Michael Schmid Die Logil< meclnanismisclner Erl
Michael Schmid
Die Logik meclianismisclier Erklarungen
III
VSVERLAG FUR SOZIALWISSENSCHAFTEN
Bibliografische Information Der Deutschen Bibliothek Die Deutsche Bibliothel< verzeichnet diese Publil
abrufbar.
I.AuflageJuli 2006 Alle Rechte vorbehalten © VS Verlag fiJr Sozialwissenschaften | GWV Fachverlage GmbH, Wiesbaden 2006 Lektorat: Frank Engelhardt Der VS Verlag fiJr Sozialwissenschaften ist ein Unternehmen von Sphnger Science+Business Media. www.vs-verlag.de DasWerk einschlieBlich aller seiner Telle ist urheberrechtlichgeschiJtzt.Jede Verwertung auBerhalb der engen Grenzen des Urheberrechtsgesetzes ist ohne Zustimmung des Verlags unzulassig und strafbar. Das gilt insbesondere fiJr Vervielfaltigungen, Ubersetzungen, Mikroverfilmungen und die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen. Die Wiedergabe von Gebrauchsnamen, Handelsnamen, Warenbezeichnungen usw. in diesem Werk berechtigt auch ohne besondere Kennzeichnung nicht zu der Annahme, dass solche Namen im Sinne der Warenzeichen- und Markenschutz-Gesetzgebung als frei zu betrachten waren und daher von jedermann benutzt werden durften. Umschlaggestaltung: KunkelLopka Medienentwicklung, Heidelberg Druck und buchbinderische Verarbeitung: Krips b.v, Meppel Gedruckt auf saurefreiem und chlorfrei gebleichtem Papier Printed in the Netherlands ISBN-10 3-531-14896-6 ISBN-13 978-3-531-14896-0
Inhalt 1
Die Logik soziologischer Erklarungen
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Philosophische Grundlagen einer erklarenden Soziologie
2.1 Mechanismen und die „Theorie komplexer Phanomene": Friedrich A. von Hayek 2.2 Kausalitat, soziale Systeme und „mechanismische Erklarungen": Mario Bunge 2.3 Mikrofundierung und „kausale Mechanismen": Daniel Little
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Mechanismen in der soziologischen Theorie
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Individuelle Entscheidung und „strukturelle Selektion": Robert K. Merton Individuelle Rationalitat und die „Interdependenz von Handlungen": James S. Coleman „Bruckenannahmen" und das „Problem der Transformation": Siegwart Lindenberg und Reinhard Wippler Makrosoziale Phanomene und „Rationalite situee": Raymond Boudon „Generativer Strukturalismus" und „generative Mechanismen": Thomas J. Fararo „Soziale Mechanismen" und die Theorie „rationaler" Entscheidung: Peter Hedstrom und Richard Swedberg Prozessmechanismen und deren „kausale Rekonstruktion": RenateMayntz „Generative Mechanismen" und „strukturelle Modelle": HartmutEsser
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Die Forschungsheuristik mechanismischer Erklarungen
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3.2 3.3 3.4 3.5 3.6 3.7 3.8
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Literatur
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Vorwort
Die Beantwortung der beiden Fragen, ob die Sozialwissenschaften im Allgemeinen und die Soziologie im Besonderen wissenschaftslogisch verteidigungsfahige Erklarungen zu liefem vermogen und welcher Logik entsprechende Argumente folgen sollten, ist noch immer offen und umstritten. Nicht erst seit Beginn der (neueren) Debatte, die nachhaltig durch die Erklarungstheorien von Karl R. Popper und (vor allem) Carl G. Hempel bestimmt wurde, hatten sich Einwande angesammelt, die es den Sozialwissenschaften (und zumal der Soziologie) nahe legten, auf die Etablierung eines Erklarungsprogramms (etwa zugunsten typologisch-deskriptiver oder hermeneutisch-narrativer Verfahren, wenn nicht sogar normativ-zeitdiagnostischer Analysen) zu verzichten. Nattirlich kann man nicht behaupten, dass alle diese Kritiken gegenstandslos gewesen seien, auf der anderen Seite aber lasst sich das PopperHempel-Schema der deduktiv-nomologischen Erklarung durchaus verbessem und ausbauen, so dass skeptische oder gar resignative Losungen des sozialwissenschaftlichen Erklarungsproblems (im Grundsatz wenigstens) vermeidbar sind. Um dies zu zeigen, verteidigt die vorliegenden Abhandlung die These, dass die sozialwissenschaftliche Erklarungspraxis renoviert und auf eine haltbare Grundlage gestellt werden kann, wenn sie sich zur Vermeidung der zugestandenen Fehlentwicklungen und Mangel des iiberkommenen, orthodoxen Erklarungsprogramms auf eine Erklarungsform besinnt, die die Erforschung handlungsbasierter Abstimmungsmechanismen und deren rekursiver Folgen in der Vordergrund stellt. Zu diesem Zweck mochte ich zum einen die mogliche „Logik" derartiger - wie ich sie nennen werde - „mechanismischer Erklarungsargumente" verdeutlichen und zum anderen fur die heuristische Fruchtbarkeit eines darauf aufl^auenden Erklarungsverfahrens pladieren; letzteres in der Hoffiiung, dass sich ganz unterschiedliche handlungstheoretische „Lager" (oder „Paradigmata") dazu bewegen lassen, an der Entwicklung eines ebenso facherubergreifenden wie realistischen, und d.h. auf seine Widerlegungsund Revisionsoffenheit bedachten Forschungsprogramms mitzuwirken, dessen erfolgreiche Bewaltigung dem Diktum von James Coleman gerecht werden sollte, wonach „there is, of course, only one social science". Ich danke Andrea Maurer, Hartmut Esser, Uwe Schimank, Peter Hedstrom, Daniel Little, Thomas Fararo und Andreas Pickel fur ihre Hilfe (bei der Recherche wichtiger Details) und fur den Zuspruch, den sie meinem Vorhaben haben zukommen lassen. Mein Dank gilt auch Herm Engelhardt vom Verlag fur Sozialwissenschaften, der ohne erkennbares Zogem der Veroffentlichung dieser Arbeit seinen Segen erteilt hat. Wie immer ertibrigt sich die Beteuerung, dass alle Unzulanglichkeiten und (vor allem die) Fehldeutungen der besprochenen Autoren (und Positionen) ausschlieBlich zulasten meines Kontos verbucht werden miissen.
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Vorwort
Das in Kurze erscheinende Buch von Udo Kelle zur „Integration qualitativer und quantitativer Methoden in der empirischen Sozialwissenschaft. Theoretische Grundlagen und methodologische Konzepte", in dem er vollig zutreffend auf die Mangel der sozialwissenschaftlichen Kausalanalyse hinweist, solange man auf deren handlungstheoretische Fundierung im Rahmen „generativer Prozesse" verzichtet, konnte ich bedauerlicherweise nicht mehr berucksichtigen.
Miinchen/Augsburg, Mai 2006
"A theory of furnishing many-level explanations will have a greater explanatory power than one restricted to single-level explanations: the former will supply interpretations of both facts and generalizations, whereas the latter will yield subsumptive explanations only" (Bunge 1967a, S. 51). "To be a science a discourse must attempt to make progress towards providing objective accounts of structural mechanisms" (Lloyd 1986, S. 313). "Will man in der Soziologie Mechanismen angeben, dann muB man zwangslaufig auf individuelle Propositionen zuruckgreifen" (Lindenberg 1977, S. 81).
1 Die Logik soziologischer Erklarungen
Obgleich einige bekannte Einfuhrungen in die Philosophie der Sozialwissenschaften augenscheinlich den gegenteiligen Eindruck erwecken^, ist es noch immer eine offene Frage, ob und inwieweit die Soziologie als eine erklarende Wissenschaft betrieben werden kann^; dagegen sprechen nicht nur die seit Jahrzehnten vorgetragenen Einwande aus dem Bereich der „philosophy of history"^ oder der „philosophy of action""^, der Phanomenologie und der sozialwissenschaftlichen Verstehensleh1 2 3 4
Vgl. Brodbeck (ed.) 1969, Martin/Mclntyre (eds) 1994 Vgl. als Problemiiberblick Giesen/Schmid 1975; fur die Kritik gegenteiliger Meinungen Albert 1987, Albert 1994, Albert 1998 und als einen neueren Beitrag zu dieser (endlosen) Debatte Schimank/Greshoff (Hrsg.) 2005 Vgl. fur die Vorgeschichte und Ausgangslage der neueren Diskussion um die Bedingungen sozial- oder geschichtswissenschaftlicher (und d.h. in letzter Instanz: handlungstheoretischer) Erklarungen Gardiner (ed.) 1959, Giesen/Schmid (Hrsg.) 1975 und Manicas 1987 Vgl. fur einige wichtige Texte zu diesem Thema Beckermann (Hrsg.) 1977. Die „Ordinary language"-Ausrichtung dieser „Philosophie" hatte nur den Effekt, eh schon bestehende Frontlinien zu zementieren; derzeit hat sie - so weit ich sehe - jeden wirklichen Schwung verloren.
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Individuelles Handeln und soziale Mechanismen
re^; vielmehr wird ihre zustimmende Beantwortung nicht zuletzt auch dadurch erschwert, dass selbst die Verteidiger einer soziologischen Erklarungspraxis mittlerweile bezweifeln, ob deren Orientierung am Idealbild einer deduktiv-nomologischen Erklarung, wie sie seinerzeit von Carl Hempel und Paul Oppenheim (aber auch von Karl Popper und Rudolf Carnap^) vorgeschlagen worden war^, zu einem heuristisch fruchtbaren Forschungsprogramm gefiihrt hat. Wie erinnerlich hatte sich (zumal) Hempel um die Ausarbeitung eines Katalogs (von ihm) sogenannter „Adaquatheitsbedingungen" bemiiht, der es erlauben sollte, erklarende Argumente von „Pseudoerklarungen" abzuheben, und zu diesem Zweck in verschiedenen Arbeiten vorgeschlagen, von einer gelungenen „Erklarung" eines (einzelnen) Sachverhaltes (nur) dann zu sprechen, wenn ein ihn beschreibendes Explanandum aus Fur die (noch heute interessante) Debatte um die Bedeutsamkeit eines phanomenologischen Zugangs zu Handlungserklarungen, die zwisclien Schiitz, Nagel und Hempel gefiihrt wurde, vgl. die Textzusammenstellung in Natanson (ed.) 1963, S. 183ff; fur die an von Wright 1971 anschlieBende Debatte um das Verhaltnis von „Verstehen" und „Erklaren" vgl. Schmid 1979a. Der Versuch, dem Max Weberschen Vorschlag, wonach die Soziologie aufgefordert sei, jedes Handeln aus seinem „Sinnzusammenhang" (heraus) zu erklaren, einen verbindlichen Sinn abzuringen (vgl. Weber 1972^, S. 4), ist bedauerlicherweise nicht mit der erforderlichen Eindeutigkeit verlaufen, vgl. zur Beurteilung des Weberschen Forschungsprogramms Schmid 2004b. Vgl. (umfangreich) Hempel 1965, (als Kurzversion) Hempel 1967, Popperl966^ S. 3Iff, Popper 2002, S. 153ff, Camap 1969, S. llff Die Literatur zu diesem Vorschlag ist nicht zu uberblicken. Fiir die Erklarungstheorie Poppers vgl. aber die sorgsame Rekonstruktion von Keuth 2000. Vgl. Hempel 1963, Hempel 1965, S. 245ff, Popper 1966^ S. 31. Zu den (wichtigsten logischen) Implikationen dieses Erklarungsschemas, das auf John St. Mill zuriickgeht (vgl. Schumacher 1994, S. 80), gehOren die folgenden Eigenheiten (vgl. Hempel 1965, S. 213ff, 367ff): a) Das Explanans darf keine analytischen oder tautologischen Bestandteile besitzen, um Be-griindungszirkularitaten zu vermeiden, b) Erklarungen, Prognosen und Retrodiktionen sind logisch gesehen strukturgleich, c) Gesetze mtissen als „universal conditionals" (Hempel 1965, S. 232) verstanden werden, was bedeutet, dass ihr Wertbereich unendlich ist und die verwendeten theoretischen Pradikate logisch allgemein sein miissen, d) vermittels derartiger Gesetze erhalten ihre Anwendungsbedingungen den Charakter von (konkreten) „Ursachen". Hempels (alternatives) Modell der induktiv-statistischen Erklarung (vgl. Hempel 1962, Hempel 1965, S. 38Iff), das seine Entsprechung in Camaps Theorie der Wahrscheinlichkeitsbewahrung gefunden hatte (vgl. Camap 1962), bespreche ich nicht, da es kaum Soziologen gibt, die dem sozialen Geschehen (objektiv deutbare) „Wahrscheinlichkeiten" unterstellen. Vielleicht glaubt Bourdieu an eine „Wahrscheinlichkeitslogik sozialer Gesetze" (Bourdieu 1979, S. 226), sicher bin ich mir - mangels naherer Erlauterungen - aber nicht; in anderen Fallen wird das Zutrauen in die Stochastik des sozialen Geschehens durch die (formale) Voraussetzung der Verfahren provoziert, die man zu seiner Analyse verwendet, wahrend in weiteren Fallen, wenn es z.B. darum geht, einen modellierten Prozess mit Varianzen zu versehen, deren genaue Herkunft niemanden interessiert, jeder weiB, das entsprechende Unterstellungen an den Tatsachen vorbeigehen. Damit ware auch das langst bekannte Faktum erklart, dass die numerischen Werte (angeblicher) soziologischer „Wahrscheinlichkeitsgesetze" de facto nie angegeben werden (vgl. Lessnoff 1974, S. 54); auch sollte klar sein, dass aus statistisch deutbaren Verteilungsdaten nicht auf das Wirken eines stochastischen Prozesses geschlossen werden kann, solange man den betreffenden generativen Mechanismus nicht kennt, vgl. Railton 1981. Von den nachfolgend besprochenen Autoren gehen vor alleine Hedstrom und Swedberg auf das Hempel-Modell statistischer Erklarungen ein - und lehnen es als (ontologisch unangemessen) ab.
Die Logik soziologischer Erklarungen
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einem Explanans, bestehend aus (gehaltvollen und) allgemeinen, (moglichst) wahren Gesetzesaussagen und Annahmen uber deren Anwendungsbedingungen, logisch abgeleitet und unabhangig vom Explanans empirisch geprtift werden kann^. Aus Sicht der Sozialwissenschaften^, die sich vornehmlich um die Erklarung (relativ dauerhafter, tiberindividueller) „struktureller Verhaltnisse" bzw. „gesamtgesellschaftlicher Entwicklungen" und die dazu relevanten „Theorien der Gesellschaft"^^ ktimmern woUen und weniger um die Erklarung (oder Beschreibung) singularer Handlungsereignisse oder einmaliger „historischer Handlungskonstellationen", spielten bei der abschlagigen Beurteilung dieses Vorschlags unter anderem zwei Hinweise eine tragende Rolle. Zum einen haben sich Bedenken angesammelt, ob es erklarungstaugliche „Gesetze" geben konne, die man ohne weitere Qualifikationen zur Erklarung sozialer Sachverhalte heranziehen sollte^\ Das gilt zunachst flir die nomologischen Grundannahmen individualistischer Handlungserklarungen, die zwar die psychischen Prozesse oder „Mechanismen"^^ benennen konnen, die 8
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Vgl. Hempel 1963, Hempel 1965, S. 247ff, 335ff, Hempel 1974, S. 69ff. Daran hatte sich eine umfangreiche Debatte uber die Moglichkeit und Voraussetzungen empirischer Bestatigung angeschlossen (vgl. fur einen kurzen Uberblick zur Thematik Scheffler 1963, S. 225ff und flir einen immer noch gultigen Problembericht iiber die Fallstricke des induktiven Denkens Lakatos 1978, S. 128ff). Wie sich iiberdies zeigte, war auch der Begriff des „Gesetzes" klarungsbediirftig, vgl. fur einen Problemiiberblick Achinstein 1971. Zum Schicksal des Hempelschen Programms (insgesamt) vgl. Salmon 1989 und Psillos 2002. Die Frage, wie „Gesetze" (ihrerseits) erklart werden sollen, behandele ich, aus Griinden, die noch einsichtig werden, nicht. Vgl. dazu Schmid 1998, S. 12ff, Schmid 2005, Schmid 2005a. Fur die Rezeption des am Vorbild der Naturwissenschaften geschulten Erklarungsideals in den Sozialwissenschaften und die dabei angefallene Kritik vgl. Bayertz 1980. Vgl. zu dieser Titulatur Parsons et al. (eds) 1961 Die wichtigsten Argumente diskutiert Porpora (1983 und 1987). Der Autor schlagt vor, das DN-Ideal der Erklarung, wie es vor allem der von ihm kritisierte Strukturalismus Blauscher und Mayhewscher Pragung verfolgt, zugunsten einer „narrativen" Erklarungspraxis aufzugeben, die erlaubt, auf die Annahme einer Determination des individuellen Handelns durch Verteilungsstrukturen zu verzichten, und statt dessen die „unique agential responses of individuals to (those) structural arrangements" (Porpora 1987, S. 103) in den Mittelpunkt der theoretischen Erorterungen ruckt. Die Erklarungsbedeutsamkeit von „Mechanismen" spielt dabei keine Rolle, weshalb ich auf diesen Autor nicht naher eingehe. Uberdies musste geklart werden, wie sich seine (nicht kausale) Theorie der „kreativen Einsicht" mit der nachfolgend verteidigten Theorie des individuellen Entscheidungshandelns vereinbaren lasst, wobei die Einwande jener zu berucksichtigen waren, die (wahrhaft) kreative Handlungen fiir unerklarbar halten, vgl. Mantzavinos 2006, S. lOOf bzw. die Identifikation jener „generativen Prinzipien" einfordem, nach denen eine Idee (eigentlich) als unmoglich eingestuft werden musste, vgl. Boden 1992, S. 57. Vor allem Jon Elster (1989 und 1999) hat bestritten, dass derartige Mechanismen Gesetzescharakter haben. Ich werde - aus Grunden, die noch klar werden sollen, - Elsters Versuch, kausale und intentionale Handlungserklarungen zu trennen (vgl. Elster 1979), nicht kommentieren. Immerhin gibt es eine Tradition, die daran festhalt, Erklarungen individuellen Handelns mit Hilfe einer nomologischen Theorie zu verfertigen, die im Hempelschen Sinne systematisierbar ist und (dennoch) nicht zu leugnen braucht, dass Handeln intentional und absichtsgeleitet (oder zielorientiert) verlauft, vgl. dazu Bhaskar 1979, Schmid 1979, Tuomela 1984, Gadenne 1984, Coleman 1990, Esser 1993 u.a. Diese Einsicht bestatigen auch philosophische Analysen, denen zufolge der Handlungsbegriff den Kausalitatsbegriff voraus-
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Individuelles Handeln und soziale Mechanismen
das menschliche Handeln „in Gang setzen" und ihm eine angebbare Richtung verleihen, aber weder Informationen iiber die situativen und historisch hochst variablen Umstande des Einzelhandelns noch uber die kollektiven, aus dem Handeln mehrerer oder vieler Akteure resultierenden Beziehungsformen bzw. „Kontaktstrukturen"^^ und deren nachgelagerten Kollektivfolgen zu liefern vermogen^"^. Darunter leiden besonders psychologisch-reduktionistische Forschungsprogramme^^, die zwar individuelle und auch interaktiv organisierte Handlungen (relativ) problemlos erklaren konnen, denen es aber nicht gelingen will, tragfahige forschungsleitende Vorstellungen dariiber zu entwickeln, wie man die Existenz tiberindividueller Handlungseffekte und Verteilungsstrukturen als ein zumeist nicht-intendiertes „Produkt" des Handelns verschiedener Einzelakteure erklaren kann und wie diese Effekte und Strukturen als Restriktions- und Randbedingungen auf deren weiteres Handlungsschicksal zuriickwirken^^. Daneben haben sich aber auch alle Hoffnungen zerschlagen, derartige strukturelle Randbedingungen individueller Handlungen mit Hilfe durkheimscher „Strukturgesetze"^^ bzw. in Form „sozialer Bewegungsgesetze" theoriefahig zu machen, wie dies im Rahmen der Marxschen bzw. Darwinschen Weltauffassung ublich geworden war^^; und auch der parallele
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setzt, vgl. Griinbaum 1953, Heidelberger 1997 u.a. Wirklich erschopfende Erklarungen von Handlungsereignissen sind indessen ebenso wenig zu erwarten wie „vollstandige" soziologische Erklarungen, well uns die Vielzahl psychischer Mechanismen, die dem Handeln zugrunde liegen, nicht bekannt ist, vgl. Mantzavinos 2006, S. 99ff. Mayntz2002, S. 32 Vgl. Jackson/Pettit 1992, die aus der Sicht der Psychologic fiir die Erklarungsrelevanz von strukturellen Kontexten pladieren. Vgl. fiiir einen intentionalistischen Ansatz Tuomela 1984 und (fur die verhaltenstheoretisch orientierte Soziologie vor allem) Homans 1968, Homans 1972, Opp 1972, Hummell/Opp 1971. Man wird nicht behaupten woUen, dass Homans das Problem der individualistischen Erklarung makroskopischer Verteilungsstrukturen nicht gesehen hatte (vgl. Homans 1967, Homans 1984, 333ff) - er fand nur keine haltbare Losung fur das Problem, wie ein Erklarungsargument auszusehen habe, dass diesen Strukturen gerecht wird. Vgl. die Kritik an Homans Reduktionismus bei Lenk 1986, S. 18Iff. Homans Verhaltensunterstellungen sind (schon vor geraumer Zeit) als unzureichend kritisiert worden, vgl. Deutsch 1971, S. 85ff; einen Uberblick uber die damalige Anti-Homans-Debatte gibt Gluck 1979, S. 92ff In Deutschland hat vor allem Rene Konig (1961) fur das Durkheimsche Programm und zugunsten der Eigenmachtigkeit „sozialer Tatsachen" pladiert. Ftlr die USA konnen sowohl Parsons als auch Merton als Stammvater einer derartigen Problemsicht gelten; eine Radikalisierung der Auffassung seines Lehrers Merton hat Peter Blau zu verantworten. Die franzosische Soziologie war (anfanglich) durchweg durkheimianisch angelegt; Levi-Strauss hat die letzten (nicht-individualistischen) Konsequenzen aus diesem „Ansatz" gezogen, was die nachfolgende Generation (vertreten etwa durch Boudon (1973a) und Bourdieu (1993, S. 70ff)) aus einer handlungstheoretischen Sicht heftig kritisierte; vgl. fur eine Ubersicht uber die derzeitigen Veranderungen in der franzosischen Soziologie Moebius/Peter 2004. Vgl. fiir eine allgemeine Kennzeichnung der Sachlage Rosenberg 1988, S. 10; fiir eine Kritik Marxscher (und anderer) „Geschichtsgesetze" vgl. Barth 1915, Popper 1961 und Sanderson 1990. Versuche, auf Darwinscher Grundlage eigenstandige („morphogenetische") Entwicklungsgesetze zu identifizieren, sind - soweit ich sehe - zugunsten entwicklungsoffener „Mechanismen" der Selbsttransformation sozialer Systeme eingesteUt worden (vgl. etwa Giesen 1980, S. 59ff, Hallpike 1988, Luhmann 1997, S. 427ff, Schmid 2003), denen (Handlungs-) Gesetze zugrunde liegen mogen, die aber nicht selbst „gesetzmaBig" verlau-
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Versuch, derartige makroskopische Struktur- oder Entwicklungsgesetze, die als Pramissen soziologischer Erklarungen taugen konnten, unter induktiver Anleitung kausalstatistischer Verfahren zu finden, ist ohne greifbares Ergebnis versandet^^. Infolge dieses doppelten Scheiterns beginnt sich langsam die Einsicht durchzusetzen, dass die vorgeschlagenen Makrozusammenhange mit steter RegelmaBigkeit fehlerhaft konzipiert sind^^ und die entsprechenden Thesen deshalb als falsch zurlickgewiesen, wenn nicht verworfen werden mussen^^ Die Griinde flir dieses
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fen. Die Details dieser Auffassung bespreche ich spater. Fiir die ergebnislos verlaufene Geschichte dieser Suche nach „social laws" vgl. zusatzlich Brown 1984. Es hatte bereits zu Beginn der (neueren) Debatte auffallen konnen, dass Ernest Nagel (1961, S. 447), ohne dass er den Sozialwissenschaften empfahl auf Kausalerklarungen zu verzichten (S. 457), feststellen musste, dass sie iiber erklarungs- und vorhersagefahige (nomologische) Theorien, wie sie die Naturwissenschaften kennen, offenbar nicht verfugen. Dieser Beurteilung folgt auch Bhaskar (1979, S. 160), wenn er meint, dass alle in den Sozialwissenschaften kursierenden Gesetzesvorschlage entweder (ohne Berechtigung) den Naturwissenschaften entnommen, falsch Oder analytisch seien. Man kann diese Meinung teilen, ohne seinerseits an die Moglichkeit zu glauben, dass Einzelhandlungen nomologisch erklart werden konnen, vgl. Louch 1966, S. 14ff und passim, Krimerman 1969, S. vii, Dixon 1973, Ruben 2003 u.v.a. Vgl. fiir entsprechende - aus verschiedenen Quellen stammende - Bedenken und Kritiken Smelser 1976, S. 208ff, Hoppe 1983, Giddens 1984, S. 334, Sayer 1992^ S. 190ff, Esser 1996, Esser 1998, Esser 2004, S. 19ff. Im Vorgriff auf die nachfolgende Diskussion muss ich bereits an dieser Stelle Michael Hechter (1998, S. 288) zitieren, der in Zusammenfassung der bisherigen Diskussion zu Recht auf die „Hybris" der kausalanalytischen Soziologie hinweist, auch dann Erklarung glaubt vorlegen zu konnen, wenn sie gar keine theoriegeleitete Auskunft daruber zu geben vermag, auf welchem Weg die statistisch erhobenen Daten zuallererst „produziert" werden; in die gleiche Richtung argumentieren Hedstrom/Swedberg 1998a und alle ixbrigen der noch zu behandelnden Autoren. Ich erspare es mir, im Detail zu verdeutlichen, dass die kausalanalytische Forschungspraxis bestandig mit dem Problem zu kampfen hat, die behaupteten Zusammenhange nur hochst unvoUstdndig erfassen zu konnen, was den Verdacht nahe legt, dass sie fehlerhaft konzipiert wurden, und uberdies mangels theoretischer Voriiberlegungen nicht wissen kann, wie sie ihre fehlerhaften Befimde gezielt zu verbessem hatte. Die statt dessen iiblichen Ad-hoc-Veranderungen des Hypothesenbestands taugen nur unter unkontrollierbaren Umstanden zur Formulierung eines „progressiven Forschungsprogramms" und geben in der Folge offenbar keinen Anlass, die verwendete „Kausalmethode" zu uberdenken, die fiir den bedenklichen Zustand der Forschung verantwortlich zu machen sind. Fiir die Soziologie vgl. Esser 2002, fur die Geschichtswissenschaft Kiser/Hechter 1991, fiir die politische Wissenschaft Bates et al. 1998, Tilly 2001 und Bennett 2003, fiir die Okonomie Hirschman 1974 und Cowen 1998 und ubergreifend fiir alle Sozialwissenschaften Udehn 2001, S. 356. Alle diese Autoren wollen die (vergebliche) Suche nach (Verallgemeinerbarkeiten und) Gesetzen durch das Aufspiiren (erklarungsrelevanter) Mechanismen ersetzen, von denen noch ausgiebig die Rede sein wird. Vor allem die (interaktionistisch orientierte) „Mikrosoziologie" befiirchtet, dass die Nichtbeachtung der (storungsanfalligen, mit Unabwagbarkeiten verbundenen) „Innenwelt von Interaktionen" dazu fiihrt, „vorschnell universale ,Gesetze' des Gruppenlebens aufzustellen" (Schulein 1983, S. 9), deren Begrenztheit und Falschheit nur schwer zu tibersehen ist. Gleichlautende Vorbehalte werden phanomenologische Milieuforschungen (vgl. Grathoff 1989) und systemtheoretisch orientierte Interaktionsstudien (vgl. Kieserling 1999) formulieren wollen. Zuende gedacht, lauft diese Haltung auf eine Negierung der Moglichkeit hinaus, eine (nomologisch angelegte) Theorie der „Gesellschaft" (oder eine nomologische „Makrosoziologie") zu entwerfen. Ich denke, dass die genannten Autoren nicht vollig unrecht haben.
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Individuelles Handeln und soziale Mechanismen
Scheitern werden in erster Linie im Versagen der makrosoziologischen Leitidee vermutet, wonach das Handeln der Akteure durch ihre gesellschaftliche Lokalisierung „verursacht" (oder „determiniert") sei und die (diese „Determinationsverhaltnisse" erfassenden) „sozialen Gesetze" die daraus resultierenden (Positions- oder Rollen-)„Strukturen" (und deren Veranderung) zu erklaren hatten^^. Abhilfe gegen dieses Fehlurteil, das die Akteure zu hilflosen Marionetten ihrer Beziehungsverhaltnisse macht, ist nur moglich, wenn eine Erklarungsform geflinden werden kann, die den Handlungs- und Entscheidungsfreiheiten der Akteure Rechnung tragt und die (zu diesem Zweck) zugleich zeigt, dass und inwiefern die tiberkommene „makrosoziologische" Erklarungspraxis durch mikrofundierende Schritte ergdnzt und (damit zugleich) korrigiert werden kann^^. In den Augen der Kritiker des iiberkommenen, makrosoziologischen (bzw. „strukturalistischen") Erklarungsprogramms sind solche „Mikrofundierungen" trotz der erwartbaren Revisionskosten^"^ unabwendbar, weil anders nicht zu zeigen ist, wie makroskopisch-emergente^^, „distributionale" ^^ oder „kollektive Phanomene"^^ (wie z.B. Verteilungsstrukturen verschiedenster Art, Organisationen, Institutionen oder generell: „Handlungssysteme"^^ und deren Folgen) bzw. die zwischen unterschiedlichen Makrozustanden vermuteten Beziehungen aufgrund der zumeist unbeabsichtigten Kollektivfolgen des individuellen Handelns einer Mehrzahl von vernetzten Akteuren entstehen, sich erhalten oder verandern. Erst wenn dieser mehrschichtige Nachweis gelingt und wenn mithin gezeigt werden kann, wie der untersuchungswurdige Strukturzusammenhang in den (letztlich eigenwilligen) Handlungen der ihn generierenden Akteure „grundet", kann er in den Augen jener, die der uberkommenen makrosoziologischen Leitlinie nicht langer folgen wollen, als „erklart" gelten^^. Bei der Losung des nachgelagerten Problems wiederum, wie derartige (erklarungstauglichen) „Mikrofundierungen" vorgenommen werden sollten, wurde der 22 23
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Vgl. fiir einen fruhen Problembericht Vanberg 1975 und Coleman 1990, Esser 2004, S. 21ff Vgl. Mouzelis 1991, S. 146ff, besonders 155, 170 u.a. Diesem Autor ist es wichtig, einen falsch verstandenen Reduktionismus ebenso zu vermeiden wie die „Reifikation" sozialer Strukturen und Beziehungsverhaltnisse. Die weiteren Einzelheiten dieser Auffassung schildere ich im Rahmen meiner Rekonstruktion der Esserschen Position in Abschnitt 3.8. So weist Wimsatt 1986, S. 301 zu Recht darauf bin, dass solche Schritte mit einer „Neudefinition" des bislang verwendeten (makro-)theoretischen Vokabulars verbunden sein konnen. Der Emergenzbegriff ist trotz seiner langen Geschichte vieldeutig, wenn nicht unklar, vgl. fiir die „life-sciences" Holland 1998, fur die Psychologic Gadenne 2004 und fur die Sozialwissenschaften Sawyer 2004 bzw. Sawyer 2005 und (mit engem Kontakt zu diesem zuletzt genannten Autor) Heintz 2004 und Albert 2005. Ich denke, dass das nachfolgend verteidigte Erklarungsprogramm sich um die Eigenheiten von „Emergenzeffekten" nachhaltiger kummern muss, als ich es tun kann. Layder 1994, S. 215 Dieser Begriffsvorschlag geht m.W. auf Popper 1958, S. 124 zuriick und wurde von Wippler/ Lindenberg 1987 popularisiert. Vgl. fiir diese geistesmachtige Tradition Parsons 1951, Luhmann 1984, Coleman 1991, Fararo 2001 u.a. Hans Albert wird seit uber vier Jahrzehnten zugunsten einer derartigen Vorgehensweise vorstellig, vgl. Albert 1967, Albert 1998, Albert 1999.
Die Logik soziologischer Erklarungen
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zweite Hinweis bedeutsam, demzufolge soziologische Erklarungen den logischen Vorgaben des Hempel-Oppenheim-Schemas (in spezifischer Weise) nicht entsprechen konnen, was zu dessen Aus- und Umbau zwingt^^. Angesichts der geschilderten Problemlage bietet sich eine derartige Revision der iiberkommenen „Erklarungslogik" in zweierlei, sich erganzender Hinsicht an. Zum einen wird die sozialtheoretische Erklarungspraxis - wie gezeigt - darauf verzichten miissen, („autonome") Makrogesetze finden zu wollen, die als Pramissen eines deduktiv-nomologischen Erklarungsarguments Hempelschen Zuschnitts verwendet werden konnen und (damit) erlauben wtirden, ein auf der selben Analyseebene liegendes, erklarungsbedurfliges „Kollektivphanomen" direkt abzuleiten; andererseits aber kann es (auch) nicht sehr sinnvoll sein, darauf zu beharren, makroskopische oder strukturelle Explananda, in Form einer unvermittelten, einstufigen Ableitung aus einem Satz von verhaltensnomologisch erklarten Einzelhandlungen deduzieren zu wollen, solange der Verdacht besteht, dass man zu diesem Zweck zu erortern hat, wie und auf welchem Wege diese einzelnen Handlungen „kombiniert" oder miteinander in ein Verhaltnis gesetzt werden konnen, um die erklarungsbedurftigen „Strukturen" und „Verhaltnisse" zuallererst zu generieren. Offensichtlich fehlt an dieser Stelle ein erklarungsnotwendiger Schritt, weshalb soziologische Erklarungen, wenn es ihnen darum gehen soil, das Vorhandensein makroskopischer Phanomene unter Verweis auf die Handlungen (oder Entscheidungen) einzelner Akteure („mikrofundierend") zu erklaren^^ (konsequenterweise) als (indirekte bzw.) mehrstufige Erkldrungsargumente^^ angelegt werden miissen. 30
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Darauf, dass die sozialwissenschaftliche Erklarungspraxis im Rahmen der „Popper-Hempel theory of explanation" nicht (angemessen) entwickeit werden kann, hat bereits Bhaskar 1979, S. 164 aufmerksam gemacht, vgl. auch Porpora 1983, S. 244ff, Udehn 2001, S. 356 und Sawyer 2004, S. 261. Zur Uberwindung dieser Schwierigkeit werde ich wie Tilly (2001a, S. 596) „nomologische", „dispositionale", „systemische" und „mechanismische" Bestandteile von Erklarungen - wenigstens implizit - unterscheiden, sie im Gegensatz zu ihm aber nicht additiv nebeneinander stellen, sondem versuchen, diese Erweiterungen in das (allerdings) revisionsbedurftige Ausgangsmodell der Hempelschen „Covering-LawErklarung" zu integrieren. Vgl. filr diese Bestimmung die immer wieder zitierte Stelle bei Elster 1989, S. 13: „To explain social institutions and social change is to show how they arise as the result of the action and interaction of individuals". Elster kann allerdings nur unter der Bedingung als ein Vertreter eines mikrofundierenden Erklarungsprogramms der von mir verteidigten Art betrachtet werden, dass die Beschreibungen jener „Interaktionen" auf die Handlungsausstattung der Akteure nicht zuriickfiihrbare Bestandteile enthalten. Dass dies seine Position sei, wurde bestritten, vgl. Udehn 2001, S. 31 Iff Vgl. fiir die Grundzuge dieser Erklarungsauffassung Opp 2004, Opp 1995, S. 90ff und Schmid 2006a. Diese Uberlegungen sind (selbstverstandlich) nicht wirklich neu; der Sache nach behandelten bereits Marx und die grundervaterliche Debatte um das Verhaltnis von „Individuum und Gruppe" das Thema (vgl. Hemes 2001, Sawyer 2005, S. 5ff), und vor Jahrzehnten wurde die Mehrebenenproblematik unter den Stichworten „Kontexterklarung" (vgl. Eberlein 1971), „explanatorische Emergenz" (vgl. Brodbeck 1975, Addis 1975), „Strukturemergenz" (Bhaskar 1975), „Mikromotive und Makroverhalten" (Schelling 1978) und „Methodologischer Individualismus" (bzw. „Methodologischer Holismus") (vgl. Schmid 1996, S. 20ff, Hollis 1994, S. 109fO diskutiert; auch die Aufarbeitung des (verschiedenartig gestalteten) „micro-macro link(s)" hat den Weg fiir die nachfolgenden Uber-
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Die Frage ist dann, wie ein dergestaltiges Erklarungsargument aufgebaut sein muss, um die eingeforderte Erklarungslast tragen zu konnen. Ich unterstelle, dass eine vorlaufige und vorsichtige Antwort moglich ist, wenn man dem Hinweis folgt, dass sich ein solches mehrschichtiges Argument in vier Einzelschritte zerlegen lassen sollte. Wie sich ergeben wird, bewegt sicii jeder dieser Schritte auf einer gesonderten sachlichen (oder: „ontischen") „Ebene" - weshalb auch verschiedentlich von „Mehrebenenerklarungen" bzw. von „Mehrebenenanalysen" die Rede ist^^ und kann mit Hilfe (jeweils) zusdtzlicher Annahmen und Hypothesen auf der nachsten, nachgelagerten Ebene unter fortschreitender Erweiterung der dort fur die weiteren Deduktionen benotigten, ebenenspezifischen Pramissen fortgefiihrt und zugleich prazisiert werden. Da wir auf der Suche nach einem handlungstheoretisch-mikrofundierenden Erklarungsargument sind, wird es sich empfehlen, in einem ersten Schritt (nomologisch) zu erklaren, wie einzelne Akteure ihr Handeln „projektieren" oder planen und durchfuhren (konnen). Dazu sind zwei Teilfragen zu beantworten: Zum ersten sollte identifiziert werden, mit Hilfe welcher (allgemeinen) Theorie des individuellen Handelns dies moglich erscheint; eine solche Theorie sollte mehrere Erklarungsleistungen vorweisen: Zunachst muss sie bestimmen konnen, auf welche Weise die Akteure ihre Handlungssituation wahrnehmen und bewerten und, in Konsequenz dessen, welche Erwartungen und Zielvorstellungen (oder „beliefs" and „desires" ^^) sie ausbilden und aktivieren und damit zu welcher (handlungssteuernden) „Definition der Situation"^^ und ihres „Selbst"^^ sie gelangen konnen. Das wird nur
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legungen geebnet (vgl. Alexander u.a. (eds) 1987, Bohman 1991, S. 146ff). Fiir einen umfassenden Versuch, die „dynamics of mediating mechanisms of structuration" (Kontopoulos 1993, S. 334) zu entwickeln, hat sich Kyriakos Kontopoulos (1993) eingesetzt. Seit geraumer Zeit beschaftigt sich auch die Netzwerkanalyse und die in ihrem Rahmen betriebenen Forschungen zum sozialen Tausch, zu Macht, Status und zur Verteilungsgerechtigkeit mit dem Mikro-Makro-Problem und empfiehlt dazu eine mikrofundierende Mehrebenenanalyse (vgl. fiir einen Uberblick Lawler/Ridgeway/Markovsky 1993). Mit ahnlichen erklarungslogischen Implikationen versucht Uwe Schimank das Luhmannsche Theorieprogramm akteurtheoretisch zu untermauem, vgl. Schimank 2000, Schimank 2005a. Im letzten Jahrzehnt hat sich die Sozionik und die Simulation von Multi-Agentensystemen der Thematik angenommen (vgl. Sawyer 2004, S. 262ff, Kron 2005, S. 144ff, Sawyer 2005, S. 145ff, Hedstrom 2005 und die von diesen Autoren zitierte umfangreiche Literatur), aber auch die selektionistisch orientierte Evolutionstheorie, vgl. Kliiver 2000, Kappelhoff 2002, Chattoe 2002. Auf den moglichen Ertrag von Simulationsmodellen hat vor geraumer Zeit bereits Renate Mayntz aufmerksam gemacht, vgl. Mayntz 1967, S. 23ff Vgl. Coleman 1987, S. 155, Mayntz/Scharpf 1995, S. 50, Esser 1999, S. 435ff, Hedstrom 2005, S. 35 u.a. Vgl. Murphey 1994, S. 135ff, Hedstrom 2005, S. 38ff Vgl. Popper 1958, S. 123, Lindenberg 2001a, S. 652ff, Esser 2004, S. 109ff Vgl. fur die entscheidungstheoretische Bedeutung dieser Festlegung Akerlof/Kranton 2000, Erlei 2006 u.a. Die soziologische Diskussion emuchtert - wenigstens bisweilen - durch ihren Unwillen, die Vieldeutigkeit des Identitatsbegriffs einzugrenzen und ihm einen angemessenen Platz im Rahmen einer entscheidungstheoretischen Handlungsauffassung zu verschaffen (vgl. dagegen Wildavsky 1998, S. 240), wozu die zumeist rein analytische Gleichsetzung des „Selbst" mit den Bedingungen seiner „sozialen Konstruktion" ebenso beitragt wie die Vorstellung, „Identitaten" entstunden durch hintergrundig verlaufende Pragungs-
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moglich sein, wenn man zu Recht unterstellen kann, dass die Akteure liber eine (wie es derzeit aussieht: unabschlieBbare, jedenfalls offene) Reihe kognitiver^^, emotionaler^^ und sprachlicher Kapazitaten^^ (oder Kompetenzen) verfiigen, welche in hochst undurchsichtiger und deshalb erforschungsbediirftiger Weise miteinander verflochten sind und auf die sie zuruckgreifen konnen, um ihre jeweiligen
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vorgange, denen die ihnen unterworfenen Akteure wenig entgegen zu setzen wtissten, wobei die Existenz solcher (entscheidungsfreien) Pragungen nicht das eigentliche Problem darstellt, sondem deren ungeklarten Auswirkungen auf das Entscheidungshandeln. Oftmals behindert auch die normative, um nicht zu sagen: ideologische Aufladung des Konzepts eine angemessene Einschatzung seiner Erklarungskraft und -reichweite. Dass die Unabwagbarkeiten der Informationsbeschaffung und -verarbeitung. zu „begrenzten" Rationalitaten Anlass gibt, wird seit Jahrzelinten intensiv beforscht, vgl. fur viele Simon 1983, Tietzel 1985, Molho 1997. Fiir Fahigkeit der Akteure, Informationen auf der Basis von die (evolutionar entstandenen) „Programmen" zu verarbeiten, vgl. in Ubernahme von Ergebnissen der „evolutionistischen Psychologie" Vanberg 2000. Zu diesem Themenkreis gehoren auch Forschungen zum menschlichen Erinnerungsvermogen und zur daraus resultierenden „Erinnerungskultur", vgl. die paradigmatische Untersuchung von Fried 2004 und die dort zitierte (umfangreiche) Literatur; fur die Geschichte der Gedachtnisforschung vgl. Kandel 2006. Dieser Bereich an Hintergrundskapazitaten ist in Entscheidungstheorien nur schwerlich zu integrieren, vgl. dazu die Problemubersicht bei Schimank 2000, S. 107ff und fiir einen vorsichtige Annaherungsvorschlag Esser 2005 und Esser 2006. Frank 1988 behandelt Emotionen als ein letztlich durch Entscheidungen nicht erreichbares Phanomen; ahnlich hatte bereits Danto 1973, S. 163 argumentiert: Emotionen treten spontan auf, allenfalls ihren Ausdruck kann der Akteur entscheidend beeinflussen. Ich werde in der vorliegenden Arbeit keinen Versuch unternehmen, die damit zusammenhangenden Fragen zu beantworten, vgl. als Problemaufriss de Sousa 1987 und naturlich die einflussreiche Forschung von Damasio 1995 und Damasio 2000, der auf die Bedeutsamkeit von Gefiihlserfahrungen, die als Bestandteil eines „automatischen Uberlebensmechanismus" (Damasio 1995, S. 176) verstanden werden, fiir die Selbstbewertung wie die Bewertung von Handlungsalternativen aufmerksam macht; die Zahl der daran anschliefiende Kommentare nimmt bestandig zu. Fur das soziologischen Emotionsverstandnis und den damit verbundenen Versuch, Abstand zur Entscheidungstheorie zu halten vgl. Collins 1993, Barbalet 1998, S. 29ff und Flam 2000. Vgl. fiir eine (wahrscheinlich unvollstandige) Liste solcher Kapazitaten Runciman 1998, S. 163f Der symbolische Interaktionismus, die Phanomenologie, die Ethnomethodologie und die Konversationsanalyse, aber (auch) die kommunikationstheoretische Systemtheorie haben die Existenz solcher Fahigkeiten immer vorausgesetzt (vgl. fur eine informative Darstellung dieser Stromungen Schneider 2002, Schneider 2002a, Schneider 2004); folgt man Sawyer 2005, S. 170ff, dann sind allerdings analytisch-formale Untersuchungen iiber deren Art und Inhalt jungeren Datums. Uber einige Thesen daruber, wie solche Fahigkeiten evolutionar entstanden sein konnten, informieren beispielsweise Cosmides/Tooby 1987 und Richerson/Boyd 2001. Ohne eine handlungsrelevante Theorie uber diese Fahigkeiten konnen „soziale Einflusse" nicht berucksichtigt werden (vgl. Whitmeyer 1994, S. 157), was vor allem dort dringlich ist, wo sich Akteure aufgrund beschrankter Informationen keine „eigene Meinung" bilden konnen; die Auswahl sogenannter „credence goods" (vgl. Darby/Kami 1973), die auch bei religiosen Zielsetzungen eine Rolle spielen (vgl. etwa Ellison 1995, Hardin 1997), ware sonst kaum zu bewerkstelligen. Wie die von Balint (2005) emeut ins Spiel gebrachte „Knappheitssoziologie" zeigt, ist auch der Einfluss extemer Ressourcen nur dann zu modellieren, wenn man die Akteure fiir fahig halt, entsprechende Mangel abzuschatzen und auf sie zu reagieren, oder strenger: Ohne (ubergroBe) Nachfrage gibt es keine Knappheiten.
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„Definitionsprobleme" zu bearbeiten"^^. Ein Gutteil des Hypothesenbestands einer derartigen Handlungstheorie wird zu klaren haben, wie sie dies tun. Die gesuchte Handlungstheorie muss zweitens aber vor allem auch angeben konnen, wie sich die von ihm erarbeitete Situationsdefmition darauf auswirkt, fur welche seiner moglichen Handlungsoptionen sich der Akteur zur Bewaltigung seiner (subjektiv erhobenen) Problemiage entscheidet und wie er diese Entscheidung in eine Handlung „ubersetzt". Um dies zu leisten, sind die „psychischen Mechanismen""^^ zu benennen und handlungstheoretisch aufzubereiten"^^, aufgrund derer ein Akteur sein Handeln (aus einer Mehrzahl von zugangHchen bzw. in Betracht gezogenen Handlungsalternativen) wahlt oder „selegiert"'^^, und vermittels derer er sich zur Durchfuhrung einer ausgewahlten Handlung motiviert"^"^. Diese Handlungswahl und ihre (wenn man so will: performative) „Umsetzung" (oder Realisierung) sind auch dann als eine „aktive, selbstgesteuerte und selbstuberwachte""^^ und damit hochst eigensinnige und eigeninteressierte Leistung eines jeden Akteurs zu erklaren"^^, wenn die Prozes40 41 42
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Dass diese Kompetenzen eine evolutionar entstandene Grundlage besitzen, sollte auch in der Soziologie mittlerweile unstrittig sein, vgl. Maryanski/Turner 1992, Lopreato/Crippen 1999, Meyer 2000, Sanderson 2001. Vgl. Elster 1989, Elster 1998, Elster 1999 Ich wende mich (bis auf weiteres) gegen jede neurowissenschaftliche Reduktion der Handlungstheorie. Als Beleg dafur, dass diese Abwehr uberzogener Anspruche verniinftig sein konnte, nenne ich das (im ubrigen lesenswerte) Buch von Pascal Boyer (2004), in dem er eine neurowissenschaftliche Begrundung des menschlichen Gottesglaubens geben mochte. Dass phantasiebegabte Menschen aufgrund ihrer irdischen Leidausgesetztheit dazu neigen, sich jenseitige, und d.h. verldssliche Hilfe zu erhoffen, hatte man natiirlich auch ohne Blick in die „Evolution des Geistes" wissen konnen, deren „Mechanik" im ubrigen gar nicht erortert wird; ein korrespondierender Mangel ware auch bei Damasio 1995 zu kritisieren, der dazu neigt, die unterschiedliche Ertraglichkeit gesellschaftlicher Verhaltnisse direkt (d.h. ohne deren sozialstrukturelle Vermittlung zu beachten) von den Eigenschaften des menschlichen Bewusstseins abhangig zu sehen. Vgl. Esser 1993 u.a. Dass man mil Hilfe einer solchen Auswahlregel alleine keine sozialen Phanomene erklaren kann (vgl. fur eine solche „Kritik" vor allem an der Maximierungsthese der Werterwartungstheorie Chaves 1995, S. 99f), ist trivialerweise richtig, aber nicht deshalb, weil sie tautologisch ware (vgl. gegen diese Auffassung Opp 2004, S. 49f), sondern weil die Beurteilung ihrer Erklarungskraft - wie Chaves selbst bemerkt - auf die Geltung zusdtzlicher, das Auswahlpro^/ew (der Akteure) beschreibender Annahmen angewiesen ist. Die Querverbindungen der Handlungstheorie zur Motivationstheorie haben sich in letzter Zeit gelockert; noch Parsons wollte seine systemtheoretischen Untersuchungen „motivationstheoretisch" ftindieren, vgl. fiir eine Diskussion dieses letztlich enttauschend verlaufenden Entwurfs Schwanenberg 1970. Harre/Secord 1972, S. 297; vgl. der Sache nach auch Murphey 1994, S. 163. Zur Kritik gegenteiliger Auffassungen vgl. Manicas 1987, S. 266ff und passim. Dem stimmen auch die Vertreter(innen) des sogenannten „Agency-Ansatzes" wie etwa Margret Archer zu, die ich im weiteren deshalb nicht berucksichtige, weil sie auf die Ausarbeitung von Abstimmungsmechanismen keinen gesteigerten Wert legt (vgl. Archer 2000, Archer/Tritter (eds) 2000), obgleich sie zumindest an einer Stelle die Beschaftigung mit „conditional and generative mechanisms operation between structure and agency" empfiehlt (vgl. Archer 1995, S. 16). Vgl. fiir diese Beurteilung auch Pawson 2000, dem zufolge sich der „kritische Realismus" - wie sich diese Denkrichtung selbst klassifiziert - weniger mit der empirischen Erforschung solcher „Mechanismen" beschaftigt als mit dem Problem der „Transzendentalkonstitution" von Akteurskapazitaten und mit „normativen" Fragen der (i-
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se der Situationswahrnehmung und der Entscheidungsfindung gesetzmaBig und in vielen ihrer Effekte hintergrlindig (oder „unbewusst" bzw. „automatisch") verlaufen und wenn der Akteur - wie anschlieBend zu zeigen ist - dazu gezwungen ist, in Handlungssituationen zu agieren, die er weder zur Ganze liberblickt noch kontrolliert und die seine Erwartungen und Bestrebungen zum eventuellen Scheitern verurteilen. Mit diesem (zuletzt genannten) Hinweis ist angedeutet, dass sich (alleine) im Rahmen einer solchen Theorie individueller Handlungsentscheidung nicht festlegen lasst, welche dieser^ituativen Erfolgsbedingungen (in welcher Auspragung) vorliegen werden, weshalb zusatzliche Hypothesen (in jiingster Zeit als „Bruckenhypothesen" bezeichnet"^^) dariiber benotigt werden, welchen („objektiven") Restriktionen und Opportunitdten sich ein Akteur gegentiber sieht, die sein Handeln (vermittelt liber sein „Wissen", seine „Zieie" und seine „Motivation" bzw. seine durch diese Faktoren beeinflussten Wahrnehmungen und „Deutungen") in unterschiedlichem MaB behindern oder fordern konnen"^^. Dazu benotigen wir ein sogenanntes „(Situations-)Modell" der entscheidungs- oder wahlrelevanten EinflussgroBen"^^. Bei der
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dentitatsstiftenden) Handlungsorientierung (vgl. Archer 2003). Auch bin ich - wie HedstrOm 2005, S. 70ff- nicht uberzeugt davon, dass es, woran Archer und viele ihrer Mitstreiter festhalten, (auf der emergenten Ebene sozialer „Verhaltnisse") „autonome" soziale Gesetze gibt, deren handlungstheoretische Mikrofundierung entbehrlich sei. Ich komme auf diese (hochst verbreitete) Fehleinschatzung zuruck. Vgl. Lindenberg 1996a, Esser 1998, Esser 1999, S. 15f, 76f, 261ff, 399ff, 403ff u.a. Vgl. Healy 1998, S. 518 und passim; man kann entsprechend davon reden, dass die HandlungsmOglichkeiten der Akteure eine „macrostructural foundation" besitzen (Lawler/Ridgeway/Markovsky 1993, S. 286). Ich will offen lassen, ob dieser doppelte strukturelle Einfluss durch die Ubernahme der in der „Philosophy of Mind" gelaufigen Vorstellung von der „Supervenienz" angemessen beschrieben werden kann. Ich bin mit einer solchen Deutung nur dann einverstanden, wenn sie die Existenz von „autonomen" Makrogesetzen ausschlieBt. Wichtiger ist mir aber die Einsicht, derzufolge die Erklarungsnotwendigkeit situativer Bedingungen impliziert, dass Mikrofundierungen unter keinen Umstande als (eliminative) „Reduktion" verstanden werden konnen, vgl. Mouzelis 1991, Schmid 1996, S. 3Iff und Udehn 2001,8.336. Vgl. flir eine Liste von relevanten Faktoren Giesen 1987, S. 348ff, Giesen 1991, S. 173ff Ich mochte an dieser Stelle anmerken, dass ich einen Unterschied zwischen „Theorien" und „Modellen" mache (vgl. Schmid 2005a): „Theorien" benennen die ein Geschehen „energetisierenden" Faktoren - in der Tradition des 19. Jhs sprach man (auch) von „Kraften"; Modelle hingegen bezeichnen in meinem Verstandnis die (kontingenten) Umstande (oder Gegebenheiten), in deren Rahmen sich Prozesse abspielen, die durch jene „Krafte" vorangetrieben werden, vgl. Morrison/Morgan 1999, S. 19. Gesetze (liber die Funktionsweise dieser „Krafle") gibt es nur im Rahmen von Theorien. Ich brauche nicht hinzuzufiigen, dass sich dieser Modellbegriff von einigen seiner ublichen Bestimmungen unterscheidet: Weder sind „Modelle" „empirische Interpretationen" (abstrakter) Theorien (Nagel 1961, S. 95f), noch dienen sie als (heuristisch fruchtbare) „Vorbilder" (oder „Analogien") zur (induktiven) Konstruktion von Theorien (vgl. Nagel 1961, S. 114, Stegmuller 1969, S. 135f, Hesse 1970), noch ist an die Isomorphic theoretisch-deduktiver Systeme gedacht, die erlauben wiirde, die Formalstruktur einer Theorie T als „Moder' fur die Formalstruktur einer inhaltlich ganz anders gelagerten Theorie T' zu verstehen (vgl. Brodbeck 1969, S. 579f). Auch unterscheiden sich (in meinem Defmitionsverstandnis) „Modelle" von Theorien nicht dadurch, dass sie („absichtlich") bestimmte Faktoren unbeachtet lassen (vgl. Brodbeck 1969, S. 586), wie wenig ich unter „ModeH" die mathematische (oder anders formalisierte) „Reprasentation"
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naheren Bestimmung dieser das Handeln „kanalisierender"^^ (oder „leitender und begrenzender"^^) Faktoren spielen zwei gesonderte Tatbestande eine Rolle: Zum einen steht fest, dass sich jeder Akteur darauf einrichten muss, dass er in einer „sozialen" oder „interdependenten" bzw. „strategischen Situation" agiert^^, in der die Durchfuhrungschancen und die Ertrage seiner Handlung vom Verhalten seiner Mitakteure abhangen^^; zum anderen muss er beachten, dass der erfolgsichernde Verlauf und Abschluss seines Handelns auch durch den Zugriff auf handlungsdienliche (nicht-soziale oder „materiale") Ressourcen bedingt ist^"^, deren Beschaffiing und
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von Theorien zu verstehen vorschlage (vgl. dazu Brodbeck 1969, S. 587ff, 595ff); und zu guter Letzt mochte ich den Begriff auch nicht zur Benennung datenabgehobener und empirisch ungeprtifter Wissensbestande verwendet wissen (vgl. dazu Hesse 1974, S. 58 u.a.). Gegen epistemologische Definitionen des Modellbegriffs, wonach formale Modelle darauf aus sind, mit Hilfe moglichst simpler Theorien „ein HochstmaB an Aufklarung" zu erwirtschaften (vgl. Esser 1993, S. 119), hatte bereits Stegmuller (1969, S. 13 If) Stellung bezogen - allerdings zugunsten der Vorstellung, Modelle stellten auf eine „nomologischen Isomorphic" (S. 135) zwischen zwei Theorien ab, was - wie angedcutct - mein Definitionsvorschlag nicht im Auge hat. Stegmullers spateres (leicht abgewandeltes) Modellverstandnis (vgl. Stegmuller 1980, S. 9f u.a.) berucksichtigt allerdings das Mikro-Makroproblem nicht, weshalb auch sein „strukturalistisches Theorienkonzept" meine Intentionen nicht (wirklich) trifft. Seine Idee allerdings, wonach „Modelle" in alien Fallen mit der (empirisch zu kontrollierenden) „Anwendung" eines Theoriekems zu tun haben, mochte ich iibernehmen. Vgl. Albert 1976, S. 22 Vgl.Bourdieu 1992, S. 135 Im Rahmen solcher Uberlegungen macht es keinen Sinn, diesen Umstand dadurch zu berucksichtigen, dass man die Bedingungen des (individuellen wie kollektiven) Handlungserfolgs in den Handlungsbegriff „hineindefmiert"; die Tautologisierung des darauf aufbauenden Thesenbestands ist dann nicht zu vermeiden, vgl. zur Kritik dieser „Begriffsstrategie" Campbell 1996. Besser ist es - wie Bourdieu vorschlagt - Handeln (defmitorisch) als Ausfluss von „sehr allgemeinen Optimierungsstrategien" (Bourdieu 1993, S. 96, ahnlich Bourdieu 1992, S. 117) zu betrachten, und die Frage, unter welchen (situativen) Bedingungen diese zu reproduzierbaren strukturellen Verteilungsergebnissen fuhren (oder nicht), der empirisch-theoretischen Forschung zu uberlassen. Dieser Tatbestand lauft auf die grundsatzliche und unvermeidbare „Indeterminiertheit" des „sozialen Handelns" hinaus, vgl. Koons 1992, Bicchieri 1993 und Hardin 2003. Und gerade deshalb sind die Akteure zur Bewaltigung ihrer Probleme darauf angewiesen, sich auf eine Handlungsstrategie (glaubhaft) festlegen zu konnen, die dem Mitakteur die Chance eroffnet, seine eigenen Erwartungen an das, was ihm bliihen konnte, „anzupassen"; die Gefahr, hintergangen zu werden bzw. Missverstandnissen ausgesetzt zu sein, ist den daraus resultierenden Verhaltnissen selbstverstandlich inharent (vgl. Malho 1997). Die Beantwortung der Frage, wie angesichts solcher (und ahnlich gelagerter) Gefahrdungen ein Erwartungsausgleich gleichwohl erreichbar ist, gehort (spatestens) seit Max Weber zur Ausgangsanforderung jeder handlungstheoretischen Fundierung der Gesellschaftswissenschaften (vgl. Weber 1956^ S. 97ff); vor allem die neuere Vertrauens-Literatur widmet sich diesem Thema mit Nachdruck, vgl. fiir einen Uberblick Baurmann 1996, S. 409ff, Ripperger 1998, Lahno 2002. Die handlungseinschrankende Bedeutung von Ressourcen ist immer wieder zum Gegenstand eigenstandiger Erklarungsbemilhungen gemacht worden, vgl. Moldaschl/Diefenbach 2003, Balint 2005. Hier findet sich auch die weiterflihrende Literatur. Der Strategiecharakter der Handlungssituation lasst sich dann mit der Frage der Ressourcenausstattung verbinden, wenn - wie dies vor allem Coleman vorsieht - die (verschiedenartigen) Zuwendungen anderer zu den eigenen Ressourcen zahlen. In diesem Fall ware anzuraten, zwischen „sozialen" und „nicht-sozialen Ressourcen" zu unterscheiden.
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Verwertung Kosten verursacht und deren Mangel und Unzulanglichkeiten - ebenso wie die Interventionen seiner Mitakteure - sein Handeln mit erwartbarer RegelmaBigkeit beengen oder gar zum Scheitern verurteilen konnen^^. Unabhangig vom Erfolgsschicksal eines Handelns aber gilt, dass eine individuelle Handlung zu erklaren zu zeigen heifit, wie sich der sie beschreibende Satz aus den handlungstheoretischen Annahmen und den (kontingenten) Thesen liber das Vorliegen spezifischer Struktur- oder Situationsbedingungen logisch ableiten lasst. Allerdings ist auf diesem Wege nicht zu klaren, womit wir rechnen miissen, wenn mehrere derart disponierter Akteure aufeinander treffen; vor allem dtirfte strittig sein, ob sie regelmdfiig zu einer zufriedenstellenden oder auch nur storungsfreien Zusammenarbeit kommen konnen. Damit ist jedenfalls kaum vorbehaltlos zu rechnen, solange deren Gelingen von den Zuleistungen (grundsatzlich: eigenwilliger) Koakteure abhangt, weshalb die Vermutung realitatsnaher sein dtirfte, dass ein Interessensabgleich nur unter gesonderten Bedingungen moglich ist. Der (nahere) Grund hierftir liegt darin, dass die Akteure bei jeder Kontaktaufnahme vor ganz unterschiedlich gravierenden Abstimmungsproblemen stehen und oftmals keinesfalls ausgemacht ist, ob ein Interessengleichklang zu tragfahigen Koordinationen fiihrt, ob ein problemloses Teilen der eventuellen Kooperationsertrage moglich ist oder wer seine Interessen angesichts welcher Beschaffungs- und Verteilungsbedingungen auch gegen die Ansprliche seiner Konkurrenten zur Geltung bringen und durchsetzen kann, wenn das „Poolen" der Anstrengungen bzw. das „Teilen" des Kooperationsgewinns auBer Reichweite liegt^^. Zwar ist es grundsatzlich moglich, dass sich die abstimmungsbedlirftigen Akteure auf Regeln „einigen"^^, deren gemeinsame Einhaltung darauf hinwirkt, dass Interessensminderungen und -einbuBen unterbleiben, so dass die entsprechenden Ertragsverluste die fiir die Aufrechterhaltung der Beziehungsverhaltnisse benotigte Beteiligungsmotivation nicht zu gefahrden brauchen; auf der anderen Seite aber sind derartige beziehungssichernden Abstimmungsregeln nicht immer durchzusetzen bzw. zu tiberwachen, weshalb sie bestandig dazu tendieren, sich aufzulosen, zumal sie Anreize zu opportunistischem Ver-
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Ich stimme deshalb Sawyer (2003, S. 217) zu, wenn er meint, dass sich „social properties" nicht nur dann auf den Handlungserfolg auswirken, wenn diese von den Akteuren wahrgenommen, interpretiert oder internalisiert wurden. Derartige Einfliisse konnen subkutan, „hinter dem Rucken" der Betroffenen und „unbewusst" ebenso von statten gehen, wie als materiale „Unmoglichkeit", eine bestimmte Handlung durchzufiihren. Die Unterbewusstheit vieler Einflussgrofien legt nahe, die Psychoanalyse auch dann bei der Ausgestaltung der handlungstheoretischen Grundlagen sozialwissenschaftlicher Erklarungen zu berucksichtigen, wenn deren Zulassigkeit und Reichweite noch nicht abschlieBend ausgeleuchtet sind, vgl. Sherwood 1969, Schulein 1999. Prisoner's Dilemma-Situationen, Koordinationsdilemmata und Konflikte stellen die ublichen Abstimmungsprobleme dar, vgi. Ullmann-Margalit 1977, Knight 1995, Schmid 1998, Esser 2000a, S. 55ff, Schmid 2004, S. 247ff. Man kann die unterschiedliche Dilemmatrachtigkeit sozialer Verhaltnisse auch danach unterscheiden, ob die Ziele der Akteure kompatibel sind und damit entweder „gemeinsame" bzw. „komplementare" Ziele darstellen, oder ob sie unvereinbar und d.h. konflikttrachtig oder mit (ein- oder wechselseitigen) Schadigungen verbunden sind, vgl. Schmid 1998, S. 153f. Vgl. dazu Ullmann-Margalit 1977
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halten oder zur Ausbeutung von Vorleistungen geben bzw. die selbstkontrollierte Einsicht in die - als legitim zu akzeptierenden - Unvermeidbarkeit von Verlusten einfordern, die nicht jedem zur Verfiigung stelit^^. Man muss demnach in einem zweiten und zusatzliclien Erkldrungsschritt (erneut in der Form eines „Modells"^^) nach einer Antwort auf die Frage suchen, unter welclien (hypothetischen) Voraussetzungen es den eigenwilligen Akteuren gelingt, ihre Einzelhandlungen so zu „kombinieren", zu „aggregieren"^° oder miteinander zu „verknupfen"^\ dass sie schadigungsminimierende Regulierungen fmden und stabilisieren konnen. Der Nachweis einer derartigen „Verknupfung", die die betreffenden Akteure selbstverstandlich keinesfalls kostenfrei und ohne Leistungsabstriche herstellen und aufrecht erhalten konnen, ist gleichzusetzen mit der Aufgabe, einen handlungstheoretisch fundierten Mechanismus^^ (oder wie ein Autor ihn bezeichnet: einen „micro mechanism"^^) der Handlungsabstimmung ausfmdig zu machen. Das Vorliegen eines derartigen Mechanismus kann als erklart gelten, wenn es gelingt die Umstande ausfmdig zu machen, angesichts derer es eigeninteressierten Akteure moglich ist, Regeln zuzustimmen und sich zu deren Einhaltung zu motivieren. Viele Sozialtheoretiker denken (deshalb), dass es moglich und sinnvoll ist, solche Mechanismen mit der (wenigstens zeitweilig durchsetzbaren) Existenz eines entscheidungspragenden Regelsystems bzw. mit der Tatsache gleich zu setzen, das es den Akteuren vergonnt ist, eine (formale oder informelle) „Institution" zu bilden und zu erhalten^"^. Die Kenntnis der Funktionsweise eines derartigen Mechanismus, seiner (dafur wichtigen) Handlungskonstellationen und (geregelten) Verlaufs- und Organisationsformen muss aber nicht bedeuten, dass man die Verteilungsresultate der betreffenden Abstimmungsbemlihungen kennt, weshalb wir zur ihrer Identifikation einen weiteren Erkldrungsschritt benotigen, den wir mit Hilfe kontingenter Hypothesen dariiber bewaltigen konnen, dass und wie sich derartige Kollektivkonsequenzen als beabsichtigte bzw. unbeabsichtigte, zukunfts- oder eher erfahrungsorientierte^^, erwtinschte oder unerwunschte, funktionale oder dysflinktionale Nah- oder Fernfolge des gemeinsamen, mechanismusgesteuerten Handelns aller beteiligten Akteure er58 59 60 61 62
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Vgl. fur die Durchsetzungsmoglichkeiten derartiger Regulierungen Vanberg 1994, Baurmann 1996, Schmid 1998, Hardin 2003, Schmid 2004, Bayertz 2005 u.z.a. In diesem Fall suchen wir nicht nach einem „SituationsmodeH", sondem eher - wie sich gleich zeigen wird - nach einem „mechanismischen Prozessmodell". Vgl. Coleman 1990, S. 11. Diese Bezeichnung hat sich insoweit als hinderlich erwiesen, als viele „kollektiven Effekte" auch als „nicht-aggregative" entstehen, vgl. Sawyer 2005, S. 95f. Vgl. Hedstrom/Swedberg 1996, S. 200 Ich hoffe, dass es nicht notig ist, diesen Begriff des „Mechanismus" gegen den Vorwurf zu verteidigen, er konne „absichtsgeleitetes Handeln" und „Informationsverarbeitung" nicht beriicksichtigen und sei deshalb nur metaphorisch verwendbar, vgl. dazu Hodgson 1993, S. 21ff. Mouzelis 1991, S. 155 Vgl. paradigmatisch North 1988 und in dessen Gefolge Mantzavinos 2001. Auf diesem Weg kann ein GroBteil der Literatur zur Instititionensoziologie und -okonomik fiir ein mikrofundierendes Forschungsprogramm fruchtbar gemacht werden. Renate Mayntz (2004, S. 250) weist zu Recht darauf hin, dass es variable Grade der Institutionalisierung sozialer Beziehungsformen geben wird. Vgl. zu dieser Unterscheidung Macy 1993 und Hedstrom 2005, S. 41
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geben, und dariiber hinaus, welche formierende Rolle dabei beziehungs- bzw. mechanismusexterne Umweltgegebenheiten (oder „Parameter") spielen mogen^^. In Kenntnis solcher Hypothesen wird es moglich sein, ein „Modell kollektiver Handlungsfolg en"^' zu entwerfen, innerhalb dessen - unter (stillschweigender) Zugrundelegung von theoriegeleiteten Annahmen iiber die Situationssicht und die Beweggrunde jedes der Akteure und unter Benennung der handlungsvermittelten und handlungsvermittelnden Wirkungsweise eines (funktionsfahigen) Mechanismus' der Satz, der dessen Verteilungsfolgen beschreibt, logisch abgeleitet werden kann^^. Fiir den Fall, dass man seine Aufinerksamkeit darauf beschranken will herauszufinden, wie spezifische (Konstellationen von) Kollektivfolgen aus einem bestimmten Abstimmungsmechanismus resultieren, kann man die Erforschung der interdependenten Beziehungsverhaltnisse an dieser Stelle abbrechen. Sobald man freilich an der Reproduktion bzw. der Evolution oder Transformation von Abstimmungsmechanismen interessiert ist, wird man sich mit Hilfe eines vierten Erkldrungsschritts darum bemlihen mussen klarzulegen, welche Reaktionen die unvermeidlichen Kollektiv- und Verteilungsfolgen des gemeinsamen, vermittels Mechanismen gebtindelten Handelns auslosen konnen und damit in welcher Richtung und in welchem Umfang die einmal entstandenen Strukturfolgen auf die weiteren Handlungsbedingungen (bzw. die darauf bezogenen Situationsdefmitionen und Motivationen) der Akteure zurlickwirken, so dass zur (bislang nicht gestellten) Frage werden muss, ob die Akteure angesichts dessen, was sie angerichtet haben, an ihren bisherigen Handlungsstrategien festhalten konnen (aber auch mussen) oder ob sie sich dazu gezwungen sehen, sie zu wechseln oder sich nach bislang unbedachten („innovativen" oder „kreativen") Alternativen^^ umzusehen, wenn sie es nicht vorziehen bzw. dazu gedrangt werden, das betreffende Handlungsfeld ganzlich zu
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Zur Analyse dieser Folgen wird man die (schwankende) Wirksamkeit derartiger extemer Parameter nicht unbedingt berucksichtigen wollen. Als „Eingangsgroi3en" muss man sie aber dann modellieren, wenn sie sich eigenmachtig verandern und sich in Form „externer Schocks" und der damit verbundenen „Katastrophen" auszuwirken beginnen, vgl. dazu Clausen 1994. Jene, die die „Bundelung" der individuellen Handlungsfolgen vermittels eines institutionalisierten Abstimmungsmechanismus nicht eigens modellieren, sprechen an dieser Stelle zumeist von „Aggregierungsmechanismen"; ich vermeide diesen Begriff, um zu betonen, dass man die Regulierungsbedurftigkeit des kollektiven Handelns berucksichtigen muss, wenn man es „mechanismisch" erklaren mochte. Dass Poppers Erklarungstheorie dies nicht leistet, zeigt Sayer 1992^, S. 17If; die analoge Defizienz des Hempel-Modells behaupten Miller 1987, Salmon 1989 und Cartwrigt 1983 bzw. - fur die Sozialwissenschaften im engeren Sinne - Secord 1986, Bhaskar 1979, Bhaskar 1989 und Bennett 2003. Zugleich ist damit gesagt, dass die „Konsistenz" (Barnes 1995, S. 87) bzw. die „Komplementaritat" (Schmid 1982, S. 210ff) der Annahmen uber die Mikro- und Makroebene zur erklarungslogischen Charakterisierung ihres Wechselverhaltnisses deutlich nicht hinreicht. In jungerer Zeit hat sich vor allem die sog. „pragmatische" Handlungstheorie auf die Behandlung dieses Teilproblems der Handlungserklarung spezialisiert, vgl. Joas 1992, Joas 1997, Joas/Beckert 2001. Aber auch das RREEMM-Modell des Handelns, dessen rationalistische Neigungen Joas und Beckert wahrscheinlich kritisieren wtirden, berucksichtigt den innovativen Umgang der Akteure mit ihren Situationsbedingungen, vgl. Lindenberg 2001a.
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raumen. Die Berticksichtigung derartiger „Ruckwirkungen" hat einen doppelten Vorteil: Zum einen gelingt es auf diese Weise, die Modellbildung zu dynamisieren und infolgedessen (auch) „Strukturwandel" (bzw. den Wandel der bisherigen Handlungsbedingungen) zu erfassen, womit zugleich gesagt ist, dass man die Modellierung sozialer Prozesse nicht auf die Analyse statischer oder auch repetitiver Gleichgewichtszustande festschreiben muss^^; und zum anderen schliefit die Beachtung „rekursiver Effekte" die (mikroflindierende) Argumentation, indem sie (die flir den weiteren Fortgang der Erklarung notwendigen) Informationen dariiber zur Verfligung stellt, dass und in welchem AusmaB sich - (letztlich) infolge ihres gemeinsamen Handelns - die Situation der untersuchten Akteure geandert hat, an die sie sich mit Hilfe ihrer weiteren „Situationsdefmitionen" bzw. „Zielsetzungen" und (ihrer darauf aufbauenden) Handlungsentscheidungen werden anpassen miissen. Damit kann man die Ausgangsfrage erneut aufgreifen, wie und mit welchen weiteren Folgen es individuellen Akteuren gelingt, angesichts obwaltender Situationsumstande eine (fur sie sinnvolle und d.h. mit moglichst erwarteten und erwunschten Effekten verbundene) Handlungsentscheidung zu treffen^^ Zu den logische Implikationen eines solchen „vollstandigen" mikrofundierenden Argumentationsgangs, um dies als Zwischenergebnis festzuhalten, gehort demnach, dass jede Konstruktion einer erfolgversprechenden soziologischen Erklarung (zumindest vier) verschiedene „Ebenen"^^ unterscheiden muss: Zum ersten benotigen wir eine (nomologische) Theorie individuellen Handelns, die angibt, wie sich Akteure angesichts ihrer (prinzipiell variablen) „objektiven" Handlungssituation (d.h. ihrer sozialen und nicht-sozialen Restriktionen und Opportunitaten) entscheiden, sodann Modelle und Hypothesen uber die Entstehungs- und Funktionsbedingungen wechselwirksamer und zugleich handlungsregulierender bzw. -kanalisierender Mechanismen, mit deren Hilfe eigenwillige Akteure ihre unvermeidlichen Abstimmungsprobleme zu losen suchen; dariiber hinaus sind aber auch eigenstandige Thesen uber die Kollektivfolgen dieser zumeist unsicheren und risikobehafteten Bemuhungen erforderlich und endlich zusatzliche Annahmen uber die Riickwirkungen dieser Folgen auf die weiteren Handlungen der beteiligten Akteure. Jede (auf Vollstandigkeit abzielende und nur dann als „dynamisch" zu bewertende) Erklarung eines „sozialen Phanomens" wird diesen Vorgaben und Erfordernissen Rechnung tragen miissen. Derartig vierstufig angelegte Erklarungsargumente haben - neben den anfanglich genannten Merkmalen, weder auf sozial-strukturelle Gesetze zuriickgreifen, noch kollektive Explananda unvermittelt aus individuellen Handlungsgesetzen ab70
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Die theoretische Debatte uber die „Dynamik sozialer Systeme" war iiber Jahrzehnte durch die Uberzeugung in eine falsche Richtung gelenkt worden, dass „Gleichgewichtstheorien" einer anderen „Logik" folgen als „Theorien des Wandels", vgl. fiir diesen Sachstand beispielhaft Appelbaum 1970, Gait/Smith 1976 u.a. Die Modellierung dieser „rekursiven Effekte" - wie man sie nennen konnte - miindet demnach aus in die emeute Suche nach - dieses mal aber veranderten - „Situationsmodellen". Welche ontologischen, epistemologischen und methodologischen Implikationen man sich mit dieser Bezeichnung einhandelt, werde ich im Verlauf der nachfolgenden Darstellung wenn auch nur auszugsweise - behandeln.
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leiten zu konnen - zumindest zwei (weitere) Eigenheiten^^, die sie von (einfachen) Subsumptionserklamngen Hempelschen Zuschnitts (bzw. deren Adaquatheitsbedingungen) unterscheiden: Zum einen geben sie sich nicht mit einer (ebenenspezifischen) Aufzahlung von „Faktoren" zufrieden, die ein (bestimmtes) Struktur- oder Kollektivphanomen „verursachen", wie das von - wie wir sahen: nichtexistenten (makroskopischen) Gesetzen oder (sogenannten) „sozial-strukturellen Kausalanalysen"^"* verlangt zu werden pflegt; vielmehr sind sie als Tiefenerkldrung'^ angeiegt, die ein „makroskopisches Phanomen"''^ (start dessen) unter Verweis auf handlungstheoretisch zu entschllisselnde Mikroprozesse''^ erklaren, die ihrerseits verschiedene Makrosachverhalte (erst) „produzieren" bzw. miteinander in „eine Beziehung setzen". Die erklarungstaugliche Aufbereitung dieses „prozessualen Mikrobereichs"^^ muss - wie angedeutet - demonstrieren konnen, dass und wie entscheidungsbegabte und -fahige Akteure ihr Handeln unter variablen Situationsumstanden so aufeinander abstimmen konnen, dass sie von den daraus resultierenden, zumeist unvorhersagbaren und vielgestaltigen Kollektivfolgen ihrer Bemlihungen nicht unangenehm betroffen sind. Da alle diese variaten Resultate - wie gezeigt - in letzter Instanz durch situativ „eingebettete"^^ Handlungen bzw. (ganz regelmaBig) in Form und unter Berlicksichtigung von (unterschiedlich dicht und umfangreich regulierten) Abstimmungsmechanismen „produziert" oder „hervorgebracht" werden, kann man (auch) davon sprechen, dass wir mit Hilfe und im Rahmen der besprochenen Mehrebenargumente nach „generativen"^^ bzw. „mechanistischen"^^ oder besser: „mechanismischen Erklarungen"^^ „kollektiver" oder „sozialer Phanomene" suchen^l 73 74 75
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Vgl. zum Argument dieses Abschnitts ausfuhrlicher Schmid 2006a Vgl. Skocpol 1994, S. 3ff, 99ff u.a. Vgl. dazu Esser 1991, S. 40ff und Glennan 1996, S. 62. Papineau (1978, S. 117) spricht mit ahnlicher Zielsetzung - von der Notwendigkeit, durch Rekurs auf das Handeln einzelner Akteure ein „tieferes Verstandnis" einer betreffenden „Makroverallgemeinerung" zu erlangen. Dass diese Fixierung auf „Verallgemeinerungen" (allerdings in spezifischer Weise) am Ziel, ein haltbares Verstandnis mechanismischer Erklarungen zu entwickeln, vorbeifiihrt, werde ich noch zeigen. Boudon 1980, S. 99 Vgl. Mayntz 2004, S. 240f Mayntz 1997, S. 20 Vgl. fur diesen (auf Karl Polanyi zuriickgehenden) Begriff Granovetter 2000 Vgl. Bhaskar 1975, S. 14, 47, 48ff, Fararo 1989, S. 39ff Hedstrom (2005, S. 110) spricht von „generativen Modellen" (solcher Mechanismen). Rios 2004. Ich verwende diesen Begriff, wegen der Gefahr, dass man ihn mit dem gleichsetzt, was die (festkorperphysikalische) „Mechanik" treibt, nicht. Vgl. Bunge 1996, S. 138ff, Bunge 2004 u.a. Zur Sammelbezeichnung verschiedener Vorschlage verwendet Sawyer (2004 und 2005, S. 93f) den (in meinen Augen durchaus brauchbaren) Begriff des „Emergenzmechanismus". Man sollte dann aber (zumindest) zwei Emergenzebenen auseinander halten: Eine erste „Emergenz" erwartet uns dort, wo Akteure mit Hilfe von Mechanismen ihr Handeln aufeinander abstimmen - in diesem Sinne halt Coleman die daftir benotigen „Normen" fur eine „Konstruktion der Makroebene" (Coleman 1991, S. 315); andererseits werden bisweilen auch nur die „Kollektiveffekte" gemeinsam situierten und/oder geregelten Handelns einer Mehrzahl von Akteure so bezeichnet (vgl. Boudon 1980, S. 83ff, Esser 2002). Ubertragen
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Die zweite Eigenheit dieser Erklarungsform, die sie nachhaltig von den Adaquatheitsvorgaben des Hempelschen DN-Modells der Erklamng abhebt, liegt darin, dass diese („generativen") Mikroprozesse und ihre Effekte zwar durch das gesetzmaBig verlaufende Wahlhandeln der Akteure „verursacht"^'^ (oder am Leben erhalten und/oder verandert) werden, selbst aber keinen nomologischen Charakter haben; in keinem Fall beschreiben sie „regelmaBige", konstante oder „deterministische" oder („notwendige") Verhaltnisse und Entwicklungen^^, sondern treten - in Abhangigkeit von den jeweils gefallten Handlungsentscheidungen einer Mehrzahl von (unterschiedlich situierten) Akteuren, deren (Einzel-) Handeln (indessen, wie behauptet, in Kenntnis der betreffenden Voraussetzungen der jeweiligen Individualentscheidungen) sehr wohl nomologisch erklarbar ist - in hochst vielfaltiger Form auf, sind zudem von historisch kontingenten Parametern bzv^. variablen, aus der Sicht der betreffenden Akteur kaum antizipierbaren Rand- und Anfangsbedingungen abhangig, und konnen gerade wegen ihrer schwankenden Funktionsvorgaben (in aller Kegel) nicht als Grundlage fur Prognosen historisch aktueller Sachverhalte oder Ereignisse benutzt werden^^. D.h. aber nicht, dass ihre, tiber die angegebenen Stufen hinweg verlaufenden Modellierungen keine logischen Implikationen enthalten, die man dazu nutzen kann, die (jeweils) unterlegten Modellhypothesen (oder „Annahmen") tiber die situativen Bedingungen und die entscheidungsabhangige „Genese" des Handelns bzw. tiber dessen (mechanismischen) „Konfigurationen" und deren weiteren Wirkungsfolgen (empirisch) zu prufen.
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auf meine Rekonstruktion mechanismischer Erklarungsargumente heiBt dies, dass Emergenzen Siuf verschiedenen Erkldrungsebenen auftauchen. Daruber, ob man (auch) die Ruckwirkungsmachtigkeit kollektiver Handlungsfolgen auf die nachgelagerten Entscheidungen der einzelnen Akteure als einen „Emergenzeffekt" beschreiben sollte, bin ich mir nicht im Klaren, weshalb ich mich darauf beschranke, deren Restriktionswirkung zu betonen. Vgl. die Bemerkungen in Abschnitt 4, wo ich versuche, etwas Klarheit in den „kausalistischen" Sprachgebrauch der Sozialwissenschaften zu bringen. Vgl. fiir diese auf David Hume zuriickreichende Auffassung Psillos 2002. Das aber ist kein Grund, auf eine nomologische Mikrofundierung derartige Makrozusammenhange zu verzichten und Handlungsgesetze, die nicht selbst Bestandteil makroskopischer Erklarungen sein durfen, ausschliefilich zu deren „Beschreibung" zu verwenden, wie Ruben (1990) meint. Akzeptabel hingegen fmde ich seine Vorstellung, dass jene zur „Beschreibung" benotigten Gesetze dazu dienen, den „Mechanismus" zu erhellen, der einem erklarungsbedurftigen Sachverhalt zugrunde liegt (vgl. Ruben 1990, S. 111). Weshalb man diese Gesetze aber nicht nutzen darf, um ihn zu erklaren, habe ich nicht verstanden. Vgl. Bhaskar 1989, S. 83. So ist es unangemessen, den Erfolg mechanismischer Erklarungen darin zu sehen, dass sie etwa den Zusammenbruch der DDR „vorherzusagen" erlauben, vgl. dazu Schmid 2004, S. 299ff Auch Boudon und Renate Mayntz lehnen diese Anforderung - wie wir sehen werden - ab. Solche Erklarungen konkreter historischer Ereignisse sind - genau besehen - aus drei (bereits besprochenen bzw. denkbaren) Grunden unmoglich: Zum einen gibt es hierflir keine Gesetze und zum anderen kann niemand die (externen und zumeist veranderlichen) „Randbedingungen" kennen, die (mit-)verantwortlich dafiir sind, dass die betreffenden Ereignisse auftreten; zudem kennen wir (in aller Regel) auch die Mechanismen (bzw. deren Kombinatorik) nicht zur Geniige, d\Q sie „hervorbringen". Hempels These, dass die logische Struktur von Erklarungen und Vorhersagen gleich sei (vgl. Hempel 1965, S. 174, 234) und sich beide „Verfahren" nur „pragmatisch" unterscheiden (vgl. Hempel 1965, S. 249), ist damit nicht widersprochen.
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Obgleich die Notwendigkeit eines derartigen Vorgehens langsam einsichtig wird^^, herrscht doch noch weitgehend Uneinigkeit liber dessen Details. Deren Bestimmung und Beurteilung wird vor allem dadurch erschwert, dass sich drei Sachfragen bislang nicht abschlieBend haben beantworten lassen: Zum einen ist durchaus strittig, welche der verschiedenen marktgangigen Handlungstheorien^^ zur Mikrofundierung soziologischer Erklarungen Verwendung fmden sollte^^. Die Beantwortung dieser Frage ist indessen unaufschiebbar, weil davon (in einem logisch zu nennenden Sinn) die Bildung von Hypothesen dariiber abhangt, welche Sachverhalte die Akteure bei der Wahl ihres Handelns berucksichtigen, (vor allem) welche Handlungsprobleme sie identifizieren und bearbeiten wollen (oder mlissen) und infolgedessen, unter welchen Voraussetzungen die wechselwirksame (und d.h. sozial organisierte bzw. regulierte) Abstimmung ihres Handelns modelliert werden kann, die zur Entstehung bestimmter, rekursiv wirksamer Handlungsfolgen fuhren soil. D.h. ohne eine solche Handlungstheorie wird es den die sozialen Verhaltnisse beobachtenden Theoretikern weder moglich sein, die Problemsicht der Akteure und die daran gekniipfte „Sinnhaftigkeif' ihres Handelns zu verstehen^^, noch die psy87
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Vgl. neben den anschlieCend behandelten Autoren auch Hechter 1997, Muller 2001, S. 48ff, Hechter/Home 2003, S. 15ff, Sawyer 2004, Balog/Cyba 2004, Pickel 2004, Meleghy 2004 u.a. Eine Liste von (vornehmlich anglo-amerikanischen) Autoren, die sich um Mechanismen bemiihen, haben Mahoney 2001, S. 579f und (in kurzerer Form) HedstrOm 2005, S. 25 zusammengestellt; ahnliche (noch kiirzere) „Ahnentafeln" finden sich in Mayntz 1997, S. 25ffundEsser2002, S. 130ff. Vgl. fur einen Angebotsuberbiick Bohman 1991, Schmid 2004, S. 61ff, Munch 2003. Die zur Giitebeurteilungen erforderlichen „Theorienvergleiche" werden allerdings nur selten angestrebt (vgl. Schmid 2004, S. 23ff, Schmid 2006); stattdessen behauptet man die „Multiparadigmatik" der Sozialwissenschaften (oder zumindest der Soziologie, vgl. dafur Ritzer 1975) bzw. die (relativ) problemlose „Komplementaritat" verschiedener „Ansatze" und „Paradigmen" (vgl. zu dieser These und den mit ihr verbundenen methodologischen Empfehlungen Schurz 1998). Vgl. zur Diskussion des Problems Whitmeyer 1994 und Schmid 2004, S. 61ff. Eine Aufzahlung der moglichen Kandidaten miisste zumindest die Werterwartungstheorie, die Theorien (unterschiedlich) rationalen Handelns, die (unterschiedlichen) Lerntheorien, die Dissonanztheorie, die Prospekttheorie, die Theorie des selektiven Framing, die pragmatische Werttheorie, das sogenannte „normative" (oder „interpretative") Paradigma, aber auch Labeling-, Einstellungs- und Motivationstheorien umfassen. Wie diese Theorien (logisch) „zusammenhangen", wird nur selten, und wenn, dann mit schwankendem Ergebnis untersucht, vgl. aber Malewski 1967, Schmid 1993, Mark 2001 und Wolf 2005. Alle nachfolgend besprochenen Versionen mechanismischer Erklarungen gehen davon aus, dass das Handeln der Akteure aufgrund seines intentionalen, nicht notwendig seines „rationalen" Charakters „verstanden" werden kann, was seinerseits Voraussetzung seiner Erklarung ist (vgl. Pom 1977, S. 113, Albert 1994, S. 110). Dass Verstehensprozesse ihrerseits erklarbar sein mussen, scheint mir desgleichen unstrittig zu sein (vgl. Albert 1994, S. 95ff, Mantzavinos 2006, S. 72ff). Ich halte mich aber nicht damit auf, die genauen Zusammenhange zwischen „Erklaren" und „Verstehen" zu erlautern, sondem begnuge mich damit, die Uberzeugung zu registrieren, dass der jahrelang heiB debattierte „Gegensatz" zwischen den beiden (erkenntniskritischen oder methodischen) Verfahren mittlerweile als grundsatzlich uberbruckbar und damit als inaktuell angesehen wird, vgl. fur wissenschaftstheoretisch informierte Losungsversuche Schurz (Hrsg.) 1988, Schneider 1991, Schneider 2004 und Mantzavinos 2006. Fiir die Einordnung des „Verstehens" als einer (der Organisation seines Handelns zugrunde liegenden) Fdhigkeit des Akteurs vgl. Albert 1994 und fur eine Diskus-
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chischen Mechanismen der Situationseinschatzung^^ der Praferenzbildung^^ bzw. der Handlungsselektion^^ zu identifizieren, noch die sozialen Mechanismen^"^ (bzw. „Interdependenz-" oder „Interaktionsmechanismen"^^) selbst und deren riickwirkungsmachtigen Kollektivfolgen zu bestimmen. Die beachtenswerte Implikation dieses Tatbestands wird sein, dass - in Abhangigkeit von der jeweiligen Theoriewahl - ganz unterschiedliche Aspekte des Handelns, seiner mechanismischen Organisation und deren Kollektivfolgen ins Auge fallen werden, was die erkenntnisfbrderliche Gegentiberstellung handlungstheoretisch unterschiedlich fundierter Modellierungen nicht erleichtert und vermutlich fur manche Scheindebatte tiber den Leistungsvergleich verschieden gelagerter Erklarungsversuche verantwortlich gemacht werden muss. Daneben haben sich die Vertreter einer derartigen mikrofundierenden Erklarungspraxis auch noch nicht darauf einigen konnen, welche logische Form ihr zentrales Erklarungsargument haben kann, wobei zwei Aspekte Probleme auiwerfen: Zum einen scheint die Anzahl der zu berticksichtigenden „Erklarungsebenen" unklar zu sein und damit, wo genau man die erklarungstrachtigen „Mechanismen" lokalisieren sollte und wie und inwieweit verschiedene solcher Mechanismen ineinander greifen, und zum anderen wird immer wieder die Frage
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sion revisionsoffener Rationalitatsunterstellungen fiir die verstehenden Deutung des menschlichen Handelns Scholz 2001^. Implikation meiner Einschatzung der Sachlage ist allerdings, dass ich den von Weberianem iiblicherweise vertretenen Glauben, Handel sei binreichend damit erfasst, dass man dessen „Sinn" (mit Hilfe motivationaler Zuschreibungen als ein zweck-, wertrationales, gewohnheitshaftes oder affektuelles Handeln) verstanden babe, nicht telle. Dieser Handlungstypifizierung fehlt die Dimension der problemorientierten und zumal der strategischen Entscheidung (vgl. Norkus 2001, S. 240ff). Die von Weberianem immer wieder mit Misstrauen betrachtete Rationaltheorie des Handelns hat demgegeniiber - auch unabhangig davon, ob sie in einem strenge Sinne wahr ist - den Vorteil, einen entscheidungskonturierenden Optimanten anzugeben, der dazu dient, die Handlungsprobleme der Akteure zu definieren und der sie in die Lage versetzt, deren eventuelle Losung zu bewerten. Zu den Kosten dieser Problemsicht gehort allerdings, dass wegen der Tatsache, dass jede (entscheidungstheoretische) Nutzenflinktion beides: „Erwartungen" wie „Wertungen" berucksichtigt, dem Unterschied zwischen Zweck- und Wertrationalitat nicht die (kategoriale) Gewichtigkeit beizumessen ist, an die sich die Webertradition gewohnt hat, und dass die Verteidiger der Weberschen Sichtweise zudem zu zeigen batten, wie sich die Affektualitat der Akteure auf deren Handlungsentscheidungen (und nicht nur auf ihre Motive) auswirkt. Hartmut Esser hat sich aufgemacht, die falligen Korrekturen der Weberposition vorzuschlagen, vgl. Esser 2003, Esser 2006. Vgl. Esser 1999, S.29ff Vgl. Schmid 2004, S.76ff Vgl. vornehmlich Esser 1993, S. 94ff, Esser 1999, S. 16ff, 241ff, 258ff u.a. Nicht immer wird zwischen „psychischen" und „sozialen" Mechanismen (genau) unterschieden, wie Lloyd (1993) zu Recht einfordert. So ebnet beispielsweise die Aufsatzsammlung, die Hedstrom und Swedberg (1998) zusammengesteUt haben, diesen Unterschied geradezu systematisch ein. Nach Sawyer (2005) behindert diese weit verbreitete Unzulanglichkeit die genaue Analyse dessen, was man unter „sozialer Emergenz" verstehen sollte, erheblich. Sawyer 2005, S. 197, Mayntz 1997, S. 323. Das betont bereits Homans 1984, S. 342, wenn er darauf hinweist, dass ohne Rekurs auf „psychologische Annahmen" unklar bleibt, wie sich Strukturen auf das Handeln der Akteure auswirken, bzw. dass „structures do not act on individuals automatically".
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aufgeworfen, ob zur reputablen Ausarbeitung eines gtiltigen Erklarungsarguments (tatsachlich) alle seine Ebenen beriicksichtigt (oder durchlaufen) werden miissen. Und in letzter Instanz finden wir auch noch keine einheitliche Auffassung damber, welche erkenntnistheoretische Interpretation die Anhanger mechanismischer Erklarungen ihren Handlungstheorien und Modellanalysen zu geben bereit sind; auch in diesem Zusammenhang sind (vor allem) zwei Fragen offen geblieben: Zum einen ist zu klaren, ob die Theorie- oder Modellbildung in erkenntnisrealistischer Haltung vorgenommen wird oder nicht, und zum anderen, in wie weit bzw. in welchem Sinne man individuelle Handlungserklarungen bzw. aggregationswirksame „mechanismische Erklarungen" als „Kausalerklarungen" einstufen kann. Auf der anderen Seite liegen die bislang vorgetragenen Auffassungen nicht so weit auseinander, dass es sich nicht lohnen kann, die verschiedenen Verfahrensvorschlage systematisierend miteinander zu vergleichen. Ich werde deshalb im Nachfolgenden einige davon - wenn es sich ergibt^^, mit einem Blick auf die (zuletzt) genannten Sachfragen - , aber vor allem mit dem Ziel, die bisherigen Vorschlage logisch und inhaltlich zu vereinheitlichen, sichten und (vor dem Hintergrund des bisherigen Problemaufrisses - und dessen Implikationen - auch kritisch) bewerten. Dabei werde ich mich - um die Darstellung nicht zu uberfrachten - auf die zunehmende Bedeutung von „sozialen Mechanismen" flir die Erklarung sozialer Sachverhalte konzentrieren^^ und psychische Mechanismen nur insoweit ansprechen, als dies zur Kennzeichnung der unterschiedlichen Handlungstheorien, mit deren Hilfe die vorgeschlagenen Abstimmungsmechanismen mikrofundiert werden sollen, unabdingbar ist. Im Ergebnis sollten sich - wenigstens im Groben - die Umrisse eines einheitlichen (sozialwissenschaftlichen) Forschungsprogramms abzeichnen, das eine greifbare und - wie ich zu belegen hoffe - trag- und ausbaufahige Heuristik besitzt und iiberdies zu identifizieren erlaubt, an welchen Stellen Erweiterungen 96 97
D.h. nicht alle der behandelten Autoren auBem sich zu den entsprechenden Fragen so deutlich, dass eine Bewertung der vorgetragenen Uberlegungen ohne Unterstellungen auskommen kann, die ich in jedem Fall vermeiden mochte. Ich gehe deshalb auf die einflussreichen Thesen von Jon Elster nicht naher ein. Zum einen behandelt er in erster Linie „psychische Mechanismen" (vgl. Elster 1993, Elster 1998, Elster 1999 u.a.) und zum anderen hat er sich zu einer „formalen Definition" dessen, was er unter einem „Mechanismus" verstehen will, bislang - soweit ich sehe - nicht durchringen konnen (vgl. zu dieser Einschatzung auch Hedstrom/Swedberg 1996, S. 284; ahnliche Bedenken auBern Balog 2001, S. 285ff und Balog/Cyba 2004). Andererseits sind Elsters Beurteilung, dass der Fortschritt der Sozialtheorie von der Identifikation von Mechanismen (und nicht von der Suche nach Gesetzen - wie Hempel fordert - oder von der Verfertigung von Beschreibungen) abhinge (vgl. Elster 1989, S. 173), und seine Beobachtung, dass kausale Erklarungen von Korrelationen zu unterscheiden seien, keine Notwendigkeitsbehauptungen implizieren, nicht mit dem Erzahlen von Geschichten zu identifizieren sind und in der Kegel keine Vorhersagen erlauben (vgl. Elster 1989, S. 4ff), sicher zustimmungswiirdig; allerdings informiert er uns nur ungenau dariiber, in welchem Sinne mechanismische Erklarungen Kausalerklarungen sein konnen, und ich weiB auch nicht, wie man verallgemeinerte und empirisch prufbare Modelle von Mechanismen entwickeln kann, solange richtig ist, dass Mechanismen unter „generell unbekannten Bedingungen und mit unbestimmten Folgen" funktionieren (vgl. Elster 1999, S. 1). Wenn Elster damit sagen mochte, dass Mechanismen keine „Gesetze" darstellen, muss ich ihm allerdings Recht geben.
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und Anschlusse (der unterlegten Handlungstheorie bzw. der jeweiligen Modellierungen der zu untersuchenden Problemsituationen und -losungen) erforderlich, moglich und sinnvoU sind^^. Ich unterstelle dabei - ohne die immer noch umlaufenden Einwande gegen diese Sichtweise eigens zu diskutieren - , dass die Beurteilung der Leistungskraft eines solchen integrativ angelegten Forschungsprogramms im Rahmen einer erfahrungswissenschaftlichen Methodologie moglich ist, die der „Fehlbarkeit der Vernunft" ebenso Rechnung tragt wie der Nachbesserungs- und Revisionsbedtirftigkeit unseres theoretischen (und empirischen) Wissens^^ bzw. unserer jeweiligen Modellierungen der erklarungsbediirftigen sozialen Verhaltnisse. Dabei spekuliere ich darauf, dass sich wenigstens einige der wichtigen Fragen, die mit der Ausarbeitung eines derartigen Forschungsprogramms verbunden sind, mit Hilfe einer Rekonstruktion der Auffassungen von Friedrich A. von Hayek, Mario Bunge und Daniel Little, die ich als philosophische Gewahrsleute konsultieren mochte, und mit Blick auf eine Reihe - wie ich denke reprasentativer^^^ - soziologischer Theoretiker wie Robert K. Merton, der sehr wahrscheinlich als (soziologi98 99
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Vgl. unten Abschnitt 4 Vgl. dazu Albert 1982, Albert 1989, Albert 2000; fur die wiinschenswerte Entwicklung einer „comprehensive theory of social action", die die „Konstrukte" etwa der okonomischen Handlungstheorie als „theoretische Idealisierungen" behandeln kann, vgl. Hempel 1964, S. 206f und daran anschliefiend - in Verallgemeinerung dieses Arguments - Schmid 1994, Schmid 1996, S. 265ff, Schmid 2004, S. 23ff. Man muss es mir nachsehen, wenn ich nicht alle Vertreter und Vertreterinnen einer an „generativen Mechanismen" interessierten Soziologie berucksichtige und vor allem jene unbeachtet lasse, die in der soziologischen Theoriedebatte zwar einen klangvollen Namen haben (wie Marx, Weber, Simmel, Simon, Foucault, Giddens, Archer (die sich beide Bhaskars Position anschlieBen, vgl. Giddens 1984, S. 344f, Archer 1995), Bourdieu, Parsons, Habermas (vgl. zu den beiden zuletzt genannten Autoren Schwinn 2001), Luhmann und Runciman (vgl. fiir diese beiden Autoren Schmidt-Wellenburg 2005)), welche die Erklarungsbedeutsamkeit sozialer Mechanismen und deren handlungssteuerader Selektionswirkung indessen nicht mit abschlieBender Deutlichkeit herausstellen und vor allem zur Aufklarung der Logik mechanismischer Erklarungen nur sehr wenig beitragen. Das gilt auch fiir Layder und Sztompka, die die Beschaftigung mit „sociar' oder „self-generating mechanisms" (Sztompka 1991, S. 98) bzw. „generative mechanisms" (Layder 1981, S. 3) ausdriicklich einfordem, Oder auch fiir Elias, der schon vor geraumer Zeit das „blinde Spiel der Verflechtungsmechanismen" zu erforschen empfahl (vgl. Elias 1969^, S. 316; wie Elias in das nachfolgend skizzierte Forschungsprogramm - wenn auch vermutlich gegen sein Selbstverstandnis - eingegliedert werden kann, zeigt Esser 1984 und Esser 1988). In jiingerer Zeit haben sich auch Vertreter des Collective-Action-Programms (vgl. Kuran 1995, Kuran 1997), der „neuen" Wirtschaftssoziologie (vgl. Granovetter 1990) und des (okonomischen) Neoinstitutionalismus (vgl. Knight 1995) der Erforschung von Mechanismen und einer darauf ausgerichteten Auffassung iiber die Erklarungsaufgabe der Sozialwissenschaften verschrieben. Weiterhin begannen verschiedene Okonomen, die sich einen Blick uber ihre Fachgrenzen zutrauen, wie Thomas Schelling, den Hedstrom (2005, S. If) gerne in die Ahnenreihe des mechanismischen Erklarungsprogramms aufgenommen sahe, oder A.O. Hirschman (vgl. Schmid 2006b, Maurer 2006), sich um diQ Erforschung von Mechanismen zu kummern. Anregungen zur Modellkonstruktion mechanismischer Prozesse, aber keine eigenstandige Vorschlage zur Behandlung des Problems mechanismischer Erklarungen lassen sich endlich auch der durch die Forschungen des Santa Fe-Instituts angeregten „Komplexitatstheorie" entnehmen, vgl. iiberblicksartig Marion 1999 und aufbereitet fiir gesellschaftspolitische Anwendungen Byrne 1998.
Die Logik soziologischer Erklarungen
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scher) „Grundervater" eines erklarungstauglichen, mechanismischen Erklarungsprogramms gelten darf, James S. Coleman, Siegwart Lindenberg und Reinhard Wippler, Raymond Boudon, Thomas J. Fararo, Peter Hedstrom und Richard Swedberg, Renate Mayntz und endlich Hartmut Esser beantworten lassen.
2 Philosophische Grundlagen einer erklarenden Soziologie
2.1 Mechanismen und die „Theorie komplexer Phanomene": Friedrich A. von Hayek Zu den ersten, die sich darum bemuhten, die moglichen Leitlinien eines mechanismischen Erklarungsprogramms zu entwickeln, gehorte Friedrich von Hayek, auf dessen Vorarbeiten sich einige der nachfolgend zu besprechenden Autoren wenigstens gelegenthch beziehen^°\ Die Problemlage, die von Hayek zu seinen tjberlegungen veranlasste, lasst sich anhand mehrerer Punkte charakterisieren: Zum einen erschien ihm die uberkommene, sich auf Nagel, Hempel und auch auf Popper berufende Theorie der nomologischen Ereigniserklarung ungeeignet daflir, jene „komplexen Phanomene" zu behandeln, denen sich die Sozialwissenschaflen (in seinen Augen) zu widmen haben. Die „Gesetze" der „nomothetischen" oder „Gesetzeswissenschaften"^^^ eignen sich hierfiir insoweit nicht, als sie allenfalls zur Bearbeitung von „2- oder 3-Variablen-Probleme(n)"^^^ taugen und somit kaum mehr als „einfache Theorien" zulassen, die sich durch einseitig gerichtete, (relativ) anspruchslose Kausalverhaltnisse auszeichnen, die nicht mehr als einzelne Ursachen mit einzelnen Wirkungen in Verbindung bringen konnen, und im tjbrigen nur dann gelten werden, wenn eine letztlich unbenennbare Menge von Hintergrundsvariablen oder „Parametern" den behaupteten Zusammenhang nicht storend in Frage stellt. Derartige „Gesetze" sind mithin nichts anderes als ^^ceteris-paribus-Annahmen, nach deren vollstandiger Formulierung die Theorie jedoch nicht mehr einfach ware''^^"^. Wenn es zudem richtig ist, dass die Sozialwissenschaflen nicht an (subsumptiven) Erklarungen von Einzelhandlungen interessiert sind^^^, sondern von strukturierten, „ganzheitlichen" Konstellationen^^^ und deren „persistent structure of relationsj^jpguio?^ so benotigen sie zu diesem Zweck „komplexe Theorien", die zum einen die zahllosen Bedingungen, die auf das Handeln der Akteure Einfluss gewinnen konnen, zu behandeln erlauben, andererseits aber auch den - wie wir heute sagen wiirden: „transintentionalen" und zugleich nicht-linearen - Wechselwirkungen zwischen einer Vielzahl von Handlungen und deren richtungsoffenem Verlauf gerecht werden konnen. Angesichts dessen sind mehrere der Forderungen, an denen die uberkommene Theorie der Erklarung festhalten wollte, unerfullbar^^^: Weder eignen sich derartige Theorien komplexer Phanomene dazu, singulare Handlungen zu
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Vgl. Boudon 1991, Mayntz 1997, Mayntz 2002 oder Esser 2002 u.a. Hayek 1972, S. 36 Hayek 1972, S. 36 Hayek 1972, S. 16 Vgl. Hayek 1955, S. 39 Vgl. Hayek 1955, S. 36ff Hayekl955, S. 81 Vgl. Hayek 1972, S.25ff
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Individuelles Handeln und soziale Mechanismen
prognostizieren, noch besteht (infolgedessen) die Aussicht, die globalen Verteilungseffekte ihrer Wechselwirkungen gezielt kontrollieren zu konnen. Auf der anderen Seite verbietet sich aber auch jede Zuversicht, man konne vermittels (ausschlieBlich) statistischer Verfahren^^^, welche numerische Haufigkeiten von Faktoren und Elementen, ohne deren internen Beziehungen anzusprechen, miteinander korrelieren, die Informationen beschaffen, die man dazu benotigt, um die undurchsichtige Art und Weise kenntlich zu machen, „wie die Elemente (eines komplexen Systems^ ^^) miteinander verkniipft sind"^^^ In summarischer Konsequenz dieser Vorhaltungen stellt Hayek kategorisch in Abrede, dass die Sozialwissenschaften iiberhaupt ein „einziges Gesetz im ublichen Sinne des Wortes kennen, dem diese Art (komplexer) Phanomene gehorcht"^^^. Die Richtung der Hayekschen Kritik lasst sich verdeutlichen, wenn man sich seine Einwande gegen die (zu seiner Zeit vorherrschende) Gleichgewichtstheorie des Marktes naher anschaut. In Hayeks Verstandnis ist die Markttheorie vornehmlich deshalb keine Theorie im technischen Sinne des Wortes, weil sie keinen Prozess Oder „Mechanismus"^^^ anbietet, in dessen Gefolge sich die theoretisch postulierten Gleichgewichtszustande einstellen und beobachten lassen. Markttheoretische Gleichgewichtsanalysen bieten zwar eine Art Existenzbeweis, demzufolge es in der Tat Bedingungskonstellationen geben mag, unter denen sich ein (defmitorisch bekannter) Allokations- oder Raumungsgleichgewicht einstellt, halten aber keine Informationen daruber bereit, welches der gleichgewichtserforderliche Wirkungsmechanismus sein wird^^"^; zulassig ware allenfalls die These, wonach die Beobachtbarkeit von Marktgleichgewichten darauf schhefien lasst, dass sie als faktische und regelmaOige Folge eines wiederholt wirksamen Mechanismus' (oder einer in dieselbe Richtung wirkenden „dauerhaften Struktur"^^^) zustande gekommen sind, was die Modellbildung indessen wenig weit fiihrt, solange Gleichgewichtszustande de facto gar nicht auftreten. Zugleich besteht auch im vorliegenden Fall keine Aussicht darauf, den aggregierten VerteilungsgroBen, die ublicherweise dazu dienen, die Voraussetzungen und kollektiven Verteilungsfolgen des Marktgeschehens zu beschreiben, einen Hinweis auf die Art und Wirkungsweise derartiger Mechanismen entnehmen zu konnen, wie wenig zu erwarten ist, dass auf dieser makroskopischen Beschreibungsebene systemrelevante („generische" oder „produktive") Kausalbeziehungen zu entdecken waren^^^. In der Tat halt Hayek - seine Vorbehalte gegen die „Allgemeine Theorie des Marktgleichgewichts" verallgemeinernd - alle okonomischen Makromodelle unmissverstandlich fur „falsch"^^^. 109 110 111 112 113 114 115 116 117
Vgl. Hayek 1972, S. 27 Meine Erganzung Hayek 1972, S. 19. Induktion als Hypothesengewinnungsverfahren lehnt von Hayek ab, vgl. Hayek 1972, S. 25 und allgemein Hayek 1952. Hayek 1972, S. 37 Vgl. Hayek 1955, S. 48, Hayek 1972, S. 22 Vgl. Hayek 1969a, S. 95, Hayek 1976^ S. 65, Hayek 1983^ S. 30 Hayek 1972, S. 15 Vgl. Hayek 1976^ S. 119, Hayek 1969a, S. 92, 252 Hayek 1969, S. 94
Philosophische Grundlagen einer erklarenden Soziologie
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Wenn wir, um diesem bedauerlichen und untragbaren Zustand abzuhelfen, ein Verstandnis des Marktsystems und dessen Zustandsabfolgen anstreben, das der Wahrheit naher kommt, dann sollten wir das Problem bewaltigen konnen, wie ein marktbildender und -stabilisierender Mechanismus entstehen und seine Verteilungswirksamkeit entfalten kann. Zu diesem Zweck aber mtissen wir - wie das auch flir die historische Forschung zu fordern ist^^^ - die ausschlieBlich „kollektive" Beschreibungsebene^^^ verlassen und die mikroskopisclie Ebene der Akteure und deren Handelns betreten^^^. Zutreffende Erklarungen von „structural connection(s)"^^^ konnen entsprechend nicht auf (allgemeine oder verallgemeinerte) „Gesetze" rekurrieren, die wir der „Beobachtung des Verhaltens kollektivistischer Ganzheiten"^^^ entnehmen konnten; vielmehr sind sie darauf angewiesen zu demonstrieren, wie sich die beobachtbaren Makroverteilungen des Marktes aus dem unabhangigen^^^, aber situationsorientierten Verhalten der Akteure, und d.h. einesteils aus den „assumptions about the kind of circumstances that can produce certain effects"^^"^, und anderenteils aus Annahmen Uber die „subjektiven" Dispositionen und Ziele, Erwartungen und (die in jedem Fall unvollstandigen und unzureichenden) Informationen^^^ der Akteure, ihren Deutungen und Wertvorstellungen und dergleichen ergeben oder genauer: wie jeder einzelne Akteur in seinem (hochst individuellen) Bestreben, „to seek for himself what seems to him the best path"^^^, dazu beitragt, „zusammenhangende Strukturen ... (hervorzubringen)"^^^. Die Verteilungseffekte des Marktes ergeben sich demnach ausnahmslos als ein nicht-intendiertes, „gemeinsames Resultat"^^^ bzw. als „necessary effcts of the combination of such actions"^^^. Der Sozialtheoretiker ist infolgedessen darauf angewiesen, jede aus derartigen „Kombinationen" resultierende „Ordnung" als (eine selektive) Konsequenz jener wechselwirksamen Handlungsweisen der Akteure zu „rekonstruieren" - wie Renate Mayntz sich ausdriicken wlirde - , aus denen sich das betreffende „komplexe Phanomen zusammensetzt"^^^. Es liegt deshalb nahe, dass Hayek den Sozialwissenschaften empfiehlt, ihre theoretischen Analysen mit Hilfe der von ihm sogenannten „kompositiven Methode" voranzutreiben^^^ die den Forderungen des „Me-
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Vgl. Hayek 1955, S. 64ff Vgl. Hayek 1955, S. 53ff Vgl. Hayek 1996, S. 31 If Hayek 1955, S. 82 Hayek 1955, S. 53 Vgl. Hayek 1955, S. 40 Hayek 1955,8.41 Hayek hat die (neoklassische) These von der „vollstandigen Information" der Akteure immer fur eine "fatal conceit" (Hayek 1988) gehalten, die - politisch gewendet - nur zur „groBen Illusion" fehlgeleiteter AllokationsmaBnahmen flihren kann (vgl. Hayek 1991). Hayek 1955, S. 40 Vgl. Hayek 1972, S. 15 Hayekl996, S. 310 Hayek 1955, S. 41 Hayek 1955, S. 39. An vielen Stellen bestimmte von Hayek dieses Wechselverhaltnisse als einen „SelektionsprozeB" (Hayek 1975, S. 9 u.a.) Vgl. Hayek 1955, S. 36ff
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Individuelles Handeln und soziale Mechanismen
thodologischen Individualismus" insoweit entspricht, als sie darauf verzichtet, „kollektive Phanomene" als eigengesetzliche und nicht weiter auflosbare „Fakten" zu behandeln^^^, wie es die sich an Durkheim (oder Marx) anlehnende Sozialtheorie seit jeher empfiehlt, und statt dessen darauf aus ist, Handlungen und Institutionen in Riickgriff darauf zu erklaren, was die Akteure uber sie denken^^^. Soweit ich sehe, hat von Hayek keine (wirklich) systematische Behandlung der Frage vorgelegt, wie eine entsprechende Theorie des individuellen Handelns auszusehen hat, die dazu in der Lage ist, die selektionswirksamen Kombinationsmechanismen des Marktes und dessen nicht-intendierten Verteilungsfolgen angemessen zu erklaren^^'^; deutlich aber ist, dass er zu diesem Zweck nicht wie viele, die sich seiner Erklarungstheorie - wenn auch zumeist impHzit - angeschlossen haben, eine orthodoxe, der okonomisch-theoretischen „Neoklassik" entlehnte (strenge) Rationaltheorie des Handelns favorisiert, die jedem Akteur unterstellt, dass seine Zielfunktionen konsistent geordnet seien und dass er seine Handlungslage vollstandig iiberblicke; die tJbernahme einer solchen Vorstellung verhindert alleine schon seine unerschutterliche tJberzeugung, dass die Akteure (prinzipiell) in mangelnder Voraussicht ihres Handlungserfolgs agieren miissen. Stattdessen flihlt er sich in die Richtung einer Wahltheorie des Handelns^^^ gedrangt, die mit lern-, imitations- oder adaptionstheoretischer Zusatzen und Einschrankungen zu versehen ist und dabei die Sinnhaftigkeit des „subjektiven" Handelns ebenso wenig ubersehen mochte^^^ wie dessen Regelgeleitetheit^^^. In jedem Fall bleibt zu vermerken, dass von Hayek der Idee keinen weiteren Kredit einraumt, wonach es eine (axiomatisch systematisierbare) Theorie des Handelns geben konne, die alle dessen Bestimmungsfaktoren kennen und entsprechend dazu genutzt werden konnte, erschopfende kausal-deterministische Erklarungen (im Sinne einer objektivierenden Naturwissenschaft) vorzulegen^^^, was zur logischen Folge hat, dass in seinem Verstandnis der Sachlage jede Handlungserklarung unvollstandig sein muss. Hayek sieht dabei deutlich, dass eine derart angelegte individuelle Theorie des Handelns, in deren Zentrum die These von der Unzulanglichkeit des menschlichen Erkennens und Denkens steht, nicht angeben kann, unter welchen situativen Bedingungen Akteure ihr Verhalten erfolgreich aufeinander abstimmen konnen und wie sie dies tun. Seinem Vorschlag folgend werden sie ihre Kurzsichtigkeit indessen liberwinden konnen, wenn sie Organisation und Planung ihres Handelns durch den Ruckgriff auf konstante und unstrittige Handlungsrechte zu bewaltigen lernen^^^. Auf Tauschmarkte angewendet heil3t dies, dass, sofern derartige (marktforderli132 133 134 135 136 137 138 139
Vgl. dazu Hayek 1955, S. 38 Vgl. Hayek 1955, S. 33 Vgl. aber Hayek 1969a, S. 144ff Vgl. Hayek 1955, S. 30 Vgl. Hayek 1955,8.31 Vgl. Hayek 1969a, S. 32ff, 144ff, 161ff, Hayek 1975, S. 4u.a. Vgl. Hayek 1972, S. 29 Vgl. Hayek 1969a, S. 151, Hayek 1982. Hayek betont wiederholt, dass die soziale Evolution der Entdeckung und Stabilisierung derartiger Regeln und der auf ihnen aufbauenden „Handelnsordnungen" dienlich sei, vgl. Hayek 1969a, Hayek 1982,1 S. 74ff, III S. 154ff.
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chen) Rechte existieren, die dazu geeignet sind, die Interdependenzen der Akteure schadigungsfrei zu regulieren, man das marktgesteuerte „Zusammenwirken von Menschen"^"^^ und dessen Verteilungsergebnisse als eine empirische Folge der Tatsache erklaren kann, dass jeder von ihnen sich auf eigene Kosten und mit durchweg subjektiven (und entsprechend unausformulierten bzw. beschrankten) Ziel- und Erfolgsvorstellungen an den fur alle zuganglichen Informationen orientiert, die ein durch Fehlregulationen und Monopole unverstellter, preisgesteuerter Marktwettbewerb zur Verfugung stellt^'^^ Damit lasst sich der Marktmechanismus und seine Effekte verstehen als Konsequenz des regelgebundenen und zugleich dezentral organisierten Handelns einer Mehrzahl eigensinniger Akteure, wobei das Explanandum eines entsprechenden Erklarungsarguments nicht aus der Aufzahlung einer tendenziell unendlichen Menge von Einzelhandlungen besteht, sondern in der These, dass sich das Marktgeschehen (aufgrund des obwaltenden, rechtlich organisierten Mechanismus' der wettbewerblichen Verhaltensabstimmung) als eine „dauerhafte Ganzheit" darstellt, die charakteristische „allgemeine Muster" bildet^"^^. Diese These kann auf alle „mechanisms of society"^"^^ angewendet werden und impliziert, dass Annahmen liber deren Wirkungsweise entsprechend dann eine hinreichende Erklarungskraft gewinnen, wenn der Theoretiker mit ihrer Hilfe zeigen kann, wie sich aus einer unbestimmten Vielzahl von singularen individuellen Handlungen immer wieder dann ein bestimmtes Verteilungsmuster ergibt, wenn und solange der Mechanismus, der dem „Zusammenwirken der individuellen Handlungen"^"^"^ zugrunde liegt, unter handlungstheoretisch rekonstruierbaren Situationsbedingungen - auch hinter dem Riicken der Akteure und unabhangig von ihren Intentionen und Wlinschen - in gleichbleibender allokativer Richtung flinktioniert. Dieser Ruckgriff auf das individuelle Handeln der Akteure ist nicht ins Belieben des Sozialtheoretikers gestellt, sondern unabdingbar erforderlich, um das makroskopische Verteilungs- und Selektionsgeschehen - wie wir heute sagen wurden einer „Mikrofundierung" zu unterziehen; und erst auf diesem handlungstheoretisch entschlusselten Wege sind „generische Erklarungen"^"^^ sozialer Institutionen und deren „spontaner Ordnungsbildung"^"^^ (nebst der damit verbundenen „Musterbildung") - wenigstens im Prinzip - moglich und gultig. Damit hat von Hayek ein Erklarungsmodell entwickelt, das die folgenden - wie ich denke durchaus akzeptablen - Besonderheiten aufvv^eist. Zum einen macht er das Gelingen solcher sogenannter „Mustererklarungen" davon abhangig, dass man unter Angabe eines handlungstheoretisch erklarbaren Abstimmungsmechanismus das Mikro-Makroproblem losen kann. Die „generischen Erklarungen" der Sozialwissenschaften mtissen (demnach) die Bedingungen von Mehrebenen- bzw. Tiefen-
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Hayek 1976^ S. 120 Vgl. Hayek 1969a, S. 249ff Vgl. Hayek 1972, S. 28f u.a. Hayek 1955, S. 48 Hayek 1976^ S. 16 Hayek 1969, S. 7 Vgl. dazu Hayek 1969a, S. 144ff, 161ff, Hayek 1975, S. 13, Hayek 1996, S. 45ff, 76ff, 102
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erklarungen erfullen, denen zufolge man ein „kollektives Phanomen" nur dann erklart hat, wenn man aus einem Verbund von Handlungs- und Situationsannahmen logisch ableiten kann, wie es aus den Handlungen individueller Akteure „generiert" wird. Zum anderen konnen derartige Mustererklarungen dazu dienen, hypothetische, bei Konstanz der Hintergrundsannahmen empirisch durchaus priifbare^"^^ „Prognosen"^'^^ bzw. genauer: jjlVlustervorhersagen"^"^^ dartiber zu formulieren, wie sich unter den angebbaren Umstanden ihres (erfolgreich geregelten und somit Abweichungen selegierenden) Wechselhandelns der „allgemeine Charakter einer Ordnung"^^° auch dann theoriegeleitet erwarten lasst, wenn das Verhalten der Akteure im Einzelfall nur unzureichend erklarbar ist. Hayek halt seine Mustererklarungen (ordnungsbildender Handlungseffekte) entsprechend flir falsifizierbar^^^ und damit fur korrigierbar und (gegebenenfalls) verbesserungsfahig. Obgleich Hayek den „subjektiven Charakter der Sozialwissenschaften"^^^ verteidigt, was nahe legen konnte, ihn infolgedessen fur einen epistemologischen Subjektivisten (oder Konstruktivisten) zu halten^^^, wird man, insofern er hypothetische Annahmen ftir revisionsoffen und anhand gegenlaufiger Erfahrungen flir hinfallig einstuft, akzeptieren konnen, dass er tatsachlich ein durchweg realistisches Theorieprogramm der „korrigierenden Erklarung"^^"^ verfolgt. Und endlich gewinnt dieses Forschungsprogramm zur Erklarung „komplexer Phanomene" - obgleich Hayek (infolge seiner „Marktversessenheit") selbst wenig dazu getan hat, es in dieser Richtung zu erweitern und fortzuflihren - sein vereinheitlichendes Profil dadurch, dass es eine letztlich unbestimmte Vielzahl von Mechanismen und „Verteilungsmustern" mit Hilfe eines gleich-gelagerten (handlungs-)theoretischen Arguments zu erklaren gestattet; d.h. auch in den Fallen, in denen nicht-marktliche Abstimmungsmechanismen ins Zentrum der Forschung riicken, erfordert das Gelingen einer Mustererklarung nur, dass man logisch-deduktiv begreiflich machen kann, wie sich verschiedenartige Verteilungseffekte als „Ergebnisse des menschlichen Handelns, aber nicht menschlichen Entwurfs"^^^ ergeben. Folgerichtig kann Hayek darauf verzichten, hinter jeder Modellierung eines bestimmten mustergenerierenden Mechanismus eine gesonderte GesetzmaBigkeit zu vermuten^^^, und damit (zugleich) vermeiden, der Fehldeutung Vorschub zu leisten, die Sozialwissenschaften lieBen sich als ein Konvolut unterschiedlicher, eigenrechtlich argumentierender „Paradigmen" verstehen. Obgleich es voreilig ware, Hayeks Oberlegungen zur Notwendigkeit sozialwissenschaftlicher „Mustererklarungen" fiir abgeschlossen und nicht weiter korrektur-
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So verstehe ich Hayek 1996, S. 4ff, Hayek 1972, S. 17f Vgl. Hayek 1969, S. 16 Hayek 1972, S. 7ff, 15ff u.a. Hayek 1972, S. 28 Vgl. Hayek 1969, S. 17, Hayek 1996, S. 12 Hayek 1955, S. 25ff Das tut z.B. Mario Bunge 1996, S. 330. So lautet der Bezeichnungsvorschlag von Albert 1982, S. 22. Hayek 1969a, S. 97ff Vgl. Hayek 1972, S. 35ff
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bedurftig zu halten^^^, wird man nicht (ibersehen konnen, dass sein Entwurf einer „Theorie komplexer Phanomene" nahezu alle Argumente benennt, die in der nachfolgenden Diskussion um die „Logik mechanismischer Erklarungen" eine Rolle spielen werden; zum einen hat er - soweit ich blicken kann - als einer der ersten das Ausgangsproblem flir die nachfolgende Debatte definiert, demzufolge es - aus der Sicht einer sozialwissenschaftlichen (im Unterschied zu einer psychologischen) Erklarungstheorie - keinen Sinn macht, einer Hempel-Popperschen Erklarungslogik zu folgen, die ausschHeBlich darauf ausgelegt ist, Einzelereignisse zu erklaren^^^, wie wenig den Sozialwissenschaften andererseits angeraten werden kann, nach „globalen" Geschichtsgesetzen zu suchen^^^ bzw. darauf zu spekuHeren, aus statistischen Korrelationen erklarungstaughche Kausalhypothesen induzieren zu konnen; korrespondierend dazu und in positiver Wendung hat Hayek die Nachfolgediskussion aber auch dadurch nachhaltig gepragt und mit einer zielforderHchen Richtung versehen, dass er zur Charakterisierung einer moglichen Erklarungsalternative die Parole ausgab, die Sozialwissenschaften hatten sich um eine mehrschichtige Erklarung „komplexer Musterbildung" zu bemlihen, die deshalb nicht darin bestehen kann, „einfache Relationen zwischen nur wenigen beobachtbaren Phanomenen"^^^ herzustellen, sondern die nach der Entdeckung mikroftmdierter „Typen von Mechanismen"^^^ streben muss, die deren Verteilungsmuster als Konsequenzen des regulierten bzw. regelgeleiteten Handelns von Akteuren verstehbar machen, die tiber die kollektiven Effekte bzw. uber die „transindividuellen" Erfolgsbedingungen ihres gemeinsamen Handelns in keiner Weise informiert sein konnen.
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Vgl. den kritischen Kommentar etwa bei Graf 1978. Vor allem werden jene, die an Gesellschaftsplanungen interessiert sind, mit dem Hayekschen Erklarungsvorschlag unzufrieden sein, wenn sie horen, dass „Ordnungen" ausschHeBlich evolutionar einstehen, vgl. zu dieser Frage Vanberg 1986. Auch bin ich mir im Unklaren, ob Hayek das „Problem der gesellschaftlichen Kausalitat" folgerichtig durchdacht hat; ich denke aber, dass jene „musterbildenden Krafte" (Hayek 1972, S. 24) und die einen Mechanismus „determinierenden Prinzipien" (Hayek 1972, S. 29) jederzeit handlungstheoretisch zu entschlusseln sind und dass Hayek zudem die Existenz von Makrogesetzen nachweislich nicht vorsieht. Dass er nicht zwischen der „Theorie" des Handelns und den generativen „Modellen" der Ordnungsbildung unterscheidet, sollte zu beheben sein und der Akzeptierung seines Systematisierungsvorschlags nicht im Wege stehen. Vgl. Hayek 1972, S. 38. Anklange an das Hume-Hempelsche Gesetzesverstandnis fmden sich allerdings insoweit, als Mustererklarungen „Regelma6igkeiten" (Hayek 1972, S. 37) Oder wiederkehrende „Muster bestimmter Art" (Hayek 1972, S. 34) erklaren sollen. Darin dokumentiert sich ein offenbar noch heute unvermeidbares, beengtes Verstandnis mechanismischer Erklarungen, denn naturlich kann es auch (etwa chaotisch funktionierende) Mechanismen geben, die (regelmaBig) „UnregelmaBigkeiten" produzieren. In dieser Frage hat sich von Hayek der Auffassung von Popper 1961 angeschlossen, die Hayek seit den vierziger Jahren (des zwanzigsten Jahrhunderts) kannte. Hayek 1972, S. 25 Vgl. Hayek 2003, S. 12
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2.2 Kausalitat, soziale Systeme und „mechanismische Erklarungen": Mario Bunge Es ist unwahrscheinlich, dass Mario Bunges Erklarungstheorie sich von den (im letzten Abschnitt behandelten) Hayekschen Uberlegungen hat inspirieren lassen^^^; gleichwohl kann man Bunges bis in die jungste Zeit reichenden Bemuhungen, den Sozialwissenschaften ein „mechanismisches" Erklarungsmodell nahe zu legen, ohne Schwierigkeiten wenn nicht als „Fortfuhrung", so doch als nachhaltige Explikation und Vertiefling der Hayekschen Uberlegungen verstehen. Soweit ich sehe, beziehen sich nur wenige Soziologen (bzw. Sozialwissenschaftler), die sich an einer (iiber die Vorgaben des Hempelmodells hinausreichenden) Neubearbeitung des soziologischen Erklarungsproblems interessiert zeigen, auf Mario Bunge^^^; ich wurde ihm demgegenuber gerne das Verdienst zuweisen, einen brauchbaren und beachtenswerten Vorschlag dartiber ausgearbeitet zu haben, wie eine erklarungstaugliche Soziologie aufgebaut werden kann, der sich als Bezugspunkt fur die nachfolgende Beurteilung zumal der Entwlirfe, die sich seit Ende der 70er Jahre anzusammeln begannen, gut eignet^^"^. Diese Einordnung stiitzt auch Robert K. Merton^^^, dessen Uberlegungen noch zu besprechen sein werden, wenn er Bunges Ablehnung des Reduktionismus belobigt^^^ bzw. dessen Buch „Finding Philosophy in Social Science" (1996) als einen beachtenswerten Nachfolger von Ernst Nagels „Structure of Science" (1961) wtirdigt^^^, in dem Letzterer - unter an162
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Bunges Kausalitatsbuch (Bunge 1987), das bereits 1959 in erster Auflage erschienen war, nimmt auf Hayek keinen Bezug, und auch Hayeks Arbeit von 1972, deren originale Version in der von Bunge edierten Popper-Festschrift von 1964 erschienen war (vgl. Hayek 1964), hat er meines Wissens nie zitiert. In der Tat tut Bunge so, als verdanke er Hayek wenig, wenn er ihn in erster Linie als konservativen Okonomen, als epistemologischen Subjektivisten und als einen radikal-ontologischen Individualisten wahmimmt (und verurteilt). Hayek seinerseits ging, soweit ich dies nachvollziehen kann, weder auf Bunges Friihwerk, noch auf seiner spateren Schriften zur Logik der Soziawissenschaften, soweit er sie noch kennen konnte, ein. Zu den Ausnahmen gehoren z.B. Boudon 1999a, Mackert 2004, Pickel 2004, SchmidtWellenburg 2005 und Kron 2005. Dem eiligen Leser sei die kurze Zusammenfassung seiner Ideen in Bunge 2001, S. 99-137 empfohlen. Aus philosophischer Sicht haben neben Bunge vor allem Rom Harre und Roy Bhaskar - letzterer mit Bezug auf Bunges Kausalitatsverstandnis - zur Klarung der Frage beigetragen, ob es sich auszahlt, wenn sich die Sozialwissenschaften auf Erklarungen mit Hilfe von Mechanismen einlassen (vgl. Harre 1979, Bhaskar 1975); diese Forschungen haben ihrerseits Nancy Cartwrights an den Naturwissenschaften und der mathematischen Okonomie geschulte Erklarungstheorie beeinflusst, die desgleichen vorschlagt, Gesetze durch Mechanismen zu ersetzen, wobei die Erklarung eines Systemgeschehens auf die jeweils unter andersartigen Umstanden verschieden sich aktualisierenden „capacities" der Systemeinheiten (oder sozialwissenschaftlich: auf die Handlungsfahigkeiten von Akteuren) zuruck greift. Vgl. fur diese Einflusslinie, die die Soziologie bislang kaum erreicht hat, Schmid 2005 und Schmid 2005a. Pickel 2004, S. 172ff halt Merton - wie ich denke: zu Recht - fiir einen Vorlaufer Bunges, wenngleich Bunge Merton in seinem Kausalitatsbuch noch nicht zitiert. Vgl. Merton/Barber 2001, S. 258; gemeint sind Bunge 1991, Bunge 1999 und Bunge 2001. Vgl. Bunge 1996, letzte Umschlagseite
Philosophische Gmndlagen einer erklarenden Soziologie
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derem in kritisch-positiver Auseinandersetzung mit Mertons Werk - das Idealbild einer erklarenden Soziologie verteidigt hatte^^^. Urn Bunges Vorstellung zur Logik soziologischer Erklarungen aus seinem erschreckend umfangreichen Werk^^^ herauszudestillieren, ist es hilfreich, sich vor Augen zu fiihren, dass sich seine Erklarungstheorie aus drei zusammenflieBenden Quellen speist: aus seiner Theorie der Kausalitat, seiner systemtheoretischen Ontologie und seiner Ablehnung des Hempel-Oppenheimschen Erklarungsschemas. Bereits in seiner frtihen, mittlerweile als „Klassiker" eingestuften Studie zum „Problem der Kausalitat" pladiert Bunge fur die Notwendigkeit, den Begriff der „Kausalitat" als eine Form der „Aktivitat" und des „Hervorbringens"^'^^ und damit im Rahmen (bzw. in der Form) eines „genetischen Prinzips"^^^ zu explizieren. Kausalitat ist nur insofern der Erkenntnis zuganglich und damit fur ein empirisches, an der Erfahrung orientiertes Wissenschaftsverstandnis tauglich, als es gelingt, einen „Mechanismus des Werdens"^^^ bzw. einen „Mechanismus der Veranderung"^^^ zu entdecken. Wenn man eine kausale Erklarung derartiger Veranderungen geben mochte, dann sind theorielose Aufzahlungen von Einzelursachen zu vermeiden zugunsten der Erhellung der „inneren Mechanismen"^^"^ eines interdependenten, systemisch zu beschreibenden Geschehens, das zugleich als extern verursachter und als „sich selbsterhaltender Prozess" verstanden werden kann^^^. Solche Mechanismen mtissen entsprechend „extrinsische Ausloser" ebenso beriicksichtigen wie die „innere Struktur, Wechselwirkung und Selbstbewegung"^^^ eines durch derartige genetische Prinzipien vorangetriebenen Systemprozesses, wobei die rekursiven Folgen des Systemverlaufs flir das regelhafte „Muster des Geschehens" nicht iibersehen werden dlirfen.
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Vgl. Nagel 1961, S. 449f und passim. Bunge seinerseits zeigt sich dadurch erkenntlich, dass er Mertons „Struktursoziologie" wiederholt als beispielgebend fur sein eigenes Soziologieverstandnis zitiert, vgl. Bunge 1998, Bunge 1999. Einer sicherlich nicht mehr aktuellen Zahlung folgend hat Bunge etwa 80 zum Teil mehrbandige Biicher (allerdings inklusive deren Ubersetzungen) und rund 400 Artikel veroffentlicht. Bunge 1987, S. 10 Bunge 1987, S. 27 Bunge 1987, S. 149 Bunge 1987, S. 82. Man beachte, dass „Kausalitat" (jedenfalls defmitorisch) nicht mit der Identifikationsmoglichkeit von (induktiven) „Verallgemeinerungen" gleichgesetzt wird, obgleich deren (immer fraglich bleibendes) Wirken offenbar nur anhand von „regelmaBigen Mustem" entdeckt werden kann. Bunge 1987, S.176 Bunge 1987, S. 217. Damit makuliert Bunge - wie auch Daniel Little es tun wird - die an der Kausalmethodologie Mills orientierte „Philosophy of History"; vgl. zu den wichtigsten Eigenheiten dieser „Methode" Mandelbaum 1977, S. 80ff Bunge 1987, S. 221 Vgl. Bunge 1987,8.221 Bunge 1987, S. 176
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Individuelles Handeln und soziale Mechanismen
Solche Regelhafligkeiten des Geschehens und die damit verbundenen (allerdings immer fraglich bleibenden^^^) Anzeichen dafur, dass den Abfolgen von Systemereignissen „Gesetze" zugrunde liegen^^^, wird man - zumal in den Sozialwissenschaften^^^ - allerdings nur dann entdecken konnen, wenn man (idealisierende bzw. es gegenuber - jederzeit mogliche - StorgroBen „isolierende"^^^) „theoretische Modelle" dieses Systemgeschehens erstellt, die sich nicht in der Erfassung statistischer Korrelationen von Makrovariablen erschopfen diirfen, sondern durch „eine Analyse der inneren Mechanismen der sozialen Entwicklung"^^^ zu erganzen sind, die ihrerseits erklaren, wie diese „statistischen Ergebnisse (hervorgebracht werden)"^^"^. Dabei soUte der Sozialtheoretiker nicht aus den Augen verlieren, dass seine Modellbildung^^^ an der „Hervorbringung realer Ereignisse"^^^ interessiert bleiben muss, da eine nicht-realistische Interpretation des Kausalitatsprinzips keinen erkenntnislogischen Sinn ergibt^^^. Damit wendet sich Bunge - auch vor dem Hintergrund der These, dass politische und praktische Interventionen auf realistische (und entsprechend wahre) Theorien angewiesen sind^^^ - nachdrucklich und mit einer iiber die Jahrzehnte unverminderten Verve gegen jede anti-realistische Auffassung des Erkenntnisprozesses^^^. 179
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Diese Fraglichkeit resultiert aus „Coumoteffekten" (Bunge 1987, S. 308), der „Dialektik" sozialgeschichtlicher Vorgange (Bunge 1987, S. 305) und der Planungsunbestimmtheit und Ergebnisoffenheit menschlichen Handelns (Bunge 1987, S. 306f), nicht aber aufgrund (echter) stochastischer Prozesse; von solchen kann nur die Rede sein, solange man den generativen Mechanismus kennt, der mit der Wahrscheinlichkeit p x „hervorbringt" und mit der Wahrscheinlichkeit 1-p nicht-x(vgl. Railton 1981). Ich fiirchte, dass ich Bunge (wie zuvor Hayek) den Vorwurf nicht ersparen kann, dass diese epistemologische These von der Erkennbarkeit von Gesetzen anhand der durch sie „hervorgebrachten" RegelmaBigkeiten, noch jenem Humeschen Gesetzesverstandnis verhaftet bleibt, das einem angemessenen Verstandnis der Erklarungsbedeutsamkeit von Mechanismen insofem im Wege steht, als wir uns darauf gefasst machen mussen, dass Mechanismen auch so wirken konnen, dass sich Regelhafligkeiten des von ihnen „verursachten" Geschehens nicht werden beobachten lassen. Der daraus resultierenden Nachfi-age, woran w^ir dann den nomologischen Charakter von Mechanismen erkennen konnen, gehe ich dadurch aus dem Weg, dass ich - offenbar in Gegensatz zu Bunge - weder die Nomozitat von Mechanismen noch deren „Kausalitat" behaupte. Vgl. dazu Bunge 1987, S. 304ff Vgl. Bunge 1987, S. 144ff Bungel987, S. 310 Bunge 1987, S. 310. Damit wendet sich Bunge wie spaterhin andere (z.B. Little, Coleman, Esser, Mayntz, Hedstrom und Swedberg oder Mahoney) deutlich gegen die sogenannte „Variablensoziologie", in der faktoranalytisch fundierte „KausaImodelle" mit Hilfe und auf der ausschlieBlichen Ebene statistisch erhobener Verteilungs- oder Makromerkmale verfertigt werden, vgl. Bunge 1998, S. 141, Bunge 1999, S. 28, 64 u.a. Vgl. zu deren Rahmenbedingungen Bunge 1987, S. 39, 144f, 372ff Bunge 1987, S. 313 (meine Sperrung) Vgl. Bunge 1987, S. 65, 150, 172, 268, 278. Zum unausweichlichen Realismus (jeder) wissenschaftlichen Theoriebildung vgl. Bunge 1967a, S. 157ff, 291ff, 488ff; zum Realismusproblem in den Sozialwissenschaften vgl. Bunge 1993 und die (verstreuten) Bemerkungen in Bunge 1996 und Bunge 1999. Bunge 1998, S. 297 Vgl. Bunge 1967, S. 291ff
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Wie angedeutet, klingt bereits in seinem Frtihwerk die Notwendigkeit an, realistische und theoriefahige Modellanalysen als Systemanalysen zu betreiben. Bunge hat diesen Gedanken spaterhin zu einer globalen Ontologie bzw. einem „systemic worldview"^^^ ausgearbeitet, die auch die Ausformung einer Theorie der Gesellschaft - inhaltlich wie methodologisch - anleiten sollen^^\ wobei er auch in diesem Fall nicht mlide wird, die realistischen Grundzuge dieses Vorhabens gegen jede Form des hermeneutisch-phanomenologischen Subjektivismus^^^ bzw. des wissenssoziologischen Konstruktivismus^^"^ zu verteidigen. Bunge unterteilt zum Zweck einer derartig anlegten soziologischen Theoriearbeit - ganz im Sinne der gangigen soziologischen Systemtheorie^^"^ - das Gesellschaftssystem in verschiedene „Subsysteme" (Okonomie, Kultur und Politik), denen jeweils eigenstandige Formen von Sozialbeziehungen zugrunde liegen, die im Rahmen einer an Mertonsche Vorgaben angelehnten Sozialstrukturanalyse konzeptualisiert und beschrieben werden soilten^ ^^, wobei er die schwankende Stabilitat bzw. die Wandlungsanfalligkeit und Evolutionsfahigkeit der solchen Strukturen zugrunde liegenden „social bonds" zum zentralen Erklarungsproblem (der Soziologie) deklariert^^^. Zur naheren Analyse der Transformationsbedingungen „sozialer Systeme" ist es ratsam, sie als Beziehungsformen zu betrachten, die durch ein systemtheoretisch abgeleitetes Faktorenbundel, bestehend aus: „Gruppenmitgliedschaft" (von Akteuren), „Umwelt" (oder Kontext), „Beziehungsstruktur" und „the mechanism or the process that make it (das Sozialsystem) tick"^^^, defmiert werden konnen, wobei die Kennzeichnung derartiger Mechanismen jede reduktionistische Ubertreibung, zu der seiner Auffassung nach der Methodologische Individualismus neigt^^^, ebenso meiden sollte wie den holistischen Fehlgriff, Struktur- und Verteilungsverhaltnisse als „autonomous social forces"^^^ misszuverstehen^^^. Bunge betont die notwendige Suche nach solchen Mechanismen vor allem deshalb, weil deren Bearbeitung - wie in seinem Kausalitatsbuch bereits angedeutet - im Zentrum seiner Erklarungsauffassung steht^°^ Entsprechend apodiktisch behauptet er, „to explain a fact is to exhibit its
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Vgl. Bunge 1979, S. 245ff Vgl. Bunge 1979, S. 186ff, Bunge 1979a, Bunge 1996, S. 264ff Vgl. Bunge 1993, Bunge 1996, S. 326ff Vgl. Bunge 1999, S. 173ff Vgl. zu dieser Denkrichtung Schimank 1996, Schimank 2005a; kritisch dazu verhalt sich Schwinn2001. Bunge verwendet dabei Begriffe wie „Klasse", „Status", „Rolle" und „Norm" (Bunge 1998, S. 66ff), freilich ohne das Niveau einer gehaltvollen (und prufbaren) Modellbildung zu erreichen. Vgl. Bunge 1979, S. 235ff Bunge 1998, S. 61, 105 So noch jiingst Bunge 2001, S. 99ff Bunge 1998, S. 65 Vgl. im Zusammenhang Bunge 1979a, Bunge 1996, S. 24Iff Wichtig ist ihm auch die zutreffende Einsicht, die ich hier nicht weiter diskutiere, dass man in das soziale Geschehen nur dann kontrolliert und entsprechend verantwortlich eingreifen kann, wenn man die ihm zugrunde liegenden Mechanismen kennt, vgl. Bunge 1998, S. 439ff, Bunge 1999, S. 24 u.a.
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underlying mechanism(s)"^°^; d.h. auch, dass jede „Verallgemeinerung" fur ihn nur insoweit explikative Kraft hat, als die Existenz eines Mechanismus vorausgesetzt werden kann, der mit hinreichender Genauigkeit beschreibt^^^, wie er sie „produziert". Diese These, die in alien Bereichen wissenschaftlicher Erklarungen Gtiltigkeit beansprucht, hat zwei StoBrichtungen: Zum einen richtet sie sich gegen die vereinfachende Sicht des Hempel-Oppenheim-Schemas, wonach ein Ereignis zu erklaren heiBen mtisse, es aus einer nomologischen Verallgemeinerung abzuleiten^^"^. Dem halt Bunge entgegen, dass nicht jeder Verallgemeinerung ein nomologischer Charakter zukomme, in welchen Fallen sich ein Explanandum allenfalls unter sie „subsumieren", nicht aber mit ihrer Hilfe erklaren lasst^^^. Erklarungskraft und damit Gesetzescharakter gewinnen Verallgemeinerungen nur dann, wenn sie einen zumeist „versteckten"^°^ Mechanismus und d.h. im Fall sozialwissenschaftlicher Erklarungen: einen hintergriindigen oder subkutanen „social mechanism"^^^ beschreiben, dessen „modus operandi"^^^ verstandlich macht, auf welchem kausalen Weg das erklarungsbediirftige soziale Phanomen entsteht, besteht oder vergeht. D.h. Mechanismen zeigen, wie ein Explanandumsachverhalt realiter „bewirkt" wird oder wie er sich „gesetzmaBig" und (infolge eines „change mechanism"^^^) empirisch nachweisbar umgestaltet oder transformiert^^^. Derartige „mechanismischen Erklarungen"^^ ^ erhellen phanomenologisch oder statistisch-korrelativ (und damit nur oberflachlich) gegebene Zusammenhange und helfen so bei der Erklarung, „how things work"^^^. Zugleich verftigen sie in dem Sinne uber „Tiefe"^^^, als sie die (grundsatzlich) verdeckte „Verfassung" und jjStruktur"^^"^ bzw. den „internen Prozess"^^^ des beobachtbaren Geschehens (und dessen Verteilungsfolgen) angeben. Mechanismische Erklarungen sind mithin informativer und bestimmter als mechanismusfreie Verallgemeinerungen, kurz: Sie stellen deren informations- und gehalt202 203 204 205 206
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Bunge 1996,S.137 Bunge 1998, S. 75 Vgl. Bunge 1964, 1967 II, S. 17ff; fiir die Soziologie vgl. Bunge 1996, S. 143f, Bunge 1998, S. 74f, Bunge 1999, S. 18ff Vgl. Bunge 1999, S.49ff Vgl. Bunge 1964, Bunge 1999, S. 27ff. Mechanismen werden (mit Hilfe kuhner Hypothesen) entdeckt und nicht aus Beobachtungen induziert, weshalb der iiberkommene Empirizismus derartige mechanismischen Erklarungen zugunsten von „Black box"-Analysen abzulehnen pflegt, vgl. Bunge 1964, Bunge 1999, S. 28f. Zugleich gibt es Bunges Meinung folgend mehrere Durchleuchtungsgrade solcher „schwarzer Schachteln", vgl. Bunge 1964, S. 235 u.a., Bunge 1967a, S. 508ff. Bunge 1996, S. 138, Bunge 1999, S. 19, 55ff Bunge 1999, S. 18 Bunge 1996, S. 142 Vgl. fur diese dreifache Forderung nach „Konkretheit", „Gesetzmafiigkeit" und „empirischerNachweisbarkeit" Bunge 1996, S. 138 und Bunge 1999, S. 47. Bunge 1996, S. 144, 1999, S. 19 Bunge 1967a, S. 513 Vgl. dazu Bunge 1967a, S. 506ff Bunge 1964, S. 236, 240 Bunge 1964, S. 236
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reichere Tiefenerklarung bereit, indem sie zur Erklarung einer Regelhaftigkeit auf den mikroskopischen Prozess verweisen, als dessen Resultat diese als eine emergente, makroskopische Struktur identifiziert und verstanden werden kann^^^. In logischer Folge hiervon sind mechanismische Theorien als „Multi level"-Theorien^^^ zu verstehen, die in Kontrast zu phanomenologischen Einebenentheorien zumindest zwei ontologisch getrennte Ebenen mit Hilfe zumindest eines Mechanismus miteinander verkniipfen^^^. Im Kontext des systemischen Denkens, das Bunge seiner Weltsicht zugrunde legt, betont er andererseits aber auch die umgekehrte Notwendigkeit, das mikroskopische Geschehen unter Angabe der Grenzen und Voraussetzungen zu erklaren, die ihm durch „strukturelle Merkmale"^^^ bzw. „social constraints"^^^ gesetzt sind. Entsprechend unterscheidet er „bottom-up-explanations" von „Top-down-Erklarungen"^^^ Diese Unterscheidung ist fur die soziologisciie Erklarungspraxis insbesondere deshalb von Relevanz, weil sich mit ihrer Hilfe das ebenso altehrwurdige wie mit zahlreichen Missverstandnissen verbundene Mikro-Makro-Problem behandeln lasst. Bunge halt zu dessen Losung zwei Gesichtspunkte fest: Zum einen sollte man jedes „soziale Faktum" (und damit a fortiori auch jedes „soziale System") in letzter Instanz als ein (emergentes und kollektives) Resultat der Handlungen individueller Akteure betrachten^^^, wahrend umgekehrt diese Handlungen (auch) durch die strukturellen Vorgaben oder sozialen Restriktionen verursacht werden. Handlungsgenerierende Ursachen fmden sich demnach auf beiden Ebenen der Systemanalyse, „causes are of the micro, as well as of the macro kind"^^^. 216 217 218
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Vgl. allgemein Bunge 1967a, S. 34ff und - auf die Soziologie gemiinzt - Bunge 1996, S. 44ff, Bunge 1998, S. 72ff, Bunge 1999, S. 24; fur den Zusammenhang zwischen Erklaren und Verstehen vgl. Bunge 1996, S. 150ff Bungel999, S. 38 Bunge wird an dieser Stelle Hempel nicht gerecht, da auch Hempel darauf besteht, dass jede Erklarungslogik „verschiedene Ebenen" unterscheiden und darauf bestehen muss, „the inner mechanism of the phenomenon" zu durchleuchten (vgl. Hempel 1965, S. 259), so dass Bunges These, Hempels Schema sehe nur (einfache) „Subsumptionserklarungen" vor, unrichtig ist. Dieser Einwand wird auch dadurch nicht treffender, dass viele - auch der nachfolgend behandelten Autoren - ihn ubemommen haben. Natiirlich muss man festhalten, dass Hempel seine Einsicht nicht verfeinert (oder vertieft) und seine Erklarungslogik daraufhin (auch) nicht revidiert hat. Bungel998, S. 73 Bungel998, S. 76 Vgl. Bunge 1996, S. 145ff, Bunge 1998, S. 72ff, Bunge 1999, S. 48f Bunge lasst im Unklaren, wie sich seine Unterscheidung zweier „Kausalmechanismen", die einmal auf der Basis von Energietransfers und zum anderen vermittels „triggering signals" funktionieren (vgl. Bunge 1999, S. 27), mit diesen beiden Erklarungsformen in Beziehung setzten lasst. Unstrittig ist nur, dass Mechanismen „lawfur' sein mussen (vgl. Bunge 1996, S. 138), was allerdings nicht abschliefiend klart, ob sie Gesetze „darstellen" oder aber - wie ich es geme sahe - „enthalten", vgl. fiir Details Schmid 2005a, Schmid 2006a und den vierten Abschnitt der vorliegenden Arbeit. Vgl. Bunge 1996, S. 145, Bunge 1999, S. 62 Bunge 1996, S. 145. Den mittlerweile auflauchenden Hinweisen, wonach es sich lohnt, zwischen einer „energetisierenden" Kausalitat (des motivierten Handelns) und einer „restringierenden" Kausalitat, die das Handeln in bestimmte Richtungen kanalisiert (oder „lenkt"), oh-
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Damit aber entsteht die Frage, wie man sich deren Verhaltnis vorzustellen hat. Bottom-up-Erklarungen sind offenbar darauf ausgelegt, das „Entstehen" emergenter Strukturen aus dem individuellen Handeln der Akteure zu erklaren, wohingegen strukturelle Beschrankungen erklaren, weshalb den Akteuren bei der Planung und Durchfuhrung ihres Handlungsvorhabens nicht alle Moglichkeiten offen stehen^^"^. Bunge besteht (zugestandenermaBen zu Recht) darauf, dass diese beiden Erklarungsschritte parallel vorgenommen werden (mussen) und einander wechselseitig 225
erganzen . Aber gibt es auch Verbindungen zwischen Wirkfaktoren, die man ausschlieBlich auf der Makroebene lokalisieren kann bzw. ursachliche Verkniipflingen zwischen Ereignissen auf der Mikroebene? Bunges Antwort auf die erste Frage ist eindeutig und im Rahmen seiner eigenen Voraussetzungen letztlich unproblematisch; ganz unmissverstandlich verwirft er die Meinung vieler Strukturtheoretiker^^^, dass es haltbare Makrogesetze, d.h. empirisch bestatigungsfahige Annahmen tiber nomologische Zusammenhange zwischen Makrofaktoren (oder Verteilungsstrukturen) geben konne. Vielmehr halt er entsprechende Behauptungen allenfalls fiir (rein phanomenologische oder kinematische) „Beschreibungen"^^^, die nachgerade keinen Mechanismus ansprechen und denen insoweit keine explanatorische Bedeutung zukommt. Uneindeutiger hingegen fallt sein Urteil tiber die Moglichkeit nomologischer Zusammenhange auf der Mikroebene aus. Zum einen mochte er - solange die Mikroebene durch das Handeln der Akteure defmiert ist - die Bearbeitung von Mikro-Mikro-Beziehungen der Psychologic uberlassen^^^, zum anderen vermeidet er es augenscheinlich, sich darauf festzulegen, dass alle makroskopischen Zusammenhange handlungstheoretisch aufzuklaren sind, bzw. er lasst auf der erklarungsnotwendigen Tiefen- oder Mikroebene Beschreibungen zu, die aus der Sicht einer (konsequent) mikrofundierenden Handlungstheorie als makroskopische Faktoren betrachtet werden mlissten^^^, was beides dann zu Deutungsschwierigkeiten fuhrt, wenn man (wie er selbst betont) daran festhalten mochte, dass jede Erklarung von Strukturphanomenen (wenigstens in letzter Instanz) auch dann auf das Handeln der Akteure zurtickgreifen muss, wenn dieses durch Makrofaktoren beschrankt oder gepragt bzw. in bestimmte Richtungen kanalisiert wird. Ich denke, dass man zur Klarung der Sachlage die - von Bunge selbst angesprochene^^^ - Regel einfuhren kann, derzufolge eine Mikrofundierung nur insofern als abgeschlossen (oder „vollstandig") gilt, als auch die makroskopischen Zusammenhange handlungstheoretisch
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ne es „anzuschieben" oder zu „determinieren" (vgl. Lloyd 1993), geht Bunge, soweit ich sehe, nicht nach. Ich werde auf diese Frage noch zuriickkommen (mussen). Vgl. Bunge 1996, S. 146f, Bunge 1999, S. 54 Vgl. Bunge 1996, S. 147, Bunge 1998, S. 73 Ein prominentes Beispiel fiir diese Sichtweise in der Sozialtheorie gibt Blau 1977 und Blau 1994. Bunge 1996, S. 149 Vgl. Bunge 1996, S. 145 Vgl. Bunge 1999, S. 62f Vgl. Bunge 1998, S. 77
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„mikroreduziert"^^^ worden sind, die man, um den behaupteten Zusammenhang als eine plausible „systemic explanation"^^^ verstehen und bewerten zu konnen, nicht unbedingt und in alien Einzelheiten auf die Handlungen einzelner Akteure und deren Kombinationen zuriickverfolgen musste^"^^ Vielleicht hat Bunge auf die ausgiebige Verteidigung (und Vertiefung) einer solchen Kegel auch deshalb verzichtet, weil er sich zur Frage, welche Handlungstheorie er zur Mikrofiindierung benutzen mochte, nur undeutlich auBern kann. Auffallend ist nur die Vehemenz^^"^, mit der er sich gegen einige der vorliegenden Vorschlage wendet: So kritisiert er wiederholt die Neigung soziologischer Erklarungen, einseitig subjektivistisch-idealistisch oder vornehmlich materialistisch zu verfahren^^^, und mochte diese nur augenscheinlich auseinander laufenden Aspekte der Sozialanalyse in einer Theorie der „menschlichen Gesellschaft" integriert wissen, die den Akteur (zugleich) als zielgeleiteten „homo faber" und planungsbewussten „Manager" betrachtet, der sich mit Hilfe sozialer Beziehungen die Ressourcen seines tJberlebens zu beschaffen weiB^^^. Daneben sind ihm aber auch Mikrofimdierungen mit Hilfe der Rational Choice-Theorie bzw. einer allgemeinen Entscheidungstheorie hochst verdachtig^^^. Tatsachlich halt er beide fur diesen Zweck alleine deshalb fur untauglich, weil er sie als empirisch falsch, formal pratentios, ja pseudowissenschaftlich, sozialstrukturell unterkomplex und, indem sie „Gefuhle" und „Lernen" unberiicksichtigt lassen, als unvollstandig und entsprechend unzulanglich einstuft. Aber auch der Spieltheorie, die sich bemliht, (zumindest die Logik oder die Opportunitatsstruktur von) Handlungsinterdependenzen zu modellieren, 231
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Vgl. Bunge 1996, wo er (mehrfach) den Begriff der „Mikroreduktion" verwendet. Diese Begriffswahl ist ungliicklich, da Bunge aus der Perspektive seiner (emergentistischen) Systemontologie „Reduktionen" grundsatzlich skeptisch gegentiberstehen miisste; tatsachlich lehnt er etwa Homans Reduktionsprogramm, das darauf zahlt, alle moglichen Struktureffekte mit Hilfe weniger Verhaltensthesen erklaren zu wollen, als einen unrealistischen „Traum" ab, vgl. Bunge 1996, S. 243ff Bunge 1996,S.150 Nach Coleman 1979 ist das dann der Fall, wenn Kollektive Trager von Rechten sind, und Mayntz (1997, S. 168ff) verteidigt die - wie ich noch zeigen werde, nicht immer unproblematische - These, dass man dann auf Mikroflindierungen (ganzlich) verzichten kann, wenn Korporationen als homogene Entscheider aufgefasst werden kOnnen. Mit den Anforderungen eines strengen Methodologischen Individualismus ist ein solches Vorgehen sicher nicht vereinbar, was Bunge aber gleichgultig sein kann, weil er diese Lehre verwirft. So verweigert er diesen Ansatzen jede Chance, sich als „idealisierende Modelle" zu verstehen, die sich bewusst auf die Vemachlassigung bestimmter Faktoren einlassen, um die daraus resultierenden Effekte um so besser im Auge behalten zu konnen. Insbesondere Beckers „okonomische Theorie des Verhaltens" fmdet keinerlei Gnade, vgl. Bunge 1998, S. 83ff Die Grtlnde dafiiir scheinen, wenn ich Bunges Eifer richtig einordne, mit dem er seine Position bezieht und verteidigt, eher sozialpolitische als methodologische zu sein, denn tatsachlich halt er die Konstruktion „idealisierter Modelle" bisweilen fur durchaus „typisch" fiir das wissenschaftliche Vorgehen, vgl. Bunge 1998a, S. 78. Vgl. Bunge 1996, S. 282ff. Weitere Frontlinien eroffnet Bunge gegen den gangigen sozialwissenschaftlichen Intuitionismus, Empirizismus und Pragmatismus (verschiedener Herkunft). vgl. Bunge 1996, S. 305ff. Vgl. Bunge 1979, S. 188ff Vgl. Bunge 1996, S. 359ff, Bunge 1998, 79ff, S. 315ff, Bunge 1999, S. 87ff
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findet kein Erbarmen; auch ihr wirft er vor, sie sei unrealistisch, aus ahnlich gelagerten Griinden wie die Rational- und Entscheidungstheorien unvoUstandig und ohne Erklarungskraft, pseudomathematisch, und am Ende unmoralisch, weil sie den Akteuren allenfalls eigensuchtige Motive unterstellen konne^^^. Dem gegeniiber neigt Bunge zu einer Alternative^^^, die leider unausgearbeitet bleibt, wie er selbst zugesteht^"^^, und die deshalb nicht abschliefiend beurteilt werden kann. Da er an der Entwicklung einer planungsrelevanten bzw. interventionstragfahigen „Praxeologie" interessiert ist, modelliert er den Akteur - wie dies auch Hayek vorschlug - als eine intentionale, absichts- und erwartungsgeleitete und durch ihr Handeln kausal wirkmachtige, memorierungs- und lernfahige und zugleich begrenzt informierte „Person"^'^\ die den nicht-intendierten Folgen ihres Handelns und damit dem moglichen Scheitern ihrer Vorhaben ebenso ausgesetzt ist wie den opportunistischen Nachstellungen ihrer Mitakteure und dem orientierungsund verhaltenspragenden Einfluss festgefiigter Traditionen und Normen bzw. den materiellen Beschrankungen ihrer Handlungssituation. Bunge investiert zwar einigen Aufwand in die Definition der Grundbegriffe seiner „Akteurtheorie", wird aber kaum behaupten wollen, dass derartige Formalisierungen empirisch eindeutiger interpretiert werden konnten als die zugegeben vagen, wenn nicht zwielichtigen Wahrscheinlichkeitsunterstellungen und Nutzenargumente der Rationaltheorie; bedauerlich, ja erkenntnishinderlich - infolge seiner Fundamentalkritik an Rationaltheorien aber vielleicht verstandlich - ist auch, dass er auf jede nahere Bestimmung der „Produktionsftinktion" des individuellen Handelns verzichtet und damit versaumt, dem Handeln seiner „Personen" eine optimierbare Richtung zu unterlegen; von gleich zweifelhaflem Wert diirfte sein Liebaugeln mit neurophysiologischen Mikroerklarungen sein^"^^, mit deren Hilfe er zur „Alltagspsychologic" und zur mentalistischen Interpretation der soziologischen Handlungstheorie gleichermaBen Abstand halten will. Offenbar halt er beide Traditionen fiir vorwissenschaftlich, wogegen sich andere Autoren mit einigem Recht wehren^"^^. Ich kann diesen Streit im vorliegenden Zusammenhang (selbstverstandlich) nicht schlichten und beschranke mich stattdessen auf den Hinweis, dass Bunges Entwurf einer „Theorie der Person" gleichzeitig zu unvoUstandig und zu ambitios ist, in unzureichender Weise zu viele und zu komplexe Faktoren und Zusammenhange kontroUieren
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Vgl. Bunge 1989, Bunge 1998, S. 176ff, 389f Vgl. Bunge 1979, S. 161ff, 170ff, Bunge 1998, S. 306ff Bungel998, S. 315 Bunge 1998, S. 464 Vgl. Bunge 1967, S. 249, Bunge 1979, S. 125ff, Bunge 1996, S. 139 u.a. Vgl. zur Verteidigung der „folkpsychology" Jackson/Pettit 1990 und zur Berechtigung einer mentalistischen Theorie des „Geistes" und damit zur Grundlegung eines auch fur die soziologische Handlungstheorie verwertbaren „Mentalismus" Gadenne 1996, S. 90, Gadenne 2004; dort S. 92 direkt gegen Bunge gewendet.
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mochte, auf deren empirische Aufarbeitung wir nicht warten konnen, wenn uns die (erklarungsbedurftige) Wirkweise „sozialer Mechanismen" interessiert^'^'^. Tatsachlich kann man zu diesem Zweck einen besser ausgeleuchteten und gangbareren Weg einschlagen, der in die Richtung fuhrt, die Daniel Little ausgeschildert hat.
2.3 Mikrofundierung und „kausale Mechanismen": Daniel Little Daniel Little ist hauptamtlich als Philosoph und Wissenschaftstheoretiker beschaftigt, verfugt allerdings uber den uberaus seltenen Vorteil, sich auch als Experte fiir Fragen der sozialwissenschaftlichen Theoriebildung profiliert zu haben^"^^. Er hat seine tJberlegungen zu den „verschiedenartigen Formen sozialer Erklarung"^"^^ zwar offenbar unabhangig, um nicht zu sagen: in Unkenntnis von Bunges Vorschlagen entwickelt, dabei aber eine Position bezogen, die man als eine zusammenfassende Prazisierung und punktuelle Korrektur Bungescher Ideen - zumal zur „sozialen Kausalitat" - verstehen kann, die in besonderem und fruchtbringendem MaBe auf sozialwissenschaftliche Erklarungsprobleme zugeschnitten ist^"^^. Dass er damit zumindest das Interesse Bunges hat gewinnen konnen, zeigt der Tatbestand, dass Little eine Auswahlsammlung seiner wesentlichen Arbeiten zur Logik der mikrofundierenden Sozialwissenschaften in einer von Bunge betreuten Reihe hat erscheinen lassen konnen^"^^, was man sicher als eine Art der Lizenzierung seines Vorhabens durch den „Meister" verstehen darf. Littles LFberlegungen nehmen ihren Ausgang in der Frage, in wie weit die „human sciences" zu Recht als „wissenschaftlich" gelten konnen^"^^ und konzentrieren sich auf die Vermutung, dass eine tragfahige Antwort vor allem davon abhangen wird, ob sie liber eine angemessene Theorie der Erklarung verfugen. Trotz der offenkundigen Vielfalt entsprechender Verfahrensvorschlage^^^ hofft Little zeigen zu konnen, dass alien sozialwissenschaftlichen Forschungsprogrammen ein „cluster" gemeinsamer Erklarungsprobleme zugrunde liegt, deren Ausarbeitung zu ihrer Vereinheitlichung beitragen konnte. Wie nicht anders zu erwarten, beginnt der Autor seine Analyse der sozialwissenschaftlichen Erklarungsproblematik mit einer kurzen Rekapitulation der Hempelschen Erklarungstheorie^^^ die er nur insoweit akzep244 245 246 247 248 249 250 251
Ich furchte, dass wir - so berechtigt der Vorschlag sein mag - auch nicht warten konnen, bis alle soziologischen Theorien formalisiert sind, vgl. zu dieser Forderung, der sich viele Vertreter eines mechanismischen Erklarungsideals anschlieBen, Bunge 1970. Vgl. Little 1986, Little 1989; jUngst hat sich Little Fragen der okonomischen Entwicklung und ethischen Problemen der intemationalen Verteilungspolitik zugewandt, vgl. Little 2003. Vgl. den Titel von Little 1991 Das gilt auch fur die Geschichtsschreibung, vgl. Little 2000. Vgl. Little 1998 Vgl. Little 1991, S. 1 Little (1991, S. 1) spricht von der "methodological cacophony". Vgl. Little 1991, S.3ff
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tiert, als sich die von Hempel als unabdingbar fiir eine gelingende Erklarung eingestuften nomologischen Verallgemeinerungen (oder Gesetze) als Aussagen daruber verstehen lassen, dass die im Explanandum eines Erklarungsarguments beschriebenen singularen Ereignisse oder Regelhaftigkeiten als die empirische Konsequenz „of the underlying structure or mechanisms"^^^ gedeutet werden konnen. D.h. Little erkennt an, dass die Sozialwissenschaften wie alle empirisch-theoretischen Wissenschaften nur dann Erklarungen liefern, wenn sie auf Gesetze zurtickgreifen konnen, halt aber zugleich fest, dass diese nur erklarungstauglich sind, sofern sie sich nicht auf die Benennung von „induktiven Regelhaftigkeiten"^^^ beschranken, sondern dabei helfen, den Mechanismus ausfindig zu machen, der die betreffende Regelhaftigkeit hervorbringt (oder ^produziQvt'^^'^). Damit wendet er sich gegen zwei Verfahren, die die sozialwissenschaftliche Theoriebildung tiber Jahrzehnte hinweg dominiert, aber - wie auch andere mit steigendem Missfallen vermerken^^^ - zu keinem erkennbaren Ergebnis gefiihrt haben: Zum einen kritisiert er die Gleichsetzung von Erklarungen mit komparativen Kausalanalysen, wie sie im Gefolge der methodologischen Ratschlage von John St. Mill betrieben wurden (und noch immer werden), wobei das Hauptaugenmerk eines der Millschen Analysetechnik verpflichteten Erklarungstheoretikers auf den Nachweis der relativen Bedeutsamkeit von notwendigen und/oder hinreichenden Bedingungen (eines zu erklarenden, singularen Sachverhalts) gerichtet ist^^^. Allerdings hat sich gezeigt, dass diese vergleichende Suche nach der Kausalwirksamkeit unterschiedlicher „Faktoren" bedauerlicherweise nur dann zu einem Abschluss ftihrt, wenn man zum einen alle Ursachen kennt, was in den Sozialwissenschaften nicht unterstellt werden kann, und wenn zugleich eine Theorie zu Rate gezogen werden kann, die tiber die Erkldrungsrelevanz bestimmter Kausalfaktoren informiert, woriiber Sozialwissenschaftler (vor allem Historiker), die sich der Millschen Methode anvertrauen, (in aller Regel) nicht verfugen^^^. Folgt man demgegenuber Little, dann kann man Ursachen nur insoweit identifizieren, als (wie sich noch zeigen wird: handlungs-) theoretisch aufgeschltisselte Mechanismen bekannt sind, die angeben, welche der das Handeln bestimmende Faktoren welche (individuellen und/oder kollektiven) Konsequenzen nach sich ziehen^^^. Aber auch der verbreitete Versuch, die Mangel der Millschen Methode durch die Entwicklung korrelationsstatistisch gestiitzter Kausalmodelle zu beheben, fmdet keinesfalls Littles Zustim-
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Little 1991, S. 7 Little 1991,8.25 Little 1991, S. 14 Vgl. zum ersten Verfahren etwa Mandelbaum 1977, S. 101 und Kiser/Hechter 1998, zum zweiten Hoppe 1983, Esser 1996, Esser 2004, S. 19ff und Hedstrom/Swedberg 1996 Vgl. Little 1991, S. 25ff Vgl. Little 1998, S. 191ff, 215ff. Dafiir, dass dies der Fall ist, sprechen zwei Tatbestande: Zum einen soil die Millsche Methode in vielen Fallen dazu dienen, die giiltige Theorie erst zu entdecken, und zum anderen wird man keine Wirkursachen identifizieren konnen, wenn man zu diesem Zweck nicht-existente Makrogesetze konsultiert. Little 1991,8.21
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mung^^^. Das Argument gegen solche Verfahren ist auch ihren Verteidigern bekannt: Statistisch und damit induktiv gewonnene Korrelationen enthalten keine zwingenden Informationen uber das Vorliegen von Ursachen bzw. GesetzmaBigkeiten. Zwar kann man solche Verfahren zum Test von (unabhangig von ihnen gewonnenen) (Gesetzes-)Hypothesen verwenden^^^; gelungene Erklarungen korrelativ gesicherter Zusammenhange aber sind an den Nachweis gebunden, dass sie durch Hypothesen liber den ihnen zugrunde liegenden Mechanismus, aufgrund dessen sie entstehen und bestehen, zumindest erganzt werden konnen^^^ Oder anders: das statistische Erklarungsverstandnis, wonach die Erklarung eines (sozialen) Phanomens heiBt, dass sein Vorkommen (im Rahmen und unter der Voraussetzung beobachtbarer Randbedingungen) als Anwendungsfall einer unterlegten statistischen Regelhaftigkeit gelten kann, ist fehlerhaft und muss zugunsten der Auffassung zurticktreten, dass Erklarungen nur auf der Grundlage theoriegeleiteter Annahmen tiber die (handlungsvermittelte) Wirksamkeit allgemeiner und „generativer" Mechanismen gegeben werden konnen^^^. Dass derartige Mechanismen als testbare und korrekturfahige allgemeine Hypothesen, wenn auch nicht als aus Einzelbeobachtungen induzierte „Generalisierungen" im Hempelschen Sinne angeboten v^erden, bedarf im Rahmen des von Little verteidigten und an Poppers Falsifikationslehre geschulten Wissenschaftsverstandnisses keiner gesonderten Erwahnung^^^. Welche Konsequenzen ergeben sich aus dieser Kritik fiir die Erklarungsaufgabe der Sozialwissenschaflen? Soweit ich sehe, geht Daniel Little von den folgenden Pramissen aus: Zunachst legt er sich darauf fest, dass das primare Erklarungsziel der Sozialwissenschaflen darin besteht, nicht einzelne Handlungsereignisse, sondern die Genese und Veranderung von „macrostates"^^'^ bzw. „social phenomena" zu erklaren^^^. Das damit verbundene Problem besteht darin, dass sich eine „pure social causation from macrostate to macrostate" nicht nachweisen lasst^^^, d.h. reine „macroexplanations" existieren (demnach) nicht^^^. Der Grund dafur liegt darin, dass „there are no processes of social causation that are autonomous from regularities of individual action"^^^. Oder anders: Es ist nicht richtig, dass es „soziologische Gesetze" in dem Sinne, in dem wir von „Naturgesetzen" sprechen, gebe^^^; in logischer Konsequenz dieser tjberzeugung kann das Hempelsche Modell subsumptiver Erklarung in den Sozialwissenschaften keine sehr weitreichende Bedeutung besitzen^^°. Auch wird man diesen Mangel nicht durch die Etablierung frmktionalisti259 260 261 262 263 264 265 266 267 268 269 270
Vgl. Little 1991, S. 159ff Vgl. Little 1991, S. 173 Vgl. Little 1991, S. 175 Vgl. Little 1991, S. 172 Vgl. Little 1991, S. 22. Auch Renate Mayntz und Hartmut Esser werden diesen Gesichtspunkt der „Verallgemeinerungsfahigkeit" von mechanismischen Modellierungen betonen. Little 1998, S. 198 Little 1991, S. 16 Little 1998, S. 198 Little 1991, S. 183, 196 Little 1991, S. 19 Vgl. Little 1998, S. 210 Vgl. Little 1998, S. 238
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scher Erklarungen kompensieren wollen, denn derartige Erklarungen sind nur in dem Umfang gultig, in dem sie zeigen konnen, dass die erklarungsrelevanten Funktionen durch einen Kausalmechanismus „created and reproduced" werden^^^ - sei es infolge eines Selektions- oder eines Gleichgewichtsprozesses^^^, wobei vorausgesetzt bleibt, dass auch solche Prozesse nur erklarungsdienlich sind, wenn man die ihnen zugrunde liegenden, handlungsbasierten Produktions- und Verteilungsmechanismen kennt; die Suche nach diesen „causal mechanisms" durch (induktive) Beobachtungsverallgemeinerungen oder „dichte Beschreibungen" zu ersetzen, sieht Little - wie here its angedeutet - nicht vor^^^. In Konsequenz dieser Festlegungen verteidigt Little seine zentrale These, „that macroexplanations in social science require mircofoundation. This doctrine maintains that macroexplanations of social phenomena must be supported by an account of the mechanisms at individual level through which the postulated social process, work"^^"^. Diese These von der Notwendigkeit handlungstheoretisch fundierter Erklarungen von Struktureffekten unter Rekurs auf „social mechanisms"^^^ impliziert die Akzeptanz eines richtig verstandenen - und d.h. auch: eines von den Bungeschen Missverstandnissen unbehelligten - Methodologischen Individualismus', der die „Autonomie des Sozialen"^^^ beachtet und in der Folge auf jede (begriffliche oder theoretische) Reduktion „sozialer Phanomene" zugunsten einer Analyse der (mechanismisch geordneten) Wege verzichtet^^^, auf denen individuelle Akteure darauf hinwirken, dass bestimmte Makrozustande, die sich umgangssprachlich als „kollektives Handeln", als „Verteilungsstrukturen", „Sozialsysteme" oder „Institutionen"^^^ aber auch als „Produktions-" oder „Beziehungsverhaltnisse" kennzeichnen lassen^^^, entstehen, sich verandern oder sich auflosen. Diese „These der Mikroflindierung"^^^ erfordert drei Erlauterungen: Zunachst soUte man sich darum ktimmern, mit Hilfe welcher Theorie das einen Mechanismus pragende, individuelle Handeln erklart werden soil, sodann ist zu klaren, welche logische Form ein mikroflindierendes Erklarungsargument haben muss, und endlich ist das Problem zu bearbeiten, welche epistemologische (oder besser: erkenntniskritische) Deutung man einem solchen Argument geben kann. Die erste Frage beantwortet der Autor (ganz) eindeutig: Ihm scheint eine Entscheidungstheorie geeignet, die Last der Mikrofundierung zu tragen, die er als Theorie einer „broadened practical rationality" einfiihrt^^^ Eine solche Theorie ahnelt
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Little 1991, S. 99, vgl. auch S. 5ff Vgl. Little 1998,8.208 Vgl. Little 1998, S. 237 Little 1998, S. 10 Little 1998, S. 59ff Little 1991, S. 195 Vgl. Little 1991, S. 189, Little 1998, S. 12 Vgl. Little 1991, S. 183 Vgl. Little 1998, S. 3ff, 29ff, 81ff, 103ff, 203 u.a. Vgl. Little 1998, S. 3ff, 125f u.a. Little 1998, S. 92ff
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der Simonschen Theorie „begrenzter Rationalitat"^^^ bzw. der Senschen „Volitional choice"-Theorie^^^, d.h. sie lehnt sich an die umfangliche Tradition der Rational Choice-Theorie an^^"^, vermeidet aber deren - zumal in der neoorthodoxen Okonomie gebrauchlichen - Ubertreibungen, indem sie darauf verzichtet, den Akteuren vollstandige Informiertheit oder die ungetrubte Fahigkeit, Nutzenwerte zu vergleichen, zu unterstellen; auch behauptet Littles „thin theory of action"^^^ nicht die moralische Insensibilitat der Akteure und meidet damit die (immer wieder zu Recht kritisierte) These, die Akteure seien unfahig, die Nutzeniiberlegungen anderer in ihre Handlungsplanung einzubeziehen, oder gar dazu gezwungen, in alien Lebenslagen ihren maximalen Nutzen zu Lasten anderer zu verfolgen. Sie halt aber daran fest, dass sich Akteure auf der Basis von Nutzen- und Kostenerwagungen entscheiden miissen, welcher ihrer (immer) moglichen und beachtenswerten Handlungsalternativen sie den Vorzug geben wollen, und dass dieses individuelle Entscheidungsverhalten (nomologischen) „regularities"^^^ folgt. Zu diesem Zweck werden Akteure als Agenten modelliert, deren Handlungswahlen durch ihre Ziele („goals"), ihre Uberzeugungen („beliefs") und ihre Fahigkeiten („powers") bzw. durch eine diese GroBen verbindende Handlungsflinktion bestimmt sind^^^, deren aktuelle Auspragung ihrerseits durch die Opportunitaten und Restriktionen der jeweiligen OSS
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Entscheidungssituation mitgestaltet wird ; dabei scheint die Klasse der Phanomene, die auf die Handlungsentscheidungen der Akteure einwirken konnen, (auch flir zuktinftige Forschungen) relativ offen zu sein^^^. Diese Form der Entscheidungstheorie hat einen doppelten Vorteil. Zum einen enthalt sie Hinweise darauf, wie das Wahlhandeln der Akteure durch die Situation, in der sie agieren miissen, beeinflussbar ist^^\ und zum anderen zwingt sie (den Theoretiker) zu solchen Situationsbeschreibungen, die ihre Anwendbarkeit sicherstellen^^^. Darin liegt keine Beschrankung, sondern auf diesem Weg eroffnet sich die Moglichkeit, einen „formal account of the structure of rational decisionma282 283 284 285 286 287
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Vgl. Little 1998, S. 101 fiir eine kurze Sichtung des Simonschen Vorschlags Vgl. Sen 2002, S. 158ff Vgl. dazu unmissverstandlich Little 1991, S. 39ff, Little 1998, S. 81ff u.a. Little 1998, S. 83 Little 1991, S. 19 u.a. Vgl. Little 1998, S. 245f. An anderer Stelle mochte Little "incentives, opportunities, powers (and) information" berucksichtigt wissen (vgl. Little 1998, S. 206) bzw. "goals, beliefs (and) rules of choice" (Little 1991, S. 45); es sollte moglich sein, diese Listen zu vereinheitlichen. Vgl. Little 1998, S. 84 Damit sind materielle wie kulturelle Faktoren angesprochen, was heifit, dass nicht alle Handlungszusammenhange das „Verstehen" semantisch-kultureller Handlungsvorgaben erfordern (vgl. Little 1991, S. 68ff). Little sieht zugleich weder, dass die Verstehensproblematik die sozialwissenschaftliche Hypothesenbildung behindem muss (vgl. Little 1991, S. 7Iff), noch ergeben sich flir ihn - was ich zustimmend registriere - aus der Kulturgebundenheit menschlicher Weltsichten erkenntnisrelativistische Konsequenzen (vgl. Little 1991, S. 202ff). Vgl. Little 1991, S. 16 Vgl. Little 1998, S. 246 Vgl. Little 1991, S. 44
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king"^^^ zu geben, der die ansonsten unkontroUierte Vielzahl der Interdependenzverhdltnisse klaren kann, innerhalb derer die Akteure ihr Handeln derart aufeinander abstimmen mlissen, dass die handlungssteuernden „sozialen Mechanismen" sich bilden und ihre Wirksamkeit entfalten, und in deren Gefolge sich die Makrozustande produzieren und reproduzieren, die den Theoretiker interessieren. Diese Uberlegungen erleichtern die Beantwortung der zweiten Frage (nach der logischen Form mikrofundierender Erklarungen) deuthch: Die Logik des mikrofundierenden Erklarungsarguments muss - wie auch Hayek und Bunge anregen komplexer angelegt sein als das „Covering-Law-Modell" der Erklarung suggeriert. Sicher wird man den Komplexitatsgrad einer Erklarung nicht abstrakt und d.h. unabhangig davon bestimmen konnen, wie und unter welchen Voraussetzungen reale „Mikromechanismen"^^'^ wirken, wohl aber ist herleitbar, dass, um ihre Wirkungsweise zu erhellen, zwei Teilprozesse bekannt sein mtissen^^^: Zum einen benotigen wir Wissen darliber, angesichts welcher „lokaler Umstande" die Akteure sich zu handeln entscheiden, und zugleich, welcher „Aggregierungsprozess" ihre verschieden Handlungen so miteinander in Beziehung setzt, dass der zu erklarende Makroeffekt realisiert werden kann. Sofern die Akteure in einem sozial geregelten Zusammenhang agieren, muss zu diesem Zweck (tiberdies) zum einen die „logic of institution"^^^ geklart werden, die die Akteure gerade dadurch herstellen und reproduzieren, dass sie ihren eigenen Zielen in interdependenten, aber genormten Zusammenhangen nachgehen (mussen)^^^; es kann deshalb nicht Wunder nehmen, dass sich der Theoretiker dazu gezwungen sieht, sich die dabei wirkmachtige „social causation" als einen zirkularen Prozess vorzustellen^^^, in dessen Verlauf sich die handlungsleitenden Normen im Gefolge des an ihnen orientierten Handelns (differenziell) reproduzieren. Zum anderen aber muss er auch eine Vorstellung dartiber entwickeln, wie aufgrund der eben dadurch bestehenden Beziehungsformen jene Makrozustande als Kollektivfolge des (interdependent geregelten) Entscheidungshandels einer Vielzahl von Akteuren entstehen (oder produziert werden konnen). Jede mikroflindierende Erklarung zerfallt demnach in zwei Teilerkldrungen: In eine Erklarung der Tatsache, dass Akteure ihre Ziele in Abhangigkeit voneinander und von ihrer jeweiligen (normativ geregelten) Handlungssituation verfolgen mtissen, und eine - wie sie Little nennt - : „Aggregierungserklarung"^^^ der daraufhin erwartbaren Kollektivfolgen des (gemeinsamen) Handelns, wobei der Autor - wie gezeigt - daran festhalt, dass diese beiden Erklarungsschritte durch die Applikation einer (moderierten, die Fallstricke der okonomischen Neoklassik vermeidenden) Rational Choice-Erklarung des Handelns der Akteure - und damit durch einen drit293 294 295 296 297 298 299
Little 1991, S. 44 Little 1998, S. 245 Vgl. Little 1998, S. 10 Little 1998, S. 42 Nicht zu Unrecht halt Little - ganz im Gegenteil zu Bunge - die Spieltheorie fur ein geeignetes Analyseinstrument fur derartige Interdependenzrelationen, vgl. Little 1991, S. 5Iff. Wie wir sehen werden, sind auch Boudon, Lindenberg, Mayntz und Esser dieser Meinung. Little 1998, S. 204 Little 1991, S. 40ff
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ten Erklarungsschritt - verbunden oder aufeinander bezogen werden mussen. Es diirfte deshalb nicht abwegig sein, ihm eine Auffassung vom logischen Aufbau eines sozialwissenschaftlichen Erklarungsarguments zu unterschieben, die sich von dem, was - wie wir noch sehen werden - James Coleman vorschwebt^^^, nicht wesentlich unterscheidet. Ihr Inhalt jedenfalls ist unzweideutig: „The mechanisms through which social causation is mediated turn on the structured circumstances of choice of intentional agents, and nothing else''^^^. Die erklarungsnotwendigen „sozialen Mechanismen" konnen in der Folge nur dann als „Kausalmechanismen"^^^ aufgefasst werden, wenn „the mechanism that links cause and effect are typically grounded in the meaningfiil, intentional behavior of individuals"^^^. Die Kausalitat des Vermittlungsmechanismus hangt demnach auch dann von der (nomologisch gesteuerten) Kausalwirkung des zielgerichteten Handelns der Akteure ab, wenn er durch externe, materielle Umstande angestoBen oder durch Verteilungszustande und „macrostates" (aktuell oder ruckwirkend) mitgestaltet oder kanalisiert wird, und wenn man, um von der anfanglichen Handlungs- bzw. Akteurskonstellation zum interessierenden „Endeffekt" zu gelangen, mehrere solcher Argumente (biindeln oder) aneinander anschlieBen muss. Damit bekennt sich Little zu der wissenschaftslogischen These, dass mechanismische Erklarungen dazu in der Lage sein mussen, das beachtungswurdige kollektive Explanandum (auch liber mehrere Stufen hinweg) aus dem Handeln der Akteure heraus zu erklaren, wobei alle erforderlichen Erklarungsschritte dieser, wie Bunge sie nennen wtirde: „Tiefenerklarung" die Form eines (iibergreifenden logischen) Arguments annehmen mtissen, das erlaubt, die Satze uber die jeweils interessierende Makrozustande als eine logische Folge von verschiedenen Handlungspramissen und jenen Struktur- bzw. Situationsbeschreibungen (auch iiber ihre mechanismisch geregelten Interdependenzen) zu betrachten, welche die situationsspezifische Anwendung der betreffenden Handlungsannahmen sicherstellen^^"^. Auch bei der Beantwortung der dritten Frage (nach dem Realismus der sozialwissenschaftlichen Erklarungspraxis) mochte der Autor keine Zweifel aufkommen lassen. Epistemologische Pramisse jeder handlungstheoretisch geleiteten Untersuchung der Wirkung und Funktionsweise sozialer Mechanismen (und deren Makroeffekte) ist die Anerkennung der Tatsache, dass reale und theoretisch nachweisbare „causal powers"^^^ identifiziert werden konnen. Dabei verteidigt Little ein disposi-
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Vgl. zur „Dreierschritterklarung" Coleman 1986a, Coleman 1987 und Coleman 1990, S. Iff; auch Esser schlieBt sich ihr an. Little 1998, S. 203 (meine Sperrung) Vgl. Little 1991, S. 15ff Little 1991, S. 16 Vgl. Little 1998, S. 206ff Ich glaube, aus Little herauslesen zu konnen, dass er zwei Arten der Kausalitat unterscheidet: Eine „schwache" Kausalitatsform, die den Einfluss der Handlungssituation auf die Ziele, Uberzeugungen und Handlungschancen der Akteure beschreibt (vgl. Little 1998, S. 203 f), und eine „starke", die betont, dass die Akteure iiber die „powers" und „capacities" verftigen, ihre Situation zu pragen, zu gestalten und zu verandern. In der zitierten Definition flieBen diese beiden Bedeutungsaspekte (leider) ineinander. Es miisste geklart werden, ob
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tionales Kausalitatsverstandnis, wenn er schreibt: „To have a causal power is to have a capacity to produce a certain kind of outcome in the presence of appropriate antecedent conditions"^^^. Vor dem Hintergrund der oben diskutieren Auffassung Littles daruber, was als ein „sozialer Kausalmechanismus" gelten kann, muss dies heiBen, dass die „causal powers" in den (mit einiger Sicherheit durch soziale Beziehungen und die materialen Umstande der Handlungssituation ebenso mitgestalteten wie aktualisierten) Handlungsfahigkeiten intentionaler Akteure zu suchen sind^^^. Zwar werden, aufgrund des dispositionalen Charakters derartiger „Kapazitaten", die sie pragenden Mechanismen zumeist verdeckt und hintergriindig^^^ agieren; d.h. aber nicht, dass man auf eine realistische Interpretation ihrer Wirkmachtigkeit verzichten konnte^^^. Man kann - wie bereits Bunge betont hatte - keine Thesen liber die „Effektivitat" kausaler Zusammenhange behaupten und diese zugleich als „ideale Konstruktionen" verstehen wollen, die mit der Wirklichkeit, die sie zu beschreiben vorgeben, nichts zu tun haben, und die nicht vor dem Hintergrund entsprechender GesetzmaBigkeiten „sichtbar" gemacht werden konnen^^^, weshalb sich Little auch vehement dafiir einsetzt, die Suche nach Mechanismen als Beleg fur den Sinn eines „causal realism" werten zu diirfen^^\ Damit bindet der Autor die sozialwissenschaftliche Theoriebildung an eine objektivistische und realistische Methodologie^^^, die davon ausgeht, dass unsere Theorien wahrheitsfahige^^^ Aussagen darstellen, die man anhand ihrer logischen Implikationen (empirisch) priifen kann^^^. Wegen der Vielzahl kausaler Zusammenhange freilich wird es aussichtslos sein, eine „single unifying theory"^ ^^ anzustreben, die alien Bildungs- und Wandlungsvorgangen zugleich gerecht wird; stattdessen diirfte - wofiir auch (vor allem) Renate Mayntz, aber auch Hartmut Esser argumentieren (werden)
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und wie sich diese These von den zwei Kausalitaten mit der Unterscheidung der beiden Wirkgrofien zur Deckung bringen lasst, die Lloyd (1986 und 1996) verteidigt. Little 1998, S. 205 Vgl. Little 1991, S. 18 Little 1998, S. 46 Vgl. Little 1998, S. 197ff Damit nehme ich einen Einwand vorweg, der von Psillos (2002, S. 196) gegenuber der Auffassung von Nancy Cartwright formuliert wurde. Ich glaube, dass sich weder Little noch Cart-wright oder - wie wir noch sehen werden - Fararo mit der Berucksichtigung von dispositionalen Kapazitatserklarungen auBerhalb einer erkenntnisrealistischen Position stellen. Dazu gehort auch das Zugestandnis, dass eine naturalistische, mikrofundierende Erklarung, wie solche Kapazitaten (bio- oder neurologisch) zustande kommen und ihrerseits ihre Wirkung entfalten, nicht ausgeschlossen werden darf (vgl. Gadenne 1996, Psillos 2002, S. 192ff; Mantzavinos 2006). AUerdings kann sich das hier und nachfolgend skizzierte Erklarungsprogramm darauf beschranken, von der nicht weiter zu problematisierenden Existenz entsprechender Handlungsfahigkeiten auszugehen. Dass die handlungstheoretischen Grundterme eine dispositional „basis property" besitzen, ist immer wieder behauptet worden, vgl. Tuomela 1977, S. 103ff Little 1998, S. 197ff,245 Vgl. Little 1998, S. 173ff, besonders S. 178 Nach Little 1998, S. 249 haben sie „a true theory of the underlying causal mechanism" im Auge. Little 1998, S. 187 Little 1998, S. 198
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- die „eklektische" Modellierung einzelner, lokal wirksamer Interdependenzmechanismen einen grofieren Erkenntnisertrag versprechen; oder aber das Interesse eines Beobachters richtet sich - wie Boudon anregte - auf „historische Partikularitaten"^^^, zu deren Erklarung ggf. eine Mehrzahl ganz heterogener Mechanismen Verwendung finden kann. Daniel Littles dem epistemologischen Realismus und einer Methodologie kritischer Priifling verpflichtete Systematisierung der wesentlichen Grundzuge einer „mechanismischen Erklarung", hat - im Gegensatz zu den Bemtihungen von Friedrich von Hayek und Mario Bunge - zumal die deutsche Soziologie bislang offenbar nicht erreicht. Das ist insoweit bedauerlich, als ich das bei Little sichtbare Problembewusstsein - trotz des (in FuBnote 305 angesprochenen) Vorbehalts gegen ein Detail seiner Kausalauffassung und trotz seiner (wenigstens begrifflich) unzulanglichen Unterscheidung zwischen der erklarungsnotwendigen Theorie des Handelns und deren AmNQndMngsmodellen - gerne voraussetzen mochte, um in einem ersten Schritt den Beitrag zu durchleuchten, den Robert K. Merton zur Begriindung des „mechanismischen Denkens" in der Soziologie vorgelegt hat, auf das sich letztlich alle der nachfolgend zu besprechenden Autoren zur Begriindung und Erlauterung ihrer eigenen Vorschlage zur mechanismischen Erklarungslogik beziehen^^^.
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Vgl. Little 1991, S. 227 So vor allem Coleman, Boudon, Hedstrom und Swedberg und in weit engeren Grenzen Lindenberg, Fararo, Esser und Mayntz.
3 Mechanismen in der soziologischen Theorie
3.1 Individuelle Entscheidung und „strukturelle Selektion": Robert K. Merton Anfanglich schwankte die Deutung von Mertons Beitrag zur Theoriegeschichte der Sozialwissenschaften vornehmlich zwischen zwei Polen: Wahrend die einen jede einheitliche Theorienperspektive vermissten^^^, sahen andere in ihm die groBe Synthese klassischer soziologischer Themen und Theorien^^^. Dass Robert K. Merton ein Theorieprogramm verteidigt, das sich - wie er selbst betont - eng (zumal) an die (Bungeschen) Vorstellungen einer mechanismischen Erklarungsheuristik anlehnen kann, ist hingegen erst in jiingerer Zeit bemerkt worden, nachdem sich einige seiner Aniianger und Schiller der Klarung der Frage zuwandten, wie eine methodisch vertretbare und fruchtbringende soziologische Erklarungspraxis auszusehen habe^^^. Im Verlauf dieser veranderten Rezeptionsperspektive trat immer deutlicher zu Tage, dass sich dem Mertonschen Werk die folgenden Leitlinien entnehmen lassen^^^: Mertons Forschungsprogramm nimmt seinen Ausgang in einer einfachen (mentalistischen) Handlungstheorie, die auf jeden behavioristischen und naturlich aus der Zeit ihrer Entstehung heraus verstandlich - neurophysiologischen Reduktionismus verzichtet und darauf zahlt, dass sich das Handeln eines Akteurs mit Hilfe intentionalistischer Pramissen als „verstandlicher Sinnzusammenhang"^^^ beschreiben und erklaren lasst^^^. Diesen Vorgaben zufolge gilt ein Akteur als zielgerichteter Entscheider, der absichtsvoll und durch seine Erfolgsaussichten motiviert eine seiner wahrgenommenen Handlungsalternativen auswahlt. Vollstandig informiert iiber seine Handlungssituation und die Folgen seines Tuns ist der Akteur nicht, weshalb ihm auch nicht zu Bewusstsein kommen muss, dass er zwischen einer grundsatzlich beschrankten Anzahl von Handlungsalternativen wahlen muss. Diese
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Vgl. Bierstedt 1981, S. 487ff Vgl. Sztompka 1986, S. 258 Vgl. Stinchcombe 1993, Hedstrom/Swedberg 1996a. Davon unten mehr. Vgl. die Rekonstruktion in Schmid 1998, S. 71ff, Pawson 2000 und Mackert 2004. Fur die (verschiedenen) Bestandteile der Mertonschen Handlungstheorie vgl. Merton 1976, S. 109ff und 145ff. Stinchcombe (1975, S. 28) behauptet, sie (wenigstens) implizit entdecken zu konnen, wahrend Coleman (2000, S. 71) vermerkt, Merton habe versaumt, sie „explizit in die Sozialtheorie wieder einzufiihren", und sich statt dessen zu sehr auf strukturelle Zusammenhange und deren Wiederholbarkeit kapriziert, die ohne eine handlungstheoretisch grundierte Absicherung vermittels eines entsprechenden Mechanismus keineswegs verstandlich ist. Merton 1976, S. 148 (von Merton deutsch zitiert) Dass solche Erklarungen individuellen Handelns aus situativ beschrankten oder (sozial) gepragten Intentionen und Absichten einen (nomologischen oder) Kausalcharakter haben konnen, kann man Merton unterstellen; Bunge 1999, S. 46 gesteht dies ebenso zu wie Little, Esser, Lindenberg und andere Vertreter eines mechanismischen Erklarungsprogramms. Ausgearbeitet hat Merton seine Theorievorstellung bedauerlicherweise nie, weshalb naturlich Zweifel moglich bleiben.
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Beschrankungen resultieren zu einem Gutteil daraus, dass seine moglichen Ziele kulturell vorgepragt sind; daruber hinaus wird sein Handlungserfolg regelmaBig aber auch dadurch behindert, dass er nicht in alien Fallen iiber die zieldienlichen Ressourcen (oder „opportunities") verfugt. Derart mangelhaft ausgestattet, sehen sich die Akteure iiberdies dem Problem gegeniiber, ihren Handlungserfolg im Rahmen vorgegebener, normativ regulierter und nur fallweise beeinflussbarer sozialer Beziehungen suchen zu mtissen, womit der Spielraum ihrer Wahlen zusatzlich eingegrenzt ist. Erklarbar ist diese Begrenzung durch die Tatsache, dass diese Beziehungen (ihrerseits) eine „soziale Struktur" defmieren, in der die Akteure bestimmte, normgeregelte Positionen einnehmen^^"^, welche ihr Handeln liber Rtickkoppelungen und wechselwirksame Externalitaten derart miteinander verzahnen, dass die eigenen Handlungsmoglichkeiten wie die der ubrigen Akteure zugleich kanalisiert und beschrankt werden. Ihr strukturvermitteltes, gemeinsames Handeln unterliegt demnach in alien Fallen einem unausweichlichen Interdependenzdruck. Das Erklarungsproblem, dem Merton mit Hilfe einer derartigen Theorie des begrenzt rationalen und Strukturzwangen ausgesetzten Handelns nachgeht, ist infolge dieser wechselseitigen Abhangigkeiten nicht (ausschlieBlich) durch eine Rekonstruktion individueller Entscheidungsprozesse der einzelnen Akteure zu losen; vielmehr erfordert es die Beantwortung die Frage, wie und in welchem Umfang angesichts verschiedenartig gelagerter Beziehungs- bzw. Strukturformen Handlungsarten und -raten variieren bzw. angesichts welcher struktureller Mechanismen „Regelhaftigkeiten des Verhaltens"^^^ zu beobachten sind. D.h. Merton unterstellt, dass sich die Akteure fur ein bestimmtes Handeln entscheiden mlissen, und mochte untersuchen, mit welchen Haufigkeiten sie bestimmte Handlungsformen auswahlen, wenn sie dies unter angebbaren strukturellen Zwangen tun mtissen, bzw. welche kollektiven Verteilungsstrukturen sich einstellen, wenn eine (in der Regel unbestimmte) Vielzahl von Akteuren sich unter wechselseitig interdependenten Umstanden auf eine kennzeichnungsfahige Handlung festlegt, oder wie Arthur L. Stinchcombe formulierte: „The core process that Merton conceives as central to social structure is the (individual)^^^ choice between socially structured alternatiAllerdings endet Mertons Argument an dieser Stelle noch nicht: Dass die Akteure sich unter strukturellen Restriktionen entscheiden, hat zur zwingenden Folge, dass sie spezifische Handlungsverteilungen und kollektive Externalitaten produzie324 325 326 327
Vgl. Merton 1967 Merton 1964^ S. 60 Meine Erganzung Stinchcombe 1975, S. 12; Merton hat diesen Satz mehrfach zustimmend zitiert, vgl. z.B. Merton 1976, S. 124. Stinchcombe weist (an derselben Stelle) iiberdies darauf hin, dass sich Mertons Sicht von der Zugangsvv^eise der okonomischen Handlungstheorie ebenso unterscheide wie von den Grundannahmen der Lemtheorie - d.h. die Mertonsche Theorie besteht nicht darauf, dass soziales oder kollektives Handeln vollstandig informiert oder „effektiv" verlauft, wie wenig sie daran interessiert ist, es unter Verweis auf die verstarkungswirksamen „Stimuli" der Handlungssituation zu erklaren; es muss jedenfalls auffallen, dass Merton Homans an keiner Stelle seines Werkes behandelt.
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ren, die sich im nachsten Schritt erneut als kanalisierungswirksame Einschrankungen ihrer Handlungswahlen auswirken werden. Ob sich diese Verteilungsstrukturen in der Zeit verschieben oder gleich bleiben, ist abhangig davon, in welchen Beziehungen die Akteure zueinander stehen und welche Abstimmungsprozesse zwischen ihnen infolgedessen moglich sind. Mit Blick auf die Repetitivitat der sozialen Verhaltnisse beschreibt Merton diese Abstimmungsmechanismen bisweilen als Prozesse der „soziaien Kontrolle"^^^. Ich glaube, dass man berechtigt ist, diese Kontrollen als „Mechanismen der Handlungsselektion"^^^ zu betrachten, die daflir sorgen, dass sich infolge der Restriktionswirkung einer vorliegenden Sozialbeziehung (und der damit verbundenen Ausstattung der Akteure) nur bestimmte Handlungswahlen ergeben bzw. dass iiber die Zeit und auf unbestimmte Dauer betrachtet, an sich mogliche Entscheidungen unterbleiben; d.h. Abstimmungsmechanismen selegieren bestimmte Handlungen (bzw. deren Haufigkeiten) in differenzieller Weise und eroffnen und verbauen damit zugleich weitere Handlungsmoglichkeiten, was seinerseits richtungsbestimmend auf das nachgelagerte Selektionsgeschehen zurtickwirkt. Die auf der Mikroebene analysierbaren Handlungswahlen einer Vielzahl strukturell unterschiedlich lokalisierter und (liber die wechselweise Zumutung von Externalitaten) zugleich interdependenter Akteure schlagen sich auf der Makroebene entsprechend als „social distribution (i.e. concentration and dispersion) of authority, power, influence, and prestige" nieder, die infolge von (differenziellen) „processes of accumulation of advantage and disadvantage accruing to people occupying different positions in that structure"^^^ zustande kommen oder sich verandern^^\ Wie und mit welchen Verteilungsergebnissen diese Selektionsmechanismen verlaufen, hangt davon ab, welche Ziele die Akteure verfolgen, welche (institutionalisierten) Regeln den unterschiedlichen Selektionsprozessen zu Grunde liegen und davon, welche nur teilweise antizipierbaren Folgewirkungen daflir sorgen, ob ein eingespielter Mechanismus sich erhalt oder unter Veranderungsdruck gerat. Merton variiert diese drei Faktoren zwar nicht mit hinreichender Folgerichtigkeit und Systematik, kann aber eine Reihe ebenso beispielhafter wie plausibler Analysen dariiber vorlegen, wie Handlungsentscheidungen, Abstimmungsmechanismen und deren funktionalen bzw. dysflinktionalen KoUektivfolgen selektiv zusammenwirken. Die ohne Zweifel beriihmteste dieser Analysen diirfte seine Anomie-Studie^^^ darstellen, die sich indessen durch seine ubrigen Untersuchungen unschwer 328 329
330 331 332
Vgl. Merton 1976, S. 124, Merton 1964^ S. 157, Merton 1964^ S. 180 u.a. Merton verwendet den Begriff „Mechanismus" spatestens in seiner Studie zur „funktionalen Analyse" (vgl. Merton 1964^, S. 19ff) und in seiner Referenzgruppentheorie (vgl. Merton 1964^ S. 371 und Merton 1967, S. 43, wo von „social mechanisms" die Rede ist). „Selektion" hingegen bezeichnet einen strukturellen Mikroprozess, der die situativen Bedingungen nennt, unter denen Akteure eine bestimmte Handlung (erfolgreich) durchfuhren konnen und an den sie sich durch die Ausbildung unterschiedlicher Dispositionen „anpassen". Hartmut Esser hingegen spricht spaterhin von „Selektion", um den innerpsychischen Entscheidungsprozess zu bezeichnen. Dass beide Prozesse durch Strukturmodelle verknupfl werden milssen, habe ich (im ersten Abschnitt) erwahnt. Merton 1976, S. 124 Vgl. Merton 1976, S. 125 Vgl. Merton 1964^ S. 13 Iff
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erganzen und erweitern lasst. Seine Modelliiberlegungen gehen in alien Fallen von der Tatsache aus, dass die zu untersuchenden Akteure meinen, das kulturell vermittelte und durch wechselseitigen Zuspruch legitimierte Ziel verfolgen zu sollen, nach Reichtum und Geld zu streben oder wahlweise nach „authority, power, influence and prestige"^"^"^, aber auch nach Liebe und Heiratschancen^^"^, Fortkommen und Karriere^^^ oder nach dem Ruhm, als wissenschaftlicher Erstentdecker gelten zu dtirfen^^^ u.a. Tatsachlich resultiert aus diesen Zielvorgaben insoweit ein Problem fur die Akteure, als sie offensichtlich den Erwerb von sogenannten Positionsgutern"^^ im Auge haben, die sich dadurch auszeichnen, dass jeder Einzelne sie (optimal) nur erwerben und genieBen kann, wenn andere sich ihrer nicht oder - falls es sich um teilbare Gtiter handelt - nur in geringerem Umfang (oder in minderem Wertmass) erfreuen konnen, was wiederum zur zwingenden Folge hat, dass die Rivalitat ihres Konsums zumal solange zunimmt, als die Menge der „Kontestanten" steigt^^^. Eine Gesellschaft, die derartige Ziele flir erstrebenswert halt, wird sich erwartbarerweise durch vielgestaltige Verteilungskonflikte^^^ ebenso auszeichnen wie durch die unausrottbare Neigung ihrer Akteure, sich zur Durchsetzung ihrer Erwerbs- und Erfolgsinteressen illegitime Vorteile zu verschaffen^'*^. Merton beschreibt diese Verteilungsproblematik deutlich als Resultat von „discrepancies between culturally induced personal aspirations and patterned differentials in access to the opportunity structure"^'^^ die vermittels Konkurrenz-, Kampf- und Ausscheidungsprozessen oder durch macht- und institutionengestutzte Redistributions- bzw. Belohungs- und Zuweisungssysteme wenigstens auszugsweise kontroUiert und reguliert werden mtissen, wenn die „competitive order"^"^^ erhalten bleiben soil, welche die gesellschaftliche Verteilung der Positionsgliter (selbstverstandlich keinesfalls immer und uberall erfolgreich) in geregelten und damit legitimen Bahnen halt. In unabwendbarer Folge derartiger (mit unterschiedlichem Nachdruck geregelter) Verteilungsmechanismen kann nicht verhindert werden, dass es Verlierer und „Entfremdete" gibt^"^^, wie wenig sich die Sieger des Verteilungskampfes (bei gegebenen Freiheiten, tiber ihren Gewinn verfiigen zu dlirfen) daran werden hindern lassen, die gewonnenen Pramien in den weiteren Ausbau ihrer herausragenden Position zu investieren, womit sich ihre Wettbewerbschancen auf die Dauer und im Durchschnitt verbessern und die verteilungsbediirftigen Guter (bei weiterhin ungestorter Distributionsdynamik) in den Handen (immer) weniger Akteure akkumulie-
333 334 335 336 337 338 339 340 341 342 343
So seine eigene Aufzahlung, vgl. Merton 1976, S. 124 Vgl. Merton 1976, S. 217ff Vgl. Merton 1964^ S. 195ff Vgl. Merton 1973, S. 439ff, Merton/Barber 2001 Unter diesem Rubrum diskutiert Merton seinen Untersuchungsgegenstand bedauerlicherweise nicht, vgl. dazu vor allem Hirsch 1980 und neuerdings Frank/Cook 1995. Vgl. Frank/Cook 1995, S. lOlff Vgl. Mertonl976, S. 124 Vgl. Merton 1976, S. 125 Merton 1976, S. 125 Merton 1964^, S. 153 Vgl. Merton 1964^ S. 153
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ren^"^"^. D.h. jede Verteilung von Positionsgtitern tendiert zu ihrer eigenen Verstarkung und Erhaltung und kann nur unter hohem kollektivem Aufwand verhindert Oder zuriickgenommen werden. Auf der anderen Seite neigen die potenziell benachteiligten Wettbewerber, wenn sie nicht einer dauerhaften jjOemoralisierung"^"^^ verfallen, dazu, Ausweichstrategien auszubilden und zu ergreifen, die es ihnen erlauben, sich an die Unbilligkeiten ihrer Verteilungssituation „anzupassen"^'^^, wenn sie es nicht vorziehen, gegen ihre sich abzeichnende Dauerbenachteiligung zu rebellieren^"^^ oder abzuwandern und sich an Referenzgruppen zu orientieren, deren Mitgliedschaftsbedingungen sie - ohne gesonderte Verteilungsnachteile zu erleiden glauben erfullen zu konnen^"^^; oder aber die Akteure verbleiben vor Ort und kampfen um ihre Ansprliche, weshalb sie sich zweckvollerweise dazu zwingen sollten, in erhohtem Umfang jene Fahigkeiten zu entwickeln und zu pflegen, denen sie Wettbewerbsvorteile glauben zuschreiben zu konnen^"^^. Keine dieser Reaktionsformen ist (auf der individuellen Ebene) im Ernst vorhersehbar, dagegen spricht schon der durchweg „ambivalente" Einfluss der Handlungssituation auf die Akteure^^^, und keine von ihnen kann im Vorhinein daraufhin abgeschatzt werden, ob ihre gehaufte Verbreitung der Aufrechterhaltung des betreffenden Verteilungs- und Selektionsmechanismus dienlich ist oder ob mit Dysfunktionalitaten fiir dessen Weiterbestand gerechnet werden muss^^^ Entspricht Mertons Erklarungsprogramm den im Eingangskapitel diskutierten Vorgaben? Ich glaube in der Tat, dass es ihnen auch dann nahe kommt, wenn man die letzte Prazisierung des Mechanismusbegriffs - zumal eine eindeutige Vorstellung daruber, was unter einem „sozialen Mechanismus"^^^ zu verstehen ist - vermissen mag^^^. Relativ fraglos besteht Mertons Erklarungsproblem in der Identifikation von Abstimmungsmechanismen, deren selektiven Charakter er durchweg und zu Recht betont. Solche Mechanismen verschaffen den Entscheidungshandlungen einzelner Akteure eine ganz unterschiedHche Wiederholungs- und Durchsetzungschance, indem sie zu kollektiven Verteilungseffekten flihren, die auf die Wahrscheinlichkeiten zurtickwirken, mit der die Akteure weiterhin erfolgreich entscheiden und handeln konnen. Diese - wie wir sie neuerdings nennen: „rekursiven" - Effekte ergeben sich als faktische Folge eines einmal etablierten Mechanismus, der zugleich den Rahmen aufspannt, innerhalb dessen die Akteure die Frage losen 344 345 346 347 348 349 350 351 352 353
Der von Merton analysierte, sogenannte „Matthaus-Effekt" diirfte das bekannteste seiner Beispiel hierfur sein, vgl. Merton 1973, S. 439ff, Merton 1988. Merton 1964^, S. 136 Vgl. Merton 1964^ S. 139ff Vgl. Merton 1964^ S. 155ff Vgl. Merton 1964^, S. 225ff Vgl. hierzu Mertons Untersuchung iiber die Reproduktionsbedingungen des „burokratischen Charakters" in Merton 1964^ S. 195ff Vgl. Merton 1976, S. 3ff Merton hat solche Verhaltnisse unter dem Stichwort der „self-fulfilling prophecy" (vgl. Merton 1964^ S. 42Iff, Merton 1976, S. 124) und im Rahmen seiner Uberlegungen zur „Funktionalen Analyse" untersucht (vgl. Merton 1964^, S. 19ff). Merton 1964^ S. 52 Vgl. Hedstrom/Swedberg 1996, S. 300f
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miissen, fur welche ihrer (beschrankten) Handlungsalternativen sie sich entscheiden mochten. Zur Erklarung der Funktionsweise derartiger Mechanismen kann Merton auf seine (kausal interpretierbare) Handlungstheorie zuriickgreifen, die Handeln als zielorientiertes Wahlhandeln zu erklaren erlaubt, und mit deren Hilfe es ihm gelingt, die Bedeutung der Verteilungsmechanismen flir den entscheidungsbasierten Handlungserfolg bzw. die Generierung von ^Verteilungsmustern"^^"^ abzuschatzen und damit wenigstens in Grundzugen herauszuarbeiten, in welcher Weise und mit welchen Folgen die wechselseitige Abstimmung der Handlungsvorhaben ein Problem flir die Akteure darstellen muss, dem sie sich nur durch (regelabweichende) „Innovation", durch Rebellion, Ritualisierung (bzw. Resignation) oder Abwanderung entziehen konnen. Diese Denkfigur erlaubt es Merton das Verdienst zuzuschreiben, als einer der ersten Soziologen und in erheblich fruchtbarerer Weise als dies seinem groBen Konkurrenten Talcott Parsons vergonnt war, die Logik soziologischer Erklarungen mit der eventuellen Losung des Mikro-Makro-Problems verbunden zu haben^^^; oder anders: Robert K. Merton hat zeigen konnen, dass sich die Erklarungskraft der soziologischen (Handlungs-)Theorie nach dem Grad bemessen lassen muss, in dem sie durch die Benennung und Erforschung „sozialer Mechanismen" zur Verkniipfung der Handlungs- und der Systemebene beitragt, und dass an eine tJberbruckung dieses Hiatus' mit Hilfe rein begrifflich-defmitorischer Mittel oder „analytischer Gesetze" des Makrogeschehens nicht zu denken ist^^^. Merton hat sich nur kursorisch zu den erkenntnistheoretischen Grundlagen seines Theorieentwurfs geauBert^^^; es dtirfte aber logisch zwingend sein, dass seine wiederholte Betonung der Notwendigkeit, vorgeschlagene Hypothesen (in intersubjektiv verbindlicher Weise) zu testen und zu bestatigen und sie nur unter dieser Bedingung zur Grundlage politischer Interventionen zu machen, ohne eine realistische Einschatzung ihrer Erklarungs- und Vorhersagekraft unschllissig bliebe. Globale Theorieentwurfe hingegen sind diesem Zweck wenig dienlich, zumal in ihrem Rahmen empirisch haltbare „Gesetze" nicht aufzuspuren sind^^^. Theoriearbeit sollte zugleich auch weniger darauf gerichtet sein, allumfassende konzeptionelle Systeme^^^ vorzuschlagen oder theorieblinde „statistical materials" anzuhaufen^^^, sondern sich darauf konzentrieren, empirisch fundierte Ergebnisse zu verallgemeinern 354 355 356
357 358 359 360
Wie Hayek bezeichnet auch Merton derartige Handlungsverteilungen wiederholt als „Muster". Vgl. Merton 1976, S. 123 Vgl. zur Methodologie Parsons Schmid 1989, S. 19ff Fararo (2001, S. 101) meint, dass Parsons seine Theoriekonstruktionsstrategie von der Suche nach „analytischen Gesetzen" auf die „specification of explanatory mechanisms" umgestellt habe, was meiner (damaligen) Deutung offenkundig widerspricht; ich bin aber zu Verhandlungen bereit, vgl. Schmid 2004, S. 76ff. In wie weit man die Veranderung von Parsons Problemsicht auf die Mertonsche Kritik zuruckfuhren kann, ist mir nicht bekannt. Vgl. Merton 1967, S. Iff, 39ff, Merton 1964^ S. 85ff, 102ff Vgl. Merton 1964^ S. 95f Merton 1967, S. 45ff Mit Sicherheit denkt Merton dabei an das handlungstheoretisch unterkomplexe AGIL-Schema, das Parsons seit Beginn der 50er Jahre offensiv propagierte. Merton 1976, S. 222
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bzw. theoretische „Konsolidierung en"^^^ zur kontroUierten Ableitung von testbaren Hypothesen anzustreben, um deren Ad-hoc-Charakter zu meiden. In jedem Fall soil dabei ein Verallgemeinerungsgrad solcher („konsolidierenden") Systematisierungen erreicht werden, der es dem Soziologen erspart, sich zwischen historisch konkreten Beschreibungen singularer Ereigniskonstellationen und „the absolutizing of (a) paradigm"^^^ entscheiden zu mtissen. Dass solche konsolidierten Hypothesen auf die Erhellung jener „social mechanisms" gerichtet sein mtissen, betont Merton zwar nicht eigens, durfte aber die zwingende Konsequenz seines oben geschilderten „strukturalistischen" Erklarungsprogramms darstellen. AUerdings weist die Mertonsche Forschungsprogrammatik auch einige Lucken und Unzulanglichkeiten auf. Zum einen wird die Genese der Verteilungs- und Selektionsmechanismen nicht eigens und ausdrucklich erklart; stattdessen setzt Merton deren Existenz und Wirkungsweise voraus - allerdings ohne diesen Schritt mit der Behauptung zu verbinden, man konne ihr Zustandkommen nicht erklaren. Dass sie sich infolge der unerwarteten und zugleich dysfunktionalen Externalitaten des gemeinsamen Handelns verandern konnen bzw. zu deren Meidung aktiv umgestaltet werden mtissen, gesteht Merton eindeutig zu. Man kann daraus die Folgerung Ziehen, dass er an der Notwendigkeit festhalt, die Reproduktions- und Transformationsbedingungen sozialer Prozesse im Handeln der daran beteiligten Akteure zu suchen, womit er sich im Grundzug darauf festlegt, dass sein (vordergrtindig) strukturalistisches „Paradigma" methodologisch-individualistisch und d.h. theorietechnisch: mikrofundierend verfahrt. In welchem Umfang die dabei zu untersuchenden Mikro-Makro- bzw. Makro-Mikro-Zusammenhange als ein Kausalgeschehen konzipiert werden mtissen, hat Merton aber genau besehen nicht abschlieOend klaren konnen^^^. Dass und wie (genau) Mikrofundierungen mit Hilfe von handlungskausal fundierten Mechanismen vorgenommen werden sollten, wie Hayek, Bunge und Little fordern, hat entsprechend erst die Schiiler- und Nachfolgegeneration Mertons mit hinreichender Prazision und Folgerichtigkeit diskutiert. Zum weiteren erleichtert sich Merton die Modellierungsarbeit dadurch, dass er die Akteure als singulare, atomistische Entscheider einflihrt, die alleine fur sich und auf eigene Rechnung und 361 362 363
Merton 1967, S. 51, Merton 1976, S. 129. Ich habe die Logik dieses Verfahrens (leider) nie begriffen. Merton 1967, S. 72 Vgl. Merton 1967, S. 68, wo er behauptet, seine „middle range theories" wiirden den Hiatus zwischen Mikro- und Makroebene iiberwinden, zugleich aber unklar bleibt, welchen Sachverhalt er ansprechen mochte (und ob er mit seinen Auffassungen „richtig liegt"): Einesteils vermutet Merton (1976, S. 146, 148), dass die Zurechnung von (unintendierten) Folgewirkungen des individuellen Handelns ein „problem of causal imputation" aufwerfe, woraus man schlieften kann, dass er kausale Erklarungen des Mikro-Makro-Zusammenhangs zu geben beabsichtigte. Den Makro-Mikrozusammenhang andererseits modelliert er ganz im Sinne von Durkheim (und Marx) als strukturelle Pragung des Handelns, was den Verdacht nahe legt, dass Merton den Tatbestand, dass sich Akteure auch dann fiir ein Handeln entscheiden mussen, wenn sie strukturellen Beengungen (oder eben: Pragungen) unterliegen, nicht beriicksichtigen kann. Coleman hat diese Kurzsichtigkeiten spaterhin bedauert, wahrend Lindenberg und Esser dieses Erbe der Durkheimschen Sozialtheorie zugunsten einer unmissverstandlichen handlungstheoretischen Mikrofundierungsthese ausschlagen werden.
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Verantwortung handeln, wobei ihnen in der Kegel - und, well Merton in erster Linie Verteilungsprozesse und deren Effekte modelliert, auch verstandlicherweise gleichartige, homogene Zielfunktionen unterstellt werden, was erlaubt, die (beobachtbaren) Differenzen von Verteilungseffekten auf die (ungleichen) Restriktionen der Akteure zurtickzufuhren; und in einem ahnlich gelagerten Idealisierungsschritt rechnet Merton alle Folgewirkungen des kollektiven Handelns (in aller Kegel) den einzelnen Akteuren zu. D.h. inhomogene Gemengelagen von Zielvorstellungen einerseits und Absprachen, Vertrage, Koalitionen und andere Formen von Kollektiventscheidungen und deren eventuelle Externalitaten flir AuBenstehende andererseits werden ebenso wenig berucksichtigt wie die (damit verbundenen) Dynamiken und Formen des kollektiven Handelns, was moglicherweise einem Kest an funktionalistischem Denken geschuldet ist, das Merton dazu verfuhrt, vor allem die Entlastungsfunktion geregelter sozialer Verhaltnisse zu betonen und die Organisiertheit des sozialen Lebens als fraglosen Zielpunkt jeder Sozialanalyse zu akzeptieren^^"^. Und endlich weisen Mertons Uberlegungen auch insoweit eine einseitige Ausrichtung auf, als seine auffallendsten Beispiele die Verteilung von (flingiblen wie nichtfungiblen) Positionsgutern behandeln, kaum aber die Kollektivgutproblematik, die viele seiner Kolleginnen und Kollegen in den Vordergrund ihrer theoretischen Ordnungsvorstellungen riicken, und ebenso wenig Tauschmarkte flir private und beliebig teilbare Outer, deren Verteilungswirkungen ihn eigentlich batten interessieren miissen, die zu bearbeiten Merton aber offenkundig der Okonomie vorbehalt (oder uberlasst). Insoweit besitzt die Theorie Mertons nur deshalb ein eigenstandiges Profil, weil er darauf verzichtet der Vermutung nachzugehen, dass die Forschungsthemen (mancher) der Nachbarwissenschaften dann dem eigenen Forschungsprogramm angeschlossen werden konnten, wenn es gelange, die Herstellung und Bereithaltung von offentlichen oder teiloffentlichen Giitern wie die Durchsetzung von Markten in zwangloser Erweiterung des eigenen Kernmodells desgleichen als ein Produkt der Funktionsweise von selektionswirksamen Verteilungsmechanismen zu verstehen. Ich glaube, dass Kobert Merton die theorieintegrierende Kraft bzw. die Erweiterungsbediirftigkeit seiner Modellierungsvorschlage aus zwei Griinden unterschatzt hat^^^: Zum einen hat er sich nie in dem Umfang um die Logik sozialwissenschaftlicher Erklarungen gekiimmert, der hatte sichtbar machen konnen, dass die Vereinheitlichung der soziologischen Forschungspraxis nicht nur mit Hilfe der theoretischen „Konsolidierung" bereichspezifischer Hypothesen^^^, sondern auch unter dem Einsatz von Mikrofimdierungstechniken, wie sie Mario Bunge und Daniel Little favorisieren, hatte vorangetrieben werden konnen^^^; zum anderen hat er sich in 364 365 366 367
Vor diesem Hintergrund wird der Aufruhr leicht verstandlich, den Mancur Olsons „Logik des kollektiven Verhaltens" (1968) hervorgerufen hatte. Dass solche Anschliisse moglich sind, sieht Merton durchaus, vgl. Merton 1976, S. 119. Hedstrom (2005, S. 9) beurteilt Mertons Theorienstrategie deshalb zu Recht als „eklektizistisch". Wie wir sehen werden, woUen Hartmut Esser und (in Grenzen) Renate Mayntz diese beiden Systematisierungstechniken in der Form einer bereichspezifischen Zusammenfassung mikrofundierender Erklarungsargumente vereinen. Auf diese Weise lassen sich dann auch die
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Reaktion auf die wissenschaftstheoretischen Debatten seiner Zeit, und vor allem zur Abwehr der Feyerabendschen Anarchismus-Rhetorik, der Kuhnschen Paradigmalehre angeschlossen und, ohne deren relativistischen Konsequenzen zu bedenken, die „pluraiistische kognitive Struktur der Soziologie"^^^ verteidigt. Obwohl eine solche Sichtweise des Erkenntniszustandes der Soziologie seiner Idee einer theoretischen Konsolidierung in letzter Instanz widersprach, schien ihm eine derartige Position der Bescheidenheit nicht zuletzt auch mit einem sorgenvollen Seitenblick auf die wenig entwickelte Lage der theoretischen Soziologie und auf die in seinen Augen allzu vollmundigen Integrationsanspruche seines Kollegen Talcott Parsons^^^ unvermeidbar gewesen zu sein^^^. Allerdings waren nicht alle seiner Nachfolger und Adepten, die der Erforschung handlungstheoretisch ftindierter Abstimmungsmechanismen das Wort reden wollten, bereit, sich dieser zurtickhaltenden Parole von der „Pluralitat theoretischer Orientierungen"^''^ anzuschlieOen. Das gilt vor allem fur James S. Coleman nicht^^^, der das Mertonsche Programm unter der selbstbewussten Anktindigung fortfiihren wollte, dass „there is, of course, only one social science"^^^, und der zu diesem Zweck Mertons Theoriekonstruktionsstrategie - wie sich zeigen wird - einer mehr als grundlichen Revision unterzog^^"^.
3.2 Individuelle Rationalitat und die „Interdependenz von Handlungen": James S. Coleman Man konnte bestreiten, dass James Coleman sich um die Herausarbeitung einer Theorie mechanismischer Erklarungen verdient gemacht hat, zumal er den Begriff „Mechanismus" - soweit ich sehe - nur selten verwendet^^^. Tatsachlich aber taucht
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„Besonderheiten der fUnktionalistischen Analyse" tilgen, die Merton mit seinen Zeitgenossen teilte (vgl. Coleman 2000, S. 57). Merton 1976, S. 129ff. Gegen Parsons hatte sich Merton (ausdrticklich) erst relativ spat in seiner Karriere gewehrt, vgl. Merton 1948 und den veranderten Nachdruck dieser Arbeit in Merton 1967, S. 39ff Vgl. Merton 1976, S. 129ff, Merton 1981 Merton 1976, S. 129 Das trifft auch fur Stinchcombe 1975 und Sztompka 1986 zu, die beide in dieser Frage eine offensivere Position vertreten als Merton. Coleman 1992, S. 119 Vgl. Coleman 1976, S. 85 Vgl. Coleman 1991, S. 11, Coleman 1992a, S. 189, Coleman 2000, S. 76. Stinchcombe (1993, S. 23) behauptet indessen, dass Coleman (vor allem) am Gebrauch von Mechanismen im Rahmen von politischen Beratungsprozessen interessiert (gewesen) sei, und Thomas Fararo (2001, S. 260) reklamiert Colemans Theorie als Unterstutzung seiner eigenen Bemiihungen, den „inner mechanism of the systems of actors, (and) not an inner mechanism of the individual actor" zu identifizieren, vgl. mit ahnlicher Implikation auch Rios 2004, S. 80f
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er als „Interdependenz"^^^, (als organisatorische) „Verknupfiing"^^^ oder als „structural connectedness"^^^ auf, und zudem sollte man Colemans Theoriesicht im vorliegenden Zusammenhang alleine deshalb besprechen, well er auf die nachfolgende Diskussion insbesondere dadurch Einfluss gewann, dass er dem soziologischmechanismischen Erklarungsschema eine Darstellungsform verschafft hat, derer sich (fast) alle bedient haben, die sich dariiber Gedanken machen, wie man die Regeln der soziologische Erklarungsmethode in einem der Explikation von Abstimmungsmechanismen dienlichen Sinn systematisieren kann. Ausgangspunkt seiner Neubestimmung der „Grundlagen" der soziologischen Erklarungspraxis^^^ ist dabei zunachst die These, dass es nicht nur darauf ankomme, „Muster" und „soziale Regelmafiigkeiten" des positionalen Wettbewerbs zu erklaren, worauf sich Merton beschranken wollte; vielmehr sucht Coleman - durchaus in Ubereinstimmung, mit der Bungeschen Systemphilosophie - die verallgemeinerte Sicht zu verteidigen, wonach „ein zentrales Problem der (und d.h. allerf^^ Sozialwissenschaften darin besteht, zu erklaren, wie ein soziales System funktioniert"^^^ wobei er die disziplinaren Grenzziehungen, die verschiedene Sozialwissenschaften voneinander trennen, zu ignorieren vorschlug^^^ bzw. Konvergenzen in die Richtung auf ein einheitliches Erklarungsideal aller Sozialwissenschaften entdeckte^^^. Natlirlich hat Coleman nicht libersehen, dass verschiedene Disziplinen unterschiedliche Themen und Sachgebiete zu bearbeiten pflegen; dies war ihm aber kein hinreichender Grund dafur auBer Acht zu lassen, dass die Logik sozialwissenschaftlicher Erkldrungen derartige thematischen Unterschiede nicht widerspiegelt^^"^. Seiner Auffassung folgend sind alle sozialwissenschaftlichen Disziplinen in gleicher Weise darauf angewiesen, Interdependenz- bzw. Interaktionssysteme (oder „Handlungssysteme" - wie Coleman beide Systemformen summarisch nennt^^^) zu erforschen, wozu sie - wie er argumentiert: notwendigerweise - auf eine Handlungstheorie zuriickgreifen mtissen, mit deren Hilfe sie die Systemdynamik erklaren konnen. Derartige Systemerklarungen mtissen demnach dazu in der Lage sein, den Zusammenhang zwischen der Handlungsebene und der Systemebene zu bearbeiten und d.h. das Mikro-Makro-Problem zu losen, wobei das Explanandum solcher Sys-
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Vgl. Coleman 1991, S. 25ff. In Winship/Rosen (eds) 1988, S. 267 wird Colemans Forschungsinteresse als "development of sociological theory based on rational action of interdependent actors" beschrieben. Vgl. Coleman 1991, S. 54 u.a. Coleman 1964, S.444f Fur deren Rekonstruktion vgl. Schmid 2004a Mein Einschub Coleman 1991, S. 1 Vgl. Coleman 1992, S.119f Vgl. Coleman 1976, S. 77ff Vgl. Coleman 1976, S. 79ff, Coleman 2000, S. 55 Man vgl. den Untertitel von Coleman 1991, wo von „Handlungen und Handlungssystemen" die Rede ist. Boudon (1980) wird spaterhin zwischen Interdependenz- und Interaktionssystemen unterscheiden, um die Eigenart der ihnen zugrunde liegenden Mechanismen sichtbar zu machen.
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temerklamngen „Phanomene der Makroebene"^^^ beschreibt. Tatsachlich glaubte Coleman weder daran, dass es empirisch haltbare Kausalbeziehungen zwischen Makrozustanden geben konne^^^ - weshalb sich die Suche nach verallgemeinerungsinduzierten „sozialen Gesetzen"^^^ und der Riickgriff auf eine Hempelianischen Erklarungspraxis, die auf deren Existenz angewiesen ist, kaum lohnen kann; noch hielt er es flir moglich, den „Motor"^^^ der Systementstehung und des Systemwandels ohne erklarenden Rekurs auf das informierte und zielgerichtete Handeln individueller Akteure zu entdecken und zu verstehen. Entsprechend ging es Coleman um die Entwicklung eines Erklarungsarguments, das dazu in der Lage sein sollte, zwei entscheidende Probleme (zugleich) zu losen, namlich einmal, „wie sich die zweckgerichteten Handlungen der Akteure zu Systemverhalten verknupfen" und umgekehrt, „wie diese (Handlungen) durch die aus dem Systemverhalten resultierenden Zwange geformt werden"^^^. Zur Explikation der Logik eines derartigen Erklarungsarguments schlug Coleman ein „dreigeteiltes Paradigma"^^^ vor, das seither unter der Bezeichnung „Colemansche Badewanne"^^^ zum Markenzeichen seines Systematisierungsvorschlags geworden ist^^^ Kernpunkt dieser Modellfigur ist die Beobachtung, dass „das Hauptproblem bei der Erklarung von Systemverhalten"^^"^ dessen Zerlegung in drei getrennte Schritte erfordert. In einem ersten Schritt muss gezeigt werden konnen, vor welchem Problem die Akteure stehen bzw. wie sich bestimmte Eigenheiten ihrer sozialen Situation auf ihr Handeln (restriktiv) auswirken, kurz: welcher „Anreizstruktur"^^^ sie sich ausgesetzt sehen; sodann muss ein Argument vorgelegt werden, das den tJbergang von der Handlungssituation zur Handlung selbst erlaubt; und endlich sollte in einem dritten Schritt der Nachweis gefiihrt werden konnen, dass und wie sich die Handlungen der Akteure bzw. deren Konsequenzen so „verknupfen" oder „kombinieren" lassen, dass der erklarungsbediirftige soziale Sachverhalt „spontan" und
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Coleman 1991,8.24 Vgl. Coleman 1986, S.85, Coleman 1991, S. 27 Vgl. Coleman 1964, S. 9, 26 Coleman 1992b, S. 147, Coleman 2000, S. 56 Coleman 2000, S. 58f Coleman 1991, S. 24. An anderer Stelle (1987, S. 155) spricht er von „multilevel systems of propositions". Vgl. Coleman 1987, Coleman 1991, S. 7ff Vgl. Norkus 2000, S. 260. Die Colemansche Darstellungsform haben viele andere Autoren - allerdings ohne in alien Fallen auf die Passgenauigkeit ihrer Entlehnung zu achten - iibernommen. Bunge bezeichnet diese Modellfigur an mehreren Stellen (auch Coleman zu Ehren, dessen Rationaltheorie des Handelns er - wie besprochen - ansonsten nicht sehr schatzt, vgl. Bunge 1998, S. 79ff) als „Boudon-Coleman-Diagramm", vgl. Bunge 1996, S. 149, 280f, Bunge 1998, S. 77f, 146 u.a. Man sollte aber nicht verschweigen, dass (offenbar unabhangig von Coleman und unbemerkt von dessen Anhangem) Bhaskar 1989, S. 92ff einen (fast) gleichlautenden Formalisierungsvorschlag unterbreitet hat. Coleman 1991,8.7 Coleman 1991,8,25
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zumeist unvorhersehbarerweise entsteht^^^. Dieser zuletzt genannte Mikro-Makrotjbergang ist fiir Coleman deshalb besonders problematisch, weil in seinen Augen und anders als dies dann Lindenberg und Esser sehen wollten - zu seiner Konstruktion eine formal-mathematische „Aggregierung" nicht ausreicht, sondern „some form of interdependence" modelliert werden muss^^^; d.h. die Modellierung des Zusammenhangs zwischen Handlungs- und Systemeben sollte den (faktischen) Einfluss von beziehungsstiftenden Netzwerken berucksichtigen, deren Handlungsbedeutsamkeit Coleman bisweilen unter dem Gesichtspunkt ihrer Regulierungsbedlirftigkeit^^^ und ihres Sozialkapitalcharakters analysiert^^^. Und umgekehrt ist die Existenz solcher Interdependenzen, die das Handeln der einzelnen Akteure und dessen Folgen zu benennbaren Kollektiveffekten auf eine zum Teil hochst undurchsichtige Weise „verdichten", zugleich der Grund dafiir, dass man auf deren mikrofundierende Erkldrung^^^ nicht verzichten kann'^^^ Zum Beleg dieser Auffassung argumentiert Coleman auf zwei eng zusammenhangenden Ebenen: Einer metatheoretischen und einer vornehmlich substanziellen. Zunachst sucht er Anschluss an einen richtig verstandenen Methodologischen Individualismus"^^^, der weder darauf abstellt, reduktionistisch zu verfahren, noch ein Systemverhalten einzig unter Verweis auf die direkte und unvermittelte Aggregierbarkeit „individueller Handlungen und Einstellungen" erklaren mochte, sondern in 396 397
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Vgl. Coleman 1992, S. 127. Coleman schiebt also meinen zweiten und dritten Erklarungsschritt zusammen und lasst - wie wir noch sehen werden - den vierten unbehandelt. Das gilt auch fiir viele, die Colemans Systematisierung folgen. Coleman 1987, S. 157, Coleman 2000, S. 68. Coleman (1987, S. 157ff und Coleman 1991, S. 25ff) nennt eine lose Reihe solcher „Verknupfungen", die allesamt als „Interdependenzmechanismen" bezeichnet werden konnen: Exteme Effekte, bilateraler Tausch, kollektive Entscheidungen, formale Organisation, Rechts- und Normbildung. Vgl. Coleman 1990, S. 31 Iff Vgl. Coleman 1990, S. 389ff Coleman 1986a und Coleman 1987 fuhren den Begriff der „Mikrofundierung" zwar im Titel, er kummert sich aber nicht um dessen Bedeutung bzw. um eine genauere Explikation der Logik mikrofundierender Erklarungs verfahren. Vgl. Coleman 1994a, S. 165f Dass Coleman sich auf letztlich undurchfuhrbare, formalrechnerische Verfahren zur Aggregation individueller Handlungen habe beschranken mtissen, wie ihm Mouzelis 1995, S. 40 vorwirft, kann ich nicht sehen (vgl. Coleman 1964, S. 4Iff, 522ff), vielmehr hangen exteme Effekte immer auch von den rechtsgeregelten Verhdltnissen (und den daraus resultierenden Interdependenzen) der Akteure ab, die fiir meine Begriffe im Zentrum seiner Theoriebemuhungen stehen, vgl. Coleman 1994, S. 153ff; in gleicher Weise halt Renate Mayntz Coleman zunachst vor, er wolle die Aggregationseffekte „directly from individual action" (d.h. ohne Vermittlungsmechanismus) entstehen lassen, um diesen Vorwurf an anderer Stelle aber zuruckzunehmen (vgl. Mayntz 2004, S. 252); Coleman hatte aber in der Tat wenig zur genauen Kennzeichnung solcher Wechselverhaltnisse anzubieten und wollte sich diese offensichtlich auch deshalb ersparen, weil er sich zur Erlauterung der von ihm untersuchten „reinen Tauschgeschafte" dazu berechtigt fiihlte, diQ Bedingungen des betreffenden „Interdependenzmechanismus" (i.e. gesicherte Eigentumsrechte, freier „Marktzugang", Nulltransaktionskosten, vollstandige Information, keine tauschhinderliche Intervention Dritter etc.) vorauszusetzen. Vgl. Coleman 1991, S. 6f, Coleman 1994a, S. 165f Den Colemanschen Methodologischen Individualismus behandelt Udehn 2001, S. 292ff ausftihrlicher als ich es an dieser Stelle tun kann.
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dessen Rahmen ein Systemgeschehen als emergentes Phanomen'^^^ berticksichtigt werden kann, dessen Existenz von den Akteuren, die es hervorbringen, weder beabsichtigt, noch geplant gewesen sein muss, und dessen (strukturelle) Eigenart jederzeit auf die weiteren Handlungsmoglichkeiten der betreffenden Akteure zurlickwirkt. Damit distanziert sich Coleman von vier gewiciitigen sozialtheoretischen Traditionen gleichermaBen. Zum einen wird er gegen die Parsonssche Systemtheorie vorstellig, die Systemanalysen mittels Gleichgewichtsmodellen betreiben wollte, ohne die dabei auftretenden Dynamiken mit den Handlungen zielorientierter Individuen in Verbindung bringen zu konnen'^^'^; zum anderen wendet sich Coleman aber auch gegen George C. Homans, der dazu tendiert hatte, Strukturemergenzen in individuelles Handeln aufzulosen, das er seinerseits nicht als zielorientiert und entscheidungsgepragt, sondern als operant konditioniert verstanden hatte, was Coleman gelinde gesagt: absurd vorkam"^^^; verdachtig ist Coleman zudem auch jeder Versuch, das Systemgeschehen ausschlieBlich mit Hilfe theoretisch uninterpretierter, statistischer Korrelationen zu erfassen, wozu die sogenannte „Variablensoziologie""^^^ neigt, und endlich wehrt sich Coleman unausgesetzt und hartnackig gegen den Versuch, Handeln ausschlieBlich unter Verweis auf seine „deterministischen" Strukturbedingungen zu erklaren, wozu ihn ebenso insistent die emphatischen Vertreter einer soziologischen Strukturtheorie tiberreden woUten"^^^. Coleman erganzt und stiitzt diese methodologische Verteidigung seines Forschungsprogramms durch wiederholte Betrachtungen daruber, welcher der moglichen Handlungstheorien die Mikroflindierung emergenter Phanomene anvertraut werden kann. Ohne sich allerdings auf einen aufwendigen und detailgerechten Theorienvergleich einzulassen, vertritt er die These, dass sich alle jene Theorien wenig zur Mikroflindierung „sozialer Phanomene" eignen, die zum einen jedes Handeln unter Verweis auf „auBere Zwange und unbewusste innere Impulse"'^^^ erklaren, ohne dem Akteur die Fahigkeit und Notwendigkeit, sich zu entscheiden, zuzugestehen, und/oder die zum anderen zu zeigen versaumen, dass sich die KoUektivfolgen des Handelns der Akteure nur ausbilden, weil sie sich in Interdependenzsituationen
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Coleman erweist sich damit als ein idealtypischer Vertreter dessen, was Sawyer 2001, S. 552 als einen „individualistic emergentist" bezeichnet hat. Coleman 1990, Coleman 2000, S. 56f Vgl. Coleman 2000, S. 57. Dem Homansschen Versuch einer Reduktion soziologischer Explananda auf psychologische „generalization" stand Coleman (bereits fruh und wahrscheinlich infolge der Beurteilungen seines Lehrers Merton) mehr als distanziert gegeniiber, vgl. Coleman 1964, S. 31, 103f. Der Grund liegt auch darin, dass sich Coleman eine freiheitsverbiirgende politische Philosophic auf der Basis eines Skinnerschen Handlungsverstandnisses, das darauf verzichten muss, „die Handlung so zu betrachten, dass sie aus der Sicht des Akteurs als rational erscheint" (Coleman 1991, S. 22 - meine Ubersetzung), schlicht nicht vorstellen kann. Auch durfte, solange das Herstellen von Theorien eine Handlung darstellt, nur schwer verstandlich zu machen sein, wie die Theorienproduktion eines operant funktionierenden Theoretikers aussehen soil (vgl. Coleman 1991, S. 20). Vgl. Coleman 2000, S. 57 Hier ist vor allem Peter M. Blau (1977) zu erwahnen, der sich verschiedentlich gegen das Colemansche Erklarungsprogramm ausgesprochen hat, vgl. Blau 1993. Coleman 1991, S. 21
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befmden, die ihre Entscheidungen miteinander verkniipfen'^^^. Entsprechend schlagt Coleman vor, eine fiir die erforderlichen Mikroflindiemngsschritte taugliche Theorie'*^^ zum einen als Wahl- bzw. Entscheidungstheorie anzulegen; und er mochte zum anderen bemcksichtigt wissen, dass die Akteure interdependent nur solange handeln miissen und konnen, als sie angebbare Ressourcen kontrollieren, an denen sie und andere ein Interesse haben, und durch deren Verausgabung sie zum einen ihre Interessen bedienen, zum anderen aber auch Macht ubereinander gewinnen konnen. In diesem Zusammenhang wehrt sich Coleman gegen die - immer wieder vorgetragene - Unterstellung, die von ihm ins Auge gefasste Handlungstheorie sei nicht dazu in der Lage, der eventuellen Normorientierung der Akteure gerecht zu werden"^^^; vielmehr weiB er sehr wohl, dass Akteure ihre Verkehrsverhaltnisse nur dann friedfertig, ausbeutungsfrei und ohne unertragliche Schadigungseffekte zu provozieren zu steuern und zu regeln vermogen, wenn sie sich darauf einigen, bestimmte Rechte in Anspruch nehmen zu diirfen bzw. Normen beachten zu wollen, mit deren Hilfe sie ihr Handeln wechselwirksam kontrollieren und organisieren"^^^. Man hat Colemans Pladoyer, hierfur eine Rationaltheorie des Entscheidens vorzusehen, immer wieder und teilweise mit weltanschaulicher Aufgeregtheit kritisiert"^^^. Tatsachlich gesteht er zu, dass eine solche Theorie die Entstehungsbedingungen der Praferenzen, die dem Handeln des Einzelnen zugrunde liegen, unerortert lasst und zahlreiche „Anomalien" aufweist"^^"^; auf der anderen Seite stellt eine solche Theorie des ziel- und absichtsgeleiteten Entscheidens trotz ihrer Unvollstandigkeit bzw. Korrekturbedurftigkeit und -offenheit"^^^ in seinen Augen die einzige erklarende (und nicht nur beschreibende)"^^^, umfassende und vorhersagekraftige"^^^ und zudem einfache Theorie"^^^ dar, die einesteils hinreicht, um dem basalen Tatbestand gerecht zu werden, dass „each actor will act so as to best satisfy his interest, given his resources""^^^, und die andernteils trotz ihrer Vereinfachungen dazu taugt, das Zustandekommen auch komplexer „struktureller Konfigurationen""^^^ zu beschreiben und zu erklaren'^^^ weil sie zulasst, das Handeln der Akteure in Abhangigkeit von ihren Bewertungen und Erwartungen bezuglich dessen zu erfassen, was 409 410 411 412
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Colemans Dokumentationsbeispiel sind Theorien, die die Entsteliung von Revolutionen direkt - und d.h. ohne das Problem der „collective action" zu losen - auf die psychischen Befmdlichkeiten von einzelnen Akteuren zuriickfiihren wollen, vgl. Coleman 1990, S. 12f. Vgl. Coleman 1991, Coleman 1992, Coleman 1992b, Coleman 1994 u.a. Vgl. Alexander 1992 Dass soziale Systeme auf der Basis von Verteilungen von Handlungsrechten organisiert werden mussen, hat Coleman immer wieder betont, vgl. Coleman 1986, Coleman 1990a, Coleman 1991, Coleman 1992, Coleman 1993; er hat sich nur geweigert, die Existenz solcher Normierungen als „gegeben" vorauszusetzen, vgl. Coleman 1991, S. 311. Vgl. fur einen kurzen Uberblick uber diese Kritik Miiller/Schmid 1998, S. 17ff Vgl. Coleman 1991, S. 17f, Coleman 1992, S. 120 Vgl. Coleman 1976, S. 91, Coleman 1992, S. 124 Vgl. Coleman 1976, S. 80, Coleman 1992, S. 124 Vgl. Coleman 1992, S. 120 Vgl. Coleman 1991, S.23f Coleman 1974, S. 150 Coleman 1976, S. 81 Vgl. Coleman 1991,8.24
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die jeweiligen Mitakteure absehbarerweise tun"^^^. Coleman kommt es in diesem Zusammenhang weniger auf die (durchaus strittige) Wahrheit der Rationaltheorie (und deren Nutzenmaximierungsthese'^^^) als darauf an, tiber eine wenigstens „bisweilen wahre Theorie"'^^'^ zu verfiigen, die im Grundsatz zu zeigen erlaubt, wie sich Handlungssysteme aus den voluntaristischen Handlungen der Akteure herstellen und aufrechterhalten, die aber auch eine in Politikberatung ausmundende, „rationale Rekonstruktion der Gesellschaft""^^^ erlaubt, die sich ihrerseits - um jeden Paternalismus zu vermeiden - an den Effizienz- und Bewertungskriterien orientieren kann, welche die sie betreffenden Akteure selbst als relevant und verbindlich einstufen^'^ Auch wenn Coleman in letzter Instanz alleine deshalb nicht zu einer (vollstandigen) Theorie dynamischer sozialer Handlungssysteme durchgedrungen ist, weil seine Modellbildung die Riickwirkungen der Handlungsfolgen auf die Interessen und Machtausstattungen der Akteure nicht systematisch einbezieht"^^^, und der Geltungsbereich seiner Uberlegungen uberdies infolge ihrer Beschrankung auf (freiwillige) Tauschprozesse den vielleicht erwunschten Allgemeinheitsgrad nicht hat erreichen konnen"^^^, so kann sein Theorievorschlag doch die folgenden Positiva verbuchen: Zum einen lasst er an der Notwendigkeit, soziale Phanomene mikroflindierend zu erklaren, keinen Zweifel aufkommen; dass zu diesem Zweck eine formalisierbare Handlungstheorie vonnoten ist und entwickelt werden kann, die die „Logik der Selektion" - wie sie Hartmut Esser nennen wird - so genau wie moglich erfasst, fmdet in ihm einen nachhaltigen FUrsprecher"^^^. Ebenso eindeutig ist sein Pladoyer zugunsten einer ausbaufahigen Modellheuristik, die darauf abzielt, die hochst variablen situativen Umstande, unter denen Akteure agieren mussen, einesteils mit Hilfe der unterstellten Rationaltheorie zu erschlieBen und auch jenseits der zunachst modellierten Merkmale (namlich „institutionelle Regeln und Normen bzw. distributive Eigenschaften""^^^ von Handlungssystemen) zu untersuchen; auf der anderen Seite erlaubt die von Coleman verteidigte Modelltheorie aber auch, die unterschiedlichen strukturellen Anwendungsszenarien der Rationaltheorie dazu zu nutzen, diese (selbst) empirisch zu kontrollieren und gegebenenfalls zu revidieren'^^^ obgleich er nicht sah, dass sich der Sozialforscher einen Gefallen damit tut, die zur Erklarung (verschiedenartiger Makroeffekte) herangezogene Rational- oder Handlungstheorie bei jeder gescheiterten Anwendung einer ernsthaften und grundlichen
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Vgl. Coleman 1991, S. 16ff Diese These von der Maximierung des individuellen Nutzens akzeptierte Coleman nur aus berechnungstechnischen Griinden (vgl. Coleman 1991, S. 23), nicht weil er sie fiir empirisch wahr gehalten hatte. Coleman (1964, S. 516ff) hatte von sogenannten „sometimes-true theories" gesprochen. Vgl. Coleman 1993 Vgl. Coleman 1976, S. 91ff, Coleman 1990a Vgl. Braun 1996, Bunge 1998, S. 79ff, Fararo 1996, S. 280ff und Fararo 2001, S. 273ff Vgl. Bunge 1998, S. 79ff Vgl. Coleman 1964, Coleman 1994 Coleman 1994, S. 10 Vgl. Coleman 1994a, S. 169
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Revision zu unterziehen"^^^, solange sich ihre Anwendungsbedingungen systematisch korrigieren und variieren bzw. erweitern und damit zusatzliche (und entsprechendfruchtbare)Themenfelder finden lassen. Es ist sicher nicht schwer, Colemans Theorie der Modellbildung infolge dieser (zuletzt genannten) Empfehlung einen gewissen Instrumentalismus zu testieren. Ich denke indessen, dass man ihm dies nachsehen kann, wenn man vermerkt, dass er bereits frtih in seiner Karriere - zeitlich parallel zu korrespondierenden Einsichten, die sich bei Hayek und Bunge fmden - eine gdnzlich andere Theorieauffassung favorisiert hatte als jene, auch von seinem Lehrer Merton geteilte Vorstellung, wonach die unabdingbare Voraussetzung fur eine sozialwissenschaftliche Erklarung darin zu sehen sei, dass der Theoretiker auf Pramissen zuruckgreifen kann, die er aus positiv getesteten, induktiv verallgemeinernden Hypothesen gewonnen hat"^^^. Entgegen dieser Deutung sind Theorien (oder deren Gesetze) flir Coleman keine Verallgemeinerungen und sie behaupten keine (empirischen) Regelhaftigkeiten; da alle derartigen Verallgemeinerungen auf bruchigen induktiven Fundamenten beruhen und immerzu mit fehlerhaften empirischen Implikationen verbunden sind, macht es seiner Auffassung folgend keinen Sinn, Erklarungsargumente unter der Voraussetzung anzubieten, dass bestimmte Generalisierungen wahr sind, wenn man zugleich weiB, dass dies nicht der Fall sein kann; stattdessen ist es in seinen Augen sehr viel verniinftiger, Regelhaftigkeiten des Sozialgeschehens als einen (seinerseits) erklarungsbedtirftigen Sachverhalt aufzufassen, dessen Beschreibung als Explanandum einer („synthetischen"'^^'^) „Theorie" deduziert werden kann, die die Bedingungen angibt, unter denen die betreffenden Regelhaftigkeiten zu erwarten sind oder eben gerade nicht. Eine derartige „synthetische Theorie", die dies leistet, rechnet mit dem Auftauchen von Regelhaftigkeiten offenbar nur unter spezifischen Bedingungen, und es ist Aufgabe der („synthetisierenden") (Modell-)Analyse, diese Bedingungen und ihre Konsequenzen ftir die zwischenmenschlichen Abstimmungsverhaltnisse zu identifizieren. Dass diese (jeder derartigen Modellbildung) „underlying theory""^^^ eine Handlungstheorie sein muss, die die Intentionalitat und Ressourcengebundenheit des menschlichen Handelns behauptet, konnen wir angesichts der spateren Schriften Colemans voraussetzen"^^^. Damit aber drangt sich die folgende Folgerung auf: Zwar wendet sich Coleman - soweit ich sehe - nicht direkt
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Vgl. Coleman 1964, S. 517. In Laktosscher Manier bezeichnet er sie als „festen Kern", an dem man festhalten kann, solange mit seiner Hilfe klargestellt werden kann, wie „soziale Phanomene" in Abhangigkeit zur variierenden „sozialen Kontexten ... erwachsen" (Coleman 1991, S. 13). Wir werden sehen, das sich (zumal) Lindenberg und Esser diesem Methodenverstandnis anschliefien werden. Vgl. Coleman 1964, S. 522ff Vgl. Coleman 1964, S. 41ff, Coleman 1994, S. 9. „Synthetische Theorien" sind in meinem Wortgebrauch (hochst unterschiedlich) „formalisierte Strukturmodelle" (iiber hochst unterschiedliche Prozesse wie: Diffusion, Tauschheiraten, Interaktionshaufigkeiten u.a.), die zeigen, wie mit Hilfe (bestimmter) individueller Propositionen „deductions on the group level" (Coleman 1964, S. 41) moglich werden. Coleman 1964,8.523 Vgl. Coleman 1991,8.25
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gegen Hempel, den er ihn offenbar nur als Messtheoretiker wahrnimmt '^^^; es kann aber nicht verborgen bleiben, dass sich seine an den Erfordernissen einer Losung des (sozialwissenschaftlichen) Mikro-Makroproblems geschulte Sicht der sozialwissenschaftlichen Erklarungsaufgabe nicht mit der Logik der Hempelschen Erklarungslogik zur Deckung bringen lasst, sondern in eine Richtung weist, die zu deren Revision auffordert; (makrosoziale) Verallgemeinerungen sind keine Gesetze, die eine deduktiv-nomologische Erklarung (sozialer Verhaltnisse) in ihren Pramissen zu benennen hatte, sondern (allenfalls) die Konsequenz eines nur unter hochst einzigartigen Bedingungskonstellationen sich ergebenden, handlungstheoretisch zu entschliisselnden Mechanismus' (oder - wie Coleman sagt - eines „sozialen Prozesses""^^^), dessen Auswirkungen sich eventuell und unter den genannten gesonderten Umstanden in beobachtbaren „Regelhaftigkeiten des Verhaltens", aller Erwartung nach und in der Regel aber auch in anderen Trajektorien des Systemverlaufs niederschlagen (konnen und werden). Mit diesem sozialwissenschaftlichen Theorie- und Erklarungsverstandnis hatte sich Coleman vermutlich sehr viel weiter von seinem Mentor Robert K. Merton entfernt, als sich beide eingestehen konnten. In der Tat kann man konstatieren, dass sich seine Auffassung uber die Logik mikroftindierender Erklarungen mittlerweile gegentiber der seines Mentors durchzusetzen scheint, was sich nicht zuletzt auch darin dokumentiert, dass nicht Mertons entscheidungsftmdiertes „Strukturparadigma", sondern sein „Ansatz" vermehrt als lehrbuchtauglicher und „paradigmatischer" Beitrag der „Rationaltheorie" zur soziologischen Theoriegeschichte gehandelt wird"^"^^, und das Ratselraten daruber, was Robert K. Merton unter „middle range theories" verstanden wissen wollte, vor allem dort ein Ende fmdet, wo man sich dazu durchringt, derartige „Theorien mittlerer Reichweite" mit der von Coleman verteidigten Modelllogik gleichzusetzen"^"^^. In jedem Fall kann man festhalten, dass die nachfolgende Debatte, sofern sie sich nichtfi'ontalgegen jede Form einer individualistischen und erklarenden Theorietradition stellt'^'^^ nicht hinter Colemans zentralen Thesen zuruckgefallen ist, dass die Sozialtheorie das Mikro-Makro-Problem losen muss, indem sie mikrofimdierende Analysen von Interdependenzprozessen vorzulegen und zu diesem Zweck eine Handlungstheorie zu akzeptieren hat, die den Akteur als eine absichtsgeleitete, ziel- und ressourcenbewusste Person auffasst, die von sich (wenigstens in den meisten Fallen) glauben kann, „rational" (und d.h. „zielgerecht" und an den eigenen Interessen orientiert) zu agieren.
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Vgl. Coleman 1964,8.58 Vgl. Coleman 1964, S. 516ff Vgl. z.B. Biischges/Abraham/Funk 1995, Munch 2003, S. 89ff Vgl. Hedstrom/Swedberg 1998, Esser 2002 Wie Theoriebeitrage, die auf eine solche Frontstellung verzichten, mit seiner „Logik" mikrofundierender Erklarungen verbunden werden konnen, hat Coleman bisweilen demonstriert, vgl. Coleman 1986a.
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3.3 „Bruckenannahmen" und das „Problem der Transformation": Siegwart Lindenberg und Reinhard Wippler In engem Austausch mit James Coleman (aber auch mit Raymond Boudon"^"^^, auf den ich noch zu sprechen komme, und nattirlich in Anschluss an das bei Robert Merton erreichte Analyseniveau) hat sich eine Forschergruppe in Holland, die sich um Siegwart Lindenberg und Reinhard Wippler geschart hatte, um die Klarung der Frage bemiiht, wie eine angemessene soziologische Erklarung auszusehen habe'^'^^ Der Problemhintergrund der Bemtihungen dieser Gruppe war - wie man (inzwischen) erahnen kann - ein doppelter: Zum einen konnte (auch) sie nicht leugnen, dass es „allgemeine soziologische Gesetze"'^'^'^, die man als Erklarungspramissen eines Hempel-Arguments akzeptieren konnte, nicht gibt"^"^^; zum anderen bestand in ihren Augen das Problem soziologischer Erklarung (oder des „soziologischen Minimalprogramms""^"^^, wie sie es nannten) nicht nur darin zu zeigen, dass, sondern wie soziale Bedingungen soziale Effekte nach sich ziehen'^'^'' bzw. wie die „Ursachen" entsprechender (erklarungsbedurftiger) „sozialer RegelmaBigkeiten" entdeckt werden konnen"^"^^. Dies ist nicht moglich, solange der Theoretiker sich darauf beschrankt, Makrovariablen kausalanalytisch zu korrelieren'^'^^; vielmehr muss er zei442 443
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Um Boudons Rezeption im deutschen Sprachraum hat sich friih Reinhard Wippler verdient gemacht, vgl. Wippler 1979; vgl. auch den kritischen Beitrag zu Boudons Theorie der situierten Rationalitat bei Lindenberg 2000. Vgl. zu diesem Erklarungsanspruch Lindenberg 1977, LindenbergAVippler 1978, Wippler 1978. Lindenberg 1977 (vor allem) kommt der in dieser Arbeit behandelten Fragestellung in einem doppelten Sinn entgegen: Zum einen behandelt er sein Thema (zumindest anfanglich) vor dem Hintergrund der Hempel-Oppenheimschen Erklarungstheorie, zum anderen meint er (deutlicher als seine Mitstreiter), dass die zentrale Aufgabe der soziologischen Erklarung in der Entdeckung und heuristischen Nutzung von „Mechanismen" bestehe (vgl. Lindenberg 1977, S. 48 und 50). Verwandte Formulierungen des Programms fmden sich aber auch bei Wippler 1978, Wippler 1978a, Wippler 1981, RaubA^oss 1981 und Raub 1984. An der Entwicklung wichtiger Grundannahmen - vor allem, was die Kritik an gegnerischen Forschungsprogrammen angeht - haben sich auch Opp und Hummell beteiligt (vgl. Hummell/Opp 1971, Opp/Hummell 1973); allerdings hat die Idee dieser beiden Autoren, man konne makroskopische Pradikate mit Hilfe individualistischer Begriffe gewissermafien „reduktiv defmieren", nicht die Zustimmung der hollandischen Gruppe gefiinden. Als mittlerweile vollzogene Annaherung der Positionen kann man Opp 1995, S. 90ff und Opp 2004 verstehen, obgleich ich mir unsicher bin, ob Opp die Unterschiede eigens bewertet, die ich zwischen seiner an Popper geschulten Wissenschaftslehre und der (jedenfalls neuerdings) eher den StegmuUerschen Uberzeugungen zuneigenden Auffassung von Lindenberg bemerke (vgl. Fufinote 498). Wippler/Lindenberg 1987, S. 149 Vgl. Lindenberg 1977, S. 48 Lindenberg 1977, S. 47, Wippler/Lindenberg 1987, S. 137ff Vgl. Wippler/Lindenberg 1987, S. 137 Lindenbergl977, S. 46 Vgl. Wippler 1987, S. 187, Lindenberg 1996a, S. 126. Solche Kausalmodelle sind regelmaBig unvollstandig, ohne dass der Modelleur angeben kann, weshalb. Wippler kannte die mangelhafte Reichweite derartiger Forschungen aus eigener Erfahrung, was ihm die Kritik von Seiten der (hollandischen) Eliasschule aber nicht erspart hat, vgl. Goudsblom 1977, S. 57f. Wie Esser (1984 und 1988) zeigt, ist das Eliassche Forschungsprogramm desgleichen
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gen, vermoge welches „Mechanismus" das eine soziale Phanomen das andere (indirekt und auf Umwegen) „verursacht"'^^^, wozu man wiederum eine Theorie individuellen Handelns benotigt, mit deren Hilfe man angeben kann, weshalb sich Akteure auf bestimmte, mechanismusrelevante Handlungen tiberhaupt einlassen. Zu Recht hatte Lindenberg deshalb zur Skizzierung eines moglichen Wegs zur Beantwortung der Frage, wie eine brauchbares soziologisches Erklarungsargument auszusehen habe, von Beginn darauf bestanden, dass „wo immer Soziologen versuchen einen (solchen) Mechanismus anzugeben, der erklart, wie ein sozialer Tatbestand einen bestimmten anderen zur Folge hat, sie explizit oder implizit auf individualistische Propositionen zuruckgreifen"^^\ Allerdings sahen sich auch Wippler und Lindenberg bei ihrem Versuch, ihre Fragestellung plausibel zu machen und mit einer haltbaren Antwort zu versehen, mit mittlerweile nur zu vertrauten Schwierigkeiten konfrontiert. So hatten sie - wie alle ubrigen Verfechter eines mechanismischen Forschungsprogramms - zum einen damit zu kampfen, dass im Gefolge der Arbeiten von George C. Romans (und seiner auch in Deutschland riihrigen Anhanger) flir lange Zeit die These popularisiert worden war, alle Aussagen uber „soziale" bzw. „kollektive Phanomene""^^^ mussten auf Aussagen tiber individuelles Lernverhalten (zumal logisch-defmitorisch) „zuruckgefuhrt" werden"^^^, wahrend sie es andernteils mit unerschutterlichen Soziologen zu tun bekamen, die diese Position zwar wie sei selbst als „reduktionistisch" ablehnten, gleichzeitig aber, womit sie keinesfalls einverstanden waren, daran festhalten wollten, dass die Eigenheiten individuellen Handelns der Akteure aus ihrer „sozialen Lage" oder unter Verweis auf dessen strukturellen Determinanten zu erklaren seien"^^"^. In Konsequenz dieser Gegentiberstellung sahen sich die beiden Autoren mit dem Dilemma konfrontiert, dass sich im einen Fall die erklarungsbediirftigen sozialen Sachverhalte aufzulosen drohten, wahrend im anderen unverstanden blieb, unter welchen Umstanden die zu erklarenden „kollektiven Phanomene" aus dem Handeln der Akteure entstehen und sich verandern. Offensichtlich war zunachst nur, dass sich hinter der projektierten Suche nach „Mechanismen", deren erfolgreicher Verlauf das geschilderten Dilemmas vermeiden, wenn nicht auflosen sollte, eine doppelte Frage verbarg: Zum ersten war zu klaren, wie die Mechanismen genauer zu kennzeichnen waren, die „individuelle Tatbestande" (d.h. die Einzelhandlungen der Akteure) mit „kollektiven Tatbestan-
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mechanismisch angelegt; in Holland kam es m.W. aber zu keiner „Vereinigung" der Anstrengungen. Vgl. Wippler 1978a, S. 143 Lindenberg 1977,8.48 Lindenberg 1977, S. 49, Wippler/Lindenberg 1987 passim Diese These hatten - wie in FuBnote 443 angesprochen - Hummell/Opp 1971 vertreten. Lindenbergs Dauergegner in dieser Frage sind (natiirlich) - Hartmut Esser bezieht im Ubrigen dieselbe Front - Durkheim und Parsons, soweit sich dieser auf die Rezeption Durkheimscher Gedanken eingelassen hatte, vgl. Lindenberg 1975, Lindenberg 1983. Ich glaube mich auch an einen nicht sehr freundlichen (miindlichen) Kommentar der Blauschen Strukturtheorie zu erinnem.
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den" verbinden konnten'^^^, woran sich die nachgelagerte Frage anschloss, wie das Argument aussehen sollte, mit dessen Hilfe die Wirkungsweise derartiger mechanismischer Verbindungen zu erklaren war. Diese Fragen wurden durch die weitgehend unstrittige Beobachtung provoziert, dass zur Identifikation der gesuchten Verbindung der ausschlieBliche Riickgriff auf allgemeine „empirische Hypothesen iiber die individuellen Ursachen kollektiver Folgen""^^^ nicht ausreichen kann, weil derartige Hypothesen den hochst variablen „Bedingungskonstellationen"'^^^ nicht gerecht werden konnen, unter denen die Akteure agieren miissen. In einem ersten Anlauf entschied sich Lindenberg dafur, die Verbindungen zwischen individuellen und koUektiven Aussagen mit Hilfe von - wie er sie nannte - „Transformationsregeln""^^^ herzustellen, die er als eine analytische Implikationsaussage verstanden wissen wollte"^^^; damit handelte er sich indessen das Problem ein, wie er die soziologische Erklarungspraxis in Ubereinstimmung mit den Anforderungen der - von ihm (wenigstens) anfangs noch akzeptierten - Hempelschen Erklarungstheorie bringen wollte, der zufolge das Explanans eines gultigen Erklarungsarguments keine analytischen Bestandteile enthalten darf^^^. Spaterhin analysiert Lindenberg assistiert von Reinhard Wippler - den Ubergang zwischen individuellen Handlungen und kollektiven Phanomenen als ein „theoretisches Problem""^^^, dessen Losung keine analytischen Schritte erfordert, sondern die (von den ubrigen Erklarungspramissen unabhangig prlifbare) Angabe von „constellations of social conditions under which certain actions do or not do result in a particular collective effect""^^^. Entsprechende Thesen haben demnach die logische Form einer (synthetisch-empirischen) Implikation, derzufolge dann, wenn eine Reihe von Akteuren unter bestimmten („strukturellen") Bedingungen handelt, der erklarungsbedurftige Kollektiveffekt (de facto) entstehen wird. Gleichviel aber, ob diese Implikation als analytische Transformationsregel oder als empirische Hypothese verstanden wird, in beiden Fallen kann eine soziologische Erklarung, die mit ihrer Hilfe vorgenommen werden soil, nicht vermittels eines einzigen Erklarungsschritts konstruiert werden; stattdessen bedarf es einer „du-
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Lindenberg 1977, S. 52 Lindenberg 1977, S. 52 Lindenberg 1977, S. 51. Diese Einschatzung ist offenbar der Tatsache geschuldet, dass Lindenberg davon ausgeht, dass diese „Verknupfiingsthesen" einen eigenstdndigen (nomologischen oder) Theoriecharakter haben (vgl. Lindenberg 1981, Lindenberg 1983, Lindenberg 1996a); die Grunde, weshalb ich daran nicht glaube, lege ich u.a. in FuBnote 469 und Abschnitt 4 dar. Lindenberg 1977, S. 52 Lindenberg 1977, S. 65 Vgl. Lindenberg 1977, S. 5Iff. Ich fiirchte, dass dieses (noch bei Hartmut Esser nachklingende) analytische Verstandnis von Transformationsregeln eine Fehleinschatzung war, die Lindenberg zu langatmigen Umwegen und missverstandlichen Erlauterungen gezwungen hat, die - soweit ich mich richtig erinnere - zunachst auf wenig Zuspruch stieBen. Wippler/Lindenberg 1987, S. 146 Wippler/Lindenberg 1987, S. 147
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al structure of explanation""^^^, die die folgende Gestalt hat: In einem ersten Schritt ist das Auftreten sogenannter „individueller Effekte" zu erklaren, womit die Aufgabe angesprochen ist, das Handeln aller in einem identifizierbaren sozialen Kontext agierender Akteure gleichermaBen unter Riickgriff auf ihre jeweiligen Ziel- und Lageeinschatzung und unter Berucksichtigung der faktischen Restriktionswirkung ihrer Situation zu erklaren. Die Pramissen einer solchen Erklarung rekurrieren dabei auf allgemeine individualistische Propositionen und deren Anfangsbedingungen, wobei vorausgesetzt wird, dass sich dieser Erklarungsschritt auf jeden einzelnen Akteur anwenden lasst"^^"^. Sind diese individuellen Effekte daraufhin bekannt, kann man mit Hilfe einer neuerlichen Anwendung des unterlegten Hempel-Oppenheimschen Erklarungsschemas"^^^ zu zeigen versuchen, dass sich unter angebbaren situativen Bedingungskonstellationen und angesichts (weiterer) Randbedingungen, die nicht als individuelle Effekte erklart werden mussen (und d.h. als Hypothesen uber den parametrischen Einfluss zusatzlicher Faktoren behandelt werden diirfen), der gesuchte kollektive Effekt (logisch zwingend) ergibt. Wichtig ist in diesem Zusammenhang, dass man „individuelle Effekte braucht, wenn man Mechanismen angeben will""^^^, die ihrerseits - wie auch Coleman meinte - darauf aufmerksam machen, dass die genannten Bedingungskonstellationen (mogliche) „Interdependenzen""^^^ bezeichnen - wie etwa die bilaterale Kontrolle des Handelns, wechselwirksame Externalitaten, die zu Konflikten oder zu Kooperationen Anlass sind, oder aber sogenannte „Koorientierungen", worunter Lindenberg eine Art „Konvention""^^^ versteht, welche die Situationseinschatzungen der verschiedenen beteiligten Akteure „vereinheitlicht", und endlich Organisationen oder - wie sie Coleman nennt - „korporative Akteure", die das Handeln der Akteure auf der Basis einer Verfassung (und damit einer Kollektiventscheidung) miteinander in Beziehung setzen. Erst diese Interdependenzen wirken - bei gegebenen individualistischen Pramissen und individuellen Effekten - daraufhin, dass die gesuchten Kollektiveffekte erwartbar sind. Nachfolgende Uberlegungen haben dazu gefuhrt, die verschiedenen Formen von Interdependenzen unter dem Gesichtspunkt zu verallgemeinern und zugleich zu systematisieren, dass sie infolge ganz unterschiedlicher (Handlungs-) Regeln zustande kommen"^^^. Diese Vorgehensweise setzt Mechanismen mit regula463 464 465 466 467 468
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Vgl. Lindenberg 1977, S. 54, Lindenberg/Wippler 1978, Wippler/Lindenberg 1987, S. 148f, Lindenberg 1992, S. 3 Zu Erleichterung dieses Schritts ist es angebracht, den Akteuren eine homogene Nutzenfiinktionen zu unterschieben, vgl. Wippler 1982, S. 45. Lindenberg (1977, S. 54) bestimmt dieses Schema in der Form: „Allgemeine Aussagen + Anfangsbedingungen => Erklarter Effekt". Lindenberg 1977, S. 56 Lindenberg 1977, S. 60ff Vgl. Lindenberg 1977, S. 61f, Lindenberg 2000, S. 247. Lindenberg versteht unter Koorientierungen als eine Art „Konvention" im Sinne von Lewis 1975, was aber nicht heifien kann, dass alle Erwartungsabstimmungen den freundlichen Charakter von Koordinationsspielen haben werden. Vgl. Lindenberg 1977, S. 63f, Wippler/Lindenberg 1987, S. 146ff. Ursprunglich bemuhte sich Lindenberg zu zeigen, dass die verschiedenen „Mechanismen", die an die Stelle von analytischen Transformationsregeln zu treten haben, unterschiedliche Grade an Invarianz
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tionswirksamen Institutionen gleich und definiert eine brauchbare Forschungsleitlinie, die im Falle von Fehlprognosen zum einen erlaubt, - ausgehend von bestimmten, ausgearbeiteten „Bausteinen von Bedingungskonstellationen fiir komplexere kollektive Phanomene""^^^ - nach Zusatzbedingungen zu fahnden, unter denen ein bestimmtes Explanandum zu erwarten ist; auf der anderen Seite aber kann der Forscher auch die betreffenden Bedingungskonstellationen selbst als kollektiven Effekt eines anderweitigen Mechanismus behandeln und auf diesem Wege dazu libergehen, sich zu fragen, wie verschiedene Mechanismen miteinander verkoppelt, aneinander angeschlossen oder wechselseitig zur Voraussetzung gemacht werden konGleichwohl blieb zunachst eine Frage offen. Lindenberg bemerkt sehr wohl, dass die Herleitung und Synthese individueller Effekte aus allgemeinen Verhaltensannahmen und deren Anwendungsbedingungen nur solange problemlos moglich sein wird, als unterstellt werden darf, dass zu deren Identifikation die jeweiligen Verhaltensabhangigkeiten als eine vernachlassigungsfahige EinflussgroBe betrachtet werden konnen. Allerdings dtirfte dies eine nicht immer realitatsgerechte Idealisierung darstellen"^^^, die man zumal dann aufgeben muss, wenn die Frage auftaucht, wie der kollektive Effekt des ersten Erklarungsschritts mit den GesetzmaBigkeiten und deren Anwendungsbedingungen, die das Handeln der einzelnen Akteure (im nachsten Schritt) erklaren sollen, dann verbunden werden kann, wenn sich infolge dieses Effekts die (handlungssteuernden) Interdependenzkonstellationen
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bzw. „Nomozitat" besitzen, wahrend die nicht-erklarten, ad hoc eingefuhrten Randbedingungen historisch variabel und wahrscheinlich anomologisch sind. Ich glaube nicht, dass diese These die Sachlage richtig wieder gibt. Wie Lindenberg (1977, S. 70) durchaus zutreffend bemerkt, konnen wir auf Gesetze letztlich nur dort stoBen, wo wir sicher sein konnen, es mit Fragen der Regelmafiigkeiten der „menschlichen Natur" zu tun zu haben. Eine solche Sichtweise impliziert aber, dass nicht nur die Randbedingungen individuellen Handelns demgegenUber kontingent sind, sondern auch die Transformationsmechanismen selbst. Das muss uns nicht daran hindern, - wie Mayntz und Esser vorschlagen - nach (verschieden) allgemeinen Beschreibungen solcher Mechanismen zu suchen oder nach unterschiedlichen Graden ihrer Invarianz; beides enthalt aber keinen validen Hinweis darauf, dass wir auf „nomologische Gesetze" (bezuglich solcher Mechanismen) gestoBen sind. Diese kann es zumindest im Gefolge des Popperschen Gesetzesverstandnisses (vgl. Popper 1966^, S. 389) - alleine deshalb nicht geben, weil sie wegen der standig sich verandemden Handlungen der Akteure gerade nicht „invariant" (und damit auch nicht: „notwendig" (vgl. Rescher 1970, S. lOff)) sind; invariant sind nur die Selektionsalgorithmen des individuellen Handelns (vgl. unten Abschnitt 4 fur die weitere Begriindung dieser Einschatzung). Lindenberg 1977, S. 61 Vgl. Wippler/Lindenberg 1987, S. 148 Ich verstehe den anfanglich zogerlichen Umgang mit diesem Problem so, dass das Paradigma des Lindenbergschen Modellierungsversuchs das Marktverhalten der Akteure darstellte. Marktmodelle glauben sich in der Tat dazu berechtigt, die im Hintergrund stehenden Institutionen auszublenden und damit auch den Tatbestand, dass die Allokationseffekte des Marktes nur dann zustande kommen, wenn die Akteure sich an die betreffenden institutionellen Regeln halten. Vergisst man dies, dann erscheinen sie leicht als „atomistische" Entscheider, die auf eigene Rechnung ihren Vorteil suchen, woraus naheliegenderweise gefolgert wird, dass die Kollektiveffekte ihres Handelns sich aufgrund einer analytischen Operation ergeben mogen. Wirklich „anomische" Interdependenzen durfte es aufierhalb von (zudem anarchischen) Gewaltszenarien (zwischen total Fremden) (indessen) nur selten geben.
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umgestalten und verandern. Lindenberg bezeichnet das sich abzeichnende Problem zunachst als „Korrespondenzproblem"'^^^ und vermerkt deutlich, dass seine eventuelle Losung „Art und Gute der individualistischen Erklarung in hohem Mafie (beeinflusst)"'^^'*, musste zunachst aber auf die theoriegeleitete Kennzeichnung solcher Interdependenzen verzichten, weil noch unklar war, mit Hilfe welcher Handlungstheorie das angesprochene Problem zu bewaltigen sei"^^^. Spaterhin und fortan wird das Problem als „Bruckenproblem" thematisiert"^^^ und mit dem Vorschlag gelost, dass sich Annahmen iiber die Beweggriinde der Individuen und Hypothesen Uber die darauf einwirkenden Bedingungen ihrer sozialen Handlungssituation bzw. iiber die dort obwaltenden Beziehungsverhaltnisse vorzugsweise im Rahmen einer Theorie der rationalen Wahl (und deren Verwandten und Abkommlingen)"^^^ miteinander verbinden lassen. Dies gelingt ihr, weil eine solche Theorie hinreichend einfach
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Lindenberg 1977, S. 79ff. Diese Terminologie erinnert an die „standard conception" wissenschaftlicher Theorien, die einen (partial-)analytischen Zusammenhang zwischen theoretischen und empirischen Begriffen herzustellen hoffte (vgl. zur Kritik Hempel 1970, S. 158f). Aber darum geht es Wippler und Lindenberg in der Tat gerade nicht. Lindenbergl977, S. 79 Anfanglich glaubte Lindenberg sich die Beantwortung der Frage ersparen zu konnen, welcher Theorie er diese „Propositionen" wtirde entnehmen konnen, vgl. Lindenberg 1977, S. 53. Vgl. Wippler/Lindenberg 1987, S. 145ff, Lindenberg 1996a. Dieser Begriff rekurriert offenbar auf Hempels „bridge principles" (Hempel 1970, S. 161), die einen deutlich synthetischen Charakter besitzen. Vgl. Wippler/Lindenberg 1987, Lindenberg 1983, Lindenberg 1984, Lindenberg 1985, Lindenberg 1986, Lindenberg 1986a, Lindenberg 1989, Lindenberg 1990, Lindenberg 1990a, Lindenberg 1991, Lindenberg 1992, Lindenberg 1995, Lindenberg 2000, Lindenberg 2001, Lindenberg 2001a u.a. Diese Aufzahlung dokumentiert den Versuch Lindenbergs, (aus meiner Sicher: leider) unter zunehmender Vemachlassigung der Behandlung sozialer Mechanismen verschiedene Handlungstheorien daraufhin zu befragen, ob und in welchem Umfang sie als Basis mikrofimdierender Erklarungen dienen konnen, und umfasst die Prospekttheorie von Kahnemann und Tversky ebenso wie Mecklings RREEMM-Theorie, Whites „complex constraint"-Ansatz oder Gary S. Beckers Idee konstanter Praferenzen bzw. eigene Weiterfuhrungsvorschlage. Die Grundidee des (neueren) Lindenbergschen Systematisierungsversuchs besteht darin, dass alle Akteure bestimmte Grundbediirfnisse befriedigen miissen, zu deren Erfiillung sie situations- und umstandsspezifische Zwischenziele zu erreichen suchen. Verhaltensvariationen mochte Lindenberg demzufolge in erster Linie durch Verweis auf die divergierenden Ausstattungen der Akteure erklaren, wozu die extemen Ressourcen ebenso gehoren wie interne Kapazitaten. Um der Tatsache gerecht zu werden, dass Akteure nur uber restringierte Fahigkeiten verfiigen, postuliert Lindenberg, dass sie sich ihre Entscheidung erleichtem konnen, indem sie jeweils nur ein Ziel verfolgen und sich zu diesem Zweck auf siXudiXionsspezifisch aktivierte Zielfiinktionen konzentrieren, wobei „Gewinnorientierung", „Normorientierung" und „Verlustvermeidung" die gewichtigste Rolle bei der (jeweiligen) „Rahmung" der Handlungsentscheidung zu spielen scheinen. Die mit diesen Festlegungen verbundenen Verkurzungen und die Unterschiede zu altemativen Theorieangeboten diskutiert Wolf 2005, dort zu Lindenberg direkt S. 208ff Wippler seinerseits scheint sich von der Rationaltheorie entfemt zu haben; jedenfalls spielt die „Nutzentheorie" bei seinem Versuch, die Frage, welche Handlungstheorie zu bevorzugen sei, anhand paarweiser Theorienvergleiche zu beantworten, keine VorreiterroUe mehr, vgl. Opp/Tazelaar/ Wippler 1990, S. 34f
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und zugleich prazise ist"^^^; sie umfasst vornehmlich „Wunsche", „subjektive (Erwartungs-)Wahrscheinlichkeiten" und „Handlungsaltemativen" (und deren Kosten)"^^^, die es jederzeit erlauben, erklarungsdienliche Zusatzannahmen (oder eben: „Bruckenhypothesen") dartiber zu formulieren, wie sich die sozialen Interdependenzen auf diese handlungsbestimmenden Faktoren auswirken und unter welchen Umstdnden sie den Akteur - zur Losung seiner Handlungsprobleme - initiativ werden lassen. D.h. eine Rationaltheorie des Handelns lasst eine verschiedengradig genaue und ausbaufahige Festlegung der jeweiligen „Produktionsfunktion"'^^^ des individuellen Handelns zu und gestattet zugleich, es mit der Handlungssituation der Koakteure in eine Beziehung zu setzen, die Aufschluss dartiber gibt, mit welchen Abstimmungsproblemen die Akteure rechnen mussen, wenn sich ihre Wege kreuzen. Und zudem erlaubt ein solcher theoretischer Zugriff, den Unterschied zwischen intendierten, erwarteten und erwunschten bzw. nicht-intendierten, unerwarteten und unerwunschten Handlungsfolgen festzuhalten und zur Kennzeichnung der Eigenarten unterschiedlicher „Transformationen" zu nutzen'^^^ In ihrer Funktion als Konstruktionsanleitung dergestaltiger „Bruckenannahmen" tragt eine solche Rationaltheorie (des individuellen Handelns) somit dazu bei, „(to) explain individual behavior as social behavior in two senses: (a) as socially constrained behavior and (b) to what extend resourceful behavior is made possible by certain social conditions"^^l Damit gelangt die hollandische Forschergruppe in letzter Instanz zum selben Ergebnis wie James Coleman (und eine Reihe noch zu besprechender Theoretiker), wenn sie es nicht gar vorwegnahm: Ein vollstandiges soziologisches Erklarungsargument soil den durch Mechanismen vermittelten Zusammenhang zwischen Makrovariablen erklaren, muss dazu aber den mikrofundierenden Umweg iiber die absichts- und ressourcengeleiteten Handlungen der beteiligten Akteure gehen"^^^. Zu diesem Zweck ist jedes, das Mikro-Makro-Problem losende Erklarungsargument in (zumindest) drei (und nicht, wie bis in jungerer Zeit vermutet, in zwei) Telle zu zerlegen. 1) Variable Brlickenannahmen zeigen, wie sich die vorfmdliche Handlungssituation auf die Uberlegungen und Entscheidungen der Akteure auswirkt; 2) jede dieser Entscheidungen ist ihrerseits als eine rationale (interessensorientierte) Entscheidung (unter zahlreichen, aber identifizierbaren Vorgaben und Restriktionen) zu erklaren; und 3) die Handlungen einer Viel- oder Mehrzahl von Akteuren verkniipfen sich uber mindestens einen zumeist institutionell vorgegebenen (und d.h. normativ und/oder durch Rechte geregelten) Interdependenzmechanismus zu einem zumeist (oder wenigstens teilweise) nicht-intendierten koUektiven Resultat"^^"^, das die Handlungssituation der Akteure riickwirkend und in einem Umfang beeinflus478 479 480 481 482 483 484
Wie erinnerlich war das auch Colemans Argument, das Stinchcombe 1993 und Esser 1996 wiederholen. Wippler/Lindenberg 1987, S. 145 Vgl. Lindenberg 1996c, Lindenberg 2001a, S. 646f u.a. Vgl. Wippler 1978, Wippler 1981 Wippler/Lindenberg 1987, S. 146 Vgl. Lindenberg 1991, S. 51ff, Lindenberg 1992, S. 7 Vgl. Wippler 1978, Wippler 1981
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sen kann, der sie - wenigstens bisweilen - zu neuerlichen Uberlegungen zwingt"^^^. In Ruckanwendung und Weiterfuhrung dieser Erklamngsfigur kann man auch darauf hoffen, die Entstehung und den Bestand der genannten Mechanismen, wiederum auf dem Weg ihrer handlungstheoretisch angeleiteten Mikrofundierung, zu erklaren. Dabei konnen alle Pramissen: die unterlegte Handlungstheorie ebenso wie die jeweiligen Konstellationsanalysen und die Mechanismen selbst und deren Aggregationsfolgen, jederzeit und solange verbessert und korrigiert werden"^^^, als feststeht, dass das soziologische Forschungsinteresse zwar den Existenz- und Umgestaltungsbedingungen sozialer Phanomene gilt, gtiltige Erklarungen solcher Kollektivsachverhalte aber nur im Gefolge einer Theorie ausreichend und gliltig sind, die der Kernbedingung des Methodologischen IndividuaHsmus und damit dem Erklarungsprimat einer Individualtheorie des Handelns geniigt, die zeigen kann, wie sich fmdige, restriktions- und erwartungsgesteuerte, ziel- und wertorientierte und zugleich ihren (maximalen) Nutzen anstrebende Akteure in ihrer sozialen Situation zurechtfmden und ihr Handeln mit Hilfe sozialer Mechanismen in einem ertraglichen Umfang, wenn auch mit unkontrollierbaren Kollektivkonsequenzen aufeinander beziehen und aneinander ausrichten konnen"^^^. Zu den keinesfalls unerwunschten Effekten dieser Vorgehensweise wird zu rechnen sein, dass sich auf diese Weise ein „einheitliches Menschenmodell" entwickeln lasst, das dem sozialwissenschaftlichen Forschungsgang eine gleichformige theoretische Farbung und eine unmissverstandlich interdisziplinare Richtung verschafft"^^^. Es fallt auf, dass sich die tJberzeugungskraft dieser Modelllogik mit Sicherheit nicht langer der Tatsache verdankt, dass sie die Adaquatheitsbedingungen der Hempel-Oppenheimschen Erklarungslogik erflillt. Tatsachlich hat Lindenberg dieses Erbe mittlerweile ausgeschlagen und verteidigt seine neue Sichtweise als „Me-
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Dies miisste in meiner Systematisierung auf einen vierten Erklarungsschritt hinauslaufen, der allerdings in den ersten des nachstfolgenden (dynamischen) Arguments ausmiinden muss. Fur das solchen Korrekturen zugrunde gelegte Verfahren „der abnehmenden Abstraktion" vgl. Lindenberg 1991, Lindenberg 1992, S. 3ff. Eine wichtige Korrektur hat Lindenberg z.B. insoweit vorgenommen, als er die anfangliche Idealisierung eines auf eigene Rechung agierenden Akteurs zugunsten dessen „sozialer Rationalitat" revidiert hat, vgl. Lindenberg 2000, Lindenberg 2001a. Damit lassen sich die Lindenberg seit geraumer Zeit interessierenden (sozialen) Realisierungsbedingungen (individueller) Wohlfahrts- und Zielfunktionen realitatsnaher modellieren. Die methodologische Pointe dieser Korrektur des anfanglichen Modells der abnehmenden Abstraktion durch ein „Prinzip der hinreichenden Komplexitat" besteht darin, dass zu simple Handlungspramissen die Explananda gar nicht zu formulieren erlauben, an denen der Forscher interessiert ist (vgl. Lindenberg 1996d, Lindenberg 2001a, S. 64If), bzw. dass aufgrund zu einfacher Annahmen „wrong mechanisms" unterstellt werden (Lindendberg 2000, S. 241). Vgl. Lindenberg 1985a fur dieses RREEMM-Modell des rationalen Handelns. In jiingster Zeit behandelt Lindenberg verschiedene Rationaltheorien des individuellen Handelns (z.B. die mikrookonomische Rationaltheorie, Herbert Simons „Satisficing"-Modell, die SEUTheorie oder die Theorie „sozialer Rationalitat") als Varianten dieses RREEMM-Modells, das zu diesem Zweck gegenuber der Ausgangsversion um eine „Meaning"-Komponente erweitert wurde, vgl. Lindenberg 2000, S. 245, 249, Lindenberg 2001a, S. 636ff Vgl. Lindenberg 1996c, Lindenberg 2001
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thode der abnehmenden Abstraktion""^^^. Die von ihm favorisierte Version der Nutzentheorie hat demzufolge nicht (langer) den Charakter psychologischer Verallgemeinerungen, sondern bezeichnet eine Menge von entscheidungs- und handlungsrelevanten (mentalen) Kapazitaten bzw. Restriktionen der Akteure, die sich auf die Bildung und Eigenart ihre Praferenzen bzw. - wie es seit einiger Zeit in Anschluss an Gary S. Becker heiBt - auf ihre jjProduktionsfunktion""^^^ auswirken. Der Ausbau einer solchen „core theory""^^^ aber ist kein Selbstzweck. Die soziologische Hauptaufgabe ist vielmehr die Analyse sozialer Systeme, und ausschlieBlich die Widrigkeiten und Problemlasten dieser Aufgabe bestimmen den notwendigen Ausbaugrad der unterlegten Theorie intentionalen Handelns. Daraus resultiert - um das Analyseniveau der Sozialwissenschaften zu erreichen - die Forderung, die betreffende Handlungstheorie so anzulegen, dass sie dazu in der Lage ist, nicht nur die Ausstattung mit materialen Handlungsressourcen, sondern auch die Restriktionswirkungen von Mitakteuren zu beriicksichtigen, die iiber den eigenen Handlungserfolg mitentscheiden"^^^. Verschiedene soziologische Modelle lassen sich dann danach ordnen, ob sie die betreffenden Wechselwirkungen der Handlungen aufgrund voUig unbestrittener Handlungsrechte ohne Externalitaten, verhandlungsbediirftiger und zugleich schadigungsschwangerer Interdependenzen oder aber infolge enger und voraussetzungsreicher (personlicher) Interaktionen entstanden wissen wollen'^^^ In alien Fallen aber gilt, dass das Einzelhandeln der Akteure iiber (theoriegeleitete) Briickenannahmen mit ihrer Handlungssituation und den dort vorherrschenden, vor.- bzw. nachgelagerten Bedingungen in Verbindung zu setzen ist, unter denen die jeweiligen Abstimmungsmechanismen funktionieren. Von der „abnehmenden Abstraktion" dieser Modellierungstechnik kann deshalb die Rede sein, well die Konstruktion von Modellen solcher Interdependenzsituationen und Mechanismen von simplen Akteur- und Briickenannahmen ausgehen sollte, um dann schrittweise kompliziertere Annahmen einzufuhren, wenn veranderte Problemlagen und umfangreichere Situations- und Akteurskonstellationen zu modellieren sind. Die Jewells zu fallende Auswahl der Annahmen iiber die Handlungskapazitaten der Akteure, ihre Situation und die Art und Reichweite der Abstimmungsmechanismen sollte sich deshalb einmal nach den logischen Erfordernissen der Ableitbarkeit des interessierenden kollektiven Explanandums richten"^^"^, zum andern aber auch an der Regel orientieren: „Choose among the many possible assumptions the one that leaves least uncertainty about further development of assumptions""^^^, wobei diese 489 490 491 492 493 494 495
Vgl. Lindenberg 1991, Lindenberg 1992 und Lindenberg 1996b, Lindenberg 1998. Die ersten Anzeichen einer veranderten Problemsicht gehen nachweisbar auf den Anfang der 80er Jahre zuruck, vgl. Lindenberg 1981 und Lindenberg 1982. Vgl. Lindenberg 1991, S. 59f, Lindenberg 1996, Lindenberg 2001a, S. 646f u.a. Lindenberg 1991, S. 51, Lindenberg 1992, S. 6 Vgl. Lindenberg 1996b, Lindenberg 1996c. Die Identifikation der betreffenden Faktoren muss im Lichte einer Handlungstheorie erfolgen und damit dem unkontrollierten „Reich einer Schattenmethodologie" (Lindenberg 1996a, S. 131) entrissen werden. Vgl. Lindenberg 1977, S. 60ff Vgl. Lindenberg 2001a, S. 642 Lindenberg 1992, S. 19
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„Weiterentwicklung" vor allem dann eingefordert werden muss, wenn sich die Modellimplikationen (und damit die bislang verwendeten, ebenenspezifischen Modellierungspramissen) empirisch nicht bewahren. „Theorien" - so die Lindenbergsche Sprachregelung (ich wurde aus bereits angesprochenen Griinden vorzugsweise von „Forschungsprogrammen" sprechen) - bezeichnen dann (korrigierte) „Sequenzen von Modellen""^^^, die dadurch auseinander hervorgehen, dass der Modellbauer im Verlauf seiner tjberprufungsarbeit dazu gezwungen ist, zur Losung neuerlicher Erklarungsprobleme realistischere Festlegungen der Modellannahmen (und d.h. fur Lindenberg: sowohl der handlungstheoretischen Pramissen als auch der situativen Konstellationsanalysen) zu akzeptieren und auf weitere Fehler bin zu testen"^^^. Mit dem uberkommenen - auf Hempel und Popper zurtickgehenden - Idealbild einer geordneten Axiomatik empirisch gestutzter und induktiv verallgemeinerter „Gesetze", die sodann gezielten Bestatigungs- bzw. Widerlegungsversuchen zu unterziehen sind, hat diese Modelltheorie offenbar nur wenig zu tun"^^^. Damit akzeptiert Lindenberg - wenigstens im Nachhinein - die Problemdefmition von Hayeks, die der Suche nach mechanismischen Erklarungen ihre anfangliche Schubkraft gegeben hatte und die - wie wir anschliefiend sehen werden - auch Raymond Boudon dazu angeregt hat, die ausgetretenen Pfade der Durkheim-Parsonsschen Makrosoziologie mit ihrer vergeblichen Suche nach „nomologischen sozialen Zusammenhangen" und deren „analytischen Gesetzen" zu verlassen.
3.4 Makrosoziale Phanomene und „Rationalite situee": Raymond Boudon Raymond Boudon hat mit Paul Lazarsfeld, dem engen KoUegen von Robert Merton, zusammengearbeitet"^^^ und ist infolgedessen mit dem Mertonschen Forschungsprogramm und dem seiner zahlreichen Schiiler (darunter auch James Coleman^^^) gut bekannt^^^ Wie Mario Bunge engagiert sich Boudon dafur, dass sich 496 497
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Lindenberg 1996b, S. 306 Ich hoffe darauf, dass die Autoren ihre anfangliche, offenbar an Merton und Hempel orientierte These, wonach diese Probleme in der Aufdeckung der (ursachlichen) Bedingungen von „Regelma6igkeiten" bestunden und die auch bei der Kennzeichnung von „Bruckenhypothesen" eine gewisse Rolle zu spielen scheint, mittlerweile haben fallen lassen. Sie ahnelt weniger der Popper-Hempel-Theorie der Erklarung als der Stegmiillerschen Modelltheorie (vgl. Stegmuller 1980) bzw. Lakatos „Methodologie wissenschaftlicher Forschungsprogramme" (vgl. Lakatos 1970). Sofem Kuipers (2000, S. 11 Iff, 167ff) Recht hat, wenn er seine „Theorie der Wahrheitsannaherung" in die Tradition des Lakatosschen Denkens stellt, ware zu prufen, ob und in wie weit man Lindenbergs „Methodologie der abnehmenden Abstraktion" auch mit den Ideen von Theo Kuipers verbinden konnte. Hinderlich ist allenfalls, dass Kuipers seine Uberlegungen nicht auf die Sozialwissenschaflen anwenden mochte (Kuipers 2000, S. 141), weil es dort keine menschen-unabhangige Realitat gebe, und dass - soweit ich sehe, besteht hierin das relevantere Problem - Kuipers Methodologie das Mehrebenenproblem nicht bzw. nur im Zusammenhang mit seiner T