Tag Ihrer Geburt haben Sie einen persönlichen Aufzeichnungs-Würfel im Alibi-Archiv-Pavillon, das sich gleich an eben dieses Ratsgebäude anschließt. Und das hat alles, was Sie getan haben, jeden Augenblick Ihres Lebens, aufgezeichnet, wie es von Ihrem Gefährten übertragen worden ist. Jeden Augenblick Ihres Lebens, das heißt, außer der Zeit, die Sie tief, tief unter der Erde verbracht haben.« »In solchen Dingen bin ich kein Experte«, meinte Adikor etwas unaufrichtig. »Ich verstehe wirklich nicht viel von der Datenübertragung durch einen Gefährten.« »Na, na, Gelehrter Huld! Vor einem Augenblick haben Sie uns noch mit Geschichten von Muonen und Pionen beglückt, und jetzt sollen wir Ihnen glauben, dass Sie nichts von einfacher Funkübertragung verstehen?« »Ich habe nicht gesagt, dass ich davon nichts verstehe«, verteidigte sich Adikor. »Es ist nur so, dass ich nie über das gerade angeschnittene Thema nachgedacht habe.« Bolbay stand jetzt hinter ihm. »Niemals über die Tatsache nachgedacht, dass zum ersten Mal seit Ihrer Geburt keine Aufzeichnung dessen erhältlich wäre, was Sie taten, solange sie dort unten waren?« »Sehen Sie«, sagte Adikor. Er sprach jetzt direkt zur Untersuchungsrichterin, bevor die kreisende Bolbay ihm erneut die Sicht versperrte. »Ich hatte seit zahllosen Monaten keinerlei Grund dafür, auf mein eigenes Alibi-Archiv Zugriff zu nehmen. Dass meine Handlungen normalerweise aufgezeichnet werden, ist etwas, dessen ich mir in einem abstrakten Sinne bewusst bin, aber ich denke einfach nicht jeden Tag daran.« 70
»Und dennoch«, meinte Bolbay, »genießen Sie jeden Tag Ihres Lebens den Frieden und die Sicherheit, die genau durch eben jene Aufzeichnungen ermöglicht werden.« Sie sah die Untersuchungsrichterin an. »Wie Sie wissen, ist die Chance, dass Sie bei einem nächtlichen Spaziergang Opfer von Raub, Mord oder Lasagklat werden, beinahe gleich Null, weil es keine Möglichkeit gibt, mit einem solchen Verbrechen davonzukommen. Wenn Sie Anzeige erstatten würden, dass ... na ja, sagen wir, dass ich Sie am Peslar-Platz angegriffen hätte, und Sie könnten eine Untersuchungsrichterin davon überzeugen, dass Ihre Anschuldigung begründet wäre, könnte sie anordnen, Ihr Alibi-Archiv oder das meine für die fragliche Zeitspanne zu öffnen. Die Tatsache, dass kein Verbrechen begangen werden kann, ohne dass es aufgezeichnet würde, erleichtert uns allen das Leben.« Adikor schwieg.
»Außer«, fuhr Bolbay fort, »wenn jemand eine Situation herbeiführt, um sich und sein Opfer an einem Ort zu verbergen, an dem nichts von dem aufgezeichnet werden kann, was sich zwischen beiden abspielt.« »Das ist lächerlich«, sagte Adikor. »Tätsächlich? Die Mine wurde lange Zeit vor dem Beginn des Zeitalters der Gefährten gegraben, und wir lassen jetzt schon seit Äonen Roboter das Schürfen erledigen. Man hat so gut wie nie davon gehört, dass ein Mensch in diese Mine hinabgestiegen ist, weshalb wir uns auch nie mit dem Problem beschäftigt haben, dass es zwischen den Gefährten und dem Alibi-Archiv-Pavillon von dort unten keine Kommunikation geben kann. Aber Sie haben eine Situation hergestellt, in der Sie und der Gelehrte Boddit sich für längere Zeitspannen in einem unterirdischen Versteck aufhielten.« »Das ist uns nie im Leben eingefallen.« »Nein?«, fragte Bolbay. »Kennen Sie den Namen Kobast Gant?« 71
Adikors Herz klopfte heftig, und sein Mund wurde trocken. »Er ist ein Forscher auf dem Gebiet der Künstlichen Intelligenz.« »Allerdings. Und er wird aussagen, dass er vor sieben Monaten sowohl Ihren als auch den Gefährten des Gelehrten Boddit mit mehreren komplizierten KI-Routinen aufgerüstet hat.« »Ja«, sagte Adikor. »Das hat er getan.« »Warum?« »Naja, öh ...« »Warum?« »Weil es Ponter nicht gefallen hat, nicht mit dem planetarischen Informationsnetzwerk verbunden zu sein. Wenn unsere Gefährten dort unten vom Netzwerk abgeschnitten wären, so dachte er, wäre es günstig, ihre Prozessoren etwas aufzurüsten, damit sie uns bei der Arbeit von Nutzen sein könnten.« »Und das haben Sie irgendwie vergessen?«, fragte Bolbay. »Wie Sie gesagt haben«, entgegnete Adikor scharf, »ist das vor mehreren Monaten geschehen. Ich hatte mich daran gewöhnt, einen Gefährten zu haben, der etwas redegewandter als üblich war. Schließlich wird Kobast Gant das bestimmt auch aussagen, obwohl das noch ältere Versionen seiner Gefährten-kompatiblen KI-Software waren. Er wollte sie für jeden zugänglich machen, der sie haben wollte. Er hat erwartet, dass es die Leute hilfreich finden würden, selbst wenn sie nie vom Netzwerk abgeschottet wären - und er hatte den Eindruck, die Leute würden sich rasch daran gewöhnen, so dass es für sie bald ebenso natürlich wäre wie ein etwas weniger schlauer Gefährte.« Adikor verschränkte die Hände im Schoß. »Also, ich habe mich rasch an meinen gewöhnt, und, wie ich zu Beginn gesagt habe, ich habe nicht viel darüber nachgedacht; auch nicht darüber, wozu er ursprünglich nötig gewesen war ... aber ... warten Sie! Warten Sie!« »Ja?«, meinte Bolbay. 71 Adikor sah Untersuchungsrichterin Sard auf der anderen Seite des Raumes gerade heraus an. »Mein Gefährte könnte Ihnen sagen, was dort unten geschehen ist!« Die Untersuchungsrichterin erwiderte Adikors Blick gleichmütig. »Wie lautet Ihr Beitrag, Gelehrter Huld?«, fragte sie. »Meiner? Ich bin Physiker.« »Und Programmierer, oder nicht?«, fragte die Untersuchungsrichterin. »Sie und der Gelehrte Boddit haben an komplexen Rechnern gearbeitet.« »Ja, aber ...« »Also«, fuhr die Untersuchungsrichterin fort, »können wir kaum an etwas glauben, was Ihr Gefährte sagt. Es wäre mehr als trivial für jemanden mit Ihren Fähigkeiten, ihn so zu programmieren, dass er uns sagt, was Sie möchten.«
»Aber ich ...« »Vielen Dank, Untersuchungsrichterin Sard«, meinte Bolbay. »Jetzt sagen Sie uns doch, Gelehrter Huld, wie viele Leute normalerweise mit einem wissenschaftlichen Experiment befasst sind?« »Das ist eine belanglose Frage«, erwiderte Adikor. »Einige Projekte werden von einem einzigen Individuum durchgeführt, und ...« »Und einige von einigen zehn Forschern, nicht wahr?« »Manchmal, ja.« »Aber Ihr Experiment umfasste bloß zwei Forscher.« »Das stimmt nicht«, sagte Adikor. »Vier weitere Leute haben in verschiedenen Stadien unseres Projekts mitgearbeitet.« »Aber von denen ist keiner nach unten in den Minenschacht eingeladen worden. Nur Sie beide Ponter Boddit und Adikor Huld - sind dort hinabgegangen, oder?« Adikor nickte. »Und nur einer von Ihnen ist an die Oberfläche zurückgekehrt.« Adikor rührte sich nicht. 72 »Stimmt das nicht, Gelehrter Huld? Nur einer von Ihnen ist an die Oberfläche zurückgekehrt.« »Ja«, gab er zu, »aber der Gelehrte Boddit ist, wie ich erklärt habe, verschwunden.« »Verschwunden«, sagte Bolbay, als hätte sie das Wort zuvor noch nie gehört, als würde sie alles daran setzen, seine Bedeutung zu erfassen. »Sie wollen sagen, er ist weg?« »Ja.« »Er hat sich in Luft aufgelöst.« »Das stimmt.« »Aber von diesem Verschwinden gibt es absolut keinerlei Aufzeichnung.« Adikor schüttelte leicht den Kopf. Warum verfolgte ihn Bolbay so? Er war nie unfreundlich zu ihr gewesen, und er konnte sich nicht vorstellen, dass Ponter Bolbay ihr gegenüber schlecht von ihm gesprochen hatte. Was war ihre Motivation? »Man hat keinen Leichnam gefunden«, meinte Adikor trotzig. »Man hat keinen Leichnam gefunden, weil es keinen gibt.« »Das ist Ihre Position, Gelehrter Huld. Aber eintausend Armspannen unter der Erde hätten Sie sich des Leichnams an zahllosen Stellen entledigen können. Sie hätten Ihn in einen Leichensack stecken können, damit der Geruch nicht nach außen dringt, ihn dann in einen Spalt werfen, ihn unter lockerem Gestein begraben oder ihn in eine ge-steinszermahlende Maschine stoßen können. Die Mine ist schließlich ein gewaltiger Komplex mit Tunneln und Schächten von mehreren tausend Schritten Länge. Sie hätten sich des Leichnams ganz bestimmt dort unten entledigen können.« »Aber das habe ich nicht getan!« »Behaupten Sie.« »Ja«, sagte Adikor, mit aller Gewalt darum bemüht, seine Stimme ruhig klingen zu lassen. »Behaupte ich.« 72 In der vorangegangenen Nacht hatten Louise und Ponter in Reubens Haus versucht, ein Experiment zu entwickeln, mit dem sie anderen beweisen konnten, ob Ponters Behauptung der Wahrheit entsprach oder nicht: dass er nämlich aus einer Parallelwelt kam. Eine chemische Analyse von Fasern seiner Kleidung mochte ausreichen. Sie waren synthetisch, hatte Ponter gesagt, und stimmten wahrscheinlich mit keinem bekannten Polymer überein. Ähnlich wäre es mit einigen Komponenten von Ponters seltsamem Gefährten-Implantat. Sie würden sich mit fast absoluter Gewissheit für die Wissenschaft dieser Welt als unbekannt erweisen.
Ein Zahnarzt wäre vielleicht in der Lage zu zeigen, dass Ponter nie fluoriertes Wasser erhalten hatte. Es konnte sogar möglich sein zu beweisen, dass er in einer Welt ohne Nuklearwaffen, Dioxin oder Verbrennungsmotoren gelebt hatte. Aber Reuben hatte darauf hingewiesen, dass alle diese Dinge lediglich zeigen würden, dass Ponter nicht von dieser Erde stammte, aber nicht, dass er von einer anderen Erde kam. Schließlich konnte er durchaus ein Außerirdischer sein. Louise hatte dagegen argumentiert, dass Leben auf einem anderen Planeten unmöglich den zufälligen Ergebnissen dermaßen ähnlich sein könnte, die die Evolution hier hervorgebracht hatte. Sie gab jedoch zu, dass die Vorstellung eines Extraterrestriers für einige akzeptabler und bestimmt wesentlich vertrauter wäre als die eines parallelen Universums. Schließlich war Ponter selbst auf einen geeigneten Test gekommen. Sein Implantat, sagte er, enthielte vollständige Karten der Nickelmine, die hier in der Nähe dieser Version der Erde liegen sollte. Immerhin befand sich die Anlage, in der er gearbeitet hatte, ebenfalls hier. Natürlich waren die größten Erzlager sowohl von seinen Leuten als auch von den Arbeitern der Inco bereits entdeckt worden, aber als sie 73 die Karten des Gefährten mit denen auf der Inco-Website verglichen, identifizierte Ponters Implantat eine Stelle, die seiner Behauptung zufolge ein reiches Kupferlager bergen sollte, das den Detektoren von Inco bislang entgangen war. Wenn dies zutraf, war das genau jene Art von Information, die nur jemand aus einem parallelen Universum besitzen konnte. Also standen jetzt Ponter Boddit - sie hatten mittlerweile seinen vollständigen Namen erfahren -, Louise Benoit, Bonnie Jean Mah, Reuben Montego sowie eine Frau, die Louise zum ersten Mal traf, eine Genetikerin namens Mary Vaughan, mitten im dichten kanadischen Wald, exakt 372 Meter vom Oberflächengebäude des SNO entfernt. Bei ihnen waren zwei Geologen von Inco, die einen Bohrer zum Einsammeln von Proben bedienten. Einer beharrte darauf, dass Ponter unmöglich Recht damit haben konnte, dass es an dieser Stelle Kupfer zu finden gab. Sie bohrten neun Komma drei Meter tief, genau wie Hak gesagt hatte, und dann wurde die Probenröhre hochgezogen. Louise war erleichtert, als der Bohrer mit dem Diamantkopf schließlich stillstand. Das Mahlen hatte ihr Kopfschmerzen verursacht. Die Gruppe trug den Kern zum Parkplatz zurück, wobei jeder mit anpackte. Und dort, wo dafür genügend Platz war, entfernten die Geologen die undurchsichtige äußere Membran. An der Kernspitze war natürlich Humus und darunter eiszeitlicher Moränenschutt aus Ton, Sand, Kies und Kieselsteinen. Darunter, erklärte einer der Geologen, war prä-kambrisches Noritgestein. Und darunter, genau in der von Hak vorausgesagten Tiefe, befand sich ... Louise klatschte vor Aufregung in die Hände. Reuben Montego grinste von einem Ohr zum anderen. Der skeptische Geologe brummte etwas in sich hinein. Professor Mah schüttelte erstaunt den Kopf. Und die Genetikerin, Dr. Vaughan, starrte Ponter mit großen Augen an. 73
Es war dort, genau dort, wo er es gesagt hatte: natives Kupfer, knollenartig, matt, jedoch eindeutig metallisch. Louise lächelte Ponter an, während sie an die grüne, unverdorbene Welt dachte, die er ihr in der Nacht zuvor beschrieben hatte. »Sterntaler«, sagte sie leise. Professor Mah ging zu Ponter hinüber, nahm seine riesige Pranke in ihre Hand und schüttelte sie fest. »Ich hätte es nicht für möglich gehalten«, sagte sie, »aber seien Sie willkommen auf unserer Version der Erde!« 73
KAPITEL EINUNDZWANZIG Bis auf die Geologen begaben sich alle in einen Konferenzraum der Creighton-Mine: Mary Vaughan, die Genetikerin, die von Toronto heraufgekommen war, Reuben Montego, der
Betriebsarzt der Inco, Louise Benoit, die SNO-Post-doktorandin, die gerade Dienst gehabt hatte, als der Detektor zerstört worden war, Bonnie Jean Mah, Leiterin des SNO-Projekts und, am allerwichtigsten, Ponter Boddit, Physiker aus einer Parallelwelt und einziger lebender Neanderthaler, der seit wenigstens 27.000 Jahren auf Erden zu sehen war. Mary hatte es vorgezogen, sich zu Bonnie Jean Mah zu setzen, der einzigen Frau im Raum mit einem freien Sessel neben sich. Vorne stand Reuben Montego. »Frage«, sagte er mit jenem jamaikanischen Akzent, den Mary so angenehm fand. »Warum wird gerade hier Erz abgebaut?« Mary persönlich hatte keine Ahnung, und keiner von denen, die offensichtlich die Antwort wussten, wirkte irgendwie geneigt, seine Karten auszuspielen, aber schließlich ergriff Bonnie Jean Mah das Wort. »Weil vor eins Komma acht Milliarden Jahren«, sagte sie, »ein Asteroid hier eingeschlagen ist. Das Ergebnis sind gewaltige Nickelvorkommen.« »Genau«, meinte Reuben. »Ein Vorfall, der lange vor der Zeit stattfand, da es irgendwelches mehrzelliges Leben auf Erden gab, ein Vorfall, den sowohl Ponters als auch unsere Welt in ihrer jeweiligen Vergangenheit gemeinsam aufzuweisen haben.« Er sah ihnen nacheinander ins Gesicht und blickte schließlich Mary in die Augen. »Es bleibt einem kaum eine andere Wahl, Minen zu bauen«, erklärte Reuben, »wo auch die Erze sind. Aber was ist mit dem SNO? Warum wurde es hier errichtet?« »Weil«, erwiderte Mah, »die beiden Kilometer Gestein 74 über der Mine einen ausgezeichneten Schutzschild gegen kosmische Strahlung darstellen und somit ein idealer Ort für einen Neutrinodetektor entstanden ist.« »Aber es ist nicht bloß das, nicht wahr, Ma'am?«, fragte Reuben, der, wie Mary vermutete, Dank Louises Hilfe ein richtiger Physik-Experte geworden war. »Es gibt auch anderswo auf diesem Planeten tiefe Minen. Aber diese hier hat darüber hinaus auch eine sehr geringe Hintergrundstrahlung, stimmt's? Also ist dieser Ort besonders für Versuche geeignet, die ansonsten von natürlicher Strahlung beeinflusst würden.« In Marys Ohren hörte sich das vernünftig an, und sie bemerkte, dass Professor Mah nickte. Aber dann fügte sie hinzu: »Also?« »Also«, fuhr Reuben fort, »wurde in Ponters Universum ebenfalls genau an dieser Stelle eine tiefe Mine errichtet, um dieselben Nickelvorkommen auszubeuten. Und er hat schließlich selbst den Wert des Ortes erkannt und seine Regierung davon überzeugt, ein Physiklabor in der Mine einzurichten.« »Will er uns glauben machen, dass es in dem anderen Universum am selben Ort ebenfalls einen Neutrinodetektor gibt?«, fragte Mah. Reuben schüttelte den Kopf. »Nein«, erwiderte er. »Nein, den gibt es nicht. Vergessen Sie nicht, dass die Einrichtung des Neutrino-Observatoriums an dieser Stelle auch Folge eines historischen Zufalls ist. Kanadas Kernreaktoren benutzen nämlich, anders als jene der USA, Großbritanniens, Japans oder Russlands, schweres Wasser als Moderator. Dieses Zusammentreffen wiederholte sich in Ponters Welt nicht - sie benutzen anscheinend nicht einmal Kernenergie. Aber diese unterirdische Anlage eignet sich ebenso vorzüglich für ein anderes empfindliches Instrument.« Er hielt inne und sah erneut von einem Gesicht zum nächsten, bevor er fortfuhr: »Ponter, wo arbeitest du?« »Dusble korbul to kalbtadu«, erwiderte Ponter. 74 Und das Implantat stellte mit seiner männlichen Stimme die Ubersetzung zur Verfügung: »In einem Quantencomputer-Labor.« »Quantencomputer?«, wiederholte Mary. Sie verspürte dabei allerdings Unbehagen; sie war es nicht gewohnt, die Unwissende zu sein. »Genau«, meinte Reuben grinsend. »Dr. Benoit?«
Louise erhob sich und nickte dem Mediziner zu. »Quantencomputer sind etwas, womit wir selbst gerade erst anfangen herumzuspielen«, sagte sie und schob sich das Haar aus den Augen. »Ein normaler Rechner kann die Faktoren einer gegebenen Zahl bestimmen, indem er einen möglichen Faktor ausprobiert und nachsieht, ob er funktioniert, dann den nächsten, dann wieder den nächsten und so weiter. Kalkulation mit dem Brecheisen. Aber wenn man mit einem konventionellen Rechner eine große Zahl fakto-risieren will - sagen wir eine mit 512 Stellen, wie jene, mit denen Kreditkarten-Transaktionen im Internet chiffriert werden -, würde es Jahrhunderte dauern, auf diese Weise alle möglichen Faktoren nacheinander auszuprobieren.« Sie sah jetzt ebenfalls in die Gesichter der Anwesenden, um sich zu vergewissern, dass ihr das Publikum noch folgen konnte. »Aber ein Quantencomputer benutzt Superpositio-nen von Quantenzuständen, um mehrere mögliche Faktoren gleichzeitig durchzuprobieren«, fuhr Louise fort. »Im Wesentlichen heißt das also, dass neue, kurzlebige doppelte Universen erzeugt werden, um die Quantenkalkulation durchzuführen. Sobald die Faktorisierung vollständig ist -was praktisch sofort der Fall wäre -, fallen alle diese Universen wieder in eines zurück, da sie, von der Zahl abgesehen, die sie überprüft haben, ansonsten identisch sind. Und deshalb kann man in der Zeit, die man braucht, um bloß einen Faktor auszuprobieren, in Wirklichkeit alle gleichzeitig ausprobieren. Man löst ein zuvor unlösbares Problem.« Sie hielt inne. »Zumindest gehen wir bis heute davon aus, dass ein Quantencomputer so funktioniert - das nämlich die 75 kurzlebige Superposition von Quantenzuständen verschiedene Universen erschafft.« Mary nickte im Versuch, dem Gedankengang zu folgen. »Aber nehmen wir ekimal an, so funktioniert das in Wirklichkeit gar nicht«, sagte Louise. »Nehmen wir einmal an, dass ein Quantencomputer, statt Universen für den Bruchteil einer Sekunde zu erschaffen, auf bereits existierende parallele Universen Zugriff nimmt - andere Versionen der Wirklichkeit, in welcher der Quantencomputer ebenfalls existiert.« »Für eine solche Annahme existiert keinerlei theoretische Grundlage«, warf Bonnie Jean verärgert ein. »Und abgesehen davon gibt es hier, im einzigen Universum, von dessen Existenz wir wissen, an dieser Stelle keinen Quantencomputer.« »Genau!«, sagte Louise. »Was ich vorschlage, ist folgendes: Dr. Boddit und sein Kollege haben versucht, eine so große Zahl zu faktorisieren, dass zur Überprüfung mehr Versionen des Quantencomputers erforderlich waren, als in den bereits langfristig bestehenden Universen vorhanden sind. Verstehen Sie? Er griff auf Tausende - Millionen! - Paralleluniversen zu. Und in jedem dieser parallelen Universen fand der Quantencomputer ein Duplikat seiner selbst, und dieses Duplikat hat einen jeweils anderen möglichen Faktor ausprobiert. Stimmt's? Was ist jedoch, wenn Sie eine riesige Zahl, eine gigantische Zahl, eine Zahl mit mehr möglichen Faktoren faktorisieren, als es parallele Universen gibt, in denen bereits Quantencomputer bestehen? Was ist dann? Also, ich glaube, folgendes ist hier geschehen: Dr. Boddit und sein Partner haben eine gigantische Zahl faktorisiert, der Quantencomputer fand seine Geschwister in allen - in jedem einzelnen - der parallelen Universen, in dem er bereits existierte, aber er benötigte nach wie vor weitere Kopien seiner selbst und hat daher in anderen parallelen Universen gesucht. Auch in solchen, in denen das Quantencomputer-Labor nie errichtet worden war - wie in unserem. 75 Und als er ein solches erreichte, war es, als wäre er gegen eine Mauer geprallt, was zum Abbruch des Faktorisierungs-Experiments geführt hat. Und dieser Zusammenprall hat dafür gesorgt, dass ein großer Teil von Ponters Rechner-Labor in dieses Universum transferiert worden ist.« Mary bemerkte, dass Dr. Mah beifällig nickte. »Die Luft, die Ponter begleitet hat.« »Genau«, sagte Louise. »Wie wir vermutet haben, war es größtenteils bloß Luft, die in dieses Universum transferiert wurde - genügend, um die Kunststoffkugel aufbrechen zu lassen. Zusätzlich zur Luft wurde auch eine Person transferiert, die zufällig neben dem Quantencomputer stand.«
»Also hat er nicht gewusst, dass er hierher kommen würde?«, fragte Mah. »Nein«, erwiderte Reuben Montego, »hat er nicht. Wenn Sie der Ansicht sind, wir seien schockiert, so stellen Sie sich doch mal vor, wie schockiert er gewesen sein muss. Der arme Kerl hat sich von einem Augenblick auf den anderen tief unter Wasser wiedergefunden, in völliger Dunkelheit. Wenn nicht die gewaltige Luftblase mit ihm transferiert worden wäre, er wäre bestimmt ertrunken.« Deine ganze Welt stellt sich auf den Kopf, dachte Mary. Sie sah den Neanderthaler an. Er schaffte es, die Orientierungslosigkeit und Angst zu verbergen, die er empfinden musste, aber der Schock war gewiss gewaltig gewesen. Mary schenkte ihm ein kurzes, mitfühlendes Lächeln. 76
KAPITEL ZWEIUNDZWANZIG Adikor Hulds Dooslarm Basadlarm ging weiter. Untersuchungsrichterin Sard saß nach wie vor am Südende, Adikor musste mit dem unsäglichen Hocker vorlieb nehmen, während Daklar Bolbay ständig um ihn herumschlich. »Ist wirklich ein Verbrechen begangen worden?«, fragte Bolbay, die jetzt Untersuchungsrichterin Sard ansah. »Eine Leiche ist nicht gefunden worden, und so könnte man argumentieren, dass es einfach um ein verschwundenes Individuum geht, ungeachtet dessen, wie unwahrscheinlich so etwas heutzutage erscheinen mag. Aber wir haben die Mine mit tragbaren Signaldetektoren abgesucht, und daher wissen wir, dass Ponters Implantat nicht zu empfangen ist. Selbst wenn er auf Grund natürlicher Umstände gestorben wäre, würde es dank effektiver Energiespeicher noch tagelang senden können. Nichts außer einer gewalttätigen Handlung kann Ursache für Ponters Verschwinden und das Schweigen seines Gefährten sein.« Adikor spürte, wie sich sein Magen verknotete. Bolbay hatte auf ihre Weise natürlich vollkommen Recht, die Gefährten sollten narrensicher sein. Früher waren Menschen einfach verschwunden und wurden erst nach vielen Monaten für tot erklärt, normalerweise deshalb, weil es keine bessere Erklärung gab. Aber Lonwis Trob hatte versprochen, dass seine Gefährten das ändern würden, und er hatte sein Versprechen gehalten. Niemand verschwand mehr einfach so. Sard war offensichtlich auch dieser Ansicht. »Die Argumentation überzeugt«, meinte sie. »Das Fehlen sowohl der Leiche als auch der Übertragung des Gefährten weist tatsächlich auf kriminelle Aktivitäten hin. Fahren wir also fort!« »Sehr gut«, meinte Bolbay. Sie streifte Adikor kurz mit einem Blick und wandte sich dann wieder der Untersuchungsrichterin zu. »Mord«, sagte Bolbay, »ist nie üblich 76
gewesen. Dem Leben eines anderen ein Ende zu setzen -die Existenz eines Menschen so absolut und völlig zu beenden -, ist abscheulich ohnegleichen. Dennoch sind Fälle bekannt; die meisten, wie ich Ihnen versichern kann, aus der Zeit vor den Gefährten und den Aufzeichnungen des Alibi-Archivs. Und in den bisherigen Fällen haben die Gerichte nach drei Dingen gefragt, die aufzuzeigen waren, um eine Anklage wegen Mordes zu stützen. Erstens: nach einer Möglichkeit, das Verbrechen zu begehen - und dieser Adikor Huld war dazu imstande, wie sonst niemand auf diesem Planeten, denn er hielt sich an einem Ort auf, von wo aus sein Gefährte seine Handlungen unmöglich übertragen konnte. Zweitens: nach der Art und Weise, wie das Verbrechen begangen worden war. Ohne Leiche können wir nur Spekulationen darüber anstellen, wie der Mord begangen wurde, obwohl, wie Sie später sehen werden, eine Methode ziemlich wahrscheinlich ist. Und schließlich drittens: Man muss einen Grund aufzeigen, eine vernünftige Begründung für das Verbrechen bieten, etwas, was jemanden dazu bringen würde, eine so schreckliche Handlung zu begehen. Und dieser Aspekt der Begründung ist es, den ich jetzt gern darlegen würde, Untersuchungsrichterin.«
Die alte Frau nickte. »Ich höre.« Bolbay fuhr zu Adikor herum und sah ihm ins Gesicht. »Sie und Ponter Boddit haben zusammen gelebt, nicht wahr?« Adikor nickte. »Seit sechs Zehnmonaten.« »Haben Sie ihn geliebt?« »Ja. Ja, sehr.« »Aber seine Lebensgefährtin ist vor kurzem gestorben.« »Sie war auch Ihre Lebensgefährtin«, erwiderte Adikor und nutzte die Gelegenheit, Bolbays Interessenskonflikt in dieser Sache zu betonen. Bolbay behielt die Lage allerdings im Griff. »Ja. Klast, 77 meine Liebe. Sie ist nicht mehr am Leben, und deshalb empfinde ich große Trauer. Aber ich gebe niemandem die Schuld; niemand hat das herbeigeführt. Krankheiten kommen vor, und die Lebensverlängerer haben alles getan, was sie konnten, um ihr die letzten Monate zu erleichtern. Aber am Tod von Ponter Boddit, daran trägtjemand die Schuld.« »Seien Sie vorsichtig, Daklar Bolbay«, sagte Untersuchungsrichterin Sard. »Sie haben noch nicht bewiesen, dass der Gelehrte Boddit tot ist. Bis ich das zugestehe, dürfen Sie von dieser Möglichkeit nur hypothetisch sprechen.« Bolbay wandte sich um und verneigte sich. »Entschuldigen Sie, Untersuchungsrichterin.« Erneut sah sie Adikor an. »Wir haben über einen anderen Tod gesprochen, einen, über dessen Ursache kein Zweifel besteht: den von Klast, die Ponters - und meine - Lebensgefährtin war.« Bolbay schloss die Augen. »Meine Trauer ist zu groß, um sie ausdrücken zu können, und ich werde sie nicht in aller Öffentlichkeit zur Schau stellen. Und Ponters Trauer war gewiss ebenso groß. Klast hat oft von ihm gesprochen. Ich weiß, wie sehr sie Ponter geliebt hat und wie sehr er sie geliebt hat.« Einen Augenblick lang schwieg Bolbay, vielleicht, um sich wieder zu sammeln. »Angesichts dieser Tragödie, die sich vor kurzem zugetragen hat, müssen wir jedoch eine weitere Möglichkeit in Betracht ziehen, die zu Ponters Verschwinden hätte führen können. Vielleicht hat er sich selbst das Leben genommen, weil er völlig außer sich war über Klasts Tod?« Sie sah Adikor an. »Was meinen Sie, Gelehrter Huld?« »Er war sehr traurig über den Verlust, aber er liegt schon eine Weile zurück. Wäre Ponter selbstmordgefährdet gewesen, hätte ich es bestimmt bemerkt.« Bolbay nickte einsichtig. »Ich möchte nicht so tun, als würde ich den Gelehrten Boddit auch nur annähernd so gut kennen wie Sie, Gelehrter Huld, aber ich teile ihre Auffassung. Hätte dennoch irgendein Grund für ihn bestehen können, Selbstmord zu begehen?« 77 Adikor war völlig verblüfft. »Welcher zum Beispiel?« »Nun ja, Ihre Arbeit - entschuldigen Sie bitte, Gelehrter Huld, aber ich sehe keine freundlichere Möglichkeit, es auszudrücken: Ihre Arbeit war ein Fehlschlag. Eine Sitzung des Grauen Rates stand unmittelbar bevor, und dort hätten Sie und er Ihren Beitrag zur Gesellschaft zur Debatte stellen müssen. Hätte es sein können, dass seine Furcht, Ihre Arbeit fände ein Ende, so groß gewesen war, dass er, nun ja, seinem Leben lieber ein Ende gesetzt hätte?« »Nein«, entgegnete Adikor, erstaunt über den Gedankengang. »Nein. Wenn jemand beim Rat schlecht ausgesehen hätte, dann ich, nicht er.« Bolbay wartete ab, bis diese Bemerkung von allen richtig verstanden worden war, und fragte dann: »Wären Sie bitte so freundlich und würden Ihre Behauptung näher erläutern?« »Ponter war der Theoretiker«, sagte Adikor. »Seine Theorien sind weder bewiesen noch widerlegt worden, also ist in dieser Hinsicht nach wie vor wertvolle Arbeit zu leisten. Aber ich war der Ingenieur. Ich war es, der vorschlug, einen experimentellen Apparat zur Uberprüfung von Ponters Ideen zu bauen. Und es war dieser Apparat - unser Prototyp des Quantencomputers -, der versagte. Der Rat hätte vielleicht meinen Beitrag als unzureichend eingestuft, aber Ponters Beitrag hätte er bestimmt nicht negativ eingeschätzt.« »Also war es kein Selbstmord«, folgerte Bolbay.
»Ich möchte nochmals darauf hinweisen«, meinte Sard, »dass Sie bitte vom Gelehrten Boddit so sprechen mögen, als wäre er am Leben, bis ich entscheide, ob das Gegenteil zutrifft.« Abermals verneigte sich Bolbay vor der Untersuchungsrichterin. »Ich bitte erneut um Entschuldigung.« Sie wandte sich wieder Adikor zu. »Wenn Ponter sich hätte umbringen wollen - Gelehrter Huld, dann hätte er sie doch sicher nicht in diese, nun ja, Angelegenheit mit hineingezogen?« 78 »Die Annahme, dass er sich überhaupt das Leben nehmen wollte, ist so unwahrscheinlich ...«, begann Adikor. »Ja, da sind wir einer Meinung«, unterbrach Bolbay ruhig, »aber, hypothetisch gesprochen, wenn er die Absicht gehabt hätte, so hätte er doch nicht den Verdacht auf eine schändliche Tat aufkommen lassen, oder was meinen Sie?« »Nein, ganz sicher nicht«, erwiderte Adikor. »Vielen Dank«, sagte Bolbay. »Also, dann kommen wir jetzt zu der Sache, die Sie schon selbst angesprochen haben: dass nämlich Ihr eigener Beitrag nicht ausreichend war ...« Adikor rutschte auf seinem Hocker hin und her. »Ach?« »Nun, ich hatte eigentlich nicht die Absicht, es zu erwähnen«, sagte Bolbay. Adikor meinte, einen Hauch Unaufrichtigkeit ihrerseits zu verspüren. »Aber da Sie es nun einmal angesprochen haben, sollten wir diese Angelegenheit vielleicht untersuchen - nur um sie verwerfen zu können, verstehen Sie mich recht.« Adikor schwieg, und nach einer Weile fuhr Bolbay fort: »Wie«, fragte sie sanft, »fühlte es sich an, stets in seinem Schatten zu leben?« »Wie - wie bitte?« »Naja, Sie haben gerade gesagt, sein Beitrag wäre wahrscheinlich nicht in Frage gestellt worden, Ihr eigener möglicherweise schon.« »Bei der besagten anstehenden Ratssitzung wäre es so gelaufen«, erwiderte Adikor. »Aber im Allgemeinen ...« »Im Allgemeinen«, fuhr Bolbay mit tiefer Stimme fort, »müssen Sie zugeben, dass Ihr Beitrag bloß ein Bruchteil des seinen war. Stimmt das nicht?« »Gehört das hier zur Sache?«, warf Sard ein. »Dieser Ansicht bin ich allerdings, Untersuchungsrichterin«, meinte Bolbay. Sard zweifelte offensichtlich daran, nickte jedoch, damit Bolbay fortfuhr. »Sie dürften sehr genau wissen, Gelehrter Huld, dass in künftigen, noch ungeborenen Generationen, die Physik und Informatik studieren, Ponters Name sehr oft 78
genannt werden wird, der Ihre dagegen nur selten, wenn überhaupt.« Adikor spürte, wie sich sein Pulsschlag beschleunigte. »Uber solche Dinge habe ich nie nachgedacht«, erwiderte er. »Na, na!«, meinte Bolbay, als wüssten sie es beide besser. »Die Geringfügigkeit Ihres Beitrags war offensichtlich.« »Ich verwarne Sie nochmals, Daklar Bolbay«, sagte die Untersuchungsrichterin. »Ich sehe keinen Grund, den Angeklagten zu demütigen.« »Ich versuche lediglich, seinen mentalen Zustand zu ergründen«, erwiderte Bolbay und verneigte sich erneut. Ohne eine Erwiderung Sards abzuwarten, wandte sie sich wieder Adikor zu. »Also, Gelehrter Huld, dann sagen Sie uns doch: Wie fühlte es sich an, den geringeren Beitrag zu leisten?« Adikor holte tief Luft. »Es ist nicht an mir, unseren relativen Wert einzuschätzen.« »Natürlich nicht, aber der Unterschied zwischen Ihrem und seinem steht außer Frage«, beharrte Bolbay, als bisse Adikor sich an einer kleinen Einzelheit fest, statt das große Ganze zu sehen. »Es
ist wohl bekannt, dass Ponter der brillante Kopf war.« Bolbay lächelte eifrig. »Also, noch einmal, sagen Sie uns doch bitte, wie sich das anfühlt.« »Es fühlt sich heute«, entgegnete Adikor in dem Bemühen, einen gleichmütigen Ton anzuschlagen, »genauso an wie vor Ponters Verschwinden. Nur dass ich jetzt über alle Maßen traurig bin, weil ich meinen besten Freund verloren habe.« Unterdessen war Bolbay auf ihrer Wanderung hinter ihm stehen geblieben. Der Hocker hatte einen drehbaren Sitz. Adikor hätte ihr mit Blicken folgen können, wollte es aber nicht. »Ihr bester Freund?«, meinte Bolbay, als wäre das ein überraschendes Eingeständnis. »Ihr bester Freund, ja? Und wie haben Sie dieser Freundschaft gleich nach seinem Verschwinden gedacht? Indem Sie verkündet haben, dass es Ihre Software und Ihre Apparate seien, nicht seine Theorien, um die es bei Ihren Experimenten gegangen war!« 79 Adikor fiel die Kinnlade herab. »Das - das habe ich nicht gesagt. Ich habe einem Exhibitionisten gesagt, dass ich nur etwas zur Rolle der Software und der Hardware sagen würde, weil die in meinem Verantwortungsbereich lagen.« »Genau! Vom Augenblick seines Verschwindens an haben Sie Ponters Beiträge heruntergespielt!« »Daklar Bolbay!«, fauchte Sard. »Sie werden den Gelehrten Huld mit angemessenem Respekt behandeln!« »Respekt?«, höhnte Bolbay. »Wie der, den er nach Ponters Verschwinden gezeigt hat, ja?« Adikor schwirrte der Kopf. »Wir ... wir können Zugriff auf mein Alibi-Archiv oder das des Exhibitionisten nehmen«, stammelte er. Er zeigte auf Sard, als wären sie beide schon seit langer Zeit Verbündete. »Die Untersuchungsrichterin kann sich die Worte anhören, die ich benutzt habe.« Bolbay tat diesen Vorschlag mit einer Armbewegung ab, als handele es sich dabei um etwas völlig Verrücktes. »Es spielt keine Rolle, welche Worte Sie genau benutzt haben. Was zählt, ist lediglich, was sie uns über Ihre Gefühle mitgeteilt haben. Und ihr Gefühl war Erleichterung darüber, dass Ihr Rivale verschwunden war ...« »Nein!«, warf Adikor scharf ein. »Ich warne Sie, Daklar Bolbay!«, fiel Sard ihr schneidend ins Wort. »Erleichterung darüber, dass Sie nicht mehr im Schatten eines anderen stehen mussten«, fuhr Bolbay fort. »Nein!«, sagte Adikor, in dem Wut aufstieg. »Erleichterung«, fuhr Bolbay fort, und ihre Stimme hob sich, »dass Sie jetzt alles als Ihren alleinigen Beitrag für sich in Anspruch nehmen konnten, was Sie gemeinsam getan hatten!« »Jetzt ist Schluss!«, brüllte Sard und hieb mit der Handfläche auf die Armlehne ihres Sessels. »Erleichterung«, rief Bolbay, »darüber, dass Ihr Rivale tot war!« 79
Adikor stand auf und wandte sich Bolbay zu. Er ballte die Faust und zog den Arm zurück. »Gelehrter Huld!«, donnerte die Stimme von Untersuchungsrichterin Sard durch den Saal. Adikor erstarrte. Sein Herz hämmerte. Bolbay war, wie er bemerkte, wohlweislich hinter ihn getreten, so dass die Ventilatoren ihre Pheromone nicht mehr in seine Richtung bliesen. Er sah auf die eigene geballte Faust hinab - eine Faust, die Bolbay den Schädel mit einem einzigen Hieb hätte zerschmettern können, eine Faust, die ihr die Brust hätte eindrücken, ihr die Rippen zersplittern und ihr das Herz hätte herausreißen können. Es war, als wäre sie ihm völlig fremd, als wäre sie kein Teil seines Körpers mehr. Adikor senkte den Arm, aber es war noch immer so viel Wut in ihm, so viel Empörung, dass er mehrere Herzschläge lang außerstande war, die Finger zu lösen. Er wandte sich Sard zu und sagte bittend: »Ich - Untersuchungsrichterin, Sie werden sicher
Verständnis haben ... Ich ... Ich hätte nicht ...« Er schüttelte den Kopf. »Sie haben gehört, was Sie zu mir gesagt hat. Ich hätte nie jemanden ...« Die Augen der Untersuchungsrichterin Sard hatten sich geweitet, während sie Adikor ansah. »Ein solches Schauspiel ist mir noch nie zu Gesicht gekommen, innerhalb oder außerhalb einer gesetzmäßigen Untersuchung«, sagte sie. »Gelehrter Huld, was fehlt Ihnen?« Adikor schäumte noch immer. Bolbay musste die Geschichte kennen - natürlich! Sie war Klasts Lebensgefährtin gewesen, und Ponter war schon damals mit Klast zusammen gewesen. Aber ... aber ... verfolgte ihn Bolbay deshalb mit einer solchen Rachsucht? War das ihr Motiv? Sie musste doch wissen, dass das nicht in Ponters Sinn war. Adikor hatte sich zahlreichen Therapien unterzogen, weil er ein Problem damit hatte, seinen Arger zu zügeln. Der liebe Ponter hatte erkannt, dass es eine Krankheit war, ein chemisches Ungleichgewicht, und er hatte Adikor während seiner Behandlung beigestanden. 80 Jetzt aber ...jetzt hatte ihn Bolbay gereizt, hatte ihn provoziert, hatte ihn über den Rand geschubst, und das vor aller Augen. »Ehrwürdige Untersuchungsrichterin«, sagte Adikor in dem Versuch - einem Versuch? -, ruhig zu klingen. Sollte er es erklären? Konnte er es? Adikor senkte den Blick. »Ich entschuldige mich für meinen Ausbruch.« In Sards Stimme lag immer noch ein erstauntes Beben. »Haben Sie weitere Beweise, die Ihre Anklage stützen, Daklar Bolbay?« Bolbay, die genau das erreicht hatte, was sie erreichen wollte, war wieder die Vernunft in Person. »Wenn Sie mir gestatten, Untersuchungsrichterin, da wäre noch eine Kleinigkeit ...« 80
KAPITEL DREIUNDZWANZIG Nach dem Ende der Sitzung im Konferenzraum der Inco lud Reuben Montego alle zu einem weiteren Barbecue in sein Haus ein. Ponter lächelte breit; offenbar hatte ihm das Abendessen tags zuvor recht gut geschmeckt. Louise nahm die Einladung ebenfalls an. Sie versicherte ständig, dass sie in diesen Tagen, da das SNO außer Betrieb war, sowieso nicht viel zu tun habe. Auch Mary wollte kommen - es hörte sich nach einem großen Spaß an und war um Grade besser, als noch einen Abend damit zu verbringen, allein im Hotel auf dem Bett zu liegen und die Decke anzustarren. Professor Mah entschuldigte sich jedoch. Sie musste nach Ottawa zurück. Um 22.00 Uhr hatte sie einen Termin im 24 Sussex Drive, wo sie den Premierminister über den Stand der Dinge unterrichten würde. Das Problem bestand nun darin, die Medien abzuschütteln, die, den Sicherheitsleuten der Inco zufolge, draußen vor der Mine warteten. Aber Reuben und Louise entwickelten rasch einen Plan, den sie umgehend in die Tat umsetzten. Mary fuhr jetzt, Dank der Großzügigkeit von Inco, einen Mietwagen - einen roten Dodge Neon. Beim Abholen des Autos hatte Mary spöttisch den Verleiher gefragt, ob es mit >Edelsprit< betrieben wurde - worauf sie nur einen verständnislosen Blick geerntet hatte. Mary ließ ihren Neon in der Mine zurück und stieg stattdessen auf den Beifahrersitz von Louises schwarzem Ford Explorer mit dem weiß-blauen Kennzeichen >D20<, was, wie Mary nach einem Augenblick aufging, die chemische Formel für schweres Wasser war. Louise holte eine Decke aus dem Kofferraum des Wagens - schlaue Fahrer in Ontario und Quebec hatten Decken oder Schlafsäcke dabei, falls es im Winter zu einem Unfall kam - und legte sie über Mary. Zunächst war Mary entsetzlich heiß, aber Louises Wagen 80 hatte zum Glück eine Klimaanlage. Wenige Doktoranden konnten sich das leisten; Mary hatte Louise im Verdacht, dass sie keine Schwierigkeiten dabei hatte, überall das Beste für sich herauszuschlagen.
Louise fuhr die gewundene Kiesstraße zum Eingang des Minengeländes hinab, und Mary gab unter der Decke ihr Bestes, feindselig und widerborstig zu wirken. Nach einem Moment drückte Louise aufs Gas, als wäre sie auf der Flucht. »Wir fahren gerade durchs Tor«, sagte Louise zu Mary, die nichts sehen konnte. »Es funktioniert! Die Leute zeigen mit den Fingern auf uns und folgen dem Wagen.« Louise führte sie zurück nach Sudbury. Wenn alles nach Plan verlaufen war, hatte Reuben gewartet, bis sämtliche Reporter dem Explorer gefolgt waren, und Ponter dann zu seinem Haus draußen bei Lively gebracht. Sie fuhr zu dem kleinen Appartementgebäude, in dem sie wohnte, und stellte den Wagen auf dem Parkplatz ab. Mary hörte die anderen Autos heranfahren. Einige ließen dramatisch ihre Reifen aufkreischen. Louise stieg aus und ging zur Beifahrertür hinüber. »Okay«, sagte sie zu Mary, nachdem sie geöffnet hatte. »Sie können jetzt rauskommen.« Was sie auch tat. Sie hörte, wie die anderen Wagentüren zugeknallt wurden, als die Journalisten ausstiegen. Louise rief: »Voilä!«, als sie Mary dabei half, die Decke herabzuziehen, und Mary grinste die Reporter dümmlich an. »Oh, Scheiße!«, sagte einer der Journalisten, und »Verdammt!« ein anderer. Aber eine dritte hatte mehr Durchblick. »Sie sind Dr. Vaughan, nicht wahr?«, rief sie. »Die Genetikerin?« Mary nickte. »Also«, wollte die Reporterin wissen, »ist er nun ein Neanderthaler oder nicht?« Mary und Louise benötigten volle fünfundvierzig Minuten, um die Journalisten wieder abzuschütteln. Zwar waren sie enttäuscht, nicht Ponter vorgefunden zu haben, dafür aber glücklich, dass sie wenigstens die Ergebnisse von Marys 81
DNS-Tests erfahren hatten. Schließlich schafften es Mary und Louise ins Wohngebäude und hinauf zu der kleinen Wohnung im dritten Stock. Sie warteten, bis alle Journalisten den Parkplatz verlassen hatten - was vom Schlafzimmerfenster aus deutlich zu erkennen war -, dann holte Louise ein paar Weinflaschen aus dem Kühlschrank. Sie und Mary kehrten zum Auto zurück und fuhren nach Lively. Kurz vor 18.00 Uhr erreichten sie Reubens Haus. Reuben und Ponter hatten in weiser Voraussicht noch nicht mit der Zubereitung des Abendessens begonnen, da sie nicht genau wussten, wann Louise und Mary eintreffen würden. Ponter hatte sich sogar auf Reubens Wohnzimmersofa etwas hingelegt. Mary dachte, dass ihm vielleicht das Wetter zu schaffen machte - nicht verwunderlich nach allem, was er durchgemacht hatte. Louise kündigte an, dass sie bei der Zubereitung des Abendessens helfen würde. Mary erfuhr, dass sie Vegetarierin war und offensichtlich ein schlechtes Gewissen gehabt hatte, weil sie Reuben am Abend zuvor zusätzlich Arbeit bereitet hatte. Wie Mary bemerkte, nahm Reuben Louises Hilfsangebot rasch an - welcher Mann hätte das nicht getan? »Mary, Ponter«, sagte Reuben, »fühlt euch ganz wie zu Hause. Louise und ich werden den Grill in Gang setzen.« Mary spürte, wie sich ihr Herzschlag beschleunigte und ihr Mund trocken wurde. Sie war nicht mehr mit einem Mann allein gewesen seit... seit... Aber das war jetzt erst einen Abend her, und ... Und Ponter war kein ... Es war ein Klischee, und doch entsprach es der Wahrheit: Ponter war nicht wie andere Männer. Bestimmt wäre es völlig in Ordnung. Schließlich wären Reuben und Louise gleich bei der Hand. Mary holte tief Luft; ein Versuch, sich zu beruhigen. »Gewiss«, sagte sie leise. »Natürlich.« »Prächtig!«, meinte Reuben. »Im Kühlschrank sind Cola und Bier. Wir öffnen Louises Wein beim Abendessen.« Er und Louise verschwanden in der Küche und gingen dann, 81
wenige Minuten später, hinaus in den Hinterhof. Mary ertappte sich dabei, dass ihr die Luft knapp wurde, als Reuben die Glastür schloss, die zur Veranda führte, aber er wollte nicht die freie Natur draußen kühlen. Da die Tür zu war und die Klimaanlage summte, zweifelte sie daran, dass Reuben und Louise sie hören konnten. Mary wandte sich an Ponter, der aufgestanden war, und brachte ein schwaches Lächeln zustande. Ponter erwiderte es. Er war nicht hässlich, wirklich nicht. Aber sein Gesicht war ziemlich ungewöhnlich. Als hättejemand den tönernen Abdruck eines normalen menschlichen Gesichts nach vorn gezogen. »Hallo«, sagte Ponter mit eigener Stimme. »Hi«, sagte Mary. »Peinlich«, meinte Ponter. Mary fühlte sich an ihre Reise nach Deutschland erinnert. Es war scheußlich gewesen, sich nicht verständlich machen zu können. Sie hatte es gehasst, die Gebrauchsanweisung auf einem Münztelefon zu entziffern, in einem Restaurant eine Bestellung aufzugeben, nach dem Weg zu fragen. Wie schrecklich musste es für Ponter sein - einen Wissenschaftler, einen Intellektuellen! -, sich lediglich auf dem Niveau eines Kindes verständigen zu können. Ponters Gefühle waren deutlich zu erkennen. Er lächelte, runzelte die Stirn, hob die blonden Brauen, lachte. Sie hatte ihn nicht weinen sehen, nahm jedoch an, dass er mit diesem Gefühl vertraut war. Sie verfügten noch nicht über das Vokabular, um wirklich darüber sprechen zu können, wie es für ihn war, hier zu sein. Es war leichter gewesen, über Quantenmechanik zu reden als über Gefühle. Mary nickte mitfühlend. »Ja«, sagte sie, »es muss sehr peinlich sein, sich nicht richtig verständigen zu können.« Ponter neigte leicht den Kopf. Vielleicht hatte er sie verstanden, vielleicht auch nicht. Er sah sich in Reubens Wohnzimmer um, als würde etwas fehlen. »Eure Räume 82 haben kein ...« Er runzelte enttäuscht die Stirn. Offensichtlich wollte er eine Vorstellung vermitteln, für die weder er noch sein Implantat die richtigen Worte fanden. Schließlich ging er zum Ende einer Reihe schwerer, eingebauter Bücherregale, die mit Fantasy-Romanen, DVDs und kleinen jamaikanischen Schnitzereien gefüllt waren. Ponter drehte sich um und rieb sich den Rücken an der Kante des letzten Regals. Zunächst war Mary erstaunt, aber dann ging ihr auf, was er tat: Er benutzte das Regal als Kratzbaum. Das Bild eines zufriedenen Balu aus Disneys Dschungelbuch kam ihr in den Sinn. Sie versuchte, ein Grinsen zu unterdrücken. Ihr juckte oft genug der Rücken - und sie hatte, dachte sie kurz, schon seit geraumer Zeit niemanden mehr, der ihn ihr hätte kratzen können. Wenn Ponters Rücken wirklich behaart war, juckte er wahrscheinlich mit schöner Regelmäßigkeit. Offensichtlich gab es in den Zimmern auf seiner Welt irgendetwas, woran man sich kratzen konnte. Sie überlegte, ob es höflich wäre, ihm anzubieten, ihm den Rücken zu kratzen - und dieser Gedanke ließ sie innehalten. Sie war davon ausgegangen, dass sie nie mehr von einem Mann berührt werden oder einen berühren wollte. Jemandem den Rücken zu kratzen, daran war nicht unbedingt etwas Sexuelles, aber andererseits hatte die Literatur, die Keisha ihr mitgegeben hatte, nochmals bestätigt, was sie bereits gewusst hatte: Dass an einer Vergewaltigung auch nichts Sexuelles war. Sie hatte keine Ahnung, wie Mann und Frau in Ponters Welt miteinander umgingen; vielleicht würde sie ihn tödlich beleidigen, oder ... Gib dir einen Ruck, Mädchen! Zweifelsohne wirkte sie auf Ponter kaum attraktiver als er auf sie. Er kratzte sich noch ein paar Augenblicke länger, trat dann von dem massiven Regal weg und zeigte mit der offenen Hand darauf, als wolle er Mary einladen, es ebenfalls zu versuchen. Sie hatte Sorge, das Holz zu zerkratzen oder etwas von 82
den Regalen herunterzuwerfen, aber anscheinend hatte alles Ponters heftige Bewegungen überlebt. »Danke sehr«, sagte Mary. Sie schritt durchs Zimmer, trat hinter einen Beistelltisch mit Glasplatte, lehnte sich an die Ecke des Regals und bewegte den Rücken ein wenig hin und her. Es fühlte sich gar nicht so schlecht an, wenn auch der Verschluss ihres BHs ständig an der Holzkante hängen blieb. »Gut, ja?«, meinte Ponter. Mary lächelte. »Ja.« Genau in diesem Moment klingelte das Telefon. Ponter sah es an, ebenso Mary. Es läutete erneut. »Bestimmt nicht für mich«, meinte Ponter. Mary lachte, ging zum Telefon und hob den Hörer. »Bei Montego.« »Ist dort zufällig Professor Mary Vaughan?«, fragte die Stimme eines Mannes. »Hm ja, am Apparat.« »Großartig! Mein Name ist Sanjit. Ich bin Chefredakteur von Daily Planet. Das ist das wissenschaftliche Nachtprogramm auf dem Discovery Channel Canada.« »Wow!«, meinte Mary. »Eine tolle Show.« »Danke sehr. Wir sind dieser Sache über einen Neanderthaler auf der Spur, der in Sudbury aufgetaucht sein soll. Offen gestanden haben wir es zunächst nicht geglaubt, aber gerade ist ein Rundfunkbericht durchgekommen, dass Sie die DNS-Probe bestätigt hätten.« »Ja«, entgegnete Mary. »Er besitzt tatsächlich Neanderthaler-DNS.« »Was ist mit dem - dem Mann selbst? Er ist keine Fälschung?« »Nein«, sagte Mary. »Er ist durch und durch echt.« »Wow! Naja, sehen Sie, wir hätten Sie gern morgen in der Show. Wir gehören zu CTV, daher können wir jemanden aus unserem lokalen Studio rüberschicken, der ein Interview mit Ihnen und Jay Ingram, einer unserer Moderatorinnen, arrangieren kann.« 83
»Öh«, meinte Mary. »Na schön, ja, schätze, das geht in Ordnung.« »Großartig!«, sagte Sanjit. »Nun, dann lassen Sie mich Ihnen kurz erklären, worüber wir gern mit Ihnen sprechen möchten.« Mary drehte sich um und sah aus dem Wohnzimmerfenster. Louise und Reuben hatten immer noch mit dem Grill zu tun. »Auch recht.« »Zunächst einmal möchte ich wissen, ob ich Ihren Werdegang richtig mitbekommen habe. Sie sind ordentliche Professorin in York, stimmt's?« »Ja, für Genetik.« »Fest angestellt?« »Ja.« »Und Sie haben Ihr Diplom in ...?« »Eigentlich in Molekularbiologie.« »Gut. 1996 sind Sie nach Deutschland gefahren, um DNS-Proben vom dortigen Neanderthaler-Exemplar zu nehmen, stimmt das?« Mary warfeinen Blick zu Ponter hinüber. Sie wollte sehen, ob er beleidigt war, dass sie ein Gespräch am Telefon führte. Er lächelte sie nachsichtig an, also fuhr sie fort: »Ja.« »Erzählen Sie mir davon!«, forderte Sanjit sie auf. Alles in allem musste das Vorgespräch zum Interview etwa zwanzig Minuten gedauert haben. Sie hörte Louise und Reuben mehrmals die Küche betreten und wieder verlassen, und einmal steckte Reuben den Kopf ins Wohnzimmer, um nachzusehen, ob mit Mary alles in Ordnung war. Er lächelte und machte sich wieder an die Zubereitung des Essens. Schließlich hatte Sanjit seine letzte Frage gestellt, und sie trafen die letzten Arrangements für die Aufzeichnung des Interviews. Mary legte den Hörer wieder auf und wandte sich Ponter zu. »Tut mir Leid, das da«, meinte sie. Aber Ponter kam schwankend, mit einem ausgestreckten Arm auf sie zu. Im Nu ging ihr auf, was für ein Idiot sie gewesen war. Er hatte sie hierher dirigiert, gleich neben das
84 Regal und weit weg von der Tür. Mit dem massigen Arm könnte er sie auch noch vom Fenster wegschubsen, dann wäre sie für Reuben und Louise draußen nicht mehr zu sehen. »Bitte«, sagte Mary. »Bitte! Ich werde schreien ...« Ponter tat einen weiteren zittrigen Schritt nach vorn und dann ... Dann schrie Mary tatsächlich. »Hilfe! Hilfe!« Ponter war auf dem Teppichboden zusammengebrochen. Auf der Stirn über den Überaugenwülsten glänzte der Schweiß, und seine Haut war aschfahl. Mary kniete neben ihm nieder. Sein Brustkasten hob und senkte sich rasch, und er begann zu keuchen. »Hilfe!«, kreischte sie erneut. Die Schiebetür glitt auf, und Reuben kam hereingeschossen. »Was ist - oh, mein Gott!« Er eilte an die Seite des gestürzten Ponter. Kurz darauf traf Louise ein. Reuben fühlte Ponters Puls. »Ponter ist krank«, sagte Hak mit weiblicher Stimme. »Ja«, meinte Reuben nickend. »Weißt du, was ihm fehlt?« »Nein«, erwiderte Hak. »Sein Pulsschlag ist erhöht, seine Atmung flach. Die Körpertemperatur liegt bei 39°.« Einen Augenblick lang war Mary überrascht, dass das Implantat eine Zahl nannte, die wahrscheinlich eine Gradzahl in Celsius war, was in diesem Fall also Fieber zu bedeuten hatte. »Ist er gegen was allergisch?«, fragte Reuben. Hak piepste. »Allergisch«, wiederholte Reuben. »Nahrung oder Dinge in der Umgebung, die normalen Leuten nichts anhaben, ihn jedoch krank machen.« »Nein«, sagte Hak. »War er krank, bevor ihr eure Welt verlassen habt?« »Krank?«, wiederholte Hak. »Hm - ging es ihm nicht gut?« »Doch.« 84
Reuben schaute zu einer mit reichen Holzschnitzereien verzierten Uhr auf einem seiner Bücherregale hinüber. »Seit seiner Ankunft sind etwa einundfünfzig Stunden vergangen. Mein Gott!« »Was ist denn?«, fragte Mary. »Bin ich ein Idiot!«, meinte Reuben und stand auf. Er rannte in ein anderes Zimmer des Hauses und kehrte mit einer abgeschabten braunen Ledertasche zurück. Er öffnete sie und holte einen hölzernen Zungenspatel und eine kleine Taschenlampe heraus. »Ponter«, sagte er fest, »Mund öffnen!« Ponters goldfarbene Augen waren jetzt halb von seinen Lidern bedeckt, aber er tat, wozu ihn Reuben aufgefordert hatte. Offensichtlich war Ponter noch nie zuvor auf diese Weise untersucht worden; er wehrte sich gegen den hölzernen Zungenspatel. Nachdem Hak ihn beruhigt hatte, widersetzte er sich nicht länger, und Reuben leuchtete mit der Lampe in die geräumige Mundhöhle des Neanderthalers. »Seine Mandeln und das übrige Gewebe sind stark entzündet«, berichtete Reuben. Er sah Mary an, dann Louise. »Es ist irgendeine Infektion.« »Aber entweder Sie, Professor Vaughan, oder ich sind die ganze Zeit seit seiner Ankunft mit ihm zusammen gewesen«, sagte Louise, »und wir sind nicht krank.« »Genau«, knurrte Reuben. »Was er auch bekommen hat, er hat es vermutlich hier bekommen und dagegen sind wir drei natürlich immun, er jedoch nicht.« Der Arzt wühlte in seiner Tasche und fand schließlich ein Röhrchen Tabletten. »Louise«, sagte er, ohne sich umzudrehen, »holen Sie mir bitte ein Glas Wasser!« Louise eilte in die Küche. »Ich werde ihm ein paar Aspirin verabreichen«, sagte Reuben zu Hak oder zu Mary - sie wusste es nicht genau. »Das sollte sein Fieber senken.«
Louise kehrte mit einem Glas Wasser zurück. Reuben nahm es ihr ab. Er schob Ponter zwei Tabletten 85 über die Lippen. »Hak, sag ihm, er soll die Tabletten schlucken.« Mary war nicht sicher, ob der Gefährte Reubens Worte verstand oder bloß seine Absicht erriet, aber einen Augenblick später schluckte Ponter die Tabletten tatsächlich, und er brachte es auch fertig, sie mit etwas Wasser hinunterzuspülen, obwohl ihm viel Flüssigkeit das fliehende Kinn hinabrann und ihm den blonden Bart benetzte. Mary fiel auf, dass er überhaupt nicht hustete. Ein Neanderthaler konnte sich nicht verschlucken. Das war der Vorteil, wenn man weniger Laute hervorbringen konnte. Die Mundhöhle war so angelegt, dass weder flüssige noch feste Nahrung den falschen Weg nehmen konnte. Reuben half, weiteres Wasser in Ponter hineinzuschütten, bis das Glas leer war. Verdammt, dachte Mary. Gottverdammt! Wie hatten sie nur so dumm sein können? Als Cortez und seine Konquistadoren nach Mittelamerika gekommen waren, hatten sie Krankheiten mitgebracht, gegen die die Azteken nicht immun gewesen waren - und dennoch hatten Azteken und Spanier bloß ein paar tausend Jahre getrennt. Ausreichend Zeit, um in einem Teil der Welt Krankheitskeime entstehen zu lassen, gegen die sich Menschen in einem anderen Teil nicht schützen konnten. Ponters Welt war von der hier seit mindestens siebenundzwanzigtausend Jahren getrennt; es mussten sich hier Krankheiten entwickelt haben, gegen die er keine Abwehrkräfte besaß. Und ... und ... und ... Mary erschauerte. Und natürlich umgekehrt. Reuben war offensichtlich der gleiche Gedanke gekommen. Er sprang auf, eilte durchs Zimmer und benutzte das Telefon. »Hallo, Vermittlung«, sagte er. »Hier ist Dr. Reuben K. Montego. Dies ist ein medizinischer Notfall. Bitte verbinden Sie mich sofort mit dem Zuständigen im Laboratory Centre 85
for Disease Control am Health Canada in Ottawa. Ja, genau - es geht um die Ausbreitung von Infektionskrankheiten ...« 85
KAPITEL VIERUNDZWANZIG Adikor Hulds Dooslarm Basadlarm wurde vorübergehend ausgesetzt, angeblich zum Abendessen, aber auch, weil Untersuchungsrichterin Sard Adikor Gelegenheit geben wollte, sich wieder zu beruhigen. So konnte er Atem schöpfen und sich mit Freunden besprechen, wie der Schaden, den/ er mit seinem gewalttätigen Ausbruch angerichtet hatte, in Grenzen gehalten werden konnte. Bei der Wiederaufnahme des Dooslarm Basadlarm saß Adikor erneut auf dem Hocker. Er überlegte, welches Genie den Gedanken gehabt hatte, die Angeklagten auf einen Hocker zu setzen, während andere sie umkreisten? Vielleichtwusste es Jasmel. Schließlich studierte sie Geschichte, und die Ursprünge solcher Gepflogenheiten reichten weit zurück. Bolbay schritt in die Mitte des Saals. »Ich wünsche jetzt, dass wir uns zum Pavillon des Alibi-Archivs begeben«, sagte sie, an die Untersuchungsrichterin gewandt. Sard warfeinen Blick auf die Uhr an der Decke. Offenbar war sie besorgt, wie lange die ganze Sache denn noch dauern würde. »Sie haben bereits gezeigt, dass das Alibi-Archiv des Gelehrten Huld unmöglich etwas zeigen kann, das Aufschluss über Ponter Boddits Verschwinden geben könnte.« Sie sah finster drein. »Ich bin mir gewiss« - sie sagte das in einem Tonfall, der keinen Widerspruch duldete -, »dass der Gelehrte Huld und derjenige, der zu seinen Gunsten spricht, dem zustimmen werden, ohne dass Sie uns zum Beweis dessen dorthin bringen müssen.«
Bolbay nickte respektvoll. »Allerdings, Untersuchungsrichterin. Aber ich möchte nicht den Alibi-Würfel des Gelehrten Huld öffnen lassen, sondern den von Ponter Boddit.« »Der wird auch nichts zur Lösung des Problems beitragen«, 86
vermutete Sard erschöpft, »und zwar aus demselben Grund: tausend Armspannen Gestein, die jede Übertragung blockieren.« »Schon wahr, Untersuchungsrichterin«, meinte Bolbay. »Aber nicht das Verschwinden des Gelehrten Boddit möchte ich zeigen. Vielmehr geht es um Ereignisse von vor 229 Monaten.« »Zweihundertneunundzwanzig!«, rief die Untersuchungsrichterin aus. »Wie kann ein Ereignis, das vor so langer Zeit geschehen ist, etwas zum Ergebnis dieses Prozesses beitragen?« »Wenn Sie mir die Bitte gewähren«, meinte Bolbay, »werden Sie sehr wohl die Bedeutung erkennen.« Adikor tippte sich nachdenklich, mit gekrümmtem Daumen, gegen den Überaugenwulst. Zwei Komma zwei neun Hundertmonate: Das waren etwas über achtzehneinhalb Jahre. Er hatte Ponter damals bereits gekannt. Sie stammten beide aus der 145er Generation und waren gleichzeitig auf die Akademie gekommen. Aber welcher Vorfall aus dieser fernen Vergangenheit... Adikor entdeckte, dass er auf den Füßen stand. »Ehrenwerte Untersuchungsrichterin, ich lege Einspruch ein.« Sard sah ihn an. »Einspruch?«, fragte sie, überrascht, so etwas während einer Voruntersuchung zu vernehmen. »Warum? Bolbay schlägt nicht vor, Ihr Alibi-Archiv zu öffnen -lediglich das des Gelehrten Boddit. Und da er verschwunden ist, kann Bolbay, als Tabant seiner engsten Verwandten, völlig zu Recht die Öffnung verlangen.« Adikor war wütend über sich selbst. Sard hätte Bolbays Antrag vielleicht wirklich abgelehnt, wenn er bloß den Mund gehalten hätte. Aber jetzt war sie zweifelsohne neugierig darauf, was er unbedingt verbergen wollte. »Also gut«, bemerkte Sard und traf ihre Entscheidung. Sie sah die Zuschauermenge an. »Sie werden hier bleiben müssen, bis ich beschließe, ob die Sache auch für die Öffentlichkeit bestimmt ist.« Sie senkte den Blick. »Die 86
enge Familie des Gelehrten Boddit, der Gelehrte Huld und sein Fürsprecher mögen uns begleiten, vorausgesetzt, keiner davon ist ein Exhibitionist.« Und schließlich fiel ihr Blick auf Bolbay. »Na schön, Bolbay. Das ist hoffentlich keine Zeitverschwendung.« Sard, Bolbay, Adikor, Jasmel und Megameg, die Jasmel an der Hand hielt, schritten über den breiten, moosbedeckten Korridor zum Alibi-Pavillon hinab. Bolbay konnte sich offensichtlich eine bissige Bemerkung Adikor gegenüber nicht verkneifen, während sie dahingingen. »Na, niemand da, der zu deinen Gunsten spricht, hm?«, fragte sie. Einmal wenigstens brachte er es fertig, den Mund zu halten. Es lebten nicht mehr viele Menschen, die vor der Einführung der Gefährten geboren worden waren: einige wenige aus Generation 140 und 139. Für alle anderen war ein Gefährte seit der Geburt Teil ihres Lebens. Die Feier zum tausendsten Monat seit Beginn des Alibi-Zeitalters würde bald losgehen; weltweit waren prächtige Festlichkeiten geplant. Selbst in Saldak gab es viele tausend, die seit der ersten Installation eines Gefährten geboren und wieder gestorben waren. Das allererste Implantat war in den Unterarm seines Schöpfers eingesetzt worden, Lonwis Trob. Der große Alibi-Archiv-Pavillon gleich neben dem Gebäude des Grauen Rats bestand aus zwei Flügeln. Jener auf der Südseite schloss sich an einen uralten Felsauswuchs an. Es wäre außergewöhnlich schwierig, ihn zu erweitern, und daher wurde er zur Aufbewahrung der Alibi-Würfel aller Menschen benutzt, die gerade am Leben waren; eine Zahl, die im Wesentlichen konstant blieb. Der Nordflügel, obwohl gegenwärtig nicht größer als der Südflügel, konnte je nach Erfordernis erweitert werden; wenn jemand starb, wurde sein oder ihr Alibi-Würfel vom Empfänger abgekoppelt und dorthin gebracht.
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Adikor fragte sich, in welchem Flügel Ponters Würfel jetzt wohl aufbewahrt wurde. Technisch gesehen musste die Untersuchungsrichterin erst noch entscheiden, ob ein Mord begangen worden war. Er hoffte, dass sich Ponters Würfel im Flügel der Lebenden befand, da er sich nicht sicher war, ob er die Fassung würde wahren können, wenn er Ponters Alibi-Würfel auf der anderen Seite finden würde. Adikor war zuvor schon in den Archiven gewesen. Der Nordflügel, der Flügel der Toten, hatte für jede Generation einen separaten Raum, in den ein offener Bogengang führte. Der erste Raum war winzig und barg lediglich einen einzelnen Würfel, den von Walder Shar, dem einzigen Angehörigen von Generation 131, der noch in Saldak gelebt hatte, als die Gefährten eingeführt worden waren. Die nächsten vier Räume wurden nach und nach immer größer und beherbergten Würfel von Mitgliedern der Generationen 132, 133, 134 und 135, jede zehn Jahre älter als die vorhergehende. Ab der Generation 136 hatten alle Räume die gleiche Größe, obwohl erst sehr wenige Würfel von den Generationen nach 144 hierher verlegt worden waren, da fast sämtliche Angehörige noch lebten. Der Südflügel hatte lediglich einen einzigen Raum mit dreißigtausend Behältern für Alibi-Würfel. Ursprünglich herrschte hier Ordnung, zumal die erste Sammlung von Würfeln nach Generationen und innerhalb jeder Generation wiederum nach Geschlechtern unterteilt gewesen war. Aber von dieser Ordnung war kaum etwas übrig geblieben. Kinder wurden regelmäßig geboren, doch starben die Menschen innerhalb eines großen Zeitrahmens, und daher waren die Würfel nachfolgender Generationen in Behälter überführt worden, die gerade den entsprechenden Platz boten. Das machte das Auffinden eines speziellen Würfels aus mehr als 25.000 Einheiten - die Bevölkerungszahl Saldaks -ohne ein Verzeichnis zu einem Ding der Unmöglichkeit. Untersuchungsrichterin Sard stellte sich der Aufseherin der Alibis, einer stämmigen Frau aus Generation 143, vor. 87 »Gesunder Tag, Untersuchungsrichterin«, grüßte die Frau, die auf einem sattelähnlichen Stuhl hinter einem nierenförmigen Tisch saß. »Gesunder Tag«, erwiderte Sard. »Ich wünsche Zugang zum Alibi-Archiv von Ponter Boddit, Physiker aus Generation 145.« Die Frau nickte und sprach etwas in einen Rechner. Der rechteckige Bildschirm der Maschine zeigte eine Reihe von Zahlen. »Folgen Sie mir«, sagte sie, und Sard sowie alle anderen gehorchten ihr. Obwohl so stämmig, hatte die Aufseherin einen leichten Gang. Sie führte sie eine Reihe von Korridoren entlang, deren Wände mit Nischen gesäumt waren. Jede enthielt einen Alibi-Würfel, einen Block aus modifiziertem Granit, etwa von der Größe eines Menschenkopfs. »Hier ist er«, sagte die Frau. »Behälter Nummer 16.321: Ponter Boddit.« Die Untersuchungsrichterin nickte und drehte dann das runzlige Handgelenk mit dem eigenen Gefährten dem leuchtenden blauen Auge auf Ponters Würfel entgegen. »Ich, Komel Sard, Untersuchungsrichterin, befehle hiermit, den Alibi-Behälter 16.321 zu öffnen, und zwar zu einer rechtmäßigen und der Wahrheit dienlichen legalen Befragung. Uhrzeit.« Das Auge des Behälters wurde gelb. Die Untersuchungsrichterin trat beiseite, und die Archivarin hielt ihren Gefährten hoch. »Ich, Mabla Dabdalb, Aufseherin der Alibis, erkläre mich hiermit einverstanden, den Behälter 16.321 zur rechtmäßigen und der Wahrheit dienlichen legalen Befragung zu öffnen. Uhrzeit.« Das Auge wurde rot, und ein Signal ertönte. »Hier, bitte, Untersuchungsrichterin. Sie können den Projektor in Raum zwölf benutzen.« »Vielen Dank«, sagte Sard, und nun folgten alle Mabla zu dem ihnen zugewiesenen Raum. Sard, Bolbay, Adikor, Jasmel und Megameg betraten ihn. Der Projektorraum war groß und quadratisch und wies an
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einer Seite eine kleine Galerie mit Sattelsitzen auf. Alle ließen sich nieder, außer Bolbay, die zu den Bedienungselementen an der Wand hinüberging. Auf das Alibi-Archiv konnte man nur innerhalb dieses Gebäudes Zugriff nehmen. Zum Schutz gegen illegales Betrachten war der Archiv-Pavillon völlig vom planetarischen Informationsnetzwerk abgeschirmt und hatte keine Fernsehkabel nach draußen. Obwohl es manchmal unbequem war, zu den Archiven zu kommen, um Zugriff auf die eigenen Aufzeichnungen zu nehmen, wurde diese Isolation als angemessene Sicherheitsvorkehrung betrachtet. Bolbay sah die kleine Gruppe an, die sich hier versammelt hatte. »Also gut«, meinte sie. »Ich werde die Vorfälle von 146/120/11 aufrufen.« Adikor nickte resigniert. Beim elften Tag war er sich nicht ganz so sicher, aber der 120. Mond seit der Geburt von Generation 146 traf es ziemlich genau. Der Raum wurde dunkel, und eine fast unsichtbare Kugel, wie eine Seifenblase, tauchte auf und trieb vor ihnen in der Luft. Bolbay hatte offensichtlich den Eindruck, dass die normale Größe für ihre Zwecke nicht ausreichte. Adikor hörte, wie sie Kontrollknöpfe bediente, und die Kugel schwoll bis auf mehr als eine Armspanne im Durchmesser an. Sie betätigte weitere Knöpfe, und die Kugel füllte sich mit drei kleineren Kugeln unterschiedlicher Färbung. Dann teilten sich diese Kugeln erneut und die neu entstandenen wieder, und so ging es immer weiter. Es sah aus wie das beschleunigte Video einer Zellteilung. Während sich die umhüllende Kugel nach und nach mit immer kleiner werdenden Kugeln füllte, nahmen diese kleineren Kugeln immer neue Farben an, bis der Vorgang schließlich beendet war. Das Abbild eines jungen Mannes in einem Uberdruck-Denkraum an der Akademie der Wissenschaften füllte die Sehkugel. Es wirkte, als wäre er eine dreidimensionale Skulptur aus Perlen. Adikor nickte. Als diese Aufzeichnung vor so langer Zeit 88
entstanden war, gab es die neuen Auflösungsverstärker noch nicht. Dennoch war das Bild gut zu erkennen. Bolbay bediente offensichtlich weitere Kontrollknöpfe. Die Blase fuhr herum, so dass jeder das Gesicht der abgebildeten Person erkennen konnte. Es war Ponter Boddit. Adikor hatte vergessen, wie jung Ponter damals ausgesehen hatte. Er warf Jasmel, die gleich neben ihm saß, einen Blick zu. Ihre Augen waren vor Verwunderung weit geöffnet. Es entging ihr wahrscheinlich nicht, dass ihr Vater damals etwa so alt gewesen war wie sie selbst jetzt. »Das ist natürlich Ponter Boddit«, sagte Bolbay. »Da war er etwa halb so alt wie jetzt - oder vielmehr wäre er halb so alt, wenn er noch leben würde.« Rasch fuhr sie fort, bevor die Untersuchungsrichterin sie ermahnen konnte: »Nun gehe ich auf schnellen Vorlauf...« Ponters Abbild ging, saß, stand auf, suchte im Raum umher, konsultierte eine Infokonsole, kratzte sich an einem Kratzbaum, und das alles in rasender Geschwindigkeit. Und dann öffnete sich die luftdicht verschlossene Tür - der Überdruck hielt Pheromone draußen, die beim Studium stören mochten -, und ein junger Adikor Huld trat ein. »Pause«, unterbrach Untersuchungsrichterin Sard die Vorführung. Bolbay ließ das Bild erstarren. »Gelehrter Huld, wollen Sie bitte bestätigen, dass Sie das sind?« Adikor verspürte beim Anblick seines Gesichts ein Gefühl von Scham. Er hatte vergessen, dass er sich in letzter Zeit angewöhnt hatte, sich den Bart zu rasieren. Ach, wäre es doch nur die einzige jugendliche Torheit gewesen, die aufgezeichnet worden war ... »Ja, Untersuchungsrichterin«, sagte Adikor leise. »Das bin ich.« »Sehr gut«, meinte Sard. »Fahren Sie fort!« Erneut bewegten sich die Bilder in der Blase mit hoher Geschwindigkeit. Adikor sauste durch die verschiedensten Räume, ebenso wie Ponter - obwohl dessen Abbild stets im Mittelpunkt der Kugel blieb; der Raum um ihn her veränderte sich. 88
Adikor und Ponter sprachen anscheinend freundlich miteinander ... Und dann weniger freundlich ... Bolbay verlangsamte die Aufzeichnung. Jetzt stritten sich Ponter und Adikor. Und dann ... Und dann ... Und dann ... Adikor wollte die Augen schließen. Seine eigenen Erinnerungen an dieses Ereignis waren lebhaft genug. Aber er hatte es noch nie aus dieser Perspektive erlebt, nie den Ausdruck auf seinem Gesicht gesehen ... Und daher sah er zu. Sah zu, wie er die Finger zur Faust ballte ... Sah zu, wie er den Arm zurückzog und der Bizeps anschwoll... Sah zu, wie er den Arm vorschnellen ließ ... Sah zu, wie Ponter den Kopf gerade rechtzeitig hob ... Sah zu, wie seine Faust auf Ponters Kinn krachte ... Sah zu, wie Ponters Kieferknochen zur Seite ruckte ... Sah zu, wie Ponter zurückstolperte und Blut aus seinem Mund spritzte ... Sah zu, wie Ponter Zähne ausspuckte. Erneut ließ Bolbay das Bild erstarren. Ja, Adikor musste man zu Gute halten, dass der Ausdruck auf seinem Gesicht jetzt der von Schock und großem Bedauern war. Ja, er beugte sich vor, um Ponter aufzuhelfen. Ja, er bedauerte ganz eindeutig seine Tat, die natürlich ... ... die natürlich haarscharf an einer Tötung vorbeigegangen war, da Ponter Boddit einen Schlag ins Gesicht erhalten hatte, hinter dem Adikors ganze Kraft gesteckt hatte. Megameg weinte jetzt. Jasmel war von Adikor abgerückt. Untersuchungsrichterin Sard schüttelte langsam und ungläubig den Kopf. Und Bolbay ... Bolbay stand dort, die Arme vor der Brust verschränkt. »So, Adikor«, sagte Bolbay, »soll ich das ganze noch ein 89
mal mit Ton abspielen, oder möchten Sie uns allen etwas Zeit ersparen und uns mitteilen, worüber Sie und Ponter sich gestritten haben?« Adikor verspürte einen Brechreiz. »Das ist nicht fair«, sagte er leise. »Das ist nicht fair. Ich habe mich Behandlungen unterzogen, damit ich mein Temperament zügeln kann - Einstellungen auf der Ebene der Neurotransmitter; mein Persönlichkeitsformer wird das bestätigen. Ich habe nie zuvor im Leben jemanden geschlagen, und ich habe seitdem niemanden mehr geschlagen.« »Sie haben meine Frage nicht beantwortet«, sagte Bolbay. »Worüber haben Sie sich gestritten?« Langsam schüttelte Adikor den Kopf und schwieg. »Nun, Gelehrter Huld?«, wollte die Untersuchungsrichterin wissen. »Eine triviale Sache«, antwortete Adikor und sah auf den moosbedeckten Boden hinab. »Es war ...« Er holte tief Luft und ließ sie dann langsam entweichen. »Es war eine philosophische Frage, die mit Quantenphysik zu tun hatte. Es hat viele Interpretationen der Quantenphänomene gegeben, aber Ponter klammerte sich in vollem Wissen, dass es falsch war, an ein bestimmtes Modell. Ich - ich weiß jetzt, dass er mich reizte, aber ...« »Aber es war zu viel für Sie«, sagte Bolbay. »Ihnen glitt eine simple wissenschaftliche Debatte eine wissenschaftliche! - aus der Hand, und Sie wurden so wütend, dass sie auf eine Weise zugeschlagen haben, die Ponter das Leben gekostet hätte, hätten Sie ihn nur den Bruchteil einer Handspanne höher getroffen.« »Das ist nicht fair!«, wiederholte Adikor und sah jetzt die Untersuchungsrichterin an. »Ponter hat mir verziehen. Er hat nie öffentlich Anklage erhoben. Ohne die Anklage eines Opfers ist definitionsgemäß kein Verbrechen begangen worden.« Sein Tonfall war jetzt bettelnd. »So lautet das Gesetz.« »Wir haben an diesem Morgen im Ratssaal gesehen, wie 89
gut Adikor Huld heutzutage sein Temperament zügeln kann«, meinte Bolbay. »Und Sie haben gerade gesehen, dass er schon einmal versuchte, Ponter Boddit umzubringen. Damals ist es fehlgeschlagen, aber es besteht wohl aller Grund zu der Annahme, dass es ihm vor kurzem gelungen ist, im Quantencomputer-Labor tief unter der Erde.« Bolbay hielt inne und sah dann Sard an. »Ich bin der Meinung«, sagte sie selbstgefällig, »dass wir genügend Fakten zusammengetragen haben, um diese Sache an ein ordentliches Gericht weitergeben zu können.« 90
KAPITEL FÜNFUNDZWANZIG Mary ging zum Fenster an der Vorderseite von Reubens Haus und sah hinaus. Obwohl es schon nach sechs war, war es zu dieser Zeit des Jahres noch einige Stunden hell, und ... Mein Gott! Der Chefredakteur des Discovery Channel war nicht der einzige, der ihren Aufenthaltsort ausfindig gemacht hatte. Zwei Übertragungswagen mit Mikrowellenantennen auf den Dächern und drei Wagen mit Logos von Rundfunkstationen standen ebenfalls draußen. Hinzu kam ein zerbeulter Honda mit einem Kotflügel in anderer Farbe als der Rest des Wagens; wahrscheinlich gehörte er einem Zeitungsjournalisten. Sobald die Rundfünknachricht mit der Echtheitserklärung von Ponters DNS hinausgegangen war, hatte offenbar jeder diese scheinbar unmögliche Geschichte ernst genommen. Schließlich beendete Reuben sein Gespräch. Mary wandte sich zu ihm um. »Ich bin nicht wirklich auf Gäste eingestellt«, sagte der Arzt, »aber ...« »Was?«, fragte Louise überrascht. Mary hatte bereits begriffen. »Wir gehen nirgendwohin, stimmt's?«, meinte sie. Reuben schüttelte den Kopf. »Das LCDC hat eine Quarantäne über dieses Gebäude verhängt. Niemand geht rein oder raus.« »Für wie lange?«, fragte Louise mit weit aufgerissenen Augen. »Das hängt von der Regierung ab«, erwiderte Reuben. »Wenigstens ein paar Tage.« »Tage!«, rief Louise aus. »Aber ... aber ...« Reuben spreizte die Hände. »Tut mir Leid, aber niemand kann sagen, was in Ponters Blutkreislauf herumschwimmt.« 90 »Was hat doch gleich die Azteken ausgelöscht?«, fragte Mary. »Größtenteils die Pocken«, entgegnete Reuben. »Aber Pocken ...«, meinte Louise. »Wenn er die hätte, müsste er dann nicht Läsionen im Gesicht haben?« »Die treten erst zwei Tage nach Ausbruch des Fiebers auf«, erwiderte Reuben. »Außerdem sind die Pocken«, meinte Louise, »doch sowieso ausgerottet.« »In diesem Universum, ja«, erwiderte Mary. »Und wir impfen deshalb auch nicht mehr. Andererseits ist es möglich ...« Louise nickte, weil sie verstanden hatte. »Möglicherweise sind sie in seinem Universum nicht ausgerottet.« »Genau«, sagte Reuben. »Und selbst wenn, könnten sich in seiner Welt zahllose andere Krankheitserreger entwickelt haben, gegen die wir nicht immun sind.« Louise holte tief Luft, wahrscheinlich, um die Fassung nicht zu verlieren. »Aber ich fühle mich gut«, meinte sie. »Ich auch«, sagte Reuben. »Mary?« »Gut, ja.« Reuben schüttelte den Kopf. »Wir dürfen dennoch kein Risiko eingehen. Drüben im St. Joseph's haben sie Proben von Ponters Blut. Die Frau vom LCDC, mit der ich zu tun hatte, sagte, sie werde mit dem Leiter der Pathologie sprechen und Abstriche von allem machen lassen, was ihnen nur einfällt.«
»Haben wir genug zu essen?«, fragte Louise. »Nein«, meinte Reuben. »Aber sie bringen uns was, und ...« Ding-Dong! »Oh, Scheiiiße!«, sagte Reuben. »Da ist jemand an der Tür!«, verkündete Louise, die aus dem Fenster schaute. »Ein Reporter«, meinte Mary, die den Mann erkennen konnte. Reuben lief nach oben. Eine halbe Sekunde lang dachte 91
Mary, er würde ein Gewehr holen, aber dann hörte sie ihn rufen, wahrscheinlich durch ein Fenster, das er dort oben geöffnet hatte: »Verschwinden Sie! Dieses Haus steht unter Quarantäne!« Der Reporter trat einige Schritte zurück, legte den Kopf in den Nacken und sah zu Reuben hoch. »Ich würde Ihnen gern ein paar Fragen stellen, Dr. Montego!«, rief er. »Verschwinden Sie!«, rief Reuben zurück. »Der Neanderthaler ist krank, und dieser Ort ist auf Anweisung der kanadischen Gesundheitsbehörde unter Quarantäne gestellt worden.« Mary sah weitere Wagen auf der Landstraße auftauchen, und rot-gelbes Licht strich über die Szenerie. »Nun kommen Sie schon, Doktor«, erwiderte der Reporter. »Nur ein paar Fragen.« »Ich meine es ernst«, rief Reuben. »Wir haben es hier mit einer ansteckenden Krankheit zu tun.« »Wenn ich recht verstanden habe, ist Professor Vaughan ebenfalls da drin«, rief der Reporter. »Kann Sie etwas zur DNS des Neanderthalers sagen?« »Verschwinden Sie! Um Gottes willen, Mann, verschwinden Sie!« »Professor Vaughan, sind Sie da drin? Stan Tinbergen, Sudbury Star. Ich würde Ihnen gern ...« »Mon Dieu!«, rief Louise und zeigte auf die Straße hinaus. »Der Mann da hat ein Gewehr!« Mary sah zu der Stelle hinüber, auf die Louise zeigte. Dort stand ein Mann, der aus etwa dreißig Metern Entfernung mit einem langen Gewehr direkt auf das Haus zielte. Eine Sekunde später hob ein weiterer Mann, der neben ihm stand, ein Megaphon an den Mund. »Hier ist die Royal Cana-dian Mounted Police«, dröhnte es unmissverständlich. »Entfernen Sie sich vom Haus!« Tinbergen drehte sich um. »Das ist Privateigentum«, rief er zurück. »Niemand hat ein Verbrechen begangen, und ...« »Entfernen Sie sich!«, brüllte der Mountie, der schlichte Kleidung trug, obwohl auf seinem weißen Auto die Buch 91
staben RCMP standen, sowie das französische Äquivalent dazu, GRC. »Wenn Dr. Montego oder Professor Vaughan bloß ein paar Fragen beantworten würden«, sagte Tinbergen, »werde ich ...« »Letzte Warnung!«, sagte der Mountie durch das Megaphon. »Mein Partner wird versuchen, Sie lediglich zu verwunden, aber...« Tinbergen wollte offensichtlich seine Story. »Ich habe das Recht, Fragen zu stellen!« »Fünf Sekunden!«, donnerte die Stimme des RCMP-Beam-ten. Tinbergen hielt seine Stellung. »Vier!« »Die Öffentlichkeit hat ein Anrecht darauf, es zu erfahren!«, rief der Reporter. »Drei!« Wieder drehte sich Tinbergen um. Offensichtlich war er fest entschlossen, eine letzte Frage anzubringen. »Dr. Montego«, rief er und schaute nach oben, »stellt diese Seuche ein Risiko für die Öffentlichkeit dar?« »Zwei!« »Ich werde alle Ihre Fragen beantworten!«, rief Reuben zurück. »Aber nicht hier und jetzt. Verschwinden Sie!« »Eins!« Tinbergen schnellte herum und hielt die Hände in die Höhe. »Na gut, na gut!« Langsam entfernte er sich vom Haus.
Kaum hatte der Reporter das andere Ende der Zufahrt erreicht, da klingelte auch schon das Telefon in Reubens Haus. Mary ging durch das Wohnzimmer hinüber und wollte das Gespräch entgegennehmen, aber Reuben musste bereits oben an einem Nebenanschluss rangegangen sein. »Dr. Montego«, hörte sie die Stimme eines Mannes sagen, »hier ist Inspektor Matthews, RCMP.« Normalerweise hätte Mary den Hörer aufgelegt, doch jetzt kam sie vor Neugier fast um. 92
»Hallo, Inspektor«, sagte Reuben. »Doktor, die Gesundheitsbehörde hat uns darum gebeten, Ihnen jede Unterstützung anzubieten, die Sie benötigen.« Die Stimme des Mannes klang dünn; Mary vermutete, dass er von einem Handy aus anrief. Sie reckte den Hals, um aus dem Fenster zu schauen. Der Mann, der zuvor das Megaphon benutzt hatte, stand jetzt neben seinem weißen Wagen und sprach in ein Handy. »Wie viele Personen halten sich in Ihrem Haus auf?« »Vier«, entgegnete Reuben. »Ich selbst, der Neanderthaler und zwei Frauen: Professor Mary Vaughan von der York University sowie Louise Benoit, eine Postdoktorandin, Physikerin, die zum Neutrino-Observatorium in Sudbury gehört.« »Einer ist also krank«, meinte Matthews. »Ja, der Neanderthaler. Er hat hohes Fieber.« »Dann will ich Ihnen meine Handy-Nummer geben«, sagte der Mountie. Er las eine Zahlenreihe vor. »Hab sie«, entgegnete Reuben. »Ich werde bis 23.00 Uhr hier draußen bleiben, dann trifft meine Ablösung ein«, sagte Matthews. »Sie wird unter der gleichen Nummer zu erreichen sein. Rufen Sie an, wenn Sie etwas benötigen.« »Ich brauche Antibiotika für Ponter. Penizillin, Erythromycin - eine Menge anderer Medikamente.« »Haben Sie da drin einen E-Mail-Anschluss?«, fragte Matthews. »Ja.« »Stellen Sie die Liste zusammen. Schicken Sie sie an Robert Matthews - zwei T - unter rcmp-grc.gc.ca. Verstanden?« »Ja«, erwiderte Reuben. »Ich brauche die Sachen so schnell wie nur eben möglich.« »Wir werden sie heute Abend hier haben, wenn sie in einer regulären Apotheke oder im St. Joseph's vorrätig sind.« »Wir brauchen auch noch was zu essen«, sagte Reuben. »Wir bringen Ihnen, was Sie haben wollen. Mailen Sie mir 92
eine Liste mit Nahrungsmitteln, Körperpflegemitteln, Kleidung, was Sie halt so benötigen.« »Großartig«, sagte Reuben. »Und ich nehme Blutproben von uns allen, die Sie bitte rüber zum St. Joseph's und zu anderen Labors bringen.« »Klar«, entgegnete Matthews. Sie sprachen sich ab, einander sofort anzurufen, wenn sich etwas ändern sollte, und Reuben legte auf. Mary hörte ihn die Treppe herunterkommen. »Nun?«, fragte Louise - womit sie eingestand, dass Mary mitgehört hatte, fand Mary, zumal sie dabei auch noch abwechselnd Reuben und sie ansah. Reuben fasste den Anruf zusammen und meinte dann: »Tut mir Leid, die Sache. Tut mir wirklich Leid.« »Was ist mit den anderen?«, fragte Mary. »Den anderen Leuten, die mit Ponter in Berührung gekommen sind.« Reuben nickte. »Ich werde Inspektor Matthew veranlassen, sie von der RCMP einsammeln zu lassen; sie stellen sie vielleicht lieber im St. Joseph's unter Quarantäne als hier.« Er ging in die Küche und kam mit einem Notizblock und einem Bleistiftstummel zurück. Beides sah aus, als würde es normalerweise zum Zusammenstellen der Einkaufsliste benutzt. »Na schön, wer hat sonst noch mit Ponter Kontakt gehabt?«
»Ein Examensstudent, der mit mir zusammengearbeitet hat«, sagte Louise. »Paul Kiriyama.« »Dr. Mah, natürlich«, meinte Mary, »und - mein Gott - sie ist bereits auf dem Weg zurück nach Ottawa. Wir hindern sie besser daran, sich heute Abend mit dem Premierminister zu treffen!« »Außerdem ein Haufen Leute vom St. Joseph's«, sagte Reuben. »Rettungssanitäter, Dr. Singh, ein Radiologe, Krankenschwestern ...« Sie ergänzten die Liste weiter. Währenddessen lag Ponter nach wie vor auf Reubens champagnerfarbenem Teppich. Er war offensichtlich bewusstlos; 93 sein gewaltiger Brustkorb hob und senkte sich. Auf seiner fliehenden Stirn stand nach wie vor der Schweiß, und seine Augen bewegten sich unter den geschlossenen Lidern wie Tiere in ihren Höhlen. »Also gut«, sagte Reuben. »Ich glaube, das war's.« Er sah Mary an, dann Louise, dann den kranken Ponter. »Ich muss eine Liste mit Medikamenten zusammenstellen, die ich für Ponters Behandlung benötige. Wenn wir Glück haben ...« Mary nickte und sah Ponter ebenfalls an. Wenn wir Glück haben, dachte sie, wird keiner von uns sterben. 93
KAPITEL SECHSUNDZWANZIG Vierter Tag Montag, 5. August 148/103/27 NACHRICHTENSUCHE Stichwort(e): Neanderthaler »Hat Ponter Boddit Kanada auf legalem Weg betreten? Diese Frage beschäftigt in zunehmendem Maße die in- und ausländischen Einwanderungsexperten. Unser Gast des heutigen Abends ist Simon Cohen, Professor für Bürgerrecht an der McGill University in Montreal...« Die zehn wichtigsten Merkmale, an denen man erkennt, dass Ponter Boddit ein echter Neanderthaler sein muss ... - Nummer zehn: Bei seiner ersten Begegnung mit einer menschlichen Frau hat er sie mit einem Knüppel niedergeschlagen und an den Haaren weggezerrt. -Nummer neun: Wird bei schwachem Licht mit Leonid Breschnew verwechselt. - Nummer acht: Als Arnold Schwarzenegger auf einen Besuch vorbeikam, fragte Boddit: »Wer ist denn dieses schmale Handtuch?« - Nummer sieben: Sieht bloß Fox TV. - Nummer sechs: McDonald's wirbt jetzt mit dem Slogan: »Milliarden von Homo sapiens besuchen uns - und jetzt auch ein Neanderthaler«. - Nummer fünf: Nannte Hockeyspieler Tom Arnold >sexy<. -Nummer vier: Als man ihm im Smithsonian das seltene
93 Exemplar eines Steins zeigte, hieb er ihn zu einer perfekten Speerspitze zurecht.
- Nummer drei: Trägt eine fossile Armbanduhr und trinkt echten Really Old Milwaukee. - Nummer zwei: Streicht jetzt Lizenzgebühren für Feuer ein. - Und das wichtigste Merkmal, an dem wir erkennen, dass Ponter Boddit ein Neanderthaler sein muss? Behaarte Backen - alle vier. John Pearce, Leiter des internationalen Einkaufs bei Random House Canada, hat Ponter Boddit den größten Vorschuss in der Verlagsgeschichte Kanadas für die Weltrechte an seiner autorisierten Biographie geboten. Dies berichtet die Handelszeitschrift Quill & Quire... Es gibt Gerüchte, das Pentagon sei an einem Gespräch mit Ponter Boddit interessiert. Die mögliche militärische Nutzung der Methode, mit der er angeblich hier eingetroffen ist, habe das Interesse mindestens eines Fünf-Sterne-Generals geweckt...
Jetzt, dachte Adikor Huld, als er sich wieder auf den Hocker im Ratssaal setzte, werden wir sehen, ob ich den größten Fehler meines Lebens begangen habe. »Wer spricht zu Gunsten des Angeklagten?«, fragte Untersuchungsrichterin Sard. Niemand rührte sich. Adikors Herz vollführte einen Satz. Wollte ihn Jasmel Ket nun doch hängen lassen? Na gut, wer hätte es ihr verübeln können? Sie hatte gestern mit eigenen Augen gesehen, dass Adikor offenbar einmal - zugegeben, vor langer Zeit - versucht hatte, ihren Vater umzubringen. Im Raum herrschte Stille, obwohl einer der Zuschauer, der wahrscheinlich zum gleichen Schluss gekommen war wie zuvor schon Bolbay, ein kurzes, spöttisches Gelächter ausstieß: Niemand würde zu Adikors Gunsten sprechen. Aber dann stand Jasmel endlich auf. »Ich«, sagte sie. »Ich spreche zu Gunsten von Adikor Huld.« Viele im Publikum schnappten hörbar nach Luft. 94
Daklar Bolbay, die unter den Zuschauern saß, erhob sich ebenfalls. Sie war völlig aus dem Häuschen. »Untersuchungsrichterin, das ist nicht rechtens! Das Mädchen ist eine der Anklägerinnen.« Untersuchungsrichterin Sard neigte den runzligen Kopf nach vorn und schaute Jasmel unter ihren Uberaugenwülsten an. »Stimmt das?« »Nein«, antwortete Jasmel. »Daklar Bolbay war die Lebensgefährtin meiner Mutter. Sie sollte beim Tod meiner Mutter meine Tabant sein. Aber inzwischen habe ich 225 Monde gesehen, und ich nehme für mich das Erwachsenenrecht in Anspruch.« »Du bist eine 147er?«, fragte Sard. »Ja, Untersuchungsrichterin.« Sard wandte sich Bolbay zu, die immer noch stand. »Alle 147er haben vor Monaten die Verantwortung für sich selbst übernommen. Falls Sie nicht behaupten, Ihr Schützling sei geistig unzurechnungsfähig, hat Ihre Beaufsichtigung damit automatisch ein Ende gefunden. Ist sie geistig unzurechnungsfähig?« Bolbay kochte. Sie öffnete den Mund und wollte etwas sagen, überlegte es sich dann jedoch anders. Sie senkte den Blick und meinte: »Nein, Untersuchungsrichterin.« »Also gut«, bemerkte Sard. »Nehmen Sie wieder Platz, Daklar Bolbay.« »Vielen Dank, Untersuchungsrichterin«, sagte Jasmel. »Nun, wenn ich jetzt...« »Einen Augenblick, 147er«, unterbrach sie Sard. »Es wäre höflich gewesen, deiner Tabant mitzuteilen, dass du in ihrem Fall Einspruch einlegen würdest.« Adikor verstand, weshalb Jasmel geschwiegen hatte. Hätte sie Bolbay vorgewamt, so hätte Bolbay alle Hebel in Bewegung gesetzt, um sie davon abzubringen. Aber Jasmel besaß den Charme ihres Vaters. »Sie sprechen weise, Untersuchungsrichterin. Ich werde Ihren Rat in meinem Herzen bewahren.«
95 Sard nickte zufrieden und bedeutete Jasmel, fortzufahren. Jasmel schritt in die Mitte des Saals. »Untersuchungsrichterin Sard, Sie haben viele versteckte Andeutungen von Daklar Bolbays Seite gehört. Anspielungen und Angriffe auf Adikor Hulds Charakter, die jeder Grundlage entbehren. Sie kennt den Mann kaum. Adikor war der Lebensgefährte meines Vaters. Zugegeben, ich habe ihn immer nur kurz gesehen, wenn Zwei Eins wurde - er hat seinen eigenen Sohn, den kleinen Dab hier im Saal, und seine Frau Lurt sitzt neben ihm. Aber wir haben uns dennoch regelmäßig getroffen - viel häufiger als er und Daklar.« Sie trat neben Adikor und legte ihm eine Hand auf die Schulter. »Hier stehe ich, die Tochter des Mannes, den Adikor umgebracht haben soll, und ich sage Ihnen, dass ich daran nicht glaube.« Sie hielt inne, sah kurz auf Adikor hinab und begegnete dann dem Blick der Untersuchungsrichterin. »Du hast die Alibi-Aufzeichnung gesehen!«, warf Bolbay heftig ein. Sie saß nach wie vor in ihrem Sattelsitz an der Seite des Saals, in der ersten Zuschauerreihe. Sard hieß sie zu schweigen. »Ja«, sagte Jasmel. »Ja, das habe ich. Ich weiß, dass mein Vater einen verletzten Unterkiefer hatte. Hin und wieder verspürte er dort Schmerzen, besonders an kalten Tagen. Ich hatte nicht gewusst, worauf die Verletzung zurückzuführen war - er hat nie ein Wort darüber verloren. Aber er hat gesagt, dass es lange, lange her ist, es der Person, die es getan hatte, überaus Leid tat, und er ihr vergeben habe.« Sie hielt inne. »Mein Vater konnte den Charakter einer Person sehr gut einschätzen. Er hätte Adikor nicht zu seinem Partner gemacht, wenn seiner Ansicht nach Adikor rückfällig geworden wäre.« Sie sah Adikor an, dann wieder die Untersuchungsrichterin. »Ja, mein Vater ist verschwunden. Aber ich glaube nicht, dass er ermordet worden ist. Wenn er ums Leben kam, war es ein Unfall. Und wenn nicht...« 95
»Du glaubst, er ist verwundet?«, fragte Sard. Jasmel war verblüfft. Es war ungewöhnlich, dass eine Untersuchungsrichterin eine direkte Frage stellte. »Vielleicht, Untersuchungsrichterin.« Sard schüttelte den Kopf. »Mein Kind, ich fühle mit dir. Wirklich. Ich weiß nur allzu gut, wie es ist, einen Elternteil zu verlieren. Doch deine Worte ergeben keinen Sinn. Männer haben die Mine nach deinem Vater abgesucht. Frauen wurden ebenfalls zur Suche berufen, obwohl es Letzte Fünf war. Auch Hunde wurden eingesetzt.« »Aber wenn er tot wäre«, sagte Jasmel, »hätte sein Gefährte ein Ortungssignal gesendet. Sie haben mit tragbarer Ausrüstung danach gesucht und nichts gefunden.« »Stimmt«, gab Sard zu. »Wenn sein Gefährte allerdings absichtlich außer Funktion gesetzt oder zerstört wurde, gäbe es kein Signal.« »Darauf fehlt jeder Hinweis ...« »Mein Kind«, sagte die Untersuchungsrichterin, »immer wieder verschwinden Menschen. Wenn ihre Lebensumstände für sie unerträglich werden, entfernen einige ihre Implantate und gehen in die Wildnis. Sie streifen den Mantel der fortschritdichen Zivilisation ab und werden Mitglieder von Gemeinschaften, die auf traditionelle Weise leben, oder sie schlagen sich einfach als Nomaden durch. Gibt es etwas, was deinen Vater veranlasst haben könnte, zu verschwinden?« »Nichts«, entgegnete Jasmel. »Ich habe ihn zum letzten Mal gesehen, als Zwei Eins wurde, und da ging es ihm gut.« »Kurz«, sagte die Untersuchungsrichterin. »Wie bitte?« »Du hast ihn kurz gesehen.« Offenbar fiel Sard auf, dass Jasmels die Brauen hob. »Nein, ich habe nicht in deinem Alibi-Archiv nachgeschaut, schließlich bist du keines Verbrechens angeklagt. Aber ich habe einige Nachforschungen angestellt, das ist bei einem Fall wie diesem üblich. Also stelle ich die Frage nochmals: Hatte dein Vater irgendeinen 95
Grund, freiwillig zu verschwinden? Er hätte Adikor unten in der Mine doch auch einfach aus dem Weg gehen und warten können, bis keiner der Minenroboter mehr in Sichtweite war, um dann mit dem Aufzug nach oben zu fahren.« »Nein, Untersuchungsrichterin«, sagte Jasmel. »Ich habe keinerlei Anzeichen für geistige Instabilität gesehen, kein Anzeichen dafür, dass er nicht glücklich gewesen wäre - na ja, so glücklich, wie jemand, der gerade seine Gefährtin verloren hat, eben sein kann.« »Das bestätige ich«, meinte Adikor, direkt an die Untersuchungsrichterin gewandt. »Ponter und ich waren sehr glücklich miteinander.« »Ihr Wort ist unter den gegebenen Umständen ein wenig fragwürdig«, meinte Sard. »Aber auch in dieser Hinsicht habe ich eigene Nachforschungen angestellt, und sie bestätigen, was Sie gesagt haben. Ponter hatte keine Schulden, mit denen er nicht hätte klarkommen können, keine Feinde, keinen Nadalp - keinen Grund, Familie und Karriere zurückzulassen.« »Korrekt«, sagte Adikor. Er wusste genau, dass er besser den Mund halten sollte, brachte es aber nicht fertig, sich zu beherrschen. »Also«, meinte Untersuchungsrichterin Sard, »wenn er keinen Grund hatte zu verschwinden und geistig nicht instabil war, kommen wir zu Bolbays Behauptung zurück. Wenn Ponter Boddit bloß verletzt oder auf Grund natürlicher Umstände zu Tode gekommen wäre, hätten ihn die Suchteams finden müssen.« »Aber ...«, sagte Jasmel. »Mein Kind«, unterbrach Sard, »wenn du einen Beweis hast - nicht einfach bloß Mutmaßungen deinerseits, sondern echte Beweise -, dass Adikor Huld nicht schuldig ist, dann bitte.« Jasmel sah Adikor an. Adikor sah Jasmel an. Abgesehen vom gelegentlichen Husten der einen oder anderen Person oder dem Geräusch, wenn jemand sich auf 96 seinem Sitz bewegte, war es völlig still in der riesigen Halle. »Nun?«, fragte die Untersuchungsrichterin. »Ich warte.« Adikor sah Jasmel achselzuckend an; er hatte keine Ahnung, ob es richtig wäre, diese Sache mit ins Spiel zu bringen. Jasmel räusperte sich. »Ja, Untersuchungsrichterin, es besteht noch eine weitere Möglichkeit...« 96
KAPITEL SIEBENUNDZWANZIG Es war eine ungemütliche Nacht für Mary gewesen, denn Reuben Montego besaß unzählige Windspiele auf seinem Grundstück. Und Mary war nach dieser Nacht der Ansicht, man solle alle Leute mit Windspielen erschießen. Da Reuben jedoch mehrere Hektar Land sein eigen nannte, störten sie wahrscheinlich niemanden. Mary hatte bei dem ständigen Gebimmel allerdings nur schwer einschlafen können. Es hatte eine große Diskussion gegeben, wer wo schlafen sollte. Reuben besaß in seinem Schlafzimmer ein Bett von fürstlicher Größe, in seinem Büro ein Sofa und ein weiteres im Wohnzimmer. Unglücklicherweise war keines von beiden ausziehbar. Schließlich waren sie übereingekommen, Ponter das Bett zu überlassen; er brauchte es mehr als jeder andere. Reuben nahm das Sofa im Büro, Louise das im Wohnzimmer, und Mary schlief in einem La-Z-Boy-Liege-stuhl, ebenfalls im Wohnzimmer. Ponter war tatsächlich krank - Hak jedoch nicht. Mary, Reuben und Louise wurden sich einig, dem Implantat abwechselnd weiterhin Sprachunterricht zu erteilen. Louise sagte, sie sei sowieso eine Nachteule, und so konnten sie Hak rund um die Uhr unterrichten. Sie war kurz vor 22 Uhr in Ponters Schlafzimmer verschwunden und erst nach zwei Uhr morgens wieder im Wohnzimmer aufgetaucht. Mary war sich nicht sicher, ob sie durch Louises Eintreten geweckt worden war,
oder ob sie bereits wach gewesen war, aber sie musste jetzt wohl hochgehen und beim Erlernen der englischen Sprache helfen. Mit dem Gefährten zu sprechen, war Mary unangenehm. Nicht, weil es sie genervt hätte, mit einem Computer zu reden - ganz im Gegenteil fand sie es faszinierend -, sondern weil sie allein in Ponters Schlafzimmer hinaufgehen und die Tür hinter sich schließen musste, damit ihr 97 Gespräch mit dem Gefährten Reuben im Nebenraum nicht störte. Sie war erstaunt, wie viel Hak während der Stunden, die der Gefährte mit Louise gesprochen hatte, dazugelernt hatte, und wie flüssig er jetzt sprach. Zum Glück schlief Ponter die gesamte Zeit, obwohl Mary vorübergehend Panik ergriff, als er sich plötzlich regte und auf die andere Seite wälzte. Wenn Mary Hak richtig verstanden hatte, erfüllte der Gefährte Ponters Gehör mit weißem Rauschen, so dass das leise Gespräch, das Hak führte, ihn nicht störte. Mary brachte etwa eine Stunde damit zu, für Hak Nomen zu benennen und Verben zu erläutern, bevor sie wieder müde wurde. Sie entschuldigte sich und kehrte nach unten zurück. Louise hatte sich bis auf BH und Slip ausgezogen und lag auf dem Sofa, eingehüllt in eine Wolldecke. Mary lehnte sich auf dem Liegestuhl zurück und schlief diesmal aus purer Erschöpfung rasch ein. Am Morgen hatte Ponters Fieber offenbar seinen Höhepunkt überschritten, vielleicht halfen das Aspirin und die Antibiotika, die Reuben ihm verabreicht hatte. Der Neanderthaler verließ das Bett und kam herunter - und war zu Marys Überraschung völlig nackt. Louise schlief noch, und Mary, zusammengerollt im Liegestuhl, war gerade erst aufgewacht. Eine halbe Sekunde lang fürchtete sie, Ponter wäre ihretwegen nach unten gekommen - nein, wenn er an jemandem interessiert wäre, dann zweifellos an der jungen, schönen Frankokanadierin. Aber obwohl er Louise ebenso wie Mary einen raschen Blick zuwarf, stellte sich heraus, dass er eigentlich nur in die Küche wollte. Er hatte offensichtlich nicht bemerkt, dass Mary die Augen weit aufgerissen hatte. Sie wollte schon etwas sagen, ihn auf seine Nacktheit ansprechen; aber, na ja ... Meine Güte, dachte Mary, während er das Wohnzimmer 97 durchquerte. Meine Güte.'Oberhalb des Halses machte er ja vielleicht nicht allzu viel her, aber ... Sie warf den Kopf herum, um sein Hinterteil zu beobachten, als er in der Küche verschwand. Und sie sah erneut hin, als er mit einer von Reubens Cola-Dosen in der Hand zurückkehrte. Reuben hatte ein ganzes Fach seines Kühlschranks mit dem Zeug vollgestopft. Die Wissenschaftlerin in Mary war fasziniert davon, einen Neanderthaler aus Fleisch und Blut zu sehen, und ... Und die Frau in ihr genoss den Anblick von Ponters muskulösem Körper. Mary gestattete sich ein kleines Lächeln. Sie hatte geglaubt, dass sie vielleicht nie mehr in der Lage sein würde, einen Mann auf diese Art und Weise zu betrachten. Schön zu wissen, dass sie es doch noch konnte. Mary, Reuben und Louise waren wiederholt telefonisch interviewt worden, und Reuben hatte mit Incos' Erlaubnis eine Pressekonferenz organisiert. Alle drei standen während des Gesprächs um ein Mikrofon herum, während die Journalisten, mit denen sie sprachen, das Ganze mit Teleobjektiven durch das Wohnzimmerfenster aufnahmen. Inzwischen wurden Tests auf Pocken, Beulenpest und diverse andere Seuchen durchgeführt. Kanadische Militärjets hatten Blutproben zu den Zentren für Seuchenkontrolle und Vorbeugung in Atlanta und dem Hochsicherheitslabor im Canadian Science Centre for Human and Animal Health in Winnipeg geflogen. Die Ergebnisse der ersten Testreihe mit den Kulturen kamen um 11.14 Uhr. In Ponters Blut waren bislang keine Keime gefunden worden, und niemand, der mit ihm in Kontakt gewesen war darunter auch alle, die sich jetzt am St. Joseph's in Quarantäne befanden -, zeigte irgendwelche
Krankheitssymptome. Während weitere Kulturen überprüft wurden, suchten die Mikrobiologen in den Blutproben gleichfalls nach unbekannten Krankheitserregern - Zellen 98 oder anderen Einschlusskörperchen, die sie noch nie zuvor gesehen hatten. »Schade, dass er Physiker und kein Mediziner ist«, meinte Reuben nach der Pressekonferenz zu Mary. »Weshalb?«, fragte Mary. »Naja, wir hatten Glück, dass wir überhaupt irgendwelche Antibiotika zur Hand hatten, die wir ihm anbieten konnten. Bakterien erwerben über die Zeit hinweg Immunität. Normalerweise gebe ich meinen Patienten Erythromycin, weil Penizillin heutzutage so wenig ausrichtet, aber Ponter habe ich zunächst Penizillin verabreicht. Es beruht nämlich auf Schimmelpilzen, die in erster Linie bei Brot auftreten, und wenn Ponters Volk kein Brot zubereitet, sind sie vielleicht nie darüber gestolpert. Daher könnte es gegen jede Art von bakteriologischer Infektion wirksam sein, die er vielleicht von seiner Welt mitgebracht hat. Dann habe ich ihm Erythromycin sowie eine ganze Ladung weiterer Antibiotika verpasst, um alles zu bekämpfen, was er sich hier hätte einfangen können. Unter Umständen hat Ponters Volk eigene Antibiotika entwickelt, aber sie unterscheiden sich wahrscheinlich von denjenigen, die wir entdeckt haben. Wenn er uns sagen könnte, was sie benutzen, hätten wir eine neue Waffe im Krieg gegen Seuchen - eine, gegen die unsere Bakterien bislang noch keine Resistenz entwickeln konnten.« Mary nickte. »Interessant«, meinte sie. »Zu blöd, dass das Tor zwischen seiner und unserer Welt sich sofort wieder geschlossen hat. Wahrscheinlich gibt es eine Vielzahl faszinierender Möglichkeiten für einen Handel zwischen den beiden Versionen der Erde. Pharmazeutika sind sicher bloß die Spitze des Eisbergs. Der größte Teil unserer Nahrung kommt in wilder Form nicht vor. Er hat vielleicht nichts für Weizenprodukte übrig, aber die moderne Kartoffel und Tomate, der moderne Mais, das Haushuhn, Hausschwein und die Kuh - das sind lauter Lebensformen, die wir im Wesentlichen durch selektive Zucht geschaffen haben. Wir 98
könnten sie gegen jede Art von Nahrung tauschen, die sie dort herstellen.« Reuben nickte. »Zweifellos kann man auch im Hinblick auf den Bergbau Wissen tauschen. Ich wette, wir kennen alle Stellen, wo es wertvolle Mineralien, Fossilien und so weiter gibt, die sie noch nicht gefunden haben, und anders herum auch.« Mary wurde klar, dass er möglicherweise Recht hatte. »Alles Natürliche, was älter als ein paar zehntausend Jahre ist, wäre in beiden Welten vorhanden, nicht wahr? Eine zweite Lucy, einen weiteren Tyrannosaurus Sue, noch mehr Burgess-Shale-Fossilien, der Hope-Diamant - jedenfalls der ursprüngliche, ungeschliffene Stein.« Sie hielt inne und dachte über alles nach. Zur Mittagszeit ging es Ponter eindeutig besser. Mary und Louise betrachteten ihn, wie er ruhig auf dem Bett liegend schlief, die Decke bis zum Kinn hochgezogen. »Ich bin froh, dass er nicht schnarcht«, meinte Louise. »Bei so einer großen Nase ...« »Wahrscheinlich«, sagte Mary leise, »ist das sogar der Grund dafür, dass er nicht schnarcht. Er hat eine ziemlich gute Luftzirkulation.« Ponter wälzte sich im Bett herum. Einen Moment lang sah Louise ihn an, dann wandte sie sich wieder Mary zu. »Ich gehe duschen«, sagte sie. Marys Periode hatte an diesem Morgen eingesetzt; sie wollte selbst gern ins Bad. »Ich dusche nach Ihnen.« Louise verschwand und schloss die Tür hinter sich. Ponter regte sich erneut und erwachte. »Mare«, sagte er leise. Er schlief mit geschlossenem Mund, und seine Stimme klang nach dem Erwachen ganz und gar nicht heiser. »Hallo Ponter. Hast du gut geschlafen?«
Er hob die langen, blonden Brauen - Mary hatte sich immer noch nicht an den Anblick gewöhnt, wie sie die 99 Überaugenwülste hinaufrollten -, als hielte er diese Frage für absurd. Er neigte den Kopf; Louise hatte die Dusche aufgedreht. Und dann blähte er die Nasenflügel, so dass jedes Nasenloch den Durchmesser eines 25-Cent-Stücks hatte, und sah Mary an. Plötzlich wurde ihr klar, was da vor sich ging, und sie empfand große Verlegenheit und Unbehagen. Er roch, dass sie menstruierte. Mary wich zurück. Sie konnte es kaum erwarten, endlich mit Duschen an der Reihe zu sein. Ponter zeigte einen völlig neutralen Ausdruck. »Mond«, sagte er. Ja, dachte Mary, es ist diese Zeit des Monats. Aber sie wollte ganz bestimmt nicht darüber sprechen. Sie eilte nach unten. 99
KAPITEL ACHTUNDZWANZIG Untersuchungsrichterin Sard zeigte einen Ausdruck auf ihrem runzligen, weisen Gesicht, der besagte: >Da kommt jetzt besser was Gescheites bei raus<. »Na schön, mein Kind«, forderte sie Jasmel, die immer noch neben Adikor im Ratssaal stand, auf weiterzureden. »Welche andere Erklärung, abgesehen von einem Gewaltverbrechen, gibt es für das Verschwinden deines Vaters?« Einen Augenblick lang schwieg Jasmel. Dann sagte sie: »Ich würde es Ihnen gern erklären, Untersuchungsrichterin, aber ...« Sard wurde ungeduldig. »Ja?« »Aber, na ja, der Gelehrte Huld könnte es besser als ich.« »Der Gelehrte Huld!«, rief die Untersuchungsrichterin aus. »Du schlägst vor, dass der Angeklagte zu seinen Gunsten sprechen soll?« Erstaunt schüttelte Sard den Kopf. »Nein«, antwortete Jasmel rasch, die klar begriff, dass Sard dabei war, dieses ausgefallene Ersuchen zurückzuweisen. »Nein, ganz und gar nicht. Er würde einfach einige technische Erklärungen abgeben: Informationen über Quantenphysik und ...« »Quantenphysik!«, knurrte Sard. »Welchen Bezug könnte Quantenphysik zu diesem Fall haben?« »Vielleicht ist sie sogar der Schlüssel«, entgegnete Jasmel. »Und der Gelehrte Huld kann die nötigen Informationen wesentlich beredter ...«, sie sah Sard die Stirn runzeln, »... und präziser darlegen als ich.« »Gibt es sonst niemanden, der dieselbe Information liefern kann?«, fragte Sard. »Nein, Untersuchungsrichterin«, sagte Jasmel. »Naja, es gibt eine Gruppe Frauen in Evsoy, die auf ähnlichem Gebiet forscht, aber ...« »Evsoy!«, rief Sard aus, als hätte Jasmel die Rückseite des 99
Mondes erwähnt. Erneut schüttelte sie den Kopf. »Oh, na gut.« Sie fixierte Adikor wie ein Raubtier. »Fassen Sie sich kurz, Gelehrter Huld!« Adikor war sich nicht sicher, ob er aufstehen sollte, wurde es aber allmählich müde, auf dem Hocker zu sitzen; also erhob er sich. »Vielen Dank, Untersuchungsrichterin«, sagte er. »Ich, äh, ich weiß es zu schätzen, dass Sie mir gestatten, hier für mich zu sprechen.« »Strapazieren Sie meine Geduld nicht allzu sehr«, erwiderte Sard gefährlich leise. »Fahren Sie fort!« »Ja, natürlich«, meinte Adikor. »Das, woran Ponter Boddit und ich arbeiteten, hatte mit Quantencomputern zu tun. Nun, was Quantencomputer tun - zumindest einer These zufolge -, ist, in zahllose parallele Universen zu greifen, in denen ebenfalls Quantencomputer existieren. Und alle diese Quantencomputer beschäftigen sich simultan mit verschiedenen Teilen eines
komplexen mathematischen Problems. Indem sie ihre Kapazitäten zusammenwerfen, erledigen sie die Arbeit wesentlich rascher.« »Das ist bestimmt faszinierend«, sagte Sard. »Aber was hat das mit Ponters mutmaßlichem Tod zu tun?« »Ich, äh, ich glaube, Ehrenwerte Untersuchungsrichterin, dass bei unserem letzten Quantencomputer-Experiment irgendeine ... eine Art makroskopischer Ubergang stattgefunden hat... sich ein Tor zu einem anderen dieser Universen geöffnet haben könnte, und Ponter hindurchgefallen ist, so dass ...« Daklar Bolbay schnaubte geringschätzig, andere im Publikum folgten ihrem Beispiel. Erneut schüttelte Sard ungläubig den Kopf. »Ich soll Ihnen also glauben, dass der Gelehrte Boddit in einem anderen Universum verschollen ist?« Da die Zuschauer jetzt wussten, in welche Richtung die Meinung der Untersuchungsrichterin tendierte, ließen sie jede Rücksichtnahme fallen. Viele lachten lauthals. Adikors Herz schlug rascher, und er ballte die Fäuste -was, wie er genau wusste, das Letzte war, was er tun sollte. 100
Gegen das rasende Herzklopfen konnte er nichts unternehmen, aber er brachte es fertig, langsam die Hände zu öffnen. »Untersuchungsrichterin«, sagte er so ehrerbietig, wie es ihm möglich war, »der Existenz paralleler Universen liegen heutzutage viele theoretische Überlegungen der Quantenphysik zu Grunde, und ...« »Ruhe!«, donnerte Sards tiefe Stimme durch den Saal. Einige Zuhörer schnappten angesichts der Lautstärke nach Luft. »Gelehrter Huld, während meiner vielen hundert Monate als Untersuchungsrichterin ist mir eine so flaue Ausrede noch nie untergekommen. Sie halten also diejenigen, die nicht auf Ihre berühmte Wissenschaftsakademie gegangen sind, für völlige Ignoranten, die sich von absurdem Gerede zum Narren halten lassen?« »Ehrwürdige Untersuchungsrichterin, ich ...« »Halten Sie den Mund!«, sagte Sard. »Halten Sie einfach den Mund und setzen Sie sich wieder!« Adikor holte tief Luft und hielt den Atem an - genauso, wie man es ihm vor über 220 Monaten während seiner Therapie nach dem Schlag gegen Ponter gelehrt hatte. Er ließ sie langsam entweichen und stellte sich dabei vor, wie seine Wut hinausströmte. »Ich habe gesagt, Sie sollen sich hinsetzen!«, fauchte Sard. Adikor gehorchte. »Jasmel Ket!«, sagte die Untersuchungsrichterin und richtete ihren grimmigen Blick jetzt auf Ponters Tochter. »Ja, Untersuchungsrichterin?«, erwiderte Jasmel mit bebender Stimme. Sard holte ihrerseits tief Luft, um sich wieder zu sammeln. »Mein Kind«, sagte sie etwas ruhiger, »mein Kind. Ich weiß, deine Mutter ist vor kurzem an Leukämie gestorben. Ich kann mir vorstellen, wie unfair dir das erscheinen muss, dir und der kleinen Megameg.« Sie lächelte Jasmels Schwester an, und neue Runzeln entstanden auf ihrem Gesicht. »Und jetzt scheint es, als wäre dein Vater gleichfalls gestorben; 100
nicht den unausweichlichen Tod, den wir schließlich alle erleiden werden, sondern unerwartet, ohne Warnung, und noch dazu in jungen Jahren. Ich verstehe, weshalb du dich weigerst, ihn einfach so aufzugeben, weshalb du dich an eine schändliche Erklärung klammern willst...« »So ist es nicht, Untersuchungsrichterin«, widersprach Jasmel. »Nein? Du suchst verzweifelt nach etwas, woran du dich halten, woran du dich klammern kannst. Nicht wahr?« »Ich - ich glaube nicht.« Sard nickte. »Es wird Zeit brauchen zu akzeptieren, was deinem Vater zugestoßen ist. Das weiß ich.« Sie sah sich im Saal um, und ihr Blick blieb schließlich an Adikor hängen. »Also gut.« Einen Moment lang schwieg sie und dachte offensichtlich nach. »Also gut«, wiederholte sie. »Ich
bin bereit für die Entscheidung. Ich halte es für gerecht und angemessen zu befinden, dass es genug Indizien für das Verbrechen des Mordes gibt, und ich ordne deshalb an, dass diese Angelegenheit von drei Richtern untersucht wird; vorausgesetzt, alle wünschen, die Sache weiterzuverfolgen.« Sie sah jetzt Bolbay an. »Möchten Sie die Anklage in Stellvertretung Ihres minderjährigen Schützlings Megameg Bek aufrechterhalten? « Bolbay nickte. »Das möchte ich.« Adikor spürte, wie ihm das Herz in die Hose sank. »Sehr gut«, sagte Sard. Sie konsultierte einen Terminkalender. »Heute in fünf Tagen, an 148/104/03, wird ein ordentliches Gericht in diesem Ratssaal zusammentreten. Bis zu diesem Zeitpunkt werden Sie, Gelehrter Huld, weiterhin unter Überwachung stehen. Haben Sie verstanden?« »Ja, Untersuchungsrichterin. Aber wenn ich hinunter ...« »Kein Aber!«, fauchte Sard. »Und noch etwas, Gelehrter Huld. Ich werde dem Gericht Vorsitzen, und ich werde die beiden anderen Richter einweisen. Ponter Boddits Tochter für Sie sprechen zu lassen, war eine kluger Schachzug, aber das wird bei der Hauptverhandlung nicht ausreichen. Ich 101
schlage Ihnen vor, sich beim nächsten Mal jemand Besseren zu suchen, der für Sie spricht.« 101
KAPITEL NEUNUNDZWANZIG Am frühen Nachmittag erhielt Reuben Montego gute Nachrichten. Er hatte telefonisch und per E-Mail mit verschiedenen Experten im Hauptquartier des LCDC, die kanadische Umweltschutzbehörde CDC sowie dem Sicherheitslabor in Winnipeg konferiert. »Euch ist sicher aufgefallen, dass Ponter keine Getreide- oder Milchprodukte mag«, sagte Reuben. Er saß jetzt in seinem Wohnzimmer und trank den stark duftenden äthiopischen Kaffee, den er, wie Mary entdeckt hatte, so sehr mochte. »Ja«, meinte Mary, der nach der Dusche viel wohler zu Mute war, obwohl sie wieder dieselben Kleider hatte anziehen müssen wie tags zuvor. »Er mag Fleisch und frisches Obst. Aber er ist offenbar nicht sonderlich interessiert an Getreide, Brot oder Milch.« »Genau«, sagte Reuben. »Und die Leute, mit denen ich gesprochen habe, meinten, wir könnten uns darüber freuen.« »Warum?«, fragte Mary. Sie konnte Reubens Kaffee nicht ausstehen. Daher hatte sie um anderen Kaffee und, jawohl, auch um etwas Schokomilch gebeten, was später an diesem Tag geliefert werden sollte, zusammen mit einigen Kleidern. Im Augenblick bezog sie ihr Koffein aus Reubens unerschöpflichen Cola-Beständen. »Weil«, erwiderte Reuben, »es daraufschließen lässt, dass Ponter nicht aus einer Gesellschaft stammt, die auf Ackerbau und Viehzucht beruht. Was ich von Hak erfahren habe, bestätigt das mehr oder weniger. Ponters Version der Erde hat anscheinend eine wesentlich geringere Bevölkerungszahl als diese hier. Die Konsequenz daraus ist, dass sie weder Getreideanbau noch Tierzucht betreiben, zumindest nicht im Entfernsten in dem Maßstab, wie wir es während der letzten paar tausend Jahre getan haben.« 101 »Ich hätte gedacht, das wäre zum Aufbau jeder Art von Zivilisation nötig, und zwar unabhängig von der Bevölkerungszahl«, meinte Mary. Reuben nickte. »Ich freue mich schon darauf, wenn Ponter solche Fragen beantworten kann. Man hat mir nämlich gesagt, dass die meisten Krankheiten, die uns zu schaffen machen, ihren Ursprung bei domestizierten Tieren haben und dann auf Menschen übertragen werden. Masern, Tuberkulose und Pocken stammen vom Rind, Grippe von Schweinen und Enten und Keuchhusten von Schweinen und Hunden.«
Mary runzelte die Stirn. Draußen sah sie einen Hubschrauber vorüberfliegen; weitere Reporter. »Stimmt, wenn ich es mir recht überlege.« »Und«, fuhr Reuben fort, »pestähnliche Seuchen entwickeln sich lediglich in Gebieten mit hoher Bevölkerungsdichte, wo es viele potenzielle Opfer gibt. In anderen Gebieten sind solche Bakterien evolutionär benachteiligt; sie töten ihre eigenen Wirte und können sich nicht weiter vermehren.« »Ja, vermutlich stimmt auch das«, sagte Mary. »Es vereinfacht die Sache vielleicht zu sehr, wenn man sagt, dass Ponter, sollte er nicht aus einer Gesellschaft mit Ackerbau und Viehzucht stammen, aus einer Jäger-und-Sammler-Kultur kommt«, meinte Reuben. »Aber es scheint das beste Modell zu sein, das Hak uns anbieten konnte, zumindest aus unserer Weltsicht heraus. In Jäger-und-Sammler-Kulturen ist die Bevölkerungsdichte geringer und es gibt auch weniger Seuchen.« Mary nickte. »Man hat mir gesagt«, fuhr Reuben fort, »dass das gleiche Prinzip auch für die ersten europäischen Siedler und die Ureinwohner hier in Amerika galt. Die Siedler stammten alle aus Gesellschaften mit Ackerbau und Viehzucht mit hoher Bevölkerungsdichte, auf ihnen wimmelte es von Bakterien. Die Ureinwohner hingegen lebten alle in Ge102
Seilschaften mit niedriger Bevölkerungsdichte und einer geringen Anzahl von Haustieren. Sie hatten nicht, unter Seuchen zu leiden, weil kaum Erreger vom Vieh auf den Menschen übertragen wurden. Daher traf es damals bei der Landnahme nur die Ureinwohner, die Einwanderer waren bereits resistent.« »Ich dachte, die Syphilis sei von der Neuen in die Alte Welt gebracht worden?«, bemerkte Mary. »Naja, das stimmt schon, dafür gibt es einige Anzeichen«, erwiderte Reuben. »Aber obwohl die Syphilis ihren Ursprung vielleicht in Nordamerika hatte, wurde sie dort nicht durch Geschlechtsverkehr übertragen. Erst bei ihrer Ankunft in Europa entschied der Erreger sich für diese günstige Form der Übertragung und wurde zu einer der häufigsten Todesursachen. Es existiert nach wie vor eine endemische, nicht-venerische Form der Syphilis, die allerdings nur bei Beduinenstämmen zu finden ist.« »Wirklich?« »Ja. Also folgt daraus, dass die Syphilis, statt ein Gegenbeispiel für die normalerweise nur in eine Richtung verlaufende Entwicklung epidemischer Seuchen zu sein, nur bestätigt, dass die Entwicklung von Seuchen soziale Bedingungen erfordert, wie sie typischerweise in überbevölkerten Zivilisationen zu finden sind.« Mary brauchte einen Augenblick, um das zu verdauen. »Was wiederum bedeutet, dass mit Ihnen, Louise und mir wahrscheinlich alles in Ordnung ist, ja?« »Das scheint mir augenfällig zu sein. Ponter leidet offenbar an etwas, was er sich hier eingefangen und nicht aus seinem Universum mitgebracht hat, weshalb wir uns auch keine Sorgen machen müssen.« »Aber was ist mit ihm? Wird Ponter wieder gesund werden?« Reuben zuckte mit den Achseln. »Ich weiß es nicht«, erwiderte er. »Ich habe ihm genügend Breitband-Antibiotika verabreicht, um die meisten bekannten bakteriellen In 102 fektionen abzutöten, gramnegative wie grampositive. Virusinfektionen sprechen jedoch nicht auf Antibiotika an, und so etwas wie ein Breitband-Antiviral gibt es nicht. So lange wir keinen Beweis dafür haben, dass er eine spezifische Viruserkrankung hat, würde es ihm wahrscheinlich mehr schaden als nutzen, wenn man beliebige Virenbekämpfer in ihn hineinpumpt.« Er hörte sich ebenso frustriert an, wie Mary sich fühlte. »Uns bleibt jetzt wirklich nicht mehr zu tun, als abzuwarten und Tee zu trinken.«
Die Exhibitionisten verteilten sich im Ratssaal, umringten Adikor Huld und riefen ihm Fragen zu. Wie Speere, die in ein eingekreistes Mammut gerammt wurden, attackierten sie ihn. »Hat Sie das Urteil der Untersuchungsrichterin Sard überrascht?«, fragte Lulasm. »Wer wird vor Gericht zu Ihren Gunsten sprechen?«, wollte Hawst wissen. »Sie haben einen Sohn aus Generation 148. Ist er schon alt genug, um zu verstehen, was vielleicht mit Ihnen geschieht - und mit ihm?«, fragte ein Exhibitionist, dessen Namen Adikor unbekannt war. Es war ein 147er, der es wahrscheinlich jüngeren Zuschauern ermöglichte, ihn auf ihren Voyeuren zu sehen. Auch der armen Jasmel stellten die Exhibitionisten unzählige Fragen: »Jasmel Ket, wie ist jetzt die Beziehung zwischen Ihnen und Daklar Bolbay?« »Glauben Sie wirklich, dass Ihr Vater noch am Leben sein kann?« »Wenn das Gericht den Gelehrten Huld schließlich des Mordes schuldig spricht, wie werden Sie sich dann fühlen, da Sie eine schuldige Person verteidigt haben?« Adikor spürte Ärger in sich aufsteigen, aber er kämpfte, ja, kämpfte darum, ihn zu verbergen. Er wusste, dass die Gefährten-Sendungen der Exhibitionisten von zahllosen Menschen verfolgt wurden. Jasmel ihrerseits weigerte sich, überhaupt irgendwelche Antworten zu geben, und schließlich ließen die Exhibitio 103
nisten sie in Ruhe. Am Ende hatten auch diejenigen, die Adikor in die Mangel genommen hatten, genug, verschwanden aus dem Saal und ließen ihn und Jasmel allein in dem weiten Rund zurück. Einen Moment lang begegnete Jasmel Adikors Blick, dann sah sie beiseite. Adikor wusste nicht so recht, was er ihr sagen sollte; er war geübt darin, die Stimmungen ihres Vaters zu erfassen, aber Jasmel hatte auch viel von Klast in sich. Schließlich sagte Adikor, um das Schweigen zwischen ihnen zu beenden: »Ich weiß, du hast dein Bestes gegeben.« Jasmel schaute jetzt zur Decke mit dem aufgemalten Morgenrot und dem Zeitmesser. Dann senkte sie den Blick und sah Adikor ins Gesicht. »Hast du's getan?«, fragte sie. »Was?« Adikor hämmerte das Herz. »Nein, natürlich nicht. Ich liebe deinen Vater.« Jasmel schloss die Augen. »Ich habe nicht gewusst, dass du es warst, der einmal versucht hatte, ihn umzubringen.« »Ich habe nicht versucht, ihn umzubringen. Ich war bloß wütend, das ist alles. Ich habe geglaubt, du hättest das verstanden. Ich habe geglaubt...« »Du hast geglaubt, weil ich weiter zu deinen Gunsten gesprochen habe, hätte mich das Gesehene nicht beunruhigt? Das war mein Vater! Ich habe gesehen, wie er seine Zähne ausgespuckt hat!« »Das ist lange her«, meinte Adikor leise. »Ich, äh, ich hatte es nicht ganz so ... so blutig in Erinnerung. Es tut mir Leid, dass du es dir ansehen musstest.« Er hielt inne. »Jasmel, verstehst du nicht? Ich liebe deinen Vater; ich schulde ihm alles, was ich bin. Nach diesem ... Vorfall ... hätte er mich vor Gericht stellen können, er hätte mich sterilisieren lassen können. Aber er hat es nicht getan. Er hat verstanden, dass ich ... krank bin, dass ich manchmal unfähig bin, meine Wut zu zügeln. Ich schulde ihm, dass ich immer noch zeugungsfähig bin, ich schulde ihm, dass ich einen Sohn habe, Dab. Ich bin deinem Vater unendlich dankbar. Ich könnte ihm nie wehtun. Niemals.« 103 »Vielleicht bist du es müde, in seiner Schuld zu stehen.« »Es gab keine Schuld. Du bist immer noch jung, Jasmel, und du bist noch nicht gebunden gewesen, aber bald wirst du es sein, das weiß ich. Es gibt keine Schuld zwischen Menschen, die einander lieben; es gibt nur völliges Vergeben und gemeinsames Voranschreiten.« »Menschen ändern sich nicht«, meinte Jasmel. »Doch, das tun sie. Ich habe mich geändert. Und dein Vater hat das gewusst.« Lange Zeit schwieg Jasmel, dann sagte sie: »Wer wird denn diesmal für dich sprechen?«
Adikor hatte diese Frage einfach überhört, als die Exhibitionisten sie ihm zugerufen hatten. Aber jetzt überlegte er ernsthaft. »Lurt ist die beste Wahl«, erwiderte er. »Sie ist eine 145er, alt genug, dass die Richter sie respektieren. Und sie hat gesagt, sie würde alles tun, um mir zu helfen.« »Ich hoffe ...«, setzte Jasmel an. Einen Moment später fuhr sie fort: »Ich hoffe, sie wird dir helfen.« »Danke sehr. Was wirst du jetzt tun?« Sie sah Adikor direkt ins Gesicht. »Im Augenblick - also, im Augenblick muss ich von hier weg ... und von dir.« Sie wandte sich um, verließ den riesigen Ratssaal und ließ Adikor allein zurück. 104
KAPITEL DREISSIG Fünfter Tag Dienstag, 6. August 148/103/28 NACHRICHTENSUCHE Stichwort(e): Neanderthaler Ein führender islamischer Geistlicher aus dem Iran hat verkündet, dass der so genannte Neanderthaler eindeutig das misslungene Produkt eines westlichen Gen-Experiments sei. Wilajat al-Faqih forderte die kanadische Regierung auf, zuzugeben, es handele sich bei Ponter Boddit um das Ergebnis einer bösen, unmoralischen DNS-Rückzucht... Ottawa gerät unter Druck, Ponter Boddit die kanadische Staatsbürgerschaft zuzubilligen - und die Forderung kommt von ungewöhnlicher Seite. Der US-amerikanische Präsident hat heute den kanadischen Premierminister darum ersucht, dafür zu sorgen, dass der Neanderthaler möglichst rasch offiziell kanadischer Staatsbürger wird. Ponter Boddit hat angedeutet, dass er in seiner Welt an einem Ort geboren wurde, der bei uns Sudbury, Ontario, entspricht. »Wenn er in Kanada geboren wurde«, sagt der Präsident, »dann ist er Kanadier.« Der Präsident drängte darauf, Boddit einen kanadischen Pass auszustellen, damit der Neanderthaler frei in die Vereinigten Staaten einreisen kann, sobald die Quarantäne aufgehoben wird. Damit soll unter die Debatte im Capitol, ob er in die USA einreisen dürfe, ein Schlussstrich gezogen werden. Abschnitt 5, Paragraph 4 des kanadischen Einwanderungsgesetzes lässt einen großen Handlungsspielraum zu, und Washington forderte, diesen zu nutzen: »Um besondere oder ungewöhnliche Problemfälle zu berücksichtigen oder besondere
104 Verdienste um Kanada zu würdigen, und ungeachtet anderer Bestimmungen dieses Paragraphen, darf der Generalgouverneur im Rahmen seiner Befugnisse Anweisung erteilen, jeder Person die Staatsbürgerschaft zu gewähren ...« Eine Internetpetition mit mehr als 10.000 weltweit gesammelten Unterschriften ist an den kanadischen Gesundheitsminister weitergeleitet worden. Darin wird verlangt, Ponter Boddit lebenslang in Quarantäne zu halten ...
Inco-Aktien haben heute mit einem Jahreshoch geschlossen ... »Es ist ein Medienereignis«, meinte der langjährige Sudbury-Rotarier Bernie Monks. »Seit der Geburt der Dionne-Fünflinge im Jahr 1934 hat das nördliche Ontario so etwas nicht mehr gesehen ...« Weiterhin treffen ununterbrochen Stellenangebote für Ponter Boddit ein. Das japanische NTT-Labor für Grundlagenforschung hat ihm die Leitung einer neuen Quantencomputer-Abteilung zugesagt. Microsoft und IBM versprachen ihm gleichfalls Verträge mit großzügigen GehaltsVAktienpaketen. MIT, CalTech und acht weitere Universitäten boten ihm Positionen in ihren Fakultäten an. Auch die Rand-Corporation wollte ihn für sich gewinnen, ebenso Greenpeace. Bislang hat sich der Neanderthaler noch mit keinem Wort geäußert, ob ihm eine dieser Positionen zusagt... Ein Zusammenschluss von Wissenschaftlern in Frankreich hat ein Statement herausgegeben, in dem es heißt, dass Ponter Boddit, auch wenn er auf kanadischem Boden diese Erde betreten habe, nicht in dieser Nation geboren worden sei und in Nordamerika nie Neanderthaler gelebt hätten. Deshalb solle er die französische Staatsbürgerschaft erhalten, da die jüngsten Neanderthaler-Funde aus diesem Land stammten ... Zivilrechtsanwälte zu beiden Seiten der Grenze verurteilen die aufgezwungene Quarantäne des so genannten Neanderthalers und behaupten, es gebe keinen Beweis dafür, dass er eine gesundheitliche Bedrohung darstelle ... 105
Ein negativer Bluttest nach dem anderen traf ein. Was Ponter auch gehabt haben mochte, es war anscheinend vorüber. Es gab kein Anzeichen dafür, dass er etwas für die Menschen dieser Welt Gefährliches in sich trug. Dennoch war das LCDC nicht bereit, die Quarantäne aufzuheben. Ponter trug heute sein eigenes Hemd. Die RCMP hatte ihm eine kleine Auswahl an Kleidung im örtlichen Mark's Work-Kaufhaus besorgt, aber sie passte nicht wirklich gut. Für eine Person, die wie eine leicht zermatschte Version von Mr. Universum aussah, gab es anscheinend keine Anzüge von der Stange. Ponters - oder Haks - Englisch war bemerkenswert. Der Gefährte hatte das >I<-Phonem nicht in seinem vorprogrammierten Repertoire, aber er hatte aufgezeichnet, wie Mary und Reuben diesen Laut aussprachen. Er spielte jetzt die entsprechende Variante in den jeweiligen englischen Worten ab, die er ansonsten nicht aussprechen konnte. Aber es hörte sich komisch an, wenn ihr Name wie >Mariiee< klang, halb mit Haks Stimme, halb mit ihrer eigenen oder Reubens gesprochen. Daher bat Mary den Gefährten, sich keine Mühe damit zu geben; die Leute nannten sie sowieso regelmäßig >Mare<, und es wäre schon in Ordnung, wenn Hak das auch täte. Auch Louise erlaubte Hak, sie weiterhin >Lou< zu nennen. Schließlich verkündete Hak, er habe ein ausreichendes Vokabular für wirklich bedeutende Gespräche gesammelt. Ja, meinte er, es gäbe Lücken und Schwierigkeiten, aber die könnten im weiteren Verlauf der Kommunikation behoben werden. Und während Reuben eifrig dabei war, weitere Testergebnisse telefonisch mit anderen Ärzten zu besprechen, während Louise, die Nachteule, schlief, nachdem sie Ponters Angebot angenommen hatte, sein Bett zu benutzen, saßen Mary und Ponter im Wohnzimmer und führten ihr erstes echtes Gespräch. Ponter sprach leise in seiner eigenen Sprache, und Hak stellte, unter Benutzung seiner männlichen
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Stimme, eine englische Ubersetzung zur Verfügung: »Es tut gut, zu reden.« Mary stieß ein kleines, nervöses Lachen aus. Die Unmöglichkeit, mit Ponter zu kommunizieren, hatte sie frustriert, und jetzt, da sie mit ihm sprechen konnte, wusste sie nicht, was sie sagen sollte. »Ja«, sagte sie. »Es tut gut, zu reden.« »Ein wunderschöner Tag«, plapperte Ponter weiter. Er sah zum Fenster auf der Rückseite des Wohnzimmers hinaus. Erneut lachte Mary; diesmal herzlich. Ubers Wetter reden - eine Höflichkeit, die Grenzen der Art überwand. »Ja, allerdings.« Und dann wurde ihr klar, dass es ja keineswegs so war, als wüsste sie nicht, was sie Ponter sagen sollte. Vielmehr hatte sie so viele Fragen, dass sie keine Ahnung hatte, wo sie anfangen sollte. Ponter war Wissenschaftler; er musste ein Gefühl dafür haben, was sein Volk über Genetik wusste, über die Aufspaltung zwischen den Arten Homo und Pan, über ... Aber nein. Nein. Ponter war eine Person - zuallererst war er eine Person, und zwar eine, die etwas Schreckliches durchgemacht hatte. Die Wissenschaft konnte warten. Im Augenblick würden sie über ihn sprechen und wie es ihm ging. »Wie fühlst du dich?«, fragte Mary. »Mir geht's gut«, erwiderte die übersetzende Stimme. Mary lächelte. »Ich meine in Wahrheit. Wie geht es dir in Wahrheit?« Ponter zögerte anscheinend, und Mary fragte sich, ob Neanderthaler-Männer mit Männern ihrer Art das Widerstreben teilten, über Gefühle zu sprechen. Aber dann stieß er einen durchdringenden Seufzer aus. »Ich habe Angst«, sagte er. »Und ich vermisse meine Familie.« Mary hob die Brauen. »Deine Familie?« »Meine Töchter«, meinte er. »Ich habe zwei Töchter, Jasmel Ket und Megameg Bek.« 106
Mary fiel die Kinnlade herab. Ihr war nicht einmal in den Sinn gekommen, dass Ponter Familie haben könnte. »Wie alt sind sie?« »Die ältere«, antwortete Ponter, »ist - ich weiß es in Monaten, aber ihr rechnet meistens in Jahren, nicht wahr? Die ältere ist - Hak?« Haks weibliche Stimme warf ein: »Jasmel ist achtzehn Jahre alt; Megameg ist acht.« »Mein Gott«, meinte Mary. »Wird es ihnen gut gehen? Was ist mit ihrer Mutter?« »Klast ist vor zwei Zehnmonaten gestorben«, meinte Ponter. »Zwanzig Monate«, fügte Hak hilfreich hinzu. »Eins Komma acht Jahre.« »Das tut mir Leid«, sagte Mary leise. Ponter nickte. »Ihre Zellen, in ihrem Blut, sie haben sich verändert...« »Leukämie«, half Mary. »Ich vermisse sie jeden Monat«, fuhr Ponter fort. Einen Moment lang überlegte Mary, ob Hak das richtig übersetzt hatte, gewiss meinte Ponter, dass er sie jeden Tag vermisste. »Beide Elternteile verloren zu haben ...« »Ja«, sagte Ponter. »Natürlich ist Jasmel jetzt erwachsen, daher ...« »Daher kann sie wählen und so weiter?«, fragte Mary. »Nein, nein, nein. Hat Hak falsch gerechnet?« »Ich bin mir ziemlich sicher, nein«, meinte Haks weibliche Stimme. »Jasmel ist viel zu jung zum Wählen«, sagte Ponter. »Ich bin viel zu jung zum Wählen.« »Wie alt musst du in deiner Welt zum Wählen sein?« »Du musst wenigstens sechshundert Monde gesehen habe - zwei Drittel der üblichen Lebenszeit von neunhundert Monden.« Hak, der offensichtlich jeden Argwohn zerstreuen wollte, dass dies eine mathematische Herausforderung sei, stellte 106
rasch die Umrechung zur Verfügung: »Man kann ab dem Alter von neunundvierzig Jahren wählen. Die übliche Lebensspanne beträgt im Durchschnitt dreiundsiebzig Jahre, obwohl heutzutage viele sehr viel länger leben.« »Hier in Ontario können Menschen zur Wahl gehen, wenn sie achtzehn werden«, sagte Mary. »Jahre, meine ich.« »Achtzehn!«, rief Ponter aus. »Das ist Wahnsinn!« »Ich kenne keinen Ort, wo das Wahlalter höher als einundzwanzig Jahre liegt.« »Das erklärt viel in eurer Welt«, meinte Ponter. »Wir lassen die Menschen erst die Politik formen, wenn sie Weisheit und Erfahrung gesammelt haben.« »Aber wenn Jasmel nicht wählen gehen kann, was macht sie dann zu einer Erwachsenen?« Ponter hob leicht die Schultern. »Ich vermute, solche Unterschiede sind in meiner Welt nicht so bedeutend wie hier. Also, mit 225 Monaten übernimmt ein Individuum die Verantwortung für sich selbst vor dem Gesetz und wird sich gewöhnlich bald das eigene Heim einrichten.« Er schüttelte den Kopf. »Ich wünschte, ich könnte Jasmel und Megameg wissen lassen, dass ich nach wie vor am Leben bin und an sie denke. Selbst wenn es keine Möglichkeit gibt, heimzukehren, würde ich alles darum geben, wenn ich ihnen nur eine Nachricht zukommen lassen könnte.« »Und für dich besteht wirklich keine Möglichkeit, heimzukehren?«, fragte Mary. »Ich sehe keine. Oh, wenn vielleicht ein Quantencomputer hier erbaut werden könnte und die Bedingungen, die zu meinem ... Ubergang ... führten, exakt dupliziert werden könnten. Aber ich bin theoretischer Physiker; ich habe nur vage Vorstellungen, wie man einen Quantencomputer baut. Mein Partner, Adikor, weiß das natürlich, aber ich weiß wirklich nicht, wie ich mit ihm in Kontakt treten könnte.« »Das muss sehr frustrierend sein«, meinte Mary. »Tut mir Leid«, sagte Ponter. »Ich wollte dir nicht meine Probleme aufbürden.« 107 »Das ist schon in Ordnung«, erwiderte sie. »Gibt es - gibt es irgendetwas, was wir ... was einer von uns für dich tun könnte?« Ponter sprach eine einzige, traurig klingende Silbe in der Neanderthaler-Sprache aus. Hak gab sie als >Nein< wieder. Mary wollte ihn aufmuntern. »Naja, wir werden bestimmt nicht mehr lange in Quarantäne bleiben. Vielleicht kannst du, wenn wir raus sind, ein bisschen umherreisen und dir was ansehen. Sudbury ist eine kleine Stadt, doch ...« »Klein?«, fragte Ponter mit großen Augen. »Aber hier leben - ich weiß nicht, wie viele. Wenigstens Zehntausende!« »Im Stadtgebiet von Sudbury leben 160.000 Menschen«, sagte Mary, die das auf ihrem Hotelzimmer in einem Stadtführer gelesen hatte. »Einhundert und sechzigtausend!«, wiederholte Ponter. »Und das ist eine kleine Stadt? Du, Mare, kommst von woanders her, nicht wahr? Einer anderen Stadt. Wie viele Menschen leben dort?« »Die eigentliche Stadt Toronto hat 2,4 Millionen Einwohner; Greater Toronto - ein bewohntes urbanes Gebiet mit Toronto in der Mitte - umfasst vielleicht 3,5 Millionen.« »Drei und eine halbe Million?«, fragte Ponter ungläubig. . »Mehr oder weniger.« »Wie viele Menschen gibt es eigentlich?« »Auf der ganzen Welt?«, fragte Mary. »Ja.« »Etwas über sechs Milliarden.« »Eine Milliarde ist... eintausend Mal eine Million.« »Das stimmt«, sagte Mary. »Ja, eine Milliarde sind eintausend Millionen.« Ponter sackte in seinem Sessel zusammen. »Das ist eine ... eine umwerfende Zahl von Menschen!« Mary hob die Brauen. »Wie viele Menschen gibt es in deiner Welt?«
»Einhundert und fünfundachtzig Millionen«, erwiderte Ponter. 108 »Warum so wenig?«, fragte Mary. »Warum so viele?«, fragte Ponter zurück. »Ich weiß es nicht«, antwortete Mary. »Darüber habe ich nie nachgedacht.« »Könnt ihr nicht - in meiner Welt wissen wir, wie wir die Schwangerschaft verhüten können. Ich könnte es dir vielleicht beibringen ...« Mary lächelte. »Wir haben auch Methoden.« Ponter hob eine Braue. »Vielleicht funktioniert unsere besser.« Mary lachte. »Vielleicht.« »Gibt es genügend Nahrung für sechs Milliarden Menschen?« »Wir essen meistens Pflanzen. Wir kultivieren ...« - ein Piepton; Haks Gewohnheit, wenn er ein Wort hörte, das noch nicht in seinen Datenbanken gespeichert war und das er nicht aus dem Kontext erschließen konnte - «... wir lassen sie absichtlich wachsen. Mir ist aufgefallen, dass du anscheinend Brot ...« - ein weiteres Piepsen - »... äh, Nahrung aus Getreide nicht magst, aber Brot oder Reis, das essen die meisten von uns.« »Ihr bringt es fertig, sechs Milliarden Menschen ausreichend mit Pflanzen zu ernähren?« »Na ja, öh, nein«, entgegnete Mary. »Etwa eine halbe Milliarde Menschen hat nicht genügend zu essen.« »Das ist sehr schlimm«, stellte Ponter fest. Mary konnte nicht widersprechen. Ihr wurde überraschend klar, dass Ponter in dieser Hinsicht bisher nur einen beschönigten Blick auf die Erde erhalten hatte. Er hatte ferngesehen, allerdings nicht genug, dass es ihm die Augen geöffnet hätte. Dabei hatte es ganz den Anschein, als würde Ponter den Rest seines Lebens auf dieser Erde verbringen. Man musste ihm vom Krieg erzählen, von der Kriminalitätsrate, von der Umweltverschmutzung, von der Sklaverei -vom ganzen blutigen Schleim, der über der Zeit lag, die die menschliche Geschichte darstellte. 108 »Unsere Welt ist sehr kompliziert«, sagte Mary, als würde das die Tatsache entschuldigen, dass Menschen verhungerten. »Das habe ich bereits gesehen«, erwiderte Ponter. »Wir haben nur eine Art Menschen, obwohl es in der Vergangenheit mehr gegeben hat. Aber ihr habt anscheinend drei oder vier.« Mary schüttelte leicht den Kopf. »Was?«, fragte sie. »Die verschiedenen Menschentypen. Du bist offensichtlich von einer Art und Reuben von einer anderen. Und der Mann, der geholfen hat, mich zu retten, war vermutlich von einer dritten Spezies.« Mary lächelte. »Das sind keine verschiedenen Spezies. Es gibt auch hier nur eine Art Mensch: Homo sapiens.« »Ihr könnt euch alle untereinander fortpflanzen?«, fragte Ponter. »Ja«, antwortete Mary. »Und die Nachkommen sind fruchtbar?« »Ja.« Ponter runzelte die Stirn. »Du bist die Genetikerin«, meinte er, »nicht ich. Aber ... aber ... aber wenn sich alle untereinander fortpflanzen können, warum dann die Unterscheidungen? Sollte es nicht so sein, dass sich alle Menschen im Laufe der Zeit immer ähnlicher sehen, eine Mischung aller möglichen Merkmale erfolgt?« Mary atmete geräuschvoll aus. Sie hatte nicht erwartet, so rasch auf dieses dünne Eis zu geraten. »Naja, öh, in der Vergangenheit - nicht heutzutage, verstehst du, aber ...« Sie schluckte. »Also, nicht so sehr heutzutage, sondern vielmehr in der Vergangenheit, da hatten Menschen der einen Rasse ... - diesmal ein anderes Piepsen; ein erkanntes Wort, dass in diesem Zusammenhang noch
nicht übersetzbar war -... da hatten Menschen einer Hautfarbe nicht viel mit Menschen anderer Hautfarben zu tun.« »Warum?«, fragte Ponter. Eine einfache Frage, so einfach, wirklich ... 109
Mary hob leicht die Schultern. »Na ja, die Färbungsunterschiede sind ursprünglich entstanden, weil Völker geographisch voneinander isoliert waren. Aber danach ... danach wollten sie auf Grund von Ignoranz, Dummheit und Hass nichts miteinander zu tun haben.« »Hass«, wiederholte Ponter. »Ja, traurig zu sagen.« Sie zuckte leicht mit den Achseln. »In der Vergangenheit meiner Art gibt es viel, worauf ich nicht besonders stolz bin.« Einen Augenblick lang schwieg Ponter. »Ich habe mich«, sagte er schließlich, »ein wenig über eure Welt gewundert. Ich war überrascht, als ich die Schädelbilder im Krankenhaus gesehen habe. Ich habe solche Schädel gesehen, doch kennt man sie auf meiner Welt nur als fossile Funde. Es hat mich überrascht, Fleisch auf dem zu sehen, was ich bis zu diesem Zeitpunkt nur als Knochen kennen gelernt hatte.« Erneut hielt er inne und sah dabei Mary an, als beunruhigte ihn ihr Erscheinungsbild immer noch. Sie setzte sich gerade hin. »Wir wussten nichts von eurer Hautfärbung«, sagte Ponter, »oder von der Farbe eures Haars. Die ...« - Piep; Hak piepste auch, wenn ein Wort ausfiel, weil sich das englische Gegenstück dazu nicht im Vokabular des Gefährten befand - «... meiner Welt wären erstaunt, von dieser Vielfalt zu erfahren.« Mary lächelte. »Naja, nicht alles ist natürlich«, sagte sie. »Ich meine, mein Haar hat in Wirklichkeit nicht diese Färbung.« Ponter wirkte erstaunt. »Welche Farbe hat es denn?« »So eine Art mausbraun.« »Warum hast du sie verändert?« Mary wiegte unangenehm berührt den Kopf. »Ausdruck der eigenen Persönlichkeit, und - na ja, ich habe gesagt, es war braun, aber eigentlich ist ein bisschen Grau darin. Mir - eigentlich vielen Menschen - gefällt graues Haar nicht.« »Das Haar meiner Art wird grau, wenn wir alt werden.« 109
»Bei uns auch; niemand wird mit grauem Haar geboren.« Erneut runzelte Ponter die Stirn. »In meiner Sprache ist der Ausdruck für jemanden, der Wissen hat, das mit der Erfahrung kommt, und für die Farbe, zu der sich das Haar verändert, derselbe: >Grau<. Ich kann mir nicht vorstellen, dass jemand diese Farbe verbergen möchte.« Erneut wiegte Mary den Kopf. »Wir tun vieles, was keinen rechten Sinn ergibt.« »Das stimmt allerdings«, meinte Ponter. Er hielt inne, wie um zu überlegen, ob er weitersprechen sollte. »Wir haben uns oft gefragt, was aus eurem Volk wurde ... auf unserer Welt, meine ich. Vergib mir; ich möchte nicht ...« - Piep -»... klingen, aber du musst wissen, dass euer Gehirn kleiner ist als das unsere.« Mary nickte. »Im Durchschnitt etwa 10 Prozent, wenn ich mich recht erinnere.« »Und ihr scheint körperlich schwächer zu sein. Den Einkerbungen der Muskelbänder auf euren Knochen nach zu urteilen, hatte eure Art lediglich die Hälfte unserer Muskelmasse.« »Ich würde sagen, das stimmt«, entgegnete Mary nickend. »Und«, fuhr Ponter fort, »du hast von eurer Unfähigkeit gesprochen, mit der Welt auszukommen, sogar mit anderen eurer eigenen Art.« Wiederum nickte Mary. »Dafür gibt es auf meiner Welt auch einige archäologische Beweise«, sagte Ponter. »Eine populäre These besagt, dass ihr einander ausgelöscht habt... was bedeutet, ihr wart nicht sonderlich intelligent, siehst du ...« Ponter senkte den Kopf. »Tut mir Leid; ich wollte dich nicht aus der Fassung bringen.«
»Ist schon gut«, sagte Mary. »Es gibt sicher eine bessere Erklärung«, meinte Ponter. »Aber wir wissen so wenig über euch.« »In gewisser Hinsicht«, sagte Mary, »ist es wahrscheinlich gar nicht so schlecht zu wissen, dass es ebenso gut auch 110 anders hätte ausgehen können. Es wird uns daran erinnern, wie kostbar das Leben eigentlich ist.« »Das ist für euch nicht offensichtlich?«, fragte Ponter, und seine Augen weiteten sich vor Staunen. 110
KAPITEL EINUNDDREISSIG Schließlich verließ Adikor den Ratssaal und ging langsam und traurig zur Tür hinaus. Das alles war Wahnsinn - Wahnsinn! Er hatte schon Ponter verloren, und als wäre das noch nicht verheerend genug, würde er jetzt vor ein ordentliches Gericht gestellt. Welches Vertrauen er auch immer in das Rechtssystem gehabt hatte, es war restlos zerstört. Wie konnte eine unschuldige, trauernde Person nur so gehetzt werden? Adikor schritt einen langen Korridor entiang. An den Wänden hingen Porträts großer Richter der Vergangenheit, Männer wie Frauen, die die Prinzipien des modernen Rechts entwickelt hatten. War diese - diese Karikatur- wirklich das, was sie dabei vor Augen gehabt hatten? Während er weiterging, nahm er die anderen Menschen, an denen er gelegentlich vorbeikam, kaum wahr - bis das Aufblitzen von Orange seine Aufmerksamkeit erregte. Es war Bolbay, die immer noch die Farbe der Anklägerin trug, am Ende des Korridors. Sie hatte im Ratsgebäude herumgelungert, vielleicht, um nicht auf die Exhibitionisten zu stoßen, und ging jetzt ihrerseits hinaus. Bevor er sich die Sache richtig überlegt hatte, rannte Adikor schon zu ihr, wobei der Moosboden das Geräusch seiner Schritte dämpfte. Als sie gerade durch die Tür am anderen Ende in die Nachmittagssonne trat, hatte er sie eingeholt. »Daklar!« Überrascht wandte sich Daklar Bolbay um. »Adikor!«, rief sie mit großen Augen und hob die Stimme. »Die Person, die gerade Adikor Huld überwacht, möge bitte aufpassen! Er geht jetzt auf mich los, seine Anklägerin!« Adikor schüttelte langsam den Kopf. »Ich bin nicht hier, um dir etwas anzutun.« »Ich habe erlebt«, meinte Bolbay, »dass deine Taten nicht immer mit deinen Absichten übereinstimmen.« 110 »Das ist Jahre her«, sagte Adikor. Er benutzte absichtlich das Wort, das die Länge der Zeit am meisten betonte. »Zuvor habe ich nie jemanden geschlagen, und seitdem habe ich auch niemanden mehr geschlagen.« »Aber du hast es damals getan«, sagte Bolbay. »Du hast die Beherrschung verloren. Du hast zugeschlagen. Du hast versucht zu töten.« »Nein! Nein, ich habe Ponter nie wehtun wollen.« »Es ist nicht richtig, dass wir miteinander reden«, meinte Bolbay. »Du musst mich entschuldigen.« Sie wandte sich ab. Adikor streckte die Hand aus und hielt Bolbay an der Schulter fest. »Nein, warte!« Auf ihrem Gesicht lag Panik, als sie sich ihm zuwandte, aber sie änderte rasch ihren Ausdruck und starrte auf seine Hand. Er zog sie zurück. »Bitte«, sagte er. »Bitte, sag mir doch nur, warum. Warum verfolgst du mich mit solcher ... solcher Rachsucht? Während der ganzen Zeit unserer Bekanntschaft habe ich dir nie etwas getan. Du musst wissen, dass ich Ponter geliebt habe und dass er mich geliebt hat. Er würde unmöglich wollen, dass du mich so verfolgst.« »Spiel mir nicht das Unschuldslamm vor«, sagte Bolbay. »Aber ich bin unschuldig! Warum tust du das?«
Sie schüttelte einfach den Kopf, wandte sich um und ging davon. »Warum?«, rief Adikor ihr nach. »Warum?« »Vielleicht können wir über dein Volk sprechen«, meinte Mary zu Ponter. »Bislang konnten wir bloß Fossilien von Neanderthalern studieren. Uber Etliches hat es einige Debatten gegeben, wie zum Beispiel, na ja, wozu eure hervorstehenden Uberaugenwülste dienen.« »Sie schützen meine Augen vor der Sonne«, erwiderte Ponter erstaunt. »Wirklich?«, fragte Mary. »Das ist vermutlich sinnvoll. Aber andererseits - warum haben wir sie nicht? Ich meine, 111
Neanderthaler haben sich in Europa entwickelt, meine Vorfahren stammen aus Afrika, wo es viel sonniger ist.« »Das haben wir uns auch gefragt«, meinte Ponter, »als wir Fossilien von Gliksins untersucht haben.« »Gliksins?«, wiederholte Mary. »Der Typ fossiler Hominiden auf meiner Welt, der euch am ähnlichsten ist. Gliksins hatten keine Überaugenwülste, also haben wir vermutet, dass es Nachtwesen waren.« Mary lächelte. »Vermutlich schließen Menschen vieles einfach daraus, dass sie Knochen aus einem falschem Blickwinkel betrachten. Sag mir: Was fangt ihr hiermit an?« Sie tippte sich mit dem Zeigefinger ans Kinn. Ponters Ausdruck zeigte Unbehagen. »Ich weiß jetzt, dass es nicht stimmt, aber ...« »Ja?«, sagte Mary. Er glättete sich mit der offenen Handfläche den Bart, wodurch sich der kinnlose Unterkiefer zeigte. »Wir haben so etwas Hervorstehendes nicht, also haben wir vermutet...« »Was?«, fragte Mary. »Wir haben vermutet, dass es ein Schutz gegen das Sabbern ist. Ihr habt so winzige Mundhöhlen, da haben wir geglaubt, dass ständig Speichel herausfließt. Zudem habt ihr kleinere Gehirne als wir, und, na ja, Idioten sabbern oft...« Mary lachte. »Du meine Güte!«, sagte sie. »Aber da wir gerade vom Kinn sprechen, was ist mit deinem passiert?« »Nichts«, erwiderte Ponter. »Es ist genau wie zuvor.« »Ich habe die Röntgenbilder gesehen, die im Krankenhaus von dir aufgenommen wurden«, sagte Mary. »Dein Mandibel - dein Unterkieferknochen - zeigt Spuren eines medizinischen Eingriffs.« »Oh, das«, meinte Ponter. Er hörte sich entschuldigend an. »Ich bin vor mehreren hundert Monaten ins Gesicht geschlagen worden.« »Womit?«, fragte Mary. »Einem Ziegelstein?« »Mit einer Faust«, entgegnete Ponter. Marys eigene Kinnlade fiel herab. »Ich habe gewusst, dass 111 Neanderthaler stark sind, aber - wow! Ein Schlag hat das getan?« Ponter nickte. »Du hast Glück gehabt, dass er dich nicht umgebracht hat«, meinte Mary. »Wir hatten beide Glück - der Geschlagene, wie du vielleicht sagen würdest, und der Schläger.« »Warum hat dich jemand geschlagen?« »Eine blöde Diskussion«, murmelte Ponter. »Sicher hätte er es niemals tun sollen, und er hat sich in aller Ausführlichkeit entschuldigt. Ich habe die Sache nicht weiter verfolgt. Wenn ich es getan hätte, wäre er wegen versuchten Mordes angeklagt worden.« »Hätte er dich wirklich mit einem Hieb töten können?« »Oh, ja. Ich habe rechtzeitig reagiert und den Kopf gehoben; deshalb hat er mich auf den Unterkiefer getroffen und nicht mitten ins Gesicht. Wäre sein Schlag dort gelandet, hätte er mir gut und gern den Schädel einschlagen können.« »Oje«, sagte Mary.
»Er war wütend, aber ich hatte ihn provoziert. Es war ebenso sehr meine Schuld wie seine.« »Könntest - könntest du jemanden mit bloßen Händen töten?«, fragte Mary. »Natürlich«, antwortete Ponter. »Besonders, wenn ich mich von hinten nähern würde.« Er verschränkte die Finger, hob die Arme und tat dann so, als würde er mit den Fäusten zuschlagen. »Ich könnte einer Person den Schädel einschlagen. Von vorn könnte ich, wenn ich einen guten Schlag oder Tritt mitten auf den Brustkorb anbringen kann, jemandem das Herz zerquetschen.« »Aber ... aber ... entschuldige bitte, aber Affen sind auch sehr stark, und sie töten einander selten im Kampf.« »Das ist deshalb so, weil bei Affenhorden die Rangkämpfe ritualisiert und instinktiv ablaufen. Sie geben einander schlicht Ohrfeigen - wirklich bloß Schaukämpfe. Aber 112
Schimpansen töten andere Schimpansen, obwohl sie es meistens mit den Zähnen tun. Die Finger zur Faust ballen, das können nur Menschen.« »Oh ...je.« Mary ging auf, dass sie sich wiederholte, aber ihr wollte nichts Besseres einfallen, das ihre Gefühle ausdrücken konnte. »Die Menschen hier kämpfen die ganze Zeit über. Manche machen sogar einen Sport daraus: Boxen, Ringkampf.« »Wahnsinn«, meinte Ponter. »Naja, da bin ich deiner Meinung, ja«, sagte Mary. »Aber sie töten einander fast nie. Ich meine, es ist fast unmöglich für einen Menschen, einen anderen Menschen mit bloßen Händen zu erschlagen. Wir sind vermutlich einfach nicht stark genug.« »In meiner Welt«, meinte Ponter, »ist Zuschlagen gleichbedeutend mit Töten. Daher schlagen wir einander nie. Weil jede Gewalttätigkeit tödlich enden kann, können wir uns das einfach nicht erlauben.« »Aber du bist geschlagen worden«, beharrte Mary. Ponter nickte. »Es ist vor langer Zeit passiert, während ich Student an der Akademie der Wissenschaften war. Ich habe argumentiert, wie es nur die Jugend kann, als würde nur das Gewinnen und der Ruhm zählen. Ich sah, dass die Person, mit der ich debattierte, allmählich wütend wurde, aber ich vertrat nach wie vor meinen Standpunkt. Und er reagierte auf eine ... unglückliche Weise. Aber ich habe ihm vergeben.« Mary sah Ponter an und stellte sich dabei im Geist vor, wie er die andere lange, kantige Wange der Person hinhielt, die ihn geschlagen hatte. Adikor hatte sich von seinem Gefährten ein Schwebetaxi für die Heimfahrt rufen lassen. Jetzt saß er allein auf der Veranda hinterm Haus und durchforstete Prozessdateien. Natürlich konnten die Übertragungen seines Gefährten überwacht werden, aber er konnte sich nach wie vor mit dessen Hilfe in das gesammelte Wissen der Welt einklinken 112 und die Ergebnisse zur einfacheren Ansicht auf eine Infokonsole überspielen. Seine Lebensgefährtin Lurt war sofort damit einverstanden gewesen, zu Gunsten Adikors vor dem Gerichtshof zu sprechen. Aber obwohl sie und andere - diesmal wäre es ihr erlaubt, Zeugen zu benennen - Zeugnis über Adikors Charakter und seine innige Beziehung zu Ponter ablegen könnten, erschien es höchst unwahrscheinlich, dass das ausreichen würde, Untersuchungsrichterin Sard und ihre Bundesgenossen davon zu überzeugen, Adikor freizusprechen. Deshalb hatte er sich daran gemacht, in der Geschichte der Juristerei zu wühlen und nach anderen Fällen zu suchen, bei denen es um eine Mordanklage ohne Leiche gegangen war. Er hoffte, bereits gefällte Urteile zu finden, die ihm vielleicht weiterhelfen konnten. Der erste ähnliche Fall, den er entdeckte, datierte aus der Generaüon 17. Der Angeklagte war ein Mann namens Dassta gewesen, und es hieß, er habe seine Lebensgefährtin umgebracht, nachdem er sich heimlich ins Zentrum geschlichen habe. Aber ihr Leichnam war nie gefunden worden. Das Gericht hatte entschieden, dass ohne einen Leichnam kein Mord geschehen sein konnte. Adikor war ganz aufgeregt über seine Entdeckung - bis er weitergelesen hatte.
Ponter und Adikor hatten sich normale Lehnstühle ausgesucht - eigentlich waren es eher zierliche Stühle. Es war ein Zeichen für Ponters unerschütterlichen Glauben daran gewesen, dass Adikor geheilt war, dass seine Stimmung nie mehr umschlagen würde. Aber jetzt war er so frustriert, dass er mit einem Hieb seiner Faust die Armlehne seines Lehnstuhls zerschlug, wobei Holzsplitter in die Luft flogen. Damit alte Fälle juristisch von Bedeutung sein konnten, las er auf seiner Infokonsole, mussten sie aus der Zeit der letzten zehn Generationen stammen. Was Menschen davor getan hatten, hieß es im Kodex der Zivilisation, hatte auf die gegenwärtigen Entscheidungen keinerlei Einfluss. 113 Er setzte die Suche fort und stieß schließlich auf einen interessanten Fall aus Generation 140 gerade mal acht Generationen vor der gegenwärtigen. Ein Mann wurde beschuldigt, einen anderen im Streit getötet zu haben. Wieder war keine Leiche aufgefunden worden. In diesem Fall hatte das Gericht ebenfalls entschieden, dass das Fehlen eines Leichnams ausreichte, die Anklage abzuweisen. Das gab Adikor Auftrieb, nur dass ... Nur dass ... Generation 140. Das war die Zeitspanne - also - vor etwa 1100 bis 980 Monaten; achtundsiebzig bis achtundachtzig Jahre zurück. Aber die Gefährten waren erst vor knapp tausend Monaten eingeführt worden; die Jubiläumsfeierlichkeiten standen bevor. Datierte der Fall aus Generation 10 vor oder nach der Einführung des Gefährten? Adikor las weiter. Vor der Zeit. Knorpel! Bolbay würde zweifellos argumentieren, dass dieser Fall deshalb für sie nicht von Belang wäre. Natürlich, würde sie sagen, konnten Leichen und sogar Lebende während der dunklen Zeiten leicht verschwinden, bevor der große Lonwis Trob uns befreit hatte. Aber eine Begebenheit, über die keine Aufzeichnungen vorhanden waren, weil es noch keine Gefährten gegeben hatte, musste irrelevant sein für einen Fall, bei dem der Angeklagte offensichtlich die Aufzeichnungen sabotiert und manipuliert hatte. Adikor suchte weiter. Kurz kam ihm der Gedanke, dass es wahrscheinlich praktischer wäre, wenn es Menschen gäbe, die sich darauf spezialisieren würden, sich zu Gunsten anderer mit gesetzlichen Angelegenheiten zu befassen. Das wäre bestimmt ein nützlicher Beitrag. Er hätte freudig das Labor mit jemandem getauscht, der mit dieser Materie vertraut wäre und die Nachforschungen für ihn angestellt hätte. Aber nein, das war wohl doch keine so gute Idee. Die bloße Existenz von Menschen, die sich die ganze Zeit über mit gesetzlichen Angelegenheiten befassten, würde die Zahl 113 schwieriger Fälle zweifellos in die Höhe schnellen lassen und ... Plötzlich kam Pabo bellend aus dem Haus gelaufen. Adikor sah auf und sein Herz machte, wie stets in diesen Tagen, einen Sprung. Könnte es sein? Könnte es sein? Aber nein, nein. Natürlich nicht. Und dennoch war es jemand, den Adikor hier nicht erwartet hätte: die junge Jasmel Ket. »Gesunder Tag«, sagte sie, sobald sie auf zehn Schritte herangekommen war. »Gesunder Tag«, entgegnete Adikor in dem Bemühen, einen neutralen Tonfall anzuschlagen. Jasmel setzte sich in den anderen Lehnstuhl, in den, der ihrem Väter gehört hatte. Pabo kannte Jasmel gut; der Hund war oft ins Zentrum gekommen, wenn Zwei Eins geworden war. Es freute ihn, ein weiteres vertrautes Gesicht zu sehen. Pabo liebkoste Jasmels Beine, und Jasmel kraulte dem Hund das rötlich-braune Kopffell. »Was ist mit deinem Stuhl passiert?«, fragte Jasmel. Adikor sah beiseite. »Nichts.« Jasmel entschloss sich offenbar, die Sache nicht weiter zu verfolgen. Schließlich war eindeutig zu erkennen, was geschehen war. »Lurt wird für dich sprechen?«, fragte sie. Adikor nickte.
»Gut«, meinte Jasmel. »Sie wird bestimmt ihr Bestes geben.« Darauf verfiel sie lange in Schweigen und blickte dabei den beschädigten Stuhl an. »Aber ...« »Ja«, meinte Adikor. »Aber.« Jasmel sah hinaus auf die Landschaft. In der Ferne wanderte ein Mammut vorüber, stoisch, zufrieden. »Da diese Sache jetzt vor ein ordentliches Gericht kommt, ist der Alibi-Würfel meines Vaters in den Flügel der Toten überführt worden. Daklar hat den Nachmittag damit verbracht, sich Teile davon anzusehen, während sie sich darauf vorbereitet, volle Anklage gegen dich zu erheben. Das ist natürlich ihr gutes Recht, da Ankläger zu Gunsten einer toten Person sprechen. Aber ich habe darauf bestanden, mit ihr 114
zusammen Ponters Alibi-Archiv anzuschauen. Und ich habe mir alles bis zu seinem Verschwinden angesehen.« Sie wandte ihren Blick weder Adikor zu. »Bolbay erkennt es nicht, aber andererseits lebt sie schon seit langer Zeit allein ... Na ja, ich habe dir gesagt, dass sich ein junger Mann für mich interessiert. Auch wenn ich noch nicht gebunden bin, weiß ich doch, wie die Liebe aussieht. Und in mir besteht kein Zweifel daran, dass du meinen Vater wahrhaftig geliebt hast. Ich kann nicht glauben, dass du irgendetwas getan hast, um ihm zu schaden.« »Vielen Dank.« »Kann ... kann ich etwas tun, um dir bei der Vorbereitung für den Prozess zu helfen?« Traurig schüttelte Adikor den Kopf. »Ich weiß nicht genau, ob mich und meine Verwandten überhaupt noch etwas retten kann.« 114
KAPITEL ZWEIUNDDREISSIG Sechster Tag Mittwoch, 7. August 148/103/29 NACHRICHTENSUCHE Stichwort(e): Neanderthaler
Playgirl hat bei Ponter Boddit angefragt, ob er für ihre Zeitschrift nackt posieren würde ... »Hat er eine Seele?«, fragte Reverend Peter Donaldson von der Erlöser-Kirche in Los Angeles. »Das ist die entscheidende Frage. Und ich sage, nein, er hat keine ...« »Wir glauben, die Eile, Ponter die kanadische Staatsbürgerschaft zu verleihen, ist Berechnung, damit er bei den kommenden Olympischen Spielen für Kanada antreten kann, und darum appellieren wir an das IOC, zum Wettkampf lediglich Mitglieder des Homo sapiens sapiens zuzulassen ...« Jetzt zugreifen: T-Shirts mit Ponter Boddits Gesicht. Erhältlich in den Größen S, M, L, XL, XXL und Neanderthaler. Die deutschen Skeptiker mit Sitz in Nürnberg haben heute erklärt, es bestehe kein vernünftiger Grund zu der Annahme, dass Ponter Boddit aus einem Paralleluniversum stamme. »Das wäre die letzte Interpretation, die wir akzeptieren würden«, teilte ihr Leiter Karl von Schlegel mit, »und wir sollten sie nur dann akzeptieren, wenn jede andere, einfachere Alternative, ausgeschlossen wurde ...«
Die Polizei nahm heute drei Männer fest, die versucht hatten, die Absperrung rund um Dr. Reuben Montegos Haus in Lively, wo der 115 Neanderthaler unter Quarantäne steht, zu durchbrechen. Das Anwesen befindet sich 14 Kilometer südwestlich von Sudbury ...
Es gab viele Möglichkeiten, sich die Zeit zu vertreiben, und anscheinend hatten Louise und Reuben die älteste Variante entdeckt. Mary hatte Reuben wirklich noch nicht aus diesem Blickwinkel betrachtet, aber als sie ihn jetzt so ansah, erkannte sie, dass er eigentlich ziemlich gut aussah. Der rasierte Kopf war nicht ihr Ding, aber Reuben hatte kernige Züge, ein überwältigendes Lächeln und intelligente Augen; außerdem war er schlank und muskulös. Und er hatte natürlich diesen wunderbaren Akzent - aber das war nicht alles. Es stellte sich heraus, dass er fließend Französisch sprach, also konnten Louise und er sich in ihrer Muttersprache unterhalten. Hinzu kam, dass er, seinem Haus nach zu urteilen, recht passabel verdiente - nicht weiter überraschend angesichts der Tatsache, dass er Arzt war. Ein Schnäppchen, hätte Marys Schwester vielleicht gesagt. Natürlich war Mary schlau genug zu wissen, dass Reubens und Louises Beziehung wahrscheinlich beendet wäre, sobald die Quarantäne aufgehoben wurde. Dennoch verspürte sie Unbehagen - nicht weil sie prüde gewesen wäre; ihr gefiel der Gedanke, dass sie trotz ihrer katholischen Erziehung kein sittsames Mädchen geworden war. Ihr Unbehagen rührte vielmehr daher, dass Ponter eine falsche Vorstellung von der Sexualität in dieser Welt erhalten könnte. Vielleicht vermutete er, dass man von ihm erwarten würde, sich mit ihr zu paaren. Und die Aufmerksamkeit eines Mannes wäre im Moment das Letzte, was sie gebrauchen konnte. Durch Louises und Reubens Affäre blieb es auch wirklich nicht aus, dass sie und Ponter erheblich öfter miteinander zu tun bekamen. Nach einem Tag war es so weit, dass die beiden Frischverliebten den größten Teil ihrer Zeit im Souterrain verbrachten und sich Videos aus Reubens Sammlung ansahen. Mary und Ponter hingegen saßen im Erdgeschoss beisammen. 115
Und da Reuben und Louise jetzt miteinander schliefen, hatten sie Ponters Doppelbett für sich veranschlagt. Mary hatte keinen Schimmer, was Reuben gesagt hatte, damit der Tausch zustande kam, aber Ponters neues Bett war jetzt das Sofa in Reubens Büro und Mary hatte das Wohnzimmer ganz für sich allein. An manchen Sonntagen ging Mary zur Messe. Diese Woche war sie nicht hingegangen - obwohl sie es hätte tun können, da das LCDC erst am Sonntagabend die Quarantäne angeordnet hatte. Jetzt tat es ihr Leid, die Messe versäumt zu haben. Zum Glück gab es Übertragungen von Gottesdiensten im Fernsehen. Vision übertrug täglich eine katholische Messe aus einer Kirche in Toronto. Neben dem Gerät, das er und Louise unten im Souterrain benutzten, hatte Reuben noch ein weiteres oben in seinem Büro stehen. Mary ging hoch, um sich die Übertragung des Gottesdienstes anzuschauen. Der Priester trug opulente grüne Gewänder, hatte silbergraues Haar, jedoch schwarze Augenbrauen und ein Gesicht, das Mary an einen hageren Gene Hackman erinnerte. »... Gnade unseres Herrn Jesus Christus, die Liebe Gottes, des Vaters, und die Gemeinschaft des Heiligen Geistes sei mit euch«, verkündete der Priester, dem Untertitel auf dem Bildschirm zufolge ein Monsignore DeVries. Mary, die jetzt auf dem Sofa saß, das Ponter nachts als Bett diente, bekreuzigte sich. »Herr Jesus Christus, du bist vom Vater gesandt, zu heilen, was verwundet ist«, sagte DeVries. »Herr erbarme dich.« Mary wiederholte mit der Gemeinde im Fernsehen: »Herr erbarme dich. « »Du bist gekommen, die Sünder zu berufen«, sagte DeVries. »Christus erbarme dich.«
»Christus erbarme dich.«, wiederholten Mary und die anderen. »Du bist zum Vater heimgekehrt, um für uns einzustehen. Herr erbarme dich.« 116
»Herr erbarme dich. « »Der Herr erbarme sich unser«, betete DeVries, »er nehme von uns Sünde und Schuld, damit wir das ewige Leben erlangen.« »Amen«, sagte die Gemeinde. Die Lesung, vorgetragen von einer Schwarzen mit kurzgeschorenem Haar, die ein purpurfarbenes Gewand trug, stammte aus dem Buch des Propheten Jeremias. Hinter ihr zeigte ein wunderschönes Buntglasfenster einen Jesus mit Heiligenschein sowie die zwölf Apostel, betrachtet von der Jungfrau Maria. Mary wusste nicht genau, weshalb sie heute den Drang verspürte, eine heilige Messe zu hören. Schließlich war nicht sie es, die Vergebung für ihre Sünden benötigte ... Jetzt spielte die Orgel; ein junger Mann sang: »Zu Gott erheb ich meine Seel, auf ihn will ich vertrauen ...« Die Eucharistiefeier ging weiter, und jetzt las der Monsignore aus dem Matthäus-Evangelium: »Sag, dass von diesen meinen zwei Söhnen einer zu deiner Rechten und einer zu deiner Linken sitze in deinem Reiche ...« Natürlich kannte Mary die Passage, die der Priester rezitierte. Es ging um die Frau, die Christus auf der Straße nach Jerusalem anflehte; sie kannte auch den Zusammenhang. Aber die Worte hallten in ihrem Kopf: Zwei Söhne, einer zu deiner Rechten und einer zu deiner Linken ... Hätte es so sein können? Hätten zwei Arten von Menschen friedlich Seite an Seite leben können? Kain war Bauer gewesen; er hatte Getreide angebaut. Abel war Hirte gewesen, der Schafe zum Schlachten gezüchtet hatte. Aber Kain hatte Abel erschlagen ... Der Priester schenkte jetzt Wein ein. »Gepriesen bist du, Herr, unser Gott, Schöpfer der Welt. Du schenkst uns den Wein, die Frucht des Weinstocks und der menschlichen Arbeit. Wir bringen diesen Kelch vor dein Angesicht, damit er uns der Kelch des Heils werde ... Lasset uns beten ... 116
In Wahrheit ist es würdig und recht, dir, Herr, heiliger Vater, immer und überall zu danken durch deinen geliebten Sohn Jesus Christus ... Ihn hast du gesandt als unseren Erlöser und Heiland ... Sende deinen Geist auf diese Gaben herab und heilige sie, damit sie uns werden Leib und Blut deines Sohnes ... Nehmet und esset alle davon: Das ist mein Leib, der für euch hingegeben wird ... Nehmet und trinket alle daraus: Das ist der Kelch des neuen und ewigen Bundes, mein Blut, das für euch und für alle vergossen wird zur Vergebung der Sünden ...« Mary verspürte den Wunsch, dort bei der Gemeinde zu sein und die heilige Kommunion empfangen zu können. Als die Zeremonie beendet war, bekreuzigte sie sich und stand auf. Und in diesem Moment sah sie Ponter Boddit, der still auf der Türschwelle stand und zuschaute, und vor Staunen hing ihm der bärtige, kinnlose Unterkiefer herab. 116
KAPITEL DREIUNDDREISSIG »Was war das?«, fragte Ponter. »Wie lange stehst du dort schon?«, wollte Mary wissen. »Eine Weile.« »Warum hast du nichts gesagt?« »Ich wollte dich nicht stören«, meinte Ponter. »Du warst anscheinend so ... so konzentriert auf das, was auf dem Bildschirm geschah.«
Naja, dachte Mary, in gewisser Hinsicht hatte sie sein Zimmer in Beschlag genommen, sie saß auf dem Sofa, auf dem er normalerweise schlief. Ponter betrat Reubens Büro und kam auf Mary zu. Wahrscheinlich wollte er sich neben sie setzen. Mary rutschte zum äußersten Ende des Sofas und stützte sich auf eine der gepolsterten Armlehnen. »Noch mal«, meinte Ponter. »Was war das?« Mary hob ein wenig die Schultern. »Ein Gottesdienst in einer Kirche.« Ponters Gefährte piepste. »Kirche«, sagte Mary. »Eine, äh, Halle der Anbetung.« Ein weiteres Piepsen. »Religion. Verehrung Gottes.« An diesem Punkt ergriff Hak unter Benutzung seiner weiblichen Stimme das Wort. »Es tut mir Leid, Mary. Ich kenne von keinem dieser Worte die Bedeutung.« »Gott«, wiederholte Mary. »Das Wesen, das das Universum erschuf.« Es folgte ein Moment, in dem Ponters Ausdruck neutral blieb. Dann aber, wahrscheinlich nachdem er Haks Ubersetzung gehört hatte, wurden seine goldfarbenen Augen kugelrund. Er sagte etwas in seiner Sprache, und Hak übersetzte mit der männlichen Stimme: »Das Universum hat keinen Schöpfer. Es war stets vorhanden.« Mary runzelte die Stirn. Sie hatte den Verdacht, dass 117
Louise - wenn sie jemals das Souterrain verlassen sollte -Ponter liebend gern die Urknall-Theorie erklären würde. Mary hingegen sagte schlicht: »Das glauben wir nicht.« Ponter schüttelte den Kopf und wechselte das Thema. »Dieser Mann«, wobei er auf das Fernsehgerät zeigte, »hat vom >ewigen Leben< gesprochen. Hat eure Art das Geheimnis der Unsterblichkeit entdeckt? Wir haben Spezialisten für Lebensverlängerung, und sie haben lange danach gesucht, aber ...« »Nein«, entgegnete Mary. »Nein, nein. Er spricht vom Himmel.« Sie hob die Hand, die Handfläche nach außen, und kam damit erfolgreich Haks Piepsen zuvor. »Der Himmel ist ein Ort, wo wir vermutlich nach dem Tod weiterleben werden.« »Das ist ein Oxymoron.« Mary wunderte sich kurz über Haks Ubersetzungskünste. Ponter hatte eigentlich ein Dtitzend Worte in seiner eigenen Sprache gesagt, um diesen Widerspruch auszudrücken. Dem Gefährten war klar geworden, dass es auf Englisch eine knappere Art gab, selbst wenn es in der Neanderthaler-Sprache nicht möglich war. »Nun gut«, räumte Mary ein, »nicht alle auf Erden - auf dieser Erde, meine ich - glauben an ein Leben nach dem Tod.« »Aber die Mehrheit?« »Naja ...ja, vermutlich.« »Und du?« Mary runzelte nachdenklich die Stirn. »Ja, ich glaube schon.« »Basierend auf welchem Beweis?«, fragte Ponter. Der Tonfall seiner Worte in der Neanderthaler-Sprache war neutral; er versuchte nicht, sich über sie lustig zu machen. »Nun ja, es heißt, dass ...« Ihre Stimme erstarb. Warum glaubte sie daran? Sie war eine Wissenschaftlerin, rational und logisch denkend. Aber ihre religiöse Indoktrination war natürlich lange vor ihrer Ausbildung in Biologie erfolgt. Schließlich zuckte sie mit den Achseln, weil sie wusste, 117
dass ihre Antwort unzureichend war. »Es steht in der Bibel.« Hak piepste. »Die Bibel«, wiederholte Mary. »Die Schrift.« Piep. »Heiliger Text.« Piep. »Ein verehrtes Buch moralischer Lehren. Der erste Teil wird von meinen Leuten - den so genannten Christen - und von einer anderen großen Religion, den Juden, als Grundlage ihres Glaubens betrachtet. Der zweite Teil wird nur von den Christen angenommen.« »Warum?«, fragte Ponter. »Was geschieht im zweiten Teil?«
»Er erzählt die Geschichte von Jesus, dem Sohn Gottes.« »Ah, ja. Dieser Mann hat von ihm gesprochen. Also - also hatte dieser ... dieser Schöpfer des Universums irgendwie einen menschlichen Sohn? War Gott dann ein Mensch?« »Nein. Nein, er ist körperlos; ohne einen Körper.« »Wie konnte er dann ...?« »Die Mutter Jesu war ein Mensch, die Jungfrau Maria.« Sie hielt inne. »In gewisser Hinsicht bin ich nach ihr benannt.« Ponter schüttelte ein wenig den Kopf. »Tut mir Leid. Hak hat bewundernswert gearbeitet, aber hier versagt er eindeutig. Mein Gefährte interpretierte einige Worte von dir so, als würden sie bedeuten, dass sie niemals Geschlechtsverkehr gehabt hatte.« »Jungfräulich, ja«, entgegnete Mary. »Aber wie kann eine Jungfrau gleichzeitig Mutter sein?«, fragte Ponter. »Das ist ein weiteres ...«, und Mary hörte ihn dieselbe Wortfolge aussprechen, die Hak zuvor als 'Oxymoron« übersetzt hatte. »Jesus ist ohne Geschlechtsverkehr empfangen worden. Gott hat ihn irgendwie in ihren Leib gepflanzt.« »Und diese andere Fraktion - Juden hast du sie genannt? - weist diese Geschichte von sich?« »Ja.« »Dann sind sie anscheinend ... sagen wir mal, weniger 118
gutgläubig.« Er sah Mary an. »Glaubst du das? Diese Geschichte von Jesus?« »Ich bin Christin«, bekräftigte Mary. »Und folge Jesus.« »Aha«, meinte Ponter. »Und du glaubst auch an eine Existenz nach dem Tod?« »Na ja, wir glauben, dass das wahre Wesen einer Person die Seele ist ...« Piep. »... eine unkörperliche Version der Person, und dass die Seele nach dem Tod zu einem von zwei Bestimmungsorten reist, wo das Wesen weiterleben wird. Wenn die Person gut gewesen ist, kommt die Seele in den Himmel - ein Paradies, in der Gegenwart Gottes. Wenn die Person schlecht gewesen ist, kommt die Seele in die Hölle ...« Piep. »... und wird gepeinigt...« Piep. »... auf ewig gepeinigt.« Ponter schwieg lange, und Mary versuchte, seine breiten Züge zu lesen. Schließlich sagte er: »Wir - mein Volk - glauben nicht an ein Leben nach dem Tod.« »Was geschieht eurer Ansicht nach dann?«, fragte Mary. »Für die Person, die stirbt, absolut gar nichts. Er oder sie hört auf zu sein, völlig und vollständig. Alles, was war, ist auf immer dahin.« »Das ist so traurig«, meinte Mary. »Wirklich?«, fragte Ponter. »Warum?« »Weil ihr ohne sie weiterleben müsst.« »Hast du Kontakt zu denjenigen, die bereits tot sind?« »Naja, nein. Ich nicht. Einige Leute behaupten das, aber ihre Behauptungen sind nie bewiesen worden.« »Ja, hätten Sie's gewusst!«, meinte Ponter. Mary überlegte, wo Hak wohl diesen Ausdruck aufgeschnappt hatte. »Aber wenn du keine Möglichkeit hast, dieses Leben nach dem Tod zu bestätigen, diese Sphäre der Toten, warum schenkst du ihr dann Glauben?« »Ich habe die Parallelwelt, aus der du kommst, nie gesehen«, gab Mary zurück, »und dennoch glaube ich daran. Und du kannst sie auch nicht mehr sehen - aber du glaubst nach wie vor daran.« Wieder traf Hak den Nagel auf den Kopf. »Touche!«, meinte 118
er, sauber ein halbes Dutzend Worte von Ponter zusammenfassend.
Allerdings hatten diese Worte Mary fasziniert. »Wir glauben, dass Moral aus Religion erwächst: aus dem Glauben an einen absoluten Gott und aus der, nun ja, Furcht, schätze ich, vor der Verdammnis - daraus, zur Hölle geschickt zu werden.« »Mit anderen Worten«, meinte Ponter, »verhalten sich Menschen deiner Art nur deshalb angemessen, weil sie bedroht werden, wenn sie es nicht tun.« Mary neigte den Kopf, womit sie diesem Punkt zustimmte. »Das ist Pascals Wette«, sagte sie. »Siehst du, wenn du an Gott glaubst, und er existiert nicht, hast du nur sehr wenig verloren. Aber wenn du nicht glaubst, und er existiert, dann riskierst du ewige Verdammnis. Unter diesen Umständen ist es klug, ein Gläubiger zu sein.« »Aha«, meinte Ponter; dieses Wort war in seiner Sprache gleich, also übersetzte Hak nicht. »He, warte mal«, fuhr Mary fort, »du hast meine Frage über die Moral noch nicht beantwortet. Was ist der Antrieb für die Moral unter deinesgleichen ohne einen Gott - ohne den Glauben, dass du am Ende deines Lebens belohnt oder bestraft wirst? Ich habe jetzt schon ziemlich viel Zeit mit dir verbracht, Ponter. Ich weiß, dass du eine gute Person bist. Woher kommt diese Güte?« »Ich verhalte mich so, weil es für mich richtig ist.« »Nach wessen Maßstäben?« »Nach den Maßstäben meines Volks.« »Aber woher stammen diese Maßstäbe?« »Von ...« Und hier weiteten sich Ponters Augen. Großen Kugeln glichen sie unter den gewölbten Wülsten aus Knochen auf seiner Stirn. Er sah aus, als hätte er eine Erleuchtung gehabt - im säkularen Sinn des Wortes natürlich. »Von unserer Überzeugung, dass es kein Leben nach dem Tod gibt!«, sagte er triumphierend. »Deshalb bereitet mir dein Glaube Probleme; jetzt begreife ich es. Unsere Behauptung 119
ist direkt und steht in Übereinstimmung mit allen beobachteten Tatsachen: Im Tod ist das Leben einer Person zu Ende. Es gibt keine Möglichkeit, sich mit ihr auszusöhnen oder etwas wieder gutzumachen.« Er hielt inne, und blickte Mary fragend an, offensichtlich auf der Suche nach Anzeichen dafür, dass sie verstanden hatte, worauf er hinauswollte. »Kannst du mir folgen?«, fuhr Ponter fort. »Ihr behauptet, wenn ich jemandem gegenüber etwas Falsches tue - wenn ich etwas Hässliches zu ihm sage oder, ich weiß nicht, ihm etwas wegnehme -, kann ich auch nach seinem Tod noch mit ihm in Kontakt treten; Wiedergutmachung ist möglich. Aber wenn, nach meiner Weltsicht, eine Person verschwunden ist - was allen von uns in jedem Augenblick zustoßen kann, durch einen Unfall oder einen Herzschlag und so weiter -, dann musst du, der du die Tat begangen hast, in dem Wissen weiterleben, dass die Existenz dieser Person beendet ist, ohne dass du jemals die Möglichkeit haben wirst, deinen Frieden mit ihr zu schließen.« Mary dachte darüber nach. Ja, die meisten Sklavenhalter hatten das Thema ignoriert, aber einige wache Leute, die in einer Gesellschaft gefangen waren, in der Menschen gekauft und verkauft wurden, hatten bestimmt Gewissensbisse gehabt. Hatten sie sich mit dem Wissen getröstet, dass die Menschen, die sie misshandelten, für ihr Leiden nach dem Tod belohnt wurden? Und wie war das mit den Nationalsozialisten? Sie waren die Verkörperung des Bösen schlechthin. Aber wie viele Untergebene, die den Befehlen gefolgt waren und sich an einem Völkermord beteiligt hatten, konnten nachts ruhig schlafen, weil sie glaubten, dass die gerade Getöteten jetzt im Paradies weilten? Es musste noch nicht einmal etwas so Grausames sein. Gott war der große Gleichmacher: Wenn du im Leben etwas falsch gemacht hast, würdest du im Tod dafür bezahlen - das fundamentale Prinzip, das Eltern erlaubt hatte, ihre Kinder in zahllose Kriege zu schicken. Eigentlich spielte es wirklich keine Rolle, ob man das Leben eines anderen zerstörte, weil 119
diese Person sehr wohl in den Himmel kommen konnte. Oh, man selbst landet vielleicht in der Hölle, aber nichts, was du anderen angetan hast, hat ihnen auf lange Sicht gesehen geschadet. Diese Existenz war schließlich nur der Prolog; das ewige Leben würde folgen. Und Gott würde während dieser unendlichen Existenz tatsächlich alles ausgleichen, was ... auch immer jemandem angetan worden war. Und dieser Schweinehund, dieser Schweinehund, der sie angegriffen hatte, der würde brennen. Nein, es spielte keine Rolle, dass sie das Verbrechen nicht angezeigt hatte; er konnte dem endgültigen Gericht nie und nimmer entkommen. Aber ... aber ... »Aber was ist mit deiner Welt? Was geschieht dort mit Kriminellen?« Piep. »Mit Menschen, die das Gesetz übertreten«, wiederholte Mary ihre Frage. »Menschen, die anderen absichtlich wehtun.« »Ach ja«, meinte Ponter. »Damit haben wir nur noch wenig Probleme, weil wir vor Generationen unseren Genpool von den meisten schlechten Eigenschaften gereinigt haben.« »Was?«, rief Mary aus. »Schwere Verbrechen wurden mit der Sterilisation nicht nur des Täters, sondern auch jedes anderen bestraft, der fünfzig Prozent des genetischen Materials des Täters in sich trug: Brüder und Schwestern, Eltern, Nachkommen. Der Effekt war zweifach. Zunächst säuberte das unsere Gesellschaft von den schlechten Genen, und ...« »Wie stößt eine Nicht-Agrargesellschaft auf die Genetik? Ich meine, wir haben die Sache über Pflanzen- und Tierzucht herausbekommen.« »Wir haben Tiere oder Pflanzen vielleicht nicht zu Nahrungszwecken gezüchtet, aber wir haben Wölfe domestiziert, die uns bei der Jagd geholfen haben. Ich habe einen Hund namens Pabo, auf den ich sehr stolz bin. Wölfe 120
waren kontrollierter Zucht gegenüber sehr empfänglich, die Ergebnisse klar und eindeutig.« Mary nickte; das klang vernünftig. »Du hast gesagt, die Sterilisation hätte einen doppelten Effekt auf eure Gesellschaft gehabt?« »Oh, ja. Von der direkten Vernichtung der fehlerhaften Gene einmal abgesehen, gab das den Familien einen starken Anreiz dafür zu sorgen, dass keines ihrer Mitglieder der Gesellschaft ernsthaften Schaden zufügte.« »Das glaube ich gern«, meinte Mary. »Es hat tatsächlich funktioniert«, sagte Ponter. »Du als Genetikerin weißt bestimmt, dass die einzige wirkliche Form der Unsterblichkeit auf der Ebene der Gene liegt. Das Leben wird von Genen vorangetrieben, die ihre eigene Reproduktion sicherstellen oder bereits existente Kopien ihrer selbst schützen wollen. Also ist unsere Justiz auf die Gene gerichtet gewesen, nicht auf die Menschen. Unsere Gesellschaft ist jetzt größtenteils frei von Verbrechen, weil unser Rechtssystem direkt auf das zielt, was wirklich alles Leben antreibt: nicht auf die Individuen, nicht auf die Umstände, sondern auf die Gene. Wir haben es so eingerichtet, dass die beste Uberlebensstrategie für Gene darin besteht, sich ans Gesetz zu halten.« »Ich könnte mir vorstellen, dass Professor Richard Dawkins das gefallen würde«, meinte Mary. »Aber du hast von dieser ... dieser Sterilisationspraxis in der Vergangenheit gesprochen. Hat sie aufgehört?« »Nein, aber heutzutage besteht kaum noch Notwendigkeit dafür.« »Ihr wart so erfolgreich? Niemand begeht mehr ernsthafte Verbrechen?« »Kaum noch aufgrund der genetischen Abstammung. Natürlich gibt es auch biochemische Prozesse, die antisoziales Verhalten auslösen, aber die sind samt und sonders medikamentös behandelbar. Nur noch ganz selten ist Sterilisation wirklich erforderlich.« 120
»Eine Gesellschaft ohne Verbrechen«, meinte Mary und schüttelte vor Erstaunen langsam den Kopf. »Das muss ...« Sie hielt inne, überlegte kurz und fuhr dann fort: »Das muss traumhaft sein.« Dann aber runzelte sie die Stirn. »Dennoch muss es viele unaufgeklärte Verbrechen geben. Ich meine, wenn du nicht herausbekommen kannst, wer etwas getan hat, muss der Gesetzesbrecher ungestraft davonkommen -oder, wenn es eine biochemische Reaktion war, unbehandelt.« Ponter wirkte verblüfft. »Unaufgeklärte Verbrechen?« »Ja, du weißt schon: Verbrechen, bei denen die Polizei...« Piep. «... oder was ihr sonst habt, um dem Gesetz Geltung zu verschaffen, den Täter nicht finden kann.« »Solche Verbrechen gibt es nicht.« Mary versteifte sich. Wie die meisten Kanadier war sie gegen die Todesstrafe - und zwar genau deshalb, weil es möglich war, die fälsche Person hinzurichten. Alle Kanadier lebten mit der Scham der unrechtmäßigen Inhaftierung von Guy Paul Morin, der zehn Jahre wegen eines nicht begangenen Mordes im Gefängnis verbracht hatte. Nicht zu vergessen Donald Marshall jr., der ebenfalls elf Jahre für einen Mord eingekerkert gewesen war, den er nicht begangen hatte. David Milgaard, dreiundzwanzig Jahre für Vergewaltigung mit Mord inhaftiert, und in beiden Fällen gleichfalls unschuldig. Kastration war die letzte Bestrafung, die Mary an ihrem Vergewaltiger vollzogen sehen wollte -aber wenn sie auf ihrer Suche nach Vergeltung die falsche Person erwischt hätte, wie könnte sie dann damit weiterleben? Und was war mit dem Fall Marshall? Nein, nicht alle Kanadier lebten mit der Schande deswegen, nur eben die weißen Kanadier ... Marshall war ein Mi'kmaq-Indianer, dessen Unschuldsbeteuerungen vor einem weißen Gerichtshof anscheinend nur deshalb keinen Glauben gefunden hatten, weil er Indianer war. Aber Mary dachte jetzt eher wie ein Atheist als eine Gläubige. Eine Gläubige würde darauf vertrauen, dass Milgaard, 121 Morin und Marshall ihre gerechte, himmlische Belohnung erhalten hatten, die alles weder gutmachte, was sie hier auf Erden erlitten. Schließlich war Gottes eigener Sohn unrechtmäßig hingerichtet worden, sogar nach römischen Maßstäben; selbst Pontius Pilatus hatte Christus nicht des Verbrechens für schuldig befunden, für das er verurteilt worden war. Allerdings hörte sich Ponters Welt für sie langsam schlimmer an als der Gerichtshof des Pilatus: die Brutalität aufgezwungener Sterilisation mit dem absoluten Glauben daran, dass man stets auch den Schuldigen verurteilte. Mary unterdrückte einen Schauder. »Wie könnt ihr euch sicher sein, dass ihr die richtige Person bestraft habt? Genauer gesagt, wie könnt ihr euch sicher sein, dass ihr nicht die falsche Person verurteilt habt?« »Wegen der Alibi-Archive«, erwiderte Ponter, als wäre es das Natürlichste auf der Welt. »Der was?«, fragte Mary. Ponter, der nach wie vor neben ihr auf dem Sofa in Reubens Büro saß, hielt den linken Arm hoch und drehte ihn so, dass die Innenseite seines Handgelenks ihr zugewandt war. Die seltsamen Anzeigen auf dem Gefährten blinkten. »Die Alibi-Archive«, wiederholte er. »Hak überträgt ständig Informationen über meinen Aufenthaltsort, außerdem exakte dreidimensionale Bilder dessen, was ich gerade tue. Natürlich ist die Verbindung zum Empfänger, seit ich hier bin, unterbrochen.« Diesmal unterdrückte Mary ihr Schaudern nicht. »Du meinst, du lebst in einer totalitären Gesellschaft? Du stehst ständig unter Überwachung?« »Überwachung?«, wiederholte Ponter, und seine Brauen stiegen über die Überaugenwülste. »Nein, nein, nein. Niemand überwacht die gesendeten Daten.« Verwirrt runzelte Mary die Stirn. »Was wird dann damit gemacht?« »Sie werden in meinem Alibi-Archiv aufgezeichnet.« 121 »Und was genau ist das?«
»Ein Computergedächtnis; ein Block eines Materials, dessen Kristallgitter unveränderliche Aufzeichnungen eingeprägt werden.« »Aber wozu ist das gut, wenn es niemand überwacht?« »Verwende ich euer Wort >Alibi< falsch?«, erkundigte sich Hak mit der weiblichen Stimme, die er nur dann benutzte, wenn er sich selbst äußerte. »Ich habe Alibi als Beweis dafür verstanden, dass jemand an einem anderen Ort war, wenn eine Handlung stattfand.« »Oh, ja«, meinte Mary. »Das ist ein Alibi.« »Nun denn«, fuhr Hak fort, »dann stellt Ponters Archiv ihm einen unwiderlegbaren Beweis dafür zur Verfügung, dass er woanders war, falls ein Verbrechen begangen wurde.« Mary spürte ein Flattern im Magen. »Mein Gott - Ponter, liegt die Beweislast bei dir, wenn du deine Unschuld beweisen musst?« Ponter wirkte verblüfft, und Hak übersetzte seine Worte mit der männlichen Stimme. »Bei wem sollte sie sonst liegen?« »Ich meine, hier, auf dieser Erde, gilt eine Person als unschuldig, bis das Gegenteil bewiesen ist.« Als die Worte aus ihr heraussprudelten, ging Mary auf, dass das vielerorts nicht der Wahrheit entsprach, aber sie entschloss sich, ihre Bemerkung nicht zu korrigieren. »Wenn ich das richtig verstanden habe, gibt es bei euch nichts Vergleichbares zu unseren Alibi-Archiven?«, fragte Ponter. »Das stimmt. Oh, an einigen Orten gibt es Uberwachungskameras. Aber sie sind nicht überall, und so gut wie niemand hat sie daheim.« »Wie bestätigt ihr dann jemandes Schuld? Wenn es keine Aufzeichnung davon gibt, was wirklich geschehen ist, wie könnt ihr euch dann sicher sein, dass ihr es mit der richtigen Person zu tun habt?« 122 »Das meinte ich mit unaufgeklärten Verbrechen«, antwortete Mary. »Wenn wir uns nicht sicher sind - und wir haben oft überhaupt keine Ahnung -, dann kommt die Person mit dem Verbrechen davon.« »Scheint mir kaum das bessere System zu sein«, meinte Ponter langsam. »Aber unser Privatbereich ist geschützt. Uns schaut niemand ständig über die Schulter.« »Das tut in meiner Welt auch niemand - zumindest so lange nicht, wie jemand kein ... Ich kenne das Wort nicht. Jemand, der alles zeigt, damit andere zuschauen können.« »Ein Exhibitionist?«, fragte Mary und hob überrascht die Brauen. »Ja. Ihr Beitrag besteht darin, anderen zu gestatten, die Übertragungen von ihren Gefährten zu beobachten. Sie haben erweiterte Implantate, die mit höherer Auflösung und über eine größere Entfernung hinweg arbeiten. Sie gehen zu verschiedenen interessanten Orten, damit andere Leute zuschauen können, was dort geschieht.« »Aber theoretisch könnte doch sicher irgendwer in die Übertragung jeder Person einbrechen, nicht bloß in jene eines Exhibitionisten.« »Warum sollte das jemand tun wollen?«, fragte Ponter. »Naja - öh, ich weiß es nicht. Weil er es kann?« »Ich kann Urin trinken«, erwiderte Ponter, »habe jedoch nie den Drang danach verspürt.« »Wir haben Leute, die betrachten es als Herausforderung, unsere Sicherheitsvorkehrungen zu umgehen - besonders solche, die Computernetze schützen.« »Das scheint mir kaum ein wertvoller Beitrag für die Gemeinschaft zu sein.« »Vielleicht nicht«, sagte Mary. »Aber sieh mal, was wäre denn, wenn die angeklagte Person das Ding nicht aufschließen will - wie hast du es gleich genannt? Das Alibi-Archiv?« »Warum nicht?« 122
»Naja, keine Ahnung. Vielleicht aus Prinzip?« Ponter wirkte verwirrt.
»Oder«, sagte Mary, »weil das, was sie zur Zeit des Verbrechens wirklich getan hat, peinlich war?« Piep. »Peinlich. Du weißt schon, wenn du dich wegen was schämst.« Piep. »Vielleicht würde mir ein Beispiel helfen, zu verstehen, was du meinst«, sagte Ponter. Mary schürzte nachdenklich die Lippen. »Nun gut, ja, okay, sagen wir, ich hatte - sagen wir, ich hatte, ahm, weißt du, ich hatte, ahm, Sex mit dem Partner von jemand anderem. Die Tatsache, dass ich das getan habe, war vielleicht mein Alibi, aber ich möchte nicht, dass die Leute es erfahren.« »Warum nicht?« »Naja, weil wir der Ansicht sind, Ehebruch ...« Piep. »... sei falsch.« »Falsch?«, fragte Ponter, da Hak anscheinend die Bedeutung des unübersetzten Wortes geraten hatte. »Wie kann das falsch sein? Doch nur, wenn das Ergebnis die Behauptung einer falschen Vaterschaft ist? Wem wird dadurch geschadet?« »Na ja, ahm, ich weiß es nicht; ich meine, wir, öh, wir betrachten Ehebruch als Sünde.« Piep. Mary hatte dieses Piepen erwartet. Wenn man keine Religion hatte, keine Liste von Dingen, die eigentlich keiner Person schadeten, aber dennoch geächtet waren - der Gebrauch leichter Drogen zur Entspannung, Masturbation, Ehebruch, das Anschauen von Pornos -, dann brauchte man vielleicht seine Privatsphäre wirklich nicht so fanatisch zu verteidigen. Die Leute bestanden zumindest zum Teil darauf, weil sie Dinge taten, von denen andere um keinen Preis erfahren sollten. Aber in einer durchlässigen Gesellschaft, in einer offenen Gesellschaft, einer Gesellschaft, wo die einzigen Verbrechen jene mit realen Opfern sind, wäre das vielleicht keine so große Sache. Und Ponters Verhalten wies darauf hin; er hatte kein Nacktheits-Tabu gezeigt 123 wiederum eine religiöse Vorstellung - und auch keinen Wunsch nach Abgeschiedenheit, als er das Bad benutzte. Mary schüttelte den Kopf. All das, was ihr peinlich war und sie beschämte, all das, worüber sie froh war, dass niemand es sehen konnte, wenn sie es tat: Lag ihre ganze Befangenheit einzig und allein an religiösen Dogmen? Die Scham, die sie verspürt hatte, weil sie Colm verlassen hatte; die Scham, die sie davon abgehalten hatte, die Scheidung einzureichen; die Scham, die sie verspürte, weil sie ihren eigenen Trieben folgte, weil sie keinen Mann in ihrem Leben hatte; die Scham, die sie wegen der Sünde verspürte ... Ponter besaß anscheinend nichts davon; so lange er niemand anderem wehtat, verspürte er keinerlei Unbehagen bei Handlungen, die ihm Vergnügen bereiteten. »Vermutlich könnte euer System funktionieren«, meinte Mary zweifelnd. »Es funktioniert«, entgegnete Ponter. »Und denke daran, dass bei ernsthaften Verbrechen - bei Angriffen auf eine andere Person - normalerweise wenigstens zwei Alibi-Archive zur Verfügung stehen: das des Opfers und das des Täters. Das Opfer führt normalerweise sein oder ihr Archiv des Vorfalls als Beweis vor, und meistens zeigt es eindeutig den Täter.« Mary war zugleich fasziniert und abgestoßen. Dennoch ... Diese Nacht an der York-Uni ... Wären Bilder aufgezeichnet worden, hätte sie sich dazu überwinden können, sie jemandem zu zeigen? Ja, versicherte sie sich. Ja. Sie hatte nichts Falsches getan, nichts, dessen sie sich schämen müsste. Sie war das unschuldige Opfer. Sämtliche Broschüren, die Keisha ihr gegeben hatte, sagten das, und sie versuchte wirklich, wirklich, wirklich, daran zu glauben. Aber - aber selbst wenn es eine Aufzeichnung dessen gäbe, was sie gesehen hatte, hätte man das Ungeheuer damit erwischen können? Er hatte eine Wollmütze getragen; sie hatte sein Gesicht nicht gesehen - obwohl tausend ver 123 schiedene Versionen dieses Gesichts sie seither in ihren Albträumen verfolgt hatten. Wen hätte sie anklagen können? Wessen Alibi-Archiv hätte auf Anordnung des Gerichts geöffnet werden sollen? Mary hatte keine Ahnung, wo sie anfangen, keine Ahnung, wen sie verdächtigen sollte.
Sie spürte ein flaues Gefühl im Magen. Vielleicht war dies das eigentliche Problem - die Zwangslage, die Ponters Volk vermieden hatte: zu viele mögliche Verdächtige zu haben, zu viele Menschen, zu viel Anonymität, zu viele bösartige, aggressive ... Männer, dachte sie. Männer. Jeder Akademiker ihrer Generation war für den geschlechtsneutralen Gebrauch von Sprache sensibilisiert worden. Aber Gewaltverbrechen wurden tatsächlich in überwältigender Mehrzahl von Männern begangen. Und dennoch hatten sie in ihrem Leben viele gute, anständige Männer umgeben. Ihr Vater, ihre beiden Brüder, so viele hilfreiche Kollegen, Pater Caldicott und Pater Beifontaine, zahlreiche gute Freunde, eine Hand voll Liebhaber. Welcher Prozentsatz Männer stellte wirklich ein Problem dar? Welcher Bruchteil war gewalttätig, aggressiv, unfähig, seine Gefühle zu beherrschen, außerstande, seinen Trieben zu widerstehen? War es eine so große Gruppe, dass sie nicht vor Generationen aus dem Genpool hätte - >gereinigt< werden können? Ja, gereinigt, das war Ponters Wort dafür, ein hoffnungsvolles Wort. Wie groß oder wie klein die Anzahl gewalttätiger Männer auch war, dachte Mary, es waren auf jeden Fall zu viele. Selbst ein solches Untier wäre zu viel, und ... Und da dachte sie schon wie Ponters Volk. Der Genpool könnte wirklich eine Reinigung gebrauchen, ein therapeutisches Fegefeuer. Ja, allerdings. 124
KAPITEL VIERUNDDREISSIG Adikor Huld lag auf seinem ebenerdigen Bett und starrte zum Zeitmesser an der Decke hinauf. Die Sonne stand jetzt schon seit mehreren Zehnteltagen am Himmel, aber er wollte nicht aufstehen. Was war an diesem Tag geschehen, dort unten im Quantencomputer-Labor? Was war schief gegangen? Ponter war nicht verdampft, er war nicht von Flammen verzehrt worden, er war nicht explodiert. All das hätte reichlich Spuren hinterlassen. Nein, wenn er Recht hatte, war Ponter in ein anderes Universum gelangt... aber ... Aber das klang sogar in Adikors Ohren sehr weit hergeholt. Er hatte Verständnis dafür, wie empörend diese Erklärung für Untersuchungsrichterin Sard geklungen haben musste. Und dennoch - welche andere Erklärung gab es denn? Ponter war verschwunden. Und eine große Menge schweres Wasser war dafür aufgetaucht. Wahrscheinlich, dachte Adikor, war es ein gleichmäßiger Austausch gewesen - identische Massen, jedoch völlig unterschiedliche Volumina. Schließlich war nicht bloß Ponter verschwunden. Adikor hatte die Luft aus der Quantencomputerkammer entweichen hören, als wäre sie ebenfalls an einen anderen Ort transferiert worden. Aber selbst die Luft in einem Raum hatte kaum Masse, wohingegen flüssiges Wasser - auch flüssiges schweres Wasser - sich im dichtesten Zustand dieser Substanz befand, dichter sogar noch als in erstarrtem, gefrorenem Zustand. Also: Ein großes Luftvolumen und ein Mann waren aus diesem Universum verschwunden, und eine identische Masse, jedoch ein viel kleineres Volumen schweren Wassers 124 war herübergekommen. Das waren die Worte, die Adikor immer wieder in den Sinn kamen. Aber ... Aber dann musste es an dieser Stelle in dem anderen Universum schweres Wasser geben. Und reines schweres Wasser kam in der Natur nicht vor.
Was bedeutete, dass das ... das Portal, ein weiteres Wort, das ihm ungebeten in den Sinn kam ... sich in einem Vorratstank für schweres Wasser geöffnet haben musste. Und wenn schweres Wasser von dort nach hier transportiert werden konnte, dann war Ponter von hier nach dort transportiert worden, was wiederum bedeutete ... Was bedeutete, dass er wahrscheinlich ertrunken war. Tränen füllten Adikors tiefe Augenhöhlen wie Regenwasser, das sich in Brunnen sammelte. Ponter setzte sich auf und sah erneut Mary an. »Die Alibi-Archive klären nicht bloß Verbrechen auf«, sagte er. »Sie sind uns auch sonst von großem Nutzen. Gestern habe ich zum Beispiel im Fernsehen gesehen, dass zwei Camper im Algonquin-Park verloren gingen.« Mary nickte. »So etwas ist in meiner Welt nicht möglich. Dein Gefährte berechnet die Signale von verschiedenen Gipfelstationen, um deine Position festzustellen, und wenn du verletzt bist oder wegen eines Felssturzes oder etwas Ahnlichem in der Falle sitzt, ist es für eine Rettungsmannschaft ein Leichtes, deinen Gefährten anzupeilen.« Er hob eine Hand in einer Nachahmung von Marys Geste von vorhin, weil auch er dem Widerspruch zuvorkommen wollte, den er ahnte. »Natürlich kann nur ein Untersuchungsrichter anordnen, dass man dich auf diese Weise aufspürt, und nur wenn du Hilfe anforderst, indem du ein Notsignal sendest, oder wenn ein Familienmitglied darum ersucht.« Schlagzeilen, die sie nur allzu häufig gesehen hatte, schwirrten Mary durch den Kopf. »Polizei gibt Suche auf.« 125 - »Suche nach verschollenem Mädchen eingestellt.« -»Lawinenopfer wahrscheinlich tot.« »Ein solches Notsignal wäre vermutlich nützlich«, gab sie zu. »Ist es auch«, beteuerte Ponter. »Und der Gefährte kann das Signal automatisch senden, wenn du selbst nicht dazu in der Lage bist. Er überwacht die Vitalparameter, und wenn du einen Herzinfarkt hast - oder auch nur dicht davor stehst -, kann er Hilfe herbeirufen.« Mary verspürte ein Ziehen. Ihr Vater war an einem Herzinfarkt gestorben, allein, als sie achtzehn gewesen war. Sie hatte eines Tages seine Leiche bei der Heimkehr von der Schule gefunden. Ponter verwechselte anscheinend die Traurigkeit auf Marys Gesicht mit fortwährendem Zweifel. »Und nur einen Monat, bevor ich hergekommen bin, habe ich einen Regenschutz verlegt, den ich sehr gemocht habe; es war ein Geschenk von Jasmel gewesen. Ich wäre ...« Piep, vernichtet? »... gewesen, wenn er wirklich verloren gegangen wäre. Aber ich habe einfach dem Archiv-Pavillon einen Besuch abgestattet und mir die Ereignisse der letzten Tage angesehen. Ich habe genau gesehen, wo ich den Schutz verloren habe, und konnte ihn dann wiederholen.« Gewiss trauerte Mary den zahllosen Stunden nach, die sie mit der Suche nach verlegten Büchern, studentischen Arbeiten, Geschäftskarten, Hausschlüsseln und demnächst ablaufenden Bons verbracht hatte. Vielleicht würde man der Sache noch stärker nachtrauern, wenn man sich sicher wäre, dass die eigene Existenz endlich ist; vielleicht wäre dieses Wissen ein Antrieb, etwas gegen eine solche Zeitverschwendung zu unternehmen. »Eine persönliche Black Box«, meinte Mary eigentlich mehr zu sich selbst, aber Ponter reagierte. »Eigentlich ist das Aufzeichnungsmaterial zum größten Teil rosafarben. Wir benutzen wieder aufbereiteten Granit.« Mary lächelte. »Nein, nein. Eine >Black Box< nennen wir 125
einen Flugzeugrekorder: einen Apparat an Bord eines Flugzeugs, der telemetrische Daten und Cockpitgespräche für den Fall eines Absturzes aufzeichnet. Aber die Idee einer persönlichen >Black Box< ist mir nie gekommen.« Sie hielt inne. »Wie werden denn Bilder aufgenommen?« Mary warf einen Blick auf Ponters Handgelenk. »Hat dein Gefährte eine Linse?« »Ja, aber sie wird nur benötigt, wenn der Gefährte Dinge heranzoomen muss, die außerhalb des normalen Aufzeichnungsbereichs liegen. Der Gefährte benutzt Sensorfelder, um alles aufzunehmen, was die Person umgibt, und natürlich auch die Person selbst.« Ponter stieß jenes
tiefe Geräusch aus, das Belustigung, ein Kichern etwa, ausdrückte. »Schließlich würde es nicht viel nutzen, wenn wir nur das aufzeichnen würden, was durch die Linse des Gefährten zu sehen ist: Bilder meines linken Oberschenkels oder die Innenseite meiner Hüfttasche. Auf diese Weise kann ich, wenn ich mein Archiv zurückspule, tatsächlich mich selbst aus kurzer Distanz betrachten.« »Erstaunlich«, sagte Mary. »Wir haben nichts dergleichen.« »Aber ich habe Produkte eurer Wissenschaft gesehen, eurer Industrie«, meinte Ponter. »Wenn ihr alles daran gesetzt hättet, eine solche Technologie zu entwickeln, hättet ihr doch sicher ...« Mary runzelte die Stirn. »Naja, vermutlich. Ich meine, die Zeitspanne zwischen dem ersten Flugobjekt im Weltraum und dem ersten Menschen auf dem Mond betrug weniger als zwölf Jahre und ...« »Sag das noch mal!« »Ich habe gesagt, als wir um jeden Preis jemanden auf den Mond befördern wollten ...« »Den Mond«, wiederholte Ponter. »Du meinst den irdischen Mond?« Mary war verblüfft. »Ja.« »Aber ... aber ... das ist fantastisch!«, sagte Ponter. »So etwas haben wir nie getan.« 126 »Ihr seid nie auf dem Mond gewesen? Ich meine nicht dich persönlich; ich meine dein Volk. Kein Neanderthaler ist je auf dem Mond gewesen?« Ponter bekam große Augen. »Nein.« »Was ist mit dem Mars oder den anderen Planeten?« »Nein.« »Habt ihr Satelliten?« »Nur einen, wie hier.« »Nein, ich meine künstliche Satelliten. Unbemannte Maschinen, die ihr in den Orbit bringt, weißt du, und die bei der Wettervorhersage, bei der Kommunikation und so helfen sollen.« »Nein«, sagte Ponter. »So etwas haben wir nicht.« Mary überlegte einen Augenblick. Ohne das Erbe der V-2, ohne die Raketen des zweiten Weltkriegs, hätten die Menschen hier kaum etwas in den Orbit bringen können, nicht wahr? »Wir haben - na ja, ich weiß es nicht genau - viele hundert Dinge in den Raum geschossen.« Ponter schaute auf, als würde er versuchen, sich durch die Decke von Reubens Haus Lunas finsteres Gesicht vorzustellen. »Wie viele leben jetzt auf dem Mond?« »Niemand«, erwiderte Mary überrascht. »Ihr habt dort keine dauerhafte Siedlung?« »Nein.« »Also gehen einfach nur Leute da rauf, um sich den Mond anzusehen, und kehren dann wieder zur Erde zurück? Wie viele tun das jeden Monat? Ist das weitverbreitet?« »Oh, niemand geht hoch. Niemand ist hoch seit - nun ja, ich schätze, es ist jetzt dreißig Jahre her. Wir haben bloß zwölf Leute auf die Oberfläche des Mondes geschickt. Sechs Gruppen zu je zwei Personen.« »Warum habt ihr damit aufgehört?« »Naja, ist eine komplizierte Sache. Das Geld war gewiss ein Faktor.« »Kann ich mir vorstellen«, meinte Ponter. »Und, na ja, da war die politische Lage. Siehst du, wir ...« 126 Sie hielt einen Moment inne. »Ach, das ist schwer zu erklären. Wir haben es den Kalten Krieg genannt. Es gab keine richtigen Schlachten, aber die Vereinigten Staaten und eine weitere große Nation, die Sowjetunion, haben einen ideologischen Konflikt ausgefochten.« »Um was?« »Hmmm, um ökonomische Systeme, vermute ich.« »Hört sich nicht so an, als wäre das einen Kampf wert gewesen«, meinte Ponter. »Damals schien das sehr wichtig zu sein. Aber wie dem auch sei, der Präsident der Vereinigten Staaten hatte sich -wann war das? - 1961, glaube ich, das Ziel gesetzt, zum Ende jenes Jahrzehnts
einen Mann auf den Mond zu schicken. Siehst du, die Sowjets - die Leute in der Sowjetunion -, sie hatten den ersten künstlichen Satelliten ins All geschossen und dann den ersten Mann. Die USA hingegen lagen technologisch zurück, also haben sie sich daran gemacht, die anderen zu schlagen.« »Und, hat's geklappt?« »Oh ja. Den Sowjets ist es nie gelungen, jemanden zum Mond zu schicken. Aber, nun ja, sobald wir die Sowjets geschlagen hatten, hat die Öffentlichkeit das Interesse an der Sache verloren.« »Das ist lächerlich ...«, setzte Ponter an, hielt dann jedoch inne. »Nein, ich muss mich entschuldigen. Zum Mond zu gehen ist eine großartige Leistung, und ob ihr es einmal oder eintausend Mal getan habt, es ist nach wie vor lobenswert.« Er hielt inne. »Vermutlich ist das einfach eine Frage unterschiedlicher Prioritäten.« 127
KAPITEL FUNFUNDDREISSIG Auf der Suche nach etwas Essbarem gingen Mary und Ponter nach unten. Sie hatten gerade die Küche betreten, als Reuben Montego und Louise Benoit aus dem Souterrain nach oben kamen. Reuben grinste Ponter an. »Noch was vom Grill?« Ponter erwiderte das Lächeln. »Bitte. Aber ich muss dir helfen dürfen.« »Ich werd's dir zeigen«, sagte Louise. Sie tätschelte Ponter den Unterarm. »Komm schon, mein großer Junge!« Plötzlich ertappte sich Mary bei einem Einwand: »Ich habe gedacht, Sie seien Vegetarierin.« »Bin ich auch«, meinte Louise. »Seit fünf Jahren jetzt. Aber ich verstehe was vom Grillen.« Mary verspürte den Drang mitzugehen, als Ponter und Louise durch die gläserne Schiebetür auf die Veranda traten. Aber ... aber ... nein, das war dumm. Louise schob die Tür hinter sich zu, so dass die kühle Luft im Haus blieb. Reuben räumte den Küchentisch ab und fragte mit verstellter Stimme, wie eine keifende Mutter: »Worüber habt ihr beiden Kinder denn zu tuscheln gehabt?« Mary sah noch immer zu Louise hinaus, die lachte und das Haar zurückwarf, während sie erklärte, wie der Grill funktionierte - und zu Ponter, der ihr an den Lippen hing. »Also, zumeist über Religion«, antwortete sie. Sofort klang Reubens Stimme wieder normal. »Wirklich?« »Ja«, sagte Mary und zwang sich, Reuben anzuschauen. »Oder, genauer gesagt, über das Fehlen von Religion bei den Neanderthalern.« »Aber ich habe geglaubt, Neanderthaler hätten eine Religion gehabt«, meinte Reuben, der gerade einige weiße 127
Teller aus einem Hängeschrank holte. »Der Kult des Höhlenbären und so.« Mary schüttelte den Kopf. »Sie haben veraltete Bücher gelesen, Reuben. Das nimmt heutzutage keiner mehr ernst.« »Wirklich?« »Ja. Oh, in einer der Höhlen, die von Neanderthalern bewohnt waren, hat man wirklich einige Schädel von Höhlenbären gefunden. Aber wie es jetzt aussieht, sind die Bären schlicht in der Höhle gestorben, vermutlich während des Winterschlafs, und die Neanderthaler sind hinterher eingezogen.« »Aber waren die Schädel nicht in Mustern arrangiert?« »Nun ja«, entgegnete Mary, während sie sich eine Hand voll Besteck griff und neben die Teller legte, »der Mensch, der sie als Erster gefunden hatte, behauptete, dass sie sich in einer steinernen Krippe oder einem Steinsarg befunden hätten. Allerdings widersprechen sich die beiden einzigen von dem Archäologen - einem Mann namens Bächler -angefertigten Skizzen völlig. Nein, anscheinend hat Bächler einfach nur das gesehen, was er sehen wollte.«
»Oh«, meinte Reuben, der jetzt im Kühlschrank nach den Dingen kramte, die zur Salatherstellung nötig waren. »Aber was ist damit, dass Neanderthaler ihre Toten mit Sachen begruben, die die lieben Entschlafenen im nächsten Leben benötigen könnten? Das sind doch bestimmt Hinweise auf eine Religion.« »Klar, das wären sie«, versicherte Mary, »wenn Neanderthaler das wirklich getan hätten. Aber an Orten, die von mehreren Generationen bewohnt werden, sammelt sich eben Müll an: Knochen, alte Steinwerkzeuge und so weiter. Die wenigen Beispiele, die wir für Grabbeigaben bei Neanderthalern besitzen, erwiesen sich als Dinge, die rein zufällig mit dem Leichnam begraben worden waren.« Reuben zupfte jetzt Blätter von einem Eisbergsalat ab. »Aha, aber impliziert ein Begräbnis nicht schon an und für sich einen Glauben an ein Weiterleben?« 128 Mary schaute sich nach etwas anderem um, bei dem sie helfen konnte, doch gab es wohl wirklich nichts mehr zu tun. »Vielleicht«, meinte sie, »oder es ist lediglich das Bedürfnis, alles sauber halten zu wollen. Viele Leichname von Neanderthalern fand man fest eingewickelt in Fötushaltung. Das konnte eine Zeremonie gewesen sein, oder es war eben bloß der Wunsch des armen Kerls, der die Gräber auszuheben hatte, das Loch so klein wie möglich zu machen. Leichen ziehen schließlich Aasfresser an, und sie fangen an zu stinken, wenn man sie in der Sonne liegen lässt.« Reuben hobelte jetzt den Sellerie. »Aber ... aber ich habe gelesen, dass die Neanderthaler, nun ja, die ersten Blumenkinder gewesen sein sollen.« Mary lachte. »Ja, sicher. Die Shanidar-Höhle im Irak - wo man Neanderthaler-Leichname fand, die mit fossilen Blütenpollen bedeckt waren.« »Genau«, sagte Reuben nickend. »Als hätte man sie mit Blumenkränzen bestattet.« »Tut mir Leid, aber das ist ebenfalls ins Reich der Fabel verwiesen worden. Die Pollen sind einfach nur zufällig ins Grab gedrungen, durch Nagetiere oder das Grundwasser, das durch die Sedimentschicht sickerte.« »Aber - Moment mal! Was ist mit der Neanderthaler-Flöte? Das ging um die ganze Welt!« »Ja.« Mary lachte. »Die hat Iwan Türk in Slowenien gefunden: ein ausgehöhlter Bärenknochen mit vier Löchern.« »Stimmt, stimmt. Eine Flöte! Die wurde bestimmt bei religiösen Zeremonien verwendet.« »Ich fürchte, nein«, sagte Mary und lehnte sich jetzt an den großen Kühlschrank. »Wie sich herausstellte, war die angebliche Flöte gar keine - bloß ein Knochen, den ein Raubtier benagt hatte, vielleicht ein Wolf. Und ja, wie bei Zeitungen üblich, hat diese Enthüllung keine Schlagzeilen gemacht.« »Allerdings nicht. Davon höre ich jetzt zum ersten Mal.« »Ich war auf der Konferenz der Paläontologischen Gesell 128
schaft in Seattle 1998, als Nowell und Chase ihren Artikel vorgestellt haben, der die Flöte ins Reich der Fabel verweist.« Mary hielt inne. »Nein, es sieht wohl ganz so aus, als besäßen Neanderthaler - zumindest auf dieser Erde - nichts, was wir Religion nennen würden, oder auch nur Kultur. Oh, einige der allerletzten Exemplare haben offensichtlich andere Produktionstechniken angewandt, aber die meisten Paläoanthropologen sind der Ansicht, dass sie lediglich die Cro-Magnons nachahmten, die in der Nähe lebten; Cro-Magnons waren zweifellos unsere direkten Vorfahren.« »Wo wir gerade von Cromagnons sprechen«, warf Reuben ein. »Was ist mit einer Vermischung zwischen Neanderthalern und Cromagnons? Habe ich nicht davon gelesen, dass die Fossilien eines Mischlingskindes so um, öh, vielleicht 1998 herum aufgefunden wurden?« »Ja, Erik Trinkaus hält große Stücke auf dieses Exemplar. Es stammt aus Portugal. Aber sehen Sie, er ist physikalischer Anthropologe, und ich bin Genetikerin. Er geht von dem Skelett eines
Kindes aus, das in seinen Augen Mischlings-Charakteristika zeigt. Aber er hat keinen Schädel und der Schädel ist das einzig wahre charakteristische Merkmal eines Neanderthalers. Auf mich wirkt das Skelett wie ein stämmiges Kind.« »Hmmm«, räusperte sich Reuben. »Wissen Sie, ich habe Knaben gesehen, die wie Ponter ausgesehen haben, von den Gesichtszügen her, nicht von der Hautfarbe. Einige Osteuropäer beispielsweise haben große Nasen und hervorstehende Uberaugenwülste. Wollen Sie behaupten, dass diese Knaben keine Neanderthaler-Gene in sich tragen?« Mary zuckte mit den Achseln. »Ich kenne einige Paläoanthropologen, die so argumentieren würden. Aber in Wahrheit sind sich die Fachleute immer noch uneins, ob sich unsere Art und Neanderthaler je hätten vermischen können.« »Naja«, meinte Reuben, »wenn Sie weiterhin so viel Zeit mit Ponter verbringen, werden Sie uns das eines Tages noch beantworten können.« 129 Reuben stand dicht genug neben ihr, dass sie ihn mit der offenen Handfläche auf den Arm schlagen konnte. »Hören Sie auf damit!«, sagte sie. Sie sah ins Wohnzimmer hinüber, so dass Reuben das Grinsen nicht erkennen konnte, das auf ihrem Gesicht aufflammte. Gegen Mittag tauchte Jasmel Ket in Adikors Haus auf. Er war überrascht, aber erfreut, sie zu sehen. »Gesunder Tag!«, begrüßte er sie. »Dir auch«, entgegnete Jasmel und beugte sich hinab, um Pabo den Kopf zu kraulen. »Möchtest du etwas essen?«, fragte Adikor. »Fleisch? Saft?« »Nein, vielen Dank«, sagte Jasmel. »Aber ich habe weiter in den Gesetzbüchern gelesen. Hast du mal eine Gegenklage in Betracht gezogen?« »Eine Gegenklage?«, wiederholte Adikor. »Gegen wen?« »Daklar Bolbay.« Adikor bat Jasmel ins Wohnzimmer. Er nahm einen Sessel, sie einen anderen. »Worauf sollte die Anklage beruhen?«, wollte Adikor wissen. »Sie hat mir nichts getan.« »Sie hat sich in deine Trauer um den Verlust deines Lebensgefährten eingemischt...« »Ja«, meinte Adikor. »Aber das ist bestimmt kein Verbrechen.« »Nein?«, fragte Jasmel. »Was sagt denn der Kodex der Zivilisation über die Störung des Lebens eines anderen?« »Es sagt vieles«, murmelte Adikor. »Der Teil, an den ich denke, ist der: >Schikanöse Handlungen gegen eine andere Person können nicht gut geheißen werden; die Zivilisation funktioniert, weil wir ihre Macht über das Individuum nur in unerhörten Fällen anrufen«.« »Nun gut, sie hat mich des Mordes angeklagt. Es gibt kein unerhörteres Verbrechen.« »Aber sie hat keinen echten Beweis gegen dich«, entgegnete Jasmel. »Das macht ihre Tat schikanös - oder 129 zumindest könnte das in den Augen einer Untersuchungsrichterin so aussehen.« Adikor schüttelte den Kopf. »Ich kann mir nicht vorstellen, dass sich Sard von diesem Argument beeindrucken lässt.« »Sard kann die Gegenklage nicht anhören; so lautet das Gesetz. Du müsstest vor einer anderen Untersuchungsrich-terin sprechen.« »Wirklich? Vielleicht ist es den Versuch wert. Aber ... aber ich wollte diese Sache nicht auch noch in die Länge ziehen. Ich will sie hinter mich bringen, diese verdammte juristische Überwachung aufheben, damit ich wieder runter ins Labor kann.« »Oh, ich finde auch, du solltest nicht wirklich Gegenklage erheben. Aber die Andeutung, dass du es vielleicht tätest, könnte dir möglicherweise bei der Beantwortung deiner Frage helfen.« »Meiner Frage? Welcher Frage?« »Weshalb dich Daklar so verfolgt.« »Weißt du den Grund?«, fragte Adikor.
Jasmel schaute zu Boden. »Ich hab's nicht gewusst, bis heute nicht, aber ...« »Aber was?« »Es steht mir nicht zu, es dir zu sagen. Wenn du es überhaupt hören willst, muss es dir Daklar selbst sagen.« 130
KAPITEL SECHSUNDDREISSIG Reuben, Louise, Ponter und Mary saßen um den Tisch in Reubens Küche. Aller außer Louise hatten Hamburger; Louise begnügte sich mit einer Salatplatte. Anscheinend aßen die Leute in Ponters Welt mit Handschuhen. Ponter benutzte kein Besteck, aber der Hamburger war offenbar ein guter Kompromiss. Er aß das Brötchen nicht, sondern drückte stattdessen ständig das Fleisch heraus und biss den aus den Brötchenhälften hervorstehenden Teil ab. »Also, Ponter«, plauderte Louise los, »lebst du allein? In deiner Welt, meine ich.« Ponter schüttelte den Kopf. »Nein. Ich habe mit Adikor zusammengelebt.« »Adikor«, wiederholte Mary. »Ich habe gedacht, er sei dein Arbeitskollege?« »Stimmt«, antwortete Ponter. »Aber er ist auch mein Partner.« »Dein Geschäftspartner, meinst du«, sagte Mary. »Naja, das auch, vermutlich. Aber er ist mein >Partner<. Das ist das Wort, das wir benutzen. Wir teilen ein Haus.« »Aha«, sagte Mary. »Ein Zimmergenosse.« »Ja.« »Ihr teilt die Haushaltskasse und die Pflichten.« »Ja. Und die Mahlzeiten, das Bett und ...« Mary war wütend auf sich, weil ihr Herz so ins Stolpern geriet. Sie kannte viele Homosexuelle; nur keinen, der von jenseits eines transdimensionalen Portals kam. »Du bist schwul!«, staunte Louise. »Cool!« »Eigentlich war ich zu Hause glücklicher«, meinte Ponter. »Nein, nein, nein!«, sagte Louise. »Nicht glücklich. Schwul. Homosexuell.« Piep. »Wenn man sexuelle Beziehungen zum eigenen Geschlecht hat: Männer, die Sex mit 130
anderen Männern haben, oder Frauen, die Sex mit anderen Frauen haben.« Ponter wirkte verwirrter denn je. »Es ist unmöglich, Sex mit einem Mitglied des eigenen Geschlechts zu haben. Sex ist der Akt möglicher Fortpflanzung und erfordert einen Mann und eine Frau.« »Naja, also gut, nicht Sex wie beim Geschlechtsverkehr«, meinte Louise. »Sex als intimer Kontakt, wie bei der - du weißt schon -, äh, leidenschaftlichen Berührung der ... der Genitalien.« »Oh«, sagte Ponter. »Ja, Adikor und ich haben das getan.« »Das nennen wir homosexuell«, warf Reuben ein. »Kontakt nur mit Mitgliedern des eigenen Geschlechts haben.« »Nur?«, fragte Ponter überrascht. »Du meinst exklusiv? Nein, nein, nein! Adikor und ich leisteten einander Gesellschaft, wenn die Zwei getrennt waren, aber wenn die Zwei Eins wurden, hatten wir natürlich - wie hast du das genannt, Lou? - deidenschaftliche Berührung der Genitalien< mit unseren jeweiligen Frauen ... oder, zumindest hatte ich das bis zu Klasts Tod. Sie war meine Lebensgefährtin.« »Aha«, sagte Mary. »Du bist bisexuell.« Piep. »Du hast genitalen Kontakt mit Männern und Frauen.« »Ja.« »Ist das jeder in eurer Welt?«, fragte Louise und spießte mit ihrer Gabel etwas Salat auf. »Bisexuell?« »Mehr oder weniger.« Ponter blinzelte, da er endlich verstand. »Du willst sagen, hier ist es anders?«
»Oh, ja«, sagte Reuben. »Also, bei den meisten Leuten jedenfalls. Ich meine, natürlich, es gibt ein paar bisexuelle Menschen, und jede Menge Homosexuelle. Aber die überwältigende Mehrzahl ist heterosexuell. Was bedeutet, sie haben leidenschaftlichen Kontakt lediglich mit Mitgliedern des anderen Geschlechts.« »Wie langweilig«, meinte Ponter. Louise musste tatsächlich kichern. Dann riss sie sich zusammen und fragte: »Hast du denn Kinder?« 131 »Zwei Töchter«, erwiderte Ponter nickend. »Jasmel und Megameg.« »Hübsche Namen«, sagte Louise. Ponter sah traurig aus. Offensichtlich dachte er an sie und daran, ob er sie je wiedersehen würde. Reuben erkannte das ebenfalls und versuchte, dem Gespräch eine andere Richtung zu geben. »Nun, öh, was ist denn dieses >Zwei wird Eins<, das du erwähnt hast? Worum geht's da eigentlich?« »Na ja, auf meiner Welt leben Männer und Frauen zumeist getrennt, daher ...« »Binford!«, rief Mary aus. »Nein, das stimmt«, sagte Ponter. »Das war kein Schimpfwort«, erklärte Mary. »Das ist der Name eines Mannes. Lewis Binford ist ein Anthropologe, der das Gleiche behauptet: Dass bei den Neanderthalern Männer und Frauen auf dieser Erde größtenteils getrennt voneinander gelebt haben. Er begründet das mit der Fundstelle in Combe Grenal in Frankreich.« »Er hat Recht«, sagte Ponter. »Frauen leben im Zentrum unserer Gebiete, Männer an den Rändern. Aber einmal pro Monat gehen wir Männer ins Zentrum und verbringen vier Tage mit den Frauen. Wir sagen, >Zwei wird Eins< während dieser Zeit.« »Paaarty!«, meinte Louise grinsend. »Faszinierend«, sagte Mary. »Es ist notwendig. Wir produzieren nicht so wie ihr Nahrungsmittel, also muss die Bevölkerungszahl im Blick behalten werden.« Reuben runzelte die Stirn. »Also dient diese Zwei-wird-Eins-Sache der Geburtenkontrolle?« Ponter nickte. »Zum Teil. Der Hohe Graue Rat - die Regierung der Altesten - legt die Daten fest, an denen wir zusammenkommen, und Zwei wird normalerweise Eins, wenn die Frauen nicht empfängnisbereit sind. Aber wenn es an der Zeit für eine neue Generation ist, werden die 131
Daten geändert, und wir können zusammenkommen, wenn die Frauen am fruchtbarsten sind.« »Mein Gott!«, sagte Mary. »Ein ganzer Planet lebt nach der Knaus-Ogino-Methode. Da hättet ihr aber beim Papst einen Stein im Brett! Aber - aber wie kann das funktionieren? Ich meine, eure Frauen haben doch bestimmt nicht alle gleichzeitig ihre Periode - ihre Menstruation?« Ponter wirkte überrascht. »Natürlich!« »Wie kann das - oh, warte mal, ich verstehe.« Mary lächelte. »Deine Nase da: Die ist sehr sensibel, nicht wahr?« »Ich finde nicht.« »Aber sie ist es - verglichen mit unseren, meine ich. Verglichen mit den Nasen, die wir haben.« »Nun gut, eure Nasen sind sehr klein«, meinte Ponter. »Sie sind, öh, ein ziemlich beunruhigender Anblick. Ich habe immer das Gefühl, ihr würdet ersticken - obwohl mir aufgefallen ist, dass viele von euch durch den Mund atmen, wahrscheinlich, damit genau das nicht passiert.« »Wir haben stets vermutet, dass sich die Neanderthaler den eiszeitlichen Bedingungen angepasst haben«, sagte Mary. »Wir sind eigentlich bloß davon ausgegangen, dass eure großen Nasen dazu da waren, die eisige Luft zu befeuchten, bevor ihr sie eingeatmet habt.« »Unsere - die Wissenschaftler, die vorzeitliche Menschen studieren - glauben dasselbe«, meinte Ponter.
»Obwohl sich das Klima seitdem beträchtlich erwärmt hat«, fuhr Mary fort. »Sie existieren immer noch. Vielleicht, weil das den günstigen Nebeneffekt hatte, einen besseren Geruchssinn zu besitzen.« »Wirklich?«, fragte Ponter. »Ich meine, ich kann euch alle riechen, dazu die verschiedenen Nahrungsmittel in der Küche und die Blumen draußen hinterm Haus und was Reuben und Lou unten an Atzendem verbrannt haben, aber ...« »Ponter«, sagte Reuben rasch, »wir können dich überhaupt nicht riechen.« 132
»Wirklich nicht?« »Nein. Oh, wenn ich meine Nase direkt in deine Achselhöhle stecken würde, könnte ich vielleicht was riechen. Aber wir Menschen können normalerweise einander nicht riechen.« »Wie findet ihr euch dann im Dunkeln?« »Durch die Stimme«, sagte Mary. »Sehr merkwürdig«, meinte Ponter. »Aber du kannst mehr, als bloß die Gegenwart einer Person erkennen, nicht wahr?«, erkundigte sich Mary. »Damals, als du mich angesehen hast. Du konntest ...« Sie schluckte, doch, na ja, Louise war eine Frau und Reuben Arzt. »Du konntest riechen, dass ich meine Periode hatte, nicht wahr?« »Ja.« Mary nickte. »Es ist bei allen Frauen wie Louise und mir so: Wenn wir lange genug im selben Haus zusammenleben, können sich unsere Zyklen angleichen - und wir haben einen lausigen Geruchssinn. Vermutlich ist es sinnvoll, dass ganze Städte eurer Frauen denselben Zyklus haben.« »Mir ist nie der Gedanke gekommen, dass es anders sein könnte«, sagte Ponter. »Ich hielt es für merkwürdig, dass du menstruiert hast und Lou nicht.« Louise runzelte die Stirn, schwieg jedoch. »Hört mal«, meinte Reuben, »möchte jemand noch etwas? Ponter, noch eine Cola?« »Ja«, entgegnete Ponter. »Vielen Dank.« Reuben stand auf. »Du weißt, dass in dem Zeug Koffein drin ist?«, fragte Mary. »Macht süchtig.« »Keine Sorge«, antwortete Ponter, »ich trinke bloß sieben oder acht Dosen pro Tag.« Louise lachte und widmete sich wieder ihrem Salat. Mary nahm einen weiteren Bissen ihres Hamburgers und zerdrückte Zwiebelringe zwischen den Zähnen. »Warte mal«, sagte sie, sobald sie geschluckt hatte. »Das bedeutet, eure Frauen haben keinen heimlichen Eisprung.« 132 »Naja, man kann ihn nicht sehen«, sagte Ponter. »Gut, aber ... nun, du weißt schon, ich habe mal ein Seminar beim Women's Studies Department abgehalten: die Biologie der dominant-devoten Beziehung. Wir haben vermutet, dass heimlicher Eisprung der Schlüssel dafür war, dass Frauen ständig von Männern beschützt und versorgt wurden. Du weißt schon: Wenn du nicht sagen kannst, wann deine Frau fruchtbar ist, bist du besser die ganze Zeit über wachsam, damit dir niemand Hörner aufsetzt.« Hak piepste. »Hörner aufsetzen«, wiederholte Mary. »Das sagt man, wenn ein Mann seine Energie für die Versorgung von Kindern einsetzt, die biologisch nicht die seinen sind. Aber mit heimlichem Eisprung ...« Ponters Gelächter war unüberhörbar. Dank des gewaltigen Brustkastens und der großen Mundhöhle war es tief und dröhnend. Mary und Louise sahen ihn erstaunt an. »Was ist daran so komisch?«, fragte Reuben und stellte eine weitere Cola-Dose vor Ponter.
Ponter hielt eine Hand hoch. Er versuchte innezuhalten, aber es gelang ihm nicht. Tränen liefen ihm in die Winkel der tief liegenden Augen, und seine normalerweise blasse Haut war gerötet. Mary, die noch immer am Tisch saß, stützte die Hände in die Hüften - doch ihre Körpersprache war ihr sogleich peinlich; Hände auf den Hüften machten größer und sollten Furcht erregend wirken. Aber Ponter war um so vieles stämmiger und muskulöser als jede Frau - oder fast jeder Mann -, dass die Geste einfach nur lächerlich wirkte. Dennoch wollte sie wissen: »Und, nun?« »Es tut mir Leid«, entschuldigte sich Ponter, der allmählich seine Beherrschung zurückgewann. Mit den langen Daumen wischte er sich die Tränen aus den Augen. »Es ist nur so, dass ihr manchmal sehr lächerliche Vorstellungen habt.« Er grinste. »Als du von heimlichem Eisprung geredet 133 hast, wolltest du damit ausdrücken, dass menschliche Frauen keine genitalen Schwellungen aufzuweisen haben, wenn sie in Hitze sind, nicht wahr?« Mary nickte. »Bei Schimpansen und Bonobos ist das so, ebenfalls bei Gorillas und den meisten anderen Primaten.« »Aber solche Schwellungen gingen nicht zurück, um ihren Eisprung zu verbergen«, sagte Ponter. »Genitale Schwellungen verschwanden, als sie kein effektives Signal mehr darstellten. Sie verschwanden, als das Klima kälter wurde und die Menschen Kleidung trugen. Diese visuelle Zur-Schau-Stellung, bei der Flüssigkeit in Gewebe einschießt, ist sehr energieintensiv. Sie wurde wertlos, als wir unsere Körper mit Tierfellen bedeckten. Für mein Volk war der Eisprung jedoch weiterhin anhand des Geruchs festzustellen.« »Du kannst den Eisprung ebenso wie die Menstruation riechen?«, fragte Reuben. »Die damit verbundenen ... Chemikalien ...ja.« »Pheromone«, verbesserte Reuben. Mary nickte langsam. »Und daher«, sagte sie, ebenso zu Ponter wie zu sich selbst, »konnten die Männer wochenlang davonziehen, ohne sich darum Sorgen machen zu müssen, dass ihre Frauen von jemand anderem schwanger wurden.« »Stimmt genau«, sagte Ponter. »Aber es ist noch mehr dran.« »Ja?«, fragte Mary. »Der Grund dafür, dass unsere männlichen Vorfahren -ich glaube, ihr habt die gleiche Metapher >in die Berge gegangen sind<, lag im unerfreulichen Verhalten während der Letzten Fünf.« »Die Letzten Fünf?«, fragte Louise. »Die letzten fünf Tage des Monats; die Zeit, die kurz vor dem Beginn ihrer Periode liegt.« »Oh«, meinte Reuben. »PMS, Prämenstruelles Syndrom.« »Ja«, erwiderte Ponter. »Aber das ist natürlich nicht der wahre Grund.« Er zuckte ein wenig mit den Achseln. »Meine Tochter Jasmel studiert Vor-Generation-Eins-Geschichte; sie 133
hat es mir erklärt. Was wirklich geschah, war, dass Männer ständig um den Zugang zu Frauen gekämpft haben. Aber wie Mare bemerkte, Zugang zu Frauen ist evolutionär nur notwendig, wenn sie schwanger werden können. Da die Zyklen aller Frauen gleichgeschaltet waren, sind die Männer für den Rest des Monats besser zurechtgekommen, wenn sie sich von den Frauen zurückzogen und erst zurückkehrten, wenn es für die Fortpflanzung unabdingbar war. Es war nicht weibliche Gereiztheit, die zu dieser Aufteilung geführt hat, es war männliche Gewalt.« Mary nickte. Es war Jahre her, seitdem sie Co-Dozentin bei diesem Seminar über dominant-devote Beziehungen gewesen war, doch kam es ihr durch und durch typisch vor: Männer verursachten Probleme und gaben den Frauen dafür die Schuld. Mary bezweifelte, je einer Frau aus Ponters Welt zu begegnen, aber in diesem Augenblick verspürte sie echte Zuneigung zu ihren Neanderthaler-Schwestern. 133
KAPITEL SIEBENUNDDREISSIG »Gesunder Tag«, sagte Jasmel, als sie durch die Tür kam. Obwohl Jasmel Ket und Daklar Bolbay nach wie vor ein Haus miteinander teilten, hatten sie seit dem Dooslarm Basadlarm kaum ein Wort miteinander gewechselt. »Gesunder Tag«, wiederholte Bolbay kalt. »Wenn du ...« Sie blähte die Nasenflügel. »Du bist nicht allein.« Auch Adikor betrat das Haus. »Gesunder Tag«, sagte er. Bolbay sah Jasmel an. »Weiterer Verrat, mein Kind?« »Es ist kein Verrat«, antwortete Jasmel. »Es ist Sorge - um dich und um meinen Vater.« »Was willst du von mir?«, fragte Bolbay und betrachtete Adikor mit zusammengekniffenen Augen. »Die Wahrheit«, sagte er. »Einfach bloß die Wahrheit.« »WTo rüber?« »Über dich. Weshalb du mich so verfolgst.« »Nicht ich bin Objekt der Untersuchung«, sagte Bolbay. »Nein«, stimmte Adikor zu. »Noch nicht. Aber das kann sich ändern.« »Wovon redest du eigentlich?« »Ich bin bereit, dir meinerseits Anklageschriften zukommen zu lassen«, erwiderte Adikor. »Auf welcher Grundlage?« »Auf der Grundlage dessen, dass du dich unrechtmäßig in mein Leben einmischst.« »Das ist lächerlich!« »Wirklich?« Adikor zuckte mit den Achseln. »Naja, dann lassen wir das doch einen Untersuchungsrichter entscheiden.« »Das ist ein durchsichtiger Versuch, den Prozess hinauszuzögern, der zu deiner Sterilisation führen wird«, meinte Bolbay. »Das kann jeder erkennen.« »Wenn es so ist - wenn es so durchsichtig ist, so faden 134
scheinig - dann wird ein Untersuchungsrichter die Angelegenheit zurückweisen ... aber nicht, bevor ich eine Gelegenheit hatte, dich zu befragen.« »Mich zu befragen? Worüber?« »Über deine Motive. Weshalb du mir das antust.« Bolbay sah Jasmel an. »Das war deine Idee, nicht wahr?« »Es war auch meine Idee«, antwortete Jasmel, »dass wir zunächst herkommen sollten, bevor Adikor mit dem Anklageverfahren weitermacht. Dies ist eine Familienangelegenheit: Du, Daklar, warst die Lebensgefährtin meiner Mutter, und Adikor hier ist der Lebensgefährte meines Vaters. Du hast viel durchgemacht, Daklar - das haben wir alle -, weil du meine Mutter verloren hast.« »Das hat nichts mit Klast zu tun!«, fauchte Bolbay. »Nichts!« Sie sah Adikor an. »Es geht um ihn.« »Warum?«, fragte Adikor. »Warum geht es um mich?« Erneut schüttelte Bolbay den Kopf. »Wir haben nichts miteinander zu besprechen.« »Doch, haben wir«, sagte Adikor. »Und entweder beantwortest du meine Frage gleich hier, oder du beantwortest sie vor einem Untersuchungsrichter. Aber beantworten wirst du sie.« »Du bluffst!«, meinte Bolbay. Adikor hob den linken Arm, das Handgelenk ihr zugewandt. »Ist dein Name Daklar Bolbay und wohnst du hier im Zentrum von Saldak?« »Ich werde von dir keinerlei Anklageschriften annehmen.« »Du schiebst lediglich das Unausweichliche hinaus«, meinte Adikor. »Ich werde mich eines juristischen Servers bedienen, der die Daten automatisch an dein Implantat überträgt.« Ein kurzes Innehalten. »Ich frage erneut: Bist du Daklar Bolbay und wohnst du hier im Zentrum von Saldak?«
»Du würdest das wirklich tun?«, fragte Bolbay. »Du würdest mich wirklich vor einen Untersuchungsrichter schleifen?« 135 »Wie du mich vor eine Untersuchungsrichterin geschleift hast«, erwiderte Adikor. »Bitte«, sagte Jasmel. »Sag's ihm doch einfach! Es ist besser so - besser für dich.« Adikor verschränkte die Arme vor der Brust. »Nun?« »Ich habe nichts zu sagen«, entgegnete Bolbay. Jasmel stieß einen langen, tiefen Seufzer aus. »Frage sie«, sagte sie dann, »nach ihrem Lebensgefährten.« »Davon weißt du doch überhaupt nichts!«, fauchte Bolbay. »Nein?«, erwiderte Jasmel. »Woher hast du erfahren, dass Adikor derjenige gewesen war, der meinen Vater geschlagen hat?« Bolbay schwieg. »Das hat dir offensichtlich Klast erzählt«, sagte Jasmel. »Klast war meine Lebensgefährtin«, meinte Bolbay trotzig. »Sie hatte vor mir keine Geheimnisse.« »Und sie war meine Mutter«, sagte Jasmel. »Sie hatte auch vor mir keine Geheimnisse.« »Aber ... sie ... ich ...« Bolbays Stimme erstarb. »Erzähle mir alles über deinen Lebensgefährten!«, forderte Adikor sie auf. »Ich - ich habe ihn nicht einmal kennen gelernt, nicht wahr?« Langsam schüttelte Bolbay den Kopf. »Nein. Er ist schon lange verschwunden; wir haben uns vor langer Zeit getrennt.« »Und deshalb hast du keine eigenen Kinder?«, fragte Adikor sanft. »Du bist so selbstgefällig«, entgegnete Bolbay. »Du glaubst, das ist so einfach? Ich konnte keinen Lebensgefährten halten, und daher habe ich mich nie fortgepflanzt? Denkst du etwa das?« »Ich denke gar nichts«, meinte Adikor. »Ich wäre eine gute Mutter gewesen«, sagte Bolbay, ebenso zu sich selbst wie zu Adikor. »Fragjasmel. Frag Megameg. Seit Klasts Tod habe ich mich wunderbar um sie gekümmert. Nicht wahr, Jasmel? Stimmt das nicht?« 135 Jasmel nickte. »Aber du bist eine 145erin, so wie Ponter und Klast. So wie Adikor. Du könntest vielleicht noch ein eigenes Kind haben. Im kommenden Jahr werden die Daten für das Zwei wird Eins wieder verschoben; du könntest ...« Adikors Brauen rollten nach oben. »Es wäre deine letzte Chance, nicht wahr? Du wirst im kommenden Jahr 490 Monate alt sein - vierzig Jahre -, so wie ich. Du könntest dann ein Kind empfangen, als Teil von Generation 149, aber bestimmt nicht zehn Jahre später, wenn Generation 150 empfangen wird.« Aus Bolbays Stimme tönte der blanke Hohn. »Hast du deinen tollen Quantencomputer benötigt, um das rauszukriegen?« »Und Ponter«, sagte Adikor langsam nickend, »Ponter war ohne Lebensgefährtin. Du und er, ihr habt dieselbe Frau geliebt, und du warst bereits Tabant für seine beiden Kinder, also hast du gedacht...« »Du und mein Vater?«, fragte Jasmel. Sie hörte sich nicht schockiert an, lediglich überrascht. »Warum nicht?«, fragte Bolbay trotzig. »Ich kenne ihn schon fast so lange wie du, Adikor, und er und ich sind stets gut miteinander ausgekommen.« »Aber er ist jetzt auch verschwunden«, sagte Adikor. »Das war meine erste Überlegung. Du warst einfach untröstlich über seinen Verlust und hast mir die Zähne gezeigt. Aber du musst einsehen, Daklar, dass das nicht richtig ist. Ich habe Ponter geliebt und hätte mich bestimmt nicht eingemischt, wenn er sich eine neue Lebensgefährtin gesucht hätte, also ...«
»Das hat nichts damit zu tun«, fiel Bolbay kopfschüttelnd ein. »Nichts.« »Warum hasst du mich dann?« »Ich hasse dich nicht wegen dem, was Ponter zugestoßen ist«, sagte sie. »Aber du hasst mich.« 136 Bolbay schwieg. Jasmel blickte zu Boden. »Warum?«, fragte Adikor. »Ich habe dir nie etwas angetan.« »Du hast Ponter geschlagen«, fauchte Bolbay. »Vorjahren. Und er hat mir verziehen.« »Und so bist du unversehrt geblieben«, sagte sie. »Du hast eigene Kinder. Du bist davongekommen.« »Mit was?« »Mit deinem Verbrechen! Mit deinem Mordversuch an Ponter!« »Es war kein Mordversuch!« »Du warst ein Gewalttäter, ein Ungeheuer. Du hättest sterilisiert werden müssen. Aber mein Pelbon ...« »Wer ist Pelbon?«, fragte Adikor irritiert. Erneut schwieg Bolbay. »Ihr Lebensgefährte«, warf Jasmel leise ein. »Was ist mit Pelbon passiert?«, fragte Adikor. »Du weißt nicht, wie das ist«, sagte Bolbay und sah beiseite. »Du hast keine Ahnung. Du wachst eines Morgens auf und entdeckst, dass zwei Vollstrecker auf dich warten, und sie bringen deinen Lebensgefährten weg und ...« »Und was?«, fragte Adikor. »Und sie kastrieren ihn!«, sagte Bolbay. »Warum?«, fragte Adikor. »Was hat er getan?« »Er hat nichts getan!«, erwiderte Bolbay. »Er hat nicht das Geringste getan.« »Warum dann ...«, setzte Adikor an. Aber dann traf es ihn wie ein Schlag. »Oh! Einer seiner Verwandten ...« Bolbay nickte, wich jedoch Adikors Blick aus. »Sein Bruder hat jemanden ermordet, und daher wurde angeordnet, seinen Bruder zusammen mit ihm zu sterilisieren ...« »Und zusammen mit jedem, der fünfzig Prozent seines genetischen Materials mit ihm teilte«, beendete Adikor. »Er hat überhaupt nichts getan, mein Pelbon«, sagte Bolbay. »Er hat niemandem etwas getan, und er ist bestraft worden. Ich bin bestraft worden. Aber du! Du hast beinahe einen Mann getötet, und du bist davongekommen! 136 Sie hätten dich kastrieren sollen, nicht meinen armen Pelbon!« »Daklar«, sagte Adikor. »Das tut mir Leid. Das tut mir so Leid ...« »Verschwinde!«, sagte Bolbay fest. »Lass mich einfach in Ruhe.« »Ich ...« »Raus!« 136
KAPITEL ACHTUNDDREISSIG Ponter aß den letzten Rest seines Hamburgers und sah dann nacheinander Louise, Reuben und Mary an. »Ich möchte mich ja nicht beklagen«, sagte er, »aber ich bin das hier allmählich Leid diese Kuh. Besteht die Möglichkeit, dass wir die Leute draußen bitten, uns für heute Abend etwas anderes zu liefern?« »Was zum Beispiel?«, fragte Reuben. »Oh, alles«, erwiderte Ponter. »Vielleicht einige Mammutsteaks.« »Was?«, fragte Reuben. »Mammut?«, fragte Mary verblüfft. »Ubersetzt Hak nicht richtig, was ich sage?«, meinte Ponter. »Mammut. Ihr wisst schon - ein haariger Elefant aus den nördlichen Klimazonen.« »Ja, ja, ja!«, sagte Mary. »Wir wissen, was ein Mammut ist, aber ...« »Aber was?«, fragte Ponter mit gehobenen Brauen. »Aber, na ja, ich meine ... Mammute sind ausgestorben«, erklärte Mary.
»Ausgestorben?«, wiederholte Ponter überrascht. »Wenn ich es recht bedenke, habe ich hier keine gesehen. Wisst ihr, ich habe einfach nur vermutet, dass sie sich von einer so gewaltigen Stadt fern halten.« »Nein, nein, sie sind ausgestorben«, beteuerte Louise. »In der ganzen Welt. Sie sind seit Tausenden von Jahren ausgestorben.« »Warum?«, fragte Ponter. »Wegen einer Krankheit?« Alle schwiegen. Mary stieß langsam die Luft aus und versuchte zu entscheiden, wie sie es ihm beibringen sollte. »Nein, das ist nicht der Grund«, sagte sie schließlich. »Ähmm, siehst du, wir unsere Art, unsere Vorfahren - wir haben die Mammute ausgerottet.« 137
Ponter bekam große Augen. »Ihr habt was?« Mary war übel. Sie fand es abscheulich, dass ihre Version der Menschheit immer den Kürzeren zog. »Wir haben sie aus Nahrungsgründen getötet und, nun ja, wir haben sie weiter gejagt, bis keine mehr übrig waren.« »Oh«, sagte Ponter leise. Er sah zum Fenster hinaus, auf den großen Hinterhof von Reubens Haus. »Ich mag Mammute«, sagte er. »Nicht bloß ihr Fleisch - das köstlich ist -, sondern als Tiere an sich, als Teil der Landschaft. In der Nähe meines Hauses lebt eine kleine Herde. Ich sehe sie sehr gern.« »Wir haben ihre Skelette«, sagte Mary, »und ihre Stoßzähne, und hin und wieder findet man ein erfrorenes Mammut in Sibirien, aber ...« »Alle!«, sagte Ponter und schüttelte traurig den Kopf. »Ihr habt sie alle getötet...« Mary verspürte den Drang zu protestieren. »Nicht ich persönlich«, wollte sie sagen, aber das wäre unaufrichtig gewesen. Das Blut der Mammute klebte auch an ihren Händen. Dennoch musste sie sich verteidigen, so schwach die Verteidigung auch sein mochte. »Es ist vor langer Zeit geschehen.« Ponter wirkte unangenehm berührt. »Ich fürchte mich fast zu fragen«, meinte er, »aber es gibt andere große Tiere, an deren Anblick ich in diesem Teil der Welt auf meiner Version der Erde gewöhnt bin. Ich bin davon ausgegangen, dass sie lediglich eure Städte meiden, aber ...« Reuben schüttelte den rasierten Kopf. »Nein, das ist es nicht.« Mary schloss kurz die Augen. »Es tut mir Leid, Ponter. Wir haben einfach alle großen Tiere ausgerottet - hier und in Europa ... und in Australien« ... sie verspürte einen Knoten im Magen, als die Aufzählung immer länger wurde ... »und in Neuseeland, in Südamerika. Der einzige Kontinent, auf dem noch viele wirklich große Tiere übrig geblieben sind, ist Afrika, und der größte Teil davon ist bedroht.« 137
Piep. »Kurz vor dem Aussterben«, flüsterte Louise. Ponter hörte sich an, als sei er verraten worden. »Aber ihr habt gesagt, das sei alles vor langer Zeit geschehen.« Mary schaute auf ihren leeren Teller hinab. »Wir haben vor langer Zeit damit aufgehört, Mammute zu töten, weil, na ja, weil sie uns ausgegangen sind. Und wir haben aufgehört, den irischen Elch zu töten und die Großkatzen, die Nordamerika bevölkert haben, und das Wollnashorn und all die anderen, weil keine mehr übrig waren ...« »Jedes Mitglied einer Art zu töten ...«, sagte Ponter. Er schüttelte den massigen Kopf langsam hin und her. »Wir haben gelernt«, meinte Mary. »Wir haben jetzt Programme zum Schutz gefährdeter Arten, und wir haben einige Erfolge aufzuweisen. Der Schreikranich war einst fast verschwunden; ebenso der Weißkopfseeadler. Und der Bison. Sie alle sind zurückgekehrt.« Ponters Stimme war kalt. »Weil ihr sie nicht mehr bis ins Extrem bejagt.«
Mary dachte daran, zu protestieren und zu sagen, dass nicht alles auf Bejagung zurückzuführen war; viel hatte mit der Zerstörung der natürlichen Lebensbereiche dieser Kreaturen durch den Menschen zu tun - aber das schien irgendwie nicht besser zu klingen. »Welche ... welche anderen Arten sind nach wie vor gefährdet?«, fragte Ponter. Mary zuckte ein wenig die Schultern. »Viele Vogelarten. Riesenschildkröten. Pandabären. Pottwale. Schimp...« »Schimp?«, fragte Ponter. »Was ist das ...?« Er neigte den Kopf, horchte vielleicht auf Hak, der mitteilte, zu welchem Wort Mary aller Wahrscheinlichkeit nach angesetzt hatte. »Oh nein! Nein! Schimpansen? Aber ... aber das sind unsere Vettern! Ihr jagt unsere Vettern?« Mary kam sich schrecklich klein vor. Wie konnte sie ihm sagen, dass Schimpansen zu Nahrungszwecken getötet wurden, dass Gorillas ermordet wurden, damit aus ihren 138 Händen exotische Aschenbecher hergestellt werden konnten? »Sie sind unbezahlbar«, fuhr Ponter fort. »Du als Genetikerin musst das doch wissen! Es sind die einzigen nahen Verwandten, die wir haben. Wir können viel über uns selbst lernen, wenn wir sie in der Wildnis studieren, wenn wir ihre DNS untersuchen.« »Ich weiß«, sagte Mary leise, »ich weiß.« Ponter sah Reuben an, dann Louise und dann Mary, und es schien, als würde er sie zum ersten Mal sehen - sie wirklich sehen. »Ihr tötet hemmungslos«, sagte er. »Ihr tötet ganze Arten. Ihr tötet sogar andere Primaten.« Er hielt inne und sah wieder von einem Gesicht zum anderen, als wolle er ihnen die Chance geben, dem zuvorzukommen, was er jetzt sagen wollte. Aber Mary schwieg, ebenso wie die anderen beiden, und daher fuhr Ponter fort: »Und meine Art ist auf dieser Welt auch ausgestorben.« »Ja«, erwiderte Mary sehr leise. Sie wusste, was geschehen war. Obwohl nicht alle Paläoanthropologen derselben Meinung waren, teilten viele ihre Ansicht, dass vor etwa 40.000 bis 27.000 Jahren der Homo sapiens - anatomisch gesehen moderne Menschen - zum ersten Mal das getan hatte, was er noch so oft tun sollte: Er hatte die einzigen anderen Mitglieder der gleichen Gattung vom Angesicht der Erde getilgt, eine von ihm verschiedene, sanftere und menschlichere Art. »Habt ihr uns getötet?«, fragte Ponter. »Das ist eine viel diskutierte Frage«, antwortete Mary. »Nicht alle würden diese Frage bejahen.« »Was meinst du denn?«, fragte Ponter und heftete den Blick seiner goldenen Augen auf Mary. Sie holte tief Luft. »Ich - ja, ja, das ist meiner Ansicht nach geschehen.« »Ihr habt uns ausgelöscht«, sagte Ponter, der seine Stimme nur mühsam beherrschen konnte. 138
Mary nickte. »Es tut mir Leid«, sagte sie. »Es tut mir wirklich Leid. Es ist vor langer Zeit geschehen. Wir waren damals Wilde. Wir ...« Genau in diesem Moment klingelte das Handy. Reuben, der erleichtert über die Unterbrechung zu sein schien, sprang vom Tisch auf und griff danach. »Hallo?«, sagte er. Mary schaute auf, als Reubens Stimme immer aufgeregter wurde. »Aber das ist großartig!«, fuhr der Arzt fort. »Das ist wunderbar! Ja, nein - ja, ja, das ist in Ordnung. Vielen Dank. Genau. Wiedersehen.« »Nun?«, fragte Louise. Reuben unterdrückte ein Grinsen. »Ponter hat die Staupe«, sagte er und legte das Handy zurück. »Staupe?«, wiederholte Mary. »Aber Menschen bekommen keine Staupe.« »Das stimmt«, meinte Reuben. »Wir sind von Natur aus dagegen immun. Aber Ponter nicht, weil seine Art nicht seit Generationen mit unseren Haustieren zusammengelebt hat. Um genau zu sein, hat er die Pferdevariante der Staupe. Tierärzte nennen das Druse, wenn es ein junges Pferd befällt. Verursacht wird sie durch das Bakterium Streptokokkus equii. Zum Glück ist Penizillin das
übliche Medikament für Pferde, es ist eines der Antibiotika, die ich Ponter gegeben habe. Er sollte bald wieder gesund werden.« »Also brauchen wir uns keine Sorgen zu machen, dass wir erkranken?«, fragte Louise. »Nicht nur das«, meinte Reuben und lächelte breit. »Sie heben sogar die Quarantäne auf! Unter der Voraussetzung, dass die letzte Probe von Kulturen - die später am Abend eintreffen soll negativ ist, können wir morgen früh das Haus verlassen!« Louise klatschte in die Hände. Mary war ebenfalls entzückt. Sie sah zu Ponter hinüber, doch der hielt den Kopf gesenkt und dachte vermutlich über das Aussterben seiner Art auf dieser Welt nach. Mary streckte die Hand aus und berührte ihn am Arm. 139
»He, Ponter«, sagte sie sanft. »Ist das nicht eine tolle Nachricht? Morgen kannst du hinaus und unsere Welt kennen lernen.« Ponter hob langsam den Kopf und sah Mary an. Sie konnte seine Mimik noch nicht vollständig deuten, aber die Worte: »Muss ich das wirklich?« schienen zu seinen weit geöffneten Augen und dem leicht offen stehenden Mund zu passen. Schließlich nickte er resigniert. 139
KAPITEL NEUNUNDDREISSIG Ponter verbrachte den größten Teil des Abends allein. Er starrte bloß traurig zum Küchenfenster hinaus auf Reubens großen Garten. Louise und Mary saßen im Wohnzimmer. Mary bedauerte es, dass sie das Buch, das sie zur Zeit las, in Toronto gelassen hatte. Sie hatte Scott Turows neuesten Roman halb durch und wollte unbedingt weiterlesen, musste sich aber damit zufrieden geben, die neueste Ausgabe der Time durchzublättern. Auf dem Titelbild war diese Woche der Präsident abgebildet. Mary hielt es für möglich, dass Ponter auf dem der nächsten Ausgabe wäre. Sie selbst zog den Economist vor, doch Reuben hatte ihn nicht abonniert. Dennoch genoss Mary Richard Corliss' Filmbesprechungen, selbst wenn sie in diesen Tagen niemanden hatte, der mit ihr ins Kino ging. Louise im Sessel nebenan schrieb einen Brief auf einem gelben Block - auf Französisch, wie Mary bemerkt hatte, und mit der Hand. Sie trug Shorts, ein INXST-Shirt und hatte die langen Beine seitlich unter ihren Körper gezogen. Reuben betrat das Zimmer, hockte sich zwischen die beiden Frauen und begann leise zu sprechen. »Ich mache mir Sorgen um unseren Ponter«, sagte er. Louise legte ihren Briefblock zur Seite. Mary schloss ihre Zeitschrift. »Ich auch«, sagte sie. »Er hat die Neuigkeit über das Aussterben seiner Art anscheinend nicht besonders gut verkraftet.« »Nein, allerdings nicht«, meinte Reuben. »Und er steht ziemlich unter Stress, was morgen noch schlimmer werden wird. Die Medien werden über ihn herfallen, ganz zu schweigen von den Behörden, den religiösen Spinnern und anderen.« Louise nickte. »Das stimmt vermutlich.« »Was können wir deshalb unternehmen?«, fragte Mary. 139
Eine Zeit lang runzelte Reuben die Sürn, als würde er überlegen. Schließlich erwiderte er: »Hier in Sudbury gibt es nicht viele Menschen meiner Hautfarbe. In Toronto unten sieht das besser aus, hat man mir gesagt, aber selbst dort werden Schwarze hin und wieder von der Polizei schikaniert. >Was tun Sie hier?< - >Ist das Ihr Wagen?< - >Können wir Ihren Ausweis sehen?<« Reuben schüttelte den Kopf. »Man lernt so Einiges, wenn man das mal durchgemacht hat. Man lernt, dass man Rechte hat. Ponter ist kein Verbrecher, und er stellt für niemanden eine Bedrohung dar. Er befindet sich nicht in einer Grenzstation, also kann von Gesetz wegen niemand von ihm den
Beweis verlangen, dass er sich in Kanada aufhalten darf. Man darf ihn nicht ausweisen. Die Behörden möchten ihn vielleicht kontrollieren, die Polizei möchte ihn vielleicht überwachen aber das spielt keine Rolle. Ponter hat Rechte.« »Da bin ich der gleichen Meinung«, bekräftigte Mary. »War eine von euch beiden schon mal in Japan?«, fragte Reuben. Mary schüttelte den Kopf. Louise ebenfalls. »Ist ein wunderbares Land, aber es gibt dort fast keine Nicht-Japaner«, erzählte Reuben. »Du siehst den ganzen Tag über kein einziges weißes Gesicht, ganz zu schweigen von einem schwarzen. Während der ganzen Woche, in der ich dort war, habe ich exakt zwei Schwarze gesehen. Ich erinnere mich an einen Spaziergang durch Tokio: An diesem Morgen müssen mir 10.000 Menschen entgegengekommen sein, und es waren samt und sonders Japaner. Dann habe ich diesen Weißen gesehen, der auf mich zukam. Und er lächelt mich an - also, wir haben wirklich noch nicht zusammen Schweine gehütet, aber er erkennt, dass auch ich aus dem Abendland komme. Und er schenkt mir ein Lächeln, als will er sagen: Ich bin so froh, einen Bruder zu sehen - einen Bruder! Und plötzlich wird mir klar, dass ich ihn auch anlächle und dasselbe denke. Diesen Augen 140 blick habe ich nie vergessen.« Er sah Louise an, dann Mary. »Na ja, der alte Ponter kann suchen, wo er will, in der ganzen Welt wird er nie auch nur ein einziges Gesicht sehen, das ihn als seinesgleichen erkennt. Dieser Weiße und ich - und all diese Japaner und ich -, wir haben viel mehr gemeinsam als Ponter mit einem der sechs Milliarden Menschen auf diesem Globus.« Mary warf einen Blick auf Ponter, der nach wie vor aus dem Fenster starrte, den Kopf auf die geballte Hand gestützt. »Was können wir daran ändern?«, fragte sie. »Er ist seit seiner Ankunft ein Gefangener gewesen«, antwortete Reuben, »zuerst im Krankenhaus, dann hier, unter Quarantäne. Er braucht ganz bestimmt Zeit zum Nachdenken, um geistig wieder ins Lot zu kommen.« Er hielt inne. »Gillian Ricci hat mir in einer E-Mail einen Wink gegeben. Offensichüich ist derselbe Gedanke, den ich zuvor schon hatte, jetzt auch den hohen Tieren bei Inco gekommen. Sie möchten Ponter ausgiebig nach anderen Orten mit Bodenschätzen in der ganzen Welt befragen. Er wird ihnen bestimmt gern helfen, aber er braucht nach wie vor mehr Zeit, um sich anzupassen.« »Finde ich auch«, bestätigte Mary. »Nur wie können wir dafür sorgen, dass er sie auch ganz bestimmt bekommt?« »Morgen früh heben sie die Quarantäne auf, nicht wahr?«, meinte Reuben. »Nun, Gillian sagt, ich kann hier um zehn Uhr eine weitere Pressekonferenz abhalten. Natürlich werden die Medien erwarten, dass Ponter hier ist - also bin ich der Ansicht, wir sollten ihn vorher hinausbefördern.« »Wie?«, fragte Louise. »Die Polizei hat das Haus abgeriegelt - vermudich, um uns vor Leuten zu schützen, die hier einbrechen wollen, aber bestimmt auch, um ein Auge auf Ponter zu haben.« Reuben nickte. »Einer von uns sollte ihn wegbringen, hinaus aufs Land. Ich bin sein Arzt; deshalb verschreibe ich ihm Ruhe und Entspannung. Und das werde ich jedem sagen, der Fragen stellt dass er eine Kur angetreten hat, 140
von mir verordnet. Wir kommen damit vielleicht nur einen Tag durch, bevor wir Anweisungen aus Ottawa erhalten, aber ich glaube, dass Ponter das braucht.« »Ich tu's«, sagte Mary zu ihrer eigenen Überraschung. »Ich bringe ihn weg.« Reuben sah Louise an, um sich zu vergewissern, dass sie einverstanden war. »Wenn wir den Medien sagen, dass die Pressekonferenz um zehn Uhr stattfindet, werden sie ab neun Uhr aufkreuzen«, überlegte Reuben. »Aber wenn ihr, du und Ponter, euch um, sagen wir, acht Uhr über meinen Hinterhof davonmacht, werdet ihr ihnen um Längen voraus sein. Hinter
den Bäumen da hinten ist ein Zaun, aber den solltet ihr problemlos überspringen können. Achtet nur darauf, dass euch niemand sieht.« »Und was dann?«, fragte Mary. »Wir unternehmen einfach einen Spaziergang?« »Du wirst einen Wagen brauchen«, meinte Louise. »Naja, meiner steht an der Creighton-Mine«, sagte Mary. »Aber ich kann deinen oder Reubens nicht nehmen. Die Polizei wird uns bestimmt anhalten, wenn wir losfahren wollen. Wie Reuben gesagt hat, wir müssen uns heimlich aus dem Staub machen.« »Kein Problem«, meinte Louise. »Ich habe, glaube ich, einen Freund, der sich morgen früh auf der Landstraße mit euch treffen kann, die hinter Reubens Haus verläuft. Er kann euch zur Mine fahren, und du kannst dir dort deinen Wagen holen.« Mary war überrascht. »Wirklich?« Louise zuckte leicht die Schultern. »Bestimmt.« »Ich kenne mich in dieser Gegend überhaupt nicht aus«, sagte Mary. »Wir brauchen ein paar Karten.« »Oooh!«, meinte Louise. »Dann weiß ich genau, wen ich anzurufen habe - Garth. Er hat eines dieser Handspring-visor-Dinger mit GPS-Modul. Das führt dich überall hin, ohne dass du dich verfährst.« 141 »Und das wird er mir ausleihen?«, fragte Mary ungläubig. »Sind diese Dinger nicht teuer?« »Na ja - eigentlich wird er mir den Gefallen tun«, erwiderte Louise. »Also, ich rufe ihn an und arrangiere alles.« Sie stand auf und ging nach oben. Fasziniert und verblüfft sah ihr Mary nach. Sie fragte sich, wie es wohl wäre, so schön zu sein, dass man Männer um alles bitten konnte. Ponter, wurde ihr klar, war nicht der Einzige, der sich hier fehl am Platz vorkam. Jasmel und Adikor nahmen ein Schwebetaxi zurück zum Stadtrand, zurück zum Haus, das Adikor mit Ponter geteilt hatte. Auf der Rückfahrt sprachen sie nicht viel miteinander, zum Teil natürlich, weil Adikor in Gedanken versunken war und über Daklar Bolbays Enthüllung nachdachte, zum Teil aber auch, weil weder ihm noch Jasmel die Vorstellung behagte, dass jemand im Alibi-Archiv-Pavillion jedes Wort, das sie sprachen, und alle ihre Handlungen überwachte. Doch es beunruhigte sie auch etwas. Adikor musste in sein unterirdisches Labor zurück. Wie winzig die Chance auch sein mochte, Ponter zu retten - oder, dachte Adikor, zumindest die ertrunkene Leiche zu bergen -, es hing alles davon ab, ob er es schaffte, in die Mine zu gelangen. Aber wie? Er betrachtete seinen Gefährten auf der Innenseite seines linken Handgelenks. Vermutlich könnte er ihn herausschneiden - wenn er darauf achtete, dabei nicht seine Speichenschlagader zu durchtrennen. Aber der Gefährte war von Adikors Körper abhängig, der ihn mit Energie versorgte. Außerdem übertrug er Adikors Vitalparameter und war auf Adikors spezielle biometrischen Daten abgestimmt. Das Schwebetaxi setzte sie vor dem Haus ab, und Adikor und Jasmel gingen hinein. Jasmel betrat die Küche, um Pabo zu versorgen, Adikor setzte sich hin und starrte gedankenverloren auf Ponters Lieblingssessel. Die juristische Überwachung zu umgehen, war ein Problem - ein, wie Adikor klar wurde, wissenschafdiches Problem. Es 141 musste einen Weg geben, seinen Gefährten auszutricksen -und denjenigen, der dessen Übertragungen überwachte. Adikor kannte die Lebensgeschichte von Lonwis Trob, dem Schöpfer der Technologie des Gefährten; er hatte seine vielen Erfindungen an der Akademie studiert. Aber das war lange her, und er erinnerte sich nur noch an wenige Einzelheiten. Natürlich könnte er einfach seinen Gefährten nach den benötigten Informationen fragen; er würde Zugriff auf die angeforderten Daten erhalten und sie auf dem kleinen Bildschirm ablesen können. Aber eine solche Anfrage würde zweifellos die Aufmerksamkeit der Person wecken, die ihn überwachte.
Adikor spürte Wut in sich aufsteigen, Muskeln spannten sich an, die Herzschlagfrequenz erhöhte sich, er atmete tief ein. So schlau Lonwis Trob auch gewesen sein mochte, es musste eine Möglichkeit geben, das zu tun, was er tun wollte - was er tun musste. Und was genau war das? Definiere dein Problem exakt; das hatten sie ihm vor all den Monaten an der Akademie gelehrt. Was genau ist zu tun? Er müsste lediglich den eigenen Gefährten schachmatt setzen, aber ... Aber nein, das würde auch nicht funktionieren. Ihn schachmatt zu setzen, würde nichts bewirken. Gaskdol Dut und die anderen Vollstrecker waren vielleicht außerstande, ihn aufzuspüren, wenn der Gefährte seine Funktion einstellte, aber sie wüssten wegen der fehlenden Übertragung sofort, dass etwas im Gange war. Und es würde keinen Lonwis erfordern, um herauszubekommen, dass Adikor auf dem Weg zur Mine wäre. Nein, nein, das Problem bestand nicht darin, dass sein Gefährte funktionierte, sondern vielmehr darin, dass jemand die Übertragungen seines Gefährten überwachte. Das müsste man unterbinden - und nicht bloß für einen Augenblick oder zwei, sondern für mehrere Zehnteltage und ... Und plötzlich hatte er die rettende Idee. 142 Aber er konnte das nicht selbst arrangieren; es würde nur funktionieren, wenn die Vollstrecker keine Ahnung davon hatten, dass Adikor in die Sache verwickelt war. Jasmel könnte sich vielleicht um die Ausführung kümmern. Adikor musste davon ausgehen, dass es wirklich nur sein Gefährte war, der überwacht wurde. Alles, was darüber hinausginge, wäre ein Skandal. Aber wie sollte er sich unter vier Augen mit Jasmel verständigen? Er stand auf und ging in die Küche. »Komm mit, Jasmel«, sagte er. »Führen wir Pabo aus.« Jasmels Gesichtsausdruck zeigte deutlich, dass das im Augenblick nicht gerade zu ihren obersten Prioritäten zählen sollte, aber sie erhob sich und ging mit Adikor zur Hintertür. Pabo brauchte keine Extraeinladung, sie stürmte freudig aus dem Haus. Sie traten hinaus auf die Veranda, hinaus in die sommerliche Hitze. Zikaden zirpten schrill. Die Luftfeuchtigkeit war hoch. Adikor verließ die Veranda, Jasmel schritt hinterdrein, Pabo rannte laut bellend voraus. Nach ein paar hundert Schritten erreichten sie den Bach, der hinter dem Haus floss. Das Geräusch des rasch fließenden Wassers übertönte die Geräusche der Insekten. Dort, mitten im Bach, war ein großer Felsbrocken - einer der zahllosen Überreste aus der Eiszeit, die die Landschaft sprenkelten. Adikor watete zu ihm hinüber und winkte Jasmel, ihm zu folgen. Pabo lief jetzt das Flussufer entlang. Als Jasmel den Felsen erreicht hatte, klopfte Adikor auf den moosbedeckten Boden neben sich eine Einladung, sich neben ihn zu setzen. Sie tat es, und er beugte sich zu ihr und begann zu flüstern. Seine Worte waren dank des sprudelnden Wassers kaum hörbar. Er war sich völlig sicher, dass der Gefährte kein einziges seiner Worte übermitteln konnte. Und während er vor Jasmel seinen Plan entwickelte, sah er auf ihrem Gesicht ein bösartiges Grinsen aufleuchten. 142
Ponter saß auf dem Sofa in Reubens Büro. Alle anderen waren zu Bett gegangen - obwohl Reuben und Louise nebenan offensichtlich nicht schliefen. Ponter war traurig. Die Geräusche und Gerüche, die sie ausstießen, erinnerten ihn an seine Zeit mit Klast, wenn Zwei Eins wurde, an alles, was er verloren und zurückgelassen hatte. Er hockte vor dem Fernseher und sah sich einen Beitrag über diese Sache namens Religion an. Es gab anscheinend viele Varianten davon, doch alle setzten einen Gott voraus -wieder diese seltsame Bezeichnung -, sowie ein Universum, das von einem begrenzten und oftmals lächerlich geringen Alter war, dazu eine Art Weiterleben nach dem Tod für die ... dafür gab es kein Wort in der Neanderthaler-Sprache, aber >Seele< war der Ausdruck, den Mary benutzt hatte. Wie sich herausstellte, war das Symbol, das Mare um den Hals trug, ein Zeichen dieser speziellen Religion, deren Anhängerin sie war, und das Tuch, das um Dr. Singhs Kopf geschlungen war, das Zeichen seiner etwas anderen Religion.
»Wie fühlst du dich?«, fragte Klasts Stimme, und Ponters Herz vollführte einen Satz. Klast! Die liebe, liebe Klast, die Kontakt aufnahm ... Von einem Leben nach dem Tod! Aber nein. Nein, natürlich nicht. Es war bloß Hak, der zu ihm sprach. Ponter hatte jetzt vermutlich auf immer einen Hak am Hals, der mit Klasts Stimme sprach - wenn er nicht diese brummende männliche Summe haben wollte, die im Apparat vorprogrammiert war. Eine Möglichkeit, an die nöüge Ausrüstung zu kommen, um das Implantat neu zu programmieren, gab es in dieser Welt sicher nicht. Ponter stieß einen langen Seufzer aus und beantwortete dann Haks Frage. »Ich bin traurig.« 143 »Aber gewöhnst du dich nicht allmählich ein? Du warst bei unserer Ankunft ganz schön zittrig.« Ponter zuckte leicht mit den Achseln. »Ich weiß es nicht. Ich bin immer noch verwirrt und orientierungslos, aber ...« Er konnte sich vorstellen, wie Hak mitfühlend nickte. »Es wird Zeit brauchen«, meinte sein Gefährte, nach wie vor mit Klasts Stimme. »Ich weiß«, entgegnete Ponter. »Ich weiß. Aber ich muss mich daran gewöhnen, nicht wahr? Es sieht so aus, als würde ich - als würden wir - den Rest unseres Lebens hier verbringen, stimmt's?« »Ich fürchte, ja«, sagte Hak sanft. Eine Weile schwieg Ponter, und Hak ließ ihn in Frieden. Schließlich meinte Ponter: »Ich sehe wohl besser den Tatsachen ins Gesicht und schmiede ein paar Pläne für ein Leben auf dieser Erde.« 143
KAPITEL VIERZIG Siebter Tag Donnerstag, 8. August 148/104/01 Nachrichtensuche Stichwort(e): Neanderthaler Das Oppositionsmitglied Marissa Crothers behauptete heute im Unterhaus, dass der eindeutig gefälschte Neanderthaler der durchsichtige Versuch der regierenden Liberalen sei, den jämmerlichen Fehlschlag des 73-Millionen-Dollar-Projekts »Neutrino-Observatorium, Sudbury< zu vertuschen ... »Nehmt den Höhlenmenschen nicht länger für euch In Beschlag!«, stand auf dem Plakat eines amerikanischen Demonstranten bei einer großen Kundgebung heute vor der kanadischen Botschaft in Washington. »Ponter gehört der Welt!«, hieß es auf einem anderen ... Über den Sudbury Star sind Einladungen an Ponter Boddit eingetroffen: >Der Anker<, Bar und Grill, Spezialist für unvergleichliche Hähnchenflügel, Buffalo, New York; Buckingham Pala-ce; Kennedy Raumfahrtzentrum; Science North; UFO-Museum in Roswell, New Mexico; >Sansibar-Taverne<, Stip-Club in Toronto; Microsoft-Firmenzentrale; World Science Fiction Convention; Neanderthal-Museum in Mettmann, Deutschland; Yankee-Stadion. Ebenfalls eingetroffen: Einladungen zu Treffen mit dem französischen bzw. mexikanischen Präsidenten, dem japanischen Premierminister sowie der königlichen Familie, dem Papst, dem Dalai Lama, Nelson Mandela, Stephen Hawking und Anna Nicole Smith. 143 Frage: Wie viele Neanderthaler sind nötig, um eine Glühbirne auszuwechseln? Antwort: Alle.
... und daher fordert der Kommentator, die Creighton-Mine zuzuschütten, damit nicht eine Armee von Neanderthalern über das Tor in der Tiefe in unsere Welt eindringt. Das letzte Mal, als unsere Art mit ihnen kämpfte, haben wir gewonnen. Diesmal könnte das Ergebnis ein völlig anderes sein ... Vorläufiger Aufruf zum Verfassen von Artikeln zum Thema: Memetics und die epistemologische Disjunktion zwischen H. neanderthalensis und H. sapiens ... Eine Sprecherin des Zentrums für Seuchenkontrolle und Prävention in Atlanta, Georgia, sprach heute der kanadischen Regierung ein Lob für ihre rasche Reaktion auf die Ankunft eines potentiellen Keimüberträgers aus. Dr. Ramona Keitel bestätigte die angemessene Reaktion der Regierung. In den Proben, die ihnen zur Analyse geschickt worden waren, wurden keine Keime gefunden ...
Alles funktionierte reibungslos. Ponter und Mary verließen Reubens Haus kurz nach acht Uhr morgens und entkamen, ohne gesehen zu werden, durch die Bäume auf der Rückseite des Hauses und über den Zaun. Ponters Geruchsinn half ihnen, den Beamten der RCMP zu umgehen, der zu Fuß Streife ging. Louises Freund wartete tatsächlich auf sie. Garth erwies sich als gut aussehender, muskelbepackter kanadischer Ureinwohner von etwa fünfundzwanzig Jahren. Er war äußerst höflich und nannte Mary - sehr zu ihrem Verdruss ->Ma'am< und Ponter >Sir<. Er fuhr sie die kurze Strecke zur Creighton-Mine. Die Wächter dort erkannten Mary - und natürlich Ponter - und ließen sie ein. Dort wechselten Mary und Ponter in ihren gemieteten roten Neon, der eine Patina aus Staub und Vogelkot angesetzt hatte. Mary wusste, wohin sie fahren sollte. In der Nacht zuvor 144
hatte sie Ponter gefragt: »Gibt es irgendeinen Ort, den du besonders gern besuchen möchtest?« Ponter hatte genickt. »Nach Hause«, war seine Antwort gewesen. »Bring mich nach Hause.« Er tat Mary so Leid. »Ponter, ich würde dich heim bringen, wenn ich es könnte, aber das ist unmöglich. Das weißt du. Wir verfügen nicht über die Technologie.« »Nein, nein«, hatte Ponter gesagt. »Ich meine nicht mein Haus in meiner Welt. Ich meine mein Haus in dieser Welt. Der Ort, wo auf meiner Version der Erde mein Haus steht.« Mar)' war verblüfft gewesen. Das war ihr nicht einmal in den Sinn gekommen. »Ahm, ja. Gewiss. Wenn du es sehen möchtest. Aber wie finden wir die Stelle? Ich meine, welche markanten Punkte erkennst du wieder?« »Wenn du mir eine detaillierte Karte der Gegend gibst, kann ich die Stelle suchen, und dann können wir dorthin fahren.« Reubens Passwort hatte ihnen Zugang zu einer internen Website der Inco verschafft, die geologische Karten der gesamten Sudbury-Senke enthielt. Der größte Teil des Landes rund um die Stadt Sudbury war mit Verwerfungen des kanadischen Schilds, mit Wäldern und niedrigem Buschwerk bedeckt. Sie brauchten Stunden, um hindurchzuwandern, und obwohl Mary nicht gerade sportlich war - sie spielte hin und wieder und recht mittelmäßig Tennis -, genoss sie die körperliche Betätigung, nachdem sie so lange in Reubens Haus eingesperrt gewesen war. Schließlich kamen sie über einen Kamm, und Ponter stieß einen entzückten Ruf aus. »Da!«, sagte er. »Genau da! Dort war mein Haus - ich meine, dort ist mein Haus.« Mary schaute sich um und nahm die Umgebung in sich auf. Auf der einen Seite standen hohe Espen und dünne Birken mit papierartiger weißer Rinde bunt durcheinander; auf der anderen Seite lag ein See, auf dessen Wasser Mallard-Enten schwammen, und ein schwarzes Eichhörnchen huschte über den Boden. Ein Bach plätscherte hinab zum See. 144
»Wunderschön«, meinte Mary. »Ja«, sagte Ponter aufgeregt. »Natürlich unterscheidet sich die Vegetation hier völlig von meiner Erde. Ich meine, die Pflanzen sind größtenteils vom gleichen Typus, nur die Stellen, an denen sie wachsen, sind nicht dieselben. Aber die Felsen ähneln sich sehr - und dieser Felsen im Bach! Wie gut ich den kenne! Dort oben habe ich oft gesessen und gelesen.« Ponter war ein kurzes Stück weiter gelaufen. »Hier -genau hier! - ist unsere Hintertür. Und dort drüben - da ist unser Essraum.« Er rannte weiter. »Und das Schlafzimmer ist hier, genau unter meinen Füßen.« Er schwenkte den Arm. »Das ist die Aussicht aus unserem Schlafzimmer.« Mary folgte seinem Blick. »Und du kannst dort in deiner Welt Mammute sehen?« »Oh, ja. Und Hirsche. Und Elche.« Mary trug ein lockeres Top und kurze Hosen. »Wird es den Mammuten im Sommer mit dem ganzen Fell nicht viel zu heiß?« »Den größten Teil des Fells werfen sie im Sommer ab«, erwiderte Ponter, kam herüber und stellte sich neben sie. Er schloss die Augen. »Die Geräusche«, sagte er wehmütig. »Das Rascheln der Blätter, das Summen der Insekten, der Bach und - dort - hörst du es? Der Ruf eines Seetauchers.« Verwundert schüttelte er leicht den Kopf. »Es hört sich genauso an.« Er öffnete die Augen, und Mary erkannte, dass seine goldene Iris jetzt rosafarben umrandet war. »So nahe«, sagte er, und seine Stimme zitterte ein wenig. »So nahe. Wenn ich bloß ...« Erneut schloss er die Augen ganz fest, und er bebte leicht am ganzen Körper, als wolle er mit reiner Willensanstrengung die Dimensionsschranken überbrücken. Mary brach das Herz. Es musste schrecklich sein, dachte sie, aus der eigenen Welt herausgerissen und irgendwo anders hineingeworfen zu werden - irgendwo, wo es so ähnlich, aber auch so fremd war. Sie hob die Hand, unschlüssig, 145 was sie tun sollte. Er wandte sich ihr zu. Sie konnte es nicht sagen, sie wusste es nicht, sie war sich nicht sicher, wer von beiden zuerst auf den anderen zugegangen war, doch sie hatte plötzlich die Arme um seinen breiten Rumpf geschlungen, und sein Kopf ruhte an ihrer Schulter. Sein Körper zitterte, und er weinte, weinte und weinte, während ihm Mary das lange, blonde Haar streichelte. Mary versuchte, sich daran zu erinnern, wann sie das letzte Mal einen Mann hatte weinen sehen. Vermutlich war es Colm gewesen - nicht wegen der Probleme, die sie in der Ehe hatten; nein, die wurden mit eisigem Schweigen bedacht. Aber als seine Mutter gestorben war. Sogar damals hatte er versucht, einen tapferen Gesichtsausdruck zu wahren und nur ein paar Tränen herauströpfeln lassen. Aber Ponter weinte jetzt, ohne sich zu schämen. Er weinte um die Welt, die er verloren hatte, den Geliebten, den er verloren hatte, die Kinder, die er verloren hatte, und Mary ließ ihn weinen. Später sah er zu ihr auf und öffnete den Mund. Sie hatte erwartet, dass Hak ihr etwas wie: »Es tut mir Leid ...«, übersetzen würde. Ist es nicht das, was ein Mann sagen sollte, nachdem er geweint, nachdem er seine Unnahbarkeit aufgegeben, nachdem er seinen Gefühlen freien Lauf gelassen hatte? Aber nein. Ponter sagte einfach: »Vielen Dank.« Mary schenkte ihm ein warmes Lächeln und Ponter erwiderte es. Jasmel Ket begann ihren Tag damit, dass sie Lurt aufsuchte, Adikors Frau. Lurt hielt sich in ihrem Chemielabor auf und arbeitete konzentriert. »Gesunder Tag«, grüßte Jasmel, als sie durch die rechteckige Tür trat. »Jasmel? Was tust du denn hier?« »Adikor bat mich, vorbeizuschauen.« »Geht's ihm gut?« »O ja. Ihm geht's gut. Aber du sollst ihm einen Gefallen tun.« »Für ihn tu ich alles«, antwortete Lurt. 145 Jasmel lächelte. »Ich hatte gehofft, dass du das sagen würdest.«
Es hatte länger gedauert, vom Wagen zu Ponters Haus zu wandern, als Mary erwartet hatte, und der Rückweg zog sich ebenso lange hin. Als sie schließlich ihr Auto erreichten, war es nach sieben Uhr abends. Der lange Marsch hatte beide sehr hungrig gemacht, und während sie dahinfuhren, schlug Mary vor, irgendwo etwas zu essen. Als sie einen kleinen Landgasthof mit einem Schild, das Wild versprach, erreichten, hielt Mary an. »Wie gefällt's dir?«, fragte sie. »Ich bin in solchen Sachen nicht kompetent«, antwortete Ponter. »Was für ein Essen haben sie denn?« »Wild.« Piep. »Was ist das?« »Reh.« »Reh!«, rief Ponter aus. »Ja, Rehbraten wäre wunderbar!« »Ich habe selbst nie welchen gegessen«, meinte Mary. »Er wird dir schmecken«, versicherte Ponter. Im Speiseraum des Gasthofs gab es lediglich sechs Tische, und im Augenblick waren keine Gäste anwesend. Mary und Ponter saßen einander gegenüber, und zwischen ihnen brannte eine weiße Kerze. Bis der Hauptgang eintraf, dauerte es eine Stunde, aber zumindest sie ließ sich vorher den Pumpernickel mit Butter schmecken. Mary hätte gern als Vorspeise einen italienischen Salat genommen, aber es war ihr schon peinlich, nach Knoblauch zu riechen, wenn sie mit normalen Menschen zusammen aß. Bei Ponter wollte sie es erst gar nicht versuchen. Stattdessen nahm sie den Salat nach Art des Hauses mit einer Sauce aus sonnengetrockneten Tomaten. Ponter bestellte ebenfalls einen, und obwohl er die Croutons zurückließ, schien ihm alles andere gut zu schmecken. Mary hatte zudem ein Glas Rotwein bestellt, der sich als sehr köstlich erwies. 146
»Darf ich das mal probieren?«, fragte Ponter. Sie war überrascht. Wenn sie ihm in Reubens Haus ein Glas von Louises Wein zum Essen angeboten hatten, hatte er stets abgelehnt. »Natürlich«, meinte sie. Sie reichte ihm das Glas, er nahm einen winzigen Schluck und zuckte dann zusammen. »Es hat einen scharfen Geschmack«, sagte er. Mary nickte. »Man gewöhnt sich daran.« Ponter gab ihr das Glas zurück. »Vielleicht«, sagte er. Sie trank den Wein langsam aus und genoss den rustikalen Charme des Gasthofs - und die Gesellschaft dieses sanften Mannes. Der glatzköpfige Wirt wusste offenbar, wer Ponter war; sein Erscheinungsbild war ja auch recht auffallend, zumal Ponter leise in seiner eigenen Sprache redete und Hak übersetzte. Schließlich konnte sich der Mann einfach nicht mehr bremsen. »Tut mir Leid«, sagte er und kam an ihren Tisch, »aber könnte ich bitte ein Autogramm von Ihnen haben, Mr. Ponter?« Mary hörte Hak piepsen, und Ponter hob die Brauen. »Autogramm«, erklärte Mary. »Das ist dein eigenhändig geschriebener Name. Leute sammeln so was von Berühmtheiten.« Ein weiteres Piepsen. »Berühmtheiten«, wiederholte Mary. »Berühmte Leute. Das bist du nämlich.« Ponter sah den Mann erstaunt an. »Es - es wäre mir eine Ehre«, meinte er schließlich. Der Mann reichte Ponter einen Kuli und blätterte dann durch den kleinen Notizblock, den er benutzte, um Bestellungen aufzuschreiben. Er legte ihn vor Ponter auf den Tisch. »Normalerweise schreibt man ein paar zusätzliche Worte zu seinem Namen«, erläuterte Mary. »>Alles Gute< oder so etwas.« Der Restaurantbesitzer nickte. »Ja, bitte.« Verblüfft zuckte Ponter mit den Achseln, dann schrieb er eine Reihe von Symbolen in seiner Sprache hinein. Er 146
reichte Block und Kuli zurück, und der Mann eilte entzückt davon. »Du hast ihm den Tag versüßt«, sagte Mary, nachdem er verschwunden war. »Ihm den Tag versüßt?«, wiederholte Ponter, der die Redensart nicht verstand.
»Ich meine, er wird sich deinetwegen für immer an diesen Tag erinnern.« »Aha«, murmelte Ponter und lächelte Mary über die Kerze hinweg an. »Und ich werde mich stets deinetwegen an diesen Tag erinnern.« 147
KAPITEL EINUNDVIERZIG Wenn es Lurt gelang, ihren Plan umzusetzen, hätte Adikor am folgenden Tag Zugang zum Quantencomputer-Labor. Zuvor musste er jedoch noch Einiges arrangieren. Saldak war eine große Stadt, aber Adikor kannte die meisten Wissenschaftler und Ingenieure, die am Stadtrand und im Zentrum wohnten. Er hatte sich mit einem Ingenieur, der die Minenroboter wartete, angefreundet. Dem Kord war ein fetter und fröhlicher Mann - es gab Leute, die sagten, dass er die Roboter zu viel von seiner Arbeit erledigen ließ. Aber ohne Roboter würde die Sache gar nicht funktionieren. Adikor machte sich also auf den Weg zu Dern. Jetzt, am Abend, sollte er von der Arbeit nach Hause zurück sein. Derns Haus war groß und weitläufig. Der Baum, der die Basis für seine Anlage gelegt hatte, musste tausend Monate alt sein und den Anfängen der modernen Arborikultur entstammen. »Gesunder - na ja, gesunder Abend«, grüßte Adikor, als er Derns Haus betrat. Dern saß auf seiner Veranda und las etwas auf einer erleuchteten Infokonsole. Ein dünnes Netz, das vom Boden der Veranda bis zur Markise gespannt war, hielt Insekten fern. »Adikor!«, erwiderte Dern. »Komm rein, komm rein -pass auf, dass die Insekten nicht mitkommen! Möchtest du was zu trinken? Etwas Fleisch?« Adikor schüttelte den Kopf. »Nein danke.« »Also, was führt dich hierher?«, fragte Dern. »Was machen deine Augen?«, fragte Adikor zurück. »Deine Sehfähigkeit?« Bei dieser seltsamen Frage blähte Dern die Nasenflügel. »Gut. Natürlich habe ich Linsen, aber ich brauche sie nicht zum Lesen - zumindest nicht bei diesem Gerät hier. Ich stelle einfach größere Symbole ein.« 147
»Hol deine Linsen!«, sagte Adikor. »Ich möchte dir etwas zeigen.« Dem wirkte verwirrt, ging jedoch ins Haus. Einen Augenblick später kehrte er mit zwei Linsen zurück, die an einem breiten elastischen Band befestigt waren. Dieses legte er sich um den Kopf und zog es herab, bis es im Pelz hinter den Brauenbögen ruhte. Die Linsen hingen an kleinen Scharnieren; er klappte sie über die Augen und sah Adikor erwartungsvoll an. Adikor griff in den Beutel, der an der linken Hüftseite der Hose hing, und zog das dünne Kunststoffblatt hervor, das er an diesem Nachmittag beschrieben hatte. Er hatte die Zeichen so klein wie eben möglich gehalten - er hatte nach einem Griffel mit einer Spitze suchen müssen, die dünn genug gewesen war. Seit dem Moment, als Adikor Ponter einen Schlag versetzt hatte, waren die Scanner erheblich verbessert worden, aber es gab nach wie vor gewisse technische Grenzen. Adikor hatte Krämpfe in der rechten Hand bekommen, während er die Ideogramme gezeichnet hatte, die so klein waren, dass hoffentlich niemand im Archivgebäude sie entziffern konnte. »Was ist das?«, fragte Dern, nahm das Blatt und blickte darauf. »Oh!«, rief er aus, als er zu lesen begann. »Wirklich! Meinst du? Naja ... Ich kann dir natürlich keinen neuen geben, wenn die Möglichkeit besteht, dass du ihn verlierst. Aber ich habe mehrere alte, schrottreife. Einer von denen sollte es tun.« Adikor nickte. »Vielen Dank.« »So, wo und wann brauchst du den?« Adikor wollte ihn schon zum Schweigen bringen, aber trotz seiner fröhlichen Natur war Dern kein Idiot. Er nickte, nachdem er die gesuchte Information auf dem Blatt gefunden hatte. »Ja, das ist in Ordnung. Ich werde da auf dich warten.«
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Nach dem Abendessen bestiegen Ponter und Mary den Wagen und fuhren zurück nach Sudbury. »Der Tag heute hat mir gefallen«, sagte Ponter. »Es hat mir gefallen, aus der Stadt herauszukommen. Aber ich sollte jetzt wohl auch andere Orte besuchen.« Mary lächelte. »Da draußen wartet eine ganze weite Welt, um dich zu begrüßen.« »Verstehe«, entgegnete Ponter. »Und ich muss mein neues Leben als ... Kuriosität akzeptieren.« Sie öffnete den Mund zum Protest, aber ihr fiel nichts ein, was sie hätten sagen können. Ponter war eine Kuriosität; in einem grausameren Jahrhundert wäre er in einem Zirkus geendet. Schließlich ignorierte sie die Bemerkung einfach und meinte: »Unsere Welt ist sehr vielfältig. Ich meine, geographisch ist sie bestimmt nicht vielfältiger als deine, aber wir haben viele Kulturen, viele Arten von Architektur, viele antike Bauwerke.« »Ich muss also umherreisen; ich muss etwas beitragen«, sagte Ponter. »Ich hatte daran gedacht, hier zu bleiben, in der Nähe von Sudbury, falls sich das Portal irgendwie wieder öffnen würde. Adikor hat es bestimmt versucht; also ist der Versuch gescheitert - die Bedingungen waren anscheinend nicht reproduzierbar.« Mary hörte die zunehmende, widerstrebende Akzeptanz hinter den Worten heraus. »Ja, ich werde gehen, wohin man es von mir erwartet; ich werde weit weggehen.« Inzwischen hatten sie sich von der Beleuchtung des Gasthofs und des kleinen Ortes entfernt. Mary sah zum Seitenfenster hinaus, und ihr fiel der Himmel auf. »Mein Gott«, sagte sie. »Was ist?«, fragte Ponter. »Sieh dir mal diese Sterne an! So viele habe ich noch nie gesehen!« Mary lenkte den Wagen an den Straßenrand. »Das muss ich mir ansehen.« Sie stieg aus und Ponter ebenfalls. »Er ist prächtig«, sagte Mary, legte den Kopf in den Nacken und schaute nach oben. 148 »Ich finde den Nachthimmel immer großartig«, meinte Ponter. »So bekomme ich ihn nie zu sehen«, sagte Mary. »Nicht in Toronto.« Sie schnaubte. »Ich wohne in einer Straße namens Observatory Lane, aber man kann sich glücklich schätzen, wenn man selbst in der kältesten Winternacht ein paar Dutzend Sterne sieht.« »Wir erleuchten nachts unsere Welt nicht«, erörterte Ponter. Verwundert schüttelte Mary den Kopf, als sie sich vorstellte, wie es wäre, wenn man keine Straßenlaternen benötigen würde, sich nicht vor anderen der eigenen Art schützen müsste. Doch plötzlich fuhr sie erschrocken zusammen. »Da ist was im Busch«, sagte sie leise. Sie konnte von Ponter kaum mehr als einen vagen Umriss erkennen, aber sie hörte ihn tief einatmen. »Bloß ein Waschbär«, sagte er. »Nichts Beunruhigendes.« Mary entspannte sich und legte wieder den Kopf in den Nacken, um noch etwas die Sterne zu betrachten. Dabei knackte es leicht in ihrem Hals; es war keine bequeme Haltung. Doch dann kam ihr eine Erinnerung aus ihren Jugendjahren in den Sinn. Sie ging zur Frontseite des Neon, kletterte auf die Motorhaube und rutschte zurück, bis sie sich bequem an die Windschutzscheibe auf der Fahrerseite lehnen konnte. Sie klopfte neben sich auf das Blech und sagte: »Hier, Ponter. Setz dich!« Ponter bewegte sich und ließ sich ebenso auf der Motorhaube nieder, wobei das Metall unter seinem Gewicht ächzte. Er lehnte sich neben Mary an die Scheibe. »Das haben wir als Kinder gemacht«, sagte Mary. »Wenn mein Vater uns zum Camping mitgenommen hat.« »Es ist eine prächtige Methode, sich den Himmel anzuschauen«, meinte Ponter. »Nicht wahr?«, fragte Mary. Sie stieß einen langen, zufriedenen Seufzer aus. »Sieh dir die Milchstraße an! So habe ich sie noch nie gesehen.« 148
»Milchstraße?«, fragte Ponter. »Oh, ich sehe, ja. Wir nennen sie den Nachtfluss.«
»Wunderschön!«, sagte Mary. Sie sah nach rechts. Der große Bär breitete sich oberhalb der Bäume über den Himmel aus. Ponter wandte gleichfalls den Kopf. »Dieses Muster da«, meinte er. »Wie nennt ihr es?« »Der große Wagen«, erwiderte Mary. »Naja, zumindest diesen Teil - diese sieben hellen Sterne. So nennen wir es hier in Nordamerika. Die Briten sagen dazu >Der Pflug<.« Piep. »Ein landwirtschaftliches Gerät.« Ponter lachte. »Ich hätte es mir denken können. Wir nennen es den >Kopf des Mammuts<. Siehst du es? Im Profil. Das ist sein Rumpf, aus dem der viereckige Kopf hervorragt.« »Oh, ja - ich sehe es. Was ist mit dem dort? Der Zickzack-Form?« »Wir nennen es >gesprungenes Eis<«, erklärte Ponter. »Ja. Das kann ich erkennen. Wir sagen dazu Kassiopeia; das ist der Name einer antiken Königin. Die Form soll ihren Thron darstellen.« »Öh, würde sie sich nicht an diesem spitzen Teil da in der Mitte ihres Gesäßes wehtun?« Mary lachte. »Jetzt, da du es sagst...« Sie betrachtete sich die Konstellation genauer. »Sag mal, was ist denn dieser Klecks genau darunter?« »Das ist - ich weiß nicht, welchen Namen ihr ihm gegeben habt; es ist die große Galaxis, die der unseren am nächsten liegt.« »Andromeda!«, verkündete Mary. »Andromeda habe ich schon immer mal sehen wollen!« Wiederum seufzte sie und betrachtete weiterhin die Sterne. Es waren mehr, als sie je im Leben gesehen hatte. »Es ist so schön«, sagte sie, »und -oh, du liebe Güte. Oh, du liebe Güte! Was ist denn das?« Ponters Gesicht war nur schwach zu erkennen. »Die Nachtlichter«, erwiderte er. 149 »Nachtlichter? Du meinst, das Nordlicht?« »Sie werden mit dem Pol in Verbindung gebracht, ja.« »Wow!«, sagte Mary. »Das Nordlicht! Das habe ich vorher auch noch nie gesehen.« Aus Ponters Stimme klang Überraschung. »Nein?« »Nein. Ich meine, ich lebe in Toronto. Das ist weiter südlich als Portland, Oregon.« Es war eine Tatsache, die Amerikaner oftmals in Erstaunen versetzte, aber wahrscheinlich bedeutete es Ponter gar nichts. »Ich habe sie Tausende von Malen gesehen«, bekannte Ponter. »Aber ich werde ihrer nie müde.« Eine Zeit lang schwiegen sie und erfreuten sich an den wabernden Lichtvorhängen. »Ist es bei euch üblich, sie noch nicht gesehen zu haben?« »Vermutlich ja«, erwiderte Mary. »Ich meine, es leben nicht so viele von uns so hoch im Norden - oder auch Süden.« »Vielleicht ist das die Erklärung«, sagte Ponter. »Wofür?« »Dass dein Volk die elektromagnetischen Fasern nicht wahrnimmt, die das Universum formen; Lou und ich haben darüber gesprochen. In den Nachtlichtern haben wir zuerst solche Fasern erkannt. Sie, und nicht euer Urknall, sind unsere Art und Weise, wie wir die Struktur des Universums erklären.« »Nun ja«, meinte Mary. »Du wirst wohl kaum sehr viele Leute davon überzeugen, dass es keinen Urknall gab.« »Das ist gut so. Das Gefühl, andere von der eigenen Meinung überzeugen zu müssen, entstammt eurer Religion. Mir reicht es einfach zu wissen, dass ich Recht habe.« Mary lächelte in der Dunkelheit. Ein Mann, der offen weinte, ein Mann, der nicht stets beweisen musste, dass er Recht hatte. Ein Mann, der Frauen respektvoll und gleichgestellt behandelte. Was für ein Schnäppchen!, würde ihre Schwester Christine sagen. Und, dachte Mary, es war klar, dass Ponter sie mochte 149
wegen ihres Verstandes. Sie musste für ihn etwa ebenso, hm, reizlos erscheinen wie er für - nein, nicht für sie, jetzt nicht mehr, sondern für andere hier auf dieser Erde. Man stelle sich vor: Ein Mann mochte sie so, wie sie war und nicht wegen ihres Äußeren. Was für ein Schnäppchen, allerdings, und doch ... Marys Herzschlag setzte kurz aus. Ponters linke Hand hatte ihre rechte in der Dunkelheit gefunden, und er hatte damit angefangen, sie sanft zu streicheln. Und plötzlich spürte sie, wie sich jeder einzelne Muskel in ihrem Körper anspannte. Ja, sie konnte mit einem Mann allein sein; ja, sie konnte einen Mann in den Arm nehmen und trösten; aber ... Nein, dafür war es zu früh. Zu früh. Mary zog die Hand zurück, sprang von der Motorhaube herab und öffnete die Tür, wobei ihr die Innenbeleuchtung in den Augen schmerzte. Sie setzte sich auf den Fahrersitz, und einen Augenblick später stieg Ponter auf der Beifahrerseite ein, den Kopf gesenkt. Den Rest des Weges zurück nach Sudbury schwiegen sie. 150
KAPITEL ZWEIUNDVIERZIG Achter Tag Freitag, 9. August 148/119/02 Nachrichtensuche Stichwort(e): Neanderthaler Die Umweltgruppe >Emerald Dawn< hat die Verantwortung für den Bombenanschlag auf das Neutrino-Observatorium von Sudbury übernommen. Die Leiterin des SNO, Bonnie Jean Mah, erklärte jedoch, dass es keine Explosion gegeben habe, und führte die Zerstörung ihrer Einrichtung auf schnell eindringende Luft zurück ... Röntgenbilder von Ponter Boddits Schädel sind heute bei eBay angeboten worden. Die Gebote erreichten rasch 355 Dollar, bevor die Auktion zurückgezogen wurde, nachdem ein Sprecher des Regional-Krankenhauses von Sudbury im CBC-Rundfunk erklärt hatte, es müsse sich um Fälschungen handeln ... Der kanadische Dollar ist gestern um fast zwei Drittel Cent gegenüber dem US-amerikanischen gefallen, da die Beziehungen zwischen Kanada und den USA nach wie vor angespannt sind. Es wird weiter heftig über das Schicksal des Höhlenmenschen debattiert... Aus Montegos Haus, der bisherigen Quarantänestation von Ponter Boddit, drangen Gerüchte, dass die Neanderthaler nicht alle unsere wissenschaftlichen Annahmen teilen. Insbesondere Krea-tionisten werden gerne hören, dass die Neanderthaler offensichtlich die Vorstellung des Urknalls zurückweisen, die populärste wissenschaftliche Erklärung für den Ursprung des Universums ...
150 Unbestätigten Gerüchten zufolge haben die Russen heute mit Kernwaffen bestückte Interkontinentalraketen auf das nördliche Ontario gerichtet. »Wenn eine Seuche in unsere Welt gekommen ist, muss jemand bereit stehen, das infizierte Gebiet um des größeren Wohlergehens der Menschheit willen zu sterilisieren«, erklärte ein gewisser Juri A. Petrow in einer Internet-Newsgroup, die grenzüberschreitenden Gesundheitsthemen gewidmet ist...
Ponter Boddit hat zugesagt, am kommenden Dienstag im SkyDome den ersten Wurf zu machen, wenn die Blue Jays gegen die New York Yankees antreten ... Laut unserer CNN-Umfrage sind die wichtigsten Fragen, die die Leute dem Neanderthaler stellen möchten, folgende: Wie sind die Frauen in eurer Welt? Was ist mit unserer Menschenart in eurer Welt passiert? Glaubt ihr an Jesus Christus?
Lurt, Adikors Lebensgefährtin, konnte ihr eigenes Alibi-Archiv aufsuchen, wann immer sie es wünschte. Und sie hatte tatsächlich nur ein paar Monate zuvor Grund gehabt, denn eine Formel, die sie an eine Wandtafel geschrieben hatte, war offensichtlich von einem Laboranten weggewischt worden. Statt zu versuchen, sie zu rekonstruieren, war sie einfach ins Archivgebäude gegangen, hatte Zugriff auf ihre Alibi-Aufzeichnungen genommen und die Reihe fehlender Symbole abgeschrieben. Deshalb wusste Lurt, dass ihr Alibi-Kubus an Behälter 13.997 angeschlossen war; sie sagte dies der Aufseherin, damit sie nicht erst in ihrem Computer nachsehen musste. Die Aufseherin begleitete Lurt zu der entsprechenden Nische, und Lurt richtete ihren Gefährten auf das blaue Auge. »Ich, Lurt Fradlo, möchte aus Gründen persönlicher Neugier Zugriff auf mein eigenes Alibi-Archiv nehmen. Uhrzeit.« Das Auge wurde gelb. Der Kubus bestätigte, dass Lurt wirklich diejenige war, die sie zu sein behauptete. Die Aufseherin hielt ihren Gefährten hoch. »Ich, Mabla 151
Dabdalb, Aufseherin der Alibis, versichere hiermit, dass Lurt Fradlos Identität in meiner Gegenwart bestätigt wurde. Uhrzeit.« Das Auge wurde blutrot, und ein Ton drang aus dem Lautsprecher. »Alles fertig«, sagte die Aufseherin. »Sie können Projektionsraum vier benutzen.« Dabdalb wandte sich zum Gehen. Lurt folgte ihr und betrat Raum vier, eine kleine Kammer mit einem einzigen Stuhl. Sie stellte sich vor, dass irgendwo in einem der anderen Räume ein Vollstrecker saß, der Adikors Übertragungen in Echtzeit überwachte. Doch Zuschauen, wie etwas aufgezeichnet wurde, war etwas völlig anderes als der Versuch, gleichzeitig aufzuzeichnen und abzuspielen. Lurt zog die Kontrollknöpfe heraus, wählte aufs Geratewohl einen Tag und sah zu, wie die Holoblase vor ihr sich mit banalen Bildern ihrer Arbeit im Labor füllte. Während Sequenz für Sequenz abgespielt wurde, verließ Lurt die Kammer und ging zur Toilette. Sobald sie einen Korridor erreicht hatte, in dem niemand zu sehen war, streifte sie sich ein Paar Esshandschuhe über, fischte den kleinen Apparat heraus, den sie mitgebracht hatte, schaltete ihn ein und ließ ihn in ein Belüftungsrohr fallen. Anschließend zog sie die Handschuhe wieder aus. Bolbay hatte sich geirrt, dachte Lurt, als sie pfeifend zur Kammer zurückkehrte. Tief unter der Erde war nicht der Ort für das perfekte, unbeobachtete Verbrechen. Nein, der perfekte Ort war genau hier im Archiv-Pavillon, wenn man von niemandem beobachtet wurde und das eigene Alibiarchiv darstellte statt aufzuzeichnen ... Zunächst hatte sie Schwefelwasserstoff benutzen wollen, der bestimmt den gewünschten Effekt gehabt hätte. Doch Konzentrationen höher als 500 Teile pro Million konnten selbst über eine kurze Zeitspanne tödliche Folgen haben. Daraufhin hatte sie Stinktier-Flüssigkeit in Betracht gezogen, aber als sie die Formel nachgeschlagen hatte, erwies diese sich als ziemlich kompliziert: Trans-2-Buten-l-thiol, 3151
Meüiyl-l-buthanethiol, Trans-2-butenyl-thioacetat und, und, und. Schließlich hatte sie sich für Ammoniumsulfid entschieden, den Lieblingsstoff von zu Scherzen aufgelegten Kindern, die noch nicht kapiert hatten, dass ihre Gefährten ihre Handlungen aufzeichneten.
Einen scharfen Geruchssinn zu besitzen, hatte gewiss seine Vorteile. Aber es gab Leute, die behaupteten, dass der Grund für die wenige pflanzliche Nahrung, die Neanderthaler zu sich nahmen, darin zu suchen war, dass die akute Sensibilität gegenüber Gerüchen es erschwerte, tolerant gegenüber Blähungen zu sein, die durch eine größtenteils pflanzliche Ernährung verursacht werden. Wie dem auch sei, ein Arzt hatte es verordnet - auch wenn dieser Arzt ein Physiker war, der nicht unters Messer kommen wollte. Lurt glaubte, es als Erste zu riechen, obwohl ihr Raum dem Korridor, in dem sie den Apparat zurückgelassen hatte, nicht sehr nahe war. Sie war jedoch vorbereitet und blähte immer wieder ihre Nasenflügel. Aber sie wollte nicht die Erste sein, die reagierte. Sie blieb sitzen, bis sie andere davonlaufen hörte. Dann verließ sie ihren Raum und gab sich alle Mühe, bei dem entsetzlichen Gestank nicht zu würgen. Ein großer, stämmiger Bursche, der sich die Hand über die Nase hielt, verließ eine der anderen Kammern. Vielleicht war er der Vollstrecker, der Adikors Übertragungen überwachte, dachte Lurt. Die Vermutung wurde bestätig, als sie einen Blick auf die Holoblase erhaschte, die der Mann beobachtet hatte und die Jasmel und Adikor zeigten, wie sie Adikors Haus verließen. »Was ist das für ein fürchterlicher Gestank?«, fragte Dab-dalb, die Aufseherin der Alibis, als Lurt an ihr vorüberkam. »Entsetzlich!«, bekräftigte ein weiterer Kunde, der durch die Vorhalle eilte. »Fenster öffnen! Fenster öffnen!«, rief ein dritter. Lurt schloss sich der kleinen Menge an, die der frischen Luft vor dem Gebäude zuströmte. Es würde mindestens einen Viertel Tag dauern, bevor der Gestank sich verflüchtigt 152 hätte und das Gebäude wieder betreten werden konnte. Sie hoffte, damit bliebe Adikor ausreichend Zeit, seinen Plan umzusetzen. Am folgenden Morgen ging Mary zur Laurentian-Univer-sität, nachdem es ihr endlich gelungen war, die Reporter loszuwerden, die in der Lobby des Ramada gewartet hatten. Sie waren enttäuscht gewesen, dass Ponter nicht ebenfalls dort übernachtet hatte. Anscheinend hatte Reuben den Journalisten gegenüber Andeutungen gemacht, dass er dort geblieben sein könnte wahrscheinlich, um sie auf eine falsche Fährte zu locken. Er und Mary waren letzte Nacht in Reubens Haus zurückgekehrt, wo er ihres Wissens nach geblieben war. Um halb elf lief Mary im Korridor vor den Genlaboren der Laurentian überraschend Louise Benoit über den Weg. Louise trug knapp sitzende kurze Jeans und ein weißes T-Shirt, das sie vor ihrem flachen Bauch verknotet hatte. Nun gut, dachte Mary, es war knallig heiß heute, aber wirklich - sie sieht aus, als würde sie dazu einladen ... Nein! Sie verfluchte sich selbst; sie wusste es doch besser! Gleich, wie sich eine Frau kleidete, sie musste sich in Sicherheit fühlen können, ohne belästigt zu werden. Mary entschloss sich, freundlich zu sein, und kramte ein paar französische Brocken hervor. »Bonjour«, sagte sie, als sie Louise näher kam. »Comment ga va?« »Mir geht's gut«, entgegnete Louise. »Und Ihnen?« »Gut. Was führt Sie hierher?« Louise wies den Korridor entlang. »Ich habe ein paar Typen besucht, die ich von der Physik-Abteilung her kenne. Im Augenblick gibt es für mich am SNO nicht viel zu tun. Sie haben das Wasser aus der Detektorkammer abgelassen, und ein Team des Herstellers ist dabei, die Kugel wieder zusammenzusetzen, obwohl das noch ein paar Wochen dauern wird. Also habe ich mir gedacht, ich spreche mal eine Idee von mir mit ein paar Leuten von hier durch - sehe, ob sie undichte Stellen finden.« 152
Mary war auf dem Weg zu den Automaten. Sie wollte sich eine große Tüte Chips besorgen - ein Luxus, den sie sich nur in finanzieller Hinsicht leisten konnte. Es hatte für sie seit langem Tradition, jede Woche mit einer 43-Gramm-Tüte zu beginnen.
Louise schloss sich Mary an, während sie zur Lounge gingen. Sobald sie diese erreicht hatten, fischte Mary in ihrem Portmonee nach dem Kleingeld und steckte es in einen der Snackautomaten. Louise hatte sich inzwischen eine Tasse Kaffee besorgt. »Erinnern Sie sich an das Treffen im Konferenzraum der Inco?«, fragte Louise. »Wie ich damals gesagt habe, stellt die Viele-Welten-Interpretation der quantenmechanischen Zustände fest, dass ein Quantenereignis, das in zwei Pachtungen verlaufen kann, auch in zwei Richtungen verläuft.« »Eine Aufspaltung der Zeitlinie«, meinte Mary und lehnte sich an einen vinylgepolsterten Sessel in der Lounge. »Oui«, antwortete Louise. »Nun, ich habe einige Zeit mit Ponter darüber diskutiert.« »Das hat Ponter erwähnt«, meinte Mary. »Es muss mir entgangen sein.« »Es war spät in der Nacht, und ...« »Sie sind in Ponters Zimmer gegangen, nachdem wir die Sprachstunde beendet hatten?« Mary war erstaunt über den Anfall von - von, mein Gott, von Eifersucht, den sie verspürte. »Natürlich. Ich bin gern nachts auf. Das wissen Sie doch. Ich wollte mehr über die Neanderthaler-Physik erfahren.« »Und?«, fragte Mary, um einen gleichmütigen Tonfall bemüht. »Na ja, sie ist interessant«, erwiderte Louise. Sie trank einen Schluck ihres Kaffees. »Hier in dieser Welt haben wir zwei bedeutende Interpretationen der Quantenmechanik: die Kopenhagener Interpretation und Everetts Viele-Welten-Interpretation. Erstere postuliert eine besondere Rolle 153
für den Beobachter - dass das Bewusstsein die Wirklichkeit beeinflusst. Diese Vorstellung verursacht einigen Physikern ziemliche Magenschmerzen. Sie erscheint ihnen wie eine Rückkehr zum Vitalismus. Everetts Viele-Welten-Interpre-tation war ein Versuch, das zu umgehen. Sie besagt, dass Quantenphänomene dazu führen, dass sich beständig neue Universen abspalten, was zur Folge hat, dass jedes mögliche Ergebnis einer Quanten-Interaktion geschehen kann, jedoch in einem abgetrennten Universum. Zur Formung der Wirklichkeit sind keine Beobachter erforderlich; stattdessen wird jede Wirklichkeit, die wahrnehmbar existieren kann, automatisch erzeugt.« »Okay«, sagte Mary, nicht, weil sie es wirklich verstanden hätte, sondern weil die Alternative wahrscheinlich ein noch längerer Vortrag gewesen wäre. »Nun gut. Ponters Leute haben eine einzige Theorie der Quantenmechanik, die eine Art Synthese unserer beiden Theorien darstellt. Sie erlaubt viele Welten - soll heißen, parallele Universen -, aber die Erzeugung solcher Universen ist nicht das Ergebnis zufälliger Quantenereignisse. Vielmehr entstehen sie durch die Handlungen bewusster Beobachter.« »Warum haben wir dann nicht dieselbe einzige Theorie?«, fragte Mary und kaute an einem besonders großen Chip. »Zum Teil, weil eine Menge Mathematik scheinbar unvereinbar mit beiden Interpretationen ist«, antwortete Louise. »Und es gibt natürlich das alte Problem der Politik in der Wissenschaft: Jene Physiker, die die Kopenhagener Interpretation bevorzugen, haben ihre Karriere dem Beweis für deren Richtigkeit gewidmet; dasselbe gilt für diejenigen auf Everetts Seite. Dass sie sich alle hinsetzen und sagen: Vielleicht haben wir beide recht - und irren uns auch beide«, wird einfach nicht geschehen.« »Ah, ja«, meinte Mary. »Das ist wie bei der Debatte über multiregional versus monogenetisch in der Anthropologie.« Louise nickte. »Wenn Sie meinen. Aber angenommen, 153
die Neanderthaler-Synthese der Quantenphysik ist tatsächlich korrekt. Das würde bedeuten, dass das Bewusstsein -menschliche Willenskraft - die Macht besitzt, neue Universen zu erschaffen. Na ja, da erhebt sich eine bedeutsame Frage. Immerhin hat es am Anfang, im Augenblick des
Urknalls, wahrscheinlich nur ein einziges Universum gegeben. Später hat es sich dann aufgespalten.« »Aber Ponter glaubt doch nicht an den Urknall, oder?«, fragte Mar)'. »Eben. Neanderthaler-Wissenschaftler glauben, dass das Universum schon immer existiert hat. Sie glauben, dass Rotverschiebungen im großen Maßstab - unser hauptsächlicher Beweis für ein Universum, das sich ausdehnt - proportional zum Alter und nicht zur Entfernung auftreten. Das bedeutet, dass die Masse über die Zeit hinweg variiert. Und sie glauben, dass die großräumige Struktur der Galaxien und galaktischen Haufen von Mono-Polen und Plasmaeinschließenden magnetischen Wirbelströmen verursacht wird. Ponter sagt, die kosmische Hintergrundstrahlung im Mikrowellenbereich - was wir als den Uberrest des Urknalls auffassen - sei in Wirklichkeit das Ergebnis von Elektronen, die in diesen starken magnetischen Feldern gefangen sind und Mikrowellen absorbieren und aussenden. Wiederholte Absorption und Emission bei Milliarden von Galaxien glättet den Effekt, sagt er, und produziert den gleichförmigen Hintergrund, den wir empfangen.« »Halten Sie das für möglich?«, fragte Mary. Louise zuckte mit den Achseln. »Ich werde mich in die Sache hineinknien müssen.« Sie trank einen weiteren Schluck Kaffee. »Aber wissen Sie, im Anschluss daran hat Ponter mir das Erstaunlichste gesagt.« »Und das wäre?«, fragte Mary. »Sie haben ihm vermutlich einen Gottesdienst gezeigt, stimmt's?« »Ja. Im Fernsehen.« Louise setzte sich auf einen der anderen Stühle. »Naja«, 154 sagte sie, »offensichtlich hat er in dieser Nacht einige Zeit mit Fernsehen verbracht und weitere religiöse Gedanken in sich aufgenommen. Er hat gesagt, unsere Geschichte, dass das Universum einen Ursprung habe, ist lediglich ein Schöpfungsmythos wie der aus der Bibel. >Am Anfang schuf Gott Himmel und Erde ...< und all das. >Selbst eure Wissenschaft<, sagte Ponter, >ist von diesem Irrtum der Religion verseuchte« Mary setzte sich jetzt ebenfalls richtig hin. »Wissen Sie ... Ich meine, Physik ist Ihr Gebiet, nicht meines, aber er hat vielleicht Recht. Ich habe vor einem Augenblick multiregional versus monogenetisch erwähnt; manchmal wird das Multiregionalismus versus Out-of-Africa genannt. Wie dem auch sei, es gibt Forscher, die haben erkannt, dass monogenetisch - was ich und andere Genetiker bevorzugen - auch eine grundlegend biblische Position ist: Die Menschheit kam völlig erwachsen aus Afrika, ist aus einem Garten Eden vertrieben worden, und es besteht eine unüberbrückbare Kluft zwischen uns und allen anderen Lebewesen im Reich der Tiere, selbst zu den anderen zeitgenössischen Mitgliedern der Gattung Homo.« »Eine interessante Sichtweise«, meinte Louise. »Und man kann argumentieren, dass die andere Seite ebenfalls mit einer biblischen Interpretation kämpft: Die Parallelen zwischen Multiregionalismus und den zehn verlorenen Stämmen Israels sind ziemlich frappierend. Darüber hinaus gibt es die mitochondriale Eva-Hypothese< -dass alle modernen menschlichen Rassen ihren Ursprung in einer Frau haben, die vor hunderttausenden von Jahren lebte. Selbst der Name der Theorie - Eva! - weist darauf hin, dass sie mehr aus biblischen Gründen propagiert wurde und nicht wegen ihrer wissenschaftlichen Bedeutsamkeit.« Mary hielt inne. »Wie dem auch sei, entschuldigen Sie bitte, Sie hatten gerade über die Neanderthal-Variante der Quantenphysik gesprochen ...« »Schon gut«, meinte Louise. »Also, meine Überlegung war die: Nehmen wir mal an, sie haben Recht damit, wie sich 154
parallele Universen entwickeln, irren sich jedoch in der Annahme, dieses Universum habe schon immer existiert. Wenn das Universum einen Anfang hat, wann ist dann die erste Aufspaltung erfolgt?«
Mary runzelte die Stirn. »Naja, öh, ich weiß es nicht. Vermutlich, als jemand zum ersten Mal eine Entscheidung getroffen hat.« »Genau! Genau so wird es sein! Und wann wurde die erste Entscheidung getroffen?« Louise hielt inne. »Wissen Sie, das ist interessant. Ponter sagt nämlich, dass unsere wissenschaftliche Weltsicht im tiefsten Innern stets ein Versuch ist, das Gleiche zu sagen wie unsere Schöpfungsmythen - der Urknall und Ihr Modell der menschlichen Evolution sind beides Neuerzählungen der Genesis. Naja, vielleicht mache ich mich hier der gleichen Denkweise schuldig. Schließlich war die erste Entscheidung, die ein anderer als Gott traf, jene von Eva, als sie sich entschied, den Apfel anzunehmen - die Erbsünde -, und na ja, man könnte der Ansicht sein, dies habe das Universum aufgespalten. In der einen Zeitlinie, in der wir uns vermutlich befinden, ist die Menschheit aus dem Paradies vertrieben worden. In einer anderen nicht. Tatsächlich ist das sogar ein wenig so wie Ponters eigener Fall, der von einer Version der Wirklichkeit in die andere herübergekommen ist.« Mary hatte völlig die Orientierung verloren. »Was meinen Sie damit?« »Ich rede von Maria, der Mutter Jesu. Sie sind katholisch, nicht wahr?« Mary nickte. »Mir ist Ihr Kruzifix aufgefallen.« Mary sah beschämt zu Boden. »Ich bin auch katholisch«, fuhr Louise fort. »Jedenfalls begehen Sie als Katholikin wahrscheinlich nicht die gleichen Fehler wie viele andere Menschen. Die Doktrin der unbefleckten Empfängnis - viele Leute halten das für einen fantasievollen Ausdruck für die jungfräuliche Geburt Christi, aber das ist nicht so, stimmt's?« 155 »Nein«, erwiderte Mary. »Nein, er bezieht sich auf Maria Empfängnis selbst. Der Grund, weshalb sie in der Lage war, den Sohn Gottes zu gebären, war der, dass sie selbst ohne die Erbsünde empfangen worden war - es war ihre Empfängnis, die makellos war.« »Genau. Na ja, wie bekommt man eine Person ohne Erbsünde in eine Welt, in der alle von Adam und Eva abstammen?« »Ich habe keine Ahnung«, antwortete Mary wahrheitsgemäß. »Sehen Sie es denn nicht?«, fragte Louise. »Es ist, als wäre Maria aus einer anderen, einer parallelen Realität in dieses Universum gewechselt. Sie kam aus der Realität, in der die Menschen nie gefallen waren, in der sie ohne die Befleckung der Erbsünde lebten.« Mary wiegte den Kopf. »Man könnte so argumentieren.« Louise lächelte. »Naja, Sie werden die Parallele zwischen Ponter und der Jungfrau Maria gleich erkennen. Kehren wir doch zu meiner Frage von vorhin zurück: Ich habe gesagt, wenn er Recht hat und sich das Universum jedes Mal aufteilt, wenn eine Entscheidung getroffen wird - wann hat es sich zum ersten Mal aufgespalten? Und Sie haben gesagt, als jemand zum ersten Mal eine Entscheidung traf. Aber wann war das? Nicht in der Bibel, sondern in der Wirklichkeit ...?« Mary fischte einen weiteren Kartoffelchip aus der Tüte. »Meine Güte, ich weiß es nicht. Das erste Mal, als sich ein Trilobit dazu entschloss, sich nach links statt nach rechts zu bewegen?« Louise setzte ihren Pappbecher auf einem kleinen Tisch ab. »Nein, glaube ich nicht. Trilobiten haben keinen Willen. Sie und alle anderen primitiven Lebensformen sind bloß chemische Maschinen. Stephen Jay Gould hat in seinen Büchern davon gesprochen, das Band des Lebens wieder aufzuwickeln, um dann etwas anderes zu erhalten. Als er das sagte, hat er geglaubt, er würde eine Anspielung auf die 155
Chaostheorie machen. Aber er hat sich geirrt. Es spielt keine Rolle, wie oft man einen Trilobiten an denselben Abzweig der Straße setzt, er wird stets den gleichen Weg nehmen. Ein Trilobit denkt nicht; er hat kein Bewusstsein. Er setzt lediglich die Wahrnehmung seiner Sinne um und tut, was sie ihm diktieren. Er trifft keine Wahl. Gould hat Recht gehabt - in gewisser Hinsicht jedenfalls -, dass, wenn die Ursprungsbedingungen verändert werden, etwas völlig anderes dabei herauskommt. Aber das Band des Lebens wieder aufzuwickeln und erneut abzuspulen ergibt
nichts Neues. Das wäre ebenso, als würde man den Film >Vom Winde verweht< zurückspulen und erneut abspielen. Das würde auch nicht bewirken, dass Rhett und Scarlett am Ende beisammen bleiben. Ich glaube, echte Entscheidungen - echte Auswahl, echtes Bewusstsein - sind erst sehr, sehr viel später aufgetreten. Ich glaube, wir - der Homo sapiens - waren die ersten Wesen mit Bewusstsein auf diesem Planeten.« »Viel frühere Formen des Menschen haben schon ein sehr differenziertes Verhalten gezeigt«, erwiderte Mary. »Homo ergastei; Homo erecius, Homo habilis, sogar der Australophithe-ctisund Kenyanthropus.« »Nun gut, mir ist klar, dass das Ihr Gebiet ist, Professor Vaughan ...« Hatte sie wirklich während der ganzen Quarantänezeit Louise nie gesagt, sie könne sie Mary nennen? »... aber ich habe mich da im Netz schlau gemacht. Soweit ich das beurteilen kann, haben diese früheren Arten des Menschen kein differenzierteres Verhalten gezeigt als ein Biber beim Bau eines Damms.« »Sie haben Werkzeuge hergestellt«, gab Mary zu Bedenken. »Oui«, entgegnete Louise. »Aber das waren doch immer wieder gleich gefertigte, praktisch identische Werkzeuge, die über die Jahrhunderte hinweg an Tausende weitergegeben wurden. Alle nach der gleichen Schablone, dem gleichen Muster gefertigt?« Mary nickte. »Richtig.« 156 »Bestimmt muss es einige natürliche Varianten bei Steinwerkzeugen geben«, räumte Louise ein, »einfach auf Grund von Unfällen. Zudem ergeben sich zufällige Unterschiede, wenn Teile von Stein abgeklopft werden. Wäre dabei Bewusstsein am Werk gewesen, hätten die frühen Menschen, ohne dass ihnen selbst die Idee gekommen wäre, sehen müssen, dass einige Werkzeuge besser waren als andere. Es ist genauso wie beim Rad. Man muss es nicht gleich von vornherein im Kopf haben; man fängt möglicherweise mit einem Fünfeck an, fertigt dann zufällig ein Sechseck - und bemerkt, dass es etwas besser rollt. Schließlich kommt man bei einem perfekten Rad an.« Mary nickte. »Aber wenn kein Bewusstsein am Werk ist«, fuhr Louise fort, »schiebt man einfach die bessere Version beiseite, weil sie nicht zum eigenen geistigen Muster passt oder zu dem, was angefertigt werden soll. Stimmt's? Und das geschieht mit den Werkzeugen bei den archäologischen Funden. Anstelle einer schrittweisen Verfeinerung bleiben sie immerzu gleich. Und die einzige Erklärung, die ich mir dafür vorstellen kann, ist die, dass es keine bewusste Auswahl der besseren Varianten gab. Der Werkzeugmacher war sich einfach nicht bewusst, er konnte nicht erkennen, dass diese besondere Art und Weise, Steine zurechtzuhauen, etwas Besseres ergab als eine andere Methode. Das Muster war wie erstarrt.« »Interessante Sichtweise«, gab Mary zutiefst beeindruckt zu. »Und wenn wir wiederholt kompliziertes Verhalten bei anderen Tieren erkennen - wie beispielsweise das Errichten eines Damms -, nennen wir es Instinkt, und instinktiv war diese Art der Werkzeugherstellung auch. Nein, bis zum Auftreten des Homo sapiens gab es kein Bewusstsein, und - hier liegt der Hase im Pfeffer - tatsächlich gab es während der ersten sechzigtausend Jahre der Existenz des Homo sapiens keinerlei Bewusstsein.« 156 »Was meinen Sie denn damit?«, fragte Mary. »Wann tauchte der anatomisch moderne Mensch zum ersten Mal auf?«, fragte Louise zurück und nahm wieder ihren Becher. »Vor etwa hunderttausend Jahren.« »Die gleiche Zahl habe ich im Internet gefunden. Verstehe ich das jetzt also richtig? Einhunderttausend Jahre in der Vergangenheit sind zum ersten Mal Wesen, die genauso aussahen wie wir, die genau wie wir gingen, aufgetaucht? Wesen mit einem Gehirn, das von derselben Größe und Gestalt wie das unsrige war, ihren Schädelhöhlungen nach zu schließen?«
»Das summt«, antwortete Mary. Sie hatte ihre Chips aufgegessen und holte sich ein paar Papiertaschentücher aus der Handtasche, um sich die schmierigen Finger abzuwischen. »Aber«, sagte Louise, »laut dem, was ich gelesen habe, haben sie sechzigtausend Jahre lang keinerlei Gedanken entwickelt. Sechzigtausend Jahre lang haben sie nichts getan, das nicht instinktiv geschehen wäre. Aber dann, vor vierzigtausend Jahren, hat sich alles geändert.« Mary bekam große Augen. »Der große Sprung nach vorn.« »Genau.« Mary pochte heftig das Herz. Der große Sprung nach vorn war der Ausdruck, mit dem einige Anthropologen das kulturelle Erwachen vor 40.000 Jahren bedachten; andere nannten es die Neolithische Revolution. Wie Louise gesagt hatte, gab es zu diesem Zeitpunkt bereits seit sechzigtausend Jahren modern aussehende Menschen, aber sie hatten keine Kunstwerke geschaffen, sie hatten ihre Körper nicht mit Schmuckstücken behängt, und sie hatten ihre Toten nicht mit Grabbeigaben beerdigt. Aber vor 40.000 Jahren malten Menschen plötzlich wunderbare Bilder an Höhlenwände, trugen Halsketten und Armbänder, und sie bestatteten ihre Lieben mit Nahrung, Werkzeugen und anderen wertvollen Dingen, die nur in einem mutmaßlichen Leben 157 nach dem Tod von Nutzen hätten sein können. Kunst, Mode und Religion traten allesamt gleichzeitig auf; wahrhaftig ein großer Sprung nach vorn. »Also wollen Sie damit sagen, dass einige Cromagnon-Menschen vor 40.000Jahren plötzlich Entscheidungen trafen und sich das Universum daraufhin aufspaltete?« »Nicht ganz«, erwiderte Louise. Sie hatte schließlich ihre erste Tasse Kaffee geleert, stand auf und besorgte sich eine zweite. »Uberlegen Sie doch mal: Was hat den großen Sprung nach vorn verursacht?« »Das weiß niemand«, meinte Mary. »In jeder Hinsicht ist es eine Zäsur bei den archäologischen Funden, die die Entstehung des Bewusstseins kennzeichnet, nicht wahr?« »Vermutlich«, sagte Mary. »Aber dieses neue Bewusstsein ist nicht von einer großartigen körperlichen Veränderung begleitet. Es ist nicht so, als wäre eine neue Form des Menschen aufgetaucht, die plötzlich mit der Herstellung von Kunstwerken begonnen hätte. Gehirne, die zu einem Bewusstsein in der Lage gewesen wären, hatte es seit sechzigtausend Jahren gegeben, aber sie hatten kein Bewusstsein entwickelt. Und dann ist etwas geschehen.« »Der große Sprung nach vorn, ja. Aber wie ich gesagt habe, es weiß niemand, was passiert ist.« »Haben Sie je Roger Penrose gelesen? Computerdenken?« Mary schüttelte den Kopf. »Penrose ist Mathematiker in Oxford. Er behauptet, dass das menschliche Bewusstsein von Natur aus quantenmechanisch sei.« »Soll heißen?« »Es heißt, dass das, was wir für Intelligenz halten, für Empfindungsvermögen, nicht auf einem biochemischen Netzwerk von Neuronen oder etwas ähnlich Grobem basiert. Es entstammt vielmehr Quantenvorgängen. Er und ein Anästhesiologe namens Hameroff behaupten, dass die 157 Quantensuperposition isolierter Elektronen in den Mikro-kanälchen der Gehirnzellen das Phänomen des Bewusstseins erzeugt.« »Aha«, meinte Mary skeptisch. Louise nippte an ihrem neuen Becher Kaffee. »Na ja, sehen Sie es denn nicht?«, fragte sie. »Das erklärt den großen Sprung nach vorn. Natürlich waren unsere Gehirne seit einhunderttausend Jahren genau so, wie sie es heutzutage sind, aber das Bewusstsein setzte erst ein, als ein quantenmechanisches Ereignis auftrat, wahrscheinlich zufällig: die erste und einzige Aufspaltung des Universums, genau wie Everett es sich vorstellte.« Mary nickte. Es war eine interessante Theorie.
»Und Quantenereignisse haben von Natur aus unzählige mögliche Ergebnisse«, fuhr Louise fort. »Diese Quanten-fluktuation, oder was es war, die das Bewusstsein beim Homo sapiens hatte entstehen lassen, hätte es ebensogut bei anderen Arten des Menschen hervorrufen können - zum Beispiel beim Neanderthaler. Die erste Aufspaltung des Universums war ein Zufall, ein glücklicher Quantenzufall. In einem Universum sind Gedanken und Wahrnehmung in unseren Vorfahren erwacht; in einem anderen bei Ponters Vorfahren. Ich habe gelesen, dass es Neanderthaler seit etwa 200.000 Jahren gab, stimmt das?« Mary nickte. »Und sie haben sogar ein größeres Gehirn als wir, nicht wahr?« Erneut nickte Mary. »Aber auf dieser Welt«, sagte Louise, »in dieser Realität gab es in diesen Gehirnen niemals ein Bewusstsein. Stattdessen entstand es in unseren. Und der Vorteil, den uns das Bewusstsein verschaffte - Verstand und Voraussicht - führte zum absoluten Triumph über die Neanderthaler, und wir wurden die Beherrscher der Welt.« »Aha!«, sagte Mary. »Aber in Ponters Welt...« Louise nickte. »In Ponters Welt ist das Gegenteil einge 158
treten. Es waren die Neanderthaler, die Bewusstsein erlangten, Kunst und Kultur entwickelten und Verstand. Sie vollführten den großen Sprung nach vorn, während wir die dumpfen Primitiven blieben, die wir schon die vorangegangenen sechzigtausend Jahre gewesen waren.« »Das könnte möglich sein«, meinte Mary. »Sie könnten vielleicht einen guten Artikel daraus machen.« »Mehr als das«, sagte Louise und trank noch etwas Kaffee. »Wenn ich Recht habe, bedeutet es, dass Ponter vielleicht wieder heimkehren kann.« Marys Herzschlag geriet ins Stolpern. »Wie bitte?« »Dieser Hypothese lege ich etwas zu Grunde, was mir Ponter erklärt hat, und verbinde es mit unserem physikalischen Verständnis der Welt. Angenommen, das Universum teilt sich - wenn es sich teilt - jedes Mal wie die Amöben. Dann heißt das, aus jeder Amöbe werden zwei Tochteramöben, und der Elternteil verschwindet bei diesem Prozess. Angenommen jedoch, die Teilung erfolgt stattdessen wie bei gebärenden Wirbeltieren. Dann existiert das originale Universum weiterhin, während ein neues Tochteruniversum entstanden ist.« »Ja?«, fragte Mary. »Und?« »Nun, sehen Sie, dann sind die Universen von unterschiedlichem Alter. Sie mögen absolut idenüsch erscheinen, abgesehen von dem, was man sich an diesem Morgen zum Frühstück aussucht, aber eines davon ist zwölf Milliarden Jahre alt, das andere ist...« Sie schaute auf ihre Uhr «... nun gut, jetzt ein paar Stunden alt. Natürlich würde das Tochteruniversum zwölf Milliarden Jahre alt erscheinen, aber in Wirklichkeit wäre es das nicht.« Mary runzelte die Stirn. »Oh, Louise, Sie sind nicht zufällig Kreationist, hm?« »Quoi?« Dann jedoch lachte sie. »Nein, nein, nein - aber ich erkenne die Parallele, auf die Sie anspielen. Nein, ich rede hier von echter Physik.« »Wenn Sie es sagen. Aber wie bringt das Ponter heim?« 158
»Also: Angenommen, dieses Universum, dasjenige, in dem Sie und ich uns im Augenblick gerade befinden, ist das ursprüngliche, in dem der Homo sapiens Bewusstsein erlangt hat. All die anderen Universen, in denen bewusste Homo sapiens existieren, sind Töchter, Enkelinnen oder Ur-Ur-Ur-Ur-Enkelinnen dieses Universums hier.« »Das ist eine gewagte Annahme«, meinte Mary. »Es wäre eine, wenn wir keinen weiteren Beweis hätten. Aber wir haben einen Beweis dafür, dass dieses spezielle Universum ein besonderes ist - nämlich Ponters Ankunft gerade hier, bei all den Orten, an die er hätte gelangen können. Als Ponters Quantencomputer die Universen ausgingen, in denen andere Versionen seiner selbst existierten, was hat er dann getan? Nun, er hat in
Universen hinübergegriffen, in denen er nicht existierte. Und dadurch hat er sich als Erstes in jenes eingeklinkt, das sich ursprünglich von dem gesamten Baum derjenigen abgespalten hatte, in dem es existierte. Jenes, das vor vierzigtausend Jahren einen anderen Weg beschritten hatte, mit einer anderen vorherrschenden Gattung Mensch. Natürlich ist der Faktorisie-rungsprozess zusammengebrochen, sobald er ein Universum erreichte, in dem kein Quantencomputer existierte; und der Kontakt zwischen den beiden Welten ist ebenfalls unterbrochen worden. Aber wenn Ponters Volk genau denselben Prozess wiederholt, der ihn hierher geführt hat, besteht, glaube ich, eine echte Chance, dass das Portal zu diesem speziellen Universum, wiedererschaffen wird.« »Das sind eine Menge >Wenns<«, meinte Mary. »Abgesehen davon, wenn sie das Experiment wiederholen könnten, warum haben sie es nicht schon getan?« »Das weiß ich nicht«, entgegnete Louise. »Aber wenn ich Recht habe, könnte sich die Tür zu Ponters Welt vielleicht wieder öffnen.« Mary verkrampfte sich der Magen - nicht nur wegen der Kartoffelchips -, als sie versuchte, sich über ihre Gefühle Klarheit zu verschaffen. 159
KAPITEL DREIUNDVIERZIG Adikor Huld starrte den Minenroboter an, den Dern für ihn bereitgestellt hatte. Es war ein jämmerlicher, komischer Apparat - eine Ansammlung von Zahnrädern, Antriebsrollen und Zangen - und erinnerte entfernt an eine stummelige Pinie, die sämtliche Nadeln verloren hatte. Irgendwann hatte der Roboter offensichtlich ein Feuer überstanden; vor etwa vier Monaten hatte es einen Brand in der Mine gegeben, wie Adikor sich erinnerte. Einige der Komponenten des Roboters waren geschmolzen, einige Metallteile zeigten starke Verschleißerscheinungen, und das ganze Ding war rußgeschwärzt. Dern hatte betont, dass dieser Apparat sowieso für die Recyclinghöfe vorgesehen war. Ob er verloren ging oder nicht, war völlig gleichgültig. Es war aber nicht so einfach zu entscheiden, wie dieser Roboter bedient werden sollte. Natürlich gab es welche mit künstlicher Intelligenz, doch waren die sehr kostspielig. Der hier hatte nicht den Grips, selbständig zu arbeiten. Er musste über eine Fernbedienung gelenkt werden. Leider konnte das nicht drahtlos erfolgen; die Funkwellen hätten die Quantenregister gestört und damit eine Wiederholung des Experiments unmöglich gemacht. Dern entschied sich letztlich dafür, den Rumpf des Roboters durch ein Fiberglaskabel mit einer kleinen Steuerbox zu verbinden, die er auf einer Konsole im Kontrollraum des Quantencomputer-Labors befestigte. Die Hände des Roboters, die er mit Hilfe von zwei Joysticks bewegte, drückte er auf Register 69, genauso wie Ponter es ursprünglich getan hatte. Adikor sah Dern an. »Alles klar?« Dern nickte. Er schaute auf Jasmel, die ebenfalls anwesend war. »Fertig?« »Ja.« 159
»Zehn«, sagte Adikor, der gleich neben seinem Bedienungselement stand. Er rief den Countdown genauso, wie er es beim ersten Mal getan hatte, obwohl sich draußen im Rechnerraum niemand befand, der ihn hätte hören können. »Neun.« Er hoffte verzweifelt, dass die Sache hier funktionieren würde - um Ponters willen, und auch um seinetwillen. »Acht. Sieben. Sechs.« Er sah Dern an. »Fünf. Vier. Drei.« Er lächelte Jasmel ermutigend zu. »Zwei. Eins. Null.«
»He!«, rief Dern. Seine Steuerbox wurde vom Pult herabgerissen, fiel krachend nach unten und rutschte über den Boden, als sich das Fiberglaskabel, das aus der Rückseite herauskam, straffte. Adikor spürte einen gewaltigen Wirbelwind, aber es knackte nicht in seinen Ohren. Es gab keine bedeutende Druckveränderung. Es war, als würde die Luft einfach ausgetauscht ... Jasmels Lippen formten die Worte: »Ich glaub's einfach nicht!« Dern war durch den Raum gesprungen und trat mit dem rechten Fuß auf das Kabel, so dass es nicht weitergezogen werden konnte. Adikor eilte zum Beobachtungsfenster und sah hinaus in den Rechnerraum. Der Roboter war verschwunden, aber ... ... aber das Kabel hing straff gespannt eine halbe Armspanne über dem Boden, und zwar von der offen stehenden Kontrollraumtür aus über drei Viertel des Rechnerareals hinweg bis ... ... bis es verschwand, und zwar mitten in der Luft. Es sah aus, als würde es in ein unsichtbares Loch in einer unsichtbaren Wand unmittelbar neben Registersäule 69 führen. Adikor sah Dern an. Dern sah Jasmel an. Jasmel sah Adikor an. Sie eilten zum Monitor, auf dem zu sehen sein sollte, was 160 die Kamera des Roboters sah. Aber dort zeigte sich lediglich ein leeres, schwarzes Rechteck. »Der Roboter ist zerstört«, sagte Jasmel. »Genau wie mein Vater.« »Vielleicht«, sagte Dern. »Oder die Videosignale können nicht durch dieses ... was es auch ist... hindurch.« »Oder«, meinte Adikor, »er ist vielleicht bloß in einem völlig dunklen Raum herausgekommen.« »Was ... was sollen wir jetzt tun, was meinst du?«, fragte Jasmel. Dern zuckte leicht mit den rundlichen Schultern. »Ziehen wir ihn wieder zurück«, schlug Adikor vor. »Sehen wir nach, ob etwas den ... Ubergang überleben kann.« Er ging hinaus in den Rechnerbereich und packte vorsichtig das Kabel, das wenige Schritte entfernt auf Hüfthöhe im Nichts verschwand. Er legte die andere Hand daneben und zog. Jasmel stellte sich hinter ihn und half ihm. Das Kabel ließ sich ziemlich leicht zurückholen. Adikor hatte jedoch das Gefühl, dass am anderen Ende ein Gewicht hing, als würde der Roboter irgendwo über einen Vorsprung hinabbaumeln. »Wie stark sind die Verbindungen am Roboterende des Kabels?«, fragte Adikor. Er warf einen Blick zu Dern hinüber, der, nachdem er jetzt nicht mehr den Fuß auf die Steuerbox setzen musste, ebenfalls in den Rechnerraum gekommen war. »Es sind bloß Standard-Bedonk-Stöpsel.« »Werden sie sich lösen?« »Wenn du heftig genug daran reißt. Es sind kleine Clips, die auf die Kabelverbindung geklemmt werden, damit sie nicht abrutschen.« Adikor und Jasmel zogen vorsichtig weiter. »Und hast du die Clips festgeschraubt?« »Ich ... ich weiß es nicht genau«, antwortete Dern. »Ich meine, vielleicht. Ich habe das Kabel ziemlich oft ein- und 160 wieder ausgestöpselt, als ich den Roboter zusammengebaut habe ...« »Seht mal!«, rief Jasmel. Der bullige Roboter drang durch - na ja, durch was, das konnten sie nicht sagen. Aber die Basis des Apparats war jetzt zu sehen, als würde sie irgendwie durch ein Loch mitten in der Luft kommen, das genauso groß war wie der Querschnitt des Roboters. Dern eilte durch den Computerraum, wobei die zugeschnürten Enden seiner Hose laute Schlappgeräusche auf dem polierten Felsboden erzeugten. Mit ausgestrecktem Arm packte er einen der feingliedrigen Roboterarme, der jetzt teilweise in den Raum hineinragte. Er war auch gerade rechtzeitig gekommen, denn die Verbindungen gaben nach, und Adikor und Jasmel
taumelten zurück und stürzten. Rasch erhoben sie sich wieder und sahen zu, wie Dern den Roboter von - erneut kam Adikor der Ausdruck in den Sinn - der anderen Seite hereinzog. Adikor und Jasmel rannten zu Dern, der jetzt auf dem Boden saß, den umgekippten Roboter neben sich. Er wirkte nicht beschädigter als vor dem Durchgang. Aber Dern starrte verblüfft die eigene linke Hand an. »Bist du in Ordnung?«, fragte Adikor. »Meine Hand ...«, sagte Dern. »Was ist damit? Ist sie gebrochen?« Dern sah auf. »Nein, sie ist völlig okay; völlig okay. Aber -aber als ich den Roboter zum ersten Mal zu fassen bekam ... als sich das Kabel löste und der Roboter zurückfiel, ist meine Hand hindurchgegangen. Ich sah die Hälfte von ihr verschwinden in ... in dem, was das da auch sein mag.« Jasmel nahm Derns Hand in die ihre und betrachtete sie genau. »Sie wirkt völlig in Ordnung. Wie hat es sich angefühlt?« »Ich habe überhaupt nichts gefühlt. Aber es sah aus, als wäre sie abgeschnitten worden, genau hinter den Fingern, und die Schnittkante war absolut gerade und glatt, aber es 161 floss kein Blut, und die Kante glitt an meinen Fingern entlang, während ich die Hand zurückzog.« Jasmel schauderte. »Du bist ganz bestimmt in Ordnung?«, fragte Adikor. Dern nickte. Adikor trat einen halben Schritt vor. Langsam streckte er den rechten Arm aus und schwenkte ihn zaghaft hin und her. Was sich dort auch für eine Tür geöffnet haben mochte, sie schien jetzt wieder geschlossen zu sein. »Was jetzt?«, fragte Jasmel. »Na ja, ich weiß nicht«, meinte Adikor. »Könnten wir eine Lampe am Roboter anbringen?« »Natürlich«, sagte Dern. »Ich könnte eine aus einem Kopfschutz ausbauen. Hast du Ersatz?« »Auf einem Regal in dem kleinen Essraum.« Dern nickte, hielt dann die Hand hoch und drehte sie; Handfläche nach oben, Handfläche nach unten, als hätte er sie noch nie zuvor gesehen. »Es war unglaublich«, sagte er leise. Er schüttelte leicht den Kopf, um sich wieder zu konzentrieren, und machte sich dann auf, die Lampe zu holen. »Du weißt natürlich, was geschehen ist«, sagte Jasmel, während sie auf Derns Rückkehr warteten. »Mein Vater ist durch das da gegangen, was es auch sein mag. Deshalb gibt es keine Spur von seinem Körper.« »Aber die andere Seite ist nicht auf gleicher Höhe«, sagte Adikor. »Er muss gestürzt sein und ...« Jasmel hob die Braue. »Und sich vielleicht den Hals gebrochen haben. Was ... was bedeutet, dass das, was wir auf der anderen Seite zu Gesicht bekommen ...« Adikor nickte. »... vielleicht seine Leiche ist. Dieser Gedanke ist mir auch schon gekommen. Es tut mir Leid, es zu sagen ... aber eigentlich hätte ich erwartet, dass er in einem Tank mit schwerem Wasser ertrunken ist.« Er dachte einen Moment lang darüber nach und trat dann zu dem Roboter, der absolut trocken war. »Als Ponter hindurch ist, hat auf 161
der anderen Seite ein Reservoir mit schwerem Wasser gestanden, und ... du liebe Güte!« »Was ist?« »Wir müssen Verbindung zu einem anderen Universum bekommen haben, nicht mit dem, in das Ponter gegangen ist.« Jasmels Unterlippe zitterte. Adikor hob den Roboter auf seine Kufen und überprüfte die Kabelverbindung, aber so weit er beurteilen konnte, war sie völlig intakt. Inzwischen war Jasmel langsam und mit gesenktem Kopf davongegangen, um das lose Ende des Fiberglaskabels zu holen. Sie brachte es Adikor, der es
wieder mit dem Roboter verband. Daraufhin schob er die beiden Klammern darauf und klickte sie auf den Einkerbungen fest, damit sie sich nicht wieder lösten. In diesem Moment kehrte Dern mit den beiden elektrischen Lampen und den kugelförmigen Batterien, die sie speisten, zurück. Er hatte auch eine Rolle Klebeband dabei und befestigte damit die Lampen zu beiden Seiten der Kameraaugen des Roboters. Sie stellten ihn genauso hin wie zuvor, direkt neben Register 69, und kehrten dann in den Kontrollraum zurück. Adikor holte ein paar Kartons zum Verpacken von Ausrüstungsgegenständen und stellte sich darauf, so dass er gleichzeitig seine Konsole bedienen und über die Schulter in den Rechnerbereich sehen konnte. Erneut zählte er den Countdown herunter: »Zehn. Neun. Acht. Sieben. Sechs. Fünf. Vier. Drei. Zwei. Eins. Null.« Diesmal konnte Adikor den Vorgang beobachten. Das Portal öffnete sich wie ein sich erweiternder Reifen aus blauem Feuer. Wiederum hörte er Luft zischen, und der Roboter, der direkt auf der Kante eines Vorsprungs zu stehen schien, kippte hinüber und verschwand. Das Kontrollkabel straffte sich, der blaue Ring zog sich darum zusammen und war dann nicht mehr zu erkennen. Mit einem Mal wendeten sich die drei zu dem rechteckigen 162 Monitor zu. Zunächst schien es erneut kein Videosignal zu geben, aber dann wurden die Lichtstrahlen reflektiert, von Glas oder Kunststoff. Mehr war jedoch nicht zu erkennen; der Raum, in dem der Roboter baumelte, musste gewaltig sein. Die Lichter glitten über etwas anderes - einander kreuzende Metallrohre? -, während der Roboter hin und her schwang wie ein Pendel. Und dann, plötzlich, war es überall hell, als ob ... »Jemand muss das Licht eingeschaltet haben«, sagte Jasmel. Jetzt war klar, dass der Roboter sich am Ende seines Halteseils drehte. Sie erhaschten Blicke auf Felswände, und noch mehr Felswände, und ... »Was ist das?«, rief Jasmel aus. Sie hatte es bloß für einen Augenblick gesehen: irgendeine Art Leiter, die an der geschwungenen Seite der weiten Kammer lehnte, sowie eine schmächtige Gestalt in blauer Kleidung, die sie eilig hinabstieg. Der Roboter drehte sich weiter, und sie sahen, dass ein großes geodätisches Netzwerk am Boden verankert war, an dem seltsame Metallblumen befestigt waren. »So was habe ich noch nie gesehen«, meinte Dern. »Es ist wunderschön«, sagte Jasmel. Adikor sog die Luft ein. Der Roboter schwang immer noch hin und her und zeigte jetzt wieder die Leiter, über die zwei weitere Gestalten hinabkletterten. Doch dann - es war zum Wahnsinnigwerden - verschwanden sie, als sich der Roboter weiterdrehte. Durch die Rotation erhielten sie zwei weitere Blicke auf die Gestalten, die lockere blaue Arbeitsanzüge trugen und auf dem Kopf leuchtend gelbe Muscheln hatten. Für Männer besaßen sie viel zu schmale Schultern. Adikor hielt sie daher für Frauen, auch wenn sie sehr dünn wirkten. Aber ihre Gesichter schienen, obwohl sie nur so kurz zu sehen gewesen waren, völlig haarlos, und ... 162 Dann ruckte das Bild plötzlich und stand still, weil der Roboter nicht mehr rotierte. Eine Hand kam von der Seite und beherrschte kurz das Blickfeld der Kamera. Eine merkwürdig schwächlich wirkende Hand mit kurzem Daumen und einer Art Metallring um einen Finger. Die Hand hatte sich um den Roboter geklammert und hielt ihn fest. Dern arbeitete verzweifelt an seiner Steuerbox und kippte die Kamera so weit nach unten, wie es nur gehen wollte, und sie erhielten ihren ersten ruhigen Blick auf das Gesicht des Wesens, das jetzt den hängenden Roboter umfasste.
Dern schnappte nach Luft. Adikor zog sich der Magen zusammen. Das Wesen war grässlich, deformiert, hatte einen weit hervorstehenden Unterkiefer, als wäre der Knochen darin von Auswüchsen verkrustet. Das abstoßende Wesen hielt nach wie vor den Roboter fest und versuchte, ihn herunterzuziehen. Die Kufen des Roboters hingen anscheinend etwa eine halbe Körperlänge oberhalb des Bodens dieser ungeheuren Kammer. Als die Kamera kippte, sah Adikor eine Öffnung im Boden der geodätischen Kugel, als wäre ein Teil davon herausgenommen worden. Dort unten stapelten sich riesige gewölbte Teile aus Glas oder durchscheinendem Kunststoff; darauf war das Licht des Roboters wohl ursprünglich gefallen. Diese gewölbten Glasteile sahen aus, als hätten sie einmal eine gewaltige Kugel gebildet. Hin und wieder sahen sie jetzt drei der seltsamen Wesen, alle gleichermaßen deformiert. Zwei von ihnen fehlte noch dazu die Gesichtsbehaarung. Eines dieser Wesen zeigte direkt auf den Roboter; der Arm sah wie ein dürrer Zweig aus. Jasmel stemmte die Hände in die Hüften und schüttelte langsam den Kopf hin und her. »Wer sind denn die?« Adikor schüttelte verwundert den Kopf. »Irgendwelche Primaten«, meinte Jasmel. »Keine Schimpansen oder Bonobos«, warf Dern ein. »Nein«, ergänzte Adikor, »obwohl sie dürr genug sind 163 und größtenteils haarlos. Sie sehen eher wie wir denn wie Affen aus.« »Zu dumm, dass sie diese seltsame Kopfbedeckung tragen«, sagte Dern. »Wozu dient die bloß?« »Zum Schutz?«, schlug Adikor vor. »Wenn ja, ist sie nicht sehr effektiv«, erwiderte Dern. »Wenn ihnen etwas auf den Kopf fällt, würden ihre Hälse, nicht ihre Schultern, den Aufprall abfangen müssen.« »Es gibt keine Spur von meinem Vater«, meinte Jasmel traurig. Eine Zeit lang schwiegen alle drei. Dann ergriff Jasmel erneut das Wort. »Wisst ihr, wie sie aussehen? Wie primitive Menschen - wie diese Fossilien, die ihr in Galdarab-Hallen sehen könnt.« Buchstäblich umgehauen von dieser Bemerkung stolperte Adikor ein paar Schritte rückwärts. Er traf auf einen Stuhl, drehte ihn herum und sank hinein. »Gliksins!«, sagte er, als ihm der Ausdruck einfiel. Gliksin war die Region, in der solche Fossilien - die einzig bekannten Primaten ohne Überaugenwülste und mit diesen lächerlichen Vorsprüngen am Unterkiefer - zuerst gefunden worden waren. Konnte ihr Experiment Weltengrenzen überwunden haben, Universen erreicht haben, die sich von diesem lange vor der Erschaffung des Quantencomputers abgetrennt hatten? Nein, nein. Adikor schüttelte den Kopf. Das war zu viel, zu verrückt. Schließlich waren die Gliksins ausgestorben -naja, die Zahl von einer halben Million Monate kam ihm in den Sinn, aber er war sich nicht ganz sicher. Adikor rieb sich mit der Handkante über den Überaugenwulst. Das einzige Geräusch war das Summen des Luftreinigers, die einzigen Gerüche ihr eigener Schweiß und ihre Pheromone. »Das ist gewaltig«, sagte Dern leise. »Das ist gigantisch.« Adikor nickte langsam. »Eine weitere Version der Erde. Eine weitere Version der Menschheit.« 163
»Sie spricht!«, rief Jasmel aus und zeigte auf eine der Gestalten auf dem Schirm. »Dreh die Lautstärke hoch!« Dern griff nach seinen Knöpfen. »Sprache«, meinte Adikor, verwundert den Kopf schüttelnd. »Ich habe gelesen, dass die Gliksins außerstande waren zu sprechen, weil ihre Zungen zu kurz waren.« Sie hörten das Wesen sprechen, obwohl die Worte keinen Sinn ergaben. »Das klingt so merkwürdig«, sagte Jasmel. »So etwas habe ich noch nie zuvor gehört.«
Der Gliksin im Vordergrund zog nicht mehr am Roboter, denn ihm war schließlich klar geworden, dass es kein Kabel mehr gab. Er trat beiseite, und weitere Gliksins kamen heran, um einen Blick auf den Roboter zu werfen. Adikor benötigte einen Moment, bis ihm aufging, dass sowohl Männer als auch Frauen hier waren. Beide Geschlechter hatten größtenteils nackte Gesichter, obwohl ein paar der Männer Barte trugen. Die Frauen schienen im allgemeinen kleiner zu sein, aber zumindest bei einigen waren die Brüste unter der Kleidung zu erkennen. Jasmel sah hinaus auf das Rechnerlabor. »Das Tor scheint offen zu bleiben«, sagte sie. »Ich frage mich, wie lange noch?« Das fragte sich Adikor auch. Der Beweis, der ihn, seinen Sohn Dab und seine Schwester Kelon retten würde, war hier vor ihren Augen: eine Alternativwelt! Aber Daklar Bolbay würde zweifellos behaupten, die Bilder, die natürlich auf Video aufgezeichnet wurden, seien Fälschungen, ausgeklügelte, computergenerierte Bilder. Schließlich, würde sie sagen, hatte Adikor Zugang zu den mächtigsten Rechnern des Planeten. Aber wenn der Roboter etwas zurückbringen könnte -irgendetwas! Ein künstlich geschaffenes Ding vielleicht, oder ... Verschiedene Abschnitte der Kammer waren zu erkennen. Offensichtlich handelte es sich um eine fassförmige Kaverne, 164
vielleicht fünfzehn Mal so hoch wie eine Person und direkt in den Fels gehauen. »Das ist aber eine bunte Gesellschaft, nicht?«, meinte Jasmel. »Es gibt anscheinend mehrere Hauttöne - und seht euch diese Frau dort an! Sie hat orangefarbenes Haar -genau wie ein Orang-Utan.« »Einer rennt davon«, bemerkte Dern und deutete auf den Bildschirm. »Allerdings«, bemerkte Adikor. »Wohin er wohl will?« »Ponter! Ponler!« Ponter Boddit sah auf. Er saß mit zwei Physikern in der Mensa der Laurentian zusammen an einem Tisch. Sie halfen ihm dabei, eine weltweite Besichtigungstour der wichtigsten physikalisch-wissenschaftlichen Einrichtungen auszuarbeiten. Unbedingt sollte er das CERN, das Observatorium des Vatikan, Fermilab und Japans Super-Kamiokande, der andere bedeutende Neutrinodetektor, der kürzlich ebenfalls bei einem Unfall beschädigt worden war, besichtigen. Etwa einhundert Studenten des Sommersemesters starrten den Neanderthaler fasziniert an. »Ponter!«, rief Mary Vaughan erneut. Sie brach fast am Tisch zusammen, als sie ihn erreichte. »Komm rasch!« Ponter stand auf, ebenso die beiden Physiker. »Was ist?«, fragte einer von ihnen. Mary überhörte den Mann. »Lauf!«, sagte sie keuchend zu Ponter. »Lauf!« Ponter setzte sich in Bewegung. Mary fasste ihn bei der Hand und lief ebenfalls los. Sie rang nach wie vor nach Atem. Die ganze Strecke vom Genetiklabor drüben im Science-One-Gebäude, wo sie den Anruf vom SNO entgegengenommen hatte, bis hierher war sie gerannt. »Was ist los?«, fragte Ponter. »Ein Portal!«, erwiderte sie. »Ein Apparat - eine Art Roboter oder so was - ist durchgekommen. Und das Portal ist nach wie vor offen!« 164
»Wo?«, fragte Ponter. »Unten im Neutrino-Observatorium.« Sie brachte ihre Hand zur Mitte ihrer Brust, die sich hob und senkte. Mary wusste genau, dass Ponter sie leicht abhängen konnte. Nach wie vor laufend öffnete sie ihre kleine Brieftasche, fischte die Wagenschlüssel heraus und hielt sie ihm hin. Ponter schüttelte leicht den Kopf. Eine Sekunde lang dachte Mary, er wolle damit sagen: nicht ohne dich. Aber es war bestimmt etwas Grundlegenderes als das. Ponter Boddit hatte noch nie im Leben ein Auto gefahren.
Sie rannten weiter, und Mary versuchte, mit ihm Schritt zu halten, aber sein Schritt war länger, und er hatte gerade erst angefangen zu rennen, und er sah sie an und erkannte offensichtlich ebenfalls das Dilemma. Es hatte keinen Zweck, Mary zum Parkplatz vorauszulaufen, da er dort bis zu ihrem Eintreffen nichts unternehmen konnte. Er blieb stehen und sie ebenfalls. Sie sah ihn besorgt an. »Darf ich?«, fragte Ponter. Mary hatte keine Ahnung, was er meinte, aber sie nickte. Er hob sie mit seinen gewaltigen Armen vom Boden. Mary legte ihm ihre Arme um den dicken Hals, und Ponter rannte los, wobei seine Beine wie Hämmer auf den Fliesenboden einschlugen. Mary spürte das Spiel seiner Muskeln, während er dahinraste. Studenten und Lehrpersonal blieben stehen und starrten auf das Spektakel. Sie erreichten die Bowlingbahn, und Ponter lief mit aller Kraft weiter, wobei seine Schritte gewaltig in dem Korridor mit den Glaswänden dröhnten. Weiter und weiter, an den Kiosken vorbei, an dem Bagel-Laden und ... Ein Student kam von draußen durch die Tür. Er öffnete weit den Mund, aber er hielt die Glastür für Ponter und Mary auf, als sie hinaus ins Tageslicht jagten. Mary saß mit dem Rücken zur Laufrichtung und sah Rasenstücke hochspritzen. Sie drückte sich fester an ihn. Ponter kannte ihren Wagen sehr genau. Er würde den roten Neon auf dem winzigen Parkplatz problemlos wiedererkennen 165 einer der Vorzüge einer kleinen Universität. Er lief weiter, und Mary hörte und spürte die Veränderung des Bodens, als er vom Gras auf den Asphalt des Parkplatzes sprang. Nach einem Dutzend Meter wurde er langsamer und setzte Mary schwungvoll auf den Boden. Der wilde Ritt hatte sie ganz benommen gemacht. Gemeinsam liefen sie die verbleibenden Meter zu ihrem Wagen. Mary stieg auf der Fahrerseite ein und Ponter setzte sich neben sie. Sie steckte den Schlüssel ins Zündschloss und drückte das Gaspedal bis zum Boden durch. Sie schössen über die Straße davon und ließen die Laurentian-Univer-sität hinter sich. Bald hatten sie Sudbury verlassen und führen zur Creighton-Mine. Mary raste normalerweise nicht - auf Torontos Straßen gab es dazu sowieso nicht viel Gelegenheit -, aber jetzt, über den Highway, schaffte sie 170 km/h. Schließlich erreichten sie die Mine, rasten an dem großen Inco-Schild vorbei durch das Tor und fuhren die gewundenen Straßen zu dem großen Gebäude hinab, das den Lift zur Mine beherbergte. Mary brachte den Wagen schleudernd zum Stehen, wobei sie ein Regen aus Kieselsteinen in die Luft schleuderte. Ponter und sie stiegen eilig aus. Jetzt bestand keine Notwendigkeit mehr für Ponter, auf Mary zu warten - und Zeit war nach wie vor der entscheidende Faktor. Wer wusste schon, wie lange das Portal offen bleiben würde. Allerdings, wer wusste denn auch, ob es überhaupt noch offen stand? Ponter sah sie an, dann eilte er zu ihr und umarmte sie fest. »Vielen Dank«, sagte er schlicht. »Vielen Dank für alles.« Mary erwiderte die Umarmung so fest sie eben konnte, was wahrscheinlich nichts im Vergleich zur Umarmung einer Neanderthaler-Frau war. Und dann ließ sie ihn los. Und er rannte zum Lift. 165
KAPITEL VIERUNDVIERZIG Adikor, Jasmel und Dern starrten nach wie vor auf den Monitor, auf die Szenerie, die nur wenige Armspannen -und eine Ewigkeit - entfernt ablief. »Sie sehen so zerbrechlich aus«, meinte Jasmel stirnrunzelnd. »Sie haben Arme wie Stöcke.« »Die da nicht«, sagte Dern und wies auf eine andere Gestalt. »Die muss schwanger sein.« Adikor sah mit zusammengekniffenen Augen auf den Bildschirm. »Das ist keine Frau«, meinte er. »Sondern ein Mann.«
»Mit so einem Bauch?«, fragte Dern ungläubig. »Und ich habe mich für fett gehalten! Wie viel essen diese Gliksins eigentlich?« Adikor zuckte mit den Achseln. Er wollte die Zeit nicht mit Geschwätz vergeuden. Er wollte einfach nur hinsehen, versuchen, alles in sich aufzunehmen. Eine weitere Menschenart! Und sogar eine technologisch fortgeschrittene. Es war unglaublich. Er hätte liebend gern physikalische Beobachtungen mit ihnen verglichen, biologische und ... Biologisch. Ja, das brauchte er! Der Roboter war inzwischen von mehreren Gliksins berührt worden. Bestimmt hatten sich einige ihrer Zellen am Rahmen abgerieben. Bestimmt konnte etwas von ihrer DNS daraus gewonnen werden. Das wäre ein Beweis, den Untersuchungsrichterin Sard akzeptieren müsste! Gliksin-DNS: der Beweis dafür, dass die Welt auf dem Monitor echt war. Aber ... Es gab keine Garantie dafür, dass das Portal lange genug offen bleiben würde oder dass es jemals erneut geöffnet werden könnte. Aber seine Ehre wäre zumindest wieder hergestellt, und Dab und Kelon bliebe die Verstümmelung erspart. 166
»Holt den Roboter wieder ein«, ordnete Adikor an. Dern sah ihn an. »Was? Warum?« »Es klebt vielleicht etwas Gliksin-DNS daran. Wir dürfen sie nicht verlieren, falls sich das Portal schließt.« Dern nickte. Adikor sah ihm zu, wie er durch den Raum ging, das Fiberglaskabcl packte und vorsichtig daran zupfte. Er wandte sich wieder dem rechteckigen Monitor zu. Der Gliksin, der dem Roboter am nächsten war - ein braunhäutiges Exemplar, wahrscheinlich männlich - wirkte überrascht, als der Roboter ruckartig nach oben fuhr. Dern zog noch einmal. Der braune Gliksin schaute jetzt über die Schulter, wahrscheinlich zu einer anderen Person. Er rief etwas, dann nickte er, als jemand etwas zurückrief. Daraufhin packte er das Unterteil des Rahmens, so dass der Mann fast der ganzen Länge nach am Roboter baumelte. Ein weiterer männlicher Gliksin rannte jetzt ins Blickfeld. Dieser war kleiner und hatte hellere Haut - ebenso hell wie Adikors -, aber seine Augen wirkten merkwürdig: dunkel und halb verborgen unter ungewöhnlichen Lidern. Der braune Gliksin sah den Neuankömmling an. Dieser schüttelte heftig den Kopf - aber nicht zu dem braunen Mann hin. Nein, er sah direkt in die gläsernen Linsen des Roboters, vollführte wilde Bewegungen mit den Armen, streckte beide Hände nach vorn, die Handflächen nach unten, und wischte damit vor seiner Brust hin und her. Und er rief ununterbrochen zwei Silben: »Wartenn! Wartenn! Wartenn!« Natürlich, dachte Adikor, waren sie ebenfalls wild darauf, einen künstlich hergestellten Gegenstand als Beweis für das zu haben, was sie gesehen hatten. Zweifelsohne wollten sie den Roboter nicht aufgeben. Er drehte den Kopf und rief Dern zu: »Weiterziehen!« Am anderen Ende des Aufzuggebäudes holte Mary Vaughan Ponter schließlich ein, jenseits des Bereichs, wo die Bergleute sich zur Arbeit umzogen. Ponter stand auf der Rampe, 166
die zum Lifteingang hinabführte - aber das Metallgitter über dem Aufzugschacht war geschlossen. Der Käfig hätte überall sein können, sogar ganz unten, 7400 Fuß unter der Erde. Dennoch hatte Ponter den Bedienungsmann offensichtlich dazu überredet, ihn hochzuholen - aber es mochten mehrere Minuten vergehen, bis er die Oberfläche erreichte. Weder Ponter noch Mary hatten hier irgendetwas zu bestimmen, und die Sicherheitsvorschriften der Mine waren überall angeschlagen. Inco hielt einen beneidenswerten Rekord bei der Unfallverhütung. Ponter hatte bereits Sicherheitsschuhe angezogen und einen Helm aufgesetzt. Mary trat von der Rampe weg und legte gleichfalls Schuhe und Helm an, die sie von einem
großen Regal nahm. Daraufhin stellte sie sich neben Ponter, der ungeduldig mit dem linken Fuß auf den Boden klopfte. Endlich traf der Aufzugkäfig ein, und die Türen wurden aufgestemmt. Niemand war drinnen. Ponter und Mary traten ein, der Bedienungsmann hier oben drückte fünfmal den Summer Expressabstieg ohne Zwischenhalt -, und die Kabine setzte sich taumelnd in Bewegung. Da sie jetzt nach unten fuhren, bestand keine Möglichkeit, mit dem Kontrollraum des SNO in Kontakt zu treten -oder mit irgendwem sonst außer dem Bedienungsmann des Aufzugs, und ihm konnte man nur mit einem Summer Zeichen geben. Auf der haarsträubenden Fahrt hierher hatte Mary wenig zu Ponter gesagt, zum Teil, weil sie sich darauf konzentriert hatte, die Beherrschung über das Fahrzeug nicht zu verlieren, und zum Teil, weil ihr Herz wenigstens ebenso schnell gerast war wie der Wagen selbst. Jetzt jedoch ... Jetzt hatte sie viel Zeit zur Verfügung und nichts weiter zu tun, während der Aufzug anderthalb Meilen senkrecht nach unten fuhr. Ponter würde wahrscheinlich davonlaufen, sobald der Käfig die 6800-Fuß-Ebene erreicht hatte, und sie konnte es ihm nicht übel nehmen. Langsamer laufen, 167
damit sie Schritt halten konnte, würde eine Verzögerung um kritische Minuten bedeuten, während er die Dreiviertelmeile bis zur Kaverne des SNO zurücklegte. Ebene um Ebene sauste blitzend vorüber. Immerhin war es ein faszinierendes Spektakel, das sie nie zuvor gesehen hatte, allerdings ... Allerdings könnte dies sehr wohl ihre letzte Chance für ein Gespräch mit Ponter sein. Einerseits schien die Fahrt nach unten eine recht lange Zeit zu beanspruchen, andererseits würden Stunden, Tage - oder vielleicht sogar Jahre -nicht ausreichen, all das auszusprechen, was Mary sagen wollte. Sie wusste nicht, wo sie anfangen sollte, war sich aber sicher, dass sie es sich nie verzeihen würde, wenn sie es ihm jetzt nicht sagte, es ihm nicht begreiflich machte. Schließlich war es nicht so, als würde er in einer prähistorischen Zeit verschwinden. Er würde zur Seite treten, nicht zurück. Morgen wäre für ihn ebenfalls Morgen, und der zehnte Jahrestag ihrer Begegnung fände gleichzeitig auf beiden Versionen der Erde statt - obwohl er ihn vielleicht im hundertsten Monat begehen würde. Dennoch hatte Mary keinen Zweifel, dass er nachdenken, überlegen und sich traurig fühlen würde. Er würde versuchen, seine und ihre Gefühle zu verstehen, würde versuchen zu verstehen, was zwischen ihnen vorgegangen und - ebenso wichtig - was zwischen ihnen nicht vorgegangen war. »Ponter«, sagte sie. Das Wort war leise und das Klappern des Aufzugs laut. Vielleicht hörte er es nicht. Er sah zur Käfigtür hinaus und beobachtete geistesabwesend das Felsgestein, das an ihnen vorüberraste, während sie immer tiefer und tiefer fielen. »Ponter«, wiederholte Mary etwas lauter. Er wandte sich zu ihr um, und seine Braue rollte nach oben. Mary lächelte. Sein fragender Ausdruck hatte sie so sehr verstört, als sie ihn zum ersten Mal gesehen hatte, und jetzt war er ihr schon selbstverständlich. Es gab so viele 167
Gemeinsamkeiten zwischen ihnen und so wenige Unterschiede. Dennoch hatte die ganze Zeit eine tiefe Kluft zwischen ihnen existiert. Nicht etwa weil Ponter Mitglied einer anderen Art war, sondern wegen seiner Geschlechtszugehörigkeit. Er war nicht einfach nur ein Mann, er war kraftvoll, rau und ein bisschen unbeholfen. »Ponter«, sagte sie, seinen Namen ein drittes Mal aussprechend. »Da - da ist was, das muss ich dir sagen.« Sie hielt inne. Ein Teil von ihr hielt es für besser, diese Angelegenheit nicht anzusprechen, sie, wie so vieles andere auch, weiter unter den Teppich zu kehren. Es bestand schließlich die Chance, dass das Portal zwischen seiner und ihrer Welt, das dort wie durch Zauber erschienen war, sich wieder geschlossen hätte. Dann könnte sie Ponter weiterhin tagaus, tagein
sehen und mit ihm diskutieren. Allerdings hätte sie dann ihre Seele bloßgelegt, diese ätherische Essenz, an deren Vorhandensein sie so fest glaubte, die er hingegen für völlig unmöglich hielt. »Ja?«, fragte Ponter. »Du bist davon ausgegangen«, sagte Mary, »und ich bin davon ausgegangen, dass der physikalische Zufall, der dich hierher gebracht hat, nicht reproduzierbar wäre - dass du auf immer hier gestrandet wärst.« Er nickte leicht. Sein großes Gesicht wippte im Halbdunkel auf und nieder. »Wir haben geglaubt, es bestünde keine Möglichkeit für dich, wieder zu deiner Jasmel und Megameg zurückzukehren«, fuhr Mary fort. »Keine Möglichkeit, zu Adikor zurückzukehren. Und obwohl ich weiß, dass ihm dein Herz gehört, ihnen dein Herz gehört und stets gehören wird, habe ich auch gewusst, dass du dich damit abgefunden hattest, dein Leben in dieser Welt zu verbringen, auf dieser Erde.« Erneut nickte Ponter, doch sein Blick löste sich von ihr. Vielleicht erkannte er, worauf sie hinauswollte. Vielleicht spürte er, dass nichts weiter gesagt werden musste. 168
Aber es musste gesagt werden. Sie musste ihn dazu bringen, dass er es verstand - dass er verstand, dass es nicht an ihm lag. Sondern an ihr. Nein, nein, nein. Das stimmte nicht. Es lag auch nicht an ihr. Es lag an diesem gesichtslosen, bösen Mann, diesem Ungeheuer, diesem Dämon. Er hatte sich zwischen sie geschoben. »Kurz bevor wir uns begegnet sind«, sagte Mary, »am Tag deiner Ankunft hier in Sudbury, bin ich ...« Sie hielt inne. Ihr Herz klopfte heftig, sie spürte es - auch wenn sie lediglich das Klappern und Rumpeln des Lifts hörte. Der Aufzug passierte die 1200-Fuß-Ebene. Sie sah einen Bergmann draußen im Schacht, der auf eine Fahrt nach oben wartete. Das harte Licht seiner Helmlampe fiel in den Käfig und glitt kurz über Ponters und ihr Gesicht. Ponter schwieg. Er wartete einfach still ab, bis sie weitersprach. Und schließlich tat sie es. »In jener Nacht«, erzählte Mary, »bin ich ...« Sie hatte die Absicht gehabt, das Wort unverblümt auszusprechen, leidenschaftslos, aber sie konnte ihm einfach keinen Ausdruck verleihen. »Ich bin verletzt worden«, sagte sie. Verwirrt legte Ponter den Kopf schief. »Eine Verletzung? Das tut mir Leid.« »Nein. Ich meine, ich bin verletzt worden - von einem Mann.« Sie holte tief Luft. »Ich bin in York überfallen worden, auf dem Campus, nach Einbruch der Dunkelheit ...« Sinnlose Einzelheiten, die das Wort hinauszögerten, das sie doch aussprechen musste. Sie senkte den Blick zum Schlamm bedeckten Boden des Aufzugs. »Ich wurde vergewaltigt.« Hak piepste - der Gefährte war so vernünftig, es mit großer Lautstärke zu tun, damit das Geräusch über den Lärm des Aufzugs zu hören war. Mary versuchte es erneut. »Ich wurde angegriffen, sexuell angegriffen.« Sie hörte Ponter hefüg Luft holen - selbst über das Poltern 168
des Lifts vernahm sie sein Aufstöhnen. Mary hob den Kopf und suchte im Halbdunkel seine goldenen Augen. Ihr Blick flackerte hin und her, nach links, nach rechts, vom einen seiner Augen zum anderen, sie suchte nach einer Reaktion, sie versuchte, seine Gedanken zu erkennen. »Das tut mir sehr Leid«, sagte Ponter sanft. Vermutlich meinte er - oder Hak - es im Sinne von Mitgefühl, und sie antwortete, vielleicht, weil ihr nichts besseres einfallen wollte: »Es war nicht deine Schuld.« »Nein«, meinte Ponter. Jetzt war er es, dem die Worte fehlten. Schließlich fragte er: »Hat er dir wehgetan - körperlich, meine ich?« »Ein bisschen durchgerüttelt. Nichts Schlimmeres. Aber ...« »Ja«, erwiderte Ponter. »Aber.« Er hielt inne. »Weißt du, wer es getan hat?«
Mary schüttelte den Kopf. »Die Behörden haben sich bestimmt dein Alibi-Archiv angesehen und ...« Er sah beiseite, auf die Felswand, die vorübersauste. »Tut mir Leid.« Erneut stockte er. »Also -also wird er mit dieser Sache davonkommen?« Ponter sprach laut, trotz der delikaten Angelegenheit, damit Hak seine Stimme über den Krach rings umher auffangen konnte. Mary hörte den Zorn, die Entrüstung in seinen Worten. Sie stieß die Luft aus und nickte langsam und traurig. »Wahrscheinlich.« Sie hielt inne. »Ich - wir haben nicht darüber gesprochen, du und ich. Vielleicht setze ich zu viel voraus. In dieser Welt wird Vergewaltigung als entsetzliches Verbrechen angesehen, ein schreckliches Verbrechen. Ich weiß nicht...« »Auf meiner Welt ist das genauso«, sagte Ponter. »Einige wenige Tiere tun es - Orang-Utans zum Beispiel -, aber wir sind Menschen, keine Tiere. Natürlich sind wegen der Alibi-Archive nur wenige dumm genug, so etwas zu versuchen, aber wenn es geschieht, wird es mit aller Strenge geahndet.« Einige wenige Augenblicke lang herrschte zwischen den beiden Schweigen. Ponter hielt den rechten Arm halb ange 169 hoben, als hätte er daran gedacht, sie zu berühren, um ihr Trost zu spenden. Aber er sah zu Boden und senkte den Arm mit einem Ausdruck der Überraschung in seinem Gesicht, so als sähe er die Gliedmaße eines Fremden. Mary ertappte sich dabei, wie sie die Hand ausstreckte und ihn selbst am dicken Unterarm berührte, sanft und zögernd. Und dann glitt ihre Hand seinen ganzen Arm hinab und fand seine Finger, und seine Hand kam wieder hoch, und ihre zierlichen Finger verschränkten sich mit seinen massigen. »Du sollst verstehen«, sagte Mary, »dass wir einander während deines Aufenthalts hier sehr nahe gekommen sind. Wir haben über alles Mögliche gesprochen. Und, na ja, wie gesagt, du bist davon ausgegangen, dass du nie wieder heimkehren würdest. Du bist davon ausgegangen, dass du dir hier ein neues Leben aufbauen müsstest.« Sie stockte. »Du hast nie gedrängelt, du hast nie deinen Vorteil gesucht. Am Ende warst du für mich der einzige Mann auf diesem Planeten, bei dem ich keinerlei Unbehagen verspürte, wenn ich mit ihm allein zusammen war, allerdings ...« Ponter schloss sanft seine Finger. »Es ging zu rasch«, sagte Mary. »Verstehst du das? Ich -ich weiß, du magst mich, und ...« Sie hielt inne. In ihren Augenwinkeln brannte es. »Es tut mir Leid«, sagte sie. »Es ist mir nicht oft im Leben passiert, doch es hat weiß Gott Zeiten gegeben, da Männer an mir interessiert waren, aber, nun ja ...« »Aber wenn dieser Mann«, sagte Ponter langsam, »nicht so ist wie andere Männer ...« Mary schüttelte den Kopf und sah zu ihm auf. »Nein, nein. Es war nicht dein Aussehen ...« Sie sah in dem flackernden Licht, wie er sich ein wenig versteifte. Sie fand ihn nicht hässlich nicht mehr, nicht jetzt. Sie fand sein Gesicht freundlich, nachdenklich, mitfühlend, intelligent und ja, verdammt, ja - attraktiv. Aber was sie gesagt hatte, war alles falsch herausgekommen. 169 Bei dem Versuch, die Sache so zu erklären, dass er sich nicht auf immer und ewig fragen würde, warum sie auf seine sanfte Berührung so reagiert hatte, nach diesem tiefen gegenseitigen Blick in die Augen, hatte sie ihn am Ende lediglich verletzt. »Ich finde«, sagte Mary, »dass an deinem Aussehen nichts falsch ist. Eigentlich finde ich dich sogar ziemlich ...« Sie zögerte. Nicht, weil es ihr an Uberzeugung mangelte, sondern vielmehr deshalb, weil sie so selten in ihrem Leben so forsch bei einem Mann gewesen war »... gut aussehend.« Ponter zeigte ein trauriges Lächeln. »Das bin ich nicht, und du weißt es. Gut aussehend, meine ich. Nicht nach den Standards meines Volkes.«
»Das ist mir egal«, erwiderte Mary sofort. »Das ist mir völlig egal. Ich meine, ich kann mir auch nicht vorstellen, dass du mich körperlich attraktiv findest. Ich bin ...« Sie senkte die Stimme. »Ich bin vermutlich das, was man gewöhnlich nennt. Nach mir drehen sich nicht viele Köpfe um, aber ...« »Ich finde dich hinreißend«, bemerkte Ponter. »Wenn wir mehr Zeit gehabt hätten«, sagte Mary. »Wenn ich mehr Zeit gehabt hätte, weißt du, um darüber hinwegzukommen ...« Nicht, dass sie je darüber hinwegkäme, da war Mary sich gewiss, »... wäre zwischen uns vielleicht alles ... anders gekommen.« Sie hob ein wenig die Schultern, ein Zeichen der Hilflosigkeit. »Das ist alles. Ich wollte dich das wissen lassen. Ich wollte dir damit sagen, dass ich dich mochte - dass ich dich mag.« Ein verrückter Gedanke schoss ihr durch den Kopf. Wäre wirklich alles anders gewesen, wenn sie unversehrt nach Sudbury gekommen wäre, statt innerlich zerbrochen? Würde Ponter jetzt vielleicht nicht so schnell er konnte davoneilen, um zu seinem alten Leben, seiner eigenen Welt zurückzukehren? Vielleicht... Nein. Nein, das war zu viel. Er hatte Adikor. Er hatte Kinder. Und wenn alles ganz anders gewesen wäre, vielleicht wäre 170 sie dann bereit gewesen, mit ihm durch das Portal in seine Welt zu gehen. Schließlich hatte sie hier niemanden, und ... Aber es war nicht anders. Es war genau so, wie es war. Zitternd kam der Aufzug zum Stehen, der Summer tönte heiser und die Käfigtür öffnete sich. 170
KAPITEL FUNFUNDVIERZIG Auf einmal gab es beträchtliche Aufregung unter den Gliksins. Zunächst wusste Adikor nicht, was los war, aber dann wurde ihm klar, dass jemand in die fassförmige Kaverne herabkam und eben jene lange Leiter herabstieg, die sie zuvor schon gesehen hatten. Die Person hatte den breiten Rücken dem Roboterauge zugewandt. Wahrscheinlich war es jemand, der bei den Gliksins etwas zu sagen hatte und sich mit eigenen Augen von diesem seltsamen Apparat überzeugen wollte, der an einem Kabel befestigt war, das mitten in der Luft seinen Anfang nahm. Die Gliksins im Vordergrund winkten den Neuankömmling heran. Und er kam ziemlich rasch. Der Roboter schwang am Ende seines Halteseils, während ihn Dern höher und höher zog. Adikor erhaschte zufällig einen Blick auf das Gesicht der Person, die gerade eingetroffen war. Ja! Unglaublich, wunderbar, ja! Adikor klopfte das Herz. Es war Ponter! Er trug die seltsame Kleidung der Gliksins mit einem dieser Schildkröten-Schilde aus Kunststoff auf dem Kopf, aber es konnte keinen Zweifel geben. Ponter Boddit lebte, und es ging ihm gut! »Dern!«, rief Adikor. »Aufhören! Lass den Roboter wieder herab!« Die Kameraperspektive veränderte sich allmählich wieder. Jasmel sog heftig die Luft ein und klatschte freudig in die Hände. Adikor wischte sich Tränen aus den Augen. Ponter eilte zum Roboter hinüber. Er hielt auf merkwürdige Weise den Kopf schräg, und Adikor begriff erst nach einem Moment, was er wahrscheinlich tat. Er suchte den Hersteller-Stempel auf dem Rahmen des Roboters, um sich zu vergewissern, dass dies wirklich ein künstlicher Gegenstand aus seiner eigenen Welt war. Dann grinste er in die Kameralinse des Roboters. 170 »Hallo!«, sagte er - das erste Wort aus dem ganzen lärmenden Durcheinander, das Adikor verstand. »Hallo, meine Freunde! Ich hatte schon geglaubt, euch für immer und ewig verloren zu haben! Wer sieht sich das hier an? Adikor, zweifellos. Wie ich dich vermisst habe!« Er hielt inne, denn zwei der Gliksins sagten etwas zu ihm: einer der hellhäutigen Männer und der dunkelhäutige Mann, der zuvor den Roboter festgehalten hatte.
Ponter wandte sich wieder der Kamera zu. »Ich weiß nicht so genau, was ich jetzt tun soll. Ich sehe das Kabel aus der Luft herauskommen, aber kann ich gefahrlos überwechseln? Kann ...« Seine Stimme brach kurz. »... kann ich heimkommen?« Adikor wandte sich vom Bildschirm ab und sah Dern an, der in den Kontrollraum zurückgekehrt war. Dern hob die Schultern. »Der Roboter ist anscheinend problemlos durchgekommen.« »Du weißt nicht, wie lange du das Tor offen halten kannst«, meinte Jasmel, »oder ob du es je wieder erzeugen kannst, falls es sich schließt. Er sollte sofort durchkommen.« Adikor nickte. »Aber wie lassen wir ihn das wissen?« Entschlossen erwiderte Jasmel: »Ich weiß es.« Sie eilte die Treppe zum Rechnerlabor hinab und schritt dann zu der Stelle hinüber, an der das Kabel in der Luft verschwand. Jasmel legte die Hand darauf und ließ sie dann daran entlang gleiten, bis zunächst ihre Fingerspitzen, dann ihre Finger und schließlich ihre Hand und ihr Unterarm verschwanden. Als alles bis hinauf zu ihrer Schulter verschwunden war, schob sie den Kopf auf die andere Seite und rief einfach - Adikor und Dern konnten es nicht verstehen, aber es tönte laut und deutlich aus dem Lautsprecher des Monitors: »Papa! Komm heim!« »Jasmel, Liebling!«, rief Ponter aufschauend. »Ich ...« »Komm sofort!«, rief Jasmel. »Wir wissen nicht, wie lange wir das hier offen halten können. Folge einfach dem Kabel ... Benutze die Leiter da, um nach oben zu kommen. Der 171
Rechnerraum befindet sich etwa eine halbe Armspanne unterhalb meines Kopfes. Du solltest ihn problemlos finden können.« Daraufhin zog Jasmel ihren Kopf wieder auf ihre Seite und lief hinauf in den Kontrollraum. Auf dem Monitor war allgemeine Hektik zu erkennen. Niemand schien auf so etwas vorbereitet. Zwei Männer holten die Leiter, auf die Jasmel gezeigt hatte. Einer der Männer umarmte Ponter, eine Umarmung, die er heftig erwiderte - anscheinend war er von den Gliksins nicht schlecht behandelt worden. Und jetzt erschien eine strohblonde Frau neben Ponter. Sie war zuvor nicht dort gewesen, und sie wirkte ziemlich außer Atem. Sie stellte sich auf die Zehenspitzen und drückte Ponter die Lippen auf die Wange, und er lächelte sie breit an. Auf Derns Befehl schwenkte der Roboter seine Kamera, und Adikor erkannte, dass das Problem schwerwiegender war, als Jasmel gedacht hatte. Ja, das Kabel ragte aus dem Loch - aber dieses Loch befand sich nirgendwo auch nur in der Nähe der Felswände der Kaverne. Vielmehr war es mitten in der leeren Luft, mehrere Körperlängen über dem Boden und wenigstens ebenso weit entfernt von der nächsten Wand. Man konnte die Leiter nirgendwo anlehnen. »Könnte er am Kabel hochklettern?«, fragte Adikor. Dern zuckte mit den Achseln. »Er ist bestimmt schwerer als der Roboter. Es könnte ihn halten, aber ...« Aber wenn es reißt, würde Ponter auf den Felsboden stürzen und sich vielleicht den Rücken brechen. »Können wir ein stärkeres Kabel für ihn durchlassen?«, fragte Jasmel. »Wenn wir eins hätten«, meinte Dern nickend. »Ich habe allerdings keine Ahnung, wo wir hier unten eins herbekommen sollen. Ich müsste in meine Werkstatt zurück, und das würde zu lange dauern.« 171 Aber die Gliksins, so kümmerlich sie auch sein mochten, waren findig. Vier von ihnen hielten jetzt die Leiter fest, stützten sie mit aller Kraft. Sie war gegen nichts gelehnt, doch sie riefen Ponter etwas zu, drängten ihn vermutlich, trotzdem hinaufzuklettern. Ponter lief hinüber und wollte schon auf die erste Sprosse treten, obwohl die Leiter nach wie vor nicht sonderlich stabil aussah. Plötzlich rannte die strohblonde Frau zu ihm und berührte ihn am Arm. Er wandte sich um, und seine Brauen rollten die Uberaugenwülste hinauf. Sie drückte ihm
etwas in die andere Hand und streckte sich, um Ponter erneut das Gesicht an die Wange zu drücken. Wiederum lächelte er und machte sich dann an den Aufstieg. Je höher Ponter hinaufkam, desto stärker schwankte die Leiter hin und her. Adikors Herz vollführte einen Satz, als sie anscheinend umfallen wollte, aber weitere Gliksins eilten zu Hilfe und stabilisierten die Leiter. Ponter streckte die Hand aus und versuchte, das Kabel knapp vor der Stelle zu packen, an der es aus der Luft hervordrang. Die Leiter schwang vor und zurück, von links nach rechts, und Ponter packte zu, verfehlte, packte erneut zu, verfehlte wiederum, und darin ... Derns Schaltbox wurde ein wenig nach vorn gerissen. Ponter hatte das Kabel! Adikor, Jasmel und Dern rannten in den Rechnerraum. Jasmel und Dern postierten sich direkt vor der Öffnung. Adikor, der nachsehen wollte, ob er irgendwie helfen konnte, trat hinter die Öffnung und ... ... schnappte nach Luft. Er sah Ponters Kopf aus dem Nirgendwo auftauchen und konnte, aus diesem Winkel, in seinen Hals sehen, als hätte eine gewaltige Klinge ihn sauber abgetrennt. Dern und Jasmel halfen Ponter, und Adikor sah verblüfft zu, wie immer mehr von seinem Geliebten durch das sich erweiternde Loch drang, das seinen Körper umgab. Der Querschnitt durchbrach die Schultern, jetzt die Brust mit dem schlagenden 172 Herzen und den sich blähenden Lungen, die Eingeweide, die Beine, und ... Und er war durch! Alles von ihm war durch! Adikor rannte zu Ponter und nahm ihn fest in die Arme, und Jasmel nahm ihren Vater ebenfalls in die Arme. Alle drei lachten und weinten, und schließlich meinte Adikor: »Willkommen daheim! Willkommen daheim!« »Vielen Dank«, sagte Ponter breit grinsend. Dern hatte sich höflich ein kleines Stück zurückgezogen. Adikors Blick fiel auf ihn. »Vergib uns«, sagte er. »Ponter Boddit, das ist Dern Kord, ein Ingenieur, der uns geholfen hat.« »Gesunder Tag«, sagte Ponter zu Dern und ging auf ihn zu, und ... »Nein!«, rief Dern. Aber es war schon zu spät. Ponter war in das gespannte Kabel hineingelaufen, und es war zerrissen. Der Teil, der in die Welt der Gliksin hineinragte, verschwand durch das Tor, und das Tor verschwand in einem elektrisch blauen Blitz. Die beiden Welten waren wieder voneinander getrennt. 172
KAPITEL SECHSUNDVIERZIG Dern kam sich offensichtlich wie ein Schwebetaxi ohne Fahrgäste vor. Höflich überließ er die Wiedervereinigung der Familie sich selbst und begab sich wieder an die Oberfläche. Ponter, Adikor und Jasmel hatten sich in den kleinen Essraum des Quantencomputer-Labors zurückgezogen. »Ich hätte nie geglaubt, euch wiederzusehen«, sagte Ponter und sah erst Adikor, dann Jasmel strahlend an. »Keinen von euch beiden.« »Wir haben genau das gleiche gedacht«, meinte Adikor. »Dir geht's gut?«, fragte Ponter. »Allen geht's gut?« »Ja, soweit ist alles in Ordnung«, antwortete Adikor. »Und Megameg? Wie geht es der lieben kleinen Megameg?« »Ihr geht's gut«, beteuerte Jasmel. »Sie hat nur nicht alles verstanden, was los war.« »Ich kann's kaum erwarten, sie wiederzusehen«, sagte Ponter. »Mir ist es gleich, ob es noch siebzehn Tage hin sind, bis das nächste Mal die Zwei Eins wird. Ich fahre morgen ins Zentrum und nehme sie in die Arme^<Jasmel lächelte. »Das würde ihr gefallen, Papa.« »Was ist mit Pabo?«
Adikor grinste. »Sie hat dich schrecklich vermisst. Sie schaut bei jedem Geräusch auf und läuft zur Tür.« »Dieser süße kleine Sack Knochen«, grinste Ponter. »Sag mal, Papa«, meinte Jasmel, »was hat dir diese Frau eigentlich gegeben?« »Oh«, erwiderte Ponter. »Ich habe selbst noch nicht nachgeschaut. Sehen wir mal ...« Ponter griff in die Tasche seiner merkwürdigen, fremdartigen Hose und zog ein Bündel hervor, das er vorsichtig öffnete. Darin lag eine Goldkette, und daran befestigt waren zwei einfache, rechtwinklig zueinander stehende, 173
unterschiedlich lange Stäbe, die einander etwa bei zwei Drittel Länge des größeren der beiden kreuzten. »Das ist wunderschön!«, sagte Jasmel. »Was ist es?« Ponters Brauen gingen in die Höhe. »Es ist das Symbol eines Glaubenssystems, dem einige von ihnen angehören.« »Wer war diese Frau?«, fragte Adikor. »Meine Freundin«, entgegnete Ponter leise. »Ihr Name -na ja, ich kann lediglich die erste Silbe ihres Namens aussprechen: >Mare<.« Adikor lachte; >Mare< war in ihrer Sprache das Wort für >Liebling<. »Ich weiß, dass ich dir gesagt habe, du solltest dir eine neue Frau suchen«, meinte er in scherzhaftem Ton, »aber ich hätte nicht gedacht, dass du so weit gehen würdest, um eine zu finden, die zu dir passt.« Ponter lächelte, doch es war ein gezwungenes Lächeln. »Sie war sehr freundlich«, sagte er. Adikor kannte seinen Partner gut genug, um zu verstehen, dass die Geschichte, die es zu erzählen gab, schließlich und endlich auch erzählt werden würde. Dennoch ... »Wo wir gerade von Frauen sprechen«, sagte Adikor. »Ich, äh, habe während deiner Abwesenheit so einiges mit Klasts Lebensgefährtin zu tun gehabt.« »Daklar!«, rief Ponter. »Wie geht es ihr?« »Offen gesagt«, erwiderte Adikor, der jetzt Jasmel ansah, »ist sie während deiner Abwesenheit eine ziemliche Berühmtheit geworden.« »Wirklich?«, fragte Ponter. »Weshalb?« »Weil sie jemanden des Mordes beschuldigt und angeklagt hat.« »Mord!«, rief Ponter aus. »Wer ist denn ermordet worden?« »Du«, antwortete Adikor schelmisch. Ponter fiel die Kinnlade herab. »Du bist doch verschollen, siehst du«, erklärte Adikor, »und da hat Bolbay geglaubt...« »Sie hat geglaubt, du hättest mich ermordet?«, wollte Ponter ungläubig wissen. 173 »Naja«, sagte Adikor, »du warst verschwunden, und die Mine hier liegt so tief im Fels, dass der Alibi-Archiv-Pavillon die Signale unserer Gefährten nicht auffangen konnte. Bei Bolbay hörte es sich wie das perfekte Verbrechen an.« »Unglaublich«, staunte Ponter kopfschüttelnd. »Wer hat zu deinen Gunsten gesprochen?« »Ich«, erwiderte Jasmel. »Gutes Mädchen!«, sagte Ponter und umarmte sie von Neuem. Uber die Schulter seiner Tochter hinweg meinte er: »Adikor, es tut mir Leid, dass du das durchmachen musstest.« »Mir auch, aber ...« Er zuckte mit den Achseln. »Du wirst es zweifellos bald mit eigenen Ohren hören. Bolbay hat gesagt, ich habe dir gegrollt. Sie hat gesagt, dass ich mir bloß wie ein Anhängsel deiner Arbeit vorgekommen sei.« dich hätte ich nichts erreicht.« Adikor neigte den Kopf. »Das ist sehr großzügig von dir, aber ...« Er hielt inne und breitete dann die Arme mit gehobenen Handflächen aus. »Aber an ihren Worten war etwas Wahres.«
Ponter legte Adikor einen Arm um die Schultern. »Vielleicht stammte die Theorie tatsächlich mehr von mir als von dir - aber du hast den Quantencomputer entworfen und gebaut, und dieser Rechner ist es, der uns eine neue Welt eröffnet hat. Deshalb übertrifft dein Beitrag den meinen hundertfach!« Adikor lächelte. »Vielen Dank.« »Also, was ist geschehen?«, fragte Ponter grinsend. »Deine Stimme klingt nicht wesentlich höher, also vermute ich mal, dass sie erfolglos geblieben ist.« »Wie es aussieht«, sagte Jasmel, »geht die Sache vor ein ordentliches Gericht, und die Verhandlung beginnt morgen.« Verwundert schüttelte Ponter den Kopf. »Nun gut, dann müssen wir die Anklage offensichtlich entkräften.« Adikor lächelte. »Wenn du so nett wärst.« »
Unsinn«, knurrte Ponter 174
Am folgenden Morgen saßen neben Untersuchungsrichterin Sard ein grau gewordener Mann auf der einen und eine noch grauer gewordene Frau auf der anderen Seite. Der Saal des Grauen Rats war bis zum letzten Platz, gefüllt. Neben den normalen Zuschauern waren noch etwa zehn silbern gekleidete Exhibitionisten anwesend. Daklar Bolbay trug nach wie vor Orange, die Farbe der Anklage. Aber in der Menge entstand beträchtliches Getuschel, als Adikor eintrat, der statt des Blau eines Angeklagten ein luftiges Hemd mit Blumenmuster und eine pastellgrüne Hose trug. Er schritt zu dem Hocker, den er bereits kennen gelernt hatte. »Gelehrter Huld«, kritisierte Untersuchungsrichterin Sard, »wir haben Traditionen, und ich erwarte von Ihnen, dass Sie sich daran halten. Ich glaube, Sie haben inzwischen erfahren, wie wenig ich für Zeitverschwendung übrig habe. Daher werde ich Sie heute nicht zum Umziehen heimschicken, aber ich erwarte von Ihnen, dass Sie morgen Blau tragen.« »Natürlich, Untersuchungsrichterin«, erwiderte Adikor. »Vergeben Sie mir bitte.« Sard nickte. »Die Abschlussuntersuchung im Mordfall Ponter Boddit, wohnhaft am Rande von Saldak, beginnt jetzt. Beschuldigt ist Adikor Huld, wohnhaft ebendort. Die Vorsitzende Kammer besteht aus Farba Dond« - der ältere Mann nickte -, »Kab Jodler und mir selbst, Komel Sard. Die Anklägerin ist Daklar Bolbay als Vertreterin des minderjährigen Kindes Megameg Bek ihrer verstorbenen Lebensgefährtin.« Sard sah sich im überfüllten Raum um. Ein selbstzufriedenes Stirnrunzeln lag auf ihrem Gesicht. Sie wusste genau, dass dies ein Fall war, über den man noch viele Monate sprechen würde. »Wir werden mit dem ersten Plädoyer der Anklägerin beginnen. Daklar Bolbay, bitte.« »Mit allem Respekt, Untersuchungsrichterin«, sagte Adikor und stand auf. »Ich habe mich gefragt, ob die Person, die für mich spricht, vielleicht zuerst meine Verteidigung vorbringen dürfte?« 174 »Gelehrter Huld«, entgegnete Dond scharf. »Untersuchungsrichterin Sard hat Sie bereits wegen Ignoranz der Tradition verwarnt. Der Ankläger spricht stets als Erster ...« »Oh, das verstehe ich schon«, unterbrach Adikor. »Aber, das Verfahren zu beschleunigen, und ich dachte, das könnte dabei helfen.« Bolbay erhob sich; vielleicht ahnte sie eine Möglichkeit, die Situation für sich zu nutzen. Schließlich wäre sie in der Lage, die Positionen der Verteidigung in ihrer ersten Erklärung in der Luft zu zerreißen. »Als Anklägerin habe ich keine Probleme damit, dass zuerst die Verteidigung vorgebracht wird.« »Vielen Dank«, sagte Adikor und verneigte sich großherzig. »Nun, wenn es ...«
»Gelehrter Huld!«, fauchte Sard. »Es ist nicht an der Anklägerin, über das Protokoll zu entscheiden. Wir werden fortfahren, wie es die Tradition verlangt. Daklar Bolbay spricht als Erste, und ...« »Ich dachte nur ...«, sagte Adikor. »Ruhe!« Sard lief rot an. »Sie sollten überhaupt den Mund halten!« Sie wandte sich Jasmel zu. »Jasmel Ket, nur Sie sollten zu Gunsten des Gelehrten Huld sprechen. Bitte sorgen Sie dafür, dass er sich daran hält.« Jasmel erhob sich. »Mit allem schuldigen Respekt, Ehrwürdige Untersuchungsrichterin, diesmal spreche ich nicht für Adikor. Schließlich haben Sie selbst vorgeschlagen, dass er sich einen passenderen Verteidiger suchen sollte.« Sard nickte knapp. »Es freut mich, dass er zumindest hin und wieder zuhört.« Sie durchsuchte mit dem Blick die Menge. »Na schön. Wer spricht zu Adikor Hulds Gunsten?« Ponter Boddit, der vor den Türen zum Ratssaal gewartet hatte, trat ein. »Ich!«, sagte er. Einige Zuschauer schnappten nach Luft. »Sehr gut«, meinte Sard, senkte den Blick und wollte sich eine Notiz machen. »Und Ihr Name ist?« nun ja, ich weiß von U ichungsrichterin Sards Wunsch, 175
»Boddit«, antwortete Ponter. Sards Kopf fuhr hoch. »Ponter Boddit.« Ponter schaute über den Raum hinweg. Jasmel hatte Megameg zurückgehalten, doch jetzt ließ sie ihre jüngere Schwester los. Megameg flog durch den Ratssaal, und Ponter nahm sie in die Arme. »Ordnung!«, rief Sard. »Ordnung bitte!« Ponter grinste von einem Ohr zum anderen. Er war besorgt gewesen, dass die Behörden die Existenz der anderen Erde geheim halten wollten. Schließlich hatten ihn Doktor Montego und Doktor Singh nur im letzten Augenblick davor bewahren können, von den Behörden der Gliksins mitgenommen zu werden, vielleicht auf Nimmerwiedersehen. Aber jetzt benutzten Tausende ihre Voyeure daheim und sahen, was die Exhibitionisten beobachteten, und ein Raum voll Gefährten übertrug Signale an die Alibiwürfel ihrer Eigentümer. Die ganze Welt - diese ganze Welt - würde bald die Wahrheit erfahren. Bolbay war aufgesprungen. »Ponter!« »Dein Eifer, mich zu rächen, ist lobenswert, meine liebe Daklar«, sagte er, »aber wie du sehen kannst, war er etwas verfrüht.« »Wo bist du gewesen?«, wollte Bolbay wissen. Adikor war der Ansicht, sie wirkte eher wütend als erleichtert. »Wo ich gewesen bin?«, wiederholte Ponter und sah zu den silbernen Gewändern in der Zuhörerschaft hinüber. »Ich muss sagen, es schmeichelt mir, dass die Anklage wegen Mordes an einem einfachen Physiker so viele Exhibiüonisten angelockt hat. Und weil sie alle hier sind, dazu hundert weitere Gefährten, die Signale an den Archiv-Pavillon senden, werde ich die Sache gern erklären.« Er ließ den Blick über die Gesichter gleiten. Gesichter mit den richtigen großen Nasen und nicht mit diesen zusammengequetschten Dingern, die die Gliksins hatten. Behaarte männliche Gesichter und weniger behaarte weibliche, Gesichter mit hervorstehenden Uberaugenwülsten und stromlinienförmigen 175 Kieferknochen. Gesichter seines Volkes, seiner Freunde, seiner Art. »Zunächst jedoch«, begann er, »lasst mich einfach nur sagen, dass es daheim doch am schönsten ist.« 175
KAPITEL SIEBENUNDVIERZIG Sechs Tage später Freitag, 16. August 148/104/09 Adikor und Ponter trafen im Haus von Dern ein, dem Roboter-Ingenieur. Dern bat sie herein und schaltete dann seinen Voyeur ab. »Meine Herren, meine Herren!«, sagte Dern. »Es ist schön, euch zu sehen.« Er zeigte auf das jetzt schwarze Rechteck des Voyeurs. »Habt ihr euch Lulasms Besuch in der Wirtschaftsakademie von heute früh angeschaut?« Ponter schüttelte den Kopf, Adikor ebenso. »Eure Freundin Sard ist von ihrem Posten als Untersuchungsrichterin zurückgetreten. Anscheinend waren ihre Kollegen der Ansicht, dass sie nicht ganz unparteiisch wirkte, wenn man den Ausgang deiner Verhandlung bedenkt.« »Nicht so ganz?«, fragte Adikor erstaunt. »Das ist eine Untertreibung.« »Auf jeden Fall«, sagte Dern, »hat der Graue Rat entschieden, dass sie einen bedeutsameren Beitrag leisten kann, wenn sie bei den 146ern Mediation für Fortgeschrittene unterrichtet.« »Das wird wahrscheinlich kein Auge eines Exhibitionisten auf sich ziehen«, bemerkte Ponter, »aber Daklar Bolbay erhält jetzt ebenfalls Hilfe. Therapie zur Schmerzbewältigung, Bewältigung von Wut und so fort.« Adikor lächelte. »Ich habe sie meinem alten Persönlichkeits-Former vorgestellt, und er hat sie mit den richtigen Leuten zusammengebracht.« »Das ist gut«, meinte Dern. »Willst du eine öffentliche Entschuldigung von ihr verlangen?« 176 Adikor schüttelte den Kopf. »Ich habe Ponter zurück«, erwiderte er schlicht. »Mehr brauche ich nicht.« Lächelnd wies Dern einen seiner vielen Haushaltsroboter an, Getränke zu besorgen. »Ich danke euch beiden, dass ihr rübergekommen seid«, meinte er, ließ sich auf ein langes Sofa nieder, legte die Beine übereinander und verschränkte die Hände hinter dem Kopf. Sein rundlicher Bauch hob und senkte sich beim Atmen. Ponter und Adikor setzten sich breitbeinig auf zwei Sattelsitze. »Du hast gesagt, du hättest etwas Wichtiges mit uns zu besprechen«, drängte Ponter sanft. »Allerdings«, entgegnete Dern und drehte den Kopf, so dass er sie ansehen konnte. »Ich glaube, wir müssen uns eine Möglichkeit überlegen, wie wir das Tor zwischen den beiden Versionen der Erde dauerhaft offen halten können.« »Es blieb anscheinend so lange offen, wie ein Objekt hindurchging«, meinte Ponter. »Naja, für kurze Zeitspannen«, sagte Adikor. »Wir wissen wirklich nicht, ob es unbegrenzt offen gehalten werden kann.« »Wenn ja«, überlegte Ponter, »sind die Möglichkeiten überwältigend. Tourismus. Handel. Kultureller und wissenschaftlicher Austausch.« »Genau«, sagte Dern. »Seht euch das hier an.« Er schwang die Beine auf den Boden und legte ein Ding auf den polierten Holztisch. Es war eine hohle Röhre aus Drahtgeflecht, die ein wenig länger als sein längster Finger war und nicht dicker als sein kürzester. »Das ist eine Derker-Röhre«, erklärte er. Mit zwei Fingern zog er an der Öffnung der Röhre, und sie wurde immer weiter und größer. Die über den Draht gespannte elastische Membran streckte sich, bis sie so groß wie Derns Handspanne war. Er reichte Ponter die Röhre. »Versuch mal, sie zu zerquetschen«, forderte er. Ponter legte eine Hand darum und umfasste mit der anderen einen weiteren Teil der Röhre. Daraufhin drückte 176
er zunächst sanft und dann mit aller Kraft. Die Röhre ließ sich nicht zerquetschen.
»Das ist bloß eine verkleinerte Version«, meinte Dern, »aber wir haben hier in der Mine welche, die vergrößern sich bis auf drei Armspannen im Durchmesser. Damit sichern wir Tunnel ab, wenn ein Einbruch wahrscheinlich ist. Wir können uns schließlich den Verlust dieser Minenroboter nicht leisten.« »Wie funktioniert sie?«, fragte Ponter. »Das Netzwerk ist eigentlich eine Aneinanderreihung einzelner Metallsegmente mit Sperrklinken an den Enden. Nachdem man es geöffnet hat, kann man es nur dadurch zum Zusammenbruch bringen, dass man hineingeht und die einzelnen Schließmechanismen mit Werkzeugen öffnet.« »Also schlägst du vor«, sagte Ponter, »dass wir das Tor zu dem anderen Universum wieder öffnen und dann eine dieser ... wie hast du sie genannt? Eine >Derker-Röhre Eine dieser Derker-Röhren durch die Öffnung schieben und so weit wie möglich aufmachen?« »Genau«, antwortete Dern. »Dann können die Leute einfach von diesem Universum in das andere hinüberwechseln.« »Auf der anderen Seite müssten sie eine Plattform und Stufen einbauen, die zur Röhre hinaufführen«, sagte Ponter. »Das sollte wohl nicht schwer fallen«, meinte Dern. »Was passiert, falls das Tor nicht unendlich lange offen bleibt?«, fragte Adikor. »Ich würde keinem raten, im Tunnel herumzulungern«, entgegnete Dern, »aber wenn sich das Tor schließt, würde es wahrscheinlich einfach den Tunnel in zwei Hälften zerteilen. Oder es würde den Tunnel völlig auf die eine oder andere Seite ziehen.« »Um einiges muss man sich schon kümmern«, meinte Ponter. »Ich bin da drüben ziemlich krank geworden. Auf der anderen Seite kommen Bakterien vor, gegen die wir nicht immun sind.« Adikor nickte. »Wir müssen vorsichtig sein. Immerhin 177
wollen wir keine Krankheitskeime von ihrem in unser Universum übertragen, und Reisende, die dorthin wollen, müssten wahrscheinlich einige Quarantänevorkehrungen über sich ergehen lassen.« »Das könnte man bestimmt hinbekommen«, sagte Dern. »Obwohl ich nicht so genau weiß, worin die Vorkehrungen bestehen könnten.« Eine Weile herrschte Schweigen zwischen ihnen. Schließlich ergriff Ponter das Wort und fragte: »Wer trifft die Entscheidung? Wer entscheidet, ob wir permanenten Kontakt -oder sogar nur zeitweiligen Kontakt - mit der anderen Welt herstellen sollen?« »Dafür gibt es bestimmt keine Präzedenzfälle«, meinte Adikor. »Ich bezweifle, dass irgendwer schon einmal über die Möglichkeit einer Brücke zu einer anderen Erde nachgedacht hat.« »Wenn es nicht die Gefahr der Verseuchung gäbe«, sagte Ponter, »würde ich sagen, wir sollten einfach weitermachen und das Tor öffnen, aber ...« Alle schwiegen, bis Adikor fragte: »Sind es - sind es gute Menschen, Ponter? Sollten wir mit ihnen in Kontakt treten?« »Sie sind anders«, meinte Ponter, »in vielerlei Hinsicht. Aber sie sind mir gegenüber sehr freundlich gewesen. Ich wurde sehr gut behandelt.« Er hielt inne und nickte dann. »Ja, ich glaube, wir sollten mit ihnen in Kontakt treten.« »Gut«, sagte Adikor. »Der erste Schritt besteht vermutlich darin, dem Hohen Grauen Rat eine Präsentation vorzuführen. Wir sollten uns ans Werk machen.« Ponter hatte viel über das nachgedacht, was Mary ihm im Aufzug auf dem Weg nach unten zum Neutrino-Observatorium gesagt hatte. Ja, er war interessiert gewesen, sie hatte ihn richtig verstanden. Selbst über die Grenzen der Art hinweg, sogar über Dimensionen, waren einige Dinge eindeutig. Ponter hämmerte das Herz. Wie es aussah, würde er sie wiedersehen. 177
Wer konnte wissen, was sich daraus ergeben würde?
Nun gut, es gab nur eine Möglichkeit, das herauszufinden. »Ja«, sagte Ponter Boddit lächelnd. »Machen wir uns ans Werk.« Normalerweise musste man den September abwarten, bis Toronto so herzzerreißend schön aussah. Der Himmel war von einem makellosen Blau, die Temperatur mild, und der Wind streichelte sanft die Haut - es war diese Art tiefster Zufriedenheit, die Mary daran erinnerte, weshalb sie an Gott glaubte. Aber bis zum September waren es noch zwei Wochen, und Mary würde am Labour Day wieder an die Arbeit zurückkehren müssen. Im Augenblick jedoch, genau in diesem Augenblick, erschien ihr Toronto wegen des wundervollen Wetters wie der Himmel. Während ihres Aufenthalts im nördlichen Ontario hatte Mary ein paar der zusätzlichen Pfunde, die sie normalerweise mit sich herumtrug, verloren. Aber sie wusste genau, dass die zurückkommen würden. Jede Diät, die sie bislang ausprobiert hatte, hatte den üblichen Jojo-Effekt gezeigt: erst weg, dann rasch wieder da, vielleicht nicht ganz, aber fast. Natürlich hatte sie keine bestimmte Diät eingehalten. Sie hatte nur einfach nicht so viel wie üblich gegessen. Zum Teil war das auf die Aufregung zurückzuführen gewesen, die sie während ihres Aufenthalts in Sudbury durchlebt hatte, während der Zeit, die sie mit Ponter verbracht hatte. Und zum Teil war es - und es war noch nicht vorüber, es wäre nie vorüber - eine Nachwirkung der Vergewaltigung. Mary war einverstanden gewesen, an diesem Tag zu einer Fakultätsbesprechung nach York zu kommen. Daher musste sie zum ersten Mal seit jener entsetzlichen Nacht - war es wirklich erst siebzehn Tage her? - an jener Stelle auf dem Campus vorbeigehen, an der der Angriff stattgefunden hatte. An jener Betonmauer, gegen die der Vergewaltiger, 178 den Kopf unter einer schwarzen Wollmütze verborgen, ihren Körper gedrückt hatte. Aber die Mauer konnte nichts dafür. Er hatte sie vergewaltigt - dieses Ungeheuer -, wegen einer kranken Gesellschaft, deren Ausgeburt er war. Als sie vorüberkam, ließ sie die Finger über die Mauer gleiten, wobei sie darauf achtete, sich nicht die rot lackierten Nägel einzureißen -und dabei überkam sie ein verrückter Einfall. Sie erinnerte sich an eine andere Mauer aus längst vergangener Zeit, in die sie und Colm ihre Initialen geritzt hatten. Dass eine achtunddreißigjährige Frau auch nur einen Gedanken an so etwas verschwendete, war lächerlich, aber sie überkam das Bedürfnis, möglichst viele MV+PB hier einzuritzen. Wenn sie es richtig anstellen wollte, müsste sie wohl MV plus die Symbole in Ponter Boddits Sprache einritzen, die seinen Namen darstellten. So oder so, sie würde dann jedes Mal lächeln, wenn sie die Mauer sah, anstatt sich zu ekeln. Zur Sicherheit wäre es ein wehmütiges Lächeln, denn sie würde ihn wahrscheinlich nie mehr wiedersehen. Aber trotzdem, eine Erinnerung an ... Liebe, ja: eine Erinnerung an eine verloren gegangene Liebe war der Erinnerung an das, was hier vorgefallen war, allemal vorzuziehen. Mary Vaughan ging an der Mauer vorüber und weiter in die Zukunft.
Bei Festa SF in Vorbereitung: Der Neanderthal-Transit von Robert J. Sawyer Das Abenteuer geht weiter...
NACHBEMERKUNG DES AUTORS DIE »TAL«-SEITE DER GESCHICHTE Heißt es nun Neanderthal oder Neandertal? Beide Schreibweisen sind korrekt, und beide sind gebräuchlich, sogar unter Paläoanthropologen. Das Fossil, nach dem dieser Typ Hominide benannt wurde, entdeckten Forscher im Jahr 1856 in einem Tal nahe Düsseldorf. Damals hieß der Ort Neanderthal -wobei »Neander« die griechische Version des Namens »Neumann« ist, und Neumann hieß der Mann, nach dem das Tal benannt wurde.
Zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts gab es in Deutschland eine Rechtschreibreform, und aus »Thal« und »Tal«, die bis dahin in verschiedenen Landesteilen nebeneinander in Gebrauch waren, wurde schlicht »Tal«. Also ist klar, dass das frühere Neanderthal nunmehr >Neandertal< geschrieben wurde. Aber was ist mit dem fossilen Hominiden? Sollten wir ihn deshalb auch in >Neandertaler< umbenennen? Einige sind dafür. Gäbe es da nicht ein Problem: Sobald wissenschaftliche Bezeichnungen einmal geprägt sind, gibt es kein Zurück mehr. Dieser Menschentypus wird in der Fachliteratur für immer und alle Zeiten mit >th< geschrieben, entweder als Homo neanderthalensis oder Homo sapiens neanderthalensis (je nachdem, ob man ihn als von uns getrennte Art klassifiziert oder lediglich als Unterart). Es wäre also sehr ungeschickt, wenn man den >Neanderthaler< in den Teilen des Romans, wo er als wissenschaftliche Bezeichnung benutzt wird, anders schreiben würde als in den erzählenden Abschnitten. Immerhin halten sich diejenigen, die die Schreibweise 179
»Neandertaler« bevorzugen, bemerkenswert zurück, wenn die Sprache auf den >Peking-Menschen< kommt. Es gibt keine Bestrebung, die Schreibweise dieses Namens zu ändern und von jetzt an >Beijing-Mensch< zu schreiben, obwohl der Name der Stadt heutzutage zumindest im angelsächsischen Bereich - auf diese Weise geschrieben wird. Ich habe die neuesten Ausgaben sechs größerer englischsprachiger Lexika überprüft: The American Heritage English Dictionary, The Encarta World English Dictionary, Merriam-Webster's Collegiate Dictionary (das Hauslexikon meines amerikanischen Verlags), The Oxford English Dictionary, Random House Webster's Unabridged Dictionary und Webster's New World Dictionary. Alle akzeptieren beide Schreibweisen. Und was ist mit der Aussprache im Englischen? Einige Puristen bestehen darauf, dass man es, ungeachtet der Schreibweise -tal oder -thal mit einem harten >T< aussprechen muss, da sowohl >t< als auch >th< auf Deutsch stets hart ausgesprochen werden. Mag sein, aber ich habe es von vielen Paläoanthropologen mit einem englischen >th< gehört (wie in >thought<). Und von den sechs überprüften Lexika erlauben alle bis auf das OED beide Aussprachen (und das OED erlaubt lediglich >-tal<). Das Argument, dass englisch sprechende Menschen es so aussprechen sollen wie deutsch sprechende, impliziert, dass wir die Hauptstadt von Frankreich auch >Pa-ri< (mit langem >I<) nennen sollten und nicht >Pah-ries<. Erste-res würde in den meisten Fällen als ziemlich abgehoben angesehen. Am Ende läuft es auf die persönliche Vorliebe hinaus. In der umfangreichen Sammlung von Recherchematerial, das ich beim Schreiben dieses Buches konsultiert habe, liegt die >-thal<-Schreibweise mit mehr als zwei zu eins vorn (sogar in neuerer Fachliteratur), also habe ich mich für die ursprüngliche Schreibweise entschieden: Neanderthal, was Sie auf Englisch so aussprechen können, wie es Ihnen beliebt. 179
EINFUHRUNG IN DIE ZEITMESSUNG DER NEANDERTHALER Die Erde hat drei natürliche Maßeinheiten zur Zeitmessung: den Tag (die Zeitspanne, die die Erde benötigt, um sich einmal um die eigene Achse zu drehen), den Monat (die Zeitspanne, die der Mond für eine Erdumkreisung benötigt) und das Jahr (die Zeitspanne, die die Erde für eine Sonnenumkreisung benötigt). Wegen unserer Ökonomie, die auf jahreszeitlichem Säen und Ernten basiert, bevorzugen wir das Jahr - und verfälschen die wahren Längen aller drei Maßeinheiten, damit sie einfache Vielfache oder Bruchteile voneinander ergeben. Das wahre siderische Jahr (eine Umkreisung der Sonne, relativ zu den Fixsternen) beträgt 365 Tage, 6 Stunden, 9 Minuten und 9,54 Sekunden, aber wir rechnen die gewöhnlichen Jahre mit 365 ganzen Tagen und Schaltjahre mit 366 ganzen Tagen.
Der wahre synodische Monat (ein vollständiger Zyklus von Mondphasen) beträgt 29 Tage, 12 Stunden, 44 Minuten und 3 Sekunden, aber wir haben >Monate< mit einer Anzahl von 28 bis 31 Tagen. Und der wahre siderische Tag (eine vollständige Drehung der Erde, gemessen relativ zu den Fixsternen) beträgt 23 Stunden, 56 Minuten und 4,09 Sekunden, aber wir runden das zu 24 Stunden auf. Weiterhin waren die Kalenderberechnungen lange Zeit dem Klerus vorbehalten, damit die Geistlichkeit ihre Macht aufrecht erhalten konnte (die Berechnung des Datums von Ostern war zum Beispiel ursprünglich ein streng gehütetes Geheimnis). Aber als Gesellschaft ohne Ackerbau und Viehzucht und ohne Religion besteht für die Neanderthaler kein Grund, 180
die Zeitmessung so kompliziert zu gestalten. Wegen der Bedeutung für ihre Fortpflanzungsbiologie haben sie die Länge des synodischen Monats nie verfälscht (die Zeitspanne zwischen zwei aufeinander folgenden Vollmonden). Natürlich kann jeder diese Maßeinheit der Zeit einfach dadurch verfolgen, dass er zum Nachthimmel aufschaut; daher ist sie weitaus gleichmäßiger als bei unserem System. Die kleinste übliche Maßeinheit der Zeit bei den Nean-derthalern ist der Schlag, ursprünglich definiert als die Dauer eines Herzschlags im Ruhezustand, jetzt aber formell definiert als 1/100.OOOstel eines siderischen Tags. Die übrigen Maßeinheiten der Zeit basieren größtenteils auf dezimalen Vielfachen dieser Basiseinheit. Hier also die Standardeinheiten in aufsteigender Reihenfolge ihrer Länge sowie ihre angenäherten Entsprechungen in unseren Einheiten: Neanderthaler-Einheit Homo-sapiens-sapiens-Einheit Schlag 0,86 Sekunden Hundertschlag 86 Sekunden Zehnteltag 2,39 Stunden Tag 1 siderischer Tag Monate 29 Tage, 12 Stunden, 44 Minuten (alle mit gleicher Länge) Zehnmonat 295,32 Tage Jahr 1 siderisches Jahr Hundertmonat 8,085 siderische Jahre Generation 10 Jahre (1 Dekade) Tausendmonat 80,853 Jahre (Sehr grob ausgedrückt kann man sich einen Schlag wie eine Sekunde, einen Hundertschlag wie eine Minute, einen Zehnmonat wie ein Jahr, einen Hundertmonat wie zehn Jahre und einen Tausendmonat wie ein Jahrhundert vorstellen.) 180
(
DER MONAT Die Neanderthaler unterteilen den Monat sowohl in seine offensichtlichen Viertel (Neumond, zunehmender Halbmond, Vollmond, abnehmender Halbmond) sowie in bestimmte, auf dem Menstruationszyklus basierende Gruppierungen:
Tag
Ereignis
1
Neumond
1-5
Menstruationshöhepunkt
8
Zunehmender Halbmond
10-17
Empfängnis möglich
15
Vollmond
15
Eisprung
22
Abnehmender Halbmond
25-29
>Letzte Fünf<
GENERATIONEN Generationen werden alle zehn Jahre geboren. Die Kalenderdaten werden von drei Zahlen bestimmt: der Generationenzahl, dem Monat der Generation und dem Tag dieses Monats. 148/103/28 ist der 28. Tag (wenn der Mond bloß noch eine ganz schmale Sichel ist und bald verschwinden wird) des 103. Monats (früh im achten Jahr) nach der ersten geplanten Geburt der 148. Generation seit der Entwicklung des modernen Neanderthal-Kalenders (die in dem Jahr erfolgte, das wir 523 n.Chr. nennen). 181
Gegenwärtiges Alter der AngeJahr
hörigen
Generation
(n.Chr.) (in Jahren)
Angehörige
148
1994
8
Megameg Bek, Dab
147
1984
18
Jasmel Ket
146
1974
28
145
1964
38
Ponter, Adikor, Daklar Bolbay
144
1954
48
143
1944
58
Dabdalb (Aufseherin der Alibis)
142
1934
68
Sard (Untersuchungsrichterin)
141 1924 78 Das Zeitalter der Gefährten begann, als Lonwis Trob gegen Ende der Generation 140 die Implantate einführte; im Jahr, das wir 1923 n.Chr. nennen. 181
f WEITERFÜHRENDE LITERATUR Ich habe nicht nur direkt mit den Neanderthaler-Experten gesprochen, die anschließend in der Danksagung erwähnt werden, sondern zusätzlich Hunderte von Büchern, Zeitschriften, Zeitungsartikeln und Websites konsultiert. Jenen, die daran interessiert sind, die in diesem Roman vorgestellten Ideen weiter zu verfolgen, biete ich die folgende Auswahl interessanter Bücher zur weiteren Vertiefung: ALLGEMEINE PALÄOANTHROPOLOGIE Klein, Richard G: The Human Career: Human Biological and Cultural Origins, 2nd ed. Chicago: University of Chicago Press, 1999. Lieberman, Philip: Eve Spoke: Human Language and Human Evolution. New York: W.W. Norton, 1998. Potts, Rick: Humanity 's Descent: The Consequences of Ecological Instability. New York: Avon, 1996. Tattersall, Ian: Becoming Human: Evolution and Human Uniqueness. New York: A Harvest Book (Harcourt Brace), 1999. Tattersall, Ian, und Jeffrey Schwartz: Extinct Humans. Boulder, Colorado: Westview Press, 2000. Tattersall, Ian: The Fossil Trail: How We Know What We Think We Know about Human Evolution. New York: Oxford University Press, 1995 (dt.: Puzzle Menschwerdung, Spektrum Verlag, Heidelberg 1997). 182 Wolpoff, Milford H.: Palaeoanihropoloy, 2nd ed. New York: McGraw-Hill, 1999. Wolpoff, Milford, und Rachel Caspari: Race and Human Evolution. Boulder, Colorado: Westview Press, 1997. NEANDERTHALER Jordan, Paul: Neanderthal: Neanderthal Man and the Story of Human Origins. Gloucestershire: Sutton Publishing, 1999. Mellars, Paul: The Neanderthal Legacy: An Archaeological Perspective from Western Europe. Princeton, New Jersey: Princeton University Press, 1996. Palmer, Douglas: Neanderthal. London: Channel 4 Books (Macmillan), 2000. Shreeve, James: The Neandertal Enigma: Solving the Mystery of Modern Human Origins. New York: William Morrow, 1995. Stringer, Christopher, und Clive Gamble: In Search of the Neanderthals: Solving the Puzzle of Human Origins. New York: Thames and Hudson, 1993. Tattersall, Ian: The Last Neanderthal: The Rise, Success, and Mysterious Extinction of Our Closest Human Relatives. New York: Macmillan, 1995. Trinkaus, Erik, und Pat Shipman. The Neandertals: Changing the Image of Mankind. New York: Alfred A. Knopf, 1993 (dt.: Die Neandertaler: Spiegel der Menschheit, Bertelsmann, München 1993). 182 EVOLUTIONSPSYCHOLOGIE UND PRIMATOLOGIE Boyd, Neil: The Beast Within: Why Men Are Violent. Vancouver, British Columbia: Greystone Books (Douglas & Mclntyre), 2000. Browne, Kingsley: Divided Labours: An Evolutionary View of Women at Work, »Darwinism Today« series. New Haven, Connecticut: Yale University Press, 1998.
De Wall, Frans, und Frans Lanting: Bonobo: The Forgotten Ape. Berkeley: University of California Press, 1997 (dt.: Bonobos, Birkhäuser, Basel 1998). Diamond, Jared: The Third Chimpanzee: The Evolution and Future of the Human Animal. New York: HarperPerennial (HarperCollins), 1992 (dt: Der dritte Schimpanse, Fischer, Frankfurt 1998). Fouts, Roger, mit Stephen Tukel Mills: Next of Kin: What Chimpanzees Have Taught Me About Who We Are. New York: Morrow 1997 (dt: Unsere nächsten Verwandten, Limes bzw. Droemer-Knaur, München 2002). Ghiglieri, Michael P.: The Dark Side of Man: Tracing the Origins of Male Violence. Reading, Massachusetts: Perseus Books, 1999. Jolly, Alison: Lucy's Legacy: Sex and Intelligence in Human Evolution. Cambridge, Massachusetts: Harvard University Press, 1999. Mithen, Steven: The Prehistory of the Mind: The Cognitive Origins of Art and Science. New York: Thames and Hudson, 1996. 183 Rüssel, Robert Jay: The Lemur's Legacy: The Evolution of Power, Sex, and Love. New York: A Jeremy R Tarcher/Putnam Book, 1993. Thornhill, Randy, und Craig T. Palmer: A Natural History of Rape: Biological Bases of Sexual Coercion. Cambridge, Massachusetts: MIT Press, 2000. Wrangham, Richard, und Dale Peterson: Demonic Males: Apes and the Origins of Human Violence. New York: Mariner Books (Houghton Mifflin), 1996 (dt: Bruder Affe, Diede-richs, München 2001). Wright, Robert: The Moral Animal: The New Science of Evolutionary Psychology. New York: Pantheon Books, 1994 (dt.: Diesseits von Gut und Böse. The Moral Animal. Die biologischen Grundlagen unserer Ethik, Limes, München 1996). ACKERBAU UND VIEHZUCHT vs. JÄGER UND SAMMLER Brody, Hugh: The Other Side of Eden: Hunters, Farmers and the Shaping of the World. Vancouver, British Columbia: Douglas & Mclntyre, 2000. Diamond, Jared: Guns, Germs, and Steel: The Fates of Human Societies. WW. Norton, New York, 1997 (dt.: Arm und Reich. Die Schicksale menschlicher Gesellschaften, Fischer, Frankfürt 1998). Stanford, Craig B.: The Hunting Apes: Meat Eating and the Origins of Human Behavior. Princeton, New Jersey: Princeton University Press, 1999. 183
Tudge, Colin: Neanderthals, Bandits & Farmers: How Agriculture Really Began, »Darwinism Today« series. New Haven, Connecdcut: Yale University Press, 1998. Wright, Robert: Nonzero: The Logic of Human Destiny., New York: Pantheon Books (Random House), 2000. 183
DANKSAGUNG Für anthropologischen und paläontologischen Rat spreche ich meinen Dank aus: Jim Ähren, Ph.D., University of Wyoming; Shara E. Bailey, Arizona State University; Miguel Bombin, M.D., Ph.D., Laurentian University; Michael K. Brett-Surmann, Ph.D., und Rick Potts, Ph.D., beide vom National Museum of Natural History, Smithsonian Institution; John D. Hawks, Ph.D., University of Utah; Christopher Kuzawa', Emory University; Philip Lieberman, Ph.D., Brown University; Jakov Radovcic, Ph.D., kroatisches Museum für Naturgeschichte; Robin Ridington, Ph.D., em. Professor, University of British Columbia; Gary J. Sawyer [nicht verwandt] und Ian Tattersall, Ph.D., beide vom American Museum of Natural History; Anne-Marie Tillier, Ph.D.,
Université de Bordeaux; Erik Trinkaus, Ph.D., Washington University in St. Louis; sowie Milford HWolpoff, Ph.D., University of Michigan. Besonderen Dank an: Art McDonald, Ph.D., Direktor, Sudbury Neutrino Observatory Institute, und J. Duncan Hepburn, Ph.D., Site Manager, Sudbury Neutrino Oberser-vatory; David Gotlib, M.D., Medical Director, Crisis Team, St. Joseph's Health Centre, Toronto; Rev. Paul Fayter, Wissenschafts- und Theologiehistoriker, York University, Toronto und Andrew Stok, Photonics Group, University of Toronto. Ganz herzlichen Dank an meine wunderbare Frau Carolyn Clink, meinen Lektor David G Hartwell und dessen Mitarbeiter Moshe Feder, meinen Agenten Ralph Vicinanza und seine Teilhaber Christopher Lotts und Vice Gerardis, an Tom Doherty, Linda Quinton, Jennifer Marcus, Aimee Crump und alle anderen bei Tor Books, an Harold und Sylvia Fenn, Robert Howard, Heidi Winter und alle anderen bei H.B. Fenn & Co., an Dr. Stanley Schmidt, Sheila Williams, Trevor Quachri und Brian Bieniowski von >Analog Science 184 Fiction and Fact<, Melissa Becket, Megan Beckett, Mary Gold, Terence M. Green, Andrew Zimmermann Jones, Joe und Sharon Karpierz, Chris und Donna Krejilgaard, Donald Maass, Pete Rawlik, Joyce Schmidt, Tim Slater und David G. Smith. Wie stets danke ich all jenen Freunden und Kollegen, die ihre Kommentare zum Manuskript dieses Romans abgegeben haben: Asbed Bedrossian, Ted Belaney, Michael A. Burstein, David Livingstone Clink, John Douglas, Marcel Gagné, James Alan Gardner, Richard Gotlib, Peter Halasz, Howard Miller, Laura Osborn, Dr. Ariel Reich, Alan B. Sawyer, Sally Tomasevic, Edo van Belkom, Andrew Weiner und David Widdicombe. Ein anderer Teil dieses Romans entstand während meiner Zeit als Writer-in-Residence an der Richmond Hill (Ontario) Public Library. Aufrichtigen Dank an den außergewöhnlichen Bibliothekar Cameron Knight, die Leitung der Richmond Hill Public Library sowie das Canada Council for the Arts. Ein Teil dieses Buchs entstand in John A. Sawyers Ferienhaus am Canandaigua-See, New York, in Mary Stantons Ferienhaus in West Palm Beach, Florida, und in Robin und Julian Ridingtons Gästehaus auf Retreat Island, British Columbia. Allen danke ich für ihre außergewöhnliche Großzügigkeit und Gastfreundschaft. 184