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Sara Paretsky (Hrsg.)
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Dieses eBook ist nicht zum Verkauf bestimmt.
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Sara Paretsky (Hrsg.)
Die Katze läßt das Morden nicht Ein Krimi-Lesebuch Aus dem Englischen von Christine Frauendorf-Mössel
Deutsche Erstausgabe Die Originalausgabe erschien unter dem Titel »Beastly Tales« bei Wynwood Press, New York Der Goldmann Verlag ist ein Unternehmen der Verlagsgruppe Bertelsmann Made in Germany 2/92 1. Auflage © der Originalausgabe 1989 by Mystery Writers of America © des Vorwortes 1989 by Sara Paretsky © der deutschsprachigen Ausgabe 1992 by Wilhelm Goldmann Verlag, München Satz: Uhl + Massopust, Aalen Druck: Eisnerdruck, Berlin Lektorat: Ulrich Genzier Redaktion: Ursula Walther Herstellung: Ludwig Weidenbeck ISBN 3-442-05.170-3
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Vorwort Die Verflechtungen zwischen Mensch und Tier sind uralt. Circe hatte Odysseus’ wilde Gesellen in Schweine verwandelt; Artemis schlüpfte stets in den Körper einer Hirschkuh, sobald Männer ihr zu nahe kamen; sexuelles Verlangen hielt in der Gestalt der Schlange Einzug ins Paradies. Tiere, so scheint es, besitzen jene magischen Kräfte, die Männer und Frauen so gern für sich in Anspruch nehmen: die Weisheit oder Verschlagenheit der Schlange; den Mut des Tigers; die Beständigkeit des Hundes. Unsere Vorfahren tranken das Blut jener Tiere, denen sie nacheifern wollten, und hofften, daß damit deren Seele auf sie übergehen würde. In vielen Geschichten sind Tiere der menschlichen Sprache mächtig – angefangen von den Ameisen und Widdern, die Psyche zur Seite standen, bis zum Löwen und anderen wilden Tieren in C. S. Lewis’ Narnia Chronicles. Im Gegensatz zu uns Menschen spricht aus diesen Tieren die ungeschminkte Wahrheit. Möglich, daß der Mensch glaubt, abgesehen von seiner Sehnsucht nach Mut oder Treue und anderen den Tieren zugeschriebenen Eigenschaften, von ehrlichen Hunden, Katzen oder Ameisen jenes Verständnis zu erfahren, das ihm seine Artgenossen nicht entgegenbringen. Was auch immer die Gründe sein mögen, Geschichten, in denen Tiere eine Rolle spielen, sind so populär wie eh und je. Man denke nur an den spektakulären Erfolg von R. G. Adams’ Unten am Fluß (Watership Down) oder an den Dauerbrenner von Grahame: Wind in den Weiden (Wind in the Willows). Es überrascht daher kaum, daß auch Kriminalschriftsteller eine gewisse Affinität zu Tieren haben und Schubladen voller Geschichten über Tiere aufbewahren. Und trotzdem hatte ich keine große Resonanz erwartet, als wir für Die Katze läßt das Morden nicht Geschichten zum Thema »Tier« suchten, um eine Anthologie zusammenzustellen. Ich war erstaunt, als die Manuskripte stapelweise eintrafen. Geschichten über Hunde, Katzen, Affen, Pferde, Hamster, Leoparden, Pythons… Nennen Sie mir ein Tier, und ich kann Ihnen mittlerweile
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mindestens zwei Autoren sagen, die dieses Tier zur Hauptperson einer Geschichte gemacht haben. Glück und Leid lagen für mich sehr nahe beieinander, als ich Joyce Harrington bei der Herausgabe dieser Sammlung zur Hand ging. Als Glück betrachte ich die Gelegenheit, so viele ungewöhnliche Geschichten von so vielen guten Autoren lesen zu dürfen. Ich bin ehrlich gesagt richtig neugierig geworden, als ich Namen las, die ich nicht kannte, und merkte, daß mir die Arbeit als Herausgeberin eine ganze Menge neuer Autoren näherbringen würde. Zu meinem Leidwesen mußte ich eine Auswahl treffen. Aus einer Fülle guter Geschichten nur einige zu bestimmen, die veröffentlicht werden sollen, ist keine leichte Aufgabe. Wer bitte, tut das schon gern? Wenn der Stil gut ist, die Story mitreißend, aber nur fünfzehn Titel genommen werden können, dann wird die Sache zum Alptraum. Nachdem ich es einmal gemacht habe, hoffe ich, es nie wieder tun zu müssen. In der vorliegenden Sammlung sind die meisten Aspekte der Beziehung Mensch und Tier vertreten. Wir erleben Tiere als Jagdobjekt, als Gefährten, als empfindungsfähige Wesen, die in ihrer eigenen Welt miteinander kommunizieren, oder als eine Art übernatürliche Ergänzung zum menschlichen Leben. In Besuch für Mombasa beschreibt James Holding den klassischen Großwildjäger Afrikas mit einem Leoparden als Jagdobjekt und jener überraschenden Wende zum Schluß, die einem das Blut in den Adern gefrieren läßt. Ein anderes Tier, der Büffel in Clark Howards Die Hochebene, wird von einem völlig anderen Typ Jäger und Helden gehetzt. Der gute Hund, idealisierter Gefährte unserer Kindheit, sorgt für die ungewöhnliche Rettung der Heldin in Margaret Marons In stürmischer Höhe. Und Justin Scott klärt uns in seinem Der weiße Tod endlich darüber auf, was all diese Hunde eigentlich wirklich denken, und stellt uns den engagiertesten Detektiv vor, von dem ich seit Jahren gehört habe: einen Kater. Hope Raymonds Nachbarn hat mich das Gruseln gelehrt. Die Hauptperson, eine alte Dame, hat sehr ungewöhnliche Helfer. Diese Geschichte wurde wohl ursprünglich für die Abenddämmerung ge-
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schrieben. Sollten Sie jedoch spätabends in diesem Buch lesen, sparen Sie sich Donald E. Westlakes Eine gute Geschichte für den Morgen auf. Bei der Auswahl der Erzählungen kam es uns darauf an, möglichst viele unterschiedliche Tiere in all jenen Rollen vertreten zu wissen, die die Literatur ihnen zugewiesen hat. Darüber hinaus sollten dem Leser die zahlreichen Formen der Kriminalkurzgeschichte nahegebracht werden: vom Thriller über die Detektivgeschichte bis zur Gruselgeschichte, die Spionage- und Abenteuerstory nicht zu vergessen. Dorothy Salisbury ist vielleicht unter den zeitgenössischen Autoren die absolute Meisterin der Kriminalstory. Ihr preisgekröntes Frühlingsfieber, das in unserer Auswahl enthalten ist, läßt sich in keines der genannten Schemata pressen. Sie seziert darin die menschlichen Sehnsüchte und Ängste mit einer Konsequenz, die man nicht so schnell vergißt. Eine ebenfalls schwer einzuordnende Geschichte ist Der Zug der Störche von Ed Wellen und Josh Patcher. Diese düstere Story führt uns vor Augen, daß wir unserem Schicksal nicht entgehen – auch nicht durch die Flucht ans andere Ende der Welt. Leichtere Kost ist Isaac Asimovs Der entlaufene Hund. Mit dieser Story und Edward Hochs Das Geheimnis der Jagdhütte machen wir einen Abstecher in die klassische Detektivgeschichte. In Dwindle, Peak und Pine dagegen kreiert Joyce Harrington einen köstlichen neuen Typ des Detektivs – oder vielmehr drei Detektive, die mit dem herkömmlichen Allerwelts-Schnüffler absolut nichts gemein haben. Ich empfehle, Harrington oder Asimov nach Davis zu lesen, wenn Sie Ihren gesunden Schlaf brauchen oder einfach nur ihren Humor und guten Appetit nicht verlieren wollen. Lilian Jackson Braun und Gahan Wilson beherrschen das Genre der Gruselgeschichte, gewürzt mit einer Prise Esoterik. Braun ist hier mit Kleine Katze – Großer Schnurrbart vertreten, in der sie uns einen amüsanten Einblick in das Leben der Reichen gewährt; Wilson bietet schwere Kost in seinem düsteren Ein Geschenk der Götter, das bestimmt keine Gute-Nacht-Lektüre ist.
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Joan Richters klassischer Thriller Spuren im Mais hat erneut den Europäer in Afrika zum Thema. Richters Geschichte spricht viele Aspekte dieser Problematik an und gewährt uns erstaunliche Einsichten darüber, was alles schiefgehen kann, wenn wir das Vertrauen anderer mißbrauchen und ihren Wert nicht erkennen wollen. Dick Stodghill verschafft uns eine andere Art der Spannung, wenn er von einem guten Menschen erzählt, der unfreiwillig zum Verbrecher wird. In Töte nie ein Tier zum Scherz… ist es die Zuneigung einer warmherzigen Frau zu einem Hamster, die ihren Mann zu einem feigen Verbrechen verleitet. Falls Sie nie Freude daran gefunden haben, wie Charlotte, die Spinne, das Schwein Wilbur in dem immer wieder aktuellen Kinderbuch Charlotte und Wilbur verteidigt hat, Sie niemals das traurige Schicksal des Zugpferdes Blackbeauty im gleichnamigen Kinderbuch beweint haben, Sie die Begeisterung der Ratte bei einer Bootsfahrt oder die Zerknirschtheit der Kröte nach fehlgeschlagener Spritztour in einem Auto in Wind in den Weiden nachempfinden konnten, dann sollten Sie dieses Buch schleunigst beiseite legen und sich wieder dem Wirtschaftsteil Ihrer Zeitung widmen, wo Sie weder Poesie noch Allegorisches von dem ernsten Geschäft, das da Leben heißt, ablenken. Sollte jedoch Disneys Bambi oder der Hund Old Yeller je Ihr Herz berührt haben, weiß ich, daß Sie meinen Spaß an den vorliegenden Geschichten teilen werden. Und beim Lesen, das ist meine stille Hoffnung, erinnern Sie sich vielleicht der zahllosen Tierarten, die die Spezies Mensch bereits fast von diesem Planeten vertrieben hat – wie zum Beispiel an das Nashorn, den sibirischen Tiger, den Leoparden und viele andere. Ich hoffe, daß bei der Lektüre dieser Geschichten, in denen der Mensch Tiere sprechen läßt, in Ihnen der Wunsch wach wird, einige vom drohenden Aussterben zu bewahren. Während Sie das hier lesen, wird in Mexiko jene Hochfläche gerodet, auf der der Monarchfalter seine Eier legt. In einigen Jahren werden diese zauberhaften Gefährten des Frühlings nicht mehr zu uns kommen. Schon Dutzende von nordamerikanischen Singvögelarten sind verschwunden. Wenn sie in ihre Winterquartiere ins Amazonasgebiet fliegen, finden sie dort weder Nistplätze noch Nahrung.
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Wenn diese Anthologie sonst nichts zu bewirken vermag, wünsche ich mir doch, daß sie Sie daran erinnert, daß wir diesen Planeten lediglich als vorübergehende Gäste mit unzähligen anderen Lebewesen teilen. Und vielleicht ist kein Mord brutaler als der, den wir an diesen wehrlosen Geschöpfen begehen. Sara Paretsky
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Frühlingsfieber Dorothy Salisbury Davis Sarah Shepherd sah ihren Mann die Treppe herunterkommen. Er stellte den Koffer an der Haustür ab, verglich die Zeit auf seiner Uhr mit der der Dielenuhr und betrachtete eingehend seinen Hals im Spiegel. Da gab es eine Partie, die er beim Rasieren gelegentlich ausließ. Er trat einen Schritt zurück und musterte leicht stirnrunzelnd seine ganze Erscheinung. Um die Taille herum wurde er füllig; das gefiel ihm nicht. So weit reichte seine Selbstkritik, auch wenn er ihr gegenüber viel kritischer war. Allerdings äußerte er nichts dergleichen; weder etwas, was man als Mißfallen, noch etwas, das man als Kompliment hätte auffassen können. Und sie war peinlich berührt, als sie an die Kunstkniffe dachte, die sie angewandt hatte, um ihn auf sich aufmerksam zu machen: kokett naives Getue, das besser zu einem jungen Mädchen als zu einer fünfundfünfzigjährigen Frau gepaßt hätte. Die zwölf Jahre Altersunterschied zu Gerald waren ihr nicht bewußt – meistens jedenfalls nicht. Automatisch strichen ihre Fingerkuppen über die Rundung ihres Bauches. Gerald trug seinen Musterkoffer ins Wohnzimmer und klappte ihn auf. Das entströmende Aroma würde noch lange, nachdem er gegangen war, in der Luft hängen. »Es ist genug Holz da, Liebes«, sagte er, »für den Fall, daß es kühl werden sollte. Und schlepp bitte keine Einkäufe aus dem Dorf nach Hause. Dazu ist schließlich der Lieferservice da…« Gerald hakte sämtliche Fürsorglichkeiten mit derselben Automatik ab, wie er seine Musterfläschchen zählte. Als er den Koffer vom Tisch hob, stand sie auf und ging mit ihm zur Tür. Auf der Veranda zögerte er einen Augenblick, straffte die Schultern und atmete tief durch. »An einem solchen Morgen wünschte ich fast, ich könnte Auto fahren.« »Warum lernst du’s nicht, Gerald? Dann könntest du deine Besuche in der Hälfte der Zeit erledigen und…« »Nein, Liebes. Ich bin ganz zufrieden mit meiner Zeitung im Bus. Und in der Stadt ist ein Auto nur ein Hindernis.« Er beugte sich zu ihr und streifte mit den Lippen ihre Wange. »Hallo, da drüben!« rief er und richtete sich auf.
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Sie wandte den Kopf in die Richtung, in die er gerufen hatte. Dort ging ihr einziger Nachbar, ein Gemüse- und Blumengärtner, hinter dem Pflug, vor den er sein Pferd gespannt hatte; der Nachbar hatte den Kopf hoch erhoben; das Pferd hielt den Kopf gesenkt. Die morgendliche Brise hatte sich in einem grauen Haarbüschel verfangen und es keck aufgestellt. »Der alte Junge macht sich ein Leben!« bemerkte Gerald. »Wenn ich mal so alt bin, wär’ das auch was für mich.« »So alt ist er doch gar nicht«, entgegnete sie. »Nein, vermutlich nicht. Ich muß jetzt los, Liebes. Bis morgen abend. Paß gut auf dich auf.« Beinahe beschwingt ging er zur Straße. Es war seltsam, daß er sich mit dem Gedanken, ein Auto zu besitzen, nicht anfreunden konnte. Allerdings paßte das zu ihm. Ein Wagen wäre eine sichtbare und faßbare Verbindung zwischen seinem Leben da draußen und ihrem gemeinsamen Leben zu Hause gewesen. Am Abend könnte sie in diesem Auto dann die Atmosphäre seiner Reisen spüren. Der Staub der Straße würde auch auf sie abfärben. So allerdings, war das durchdringende Aroma von Geralds Gewürzmustern das einzige, was ihr von seinem Leben dort draußen blieb. Gerald war jetzt außer Sichtweite, und sie machte sich an die Hausarbeit – Frühstücksgeschirr, Betten, Staubwischen. Sie hatte viel zuviel aus der Stadt angesammelt. Ihre Mutter hatte ihr ein Haus voller Dinge, die sich in siebzig Jahren angesammelt hatten, hinterlassen, und mittlerweile war es praktisch unmöglich, irgendwo ein Buch abzulegen, ohne eine Porzellanfigur, eine Vase oder ein Stück Delfter Porzellan wegnehmen zu müssen. Die ganze Wohnung stand voller Nippes. Kein Wunder, daß sich Geralds Verhalten ihr gegenüber geändert hatte. Nicht die Ehe hatte das bewirkt – vielmehr war es dieses Haus und die Tatsache, daß sie sich hier wie ein alter Buddha mit einer Schale Räucherstäbchen im Schoß niedergelassen hatte. Seltsam, daß sie gerade jetzt daran dachte! Es war ja nicht das erste Mal. Nur hatte sie plötzlich Worte dafür gefunden. Gerald war nicht immer so verschlossen gewesen. Als sie einmal an einen der besonderen Augenblicke aus ihren frühen Tagen gedacht hatte, hatte sie
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seinen prüfenden Blick bemerkt – er wollte in diesem Moment nicht ihre Jahre zählen, wie er das inzwischen vielleicht tat, sondern in ihren Augen den eigenen Wert abschätzen. Sie reihte die Nippes auf, die sie entbehren oder an einen Trödler verkaufen konnte. Schließlich wählte sie aus der Sammlung einige Exemplare wieder aus, an denen sie besonders hing. Sie waren ihr wie Kinder ans Herz gewachsen, fast so, wie Gerald aus den Büchern seine Kinder machte, mit denen er die Abende zu Hause verbrachte. Sie hob ihre Küchenschürze auf und füllte einen ganzen Tisch voller Nippes hinein. Ohne noch einen einzigen Blick darauf zu werfen, ließ sie sie in der Mülltonne auf dem Hinterhof verschwinden. Danach fühlte sie sich mächtig erleichtert. Und mit dem Maiwind im Gesicht und der warmen Sonne, die sie sanft einhüllte, erfaßte sie fast so etwas wie Übermut. Über dem Zaun blühten die Narzissen, und die Tulpen wiegten wie feiste, kleine Buben ihre Köpfe im Wind. Mr. Joyce hatte das Pferd ausgespannt. In diesem Moment sah er sie. »Schöner Morgen!« rief er. Und er gab dem Pferd einen Klaps auf die Hinterflanke, daß dieses Richtung Weide davon trabte. Er kam an den Zaun. »Ich bewundere gerade Ihre Blumen«, sagte sie. »Die sind ganz schön faul heuer. Alles ist zwei Wochen zu spät dran.« »Ach! Stimmt das?« Natürlich stimmt das, dachte sie. Dämliche Bemerkung. Und die nächste war auch nicht intelligenter: »Sie blühen so schön wie nie. Was kommt als nächstes?« »Dieses Jahr? Löwenmäulchen, schätze ich. Und Rosen. Die Iris verkaufen sich schlecht. Ich lasse sie wachsen, wie sie wollen.« »Dann blühen sie bestimmt besonders üppig.« »Ja, so ist es doch, was? Man kann die Dinger ein Jahr lang hegen und pflegen, und es kommt nichts. Und wenn man sich nicht um sie kümmert, wachsen sie in den Himmel.« Wie die Liebe, dachte sie und verschluckte die Bemerkung. Trotzdem wurde sie rot. »Sie sehen verdammt hübsch aus, Mrs. Shepherd. Darf ich doch sagen, oder?«
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»Danke, ja. Das macht vermutlich der Frühling.« »Der bringt das Blut in Wallung, was? Möchten Sie ein paar Narzissen?« »Gern, Mr. Joyce. Aber nur, wenn ich sie bezahlen darf.« »Kommt nicht in Frage! Es sind so viele, daß ich nicht mal die Hälfte verkaufen kann.« Sarah sah zu, wie er fachmännisch die Blumen abschnitt. Er war bereits braun gebrannt und bewegte sich mit würdevoller Eleganz. In all den Jahren, die sie nebeneinander wohnten, war er nie in ihrem Haus gewesen. Sie hatten ihm lediglich einmal, anläßlich des Todes seiner Frau, einen Besuch abgestattet. Besonders traurig ist er nicht, hatte sie damals zu Gerald gesagt. Und das war kein Wunder. Seine Frau war mißmutig gewesen und hatte ständig genörgelt. Es hatte kaum einen Sonnentag gegeben, an dem sie nicht den Regen schon vorausgesagt hätte. Plötzlich fiel Sarah auf, daß Joyce viel jünger wirkte als noch zu Lebzeiten seiner Frau. »Ich bitte Sie! Hören Sie auf, Mr. Joyce! Das sind ja Unmengen.« »Heute morgen könnte ich Ihnen das ganze Beet schenken«, sagte er und legte ihr den riesigen Strauß Narzissen in den Arm. »Aber das ist ja schon das ganze Beet.« »Donnerwetter, das ist ein Bild… Sie mit den Blumen!« »Ich will sie schnell ins Wasser stellen«, sagte sie hastig. »Vielen Dank.« Sie lief ins Haus, floh wie ein junges Fohlen vor ihrer ersten Eroberung, und war sich der bewundernden Blicke bewußt, die ihr folgten. Der ganze Morgen erstrahlte in der Gegenwart der Blumen. Sie stellte das Radio aus. Es hätte nur gestört. Und bald hörte sie Mr. Joyces Pferdewagen aus dem Hof rollen, als der Nachbar zu seinem Gemüse- und Blumenstand am Highway fuhr. Sie beobachtete ihn vom Fenster aus. Er sah auf und zog die Mütze. Immer wieder kehrten an diesem Tag ihre Gedanken zu ihm zurück. Er hatte ihr ein bißchen Selbstwertgefühl zurückgegeben, und dafür war sie dankbar. Sie wünschte, Gerald würde noch an diesem Abend zurückkommen. Nichts überhasten, Sarah, sagte sie sich. Alte Gewohnheiten und die Jahre wirft man nicht einfach fort wie Nippes. Sie war zweifellos rundlicher geworden. Vielleicht war sie nicht
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gerade fett, aber mollig. Mollig. Sie wiederholte das Wort laut. Es klang wie eine Kartoffel, die ins Wasser plumpst. In der warmen Nachmittagssonne befiel sie die alte Trägheit erneut. Erst als Mr. Joyce nach Hause kam und sein Lied ihn schon von weitem ankündigte, nahm sie sich zusammen. Sie holte hastig ein Hühnchen aus dem Kühlschrank und rief ihm von der Veranda aus zu: »Mr. Joyce, möchten Sie mit mir zu Abend essen? Gerald kommt heute nicht. Und ich hasse es, für eine Person zu kochen.« »Wäre großartig. Ich hab’ nur ein bißchen Schinken zu Hause, auf den nicht mal ’n Hund scharf wäre. Kann ich was mitbringen?« »Kommen Sie einfach rüber, wenn Sie soweit sind.« Sarah, sagte sie sich beim Tischdecken, du bist eine alte Katze, die das Mausen nicht lassen kann. Eine halbe Stunde später sah sie aus dem Fenster, als Mr. Joyce wie ein steifbeiniges Fohlen über den Zaun setzte. Er trug seinen Sonntagsanzug und schwenkte eine Flasche Wein in der Hand. Sarah schluckte die erste Angst hinunter. Sie hatte sich einfach einen netten Abend machen wollen und nicht die Absicht, sich den Annäherungsversuchen eines alternden Don Juans auszusetzen. Mr. Joyce jedoch entpuppte sich als ein Gast, der wußte, was sich gehörte. Die Flasche enthielt Maibowle. Er trank mäßig und lobte das Essen über den grünen Klee. »Sie ahnen ja gar nicht, wie ich Sie beneide, Mrs. Shepherd! Besonders Ihren Mann. Wie hält er es nur aus, so lange fort zu sein?« Das hält er viel zu gut aus, dachte sie. »Daran ist seine Arbeit schuld. Er ist Vertreter für Gewürze.« Mr. Joyce entblößte zwei Reihen guter Zähne beim Lächeln. Es schienen noch die eigenen Zähne zu sein. Sarah fuhr sich mit der Zungenspitze über ihre Brücken. »Wer will guten Kuchen backen, der muß haben sieben Sachen, wie’s so schön heißt.« Muß ja ein ziemlicher Schwerenöter gewesen sein, dachte Sarah. Und dann heiratet er eine saure Gurke. War vermutlich ein hastiger Entschluß unter falschen Voraussetzungen. »Muß einsam für Sie sein, seit Ihre Frau tot ist«, bemerkte sie ernster als beabsichtigt. Immerhin war Mrs. Joyce seit drei Jahren tot. »Auch nicht einsamer als zu ihren Lebzeiten.« Er klang ebenso ernst wie sie. »Man sollte über Tote nichts Schlechtes sagen, aber
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wenn sie sich nicht geändert hat, dann wird die Ewigkeit für uns alle eine ungemütliche Sache.« Er stopfte eine Pfeife. »Stört Sie’s?« »Keineswegs. Ich mag Tabakgeruch im Haus.« »Raucht Ihr Mann?« »Ja.« Die Frage überraschte sie. »Er sieht gar nicht nach Pfeifenraucher aus.« Joyce zog geräuschvoll an seinem Pfeifenstiel. »Nein, wirklich, meine Verehrteste«, fügte er heftig qualmend hinzu. »Sie haben Glück, die Qualen eines stillen Hauses nicht zu kennen.« Plötzlich merkte sie, daß er vorsichtig das Terrain sondierte. Nicht mit mir, dachte sie. »Ja, das weiß ich wohl zu schätzen.« Der amüsierte Ausdruck in seinen Augen schien zu sagen: »Du bist doch genauso einsam wie ich, altes Mädchen.« Diese Direktheit verleitete Sarah zu dem Zusatz: »Ich wünschte, Gerald wäre öfter zu Hause.« »Tja! Er ist in dem Alter, in dem sich die meisten Männer zum letzten Mal die Hörner abstoßen.« Er blinzelte hintergründig durch den Pfeifenqualm. »Gerald ist erst dreiundvierzig«, sagte sie und hatte seine Worte vergessen, bevor sie den Sinn begreifen konnte. »Manche sind schon mit vierzig soweit, andere können’s noch im Rollstuhl nicht lassen.« Die Unterhaltung hatte eine Richtung genommen, die ihr nicht behagte. Sie trat von einem Fettnäpfchen ins andere. »Da ist der Mond«, bemerkte sie mit einer Handbewegung zum Fenster, als begrüße sie einen alten Freund. »Tja, da ist der Mond«, wiederholte er. »Wie wär’s mit einem kleinen Abenteuer?« »Wie bitte? Was haben Sie gesagt, Mr. Joyce?« »Vielleicht sollte ich erst mal erklären, was mir gerade in den Sinn gekommen ist. Wenn ich Mickey vor den alten Zweisitzer spanne, würden Sie dann auf ’ne Fahrt über die Mill Pond Road mitkommen?« Sarah sah sein Spiegelbild im Fenster. Sein Lächeln wirkte selbstgefällig und draufgängerisch. In sechzehn Jahren Ehe hatte sie vergessen, wie man mit Männern umging. Aber so ganz vergaß man es
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eigentlich nie. Es war wie mit dem Radfahren. Nach ein paar Umdrehungen faßte man wieder Tritt. »Ja, würde ich.« Das Pferd vor dem Zweisitzer war ein anderes Tier als das, das am Morgen den Pflug gezogen hatte. Mr. Joyce hatte kaum die Zügel über den Rücken des Pferdes gezogen, als der Wagen so abrupt anfuhr, daß Sarah unsanft in das Klappverdeck zurückgeworfen wurde. Mr. Joyce sprang sofort auf, riß Mickey mit der einen Hand zurück und drückte Sarah mit der anderen in die Polster. Dann sausten sie im Mondschein davon… Die Sonne schien Sarah beim Aufwachen am nächsten Morgen prall ins Gesicht. Wie gewöhnlich sah sie zuerst nach, ob Gerald neben ihr im Bett lag, um sich an den Tag und die Routine gewöhnen zu können. Mit der ersten Bewegung ihres Körpers wurde ihr klar, daß es nicht unbedingt die richtige Methode war, seine Jugendlichkeit zu beweisen, indem man sich hinter ein galoppierendes Pferd in einen klapprigen Wagen mit rostiger Federung setzte. Sie blieb noch eine Weile nachdenklich liegen und stand dann mit dem schmerzlich realistischen Gefühl auf, sich schlecht benommen zu haben. Dies verfolgte sie den ganzen Tag, und der Gedanke wurde nur kurzzeitig von wehmütigen Gefühlen gegenüber ihren Nippes verdrängt. Sie hatte nie gemerkt, wieviel Zeit sie mit deren Pflege zugebracht hatte. Als Gerald nach Hause kam, war sie schon fast wieder die Person, die er am Vortag verlassen hatte. Was die Nippes betraf, war sie allerdings standfest geblieben. Blumen waren der einzige Schmuck im Wohnzimmer. Erst nachdem das Abendessen abgeräumt war und Gerald es sich mit einem Buch bequem gemacht hatte, kam von ihm ein Kommentar. »Wo ist eigentlich der alte chinesische Philosoph geblieben, Sarah?« »Ich habe ihn weggetan. Fällt dir sonst nichts auf? Ich habe den ganzen Plunder weggeräumt.« Gerald sah sich geistesabwesend um, als versuche er, sich wenigstens an einige Stücke zu erinnern. »Hm, du hast wirklich Ordnung gemacht. Der alte Junge wird mir fehlen. Er hat mir zu denken gegeben.« »Inwiefern?«
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»Weiß nicht. Was in der Art: wie Konfuzius sagte… und so weiter.« »Der war kein Philosoph«, entgegnete Sarah. »Er war Bauer.« »Wirklich? Na, da besteht ein kleiner Unterschied.« Er schlug das Buch auf. »Sind die Blumen nicht schön, Gerald?« »Bezaubernd.« »Mr. Joyce hat sie mir geschenkt. Frisch aus seinem Garten.« »Wie nett von ihm.« »Mußt du jeden Abend lesen, Gerald? Ich bin den ganzen Tag hier im Haus, habe niemanden, mit dem ich reden kann, und wenn du nach Hause kommst, vergräbst du dich hinter deinen Büchern…« Sie hatte den Satz kaum ausgesprochen, als sie ihn schon bereute. »Ich hatte Mr. Joyce gestern zum Abendessen hier, Gerald.« »Nett von dir, meine Liebe. Der alte Herr ist sicher einsam.« »Glaube ich nicht. Der Tod seiner Frau war für ihn eher eine Erleichterung.« Gerald sah auf. »Hat er das gesagt?« »Nicht wörtlich. Aber er hat es angedeutet.« »Muß ja ein komischer Kauz sein. Woran ist sie gestorben?« »Weiß ich nicht mehr. Sie hatte, glaube ich, ein Herzleiden.« »Interessant.« Er konzentrierte sich wieder auf seine Lektüre. »Nach dem Abendessen hat er mit mir eine Spazierfahrt mit dem Pferdewagen gemacht. Wir sind bis Cos Corner und zurück gefahren.« »Aha.« Das war sein einziger Kommentar. »Gerald, du wirst langsam fett.« Er sah auf. »Finde ich nicht. Ich habe immer dasselbe Gewicht. Ein paar Pfund hin oder her…« »Dann hast du dir eben einen Bauch zugelegt. Mir ist aufgefallen, daß du die Gummis aus deinen Unterhosen herausgetrennt hast.« »Diese modernen Materialien«, entgegnete er gereizt. »Die sind alle vorgewaschen. Damit sie nicht eingehen«, bemerkte sie. »Dein Bauch ist schuld. Merkst du eigentlich nicht, daß du die ganze Zeit an deinem Kragen herumzerrst?«
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»Das wollte ich dir schon lange sagen, Sarah. Du benutzt zuviel Stärke.« »Seit letzter Woche ist mir die Stärke ausgegangen. Und ich habe vergessen, ein neues Paket zu besorgen. Die Hemden mußt du jetzt zwei Nummern größer kaufen.« »Mein Gott, Sarah, ich habe doch keinen Stiernacken!« Er klemmte das Buch zwischen die Schenkel. »Ich bin nur drei oder vier Nächte in der Woche zu Hause. Ich bin müde. Mach’s mir nicht noch schwerer, Liebes.« Sie ging zu seinem Sessel und setzte sich auf die Lehne. »Ist dir klar, daß ich mich schon frage, ob du überhaupt noch auf mich reagierst?« Er sah ihr zum ersten Mal direkt in die Augen. Es schien ihr Jahre her zu sein, daß das der Fall gewesen war. Dann wich er ihrem Blick aus. »Ich habe verdammt hart gearbeitet, Liebes.« »Ist mir egal, was du machst, Gerald. Ich bin nur froh, daß du noch menschliche Regungen zeigst.« Er schlang den Arm um sie und zog sie an sich. »Sind Frühlingsblumen nicht was Herrliches?« sagte sie. »Ja«, erwiderte er. »Genau wie der Frühling.« Sie beugte sich über ihn und nahm eine Blume aus der Vase. In dieser Haltung verharrte sie eine Weile. Seine Hand berührte sie. »Du bist auch wunderschön.« Es ist doch ganz einfach, dachte sie, indem sie sich aufrichtete. Hätte sich das Karnickel nicht in die Nesseln gesetzt, hätte es den Wettlauf gewonnen. »Drei Dinge… Was Schöneres gibt’s nicht auf dieser Welt«, bemerkte Gerald versonnen. »Ein weißer Vogel in der Luft, ein Weizenfeld und der Körper einer Frau.« »Ist das von dir, Gerald?« »Weiß ich nicht mehr. Vermutlich.« »Es ist lange her, seit du Gedichte verfaßt hast. Du hast ein paar hübsche Sachen geschrieben.« »So habe ich mir dich geangelt.« »Und ich dich mit einem alten Haus. Ich erinnere mich genau an den Tag, an dem das Testament meiner Mutter eröffnet worden ist.
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Sag die Wahrheit, Gerald… In dem Moment hast du dich entschieden, oder?« Zuerst sagte er gar nichts. Und dann sprach er nur das Ende eines Gedankenganges aus, ein Fragment seiner Assoziation. »Weißt du noch, welche Verse ich über das alte Haus geschrieben habe?« »Ich hab’ sie gerade neulich wieder gelesen. Ich lese sie immer wieder… von Zeit zu Zeit.« »Wirklich, Sarah? Aber du erwähnst es mit keinem Wort.« Mittlerweile waren diese Gedichte fast ihre einzige Lektüre. Seine Affenliebe für Bücher hatte sie gegen das Lesen eingenommen. »Früher durfte ich dir deine Gedichte immer vorlesen, Gerald. Du hast behauptet, ich sei die einzige außer dir, die das könnte.« »Ja, ich weiß.« »Oder war das nur Süßholzraspelei?« Gerald lächelte. »Ich fürchte wirklich, ich wollte dir schmeicheln. Jeder nimmt wohl an, daß er die eigenen Gedichte am besten rezitiert. Trotzdem, Sarah – es wäre schön, wenn du heute ein paar meiner Gedichte vorliest. Um der alten Zeiten willen.« Um alter Zeiten willen, dachte sie, nahm den Ordner aus dem Schrank und nahm ihm gegenüber Platz. Er saß mit ausgestreckten Beinen im Sessel, zog an seiner Pfeife, die Lider halb geschlossen. Einst hatte seine nachdenkliche Art den ersten Schreck über den gravierenden Altersunterschied zwischen ihnen gemildert. »Das war immer mein Lieblingsgedicht ›Der Morgen meiner Tage.‹« »Also gut. Dann fang damit an«, murmelte er. »Ich hab’s sowieso für dich geschrieben.« Sarah las ein Gedicht nach dem anderen. Gelegentlich fragte sie sich, welches der Sprachbilder, die er da entstehen ließ, einen Bezug zu den Augenblicken hatte, in denen sie geschrieben worden waren. Gerald zog von Zeit zu Zeit an seiner Pfeife. Es klang wie bei einem Kind, das an seiner Flasche nuckelte. Sie glaubte, gut zu rezitieren, gab ihrer Stimme ein sanftes Timbre – die Zärtlichkeit einer alten Liebe. Sie war sicher, daß der Moment kommen mußte, in dem er sich aus dem Sessel erhob und zu ihr trat. Doch Gerald blieb sitzen, hatte die Augen fest geschlossen, die Pfeife in der Hand, die jetzt auf
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der Armlehne ruhte. Ein heiserer Hauch schlich sich in ihre Stimme, eine längst vergessen geglaubte Empfindung, und sie dachte an das Singen der Nachtigall, den Dorn in der Brust. Ein Schmerz in der Kehle zwang sie zu weiterer Anstrengung, denn die Gedichte neigten sich dem Ende zu. Ein Geräusch im Zimmer ließ sie mitten im Satz verstummen. Die Pfeife war klappernd zu Boden gefallen. Geralds Hand auf der Lehne griff ins Leere. Das Kinn war ihm auf die Brust gesunken. Sarah legte den Ordner beiseite. Sie ging zu ihm, hob automatisch die Pfeife auf, wie sie auch einen Vogel aufgenommen hätte, wenn er ihr tot vor die Füße gefallen wäre. Geralds Abreise am nächsten Morgen verlief mit dem Kuß auf ihre Wange und den Worten »Bis morgen abend, Liebes. Paß gut auf dich auf« nach dem gewohnten Muster ihrer gemeinsamen Jahre. Paß gut auf, dachte sie beim Hineingehen. Worauf? Und wozu? Sie erledigte hastig ihre Hausarbeit und zog sich an. Als Mr. Joyce das Pferd vor den Blumenwagen spannte, schloß sie die Haustür ab und paßte ihn beherzt ab. »Könnten Sie mich bis zum Highway mitnehmen?« rief sie ihm zu, als er bei ihr anhielt. »Jederzeit und sogar bis ans Ende der Welt, Mrs. Shepherd. Geben Sie mir die Hand.« Als sie neben ihm saß, fuhr er los. »Der Herr Gemahl ist wieder auf Achse, was? Hat sich vermutlich über unsere Mondscheinfahrt mächtig amüsiert, wie?« »Das war eine verrückte Sache«, bemerkte sie. »Hat’s denn wenigstens Spaß gemacht?« »Ja. Aber die Rechnung habe ich präsentiert bekommen.« Sie griff sich an den verlängerten Rücken. »Das Bücken macht mir heute auch Mühe. Aber das Vergnügen war’s mir wert. Ich bringe Sie gleich ins Dorf. Muß sowieso ein paar Meter Schlauch kaufen. Oder meinen Sie, die Leute halten Sie für verrückt, wenn Sie dort mit ’nem Pferdewagen auftauchen?« »Wäre nicht das erste Mal, daß ich die Leute schockiere«, entgegnete sie. »Mein Leben ist voller Verrücktheiten.«
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»Nur ein weiser Narr kann über die eigene Dummheit lachen. In dem Punkt sind wir beide uns sehr ähnlich. Wo essen wir heute zu Abend?« Der Mann war ein schlauer Fuchs. »Sie können gern zu mir kommen«, sagte sie. Er nickte. »Ich hole uns ein Steak. Und danach bringen wir Mickey wieder ein bißchen auf Trab.« Sarah stieg vor dem Postamt aus. Sie blieb im Gebäude, bis Joyce außer Sichtweite war – Joyce und die Gaffer, die stehengeblieben waren, um sie vom Wagen steigen zu sehen. Das Aufsteigen war eine, das Absteigen eine andere Sache. Sie war sich vorgekommen wie eine Hummel auf einem Veilchen. Es war höchste Zeit für diesen Besuch. Sie betrat die Arztpraxis und wartete, bis sie an der Reihe war. »Ich wollte mal zu einer Routine-Kontrolle zu Ihnen kommen, Dr. Philips«, sagte sie am Schreibtisch des Arztes. »Und vielleicht könnten Sie mir eine Diät verschreiben.« »Hm, mal sehen«, murmelte er. »Machen Sie sich frei.« Er griff nach dem Stethoskop. Diätempfehlungen verteilte er wohl nicht alle Tage. Es war vermutlich der letzte Ausweg. Dazu hätte sie in die Stadt und nicht zu einem Landarzt fahren sollen, der eine Frau daran maß, wie viele Kinder sie geboren hatte. »Unsere Nachbarin ist an Herzversagen gestorben«, sagte sie, als könne das alles erklären. »Und wer war das?« fragte er und legte das Instrument beiseite. »Mrs. Joyce. Ist schon ein paar Jahre her.« »Sie hatte ein krankes Herz. Mußte jahrelang mit Stärkungsmitteln leben. Ihr Herz dagegen ist kerngesund. Machen Sie den Arm frei.« Während Sarah den Ärmel hochschob, griff der Arzt nach dem Blutdruckmeßgerät. Sie hatte das Gefühl, gerade ihr Blutdruck müsse sich in schwindelnden Höhen bewegen. Sie schämte sich vor diesem Mann, ärgerte sich deshalb über sich und auch über ihn, weil er so geduldig mit ihr war. »Wir haben vor, eine Versicherung abzuschließen«, log sie. »Aber vorher wollte ich das Urteil unseres Hausarztes abwarten.«
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»Die Versicherung dürfte keine Schwierigkeiten machen, Mrs. Shepherd. Und eine Diät brauchen Sie auch nicht.« Grinsend nahm er die Manschette des Blutdruckmeßgeräts ab. »Wenig Kartoffeln und Brot, möglichst nichts Süßes. Sie überleben Ihren Mann mindestes um zwanzig Jahre. Wie geht es ihm denn?« »Gut. Sehr gut, danke.« Du spielst deine Rolle immer besser, Sarah, sagte sie sich draußen. Also, was willst du? Rein oder raus? Mach die Tür hinter dir zu… An diesem Abend kam Mickey wirklich auf Touren. Er hatte einen ruhigen Tag hinter sich und war bei Einbruch der Dunkelheit neu beschlagen worden. Es stachelte ihn an, daß Joyce bei jedem Knallen der Zügel auf und ab hüpfte, und das Kichern im Wagen verstärkte den Reiz noch mehr. Im Vergleich mit dem Gemüsewagen war der Buggy ein Fliegengewicht, das er kaum spürte. Er legte sich voll ins Zaumzeug, wenn die Zügel auf seine Flanken klatschten, und jagte vor dem Lachen in seinem Rücken davon. Je schneller sein Tempo wurde, desto rascher steigerte sich das Lachen zu einem Kreischen, das in seinen Ohren widerhallte und von dort kitzelnd über Hals und Bauch bis in die Lenden zuckte. Sein Galopp wurde so schnell, daß Funken wie Meeresgischt unter seinen Hufen aufzustieben schienen. Er stemmte sich in die Zügel, die ihn zurückreißen wollten, fühlte den eisernen Schmerz der Kandare im Maul wie eine wohltuende Qual. Er selbst bestimmte die Richtung, bis er endlich angesichts des heimischen Gatters den Kampf aufgab und am Schaum würgte, der seine Zunge bedeckte. »Bei Gott, in der Nacht, in der ein Pferd mich besiegt, steige ich in mein Grab«, rief Joyce. »Hü, du alter Gauner! Du kriegst erst deine Ruhe, wenn du noch mal bis zum Highway und zurück getrabt bist. Alles in Ordnung, Sarah?« Alles in Ordnung, dachte sie. Wann in all den Jahren war sie je in einer solch verwegen ekstatischen Stimmung gewesen wie jetzt? Vom ersten schnellen Galopp des Pferdes an waren Angst und Scham verflogen. Und hätte es die Räder unter ihnen fortgezogen, sie wäre zufrieden in den Graben gerollt. »Ist mir nie besser gegangen«, erklärte sie.
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Er beugte sich dicht zu ihr herüber, um sie im Licht des gerade aufgegangenen Mondes genauer zu betrachten. Der Wind hatte ihr die Tränen in die Augen getrieben. Aber sie lachte. »Heiliger Strohsack!« murmelte er. »Es hat Ihnen wirklich gefallen.« Schließlich ließ er dem Pferd seinen Willen. Es trabte in die Auffahrt. Joyce sprang vom Wagen und reichte ihr die Hand. »Was für ein prächtiges Stück ist da bloß all die Jahre im Schrank eingemottet gewesen? War Zeit, daß wir’s ausgelüftet haben.« »Falls das ein Kompliment sein sollte, hat es einen schalen Beigeschmack«, entgegnete sie. »Hm. Ist eben meine Art, Ihnen zu sagen, daß Sie eine schöne Frau sind.« »Möchten Sie noch eine Tasse Kaffee bei mir trinken?« »Gern. Ich spanne nur aus. Dann komme ich.« Das Wasser im Kessel hatte gerade zu kochen begonnen, als er vor der Tür stand. »Oder möchten Sie lieber Tee, Mr. Joyce?« »Ist mir egal… solange es kein Wasser ist. Und sagen Sie Frank zu mir. Getauft hat man mich auf Francis, aber diesen Namen habe ich schon lange abgelegt.« »Meinen Vornamen kennen Sie ja offenbar bereits«, bemerkte sie. »Ist mir in der Aufregung so rausgerutscht. Kenne keine Frau, die bei einer solchen Fahrt nicht ohnmächtig geworden wäre.« »Es war herrlich.« Sarah goß Wasser in die Kaffeekanne. »Es geht doch nichts über eine Fahrt im Pferdewagen«, sagte er. »Nur reiten ist noch schöner. Ich würde Mickey nicht für viel Geld gegen einen Traktor tauschen.« »Als ich noch jünger war, bin ich geritten«, sagte Sarah. »Wie sind Sie eigentlich zu dem Mann gekommen… wenn ich mal fragen darf?« Und wie Sie zu der alten Frau, dachte sie. Wo hatten Sie die her? »Ich habe in einem Verlag gearbeitet, und er wollte Gedichte veröffentlichen.« »Ah, das war’s also.« Er nickte. »Und er hat gedacht, daß die Literatur in einem solchen Haus nur so aus ihm raussprudeln würde.«
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»Wir haben uns verliebt«, entgegnete sie gereizt. Es ärgerte sie, daß er so unverblümt aussprach, was sie oft gedacht hatte. »Als ob ich das nicht wüßte! Damals haben Sie die Jalousien noch nicht runtergelassen. Hat mich fast den Verstand gekostet.« »Nehmen Sie Sahne in den Kaffee?« »Ja, bitte. Und schön viel Zucker.« »Es scheint Ihnen ja kaum etwas entgangen zu sein«, bemerkte Sarah. »Es gibt Dinge, die man durch Fenster sieht, von denen die im Wohnzimmer keine Ahnung haben. Schätze, Sie haben sich schon über meine alte Dame und mich gewundert, was?« »Etwas, ja. Aber so alt ist sie doch eigentlich gar nicht gewesen, Mr. Joyce.« Frank, dachte sie. Aber das war wirklich zu intim. »Die? Die war schon alt, bevor sie geboren wurde. Aber sie brachte ein Gewächshaus mit. Ich habe für ihren Vater gearbeitet.« Sarah schenkte Kaffee ein. »Sie sind ja ein ganz kaltblütiger Gauner«, urteilte sie. Joyce grinste. »Nein. Ich behalte nur einen kühlen Kopf. Aber mein Blut ist heiß. Ich denke, in meiner Jugend war’s die Vorliebe für Poesie. Sie konnte singen wie eine Nachtigall. Aber als ich sie im Käfig hatte, hat sie sich zur alten Krähe gemausert.« »Es ist schrecklich, so etwas zu sagen«, entgegnete sie. Seine Miene wurde kurzzeitig düster. »Es ist schrecklich, damit leben zu müssen. Es bringt einen Mann um den Verstand. Sie haben nicht zufällig ein Stück Kuchen zum Kaffee im Haus, Sarah?« »Darf’s auch ein Brötchen mit Marmelade sein?« »Natürlich. Bestens.« Er lächelte wieder. »Wo verbringt der Göttergatte denn auf Reisen die Nächte?« »In einem Hotel in der Stadt, in der er gerade ist.« »Ein verdammt einsames Leben für einen verheirateten Mann«, stellte er fest. Sarah schob einen Stuhl vor den Schrank und stieg hinauf, um ein Glas Marmelade herunterzuholen. Joyce rührte keine Hand, obwohl sie an das Glas nicht herankam. »Sie könnten mir helfen!« »Versuchen Sie’s noch mal. Sie hatten’s doch fast schon geschafft.« Er grinste. Offenbar genoß er ihre Verlegenheit.
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Sarah sprang mit einem Satz vom Stuhl. »Holen Sie sich’s doch selbst. Sie wollten Marmelade. Mir genügt die Tasse Kaffee.« Er schlug mit der Faust auf den Tisch und stand auf. »Richtig, Sarah. Man holt einem Mann nichts, das er sich selbst holen könnte. Welche Flasche ist es?« »Da, die Erdbeermarmelade.« Er sprang gelenkig wie eine Gemse rauf und runter. »Aber vielleicht reist er ja nicht allein, oder?« »Wie bitte?« »Ich meine, vielleicht hat Ihr Gatte was nebenher. Für Vertreter ist das ’ne große Versuchung, wissen Sie.« »Werden Sie nicht unverschämt, Mr. Joyce.« »Sie haben recht, Sarah. Entschuldigen Sie. Ich habe so lange nur Selbstgespräche geführt, daß ich mich in Gesellschaft gar nicht mehr zu benehmen weiß. Der Kaffee ist ausgezeichnet.« Sarah trank ihren Kaffee schweigend. Es war Zeit, daß sie sich der Frage stellte, überlegte sie. Sie drückte sich schon lange darum herum. Und der letzte Abend mit Gerald hatte sie ihr praktisch aufgedrängt. »Und wenn er was nebenher hat«, begann sie und reckte das Kinn. »Na und?« »Ah, Sarah… Sie sind eine kluge Frau. Hat sich gelohnt, auf die Bekanntschaft mit Ihnen zu warten. Und Sie kennen mich jetzt doch ein bißchen besser, oder?« »Ein bißchen.« »Tja dann.« Er stand auf. »Das nehme ich mit als Trost für die lange Nacht.« Und was tröstet mich? dachte sie. »Danke für die Spazierfahrt, Frank. Sie war aufregend.« »Wirklich?« Er trat dicht zu ihr und hob ihr Kinn hoch. »Wir haben noch so manchen Abend vor uns, Sarah. Es hängt alles von Ihnen ab.« Und als sie vor der Berührung seiner Hand nicht zurückschreckte, beugte er sich über sie und küßte sie. Danach ging er beschwingt zur Tür. Dort blieb er stehen und sah zurück. »Soll ich gehen oder bleiben?« »Sie gehen jetzt lieber«, antwortete sie gepreßt. Eigentlich hätte sie wütend sein müssen. Aber sie war es nicht.
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Den ganzen nächsten Tag kämpfte Sarah mit verworrenen Phantasien. Ich empfinde nichts für den Mann, sagte sie sich. Da hatte sie ja einen schönen Zustand erreicht, wenn der Kuß eines Fremden sie so aus dem Häuschen bringen konnte. Die Fahrt mit Pferd und Wagen war schuld. Sie hatte sie wie betrunken gemacht. Aber sie hatte doch nur an Gerald gedacht. Hatte gedacht… Weiß der Himmel woran! Sie beschäftigte sich im ersten Stock, bis sie den Pferdewagen vorbeirollen hörte. Wenn Gerald nach Hause kam, mußte sie einiges wieder zurechtgerückt haben. Es kam ihr vor, als wäre er lange fort gewesen. Es war ein bewölkter, feuchter Tag. Die Fliegen klebten an den Gittern. Es herrschte eine drückende Stimmung. Am späten Nachmittag türmten sich Wolkenberge auf und rollten über den Himmel wie Krapfen durchs heiße Öl. Als sie die Kartoffeln zum Abendessen schälte, fuhr Frank in seine Auffahrt. Er koppelte den Wagen ab, ließ das Pferd jedoch im Zaumzeug, und machte sich sofort daran, die Blumenrabatten abzudecken. Er rechnete offenbar mit einem Unwetter. Sarah sah auf die Uhr. Gerald mußte jetzt jeden Augenblick kommen. Sie trat auf die Veranda und hielt nach dem Bus Ausschau. Über dem Feld zwischen ihrem Garten und dem Highway lag flimmernder Dunst. Der Verkehr dahinter schien sich wie durch eine zähe Masse zu bewegen. Der Bus rollte auf die Kreuzung zu und passierte sie, ohne anzuhalten. Wut stieg plötzlich in ihr auf. Den ganzen Tag hatte sie nur für diesen Augenblick gelebt. Da er nicht angerufen hatte, mußte er den Bus verpaßt haben. Der nächste kam in zwei Stunden. Sie überquerte den Hof und ging zum Zaun. Du fängst schon wieder an, Sarah, warnte sie sich, ohne jedoch die innere Stimme zu beachten. Frank sah von seiner Arbeit auf. »Machen Sie lieber Türen und Fenster gut zu«, rief er. »Wird ein schweres Wetter geben.« »Frank, Sie haben’s sicher eilig. Sie können bei mir essen.« »Sehr nett, danke. Möglicherweise muß ich noch mal zum Stand an der Straße zurück.« Im nächsten Moment saß er am Küchentisch und schaufelte das Essen wortlos in sich hinein. Als Wetterleuchten über den düsteren
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Himmel zuckte, ging er zum Fenster. »Mann, das kann was geben«, murmelte er. »Ihr Gatte hat wohl den Bus verpaßt, was?« »Offenbar.« Frank sah erneut aus dem Fenster. »Ich mag Unwetter. Selbst wenn’s mich arm macht. Gibt nichts Schöneres als einen richtigen Sturm.« Auf der Straße ertönte eine Autohupe. Sarah fiel ein, daß Gerald mehrfach eine Mitfahrgelegenheit aus der Stadt gefunden hatte. Der Wagen fuhr vorbei. Noch während sie der Staubwolke nachsah, stellte sich bei ihr eine seltsame Beklommenheit ein. Joyce redete unaufhörlich. Er hatte sich zurückgelehnt. Zum ersten Mal sprach er vom Wetter, vom Gemüsebau und von Eiern. Sie empfand das als weitaus beunruhigender als seine überraschenden Intimitäten und wartete von einem Satz zum anderen, daß er endlich damit aufhören würde. Schließlich ging sie hinter seinem Stuhl vorbei und strich ihm dabei leicht über den Nacken. »Sie sollten mal zum Friseur gehen, Frank.« Er richtete sich prompt auf. »Ich merk’ das immer erst, wenn’s juckt. Hätten Sie noch ’nen Schluck Kaffee für mich?« Sarah schenkte ihm ein. Sie war sich seiner Blicke wohl bewußt. »Letzte Nacht… das war etwas, was ich nie vergesse. Ich meine die Fahrt mit Pferd und Wagen.« »Aber da war noch was… Haben Sie das schon vergessen?« »Nein.« »Würden Sie mir noch einen geben… wenn ich darum bitte?« »Nein.« »Und wenn ich ihn mir einfach nehme?« »Das würde mir kaum gefallen, Frank.« Er rückte den Stuhl abrupt zurück. Kaffee schwappte in die Untertasse. »Warum bringen Sie mich dann erst in Versuchung?« »Versuchung? Sie haben vielleicht Vorstellungen!« brauste sie auf. Dabei galt die Wut ihr selbst. Joyce spreizte die schmutzigen Finger auf dem Tisch. »Sarah, wissen Sie eigentlich, was Sie wollen?« Ihr kamen die Tränen. Sie hielt sich mühsam zurück. »Natürlich weiß ich das!« schrie sie.
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Joyce schüttelte den Kopf. »Sie haben Ihr Herz an ihn verloren, was, Sarah?« »Mein Herz gehört mir!« Sie warf den Kopf zurück. Joyce schlug mit der flachen Hand auf den Tisch. »Ha! Schaut euch die Frau an. Sie hat Feuer… Feuer, das den Mann versengen kann, der sich entzünden läßt.« Er fuhr sich mit der Zunge über die trockenen Lippen. Sarah trat unwillkürlich einen Schritt zurück. »Ich laufe Ihnen nicht nach, Sarah. Aus dem Alter bin ich raus. Keine Angst. Aber ich weiß zu nehmen, was man mir in den Schoß legt.« Er machte eine Kopfbewegung in Richtung Fenster. »Das da draußen war erst der Anfang. Es kommt ein Unwetter. Da bin ich sicher.« Sarah sah, wie die ersten Regentropfen gegen die Fensterscheiben klatschten. »Gerald wird völlig durchnäßt sein.« »Vielleicht ersäuft es ihn.« Joyce lehnte grinsend am Türrahmen. »Danke fürs Abendessen.« Soll es kommen: Hagel, Donner und Blitz. Soll es das Dach vom Haus blasen und den Schornstein einreißen. Dann gehe ich raus und kehre nie zurück. Wenn ein alter Mann dich auslachen kann, weil du versuchst, deinem Mann Hörner aufzusetzen, und der Ehemann das auch noch herausfordert, dann Schande über dich. Sie ging durchs Haus, legte die Riegel vor die Fenster. Am liebsten hätte sie den Besen durchgesteckt. Mit dem nahenden Unwetter kam auch die Dunkelheit, und die graue Regenwand verschluckte fast die Lichter des Highways. In den Regen hatte sich Staub gemischt und verlieh ihm eine häßliche Färbung. Der Wind fing sich im Schornstein und blies Rußpartikel auf den Fußboden im Wohnzimmer. Sie breitete Zeitungspapier aus, um sie aufzufangen. Der Spuk würde bald vorbei sein. Sarah ging zur Uhr in der Diele. In zehn Minuten kam der Bus. Und dann? Ein schnelles Abendessen, ein gutes Buch und ein ausgedehnter Schlaf. Der abgebrühte alte Kobold hatte recht. Ein Prophet, der einen Haarschnitt nötig hatte. Das Licht ging flackernd aus und wieder an. Soll es doch ausgehen, Sarah. Was dir geblieben ist, kannst du auch bei Kerzenschein erkennen. Sie holte die Petroleumlampe aus dem Keller und eine Taschenlampe aus der Speisekammer. Als sie ins Wohnzimmer zu-
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rückkam, wirbelte ein erneuter Windstoß das Zeitungspapier auf dem Kaminrost durch den Raum. Das Licht flackerte wieder. Ein Geräusch lockte sie in die Diele. Sie fürchtete, durch das Heulen des Windes das Telefon vielleicht nicht gehört zu haben. Als sie die Diele betrat, schlug die Standuhr. Der Bus hatte mittlerweile zwanzig Minuten Verspätung. Das Telefon sah irgendwie aus, als sei die Leitung tot. Es beunruhigte sie beinahe, festzustellen, daß es funktionierte. Die Phantasie spielte ihr einen Streich. Nichts verlief mehr in gewohnten Bahnen. Sie war wütend auf sich… und auf Gerald. Das Ganze war erniedrigend. Zu der Gleichgültigkeit kam auch noch diese Gemeinheit. Sie folgte einem dumpfen Klopfgeräusch in den ersten Stock. Es kam von draußen. Sie schaltete das Licht aus und preßte das Gesicht an die Fensterscheibe. Ein riesiger Ahorn wurde vom Wind hin und her gepeitscht. Dabei schlug ein Ast gegen das Haus. Von der großen Straße drang nicht einmal der schwächste Lichtschein herüber. Die Lichter waren wie ausgelöscht. Während sie hinausstarrte, nahm vor ihr ein punktartiger Lichtschein allmählich Form an. Er wurde größer und schwankte hin und her. Der Schein einer Taschenlampe, war ihr erster Gedanke, und sie fragte sich, ob Gerald eine Taschenlampe bei sich hatte. Dann erkannte sie die Ursache der Schaukelbewegung: Es handelte sich um die Laterne eines Pferdewagens. Frank kehrte zurück. Als sie den Lichtschalter betätigte, tat sich nichts. Sie tastete sich in den Korridor hinaus, doch im ganzen Haus gab es keinen Strom mehr. Schritt um Schritt stieg sie ins Parterre hinunter. Aus dem Kamin drang ein klammer, muffiger Geruch, der sich über alles legte. Sarah zündete die Petroleumlampe an und trug sie in die Küche. Vom Fenster aus sah sie Franks Laterne einen unsteten Weg durch die Dunkelheit beschreiben, als er das Pferd in die Scheune führte. Sie konnte nichts erkennen, sah nur den schwächer werdenden Lichtschein, bis er verschwunden war. Als er wieder auftauchte, hob sie wie zum Gruß die Petroleumlampe. Diesmal kam er zum Zaun. Sie stemmte die Tür gegen den Wind auf. »Hab’ jetzt keine Zeit, Sarah. Gibt Arbeit!« brüllte er. »Er ist nicht gekommen, was?«
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»Nein!« »Funktioniert das Telefon?« Sie nickte und winkte ihn näher. »Ist der Bus durchgekommen?« »Ja, und wieder gefahren! Machen Sie die Tür zu, sonst reißt es das Haus weg!« Er schwenkte die Laterne und war verschwunden. Sarah stellte den Braten für Gerald in den Kühlschrank. Dann zog sie die Uhr auf und deckte den Tisch ab. Sie suchte krampfhaft nach einer Beschäftigung. Schließlich wischte sie den Küchenboden auf, den sie erst am Vortag gesäubert hatte. Drüben schaukelte die Laterne jetzt an einem Haken vor der Scheune. Dicht über der Erde bewegte sich Joyces Schatten, während er die Rabattenabdeckungen befestigte. Schließlich ging Sarah ins Wohnzimmer. Dort saß sie lange in Geralds Sessel und starrte auf das Rußmuster im Glaszylinder der Petroleumlampe. Nicht einmal ein Hund oder eine Katze leistete ihr Gesellschaft; keine grinsende Porzellanfigur auf dem Kaminsims gab ihr das Gefühl, nicht allein zu sein; nur die kalten Augen der Ahnen in goldenen Rahmen waren auf sie, der letzten in der Folge fixiert, die nichts… nichts hinterlassen würde. Die Atmosphäre wurde unerträglich. Sarah sprang aus dem Sessel, ging in die Diele und stieg zum ersten Treppenabsatz hinauf. Von dort aus konnte sie in Joyces Hof sehen. Er arbeitete offenbar nicht mehr. Die Laterne hing auf der Veranda. Das Haus allerdings war dunkel. Die wie ein Phantom im Wind schaukelnde Laterne war das einzige Licht weit und breit. Sarah rannte die Treppe hinunter, riß ihren Regenmantel vom Haken und lief mit der Taschenlampe ins Unwetter hinaus. Sie tastete sich am Zaun entlang, stemmte sich gegen den Wind und lehnte sich immer wieder an die Pfosten, um neue Kraft zu schöpfen. In der Einfahrt trat Joyce ihr entgegen. Er hat auf mich gewartet, dachte sie, er hat darauf gewartet, wer von uns beiden zuerst die Nerven verliert. Wortlos nahm er ihre Hand und führte sie über die Hintertreppe ins Haus. »Ich habe eine Petroleumlampe«, sagte er dort. »Lassen Sie Ihr Licht an, bis sie angezündet ist.« Sarah betrachtete im schwachen Lichtschein sein nasses Gesicht. Sein Mund war zu einem hämischen Grinsen verzogen, und als das
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Licht aufflammte, war der Ausdruck seiner Augen von einer Wildheit, die der des Sturms in nichts nachstand. Ihr Blick folgte dem Schein der Lampe über die schmutzige Wand zum verblichenen Kalender, den leeren Regalen und dem Kabel mit der nackten Glühbirne, die über dem Waschbecken neben der Hintertür baumelte. Auf dem Tisch stapelte sich Geschirr, das zweifellos von einer Mahlzeit zur anderen wieder benutzt wurde. Die Vorhänge starrten vor Schmutz. Erst jetzt wurde ihr klar, welch fatale Laune sie hierher getrieben hatte. »Ich wollte nur mal für ’ne Minute rüberschauen, Frank…« »Für eine Minute oder die ganze Nacht. Setzen Sie sich, Sarah. Ich muß aus diesen Klamotten raus.« Sie nahm auf dem Stuhl Platz, auf den er gedeutet hatte und sah zu, wie er den Mantel in die Ecke warf. Sie konnte den Blick nicht von ihm wenden, als er sich setzte und Schuhe und Strümpfe auszog. Jede seiner Bewegungen faszinierte sie und stieß sie zugleich ab. Er wischte mit den Socken seine Zehen ab und ging barfuß zur Vordertür. Auf der Schwelle blieb er stehen. Ein gutaussehender Riese im bizarren Licht. »Stellen Sie Wasser für Kaffee auf, gute Frau. Die Zutaten stehen auf dem Herd.« »Ich muß nach Hause. Gerald…« »Zum Teufel mit Gerald«, fiel er ihr ins Wort. »Er hat sich für die Nacht irgendwo gemütlich eingeigelt. Vielleicht kommt er ja überhaupt nicht mehr zurück. So was passiert. Männer lassen Frauen sitzen, deren Wert sie nicht erkennen.« Sie verharrte steif und aufrecht am Tisch. Das war nur Gerede. Er versuchte nur ihr Herz gegen Gerald zu vergiften. Wie konnte sie ihm entkommen? Sollte sie wie ein verängstigtes Reh davonlaufen, um nie wieder ein Wort mit ihm zu wechseln? Nein, Sarah! Den bitteren Kaffee mußt du auslöffeln, entschied sie. Merze diese Verrücktheiten ein für allemal aus. Trotz dieser Entschlossenheit blieb der heimliche Wunsch, Gerald möge plötzlich in der Tür stehen und sie mit nach Hause nehmen. Lieber, sanfter Gerald! Sie stand auf, ging zum Spülbecken und füllte Kaffeewasser in den Kessel. Auf dem Fenstersims stand eine Reihe von Medikamenten.
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Sie waren staubverklebt. Sie beugte sich über sie und entzifferte ein verblichenes Etikett: »Mrs. Joyce – Im Notfall sofort einnehmen.« Sie wandte sich vom Fenster ab. In einer Zimmerecke stand ein Schaukelstuhl. Früher hatte die alte Frau stundenlang und schweigend darin auf der Veranda ausgeharrt. Der abgestandene Geruch von Krankheit hing noch immer im Haus. Was wußte sie schon von diesen Leuten? überlegte Sarah. Joyce polterte wie ein Stier im ersten Stock herum. Seine schmutzbedeckten Stiefel lagen noch dort, wo er sie hingeworfen hatte. Eine Wasserpfütze hatte sich darum gebildet. Erneut schweifte Sarahs Blick zum Fenstersims. Da stand keine Maibowle. Plötzlich fielen ihr Dr. Philips Worte wieder ein: »Mußte jahrelang Stärkungsmittel nehmen.« Sie glaubte, die verhärmte Frau beinahe wieder vor sich zu sehen – nach Luft ringend… »Im Notfall sofort einnehmen.« Brüh jetzt endlich den Kaffee auf, Sarah. Was soll diese Quälerei? Weshalb beschwörst du eine Tote aus dem Grab? Nichts als Quälerei. Dann drängte sich noch ein beunruhigender Gedanke auf. Sie erinnerte sich daran, daß Joyce am Vorabend grinsend beobachtet hatte, wie sie sich abgemüht hatte, das Marmeladenglas zu erreichen: »Versuchen Sie’s noch mal, Sarah. Sie hatten es doch fast schon geschafft.« Und wieder glaubte sie seine Frage zu hören: »Welche Flasche?« Nicht welches Glas, sondern welche Flasche. Sie griff nach dem Wasserkessel. Schluß damit, Sarah. Mach dich nicht verrückt. Es ist nur das Unwetter, das lange, endlose Warten… und deine Verfassung. Sie hörte seine schnellen Schritte auf der Treppe und straffte die Schultern. »Geben Sie mir doch das Jodfläschchen dort vom Fenstersims, Sarah. Ich habe mich an den verdammten Glasscheiben der Abdeckung geschnitten.« Sarah suchte angestrengt mit den Blicken das richtige Fläschchen, damit ihre zitternden Hände sie nicht verraten konnten. »Hier… tun Sie’s hier drauf«, sagte er und schob eine weiße Hemdenmanschette vom Handgelenk zurück. Die Handfläche, über die sie sich beugte, war feucht. Und sie atmete den Geruch nach Erde und Pferd ein, der von ihr ausging. Es war ein vertrauter Geruch. Alles an ihm war ihr vertraut, zu vertraut ge-
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worden. Sie fühlte seinen Atem in ihrem Nacken. Das Keuchen seines Atems war das einzige Geräusch im Zimmer. Sie gab das Jod auf die Schnittwunde und trat hastig zurück. Seine Lippen verzogen sich über den Zähnen zu einem Grinsen. »Ein Kuß würde den Schmerz sofort vertreiben«, sagte er. Sarah stellte das Fläschchen Jod sofort aus der Hand und packte die Taschenlampe. »Ich gehe jetzt nach Hause.« Seine Mundwinkel sanken herunter, als er sie anstarrte. »Weshalb sind Sie dann erst hergekommen?« »Weil ich einsam war. Ich war verrückt…« Die Angst verschlug ihr die Stimme. Aus einem Mundwinkel rann ihm Speichel. »Nein! Sie wollten mich nur quälen!« Sie zwang sich, einen Schritt in Richtung Tür zu machen. Sein Lachen schwoll dröhnend an, als sie versuchte, von ihm fortzukommen. »Großer Gott, Sarah! Was ist nur aus der Frau geworden, die gestern Wind und Wolken mit mir bezwungen hat?« Auf ihrer hastigen Flucht stieß sie an die von der Decke hängende nackte Glühbirne. Sie versengte sich die Wange. Joyce fing die Lampe auf und riß das Kabel so heftig aus der Wand, daß die Drähte wie eine Peitsche auf den Fußboden klatschten. »Und ich dachte, es wäre das Größte, wenn er nicht wiederkommen würde!« Der Türknauf entglitt ihrer feuchten Handfläche. Sie trocknete sie in wilder Hast. Er ist verrückt, schoß es ihr durch den Kopf. Total verrückt! »Du bist fett, Sarah!« brüllte er. »Und Mr. Joyce ist ein Idiot! Ein Narr. Und er wird es bleiben bis zu dem Tag, an dem sie ihn hängen.« Die Tür gab nach. Sarah lief in den Hof. In ihrer Hast prallte sie gegen den Buggy und zuckte zurück, als sei er ein lebendiges Wesen. Sie hielt den Atem an, um nicht zu schreien, und ihr Mantel verhedderte sich im Zaun. Er zerriß. Ein Stück Stoff blieb am Stacheldraht zurück. Sie stolperte die Treppen hinauf. Der Wind riß ihr die Tür aus der Hand und fuhr heulend durchs Haus. Sie zog die Klinke ins Schloß, daß die Glasscheibe klirrte und schob den Riegel vor. Dann warf sie die Taschenlampe auf den Tisch, griff nach dem Telefonhörer und drückte verzweifelt auf die Gabel.
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Schließlich ertönte die Stimme der Telefonistin. »Ich habe einen Anruf von Mr. Gerald Shepherd für Sie. Bitte bleiben Sie am Apparat.« Aus der Sprechmuschel drang nur hohl Sarahs keuchender Atem. Sie fixierte den Blick auf die Treppe und hoffte dadurch etwas Klarheit in ihre Gedanken zu bringen. Aber die Streben des Geländers begannen sich vor ihren Augen wie die Saiten einer Harfe zu biegen und ein hoher, schwingender Laut übertönte das Keuchen ihres Atems. Schwere Schritte kamen draußen näher. Joyces Fäuste trommelten gegen die Tür. Mit schwacher Stimme verlangte Sarah nach der Telefonistin. Und in irgendeiner Ecke ihres völlig chaotischen Bewußtseins klammerte sie sich an den Gedanken, daß sie die Tür freiwillig öffnen könnte und Joyce friedlich hereinkommen und sich setzen würde. Vielleicht konnten sie den Kamin anzünden. Es lag genug Holz im Keller. Aber sie brachte kein Wort heraus. Und es war bereits zu spät. Joyces Hand drang durch das berstende Glas und schob den Riegel zurück. Die Tür schwang auf. Ein Windstoß blies ihr den Mantel über den Kopf. Als die Tür wieder zuschlug, fiel der Stoff schlaff an ihr herunter und umschlang ihre Knie. Selbst diese Berührung zwang sie beinahe zu Boden. »Tut mir leid«, ertönte am anderen Ende die Stimme der Telefonistin. »Die Gesprächsanmeldung wurde vor zehn Minuten gestrichen.« Sarah ließ den Hörer einfach auf den Tisch fallen und wartete noch immer mit dem Rücken zur Tür. Zehn Minuten, das war nicht lange, überlegte sie verzweifelt ruhig. Sie zählte Joyces Schritte in ihre Richtung und wußte, daß jeder einzelne die Zeit maß, die ihr noch blieb. Und vage wurde ihr klar, daß sie gar nicht mehr Zeit wollte. Nur für einen Augenblick sah sie die Schlinge, die er aus Lampenkabel geschlungen hatte, sah die weißen Manschetten über den kraftvollen, knochigen Händen. Sarah schloß die Augen und reckte in der Hoffnung den Hals, daß das Ende auf diese Weise schneller kommen würde.
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Dwindle, Peak und Pine Joyce Harrington Max Dwindle hielt ein brennendes Streichholz an das angekokelte Ende seiner drei Tage alten Zigarre und verbreitete beißenden Gestank. Durch die stinkende Qualmwolke hindurch betrachtete er das in Tränen aufgelöste Mädchen, das in einem Sessel am anderen Ende des Raumes saß. »Loretta, Schätzchen, wein doch nicht! Kann ja sein, daß Lower-East-Side-Liebesgetränke bei Gojims aus Sheboygan nicht wirken. Sowieso bist du ohne den besser dran. Auf so einen Schmock kannst du doch verzichten. Warum fütterst du nicht mal die Ratte?« »Hab’ ich schon gefüttert«, schluchzte das Mädchen. »Die verdammte Ratte frißt mehr als ein Maultier und ist doppelt so störrisch. Warum konnten wir uns nicht einen netteren Hausgenossen anschaffen? Daheim hatte ich einen Skunk. Und dem mußte ich nicht dauernd Pizza besorgen. Der hat sich selbst ernährt. War wirklich ein putziges Tierchen. Hast du mal ’n Tempo für mich, Max?« Sie zog lautstark die Nase hoch und tupfte sich mit den Fingerkuppen die Tränen aus den Augen. Max begab sich schlurfend zum Metallschrank an der Wand. Er zog die Flügeltür auf und begutachtete nachdenklich den Inhalt. Das oberste Fach war mit Zigarettenschachteln vollgestopft. Im Regal darunter lagen Zuckerstangen, Kaugummis, Hustenbonbons, Pfefferminzdrops für frischen Atem, Reise-Nähetuis und eine Schachtel mit veralteten Lotteriescheinen. Im untersten Fach stapelten sich Zeitschriften – allesamt mindestens ein halbes Jahr alt. Der Schrank barg die Überreste von Max Dwindles Existenz. Noch ein halbes Jahr zuvor war er glücklicher Besitzer eines Kiosks – Zeitungen – Tabakwaren – Süßigkeiten – in der Eingangshalle eines Bürohauses an der Park Avenue South gewesen. Mehr als vierzig Jahre hatte er die kleinen Bedürfnisse einer ständig wechselnden Klientel befriedigt: Geleefrüchte, Ersatzstrumpfhosen für die hübschen jungen Sekretärinnen, die wechselten wie das Wetter im April, Zigarren und die Minipackung Alka-Seltzer für die Angestellten mit Bauchansatz und schütter werdendem Haar aus den mittleren Etagen;
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Wettscheine und Männermagazine, diskret eingewickelt in die seriösen Seiten des Wall Street Journals für die Juppies im Dreiteiler. Und für alle seine Kunden hatte Max Dwindle stets ein paar freundliche Worte übriggehabt. Für diejenigen, die sich als direkt und loyal erwiesen hatten, waren sogar selbstgebraute Liebestränke und andere Produkte von Max Dwindles übersinnlichen Fähigkeiten abgefallen. Gelegentlich hatte er einigen Einblicke in eine nebulöse Zukunft gewährt. Max Dwindle war ein freundlicher alter Hexenmeister. Sechs Monate zuvor allerdings hatte man Max des Gebäudes verwiesen und das Bürohaus abgerissen. Natürlich hätte er die Abbruchmannschaft mit einem Fluch belegen oder dafür Sorge tragen können, daß den Arbeitern Finger oder Zehen abfielen, während sie sich am Hort seines vergangenen Glücks vergingen. Doch Max war viel zu deprimiert gewesen, um einen wirksamen Fluch auszuhecken. Statt dessen hatte er den Rest seines Lagerbestandes zusammengepackt und diesen einem Freund bei der Verkehrsbehörde übergeben, der Zugang zu einem leerstehenden Laden in der U-Bahnstation an der Vierzehnten Straße hatte. Danach hatte Max sich die Tage auf einer Bank im Union Square Park vertrieben. Dort schließlich war er Loretta Peak und Peter Pine begegnet; einer Teenager-Hexe vom Lande und einem Ex-Werbefachmann mit hellseherischen Kräften. »Wie wär’s mit ein paar Drops?« fragte Max das Mädchen, während er eines der letzten verbliebenen Päckchen Papiertaschentücher hervorkramte. Loretta hatte einen fatalen Hang zum Weinen. »Waldmeister? Tropische Früchte? Da fühlt man sich gleich besser.« »Ist mir doch egal, wie ich mich fühle.« Loretta verzehrte fast ebenso viele Dropsrollen wie sie Tempotaschentücher verbrauchte. »Hast du noch Butterscotch?« Sie stand schwerfällig aus dem Sessel auf und watschelte auf ihren großen, nackten Füßen zum Schrank. »Ne!« erwiderte Max. »Die hast du schon alle aufgegessen.« »Verdammter Mist!« seufzte Loretta. »Habe ich wirklich.« Sie schnappte sich eine Rolle Drops der Sorte »Tropenfeuer«, riß die Packung Tempos auf, putzte sich die Nase und ließ sich in den klobigen Ledersessel sinken, den sie einige Nächte zuvor von der Straße geholt hatte.
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»Also, was ist jetzt mit diesem Peter, dem Schlemihl?« erkundigte sich Max. »Weshalb ist der Schmock noch nicht zurück? Meinst du, die Polizei hat ihn geschnappt?« »Keine Sorge, Max.« Loretta lutschte genüßlich ein Bonbon mit Mandarinengeschmack. »Dauert schon ’ne Weile, bis er die Zettel in sämtlichen U-Bahnhöfen der BMT-Linie angeklebt hat. Ich hätte mitgehen und ihm helfen sollen.« Loretta fischte einen Zettel aus einem Karton neben dem Sessel, auf dem die Druckerschwärze noch feucht war. »Dwindle, Peak und Pine«, las sie laut. »Parapsychologische Detektei. Vermissen Sie jemanden? Haben Sie etwas verloren? Kein Problem für uns! Spiritistische Personenüberwachung! Weitere Dienstleistungen auf Anfrage! Moderate Preise!« Am unteren Rand stand ihre Adresse an der Ostseite des Union Square und eine Telefonnummer. »Wer macht sich Sorgen?« entgegnete Max. »Vierzig Jahre habe ich meinen Laden gehabt und nicht einmal Werbung für mich gemacht. Max Dwindle kannte jeder. Jeder wußte, wozu er in der Lage ist.« Er machte sorgfältig seine Zigarre aus und legte sie beiseite. Dann schimpfte er weiter: »Und jetzt… jetzt habe ich mich mit einer minderjährigen Hexe aus der finstersten Provinz und einem Aussteiger aus der Madison Avenue mit dem Zweiten Gesicht eingelassen. Werbung ist nötig, sagt der. Weißt du überhaupt, was für Verrückte auf der BMT-Linie unterwegs sind? Wetthaie von der Rennbahn. Kleine miese Mafiosi. Schlitzäugige Gauner aus Brooklyn. WoodooPriester von der Bronx. Ich schlachte keine Hühner, Herrschaften. Egal, wer hier vor der Tür steht.« An der Tür ertönte verhaltenes Klopfen. »Herein!« rief Loretta und schluckte ihren Drops hinunter. Sie lief zur Tür. Vor Aufregung begann sie zu schweben. Sie riß die Tür auf. »Willkommen im Detektivbüro Dwindle, Peak und Pine. Ich bin Loretta Peak. Das ist Max Dwindle. Mr. Pine ist gerade unterwegs. Er betreibt Marktforschung. Womit können wir dienen?« Loretta hatte vorübergehend als Empfangsdame ausgerechnet bei der Werbeagentur gearbeitet, aus der Peter Pine ausgestiegen war.
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Im Türrahmen stand zögernd eine schwarz-verschleierte Gestalt. Unter Lagen von rauchfarbener Nylongaze ertönte ein rauher Mezzosopran. »Hilfe! Oh, ich brauche Hilfe.« Seide raschelte, als die schmächtige Gestalt ins Zimmer und direkt in Lorettas stämmige Arme taumelte. Max schüttelte nur den Kopf und griff erneut zu seiner schrecklichen Zigarre. »Kommen Sie, meine Liebe.« Loretta führte die gebeugte Besucherin zum voluminösen Ledersessel, und sie fiel in die Polster mit den vorstehenden Federn. Die Klientin unterdrückte einen Aufschrei und rutschte vorsichtig hin und her, bis sie eine bequeme Stellung gefunden hatte. »Also, Herzchen«, begann Loretta. »Was für Probleme haben wir denn? Ich kann einer Kuh auf fünfzig Meter Entfernung das Euter trockenlegen, und Max weiß, ob Ihr Erstgeborenes ein Junge oder ein Mädchen wird.« Die Dame in Schwarz schlug die Schleier zurück und nahm den breitrandigen Hut ab. Darunter kam unnatürlich glänzendes schwarzes Haar zum Vorschein, das ihr glatt bis auf die Schultern fiel. Das Gesicht schien hauptsächlich aus Wangenknochen zu bestehen, die Augen waren riesig, die Haut weiß und dick gepudert, der Mund üppig und scharlachrot geschminkt. »Mein Erstgeborener ist mein einziges Kind. Er studiert Tiermedizin. Möglich, daß er mit Kühen zu tun hat, aber deshalb bin ich nicht hier. Ich habe in der U-Bahn Ihr Plakat gelesen. Mein Name ist Tatjana Petrowna Smith.« »Ich wußte es! Ich hab’s gewußt!« fiel Max lautstark ein. »Eine Verrückte von der BMT-Linie. Die letzte der Romanows, was wetten wir? Eine russische Prinzessin vom Sheepshead Bay. Raus mit ihr! Schaff sie mir vom Hals!« Die Besucherin starrte Max verdutzt an. »Fabelhaft«, sagte sie atemlos. »Sie haben den Nagel auf den Kopf getroffen. Jetzt weiß ich, daß ich hier an der richtigen Stelle bin. Mein Sohn, der Tiermediziner… also dem ist seine aristokratische Herkunft völlig egal. Er will nur John Smith und Amerikaner sein. In gewisser Weise bin ich also die letzte unseres Geschlechts. Außerdem wohne ich wirklich in Sheepshead Bay. Hübsches Häuschen mit Garage. Allerdings nicht gerade der Winterpalast. Aber bei dem Dienstbotenmangel heutzuta-
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ge dürfte es mir schwerfallen, einen Palast zu unterhalten. Sie haben nicht zufällig eine gute, zuverlässige Putzfrau an der Hand?« Max biß in seine Zigarre und zermalmte die Tabakkrümel mit den Zähnen. »Sie sind hier, weil Sie eine Putzfrau brauchen? Sie glauben, daß ein Max Dwindle Scheuerpersonen vermittelt? Raus! Raus!« Max’ einen Meter siebzig große Fettmassen bebten vor Zorn. Jedes einzelne graue Haar auf seinem Haupt sträubte sich vor Entsetzen. Er riß schwungvoll die Tür auf und fuchtelte wild mit seiner Zigarre durch die Luft. »Gehen Sie, Verehrteste, bevor ich Ihnen die Schuppenflechte an den Hals… oder die Kopfhaut wünsche!« Die Hand der Dame in Schwarz zuckte unwillkürlich zu ihrer schwarzen Haarpracht. Sie lächelte gewinnend. »Das ist eine Perükke«, erklärte sie. »Täuschend echt, finden Sie nicht? Nein, wegen einer Putzfrau bin ich nicht hier«, fuhr sie fort. »Obwohl ich sie brauchen könnte. Vorausgesetzt, ich lebe noch so lange.« Sie senkte die Stimme zu einem heiseren Flüstern und winkte Max und Loretta näher. »Man will mich umbringen.« Max machte die Tür wieder zu. »Psst«, warnte er. »Nicht so laut. Im Korridor könnten die Kräfte des Bösen lauern. Hier drinnen sind Sie sicher. Hier drinnen haben wir ja auch ein Pentagramm.« Er deutete auf die weißen Linien auf dem Fußboden, die ein Sternfünfeck bildeten, das fast die gesamte Zimmerfläche einnahm. Während Loretta in Beschützerpose auf der Armlehne des Ledersessels thronte, baute sich Max mit bedeutungsvoller Miene hinter dem Schreibtisch auf, der eine Spitze des Sternfünfecks einnahm. »Also, meine Verehrte. Wer versucht, Sie umzubringen? Und warum und wie?« Tatjana Petrowna Smith zuckte mit den Achseln. »Was die Frage nach dem ›Wer‹ betrifft – also deshalb bin ich ja hier. Ich habe keine Ahnung, wer es ist. Das ›Warum‹… Da gibt es endlos viele Möglichkeiten. Es hängt vom ›Wer‹ ab. Das ›Wie‹ ist einfach. Wer es auch immer sein mag, dieser Jemand versucht, mir eine Todesangst einzujagen.« Mit einem Seufzer preßte sie eine schmale blasse Hand mit feuerroten Fingernägeln gegen die Brust. »Ich habe ein schwaches Herz.« Loretta schnalzte mitfühlend mit der Zunge und bot ihr ein Drops an. Tatjana Petrowna nahm ein Bonbon und schob es mit spitzen
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Fingern in den Mund. »Wenn ich hier einen klaren Bergsee hätte«, begann Loretta, »dann könnte ich den Feind sofort identifizieren. Zu Hause habe ich das immer so gemacht. Aber mit dem städtischen Wasser aus der Leitung funktioniert die Methode nicht. Vermutlich ist das viele Chlor schuld. Die Bilder sind so verschwommen.« »Feinde? Pah!« erklärte die blaublütige Tatjana. »Ich schätze, ich weiß, wer meine Feinde sind. Jede dieser Straßenkatzen, mit denen ich mittwochs Mah-Jongg spiele, würde mir den Tod wünschen. Eifersüchtige Bande!« »Was ist mit Mr. Smith?« fragte Max. »Mit wem?« »Mr. Smith. Ihr Mann. Die meisten Morde werden von Verwandten oder guten Freunden verübt. Das habe ich in der Zeitung gelesen.« »Ach so, ihn meinen Sie.« Tatjana machte eine wegwerfende Handbewegung. An ihrem Finger blinkte ein großer Edelstein. »Lieber armer Alexeij. Er ist vor drei Jahren gestorben. Ist in Miami von einem Golf-Cart gefallen und hat sich das Genick gebrochen. Ich bin untröstlich. Wie Sie sehen, trage ich noch immer Trauer.« Sie ordnete die Falten ihres raschelnden schwarzen Rocks, um die knochigen Fesseln und dürren Waden in schwarzen Nylons besser zur Geltung zu bringen. »Steht Ihnen doch ausgezeichnet«, bemerkte Loretta. »Danke«, sagte Tatjana. »Alexeij«, murmelte Max nachdenklich. »Ihr Mann war also auch ein russischer Aristokrat?« Tatjana schüttelte sich vor Lachen. »Alexeij? O nein! Aber können Sie sich vorstellen, daß ich einen Albert geheiratet hätte? Ich habe ihn überredet, vor der Hochzeit seinen Namen zu ändern. Morgen wären wir fünfundzwanzig Jahre verheiratet gewesen.« Sie wurde plötzlich ernst. »Und genau das ängstigt mich zu Tode. Ich kriege Anrufe. Mitten in der Nacht klingelt das Telefon. Ich horche. Zuerst ist da ein Geräusch, ein Jaulen… klingt richtig tierisch… wie Fingernägel auf einer Schiefertafel… nur noch schlimmer. ›Hallo‹, sage ich dann meistens. ›Wer ist da?‹ Dann ertönt von ganz fern eine dünne Stimme wie auf einem alten Grammophon. ›Tati?‹ sagt die Stimme. ›Tati, hier ist Al. Ich bin bald bei dir. Wir feiern unseren Hoch-
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zeitstag zusammen.‹ Also, wenn Alexeij dahintersteckt, woher ruft er dann an? Er ist der einzige, der mich je ›Tati‹ genannt hat. Aber ich glaube nicht, daß Alexeij der Anrufer ist. Irgendein Verrückter versucht, mir Angst einzujagen. Ich bin schon bei der Polizei gewesen, aber die haben mich zur Telefongesellschaft geschickt. Und da hat man mir geraten, mir eine geheime Telefonnummer zuzulegen.« »Donnerwetter!« sagte Loretta. »Daß Geister das Telefon benutzen, ist neu für mich. Aber warum eigentlich nicht? Wäre doch großartig, wenn wir einfach eine Telefonnummer wählen könnten, um mit den Toten Verbindung aufzunehmen… anstatt uns die Mühe mit dem ganzen Hokuspokus zu machen?« Sie hüpfte aufgeregt auf der Sessellehne auf und ab! Tatjana Petrowna verzog schmerzlich das Gesicht. »Haben Sie seine Nummer, Herzchen?« »Nein. Er hängt immer auf, bevor ich überhaupt was sagen kann.« Das Telefon auf dem zerkratzten Eichenschreibtisch klingelte. Max riß den Hörer von der Gabel. »Ja«, meldete er sich. »Max Dwindle hier.« Er hörte einen Augenblick stirnrunzelnd zu. Dann tauschte er seine Zigarre gegen einen Bleistiftstummel, nickte mit ernster Miene und machte sich Notizen. »In Ordnung«, sagte er schließlich. »Sie ruft Sie zurück.« Damit legte er auf. Er drehte sich um und starrte Tatjana Petrowna an. »Haben Sie irgend jemandem gesagt, daß Sie hierherkommen wollten?« fragte er. Sie schüttelte den Kopf. »Ich habe den Entschluß doch erst unten in der U-Bahn gefaßt, als ich Ihr Plakat entdeckt hatte. Eigentlich wollte ich zu Bloomingdales. Wenn ich schon morgen sterben soll, dann wenigstens in einem anständigen Kleid… habe ich mir gedacht. Von der Unterwäsche mal ganz abgesehen.« Sie sah lächelnd zu Loretta auf. »Sie verstehen das sicher, meine Liebe.« Loretta schlüpfte mit nackten Füßen in ein Paar gelber ausgetretener Gesundheitsschuhe und wischte sinnlos mit der Hand an den Farbflecken auf ihrer abgewetzten Jeans herum. »Nur zu gut«, bekräftigte sie. Max betrachtete zuerst blinzelnd seine Notizen und dann die Dame im Ledersessel. »Ich habe hier eine Telefonnummer. Der Kerl am Telefon hat sich als Al Smith ausgegeben. Er möchte, daß Sie die Bullen aus dem Spiel lassen… Angeblich ist ihm der Boden dort, wo
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er ist, schon heiß genug. Er bittet Sie außerdem, ihn anzurufen. Dann sagt er Ihnen, wo Sie ihn morgen treffen können.« Tatjana Petrowna sank mit einem Aufschrei in die Polster des Sessels zurück. Ihr ohnehin blasses Gesicht war jetzt totenbleich geworden. Sie schien kaum noch zu atmen. Loretta sprang von der Sessellehne. »Max!« kreischte sie. »Tu doch was! Ihre Aura… sie ist kaum noch zu spüren. Du weißt, daß ich Leichen hasse.« Max kam hastig hinter seinem Schreibtisch hervor und näherte sich Tatjana Petrowna mit einem Glitzern in den Augen. »Da hilft nur noch Mund-zu-Mund-Beatmung«, murmelt er und beugte sich über die Sessellehne. Hinter seinem Rücken ging die Tür auf. »Herrschaften, wir müssen uns was Besseres einfallen lassen«, erklärte Peter Pine erschöpft im Türrahmen. »Ich habe von Coney Island bis zum Dschungel der Bronx und zurück alles abgegrast. Man hat mich beklaut, niedergeschlagen und besprüht.« Er drehte sich um und präsentierte bekümmert das aufgesprühte Graffiti auf dem Rükken seiner kaffeebraunen, taillierten Lederjacke. »Wilde Horden von Schulmädchen sind über mich hergefallen, Weltverbesserer haben mich endlos bequatscht. Was ist hier eigentlich los?« Sein Blick fiel auf die ausgestreckten Gliedmaßen von Tatjana Petrowna und schließlich auf Max, der seine Lippen fest auf ihren Mund gepreßt hielt. Peter legte die Fingerspitzen an die Schläfen und rief: »Sagt nichts! Ich hab’s! Sie ist unsere erste Kundin, und der berühmte Manischewitzsche Liebestrank von Max hat mal wieder ’ne Fehlzündung verursacht.« »Falsch, falsch!« entgegnete Loretta. »Wenigstens zur Hälfte. Sie ist tatsächlich unsere erste Klientin. Tatjana Petrowna Smith. Aber sie ist nicht besinnungslos vor Leidenschaft. Sie ist zu Tode erschrocken!« Peter Pine kam endgültig ins Zimmer und knallte die Tür hinter sich zu. »Zurücktreten, Herrschaften!« befahl er. »Da muß ein Profi ran! Die Dame ist gleich wieder in Topform. Überlaßt das nur mir.« Damit setzte er sich mit verschränkten Beinen wie ein Buddha zu Tatjanas Füßen und stimmte einen murmelnden Singsang an. Bevor
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er sein Mantra das zweite Mal wiederholt hatte, flatterten Tatjanas Augenlider, und sie stöhnte vernehmlich. »Igitt!« waren ihre ersten Worte, und sie wandte das Gesicht von Max ab. »Sie haben schlechten Atem. Riecht nach abscheulichen Zigarren. Genau wie bei meinem armen Alexeij. Das habe ich ihm nie verzeihen können.« Max trottete mürrisch zum Schreibtisch zurück und sank auf seinen Stuhl. »Na gut, Verehrteste. Wollte nur helfen. Da muß man ja nicht gleich beleidigend werden. Wollen Sie die Telefonnummer?« Tatjana Petrowna sah aus, als würde sie jeden Augenblick erneut ohnmächtig werden. »Weiß ich nicht«, antwortete sie unsicher. Ihr Blick fiel auf Peter Pine, der noch immer in der Lotusstellung auf dem Fußboden saß und seinen Singsang murmelte. »Wer ist dieser Idiot? Was macht er da?« Peter riß die Augen auf. »Peter Pine, Madam«, stellte er sich vor. »Jederzeit zu Diensten. Ich weiß eine Lösung für Ihr Problem. Schlage vor, wir gehen zu Ihnen nach Hause und veranstalten eine Séance. Jemand versucht, Sie umzubringen. Die Mächte des Jenseits sagen uns, wer das ist.« »O Peter!« meldete sich Loretta und half ihm, seine in der Lotusstellung verklemmten Beine zu entwirren. »Das wissen wir doch schon. Es ist alles so aufregend. Wir haben eine Telefonnummer fürs Jenseits.« Sie zog ihn auf die Füße. »Wir brauchen keine Séancen mehr abzuhalten. Wir können einfach anrufen. Stimmt’s, Max?« »Möglich, möglich.« Max wickelte eine neue Zigarre aus der Zellophanhülle. Bevor er sie anzündete, steckte er sich verstohlen ein Pfefferminzbonbon in den Mund. »Der Bursche hat gesagt, falls der Anschluß besetzt ist, sollen wir’s noch mal versuchen. Angeblich hat er von einer Telefonzelle in der fünften Umlaufbahn angerufen. Und hinter ihm stand schon ’ne ganze Schlange von Leuten, die auch versuchen wollten, Kontakt aufzunehmen.« Er wandte sich Tatjana Petrowna zu. »Was meinen Sie, Verehrteste? Wir nehmen fünfzig Dollar pro Tag plus Spesen… für so was wie Ferngespräche versteht sich.«
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Tatjana Petrowna zog ein schwarzumrandetes Taschentuch aus der Handtasche und tupfte die verwischte Maskara ab. »Ich kann nicht glauben, daß mein armer Alexeij mich umbringen will.« »Ich schon«, murmelte Max. »Fünfzig Dollar, ’ne Menge Geld für einen geschenkten Tag. Aber wenn ich morgen ins Gras beiße, muß ich ja nicht zahlen. Und falls ich den Tag überleben sollte, hab’ ich’s überstanden. Wieviel kostet denn ein Anruf dorthin?« Max zuckte mit den Schultern. »Soll ich beim Amt nachfragen?« Peter Pine setzte sich auf die Schreibtischkante. »Darf ich mal ’nen Blick auf die Telefonnummer werfen?« Max gab ihm den Zettel. Peter betrachtete Max’ Notiz schweigend. Von Zeit zu Zeit schweifte sein Blick zur Wählscheibe des Telefons. »Ich finde, ich sollte mir doch noch was Neues zum Anziehen kaufen«, überlegte Tatjana Petrowna laut. »So für alle Fälle. Und zwar was Helles, Farbenfrohes. Möchten Sie mitkommen?« fragte sie Loretta. »Klar doch. Gern sogar.« »Madam«, begann Peter Pine in diesem Augenblick. Er notierte Zahlen und rechnete. »Ihr Geburtstag liegt im Spätsommer. August oder September? Stimmt’s?« »Richtig!« Tatjana lachte affektiert. »Es ist der neunundzwanzigste August. Über das Jahr reden wir lieber nicht.« »Ich tippe auf 1935, aber das ist nicht wichtig. Sie sind im Sternkreiszeichen der Jungfrau geboren. Der Geist, der Kontakt mit Ihnen aufnehmen möchte, war in seinem irdischen Leben ein Steinbock und versucht, Sie vor einem Skorpion zu warnen. Oder umgekehrt. Das geht aus der Telefonnummer nicht eindeutig hervor. Aber wir sind auf dem richtigen Weg. Kennen Sie jemanden mit dem Tierkreiszeichen Skorpion oder Steinbock?« Tatjana Petrowna runzelte die Stirn. »Du meine Güte! Keine Ahnung. Um Astrologie habe ich mich nie gekümmert. Ich hatte allerdings mal ein Seidentuch mit all diesen komischen Zeichen drauf. Es ist verlorengegangen. Steinbock… hm. Das muß Alexeij sein. Der alte Bock ist doch immer hinter jungen Mädchen hergewesen.« »Wie lautet sein Geburtsdatum?« wollte Max wissen.
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»Der dritte Januar.« »Na bitte«, bemerkte Peter Pine. »Zwei von dreien haben wir schon. Jetzt müssen wir nur noch rauskriegen, wer der Skorpion ist und was er vorhat. Ich finde, Sie sollten die Nummer anrufen.« »Augenblick noch, Schlaumeier«, fiel Max ihm ins Wort und schnappte sich seinen Zettel. »Wie hast du das alles mit Hilfe einer Telefonnummer rausbekommen? Ich sehe nichts als Zahlen und Kritzeleien.« »Ganz einfach«, behauptete Peter Pine. »Vorausgesetzt man kennt sich mit Tarot aus. Seht euch mal die Vorwahlnummer -686an. Ersetzt man die Zahlen durch die entsprechenden Buchstaben auf der Telefonwählscheibe, erhält man die Buchstabenkombination NUN. Natürlich könnte man auch auf andere Kombinationen kommen, aber nur diese ergibt einen Sinn. Wir müssen nur die Laute ein wenig anders aussprechen: NOUN ist der vierzehnte Buchstabe im hebräischen Alphabet. Das müßtest du eigentlich wissen, Max.« »In Hebräisch bin ich durchgefallen.« »Na egal«, fuhr Peter Pine fort. »NOUN steht in Verbindung mit der Tarotkarte ›Teufel‹, die wiederum dem Tierkreiszeichen Skorpion zugeordnet wird. Mit den restlichen Zahlen der Telefonnummer bin ich genauso verfahren. Der erste Teil -963- ergibt JOD, und damit den Tarotschlüssel ›Eremit‹ im Tierkreiszeichen Jungfrau, während die letzte Zahlenkombination -2946- AJIN ergibt und die Karte des ›Todes‹ unter dem Steinbock aufdeckt. Gewußt, wie. Dann ist alles ganz leicht.« »Peter, du bist einfach großartig«, seufzte Loretta. Sie sah Tatjana Petrowna lächelnd an. »Finden Sie nicht auch?« Tatjana Petrowna krallte die Finger in die Armlehnen des Sessels. »Glauben Sie wirklich, daß Alexeij der Anrufer ist? Ich will nicht mit ihm reden. Ich weigere mich strikt, diese Nummer anzurufen.« Unter Max’ Schreibtisch ertönte ein leises Kratzen und ein schrilles Quieken. »Du liebe Güte«, seufzte Loretta. »Ralph hat wieder Alpträume. Daran ist die Pizza schuld, die er verdrückt hat.« Sie sank in die Knie, griff unter den Schreibtisch und murmelte Tröstendes. »Komm raus, mein Kleiner. Ist ja alles gut. Ist ja nur ein böser Traum. Loretta paßt schon auf, daß dir nichts passiert.« Damit zog
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sie ein schlankes, graues Bündel mit langem, zuckendem Schwanz und glänzenden Knopfaugen heraus. Tatjana Petrowna unterdrückte einen Schrei. »Das ist doch eine Ratte, oder?« fragte sie. »Eine schmutzige, ekelige, abscheuliche New Yorker Stadtratte! Mein Gott, Sie sind mir unheimlich!« »Wen haben Sie erwartet? Mickey Mouse?« erkundigte sich Max grinsend hinter einer Qualmwolke. Aus Lorettas Armbeuge betrachtete Ralph Tatjana Petrowna böse. Er reckte den Hals, an dem ein mit roten Steinen besetztes Lederhalsband prangte und zeigte ihr die Zähne. »Jetzt haben Sie seine Gefühle verletzt«, sagte Loretta. »Er ist sehr sensibel und kein bißchen schmutzig.« Sie streichelte Ralph über den Kopf, bis er die Augen schloß und sich in Lorettas Armbeuge schmiegte. »Tut mir aufrichtig leid«, behauptete Tatjana Petrowna. »Aber wie sollte mir eine Ratte jetzt helfen?« Ralphs Schwanz zuckte. Loretta murmelte etwas, und auf den Sessel, in den sich Tatjana duckte, ging ein Regen kleiner Kröten nieder. »Aufhören! Aufhören!« schrie sie und schüttelte Kröten aus der Perücke. »War schon immer einer meiner besten Tricks«, verkündete Loretta stolz. »Ich kann wunderbar Kröten regnen lassen. Leider komme ich viel zu wenig dazu. Was Kröten betrifft, ist Ralph eine unschlagbare Hilfe.« Sie vollzog eine Geste, und die Kröten verschwanden. »Ich wollte Sie nicht erschrecken.« »Kröten sind ja recht und gut«, meldete Peter Pine sich zu Wort. »Aber das Problem der Dame lösen sie nicht. Sie hat eine Todesdrohung bekommen. Unsere Aufgabe ist es, sie zu beschützen und rauszukriegen, wer dahintersteckt.« Tatjana Petrowna nickte zustimmend. Sie ordnete ihren Rock und entblößte dabei ihre Knie. »Gehe ich richtig in der Annahme«, fuhr Peter fort, »daß Sie keinen Wert darauf legen, mit Ihrem geliebten verblichenen Ehemann wiedervereinigt zu werden?« »Iiiii… nein«, sagte Tatjana. »Vielleicht an einem anderen Hochzeitstag. Vielleicht am fünfzigsten oder hundertsten.«
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»Und mit dem Anrufer, der die Nummer hinterlassen hat, möchten Sie auch nicht sprechen?« Tatjana schüttelte den Kopf. »Ehrlich gesagt, habe ich überhaupt kein Interesse daran, mit dem armen Alexeij Kontakt aufzunehmen. Ich habe vor, mich nächsten Monat wieder zu verheiraten. Vorausgesetzt, ich lebe noch so lange. Und ich will ihn nicht ermutigen, mich ständig mit Anrufen zu bombardieren. Er ist von jeher schrecklich eifersüchtig gewesen.« »Trotzdem könnten wir etwas erfahren, wenn wir anrufen. Darf ich vorschlagen, als Ihr Repräsentant das Telefonat zu führen und die Absichten dieses ruhelosen Schattens aufzudecken?« Tatjana zuckte mit den Schultern. »Kann ja nicht schaden, oder? Solange ich ihn weder sehen noch mit ihm sprechen muß, bitte. Ich glaube, der Schlag würde mich treffen, wenn Alexeijs Geist anfängt hier herumzuspuken.« »Also gut.« Peter Pine ging zum Telefon und wählte. Die anderen spitzten die Ohren. Tatjana hatte eine schmale weiße Hand über die Augen gelegt. Loretta hockte sich in die Mitte des Sternfünfecks. Ralph schlief in ihren Armen. Max Dwindle rauchte seine Zigarre und sah düster den Qualmwolken nach. Peter Pine hielt den Hörer dicht ans Ohr gepreßt und lauschte auf das ferne und immer hohler klingende Klicken von Relais. Als schließlich das Rufzeichen ertönte, hob er die Hand. Seine Mithörer beugten sich angespannt vor. Beim zweiten Klingeln wurde am anderen Ende abgenommen. Eine dünne, hohle Stimme sagte: »Richten Sie ihr aus, daß sie mich morgen um zwölf Uhr mittags im Zoo im Prospect Park treffen soll. Ich will ihr nichts Böses antun. Aber sollte sie diese Verabredung nicht einhalten, schwebt sie in tödlicher Gefahr.« »Der Zoo im Prospect Park«, wiederholte Peter. »Was für eine Gefahr? Können Sie mir nicht mehr sagen? Und wie erkennt sie Sie? In welcher Gestalt erscheinen Sie ihr?« Peters Fragen blieben unbeantwortet. Am anderen Ende wurde aufgelegt. Die Leitung war tot.
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»Der Zoo!« rief Tatjana Petrowna. »Morgen! Aber ich kann nicht. Morgen ist Mittwoch. Das weiß er doch. Was ist mit dem MahJongg-Club?« »Vielleicht sollten Sie den ausfallen lassen«, empfahl Loretta. »Psst!« befahl Peter. »Ich versuch’s noch mal.« Peter wählte die Nummer wieder und wieder. Der Anschluß blieb besetzt. »Tja«, seufzte er schließlich. »Wird uns wohl nichts anderes übrigbleiben, als morgen in den Zoo zu gehen.« »Es ist Jahre her, seit ich zum letzten Mal im Zoo gewesen bin«, bemerkte Tatjana Petrowna. »Mein Johnny ist da noch ein kleiner Junge gewesen. Tiere hat er immer geliebt.« Sie lächelte zärtlich. »Und im Zoo habe ich meinen armen Alexeij kennengelernt. Im Elefantenhaus. Ich habe damals als Kindergärtnerin gearbeitet und war mit der ganzen Gruppe da. Alexeij hat für alle… die Elefanten eingeschlossen, Erdnüsse gekauft. Wie lieb, daß er das nicht vergessen hat.« »In diesem Fall treffen wir uns im Elefantenhaus«, entschied Peter. »Punkt zwölf. Einverstanden?« Tatjana Petrowna erhob sich mit einem Seufzer der Erleichterung aus dem Ledersessel. »Ich werde da sein«, versprach sie. »Ist mir neu, daß Gespenster jetzt schon am hellichten Tag erscheinen. Tauchen sie denn normalerweise nicht um Mitternacht auf?« »Im Jenseits hat die Zeit keine Bedeutung«, erklärte Peter. »Im Reich der Schatten nimmt man, was sich bietet. Wenn Ihr Mann mit dem Zoo starke Gefühle verbindet, ist es vermutlich leichter für ihn, dort zu erscheinen als anderswo.« »Tja, dann«, seufzte Tatjana Petrowna. »Ich gehe jetzt erst mal zu Bloomingdales. Eine Ralph-Lauren-Hose und ein Blazer scheinen mir das geeignete Outfit für einen Zoobesuch zu sein. Kommen Sie mit?« Tatjana blieb auf der Türschwelle stehen und sah zu Loretta zurück, die noch immer in der Mitte des Pentagramms kauerte. »Klar doch.« Loretta streckte sich auf dem Fußboden aus. Die Füße gen Süden, der Kopf gen Norden gerichtet verkreuzte sie die Arme über der Brust und schloß die Augen. Ralph, die Ratte, von seinem Schlaf aufgeschreckt, trippelte zu seinem Versteck unter dem Schreibtisch.
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»Gehen wir!« sagte Tatjana ungeduldig. Loretta hob den Kopf und schlug die Augen auf. »Ich gehe ja«, erklärte sie. »Ich war schon fast weg. Laufen Sie zu, Herzchen. Wir treffen uns dort. Passen Sie auf ein schwaches Leuchten über ihrem Kopf auf. Das bin dann ich. Es ist ein herrlicher Spaß, sich aller Körperlichkeit zu entledigen und Astralreisen zu machen. Keine Hetze, und man spart das Geld für Bus oder Taxi.« Sie nahm ihre Stellung wieder ein, versenkte sich in Trance und sagte kein Wort mehr. Ein feiner Dunstschleier entwich ihrem Mund und entschwand durch die Decke. »Sie sollten sich beeilen«, riet Max. »Sonst ist sie vor Ihnen da. Und wenn sie sich langweilt, fängt sie an zu klauen.« Tatjana starrte auf das auf dem Boden liegende Mädchen. »Und wie ist das morgen?« erkundigte sie sich. »Ich habe offen gestanden keine Lust, nur in Begleitung von Dunstwolken im Zoo zu erscheinen.« »Keine Sorge«, beruhigte Peter sie. »Da sind wir alle dabei. In Fleisch und Blut. Bis dahin empfehle ich vegetarische Diät. Und nehmen Sie sich vor einem großen Blonden im braunen Anzug in acht.« »Wie bitte? Was hat das denn zu bedeuten?« »Da bin ich überfragt. Ist einfach so über mich gekommen. Ich gebe nur die Botschaft weiter.« Peter packte einen Stapel Werbeplakate. »Kommen Sie. Die Lexington-Avenue-Linie wartet auf mich. Und ich will fertig sein, bevor die Rushhour anfängt.« Mittwoch, der nächste Tag, war schön und klar. Es herrschte das ideale Wetter für einen Besuch im Zoo. Dwindle, Peak und Pine trafen pünktlich um Viertel vor zwölf im Prospect Park im Herzen von Brooklyn ein. Die massigen Elefanten standen in ihrem Gehege und kauten stoisch Stroh. Kinder mit ernsten, eisverschmierten Gesichtern starrten auf die Dickhäuter, bis die Mütter sie zu den lustigen Affen oder den verspielten Seehunden im Bassin in der Mitte des Zoos riefen. Die drei Detektive mit den okkulten Neigungen saßen auf einer schattigen Bank gegenüber dem Elefantengehege. Loretta gähnte.
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»Schätze, ich bin gestern doch zu lange ausgeblieben. Aber ich wollte sie im Auge behalten, bis sie schlafen gegangen ist.« »War was los?« fragte Max. »Irgendwelche Telefongespräche?« »Nichts. Zum Abendessen kam ihr Freund. Sie haben ferngesehen, bis er gegangen ist. Ohne Perücke sieht sie ganz anders aus.« »Ist er vielleicht ein großer Blonder im braunen Anzug?« wollte Peter wissen. »Himmel, nein! Er ist nicht größer als Max und hat fast eine Glatze. Sein kariertes Jackett war ein Alptraum.« »Was gab’s zum Abendessen?« »Sah wie Kaninchenfutter aus. Sie hat sowieso kaum was angerührt. Schätze, sie war zu nervös. Dabei fällt mir ein, daß ich seit gestern mittag nichts mehr zu beißen hatte. Ich sterbe vor Hunger.« »So weit, so gut«, bemerkte Peter. »So weit – nicht gut«, verbesserte Max ihn und starrte verdrießlich auf das Zifferblatt seiner großen goldenen Taschenuhr, die er aus der Westentasche eines altmodischen Anzugs gezogen hatte. »Die Dame kommt zu spät. Es ist fünf nach zwölf.« »Heh!« sagte Loretta. »Ist ja komisch. Seht euch mal die Elefanten an.« Die sechs Elefanten knieten in der hintersten Ecke ihres Freigeheges im Kreis beisammen und hatten die kleinen Augen geschlossen. Sie wirkten beinahe wie schwergewichtige graue Footballspieler, die während einer Auszeit Kriegsrat hielten. In diesem Augenblick erhob sich einer der Dickhäuter und trabte zu dem Zaunteil, der den drei Betrachtern am nächsten lag. Er schwenkte den Rüssel in ihre Richtung und sagte: »Psst! Kommt mal näher!« Loretta begann vor Aufregung zu schweben und war im Nu über den gepflasterten Weg und am Zaun. »Vorsicht«, murmelte Max, der ihr gemessenen Schrittes folgte. Peter schlenderte lässig neben ihm her. »Wer bist du?« fragte Loretta neugierig. »Der, den ihr sucht«, antwortete der Elefant. »Habt ihr Erdnüsse?« »Ich besorge welche!« erbot sich Loretta umgehend und verschwand auf die ihr eigene schwerelose Art.
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»Bißchen flatterhaft, die Dame, was?« bemerkte der Elefant. »Wo ist denn mein Liebling, mein Herzblatt, meine Braut von vor fünfundzwanzig Jahren? Wo steckt meine Tati?« Max Dwindle zuckte mit den Schultern. »Sie hat sich wohl verspätet. Sie kommt bestimmt mit der U-Bahn. Und da ist alles möglich.« »Ja, ja«, seufzte der Elefant. »Früher war das Warten auf den Zug für mich die Hölle. Aber stellt euch vor, was es bedeutet, wenn auf einem völlig übervölkerten Bahnsteig Menschen auf einen Zug warten, der nie kommt. Letzte Woche haben sie endlich eine Telefonzelle aufgestellt. Eine einzige Telefonzelle für die ganze fünfte Umlaufbahn!« »Hier sind die Erdnüsse!« Loretta schwebte ein und setzte zur perfekten beidbeinigen Landung an. In der Hand hielt sie eine weiße Papiertüte, prallvoll mit Erdnüssen. Der Elefant packte sie mit dem Rüssel und schob die Erdnüsse samt Verpackung ins Maul. Einige Minuten kaute er mit verzücktem Leuchten in den Augen. »Braves Mädchen«, sagte er und schluckte den letzten Bissen hinunter. »Werde dich dem Boß empfehlen.« »Dem Boß?« fragte Loretta atemlos. »Na, du weißt schon. Der Junge mit dem Dreizack. Ist im Lauf der Jahrhunderte ziemlich faul geworden. Erscheint nicht mehr jedem. Ich lege mal ein gutes Wort für dich ein.« »Danke«, murmelte Loretta verhalten begeistert. »Ich weiß nicht recht, ob…« In diesem Augenblick trompetete der Elefant und wedelte wild mit den Ohren. »Da kommt sie!« dröhnte er. »Hab’ doch gewußt, daß sie mich nicht sitzenläßt. Ist sie nicht bezaubernd?« Dwindle, Peak und Pine drehten sich um. Hinter ihnen war auf dem Parkweg eine zierliche Gestalt in magenta-roter Hose, giftgrünem Samtjackett und mit Sonnenbrille aufgetaucht. Eine in der Sonne glänzende kupferrote Lockenpracht krönte die Erscheinung. In einer Hand schwenkte Tatjana Petrowna Smith eine Einkaufstasche von Bloomingdales. Sie lief auf die Gruppe vor dem Elefantengehege zu. »Entschuldigen Sie die Verspätung«, sagte sie atemlos. »Gerade als ich fort wollte, brachte ein Bote vom United Parcel Service ein Päck-
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chen. Weil ›verderblich‹ drauf stand, habe ich es natürlich sofort geöffnet. Und Sie raten nicht, was drin war!« »Tati«, murmelte der Elefant. Ohne ihn zu beachten, griff sie in die Einkaufstüte und förderte triumphierend ein Pfundglas Kaviar zutage. »Kaviar!« rief sie entzückt. »Der echte Beluga. Ist das nicht großartig? Ah, ich hätte den Straßenkatzen im Mah-Jongg-Club gern mal gezeigt, was Lebensart ist, aber da ich auf dem Weg hierher war, dachte ich, wir könnten ein Picknick machen. Ich habe ein paar Eier gekocht und in der Tüte ist Toast. Kaviar! Ich kann’s kaum erwarten.« Sie öffnete das Glas und holte einen Löffel aus der Tüte. »Tati!« schrie der Elefant. »Iß das bloß nicht!« »Alexeij? Bist du das?« Tatjana Petrowna sah sich um. Auf den Elefanten, der sie flehentlich ansah, achtete sie nicht. »Wo versteckst du dich? Und warum soll ich den Kaviar nicht essen? Du weißt, wie versessen ich darauf bin.« Sie steckte den Löffel vorsichtig ins Glas. »Tati!« trompetete der Elefant diesmal. »Hör auf mich! Er ist vergiftet. Einen Löffel voll, und du bist tot.« »Unsinn!« wehrte Tatjana ab, die schließlich begriffen hatte, woher Alexeijs Stimme kam. »Wieso sollte ich auf einen Elefanten hören? Und wer würde schon ein Pfund Kaviar vergiften? Das wäre geradezu ein Verbrechen.« Sie führte den Löffel an den Mund. Der Rüssel des Elefanten fuhr zwischen den Gitterstäben hindurch und schleuderte ihr den Löffel aus der Hand. Dann packte er das Glas und zog es hinter die Stäbe in Sicherheit. »Alexeij!« schmollte Tatjana. »Gib mir das Glas sofort zurück! Was machst du überhaupt in dieser lächerlichen Verkleidung? Komm raus und steh deinen Mann! Erklär mir gefälligst, was das alles soll!« Einen Augenblick sah es beinahe so aus, als würde der Elefant das Glas in ihre ausgestreckte Hand zurücklegen. Er sah ihre ärgerliche Miene, den ungeduldig aufstampfenden Fuß, und der Rüssel entrollte sich ein winziges Stück in ihre Richtung. Doch dann seufzte er tief und schüttelte den massigen Schädel.
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»Nein, Liebes«, murmelte er. »Ich glaube, du bist noch nicht reif für die Hölle.« Der Rüssel, der noch immer das geöffnete Glas hielt, hob sich in eleganter Geste und wurde dann zum Maul geführt. Das Glas verschwand darin. Der Elefant schluckte, erbebte, erschauderte und rülpste. Dann sank er mit einem Seufzer in die Knie. »Lebe wohl, Tati. Du sollst ewig leben.« Alexeijs Stimme war immer schwächer geworden. Der Elefant fiel auf die Seite, und als er aufschlug, zitterte die Erde unter ihren Füßen. Im hinteren Teil des Geheges wurden die anderen Elefanten unruhig. »Al!« schrie Max Dwindle. »Du darfst uns nicht verlassen! Sag uns, wer den Kaviar geschickt hat?« Ein schwacher Windhauch erhob sich raschelnd aus dem Heu im Elefantengehege und war im nächsten Augenblick verschwunden. »Der Mann vom Paketdienst«, wandte sich Peter Pine an Tatjana. »War er groß und blond und hatte einen braunen Anzug an?« »Die tragen doch alle braune Uniformen, oder?« entgegnete sie. »Er war größer als ich, aber an seine Haarfarbe kann ich mich nicht mehr erinnern. Die Mütze hat er nicht abgenommen. Sein Schnurrbart war gelblich.« »Na also, bitte!« seufzte Peter selbstgefällig. »Ich hatte recht.« »Peter, du bist ein Genie!« rief Loretta aus. »Aber wer hat den Kaviar gekauft und vergiftet?« »Das werden wir wohl nie erfahren«, jammerte Max. »Es sei denn, wir holen Al zurück.« »Versucht das bloß nicht«, wehrte Tatjana ab. »Mein Bedarf an Kontakten zum Jenseits ist gedeckt. Was ist, wenn er das nächste Mal als Alligator auftaucht?« »Mutter! Mutter!« Schritte kamen hastig auf dem Asphaltweg näher. Ein aufgeregter junger Mann stürmte auf sie zu und schloß Tatjana in die Arme. »Dem Himmel sei Dank, daß dir nichts passiert ist. Als ich’s erfahren habe, habe ich mich sofort in den Zug gesetzt und bin vom Bahnhof aus in deinen Mah-Jongg-Club gefahren, weil ich sicher annahm, daß du ihn dahin mitnehmen würdest. Ich hatte schon Angst, dort Dutzende von Leichen vorzufinden. Aber die waren alle putzmunter und haben mir gesagt, daß du hier bist. Es war Mary
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Ann, meine Verlobte. Aber eigentlich bin ich schuld, weil ich ihr so viel von dir, deinen Gepflogenheiten, deiner aristokratischen Herkunft und dem Geld erzählt habe, das ich eines Tages erben werde. Sie konnte nicht warten. Gleich nach dem Examen nächsten Monat wollten wir heiraten und eine Gemeinschaftspraxis eröffnen. Sie ist sehr ehrgeizig. Gestern abend war sie beschwipst. Wir haben ihren Geburtstag gefeiert. Und dann hat sie mir gestanden, was sie getan hat. Ich bin mit dem nächsten Zug hergekommen, um dich zu retten. Wo ist der Kaviar? Wir brauchen ihn als Beweismittel. Auf dem Glas müssen Fingerabdrücke sein.« »O Johnny«, stöhnte Tatjana. »Ich habe dir doch so viel über Frauen erzählt. Und jetzt ist dein Vater tot.« »Das ist er doch schon seit drei Jahren.« »Er ist noch mal gestorben«, sagte Tatjana und deutete traurig auf den leblosen Elefanten. »Was ist denn mit dem armen Dickhäuter los?« fragte der junge Mann. »Habe ich dir doch gerade gesagt. Er ist tot. Er hat den Kaviar gegessen!« »Große Güte!« stöhnte der junge Mann. »Es war genug Zyankali drin, um einen Elefanten umzubringen.« »Exakt«, bestätigte Max. »Woher wissen Sie eigentlich so gut Bescheid? War Ihre Freundin so gesprächig? Oder haben Sie das Gift in den Kaviar getan?« »Wann haben Sie Geburtstag?« wollte Peter wissen. »Den Ihrer Freundin haben Sie gestern gefeiert. Demnach ist sie Zwilling. Und wir suchen einen Skorpion.« »Er hat am vierten November Geburtstag«, sagte seine Mutter. »Das Datum vergesse ich nie. Es war eine schwere Geburt. Und er ist ein so gieriges Baby gewesen.« »Aha. Da haben wir ihn also!« verkündete Peter. »Den Skorpion.« »Oho!« sagte Max. »Was für ein verdorbener Sprößling.« »Und noch immer gierig«, bemerkte Loretta. »Nach all den Jahren.« »He, Augenblick mal!« wehrte sich der bürgerliche John Smith. »Sie haben da was in den falschen Hals gekriegt. Ich wollte sie ret-
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ten. Welcher Sohn würde seine geliebte Mutter unter die Erde bringen, um zu heiraten und eine Tierarztpraxis zu eröffnen? Wer sind Sie überhaupt?« »Dwindle, Peak und Pine«, antwortete Max. »Und wir demonstrieren gleich, wer wir sind. Schnapp ihn dir, Loretta.« »Auf geht’s, mein Junge!« rief Loretta, packte den jungen Mann um die etwas füllige Taille und schwebte mit ihm über die Wipfel der umstehenden Bäume hinauf. »Na, wie wär’s mit der Wahrheit, mein Sohn?« Der junge Mann schrie und zeterte. »Lassen Sie mich runter! Lassen Sie mich runter!« »Jetzt sofort?« Loretta lockerte den Griff ihrer kräftigen Arme. Der junge Mann kreischte, und vom anderen Ende des Zoos antworteten die Affen im Chor. »Ich war’s! Ich war’s!« schrie der junge Mann mit völlig verzerrter Stimme. »Lassen Sie mich wieder runter!« Loretta schwebte sanft zur Erde zurück. Sie setzte den kraftlosen jungen Mann auf die Bank unter den Bäumen. »Sie sollten sich schämen!« schimpfte sie. »Nach allem, was Ihre Mutter für Sie getan hat. Sie hat Sie immerhin auf die Universität geschickt und so.« Der bürgerliche John Smith ließ zerknirscht den Kopf hängen. »Ich schäme mich ja schon. Meinetwegen hat dieser arme Elefant sterben müssen. Aber ich mache das wieder gut. Ich gehe als Tiermissionar nach Afrika und betreue seine Artgenossen, bis ich den schrecklichen Elefantenmord gesühnt habe. Lebe wohl, Mutter. In zehn oder zwanzig Jahren bin ich wieder zurück.« Damit ging er mit hängenden Schultern davon. Das traurige Trompeten der Elefanten, die sich mittlerweile um den toten Artgenossen versammelt hatten, begleitete ihn. Tatjana Petrowna schüttelte den Kopf. »Dieses Kind war schon immer merkwürdig. Wie wär’s jetzt mit hartgekochten Eiern? Da wissen wir wenigstens, daß sie nicht vergiftet sind.« »Also ich greife zu!« verkündete Loretta. »Mir knurrt der Magen.«
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Kleine Katze – Großer Schnurrbart Lilian Jackson Braun Im Vergleich zu den anderen Landgütern der Umgebung war Hopple Farm in seinen Ausmaßen eher bescheiden zu nennen; es war jedoch gerade groß genug, um die Bedürfnisse von Mr. und Mrs. Hopple und ihren drei Kindern zu befriedigen. Das Anwesen bestand aus einem Haus mit acht Schlafzimmern, einer Garage für sechs Autos, einem Swimmingpool, Putting green, Stallungen mit angrenzender Koppel – von einer halben Meile Lattenzaun umgeben –, einer Wiese, groß genug, um als Flugfeld für Mr. Hopples kleines Geschäftsflugzeug zu dienen und natürlich den Dienstbotenunterkünften, dem Gewächshaus und dem Hangar. Das Haus war eine ehemalige Mühle, deren riesiges Mühlrad sich längst nicht mehr drehte. Die gegenwärtigen Besitzer hatten das alte Gemäuer mit großem finanziellem Aufwand umgebaut und es mit mindestens zweihundert Jahre alten amerikanischen Antiquitäten ausgestattet. Das Anwesen war bereits zweimal in ArchitekturMagazinen besprochen worden. Die Hopples, deren Vorfahren zu den ersten Siedlern in Amerika gehört hatten, waren herzensgute, patente Menschen mit einem schlichten Geschmack, die Familienleben und die Liebe zur Natur großschrieben. Sie liebten Picknicks im Grünen und Campingtouren in ihrem großen Wohnmobil und umgaben sich gern mit Tieren. Abgesehen von vier arabischen Zuchtstuten bester Abstammung und dem Kutsch-Pony, gab es vier abgerichtete Jagdhunde im Zwinger hinter dem Gewächshaus, einen Stall mit Angorahasen, polnische Hühner, die seltsam gefärbte Eier legten, und im Haus… vier exotische Katzen, in der Familie allgemein als die »Gang« bekannt. Und für kurze Zeit gab es da noch eine aus der Art geschlagene Katze mit überdimensionalem Schnurrbart. Die »Gang« bestand aus zwei Siamkatzen, einer SchildpattPerserkatze und einer rothaarigen Abessinierkatze. Die Stammbäume der vier waren beeindruckend, und die Tiere schienen das zu wissen. Niemals machten sie sich ihre Pfoten bei Spaziergängen im Freien schmutzig. Sie waren glücklich in ihrer geräumigen Suite mit Plüsch-
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teppich, zahllosen Kissen, einer gepolsterten Leiter, heimlichen Kuschelecken und vier Schlafkörben. Lichte Fenster gaben den Blick auf das Wasserrad frei, in dem zu dieser Jahreszeit die Vögel gerade ihre Nester bauten. Für schönes Wetter gab es einen abgeschirmten Balkon. Im Badezimmer standen vier Katzentoiletten mit ihren Namen. Als die Katze mit dem überdimensionalen Schnurrbart auftauchte, war es Anfang Juni. Zu diesem Zeitpunkt lebte nur eines der Hoppleschen Kinder zu Hause: Donald, ein sechsjähriger Junge mit großen, staunenden Augen. Er wurde täglich zu einer Privatschule im nächsten Distrikt chauffiert. John besuchte eine Kadettenschule in Ohio, und Mary war in einem Mädchenpensionat in Virginia untergebracht. Donald. John. Mary. Die Hopples bevorzugten schlichte, ehrliche, der Tradition verhaftete Namen. Ihren Jüngsten überhäuften sie mit Liebe, Aufmerksamkeit und Spielsachen, die seinen Charakter formen sollten. Donald besaß einen Computer, ein Teleskop und eine Videothek; ferner hatte er eine eigens seinem Alter angepaßte Gitarre, eine Golfausrüstung und einen Astronautenanzug der NASA. Zum großen Kummer des Vaters hatte kein einziges dieser Stücke bisher auch nur einen Funken Interesse bei Donald geweckt. Donalds größtes Vergnügen war es, mit gewöhnlichen Hauskatzen, die im Stall wohnten, herumzutollen und ihnen Gutenachtgeschichten zu erzählen. Dieses Thema kam auch eines Freitagabends Anfang Juni zur Sprache. Mr. Hopple war mit seinem Privatflugzeug aus Chicago zurückgekehrt, nachdem er eine zehntägige Geschäftsreise in den Nahen Osten beendet hatte. Im maßgeschneiderten englischen Tuch, den maßgefertigten Schuhen und dem täuschend echt wirkenden Toupé stellte er den Prototyp des erfolgreichen Unternehmers dar. Am Flugzeug auf der Wiese erwartete ihn bereits der Geländewagen, und seine Frau begrüßte ihn glücklich, während sein Sohn vor Aufregung hin und her hüpfte und seinen Aktenkoffer tragen wollte. Anschließend, während der kleine Donald sich duschte und zum Abendessen umzog, genossen die Eltern die Cocktailstunde im Herrenzimmer. Mr. Hopple öffnete im seidenen Hausmantel einen riesigen alten holländischen Schrank, der angeblich einst Peter Stuyve-
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sant gehört hatte und mittlerweile als Bar diente. »Für dich das Übliche, Liebes?« erkundigte er sich. »Meinst du nicht, heute wäre Champagner angebracht, Liebling?« erwiderte seine Frau. »Ich bin so froh, daß du gesund und unversehrt nach Hause gekommen bist. Im Kühlschrank liegt eine Flasche Dom Perignon.« Mr. Hopple schenkte Champagner ein und sprach einen gefühlvollen Trinkspruch auf seine schöne Frau aus. Es war zwanzig Jahre her, seit Mrs. Hopple amerikanische Schönheitskönigin gewesen war, doch sie hatte nichts von ihrer Attraktivität eingebüßt; gleichgültig, ob sie ein Pariser Modellkleid auf einem Wohltätigkeitsball oder Designer Jeans auf dem Landsitz trug. »Und jetzt erzähl mir, was unsere Sprößlinge machen«, bat Mr. Hopple. »Ich mußte die ganze Woche über an sie denken.« Die Hopples vermieden saloppe Bezeichnungen für ihre Kinder. »Gute Nachrichten von John«, begann seine Frau und strahlte. »Er hat schon wieder zwei Einsen in Mathematik geschrieben und ist ins Golfteam aufgenommen worden. Im Sommer möchte er in ein Camp mit Schwerpunkt Mathematik. Aber vorerst hat er fünf Freunde übers Wochenende nach Hause eingeladen. Sie wollen fischen und auf die Jagd gehen.« »Prächtiger Junge! Mit ausgewogenen Interessen. Vielversprechend. Was ist mit Mädchen? Ist er schon interessiert?« »Das glaube ich nicht, Liebling. Er ist erst zehn. Mary hat dieses Wochenende ihr erstes Rendezvous. Mit dem Sohn eines Botschafters…« »Botschafter für welches Land?« warf Mr. Hopple hastig ein. »Für irgendein südamerikanisches, glaube ich. Übrigens hat sie dieses Frühjahr sämtliche Reitturniere gewonnen. Sie fragt uns, ob sie Polo spielen darf. Ihre Zensuren sind exzellent. Sie fängt an, von Harvard und Betriebswirtschaft zu reden…« »Prächtiges Mädchen! Dann heißt es wohl eines Tages ›Hopple & Tochter AG‹. Und wie macht sich Donald?« Mrs. Hopple glühte vor Glück. »Sein Lehrer sagt, er sei seiner Altersgruppe im Lesen drei Jahre voraus und hätte eine rege Phantasie.
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Vielleicht haben wir bald einen Literaten in der Familie, Liebling. Donald denkt sich dauernd kleine Geschichten aus.« Mr. Hopple schüttelte bedauernd den Kopf. »Ich hatte mir für Donald etwas Vielversprechenderes vorgestellt. Wieviel Zeit verbringt er eigentlich mit seinem Computer und dem Teleskop?« »Überhaupt keine. Aber wir sollten ihn nicht drängen. Er ist ein intelligentes, gewissenhaftes Kind. Und so lieb. Im Augenblick interessiert er sich nur für Katzen. Die Gescheckte im Stall hat letzten Monat Junge bekommen, und Donald betreut sie wie ein Vater. Manchmal denke ich, daß er vielleicht Tierarzt werden könnte.« »Die Vorstellung, meinen Sohn eines Tages als ›Pferdedoktor‹ zu sehen, reizt mich offen gestanden wenig. Da ist mir ein Schriftsteller in der Familie doch lieber.« Mr. Hopple schenkte Champagner nach. »Und was macht der Haushalt, Liebes?« »Die Woche war ziemlich ereignisreich, Liebling. Ich habe mir eine Liste gemacht. Erstens: Mittwochnacht scheint es einen Stromausfall gegeben zu haben; sämtliche elektrische Uhren sind am Donnerstag siebenundvierzig Minuten nachgegangen. Dabei hatten wir kein Gewitter. Leider. Wir brauchen dringend Regen. Und seit diesem Stromausfall ist der Fernsehempfang miserabel. Der Elektriker hat sämtliche Apparate durchgecheckt und nichts gefunden. Das Personal ist ziemlich aufgebracht. Der Butler macht die geheimen Atomversuche dafür verantwortlich.« »Und was gibt’s sonst Neues beim Personal?« Die Hopples vermieden das Wort »Dienstboten«. »Einiges. Beide Mädchen sind schwanger… Den Stallburschen mußte ich wegen seiner ordinären Ausdrucksweise entlassen… Und die Köchin verlangt höhere Zulagen.« »Gib ihr, was sie verlangt«, entschied Mr. Hopple. »Wir können es uns nicht leisten, Suzette zu verlieren. Mit den Gärtnern ist vermutlich alles in bester Ordnung?« Mrs. Hopple warf einen Blick auf ihre Liste. »Mr. Bunsens Arthritis ist schlimmer geworden. Wir sollten noch einen Gehilfen für ihn einstellen.« »Am besten nimmst du gleich zwei. Er ist ein treuer Angestellter«, erklärte ihr Mann. »Bist du mit dem neuen Butler zufrieden?«
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»Da habe ich nur eins auszusetzen: wenn er Donald zur Schule fährt, jagt er dem Jungen mit unsinnigen Geschichten über russische Verschwörungen, Außerirdische und Gift in unserem Essen Angst ein.« »Ich werde umgehend mit dem Mann reden. Hast du schon Ersatz für den Stalljungen gefunden?« »Ja, zum Glück. Der Schuldirektor hat mir einen Schulabgänger geschickt, der eine anständige Sprache spricht. Er hat gute Manieren und gerade einen landesweiten Wissenschaftswettbewerb gewonnen. Vielleicht hat er einen guten Einfluß auf unseren Sohn, Liebling. Donald hat heute zum ersten Mal seinen NASA-Anzug angehabt.« »Klingt vielversprechend. Wie heißt der Junge?« »Bobbie Wynkopp. Seine Eltern wohnen in dem kleinen Haus hinter unserem Südtor.« »Erinnere mich bitte, daß ich ihn frage, ob ihm Fremde auf der Süd-Weide aufgefallen sind. Bevor wir heute nachmittag zur Landung angesetzt haben, habe ich von oben die Überreste eines offenen Feuers entdeckt. Gegen Ausflügler, die da Picknick machen, habe ich nichts. Aber für ein Feuer ist es jetzt viel zu trocken.« Es ertönte ein melodiöser Gong. Die Hopples kleideten sich an und gingen zum Abendessen hinunter. Donald erschien bei Tisch in seinem weißen, italienischen Seidenanzug, sonnte sich im Wohlwollen der Eltern und wartete gespannt darauf, daß man das Wort an ihn richtete. Nachdem das Mädchen den Porrée vinaigrette serviert hatte, sagte Mr. Hopple: »Na, junger Mann, hast du diese Woche was Aufregendes erlebt?« »Ja, Sir«, antwortete der Junge, und seine großen Augen glänzten. »Ich habe eine ganz komische Katze im Stall entdeckt.« Donald saß auf zwei Kissen und machte sich mit seinem Kinderbesteck, das dem Erbsilber der Erwachsenen exakt nachgestaltet war, routiniert über den Porrée vinaigrette her. »Keine Ahnung, woher der Kater stammt. Er hat 50 Zentimeter lange Schnurrbarthaare.« Donald hob beide Hände und deutete vage eine Strecke von fünfzig Zentimetern an. »Klingt fast wie Seemannsgarn«, bemerkte Mr. Hopple augenzwinkernd.
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Donald lächelte über die amüsierte Reaktion des Vaters. »Aber es stimmt. Er ist für so lange Barthaare viel zu klein. Er ist ganz sonderbar.« »Die Schnurrbarthaare wirken bei Katzen manchmal lang, wenn die Tiere noch klein sind«, warf die Mutter sanft ein. »Sie müssen erst noch wachsen.« Donald schüttelte den Kopf. »Das ist kein junger Kater, Mutter. Er benimmt sich wie eine ausgewachsene Katze. Manchmal sind seine Schnurrbarthaare lang… manchmal sind sie kurz. Er ist wirklich komisch. Ich habe ihn ›Schnurrbart‹ getauft.« »Ist ja interessant.« Sein Vater versuchte ernst zu bleiben. »Ausfahrbare Schnurrbarthaare.« »Sie werden ganz lang, wenn er etwas sucht«, erklärte Donald weiter. »Und er steckt seinen Rüssel überall hinein. Er ist schrecklich neugierig.« »Schätzchen, wir sagen ›Nase‹«, verbesserte seine Mutter ihn gelassen. »Seine Schnurrbarthaare leuchten im dunkeln«, fuhr der Junge mit wachsendem Selbstbewußtsein fort. »Wenn er in einer dunklen Ecke ist, flimmern sie grün wie unsere Computer-Bildschirme. Und seine Ohren bewegen sich immer im Kreis.« Donald ließ seine Finger kreisen. »So kann er auch fliegen. Er geht hoch wie ein Helikopter.« Die beiden Erwachsenen wechselten hastig einen Blick. »Dein Mr. Schnurrbart ist ja ein schlauer Bursche«, bemerkte Mr. Hopple. »Welche Farbe hat er denn?« Donald dachte einen Moment nach. »Manchmal ist er blau. Aber meistens ist er grün. Gestern habe ich sogar gesehen, wie er dunkelrot geworden ist. Da war er nämlich stinkwütend.« »Ärgerlich, mein Junge«, verbesserte die Mutter ihn leise. »Und was hält der neue Stalljunge von Schnurrbart?« »Bobbie konnte ihn nicht sehen. Schnurrbart mag keine Großen. Wenn er Erwachsene sieht, verschwindet er. Peng! Einfach so!« Mrs. Hopple klingelte nach dem nächsten Gang. »Und welche Laute gibt dieses herrliche Tier von sich, Liebes? Schreit es so schrill wie die Siamkatze, oder miaut es wie die anderen?«
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Donald überlegte sich die Antwort, während der den letzten Bissen Lauch ordnungsgemäß kaute und hinunterschluckte. Dann sprudelte eine ganze Folge seltsamer Laute aus ihm heraus: »AWK AWK ngngngngng hhhhhhhhhhhhhhh beep-bepp-beep beep beepbeep AWK.« Das Dienstmädchen, das ins Speisezimmer kam, um abzuräumen, machte eine besorgte Miene, und musterte Donald mißtrauisch, während sie den zweiten Gang servierte. Da rief der Junge plötzlich: »Er ist da! Da ist Schnurrbart!« Donald zeigte zum Fenster. Doch als die Erwachsenen ihre Köpfe wandten, war Schnurrbart bereits wieder verschwunden. Der Hauptgang des Abendessens war eines jener ländlich einfachen Gerichte, die die Hopples so liebten: ein Eintopf aus weißen Bohnen, Lamm, Schweinerippen, hausgemachten Würstchen, Kräutern und einem kleinen gepökelten Fasan. Die Köchin, aus einer französischen Weingegend stammend, wollte mit Mikrowellenherden oder anderen modernen Haushaltsgeräten nichts zu tun haben. Die Hopples hatten daher eine altmodische Küche mit einem riesigen alten Steinofen errichten lassen, um Suzette bei Laune zu halten. Das Cassoulet, das serviert wurde, hatte den ganzen Tag im alten Steinofen geköchelt. Mit dem Übergang zum Hauptgericht vollzog sich auch ein Themawechsel, so daß die Mahlzeit endete, ohne daß Schnurrbart noch einmal erwähnt wurde. Nach dem Essen machte sich Donald an die Fütterung der Gang, was zu seinen täglichen Pflichten gehörte. Er trug ihr Essenstablett hinauf, wusch ihre antike silberne Trinkschale (ein Stück, das der Werkstatt von Paul Revere zugeschrieben wurde) und füllte sie mit frischem Wasser. Währenddessen wurde seinen Eltern in der Bibliothek der Kaffee serviert. »Du hattest recht mit dem Jungen«, bemerkte Mr. Hopple. »Seine Phantasie geht mit ihm durch.« »Vermutlich ist Donalds Geschichte nur die übertriebene Wiedergabe einer tatsächlichen Begebenheit«, beschwichtigte seine Frau. »Wahrscheinlich ist es wirklich eine ungewöhnliche Katze. Vielleicht ist sie herrenlos, war als schwächste eines Wurfs unerwünscht und wurde einfach aus dem fahrenden Wagen geworfen.«
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»Du hast doch immer für alles eine Erklärung, Liebes. Und du bist so tüchtig. Hast du schon Pläne fürs Wochenende?« »Nein, Liebling. Ich wußte, daß dir die Zeitverschiebung noch zu schaffen machen würde. Aber ich habe die Enkelkinder des Gärtners eingeladen, mit Donald zu Mittag zu essen. Sie sind in seinem Alter, und er sollte gelegentlich mit den Kindern hier aus dem Ort zusammenkommen.« Am Samstag frühstückten die Hopples gewöhnlich in großem Stil im Glashaus, doch da beide Mädchen am darauffolgenden Morgen unter Übelkeit litten, versammelte sich die Familie in der Küche. Dort saßen sie an einem alten französischen Refektoriumstisch unter Kupferkesseln und getrockneten Kräutersträußen, während Suzette in einer langstieligen Kupferpfanne über dem offenen Feuer ein Omelette zubereitete. Nach dem Frühstück sagte Donald: »Mutter, kann ich was vom Katzenfutter der Gang mit in den Stall zu den kleinen Katzen nehmen?« »Darf ich, heißt das, Schätzchen«, verbesserte sie ihn sanft. »Ja, du darfst. Aber überlege mal, ob es sinnvoll ist, sie zu verwöhnen. Schließlich sind es nur Stallkatzen.« »Zwei der kleinen Katzen sind sehr schlau, Mutter. So schlau wie die Siamkatzen.« »Also gut, Donald. Ich verlaß mich auf dich.« Nachdem er gegangen war, wandte sie sich an ihren Mann: »Siehst du? Die Geschichte mit Schnurrbart war reine Phantasie. Er hat sie schon vergessen… Und denke bitte daran, Bobbie nach der Feuerstelle zu fragen.« Ihr Mann dankte ihr dafür, daß sie ihn erinnert hatte, und rief die Stallungen über die Haussprechanlage an. »Morgen, Bobbie. Hier spricht Hopple. Wir kennen uns noch nicht, aber ich habe nur Gutes von Ihnen gehört.« »Danke, Sir.« »Wie ich erfahren habe, wohnen Sie in der Nähe des Südtors. Sind Ihnen kürzlich zufällig Fremde auf der Weide aufgefallen? Jemand hat dort ein Feuer gemacht, und das paßt mir gar nicht.«
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»Nein, Sir. Ich hab’ niemanden gesehen«, antwortete der neue Stalljunge. »Allerdings bin ich drei Tage bei einem Wettbewerb gewesen.« »Falls Ihnen irgend etwas auffällt, rufen Sie uns bitte sofort an… jederzeit.« »Ist klar«, sagte Bobbie. »Und noch etwas. Sind Ihnen ungewöhnliche Katzen im Stall oder sonstwo aufgefallen?« »Nur eine alte Katze mit ihrem Wurf.« »Kein komischer streunender Kater mit langen Schnurrbarthaaren?« Am anderen Ende entstand eine kurze Stille, bevor der junge Mann antwortete: »Nein. Ich habe nur merkwürdige Geräusche gehört. Klang wie das Quaken von Enten. Ein elektronisches Piepen war auch dabei. Aber ich konnte nicht feststellen, woher es kam.« »Danke, Bobbie. Machen Sie weiter so.« Mr. Hopple schaltete die Sprechanlage aus und wandte sich an seine Frau. »Donald produziert diese lächerlichen Geräusche auch im Stall. Wie lange soll das noch so weitergehen, ohne daß wir einen Arzt konsultieren?« »Liebster, er spielt den anderen doch nur einen Streich. Irgendwann legt sich das. Es ist ganz normal, daß sich Kinder in dem Alter eine Phantasiegestalt ausdenken, mit der sie sich unterhalten.« »Also ich habe das nie gemacht«, erklärte ihr Mann und verschwand in seinem Arbeitszimmer, wo er nicht gestört werden durfte. Kurz vor zwölf Uhr mittags fuhr der Butler mit dem Mercedes in die Stadt, um die Bunsen-Zwillinge, ein Mädchen und einen Jungen, abzuholen. Mrs. Hopple empfing sie herzlich und händigte den Kindern einen Picknickkorb aus, in den die Köchin Essen gepackt hatte, das gut für zwölf Personen ausgereicht hätte. »Steck bitte deinen Piepser ein, Donald, Schätzchen«, erinnerte sie den Jungen. »Ich melde mich dann, wenn es Zeit ist, deine Gäste zurückzubringen.« Donald fuhr die Zwillinge in seinem Ponywagen zur Weide. Da er bereits genügend Gelegenheit gehabt hatte, seinen Vater bei gesellschaftlichen Ereignissen zu beobachten, spielte er die Rolle des
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Gastgebers schon recht gut, und das Picknick verlief friedlich. Keiner fiel hin. Niemand zankte. Keinem wurde schlecht. Als Mrs. Hopple ihren Sohn »anpiepte«, fuhr er seine Gäste zum Haus zurück; ein kurzer Abstecher zum Hundezwinger, dem Kaninchen- und Hühnerstall und den Pferden war inbegriffen. »Habt ihr euch gut amüsiert?« fragte Mrs. Hopple die Zwillinge. »Ich habe vier Schokoladenkekse gegessen«, sagte der Junge. »Meine Mutter hat mir gesagt, daß ich mich bedanken soll«, sagte das Mädchen. »Ich hab’ ’ne Schlange gesehen«, berichtete der Junge. »Ich hab’ Schnurrbart gesehen«, trumpfte das Mädchen auf. »Er ist grün.« »Nein, blau mit grünen Schnurrbarthaaren.« »Seine Augen leuchteten.« »Aus seinen Schnurrbarthaaren kommen Funken.« »Er kann fliegen.« »Wirklich?« fragte Donalds Mutter. »Hat er vielleicht auch mit euch gesprochen?« Die Zwillinge sahen sich an. Dann begann der Junge plötzlich wie eine Ente zu quaken, und das Mädchen machte: »Beep beep beep.« Mrs. Hopples erster Gedanke war, daß Donald die beiden angestiftet hatte. Die Sache mit den Funken allerdings machte sie unsicher. Aufgrund der Tatsache, daß sie so weitab auf dem Land wohnten, hatten sämtliche Hopples eine nur zu verständliche Angst vor Feuer. Sie verließ das Haus und fuhr mit einem Moped zum Stall. Bobbie trainierte ein Pferd in der Koppel. Donald spannte das Pony aus. Die Stallkatzen tollten herum. Von einem Wesen mit funkensprühendem Schnurrbart war nichts zu sehen. Schließlich gewann ihr sprichwörtlicher Optimismus wieder die Oberhand. Auf dem Rückweg zum Haus überholte sie den arthritischen Obergärtner, der sich mit einem Korb voller Tulpen und Narzissen den Berg hinaufquälte. Sie schimpfte ihn freundlich. »Mr. Bunsen, warum haben Sie nicht einen Ihrer Gehilfen mit den Blumen geschickt?« »Muß in Bewegung bleiben«, antwortete er. »Sonst wollen die alten Knochen gar nicht mehr.« »Mr. Hopple stellt noch mehr Helfer für Sie ein.«
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»Das nützt nichts. Heutzutage will doch keiner mehr arbeiten.« »Sie haben übrigens reizende Enkelkinder, Mr. Bunsen. Wir haben uns gefreut, daß sie uns mal besucht haben.« »Die sehen viel zuviel fern«, klagte der alte Mann. »Sehen Sie mal, wie braun das Gras wird. Seit zehn Tagen hatten wir keinen Tropfen Regen mehr! Außerdem haben wir irgendein Vieh im Gewächshaus. Es frißt sämtliche Geranienknospen ab. Und der Traktor ist kaputt. Ich weiß auch nicht, was los ist. Heute nachmittag hat er einfach den Geist aufgegeben.« »Rufen Sie gleich Montagmorgen den Mechaniker an«, riet Mrs. Hopple ihm aufmunternd. »Er soll das vorrangig erledigen.« »Das nützt nichts«, wehrte der Gärtner ab. »Die kommen heutzutage, wann sie wollen.« Mrs. Hopples Frohnatur konnte der Pessimismus des Gärtners nichts anhaben. Während sie stumm ein paar Verse von Wordsworth zitierte, trug sie die Blumen in den vollständig ausgekachelten Schuppen. Dort wählte sie aus den etwa fünfzig Vasen einige geeignete aus, als ein Aufruhr in der angrenzenden Küche ihre Neugier erregte. In der Küche stand Suzette am mittlerweile kalten, gesäuberten Ofen, klapperte rastlos mit Töpfen und Pfannen und schrie etwas in den Kamin hinauf. Dem englisch-französischen Kauderwelsch der Köchin entnahm Mrs. Hopple, daß ein diable oben auf dem toit versuchte, durch den cheminée in die Küche zu gelangen. Mrs. Hopple lobte die Köchin, weil es ihr gelungen war, den Teufel vom Dach zu jagen, versicherte ihr jedoch, daß der Kamin so gesichert sei, daß nichts und niemand von oben in ihre Küche eindringen könne. Wieder im Schuppen entschied sie sich für einen silbernen Champagnerkübel für die Tulpen und suchte nach einem geeigneten Gefäß für die Narzissen, als die Haussprechanlage klingelte. »Der Traktor ist wieder in Ordnung, Miss Hopple«, erklärte der Gärtner. »Er ist ganz von selbst wieder angesprungen. Aber im Glashaus sind ein paar Scheiben gesprungen.« Sie dankte Mr. Bunsen und wandte sich ihren Blumen zu. Mr. Bunsens Art, eine schlechte Nachricht stets mit einer guten abzumildern,
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entlockte ihr ein Lächeln. Als sie die Narzissen in einem Kupferkrug arrangierte, stürmte Donald in den Schuppen. »Ich habe dich schon gesucht, Mutter«, begann er unglücklich. »Die Kaninchen sind weg! Ich glaube, die hat jemand gestohlen.« »Nein, Schätzchen«, erwiderte sie ruhig. »Ich denke, du findest sie im Gewächshaus. Da fressen sie sich an Geranienknospen satt. Was hältst du von Erdbeeren Chantilly heute abend?« Es war das Lieblingsdessert der Familie. Donald hüpfte vor Freude und umarmte die Mutter. Später sagte Mrs. Hopple zu Suzette, indem sie deren Kauderwelsch imitierte: »Ich fahre zum ferme und hole die fraises und die crème.« Mrs. Hopple war um jeden Vorwand froh, der es ihr ermöglichte, in ihrem Ferrari mit offenem Verdeck über die Landstraße zu flitzen. An diesem Nachmittag hatte sie vor, zur Erdbeerplantage zu fahren, frische Früchte zu holen und anschließend bei der Meierei noch Sahne mitzunehmen. Zuerst jedoch lief sie in den ersten Stock, um ein Tuch fürs Haar auszusuchen. Dabei kam sie an der Tür zur Katzensuite vorbei und hörte Donald drinnen diese lächerlichen Geräusche machen, auf die die Katzen schreiend und miauend antworteten. Die Hand bereits auf dem Türknauf beschloß sie dann jedoch, ihren Sohn mit ihrer Anwesenheit nicht in Verlegenheit zu bringen. Als sie kurz darauf mit einem Seidentuch und im Kashmerepullover zurückkehrte, kam Donald mit zufriedener Miene aus der Katzensuite. »Amüsierst du dich, Schätzchen?« fragte sie. »Schnurrbart war dort drinnen«, verkündete er. »Er ist am Mühlrad herumgeklettert und hat durchs Fenster geschaut. Ich hab’ ihn reingelassen. Er mag unsere Katzen ganz doll.« »Er mag unsere Katzen sehr, Schätzchen«, verbesserte die Mutter ihn. »Hoffentlich hast du das Fenster wieder zugemacht. Wir wollen doch nicht, daß die Gang rausklettert, oder?« Beschwingt ging Mrs. Hopple in die Garage und glitt hinter das Steuer des Ferrari. Sie drückte auf einen Knopf, und das Verdeck öffnete sich automatisch. Dann drehte sie den Zündschlüssel im Schloß. Nichts geschah. Der Motor gab keinen Laut von sich. Sie
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versuchte es erneut, aber so sehr sie sich auch anstrengte, fast beschwörend auf den Motor einredete, es rührte sich nichts. Der Butler hatte die Zwillinge mit dem Mercedes in die Stadt gebracht und war noch nicht zurück. Trotzdem standen ihr noch drei weitere Autos zur Verfügung. Sie stieg in den Rolls. Aber auch er sprang nicht an. Dasselbe erlebte sie mit dem Cadillac und dem Jeep. Irgend etwas stimmte da nicht. Der Butler würde den KGB oder den sauren Regen dafür verantwortlich machen. Resolut marschierte sie zum Haus zurück und ging zu ihrem Mann, der sich mit Computer, Aktenkoffer und Diktiergerät in seinem Arbeitszimmer verschanzt hatte. Er hörte sich ihre unglaubliche Geschichte an, seufzte und schickte sich an, sich die Bescherung selbst anzusehen, während Mrs. Hopple ein paar Atemübungen machte, um ihr seelisches Gleichgewicht wiederherzustellen. »Alles in Ordnung«, erklärte Mr. Hopple bei seiner Rückkehr. »Alle Wagen springen an. Die Türen gehen auf. Ich glaube, du brauchst mal Tapetenwechsel, Kleines. Wir essen heute abend auswärts. Zieh dein neues Saint-Laurent-Kleid an. Wir gehen in den Club. Suzette kann mit Donald essen.« »Das ist leider unmöglich, Liebling. Es soll Erdbeeren Chantilly geben. Ich hab’s Donald fest versprochen.« Somit blieben die Hopples zu Hause und genossen einen altmodischen Familienabend. Das Essen wurde auf der Terrasse serviert. Anschließend spielte man Rasen-Croquet und briet Popkorn auf dem offenen Feuer im Kamin. Donald erwähnte Schnurrbart mit keinem Wort, und seine Eltern schnitten das Thema auch nicht an. Am Sonntagmorgen, als der frühsommerliche Sonnenaufgang und das Singen der Vögel alle zu einer unchristlichen Zeit zu wecken versuchten, klingelte auf Hopplewood Farm das Telefon. Mr. Hopple stützte sich schläfrig auf einen Ellbogen und starrte blinzelnd auf den elektronischen Digitalwecker auf dem Kaminsims. »Halb fünf! Wer ruft denn jetzt an?« Mrs. Hopple setzte sich abrupt im Bett auf. »Auf der alten mechanischen Uhr ist es fünf Uhr fünfundzwanzig. Wir hatten wieder einen Stromausfall.« Ihr Mann räusperte sich und nahm den Hörer ab. »Ja, bitte?«
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»Morgen, Mr. Hopple. Bobbie Wynkopp hier. Entschuldigen Sie die frühe Störung, aber Sie hatten mir gesagt, falls ich etwas sehe…« »Ja, Bobbie. Was gibt’s?« »Die Feuerstelle auf der Weide, Sir… Wie groß war die?« »Hm, soweit ich das von oben beurteilen konnte, vielleicht drei Meter im Durchmesser. Jedenfalls war es ein kreisrunder, brauner Fleck.« »Tja, es ist genauso einer wieder da.« »Wie bitte? Haben Sie jemanden auf der Weide gesehen?« Mr. Hopple war plötzlich hellwach. Am anderen Ende war es still. »Mr. Hopple, Sie werden’s nicht glauben, aber diese Nacht bin ich aufgewacht, weil es plötzlich taghell war. Ich schlafe unter dem Dach auf der Seite zur Weide hin. Alles war in grünliches Licht getaucht. Ich habe aus dem Fenster gesehen… Sie werden’s nicht glauben, Mr. Hopple.« »Nun sagen Sie’s schon, Bobbie. Bitte.« »Also da ist dieses Flugobjekt gelandet. Sah überhaupt nicht wie Ihr Flugzeug aus, Mr. Hopple. Es war kreisrund wie ein Frisbee. Es kam einfach so aus der Luft… sehr langsam, lautlos. Und es hat grell geleuchtet.« »Falls Sie damit sagen wollen, daß Sie eine fliegende Untertasse gesehen haben, Bobbie, dann müssen Sie das geträumt haben. Oder Sie hatten Halluzinationen.« »Ich war hellwach, Sir. Das schwöre ich. Und ich nehme keine Drogen. Das wird Ihnen hier jeder bestätigen.« »Weiter, Bobbie.« »Das Komische war… es war so klein! Viel zu klein für eine Mannschaft. Es sei denn, die Leute wären höchstens dreißig Zentimeter groß gewesen. Das Ding ist gelandet und hat merkwürdige elektronische Geräusche verbreitet. Ich hab’s ganz deutlich gesehen. Über der Weide lag Nebel. Ich bin runtergerannt und habe das Fernglas meines Vaters gesucht. Ich hab’s erst gar nicht gefunden. Sämtliche Lichter gingen nicht. Wir lagen völlig im dunkeln… Hören Sie noch, Mr. Hopple?« »Ja, ich höre. Was ist mit Ihren Eltern? Haben sie das Flugobjekt auch gesehen?«
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»Nein, leider nicht. Jetzt halten mich bestimmt alle für verrückt. Meine Mutter macht Nachtdienst im Krankenhaus, und wenn mein Vater schläft, weckt ihn nichts auf.« »Und was haben Sie mit dem Fernglas gesehen?« »Nichts mehr. Es war zu spät. Sie waren bereits wieder gestartet. Langsam hob es vom Boden ab, und dann war’s verschwunden. Das ist kein Witz. Jedenfalls konnte ich danach nicht mehr schlafen. Als es hell wurde, bin ich sofort raus auf die Weide. Das Flugobjekt hat einen braunen kreisrunden Fleck ins Gras gebrannt… Einen Kreis von gut drei Metern Durchmesser. Sie können ihn sich selbst ansehen. Vielleicht sollten Sie die Stelle auf Radioaktivität hin untersuchen lassen. Vielleicht sollten Sie lieber nicht in die Nähe gehen.« »Danke, Bobbie. Das war wirklich äußerst interessant. Wir sprechen später noch drüber. Ich werde mich jetzt erst mal informieren. Vorerst würde ich an Ihrer Stelle mit niemandem darüber sprechen.« »Mit niemandem. Keine Sorge, Mr. Hopple.« »War das der Stalljunge?« fragte seine Frau. »Stimmt was nicht…? Liebling, ist was passiert?« Mr. Hopple war ans Südfenster getreten und starrte zur Weide – ein Bild des Kummers. »Wie bitte? Was hast du gesagt? Der Junge hat mir eine wilde Geschichte erzählt… Drei Meter im Durchmesser! Er hat recht. Das ist erstaunlich klein.« Es gab einen dumpfen Knall, als sich der Sechsjährige gegen die Schlafzimmertür warf und hereinstürmte. »Schätzchen«, begann seine Mutter. »Man klopft an, bevor man ein Zimmer betritt.« »Sie sind weg! Sie sind einfach weg!« rief er in kindlicher Erregung. »Ich wollte ihnen guten Morgen sagen, aber keiner war da.« »Wer war nicht da, Herzchen?« »Die Gang! Sie sind aus dem Fenster und über das Mühlrad geklettert.« »Donald! Hast du das Fenster offengelassen?« »Nein, Mutter. Die Fensterscheibe ist im Eimer. Zerbrochen«, korrigierte er sich, als er den Blick seiner Mutter sah. »Das Glas ist… ist geschmolzen! Das muß Schnurrbart gewesen sein. Er hat sie gekidnappt.«
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Die Mutter schob ihn sanft aus dem Schlafzimmer. »Geh, zieh dich an, Herzchen. Wir finden die Gang wieder. Wir veranstalten eine Suchaktion.« Mrs. Hopple schlüpfte in ihr Negligé und verließ das Zimmer. Als sie kurz darauf zurückkehrte, stand ihr Mann noch immer am Fenster und starrte durch das Südfenster ins Leere. »Donald hat recht«, sagte sie. »Das Fensterglas ist tatsächlich geschmolzen. Außerordentlich merkwürdig.« Mr. Hopple stand noch immer unbeweglich wie in Trance. »Liebster, ist mit dir alles in Ordnung? Hast du gehört, was Donald gesagt hat?« Ihr Mann wandte sich vom Fenster ab. »Du kannst eine Suchaktion veranstalten, wenn du willst. Aber die Gang wirst du nicht finden. Die kommt nicht zurück. Auch Schnurrbart nicht.« Er hatte recht. Sie wurden nie mehr gesehen. Die beiden frechsten kleinen Katzen aus dem Stall waren in jener Nacht ebenfalls spurlos verschwunden. Aber die Kaninchen fanden sich im Gewächshaus wieder, wo sie sich königlich amüsiert hatten. Das Leben auf Hopplewood Farm verläuft jetzt in geregelten Bahnen. Die Garagentüren sind offen. Die Autos springen an. Der Fernsehempfang ist ausgezeichnet. Stromausfälle sind nur noch bei schweren Gewittern zu verzeichnen. Keiner läßt mehr die Karnickel aus dem Stall. Der Traktor funktioniert zuverlässig. Niemand versucht in den Schornstein zu klettern. Kein Fensterglas schmilzt. Und der kleine Donald, der vielleicht mehr vermutet, als er sagt, spricht bei Tisch über Planeten und Asteroiden, und verbringt viele Stunden hinter seinem Teleskop, wenn seine Eltern glauben, daß er schläft.
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Der weiße Tod Justin Scott Auf Hunde konnte der Kater durchaus verzichten, aber er liebte die Abwechslung. Das Kommen und Gehen auf einer Farm füllte die gähnende Langeweile. Also war der Kater selbstverständlich zur Stelle, als die neuen Hunde in den großen rot-weiß-blauen, mit Luftlöchern durchsiebten Air-France-Containern eintrafen und es ans Auspacken ging. Die Menschen waren aufgeregt. Schließlich hatten sie keine ruhige Minute mehr gehabt, seit sich die Kojoten über die Schafe hermachten. Dabei hätte es Kojoten in Connecticut eigentlich gar nicht geben dürfen. Und trotzdem waren sie plötzlich dagewesen: groß, böse und hungrig. Eines Nachts hatten sie ein Lamm gerissen und sich dann zwei Mutterschafe geholt. Die Menschen beschimpften sie als »böse Bande«. Die Katze wußte es besser. Sie hatte sich auf eigene Faust kundig gemacht und auf ihre vorsichtige Art herausgefunden, daß es sich keineswegs um eine »Bande«, sondern um eine Familie handelte – um eine Familie, bestehend aus drei fast ausgewachsenen männlichen Jungtieren mit Mutter und Vater, wobei letztere erstaunlich gut miteinander harmonierten. Die Frage, ob sie »bösartig« zu nennen waren, war eine intellektuelle Spielerei, die den Kater nicht interessierte. Tatsache war, daß die Kojoten alles, was ihnen in die Quere kam und sie überwältigen konnten, als ihr Futter ansahen. Aus diesem Grund hatten die Menschen drei Hunde kommen lassen, die in Frankreich speziell zur Bewachung von Schafherden abgerichtet worden waren. Der Kater hatte automatisch angenommen, daß es sich bei diesen Hunden nur um Königspudel handeln konnte. Seine Erfahrung mit französischen Hunden beschränkte sich nämlich auf seinen langjährigen Hausgenossen Roger, einen prächtigen Pudel, der allerdings so betagt war, daß ihm die Zähne bereits ausfielen; der Kater fand gelegentlich in Ecken eines dieser Beißwerkzeuge, die rund und abgewetzt wie Kiesel in einem Flußbett herumlagen. Statt dessen entstiegen den Air-France-Containern drei Monster, die mit Roger soviel Ähnlichkeit hatten wie ein Huhn mit einem
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Habicht. Mit wolkenweißem Fell, Staturen wie Mähtraktoren und Zähnen, die man gesehen haben mußte, um es zu glauben, glotzten sie mißtrauisch in die Runde. Nachdem sich der Kater vom Dach des Lieferwagens aus erst einmal eine neue Perspektive verschafft hatte, gab er den Neuankömmlingen die Namen Weißer Tod Eins, Zwei und Drei, um sie auseinanderzuhalten. Selbst die Menschen waren im ersten Augenblick eingeschüchtert, bis Weißer Tod Eins, Zwei und Drei, nachdem sie sich offenbar vergewissert hatten, daß keine Kojoten in unmittelbarer Nähe lauerten, mit ihren voluminösen Schwänzen wedelten. Mit dem Weißen Tod Eins, Zwei und Drei auf dem Farmgelände blieben die Schafe in dieser Nacht unversehrt. Als man den Nachbarshund am nächsten Morgen tot auffand, behaupteten die Menschen, die Kojotenbande habe sich statt dessen an ihm vergriffen. Familie, dachte der Kater, keine Bande. Eine Familie mit Mutter, Vater und drei großen Jungen. Eine bösartige Bande, sagten die Menschen. Und der arme Hund habe keine Chance gehabt. Die Katze konnte nicht einsehen, daß das eine Tragödie sein sollte. Der sogenannte »arme« Hund war ein gemeines Vieh gewesen, das sich stets einen Spaß daraus gemacht hatte, Karnickel, Streifenhörnchen und Katzen zu vernaschen. Eigentlich konnte nur von einer positiven Wendung der Dinge gesprochen werden. Am darauffolgenden Morgen ging es den Schafen bestens, und ein anderer Nachbarshund war tot. Die Kojoten, so sagten die Menschen, seien verzweifelt. Eines Tages würden sie an den falschen Hund geraten. Es wurde sogar erwogen, den Weißen Tod auszuleihen. Der Kater beschloß, sich die Leiche anzusehen. Er entdeckte einen weiteren üblen Schurken, der sein verdientes Ende gefunden hatte. Merkwürdigerweise hatten die Kojoten ihn gar nicht aufgefressen. Sie hatten ihm nur sauber wie ein Tierarzt mit dem Skalpell die Kehle durchtrennt. »Was glotzt du da!« schrie ein Mensch mit einer Schaufel den Kater an. Der Verlust des Hundes hatte ihm offenbar zugesetzt. »Glotze ja gar nicht«, murmelte der Kater vor sich hin und tappte davon.
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In den folgenden Nächten blieb es auf allen Ebenen ruhig: Schafe – null, Hund – null, Kojoten – null. Die Kojoten hätten sich verdrückt, behaupteten die Menschen, was nicht stimmte. Sie verhielten sich ruhig und überdachten die neue Lage. Der Kater konnte sie wittern. Er war auf eines ihrer Opfer gestoßen, ein dämliches Opossum. Sie hatten es auf freier Wildbahn erwischt. Entsprechend vorsichtig verhielt sich von da an der Kater. Er achtete besonders auf die Windrichtung, mied offene Plätze, und, wenn er einen solchen überqueren mußte, vergewisserte er sich zuvor der Fluchtmöglichkeiten, wozu im Fall von Kojoten nur Bäume dienen konnten. Sich irgendwo zu verstecken, wo sie graben konnten, war zwecklos. Es mußten Bäume sein, sonst nichts. Mittlerweile verliefen die Tage des Weißen Todes nach einem bestimmten Muster: Es wurde im Stall geschlafen, mit den Kindern herumgetollt, in der Sonne gedöst und gefressen. Gelegentlich fühlte der Kater ganz überraschend ihre Augenpaare auf sich gerichtet, und gewöhnte sich an, einen großen Bogen um sie zu machen. Trotzdem ereilte ihn ein häßlicher Schreck… und daran war die MenschenMutter schuld, die manchmal die Schnelligkeit einer Schlange entwickelte. Sie schnappte ihn schwungvoll von seinem Plätzchen auf der warmen Motorhaube des Lieferwagens und vollführte mit ihm im Arm einen ihrer (für sie) vergnüglichen Walzer über den Hof bis hin zum Weißen Tod. Dabei sang sie, wer den nächsten Tanz mit ihr wolle, und ließ ihn wie einen Leckerbissen an der ausgestreckten Hand über die Schnauzen des Weißen Todes baumeln. Als der Kater steif wurde, drückte sie ihn lachend an sich und sagte: »Die tun dir doch nichts, Katerchen. Die sind viel zu gut erzogen. Stimmt’s nicht?« fragte sie, und alle drei sahen mit undurchsichtigem Ausdruck in den schwarzen Knopfaugen zu ihr auf. Die Menschen debattierten über einen weiteren toten Hund eines Nachbarn, der mit einem Kombi auf den Hof gefahren kam. Wieder war die Kehle durchgebissen, stellte der Kater fest, als er nachsehen ging. Es handelte sich um einen großen Golden Retriever, der genug Fleisch auf den Knochen hatte, um eine ganze Kojotenfamilie satt zu kriegen. Sein Körper allerdings war unversehrt; bis auf einen gebro-
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chenen Fuß, wie der Kater entdeckte. Der Hund hatte sich wenigstens gewehrt. Es begann zu regnen, und der Kater machte sich auf den Heimweg; er war nachdenklich und bereute seine Neugier bereits. Er hatte einen langen Weg vor sich und würde naß werden. Schließlich fiel er in eine leichte, kilometerfressende Gangart und nahm eine Abkürzung über ein weites Heufeld. Der Kater hatte gewußt, daß der Retriever ihm nicht grün gewesen war, aber um Katzen zu jagen, hätte er abspecken müssen. Tiefer gehende Überlegungen waren nicht die Stärke des Katers. Schnelle Entscheidungen, das war eher seine Sache. Er verhedderte sich so in seine Gedankengänge, daß er über ein völlig verdattertes Streifenhörnchen fiel und sich beinahe den Fuß gebrochen hätte. Er überschlug hastig die Stunden bis zum Abendessen, sagte sich, zum Teufel damit und jagte nach dem Imbiß. Das Streifenhörnchen hatte Vorsprung und verschwand in einem Loch. Es im Regen auszubuddeln war eine matschige Angelegenheit. Der Kater kehrte ihm gerade den Rücken, als hinter ihm etwas durch die Luft rauschte. Idiot, dachte er, und drückte sich instinktiv platt ins nasse Gras, du hast den Tod verdient. Der Kojote, dem Mond sein Dank, sauste wie der Intercity über ihn weg. Und sein Ende wäre sicher gewesen, hätte es sich um den Vater-Kojoten und nicht um eines seiner plumpen Jungen gehandelt. Nach einem Satz von gut vier Metern landete der Kater schon wieder laufend im Gras und suchte in panischer Hast nach einem Baum, der, wie er aus Erfahrung wußte, auf Heufeldern ausgesprochen selten zu finden war. Idiot, Idiot, Idiot! Der Kojote war keuchend hinter ihm, machte schnell Boden gut, und schrie nach seiner Verwandtschaft. Vor dem Kater lag eine Steinmauer, und dahinter erstreckte sich ein weiteres leeres Heufeld. Er machte einen Satz auf die Mauer und rannte über den Sims. Der Kojote heulte fast vor Freude über die Langsamkeit der Katze und setzte mit eingeknickten dürren Hinterläufen zum Sprung an. Der Kater sah das Loch, auf das er gehofft hatte, und zwängte sich durch die schmale Öffnung zwischen den großen Steinen in eine kleine Höhle, duckte sich, hielt die Luft an, wartete, daß sich sein Herzschlag normalisier-
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te, während sich draußen die Kojotenfamilie frustriert knurrend und heulend versammelte. Rechte Freude an dem Leben, das ihm eben geschenkt worden war, wollte beim Kater in diesem Augenblick nicht aufkommen. Regen tropfte von seinem Rückenfell. Und allein der Mond wußte, wie lange es dauerte, bis das Warten einer Familie von ausgehungerten Kojoten langweilig wurde. Und sie waren tatsächlich halb verhungert, waren nur noch Haut, Knochen und Zähne. Der Kater haßte es, mit nassem Fell zu schlafen. Draußen patrouillierten die Kojoten. Drinnen hörte die Katze ein Zischen und ortete das Geräusch im dunkeln – in einer Ecke lag eine zusammengerollte Schlange. Es reichte ihm. Er fuhr seine Krallen aus, zeigte die Zähne und knurrte: »Verpiß dich, Schuppenkopf!« Die Schlange blinzelte, glitt davon und verschwand wie eine Zunge zwischen den Zähnen in den Steinen. Als der Kater in dieser Nacht nach Hause kam, schwenkte die Menschen-Mutter ihn in die Höhe und hätte ihn beinahe tot gedrückt. »Gott sei Dank! Ich dachte schon, die Kojoten hätten dich erwischt. Sie haben wieder zwei Hunde getötet. Armes Katerchen! Du bist ja ganz naß! Hast du Hunger?« Der Kater gab ihr zu verstehen, daß er Hunger hatte, und die Menschen-Mutter türmte so viel Hühnchen in seinen Napf, daß der alte Pudel Roger angetrabt kam, um nachzusehen, was für ihn übrigblieb. »Da ist für dich nichts drin«, erklärte der Kater kategorisch, und Roger antwortete: »Okay.« Er legte sich hin und sah dem Kater beim Essen zu, was den Genuß nur noch steigerte. Roger lag da mit knurrendem Magen. Seine milchigen Augen glänzten in falscher Hoffnung, und die schwerhörigen Ohren waren auf die Geräusche der Nacht konzentriert. »Kojoten«, erklärte die Katze knapp. »Vier Kilometer.« »Exakt«, log Roger. »Dachte ich mir schon.« Die Katze fraß weiter. Roger stellte die Ohren auf. »Große Eule.« »Exakt.«
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Die PanAm-Linienmaschine New York-Boston flog mit fünf Minuten Verspätung übers Haus. »Lastwagen auf der Holzbrücke«, sagte der Kater. »Exakt.« Die Katze seufzte. »Hör mal, Roger. Tu mir einen Gefallen.« »Und der wäre?« »Geh nachts nicht raus.« »Warum nicht?« »Geh nachts einfach nicht raus.« »Ich mach’ immer nur einen kleinen Spaziergang. Weißt du doch. Ach so! Du meinst, die Kojoten könnten mich erwischen? Vergiß es. Ich gehe nicht weit. Außerdem werden wir doch von den Herrschern der Pyrenäen bewacht.« »Hm.« Der Kater verfügte über kein überwältigend gutes Gedächtnis. Die meisten Tage begannen für ihn immer wieder neu. Häufig erfreute er sich an Entdeckungen wie dem blauen Himmel, den weißen Wolken, Bäumen, ja selbst dem Geschmack des Futters. Die ernsten Dinge des Lebens meisterte er mit Instinkt. Sein Körper duckte sich unter dem Sprung eines Kojoten, was schneller funktionierte als jeder Gedanke. Trotzdem besaß er tiefverwurzelte Erinnerungen – zusätzlich zum Instinkt. Genaugenommen handelte es sich um vier dieser bleibenden Erinnerungen. Eine hatte etwas mit dem Geruch der Menschen-Mutter zu tun, der ihm gelegentlich weiche Knie bescherte. Die übrigen drei galten allesamt Roger. Als kleine Katze hatte der Kater dicht an Rogers hohem Schädel geschlafen und sich an dessen weicher Lockenpracht gewärmt. Stundenlang hatte Roger so vor dem Kamin gelegen, um das Kätzchen nicht zu wecken. Dann eines Tages, er war längst erwachsen gewesen und hatte Roger kaum noch registriert, hatte ihn ein schneller, aggressiver Terrier auf offenem Gelände erwischt, und es hatte übel für den Kater ausgesehen, bis Roger mit markerschütterndem Gebell aus dem Haus gerannt gekommen war; für den Kater war er ein ganz neuer Roger gewesen, einer mit furchterregendem Gebiß und Mordlust in den Augen. Soweit der Kater die Situation beurteilen konnte, befand sich der Terrier bestimmt noch immer auf der Flucht. Die dritte Erinnerung be-
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zog sich auf den reifen Roger. Ein Schlaumeier aus New York, zu Besuch bei den Menschen, hatte die Bemerkung gemacht, wenn sein Zwergpudel über ein Sofa springen konnte, müßte ein ausgewachsener Königspudel wie Roger mindestens die Garage schaffen. Zur Verwunderung des Katers hatte Roger es versucht… zweimal. Und genau das war der Grund, weshalb er sagte: »Roger, wir bleiben heute hübsch zu Hause. Okay?« »Okay. Aber nur heute. Ich brauche meine Gymnastik.« Der Kater saß bei Roger, bis dieser eingeschlafen war, und die Menschen die Tür abgeschlossen hatten. Das dauerte eine ganze Weile, und er kam später los, als er gehofft hatte, doch daran war nichts zu ändern. Er schlüpfte aus dem Haus, benutzte jedoch das Badezimmerfenster im ersten Stock und nicht seine Katzenklappe… für den Fall, daß der Killer die Farm beobachtete. Von der Dachrinne aus verschaffte sich der Kater einen Überblick. Das beleuchtete Haus im Rücken, wartete er, bis sich seine Augen an die Dunkelheit angepaßt hatten. Die Schafe grasten. Er hörte die Kaugeräusche. Der Weiße Tod hatte die übliche Verteidigungsstellung eingenommen. Einer war zwischen Haus und Schafen postiert. Die beiden anderen patrouillierten die Grenzen des Pferchs. Ungefähr alle fünfzehn Minuten konferierte einer mit den beiden anderen, und gelegentlich tauschten sie die Rollen. Einmal schienen sie eine Falle aufzubauen. Zwei Hunde gingen zum Haus, während sich der dritte mit seinem weißen, wolligen Fell zwischen den Schafen verbarg. Vermutlich sollte das die Kojoten zu einer Unbedachtheit verlocken. Aber die Kojoten fielen nicht darauf herein. Der Kater konnte sie mit dem Wind hören. Sie waren mindestens fünf Kilometer weit entfernt. Nach zwei Stunden änderte der Weiße Tod die Taktik. Sie steckten die Köpfe zusammen. Dann verschwand einer von ihnen in der Dunkelheit. Der Kater, der ein exzellentes Gehör besaß, vorausgesetzt er besann sich darauf, hatte gehört, was die Hunde verabredet hatten, und heftete sich an die Fersen des Pyrenäenhundes. Es war der Weiße Tod Zwei, dessen Silhouette der Kater im Lauf zwischen den Bäumen erkannte.
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Zuerst hatte der Kater Mühe, das Tempo mitzuhalten. Der große Hund entfernte sich immer weiter von der Farm und legte eine Geschwindigkeit vor, die der Kater höchstens zwei Kilometer durchstehen würde. Aber er schaffte sogar drei Kilometer, bis das riesige Vieh endlich stehenblieb und die Nase in den Wind hielt. Dankbar erklomm der Kater einen niedrigen Ast, um zu verschnaufen. Eine Minute später schoß der Hund wie ein Pfeil davon. Der Kater hetzte mit pochendem Herzen hinter ihm her. Allmählich kam ihm der Gedanke, daß er auf dem besten Weg war, die einzige Katze Connecticuts zu werden, die je an Überlastung gestorben war. Danach erwog er ernsthaft, die Sache an den Nagel zu hängen. Nach zwei weiteren mühseligen Kilometern kam der Kater zu dem Schluß, daß der dämliche Hund tatsächlich hinter den Kojoten her sein mußte. Die Katze witterte sie und hörte sie. Was der Weiße Tod Nummer Zwei allerdings nicht zu begreifen schien, war, daß die Kojoten umsichtig darauf bedacht waren, ihn nie näher als einen Kilometer weit an sich herankommen zu lassen. Der Kater hatte zwar keine Ahnung, wie man es in Frankreich machte, aber wer in Connecticut eine Familie von Kojoten überraschen wollte, der sorgte tunlichst dafür, daß der Wind gegen ihn stand. Der Kater beschloß, Feierabend zu machen, und lief nach Hause. Das laute Gezeter der Menschen weckte ihn am späten Nachmittag des folgenden Tages, und er reckte seine steifen, schmerzenden Gliedmaßen. Der Nachfolger des Wachhundes auf der Nachbarfarm war getötet worden. Er war ein scharf abgerichteter deutscher Kampfhund gewesen, was den Kater mächtig freute. Da er wußte, daß die Kojotenfamilie und der Weiße Tod Zwei kilometerweit entfernt gewesen waren, reduzierte sich sein Verdacht auf den Weißen Tod Eins und Drei. Andererseits dachte er besorgt daran, was passieren würde, falls er in dieser Nacht den falschen Hund beschattete und Roger spazierenging. Glücklicherweise jedoch war Roger mehr als erschöpft, nachdem er den ganzen Tag der Katze beim Schlafen zugesehen hatte. Das war ein Hobby des Pudels, für das der Kater kein Verständnis aufbringen konnte. Der Weiße Tod hielt sich auch in dieser Nacht an die Strategie des Vorabends, und der Kater heftete sich bald an die Fersen des ausge-
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wählten Jägers. Diesmal war es der Weiße Tod Nummer Eins, der größte der drei Hunde mit einem beeindruckenden Brustkorb. Er verschwand in gemächlichem Tempo in die Nacht, die Katze lief in einer leichten Gangart hinter ihm her. Der Kater war besonders vorsichtig, denn immerhin standen die Chancen 50:50, daß er es mit dem Killer zu tun hatte. Gut einen Kilometer hinter der Farm bog der Hund in ein Wäldchen ab, das an ein Pferdegut mit einem Dobermann Pinscher grenzte. Mittlerweile war es ein neuer Dobermann, da der alte, wie dem Kater jetzt einfiel, eine aufgeschlitzte Kehle hatte. In seinem Eifer kam der Kater zu nahe heran, und eine kritische Sekunde lang blieb der Weiße Tod Nummer Eins stehen und starrte in seine Richtung. Die Katze ahmte die Silhouette einer krüppeligen Schierlingstanne nach. Der Hund lief weiter. Als er den Waldrand erreichte – und das war bereits so nahe an der Farm, daß die Katze das Flüstern der Pferde hören konnte –, legte sich der Hund plötzlich auf den Bauch, riß sein Maul mit den furchterregenden Zähnen weit auf, gähnte und schlief ein. Dem Kater klappte die Kinnlade herunter. Der Weiße Tod Nummer Eins war ein Faulenzer. Er jagte keine Kojoten. Er schlief. Die Katze kletterte auf einen zerzausten Ahorn, machte es sich auf einem Ast bequem und wartete ab. Ungefähr eine Stunde nach Monduntergang stand der Pyrenäenhund auf, lief nach Hause und erzählte dort seinen Kameraden, daß die Kojoten ihn getäuscht hätten. Der Weiße Tod Nummer Drei, der mit dem unheimlichen Leuchten in den Augen, erklärte seine Gefährten verächtlich zu erbärmlichen Versagern. Er wolle, so behauptete er, ein für allemal mit den Kojoten aufräumen. Der Weiße Tod Eins riet daraufhin der Nummer Drei das Maul zu halten, wenn er nicht eins draufbekommen wolle. Beide Hunde standen sich plötzlich steifbeinig und mit gesträubten Nakkenhaaren gegenüber. Und einen wohligen Augenblick lang glaubte der Kater, es würde ein Gemetzel geben. Dann ging der Weiße Tod Zwei dazwischen und erinnerte die Kampfhähne scharf, daß sie den weiten Weg aus einer der besten französischen Ausbildungsstätten gekommen seien, um glänzende Arbeit zu leisten. »Hier geht’s nicht um dich oder mich, sondern um Schafe!« Auch wenn dem Kater der
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Sinn dieser Argumentation nicht einleuchtete, Eins und Drei murmelten beschämt Entschuldigungen und nahmen ihre Patrouillengänge wieder auf. Der Killer ist also Drei, dachte der Kater. Der schlanke, ranke Zwei würde im Leben keinen Kojoten zu fassen bekommen, und Eins mit der Heldenbrust verschlief seine Chancen. Drei hatte eine Schraube locker. Drei raste durch die Gegend und brachte statt Kojoten Hunde um. Weshalb, das wußte der Kater nicht, und es interessierte ihn auch nicht. Obwohl… falls die Menschen recht hatten, und Hunde und Kojoten nahe verwandt waren, dann bestand immerhin die grauenvolle Möglichkeit, daß Drei sie einfach nicht unterscheiden konnte. Die Menschen waren spät nach Hause gekommen. Der Lieferwagen war noch warm. Der Kater kletterte auf den Reifen unter dem vorderen Kotflügel und aalte sich in der Wärme des noch vibrierenden Motors. Dann kam ihm ein wunderbarer Gedanke. Vielleicht machte der Weiße Tod Drei jahrelang weiter und tötete jeden Hund im Land, während die Menschen die Kojoten dafür verantwortlich machten. Eine äußerst angenehme Vorstellung! Nur, wie war er überhaupt auf das Thema gekommen? Der Kater wurde unruhig. Etwas hatte ihn doch… Gütiger Mond! Roger. Armer, schwerhöriger, dummer alter Roger. Eines Nachts würde der Weiße Tod ihn schnappen. Und der Kater mochte Roger. An den Grund für diese Gefühle konnte er sich im Augenblick nur nicht erinnern. Dämlicher Hund. Er hatte keine Chance. Selbst dann nicht, wenn es stimmte, daß er ein Marinehund gewesen war. Roger behauptete nämlich, zu einer Kommandoeinheit der SEALs gehört zu haben. Speerspitze der Siebten Flotte oder so was Blödes. Der Pudel behauptete, die Schiffsschraube eines U-Boots abgebissen zu haben. Kein Wunder, daß ihm die Zähne aus dem Maul fielen. Trotzdem, gegen den Weißen Tod hatte er nicht den Schimmer einer Chance. Und allmählich dämmerte es dem Kater wieder – der weiche Lockenkopf, der Terrier, die Garage. Der Motor des Lieferwagens sprang mit lautem Dröhnen an. Der Kater sprang hoch, knallte mit dem Kopf unsanft gegen den Kotflü-
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gel und sprang vom bereits rollenden Reifen. Heiliger Mond! Er war eingeschlafen. Hatte gar nicht gehört, daß sie eingestiegen waren. »Paß doch auf die Katze auf!« sagte die Menschen-Mutter. »Soll die blöde Katze doch selbst auf sich aufpassen. Roger, du bleibst hübsch auf der Veranda. Sonst machen die Kojoten Hackfleisch aus dir!« Der Lieferwagen ratterte über die Auffahrt. Kieselsteine spritzten nach allen Seiten und gingen wie ein Regen auf den Kater nieder. Als es wieder ruhig war, lief der Kater auf die Veranda. »Ich bleib’ doch nicht auf der Veranda«, murmelte Roger dort. »Ich mach’ meinen Spaziergang.« »Hm. Ich geh’ mit dir rüber zum Stall und zurück«, verkündete der Kater. »Ne, ne. Ich mache einen richtigen Spaziergang.« Draußen lauerte der Weiße Tod. Nicht unbedingt der richtige Zeitpunkt für einen Spaziergang. »Laß uns zum Schuppen rübergehen.« »Du kannst gehen, wohin du willst, Kater. Ich jedenfalls mache einen Spaziergang.« »Die Kojoten…« »Habe ich dir je erzählt, daß ich bei einer Kommandoeinheit der Marine gewesen bin?« »Jeden Abend. Seit sieben Jahren.« Roger hörte ihn nicht. »Ich nehm’s noch mit jedem Kojoten auf, der sich blicken läßt.« »Und wenn alle fünf auf einmal kommen?« fragte die Katze. Sie wußte, daß es zwecklos gewesen wäre, dem einfältigen Roger das Problem mit dem Weißen Tod Drei auseinanderzusetzen. »Ich hör’ die Bande rechtzeitig und laufe zur Veranda zurück. Und dich nehme ich mit. In Ordnung?« Sie hatten den Schuppen erreicht, und Roger machte keine Anstalten, umzukehren. Der Kater überlegte, was zu tun war, als plötzlich der Weiße Tod Eins hinter einer Futterkrippe hervorsprang. »Na, wo soll’s denn hingehen, Jungs?« »Auf ’nen Spaziergang«, antwortete der Kater. »Zum Schlittschuhlaufen ist es noch nicht ganz die Jahreszeit.«
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»Ich würde mich nicht zu weit wagen«, riet der Weiße Tod Eins. »Wenigstens, bis wir die Kojoten erledigt haben.« Na, darauf können wir lange warten, Schlafmütze, dachte der Kater. »Wir halten Augen und Ohren offen«, sagte Roger und stolzierte an dem großen Pyrenäenhund vorbei. Der Kater bewunderte Rogers Selbstbewußtsein. Er war zwar keine Intelligenzbestie, aber er bewies immerhin Stil, indem er sich von einem dahergelaufenen Ausländer nichts sagen ließ. Der Weiße Tod Eins trabte neben ihnen her. »Na gut. Ich gebe euch Geleitschutz.« »Nicht nötig.« Der Kater dachte daran, daß der Weiße Tod Drei und fünf Kojoten die Gegend unsicher machten, und sagte daher: »Wenn’s dir Spaß macht, bitte.« Und zu seiner Erleichterung blieb der riesige weiße Hund an seiner Seite. Nachdem sie einen guten Kilometer gelaufen waren und geschnüffelt hatten, fragte Roger unvermittelt: »Wer bewacht eigentlich die Schafe?« »Die zwei anderen. Das reicht vollkommen.« Die Gedanken des Katers schweiften in die Ferne. In der mondlosen Nacht war kaum etwas zu sehen. Im Wind witterte er die Kojoten. Und er konnte hören, wie sie sich leise, in etwa drei Kilometer unterhielten. Er spitzte die Ohren nach dem Weißen Tod Drei, nach einem kurzen, schlurfenden Geräusch und einem plötzlichen Tod, wenn der Killer wieder einen Wachhund umbrachte. Solange der Weiße Tod Eins bei ihnen war, waren sie sicher. Drei würde Roger niemals in Anwesenheit von Eins töten. Eins war sehr still geworden. Zuerst hatten sich Roger und er angeregt unterhalten, hatten Kriegserlebnisse ausgetauscht. Roger hatte über Eskapaden im Mittelmeerraum gequasselt, und Eins hatte von der Wolfsjagd geprahlt. Schließlich hatte Eins durchblicken lassen, daß die Kojoten für sie ein Kinderspiel seien. Immerhin hätten sie es sonst mit richtigen Wölfen zu tun. »Weshalb sind die Kojoten dann noch da?« hatte der Kater wissen wollen, und danach war Eins sehr still geworden. Auf einer kleinen Lichtung waren sie schließlich stehengeblieben. Die Katze hörte seltsame Geräusche. Sie kletterte auf eine Birke, um sie besser ein-
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ordnen zu können. Es waren die Kojoten. Und sie waren mittlerweile nur noch zwei Kilometer entfernt. Sie flüsterten erregt miteinander. Der Kater kletterte höher, bis er die Unterhaltung verstehen konnte. »Wieder der weiße Hund. Der dämliche. Der mit den verrückten Augen.« Drei, dachte der Kater. Der mit den verrückten Augen war Nummer Drei. Der, der Kojoten jagte, anstatt Hunde umzubringen. Was, beim Mond, ging da vor? »Wenn dieser Idiot mit den verrückten Augen je draufkommt, uns gegen den Wind anzugreifen, sitzen wir im Dreck«, sagte die Mutter mißmutig. »Ich hätte Lust, ihm den Kopf abzureißen, bevor er’s kapiert.« »Es gibt einfachere Methoden, an Futter zu kommen, mein Sohn. Also gehen wir. Legt Spuren!« »Verdammt. Wo ist der mit der Heldenbrust?« Der mit der Heldenbrust mußte Nummer Zwei sein. »Der schiebt auf der Farm Wache.« »Und die Schlafmütze?« »Die schläft vermutlich.« »Spurenlegen, habe ich gesagt. Lauft flußabwärts!« Die Katze sah von ihrem Ast zum Boden hinunter. Roger saß auf den Hinterläufen und starrte lächelnd in die Dunkelheit. Offenbar hatte er das Geschwätz der Kojoten für einen Lieferwagen gehalten. Der Weiße Tod Nummer Eins stand hinter ihm und wedelte gemächlich mit dem Schwanz. Und er sah kein bißchen schläfrig aus. Der Kater war mit einem Satz vom Baum und landete unsanft auf allen vieren. »Gehen wir nach Hause, Roger«, erklärte er. »Augenblick noch.« »Viele Zweikämpfe gehabt bei der Marine?« fragte Nummer Eins. Roger sah ihn an. »Nein.« Er bewegte die Kinnladen und versuchte mit der Zunge einen lockeren Zahn zu lösen. Der Kater hörte, wie die Kojoten durch das Flußbett planschten, das in gut dreihundert Meter Entfernung parallel zu dem Wildpfad verlief, auf dem sich der Kater mit den beiden Hunden befand. Der Kater horchte angestrengt. Nummer Drei entfernte sich weiter. Er
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suchte die Kojoten wieder in der falschen Richtung. Man konnte sich über diese französischen Meisterschüler wirklich nur wundern. Der Kater trat unauffällig näher zu Roger und rieb sich an dessen Vorderlauf. Dabei flüsterte er leise: »Roger, dieser Hund ist ein verrückter Killer. Er hat sämtliche Hunde der Nachbarschaft erledigt, und jetzt bist du an der Reihe.« »Was hast du gesagt? Was brabbelst du da?« Der Blick des Katers schweifte zu Nummer Eins, dessen Schwanz rhythmisch hin und her schlug. Der Weiße Tod sah auf die Katze herab. Du weißt, daß ich’s weiß, du Mistvieh, dachte die Katze. Du hast mich heute nacht bemerkt. Du hast nur so getan, als ob du schläfst. Der Kater versuchte Roger eine weitere Warnung zuzuflüstern. »Warum gehst du nicht endlich nach Hause, du hinterhältiges Katzenvieh!« knurrte Nummer Eins. »Laß den Kater in Ruhe«, mahnte Roger sanft. »Er kann nichts dafür.« »Was, bitte, soll das denn heißen?« forderte der Kater. »Verdufte, solange noch Zeit ist!« entgegnete Nummer Eins. »Laß den Kater in Ruhe«, wiederholte Roger, stand auf und baute sich vor dem großen Pyrenäenhund auf. Dieser Pudel ist wirklich dämlich, dachte der Kater. Er riskiert tatsächlich meinetwegen sein Leben. Wofür hält er diesen Killer? Für Kaugummi? »Roger«, sagte der Kater laut. »Ich lauf mal rasch zum Fluß runter. Ich bin durstig. Kommst du mit?« »Ich warte lieber hier.« »Komm bitte mit. Ich seh’ im dunkeln so schlecht.« Roger lachte. »Du hast doch Augen wie eine Katze! Schon gut. Ich komme ja.« Sie verschwanden im Gestrüpp. Der Kater lief geschmeidig voraus. Der große Pyrenäenhund heftete sich dicht an ihre Fersen. Der Wind stand noch immer gegen sie, doch der Winkel war flacher geworden. Es konnte nur noch Minuten dauern, bis die Kojoten die Witterung des Hundes aufnehmen würden, oder der Weiße Tod umgekehrt die Kojoten hören mußte. Für den Kater hieß es, jetzt oder nie.
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Er rannte zum Fluß und das Flußbett hinauf, indem er von Stein zu Stein sprang. Hinter einer Biegung sah er sich plötzlich den goldgelben, hungrigen Augen eines Kojoten gegenüber. »Deine Mutter treibt’s mit Hunden!« Damit machte der Kater auf der Hinterpfote kehrt und raste flußabwärts den Weg zurück, den er gekommen war. Jaulend setzten die Kojoten ihm nach. Die Kojoten-Mutter überholte ihren Gefährten und die Söhne und schrie: »Ich hole mir deine Leber, Katze!« Der Kater schlitterte von bemoosten Steinen zu glitschigem Treibholz, landete schließlich auf kühlen, nassen Kieseln, jagte die Uferböschung hinauf und prallte beinahe gegen Roger, den der große Pyrenäenhund in die Enge getrieben hatte und der jetzt mit dem Rücken zu einem Baum stand. Der Kater bemerkte zufrieden, daß die Instinkte des alten Pudels noch soweit intakt waren, daß er sich Rückendeckung in Form eines Baumes verschafft hatte. Davon abgesehen machte er einen hilflosen, völlig verwirrten Eindruck. Er schien nicht begreifen zu wollen, daß der Weiße Tod Nummer Eins ihm an den Kragen wollte. Mit peitschendem Schwanz setzte der große Pyrenäenhund zum Sprung an. Er war so berauscht von seiner Lust zu Töten, daß er die Kojoten erst hörte, als diese auf die Lichtung stürmten. Einen endlosen Augenblick lang rührte sich keiner. Dann sprang der Kater auf Rogers Rücken und zischte: »Spring!« Und damit grub er die Zähne in das Fell des Pudels. Roger sammelte seine morschen Knochen und sprang. Tatsache war, daß er vor der Garage gar keine so schlechte Figur gemacht und schon beim zweiten Versuch die Dachrinne erreicht hatte. Der Kater hatte den Eindruck, daß er diesmal die Garage glatt übersprungen hätte, wenn eine im Wald gestanden hätte. Er schnellte jedenfalls so hoch und so weit, daß der Kater beinahe heruntergefallen wäre. Er rettete sich nur mit Hilfe seiner Krallen, was Roger zu einem zweiten Satz veranlaßte, womit der Weiße Tod Nummer Eins sich auf der Waldlichtung endgültig allein fünf wütenden Kojoten gegenübersah. Der Kater hätte sich das Gemetzel gern angesehen, aber er befürchtete, Roger könnte sich verlaufen und unfreiwillig an den Ort der
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Gefahr zurückkehren. Der Kater blieb daher auf dem Posten und lenkte den alten Pudel mit Zwicken heimwärts, was ihm auch kein geringes Vergnügen bereitete. Nummer Zwei und Drei waren vor dem Haus. Die Katze wartete, daß das Schlachtgetümmel leiser wurde. »Euer Partner hat gesagt, er braucht Hilfe. Er ist auf dem Wildpfad. Gut drei Kilometer von hier. Einer von euch soll gleich kommen, der andere fünf Minuten später.« Der Pyrenäenhund mit den irren Augen stürmte in die Dunkelheit. Drei Minuten später folgte ihm der mit der Heldenbrust. »Habe ich gar nicht gehört«, keuchte Roger und sank erschöpft auf die Veranda. »Wenn wir Glück haben, gibt es morgen nur noch einen Pyrenäenhund und keine Kojoten mehr.« »Aber ich habe gar nicht gehört, daß er das gesagt hat.« »Vielleicht hast du’s nicht mitgekriegt, weil der Zug gerade vorbeigefahren ist.«
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Besuch für Mombasa James Holding Sergeant Harper von der Polizei in Mombasa träumte mit offenen Augen von Rebecca Conway, als sein Telefon klingelte. Er streckte einen langen Arm nach dem Apparat auf seinem Schreibtisch aus. »Ja?« »Hier Constable Jenkins, Sir. Küstenbezirk.« »Was gibt’s, Jenkins?« »Ich habe da eine komische Meldung, Sir. Vermutlich ein Windei, aber man kann ja nie wissen.« Jenkins war neu auf dem Posten und wollte natürlich auf Nummer Sicher gehen. »Also was gibt’s?« wiederholte Harper. »Es handelt sich um einen gewissen Crosby, Sir. Er arbeitet am Ende der Straße, die über den Damm führt. Als Nachtwächter. Und er behauptet, daß in der Nacht – oder eher heute morgen – kurz vor Sonnenaufgang ein Leopard über die Chaussee in die Stadt gelaufen ist.« »Ein Leopard?« Harpers Stimme drückte Erstaunen aus. »Richtig, Sir.« Jenkins wartete respektvoll auf Harpers Reaktion. Diese kam prompt. »Der Bursche muß betrunken gewesen sein.« »Dachte ich auch, Sir.« Und Jenkins fuhr besorgt fort: »Crosby gibt zwar zu, daß er während der Nachtschicht ein paar Bier getrunken hat, aber er schwört, daß er ’nen Leoparden gesehen hat. Angeblich ist das Tier ganz dreist vom Festland über die Straße auf dem Damm in Richtung Stadt getrottet. Crosby hat zwar die Fellzeichnung der Großkatze nicht sehen können. Dazu war’s zu dunkel. Aber er ist sicher, daß es ein Leopard war.« »Bei mir ist noch keine ähnliche Meldung eingegangen«, erwiderte Harper. »Und wenn hier ein Leopard frei rumlaufen würde, hätten wir schon Anrufe gekriegt. Trotzdem danke, Jenkins. Ich gehe der Sache nach.« Damit legte er auf. Harper lehnte sich auf seinem Schreibtischsessel zurück. Er verfluchte die stickige Hitze in seinem engen Büro und die Leichtgläubigkeit der Polizeirekruten. Ein Leopard in Mombasa! Er schnaubte verächtlich. Natürlich lagen der Tsawo, der Nairobi und der Amob-
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seli Nationalpark nicht weit entfernt. Aber trotzdem! Alles Unsinn! Er versenkte sich lieber wieder in seine Träumereien von der blonden skandinavischen Schönheit, der Frau von Lieutenant Conway. Zehn Minuten später klingelte sein Telefon erneut. Der diensthabende Beamte in der Telefonzentrale sagte: »Da ruft eine Lady wegen eines Leoparden an, Sir. Sie besteht darauf, mit einem leitenden Offizier zu sprechen.« Harper stöhnte. »Stellen Sie durch.« Die Lady, eine Mrs. Massingale, berichtete, sie habe bei Tagesanbruch an diesem Morgen ein Tier gesehen und sei ganz sicher, daß es sich um einen Leoparden gehandelt habe. »Wo?« erkundigte sich Harper. »Hier mitten in Mombasa, Sergeant!« erwiderte Mrs. Massingale empört. »Das mindeste, was man in diesem gottverlassenen Nest erwarten kann, ist, daß man wilde Tiere von der Straße holt!« »Ich meinte, wo in Mombasa haben Sie den Leoparden gesehen?« entgegnete Harper übertrieben geduldig. »Auf der alten Eisenbahnstrecke am Mbaraki Creek. Unser Haus liegt nur gut fünfzehn Meter hinter den Gleisen. Bei Tagesanbruch heute morgen habe ich zufällig durch ein rückwärtiges Fenster geschaut. Da trabte dieser schwarze Schatten die Schienen entlang. Für einen Augenblick habe ich ihn genau gesehen. Es war ein Leopard.« »Danke für den Hinweis, Mrs. Massingale«, sagte Harper. »Ich kümmere mich umgehend um die Angelegenheit.« »Ja, tun Sie das!« Damit fiel am anderen Ende der Hörer krachend auf die Gabel. Harper grinste. Zwei Hinweise. Möglich, daß sich doch ein Leopard in Mombasa herumtrieb. So unwahrscheinlich das auch klingen mochte. Harper stand auf. Er war ein großer, kräftiger Mann mit einem dichten schwarzen Schnurrbart, der seine Enttäuschung über das Leben offen zur Schau trug. Eine Enttäuschung, die bei einem Mann seines Typs durchaus verständlich und auch leicht erklärbar war. Harper war erst spät in den Polizeidienst eingetreten, nachdem er viele Jahre lang als weißer Großwildjäger im ehemals britischen Tanganjika gelebt hatte. Nach der relativen Berühmtheit, die er dort gewesen war, fristete er mitt-
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lerweile das Dasein eines einfachen Polizei-Sergeants, der den Anordnungen eines Lieutenant Conway zu gehorchen hatte. Conway war ein ziemlich spießiger Mann, zehn Jahre jünger als Harper, und zu allem Übel mit der schönsten Frau von ganz Mombasa verheiratet. Harper machte zwei Schritte und stand bereits dicht vor dem Stadtplan von Mombasa an der Wand seines Büros. Ein Leopard kurz vor Sonnenaufgang an der Straße, die über den Damm führte… Harper legte eine Fingerspitze auf die Stelle. Dann ein Leopard bei Tagesanbruch auf den Eisenbahngleisen am Mbaraki Creek. Er legte den zweiten Finger auf diesen Punkt und betrachtete abschätzend die Entfernung. Ja, entschied er schließlich. Das war durchaus möglich. Er war plötzlich guter Laune. Auf Leoparden verstand er sich. Das war gewohntes Terrain für ihn. Den Blick auf die Wandkarte gerichtet, versuchte er, sich in die gefleckte Großkatze hineinzuversetzen, zu denken, wie der Leopard denken mochte, die Handlungen des mordlustigen Tieres vorauszusehen, das er von zahllosen Safaris her so gut kannte. Angenommen, so überlegte er, der Leopard war rein zufällig aus einem der nahe gelegenen Wildreservate entkommen. Der überraschende Anblick einer langen, einsamen und angenehm dunklen Brücke, mochte den Leoparden so neugierig gemacht haben, daß er sich auf die Straße gewagt hatte. Nachdem er einmal diesen Weg eingeschlagen hatte, hatte ihn vielleicht die Witterung der Rinderverschläge am Hafen hungrig gemacht und weiter getrieben. Harper konnte sich lebhaft vorstellen, wie der lautlose Jäger vorsichtig die Straße über den Damm entlang geschlichen war. Seine Nase hatte beim Gestank nach Diesel und Abfall angewidert gezuckt, die sich in den Geruch der Rinder über dem Kilindini-Hafen gemischt hatten. Nachdem er die Brücke wohl überquert und keinen direkten Weg zu den Rindern, die ihn lockten, gefunden hatte, war das Raubtier angesichts der seltsamen Ausdünstungen einer großen Stadt bestimmt verwirrt und ängstlich geworden. Der Wunsch, auf dem für ihn fremden Terrain Schutz und Deckung zu suchen, hatten vermutlich über Neugier und Hunger die Oberhand gewonnen.
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Der Leopard, so überlegte Harper, mußte sich instinktiv von der gefährlich offenen weiten Schlucht der Makupa Road abgewandt und Zuflucht auf dem vergleichsweise geschützten Terrain der stillgelegten Eisenbahnstrecke gesucht haben. So hatte er sich vermutlich vorsichtig über die Schwellen durch das Industrieviertel der Stadt bis zum Mbaraki Creek gepirscht. Beim Betrachten der Karte schien die Folgerung nur logisch, daß die Großkatze auf dem Steilufer am Azania Drive gelandet sein mußte; sicher mit wunden Pfoten und dem angesichts der immer höher stehenden Sonne bis zur Panik gesteigertem Wunsch nach Deckung. Azania Drive. Harper versuchte, sich die Örtlichkeit in Erinnerung zu rufen. Der Abschnitt, wo die Eisenbahnstrecke die breite Straße kreuzte, war eine eintönige und einsame Gegend. Hier mäanderte der Verkehrsweg an der Steilküste entlang und führte an einem arabischen Wachturm vorbei. Dieser Teil hatte kaum Ähnlichkeit mit dem mondänen Abschnitt des Azania Drives, der Ausblicke auf Meer, Oceanic Hotel, den Golf-Club und zahlreiche herrschaftliche Villen bot. An der besagten Stelle des Azania Drives, über der Fähre, stand eine Gruppe von Baobab-Bäumen, die dem Seewind trotzten. Bei diesem Gedanken nickte Harper unwillkürlich. Er war aufs äußerste konzentriert und dachte mit seltsamer Erregung daran, daß das dichte, verzweigte Blätterdach der Baobab-Bäume dem völlig verängstigten Leoparden ein willkommenes Versteck bieten mußten. Harper wandte der Karte den Rücken zu. Sein nächster Schritt war klar. Constable Gordon, der Bereitschaft hatte, mußte den Auftrag erhalten, sich umgehend bei den Baobab-Bäumen am Azania Drive nach einem Leoparden umzusehen. Gordon würde die Aktion als willkommene Abwechslung nehmen und war, wie Harper wußte, ein ausgezeichneter Schütze. Nach der äußerst stimulierenden Gedankenakrobatik zögerte Harper jedoch, die Angelegenheit aus der Hand zu geben, solange er das Wild noch nicht selbst in Augenschein genommen hatte. Beim eigentlichen Abschuß brauchte er nicht dabeizusein, sagte er sich. Auf Safari hatte er den Fangschuß stets seinen Kunden überlassen. Daran war er gewöhnt. Aber er wollte das Ziel der Jagd zweifelsfrei identifiziert haben, bevor er einen anderen zum Schuß kommen ließ. Abgesehen von seinen bis dahin erfolglosen
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Bemühungen, Rebecca Conway dazu zu verleiten, ihren Mann zu betrügen, war diese Stadtjagd nach einem Leoparden das Aufregendste, was Harper seit seinem Eintritt in den Polizeidienst erlebt hatte. Er griff nach seiner Uniformmütze, nahm den Feldstecher aus dem Regal und ging in den Bereitschaftsraum. »Bin in ein paar Minuten zurück, Gordon«, verkündete er im Vorbeigehen. »Sie übernehmen das Kommando, bis Lieutenant Conway da ist, ja?« Conway erschien nie vor neun Uhr morgens im Dienst. Aber wer sollte ihm daraus schon einen Vorwurf machen? dachte Harper neidvoll. Hielt ihn doch sicher die schöne Rebecca bis zum letzten Augenblick zu Hause. Harper fühlte, wie ihm der Schweiß aus den Poren trat, kaum daß er das Polizeihauptquartier verließ und über den Hof ging. Er bestieg eines der beiden Dienstfahrzeuge, die dort parkten, einen Landrover. Als er aus dem Hof fuhr und in Richtung Azania Drive abbog, hatte die Sonne den Fahrersitz bereits derartig aufgeheizt, daß ihm die Polster durch die Hose hindurch die Haut zu versengen drohten. Harper parkte den Landrover gut hundertfünfzig Meter von der Baobab-Gruppe am Azania Drive entfernt am Straßenrand und ging langsam auf die Bäume zu. Das Fernglas hatte er umgehängt. Es war erst kurz vor acht Uhr. Auf dem Azania Drive herrschte kaum Verkehr. Er wartete, bis die Fahrbahn beidseitig leer war, dann trat er vom Asphalt auf das weiche Gras, das die Straße auf der dem Meer abgewandten Seite wie ein abgetretener Teppich säumte und die gut viertausend Quadratmeter große Fläche unter den Bäumen vollständig überdeckte. Vorsichtig näherte sich Harper den Bäumen bis auf dreißig Meter. Dann blieb er stehen, hob das Fernglas an die Augen und betrachtete aufmerksam das weitverzweigte Astwerk und die dichten Blätter der Baobabs. Er entdeckte nichts, was auch nur entfernt ein Leopard hätte sein können. Nach fünf Minuten überquerte er die Straße in respektvollem Abstand zu den Bäumen und ging fünfzig Meter weiter zu einer Stelle, von der aus er die Baobab-Gruppe aus einem anderen Blickwinkel betrachten konnte. Bedächtig langsam richtete er das Glas auf einen Baum nach dem anderen und vermochte seine wachsende Enttäu-
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schung darüber, daß er nicht fand, was er suchte, kaum noch zu unterdrücken. Er hatte das Glas auf den letzten der Bäume gerichtet, auf einen knorrigen Riesen, der dichter an der Straße stand, als seine Nachbarn… als er mit einem Gefühl, das einem elektrischen Schock gleichkam, durch die vergrößernden Objektive des Feldstechers geradewegs in ein Paar mitleidslose, gelbe Augen starrte, die körperlos zwischen den sonnenbefleckten Blättern des Baumes zu stecken schienen. Harper entfuhr ein leiser Ausruf, der teils die Bewunderung für diese herrliche Raubkatze ausdrückte, deren böser Blick ihn gefangenhielt, teils die Genugtuung darüber artikulierte, daß ihn seine Hartnäckigkeit den Leoparden hatte finden lassen. Er prägte sich den Baum und die Position des Leoparden sorgfältig ein. Dann kehrte er zum Landrover zurück und fuhr leise pfeifend davon. Er ärgerte sich beinahe, das Polizeihauptquartier ohne sein Gewehr verlassen zu haben. Allerdings rechtfertigte er seine Nachlässigkeit damit, daß er kaum eine Chance gesehen hatte, den Leoparden bei den Baobab-Bäumen zu finden. Trotzdem war die Raubkatze dort gewesen. Harper war in Feierlaune. All seine Frustrationen schienen vorübergehend vergessen. Er hatte Erstaunliches vollbracht… hatte allein mental einen wilden Leoparden in einer großen Stadt aufgespürt. Seine Stimmung war nahezu überschwenglich. Das ist es, was ich wirklich kann, überlegte er. Und das ist, was ich immer wollte… nicht auf einem miesen Polizeiposten versauern, sondern mit wilden Tieren arbeiten, irgendwie und irgendwo, auf freier Wildbahn, die Tiere aufspüren und töten, oder sie vor dem Aussterben bewahren, solange die Aufgabe nur sinnvoll ist, ja, gefährlich ist. Es war ein fataler Fehler gewesen, die Jagd auf Tiere gegen die Jagd auf Menschen einzutauschen. Wenn er Rebecca Conway überreden könnte, mit ihm zu gehen, würde er Mombasa noch morgen verlassen… ob nach Nairobi, Uganda, Australien, Indien, Alaska, überallhin würde er sie mitnehmen, wo sie außer Reichweite von Rebeccas unerträglichem Mann waren.
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Ein dutzendmal hatte er sie gebeten, diesen Idioten zu verlassen, um mit ihm irgendwo anders ein neues, freies Leben zu beginnen. Rebecca allerdings quittierte sein Drängen stets nur mit einem Lächeln, küßte ihn dann meist geschwisterlich auf die Wange, nannte ihn einen Don Juan, der in die Jahre käme (dabei war er erst einundvierzig!), und meinte, der Spatz in der Hand sei ihr lieber als die Taube auf dem Dach. Natürlich fühlte sie sich angesichts seiner Leidenschaft für sie geschmeichelt, aber sie liebte ihr sorgloses Leben an der Seite von Conway in Mombasa zu sehr, um es leichtfertig aufs Spiel zu setzen. Harper beschloß, auf dem Rückweg zum Polizeihauptquartier die längere Route durch das Stadtzentrum zu nehmen. Das ließ ihm noch etwas mehr Zeit, seinen Erfolg mit dem Leoparden auszukosten, die Vorfreude auf jenen Augenblick der Erregung zu genießen, in dem der exakt vorbereitete Schuß abgefeuert wurde, der Mombasa von seinem gefährlichen Besucher im Baobab-Baum befreien sollte. Ob der Leopard nun fünfzehn Minuten früher oder später sein Ende fand, konnte niemanden stören. Der Leopard saß in sicherer Entfernung von der Straße auf einem Baum. Er hatte Angst, war gereizt und hungriger als zuvor, stellte jedoch nach Harpers Erfahrung keine Gefahr für die Passanten auf dem Azania Drive dar; vorausgesetzt, es kam keiner seinem Baum zu nahe. Dabei fiel ihm automatisch die Warnung ein, die er stets an seine Safariteilnehmer weitergegeben hatte: nämlich, nie zu vergessen, daß ein Leopard auf einem Baum, wenn er hungrig, verängstigt oder verwundet war, alles attackierte, was sich unter seinem Versteck bewegte. Aber weshalb sollte sich jemand dem Baobab nähern? Harper war die einzige Person in der Stadt, die ein Interesse an der Baumgruppe hatte. Als Harper am Mombasa Club vorbeifuhr, kamen die imposanten Zinnen des Fort Jesus über der Blütenkulisse der Flamboyant-Bäume in Sicht. In der Mitte des Kreisverkehrs blinkte die Büste von König Georg in der Sonne und schien ihm zuzuzwinkern. Harper bog in die Prince Albert Street ein. Obwohl er nur sein Gewehr aus dem Büro holen und sofort wieder abfahren wollte, parkte er den Landrover im Hof des Polizeihaupt-
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quartiers und nicht auf der Straße. Er beachtete damit eine von Lieutenant Conways unsinnigen Anordnungen, die Straße vor dem Polizeihauptquartier unter allen Umständen freizuhalten, damit die Fahrzeuge der Feuerwehr nicht behindert wurden, falls ein Feuer ausbrechen sollte. Der Gedanke an Lieutenant Conway und damit automatisch auch an Rebecca erwies sich als ernüchternd. Die durch den Leoparden verursachte Hochstimmung, in der er noch Minuten zuvor geschwelgt hatte, hatte sich schlagartig in graue Depression verwandelt, als er sein Büro betrat. Das spannende Spiel mit dem Leoparden hatte plötzlich seinen Reiz verloren. Falls Rebecca ihn erneut abweisen sollte, so schwor Harper sich, würde er den Job hinwerfen und weggehen… auch ohne sie. Harper schloß seinen Waffenschrank auf und betrachtete seine alten Gewehre. Er hatte sie bei der letzten Safari fünf Jahre zuvor zum letzten Mal benutzt. Es war ein besonderes Entgegenkommen von Lieutenant Conway gewesen, ihm zu erlauben, seine eigenen Waffen zu behalten. Jetzt war Harper froh darüber. Er steckte Munition ein, schloß den Gewehrschrank wieder ab und war schon auf dem Weg zur Tür, als das Telefon klingelte. Gereizt machte er vor seinem Schreibtisch halt und riß den Hörer von der Gabel. »Ja?« »Da möchte jemand den Lieutenant sprechen«, sagte der Mann in der Telefonzentrale. »Dann geben Sie ihm den Lieutenant!« fuhr Harper ihn patzig an. »Der Lieutenant ist noch nicht da, Sir«, erwiderte der Constable zerknirscht. Harper warf einen Blick auf die Uhr. Es war noch nicht neun Uhr. »Und wer ist der Anrufer?« »Das will er nicht sagen, Sir. Behauptet, es sei streng vertraulich und dringend. Ein Eingeborener, vermute ich. Er spricht Suaheli.« »Stellen Sie ihn durch.« Die männliche Stimme am anderen Ende klang leise und sehr jung. »Wer ist da?« fragte sie. »Sergeant Harper«, antwortete Harper. »Lieutenant Conway ist nicht da. Was wünschen Sie?«
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»Die Belohnung, Sir«, flüsterte die jugendliche Stimme. »Die Belohnung, die der Lieutenant ausgesetzt hat.« »Welche Belohnung?« »Für Pfeilgift, Sir. Für die Namen von Wakamba-Medizinmänner, die noch Pfeilgift herstellen, obwohl’s jetzt verboten ist.« »Ach so.« Harper erinnerte sich, daß Conway seit Monaten die Wakamba-Medizinmänner zu finden versuchte, die noch immer Pfeilgift herstellten und damit der Massentötung von Wild in den Reservaten Vorschub leisteten. Das Pfeilgift der Wakambas wurde aus Baummark hergestellt. Es roch wie Lakritze und verfärbte die Pfeilwunde schwärzlich. Außerdem konnte man damit einen Elefantenbullen innerhalb von fünfzehn Minuten töten. »Und… hast du die Belohnung verdient?« fragte Harper. »Ja, Sir. Ich habe zwei Namen für Lieutenant Conway.« »Und die wären? Ich richte es dem Lieutenant gern aus.« »Ohne Belohnung keine Namen«, entgegnete der junge Wakamba. »Erst wenn gezahlt wird.« Harper grinste. »Du traust uns nicht, was?« Der Junge am anderen Ende sagte nichts. »In diesem Fall, bekommst du zuerst die Belohnung. In Ordnung? Wie heißt du?« »Ich habe keinen Namen«, wehrte die junge Stimme förmlich ab. »Ich riskiere Kopf und Kragen, um dem Lieutenant diese Information zukommen zu lassen, Sir. Meine Leute bringen mich um, wenn sie davon erfahren.« Harper änderte die Taktik. »Von wo aus rufst du an?« »Ich bin im Golden Key.« Harper kannte den Golden Key. Es war eine üble Bar auf der anderen Seite der Nyalla Bridge. Man nannte sie im Volksmund die »Gespenster-Kneipe«, weil sich dort Eingeborene als Gespenster verkleideten, um Gäste zu erschrecken. »Bist du da angestellt?« »Nein, Sir.« Harper wog sein Gewehr in der Hand. Es drängte ihn, endlich zu dem Leoparden zu kommen. »Wie soll ich dir die Belohnung zukommen lassen, wenn du mir nicht sagst, wer du bist?«
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»Ganz einfach, Sir. Ich treffe mich mit dem Lieutenant. Rein privat. Er bringt mir die Belohnung. Und ich verrate ihm die Namen der Giftmischer.« Harper dachte einen Moment nach. »Und wo willst du ihn treffen?« »Dort, wo kein Wakamba mich mit einem Polizisten sehen kann.« Das war klar und einfach. »Wann?« wollte Harper wissen. »Auf jeden Fall heute. Wenn möglich, heute morgen. Ich brauche das Geld dringend, Sir. Andernfalls…« Er verstummte. Die Verzweiflung in seiner Stimme war nicht zu überhören gewesen. »Also gut«, antwortete Harper. »Ich komme und übergebe dir die Belohnung. Der Lieutenant ist nämlich nicht da. Wieviel hat er dir versprochen?« »Zehn Pfund, Sir.« Er klang jetzt sehr eilfertig. »Wo treffe ich Sie?« Die schlichte Frage des Wakamba-Jungen schien in Harper unaufhörlich und seltsam eindringlich widerzuhallen; und im selben Augenblick war die Idee geboren, und sein Herz setzte einen Schlag lang aus. Er sank auf seinen Schreibtischstuhl, das Gewehr auf dem Tisch mit einer Hand fest umklammert. Dann holte er tief Luft und erwiderte: »Kennst du den alten arabischen Wachturm, Junge? Den unterhalb des Azania Drive in der Nähe der Fähre?« »Ja, Sir.« »Ich bin in einer Stunde dort. Ich oder Lieutenant Conway, falls er vorher noch auftaucht. Schaffst du es bis dahin in einer Stunde?« »Ja. Aber ich darf auf keinen Fall gesehen werden, Sir. Auf dem Azania Drive ist viel los. Können wir uns nicht in einer einsameren Gegend treffen?« »Dort ist es einsam genug«, entgegnete Harper schroff. »Du meidest am besten den Azania Drive und kommst vom Strand unterhalb der Steilküste her. Dann sieht dich niemand. Am Turm ist sowieso nie jemand.« »Also gut«, hauchte die jugendliche Stimme. »Ich bin dort, Sir. In einer Stunde.«
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»Gut.« Harpers Hand am Gewehrkolben war feucht geworden. Nachdem er aufgelegt hatte, rieb er die Handflächen an seiner Uniformjacke trocken. Er sah erneut auf die Uhr. Es war zehn Minuten nach neun. Conway war an diesem Morgen später dran als sonst. Er stand auf und stellte das Gewehr in den Schrank zurück. Dann setzte er sich hinter seinen Schreibtisch und verschanzte sich hinter einem Stapel von Berichten, bis er Lieutenant Conways pedantische Stimme im Bereitschaftsraum hörte. Harper wartete, bis Conway in sein Büro gegangen war und klopfte an. »Morgen, Sergeant«, schnarrte Conway. »Was gibt’s?« Harper berichtete vom Anruf des jungen Wakamba, der seinen Namen nicht hatte preisgeben wollen. »Aber da Sie jetzt hier sind, Sir«, schloß er wie beiläufig, »möchten Sie sich vermutlich persönlich mit dem Jungen treffen. Schließlich ist das sozusagen Ihr Baby.« »Natürlich.« Conway rieb sich genüßlich die Hände. Harper empfand die Selbstgefälligkeit des Mannes als ausgesprochen ärgerlich. Conway war in bester Stimmung, und seine hohe Stimme klang beinahe schrill vor Vergnügen, als er fortfuhr: »Der schlaue Junge will also zwei Namen preisgeben, was? Da können wir unser Image tüchtig aufpolieren, Sergeant, wenn es uns gelingt, diese PfeilgiftGeschichte aufzuklären. Und wo soll ich ihn treffen?« »Am arabischen Wachturm unterhalb des Azania Drive«, erwiderte Harper seelenruhig. »Dort ist es einsam. Der Junge hat panische Angst davor, gesehen zu werden. Außerdem ist der Turm von uns aus schnell zu erreichen. Sie kennen die Stelle?« »Selbstverständlich. Da haben Sie eine ausgezeichnete Wahl getroffen, Sergeant. Ich bin in fünfzehn Minuten dort und wieder zurück, und es werden keine unnötigen Steuergelder verschleudert, was? Außerdem gibt es einen Pfad über die Klippen zum Turm, wenn mich nicht alles täuscht, oder?« »Richtig, Sir. Sie können den Wagen bei den Baobab-Bäumen am Azania Drive stehenlassen, und direkt unter den Bäumen hindurch zum Klippenrand gehen.« »Ich darf nur das Geld des Jungen nicht vergessen. Wann haben Sie ihm gesagt, daß ich dort bin?«
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»So bald wie möglich. Er wollte die Sache schnell hinter sich bringen. Er behauptet, viel zu riskieren.« »Dann mache ich mich sofort auf den Weg.« Lieutenant Conway stand auf. »Übernehmen Sie das hier, Sergeant.« Damit stolzierte er aus dem Zimmer und rief dem Kassierer herrisch zu, er brauche umgehend zehn Pfund aus der Kasse. Das war um zwanzig Minuten nach neun. Um Viertel nach zehn kam der Anruf. »Gerade hat ein Autofahrer vom Azania Drive angerufen, Sir«, meldete der Mann in der Telefonzentrale. »Er behauptet, daß er im Vorbeifahren unter einem Baum einen blutüberströmten Mann habe liegen gesehen. Er hat angehalten und wollte helfen. Aber er hat schon auf fünfzehn Meter Entfernung gesehen, daß der Mann tot ist, und uns angerufen.« »Tot?« Harper zwang sich zur Ruhe. »Wie kann er das aus fünfzehn Metern Entfernung so sicher sagen?« »Von dem Gesicht des Mannes war nichts mehr übrig, Sir«, antwortete der Constable abgebrüht. »Es ist angeblich nur noch ein blutiges Bündel. Der Mann meint, es sähe beinahe so aus, als sei ein Leopard über den armen Kerl hergefallen.« Der Constable räusperte sich. »Könnte es vielleicht der Leopard gewesen sein, den die Lady heute früh gesehen haben will?« »Möglich. Woher kam der Anruf?« »Aus dem nächstgelegenen Haus. Der Mann wartet dort auf uns.« »Gut. Hoffentlich ist er so schlau und hält die Neugierigen von dem Baum fern, unter dem die Leiche liegt. Und wo auf dem Azania Drive soll es sein?« »Beim alten arabischen Wachturm. Da steht eine Gruppe von Baobab-Bäumen…« »Weiß Bescheid«, fiel Harper ihm ins Wort. »Bin schon unterwegs. Mein Gewehr nehme ich lieber mit. Etwaige Anrufe übernimmt Constable Gordon.« Als Harper die Gruppe von Baobab-Bäumen auf dem Azania Drive erreichte und den Landrover hinter Conways Wagen parkte, war außer dem Autofahrer, der die Polizei informiert hatte, ein Mann namens Stancy, überraschenderweise niemand weit und breit zu se-
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hen. Stancy empfing Harper sichtlich erleichtert. Er berichtete, daß die Bemerkung, ein Leopard verstecke sich in den Bäumen, das kleine Grüppchen Schaulustiger schnell vertrieben habe. »Gut gemacht«, lobte Harper heiser und stieg aus dem Landrover. Wie von Magneten angezogen, schweifte sein Blick zu der übel zugerichteten Gestalt, die ausgestreckt unter dem Baum lag. Dann sagte Harper mit einer Stimme, die selbst für ihn überraschend entsetzt klang: »Was die Vermutung bezüglich des Leoparden angeht, Mr. Stancy, hatten Sie wohl recht. So wie der arme Kerl da drüben aussieht!« Stancy schluckte. »Mußte mich bei dem Anblick erst mal übergeben. Dann bin ich zum nächsten Telefon gerannt.« Harper nickte. Er griff nach seinem Gewehr, das auf dem Rücksitz des Landrovers lag. »Mal sehen, was da zu machen ist. Gehen Sie über die Straße und weg von den Bäumen, Mr. Stancy. Mit Schaulustigen werden Sie schon fertig, ja?« Stancy war sichtlich froh, sich zurückziehen zu können. Harper wußte, wo sein Jagdziel saß. Lediglich um Stancys willen mußte er so tun, als suche er den Baum gründlich von allen Blickwinkeln aus ab. Das Gewehr im Anschlag, nahm er die unterschiedlichsten Positionen ein. Dann machte er Stancy ein Zeichen mit der Hand und nickte heftig, als habe er die Raubkatze entdeckt. Und er hatte sie entdeckt. Selbst ohne Feldstecher hatte er kaum Mühe, die blitzenden Augen auszumachen, die unverwandt auf ihn gerichtet waren. Und er brauchte auch kein Fernglas, um die Blutspritzer auf der kräftigen Raubtierschnauze zu erkennen. Lieutenant Conways Blut, sagte sich Harper mit grimmiger Genugtuung. Harper hob das Gewehr, zielte und drückte ab. Fast augenblicklich löste sich eine schwere Masse aus geflecktem Fell und eingezogenen Krallen von einem Ast und sauste krachend wie ein Wirbelwind durch das Blätterwerk zu Boden. Beim Knall des Schusses war vom Gipfel des benachbarten Baumes ein Witwenvogel aufgeflogen und schwebte mit trägen Flügelschlägen davon. Harper wußte nicht recht, ob er das als Omen nehmen sollte. Als der Leopard nicht weit von seinem Opfer auf die Erde aufschlug, war er tot.
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»Sie haben ihn erwischt!« schrie Stancy schrill vor Erregung. »Bravo!« Harper ließ den Leoparden jedoch nicht aus den Augen. Er war jederzeit für einen zweiten Schuß bereit. Zwar war er überzeugt, daß die erste Kugel bereits ihre Schuldigkeit getan hatte, doch eine Grundregel seines Großwildjägerdaseins war ihm in Fleisch und Blut übergegangen; und die besagte, daß man sich erlegtem Wild erst näherte, wenn zweifelsfrei feststand, daß es wirklich tot war. Schließlich war er seiner Sache ganz sicher. Er bedeutete Stancy, auf der anderen Straßenseite zu bleiben, dann ging er langsam auf die leblose Gestalt unter dem Baobab-Baum zu. Ein Blick genügte ihm, um zu wissen, daß der Leopard tödlich getroffen war. Es war ein glatter Kopfschuß gewesen, auf den er stolz sein konnte. Erst jetzt wandte er sich Lieutenant Conways Leiche zu, und mit einemmal überschlugen sich die Gedanken. Er durfte nicht versäumen, sich mit dem jungen Wakamba am arabischen Turm zu treffen, ihm die Belohnung auszuhändigen und damit die PfeilgiftGeschichte aufzuklären. Außerdem mußte er Rebecca vom tragischen Tod ihres Mannes benachrichtigen und sie, so gut es ging, trösten. Würde er zum Lieutenant befördert werden und damit in der Lage sein, Rebecca das privilegierte Leben in Mombasa zu bieten, an dem ihr so viel lag? Mit der Zeit gelang es ihm sicher, sie zu überreden, ihn zu heiraten, und Zeit, dachte er lächelnd, Zeit hatte er jetzt genug. Da täuschte er sich. Es blieb ihm nicht einmal mehr die Zeit, die Augen zu dem Ast über ihm zu heben, geschweige denn das Gewehr in Anschlag zu bringen, das er noch immer locker in der Hand hielt. Im letzten Sekundenbruchteil seines Lebens, bevor ihm Zähne und Krallen erbarmungslos die Kehle aufschlitzten, kam Harper blitzartig eine letzte Erkenntnis: Es war ein Leopardenpärchen gewesen, das Mombasa einen Besuch abgestattet hatte.
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Eine gute Geschichte Donald E. Westlake Die Riesenschlange im Käfig bewegte sich. Sie wurde hungrig. Stumpfe Augen folgten Leon im Vorübergehen. Leon spielte den Unbeteiligten. Er trat aus dem Schuppen. Heute war nichts bei der Post gewesen. Er hatte frei. Er schlenderte an Käfigen und Verschlägen vorbei, durch den Dunst von Sägemehl aus dem Schuppen, in dem die Kisten zusammengenagelt wurden, vorbei am langgestreckten Haupthaus mit der summenden Klimaanlage, und die staubige, unbefestigte Straße hinunter in die Stadt. In der Cantina neben der Kirche besorgte er sich ein Bier und ging hinaus, um den Tag zu genießen. Die Sonne stand gleißend hell über der Plaza. Die Luft war rein und heiß. Als er die Flasche ansetzte, den Kopf in den Nacken legte, schäumte das lauwarme Bier in seinem Mund. Mit nacktem Oberkörper, das T-Shirt halb aus der Gesäßtasche seiner abgeschnittenen Jeans baumelnd, Mokassins an den Füßen, ging Leon über die rissige, trockene Lehmfläche der Plaza und lächelte zu den fernen Gipfeln der Anden hinüber. Leon trank langsam das Bier und genoß jede sinnliche Regung. Die Stadt lag so hoch über dem Meeresspiegel, und die Luft war so dünn, daß jeder Schweißtropfen augenblicklich auf der Haut trocknete. Vor acht Monaten, als Leon nach Ixialta gekommen war, hatte er dieses Gefühl als eklig und unangenehm empfunden. Mittlerweile mochte er den trockenen, kitzendeln Film auf seiner Haut, die Salzkruste, die man später wie eine Puderschicht abreiben konnte. Acht Monate. Das war nicht lang. Die Arbeit war einfach, die Bezahlung phantastisch und die Versuchung, sich treiben zu lassen, groß… etwas, womit Jaime-Ortiz rechnete, wie er inzwischen wußte. Leon hatte sich allerdings geschworen, nach einem Jahr Schluß zu machen. Erste Sahne. Ein Jahr. Dann reich und sauber nach Hause; vierundzwanzig Jahre alt, und die Welt stand einem offen. Leon grinste. Er war ein großer, auffallender Junge mit sehnigen Armen und den Beinmuskeln eines Joggers. Er grinste noch immer, als der Wagen auftauchte.
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Abgesehen von Jaime-Ortiz’ Fuhrpark, waren Autos in Ixialto eine Seltenheit. Die Lehmstraße, die sich durch den Bergdschungel empor wand, war nichts als eine kurze Abzweigung von der Transitroute über die Anden, die auf diesem von niedrigen Stuckfassaden umgebenen Platz endete. Wie viele Fremde hatte die Stadt in den vergangenen acht Monaten gesehen? Ein Steuerbeamter der Regierung war zu Jaime-Ortiz gekommen, hatte ein Mittagessen eingenommen, die Bestechungssumme kassiert und war wieder abgefahren. Zwei wortkarge Amerikaner hatten eine neue Satellitenschüssel installiert und Jaime-Ortiz in die Gebrauchsanleitung eingeweiht. Und dann? Zwei Engländerinnen von einem Entwicklungsprogramm der UNO hatten sich umgesehen; zwei Junkies auf der Suche nach Stoff, die enttäuscht wieder abziehen mußten; zwei Amerikaner auf Großwildjagd, die drei Tage blieben, einen Alpaka schossen und sich die Ruhr holten; vielleicht noch ein oder zwei mehr. In der ganzen Zeit hatte es höchstens sieben dieser Berührungen mit der Außenwelt gegeben. Und jetzt war Nummer acht da. Ein staubiger, brauner HondaLeihwagen mit zwei Amerikanern. Die Frau vom Beifahrersitz stieg aus. Sie war eine umwerfende Blondine. In einer Khaki-Hose, Riemensandalen, blaßblauer Hemdbluse und lederner Schultertasche sah sie aus wie der Designer-Wunschtraum in der Rolle der Auslandskorrespondentin. Die große, schwarze Sonnenbrille allerdings war ein Fehlgriff. Leon war der Meinung, daß nur Jackie O. eine JackieO.-Sonnenbrille tragen konnte, ohne daß das äußere Erscheinungsbild Schaden nahm. Ansonsten war sie ein Traum auf zwei Beinen. Der Mann war das genaue Gegenteil. Mit fülliger Taille, engen und steifen neuen Jeans, den braunen Oxfords der Juppies und dem Buttondown-Hemd mit langen Ärmeln wirkte er wie ein Bürohengst, ein Professor für alte Sprachen oder ein Bankkassierer. Jedenfalls gehörte er nicht in diese Berge. Und er paßte nicht zu dieser Frau. Leon ging lächelnd auf sie zu, überlegte, wie er sie ansprechen sollte, doch sie kam ihm zuvor. »Was ist das hier?« fragte sie stirnrunzelnd, als sei er der Türsteher. »Ixialta«, antwortete Leon.
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»Das hohe Ixi«, übersetzte sie überraschenderweise. Ihre Stimme hatte ein gar nicht unangenehmes, leicht rauhes Timbre. »Was ist ein Ixi?« »Vielleicht ein Gott.« Leon hatte sich diese Frage nie gestellt. Der Mann hatte sich mittlerweile mit etlichen Kameras dekoriert. Er blinzelte durch seine Brille mit den aufgesetzten Sonnengläsern. »Sieh dir bloß diesen Stuck an! Und erst die Tür!« rief er. »Ja, Frank«, sagte sie desinteressiert und deutete auf Leons Bierflasche. »Sieht gut aus.« »Ich besorge Ihnen eins.« »Mit Schatten?« »Am Tisch dort drüben neben der Cantina.« Leon deutete über den Platz. »Im Schatten unter freiem Himmel kann man die Welt an sich vorüberziehen lassen.« »Gut.« Sie gingen Seite an Seite über die Plaza. »Kommt viel von der großen weiten Welt vorbei?« »Bis dato nur Sie.« Auf dem Kopfsteinpflaster neben der Cantina standen zwei Metalltische mit wackeligen Eisdielenstühlen im Schatten der nahe gelegenen Kirche San Sebastian. Die Frau wählte den Tisch, unter dem kein Hund schlief, während Leon in der Cantina verschwand. Wie immer, wenn er kam, unterbrachen die wenigen Gäste in der halbdunklen, übelriechenden Kneipe ihre leisen Gespräche und starrten auf ihre groben Hände und Füße. Leon trank sein Bier aus und bestellte zwei weitere Flaschen. Dann zog er sein T-Shirt ordentlich an, bezahlte und trug das Bier nach draußen. Gegenüber machte Frank Fotos von Fenstersimsen und Türen. Die Frau hatte ihre große Sonnenbrille auf die Stirn geschoben und betrachtete sich im Spiegel einer Puderdose. Sie hatte schöne, graue Augen mit einem Anflug von Kälte. Leon setzte sich ihr gegenüber, stellte die Flasche auf den Tisch und sagte: »Ich bin Leon.« »Ruth.« Sie klappte die Puderdose zu. Ihr Blick war auf die leere Plaza gerichtet. »Einiges los hier, was?« »Sie müssen Sonntag wiederkommen«, riet Leon. »Was ist am Sonntag?«
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»Paseo.« Leon beschrieb mit dem Arm einen weiten Kreis. »Die Jungs gehen so rum, die Mädchen kommen aus der entgegengesetzten Richtung. Dann beäugen sie sich. Überall von den Bergen kommen sie her.« »Das Paarungsritual«, sagte sie und griff nach der Flasche. Leon zuckte mit den Schultern. »Hier macht man das so. Bei allen Indio-Jungen und Mädchen ist das üblich.« Frank saß im Staub und fotografierte eine Steinstufe. Ruth trank, den Kopf in den Nacken gelegt, die Kehle zart und verwundbar. Leon hätte sie gern liebkost. Seine Miene mußte ihn verraten haben, denn als sie die Flasche absetzte, betrachtete sie ihn mit einem wissenden, aber reservierten Lächeln. »Sie sind kein Indio«, bemerkte sie. »Ich bin der Sekretär eines Indios«, antwortete er und lachte über den Witz. »Wie geht das?« »Da droben lebt ein reicher Mann. Hat ’ne Menge Landbesitz… alles, was er sich wünscht.« »Und da lebt er hier?« In der Skepsis schwang Spott mit. »Hier verdient er sein Geld.« »Dann ist er Landwirt?« »Er verkauft Tiere.« »Rinder?« Das Ratespiel machte sie gereizt, und sie war beinahe schon gelangweilt. »Nein, nein«, wehrte Leon ab. »Wilde Tiere. Jaime-Ortiz verkauft sie an zoologische Gärten, Zirkusunternehmen, Tierdompteure in aller Welt. Deshalb braucht er einen Sekretär. Für die Korrespondenz in Englisch.« »Was für Tiere?« fragte sie leicht pikiert. »Alle möglichen. Alles, was in Peru, Bolivien, Paraguay zu kriegen ist. Das hier oben ist eines der tierreichsten Gebiete. Es gibt den Puma, den Jaguar, zahlreiche Affen, Lamas, Schlangen…« »Igitt«, sagte sie. »Was für Schlangen denn?« »Klapperschlangen, Anakondas, Boas. Oben im Stall liegt gerade eine riesige Boa… versandfertig.«
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Sie trank einen Schluck Bier und schüttelte sich leicht. »Auch ’ne Art, sein Geld zu verdienen.« »Jaime-Ortiz kommt über die Runden«, versicherte Leon und grinste über das, was ungesagt blieb. Sie schien zu spüren, daß mehr dahintersteckte. Während sie wie selbstvergessen die Bierflasche auf dem zerkratzten Metalltisch herumschob, sagte sie: »Und Sie vermutlich auch.« »Sehe ich aus, als ob ich mich beklagen könnte?« Sie warf ihm einen Seitenblick zu. »Nein«, antwortete sie schließlich. »Sie machen einen recht selbstzufriedenen Eindruck.« Machte sie sich über ihn lustig? Trotz schwang in seiner Antwort mit: »Das hier ist ein interessanter Job. Interessanter, als Sie denken.« »Wie sind Sie daran gekommen? Durch eine Annonce?« Leo lächelte. Er war wieder auf sicherem Terrain. »Jaime-Ortiz setzt keine Annoncen in die Zeitung. Er will nicht, daß Fremde ihre Nasen in seine Angelegenheiten stecken.« »Dann kannten Sie ihn also bereits?« »Beziehungen. Die Familie. Jemand am anderen Ende des Geschäfts.« »Ein Onkel.« Sie lächelte und zeigte sämtliche Zähne, als sei er ein Kind, das man nicht ernst zu nehmen brauchte. »Okay, ein Onkel.« Er war jetzt wütend. »Das macht aus mir noch keinen Neffen.« Mit zerknirschter Miene, jedoch lächelnd berührte sie mit zwei rotlackierten Fingernägeln seinen Handrücken. Die Nägel gruben sich leicht in die Haut. »Nicht böse sein, Leon. Einen Spaß muß man schon vertragen können.« Frank und seine Kameras waren noch auf der gegenüberliegenden Seite der Plaza. Leon drehte die Hand um und umschloß ihre schlanken Finger. »Ich habe gern Spaß.« »Ganz der Raubtierdompteur.« Sie entzog ihm die Hand. »Immer nur Zoo zu spielen würde mich bald langweilen.« »Es gibt auch Besseres.« Er war plötzlich nervös, trank hastig einen Schluck Bier, und als er die Flasche absetzte, sah sie ihn an.
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Eine innere Stimme mahnte ihn zur Vorsicht, und er zögerte. Die beiden Engländerinnen waren allerdings sehr beeindruckt gewesen. Und was konnte es schon schaden, wenn er plauderte? Die Fremden kamen und gingen, hatten Ixialta schnell vergessen. Den Blick auf die Berge gerichtet, sagte er: »Hier wächst auch der Koca-Strauch. Überall in der Umgebung.« »Kokain«, murmelte sie, begriff plötzlich und runzelte die Stirn: »Und die Polizei?« »Hier oben? Machen Sie Witze?« »Nein, ich meine die der Staaten, in die Sie das Zeug schmuggeln.« »Das ist ja gerade die Krönung«, antwortete er grinsend. »Man nimmt das weiße Puder, füllt es in Pergaminbeutel und füttert damit einen Affen.« »Einen Affen? Aber der verdaut das Zeug. Er würde…« »Nein«, fiel Leon ihr ins Wort. »Dann verfüttert man den Affen an die Boa Constrictor.« »Aha.« »Kein Zollbeamter der Welt würde nachsehen, was ein Affe im Bauch hat, der im Bauch einer Boa Constrictor steckt.« »Ich bestimmt nicht.« »Der Affe muß lebendigen Leibes von der Schlange verschlungen werden«, fuhr Leon fort und weidete sich an ihrem entsetzten Gesicht. »Die Schlange braucht sieben Tage, um den Affen zu verdauen, aber es dauert nur zwei Tage, bis sie per Flugzeug bei Wilkinson, dem Tierhändler, in Florida ist.« Die Geschichte war so gut, daß er sich immer wieder ausschütten konnte vor Lachen. »Wie heißt es doch so schön? Alles inbegriffen!« »Ja«, bemerkte sie plötzlich mit undurchsichtiger Miene. Sie stand auf, wandte sich ab und rief: »Frank! Frank!« »Hören Sie…«, begann Leon. »Augenblick!« fiel sie ihm schroff und geschäftsmäßig ins Wort. Sie war plötzlich ganz anders. Verdutzt kam Leon auf die Beine. Frank joggte über die Plaza, die Kameras mit den Händen schützend. »Was gibt’s?« Mit einem Kopfnicken auf Leon sagte Ruth: »Das ist er.« Frank machte ein überraschtes Gesicht. »Bist du sicher?«
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»Er hat’s mir gerade erzählt.« »Das ging aber schnell«, bemerkte Frank. Auch sein Verhalten änderte sich schlagartig. Selbstbewußt ging er auf Leon zu und ballte die Faust. Leon war so verdattert, daß er sich nicht einmal duckte. Jemand zog ihn an den Haaren. Leon wand sich, versuchte aufzustehen, doch etwas hielt ihn fest… grobe Schnüre hielten ihn an einem Stuhl fest. Er schlug die Augen auf. Vor ihm stand Jaime-Ortiz mit Paco und zwei anderen Arbeitern. Sie befanden sich alle zusammen im großen Schuppen. Hier war es immer kühl. Beißender Tiergestank hing in der Luft. Der Besen hatte Muster auf dem gestampften Lehmboden hinterlassen. An der gegenüberliegenden Wand, unter trübem Licht standen die Käfige. Nur wenige waren besetzt. Ein Brüllaffe mit rotem Fell und breiten Schultern, halb so groß wie ein Mensch, hatte ihnen den Rücken zugewandt, die nackte Schwanzspitze locker um einen Gitterstab gewunden, während im Nachbarkäfig ein goldbraunes Guanako mit angelegten zierlichen Ohren und rollenden Augen unruhig auf und ab ging. Etwas außerhalb des Lichtkreises lag die riesige, abgemagerte Boa, die Schuppenhaut hellbraun mit dunkleren Querstreifen, den Schuppenkopf gut einen Meter in die Höhe gereckt, so daß man ihren gelben Unterleib sehen konnte. Sie starrte durch Gitterstäbe und Maschendraht auf alles, was sich bewegte. »Jaime?« Leon zerrte an den haarigen Seilen. Er hatte den Geschmack von Blut im Mund, und seine Lippen brannten. »Jaime? Was…« »Du hast mich sehr enttäuscht, Leon«, sagte Jaime-Ortiz. Er war ein großer, schwergewichtiger Mann mit einem breiten, runden Gesicht und wäßrigen braunen Augen, die seelenvoll wie die eines Guanakos oder kalt wie Eis dreinblicken konnten. »Du«, fuhr er fort und zeigte mit einem dicken, kurzen Finger auf Leon. »Du bist die Enttäuschung meines Lebens.« Er schüttelte schicksalsergeben den Kopf. »Aber was habe ich… Was ist…« »Kleine Geschichten machen die Runde«, sagte Jaime-Ortiz. »Es wird über unsere Geschäfte geredet, Leon. Über deine und meine. Das gibt Schwierigkeiten – für dich und für mich.«
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»Jaime… bitte…« »Wie aus heiterem Himmel«, fuhr Jaime-Ortiz fort, »tauchen die Drogenfahnder bei unserem Freund Wilkinson mit einem Wisch von einem Richter auf.« »Gütiger Himmel!« Leon schloß die Augen und leckte sich die wunden Lippen. Die Fesseln schnitten tief in sein Fleisch. Hände und Füße wurden bereits gefühllos. »Wer sollte dir und mir und Wilkinson Schwierigkeiten machen wollen? Leon? Wer?« Leon bewegte mit geschlossenen Augen den Kopf von Seite zu Seite. »Es tut mir leid, Jaime. Es tut mir leid.« »Freunde in New York haben mich das gefragt«, sagte Jaime Ortiz. »Ich habe geantwortet: Ich bin es nicht. Leon ist es nicht. Paco nicht. Wir alle haben zuviel zu verlieren. Meine Freunde schlagen vor, jemanden zu schicken. Jemanden, der sich umhört und feststellt, wer hier Geschichten erzählt.« »Jaime, ich werde nie… nie…« »Oh, das weiß ich«, seufzte Jaime-Ortiz. »Du kannst hier nicht bleiben, Leon. Ich muß dich in die Staaten zurückschicken.« Leon schöpfte Hoffnung. Er sah zu Jaime-Ortiz auf. »Jaime, ich verspreche dir, von mir erfährt niemand ein Wort. Ich werde nie…« »Ganz recht«, unterbrach Jaime-Ortiz. »Von dir erfährt keiner ein Wort. Nicht bei der Art, wie wir dich in die Staaten zurückschicken.« Leon hatte noch immer nichts begriffen, bis schließlich Paco mit einem Pergaminumschlag auf ihn zukam. »Mund weit aufmachen, bitte«, forderte Paco.
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Töte nie ein Tier zum Scherz… Dick Stodghill Martha sagt, daß ich nicht nachtragend sein soll. Die Sache liege immerhin Jahre zurück. Möglich, daß sie recht hat. Trotzdem lasse ich mir die Freude daran nicht nehmen, wie die Geschichte letztlich ausgegangen ist. Es hat zwar eine Weile gedauert, aber für meine Begriffe hat die Gerechtigkeit dann doch gesiegt. Als die Baseball-Meisterschaftsspiele im Fernsehen liefen, kam mir alles wieder ins Gedächtnis; und das, obwohl es eigentlich an dem Tag angefangen hatte, an dem wir im Discountmarkt das restliche Material für die Küchenrenovierung kaufen wollten. Das wiederum war zehn Jahre, bevor der Reißnägel-Räuber anfing, die Schlagzeilen der Zeitungen zu beherrschen. Martha weiß, daß mir die Meisterschaftsspiele heilig sind, seit ich Don Larsens größte Partie 1956 verpaßt habe. Damals hatte ich mir geschworen, daß mir das nie wieder passieren würde, und ich habe mir keinen einzigen Schlag in einem Meisterschaftsspiel mehr entgehen lassen. Nicht einmal die Werbespots können mich vom Fernsehapparat vertreiben. Martha versteht mich und versorgt mich von Zeit zu Zeit mit Essen und Bier. Jedenfalls war der Küchenumbau unsere erste Tat nach dem Hauskauf. Obwohl wir beide in den Fünfzigern waren, freuten wir uns wie Kinder… denn es war das erste Mal. Bis dahin war ein eigenes Haus für Martha nur ein unerfüllter Wunschtraum gewesen. In unseren jungen Jahren war ich fast immer als Waschmittelvertreter unterwegs gewesen und hatte alle zwölf Monate einen neuen Bezirk zugewiesen bekommen. Ein Jahr in South Bend. Zwei in Vincennes. Immer auf Achse. Wir mieteten eine Wohnung oder ein kleines Haus. Etwas Eigenes hatten wir nie. Eines Tages, versprach ich Martha immer, würden wir uns in einer Stadt niederlassen und das Haus kaufen, von dem sie träumte. Ähnlich erging es uns mit Kindern. Martha wollte eine Familie, aber wir haben es immer wieder hinausgeschoben, bis… Die Jahre vergehen so schnell.
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Sogar mit Haustieren war es so. Martha hatte sich immer einen kleinen Hund gewünscht. Der richtige Zeitpunkt, sich ein Tier anzuschaffen, schien nie gekommen. Dann, eines Tages, habe ich ihr überraschend einen Welpen mitgebracht. Das war kurz nach unserem Einzug in Terre Haute. Es war ein weißes Wollknäuel mit schwarzen Flecken. Für beide war es Liebe auf den ersten Blick. Nach ein paar Wochen rannte er auf die Straße und wurde von einem Auto überfahren. Danach schien Martha nicht mehr den Mut aufzubringen, wieder einen Hund anzuschaffen. Die Geschichte begann also, als wir in der Haushalts- und Eisenwarenabteilung des Discount-Marktes standen. Martha drehte sich plötzlich zu mir um. »Was ist das für ein Krach?« Mir war nichts aufgefallen. Ich horchte angestrengt. Einige Gänge weiter war ein metallisches Klappern zu hören. Wir gingen dem Geräusch nach und entdeckten, daß es aus der Tierabteilung kam. Außer ein paar Bottichen mit tropischen Fischen, Käfigen mit weißen Mäusen, Meerschweinchen und anderen Kleintieren gab es dort nicht viel. Schließlich stellte sich heraus, daß ein Hamster den Radau veranstaltete. Er hatte einen Käfig für sich. Ein winziger Bursche, nur ein paar Zentimeter groß. Sein Wasserfläschchen war leer. Er hatte sich am Käfiggitter festgekrallt, stieß mit seiner Schnauze gegen die Stäbe und machte einen äußerst indignierten Eindruck. Weit und breit war kein Angestellter zu sehen – in derartigen Märkten ist das nichts Ungewöhnliches. Martha war empört. Sie ging in die nächste Abteilung und zu einer Frau, die hinter einer Vitrine mit Waffen und Munition stand. Ihr erklärte sie das Problem. Die Frau versprach, jemandem Bescheid zu sagen. Aber Martha entgegnete, sie würde sich nicht eher von der Stelle rühren, bis der Hamster sein Wasser bekommen habe. Allmählich kam auch mir die Galle hoch. Die Verkäuferin wartete noch ein paar Minuten, um uns zu zeigen, wer hier das Sagen hatte, dann schlenderte sie betont desinteressiert in die Tierabteilung und füllte die Flasche des Hamsters mit Wasser. Martha und ich beobachteten, wie der kleine Kerl trank, und amüsierten uns über sein geschäftiges, und auch ein bißchen verwirrtes Gehabe. Als der Hamster seinen Durst gelöscht hatte, stellte er sich
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auf die Hinterbeine, umfaßte mit den Vorderpfoten die Gitterstäbe und sah uns fragend an. Martha redete auf ihn ein, wie das ihre Art mit kleinen Lebewesen war. Dann blieben sogar Vögel sitzen und hörten ihr aufmerksam zu, als könnten sie sie verstehen. Der Hamster stand reglos da, sah sehr ernst aus und nahm jedes Wort in sich auf. Martha ergriff meine Hand und zog mich näher. Mit einem Lächeln meinte sie: »Sieh dir bloß die winzigen Finger an.« »Vermutlich sind das Zehen«, erwiderte ich. »Ich finde, sie sehen eher wie Finger aus.« Martha richtete sich prompt mit besorgter Miene auf. »Was passiert, wenn sein Wasserfläschchen wieder leer ist? Es gefällt mir gar nicht, wie hier die Tiere vernachlässigt werden.« Ich ahnte, was kommen würde. Der Hamster sah Martha wie gebannt an, seit sie mit ihm gesprochen hatte. Martha redete erneut auf ihn ein. Dann sagte sie lächelnd zu mir: »Komm, wir nehmen ihn mit nach Hause.« Nein zu sagen, hätte keinen Zweck gehabt. Kurz darauf verließen wir mit Käfig, Wasserfläschchen, einem Turnrad, einem kleinen Haus, das wie ein Schuh aussah, einer Packung Futter und einem Buch über Hamster den Discount-Markt. Den Hamster hatten wir in der Pappschachtel, in die der Verkäufer ihn unter heftigem Protest gesteckt hatte. Wir waren schon fast zu Hause, als wir feststellten, daß wir die gewünschten Haushaltswaren gar nicht besorgt hatten. Ich baute den Käfig auf. Dann setzten wir den Hamster vorsichtig hinein. Wir waren ängstlich und unsicher, weil wir von Hamstern keine Ahnung hatten. Der Hamster lief sofort zu dem Schuh und war Sekunden später eingeschlafen. Die Aufregung war zuviel für ihn gewesen, vermutete ich. Sicher dachte er jetzt, daß das Leben eines Hamsters aus einer Kette gefährlicher Abenteuer bestünde. Nachdem ich das Buch gelesen hatte, konnte ich das nur bestätigen. Selbst wenn ihm sonst nichts zustößt, hat ein Hamster eine Lebenserwartung von tausend Tagen. Aber das weiß natürlich der Hamster nicht.
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Unser Freund brauchte einen Namen. Martha kam auf Chigger, weil er so klein war. Es dauerte nicht lange, bis Chiggy daraus wurde – zumindest was Martha betraf. Im Buch stand, ein Hamster würde immer einen Weg finden, seinem Käfig zu entkommen. Chigger brauchte drei Tage für den ersten Versuch. Mittlerweile waren wir bereits geübte Hamster-Eltern, und ich hatte gelernt, ihn geschickt beim Nackenfell zu packen, was er haßte. Wenn ich ihn dann wieder auf den Boden setzte, trippelte er ein Stück weiter und sah vorwurfsvoll zu mir zurück. Wie alle Hamster verschlief Chigger die Tage und war nachts für jeden Unsinn zu haben. Er schwang sich in seinem Käfig von Gitterstab zu Gitterstab, lief im Rad – wahrscheinlich glaubte er tatsächlich, vorwärts zu kommen… und machte alles mögliche, um die Aufmerksamkeit auf sich zu lenken. Martha nahm ihn dann meistens heraus, hielt ihn in der Hand, streichelte ihn und redete leise auf ihn ein. Er starrte sie meist wie verzaubert aus seinen kleinen, schwarzen Knopfaugen an und horchte auf jedes Wort. Schließlich lief er auf ihrem Schoß umher, steckte die Nase in die Taschen oder versuchte zwischen Kissen und Stuhlpolster hinunterzuklettern. Hamster, so könnte man glauben, sind den Menschen sehr ähnlich: immer vermuten sie, irgendwo anders müsse es besser sein, nie sind sie dort zufrieden, wo sie gerade sind. Wir kamen eines Tages an einem Tierbedarfsgeschäft vorbei. Martha zog mich hinein. Sie betrachtete sich alles und sagte gelegentlich: »Also das würde Chiggy gefallen.« Als wir den Laden wieder verließen, hatten wir eine Fünfzigdollarausrüstung für einen drei Dollar teuren Hamster erstanden. Als ich Martha darauf hinwies, antwortete sie: »Er ist es wert.« Jede Diskussion wäre zwecklos gewesen. Chigger hatte die höchste Freude an seinem neuen Spielplatz. Er erforschte sofort jede Ecke und jeden Winkel und erkor umgehend einen runden, hohlen Plastikball zum Lieblingsspielzeug. Er kletterte hinein, wir klappten den Deckel zu, und er rollte über den Fußboden, als erobere er die große weite Welt. Am morgen entdeckten wir, daß er von seinem Schuh-Haus in eine Plastikschachtel umgezogen war, die als eine Art Beobachtungsturm konzipiert war. Sie stand einige
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Zentimeter über dem Fußboden, doch Chigger hielt sie wohl für eine sichere Höhle tief in der Erde. Chigger war schnell zu einem vollwertigen Familienmitglied geworden, ein glücklicher Hausgenosse, der nur seinem Vergnügen lebte. Bald war er ein ausgewachsener Hamster, und er wurde immer schlauer. Es war ein Spaß zu beobachten, wie aufgeregt er wurde, wenn Martha in die Küche ging und dort einen Schrank oder den Kühlschrank öffnete. Er wußte, daß sie nie ohne einen Leckerbissen wie einen Cracker mit Erdnußbutter oder ein Stückchen Karotte oder Sellerie für ihn zurückkam. Gelegentlich dachte ich an die tausend Tage und rechnete nach, wie viele er davon schon gelebt hatte. Martha gegenüber erwähnte ich das natürlich nie. Chigger hatte ungefähr die Hälfte seines Lebens hinter sich, als neue Leute in das leerstehende Nachbarhaus einzogen. Es waren eine Frau Mitte Dreißig und ihr zwölfjähriger Sohn. Schon nach kurzer Zeit wünschten wir den Jungen wieder nach Indianapolis oder sonstwohin zurück. Er gehörte zu den Kindern, denen nichts Spaß machte, es sei denn, sie konnten jemanden ärgern oder ihm weh tun. Die beiden waren kaum einen Monat in der Stadt, als es die ersten Schwierigkeiten gab. Der Junge hatte im nahe gelegenen Park drei Enten totgeschlagen. Bei diesem Anlaß merkten wir, daß die Mutter stets davon ausging, daß ihr Sohn recht und alle anderen unrecht hatten. Sie paßte Martha auf der Straße ab und beklagte sich darüber, daß die Leute auf ihrem Jungen herumhackten, weil er neu in der Stadt war. »Was erwarten die eigentlich?« hörte ich sie sagen. »Da lassen sie Enten einfach frei in einem Park herumlaufen. Arnie hat getan, was jeder andere Junge auch getan hätte.« »Bis jetzt ist noch keiner auf die Idee gekommen«, mischte ich mich ein. Ihre Miene wurde starr, und sie ging wortlos zum Haus zurück. Der Junge schoß von da an ständig mit einem Luftgewehr auf Vögel oder Eichhörnchen. Eines Tages rief ein anderer Nachbar die Polizei an, weil er in jeder Hinsicht zu größeren Kalibern übergegangen war. Er versuchte gerade vom Hintergarten aus, ein Kaninchen
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mit einem Gewehr, Kaliber 5,6 mm zu treffen. In der Schußlinie befand sich ein einjähriges Mädchen in der Sandkiste. Der Junge erwischte das Kaninchen später schließlich mit einem Baseballschläger. Seine Mutter ignorierte von da an den betreffenden Nachbarn und dessen Frau, was diese kaum kümmerte. Ich wußte, daß die Mutter teilweise für das Verhalten ihres Sohnes verantwortlich war, aber nichts und niemand wird mich je davon überzeugen, daß das Kind nicht von Natur aus schlecht war. Leute die glauben, daß es das nicht gibt, sind nicht weit herumgekommen. Martha verhielt sich weiterhin freundlich und nachbarschaftlich, obwohl ich ihr immer wieder sagte, daß sich das gelegentlich nicht auszahlt. Ich war daher nicht allzu überrascht, als ich eines Tages nach Hause kam und die beiden, die Mutter und den Jungen, mit Martha im Wohnzimmer vorfand. Die Frauen tranken Tee. Das Kind verschlang Marthas Schokoladenkekse. Neben dem Teller, auf dem sich die Kekse befanden, stand ein Glas Milch. Ich war gerade fünf Minuten zu Hause und balancierte die Tasse Tee mit Unterteller, die Martha mir gereicht hatte, auf einem Knie, da der Junge meinen Lieblingssessel am Tisch mit meinen Pfeifen und dem Tabak mit Beschlag belegt hatte, als Chigger von seinem Beobachtungsturm herunterkam. Die fremden Stimmen hatten ihn vermutlich angelockt. Vielleicht hatte er auch die Kekse gerochen, denn er stellte sich auf die Hinterbeine und sah uns von der vordersten Ecke seines Käfigs aus an. »Was ist denn das? Eine Maus?« fragte der Bengel. Martha erklärte ihm, daß Chiggy ein Hamster sei, ging zum Käfig, öffnete die Tür und nahm Chiggy heraus. Ich beobachtete sie mit wachsender Unruhe. Sie hielt ihn in den Händen, redete leise mit ihm und gab ihm ein Stück Keks. »Ich möchte ihn mal haben«, sagte der Junge. Ich machte den Mund auf, um sie zu warnen, doch bevor ich auch nur ein Wort herausbrachte, gab Martha Chiggy an ihn weiter. Martha glaubt eben immer an das Gute im Menschen. Chiggys Augen weiteten sich ängstlich. Die Hände, die ihn plötzlich hielten, waren ihm fremd. Er versuchte, sich ihnen zu entwinden.
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Der Bengel hielt ihn jedoch fest. Zu fest, für meine Begriffe. Und das Grinsen in seinem Gesicht gefiel mir nicht. Ich stand auf, doch bevor ich etwas tun konnte, hörte ich ein leises Knacken. Dann schrie der Bengel laut auf, als Chiggy seine nadelspitzen Zähne in seinen Finger grub. Der Junge ließ Chiggy sofort fallen. Aber Chiggy lief nicht weg. Eines seiner Vorderbeine war seltsam gekrümmt. Es war wie ein dürrer Ast gebrochen, als der Bengel es ihm absichtlich verdreht hatte. Ich hob Chiggy gerade noch rechtzeitig auf, bevor der Junge mit dem Fuß nach ihm treten konnte. Die Mutter stieß einen schrillen Schrei aus, lief zu ihrem Sprößling, nahm seine Hand und jammerte: »Arnie, du blutest ja.« Dann ging sie auf Martha los und beschimpfte sie, weil sie dem armen Arnie ein wildes Tier in die Hand gegeben habe. Martha war schneeweiß, völlig durcheinander und hilflos. Ich teilte ihre Unsicherheit in keiner Weise. Ich warf die beiden aus dem Haus. Chiggy gab keinen Laut von sich. Hamster tun das selten, aber wir sahen ihm an, daß er Schmerzen hatte und völlig durcheinander war. Bis dahin hatte es in seiner kleinen heilen Welt Mißhandlungen oder Schmerzen nicht gegeben. Martha hielt ihn, während ich zum Tierarzt fuhr. Die Tierärztin tat ihr Bestes und streckte das dünne kleine Bein, so gut es ging. Das Gelenk sei gebrochen, sagte sie, und da sei nicht viel zu machen. Wir brachten Chiggy wieder nach Hause. In einer Käfigecke schlief er ein. Danach war nichts mehr wie früher. Chiggy versuchte sich noch ein paarmal auf seinen Plastikbahnen, rutschte jedoch immer schon nach wenigen Zentimetern kraftlos zurück. Schließlich gab er es ganz auf. Er verbrachte seine Zeit nur noch unten im Käfig und zog wieder in den Schuh. Ab und zu setzten wir ihn in den Plastikball. Aber Chiggy versuchte erst gar nicht, ihn wie früher durchs Zimmer zu rollen. Irgendwie schien er seinen Lebenswillen verloren zu haben. Selbst wenn Martha ihn in der Hand hielt und mit ihm redete, war es anders. Chiggy verhielt sich zwar ganz ruhig, wirkte jedoch stets verunsichert. Offenbar hatte er das Erlebnis in jener fremden Hand nicht vergessen. Er hatte uns blind vertraut und war enttäuscht worden.
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Ihn zu beobachten und erleben zu müssen, wie freudlos das Dasein für Chiggy geworden war, traf mich härter, als ich je zugegeben habe. Für Martha allerdings war es die Hölle. Und natürlich gab sie sich und nicht dem eigentlichen Bösewicht die Schuld. Eines Morgens war Chiggy schließlich tot. Warum, weiß ich nicht. Er hätte noch gut und gern ein weiteres Jahr leben können, aber ein Blick in seinen Käfig genügte mir, um zu sehen, daß nichts mehr zu machen war. Es Martha beibringen zu müssen, war das Schlimmste. Ich benutzte einen Karteikasten aus Metall als Sarg, versiegelte ihn mit Isolierband und begrub Chiggy im Garten. Nach ein paar Wochen machte ich den Vorschlag, einen anderen Hamster zu kaufen; aber Martha wollte davon nichts wissen. Eines Tages kam ich nach Hause, und der Platz, an dem Chiggys Käfig gestanden hatte, war leer. Martha hatte alles auf dem Dachboden verstaut. Die meisten Menschen werden das nicht verstehen, aber es kommt nach all den Jahren noch immer gelegentlich vor, daß sie beim Gedanken an ihren kleinen Freund zu weinen anfängt. Vor ungefähr eineinhalb Jahren begann die Serie von Raubüberfällen. Die Zeitungen bauschten die Sache auf und nannten den Täter den »Reißnagel-Räuber«. Der Rummel erregte auch unsere Aufmerksamkeit. Der Reißnagel-Räuber überfiel nur private Kreditunternehmen mit großen Geldvorräten für Kunden, die schnell Bares brauchten. Er ging dabei stets nach demselben Muster vor: Er betrat das Kreditinstitut mit der Waffe im Anschlag, sobald keine Kunden im Kassenraum waren. Hatte er die geforderte Beute an sich gebracht, riß er das Telefon aus der Wand und zwang die Angestellten, die Schuhe am Eingang abzulegen und sich dann an der Rückwand aufzustellen. Anschließend schüttete er große Mengen von Reißnägeln über den Fußboden. Bis die Angestellten die Reißnägel beiseite geschafft und die Tür erreicht hatten, war er längst über alle Berge. Keines der Opfer konnte je mit einer brauchbaren Beschreibung aufwarten. Der Reißnagel-Räuber erschien stets mit einem tief in die Stirn gezogenen breitkrempigen Hut und hatte das Gesicht nach Wildwest-Manier hinter einem Dreieckstuch verborgen. Alle sagten aus, daß er eine besonders harsche Stimme habe. Und seine Stimme
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war bei den Überfällen ausgiebig zu hören, da es eines seiner Markenzeichen war, die ganze Zeit über Kommandos zu erteilen. Dies schien die Leute mehr einzuschüchtern als alles andere. Vor einem Jahr schließlich, am Abend der dritten Meisterschaftsbegegnung, ging etwas schief. Bis zu diesem Zeitpunkt waren die Raubüberfälle völlig glatt verlaufen. Ein Kreditinstitut am anderen Ende der Stadt hatte einmal pro Woche bis um zehn Uhr geöffnet. Es bot in einer großen Werbeaktion Sofortkredite über kleinere Summen in bar an und versprach bei größeren Beträgen die Auszahlung bis zum Mittag des folgenden Tages. Mir kam die Sache damals allerdings nicht ganz koscher vor. Der Räuber überfiel das Kreditinstitut kurz vor Geschäftsschluß. Der Direktor war etwas früher nach Hause gefahren, um wenigstens das Ende des Meisterschaftsspiels mitzuerleben. Zurückgelassen hatte er eine junge, hübsche Angestellte Anfang Zwanzig, die erst seit kurzem in der Filiale arbeitete, und eine dreimal so alte erfahrene Kraft, die bereits einen Raubüberfall erlebt hatte. Die vierzig Jahre im Bankgeschäft hatten letzterer eine Brille mit dicken Gläsern eingebracht. Und selbst damit sah sie alles, was über einen halben Meter weit von ihr entfernt war, nur verschwommen. Der Täter ging nach der üblichen Methode vor, bis es ans Ausziehen der Schuhe ging. Anstatt sie wie sonst am Eingang ausziehen zu lassen, sollten die beiden Frauen das bereits hinter dem Schalter tun. Als die junge Frau an der Reihe war, wurde er zudringlich. Halb wahnsinnig vor Angst, verlor die Angestellte völlig die Nerven. Sie begann laut zu schreien. Der Räuber versuchte, sie zum Schweigen zu bringen, langte etwas zu kräftig zu und brach ihr das Genick. Als die Polizei am Tatort eintraf, war die junge Frau bereits tot. Die Beschreibung, die die ältere Angestellte geben konnte, stimmte im großen und ganzen mit den Angaben aus früheren Raubüberfällen überein. Für eine Identifizierung des Täters genügte es jedoch nicht. Selbst wenn die Polizei den Täter hätte fassen und eine Gegenüberstellung hätte vornehmen können, hätte sie ihn bestimmt nicht überführt. Auch die Stimme war in diesem Fall keine Hilfe gewesen, denn der Täter hatte kaum ein Wort gesprochen. Dies und die abweichende Handhabung der Schuhe verleitete viele zu der Ansicht, daß
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es sich um einen Nachahmer und nicht um den richtigen ReißnagelRäuber gehandelt hatte. Das Kreditinstitut setzte eine Belohnung von fünftausend Dollar aus, und andere Institute versprachen gemeinsam noch einmal dieselbe Summe. Das brachte schnelle Ergebnisse. Drei Tage nach dem Mord fiel die Polizei wie Heuschrecken über unser Viertel her und verhaftete den Bengel von nebenan. Er war mittlerweile einundzwanzig, kaum älter als das Opfer und kein bißchen netter als an dem Tag, an dem er in die Stadt gekommen war. Die Polizei fand einige Dinge im Haus, die ihn deutlich mit den früheren Raubüberfällen in Verbindung brachten, sowie fünf Schachteln Reißzwecken zur zukünftigen Verwendung. Zusätzlich konnten ihn mehrere Zeugen identifizieren – sie behaupteten es wenigstens. Nur im Fall des Mordes an der jungen Angestellten gelang das nicht. Der Junge gestand schließlich sämtliche Raubüberfälle – bis auf den letzten. Er behauptete steif und fest, er habe damit nichts zu tun. Seine Mutter machte alles und jeden verantwortlich, nur nicht ihren Sohn. Die finanziellen Verhältnisse, schwierige Arbeitsmarktlage, die Lehrer, die ihn vom College gewiesen hatten, ohne ihm eine echte Chance zu geben. Und vor allem die Leute vom Autoersatzteillager, die ihn gefeuert hatten, weil er sich an der Geschäftskasse vergriffen hatte. Sie schwor, daß ihr Sohn in der Mordnacht das Haus nicht verlassen habe. Beide behaupteten, er habe eine schwere Erkältung gehabt, und in der einige Blocks weit entfernten Apotheke erinnerte man sich, daß die Mutter an jenem Tag ein Schmerzmittel gekauft hatte. Das Alibi stand auf schwachen Beinen, und die Aussage einer Mutter kann in den meisten Fällen nicht ausschlaggebend sein. In Anbetracht der Tatsache jedoch, daß es auch sonst keine überzeugenden Hinweise dafür gab, daß der Bengel von nebenan den letzten Raubüberfall durchgeführt hatte, hätte diese Aussage für ihn die Rettung bedeuten können. An diesem Punkt trat ich in Erscheinung. Die Polizei vernahm sämtliche Nachbarn. Als sie zu mir kam, widersprach ich der Aussage von Mutter und Sohn. Ich erklärte, der Junge habe gegen neun Uhr an jenem Abend das Haus verlassen. Was die Zeit beträfe, sei
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ich ganz sicher, da ich gerade von einem Spaziergang zurückgekehrt sei, als er weggefahren war. Monate vergingen bis zum Prozeß. Als er schließlich begann, stand längst nicht fest, ob die Staatsanwaltschaft genug Material für eine Mordanklage in der Hand hatte. Aber der Staatsanwalt hatte gute Arbeit geleistet. Der Richter konnte mehr Zeugen und andere Beweismittel zulassen, als man erwartet hatte. Die Aussage eines unparteiischen Zeugen, der den Behauptungen der Mutter in allen Punkten widersprach, verfehlte ihre Wirkung auf die Geschworenen nicht. Sie erschütterte letztendlich die Glaubwürdigkeit des Jungen. Niemand schenkte seinen Unschuldsbeteuerungen Gehör. Als alles zu Ende war, sagte der Staatsanwalt, ich sei sein bester Zeuge und ausschlaggebend für den Schuldspruch gewesen. Jetzt ist wieder Meisterschaftssaison, und Martha sorgt wie immer dafür, daß ich nicht gestört werde, daß mich nichts auch nur eine Minute vom Fernsehschirm fernhalten kann, solange ein Spiel im Gang ist. Es war in dem Augenblick, als sie mir ein frisches Bier brachte, als sie sagte, ich solle nicht nachtragend sein. »Chiggy liegt jetzt schon so viele Jahre unter der Erde«, seufzte sie, wischte sich verstohlen ein paar Tränen ab und ging hastig aus dem Zimmer. Das war ihr erster Kommentar zu meiner Zeugenaussage gewesen. Seit dem Tag, an dem ich mit dem Inspektor gesprochen hatte und während des gesamten Prozeßverlaufs war sie mit keinem Wort darauf eingegangen. Allerdings hat sie unrecht. Ich bin nicht nachtragend. Vielleicht bin ich das eine Zeitlang gewesen, aber jetzt bin ich einfach nur zufrieden. Und ich habe das Gefühl, Martha geht es ebenso – sie will es nur nicht wahrhaben. Auf die eine oder andere Weise siegt die Gerechtigkeit immer.
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Spuren im Mais Joan Richter Sie wartete, bis das knirschende Geräusch der breiten Reifen des Landrovers auf der langgestreckten Kieszufahrt in sanftes Surren auf festerem Untergrund übergegangen war. Dann stand sie auf und zog sich hastig an. Sie ärgerte sich, daß sie die vergangene Stunde damit vergeudet hatte, sich schlafend zu stellen. Trotzdem war das einer Auseinandersetzung mit Jack vorzuziehen. Sie hatte gehört, wie er noch bei Dunkelheit aufgestanden war und das Haus verlassen hatte; hatte sich ausgemalt, wie er auf der Anhöhe gestanden, auf das Maisfeld hinuntergespäht und gewartet hatte, wie er jeden Tag bei Sonnenaufgang in den vergangenen zwei Wochen gewartet hatte. Manchmal fragte sie sich, ob er überhaupt noch wußte, worauf er wartete. Sie hängte sich einen Pullover um die sonnengebräunten Schultern, ging durch die Verandatür hinaus und an der Küche vorbei, um Kariuki zu sagen, daß sie zum Frühstück nur Kaffee haben wollte, den sie sich später selbst kochen würde. Sie lief über den taugetränkten Rasen, vorbei am Flaschenbürstenbaum, auf dessen rosenfarbenen Blüten die Kolibris ihren morgendlichen Durst stillten, und weiter zu dem Teil des Gartens, von dem aus man einen freien Blick über das grüne Tal