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Alexandre Dumas Die drei Musketiere
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Alexandre Dumas 1854 Photographie von Gaspard Félix Nadar
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Alexandre Dumas
Die drei Musketiere Roman Aus dem Französischen von Herbert Bräuning
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Titel der Originalausgabe Les Trois Mousquetaires Mit einem Nachwort von Christine Wolter
ISBN E-Pub 978-3-8412- 0073-0 ISBN PDF 978-3-8412- 2073-8 ISBN Printausgabe 978-3-7466-6123-0
Aufbau Digital, veröffentlicht im Aufbau Verlag, Berlin, September 2011 © Aufbau Verlag GmbH & Co. KG, Berlin Die vorliegende Übersetzung erschien erstmals 1955 bei Rütten & Loening Berlin. Rütten & Loening ist eine Marke der Aufbau Verlag GmbH & Co. KG. Dieses Werk ist urheberrechtlich geschützt. Jegliche Vervielfältigung und Verwertung ist nur mit Zustimmung des Verlages zulässig. Das gilt insbesondere für Übersetzungen, die Einspeicherung und Verarbeitung in elektronischen Systemen sowie für das öffentliche Zugänglichmachen z.B. über das Internet. Umschlaggestaltung morgen, unter Verwendung eines Fotos von Kai Dieterich/bobsairport Konvertierung Koch, Neff & Volckmar GmbH, KN digital - die digitale Verlagsauslieferung, Stuttgart www.aufbau-verlag.de
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Die drei Geschenke des alten d’Artagnan An einem Montag im Herbst des Jahres 1626 schien der Marktflecken Meung in einem solchen Aufruhr zu sein, als wären die Hugenotten gekommen, um daraus ein zweites Rochelle zu machen. Zahlreiche Bürger beeilten sich, als sie die Frauen zur Hauptstraße stürzen sahen und die Kinder auf den Türschwellen schreien hörten, ihren Küraß umzuschnallen, und liefen, nachdem sie ihre ein wenig unsichere Haltung durch eine Muskete oder eine Partisane gefestigt hatten, zum Gasthof des »Freimüllers«, vor dem sich lärmend und neugierig ein dichter Haufe drängte, der von Minute zu Minute größer wurde. Zu jener Zeit waren derartige Unruhen nicht selten, und es verging kaum ein Tag, ohne daß die eine oder andere Stadt ein ähnliches Ereignis in ihren Archiven zu verzeichnen hatte. Da waren die Edelleute, die sich untereinander befehdeten; da war der König, der mit dem Kardinal auf Kriegsfuß stand, und da war der Spanier, der den König bekriegte. Außer diesen offenen oder geheimen, wilden oder erklärten Fehden gab es schließlich noch die Diebe, die Bettler, die Hugenotten, die Wölfe und die Lakaien, die gegen alle Welt Krieg führten. Gegen Diebe, Wölfe und Lakaien griffen die Bürger stets zu den Waffen, gegen die Adligen und die Hugenotten oft, auch gegen den König manchmal – aber niemals gegen den Kardinal und den Spanier. Es geschah daher nur aus alter Gewohnheit, daß sich die Bürger, als sie an besagtem Montag im Herbst des Jahres 1626 Lärm hörten und weder die gelbrote Standarte noch eine Uniform des Herzogs von Richelieu erblickten, eilends zum Gasthof des »Freimüllers« begaben. 5
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Hier wurde sogleich jedem die Ursache des Auflaufs klar: ein junger Mann … Zeichnen wir sein Porträt mit einem einzigen Federstrich: Man denke sich einen achtzehnjährigen Don Quichotte, einen Don Quichotte ohne Rüstung und Harnisch, in einem wollenen Wams, dessen ehemals blaue Farbe einer unbestimmbaren Tönung aus Weinrot und Himmelblau gewichen war. Das Gesicht länglich und dunkel, die Backenknochen vorspringend, was auf Pfiffigkeit schließen läßt, die Kinnbacken ungewöhnlich stark ausgeprägt, woran man den Gascogner auch ohne Barett unfehlbar erkennt – und unser junger Mann trug sogar eins mit einem Federschmuck. Sein Auge war offen und klug, die Nase gebogen, aber edel geformt, und da er größer als ein Jüngling, doch noch kein ausgewachsener Mann war, hätte ein weniger geübtes Auge ihn für einen Pächterssohn auf Reisen halten können, wäre nicht der lange Degen gewesen, der von einem ledernen Gehänge herabbaumelte und beim Gehen seinem Träger gegen die Waden, beim Reiten gegen das struppige Fell seines Gaules schlug. Unser junger Mann war nämlich beritten, und zwar war sein Reittier so überaus bemerkenswert, daß es in der Tat bemerkt wurde: ein etwa zwölf bis vierzehn Jahre alter gelblicher Klepper aus dem Bearn, der wohl keine Schwanzhaare, dafür aber um so mehr Schwären an den Beinen hatte und der, obgleich er den Kopf bis zu den Knien herabhängen ließ, was den Gebrauch der Kandare überflüssig machte, noch immer seine acht Meilen am Tag zurücklegte. Unglücklicherweise wurden die Vorzüge dieses Gaules von seinem seltsamen Fell und seinem sonderbaren Gang so gut verdeckt, daß in einer Zeit, in der jedermann etwas von Pferden verstand, sein Erscheinen in Meung, wo er vor ungefähr einer Viertelstunde durch das Tor von Beaugency seinen Einzug gehalten hatte, ein Aufsehen hervorrief, das sich auch auf den Reiter ungünstig auswirkte. Dieses Aufsehen war für den jungen d’Artagnan – so hieß der Don Quichotte dieser Rosinante – um so peinlicher, als er sich nicht verhehlen konnte, was für eine lächerliche Figur er, der sonst ein guter Reiter war, auf einem solchen Pferd abgab; hatte er doch bereits gestöhnt, als sein Vater es ihm anvertraute. Er wußte nur zu gut, daß dieses Tier keine sieben 6
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Taler wert war; die Worte, die das Geschenk begleitet hatten, waren allerdings unbezahlbar. »Mein Sohn«, hatte der gascognische Edelmann gesagt, »dieses Pferd wurde vor bald dreizehn Jahren im Hause deines Vaters geboren, und es ist all die Zeit über hier geblieben, schon deshalb mußt du es lieben. Verkaufe es nie, laß es ruhig und ehrenvoll an Altersschwäche sterben, und ziehst du mit ihm ins Feld, dann sei gut zu ihm wie zu einem alten Diener! Solltest du die Ehre haben, an den Hof zu kommen, eine Ehre übrigens, auf die der alte Adel unseres Hauses dir ein Recht gibt, dann erweise dich deines Namens würdig, wie es deine Ahnen seit mehr als fünfhundert Jahren gehalten haben! Du tust es für dich und die Deinen. Unter den Deinen verstehe ich deine Verwandten und deine Freunde. Nimm keine Kränkung hin, es sei denn vom König oder vom Kardinal! Durch seinen Mut, versteh mich recht, nur durch seinen Mut kann heute ein Edelmann seinen Weg machen. Wer auch nur eine Sekunde zittert, läßt sich vielleicht den Köder entgehen, den ihm das Glück gerade in diesem Augenblick hinhält. Du bist jung, du mußt tapfer sein aus zwei Gründen: einmal, weil du ein Gascogner bist, und dann, weil du mein Sohn bist. Gehe keiner Gelegenheit aus dem Wege, suche die Abenteuer! Ich habe dich gelehrt, den Degen zu führen. Deine Knie sind aus Eisen, deine Handgelenke aus Stahl. Schlage dich, sooft es nur angeht, schlage dich um so mehr, als Duelle verboten sind und deshalb doppelter Mut dazu gehört. Ich kann dir, mein Sohn, nur fünfzehn Taler, mein Pferd und diese Ratschläge mit auf den Weg geben. Deine Mutter wird noch das Rezept einer gewissen Salbe hinzufügen, das sie von einer Zigeunerin bekommen hat; diese Salbe hat die wunderbare Eigenschaft, jede Wunde zu heilen, wenn nicht gerade das Herz getroffen ist. Mach dir alles zunutze, lebe glücklich und lange! Zum Schluß möchte ich dir noch eines sagen und dich auf ein Beispiel hinweisen, nicht auf das meine, denn ich selbst bin nie bei Hofe erschienen und habe nur die Religionskriege als Freiwilliger mitgemacht – ich meine vielmehr Herrn de Treville, der einst mein Nachbar war und schon als kleiner Junge die Ehre hatte, mit unserem König Ludwig XIII., den Gott uns erhalte, zu spielen. Ihre kindlichen Spiele arteten zuweilen in Schlägereien 7
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aus, und in diesen Schlägereien war der König nicht immer der Stärkere. Die Prügel, die er dabei einsteckte, erfüllten ihn mit großer Achtung und Freundschaft für Treville. Später, auf seiner ersten Reise nach Paris, hat sich Herr de Treville fünfmal geschlagen; in der Zeit vom Tode des seligen Königs bis zur Volljährigkeit des jungen siebenmal, Kriege und Belagerungen nicht eingerechnet, und von der Volljährigkeit bis auf den heutigen Tag an die hundertmal! Und trotz aller Edikte, Befehle und Verordnungen ist er jetzt Hauptmann der Musketiere, also der Führer einer Legion von Cäsaren, auf die der König große Stücke hält und die der Kardinal fürchtet, er, der sich, wie jedermann weiß, nicht leicht fürchtet. Überdies bezieht Herr de Treville zehntausend Taler im Jahr, er ist also ein sehr vornehmer Herr. Er hat begonnen wie du. Suche ihn mit diesem Brief auf und richte dich ganz nach ihm, um es ihm gleichzutun!« Damit gürtete Vater d’Artagnan seinem Sohn den eigenen Degen um, küßte ihn liebevoll auf beide Wangen und gab ihm seinen Segen. Der junge Mann verließ das väterliche Gemach und begab sich zu seiner Mutter, die ihn bereits mit dem berühmten Rezept erwartete, dessen Benutzung die eben mitgeteilten Ratschläge noch ziemlich oft erforderlich machen sollten. Der Abschied war hier länger und zärtlicher, nicht etwa, weil Herr d’Artagnan seinen Sohn und einzigen Sprößling weniger liebte, sondern weil er ein Mann war und es für unter seiner Würde hielt, einer Rührung nachzugeben; Madame d’Artagnan dagegen war eine Frau und außerdem die Mutter. Sie weinte fassungslos, und zum Lobe des jungen d’Artagnan müssen wir sagen, daß er trotz aller Anstrengungen, fest zu bleiben, wie es sich für einen zukünftigen Musketier gehörte, schließlich seiner Natur erlag: Tränen, die er nur mühsam verbergen konnte, traten ihm in die Augen. Am selben Tag noch brach der junge Mann auf, ausgerüstet mit den drei väterlichen Geschenken, die, wie gesagt, aus fünfzehn Talern, einem Pferd und einem Schreiben an Herrn de Treville bestanden; nicht zu vergessen die guten Ratschläge, die ihm obendrein mit auf den Weg gegeben worden waren. Also ausgestattet, war d’Artagnan geistig und körperlich ein getreues Abbild des Cervantesschen Helden, mit dem wir ihn 8
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bereits so glücklich verglichen haben, als uns die Pflicht des Erzählers gebot, ein Porträt von ihm zu zeichnen. Don Quichotte hielt Windmühlen für Riesen und Schafherden für Armeen, d’Artagnan hielt jedes Lächeln für eine Beleidigung und jeden Blick für eine Herausforderung. Auf dem ganzen Weg von Tarbes bis Meung ballte er die Fäuste, und wohl zehnmal am Tag griff er nach seinem Degen, aber kein einziges Mal flog seine Faust gegen das Kinn eines Gegners oder fuhr sein Degen aus der Scheide. Das soll nicht heißen, daß der Anblick des unglückseligen gelben Kleppers die Leute, denen er begegnete, nicht zum Lachen gereizt hätte, aber da an dem Gaul ein Degen von stattlicher Länge blinkte und über diesem Degen ein mehr wildes als stolzes Auge funkelte, unterdrückten sie ihre Heiterkeit, oder wenn ihre Heiterkeit stärker als ihre Klugheit war, versuchten sie wenigstens nur nach einer Seite hin zu lächeln wie antike Masken. D’Artagnan blieb also in seiner Würde und in seiner Empfindlichkeit unverletzt bis zu diesem unseligen Städtchen Meung. Als er hier vor der Tür des »Freimüllers« vom Pferde stieg, ohne daß irgend jemand, Wirt, Kellner oder Stallknecht, herbeigeeilt wäre, um ihm den Steigbügel zu halten, erblickte er in einem halbgeöffneten Fenster des Erdgeschosses einen gutgewachsenen und vornehm aussehenden Edelmann mit einem etwas mürrischen Gesicht, der gerade mit zwei Personen sprach, die ihm offenbar sehr ehrerbietig zuhörten. Wie es seine Art war, glaubte d’Artagnan natürlich, Gegenstand der Unterhaltung zu sein, und horchte hin. Diesmal hatte er sich nicht ganz getäuscht; es war zwar nicht von ihm, wohl aber von seinem Pferd die Rede. Der Edelmann schien alle Eigenschaften dieser Mähre aufzuzählen, und da seine Zuhörer, wie ich schon sagte, ihm offensichtlich sehr ergeben waren, brachen sie alle Augenblicke in ein schallendes Gelächter aus. Da aber bereits ein halbes Lächeln genügte, den jungen Mann in Harnisch zu bringen, kann man sich unschwer ausmalen, wie diese lärmende Heiterkeit auf ihn wirkte. D’Artagnan wollte zunächst wissen, wie der Unverschämte aussehe, der sich über ihn lustig machte. Er heftete seinen Blick voller Stolz auf den Fremden und erkannte in ihm einen etwa vierzig- bis fünfundvierzigjährigen Mann mit 9
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stechenden schwarzen Augen, fahlem Teint, stark hervortretender Nase und pechschwarzem, säuberlich gestutztem Schnurrbart. Er trug ein Wams und eine violette Kniehose mit gleichfarbenen Schnürbändern, den einzigen Schmuck bildeten die üblichen Ärmelschlitze, durch die das Hemd schimmerte. Hose und Wams waren neu, sahen jedoch zerknittert aus wie Reisekleider, die lange in einem Mantelsack gesteckt hatten. D’Artagnan traf alle diese Feststellungen mit dem raschen Blick eines scharfsichtigen Beobachters, und zweifellos sagte ihm auch ein unwillkürliches Gefühl, daß dieser Unbekannte noch eine große Rolle in seinem Leben spielen würde. Nun traf es sich, daß der Edelmann im violetten Wams gerade in dem Augenblick, da d’Artagnan ihn so eingehend musterte, eine besonders kluge und tiefschürfende Bemerkung über den Bearner Klepper machte, jedenfalls bogen sich seine beiden Zuhörer vor Lachen, und er selbst ließ gegen seine Gewohnheit ein mattes Lächeln, wenn man sagen darf, über sein Gesicht huschen. Jetzt gab es keinen Zweifel mehr, d’Artagnan war wirklich beleidigt worden. In dieser Überzeugung rückte er das Barett tief in die Stirn, und bemüht, die vornehme Art nachzuahmen, die er in seiner Heimat von durchreisenden Edelleuten abgesehen hatte, legte er die eine Hand an den Degenknauf, stemmte die andere in die Hüfte und trat auf das Fenster zu. Leider geriet er mit jedem Schritt mehr in Wut, und anstelle der stolzen und würdigen Rede, die er sich für seine Herausforderung zurechtgelegt hatte, brachte er schließlich nur eine plumpe Anrede zustande, die er mit einer heftigen Geste begleitete. »He, Ihr da!« rief er. »Was haltet Ihr Euch hinter dem Fensterladen versteckt? Ja, Euch meine ich! Sagt mir doch, worüber Ihr lacht, dann können wir zusammen lachen!« Der Edelmann ließ seinen Blick langsam vom Pferd zum Reiter wandern, als brauchte er einige Zeit, um zu begreifen, daß diese sonderbaren Anwürfe ihm galten; dann, als er nicht mehr zweifeln konnte, zog er die Brauen ein wenig hoch und antwortete in einem unbeschreiblich spöttischen und herausfordernden Ton: »Ich spreche nicht mit Euch!« 10
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»Aber ich mit Euch!« schrie der junge Mann, vollends aufgebracht über diese Mischung aus Unverschämtheit und guten Manieren, Anstand und Geringschätzung. Der Unbekannte betrachtete ihn noch einen Augenblick mit leichtem Lächeln, zog sich dann langsam vom Fenster zurück und trat aus dem Haus, um sich in unmittelbarer Nähe von d’Artagnan vor dessen Pferd aufzupflanzen. Seine ruhige Haltung und seine spöttische Miene verdoppelten die Heiterkeit der beiden anderen, die am Fenster zurückgeblieben waren. Als d’Artagnan ihn herankommen sah, zog er den Degen ein Stück aus der Scheide. »Dieses Pferd ist oder vielmehr war in seiner Jugend bestimmt ein Goldfuchs«, setzte der Unbekannte die begonnene Musterung fort und schien dabei die Erbitterung d’Artagnans, wiewohl der genau zwischen ihm und seinen beiden Zuhörern stand, nicht im mindesten zu bemerken. »Seine jetzige Farbe ist zwar in der Botanik sehr verbreitet, doch bei Pferden, jedenfalls bis heute, sehr selten.« »Über das Pferd lacht nur, wer über den Reiter nicht zu lachen wagt!« rief wütend der Nacheiferer de Trevilles. »Ich lache nicht oft, wie Ihr wohl an meinem Gesicht sehen könnt«, erwiderte gelassen der Unbekannte, »aber ich werde mir jederzeit das Recht herausnehmen, zu lachen, wann es mir paßt!« »Und ich«, brüllte d’Artagnan, »ich will nicht, daß man lacht, wenn es mir nicht paßt!« »Wirklich?« fuhr der Unbekannte noch gelassener fort. »Nun, das ist durchaus verständlich.« Damit machte er auf dem Absatz kehrt und schickte sich an, durch den großen Torbogen, unter dem d’Artagnan gleich bei seiner Ankunft ein gesatteltes Reittier bemerkt hatte, in den Gasthof zurückzukehren. Aber unser junger Gascogner war nicht gesonnen, jemand, der sich erdreistet hatte, ihn zu verhöhnen, einfach seines Weges ziehen zu lassen. Er riß den Degen ganz aus der Scheide und schrie, während er dem Fremden nachsetzte: »Halt, kehrtgemacht, Herr Witzbold, damit Euch mein Degen nicht von hinten trifft!« »Euer Degen – mich?« fragte der andere und wandte sich 11
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um, wobei er den jungen Mann ebenso erstaunt wie verächtlich musterte. »Aber geht. Ihr seid ja nicht gescheit!« Und halblaut, wie im Selbstgespräch, setzte er hinzu: »Wie ärgerlich! Was für ein Fund wäre das für Seine Majestät, die überall nach Tapferen sucht, um die Reihen Ihrer Musketiere aufzufüllen.« Kaum hatte er den Satz vollendet, als d’Artagnan einen so erbitterten Degenstoß nach ihm führte, daß er, wäre er nicht rasch zurückgesprungen, vermutlich zum letztenmal gespottet hätte. Der Unbekannte merkte nun, daß er es nicht mehr mit einem Spaß zu tun hatte, zog den Degen, grüßte seinen Gegner und nahm würdevoll die Ausgangsstellung ein. Im selben Augenblick fielen seine beiden Zuhörer und der Wirt mit Stöcken, Schaufeln und Feuerzangen über d’Artagnan her. Hierdurch wurde d’Artagnans Angriff so schnell und so gründlich abgelenkt, daß der Unbekannte – während der junge Mann sich umdrehte, um dem Hagel von Schlägen zu begegnen – den Degen ebenso gelassen wieder in die Scheide stecken und aus der Rolle eines Kämpfers, die ihm entgangen war, wieder in die eines Zuschauers zurückfallen konnte, in welche Rolle er sich auch mit gewohntem Gleichmut fand. Allerdings murmelte er: »Die Pest über diese Gascogner! Setzt ihn auf seinen Apfelsinengaul und laßt ihn ziehen!« »Nicht, bevor ich dich erledigt habe, Feigling!« protestierte d’Artagnan, während er sich, so gut es ging und ohne einen Schritt zu weichen, seiner drei Angreifer erwehrte. »Noch so eine Gascognade«, murmelte der Edelmann. »Bei meiner Ehre, diese Gascogner sind doch unverbesserlich! Also weiter im Tanz, da er unbedingt darauf besteht! Wenn er genug hat, wird er es schon sagen.« Aber der Unbekannte wußte noch nicht, mit was für einem Dickschädel er es zu tun hatte; d’Artagnan war nicht der Mann, sich auf Gnade oder Ungnade zu ergeben. Einige Sekunden noch währte der Kampf, dann entfiel dem erschöpften Streiter der Degen, den ein Stockhieb entzweigebrochen hatte. Gleichzeitig traf ein anderer Schlag seine Stirn und ließ ihn blutüberströmt und halb betäubt zu Boden sinken. In diesem Augenblick eilten von allen Seiten Leute herbei und füllten den Schauplatz. Da der Wirt peinliches Aufsehen befürchtete, 12
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schleppte er mit Hilfe seiner Leute den Verwundeten in die Küche, wo man sich seiner ein wenig annahm. Unterdes war der Edelmann wieder an seinen Fensterplatz zurückgekehrt und betrachtete mit einer gewissen Ungeduld die Menge, die sich nicht zerstreute, was ihm lebhaften Verdruß zu bereiten schien. »Nun, wie geht es dem Tollkopf?« fragte er, als sich geräuschvoll die Tür öffnete, und wandte sich nach dem Wirt um, der sich nach seinem Befinden erkundigen wollte. »Sind Euer Gnaden gesund und unverletzt?« »Ja, völlig gesund und unverletzt, guter Wirt. Aber ich frage, was aus unserm jungen Heißsporn geworden ist.« »Es geht ihm schon besser«, sagte der Wirt, »er ist in Ohnmacht gefallen.« »Tatsächlich?« »Aber bevor er ohnmächtig wurde, hat er noch einmal unter Aufbietung aller Kräfte nach Euch gerufen und Euch herausgefordert.« »Dieser Bursche ist ja der Teufel in Person!« rief der Unbekannte. »Ach nein, Euer Gnaden, der Teufel wohl nicht«, entgegnete der Wirt und machte ein verächtliches Gesicht. »Während seiner Ohnmacht haben wir ihn nämlich durchsucht – er hat in seinem Bündel nur ein Hemd und in seiner Börse nur elf Taler. Das hat ihn allerdings nicht gehindert, bevor er in Ohnmacht fiel, zu behaupten, Ihr hättet, wenn das in Paris geschehen wäre, auf der Stelle dafür gebüßt, dagegen würdet Ihr jetzt erst später dafür büßen.« »So«, meinte der Unbekannte kalt, »dann ist er wohl so etwas wie ein verkleideter Prinz.« »Ich sage Euch das nur, gnädiger Herr, damit Ihr Euch vorseht.« »Und in seiner Erregung hat er keinen Namen genannt?« »Aber ja! Er hat an seine Tasche geschlagen und dabei gesagt: Wir werden schon sehen, wie Herr de Treville über diese Beleidigung seines Schützlings denkt!« »Herr de Treville?« versetzte der Unbekannte und wurde mit einemmal aufmerksam. »Und er hat an seine Tasche geschlagen, als er den Namen de Treville nannte? Nun, mein 13
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lieber Wirt, ich bin sicher, Ihr habt die kleine Ohnmacht des jungen Mannes nicht vorübergehen lassen, ohne auch in diese Tasche einen Blick zu werfen. Und was habt Ihr gefunden?« »Einen Brief an Herrn de Treville, Hauptmann der königlichen Musketiere.« »Wahrhaftig?« »Es ist so, wie ich Euch sage, Euer Gnaden.« Der Wirt war keine große Leuchte, und so entging ihm, was für eine Wirkung seine Worte auf dem Gesicht des Unbekannten hervorgerufen hatten. Der trat jetzt von der Fensterbank zurück, auf die er sich die ganze Zeit mit dem Ellbogen gestützt hatte, und runzelte beunruhigt die Stirn. »Zum Teufel!« murmelte er zwischen den Zähnen. »Sollte Treville mir diesen Gascogner auf den Hals geschickt haben? Er ist zwar noch reichlich jung, aber Degenstich bleibt Degenstich, da spielt das Alter des Gegners keine Rolle, und bei einem halben Kind sieht man sich weniger vor als bei jedem andern. Manchmal genügt ein kleines Hindernis, einen großen Plan zuschanden zu machen.« Der Unbekannte versank eine ganze Weile in tiefes Nachdenken. »Hört, Wirt!« sagte er endlich. »Könntet Ihr mich nicht von diesem Hitzkopf befreien? Im Vertrauen, ich darf ihn nicht töten, indessen …«, fügte er kalt und drohend hinzu, »indessen ist er mir unbequem. Wo steckt er denn jetzt?« »Im Zimmer meiner Frau im ersten Stock. Man verbindet ihn dort.« »Seine Sachen hat er alle bei sich, nicht wahr? Sein Wams hat er ja nicht ausgezogen.« »Im Gegenteil, und das ganze Zeug liegt in der Küche. Aber wenn er Euch unbequem ist, der junge Hitzkopf …« »Zweifellos. Er hat in Euerm Hause einen Spektakel angerichtet, dem sich anständige Leute nicht aussetzen können. Geht jetzt hinauf und macht meine Rechnung fertig, sagt auch meinem Diener Bescheid!« »Wie, der gnädige Herr will uns schon verlassen?« »Das wißt Ihr doch, da ich Euch Befehl gab, mein Pferd zu satteln. Hat man mir nicht gehorcht?« »Aber ja, und wie Euer Gnaden gewiß gesehen haben, steht Euer Pferd bereits reisefertig unterm Tor.« 14
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»Nun wohl, dann tut, was ich Euch gesagt habe!« Was denn, fragte sich der Wirt, hat er am Ende Angst vor diesem Bürschlein? Aber ein gebieterischer Blick des Unbekannten unterbrach seine Gedanken. Er grüßte unterwürfig und ging hinaus. Mylady braucht von diesem Kerl nicht gesehen zu werden! überlegte der Fremde. Sie muß jeden Augenblick eintreffen, sie hat sich schon verspätet. Es ist bestimmt besser, wenn ich mich auf mein Pferd setze und ihr entgegenreite … Wenn ich doch nur erfahren könnte, was in diesem Brief an Treville steht! – Und immer noch vor sich hin murmelnd, begab er sich in die Küche. Inzwischen war der Wirt, der nicht zweifelte, daß nur die Anwesenheit des jungen Mannes den Unbekannten aus seinem Gasthof vertrieb, zu seiner Frau hinaufgegangen, wo er d’Artagnan endlich wieder bei Bewußtsein antraf. Er gab ihm zu verstehen, daß die Polizei ihm übel mitspielen könne, weil er mit einem so hohen Herrn Streit angefangen hatte – nach Meinung des Wirtes konnte der Fremde nur ein hoher Herr sein –, und schließlich bestimmte er ihn dazu, trotz seiner Schwäche aufzustehen und seinen Weg fortzusetzen. D’Artagnan erhob sich also, noch halb betäubt und mit verbundenem Kopf, und begann, vom Wirt gedrängt, die Treppe hinabzusteigen. Als er in die Küche kam, erblickte er im Hof als erstes seinen Widersacher, der am Tritt einer mit zwei schweren normannischen Pferden bespannten Karosse stand und sich ruhig unterhielt. Die Dame, mit der er sprach und deren Kopf in dem Wagenfenster wie eingerahmt schien, mochte ungefähr vier- oder auch fünfundzwanzig Jahre alt sein. Wir haben an anderer Stelle bereits darauf hingewiesen, wie schnell d’Artagnan ein Gesicht mit allen Einzelheiten in sich aufzunehmen verstand; er erkannte also auf den ersten Blick, daß die Frau jung und schön war. Ihre Schönheit überraschte ihn um so mehr, als sie für den Süden, wo d’Artagnan bisher gelebt hatte, etwas völlig Fremdartiges darstellte. Die Dame war blaß und blond, mit langem, bis auf die Schulter herabfallendem lockigem Haar, großen blaßblauen Augen, rosigen Lippen und schneeweißen Händen. Sie plauderte sehr lebhaft mit dem Unbekannten. 15
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»Seine Eminenz befiehlt mir also …«, sagte die Dame. »Unverzüglich nach England zurückzukehren und sofort Nachricht zu geben, wenn der Herzog London verläßt.« »Und meine weiteren Instruktionen?« fragte die schöne Reisende. »Befinden sich in diesem verschlossenen Kästchen, das Ihr erst auf der anderen Seite des Kanals öffnen sollt.« »Sehr wohl. Und was macht Ihr?« »Ich kehre nach Paris zurück.« »Ohne diesen frechen Burschen zu züchtigen?« fragte die Dame. Der Unbekannte wollte etwas entgegnen, aber gerade, als er den Mund öffnete, stürzte d’Artagnan, der alles gehört hatte, aus dem Haus. »Im Gegenteil!« rief er. »Dieser freche Bursche wird Euch züchtigen, und er hofft sehr, daß Ihr ihm diesmal nicht entwischt wie das erstemal!« »Ihm nicht entwischt?« wiederholte stirnrunzelnd der Unbekannte. »Nun, wenn eine Dame dabei ist, werdet Ihr doch nicht zu fliehen wagen, nehme ich an.« »Bedenkt«, rief Mylady, als sie den Edelmann nach seinem Degen greifen sah, »daß der geringste Aufschub alles gefährden kann!« »Ihr habt recht«, versetzte der Angesprochene. »Fahrt also weiter, ich reite gleichfalls los!« Während er grüßend den Kopf neigte und sich dann mit einem Satz in den Sattel schwang, trieb der Kutscher der Karosse seine Pferde mit wilden Peitschenschlägen an. Im Galopp entfernten sich so die beiden Fremden in entgegengesetzter Richtung. »He, Eure Rechnung!« kreischte der Wirt, dessen Ergebenheit für den Unbekannten sich in tiefe Verachtung verwandelte, als er sah, daß sich sein Gast wie ein Zechpreller davonmachte. »Zahle, Kerl!« rief der Fremde seinem Diener zu, der dem Wirt ein paar Münzen vor die Füße warf und dann seinem Herrn nachjagte. »Feigling! Elender Schurke! Falscher Edelmann!« schrie 16
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d’Artagnan und versuchte, seinem Gegner nachzusetzen. Aber der Verwundete war noch zu schwach, eine solche Erschütterung auszuhalten. Er hatte noch keine zehn Schritte gemacht, da dröhnten ihm die Ohren, ein Schwindel erfaßte ihn, es wurde ihm schwarz vor den Augen, und er brach mitten auf der Straße zusammen, noch im Sturze schreiend: »Feigling! Feigling! Feigling!« »Er ist wirklich sehr feige«, flüsterte der Wirt, der sich über den jungen Mann beugte und sich durch diese Schmeichelei mit dem armen Jungen wieder gut zu stellen hoffte. »Ja, sehr feige«, murmelte d’Artagnan. »Aber sie ist sehr schön.« »Wer?« »Mylady«, stammelte d’Artagnan und wurde abermals ohnmächtig. Macht nichts – dachte der Wirt –, ich verliere zwar die beiden, aber mir bleibt ja der hier, den ich bestimmt ein paar Tage dabehalten kann, und da verdiene ich auf jeden Fall meine elf Taler. Man erinnert sich, daß sich die Summe in d’Artagnans Börse noch genau auf elf Taler belief. Der Wirt hatte mit elf Tagen Krankheit, den Tag zu einem Taler, gerechnet; aber er hatte die Rechnung ohne seinen Gast gemacht. Am andern Morgen stand d’Artagnan schon früh um fünf auf, ging selber hinunter in die Küche und verlangte außer einigen anderen, uns leider nicht übermittelten Ingredienzen Wein, Öl und Rosmarin. Daraus braute er, immer das Rezept seiner Mutter in der Hand, eine Salbe, rieb damit seine zahlreichen Wunden ein, erneuerte eigenhändig die Verbände und wollte von keinem Arzt etwas wissen. Sicherlich verdankte es d’Artagnan der Wirksamkeit dieser Zigeunersalbe, vielleicht aber auch der gänzlichen Abwesenheit eines Arztes, daß er noch am selben Abend wieder auf den Beinen und am Tage darauf fast völlig geheilt war. Aber als er nun Rosmarin, Öl, Wein und die anderen Bestandteile der Salbe bezahlen wollte, die einzige Ausgabe des jungen Mannes, der in der ganzen Zeit nichts verzehrt hatte, während sein Pferd, zumindest nach den Reden des Wirts, dreimal soviel gefressen hatte, wie man ihm billigerweise zutrauen 17
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konnte, fand er in seiner Tasche wohl die kleine abgegriffene Samtbörse mit den elf Talern, nicht aber den Brief an Herrn de Treville. Zunächst suchte er noch in aller Ruhe nach diesem Schreiben; er drehte wohl zwanzigmal seine Taschen um und um, packte seinen Mantelsack aus und wieder ein, klappte die Geldbörse auf und zu; als er jedoch zu der Überzeugung gelangt war, daß der Brief unauffindbar blieb, bekam er einen neuerlichen Wutanfall, der ihm um ein Haar eine weitere Gelegenheit verschafft hätte, seine Salbe anzuwenden, denn angesichts des jungen Heißsporns, der da schon wieder lostobte und alles kurz und klein zu schlagen drohte, hatte sich der Wirt mit einem Spieß, seine Frau mit einem Besenstiel und jeder seiner Knechte mit einem der Stöcke bewaffnet, die schon vor zwei Tagen so treffliche Dienste geleistet hatten. »Mein Empfehlungsbrief!« rief d’Artagnan. »Mein Empfehlungsbrief; Himmelherrgott, schafft ihn her, oder ich spieße euch alle wie Brathühner auf!« Unglücklicherweise hinderte ein gewisser Umstand den jungen Mann daran, seine Drohung wahr zu machen, und zwar war sein Degen, wie wir bereits berichteten, beim ersten Kampf entzweigegangen, was er völlig vergessen hatte. So kam es, daß d’Artagnan, als er nun allen Ernstes blankziehen wollte, lediglich den abgebrochenen Degenstumpf in der Hand hielt, den der Wirt säuberlich wieder in die Scheide gesteckt hatte. Das andere Ende der Klinge hatte er vorsorglich beiseite geschafft, um sich eine Spicknadel daraus zu machen. Indessen hätte diese Enttäuschung unseren jungen Wüterich kaum zurückgehalten, wenn sich der Wirt nicht inzwischen überlegt hätte, daß diese Forderung seines Gastes berechtigt war. So ließ er den Spieß sinken und fragte: »Wo steckt nun aber der Brief eigentlich?« »Ja, wo ist der Brief?« schrie d’Artagnan. »Ich sage Euch gleich, dieser Brief ist an Herrn de Treville gerichtet, und er muß unbedingt gefunden werden; andernfalls wird Herr de Treville schon dafür sorgen, daß er sich wiederfindet!« Diese Drohung schüchterte den Wirt vollends ein. Nach dem König und dem Kardinal war de Treville der Mann, dessen Name im Munde der Soldaten, ja selbst der Bürger wohl 18
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am häufigsten wiederkehrte. Es gab zwar noch den Pater Josef, aber dieser Name wurde nur geflüstert, so groß war die Furcht vor der grauen Eminenz, wie man den Vertrauten des Kardinals nannte. So warf denn der Wirt seinen Spieß weg, befahl seiner Frau und den Knechten, mit Besenstiel und Stöcken ebenso zu verfahren, und ging endlich den anderen mit gutem Beispiel voran, indem er sich anschickte, nach dem verlorenen Brief zu suchen. »Enthielt denn dieses Schreiben etwas Wertvolles?« fragte der Wirt nach einer Weile erfolglosen Bemühens. »Und ob!« versetzte der Gascogner, der mit dem Brief seinen Weg bei Hofe zu machen hoffte. »Er enthielt mein ganzes Vermögen.« »Spanische Schatzbons?« fragte beunruhigt der Wirt. »Bons auf die Privatschatulle Seiner Majestät«, erwiderte d’Artagnan, der in dieser etwas gewagten Antwort keine Lüge sehen konnte, da er ja sicher war, dank seinem Empfehlungsschreiben in die Dienste des Königs zu treten. »Verdammt!« fluchte der Wirt, völlig verzweifelt. »Aber auf die kommt es mir nicht an«, fuhr d’Artagnan mit der Großspurigkeit des echten Gascogners fort. »An dem Geld liegt mir nichts, wichtig war nur der Brief. Lieber wollte ich tausend Dukaten verlieren!« Er hätte ebensogut zwanzigtausend sagen können, doch eine gewisse jugendliche Scheu hielt ihn zurück. Plötzlich kam dem Wirt, der schon ganz verstört war, daß er nichts fand, eine Erleuchtung. »Der Brief ist gar nicht verloren!« rief er. »So?« fragte d’Artagnan. »Nein, man hat ihn Euch weggenommen.« »Weggenommen? Ja, aber wer denn?« »Der Edelmann von gestern. Er war in der Küche, wo Euer Wams lag. Ganz allein war er da. Ich möchte wetten, er hat den Brief gestohlen.« »Meint Ihr?« entgegnete d’Artagnan wenig überzeugt, denn er kannte am besten die rein persönliche Bedeutung des Briefes und begriff nicht, was daran für einen anderen von Wert sein sollte. Tatsächlich hätte weder einer der Diener noch einer der anwesenden Gäste mit dem Schreiben etwas anfangen 19
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können. »Ihr wollt also sagen«, fuhr d’Artagnan fort, »daß Ihr diesen unverschämten Herrn im Verdacht habt?« »Ich bin ganz sicher, daß er es war«, erklärte der Wirt. »Als ich ihm sagte, daß Euer Gnaden ein Schützling des Herrn de Treville sind und sogar einen Brief an diesen bedeutenden Mann bei sich haben, wurde er auf einmal sehr unruhig. Er hat mich gefragt, wo denn der Brief wäre, und dann ist er gleich in die Küche gegangen, wo, wie er wußte, Euer Wams lag.« »Dann ist er auch der Dieb«, sagte d’Artagnan. »Ich werde mich bei Herrn de Treville beschweren, und Herr de Treville wird sich seinerseits beim König beklagen.« Damit zog er großartig zwei Taler aus der Tasche, gab sie dem Wirt, der ihn mit dem Hut in der Hand bis ans Tor geleitete, und bestieg sein gelbes Roß, das ihn ohne weitere Zwischenfälle bis an die Porte Saint-Antoine von Paris trug, wo er es für drei Taler verkaufte, was ein sehr guter Preis war, denn d’Artagnan hatte es auf der letzten Wegstrecke reichlich strapaziert. Der Pferdehändler, dem er seinen Klepper für die besagten drei Taler überließ, verhehlte denn auch dem jungen Mann nicht, daß ihn nur die ungewöhnliche Farbe des Tieres zu diesem enormen Preis bewogen habe. Zu Fuß also hielt d’Artagnan seinen Einzug in Paris. Er trug den kleinen Mantelsack unterm Arm und wanderte so lange umher, bis er endlich ein Zimmer fand, das der Dürftigkeit seiner Mittel entsprach. Es war eine Art Mansarde in der Rue des Fossoyeurs, nicht weit vom Luxembourg-Garten. Nachdem er die Miete im voraus entrichtet hatte, nahm er von seiner neuen Wohnung Besitz und verbrachte den Rest des Tages damit, sein Wams und seine Hosen mit Borten zu benähen, die seine Mutter von einem fast neuen Rock des Vaters abgetrennt und ihm heimlich zugesteckt hatte. Dann ging er auf den Quai de la Ferraille, wo er sich eine neue Klinge an seinen Degen schmieden ließ, und begab sich anschließend zum Louvre, wo er den ersten Musketier, der ihm begegnete, nach dem Haus des Herrn de Treville fragte. Er erfuhr, daß es in der Rue du Vieux-Colombier lag, also in unmittelbarer Nachbarschaft des Hauses, in dem er sich ein Zimmer gemietet hatte, ein Umstand, der ihm ein glückliches Vorzeichen für den Erfolg seiner Reise zu sein schien. 20
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Durchaus zufrieden mit der Art, wie er sich in Meung aufgeführt hatte, ohne Gewissensbisse über die Vergangenheit, voller Vertrauen in die Gegenwart und voller Hoffnungen auf die Zukunft, legte er sich endlich nieder und schlief den Schlaf des Gerechten. Dieser noch durchaus provinzlerische Schlaf dauerte bis neun Uhr morgens, zu welcher Stunde er sich erhob, um bei dem berühmten Herrn de Treville vorzusprechen, der, wenigstens nach Meinung seines Vaters, der dritte Mann im Königreich war.
Das Vorzimmer des Herrn de Treville Herr de Troisville, wie seine Familie noch in der Gascogne hieß, oder Herr de Treville, wie er selbst sich in Paris nannte, hatte buchstäblich genauso angefangen wie d’Artagnan, das heißt ohne einen roten Heller, doch mit jenem Schatz an Kühnheit, Witz und Verstand, durch den der ärmste gascognische Krautjunker in seinen Hoffnungen oft mehr vom väterlichen Erbe mitbekommt, als der reichste Edelmann des Perigord oder einer anderen Provinz tatsächlich erbt. Sein unverschämtes Draufgängertum und sein noch unverschämteres Glück hatten ihn zu einer Zeit, da es Schläge wie Hagelkörner regnete, zur höchsten Spitze der steilen Leiter emporgetragen, die man Hofgunst nennt und von deren Sprossen er immer vier auf einmal erklommen hatte. Er war der Freund des Königs, der bekanntlich das Andenken seines Vaters, Heinrichs IV., in hohen Ehren hielt. Trevilles Vater hatte diesem König in seinen Kriegen gegen die Liga so treu gedient, daß ihm Heinrich IV. nach der Übergabe von Paris in Ermangelung von Geld – woran es dem Bearner zeitlebens gebrach, so daß er seine Schulden stets mit dem einzigen bezahlte, was er nicht zu borgen brauchte: mit Geist und Witz –, daß er ihm also in Ermangelung von Geld die Erlaubnis erteilte, als Wappen einen goldenen Löwen im roten Feld mit der Devise »Fidelis et fortis« zu führen. Das war zwar sehr ehrenvoll, aber wenig einträglich. Als daher der berühmte Waffengefährte des großen Heinrich starb, 21
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hinterließ er seinem Sohn nur Degen und Wappenspruch. Dieser Erbschaft indessen und seinem makellosen Namen verdankte es der Sohn, daß er in das Haus des jungen Prinzen aufgenommen wurde, wo er von seinem Degen so guten Gebrauch machte und seinem Wahlspruch so treu blieb, daß Ludwig XIII., selbst einer der trefflichsten Fechter im Königreich, bei mehr als einer Gelegenheit erklärte: er würde einem Freund, der sich zu schlagen hätte, als Sekundanten zuerst sich selbst und dann Treville, vielleicht aber auch diesen an erster Stelle empfehlen. So empfand Ludwig XIII. eine wirkliche Anhänglichkeit für Treville, eine königliche, eine selbstsüchtige Anhänglichkeit zwar, aber eben doch eine Anhänglichkeit. In jenen unglücklichen Zeiten war man nämlich sehr bemüht, sich mit Männern vom Schlage Trevilles zu umgeben. Wohl gab es viele, die den zweiten Teil des Wappenspruchs auf sich beziehen und sich »stark« nennen konnten, aber nur wenige konnten mit dem ersten Teil von sich sagen, daß sie auch »treu« wären. Zu ihnen gehörte Treville; er war einer jener seltenen Menschen, die den gehorsamen Verstand eines Hundes mit blindem Mut, scharfem Auge und rasch zupackender Hand vereinen, und das Auge schien ihm nur gegeben, um darüber zu wachen, ob der König mit jemand unzufrieden wäre, die Hand nur, um diesen Mißliebigen niederzuschlagen. Bisher hatte es ihm lediglich an einer günstigen Gelegenheit gefehlt, aber er war auf der Hut und fest entschlossen, die Gelegenheit beim Schopfe zu fassen, so sie sich jemals in greifbarer Nähe zeigte. Schließlich machte Ludwig XIII. Treville zum Hauptmann seiner Musketiere, die der König wegen ihrer Ergebenheit oder richtiger wegen ihres fanatischen Draufgängertums ebenso schätzte wie Heinrich III. seine Leibwache und Ludwig IX. seine schottische Garde. Der Kardinal seinerseits blieb in dieser Beziehung keineswegs hinter dem König zurück. Als er sah, mit welch furchterregender Garde sich Ludwig XIII. umgab, hatte auch er, Frankreichs zweiter und im Grunde eigentlicher König, eine eigene Schutztruppe haben wollen. So besaß denn nun jeder seine Musketiere, und man sah, wie die beiden rivalisierenden Mächte in allen Provinzen des Landes, ja selbst in den be22
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nachbarten Staaten die berühmtesten Kampfhähne umwarben, um sie für ihre Dienste zu gewinnen. Bei ihrer allabendlichen Schachpartie stritten Richelieu und Ludwig XIII. oft über die Verdienste ihrer Leute. Jeder rühmte den Mut und die Haltung der Seinen, und während sie sich laut gegen alle Zweikämpfe und Schlägereien aussprachen, stachelten sie insgeheim ihre Mannen dazu auf und empfanden ehrliche Trauer über jede Niederlage und maßlose Freude über jeden Sieg der Ihren. Treville hatte sehr früh die schwache Seite seines Herrn erkannt, und diesem Umstand verdankte er die lange und beständige Gunst eines Königs, dem nicht gerade nachgesagt werden kann, daß er seinen Freunden sonderlich treu gewesen wäre. Er ließ seine Musketiere in so aufreizender Weise vor dem Kardinal paradieren, daß sich die grauen Schnurrbarthaare Seiner Eminenz vor Zorn sträubten. Treville verstand sich ausgezeichnet auf die Kriegführung jener Zeit, in der man, sofern gerade kein Feind verfügbar war, auf Kosten der eigenen Landsleute lebte. Seine Soldaten bildeten eine Legion wahrer Teufel, die niemand gehorchten außer ihm. In nachlässigem Aufzug, meist bezecht und tüchtig zerschrammt, trieben sich die Musketiere des Königs oder richtiger des Herrn de Treville in den Schenken, auf den Promenaden und in den Spielhäusern herum, grölten und zwirbelten ihre Schnurrbärte, ließen ihre Degen klirren und rempelten mit Vorliebe die Garden des Kardinals an, wo immer sie ihnen begegneten. Unter scherzhaften Reden zogen sie auf offener Straße vom Leder. Wenn manchmal einer getötet wurde, konnte er sicher sein, daß man ihn betrauern und rächen würde; und wenn sie, was häufiger geschah, selber einen von den anderen töteten, konnten sie sicher sein, daß Herr de Treville sie davor bewahrte, im Gefängnis zu verschimmeln. Diese Männer vergötterten ihren Hauptmann und sangen sein Lob in allen Tonarten; so rauhbeinig sie auch sonst waren, vor Treville zitterten sie wie Schulbuben vor ihrem Lehrer, ihm gehorchten sie aufs Wort, bereit, den leisesten Tadel mit ihrem Blut abzuwaschen. Herr de Treville bediente sich dieses Werkzeugs in erster Linie für den König und dessen Freunde, im weiteren aber 23
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auch für sich selbst und seine Freunde. Übrigens findet sich in den Memoiren jener Zeit, die uns doch so viele Memoiren hinterlassen hat, nirgends ein Wort, nicht einmal von seinen Feinden – und deren hatte er nicht wenige unter den Helden der Feder und des Degens –, das diesen wackeren Edelmann bezichtigte, er hätte sich die Dienste seiner Leute bezahlen lassen. Bei allem glänzenden diplomatischen Geschick, das ihn den gerissensten Intriganten ebenbürtig machte, blieb er eine ehrliche Haut. Ja, trotz der langen Stoßdegen, von denen man steife Lenden bekommt, und ungeachtet der anstrengenden militärischen Übungen, war er einer der galantesten Bummler, einer der elegantesten Weiberhelden und einer der gewandtesten Schönredner seiner Zeit; man sprach von Trevilles Erfolgen bei Frauen wie zwanzig Jahre zuvor von denen Bassompierres, und das wollte etwas heißen. Kurz, der Hauptmann der Musketiere wurde bewundert, gefürchtet und geliebt, was bekanntlich das höchste Glück des Menschen ausmacht. Wenn Ludwig XIV. ein halbes Jahrhundert später alle kleinen Sterne seines Hofes mit seinem Glanz verdunkeln sollte, billigte sein Vater noch jedem Günstling Eigenwert und persönliche Ausstrahlung zu. Außer den Levers beim König und beim Kardinal gab es damals in Paris mehr als zweihundert kleinere, wenn auch oft etwas gesuchte Levers. Eines der beliebtesten war das bei Herrn de Treville. Der Hof seines in der Rue du Vieux-Colombier gelegenen Hauses glich einem Heerlager, und das im Sommer von morgens sechs, im Winter von morgens acht Uhr an. In voller Rüstung und zu allem bereit, stolzierten hier ständig fünfzig bis sechzig Musketiere auf und ab, die sich offenbar immer wieder abwechselten, um stets eine eindrucksvolle Menge abzugeben. Auf einer der geräumigen Treppen, die so viel Platz einnahmen wie heutzutage ein ganzes Haus, drängten sich Bittsteller aus Paris, die irgendeiner Gunst nachjagten, Edelleute aus der Provinz, die in die Garde aufgenommen werden wollten, sowie Lakaien in allen möglichen Livreen, die Botschaften ihrer Herren überbrachten. Im Vorzimmer saßen auf langen Rundbänken die Auserwählten, die zur Audienz bestellt waren. Während 24
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diesen Raum von früh bis spät ein dumpfes Stimmengewirr erfüllte, empfing Herr de Treville im anstoßenden Arbeitszimmer seine Besucher, hörte sich ihre Klagen an, erteilte Befehle und brauchte nur ans Fenster zu treten, um wie der König vom Balkon des Louvre herab seine Truppe vorüberdefilieren zu sehen. An dem Tag, da d’Artagnan sich hier einfand, war das Bild der Menge sehr eindrucksvoll, besonders für einen jungen Mann aus der Provinz, wenn auch die Gascogner zu jener Zeit in dem Ruf standen, sich nicht so leicht einschüchtern zu lassen. Wer nämlich den Hof betrat, geriet sogleich in ein dichtes Gewühl lärmender Kriegsleute, die einander Scherzworte und Sticheleien zuriefen. Um sich hier einen Weg zu bahnen, mußte man schon Offizier, Edelmann oder eine hübsche Frau sein. Durch dieses Gewoge schritt also klopfenden Herzens unser junger Freund. Er preßte sein langes Rapier gegen die schmächtigen Beine und hielt mit dem etwas verlegenen Lächeln des Provinzlers, der Haltung bewahren will, die Krempe seines Hutes fest. Sobald er an einer Gruppe vorüber war, atmete er auf, aber er merkte wohl, daß man sich nach ihm umdrehte, und d’Artagnan, der bisher eine ganz gute Meinung von sich hatte, kam sich zum erstenmal in seinem Leben lächerlich vor. Als er bei der Treppe anlangte, wurde es noch schlimmer. Etwa zehn bis zwölf Musketiere umlagerten die untersten Stufen, auf denen vier ihrer Kameraden sich damit vergnügten, daß der eine von einer höheren Stufe aus mit dem blanken Degen den anderen drei den Aufgang verwehrte oder doch zu wehren suchte. Alle vier fochten sehr gewandt. D’Artagnan glaubte zuerst, es handle sich um stumpfe Übungsklingen, aber einige leichtere Verwundungen verrieten ihm bald, daß die Waffen im Gegenteil aufs beste geschliffen und zugespitzt waren. Bei jedem Treffer brachen übrigens nicht nur die Zuschauer, sondern auch die Kämpfer in wieherndes Gelächter aus. Der Mann, der eben jetzt oben stand, hielt seine Gegner glänzend in Schach. Bedingung war, daß jeder Getroffene 25
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ausschied und seinen Einsatz an den besseren Fechter verlor. Binnen fünf Minuten hatte der Verteidiger der Treppe, ohne auch nur geritzt zu werden, alle drei Angreifer verwundet, den einen am Handgelenk, den anderen am Kinn, den dritten am Ohr, so daß ihm seine Geschicklichkeit einen dreifachen Gewinn eintrug. So ungern sich auch unser junger Freund in Erstaunen setzen ließ, dieser Zeitvertreib ergötzte ihn. Er hatte in seiner Heimat, wo sich die Köpfe so leicht erhitzen, schon manchen Zweikampf gesehen, aber was diese vier Musketiere aufführten, schien ihm denn doch toller als alles, was ihm bisher zu Ohren gekommen war. Er glaubte sich in das berühmte Land der Riesen versetzt, das dem armen schiffbrüchigen Gulliver solchen Schrecken einjagte, und dabei war er keineswegs am Ziel; vorher galt es noch, den Treppenabsatz und das Vorzimmer zu meistern. Auf dem Treppenabsatz focht man nicht, hier erzählte man sich Weibergeschichten, während im Vorzimmer der neueste Hofklatsch die Runde machte. Auf dem Treppenabsatz wurde d’Artagnan rot, im Vorzimmer blaß. Seine wache und lebhafte Phantasie, die in der Gascogne wohl den jungen Kammerzofen und manchmal einer jungen Herrin gefährlich werden konnte, hatte ihm niemals, nicht einmal im höchsten Rausch, auch nur die Hälfte der erstaunlichen Liebesabenteuer und nur ein Viertel der galanten Ruhmestaten vorgegaukelt, die hier durch die Aufzählung klangvollster Namen und kaum verhüllter Einzelheiten noch großartiger wirkten. Aber wenn auf dem Treppenabsatz sein moralisches Empfinden beleidigt wurde, so fand sich im Vorzimmer seine Achtung für den Kardinal herausgefordert. Zu seiner größten Verwunderung hörte d’Artagnan, wie hier nicht nur die Politik des Kardinals, vor der ganz Europa zitterte, sondern auch sein Privatleben, für dessen Verunglimpfung viele hochgestellte Herren bestraft worden waren, laut kritisiert wurde. Der große Mann, den d’Artagnans Vater so sehr verehrte, diente den Musketieren des Herrn de Treville als Zielscheibe ihres Witzes, und sie machten sich über seine krummen Beine und seinen Buckel lustig. Einige sangen Spottlieder auf seine Geliebte, Madame d’Aiguillon, und auf seine Nichte, Madame Com26
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balet, während andere gegen die Pagen und Gardisten des Kardinals Ränke schmiedeten – lauter Dinge, die d’Artagnan für schauerliche Unmöglichkeiten hielt. Sobald jedoch in der Unterhaltung unversehens der Name des Königs fiel, schien ein Knebel all diese spottsüchtigen Mäuler für einen Augenblick zu verstopfen. Man schaute sich unsicher um, als traue man nicht recht der Verschwiegenheit der dünnen Scheidewand zu Trevilles Arbeitszimmer; doch bald brachte eine Anspielung das Gespräch wieder auf Seine Eminenz zurück, und man lachte womöglich noch ausgelassener; es blieb kein Winkel im Privatleben des Kardinals, der nicht voll ausgeleuchtet wurde. Diese Leute werden bestimmt alle in die Bastille geworfen und aufgehängt! dachte d’Artagnan mit Schrecken. Und mir wird es ohne Zweifel nicht anders ergehen, denn ich habe alles mit angehört, bin also mitschuldig. Was würde mein Vater sagen, der mir die Achtung vor dem Kardinal so ans Herz gelegt hat, wenn er mich in der Gesellschaft dieser gottlosen Spötter sähe? Wie sich denken läßt, wagte d’Artagnan nicht, sich an der Unterhaltung zu beteiligen; aber er riß die Augen auf, spitzte die Ohren und spannte alle fünf Sinne an, damit ihm nichts entging. Wenn er auch fest auf die väterlichen Ratschläge vertraute, war er ganz gefühlsmäßig doch weit eher geneigt, die unerhörten Dinge, die sich vor ihm abspielten, zu loben als zu tadeln. Unterdessen war man auf den jungen Mann, den keiner der Höflinge kannte und den man hier zum erstenmal sah, aufmerksam geworden und fragte ihn, was er wünsche. D’Artagnan nannte bescheiden seinen Namen, berief sich auf seine Landsmannschaft und bat den Kammerdiener, der sich mit dieser Frage an ihn gewandt hatte, Herrn de Treville um eine kurze Audienz für ihn zu bitten, was der Diener auch gönnerhaft versprach. D’Artagnan hatte sich inzwischen von seiner ersten Verblüffung etwas erholt und konnte nun in Muße die Gesichter und Trachten ein wenig studieren. Den Mittelpunkt der sich am lebhaftesten gebärdenden Gruppe bildete ein hochgewachsener, würdevoll dreinschauender Musketier, der durch seine wunderliche Kleidung alle Blicke 27
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auf sich zog. Er trug im Augenblick nicht den Uniformrock, der übrigens in dieser Zeit geringerer Freiheit, aber größerer Unabhängigkeit auch nicht obligatorisch war, sondern einen schon etwas verschossenen, abgenutzten himmelblauen Leibrock und darüber ein prächtiges Wehrgehänge, dessen Goldstickereien wie ein sonnenbeschienener Wasserspiegel glitzerten und gleißten. Ein langer karmesinroter Samtmantel fiel ihm anmutig von den Schultern und ließ vorn nur das funkelnde Wehrgehänge sehen, an dem ein gigantischer Stoßdegen befestigt war. Dieser Musketier kam gerade vom Wachdienst; er klagte, daß er sich erkältet habe, und hustete von Zeit zu Zeit affektiert. Nur deshalb hatte er, wie er den Umstehenden erklärte, den Mantel angelegt. Während er dies ganz von oben herab sagte und dabei verächtlich seinen Schnurrbart zwirbelte, bewunderten die anderen, allen voran d’Artagnan, entzückt das glänzende Wehrgehänge. »Was wollt ihr?« sagte der Musketier. »Das ist jetzt Mode. Ziemlich verrückt, ich weiß, aber die Mode will es so. Und dann muß man ja auch das Geld, das man geerbt hat, irgendwie ausgeben!« »Aber Porthos«, rief einer, »du willst uns doch nicht weismachen, daß du dieses Wehrgehänge der Großzügigkeit deines Vaters verdankst! Es war doch wohl eher die verschleierte Dame, mit der ich dich letzten Sonntag an der Porte SaintHonore gesehen habe.« »Nein, bei meiner Ehre und bei meinem Wort als Edelmann, ich habe es selbst und von meinem eigenen Geld gekauft!« entgegnete der mit Porthos Angesprochene. »Ja«, sagte ein anderer Musketier, »so wie ich diese neue Börse gekauft habe – mit dem Geld, das mir meine Geliebte in die alte gesteckt hat.« »Es ist aber so«, beteuerte Porthos, »und der Beweis ist, daß ich hundert Taler dafür bezahlt habe.« Die Bewunderung stieg, aber der Zweifel wollte nicht weichen. »Nicht wahr, Aramis?« fragte Porthos und wandte sich an einen anderen Musketier, dessen Erscheinung einen vollkommenen Gegensatz zu der des Fragenden bildete. Es war ein junger Mann von höchstens dreiundzwanzig 28
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Jahren, mit kindlichem Gesicht, schwarzen, sanft blickenden Augen und einer Haut, so rosig und samtweich wie ein Pfirsich im Herbst; der feine Schnurrbart zeichnete über der Oberlippe einen schnurgeraden Strich; die Hände schienen ein Herabhängen zu meiden, als fürchteten sie, die Adern könnten anschwellen, und von Zeit zu Zeit kniff er sich in die Ohrläppchen, damit sie stets in einem zartrosa Ton schimmerten. Er sprach meist nur wenig und sehr langsam, grüßte oft, lachte lautlos und zeigte dabei schöne, regelmäßige Zähne, auf deren Pflege er, wie auf seine ganze Erscheinung, die größte Sorgfalt zu verwenden schien. Auf den Zuruf seines Freundes antwortete er mit einem kurzen Kopfnicken. Diese Bestätigung schien alle Zweifel hinsichtlich des Wehrgehänges zu bannen. Man bewunderte es wohl noch, aber man sprach nicht mehr davon, und die Unterhaltung wandte sich einem anderen Gegenstand zu. »Was haltet ihr übrigens von der Geschichte, die Chalais’ Stallmeister erzählt?« fragte ein anderer Musketier, ohne sich an jemand Bestimmtes zu wenden. »Was erzählt er denn?« fragte Porthos in selbstgefälligem Ton. »Er will Rochefort, den verschworenen Handlanger des Kardinals, als Kapuziner verkleidet, in Brüssel gesehen haben. Dank seiner Verkleidung hat dieser verdammte Rochefort den Herrn de Laigues wie einen dummen Jungen, der er auch ist, überlistet.« »Wie einen dummen Jungen, ja«, sagte Porthos. »Aber ist das Ganze auch sicher?« »Ich hab es von Aramis«, antwortete der Musketier. »Wirklich?« »Aber das wißt Ihr doch, Porthos«, warf Aramis ein, »ich habe es Euch ja gestern erzählt. Reden wir nicht mehr davon!« »Nicht mehr davon reden!« rief Porthos. »Ja, so seid Ihr: nicht mehr davon reden! Beim Henker, Ihr werdet rasch fertig mit so etwas! Wie denn, der Kardinal läßt einen Edelmann bespitzeln, läßt ihm durch einen Verräter, einen Räuber und Erzgauner, die Briefschaften stehlen und bringt ihn schließlich mit Hilfe dieses Spions und dieser Briefe an den Galgen, unter dem lächerlichen Vorwand, der Ärmste hätte den König 29
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umbringen und die Königin mit Monsieur verheiraten wollen! Niemand wußte auch nur ein Sterbenswort von dieser geheimnisvollen Geschichte, Ihr selbst habt sie uns erst gestern zu unser aller Genugtuung erzählt, und während wir über all das noch ganz sprachlos sind, kommt Ihr heute und sagt: Reden wir nicht mehr davon!« »Nun gut, da Ihr es wünscht, reden wir weiter davon!« erwiderte Aramis geduldig. »Wenn ich der Stallmeister des armen Chalais wäre«, rief Porthos aus, »dann könnte sich dieser Rochefort auf einen schlimmen Augenblick gefaßt machen!« »Und Ihr auf eine unangenehme Viertelstunde mit dem Roten Herzog«, versetzte Aramis. »Der Rote Herzog! Ha, das ist gut!« Porthos klatschte in die Hände und nickte beifällig. »Der Rote Herzog, bravo, das ist glänzend! Ich werde das Wort unter die Leute bringen, mein Bester, da seid ganz unbesorgt! Ein witziger Kopf, unser Aramis. Schade nur, daß Ihr nicht Eurer Bestimmung folgen könnt. Ihr hättet einen wunderbaren Abbé abgegeben!« »Oh, das ist nur aufgeschoben, eines Tages werde ich es schon noch. Ihr wißt ja, Porthos, daß ich zu diesem Zweck noch immer Theologie studiere.« »Wahrhaftig«, erklärte Porthos, »früher oder später wird aus ihm noch ein Abbé!« »Schon bald.« »Er wartet nur noch auf etwas Bestimmtes, dann zieht er wieder die Soutane an, die jetzt hinter seiner Uniform im Schrank hängt«, meinte ein Musketier. »Und worauf wartet er?« fragte ein anderer. »Er wartet darauf, daß die Königin der Krone Frankreichs einen Erben schenkt.« »Aber meine Herren, darüber reißt man keine Witze«, sagte Porthos. »Gott sei Dank ist die Königin noch jung genug dazu.« »Es heißt, daß sich Buckingham zur Zeit in Frankreich aufhält«, versetzte Aramis mit anzüglichem Lächeln, das der scheinbar so harmlosen Bemerkung einen ziemlich anstößigen Sinn gab. »Jetzt seid Ihr im Unrecht, Freund Aramis«, unterbrach ihn 30
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Porthos. »In Eurer Sucht, immer geistreich zu sein, verliert Ihr jedes Maß. Wenn Euch Herr de Treville gehört hätte, würde es Euch übel bekommen.« »Wollt Ihr mich schulmeistern, Porthos?« rief Aramis, und in seinen sanften Augen blitzte es auf. »Mein Lieber«, entgegnete Porthos, »seid, was Ihr wollt. Musketier oder Abbé, nur seid nicht beides auf einmal! Erst kürzlich hat Athos zu Euch gesagt: Ihr eßt aus allen Krippen. Bitte, wir wollen uns nicht streiten, es wäre zwecklos, denn Ihr wißt ja, was zwischen Euch, Athos und mir abgemacht ist! Ihr geht zu Madame d’Aiguillon und macht ihr den Hof; Ihr geht zu Madame de Bois-Tracy, der Kusine von Madame de Chevreuse, und man sagt Euch nach, daß Ihr bei dieser Dame in hoher Gunst steht. Oh, Ihr braucht Euer Glück nicht einzugestehen, niemand will Eure Geheimnisse wissen, man kennt ja Eure Verschwiegenheit. Aber wenn Ihr schon diese Tugend besitzt, dann macht – zum Teufel noch mal – auch in bezug auf Ihre Majestät Gebrauch davon! Beschäftige sich mit dem König und dem Kardinal, wer will, doch die Königin ist heilig, und wenn schon einer von ihr spricht, tu er’s im Guten!« »Ich muß schon sagen. Porthos, Ihr seid anmaßend wie Narzissus«, sagte Aramis. »Ihr wißt, daß mir Moralpredigten verhaßt sind, ausgenommen die von Athos. Was aber Euch angeht, so habt Ihr ein viel zu prächtiges Wehrgehänge, als daß Ihr auf diesem Gebiet besonders glänzen könntet. Ich werde die Soutane nehmen, wann es mir beliebt. Vorerst bin ich Musketier, und in dieser Eigenschaft kann ich jederzeit sagen, was mir beliebt, so wie es mir eben jetzt gefällt. Euch zu sagen, daß Ihr meine Geduld allzusehr strapaziert.« »Aramis!« »Porthos!« »Aber meine Herren!« rief man von allen Seiten. In diesem Augenblick öffnete ein Lakai die Tür zum Arbeitszimmer und meldete: »Herr d’Artagnan? Herr de Treville läßt bitten!« Bei dieser Ankündigung, während der die Tür geöffnet blieb, verstummte alles, und inmitten der völligen Stille durchschritt unser junger Gascogner das Vorzimmer in seiner ganzen Länge 31
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und trat bei dem Hauptmann der Musketiere ein, nicht ohne sich von Herzen zu beglückwünschen, daß er auf diese Weise noch beizeiten den Weiterungen des absonderlichen Streites entgangen war.
Die Audienz Herr de Treville war im Augenblick alles andere als gut gelaunt, dennoch begrüßte er den jungen Mann, der sich bis zur Erde verneigte, sehr liebenswürdig und lächelte über den Bearner Tonfall, der ihm da so unverfälscht entgegenklang und der ihm seine Jugend und seine Heimat naherückte, zwei Dinge, an die jeder Mensch zeitlebens gern erinnert wird. Doch fast sogleich machte er d’Artagnan ein Zeichen mit der Hand, als bitte er ihn um Erlaubnis, erst die anderen abzufertigen, bevor er sich ihm widmen könne, trat dann an die Tür zum Vorzimmer und rief mit einer Stimme, die rasch anschwoll und in einem Atemzug die ganze Tonskala von herrischer Strenge bis zu zorniger Gereiztheit durchlief: »Athos, Porthos, Aramis!« Die beiden Musketiere, mit denen wir bereits Bekanntschaft geschlossen haben und die auf die beiden letzten Namen hörten, lösten sich sofort aus der Menge und gingen ins Arbeitszimmer. Obwohl sie keineswegs ganz ruhig wirkten, erregten sie durch ihre würdevolle und zugleich ehrerbietige Ungezwungenheit die Bewunderung d’Artagnans, der in diesen Männern Halbgötter und in ihrem Hauptmann einen mit tausend Blitzen bewaffneten Jupiter sah. Als die beiden Musketiere eingetreten waren und die Tür sich hinter ihnen wieder geschlossen hatte, als auch draußen, wo der Aufruf der drei Musketiere zweifellos neuen Gesprächsstoff geliefert hatte, das Gemurmel wieder einsetzte und als endlich Herr de Treville wortlos, mit gefurchter Stirn, ein paarmal im Zimmer auf und ab geschritten war, immer dicht an Porthos und Aramis vorbei, die stumm und steif wie bei einer Parade dastanden, pflanzte er sich plötzlich gerade vor ihnen auf, maß sie von Kopf bis Fuß mit zornigem Blick und herrschte sie an: 32
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»Wißt ihr, was mir der König gestern abend gesagt hat? Wißt ihr das, meine Herren Musketiere?« »Nein«, antworteten die beiden nach kurzem Schweigen, »nein, wir wissen es nicht.« »Aber ich hoffe, Ihr werdet uns die Ehre erweisen, es uns zu sagen«, fügte Aramis im höflichsten Ton der Welt und mit der anmutigsten Verbeugung hinzu. »Er hat mir angedroht, daß er in Zukunft seine Musketiere unter den Garden Seiner Eminenz rekrutieren wird.« »Unter den Garden des Kardinals?« fragte Porthos heftig. »Und warum?« »Weil er wohl einsieht, daß seinem dünnen Wein ein edler Tropfen beigemischt werden muß, damit er wieder spritzig wird.« Die beiden wurden rot bis unter die Haarwurzeln, und d’Artagnan wäre vor Verlegenheit am liebsten in die Erde gesunken. »Ja, ja«, fuhr Herr de Treville fort und ereiferte sich immer mehr, »Seine Majestät hat ganz recht, denn die Musketiere spielen am Hof, bei Gott, eine traurige Rolle! Gestern, beim abendlichen Schachspiel mit dem König, erzählte der Herr Kardinal mit bekümmerter Miene, die mir sehr mißfiel, die verdammten Musketiere, Höllenhunde und Erzhalunken – bei diesen Worten hatte seine Stimme einen unüberhörbaren spöttischen Unterton, der mir noch stärker mißfiel – hätten vorgestern in einer Schenke der Rue Ferou den Zapfenstreich versäumt, so daß eine Streife seiner Garde – ich dachte, im nächsten Augenblick lacht er mir dreist ins Gesicht – die Ruhestörer in Gewahrsam nehmen mußte. Kreuzdonnerwetter, ihr müßt etwas davon wissen! Musketiere, die sich einfach festnehmen lassen! Ihr wart dabei, leugnet es nicht! Man hat euch gesehen, der Kardinal nannte eure Namen. Aber ich bin ja selber schuld, jawohl, ich bin selber schuld, denn ich wähle ja meine Leute aus. Warum, zum Teufel, habt Ihr Euch so um einen Waffenrock gerissen, Aramis, wenn Euch die Soutane doch viel besser zu Gesicht steht? Und Ihr, Porthos, Ihr habt wohl Euer schönes goldenes Wehrgehänge nur, um einen Strohdegen zu tragen, wie? Und Athos – ich sehe Athos nicht! Wo ist er?« 33
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»Er ist krank, Herr Hauptmann«, sagte Aramis traurig, »sehr krank.« »Krank, sehr krank, sagt Ihr? So, und was fehlt ihm denn?« »Ich fürchte, er hat die Windpocken«, erwiderte Porthos, der auch ein Wort mitreden wollte. »Und das ist eine üble Sache, denn die können ihm das ganze Gesicht entstellen.« »Die Windpocken? Das ist ja wieder mal eine wundervolle Geschichte, die Ihr mir da auftischt, Porthos! In seinem Alter die Windpocken! Nein, aber bestimmt ist er verwundet, vielleicht sogar tot … Ah, wenn ich das nur wüßte! Teufel auch, meine Herren Musketiere, ich will nicht, daß ihr überall Händel sucht und an jeder Straßenecke vom Leder zieht! Auf keinen Fall aber kann ich dulden, daß ihr zum Gespött der Gardisten werdet. Das sind tapfere, ruhige und tüchtige Leute, die es niemals so weit treiben, daß man sie festnehmen muß, und die sich übrigens auch niemals festnehmen ließen, die nicht, da bin ich ganz sicher! Die würden lieber tot auf dem Platz bleiben, als auch nur einen Schritt zurückzuweichen. Fortlaufen, sich aus dem Staube machen, flüchten, das ziemt sich nur für die Musketiere des Königs!« Porthos und Aramis zitterten vor Wut. Sie hätten Herrn de Treville mit Vergnügen erwürgt, hätten sie nicht gespürt, daß allein seine tiefe Zuneigung ihn dieses grobe Geschütz auffahren ließ. So stampften sie nur mit den Füßen auf, bissen sich die Lippen blutig und umklammerten krampfhaft ihren Degenknauf. Draußen hatte man, wie berichtet, nach Athos, Porthos und Aramis rufen hören und an dem Ton erkannt, daß Herr de Treville in grimmiger Laune war. Zehn neugierige Musketiere preßten die Ohren an die Wand und erblaßten vor Empörung, denn sie verloren keine Silbe von den beleidigenden Worten des Hauptmanns, die sie sofort an die Umstehenden weitergaben. Binnen kurzem war das ganze Haus, von der Tür des Vorzimmers bis hinunter zum Hauptportal, in wildem Aufruhr. »So, die Musketiere des Königs lassen sich von den Gardisten des Kardinals festnehmen!« fuhr Herr de Treville fort, der innerlich genauso wütend war wie seine Soldaten, jedoch betont langsam sprach und ihnen gleichsam jedes einzelne Wort wie ein Stilett in die Brust stach. »Sechs Gardisten Seiner Emi34
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nenz verhaften sechs Musketiere Seiner Majestät, so! Alle Teufel, mein Entschluß steht fest! Auf der Stelle gehe ich zum Louvre. Noch heute nehme ich meinen Abschied als Hauptmann der Musketiere des Königs und bewerbe mich um eine Leutnantsstelle in der Garde des Kardinals, und wenn man mich dort abweist, werde ich in drei Teufels Namen Abbé!« Bei diesen Worten wuchs die Unruhe draußen zum Tumult an, allenthalben wurden Verwünschungen laut, und man hörte nur noch Flüche wie: »Tod und Teufel! Himmel, Kreuz und Schockschwerenot!« D’Artagnan sah sich nach einem Gobelin um, hinter dem er sich verbergen könnte, und er verspürte die größte Lust, unter den Tisch zu kriechen. »Gut denn, Herr Hauptmann«, rief Porthos außer sich, »wir waren sechs gegen sechs, das stimmt, aber man hat uns hinterrücks überfallen, und ehe wir noch die Degen ziehen konnten, waren schon zwei von uns tot und Athos so schwer verwundet, daß er nicht mehr zählte. Und Ihr kennt ihn, Hauptmann! Zweimal hat er versucht, wieder hochzukommen, und zweimal brach er zusammen. Wir haben uns trotzdem nicht ergeben, nein, mit Gewalt hat man uns fortgeschleppt! Unterwegs sind wir ihnen dann entwischt. Athos haben sie offenbar für tot gehalten und auf dem Kampfplatz zurückgelassen; sie dachten wohl, es lohnt sich nicht mehr, ihn mitzunehmen. So war die Sache. Herrgott noch mal, Hauptmann, man gewinnt nicht alle Schlachten! Der große Popejus wurde bei Pharsalus geschlagen, und Franz I., der doch ansonsten seinen Mann gestanden haben soll, hatte bei Pavia das Nachsehen.« »Und ich habe die Ehre, Euch zu melden, daß ich einen der Burschen mit seinem eigenen Degen erledigt habe«, sagte Aramis, »denn meiner brach schon bei der ersten Parade entzwei. Erledigt oder erdolcht, ganz wie Herr Hauptmann belieben.« »Das wußte ich nicht«, erwiderte Treville, schon etwas besänftigt. »Seine Eminenz hat anscheinend übertrieben.« »Doch eine Bitte«, fuhr Aramis fort, als er merkte, daß Trevilles Zorn etwas abflaute, »eine Bitte nur, Herr Hauptmann! Sagt niemand, daß Athos verwundet ist! Er wäre verzweifelt, wenn es dem König zu Ohren käme, und da die Verwundung sehr ernst ist, es handelt sich um einen Stich in die Schulter, der bis in die Brust gedrungen ist, steht zu befürchten …« 35
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Im selben Augenblick wurde die Tür aufgerissen, und auf der Schwelle erschien ein Mann mit einem edlen und schönen, aber erschreckend bleichen Gesicht. »Athos!« riefen alle drei wie aus einem Mund. »Ihr habt nach mir gerufen«, sagte Athos zu Herrn de Treville mit leiser, doch fester Stimme. »Ihr wolltet mich sprechen, wie mir meine Kameraden gesagt haben, und ich eile, Euerm Befehl nachzukommen. Hier bin ich, was befehlt Ihr?« Nach diesen Worten trat der Musketier in tadelloser Haltung, den Degen wie immer umgeschnallt, festen Schritts näher. Tiefgerührt über einen solchen Beweis von Mannhaftigkeit, eilte Herr de Treville ihm entgegen. »Ich war gerade dabei«, sagte er, »diesen Herren zu erklären, daß ich es meinen Musketieren verbiete, ihr Leben unnötig aufs Spiel zu setzen, denn der König braucht tapfere Leute, und er weiß, daß seine Musketiere die tapfersten von der Welt sind. Eure Hand, Athos!« Und ohne eine Antwort auf diesen Beweis seiner herzlichen Zuneigung abzuwarten, ergriff Treville die Rechte des Musketiers und drückte sie kräftig, wobei ihm allerdings entging, daß Athos trotz aller Selbstbeherrschung ein schmerzliches Zusammenzucken nicht unterdrücken konnte und womöglich noch eine Spur bleicher wurde. Die Tür war halb offengeblieben, ein solches Aufsehen hatte Athos’ Kommen erregt, denn natürlich wußte man längst von seiner Verwundung, obwohl sie geheimgehalten worden war. Beifallsrufe folgten den letzten Worten des Hauptmanns, und in der Türspalte zeigten sich die Köpfe einiger besonders begeisterter Musketiere. Herr de Treville wollte schon diesen Bruch der Etikette mit scharfen Worten rügen, als er auf einmal fühlte, wie sich Athos’ Rechte in seiner Hand zusammenkrampfte, und als er ihn daraufhin ansah, merkte er, daß der Musketier nahe daran war, in Ohnmacht zu fallen. Und betäubt vom Schmerz, gegen den er die ganze Zeit verbissen angekämpft hatte, brach Athos im nächsten Augenblick wie tot zusammen. »Einen Wundarzt!« rief Herr de Treville. »Ruft meinen oder den des Königs! Los, einen Arzt her, oder, zum Henker, um meinen guten Athos ist’s geschehen!« 36
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Auf diese Rufe hin stürzte alles aus dem Vorraum in Trevilles Arbeitszimmer und drängte sich um den Verwundeten. Der ganze Eifer hätte jedoch wenig genützt, wenn nicht zufällig ein Arzt im Hause gewesen wäre. Er schob sich durch die Menge, trat zu dem noch immer Bewußtlosen und verlangte, da ihn der Lärm und die allgemeine Unruhe störte, daß der Verwundete erst einmal in ein Nebenzimmer gebracht wurde. Sofort öffnete Herr de Treville eine Tür und wies Porthos und Aramis, die ihren Kameraden trugen, den Weg. Als letzter folgte der Arzt, hinter dem die Tür ins Schloß fiel. Für eine Weile verwandelte sich Trevilles Kabinett, dieser Ort, den man sonst nur voller Scheu betrat, in eine Art zweites Vorzimmer. Alle redeten durcheinander, fluchten und schimpften und wünschten den Kardinal mitsamt seiner Garde zum Teufel. Nachdem Porthos und Aramis schon nach kurzer Zeit zurückgekommen waren, während Treville noch mit dem Arzt bei dem Verwundeten blieb, erschien endlich auch der Hauptmann und teilte mit, daß der Verwundete wieder zu sich gekommen sei; nach Ansicht des Arztes gebe der Zustand ihres Kameraden zu keinerlei Besorgnis Anlaß, da seine Schwäche lediglich auf den großen Blutverlust zurückzuführen sei. Auf einen Wink entfernten sich alle bis auf d’Artagnan, der nicht vergessen hatte, daß er zur Audienz vorgelassen war, und der mit der Zähigkeit des Gascogners an seinem Platz verblieb. Als die Tür wieder geschlossen war und Herr de Treville sich umwandte, fand er sich mit dem jungen Mann allein. Durch den Zwischenfall hatte er den Faden zu dem Vorhergegangenen verloren, und so fragte er den hartnäckigen Bittsteller, was er wünsche. D’Artagnan nannte seinen Namen, und sofort war Treville, dessen Erinnerung blitzartig die Brücke von der Gegenwart in die Vergangenheit schlug, wieder im Bilde. »Verzeihung«, sagte er lächelnd, »aber ich hatte Euch gänzlich vergessen. Was wollt Ihr, ein Hauptmann ist ein Familienvater wie jeder andere, nur daß er etwas mehr Verantwortung trägt. Soldaten sind große Kinder; aber da ich darauf sehe, daß 37
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die Befehle des Königs und besonders die des Kardinals befolgt werden …« D’Artagnan konnte ein Lächeln nicht unterdrücken. Herr de Treville schloß daraus, daß er es mit keinem Dummkopf zu tun habe, und steuerte kurz entschlossen das eigentliche Thema an: »Ich habe Euern Vater sehr geschätzt. Was kann ich für seinen Sohn tun? Beeilt Euch, meine Zeit gehört nicht mir!« »Gnädiger Herr«, antwortete d’Artagnan, »seit ich Tarbes verließ und mich hierherbegab, hatte ich eigentlich vor, Euch an diese Freundschaft zu erinnern und um Aufnahme in die Reihen der Musketiere zu bitten, aber nach allem, was ich in den letzten zwei Stunden gesehen habe, begreife ich, daß eine solche Vergünstigung allzu groß wäre, und ich fürchte, sie nicht zu verdienen.« »Es ist tatsächlich eine große Vergünstigung, junger Mann, wenn auch keine unerreichbare, wie Ihr zu glauben scheint. Allerdings hat Seine Majestät für diesen Fall bestimmte Weisungen erteilt; und so muß ich Euch zu meinem Bedauern sagen, daß niemand Musketier werden kann, der nicht vorher in einigen Feldzügen, durch glänzende Waffentaten oder durch einen zweijährigen Dienst bei einer anderen, weniger angesehenen Truppe seine Eignung erwiesen hat.« D’Artagnan verneigte sich, ohne etwas zu sagen. Nun er wußte, wie viele Schwierigkeiten es zu überwinden galt, ehe man die Uniform der Musketiere tragen durfte, erschien ihm diese Ehre nur um so erstrebenswerter. »Aber«, fuhr Treville fort und blickte seinen Landsmann durchdringend an, als wollte er ihm auf den Grund des Herzens schauen, »Euerm Vater, meinem alten Freund, zuliebe, will ich etwas für Euch tun, junger Mann. Unsere Kadetten aus dem Bearn sind für gewöhnlich nicht reich, und ich glaube kaum, daß es sich heute damit sehr viel anders verhält als zu meiner Zeit. Ihr werdet also nicht allzuviel Geld mitgebracht haben.« D’Artagnan richtete sich stolz auf; seine Haltung sollte offenbar zum Ausdruck bringen, daß er von niemand ein Almosen begehrte. »Schon gut, junger Freund, schon gut!« fuhr Treville fort. »Ich kenne das; bin selbst vor Jahren mit vier Talern in der 38
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Tasche nach Paris gekommen, und doch hätte ich mich damals mit jedem geschlagen, der behauptet hätte, daß ich nicht imstande wäre, den ganzen Louvre zu kaufen.« D’Artagnan reckte sich noch höher: Dank dem Verkauf seines Pferdes begann er seine Laufbahn mit vier Talern mehr in der Tasche als seinerzeit Herr de Treville. »Ihr müßt also die Summe, die Ihr bei Euch habt, gehörig zusammenhalten, wie groß sie immer sein mag; aber Ihr müßt Euch in allen Übungen vervollkommnen, die einem Edelmann anstehen. Ich schreibe noch heute einen Brief an den Direktor der Königlichen Akademie, und er wird Euch schon morgen ohne Entgelt in seine Schule aufnehmen. Weist diese kleine Gefälligkeit nicht zurück! Die reichsten und angesehensten Adligen bemühen sich mitunter um diese Gunst, ohne sie zu erlangen. Ihr werdet dort im Reiten, Fechten und Tanzen ausgebildet, schließt mancherlei nützliche Bekanntschaften, und gelegentlich könnt Ihr mich aufsuchen und mir erzählen, wie weit Ihr seid und ob ich etwas für Euch tun kann.« D’Artagnan war zwar mit den Gepflogenheiten des höfischen Lebens noch nicht vertraut, dennoch spürte er die Kühle dieses Empfanges. »Ach, Herr Hauptmann«, sagte er, »jetzt sehe ich, wie sehr mir der Empfehlungsbrief fehlt, den mir mein Vater mitgegeben hat.« »Ich wundere mich allerdings«, entgegnete Herr de Treville, »daß Ihr eine so weite Reise ohne diese notwendige Mitgift unternommen habt, die doch für einen Bearner die einzige Hilfe ist.« »Ich hatte ja einen Brief, und sogar einen, wie man ihn sich besser nicht wünschen kann, aber man hat ihn mir unterwegs niederträchtigerweise gestohlen.« Und er berichtete, was ihm in Meung zugestoßen war, gab auch eine genaue Beschreibung des unbekannten Edelmannes und schilderte alles mit solchem Feuer, solcher Aufrichtigkeit, daß Herr de Treville seine helle Freude daran hatte. »Das ist ja merkwürdig«, sagte der Hauptmann endlich nachdenklich. »Hattet Ihr denn laut von mir gesprochen?« »Ja, sicherlich war das unklug von mir, aber ein Name wie 39
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der Eure mußte mir unterwegs ein gutes Schild sein, und Ihr könnt Euch denken, daß ich mich seiner oft bedient habe.« Schmeicheleien waren damals sehr gebräuchlich, und Herr de Treville liebte den Weihrauch nicht weniger als ein König oder ein Kardinal. Er konnte ein sichtlich zufriedenes Lächeln nicht unterdrücken, wurde aber gleich wieder ernst und kam auf den Vorfall in Meung zurück: »Sagt mal, hatte dieser Edelmann nicht eine kleine Narbe auf der Backe?« »Ja, wie von einem Streifschuß.« »Sah er gut aus?« »Doch.« »Hochgewachsen?« »Ja.« »Bleiches Gesicht und dunkles Haar?« »Ja, genauso! Aber wie kommt es, daß Ihr diesen Menschen kennt? Wenn ich ihn finde, und ich werde ihn finden, das schwöre ich Euch, und wäre es auch in der Hölle …« »Er erwartete eine Dame?« unterbrach ihn Treville. »Ja, jedenfalls hat er erst mit einer Unbekannten gesprochen, bevor er sich aus dem Staube gemacht hat.« »Worüber sie gesprochen haben, wißt Ihr wohl nicht?« »Doch, er gab ihr ein Kästchen, das, wie er sagte, Instruktionen enthielt und das sie erst in London öffnen sollte.« »War es denn eine Engländerin?« »Er sagte Mylady zu ihr.« »Er ist es!« murmelte Treville. »Und ich dachte, er wäre noch in Brüssel.« »Oh, wenn Ihr wißt, wer dieser Mann ist, sagt mir, wie er heißt und wo ich ihn finden kann!« rief d’Artagnan. »Ich entbinde Euch gern von allem, selbst von dem Versprechen, mich zu einem Musketier zu machen, denn zuallererst will ich mich rächen.« »Das laßt lieber bleiben, junger Mann! Im Gegenteil, wenn Ihr ihm zufällig auf der Straße begegnet, geht lieber auf die andere Seite! Rennt nicht gegen einen solchen Felsen an: er würde Euch wie Glas zerbrechen!« »Das soll mich nicht hindern«, erwiderte d’Artagnan, »daß ich ihn, falls er mir noch einmal vor Augen kommt …« 40
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»Wenn ich Euch einen Rat geben darf«, fiel ihm Treville ins Wort, »sucht ihn inzwischen nicht!« Plötzlich hielt er inne, von einem jähen Argwohn erfaßt. Verbarg der wilde Haß, den der junge Mann so laut gegen einen Unbekannten bekundete, der ihm, was reichlich unwahrscheinlich war, den Brief seines Vaters gestohlen haben sollte, verbarg dieser Haß nicht irgendeine heimtückische Falle? Hatte Seine Eminenz ihm nicht vielleicht den jungen Mann auf den Hals geschickt? Wollte er ihn nur in einen Hinterhalt locken? War dieser angebliche d’Artagnan etwa ein Abgesandter des Kardinals, den man in sein Haus einzuschleusen versuchte, damit er sich sein Vertrauen erschlich, um ihn zu gegebener Stunde zu verderben, wie man das schon hundertmal versucht hatte? Er faßte d’Artagnan noch schärfer ins Auge als das erstemal, doch der Anblick dieses zugleich pfiffigen und Ergebenheit vortäuschenden Gesichts beruhigte ihn nur wenig. Er ist zwar ein Gascogner, dachte er, aber als solcher kann er ebensogut für den Kardinal sein wie für mich. Nun, stellen wir ihn halt auf die Probe! »Junger Freund«, sagte er bedächtig, »ich will Euch, als dem Sohn meines alten Freundes, denn ich glaube Euch die Geschichte mit dem verlorenen Brief, und um die Kühle wieder auszugleichen, mit der ich Euch zuerst empfangen habe, in Anbetracht dieser Umstände also will ich Euch die Geheimnisse unserer Politik enthüllen. Der König und der Kardinal sind in Wirklichkeit die besten Freunde; ihre scheinbaren Zwistigkeiten sind nur darauf berechnet, die Dummen zu täuschen. Ich möchte aber nicht, daß ein Landsmann, ein hübscher Kavalier und wackrer Bursche, recht dazu geschaffen, sein Glück zu machen, ein Opfer dieser List wird und wie ein Tölpel ins Garn geht, das schon so vielen zum Verhängnis wurde. Bedenkt also, daß ich beiden Herren, den mächtigsten des Landes, ergeben bin und daß meine eigentlichen Bemühungen kein anderes Ziel haben, als dem König wie auch dem Kardinal zu dienen, einem der erhabensten Geister, die Frankreich je hervorgebracht hat. Nun richtet Euch danach, junger Mann, und wenn Ihr, sei es aus Familientradition, sei es durch Euern Umgang oder auch 41
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rein gefühlsmäßig, etwas gegen den Kardinal habt, wie das ja bei manchen unserer Edelleute der Fall ist, dann sagt mir Lebewohl und geht. Ich will Euch gern bei allen Schwierigkeiten helfen, ohne Euch jedoch fest an mich zu binden. Ich hoffe, daß meine Offenheit Euch auf jeden Fall zu meinem Freunde macht, denn Ihr seid bis jetzt der einzige junge Mensch, mit dem ich so freimütig gesprochen habe.« Wenn der Kardinal mir diesen jungen Fuchs geschickt hat, sagte sich Treville, so hat er, der ja weiß, wie sehr er mir zuwider ist, seinem Spion bestimmt eingeschärft, er könne mir nicht besser schmeicheln als dadurch, daß er dem Kardinal alles Schlechte nachsagt; und so wird dieser geriebene Bursche trotz all meiner Einwände sicherlich antworten, daß er Seine Eminenz verabscheut. Es kam aber völlig anders, als Treville erwartet hatte, denn d’Artagnan antwortete ganz treuherzig: »Herr Hauptmann, was Ihr da sagt, entspricht durchaus den Absichten, mit denen ich nach Paris gekommen bin. Mein Vater hat mir ans Herz gelegt, von niemand etwas hinzunehmen, als vom König, vom Kardinal und von Euch, die für ihn die drei ersten Männer Frankreichs sind.« Wie man sieht, fügte d’Artagnan Trevilles Namen hinzu, aber er meinte, das könne kaum etwas schaden. »Ich habe also für den Kardinal die höchste Verehrung und achte alle seine Taten. Um so besser für mich, wenn Ihr, wie Ihr sagt, offen zu mir seid, denn dann werdet Ihr bei mir die gleiche Neigung zu schätzen wissen. Wenn Ihr jedoch irgendein Mißtrauen hattet, was übrigens ganz natürlich wäre, so weiß ich, daß ich mir durch meine Offenheit alles verderbe. Aber was tut’s? Ihr werdet mir auf keinen Fall Eure Achtung versagen können, und das ist mir wichtiger als alles andere.« Herr de Treville war aufs äußerste überrascht. Ein solches Maß an Scharfsinn und Freimut erregte seine Bewunderung, zerstreute aber nicht seine Zweifel. Je mehr sich dieser junge Mann seinesgleichen überlegen zeigte, desto gefährlicher konnte er werden, falls Treville sich täuschen ließ. Trotzdem ergriff er d’Artagnans Rechte und sagte: »Ihr seid ein ehrlicher Bursche, aber im Augenblick kann ich für Euch nicht mehr tun, als was ich Euch eben angeboten 42
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habe. Mein Haus steht Euch immer offen. Und da Ihr mich jederzeit sprechen, also auch jede Gelegenheit wahrnehmen könnt, werdet Ihr früher oder später sicherlich erreichen, was Ihr so sehr erstrebt.« »Das heißt, Herr Hauptmann, Ihr wollt warten, bis ich mich würdig erwiesen habe. Nun, da seid ganz unbesorgt«, fügte er mit der Unbekümmertheit des Gascogners hinzu. »Ihr werdet nicht lange zu warten brauchen!« Und als ob alles Weitere nur noch von ihm abhinge, grüßte er und wollte gehen. »Aber so wartet doch!« rief Herr de Treville und hielt ihn zurück. »Ich habe Euch einen Brief an den Direktor der Akademie versprochen. Ist der junge Herr etwa zu stolz, ihn anzunehmen?« »Nein, Herr Hauptmann, und ich verspreche Euch, daß ich auf ihn besser achtgeben will als auf den ersten. Er wird, das schwöre ich Euch, an seine Adresse gelangen, und wehe dem, der versuchen sollte, ihn mir wegzunehmen!« Herr de Treville lächelte über diese großartigen Worte, ließ seinen jungen Landsmann in der Fensternische stehen, in die er zuletzt mit ihm getreten war, und setzte sich an einen Tisch, um den versprochenen Empfehlungsbrief zu schreiben. Indessen trommelte d’Artagnan, der nichts Besseres zu tun hatte, einen Marsch an die Fensterscheiben, betrachtete die Musketiere, die nacheinander fortgingen, und sah ihnen nach, bis sie um die nächste Straßenecke verschwanden. Nachdem Herr de Treville den Brief geschrieben hatte, versiegelte er ihn und trat zu dem jungen Mann. Schon streckte d’Artagnan die Hand aus, um das Schreiben entgegenzunehmen, als der Hauptmann zu seiner grenzenlosen Verblüffung den neuen Schützling auffahren und wutentbrannt aus dem Zimmer stürzen sah. »Tod und Teufel! Diesmal soll er mir nicht entkommen!« »Wer denn?« rief ihm Treville nach. »Mein Dieb!« schrie d’Artagnan zurück. »Oh, dieser elende Schurke!« Und weg war er. Närrischer Teufel! dachte Treville. Es sei denn, das Ganze ist nur ein geschickter Trick, um sich aus dem Staube zu machen, weil er gesehen hatte, daß sein Schlag ins Leere ging. 43
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Eine Schulter, ein Wehrgehänge und ein Taschentuch D’Artagnan hatte wutschnaubend mit wenigen Sätzen das Vorzimmer durchmessen und wollte gerade ebenso, nämlich immer vier Stufen auf einmal, die Treppe hinunterstürmen, als er in vollem Lauf mit einem Musketier zusammenprallte, der in diesem Augenblick aus einem der Nebengelasse des Herrn de Treville trat und bei dem Stoß, den d’Artagnans Kopf gegen seine Schulter vollführte, laut aufschrie. »Entschuldigt!« sagte d’Artagnan und schickte sich an, weiterzulaufen. »Entschuldigt, aber ich hab’s eilig!« Er hatte jedoch nur wenige Stufen hinter sich gebracht, da packte ihn eine eiserne Faust bei der Schärpe und hielt ihn zurück. »So, eilig habt Ihr’s?« rief der Musketier, blaß wie ein Leichentuch. »Unter diesem Vorwand rempelt Ihr mich an, sagt schnell: Entschuldigt! und denkt, damit hat sich’s? Nicht ganz, junger Mann. Ihr glaubt wohl, weil Ihr vorhin dabei wart, wie Herr de Treville ein bißchen unsanft mit uns umgesprungen ist, daß uns jeder so kommen darf? Ihr irrt, mein Lieber, Ihr seid nicht Herr de Treville!« »Auf Ehre«, erwiderte d’Artagnan und erkannte erst jetzt Athos, der inzwischen vom Arzt verbunden worden war und nun nach Hause wollte, »ich habe es nicht mit Absicht getan, und weil ich es nicht mit Absicht getan habe, sagte ich: Entschuldigt! Mir scheint, das genügt auch. Indessen wiederhole ich Euch, daß ich es eilig habe, sehr eilig, auf mein Wort! Laßt mich also bitte dort hineilen, wo ich zu tun habe!« »Mein Herr, Ihr seid nicht sehr höflich«, sagte Athos und ließ ihn los. »Man sieht, daß Ihr aus der Provinz kommt.« D’Artagnan hatte schon wieder drei, vier Stufen genommen, doch bei diesen Worten blieb er mit einem Ruck stehen. »Zum Teufel, Herr, wenn ich auch aus der Provinz komme, so werdet Ihr mir bestimmt keinen Unterricht in gutem Benehmen erteilen!« »Vielleicht doch«, sagte Athos. »Wenn ich’s nicht so eilig hätte«, rief d’Artagnan, »und hinter jemand herlaufen müßte …« 44
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»Nun, Herr Eilig, mich findet Ihr, ohne daß Ihr zu laufen braucht. Versteht Ihr mich?« »Und wo, wenn ich bitten darf?« »Am Karmeliterkloster.« »Wann?« »Gegen Mittag!« »Gut, um zwölf, ich komme.« »Seht zu, daß Ihr mich nicht warten laßt! Denn nach einer Viertelstunde laufe ich hinter Euch her und schneide Euch die Ohren ab.« »Abgemacht«, rief d’Artagnan, »ich bin um zehn vor da!« Und wieder rannte er, wie vom Teufel gejagt, davon, denn er hoffte immer noch, den Unbekannten einzuholen, der mit seinem gemessenen Schritt sich nicht allzuweit entfernt haben konnte. Am Haupttor stand Porthos im Gespräch mit einem Wachposten. Zwischen den beiden war gerade noch Platz für einen dritten. D’Artagnan glaubte, die Lücke würde für ihn ausreichen, und wollte wie ein Pfeil hindurchschlüpfen. Aber er hatte nicht mit dem Wind gerechnet, der in diesem Augenblick Porthos’ Mantel aufblähte, so daß sich der stürmische junge Mann darin verfing. Ohne Zweifel hatte Porthos seine Gründe, dieses wichtige Kleidungsstück nicht so ohne weiteres fahrenzulassen, denn anstatt nachzugeben, riß er es sofort wieder an sich, wodurch d’Artagnan sich vollends in den Samtumhang verwickelte. D’Artagnan hörte den Musketier fluchen und suchte zwischen den Falten nach einem Ausweg aus der jähen Finsternis. Er fürchtete vor allem, den frischen Glanz des uns bereits bekannten prächtigen Wehrgehänges beeinträchtigt zu haben, und als er vorsichtig die Augen aufmachte, sah er auch genau vor seiner Nase Porthos’ breiten Rücken und das Wehrgehänge. Aber ach, wie die meisten Dinge dieser Welt, die nur den Schein für sich haben, war das Wehrgehänge vorn von Gold und hinten von gewöhnlichem Büffelleder. Da der eitle Porthos sich kein ganzes Wehrgehänge von Gold leisten konnte, hatte er sich immerhin ein halbes zugelegt. Nun war klar, weshalb er eine Erkältung vorschützen und einen Mantel tragen mußte. 45
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»Kreuzelement!« fluchte Porthos, während er d’Artagnan, den er in seinem Rücken herumzappeln fühlte, mit aller Kraft abzuschütteln versuchte. »Seid Ihr des Teufels, daß Ihr so über fremde Leute herfallt?« »Entschuldigt«, sagte der junge Mann und kam unter der Schulter des Riesen wieder zum Vorschein, »aber ich habe es sehr eilig, ich bin hinter jemand her und …« »Und Eure Augen habt Ihr wohl zu Hause gelassen, wie?« fiel ihm Porthos ins Wort, »Durchaus nicht«, erwiderte d’Artagnan gereizt. »Ich habe sogar sehr gute Augen, daß ich sehe, was anderen verborgen bleibt.« Ob nun Porthos die Anspielung verstand oder nicht, jedenfalls wurde er wütend. »Mein Herr, man wird Euch wohl mal verwalken müssen, wenn Ihr glaubt, so mit Musketieren umspringen zu können!« »Verwalken? Das ist ein hartes Wort!« »Nicht zu hart für einen Mann, der gewohnt ist, seinem Feind ins Auge zu schauen.« »O ja, ich weiß schon, warum Ihr ihnen nicht gern den Rücken zukehrt!« Und sehr vergnügt über seinen Geistesblitz, lief der junge Mann lachend weiter. Porthos schäumte vor Wut und wollte hinter ihm herstürzen. »Später, später«, rief d’Artagnan über die Schulter zurück, »wenn Ihr Euern Mantel nicht mehr habt!« »Um ein Uhr also, hinter dem Luxembourg.« »Abgemacht, um eins!« erwiderte d’Artagnan und bog um die nächste Ecke. Aber weder in der Straße, aus der er kam, noch in der, die nun vor ihm lag, konnte er den Unbekannten entdecken. Der hatte bei aller Gemächlichkeit seinen Vorsprung vergrößert, vielleicht war er auch in ein Haus getreten. D’Artagnan fragte alle, die ihm begegneten, eilte bis an die Fähre hinunter und kehrte durch die Rue de Seine wieder zurück, doch keine Spur von dem Fremden. Indessen kam ihm dieser Lauf insofern zustatten, als er innerlich immer ruhiger wurde, je heftiger ihm der Schweiß von der Stirn rann. Und da begann er, über die letzten Geschehnisse nachzudenken; sie waren zahl46
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reich und höchst verdrießlich. Es war noch keine elf Uhr, und schon hatte ihm der Vormittag die Ungnade des Herrn de Treville eingetragen, der die Art, wie d’Artagnan ihn verlassen hatte, reichlich ungeniert finden mußte. Außerdem hatte er sich zwei hübsche Duelle eingehandelt, mit Männern, von denen jeder für sich mit drei d’Artagnans fertig zu werden versprach und die zu allem Unglück auch noch Musketiere waren, Menschen also, die er so sehr verehrte, daß er sie in seinem Fühlen und Denken über alle anderen erhob. Das waren traurige Aussichten. Da der junge Mann sicher war, daß Athos ihn töten werde, machte er sich wegen Porthos begreiflicherweise nicht viel Gedanken. Nun ist aber die Hoffnung das, was sich am längsten im Herzen bewahrt, und so erschien es ihm am Ende doch nicht ganz ausgeschlossen, daß er, wenn auch fürchterlich zugerichtet, beide Duelle überlebte, für welchen allerdings wenig wahrscheinlichen Fall er sich schon jetzt die folgende Standpauke hielt: Was bin ich doch für ein Strohkopf und ausgemachter Trottel! Ramme wie ein Stier genau die verwundete Schulter des armen guten Athos! Mich wundert nur, daß er mich nicht auf der Stelle umgebracht hat. Das Recht dazu hatte er, denn ich hab ihm bestimmt höllisch weh getan. Was Porthos betrifft, du meine Güte, das war eher komisch! D’Artagnan mußte unwillkürlich lachen, wobei er jedoch ängstlich darauf achtete, daß sein Grinsen, das den Vorübergehenden unverständlich sein mußte, niemanden verletzte. Ja, die Sache mit Porthos war eher komisch, aber ich bin darum nicht weniger ein Mordsesel! Rempelt man denn so die Leute an? Und guckt man ihnen vielleicht unter den Mantel, um zu sehen, was nicht da ist? Er hätte mir sicherlich verziehen, hätte ich nicht von diesem verdammten Wehrgehänge angefangen, mit verbrämten Worten, gewiß – o ja, und wie verbrämt! Fluch über mein altes Schandmaul! Noch in der Hölle werde ich faule Witze reißen. Merk dir darum, Freund d’Artagnan, für den wenig wahrscheinlichen Fall, daß du noch einmal davonkommst, es wird sich empfehlen, künftig von ausgesuchter Höflichkeit zu sein! Von nun an soll man dich bewundern und als Vorbild hinstellen. Wer höflich und zuvorkommend ist, braucht noch lange kein Feigling zu sein. 47
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Schau dir nur Aramis an! Aramis ist die Sanftmut, die Artigkeit in Person; aber wird sich deshalb jemand herausnehmen, ihn einen Feigling zu schimpfen? Gewiß nicht, und so will ich mich künftig ganz nach ihm richten. Ah, da ist er ja gerade! Unter diesem Selbstgespräch war d’Artagnan bis in die Nähe des Hotels d’Aiguillon gelangt, vor dem er Aramis in fröhlicher Unterhaltung mit drei königlichen Leibgardisten stehen sah. Auch Aramis bemerkte d’Artagnan, aber da er nicht vergessen hatte, daß der junge Mann dabei war, wie Herr de Treville seine Musketiere abgekanzelt hatte, und da ihm ein Zeuge dieses Auftritts in keiner Weise angenehm sein konnte, tat er einfach, als sähe er ihn nicht. D’Artagnan dagegen, der ganz von der Vorstellung eines höflichen und verbindlichen Benehmens erfüllt war, trat auf die vier jungen Leute zu und verneigte sich tief mit dem artigsten Lächeln. Aramis nickte leicht mit dem Kopf, lächelte aber nicht. Im übrigen unterbrachen alle vier sofort ihre Unterhaltung. D’Artagnan war nicht so dumm, nicht zu merken, daß er hier zuviel war; aber er war mit den gesellschaftlichen Formen zuwenig vertraut, um sich elegant aus einer peinlichen Situation zu ziehen, wie sie immer entsteht, wenn man sich unter Leute mengt, die man kaum kennt, und ein Gespräch stört, das einen nichts angeht. Er überlegte gerade, wie er sich möglichst unauffällig zurückziehen könnte, als er bemerkte, daß Aramis sein Taschentuch fallen gelassen und offenbar aus Versehen den Fuß darauf gestellt hatte. Das schien ihm eine günstige Gelegenheit, seine Ungeschicklichkeit wiedergutzumachen. Mit dem verbindlichsten Lächeln, das ihm zu Gebote stand, bückte er sich und zog, sosehr der Musketier auch bemüht war, ihn daran zu hindern, das Taschentuch unter seinem Fuß hervor, um es ihm mit diesen Worten zu überreichen: »Ich glaube, mein Herr, Ihr würdet dieses Tüchlein nur ungern verlieren.« Das Tuch war tatsächlich reich bestickt und an einer Ecke mit Krone und Wappen verziert. Aramis wurde über und über rot und riß es dem jungen Mann förmlich aus der Hand. »Oho!« rief einer der Leibgardisten. »Willst du noch immer behaupten, daß du mit Madame de Bois-Tracy nicht gut stehst, wenn dir diese reizende Dame sogar ihre Taschentücher leiht?« 48
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Aramis bedachte den Gascogner mit einem jener durchbohrenden Blicke, die einem zu verstehen geben, daß man sich soeben einen Todfeind zugezogen hat. Dann aber sagte er, wieder ganz freundlich: »Ihr irrt Euch, dieses Taschentuch gehört nicht mir, und ich weiß nicht, warum der Herr es gerade mir und nicht einem von euch gegeben hat. Hier, überzeugt euch, ich habe meins noch in der Tasche!« Mit diesen Worten zog er sein eigenes Taschentuch hervor, ein ebenfalls sehr elegantes Tuch aus feinstem Batist, das aber weder Stickerei noch ein Wappen, sondern nur die Initialen seines Besitzers aufwies. Diesmal sagte d’Artagnan kein Wort; er sah ein, daß er wieder etwas falsch gemacht hatte. Aber Aramis’ Freunde ließen sich nicht so ohne weiteres überzeugen, und einer von ihnen fragte mit erheucheltem Ernst: »Wenn es so ist, wie du sagst, mein lieber Aramis, muß ich dich bitten, es mir zu geben, denn wie du weißt, bin ich mit Bois-Tracy befreundet, und ich will nicht, daß man irgendwelche Dinge seiner Frau zu Trophäen macht.« »Dein Ton gefällt mir nicht«, entgegnete Aramis. »Die Forderung selbst mag berechtigt sein, aber ich muß sie ihrer Form wegen ablehnen.« »Tatsache ist«, warf d’Artagnan schüchtern ein, »daß ich das Tuch keineswegs etwa aus Herrn Aramis’ Tasche habe fallen sehen. Er stand mit dem Fuß darauf, weiter nichts, und deshalb dachte ich, das Tuch gehöre ihm.« »Und das war ein Irrtum, werter Herr«, antwortete Aramis kühl und wenig empfänglich für diese Zurücknahme. Dann wandte er sich wieder dem Leibgardisten zu, der sich für einen Freund Bois-Tracys ausgegeben hatte, und sagte: »Übrigens, wenn ich es mir recht überlege, bin ich mit Bois-Tracy nicht weniger befreundet als du; das Tuch kann also ebensogut aus deiner wie aus meiner Tasche gefallen sein.« »Nein, bei meiner Ehre!« protestierte der Leibgardist. »Du schwörst bei deiner Ehre, und ich verpfände mein Wort, es muß also einer von uns schwindeln, Montaran. Das beste ist, wir nehmen jeder eine Hälfte!« »Von dem Taschentuch?« 49
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»Wovon sonst?« »Großartig!« riefen die beiden anderen. »Ein salomonisches Urteil. Du bist doch ein kluger Kopf, Aramis!« Die jungen Leute lachten schallend, und damit war der Fall erledigt. Kurz darauf verabschiedeten sich die drei Gardisten mit herzlichem Händedruck von dem Musketier und gingen weiter. Das ist der richtige Augenblick, um mich mit diesem wackeren Mann auszusöhnen, dachte d’Artagnan, der sich zuletzt etwas abseits gehalten hatte. In dieser guten Absicht trat er also an Aramis heran, der, ohne ihn noch zu beachten, sich gerade in entgegengesetzter Richtung entfernen wollte, und sagte: »Ihr entschuldigt hoffentlich, daß ich …« »Ach«, unterbrach ihn Aramis, »gestattet mir schon die Bemerkung, daß Ihr Euch in dieser Sache nicht wie ein galanter Mann verhalten habt!« »Wie, Ihr glaubt …?« »Ich glaube, daß Ihr kein Dummkopf seid und sehr wohl wißt, auch wenn Ihr aus der Gascogne kommt, daß man nicht ohne Grund auf Taschentüchern herumtritt. Zum Teufel, Paris ist doch nicht mit Batist gepflastert!« »Ihr tut mir unrecht, wenn Ihr mich zu demütigen sucht«, sagte d’Artagnan, bei dem der angeborene Streitgeist alle friedfertigen Vorsätze zu übertönen begann. »Ich bin allerdings Gascogner, und ich brauche Euch wohl kaum darauf hinzuweisen, daß die Gascogner nicht eben sehr geduldig sind. Wenn sie sich daher, sei es auch wegen einer gehörigen Dummheit, einmal entschuldigen, so sind sie überzeugt, bereits weit mehr zu tun, als man ihnen billigerweise zumuten kann.« »Mein Herr«, antwortete Aramis, »ich sagte das nicht, um mit Euch Händel zu suchen. Ich bin, Gott sei Dank, kein Raufbold und nur vorübergehend Musketier; ich schlage mich bloß, wenn man mich dazu zwingt, und selbst dann noch mit Widerwillen. Hier aber geht es um etwas Ernstes, denn Ihr habt eine Dame bloßgestellt.« »Und Ihr?« rief d’Artagnan. »Warum wart Ihr so ungeschickt und habt mir das Taschentuch gegeben?« 50
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»Und warum habt Ihr es fallen lassen?« »Ich sagte bereits und wiederhole es Euch hier, daß das Tuch nicht aus meiner Tasche gefallen ist.« »Dann lügt Ihr jetzt zum zweitenmal, denn ich habe es ja mit eigenen Augen herunterfallen sehen.« »Ach, der Herr Gascogner kommt mir so? Ich will ihm schon Manieren beibringen!« »Und ich werde Euch in Eure Messe zurückschicken, Herr Abbé! Los, zieht Euern Degen, und zwar sofort!« »Nein, mein Freund, nicht hier, möchte ich doch bitten! Seht Ihr nicht, daß wir genau vor dem Hotel d’Aiguillon stehen, in dem es von Kreaturen des Kardinals nur so wimmelt? Wer sagt mir, ob nicht Seine Eminenz Euch beauftragt hat, ihr meinen Kopf zu verschaffen? Meinen Kopf aber mag ich lächerlicherweise nun einmal nicht missen, er macht sich so nett auf meinen Schultern. Ich will Euch gern töten, da seid ganz unbesorgt, aber es muß schon in aller Stille geschehen, an einem abgeschlossenen, wohlversteckten Ort, wo Ihr Euch Eures Todes vor niemandem rühmen könnt.« »Einverstanden, aber verlaßt Euch nicht zu sehr darauf! Und nehmt Euer Taschentuch mit, ob es Euch nun gehört oder nicht: Ihr könnt es vielleicht noch gut brauchen!« »Man merkt, der Herr ist Gascogner!« »Allerdings, und darum verschiebt er ein Duell auch nicht aus Vorsicht.« »Vorsicht ist für den Musketier eine ziemlich überflüssige Tugend, ich weiß, für den Mann der Kirche ist sie jedoch unentbehrlich; und da ich nur vorübergehend Musketier bin, muß ich weiter Vorsicht üben. Ich habe die Ehre, Euch um zwei Uhr im Hause des Herrn de Treville zu erwarten. Ich zeige Euch dort schon einen geeigneten Ort.« Die beiden jungen Leute grüßten einander, und während Aramis die Straße zum Luxembourg hinaufging, schlug d’Artagnan, der wohl merkte, wie spät es geworden war, die Richtung zum Karmeliterkloster ein. Ich kann unmöglich mit dem Leben davonkommen, sagte er sich, aber wenn ich getötet werde, falle ich wenigstens von der Hand eines Musketiers. 51
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Die Musketiere des Königs und die Leibwache des Kardinals D’Artagnan kannte niemand in Paris. Er ging also ohne Sekundanten zum Zweikampf mit Athos, entschlossen, sich mit denen zu begnügen, die sein Gegner mitbringen würde. Übrigens hatte er den festen Vorsatz, sich bei dem wackeren Musketier in aller Form, wenn auch ohne Schwäche, zu entschuldigen, denn er fürchtete, dieses Duell könne mit einem Mißklang enden, wie es fast immer der Fall ist, wenn ein junger, unversehrter Mann auf einen verwundeten und geschwächten Gegner trifft: wird er besiegt, so verdoppelt er den Triumph seines Widersachers, siegt er aber, bezichtigt man ihn eines frevlerischen und wohlfeilen Mutes. Übrigens wird der Leser schon gemerkt haben – wir hätten denn den Charakter unseres jungen Abenteurers sehr schlecht geschildert –, daß d’Artagnan ein ungewöhnlicher Mensch war. Denn obgleich er sich immer wieder sagte, daß ihn der sichere Tod erwartete, war er doch keineswegs bereit, still und ergeben zu sterben, wie es ein anderer, nicht so unerschrockener Mann an seiner Stelle getan hätte. Er dachte über den unterschiedlichen Charakter der drei Musketiere nach, mit denen er sich schlagen wollte, und fing an, seine Lage klarer zu beurteilen. Zunächst hoffte er, durch seine offenherzige Entschuldigung die Freundschaft von Athos zu gewinnen, dessen vornehmes Wesen und ernste Miene ihm sehr gefielen. Was Porthos anging, so schmeichelte er sich, ihn durch die Geschichte mit dem Wehrgehänge einzuschüchtern, die er ja, sofern er nicht auf der Strecke blieb, aller Welt erzählen konnte, und wirkungsvoll vorgetragen, mußte diese Geschichte den Musketier höchst lächerlich machen. Den scheinheiligen Aramis endlich fürchtete er am wenigsten, vielmehr traute er sich sehr wohl zu, ihn gegebenenfalls für immer zu erledigen oder doch wenigstens sein Gesicht so zu treffen, daß die Schönheit hin war, auf die er sich soviel einbildete. Dann aber besaß d’Artagnan noch immer jene unerschütterliche Entschlossenheit, die ihm der Vater mit seinen Ratschlägen ins Herz gepflanzt hatte: von niemand etwas hinzunehmen, außer vom König, vom Kardinal und von Herrn 52
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de Treville. So eilte er denn im Sturmschritt zum Karmeliterkloster, einem fensterlosen, von dürren Wiesen umgebenen Bau; hier trugen Leute, die keine Zeit zu verlieren hatten, gewöhnlich ihre Zweikämpfe aus. Als d’Artagnan auf dem kleinen Platz vor dem Kloster ankam, wartete Athos erst fünf Minuten, und es schlug gerade Mittag. Er war also pünktlich wie eine Uhr, und kein noch so strenger Schiedsrichter hätte etwas an ihm aussetzen können. Athos, dem seine Wunde noch immer heftige Schmerzen bereitete, obwohl Trevilles Arzt sie ihm frisch verbunden hatte, saß auf einem Grenzstein und erwartete seinen Gegner in jener gelassenen und würdevollen Haltung, die ihn niemals verließ. Als er d’Artagnan herankommen sah, stand er auf und ging ihm höflich ein paar Schritte entgegen; der Gascogner seinerseits nahte sich mit dem Hut in der Hand. »Mein Herr«, sagte Athos, »ich habe zwei meiner Freunde benachrichtigen lassen, daß sie mir als Sekundanten dienen sollen, aber sie sind noch nicht zur Stelle. Ich wundere mich, daß sie sich verspäten, das ist sonst nicht ihre Art.« »Ich habe leider keinen Sekundanten«, entgegnete d’Artagnan, »denn ich bin erst gestern nach Paris gekommen und kenne hier noch niemanden außer Herrn de Treville, an den mich mein Vater empfohlen hat, der ein alter Freund von ihm ist.« Athos überlegte einen Augenblick und fragte dann: »Ihr kennt wirklich nur Herrn de Treville?« »So ist es, mein Herr.« »Ja, aber«, sagte Athos halb zu sich selbst, halb zu d’Artagnan, »wenn ich Euch nun töte, hält man mich bestimmt für einen Kinderfresser.« »Keineswegs«, erwiderte d’Artagnan und verbeugte sich nicht ohne Würde, »denn Ihr erweist mir die Ehre, gegen mich den Degen zu ziehen, obwohl Ihr verwundet seid, was Euch doch sehr hinderlich sein muß.« »Sehr hinderlich, in der Tat, und Ihr habt mir verteufelt weh getan, das muß ich schon sagen. Aber ich nehme die linke Hand, wie immer in solchen Fällen. Denkt also nicht, daß ich im Nachteil bin, ich fechte mit der Linken genausogut. Benachteiligt seid eher Ihr, denn ein Linkshänder ist für einen 53
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unvorbereiteten Gegner recht unbequem. Ich bedaure, daß ich Euch nicht gleich darauf aufmerksam gemacht habe.« »Ihr seid wirklich von einer Höflichkeit, mein Herr«, sagte d’Artagnan, »für die ich Euch gar nicht genug zu danken weiß.« »Ihr setzt mich in Verlegenheit«, antwortete Athos freundlich. »Ich bitte Euch, sprechen wir von etwas anderem, wenn es Euch recht ist! Herrgott, habt Ihr mich gestoßen! Meine Schulter brennt ganz höllisch.« »Wenn Ihr erlaubt«, begann d’Artagnan schüchtern, »ich habe eine ausgezeichnete Wundsalbe, die mir meine Mutter mitgegeben hat und die ich auch schon selber ausprobiert habe.« »Und weiter?« »Ich bin überzeugt, mit dieser Salbe werdet Ihr in längstens drei Tagen geheilt sein, und dann wird es mir immer noch eine Ehre sein, mit Euch die Klinge zu kreuzen.« Die Einfachheit, mit der d’Artagnan dies sagte, machte seiner Ritterlichkeit alle Ehre, ohne auch nur im geringsten seinen Mut in Frage zu stellen. »Bei Gott, das ist ein Vorschlag, der mir gefällt! Nicht daß ich ihn annehme, aber er verrät sogleich den Edelmann. So sprachen und handelten die edlen Recken zur Zeit Karls des Großen, nach denen jeder Kavalier sich richten sollte. Leider leben wir nicht in der Zeit des großen Kaisers, sondern in der des Kardinals. Da können wir unser Geheimnis noch so gut wahren, in drei Tagen hat es sich herumgesprochen, daß wir uns schlagen wollen, und man wird uns daran hindern. – Aber wo bleiben denn nur diese Bummelanten?« »Wenn Ihr es eilig habt«, sagte d’Artagnan mit der gleichen Selbstverständlichkeit, mit der er ihm noch eben einen Aufschub von drei Tagen vorgeschlagen hatte, »und wenn Ihr die Sache lieber sofort austragen wollt, so tut Euch bitte keinen Zwang an!« »Auch das ist ein Wort, das mir gefällt«, erwiderte Athos mit einem liebenswürdigen Nicken. »Es läßt auf keinen geringen Verstand, bestimmt aber auf ein mannhaftes Herz schließen. Ich schätze Leute von Eurer Art, und wenn nicht einer von uns auf der Strecke bleibt, wird es mir später gewiß 54
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ein großes Vergnügen sein, mich mit Euch zu unterhalten. Aber warten wir ruhig auf die beiden Herren! So eilig hab ich’s nicht, und es ist auch ordnungsgemäßer so. Ah, ich glaube, da kommt schon einer!« Wirklich tauchte am Ende der Rue de Vaugirard der riesenhafte Porthos auf. »Was denn? Euer erster Zeuge ist Herr Porthos?« »Ja. Ist Euch das unangenehm?« »Nein, durchaus nicht.« »Und da kommt auch der zweite!« D’Artagnan wandte sich in die von Athos bezeichnete Richtung und erkannte Aramis. »Wie?« rief er noch verwunderter als eben. »Euer zweiter Zeuge ist Herr Aramis?« »Allerdings. Wißt Ihr denn nicht, daß man uns drei immer zusammen sieht und daß man uns bei den Musketieren und bei den Gardisten, am Hofe und in der Stadt nur Athos, Porthos und Aramis oder die drei Unzertrennlichen nennt? Aber richtig, Ihr kommt ja gerade erst aus Dax oder Pau …« »Aus Tarbes«, berichtigte ihn der Gascogner. »Da könnt Ihr das natürlich nicht wissen«, schloß Athos. »Eine treffende Bezeichnung!« versetzte d’Artagnan. »Sollte mein Abenteuer ruchbar werden, kann es zum wenigsten bestätigen, daß Euer Bund sich nicht auf Wesensverschiedenheit gründet.« Inzwischen war Porthos herangekommen und begrüßte Athos. Als er sich aber d’Artagnan zuwandte, machte er ein sehr verdutztes Gesicht. Er hatte, nebenbei bemerkt, sein Wehrgehänge gewechselt und den Mantel zu Hause gelassen. »Ja, was heißt denn das?« rief er. »Das ist der Herr, mit dem ich mich schlage«, sagte Athos. »Aber ich schlage mich doch auch mit ihm.« »Ja, um eins«, warf d’Artagnan ruhig ein. »Und ich schlage mich ebenfalls mit diesem Herrn«, erklärte Aramis, der in diesem Augenblick herankam. »Gewiß, aber erst um zwei«, versetzte d’Artagnan mit derselben Gelassenheit. »Und warum schlägst du dich mit ihm, Athos?« wollte Aramis wissen. 55
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»Ja, so genau weiß ich das selber nicht; er hat mich eben angerempelt. Und du, Porthos?« »Ich? Ich schlage mich, weil ich mich eben schlage«, erwiderte Porthos und wurde rot dabei. Athos, dem nichts entging, sah, wie ein feines Lächeln die Lippen des Gascogners kräuselte. »Wir konnten uns über eine Kleiderfrage nicht einigen«, ergänzte der junge Mann. »Und du, Aramis?« fragte Athos. »Wir gerieten in einer theologischen Diskussion aneinander«, sagte Aramis und gab d’Artagnan durch einen Seitenblick zu verstehen, daß ihm am Bekanntwerden des eigentlichen Anlasses wenig gelegen war. Athos sah abermals ein Lächeln d’Artagnans Lippen umspielen. »Wirklich?« fragte er. »Ja, wir konnten uns über eine Stelle bei Augustinus nicht einigen«, erklärte der Gascogner. Der Bursche ist nicht auf den Mund gefallen, dachte Athos. »Da nun die Herren alle zur Stelle sind«, fuhr d’Artagnan fort, »sei es mir gestattet, mich zu entschuldigen.« Bei diesem Wort runzelte Athos die Stirn, Porthos lächelte geringschätzig, und Aramis schüttelte den Kopf. »Ihr versteht mich falsch, meine Herren. Ich bitte um Entschuldigung für den Fall, daß ich nicht allen dreien meine Schuld abtragen kann, denn Herr Athos hat schließlich ein erstes Anrecht darauf, mich zu töten, wodurch Eure Forderung, Herr Porthos, erheblich an Wert verliert und die Eure, Herr Aramis, nahezu hinfällig wird. Deswegen, aber auch nur deswegen meine Entschuldigung, die ich hiermit wiederhole. Doch jetzt zur Sache!« Und mit der ritterlichsten Geste zog d’Artagnan seinen Degen. Das Blut war ihm in den Kopf gestiegen, und in diesem Augenblick hätte er den Kampf mit allen Musketieren des Reiches aufgenommen. Es war Viertel nach zwölf. Die Sonne stand im Zenit, und der Platz, den man zur Kampfstätte erkoren hatte, war ihrer vollen Glut ausgesetzt. »Es ist sehr heiß«, sagte Athos, während er gleichfalls seinen Degen zog, »aber ich wage nicht, mein Wams auszuziehen, 56
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denn meine Wunde blutet noch immer, und ich fürchte, den Herrn in Verlegenheit zu bringen, wenn ich ihm Blut zeige, das nicht von seinem Degen stammt.« »Das stimmt«, versetzte d’Artagnan, »und ich versichere Euch, daß ich das Blut eines so wackeren Edelmannes immer nur mit Bedauern fließen sehe, mag nun ich oder ein anderer Euch verwunden. Unter diesen Umständen behalte ich natürlich auch mein Wams an.« »Los, los, laßt jetzt die Komplimente!« sagte Porthos. »Wir wollen schließlich nicht ewig warten.« »Mich nehmt aus, Porthos, wenn Ihr solche Ungereimtheiten vorbringt!« sagte Aramis. »Ich finde die Bemerkungen der Herren vortrefflich und zweier Edelleute durchaus würdig.« »Wenn es Euch jetzt beliebt«, sagte Athos und nahm Fechterstellung ein. »Ich wartete nur auf Eure Befehle«, antwortete d’Artagnan und kreuzte die Klinge. Aber die beiden Rapiere hatten sich kaum berührt, als ein Trupp Soldaten von der Leibwache Seiner Eminenz unter dem Befehl des Herrn de Jussac um eine Ecke des Klosters bog. »Die Garden des Kardinals!« riefen Porthos und Aramis wie aus einem Munde. »Den Degen in die Scheide, ihr Herren! Den Degen in die Scheide!« Zu spät. Die beiden Kämpfer waren in einer Stellung gesehen worden, die keinen Zweifel mehr an ihren Absichten zuließ. »Hallo!« rief Jussac, während er auf die Gruppe zueilte und seinen Leuten zuwinkte, ihm zu folgen. »Hallo, die Herren Musketiere duellieren sich? Und wie steht es mit dem Verbot?« »Ihr seid sehr edel«, sagte Athos zähneknirschend, denn Jussac war bei dem jüngsten Zusammenstoß einer der Angreifer gewesen. »Wenn wir Euch bei einem Zweikampf anträfen, wir würden uns bestimmt hüten, Euch daran zu hindern. Laßt uns also gewähren! Da habt Ihr ein Vergnügen und braucht Euch nicht einmal anzustrengen!« »Meine Herren«, erwiderte Jussac, »es ist mir überaus unangenehm, aber ich muß euch sagen, daß das leider unmöglich ist. Die Pflicht geht vor. Steckt also eure Degen ein und folgt uns!« 57
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»Mein Herr«, sagte Aramis, den Gardisten nachäffend, »es wäre uns überaus angenehm, Ihrer liebenswürdigen Aufforderung Folge zu leisten, aber leider ist das ganz unmöglich: Herr de Treville hat es uns nämlich untersagt. Zieht also eures Weges – das ist das Beste, was ihr tun könnt!« Dieser Spott brachte Jussac außer sich. »Wenn ihr uns nicht folgt«, sagte er, »müssen wir euch festnehmen!« »Sie sind zu fünft«, raunte Athos den beiden Musketieren zu, »und wir sind nur drei. Wir werden hier unterliegen und müssen hier sterben, denn das sage ich euch, ich trete nicht noch einmal als Geschlagener vor den Hauptmann hin!« Athos, Porthos und Aramis traten sogleich näher zusammen, während Jussac seine Leute in eine Linie brachte. Dieser kurze Augenblick genügte d’Artagnan, seinen Entschluß zu fassen. Hier war eines jener Ereignisse, die für das Schicksal eines Menschen entscheidend sind: Es galt, zwischen dem König und dem Kardinal zu wählen. War diese Wahl einmal getroffen, galt es, daran festzuhalten. Wenn er sich jetzt schlug, verstieß er damit gegen die Gesetze, riskierte er Kopf und Kragen, machte er sich gleichzeitig einen Minister zum Feind, der noch mächtiger war als der König. All das sah der junge Mann durchaus, aber wir müssen zu seinem Lobe sagen, daß er keine Sekunde zögerte. »Meine Herren«, sagte er, zu Athos und seinen Freunden gewandt, »ich möchte, wenn ihr erlaubt, etwas richtigstellen. Ihr sagt, ihr seid nur drei, mir aber scheint, wir sind zusammen vier.« »Ihr gehört doch nicht zu uns«, sagte Porthos. »Das ist richtig, aber wenn ich auch nicht euern Rock trage, mein Herz ist auf eurer Seite, ist auf der Seite der Musketiere!« »Entfernt Euch, junger Mann!« rief Jussac, der offenbar d’Artagnans Absicht erraten hatte. »Ihr könnt Euch zurückziehen, wir haben nichts dagegen. Rettet Eure Haut, aber macht schnell!« D’Artagnan rührte sich nicht. »Ihr seid wirklich ein schneidiger Kerl«, sagte Athos und drückte dem jungen Mann die Hand. »Nun macht schon, entscheidet euch!« rief Jussac. 58
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»Ja«, riefen auch Porthos und Aramis, »tun wir etwas!« »Euer Herz ist sehr edel, junger Freund«, sagte Athos. Doch alle drei dachten an d’Artagnans Jugend und fürchteten seine Unerfahrenheit. »Wir sind nur drei, davon ist einer verwundet, und nun kommt noch dieses Kind dazu«, fuhr Athos fort. »Und hinterher wird es trotzdem heißen, daß wir zu viert waren.« »Ja, aber zurückweichen?« fragte Porthos. »Unmöglich!« sagte Athos. »Meine Herren«, sagte d’Artagnan, der ihre Unentschlossenheit bemerkte, »ihr könnt es doch auf jeden Fall mit mir versuchen. Ich schwöre euch bei meiner Ehre, daß ich diesen Platz nicht verlassen will, wenn nicht als Sieger!« »Wie ist Euer Name, wackrer Freund?« fragte Athos. »D’Artagnan.« »Also gut! Athos, Porthos, Aramis und d’Artagnan, vorwärts!« rief Athos. »Nun, was ist, meine Herren? Habt ihr euch endlich entschlossen?« fragte Jussac zum drittenmal. »Allerdings.« »Und was gedenkt ihr zu tun?« »Wir haben die Ehre, mit euch die Klinge zu kreuzen«, entgegnete Aramis, indem er den Hut lüftete und mit der Rechten seinen Degen zog. »Ah! Ihr widersetzt euch?« rief Jussac. »Donnerschlag! Wundert euch das vielleicht?« Und die neun Kämpfer stürzten mit wütendem Ingrimm, der jedoch eine bestimmte Ordnung nicht ausschloß, aufeinander los. Athos bekam einen gewissen Cahusac, einen Günstling des Kardinals, vor die Klinge, Porthos geriet an Bicarat, und Aramis sah sich gleich zwei Gegnern gegenüber. D’Artagnan endlich hatte es mit Jussac selbst zu tun. Das Herz des jungen Gascogners schlug zum Zerspringen, nicht aus Furcht, denn die fühlte er, Gott sei Dank, nicht im geringsten, sondern aus Kampfeseifer. Er kämpfte wie ein wilder Tiger, umkreiste wohl zehnmal seinen Gegner, wechselte wohl zwanzigmal Stellung und Platz. Jussac war, wie man damals sagte, ein »Meister der Klinge« und ausgezeichnet in Form, aber er hatte alle Mühe, sich eines Gegners zu 59
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erwehren, der gewandt und leichtfüßig immer wieder von den überkommenen Regeln abwich und ihn von allen Seiten angriff, selber aber stets mit der Umsicht eines Menschen parierte, dem seine Haut sehr teuer ist. Schließlich verlor Jussac die Geduld. Wütend darüber, daß ihn jemand in Schach hielt, den er für ein halbes Kind angesehen hatte, geriet er immer mehr in Harnisch und begann, Fehler zu machen. D’Artagnan, dem es zwar an Übung, nicht aber an taktischer Überlegung fehlte, wurde noch behender. Jussac wollte der Sache ein Ende machen und führte, weit auslegend, einen furchtbaren Hieb nach seinem Gegner. Der parierte jedoch, und während Jussac sich aufrichtete, glitt d’Artagnan wie eine Schlange unter seiner Klinge hin und stieß ihm den Degen in den Leib. Jussac fiel wie ein Sack zu Boden. D’Artagnan warf einen raschen, unruhigen Blick auf das Schlachtfeld. Aramis hatte sich bereits des einen Gegners entledigt, aber der andere setzte ihm stark zu. Indessen befand sich Aramis in guter Stellung und konnte sich noch verteidigen. Bicarat und Porthos waren gleichzeitig gegeneinander ausgefallen, und dabei hatte Porthos einen Stich durch den Arm, Bicarat einen durch den Schenkel bekommen. Da aber keine der Wunden ernsthaft war, fochten die beiden nur um so erbitterter weiter. Athos endlich war von Cahusac neuerlich verwundet worden und wurde zusehends blasser, wich jedoch keinen Fußbreit zurück. Nach den damaligen Kampfregeln durfte d’Artagnan einem seiner Gefährten zu Hilfe kommen; während er sich umschaute, wer wohl seinen Beistand am nötigsten brauchte, fing er einen Blick von Athos auf. Dieser Blick war überaus beredt. Athos wäre lieber gestorben, als daß er ihn zu Hilfe gerufen hätte; aber er durfte mit den Augen um Beistand bitten. D’Artagnan verstand und fiel mit einem gewaltigen Satz Cahusac von der Seite an. »Hierher, Herr Gardist«, rief er, »oder ich töte Euch!« Cahusac wandte sich um. Es war auch höchste Zeit, denn Athos, den nur seine außerordentliche Tapferkeit aufrecht gehalten hatte, brach in die Knie. »Tötet ihn nicht, junger Freund!« rief er. »Ich habe noch eine alte Rechnung mit ihm zu begleichen, wenn ich geheilt 60
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und wieder wohlauf bin. Entwaffnet ihn nur! Nehmt ihm den Degen weg! Ja, so ist’s recht, bravo!« Dieser Ausruf wurde ihm durch Cahusacs Degen entlockt, der wohl zwanzig Fuß weit durch die Luft flog. D’Artagnan und Cahusac stürzten ihm nach, der eine, um ihn sich wiederzuholen, der andere, um sich seiner als Trophäe zu bemächtigen. D’Artagnan war schneller und setzte als erster seinen Fuß darauf. Cahusac lief nun zu dem Gardisten, den Aramis getötet hatte, nahm dessen Degen an sich und wollte sich von neuem gegen d’Artagnan wenden; doch da traf er auf Athos, der in der kurzen Atempause, die ihm der Gascogner verschafft hatte, wieder ein wenig zu Kräften gekommen war und voller Besorgnis, der junge Mann könnte seinen Feind töten, den Kampf wiederaufnahm. D’Artagnan begriff, daß er Athos kränken würde, wenn er ihn nicht gewähren ließe. Wirklich stürzte wenige Sekunden später Cahusac mit durchbohrter Kehle nieder. Im selben Augenblick setzte Aramis seinem Gegner, den er niedergeworfen hatte, den Degen auf die Brust und zwang ihn, sich zu ergeben. Blieben noch Porthos und Bicarat. Porthos hielt großsprecherische Reden, fragte seinen Gegner nach der Uhrzeit und beglückwünschte ihn zu seinem Bruder, der im Regiment Navarra eine Kompanie erhalten hatte, aber mit all dem spöttischen Gerede kam er nicht weiter. Bicarat war eine jener eisernen Naturen, die nicht fallen, bevor sie nicht tot sind. Indessen wurde es langsam Zeit, Schluß zu machen. Jeden Augenblick konnte die Wache kommen und alle Beteiligten, verwundet oder nicht, Anhänger des Königs oder des Kardinals, gefangennehmen. Athos, Aramis und d’Artagnan umringten Bicarat und forderten ihn auf, sich zu ergeben. Obwohl der allein gegen alle stand und durch einen Stich in den Oberschenkel verwundet war, wollte er nichts davon wissen; aber Jussac, der sich auf dem Ellenbogen etwas aufgerichtet hatte, rief ihm zu, er solle sich ergeben. Bicarat war Gascogner wie d’Artagnan; er stellte sich taub, lächelte nur und fand noch Zeit, zwischen zwei Paraden mit der Degenspitze eine Stelle am Boden zu bezeichnen und dabei, in Verkehrung eines Bibelverses, zu rufen: 61
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»Hier wird Bicarat sterben, der einzige von allen, die mit ihm sind!« »Aber es sind vier gegen dich. Hör also auf, ich befehle es dir!« »Ja, wenn du es befiehlst, ist es etwas anderes«, sagte Bicarat. »Da du mein Vorgesetzter bist, muß ich wohl oder übel gehorchen.« Er machte einen Satz nach hinten, zerbrach den Degen über dem Knie, um ihn nicht ausliefern zu müssen, und warf die Stücke über die Klostermauer. Dann verschränkte er die Arme über der Brust und pfiff ein kardinalistisches Lied. Mut wird immer geachtet, auch bei einem Feind. Die Musketiere grüßten Bicarat mit erhobenem Degen und steckten ihre Waffen wieder in die Scheide. D’Artagnan machte es ebenso, dann trug er zusammen mit Bicarat, dem einzigen Gegner, der sich noch auf den Beinen halten konnte, Jussac, Cahusac und den von Aramis Verwundeten unter die Klosterpforte. Der vierte war, wie wir bereits sagten, tot. Dann zogen sie die Glocke und marschierten unter Mitnahme der vier eroberten Degen freudetrunken zum Hause des Herrn de Treville. Arm in Arm nahmen sie die ganze Breite der Straße ein, und da sich ihnen unterwegs alle Musketiere anschlossen, denen sie begegneten, wuchs der kleine Trupp schließlich zu einem wahren Triumphzug an. D’Artagnans Herz schwamm in Seligkeit. Er ging zwischen Athos und Porthos, deren Arme er glücklich an sich preßte. »Wenn ich auch noch kein Musketier bin«, sagte er zu seinen neuen Freunden, als sie die Schwelle des Trevilleschen Hauses überschritten, »so bin ich doch wenigstens als Lehrling aufgenommen, nicht wahr?«
Seine Majestät König Ludwig XIII. Die Geschichte machte großes Aufsehen. Laut zeigte sich Herr de Treville sehr ungehalten über seine Musketiere, im stillen beglückwünschte er sie. Weil er aber keine Zeit verlieren durfte, um als erster dem König Bericht zu erstatten, be62
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gab er sich eiligst in den Louvre. Doch es war bereits zu spät. Der König hatte sich mit dem Kardinal eingeschlossen, und man sagte Herrn de Treville, der König arbeite und könne im Augenblick nicht empfangen. Am Abend fand sich Herr de Treville beim Spiel des Königs ein. Seine Majestät hatte an diesem Tag Glück, und da sie sehr geizig war, befand sie sich in bester Stimmung. Kaum hatte daher der König den Hauptmann von weitem erspäht, als er auch schon rief: »Hierher, Treville! Hierher, denn ich muß Euch schelten. Wißt Ihr, daß sich Seine Eminenz bei mir über Eure Musketiere beklagt hat und vor lauter Ärger krank geworden ist? Nein, Eure Leute sind ja leibhaftige Teufel, und man sollte sie wirklich aufhängen!« »Nicht doch, Sire«, antwortete Treville, der sofort merkte, daß die Sache gut ablaufen würde. »Es sind im Gegenteil die bravsten Kerle, wahre Lämmer, und ich stehe dafür ein, daß sie keinen anderen Wunsch haben, als ihren Degen nur im Dienste Eurer Majestät zu zücken. Aber die Garden des Herrn Kardinals suchen unaufhörlich Händel mit ihnen, und da müssen die armen Burschen, schon um die Ehre ihres Regiments zu wahren, sich zur Wehr setzen.« »Nun hört mir den Treville an!« sagte der König. »Hört ihn euch an! Könnte man nicht meinen, er redet von einem Kloster? Ich hätte wirklich Lust, Herr Hauptmann, Euch das Patent zu nehmen und es Fräulein de Chemerault zu geben, der ich eine Abtei versprochen habe. Denkt aber nicht, daß ich Euch so ohne weiteres glaube. Man nennt mich Ludwig den Gerechten, Herr de Treville, und wir werden uns nachher noch eingehender damit befassen.« »Ich baue ganz auf Eure Gerechtigkeit, Sire, und deshalb erwarte ich ruhig und geduldig, was Eurer Majestät beliebt.« »So wartet nur, Hauptmann, wartet nur!« sagte der König. »Ich werde Euch nicht lange warten lassen.« Wirklich wendete sich jetzt das Glück, und da der König zu verlieren begann, was er gerade gewonnen hatte, war es ihm gar nicht unlieb, sich unter einem bequemen Vorwand vom Spiel zurückzuziehen. Er stand also auf, steckte das vor ihm liegende Geld, das zum größten Teil von seinem Gewinn herrührte, in die Tasche und sagte: 63
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»La Vieuville, nehmt meinen Platz ein! Ich habe mit Herrn de Treville etwas Wichtiges zu besprechen. Ach, richtig, ich hatte achtzig Louisdors vor mir; setzt dieselbe Summe, damit sich die anderen, die bisher verloren haben, nicht beklagen können! Die Gerechtigkeit über alles!« Dann wandte er sich von neuem Herrn de Treville zu, führte ihn in eine Fensternische und sagte: »Ihr behauptet also, daß es die Garden Seiner Eminenz waren, die mit Euern Musketieren Händel gesucht haben?« »Ja, Sire, wie immer.« »Und wie ging die Sache vor sich? Denn Ihr wißt ja, mein lieber Hauptmann, ein Richter soll immer erst beide Seiten anhören.« »Mein Gott, auf die einfachste und natürlichste Weise von der Welt! Drei meiner besten Soldaten, Majestät kennen sie mit Namen und haben ihre Ergebenheit schon mehr als einmal zu schätzen gewußt, drei Soldaten also, denen ihr Dienst, wie ich Euch versichern kann, wirklich am Herzen liegt, nämlich die Herren Athos, Porthos und Aramis, wollten mit einem jungen gascognischen Kadetten, den ich ihnen am selben Morgen empfohlen hatte, einen Spaziergang machen; nach Saint-Germain, glaube ich. Aber gerade als sie sich, wie vereinbart, am Karmeliterkloster trafen, wurden sie plötzlich von den Herren Jussac, Cahusac, Bicarat und noch zwei weiteren Gardisten gestört, die hier sicherlich nicht ohne böse Absicht gegen die Erlasse Eurer Majestät so zahlreich erschienen.« »Ah, richtig!« sagte der König. »Ihr bringt mich auf einen Gedanken. Sie wollten sich gewiß duellieren.« »Ich klage sie nicht an, Sire, ich gebe Eurer Majestät nur zu bedenken, was wohl fünf bewaffnete Männer in einer so einsamen Gegend wie der des Karmeliterklosters vorhaben können.« »Ja, Ihr habt recht, Treville, ganz recht.« »Als sie nun meine Musketiere sahen, besannen sie sich eines anderen und vergaßen ihren persönlichen Haß über dem gemeinsamen gegen die andere Truppe; denn Eure Majestät wissen ja, daß die Musketiere, die dem König und nur dem König dienen, die natürlichen Feinde der Gardisten sind, die auf den Kardinal hören.« 64
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»Ja, ja, Treville«, sagte der König melancholisch, »es ist recht traurig, glaubt mir das, auf diese Weise zwei Parteien im Lande und zwei Häupter an der Spitze zu sehen. Aber das hört eines Tages auf, Treville, hört gewiß auf! Ihr sagt also, die Gardisten haben mit den Musketieren Streit gesucht?« »Ich sage, daß die Dinge vermutlich so vor sich gegangen sind, aber ich kann es nicht beschwören, Sire. Ihr wißt ja, wie schwer es ist, immer die Wahrheit zu finden, und wenn man nicht mit dem staunenswerten Instinkt dafür begabt ist, der Eurer Majestät den Beinamen der Gerechte eingetragen hat …« »Ihr habt recht, Treville. Aber Eure Musketiere waren nicht allein, sie hatten doch noch einen jungen Kadetten bei sich?« »Ja, Sire, ein blutjunges Kerlchen, so daß also drei königliche Musketiere, von denen einer schon verwundet war, und ein halbes Kind fünf schwerbewaffneten Gardisten nicht allein die Stirn geboten, sondern sogar vier von ihnen zu Boden gestreckt haben.« »Aber das ist ja ein Sieg!« rief der König und strahlte über das ganze Gesicht. »Ein vollständiger Sieg!« »Ja, Sire, ein ebenso schöner wie der an der Pont de Cé.« »Vier Mann, sagt Ihr, einer davon verwundet und ein anderer ein halbes Kind?« »Man kann ihn kaum einen jungen Mann nennen, aber er hat sich bei dieser Gelegenheit so wacker geschlagen, daß ich mir die Freiheit nehme, ihn Eurer Majestät zu empfehlen.« »Wie heißt er?« »D’Artagnan, Sire. Er ist der Sohn eines alten Freundes von mir, der Sohn eines Mannes, der mit Euerm königlichen Vater ruhmreichen Andenkens manchen Feldzug mitgemacht hat.« »Und dieser junge Mann hat sich also wacker gehalten, sagt Ihr? Das müßt Ihr mir erzählen, Treville; Ihr wißt ja, wie gern ich solche Berichte höre.« Und König Ludwig XIII. warf sich in Positur und zwirbelte stolz seinen Schnurrbart. »Wie ich schon sagte, Sire«, begann Treville, »ist Herr d’Artagnan fast noch ein Kind, und da er nicht die Ehre hat, Musketier Eurer Majestät zu sein, war er bürgerlich gekleidet. Angesichts seiner großen Jugend und weil er nicht zu den anderen 65
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gehörte, forderten die Gardisten ihn vor ihrem Angriff auf, sich zu entfernen.« »Da seht Ihr wieder, Treville«, unterbrach ihn der König, »daß nur sie die Angreifer waren.« »Ganz richtig, Sire, es kann nicht mehr bezweifelt werden. Sie forderten ihn also auf, sich zurückzuziehen, aber er antwortete, er stehe mit seinem Herzen, das ganz dem König gehöre, auf seiten der Musketiere, und darum wolle er bei ihnen auch bleiben.« »Wackerer junger Mann!« murmelte der König. »Er blieb auch wirklich bei ihnen, und Eure Majestät haben an ihm einen tapferen Streiter gewonnen, denn er war es, der Jussac den furchtbaren Degenstoß versetzte, über den der Herr Kardinal so erbost ist.« »Was, dieser Junge hat Jussac verwundet? Aber Treville, das ist doch kaum möglich!« »Und doch ist es so, wie ich es, mit Verlaub, Eurer Majestät soeben geschildert habe.« »Jussac, einer der besten Degen des Königreichs!« »Nun hat er seinen Meister gefunden, Sire.« »Ich will den jungen Mann sehen, Treville, ich will ihn sehen, und wenn man etwas für ihn tun kann, nun, so wollen wir dafür sorgen, daß es geschieht.« »Wann geruhen Eure Majestät, ihn zu empfangen?« »Morgen mittag.« »Soll ich ihn allein bringen?« »Nein, bringt mir alle vier her! Ich will ihnen danken; ergebene Männer sind selten, Treville, und man muß Ergebenheit belohnen.« »Wir werden pünktlich zur Stelle sein.« »Aber kommt über die kleine Treppe, Treville. Der Kardinal braucht nicht zu wissen …« »Sehr wohl, Sire.« »Ihr versteht, Treville. Edikt bleibt Edikt, und an sich ist es ja verboten, sich zu schlagen.« »Aber dieses Treffen hatte nichts mit einem gewöhnlichen Duell zu tun, Sire, es war eine Rauferei, und der Beweis liegt schon darin, daß fünf Gardisten des Kardinals gegen meine drei Musketiere und Herrn d’Artagnan standen.« 66
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»Das ist richtig«, sagte der König, »doch kommt gleichwohl über die kleine Treppe.« Treville lächelte. Aber da es schon viel war, daß er es fertiggebracht hatte, dieses Kind gegen seinen Meister aufzubringen, grüßte er ehrerbietig und empfahl sich. Noch am selben Abend unterrichtete er seine Schützlinge von der ihnen zugedachten Ehre. Die drei Musketiere, die den König seit langem kannten, zeigten sich nicht sonderlich beeindruckt; d’Artagnan dagegen, mit seiner gascognischen Phantasie, sah bereits sein Glück gemacht und verbrachte die Nacht mit goldenen Träumen. Schon um acht Uhr früh erschien er bei Athos. Er traf den Musketier fertig angezogen und zum Ausgehen bereit. Da man erst mittags zum König befohlen war, wollte Athos mit Porthos und Aramis in einem Spielhaus in der Nähe der Luxembourg-Stallungen eine Partie Schlagball spielen. Athos lud d’Artagnan ein, mitzukommen, und obwohl dieser das Spiel nicht kannte, nahm er gerne an, denn er wußte nicht, was er sonst den ganzen Vormittag über hätte anfangen sollen. Die beiden anderen Musketiere waren schon an Ort und Stelle und vertrieben sich die Zeit mit Übungsschlägen. Athos, der in allen Leibesübungen besonders stark war, nahm mit d’Artagnan die gegenüberliegende Seite ein und forderte die beiden heraus. Doch schon beim ersten Schlag, den er führte, merkte er, daß ihm die frische Wunde diese Anstrengung noch nicht gestattete, obwohl er nur linkshändig spielte. D’Artagnan blieb also allein, und da er sich für zu ungeschickt erklärte, um eine regelrechte Partie zu bestreiten, begnügte man sich, einander die Bälle zuzuspielen, ohne die Punkte zu zählen. Einer der Bälle aber, von Porthos’ herkulischer Faust geschlagen, flog so dicht an d’Artagnans Kopf vorbei, daß dieser sich sagte, ein Treffer hätte ihn vermutlich um seine Audienz beim König gebracht. Da nun von dieser Audienz, zumindest in seiner gascognischen Einbildung, seine ganze Zukunft abhing, verbeugte er sich höflich vor Porthos und Aramis und erklärte, er werde die Partie erst wiederaufnehmen, wenn er ihnen ein ebenbürtiger Gegner sein könne; damit verließ er das Spielfeld und nahm auf der Tribüne Platz. 67
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Unglücklicherweise befand sich unter den Zuschauern ein Gardist Seiner Eminenz, den die jüngste Niederlage seiner Kameraden so aufgebracht hatte, daß er fest entschlossen war, bei der ersten besten Gelegenheit Rache zu nehmen. Diese Gelegenheit schien sich ihm jetzt zu bieten, und so sagte er zu seinem Nachbar: »Kein Wunder, daß sich der junge Mann vor einem Ball fürchtet! Er ist doch bestimmt ein Rekrut der Musketiere.« Wie von der Tarantel gestochen, fuhr d’Artagnan herum und sah den Gardisten, der die freche Bemerkung gemacht hatte, scharf an. Der aber fuhr ungerührt fort, während er herausfordernd seinen Schnurrbart zwirbelte: »Starrt mich in Gottes Namen an, soviel Ihr wollt, Kleiner: Was ich gesagt habe, habe ich gesagt!« »Und da, was Ihr gesagt habt, klar genug ist und keiner Erläuterung bedarf«, entgegnete d’Artagnan leise, »bitte ich Euch, mir zu folgen.« »Und wann?« fragte der Gardist spöttisch. »Sofort, wenn ich bitten darf.« »Wer ich bin, wißt Ihr ja doch wohl?« »Nein, keineswegs, und es ist mir auch völlig gleichgültig.« »Damit habt Ihr unrecht, denn wenn Ihr meinen Namen wüßtet, hättet Ihr’s vielleicht weniger eilig.« »Und wie ist also Euer Name?« »Bernajoux, Euch zu dienen.« »Gut, Herr Bernajoux«, sagte d’Artagnan ruhig, »ich erwarte Euch vor der Tür.« »So geht nur, mein Herr, ich komme gleich nach.« »Laßt Euch Zeit, damit man uns nicht zusammen hinausgehen sieht! Ihr begreift wohl, daß bei unserem Vorhaben viele Zuschauer stören müssen.« »Schon recht«, antwortete der Gardist, der sehr erstaunt war, daß sein Name auf den jungen Mann keinen größeren Eindruck gemacht hatte. Tatsächlich kannte alle Welt, vielleicht nur mit Ausnahme d’Artagnans, den Namen Bernajoux, denn er gehörte zu denen, die im Zusammenhang mit den täglichen Raufereien, die alle Verbote des Königs und des Kardinals nicht unterdrücken konnten, am meisten genannt wurden. 68
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Porthos und Aramis waren so in ihr Spiel vertieft, und Athos schaute so aufmerksam zu, daß sie gar nicht bemerkten, wie ihr junger Freund hinausging. Der wartete, wie ausgemacht, vor der Tür auf den Gardisten, der auch bald nach ihm herauskam. D’Artagnan wollte wegen der Audienz beim König keine Zeit verlieren und sagte daher, nachdem er sich kurz umgeschaut und die Straße menschenleer gefunden hatte, zu seinem Gegner: »Ihr könnt wirklich von Glück sagen, daß Ihr es mit keinem richtigen Musketier zu tun habt. Aber seid unbesorgt, ich werde mein Bestes hergeben. Also vorwärts!« »Aber der Ort hier scheint mir nicht sonderlich geeignet«, erwiderte der Herausgeforderte. »Hinter der Abtei von SaintGermain oder im Pré-aux-Clercs wären wir besser dran.« »Da habt Ihr schon recht«, sagte d’Artagnan, »aber leider ist meine Zeit sehr bemessen, denn ich habe um zwölf schon wieder etwas vor. Also vorwärts, mein Herr, legt aus!« Bernajoux war nicht der Mann, der sich ein solches Kompliment zweimal sagen ließ. Im nächsten Augenblick blitzte der Degen in seiner Hand, und er preschte gegen seinen Widersacher vor, den er in Anbetracht seiner großen Jugend leicht einzuschüchtern hoffte. Aber d’Artagnan hatte tags zuvor einiges gelernt, und noch ganz berauscht von seinem Sieg, ganz erfüllt von künftigem Glück, war er fest entschlossen, keinen Schritt zu weichen. So waren die beiden Degen bald gebunden, und da d’Artagnan seinen Platz hielt, machte sein Gegner schließlich einen Schritt zurück. Diesen Augenblick benutzte der Gascogner, fiel aus und traf Bernajoux an der Schulter. Sofort ging d’Artagnan wieder zurück und hob den Degen; aber Bernajoux rief ihm zu, die Verwundung habe nichts zu bedeuten, und drang so blindlings vor, daß er förmlich in die Klinge seines Gegners rannte. Doch auch jetzt fiel er nicht, erklärte sich keineswegs für besiegt, sondern wich nur gegen das Haus des Herrn de La Tremouille zurück, in dessen Dienst einer seiner Verwandten stand, so daß d’Artagnan, der nicht wußte, wie schwer er ihn getroffen hatte, ihm heftig nachsetzte und ihn sicherlich mit einem dritten Streich endgültig erledigt hätte, wären nicht in diesem Augenblick zwei Freunde des Gardisten, die ihn nach 69
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dem Wortwechsel hatten hinausgehen sehen, auf den Lärm aufmerksam geworden und ihrem Gefährten zu Hilfe geeilt. Aber gerade, als sie mit gezücktem Degen auf den Sieger eindrangen, erschienen auch Athos, Porthos und Aramis und zwangen die beiden Angreifer zum Rückzug. Jetzt erst brach Bernajoux zusammen, und da die Gardisten nur noch zwei gegen vier waren, riefen sie: »Zu Hilfe, Hotel de La Tremouille!« Auf ihr Geschrei hin eilte alles, was im Hause war, herbei und stürzte sich auf die vier Freunde, die nun ihrerseits zu rufen begannen: »Hierher, Musketiere!« Dieser Ruf fand in der Regel Gehör, denn man kannte die Musketiere als Feinde Seiner Eminenz und liebte sie wegen ihres Hasses gegen den Kardinal. So nahmen die Soldaten der anderen Kompanien, die nicht dem Roten Herzog – wie ihn Aramis genannt hatte – unterstanden, bei solchen Streitigkeiten meist für die Musketiere des Königs Partei. Auch diesmal stellten sich zwei Gardisten aus der Kompanie des Herrn des Essarts, die zufällig des Wegs kamen, sofort an die Seite der vier Kameraden, während ein dritter zum Hause Trevilles lief und die Musketiere alarmierte, die sich hier wie gewöhnlich in großer Zahl aufhielten. Als sie nun auf dem Kampfplatz erschienen, wurde das Getümmel allgemein, doch die Musketiere behielten die Oberhand. Die Gardisten Seiner Eminenz und die Leute des Herrn de La Tremouille zogen sich ins Haus zurück, dessen Tore sie gerade noch rechtzeitig zuschlugen, ehe die Feinde zusammen mit ihnen eindringen konnten. Den Verwundeten hatte man bereits zu Anfang und, wie gesagt, in sehr elendem Zustand weggeschafft. Die Erregung unter den Musketieren und ihren Verbündeten war auf ihrem Siedepunkt angelangt, und man überlegte schon, ob man nicht Tremouilles Leute für ihre Unverschämtheit strafen und Feuer an das Haus legen sollte, welcher Vorschlag sogleich begeisterte Zustimmung fand, als es glücklicherweise elf Uhr schlug. D’Artagnan und seine Freunde erinnerten sich ihrer Audienz, und da sie bedauert hätten, wenn ein so toller Streich ohne sie verübt worden wäre, suchten sie die anderen zu beschwichtigen, was ihnen auch gelang. Man begnügte sich damit, ein paar Pflastersteine gegen die Türen zu werfen, die jedoch standhielten, so daß man bald davon ab70
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ließ. Überdies waren die vier, die als Hauptbeteiligte der ganzen Unternehmung galten, bereits vor einer Weile gegangen und auf dem Wege zum Hause des Herrn de Treville, der schon von dem neuen Scharmützel gehört hatte und sie ungeduldig erwartete. »Los, los, rasch zum Louvre!« sagte er. »Wir dürfen keinen Augenblick verlieren. Wir müssen sehen, daß wir den König sprechen, bevor der Kardinal bei ihm war. Wir stellen ihm die Sache als eine Folge des gestrigen Kampfes dar, dann geht es schon mit durch.« Herr de Treville begab sich also in Begleitung der vier jungen Leute nach dem Louvre; aber zu seinem großen Erstaunen wurde ihm hier mitgeteilt, daß sich der König auf der Hirschjagd im Walde von Saint-Germain befinde. Herr de Treville ließ sich die Botschaft zweimal wiederholen, und jedesmal sahen seine Begleiter, wie sich seine Miene mehr verfinsterte. »Hatte Seine Majestät schon gestern die Absicht, heute zu jagen?« fragte er. »Nein, Euer Gnaden«, sagte der Kammerdiener, »aber der Oberjagdmeister war heute morgen hier und meldete dem König, daß man in der Nacht einen Hirsch aufgespürt hat. Seine Majestät wollte erst nicht fort, doch dann konnte er der Jagdlust nicht widerstehen. Er ist gleich nach dem Essen aufgebrochen.« »Und hat der König den Kardinal gesehen?« »Aller Wahrscheinlichkeit nach«, antwortete der Kammerdiener, »denn ich habe heute morgen den Wagen Seiner Eminenz angespannt gesehen, und als ich fragte, wohin die Reise ging, hieß es, nach Saint-Germain.« »Man ist uns zuvorgekommen«, sagte Herr de Treville. »Meine Herren, ich sehe den König heute abend. Euch rate ich allerdings, ihm vorerst nicht unter die Augen zu treten.« Dieser Rat war zu einleuchtend und kam vor allem von einem Mann, der den König zu gut kannte, als daß die jungen Leute dagegen aufbegehrt hätten. So empfahl ihnen Herr de Treville, nach Hause zu gehen und seinen Bescheid abzuwarten. Herr de Treville bedachte inzwischen, daß es für ihn das klügste wäre, wenn er als erster Klage führte. Er schickte einen 71
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seiner Diener mit einem Brief zu Herrn de La Tremouille, worin er ihn bat, den Gardisten des Kardinals aus seinem Haus zu entfernen und seine Leute wegen ihres dreisten Ausfalls gegen die Musketiere gehörig zu verwarnen. Aber Herr de La Tremouille war bereits durch seinen Stallmeister, jenem Verwandten Bernajoux’, unterrichtet und ließ antworten, es käme weder Herrn de Treville noch seinen Musketieren, sondern vielmehr ganz allein ihm zu, sich zu beklagen, denn seine Leute seien von den Musketieren angegriffen worden, die sogar sein Haus hätten anzünden wollen. Nun konnte dieser Streit zwischen den beiden Herren sich noch lange hinziehen, da natürlich jeder auf seinem Standpunkt beharren würde, und darum verfiel Treville auf einen Ausweg, der ihm eine rasche Erledigung der Angelegenheit versprach: er begab sich selbst zu Herrn de La Tremouille. Die beiden Herren begrüßten sich höflich, denn waren sie auch nicht befreundet, so achteten sie doch einander. Beide waren Männer von Herz und Ehrgefühl; und da Herr de La Tremouille, der Protestant war und den König nur selten sah, zu keiner Partei gehörte, zeigte er sich in seinem gesellschaftlichen Umgang meist recht unvoreingenommen. Dennoch war diesmal der Empfang bei aller Höflichkeit kühler als sonst. »Mein Herr«, begann Treville, »jeder von uns glaubt, sich über den andern beklagen zu müssen. Darum bin ich jetzt selber hergekommen, um mit Euch gemeinsam diese Angelegenheit ins reine zu bringen.« »Gern«, erwiderte Tremouille, »aber ich sage Euch gleich, daß ich über alles unterrichtet bin. Das Unrecht ist auf seiten Eurer Musketiere.« »Ihr seid ein zu einsichtiger und gerecht denkender Mann, als daß Ihr ablehnen könntet, was ich Euch vorschlagen möchte.« »Bitte, sprecht!« »Wie geht es Herrn Bernajoux, dem Verwandten Eures Stallmeisters?« »Sehr schlecht. Außer dem Degenstich in den Arm, der nicht weiter gefährlich ist, hat er noch einen durch die Lunge bekommen, den der Arzt für sehr bedenklich hält.« 72
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»Aber der Verwundete ist noch bei Bewußtsein?« »Doch, durchaus.« »Kann er sprechen?« »Ja, wenn auch nur mühsam.« »Nun, dann gehen wir doch zu ihm und beschwören wir ihn im Namen Gottes, vor den er vielleicht schon bald gerufen wird, uns die Wahrheit zu sagen! Soll er Richter in seiner eigenen Sache sein, und was er sagt, will ich glauben!« Herr de La Tremouille überlegte einen Augenblick, aber da sich schwerlich ein vernünftigerer Vorschlag machen ließ, willigte er ein. Als der Verwundete die beiden vornehmen Herren zu sich ins Zimmer treten sah, versuchte er, sich aufzurichten, war aber zu schwach, so daß er, von der Anstrengung ermattet, halb ohnmächtig zurücksank. Herr de La Tremouille trat zu ihm und ließ ihn an einem Salz riechen, das ihn wieder etwas belebte. Treville, der sich nicht nachsagen lassen wollte, er habe den Verwundeten beeinflußt, bat nun den Hausherrn, selber die Fragen zu stellen. Und es kam so, wie er vorausgesehen hatte. Zwischen Tod und Leben schwebend, dachte Bernajoux überhaupt nicht daran, die Wahrheit zu verschweigen, sondern erzählte ehrlich, wie sich die Dinge zugetragen hatten. Das war alles, was Herr de Treville hören wollte. Er wünschte Bernajoux rasche Genesung, verabschiedete sich von Herrn de La Tremouille und kehrte nach Hause zurück, wo er sogleich seine vier Freunde benachrichtigen ließ, daß er sie zum Essen erwarte. Herr de Treville empfing eine Menge Gäste, natürlich lauter Antikardinalisten. Begreiflicherweise drehten sich die Gespräche bei Tisch vornehmlich um die beiden jüngsten Niederlagen der Garden Seiner Eminenz. Und da d’Artagnan der Held dieser zwei Tage war, fielen ihm die meisten Glückwünsche zu, was ihm Athos, Porthos und Aramis nicht nur als gute Kameraden, sondern auch als Männer gönnten, die selber schon oft genug im Mittelpunkt solcher Ovationen gestanden hatten. Gegen sechs Uhr kündigte Herr de Treville an, daß man sich jetzt in den Louvre begeben müsse. Nun war aber die vom 73
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König angesetzte Audienzstunde längst vorüber, und darum benutzte er nicht die kleine Treppe, sondern stellte sich mit seinen vier Schützlingen im Vorzimmer auf. Der König war noch nicht von der Jagd zurück. Unsere Freunde warteten vielleicht seit einer halben Stunde inmitten der anderen Höflinge, als die Türen aufgingen und Seine Majestät gemeldet wurde. Bei dieser Ankündigung erbebte d’Artagnan bis ins innerste Mark. Der nächste Augenblick würde mit größter Wahrscheinlichkeit über sein ganzes Leben entscheiden. Angstvoll waren seine Augen auf die Tür gerichtet, durch die der König eintreten mußte. Endlich erschien Ludwig XIII. an der Spitze seines Gefolges. Er war noch im staubigen Jagdkleid, trug hohe Stiefel und hielt eine Peitsche in der Hand. Auf den ersten Blick erkannte d’Artagnan, daß der König in Gewitterstimmung war. So unverhüllt auch diese schlechte Laune war, so konnte sie die Höflinge doch nicht davon abhalten, wie stets den Weg Seiner Majestät zu umsäumen: In den königlichen Vorzimmern ist es immer noch besser, von einem zornigen Auge als überhaupt nicht gesehen zu werden. Die drei Musketiere zögerten also nicht und traten vor, während d’Artagnan es vorzog, sich hinter ihrem Rücken zu verbergen; aber obwohl der König die drei sogar mit Namen kannte, schritt er vorüber, ohne sie eines Blickes zu würdigen, ohne sie anzusprechen, als hätte er sie nie gesehen. Als er aber flüchtig Herrn de Treville musterte, hielt der seinem Blick so ruhig stand, daß der König wegsehen mußte und sich brummend in seine Gemächer zurückzog. »Die Sache steht schlecht«, sagte Athos lächelnd. »Diesmal wird er uns noch nicht zu seinen Ordensrittern machen.« »Wartet hier zehn Minuten«, sagte Herr de Treville. »Wenn ihr mich bis dahin nicht herauskommen seht, so kehrt wieder um, denn es hätte keinen Zweck, dann noch zu warten!« Die vier jungen Leute warteten zehn Minuten, eine Viertelstunde, zwanzig Minuten, aber der Hauptmann kam nicht wieder zum Vorschein, und so gingen sie endlich in großer Besorgnis weg. Herr de Treville war kühn in das königliche Kabinett eingetreten und hatte Seine Majestät bei übelster Laune, mit dem Peitschengriff an die Stiefelschäfte schlagend, in einem Lehn74
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stuhl angetroffen, was ihn indessen nicht hinderte, sich mit der größten Gelassenheit nach dem Befinden Seiner Majestät zu erkundigen. »Schlecht, sehr schlecht«, antwortete der König. »Ich langweile mich.« Dies war in der Tat die schlimmste Krankheit des dreizehnten Ludwig, der oftmals einen seiner Höflinge beiseite nahm, mit ihm an ein Fenster trat und zu ihm sagte: Kommt, Herr Soundso, langweilen wir uns gemeinsam! »Wie? Eure Majestät langweilen sich? Hatten Majestät heute nicht das Vergnügen, auf Jagd zu gehen?« »Ein feines Vergnügen! Weiß der Himmel, mit allem geht es bergab, und ich frage mich nur, ob das Wild keine Fährte mehr hat oder ob die Hunde keine Nase mehr haben. Da spüren wir einen prächtigen Zehnender auf, jagen ihn sechs Stunden lang, und als er sich endlich stellen will, als Saint-Simon schon das Horn an die Lippen setzt, um das Halali zu blasen – ätsch!, da verschlägt doch die ganze Meute die Spur und setzt einem Spießer nach. Ihr werdet sehen, ich muß zuletzt auch noch auf die Parforcejagd verzichten, wie ich schon der Beize entsagt habe! Ach, Herr de Treville, ich bin ein unglücklicher König, nicht einen Jagdfalken habe ich mehr, der letzte ist mir vorgestern eingegangen.« »Wahrhaftig, Sire, ich begreife Eure Verzweiflung, denn das ist ein großes Unglück. Aber wie mir scheint, bleiben Eurer Majestät doch noch eine ganze Reihe Blindfalken, Sperber und Habichte.« »Und kein Mensch, der sie abrichten könnte! Die Falkner sterben aus, ich bin der einzige, der noch etwas vom Weidwerk versteht. Nach mir wird es mit alledem aus sein, da wird es nur noch Fallen, Schlingen und Gruben geben. Wenn man mir wenigstens die Zeit ließe, um junge Leute anzulernen! Aber da ist der Herr Kardinal, der mir keine ruhige Minute läßt und mir ständig in den Ohren liegt mit seinem Spanien, seinem Österreich, seinem England! Apropos, Herr de Treville, ich bin mit Euch unzufrieden.« Auf diese Wendung hatte Treville gewartet. Er kannte den König seit langem und wußte, daß diese Klagelieder nur eine Einleitung waren, nur ein Versuch, sich selbst Mut zu machen, 75
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und daß er jetzt endlich da war, wo er die ganze Zeit über hingewollt hatte. »Und wodurch war ich so unglücklich. Eurer Majestät zu mißfallen?« fragte Treville, der sich höchst erstaunt stellte. »Versteht Ihr so Euer Amt?« fuhr der König fort, ohne auf diese Frage direkt einzugehen. »Habe ich Euch deshalb zum Hauptmann meiner Musketiere gemacht, damit sie einen Menschen ermorden, ein ganzes Stadtviertel in Aufruhr versetzen und halb Paris niederbrennen wollen, ohne daß Ihr mir ein Wort davon sagt? Aber sicherlich bin ich zu voreilig, sicherlich sitzen die Ruhestörer längst hinter Gittern, und Ihr wollt mir jetzt melden, daß man der Gerechtigkeit Genüge getan hat.« »Im Gegenteil, Sire«, erwiderte unbeirrt Herr de Treville. »Ich komme, um sie von Euch zu erbitten.« »Ach, und gegen wen?« rief der König. »Gegen die Verleumder.« »Das ist ja mal etwas Neues! Wollt Ihr mir etwa sagen, daß Eure drei verwünschten Musketiere Athos, Porthos und Aramis und Euer Kadett aus dem Bearn sich nicht wie die Wilden auf den armen Bernajoux gestürzt, daß sie ihn nicht in einer Weise zugerichtet haben, die sein nahes Ende wahrscheinlich macht? Wollt Ihr mir vielleicht auch einreden, daß sie danach keineswegs das Haus des Herrn de La Tremouille belagert haben, daß sie es keineswegs niederbrennen wollten? Wenn das in Kriegszeiten vermutlich auch kein allzu großes Unglück gewesen wäre, da es ein Hugenottennest ist, so muß es jetzt, mitten im Frieden, doch ein sehr ärgerliches Beispiel geben. Sagt, wollt Ihr das alles abstreiten?« »Und von wem haben Eure Majestät diesen schönen Bericht?« »Von wem habe ich diesen schönen Bericht! Von wem anders wohl als von dem, der wacht, während ich schlafe, der arbeitet, während ich mich vergnüge, der alles lenkt, hier im Königreich und draußen, in Frankreich wie in Europa.« »Majestät sprechen gewiß von Gott, denn ich kenne außer Gott niemand, der so hoch über Euch steht.« »Nein, Treville, ich spreche von der Stütze des Staates, von meinem einzigen Diener und Freund, ich spreche vom Herrn Kardinal.« 76
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»Seine Eminenz ist nicht Seine Heiligkeit, Sire.« »Was wollt Ihr damit sagen?« »Daß nur der Papst unfehlbar ist und daß sich diese Unfehlbarkeit nicht auf seine Kardinäle erstreckt.« »Ihr wollt also sagen, daß er mir etwas vormacht, daß er mich betrügt. Das heißt, Ihr klagt ihn an! Gebt doch offen zu, daß Ihr ihn anklagt!« »Nein, Sire, aber ich sage, daß er sich selbst etwas vormacht, daß er falsch unterrichtet ist. Und ich meine, daß er es sehr eilig hatte, die Musketiere Eurer Majestät zu beschuldigen, gegen die er immer ungerecht ist, und daß er seine Nachrichten nicht aus bester Quelle hat.« »Die Beschuldigung kommt aber vom Herzog de La Tremouille selbst. Was könnt Ihr darauf sagen?« »Ich könnte immerhin antworten, Sire, daß der Herzog in dieser Sache zu sehr Partei ist, um ein unvoreingenommener Zeuge zu sein. Aber ich denke nicht daran, denn ich kenne ihn als einen untadeligen Ehrenmann und unterwerfe mich willig seinem Urteil. Allerdings unter einer Bedingung.« »Und die wäre?« »Daß Eure Majestät ihn herkommen lassen, ihn ohne Zeugen, unter vier Augen, befragen und, wenn der Herzog gegangen ist, mich sogleich wieder empfangen.« »Gut. Und Ihr unterwerft Euch allem, was Herr de La Tremouille sagen wird?« »Ja, Sire.« »Nehmt sein Urteil an und bietet ihm jede Genugtuung, die er verlangt?« »Jede.« »La Chesnaye!« rief der König. »La Chesnaye!« Ludwigs XIII. vertrauter Kammerdiener, der sich immer in der Nähe der Tür aufhielt, trat ein. »La Chesnaye, sorgt doch dafür, daß unverzüglich Herr de La Tremouille geholt wird! Ich will ihn noch heute abend sprechen.« »Eure Majestät geben mir doch Ihr Wort«, sagte Treville, als der Kammerdiener wieder gegangen war, »nach dem Herzog niemand außer mir zu empfangen?« »Mein Wort, niemand!« 77
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»Dann auf morgen, Sire.« »Auf morgen, Hauptmann.« »Zu welcher Stunde befehlen Eure Majestät?« »Wann Ihr wollt.« »Aber wenn ich zu früh komme, fürchte ich, Eure Majestät zu wecken.« »Mich zu wecken? Schlafe ich denn? Ich schlafe längst nicht mehr, allenfalls träume ich manchmal. Kommt nur so früh Ihr wollt, von mir aus um sieben Uhr! Aber macht Euch auf was gefaßt, wenn Eure Musketiere schuldig sind!« »Wenn meine Musketiere schuldig sind, Sire, so werden die Schuldigen ihrem König überantwortet, und Majestät mögen ganz nach Belieben mit ihnen verfahren. Verlangen Eure Majestät sonst noch etwas?« »Nein, nein, man nennt mich nicht ohne Grund Ludwig den Gerechten. Bis morgen also!« Wenn der König schlecht schlief, so schlief Herr de Treville in dieser Nacht noch schlechter. Noch am Abend hatte er den drei Musketieren und ihrem Gefährten ausrichten lassen, sie möchten sich anderntags um halb sieben bei ihm einfinden, und so machte man sich in aller Frühe zu fünft auf den Weg. Treville sagte nichts Bestimmtes, versprach auch nichts und verhehlte keineswegs, daß ihr Glück und selbst das seine von einer Laune des Schicksals abhing. Vor der kleinen Treppe des Louvre angelangt, hieß er die vier unten warten. War der König noch immer aufgebracht, konnten sie sich ungesehen entfernen; war er dagegen bereit, sie zu empfangen, so brauchte man sie nur rufen zu lassen. Als Treville in das Privatvorzimmer des Königs trat, fand er dort La Chesnaye, von dem er erfuhr, daß man den Herzog gestern abend nicht mehr erreicht habe, der vielmehr so spät nach Hause gekommen sei, daß er erst heute morgen den König habe aufsuchen können, bei dem er auch noch im Augenblick weile. Dieser Umstand freute Herrn de Treville nicht wenig, denn nun konnte er sicher sein, daß keine Einflüsterung von dritter Seite sich zwischen die Aussage Tremouilles und seine Audienz beim König schob. In der Tat waren kaum zehn Minuten verstrichen, als die Tür aufging und der Herzog heraustrat. 78
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»Herr de Treville«, sagte er, »Seine Majestät hat mich rufen lassen, um zu erfahren, was sich gestern vor meinem Hause abgespielt hat. Ich habe ihm die Wahrheit gesagt, daß nämlich der Fehler bei meinen Leuten lag und daß ich bereit bin, mich bei Euch zu entschuldigen. Da ich Euch hier treffe, bitte ich Euch, meine Entschuldigung anzunehmen und in mir immer Euern Freund zu sehen.« »Herr Herzog«, erwiderte Treville, »ich hatte so volles Vertrauen in Eure Lauterkeit, daß ich bei Seiner Majestät keinen anderen Verteidiger als Euch haben wollte. Ich sehe, daß ich mich nicht getäuscht habe, und danke Euch, daß es in Frankreich noch einen Mann gibt, von dem man, ohne sich zu irren, sagen kann, was ich von Euch gesagt habe!« »Gut, ausgezeichnet!« rief der König, der durch die offene Tür alles mit angehört hatte. »Nur sagt ihm doch, Treville, da er sich ja Euer Freund nennt, daß auch ich mich gerne zu seinen Freunden zählen würde, aber er vernachlässigt mich! Seit bald drei Jahren hatte ich ihn nicht mehr gesehen, und auch jetzt mußte ich ihn erst holen lassen. Sagt ihm das an meiner Statt, denn so etwas kann ein König nicht selber sagen!« »Danke, Sire!« sagte der Herzog. »Aber Majestät dürfen mir glauben, daß die Leute, die ständig um Euch sind – ich meine damit natürlich nicht Herrn de Treville –, durchaus nicht immer Eure treuesten Diener sind!« »Ach, Ihr habt gehört, was ich sagte? Um so besser, Herzog, um so besser«, sagte der König und erschien auf der Türschwelle. »Wie, Ihr seid allein, Treville? Wo sind Eure Musketiere? Ich hatte Euch doch befohlen, sie herzubringen.« »Sie warten unten, und mit Eurer Erlaubnis kann La Chesnaye sie heraufholen.« »Ja, sie sollen sofort kommen; es geht schon auf acht Uhr, und um neun erwarte ich Besuch. Geht, Herzog, aber vergeßt das Wiederkommen nicht! Und Ihr, Treville, tretet ein!« Der Herzog grüßte und wandte sich zum Gehen. In dem Augenblick, da er die Tür öffnete, erschienen, von La Chesnaye geführt, die drei Musketiere und d’Artagnan oben an der Treppe. »Kommt her, ihr Wackeren!« rief der König. »Ich muß Euch die Leviten lesen!« 79
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Die Musketiere traten unter tiefen Verbeugungen näher; d’Artagnan folgte als letzter. »Zum Teufel auch«, fuhr der König fort, »ihr vier habt in zwei Tagen sieben Gardisten Seiner Eminenz außer Gefecht gesetzt! Das ist zuviel, meine Herren, entschieden zuviel. Wenn ihr so weitermacht, zwingt ihr ja den Kardinal, nach drei Wochen eine völlig neue Leibwache aufzustellen, und mich, die Edikte in aller Schärfe anzuwenden. Ich wollte ja nichts sagen, wenn es nur einer wäre; aber sieben in zwei Tagen, nein, ich wiederhole, das ist entschieden zuviel.« »Majestät sehen ja auch«, sagte Treville, »daß sie ganz zerknirscht und reumütig vor Euch hintreten, um Eure Verzeihung zu erwirken.« »Ganz zerknirscht und reumütig! Hm! Trau einer diesen heuchlerischen Mienen! Und da hinten seh ich gar solch ein Gascognergesicht. Tretet vor, junger Mann!« D’Artagnan begriff, daß er mit diesem Kompliment gemeint war, und näherte sich dem König mit überaus bekümmerter Miene. »Ja, was denn! Spracht Ihr nicht von einem jungen Mann, Treville? Aber das ist ja ein Kind, ein richtiges Kind! Und der hat Jussac so fürchterlich zugesetzt?« »Und Bernajoux nicht minder.« »Wahrhaftig?« »Davon abgesehen«, warf Athos ein, »wäre es mir heute wohl kaum vergönnt, Eurer Majestät meine untertänigste Aufwartung zu machen, wenn er mich nicht Cahusacs Händen entrissen hätte.« »Dann ist dieser Bearner ja ein leibhaftiger Teufel, Treville? Aber bei dem Gewerbe geht einem manches Wams in Fetzen und mancher Degen in Stücke, und die Gascogner sind doch alle arm, oder nicht?« »Ich muß gestehen, Sire«, erwiderte Treville, »daß man in ihren Bergen noch keine Goldminen entdeckt hat, obwohl der liebe Gott dieses Wunder eigentlich ruhig für sie tun könnte, zum Dank für die Treue, mit der sie die Ansprüche Eures königlichen Vaters unterstützt haben.« »Womit gesagt ist, daß die Gascogner auch mich zum König gemacht haben, nicht wahr, Treville? Denn ich bin ja 80
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schließlich der Sohn meines Vaters. Na gut, ich sage da nicht nein. La Chesnaye, schaut doch mal in meinen Taschen nach, ob Ihr nicht irgendwo vierzig Dukaten findet, und wenn ja, so bringt sie mir her! Und nun, junger Mann, Hand aufs Herz, wie hat sich das alles zugetragen?« D’Artagnan erzählte das Abenteuer mit allen Einzelheiten: wie er vor Freude, Seiner Majestät vorgestellt zu werden, nicht habe schlafen können und schon drei Stunden vor der Audienz bei seinen Freunden erschienen sei; wie man sich dann gemeinsam ins Spielhaus begeben habe, wo er alsbald wegen seiner Angst, einen Ball ins Gesicht zu bekommen, von Bernajoux verspottet worden sei, ein Spott, den der Gardist beinahe mit dem Leben und Herr de La Tremouille, der doch mit der ganzen Geschichte gar nichts zu tun hatte, beinahe mit dem Verlust seines Hauses bezahlt hätte. »Stimmt«, murmelte der König, »genauso hat es mir auch der Herzog geschildert. Armer Kardinal! Sieben Mann in zwei Tagen und noch dazu sieben seiner Besten! Aber jetzt ist es genug, ihr Herren, verstanden? Jetzt habt ihr eure Rache für die Rue Ferou und könnt zufrieden sein.« »Wenn Majestät zufrieden sind«, sagte Treville, »sind wir es gewiß.« »Doch, ich bin’s«, entgegnete der König, nahm aus La Chesnayes Hand einige Goldstücke und reichte sie d’Artagnan. »Hier, nehmt das als einen Beweis meiner Zufriedenheit!« Zu jener Zeit hatte man noch einen anderen Begriff von Stolz. Ein Edelmann ließ sich durchaus vom König Geld in die Hand drücken und fühlte sich dabei nicht im geringsten gedemütigt. D’Artagnan steckte also die vierzig Dukaten ohne alle Umstände in die Tasche und dankte mit einer tiefen Verneigung. »So«, sagte der König und schaute auf die Standuhr, »es ist jetzt halb neun, und ihr müßt gehen, denn wie gesagt, um neun Uhr erwarte ich Besuch. Ich danke den Herren für ihre Ergebenheit. Nicht wahr, ich kann immer darauf zählen?« »Oh, Sire!« riefen alle vier wie aus einem Mund. »Für Eure Majestät lassen wir uns in Stücke hauen!« »Gut, gut, aber bleibt lieber ganz! Das macht sich besser, und ihr seid mir so nützlicher. Treville«, fügte der König leise 81
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hinzu, während die anderen sich zurückzogen, »da bei Euern Musketieren keine Stelle frei ist und wir zudem bestimmt haben, daß die Aufnahme bei dieser Truppe nur nach einer Probezeit erfolgen kann, so bringt den jungen Mann doch in der Gardekompanie des Herrn des Essarts, Eures Schwagers, unter! Herrgott noch mal, Treville, ich freue mich schon jetzt auf die Grimasse, die der Kardinal schneiden wird! Er wird toben, aber das ist mir gleich, diesmal bin ich im Recht.« Der König winkte und entließ Treville. Der eilte seinen Musketieren nach, die schon dabei waren, mit d’Artagnan die vierzig Dukaten zu teilen. Der Kardinal war wirklich, wie Seine Majestät vorausgesehen hatte, außer sich. Er war so wütend, daß er sich acht Tage lang nicht beim abendlichen Spiel sehen ließ, was den König nicht abhielt, ihm das freundlichste Gesicht von der Welt zu zeigen und jedesmal, wenn er ihm begegnete, ihn auf das liebenswürdigste zu fragen: »Ach, Herr Kardinal, wie geht es denn Euern wackeren Gardisten, dem armen Bernajoux und dem armen Jussac?«
Das Hauswesen der Musketiere Nach der Audienz im Louvre hielt d’Artagnan sogleich mit seinen Freunden Rat, wie er seinen Anteil an den vierzig Dukaten am besten verwendete. Athos empfahl ihm, ein gutes Mahl im »Tannenzapfen« zu bestellen. Porthos, sich einen Diener zu halten, und Aramis, sich nach einer passenden Geliebten umzutun. Das Gastmahl wurde noch am selben Abend veranstaltet, und auch der Diener wartete dabei schon auf. Athos hatte die Speisenfolge zusammengestellt und Porthos den Diener beschafft. Es war ein Pikarde, den der prahlerische Musketier wenige Stunden zuvor und eigens zu diesem Zweck auf der Tournellebrücke angeworben hatte, wo der gute Mann damit beschäftigt war, ins Wasser zu spucken und die Kreise zu beobachten. Porthos behauptete, eine solche Beschäftigung lasse auf ein kluges, besinnliches Wesen schließen, und so 82
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hatte er ihn ohne weitere Empfehlung mitgenommen. Planchet, so hieß der Pikarde, hatte sich durch das vornehme Aussehen des Edelmannes, in dessen Dienste er zu treten glaubte, bestechen lassen; darum war er etwas enttäuscht, als er die Stelle bereits von einem Kollegen, einem gewissen Mousqueton, besetzt fand und Porthos ihm bedeutete, daß sein Hausstand zwar groß sei, aber nicht zweier Dienstboten bedürfe und daß er deshalb mit Herrn d’Artagnan vorliebnehmen müsse. Als der Pikarde indessen sah, wie sein neuer Herr bei dem von ihm veranstalteten Gastmahl eine ganze Handvoll Geld aus der Tasche zog, glaubte er sein Glück gemacht zu haben und dankte dem Himmel, der ihm einen solchen Krösus beschert hatte; bei dieser Ansicht blieb er auch noch kurz nach dem Festschmaus, als ihn die Reste für ein langes Fasten entschädigten. Als er aber schließlich das Bett seines Herrn herrichten sollte, schwanden alle seine Hoffnungen dahin. In der Wohnung, die aus einem Vorraum und einem Schlafzimmer bestand, gab es nur ein Bett. Planchet mußte im Vorraum auf einer Decke schlafen, die von d’Artagnan stammte und die ihm sein Herr für immer abtrat. Auch Athos hielt sich einen Bedienten, den er auf ganz besondere Weise abgerichtet hatte und der Grimaud hieß. Er war sehr schweigsam, dieser würdige Herr. Wir meinen Athos, wohlverstanden. In den fünf, sechs Jahren, in denen ihn eine innige Freundschaft mit Porthos und Aramis verband, hatten ihn die beiden wohl öfters lächeln sehen; niemals aber hatte er laut gelacht. Er sprach knapp und ausdrucksvoll, sagte immer, was er meinte, aber auch nicht mehr: keine Floskeln, keine Umschreibungen, keine leeren Worte. Seine Rede war stets nur knapper, nüchterner Bericht. Obwohl Athos kaum dreißig Jahre alt und in körperlicher und geistiger Beziehung ein vollendeter Edelmann war, hatte ihn noch keiner mit einer Geliebten gesehen. Nie sprach er von Frauen, und wenn er auch nichts dagegen hatte, wenn man in seiner Gegenwart darüber redete, so war es doch leicht zu merken, daß diese Art der Unterhaltung, zu der er nur gelegentlich ein galliges, menschenverachtendes Wort beisteuerte, ihm überaus zuwider war. Seine Zurückhaltung, sein herbes und wortkarges Wesen ließen ihn zuweilen fast 83
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greisenhaft erscheinen; und um von seinen Gewohnheiten nicht abgehen zu müssen, hatte er Grimaud daran gewöhnt, schon auf eine Geste oder auf eine bloße Bewegung der Lippen zu gehorchen. Nur wenn es ganz unerläßlich war, sprach er auch mit ihm. Manchmal glaubte Grimaud, der seinen Herrn wie das Feuer fürchtete, wiewohl er für seine Person große Anhänglichkeit und für sein Genie große Verehrung empfand, einen Befehl verstanden zu haben, stürzte fort, ihn auszuführen, und tat genau das Verkehrte. Dann zuckte Athos nur die Achseln und verabreichte, ohne dabei im mindesten zornig zu werden, seinem Diener eine Tracht Prügel. An solchen Tagen war er etwas gesprächiger. Wie der Leser wohl schon bemerkt hat, besaß Porthos einen entschieden anders gearteten Charakter. Er redete nicht nur viel, sondern auch laut; dabei machte es ihm wenig aus, dies sei zu seiner Ehre gesagt, ob man ihm zuhörte oder nicht. Er redete, weil ihm das Spaß machte und weil er sich gern reden hörte. Und er redete von allem, nur nicht von wissenschaftlichen Dingen, welche Auslassung er mit einem eingewurzelten Haß erklärte, den er schon seit seiner Kindheit, wie er sagte, gegen alle Gelehrten hatte. Er sah weniger vornehm aus als Athos, und das Gefühl dieser Unterlegenheit ließ ihn zu Beginn ihrer Bekanntschaft oft gegen den anderen ungerecht werden, den er alsbald durch glänzende Kleidung zu übertreffen suchte. Aber auch in seinem einfachen Musketierwams und allein durch die Art, wie er den Kopf in den Nacken warf und den Fuß vorsetzte, nahm Athos sofort wieder den ihm gebührenden Rang ein und verwies den prunksüchtigen Porthos auf den zweiten Platz. Porthos tröstete sich damit, daß er im Vorzimmer des Herrn de Treville und in den Wachstuben des Louvre mit seinem unerhörten Glück bei Frauen prahlte, worüber sich Athos niemals äußerte. Und nachdem er auf diesem Gebiet bereits vom Beamtenadel zum Schwertadel, von der Notarfrau zur Baronin aufgestiegen war, handelte es sich für ihn im Augenblick um nichts Geringeres als um eine ausländische Prinzessin, die nach seinen Worten ganz vernarrt in ihn war. Ein altes Sprichwort sagt: Wie der Herr, so’s Gescherr … 84
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Stellen wir also nach Athos’ Diener Grimaud nun auch Porthos’ Diener Mousqueton vor! Mousqueton war ein Normanne, dessen friedvollen Namen Bonifazius sein Herr in den sehr viel kriegerischer klingenden Namen Mousqueton umgewandelt hatte. Als er in Porthos’ Dienste trat, hatte er lediglich freie Unterkunft und Kleidung, beides allerdings in bester Güte, gefordert und darüber hinaus täglich zwei Stunden für sich, um einem Geschäft nachzugehen, das alle anderen Bedürfnisse decken mußte. Porthos war auf den Handel eingegangen, und die Sache bewährte sich glänzend. Er ließ seinem Diener aus alten Kleidern und Mänteln Anzüge machen, und mit Hilfe eines geschickten Schneiders, der den Röcken durch Wenden zu neuem Glanz verhalf und dessen Frau in dem Geruch stand, Porthos von seinen aristokratischen Neigungen abbringen zu wollen, nahm sich Mousqueton recht stattlich aus, wenn er seinem Herrn folgte. Was Aramis betrifft, dessen Charakter wir bereits hinreichend geschildert zu haben glauben, so hieß sein Diener Bazin. Da sein Herr die Hoffnung hatte, eines Tages in den geistlichen Stand einzutreten, war Bazin immer schwarz gekleidet, wie es sich für den Diener eines Mannes der Kirche gehört. Er stammte aus dem Berry, war etwa fünfunddreißig bis vierzig Jahre alt, sanft, friedfertig und feist, las in den Mußestunden, die ihm sein Herr ließ, fromme Bücher und zauberte notfalls auch für beide ein Essen auf den Tisch, das zwar nur aus wenigen Gängen bestand, aber ausgezeichnet mundete. Im übrigen war er stumm, blind und taub und von unerschütterlicher Treue. Nachdem wir nun, zumindest oberflächlich, Herren und Diener kennen, wollen wir uns ihre Wohnungen ansehen. Athos bewohnte in der Rue Ferou, nicht weit vom Luxembourg, zwei kleine, sehr ordentlich möblierte Zimmer eines Hauses, dessen junge und wirklich hübsche Wirtin ihm vergeblich schöne Augen machte. Einige wenige Überreste vergangener Größe prangten da und dort an den Wänden dieser bescheidenen Behausung. So ein reich verzierter Degen, der seiner Form nach aus der Zeit Franz’ I. stammte und dessen mit kostbaren Steinen besetzter Griff allein zweihundert Dukaten wert sein mochte; dennoch hatte es Athos selbst in der größten Not nicht fertiggebracht, ihn zu verpfänden oder gar 85
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zu verkaufen. Porthos, für den der Besitz dieses Degens lange Zeit Inbegriff aller Wünsche war, hätte mit Freuden zehn Jahre seines Lebens dafür hingegeben. Er versuchte auch einmal, als er zu einer Herzogin geladen war, ihn sich von Athos auszuborgen. Der leerte wortlos seine Taschen, suchte all seine Juwelen, Geldbörsen, goldene Ketten und sonstigen Schmuck zusammen und bot ihm dies alles an; der Degen aber, sagte er, habe seinen unverrückbaren Platz an der Wand, und erst wenn er selber die Wohnung aufgebe, werde er ihn dort herunternehmen. Außer dem Degen besaß Athos noch das Bild eines vornehmen und mit höchster Eleganz gekleideten Herrn aus der Zeit Heinrichs III., der mit dem Orden des Heiligen Geistes geschmückt war; die unverkennbare Ähnlichkeit dieses Porträts mit Athos legte den Schluß nahe, daß jener königliche Ordensritter einer seiner Vorfahren war. Schließlich stand noch ein Kästchen von prachtvoller Goldschmiedearbeit, das mit demselben Wappen wie der Degen und das Porträt geschmückt war, auf dem Kamin, wo es einen schreienden Gegensatz zu der übrigen dürftigen Einrichtung bildete. Den Schlüssel zu diesem Kästchen trug Athos immer bei sich. Als er es aber einmal in Porthos’ Gegenwart öffnete, hatte der sich davon überzeugen können, daß es nur Briefe und Schriftstücke enthielt: gewiß Liebesbriefe und Familienpapiere. Porthos bewohnte ein sehr geräumiges und allem Anschein nach überaus prächtiges Appartement in der Rue du VieuxColombier. Sooft er mit einem Freund oder Bekannten an seiner Wohnung vorüberkam, wo Mousqueton sich stets in großer Livree in einem der Fenster zeigte, deutete er hinauf und sagte lässig: »Da wohne ich!« Doch nie traf man ihn zu Hause an, nie lud er jemand ein, und so konnte sich niemand einen Begriff davon machen, was für Schätze diese prunkvolle Hülle nun tatsächlich barg. Aramis endlich hatte eine kleine Wohnung, die aus einem Ankleideraum, einem Eß- und einem Schlafzimmer bestand, von denen das letztere, wie die ganze Wohnung im Erdgeschoß gelegen, auf ein grünes, schattiges und vor den Blicken der Nachbarn geschütztes Gärtchen hinausging. Wie d’Artagnan wohnte, wissen wir bereits, und auch mit 86
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seinem Diener, Meister Planchet, haben wir schon Bekanntschaft geschlossen. D’Artagnan, der von Natur sehr neugierig war, wie übrigens alle Leute von großer geistiger Beweglichkeit, gab sich alle Mühe, herauszubekommen, wer Athos, Porthos und Aramis in Wirklichkeit waren; denn unter diesen angenommenen Namen verbarg jeder der drei eine adlige Herkunft, die besonders bei Athos ganz augenscheinlich von hohem Rang war. Er wandte sich also an Porthos, um etwas über Athos und Aramis, und an Aramis, um etwas über Porthos zu erfahren. Leider wußte auch Porthos vom Leben seines schweigsamen Kameraden nur das wenige, was davon gerüchtweise bekanntgeworden war. Man erzählte sich, er habe großes Unglück in der Liebe gehabt und ein schändlicher Verrat habe das Leben dieses edlen Jünglings für immer vergiftet. Um was für einen Verrat es sich dabei handelte, vermochte niemand zu sagen. Was Porthos betraf, so ließ sich, abgesehen von seinem wirklichen Namen, der, wie auch die seiner beiden Kameraden, nur Herrn de Treville bekannt war, alles übrige sehr leicht in Erfahrung bringen. Da er eitel und geschwätzig war, konnte man durch ihn wie durch ein Stück Glas schauen. Die einzige Gefahr dabei war, daß man alles, was er von sich Rühmliches zu sagen wußte, für bare Münze nahm. Aramis hingegen sah zwar so aus, als habe er nichts zu verbergen, steckte jedoch voller Geheimnisse. Auf Fragen über andere antwortete er zurückhaltend, auf solche nach seiner eigenen Person ausweichend. Als d’Artagnan ihn eines Tages des langen und breiten über Porthos ausgeforscht und bei dieser Gelegenheit auch jenes Gerücht von der ausländischen Prinzessin erfahren hatte, wollte er schließlich wissen, wie es denn nun eigentlich mit den Liebesabenteuern des schönen Aramis bestellt sei. »Und was ist mit Euch, guter Freund, der Ihr mir so viel von den Baroninnen, Gräfinnen und Prinzessinnen der anderen zu sagen wißt?« »Verzeihung«, unterbrach ihn Aramis, »ich habe nur erzählt, was Porthos selber erzählt und woraus er ja auch kein Geheimnis macht. Denn glaubt mir, lieber d’Artagnan, wüßte ich diese Dinge aus einer anderen Quelle oder hätte er sie mir 87
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anvertraut, er hätte keinen verschwiegeneren Beichtvater als mich finden können.« »Daran zweifle ich nicht«, erwiderte d’Artagnan, »aber mir will scheinen, daß auch Euch gewisse Wappen nicht unvertraut sind, wie ein besticktes Taschentuch bezeugen könnte, dem ich die Ehre Eurer Bekanntschaft verdanke.« Diesmal wurde Aramis nicht böse, sondern antwortete freundlich und bescheiden: »Vergeßt nicht, mein Lieber, daß ich Geistlicher werden will und alle weltlichen Gelegenheiten meide. Jenes Taschentuch gehörte keineswegs mir, sondern einem meiner Freunde, der es bei mir liegengelassen hatte. Ich mußte es aufheben, um ihn und die Dame, die er liebt, nicht zu kompromittieren. Ich selber habe keine Geliebte und will auch keine haben; ich folge hierin dem sehr vernünftigen Beispiel von Athos, der ebenfalls keine hat.« »Aber zum Teufel! Noch seid Ihr nicht Abbé, sondern Musketier.« »Musketier ad interim, wie der Kardinal sagt, einstweiliger und unfreiwilliger Musketier, mein Lieber, doch im Herzen, glaubt mir das, immer noch ein Mann der Kirche! Athos und Porthos haben mich in diesen Rock gesteckt, um mich zu beschäftigen; gerade, als ich meine Priesterweihe bekommen sollte, hatte ich eine kleine … aber das wird Euch kaum interessieren, und ich raube Euch nur kostbare Zeit.« »Im Gegenteil, das interessiert mich außerordentlich«, rief d’Artagnan, »und ich habe im Augenblick auch gar nichts Besonderes vor!« »Ja, aber ich muß mein Brevier lesen«, versetzte Aramis. »Auch muß ich noch ein kleines Gedicht verfertigen, um das mich Madame d’Aiguillon gebeten hat, und schließlich muß ich in die Rue Saint-Honoré, um Rouge für Madame de Chevreuse zu kaufen. Ihr seht also, mein lieber Freund, sowenig Euch die Zeit drängt, so knapp ist die meine bemessen!« Damit reichte er seinem jungen Gefährten freundlich die Hand und verabschiedete sich. Mehr konnte d’Artagnan über seine drei neuen Freunde nicht erfahren, sosehr er sich auch darum bemühte. Deshalb nahm er sich vor, fürs erste alles zu glauben, was man über sie 88
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sagte, in der Hoffnung, die Zukunft werde ihm schon mehr und Genaueres über sie offenbaren. Einstweilen war Athos für ihn ein Achill, Porthos ein Ajax und Aramis ein Josef. Im übrigen führten die vier jungen Leute ein lustiges Leben. Athos spielte oft, hatte aber immer Pech. Allerdings nahm er nie die Börse seiner Freunde in Anspruch, obwohl ihnen die seine stets zu Diensten stand; und hatte er auf Ehrenwort gespielt, so meldete er sich bestimmt schon um sechs Uhr am anderen Morgen bei seinem Gläubiger, um seine Schulden zu bezahlen. Porthos war viel unbeherrschter; gewann er, so war er übermütig und freigebig, verlor er indessen, so ließ er sich tagelang nicht mehr blicken, bis er endlich, blaß und mürrisch, doch mit voller Börse wieder zum Vorschein kam. Aramis spielte nie. Er war wirklich der schlechteste Musketier und der schlimmste Tischgenosse, den man sich denken konnte. Immer hatte er etwas zu tun. Saß man etwa beim Wein in angeregter Unterhaltung beisammen und dachte noch nicht im entferntesten an Aufbruch, so zog Aramis unvermittelt seine Uhr, erhob sich mit dem liebenswürdigsten Lächeln und empfahl sich, um, wie er sagte, noch einen Theologen aufzusuchen, mit dem er verabredet sei. Ein andermal ging er nach Hause, um ein Traktat zu schreiben, und bat seine Freunde, ihn nicht zu stören. Dann lächelte Athos wohl auf seine melancholische Weise, die ihm so gut zu Gesicht stand, während Porthos einen tiefen Schluck nahm und schwor, Aramis würde nie etwas anderes als ein Landpfarrer werden. D’Artagnans Diener Planchet trug sein Glück mit Würde; er bekam täglich dreißig Sous, und einen Monat lang war er munter wie ein Buchfink und zeigte sich seinem Herrn sehr ergeben. Als jedoch ein anderer Wind in der Rue des Fossoyeurs zu wehen begann, als nämlich die königlichen Dukaten nahezu aufgezehrt waren, fing er zu jammern an, was Athos ekelhaft, Porthos unverschämt und Aramis lächerlich fand. Athos riet d’Artagnan, dem Kerl den Laufpaß zu geben. Porthos fand, er solle ihn vorher durchprügeln, und Aramis meinte, ein Herr dürfe überhaupt nur für die Schmeicheleien seines Dieners Ohren haben. 89
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»Ihr habt gut reden«, versetzte d’Artagnan. »Ihr, Athos, lebt wie ein Stummer mit Euerm Grimaud, dem Ihr das Sprechen verboten habt und der Euch daher nie etwas Häßliches sagen kann; Ihr, Porthos, führt ein prächtiges Leben und seid daher in den Augen Eures Mousqueton ein halber Gott; und Ihr endlich, Aramis, seid immer mit Euern theologischen Studien beschäftigt und flößt daher Euerm Bazin, der ein sanfter und frommer Mensch ist, größten Respekt ein. Wie aber soll ich, der ich weder Besitz noch Einkünfte habe, der ich weder Musketier noch Gardist bin, diesem Planchet Liebe, Furcht oder Achtung abnötigen?« »Die Sache ist schwierig«, sagten die drei Freunde, »gewissermaßen eine häusliche Angelegenheit. Es ist mit den Dienern wie mit den Frauen, man muß sie sofort dahin bringen, wo man sie hinhaben will. Denkt mal darüber nach!« D’Artagnan dachte darüber nach und kam zu dem Entschluß, Planchet zunächst einmal tüchtig durchzubleuen, was er auch mit der ihm eigenen Gründlichkeit besorgte. Dann verbot er ihm, ohne seine Erlaubnis den Dienst aufzugeben. »Denn«, fügte er hinzu, »die Zukunft kann mich nicht enttäuschen. Ich erwarte mit Bestimmtheit bessere Zeiten. Dein Glück ist also gemacht, wenn du bei mir bleibst, und da ich ein guter Herr bin und nicht will, daß du dir dein Glück entgehen läßt, kann ich leider deiner Bitte um Entlassung nicht entsprechen.« Dieses Verfahren erfüllte die Musketiere mit hoher Achtung vor d’Artagnans Findigkeit. Auch Planchet konnte seine Bewunderung nicht verhehlen und sprach nicht mehr vom Fortgehen. D’Artagnan, der ohne feste Gewohnheiten aus der Provinz in eine ihm ganz neue Welt geraten war, nahm bald die Gewohnheiten seiner Freunde an. Man stand im Winter gegen acht, im Sommer schon gegen sechs Uhr auf und ging dann zu Herrn de Treville, um sich nach der Losung und dem Stand der Dinge zu erkundigen. Obwohl d’Artagnan kein Musketier war, machte er doch mit rührender Pünktlichkeit ihren Dienst mit, und da er, sooft einer seiner drei Freunde auf Posten zog, diesem Gesellschaft leistete, sah man ihn fast ständig auf der Wache. Im Haus der Musketiere kannte ihn jeder und behandelte 90
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ihn wie einen guten Kameraden. Herr de Treville, der ihn immer mehr schätzte und ihm eine ehrliche Zuneigung entgegenbrachte, hörte nicht auf, ihn dem König zu empfehlen. Die drei Musketiere hatten ihn fest in ihr Herz geschlossen. Die Freundschaft, die diese vier Männer verband, und das Bedürfnis, sich jeden Tag drei-, viermal zu sehen, sei es wegen eines Duells, sei es aus dienstlichen Gründen oder auch nur zu ihrem Vergnügen, all das bewirkte, daß sie ständig hintereinander herliefen wie Schatten, und immer wieder sah man die Unzertrennlichen, wie einer den anderen vom Luxembourg bis zum Place Saint-Sulpice, von der Rue de Vieux-Colombier bis zum Luxembourg suchte. Inzwischen gingen die Versprechungen des Herrn de Treville nach und nach in Erfüllung. Eines schönen Tages befahl der König dem Chevalier des Essarts, d’Artagnan als Kadett in seine Gardekompanie aufzunehmen. Seufzend zog der Gascogner diese Uniform an, die er liebend gern für zehn Jahre seines Lebens gegen den Musketierrock eingetauscht hätte. Aber Herr de Treville stellte ihm auch diese Gunst in Aussicht, sobald er eine zweijährige Probezeit hinter sich habe, die überdies auch noch abgekürzt werden könne, wenn sich d’Artagnan eine Gelegenheit bot, dem König einen besonderen Dienst zu erweisen oder eine glänzende Waffentat zu vollbringen. D’Artagnan tröstete sich mit dieser Aussicht und trat schon am nächsten Tag seinen Dienst an. Nun war es an Athos, Porthos und Aramis, dem Gascogner auf der Wache Gesellschaft zu leisten. Die Kompanie des Herrn des Essarts hatte an dem Tag, als sie d’Artagnan aufnahm, nicht einen, sondern vier Mann gewonnen.
Eine Hofintrige Inzwischen hatten die vierzig Dukaten des Königs, wie alle Dinge dieser Welt, nach einem Anfang auch ein Ende genommen, und seit diesem Ende saßen unsere vier Freunde ziemlich in der Klemme. Zuerst noch hatte Athos eine Zeitlang die Gesellschaft aus eigenen Mitteln unterstützt. Ihm 91
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folgte Porthos, dem es gelang, nachdem er wie üblich ein paar Tage von der Bildfläche verschwunden war, fast zwei Wochen hindurch für alle Bedürfnisse aufzukommen. Und schließlich opferte sich auch Aramis bereitwillig und schaffte durch den Verkauf seiner theologischen Bücher – so sagte er wenigstens – ein paar Dukaten zur Stelle. Man nahm nun, wie gewöhnlich, seine Zuflucht zu Herrn de Treville, der ihnen einen Vorschuß auf ihren Sold bewilligte. Aber damit konnten natürlich drei Musketiere, die schon mit vielen alten Rechnungen im Rückstand waren, und ein Gardist, der überhaupt nichts hatte, nicht weit kommen. Schon sah man den letzten Rest zusammenschmelzen, da brachte man mit aller Anstrengung noch einmal etwa zehn Dukaten auf, und Porthos wagte ein Spiel. Leider hatte er einen schlechten Tag: Er verlor alles und überdies noch fünfundzwanzig Dukaten auf Ehrenwort. Jetzt wurde die Knappheit empfindlich, und man sah die vier, ausgehungert und von ihren Dienern gefolgt, ständig unterwegs, um sich von ihren Freunden und Bekannten so oft wie möglich zum Essen einladen zu lassen. Nach Aramis’ Rat mußte man nämlich in guten Zeiten nach rechts und links Einladungen austeilen, um in schlimmen Tagen dafür freigehalten zu werden. Athos wurde viermal eingeladen und brachte jedesmal seine Freunde und ihre Diener mit. Porthos ergatterte sechs solche Gelegenheiten, an denen er natürlich gleichfalls seine Kameraden teilnehmen ließ; Aramis schaffte es auf acht; er war, wie man wohl schon bemerkt haben wird, ein Mann, der wenig Aufhebens machte, aber viel zuwege brachte. D’Artagnan, der noch keine Bekannten in der Hauptstadt hatte, konnte nur ein Schokoladenfrühstück bei einem Priester aus seiner Heimat und ein Mittagessen bei einem Kornett der Garde auftreiben. Er führte seine Armee zu dem Priester, bei dem man die Vorräte für die nächsten zwei Monate verschlang, und zu dem Kornett, der ein märchenhaftes Mahl auftischte; aber, wie Planchet bemerkte, ißt man stets nur einmal, auch wenn man noch soviel ißt. D’Artagnan empfand es als ziemlich beschämend, daß er seinen Freunden nur eine und eine halbe Mahlzeit bieten 92
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konnte (denn das Frühstück bei dem Priester konnte nicht als richtiges Essen gelten). Er glaubte sich in der Schuld der anderen, da er in seiner jugendlichen Einfalt vergaß, daß er die ganze Gesellschaft einen Monat lang unterhalten hatte, und sogleich begann sein reger Geist auf Abhilfe zu sinnen. Er sagte sich, daß dieser Bund von vier jungen, tapferen und unternehmungslustigen Männern ein anderes Ziel haben müsse als lahme Spaziergänge, Fechtstunden und mehr oder weniger geistreiche Witze. Wirklich müßten sich vier Männer wie sie, die jederzeit bereit waren, mit Leib und Leben füreinander einzustehen, vier Männer, die vor nichts zurückschreckten, die einzeln oder vereint die gemeinsam gefaßten Pläne in die Tat umsetzten, offen oder heimlich, mit List oder mit Gewalt, unweigerlich zu jedem Ziel durchkämpfen, das sie erreichen wollten, mochte es auch noch so fern, noch so gut verteidigt sein. D’Artagnan wunderte sich lediglich, daß seine Freunde noch nicht daran gedacht hatten. Er allerdings dachte daran und zerbrach sich wirklich den Kopf, wie man dieser vereinten Kraft eine bestimmte Richtung geben könnte, wobei er überzeugt war, daß sich damit die Welt ebenso aus den Angeln heben ließ wie mit dem Hebel des Archimedes – da klopfte es leise an seine Tür. D’Artagnan weckte Planchet und hieß ihn öffnen. Aus der Bemerkung, daß d’Artagnan Planchet weckte, möge der Leser jedoch nicht schließen, daß sich dieser Vorgang zur Nachtzeit abspielte. Beileibe nicht! Es hatte gerade vier Uhr geschlagen, nachmittags, versteht sich. Vor zwei Stunden hatte Planchet seinen Herrn nach dem Essen gefragt und war mit dem Sprichwort abgespeist worden: »Wer schläft, der ißt.« Und Planchet aß also, indem er schlief. Ein Mann, der ziemlich einfältig und wie ein Bürger aussah, wurde hereingeführt. Planchet hätte als Nachtisch gern die Unterhaltung genossen, aber der Bürger erklärte d’Artagnan, er habe ihm etwas Wichtiges und Vertrauliches mitzuteilen, weshalb er ihn unter vier Augen zu sprechen wünsche. D’Artagnan ließ seinen Diener abtreten und bot seinem Besucher einen Stuhl an. Einen Augenblick herrschte Schweigen, und die beiden Männer sahen sich an, als wollten sie so eine 93
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vorläufige Bekanntschaft schließen, dann neigte sich d’Artagnan leicht vor, zum Zeichen, daß er ganz Ohr sei. »Ich habe von Herrn d’Artagnan als von einem sehr wackeren jungen Mann reden hören, und dieser durchaus begründete Ruf bestimmt mich, ihm ein Geheimnis anzuvertrauen.« »Sprecht nur, mein Herr, sprecht!« sagte d’Artagnan, der instinktiv eine günstige Gelegenheit witterte. Der Bürger machte eine neuerliche Pause und fuhr dann fort: »Meine Frau ist Wäschebeschließerin bei der Königin, und es fehlt ihr weder an Klugheit noch an Schönheit. Man hat mich vor drei Jahren bewogen, sie ungeachtet ihres geringen Vermögens zu heiraten, denn Herr de La Porte, der Mantelträger der Königin, ist ihr Pate und ihr Beschützer …« »Und weiter?« »Und weiter?« versetzte der Bürger. »Gestern morgen ist meine Frau entführt worden.« »Und von wem?« »Ich weiß nichts Bestimmtes, aber ich habe jemand im Verdacht.« »Und gegen wen richtet sich Euer Verdacht?« »Gegen einen Mann, der sie schon eine geraume Zeit verfolgt.« »Donnerwetter!« »Aber wenn ich mir die Bemerkung erlauben darf, so scheint mir hier weniger die Liebe als die Politik ihre Hand im Spiel zu haben.« »Die Politik?« wiederholte d’Artagnan nachdenklich. »Habt Ihr denn eine bestimmte Vermutung?« »Ich weiß nicht, ob ich Euch meine Vermutungen offen …« »Mein Herr, ich darf Euch darauf hinweisen, daß nicht ich etwas von Euch will. Ihr seid zu mir gekommen. Ihr wart es, der mir ein Geheimnis anvertrauen wollte. Tut also, was Euch richtig dünkt! Noch habt Ihr Zeit, Euch zurückzuziehen.« »Nein, nein! Ihr scheint mir ein ehrlicher junger Mann, und ich habe Vertrauen zu Euch. Gut denn, ich vermute, daß man meine Frau nicht wegen eigener Liebschaften, sondern wegen der Liebschaften einer sehr viel vornehmeren Dame festhält.« »Ach so, hängt es etwa mit den Liebschaften der Madame 94
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de Bois-Tracy zusammen?« warf d’Artagnan ein, der sich dem Bürgersmann gegenüber den Anschein geben wollte, er wisse über alle Affären am Hof Bescheid. »Höher, mein Herr, höher!« »Der Madame d’Aiguillon?« »Noch höher!« »Der Madame de Chevreuse?« »Noch viel höher!« »Doch nicht der …?« D’Artagnan stockte. »Doch«, flüsterte kaum vernehmlich der verstörte Bürger. »Und mit wem?« »Mit wem anders als dem Herzog von …« »Mit dem Herzog von …« »Ja«, hauchte der Bürger fast tonlos. »Aber woher wißt Ihr das alles?« »Woher ich das weiß?« »Ja, woher Ihr das wißt. Kein halbes Vertrauen, sonst … Ihr versteht mich?« »Ich weiß es von meiner Frau, von ihr selbst.« »Und sie, von wem weiß sie es?« »Von Herrn de La Porte. Sagte ich nicht, daß sie sein Patenkind ist und Herr de La Porte der Vertraute der Königin? Nun, er hat sie bei Ihrer Majestät untergebracht, damit unsere arme Königin wenigstens einen Menschen hat, auf den sie sich verlassen kann, da sie vom König vernachlässigt, vom Kardinal bespitzelt und von allen andern verraten wird.« »Ah, jetzt sehe ich schon klarer!« »Vor vier Tagen war nun meine Frau bei mir, denn da sie mich sehr liebt, hat sie sich ausbedungen, daß sie mich zweimal in der Woche besuchen darf. Meine Frau war also bei mir und hat mir anvertraut, daß die Königin augenblicklich in großen Ängsten schwebt.« »Wirklich?« »Ja, der Kardinal verfolgt sie anscheinend mehr denn je. Er kann ihr die Geschichte mit der Sarabande nicht verzeihen. Ihr kennt doch die Geschichte mit der Sarabande?« »Na und ob ich die kenne!« entgegnete d’Artagnan, der keine blasse Ahnung hatte, aber so tat, als wisse er genau, worum es sich handelte. 95
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»Das heißt, es ist jetzt nicht mehr nur Haß, sondern vor allem Rachsucht.« »Tatsächlich?« »Und die Königin nimmt an …« »Ja? Was nimmt die Königin an?« »Sie nimmt an, daß man in ihrem Namen an den Herzog von Buckingham geschrieben hat.« »Im Namen der Königin?« »Ja, um ihn nach Paris zu locken und ihm hier eine Falle zu stellen.« »Teufel noch mal! Aber was hat Eure Frau mit der ganzen Angelegenheit zu schaffen?« »Man kennt ihre Ergebenheit für die Königin, und darum will man sie von ihrer Gebieterin entfernen, will sie einschüchtern, um die Geheimnisse Ihrer Majestät zu erfahren, oder bestechen, um sich ihrer als Spionin zu bedienen.« »Das ist wahrscheinlich«, sagte d’Artagnan. »Aber Ihr kennt den Mann, der sie entführt hat?« »Ich sagte, daß ich ihn zu kennen glaube.« »Sein Name?« »Den weiß ich ja eben nicht; ich weiß leider nur, daß er eine Kreatur des Kardinals und ihm mit Leib und Seele ergeben ist.« »Doch Ihr habt ihn gesehen?« »Ja, meine Frau hat ihn mir einmal gezeigt.« »Wie sieht er denn aus?« »Oh, er sieht sehr hochmütig aus, und er hat schwarzes Haar, ein bleiches Gesicht, stechende Augen und eine Narbe an der Schläfe.« »Eine Narbe an der Schläfe!« rief d’Artagnan. »Und dazu die stechenden Augen, das bleiche Gesicht und das hochfahrende Wesen, das kann nur mein Mann aus Meung sein!« »Euer Mann, sagt Ihr?« »Ja, ja, aber das tut nichts zur Sache, oder nein, im Gegenteil, es vereinfacht sie sogar; denn wenn Euer Mann auch der meine ist, kann ich auf einen Schlag doppelte Rache nehmen. Nur, wo finde ich ihn?« »Das weiß ich leider nicht.« »Ihr habt keine Ahnung, wo er wohnt?« 96
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»Nein, nicht die geringste. Einmal habe ich meine Frau zum Louvre zurückbegleitet, da kam er gerade heraus, und sie hat ihn mir gezeigt.« »Teufel! Teufel!« murmelte d’Artagnan. »All das ist reichlich unbestimmt. Von wem habt Ihr denn die Entführung Eurer Frau erfahren?« »Von Herrn de La Porte.« »Hat er Euch keine näheren Umstände mitgeteilt?« »Er wußte selber nichts.« »Und auch von anderer Seite habt Ihr nichts gehört?« »Doch, ich bekam …« »Was bekamt Ihr?« »Ja, ich weiß nicht, ob es nicht sehr unvorsichtig von mir ist …« »Fangt Ihr wieder davon an? Diesmal muß ich Euch allerdings sagen, daß es für einen Rückzug schon zu spät ist.« »Aber ich will ja auch gar nicht zurück, Herr des Himmels!« fluchte der Bürger, um sich selber Mut zu machen. »Übrigens, so wahr ich Bonacieux heiße …« »Ihr heißt Bonacieux?« »Ja, gewiß.« »Entschuldigt, daß ich Euch unterbrochen habe, aber mir schien der Name nicht unbekannt.« »Das ist schon möglich, gnädiger Herr. Ich bin Euer Hauswirt.« »Ach«, sagte d’Artagnan und verneigte sich leicht, »Ihr seid mein Hauswirt?« »Ja, gnädiger Herr. Und da ich Euch in all den Monaten, die Ihr bei mir wohnt und in denen Ihr durch Eure wichtigen Geschäfte zweifellos so in Anspruch genommen wart, daß Ihr den Mietzins zu entrichten vergaßt, da ich Euch, sage ich, in dieser ganzen Zeit niemals gedrängt habe, kam mir der Gedanke, Ihr würdet meine Rücksicht vielleicht zu schätzen wissen.« »Gewiß doch, mein lieber Herr Bonacieux«, erwiderte d’Artagnan, »und seid versichert, daß ich Euch dafür sehr verbunden bin! Und wie gesagt, wenn ich Euch in irgendeiner Sache dienlich sein kann …« »Ich glaube Euch, gnädiger Herr, ich glaube Euch, und wie 97
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ich schon eben bemerken wollte: So wahr ich Bonacieux heiße, ich habe volles Vertrauen zu Euch!« »Dann fahrt nur in Euerm Bericht fort!« Der Hauswirt zog indessen wortlos ein Papier aus der Tasche und reichte es d’Artagnan. »Ein Brief?« »Den ich heute morgen bekommen habe.« D’Artagnan faltete ihn auseinander, trat, da es bereits dämmrig wurde, ans Fenster und las: »Sucht Eure Frau nicht! Sie wird Euch zurückgebracht, sobald man ihrer nicht mehr bedarf. Unternehmt Ihr jedoch nur einen einzigen Schritt, um sie aufzufinden, so seid Ihr verloren.« »Das ist eindeutig«, sagte d’Artagnan. »Aber alles in allem ist es nur eine Drohung.« »Das ja, aber diese Drohung erschreckt mich. Ich bin nun einmal kein Mann des Degens, gnädiger Herr, und ich habe Angst vor der Bastille.« »Hm, nach der Bastille zieht es mich ebensowenig wie Euch. Das mit dem Degen mag ja angehen.« »Und ich hatte so sehr auf Eure Hilfe gebaut!« »Wirklich?« »Ja, ich sah Euch doch fast immer in Gesellschaft stattlicher Musketiere und merkte wohl, daß es Musketiere des Herrn de Treville und folglich Feinde des Kardinals waren, und da habe ich mir gedacht, Ihr und Eure Freunde, ihr wäret gewiß mit Vergnügen bereit, unserer armen Königin zu ihrem Recht zu verhelfen und gleichzeitig Seiner Eminenz eins auszuwischen.« »Unbedingt.« »Und dann dachte ich auch, dieweil Ihr mir seit vier Monaten die Miete schuldig seid, ohne daß ich je davon gesprochen habe …« »Ja, ja, diesen Grund habt Ihr mir bereits genannt, und ich finde ihn ganz vortrefflich.« »Da ich ferner bereit wäre, solange Ihr mir die Ehre erweist, bei mir zu wohnen, nie mehr ein Wort über die Miete zu verlieren …« »Ausgezeichnet …« »Schließlich könnte ich Euch, sofern Ihr im Augenblick 98
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gerade nicht sehr flüssig seid, was ich allerdings für unwahrscheinlich halte, mit einigen fünfzig Dukaten unter die Arme greifen.« »Großartig! Aber da seid Ihr ja ein reicher Mann, mein lieber Herr Bonacieux!« »Es geht mir leidlich, möchte ich sagen. Ich habe an die zwei-, dreitausend Taler zusammengespart, die mir mein Geschäft und besonders die letzte Reise des berühmten Seefahrers Jean Mocquet, an der ich finanziell beteiligt war, eingebracht haben, und so könnt Ihr Euch wohl denken … Himmel, was sehe ich!« »Was denn?« »Da unten!« »Wo?« »Auf der Straße, genau gegenüber, dort in der Türnische – der Mann im Mantel!« »Er ist es!« riefen d’Artagnan und der Hauswirt wie aus einem Munde; beide hatten gleichzeitig ihren Mann erkannt. »Ah«, schrie d’Artagnan, »diesmal entkommt er mir nicht!« Damit griff er nach seinem Degen, riß ihn aus der Scheide und stürmte hinaus. Auf der Treppe begegneten ihm Athos und Porthos, die ihn besuchen wollten. Sie konnten gerade noch beiseite springen, als er wie ein Pfeil vorüberschoß. »Aber wo rennst du denn hin?« riefen sie ihm nach. »Der Mann aus Meung!« antwortete d’Artagnan und war im nächsten Augenblick verschwunden. Er hatte den Freunden schon wiederholt von seinem Abenteuer mit dem Unbekannten erzählt wie auch von dem plötzlichen Auftauchen der schönen Dame, der jener eine so wichtige Sendung anvertraut hatte. Athos war der Ansicht, daß d’Artagnan den Brief bei der Schlägerei verloren haben müsse; ein Edelmann – und nach d’Artagnans Schilderung konnte es sich nur um einen solchen handeln – würde sich niemals so weit erniedrigen, einen Brief zu stehlen. Porthos sah in alledem nur ein verliebtes Stelldichein, das d’Artagnan mit seinem gelben Klepper gestört hatte. Aramis endlich meinte, derartige geheimnisvolle Dinge sollte man lieber gar nicht zu ergründen suchen. Athos und Porthos wußten also bei d’Artagnans kurzem Zuruf sofort, worum es sich handelte, und da sie sich sagten, 99
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daß ihr Freund, ob er nun den Unbekannten stellte oder abermals aus den Augen verlor, schon irgendwann wieder nach Hause kommen würde, setzten sie ihren Weg über die Treppe fort. Als sie in d’Artagnans Zimmer traten, war es leer: aus Furcht vor den Folgen des zu erwartenden Zusammenstoßes zwischen dem jungen Mann und dem Unbekannten hatte es der Hauswirt, ganz im Sinne seiner trefflichen Selbsteinschätzung, für klüger gehalten, das Weite zu suchen.
D’Artagnan entwickelt sich Wie es Athos und Porthos vorausgesehen hatten, kehrte d’Artagnan nach einer halben Stunde zurück. Auch diesmal hatte er seinen Mann verfehlt, der plötzlich wie weggezaubert schien. D’Artagnan war mit dem Degen in der Hand durch alle Straßen der Nachbarschaft gelaufen, ohne eine Spur des Gesuchten zu finden, und klopfte schließlich, was er vielleicht gleich hätte tun sollen, an die Tür, vor der der Unbekannte gestanden hatte. Vergeblich schlug er wohl ein dutzendmal mit dem Klopfer gegen die Tür, niemand antwortete, und einige Nachbarn, die auf den Lärm hin ihre Nasen zur Tür oder zum Fenster hinaussteckten, versicherten ihm, daß dieses Haus, dessen Fenster übrigens alle geschlossen waren, schon seit einem halben Jahr völlig unbewohnt sei. Während d’Artagnan durch die Straßen lief und an fremde Türen klopfte, hatte sich Aramis gleichfalls in der Rue des Fossoyeurs eingefunden, so daß der Gascogner bei seiner Rückkehr die Freunde vollzählig versammelt fand. »Na, wie?« fragten die drei, als sie d’Artagnan schweißgebadet und sichtlich ergrimmt eintreten sahen. »Na wie!« äffte er sie nach und schleuderte den Degen aufs Bett. »Dieser Kerl muß der Teufel in Person sein; er hat sich wie ein Spuk verflüchtigt, wie ein Geist, wie ein Gespenst!« »Glaubt Ihr an Erscheinungen?« fragte Athos den Porthos. »Ich? Ich glaube nur, was ich sehe, und da ich noch keine Erscheinung gesehen habe, glaube ich auch nicht daran.« 100
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»Die Bibel«, wandte Aramis ein, »macht es uns zur Pflicht, daran zu glauben. ›Der Geist Samuels erschien dem Saul‹ – das ist ein Glaubensartikel, und es wäre mir sehr verdrießlich, Euch daran zweifeln zu sehen, Porthos!« »Ob Mensch oder Teufel, Täuschung oder Wirklichkeit, dieser Mann ist auf jeden Fall zu meinem Verderben geboren, denn seine Flucht bringt uns um ein glänzendes Geschäft, bei dem es hundert Dukaten und vielleicht noch mehr zu verdienen gibt.« »Wieso?« fragten Porthos und Aramis, während sich der schweigsame Athos damit begnügte, d’Artagnan fragend anzublicken. »Planchet«, sagte der zu seinem Diener, der soeben den Kopf durch die halboffene Tür steckte, um ein paar Brocken der Unterhaltung aufzuschnappen, »geh rasch zu unserm Hauswirt, Herrn Bonacieux, hinunter und sag ihm, er soll uns ein halbes Dutzend Flaschen Beaugency heraufschicken, den mag ich am liebsten.« »Oho! Ihr habt wohl unbegrenzten Kredit bei Euerm Hauswirt?« fragte Porthos. »Ja«, antwortete d’Artagnan, »von heute an, und seid unbesorgt, wenn sein Wein nichts taugt, muß er uns andern herbeischaffen!« »So etwas soll man gebrauchen, aber nicht mißbrauchen«, sagte Aramis. »Ich habe ja immer gesagt, d’Artagnan ist der klügste Kopf von uns allen«, bemerkte Athos und fiel alsbald wieder in sein gewohntes Schweigen zurück. »Aber sagt, was steckt denn nun eigentlich hinter alledem?« wollte Porthos wissen. »Ja«, bat auch Aramis, »vertraut es uns an, lieber Freund, wenn nicht gerade die Ehre einer Dame auf dem Spiel steht, in welchem Fall Ihr das Geheimnis besser für Euch behaltet!« »Keine Sorge!« erwiderte d’Artagnan. »Was ich euch zu sagen habe, verletzt niemandes Ehre.« Und nun erzählte er seinen Freunden Wort für Wort, was sich zwischen ihm und seinem Hauswirt zugetragen hatte und wie sich der Mann, der die Frau des biederen Bürgers entführt hatte, als derselbe entpuppt 101
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habe, mit dem er in der Herberge des »Freimüllers« zusammengestoßen war. »Der Handel ist nicht übel«, sagte Athos, nachdem er den Wein mit Kennermiene gekostet und durch ein Kopfnicken zu verstehen gegeben hatte, daß er ihn vortrefflich fand. »Man könnte dabei den guten Mann sicherlich um fünfzig oder sechzig Dukaten erleichtern. Fragt sich nur, ob es sich lohnt, für fünfzig oder sechzig Dukaten vier Köpfe aufs Spiel zu setzen.« »Aber bedenkt doch«, rief d’Artagnan, »daß es dabei auch um eine Frau geht, um eine Frau, die man entführt hat und die sicherlich bedroht, wenn nicht sogar gefoltert wird, und das alles nur, weil sie treu zu ihrer Herrin hält!« »Sachte, sachte, d’Artagnan!« bemerkte Aramis. »Mir scheint, Ihr ereifert Euch ein bißchen zu sehr über das Los der guten Frau Bonacieux. Das Weib ist einzig zu unserm Verderb erschaffen und ist an all unserm Unglück schuld.« Bei diesen Worten runzelte Athos die Stirn und biß sich auf die Lippen. »Aber ich ereifere mich ja auch gar nicht wegen Frau Bonacieux«, versetzte d’Artagnan, »sondern wegen der Königin, die sich von ihrem Gemahl vernachlässigt, vom Kardinal verfolgt und nach und nach all ihrer Freunde beraubt sieht.« »Warum liebt sie auch, was wir am meisten auf der Welt verabscheuen, nämlich die Spanier und die Engländer?« »Spanien ist ihr Vaterland«, antwortete d’Artagnan, »und es ist doch ganz natürlich, daß sie die Kinder ihrer Heimat liebt. Was Euern zweiten Vorwurf betrifft, so habe ich mir sagen lassen, daß sie nicht die, sondern einen Engländer liebt.« »Und, weiß Gott«, sagte Athos, »er verdient diese Liebe auch, das muß man schon zugeben! Ich habe noch keinen Menschen von vornehmerem Auftreten gesehen.« »Außerdem geht er gekleidet wie kein zweiter«, ergänzte Porthos. »Ich war an dem Tag im Louvre, als er seine Perlen ausstreute, und habe doch wahrhaftig zwei erwischt, die ich dann für zehn Dukaten das Stück verkaufen konnte. Kennt Ihr ihn auch, Aramis?« »So gut wie Ihr, denn ich war dabei, als man ihn im Park verhaftete. Ich war damals noch im Seminar und fand die Geschichte für den König recht schmerzlich.« 102
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»Was mich nicht hindern würde«, sagte d’Artagnan, »den Herzog von Buckingham, sofern ich wüßte, wo er sich aufhält, an der Hand zu nehmen und zur Königin zu führen, wäre es auch nur, um den Kardinal aufzubringen; denn, meine Herren, unser wirklicher, unser einziger und ewiger Feind ist der Kardinal, und wenn sich uns eine Möglichkeit bietet, ihm einen empfindlichen Streich zu spielen, so will ich dabei gern meinen Kopf riskieren.« »Und Euer Hauswirt sagt«, erkundigte sich Athos, »die Königin glaubt, daß man den Herzog unter einem falschen Vorwand hierhergelockt hat?« »Sie befürchtet es zumindest.« »Wartet mal!« sagte Aramis. »Ja, was denn?« fragte Porthos. »Sprecht nur weiter! Ich suche mich gewisser Umstände zu erinnern.« »Und jetzt bin ich überzeugt«, fuhr d’Artagnan fort, »daß die Entführung der Kammerfrau aufs engste mit den Geschehnissen zusammenhängt, von denen wir hier sprechen, vielleicht sogar mit der Anwesenheit des Herzogs in Paris.« »Der Gascogner hat doch immer neue Einfälle!« sagte Porthos voller Bewunderung. »Ich höre ihn gern sprechen«, setzte Athos hinzu, »sein Dialekt gefällt mir.« »Ich hab’s«, sagte Aramis, »hört mal her! Ich war gestern bei einem gelehrten Theologen, den ich bei meinen Studien gelegentlich um Rat frage …« Athos lächelte. »Er wohnt in einer öden Gegend«, fuhr Aramis fort, »aber das entspricht seinem Geschmack, seinem Beruf. Nun, gerade als ich aus seinem Haus trat …« Hier stockte Aramis. »Und weiter? Was geschah, als Ihr aus seinem Haus tratet?« forschten die anderen drei. Aramis schien einen Augenblick mit sich zu ringen, wie jemand, der mitten im schönsten Lügen auf ein unvorhergesehenes Hindernis stößt; da aber die Blicke seiner Freunde erwartungsvoll auf ihm ruhten, konnte er nicht mehr zurück. »Dieser Theologe hat eine Nichte«, fuhr er fort. »Oh, er hat eine Nichte!« unterbrach ihn Porthos. 103
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»Eine sehr ehrenwerte Dame«, sagte Aramis. Die drei Freunde lachten. »Ja, wenn ihr lacht oder mir nicht glaubt«, rief Aramis, dann erfahrt ihr eben nichts mehr!« »Wir sind gläubig wie die Jünger Mohammeds«, beteuerte Athos, »und stumm wie Leichensteine.« »Also diese Nichte besucht manchmal ihren Onkel; zufällig war sie nun gestern ebenfalls dort, und ich mußte sie schicklicherweise zu ihrem Wagen begleiten.« »Einen Wagen hat die Nichte des Theologen?« unterbrach ihn abermals Porthos, der unter anderem den Fehler hatte, daß er nie den Mund halten konnte. »Das ist ja eine prächtige Bekanntschaft, mein Freund!« »Porthos«, erwiderte Aramis, »ich habe Euch schon wiederholt darauf aufmerksam gemacht, daß Ihr sehr indiskret seid und daß Euch das bei den Frauen schadet.« »Aber meine Herren«, rief d’Artagnan, dem etwas von der eigentlichen Natur des Abenteuers schwante, »die Sache ist doch zu ernst! Bemühen wir uns also, sie nicht ins Lächerliche zu ziehen. Weiter, Aramis, weiter!« »Plötzlich trat ein großer dunkler Mann von vornehmer Erscheinung … ja, ganz in der Art des Euren, d’Artagnan …« »Vielleicht derselbe«, sagte der. »Möglich. Jedenfalls trat er plötzlich auf mich zu, und wie ich sah, folgten ihm in einigem Abstand noch fünf oder sechs Leute, und dann sagte er im höflichsten Ton von der Welt: ›Herr Herzog und Ihr, Madame‹, dabei wandte er sich an die Dame, die ich am Arm führte …« »An die Nichte des Theologen?« »Still doch, Porthos!« sagte Athos. »Ihr seid unausstehlich.« »Und er fuhr fort: ›Bemüht euch bitte in diese Karosse, und zwar ohne euch zu widersetzen oder Lärm zu schlagen!‹« »Er hielt Euch für Buckingham!« rief d’Artagnan. »Ich denke, ja.« »Aber die Dame?« fragte Porthos. »Hielt er für die Königin!« antwortete d’Artagnan. »Eben«, bestätigte Aramis. »Der Gascogner ist doch ein Teufelskerl!« rief Athos. 104
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»Fest steht«, sagte Porthos, »daß Aramis die Gestalt und auch im Auftreten manches von unserm schönen Herzog hat; dagegen will mir scheinen, daß der Musketiersrock …« »Ich hatte einen sehr weiten, dunklen Mantel an und den Kragen hochgeschlagen.« »Donnerwetter!« wunderte sich Porthos. »Hatte denn dein Theologe Angst, daß dich jemand erkennt?« »Ich begreife ja noch«, sagte Athos, »daß sich der Spion von der Gestalt täuschen ließ; aber das Gesicht …« »Ich hatte einen großen Hut auf«, fiel ihm Aramis ins Wort. »Mein Gott«, rief Porthos, »was für Vorsichtsmaßregeln, um Theologie zu studieren!« »Meine Herren«, sagte d’Artagnan, »verlieren wir doch unsere Zeit nicht mit müßigem Gerede! Suchen wir lieber die Frau des Krämers: da liegt der Schlüssel der ganzen Intrige!« »Eine Frau von so niedrigem Stande? Glaubt Ihr das wirklich?« fragte Porthos und verzog geringschätzig den Mund. »Sie ist das Patenkind des Vertrauten der Königin, de La Porte. Habe ich euch das nicht gesagt? Und vielleicht hat Ihre Majestät ihren Beistand diesmal ganz bewußt so tief unten gesucht. Je höher einer steht, desto leichter wird er gesehen, und der Kardinal hat gute Augen.« »Nun gut«, sagte Porthos, »dann macht mit dem Krämer einen Preis aus, aber einen anständigen!« »Das ist nicht nötig«, entgegnete d’Artagnan, »denn ich denke, auch wenn er uns nicht bezahlt, werden wir schon von anderer Seite belohnt werden.« In diesem Augenblick hörte man auf der Treppe eilige Schritte heraufkommen, krachend flog die Tür auf, und herein stürzte der unglückliche Krämer. »Ach, ihr Herren!« rief er. »Rettet mich, um Himmels willen, rettet mich! Unten sind vier Männer und wollen mich verhaften. Rettet mich!« Porthos und Aramis sprangen auf. »Wartet!« rief d’Artagnan und bedeutete ihnen, die halb gezogenen Degen wieder in die Scheide zu stecken. »Hier kommt es nicht auf Mut an, sondern auf Klugheit!« »Aber wir können doch nicht zusehen …« 105
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»Laßt d’Artagnan nur machen!« fiel Athos dem empörten Porthos ins Wort. »Ich habe schon mal gesagt, er ist der Gescheiteste von uns, und ich für mein Teil erkläre, daß ich mich nach ihm richten werde. Tue nur, was du für richtig hältst, d’Artagnan!« Schon erschienen in der Tür die vier Gardisten, verhielten jedoch unschlüssig auf der Schwelle, als sie die bewaffneten Musketiere erblickten. »Herein, ihr Herren, nur herein!« rief d’Artagnan ihnen zu. »Ihr seid hier bei mir, und wir sind alle treue Diener Seiner Majestät des Königs und des Herrn Kardinals.« »Dann widersetzen sich die Herren also nicht, wenn wir tun, was uns befohlen ist?« fragte einer, der anscheinend der Führer des kleinen Trupps war. »Ganz im Gegenteil! Wenn es not tut, wollen wir den Herren dabei gern zur Hand gehen.« »Was sagt er da?« murmelte Porthos. »Du bist ein Trottel«, wies ihn Athos zurecht. »Still jetzt!« »Aber Ihr habt mir doch versprochen …«, sagte ganz leise der arme Krämer. »Wir können Euch nur retten, wenn wir frei bleiben«, raunte ihm d’Artagnan rasch zu. »Machen wir jetzt Miene, Euch zu verteidigen, dann verhaftet man uns auch.« »Mir scheint aber …« »Bitte, ihr Herren«, sagte d’Artagnan wieder laut, »tretet ruhig näher, ich habe keine Veranlassung, den Herrn zu verteidigen. Ich sehe ihn heute zum erstenmal, und was will er von mir? Die Miete, wie er euch gewiß bestätigen wird. Nicht wahr, Herr Bonacieux, so verhält es sich doch?« »Es ist die reine Wahrheit«, rief der Krämer, »aber der Herr sagt Euch nicht …« »Kein Wort über mich und meine Freunde und schon gar nicht über die Königin, oder Ihr stürzt alle ins Verderben, Euch selbst mit!« flüsterte d’Artagnan eindringlich, dann fügte er laut hinzu: »Also los, ihr Herren, nehmt ihn mit!« Und während er den völlig betäubten Krämer in die Hände der Gardisten drängte, wetterte er: »Ihr seid ein Spitzbube, mein Lieber! Kommt einfach daher und verlangt Geld, von mir, einem Musketier! Ins Gefängnis mit Euch! Führt ihn nur ab, ihr Her106
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ren, und behaltet ihn möglichst lange hinter Schloß und Riegel, dann brauche ich mich mit der Miete nicht so zu beeilen!« Die Sbirren bedankten sich vielmals und zogen mit ihrer Beute ab. Als sie schon die Treppe hinuntersteigen wollten, schlug d’Artagnan dem Anführer auf die Schulter. »Wollen wir nicht auf unsere Gesundheit trinken?« fragte er und füllte zwei Gläser mit dem Beaugency, den er Herrn Bonacieux’ Freigebigkeit verdankte. »Es wird mir eine Ehre sein«, antwortete der Führer der Sbirren, »ich nehme dankbar an.« »Auf Euer Wohl also, Herr … ja, wie heißt Ihr denn eigentlich?« »Boisrenard!« »Euer Wohl, Herr Boisrenard!« »Auf das Eure, edler Herr! Und wie heißt Ihr, bitte?« »D’Artagnan.« »Euer Wohl, mein Herr!« »Und vor allem«, rief d’Artagnan, wie von Begeisterung ergriffen, »auf das Wohl des Königs und des Kardinals!« Der Führer der Sbirren hätte vielleicht an d’Artagnans Aufrichtigkeit gezweifelt, wenn der Wein weniger gut gewesen wäre; aber er war vortrefflich, und so ließ sich der Mann überzeugen. »Was habt Ihr da nur für eine schändliche Gemeinheit begangen«, schimpfte Porthos los, als die vier Freunde wieder unter sich waren. »Pfui Teufel! Vier Musketiere lassen einen Unglücklichen, der sie um Hilfe anfleht, aus ihrer Mitte weg verhaften! Ein Edelmann trinkt mit einem Büttel!« »Bester Porthos«, sagte Aramis, »Athos hat dich vorhin einen Trottel genannt, und ich schließe mich seiner Meinung an. D’Artagnan, du bist ein Mordskerl, und wenn du einmal Herrn de Trevilles Nachfolge antrittst, erhoffe ich mir deine Protektion, damit ich eine Abtei bekomme!« »Also nein, ich verstehe überhaupt nichts mehr!« rief Porthos. »Billigt ihr denn, was d’Artagnan getan hat?« »Das will ich meinen!« erwiderte Athos. »Ich billige es nicht nur, ich beglückwünsche ihn sogar dazu.« »Und jetzt, Freunde«, sagte d’Artagnan, ohne sich die Mühe zu machen, Porthos sein Verhalten zu erklären, »einer für alle, 107
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alle für einen! Das soll unser Wahlspruch sein, einverstanden?« »Aber …«, wandte Porthos ein. »Schlag ein und schwöre!« riefen Athos und Aramis wie aus einem Munde. Von ihrem Beispiel bezwungen, wenn auch noch leise murrend, streckte Porthos gleichfalls die Hand aus, und alle vier wiederholten im Chor d’Artagnans Worte: »Einer für alle, alle für einen!« »Gut, und jetzt geht jeder nach Hause«, sagte d’Artagnan, als habe er zeitlebens nur Befehle erteilt. »Und aufgepaßt! Von jetzt an haben wir es mit dem Kardinal zu tun!«
Eine Mausefalle im siebzehnten Jahrhundert Die Mausefalle ist nicht erst in unseren Tagen erfunden worden; wo immer sich die menschliche Gesellschaft im Laufe ihrer Entwicklung so etwas wie eine Polizei schuf, erfand diese alsbald die Mausefalle. Da aber unsere Leser in der Pariser Gaunersprache kaum bewandert sein dürften, wollen wir ihnen erklären, was sie sich unter einer Mausefalle vorzustellen haben: Wenn man in irgendeinem Hause jemand verhaftet hat, den man eines bestimmten Vergehens verdächtigt, so hält man diese Verhaftung geheim; vier, fünf Mann legen sich im ersten Zimmer der Wohnung auf die Lauer und öffnen jedem, der hinein will, lassen aber keinen wieder heraus; auf diese Weise hat man nach zwei, drei Tagen fast alle Leute, die mit dem betreffenden Haus in irgendeiner Beziehung stehen, fest in der Hand. Das Ganze nennt man eine Mausefalle. Auch aus der Wohnung Meister Bonacieux’ machte man jetzt eine solche Mausefalle, und wer immer dort erschien, wurde von den Leuten des Kardinals festgenommen und verhört. Da ein eigener Aufgang zum ersten Stock führte, wo d’Artagnan wohnte, blieben seine Besucher selbstverständlich unbehelligt. Übrigens kamen sowieso nur die drei Musketiere zu ihm. Sie 108
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hatten, jeder für sich, Nachforschungen angestellt, aber ohne Erfolg. Athos war sogar so weit gegangen, Herrn de Treville zu fragen, ein Schritt, der angesichts der gewöhnlichen Schweigsamkeit des Musketiers den Hauptmann nicht wenig überrascht hatte. Doch auch Treville konnte nicht mehr sagen, als daß er bei seinem letzten Besuch im Louvre den Kardinal sehr nachdenklich und den König sehr unruhig gefunden habe, während die geröteten Augen der Königin vermuten ließen, daß sie geweint oder keinen Schlaf habe finden können; dieser letzte Umstand habe ihn nicht weiter verwundert, da die Königin seit ihrer Heirat häufig weine und nicht schlafen könne. Herr de Treville empfahl Athos, auf jeden Fall dem König und vor allem der Königin treu zu dienen, und bat ihn, das auch seinen Kameraden auszurichten. D’Artagnan selbst ging nicht mehr aus der Wohnung. Er hatte sein Zimmer in einen Beobachtungsstand verwandelt. Vom Fenster aus sah er jeden, der kam und in die Falle ging. Außerdem hatte er die Dielen aufgebrochen und konnte, da ihn nur noch eine dünne Decke von dem darunterliegenden Raum trennte, in dem die Verhöre stattfanden, alles hören, was sich dort abspielte. Die Verhöre, denen stets eine peinlich genaue Durchsuchung des Verhafteten vorausging, nahmen fast immer den gleichen Verlauf: »Hat Euch Frau Bonacieux etwas für ihren Mann oder eine andere Person übergeben?« »Hat Euch Herr Bonacieux etwas für seine Frau oder eine andere Person übergeben?« »Hat Euch eine dieser beiden Personen irgendeine vertrauliche Mitteilung gemacht?« Wenn sie etwas Bestimmtes wüßten, würden sie nicht solche Fragen stellen, sagte sich d’Artagnan. Und was wollen sie erfahren? Doch nur, ob der Herzog von Buckingham in Paris ist und ob er mit der Königin zusammengetroffen ist oder noch zusammentreffen wird. – D’Artagnan blieb bei dieser Ansicht, die er nach allem, was er gehört hatte, für sehr wahrscheinlich hielt. Unterdes erfuhr die Tätigkeit der Mausefalle keine Unterbrechung, sowenig wie d’Artagnans Aufmerksamkeit. Am 109
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Abend des zweiten Tages nach der Verhaftung des armen Bonacieux, als Athos gerade gegangen war, um sich zu Herrn de Treville zu begeben, als es gerade neun Uhr geschlagen hatte und Planchet eben das Bett richten wollte, hörte man es an die Haustür klopfen, die sofort geöffnet und gleich wieder geschlossen wurde: abermals war jemand in die Falle gegangen. D’Artagnan stürzte zu der Stelle, wo die Dielen aufgerissen waren, legte sich an den Boden und lauschte. Zuerst hörte er Schreie, dann ein Stöhnen, das man offenbar zu ersticken suchte. Von einem Verhör war keine Rede. Herrgott noch mal – dachte d’Artagnan –, das scheint eine Frau zu sein! Man durchsucht sie, und sie widersetzt sich. Man tut ihr Gewalt an. Diese Schufte! Und er mußte sehr an sich halten, damit er sich nicht wider alle Vorsicht in das, was unter ihm vorging, einmischte. »Aber ich sage Euch, ich bin Frau Bonacieux, ich bin hier zu Hause, und im übrigen stehe ich im Dienste der Königin!« rief die unglückliche Frau. Frau Bonacieux! dachte d’Artagnan. Sollte ich so glücklich sein, gefunden zu haben, was alle Welt sucht? »Allein auf Euch haben wir ja die ganze Zeit gewartet!« gab man ihr zur Antwort. Dann wurde ihre Stimme immer leiser und von einem heftigen Tumult zugedeckt. Das Opfer wehrte sich, soweit sich eben eine Frau gegen vier Männer wehren kann. »Laßt mich, ihr Herren, laßt …«, jammerte die Stimme, dann waren nur noch unverständliche Laute zu hören. Sie knebeln sie und wollen sie wegschleppen! sagte sich d’Artagnan und sprang auf. Mein Degen! Ach so, ich habe ihn ja umgeschnallt. »Planchet!« »Gnädiger Herr?« »Lauf rasch zu Athos, Porthos und Aramis! Einen triffst du bestimmt an, vielleicht sind auch schon alle drei nach Hause gekommen. Sie sollen ihre Waffe nehmen und sofort hierherkommen. Ach, Athos ist ja bei Herrn de Treville, fällt mir gerade ein.« »Aber wo wollt Ihr denn hin, gnädiger Herr, wo wollt Ihr hin?« 110
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»Ich klettere zum Fenster hinaus«, gab d’Artagnan zurück, »da bin ich schneller unten. Und du legst die Dielen wieder an ihren Platz, fegst den Boden und läufst zu meinen Freunden, wie ich dir gesagt habe!« »Ach, gnädiger Herr, Ihr werdet Euch den Hals brechen!« »Schweig, Dummkopf!« sagte d’Artagnan, klammerte sich ans Fensterbrett und ließ sich vom ersten Stock, der zum Glück nicht sehr hoch gelegen war, hinunterfallen, ohne sich auch nur eine Schramme zu holen. Jetzt gehe ich auch in die Falle – sagte er sich, während er an die Tür klopfte –, aber wehe den Katzen, die sich mit einer solchen Maus einlassen! Kaum hatte der Türklopfer angeschlagen, da wurde es drinnen still; Schritte näherten sich, die Tür ging auf, und während d’Artagnan mit gezogenem Degen in Meister Bonacieux’ Behausung drang, fiel hinter ihm die Tür, an der man offenbar eine Feder angebracht hatte, von selbst wieder ins Schloß. Alsbald vernahmen die übrigen Bewohner des unglücklichen Hauses wie auch die unmittelbaren Nachbarn einen gewaltigen Lärm, Schreie, stampfende Schritte, Degengeklirr und das Poltern umstürzender Möbel. Kurz darauf konnten diejenigen, die neugierig ans Fenster geeilt waren, deutlich sehen, wie die Tür wieder aufging und vier schwarzgekleidete Gestalten nicht etwa heraustraten, sondern wie aufgescheuchte Raben herausflogen, wobei sie am Boden und an allen Ecken und Kanten Federn, das heißt Fetzen ihrer Röcke und Mäntel, zurückließen. Allerdings war der Sieg dem Gascogner ziemlich mühelos zugefallen, denn von den Sbirren war nur einer bewaffnet, und auch der hatte sich bloß der Form halber verteidigt. Die anderen drei hatten zwar versucht, mit Stühlen, Schemeln und Töpfen gegen den jungen Mann vorzugehen, waren aber durch ein paar wohlgezielte Degenhiebe völlig eingeschüchtert worden. Nach zehn Minuten war ihre Niederlage besiegelt, und d’Artagnan blieb Herr des Schlachtfeldes. Die Nachbarn, die ihre Fenster mit jener Kaltblütigkeit geöffnet hatten, die damals die an Unruhen und Raufereien gewohnte Pariser Bevölkerung auszeichnete, machten die Läden wieder zu, sowie sie die vier Schwarzgekleideten davonlaufen sahen. Ihr Instinkt sagte ihnen, daß für den Augenblick nichts 111
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mehr zu erwarten sei. Überdies war es schon spät, und im Luxembourgviertel ging man damals wie heute gerne zeitig zu Bett. D’Artagnan blieb also allein mit Frau Bonacieux, die halb ohnmächtig in einem Sessel lag. Er betrachtete sie mit einem raschen prüfenden Blick. Es war eine entzückende Person von wenig mehr als zwanzig Jahren, brünett, mit blauen Augen, niedlicher Stupsnase, mit herrlichen Zähnen und einer rosig schimmernden Haut. Damit aber hörten auch die Merkmale auf, derentwegen man sie für eine vornehme Dame halten konnte. Die Hände waren weiß, aber ein wenig plump, und auch die Füße verrieten keine Rasse. Glücklicherweise war d’Artagnan noch nicht soweit, sich um solche Einzelheiten zu kümmern. Während also d’Artagnan Frau Bonacieux in dieser Weise betrachtete und dabei, wie erwähnt, bis zu den Füßen gelangt war, sah er ein feines Batisttaschentuch am Boden liegen, hob es auf – wir kennen ja seine Gewohnheit – und erkannte in einer Ecke dasselbe Zeichen wie auf jenem anderen Tuch, über dem es beinahe zu einem Duell zwischen ihm und Aramis gekommen wäre. Seit damals wollte er nichts mehr mit wappengeschmückten Taschentüchern zu tun haben, und darum steckte er das eben aufgehobene wortlos in die Tasche von Frau Bonacieux. Die kam eben in diesem Augenblick wieder zu sich. Sie öffnete die Augen, sah erschrocken um sich und gewahrte, daß das Zimmer leer und sie mit ihrem Befreier allein war. Sogleich reichte sie ihm lächelnd die Hand. Frau Bonacieux hatte das bezauberndste Lächeln von der Welt. »Oh, mein Herr, Ihr habt mich gerettet! Erlaubt, daß ich Euch danke!« »Madame«, sagte d’Artagnan, »ich habe nur getan, was jeder Edelmann an meiner Stelle getan hätte; Ihr schuldet mir also keinen Dank.« »Doch, doch, mein Herr, und hoffentlich kann ich Euch noch einmal beweisen, daß Ihr keiner Undankbaren geholfen habt. Aber was wollten denn diese Männer nur, die ich zuerst für Diebe hielt? Und warum ist Herr Bonacieux nicht hier?« 112
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»Madame, diese Männer sind weit gefährlicher, als Diebe je sein können – es sind Leute des Kardinals. Und Euer Mann ist nicht hier, weil man ihn gestern verhaftet und in die Bastille geschafft hat.« »Mein Mann in der Bastille!« rief Frau Bonacieux. »Ja, großer Gott, was hat er denn getan? Der arme, gute Mann! Er ist doch die Unschuld selbst!« Und etwas wie der Anflug eines Lächelns glitt über das immer noch erschrockene Gesicht der jungen Frau. »Was er getan hat, Madame? Ich glaube, sein einziges Verbrechen besteht darin, daß er das Glück und zugleich das Unglück hat, Euer Mann zu sein.« »Ja, wißt Ihr denn …?« »Ich weiß, daß Ihr entführt wurdet.« »Und von wem? Wißt Ihr es? Oh, sagt es mir!« »Von einem Mann Anfang Vierzig mit dunklem Haar, fahlem Gesicht und einer Narbe an der linken Schläfe.« »Ganz richtig, und wie heißt er?« »Wie er heißt? Ja, das weiß ich eben auch nicht.« »Und mein Mann, wußte er, daß man mich entführt hat?« »Ja, der Entführer selbst hat es ihm in einem Brief mitgeteilt.« »Ahnte er auch«, fragte Frau Bonacieux, »warum man mich entführt hat?« »Ich glaube, er vermutet eine Intrige.« »Ich hatte zuerst Zweifel daran, aber jetzt will es mir auch so scheinen. Also hat mich der gute Bonacieux keinen Augenblick verdächtigt?« »Weit entfernt, Madame! Er war sehr stolz auf Eure Sittsamkeit und auf Eure Liebe.« Abermals umspielte ein fast unmerkliches Lächeln die Lippen der schönen jungen Frau. »Aber wie ist es Euch nur gelungen, zu entfliehen?« »Da ich seit heute morgen wußte, was es mit meiner Entführung auf sich hatte, habe ich in einem unbewachten Augenblick meine Laken aneinandergebunden und mich daran aus dem Fenster hinuntergelassen. Ich dachte, mein Mann wäre hier, und darum kam ich hierhergelaufen.« »Um Euch unter seinen Schutz zu stellen?« 113
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»Ach nein, mein armer guter Mann könnte mich kaum schützen, das wußte ich wohl. Aber er hätte uns auf andere Weise behilflich sein können, und deshalb wollte ich ihn verständigen.« »Wovon?« »Oh, das ist nicht mein Geheimnis, das kann ich Euch also leider nicht sagen.« »Übrigens«, sagte d’Artagnan, »verzeiht, wenn ich Euch trotz meiner schützenden Gegenwart an Eure Vorsicht erinnere; mir scheint dieser Ort nicht recht geeignet für solche vertraulichen Gespräche. Die Leute, die ich davongejagt habe, kommen bestimmt bald mit Verstärkung wieder; wenn sie uns finden, sind wir verloren. Ich habe zwar drei Freunde benachrichtigen lassen, aber wer weiß, ob sie gerade zu Hause sind!« »Ja, ja, Ihr habt recht«, rief Frau Bonacieux erschrocken. »Kommt, fliehen wir, retten wir uns!« Mit diesen Worten schob sie ihren Arm unter den d’Artagnans und drängte ihn zur Tür. »Aber wohin?« fragte er. »Erst einmal fort von hier, alles Weitere findet sich schon!« Und ohne sich auch nur die Mühe zu machen, die Haustür zu verschließen, gingen die beiden jungen Leute rasch die Rue des Fossoyeurs hinunter, bogen dann in eine Seitenstraße und hielten nicht eher an, als bis sie den Place SaintSulpice erreicht hatten. »Und was jetzt?« fragte d’Artagnan. »Wohin soll ich Euch führen?« »Das weiß ich eigentlich selber nicht, muß ich Euch gestehen«, erwiderte Frau Bonacieux. »Ich hatte die Absicht, meinen Mann zu Herrn de La Porte zu schicken, dann könnte er uns genau sagen, was sich in den letzten drei Tagen im Louvre abgespielt hat und ob es nicht vielleicht gefährlich ist, mich dort wieder zu zeigen.« »Aber ich kann doch zu Herrn de La Porte gehen.« »An sich schon, aber da ist ein Hindernis: meinen Mann kennt man im Louvre und läßt ihn hinein. Euch dagegen kennt man nicht und weist Euch ab.« »Ach was. Ihr habt doch sicher an einem der vielen Ein114
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gänge einen Euch ergebenen Pförtner, und mit einem bestimmten Losungswort versehen …« Frau Bonacieux sah den jungen Mann fest an. »Und wenn ich Euch ein solches Losungswort gebe, werdet Ihr es auch sofort wieder vergessen, wenn Ihr es benutzt habt?« »Auf Ehre, so wahr ich ein Edelmann bin!« sagte d’Artagnan in einem Ton, der jeden Zweifel an seiner Ehrlichkeit ausschloß. »Ja, ich glaube Euch. Ihr scheint mir ein wackerer junger Mann, und vielleicht findet Eure Ergebenheit sich schon bald belohnt.« »Auch ohne irgendein Versprechen werde ich alles tun, was in meinen Kräften steht, um dem König zu dienen und der Königin gefällig zu sein. Verfügt über mich wie über einen Freund!« »Aber wo wollt Ihr mich denn unterdessen lassen?« »Wißt Ihr niemand, bei dem Herr de La Porte Euch abholen kann?« »Nein, ich will mich niemand anvertrauen.« »Wartet!« rief d’Artagnan. »Da vorn wohnt Athos. Ja, das geht.« »Wer ist Athos?« »Einer meiner Freunde.« »Aber dann sieht er mich ja!« »Nein, er ist nicht zu Hause, und ich nehme den Schlüssel mit, wenn ich Euch in seine Wohnung gelassen habe.« »Aber wenn er nach Hause kommt?« »Er kommt nicht; außerdem würde man ihm sagen, daß ich eine Frau hierhergebracht habe.« »Das wird mich aber sehr kompromittieren …« »Was tut’s? Niemand kennt Euch hier, und zudem zwingen uns die Umstände einfach, uns über gewisse Rücksichten hinwegzusetzen!« »Also gut, gehen wir zu Euerm Freund! Wo wohnt er?« »In der Rue Ferou, gleich da vorn.« Und die beiden eilten weiter. Wie d’Artagnan vorausgesehen hatte, war Athos nicht zu Hause. Er nahm den Schlüssel, den man ihm als Freund des Hauses anstandslos aushändigte, 115
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stieg die Treppe hinauf und führte Frau Bonacieux in die kleine Wohnung, die wir schon früher beschrieben haben. »Macht es Euch bequem!« sagte er. »Wartet, schließt von innen ab und laßt niemand herein, außer wenn es dreimal klopft, hört, so!« Und er klopfte zweimal kurz hintereinander laut und nach einer Pause noch einmal leise an die Tür. »Gut«, sagte Frau Bonacieux, »und jetzt muß ich Euch instruieren.« »Bitte!« »Ihr geht zum Louvrepförtchen an der Rue de L’Echelle und verlangt Germain zu sprechen.« »Gut, und weiter?« »Er wird Euch fragen, was Ihr wollt, und Ihr antwortet nur: Tours und Brüssel. Sogleich habt Ihr in ihm einen gehorsamen Diener.« »Und was soll ich ihm befehlen?« »Daß er Herrn de La Porte holt, den Kammerdiener der Königin.« »Und wenn Herr de La Porte kommt?« »Schickt ihn her.« »Gut, aber wo und wann sehe ich Euch wieder?« »Liegt Euch so viel daran?« »Unbedingt.« »Na schön, dann überlaßt die Sorge dafür nur mir und seid ganz ruhig!« »Ich verlasse mich auf Euer Wort!« »Tut das!« D’Artagnan grüßte artig Frau Bonacieux und warf ihr dabei den verliebtesten Blick zu, den man einer so reizenden Person überhaupt zuwerfen konnte, dann eilte er die Treppe wieder hinunter, während sich hinter ihm der Türschlüssel zweimal im Schloß drehte. In wenigen Minuten war er im Louvre: als er durch die kleine Pforte trat, schlug es zehn Uhr. Die eben geschilderten Ereignisse hatten sich also in wenig mehr als einer halben Stunde abgespielt. Alles ging genauso vonstatten, wie Frau Bonacieux gesagt hatte. Auf das Losungswort hin verneigte sich Germain; fünf Minuten später war de La Porte in der Pförtnerloge; in kurzen Worten setzte d’Artagnan ihn ins Bild und erklärte ihm, 116
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wo Frau Bonacieux zu finden sei. De La Porte ließ sich die Adresse noch einmal genau beschreiben und machte sich dann eiligst auf den Weg. Aber schon nach wenigen Schritten kehrte er wieder um. »Junger Mann«, sagte er, »noch einen Rat!« »Bitte?« »Man wird Euch vielleicht wegen des Vorgefallenen behelligen.« »Meint Ihr?« »Ja. Habt Ihr nicht einen Bekannten, dessen Uhr nachgeht?« »Wozu?« »Geht zu ihm, damit er bezeugen kann, daß Ihr um halb zehn bei ihm wart. Vor Gericht nennt man das ein Alibi.« D’Artagnan fand den Rat vernünftig, nahm die Beine in die Hand und war kurz darauf im Trevilleschen Haus, wo er allerdings nicht wie alle anderen in den Salon ging, sondern sich gleich in das Arbeitskabinett führen ließ. Da er ein häufiger Gast des Hauses war, machte man ihm keine Schwierigkeiten und meldete sogleich Herrn de Treville, sein junger Landsmann habe ihm etwas Wichtiges mitzuteilen und bitte um eine Audienz. Schon nach wenigen Augenblicken erschien Treville und fragte den Gascogner, was er für ihn tun könne und welchem Umstand er diesen Besuch zu so vorgerückter Stunde zuzuschreiben habe. »Verzeiht, Herr Hauptmann«, entgegnete d’Artagnan, der die kurze Zeit, in der er allein geblieben war, dazu benutzt hatte, die Standuhr um drei Viertelstunden zurückzudrehen, »da es noch keine halb zehn ist, dachte ich, es wäre noch Zeit, mich bei Euch zu melden.« »Fünf Minuten vor halb zehn!« rief Herr de Treville verwundert aus und schaute auf die Uhr. »Aber das ist ja nicht möglich!« »Und doch ist es so, wie Ihr seht.« »Tatsächlich«, sagte Treville. »Ich hätte gedacht, es ist schon später. Doch laßt hören, was habt Ihr auf dem Herzen?« Nun erging sich d’Artagnan in einer langen Geschichte über die Königin. Er setzte dem Hauptmann seine Befürchtungen im Hinblick auf Ihre Majestät auseinander, erzählte, was er 117
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von den Plänen des Kardinals gegen den Herzog von Buckingham hatte sagen hören, und tat dies alles mit einer Ruhe und Sicherheit, auf die Treville um so eher hereinfiel, als er ja auch selbst beobachtet hatte, daß zwischen dem Kardinal, dem König und der Königin etwas vorgefallen sein mußte. Die Standuhr schlug zehn, als sich d’Artagnan von Herrn de Treville verabschiedete, der ihm für seine Mitteilungen dankte und ihm empfahl, sich den Dienst für den König und die Königin immer angelegen sein zu lassen, woraufhin er wieder in den Salon zurückkehrte. Unten an der Treppe schien sich d’Artagnan plötzlich zu erinnern, daß er seinen Stock hatte stehenlassen; jedenfalls eilte er wieder hinauf, trat in das Arbeitszimmer und rückte den Zeiger zurecht, damit man am anderen Morgen nicht merkte, daß die Uhr falsch gegangen war. Nachdem er sich auf diese Weise ein Alibi gesichert hatte, ging er wieder die Treppe hinunter und befand sich gleich darauf auf der Straße.
Der Knoten schürzt sich Nach seinem Besuch bei Herrn de Treville kehrte d’Artagnan nicht sofort heim, sondern schlug, in tiefe Gedanken versponnen, erst noch einen weiten Umweg ein. Woran dachte unser junger Freund wohl, als er sich so weit von seinem eigentlichen Weg entfernte und, bald seufzend, bald lächelnd, die Sterne am Himmel betrachtete? Er dachte an Frau Bonacieux. Für einen angehenden Musketier war die junge Frau fast so etwas wie eine ideale Geliebte. Hübsch, geheimnisvoll, in mancherlei Hofintrigen verwickelt, was ihren anmutigen Zügen eine reizvolle Ernsthaftigkeit verlieh, durfte sie als nicht unempfindlich gelten, und das ist ja bekanntlich für Neulinge in der Liebe ein erhöhter Anreiz. Zudem hatte d’Artagnan sie aus den Händen dieser Teufel befreit, die so grob mit ihr verfahren waren, und dieser wichtige Dienst hatte zwischen ihr und ihm ein dankbares Gefühl entstehen lassen, das so leicht einen zärtlichen Charakter annimmt. Schon sah d’Artagnan – so schnell fliegen die Träume auf 118
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den Flügeln der Phantasie – einen Boten der jungen Frau bei ihm anklopfen, um ihm eine Einladung zu einem Stelldichein, ein goldenes Kettchen oder einen Edelstein von ihr zu überbringen. Wir sagten bereits, daß die jungen Kavaliere ohne Scheu vom König Geschenke annahmen; fügen wir hinzu, daß sie in jenen Zeiten einer lockeren Moral auch keine Hemmungen kannten, sich von ihren Geliebten beschenken zu lassen, die sie fast immer mit kostbaren und dauerhaften Andenken bedachten, als wollten sie auf diese Weise die Unbeständigkeit der Gefühle wieder wettmachen. Man machte damals seinen Weg durch Frauengunst, ohne sich dessen zu schämen. Die Schönen verschenkten ihre Schönheit, die Reichen einen Teil ihres Vermögens, und man könnte eine ganze Reihe von Helden jener galanten Epoche anführen, die weder ihre Sporen noch später ihre Schlachten ohne die mehr oder weniger gefüllte Börse ihrer Geliebten gewonnen hätten. D’Artagnan besaß nichts. Seine provinzlerische Unsicherheit, hauchdünner Firnis, leicht und flüchtig wie der Flaum des Pfirsichs, hatte sich rasch verflogen im Wind der wenig orthodoxen Ratschläge, die ihm seine drei Freunde erteilten. Der seltsamen Anschauung seiner Zeit gemäß, fühlte er sich in Paris wie im Felde, nicht anders, als wenn er in Flandern gekämpft hätte: dort waren es die Spanier, hier die Frauen, und hier wie dort galt es, einen Feind niederzuzwingen und Kontributionen einzutreiben. Immerhin sei zugegeben, daß in diesem Augenblick ein edleres und weniger eigennütziges Gefühl d’Artagnan bewegte. Der Krämer hatte ihm zwar gesagt, daß er ein wohlhabender Mann war, und unser junger Freund konnte sich leicht denken, daß bei einem so einfältigen Menschen wie diesem Bonacieux der Schlüssel zum Geldkasten von der Frau verwahrt wurde, aber all das beeinflußte in keiner Weise das Gefühl, das die Begegnung mit Frau Bonacieux in ihm ausgelöst hatte, und so blieb die aufkeimende Liebe fast frei von Eigennutz. Wir sagen bewußt »fast«, denn die Vorstellung, daß eine junge, schöne, anmutige und geistvolle Frau gleichzeitig auch Geld hat, tut solchem ersten Feuer keinen Abbruch, sondern wirkt im Gegenteil durchaus bestärkend. 119
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Überdies war d’Artagnan, wie sich der Leser wohl erinnern wird, da wir ihm den Vermögensstand unseres jungen Freundes keineswegs verborgen haben, alles andere als ein Millionär. Wenn er auch hoffte, eines Tages einer zu werden, so lag der Zeitpunkt, den er sich selbst für diesen glücklichen Wandel gesetzt hatte, doch noch in weiter Ferne. Wie entsetzlich nun aber, inzwischen eine Frau zu lieben und zu sehen, wie sie sich tausend Kleinigkeiten wünscht – die doch das Glück der Frauen ausmachen –, und sie ihr nicht verschaffen zu können! Es sei denn, die Frau ist reich und kann sich das, was ihr der arme Geliebte nicht schenken kann, selber kaufen, und mag sie das auch meist mit dem Gelde ihres Mannes tun, so fließt ihr Dank doch fast immer dem anderen zu! Ungeachtet seiner Bereitschaft, der zärtlichste Liebhaber zu sein, blieb d’Artagnan ein ergebener Freund. Bei all seinen verliebten Plänen vergaß er keineswegs seine drei Musketiere. Die hübsche Bonacieux war ganz die Frau, die man in Saint-Denis oder Saint-Germain in Gesellschaft von Athos, Porthos und Aramis spazierenführen konnte, denen er voller Stolz seine Eroberung zeigen würde. Und im übrigen könnte er dank dieser Verbindung seinen Freunden sicherlich aus mancher peinlichen Verlegenheit helfen. Doch was war mit Herrn Bonacieux, den er den Häschern überantwortet, den er laut verleugnet und dem er leise Rettung versprochen hatte? Wir müssen unseren Lesern gestehen, daß d’Artagnan, wenn er überhaupt an ihn dachte, der Meinung war, der Mann sei ganz gut aufgehoben, wo immer er sich jetzt befand. Die Liebe ist die selbstsüchtigste aller Leidenschaften. Doch können unsere Leser unbesorgt sein: Wenn auch d’Artagnan seinen Hauswirt vergißt oder zu vergessen scheint, wir vergessen ihn nicht! Wir wollen es zwar vorerst wie der verliebte Gascogner halten, aber wir kommen bestimmt noch auf den ehrenwerten Krämer zurück. Ganz in Gedanken an sein künftiges Liebesabenteuer, fand er sich plötzlich gar nicht weit von Aramis’ Wohnung, und er sagte sich, daß ein Besuch bei seinem Freund wohl angebracht sei, um ihm zu erklären, weshalb er Planchet zu ihm geschickt hatte. Wenn nämlich Aramis zu Hause gewesen war, als Planchet kam, dann war er bestimmt in die Rue des 120
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Fossoyeurs geeilt, wo er wahrscheinlich nur die beiden anderen angetroffen hatte, die genausowenig wie er wußten, was sie von alledem halten sollten. Auf jeden Fall erforderte die nächtliche Störung ein Wort der Erklärung. Insgeheim aber versprach er sich davon auch eine Gelegenheit, über die hübsche kleine Frau Bonacieux zu plaudern, von der, wenn nicht sein Herz, so doch seine Sinne schon ganz erfüllt waren. Und wer wollte von einem Mann, der zum erstenmal verliebt ist, Verschwiegenheit verlangen? Jede erste Leidenschaft muß überschäumen, wenn man nicht daran ersticken soll. Seit zwei Stunden lag Paris im Dunkeln, und die Straßen begannen zu veröden. Alle Turmuhren von Saint-Germain schlugen die elfte Stunde. Das Wetter war für Anfang März außerordentlich mild. D’Artagnan ging durch ein Gäßchen und genoß die laue Vorfrühlingsluft, die ihm der Wind entgegentrug. Fernher tönte, durch gute Fensterläden gedämpft, froher Zechgesang aus einigen entlegenen Schenken. Am Ende des Gäßchens bog d’Artagnan links in die Rue de Vaugirard ein. Das Haus, in dem Aramis wohnte, lag zwischen der Rue Cassette und der Rue Servandoni. D’Artagnan hatte die Rue Cassette schon hinter sich und erkannte bereits das unter einem dichten Wulst von Sykomoren und wildem Wein vergrabene Haustor des Freundes, als er so etwas wie einen Schatten aus der Rue Servandoni hervorkommen sah. Dieser Schatten war in einen Mantel gehüllt, und d’Artagnan glaubte zuerst, es wäre ein Mann; doch an der zierlichen Gestalt, an dem unsicheren, zögernden Gang erkannte er bald, daß er eine Frau vor sich hatte. Überdies schien die Frau ein Haus zu suchen, von dem sie nicht genau wußte, wo es lag, denn sie blieb alle paar Schritt stehen, blickte sich um, ging dann wieder weiter. D’Artagnans Neugier erwachte. Ob ich ihr meine Hilfe anbiete? dachte er. Ihrer Haltung nach muß sie jung sein; vielleicht ist sie auch hübsch. Aber eine junge Frau, die zu dieser späten Stunde noch ausgeht, will sich bestimmt nur mit ihrem Liebhaber treffen. Verwünscht, ein Stelldichein zu stören, das wäre ein schlechter Anfang für meine eigene verliebte Zukunft! 121
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Unterdes kam die junge Frau immer näher, wobei sie offenbar die Häuser und Fenster zählte. Das war übrigens nicht weiter schwierig, denn es gab in diesem Teil der Straße nur drei Häuser, und nur zwei Fenster lagen zur Straße hin. Das eine gehörte zu einem Pavillon, der dem Hause von Aramis benachbart war, das andere gehörte Aramis selbst. Hoho! dachte d’Artagnan, dem die Nichte des Theologen einfiel. Das wäre ja lustig, wenn dieses verspätete Täubchen das Haus unseres Freundes suchte! Weiß Gott, es sieht wirklich ganz so aus! Warte, mein lieber Aramis, diesmal will ich dir auf die Sprünge kommen! D’Artagnan machte sich so dünn, wie er nur konnte, und verbarg sich an der dunkelsten Stelle der Straße bei einer Steinbank, die in einer Nische stand. Noch immer ging die Frau weiter; außer dem leichtfüßigen Gang, der sie zuerst verraten hatte, ließ sie jetzt auch ein leises Hüsteln hören, das eine sehr frische Stimme offenbarte. D’Artagnan hielt es für ein vereinbartes Zeichen. Sei es nun, daß auf dieses Husten eine Antwort erfolgt war, sei es, daß die nächtliche Sucherin von sich aus erkannt hatte, daß sie am Ziel angelangt war, jedenfalls trat sie jetzt kurz entschlossen an Aramis’ Fenster und klopfte dreimal. »Sie will also wirklich zu Aramis!« murmelte d’Artagnan. »Na wartet, Herr Heuchler, diesmal ertappe ich Euch bei Eurer Theologie!« Das dreimalige Klopfzeichen war kaum verhallt, als das innere Fenster geöffnet wurde und ein Licht durch die Läden schimmerte. Ah, der Besuch war erwartet, überlegte der Lauscher. Nun werden gleich die Läden aufgehen, und die Dame steigt durchs Fenster. Ausgezeichnet! Aber zu d’Artagnans großem Erstaunen blieben die Läden geschlossen. Auch das Licht verschwand, und alles wurde wieder dunkel. D’Artagnan sagte sich, daß es dabei nicht sein Bewenden haben könne, und so lauschte und spähte er angestrengt weiter. Er sollte recht behalten: Nach kurzer Zeit ertönte im Innern ein zweimaliges Klopfzeichen. Die junge Frau antwortete mit einem, und sogleich öffneten sich die Läden. Man kann sich denken, was für ein erwartungsvoller Zuhörer und Zuschauer d’Artagnan war. 122
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Leider war das Licht in ein anderes Zimmer gebracht worden,