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Einst hatte es auf der Mondstation begonnen. Eine kleine Gruppe von Wissenschaftlern wurde damit beauftragt, ein künstliches
Bewußtsein zu entwickeln. Der Versuch gelang. Ein übermächtiger Cyborg entstand, »DAS SCHIFF«, und es beherrschte die Menschen, die es in seinem Innern beherbergte, wie ein Gott und forderte Verehrung. Nach einem langen Raumflug erwachen die Menschen aus dem Kälteschlaf. SCHIFFS Macht ist noch gewachsen. Es hat einen erdähnlichen Planeten entdeckt, Pandora, der tödliche Geschöpfe beherbergt, die bald den Brückenkopf der Kolonisten belagern, und ein rätselhaftes intelligentes Kollektivwesen, das die Tiefen der Meere bewohnt. Durch Klonen von menschlichen Zellen mit einheimischem Zellmaterial versuchen die Wissenschaftler den Menschen der fremden Umwelt anzupassen, doch sie scheitern. SCHIFF sabotiert ihre Arbeit, sucht selbst eine andere Lösung. Pandora ist die Hölle. Doch es gibt kein Zurück. Die Erde existiert nicht mehr - behauptet SCHIFF. Aber SCHIFFS Wege sind unergründlich. Jagt SCHIFF die Menschen durch die Hölle, damit sie eines Tages das Paradies schauen? Läßt SCHIFF die Menschen unsägliches Leid erdulden, damit sie des Glücks teilhaftig werden können, wie die junge Frau, die SCHIFF durch die Zeiten hinabtauchen läßt, damit sie Zeugin von Jesu Kreuzestod wird? Oder ist alles nur eine gigantische Simulation, bei der SCHIFF seine Macht erprobt? Frank Herbert, weltberühmt geworden durch seinen Zyklus DER WÜSTENPLANET, ist neben James Blish und Clive Staples Lewis der SF-Autor, der sich am gründlichsten und unerbittlichsten mit dem religiösen Aspekt der Bestimmung des Menschen auseinandersetzt. Und nirgends so wie in seinem SCHIFF-Zyklus, dessen erster Band, »Destination Void«, auf deutsch unter dem Titel »Ein Cyborg fällt aus« (HEYNEBUCH Nr. 3384) erschien. An einem dritten Band arbeitet der Autor.
FRANK HERBERT
Der Jesus-Zwischenfall Science Fiction-Roman Deutsche Erstveröffentlichung WILHELM HEYNE VERLAG MÜNCHEN HEYNE-BUCH Nr. 06/3834 im Wilhelm Heyne Verlag, München
Titel der amerikanischen Originalausgabe THE JESUS INCIDENT Deutsche Übersetzung von Thomas Schlück Das Umschlagbild schuf Jim Burns Redaktion: Wolfgang Jeschke Copyright © 1979 by Frank Herbert & Bill Ransom Copyright © 1981 der deutschen Übersetzung by Wilhelm Heyne Verlag, München Printed in Germany 1981 Umschlaggestaltung: Atelier Heinrichs & Schütz, München Gesamtherstellung: Mohndruck Graphische Betriebe GmbH, Gütersloh ISBN 3-453-30737-2
Ehe man Bewußtsein erlangt, gilt es ein Tor zur Phantasie zu durchschreiten, und die Schlüssel zu diesem Tor sind Symbole. Man vermag Ideen durch das Tor zu tragen … doch man muß diese Ideen in Symbolen mitführen. RAJA FLATTERY Psychiater-Geistlicher Irgend etwas machte »Tick«. Er hörte es deutlich - ein metallisches Geräusch. Schon ertönte es wieder: »Tick.« Er öffnete die Augen und wurde mit Dunkelheit belohnt, einem absoluten Fehlen von Strahlungsenergie … oder von Rezeptoren, die Energie hätten aufspüren können. Bin ich blind? »Tick.« Er vermochte nicht festzustellen, woher das Geräusch kam, aber die Quelle war irgendwo dort draußen - wo immer sich dort draußen befinden mochte. Die Luft in Kehle und Lungen fühlte sich kalt an. Sein Körper aber war warm. Er erkannte, daß er mit geringem Druck auf einer weichen Oberfläche ruhte. Er atmete. Etwas kitzelte ihn in der Nase, ein schwacher Geruch nach - Pfeffer? »Tick.« Er räusperte sich. »Ist da jemand?« Keine Antwort. Das Sprechen schmerzte im Hals. »Was tue ich hier?« Die weiche Fläche unter ihm krümmte sich um seine Schultern empor und stützte Nacken und den Kopf. Sie hüllte auch Hüften und Beine ein. Dies war ihm vertraut. Vage Assoziationen bildeten sich.
Es handelte sich um … um was? Er vermeinte eine solche Oberfläche kennen zu müssen. 5 Immerhin bin ich … »Tick.« Panik überschwemmte ihn. Wer bin ich? Die Antwort kam langsam, von einem riesigen Eisberg abtauend, der alles enthielt, was er wissen mußte. Ich bin Raja Flattery. Das Eis schmolz in einer Kaskade von Erinnerungen. Ich bin Psychiater-Geistlicher auf dem Sternenschiff Earthling. Wir … wir … wir … Einige Erinnerungen blieben in der Erstarrung. Er versuchte sich aufzurichten, wurde aber von weichgerundeten Gurten über Brust und Handgelenken festgehalten. Plötzlich spürte er, wie sich Leitungen aus den Venen seiner Arme lösten. Ich bin in einem Hib-Tank! Er erinnerte sich nicht, in die Hibernation gegangen zu sein. Vielleicht tauten die Erinnerungen langsamer auf als das Fleisch. Interessant. Aber immerhin gab es erste Erinnerungen in frigidem Strom, die ihn zutiefst aufwühlten. Ich habe versagt. Der Mondstützpunkt gab mir Anweisung, unser Schiff eher zu sprengen, als es durch das AH streifen zu lassen, eine Gefahr für die Menschheit. Ich sollte die Meldekapsel zum Mondstützpunkt zurückschicken … und unser Schiff zerstören. Irgend etwas hatte ihn von … etwas abgehalten … Aber er erinnerte sich wieder an das Projekt. Projekt Bewußtseinsschaff ung. Und er, Raja Flattery, hatte bei diesem Projekt eine Schlüsselrolle gespielt. Psychiater-Geistlicher. Er hatte zur Mannschaft gehört. Nabelschnur-Mannschaft. Er hielt sich nicht bei der Geburtssymbolik dieser Bezeichnung auf. Klone hatten wichtigere Aufgaben. Die Besatzungsmitglieder 6 waren Klone, sie alle mit dem Mittelnamen Lon ausgestattet. Lon bezeichnete Klon so wie Mac Sohn von bedeutete. Die gesamte Mannschaft - Klone. Doppelgänger, die tief in den isolierten Weltraum hinausgeschickt worden waren, um dort das Problem der Schaffung eines künstlichen Bewußtseins zu lösen.
Eine gefährliche Aufgabe. Sehr gefährlich. Bei der Forschung nach einem künstlichen Bewußtsein war es immer wieder vorgekommen, daß die Schöpfung sich gegen ihre Schöpfer wandte. Sie entwickelte eine ungezügelte Gewalt und war nicht mehr zu bändigen. Dabei waren sogar zahlreiche Ungeklonte qualvoll untergegangen. Niemand vermochte den Grund zu nennen. Aber die Leiter des Projekts auf dem Mondstützpunkt gaben nicht auf. Immer wieder schickten sie dieselbe geklonte Besatzung ins All. Als sich Flattery die Namen vorstellte, erschienen Gesichter vor seinem inneren Auge: Gerrill Timberlake, John Bickel, Prue Weygand … Raja Flattery … Raja Lon Flattery. Er erschaute sein Gesicht in einem längst verschwundenen Spiegel: blondes Haar, schmales Gesicht … verächtlicher Ausdruck. Das Sternenschiff hatte noch andere an Bord, viele andere. Es beförderte geklonte Kolonisten, Gen-Bänke in Hib-Tanks. Billiges Fleisch, in fernen Explosionen zu opfern, die Ungeklonten keinen Schaden brachten. Billiges Fleisch, das den Ungeklonten Daten verschaffte. Jeder neue Vorstoß in die Leere wurde mit einem Mehr an Informationen vorgenommen, mehr Informationen für die wache Nabelschnur-Mannschaft und die Wesen, die im Hib-Schlaf eingeschlossen waren … So wie ich jetzt eingeschlossen bin. Kolonisten, Vieh, Pflanzen - jedes Sternenschiff hatte alles an Bord, das zur Schaffung einer neuen Erde benötigt wurde. Das 7 war die Karotte, der sie nachliefen. Und das Schiff - der sichere Tod, wenn es ihnen nicht gelang, ein künstliches Bewußtsein zu schaff en. Der Mondstützpunkt wußte, daß Schiff e und Klone billig waren, solange Material und Energie im Überfluß zur Verfügung standen … wie es auf dem Mond der Fall war. »Tick.« Wer weckt mich aus der Hibernation? Und warum? Flattery dachte über diese Frage nach, während er die Sphäre seiner Bewußtheit in die seelenlose Dunkelheit auszudehnen versuchte. Wer? Warum? Er wußte, er hatte es nicht geschafft, sein Schiff zu sprengen, nachdem es Bewußtheit bewiesen hatte … indem es auf dem von ihnen gebauten Computer Bickel als Imprint benutzt hatte …
Ich habe das Schiff nicht gesprengt. Irgend etwas hielt mich davon ab… Schiff ! Neue Erinnerungen strömten ihm zu. Sie hatten das künstliche Bewußtsein zur Leitung des Schiff es geschaffen … und es hatte sie in großem Sprung durch das All zum Tau-Ceti-System versetzt. In dem es keine bewohnbaren Planeten gab. Sonden des Mondstützpunktes hatten das schon vor langer Zeit festgestellt. Keine bewohnbaren Planeten. Dies gehörte zu den Frustrationen, die dem Projekt eigen waren. Kein Sternenschiff durfte den langen Weg zur Zuflucht Tau-Cetis wählen können. Das konnte der Mondstützpunkt nicht zulassen. Es wäre für die geklonte Mannschaft eine zu große Versuchung gewesen: Gebären wir doch unseren eigenen Ersatz, sollen doch unsere Nachfahren Tau-Ceti finden! Und zum Teufel mit Projekt Bewußtseinsschaffung! Wenn sich diese Einstellung herauszuschälen begann, hatte 8 der Psychiater-Geistliche die Aufgabe, das leere Ziel bloßzustellen und sich in der Nähe des Vernichtungsknopfes aufzuhalten. Ob wir nun siegten, verloren oder in eine Schachmattsituation kamen - wir sollten auf jeden Fall sterben. Und nur der Psychiater-Geistliche hatte etwas davon ahnen dürfen. Die Kette der Sternenschiff e und ihre geklonte Fracht hatte nur eine Mission: Informationen zu sammeln und zum Mondstützpunkt zu schicken. Schiff . Das war es natürlich. Mit ihrem Computer und dem Begleitsystem, das Bickel den »Ochsen« nannte, hatten sie viel mehr geschaffen als nur ein Bewußtsein. Sie hatten Schiff entstehen lassen. Und Schiff hatte sie auf unmögliche Weise im Verlauf eines Lidschlags durch das Weltall rasen lassen. Ziel Tau-Ceti. Das war immerhin das inhärente Kommando gewesen, das Ziel, das der Computer einprogrammiert bekommen hatte. Doch wo es kein bewohnbarer Planet gewesen war, hatte Schiff einen geschaffen: einen Paradiesplaneten, eine aus allen menschlichen Träumen idealisierte Erde. Dies hatte Schiff getan, aber dann war Schiff s schreckliche Forderung gekommen: »Ihr habt euch zu entscheiden, in welcher Form ihr MICH verehren wollt!« Das Schiff hatte sich in den Stand eines Gottes oder Satans erhoben.
Flattery wußte nie genau, wem er diente, aber gespürt hatte er jene ehrfurchtgebietende Macht schon vor der wiederholten Forderung: »Wie wollt ihr Mich verehren? Ihr müßt euch entscheiden!« Er hatte versagt. Sie konnten Schiff s Forderung niemals wirklich erfüllen. Doch sie konnten sich fürchten. Sie lernten die Abgrundtiefe des Fürchtens kennen. 9 »Tick.« Dieses Geräusch erkannte er nun: der Dehib-Timer/Monitor, der die Rückkehr des Lebens in sein Fleisch abzählte. Aber wer hatte diesen Prozeß in Gang gebracht? »Wer ist da?« Ihm antworteten nur Stille und undurchdringliche Dunkelheit. Flattery fühlte sich einsam, und seine Haut registrierte eine unangenehme Kühle - offensichtlich begannen seine Sinnesnerven normal zu arbeiten. Einer aus der Mannschaft hatte eine Warnung ausgesprochen, ehe sie den Hebel umlegten, der das künstliche Bewußtsein auslöste. Flattery wußte nicht mehr, von wem die Worte gekommen waren, doch er erinnerte sich daran. »Es muß eine Schwelle der Bewußtheit geben, nach deren Überschreitung ein bewußtes Wesen sich Gottes Eigenschaften anmaßt.« Der Sprecher dieser Worte hatte eine Wahrheit gesehen. Wer holt mich aus der Hib und warum? »Da ist doch jemand! Wer?« Das Sprechen schmerzte wie zuvor, und sein Verstand funktionierte noch immer nicht richtig, behindert durch den eiskalten Kern unerreichbarer Erinnerungen. »Ich bitte Sie! Wer ist da?« Er wußte, daß da jemand war. Er spürte die vertraute Gegenwart von … von … Schiff ! »Okay, Schiff , ich bin wach.« »Das glaubst du.« Diese tadelnde Stimme konnte niemals menschlich klingen. Dazu war sie bis zu einem unmöglichen Extrem beherrscht. Die geringste Nuance, jeder Tonfall, jede modulierte Resonanz zeug10
ten von einer Perfektion, die außerhalb menschlicher Möglichkeiten lag. Diese Stimme sagte ihm aber auch, daß er wieder einmal der Spielstein Schiff s war. Er war ein winziges Rädchen in den Machenschaften dieser unendlichen Macht, die auf das ahnungslose Universum loszulassen er mitgeholfen hatte. Diese Erkenntnis erfüllte ihn mit Schreckenserinnerungen und einer unmittelbaren Angst vor den Qualen, die das Schiff ihm wegen seines Versagens bereiten konnte. Ihn peinigten Visionen der Hölle … Ich habe versagt … ich habe versagt … ich habe versagt … Der heilige Augustinus hat die richtige Frage gestellt: »Leitet sich Freiheit von Zufall oder von Entscheidung her?« Sie müssen sich vor Augen führen, daß die Quantenmechanik den Zufall garantiert. RAJA FLATTERY Das Buch Schiff Normalerweise reagierte Morgan Oakes seine nachtseitigen Zornund Frustrationsgefühle mit Gewaltmärschen durch die Korridore des Schiff es ab, wohin ihn seine Füße auch lenkten. Aber diesmal nicht! sagte er sich. Er saß im Schatten und nippte an einem Glase sauren Weines. Ein bitterer Geschmack, der aber den Nachgeschmack des üblen Scherzes fortwusch, den sich Schiff geleistet hatte. Der Wein war ihm auf Aufforderung hin serviert worden, eine Demonstration seiner Macht in diesen Zeiten der Nahrungsmittelknappheit. Die erste Flasche der ersten Ladung. Wie würde man bodenseits reagieren, wenn er eine Verbesserung des Weins anordnete? Oakes hob das Glas in der überlieferten Geste: Dein sei die Verwirrung, Schiff ! 11 Der Wein war zu sauer. Er stellte ihn fort. Oakes wußte, welches Bild er bot, wie er hier zitternd in seiner Kabine saß und auf die stumme Kom-Konsole neben seiner Lieblingscouch starrte. Er verstärkte das Licht ein wenig. Wieder einmal hatte ihn das Schiff in der Überzeugung bestärkt, daß sein Programm sich dem Ende zuneigte. Das Schiff wurde senil. Er war Psychiater-Geistlicher, und das Schiff versuchte ihn zu vergiften! Andere wurden von Schiffsspendern ernährt - nicht dauerhaft und nicht in großen Mengen, doch es kam vor. Auch er hatte einmal zu den Bevorzugten gehört, ehe er Psy-Ge geworden war, und er erinnerte sich noch an den Geschmack - voll, reich, befriedigend. Dem »Burst« ähnlich, das Lewis bodenseits entwickelt hatte. Der Versuch, das Elixier nachzumachen. Teures Zeug, dieses
Burst. Aufwendig. Und kein Elixier - nein, kein Elixier. Er starrte auf den gekrümmten Schirm der Konsole neben sich. Darin zeigte sich sein verkleinertes Spiegelbild: ein übergewichtiger Mann mit breiten Schultern in einem einteiligen Anzug aus Schiffstuch, das in diesem Licht ein wenig grau aussah. Seine Gesichtszüge waren ausgeprägt: dickes Kinn, breiter Mund, eine Hakennase, buschige Brauen über dunklen Augen, an den Schläfen ein wenig silbriges Haar. Er berührte seine Schläfen. Die verkleinerte Spiegelung verstärkte das Gefühl, daß die Art und Weise, wie das Schiff mit ihm umsprang, ihn kleiner hatte werden lassen. Das Spiegelbild offenbarte ihm die eigenen Ängste. Ich lasse mich von einer verdammten Maschine nicht hereinlegen! Die Erinnerung beschwor einen neuen Zitteranfall herauf. Schiff hatte ihm oft genug die Schiffsspender verweigert, daß er diese neue Botschaft verstand. Er war in Begleitung Jesus Lewis‘ an einer Station Schiffsspendern im Korridor stehengeblieben. Lewis hatte sich amüsiert gezeigt. »Verschwende mit diesen Dingern keine Zeit. Das Schiff wird uns die Burst verweigern.« 12 Oakes war ärgerlich. »Es gehört zu meinen Privilegien, Zeit zu verschwenden! Daß du das ja nicht vergißt!« Er hatte den Ärmel hochgerollt und den nackten Arm in die Empfängeröffnung gesteckt. Es kratzte, als sich der Sensor dem Arm anpaßte. Er spürte, wie die Edelstahlspitze eine geeignete Vene aufspürte. Es folgte das kribbelnde Pricken der Testsonde, dann gab der Sensor den Arm frei. Einige Schiffsspender fuhren Plas-Röhren aus, an denen man saugen konnte, diese Anlage aber war darauf programmiert, hinter verschlossenen Türchen einen Behälter zu füllen - das Elixier, das in Mischung und Menge genau auf seine Bedürfnisse zugeschnitten war. Das Fach ging auf! Oakes grinste den erstaunten Lewis an. »Nun also!« sagte Oakes - er erinnerte sich noch genau an diese Worte. »Das Schiff erkennt endlich, wer hier der Boß ist!« Und er leerte den Behälter. Scheußlich! Brechreiz schüttelte seinen Körper. Er atmete flach und keuchend, Schweiß durchtränkte seinen Einteiler. Es war so schnell vorbei, wie es begonnen hatte. In verständnisloser
Verblüffung stand Lewis neben ihm und betrachtete die Schweinerei, die Oakes auf dem Fußboden und seinen Stiefeln angerichtet hatte. »Siehst du!« keuchte Oakes. »Begreifst du, daß das Schiff mich umbringen wollte?« »Entspanne dich, Morgan«, sagte Lewis. »Es ist wahrscheinlich nur eine Fehlfunktion. Ich rufe einen Med-Tech für dich und einen Reparatur-Robox für dieses … dieses Ding.« »Ich bin selbst Arzt, verdammt! Ich lasse mich von keinem MedTech begrapschen.« 13 Oakes hob den Stoff seines Anzuges von der Haut ab. »Dann zurück mit dir in deine Kabine! Wir müssen dich überprüfen, und …« Lewis unterbrach sich und blickte Oakes über die Schulter. »Morgan, hast du eine Reparatureinheit gerufen?« Durch Lewis‘ plötzliches Interesse aufmerksam geworden, drehte sich Oakes um und erblickte eine Robox-Einheit des Schiffes, eine etwa ein Meter lange ovale Bronzeschildkröte, deren Extensorarme um bösartig aussehende Werkzeuge geklammert waren. In trunkener Fahrt schwankte das Gebilde durch den Korridor auf die beiden Männer zu. »Was mag mit dem Ding nicht stimmen?« fragte Lewis leise. »Ich glaube, es will uns angreifen«, antwortete Oakes. Er umfaßte Lewis‘ Arm. »Verschwinden wir von hier … aber langsam.« Sie verließen die Schiffsspender-Station und beobachteten das Überwachungsauge des Robox und die werkzeuggefüllten Anhängsel. »Das Ding bleibt nicht stehen.« Oakes‘ Stimme klang leise, aber angstvoll, als der Robox an der Schiffsspender-Station vorbeifuhr. »Dann sollten wir ausrücken«, meinte Lewis. Er schob Oakes vor sich in einen Hauptflur, der zum Medizinischen Zentrum führte. Die beiden Männer drehten sich erst um, als sie sich in Oakes Kabine hinter verriegelter Tür in Sicherheit gebracht hatten. Hah! sagte sich Oakes im Gedenken an die Szene. Das hatte sogar Lewis einen Schrecken eingejagt. Er war ziemlich schnell bodenseits verschwunden - um den Bau der Redoute voranzutreiben, des Ortes, der sie bodenseits isolieren und von dieser verdammten Maschine unabhängig machen sollte. Das Schiff kontrolliert unser Leben schon zu lange! Noch immer spürte Oakes die Bitterkeit im Hals. Inzwischen war die Verbindung zu Lewis abgerissen … er schickte Nachrich-
14 ten durch Boten. Die Frustrationen rissen nicht ab. Verdammter Lewis! Oakes sah sich in seinem abgedunkelten Quartier um. Auf dem in Kreisbahn befindlichen Schiff war es nachtseits, und der größte Teil der Mannschaft war im Meer des Schlafs versunken. Ein gelegentliches Klicken und Summen von Servos waren die einzigen Geräusche in der Stille. Wie lange noch, bis die Servos Schiff s durchdrehen? Des Schiff es, berichtigte er sich. Schiff war ein Begriff , eine künstlich geschaffene Theologie, ein Märchen aus dem Umfeld einer fabrizierten Geschichte, an die nur Dummköpfe glauben konnten. Eine Lüge, durch die wir lenken und gelenkt werden. Er versuchte sich in den dicken Kissen zu entspannen und griff noch einmal nach dem Zettel, den einer von Lewis‘ Helfern ihm aufgedrängt hatte. Die Botschaft war schlicht, direkt und bedrohlich. »Das Schiff informiert uns, daß es von sich aus einen (1) PsychiaterGeistlichen bodenseits schickt, der sich in Fragen der Kommunikation auskennt. Begründung: der unidentifizierte Psy-Ge soll ein Projekt zur Verständigung mit dem Elektrotang in die Wege leiten. Zusätzliche Informationen über diesen Psy-Ge sind nicht erhältlich, aber es muß sich um jemand neuen aus der Hib handeln.« Oakes zerknüllte den Zettel. Mehr als einen Psy-Ge trug seine Gesellschaftsstruktur nicht. Das Schiff übermittelte ihm indirekt eine Botschaft: »Du bist ersetzbar.« Er hatte nie bezweifelt, daß es irgendwo in den Hib-Reserven des Schiff es weitere Psychiater-Geistliche gab. Unbestimmbar blieb, wo sich diese Reserven befinden mochten. Das verdammte 15 Schiff war ein verästeltes Gewirr geheimer Sektionen und willkürlich vorangetriebener Ausbauten und verborgener Durchgänge, die ins Nichts führten. Einmal hatte die Kolonie die Größe des Schiff es am Okklusionsschatten gemessen, als es bei einem tiefen Vorbeiflug eine der beiden Sonnen verfinsterte. Danach war das Schiff fast achtundfünfzig Kilometer lang, genug Raum, um alles zu verstecken. Aber jetzt haben wir einen Planeten unter uns: Pandora. Bodenseits! Er betrachtete den zerdrückten Zettel in seiner Hand. Warum eine
schriftliche Nachricht? Er und Lewis hatten doch eine totsichere geheime Verständigungsmöglichkeit - die einzigen beiden Schiffsmenschen mit dieser Gabe. Aus diesem Grunde vertrauten sie einander. Traue ich Lewis wirklich? Zum fünftenmal seit Empfang der Nachricht löste Oakes den AlphaBlinker aus, der den winzigen Kapselsender im Fleisch seines Nackens aktivierte. Kein Zweifel, das Ding funktionierte. Er spürte die Trägerwelle, die den Computer der Kapsel mit seinen Gehörnerven verband, und in seiner Vorstellung baute sich das unheimliche Empfinden eines leeren Gehirns auf, das Bewußtsein, daß er im Begriff stand, einen Tagtraum zu erleben. Irgendwo bodenseits müßte Lewis jetzt eigentlich durch seinen Schmalbandsender auf den Kontaktversuch aufmerksam gemacht werden. Lewis aber antwortete nicht. Fehlfunktion? Das war nicht das Problem, und das wußte Oakes auch. Er hatte das Gegenstück zu seiner Kapsel persönlich in Lewis‘ Nacken implantiert, hatte die Nervenkontakte selbst hergestellt. Und ich habe Lewis überwacht, als er die Implantation bei mir vornahm. 16 Mischte sich das verdammte Schiff ein? Oakes ließ den Blick über die weitgehenden Veränderungen schweifen, die er in seiner Kabine vorgenommen hatte. Das Schiff war natürlich überall. Alle Personen, die sich schiffsseits befanden, waren ja im Schiff . Diese Kabine jedoch war immer anders gewesen … noch ehe er seine persönlichen Veränderungen vorgenommen hatte. Es war die Kabine eines Psychiater-Geistlichen. Die übrige Besatzung lebte schlicht. Sie schlief in Hängematten, die das sanfte Schwanken des Schiff es in Schlaf umsetzten. Viele verfügten über gepolsterte Liegen oder Kissen für jene Gelegenheit, die sich zwischen Mann und Frau ergaben. Da ging es dann um Liebe, um Entspannung, um Erlösung von den langen Korridoren aus Plastahl, die sich zuweilen eng um die Psyche wanden und einem das Atmen erschweren konnten. Die Fortpflanzung allerdings fiel unter die strengste Kontrolle des Schiff es. Jeder Naturgeborene mußte schiffsseits und unter der Aufsicht einer ausgebildeten Geburtshelfer-Mannschaft zur Welt gekommen sein - den verdammten Natali mit ihrem Gehabe
überragenden Könnens. Redete das Schiff mit denen? Ernährte es sie? Sie sprachen nie davon. Oakes dachte an die Zeugungszimmer im Schiff . Wenngleich sie im Vergleich zu den normalen Kabinen bequem eingerichtet waren, kamen sie ihm nie so anregend vor wie seine eigene Unterkunft. Einige zogen sogar die am Rand befindlichen Baumodrome vor unter dunklen Büschen … in offenem Gras. Oakes lächelte. Seine Kabine dagegen - war aufregend opulent. Schon so mancher Frau hatte beim Betreten dieser Weite der Atem gestockt. Aus der ursprünglichen Psy-Ge-Kabine hatte sich dieser Raum zum Volumen von fünf Kabinen ausgedehnt. Und das verdammte Schiff hat sich nie eingemischt! Dieser Ort war ein Symbol der Macht. Ein Aphrodisiakum, 17 das selten versagte. Zugleich wurde damit offenbart, was für eine Lüge das Schiff war. Wer diese Lüge sieht, herrscht. Wer sie nicht erkennt … herrscht nicht. Ihm war ein wenig schwindlig zumute. Wohl der pandorische Wein. Der Alkohol kroch durch seine Adern und drang in sein Bewußtsein ein. Aber nicht einmal der Wein vermochte ihn zum Schlafen zu bringen. Zuerst hatten die seltsame Süße und die wohlige Wärme ihm Erlösung von den Zweifeln verhießen, die ihn immer wieder durch die nachtseitigen Korridore streifen ließen. Er schlief in der Periode nur noch drei oder vier Stunden, und das schon seit … wie lange? Seit Jahren … Jahren … Oakes schüttelte den Kopf, um seine Gedanken zu ordnen, und spürte das Pendeln seiner aufgedunsenen Wangen gegen seinen Hals. Dick. Er war nie rank und schlank gewesen, war nur für das Zeugen von Nachkommen ausgewählt worden. Aber Edmond Kingston bestimmte mich zu seinem Nachfolger. Der erste Psy-Ge überhaupt, der nicht von dem verdammten Schiff ausgesucht wurde. Sollte er nun durch den neuen Psy-Ge abgelöst werden, den das Schiff bodenseits schicken wollte? Oakes seufzte. In letzter Zeit war er schlapp und schwer geworden. Zu viele Ansprüche an den Verstand und zu wenige an den Körper. An Couch-Partnern mangelte es jedoch nicht. Er tätschelte das Kissen neben sich und dachte zurück.
Ich bin fünfzig, fett und verdorben, sagte er sich. Was kommt nun? 18 Der allesdurchdringende, charakterlose Hintergrund des Universums - das ist die Leere. Sie ist weder Objekt, noch enthält sie Sinne. Sie ist die Region der Illusionen. KERRO PANILLE Buddha und Avata Eine große Vielfalt herrschte in der Gruppe nackter Gestalten, die zwischen den Bollwerken schwarzer Felsspitzen über die freie Ebene humpelte und schlurfte. Das orangerote Licht einer einzelnen Sonne strahlte vom Meridian herab und legte purpurne Schatten auf die rauhe Kies- und Sandebene. Wechselnde Winde trieben da und dort Staubwolken auf, und die Gruppe achtete müde auf solche Störungen. Von Zeit zu Zeit richteten sich untersetzte Pflanzen mit funkelnden Silberblättern im Pfad der nackten Horde nach der Sonne aus. Die Gestalten gingen den Pflanzen aus dem Weg. Die Angehörigen der Gruppe ließen ihre menschliche Abstammung nur noch vage erkennen. Die meisten betrachteten einen großgewachsenen Gefährten als ihren Anführer, obwohl dieser nicht an der Spitze ging. Er besaß sehnige graue Arme und einen schmalen Kopf, der von goldenem Gewöll gekrönt war, die einzige Spur von Haar an seinem schlanken Körper. Der Kopf wies zwei goldene Augen auf, dafür hatte er keine Nase und nur einen winzigen runden roten Mund. Ohren waren nicht sichtbar; braune Haut kennzeichnete die Stellen, wo es vielleicht Ohren hätte geben können. Die Arme endeten in geschmeidigen Händen, die jeweils drei sechsgliedrige Finger und einen gegenübergestellten Daumen besaßen. In grünen Buchstaben war ihm der Name Theriex auf die Brust tätowiert. Neben dem großen Theriex humpelte eine bleiche, gedrungene Gestalt, deren kugelrunder, haarloser Kopf unmittel19 bar auf den Schultern saß. Winzige rote Augen dicht neben einem feuchten Loch, das mit jedem Atemzug zitterte, vermochten nur in die Richtung zu starren, in die sich der Körper wandte. Die Ohren waren klaff ende Schlitze seitlich unten am Kopf. Dicke, muskulöse Arme endeten in zwei fingerlosen fleischigen Rundungen. Die Beine waren knielose Röhren ohne Füße. Diese Unterschiede setzten sich bei den anderen Angehörigen der Gruppe fort. Es gab Köpfe mit zahlreichen Augen, einige auch ohne Sehorgane. Es waren große konische Atemorgane und gehörnte
Ohren zu sehen. Tänzerbeine und Gehstumpen. Alles in allem waren es einundvierzig Gestalten, die im Gehen einen dichten Verband bildeten, der pandorischen Wildnis eine enggefügte Mauer aus Fleisch entgegenstellend. Einige klammerten sich aneinander, während sie einen ungeschickten Schritt nach dem andern machten. Andere achteten auf einen kleinen abwehrenden Freiraum. Gesprochen wurde nur wenig - von Zeit zu Zeit ein Knurren und Stöhnen, zuweilen eine gejammerte Frage, die Theriex galt. »Wo können wir uns verstecken, Ther? Wer wird uns aufnehmen?« »Wenn wir das Meer erreichen«, sagte Theriex. »Die Avata …« »Die Avata, ja, die Avata.« Sie äußerten sich wie im Gebet. Eine tiefe, grollende Stimme in der Gruppe griff den Singsang auf: »Allmenschlicher, All-Avata.« Ein anderer rief: »Ther, erzähle uns die Geschichte von Avata. Avata.« Theriex schwieg, bis ihn alle anflehten: »Ja, Ther, erzähl uns die Geschichte … die Geschichte … die … Geschichte …« Theriex hob stilleheischend eine sehnige Hand, dann sagte er: »Wenn Avata vom Anfang spricht, spricht Avata von Gestein und der Brüderschaft des Gesteins. Vor dem Gestein waren das Meer, 20 das kochende Meer, und die Pusteln des Lichts, die es zum Kochen brachten. Mit dem Kochen und Abkühlen kam das Zerreißen der Monde, waren doch die Zähne des Meeres verrückt geworden. Bei Tage verstreuten sich alle Dinge im kochenden Sud, bei Nacht schlossen sie sich im Relief der Ablagerungen zusammen und ruhten aus.« Theriex hatte eine dünne, pfeifende Stimme, die sich über das Schlurfen der weiter ausschreitenden Gruppe erhob. Seine Worte folgten einem Rhythmus, der sich dem Marsch anpaßte. »Die Sonnen verlangsamten ihren gewaltigen Wirbel, und die Meere kühlten ab. Einige wenige, die sich zusammengeschlossen hatten, blieben zusammen. Avata weiß das, weil dies so ist, doch das erste Wort Avatas ist Gestein.« »Gestein, Gestein!« riefen Theriex‘ Begleiter. »Auf der Flucht gibt es kein Wachstum«, fuhr Theriex fort. »Vor dem Gestein war Avata müde, und Avata war viele Seelen und Avata hatte nur das Meer gesehen.« »Wir müssen Avata-Meer finden …« »Aber Gestein zu umfassen«, sagte Theriex, »sich eng darum zu
schlingen und stillzuliegen, das ist ein neuer Traum und ein neues Leben - ungebeutelt von der Wildheit des Mondes, unmüde. Da entwickelte sich Ranke und Blatt, und mit der neuen Zuversicht des Gesteins kamen die Schlinge der Macht und das Gas, Gift des Meeres.« Theriex neigte den Kopf zurück, um zum Metallblau des Himmels emporzuschauen, und schwieg einige Schritte lang, dann rief er: »Schlinge der Macht, Berührung aller Berührungen! Avata fing an jenem Tag das Blitzen ein, eng um ihr Gestein geschlungen, und wartete die stummen Jahrhunderte in Dunkelheit und Angst ab. Dann krümmte sich der erste Funken in die schreckliche Nacht: ›Gestein!‹« 21 Wieder antworteten die anderen: »Gestein! Gestein! Gestein!« »Schlinge der Macht!« wiederholte Theriex. »Avata kannte das Gestein, ehe er sein Selbst erkannte, und der zweite Funke rief: Ich! Dann der dritte, der größte von allen: Ich! Nicht Gestein!« »Nicht Gestein, nicht Gestein!« intonierten die anderen. »Der Quell ist stets bei uns«, fuhr Theriex fort, »wie auch bei dem, was wir nicht sind. Wir sind aus dem Bezug heraus. Durch jenes andere ist das Selbst bekannt. Und wo es nur das eine gibt, besteht nichts anderes. Aus diesem Nichts kommt keine Reflexion des Selbst, nichts kehrt zurück. Aber für Avata gab es das Gestein, und weil es dieses Gestein gab, kehrte etwas zurück, und dieses Etwas war das Selbst. So wird das Endliche unendlich. Eines allein ist nichts. Aber wir sind im Unendlichen zusammengeschlossen, in der Nähe, aus dem alle Materie kommt. Möge Avatas Gestein euch im Meer Halt geben!« Nachdem Theriex geendet hatte, schlurfte und humpelte die Gruppe eine Zeitlang klaglos dahin. Ein seltsam saurer Geruch wurde nun durch die Böen herangetragen, auf den ein besonders Geruchempfindlicher sofort reagierte. »Ich rieche Nervenläufer«, sagte er. Ein Schauder wogte durch die Gruppe, und alle gingen schneller, während die außen Befindlichen sich mit gesteigerter Vorsicht auf der Ebene umsahen. An der Spitze der Gruppe ging eine Gestalt mit dunklem Pelz, langem Torso und kurzen Beinen, die in flachen runden Scheiben endeten. Die Arme waren schmal und wanden sich schlangengleich. Sie endeten in zweifingrigen Händen, die Finger muskulös, lang und
gewunden, als wären sie dazu bestimmt, aus geheimnisvollen Gründen an geheimnisvolle Orte vorzudringen. Die Ohren unter dem dünnen Pelz waren beweglich, groß und ledrig und deuteten mal in diese, mal in jene Richtung. Der Kopf 22 saß auf einem schlanken Hals und zeigte ein sehr menschliches Gesicht, wenn auch abgeflacht und gleichfalls mit dem dünnen Flaum bedeckt. Die Augen waren blau, vorspringend und lagen unter schweren Lidern, sie wirkten glasig und schienen ins Nichts gerichtet. Auf der Ebene ringsum rührte sich bis hin zu den etwa zehn Kilometer entfernten Felsspitzen nichts, da und dort erhoben sich Auswüchse schwarzen Gesteins und steifblättrige Pflanzen, die ihre langsame phototropische Anpassung in die Bewegung der orangeroten Sonne vornahmen. Die Ohren des Pelzwesens an der Spitze streckten sich plötzlich, rundeten sich und deuteten auf die Felserhebungen unmittelbar vor der Gruppe. Abrupt hallte aus dieser Richtung ein kreischender Laut. Die Gruppe erstarrte, als wäre sie ein einziger Organismus, und wartete angstvoll. Der Schrei war erschreckend laut gewesen. Eine beinahe hysterische Stimme meldete sich aus der Gruppe: »Wir haben keine Waffen!« »Gestein«, sagte Theriex und deutete mit einer Armbewegung auf die schwarzen Umrisse. »Zu groß zum Werfen!« klagte jemand. »Das Gestein der Avata«, sagte Theriex, und in seiner Stimme schwang der beruhigende Ton, in dem er die Geschichte Avatas erzählt hatte. »Achtet auf die Pflanzen!« warnte jemand. Überflüssige Worte. Alle wußten Bescheid über die Pflanzen höchst giftig, fähig, weiches Fleisch aufzuschlitzen. Drei Angehörige der Gruppe waren diesen Gewächsen bereits zum Opfer gefallen. Wieder hallte der Schrei auf. »Gestein!« wiederholte Theriex. 23 Langsam löste sich die Horde auf, einzeln und in kleinen Gruppen gingen die Gestalten auseinander, begaben sich zu den Felsen, an deren schwarze Oberfläche sie sich schmiegten, sich anklammernd, zumeist auch das Gesicht in die Dunkelheit pressend.
»Ich sehe sie«, sagte Theriex. »Falten-Huscher.« Alle wandten sich in die Richtung, in die Theriex blickte. »Gestein, der Traum meines Lebens«, sagte Theriex. »Gestein zu umfassen, sich eng darum zu schlingen und stillzuliegen!« Während des Sprechens starrte er über die Ebene auf die neun schwarzen Gestalten, die schnell näher kamen. Falten-Huscher, ja, vielbeinige Wesen mit tiefen Hautfalten anstelle von Mäulern. Die Falten zogen sich zurück und entblößten spitze Reißzähne. Die Ungeheuer bewegten sich mit schrecklicher Geschwindigkeit. »Wir hätten es an der Redoute mit den anderen versuchen sollen!« jammerte jemand. »Verdammt, Jesus Lewis!« brüllte ein anderer. »Verdammt sollst du sein!« Es waren die letzten verständlichen Worte aus der Gruppe, ehe die Falten-Huscher sich mit unglaublicher Geschwindigkeit auf die verstreuten Gestalten stürzten. Zähne bissen zu, Klauen gruben tief. Das Tempo des Angriff s war gnadenlos. Mit zurückgezogenen Hautfalten sprangen die Huscher hierhin und dorthin und wirbelten auf der Stelle. Kein Opfer hatte eine Chance. Einige versuchten zu fliehen und wurden im Freien niedergemacht. Andere wollten die Felsen als Deckung benutzen, wurden aber von Dämonenpaaren in die Enge getrieben und zerrissen. In wenigen Augenblicken war alles vorbei, und die neun Huscher begannen ihre Mahlzeit. Andere Lebewesen langten unter Felsen hervor, um sich an dem Bankett zu beteiligen. Sogar nahestehende Pflanzen tranken die rote Flüssigkeit aus dem Boden. Während die Huscher ihre Beute vertilgten, veränderte sich 24 der felsige Horizont im Norden mit unmerklichen Bewegungen. Riesige orangerote Ballons erhoben sich über das felsige Bollwerk und trieben mit dem Wind auf die Huscher zu. Die Schwebegebilde zogen lange Tentakel hinter sich her, die gelegentlich die Ebene berührten und dort Staub aufwirbelten. Den Huschern entging diese Entwicklung nicht, aber sie zeigten keine Angst. Hohe Kämme schwankten oben auf den Beuteln und paßten sich dem Wind an. Ein schrilles Lied, das von ihnen ausging, war plötzlich zu hören, wie Wind in der Takelage, begleitet von einem metallischen Rasseln. Als die orangeroten Ballons noch mehrere Kilometer entfernt waren, bellte einer der Huscher eine Warnung. Er wandte den Blick von den
Fluggebilden und starrte auf ein Geschwür aus dünnen Tentakeln, das etwa fünfzig Meter entfernt die Ebene aufwühlte. Von der Erscheinung ging ein starker Geruch nach brennender Säure aus. Wie auf ein unhörbares Kommando fuhren die Huscher herum und flohen. Das Wesen, das sich an Theriex gütlich getan hatte, stieß einen schrillen Schrei aus und rief dann ganz deutlich: »Theriex!«, ehe es über die Ebene davonstob. Ein absichtlich schwacher Zug, willkürlich gemacht im Verlauf eines Plans, kann die theoretische Struktur eines Spiels völlig verändern. BICKEL-ZITAT Schiffsdokumente Nervös ging Oakes in seiner Kabine auf und ab. Es war mehrere nachtseitige Stunden her, seit er Lewis über die implantierten Kommunikatoren zu erreichen versucht hatte. Lewis war eindeutig nicht ansprechbar. 25 Stimmte in der Redoute etwas nicht? Oakes bezweifelte das. Dieser Stützpunkt auf dem schwarzen Drachen wurde mit den besten Materialien errichtet. Lewis erlegte sich bei dem Bau keine Beschränkungen auf. Die Anlage würde uneinnehmbar sein für jede Kraft, die auf Pandora oder im Schiff bekannt war … jede Kraft, bis auf … Oakes verhielt in seinem Hin und Her und betrachtete die Plastahlwände seiner Kabine. Würde die Redoute auf Pandora sie wirklich vom Schiff isolieren? Der Wein, den er zuvor getrunken hatte, brachte ihm endlich Entspannung, ließ den bitteren Geschmack von seiner Zunge verschwinden. Der Raum roch muffig und fühlte sich an, als sei er sogar vom Schiff isoliert. Sollte das verdammte Schiff ruhig einen neuen Psy-Ge bodenseits schicken. Den Unbekannten würde er sich zu gegebener Zeit schon vornehmen. Oakes ließ sich schlaff auf eine Couch sinken und versuchte den neuesten Angriff des Schiff es auf ihn zu vergessen. Er schloß die Augen und kehrte in einem Halbtraum zu seinen Anfängen zurück. Nicht ganz. Nicht ganz zu den Anfängen. Er gestand sich nicht gern ein, daß da eine Lücke klaffte. Es gab Dinge, an die er sich nicht erinnerte. Zweifel störten ihn, und die Trägerwelle des Kapselsenders in seinem Nacken lenkte ihn ab. Er sandte das Nervensignal aus, mit dem das Gerät abgeschaltet wurde. Soll doch Lewis versuchen, mit mir Verbindung aufzunehmen! Oakes seufzte noch schwerer. Nicht die Anfänge - nein. Es gab da
Dinge in der Anfangszeit, die nicht einmal in den Unterlagen standen. Trotz aller gottesgleichen Fähigkeiten konnte und wollte das Schiff für Morgan Oakes keinen kompletten Hintergrund lie26 fern. Dabei sollte der Psy-Ge angeblich Zugang zu allem haben. Zu allem! Zu allem außer jener fernen Herkunft irgendwo erdseits … auf der weit entfernten Erde … der längst vergangenen Erde. Er wußte, er war sechs Jahre alt gewesen, als seine ersten Erinnerungen zu Bildern erstarrten und seinen weiteren Weg begleiteten. Er wußte sogar noch das Jahr - 6001 seit der Geburt des Göttlichen Imhotep. Frühling. Ja, es war Frühling gewesen, und er hatte im Machtzentrum gewohnt, in Ägypten, in der wunderschönen Stadt Heliopolis. Von den britannischen Grenzen bis zum Unterlauf des Ind herrschte ein gräkoromanischer Friede, genährt vom Reichtum des Nils, unterstützt durch die Söldnersoldaten Ägyptens. Lediglich in den Außenländern Chins und den Kontinenten Ost-Chins jenseits des Nesischen Meeres gab es Konflikte zwischen Nationen. Ja … Frühling … und er hatte bei seinen Eltern in Heliopolis gelebt. Beide Eltern waren in beratender Funktion beim Militär. Das wußte er aus den Unterlagen. Seine Eltern waren wohl die besten Genetiker des Reiches. Sie arbeiteten an einem Projekt, das das Leben des jungen Morgan völlig in Anspruch nehmen sollte. Sie bereiteten eine Reise zu den Sternen vor. Auch dies teilte man ihm mit. Aber erst viele Jahre später, zu spät, als daß er dagegen hätte Einspruch erheben können. Deutlich erinnerte er sich an einen Mann, einen Schwarzen. Er setzte ihn gern mit einem der dunklen ägyptischen Priester gleich, die er jede Woche auf dem Bildschirm sah. Der Mann kam jeden Nachmittag an Morgans Quartier vorbei. Wohin er wollte und warum er sich nur in einer Richtung bewegte, erfuhr Morgan nie. Der Zaun um das Quartier seiner Eltern reichte viel höher als der Kopf des schwarzen Mannes - ein Geflecht aus dickem Stahl, 27 oben nach außen gerollte. Jeden Nachmittag sah Morgan den Mann vorbeigehen und versuchte sich vorzustellen, wie der Mann schwarz geworden war. Morgan fragte seine Eltern nicht danach, weil er selbst auf die Lösung kommen wollte. Eines Morgens sagte sein Vater beim Frühstück: »Die Sonne wird
zur Nova.« Nie vergaß er diese Worte, diese mächtigen Worte, obgleich er ihre Bedeutung nicht kannte. »Man hat Stillschweigen darüber gewahrt, aber selbst das Römische Reich kann diese Hitze nicht vertuschen. Die Gesänge aller Priester Ras machen da keinen Unterschied mehr.« »Hitze?« gab Morgans Mutter zurück. »Bei Hitze kann man leben, damit wird man fertig. Aber dies ...« - sie deutete auf das große Fenster - »ist doch beinahe schon ein Feuer.« Es war also die Sonne, die den Mann schwarz gemacht hatte, sagte er sich. Er war zehn, ehe ihm aufging, daß der am Haus vorbeikommende Mann von Geburt an schwarz gewesen war, seit seiner Zeugung. Trotzdem blieb Morgan dabei, den anderen Kindern in seiner Krippe zu erzählen, daß die Sonne daran schuld sei. Ihm gefiel das geheime Spiel von Überredung und Täuschung. Ach, welche Macht das Spiel übermittelte, damals schon! Oakes glättete das Kissen in seinem Rücken. Warum dachte er ausgerechnet jetzt an den schwarzen Mann? Es war zu einem seltsamen Zwischenfall gekommen, eine Kleinigkeit, die zu viel Aufregung geführt hatte und ihm daher unvergeßlich geblieben war. Er hat mich berührt. Oakes konnte sich nicht erinnern, bis zu jenem Augenblick von jemand anderem als seinen Eltern angefaßt worden zu sein. An jenem sehr heißen Tag saß er draußen auf einer Treppenstufe, gekühlt durch den Schatten des Daches und den Ventilator, der 28 aus der Tür auf seinen Rücken gerichtet war. Der Mann ging wie üblich vorbei, dann blieb er stehen und drehte sich um. Der Junge beobachtete ihn neugierig durch den Maschendraht, und der Mann musterte ihn eindringlich, als bemerkte er ihn zum erstenmal. Oakes erinnerte sich noch an den Satz, den sein Herz plötzlich machte, an das Gefühl einer gespannten Schleuder, die immer mehr zurückgezogen wurde. Der Mann blickte sich um, dann zum Rand des Zaunes empor, und ehe sich Oakes versah, war er herübergeklettert und kam auf ihn zu. Der schwarze Mann blieb stehen, streckte zögernd die Hand aus und berührte den Jungen an der Wange. Nicht minder neugierig hob Oakes die Hand und berührte die schwarze Haut am Arm des Mannes. »Hast du noch nie einen kleinen Jungen gesehen?« fragte er.
Das schwarze Gesicht verzog sich zu einem Lächeln, und er sagte: »Ja, aber keinen kleinen Jungen wie dich.« Im nächsten Augenblick stürzte sich ein Wächter aus dem Nichts auf den Mann und schleppte ihn fort. Ein zweiter Wächter zerrte den Jungen ins Haus und rief seinen Vater. Er wußte noch, daß sein Vater sich sehr aufgeregt hatte. Aber am deutlichsten war ihm der Ausdruck des Staunens auf dem Gesicht des schwarzen Mannes in Erinnerung, des Mannes, der nie wieder am Haus vorbeikam. Da war sich Oakes als etwas Besonderes vorgekommen, als etwas Mächtiges, als Ziel der Ehrerbietung. Er war schon immer jemand gewesen, mit dem man rechnen mußte. Warum erinnere ich mich an den Mann? Es war, als verbringe er in letzter Zeit all seine Freistunden mit Fragen an sich selbst. Fragen führten zu weiteren Fragen und letztlich jeden Tag zu der einen Frage, der er den Zugang zu seinem Bewußtsein verwehrt hatte. Bis jetzt. Er stellte sich diese Frage laut, er probierte sie auf der Zunge wie einen ersehnten Wein. »Was ist, wenn das verdammte Schiff Gott ist?« 29 Die menschliche Hibernation ist im Vergleich zum Winterschlaf, was der tierische Winterschlaf im Vergleich zum ständigen Wachsein darstellt. In ihrer Reduzierung der Lebensvorgänge nähert sich die Hibernation der absoluten Stasis. Sie ist dem Tode näher als dem Leben. WÖRTERBUCH DER WISSENSCHAFTEN 101. Ausgabe Raja Flattery lag reglos im Hibernationskokon und versuchte sein Entsetzen zu überwinden. Schiff hat mich. Wogen der Bedrückung brachten seine Erinnerungen durcheinander. Trotzdem wußte er mehrere Dinge. Beinahe schaffte er es, diese Dinge auf die Ebenholzschwärze zu projizieren, die ihn umgab. Ich war Psychiater-Geistlicher im Sternenschiff Earthling. Wir hatten die Aufgabe, ein künstliches Bewußtsein zu schaffen. Eine sehr gefährliche Sache. Und sie hatten auch tatsächlich … etwas produziert. Jenes Etwas war Schiff , ein Wesen von anscheinend unendlicher Macht. Gott oder Satan? Flattery wußte es nicht. Aber Schiff hatte für seine Fracht aus Klonen einen Paradiesplaneten geschaffen und dann ein neues Konzept
eingeführt: die Schiffsverehrung. Es verlangte von den menschlichen Klonen, sich zu entscheiden, wie sie es verehren wollten. Darin haben wir ebenfalls versagt. Lag es daran, daß sie bis zum letzten Mann Klone waren? Zumindest waren sie ersetzbar gewesen. Sie hatten dies von den 30 ersten Sekunden ihres Kindheitserwachens in der Mondstation gewußt. Wieder durchströmte ihn Angst. Ich muß entschlossen sein, sagte sich Flattery. Gott oder Satan, wie immer seine Macht beschaff en sein mag, ich bin vor ihm machtlos, wenn ich mir nicht meine Zielstrebigkeit bewahre. »Solange du dich für hilflos hältst, bleibst du hilflos, auch wenn du Entschlossenheit zeigst«, sagte Schiff . »Du liest also auch meine Gedanken.« »Lesen? Das ist wohl kaum das richtige Wort.« Die Stimme Schiff s tönte aus der Dunkelheit ringsum. Sie vermittelte ein Gefühl vage empfundener Sorge, die Flattery nicht zu ergründen vermochte. Jedesmal wenn Schiff etwas sagte, fühlte er sich zur Größe einer Motte reduziert. Er kämpfte sich durch ein vages Gefühl des Unterjochtseins, doch jeder Gedanke verstärkte nur das Gefühl, eingesperrt zu sein und in seinen Fähigkeiten nicht angemessen zu sein. Was könnte ein bloßer Mensch gegen eine Macht wie Schiff ausrichten? Doch ihm gingen Fragen durch den Kopf, und er wußte, daß Schiff zuweilen Fragen beantwortete. »Wie lange bin ich in der Hib gewesen?« »Dieser Zeitraum wäre bedeutungslos für dich.« »Stell mich doch auf die Probe.« »Ich stelle dich auf die Probe.« »Sag mir, wie lange ich in der Hib gelegen habe.« Die Worte waren kaum über seine Lippen, als ihn Panik überkam vor dem, was er getan hatte. Man redete nicht so mit Gott… oder Satan. »Warum nicht, Raj?« Die Stimme Schiff s hatte einen kameradschaftlichen Ton, doch 31 die Modulation war dermaßen präzise, daß ihr Klang ihm einen Schauder über die Haut laufen ließ. »Weil … wegen …«
»Wegen dem, was Ich dir antun könnte?« »Ja.« »Aahhhh, Raj, wann wirst du endlich erwachen?« »Ich bin wach!« »Egal. Du bist nach deiner Zeitrechnung sehr lange in der Hibernation gewesen.« »Wie lange?« Er hatte das Gefühl, daß die Antwort außerordentlich wichtig war; er mußte es wissen. »Du mußt begreifen, was es mit Abspielungen auf sich hat, Raj. Die Erde hat für Mich ihre Geschichte durchgemacht, hat sich auf Mein Kommando noch einmal abgespielt.« »Abgespielt … und jedesmal auf gleiche Weise?« »Meistens.« Raj spürte die unausweichliche Wahrheit in diesen Worten, und ihm entrang sich der Schrei: »Warum?« »Das würdest du nicht verstehen.« »Der ganze Schmerz und …« »Und die Freude, Raj. Vergiß die Freude nicht.« »Aber … Abspielung.« »So wie man sich eine Musikaufzeichnung noch einmal abspielt, Raj, oder die Holoaufzeichnung eines klassischen Dramas. So wie der Mondstützpunkt sein Projekt Bewußtseinsschaffung noch einmal abspielte und dabei jedesmal ein wenig mehr herausholte.« »Warum hast Du mich aus der Hib geholt?« »Du bist wie ein geliebtes Instrument, Raj.« »Aber Bickel …« »Ohh, Bickel! Ja, er schenkte Mir sein Genie. Er war der schwarze 32 Kasten, aus dem du Mich schufest, aber Freundschaft verlangt mehr, Raj. Du bist Mein bester Freund.« »Ich hätte Dich vernichtet, Schiff .« »Wie wenig du doch von Freundschaft verstehst.« »Ich bin also … ein Instrument. Spielst Du mich auch noch einmal ab?« »Nein, Raj, nein.« Welch Traurigkeit in dieser schrecklichen Stimme! »Instrumente spielen selbst.« »Warum sollte ich zulassen, daß Du auf mir spielst?« »Gut! Sehr gut, Raj!« »Soll das eine Antwort sein?« »Das war Anerkennung. Du bist in der Tat Mein bester Freund. Mein
Lieblingsinstrument.« »Das werde ich wohl nie begreifen.« »Das liegt teilweise daran, daß du an dem Spiel Freude hast.« Flattery konnte es nicht unterdrücken; ein leises Lachen kam über seine Lippen. »Lachen paßt zu dir, Raj.« Lachen? Er erinnerte sich kaum daran, gelacht zu haben, abgesehen von der bitteren Belustigung des Selbstvorwurfs. Doch jetzt erinnerte er sich, wie er in die Hib gegangen war - nicht einmal, sondern öfter, als er nachzählen wollte. Es hatte andere Augenblicke des Erwachens gegeben … andere Spiele und … ja, andere Fehlschläge. Er spürte jedoch, daß Schiff amüsiert war, und wußte, daß nun eine Reaktion von ihm erwartet wurde. »Was spielen wir diesmal?« »Meine Forderung bleibt unerfüllt, Raj. Die Menschen können sich irgendwie nicht zu einem Entschluß durchringen, wie sie Mich verehren sollen. Deshalb gibt es keine Menschen mehr.« Eiseskälte schwemmte durch seinen Körper. »Keine … Was hast Du getan?« 33 »Die Erde ist im kosmischen Wirbel verschwunden, Raj. All die Erdversionen sind fort. Eine lange Zeit ist vergangen, bedenke das! Jetzt gibt es nur noch die Schiffsmenschen … und dich.« »Ich, ein Mensch?« »Du bist Originalmaterial.« »Ein Klon, ein Doppelgänger soll Originalmaterial sein?« »Und ob!« »Was sind Schiffsmenschen?« »Überlebende der jüngsten Abspielungen - leicht veränderte Abspielungen in bezug auf die Erde, an die du dich erinnerst.« »Keine Menschen?« »Du könntest immerhin mit ihnen zeugen.« »Inwiefern sind sie anders?« »Sie haben ähnliche rassische Erinnerungen wie du, wurden aber an unterschiedlichen Punkten ihrer sozialen Entwicklung herausgegriffen.« Flattery spürte eine Ungenauigkeit in dieser Antwort und nahm sich vor, nicht näher darauf einzugehen - noch nicht. Er wollte es auf einem anderen Weg versuchen. »Was meinst Du, wenn Du sagst, sie wurden herausgegriffen?«
»Sie hielten es für eine Rettung. In jedem Falle stand ihre Sonne davor, zur Nova zu werden.« »Und das war wieder Dein Tun?« »Sie sind gründlich auf deine Ankunft vorbereitet worden, Raj.« »Inwiefern?« »Sie haben einen Psychiater-Geistlichen, der Haß lehrt. Sie haben Sy Murdoch, der die Lektion begriff en hat. Sie haben eine Frau namens Hamill, deren außerordentliche Kräfte tiefer reichen, als irgend jemand ahnt. Sie haben einen alten Mann namens Ferry 34 der alles glaubt und käuflich ist. Sie haben Waela, die wirklich einen gründlichen Blick wert ist. Sie haben einen jungen Dichter namens Kerro Panille, dann gibt es da Hali Eckel, die sich einbildet, den Dichter für sich zu wollen. Es gibt Menschen, die für seltsame Betätigungen geklont und eingerichtet worden sind. Man kennt Hungergelüste, Ängste, Freuden …« »Das nennst Du Vorbereitung?« »Ja, und Engagement.« »Und das willst Du auch von mir!« »Engagement, ja.« »Nenn mir einen zwingenden Grund, warum ich dort hinabgehen sollte.« »Ich erreiche solche Dinge nur durch Zwang.« Keine klare Antwort, aber Flattery wußte, daß er sich damit zufriedengeben mußte. »Ich soll also eintreffen. Wo und wie?« »Unter uns liegt ein Planet. Die meisten Schiffsmenschen sind auf diesem Planeten - als Kolonisten.« »Und sie müssen sich entscheiden, in welcher Form sie Schiff anbeten wollen.« »Du hast deinen Scharfsinn nicht verloren, Raj.« »Was haben sie gesagt, als Du ihnen die Frage gestellt hast?« »Ich habe ihnen diese Frage nicht gestellt. Das ist deine Aufgabe.« Flattery erschauderte. Dieses Spiel kannte er. Es lag ihm auf der Zunge, eine Weigerung hinauszubrüllen, zu toben und Schiff s Vergeltung auf sich zu ziehen. Doch irgendein Element ihres Dialogs ließ seine Zunge innehalten. »Was passiert, wenn sie es nicht schaff en?« »Ich stoppe die Abspielung.« 35 Stemmt eure sturen Hacken fest in den
Schmutz. Und wohin zieht der Schmutz? KERRO PANILLE Gesammelte Gedichte Kerro Panille beendete die letzte Lektion in pandorischer Geologie und schaltete seinen Holo ab. Die Stunde der Mittmahlzeit war längst vorbei, aber er spürte keinen Hunger. Die Schiffsluft roch schal in der winzigen Unterrichtskabine, und das überraschte ihn, bis er sich erinnerte, daß er den geheimen Zugang versiegelt hatte, womit nur die Bodenentlüftung blieb. Ich habe auf dem Bodenschacht gesessen. Er zeigte sich davon amüsiert. Aufstehend streckte er sich und dachte an die Lektion des Holos zurück. Träume von echtem Schmutz, echten Meeren, echter Luft suchten ihn in seiner Phantasie schon so lange heim, daß er zu fürchten begann, die Wirklichkeit möge ihn enttäuschen. Er war kein Neuling, wenn es darum ging, sich ein geistiges Bild von etwas zu machen … aber auch nicht, wenn die Wirklichkeit enttäuschend ausfiel. In solchen Augenblicken kam er sich viel älter vor als seine zwanzig Jahre. Und er suchte Bestätigung in einer glatten Oberfläche, die seine Gesichtszüge reflektierte. Er fand eine kleine Stelle an der Zugangsluke, von dem häufigen Zufassen seiner Hand poliert, wenn er zufluchtsuchend diesen Ort betrat. Ja - seine dunkle Haut besaß nach wie vor die Glätte der Jugend, und der dunklere Bart krümmte sich mit dem gewohnten Saft und Kraft um seinen Mund. Er mußte zugeben, daß es ein großzügig geschnittener Mund war. Und daß die Nase einem Piraten angestanden hätte. Nicht viele Schiffsmenschen wußten überhaupt, daß es einmal Menschen wie Piraten gegeben hatte. 36 Seine Augen allerdings kamen ihm viel älter vor als zwanzig. Daran führte kein Weg vorbei. Schiff hat mir das angetan. Nein … Er schüttelte den Kopf. Er konnte nichts anderes sein als ehrlich. Das Besondere, das Schiff und ich teilen - das läßt meine Augen alt aussehen. Es gab Realitäten innerhalb von Realität. Das, was ihn zum Dichter machte, veranlaßte ihn, unter jede Oberfläche schauen zu wollen wie ein Kind, das sich durch Bücher voller unbekannter Schriftzeichen arbeitet. Auch wenn die Wirklichkeit ihn enttäuschte, mußte er danach streben. Die Macht der Enttäuschung. Er sah in dieser Macht etwas anderes als Frustration. Sie enthielt die
Kraft, sich neu zu formieren, umzudenken, zu reagieren. Sie zwang ihn, auf sich selbst zu hören, so wie er anderen zuhörte. Kerro wußte, was die meisten schiffseitigen Leute von ihm hielten. Sie waren davon überzeugt, er könne in einem überfüllten Raum jedes Gespräch mithören, keine Geste, keine Unterstellung entgehe ihm. Es gab Zeiten, da so etwas zutraf, doch behielt er die Schlußfolgerungen aus solchen Beobachtungen für sich. Auf diese Weise wurden nur wenige durch seine Aufmerksamkeit gekränkt. Niemand konnte ein besseres Publikum finden als Kerro Panille. Er wollte nichts anderes als zuhören und lernen und aus allem in seinen Gedichten eine Ordnung zu schaff en. Auf Ordnung kam es an - eine wunderschöne Ordnung, erstanden aus tiefster Inspiration. Und doch mußte er zugeben, daß Schiff ein Symbol durchgreifender Unordnung war. Er hatte Schiff einmal gebeten, ihm seine Form zu offenbaren, eine aus einer Laune geborene Bitte, von der er halb erwartet hatte, daß sie ihm abgeschlagen würde. Aber Schiff hatte reagiert, indem es ihn auf einen visuellen Rundgang mitnahm, durch die inneren Sensoren, 37 durch die Augen der Robox-Reparaturgeräte und sogar durch die Augen der Fähren, die zwischen Schiff und Pandora pendelten. Äußerlich bot das Schiff ein sehr verwirrendes Bild. Gewaltige farnartige Auswüchse hingen wie Flügel oder Flossen im All. Darin schimmerten Lichter, und da und dort konnte man hinter den offenen Verblendungen der Sichtfenster Leute bei der Arbeit beobachten. Hydroponische Gärten, so hatte ihm Schiff erklärt. Schiff erstreckte sich auf einer Länge von nahezu achtundfünfzig Kilometern. Auf dieser Strecke wölbte es sich aus und wand sich hierhin und dorthin und zeigte zerbrechliche Formen, die keinen Hinweis gaben auf die Art und Weise ihrer Nutzung. Fähren landeten und starteten in langen schmalen Röhren, die willkürlich ins Leere ragten. Die hydroponischen Fächer waren aufeinandergestapelt, voneinander wegstrebend wie wilde Auswüchse mutierter Sporen. Panille wußte, daß Schiff im Anfang schmal und kurz gewesen war, ein Projektschiff mit drei schmalen Flügeln in der Mitte. Die Flügel waren zurückklappbar gewesen und hatten einen Dreifuß zum Landen gebildet. Diese stromlinienförmige Hülle lag nun verborgen in der Wirrnis der Äonen. Sie wurde »Kern« genannt und war zuweilen in den Gängen andeutungsweise auszumachen - eine dicke Wand mit einem luftdichten Luk, ein Stück Metallfläche mit
Fenstern, die auf den leeren Flächen neuer Anbauten auflagen. Im Inneren war Schiff gleichermaßen verwirrend. Sensoraugen zeigten ihm die Stapel schlummernden Lebens in den Hibernationsbänken. Auf seine Bitte hin führte Schiff ihm die Ortskoordinaten vor, die aber keine Aussagekraft für ihn hatten. Ziffern und Zeichen. Er folgte den schnellen Bewegungen von Robox-Maschinen durch Gänge, in denen es keine Luft gab, hinaus auf die Außenhülle Schiff s. In den Schatten der ungleichmäßigen Aus38 wüchse beobachtete er Reparatur- und Änderungsarbeiten und sogar die Ansätze von Neubauten. Panille hatte die anderen Schiffsmenschen bei der Arbeit beobachtet, fasziniert und vage schuldbewußt. Ein Spion, der Dinge beobachtet, die ihn nichts angingen. Zwei Männer hatten einen großen röhrenförmigen Behälter in eine Startstation geschleppt, aus der er nach Pandora hinabgesteuert werden sollte. Und Panille hatte das Gefühl gehabt, kein Recht zu haben, diese Szene zu beobachten, ohne daß die Männer davon wüßten. Als der Rundgang beendet war, hatte er sich enttäuscht zurückgelehnt. Dabei war ihm aufgegangen, daß Schiff sich ständig einmischte. Keine Bewegung eines Schiffsmenschen ließ sich vor Schiff geheimhalten. Diese Erkenntnis hatte eine vorübergehende Ablehnung ausgelöst, die sofort in Belustigung überging. Ich bin in Schiff und ein Abkömmling von Schiff , und in tieferem Sinne bin ich Schiff . »Kerro!« Die aus der Kom-Konsole neben dem Holofokus tönende Stimme ließ ihn zusammenfahren. Wie hatte sie ihn gefunden? »Ja, Hali?« »Wo bist du?« Ahh, sie hatte ihn noch nicht gefunden. Ein Suchprogramm hatte ihn aufgespürt. »Ich lerne«, antwortete er. »Kannst Du ein bißchen mit mir Spazierengehen? Ich bin ganz überdreht.« »Wo?« »Wie wär‘s mit dem Arboretum bei den Zedern?« »Laß mir ein paar Minuten Zeit. Ich muß hier erst fertigmachen. Dann treffen wir uns.«
»Ich störe dich doch nicht, oder?« 39 Ihm entging die Schüchternheit in ihrer Stimme nicht. »Nein, ich muß sowieso mal eine Pause machen.« »Dann bis gleich vor der Dokumentation.« Er hörte das Klicken, als sie die Leitung trennte, und starrte einen Augenblick lang auf die Konsole. Woher wußte sie, daß ich in der Sektion Dokumentation sitze und lerne? Ein auf seine Person bezogenes Suchprogramm würde seinen Aufenthaltsort nicht angeben. Sind meine Handlungen so berechenbar? Er nahm Aktenmappe und Aufzeichner zur Hand und verließ die Kabine durch das Geheimluk. Er verschloß den Durchgang und glitt durch das Software-Lager zum nächsten Gang. Im Korridor neben dem Luk stand Hali Eckel und erwartete ihn. Nonchalant hob sie eine Hand. »Hallo.« Mit den Gedanken war er noch in der Lernkabine. Verständnislos blinzelte er sie an und mußte dabei wie immer an die überwältigende Schönheit Hali Eckels denken. In solchen Augenblicken - eine plötzliche, unerwartete Begegnung in einem Gang - wirkte sie geradezu lähmend attraktiv auf ihn. Die klinische Sterilität der stets gegenwärtigen Pribox an ihrer Hüfte bildete kein Hindernis zwischen ihnen. Sie war hauptamtliche MedTech, und er wußte, Leben und Überleben waren ihr Geschäft. Die bodenlose Dunkelheit ihrer Augen, das dichte schwarze Haar, die schimmernde braune Wärme ihrer Haut führten stets dazu, daß er leicht in ihre Richtung lehnte oder in einem belebten Raum automatisch zu ihr hinüber blickte. Sie hatten dieselbe Blutherkunft, die Nesischen Nationen, erwählt wegen ihrer Kraft, ihres Überlebenswillens und der mühelosen Anpassung an die Straßen 40 der Sterne. Viele hielten sie beide für Bruder und Schwester, ein Fehler, der an Dimension gewann, wenn man bedachte, daß es schiffseits keine echten Geschwister mehr gegeben hatte, soweit die Leute zurückdenken konnten. Einige Geschwister lagen in der Hib, doch unter den Erwachten gab es so etwas nicht. Hinter seinen Augen zuckten erste Notizen für ein Gedicht vorbei, eines von den vielen, die sie in ihm auslöste und die er für sich
behielt. Oh, dunkler, herrlicher Stern Nimm, was ich an schwachem Licht besitze, Winde deine geschmeidigen Finger in die meinen. Spüre den Strom! Ehe er sich überlegen konnte, die Worte aufzuzeichnen, fiel ihm ein, daß sie ja eigentlich nicht so schnell hätte hier sein dürfen. Es gab keine Sprechstellen in der Nähe. »Wo warst du, als du mit mir gesprochen hast?« »Im medizinischen Zentrum.« Er blickte den Gang entlang. Das Medizinische Zentrum war mindestens zehn Minuten entfernt. »Aber wie hast du …« »Ich habe das ganze Gespräch mit zehnminütiger Verzögerung eingegeben.« »Aber …« »Begreifst du, wie berechenbar du am Kom bist? Ich kann meine Seite eines Gesprächs mit dir aufzeichnen, ohne daß es auffällt.« »Aber das …« Er deutete auf das Luk im Software-Lager. »Oh, dort bist du doch immer, wenn niemand dich finden kann irgendwo da drinnen.« Sie deutete auf die Lagerregale. 41 »Hmmm.« Er nahm sie bei der Hand, und sie gingen in Richtung Westhülle. »Warum so nachdenklich?« fragte sie. »Ich dachte, das würde dich amüsieren … überraschen … belustigen, oder irgend etwas.« »Tut mir leid. Es bekümmert mich neuerdings, wenn ich so bin. Ich nehme mir nie Zeit für Leute, habe anscheinend kein Talent für … das rechte Wort zur rechten Zeit.« »Das ist eine ziemliche harte Selbstkritik für einen Dichter.« »Es ist viel einfacher, eine Person auf einer Papierseite oder in einem Holo zu reglementieren, als sein eigenes Leben zu ordnen. ›Sein Leben!‹ Warum rede ich nur so?« Sie legte ihm einen Arm um die Hüfte und drückte ihn im Gehen an sich. Er lächelte. Gleich darauf erreichten sie die Kuppel der Bäume. Sie befand sich tagseits, das Sonnenlicht Regas drang gedämpft durch die Filter. Das Grün strahlte in beruhigenden blauen Untertönen. Kerro atmete die mit Sauerstoff angereicherte Luft in tiefen Zügen. Hinter einer Sonabarriere weiter links hinter dichteren Büschen hörte er Vögel zwitschern. Andere Paare waren hinten zwischen den Bäumen zu sehen. Hier traf man sich gern zum
Rendezvous. Hali ließ den Gurt ihrer Pribox herabgleiten und zog Kerro neben sich in den Schutz einer Zeder. Der mit Nadeln bedeckte Boden war warm und weich, die Luft schwer von Feuchtigkeit, und die Sonne blitzte zwischen den Ästen hindurch. Schulter an Schulter streckten sie sich aus. »Mmmmmm.« Hali reckte sich und krümmte den Rücken. »Es riecht gut hier.« »Es? Wie riecht ein Es?« »Ach, hör auf damit!« Sie wandte sich zu ihm um. »Du weißt schon, was ich meine - die Luft, das Moor, die Speisereste in 42 deinem Bart.« Sie fuhr ihm durch die Koteletten, kämmte mit den Fingern durch sein borstiges Haar. »Du bist der einzige Schiffsmensch mit Bart.« »Habe ich auch schon gehört.« »Gefällt es dir?« »Keine Ahnung.« Er hob die Hand und zeichnete die Krümmung des kleinen Ringes nach, der ihren linken Nasenflügel durchstach. »Traditionen sind seltsam. Woher hast du diesen Ring?« »Ein Robox hat ihn fallen lassen.« »Fallen lassen?« Er war überrascht. »Ich weiß - denen entgeht nicht viel. Die Maschine reparierte einen Sensor vor dem kleinen medizinischen Lehrzimmer neben der Verhaltensforschung. Ich sah das Stück Draht fallen und hob es auf.« »Seltsam, daß dir der Robox den Draht nicht wieder abgenommen hat.« »Das fand ich auch. Aber es war, als hätte ich einen kostbaren Schatz gefunden. Diese Burschen lassen ja so wenig liegen. Schiff allein weiß, was sie mit all dem Schrott machen, den sie mitnehmen.« Sie legte ihm den Arm um den Hals und küßte ihn. Gleich darauf neigte sie sich zurück. Er ging auf Abstand und richtete sich auf. »Danke, aber …« »Immer heißt es: ›Danke, aber …‹« Sie war ärgerlich und rang die physischen Anzeichen ihrer Leidenschaft nieder. »Ich bin nicht bereit.« Er hatte das Gefühl, sich entschuldigen zu müssen. »Den Grund weiß ich nicht, und ich spiele auch nicht mit dir herum. Ich habe nur so eine Zwangsvorstellung, daß der Zeitpunkt stimmen muß, daß es sich anfühlen müßte, als wäre es das Rechte zur rechten
Zeit.« 43 »Was könnte richtiger sein? Wir wurden zur Fortpflanzung ausgewählt, nachdem wir uns schon so lange kannten. Es ist ja nicht, daß wir Fremde wären.« Er brachte es nicht fertig, sie anzusehen. »Das weiß ich ja … jeder Schiffseitige kann sich mit jedem anderen zusammentun, aber …« »Aber!« Sie wandte sich heftig ab und starrte auf den Stamm des schattenspendenden Baums. »Wir könnten ein Fortpflanzungspaar sein! Ein Paar unter … wie vielen? Zweitausend? Wir könnten tatsächlich ein Kind machen.« »Das ist es nicht. Es geht …« »Und du bist immer so verdammt historisch und traditionell und hältst mir gesellschaftliche Strukturen hier und Sprachmotive dort vor. Warum begreifst du nicht, was …« Er langte zu ihr hinüber, legte ihr die Finger über den Mund, um sie zum Schweigen zu bringen, und küßte sie sanft auf die Wange. »Liebe Hali, weil ich nicht anders kann. Für mich muß eine schiff gewollte Partnerschaft ein so tiefgreifendes Geben sein, daß ich mich dabei verliere.« Sie rollte sich fort, hob den Kopf und starrte ihn mit funkelnden Augen an. »Woher hast du nur solche Ideen?« »Sie entspringen meinem Leben und dem Erlernten.« »Bringt dir Schiff diese Dinge bei?« »Schiff verweigert mir nichts, was ich wissen will.« Bedrückt starrte sie auf den Boden unter ihren Füßen. »Schiff redet überhaupt nicht mit mir.« Ihre Stimme war kaum zu verstehen. »Wenn du auf die richtige Weise fragst, antwortet Schiff unfehlbar«, sagte er. Dann spürte er die Frage zwischen ihnen und fügte hinzu: »Und du mußt zuhören.« »Das hast du mir schon einmal gesagt, verrätst mir aber nie, 44 wie das geht.« Kein Zweifel – in ihrer Stimme schwang Eifersucht. Er spürte, daß er ihr nur auf eine Weise antworten konnte. »Ich schenke dir einen Vers«, bemerkte er und räusperte sich. »Das Blau selbst lehrt uns blau.« Stirnrunzelnd konzentrierte sie sich auf seine Worte. Dann schüttelte sie den Kopf. »Ich werde dich niemals besser begreifen als Schiff .
Ich gehe zur Schiffsverehrung, ich bete, ich tue, was Schiff befiehlt …« Sie starrte ihn an. »Dich sehe ich bei der Schiffsverehrung nie.« »Schiff ist mein Freund«, sagte er. Neugier überwog ihren Widerwillen. »Was lehrt dich Schiff ?« »Zu viele Dinge, als daß ich sie dir hier erzählen könnte.« »Nenn mir nur eins – nur eins!« Er nickte. »Also schön. Es hat viele Planeten und viele Völker gegeben. Ihre Sprachen und die Chronik ihrer Jahre verschmelzen zu einem magischen Gewebe. Ihre Worte klingen mir wie Gesang in den Ohren. Die Worte brauchst du nicht zu verstehen, um ihren Gesang zu Empfinden.« Ein seltsames Staunen durchrieselte sie. »Schiff gibt dir Worte, und du verstehst sie nicht?« »Wenn ich das Original verlange.« »Aber warum willst du Worte hören, die du nicht verstehst?« »Um jene Leute zum Leben zu erwecken, um sie zu meinem Eigentum zu machen. Nicht damit ich sie besitze, sondern damit ich identisch mit ihnen werde, zumindest einen oder zwei Lidschläge lang.« 45 Er wandte sich um und starrte sie an. »Hast du nie das Bedürfnis verspürt, in uraltem Schmutz zu graben und Menschen zu finden, von denen niemand wußte, daß sie überhaupt existiert haben?« »Ihre Knochen!« »Nein! Ihre Herzen, ihr Leben.« Langsam schüttelte sie den Kopf. »Ich verstehe dich einfach nicht, Kerro. Aber ich liebe dich.« Er nickte wortlos und dachte: Ja, Liebe braucht nicht zu verstehen, sie weiß es, doch sie gibt ihr keinen Zutritt in ihr Leben. Er erinnerte sich an die Worte eines alten erdseitigen Dichters: »Liebe ist kein Trost, sondern ein Licht.« Dieser Gedanke, das Gedicht des Lehens - das war Trost. Er würde irgendwann einmal zu ihr sprechen, sagte er sich, aber nicht an dieser Tagseite. Warum seid ihr Menschen stets so bereit, die schrecklichen Lasten eurer Vergangenheit zu tragen? KERRO PANILLE Fragen der Avata. Es gefiel Sy Murdoch nicht, der Grenze der Kolonie so nahe zu kommen, selbst wenn er hinter der Kristahl-Barriere des Privatzugangs zu Labor Eins geschützt war. Die Lebewesen dieses
Planeten hatten so ihre Methoden, das Unüberwindliche zu überwinden und die raffiniertesten Verteidigungseinrichtungen außer Kraft zu setzen. Doch es mußte schon ein Mann von Lewis‘ Vertrauen auf diesem Beobachtungsposten stehen, wenn sich die Hyflieger auf 46 der Ebene versammelten, wie sie es heute morgen taten. Es war die rätselhafteste Verhaltensweise dieser Wesen, für die Lewis letzthin immer drängender eine Erklärung gefordert hatte - zweifellos auf strikten Befehl vom Boß. Er seufzte. Wenn er so auf die ungeschützte Oberfläche Pandoras hinausblickte, bestand kein Zweifel an den unmittelbaren Gefahren. Geistesabwesend kratzte er sich den linken Ellenbogen. Als er den Kopf vor dem Außenlicht bewegte, sah er sein Spiegelbild im Plas: ein stämmiger Mann mit braunem Haar, blauen Augen, einer hellen Haut, die er stets sorgfältig schrubbte. Sein Aussichtspunkt war nicht der beste, nicht zu vergleichen mit den Außenposten, die stets von den schnellsten und besten Leuten bemannt waren, die die Kolonie riskieren konnte. Murdoch wußte aber, daß er seine Bedeutung für das Führungsteam ins Feld führen konnte. Er war nicht ersetzbar, und dieser Ort erfüllte Lewis‘ Erfordernisse. Die Kristahl-Barriere filterte beinahe ein Viertel des Lichts heraus, rahmte aber das Gebiet, das sie beobachten mußten. Was trieben die verfluchten fliegenden Gasbeutel da draußen bloß? Murdoch hockte sich hinter ein drehbar montiertes Sehgerät/ Vidicorder und bediente mit kurzem, rundem Finger die Kontrollen, die ihm die Flieger ins rechte Bild rückten. Gut hundert schwebten etwa sechs Kilometer entfernt über der Ebene. Einige große orangerote Monster waren heute vertreten. Murdoch suchte sich einen der größten zur konzentrierten Beobachtung heraus und diktierte dabei seine Beobachtungen in einen kleinen Rekorder an seinem Hals. Der große Flieger schien einen Durchmesser von mindestens fünfzig Metern zu haben, eine nicht vollständige Kugel, oben abgeflacht, wo sich die Muskelbasis 47 für die große bebende Segelmembran befand. Sehnige Tentakel hingen zur Ebene hinab, wo das Gebilde einen großen Felsbrocken umklammerte, der über die Oberfläche hüpfte oder gezogen wurde und dabei Staub aufwirbelte und Kies verstreute. Es war ein wolkenloser Morgen, am Himmel stand nur eine Sonne.
Sie legte ein grelles goldenes Licht über die Ebene und machte jedes Fältchen, jede Zusammenziehung der Gasbeutel deutlich sichtbar. Murdoch machte unter den Fliegern ein Gewirr kleinerer Tentakel aus, etwas umklammernd, das sich zuckend und wirbelnd zu wehren schien. Er vermochte die Last des Fliegers nicht zu erkennen, doch auf jeden Fall handelte es sich um ein Lebewesen, das zu entfliehen versuchte. Die Horde der Flieger hatte sich zu einer großen gekrümmten Linie auseinandergezogen, die nun auf diagonalem Kurs fort von Murdochs Beobachtungsposten über die Ebene schwebte. Das große Exemplar, auf das er sich konzentriert hatte, war nahe der Flanke verankert und umklammerte in seinem Tentakelschatten unter sich noch immer das strampelnde Wesen. Was hatte das verdammte Ding da gefangen? Doch wohl keinen Kolonisten! Murdoch veränderte die Einstellung, bis er die ganze Horde sehen konnte, und erkannte, daß es die seltsamen Gebilde auf Bodengeschöpfe abgesehen hatten. Eine gemischte Gruppe duckte sich auf die Ebene. Der Bogen der Hyflieger schwebte den dahockenden Tieren entgegen, die wie gelähmt waren. Murdoch ließ den Blick darüber hingleiten und erkannte Falten-Huscher, Schnelle Graser, Flachflügler, Spinnerets, Röhrenstopfer, Klammerer … Dämonen - sie alle Todfeinde der Kolonisten. Aber anscheinend keine Gefahr für Hyflieger. Die anderen Ballonwesen trugen ausnahmslos Ballastfelsen, die nun von den Gebilden in der Mitte des Kreissegments fallen gelas48 sen wurden. Die Ballons machten Hüpfbewegungen, und Tentakel streckten sich aus, um die geduckten Dämonen zu ergreifen. Die gefangenen Kreaturen zappelten und wanden sich, machten aber keinen Versuch, die Angreifer zu beißen oder sonstwie anzugreifen. Jetzt ließen die befrachteten Flieger bis auf wenige Ausnahmen ihre Felsbrocken fallen und begannen Höhe zu gewinnen. Die wenigen, die ihren Ballast nicht losließen, lösten sich von dem Eroberungsteam und schienen den Boden nach anderen Opfern abzusuchen. Der Riesenballon, den Murdoch schon studiert hatte, verblieb in dieser Suchgruppe. Wieder vergrößerte Murdoch das Bild auf dem Bildschirm und richtete ihn auf die einwärts geschlungenen Tentakel unter dem Beutel des Gebildes. Dort rührte sich nichts mehr, und als er noch hinschaute, öffneten sich die Tentakel und
gaben die Beute frei. Murdoch diktierte seine Beobachtungen in den Rekorder vor seinem Hals. »Der große Bursche hat soeben seinen Fang fallen lassen. Was immer es ist, scheint ausgetrocknet zu sein, eine große flache schwarze Fläche … Mein Gott! Es war ein Falten-Huscher! Der große Ballon hatte einen Falten-Huscher in seinen Tentakeln eingerollt!« Die Überreste des Huschers prallten in einem Staubgeysir auf dem Boden auf. Der große Flieger schwenkte nach links aus, und der Ballastfelsen kratzte an der Flanke eines anderen großen Felsbrockens entlang. Wo das Gestein aufeinandertraf, sprühten Funken, und Murdoch sah eine Feuerzunge zu dem Flieger emporschießen, der in einer gewaltigen gelbleuchtenden Explosion verging. Fetzen des orangeroten Beutels und eine Wolke aus dünnem blauem Staub segelten in alle Richtungen. Die Explosion löste auf der Ebene hektische Betriebsamkeit 49 aus. Die anderen Ballons ließen ihre Beute fallen und gewannen an Höhe. Die auf dem Boden zurückgebliebenen Dämonen liefen auseinander, und einige schnappten nach den Überresten des explodierten Fliegers. Langsamere Tiere wie etwa die Spinnerets krochen auf niedergegangene Fetzen des orangeroten Ballons zu. Und als alles vorbei war, huschten die Dämonen davon und suchten auf der Ebene Schutz, wie es ihrer jeweiligen Gattung entsprach. Methodisch sprach Murdoch seine Beschreibung in den Rekorder. Anschließend schaute er noch einmal über die Ebene. Die Flieger waren ohne Ausnahme davongeschwebt. Kein einziger Dämon blieb zurück. Murdoch schloß den Beobachtungsposten und gab Signal, daß man Ablösung schicken möge, dann machte er sich auf den Rückweg zum Labor Eins und dem Garten. Während er durch die sicheren erleuchteten Gänge schritt, dachte er über die Dinge nach, die er gesehen und aufgezeichnet hatte. Die visuellen Unterlagen wurden Lewis vorgelegt und später Oakes. Lewis würde die gesprochenen Beobachtungen rezensieren und einige Bemerkungen hinzufügen. Was habe ich da draußen gesehen und festgehalten? So sehr er sich auch bemühte, das Verhalten der pandorischen Kreaturen zu verstehen - es gelang ihm nicht. Lewis hat recht. Wir sollten sie einfach auslöschen.
Und als er an Lewis dachte, fragte sich Murdoch, wie lange der jüngste Notfall in der Redoute den Mann noch unerreichbar machen würde. Durchaus möglich, daß Lewis längst tot war. Niemand war völlig immun gegenüber den Gefahren Pandoras - nicht einmal Lewis. Wenn Lewis aus dem Wege wäre … Murdoch versuchte sich in einer neuen Machtposition unter Oakes vorzustellen. Die Konsequenzen einer solchen Veränderung blieben im vagen. 50 Auch Götter haben Pläne. MORGAN OAKES Die Tagebücher Eine lange Zeit lag Panille reglos neben Hali im Baumdrom und sah zu, wie das plasgefilterte Licht die Luft über den Zedern mit Strahlenkränzen füllte. Er wußte, daß er Hali mit der Zurückweisung gekränkt hatte, und fragte sich, warum er keine Schuldgefühle hatte. Er seufzte. Fortzulaufen hatte keinen Sinn; er war nun einmal so und nicht anders, und so mußte es sein. Hali ergriff als erste das Wort. Ihre Stimme klang leise und stockend. »Es hat sich doch nichts verändert, oder?« »Darüber zu sprechen, verändert es nicht«, gab er zurück. »Warum hast du mich hierhergeführt - damit wir unsere sexuelle Diskussion noch einmal führen?« »Darf ich nicht einfach mal ein Weilchen bei dir sein wollen?« Sie war den Tränen nahe. Er sprach leise, um ihr nicht noch mehr weh zu tun. »Ich bin doch stets bei dir, Hali.« Mit der Linken hob er ihre rechte Hand, drückte seine Fingerspitzen gegen die ihren. »Hier. Wir berühren uns doch, oder?« Sie nickte wie ein Kind, das nach einem Wutanfall beruhigt wird. »Was ist wir, was ist die Materie unseres Fleisches?« »Ich weiß nicht …« Er führte die Fingerspitzen einige Zentimeter auseinander. »All die Atome zwischen uns oszillieren mit unglaublicher Geschwindigkeit. Sie stoßen gegeneinander und schubsen sich gegenseitig herum.« Er tippte mit dem Finger in die Luft und vermied es dabei, sie zu berühren. 51 »Ich berühre ein Atom, es prallt gegen das nächste, und dieses streift ein drittes, und so weiter, bis …« - er schloß die Distanz wieder und streifte ihre Fingerspitzen - »… bis wir uns berühren und niemals
getrennt waren.« »Das sind doch nur Worte!« Sie entzog ihm ihre Hand. »Weitaus mehr als Worte, und das weißt du auch, Med-Tech Hali Eckel. Wir tauschen ständig Atome mit dem Universum aus, mit der Atmosphäre, mit Nahrungsmitteln, mit den Mitmenschen. Es geht gar nicht, daß wir davon irgendwie getrennt sind, ›für uns‹ sind.« »Aber ich will nicht irgendwelche Atome haben!« »Deine Wahlmöglichkeit ist größer, als du glaubst, liebliche Hali.« Sie musterte ihn aus den Augenwinkeln.« Denkst du dir diese Dinge nur aus, um mich zu unterhalten?« »Ich spreche im Ernst. Sage ich nicht immer klar, wenn ich etwas nur erfinde?« »Ach?« »Immer, Hali. Um es dir zu beweisen, mache ich ein Gedicht.« Er tippte leicht gegen den Drahtring an ihrer Nase. »Ein Gedicht darüber.« »Warum sagst du mir deine Gedichte auf? Normalerweise schließt du sie auf Bändern fort oder lagerst sie in deinen altmodischen Büchern mit den altmodischen Zeichen.« »Ich versuche dir Freude zu machen - auf die einzige Art, die ich verstehe.« »Dann sag dein Gedicht auf.« Er streichelte ihr neben dem Ring über die Wange und sagte: »Mit zarten Ringen der Götter In unseren Nasen 52 Suchen wir unsere Wurzeln nicht In ihren Gärten.« Sie starrte ihn verwirrt an. »Das verstehe ich nicht.« »Eine alte erdseitige Überlieferung. Die Bauern steckten ihren Schweinen Ringe in die Nasen, damit sie sich nicht aus ihren Gehegen herausgruben. Die Schweine graben nämlich nicht nur mit den Pfoten, sondern auch mit den Schnauzen.« »Du vergleichst mich also mit einem Schwein?« »Ist das alles, was du in meinem Gedicht siehst?« Sie seufzte und setzte dann ein Lächeln auf, das ebensosehr ihr selbst als Kerro galt. »Ein hübsches Paar zur Fortpflanzung wären wir - der Dichter und das Schwein.« Er starrte sie an, begegnete ihrem Blick, und ohne den Grund zu erkennen, begannen beide plötzlich zu kichern und dann laut loszulachen. Kurze Zeit später legte er sich in das Laub zurück. »Ahh, Hali, du
bist Medizin für mich.« »Ich dachte mir, daß du ein wenig Ablenkung brauchst. Was hast du denn in deiner Abgeschiedenheit so eifrig studiert?« Er kratzte sich am Kopf, nahm einen braunen Zedernast zur Hand. »Ich habe mich ein wenig mit dem Thema Elektrotang beschäftigt.« »Das Meereskraut, mit dem die Kolonie so große Schwierigkeiten hat? Warum interessiert dich das?« »Ich bin immer wieder erstaunt, was mich alles interessiert, aber diese Sache könnte genau in meiner Richtung liegen. Der Tang oder irgendeine Phase davon - scheint intelligent zu sein.« »Du meinst, das Zeug denkt?« »Mehr als das - wahrscheinlich viel mehr.« »Warum ist das nicht offiziell bekanntgegeben worden?« 53 »Das weiß ich nicht genau. Auf einen Teil der Informationen bin ich zufällig gestoßen und habe mir den Rest zusammengereimt. Es gibt Unterlagen, wonach noch andere Teams losgeschickt wurden, um den Tang zu studieren.« »Wie hast du diesen Bericht gefunden?« »Nun ja … ich glaube, daß er für die meisten Leute geheim ist, doch mir verschweigt Schiff selten etwas.« »Du und Schiff !« »Hali …« »Ach, schon gut. Was steht in dem Bericht?« Der Tang scheint eine durch Licht übertragene Sprache zu haben, die wir allerdings noch nicht verstehen. Und noch etwas Interessantes. Ich kann nicht feststellen, ob es ein aktuelles Projekt gibt, diesen Tanz zu erforschen und mit ihm Kontakt aufzunehmen.« »Weiß Schiff nicht …« »Schiff verweist mich an das Hauptquartier der Kolonie oder den Psy-Ge, aber von dort erhalte ich nicht einmal Bestätigungen für meine Anfragen.« »Das ist ja nichts Neues. Die meisten Anfragen werden nicht bestätigt.« »Hast du Ärger in dieser Richtung gehabt?« »Ich will damit nur sagen, daß das Medizinische Zentrum keine Erklärungen für die zahlreichen Gene-Muster erhält.« »Gene-Muster? Erstaunlich!« »Oakes ist eine sehr neugierige und verschlossene Person.« »Und wenn man sich an jemanden im Stab wendet?«
»Lewis?« Ihre Stimme klang verächtlich. Nachdenklich kratzte sich Kerro am Bart. »Elektrotang und Gene-Muster. Hali, von den Gene-Mustern wußte ich nichts … das kommt mir irgendwie seltsam vor. Der 54 Tang aber …« Aufgeregt unterbrach sie ihn. »Dieses Geschöpf könnte eine Seele haben … und das Schiff anbeten!« »Eine Seele? Mag sein. Aber als ich die Unterlagen sah, dachte ich: ›Ja, hier liegt der Grund, warum Schiff uns nach Pandora brachte.‹« »Was ist, wenn Oakes weiß, daß der Elektrotang der Grund für unser Hiersein ist?« Panille schüttelte den Kopf. Sie faßte ihn um den Arm. »Denk daran, wie oft uns Oakes Schiff s Gefangene genannt hat. Er predigt oft genug, Schiff würde uns nicht gehen lassen. Warum will er uns dann nicht sagen, weshalb Schiff uns hierhergebracht hat?« »Vielleicht weißt er das selbst nicht.« »O doch, das weiß er!« »Nun, was können wir dagegen tun?« Sie antwortete ohne nachzudenken: »Wenn wir nicht bodenseits gehen, können wir nichts tun.« Er nahm den Arm von ihr und bohrte die Finger in den Humus. »Was wissen wir über das Leben bodenseits?« »Was wissen wir über das Leben hier?« »Würdest du mit mir in die Kolonie gehen, Hali?« »Das weißt du doch, aber …« »Dann wollen wir den Antrag stellen und …« »Man wird uns nicht gehen lassen. Bodenseits sind Nahrungsmittel sehr knapp; es gibt Gesundheitsprobleme. Unser Arbeitspensum ist gerade vergrößert worden, weil einige unserer besten Leute bodenseits geschickt wurden.« »Wahrscheinlich bilden wir uns Ungeheuer ein, die gar nicht existieren. Trotzdem würde ich den Elektrotang gern mit eigenen Augen sehen.« 55 Ein schrilles Summen ging von der allgegenwärtigen Pribox neben Hali aus. Sie drückte auf den Antwortknopf. »Hali …« Es klapperte und summte. Nach einiger Zeit meldete sich die Stimme wieder: »Tut mir leid, ich habe Sie fallenlassen. Hier
spricht Winslow Ferry, Hali. Haben Sie da Kerro Panille bei sich, Hali?« Hali unterdrückte ein Lachen. Der tolpatschige alte Dummkopf konnte nicht einmal einen Anruf durchgeben, ohne über etwas zu stolpern. Kerro machte der direkte Bezug auf seine Begleitung Halis stutzig. Hatte Ferry mitgehört? Viele Schiffseitige vermuteten, daß Sensoren und tragbare Kommunikationsgeräte für Lauschdienste umgerüstet waren, aber hier hatte er nun den ersten direkten Hinweis darauf. Er nahm ihr die Pribox ab. »Hier Kerro Panille.« »Ahh, Kerro. Bitte melden Sie sich sofort in meinem Büro. Wir haben einen Auftrag für Sie.« »Einen Auftrag?« Es kam keine Antwort. Die Verbindung war unterbrochen. »Was mag das bedeuten?« fragte Hali. Anstelle einer Antwort zog Kerro ein leeres Blatt von seinem Notizblock, schrieb mit einem Wischstift etwas darauf und deutete auf die Pribox: »Er hat uns belauscht.« Sie starrte auf den Zettel. »Ist das nicht seltsam?« fragte Kerro. »Ich habe noch nie einen Auftrag erhalten … außer Aufträge Schiff s, zu studieren.« Hali nahm ihm den Stift ab und schrieb: »Paß auf! Wenn sie nichts davon wissen wollen, daß der Tang intelligent ist, könntest du in Gefahr sein.« Kerro stand auf, wischte die Schrift vom Blatt und steckte es wieder in den Kasten. »Dann sollte ich lieber zu Ferrys Büro gehen 56 und feststellen, was da los ist.« Den größten Teil des Weges legten sie schweigend zurück. Dabei waren sie sich jedes Sensors, an dem sie vorbeikamen, intensiv bewußt, ganz zu schweigen von der Pribox an der Hüfte Halis. Als sie sich dem Medizinischen Zentrum näherten, hielt sie ihn am Arm fest. »Kerro, bring mir bei, wie man mit Schiff spricht.« »Aber …« »Es ist wie der jeweilige Genotypus oder die Hautfarbe. Mit Ausnahme gewisser Klone kann man dabei nicht groß mitbestimmen.« »Schiff muß entscheiden?«
»Trifft das nicht immer zu, sogar bei dir? Gehst du auf jeden ein, der mit dir sprechen will?« »Nun ja, ich weiß, Schiff muß schrecklich viel zu tun haben mit…« »Ich glaube nicht, daß das der Grund ist. Entweder spricht Schiff mit einem oder nicht.« Sie kaute eine Weile darauf herum und nickte schließlich. »Kerro, sprichst du wirklich mit Schiff ?« Das Befremden in ihrer Stimme war nicht zu überhören. »Du weißt, daß ich dich nicht belügen würde, Hali. Warum bist du so sehr daran interessiert, mit Schiff zu sprechen?« »Mich motiviert die Vorstellung, daß Schiff einem antwortet. Nicht in Form der Befehle, die wir über die Vokoder empfangen, sondern …« »Eine Art unbegrenzte Enzyklopädie?« »Das auch, aber mehr. Spricht Schiff mit dir durch die Vokoder?« »Nicht oft.« »Wie ist es dann, wenn …« 57 »Wie eine sehr klare Stimme im Kopf, ein wenig klarer als das eigene Gewissen.« »Mehr nicht?« Ihre Stimme klang enttäuscht. »Was hast du erwartet? Fanfaren? Glocken?« »Ich weiß nicht einmal, wie sich mein Gewissen überhaupt anhört!« »Dann horche ihm nur weiter hinterher!» Er fuhr mit einem Finger an ihrem Ring entlang, küßte sie flüchtig und scheu und trat durch das Luk in die Abschirmzone für Ferrys Büro. Die Ängstlichen vereinen oft die gefährlichste Macht auf sich. Sie entwickeln dämonische Züge, wenn sie das Treiben des Lehens ringsum sehen - und darin die Stärken wie auch die Schwächen. Sie zehren ausschließlich von den Schwächen. SCHIFFSZITATE Winslow Ferry saß in seinem schwach erleuchteten Büro und merkte nichts von dem chaotischen Durcheinander ringsum - die Stapel von Bändern und Software, die schmutzigen Kleidungsstücke, die leeren Flaschen und Schachteln, die Papiere mit den hingekritzelten Notizen an sich selbst. Für ihn war es eine lange, anstrengende Tagseite gewesen, und in der Kabine roch es nach verschüttetem, abgestandenem Wein und getrocknetem Schweiß. Seine Aufmerksamkeit war auf den Sensorschirm in der Ecke seines KomTisches gerichtet. Mit schwitzendem Gesicht beugte er sich dicht
über den Schirm, auf dem Panille in Begleitung der geschmeidigen und knackigen Med-Tech Hali Eckel durch einen Gang schlenderte. 58 Eine Locke grauen Haars fiel ihm über das rechte Auge, und er streifte die Störung mit geäderter Hand zur Seite. Seine hellen Augen funkelten im Kom-Licht. Er beobachtete Hali im Holo, belauerte die Weichheit ihres jungen Körpers, wie er von Durchgang zu Durchgang schritt. Der Geruch, der ihn in seinem Büro umgab, stammte jedoch von Rachel. Zuweilen schien ihm Rachel Demarest nur aus Knochen und Ellenbogen zu bestehen, eine harte Frau, wenig gebraucht. Er schaffte es, ihre Jammerlaute auf amüsierte Weise auszublenden. Sie hatte Träume, die sich um ihn drehten, weil sie ihn haben wollte, auch wenn er ein Sack alter Falten und übelriechenden Atems war. Sie wollte Macht, und Ferry gefiel es, sich den Mächtigen anzudienen. Sie ergänzten einander und täuschten sich in eine persönliche Distanz vor, indem sie Informationen gegen Alkohol eintauschten, Wein gegen eine schnelle Nummer oder eine heiße Nacht zusammen. Dieses Schachern zwischen ihnen wehrte die Art Kränkung ab, die beide schon von den Händen launischer Liebespartner erlitten hatten. Rachel schlief in seiner Kabine und sah sich im Traum als Vorsitzende eines neuen Rates, der Oakes Macht abringen würde, der die Kolonie in Eigenverantwortung stellen und vom Schiff unabhängig machen wollte. Ferry saß leicht betrunken an seiner Konsole und träumte lüstern von Hali Eckel. Er wartete mit der Umschaltung auf den nächsten Spionsensor, bis er Halis schmale, feste Hüften, über die sich der Einteiler spannte, nicht mehr im Detail ausmachen konnte. Was für tolle Hüften! Als er den Sensor auf den Beobachtungspunkt vor den beiden schaltete, vergaß er die Brennweite zu verändern. Die beiden waren ineinanderfließende Schatten, die sich dem äußeren Blickbereich des Sensors näherten. Ferry fummelte an den Kon59 trollen herum und verlor die beiden aus dem Blickfeld. »Verdammt!« flüsterte er, und seine alten Chirurgenhände zitterten. Er stützte sich am Schirm ab und berührte dabei Halis Bild, das verschwommen am Sensor vorbeiglitt und ein Baumdrom betrat. »Viel Spaß, meine Lieben!« sagte er laut, und seine Worte gingen in
dem aufgestapelten Durcheinander ringsum unter. Jedermann wußte, warum junge Paare das Baumdrom aufsuchten. Er vergewisserte sich, daß der Holo auf Aufzeichnung stand und die Geräuschpegel richtig eingestellt waren. Lewis und Oakes würden von ihm erwarten, die Szene zu überwachen, und Ferry nahm sich vor, davon eine Extrakopie für sich zu machen. »Zeig‘s ihr, junger Bursche! Zeig‘s ihr!« Er spürte eine angenehme Schwellung in der Hose und fragte sich, ob er hier fort konnte, um ihn bei der Demarest auf die Schnelle reinzuschieben. »Schaff en Sie mir etwas über den Dichter heran«, hatte Lewis angeordnet und durch Rachel fünf Liter des neuen pandorischen Weins von bodenseits in seinem Büro abliefern lassen - ein doppeltes Geschenk. Eine der leeren Flaschen lag nun auf den wirren Verbindungsleitungen zum Biocomputer. Eine zweite leere Flasche ruhte auf dem Deck der Kabine, die vorübergehend von Rachel bewohnt wurde. Sie war ein Klon (einer der besseren), und der Wein war ihr der Schatz, der Ferry ihr nicht war. Rachel war für ihn der Schatz, der Eckel ihm nicht sein konnte. Ferry beobachtete die zögernden Berührungen zwischen Panille und Eckel und stellte sich jedesmal vor, selbst beteiligt zu sein. Vielleicht mit ein bißchen Wein ..., dachte er und begeisterte sich an den schwachen, halb eingebildeten Brustwarzen, wie sie sich gegen den Anzugstoff preßten und ihn aus dem Gespräch zwischen ihr und Panille verdrängten. 60 Wollen die sich nicht bumsen? Er begann daran zu zweifeln. Panille reagierte nicht richtig. Ich hätte den beiden früher von Panilles Bodenseits-Befehl erzählen sollen. Das war immer ein guter Vorwand für Sex. »Ich gehe bodenseits, Liebste. Du weißt, wie gefährlich es da unten ist.« »Nun los, tu‘s schon, Bursche! Knall ihn ihr schon rein!« Ferry wollte zusehen, wie Hali aus ihrem Einteiler glitt, wollte, daß sie einen geilen alten Chirurgen begehrte - so stark, wie sie nach ihren Blicken zu schließen Panille begehrte. »Du willst also mehr über den Tang wissen!« nuschelte Ferry zu Panilles zurückgeneigter Gestalt auf dem Sichtschirm hinab. »Nun, darüber wirst du bald alles wissen. Und, Hali …« Seine kalten Finger tätschelten den Schirm. »Vielleicht kann Lewis dafür sorgen, daß du uns zur Klassifizierung und Abfertigung zugeteilt wirst. Jaaa.« Und
das Ja war ein fiebriges Aufstöhnen zwischen zusammengebissenen gelben Zähnen. Das Gespräch auf dem Schirm riß ihn plötzlich aus seinem Tagtraum. Er war sicher, daß er richtig gehört hatte. Panille hatte Hali Eckel mitgeteilt, daß der Tang intelligent war. »Verdammt!« kreischte Ferry das Sichtgerät an und wiederholte dieses Wort in leisem zornbebenden Singsang, während er weiter zuhörte. Ja, Panille erzählte ihr alles. Er verdarb alles! Panille mußte bodenseits gehen, mußte aus dem Weg. Und das alles wegen des Tangs. Davon war Ferry überzeugt. Der BodenseitsBefehl mußte von Lewis oder Oakes ausgehen. Es gab keine andere Erklärung, weil er durchgekommen war, sobald auf Panilles Programmanforderungen jene vielen Studier-Schaltkreise über den Tang auftauchten. Panille war etwas auf der Spur, aber man konnte ihn bremsen. Er war ein ruhiger Typ und konnte unauffällig aus dem Weg geräumt werden. Die einzige logische Erklärung 61 für den verzögerten Abmarsch Richtung bodenseits war der Befehl von Lewis: »Schaff en Sie mir etwas über den Dichter heran!« Nun ja … die Befehle besagten auch, daß die Verzögerung zu Ende war, sobald Panille zuviel zu reden begann. »Aber verdammt, er hat es ihr gesagt!« Ferry hörte auf zu atmen und versuchte zur Ruhe zu kommen. Er öffnete seine letzte Flasche Wein, die Phantasieflasche, die er Eckel angeboten hätte, wenn auch nur im Traum. Weder hatte er den Schlüssel noch den Kode, noch das technische Wissen, um die Holoaufzeichnung zu verändern, um alle Hinweise darauf auszulöschen, daß auch Eckel über den Tang Bescheid wußte. Er trank einen großen Schluck Wein und preßte auf den Ruf-Knopf, der auf sie eingestellt war. »Hali …« Zornerfüllt schleuderte er die Flasche quer durch das Büro, dann verlor er das Gleichgewicht und prallte gegen die Konsole, wobei er die Rufverbindung unterbrach. Er stemmte sich hoch, zwang sich zur Ruhe und öffnete die Leitung erneut. »Tut mir leid, ich habe Sie fallenlassen. Hier spricht Winslow Ferry, Hali.« Wie angenehm war der Klang Ihres Namen auf seiner Zunge, wie schön, sie nur mit Worten zu berühren! »Haben Sie da Kerro Panille bei sich?« Sie lachte über ihn!
Ferry erinnerte sich nicht daran, den Anruf zu Ende gebracht zu haben, doch er wußte, daß er Panille in sein Büro bestellt hatte. Sie lachte über ihn … und sie wußte über den Tang Bescheid. Wenn Lewis diese Holoaufzeichnung anschaute (und das würde er bestimmt tun), würde er wissen, daß sie über ihn gelacht hatte, und Lewis würde seinerseits lachen, denn er lachte oft über Ferry. Aber immer ist es der alte Winslow, der ihm beschafft, was er braucht! 62 Ja … immer. Wenn es niemand anders schaffte, dann wußte Winslow jemanden, der jemanden kannte, der etwas wußte und einen bestimmten Preis hatte. Lewis würde es nicht viel ausmachen, daß sie über den alten Winslow gelacht hatte. Eine vorübergehende Belustigung, das was alles. Der Tang aber würde Lewis viel ausmachen. Es würden neue Befehle für Eckel durchkommen, dessen war sich Ferry gewiß. Und wo immer Eckel dann auch landen würde, auf keinen Fall in der Abteilung Klassifizierung und Abfertigung. Eine gute Bürokratie ist das beste Werkzeug der Unterdrückung, das je erfunden wurde. JESUS LEWIS Die Oakes-Tagebücher Als Rega hinter den westlichen Bergen untergegangen war, drehte sich Waela TaoLini auf ihrer felsigen Anhöhe um und sah den orangeroten Ball Alkis in seinem ersten Tageslauf über den südlichen Horizont steigen. In der letzten Stunde hatte sie lediglich drei Dämonen töten müssen; während dieser Woche gab es wohl kaum mehr zu tun, als die fremde pulvrigrote Linie im Süden zu beobachten, wo man vor zwei Tagen ein Nervenläufer-Geschwür ausgebrannt hatte. Es sah allerdings so aus, als wäre das Gebiet dabei sterilisiert worden, wenn auch gelegentlich aus dieser Richtung ein schwacher Duft nach verbrannter Säure herüberwehte. Schon hatten sich allerdings Schnelle Graser in die rote Zone vorgewagt und fraßen mit Begeisterung von den toten Läufern. Die kugelförmigen kleinen Vielfüßler hätten sich niemals in die Nähe eines lebenden Läufer-Geschwürs gewagt. 63 Wie üblich ließ Waela während der Wache in ihrer gespannten Aufmerksamkeit keinen Augenblick nach. Sie kam sich auf der Felsspitze nicht sonderlich gefährdet vor. Einen Schritt weiter links gab es ein Fluchtluk mit einem Abrutschtunnel dahinter. Ein Sensor auf dem Markierungspfosten der Anhöhe behielt sie ständig im
Auge. Bewaffnet war sie mit einem Strahlbrenner und einer Laspistole, aber darüber hinaus - und das war wichtiger - kannte sie die Schnelligkeit ihrer Reflexe. Geschult in der rauhen Umwelt Pandoras, vermochte sie sich auf alles einzustellen - außer einen massierten Angriff der Raubtiere des Planeten. Die NervenläuferInvasion war zurückgeschlagen worden. Nun hockte sich Waela hin und starrte über die südliche Ebene zur Silhouette der Berge. Ohne es bewußt zu wollen, zuckte ihr Blick nach rechts und links; sie stand wieder auf, drehte sich um und wiederholte diesen Vorgang. Es war eine unbewußte Abfolge von Bewegungen, niemals unterbrochen. »Versuche überallhin gleichzeitig zu schauen.« Das war die Losung des Überlebens. Ihr gelber Anzug war feucht von Schweiß. Sie war groß und schlank, und das verlieh ihr in dieser Position einen Vorteil. Auf Patrouille ging sie aufrecht. Bei anderen Gelegenheiten beugte sie die Schultern und versuchte kleiner zu erscheinen. Die meisten Männer mochten größere Frauen nicht, ein ewig störender Umstand, der ihre ständige Sorge über eine andere unvermeidliche Besonderheit noch verstärkte: ihre Haut veränderte je nach Stimmung ihren Farbton durch ein breites Spektrum von Blau bis Orange, eine Reaktion, die sie nicht bewußt beeinflussen konnte. Im Augenblick zeigte die freiliegende Haut die grellrosa Tönung unterdrückter Angst. Ihr schwarzes Haar hatte sie im Nacken zusammengebunden. Ihre Augen waren braun und lagen unter schrägen Lidern, doch sie meinte, eine schmale und attraktive 64 Nase zu haben, die einen guten Kontrast bildete zu dem breiten Kinn und den vollen Lippen. »Waela, du bist eine Art Chamäleon-Mutation«, hatte einer ihrer Freunde einmal gesagt. Aber auch er war inzwischen tot, ertrunken unter dem Tang. Sie seufzte. »Rrrrrssss!« Sie fuhr herum und erledigte aus dem Reflex heraus zwei Flachflügler, dünne, vielbeinige Bodenläufer, die etwa zehn Zentimeter lang waren. Giftige Dinger! Alki stand vier Durchmesser über dem südlichen Horizont, schickte lange Schatten gen Norden und malte einen rotpurpurnen Schimmer über das ferne Meer im Westen.
Waela liebte diesen Außenposten wegen des Ausblicks auf das Meer. Es war der höchste Ausguck, der eine Verbindung zur Kolonie hatte. Man nannte ihn einfach »Gipfel«. Eine Reihe von Hyfliegern trieb entlang der fernen Küste am Himmel dahin. Nach der relativen Größe aus dieser Entfernung zu urteilen, handelte es sich um Riesenexemplare. Wie die meisten Schiffsmenschen/Kolonisten, hatte sie das heimische Leben sorgfältig studiert und die üblichen Vergleiche mit den Schiffsdokumenten angestellt. Die Hyflieger glichen in der Tat riesigen fliegenden portugiesischen Kriegsschiff en - große orangerote Kreaturen, von einem Meer von Wolken getragen. Im Gleichgewicht gehalten von den langen schwarzen Tentakeln, vermochte ein Hyflieger die große Membran über dem Schwebebeutel zu verstellen und gegen den Wind zu kreuzen. Diese Wesen bewegten sich mit einer seltsamen Präzision, gewöhnlich in Gruppen von zwanzig oder mehr, und Waela gab jenen recht, die der Meinung waren, daß diese sanften Wesen eine Art Intelligenz besaßen. Andererseits waren Hyflieger eine Plage. Sie erhielten ihren 65 Auftrieb durch Wasserstoff , was die Kreaturen im Verein mit Pandoras ständigen Gewittern zu tödlichen Feuerbomben werden ließ. Zur Nahrungsverwertung taugten sie nicht - das hatten sie mit dem Elektrotang gemein. Allein sie zu berühren hatte unheimliche psychische Folgen - Hysterie und manchmal sogar Krämpfe. So gab es den grundsätzlichen Befehl, diese Wesen in Brand zu schießen, wenn sie sich der Kolonie näherten. Beinahe ohne daran zu denken bemerkte sie einen Spinneret, der links von ihr den Gipfel heraufkroch. Es war ein großer Bursche, der sicher an die fünf Kilogramm des größten je gegriffenen Exemplars herankam. Weil das kompakt gebaute, maulwurfähnliche Wesen das einzige langsame Geschöpf Pandoras war, ließ sie sich Zeit mit der Reaktion. Es mußte jede Gelegenheit genutzt werden, Pandoras Raubtiere zu studieren. Das Tier war grauschwarz wie die Felsen, und sie schätzte seine Länge auf etwa dreißig Zentimeter, hinzu kam der Spinnschwanz. Die ersten Kolonisten, die auf Spinnerets stießen, waren dem klebrigen Nebel zum Opfer gefallen, den die Ungeheuer blitzschnell durch den Schwanzansatz ausstießen. Waela biß sich auf die Unterlippe, während sie zusah, wie der Spinneret zielstrebig näher kam. Das Geschöpf hatte sie gesehen;
daran bestand kein Zweifel. Das klebrige Netz des Spinneret-Nebels erzeugte eine seltsame Lähmung. Alles, was er berührte, erstarrte zu Reglosigkeit, lebte aber und war bei Bewußtsein. Wenn der kurzsichtige Spinneret ein Opfer gefangen hatte, konnte er es langsam und genüßlich aussaugen. Ein schrecklicher und qualvoller Tod. »Das reicht«, flüsterte sie, als das Geschöpf knapp fünf Meter unter ihr innehielt und Anstalten machte, sich zu drehen, um den tödlichen Spinner in Position zu bringen. Ein kurzes rotes Aufglühen des Strahlbrenners ließ den Spinneret verschrumpeln. Sie sah 66 zu, wie die verkohlten Überreste vom Gipfel rollten. Alki stand acht Durchmesser über dem Horizont; ihre Wache war fast vorüber. Sie hatte Befehl, mögliche gefährliche Bewegungen unter den frei herumziehenden Raubtieren zu beurteilen. Alle kannten die Gründe, warum außerhalb der Kolonie-Barrieren Wache gehalten werden mußte. Der sichtbare Mensch in einem gelben Anzug lockte Raubtiere an. »Wir sind doch nur Köder dort draußen«, hatte einer ihrer Freunde gesagt. Waela gefiel der Auftrag nicht, doch an einem Ort allgemeiner Gefahren konnte sie sich von solchen Risiken nicht ausschließen. Das war der soziale Leim der Kolonie. Auch wenn sie dafür zusätzliche Essensmarken erhalten würde, liebte sie den Einsatz nicht, sie konnte nicht anders. Es gab andere Gefahren, die ihr wichtiger waren, und sie sah in diesem Auftrag ein Symbol unheildrohender Veränderung in den Prioritäten der Kolonie. Ihre Aufgabe war es, den Tang vor Ort zu studieren. Als einzige Überlebende des ersten Forschungsteams war sie der ideale Kandidat für die Bildung eines neuen Teams. Wird die Forschung nach und nach eingestellt? Zahlreiche Gerüchte liefen durch die Kolonie. Man hatte nicht genug Materialien und Energie für den Bau von Unterwasserfahrzeugen, die stark genug waren. Die LALs ließen sich dafür nicht abzweigen. Ein Leichter-Als-Luft war noch immer das zuverlässigste Bodenseits-Transportmittel für die Bergbau- und Bohr-Außenposten, und weil man diese Geräte nach Vorbild der Hyflieger konstruiert hatte, erweckten sie kaum das Interesse der Raubtiere. Hyflieger schienen für Raubtiere immun zu sein. Sie erkannte die Vernunftgründe, die in diesem Zusammenhang
angeführt wurden. Der Tang störte die Aquakultur-Projekte, und Nahrungsmittel waren knapp. In dem Eintreten für die Aus67 löschung sah sie jedoch eine gefährliche Ignoranz. Wir brauchen mehr Informationen. Beinahe nebenbei löschte sie einen Falten-Huscher aus und registrierte dabei, daß es das erste Tier seiner Art war, das seit zwanzig Tagesläufen in der Nähe des Gipfels gesehen wurde. Wir müssen den Tang erforschen. Wir müssen mehr darüber lernen. Was wußten sie über den Tang, nach den frustrierenden Tauchversuchen, nach den vielen sinnlosen Opfern? Glühwürmchen in der Nacht des Meeres, so hatte jemand diese Lebewesen genannt. Der Tang ließ aus seinen langen Stengeln Auswüchse entstehen, die in einer Million glühender Farben leuchteten. Waela stimmte mit allen überein, die diese Erscheinung gesehen und die Begegnung überlebt hatten: die pulsierenden und glühenden Auswüchse bildeten eine hypnotische Symphonie, und es mochte durchaus sein, daß die Lichter eine Art Verständigung darstellten. Es sah in der Tat so aus, als hätten diese pulsierenden Lichtspiele einen Zweck, als folgten sie bestimmten Mustern. Der Tang bedeckte die Meere des Planeten, bis auf jene zufälligen offenen Wasserflächen, die »Lagunen» genannt wurden. Auf einem Planeten mit nur zwei wesentlichen Landmassen ergab dies ein gewaltiges Arbeitsgebiet für diese Lebensform. Wieder einmal stieß sie auf die unvermeidliche Frage: Was wußte man wirklich über den Tang? Er hat ein Bewußtsein, er denkt. Davon war sie überzeugt. Die Schwierigkeit dieses Problems beflügelte ihre Phantasie mit einer Intensität, die sie nicht für möglich gehalten hätte. Auch andere waren davon angesteckt. Die ganze Kolonie polarisierte sich daran. Und die Argumente für eine Vernichtung ließen sich nicht einfach über Bord werfen. Kann man den Tang essen? 68 Er war nicht eßbar. Das Zeug brachte einen Verlust der Orientierung, hatte wohl auch halluzinatorische Wirkungen. Der Ursache waren die Kolonie-Chemiker bisher nicht auf die Spur gekommen. Das hatte der Tang mit den Hyfliegern gemein. Die illusionserzeugende Substanz war »Fraggo« genannt worden, weil sie die
Psyche fragmentierte. Schon das war für Waela Grund genug, den Tang zur Erforschung zu schonen. Noch einmal mußte sie einen Falten-Huscher töten. Die lange schwarze Gestalt rollte den Hang hinab und verspritzte grünes Blut. Davon gibt‘s hier zu viele, dachte sie. Wachsam suchte sie die Umgebung ab, um keine Bewegung zwischen den tieferliegenden Felsen zu verpassen. Nichts. Intensiv erkundete sie auf diese Weise die Gegend, als gleich darauf ihre Ablösung aus dem Luk kroch. Sie erkannte ihn, Scott Burik, einen LAL-Ausrüster der nachtseitigen Schicht. Ein kleiner Mann mit vorzeitig gealtertem Gesicht, doch so schnell wie jeder andere Kolonist. Schon suchte er das Gebiet ringsum mit den Blicken ab. Sie informierte ihn über die beiden Huscher, als sie ihm den Brenner reichte. »Gute Nachtruhe«, sagte der Mann. Sie verschwand durch das Luk, hörte es hinter sich zuschlagen und glitt dann zum Ablösungsgespräch hinab, bei dem sie ihre Tötungszahl zu Protokoll gab und ihre Einschätzung der AAA - der Aktuellen-Außen-Aktivität. Der Ablösungsraum war fensterlos und hatte hellgelbe Wände und einen einsamen Kom-Tisch. Ary Arenson, ein blonder grauäugiger Mann, der nur einen einzigen Gesichtsausdruck zu kennen schien, saß dahinter. Es wurde allgemein behauptet, er arbeite für 69 Jesus Lewis, ein Gerücht, das Waela dazu veranlaßte, in seiner Gegenwart vorsichtig zu sein. Leuten, die Lewis mißfielen, widerfuhren seltsame Dinge. Wie nach jeder Wache war sie von einer ganz besonderen Müdigkeit erfüllt, einem Gefühl des Ausgelaugt sein, als wäre sie das Opfer eines psychischen Spinnerets. Die Routinefragen langweilten sie. »Ja, die Nervenläufer-Zone sieht sterilisiert aus.« Am Ende reichte Arenson ihr ein kleines Stück braunes Kolonie-Papier mit einer Nachricht, die ihre Energie zurückströmen ließ. Sie überflog die Worte mit einem Blick: Melden Sie sich am Haupt-Hangar zur Einteilung für ein neues TangForschungsteam. Arenson blickte auf seinen Kom-Schirm, während sie die Worte las, und verzog nun doch einmal das Gesicht zu einem schiefen Lächeln. »Ihre Ablösung …« – mit einer Kinnbewegung deutete er zum
Gipfel empor – »… hat es eben erwischt. Ein Huscher hat ihn zerfleischt. Warten Sie einen Augenblick. Man schickt eine neue Ablösung.« Poesie - ähnlich wie das Bewußtsein - läßt die unwichtigen Stellen nach dem Komma verschwinden. RAJA FLATTERY Schiffsdokumente Die Warnung Schiff s, daß dies das Ende der Menschheit sein könnte, erzeugte in Flattery ein Gefühl der Leere. 70 Er starrte in die Schwärze, die ihn umgab, und versuchte ein Quantum Erleichterung zu finden. Würde Schiff wirklich die … Aufzeichnung stoppen? Was meinte Schiff mit ›Aufzeichnung‹? Die letzte Chance. Seine emotionalen Reaktionen verrieten Flattery, daß hier ein tiefgreifendes Zugehörigkeitsgefühl zu seiner Art angesprochen worden war. Der Gedanke, daß es in einer fernen Zukunft auf einer durch die Unendlichkeit führenden Linie andere Menschen geben mochte, die ein Leben führten, wie er es genossen hatte - dieser Gedanke erfüllte ihn mit warmer Zuneigung für solche Abkommen. »Glaubst Du wirklich, daß dies unsere letzte Chance ist?« fragte er. »So sehr es Mich schmerzt.« Schiff s Antwort überraschte ihn nicht. Die Worte wurden ihm entrissen: »Warum sagst Du uns nicht einfach, wie wir …« »Raj! Wieviel von deinem freien Willen würdest du Mir schenken?« »Wieviel würdest Du nehmen?« »Glaube Mir, Raj, es gibt Orte, an denen sich weder Gott noch Mensch einzumischen wagen.« »Und Du möchtest, daß ich zu dem Planeten hinabfliege, den Leuten Deine Frage stelle und ihnen helfe, Deine Forderung zu erfüllen?« »Würdest du das tun?« »Könnte ich mich denn weigern?« »Ich strebe nach freier Wahl, Raj, nicht nach Zwang oder Zufall. Akzeptierst du?« Flattery dachte darüber nach. Er konnte sich weigern. Warum nicht? Was schuldete er diesen … diesen … Schiffsmenschen, 71 diesen Überlebenden von Abspielungen? Andererseits waren sie noch Mensch genug, daß er Nachkommen mit ihnen zeugen konnte. Also Menschen. Und er spürte noch immer jenen inneren Knoten des Schmerzes, wenn er sich ein Universum ohne Menschen vorstellte.
Eine letzte Chance für die Menschheit? Das mochte ein interessantes … interessantes … Spiel ergeben. Oder eine von Schiff s Illusionen. »Ist dies alles nur Illusion, Schiff ?« »Nein, das Fleisch existiert und spürt die Dinge, die das Fleisch eben spürt. Bis auf das darfst du alles andere bezweifeln.« »Entweder bezweifle ich alles oder nichts.« »So mag es sein. Wirst du trotz deiner Zweifel mitspielen?« »Sagst Du mir mehr über dieses Spiel?« »Wenn du eine richtige Frage stellst.« »Welche Rolle spiele ich?« »Ahhhh …« Es war ein seliges Seufzen. »Du spielst die lebendige Herausforderung.« Diese Rolle war Flattery bekannt. Die lebendige Herausforderung. Man brachte Leute dazu, in sich das Beste aufzuspüren, ein Bestes, das zu besitzen sie vielleicht gar nicht vermuten. Doch unter solchen Anforderungen würden einige zerbrechen. Er erinnerte sich an den Schmerz der Verantwortung für solche Zerstörung und wünschte sich Hilfe bei seiner Entscheidung. Er wußte aber, daß er es nicht wagen würde, direkt zu fragen. Vielleicht gab es einen Weg, wenn er mehr über Schiff s Pläne erfuhr … »Hast Du in meiner Erinnerung Dinge über das Spiel verborgen, die ich wissen müßte?« »Raj!« Die Entrüstung war nicht zu verkennen. Sie durchströmte ihn, als wäre sein Körper ein Sieb, das plötzlich unter einen heißen Strom gehalten wurde. 72 Dann, leiser: »Ich stehle dir keine Erinnerungen, Raj.« »Dann soll ich in diesem Spiel also etwas anderes sein, ein neuer Faktor. Was ist sonst noch anders?« »Der Schauplatz dieses Tests ist von dermaßen grundsätzlicher Andersartigkeit, daß er vielleicht deine Kräfte übersteigt, Raj.« Die Deutungen, die diese Antwort offenließ, erfüllten ihn mit Staunen. Es gab also Dinge, die selbst ein allmächtiges Wesen nicht wußte, Dinge, die sogar Gott oder Satan noch dazulernen konnte. Im nächsten Augenblick erfüllte ihn Schiff mit Angst, indem es auf den unausgesprochenen Gedanken einging. »Im Hinblick auf die wundervolle und gefährliche Kondition, die du Zeit nennst, kann Macht auch eine Schwäche sein.« »Worin besteht denn diese tiefgreifende Andersartigkeit, die mich dermaßen beansprucht?«
»Ein Element des Spiels, das du selbst entdecken mußt.« Da erkannte Flattery die Absicht: Die Entscheidung mußte von ihm ausgehen. Kein Zwang. Es war der Unterschied zwischen Wahl und Zufall. Der Unterschied zwischen der Präzision einer Holoaufzeichnungs-Abspielung und einer brandneuen Vorstellung, in der der freie Wille vorherrschte. Und der Preis war eine neue Chance für die Menschheit. Im Handbuch für Psychiater-Geistliche stand ein berühmtes Zitat über göttliches Walten: »Der Alte da oben würfelt nicht.« Da hatte sich offenbar jemand geirrt. »Also gut, Schiff . Ich lasse mich mit Dir auf das Spiel ein.« »Ausgezeichnet! Und, Raj - wenn die Würfel fallen, wird es keinen äußeren Einfluß auf das geben, was sie anzeigen.« Die Formulierung dieses Versprechens klang interessant, aber Raj spürte, daß es sinnlos war, weitere Fragen zu stellen. Statt dessen erkundigte er sich: »Wo wollen wir spielen?« »Auf diesem Planeten, den Ich Pandora nenne. Eine kleine Frivolität.« 73 »Vermutlich ist Pandoras Büchse bereits geöffnet.« »In der Tat. Alle Teufel, die der Menschheit zu schaff en machen können, sind freigelassen.« »Ich habe Deine Bitte akzeptiert. Was passiert jetzt?« Anstelle einer Antwort spürte er, wie der Hib-Verschluß ihn freigab, wie die weichen Fesseln sich lösten. Licht schimmerte ringsum, und er erkannte es als Dehib-Labor in einem der Schiffshospitäler. Die Vertrautheit des Raumes bestürzte ihn. Er richtete sich auf und blickte in die Runde. Soviel Zeit war vergangen, dabei war dieses … dieses Labor unverändert geblieben. Aber natürlich war das Schiff unendlich und unendlich mächtig. Außerhalb des Stroms der Zeit war dem Schiff nichts unmöglich. Außer die Menschheit zu einer Entscheidung zu bringen, wie sie Schiff verehren wollte. Was ist, wenn wir diesmal versagen? Würde Schiff die Aufzeichnung tatsächlich stoppen? Er spürte es tief in sich: Schiff würde sie auslöschen. Keine Menschheit mehr … niemals wieder. Schiff würde andere Zerstreuungen suchen. Wenn wir versagen, kommen wir zur Reife ohne Blüte, schicken wir unseren Samen niemals durch die Unendlichkeit. Dann würde die menschliche Entwicklung hier abbrechen. Habe ich mich in der Hib verändert? Die lange Zeit …
Er ließ sich aus der Tankhülle gleiten und stapfte auf einen mannsgroßen Spiegel zu, der in eine der gekrümmten Wände des Labors eingelassen war. Sein nacktes Fleisch schien sich seit dem letztenmal, da er es gesehen hatte, nicht verändert zu haben. Auf seinem Gesicht zeigte sich dieselbe verwunderte Entrückung, ein Ausdruck, den andere oft für berechnend hielten. Die unbestimmt blickenden braunen Augen und die hochgestellten schwarzen Brauen waren Hilfe und Hemmnis zugleich gewesen. Irgend etwas in der menschlichen Psyche besagte, daß solche Züge nur 74 überlegenen Geschöpfen gehörten. Überlegenheit aber konnte eine unerträgliche Last sein. »Ahhh, du spürst hier eine Wahrheit«, flüsterte Schiff . Flattery versuchte mit trockenem Hals zu schlucken. Der Spiegel sagte ihm, daß sein Fleisch nicht gealtert war. Zeit? Er begann zu verstehen, was Schiff meinte, wenn es von einem Zeitraum sprach, der bedeutungslos geworden war. Hib hielt Fleisch in Stasis, was immer auch für Zeit vergangen sein mochte. Einen Reifungsprozeß gab es hier nicht. Aber was war mit seinem Verstand? Was mit der reflektierten Philosophie, für die sein Gehirn der Empfänger war? Er spürte, daß in seiner Bewußtheit doch etwas herangereift war. »Ich bin bereit. Wie gelange ich nach Pandora hinab?« Schiff sprach aus einem Vokoder über dem Spiegel. »Es gibt mehrere Transportmittel, die Ich zur Verfügung gestellt habe.« »Du lieferst mich also auf Pandora ab. Ich schlendere einfach unter die Leute: ›Hallo, ich bin Raja Flattery. Ich bin gekommen, um euch gehörig auf die Nerven zu gehen.‹« »Schnippische Bemerkungen passen nicht zu dir, Raj.« »Ich spüre Dein Mißvergnügen.« »Bedauerst du deine Entscheidung bereits, Raj?« »Kannst Du mir noch mehr über die Probleme auf Pandora sagen?« »Das unmittelbarste Problem ist das Zusammentreffen dieser Leute mit einem intelligenten Fremdwesen, dem Elektrotang.« »Gefährlich?« »Das glaubt man wenigstens. Der Elektrotang ist so gut wie unendlich, und die Menschen fürchten …« »Menschen fürchten freie Räume, endlose offene Räume. Die Menschen fürchten ihre eigene Intelligenz, weil sie nahezu unendlich ist.« 75
»Du bereitest Mir Freude, Raj!« Ein Gefühl der Wonne durchflutete Flattery. Es war so tief und machtvoll, daß er das Empfinden hatte, sich darin auflösen zu können. Er wußte, daß diese Emotion nicht aus ihm selbst erwuchs, und als sie vorüber war, fühlte er sich ausgelaugt … durchsichtig … blutlos. Flattery drückte die Handkanten gegen die zusammengepreßten Augen. Was für ein schreckliches Erlebnis war diese Freude! Denn wenn sie vorbei war … wenn sie vorbei war … »Wenn Du mich nicht umbringen willst, solltest Du das nie wieder tun«, flüsterte er. »Wie du möchtest.« Wie kühl und erhaben! »Ich möchte Mensch sein! Dazu war ich bestimmt!« »Wenn du auf dieses Spiel Wert legst.« Flattery spürte die Enttäuschung Schiff s, aber das löste in ihm eine abwehrende Stimmung aus, und er verlegte sich auf das Fragen. »Haben sich die Schiffsmenschen mit diesem intelligenten Fremdwesen, dem Elektrotang, schon verständigt?« »Nein, sie haben die Erscheinung untersucht, verstehen sie aber nicht.« Flattery nahm die Hände von den Augen. »Haben die Schiffsmenschen schon von Raja Flattery gehört?« »Das ist ein Name in der Geschichte, die Ich sie lehre.« »Dann sollte ich einen anderen Namen annehmen.« Er überlegte einen Augenblick lang und fuhr fort: »Ich werde mich Raja Thomas nennen.« »Ausgezeichnet. Thomas wegen deiner Zweifel und Raja wegen deiner Herkunft.« »Raja Thomas, Kommunikationsexperte - der beste Freund Schiff s. Hier komme ich, ob ihr nun bereit seid oder nicht.« 76 »Ein Spiel, ja. Ein Spiel. Und … Raj?« »Was ist?« »Für ein unendliches Wesen bringt die Zeit nur Langeweile. Es gibt Grenzen dahingehend, wieviel Zeit Ich ertragen kann.« »Wieviel Zeit gibst Du uns denn, um zu entscheiden, wie wir Dich verehren wollen?« »Das wird dir im richtigen Augenblick gesagt werden …« »Ja?« »Sei nicht bestürzt, wenn Ich dich gelegentlich Meinen Teufel
nenne.« Es dauerte einen Augenblick, ehe er wieder sprechen konnte. »Was könnte ich schon dagegen tun? Du kannst mich nennen, wie Du willst.« »Ich habe dich nur gebeten, nicht bestürzt zu sein.« »Aber ja! Ich bin ja auch König Canute und fordere die Flut auf, innezuhalten!« Schiff antwortete nicht, und Flattery fragte sich, ob es ihm überlassen sein sollte, sich allein auf dem Planeten Pandora durchzuschlagen. Doch nach kurzer Zeit meldete sich Schiff wieder. »Jetzt kleiden wir dich in ein passendes Kostüm, Raj. Ein neuer Psychiater-Geistlicher herrscht über die Schiffsmenschen. Sie nennen ihn Psy-Ge, und wenn er sie kränkt, nennen sie ihn den Boß. Du kannst damit rechnen, daß der Boß dich bald zu sich rufen wird.« 77 Die Unbeweglichkeit der Dinge, die uns umgeben, wird ihnen vielleicht durch unsere Überzeugung aufgezwungen, daß sie sie selbst und nichts anderes sind, und durch die Unbeweglichkeit unserer Vorstellung von ihnen. MARCEL PROUST Schiffsdokumente Oakes betrachtete sein Abbild, wie es von der Kom-Konsole an seinem Ellenbogen reflektiert wurde. Es lag am gekrümmten Schirm, so daß die Spiegelung verkleinert wirkte, und das wußte er. Reduziert. Er war nervös. Man wußte nie, was das Schiff einem als nächstes antat. Oakes schluckte; sein Hals war trocken. Er wußte nicht, wie lange ihn die Spiegelung schon hypnotisiert hatte. Es war immer noch nachtseits. Ein halb geleertes Glas pandorischen Weins stand auf einem niedrigen braunen Tisch vor ihm. Er hob den Blick und schaute in die Runde. Die luxuriös eingerichtete Kabine war wie zuvor ein Ort der Schatten, der schwachen Beleuchtung, doch irgend etwas hatte sich verändert. Er spürte die Veränderung. Irgend etwas … irgend jemand beobachtete ihn … Das Schiff mochte sich weigern, mit ihm zu sprechen, mochte ihm das Elixier vorenthalten, doch er erhielt Botschaften - viele Botschaften. Veränderung. Jene unausgesprochene Frage, die in seinem Gehirn herumgeisterte,
hatte in der äußeren Umgebung etwas verändert. Ein Krib78 beln lief ihm über die Haut, und seine Schläfen begannen pulsierend zu schmerzen. Was ist, wenn das Programm des Schiff es sich seinem Ende nähert? Sein Spiegelbild auf dem leeren Schirm gab keine Antwort. Es zeigte lediglich seine Gesichtszüge, und er begann Stolz zu Empfinden bei dem Anblick. Nicht nur dich, nein. Vor sich sah er einen reifen Mann in mittleren Jahren. Den Boß. Die silbernen Strähnen an seinen Schläfen verhießen Würde und Bedeutung. Und wenn er auch … rundlich war, so blieb seine Haut doch weich und klar, Zeugnis für die Sorgfalt, mit der er einen jugendlichen Anstrich zu bewahren suchte. Frauen mochten das. »Was ist, wenn das Schiff wahrhaft... Gott ist?« Die Luft in seinen Lungen fühlte sich schmutzig an, und er erkannte, daß er viel zu schnell atmete. Zweifel. Das verdammte Schiff würde auf seine Zweifel nicht reagieren. So etwas hatte es nie getan. Es sprach nicht mit ihm, gab ihm nichts zu essen. Er mußte sich aus den Weinen hydroponischer Gärten des Schiff es selbst versorgen. Wie lange konnte er ihnen noch trauen? Nicht genug Nahrung für alle. Schon der Gedanke verstärkte seinen Appetit. Er starrte auf das ungeleerte Glas Wein - dunkelbraun, ein öliger Film auf der Innenseite des Glases. Unter dem Glas eine Pfütze, ein Fleck auf der braunen Fläche. Ich bin der Psy-Ge. Von dem Psy-Ge wurde erwartet, daß er an Schiff glaubte. Auf seine zynische Art hatte der alte Kingston darauf bestanden. Ich habe keinen Glauben. War das der Grund, warum ein neuer Psy-Ge bodenseits geschickt wurde? 79 Oakes knirschte mit den Zähnen. Ich bringe den Schweinehund um! Er sprach die Worte laut vor sich hin und war sich des Widerhalls in seiner Kabine überdeutlich bewußt. »Hörst Du das, Schiff ? Ich bringe den Schweinehund um!« Beinahe rechnete Oakes mit einer Antwort auf diese Blasphemie. Er
erkannte dies daran, daß er den Atem anhielt und angestrengt in die Schatten in den Winkeln seiner Kabine lauschte. Wie mußte ein Test auf Gottheit beschaff en sein? Wie trennte man eine mächtige mechanische Phänomenologie, einen Trick technologischer Spiegel von einem … von einem Wunder? Wenn Gott sich nicht zum Würfeln herabließ, wie den Psy-Ges eingeschärft wurde, auf welches Spiel mochte sich Gott dann einlassen? Vielleicht bot das Würfeln einem Gott nicht genug Anreiz. Welches Risiko war so groß, daß es einen Gott aus seinem Schweigen oder seiner Verträumtheit riß … aus seinem Gottesbau lockte? Eine verblüff ende Frage - Gott bei Gottes Spiel herauszufordern! Oakes nickte vor sich hin. Vielleicht liegt das Wunder in dem Spiel. Ein Wunder des Bewußtseins? Es war kein Problem, eine Maschine zur Selbstprogrammierung und Selbstentwicklung zu bringen. Eine komplizierte Sache, gewiß, und unvorstellbar teuer … Nicht unvorstellbar, wies er sich zurecht. Er schüttelte den Kopf, um den Halbtraum abzustreifen. Wenn Menschen so etwas getan haben, ist es doch vorstellbar, greifbar, auf irgendeine Weise erklärbar. Götter bewegen sich in anderen Kreisen. Die Frage war: in welchen Kreisen? Und wenn man diese Kreise definieren konnte und ihre Grenzen, dann mochte man auch die 80 Grenzen des Gottes kennen, der sich darin befand. Also - welche Grenzen? Er dachte an Energie. Energie war und blieb eine Funktion von Masse und Geschwindigkeit. Selbst ein Gott mußte sich vielleicht irgendwo innerhalb dieses Denominators befinden … aber welcher Art Masse, wieviel, wie schnell? Vielleicht ist Gottsein lediglich eine Ausweitung von Grenzen. Wenn unser Sehvermögen beschränkt ist, so ist das noch längst kein Grund für die Annahme, daß hinter dem Sichtbaren Unendlichkeit liege. Seine Ausbildung als Geistlicher hatte stets hinter seiner Bildung als Wissenschaftler und Arzt hergehinkt. Wenn es darum ging, Daten auf die Probe zu stellen, konnte er nicht die Türen vor Experimenten verschließen oder davon ausgehen, daß das, was er sich wünschte, auch auf jeden Fall so sein würde. Wichtig war, was man mit Daten machte, nicht die Daten selbst. Das
mußte jeder König, jeder Herrscher erkennen. Sogar sein Theologielehrer war dieser Meinung gewesen. »Richte sie auf Gott aus. Es ist zu ihrem eigenen Besten. Schreib all die kleinen alltäglichen Wunder Gott zu, dann hast du sie im Griff , dann brauchst du keine Berge zu versetzen. Wenn du gut genug bist, nehmen die Leute dir das Bergeversetzen ab, im Namen Gottes.« Ahh, ja! Das war Edmond Kingston gewesen, ein echter PsychiaterGeistlicher im Sinne der älteren Traditionen des Schiff es. Trotzdem ein Zyniker. Oakes seufzte schwer. Damals hatte er eine ruhige Zeit schiffseits verbracht, Tage der Toleranz und der Sicherheit eines Zieles. Die Maschinerie des Ungeheuers ringsum lief einwandfrei. Gott war weit weg gewesen, und die meisten Schiffsmenschen lagen in der Hib. Aber das war vor Pandora gewesen. Pech für den alten Kingston, daß das Schiff in eine Kreisbahn um Pandora gegangen war. Guter 81 alter Edmond, auf Pandora umgekommen beim vierzehnten Besiedlungsversuch. Kein Fetzen gefunden, keine einzige Zelle. Verschwunden in dem Unbekannten, das als Ewigkeit galt. Und Morgan Oakes war der zweite zynische Geistliche, der die Last Schiff s auf sich nahm. Der erste Psy-Ge, der nicht von dem verdammten Schiff ausgesucht worden war! Nur … nur war da jetzt dieser neue Psy-Ge, sagte er sich, dieser Namenlose, der bodenseits geschickt wurde, um mit dem verdammten Gemüse zu reden … dem Elektrotang. Der soll nicht mein Nachfolger sein! Für einen Mann in mächtiger Position gab es viele Möglichkeiten, Dinge zu seinem Vorteil hinauszuschieben. So wie ich jetzt die Bitte des Schiff es verzögere, diesen Dichter … wie heißt er doch gleich? … diesen Panille bodenseits zu schicken. Wozu wollte das Schiff einen Dichter bodenseits haben? Hatte das mit dem neuen Psy-Ge zu tun? Ein Schweißtropfen rollte ihm ins rechte Auge. Oakes merkte, daß er krampfhaft zu atmen begonnen hatte. Herzanfall?. Er stemmte sich von dem niedrigen Diwan hoch. Muß Hilfe holen. Seine ganze Brust schmerzte. Verdammt! Zu viele Pläne waren noch unvollendet. Er konnte nicht einfach so untergehen. Nicht jetzt! Er taumelte zum Luk, doch die Verschlüsse wollten sich unter seinen Fingern nicht drehen. Allerdings war die Luft hier kühler, und er nahm ein schwaches Zischen des Ausgleichventils
über dem Luk wahr. Ein Druckunterschied? Wie wäre es möglich? Das Schiff kontrollierte den inneren Lebensraum. Das war allen bekannt. »Was führst du im Schilde, du verdammtes mechanisches Ungeheuer?« flüsterte er. »Willst du mich umbringen?« Das Atmen fiel ihm leichter. Er preßte den Kopf gegen das kühle Metall des Luks und atmete mehrmals tief ein. Der Schmerz in 82 seiner Brust ließ nach. Als er wieder nach den Lukenverschlüssen griff , ließen sie sich drehen, doch er öffnete den Durchgang nicht. Seine Symptome, das wußte er, konnten auf ein Ersticken hindeuten … vielleicht lag ihnen aber auch Angst zugrunde. Ersticken? Er öffnete das Luk und schaute in einen leeren Korridor hinaus, der blauviolett beleuchtet vor ihm lag. Dann schloß er das Luk wieder und sah sich in seiner Kabine um. Eine neue Botschaft vom Schiff . In Kürze würde er bodenseits gehen müssen … sobald ihm Lewis dort unten einen sicheren Weg bereitet hatte. Lewis, mach die Redoute endlich fertig für uns! Würde das Schiff ihn wirklich umbringen? Dazu in der Lage war es sicher. Er würde sehr schlau sein müssen, sehr vorsichtig. Und er mußte einen Nachfolger einarbeiten. Zu viele Dinge waren unvollendet, als daß sie mit seinem Tod einfach enden durften. Ich kann die Auswahl meines Nachfolgers nicht dem Schiff überlassen. Selbst wenn es ihn umbrachte, durfte das verdammte Schiff ihn auf keinen Fall besiegen. Es ist lange her. Vielleicht ist das ursprüngliche Programm des Schiffes abgelaufen. Was war, wenn Pandora der Schauplatz für einen langen Abwicklungsprozeß sein sollte, wenn die Zöglinge millimeterweise aus dem Nest gestoßen wurden? Sein Blick erfaßte Details in der Kabine: erotische Wandbehänge, Servopaneele, die weiche Opulenz von Diwanen. Wer wird nach mir hier einziehen? Er hatte mit dem Gedanken gespielt, Lewis zu erwählen, vorausgesetzt, Lewis erwies sich als guter Kandidat. Lewis war clever genug, um im Labor so manches Feuerwerk abzubrennen, doch
83 politisch gesehen hatte er wenig Energie. Ein Mann, der voller Hingabe seiner Arbeit nachging. Hingabe! Er ist ein Wiesel und tut, was man ihm sagt. Oakes begab sich zu seinem Lieblingssofa voller weicher brauner Kissen. Er setzte sich und klopfte sich die Kissen hinter dem Kreuz zurecht. Was scherte ihn Lewis? Dieses Fleisch, das sich Oakes nannte, würde längst vergangen sein, wenn der nächste Geistliche die Herrschaft übernahm. Im mindesten Falle würde er in der Hib liegen und von den Systemen des Schiff es abhängig sein. Vielleicht war es gar keine gute Idee, Lewis mit soviel Macht in Versuchung zu führen, Macht, die von Oakes‘ Tod abhing. Schließlich war Tod die Spezialität von Jesus Lewis. »Nein, nein«, hatte Lewis einmal unter vier Augen zu Oakes gesagt, »nicht der Tod - ich gebe ihnen Leben. Ich gebe ihnen Leben. Es handelt sich um gesteuerte Klone, E-Klone. Daran möchte ich dich erinnern. Wenn ich ihnen Leben schenke, aus welchem Grund auch immer, steht es mir zu, es ihnen auch wieder wegzunehmen.« »Ich möchte nichts davon hören.« Oakes machte eine abwehrende Handbewegung. »Wie du willst«, sagte Lewis. »Aber das ändert nichts an den Tatsachen. Ich tue, was ich tun muß. Und ich tue es für dich …« Ja, Lewis war ein brillanter Mann. Er hatte aus den genetischen Besonderheiten des Elektrotangs viele neue und nützliche genetische Manipulationsmethoden abgeleitet, jener heimtückischsten Spezies auf Pandora. Und man hatte einen hohen Preis dafür bezahlt. Ein Nachfolger? Welche echte Wahl hatte er, wenn er wahrhaftig an die Entwicklung und die Gottheit Schiff s glaubte? Wenn er all die Bosheit der Politik auszuschließen vermochte? Legata Hamill. 84 Der Name überraschte ihn, so schnell kam er. Beinahe als hätte er ihn nicht selbst gedacht. Ja, es stimmte. Wenn er glaubte, wenn er wahrhaftig an Schiff glaubte, würde er Legata wählen. Es gab keinen Grund, warum nicht auch eine Frau Psychiater-Geistlicher sein konnte. Ihre diplomatischen Fähigkeiten waren gegeben. Irgendein Kerl hatte einmal gesagt, Legata könne einen zum Teufel wünschen und dies so formulieren, daß man sich auf den Trip sogar freue. Oakes schob die Kissen zur Seite und stemmte sich hoch. Das Luk zu den schwach erleuchteten nachtseitigen Gängen lockte ihn
- jenes Labyrinth aller Labyrinthe, das gleichbedeutend war mit dem Leben für sie alle: das Schiff . Hatte Schiff ihm tatsächlich die Luft abdrehen wollen? Oder lag hier ein Unfall vor? Tagseits unterziehe ich mich sofort einem Med-Check. Die Lukenverschlüsse fühlten sich unter seinen Fingern kalt an, viel kälter als eben noch. Der ovale Verschluß klappte lautlos zur Seite und offenbarte wieder die blauviolette nachtseitige Beleuchtung des Korridors. Verdammtes Schiff ! Er trat hinaus und begegnete hinter der ersten Ecke Leuten von der Verhaltenswache. Er ignorierte sie. Das Verhaltenszentrum war ihm dermaßen bekannt, daß er es beim Durchschreiten gar nicht wahrnahm. Biocomputer-Forschung, Vitro-Labor, Genetik - dies alles gehörte zu seiner täglichen Routine und hinterließ in seinem nachtseitigen Bewußtsein keine Spuren. Wohin heute nacht? Er gestattete seinen Füßen, den Weg allein zu finden, und erkannte zu spät, daß seine Wanderungen ihn immer mehr in die Außenbezirke führten, immer weiter durch das Gewirr der Gänge und durch geheimnisvolle Summlaute und rätselhafte Düfte 85 weiter hinaus, als er je zuvor gewandert war. Oakes fühlte, daß er in eine absonderliche persönliche Gefahr wanderte, doch obgleich die Spannung zunahm, vermochte er nicht anzuhalten. Das Schiff konnte ihn jeden Augenblick töten, wo immer er sich schiffseits befand, doch ihn begleitete ein ureigenes Wissen: er war Morgan Oakes, Psy-Ge. Seine Verleumder mochten ihn »Boß« nennen, doch er war hier der einzige (Lewis vielleicht ausgenommen), der begriff , daß es Dinge gab, die selbst das Schiff nicht tun würde. Zwei unter vielen. Wie viele? Schiffseits und bodenseits gab es keine genauen Bevölkerungszahlen. Die Computer verweigerten in diesem Bereich die Funktion, und Versuche der individuellen Zählung ergaben dermaßen abweichende Ergebnisse, daß sie nutzlos waren. Wieder offenbarte das Schiff seine heimtückische Art. So wie auch die Machenschaften des Schiff es in dem Befehl zu spüren waren, einen Dichter bodenseits zu schicken. Jetzt fiel ihm der volle Name ein: Kerro Panille. Warum wurde ein Dichter
bodenseits beordert, um den Tang zu studieren? Wenn wir nur den Tang essen könnten, ohne daß er uns in den Wahnsinn triebe! Zu viele hungrige Mäuler. Zu viele. Oakes schätzte die schiffseitige Besatzung auf zehntausend und die bodenseitige Kopfzahl auf das Zehnfache (dazu kamen die SpezialKlone), doch wie immer diese Zahlen beschaff en waren, er war der einzige, dem bewußt wurde, wie wenig seine Leute in Wahrheit über das Funktionieren und die Absichten des Schiff es oder seiner Teile wußten. Seine Leute! Diese Worte gefielen Oakes, der dabei an den zynischen Kommentar seines Mentors Edmond Kingston denken mußte. Der Psy86 Ge hatte von der Notwendigkeit gesprochen, das Bewußtsein der Leute zu begrenzen: »Sich den Anschein zu geben, als wisse man das Unbekannte, ist beinahe so nützlich, wie es tatsächlich zu wissen.« Seine eigenen historischen Studien hatten Oakes offenbart, daß dies in vielen Zivilisationen die politische Losung gewesen war. Dieses Faktum schälte sich klar heraus, auch wenn die Schiffsdokumente ansonsten nicht immer klar waren und er den Geschichtsversionen des Schiff es nicht ganz traute. Oft vermochte man kaum zwischen wirklicher Geschichte und bewußt geschaffenen Fiktionen zu unterscheiden. Doch aus gelegentlichen literarischen Anspielungen und den unvereinbaren Datierungen solcher Werke, aus versteckten Hinweisen und eigenen Mutmaßungen schloß Oakes, daß andere Welten und andere Völker existierten - oder existiert hatten. Das Schiff mochte zahllose Morde auf dem Gewissen haben. Wenn es ein Gewissen hatte. So wie Ich eure Schöpfung bin, seid ihr die Meine. Ihr seid meine Satelliten, und Ich bin der eure. Eure Persönlichkeiten sind Meine Personifizierungen. Unter dem Hauch der Unendlichkeit verschmelzen wir zu EINEM. RAJA FLATTERY Das Buch Schiff Nach der Explosion des ersten Luks in der Redoute entfernte sich Jesus Lewis nicht mehr von seinem Leibwächter Illuyank. Dies war eine teils bewußte Entscheidung. Wenn es ums Ganze ging, verströmte Illuyank eine gewisse Zuverlässigkeit. Er war ein muskulös gewachsener Mann mit dunkler Haut, gewelltem schwar87
zem Haar und einem starren Gesicht, das von drei über der linken Augenbraue eintätowierten blauen Winkeln bestimmt wurde. Drei Winkel - das hieß, daß Illuyank dreimal um den Perimeter der Kolonie gelaufen war, nackt, nur mit Verstand und Ausdauer Bewaffnet. »Den P. laufen« hieß das bei den Leuten, ein Spiel um Einsätze oder eine Mutprobe. Andere sprachen davon, daß hier das Glück auf die Probe gestellt wurde. Als das Luk in die Luft flog, waren sie alle auf ihr Glück angewiesen. Einige waren kaum erwacht und hatten ihre erste tagseitige Mahlzeit noch nicht zu sich genommen. »Die Klone haben eine Laspistole!« brüllte Illuyank. Seine funkelnden dunklen Augen suchten das Gebiet ab. »Gefährlich ist das. Sie wissen nicht damit umzugehen.« Die beiden Männer standen in einem Durchgang zwischen den Unterkünften der Klone und einem Grüppchen Überlebender, die weiter hinten nahe einem Halbkreis von Luken warteten, Durchgänge zum Kern der Redoute. Trotz der konkreten Gefahr wußte Lewis, wie er in den Augen der anderen erscheinen mußte. Er war klein gewachsen und dünn - dünnes strohfarbenes Haar, dünne Lippen, ein dünnes Kinn, dessen Spitzheit durch eine Kinnkerbe noch betont wurde, dünne Nase und seltsam dunkle Augen, die zwischen den zusammengezogenen Lidern niemals Licht zu reflektieren schienen. Illuyank neben ihm repräsentierte alles, was Lewis nicht war. Beide starrten auf das Zentrum der Redoute. Es bewegte sie die sehr reale Frage, ob das Kernstück der Anlage noch sicher war. Deswegen hatte Lewis den Kapselsender in seinem Nacken ausgeschaltet und reagierte nicht darauf, auch als die nachdrücklichen Anfragen Oakes‘ ihn in Versuchung zu führen begannen. Man wußte nie, wer da mithören konnte. 88 In letzter Zeit hatten sich die beunruhigenden Anzeichen gehäuft, daß die private Verbindung nicht ganz so privat war, wie er gehofft hatte. Inzwischen mußte Oakes von dem neuen Psy-Ge erfahren haben. Die Diskussion über diese Entwicklung wie auch der mögliche Einbruch in das private Kommunikationssystem mußten warten. Oakes würde sich gedulden müssen.
Beim ersten Ausbruch des Ärgers hatte Lewis ein Notsignal aktiviert, das Murdoch in der Kolonie alarmieren mußte. Es gab allerdings keine Gewißheit, daß das Signal auch durchgekommen war. Zeit für eine Antwort-Abfrage war nicht gewesen. Im gleichen Augenblick hatte die ganze Redoute auf Not-Energie geschaltet. Lewis konnte nicht ermitteln, welche Systeme noch funktionierten und welche bereits zusammengebrochen waren. Die verdammten Klone! Aus der Richtung der Klon-Unterkünfte tönte ein lautes Sirren. Illuyank warf sich zu Boden, und über den anderen ging ein Schauer von Mauerbrocken nieder. »Ich dachte, die könnten mit der Laspistole nicht umgehen!« rief Lewis und deutete auf ein Riesenloch in der Wand. Illuyank sprang auf und riß ihn zu den anderen am Halbkreis der Luken herum. »Den Schacht hinab!« brüllte Illuyank. Ein Mann aus der wartenden Gruppe drehte die entsprechenden Lukenverschlüsse und legte den Zugang zu einem Korridor frei, in dem nur das Blau der Notbeleuchtung flackerte. Blindlings sprintete Lewis hinter Illuyank her und hörte das hastige Fußgetrappel der anderen. Im Laufen rief Illuyank ihm zu: »Sie können mit dem Ding nicht umgehen, aber das macht sie um so gefährlicher!« Während er sprach, zog Illuyank den Kopf ein und hechtete sich an einem offenen Nebengang vorbei, den er mit 89 einer Salve aus seinem Strahlenbrenner bestrich. »So können sie jederzeit und überall treffen!« Im Vorbeilaufen blickte Lewis in den Seitengang und sah darin einige Menschen herumtaumeln, die lichterloh brannten. Gleich darauf wurde klar, welches Ziel Illuyank hatte, und Lewis mußte widerwillig mit Bewunderung zugeben, daß es eine gute Wahl war. Sie bogen links in einen Korridor ein, hielten dann wieder nach rechts und befanden sich nun in den unvollendeten hinteren Gängen der Redoute vor dem naturgewachsenen Gestein der Klippe. Auf diese Weise erreichten sie den kleinen Kontrollraum, der zum Strand Ausblick bot. Das Plasmaglasfenster ging aufs Meer hinaus, auf den Hof und den Winkel zwischen der eigentlichen Redoute und den Klon-Unterkünften. Der letzte in der Gruppe verriegelte das Luk. Hastig verschaffte sich Lewis einen Überblick über seine Mannschaft - fünfzehn Leute, nur sechs davon aus der persönlich ausgesuchten Mannschaft. Die
anderen waren zwar von Murdoch als verläßlich eingestuft, aber bisher noch nicht auf die Probe gestellt worden. Illuyank hatte sich an das Gewirr der Kontrollen an der Klippenwand begeben und studierte die Schaltpläne der Redoute, die dort in eine Grundplatte eingeätzt waren. Dabei mußte Lewis daran denken, daß Illuyank der einzige Überlebende von Kingstons Mission auf diesem Brocken Dreck und Gestein war, der ›Schwarzer Drachen‹ genannt wurde. »War es bei Kingston auch so?« fragte Lewis. Er zwang seine Stimme zu einem ruhigen Ton, während er zusah, wie Illuyank mit kurzem Finger einen Schaltkreis nachzeichnete. »Kingston hat geweint und sich hinter Felsen versteckt, während seine Leute starben. Dabei ist er Läufern zum Opfer gefallen. Ich habe sie rausgekocht.« Rausgekocht! 90 Lewis erschauderte. Vor seinem inneren Auge erschien das grotesk grinsende Bild von Kingstons Kopf, der zu Asche verbrannt war. »Sag uns, was wir tun sollen.« Lewis war überrascht, wie beherrscht er trotz der gefährlichen Lage war. »Gut.« Zum ersten Mal blickte ihn Illuyank direkt an. »Gut. Das sind unsere Waffen.« Er deutete auf die elektronischen Schalter und Ventilkontrollen ringsum. »Von hier aus können wir jeden Umlauf steuern, Gas oder Flüssigkeit.« Lewis berührte Illuyank am Arm und deutete auf ein Paneel, das etwa einen Meter im Quadrat maß. »Ja.« Illuyank zögerte. »Sonst wären wir blind«, meinte Lewis. Anstelle einer Antwort tippte Illuyank einen Kode in die Konsole unter dem Quadrat. Die glatte Abdeckung schob sich zurück und gab den Blick auf vier kleine Bildschirme frei. »Sensoren«, sagte jemand aus dem Hintergrund. »Augen und Ohren«, bemerkte Lewis, der den Blick nicht von Illuyank gewendet hatte. Der Gesichtsausdruck des dunkelhäutigen Mannes veränderte sich nicht, doch er flüsterte Lewis zu: »Jetzt müssen wir aber auch sehen und hören, was wir den anderen antun.« Lewis schluckte und hörte ein leises Scharren am Luk. »Sie wollen die Tür aufbrechen!« rief eine zitternde Stimme von hinten. Lewis und Illuyank suchten die Schirme ab. Ein Bild zeigte die
Ruinen, die einst die Quartiere der Klone gewesen waren. Auf einer Wand stand in gelben Buchstaben: MEIN HUNGER WARTET NICHT! - der neue Slogan der Klone. Der benachbarte Schirm zeigte den Hof, auf dem eine Horde mutierter Menschen - ausnahmslos EKlone - unterwegs war und Felsbrocken und 91 Glasscherben suchte, die sie als Waffen benutzen wollte. »Behalte sie im Auge!« flüsterte Illuyank. »Mit dem Zeug kommen sie nicht an uns heran, aber das viele Blut dort draußen wird Dämonen anlocken. Unser gesamter Perimeter ist durchlöchert. Wenn die Dämonen angreifen, nehmen sie sich zuerst den Haufen dort vor.« Lewis nickte. Er hörte, daß sich einige andere näher herandrängten, um besser sehen zu können. Wieder tönte das metallische Geräusch vom Luk herüber. Lewis bedachte Illuyank mit einem Seitenblick. »Sie hämmern mit Felsbrocken«, meinte der andere. »Vor allem müssen wir die Laspistole finden. Aber bis dahin solltest du den Hof im Auge behalten. Das Blut …« Der Schirm links unten war auf den Speisesaal der Klone eingestellt: im Hintergrund zahlreiche aufgebrochene Schotts, überall Klone, die ziellos durcheinanderliefen. Plötzlich wurde der Schirm dunkel. »Der Sensor im Speisesaal ist hin«, stellte Lewis fest. »Die Burschen werden sich eine Zeitlang von den Nahrungsmittelvorräten aufhalten lassen«, meinte Illuyank, der damit beschäftigt war, sich mit dem vierten Schirm einen Überblick über die gesamte Redoute zu verschaff en. Im Augenblick zeigte sich darauf der Hof aus einem anderen Winkel, es folgte ein Stück Perimetermauer, zerstört durch die Laspistole, belebt von Klonen, die von draußen hereindrängten. Lewis hatte sie dorthin verbannt, eine Entscheidung, die die augenblickliche Revolte ausgelöst hatte. Irgendwie müssen wir eine Auslese treffen, sagte sich Lewis. Die Nahrung reicht nicht für alle. Er wandte seine Aufmerksamkeit dem Schirm zu, der den Hof zeigte. Ja … es war viel Blut geflossen. Diese Feststellung brachte ihm in Erinnerung, daß er selbst schlimme Verletzungen davon92 getragen hatte. Wundband stillte die schlimmsten Blutungen, aber die kleinen Schnitte begannen zu schmerzen, als er nun über seinen Zustand nachdachte. Kaum einer war ohne Verwundung
davongekommen. Selbst Illuyank blutete aus einer Verletzung über dem Ohr, wo ihn ein Stein getroffen hatte. »Dort«, sagte Illuyank. Gleichzeitig war am Luk ein neues Dröhnen zu hören, gefolgt von Knisterlauten. Der AAA-Schirm, den Illuyank benutzt hatte, zeigte nun den Gang vor dem Luk: eine wimmelnde Masse Klonfleisch, pelzige Körper, absonderliche Gliedmaßen, ungewöhnlich geformte Köpfe. Am Luk bemühten sich zwei der Klone, einen PlastahlSchneider in Position zu bringen; sie wurden jedoch durch das Gedränge weiter hinten behindert. »Damit kommen sie mühelos zu uns durch«, sagte jemand. »Wir sind erledigt.« Illuyank wandte sich um, schwenkte die Hand, bellte Befehle, bis alle fünfzehn in der kleinen Kommandozentrale beschäftigt waren: Aufsicht über ein Ventil, die Verantwortung für einen Schalter jeder erhielt eine Verantwortung aufgebürdet. Lewis drückte den Ton für diesen Schirm. Ein wirres Gebrabbel tönte aus den Lautsprechern. Illuyank gab einem Mann Zeichen, der auf der anderen Seite des Raums an den Ventil-Fernkontrollen stand. »Entleere die SalzlakeTanks in Ebene Zwei! Damit wird der Gang draußen überflutet.« Der Mann bediente die Kontrollen; murmelnd folgte er den Bedienungsskizzen an seinem Posten. Illuyank berührte Lewis am Ellbogen und deutete auf den Schirm mit der Hofszene. Die dort befindlichen Klone hatten sich von den Sensoren abgewandt und blickten konzentriert auf ein großes Loch in der Mauer, die zum Perimeter führte. Plötzlich 93 ließen sie wie auf Kommando ihre Felsbrocken und Glassplitter fallen und liefen schreiend aus dem Bild. »Läufer«, sagte Illuyank leise. Im nächsten Augenblick entdeckte Lewis die Wesen, die er meinte einen zuckenden Schwarm winziger bleicher Wurmgeschöpfe, die über die Trümmer wogten. Er vermeinte den Geruch nach verbrannter Säure wahrzunehmen und spürte einen bitteren Geschmack im Mund. Automatisch gab er den Befehl. »Abschotten!« »Das geht nicht!« meldete sich eine zögernde Stimme aus einem Winkel des Raums. »Es sind noch ein paar Leute von uns draußen! Wenn wir abschotten … wenn wir das tun … sind alle …«
»Dann sterben alle«, beendete Lewis den Satz. »Und unser Perimeter ist total durchlöchert. Die Läufer sind bereits im Hof. Wenn wir nicht abschotten, sterben wir auch. Also abschotten!« Er ging zu einer Ventil-Kontrolltafel und gab per Knopfdruck die nötigen Anweisungen. Lampen über den Kontrollen zeigten an, daß sich das entsprechende Ventil schloß. Er hörte, daß andere ringsum seinem Befehl nachkamen. Illuyank äußerte leise die Warnung: »Überprüft die Oberflächenschächte.« Dies löste neue Aktivitäten aus. Lewis blickte auf den Schirm zum Hof. Ein Klon torkelte in das Blickfeld des Sensors. Er schrie und schlug sich mit den stumpfen Rundungen, die seine Hände waren, gegen die Augen. Als sich sein Bild ganz scharf abzeichnete, stürzte er gerade zu Boden und blieb zuckend liegen. Eine Woge sich windender Schatten fuhr über ihn dahin. Der Hof füllte sich mit fliehenden Klonen und winzigen aalgleichen Körpern. Ein Mann hinter Lewis begann sich zu übergeben. »Sie sind im Gang«, meldete Illuyank und deutete auf den Schirm mit der Szene vor dem Luk: mit der im Gang ansteigenden 94 Salzlake schwappte eine wimmelnde Masse von Nervenläufern herein. Lewis warf einen hastigen Blick auf das Luk. Was der Sensor da zeigte, passierte hinter dieser dünnen Stahlwand! Die Lake stieg bis dicht unter die Gangdecke; ehe sie innehielt, setzte sie noch den Plastahl-Schneider außer Gefecht. Klone strampelten im Wasser, bedeckt von Nervenläufern, doch da und dort schwammen auch tote Läufer an der Oberfläche der Lake. Und wo der Plastahl-Schneider mit einem Kurzschluß sein Leben ausgehaucht hatte, wirbelte ein milchig-graues Gas über dem Wasser. Wo immer dieses Gas sich auch befand, gab es tote Läufer. Lewis spürte, wie sein Verstand von Punkt zu Punkt sprang. Erstens: Salzlake. Zweitens: ein elektrischer Kurzschluß. »Chlor«, flüsterte er. Dann lauter: »Chlor!« »Was?« Kein Zweifel - Illuyank war verwirrt. Lewis deutete auf den Bildschirm. »Chlor tötet Nervenläufer!« »Was ist Chlor?« »Ein Gas, das sich bildet, wenn man in eine elektrische Ladung Kochsalzlösung leitet.« »Aber …«
»Chlor tötet Läufer!« Lewis blickte quer durch den Kontrollraum und durch die Plas-Barriere, hinter der ein Winkel des Klon-Terrains zu sehen war, dahinter der Ozean. »Funktionieren die Meerespumpen noch?« Der Mann an der Pumpenkonsole überprüfte seine Tastatur und meldete: »Die meisten.« »Dann brauchen wir Meereswasser, wo immer wir es hinbekommen«, ordnete Lewis an. »Und einen großen Behälter, in das wir das Wasser von hier aus leiten und durch den wir eine elektrische Ladung jagen können.« 95 »Die Wasserreinigung«, meinte Illuyank. »Die Reinigungsanlage. Von dort können wir das Zeug beinahe überallhin pumpen.« »Moment noch!« sagte Lewis. »Wir wollen möglichst viele Läufer anlocken, dann sind sie leichter auszulöschen.« Er beobachtete die Schirme und ließ sich Zeit dabei. Dann rief er: »Nun los, zeigen wir‘s ihnen!« Wieder überflog Illuyank seine Schaltkreiszeichnungen und gab Befehle über die Schulter, während die Männer im Kommandoraum gehorchten. Lewis konzentrierte sich auf die Sensorschirme. Im Gang vor dem Luk war es nun still - einige tote E-Klone trieben an der Oberfläche des Salzwassers, dazwischen zahlreiche tote Läufer. Er verband den Speisesaal-Schirm mit einem anderen Sensorauge und fand die Trainingszone vor den Klon-Labors. Hier drängte sich eine panikerfüllte Masse von E-Klonen, darin einige seiner Leute, denen sein Abschott-Befehl den Rückzug abgeschnitten hatte. Es waren nicht viele Gesichter auszumachen, doch die Farben der Uniformen ließen sich identifizieren. Einer nach dem anderen starben sie, rosa Schaum vor dem Mund, den letzten stierenden Blick fassungslos auf den Sensor gerichtet. Während die letzten noch im Sterben lagen, wehte eine milchige Gaswolke aus einem offenen Gang und trieb über die Szene dahin, wobei sich alle Konturen verwischten. »Achtet auf die Augen«, sagte Illuyank. »Wenn wir die Läufer nicht restlos erledigen, merken wir das an den Augen - auf die stürzen sie sich zuerst.« Stille herrschte in dem Kommandoraum; die Überlebenden horchten auf ihren kostbaren Atem, genossen die Annehmlichkeit ihres lebendigen Schweißes und forschten in den Augen der Toten nach
einem Anhalt für ihre eigene Sterblichkeit. 96 Lewis lehnte am Rand der Konsole und spürte kaltes Metall unter den Fingern. Auch auf anderen Schirmen zeigte sich nun das milchige Gas auf seinem wogenden Weg durch die Redoute. Es funktionierten sogar noch einige Sensoraugen, die das Gebiet außerhalb des Perimeters zeigten und Gasschwaden, die sich über freies Terrain bewegten. Illuyank schaltete von Sensor zu Sensor. Hinter Lewis seufzte jemand und atmete zittrig aus, und Lewis machte sich auf gleiche Weise Luft. »Chlor«, brummte Illuyank vor sich hin. »Das versetzt uns in die Lage, die Läufer-Geschwüre total zu sterilisieren«, sagte Lewis. »Wenn wir das nur früher gewußt hätten …« »Und daß wir es auf diese Weise erfahren mußten!« sagte jemand von hinten. Und ein anderer meinte: »Wir werden lange warten müssen.« »Das hat das Warten nun mal an sich«, meinte Illuyank. »Überleg dir, wie lange du lebst, wenn du nur immer wartest.« Eine sehr einsichtsvolle Bemerkung, wie sie Lewis von Illuyank nicht erwartet hätte. Daraus folgerte, daß Illuyank für eine Weile zum kolonieseitigen Dienst versetzt werden mußte. Der Mann sah zuviel, machte sich zu viele Gedanken. Das durfte nicht sein. Aber zunächst mußten sie hier heraus. Es gab allerdings keinen anderen Weg als durch die von Läufern verseuchten freien Zonen der Redoute. Das Chlor würde diesen Weg sichern … zu gegebener Zeit. »Kriegen wir eine Nachricht an Murdoch durch?« fragte Lewis. »Nur über Notsender«, antwortete Illuyank. »Gib ihm das Abriegelungssignal für Notfälle durch. Niemand kommt herüber, bis wir aufgeräumt haben. Es wäre auch nicht gut, wenn die Leute sähen, was hier passiert ist, und …« Lewis 97 blickte Illuyank vielsagend an. Illuyank nickte und lieferte Lewis den perfekten Vorwand für seinen Plan. »Allerdings sollte jemand kolonieseits fliegen und dafür sorgen, daß man dort die Lage versteht.« »Das solltest du sein«, stellte Lewis fest. »Sorg dafür, daß man dem Boß schiffseits gegenüber nicht unnötige Erklärungen abgibt. Das ist meine Aufgabe.« »Verstanden.«
»Und sag nicht mehr, als du mußt. Und … wenn du schon dort bist, solltest du dich überall in der Kolonie sehen lassen. Alles ist ganz normal, Routine. Nimm die üblichen Aufträge an …« »Und versuch festzustellen, ob sich über diese Sache …« - Illuyank blickte auf die Sensorenschirme - »Gerüchte verbreiten.« »Bist ein cleverer Mann.« Und Lewis dachte: Zu clever. So wie ein Techniker mit seinen Werkzeugen umzugehen lernt, kannst du es lernen, andere Leute einzusetzen, um alles zu erschaff en, was man sich vorstellt. Diese Aussage verstärkt sich, wenn man für die besondere Aufgabe noch die spezielle Person gezielt erschaffen kann. MORGAN OAKES Die Tagebücher Legata wußte zwar, daß über kurz oder lang alle Leute bodenseits leben würden, trotzdem gefielen ihr die Kurierflüge nicht, auf die Oakes sie immer wieder schickte. Allerdings vermittelten sie ein gewisses Machtgefühl, daran führte kein Weg vorbei. Ihr Paß (oft nur ein kurzer identifizierender Blick durch einen Wäch98 ter verschaffte ihr überall Zugang. Sie war Morgan Oakes‘ rechte Hand. Der Anblick, den sie bot, war ihr bekannt: eine kleine Frau mit heller Haut und ebenholzschwarzem Haar und beinahe übertrieben weiblichen Formen. Sie war eine Frau, die der Boß haben wollte und die deswegen mächtig und gefährlich war. Jede Inspektionsreise, die sie für Oakes unternahm, führte zu Spannungen. Diesmal sollte sie Labor Eins in der Kolonie inspizieren. Und alles würde auf Holo festgehalten werden, damit Oakes für seine Auswertung eine komplette Unterlage hatte. »Du mußt den Laden aufspießen«, hatte Oakes gesagt. So wie er das Wort »aufspießen« ausgesprochen hatte, lag etwas Sexuelles darin. Sie war bisher noch nicht in die Tiefen von Labor Eins vorgedrungen, und das allein genügte, um ihre Neugier zu wecken. Lewis verließ sich hier auf Sy Murdoch, einen alten Vertrauensmann. Sie sollte Murdoch kennenlernen. Normalerweise hielt sich Lewis in der schimmernden Plastahl-Welt des Labors auf, das am Ende eines langen Tunnels durch ein dreifaches Schleusensystem erreicht werden konnte. Nicht aber heute. Lewis war nicht erreichbar. Eine seltsame Formulierung; kein Zweifel, daß Oakes beunruhigt war über diese Entwicklung.
»Stell fest, wo er steckt und was er macht!« Beide Sonnen hatten am Himmel gestanden, als die Fähre sie hinunterbrachte. Maximale Sicherheitsmaßnahmen waren eingeleitet worden. Man hatte sie mit größter Hast aus dem Landekomplex in einen Servo verfrachtet, der sie am Tunnel absetzte. Das Personal der Kolonie wirkte tatkräftig und ein wenig nervös - es gab Gerüchte über Perimeterprobleme mit Pandoras zahlreichen Dämonen. Legata erschauderte. Allein der Gedanke an die Raubtiere, die außerhalb der Koloniegrenze herumstrichen, ängstigte sie. 99 Am Ausgang der letzten Schleuse, im Empfangsbereich des Labors, trat ihr Murdoch persönlich entgegen - ein stämmig gebauter Mann mit hellem Teint, blauen Augen und kurzgeschnittenem braunem Haar. Seine Finger waren kurz und breit, die Nägel gepflegt. Er sah stets frisch gewaschen aus. »Worum geht‘s denn diesmal?« fragte er. Ihr gefiel der wahre Gehalt seiner Frage, der da war: Wir haben zu tun. Was will Oakes heute von uns? Nun ja, auf diesen Ton konnte sie sich einstellen. »Wo ist Lewis?« Murdoch blickte sich um. Als er keine Arbeiter in der Nähe entdeckte, die seine Worte mithören konnten, antwortete er: »In der Redoute.« »Warum antwortet er auf unsere Anrufe nicht?« »Keine Ahnung.« »Wie sah seine letzte Nachricht aus?« »Ein Notfall-Signal. Alle Transporte zurückhalten. Kein Fahrzeug darf an der Redoute landen. Auf Freigabesignal warten.« Legata absorbierte diese Neuigkeit. Ein Notfall. Was geschah in der Redoute? »Warum ist Dr. Oakes nicht informiert worden?« »Das Kodesignal forderte absolute Abschirmung.« Das begriff sie. Keine Nachricht mit dieser Geheimhaltungsstufe durfte von der Kolonie zum Schiff abgestrahlt werden. Aber immerhin lag der Vorfall zwei volle pandorische Tagesläufe zurück. Sie ahnte in der letzten Nachricht aus der Redoute noch eine zusätzliche Einschränkung, einen privaten Lewis-Befehl an seine Anhänger. Sinnlos, solchen Mutmaßungen nachzugehen, trotzdem spürte sie es deutlich. »Haben Sie die Anlage wenigstens überfliegen lassen?« »Nein.«
100 Das kam also auch nicht in Frage. Schlimm … sehr schlimm. Nun, dann mußte sie sich um den Rest ihres Auftrages kümmern. »Ich bin gekommen, um das Labor zu inspizieren.« »Das ist mir bekannt.« Murdoch hatte sich die Frau während des Gesprächs genau angesehen. Die vom Boß übermittelten Befehle waren klar. Sie sollte alles sehen bis auf den Schrei-Raum. Der erwartete sie später … wie jeden hier. Sie war ein hübsches Ding: eine kleine Venus mit Puppengesicht und grünen Augen. Außerdem schien sie einen scharfen Verstand zu besitzen. »Wenn Sie Bescheid wissen, sollten wir jetzt gehen«, sagte sie. »Hier entlang.« Er führte sie durch einen Gang mit Reihen von Behältern mit primären Klon-Wiegen in die Sektion für Mikro-Entwicklung. Legatas Interesse war zuerst rein intellektuell - sie wußte das und fühlte sich irgendwie beruhigt. Einmal nahm Murdoch sie sogar an der Hand und führte sie an Reihen von Klon-Wiegen für Sonderbehandlungen vorbei. Er war dermaßen gebannt von seiner Rhapsodie über Geräte und Techniken, daß ihr seine Berührung nichts ausmachte. Schließlich war sie rein klinisch zu sehen oder als Geste ohne Absicht. Wie auch immer, in Murdochs Berührung kam keine Zuneigung zum Ausdruck, das wußte sie. Aber er kannte Labor Eins wie nur selten jemand, vielleicht so gut wie Lewis, und man hatte ihr nie zuvor aufgetragen, in seine Tiefen vorzudringen. »… aber ich habe das als zutreffend akzeptiert«, sagte Murdoch gerade, doch sie wußte nicht, worum es ging, denn sie hatte sich auf einen seltsam proportionierten, unreifen Fötus konzentriert, der hinter einer Wand aus durchsichtigem Plas schwamm. Sie wandte sich zu Murdoch um. »Was haben Sie akzeptiert? 101 Tut mir leid, ich habe … ich meine, es gibt soviel zu sehen.« »Kilometerweit Plastahl, Tanks und Flüssigkeiten, Pseudokörper, Pseudointelligenzen …« Frustriert schwenkte er die Hand. Sie erkannte, daß Murdoch sehr niedergeschlagen war, und das beunruhigte sie. Sie hatte das Bedürfnis, unausgesprochene Fragen über den seltsamen Fötus zu unterdrücken, der sich da hinter dem Plasmaglas bewegte. »Sie haben das alles akzeptiert«, sagte sie statt dessen.
»Na und?« »Wir gebären hier. Wir führen Befruchtungen durch, pflegen Wesen im embryonalen Zustand, extrahieren sie und schicken einige zur Ausbildung schiffseits … Kommt es Ihnen nicht seltsam vor, daß wir nicht auch die natürlichen Geburten bodenseits holen können?« »Die Entscheidungen Schiff s sind wohlbegründet und dienen dem Besten aller …« »… aller Schiffsmenschen, wo immer sie sich aufhalten. Ich weiß. Ich habe diesen Spruch ebensooft gehört wie sie. Aber nicht Schiff hat diese Entscheidung getroffen. Nirgendwo in den Unterlagen gibt es eine Stelle, die besagt, daß alle Geburten schiffseits stattzufinden haben. Und daran ändern auch Sie nichts, von der es heißt, daß Sie unsere beste Suchtechnikerin sind.« Ohne zu wissen, wie sie darauf kam, wußte Legata, daß er Lewis‘ Befehle wörtlich wiedergab. Diese Sprechweise paßte nicht zu Murdoch. Warum sollte sie davon erfahren? Gehörte dies zu Oakes‘ Plan, die schiffseitige Geburtshelferabteilung, die Natali, aufzulösen? »Aber von uns wird verlangt, Schiff zu verehren«, sagte sie. »Und welch größere Verehrung können wir Schiff entgegenbringen, als Ihm unsere Kinder anzuvertrauen? Alle Vernunftgründe sprechen dafür …« 102 »Ja, die Vernunft spricht dafür, die Logik«, stimmte er ihr zu. »Aber ein direkter Befehl ist es nicht. Außerdem wird ein Großteil unserer Arbeit hier in Labor Eins unnötig eingeengt. Immerhin könnten wir …« »… diese Welt besitzen? Morgan meint, daß das ohnehin kein Problem für Sie wäre.« Das sollte er erst einmal verdauen. Morgan, nicht Boß, nicht Dr. Oakes. Murdoch ließ ihre Hand los, und sein freudig gerötetes Gesicht wurde bleich. Er weiß, daß wir auf Holo sind, dachte sie, und ich habe ihm die Schau gestohlen. Gleichzeitig ging ihr auf, daß Murdoch ein anderes Publikum im Sinn gehabt hatte, nämlich Oakes. Wenn sich der Notfall in der Redoute auf dem Schwarzen Drachen für Lewis als tödlich erwies … ja, dann brauchte man einen Ersatz. Sie stellte sich vor, wie Oakes sie später auf einem schiffseitigen Metallschirm musterte. Aber Murdoch sollte sich ruhig noch ein wenig mehr winden. Sie nahm
ihn an der Hand und sagte: »Ich würde gern den ›Garten‹ sehen.« Ihre Äußerung stimmte nur zur Hälfte. Sie hatte die Kataloge gesehen, die Oakes unter Verschluß hielt, die zahlreichen Variationen von E-Klonen, die hier für besondere Aufgaben gezüchtet wurden - offenbar war hier nichts unmöglich. Schiffseits ahnte weniger als ein halbes Dutzend Leute, daß es einen solchen Prozeß überhaupt gab. Hier in der Kolonie war Labor Eins ein in sich abgeschlossener Komplex, deutlich abgesetzt von den anderen Gebäuden, und sein Zweck verbarg sich hinter dem Rätsel des nichtssagenden Namens. Labor Eins. Auf die Frage, was denn in Labor Eins gemacht werde, antwor103 teten die meisten: »Das weiß Schiff allein.« Oder sie erzählten eine kindische Gespenstergeschichte mit buckligen Wissenschaftlern, die in das Herz des Lebens zu schauen versuchten. Legata wußte, daß Oakes und Lewis das Mysterium noch zu vertiefen versuchten und zu diesem Zweck oft neue Gerüchte in die Welt setzten. In der Folge begegnete man diesem Ort oft mit Angst, und in letzter Zeit hatte es unzufriedene Bemerkungen über die unverhältnismäßig großen Nahrungsmengen gegeben, die dem Labor zugeteilt wurden. Für Schiffsmenschen wie Kolonisten war eine Versetzung in das Labor gleichbedeutend mit einem Verschwinden für immer. Die Arbeiter zogen in Quartiere innerhalb der Anlage um und kehrten mit wenigen Ausnahmen nicht schiffseits oder in die eigentliche Kolonie zurück. Diese Gedanken erzeugten eine Stimmung gelinden Zweifels, und Legata mußte sich vor Augen führen, daß sie ja nicht hierher versetzt wurde. Nein, dazu würde es nicht kommen, solange Oakes sie nackt auf seiner Couch haben wollte … sie aufspeisen wollte. Tief atmete Legata die warme Luft. Wie in allen Gebäuden der Kolonie entsprachen auch hier Temperatur und Luftfeuchtigkeit den Werten Schiff s. Im Labor jedoch spürte sie eine besondere Gänsehaut, gefolgt von Magenschmerzen und stechenden Schmerzen in den Knoten, die ihre Brustwarzen unter dem einteiligen Anzug bildeten. Um ihr Unbehagen zu überspielen, machte sie eine hastige Bemerkung. »Ihr Personal sieht so alt aus.« »Viele sind seit Anfang bei uns.« In seiner Stimme lag ein ausweichender Ton, der ihr nicht entging,
den sie aber nicht weiter verfolgte. Sie wollte lieber beobachten. »Aber sie … sehen sogar noch älter aus. Was …« 104 »Wir haben in der Kolonie eine höhere Todesquote«, unterbrach sie Murdoch. »Wußten Sie das?« Sie schüttelte den Kopf. Das war eine Lüge; es mußte eine Lüge sein. »Es hat damit zu tun, daß wir hier am Perimeter leben«, fuhr Murdoch fort. »Wir haben es nicht so gut geschützt wie die meisten anderen. So nahe bei den Bergen gibt es vor allem sehr viele Nervenläufer.« Ein Schauder, den sie nicht bezwingen konnte, lief ihr über die Arme. Nervenläufer! Zuckende kleine Würmer, die gefürchtetsten Wesen auf ganz Pandora. Ihre Vorliebe galt Nervenzellen: langsam und qualvoll arbeiteten sie sich durch die Nervenkanäle des Menschen, bis sie sich am Gehirn überfraßen, sich einkapselten und fortpflanzten. »Eine schlimme Sache«, bemerkte Murdoch, als er ihre Reaktion bemerkte. »Dazu die viele Arbeit, die wir haben … aber das stand ja von Anbeginn fest. Wir haben hier eben eine besonders arbeitsame Mannschaft.« Sie blickte über eine Reihe von Plas-Wannen auf eine Gruppe dieser hingebungsvollen Arbeiter - ausdruckslose Gesichter, zusammengekniffene Lippen. Die meisten Helfer schienen faltig und überanstrengt zu sein, totenbleich. Niemand machte einen Witz, nicht einmal ein nervöses Kichern unterbrach die Monotonie. Hier gab es nur das Klappern und Klirren von Instrumenten, das Summen von Werkzeugen, die schmerzende Distanz zwischen den Lebensströmen. Murdoch lächelte sie plötzlich an. »Sie wollten ja den ›Garten‹ sehen.« Er drehte sich um und bedeutete ihr mit einer Handbewegung, ihm zu folgen. »Hier entlang.« Er führte sie durch ein weiteres Schleusensystem, diesmal nur eine doppelte Sicherung, und betrat eine Zone, in der anscheinend 105 junge E-Klone ausgebildet wurden. Mehrere Exemplare scharten sich um den Eingang, wichen aber bei Murdochs Annäherung zurück. Sie haben Angst, dachte Legata. Eine runde Barriere verlief durch die Trainingszone, und sie machte einen weiteren Schleusendurchgang aus. »Was liegt dort?« fragte sie und deutete mit einer Kopfbewegung in
die Richtung. »Dort können wir heute nicht hinein«, antwortete Murdoch. »Wir nehmen Sterilisationen vor.« »Oh? Was ist denn das?« »Nun … das ist das Kernstück des ›Gartens‹. Ich nenne es den Blumenraum.« Er wandte sich einigen nahestehenden jungen EKlonen zu. »Hier haben wir einige junge Produkte des Blumenraums. Sie …« »Hat Ihr Blumenraum auch noch einen anderen Namen?« fragte sie. Die Antworten dieses Mannes gefielen ihr nicht. Er wich aus. Er log. Murdoch drehte sich zu ihr um, und das freudige Leuchten in seinen Augen kam ihr bedrohlich vor. Ein schuldiges Wissen lag darin - ein schmutziges, übles Wissen. »Manche sprechen auch vom Schrei-Raum«, antwortete er. Schrei-Raum? »Und dort können wir nicht hinein?« »Nicht … heute. Vielleicht könnten Sie für später einen Termin vormerken lassen?« Sie unterdrückte ein Schaudern. Sein Blick, das gierige Funkeln in seinen Augen … »Ich sehe mir Ihren … Blumenraum später einmal an«, sagte sie. »Ja, das werden Sie tun.« 106 Von dir erfährt Avata von einem großen Dichter-Philosophen, der da sagte: »Erst wenn du eine fremde Intelligenz kennenlernst, weißt du, was es heißt, ein Mensch zu sein.« Und Avata wußte nicht, was es hieß, Avata zu sein. Das ist wahr und poetisch. Aber gerade die Poesie geht in der Übersetzung verloren. So gestatten wir euch nun, diesen Ort Pandora und uns Avata zu nennen. Einige von euch bezeichneten uns zuerst als Gemüse. Darin sah Avata die tieferliegende Bedeutung eurer Geschichte und empfand Angst. Ihr nehmt Gemüse in euch auf, um die Energie aufzubrauchen, die von anderen gesammelt wurde. Mit euch enden die anderen. Mit Avata gewinnen die anderen an Leben. Avata nimmt Minerale, Gestein, das Meer, die Sonnen - und von alledem läßt Avata Leben erstehen. Mit dem Gestein beruhigt Avata das Meer und dämpft die Turbulenzen, die aus dem Griff der Sonnen und Monde entstehen. Den Menschen erkennend, erinnert sich Avata an alles. So erinnert euch, damit Avata sich erinnert. Wir verzehren unsere Geschichte, und sie ist nicht verloren. Wir sind eine Zunge und ein
Verstand; die Stürme der Verwirrungen können uns nicht voneinander losreißen, auch nicht von dem Gestein, an das wir uns klammern, und nicht von dem Firmament, das die Meere um uns überspannt und uns mit den Gezeiten reinigt. Das ist so, weil wir es so tun. Wir füllen das Meer und beruhigen es mit unserem Leib. Die Geschöpfe des Wassers finden in Avatas Schatten Schutz, ernähren sich in unserem Licht. Sie atmen die Schätze, die wir ausscheiden. Sie streiten 107 sich untereinander um die Dinge, die wir fortwerfen. Sie ignorieren uns bei ihren Kämpfen, und wir sehen zu, wie sie wachsen, wie sie gleich Sonnen im Meer aufgehen und in der fernen Nacht verschwinden. Das Meer ernährt uns, es schwemmt hin und her, und wir kehren voller Freude in das Meer zurück. Das Gestein ist Avatas Stärke, und so wie die Stärke zunimmt, gewinnt auch das Nest an Kraß. Das Gestein ist Avatas Kommunion, Ballast und Blut. Mit alledem heißt Avata das Meer Ordnung zu halten und dämpft die Launen der Gezeiten. Ohne Avata schreit das Meer seinen Zorn über Gestein und Eis heraus, es peitscht die Winde heißen Wahnsinns an. Ohne Avata kehrt der Zorn des Meeres zurück und hüllt diese Welt in Schwärze und einen dünnen weißen Horizont des Todes. Dies ist so, weil wir es so tun - Avata: Barometer des Lebens. Atom zu Atom zu Molekül; Molekül zu Molekülkette zu Molekülkette, ewig gewunden um die Pracht des Lichts; dann Zelle zu Zelle und Zelle zu Wucherung, Keimung, und Härchen zu Tentakel, und aus der Reglosigkeit erblüht die Bewegung des Lebens. Avata erntet das geheimnisvolle Gas des Meeres und wird geboren in die Welt der Wolken und Berge, in die Welt, durch die sich die Sterne voller Angst bewegen. Hoch hinauf segelt Avata mit dem Gas aus dem Meer, um das Land zu finden, mit dem Funken des Lebens. Dort gibt Avata das Selbst der Liebe hin, dann zurück ins Meer, und der Kreis ist geschlossen, aber nicht vollendet. 108 Avata gibt Nahrung und wird ernährt. Geschützt, bietet Avata Schutz, frißt und wird gefressen, liebt und wird geliebt. Wachstum, das ist Avatas Losung. Im Wachstum ist Leben. So wie die Reglosigkeit den Tod enthält, erstrebt Avata die Reglosigkeit des Wachstums, eine Balance des sich ewig Verändernden, und Avata lebt.
Dies ist so, weil Avata es so tut. Wenn ihr dies über die fremde Intelligenz wißt und sie noch immer fremd findet, wißt ihr nicht, was es bedeutet, Mensch zu sein. KERRO PANILLE Übersetzung der Avata Man nennt euch ›Projekt Bewußtseinsschaffung‹, doch euer wahres Ziel ist es, euch über das vorgegebene Muster der Menschheit hinauszuerheben. Unweigerlich müßt ihr fragen: Ist das Bewußtsein nur eine besondere Form der Halluzination? Steigert ihr die Bewußtheit oder senkt ihr ihre Schwelle? Bei der zweiten Variante besteht die Gefahr darin, daß ihr auf die militärische Entsprechung festgelegt werdet: ihr seid zum Handeln gezwungen. Ursprünglicher Auftrag an den Psychiater-Geistlichen des Sternenschiff es Auf seinen nachtseitigen Spaziergängen durch das Schiff ließ sich Oakes gern vom Zufall lenken, ohne Gedanken an seine Rolle als Psy-Ge. Es hatte ihn viel Mühe gekostet, schiffseits wie bodenseits nur ein Name zu bleiben. Nur wenige bekamen sein Gesicht zu sehen, und die meisten seiner offiziellen Pflichten wurden 109 von Amtsträgern wahrgenommen. Da gab es die routinemäßige Schiffsverehrung in den Korridorkapellen, die bodenseitige Nahrungszuteilung - eine minimale Unterstützung der zahlreichen Funktionen, die das Schiff ohne menschliches Zutun erfüllte. Die Einflußmöglichkeiten des Psy-Ge galten als gering. Aber er wollte mehr. Kingston hatte einmal gesagt: »Wir haben zuviel Freizeit. Wir sind untätig und könnten uns Ärger zuziehen.« Die Erinnerungen an Kingston begleiteten Oakes auf seinem heutigen Nachtmarsch besonders klar. Er wanderte durch die äußeren Gänge, wo Sensoraugen und -ohren die Wände und Decken säumten. Sie erstreckten sich vor und hinter ihm in kleiner werdenden Beobachtungsvektoren und schimmerten matt in der blauvioletten nachtseitigen Beleuchtung. Noch immer keine Nachricht von Lewis. Das war ärgerlich. Legatas erster Bericht ließ zu viele Fragen off en. Wollte Lewis sich etwa selbständig machen? Unmöglich! Für einen solchen Zug hatte Lewis nicht den Mumm. Er war der typische Drahtzieher hinter den Kulissen, kein Mann, der die Fäden selbst in die Hand nahm. Was war das also für eine Notlage? Oakes hatte das Gefühl, daß sich zu viele Dinge ringsum zuspitzten.
Er konnte nicht mehr allzulange damit warten, den Dichter, diesen Kerro Panille, bodenseits zu schicken. Und dann der neue Psy-Ge, den das Schiff aus der Hib geholt hatte! Dichter wie Psy-Ge mußten sorgfältig beobachtet werden. Außerdem war bald der Zeitpunkt gekommen, ein Vernichtungsprojekt in Sachen Tang zu beginnen. Die Leute bodenseits waren langsam so hungrig, daß ihnen jeder Sündenbock recht war. Schließlich der beunruhigende Zwischenfall mit der Luft in seiner Kabine. Hatte das Schiff ihn wirklich ersticken wollen? Oder vergiften? 110 Oakes bog um eine Ecke und sah sich in einem langen Korridor mit funkelnden grünen Pfeilen an den Wänden, die ihm anzeigten, daß dieser Weg von der Schiffsmitte fortführte. Die Deckensensoren bildeten eine Reihe von Punkten, die kleiner werdend in der Ferne verschwanden. Gewohnheitsmäßig registrierte er die Aktivierung jedes Sensors, in dessen Bereich er kam. Präzise folgte jedes mechanische Auge seinem Weg, und sobald er sich der Grenze des Sichtbereichs näherte, drehte der nächste Sensor die wachsame Zyklopenpupille herum und blickte ihm entgegen. Er mußte einräumen, daß er diese Aura vorsichtiger Wachsamkeit bei Schiffsmensch wie Maschine zu schätzen wußte, aber der Gedanke, daß hinter dieser Bewegung möglicherweise eine bösartige Intelligenz lauerte, machte ihn doch nervös. Bisher hatte er noch nie erlebt, daß ein Sensor versagte. Machte man sich an einem solchen Ding zu schaff en, bedeutete das den Besuch einer Robox-Einheit - einer zielstrebigen Reparatur- und Verteidigungsmaschine, die kein Leben und keine Gesundheit respektierte, es sei denn, es handelte sich um Schiff . DAS Schiff , verdammt! Jene Jahre der Programmierung und Vorbereitung - sogar er vermochte sie nicht abzuschütteln. Wie konnte er das von anderen erwarten, die nicht seine Willenskraft und seinen Intellekt besaßen? Er seufzte. Er rechnete nicht damit, neue Günstlinge zu finden. Vielmehr ging er davon aus, daß er mit den zur Verfügung stehenden Werkzeugen arbeiten mußte. Mit Intelligenz ließ sich alles zum Vorteil wenden, davon war er überzeugt. Sogar im Umgang mit einem so gefährlichen Werkzeug wie Lewis. Ein Sensorenpaar erweckte seine Aufmerksamkeit, vor dem Zugang
zu den Anlegestationen. Es war still hier. Er bemerkte den 111 seltsamen Geruch, der auf unzählige Schläfer zurückging. Nicht einmal Fracht wurde während der Nachtseite der Kolonie bewegt, die zuweilen mit der Schiffszeit übereinstimmte, oft aber auch nicht. Zur Gemeinschaftlichkeit des Schlafs wurde die gesamte Geschäftigkeit der Tagseite unterbrochen. Außer an zwei Orten: die lebenserhaltenden Systeme und die Agraria. Oakes blieb stehen und betrachtete die Reihe der Sensoren. Von allen Schiffsmenschen müßte er sie eigentlich am selbstverständlichsten finden. Er hatte Zugang zu den Bewegungen, die von diesen Einrichtungen festgehalten wurden. Jedes Detail des schiffseitigen Lebens stand ihm theoretisch off en. Und er hatte dafür gesorgt, daß die bodenseitige Kolonie auf ähnliche Weise ausgerüstet wurde. Die Wachsamkeit war mit der seinen identisch. »Je mehr wir wissen, desto sicherer sind wir in unseren Wahlmöglichkeiten.« Kingston war beinahe ein Meister der Kontrolle gewesen. Beinahe. Und Kontrolle war eine Funktion guter Wahlmöglichkeiten. Wenn es darauf ankam, hatte Kingston bestimmte Wahlmöglichkeiten abgelehnt. Ich lehne nichts ab. Wahlmöglichkeiten ergaben sich aus Informationen. Diese Lektion hatte er begriff en. Aber woher weiß man das Ergebnis jeder Entscheidung? Oakes schüttelte den Kopf und setzte seine Wanderung fort. Das Gefühl, daß er neuen Gefahren entgegenschritt, war wie ein greifbarer Druck in seiner Brust. Aber wenn er nicht gerade dem Tod erlag, gab es für ihn keine Umkehr mehr. Seine Füße trugen ihn in eine Passage, die zu einem Agrarium führte. Schon der seltsame grüne Geruch sagte alles, auch ohne den 112 Hinweis der breiten Wagenspuren im Korridor, die weiter vorn in einer automatischen Schleuse verschwanden. Er kletterte über die Wagenentladung, trat durch die Schleuse und befand sich in einem schwach erleuchteten und erschreckend grenzenlos wirkenden Raum. Auch hier herrschte Nachtseite. Sogar die Pflanzen brauchten diesen täglichen Rhythmus. Eine indirekt beleuchtete gelbe Wandkarte zu seiner Linken zeigte ihm seine Position und die günstigsten Wege in
andere Teile des Schiff es. Außerdem wurde dieses Agrarium dargestellt. Die größten Ausuferungen des Schiffes waren der Nahrungsproduktion vorbehalten, trotzdem war er seit Jahren in keinem dieser Komplexe mehr gewesen - nicht seit der Verproviantierung jenes ersten Kolonieversuchs auf dem ›Schwarzer Drache‹ genannten Pandora-Kontinent. Lange bevor man mit der Kolonie auf dem Ei Fuß gefaßt hatte. Kingstons erster großer Fehler. Oakes trat dicht vor die Karten hin; er spürte Bewegung in der Weite des Agrariums, interessierte sich im Augenblick aber mehr für dieses Symbol. Auf die Informationen, die die Karte ihm gab, war er allerdings nicht vorbereitet. Dieses Agrarium war beinahe so groß wie das gesamte Kernstück des Schiff es. Es breitete sich fächerförmig von Wurzeln aus, die in der ursprünglichen Schiffshülle saßen. Zahlen für die Instandsetzung von Schiff und Kolonie, die er abgezeichnet hatte, gewannen hier eine neue Realität. Und die erklärende Fußnote der Karte lieferte ein abschließendes Ausrufungszeichen. Während Oakes sich noch mit dem Schaubild beschäftigte, unterbrach die Agrarium-Nachtschicht die Arbeit zur Mittmahlzeit-Schiffsverehrung. Dies geschah abrupt wie auf ein unmerkliches Signal hin und ohne daß Widerwille erkennbar wurde. Die Gestalten fanden sich im mattblauen Licht der Verehrungsnische zusammen. 113 Sie glauben! dachte Oakes. Sie glauben wirklich, daß das Schiff Gott ist! Während der Schichtaufseher die Führung der Litanei übernahm, fühlte sich Oakes von einer Traurigkeit überwältigt, die ihn so plötzlich und so stark überkam, daß er beinahe in Tränen ausgebrochen wäre. Auf einmal wurde ihm bewußt, daß er diese Menschen um ihren Glauben beneidete, um den Trost des Rituals, das ihm so sehr zu schaff en machte. Der Aufseher, ein gedrungener, säbelbeiniger Mann mit schmutzigen Händen und Knien, führte den Gesang des Sicheren Wachstums an. »Seht das Bett des Schmutzes!« Und er ließ eine Prise Humus zu Boden fallen. »Und den Samen, der darin schlummert«, antwortete die Besatzung, hob ihre Schalen und setzte sie wieder ab. »Seht das Wasser!« Er tröpfelte etwas aus seinem Glas. »Und das Erwachen, das es bringt.« Die anderen hoben ihre Gläser.
»Seht das Licht!« Er hob das Gesicht den Reihen der Ultraviolettstrahler entgegen. »Und das Leben, dem es den Weg bereitet.« Sie breiteten die Hände aus, die Handflächen nach oben gewandt. »Seht die Fülle des Korns, die Dicke des Blattes.« Er löffelte etwas aus dem gemeinschaftlichen Topf in die Schale zu seiner Linken. »Und den Samen des Lebens, den beide in uns setzen.« Jeder Arbeiter füllte dem Schiffsmenschen zu seiner Linken einen Löffel ein. »Seht Schiff und die Nahrung, die Schiff uns schenkt.« Der Aufseher nahm Platz. »Und die Freuden der Gemeinschaft, beides zu teilen«, sagten 114 sie und setzten sich hin, um zu essen. Unbemerkt wandte sich Oakes ab. Die Freude der Gemeinschafl! sagte er sich mit spöttischem Schnauben. Wenn es weniger Gemeinschaft und mehr zu essen gäbe, wäre die Freude verdammt viel größer! Anschließend wanderte er am Rand der Außenhülle des Schiffes entlang, das tödliche Weltall nur wenige Meter entfernt. Seine Gedanken überschlugen sich. Das Agrarium vermochte dreißigtausend Menschen zu ernähren. Anstatt Leute zu zählen, konnten sie Agraria zählen und die Versorgungszahlen addieren! Ihm war bekannt, daß die Versendungen nach unten achtzig Prozent der Ernährung der Kolonie sicherstellten. Hier lag ein Schlüssel zu echten Zahlen! Warum hatte er das bis jetzt nicht erkannt? Noch während ihn die Freude über diesen Gedanken durchströmte, wußte Oakes, daß das Schiff jeden Versuch dieser Art hintertreiben würde. Das verdammte Schiff wollte nicht bekanntwerden lassen, wie viele Menschen es unterstützte. Es blockierte alle Zählungsversuche; es versteckte Hib-Komplexe und verwirrte einen mit sinnlosen Korridoren. Es holte einen namenlosen Psy-Ge aus der Hib und kündigte ein neues bodenseitiges Projekt an, über das die Schiffsmenschen keine Kontrolle mehr hatten. Nun … auch bodenseits konnte es Unfälle geben. Und sogar ein kostbarer Psy-Ge Schiff s konnte ein tragisches Schicksal erleiden. Was für einen Unterschied machte es? Der neue Psy-Ge war vermutlich ein Klon. Oakes hatte die ältesten Unterlagen gesehen:
Klone waren Eigentum. Das hatte jemand festgestellt, der mit den Initialen MH unterschrieb. In dieser Äußerung lag eine Aura der Macht. Klone waren Eigentum. 115 Ein Wort der Vorsicht über unsere genetischen Programme. Wenn wir auf Tempo züchten, züchten wir zugleich auch auf ganz bestimmte Entscheidungen. Tempo läßt bestimmte Arten Reflexiver Wahlmöglichkeiten und langfristiger Überlegungen automatisch unter den Tisch fallen. Es wird alles zur Entscheidung des Augenblicks. JESUS LEWIS E-Klon-Direktive Als die Breschen im Perimeter der Redoute vorläufig abgedichtet waren, übernahm Lewis die Aufsicht über die vorsichtige tagseitige Säuberung des Innern. Es war eine langwierige, frustrierende Arbeit, die unter Notlicht die ganze Nacht hindurch dauerte. Die gesamte Redoute stank schließlich nach Chlor, in einigen Zonen so stark, daß die Männer Mundschutz und tragbare Atemeinrichtungen mitführen mußten. Am nächsten Morgen überschwemmte man den Hof mehrmals mit Chlor, ehe man sich an die dort liegenden Leichen wagte. Selbst dann arbeitete man lediglich mit hastig improvisierten Greifmaschinen im Verbund mit Kleinfahrzeugen. Überall Chlor und die unvermeidliche Einäscherung von Fleisch und Materialien - dies alles verlangsamte die Sache noch mehr. Auf Unterebene Vier gab es eine angenehme Überraschung: neunundzwanzig Klone und fünf Mann der Redouten-Besatzung hatten sich in einem unbeleuchteten Vorratsraum eingeschlossen - sie alle hungrig, durstig und außer sich vor Entsetzen. Der Lagerraum enthielt Ersatzladungen für die Strahlbrenner, was Lewis in die Lage versetzte, beim letzten Sterilisationsdurchgang das Chlor durch Feuer zu ergänzen. 116 Lewis war überrascht zu erfahren, daß die E-Klone die fünf Besatzungsmitglieder nicht angegriffen hatten - bis er erfuhr, daß die fünf Naturgeborenen den Nervenläufer-Alarm gegeben und die Klone in den Lagerraum gedrängt hatten. Während des langen Eingesperrtseins hatte sich sogar ein Gefühl der Gefährtenschaft zwischen E-Klonen und Normalen entwickelt. Lewis bemerkte dies, als die Gestalten ins Freie kamen - Klone halfen Normalen und umgekehrt. So etwas war gefährlich. Energisch ordnete er an, die
Gruppen zu trennen - die Klone mußten sich der gefährlicheren Hofreinigung widmen, die Normalen ihren üblichen Aufsichtspflichten. Eine Beobachtung ärgerte ihn besonders: der Anblick eines zuverlässigen Wächters mit Namen Pattersing, der sich fürsorglich um einen zierlichen weiblichen E-Klon der neuen Züchtung kümmerte. Sie war nach menschlichen Begriff en groß und ausgemergelt und hatte hellbraune Haut und große Augen. Die ganze Serie, der sie entstammte, war gezeichnet durch zerbrechliche Knochen, und Lewis hatte entschieden, die Zucht zu eliminieren - bis auf wenige Muster für die genetische Vermengung von Mensch und Pandorer. Sie war eins davon. Vielleicht zeigte sich Pattersing lediglich besorgt um wertvolles Material. Er mußte doch wissen, wie brüchig die Knochen dieser Serie waren. Ja … das konnte sein. Lewis‘ Blick fiel wohlgefällig auf andere und erfolgreichere Muster der neuen E-Klone, der Rasse, die hiesiges genetisches Material enthielt. Das lange, langsame und teure Entwicklungsprogramm brauchte er nicht noch einmal durchzumachen. Die Katastrophe in der Redoute war nicht total gewesen. Ihn überkam sogar eine Art Hochgefühl, als nun offenbar wurde, daß sie die Redoute erfolgreich sterilisiert hatten und darüber hinaus im Besitz einer neuen wirksamen Waffe gegen Läufer 117 waren. »Zumindest haben wir das Nahrungsmittelproblem gelöst«, sagte er zu Illuyank. Illuyank musterte ihn mit einem seltsamen, berechnenden Blick, der Lewis nicht gefiel. »Die E-Klone mitgerechnet, sind nur noch fünfzig von uns am Leben«, sagte er. »Aber wir haben das Kernstück des Projekts gerettet«, meinte Lewis. Zu spät erkannte er, daß er seinem hellhörigen Helfer damit zuviel gesagt hatte. Illuyank hatte bereits unter Beweis gestellt, daß er aus lückenhaften Informationen bemerkenswert korrekte Schlüsse ziehen konnte. Nun ja … Illuyank würde kolonieseits reisen. Und dort würde Murdoch für alles Weitere sorgen. »Wir brauchen jede Menge Ersatz«, sagte Illuyank. »Ich glaube, daß wir aus dieser Anfechtung sogar erstarkt hervorgegangen sind«, gab Lewis zurück.
Dann lenkte er Illuyank ab, indem er eine vollständige Inspektion der Redoute anordnete - keine Ecke, keine Nische, kein Raum durfte ausgelassen werden, Chlor und/oder Feuer mußten überall gewirkt haben. Langsam bewegten sie sich durch die Gänge und über die offenen Flächen, begleitet von den fauchenden Flammen der Strahlbrenner und den spritzenden Chlorwogen. Lewis ordnete eine letzte Reinigung mit Chlorgas an und ließ in der Redoute alle Ventile und Schotten öffnen. Anschließend fand eine neue Inspektion mittels Sensoraugen statt. Sauber. Als alles vorbei war, wurden die Chlorreste auf das umliegende Terrain gepumpt, gefolgt von Gaswolken zwischen den Felsbrocken und Hügeln, auf denen sich die Klone geschart hatten, nachdem sie von Lewis aus der Sicherheit der Redoute vertrieben worden waren. 118 Es ließ sich nicht vermeiden, daß ein Teil des Chlors über die Felsen ins Meer geriet. In der Bucht kam es zu einem heftigen, wogenden Rückzug des halluzinatorischen Tangs. Eine Horde Hyflieger sah sich die Aufregung an. Sie schwebten in sicherer Entfernung über den angrenzenden Hügeln, während Lewis und seine kleine Streitmacht die Zone um die Redoute sterilisierten. Später fuhr Lewis in einem gepanzerten Kriechfahrzeug aus einer Schleuse, um das Sterilisationsteam zu beaufsichtigen; Illuyank diente ihm als Fahrer. Einmal ließ er Illuyank anhalten und den Motor abschalten, während sie den Bogen der Hyflieger in der Ferne beobachteten - eine Szene, die von der dicken Plas-glas-Barriere des Kriechers gerahmt war. Die riesigen orangeroten Beutel schwebten in beunruhigender Stille, festgehalten von langen schwarzen Tentakeln, die sich um das Gestein der Hügel gewunden hatten. Sie bildeten einen Perimeter der Rätselhaftigkeit, etwa drei Kilometer entfernt, und erfüllten Lewis mit zorniger Angst. »Wir müssen diese verdammten Dinger eliminieren!« sagte er. »Es sind fliegende Bomben!« »Und vielleicht mehr«, warf Illuyank ein. Einer der überlebenden Klone wählte diesen Augenblick, um seinen Chlortornister fortzuwerfen. Er wandte sich dem Bogen der Hyflieger zu, breitete die stummelhaften Arme aus und rief mit einer Stimme, die überall vor der Redoute zu hören war: »Avata! Avata! Avata!« »Schafft den verdammten Dummkopf weg!« befehl Lewis. Illuyank
gab die Anordnung über die Außensprecher des Fahrzeugs weiter. Zwei Aufseher eilten herbei. Lewis verfolgte die Szene voller Ungeduld. Avata - das war der zweite Aufschrei der Klon-Revolte gewesen. Avata und Unser Hunger wartet nicht! 119 Wenn der Klon dort draußen nicht einer der wenigen mit der interessanten genetischen Mischung gewesen wäre, hätte Lewis das dämliche Geschöpf bestimmt auf der Stelle töten lassen. Es mußten neue Sicherheitsvorkehrungen getroffen werden, redete er sich ein. Die Verhaltensregeln für die Klone waren enger zu fassen. An diesen Entscheidungen war auch Oakes zu beteiligen. Außerdem mußte man in der Kolonie und auf Schiff nach Ersatz forschen - neue Klone, neues Personal, neue Wächter, mehr Aufseher. Murdoch und der Schrei-Raum würden in nächster Zeit viel zu tun haben. Sehr viel zu tun. Nun ja, die Gartenarbeit war schon immer ziemlich brutal gewesen: das Unkraut mußte ausgerissen werden, Schädlinge waren zu töten. Der Spezialbereich von Labor Eins trug einen passenden Namen: der ›Garten‹. Hier wurden Blumen für Pandora kultiviert und das Unkraut ausgemerzt. »Fahr uns wieder hinein!« befahl Lewis. Und er fügte hinzu: »Wenn du in die Kolonie kommst, sagst du nichts über das Chlor. Verstanden?« »Verstanden.« Lewis nickte vor sich hin. Es wurde Zeit, sich zu überlegen, was er Oakes sagen sollte, wie er die Katastrophe erklären konnte, damit sie aussah wie ein bedeutsamer Sieg. Klone sind Eigentum und damit basta! MORGAN HEMPSTEAD Direktor des Mondstützpunkts »Vielen Dank, daß Sie meiner Einladung gefolgt sind.« Thomas beobachtete den Sprecher, der sich nicht erhoben hatte, und fragte sich, warum eine so einfache Äußerung dermaßen 120 gefährlich klingen konnte. Dies war Morgan Oakes, PsychiaterGeistlicher - der Psy-Ge, der Boß? An Bord des Schiff es war es späte Tagseite, und Thomas hatte die Hib noch nicht lange genug verlassen, um sich völlig wach und ausreichend vertraut zu fühlen mit dem lange stillgelegten Fleisch seines Körpers. Ich bin nicht mehr Raja Flattery, ich bin Raja Thomas.
Seine Maske durfte keine Risse bekommen, schon gar nicht an diesem Ort. »Ich habe Ihr Dossier studiert, Raja Thomas«, sagte Oakes. Thomas nickte. Das war gelogen! Der Streß in seiner Stimme war nicht zu überhören. Wußte Oakes nicht, wie ungeschützt er sich gegenüber wachen Sinnen gab? Man durfte diesem Mann kein Wort glauben! Er war Unvorsichtig - das war‘s. Vielleicht gibt es keine anderen geschulten Sinne, um ihn auf die Probe zu stellen. »Ich bin keiner Einladung gefolgt, sondern einer Anordnung«, sagte Thomas. Na bitte! Eine Äußerung, wie sie für Raja Thomas typisch war. Oakes lächelte nur und klopfte auf einen Ordner aus dünnem Schiffspapier in seinem Schoß. Ein Dossier? Kaum anzunehmen. Thomas wußte, daß es im Interesse Schiff s war, die Identität dieses neuen Spielers auf dem Brett zu verheimlichen. Thomas! Ich bin Thomas! Er sah sich in der Schiffszelle um, in die Oakes ihn eingeladen hatte, und erkannte zu spät, daß es sich um eine ehemalige Kabine handelte. Oakes hatte Trennwände herausgenommen, um die Kabine zu erweitern. Als Thomas ein mystisches Schmuckmotiv zwischen dunkelroten Wandteppichen erkannte, erlebte er einen der schlimmsten Schocks seines Erwachens. Dies war einmal meine Kabine! 121 Offensichtlich hatte sich Schiff seit jener fernen Sternenschiff zeit, da es nur einige tausend hibernierende Menschen und eine kleine Nabelschnurmannschaft beherbergte, erheblich ausgedehnt. Die Veränderungen, die er auf dem Weg von der Hibernation hierher bemerkt hatte, deuteten auf noch weitreichendere Veränderungen in den Tiefen Schiff s hin. Was war aus Schiff geworden? Diese erweiterte Kabine ließ auf eine unschöne Geschichte schließen: der Raum war überfüllt mit exotischen Wandbehängen, dunkelorangen Teppichen und weichen Diwanen. Mit der Ausnahme eines kleinen Holoprojektors neben Oakes‘ linkem Arm waren die üblichen Servosysteme der Kabine verkleidet worden. Oakes ließ seinem Besucher ausreichend Zeit, seine Umgebung wahrzunehmen, und nützte diese Zeit, um seinerseits genau hinzuschauen. Was hatte das Schiff mit diesem geheimnisvollen Neuankömmling im Sinn? Die Frage zeichnete sich deutlich auf
Oakes‘ Gesicht ab. Thomas‘ Aufmerksamkeit wurde durch die computergesteuerte Projektion im Holofokus gebannt. Es war das vertraute dreidimensionale Analogon für ein Schiff in Umlaufbahn um einen Planeten, funkelnd grün und orange und schwarz. Nur das Planetensystem war fremd; es verfügte über zwei Sonnen und mehrere Monde. Und während das Schiff langsam seiner Kreisbahn folgte, hatte er das seltsame Gefühl, dies alles schon einmal wahrgenommen zu haben. Er befand sich in einem Schiff in Bewegung in einem Universum in Bewegung … und das alles war schon einmal vorgefallen. Erneute Abspielung? Schiff hatte das verneint, aber … Thomas tat seine Zweifel achselzuckend ab, behielt sie sich für später auf. Man brauchte ihm nicht zu sagen, daß der Planet im Fokus Pandora war und die Projektion eine Realzeitversion von Schiff s Position im System dar122 stellte. Manche Dinge veränderten sich eben nicht, egal wieviel Zeit auch sonst vergangen war. Bickel hatte einmal eine solche Projektion an Bord des Sternenschiff es Earthling abgerufen. Morgan Oakes saß auf einem tiefen rostroten Samtdiwan, während Raja Thomas stehen mußte - ein recht krasser Hinweis auf ihre relative Position in einer Hierarchie, die Thomas noch nicht analysiert hatte. »Man sagte mir, Sie wären Psychiater-Geistlicher«, sagte Oakes. Und dachte: Dieser Mann reagiert auf seinen Namen nicht ganz normal. »Das war meine Ausbildung, jawohl.« »Fachmann für Kommunikation?« Thomas zuckte die Achseln. »Ahhh, ja.« Oakes war mit sich selbst zufrieden. »Das wäre ja noch auf die Probe zu stellen. Sagen Sie mir, warum Sie den Dichter haben wollen.« »Schiff hat nach dem Dichter verlangt.« »Das behaupten Sie.« Oakes ließ dieser Herausforderung Schweigen folgen. Thomas musterte ihn. Oakes war rundlich, beinahe schon dick, hatte eine dunkle Haut und roch leicht nach Parfum. Das graue strähnige Haar war nach vorn gekämmt worden, um den Ansatz von Haarausfall zu verbergen. Die Nase war spitz und hatte weite
Nasenflügel, der Mund war dünn und neigte zu einer zusammengepreßten, gestreckten Grimasse, das Kinn zeigte sich breit und mit einem tiefen Einschnitt. Die Augen beherrschten dieses recht gewöhnliche Schiffsmenschengesicht. Sie waren hellblau und überaus forschend, geradezu bohrend, stets bemüht, jede Oberfläche zu durchdringen, auf die sie stießen. Thomas hatte solche Augen bei Menschen gesehen, die als psychotisch eingestuft worden waren. 123 »Gefällt Ihnen, was Sie sehen?« wollte Oakes wissen. Wieder zuckte Thomas die Achseln. Diese Reaktion gefiel Oakes nicht. »Was sehen Sie denn in mir, das solch genaue Betrachtung erfordert?« Thomas starrte den Mann an. Der Genotyp war durchaus erkennbar, der erste Name schien schon in eine Richtung zu weisen. Oakes mochte Lon als Mittelnamen führen. Wenn Oakes ein Klon war, anstatt eines Abspiel-Überlebenden, der von einem sterbenden Planeten gerettet wurde … ja, das wäre ein interessanter Hinweis darauf, wie Schiff dieses tödliche Spiel anpackte. Oakes hatte eine mehr als zufällige Ähnlichkeit mit Morgan Hempstead, dem früheren Direktor des Mondstützpunkts. Und der Vorname war nicht zu übersehen. »Ich war nur sehr interessiert, den Boß kennenzulernen«, sagte Thomas. Er suchte sich gegenüber Oakes eine Sitzgelegenheit und nahm unaufgefordert Platz. Oakes runzelte die Stirn. Er kannte den Namen, den man ihm schiffseits und bodenseits gegeben hatte, doch Höflichkeit (ganz zu schweigen von der Politik) schrieb vor, daß der Begriff nicht in diesem Raum ausgesprochen wurde. Aber noch war es für einen Konflikt wohl zu früh. Dieser Raja Thomas gab zu viele Rätsel auf. Ein aristokratischer Typ! Dieses verdammte Ich-bin-besser-als-duGetue! »Ich bin ebenfalls neugierig«, sagte Oakes. »Ich bin ein Diener Schiff s.« »Aber was sollen Sie tun?« »Man hat mir gesagt, Sie hätten ein Kommunikationsproblem auf Pandora - es ginge dabei um eine fremde Intelligenz.« »Wie interessant! Was sind Ihre speziellen Fähigkeiten in dieser Hinsicht?« »Schiff scheint zu denken, ich wäre der Richtige für diese Aufgabe.« 124 »Ich nenne die im Schiff ablaufenden Prozesse nicht denken. Wer
schert sich außerdem darum, was für Ansichten aus einem System elektronischer Bausätze kommen? Ich ziehe eine menschliche Ansichtsäußerung jederzeit vor.« Oakes lauerte einen Augenblick lang auf eine Reaktion auf diese offene Blasphemie. Wer war dieser Mann - wirklich? Man konnte sich bei dem verdammten Schiff nicht darauf verlassen, daß es fair spielte. Man mußte nur daran glauben, daß das Schiff kein Gott war. Mächtig, gewiß, aber doch mit Grenzen ausgestattet, die es zu erkunden galt. »Nun, ich gedenke mich des Problems anzunehmen«, bemerkte Thomas. »Wenn ich es gestatte.« »Das wäre eine Sache zwischen Ihnen und Schiff «, gab Thomas zurück. »Ich bin jedenfalls gewillt, die Vorschläge Schiff s aufzugreifen.« »Es kränkt mich …« - Oakes hielt inne und lehnte sich in seine Kissen -, »wenn Sie jenes mechanische Gebilde …« - er schwenkte die Hand, um die physische Gegenwart Schiff s ringsum anzudeuten - »mit dem Eigennamen ›Schiff ‹ bezeichnen. Die Folgerungen…« Er sprach den Satz nicht zu Ende. »Haben Sie einen Befehl ausgegeben, der die Schiffsverehrung untersagt?« fragte Thomas. Er fand die Problematik interessant. Würde Schiff eingreifen? »Ich habe meine eigene Beziehung zu dieser physikalischen Monstrosität, die Menschenhände auf das Universum losgelassen haben«, meinte Oakes. »Wir tolerieren einander. Sie haben einen interessanten Vornamen, wissen Sie das?« »Der ist in meiner Familie … seit langem vertreten.« »Sie haben eine Familie?« »Hatte wäre wohl besser ausgedrückt.« 125 »Seltsam. Ich hatte Sie für einen Klon gehalten.« »Das ist eine interessante philosophische Frage«, meinte Thomas. »Haben Klone Familien?« »Sind Sie ein Klon?« »Was macht das für einen Unterschied?« »Egal. Soweit es mich betrifft, sind Sie eine von vielen Marionetten des Schiff s. Ich werde Sie dulden … für den Augenblick.« Er bewegte die Hand zum Zeichen, daß das Gespräch zu Ende war. Thomas war noch nicht bereit zu gehen. »Auch Sie haben einen
interessanten Vornamen.« Oakes war im Begriff gewesen, sich zur Holoprojektion und der Kom-Konsole umzudrehen. Jetzt zögerte er und blickte Thomas forschend an, ohne den Kopf zu drehen. Mit der Geste fragte er: Sind Sie immer noch da? Aber in seinen Augen stand mehr. Sein Interesse war geweckt. »Nun?« »Sie haben eine auffällige äußere Ähnlichkeit mit Morgan Hempstead, und da ist mir natürlich nicht entgangen, daß Sie denselben Vornamen haben.« »Wer war Morgan Hempstead?« »Wir haben uns oft gefragt, ob der Direktor des Mondstützpunkts von sich selbst einen Klon hat machen lassen. Sind Sie dieser Klon?« »Ich bin kein Klon! Und was, zum Teufel, ist der Mondstützpunkt?« Thomas sprach nicht weiter; seine Gedanken gingen zurück. Schiff hatte ihm mitgeteilt, daß diese Abspiel-Überlebenden in verschiedenen Stadien menschlicher Entwicklung aufgegriffen worden waren. Die Ähnlichkeit, sogar der Name konnten Zufall sein. Stammten sie aus einer Zeit vor der Raumfahrt? War Schiff 126 ihre erste Erfahrung mit den zahlreichen Dimensionen des Universums? »Ich habe Ihnen eine Frage gestellt!« Oakes war zornig und gab sich keine Mühe, diese Regung zu verbergen. »Der Mondstützpunkt war das Projektzentrum, welches Schiff schuf.« »Auf dem Mond der Erde? Meiner Erde?« Oakes preßte sich einen Daumen gegen die Brust. Und dachte über diese Offenbarung nach. »Haben Sie sich nie gefragt, woher Schiff gekommen ist?« wollte Thomas wissen. »Schon oft. Aber ich bin nie darauf gekommen, daß wir uns selbst mit diesem Ding befrachtet hätten.« Thomas erinnerte sich an weitere Äußerungen Schiff s und griff darauf zurück. »Einige Leute mußten gerettet werden. Die Sonne wurde zur Nova. Eine übermächtige Anstrengung war erforderlich.« »So hieß es«, sagte Oakes. »Aber das war später. Viel mehr interessiert mich, wie ein Mondstützpunkt geheimgehalten werden konnte.« »Wenn es nur ein Rettungsboot gibt, sagt man da jedermann, wo es sich befindet?«
Thomas war stolz auf seine kreative Lüge. So etwas gehörte zu den Überzeugungen, die man Thomas zutrauen konnte. Oakes nickte vor sich hin. »Ja … natürlich.« Er blickte auf die KomKonsole und suchte dann auf dem Diwan eine bequeme Stellung. Thomas hatte offensichtlich gelogen. Allerdings war es eine interessante Lüge. Alle wußten doch, daß das Schiff in Ägypten gelandet war. Konnte es zwei Schiff e geben? Vielleicht … und es konnten viele Landungen stattgefunden haben. Thomas erhob sich. »Wo finde ich einen Transport hinab nach 127 Pandora?« »Überhaupt nicht. Erst wenn Sie mir mehr über den Mondstützpunkt verraten haben. Machen Sie es sich bequem.« Er deutete auf den Sitz, den Thomas soeben verlassen hatte. Über die Drohung konnte er sich nicht hinwegsetzen. Thomas folgte der Aufforderung. Welch wirres Netz knüpfen wir hier, dachte er. Die Wahrheit ist einfacher. Aber Oakes konnte man die Wahrheit nicht sagen … nein, noch nicht. Es mußten der richtige Augenblick und Ort gefunden werden, ihn mit den Befehlen Schiff s zu konfrontieren. Die Schiffsmenschen waren viel zu sehr versunken in ihrem unbedeutenden Spiel der Schiffsverehrung, aus dem sie herausgerissen werden mußten, ehe sie die wahre Forderung Schiff s überhaupt ins Auge fassen konnten. Thomas schloß die Augen und überlegte einen Augenblick lang, dann öffnete er die Äugen wieder und begann die physischen Details des Mondstützpunkts zu schildern, wie sie ihm bekannt waren. Sein Bericht war lediglich soweit zensiert, um die Illusion aufrechtzuerhalten, daß das Projekt Mondstützpunkt vor Oakes‘ Erde geheimgehalten worden war. Gelegentlich unterbrach ihn Oakes und erkundigte sich nach Einzelheiten. »Sie waren Klone? Sie alle?« »Ja.« Sein Entzücken über diese Offenbarung vermochte Oakes nicht zu verbergen. »Warum?« »Bei einigen von uns stand von vornherein fest, daß sie es nicht schaff en würden. Mit dem Klonen wurden die Erfolgschancen des Projekts verbessert. Die besten Leute wurden ausgewählt … jede Gruppe hatte mehr Daten zur Verfügung.« »Das ist der einzige Grund?«
»Die Vorschriften des Mondstützpunkts definierten Klone als 128 Eigentum. Man … konnte Klonen Dinge antun, die man natürlich Geborenen nicht zumuten durfte.« Oakes dachte einen Moment lang nach, und ein Lächeln erschien auf seinem Gesicht. Dann: »Sprechen Sie weiter!« Thomas kam der Aufforderung nach, wobei er sich fragte, worüber sich Oakes so befriedigt zeigte. Gleich darauf hob Oakes eine Hand, um den Vortrag zu unterbrechen. Kleine Details interessierten ihn nicht besonders, das große Ganze enthielt bereits die Informationen, die er hören wollte. Klone waren Eigentum. Dafür gab es also Präzedenzfälle. Und jetzt kannte er außerdem den Namen hinter den vielsagenden Initialen: MH - Morgan Hempstead! Er nahm sich vor, andere Schwächen dieses Raja Thomas aufzuspüren. »Sie behaupten, Raja wäre ein Familien-Name. Sind Sie … ähh … verwandt mit dem Raja Flattery, der in unserer Geschichtsschreibung vorkommt - was wir hier so Geschichte nennen?« »Entfernt.« Und Thomas dachte: Das stimmt sogar. Wir sind entfernt verwandt in zeitlicher Sicht. Es gab einmal einen Mann namens Raja Flattery … aber das war in einer anderen Epoche. Schon fühlte er sich in der Identität Raja Thomas‘ fest etabliert. In mancher Hinsicht stand ihm diese Rolle besser als die des Raja Flattery. Ich war schon immer ein Zweifler. Wenn ich versagte, war es ein Versagen des Zweifels. Ich mag zwar Schiff s »Lebendige Herausforderung« sein, aber wie ich das erreiche, liegt an mir. Oakes räusperte sich. »Ich fand unser Gespräch sehr lehrreich und zufriedenstellend.« Wieder stand Thomas auf. Ihm mißfiel die Einstellung dieses Mannes, das Empfinden, daß Menschen nur wertvoll waren, soweit sie Morgan Oakes nützen konnten. 129 Morgan. Er muß ein Hempstead-Klon sein. Es geht nicht anders. »Ich gehe dann«, sagte Thomas. Genügte die Herausforderung? Er belauerte Oakes, wartete auf eine negative Reaktion. Oakes zeigte sich lediglich amüsiert. »Ja, Raja Lon Thomas. Gehen Sie! Pandora wird Sie willkommen heißen. Vielleicht werden Sie dieses Willkommen auch überleben …
zumindest eine Zeitlang.« Erst als er später in der Dockstation stand und auf die Bodenseitsfähre wartete, begann sich Thomas zu fragen, woher und wie sich Oakes die luxuriöse Einrichtung seiner erweiterten Kabine verschafft hatte. Hatte Schiff ihm die Sachen besorgt? Der Verstand stolpert, der Wille treibt weiter voran. KERRO PANILLE Die Gesammelten Gedichte Betäubt und angstvoll erregt verließ Panille Ferrys Büro. Bodenseits! Er wußte, was Hali über den alten Ferry dachte - sie hielt ihn für einen törichten Dummkopf: aber er hatte noch etwas anderes in dem alten Mann gespürt. Ferry war ihm heimtückisch und rachedürstend vorgekommen, verzehrt von unterdrückter Feindseligkeit. Trotzdem führte an seiner Botschaft kein Weg vorbei. Ich gehe bodenseits! Zum Trödeln blieb keine Zeit - sein Befehl sah vor, daß er sich in gut einer Stunde in der Dockstation Fünfzig einfinden mußte. Damit stand nun alles unter dem Zwang der Zeiterfordernisse der Kolonie. Hier mochte das letzte Quartal der Tagseite herrschen, doch unten in der Kolonie würde bald der Morgen anbrechen, 130 und die Fähren von Schiff versuchten ihre bodenseitigen Landungen in den dortigen frühen Tagesstunden zu absolvieren - zu der Zeit waren die Hyflieger noch nicht aktiv Hyflieger … Morgendämmerung … bodenseits … Schon die Worte erfüllten ihn mit exotischen Vorstellungen. Er würde den Elektrotang sehen und berühren können. Er konnte selbst ergründen, wie diese fremde Intelligenz sich aufführte. Abrupt verspürte Panille den Wunsch, seine Aufregung mit einem anderen Menschen zu teilen. Er blickte sich in den sterilen Weiten der Korridore des Medizinischen Zentrums um - einige Med-Techs gingen im Schnellschritt ihren Aufgaben nach. Keines der Gesichter gehörte Freunden oder Bekannten. Halis Gesicht war unter den unpersönlichen Passanten nicht zu finden. Ringsum das eilige Kommen und Gehen, wie es für die Medizinische Abteilung typisch war. Panille schlug den Weg zu den Hauptkorridoren ein. Die strahlende Beleuchtung hier machte ihm zu schaff en - ein schmerzhafter Gegensatz zu Ferrys Büro, zu dem Durcheinander, den schalen
Gerüchen. Ferry beleuchtete sein Büro nicht genug. Wahrscheinlich will er das Chaos damit vor sich selbst verheimlichen! Panille kam der Gedanke, daß Ferrys Verstand dem Büro ähneln mochte - düster und wirr. Ein verwirrter, armer alter Mann. Am ersten Hauptkorridor bog Panille nach links ein - in die Richtung zu seinem Quartier. Es blieb ihm keine Zeit, Hali zu suchen und die bevorstehende gewaltige Veränderung mit ihr zu teilen. Dafür würde später Zeit sein - während seiner nächsten schiffseitigen Ruhe- und Erholungsperiode. Bei dieser Gelegenheit würde er ihr schon viel mehr zu vermitteln haben. In seiner Kabine stopfte Panille allerlei Dinge in einen Schiff s131 tuchbeutel. Er wußte nicht genau, was er mitnehmen sollte. Immerhin hatte er keine Ahnung, wann er zurückkehren würde. Rekorder und Ersatzladungen, soviel war klar; ein paar Erinnerungsstücke … Kleidung … Notizblöcke und einen Ersatzstift. Und natürlich das Silbernetz. Er hielt inne und hob das Netz in die Höhe, um es zu betrachten - ein Geschenk Schiff s, biegsames Silber, groß genug, seinen Kopf zu bedecken. Lächelnd rollte Panille das Netz auf und band es in sich zusammen. Schiff verweigerte selten die Antwort auf eine seiner Fragen; eine Verweigerung deutete auf eine Unstimmigkeit in der Frage hin. Aber der Tag dieses Netzes war etwas Besonderes gewesen, hatte er doch Weigerung und ungenaue Antworten Schiff s erleben müssen. Unstillbare Neugier - das war das Charaktermerkmal des Dichters, was Schiff auch durchaus wußte. Er hatte sich am Lehrterminal aufgehalten und gefragt: »Erzähl mir mehr über Pandora.« Schweigen. Schiff wollte eine spezifische Frage hören. »Was ist das gefährlichste Lebewesen auf Pandora?« Schiff zeigte ihm das Kompositbild eines Menschen. Panille reagierte gereizt. »Warum stillst Du meine Neugier nicht?« »Du bist wegen deiner Neugier für dieses Sondertraining ausgewählt worden.« »Nicht weil ich Dichter bin?« »Wann bist du denn Dichter geworden?« Panille wußte noch, wie er sein Spiegelbild auf der funkelnden Fläche des Schirms angestarrt hatte, auf dem Schiff seine
Symbolmuster darstellte. »Worte sind deine Werkzeuge, aber sie reichen nicht aus«, fuhr das Schiff fort. »Deshalb gibt es Dichter.« 132 Panille hatte weiter unverwandt auf sein Ebenbild im Schirm gestarrt, gebannt durch den Gedanken, daß es sich hier um eine Widerspiegelung handelte, doch zugleich um eine Darstellung auf einer Fläche, über die die Symbole Schiff s tanzten. Bin ich ein Symbol? Er bot eine auffällige Erscheinung, das war ihm bekannt: der einzige Schiffsmensch mit Bart und langem Haar. Wie üblich trug er das Haar zu einem Zopf geflochten und im Nacken durch einen goldenen Ring gezogen. Er bot das Bild eines Dichters aus den Geschichts-Holos. »Schiff , schreibst Du meine Poesie?« »Du stellst die Frage des falschen Zen-Anhängers: ›Woher weiß ich, daß ich ich bin?‹ Eine Unsinnsfrage, wie du als Dichter wissen solltest.« »Ich muß genau wissen, daß meine Poesie allein aus mir entsteht!« »Glaubst du wirklich, Ich könnte versuchen, deiner Dichtkunst eine Richtung zu geben?« »Ich muß dessen sicher sein.« »Also schön. Hier hast du einen Schild, der dich vor Mir isoliert. Wenn du ihn trägst, gehören deine Gedanken dir allein.« »Wie kann ich dessen gewiß sein?« »Versuch es mal.« Aus dem pneumatischen Schlitz neben dem Schirm war das Silbernetz geglitten. Mit zitternden Fingern öffnete Panille den runden Transportbehälter, untersuchte den Inhalt und legte sich das Netz über den Kopf, wobei er das lange schwarze Haar seitlich hineinstopfte. Augenblicklich wurde er sich einer ganz besonderen Stille in seinem Kopf bewußt - eine zuerst beängstigende, aber dann sehr aufregende Feststellung. Ich bin allein! Wirklich allein! Die Worte, die ihm in diesen Minuten entströmt waren, hatten 133 eine zusätzliche Energie besessen, einen zwingenden Rhythmus, dessen Kraft einen seltsamen Bann über die anderen Schiffsmenschen warf. Einer der Physiker weigerte sich, seine Poesie zu lesen oder sie sich anzuhören. »Du verdrehst mir die Gedanken!« rief der alte Mann.
Bei der Erinnerung lachte Panille leise vor sich hin und steckte die Silberhaube in den Schiffstuchbeutel. Falscher Zen-Anhänger? Panille schüttelte den Kopf; für solche Überlegungen war jetzt keine Zeit. Als der Beutel voll war, kam er zu dem Schluß, daß er seine Packprobleme gelöst hatte. Er hievte den Beutel hoch und zwang sich beim Verlassen der Kabine dazu, nicht zurückzublicken. Diese Kabine war die Vergangenheit - ein Ort hitziger Schreibperioden und ruheloser innerer Erkundung. So manche schlaflose Nacht hatte er dort verbracht und hatte sich sogar einmal Erleichterung zu schaff en versucht, indem er durch die Korridore wanderte und einen kühlenden Ventilator suchte. Das Schiff war ihm überaus warm und wenig mitteilsam vorgekommen. Aber es lag im Grunde an mir; ich war der Schweigsame gewesen. In der Dockstation Fünfzig mußte er in einer Nische ohne Stuhl oder Bank warten - eine winzige Metallausbuchtung, die so klein war, daß er sich nicht einmal auf dem Boden ausstrecken konnte. Es gab zwei Luken - das, durch das er gekommen war, und ein zweites genau gegenüber. Oberhalb der Luken funkelten Sensorenlinsen, und er wußte, daß er beobachtet wurde. Warum? Habe ich den Boß womöglich verärgert? Das Warten machte ihn nervös. Warum mußte ich gleich hierherkommen, wenn man mich sowieso warten lassen wollte? Es war wie damals, vor langer, langer Zeit, als seine Mutter ihn 134 zu den Schiffsleuten brachte. Er war fünf Jahre alt gewesen, ein Kind der Erde. Sie hatte ihn an der Hand die Rampe hinaufgeführt in den Empfangsraum des Schiff es. Damals hatte er noch keine Ahnung, was Schiff überhaupt bedeutete, doch was ihn erwartete, hatte er schon ungefähr gewußt, weil seine Mutter es ihm feierlich erklärt hatte. Panille erinnerte sich noch genau an diesen Tag - ein grüner Frühlingstag voller reifer Erdgerüche, Gerüche, die von den zahlreichen dazwischenliegenden Schiffstagen nicht hatten ausgelöscht werden können. Über eine Schulter hatte er einen kleinen Baumwollbeutel geworfen mit den Dingen, die ihm seine Mutter eingepackt hatte. Er blickte auf den Schiffstuchbeutel hinab, in den er die Dinge für seine bodenseitige Reise gestopft hatte. Weitaus haltbarer - und
größer. Der Inhalt des kleinen Baumwollbeutels jenes fernen Tages war auf vier Kilogramm beschränkt gewesen - das ausgehängte Maximum für den Empfang durch das Schiff . Vorwiegend hatte es sich um Kleidung gehandelt, die seine Mutter für ihn gemacht hatte. Noch heute besaß er die braune Mütze. Und vier primitive Fotografien - die eine zeigte den Vater, den er nie persönlich kennengelernt hatte, einen Vater, der bei einem Fischereiunfall ums Leben gekommen war. Er stellte sich als rothaariger Mann mit dunkler Haut und einem Lächeln dar, das über seinen Tod hinaus den Sohn zu erwärmen vermochte. Ein Bild zeigte seine Mutter, ernst und abgearbeitet, doch noch immer mit wunderschönen Augen; das dritte erinnerte an die Eltern seines Vaters, zwei intensive Gesichter, die unmittelbar in die registrierende Linse starrten; und ein etwas größeres Bild hielt die »Familienresidenz« fest, ein Stück Land auf einem Brocken von Planeten, vor langer Zeit untergegangen, als die Sonne zur Nova wurde. Nur das Foto gab es noch, mit den anderen in die braune Mütze gewickelt, die in dem Schiffstuchbeutel steckte. Alle diese Dinge 135 hatte er in einem Hib-Schrank gefunden, als die Schiffsmenschen ihn wieder zum Leben erweckten. »Ich möchte, daß mein Sohn weiterlebt«, hatte seine Mutter gesagt und ihn in die Obhut der Schiffsmenschen gegeben. »Sie haben sich geweigert, uns beide als Familie aufzunehmen, dann sollten Sie ihn wenigstens allein akzeptieren!« In ihrer Stimme lag eindeutig eine Drohung. Sie brachte es fertig, etwas Verzweifeltes zu tun. Damals gab es viele verzweifelte Menschen, die einen Ausweg in der Gewalt suchten. Die Schiffsmenschen hatten sich eher amüsiert als beunruhigt gezeigt, doch sie hatten den jungen Kerro aufgenommen und in die Hib geschickt. »Kerro war der Name meines Vaters«, hatte sie mit rollendem R erklärt. »So spricht man es aus. Er war Portugiese und Samoaner, ein wunderschöner Mann. Meine Mutter war häßlich und ist mit einem anderen Mann durchgebrannt, aber mein Vater war sehr schön. Er wurde von einem Hai gefressen.« Panille wußte, daß sein Vater Fischer gewesen war. Sein Vater hatte Arlo geheißen, und die Familie seines Vaters war aus Gallien auf die Chin-Inseln des Südens geflohen, weit über ein Meer, das sie vor Verfolgung aus der Ferne schützte.
Wie lange ist das her? fragte er sich. Ihm war bekannt, daß die Hibernation die Zeit für das Fleisch zum Stillstand brachte, daß sich aber etwas anderes unterdessen immer weiter fortsetzte, immer weiter und weiter … die Ewigkeit. Das war die Kerze des Dichters. Die Leute, die ihn jetzt warten ließen, wußten nicht, wie ein Dichter die Flamme der Kerze anzupassen verstand. Er wußte, daß er auf die Probe gestellt wurde, dabei hatten die Schiffsmenschen hinter ihren Sensoren keine Ahnung, welche Tests er bereits vor den Augen Schiff s bestanden hatte. 136 Panille vertrieb sich die Zeit, indem er an einen solchen Test zurückdachte. Damals hatte er nicht gewußt, daß es sich um einen Test handelte; diese Erkenntnis kam erst später. Er war sechzehn gewesen und stolz auf seine Fähigkeit, mit Worten Emotionen heraufzubeschwören. In dem geheimen Raum hinter der Dokumentation hatte Panille die Kom-Konsole für eine Lektion aktiviert - um seine eigene Neugier zu erkunden. Diesmal begann Schiff mit dem Gespräch, was ungewöhnlich war. Normalerweise reagierte Schiff nur auf seine Fragen. Die ersten Worte Schiff s hatten ihn verblüfft. »Glaubst du, du wärst Gott - wie es schon bei anderen Dichtern vorgekommen ist?« Panille hatte über die Frage nachgedacht. »Das gesamte Universum ist Gott. Ich gehöre zu diesem Universum.« »Eine vernünftige Antwort. Du bist der vernünftigste Dichter Meines Erfahrungskreises.« Panille schwieg. Er war aufmerksam und auf weitere Fragen gefaßt. Er wußte, daß Schiff niemals nur einfache Antworten gab und niemals geradeheraus Lob äußerte. Doch wieder hatte Schiff überraschend reagiert. »Warum trägst du dein Silbernetz nicht?« »Ich mache keine Gedichte.« Dann die Rückwendung zum ersten Thema: »Warum gibt es Gott?« Die Antwort erschien in seinem Kopf, wie auch manche Gedichtzeilen sich bildeten: »Information, keine Entscheidungen.« »Kann Gott denn keine Entscheidungen treffen?« »Gott ist der Quell der Information, nicht der Entscheidungen. Entscheidungen sind menschlich. Wenn Gott Entscheidungen fällt, sind es menschliche Entscheidungen.« Wenn man von Schiff erwarten konnte, Erregung zu verspüren,
137 dann geschah es in diesem Augenblick, und Kerro fühlte sie. Es stand ein Plan hinter der Art und Weise, wie Schiff ihn mit Informationen versorgte, ein Schema, das nur ein Dichter ausmachen konnte. Er wurde trainiert, empfänglich gemacht, darauf vorbereitet, die richtigen Fragen zu stellen … und das sogar an sich selbst. Während er in Dockstation Fünfzig wartete, hatte er keine Mühe mit den Fragen; die lagen auf der Hand. Aber einige Antworten, die hinter den Fragen lauerten, gefielen ihm ganz und gar nicht. Warum ließ man ihn warten? Darin kam eine rücksichtslose Einstellung gegenüber Kameraden zum Ausdruck. Und was wollte die Kolonie überhaupt mit einem Dichter? Ging es um Kommunikationsfragen? Oder waren Halis Befürchtungen etwa begründet? Das Luk vor ihm öffnete sich scherengleich mit einem leisen Fauchen von Servosystemen, und eine Stimme rief: »Beeilung!« Panille erkannte die Stimme und versuchte sich seine Überraschung nicht anmerken zu lassen, als er den Empfangsraum durchschritt und das Luk hinter sich zugehen hörte - Automatik. Und ja, es war der alte Dummkopf Dr. Winslow Ferry. Angesichts seiner kürzlichen Analyse Ferrys versuchte Panille den Mann in einem sympathischeren Licht zu sehen, aber das bereitete ihm Mühe. Schmerzliche Kräfte waren auf diesen Raum gerichtet, der die übliche schiffseitige Funktionalität ausstrahlte: zwei Luken in Metallwänden, Instrumente in Gestellen, keine Sichtluken. Der Raum war geteilt durch eine niedrige Barriere und eine große KomKonsole, hinter der Ferry saß. Rechts führte ein kleiner Durchgang zum Luk in der gegenüberliegenden Wand. Panille mußte plötzlich daran denken, daß Ferry für einen Schiffseitigen ziemlich alt war. Er hatte aufgedunsene Wangen und wäßrige graue Augen voller gespielter Langeweile. Sein Atem 138 verströmte einen intensiven Blumengeruch. Tücke triefte in seiner Stimme. »Wie ich sehe, haben Sie Ihren eigenen Rekorder mitgebracht.« Er tippte einen Vermerk in die Kom-Konsole, die ihn von der Hüfte abwärts verdeckte. Ferry betrachtete den Schiffstuchsack auf Panilles Schultern. »Was haben Sie da sonst noch?« »Persönliche Sachen, Kleidung … ein paar Erinnerungsstücke.«
»Hmmm.« Ferry tippte wieder etwas ein. »Lassen Sie mal sehen!« Mißtrauen hinter diesem Befehl schockierte Panille. Er stellte den Sack auf einen flachen Tresen neben der Kom-Konsole und sah zu, wie Ferry den Inhalt durchwühlte. Panille hatte etwas dagegen, seine persönlichsten Besitztümer in den Händen eines Fremden zu sehen. Mit der Zeit wurde klar, daß Ferry nach Dingen suchte, die man als Waffen gebrauchen konnte. Die Gerüchte stimmten also. Die Leute um Oakes fürchteten um ihr Fleisch. Ferry hielt das flexible Silbernetz hoch, das in seine Haltebänder eingerollt war. »Was ist das?« »Das benutze ich, wenn ich meine Gedichte schreibe. Schiff hat es mir überlassen.« Vorsichtig legte Ferry das Gebilde auf den Tresen und untersuchte den Rest des Sackinhalts. Einige Kleidungsstücke führte er unter einer Linse hindurch und studierte Einzelheiten auf einem Schirm, dessen Seitenblenden verhinderten, daß ein anderer seine Beobachtungen teilte. Von Zeit zu Zeit gab er etwas in die KomKonsole ein. Panille blickte auf das Silbernetz. Was würde Ferry damit anfangen? Wegnehmen konnte er es ihm nicht! Während er weitere Kleidungsstücke Panilles unter der Abtast139 linse prüfte, warf Ferry eine Frage über die Schulter. »Hältst du das Schiff für Gott?« Das Schiff ? Diese Formulierung überraschte Panille. »Ich … ja.« Und er erinnerte sich an das eine Gespräch, das er mit Schiff über dieses Thema geführt hatte. Auch das war ein Test gewesen. Schiff war Gott und Gott war Schiff . Schiff vermochte Dinge zu tun, die sterblichem Fleisch verwehrt waren … wenigstens solange es sterbliches Fleisch blieb. Normale Raumdimensionen lösten sich vor Schiff auf. Die Zeit hatte für Schiff keine lineare Beschränkungen. Auch ich bin Gott, Dr. Winslow Ferry. Aber ich bin nicht Schiff... Oder etwa doch? Und du, lieber Doktor, was bist du? Keine Frage, woher die Frage Ferrys stammte. Schiff s Gottheit war für viele ein offenes Problem. Natürlich hatte es eine Zeit gegeben, da Schiff >das Schiff< gewesen war. Das wußte jeder aus den Geschichtslektionen, die Schiff vermittelte. Früher war Schiff ein Vehikel für sterbliche Intelligenzen gewesen. Das Schiff hatte in den beschränkten Dimensionen existiert, die jeder Mensch zu erspüren vermochte, und es hatte ein Ziel gekannt. Außerdem hatte es eine
Periode des Wahnsinns und der Gewalt durchgemacht. Dann … war das Schiff auf die Heilige Leere gestoßen, jenes Reservoir des Chaos, in dessen Angesicht alle Lebewesen ihr eigenes Maß finden mußten. Die Historie Schiff s war nebelhaft verbrämt mit Hinweisen auf einen Paradiesplaneten, der irgendwo auf die Menschheit wartete. Ferry aber entpuppte sich hier als einer der Zweifler, als jemand, der Schiff s Version von Geschichte anzweifelte. Solche Zweifel gediehen, weil Schiff sie nicht zensierte. Das einzige Mal, als Panille auf die Zweifel zu sprechen kam, hatte Schiff klar und 140 auf eine kreative Weise reagiert, die einem Dichter zur Inspiration gereichen konnte. »Was ist der Zweck von Zweifeln, Panille?« »Data auf die Probe zu stellen.« »Kannst du dieses historische Datum mit deinen Zweifeln auf die Probe stellen?« Darüber mußte er nachdenken, so daß Panille erst nach langem Schweigen antwortete. »Du bist meine einzige Informationsquelle.« »Habe Ich dir jemals falsche Daten übermittelt?« »Ich habe nichts Falsches entdeckt.« »Bringt das deine Zweifel zum Erliegen?« »Nein.« »Was kannst du also mit solchen Zweifeln anfangen?« Darüber mußte er wieder gründlich nachdenken, und nach einer noch längeren Pause gab er zurück: »Ich schiebe sie zur Seite, bis der Augenblick heranrückt, da ich sie ihrerseits auf die Probe stellen kann.« »Verändert das deine Beziehung zu Mir?« »Beziehungen verändern sich ständig.« »Ahh, ich liebe die Gesellschaft von Dichtern.« Panille wurde aus der Erinnerung gerissen durch die Erkenntnis, daß Ferry ihn schon mehrmals angesprochen hatte. »Was ist das? - habe ich gefragt.« Panille betrachtete den Gegenstand in Ferrys Hand. »Das war der Kamm meiner Mutter.« »Das Zeug. Das Material?« »Schildpatt. Es stammt von der Erde.« Das gierige Funkeln in Ferrys Augen war nicht zu übersehen. »Nun ja … ich weiß nicht recht.« »Das ist ein Erinnerungsstück an meine Mutter, eines der weni-
141 gen, die ich noch besitze. Wenn Sie es mir nehmen, beschwere ich mich bei Schiff .« Ferry begann sich sichtlich aufzuregen, er kniff die Augen zusammen, und die Hand mit dem Kamm zitterte. Sein Blick aber streifte das silberne Netz. Er kannte die Geschichten über diesen Dichter; der Mann redete in der Stille der Nacht mit Schiff , und Schiff antwortete. Wieder tippte Ferry auf der abgeschirmten Kom-Konsole einen Vermerk ein, dann begann er seine längste Rede: »Sie sind bodenseits Waela TaoLini zugeteilt worden, und das geschieht Ihnen nur recht. Ein Frachter wartet in Fünfzig-B. Gehen Sie an Bord! Sie wird Sie bodenseits abholen.« Panille stopfte seine Sachen wieder in den Sack, während Ferry mit wachsender Belustigung zusah. Hat er etwas an sich genommen, während ich in den Tag träumte? überlegte Panille. Ihm war der Zorn dieses Mannes lieber als sein Amüsement, doch jetzt konnte er den Sack nicht mehr ganz auspacken, um alles zu überprüfen. Unmöglich. Was war mit den Leuten in Oakes‘ Umgebung geschehen? Noch bei keinem Schiffsmenschen hatte Panille solche Hinterhältigkeit und Gier erlebt. Und der seltsame Mundgeruch! Tote Blumen. Panille verschloß den Sack. »Los, machen Sie schon, man wartet!« sagte Ferry. »Halten Sie uns nicht auf!« Wieder hörte Panille das Luk hinter sich aufgehen. Er spürte Ferrys Blick im Rücken, bis er den Empfangsraum verlassen hatte. Waela TaoLini? Den Namen hatte er noch nie gehört. Dann: Geschieht mir recht? 142 Nehmt euch in acht, denn ich bin furchtlos und daher mächtig. Mit der List der Schlange werde ich die Gelegenheit abwarten, mein Giß wirken zu lassen. Ihr werdet die Wunden bereuen, die ihr verursacht. FRANKENSTEINS UNGEHEUER SPRICHT Schiffsdokumente Oakes saß im Dunkeln und betrachtete die holographische Abspielung. Er war nervös und gereizt. Wo steckte Lewis? Schräg hinter ihm stand Legata Hamill. Das matte Licht des Projektors bestrahlte die Gesichter der beiden. Intensiv verfolgten sie die Geschehnisse im Holofokus. Die Szene, der ihre Aufmerksamkeit galt, zeigte die
Hauptfingerpassage hinter Dockstation Neunzehn, die zu einem der Baumdrome führte. Kerro Panille und Hali Eckel gingen auf den Sensor zu, der die Szene gerade im Brennpunkt hatte. Gerahmt vom Ende des Gangs, war im Hintergrund das Baumdrom auszumachen. Eckel trug ihre Pribox über der Schulter, die Gurte lose in der Hand haltend. Panille trug einen Rekorder an der Hüfte und einen kleinen Beutel, aus dem Notizbrett und Schreibstift ragten. Er war in einen weißen Einteiler gekleidet, zu dem sein langes Haar und der Bart einen starken Gegensatz bildeten. Das Haar war durch einen goldenen Ring gezogen und zu einem Zopf geflochten, der auf seiner linken Brustseite herabhing. Seine Füße steckten in regulären Stiefeln. Oakes ließ sich keine Einzelheit entgehen. »Das ist der junge Mann aus Ferrys Bericht?« »In der Tat.« Legatas weicher Bariton lenkte Oakes ab, und er brauchte einen Augenblick, ehe er antworten konnte. In dieser Zeit hatten Panille und Eckel und Bereich eines Sensors verlassen und waren vom 143 nächsten aufgegriffen worden. Der holographische Blickwinkel verschob sich. »Die beiden scheinen ein wenig nervös zu sein«, meinte er. »Ich würde zu gern wissen, was sie da auf das Notizbrett geschrieben haben.« »Liebeskritzeleien.« »Aber warum schreiben, wenn …« »Er ist Dichter.« »Aber sie nicht. Darüber hinaus widersetzt er sich ihren sexuellen Annäherungsversuchen. Das verstehe ich nicht. Sie sieht doch ganz griffig aus, wie geschaffen für die Couch.« »Sollen wir ihn aufgreifen und das Notizbrett untersuchen lassen?« »Nein! Wir müssen diskret und behutsam vorgehen. Verdammt! Wo ist nur Lewis!» »Noch immer nicht erreichbar.« »Verdammt!« »Seine Assistenten sagen jetzt, Lewis sei mit einem besonderen Problem beschäftigt.» Oakes nickte. Ein besonderes Problem. Das war der vereinbarte Privatkode für etwas, das nicht off en diskutiert werden durfte. Man wußte nie, wer die Ohren spitzte. Waren die eingepflanzten
Kapselsender nicht mehr sicher vor Spionen? Panille und Eckel waren vor dem Luk zu Ferrys Büro im Medizinischen Zentrum stehengeblieben. Oakes versuchte sich an andere Gelegenheiten zu erinnern, da er den jungen Mann schiffseits gesehen hatte. Panille hatte erst Interesse erweckt, als offenbar wurde, daß er vielleicht wirklich mit dem Schiff sprach. Dann der Befehl vom Schiff , Panille bodenseits zu schicken! Warum will das Schiff ihn bodenseits haben Einen Dichter! Was 144 mochte ein Dichter dort unten nützen? Oakes kam zu dem Schluß, daß er an die Behauptung, Panille könne mit dem Schiff sprechen, nicht wirklich glauben konnte. Aber das Schiff und vielleicht auch dieser Raja Thomas wollten Panille bodenseits haben. Warum? Er drehte und wendete die Frage in seinem Kopf, fand aber keinen Anhaltspunkt für eine Antwort. »Sind Sie sicher, die Anforderung Panilles ist vom Schiff gekommen?« fragte er. »Seither sind sechs Tagesläufe vergangen … und es sah nicht nach einer Anforderung aus, sondern nach einem Befehl.« »Aber vom Schiff - ist das ganz sicher?« »So sicher, wie man sich einer Sache überhaupt sein kann.« Die Gereiztheit in ihrer Stimme grenzte an Insubordination. »Ich habe Ihren Kode verwendet und durchgeprüft. Es paßte alles.« Oakes seufzte. Warum Panille? Vielleicht hätte er dem Dichter größere Aufmerksamkeit schenken sollen. Er gehörte zu den Originalen von der Erdseite. Muß mich mehr um seine Vergangenheit kümmern. Soviel war klar. Die Szene im Holofokus zeigte Panille und Eckel, die sich voneinander verabschiedeten. Panille machte kehrt, und sie sahen seinen Rücken - einen breiten und muskulösen Rücken, wie Legata feststellte. Sie machte Oakes darauf aufmerksam. »Finden Sie ihn attraktiv, Legata?« »Ich weise Sie lediglich darauf hin, daß das kein zartbesaiteter Blumenpflücker ist.« »Mmmmmm.« Oakes war sich des Moschusgeruchs bewußt, der von ihrem Körper
ausging. Sie verfügte über einen herrlich proportionierten 145 Körper, den sie ihm bisher vorenthalten hatte. Doch Oakes war ein geduldiger Mann. Geduldig und beharrlich. Panille trat durch das Luk in Ferrys Büro. Oakes schlug auf den Knopf, der die Abspielung stoppte und nur noch das Trägerlicht leuchten ließ. Er hatte keine Lust, sich die Szene mit Ferry noch einmal anzusehen. Törichter alter Dummkopf! Oakes betrachtete Legata, wobei er nur unmerklich den Kopf zur Seite drehte. Wunderbar. Sie stellte oft ein ausdrucksloses Gesicht zur Schau, doch Oakes wußte, daß ihre Arbeit von durchgehender Qualität war. Nur wenige wußten, daß sie schockierend kräftig war, eine Mutation. Unter der glatten warmen Haut verbarg sich eine ungewöhnliche Muskulatur. Der Gedanke daran erregte ihn. Im ganzen Schiff war sie als Geschichtsfanatikerin bekannt, die sich immer wieder an die Schiffsdokumente wandte, um Darstellungen früherer Moderichtungen zum Nachgestalten abzurufen. Im Augenblick trug sie eine kurze Toga, die den größten Teil ihrer rechten Brust freiließ. Der dünne Stoff klammerte sich notdürftig an ihrer Brustwarze fest. Selbst darin spürte Oakes das Pulsieren ihrer Kraft. Will sie mich verspotten? »Sagen Sie mir, warum das Schiff einen Dichter bodenseits schicken will«, forderte er. »Das müssen wir abwarten.« »Wir können Mutmaßungen anstellen.« »Es mag sich um eine ganz geradlinige und einfache Sache handeln die Verständigung mit dem Elektro …« »Nichts, was das Schiff tut, ist geradlinig und einfach! Und verzichten Sie bitte auf den großspurigen Begriff , wenn Sie mit mir sprechen. Es handelt sich um Tang, um nichts anderes. Und dieser Tang ist eine verdammte Plage!« Sie räusperte sich, das erste Zeichen der Nervosität, das Oakes 146 an ihr feststellte - und er freute sich darüber. Ja … sie war bald für den Schrei-Raum reif, für den Schrei-Raum. »Wir sollten Thomas nicht vergessen«, sagte sie. »Vielleicht kann er …« »Nicht Sie sollen ihn nach Panille fragen.« Sie zeigte sich überrascht. »Sie sind zufrieden mit den Antworten,
die er Ihnen gegeben hat?« »Ich weiß jedenfalls, daß er für Sie ein zu schwieriger Gesprächspartner wäre.« »Ich finde, Sie sind zu mißtrauisch«, gab sie zurück. »In diesem Schiff kann man nicht zu mißtrauisch sein. Man verdächtigt alles und jeden und muß doch damit rechnen, daß man etwas übersieht.« »Aber das sind doch nur zwei …« »Das Schiff hat die Befehle gegeben.« Es trat eine lange Pause ein, und Oakes sah sie unverwandt an. »Ihr Ausdruck: Befehl. Ist das nicht richtig?« »Soweit wir das feststellen können.« »Haben Sie irgendeinen Hinweis darauf, irgendeine noch so schwache Spur, daß vielleicht Thomas selbst dahintersteckt und nicht das Schiff ?« »Es gibt lediglich einen Befehl von Schiff , mit dem dieser … dieser Panille auf die Kolonie-Liste gesetzt wird.« »Sie haben da eben bei seinem Namen gezögert.« »Er war mir entfallen.« Jetzt war sie nervös und zornig. Oakes stellte fest, daß ihm das sehr gefiel. Diese Legata Hamill hatte ihre Möglichkeiten. Allerdings mußte man ihr noch abgewöhnen, von Schiff zu sprechen anstelle von dem Schiff . »Sie finden den Dichter nicht anziehend?« »Nicht besonders.« 147 Die Finger ihrer linken Hand wickelten sich um eine Ecke ihrer Toga. »Und es gibt keine Dokumentation über eine Verständigung zwischen Thomas und dem Schiff ?« »Nichts.« »Und Sie finden das nicht seltsam?« »Was meinen Sie damit?« »Thomas muß aus der Hib gekommen sein. Wer hat das angeordnet? Wer hat ihn eingewiesen?« »Von einer solchen Kommunikation ist nichts verzeichnet.« »Wie kann es keine Unterlage geben über etwas, von dem wir wissen, daß es stattgefunden hat?« Ihr Zorn drohte in Angst umzukippen. »Ich weiß es nicht!« »Habe ich Sie nicht aufgefordert, allem mit Mißtrauen zu
begegnen?« »Ja! Sie verlangen von mir, daß ich jeden verdächtige!« »Gut … sehr gut.« Er wandte sich wieder dem Licht des leeren Holofokus zu. »Jetzt gehen Sie und forschen weiter. Vielleicht haben Sie etwas übersehen.« »Wissen Sie denn von etwas, das ich übersehen habe?« »Das müssen Sie schon selbst herausfinden, meine Liebe!« Er lauschte dem Rascheln ihrer Kleidung nach, als sie aus dem Zimmer huschte. Ein kurzes Aufzucken von Licht aus der äußeren Passage, dann hatte sie das Luk wieder geschlossen und war fort. Die Schatten kehrten zurück. Oakes schaltete von Abspielung auf Realzeit und kodierte die Korridorsensoren, ihr auf dem Weg zur Dokumentation zu folgen. Er schaltete von Sensor zu Sensor und beobachtete sie, bis sie sich in der Kommandoebene der Dokumentation an einen Abtasttisch setzte und die gewünschten Informationen abrief. Oakes über148 prüfte die visuellen Darstellungen. Sie verlangte die Dokumentation von Nachrichten zwischen Schiff und Pandora, alle Hinweise auf Raja Thomas und Kerro Panille. Auch Hali Eckel vergaß sie nicht. Gut. Als nächstes würde sie sich an einige Leute von Lewis wenden, um eine direkte Beobachtung vorzunehmen. Oakes wußte, sie hatte die in den Schiffsdokumenten enthaltenen Daten schon einmal durchgesehen, doch jetzt würde sie noch gründlicher nachschauen, auf der Suche nach Kodezeichen oder anderen Hinweisen auf Verschleierung. Zumindest hoffte er, daß das ihre Absicht war. Wenn das Geheimnis dort verborgen lag, konnte sie es finden. Man mußte sie nur herausfordern, antreiben, sie bei der Ehre packen. Mißtraue allem und jedem. Er schaltete den Holo ab und starrte stirnrunzelnd in die Dunkelheit. Bald, sehr bald würde er für immer bodenseits gehen müssen. Es gab keine Rückkehr in die gefährliche Enge des Schiffes. Pandora war ebenfalls gefährlich, aber die Notwendigkeit, ein eigenes Loch zu haben, ein Nest, in dem ihn das Schiff nicht beobachten konnte, steigerte sich in erschreckendem Maße. Dieses mechanische Monstrum! Er wußte, es folgte jeder seiner Handlungen schiffseits. Ich würde ebenso handeln. Es gab Leute, die die Ansicht vertraten, der Einfluß des Schiffes
reiche noch weiter. Aber damit würde die Redoute aufräumen. Vorausgesetzt, Lewis hatte ihn nicht enttäuscht. Nein … die Befürchtung brauchte er nicht zu haben. Das lange Schweigen Lewis‘ mußte auf ein internes Problem mit den Klonen zurückgehen. Bei einer echten Katastrophe hätten andere Alarmsignale angeschlagen, die zahlreich installiert waren. Aber sie hatten sich nicht gemeldet. Unten in der Redoute mußte etwas anderes ablau149 fen. Vielleicht bereitet Lewis eine angenehme Überraschung für mich vor. Das sähe ihm ähnlich. Oakes lächelte vor sich hin, die Unverletzbarkeit seiner innersten Gedanken genießend. Du hast keine Ahnung, was ich im Schilde führe, mechanisches Monstrum. Ich habe Pläne mit dir. Ebenso hatte er Pläne mit Pandora, große Pläne, in denen das Schiff keine Rolle mehr spielte. Und andere Pläne mit Legata. Sie würde bald in den Schrei-Raum müssen. Ja. Sie mußte vertrauenswürdiger gemacht werden. Die Nostalgie ist eine interessante Illusion. Durch die Nostalgie ersehnen sich Menschen Dinge, die es nie gegeben hat. Gerade positive Erinnerungen bewahren sich. Über mehrere Generationen hinweg schalten positive Erinnerungen immer mehr von dem aus, was wirklich gewesen ist, und verwandeln es in ein Konzentrat vager Sehnsüchte. SCHIFFSZITATE Zum erstenmal spielte Waela mit dem Gedanken, einen Auftrag zurückzuweisen. Nicht weil sie Angst empfand - sie hatte als einzige einen Ausflug mit dem Forschungs-U-Boot überlebt und war noch immer überzeugt, daß das Projekt um jeden Preis fortgesetzt werden mußte. Sie ahnte nicht nur, sie wußte, daß der Elektro-tang der wichtigste Faktor für das Leben der Kolonie war. Für das Überleben. Ich bin dort unten gewesen und habe es überlebt. Ich müßte Leiterin des neuen Teams werden. Dieser Gedanke beherrschte sie, während sie und Thomas sich dem frühen tagseitigen Treiben rings um das 150 neue U-Boot näherten, das er eilig fertigstellen ließ. Thomas machte ihr zu schaff en. Eben noch schien er ein ganz netter Bursche zu sein, doch im nächsten Augenblick … was? Seine Gedanken gingen oft seltsame Pfade. Er ist noch nicht lange genug aus der Hib, um sich hier im Griff zu haben.
Einige Meter vor dem Arbeitsbereich blieben sie stehen, und sie betrachtete das Gebilde, das da unter den hellen Lampen Form annahm. All diese Energie, all diese Arbeiter. Sie glichen Insekten, die sich um ein riesiges Ei bemühten. Sie versuchte den Sinn dieser Sache zu ergründen. Schon möglich, daß ein gewisser Sinn darin steckte … aber ein durchsichtiger Kern aus Plas? In den U-Booten war schon immer Plasmaglas verwendet worden, aber dieses abtrennbare Herzstück, das gänzlich aus Plas bestand, stellte etwas völlig Neues dar. Schon jetzt war abzusehen, daß es sehr eng darin sein würde, und sie wußte nicht recht, ob ihr das gefiel. Warum Thomas? Warum hat er die Leitung bekommen? Sie erinnerte sich an ihren Marsch durch die Anlage und in den LALHangar. Dabei war er viel zu beschäftigt gewesen, ihr Befehle zu geben, um das verräterische Schattenzucken eines Falten-Huschers zu sehen, der zwischen den Wachen durchgebrochen war. Sie hatte das Geschöpf mitten im Sprung mit einem Hüftschuß ihrer Laspistole zerstrahlt - und begann gleich darauf zu zittern, als ihr einfiel, daß sie die Waffe beinahe in ihrer Kabine zurückgelassen hätte. Dieser Perimeter galt eigentlich als sicher, und die Wachen gehörten zu den besten. Thomas hatte von dem Vorfall kaum Notiz genommen. »Schnelle kleine Teufel sind das«, sagte er gelassen. »Übrigens schickt Schiff uns einen Dichter in unser Team.« »Einen Dichter?Aber wir brauchen …« 151 »Wir bekommen einen Dichter, weil Schiff uns einen Dichter schickt.« »Aber wir wollten doch …« »Ich weiß, was wir haben wollten!« Er sprach wie ein Mann, der gegen unangenehme Vorahnungen ankämpfte. »Also«, sagte sie, »wir brauchen trotzdem einen Systemtechniker für …« »Ich möchte, daß Sie diesen Dichter verführen.« Sie hatte Mühe zu glauben, daß sie richtig gehört hatte. Thomas fuhr fort: »Ihre Haut ist ja fast ein Regenbogen, wenn Sie sich aufregen. Nehmen Sie‘s als Teamauftrag innerhalb des Teams. Ich habe einen Holo des Dichters gesehen. Er ist nicht unattraktiv auf seine …« »Mein Körper gehört mir!« Aufgebracht starrte sie ihn an. »Und
niemand, nicht Sie, nicht Oakes und auch nicht Schiff , schreibt mir vor, wen ich in meinen Körper lasse - oder nicht!« Sie waren auf dem Freigelände stehengeblieben, und sie registrierte überrascht, daß er abwehrend die Hände hob und zu lächeln begann. Da merkte sie, daß sie instinktiv die Laspistole gezogen und auf einen Punkt zwischen seinen Augen gerichtet hatte. Ohne ihren zornigen Blick abzuwenden, senkte sie die Waffe und steckte sie wieder ein. »Tut mir leid«, sagte er. Sie setzten den Weg zum Hangar fort. Nach kurzem Schweigen fragte er: »Wie wichtig ist Ihnen das TangTeam?« Das sollte er wissen! Alle wußten es, und seit seiner Ankunft bodenseits hatte Thomas ein erstaunliches Talent bewiesen, sich kritische Informationen zu beschaff en. »Es bedeutet mir alles.« Daraufhin begannen ihm die Worte über die Lippen zu strö152 men. Er mußte wissen, ob Panille ein freier Mann war. Hatte wirklich Schiff den Dichter geschickt? Oder arbeitete Panille für Oakes oder diesen Lewis, von dem die Leute so furchtsam sprachen? Wer? Wer steckte dahinter? Zweifel - eine Kaskade der Zweifel. Aber warum mußte sie Panille verführen, um die Wahrheit herauszufinden? Thomas‘ Antwort gab ihr keine Befriedigung. »Sie müssen alle Barrieren durchstoßen, die Panille um sich errichtet hat, sie müssen hinter seine letzte Maske schauen.« Verdammt! »Wie wichtig ist Ihnen dieses Projekt wirklich?« wollte Thomas wissen. »Es ist lebenswichtig … nicht nur für mich, sondern für die ganze Kolonie.« »Natürlich. Deshalb müssen Sie diesen Dichter verführen. Wenn er ein vollwertiges Mitglied dieses bizarren Teams werden soll, müssen wir zuvor etliches über ihn in Erfahrung bringen.« »Und etwas in die Hand bekommen, das wir notfalls gegen ihn verwenden können!« »Eine andere Möglichkeit gibt es nicht.« »Lassen Sie sich doch seine Unterlagen kommen, wenn Sie wissen wollen, ob er Frauen vorzieht. Ich werde auf keinen Fall …« »Darum geht es nicht, und das wissen Sie genau. Sie werden meinen Befehl nicht ablehnen und in unserem Team bleiben können!«
»Darf ich nicht einmal die Zweckmäßigkeit Ihrer Entscheidungen in Frage stellen?« »Schiff hat mich geschickt. Eine höhere Autorität gibt es nicht. Und es gibt Dinge, die ich wissen muß, wenn dieses Projekt Erfolg haben soll.« An der Stärke seines Engagements bestand kein Zweifel, aber… 153 »Waela, Sie haben recht, wenn Sie sagen, das Projekt ist lebenswichtig. Wir haben nicht soviel Zeit zu verspielen, wie wir hier Worte vertun.« »Und ich habe im Team nichts zu sagen?« Sie war den Tränen nahe, was sie auch nicht zu verbergen versuchte. »Sie haben einen …« »Nach allem, was ich durchgemacht habe? Ich habe sie alle sterben sehen! Alle! Das verschafft mir einen Anteil an den Entscheidungen in diesem Team, oder Ruhe und Erholung schiffseits. Sie können entscheiden!« Thomas bemerkte die stärker werdende Rötung ihrer Haut und spürte die Intensität ihrer Persönlichkeit. Was für eine kluge Person! Er fühlte Empfindungen in sich aufsteigen, wie er sie seit Äonen nicht mehr erlebt hatte. Es ist Schiffsjahrhunderte her! Leise sagte er: »Wir beraten miteinander, wir teilen Data. Aber alle wesentlichen Entscheidungen liegen bei mir und sind endgültig. Wenn das von Anfang an so gewesen wäre, hätte dieses Projekt nicht Schiffbruch erlitten.« Waela tippte die Hangartür auf, und sie traten in den Glanz von Lampen und hektischer Aktivität, in den Lärm und Geruch knisternder Schweißgeräte. Sie legte ihm eine Hand auf den Arm, damit er stehenblieb. Wie dünn und drahtig er sich anfühlte! »Wie kann die Verführung des Dichters unserer Mission zum Erfolg verhelfen?« »Das habe ich Ihnen bereits gesagt. Dringen Sie zu seinem Kern vor.« Sie betrachtete das Treiben um das neue U-Boot. »Und den Plastahl durch Plas zu ersetzen, soll …« »Ein Detail allein kann nicht zum Erfolg führen. Wir sind ein Team.« Er blickte auf sie hinab. »Und wir beginnen unseren Ein154 satz in der Luft.«
»In der …« Im nächsten Augenblick sah sie die Kabel, die aus der beleuchteten Zone in die obere Dunkelheit des Hangars führten, wo ein riesiges LAL zum Teil mit Gas gefüllt war. Das U-Boot wurde anstelle der üblichen gepanzerten Gondel an einem Leichter-Als-Luft festgemacht. »Aber warum wollen wir …« »Weil der Tang unsere U-Boote erdrückt hat.« Ihre Gedanken wanderten zurück zu ihrer Errettung aus einem havarierten U-Boot - zu dem zuckenden Tang nahe der Küste, zu dem Entkommen der Kommandozelle, ihrem verzweifelten Vorstoß zu den Felsen und dem geradezu wundersamen Sturzflug eines Beobachtungs-LAL, das sie den Raubtieren entrissen hatte. Als habe er ihre Gedanken gelesen, sagte Thomas: »Sie haben es selbst gesehen. Bei unserem ersten Gespräch sagten Sie mir, Sie wären von der Intelligenz des Tangs überzeugt.« »Das bin ich auch.« »Unsere U-Boote wurden nicht nur erdrückt. Sie wurden erobert.« Sie dachte darüber nach. Auf jeder mißlungenen Mission, über die Daten vorlagen, war das U-Boot kurz nach der Aufnahme von Proben zerstört worden. Nahm der Tang etwa an, wir hätten angegriffen? Ihre eigenen Vermutungen zu diesem Komplex rückten dies immerhin in den Bereich des Möglichen. Wenn der Tang intelligent ist … Ja, dann hatte er bestimmt ein äußeres Sinnessystem, das auf Schmerz reagierte. Kein blindwütiges Zucken, sondern eine intelligente Reaktion. Thomas sagte tonlos: »Der Tang ist kein gefühlloses Gemüse.« »Ich habe von Anfang an gesagt, daß wir den Versuch machen sollten, uns mit ihm zu verständigen.« 155 »Das werden wir auch tun.« »Aber was macht es dann für einen Unterschied, ob wir von oben ins Wasser kommen oder von der Küste her tauchen? Wir wären noch immer an Ort und Stelle.« »Wir gehen in eine Lagune.« Thomas näherte sich dem Arbeitsbereich und inspizierte vorgebeugt eine Schweißnaht im Plas. »Gute Arbeit, gute Arbeit«, brummte er. Die Schweißung war beinahe unsichtbar. Nach Abschluß des Umbaus verfügten die Insassen über ein Blickfeld von beinahe dreihundertundsechzig Grad.
»Lagune?» fragte Waela, als er zurücktrat. »Ja. Werden die senkrechten Tunnel freien Wassers nicht so genannt?« »Schon richtig, aber …« »Wir werden dort vom Tang umgeben sein und hilflos, wenn er uns angreifen will. Aber wir werden ihn nicht berühren. Unser U-Boot wird dahingehend programmiert, daß es auf die Tanglichter reagiert – daß es die Muster aufzeichnet und seinerseits zurückspielt.« Wieder lag ein Sinn in seinen Worten. Thomas schaute weiter zu und fuhr fort: »Wir können uns ohne physische Berührung einer Tangfront nähern. Wenn wir von der Küste aus starten, ist so etwas unmöglich, das haben Sie selbst erlebt. Der Platz zwischen den einzelnen Tangsträngen reicht nicht aus.« Sie nickte langsam. Sein Plan ließ noch viele Fragen off en, aber sie begann ihn in Umrissen zu erkennen. »U-Boote sind schwierig und schwerfällig«, fuhr er fort, »aber etwas anderes haben wir nicht. Wir müssen uns ein Stück freies Wasser suchen, das groß genug ist, um darin zu landen und vor Anker zu gehen. Anschließend tauchen wir und erforschen den 156 Tang.« Es hörte sich gefährlich an, war aber realisierbar. Und die Idee, dem Tang seine eigenen Lichter vorzuspielen: Sie hatte diese in sich geschlossenen Muster selbst gesehen, die sich zuweilen zu wiederholen schienen. Verständigte sich der Tang auf diese Weise? Vielleicht ist Thomas wirklich von Schiff erwählt. Sie hörte ihn etwas murmeln. Thomas war der einzige Mann in ihrer Bekanntschaft, der mit einiger Regelmäßigkeit vor sich hin redete. Er verfiel in ein Gespräch und verlor dann auch wieder den Faden. Man wußte nie, ob er nur laut gedacht oder tatsächlich mit einem gesprochen hatte. »Was?« »Das Plas. Nicht so kräftig wie Plastahl. Wir mußten im Innern Verstärkungen anbringen. Dadurch wird alles viel enger, als es von hier aussieht.« Er drängte sich durch eine Gruppe von Arbeitern, um mit dem Vormann zu sprechen, eine leises Gespräch, von dem sie nur einige Brocken mitbekam: »… wenn Sie dann die Strebe anbringen … und ich möchte … wo wir …« Nach einiger Zeit kehrte er zu ihr zurück. »Mein Entwurf ist nicht so
gut, wie er sein könnte, aber er muß genügen.« Er hat also auch seine kleinen Fehler, aber er verbirgt sie nicht. Sie hatte einiges von dem mitbekommen, was die Arbeiter über Thomas redeten. Sie schienen ihn mit einer gewissen Ehrfurcht zu betrachten. Der Mann zeigte überraschende Kenntnisse auf ihren Spezialgebieten, egal, worum es sich handelte - Plas-Schweißen, Konstruktion … Er war ein Hansdampf in allen Gassen. Aber in keiner Disziplin Meister? Sie spürte, daß er schwer zu beeinflussen sein würde: ein schrecklicher Feind, als Freund aber jener einzigartige Typ, der nicht reflektiert, sondern spottet, wenn Spott angebracht ist. 157 Diese Erkenntnis steigerte ihr Unbehagen noch. Sie spürte, daß ihr dieser Mann gefallen konnte, hatte aber ihre Bedenken wegen des Klimas im Team … dabei war es noch gar kein Team. Und es wird eng im U-Boot, auch wenn wir nur zu dritt sind. Sie schloß die Augen. Soll ich es ihm sagen? Sie hatte es noch niemandem verraten, nicht einmal bei den Schlußbesprechungen, auch nicht in Gesprächen mit Freunden. Der Tang übte einen besonderen Einfluß auf sie aus. Es begann, sobald das U-Boot zwischen den riesigen Stengeln und Tentakeln hindurchzugleiten begann: eine sexuelle Erregung, die sie zuweilen kaum noch im Griff zu behalten vermochte. Im Grunde eine Absurdität. Es war ihr gelungen, durch hechelndes Atmen einen gewissen Ausgleich zu schaff en, aber es war ein störender Einfluß, der manchmal ihre Einsatzfähigkeit minderte. Aber wenn das zu sehr auffiel, ließ der Schock dieser Erkenntnis sie wieder zu sich kommen. Ihre alten Teamgenossen hatten das Hecheln für eine Reaktion auf die Angst gehalten, für eine Methode, das Entsetzen zu überwinden, das sie alle spürten und unterdrücken mußten. Und jetzt waren sie alle tot - es gab niemanden, der ihr Geständnis hätte anhören können. Die Enge, die seltsame sexuelle Aura, die im Hintergrund des Projektes strahlte, die Unbekannten in Thomas - all dies frustrierte sie. Sie hatte mit dem Gedanken gespielt, Aniti-S zu nehmen, um die sexuellen Spannungen abzubauen, aber Anti-S machte müde und lähmte ihre Reflexe. Das konnte tödlich sein. Thomas stand neben ihr und beobachtete stumm die Arbeiten. Sie glaubte förmlich zu sehen, wie er sich im Geiste vornahm, hier und
dort Veränderungen durchzuführen. In seinem Kopf bewegten sich zahlreiche Rädchen. 158 »Warum ich?« fragte sie leise. »Was?« Er wandte sich zu ihr um. »Warum ich? Warum muß ich mich um diesen Dichter kümmern?« »Ich habe Ihnen gesagt, was …« »Es gibt Frauen, die werden gut bezahlt für so etwas …« »Ich bezahle nicht dafür. Es gehört zum Projekt, ein lebenswichtiges Element. Dieses Wort stammt von Ihnen. Sie werden es tun.« Sie wandte ihm den Rücken zu. Thomas seufzte. Diese Waela TaoLini war eine außergewöhnliche Person. Er verabscheute die Forderung, die er an sie stellte, aber sie war die einzige, der er trauen konnte, denn ihr war das Projekt so wichtig wie ihm selbst. Panille ließ zu viele Fragen off en. Schiff hatte sich klar und einfach geäußert: »Es wird ein Dichter …« Nicht: »Ich habe einen Dichter ernannt« oder: »Ich habe dem Team einen Dichter zugeteilt …« Es wird einen Dichter im Team geben … Für wen arbeitete Panille? Zweifel … Zweifel … Zweifel … Ich muß es wissen. Die altbekannte Glut in seinen Adern verriet ihm schon jetzt, daß Waela seinen Befehl ausführen würde und daß er eine Traurigkeit erleben würde, wie er sie schon seit langem nicht mehr erlebt hatte. »Alter Dummkopf!« brummte er vor sich hin. »Was?« Sie drehte sich zu ihm um, und er sah das Einverständnis und die Entschlossenheit auf ihrem Gesicht. »Nichts.« Sie betrachtete Thomas einen Augenblick lang und sagte: »Es hängt alles davon ab, wie gut mir der Dichter gefällt.« Mit diesen Worten machte sie auf dem Absatz kehrt und verließ mit der typischen pandorischen Eile den Hangar. 159 Die Religion beginnt dort, wo die Menschen einen Gott zu beeinflussen suchen. Der biblische Sünder und der christliche Heiland entstammen derselben uralten Form - der Mensch, welcher einem unberechenbaren Universum (oder unberechenbaren König) dient und bestrebt ist, sich von der Schuld zu befreien, die den Zorn des Allmächtigen erweckt. RAJA FLATTERY Das Buch Schiff
Wieder vermochte der Kapselsender in Oakes‘ Hals keinen Kontakt mit Lewis herzustellen. Statische Geräusche oder Stille oder verrückte Bilder, die in seine Tagträume hineindrängten - mehr kam nicht dabei heraus. Am liebsten hätte er sich den Sender herausgerissen. Warum hatte Lewis angeordnet, daß ein physischer Kontakt mit der Redoute zu vermeiden war? Oakes ärgerte sich, daß er nicht zuviel Aufhebens machen durfte. Der eigentliche Zweck der Redoute war den meisten Schiffsmenschen nicht bekannt; für viele war es gerüchteweise ein Erforschungsversuch des Schwarzen Drachens. Er wagte es nicht, den Befehl aufzuheben, der die Redoute isoliert hatte. Zu viele hätten mitbekommen, wie groß die Anlage mittlerweile geworden war. Lewis kann mir das nicht antun. Oakes schritt in seiner Kabine auf und ab und wünschte sich, sie wäre noch größer. Am liebsten hätte er sich mit einem langen Spaziergang von seinen Frustrationen befreit, doch draußen herrschte Tagseite, und sobald er seine Zuflucht verließ, plagte ihn die Notwendigkeit, Entscheidungen zu treffen. Zahlreiche Gerüchte eilten durch das Schiff . Vielen war seine Erregung aufgefallen. So konnte es nicht weitergehen. 160 Ich würde ja persönlich hinabfliegen … nur … Nein, ohne daß mir Lewis den Weg bereitet, ist es zu gefährlich. Oakes schüttelte den Kopf. Er war zu wertvoll, als daß er sich dort unten schon in Gefahr begeben durfte. Verdammt, Lewis! Du könntest mir wenigstens eine Mitteilung zukommen lassen! Mit der Zeit hatte sich Oakes‘ Verdacht erhärtet, daß Lewis doch mit einer größeren Katastrophe kämpfte. Entweder das, oder es war Verrat im Spiel. Nein … es mußte ein Notfall sein. Lewis war kein Führertyp. Folglich mußte es sich um eine Bedrohung durch den Planeten handeln. Pandora. In mancher Hinsicht war Pandora ein direkterer und gefährlicherer Gegner als das Schiff . Oakes‘ Blick fiel auf den leeren Holofokus neben seiner Couch. Mit einer Berührung der Knöpfe konnte er Realzeitbilder des Planeten herbeirufen. Aber wozu? Er hatte es bereits mit einer Sensorenerkundung der Küste des Schwarzen Drachens aus dem
Weltall versucht. Zu viele Wolken … es kamen nicht genügend Details heraus. Er konnte zwar die Bucht ausmachen, an der die Redoute gebaut wurde, vermochte während der Tagesperioden von Alki oder Rega sogar Spiegelungen zu erkennen. Oakes atmete tief ein, um sich zu beruhigen. Dieser Planet würde ihn nicht besiegen. Du gehörst mir, Pandora! Er hatte es Legata gesagt: Dort unten war alles möglich. Jeder Traum konnte dort Wirklichkeit werden. Oakes betrachtete seine Hände und führte sie dann über seinen gerundeten Bauch. Er war entschlossen, auf keinen Fall mit eige161 nen Händen um das Überleben auf einem Planeten schuften zu müssen. Besonders nicht auf einem Planeten, der ihm gehörte. Das war nur natürlich. Das Schiff hat mich zu dem gemacht, was ich bin. Mehr als jeder andere Mensch, den er je gekannt hatte, glaubte Oakes die Besonderheit der Beeinflussungsprozesse des Schiffes zu verstehen - die Veränderungen, die seit der Zeit eingetreten waren, da sie noch frei verstreut auf der Oberfläche der Erde gelebt hatten. Es ist das Gedränge der Leute … zu viele Leute auf zu engem Raum. Die schiffseitige Bevölkerungsdichte war bodenseits verlagert worden. Aber jenes Leben erforderte eine besondere Umstellung. Unten paßten sich alle Schiffsmenschen auf gleiche Weise an. Sie nahmen Drogen oder spielten, sie riskierten alles … sogar das eigene Leben. Den Perimeter der Kolonie abzulaufen, nackt bis auf einen Fußschutz! Und weshalb? Wegen einer Wette! Wegen der Herausforderung! Um sich vor sich selbst zu verstecken. Bei seinen langen Spaziergängen durch das Schiff spürte Oakes die Art und Weise, wie er das Kommen und Gehen anderer ausblendete. Wie die meisten Schiffsmenschen vermochte er sich, um allein zu sein, um sich zu unterhalten, um zu leben, in das tiefste Innere seines Geistes zurückzuziehen. In dieser Zeit der Nahrungsmittelknappheit war ihm diese Fähigkeit besonders zupasse gekommen. Oakes wußte, daß er der … schwerste Mann schiffseits war. Er wußte, daß man ihm mit Neid und zornigen Fragen begegnete, auch wenn ihn niemand off en anstarrte oder solche Gedanken erkennbar werden ließ.
Ja, ich kenne diese Leute. Sie brauchen mich. Unter Edmond Kingstons Anleitung hatte er sich gut auf die psychiatrische Seite seiner Spezialität vorbereitet - all die Dokumentationsspeicher, die generationenweise weitergegeben worden 162 waren … vielleicht über Äonen. In der Art und Weise, wie das Schiff sie in die Hib gebracht und wieder herausgeholt hatte, war das Verstreichen der Realzeit untergegangen. Jene unbekannte Zeitgröße machte Oakes zu schaff en. Außerdem ergaben die Übersetzungen aus der Dokumentation zu viele Anomalien. Schiff entschuldigte das gern mit dem Versuch, so viele Leute wie möglich zu retten. Oakes glaubte nicht daran. Die Übersetzungen ließen andeutungsweise zu viele andere Erklärungen zu. Übersetzungen? Selbst die wurden vom Schiff gesteuert. Man bat einen Computer, das Unverständliche verständlich zu machen. Linguisten wiesen aber darauf hin, daß einige in den Schiffsdokumenten gefundene Sprachen in einem freischwebenden ureigenen Universum existierten - ohne erkennbare Anfänge oder Ableitungen. Was war aus den Menschen jener vielschichtigen linguistischen Erbgüter geworden? Ich weiß nicht einmal, was aus uns geworden ist. Einige Hinweise fanden sich allerdings in seinen Kindheitserinnerungen. Im Vergleich zu den Bewohnern der Erde, von der das Schiff sie aufgelesen hatte, waren die Schiffsmenschen Mutationen - und zwar Klone und natürlich Geborene gleichermaßen. Mutationen. Schiffseits beschleunigte sich das Leben für Leute, die wenig Raum, wenige private Besitztümer besaßen, für Menschen, die zwischen Schiffsverehrung und Bestürzung hin und her gerissen waren. Schiffsmenschen kultivierten die Fähigkeit, all das auf sich persönlich zu beziehen, was das Schiff ihnen zur Verfügung stellte. Funktionelle Einfachheit war daher kein Negativum, brachte kein Gefühl des Mangels. Jedes Werkzeug, jede Schale, jeder Löffel, jedes Eßstäbchen und jede Kabine trugen in einem geringen Maße den Stempel des Benutzers. Meine Kabine ist lediglich eine größere Manifestation dieser Wahrheit. 163 Der Geist war zugleich der Vorposten der privaten Abgeschiedenheit, ein letzter Ort, an dem man sich niederlassen und
einem wahnsinnigen Universum einen Hauch von Vernunft abgewinnen konnte. Nur der Psy-Ge stand über allem, auch wenn er am großen Ganzen teilnahm; er stand darüber. Oakes hatte zuweilen das Gefühl, die Leute rings um ihn trügen Schilder, auf denen sie ihre geheimsten Gedanken zur Schau stellten. Und was ist mit diesem Raja Thomas? Ein zweiter Psy-Ge, der mich sorgfältig studiert hat … ähnlich wie ich zuweilen andere Leute ansehe. Dabei fiel Oakes ein, daß er unvorsichtig geworden war. Seit dem Tod des alten Kingston hatte er sich für immun gehalten gegenüber der forschenden Neugier anderer, allein in der Fähigkeit, die Psyche eines Schiffsmenschen zu umfangen. Es war gefährlich, sollte nun ein anderer ebenfalls über diese Waffe gebieten. Ein Grund mehr, Thomas zu eliminieren. Oakes machte sich klar, daß er in seiner Kabine hin und her geschritten war - zum Mandala, dann zurück zur Kom-Konsole. Dann wieder zum Mandala … Als die Erkenntnis ihn überkam, stand er gerade vor der Kom-Konsole. Seine Hand schob sich über die Tasten, und er holte eine Szene vom Schiffrand in den Holofokus, aus Agrarium D-9. Er starrte auf das Treiben der Arbeiter, auf das gefilterte blauviolette Licht, das diese Menschen in eine ganz eigene Welt versetzte. Ja - wenn die Unabhängigkeit vom Schiff überhaupt möglich war, dann lag ihr Fundament in den Nahrungsmitteln und der Kultivierung des Lebens. In den Axolotl-Tanks, den Klon-Labors, im eigentlichen Biocomputer - all dies waren nichts anderes als raffinierte Spielzeuge für die Leute, die ausreichend zu essen hatten und warm und gut gekleidet leben konnten. »Gib den Menschen zu essen, dann fordere sie auf, tugendhaft zu sein.« 164 Das war eine alte Stimme aus seiner früheren Ausbildung. Eine kluge Stimme, eine praktische. Die Stimme eines Überlebenden. Oakes starrte auf die Arbeiter. Sie widmeten sich ihren Pflanzen mit totaler Konzentration, ihre Arbeit und ihre Gedanken waren zu einer speziellen Ehrerbietung verbunden, die er bisher nur unter älteren Schiffsmenschen während der Schiffsverehrung gespürt hatte. Diese Agrariumarbeiter waren in einer Art Schiffsanbetung begriff en. Schiffsanbetung!
Oakes lachte leise vor sich hin; ihn belustigte der Gedanke der Schiffsanbetung, die auf die Pflege von Pflanzen in einem Agrarium reduziert war. Was für ein großartiger Anblick in den Augen eines Gottes! Eine Horde unterwürfiger Bettler! Was mußte das für ein Gott sein, der seine Schutzbefohlenen in Armut leiden ließ, um sie flehen zu hören? Oakes hatte Verständnis für eine gewisse Neigung zur Unterwerfung, aber … dies? Dies deutete auf etwas anderes hin. Jemand muß Boß sein, und die übrigen müssen von Zeit zu Zeit daran erinnert werden. Wie könnten sonst die Dinge so organisiert werden, daß sie auch laufen? Nein; er hatte die Botschaft begriff en. Sie lief darauf hinaus, daß die Programme des Schiff es ihrem Ende entgegengingen. Alle Probleme wurden auf den Schultern des Psy-Ge abgeladen. Sieh dir diese Arbeiter an! Er wußte, daß sie nicht die Zeit hatten, über ihr eigenes Leben grundlegend selbst zu bestimmen. Wann denn auch? Nach der Arbeit? Dann war der Körper erschöpft und der Geist abgestumpft zu einer verinnerlichten Träumerei, die klare Beurteilungen zum Wohle aller unmöglich machte. Das Wohl aller - das ist meine Aufgabe. 165 Er befreite sie von der Qual der Entscheidungen, die zu treffen diese Menschen nicht informiert genug, nicht energisch genug, geschweige denn intelligent genug waren. Es war der Psy-Ge, der ihnen jenes angenehmere Geschenk des Dahintreibens in der Zeit machte, der Zeit, in der sie nach Ruhe und Erholung streben konnten. Ruhe … Erholung. Die Assoziation zuckte durch seinen Kopf. Erholung war etwas, bei dem sie erneuert wurden, da all das, für das sie arbeiteten, Wirklichkeit wurde, da sie lebten. Beim Betrachten der Agrariumarbeiter im Holofokus kam sich Oakes wie der Dirigent einer ungemein schwierigen Partitur vor. Er nahm sich vor, diesen hübschen Vergleich bei der nächsten Generalversammlung vorzubringen. Dirigent einer Symphonie. Das gefiel ihm. Das war Stoff zum Nachdenken. Hatte das Schiff solche Gedanken? Plötzlich spürte er eine Art Verbundenheit mit dem Schiff , seinem Feind. Was für Stoff sind wir, daß wir Anbetung und Pflege verdienen? Was für Manna? War es möglich, daß das Schiff …
Seine Träumereien verflogen unter dem plötzlichen Fauchen des sich öffnenden Kabinenluks. Wer wagte es … Das Luk knallte gegen die Wand, Lewis huschte herein und verschloß den Durchgang wieder hinter sich. Er atmete heftig. Anstelle der gewohnten unauffälligen Arbeitskleidung trug er einen frischen neuen Einteiler in Dunkelgrün. »Lewis!« Oakes war hocherfreut über den Besuch … und dann bestürzt. Als sich Lewis von dem versiegelten Luk abwandte, wurde offensichtlich, daß sein Gesicht die Spuren hastiger ärztlicher Versorgung trug, zahlreiche Pflaster verdeckten Schnitte und Abschürfungen. Und er humpelte. 166 Urteilsvermögen versetzt einen in die Lage, sich in den Strom des Zufalls einzureihen und den eigenen Willen zu gebrauchen. Mit dem Urteilsvermögen wird der Wille moduliert. Denken ist die Tätigkeit des Augenblicks. Man setzt sein Urteilsvermögen ein, ein Konvektionszentrum für die Strömungen, in denen die Vergangenheit eine Zukunft bereitet. Es ist ein Balanceakt. KERRO PANILLE Argumente der Avata Hali Eckel bewegte sich mit der gewohnten sicheren Anmut, als sie in die Höhe sprang, um mit einer Hand den Griff des Deckenluks zu packen, der in die Software-Lagerung der Dokumentation führte. Im Sprung schlug ihr die Pribox, die sie am Gurt über der Schulter trug, gegen die Hüfte. Vor knapp einer Stunde hatte sie erfahren, daß Kerro Panille auf dem Weg bodenseits war. Er hatte dies ohne Lebewohl getan, nicht einmal eine Nachricht hatte er ihr hinterlassen … oder ein Gedicht. Sicht daß ich einen speziellen Anspruch auf ihn hätte! Sie öffnete das Luk und stemmte sich in die Versorgungsröhre hinauf. Er weigert sich, zur Fortpflanzung mit mir zusammenzusein, er … Solche Gedanken schob sie zur Seite. Trotzdem schmerzte es, daß er sie so verlassen hatte. Sie waren in der gleichen Wiegen-Sektion groß geworden, waren gleichen Alters (nur wenige Tage auseinander) und waren Freunde geblieben. Sie hatte seine Geschichten über die Erdseite gehört, und er kannte ihre Geschichten. Hali hatte keine Illusionen über ihre Gefühle. Sie hielt Kerro für den attraktivsten Mann schiffseits.
Warum war er immer so weit weg von ihr? 167 Sie duckte sich, um im gekrümmten Oval der Röhre emporzukriechen. Im weitesten Durchmesser maß der Durchgang nur hundertundsechzig Zentimeter, acht Zentimeter weniger als ihre Körpergröße, doch sie war es gewöhnt, sich in solchen wenig bekannten Abkürzungen durch Schiff zu bewegen. Es ist ja nicht, daß ich häßlich wäre. Ihr Einteiler aus Schiffstuch, das wußte sie, offenbarte eine attraktive weibliche Figur. Ihre Haut war dunkel, die Augen waren braun, und sie trug wie alle Techniker das schwarze Haar kurz. Alle Med-Techs wußten um die sanitären Vorteile von Haar, das bürstenkurz geschnitten war. Nicht daß sie je gewünscht hätte, Kerro würde Haar oder Bart kürzer tragen. Sie fand seinen Stil aufregend. Aber er hatte nichts mit medizinischen Problemen zu tun. Der Zugang zur Dokumentation war verschlossen, doch sie hatte sich den Kode gemerkt und brauchte nur wenige Sekunden, um die Verriegelung zu lösen. Schiff summte sie vom inneren Sensorauge her an, als sie gebückt die Lagerzone betrat. »Hali, was machst du?« Entsetzt blieb sie stehen. Eine Stimme! Alle kannten die tonlose metallische Arbeitsstimme Schiff s, das Vehikel für alle nicht vermeidbaren Kontakte, dies aber war etwas anderes … eine resonante Stimme voller emotionaler Obertöne. Und Schiff hatte ihren Namen ausgesprochen! »Ich … ich möchte zu einer Software-Lesestation. Hier ist stets eine aktiviert.« »Du bist sehr ungewöhnlich, Hali.« »Habe ich etwas falsch gemacht?« Während sie diese Frage stellte, waren ihre kräftigen Finger damit beschäftigt, die Lukenriegel zu schließen - aber dann zögerte sie aus Angst, sie könne Schiff gekränkt haben. 168 Aber Schiff sprach mit ihr! Ganz normal! »Manche würden deine Handlungsweise für falsch halten.« »Ich hatte es nur eilig. Niemand will mir sagen, warum Kerro bodenseits gegangen ist.« »Warum bist du nicht auf den Gedanken gekommen, Mich zu fragen?«
»Ich wollte …« Sie blickte durch den schmalen Korridor zwischen den Drehwannen mit Software-Scheiben, den Gang, der an der Lesestation endete. Tastatur und Schirm waren leer, unbesetzt, wie sie vermutet hatte. Schiff gab sich damit nicht zufrieden. »Ich bin niemals weiter von dir entfernt als der nächste Monitor oder die nächste Kom-Konsole.« Hali blickte zu der orangeroten Rundung des Sensorauges empor. Es war eine verächtlich schimmernde Kugel, ein Zyklopenauge mit dem darum liegenden Metallgitter, durch das Schiff s Stimme tönte. War Schiff zornig auf sie? Die übermenschliche Beherrschung in dieser Stimme erfüllte sie mit Ehrfurcht. »Ich bin nicht zornig auf dich. Ich möchte nur, daß du in Mich mehr Vertrauen hast. Ich mache Mir Sorgen um dich.« »Ich … habe Vertrauen zu Dir, Schiff . Ich bete Schiff an. Das weißt Du. Mir ist nur niemals der Gedanke gekommen, daß Du so mit mir sprechen würdest.« »So wie Ich mit Kerro Panille spreche? Du bist eifersüchtig, Hali.« Sie war zu ehrlich, um es abzustreiten; trotzdem wollten ihr keine Worte über die Lippen kommen. Sie schüttelte den Kopf. »Hali, geh zur Tastatur am Ende des Gangs. Drücke den roten Kursor in der Ecke oben rechts, dann öffne Ich dir eine Tür hinter der Station.« »Eine … Tür?« 169 »Du wirst dort einen verborgenen Raum finden mit einer zweiten Lernstation, die Kerro Panille oft benutzt hat. Jetzt darfst du sie benutzen.« Staunend und voller Angst gehorchte sie. Die gesamte Tastatur schwang mitsamt dem Tisch zur Seite und gab eine niedrige Öffnung frei. Geduckt trat sie hindurch und befand sich in einem kleinen Raum mit einer mattgelben Couch. Gedämpftes grünes Licht strahlte aus verdeckten Lampen in den Ecken. Sie erblickte eine große Konsole mit Schirm und Tastatur, dazu auf dem Boden den vertrauten Holofokus-Kreis. Sie kannte solche Anlagen ein kleines Lern-Labor, von dessen Existenz sie allerdings keine Ahnung gehabt hatte. Es war kleiner als die Anlagen, mit denen sie bisher gearbeitet hatte. Sie hörte das Luk hinter sich zugehen, spürte sich in dieser Abgeschiedenheit aber unerklärlich sicher. Kerro hatte diesen Raum benutzt. Schiff machte sich Sorgen um sie. Ihre empfindliche Nase
nahm Kerros Geruch wahr - kein Zweifel. Sie rieb am Goldring in ihrer Nase. Vor der Tastatur stand ein Drehstuhl. Sie nahm darauf Platz. »Nein, Hali. Lege dich auf die Couch. Du brauchst die Tastatur hier nicht.« Schiff s Stimme tönte von überall her. Hali suchte nach dem Ausgangspunkt dieser unheimlich gemessenen Stimme. Doch weder Sensoren noch Monitoraugen waren zu sehen. »Hab keine Angst, Hali. Dieser Raum liegt innerhalb Meines Schutzschildes. Geh zur Couch!« Zögernd gehorchte sie. Die Couch war mit einem glatten Material bespannt, das sich kalt anfühlte. »Warum hast du hier nach einem Terminal gesucht, Hali?« »Ich wollte etwas … Bestimmtes tun.« »Du liebst ihn?« 170 »Das weißt Du.« »Es ist dein Recht, ihn dazu zu bringen, dich ebenfalls zu lieben, Hali, aber nicht durch Täuschung.« »Ich … ich begehre ihn.« »Und da wolltest du Mich um Hilfe bitten?« »Ich kann Hilfe gebrauchen, egal von wem.« »Dir stehen alle Informationen off en, Hali, aber was du damit machst, ist deine Entscheidung. Du formst ein Leben, begreifst du das?« »Ein Leben formen?« Sie spürte ihren Schweiß auf der glatten Bespannung der Couch. »Dein Leben. Es gehört dir … ein Geschenk. Du solltest es gut behandeln. Damit zufrieden sein.« »Würdest du Kerro und mich wieder zusammenbringen?« »Nur wenn das euch beiden wirklich paßt.« »Ich wäre mit Kerro glücklicher. Aber er ist bodenseits gegangen!« Es war beinahe ein Klageruf, und sie spürte Tränen in den Augenwinkeln. »Kannst du dich nicht ebenfalls bodenseits versetzen lassen?« »Man braucht mich hier!« »Ja, die Schiffsmenschen müssen gesund bleiben, damit die Kolonie zu essen hat. Aber Ich meinte deine eigene Entscheidung.« »Ich …« »Hali, Ich bitte dich, Mir zu vertrauen.«
Blinzelnd starrte sie auf den leeren Bildschirm gegenüber der Couch. Was für eine seltsame Äußerung! Wie könnte man Schiff nicht vertrauen? Alle Menschen waren Geschöpfe Schiff s. Die Bitt-gebete der Schiffsverehrung formten das Leben der Menschen für immer. Sie spürte aber, daß hier eine persönliche Antwort gefordert wurde, und sie gab sie. 171 »Natürlich vertraue ich Dir.« »Das finde Ich sehr schön, Hali. Und deswegen habe Ich etwas nur für dich. Du sollst mehr erfahren über einen Mann namens Yaisuah. Dieser Name entstammt einer uralten Sprache, die einmal als Aramäisch bekannt war. Yaisuah ist eine Abwandlung des Namens Josuah, und davon leitet Jesus Lewis seinen Namen her.« Hali starrte auf den Bildschirm. Das Licht in dem kleinen Labor verstärkte sich plötzlich, vielfach zurückgeworfen von den Metallflächen. Sie blinzelte und nieste. Vielleicht redet gar nicht Schiff zu mir, dachte sie. Was ist, wenn mir hier jemand einen Streich spielen will? Es war ein erschreckender Gedanke. Wer würde so etwas wagen? »Ich bin hier, Hali Eckel. Schiff spricht zu dir.« »Kannst Du … meine Gedanken lesen?« »Heb dir diese Frage für später auf, Hali. Du solltest wissen, daß Ich deine Reaktionen abzuschätzen weiß. Gehst du nicht auch auf die Reaktionen der anderen ringsum ein?« »Ja, aber …« »Keine Angst. Ich will dir nicht schaden.« Sie versuchte zu schlucken und dachte an die Dinge, die Schiff sie lehren wollte. Yaisuah? »Wer ist dieser … dieser Yaisuah?« »Um das zu erfahren, mußt du reisen.« »Reisen? Was … was …« Sie räusperte sich und zwang sich zur Ruhe. Kerro hatte dieses Labor oft benutzt und niemals Angst vor Schiff offenbart. »Wohin werde ich reisen?« »Nicht wohin, sondern an welchen Zeitpunkt. Du wirst in etwas hineintreten, das ihr Menschen Zeit nennt.« Sie schloß daraus, daß Schiff ihr eine Holo-Aufzeichnung zeigen würde. »Eine Projektion? Was willst Du …« 172 »Keine solche Projektion. Bei diesem Erlebnis bist du die Projektion.«
»Ich … die …« »Es ist wichtig, daß die Schiffsmenschen von Yaisuah erfahren, der auch Jesus genannt wurde. Für diese Reise habe Ich dich ausgewählt.« Sie spürte ein enges Band um die Brust und war der Panik nahe. »Wie …« »Ich weiß, wie das geht, Hali Eckel, und du ebenfalls. Antworte Mir: Wie funktionieren deine Neuronen?« Jeder Med-Tech wußte das. Sie antwortete: »Ein geladenes Quantum Acetylcholin über die Synapsen, wo …« »Ein geladenes Quantum, jawohl. Eine Brücke, eine Abkürzung. Auch du benutzt andauernd Abkürzungen.« »Aber ich …« »Ich bin das Universum, Hali Eckel. Jeder Teil von Mir - jeder Teil in seiner Gesamtheit - ist das Universum. Alles das Meine einschließlich der Abkürzungen.« »Aber mein Körper … was …?« Sie stockte, befallen von einer unbeschreiblichen Angst um das kostbare Fleisch, das sie mit sich herumtrug. »Ich werde bei dir sein, Hali Eckel. Jene Matrix, die mit dir identisch ist, ist ebenfalls Teil des Universums und Mir. Du möchtest wissen, ob Ich deine Gedanken lese?« Schon die Vorstellung war sehr beunruhigend, ein Eindringen in ihr Innerstes. »Tust Du das?« »Eckel …« Welche Traurigkeit Schiff in ihren Namen legte! »Unsere Kräfte gehören ins gleiche Universum. Dein Gedanke ist Mein Gedanke. Wie könnte es anders sein, als daß Ich weiß, was du denkst?« Sie versuchte tief Atem zu holen. Die Worte Schiff s drehten sich 173 um Dinge, die außerhalb ihres Begreifens lagen, aber die Schiffsverehrung hatte sie gelehrt zu akzeptieren. »Gut.« »Bist du nun zum Reisen bereit?« Sie versuchte zu schlucken und spürte einen sehr trockenen Hals. Ihr Verstand suchte nach einem logischen Einwand gegen das Vorhaben Schiff s. Eine Projektion? Die Worte stellten etwas wenig Greifbares dar. Schiff sagte, sie würde die Projektion sein. Wie bedrohlich sich das anhörte! »Warum … warum muß ich durch die … Zeit reisen?«
»Durch?« In Schiff s Ton lag ein feiner Tadel. »Du bestehst darauf, dir die Zeit als linear und als Barriere vorzustellen. Das kommt der Wahrheit überhaupt nicht nahe, aber wenn es dich beruhigt, will Ich auf das Spielchen eingehen.« »Was ist … ich meine, wenn sie nicht linear ist …« »Stell dir die Zeit als linear vor, wenn du möchtest. Stell dir vor, sie wäre viele tausend Meter Computerband, abgewickelt und in dieses kleine Labor gestopft. Du könntest von einer Zeit in die andere vorstoßen, indem du - als Abkürzung - über die Schlingen und Faltungen hinweggreifst.« »Aber … ich meine, wenn man wirklich hinübersteigt, wie kehrt man dann zurück …« »Du gibst das Hier und Jetzt niemals auf.« Trotz der lähmenden Angst war ihr Interesse geweckt. »An zwei Orten zur gleichen Zeit?« »Die gesamte Zeit ist ein Ort, Eckel.« Ihr fiel auf, daß Schiff sie nicht mehr Hali nannte, was persönlich und beruhigend gewesen war; Schiff redete sie jetzt mit Eckel an. »Warum bin ich für Dich nur noch Eckel?« »Weil Ich erkenne, daß dies die Linie ist, auf der du dich siehst. 174 Ich tue es, um dir zu helfen.« »Aber wenn Du mich an einen anderen Ort bringst …« »Ich habe diesen Raum verschlossen, Eckel. Du wirst zwei Körper gleichzeitig haben, doch getrennt durch eine sehr lange Zeit und eine sehr große Entfernung.« »Werde ich beides merken und …« »Dir wird nur ein Fleisch bewußt sein, aber du wirst von beidem wissen.« »Nun gut. Was soll ich tun?« »Bleib auf der Laborcouch liegen und nimm die Tatsache als gegeben hin, daß Ich für dich zu einer anderen Zeit einen anderen Körper bereiten werde.« »Wird er …« »Wenn du tust, was Ich dir sage, tut es nicht weh. Du wirst verstehen, was an jenem anderen Ort gesprochen wird, und Ich gebe dir einen alten Körper, den einer alten Frau. Alte Körper sind nicht so bedrohlich für andere. Niemand kümmert sich um eine alte Frau.« Sie versuchte zu gehorchen, indem sie sich entspannte. Nimm es hin! Doch Fragen füllten ihren Kopf.
»Warum schickst Du mich …« »Um zuzuhören, Eckel. Du sollst beobachten und lernen. Und was immer du siehst, versuch dich nicht einzumischen. Das würde zu unnötigem Schmerz führen, vielleicht sogar bei dir selbst.« »Ich schaue also nur zu und …« »Du mischst dich nicht ein. Du wirst bald die Folgen sehen, die sich ergeben, wenn man die Zeit stört.« Ehe sie weitere Fragen stellen konnte, spürte sie ein Kribbeln im Hals, ein Schauder kroch ihr am Rückgrat hinab. Ihr Herz hämmerte gegen die Rippen. Von weit her tönte Schiff s Stimme. »Fertig, Eckel.« Es war ein 175 Befehl, keine Frage, doch sie antwortete, und ihre Stimme hallte ihr hohl durch den Schädel. »Jaaaaaa …« Seht ihr die Reflexe? Das Universum ist kein Spiegel für den Geist. Nichts dort draußen Nichts hier drinnen Zeigt uns selbst. Der Geist ist ein Spiegel des Universums. KERRO PANILLE Die Gesammelten Gedichte Waela TaoLini lag in ihrer bodenseitigen Kabine, erschöpft an Körper und Verstand, doch unfähig zu schlafen. Thomas kannte keine Gnade. Alles mußte so vollkommen sein, wie er verlangte. Er war ein Fanatiker. Sie hatten vierundzwanzig Stunden damit verbracht, die Einsatzroutine für das neue U-Boot durchzugehen. Thomas wollte nicht auf das Eintreffen des Dichters warten, der sich irgendwo im Getriebe der Abfertigung befand. Nein. Wir nutzen jeden Augenblick, den wir zur Verfügung haben. Sie versuchte tief einzuatmen. Der Schmerz saß wie ein Knoten hinter ihrem Brustbein. Sie fragte sich, wie Thomas zum Team gestoßen war. Wie konnte er von Schiff geschickt sein? Dinge, von denen er keine Ahnung hatte, Dinge, die Schiffsmenschen für selbstverständlich hielten, machten ihr zu schaff en. Beispielsweise der Vorfall mit dem Falten-Huscher. 176 Allerdings ist er ganz ruhig geblieben, das muß ich ihm zugestehen. Was sie wirklich überraschte, war seine Ahnungslosigkeit gegenüber dem Spiel.
Eine Menschenmenge hatte sich hinter dem LAL-Hanger zusammengefunden - Angehörige der dienstfreien Schichten, von denen die meisten ein Getränk genossen, das von den Schiffsmenschen Spinneretwein genannt wurde. »Was soll denn das?« Thomas deutete mit dem Klemmbrett auf die Gruppe. »Das ist das Spiel!« Erstaunt blickte sie ihn an. »Soll das heißen, Sie kennen das Spiel nicht?« »Was für ein Spiel? Ich sehe da nur einen Haufen Betrunkener, die sich vergnügen … komisch, in meiner Unterweisung war von alkoholischen Getränken nicht die Rede.« »Labor-Alkohol hat es immer gegeben«, antwortete sie, »und früher hatten wir auch Weinsorten und Branntwein. Offiziell können wir es uns aber nicht erlauben, dem Wein wertvolle Nahrungsmittel zu opfern. Doch irgendwo wird es irgendwie doch getan, und es gibt einen guten Markt dafür. Die Männer dort …« - mit einem Kopfnicken deutete sie auf die Gruppe - »haben dafür einen Teil ihrer Essenmarken geopfert.« »Sie tauschen also Nahrung gegen Wein, den herzustellen Nahrung kostet - vielleicht weniger Nahrung. Haben sie dazu nicht das Recht?« Er blickte sie aus zusammengekniffenen Augen an. »Ja, aber die Nahrungsmittel sind knapp. Diese Männer und Frauen leiden unter Hunger. An diesem Ort ist Hunger gleichbedeutend mit einer Verlangsamung der Reflexe, und wenn man an einem solchen Ort langsamer wird, hat man sein Leben verwirkt. Und vielleicht stirbt deswegen ein Unbeteiligter noch gleich mit.« »Spielen Sie denn mit?« fragte er leise. »Ja.« Ihre Haut schimmerte rot. »Wenn ich die Zeit erübrigen 177 kann.« Sie folgte Thomas, der auf die Gruppe zuschlenderte, zog ihn dann aber am Ärmel seines Einteilers. »Das ist nicht alles.« »Was denn noch?« »Man braucht eine gerade Anzahl von Spielern, Männer oder Frauen. Jeder erkauft sich seine Beteiligung mit einer bestimmten Anzahl Essensmarken. Man tut sich nach Belieben zu Paarungen zusammen, und jeder zieht einen Wihi-Stab aus einem Korb. Man vergleicht die Länge, und der längste Stab gewinnt die Runde. Der kurze Stab des Paars scheidet aus, und dann tun sich die Leute mit den längeren Stäben erneut zu zweit zusammen. Wieder wird gezogen, bis
schließlich nur noch ein Paar übrig ist. »Die Spieler erhöhen mit jeder Runde den Einsatz; wenn es also viele Teilnehmer gibt, kann das Spiel sehr teuer werden.« »Und das letzte Paar teilt sich die Marken?« »Nein, die beiden ziehen erneut. Wer dabei den längeren Stab zieht, gewinnt die Essensmarken.« »Das hört sich alles ziemlich langweilig an.« »Ja.« Sie zögerte und setzte hinzu: »Der Verlierer läuft um den Perimeter.« Sie sprach die Worte leichthin aus, tonlos, ohne mit der Wimper zu zucken. »Soll das heißen, der Verlierer läuft außen um … ?« Sein Daumen verharrte in der Luft über seiner Schulter. Sie nickte. »Und zwar nackt.« »Aber so etwas geht doch unmöglich … es sind mindestens zehn Kilometer, ungeschützt im Freien …« »Einige schaff en es.« »Aber warum? Doch nicht wegen der Essensmarken, so schlimm ist die Lage doch noch nicht, oder?« »Nein, nicht wegen der Marken. Es geht dabei um Begünsti178 gungen, Posten, Quartiere, Partner. Um die Aufregung. Um die Chance, sich mit einem Ruck aus einem langweiligen Leben zu erlösen. Im Grunde sind die langen Stäbe die Verlierer. Die Essensmarken sind nur ein Trostpreis. Der Gewinner darf um den Perimeter laufen.« Thomas atmete langsam aus. »Wie stehen die Chancen?« »Erfahrungsgemäß etwa wie der Rest des Spiels - fünfzig zu fünfzig. Die Hälfte schafft es nicht.« »Und so etwas ist legal?« Nun war es an ihr, ihn verwundert anzusehen. »Jeder hat das Recht auf seinen eigenen Körper.« Er wandte sich um und beobachtete die Menschen, die sich über dieses … dieses Spiel beugten. Die Leute hatten sich zu Paaren zusammengefunden, gezogen, sich erneut formiert und gezogen, und jetzt war nur noch ein Paar im Rennen. Diesmal ein Mann und eine Frau. Der Mann hatte keine Nase, doch in seiner Stirn pulsierten schrumpelige Schlitze mit einer Feuchtigkeit, die Thomas für seinen Atem hielt. Die Frau erinnerte
ihn vage an jemanden, den er früher einmal gekannt hatte. Die beiden zogen, und die Frau hatte den längeren Stab. Die Menge jubelte und half ihr beim Zusammenraffen ihres Gewinns. Sie stopfte sich die Marken in Kragen und Ärmel und Gürtel. Der Rest des Weins wurde herumgereicht, dann näherte sich die Gruppe dem Außenluk des Westviertels. »Er will dort wirklich hinaus?« Thomas folgte ihnen mit den Blicken. »Ist Ihnen seine rechte Augenbraue aufgefallen?« »Ja.« Er blickte zu ihr auf. »Es sah so aus, als hätte er noch zwei Augenbrauen darüber. Und die Nase …« 179 »Das waren Tätowierungen, Schmisse. Man bekommt so ein Ding, wenn man um den P. läuft.« »Dann wäre heute das dritte Mal …« »Genau. Und trotzdem stehen seine Chancen fünfzig zu fünfzig. Allerdings gibt es bodenseits einen Spruch: ›Gehst du einmal, hast du deinen Flirt mit dem Tode. Gehst du zweimal, lebst du zweimal. Gehst du beim drittenmal, geh für mich!‹« »Nett.« »Ein gutes Spiel.« »Haben Sie es je gespielt, TaoLini?« Sie schluckte, und ihre Haut verlor die Tönung. »Nein.« »Ein Freund?« Sie nickte. »Machen wir mit unserer Arbeit weiter«, sagte er und führte sie langsam wieder in den Hangar. Waela erinnerte sich an dieses Gespräch mit dem seltsamen Gefühl, daß ihr an Thomas‘ Reaktionen etwas entgangen war. Thomas ließ sich nicht einmal Zeit für die Schiffsverehrung. Widerstrebend erklärte er sich mit Ruhezeiten einverstanden, doch nur wenn sie vor Müdigkeit bereits Programme fallenließen oder Koordinaten vergaßen. Während einer dieser Pausen hatte er ein seltsames Gespräch mit ihr angefangen, das die Ursache für ihre derzeitige Schlaflosigkeit war. Was wollte er mir sagen? Sie hatten in der Plaskuppel gesessen, die ihnen in den Tiefen des Meeres Schutz geben würde. Im äußeren Bereich waren auf allen Seiten die Arbeiter am Werk. Sie und Thomas saßen hier so dicht
nebeneinander, daß sie sich einen besonderen Rhythmus angewöhnen mußten, um nicht immer wieder mit den Ellbogen zusammenzustoßen. Dreimal hintereinander hatte Waela die rich180 tige Schaltfolge für das Tauchen verfehlt. »Ruhen Sie sich aus.« In seiner Stimme schwang eine Anklage mit, doch sie ließ sich in die schützenden Konturen ihres Sessels zurücksinken, dankbar für jede Erleichterung, dankbar sogar für die federnde Rüstung, die ihren Körper schützte und die Muskeln schonte. Gleich darauf drang ihr Thomas‘ Stimme ins Bewußtsein. »Es war einmal ein vierzehnjähriges Mädchen, das auf der Erde lebte, auf einer Hühnerfarm.« Ich habe auf einer Hühnerfarm gelebt, dachte Waela und setzte hinzu: Er redet ja über mich! Sie öffnete die Augen. »Sie haben also in meinen Unterlagen nachgeschaut.« »Das gehört zu meinen Pflichten.« Ein vierzehnjähriges Mädchen auf einer Hühnerfarm. Seine Pflicht? Sie dachte über das Mädchen nach, das sie einmal gewesen war - das Kind von Emigranten, die hart hatten arbeiten müssen. Technobauern. Gallische Mittelklasse. Davon habe ich mich losgesagt. Nein … wenn sie ehrlich war, mußte sie zugeben, daß sie fortgelaufen war. Eine Sonne, die zur Nova zu werden drohte, bedeutete einem vierzehnjährigen Mädchen nicht viel, ein Mädchen, dessen Körper viel früher herangereift war als der ihrer Altersgenossinnen. Ich bin fortgelaufen zu Schiff . Schon oft hatte sie solche Selbstgespräche geführt. Waela schloß die Augen. Es war, als säßen zwei verschiedene Leute in ihrem Bewußtsein. Die eine Person nannte sie »Flüchtling«, die andere »Ehrlichkeit.« Der Flüchtling hatte sich gegen das Leben als Schiffsmensch ausgesprochen und lehnte sich gegen die bodenseitigen Gefahren auf. 181 Flüchtling fragte: »Warum bin ich überhaupt für dieses verdammt riskante Leben ausgesucht worden?« Ehrlichkeit antwortete: »Soweit ich mich erinnere, hast du dich freiwillig gemeldet.«
»Dann muß ich vorübergehend den Verstand verloren haben. Was kann ich mir dabei nur gedacht haben?« »Was weißt du über die Hölle?« fragte Ehrlichkeit. »Nun ja, ich muß die Hölle kennen, ehe ich das Paradies richtig verstehen kann. Predigt das nicht der Psy-Ge?« »Wie üblich hast du die Dinge verdreht.« »Du weißt doch, warum ich mich freiwillig gemeldet habe, verdammt!« Die Stimme Flüchtlings klang gepreßt-weinerlich. »Ja - weil er gestorben ist. Zehn Jahre mit ihm, und dann -Peng!« »Er ist gestorben! Mehr hast du darüber nicht zu sagen: ›Er ist gestorben‹?« »Was sollte ich sonst sagen?« Ehrlichkeits Stimme klang tonlos, sicher. »Du bist ja so schlimm wie der Psy-Ge. Immer antwortest du nur mit Fragen. Womit hätte Jim das verdient?« »Er suchte neue Grenzen und fand sie, als er um den P lief.« »Aber warum spricht Schiff oder der Psy-Ge niemals darüber?« »Über den Tod?« Ehrlichkeit schwieg einen Augenblick lang. »Was gibt es da zu sagen? Jim ist tot, und du lebst, und das ist viel wichtiger.« »Ach? Manchmal weiß ich nicht recht … weiß ich nicht, was aus mir werden wird.« »Du lebst, bis du stirbst.« »Aber was wird passieren?« Wieder schwieg Ehrlichkeit, was gar nicht typisch für sie war, 182 und sagte dann: »Man kämpft, um zu leben.« Waela, Waela, wachen Sie auf! Es war Thomas‘ Stimme. Sie öffnete die Augen, neigte den Kopf gegen die Sitzlehne und betrachtete ihn. Das Plas über ihm war voller Lichtspiegelungen, und das Hämmern von Arbeitern dröhnte draußen durch den Hangar. Ihr fiel auf, daß Thomas ebenfalls müde aussah, aber gegen die Schwäche ankämpfte. »Ich habe Ihnen eben eine Geschichte über die Erde erzählt«, sagte er. »Warum?« »Weil es mir wichtig ist. Jenes vierzehnjährige Mädchen hatte viele Träume. Haben Sie noch immer Träume über ihr Leben?« Ihre Haut begann zu glühen vor Nervosität. Kann er Gedanken lesen?
»Träume?« Sie schloß die Augen und seufzte. »Was kann ich mit Träumen anfangen? Ich habe meine Arbeit.« »Genügt das?« »Genügt?« Sie lachte. »Darum mache ich mir keine Sorgen. Schiff schickt mir meinen Prinzen herab, haben Sie das nicht vergessen?« »Lästern Sie nicht!« »Ich lästere nicht - das tun Sie vielmehr. Warum muß ich diesen armen dummen Dichter verführen, wenn …« »Darüber wollen wir uns nicht noch einmal streiten. Gehen Sie jetzt. Leise. Keine Einwände mehr. Verlassen Sie das Projekt. Unauffällig. Aber keine weiteren Auseinandersetzungen.« »Ich werfe nicht so einfach das Handtuch!« »Das habe ich bemerkt.« »Warum haben Sie sich meine Unterlagen angesehen?« »Ich wollte jenes Mädchen einfangen. Wenn sie schon nicht mit Träumen anfangen will, kommt sie vielleicht mit Träumern weiter. 183 Ich möchte ihr sagen, was aus jenen Träumen geworden ist.« »Nun, und was ist daraus geworden?« »Sie hat sie noch immer; sie wird sie immer haben.« Ihr sprecht von Göttern. Nun gut. Avata beherrscht jetzt diese Sprache. Avata meint, Bewußtheit ist das Geschenk des Art-Gottes an das Individuum. Gewissen ist das Geschenk des IndividuumGottes an die Art. Im Gewissen findet man die Struktur, die Form der Bewußtheit, die Schönheit. KERRO PANILLE Übersetzungen der Avata Hali spürte kein Verstreichen von Zeit, doch als die Echos ihrer Stimme aufhörten, durch ihr Bewußtsein zu hallen, stellte sie fest, daß sie sich selbst betrachtete. Noch immer fühlte sie das winzige Lehrlabor, das Schiff ihr hinter dem Terminal in der Dokumentation offenbart hatte. Und in diesem Labor befand sich ihr eigenes Fleisch. Ihr Körper lag ausgestreckt auf der gelben Couch, und sie starrte darauf hinab, ohne zu wissen, wie das geschah. Licht füllte das Labor, wurde von jeder Oberfläche zurückgeworfen. Verblüfft registrierte sie, wie sehr sie sich von dem Spiegelbild unterschied, das sie ihr ganzes Leben lang gekannt hatte. Das glatte gelbe Material der Couch betonte ihre braune Haut. Sie meinte, das helle Licht müsse sie eigentlich blenden, doch sie spürte kein Unbehagen. Ein dunkles Muttermal befand sich unterhalb ihres linken Ohrs, wo das kurzgeschnittene schwarze Haar endete. Ihr Nasenring spiegelte
sich im Licht und leuchtete auf ihrer Haut. Ihr Körper war in eine seltsame Aura gehüllt. 184 Sie wollte sprechen und fragte sich einen panikerfüllten Augenblick lang, wie das möglich sein sollte. Es war, als kämpfe sie darum, in ihren Körper zurückzukehren. Plötzlich erfüllte sie eine große Ruhe, und sie hörte Schiff s Stimme. »Ich bin hier, Eckel.« »Ist das wie Hibernation?« Sie spürte nicht, daß sie sprach, hörte aber ihre Stimme. »Weitaus schwieriger, Eckel. Ich zeige dir diese Szene, weil du dich daran erinnern mußt.« »Ich werde mich daran erinnern.« Abrupt begann sie in eine Dunkelheit zu stürzen, ein langsamer Fall. Und in vorderster Front ihres Bewußtseins loderte Schiff s Versprechen, ihr für diese Erfahrung einen anderen Körper zur Verfügung zu stellen. Den Körper einer alten Frau. Wie wird sich das anfühlen? Außer dem Tunnel gab es keine Antwort. Es war ein langer, warmer Tunnel, und am beunruhigendsten war, daß er keinen Herzschlag enthielt, keinerlei Pulsschlag. Doch in einiger Distanz machte sich ein vager Lichtschimmer bemerkbar, und jenseits des Lichts vermochte sie einen Hügel auszumachen. Schiffseits aufgewachsen, erkannte sie Korridore, ohne darüber nachzudenken, doch als sie durch die ovale Grelle drang, war es wie ein Schock festzustellen, daß sie sich in einer Zone ohne einengende Wärme befand. Allerdings spürte sie jetzt einen Puls. Er lief durch ihre Brüste. Sie legte eine Hand darauf, spürte rauhen Stoff und senkte den Blick. Die Hand war dunkel, alt und faltig. Das ist nicht meine Hand! Sie blickte sich um. Ringsum erstreckte sich ein Hang. Sie spürte, wie verletzlich sie in ihrem Hiersein war. Es herrschte Sonnenschein, ein goldener Glanz, der sich auf diesem Körper sehr 185 angenehm anfühlte. Sie betrachtete ihre Füße, ihre Arme: ein alter Körper. Und in einiger Entfernung waren andere Leute. Schiff meldete sich in ihrem Kopf: »Es wird einen Moment dauern, bis du dich an diesen Körper gewöhnt hast. Du darfst nichts überstürzen.« Ja - sie spürte, wie die Erkenntnis durch zögernde Nervenstränge
auswärts wanderte. Sandalen bedeckten ihre Füße; sie spürte die Riemen. Sie ahnte unebenes Gelände, als sie zwei schlurfende Schritte zu machen versuchte. Stoff streifte ihr gegen die Fußgelenke - der primitiv gewobene Stoff eines sackförmigen Kleidungsstücks. Sie spürte das Scheuern an den Schultern bei jeder Bewegung; es war das einzige Kleidungsstück, das sie bedeckte … nein. Sie trug einen Stoff streifen ins Haar gebunden. Sie hob die Arme und faßte danach; gleichzeitig drehte sie sich um und blickte talwärts. Dort hatte sich eine Menschenmenge versammelt, es mußten mehrere hundert Menschen sein, vielleicht sogar dreihundert. Sie wußte es nicht genau. Sie überlegte, ob der Körper womöglich gelaufen war, ehe sie ihren Platz darin einnahm. Das Atmen fiel ihr schwer. Der Geruch nach kaltem Schweiß machte ihr zu schaff en. Jetzt hörte sie die Menge: ein tierisches Murmeln. Langsam bewegte sich die Menge den Hang herauf in ihre Richtung. Die Menschen umringten einen Mann, der ein Gebilde über der Schulter trug, eine Art Balken. Als der Mann näher kam, entdeckte sie Blut auf seinem Gesicht und ein seltsames Band um seine Stirn … es sah wie ein stacheliges Schweißband aus. Der Mann schien verprügelt worden zu sein; durch seine zerfetzte graue Robe machte sie Prellungen und Schnittwunden aus. Der Mann war noch ein gutes Stück entfernt, als er stolperte und mit dem Gesicht nach unten in den Staub fiel. Eine Frau in einer 186 verblaßten blauen Robe eilte herbei, um ihm zu helfen, wurde aber von zwei jungen Männern mit Schlägen zurückgetrieben; sie trugen Helme mit hohen Kämmen und eiserne Brustpanzer, die im Licht schimmerten. Zahlreiche ähnlich gekleidete Männer marschierten in der Menge mit. Zwei traten nach dem Gefallenen und versuchten ihn mit ihren Stöcken wieder anzutreiben. Rüstungen, dachte sie in der Erinnerung an die Geschichts-Holos, die sie gesehen hatte. Sie tragen Rüstungen. Der Gedanke an die gewaltige Zeitspanne zwischen diesem Moment und ihrem schiffseitigen Leben drohte sie zu überwältigen. Schiff ? Bleib ruhig, Eckel! Bleib ruhig! Sie zwang die alten, schmerzenden Lungen dazu, mehrere tiefe Atemzüge zu machen. Sie sah nun auch, daß die Männer in den Rüstungen dunkle Röcke trugen, die bis zu den Knien hinabreichten … an den Füßen schwere Sandalen und über den Schienbeinen
eiserne Schienen. Jeder führte ein kurzes Schwert in einer Schulterscheide mit, dessen Griff neben dem Kopf emporragte. Sie benutzten lange Stäbe, um die Menge in Schach zu halten … Nein, berichtigte sie sich. Sie benutzten Speere, mit deren anderem Ende sie auf die Leute einschlugen, um sie zurückzutreiben. Die Zuschauer liefen nun durcheinander und verdeckten den Blick auf die gestürzte Gestalt. Es gab lautes Geschrei und Wehklagen eine Auseinandersetzung, die sie nicht verstand. Jemand rief: »Laßt ihn aufstehen! Bitte, laßt ihn aufstehen!« Andere riefen: »Schlagt ihn tot! Schlagt ihm den Schädel ein!« Und eine schrille Stimme erhob sich über alle anderen: »Steinigt ihn! Steinigt ihn! Er schafft es sowieso nicht zum Gipfel!« Eine Reihe von Männern in Rüstungen drängte die Menge zurück. Dabei blieb neben dem Gestürzten ein dunkelhaariger Mann stehen. Er blickte sich um, offensichtlich hatte er Angst. 187 Er wich nach einer Seite aus und versuchte zu fliehen, doch zwei Wächter schnitten ihm den Weg ab und hieben mit den Schäften ihrer Speere nach ihm. Ihnen ausweichend, kehrte er an die Seite des Gestürzten zurück. Einer der Soldaten fuchtelte mit der Spitze seines Speeres und brüllte dem Dunkelhaarigen etwas zu, das Hali nicht verstehen konnte. Aber der Dunkelhaarige bückte sich und befreite den gestürzten Mann von der Last des Balkens. Was geschieht hier? Beobachte und mische dich nicht ein! Ganz in der Nähe hatte eine Gruppe Frauen Klagegesänge angestimmt. Der gestürzte Mann hatte sich wieder aufgerichtet und ging neben dem Dunkelhaarigen her, der nun den Balken schleppte, und die ganze Prozession bewegte sich den Hang herauf auf Hali zu. Sie verfolgte die Geschehnisse aufmerksam, nach Hinweisen suchend, die ihr verrieten, was sich hier abspielte. Offensichtlich war es etwas Schmerzhaftes. Hatte dieses Ereignis eine große Bedeutung? Warum bestand Schiff darauf, daß sie die Szene mitbekam? Die Menge kam näher. Der mißhandelte Mann torkelte neben dem anderen her und blieb schließlich neben den jammernden Frauen stehen. Hali sah, daß er kaum noch zu stehen vermochte. Eine der Frauen drängte sich durch die Kette der Soldaten und wischte dem Verwundeten mit einem grauen Tuch über das blutige Gesicht. Er
hustete krampfhaft, wobei er sich die linke Seite hielt und schmerzhaft das Gesicht verzog. Halis Ausbildung als Med-Tech trat plötzlich in den Vordergrund ihres Denkens. Der Mann war schwer verwundet - zumindest hatte er gebrochene Rippen und vielleicht sogar eine beschädigte Lunge. Sie wollte zu ihm laufen, wollte ihr Können einsetzen, um seine Schmerzen zu lindern. 188 Misch dich nicht ein! Schiff s Gegenwart war förmlich greifbar, wie eine Mauer zwischen ihr und dem Verwundeten. Bleib ruhig, Eckel! Schiff füllte ihren Verstand. Sie ballte die Hände zu Fäusten und atmete mehrmals keuchend ein. Auf diese Weise kam ihr plötzlich der Geruch der Menschenmenge zu Bewußtsein. Das widerlichste Sinneserlebnis, an das sie sich erinnern konnte. Die Menge stank vor Ungewaschenheit. Wie konnten diese Menschen die Dinge überleben, die ihre Nase ihnen meldete? Da hörte sie den Verletzten sprechen. Seine Stimme klang weich, seine Worte galten den Frauen, die sofort schwiegen. »Weinet nicht über mich, sondern weinet über euch selbst und über eure Kinder.« Hali verstand ihn deutlich. Welch Zärtlichkeit in seiner Stimme! Einer der Uniformierten versetzte dem Verwundeten mit dem Speerschaft einen Hieb in den Rücken und zwang ihn, sich torkelnd weiter bergauf zu bewegen. Die Gruppe kam näher. Der Dunkelhaarige schleppte den Balken. Was sollte das alles? Der Verwundete starrte auf die Gruppe der Frauen, die wieder zu jammern begonnen hatten. Seine Stimme klang durchdringender und kräftiger, als Hali es für möglich gehalten hätte. »Denn so man das tut am grünen Holz, was will am dürren werden?« Als der Verwundete sich umdrehte, blickte er Hali voll ins Gesicht. Noch immer hielt er sich die Seite, und sie bemerkte auf seinen Lippen den typischen roten Schaum einer Lungenverletzung. 189 Schiff ! Was tut man ihm an? Beobachte! Der Verwundete sagte: »Du bist weit gereist, um dies zu sehen.«
Schiff störte sie in ihrem Schock: »Er spricht zu dir, Eckel. Du kannst ihm antworten.« Der von der Menschenmenge aufgewirbelte Staub hüllte sie ein, und sie würgte ein wenig daran, ehe sie sprechen konnte, dann brachte sie heraus: »Woher … woher weißt du, wie weit ich gereist bin?« Aus ihrem Mund tönte die brüchige Stimme einer alten Frau. »Du bleibst mir nicht verborgen«, sagte der Verwundete. Einer der Soldaten lachte sie an und ließ seinen Speer in ihre Richtung zucken. Es war eine beinahe spielerische Bewegung. »Fort mit dir, alte Frau! Du magst ja weit gereist sein, doch ich kann dich auf eine weitere Reise schicken.« Seine Kameraden lachten laut über diesen Scherz. Hali erinnerte sich an die beruhigenden Worte Schiff s: Niemand schert sich um eine alte Frau. Der Verwundete rief ihr zu: »Sag ihnen, was geschehen ist!« Im nächsten Augenblick ging sie in den zornigen Rufen der Menge und den übelriechenden Staubwolken unter; beinahe wäre sie erstickt, so schwer fiel ihr das Atmen. Krampfhaft mußte sie husten, und es dauerte eine Weile, bis sie wieder zu sich kam. Dann drehte sie sich um und starrte hinter der Menge her. Ein lautloser Schrei entrang sich ihr. Auf der Hügelkuppe hinter der Menge hingen zwei Männer an Holzkonstruktionen mit Querstreben ähnlich dem Gebilde, das der Verwundete geschleppt hatte. Eine Lücke in der Menge gab noch einmal kurz den Blick frei auf den Verwundeten, der sich zu ihr umdrehte und rief: »Wenn überhaupt jemand Gottes Wille versteht, dann du!« 190 Und wieder verschluckte ihn die durcheinanderlaufende Menschenmenge. Gottes Wille? Eine Hand berührte sie am Arm; sie zuckte furchterfüllt zurück und fuhr herum. Neben ihr stand ein junger Mann in einem langen braunen Gewand. Sein Atem roch unsäglich widerlich. Und seine Stimme war ein salbungsvolles Jammern. »Er sagt, du kommst von weit her, Mutter«, sagte der Übelriechende. »Kennst du ihn?« Der Ausdruck in seinen Augen brachte ihr die Verwundbarkeit des alten Fleisches zu Bewußtsein, in dem ihr Geist weilte. Der Fremde war gefährlich … sehr gefährlich. Der Ausdruck seiner Augen erinnerte sie an Oakes. Er war fähig, großen Schmerz zu
verursachen. »Du solltest mir lieber antworten«, sagte er, und in seiner Stimme lag ein giftiger Unterton. Ihr nennt Avata »Glühwürmchen in der Nacht des Meeres«. Avata zweifelt an solchen Worten, denn Avata sieht die Landschaft eures Geistes. Avata bewegt sich nur mit Mühe durch eure Landschaft. Sie bewegt und verdreht und verändert sich im Durchschreiten. Aber nicht zum erstenmal geht Avata solche Wege. Avata ist ein Erkunder solcher Landschaften. Durch eure Phantome wird Avata gelenkt. In der Bewegung finden wir zusammen. Was ist dieses Etwas, das ihr »das natürliche Universum« nennt? Ist es etwas, das ihr eurem Gott genommen habt? Ahhh, ihr habt eure Teile voneinander getrennt, um das Einzigartige zu schaffen. Für eure Schöpfun191 gen braucht ihr diese Trennung nicht. Das fließende Ausweichen eurer Landschaft ist eure Stärke. Die Muster … ahh, die Muster! Aus euch selbst kommen die Kräfte, die den Weg jedes Gedankens bestimmen. Warum beschränkt ihr euer Denken auf eine winzige, starre Landschaft? Ihr seht einen Unterschied zwischen Ausmaß und Vorbereitung eurer Landschaft. Ihr bereitet euch ständig vor, etwa mit den Worten: »Ich werde mich jetzt äußern zu …« Aber das beschränkt das, was ihr sagen wollt, und fordert euren Zuhörer auf, diese Grenzen zu akzeptieren. All dieses Bemessen und Beschränken geht auf ein gemeinschaftliches System in einer einfachen, linearen Landschaft zurück. Seht euch um, Menschen! Wo finden eure Sinne solche Einfachheit? Ergibt ein zweiter Blick auf die Landschaft dasselbe Bild wie der erste? Warum ist euer Wille so unbeugsam? In allen Symbolsystemen besteht eine magische Affinität zwischen Objekt und Abbild, zwischen Wesenheit und Symbol. Dies ist das Fundament der Sprache. Das Wort für Ding oder Gegenstand ist in den meisten Sprachen mit dem Wort für sagen oder sprechen verwandt, die ihre Wurzeln ihrerseits in der Magie finden. KERRO PANILLE Gesang vor der Avata Stumm vor Verblüffung starrte Oakes auf Jesus Lewis, der am Eingangsluk zur Kabine des Psy-Ge stehengeblieben war. Von irgendwoher tönte ein leises Summen. Oakes erkannte, daß er den Holofokus laufen hatte, der ihm Agrarium D-9 zeigte. Ja … 192
dort draußen war im Augenblick volle Tagseite. Er schlug auf den Unterbrecherknopf. Lewis machte einen weiteren Schritt vorwärts. Er atmete schwer. Sein dünnes strohfarbenes Haar war ungekämmt. Seine dunklen Augen bewegten sich nach links und rechts und suchten den Raum ab. Es war eine Bewegung, die Oakes als charakteristisch ansah für Bodenseitige. Über einer Wunde an Lewis‘ schmalem, eingekerbtem Kinn saß ein Stück Pseudofleisch, ein zweites über der Wurzel seiner spitzen Nase. Der dünne Mund war zu einem ironischen Lächeln verzogen. »Was ist mit dir passiert?« »Klone …« Ein tiefer Atemzug. »Revolte.« »In der Redoute?« Ein unangenehmer Stich der Angst. »Alles in Ordnung.« Lewis humpelte durch den Raum und ließ sich auf einen Diwan sinken. »Hast du was von deinem besonderen Freudensaft greifbar? In der Redoute haben wir jeden Tropfen verloren.« Oakes begab sich hastig zu einem verdeckten Schrank, nahm eine Flasche seltenen pandorischen Weins heraus, öffnete sie und reichte sie Lewis. Lewis setzte die Flasche an den Mund und trank vier große Schlucke, ohne Oakes dabei aus den Augen zu lassen. Der arme alte Psy-Ge schien in schlimmer Verfassung zu sein. Er hatte dunkle Ringe unter den Augen. Pech für ihn. Oakes begrüßte die Unterbrechung als Gelegenheit, seine Gedanken zu ordnen. Er hatte nichts dagegen, Lewis zu bedienen, und die persönliche Sorge, die darin zum Ausdruck kam, würde ihre Wirkung nicht verfehlen. Offensichtlich war in der Redoute etwas Schlimmes vorgefallen. Oakes wartete, bis Lewis die Flasche abgesetzt hatte, dann fragte er: »Sie haben einen Aufstand gemacht?« 193 »Die Fehlentwicklungen aus dem Schrei-Raum, die Verwundeten und die anderen, die wir nicht mehr mit durchschleppen konnten. Die Nahrungsmittel werden wirklich knapp. Ich habe sie alle nach draußen verfrachtet.« Oakes nickte. Klone, die aus der Redoute vertrieben wurden, hatten natürlich keine Chance des Überlebens. Eine schnelle und wirksame Beseitigung durch Pandoras Dämonen … es sei denn, sie hatten das Pech, auf Nervenläufer oder Spinnerets zu stoßen. Unangenehme Sache.
Lewis genehmigte sich noch einen Schluck aus der Flasche. »Wir wußten nicht, daß die Nervenläufer in das Gebiet vorgedrungen waren.« Oakes erschauderte. Für ihn stellten Nervenläufer den schlimmsten pandorischen Schrecken dar. Er konnte sich vorstellen, wie sich die zuckenden fadengleichen Wesen an sein Fleisch klammerten, seine Nerven zerstörend, seine Augen zerfressend, sich gierig zum Gehirn vorarbeitend. Die langen und entsetzlichen Qualen eines solchen Angriff s waren bodenseits allgemein bekannt und hatten sich natürlich auch im Schiff herumgesprochen. Alle pandorischen Lebewesen fürchteten die Nervenläufer - womöglich mit Ausnahme des Tangs. Der Tang schien immun zu sein. Als er seine Stimme wieder unter Kontrolle hatte, fragte Oakes: »Was ist denn passiert?« »Als wir sie hinausdrängten, machten die Klone wie üblich Arger. Sie wissen natürlich, wie es draußen aussieht. Wahrscheinlich haben wir nicht so gut aufgepaßt, wie es nötig gewesen wäre. Plötzlich schrien sie: ›Nervenläufer!‹« »Da haben deine Leute natürlich alles dichtgemacht.« »Alles wurde abgeschottet, während wir das Geschwür zu finden versuchten.« »Und?« 194 Lewis starrte auf die Flasche in seiner Hand und atmete tief ein. Oakes wartete. Nervenläufer waren schreckliche Wesen; sie brauchten drei oder vier Stunden, um zu tun, was andere Dämonen in wenigen Lidschlägen erreichten. Allerdings mit demselben Ergebnis. Lewis seufzte und sprach noch einmal dem Wein zu. Er schien sich inzwischen beruhigt zu haben, als überzeuge ihn Oakes‘ Gegenwart davon, daß er nun endgültig in Sicherheit sei. »Sie haben die Redoute angegriffen«, sagte Lewis. »Die Nervenläufer?« »Die Klone.« »Sie haben angegriffen? Aber mit welchen Waffen …« »Mit Steinen, mit den eigenen Körpern. Einige konnten den Abwasserregulator zerstören, ehe wir sie aufzuhalten vermochten. Auf diesem Weg drangen zwei Klone in die Redoute ein. Und sie waren bereits verseucht.« »Nervenläufer in der Redoute?« Oakes starrte Lewis entsetzt an. »Und was habt ihr getan?«
»Es gab ein wildes Durcheinander. Unsere Säuberungs-Mannschaft, vor allem E-Klone, schloß sich im Aquakultur-Labor ein, aber da waren die Läufer längst in den Wasserleitungen. Das Labor sieht fürchterlich aus. Dort gibt es keine Überlebenden. Ich konnte mich mit fünfzehn Helfern in einem Kommandoraum einschließen. Wir waren sauber.« »Wie viele haben wir verloren?« »Die meisten unserer regulären Leute.« »Klone?« »Fast alle.« Oakes verzog das Gesicht. »Warum hast du nicht Meldung gemacht und um Hilfe gebeten?« 195 Er klopfte auf den Kapselsender in seinem Nacken. Lewis schüttelte den Kopf. »Das habe ich ja versucht. Aber ich bekam nur statisches Rauschen herein oder hörte gar nichts, dann versuchte jemand anders mit mir zu sprechen, versuchte mir Bilder in den Kopf zu zaubern.« Bilder in seinen Kopf! Eine gute Beschreibung dessen, was auch Oakes erlebt hatte. Sein geheimer kleiner Kommunikationsweg zu Lewis war aufgedeckt worden. Aber von wem? Er stellte diese Frage. Lewis zuckte die Achseln. »Das versuche ich noch immer herauszufinden.« Oakes legte entsetzt eine Hand vor den Mund. Das Schiff ? Ja, das verdammte Schiff mischte sich ein! Er wagte es allerdings nicht, diesen Verdacht off en auszusprechen. Das Schiff hatte überall Augen und Ohren. Auch plagten ihn andere Ängste. Ein Nervenläufer-Geschwür mußte mit Feuer bekämpft werden. Er stellte sich die Redoute als ein Durcheinander verbrannter Überreste vor. »Aber die Redoute ist intakt?« »Sauber. Sterilisiert, außerdem haben wir eine neue Erkenntnis gewonnen.« Wieder hob Lewis die Flasche und grinste dann Oakes an. Er genoß die Spannung, die sich auf dem Gesicht des Psy-Ge abzeichnete. Der Psy-Ge vermochte keine Regung vor ihm zu verbergen. »Wie?« Oakes versuchte seine Ungeduld nicht zu verbergen. »Chlor und stark verchlortes Wasser.«
»Chlor? Chlor ist tödlich für Nervenläufer?« »Ich hab‘s mit eigenen Augen gesehen.« »So einfach ist das? So einfach?« Oakes dachte an all die Jahre der Angst vor diesen winzigen Dämonen. »Gechlortes Wasser?« 196 »Stark gechlort, ungenießbar. Aber die Läufer lösen sich darin auf. Als Flüssigkeit oder Gas dringt es auch in die unzugänglichsten Ecken vor und vernichtet die Scheusale restlos. Die Redoute stinkt zwar, aber sie ist sauber.« »Bist du sicher?« »Ich bin hier.« Lewis klopfte sich vor die Brust und trank wieder einen Schluck. Oakes reagierte irgendwie seltsam, und das machte ihm zu schaff en. Lewis stellte die Weinflasche fort und dachte an den Bericht, den er auf dem schiffseitigen Fährflug gelesen hatte. Legata in den Schrei-Raum! Gab es denn nichts, wozu dieser alte Schweinehund nicht fähig war? Hoffentlich nicht. Denn so konnte man Oakes im Griff behalten - durch seine Exzesse. »Du bist hier, das stimmt«, sagte Oakes. »Wie hast du … ich meine, wie hast du festgestellt …« »Im Kontrollraum hatten wir natürlich alle Möglichkeiten. Wir haben geflutet, mit allem, was wir finden konnten …« »Aber wie seid ihr auf Chlor gekommen?« »Wir haben es mit Salzwasser versucht. Es gab einen Kurzschluß, eine weitreichende elektrolytische Reaktion im Wasser, und daraus ergab sich Chlor. Ich saß gerade an den Sensoren und sah, wie das Chlor ein paar Läufer tötete.« »Bist du sicher?« »Ich hab‘s mit eigenen Augen gesehen. Sie schrumpften und starben.« Oakes begann klarzusehen. Die Kolonie hatte Chlor und Nervenläufer nie in Zusammenhang gebracht. Die meisten schiffsseitigen Ätzmittel nützen bodenseits kaum etwas. Trinkwasser wurde durch Filter und Schnellhitze auf Laseröfen erzeugt. Das war die billigste Methode. Feuer war ein wirksames Mittel gegen Nervenläufer. Und so hatte die Kolonie stets Feuer benutzt. Ihm fiel etwas anderes ein. 197 »Die Überlebenden … wie …?« »Es wurden nur die gerettet, die sich vor der Ausbreitung der Infektion in einem abgekapselten Raum befanden. Alles andere
haben wir mit Chlorgas und stark gechlortem Wasser gesäubert.« Oakes stellte sich vor, wie das Gas Menschen und Läufer tötete, das ätzende Wasser, wie es Fleisch zersetzte … Er schüttelte den Kopf, um solche Gedanken loszuwerden. »Bist du ganz sicher, daß die Redoute gesäubert ist?« Lewis starrte zu ihm empor. Die kostbare Redoute! Nichts war wichtiger. »Ich fliege tagseits zurück.« Zu spät erkannte Oakes, daß er mehr menschliches Mitgefühl hätte zeigen müssen. »Du bist ja verwundet, mein lieber Freund!« »Nichts Schlimmes. Aber ab sofort muß von uns beiden ständig einer in der Redoute sein.« »Warum?« »Die Säuberungsaktion war ziemlich blutig, und das führt zu Problemen.« »Was für Probleme?« »Die überlebenden Klone, sogar einige von unseren Leuten … nun ja, du kannst dir vorstellen, wie ich durchgreifen mußte. Es gab Verluste, die sich nicht vermeiden ließen. Einige überlebende Klone und ein paar von den weniger Vernünftigen unter unseren Leuten haben …« Er zuckte die Achseln. »Haben was? Erklär mir das!« »Wir mußten uns mit mehreren Eingaben der Klone abgeben, und ein paar von unseren Leuten haben sogar Mitgefühl gezeigt. Ich lasse mich unten von Murdoch vertreten, während ich dir hier Bericht erstatte.« »Klone? Eingaben? Wie reagierst du darauf?« »So wie ich auf das Nahrungsmittelproblem reagiert habe.« 198 Oakes runzelte die Stirn. »Und … die Sympathisanten?« Wieder zuckte Lewis die Achseln. »Als wir die Zone rings um die Redoute sterilisierten, kehrten die anderen Dämonen zurück. Sie bieten so manche schnelle und wirksame Methode, unsere Probleme zu lösen.« Oakes faßte sich an die Narbe des Kapselsenders in seinem Nackenmuskel. »Aber wann … das heißt, warum hast du nicht jemanden hochgeschickt, der …« »Wir sind geblieben, bis wir sicher sein konnten, daß wir auch sauber waren.« »Ja … ja natürlich. Das begreife ich. Mutig von euch.«
»Du kannst dir vorstellen, was passieren würde, wenn sich die Sache herumspricht?« »Da hast du natürlich recht.« Oakes überdachte Lewis‘ Worte. Wie üblich hatte Lewis die richtigen Entscheidungen getroffen. Hart, aber wirksam. »Ja, und was höre ich da über Legata?« fragte Lewis. Oakes zeigte sich entrüstet. »Du hast kein Recht, meine Anordnungen in Frage zu stellen, soweit sie …« »Ach, beruhige dich doch! Du willst sie in den Schrei-Raum schicken. Ich wollte nur wissen, ob wir Anstalten machen, Legata zu ersetzen.« »Legata … ersetzen? Ich glaube nicht.« »Laß mich früh genug wissen, wenn du einen Ersatz brauchst.« Oakes‘ Zorn hatte sich noch nicht gelegt. »Mir fällt auf, daß du mit lebendigem Material nicht gerade sparsam umgegangen bist.« »Weißt du einen anderen Weg, wie ich die Lage hätte meistern können?« Oakes schüttelte den Kopf. »Ich wollte dir nicht zu nahe 199 treten.« »Ich weiß. Aber das ist der Grund, warum ich solche Dinge erst melde, wenn du mich dazu aufforderst oder wenn ich keine andere Wahl mehr habe.« Dieser Ton gefiel Oakes nicht, doch im gleichen Moment fiel ihm etwas anderes ein. »Einer von uns muß sich ständig in der Redoute aufhalten? Was ist mit … ich meine, mit der Kolonie?« »Du wirst deine Geschäfte hier abwickeln und bodenseits kommen müssen, um die Kolonie zu leiten. Das ist die einzige Möglichkeit. Du kannst Legata als Verbindungsperson zum Schiff einsetzen, vorausgesetzt, sie ist nach dem Schrei-Raum noch zu etwas zu gebrauchen.« Oakes dachte nach. Sollte er bodenseits gehen, unter all die gefährlichen Dämonen? Die regelmäßigen Besuche bodenseits zur Demonstration seiner Macht waren schlimm genug … aber - sollte er dort ständig leben? »Deshalb habe ich mich nach Legata erkundigt«, erklärte Lewis. Besänftigt nahm Oakes eine noch wichtigere Frage in Angriff : »Wie sind die Zustände … in der Kolonie?« »Gefahrlos, solange du drinnen bleibst oder nur im Servo oder in der Fähre reist.«
Oakes schloß einige Sekunden lang die Augen und öffnete sie wieder. Wieder einmal sprach aus Lewis die Stimme der Vernunft. Wem konnten sie so sehr trauen, wie sie einander vertrauten? »Ja. Ich verstehe.« Oakes sah sich in seiner Kabine um. Sensoren waren nicht zu sehen, aber das hatte ihn nie beruhigt. Das verdammte Schiff wußte stets, was sich schiffseits abspielte. Ich muß bodenseits gehen. Dafür sprachen zwingende Gründe. Lewis würde Labor Eins 200 natürlich in die Redoute holen. Aber auch dann blieben in der Kolonie noch genügend andere delikate Probleme in der Schwebe. Bodenseits. Er wußte bereits seit einiger Zeit, daß er das Schiff eines Tages verlassen mußte. Es war nicht gerade beruhigend, daß ihm die Entscheidung durch die Ereignisse aus der Hand genommen worden war. Der Umzug wurde ihm aufgezwungen, und er fühlte sich verwundbar. Der Vorfall mit den Nervenläufern war nicht gerade angenehm! Was für ein Dilemma! In dem Maße, wie er mehr Macht auf sich vereinigte und auch ausübte, wuchs die Unsicherheit schiffseits. Aber Pandora war und blieb gleichermaßen gefährlich und unerforscht. Oakes machte sich bewußt, daß er seine Hoffnung auf einen befriedeten und sterilisierten Planeten gesetzt hatte, auf einen Ort, den Lewis für ihn vorbereitet hatte, ehe er bodenseits ging. Steril. Ja. Oakes starrte Lewis an. Warum wirkte der Mann so selbstzufrieden? Hier war mehr als der Sieg gegen eine überlegene Umwelt im Spiel. Lewis hielt mit etwas hinter dem Berg. »Was hast du sonst noch zu melden?« »Die neuen E-Klone. Sie befanden sich in einem isolierten Raum und haben alle überlebt. Sie sind sauber, völlig unprogrammiert und wunderschön. Wunderschön!« Oakes blieb mißtrauisch. Das statistisch erfaßte Ausmaß der Abweichung bei Klonen war ein bekannter Faktor. Schließlich war der Körper beeinflußbar durch kosmische Bombardements, die die genetischen Impulse in menschlichen Körperzellen verändern konnten. Die Umgestaltung der DNA-Struktur war Lewis‘ Spezialität, gewiß, trotzdem …
»Keine Probleme?« 201 »Ich habe Zellen des Elektrotangs benutzt und auf rekombinante DNS als Basis für die Veränderungen zurückgegriffen.« Er rieb sich am Nasenflügel. »Und es hat geklappt.« »Das hast du schon letztes Mal gesagt.« »Es hat ja auch letztes Mal funktioniert. Wir konnten nur nicht die Nahrungsversorgung sicherstellen, die notwendig gewesen wäre, um …« »Keine Mutationen?« »Eine saubere Sache. Wir haben lediglich ein beschleunigtes Wachstum zur Reife. Und mit dem Tang läßt sich nicht so einfach arbeiten. Ständig erleben die Laborarbeiter Halluzinationen und altern schneller als …« »Kannst du immer noch Laborarbeiter auf solche Dinge verschwenden?« »Sie sind nicht verschwendet!« Lewis war ärgerlich - die Reaktion, die Oakes hatte auslösen wollen. Oakes lächelte beruhigend. »Ich wollte nur wissen, ob es funktioniert, Jesus, das ist alles.« »Es funktioniert.« »Gut. Du bist wohl die einzige Person, die das schaff en konnte, aber ich bin der einzige, der dir den Freiraum verschaff en kann, in dem du dieses Ziel erreichst. Wie sieht es zeitlich aus?« Lewis blinzelte; auf diesen Themenwechsel war er nicht vorbereitet gewesen. Der schlaue alte Fuchs brachte einen immer wieder aus dem Gleichgewicht. Er atmete tief durch; er spürte bereits die Wirkung des Weins … außerdem war ihm das fremd gewordene Gefühl schützender Enge bewußt, welches Schiff … das Schiff ihm immer vermittelte. »Wie lange?« faßte Oakes nach. »Wir können das Wachstum eines E-Klons beschleunigen, genaugenommen, den Altersprozeß, und bei jedem gewünschten 202 Alter herauskommen. Von der Befruchtung zum Alter in fünfzig Tagen.« »In gutem Zustand?« »Erstklassiger Zustand und einwandfrei rezeptiv für unsere Programmierung. Ehe sie unsere … äh … Diener werden, sind sie Kleinkinder.«
»Dann können wir die arbeitende Besatzung der Redoute ja recht schnell wieder auffüllen.« »Ja … aber das ist das Problem. Die meisten von unseren Leuten wissen das, und sie … äh … haben gesehen, was ich mit den Klonen und Sympathisanten gemacht habe. Sie begreifen langsam, daß sie ersetzbar sind.« »Verstanden.« Oakes nickte. »Deshalb mußt du in der Redoute bleiben.« Er musterte Lewis. Der Mann war noch immer besorgt, hatte noch immer etwas auf dem Herzen. »Was gibt es noch, Jesus?« Lewis antwortete zu schnell. Die Antwort hatte ihm die ganze Zeit im Kopf herumgespukt, und er hatte lediglich auf die Frage gewartet. »Ein Energieproblem. Aber wir finden bestimmt eine Lösung.« »Du findest eine.« Lewis senkte den Blick. Es war die Antwort, die er erwartet hatte. Natürlich die richtige Antwort. Aber sie mußten mehr Burst herstellen, ihr Elixier. »Ich darf vielleicht einen Vorschlag machen«, meinte Oakes. »Viel Arbeit beschränkt die Zeit zum Ränkeschmieden und zum Aufbau von Frustration und Sorgen. Nachdem du nun das Klonproblem gelöst hast, solltest du unsere Leute an die Aufgabe setzen, den Tang auszulöschen. Ich möchte eine saubere, einfache Lösung. Enzyme, Viren, egal was. Gib Befehl, den Tang zu vernichten.« 203 Ein unendliches Universum ist gleichbedeutend mit einer unendlichen Zahl von unüberlegten Handlungen, oft kapriziös und bedrohlich, gottesgleich in ihrer Rätselhaftigkeit. Ohne Gotteskräfte vermag das Vernunftdenken nicht auf Erkundung zu gehen und dieses Universum absolut zu durchdringen; es müssen jenseits des Erklärbaren Geheimnisse verbleiben. Die einzige Vernunft, die in diesem Universum besteht, ist jene, die ihr in eurer ungotthaften Hybris auf das Universum projiziert. Darin bewahrt ihr euch die Nähe zu euren primitivsten Vorfahren. RAJA THOMAS Schiffsdokumente In starrem Entsetzen vor dem übelriechenden Fremden stehend, versuchte sich Hali eine vernünftige Antwort zu überlegen. Die schreckliche Andersartigkeit dieses Ortes, an den Schiff sie projiziert hatte, verstärkte das Gefühl der Hilflosigkeit noch mehr. Der Staub, die Menschenmenge, die dem Verwundeten folgte, die entsetzlichen Gerüche, die Leidenschaft in den Stimmen, das Durcheinanderlaufen der Menschen vor dem Licht der einzelnen
Sonne … »Kennst du ihn?« Der Mann ließ nicht locker. Hali hätte am liebsten geantwortet, daß sie den Verwundeten nie zuvor gesehen hätte, aber irgend etwas gab ihr ein, daß das nicht stimmen konnte. Der Mann war ihr auf beunruhigende Weise vertraut vorgekommen. Warum hat er von Gott zu mir gesprochen? Woher hat er mich gekannt? War er womöglich ein anderer Schiffsmensch, den man hierher projiziert hatte? Warum war ihr der Verwundete so bekannt vorgekommen? Und warum hatte er das Wort an sie gerichtet? 204 »Du kannst es mir ruhig sagen.« Der Mann mit dem übelriechenden Atem wiederholte in verschlagenem Ton seine Forderung. »Ich bin weit gereist, um ihn zu sehen.« Die alte Stimme, die Schiff ihr gegeben hatte, klang unterwürfig, die Worte stimmten aber. Sie spürte die Wahrheit in den alten Knochen, die sie sich ausgeliehen hatte. Schiff würde sie nicht belügen, und Schiff hatte gesagt: »… eine große Entfernung.« Was immer dieses Ereignis zu bedeuten hatte, sie war von Schiff speziell hierher gebracht worden, um es zu sehen. »Ich kann deinen Akzent nicht unterbringen«, meinte der Übelriechende. »Kommst du aus Sidon?« Sie folgte der Menge und antwortete zerstreut dem Neugierigen, der mit ihr Schritt hielt. »Ich komme von Schiff .« Was wollten die Leute mit dem Verwundeten anstellen? »Schiff ? Von dem Ort habe ich noch nie gehört. Ist das ein Teil des Römischen Reiches?« »Schiff ist weit weg. Weit weg.« Was geschah dort oben auf dem Hügel? Einige Soldaten hatten den Balken ergriff en und auf den Boden gelegt. Hali verfolgte das Treiben durch die Menge. »Wie kann dann Yaisuah behaupten, du kenntest Gottes Willen?« wollte der Plagegeist wissen. Jetzt wurde sie aufmerksam. Yaisuah? Schiff hatte diesen Namen gebraucht. Es war der Name, der nach Schiff s Angaben später zu Jesus wurde. Zögernd blickte sie den Fragesteller an. »Ihr nennt den Mann Yaisuah?« fragte sie. »Kennst du ihn unter einem anderen Namen?« Mit festem Griff packte er ihren Arm. Die gierige Verschlagenheit in seiner Stimme und in seiner Art waren nicht zu verkennen.
205 In diesem Augenblick mischte sich Schiff ein. Der Mann ist ein römischer Spion, ein Informant im Lohn derer, die Yaisuah foltern. »Kennst du ihn?« fragte der Übelriechende und rüttelte schmerzhaft an ihrem Arm. »Ich glaube, dieser … Yaisuah ist mit Schiff verwandt«, antwortete sie. »Verwandt mit … Wie kann jemand mit einem Ort verwandt sein?« »Ist er nicht mit Dir verwandt, Schiff ?« Ohne nachzudenken sprach sie die Frage laut aus. Ja. »Schiff hat ja gesagt«, sagte sie. Der aufdringliche Mann ließ ihren Arm los und trat zwei Schritte zurück. Ärgerlich verzog er das Gesicht. »Verrückt! Du bist ja nichts anderes als eine verrückte alte Vettel! So verrückt wie der da!« Er deutete zum Hügel hinauf, wo die Uniformierten Yaisuah ergriff en hatten. »Schau dir an, was mit Verrückten passiert!« Sie blickte in die Richtung, in die er deutete. Die beiden dort Hängenden waren mit Seilen an die Querstreben gefesselt worden, und Hali machte sich klar, daß sie dort dem Tode überantwortet werden sollten. Und dasselbe sollte Yaisuah widerfahren! Als diese Erkenntnis sie überschwemmte, begann Hali zu weinen. In ihrem Kopf meldete sich Schiff : Tränen behindern dich heim Zuschauen. Du darfst nichts versäumen. Sie wischte sich mit einem Zipfel ihrer Robe die Augen aus und stellte dabei fest, daß der Übelriechende weitergegangen und in der Menge verschwunden war. Sie zwang sich dazu, ihm zu folgen und sich zwischen die anderen zu schieben. 206 Ich muß zuschauen! Die Männer in den Rüstungen rissen Yaisuah die Reste seiner Kleidung vom Leib. So waren nun seine Wunden deutlich zu sehen Risse und Blutergüsse überall am Körper. Mit einer gewissen Ungerührtheit ließ er alles mit sich geschehen und reagierte nicht einmal auf das Aufstöhnen der Menge, als seine Wunden sichtbar wurden. Dieser Augenblick war von einer schutzlosen Verwundbarkeit erfüllt, als nähme jeder der Anwesenden auf ureigene Weise an seinem persönlichen Tod teil.
Von links rief jemand: »Er ist Zimmermann! Bindet ihn nicht an!« Mehrere große, primitiv gefertigte Nägel wurden durch die Menge gereicht und in die Hände eines uniformierten jungen Mannes gedrückt. Andere griff en den Ruf auf: »Nagelt ihn an! Nagelt ihn an!« Yaisuah wurde links und rechts von Männern in Rüstungen gestützt. Sein Kopf schwankte haltlos hin und her und fiel dann nach vorn. Aus der Tiefe der Menschenmenge wurde er mit Gegenständen beworfen, und er machte keine Anstalten, auszuweichen. Hali sah, wie er von Steinen getroffen wurde … gelegentlich auch von Spucke. Es war alles so … so bizarr, ein grausames Geschehen in einem gedämpftorangeroten Sonnenschein, gedämpft durch hohe, dünne Wolken. Hali blinzelte ihre Tränen fort. Schiff hatte ihr befohlen, sich alles anzuschauen. Nun gut … Sie schätzte, daß sie nicht mehr als sechs Meter von Yaisuahs linker Schulter entfernt war. Er schien ein drahtiger Mann zu sein, der vermutlich ein aktives Leben geführt hatte; heute jedoch war er der Erschöpfung nahe. Ihr Med-TechTraining ließ sie vermuten, daß Yaisuah bei vernünftiger Pflege noch gerettet werden konnte, doch sie hatte den Eindruck, daß er solche Pflege gar nicht wollte, daß ihn die 207 Ereignisse gar nicht überraschten. Wenn überhaupt ein Wille aus ihm sprach, dann das Bestreben, die Sache rasch hinter sich zu bringen. Vielleicht reagierte so ein gequältes Tier, das, in die Enge getrieben, keinen Willen zur Gegenwehr oder Flucht mehr aufbringen konnte. Sie schaute ihn an, und er hob langsam den Kopf und wandte sich langsam in ihre Richtung. Dabei entdeckte sie den schwachen Lichtschein um ihn, eine Aura, wie sie ihn um ihren eigenen Körper bemerkt hatte, als Schiff sie fortprojiziert hatte … Ist er ebenfalls eine Projektion Schiff s? Unter den Männern in den Rüstungen gab es eine Auseinandersetzung. Der Mann, der die Nägel in Empfang genommen hatte, schwenkte sie vor dem Gesicht eines anderen hin und her. Yaisuah blickte sie an, zog ihre Aufmerksamkeit magnetisch auf sich. Sie sah das Erkennen in seinen Augen, die sich hebenden Augenbrauen … eine Andeutung von Überraschung? Schiff mischte sich ein: Yaisuah weiß, woher du kommst. Projizierst Du ihn?
Jenes Fleisch lebt hier als Fleisch, antwortete Schiff . Aber da ist noch etwas anderes. Noch etwas anderes … Und deshalb hast Du mich hierhergebracht. Und das wäre, Eckel? Das wäre? Kein Zweifel … in Schiff s Stimme lag gespannte Erwartung. Er hat woanders einen zweiten Körper? Nein, Eckel, nein! Schiff s Enttäuschung bereitete ihr körperliche Schmerzen, und sie zwang sich, von Angst getrieben, zu einer großen Anstrengung der Konzentration. Etwas anderes … etwas anderes … Plötzlich ging ihr etwas auf, ihr wurde die Bedeutung der Aura bewußt. Die Zeit engt ihn nicht ein. 208 Du bist dicht dran, Eckel. Schiff war erfreut, und das beruhigte sie, löste aber noch nicht die Anspannung des Augenblicks. In ihm schlummert etwas, das die Zeit nicht zu halten vermag, dachte sie. Der Tod wird ihm keine Freiheit schenken. Du erfreust Mich, Eckel. Ein Freudengefühl durchströmte sie, wurde aber sofort von Schiff s dringender Forderung unterbrochen: Jetzt! Paß auf! Die Männer in den Rüstungen hatten ihre Diskussion beendet. Zwei von ihnen warfen Yaisuah zu Boden und streckten seine Arme auf dem Holz aus. Ein dritter ergriff die Nägel und begann Yaisuahs Handgelenke auf das Holz zu nageln, wobei er einen Felsbrocken als Hammer benutzte. In der Menge rief jemand: »Bist du Gottes Sohn, so steig herab vom Kreuz!« Hali hörte spöttisches Gelächter aufgellen. Sie mußte die Hände vor der Brust verschränken und sich zwingen, nicht nach vorn zu eilen. Es war barbarisch! Sie bebte vor Entrüstung. Wir alle sind Kinder Schiff s! Am liebsten hätte sie diesen Dummköpfen solche Worte zugebrüllt. Es war die Lektion ihrer frühesten Schiffsverehrung, die ersten Ermahnungen des Geistlichen. Zwei Soldaten hoben den Balken empor und mit ihm den Mann, der an den Handgelenken daran festgenagelt war. Er atmete keuchend bei jeder Bewegung. Vier Soldaten, zwei auf jeder Seite, hoben das Holzstück auf den Speerspitzen in eine Kerbe an einem großen Pfosten, der aufrecht zwischen den beiden anderen Opfern stand. Ein
anderer Soldat erstieg hinter dem Pfahl eine Leiter und band das Querstück in der Kerbe fest. Zwei andere Soldaten stiegen zu Yaisuahs herabbaumelnden Füßen empor. Einer der Soldaten legte die Fußgelenke übereinander, und der andere nagelte die 209 Füße am senkrechten Pfahl fest. Aus der Wunde strömte Blut und lief am Holz hinab. Sie mußte den Mund weit aufreißen und die Luft in gewaltigen Atemzügen in sich aufsaugen, um nicht das Bewußtsein zu verlieren. Sie sah das Aufblitzen des Schmerzes in den braunen Augen, als ein Soldat den Pfahl schüttelte, um seine Haltbarkeit zu überprüfen. Bewußtlos sank Yaisuah nach vorn. Warum fügen Sie ihm derartige Schmerzen zu? Was wollen sie von ihm? In der plötzlich still gewordenen Menge drängte sich Hali nach vorn und gebrauchte dabei die Ellbogen mit einer Stärke, die ihr in diesem alten Körper überraschend vorkam. Sie mußte es aus der Nähe sehen. Sie mußte. Schiff hatte ihr den Befehl gegeben, sich alles anzuschauen. Trotz des inneren Zwanges, der ihr ungeahnte Kräfte verlieh, kam sie in dem Gedränge nur langsam voran. Und plötzlich wurde ihr die Stille der Atemlosigkeit ringsum bewußt. Warum waren die Leute so still? Es war, als spränge ihr die Antwort ins Bewußtsein. Sie wollen, daß Yaisuah aus einer inneren Macht heraus diesem Treiben ein Ende bereitet. Sie wollen ein Wunder sehen! Noch immer wollen sie ein Wunder von ihm sehen. Sie wollen, daß Schiff … Gott aus dem Himmel herabreicht und dieser brutalen Travestie ein Ende bereitet. Sie begehen dieses Verbrechen und wollen, daß es von einem Gott beendet wird. Sie drängte sich an zwei anderen vorbei und sah, daß sie den inneren Ring der Menge erreicht hatte. Vor ihr waren nur die drei Holzgebilde, die drei Körper … Ich könnte ihn noch retten, dachte sie. 210 Ich spiele das Lied, nach dessen Klang ihr tanzen müßt. Euch bleibt die Freiheit der Improvisation. Diese Improvisation ist das, was ihr freien Willen nennt. DIE OAKES-THESEN »Die Versammlung ist hiermit eröffnet.« Oakes benutzte seinen Zeigestock-Verstärker, um das Scharren und
Gemurmel im großen Versammlungssaal der Kolonie zu übertönen. Dies war ein überkuppelter, kreisförmiger Raum, in seiner Symmetrie nur an der Südseite durch eine schmale Plattform unterbrochen, auf der er stand. Wenn hier keine Versammlungen stattfanden, diente der Raum der Herstellung von Geräten zur Nahrungsmittelproduktion und der Vorfertigung der Gasballons für die LALs. Aus diesem Grund mußten alle Versammlungen mindestens zehn Stunden im voraus einberufen werden, damit die Arbeiter Zeit hatten, Maschinen und Material fortzuräumen. Noch immer machte ihm der Umzug von schiffseits nach bodenseits zu schaff en. Sein Zeitgefühl hatte sich an den hiesigen Tageslauf noch nicht angepaßt, und die Versammlung war sehr eilig anberaumt worden, beinahe in der Stunde zur Mittmahlzeit. Aus diesem Grunde würden die Versammelten psychologischen Druck auszuüben versuchen. Es war der falsche Zeitpunkt für eine Versammlung, und es hatte Einwände gegeben gegen die Störung wichtiger Arbeit, aber Murdoch hatte sich dagegen durchgesetzt mit dem Hinweis auf die Ankündigung, daß Oakes für immer nach bodenseits gekommen war. Die Gründe lagen auf der Hand. Es stand ein wichtiger Vorstoß bevor, die Kolonie endgültig abzusichern. Oakes würde in diesem Zusammenhang das Kommando führen. Neben Oakes standen Murdoch und Rachel Dumarest auf der Plattform. Murdochs Position als Direktor von Labor Eins war all211 gemein bekannt, und seine Anwesenheit weckte angesichts der Geheimhaltung, die das Unternehmen umgab, die Neugier aller. Rachel Demarest war ein Problem anderer Art. Sie hatte als Bote zwischen Ferry und der Kolonie allerlei Einblicke gewonnen. Nachzügler eilten herein und suchten sich ihre Plätze, der Lärm ließ allmählich nach. Man hatte tragbare Stühle in den Raum geschafft, von denen viele aus geflochtenem pandorischem Pflanzengrundstoff bestanden. Das individuelle Aussehen der Stühle störte Oakes. Er würde für eine mehr standardisierte Ausstattung sorgen müssen. Gemessen blickte er durch den Raum und stellte dabei fest, daß Raja Thomas anwesend war, in einer der vordersten Reihen, Die Frau neben Thomas entsprach der Beschreibung, die ihm Murdoch von einer gewissen Waela TaoLini gegeben hatte, einer Überlebenden der ersten Tangforschungsprojekte. Ihr Wissen mochte ihm gefährlich werden. Nun ja … sie und der Dichter würden Thomas‘
Schicksal teilen, und dann war auch das Problem ausgestanden! Oakes hielt sich schon fast zwei Tagesläufe bodenseits auf, und ein Gutteil dieser Zeit war auf die Vorbereitung dieser Zusammenkunft verwendet worden. Es hatten ihn viele vertrauliche Berichte Lewis‘ und seiner Helfer erwartet. Auch Murdoch war in dieser Beziehung recht nützlich gewesen. Man mußte ihn im Auge behalten. Legata hatte ebenfalls einige Daten beigesteuert und befand sich jetzt sogar schiffseits, um weitere Informationen zusammenzutragen. Die Versammlung stellte eine ernsthafte Herausforderung für sein Können und seine Position dar, und er hatte nicht die Absicht, dem Risiko auszuweichen. Lewis hatte geschätzt, daß etwa tausend Leute kommen würden. Der größere Teil des Koloniepersonals war allerdings durch Wach- und Wartungsdienste gebunden, wie durch Bau- und Wiederaufbauarbeiten. Zwei Schritte voran, 212 einen Schritt zurück - das war typisch für Pandora. Oakes wußte jedoch, daß die meisten der Anwesenden mit Vollmachten von Freunden oder Bekannten gekommen waren. Es hatte eine inoffizielle Wahl stattgefunden, und heute würde ein ernsthafter Versuch demokratischer Verwaltung über die Bühne gehen. Er wußte um die Gefahren. Demokratie war etwas, das es schiffseits nie gegeben hatte, und das auch bodenseits nicht Raum greifen durfte. Ein ernüchternder Gedanke, und er spürte, daß sein Adrenalinausstoß ihm Schwierigkeiten zu machen begann; er hatte vorhin wohl etwas reichlich dem Wein zugesprochen. Die Leute nahmen sich unangenehm lange Zeit, sie liefen durcheinander, bildeten Gruppen und kamen erst langsam zur Ruhe. Oakes bemühte sich, Geduld zur Schau zu stellen. In dem Saal herrschte ein feuchter, metallischer Geruch, der ihm nicht gefiel. Und die Beleuchtung war zu sehr ins Grüne verstellt worden. Er wandte sich an Rachel Demarest. Sie war schmal gebaut und hatte ein wenig bemerkenswertes Gesicht und mattbraunes Haar. Auffällig war nur ihre nervös-angespannte Art. Demarest war eine Vorkämpferin für die Wahl gewesen, eine Petitionsstellerin. Sie anblickend, rang sich Oakes ein Lächeln ab. Lewis hatte gemeint, er wisse, wie sie zu entschärfen sei. Oakes kannte Lewis und fragte nicht nach Einzelheiten. Endlich trat Rachel Demarest an den Rand der Plattform. Sie ließ ihren Zeigestock-Verstärker an der Klammer am Handgelenk stecken, hob beide Arme und drehte zuckend die Hände hin und her.
Interessant, daß es sofort still wurde im Raum. Warum benutzte sie den Verstärker nicht? fragte sich Oakes. War sie eine Anti-Tech? »Vielen Dank an Sie alle, daß Sie gekommen sind«, begann sie. Ihre Stimme klang hoch und unangenehm schrill. »Wir wollen Ihnen nicht zu viel Zeit stehlen. Unser Psy-Ge ist im Besitz einer 213 Ausfertigung Ihrer Petition und hat sich bereit erklärt, Punkt für Punkt darauf einzugehen.« Ihre Petition! dachte Oakes. Nicht meine Petition. O nein! Aber die von Lewis und Murdoch gelieferten Informationen waren eindeutig. Diese Frau wollte an der Macht in der Kolonie teilhaben. Und es war ihr auf geschickte Weise gelungen, die Silben ›Psy-Ge‹ mit einer Betonung auszusprechen, die den Titel lächerlich erscheinen ließ. Schon hatte der Kampf also begonnen. Als Demarest zurücktrat und ihn dabei anblickte, zog Oakes die Petition aus einer inneren Tasche seines weißen Einteilers. Dabei ließ er das Papier wie zufällig fallen. Mehrere Blätter wehten von der Plattform. »Egal!« Er winkte vorn sitzende Leute zurück, die ihm die Blätter zurückholen wollten. »Ich erinnere mich an jede Einzelheit des Textes.« Ein Blick auf Murdoch trug ihm ein beruhigendes Kopfnicken ein. Murdoch hatte für sich und Demarest Stühle besorgt. Die beiden saßen ein gutes Stück zurückgesetzt auf der Plattform. Oakes beugte sich vertrauensheischend dem Publikum entgegen und lächelte. »Heute früh sind nur wenige von unseren Leuten hier, und den Grund dafür kennen Sie alle. Pandora ist gnadenlos. Bei den vier Fehlschlägen auf dem Schwarzen Drachen haben wir alle Freunde und Bekannte verloren.« Mit unbestimmter Handbewegung deutete er nach Westen, wo die Klippen des Schwarzen Drachen im Dunst von gut tausend Kilometern Ozean verborgen lagen. Oakes wußte, daß keiner dieser Fehlschläge ihm anzulasten war, darauf hatte er geachtet. Sein Plan, nun ständig in der Kolonie zu bleiben, hatte ein gewisses Gefühl der Erregung heraufbeschworen über die Zukunftsaspekte hier auf der gewellten sanften Ebene des Ei-Kontinents. Jenes Empfinden bevorstehenden Erfolgs hatte mit zu der Kon214 frontation beigetragen, die sich in diesem Saal zusammenbraute. Die
Kolonisten begannen über den augenblicklichen Zustand der Belagerung hinauszudenken, begannen ihre Wünsche zu formulieren, ihre Sehnsüchte auf eine persönliche Zukunft. »Wie den meisten von Ihnen bekannt ist«, fuhr Oakes fort und schaltete den Verstärker hoch, damit seine Stimme gut zu hören war, »bin ich bodenseits gekommen, um hier zu bleiben, um den letzten Vorstoß zum Sieg persönlich zu leiten.« Das brachte höflichen Applaus - viel weniger, als er erwartet hatte. Höchste Zeit, daß er bodenseits gekommen war! Er mußte Loyalitäten schmieden und Organisationsstrukturen verbessern! »Also zur Demarest-Petition«, sagte er. »Erstens: Die Beendigung der Ein-Mann-Patrouillen.« Er schüttelte den Kopf. »Ich wünschte, so etwas wäre möglich. Vielleicht ist Ihnen der Grund für diese Maßnahme nicht bekannt. Ich will es einmal primitiv formulieren. Wir trainieren die Tiere Pandoras darauf, wie gekniffen die Flucht zu ergreifen, sobald sie einen Menschen zu Gesicht bekommen!« Das trug ihm einen hübschen Beifall ein. Oakes wartete, bis wieder Ruhe eingetreten war, und sprach weiter: »Ihre Kinder werden wegen Ihres Mutes in einer sicheren Welt leben können. Ja, ich habe von Ihren Kindern gesprochen. Es ist meine Absicht, die Natali bodenseits zu holen.« Dieser Ankündigung folgte entsetztes Gemurmel. »Dies wird nicht sofort geschehen«, sagte Oakes. »Aber es wird geschehen. Jetzt zu Punkt zwei der Demarest-Petition.« Er schürzte nachdenklich die Lippen. »›Es darf keine wichtige Entscheidung über eine Gefährdung oder Ausweitung der Kolonie getroffen werden, ohne klar zustimmende Mehrheit der im Rat vertretenen Kolonisten.‹ Habe ich das richtig wiedergegeben, Rachel?« Er blickte zu ihr hinüber, wartete ihre Antwort aber nicht ab. »Wir 215 wollen für den Augenblick die Unbestimmtheit des Wortes ›klar‹ sowie den unerklärten Begriff ›Rat‹ beiseitelassen und auf einen Umstand hinweisen, der uns allen bekannt ist. Wir haben zehn Stunden gebraucht, um diesen Raum für eine Versammlung vorzubereiten. Nun stehen wir vor einer Entscheidung. Entweder halten wir den Saal ständig leer und bereit, oder wir lassen uns bei jeder wichtigen Entscheidung auf eine zehnstündige Verzögerung ein. Übrigens nenne ich solche Entscheidungen ÜberlebensEntscheidungen.« Er blickte übertrieben auf den großen WandChrono und wandte sich wieder der Menge zu. »Im Augenblick sind
wir schon mehr als fünfzehn Minuten hier und werden bestimmt noch mehr Zeit brauchen.« Oakes räusperte sich und gab dem Publikum Zeit, seine Worte zu verdauen. Ihm fielen einige unruhige Geister auf, die klare Signale ausstrahlten, daß sie am liebsten Bemerkungen zu seinen Äußerungen gemacht hätte; außerdem entging ihm nicht, daß Murdoch Rachel am Arm gefaßt hatte und ihr etwas ins Ohr flüsterte - und sie auf diese Weise davon abhielt, ihn zu unterbrechen. »Dritter Punkt«, fuhr Oakes fort. »Mehr Ruhe- und Erholungsperioden an Bord des Schiff es. Wenn wir …« »Schiff s!« rief jemand aus der Mitte des Raums. Oakes machte den Sprecher aus, einen Wächter der Hangar-Perimeter-Abteilung, ein Anhänger Demarests. »Nicht des Schiff es, sondern Schiff s!« Der Mann hatte sich halb aufgerichtet und wurde jetzt von einem Gefährten wieder herabgezogen. »Reden wir mal kurz darüber«, meinte Oakes. »Ich würde meinen, daß ein Psychiater-Geistlicher das fachliche Wissen besitzt, auf diese Frage einzugehen.« Er blickte zu Rachel Demarest hinüber, die noch immer von Murdoch mit Beschlag belegt wurde. Ihr wollt Titel gebrauchen? Na 216 schön, setzen wir diesen Titel in die richtige Perspektive. Nicht PsyGe, sondern Psychiater-Geistlicher. Hinter mir stehen all die Traditionen DES Schiff es. »Ich will es Ihnen mal ganz klar sagen«, sprach Oakes weiter und wandte sich wieder dem Publikum zu. »Wir sind ein Gemisch von Leuten. Die meisten von uns scheinen von der Erde zu stammen, auf der auch ich geboren wurde. Wir wurden von dem Schiff mitgenommen … »Schiff hat Sie gerettet!« Der verdammte Wächter wollte den Mund nicht halten. »Schiff hat Sie gerettet! Unsere Sonne wurde zur Nova!« »Behauptet das Schiff !« Oakes gab mit einer Berührung der Kontrollen seines Zeigestocks seiner Stimme ein wenig mehr Volumen dazu. »Die Tatsachen lassen aber auch eine andere Interpretation zu.« »Die Tatsachen …« »Was haben wir denn erlebt?« Oakes übertönte den Mann und reduzierte die Lautstärke dann wieder. »Was haben wir durchgemacht?« Noch leiser: »Wir befanden uns an Bord des Schiff
es mit anderen Leuten, deren Herkunft im dunkeln liegt, sehr im dunkeln. Einige sind Klone, einige sind Natürliche. Das Schiff lehrte uns seine Sprache und steuerte unsere Geschichtslektionen. Wir haben gelernt, was das Schiff uns beibringen wollte. Und wie sehen die Motive des Schiff es aus?« »Blasphemie!« Oakes wartete, bis der Nachhall dieses Aufschreis erstorben war. Dann sagte er: »Das Schiff hat mich auch zum Arzt und Wissenschaftler ausgebildet. Ich verlasse mich auf Tatsachen, die ich selbst überprüfen kann. Was weiß ich über die Schiffsmenschen? Wir können Nachkommen miteinander zeugen. Genau genommen könnte das Ganze eine genetische …« 217 »Ich weiß um meine Herkunft, und das gilt für alle hier!« Rachel Demarest hatte sich von Murdoch gelöst und war aufgesprungen. Noch immer sprach sie ohne Verstärker, fummelte aber an dem Gerät herum, während sie sich Oakes näherte. »Ich bin ein Klon, aber ich stamme von …« »Behauptet das Schiff !« Wieder schleuderte Oakes diese Herausforderung in den Saal. Wenn Lewis und Murdoch die Kolonisten richtig einschätzten, war damit ein Verdacht gesät, der sich bei der Abstimmung nur positiv auswirken konnte. »Behauptet das Schiff «, wiederholte Oakes. »Ich bezweifle ja nicht, daß Sie ehrlich davon überzeugt sind, ich zeige mich nur erstaunt über Ihre Leichtgläubigkeit.« Seine Worte erzürnten sie. Sie hantierte weiter an ihrem Verstärker herum und gab sich nicht genug Volumen, als sie antwortete: »Das ist doch nur Ihre Interpretation.« Ihre Stimme konnte nur in den ersten Reihen zu hören sein. Oakes wandte sich im Brustton der Vernunft an die Versammlung: »Sie meint, das sei nur meine Interpretation. Aber ich würde meiner Aufgabe als Ihr Psychiater-Geistlicher nicht gerecht, wenn ich Sie nicht darauf aufmerksam machen würde, daß hier eben nichts anderes als Interpretationen zur Diskussion stehen. Was wissen wir denn wirklich? Sind wir nichts weiter als ein genetisches Experiment kosmischen Ausmaßes? Uns ist lediglich bekannt, daß das Schiff …« - er deutete mit dem linken Daumen nach oben - »… uns hierhergebracht hat und nicht wieder abfliegen will. Man sagt uns, wir müssen diesen Planeten kolonisieren, den das Schiff ›Pandora‹
nennt. Sie alle kennen die Legende von Pandora, die sich in den Bildungsdokumenten des Schiff es befindet, aber was wissen Sie über diesen Planeten? Sie könnten zumindest vermuten, daß der Name passend sein dürfte!« 218 In dem Bewußtsein, daß viele der Anwesenden seinen Verdacht teilten, ließ er die Worte einige Augenblicke lang wirken. »Viermal haben wir es nicht geschafft, drüben auf dem Schwarzen Drachen eine Kolonie zu etablieren!« rief er. »Viermal!« Jetzt sollen sie mal über die Toten und Vermißten nachdenken, die ihnen nahegestanden haben. Er wandte sich Rachel Demarest zu, die drei Schritte entfernt links von ihm stand und ihn entsetzt anstarrte. »Warum dieser Planet und kein besserer?« wollte Oakes wissen. »Sehen Sie sich Pandora doch einmal an! Nur zwei Landmassen: dieser Boden unter uns, den das Schiff ›Ei‹ nennt, und jener andere Kontinent weiter entfernt, der kostbare Opfer gefordert hat - der Schwarze Drache! Und was hat uns das Schiff sonst noch gegeben? Den Rest von Pandora? Was ist das? Ein paar Inseln, die zu klein und zu gefährlich für uns sind. Und einen Ozean, der die gefährlichste Lebensform des Planeten enthält. Sollten wir uns dafür bedanken? Sollten wir … wir …« »Sie haben versprochen, die gesamte Petition durchzugehen!« Wieder Rachel Demarest, diesmal mit einem zu laut eingestellten Verstärker. Die Unterbrechung ließ das Publikum zusammenfahren, und es war zu erkennen, daß viele unangenehm berührt waren von der Störung. »Ich werde sie durchgehen, Rachel.« Sehr leise und vernünftig. »Ihre Petition war ein notwendiges und nützliches Instrument. Ich meine auch, daß wir bessere Methoden finden sollten, die Arbeiten in Auftrag zu geben. Diesen Mangel mir vor Augen zu führen, stärkt uns. Und alles, was uns stärkt, findet meine sofortige Zustimmung. Dafür danke ich Ihnen.« Sie bekam ihren Verstärker endlich in den Griff . »Sie deuten also an, der Elektrotang sei das gefährlichste …« »Rachel, ich habe bereits ein Projekt gestartet, das feststellen soll, 219 ob der Tang uns in irgendeiner Weise nützen kann. Der Direktor dieses Projekts und eine seiner Assistentinnen sitzen dort unten.« Oakes deutete auf Thomas und Waela und sah, wie sich Köpfe
drehten, wie sich Leute aufrichteten, um sehen zu können. »Trotz der Gefahren«, fuhr er fort, »trotz der sehr großen und offensichtlichen Gefahren - und da wird mir jeder recht geben, der die Daten dieser Ozeane studiert hat - habe ich dieses Projekt eingeleitet. Ihre Petition kommt in diesem Punkt also zu spät.« »Warum haben wir davon nicht erfahren können, als …« »Ihr wollt einen besseren Informationsfluß von jenen in unserem Kreis, die die Entscheidungen fällen?« »Wir wollen wissen, ob wir Erfolg haben oder scheitern!« Wieder hatte sie ihren Verstärker zu kräftig eingestellt. »Das ist eine vernünftige Erwartung«, sagte Oakes. »Und das ist einer der Gründe, warum ich mich und meinen Stab für immer bodenseits verlegt habe. In meinem Kopf …« - er klopfte sich an den Schädel - »befindet sich der Plan, wie wir Pandora in einen Gartenplaneten verwandeln, der …« »Wir müßten Ratsmitglieder zur Teilnahme an …« »Rachel! Sie schlagen vor, Ihre Leute in Schlüsselpositionen zu bringen? Warum Ihre Leute? Welche Erfolgsdaten können sie vorweisen?« »Sie haben hier unten überlebt!« Oakes mußte sich Mühe geben, seinen Zorn zu unterdrücken. Das war ein Tiefschlag gewesen. Sie unterstellte damit, daß er sich ungefährdet schiffseits abgekapselt hatte, während sie und ihre Freunde die Risiken Pandoras auf sich nahmen. Auf diese Herausforderung konnte er nur mit Vernunft antworten. »Nun bin ich aber hier unten«, sagte er. »Und ich gedenke zu bleiben. Zu jeder für beide Seiten akzeptablen Zeit stelle ich mich gern Ihren Fragen, trotz des Umstandes, der uns allen bekannt 220 ist - Zeit, die wir mit der Diskussion um unsere Probleme verschwenden, könnte sich besser zum Vorteil der Kolonie als Ganzes verwenden lassen.« »Werden Sie unsere Fragen heute beantworten?« »Deshalb habe ich diese Versammlung einberufen.« »Was haben Sie dann dagegen, einen gewählten Rat zu etablieren, der …« »Die Debattierzeit, ganz einfach. Für einen solchen Luxus fehlt uns die Zeit. Ich bin übrigens wie viele der Ansicht, daß schon diese Versammlung uns von wichtigerer Arbeit abhält, von der Gewinnung von Nahrung. Sie aber haben darauf bestanden, Rachel.«
»Was machen Sie drüben auf dem Schwarzen Drachen?« Die Frage kam von dem unangenehmen Perimeter-Wächter im Publikum, der sich auf ein neues Ziel einschoß. »Wir versuchen auf dem Drachen einen neuen Brückenkopf für die Kolonie zu schaff en.« Zurückhaltung … Zurückhaltung, ermahnte er sich. Deine Stimme muß ruhig klingen. »Und damit teilen Sie Ihre Energie auf?« fragte Rachel Demarest. »Wir setzen neue Klone ein, die von den Schiffsanlagen geliefert werden«, antwortete er. »Jesus Lewis ist im Augenblick drüben und leitet den Einsatz. Ich versichere Ihnen, wir setzen lediglich neue Klone aufs Spiel, die sehr genau wissen, was es mit ihrem Einsatz auf sich hat.« Oakes lächelte Rachel Demarest an und mußte an Murdachs scherzhafte Ermahnung denken: »Ein paar Lügen können nicht schaden, wenn man den Leuten eine Wahrheit zum Bewundern gegeben hat.« Oakes wandte sich wieder der Menge zu und sprach weiter: »Aber das lenkt uns von der Abwicklung unserer Versammlung 221 ab. Wir sollten unsere Zeit nicht auf diese Weise verschwenden, sondern die Themen nacheinander abhaken.« Seine Ankündigung über den Versuch auf dem Drachen hatte allerdings ihren Zweck erfüllt. Seine Zuhörer (einschließlich Rachel Demarest) waren mit unterschiedlichen Anzeichen des Schocks beschäftigt, die sich daraus ergebenden Konsequenzen zu überdenken. Von rechts hinten rief jemand: »Was soll das heißen - neue Klone?« Schweigen folgte diesen Worten, ein abwartendes Schweigen, das anzeigte, daß sich die meisten mit derselben Frage beschäftigt hatten. »Darüber soll Jesus Lewis sich bei einer anderen Versammlung äußern. Es ist ein technisches Problem über Dinge, die seiner direkten Aufsicht unterlegen haben. Im Augenblick kann ich nur sagen, daß die neuen Klone darauf gezüchtet und trainiert werden, jene Gefahren abzuwenden, von deren Existenz wir auf Drachen wissen.« Na bitte: Lewis wurde mit feingesponnenen Lügen und Halbwahrheiten der Weg bereitet. Die Eingabe von Gerüchten und wesentlichen Elementen der vorbereiteten Geschichte in die Gerüchteküche der Kolonie würde das Thema beherrschbar machen.
Die meisten würden die vorbereitete Version akzeptieren. Es war immer besser zu wissen, daß jemand anders die Gefahren auf sich nahm und einem selbst diese Notwendigkeit ersparte. »Sie haben meine Frage über Ruhe und Erholung noch nicht beantwortet«, sagte Rachel Demarest anklagend. »Es mag Ihnen nicht bewußt sein, Rachel, aber der Plan für die schiffseitige R & E ist heute unser wichtigstes Thema.« »Sie werden uns nicht mit schiffseitiger Ruhezeit kaufen!« antwortete sie. Sie umklammerte den Verstärkerstab mit beiden 222 Händen und richtete ihn wie eine Waffe auf Oakes. »Wieder bestürzt mich ihr beschränkter Blick«, gab Oakes zurück. »Sie sind im Grunde nicht geeignet, jene Entscheidungen zu treffen, an denen Sie beteiligt sein wollen!« Vor diesem direkten Angriff wich sie zwei Schritte zurück und starrte ihn aufgebracht an. Oakes schüttelte traurig den Kopf. »Sie haben dort unten einen Freund, der den Mut hat, das grundlegende Problem anzuschneiden …« Oakes deutete auf den Perimeterwächter, der rot vor Zorn auf seinem Sitz zu ihm aufblickte. (Den muß ich im Auge behalten. Auf jeden Fall ein Fanatiker.) »Sein Mut oder sein Durchblick reicht aber nicht aus, um die Konsequenzen seines emotionalen Ausbruchs voll zu überschauen.« Das genügte. Der Mann sprang auf und schüttelte die Fäuste. »Sie sind ein falscher Geistlicher! Wenn wir Ihnen folgen, wird Schiff uns vernichten!« »Ach, setzen Sie sich wieder!« Oakes sprach mit beinahe totaler Verstärkung, um die Stimme des Mannes zu übertönen. Der Lärmschock gab den Begleitern des Mannes Gelegenheit, ihn wieder auf seinen Sitz zu zerren. Oakes stellte das Gerät wieder leiser und fragte: »Wer unter euch stellt die Fragen, die mir auf der Seele liegen? Eine offensichtliche Frage: Woher kommt die Schiffsverehrung? Aus dem Schiff . Dem Schiff dort oben!« Er deutete mit ausgestrecktem Finger zur Decke. »Sie alle wissen das. Aber Sie knüpfen keine Zweifel daran. Als Wissenschaftler muß ich die knallharten physikalischen Fragen stellen. Einige von Ihnen meinen, das Schiff sei durch den Wunsch motiviert, uns zu schützen - ein wohltätiger Retter. Andere meinen, die Schiffsverehrung sei eine natürliche Reaktion auf unseren Retter. Eine natürliche Reaktion? Aber was ist, wenn wir nur Versuchskaninchen sind?«
223 »Wie steht es um Ihre Herkunft, Oakes?« Wieder Rachel Demarest. Großartig! Sie hätte ihm keine besseren Stichworte liefern können, wenn sie darauf programmiert worden wäre. Wußte sie denn nicht, daß nach seiner wohlbegründeten Schätzung die natürlich Geborenen die Klone mit beinahe vier zu eins zahlenmäßig übertrafen? - vielleicht war das Verhältnis sogar noch günstiger. Dabei hatte sie bereits zugegeben, ein Klon zu sein. »Ich bin ein Kind der Erde«, antwortete Oakes, und wieder einmal war seine Stimme ein Felsen der Vernunft. Er blickte sie direkt an, dann schaute er wieder in die Menge. Jetzt mußte er die Wahrheit ein wenig ausschmücken. Er brauchte ja nicht auf den Umstand zu sprechen zu kommen, daß der alte Edmond Kingston ihn als Nachfolger ausgesucht hatte. »Die meisten von Ihnen kennen meine Geschichte. Ich wurde vom Schiff aufgenommen und zum Psychiater-Geistlichen ausgebildet. Begreifen Sie nicht, was das bedeutet? Das Schiff richtete mein Training auf die Anführung der Schiffsverehrung aus! Findet das keiner von Ihnen seltsam?« Wie auf das Stichwort schaltete sich Rachel ein: »Das scheint mir das natürlichste Motiv …« »Natürlich?« Oakes ließ seinem Zorn die Zügel frei. »Ein Spiegel und ein Rekorder hätten diese Aufgabe genausogut erfüllt wie ein solcher Geistlicher. Wenn wir keinen freien Willen besitzen, ist unsere Schiffsverehrung nur Mache! Wie kann das Schiff mich auf eine solche Aufgabe zurichten wollen? Nein! Ich bestreite die Dinge, die das Schiff uns erzählt. Ich zweifle nicht nur daran, ich stelle sie in Frage! Und einige der Antworten gefallen mir ganz und gar nicht.« Dies war öffentliche Ketzerei in einem Ausmaß, wie nur wenige es bisher für möglich gehalten hatten. Aus dem Mund des Psychia224 ter-Geistlichen war sie gleichbedeutend mit einer offenen Revolte. Oakes ließ es zu, daß sich der Schock ausbreitete, ehe er nachsetzte. Er wendete das Gesicht zur Kuppeldecke und rief: »Warum läßt du mich nicht tot niedersinken, Schiff ?« Der ganze Saal hielt den Atem an, während Oakes sich umdrehte und Murdoch anlächelte, ehe er dieses Lächeln dem Publikum zuwandte. Er reduzierte die Lautstärke des Verstärkers auf das Minimum, das er brauchte, um bis in die Ecken verstanden zu werden. »Ich gehorche dem Schiff , weil das Schiff mächtig ist. Man fordert
uns auf, diesen Planeten zu kolonisieren? Also gut. Das tun wir, und es wird uns gelingen. Aber wer kann bezweifeln, daß das Schiff gefährlich für uns ist? Haben Sie in letzter Zeit genug zu essen bekommen? Warum reduziert das Schiff unsere Nahrungsmittelvorräte? Nicht ich tue das. Schicken Sie eine Abordnung schiffseits, wenn Sie dazu eine Bestätigung brauchen.« Er schüttelte den Kopf. »Nein. Unser Überleben bedingt, daß wir so wenig wie möglich vom Schiff abhängen und uns … mit der Zeit überhaupt lossagen. Ich soll Sie mit schiffseitiger Ruhezeit kaufen, Rachel? Himmel, nein! Ich gedenke Sie zu retten, indem ich Sie von dem Schiff befreie!« Es war kein Problem, die Mehrheitsreaktion auf diese Herausforderung zu ergründen. Er mochte äußerlich ein dicker kleiner Mann sein, doch er war mutiger als alle anderen, wagte mehr, als der mutigste von ihnen - und er riskierte neue Klone (was immer sie sein mochten). Außerdem würde er ihnen zu essen geben. Wenn es dann um die Frage ging: »Setzt mich ab oder laßt mich weiter im Amt. Aber kein Gerede mehr über Demokratie und einen Rat.« Wenn es schließlich auf diese Frage hinauslief, lag auf der Hand, daß man ihn durch Akklimation unterstützen würde. Er war der mutige Anführer dieser Leute, selbst gegen Schiff , und daran konnten nur 225 noch wenige zweifeln. Sowohl Lewis als auch Murdoch hatten sich jedoch für ein wenig mehr Sicherheitsdenken ausgesprochen, und Oakes wußte, daß es nicht schaden konnte, auch in dieser Richtung das Drehbuch auszubauen. »Man hat vorgeschlagen, komplizierte und zeitaufwendige Prozesse in unser Überlebensbemühen einzuarbeiten«, sagte Oakes mit müder Stimme. »Die, von denen diese Vorschläge ausgehen, mögen es ja gut meinen, aber sie sind gefährlich. Langsame Reaktionen sind unser aller Untergang. Wir müssen schneller handeln als die tödlichen Geschöpfe ringsum. Wir können nicht erst die Ergebnisse von Debatten und Gruppenentscheidungen abwarten.« Wie Lewis und Murdoch im Angesicht einer Niederlage vorausgesehen hatten, versuchte es Rachel Demarest zum Schluß mit einer persönlichen Attacke: »Wie kommen Sie nur darauf, daß Ihre Entscheidungen uns retten werden?« »Wir sind am Leben, und der Kolonie geht es gut«, antwortete Oakes. »Meine erste Aufgabe, der Grund, weshalb ich in erster Linie
hier bin, ist, ein Schnellprogramm zu leiten, das die Nahrungsmittelproduktion steigern soll.« »Niemand sonst könnte tun, was …« »Aber ich werde es tun!« Er legte einen Unterton milden Tadels in seine Stimme. Wer Schiff trotzen konnte, war wohl unbedingt fähig, das Nahrungsproblem zu lösen. »Wir alle wissen, daß nicht ich die Entscheidungen getroffen habe, denen viele unserer Freunde auf Drachen zum Opfer gefallen sind. Aber hätte ich sie getroffen, könnten sie dort draußen vielleicht noch am Leben sein.« »Was für Entscheidungen? Sie reden über …« »Ich hätte unsere Energie nicht mit dem Versuch verschwendet, 226 eine Lebensform zu verstehen, die uns tötet! Eine einfache Sterilisation der Umgebung war angebracht, und Edmond Kingston brachte es nicht über sich, den Befehl zu geben. Für dieses Versagen hat er mit dem Leben bezahlt … aber mit ihm auch viele Unschuldige.« Sie wollte noch immer ihre Konfrontation. »Wie kann man bekämpfen, was man nicht versteht?« »Indem man es tötet«, sagte Oakes, wandte sich zu ihr um und schaltete den Verstärker herab. »So einfach ist das: Man tötet es.« Im Unendlichen, in dem unbegrenzten Chaos des Strukturlosen liegt Angst. Dieser grenzenlose »Ort« ist andererseits der endlose Quell dessen, was ihr »Talent« nennt, jene Fähigkeit, die die Angst zur Seite schiebt, die ihre Struktur und Form offenbart und daraus Schönheit erwachsen läßt. Das ist der Grund, warum bei euch die Talentierten gefürchtet sind. Und es ist weise, das Unbekannte zu fürchten, doch nur, bis ihr die neugefundene Furchtlosigkeit erkennt, eine Identität, die schöner macht. KERRO PANILLE Übersetzungen der Avata Eine konzentrierte Zeitlang stand Hali Eckel am inneren Rand der Menschenmenge und starrte auf die grausam zur Schau gestellten Männer. Es war eine Alptraumszene - Blut, Staub, das orangerote Licht, das groteske Schatten auf die zum Tode Verurteilten warf, das Gefühl schlummernder Gewalt in jeder Bewegung ringsum. Ich bin eine Beobachterin, Beobachterin, Beobachterin … 227 Ihre Brust schmerzte mit jedem Atemzug, und sie roch das Blut, das von Yaisuahs angenagelten Füßen tropfte.
Ich könnte ihn retten. Sie machte einen schlurfenden Schritt. Misch dich nicht ein! Schiff s Befehl ließ sie innehalten. Sie hatte nicht die Kraft, sich diesem Befehl zu widersetzen. Dazu war sie zu sehr von der Schiffsverehrung geprägt. Aber er wird sterben, und er ist wie ich! Er ist nicht genau wie du. Aber er ist … Nein, Eckel. Wenn es an der Zeit ist, wird ihm einfallen, wer er ist, und er wird zurückkehren, so wie du zurückkehren wirst. Aber ihr beiden seid grundverschieden. Wer ist er? Er ist Yaisuah, der Mann, der mit Gott spricht. Aber er … ich meine, warum tun ihm diese Menschen solches an? Was hat er verbrochen? Er hat seine Gespräche gemeldet. Jetzt versuchen Sie Gott auf diesem Weg zu erreichen. Schau es dir an! Es ist nicht der richtige Weg. Gott? Aber Gott ist Schiff und Schiff ist Gott. Und die Unendlichkeit ist unendlich. Warum läßt du es nicht zu, daß ich ihn rette? Du könntest ihn nicht retten. Ich könnte es versuchen. Du würdest damit nur jenem alten Fleisch Schmerzen bereiten, was du dir ausgeliehen hast. Dieses Fleisch hat schon genug zu leiden. Warum willst du diese Leiden noch verstärken? Dabei fiel ihr ein, daß womöglich ein anderes Bewußtsein irgendwo darauf wartete, in diesen Körper zurückzukehren. Ausgeliehen. So hatte sie sich das noch nicht vorgestellt. Diese Vorstellung brachte ihr die Verantwortung zu Bewußtsein, die sie gegenüber diesem Körper hatte. Sie zwang ihre Konzentration fort von 228 dem hängenden Körper Yaisuahs - fort von den blutenden Füßen und Handgelenken. Die beiden anderen Männer begannen sich in ihren Fesseln aufzubäumen. Dabei erkannte Hali den grausamen Grund für diese Folterung. Die Zeit würde diesen Männern das Leben nehmen. Ihre Brustmuskeln würden versagen, die Atmung würde aufhören. Die Gefesselten stemmten die Fersen gegen die senkrechten Pfähle auf der Suche nach Halt, nach einer Verlängerung ihres Lebens um wenige Augenblicke.
Einer der Uniformierten bemerkte die Bewegung und lachte: »Seht, wie sich die Diebe winden!« Hinter Hali spottete jemand: »Sie versuchen, sich noch ein bißchen mehr Zeit zu stehlen!« Einer der angebundenen Männer blickte auf den Folterknecht in seiner Rüstung hinab und stöhnte: »Du würdest doch deine eigene Mutter aufhängen!« Keuchend holte er Luft, und Hali erkannte, daß es ihm große Mühe bereitete. Als er ausatmete, drehte er den Kopf schwach zu Yaisuah hinüber. »Dieser Mann dort hat nichts Unrechtes getan …« Der Uniformierte ließ den Speerschaft herumschwingen und zerschmetterte dem Sprecher die Knie. Der Dieb sackte zusammen und wand sich in letzter rasselnder Qual. Dabei raffte sich Yaisuah auf und wandte sich in seine Richtung. »Heute wirst du mit mir im Paradiese sein«, sagte Yaisuah. Er sprach mit leiser Stimme, doch die meisten Anwesenden hörten ihn. Man wiederholte die Worte für die wenigen am Rand, die ihn nicht hatten verstehen können. Der Mann in der Rüstung lachte und sagte: »Unsinn!« Wieder schwang er den Speerschaft und zerschmetterte auch dem anderen Dieb die Knie. Auch dieser Mann sackte keuchend zusammen. Yaisuah hob den Kopf und rief: »Mich dürstet.« 229 Der Speerschwinger blickte zu ihm auf. »Der arme Junge hat Durst! Wir sollten ihm etwas Gutes zu trinken geben.« Hali wollte sich abwenden, konnte sich aber nicht bewegen. Was hatte die Männer in Rüstungen zu solchen Tieren werden lassen? Sie blickte sich um, auf der Suche nach etwas, das sie dem Sterbenden zu trinken geben könnte. Wieder wurde sie von Schiff gewarnt: Laß es geschehen, Eckel! Dies ist eine unumgängliche Lektion. Diese Leute müssen es lernen zu leben. Die ersten verließen die Menge. Das große Ereignis war vorbei. Hali war bald allein mit dem Sterbenden, nur auf der anderen Seite standen noch einige Frauen … und die Wächter dieser Qual. Ein kleiner Junge lief mit einem Krug herbei und reichte ihn dem Uniformierten, der den Dieben die Knie zerschmettert hatte. Hali sah, wie der Junge eine Münze entgegennahm. Er biß darauf und wandte sich ab, ohne die Verurteilten überhaupt anzublicken. Der Mann in der Rüstung machte am Ende seines Speers einen
Lappen fest, schüttete etwas Flüssigkeit aus dem Krug darüber und hob den Lappen an den Mund des Sterbenden. Hali nahm den säuerlichen Geruch wahr. Essig! Trotzdem saugte Yaisuah gierig an dem Lappen. Die Feuchtigkeit breitete sich über seinen gesprungenen und blutigen Mund aus. Als der Lappen zurückgezogen wurde, sank er von neuem ohnmächtig zusammen. Ein alter Mann auf der anderen Seite rief: »Er sollte vor Sonnenuntergang sterben! Wir können ihn nicht am Sabbath dort hängen lassen.« »Kein Problem.« Der Mann in der Rüstung hatte den Lappen von seinem Speer genommen. Er wandte sich um, bereit, das Holz gegen Yaisuahs Knie zu schwingen. In diesem Augenblick ließ das Licht nach, Dunkelheit breitete sich über das Land. Ein Stöhnen 230 lief durch die Menge. Hali hob den Blick, sah eine teilweise Sonnenfinsternis hinter den Wolken. Eine junge Frau löste sich aus der Gruppe gegenüber Hali und umfaßte den Speer des Soldaten. »Nicht!« rief sie. »Laß ihn! Er ist schon fast hinüber.« »Was schert es dich?« Die junge Frau blickte zu Yaisuah empor, der im gleichem Moment im Delirium erschauderte. Dann blickte sie wieder auf den Speerträger. Sie hatte ihren Begleitern den Rücken zugewandt und hatte nur Hali vor sich, als sie die Hand des Speerträgers an sich zog und sie unter ihrer Robe auf ihre Brust legte. Im gleichen Augenblick wölbte Yaisuah den Rücken vor dem senkrechten Pfahl und rief: »Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?« Ein tiefer Atemhauch durchbebte ihn. Seine Augen gingen auf, sein Blick war auf Hali gerichtet. »Es ist vollbracht«, sagte er. Dann fiel er nach vorn, mit weit geöffneten Augen, und atmete nicht mehr. Das plötzliche Schweigen wurde durch das Jammergeschrei einer Frau in der Gruppe gegenüber Hali unterbrochen. Andere fielen mit ein und begannen an ihrer Kleidung zu zerren. Der Mann in der Rüstung nahm die Hand von der Brust der Frau. Hali verharrte an ihrem Platz und starrte zu dem Toten empor. Und während sie noch hinschaute, kehrte der Sonnenschein zurück. Ein Windhauch ergriff den Saum ihrer Robe und schickte ein Frösteln über ihre Haut. Sie sah, wie die Männer in Rüstungen abrückten,
einer von ihnen hatte den Arm um die Schulter der jungen Frau gelegt, die den Speerhieb aufgehalten hatte. Hali wandte sich ab und hastete den Hügel hinab; sie konnte nicht länger zusehen. Im Gehen sprach sie mit Schiff . Schiff ? 231 Ja, Eckel? Gibt es in den schiffseitigen Dokumenten Berichte über dieses Ereignis? Du brauchst sie nur abzufragen. Ihr, die ihr schiffseits großgeworden seid, habt nicht viel Grund gehabt, danach zu fragen, besonders jene von euch, deren Vorfahren von Orten stammen, an denen dieses Ereignis nicht allgemein bekannt war. Ist das Wirklichkeit, der Mann, der da oben gestorben ist? So real wie dein Fleisch, das dich schiffseits erwartet. Da spürte sie die Sehnsucht nach dem Körper, an den sie sich erinnerte. Im Vergleich dazu war dieser alte Körper ein armseliges Vehikel. Sie stolperte den Hang hinab und spürte die Schmerzen in den Gelenken. Was meinte er mit dem ›Paradies‹? Das Zuhause, Eckel. Ich möchte nach Hause, Schiff . Noch nicht. Wenn Yaisuah eine Projektion war, warum hat sich sein Körper dann im Sterben nicht aufgelöst? Eine aktive Phantasie stützt ihn. Die ist bei solchen Phänomenen unerläßlich. Sollte ich das Du vergessen, das sich schiffseits befindet, oder das Du, das hier ist, würde das vergessene Fleisch verschwinden. Aber er ist tot. Was nützt es da, sein Fleisch intakt zu halten? Die Überlebenden brauchen etwas, das sie begraben können. Sie werden in drei Tagen zu seinem Grab zurückkehren und es leer vorfinden. Es wird ein Wunder für sie sein. Sie werden behaupten, er sei ins Leben zurückgekehrt und habe sein Grab verlassen. Wird er das tun? Das gehört nicht zu deiner Lektion, Eckel. Wenn dies eine Lektion ist, möchte ich wissen, was aus ihm wird! Ahhh, Eckel, du willst so viel! 232 Willst Du es mir nicht sagen?
Ich sage dir eins: Die, die sich an ihn erinnern, reisen durch diese Welt und lehren Frieden und Liebe. Dafür werden sie ermordet und gefoltert, und sie entfachen in seinem Namen große Kriege, zahlreiche blutige Ereignisse, die noch weit schlimmer sind als das, was du eben gesehen hast. Sie blieb stehen. Vor ihr erhoben sich primitive Gebäude, und sie hatte das Gefühl, daß sie dazwischen geschützter sein würde. Sie glichen mehr … den Korridoren, den Gängen Schiff s. Aber zugleich erfüllte sie Entrüstung. Was für eine Lektion ist denn das? Was nützt sie? Und wem? Eckel, Wesen deiner Art können Frieden erst begreifen, wenn sie von Kopf bis Fuß in Gewalt verstrickt waren. Ihr müßt euch über Zorn und Angst hinaus selbst anwidern, bis ihr begreift, daß weder Erpressung noch Ermahnung einen Gott rühren kann. Dann braucht ihr etwas, an das ihr euch klammern könnt. All dies dauert sehr lange. Es ist eine schwierige Lektion. Warum? Teils wegen eurer Zweifel. Hast Du mich deshalb hierhergebracht? Es kam keine Antwort, und sie fühlte sich plötzlich so einsam, als habe Schiff sie im Stich gelassen. Würde Schiff das tun? Schiff ? Was hörst du, Eckel? Sie neigte lauschend den Kopf. Hastige Schritte. Sie drehte sich um. Eine Gruppe von Leuten eilte an ihr vorbei den Hang hinab. Ein junger Mann folgte im Geschwindschritt. Er blieb neben Hali stehen. »Du warst die ganze Zeit dabei und hast ihn nicht verwünscht. Hast du ihn auch geliebt?« Sie nickte. Die Stimme des jungen Mannes klang angenehm 233 und zwingend. Er nahm sie bei der Hand. »Ich heiße Johannes. Willst du in dieser Stunde der Trauer mit mir beten?« Sie nickte und berührte ihre Lippen zum Zeichen, daß sie nicht sprechen konnte. »Oh, meine liebe Frau! Hättest du doch nur etwas gesagt, wäre dir dein Leiden genommen worden! Er war ein großer Mann. Sie haben ihn als den Sohn Gottes verspottet, doch er nahm nichts anderes in Anspruch als seine Verwandtschaft mit den Menschen. ›Der Menschen Sohn‹, sagte er. Das ist der Unterschied zwischen Göttern
und Menschen - Götter morden ihre Kinder nicht. Sie löschen sich nicht selbst aus.« In der Art und in der Stimme des jungen Mannes spürte sie die Macht des Ereignisses auf dem Hügel. Die Entdeckung erschreckte sie, doch sie machte sich klar, daß diese Begegnung eine wichtige Rolle spielte bei dem, was Schiff ihr vorführen wollte. Einige Dinge lösen sich von der Zeit, dachte sie. Du kannst jetzt in dein eigenes Fleisch zurückkehren, Eckel, sagte Schiff . Warte! Johannes hatte mit geschlossenen Augen zu beten begonnen. Seine Hand lag fest um die ihre. Sie fand, es war lebenswichtig, seine Worte zu hören. »O Herr«, sagte er, »wir sind hier in deinem Namen versammelt. Der eine in der Torheit der Jugend, die andere in der Schwäche des Alters, und so bitten wir dich, unser zu gedenken, so wie wir deiner gedenken. Solange es Augen gibt, die lesen können, und Ohren, die zu hören vermögen, wirst du nicht vergessen sein…« Sie vernahm den Ton der Überzeugung in dem Gebet, und der feste Griff seiner Hand erfreute sie. Durch seine Lider zogen sich dünne Adern, die beim Sprechen bebten. Ihr machte der allgegen234 wärtige Gestank nicht mehr so viel zu schaff en, der von ihm wie von allen anderen ausging, denen sie hier begegnet war. Er war dunkelhaarig wie Kerro, doch er hatte wirres, ungebärdiges Haar, das sein glattes Gesicht rahmte und die Intensität seines Wesens unterstrich. Ich könnte mich in diesen Mann verlieben. Vorsicht, Eckel! Schiff s Warnung amüsierte sie in dem Maße, wie ihr Gedanke sie überrascht hatte. Aber ein Blick auf die alte und leberfleckige Hand, die John umfaßt hielt, erinnerte sie daran, daß sie sich in einer anderen Zeit bewegte. Ihr Bewußtsein befand sich im Körper einer alten Frau. »… wir bitten darum in Yaisuahs Namen«, beendete Johannes sein Gebet. Er ließ ihre Hand los und klopfte ihr auf die Schulter. »Es wäre nicht gut für dich, mit uns gesehen zu werden.« Sie nickte. »Wir werden uns bald wieder treffen«, fuhr er fort, »in diesem oder jenem Haus, und wir werden sprechen über den Herrn und das
Zuhause, in das er zurückgekehrt ist.« Sie dankte ihm mit den Augen und blickte ihm nach, bis er um eine Ecke bog und zwischen den tieferliegenden Häusern nicht mehr zu sehen war. Ich möchte nach Hause, Schiff . Es folgte ein Moment der Leere, dann wieder der Tunnel und schließlich die blendende Helle der Laborbeleuchtung nach dem erdseitigen Dämmerlicht. Aber jene anderen Augen waren nicht dieselben! Sie richtete sich auf und spürte die lebenssprühende Beweglichkeit des vertrauten Fleisches. Es beruhigte sie, daß Schiff sein Versprechen gehalten hatte, sie in den eigenen Körper zurückzuführen. 235 Schiff ? Stell deine Frage, Eckel! Du hast gesagt, ich würde mehr darüber erfahren, was es bedeutet, sich in die Zeit einzumischen. Habe ich mich eingemischt? Ich habe mich eingemischt, Eckel. Begreifst du die Folgen? Sie dachte an Johannes‘ betende Stimme, an die Kraft, die ihn erfüllte - die schreckliche Kraft, die Yaisuahs Tod freigesetzt hatte. Es war eine ungezügelte Kraft, zur Freude wie auch zum Schmerz fähig. Das Empfinden dieser Kraft entsetzte sie. Schiff hatte sich eingemischt, und das hatte diese Kraft zur Folge gehabt. Was konnte eine solche Kraft nützen? Wie sieht deine Entscheidung aus, Eckel? Freude oder Pein - die Entscheidung liegt bei mir? Welche Wahl, Eckel? Wie wähle ich? Indem du wählst, indem du lernst. Ich will jene Kraft nicht! Aber du hast sie bereits. Warum? Weil du gefragt hast. Das wußte ich nicht. So ist das oft, wenn man fragt. Ich möchte die Freude, aber ich weiß nicht, wie ich die Wahl treffen muß! Du wirst es lernen. Hali schwang die Beine von der gelben Couch und begab sich zu
dem Bildschirm und der Tastatur, an der das schreckliche Erlebnis begonnen hatte. Urplötzlich kam sie sich innerlich uralt vor, ein alter Geist in einem jungen Körper. Ich habe gefragt, ich habe mit allem begonnen … in der weit zurückliegenden Zeit, da sich meine Wünsche auf Kerro Panille beschränkten. 236 Sie setzte sich an die Tastatur und starrte auf den Schirm. Ihre Finger bewegten sich über die Tasten. Sie fühlten sich vertraut, doch zugleich fremdartig an. Kerros Finger hatten diese Tasten berührt. Urplötzlich sah sie dieses Instrument als Gefäß, das unerträgliche Erlebnisse auf Distanz hielt. Man mußte nicht persönlich gehen. Diese Maschine machte schreckliche Dinge akzeptabel. Sie atmete tief ein und tippte in die Tasten: DOKUMENTE ALTE GESCHICHTE - YAISUAH/JESUS. Aber Schiff war noch nicht fertig mit dem Stören. Wenn es irgend etwas gibt, das du dir persönlich anschauen willst, Eckel, brauchst du nur zu fragen. Allein der Gedanke ließ sie erschaudern. Dies ist mein Körper, und ich bleibe darin. Das, Ecket, ist die Entscheidung, die du vielleicht noch überdenken wirst. Mein erster Erfolg regte meine Phantasie zu sehr an, um Zweifel zu lassen an meiner Fähigkeit, einem Tier Leben zu schenken, das so kompliziert und wundervoll ist wie der Mensch. MARY SHELLEYS FRANKENSTEIN Schiffsdokumente »Ich nenne dies gern den Blumen-Raum«, sagte Murdoch und führte Rachel Demarest über das offene Terrain zur Schleuse. Es war sehr hell hier, und ihr mißfiel die Art und Weise, wie die jüngeren Klone vor Murdoch zurückwichen. Sie war selbst Klon und hatte natürlich die Geschichten über diesen Ort gehört. Am liebsten hätte sie gezögert, hätte sie das Kommende noch weiter 237 hinausgezögert. Doch hier lag ihre einzige Chance auf Zugang zu den politischen Kreisen, in denen sich Oakes und Lewis bewegten. Murdoch umklammerte dicht über dem Ellbogen ihren Arm, und sie kannte den Schmerz, den er erzeugen konnte, wenn sie zögerte. Murdoch blieb an der Schleuse stehen und betrachtete seine Schutzbefohlene. Die wird keine Petitionen mehr vorbringen, dachte er.
Die leichte Blautönung ihrer Haut, ihre nervös zuckenden, ungelenken Glieder erzeugten den Eindruck, als wäre ihr kalt. »Vielleicht könnten wir beiden zu einer Einigung kommen«, sagte sie und drückte ihm die Hüfte in die Seite. Murdoch war in Versuchung, sie zu nehmen, bevor … aber die blaue Haut! »Tut mir leid, aber es gehört eben dazu, für jeden, der hier arbeitet. Gewisse Dinge müssen wir eben wissen - und über andere Dinge müssen Sie sich klarwerden.« Es tat ihm wirklich leid, denn er erinnerte sich vage an einige Unsäglichkeiten, die er seinerzeit während seiner eigenen SchreiRaum-Einführung durchgemacht hatte. Es gab Dinge, an die er sich gar nicht so klar erinnerte - ein doch sehr beunruhigender Umstand. Aber Befehl war Befehl. »Ist dies der Ort, der Schrei-Raum genannt wird?« Ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern. Den Blick hatte sie starr auf das Luk der Schleuse gerichtet. »Es ist der Blumen-Raum«, sagte er. »All diese wunderschönen jungen Klone …« Unbestimmt deutete er auf den Raum hinter ihr. »Sie alle kommen von hier.« Sie wollte sich umsehen. Einige absonderlich geformte Wesen hatten sich im hinteren Teil der Menge aufgehalten, einige mit Hautfarben, die sogar extremer waren als die ihre. Doch etwas in Murdochs Verhalten brachte sie davon ab, sich umzudrehen. 238 Er ergriff ihre Hand und legte ihre Handfläche auf den Sensorschreiber neben dem Luk. »Um Ihre Eintrittszeit festzuhalten.« Sie spürte ein seltsames Stechen in ihrer Hand, als sie den Schreiber berührte. Murdoch lächelte, doch es war eine freudlose Geste. Seine freie Hand bewegte sich zu dem Hebel, der den Schleusenmechanismus in Gang setzte. Das Luk öffnete sich zischend, und er schob sie hinein. »Hinein mit Ihnen!« Sie hörte das Luk hinter sich zugehen, doch ihre Aufmerksamkeit galt dem Innenluk, das sich vor ihr öffnete. Als es zur Seite geschwungen war, machte sie sich klar, daß die groteske Statue, die sie da in der Schleusenöffnung erblickte, in Wirklichkeit ein nacktes Lebewesen war. Und - Tränen strömten dem Geschöpf über die Wangen.
»Tritt ein, meine Liebe!« Seine Stimme war heiser. Zögernd ging sie auf ihn zu; sie wußte, daß Murdoch die Szene durch die Deckensensoren beobachtete. Der Raum, den sie betrat, wurde durch Eckröhren erhellt, die den gesamten Bereich mit tiefrotem Licht überschwemmten. Als das Luk hinter ihr zuging, ergriff das Scheusal ihren Arm und zog sie tiefer in den Raum. Seine Arme sind zu lang. »Ich bin Jessup«, sagte er. »Wenn du fertig bist, kommst du zu mir.« Rachel blickte sich in einem Kreis grinsender Gestalten um - einige waren männlich, einige weiblich. Einige waren noch grotesker geformt als Jessup. Sie entdeckte einen Mann mit kurzen Armen und kugelförmigem Kopf, der eine riesige Erektion vor sich hertrug. Er beugte sich vor, ergriff das Glied und richtete es auf sie. Diese Wesen gibt es wirklich! dachte sie. Dies ist kein Alptraum! 239 Die Gerüchte, die sie gehört hatten, kamen der Realität dieses Ortes überhaupt nicht nahe. »Klone«, flüsterte Jessup neben ihr, als habe er ihre Gedanken gelesen. »Alles Klone, die ihr Leben Jesus Lewis verdanken.« Klone? Das sind doch keine Klone; es sind rekombinante Mutanten! »Aber Klone sind Menschen«, flüsterte sie. Kugelkopf machte einen unsicheren Schritt auf sie zu und hielt nach wie vor seine riesige Erektion in ihre Richtung. »Klone sind Eigentum«, antwortete Jessup mit fester Stimme, in der aber immer noch ein seltsames Ächzen lag. »Lewis sagt das, also muß es stimmen. Durchaus möglich, daß du für einige mit der Zeit … eine gewisse Zuneigung entwickelst.« Jessup wollte sie allein lassen, doch sie klammerte sich an seinem Arm fest. Wie kalt sich sein Fleisch anfühlte! »Nein … warten Sie.« »Ja?« Ein Schnarchlaut. »Was … was geschieht hier?« Jessup sah sich im Kreis der Wartenden um. »Es sind Kinder, weiter nichts als Kinder. Eine Woche alt.« »Aber sie sind …« »Lewis kann einen Klon in wenigen Tagen zur Reife wachsen lassen.« »Tagen?« Sie wollte Zeit schinden. »Wie … ich meine, die Energie …« »Wir essen hier drinnen viel Burst. Lewis sagt, das wäre der Grund,
warum seine Leute den Burst erfunden haben.« Sie nickte. Die Nahrungsmittelknappheit - würde sich enorm verstärken durch den Umstand, daß Burst hergestellt wurde. Jessup beugte sich an ihr Ohr und flüsterte: »Und Lewis hat dem Tang ein paar wunderschöne Tricks abgeguckt!« Sie blickte ihn an - zum erstenmal nahm sie ihn richtig wahr. 240 Das zu breite Gesicht mit dem zahnlosen Mund und den hohen Wangenknochen, den Knopfaugen, der hohen Stirn und dem vorstehenden Kinn. Ihr Blick wanderte an seinem Körper hinab eine gewaltige Brust, doch seltsam eingesunken … schmale Hüften … dürre Beine … Er war … er war nicht nur er, wie sie jetzt entdeckte, sondern beide Geschlechter zugleich. Und jetzt erkannte sie auch den Grund für das Ächzen in seiner Stimme. Er hatte Geschlechtsverkehr mit sich selbst … er oder sie! Kleine Muskeln zwischen den Beinen bewegten unablässig den … Rachel wandte sich heftig ab, und ihr Verstand suchte verzweifelt nach irgend etwas, das sie sagen konnte. »Warum weinen Sie?« Ihre Stimme klang zu schrill. »Oh, ich weine immer. Das hat nichts zu besagen.« Rundkopf schlurfte einen weiteren Schritt vor, und der ganze Kreis folgte seinem Beispiel. »Zeit zur Unterhaltung!« sagte Jessup und stieß sie in Rundkopfs Richtung. Sie spürte Hände, die nach ihr griff en, die sie herumdrehten, und bald darauf setzte ihre Erinnerung aus … doch lange Zeit hatte sie das Gefühl, Schreie zu hören, und fragte sich, ob es etwa ihre eigenen waren. 241 Das Kennzeichen der Religion ist absolute Abhängigkeit. Sie offenbart die Positionen des Bittstellers und des Gütespenders. Der Bittsteller benutzt Ritual und Gebet, bei dem Versuch, den Gütespender zu beeinflussen (zu lenken). Die Ähnlichkeit zwischen dieser Beziehung und den Zeiten absoluter Herrscher ist nicht zu übersehen. Diese Abhängigkeit von der Bittstellung verleiht dem Bewahrer dieser beiden Elemente - der rituellen Versatzstücke und der Reinheit der Gebetsformen - (das heißt, dem Geistlichen) eine Macht, die der des eigentlichen Gütespenders ähnlich ist. AUSBILDUNG DES PSYCHIATER-GEISTLICHEN
Dokumente Mondstützpunkt (aus Schiffsdokumenten) Begleitet von Waela TaoLini schritt Raja Thomas durch einen Korridor in der Kolonie. Beide trugen isolierte gelbe Einteiler mit Kragenaufsätzen für Atmungshelme. Draußen breitete sich das erste Licht Regas aus, hier drinnen aber herrschte das sanfte Gold der tagseitigen Beleuchtung, an die sich jeder Kolonist von seiner schiffseitigen Zeit her erinnerte. Die erste Mahlzeit dieses Tageslaufs lag Thomas schwer im Magen, worüber er sich Gedanken zu machen begann. Man setzte den Speisen seltsame Füllstoff e zu. Was war mit den schiffseitigen Agraria? War es möglich, daß Schiff tatsächlich die hydroponische Ernte reduzierte, wie Oakes‘ Leute angedeutet hatten? Waela, die sich Thomas‘ Schritt angepaßt hatte, war seltsam stumm. Er blickte sie an und stellte fest, daß sie ihn musterte. Die Blicke beider zuckten vor einer Konfrontation zurück, die nicht lange genug dauerte, um Kontakt genannt zu werden; trotzdem 242 breitete sich ein orangeroter Schimmer über ihr Gesicht und ihren Hals aus. Waela starrte geradeaus. Ihr Ziel war die Versuchsstart-Plattform, wo die neue Unterwassergondel und ihr Trägergefährt auf die Probe gestellt werden sollten. Das geschah beim erstenmal in dem abgeschlossenen und isolierten Tank des Hangars; erst dann wagte man sich in Pandoras unberechenbaren Ozean hinaus. Warum kann ich nicht einfach nein sagen? überlegte sie. Sie mußte sich dem Dichter nicht auf die Weise nähern, die Thomas angeordnet hatte. Es gab andere Möglichkeiten. Das brachte sie auf den Gedanken, doch einmal nach der Gesellschaftsform zu fragen, aus der Thomas hervorgegangen war. Wie sieht seine Bildung aus, die ihn denken läßt, Sex wäre der beste Weg, die Schutzbarrieren der Psyche einzureißen? Wie es nur selten geschah, wenn sie in Begleitung war, meldete sich Ehrlichkeit in ihrem Kopf: »Die Männer haben geherrscht, die Frauen waren eine untergeordnete Klasse.« Kein Zweifel - das stimmte. Es paßte zu seinem Verhalten. Unterdessen betete sich Thomas lautlos vor: Ich bin Thomas. Ich hin Thomas. Ich hin Thomas … Das Absonderliche an diesem inneren Gesang, den er als seine persönliche Litanei übernommen hatte, lag in dem Umstand, daß er
seine Anfälligkeit für Zweifel noch erhöhte. War es möglich, daß der Name damit zu tun hatte? Waela traut mir nicht mehr - wenn sie das je getan hat. Was ist das für ein Dichter und wo steckt er? Seine Abfertigung dauerte unerklärlich lange. Wird er ein Arm Schiff s sein? Warum bekamen sie einen Dichter ins Team? Darin mußte ein Hinweis auf die Pläne Schiff s liegen. Ein kaum erkennbarer Hinweis … wahrscheinlich sehr indirekt und verdreht … doch immerhin ein Hinweis. Es mochte sich um das Element des töd243 lichen Spiels handeln, von dem verlangt wurde, daß er es selbst entdeckte. Wieviel Zeit haben wir? Schiff hielt sich bei dem Spiel nicht immer an Regeln, die fair und gerecht waren. Du bist nicht immer fair, oder, Schiff ? Wenn du unparteiisch meinst, ja, dann bin Ich fair. Die Antwort überraschte Thomas. Er hatte nicht damit gerechnet, daß Schiff auf ihn eingehen würde, während er durch diesen Korridor schritt. Thomas blickte Waela an - eine stumme Frau. Ihre Hautfarbe war zum normalen Hellrosa zurückgekehrt. Sprach Schiff je zu ihr? Ich spreche ziemlich oft zu ihr, Teufel. Sie nennt Mich Ehrlichkeit. Vor Überraschung wäre Thomas beinahe ins Stolpern gekommen. Weiß sie, daß es sich um Dich handelt? Dessen ist sie sich nicht bewußt. Sprichst Du auch zu anderen, ohne daß sie es wissen? Zu vielen, sehr vielen. Thomas und Waela bogen um eine Ecke in einen weiteren fensterlosen Durchgang, der durch hellblaue Leuchtstreifen an der Decke erhellt war - der Farbkode, der anzeigte, daß der Weg in die Außenzone führte. Er senkte den Blick auf Waelas Hüfte und sah dort im Halfter die allgegenwärtige Laspistole. Waela brach das Schweigen. »Diese neuen Klone, die nach Oakes Worten draußen auf Drachen im Einsatz sind - worum handelt es sich dabei?« »Um Leute mit schnelleren Reaktionen.« »Ich traue diesem Lewis nicht.« Thomas war derselben Ansicht. Lewis blieb eine rätselhafte Gestalt das brutale Alter-Ego Oakes‘? Es gab Gerüchte über 244
Lewis, die darauf hindeuteten, daß Schiff sich keine Zurückhaltung auferlegte, wenn es Pandoras Büchse öffnete. Sie hatten das Luk zum Hangar erreicht. Thomas zögerte, ehe er dem Wächter Zeichen gab, sie durchzulassen. Er blickte durch das LukFenster und sah, daß die Himmelspforten des Hangars geschlossen waren. Es konnte nicht lange dauern. »Was macht Ihnen zu schaff en, Waela?« Sie begegnete seinem Blick. »Ich habe nur überlegt, ob es überhaupt einen Menschen gibt, dem man trauen kann.« Pandoras Ruch, dachte er und beschloß, ihren Verdacht auf Oakes zu lenken. »Warum dringen wir nicht darauf, daß ein Inspektionsteam gebildet wird, das Oakes‘ Handlungen von vorn bis hinten durchleuchtet?« »Meinen Sie, das würde man zulassen?« »Es lohnt sich jedenfalls das Feststellen.« »Ich werde es Rachel vorschlagen, wenn ich sie das nächste Mal sehe.« »Rufen Sie sie an, wenn wir drinnen sind.« »Geht nicht. Auf dem Dienstplan steht, sie ist auf Vegetationspatrouille am südlichen Perimeter. Ich rufe sie nachtseits an.« Ohne genau zu wissen, warum, spürte Thomas einen kalten Schauder bei ihren Worten. War die dumme Demarest in Gefahr? Er schüttelte den Kopf. Sie alle waren in Gefahr, stets und ständig. Noch einmal schaute Thomas durch das Luk und sah sich das Treiben im Hangar an. Helle Lampen strahlten um das U-Boot. Das LAL verlor sich in der Dunkelheit darüber. Zahlreiche Arbeiter eilten durch die beleuchtete Zone. Er konnte erkennen, daß sie die Bodenpforte geöffnet und das Versuchsbecken unter dem Hangar freigelegt hatten. Die Lampen spiegelten sich in freilie245 gendem Wasser neben der Plas-Gondel und dem Träger-U-Boot. Ah ja, man montierte U-Boot und Gondel zusammen. Rachel würde also erst nachtseits von Süd-Perimeter zurück sein. Dieser Gedanke brachte ihn auf die besonderen Eigenarten von Waeles Schiffssprache. Nachtseits. Die unregelmäßigen Tagesläufe eines Planeten mit zwei Sonnen brachten den Kolonisten kaum Probleme. Sie waren Schiffsmenschen gewesen, die ein gutes Bezugssystem zur Hand
hatten: Tag und Nacht waren keine Zeiten, sondern Seiten. Lag darin ein Hinweis, etwas, das ihm bei der Suche nach einem Weg in das Herz dieser Menschen helfen konnte? Er hatte den gewünschten Status zu erreichen gehofft, wenn es ihm gelang, sich mit dem Elektro-tang zu verständigen. Was immer uns dabei hilft, eine Anpassung an die Rhythmen Pandoras zu finden. Wenn die Kolonisten sich nur daran gewöhnen könnten, mir zu trauen … wenn sie zu mir aufblickten … dann könnte ich ihnen sagen, was Schiff wirklich von ihnen will. Dann würden sie mir glauben und mir folgen. Das U-Boot dort drüben - würde das der Schlüssel sein? Wiederkehrende Symbole. Was konnte in den Symbolen einer intelligenten Pflanze wiederkehren? Sie war intelligent, davon war er überzeugt. Das gleiche galt für Waela. Trotzdem blieben die Symbole ein Rätsel. Glühwürmchen in der Nacht des Meeres. Redeten sie unter den Wogen miteinander? Das tun wir. Waela deutete auf den Signalhebel neben dem Luk. »Warum dauert es so lange?« »Sie montieren die neue Gondel und das U-Boot. Von dieser 246 wichtigen Sache wollte ich niemanden wegrufen.« Er nickte, als er die Gondel an Ort und Stelle rücken sah, dann drückte er auf den Hebel. Nach kurzer Zeit entriegelte ein grüngekleideter Arbeiter die inneren Schlösser und ließ das Luk aufschwingen. Ein langsamer Prozeß, aber schließlich befand man sich in einer gefährlichen Zone. Die Luken konnten von beiden Seiten verschlossen werden - von drinnen, wenn die Himmelspforten geöffnet waren. Die gesamten bodenseitigen Anlagen waren darauf angelegt, bei einem Angriff alle Möglichkeiten offenzulassen, einen Angriff einzudämmen. Im Hangar herrschte ein feuchter Duft nach draußen, der Thomas auf die Nerven ging. Waela ging ihm voraus durch den Hangar. Sie bewegte sich mit jenem wachsamen Hin und Her des Kopfes, das sich Kolonisten unter keinen Umständen abgewöhnen können, die Augen in ständiger lauernder Bewegung. Ihr heller Einteiler schmiegte sich wie eine zweite Haut an ihren Körper.
Er hatte darauf bestanden, daß sie sich die neuen Anzüge aus dem Vorratslager holten. Wie angeordnet, waren sie gegen die Kälte des Meeres isoliert, wodurch eine getrennte Isolierung der Gondel überflüssig wurde. Plas, wenn man es nicht doppelt oder dreifach einzog, war sehr wärmeleitfähig. Diese Entscheidung verschaffte der Gondelbesatzung einige zusätzliche Zentimeter Platz. Waela hatte ihn ein wenig aus dem Rhythmus gebracht, als sie die Anzüge abholten. Auf schiffseitige Art gab es keine getrennten Ankleideräume. So war sie ihm ohne zu zögern in den Anprobebereich gefolgt. Die körperliche Freizügigkeit, die hier herrschte, machte ihm noch immer zu schaff en. Er mußte sich stets umdrehen, wenn er sich in weiblicher Gesellschaft an- oder auskleidete. 247 Waela dagegen blieb ungezwungen-direkt. »Raj, wußten Sie, daß Sie ein lustig aussehendes Muttermal auf dem Hintern haben?« Ohne nachzudenken hatte er den Kopf zu ihr umgedreht und sah sie in den Anzug steigen - Brüste und Scham waren entblößt. Nach einem kaum merklichen Zögern setzte sie ihre Bewegung fort, als spräche sie nur zu seinen Augen mit den Worten: »Natürlich bin ich eine Frau. Das wußten Sie doch!« Ihm war überaus deutlich bewußt, daß sie eine Frau war. Es führte kein Weg an der magnetischen Anziehung vorbei, die sie auf ihn ausübte. Ebensowenig ließ sich abstreiten, daß sie seine Reaktion kannte und auf eine undefinierbar rücksichtsvolle Weise darüber amüsiert war. Dieses Wissen in ihr mochte zu ihrer Erregung beigetragen haben, als er sie aufforderte, dem neuen Team-Mitglied mit sexuellem Druck zu begegnen. Und sie hatte recht. Aber was ist, wenn Schiff uns ebenfalls hereinlegen will? Zweifel - immer nur Zweifel. Er hatte feststellen müssen, daß er mit einigen Äußerungen Oakes‘ durchaus übereinstimmte. Andererseits war nichts gegen Waelas Argument zu sagen: »Wir können uns nicht weiterhelfen, indem wir uns gegenseitig betrügen.« Ihre Offenheit fand er mindestens ebenso anziehend wie ihre physische Aura. Aber ich bin der Lockvogel, der Teufelsanwalt, der Herausforderer. Ich bin der ritterliche Kämpfer inmitten der Bauern. Und er wußte, daß er nicht mehr viel Zeit hatte. Jederzeit konnte
Schiff ihm eine unmögliche zeitliche Begrenzung auferlegen. Oder Oakes und seine Mannschaft machten die unausgesprochene Drohung wahr, seinem Projekt finanziell den Hahn abzudrehen. Die latente Wut in Waela war nicht zu übersehen - sie verriet sich durch ihren Schritt (ein wenig zu energisch) und in der Art 248 und Weise, wie sie ihn musterte, wenn sie glaubte, daß er nicht hinschaute. Aber sie würde sich um Panille kümmern und ihm die passenden Fragen stellen. Das war das Wichtige. Thomas spürte noch die Reste ihres Zorns, als sie in die grellen Lichter und das hektische Treiben auf der Montageplattform traten, auf der das U-Boot aufgebockt stand. Ansonsten war sie ganz sachlich, während sie zu dieser Schöpfung emporstarrte, die aus Thomas‘ Befehlen hervorgegangen war. Es handelte sich um eine dicke metallene Tropfenform, leicht überdehnt. Die Ösen für die Aufhängung am LAL erstreckten sich in einer doppelten Erhöhung auf der Oberseite und erinnerten an das Rückgrat urzeitlicher irdischer Monster. Das Prinzip war einfach. Der größte Teil des U-Boots diente als Träger für die Plas-Kuppel der Gondel in der Mitte. Nur die Antriebsmotoren und das Teibstofflager wurden gegen den Druck des Meeres verstärkt. Der Träger hatte eine weitere wichtige Funktion, die ihr nun offenbar wurde: An seinen Flanken erstreckten sich senkrechte Batterien aus plasbedeckten Lampen - jede Kugel hatte einen Durchmesser von vier Zentimetern. Die Auslösung für das Ein- und Ausschalten der Lampen in bestimmten Sequenzen kam von einem Computer/ Sensor-Feedback-Programm. Was immer die Sensorenaugen in den Tiefen des Ozeans sahen, vermochten diese Lichter zurückzugeben. Die Lichtmuster des Tangs würden zu seinen Mustern werden, die Rhythmen des Tangs zu den seinen. Hapat Lavu, der Chefingenieur, trat Thomas und Waela am Rand des erleuchteten Bereichs entgegen. Er war ein schlanker, schwer arbeitender Mann mit einer funkelnden Glatze. Seinen Augen entging kaum eine Kleinigkeit, und trotz seiner schneidenden Zunge, die zornige Tadel aussprechen konnte, gehörte er zu den beliebtesten Kolonisten. Allgemein herrschte über ihn die Ansicht: »Auf Hap kann man sich verlassen.« 249 Die Verläßlichkeit galt bodenseits sehr viel, und Hap Lavu war bemüht, seinen Ruf aufrechtzuerhalten. Von allen Maschinen aus den
Werkstätten hatten bisher die U-Boote Pandoras Anforderungen als einzige nicht genügen können. Sechzehn waren spurlos verschwunden; aus vier Booten hatte es Überlebende gegeben und von drei weiteren hatte man Wrackteile auf dem Meeresboden aufgespürt. Sie alle waren von riesigen Tangsträngen zerdrückt oder anderweitig ausgeschaltet worden. Lavus Ansicht dazu entsprach der allgemeinen Einschätzung: »Das verdammte Zeug kann denken und ist ein Killer!« Während ihrer kurzen Zusammenarbeit war er bereits zu einem Bewunderer Thomas‘ geworden. Thomas hatte die anerkannten UBoot-Bauelemente genommen und in seinen neuen Entwurf eingearbeitet. An seinem Plan mißfiel Lavu lediglich die Kommunikation und das Wiederaufgreifen. Bei der Begrüßung Thomas‘ kam er sofort darauf zu sprechen: »Sie sollten sich etwas Besseres ausdenken als die Raketensonden. Die schaff en es nicht, davon bin ich überzeugt.« »Wir bleiben dabei«, sagte Thomas. Er wußte, worüber sich Lavu Sorgen machte. Der allgegenwärtige Elektrotang versperrte nicht nur die Meere, sondern störte mit seinen elektrischen Ausstrahlungen auch auf allen Kommunikationskanälen - vom Sonar bis zum Radar. Hyflieger offenbarten ähnliche Symptome. Bestand hier eine Beziehung? Hinter den Störungen stand kein System; es handelte sich um zufällige Ausbrüche von elektromagnetischer Aktivität. Aus diesem Grund verließ man sich auf Hochenergie-Einrichtungen und optische wasserseitige Relais. Aber sollte eine Wolke von Hyfliegern aus dem Meer aufsteigen, war es auch damit vorbei. »Sie müssen an die Oberfläche kommen, ehe Sie sich verständlich machen können«, sagte Lavu. »Wenn Sie mir gestatten, das 250 Ankerkabel so umzugestalten, daß …« »Zu viele Leitungen zum U-Boot«, gab Thomas zurück. »Wir könnten uns darin verstricken.« »Dann sollten Sie darum beten, daß Sie über die Störungen hinauskommen, um sich mit dem Relais zu verständigen.« Thomas nickte. Man hatte die Absicht, das LAL in einer Lagune zu verankern, am Ankerkabel senkrecht tauchend hinabzugleiten und sich auf diese Weise von den Tangbarrieren fernzuhalten. »Wir werden beobachten, die Lichtmuster zurückspielen und in den Lichtern oder sonstigen elektromagnetischen Aktivitäten nach neuen
geschlossenen Mustern forschen«, hatte er gesagt. Es war ein praktikabler Plan. Mehrere U-Boote hatten Forschungstauchfahrten überlebt, indem sie sich von dem Tang fernhielten. Nur wenn die U-Boote Anstalten machten, Proben zu entnehmen, kam es zu gewaltsamen Ereignissen. Praktikabel - aber mit einer unvermeidlichen Schwäche. Das LAL würde an der Oberfläche an seiner Ankerleine hängen und die Rückkehr des U-Bootes aus der Tiefe erwarten. Der Plan, ein zusätzliches LAL mit einer verankerten Liftgondel oder ein freischwebendes Not-LAL vorzusehen, war aufgegeben worden. Dafür war der Wind zu unberechenbar, außerdem wurde befürchtet, daß zwei in derselben Lagune verankerte LALs gefährliche Navigationsprobleme heraufbeschwören könnten. Die Mindestgröße eines solchen LALs führte dazu, daß sie auf kleinem Raum wenig beweglich waren. Am Hangar wurden zurückkehrende LALs mit der Winde herabgeholt, nachdem die Schleppleine aufgegriffen worden war. Dafür war die für den Einsatz vorgesehene LAL-Zelle nun dreifach verstärkt und in zahlreiche Einzelballons unterteilt worden. Diese Argumente gingen Thomas durch den Kopf, während er das neue U-Boot betrachtete. 251 Willst Du mich hier sterben lassen, Schiff ? Keine Antwort. Schiff hatte gesagt, daß sein Schicksal nun in seinen eigenen Händen läge. Das gehörte zu diesem Spiel. Wenn der Tang intelligent ist und wir Kontakt aufnehmen können, wird das ungeheure Fortschritte bringen! Intelligente Pflanzen! Kannten sie die Schiffsverehrung? Sie konnten der Schlüssel zu den Forderungen Schiff s sein. Schiff nannte den Tang intelligent, und dabei mochte es sich um einen der Fallstricke dieses Spiels handeln. Sollte er sich von Zweifeln leiten lassen? Thomas wurde sich plötzlich klar darüber, daß der Tang so gut wie unsterblich sein konnte, wenn Schiff die Wahrheit sagte. Bis auf einige Exemplare, die durch menschliches Einwirken beschädigt worden waren, hatten sie noch keinen toten Tang zu Gesicht bekommen. Lebte der Tang ewig? »Lehnen Sie ein Ersatz-LAL noch immer ab?« fragte Lavu. »Wie lange könnte denn eins in Sichtweite bleiben?« fragte Thomas. »Hängt vom Wetter ab, das wissen Sie genausogut wie ich.« In Lavus Stimme schwang Mißbilligung mit. Er faßte es als
persönliche Beleidigung auf, daß so viele seiner Schöpfungen vernichtet worden waren, dabei hatte er sie nach bestem Vermögen für ein Überleben unter Wasser ausgerüstet. Die Antwort lag natürlich in dem Umstand, daß Pandoras planetenumspannendes Meer Gefahren enthielt, die alles übertrafen, was sie bisher erlebt hatten. Lavu lebte inzwischen in der Überzeugung, daß das gesamte Projekt eine persönliche Herausforderung war. Er wollte nicht aufgeben. Darin lag mehr als nur Sorge um Maschinen. Lavu wollte als Besatzungsmitglied mittauchen. »Wie erfahre ich, was gebraucht wird, wenn ich nicht selbst mit runtergehe?« 252 »Nein«, entschied Thomas. Also gut, Schiff . Jetzt kommt die entscheidende Würfelrunde. Teufel, warum beharrst du auf solch übertriebenen dramatischen Posen? Diesmal hatte er die Antwort erwartet und war vorbereitet. Weil man hier erst auf mich hören wird, wenn ich eine überlebensgroße Statur gewonnen habe. Das Leben kann nie überlebensgroß sein. Lavu tätschelte die Außenhülle des U-Bootes. Waela trat neben ihn. Sie hatte auf die Untertöne in dem Gespräch zwischen Thomas und Lavu geachtet. Wovon wird Thomas getrieben? fragte sie sich. Sie wußte nur sehr wenig über ihn. Aus der Hib, dann das Kommando über dieses Projekt. Schiff s Entscheidung, sagte er. Warum? »Sie ist schwerer als alle meine früheren Schönen«, erklärte Lavu in der Annahme, daß Waela sich mit diesem Problem beschäftigt hätte. »Ich wette, daß jedes pandorische Ungeheuer sich daran die Zähne ausbeißt.« »Haben Sie das Problem mit der Füllung des LAL gelöst?« erkundigte sich Thomas. »Die Füllung bis zum Äußersten muß außerhalb erfolgen«, antwortete Lavu. Ich habe zusätzliche Perimeterwächter angefordert, weil die Himmelspfosten länger offenstehen müssen, als mir lieb ist.« »Und das U-Boot?« fragte Waela. »Wir haben Führungskabel durch die Pforte hinausgelegt. Damit schaffen wir‘s.«
Instinktiv blickte Thomas zu den Irisverschlüssen der Himmelspforte hinauf. »Spätestens um null-sechshundert ist sie fertig«, fuhr Lavu fort. 253 »Sie haben dann eine volle Nachtseite Ruhe, ehe der Start beginnt. Wer soll Sie begleiten?« »Nicht Sie, Hap«, antwortete Thomas. »Aber ich …« »Ein neuer Mann namens Panille soll mit uns tauchen«, fuhr Thomas fort. »Das habe ich schon gehört. Ohne Ausbildung. Ein Dichter? Stimmt das wirklich?« »Ein Fachmann für Kommunikationsfragen«, sagte Thomas. »Nun ja, dann wollen wir jetzt den Tankversuch machen«, sagte Lavu. Er wandte sich ab und gab einem Helfer ein Handzeichen. »Wir begleiten Sie«, meinte Thomas. »Bis auf welchen Druck wollen Sie hochgehen?« »Fünfhundert Meter.« Thomas blickte zu Waela hinüber. Sie neigte minimal den Kopf, um ihre Zustimmung anzuzeigen, und richtete ihre Aufmerksamkeit wieder auf das U-Boot. Es krümmte sich über ihr empor; im dicksten Teil der Tropfenform nahe dem Bug war es gut dreimal so groß wie sie. Die äußere Trägerhülle verdeckte fast die gesamte umschlossene Plas-Gondel; nur die obere Rundung schaute heraus. Der Induktionspropeller am Heck war durch ein kompliziertes System von Abschirmungen und Leitblechen verdeckt, der seine Wirksamkeit zwar herabsetzte, aber einen gewissen Schutz vor den Angriff en des Tangs bot. Arbeiter stellten eine Leiter an die Flanke des Schiff es, gepolstert mit Schaumstoffballen, damit die äußeren Signallampen nicht beschädigt wurden, und hielten sie fest, während Lavu die Sprossen erstieg. Dabei sprach er weiter. »Wir haben das manuelle Überschaltsystem installiert, um sicher zu sein, daß kein zufälliges Signal Ihr Luk öffnet. Sie werden die Riegel jedesmal von Hand zurückschieben müssen.« 254 Keine neue Sache, dachte Thomas. Waela hatte den Vorschlag gemacht. Es bestand der Verdacht, daß der Tang in einem breiten Spektrum Signale aussenden konnte und daß einige der verschwundenen U-Boote lediglich solchen Abtastimpulsen zum
Opfer gefallen waren, unter deren Einfluß sie unter Wasser die Luken geöffnet hatten. Waela stieg hinter Lavu in die Höhe und überließ es Thomas, ihr zu folgen. Als er schließlich das offene Luk erreichte, waren die beiden bereits im Inneren. Er hielt inne, um an dem Boot entlangzublicken, das er kommandieren würde. Auf eine Weise war es ein kleines Sternenschiff . Die Stabilisierungsflossen ähnelten Solarblättern. Die äußeren Sensoren für alle wesentlichen Funktionen erinnerten ihn an die Außenhüllen-Augen eines Sternenschiff es. Jede bekannte Schwäche war mehrfach abgesichert worden. Hilfssysteme auf Hilfssystemen. Er drehte sich um, angelte mit dem Fuß nach der obersten Sprosse der Eingangsleiter und kletterte in die Gondel hinab. Hier herrschte ein rötliches Dämmerlicht, und Lavu und Waela waren bereits an ihren Positionen. Waela beugte sich über ihre Konsole und überprüfte Instrumente; Thomas vermochte im roten Licht die Kontur ihrer linken Wange zu betrachten. Wie zart und wunderschön diese Linie war, überlegte er. Beinahe sofort unterdrückte er ein zynisches Auflachen. Also, meine Drüsen funktionieren jedenfalls noch. 255 Und es begab sich, da sie auf dem Feld waren, erhob sich Kain wider seinen Bruder Abel und schlug ihn tot. Da sprach der Herr zu Kain: Wo ist dein Bruder Abel? Er sprach: Ich weiß nicht; soll ich meines Bruders Hüter sein? Er aber sprach: Was hast du getan? Die Stimme des Bluts deines Bruders schreit zu Mir von der Erde. CHRISTLICHES BUCH DER TOTEN Schiffsdokumente »Hier ist alles möglich?« fragte Legata. Sie betrachtete Sy Murdoch aufmerksam, während er sich die Antwort überlegte. Er brauchte zu lange. Sie mochte diesen Mann nicht, seine hellen Augen, die allem trotzten, was sich ringsum befand. Er ließ das Labor zu hell beleuchten, besonders für diese Periode gegen Ende der Tagseite. Die jungen E-Klone drängten sich gegen eine Wand und hatten Angst vor ihm. »Nun?« »Das erfordert eine gewisse Überlegung«, sagte Murdoch. Legata schürzte die Lippen. Dies war ihr zweiter Besuch in Labor Eins in drei Tagesläufen. An den Grund für den zweiten Besuch glaubte sie nicht. Oakes hatte den Zornigen gespielt, weil sie nicht jedes Element des Labors aufgespießt hatte, doch sie hatte die
Schwächen seines Auftritts gespürt. Er hatte sie belogen. Warum schickte sie Oakes ein zweitesmal hierher? Lewis war nicht mehr unerreichbar. Was wußten diese beiden, das sie nicht mit ihr geteilt hatten? Solche frustrierenden Unbekannten erzürnten Legata. Murdoch ließ Vorsicht walten. Oakes hatte angeordnet, Legata durch den Schrei-Raum zu schicken, zur »Probe«, hatte ihn aber gewarnt: »Sie ist erschreckend kräftig.« Wie kräftig? Stärker als ich? 256 Wenn er sie so ansah, konnte er sich das eigentlich nicht vorstellen. So ein dralles kleines Ding! »Ich habe Ihnen eine einfache Frage gestellt«, sagte Legata und gab sich keine Mühe, ihren Zorn zu verbergen. »Eine interessante Frage, die aber keineswegs einfach ist. Warum stellen Sie sie so?« »Weil ich die an Morgan gerichteten Laborberichte gesehen habe. Allerdings seltsame Dinge gehen hier vor.« »Nun ja … ich würde sagen, daß es hier wenige Grenzen gibt, aber ist das nicht die Grundlage für neue Entdeckungen?« Sie antwortete ihm mit einem abweisenden Blick, und er sprach weiter. »Es gibt hier nur wenige Grenzen, solange Dr. Oakes eine komplette Holoaufzeichnung dessen erhält, was wir tun.« »Er hat uns schon jetzt auf Holo«, sagte sie. »Ich weiß.« Sein Ton löste bei Legata eine Gänsehaut aus. Murdoch bewegte seinen kräftigen Körper wie ein Tänzer. Er hob das Kinn, und sie entdeckte eine Narbe unter seinem Kinn, die ihr bisher noch nicht aufgefallen war. Als er den Kopf wieder senkte, verschwand sie in einigen Hautfalten. Sein Alter war nicht abzuschätzen. Im Hinblick auf die Möglichkeit, daß er ein Klon war, ließ sich sein chronologisches Alter ebensowenig bestimmen. Muß mich mit ihm befassen, nahm sie sich vor. Die Dinge, die Lewis hier ablaufen ließ … Wieder blickte sie sich in dem Raum um. Irgend etwas stimmte nicht. Sie sah den üblichen Holo, eine Kom-Konsole, Sensoren, trotzdem hatte dieser Raum etwas Abstoßendes, dabei wußte sie Schönheit durchaus zu schätzen. Nicht Schmuck, sondern Schönheit. Die beiden riesigen Blumen, die das Luk flankierten … sie waren ihr vorhin schon aufgefallen. Rosa wie Zungen, und ihre
257 Blütenblätter verwickelten sich ineinander wie eine Folge von Spiegeln. Komisch, dachte sie. Sie scheinen nach Schweiß zu riechen. »Machen wir zu«, sagte sie. »Zuerst eine Formalität, die uns von Dr. Oakes vorgeschrieben wurde.« Murdoch klappte aus einer Tafel neben der Schleuse einen Sensorenschreiber. Es schien sich um den StandardIdentifikationsleser zu handeln, den sie schon von ihrer schiffseitigen Zeit kannte. Sie legte die Hand auf die flache Platte, um sich lesen zu lassen. Eine dumme Formalität, alle wußten doch, wer sie war. Von der Hand schoß plötzlich ein Kribbeln durch ihren Arm, und sie machte sich klar, daß Murdoch etwas zu ihr gesagt hatte. Was hatte er gefragt? »Tut mir leid … wie bitte?« Sie fühlte sich schwach und desorientiert. Irgend etwas … Sie bemerkte, daß das Luk offenstand; sie erinnerte sich nicht, gesehen zu haben, wie er es öffnete. Was hatte er mit ihr gemacht? Murdoch hatte ihr die Hand auf die Schulter gelegt und drängte sie in die Schleuse. Als sie durch das Luk trat, glaubte sie aus der Mitte einer der Blumen eine leise Stimme flehen zu hören: Gib mir zu essen, gib mir zu essen. Sie hörte das Lukensignal hinter sich zuschnappen und erkannte, daß sie allein war. Die Innentür schwang auf … langsam … bedächtig. Was war das für ein rotes Licht? Und die vagen Gestalten, die sich da bewegten …? Sie ging auf das sich öffnende Luk zu. Seltsam, daß Murdoch sie nicht begleitet hatte. Sie beäugte die Gestalten, die jenseits des Innenluks von rotem Lichtschein überschwemmt waren. O ja - die neuen E-Klone. Einige erkannte sie aus den Laborberichten. Sie waren darauf angelegt, es mit den reaktionsschnellen Dämonen Pandoras aufzunehmen. Dabei gab 258 es ein Problem mit der Zucht auf Tempo, etwas, das sie hatte untersuchen wollen. Was war es noch, worauf sie achten wollten? Eine Stimme flüsterte ihr ins Ohr: »Ich bin Jessup. Wenn du fertig bist, kommst du zu mir.« Wie bin ich hier hineingeraten? Mit ihrem Zeitgefühl stimmte etwas nicht. Sie schluckte krampfhaft
und spürte, wie die dicke Masse ihrer trockenen Zunge über ihren Gaumen strich. »Gut und Böse geben ihre Uniformen am Eingang ab.« Hat das jemand gesagt, oder habe ich es nur gedacht? Oakes hatte gesagt: »Auf Pandora ist alles möglich. Alles, was sich unsere Phantasie erträumt, kann dort Wirklichkeit werden.« Deshalb habe ich Murdoch gefragt … wo ist Murdoch? Die abstoßenden, verformten Klone umringten sie jetzt, und sie versuchte, sich auf sie zu konzentrieren. Aber ihre Augen spielten nicht mit. Jemand umfaßte ihren linken Arm. Es tat weh. »Laßt mich los, ihr …!« Sie zerrte ihren Arm frei und hörte ein überraschtes Knurren. Ihr Zeitsinn war seltsam verzerrt, ebenso das Empfinden ihres eigenen Fleisches. Blut rann ihr über die Arme, und sie wußte nicht, wie es dorthin gekommen war. Und ihr Körper - war nackt. Ihre Muskeln verkrampften sich im Reflex, und sie duckte sich zur Abwehr nieder. Was passiert mit mir? Mehr Hände - rauhe Hände. Sie reagierte in einem Zeitlupeneinsatz der Kraft. Und ganz deutlich hörte sie jemanden schreien. Seltsam, daß niemand auf die Schreie reagierte! 259 Die Menschen verbringen ihr Leben in Labyrinthen. Wenn sie einmal aus einem solchen Labyrinth entkommen und kein neues finden, schaff en sie sich eins. Was ist das für eine Leidenschaff des Auf-dieProbe-Stellens? KERRO PANILLE Fragen der Avata Raja Thomas erwachte in Dunkelheit, und er fühlte sich an das Erwachen in jüngster Vergangenheit erinnert, an das Emporsteigen aus der Hib. Er war desorientiert in der Dunkelheit, auf Gefahren wartend, die er nicht zu lokalisieren vermochte. Allmählich wurde ihm bewußt, daß er sich in seiner bodenseitigen Kabine befand … Nacht. Er blickte auf die leuchtende Zeitanzeige neben seiner Liege: zwei Stunden nach Beginn der Mitternachtswache. Was hat mich geweckt? Seine Kabine befand sich acht Ebenen unter der pandorischen Oberfläche, eine erstklassige Lage, geschützt vor den Geräuschen und Gefahren der Oberfläche durch zahlreiche farbig abgesetzte Korridore, Schleusen, Schotts, Gleitröhren und scheinbar endlose Abzweigungen. Der in Schiff Ausgebildete hatte keine Mühe, sich solche Anlagen im Geiste zu merken - je entlegener die Anschrift,
desto besser. Thomas aber hatte etwas dagegen, in solchen Tiefen vergraben zu sein. Da war er zu lange unterwegs zu Orten, die seine Aufmerksamkeit erforderten. Labor Eins. Er hatte sich gerade in Gedanken mit diesem verbotenen Ort beschäftigt, als der Schlaf ihn übermannte. Labor Eins war ein Ausgangspunkt zahlreicher seltsamer Gerüchte. »Man züchtet dort Leute, die schneller sind als die Dämonen.« Das war die verbreitetste Geschichte. 260 Oakes und Lewis wollen sich ausschließlich mit dienstbaren Zombies umgeben! Diese Version hatte Thomas von einem der neuen Militanten, einer zornigen jungen Frau, die mit Rachel Demarest zusammenarbeitete. Langsam richtete er sich auf und versuchte die Dunkelheit ringsum zu erkunden. Seltsam, daß ich gerade in diesem Augenblick erwache. Er berührte die Lichtplatte an der Wand neben seinem Kopf, und ein matter Schimmer ersetzte die Dunkelheit. Die Kabine erschien ihm langweilig normal: sein Einteiler lag über einem Gleitsitz … Sandalen. Alles, wie es sein sollte. »Ich komme mir hier unten wie ein verdammter Spinneret vor!« Er sprach die Worte laut vor sich hin und rieb sich dabei über das Gesicht. Gleich darauf rief er einen Servo zu sich und zog sich an, während er darauf wartete. Der Servo summte an seinem Luk, und er trat in einen leeren Korridor hinaus, der von den weit auseinanderliegenden Deckenlampen der Nachtseite erleuchtet wurde. Er setzte sich auf den Servo und gab Anweisung, nach oben zu fahren. Ihn bedrückte die Fahrtzeit, das Gewicht der Bauten über seinem Kopf. Schiffseits habe ich mich nie nach weiten, offenen Räumen gesehnt. Vielleicht werde ich langsam ein Bodenseitiger. Der Servo gab ein irritierendes Summen von sich, das ins Unhörbare abschwang. Am automatischen Wach-Checkpoint zur Oberfläche tastete Thomas seinen Kode ins System. Mit dem grünen Signal kam das blinkende gelbe Zeichen für Situation 2. Er fluchte leise vor sich hin, wandte sich den Schränken neben dem Freiluk zu und nahm eine Laspistole heraus. Ohne Waffe würde das Luk ihn nicht durch261
lassen. Die Waffe fühlte sich schwer und ungefüge an und bildete schließlich an seiner Hüfte einen unangenehmen Ballast. »Man braucht nicht gerade intelligent zu sein, um zu wissen, daß man an einem Ort, an dem man eine Waffe braucht, nie heimisch werden kann«, brummte er vor sich hin, doch seine Stimme war so laut, daß ihn von der Platte des Automatikwächters das Schild Bestätigung anblinkte. Noch immer rührte sich das Luk nicht. Seine Hand näherte sich dem Schalter, der die Automatik überging, als er unten auf der Platte das kleine Blinkzeichen entdeckte mit der Frage: »Zweck des Verlassens?« »Arbeitsinspektion«, sagte er. Das System verdaute diese Information und öffnete endlich das Luk. Thomas stieg von dem Servo und begab sich in die Oberflächenkorridore in der sicheren Erkenntnis zu wissen, warum er um diese Zeit erwacht war. Labor Eins. Es war ein ganz besonderes Mysterium. Nach einiger Zeit befand er sich in den dunklen Perimetersälen und kam dabei gelegentlich an Arbeitern vorbei und den Ausbuchtungen für die Wächter in großen Abständen; die Bewaffneten Leute darin kümmerten sich ausschließlich um die nächtliche Landschaft draußen. Plasfenster offenbarten Thomas, daß draußen zwei Monde schimmerten, dicht über dem südlichen Horizont. Pandoras Nacht war ein Gewirr von Schatten. Nach einer Weile senkte sich der ringförmige Gang zu einer Lukenverteilungskuppel hinab, deren Durchmesser etwa dreißig Meter betrug. Der Gang zum Labor Eins war mit dem Schild »L-1« gekennzeichnet. Er hatte gerade zwei Schritte darauf zu gemacht, 262 als das Luk aufging und eine Frau herauskam, den Durchgang hastig hinter sich schließend. Es war dämmerig in der Kuppel, das einzige Licht war der Mondschein, der durch die Plasfenster zu seiner Linken hereindrang; trotzdem sah er deutlich, daß sie auf das höchste erregt war und sich beinahe unkontrolliert-zuckend bewegte. Die Frau huschte auf ihn zu, packte im Vorbeilaufen seinen Arm und schleppte ihn mit auf die Außenfenster zu. Dabei offenbarte sie eine Kraft, die ihn überraschte. »Kommen Sie! Ich brauche Sie.«
Ihre Stimme klang heiser und war voller seltsamer Schwingungen. Gesicht und Arme waren von zahlreichen Kratzern überzogen, und ihr dünner Einteiler roch eindeutig nach Blut. »Was …?« »Keine Fragen!« In Ihrer Stimme lag Wildheit, ein Anflug von Wahnsinn. Und sie war wunderschön. Sie ließ los, als sie die Barrierewand erreichten, und er sah den vagen Umriß eines Notluks, das in Pandoras gefährliche Nachtluft hinausführte. Ihre Hände machten sich an den Lukenkontrollen zu schaff en, am Ausschaltsymbol, das den Alarm überbrückte. Ihre Hand zuckte zur Seite, packte seinen rechten Arm und führte seine Hand zum Verschlußmechanismus. Wie kräftig sie war! »Wenn ich es sage, öffnen Sie das Luk. Dann warten Sie dreiundzwanzig Minuten und halten nach mir Ausschau. Lassen Sie mich wieder ein.« Ehe er widersprechen konnte, war sie aus ihrem Einteiler geglitten und hielt ihm den Stoff hin. Automatisch fing er ihn mit der freien Hand auf. Schon duckte sie sich nieder, um ihre Füße zu umschnüren, und er bemerkte, daß sie einen großartigen Körper hatte - glatte Muskeln von geschmeidiger Vollkommenheit. Aller263 dings lagen zahlreiche Wundbänder kreuz und quer auf ihrer Haut. »Was ist denn mit Ihnen passiert?« »Keine Fragen, ich hab‘s Ihnen gesagt!« Sie sprach, ohne den Kopf zu heben, und er spürte die ungebändigte Kraft in ihr. Gefährlich. Sehr gefährlich. Sie kannte keine Zurückhaltung. »Sie werden um den P. laufen«, sagte er. Er schaute sich um, auf der Suche nach jemandem, den er um Hilfe angehen konnte. Aber der Kreis der Verteilungskuppel war leer, keine anderen Menschen waren zu sehen. »Wetten Sie auf mich«, sagte sie und richtete sich auf. »Woher weiß ich, wenn dreiundzwanzig Minuten vorbei sind?« fragte er. Sie trat dicht neben ihn und schlug auf eine Platte neben dem Notluk. Augenblicklich hörte er das Summen der Funkfrequenz der Wächter und eine tiefe männliche Stimme: »Posten Neun -alles in Ordnung.« Auf einem winzigen Schirm über dem Lautsprecher schimmerten rote Ziffern: 2:29. »Das Luk«, sagte sie.
Es gab keine andere Möglichkeit; er hatte ihre unbändige Kraft gespürt. Er öffnete das Luk, und sie stemmte sich an ihm vorbei, das Luk weit aufstoßend, ehe sie ins Freie stürmte und sich dabei nach rechts wandte. Ihr Körper war ein silberner Schemen im Mondlicht, und er sah einen dunklen Schatten hinter ihr auftauchen. Ohne darüber nachzudenken, griff er nach der Waffe und zerstrahlte einen Falten-Huscher, der nur noch einen Schritt von ihr entfernt war. Sie wandte sich nicht um. Seine Hände zitterten, als er das Luk versiegelte. Sie lief um den P! Er blickte auf das Zeitsignal: 2:29. Sie hatte von dreiundzwan264 zig Minuten gesprochen. Das markierte ihre Rückkehr für 2:52. Gleichzeitig fiel ihm ein, daß der Perimeter knapp zehn Kilometer lang war. Unmöglich! Niemand kann in dreiundzwanzig Minuten zehn Kilometer laufen! Aber sie war aus dem Gang zu Labor Eins gekommen. Er rollte ihren Einteiler auf. Daran war Blut, kein Zweifel. Über der linken Brust war ihr Name eingestickt: Legata. Er überlegte, ob das ein Vor- oder Familienname war. Oder ein Titel? Er starrte durch das Plasfenster, nach links schauend, von wo sie kommen mußte, wenn sie wirklich um den Perimeter lief. Was mochte eine Legata sein? Eine Stimme auf der Wächterfrequenz ließ ihn zusammenfahren: »Da ist jemand, ziemlich weit draußen.« Eine andere Stimme antwortete: »Eine Frau, die um den P läuft. Sie ist eben am Posten Achtunddreißig vorbeigekommen.« »Wer ist sie?« »Zu weit draußen.« Thomas merkte, daß er für ihre sichere Rückkehr betete, während er mithörte, wie ein Posten nach dem anderen die Läuferin meldete. Aber er wußte, daß ihre Chancen gering waren. Seitdem man ihm von dem Spiel erzählt hatte, war er ein wenig tiefer in die Statistik eingedrungen: Fünfundfünfzig Prozent tagseits, das war richtig. Aber nachtseits schafften es weniger als einer von fünfzig. Der Zeitanzeiger neben seinem Kopf bewegte sich mit qualvoller Langsamkeit: 2:48. Er hatte das Gefühl, als wäre eine Stunde vergangen, als endlich die 2:49 kam. Die Wächter waren verstummt.
Warum meldeten die Wächter ihren Lauf nicht mehr? Wie zur Antwort auf diese Frage sagte eine Stimme auf der Fre265 quenz: »Sie ist eben an Ost Achtundneunzig vorbei!« »Wer ist das da draußen, zum Teufel?« »Sie ist immer noch zu weit entfernt.« Thomas zog seine Laspistole und legte eine Hand auf den Lukenriegel. Es hieß, die letzten Minuten seien die schlimmsten, weil Pandoras Dämonen sich dann gegen den Läufer zusammenrotteten. Er spähte in die Mondschatten hinaus. 2:50. Er drehte die Verriegelung, öffnete das Luk einen Spaltbreit. Keine Bewegung … Nichts. Nicht einmal ein Dämon. Er merkte, daß er lautlos vor sich hin fluchte: »Komm, Legata, komm! Du schaff st es! Versau den idiotischen Lauf nicht noch zum Schluß!« In den Schatten links zuckte etwas auf. Er stieß das Luk auf. Dort war sie! Es war wie ein Tanz - hüpfen, ausweichen. Etwas Großes und Schwarzes zuckte hinter ihr. Thomas zielte sorgfältig und verbrannte einen zweiten Huscher, ehe sie ohne innezuhalten an ihm vorbeistürmte. Ein dampfender Schweißgeruch umgab sie. Er knallte das Luk zu und verriegelte es. Etwas schlug gegen das Metall, als er die Riegel greifen hörte. Zu spät, du Scheusal! Er drehte sich um und sah sie durch das Luk zum Labor Eins verschwinden, ihren Einteiler in der Hand. Als der Durchgang sich schloß, winkte sie ihm einmal kurz zu. Legata, dachte er. Dann: Zehn Kilometer in dreiundzwanzig Minuten! Auf der Wächterfrequenz wurde aufgeregt durcheinandergeredet. »Hat jemand eine Ahnung, wer das war?« »Negativ. Wohin ist sie verschwunden?« »Irgendwo in der Nähe des Labor-Eins-Doms.« 266 »Scheiße! Das muß so ungefähr der schnellste Lauf aller Zeiten gewesen sein.« Thomas schlug auf den Schalter, der den Lautsprecher verstummen ließ, hörte aber vorher noch eine männliche Stimme sagen: »Das Schätzchen hätte ich auch mal gerne ge …« Thomas begab sich zum Luk von Labor Eins, drehte die
Verriegelung. Aber sie bewegte sich nicht. Der Durchgang war versiegelt. All das, um sich eine Narbe über dem Auge zu holen? Nein … es mußte um viel mehr gehen als dieses Zeichen des Erfolges. Was geschah dort unten in Labor Eins? Wieder drehte er den Lukenverschluß, der sich aber nicht rührte. Er schüttelte den Kopf und ging mit langsamen Schritten zum Automatikwächter zurück, wo er einen Servo nahm und in sein Quartier zurückkehrte. Unterwegs stellte er sich immer wieder die Frage: Was ist eine Legata, zum Teufel? Der Klon eines Klons bleibt dem Original nicht unbedingt näher verbunden als ein Klon dem älteren Original. Hier herrscht eine Abhängigkeit von Zellenbeeinflussung und anderen Elementen, die mit hineinspielen können. Das Vergehen von Zeit läßt unweigerlich neue Elemente hineinspielen. JESUS LEWIS Das Neue Klon-Handbuch Oakes schaltete den Holo aus und drehte den Stuhl herum, um das Muster an der Wand seiner bodenseitigen Kabine anzustarren. 267 Ihm gefiel dieser Ort nicht. Der Raum war kleiner als sein schiffseitiges Quartier. Die Luft roch seltsam. Er hatte etwas gegen die lässige Art, mit der einige Kolonisten ihn behandelten. Ständig war ihm Pandoras Oberfläche bewußt … gleich dort draußen. Es spielte keine Rolle, daß sein Quartier von zahlreichen Wandschichten der Kolonie umgeben war - die rauhe Umwelt befand sich gleich dort draußen. Trotz der wenigen vertrauten Einrichtungsgegenstände, die er mit nach bodenseits gebracht hatte, würde ihm diese Umgebung nie so gemütlich vorkommen wie seine alte schiffseitige Kabine. Nur waren jetzt die Gefahren des Schiff es - die Gefahren, von denen nur er wußte - weniger real. Oakes seufzte. Es war späte Tagseite, und er hatte noch viel zu tun, doch was er eben im Holo gesehen hatte, nahm seine Aufmerksamkeit in Anspruch. Eine höchst unbefriedigende Reaktion. Er kaute auf seiner Unterlippe herum. Nein … es war mehr als unbefriedigend. Es war beunruhigend. Oakes lehnte sich zurück und versuchte Entspannung zu finden. Die
Holoaufzeichnung von Legatas Besuch im Schrei-Raum erfüllte ihn mit Unruhe. Er schüttelte den Kopf. Trotz der Droge, die ihre Großhirnreaktionen unterdrückte, hatte sie sich gewehrt. Was sie im Schrei-Raum aufgeführt hatte, ließ sich in keinem Teil gegen sie verwenden … außer … nein. Sie hatte nichts getan. Nichts! Wenn er es nicht selbst gesehen hätte … Würde sie ihn bitten, den Holo zu sehen? Er nahm es nicht an, aber genau wußte er es natürlich nicht. Keiner der anderen hatte die Aufzeichnung sehen wollen, obwohl allgemein bekannt war, daß solche Mitschnitte gemacht wurden. 268 Legata hatte sich nicht den Erwartungen entsprechend aufgeführt. Ihr wurden Dinge angetan, und sie widersetzte sich anderen Dingen. Der Holo gab ihm keine absolut sichere Handhabe gegen sie. Wenn sie den Holo sieht, weiß sie Bescheid. Wie konnte er diese Aufzeichnung vor der besten Suchtechnikerin verbergen? War es ein Fehler gewesen … sie in den Schrei-Raum zu schicken? Aber er glaubte sie immer noch gut genug zu kennen. Ja. Sie würde nichts gegen ihn unternehmen, solange sie nicht schlimme Schmerzen litt. Und es war möglich, daß sie nicht nach dem Holo fragte. Möglich war es … Kein einzigesmal war Legata im Schrei-Raum auf ihr eigenes Vergnügen aus gewesen. Sie hatte lediglich reagiert auf die Beibringung von Schmerzen. Schmerzen, die ich befohlen hatte. Dieser Gedanke erfüllte ihn mit Unbehagen. £5 war notwendig! Im Angesicht eines Gegners, der so mächtig war wie das Schiff , mußte er extreme Maßnahmen ergreifen. Er mußte bis zu den Grenzen vorstoßen. Meine Handlungsweise ist gerechtfertigt. Legata hatte nicht einmal eine Betäubung erbeten, als sie den SchreiRaum verließ. Wohin ist sie gelaufen, mit nur den notwendigsten Verbänden auf den Wunden? Sie war nackt zurückgekehrt, den Einteiler im Arm. Oakes hatte gerüchteweise vernommen, daß in der gleichen Zeit jemand um den Perimeter gelaufen war. Aber doch nicht Legata! Ein
Zufall, weiter nichts. Die Bestätigung lag in dem Umstand, daß sie keine Kerbe zur Schau trug. 269 Verdammte Idioten! Schutzlos durch die Nacht zu laufen! Er hätte das Spiel am liebsten verboten, doch Lewis hatte ihn davor gewarnt, und sein gesunder Menschenverstand hatte ihm denselben Rat gegeben. Es gab keine Möglichkeit, das Spiel zu verhindern, ohne zuviel Energie auf die Bewachung aller Ausstiegsluken zu verschwenden. Außerdem war das Spiel ein Ventil für gewisse gewalttätige Impulse. Legata als Perimeterläuferin? Auf keinen Fall! Verdammte Frau, und so tüchtig! Am Abend wurde sie schon zur Arbeit zurückerwartet, und die äußeren Spuren ihres Schrei-RaumErlebnisses waren schon fast nicht mehr zu sehen. Er betrachtete die Notizen neben seiner linken Hand. Unbewußt hatte er das Niedergeschriebene an sie adressiert. »Überprüfen Sie die mögliche Beziehung zwischen dem Schwinden Alkis und dem Wachstum des Elektrotangs. Lassen Sie Labor Eins zwei LH-Klone ansetzen. Geben Sie neue graphische Darstellung über Dissidenten - mit besonderer Konzentration auf die Leute, die sich mit Rachel Demarest zusammengetan haben.« Würde Legata überhaupt noch Befehle von ihm entgegennehmen? Legatas Gesicht in der Holoaufzeichnung erschien immer wieder vor seinem inneren Auge. Sie hat mir vertraut. Hatte sie das wirklich? Weshalb wäre sie sonst in Labor Eins zurückgekehrt, wenn ihre Vorahnungen darüber so auf der Hand gelegen hatten? Bei jedem anderen hätte er solche Überlegungen mit einem Lachen abgetan, doch nicht bei Legata. Sie unterschied sich auf schmerzhafte Weise von den anderen, und er hatte sie bereits zu weit getrieben. Zeit zur Unterhaltung. 270 Es war nicht so unterhaltend gewesen, wie er erwartet hatte. Deutlich erinnerte er sich an den ersten deutlichen Ausdruck des Verratenseins in ihren Augen, als die Schallwellen sie trafen. Diese Schallwellen hatten die Klone vertrieben, die ihr Vergnügen bereits mit ihr gehabt hatten. Aber selbst der schneidende Schmerz hatte Legata nicht zu brechen vermocht. Trotz der Betäubung konnte sie
Murdochs Befehle hören. Die Betäubung hatte ihren Willen unterdrücken sollen … trotzdem hatte sie sich gewehrt. Murdochs Kommandos hatten ihr verraten, was sie tun mußte, der Klon war vorbereitet, die Geräte eingestellt - aber auch so hätte sie von Schmerz förmlich überwältigt sein müssen, ehe sie so etwas wie ihre eigene Pein auf den Klon übertrug. Die meiste Zeit war ihr Blick auf den Holo-Abtaster gerichtet gewesen. Sie hatte direkt in die Linse gestarrt, und das Glasigwerden ihrer Augen vermittelte ihm kein Vergnügen, nicht das geringste Vergnügen. Sie wird sich nicht erinnern. Sie erinnern sich nie. Die meisten Kandidaten begannen zu flehen und boten alles mögliche, damit der Schmerz aufhörte. Legata starrte lediglich mit weit aufgerissenen Augen zur Optik empor. Irgendwo in ihr hatte die Erkenntnis geherrscht, daß sie völlig hilflos war, seinen Launen restlos ausgeliefert. Es war ein Trainingsprozeß. Er wollte, daß sie wie die anderen war. Das konnte er bewältigen. Aber auf den Schock ihrer Andersartigkeit war er nicht vorbereitet gewesen. Ja, sie war anders. Was für ein Schock, diesen herrlichen Unterschied zu entdecken und zu wissen, daß er ihn vernichtet hatte. Was immer an privatem Vertrauen zwischen ihnen geherrscht haben mochte, war nun für immer verflogen. Für immer. Sie würde ihm nie wieder ganz vertrauen. Oh, sie würde ihm gehorchen, vielleicht sogar schneller als bisher. Aber Vertrauen würde es nicht mehr geben. 271 Er spürte, daß er erzitterte in dieser Erkenntnis. Er war angespannt, zerfahren. Er mußte sich zwingen, Geist und Körper zu entspannen und nach etwas zu suchen, auf das er sich voller Trost konzentrieren konnte. Nichts ist für immer, dachte er. Schließlich bewegte er sich in seine eigene besondere Arena des Schlafs hinüber, doch es war ein Schlaf, in dem ihm der Wandschmuck aus seiner Kabine erschien. Das Muster enthielt plötzlich verzerrte Gestalten aus dem Holo mit Legata im SchreiRaum. Und Pandora war gleich dort draußen … und … und … morgen… MENSCHKERRO: »Projiziert der Zuhörer sein eigenes Gefühl von Verstehen und Bewußtsein?« AVATA: »Ahh, du errichtest Barrieren.« MENSCHKERRO: »Das nennst du die Illusion des
Verstehens, nicht wahr?« AVATA: »Wenn du verstehst, kannst du nicht lernen. Indem du sagst, du verstehst etwas, errichtest du Barrieren.« MENSCHKERRO: »Aber ich kann mich daran erinnern, Dinge zu verstehen.« AVATA: »Die Erinnerung versteht nur das Vorhandensein oder Fehlen elektrischer Signale.« MENSCHKERRO: »Was ist dann die Kombination, das Programm für das Lernen?« AVATA: »Jetzt öffnest du uns den Weg. Es ist das Programm, das im eigentlichen Sinne zählt.« MENSCHKERRO: »Aber wie sehen die Regeln aus?« AVATA: »Gibt es Regeln für alle Aspekte menschlichen Lebens? Ist das deine Frage?« 272 MENSCHKERRO: »Das scheint in der Tat die Frage zu sein.« AVATA: »Dann antworte darauf. Was sind die Regeln, wenn man Mensch ist?« MENSCHKERRO: »Aber ich habe dich gefragt!« AVATA: »Aber du bist Mensch, und ich bin Avata.« MENSCHKERRO: »Nun, was sind die Regeln, wenn man Avata ist?« AVATA: »Ahhh, Menschkerro, wir verkörpern solches Wissen, aber wir können es nicht wissen.« MENSCHKERRO: »Du scheinst damit sagen zu wollen, daß solches Wissen nicht auf die Sprache reduziert werden kann.« AVATA: »In einem Beziehungsvakuum kann es keine Sprache geben.« MENSCHKERRO: »Wissen wir denn nicht, worüber wir reden?« AVATA: »Der Gebrauch von Sprache erfordert weitaus mehr, als Ketten von Worten zu erkennen. Die Sprache und die Welt, auf die sie sich bezieht …« MENSCHKERRO: »Das Drehbuch, ja. Das Drehbuch des Spiels und seine Welt müssen miteinander in Beziehung stehen. Wie kannst du für jedes Zellenelement deines Körpers ein Wort oder irgendein anderes Symbol setzen?« AVATA: »Ich kann mit meinem Körper sprechen.« MENSCHKERRO: »Dafür brauchst du kein Drehbuch.« KERRO PANILLE Die Avata: »Das Frage- und Antwort-Spiel.« 273 Das Rätsel der Bewußtheit? Falsche Daten - bedeutsame Ergebnisse. P. WEYGAND Sternenschiff -Med-Tech Oakes beobachtete den Wächter auf dem Bildschirm des KolonieAbtasters. Der Mann schrie und wand sich in Agonie. Die
tiefstehende Alki warf lange Abendschatten, die sich mit den zuckenden Bewegungen des Mannes verdrehten. Die AAAAbhörkreise gaben die Schreie des Mannes deutlich wieder, mit erschreckender Unmittelbarkeit. Der arme Kerl hätte sich dicht vor dem Luk dieser Kabine befinden können und nicht am Nordperimeter, wie das Sensor-Log anzeigte. Die Schreie wurden zu einem heiseren Knurren, wie bei einer auslaufenden Turbine. Es folgte ein konvulsivisches Zucken, ein letztes Erschaudern, dann herrschte Stille. Oakes stellte fest, daß die ersten Schreie des Wächters noch in seiner Erinnerung nachhallten und nicht verstummen wollten. Läufer, Läufer! Nirgendwo bodenseits gab es ein Entkommen vor Pandora. Die Kolonie war ewig belagert. Und in der Redoute war Sterilisation die einzige Lösung. Alles mußte getötet werden. Oakes spürte, daß er die Hände auf die Ohren gepreßt hatte in dem Bemühen, die Erinnerung an jene Schreie zum Verschwinden zu bringen. Langsam senkte er die Hände auf die Abtasterkontrollen und sah die Köpfe dabei an, als hätten sie ihn im Stich gelassen. Er war nur zufällig die verfügbaren Sensoren durchgegangen, nach AAA Ausschau haltend, die seine Aufmerksamkeit erfordern mochte. Und … dabei war er auf dieses Schrecknis gestoßen. Vor seinem inneren Auge liefen die Bilder ab. 274 Der Wächter hatte sich beide Zeigefinger in die Augen gestoßen und sich in den leeren Höhlen verkrallt, das Nervengewebe herausreißend, das die Läufer so schmackhaft fanden. Er mußte dabei gewußt haben, was jedem Kolonisten klar war - daß es für ihn keine Hilfe mehr gab. Sobald Läufer mit Nervengewebe in Kontakt kamen, konnte man sie nicht mehr aufhalten, bis sie ihre Eierbrut im Gehirn abgelegt hatten. Nur wußte dieser spezielle Wächter über das Chlor Bescheid. War der Rest seines Bewußtseins von diesem Hauch von Hoffnung bestimmt gewesen? Wohl nicht. Sobald die Läufer das Fleisch erreicht hatten, war es sogar für das Chlor zu spät. Das Schlimmste an dem Vorfall war für Oakes der Umstand, daß er den Wächter kannte: Illuyank. Ein Mitglied von Murdochs Mannschaft aus Labor Eins. Und davor hatte der Betroffene bei Lewis in der Redoute gearbeitet. Illuyank war ein Überlebenskünstler … dreimal hatte er den P. umlaufen … einer der
wenigen, die aus Edmond Kingstons ursprüngliches Team übriggeblieben waren. Illuyank war seinerzeit sogar schiffseits gekommen, um Kingstons Fehlschlag zu melden. Ich habe den Bericht damals gehört. Eine Bewegung auf dem Bildschirm erregte Oakes‘ Aufmerksamkeit. Der Ersatzmann des Wächters trat ins Blickfeld (nicht zu nahe heran!), die Laspistole schußbereit erhoben. Nach den in der Kolonie herrschenden Regeln war dieser Ersatzmann nun als schlimmster Feigling gebrandmarkt. Er hatte es nicht geschafft, den zum Tode verurteilten Illuyank rechtzeitig niederzuschießen. Aus diesem Grunde hatte das Opfer der Läufer den schlimmsten Tod erleiden müssen, den Pandora zu bieten hatte. Der Ersatzmann richtete seine Waffe auf Illuyank und verbrannte seinen Kopf zu Asche. Die vorgeschriebene Maßnahme. Die Läufer mußten ausgebrannt werden. Wenigstens würden 275 diese Eier keine Nachkommen hervorbringen. Oakes fand irgendwo die Kraft, den Abtaster auszuschalten. Sein Körper bebte so heftig, daß er sich nicht von der Konsole zu entfernen vermochte. Es war eine Routineüberprüfung gewesen, weiter nichts, etwas, das er schiffseits regelmäßig getan hatte. Was für eine entsetzliche Welt! Was hat das Schiff uns angetan? Bodenseits - und nirgendwo gab es ein Entkommen. Keine Flucht vor der Erkenntnis, daß er auf dieser schnellen Welt ohne vielfache Barrieren und ständige Bewachung nicht überleben konnte. Und es gab kein Zurück. Lewis hatte recht. Die Kolonie erforderte seine ständige Aufmerksamkeit. Schwierige Entscheidungen über Personaleinsatz und Sonderaufträge, über die Verlagerung von Vorräten und Geräten in die Redoute - nichts von dem durfte Schiffseits-Bodenseits-Kommunikationskanälen anvertraut werden. Pandora erforderte ein schnelles Handeln und Reagieren. Lewis konnte seine Aufmerksamkeit nicht zwischen der Redoute und der Kolonie teilen. Oakes preßte den Daumen auf die Erhebung des Kapselsenders in seinem Nacken. Völlig nutzlos, das Ding. Die bodenseitigen statischen Störungen begrenzten die Reichweite … und hob sich dieses Hindernis einmal auf, wie es für kurze Perioden schon einmal geschehen konnte, dann zeigten die durchkommenden zufälligen Signale, daß der Kontakt nicht mehr geheim war.
Die Herkunft dieser Signale mußte beim Schiff zu suchen sein. Das Schiff ! Es mischte sich noch immer ein. Die Kapselsender mußten bei der ersten sich bietenden Gelegenheit entfernt werde. Oakes nahm eine Flasche vom Boden neben seiner Konsole. Seine Hand bebte noch von dem Schock, den Illuyanks Tod in ihm 276 ausgelöst hatte. Er versuchte sich ein Glas Wein einzuschenken und verschüttete das meiste auf der Konsole; der klebrige rote Fleck erinnerte ihn an Blut, das aus den leeren Augenhöhlen des Wächters pulsierte … aus seiner Nase … aus seinem Mund … Die drei tätowierten Streifen über Illuyanks linkem Auge waren wie eingebrannt in Oakes‘ Gedächtnis. Verdammter Planet! Das Glas mit beiden Händen umfassend, leerte Oakes den Rest des Inhalts. Schon dieser kleine Schluck beruhigte seine Magennerven ein wenig. Zumindest werde ich mich nicht übergeben. Er stellte das leere Glas auf den Konsolenrand und ließ seinen Blick durch die Enge der Kabine wandern. Der Raum war nicht groß genug. Er sehnte sich nach dem Platz, den er schiffseits zur Verfügung gehabt hatte. Aber dorthin gab es kein Zurück - kein Zurück in die Sklaverei des Schiff es. Wir werden Dich schlagen, Schiff ! Bravo! Bodenseits erinnerte ihn alles daran, daß er gar nicht hierhergehörte. Das Tempo der Kolonisten. So etwas gab es schiffseits nicht. Oakes war zu schwer, das wußte er, zu sehr verweichlicht, um auch nur mit dem Gedanken zu spielen, Schritt zu halten, geschweige denn, sich selbst zu beschützen. Er mußte ständig bewacht werden. Ihn plagte der bohrende Gedanke, daß Illuyank zu den Männern gehört hatte, die für seine Wachabteilung in Frage kamen. Illuyank galt als Überlebenstyp. Hier sterben sogar Überlebenstypen. Er mußte raus aus diesem Zimmer, mußte irgendwohin gehen. Doch als er sich von der Konsole abstieß, um sich umzudrehen, sah er sich einer anderen Wand gegenüber. Ihm ging auf, daß der Verlust seiner großzügig bemessenen schiffseitigen Kabine 277 ihn härter traf als erwartet. Er brauchte die Redoute nicht nur als sichere Kommandobasis, sondern auch aus physischen und
psychologischen Gründen. Diese verdammte Kabine war größer als jede andere bodenseitige Privatunterkunft, doch als man seine Kommandokonsole, das Hologerät und die anderen Dinge untergebracht hatte, die ein Psy-Ge braucht, war kaum noch Platz für ihn selbst. Hier gibt es keinen Raum zum Atmen. Er legte die Hand auf die Verriegelung, in der Absicht, sich durch einen Spaziergang durch die Korridore Erleichterung zu verschaff en, doch als seine Hand das kalte Metall berührte, fiel ihm ein, daß all die Korridore ja auf die freie, unbewachte Oberfläche Pandoras führten. Das Luk war eine Barriere mehr vor der Wildheit dieser Welt. Ich werde etwas essen. Vielleicht konnte er auch Legata unter irgendeinem Vorwand zu sich rufen. Die praktische Legata. Die liebliche Legata. Wie nützlich sie ihm nach wie vor war … außer daß ihm nicht gefiel, was sich in der Tiefe ihrer Augen abspielte. War es an der Zeit, Lewis um einen Ersatz zu bitten? Oakes brachte nicht den Willen dazu auf. Mit ihr habe ich einen Fehler gemacht. Dies konnte nur er vor sich selbst eingestehen. Es war ein Fehler gewesen, Legata in den Schrei-Raum zu schicken. Sie hat sich verändert. Sie erinnerte ihn an die schiffseitigen Agrariumarbeiter. Was ihn dort oben wirklich beeindruckt hatte, war der Unterschied zwischen jenen Arbeitern und anderen Schiffsmenschen. Die Agrariumarbeiter waren schweigsam und hatten immer viel zu tun - bei der Arbeit machten sie zwar viel Lärm, doch für sich gesehen waren sie sehr leise. 278 Das war es. Legata war innerlich verstummt. Sie war ähnlich den Agrariumarbeitern, in sich einen besonderen Ernst, beinahe eine Ehrfurcht … nicht die Grimmigkeit, wie sie in den Vitro-Labors oder bei den Axolotl-Tanks zu finden war, wo Lewis seine Wunder tat … nein, etwas anderes. Oakes wurde klar, daß die Agraria im Schiff die einzigen Orte gewesen waren, wo er sich fehl am Platze gefühlt hatte. Dieser Gedanke beunruhigte ihn. Legata macht, daß ich mich fehl am Platze fühle. Es gab kein Entrinnen vor den Entscheidungen, die er getroffen hatte. Er würde mit den Folgen leben müssen. Aus Information
ergaben sich Wahlmöglichkeiten. Er hatte aufgrund unzureichender Informationen gehandelt. Wer hat mir diese unzureichenden Informationen geliefert? Lewis? Was für Kontrollsysteme gab es in solchen Informationen, die unweigerlich zu bestimmten Entscheidungen führten? Eine so einfache Frage! Er beschäftigte sich immer wieder damit, aus dem Gefühl heraus, daß sie ihn etwas Lebenswichtigem auf die Spur brachte. Vielleicht lag hier der Schlüssel zur wahren Natur des Schiff es. Irgendwo ein Schlüssel im Strom der Informationen. Information-zu-Entscheidung-zu-Aktion. Einfach, immer nur einfach. Der echte Wissenschaftler mußte der Kompliziertheit mißtrauen. Occams Rasiermesser ist wirklich scharf. Welche Entscheidung traf das Schiff , und auf der Basis welcher Informationen? Würde sich das Schiff beispielsweise off en dagegen wenden, daß die Natali bodenseits geholt wurden? Dieser Umzug ließ sich noch nicht verwirklichen, aber die Möglichkeit einer offenen Opposition erregte ihn. Er sehnte sich nach einer solchen Opposition. 279 Zeig uns das Blatt in deiner Hand, du mechanisches Monstrum! Das Schiff kann ohne Hände handeln. Aber konnte das Schiff auch ohne Neugier vorgehen und ohne Hinweise zu hinterlassen? Als intelligentes Lebewesen, das seine Umwelt in Frage stellte, lebte Oakes in dem ständigen Bedürfnis, seine Neugier anzuregen, in Bewegung zu bleiben. Durchaus möglich, daß seine Bewegungen Eleganz vermissen ließen - die Sache mit Legata -, aber bewegen mußte er sich … sprunghaft, ruckweise, spontan … was auch immer. Der Erfolg seiner Aktionen stand in Relation zu seiner Intelligenz und den verfügbaren Informationen. Bessere Informationen. Erregung durchströmte ihn. Konnte er mit der richtigen Information den Test entwerfen, der ein für allemal bewies, daß das Schiff nicht Gott war? Eine Bloßlegung der Prätentionen des Schiffes für alle Zeit! Was für Informationen besaß er aber? Das Bewußtsein des Schiffes? Es mußte ein Bewußtsein haben. Etwas anderes anzunehmen wäre ein Schritt zurück - eine schlechte Entscheidung. Was immer es sonst
auch sein mochte, man durfte das Schiff nur als komplexe Intelligenz ansehen. Ein wahrhaft intelligentes Wesen mochte nur selten handeln, doch es würde wohlabgewogen vorgehen und auf der Basis zuverlässiger Informationen, die irgendwie schon auf die Probe gestellt worden waren. Auf die Probe gestellt in großer Zahl oder über lange Zeit. Das eine oder das andere. Wie lange hatte das Schiff seine Schiffsmenschen auf die Probe gestellt? In einem rein auf Zufall aufgebauten Universum garantierten alte Ergebnisse nicht immer eine sichere Vorhersage. Ließen sich die Entscheidungen des Schiff es berechnen? 280 Oakes spürte, daß sein Herz schnell und heftig klopfte. Bei diesem Spiel erwachte er richtig zum Leben. Es war wie Sex … aber dies konnte noch größer werden - das größte Spiel im Universum. Wenn sich die Handlungen und Entscheidungen des Schiff es voraussagen ließen, konnte man ihnen begegnen. Dann hatte er den Schlüssel für einen schnellen und leichten Sieg über Pandora in der Tasche. Was konnte er unternehmen, um die Kräfte des Schiff es mit seinen eigenen Wünschen zu koppeln? Mit der richtigen Information würde er sogar einen Gott beherrschen können. Beherrschung! Was war das Gebet anderes als ein jammernder, unterwürfiger Versuch, Kontrolle zu erlangen. Unterwerfung? Drohung? Wenn Du mich nicht dem Medizinischen Zentrum zuteilst, Schiff , gebe ich die Schiffsverehrung auf! Soviel zur Schiffsverehrung. Die Götter, so es überhaupt welche gab, durften einmal richtig lachen. Abrupt ernüchterte ihn die Erinnerung an Illuyanks Tod. Dieser verdammte Planet! Wenn er jetzt durch ein schiffseitiges Agrarium hätte wandern können … oder auch nur einen Baumdrom … Er erinnerte sich an eine Nachtseite im Schiff ; damals war er zwischen den Abschirmblenden hindurch zu einer Kuppel am Rand gewandert und hatte die Stirn gegen das Plas gedrückt und in die Leere hinausgestarrt. Dort draußen drehten sich die Sterne in ihrem langsamen Tanz, und er hatte ohne jeden Zweifel gewußt, daß sie sich um ihn drehten. Doch im Angesicht jener unzähligen Sterne hatte er das Gefühl gehabt, in einen schrecklichen schwarzen
Schlund zu stürzen. Auf der anderen Seite jener PlasmasglasBarriere erwachten jeden Augenblick ganze Galaxien, und andere starben in derselben Sekunde. Kein Hilfeschrei würde über seine 281 Zungenspitze hinaus zu hören sein. Keine Liebkosung konnte die Kälte überstehen. Wer, außer ihm, war in jenem Universum so allein? Schiff . Die Stimme seines Verstandes hatte dieses überraschende Wort gesprochen. Aber er hatte sofort gewußt, daß es stimmte. In jenem Augenblick hatte er im Plas die Spiegelung seiner eigenen Augen wahrgenommen, die mit der Schwärze zwischen den Sternen verschmolzen. Er wußte noch, daß er in stummer Überraschung zurückgetreten war. Jener Blick! Derselbe Ausdruck! Diesen Ausdruck hatte er auf dem Gesicht des schwarzen Mannes auf der Erde gesehen, als man ihn fortschaffte. In der Erinnerung machte er sich klar, daß es sich um den Ausdruck handelte, den er neuerdings auch in Legatas Augen gewahrte. In meinen Augen … in ihren Augen … in den Augen des farbigen Mannes aus meiner Kindheit … Er spürte die bodenseitige Kabine ringsum, all die konzentrischen Ringe von Wänden und Barrieren, die die Kolonie umschlossen, und er spürte deutlich, wie sein ungeschützter Körper verraten werden konnte. Ich könnte mich an mich selbst verraten. Und vielleicht an andere. An Thomas? An das Schiff ? Sosehr er es auch abstritt, das Rätsel des freien Raums und des inneren Raums erfüllte ihn mit Staunen und Angst. Dies war eine Schwäche, und es war geboten, daß er sich unmittelbar damit beschäftigte. Gott oder nicht, das Schiff war einzigartig. Wie ich. 282 Und was war, wenn … Schiff tatsächlich Gott war? Oakes fuhr sich mit der Zunge über die Lippen. Er stand einsam in der Mitte der Kabine und lauschte. Worauf lausche ich? Er konnte nur handeln, indem er auf die Probe stellte, indem er den
Wechsel herbeizwang, indem er die Grenzen des Wissens aller anderen Schiffsmenschen überschritt. Der Schlüssel zum Schiff lag in seinen Handlungen. Warum bewegte sich ein Organismus? Um Freuden zu suchen, Schmerz zu vermeiden. Nahrung war Wonne. Er spürte einen Hungerkrampf im Magen. Sex war Wonne. Wo war Legata in diesem Augenblick? Der Sieg war eine Wonne. Das mußte warten. Sollten die Schmerzen ruhig ihre eigenen Handlungen auslösen. Immer wieder schwang das Pendel hin und her: Wonne/Schmerz … Schmerz/Wonne. Intensität und Dauer wechselten, nicht aber der Ausgleich, der Mittelwert. Welche Leckereien konnten einen Gott in Versuchung führen? Vor welchem Dorn würde der Fuß eines Gottes zurückzucken? Oakes wurde bewußt, daß er lange in einer Stellung verharrt hatte, den Blick starr auf das Mandala-Muster gerichtet, das an seiner Kabinenwand festgemacht war. Es handelte sich um eine Nachbildung des Mandala, das er schiffseits zurückgelassen hatte. Legata hatte ihm diese Kopie gemacht, ehe … Sie hatte mit größtem Geschick eine zweite Nachgestaltung angefertigt, die bereits in der Redoute hing. Wie sehr er sich wünschte, daß die Redoute bereits fertig wäre! Daß die Dämonen fort wären, Tag- und Nachtseite ohne Gefahren. Sehr oft hatte er sich vorgestellt, in Pandoras DoppelSonnenschein hinauszutreten, eine leichte Brise im Haar, Legata am Arm für einen Spaziergang durch Gärten hinab zum glatten Meer. 283 Die friedliche Szene wurde urplötzlich von der Vision Legatas abgelöst, die sich verzweifelt die Augen auskratzte. Oakes atmete krampfhaft ein, den Blick auf das Mandala gerichtet. Lewis muß alle Dämonen vernichten - den Tang, ALLES! Oakes mußte sich sehr zusammennehmen, um die Fixierung auf das Mandala zu lösen. Er machte kehrt, ging drei Schritte und blieb stehen … Wieder starrte er das Mandala an! Was geschieht mit meinem Verstand? Tagträume. Das mußte es sein, er ließ seinen Gedanken freien Lauf. Der Druck all jener Dämonen außerhalb der Kolonie-Perimeter überwältigte ihn mit Vorstellungen der Verwundbarkeit. Er hatte die Isolation verloren, die er schiffseits genossen hatte - er hatte die Gefahren des Schiff es gegen die Gefahren Pandoras eingetauscht. Wer hätte je geahnt, daß mir das Schiff fehlen könnte! Die verdammten Kolonisten waren zu temperamentvoll, zu hektisch.
Sie waren der Meinung, sie könnten jederzeit hereinstürmen und ihn stören. Sie redeten zu schnell. Alles mußte auf der Stelle erledigt werden! Seine Kom-Konsole surrte ihn an. Oakes drückte auf eine Taste. Murdochs dünnes Gesicht starrte aus dem Schirm. Murdoch begann zu sprechen, ohne Einleitung, ohne um Erlaubnis zu fragen. »Meine tagseitigen Befehle besagen, daß Illuyank für die Wache eingeteilt werden soll …« »Illuyank ist tot«, sagte Oakes tonlos. Er genoß den überraschten Ausdruck auf Murdochs Gesicht. Hier lag einer der Gründe, warum er sich zuweilen ziellos mit den Spionsensoren beschäftigte. Welche Schrecknisse man auch fand - die Information konnte einem einen allmächtigen Anstrich geben. »Suchen Sie jemand anders für meinen Wachtrupp«, befahl 284 Oakes schroff . »Jemand, der besser geeignet ist.« Er unterbrach die Verbindung. Na bitte! So machte man das bodenseits. Mit schnellen Entscheidungen. Die Erinnerung an Illuyanks Tod ließ den Knoten in seine Magengegend zurückkehren. Nahrung. Er mußte etwas essen. Er drehte sich um und stand wieder einmal dem Mandala gegenüber. Die Dinge müssen sich einfach langsamer entwickeln. Das Mandala wogte vor seinen Augen, eine Myriade grotesker Gesichter, die sich mit dem Muster verwoben und wieder davonschwammen, sich in sich selbst kehrten. Zu spät erkannte er, daß eines der Gesichter Rachel Demarest gehört hatte. Dumme Kuh! Der Schrei-Raum hatte ihr den Verstand geraubt … was davon noch übrig war. Einfach so nach draußen zu laufen! Genügend Leute hatten die Dämonen über sie herfallen sehen, daß ihm keine Schuld aufgebürdet werden konnte. Ein Problem weniger … aber nach draußen zu laufen … Alles läßt mich an das Draußen denken! Er mußte jemand anders finden, der dem alten Win Ferry alkoholische Getränke brachte. Reinen Kornschnaps wollte er neuerdings haben. Und Ferry mußte sich eins klarmachen - keine weiteren drängenden Fragen über die Demarest! Oakes spürte Schmerz in seinen Händen und stellte fest, daß er sie zu Fäusten geballt hatte. Er zwang sich, die Muskeln zu entspannen,
begann seine Finger zu massieren, in denen sich der Anflug eines Krampfes bemerkbar machte. Wenn er noch einen kleinen Schluck Wein … Nein! All diese Frustrationen! Wofür? Darauf gab es nur eine Antwort, die Antwort, die er Lewis so oft gegeben hatte: Für diese Welt. 285 Der Sieg würde ihnen eine eigene sichere Welt in die Hand geben. Unbewußt hob er die rechte Hand und berührte das Mandala. Was für ein Preis! Und Legata - Historikerin, Suchtechnikerin, schöne Frau - vielleicht würde Legata seine Königin sein. Das schuldete er ihr im mindesten Fall. Herrscherin. Sein Finger folgte dem Gewirr der Linien des Mandala, den dahinströmenden Verwicklungen. »Die Politik ist dein Leben, nicht das meine«, hatte Lewis gesagt. Lewis wußte nicht, welchen Preis man dafür zahlte. Lewis wollte nichts anderes als sein Labor und die Sicherheit der Redoute. »Laß mich hier allein! Du kannst nach Herzenslust Verkündigungen machen und politische Entscheidungen treffen.« Sie waren ein großartiges Team - der eine vor den Kulissen, der andere dahinter. Vielleicht doch ein wenig Wein. Er ergriff die Flasche und trank daraus. Bald war auch dieser Raja Thomas ausgeschaltet. Ein neues Opfer des Tangs. Lewis sollte mehr von diesem Wein trinken. Man hat ihn verbessert. Oakes kostete den Wein schlückchenweise, ließ ihn genüßlich über die Zunge laufen mit einem schlürfenden Geräusch, von dem sich Lewis immer wieder unangenehm berührt zeigte. »Jesus, du solltest dir wirklich etwas von diesem Zeug gönnen. Davon würden ein paar der tiefen Falten aus deinem Gesicht verschwinden.« »Nein, danke.« »Um so mehr bleibt für mich.« Du und Ferry. Nein. Ich kann jederzeit damit aufhören. »Wir haben dringliche Probleme«, sagte Lewis immer wieder. Aber Dringlichkeit durfte nicht Überstürzung bedeuten, kein unvorsichtiges Herumwieseln. Das hatte er Lewis eindeutig klar286 gemacht: »Wenn wir in unserem Drängen, die Redoute zu vollenden, entspannt und logisch vorgehen, werden auch unsere Lösungen
entspannt und vernünftig sein.« Chaos brauchen wir nicht. Er nippte noch mal an dem Wein und wandte den Blick nicht vom Mandala ab. Wie sich jene Linien verwoben - auch sie schienen direkt aus dem Chaos zu kommen. Legata aber hatte das Muster durchschaut, hatte es zweimal dupliziert. Muster. Auch Pandora hatte ihr Muster, ihre Bahn. Er mußte sie lediglich finden. Er mußte all die Dissonanzen abschälen, darunter würden sich die Fundamente der Ordnung finden. Wir machen den Tang fertig, und die Läufer. Mit Chlor. Viel Chlor. Sehr bald wird hier alles in vernünftigen Bahnen laufen. Er hob die Flasche, um einen weiteren Schluck zu sich zu nehmen, und stellte fest, daß kein Wein mehr darin war. Er ließ die Flasche aus der Hand rutschen und hörte sie zu Boden fallen. Als wäre das ein Signal, summte die Kom-Konsole von neuem. Wieder Murdoch. »Die Anhänger der Demarest verlangen eine neue Zusammenkunft, Doktor.« »Halten Sie sie hin! Ich habe Ihnen doch ges-sagt, Sie s-sollen s-sie hinhalten.« »Ich will‘s versuchen.« Murdoch schien nicht glücklich zu sein über die Entscheidung. Oakes mußte zweimal mit dem Finger zustechen, ehe er die Verbindung getrennt hatte. Wie oft mußte man in diesem verdammten Laden einen Befehl eigentlich geben? Wieder konzentrierte er den Blick auf das Mandala. »Bald haben wir hier richtig Ordnung gemacht«, nuschelte er zu dem Bild. 287 Dabei erkannte er, daß er zuviel Wein getrunken hatte. Es klang im Grunde lächerlich, in seinem eigenen Quartier mit sich selbst zu sprechen, aber er genoß es nun mal, gewisse Dinge zu hören, auch wenn er sie selbst aussprechen mußte. »Wir machen hier noch richtig Ordnung!« Wo … wo steckte die verdammte Legata? Mußte ihr sagen, mal richtig Ordnung zu machen. So wie das Gestein den Ozean beruhigt, stillt der Eine in einem das Universum. KERRO PANILLE Übersetzungen der Avata Legata stellte die Landung ihrer Fähre bei der Redoute auf
Automatik. Dann lehnte sie sich in ihre Couch und betrachtete die vorbeihuschende Küste. Diesmal war sie allein. Es war noch früh tagseits, und sie brauchte sich noch nicht mit Oakes oder Lewis zu beschäftigen und auch nicht mit Dämonen oder Klonen. Sie hatte nicht anderes zu tun, als hinauszuschauen, sich zu entspannen und frei zu atmen. Hyflieger! Sie hatte sie auf Holo gesehen, und einige waren um die Kolonie gestrichen, während sie sich dort aufhielt, diese Exemplare aber schwebten knapp zweihundert Meter von dem Plas entfernt, das sich vor ihr erstreckte. Bei den Zähnen Schiff s! Sie waren ja riesig! Sie zählte zwölf, das größte anderthalb mal so groß wie die Fähre, in der sie transportiert wurde. Die bronzegetönten orangeroten Segel fingen sich im Wind, und sie wechselten beinahe im Takt den Kurs und schienen sie fast zu begleiten. Das Sonnenlicht, 288 das durch die Membranen ihrer Segel leuchtete, überschüttete sie mit den Farben des Regenbogens. Die meisten Tentakel waren unter den Körpern zusammengeringelt. Jedes umklammerte mit den beiden längsten Armen Ballastfelsen. Die größeren ließen die Steine durch das Meer treiben und bildeten ein schäumendes Kielwasser. Wieder kreuzten sie in den Wind, und dann von neuem, sich den Veränderungen der Luftbewegung anpassend. Als Legatas Fähre in die Anflugbahn glitt, bemerkte sie, daß sich zwei der kleinen Hyflieger von den übrigen trennten, an Tempo zunahmen und die mitgeschleppten Steine gegen den Plas-Schild knallen ließen, der Oakes‘ Privatgarten umgab. Garten. Dieses Wort ließ sie erschaudern. Die Felsbrocken schadeten dem Plas nicht, das höchstens zersprungen wäre, wenn Legata die Fähre voll hineingesteuert hätte, aber Felsen … Die beiden Hyflieger verschwanden in einem dermaßen grellen Blitz, daß sie einen Augenblick lang nichts erkennen konnte. Als sich ihr Sehvermögen wieder einstellte, sah sie, daß die Fähre gelandet war und sich mit der Eintrittsschleuse verbunden hatte und daß die beiden explodierten Hyflieger lediglich ein Ablenkungsmanöver darstellten. Die anderen Gebilde, die ausnahmslos größer waren, schleuderten ihre Ballastfelsen gegen die Mauern und Plasverkleidungen der Redoute an Stellen, wo die Klone bereits Schaden angerichtet hatten.
Jeder Felsbrocken ließ weitere Stücke der Gebäude verschwinden, ehe die Wächter sich auf die Segel konzentrieren konnten. So gingen nach und nach auch die anderen Hyflieger grellodernd in Flammen auf. Der größte hing bei seiner Explosion so dicht neben der Fährstation, daß ein Teil des Kontrollturms und der Befestigungen vernichtet wurde. Sie setzen dafür ihr Leben ein, dachte sie. Entweder sind sie sehr töricht oder sehr mutig. 289 An mehreren Stellen stand das umliegende Terrain in Flammen, und eine Arbeitsmannschaft, bewacht von Bewaffneten, bekämpfte die Brände. Lewis winkte ihr aus der Plas-Veranda vor Oakes Quartier zu, und erst jetzt bemerkte sie die Rußflecken auf der Sichtkuppel ihrer Fähre. Sie öffnete das Luk und trat zwischen zwei Wächtern hindurch, die sie durch den bedeckten Korridor in die Redoute geleiteten. Über allem lag ein starker Chlorgeruch. Wenigstens brauchen wir uns um Läufer keine Sorgen zu machen, dachte sie. Durch den Chlordunst nahm sie den Geruch des Meeres wahr und sah, daß die Wasserlinie mehrere Meter tiefer lag als normal. Der freigelegte feuchte Sand wurde von den Sonnen gewärmt. Dichter Nebel stieg von diesem Streifen auf und verteilte sich in Schwaden über Felsen und Meer. Sie sah Lewis erst an, als sie die Veranda erreichte. »Legata, wie geht es Ihnen?« Er reichte ihr die Hand. Der fragende Ausdruck seiner Augen verriet ihr alles. Deshalb bin ich also hier, dachte sie. Er will meine derzeitige … Nützlichkeit erkunden, ehe Oakes eintrifft. »Ziemlich gut«, antwortete sie. »Eine wunderbare Schau haben die Hyflieger da eben abgezogen. Haben Sie das nur für mich arrangiert?« »Hätte ich es arrangiert, wären wir ohne Schäden davongekommen, die wir uns eigentlich nicht leisten können.« Er führte sie ins Innere und schloß das Luk hinter ihnen. »Wie groß ist der Schaden?« Er führte sie tiefer ins Innere, fort von dem Plas. Sie wollte das Gelände sehen und die Instandsetzungen. »Es ist nicht irreparabel. Möchten Sie etwas zu essen?« Eine Frau mit großen fächerförmigen Ohren ging vorbei, begleitet von einem normalen Besatzungsmitglied mit Laspistole.
290 »Nein, danke. Ich habe keinen Hunger.« Als sie Legatas Antwort hörte, wandte sich die Frau um, blickte ihr direkt in die Augen, als wolle sie etwas sagen, dann wandte sie sich hastig wieder ab und ging nach draußen. Legata mußte daran denken, daß einer der Kampfrufe des Klonaufstands Mein Hunger wartet nicht! gelautet hatte, und sie war verlegen. »Die Ohren … warum das?« »Sie hört einen Falten-Huscher schon auf hundert Meter. Das verschafft uns einen Vorteil von einer vollen Sekunde. Außerdem ziemlich attraktiv, finden Sie nicht?« »Ja, sehr«, antwortete Legata kühl. Ihr fiel auf, daß Lewis noch immer humpelte, doch sie hatte kein Mitgefühl mit ihm. Obwohl sie gern mehr über die Revolte erfahren hätte, stellte sie keine Fragen. Sie konterte, indem sie das Thema nicht sein ließ. »Wie reparabel ist ›nicht irreparabel?« Lewis ließ seine Zuvorkommenheit fahren und kehrte zur gewohnten Sachlichkeit zurück. »Wir haben den größten Teil unserer Klon-Arbeiter verloren. Von den Verbleibenden sind weniger als die Hälfte einsatzbereit. Wir bekommen Ersatz aus der Kolonie und vom Schiff , aber das ist ein langsamer Vorgang. Zwei der fertiggestellten Hangars sind übel beschädigt - Luken fehlen, Löcher in den Wänden. Die KlonQuartiere haben intakte Außenmauern und Luken, aber das Innere ist völlig verwüstet. Geschieht ihnen recht. Sollen sie ruhig auf den Plastrümmern schlafen.« »Was ist mit diesem Gebäude?« »Hat ein bißchen abbekommen, wo hinten die Klonquartiere an das Lager stoßen. Sie sind bis in die Küche vorgedrungen, aber dort konnten wir sie abschotten.« »Sie haben sie abgeschottet?« 291 Lewis wandte den Blick von ihr ab und schaute sie dann wieder an. Er rieb sich die Nase mit einem Finger, und sie mußte an Oakes denken, wenn er nervös war. Als ihr klar wurde, daß er nicht antworten würde, nickte sie. »Als Sie entdeckten, daß Chlor die Läufer umbringt - wie lange noch, bis sie es unter die Leute bliesen, die Sie abgeschottet hatten?« »Ich bitte sie, Legata, Sie waren nicht dabei. Sie haben nicht
gesehen, was sie …« »Wie lange?« Er begegnete ihrem Blick, antwortete aber nicht. »Sie haben sie also umgebracht.« »Die Läufer haben sie umgebracht.« »Aber Sie hätten die Läufer vorher töten können.« »Dann wären die Klone eingedrungen und hätten uns getötet. Sie waren nicht hier. Sie wissen nicht, wie es gewesen ist.« »Doch, ich glaube, ich kann es mir vorstellen. Zeigen Sie mir Morgans ›Garten‹.« Sie mußte ihre ganze Nervenkraft aufbieten, um dieses Wort auszusprechen. Was für Schrecknisse sie auch in der Kolonie schon durchgemacht hatte, der Name des ›Gartens‹ ließ sich nicht einfach abschütteln, obwohl sie sich an nichts erinnern konnte. Aber sie sah, daß Lewis nervös wurde, nur daran zu denken, und hatte keine Lust, ihm das Leben irgendwie leichter zu machen. Lewis war offenbar erschüttert über ihren plötzlichen Themensprung zum ›Garten‹. Auch für ihn war dieser Ort mit dem Schrei-Raum identisch. Sie sah, wie sich die Fragen hinter seinen Augen jagten: Wieviel weiß sie wirklich? Warum hat sie keine Angst? Sie gestattete sich nicht den Luxus der Angst. Das sollte er ruhig sehen. Bis sie sich selbst an die Geschehnisse erinnerte, sollte niemand aus ihren Erlebnissen dort einen Nutzen ziehen. 292 »Ja«, sagte er beinahe ehrfürchtig. »Natürlich. Der ›Garten‹. Sie können sich dort entspannen, bis Morgan kommt. Hier entlang.« Lewis führte Legata durch die vollendeten Bereiche der Anlage und in die Hauptunterkunft, eine riesige Struktur, die zur Gänze aus dem fl eckigen Gestein des Berges geschnitten und mit Plastahl ausgekleidet worden war. Am Eingang drehte sie sich um und schaute über das Terrain und über das Meer. »Dieses Luk führt zu Morgans Quartier. Arbeitszimmer, Bibliothek und Kabine, das befindet sich alles in dieser Einheit. Weiter hinten liegen Konferenz- und Eßbereiche, das alles. Wenn Sie wollen, führe ich Sie.« Sie sah den Puls der Wogen vor der Küstenbarriere weiter vorn explodieren und bildete sich ein, das Klatschen und Krachen des Wassers durch das isolierende Plas hindurch zu hören. »Legata?« »Ja. Ich meine, nein, Sie brauchen mich nicht zu führen. Ich möchte
gern allein sein.« »Bitte sehr«, sagte Lewis kurz angebunden. »Morgan hat mir aufgetragen, dafür zu sorgen, daß Sie es bequem haben. Ich möchte vorschlagen, daß Sie sich an mich wenden, ehe Sie in der Redoute herumwandern. Für einige der freiliegenden Bereiche dürfte ein Wächter angebracht sein. Es ist noch früh, und ich werde erst nach der Mittmahlzeit wieder in der Kolonie erwartet. Rufen Sie mich an, wenn Sie mich brauchen.« Nach diesen Worten schloß sich zischend das Luk, und sie war allein. Wieder blickte sie auf das Meer hinaus. Es bewegte sich in ewigem Ansturm und zog ihr Bewußtsein hinaus - tastend. Dort liegt eine Macht, die nicht einmal Morgan sich kaufen kann, dachte sie und kämpfte an gegen die Versuchung, an den verplasten Bäumen, Blumen und dem Teich vorbeizulaufen, vorbei 293 an dem Bach, der sich durch das Gras schlängelte, vorbei an den Schutzeinrichtungen der Anlage und hinaus in die ungebändigte Meeresluft Pandoras. Dann bemerkte sie den Tang. Die gewaltigen Tangmassen, die den Strand und die Bucht vor der Redoute übersät hatten, waren reduziert auf vereinzelte Brocken und etliche schlangenhafte Tentakel, die sich an der Oberfläche wiegten. Das ist Lewis‘ Werk! In plötzlicher Traurigkeit füllten sich ihre Augen mit Tränen, und sie flüsterte dem Tang zu: »Ich hoff e, daß sie sich täuschen. Ich hoff e, du schaff st es.« Aus dem Augenwinkel nahm sie eine Bewegung wahr und sah zwei Klone, die sich am Turm der Fährstation zu schaff en machten. Man erwartet Morgans Ankunft, dachte sie. Da soll alles so gut im Griff aussehen, wie es irgend geht. Sie sah sich die beiden Männer genauer an, aufmerksam geworden durch den Umstand, daß sie Plasteile anhoben und verschweißten, die sich mindestens vier Meter über dem Boden befanden - und keiner der beiden benutzte ein Gerüst. Die Arme … Sie fragte sich nüchtern, welchen Platz diese Arbeiter auf dem Klonindex und der Preisliste einnahmen. »Die Kosten sind nicht von Belang, meine Liebe«, hatte Murdoch gesagt, und sein Tonfall hatte sie irgendwie entsetzt. Jenes Entsetzen erwachte nun erneut beim Anblick der beiden Arbeiter, die konzentriert das Plas verschweißten.
Alles ist möglich, dachte sie. Jede meiner Phantasievorstellungen kann hier Wirklichkeit werden. Warum erinnere ich mich nicht? Welche Schrecknisse oder Freuden im Schrei-Raum auch abliefen sie waren nicht mehr Teil ihres Bewußtseins. Es gab plötzliche, blitzschnelle Einsichten, unkontrollierbar und sofort wieder 294 verweht, die sie mitten im Gespräch oder in einem Gedanken verstummen ließen. Ihre Mitarbeiter schrieben diese Momente einer zunehmenden Geistesabwesenheit zu, einem Beiprodukt der auf der Hand liegenden Affäre mit dem Boß. Sie wußte, daß sie den Holo über ihr Schrei-Raum-Erlebnis finden und sich selbst ansehen konnte, was sie getan hatte. Oakes lockte sie sogar damit. »Liebe Legata«, sagte er, und verströmte aus jeder Pore seines korpulenten Leibes Honig und Öl. »Setz dich zu mir, genieße ein gutes Glas, dann erfreuen wir uns an deinen Spielchen im SchreiRaum.« Zuerst lachte er nur, als sie sich erschaudernd abwandte. Es fiel ihr schwer, sich unter Kontrolle zu behalten - dafür hatte er gesorgt, als er sie hilflos in Labor Eins festhalten ließ. Inzwischen war der Schrei-Raum in die Redoute verlegt worden. Das Lachen erstarb, und er hatte sich off en und tonlos an sie gewandt: »Ob es dir gefällt oder nicht, du bist jetzt eine von uns. Du kannst niemals mehr zurück. Durchaus möglich, daß du den Raum nie wieder betrittst, aber du bist einmal darin gewesen. Dem eigenen Willen gehorchend, möchte ich hinzufügen.« »Eigener Wille!« Ihre blauen Augen blitzten ihn an. »Du hast mich unter Drogen gesetzt! Und diese … Ungeheuer? Wo war ihr freier Wille?« »Ohne mich hätten sie überhaupt keinen Willen, ja nicht einmal Existenz …« »Ohne Schiff , meinst du wohl.« Er seufzte übertrieben dramatisch. Sie wußte noch, daß er auf seinen Bildschirm geblickt und an seiner Konsole einige Justierungen vorgenommen hatte. »Manchmal verstehe ich dich wirklich nicht, Legata. Nicht mehr lange, dann wirst du die Redoute und ihre exquisiten Freuden 295 genießen, dabei sitzt du hier und redest unsinniges Zeug über die
mystischen Kräfte des Schiff es. So etwas gehört in die Steinzeit.« Daraufhin hatte er ihr einen Holo über den Garten gezeigt, der sie hier umgab. Kein Zweifel, die Anlage war wunderschön. Es herrschte eine dichte Vegetation, durchzogen von dem Duft zahlloser Blüten. Sie richtete den Blick zur Kuppel empor. Die Größe und Pracht des pandorischen Himmels ließ eine seltsame Kraft durch ihren Körper strömen. Sie hatte ein seltsames Gefühl der … der … was? Verbundenheit! dachte sie. Ja, gleichgültig, was er tut, irgendwie lebt dies alles auch in mir, so wie ich jetzt darin lebe. Als sie sich während der letzten Nachtseite in der Kolonie auf die Abreise zur Redoute vorbereitete, hatte Oakes sie in die kleine Plaskuppel hoch über seinem Quartier begleitet. »Dort«, hatte er gesagt und auf einen großen weißen Schimmer gedeutet, der sich langsam am Horizont entlangbewegte, »dort ist dein Schiff . Ein Punkt von vielen in der Nacht. Es ist kein Mystizismus erforderlich, auch nicht das geringste Quentchen Gotteskraft, damit ein Stück Masse eine andere umkreist.« »Das ist Ketzerei«, sagte sie, weil er es erwartete. »Ach, wirklich? Schiff kann sich selbst verteidigen. Nichts findet außer Hörweite oder Reichweite Schiff es statt. Schiff könnte mein Programm jederzeit beenden - verzichtet aber darauf. Oder kann es doch nicht. Wie auch immer, mir ist es gleich. Ketzerei?« Er hatte ihre Hand mit kräftigem Griff umfaßt. Er muß sich selbst überzeugen, dachte sie und hatte die Macht genossen, die diese Beobachtung ihr verlieh. Er machte eine ausholende Geste und schloß das gesamte Panorama der Sterne ein. »Ich habe dich hierhergebracht, nicht Schiff . Schiff ist ein Werkzeug. Komplex hoch fünf, das will ich gern zugeben, aber trotz296 dem nur ein Werkzeug. Von Menschen geschaffen, von denkenden Menschen, zum Gebrauch durch denkende Menschen. Menschen, die sich darauf verstehen, das Kommando zu übernehmen, die im heraufziehenden Unwetter der Verwirrung Licht zu sehen vermögen …« Während seine begeisterten Worte weiter durch die Nacht hallten, war Legata aufgegangen, daß sich vieles von dem, was er gesagt hatte, erstaunlich richtig anhörte. Sie wußte eins: was immer den Schiffsmenschen in und außerhalb Schiff s widerfuhr, es war eine
Folge der Nichteinmischung Schiff s. Aber sie war schon zu lange und zu tief in die Geheimnisse der Schaltkreise Schiff s eingedrungen, um zu glauben, daß Schiff lediglich ein Haufen Metall und geformtes Plastik war, daß Schiff sich nicht sorgte. Sie stand im Garten der Redoute und blickte zu der Stelle empor, an der sie Schiff s Position vermutete. Ich würde gern wissen, dachte sie, ich würde gern wissen, ob wir eine Enttäuschung darstellen. Zwei Patrouillenflieger rasten kreischend über die Kuppel und machten Legatas Träumerei ein Ende. Sie ahnte, daß Oakes‘ Ankunft bevorstand, man bereitete sich auf ihn vor. Auch sie mußte sich darauf einstellen. Nichts ist heilig, ermahnte sie sich. In der schweren Stille, die den Fliegern folgte, fügte sie in einem plötzlichen Auflodern der Erkenntnis hinzu: Aber irgend etwas sollte heilig sein. Dieser Gedanke war befreiend, aufmunternd. 297 Das Universum hat keinen Mittelpunkt. Schiffszitate Raja Thomas stand unter dem riesigen, halb aufgeblasenen LALBeutel im Haupthangar. Lavus Mannschaft war gegangen und hatte den größten Teil der Beleuchtung ausgeschaltet. Es war volle Nachtseite. Der Ballon war eine vage orangerote Masse über ihm, die sanft an ihren Leinen zerrte. Noch zeigte sie gewaltige Einschnitte und Ausbuchtungen, doch ehe sich Alki beim nächsten Mal zur Rega an den Himmel gesellte, wollten sie gestartet sein, der Ballon voll und glatt wie der eines Hyfliegers. Nur daß ein Hyflieger dieser Größe noch nicht gesichtet worden war. Thomas blickte durch den dunklen Hangar; er wäre am liebsten wieder gegangen. Warum will sich Oakes hier mit mir treffen? Der Befehl war klar und kurz gewesen. Oakes kam heraus, um das LAL und das daran befestigte U-Boot zu inspizieren, ehe er es zuließ, daß sie sich in die ungeschützte Wildnis des pandorischen Meeres hinauswagten. Will er das Projekt verbieten? Die Schlußfolgerungen lagen auf der Hand. Zuviel Kolonie-Energie strömte in Projekte wie dieses. So etwas wirkte gegen die Überlebenschancen. Die Vernichter wollten sich durchsetzen. Das Projekt mochte auf lange Sicht die letzte wissenschaftliche Untersuchung sein, für die eine Genehmigung gegeben wurde. Zu
viele U-Boote waren verlorengegangen … zu viele LALs. Die dabei verschwendete Energie ließ sich für die Nahrungsmittelgewinnung einsetzen. Die dagegenzusetzenden Argumente der Vernunft fanden mit jeder verstreichenden Stunde des Hungers weniger willige Ohren. 298 Ohne das Wissen, das wir erlangen können, mag es auf Pandora niemals eine verläßliche Nahrungsproduktion geben. Der Tang ist intelligent. Er beherrscht diesen Planeten. Wie nannte der Tang Pandora? Heimat. War das Schiff oder meine Phantasie? Keine Antwort. Thomas wußte, er war viel zu angespannt und von Ungewißheit geplagt. Von Zweifeln. Es würde leicht sein, jede Ansicht zu teilen, die Oakes formulierte. Ihm zuzustimmen. Schon hatten Angehörige von Lavus Mannschaften die gemurmelte Losung aufgegriffen, die überall in der Kolonie zu hören war: Mein Hunger wartet nicht. Wo steckte Oakes? Er läßt mich warten, um mich in meine Schranken zu verweisen. Die künstliche Persönlichkeit Raja Thomas‘ dominierte in diesem Gedanken, doch lag auch ein vager Anflug von Flattery darin - vage, aber spürbar. Er kam sich wie ein Schauspieler vor, der nach zahlreichen Vorstellungen sehr gut in seiner Rolle aufging. Das Flattery-Ich ruhte in seiner Vergangenheit wie eine Kindheitserinnerung. Was hast Du in der Tiefe des Meeres versteckt, Schiff ? Das mußt du herausfinden. Da! Das war eindeutig Schiff gewesen, das zu ihm sprach! Das LAL bewegte sich, die Halteleinen knirschten. Thomas bewegte sich darunter hervor und starrte zu den Lamellenverschlüssen der Himmelspforte empor - ein ungeheurer dunkler Kreis im matten Licht. In seiner Nase lag die schwache Bitterkeit pandorischer Ätherstoff e. Die Kolonie hatte festgestellt, daß einige Ausdünstungen ausgewählter Dämonen das unmittelbare Umfeld vor anderen raubtierhaften Ungeheuern dieser Welt schützte 299 - besonders vor Nervenläufern. Doch nichts galt ewig. Die Dämonen entwickelten sehr schnell eine Immunität. Thomas blickte auf die im Schatten liegende Masse des U-Boots
- ein glatter schwarzer Stein in den Tentakeln eines künstlichen Hyfliegers … ein glatter schwarzer Felsen mit funkelnden Reihen an seinen Flanken. Wieder ächzte das LAL in den Halterungen. Es zog im Hangar, und er hoffte, daß es sich nicht um eine unbewachte Öffnung ins gefährliche Äußere dieses Planeten handelte. Er war unbewaffnet und allein - bis auf die Perimeterwächter an den ebenerdigen Luken und einen Wächter, der sich irgendwo seinen Tee braute. Thomas registrierte den schwachen Geruch - ein vertrauter Eindruck, doch mit den feinen Unterschieden, die die pandorische Chemie mit sich brachte. Werde ich hier vorgeführt, um zu sterben, wie Rachel Demarest gestorben ist? Er war ein Zweifler, doch Gewißheit herrschte in seinem Kopf über die Art und Weise, wie Rachel den Tod gefunden hatte. Der Vorfall war zu passend gewesen, der Zeitpunkt zu günstig für gewisse Leute. Aber wer konnte Fragen stellen? Solche Dinge passierten eben täglich bei der Perimeterpatrouille. Die Kolonie hatte sogar eine Faustregel für diese Situation: einer von siebzig. Es waren eben Verluste, wie sie in einem Krieg vorkommen, alle Soldaten wußten das. Nur schienen die meisten Schiffmenschen keine große Ahnung zu haben vom Krieg im historischen Sinne. Zu kämpfen verstanden sie allerdings. Er verzog die Nase. Ein leichter Geruch nach natürlichen Schmierstoff en lag in der Luft. Dies brachte ihm wieder einmal zu Bewußtsein, wie wider300 strebend dieser Planet seine Substanzen hergab für die Zwecke der Kolonie. Er hatte die Berichte gesehen - allein das Bohren nach diesen Schmierstoff en hatte auf je sechs Tagesläufe ein Menschenleben gekostet. Und es herrschte eine gewisse Scheu, geklonte Nachbildungen in Auftrag zu geben - ein unerklärliches Widerstreben. Immer weniger Klone waren zu sehen - es gab sie in Fülle nur noch bei jenem geheimnisvollen Projekt auf Drachen. Was machte Lewis dort draußen? Warum die wachsende Kluft zwischen Klonen und natürlich Geborenen? Lag es irgendwie daran, daß man sich bodenseits befand? Wir haben uns auf einem Planeten entwickelt?
War hier eine atavistische Erinnerung am Werk? Warum antwortest Du nicht, Schiff ? Wenn du es wissen mußt, wirst du es wissen, ohne zu fragen. Eine typische Schiffsantwort! Was meinte Oakes mit ›neuen‹ Klonen? Hilfst Du ihm bei dem Projekt, Schiff ? Sind diese neuen Klone Dein Projekt? Wer hat dir geholfen, Mich zu machen, Teufel? Thomas spürte, wie sich ihm der Hals zuschnürte. In dieser Gegenfrage hatte ein Stachel gelegen. Er blickte auf das U-Boot, das seitlich links von ihm hing. Urplötzlich sah er darin ein törichtes, zum Scheitern verurteiltes Unternehmen. Das U-Boot und das LAL waren so gestaltet worden, daß sie einem Hyflieger mit seinem Ballastfelsen glichen. Dabei war unwichtig, daß das U-Boot kaum Ähnlichkeit mit Gestein aufwies. Ich sollte mein altes Fleisch nicht bei diesem Projekt riskieren, sondern mich darum bemühen, Schiff s Forderungen zu predigen. Aber Schiff hatte ihm keine Rolle für dieses Spiel zugeteilt, keine Plattform, auf die er sich stellen konnte. 301 Wie willst du Schiff verehren? Egal wie Schiff die Frage auch formulierte, sie lief stets auf das gleiche hinaus. Wer würde einem unbekannten selbsternannten PsyGe zuhören, der eben erst aus der Hib erwacht war? Er hatte eingestanden, daß er ein Klon war, Mitglied einer Minderheit, deren Rolle von Oakes gerade neu definiert wurde. Sprecht mit den intelligenten Pflanzen. Hatte der Tang eine Antwort parat? Schiff deutete es an, weigerte sich aber, deutlicher zu werden. Das mußt du herausfinden, Teufel. Von dort hatte er keine Hilfe zu erwarten. Keine Hinweise, wie er ein Gespräch mit dieser fremdartigen Intelligenz eröffnen konnte. Abstrakt gesehen, war es eine erregende Vorstellung - mit einer Lebensform zu sprechen, die sich von der Menschheit dermaßen unterschied, daß sich nur wenige evolutionäre Parallelen ziehen ließen. Was für seltsame Dinge könnten wir von dem Tang lernen? Was könnte der Tang von ihm lernen? Wieder blickte Thomas auf den Chrono. Die Verspätung war langsam lächerlich! Warum lasse ich so etwas zu? Waela dürfte unseren Dichter längst in ihre Kabine gelockt haben.
Ein tiefes Seufzen durchlief seinen Körper. Knapp eine Stunde vor Mitternacht war Panille endlich aus der Abfertigung gekommen. Man hat seinen Transfer absichtlich verzögert … so wie auch Oakes sich jetzt Zeit läßt. Was führte man im Schilde? Waela, wenn … War das der Grund für Oakes hinhaltende Taktik? Hatte Oakes herausgefunden, daß Waela … Thomas schüttelte energisch den Kopf. Törichte Mutmaßungen? 302 Er fror und fühlte sich ungeschützt in diesem Hangar, außerdem führte kein Weg daran vorbei, daß ihn der Gedanke an Waela mit Unbehagen erfüllte. Waela und der Dichter. Thomas wurde von seiner Phantasie geplagt. Nie zuvor hatte er eine so starke Neigung zu einer Frau empfunden. In seinem tiefsten Ich, heraufgeholt aus uralten Trainingsvorgängen, bestand ein schrecklicher Drang nach Besitzergreifung - nach privater, exklusiver Beschlagnahmung. Ihm war bekannt, daß dies vielen Verhaltenstendenzen direkt zuwiderlief, die Schiff zugelassen … oder gar gefördert hatte. Waela … Waela … Er mußte sich zwingen, eine Maske der starren, unbeteiligten Kühle aufzusetzen. Die Verzögerung von Panilles Abflug mag die Zeit sein, in der man ihn gegen mich programmiert hat. Vielleicht hat man ihn vorbereitet. Es war unbedingt erforderlich, daß Waela mit dem Dichter intim wurde, daß sie hinter seine Fassade schaute, um … ja, um was zu finden? Panille … Pandora … Hatte hier wieder Schiff die Hand im Spiel? Waela würde es herausfinden. Sie hatte ihre Befehle. Sie mußte diesen Panille von innen nach außen kehren und sich den Kern seines Wesens offenlegen. Sie würde die Wahrheit erfahren und ihrem Kommandanten Meldung machen. Mir. Wer war Oakes auf ähnliche Weise ergeben? Bestimmt Lewis. Und Murdoch. Und Legata. Wie überrascht er gewesen war festzustellen, daß sie die Hamill aus der Unterweisung Schiff s war. Stellten auch sie Fallen von der Art, wie er sie für Panille vorbereitet hatte? Waela machte es bestimmt richtig. Für Panille mußte es ein
303 Zusammentreffen glücklicher Umstände sein. Der richtige Zeitpunkt … die richtigen Umstände … Verdammt! Wie kann ich nur eifersüchtig sein? Ich habe das Ganze doch geplant! Er wußte, daß er sich im Rahmen von Schiff s Plänen bewegte. Und wahrscheinlich auch im Rahmen von Oakes‘ Absichten. Was war die Beziehung zwischen Oakes und Schiff ? Ein ketzerischer Mann, dieser Oakes. Aber Schiff ließ die Blasphemien zu. Und Oakes mochte recht haben. In Thomas hatte sich der Verdacht verstärkt, daß Schiff vielleicht nicht Gott war. Was haben wir hervorgebracht, als wir Schiff schufen? Thomas kannte seinen Anteil an dieser Schöpfung. Aber waren bei dem Bau auch andere, unsichtbare Hände beteiligt gewesen? Wer hat euch geholfen, Mich zu machen, Teufel? Gott oder Satan? Was haben wir erschaff en? In diesem Augenblick machte es keinen großen Unterschied. Er war körperlich wie auch emotionell erschöpft, und seine vordringliche private Hoffnung lief darauf hinaus, daß Panille die sexuelle Falle erkennen und ihr ausweichen würde. Aber im Grunde rechnete er nicht damit. Ich tue Deine Arbeit, so gut ich kann, Schiff . »Eine Funktion Meines Teufels besteht darin, gute Taten zunichte zu machen. Die Schiffsmenschen müssen sich selbst übertreffen in einem Maße, das sie nicht für möglich halten.« So hatte Schiff zu ihm gesprochen. »Warum? Weil Frustrationen uns dabei halfen, das Projekt Bewußtseinsschaffung zum Erfolg zu bringen?« Wiederholten sie hier lediglich ein altes Thema, das man schon einmal angeschlagen hatte und wieder erfolgreich sein mochte? Ihm kam der Gedanke, daß der Direktor des Mondstützpunkts, 304 der den Bau des ersten Sternenschiff es und die Mannschaftsausbildung überwacht hatte - der alte Morgan Hempstead - die gleiche Funktion ausgeübt hatte. Er war unser Teufel, und das wußten wir. Aber jetzt bin ich Schiff s Teufel … und Sein bester Freund. Aus diesem Gedanken leitete Thomas eine zynische Freude ab. Ein Freund Schiff s zu sein brachte besondere Gefahren mit sich.
Vielleicht hatte Oakes die bessere Rolle erwählt: Schiff s Feind. Thomas kannte seine Rolle allerdings sehr gut. Schiff rieb sie ihm oft genug unter die Nase. »Beginne das Spiel, Teufel!« Ja, er mußte das Spiel spielen, auch wenn er verlor. Ein Kratzen ließ ihn aufmerken. Das Geräusch kam aus der Richtung der Schrankreihen, zwischen denen sich die U-Boot-Besatzungen auf ihre Flüge vorbereiteten. Die Schränke der Toten, hießen sie in der Kolonie. Irgend etwas bewegte sich in den Schatten dort, eine rundliche Gestalt in einem weißen Schiffsanzug. Thomas erkannte Oakes. Der Mann war allein. Es sollte also ein Treffen dieser Art werden. Thomas zog eine Handlampe aus der Tasche und schwenkte sie, um seine Position anzuzeigen. Oakes reagierte auf das Licht, indem er leicht den Kurs wechselte. Hier im Hangar kam er sich immer sehr klein vor. Zuviel Raum, der zu wenig nutzbringend verwendet wurde. Eine schlechte Investition. Unter der Weite des halb aufgeblasenen Ballons erschien Thomas zwergenhaft klein. Diese Gedanken festigten seinen Entschluß. Es war nicht sinnvoll, dieses Projekt auf der Stelle abzuwürgen, ohne ein dramatisches Motiv vorweisen zu können. Es gab Leute, die das Vorhaben unterstützten. Oakes kannte die Argumente. 305 Wir müssen es lernen, mit dem Tang zu leben! Man lebte auch nicht mit einer wilden Kobra; man tötete sie. Ja, Thomas mußte verschwinden … aber auf dramatische Weise, sehr dramatische Weise. Es konnte in der Kolonie nicht zwei PsyGes nebeneinander geben. Oakes wollte gar nicht wissen, was Lewis und Murdoch arrangiert hatten. Vielleicht einen Unfall mit dem U-Boot. Auch ohne vorherige Planung hatte es schon genügend Unfälle gegeben. Der bezahlte Preis an Schiffsmenschenleben hatte allerdings schmerzhafte Größenordnungen erreicht. Die Kolonisten waren im Kampf gegen diesen Planeten auf Verluste gefaßt, doch die letzten Verluste überstiegen das erträgliche Maß. Oakes lächelte, während er sich Thomas näherte. Diese Geste konnte er sich noch leisten. »Na, dann wollen wir uns das neue U-Boot mal ansehen«, begann er.
Er ließ sich zum Seitenluk des U-Boots und in die enge Kommandogondel in der Mitte führen. Dabei fiel ihm auf, daß Thomas keine Überflüssigen Worte machte, daß er auch jene unbewußten Sprachverdrehungen vermissen ließ, an die Oakes von seiner Umgebung gewöhnt war. Der Mann konzentrierte sich voll auf die Sache, auf die Technik: hier die neuen Sonargeräte, die Fernaufzeichnungs-Sensoren, die Nephelometer … Nephelometer? Oakes mußte sich auf seine medizinische Ausbildung besinnen. O ja, Instrumente, mit denen kleine Partikel, die im Wasser schwimmen, eingefangen und untersucht werden. Oakes hätte beinahe laut losgelacht. Nicht die kleinen Partikel mußten untersucht werden, sondern der riesige Tang: deutlich zu sehen und klar verwundbar. Trotz seiner Belustigung brachte 306 Oakes einige scheinbar passende Fragen vor. »Warum sagen Sie, daß im Meer alles dem Tang dient?« »Weil wir das immer wieder feststellen, weil das ganze Meeresleben so gestaltet ist. Von den Nahrungszyklen der Biota bis zur Verteilung von Spurenelementen paßt alles zu den Wachstumsanforderungen des Tangs. Wir müssen den Grund dafür finden.« »Nahrungszyklen der …« »Biota - die gesamte lebendige Materie … Die im Schlamm lebenden Wesen und die an der Oberfläche, sie alle scheinen eine tiefgreifende symbiotische Beziehung zum Tang zu haben. Beispielsweise die Graser - sie arbeiten die toxischen Produkte des Tangs zu einer Schicht aufnahmefähigen Sediments auf, aus der andere Wesen diese Substanzen in die Nahrungskette zurückholen. Sie …« »Soll das heißen, der Tang scheißt, und das Zeug wird auf dem Meeresboden von Tieren weiterverarbeitet?« »So könnte man es natürlich formulieren, aber der Rückschluß auf die Meeresökologie ist beunruhigend. Zum Beispiel gibt es Blattgraser, deren einzige Funktion darin besteht, die Blätter des Tangs sauberzuhalten. Die wenigen Raubtiere haben große Flossen, viel größer, als man bei ihrer Größe vermuten könnte, und …« »Was hat das mit unserem …« »Sie bringen das Wasser rings um den Tang in Bewegung.« »Wie bitte?« Einen Augenblick lang war Oakes‘ Interesse geweckt, doch Thomas kam ihm wie ein typischer Spezialist vor, der voller
Begeisterung sein Steckenpferd reitet - bis hinab zur esoterischen Fachsprache. Dabei sollte der Mann doch Kommunikationsexperte sein! Nur um die Dinge in Fluß zu halten, stellte Oakes die erwartete Frage: »Was für beunruhigende Rückschlüsse?« 307 »Der Tang beeinflußt das Meer stärker, als einfache Evolutionsprozesse erklären können. Vielleicht stützt er die Gemeinschaft des Meeres. Die einzigen historischen Vergleiche, die wir anstellen könnten, bringen uns zu der Überzeugung, daß hier eine intelligente Kraft am Werke ist.« »Intelligent!« Oakes legte soviel Verachtung in das Wort, wie er aufbringen konnte. Dieser verdammte Bericht über die Beziehung zwischen Tang und Hyfliegern! Lewis hätte das Ding unter Verschluß nehmen sollen. Mischte sich hier das Schiff ein? »Ein bewußter Plan«, sagte Thomas. »Oder eine extrem langlebige Anpassung und Evolution.« Thomas schüttelte den Kopf. Es gab noch eine andere Möglichkeit, die er aber nicht mit Oakes zu besprechen wagte. Was war, wenn Schiff den Planeten genau so geschaffen hatte, wie sie ihn hier vorfanden? Warum würde Schiff so etwas tun? Oakes hatte aus diesem Gespräch genug gewonnen. Er hatte die Geste gemacht. Alle mußten nun sehen, daß er sich Gedanken machte. Seine Wächter warteten hinten am Luk. Sie würden davon sprechen. Die Verluste waren zu schwerwiegend, und der Psy-Ge mußte sich persönlich darum kümmern. Es wurde Zeit, das Gespräch zu beenden. Oakes entspannte sich spürbar. Wie gut alles lief! Und Thomas dachte: Er wird uns kampflos weitermachen lassen. Na schön, Schiff . Ich werde mich an einem Deiner geheimen Orte umsehen. Wenn Du diesen Planeten erschaff en hast, um uns Schiffsverehrung beizubringen, muß es im Meer Hinweise geben. »Nun, wenn Sie zurück sind, möchte ich einen kompletten Bericht haben«, sagte Oakes. »Einige Ihrer Daten könnten dazu beitragen, daß wir ein nützliches Aquakultur-Programm in Gang bringen.« Und er wandte sich ab und murmelte dabei ziemlich laut vor 308 sich hin: »Intelligenter Tang!« Während er durch den Hangar schritt, sagte sich Oakes, daß er hier einen seiner besten Auftritte geliefert hatte - einen Auftritt, der von
den Sensoren aufgefangen worden war, der aufgezeichnet und gespeichert wurde. Wenn dann eintrat … was immer Lewis vorbereitet hatte, konnten sie Ausschnitte der Dokumentation herausziehen. Seht ihr, wie besorgt ich gewesen bin? Vom Luk des U-Boots blickte Thomas hinter Oakes her, dann stieg er noch einmal in das Boot, um das Kernstück ein letztesmal zu inspizieren. Hatte Oakes etwas sabotiert? Alles kam ihm normal vor. Sein Blick fiel auf den Kommandositz in der Mitte, dann auf die sekundäre Position links davon, die Waela einnehmen würde. Er fuhr mit den Fingern über die Sitzlehne. Ich bin ein alter Dummkopf! Was soll ich tun? Kostbare Zeit verschwenden mit einer nutzlosen Liebschaft? Und was ist, wenn sie nicht auf mich eingeht? Was dann, du alter Narr? Alt! Wer außer Schiff ahnte, wie alt er in Wirklichkeit war? Originalmaterial. Ein Klon, ein Doppelgänger - doch Originalmaterial. Einzigartig. Sagte Schiff . Glaubst du Mir nicht, Teufel? Dieser Gedanke war ein statisches Prasseln in Thomas‘ Bewußtsein. Er antwortete laut, wie er es oft tat, wenn er allein war. Egal, wenn manche ihn für leicht verrückt hielten. »Kommt es darauf an, ob ich Dir glaube?« Mir ist es wichtig. »Dann ist das ein Drang, den ich habe und Du nicht.« Bedauerst du deine Entscheidung, dieses Spiel zu spielen? »Ich halte meine Zusagen ein.« 309 Und du hast Mir deine Zusage gegeben. Thomas wußte, es machte keinen Unterschied, ob er es laut, aussprach oder lediglich dachte, doch er sah sich nicht in der Lage, den Ausbruch zu verhindern. »Habe ich mein Wort Satan oder Gott gegeben?« Wer kann diese Frage zu deiner Zufriedenheit beantworten? »Vielleicht bist du Satan, und ich bin Gott.« Das ist sehr dicht dran, Mein zweifelnder Thomas! »Dicht dran - woran?« Das kannst nur du sagen. Wie immer wurde in einem solchen Gespräch nichts geklärt,
lediglich die alte Herr-Diener-Beziehung wurde von neuem gefestigt. Thomas ließ sich auf den Kommadositz gleiten und seufzte. Anschließend begann er die Checkliste für die Instrumente durchzugehen - in erster Linie, um sich abzulenken. Oakes hatte nicht sabotiert, sondern eine Art Schau abziehen wollen. Teufel? Schiff war also noch nicht mit ihm fertig. »Ja, Schiff ?« Es gibt da etwas, das du wissen solltest. Thomas spürte, wie sich sein Herzschlag beschleunigte. Es geschah selten, daß Schiff freiwillig eine Information weitergab. Es mußte sich um etwas sehr Wichtiges handeln. »Was ist das?« Erinnerst du dich an Hali Eckel? Der Name kam ihm bekannt vor … ja; er hatte ihn im PanilleDossier gesehen, das Waela ihm zur Verfügung gestellt hatte. »Panilles Med-Tech-Freundin, ja. Was ist mir ihr?« Ich habe sie dem Ausschnitt eines wesentlichen Ereignisses der Vergangenheit des Menschen ausgesetzt. »Einer Abspielung? Aber Du hast doch gesagt …« 310 Einem Ausschnitt, Teufel, keiner Abspielung. Den Unterschied mußt du begreifen. Wenn jemand eine Lektion begreifen muß, ist es unmöglich, die gesamte Aufzeichnung zu zeigen, man kann nur eine wesentliche Passage zeigen, einen Ausschnitt. »Und lebe ich auch jetzt in einer wesentlichen Passage?« Dies ist ein Originalspiel, eine echte Fortsetzung. »Warum erzählst du mir das? Was willst du?« Weil du als Geistlicher ausgebildet wurdest. Du mußt unbedingt wissen, was Hali erlebt hat. Ich habe ihr den Jesus-Zwischenfall gezeigt. Thomas spürte, wie ihm der Mund trocken wurde. Er brauchte einen Augenblick, um sich zu erholen: »Die Schädelstätte? Warum?« Ihr Leben war zu geruhsam. Sie mußte erfahren, wie weit die heilige Gewalt gehen kann. Auch du mußt daran erinnert werden. Thomas stellte sich eine gut abgeschirmte junge Frau vor, die aus ihrem schiffseitigen Leben gerissen und plötzlich mit der Kreuzigung konfrontiert wurde. Dieser Gedanke erzürnte ihn, und er gab dieser Wut in seiner Stimme die Zügel frei. »Du hast Dich eingemischt, nicht wahr?«
Dies ist auch Mein Universum, Teufel. Vergiß das nie! »Warum hast du es getan?« Ein Auftakt zu anderen Daten. Panille hat die Falle erkannt, die ihr für ihn aufgebaut habt, und ist ihr aus dem Weg gegangen. Waela hat es nicht geschafft. Thomas konnte seine Freude nicht verbergen und versuchte es auch gar nicht. Aber eine Frage blieb off en: »Ist Panille Deine Spielfigur?« Bist du Meine Spielfigur? Thomas spürte einen schmerzhaften Druck auf der Brust. Nichts funktionierte so, wie er es erwartet hatte. Gleich darauf fand er seine Stimme wieder. 311 »Wie hat er die Falle erkannt?« Indem er auf diese Gefahr gefaßt war. »Was heißt das?« Du bist nicht so wachsam, wie Mein Teufel sein sollte. »Und Du hast mir gesagt Du würdest den Fall der Würfel nicht beeinflussen!« Ich habe nie gesagt, Ich würde mich nicht einmischen; Ich habe gesagt, es wird keinen äußeren Einfluß geben auf das, was die Würfel anzeigen. Thomas dachte darüber nach und versuchte gleichzeitig ein Gefühl der Frustration zu überwinden. Aber es war zu stark, und er mußte seinen Gefühlen Ausdruck verleihen: »Du bist mitten im Spiel: Du kannst tun, was Du willst, und das nennst Du nicht …« Auch du kannst tun, was du willst. Diese Antwort ließ ihn erstarren. Welche Kräfte hatte das Schiff ihm eingepflanzt? Er fühlte sich nicht mächtig. Vielmehr kam er sich vor Schiff s Allgegenwart ohnmächtig vor. Und diese Sache mit Hali Eckel und dem Jesus-Zwischenfall? Was hatte das zu bedeuten? Wieder mischte Schiff sich ein: Teufel, Ich sage dir, einige Dinge nehmen ihren eigenen Lauf, nur weil du diesen Lauf nicht entdeckst. Waela fühlt sich zu dem Jungen Panille wirklich sehr hingezogen. Der junge Panille! Thomas ignorierte eine Leere in seiner Brust: »Warum quälst Du mich?« Du quälst dich selbst. »Sagst Du!« Wann wirst du endlich erwachen? Die Ungeduld in Schiff s
Äußerung war nicht zu überhören. Thomas machte sich klar, daß er davor keine Angst hatte. Er war viel zu müde, außerdem hatte er keinen Grund mehr, noch länger im UBoot zu bleiben. Oakes hatte das Unternehmen gut312 geheißen. Sie würden plangemäß starten - in seiner Begleitung Waela und Panille. »Schiff , ich werde morgen früh aufwachen und dieses LAL und das U-Boot hinaussteuern.« Ich wünschte, es wäre wahr. »Du willst mich daran hindern?« Die Aussicht, daß Schiff sich gerade auf diese Art einmischen könnte, fand er seltsam erheiternd. Dich hindern? Nein. Anscheinend muß das Spiel seinen Lauf nehmen. Lag Traurigkeit in Schiff s Projektion? Thomas wußte es nicht genau. Er lehnte sich zurück. Ein stechender Schmerz machte sich zwischen seinen Schulterblättern bemerkbar. Er schloß die Augen und wies Müdigkeit und Frustration in Gedanken von sich. »Schiff , ich weiß, daß ich vor Dir nichts verbergen kann. Und Du weißt, warum ich morgen in das Meer vorstoße.« Ja, Ich weiß sogar das, was du vor dir selbst verbirgst. »Bist Du jetzt auch noch mein Psychiater?« Wer von uns reißt die Funktion des anderen an sich? Das war schon immer die Frage. Thomas öffnete die Augen. »Ich muß es tun.« Das ist der Ursprung der Illusion, die die Menschen ›Kismet‹ nennen. »Ich bin zu müde für Wortspiele.« Thomas ließ sich aus dem Kommandositz gleiten und stand auf. Eine Hand auf die Sessellehne gelegt, sprach er nicht weniger zu sich selbst als zu Schiff . »Wir könnten morgen alle umkommen, Waela, Panille und ich.« Ich muß dich darauf aufmerksam machen, daß Gemeinplätze die langweiligsten aller menschlichen Äußerungen sind. 313 Thomas spürte, daß sich Schiff s aufdringliche Präsenz verflüchtigte, doch zugleich wußte er, daß nichts fortgenommen war. Wo immer er auch war, was immer er tat - Schiff war zur Stelle. Unwillkürlich kehrten seine Gedanken in jene ferne Zeit zurück, da er nicht nur als Psychiater, sondern als Psychiater-Geistlicher
ausgebildet worden war (es war aber mehr als ein Training). »Fürchtet euch aber viel mehr vor dem, der Leih und Seele verderben kann in der Hölle.« Der alte Matthäus verstand es, jemandem Gottesfurcht einzujagen! Thomas merkte plötzlich, daß er mehrere Sekunden brauchte, um ein Gefühl der Panik zu überwinden, das ihn förmlich an der Stelle festnagelte. Etwas früh Gelerntes ist und bleibt am wirksamsten, sagte er sich. Der Mensch weiß auch nicht um die rechte Zeit: Wie die Fische, die ins Netz gehen, und die Vögel, die sich in der Schlinge fangen, so sind die Söhne der Menschen Opfer einer bösen Zeit, wenn sie über sie hereinbricht. CHRISTLICHES BUCH DER TOTEN Schiffsdokumente Nach ihrer Rückkehr von der Schädelstätte in Schiff verging eine lange Zeit, ehe Hali den Willen aufbrachte, ihre Kabine zu verlassen. Sie schaute sich in der sanft beleuchteten Höhlung um - diesem geheimen Ort, an dem Kerro so viele Stunden im Gespräch mit Schiff verbracht hatte. Sie erinnerte sich an das ausgeliehene Fleisch der alten Frau, an die zögernden, schmerzhaften Schritte. An die Pein der alten Schultern. Eine tiefgreifende neue 314 Empfindsamkeit gegenüber ihrem vertrauten Körper bestimmte ihr Bewußtsein; auch die kleinste Bewegung hatte in ihrer Unmittelbarkeit etwas Elektrisierendes. Sie erinnerte sich an den Mann, der an das starre Kreuz auf dem Hügel genagelt worden war. Barbarisch! Yaisuah. Sie flüsterte den Namen »Yaisuah.« Sie erkannte, wie sich dieser Name zu Jesus weiterentwickelt hatte. Aber nirgendwo fand sie einen Grund, warum sie zur Zeugin dieser qualvollen Szene gemacht worden war. Nirgendwo. Und sie fand es seltsam, daß sie nie auf historische Dokumente jenes weit zurückliegende Ereignisses gestoßen war - weder in den Lehren Schiff s noch in den Erinnerungen von Schiffsmenschen, die von der Erde kamen. In den ersten Momenten nach ihrer Rückkehr hatte sie Schiff gefragt, warum ihr jener brutale Vorfall gezeigt worden war, und hatte eine rätselhafte Antwort erhalten. Weil es in der menschlichen Vergangenheit Dinge gibt, die kein Lebewesen vergessen sollte.
»Aber warum ich? Warum jetzt?« Der Rest war Schweigen. Sie nahm an, daß sie die Antworten selbst finden sollte. Sie starrte auf die Kom-Konsole. Der Sitz vor dem Terminal war nun ihr Platz; sie wußte es. Kerro war fort … er war bodenseits gegangen. Schiff hatte sie an diesen Ort gebracht, hatte ihn ihr überantwortet. Die Botschaft war klar: Kein Kerro Panille mehr. Eine zittrige Woge des Verlusts durchlief sie, und sie schüttelte sich Tränen aus den Augen. Dies war kein Ort zum Verweilen. Sie stand auf, ergriff ihre Pribox und glitt auf dem Weg hinaus, auf dem sie gekommen war. 315 Warum ich? Sie wand sich zwischen den Software-Regalen hindurch in die DPassage, die zum Medizinischen Zentrum führte, in die Tiefe von Schiff s Körper. Das Piepen der Pribox ließ sie zusammenfahren. »Hier Eckel«, meldete sie sich und war überrascht von der Jugendlichkeit ihrer Stimme - hier gab es keine Ähnlichkeit mehr mit dem Zittern der alten Stimme, die sie sich ausgeliehen hatte. Die Pribox knisterte, dann sagte eine Stimme: »Eckel, melden Sie sich in Dr. Ferrys Büro.« Sie fand einen Servo und fuhr darauf ins Medizinische Zentrum. Ferry, dachte sie. Winkte ihr vielleicht eine Versetzung? Kam sie vielleicht zu Kerro bodenseits? Der Gedanke erregte sie, aber die Vorstellung, bodenseits zu arbeiten, ängstigte sie zugleich. Zu viele schlimme Gerüchte waren in Umlauf. Und letzthin schienen alle bodenseitigen Kommandos von Dauer zu sein. Abgesehen von dem engen politischen Kreis im Medizinischen Zentrum trat niemand mehr die Rückreise an. Die viele Arbeit hatte bisher verhindert, daß sie weiter darüber nachdachte, doch plötzlich trat dieser Umstand als lebenswichtig in den Vordergrund. Was machen sie mit all unseren Leuten? Der Abzug von Material und Nahrung vom Schiff war immer wieder das Thema besorgter Gespräche; immer wieder kamen tagseitige Befehle, die größere Produktionsanstrengungen forderten … doch nur wenige machten sich Gedanken über verschwundene Leute. Wir sind darauf trainiert, die Endgültigkeit absoluter Schlußphasen
nicht ins Auge zu fassen. Ist das der Grund, warum Schiff mir Yaisuah gezeigt hat? 316 Der Gedanke stand in ihrem Bewußtsein, getragen von dem Summen des Servos, der sie ins Medizinische Zentrum brachte, zu Ferry. Es war ihr klar, daß Yaisuah gestorben war, nicht aber sein Einfluß. Pandora dagegen war ein Ort, an dem alles zu Ende ging. Er verschlang Nahrung und Menschen und Gerät. Welche. Einflüsse würden jetzt, von diesem Ort ausgehend, ihre Wirkung zu tun beginnen? Zu Ende. Der Servo verstummte, stoppte. Sie hob den Kopf und sah das Servotor der Medizinischen Abteilung und auf der anderen Seite des Ganges das Luk zu Ferrys Büro. Sie wollte nicht durch das Luk steigen. Ihr Körper pulsierte noch mit der Sensitivität, die an dem entzündet worden war, was Schiff ihr gezeigt hatte. Sie wollte nicht, daß Ferry ihren Körper berührte. Es war mehr als ihr Widerwille vor ihm - dieser alte Dummkopf. Er trank zuviel von dem Alkohol, der aus der Kolonie hochgeschickt wurde, und versuchte sie ständig irgendwo mit der Hand zu berühren. Alle wußten, daß Rachel Demarest ihm den Wein von der Bodenseite heraufbrachte. Nach ihren Besuchen waren seine Vorräte immer reichlich bemessen. Mit seinen Essensmarken kann er ein solches Laster nicht finanzieren. Sie starrte auf das verriegelte Luk. Irgend etwas stimmte nicht schiffseits und bodenseits. Warum versorgte Rachel Demarest Ferry mit Wein? Wenn sie ihm Wein bringt, was erhält sie dafür? Liebe? Warum nicht? Sogar Neurotiker wie Ferry und Demarest brauchten Liebe. Oder … wenn nicht Liebe, dann doch von Zeit zu Zeit einen Sexualpartner. Die Erinnerung an den übelriechenden Mann zuckte ihr durch den Kopf. Beinahe vermeinte sie die Berührung seiner Hand zu 317 spüren, auf ihr junges Fleisch übertragen. Unwillkürlich wischte sie sich über den Arm. Vielleicht ist das der Grund, weshalb sie so übel riechen. Keine Liebe … keine Liebhaber. Dem Befehl konnte sie sich allerdings nicht widersetzen. Sie ließ
sich von dem Servo gleiten und trat vor Ferrys Luk. Es öffnete sich klickend bei ihrer Annäherung. Warum fühlte sie sich an ein Schwert erinnert, das aus der Scheide glitt? »Ahhh, liebe Hali!« Ferry breitete die Hände aus, als sie eintrat. Sie nickte. »Dr. Ferry.« »Setzen Sie sich, wo Sie möchten.« Seine Hand lag auf der Lehne einer Couch und forderte sie auf, neben ihm Platz zu nehmen. Sie wählte einen Sitz ihm gegenüber, den sie zuvor von dem Durcheinander von Papieren und Computerspulen befreite, die sich darauf türmten. Trotz der Luftreinigung roch das Büro irgendwie säuerlich. Ferry schien betrunken zu sein … zumindest fröhlich und aufgekratzt. »Hali«, sagte er und legte die Beine übereinander, so daß sich ein Fuß vorstreckte und den ihren berührte. »Sie werden versetzt.« Wieder nickte sie. Bodenseits? »Sie werden zu den Natali kommen«, sagte Ferry. Diese Eröffnung kam so überraschend, daß sie ihn nur verständnislos anblinzelte. Zu den Natali? Dem Elitekorps, das natürliche Geburten durchführte, hatte niemals ihr Ehrgeiz gegolten. Sie hatte es nicht zu hoff en gewagt. Ein Traum, gewiß … aber sie war nicht der Typ, der auf das Unmögliche hoffte. »Was ist Ihre Meinung dazu?« fragte Ferry und bewegte ihren Fuß mit dem seinen. Die Natali! Der tägliche Umgang mit dem Sakrament der Schiffsverehrung! 318 Sie nickte vor sich hin, als die Realität des Vorschlags ihr bewußt wurde. Sie würde sich der Elite anschließen, die das Luk zum Mysterium des Lebens öffnete … sie würde dabei helfen, die Kinder schiffseits aufzuziehen, bis sie im Alter von sieben Annos ihren eigenen Schulen und Quartieren zugeteilt wurden. Ferry lächelte breit. »Sie scheinen ja ganz erstarrt zu sein. Glauben Sie mir etwa nicht?« »Ich glaube Ihnen«, sagte sie langsam. »Ich dachte mir schon, daß es hier … sie deutete mit einer Handbewegung auf sein Büro - »um eine Versetzung ging, aber …« Ferry machte keine Anstalten, etwas zu sagen, und sie sprach weiter. »Ich dachte, ich käme bodenseits. In letzter Zeit scheint jeder dorthin zu kommen.« Er legte die Finger zu einer Pyramide zusammen und stützte das
Kinn darauf. »Sie sind mit der Versetzung nicht zufrieden?« »Ohhh, ich bin sehr glücklich darüber! Es ist nur …« Sie hob eine Hand an den Hals. »Ich hätte es nie für möglich gehalten, daß ich … Ich meine … warum ich?« »Weil Sie es verdienen, meine Liebe.« Er lachte leise. »Und es wird davon gesprochen, daß die Natali bald bodenseits verlegt werden. Vielleicht werden Ihnen die Vorteile zweier Welten eröffnet.« »Bodenseits?« Sie schüttelte den Kopf. Zu viele Überraschungen wurden ihr hier bereitet. »Ja, bodenseits.« Er sprach, als erkläre er einem ungezogenen Kind etwas, das im Grunde sehr einfach zu begreifen war. »Aber ich dachte … ich meine, das wichtigste Gebot der Schiffsverehrung besteht doch darin, daß wir Schiff unsere Kinder geben, bis sie sieben Annos sind. Schiff schuf die Natali als Vertrauensgarde der Geburt … und ihre Quartiere sind hier, das Legat …« 319 »Nicht Schiff !« unterbrach Ferry sie guttural. »Irgendein Psy-Ge hat das angeordnet. Dies ist eine Sache, die wir regeln können.« »Aber hat Schiff nicht …« »Es gibt keine Unterlage darüber, daß Schiff damit zu tun hat. Unser Psy-Ge hat nun bestimmt, daß es keine Verletzung der Schiffsverehrung ist, wenn wir die Natali bodenseits verlegen.« »Wie … wie lange noch … bis …« »Vielleicht ein pandorisches Anno. Sie wissen schon - Quartiere, Vorräte, Politik.« Er tat dies alles mit einer Handbewegung ab. »Wann komme ich zu den Natali?« »Beim nächsten Tageslauf. Machen Sie eine Pause. Lassen Sie Ihre Sachen hinüberbringen. Wenden Sie sich an …« Er nahm einen Zettel aus dem Gewirr auf seinem Tisch und starrte mit zusammengekniffenen Augen darauf. »Sprechen Sie mit Usij a. Sie wird sich Ihrer annehmen.« Sein Fuß streifte über ihren Rist, dann ihre Ferse. »Vielen Dank, Doktor.« Sie zog den Fuß zurück. »Ich fühle nichts von Ihrer Dankbarkeit.« »Aber ich danke Ihnen - besonders für die Freizeit. Ich muß noch einige Notizen vervollständigen.« Er hob ein leeres Glas. »Wir könnten etwas trinken … um Ihre Versetzung zu feiern.«
Sie schüttelte den Kopf, doch ehe sie nein sagen konnte, beugte er sich lächelnd vor. »Wir werden bald Nachbarn sein, Hali. Das könnten wir feiern.« »Was soll das heißen?« »Bodenseits.« Er hielt ihr das Glas hin. »Wenn die Natali unten sind …« »Aber wer wird hier bleiben?« 320 »Vorwiegend die Produktionsanlagen.« »Schiff ? Eine Fabrik?« Sie fühlte ihr Gesicht flammend rot werden. »Warum nicht? Welchen anderen Nutzen hat denn Schiff , wenn wir bodenseits sind?« Sie sprang auf. »Sie würden ja Ihre eigene Mutter einer Lobotomie unterziehen lassen!« Sie fuhr herum und fl oh aus seinem Büro; er blickte ihr verwirrt nach. Auf dem Rückweg in ihr Quartier hörte sie den Trommelschlag von Yaisuahs Stimme in den Ohren: »Denn so man das tut am grünen Holz, was will am dürren werden?« Es gefällt mir, wenn Dinge den ihnen gebührenden Platz einnehmen. KERRO PANILLE Die Notizbücher Nachtseite auf Nachtseite, immer nur Nachtseite! Welch Schrecknis! Legata erwachte auf dem Boden einer schiffseitigen Kabine, und die Hängematte war um sie gewickelt wie die zerrissenen Fetzen ihres Alptraums. Schweiß und Angst ließen sie in der Dunkelheit frösteln. Langsam kehrte die Vernunft zurück. Sie spürte die Überreste der Hängematte auf und unter ihr, die Kühle des Decks unter den Handflächen. Ich bin schiffseits. Sie war auf Oakes‘ Befehl heraufgekommen, um Berichte zu überprüfen, nach denen Ferry dem Alkohol schon zu ergeben war, um noch effektiv zu arbeiten. Als sie die Fähre in einer vertrauten 321 Dockstation verließ, hatte es sie entsetzt zu sehen, wie klein die Empfangsmannschaft geworden war. Der Raubbau des Personals durch Lewis dezimierte die Arbeitsbesatzung schiffseits zugunsten der Redoute, wo allerlei Verluste auszugleichen waren. Wie viele Leute hat man dort wirklich verloren? Sie zupfte Fetzen der Hängematte unter sich hervor und schleuderte sie in die Dunkelheit. Ferry war vorgewarnt worden und hatte zu viele Aufputschtabletten
genommen. Er war ein nervöses Wrack gewesen. Sie hatte ihn mit einer Wut abgekanzelt, von der sie ebenso überrascht worden war wie er, und hatte den Rest seines kolonieseitigen Alkoholvorrats konfisziert. Zumindest hoffte sie, daß sie alles erwischt hatte. Ich muß etwas gegen die Alpträume unternehmen. Einige Einzelheiten blieben beim Erwachen noch unklar, doch sie erinnerte sich, daß sie von Blut geträumt hatte und von ihren empfindlichsten Teilen, die von Dutzenden nadelspitzer Instrumente zurückgeklappt wurden - und hinter alledem das fiebrig-heiße Funkeln von Morgan Oakes‘ Lächeln. Oakes‘ wulstlippiges Lächeln … aber Murdochs Augen. Und … irgendwo im Hintergrund hatte Lewis gelacht. Sie fand Stücke ihres Bettzeugs und ein heiles Kissen, holte alles zusammen und schleppte sich noch immer bei Dunkelheit durch die Kabine zu einer Matratze. Erst einmal in ihrem Leben hatte sie sich dermaßen zerschlagen gefühlt, dermaßen leer … dermaßen hilflos. Der Schrei-Raum. Dies war der Grund, warum sie um den P. gelaufen war - um ihre Selbstachtung wenigstens teilweise zurückzuerlangen. Die Selbstachtung hatte sie wieder … doch keine wesentlichen Erinnerungen. 322 Was ist in dem Raum geschehen? Was für ein Spielchen leistet sich Morgan da? Warum hat er mich dorthin geschickt? Sie erinnerte sich an die Präliminarien. Nicht weiter auffällig. Oakes hatte ihr einiges zu trinken gegeben und sie dann mit einem Holokanister allein gelassen, der nach seinen Worten »ein paar von den Spaßen enthält, die jenen zur Verfügung stehen, die sie sich leisten können«. Er hatte ihr zuerst technische Zusammenfassungen und graphische Darstellungen der Arbeit gezeigt, die Lewis mit den E-Klonen vollbracht hatte. Der Alkohol verwirrte ihre Gedanken, doch die meisten Einzelheiten waren ihr im Gedächtnis haftengeblieben. »Lewis hat bemerkenswerte Veränderungen im Klon-System vorgenommen«, bemerkte Oakes. »Bemerkenswert«, das kann man wohl sagen. Lewis konnte einen Klon in zehn Tagesläufen auf ein Alter von dreißig Annos bringen. Er konnte Klone für spezielle Funktionen gestalten.
Beim Betrachten der Holoaufzeichnungen der Klone aus dem Labor Eins war ihr der Gedanke gekommen, daß sie dieses Spiel auch mit Oakes spielen konnte, daß sie sich dann aber an ihre Regeln halten mußten. Ich hatte keine Ahnung von dem Spiel! Als Oakes ihr vorschlug, Labor Eins zu inspizieren, hatte sie nicht gewußt, daß sie nach seinem Willen … daß von ihr erwartet wurde … Nichts ist heilig! Dieser Gedanke kehrte immer wieder. Tief atmete sie die süßliche gefilterte Schiffsluft ein. Wie sehr sie sich doch von der Atmosphäre bodenseits unterschied! Sie wußte, daß sie Zeit verschwendete. Es gab Dinge, an die sie sich erinnern mußte, ehe sie zu Oakes zurückkehrte. 323 Er lebt in dem Glauben, daß er von mir nichts mehr zu befürchten hat. Dabei sollte es bleiben. Seine Macht war ungebrochen. Doch nach allem, was er ihr angetan hatte, nach dem Erlebnis des Schrei-Raums, war sie trotzdem fest davon überzeugt, die einzige Person zu sein, die ihn gut genug kannte, um ihn zu schlagen. Es würde keine Opposition von ihm geben, solange er sie nicht für eine Gefahr hielt … oder eine Herausforderung. Solange er meinen Körper will … und nachdem ich nun das Spiel kenne, das hier wirklich abläuft … Ängste begannen in ihr aufzusteigen - die Alpträume … die verschütteten Erinnerungen … Sie hämmerte mit beiden Fäusten auf das Deck neben sich. Panik stieg in ihr auf wie ein Unhold, wie ein Bastardkind, das sie bei einer Vergewaltigung empfangen hatte. Die unaufgelösten Emotionen in ihr waren ein Ort, der unmittelbare Ansprüche stellte, und von dem aus sie auf ihr Aufgewühltsein hinabschaute wie angeblich die Sterbenden von hoher Warte auf sich selbst hinabblicken. Ihre Hände schmerzten von dem heftigen Kontakt mit dem Deck. Ein Geistlicher soll doch Ängste besänftigen, nicht hervorrufen! Geistlicher - sie hatte die Definition des Wortes abgerufen und eine überraschende Erklärung auf dem Schirm gefunden: Bewahrer der heiligen Relikte. Was waren Schiff s heilige Relikte? Menschen?
Behutsam zwang sie sich in der Dunkelheit der schiffseitigen Kabine dazu, einen Muskel nach dem anderen zu entspannen, ihr Geist aber war und blieb ein Gewirr unbeantworteter Fragen, und wieder einmal begann sie nach Atem zu ringen. Aus einem plötz324 lichen Schwindelgefühl heraus sah sie sich selbst einen Kontrollknopf im Schrei-Raum berühren. Es war nur ein kurzer Blick, ein Eindruck, und auf der anderen Seite das verzerrte KlonGesicht … die weit aufgerissenen, entsetzten Augen … Habe ich den Knopf gedreht? Ich muß es wissen! Sie umfaßte ihre Knie mit den Armen, um zu verhindern, daß sie erneut auf das Deck einhämmerte. Habe ich den Knopf selbst gedreht, oder hat Oakes meine Hand geführt? Sie hielt den Atem an in dem Bewußtsein, daß sie sich erinnern mußte. Sie mußte! Und sie wußte, daß sie Oakes vernichten mußte, daß sie die einzige war, die es konnte. Selbst Schiff kann ihn nicht zerstören. Sie starrte in die Dunkelheit der Kabine. Du kannst es nicht, oder, Schiff ? Sie spürte die Gedanken eines anderen durch ihren Kopf kreisen Schwindelgefühl, Unsicherheit. Heftig schüttelte sie den Kopf, um dieses Empfinden abzuschütteln. Nichts … ist … heilig. Heftig bebte ihr Körper. Der Schrei-Raum. Sie mußte sich an die Dinge erinnern, die dort geschehen waren! Sie mußte ihre eigenen Grenzen kennen, ehe sie die Grenzen eines anderen in Angriff nahm. Sie mußte mit den Lücken in ihrem Verstand fertig werden - andernfalls würde Oakes sie weiter besitzen - nicht ihren Körper, sondern ihr ureigenstes Ich. Er würde sie besitzen. Ihre Hände ballten sich zu Fäusten, sie drosch auf ihre Knie ein. Ihre Handflächen schmerzten von der Schärfe der eigenen Fingernägel. Ich muß mich erinnern … Ich muß … Es gab da eine nebelhafte Erinnerung, und sie klammerte sich 325 daran: Jessup, der ihr zerschlagenes Fleisch mit seltsam sanften Fingern knetete, deren Deformation ihr nicht einmal etwas ausgemacht hatte. Diese Erinnerung war real. Sie zwang sich dazu, die verkrampften Fäuste zu öffnen, ihre Beine
entspannt auszustrecken. Schließlich saß sie im Schneidersitz auf der Matratze, nackt und schweißbedeckt. Eine Hand streckte sich in die Dunkelheit und tastete nach einer der Weinflaschen, die sie Ferry fortgenommen hatte. Ihre Hände zitterten derart, daß sie Angst hatte, ein dünnes Glas zu zerdrücken - außerdem hätte sie dann aufstehen, das Licht anmachen und einen Schrank öffnen müssen. Sie löste den Verschluß der Weinflasche und trank direkt aus der Flasche. Nachdem wieder ein Anschein von Ruhe hergestellt war, fand ihre Hand die Lichtkontrolle, stellte die Beleuchtung auf mattes Gelb. Dann kehrte sie zu der Flasche zurück, die sie auf dem Deck hatte stehen lassen. Noch mehr? Vor ihrem inneren Auge sah sie sich an Ferrys Stelle. Nein! Es mußte einen besseren Weg geben. Sie verschloß die Flasche wieder, stellte sie in einen Schrank und setzte sich mit ausgestreckten Beinen auf die Matratze. Was sollte sie tun? Ihr Blick fiel auf den Spiegel neben dem Luk, und der Anblick ließ sie aufstöhnen. Sie mochte ihren Körper - seine Geschmeidigkeit und Festigkeit. Männern erschien er ausgesprochen weiblich und weich, eine Illusion, die den großen Brüsten zuzuschreiben war. Aber auch sie fühlten sich fest an unter den Fingern, geprägt durch ein starres, strenges Körperertüchtigungsprogramm, und nur wenige außer ihr und Oakes wußten, daß sie Spaß daran hatte. Jetzt aber sah sie rote Streifen auf ihrem Bauch und an einem Arm - die Anfänge einer Verweichlichung an den Schenkeln, wo sich weitere rote Striemen befanden - Folgen ihres Kampfes mit der Hängematte. 326 Sie hob die linke Hand und starrte sie an. Die Finger schmerzten. In diesem schlanken Arm und den Fingern steckte die Kraft von fünf Männern. Dies hatte sie schon sehr früh entdeckt, eine genetische Gabe, die sie allerdings sofort verborgen hatte, aus Angst, dies würde ein Leben in körperlicher Arbeit bedeuten anstelle in Geistesarbeit. Doch vor dem, was der Spiegel offenbarte, gab es kein Entrinnen, die Fetzen der Hängematte und die Streifen auf ihrer Haut. Was sollte sie tun? Sie wollte auf keinen Fall wieder beim Wein Zuflucht suchen. Schweiß kühlte auf ihrer Haut ab. Ihr dichtes Haar klebte an Gesicht und Nacken fest, die Haarspitzen waren feucht. Sie fühlte keinen Schweiß mehr über ihren Rücken laufen. Ihre grünen Augen erwiderten aus dem Spiegel ihren Blick und versuchten in sie einzudringen wie Oakes‘ Spionsensoren.
Verdammt soll er sein! Sie verzog das Gesicht und schloß die Augen. Es mußte doch eine Möglichkeit geben, die Erinnerungsbarrieren zu durchbrechen! Was ist mit mir geschehen? Schrei-Raum. Sie sprach das Wort laut aus: »Schrei-Raum.« Jessups schreckliche Finger massierten ihr den Hals, den Rücken. Abrupt huschten Bilder durch ihren Geist wie ein Sturm. Zuerst nur Bruchstücke und Scherben: hier ein Gesicht, dort eine Qual. Herumwinden und Zusammenführen. Ein Regenbogen trauriger Klone, die sich gegenseitig bestiegen, ruckend, keuchend, schwitzend, ihre verformten Organe glänzend, schwankend … Mich hat keiner von ihnen genommen! Ihre schrecklichen Körperkräfte hatten die Klone verblüfft. Blut! Sie sah Blut auf ihren Armen. 327 Ich habe nicht mitgemacht! Überhaupt nicht! Sie wußte es, und neue Kraft erfüllte sie. Eine objektivierende Freiheit strahlte aus ihren Augen, als sie wieder in den Spiegel starrte. Die Holoaufzeichnung! Oakes hatte ihr angeboten, sie vorzuspielen, und seine Augen hatten sie belustigt gemustert … aber es war noch etwas anderes in seinem Blick gewesen … eine besorgte Wachsamkeit. Sie hatte abgelehnt. »Nein. Vielleicht ein andermal.« Und ihr Magen war ein einziger Knoten des Entsetzens gewesen. Der Wein oder die Holoaufzeichnungen? Sie spürte die Gewißheit, daß es eines von beiden sein mußte, und empfand plötzlich eine Woge des Mitgefühls für den alten Win Ferry. Was haben sie mit dem armen Schweinehund gemacht? Ihre Entscheidung stand fest. Es mußte die Holoaufzeichnung sein, nicht die Flasche. Sie mußte sich sehen, wie Oakes sie gesehen hatte. Dies war das Entsetzen, das sie durchmachen mußte, ehe die Alpträume ganz aufhören konnten. Bevor Oakes und Lewis und Murdoch in ihrem Tun gestoppt werden konnten. Und wenn ich ihrem Tun ein Ende bereite, wer erhält dann die Kolonie am Leben! Schiffsmenschen hatten es viermal versucht - vier Anführer, vier Fehlschläge. »Fehlschlag« war das Ersatzwort der Schiffsmenschen für die Realität - Revolte, Schlächterei, Selbstmord, Massaker. Die
Unterlagen waren vorhanden, es mußte nur ein guter Suchtechniker kommen, um sie sich zugänglich zu machen. Die jetzige Kolonie hatte fürchterliche Rückschläge einstecken müssen, soviel war klar, doch nichts, was einer totalen Auslöschung nahe kam - keine Massenflucht zurück in die abgeschirm328 ten Korridore Schiff s. Pandora war nicht freundlicher geworden, die Schiffsmenschen hatten nur dazugelernt. Und die klügsten von allen waren außer Zweifel Oakes und Lewis. Schiff mochte wissen, wie viele Schiffsmenschen über die Oberfläche Pandoras und durch die Myriaden von Korridore Schiff s krochen. Und alle lebten sie, mit welchem Komfort oder Unkom-fort auch immer - weil Oakes eine wirksame Kolonieführung etabliert hatte … und weil Lewis sich darauf verstand, mit brutaler Tüchtigkeit seine Befehle in die Tat umzusetzen. Ihres Wissens konnte kein anderes Psy-Ge-Team in der Vielzahl der Geschichtsläufe Schiff s diesen Anspruch erheben. Schiff wird uns versorgen. Plötzlich spürte sie Schiff ringsum, das schwache Summen und Säuseln der Nachtseite. Aber Schiff hatte niemals die Garantie übernommen, daß es die Schiffsmenschen schützen würde. Es hatte eine Zeit gegeben, da sie sich für die Position der Schiffsmenschen im Weltbild Schiff s interessiert hatte. Sie hatte eine verwirrende Vielfalt von Geschichtsbildern durchgesehen und nach einer Übereinstimmung, einer Regel, nach ansatzweisen Spuren einer formellen Vereinbarung zwischen den Menschen und ihrem Schiff gesucht. Schiff , das Gott ist. Bis auf einen waren alle Verträge von Psy-Ges für Schiff geschlossen worden. In den frühesten Unterlagen war sie auf eine registrierte Äußerung gestoßen, eine direkte Forderung Schiff s: Ihr habt euch zu entscheiden, wie ihr Mich verehren wollt. Darin lag der Ursprung für die heutige Schiffsverehrung, sie ließ sich auf Schiff zurückverfolgen. Die Forderung erschien aber hinreichend vage, und als sie zu Oakes darüber gesprochen hatte, hatte er sie als Bestätigung für die Macht der Psy-Ges gesehen. 329 »Immerhin bestimmen wir über die Schiffsverehrung.« Wenn Schiff Gott wäre … nun ja, noch immer schien Schiff nicht
bereit zu sein, sich direkt in die Abwicklung der menschlichen Angelegenheiten einzumischen. Was Schiff an Sichtbarem tat, konnte der Arbeit der Selbsterhaltung zugeschrieben werden. Einige Schiffsmenschen behaupteten, mit Schiff zu sprechen, und sie hatte sich mit diesen Leuten beschäftigt. Sie gehörten zwei Kategorien an: Dummköpfen und Nicht-Dummköpfen. Die meisten, die sich hier zu Wort meldeten, galten als Männer und Frauen, die mit Wänden, Schüsseln, Kleidungsstücken und dergleichen redeten. Aber ungefähr einer unter zwanzig von denen, die den Anspruch erhoben, mit Schiff zu sprechen, offenbarte außerordentliche Fähigkeiten. Für sie war das Gespräch mit Schiff die einzige aktenkundige Absonderlichkeit. Es faszinierte sie, daß diese Vorkommnisse in dieser kleinen Gruppe isoliert vorkamen und scheinbar unauffällig blieben - beinahe als schaue Schiff von Zeit zu Zeit nach ihnen. Im Gegensatz zu Oakes und Lewis sah sie sich nicht als Ungläubige. Aber Gott oder nicht - Schiff weigerte sich offenbar, auf die privaten Entscheidungen der Schiffsmenschen Einfluß zu nehmen. Was geschieht also, wenn ich beschließe, Oakes zu vernichten? Sorgte sich Schiff auch um ihn? Oakes war zu vorsichtig, zu behutsam in seiner Vorbereitung der Dinge, die er tat. Was war, wenn er nun der einzige Grund wäre, warum die Kolonie bisher überlebt hatte? Brachte sie es fertig, die Kolonie verdorren und sterben zu sehen, in dem Bewußtsein, daß sie dieses Ende herbeigeführt hatte? War der Schrei-Raum richtig und geboten? Diese Frage konnte nur mit der Holoaufzeichnung beantwortet werden. Sie mußte sie sehen. 330 Sie stemmte sich auf die Füße hoch, ergriff einen Einteiler und streifte ihn über. Eine gewisse Dringlichkeit erfüllte ihre Bewegungen, geboren aus der späten Stunde und den Schreckensvisionen, die sie im Zaum hielten. Ein Blick auf den Chrono gab ihr Aufschluß, daß es bis zur Tagseite nur noch sechs Stunden waren. Sechs Stunden, in denen sie die Unterlagen aufspüren, anschauen und anschließend ihre Spuren verwischen mußte. Es handelte sich dabei um fast einen Tageslauf - etwa vierzig Stunden. Allerdings brauchte sie sich nur das Wesentliche anzuschauen. Was hat er mir angetan?
Ohne bewußte Entscheidung steuerte sie Oakes‘ verödete schiffseitige Kabine an und wurde sich dieser Entscheidung erst bewußt, als sie den Lukenriegel ergriff . Ja, die Kom-Konsole war bestimmt noch dort. Ein guter Ort, die Aufzeichnung zu suchen und abzuspielen. Sie kannte den Kode, der den Schrei-Raum-Holo ansprechen würde. Ihre Prioritäten-Kennziff er würde dafür sorgen, daß sie ihn auch zu sehen bekam. Außerdem lag eine gewisse exquisite Gerechtigkeit in dem Umstand, daß sie ausgerechnet diesen Ort gewählt hatte. Während sie die Verriegelung zur Kabine öffnete, ermahnte sie sich: Was immer ich nach seiner Absicht tun sollte, ich habe es nicht getan. Irgendein Teil in ihr wußte, daß weder die Wonnen noch die Absonderlichkeiten des Schrei-Raums sie irgendwie in Versuchung geführt hatten - weder Ekstase noch Schmerz. Oakes aber wollte sie glauben machen, sie habe sich willfährig einer namenlosen Erniedrigung unterworfen. Für ihn war es erforderlich, daß sie daran glaubte. Wir werden sehen. Sie öffnete die Riegel und trat ein. 331 Die Familie nährt ihre Jungen und verwebt Äste unter dem Nest Intelligenz ist ein armer Vetter des Verstehens. KERRO PANILLE Die Gesammelten Gedichte Das Mattrot der Instrumente und Anzeigeschirme füllte die Kerngondel des U-Boots mit roten Schatten und begleitete jede Bewegung der drei in ihre Sitze geschnallten Menschen mit feuerwerksartigen Reflexen. Thomas, der die Gedanken nicht von dem übermächtigen Wasserdruck ringsum lösen konnte, schaute auf den Tiefenmesser. In letzter Konsequenz hatte dieses Schiff doch wenig mit einem Sternenschiff zu tun. Anstatt des leeren Weltalls spürte er hier überdeutlich das einwärts gerichtete Pressen des pandorischen Meeres. Er brauchte nur durch die transparente Kuppel der Gondel zu schauen, nach oben, wo sie aus dem Träger-U-Boot ragte, um über sich den kleiner werdenden Kreis des funkelnden Lichts
auszumachen, der die Oberfläche der Lagune darstellte. Den Kopf drehend, sah er Waela, die auf gleiche Weise automatisch den Tiefenmesser überprüfte. Sie schien ganz ruhig zu sein. Ihre früheren traumatischen Erlebnisse hier unten schienen ohne Folgen geblieben zu sein. Schließlich wandte er sich Kerro Panille zu. Der Dichter entsprach nicht seinen Erwartungen - er war jung, das stimmte, nach den Unterlagen kaum über zwanzig -, doch sein Verhalten offenbarte Ansätze einer ungewöhnlichen Reife. 332 Der Dichter hatte sich während des Abstiegs still verhalten und nicht einmal die erwarteten Fragen gestellt, seinen Augen aber war nichts entgangen. Die Art und Weise, wie er bei neuen Geräuschen den Kopf schieflegte, deutete auf seine Wachsamkeit hin. Sie hatten im Grunde keine Zeit gehabt, ihn auf dieses Erlebnis vorzubereiten. Waela hatte Panille den Auftrag gegeben, die Monitoren des Kommunikationsprogramms zu überwachen und auf das Signal zu achten, das anzeigte, wenn es die Glühwürmchen-Muster des Tangs aufzunehmen begann. Sich selbst hatte sie für die Instrumente eingeteilt, die den Status der Verbindung zum Ankerkabel anzeigten. Der Anker war in der Mitte einer Lagune niedergebracht worden, und sein Kabel bestimmte jetzt den Abstieg. Das LAL schwebte oben dicht über der WasserOberfläche und war mit dem Kabel fest verbunden. »Er ist sehr empfänglich für unbewußte Kommunikation«, hatte sie Thomas vor Panilles Ankunft am Hangar gesagt. Thomas hatte nicht gefragt, woher sie das wußte. Sie hatte ihm bestätigt, daß es ihr nicht gelungen sei, Panille zu verführen. »War er zu naiv? Wußte er, was Sie …« »Oh, er wußte Bescheid. Aber er hat seltsame Vorstellungen. So meint er, daß sein Körper ihm allein gehört. Eine erfrischende Entdeckung bei einem Mann.« »Ist er … meinen Sie, er arbeitet wirklich für Oakes?« »Dazu ist er nicht der Typ.« Thomas mußte ihr zustimmen. Panille reagierte mit einer nahezu kindlichen Offenheit. Seit dem ergebnislosen und (sie mußte es selbst zugeben) ziemlich amateurhaften Verführungsversuch hatte sich Waela in Panilles Gegenwart unbehaglich gefühlt. Der Dichter aber zeigte keine Zurückhaltung. Er äußerte sich mit der Freimütigkeit des
Schiffseitigen und war, so vermutete sie, durchaus fähig, ahnungslos und 333 eher neugierig auf eine pandorische Gefahr zuzugehen. Er gefällt mir, dachte sie. Er gefällt mir wirklich. Aber er mußte schnell auf die hier vorherrschenden Gefahren aufmerksam gemacht werden, sonst war er nicht mehr lange genug am Leben, um noch ein Gedicht zu verfassen. Schiff hat ihn also wirklich geschickt, dachte Thomas. Soll er mich im Auge behalten? Thomas hatte sich die visuelle Beobachtung der tangfreien Röhre vorbehalten, in der sie abwärts sanken. Es handelte sich um eine Säule klaren Wassers, etwa vierhundert Meter durchmessend, eine pandorische »Lagune«. Noch waren sie nicht bis in die dunklen Zonen vorgestoßen, in denen der Tang seine Lichtkünste vorführte. Panille hatte sich von der Bezeichnung Lagune fasziniert gezeigt. Schiff hatte ihm einmal eine erdseitige Lagune vorgeführt Palmenbäume, ein Auslegerboot mit weißem Segel. Würde Pandora jemals Spielszenen auf seinen Meeren erleben? Die Sinneseindrücke dieses Erlebnisses kamen ihm überaus klar zu Bewußtsein. Hier lag der Stoff für zahlreiche Gedichte. Da war das leise Zischen der umgewälzten Luft, der Geruch der auf engstem Raum zusammengepferchten menschlichen Körper, deren Ausdünstungen von unausgesprochenen Ängsten zeugten. Ihm gefiel die Art und Weise, wie sich das rote Licht auf der Leiter spiegelte, die zum Luk emporführte. Als Thomas das Wort Lagune gebrauchte, um das Ziel der Expedition zu beschreiben, hatte Panille gesagt: »Die Beharrlichkeit des Atavismus.« Die Bemerkung hatte bei Thomas einen Ausdruck der Überraschung ausgelöst. Waela gab die Tiefe mit gut fünfundachtzig Metern an. Sie neigte sich dicht vor den Schirm, der die nächstgelegene Tangwand anzeigte, eine Art Käfigbegrenzung für den Lagunenraum. 334 Die langen Stränge ragten schräg in die Dunkelheit hinab, und da und dort war ein schwarzer Tentakel auch auf das U-Boot gerichtet. Die äußere Tauchbeleuchtung ließ grünliche Schatten auf dem hellen Tang erscheinen und offenbarte dunkle Vorsprünge, Blasen, deren Zweck unerklärt blieb. Weiter unten spielten solche Blasen ihre strahlenden Lichtmuster.
Im Wasser um die Tangstrünke und im oberen Teil der Lagune wimmelten zahlreiche Lebewesen durcheinander, einige langsam, andere schnell, einige mit vielen Augen, andere ohne sichtbare Sehorgane. Manche waren dünn und wurmähnlich, manche dick und schwerfällig und hatten lange fleischige Flossen und zahnlos klaff ende Mäuler. Von keinem dieser Wesen war bisher bekannt geworden, daß es Schiffsmenschen angegriffen hätte, und man nahm an, daß diese Spezies in Symbiose mit dem Tang lebten. Einzelne Exemplare zur Untersuchung an Bord zu nehmen, erzeugte im Tang gewalttätige Reaktionen, und waren sie erst aus dem Wasser heraus, schmolzen sie so schnell dahin, daß ihnen im Grunde nur mit mobilen Labors beizukommen war. Aber mobile Labors hatten hier unten keine lange Lebensdauer. In größerer Tiefe, das wußte Waela, würde die Zahl der Kreaturen beständig abnehmen. Das U-Boot würde in die Zone der Kriechwesen eindringen, Gebilde, die sich zwischen dem Tang und auf dem Meeresboden bewegten. Es gab wohl etliche größere Schwimmer, aber die Kriecher waren in der Überzahl. Während des Fluges zur Lagune hatte Waela sich mit Arbeit abgelenkt, aus der Befürchtung heraus, daß sie zusammenbrechen könnte, sobald der Augenblick des neuen Tauchversuchs gekommen war. Beruhigend hatte dabei der Gedanke an die starke Bauweise dieses U-Bootes gewirkt, trotzdem hatte die Sekunde des tatsächlichen Eintauchens wie eine unüberwindliche Hürde vor ihr aufgeragt, vermischt mit einer Rückkehr zu düsteren Schrek335 kenserinnerungen. Der letzte Tauchvorstoß der Kolonie hatte mit einer Katastrophe geendet. Das U-Boot war siebzig Meter lang gewesen und übersät mit Messern und Schneideeinrichtungen. Die Kolonie hatte einen hohen Preis an Menschenleben dafür bezahlen müssen, es über die gewellte Ebene des Ei-Kontinents zu der Stelle an der Südküste zu transportieren, wo man das U-Boot in eine von Wellen umspielte Bucht voller Tang schieben konnte. Sie hatte zu der neunköpfigen Besatzung gehört und war die einzige Überlebende. Eine Zeitlang hatte man geglaubt, daß Größe und Gewicht allein schon zum Erfolg führen müßten. Wasserpforten wurden über Fernbedienung geöffnet und mit Tangsträngen gefüllt. Die taudicken Tentakel des Tangs lösten sich jedoch von Steinen am Meeresboden und schwärmten mit zuckenden Verästelungen über das Schiff aus.
Der Angriff schien kein Ende zu nehmen. Immer mehr Tang kam herbei und wickelte sich um das U-Boot, überwältigte die Schneidegeräte mit Gewicht und Überzahl, zog das Schiff immer tiefer, während feine Tentakel nach Schwachstellen tasteten. Blätter verdeckten die externen Sensoren. Statische Störungen legten das Kommunikationssystem lahm. Sie waren blind und stumm. Dann war nahe einem Luk Wasser in die Schiffshülle eingedrungen, ein Strahl, der so stark war, daß er die Körper, die er traf, glatt durchtrennte. Die Erinnerung an diese Sekunden beschleunigte Waelas Atem. Sie hatte ein Schneidegerät bedient, ihr Posten befand sich in einer Plaskugel, die aus der Schiffshülle ragte. Blätter bedeckten die Kugel, abgesehen von den um das Material gewickelten Tangarmen, die das Boot zu zerdrücken versuchten. Durch die prasselnden Störungen ihres Kopfhörers hatte sie ein anderes Besatzungsmitglied mit schriller Stimme beschreiben hören, wie der Wasserstrahl einen Gefährten in zwei Teile schnitt. Urplötzlich hatte eine 336 Verformung der Schiffshülle und die explosive Verschiebung des Drucks im Schiff die Kuppel freigesprengt. Das Gebilde schoß auswärts davon, zwischen den störenden Blättern hindurch und dann empor. Der Tang wich sogar zur Seite aus, um sie durchzulassen. Dieses Phänomen hatte sie später nicht zu erklären vermocht. Der Tang hatte ihr den Weg an die Oberfläche freigegeben! In den grellen Schein des Doppel-Tagseite zurückgekehrt, hatte sie das Luk gewaltsam geöffnet und war in ein milde bewegtes Meer gesprungen, mitten zwischen breite Lagen von Tangblättern. Sie wußte noch, wie sie die Blätter berührt hatte, voller Angst vor ihnen, doch zugleich als Stütze auf sie angewiesen; sie waren ein hellgrünes Kissen, das die Wellen niederhielt. Durch ihren Kopf waren verrückte Bilder von Dämonen und Menschen gezuckt, die Todeskämpfe miteinander ausfochten. Sie hatte geschrien, daran erinnerte sie sich, und dabei Salzwasser geschluckt. In Sekundenschnelle hatten die Bilder sie überwältigt, und sie rollte bewußtlos auf einem Tangblatt. Ein Beobachtungs-LAL hatte sie schließlich aus dem Meer geholt. Sie hatte viele Tagesläufe gebraucht, um sich zu erholen, und war dabei von einer Woge des Beifalls getragen worden, denn sie hatte bewiesen, daß der Tang nicht nur wegen seiner physischen Fähigkeiten gefährlich war, sondern daß sein halluzinatorisches
Einwirkungsvermögen katastrophale Auswirkungen hatte, wenn genügend Tang mit dem Körper eines Schiffsmenschen in einem flüssigen Medium zusammenkam. »Stimmt etwas nicht, Waela?« Panille starrte sie an, besorgt über ihre stumme Konzentration nach innen. »Nein. Wir verlassen jetzt die belebte Oberflächenzone. Bald sehen wir die Lichter.« »Man hat mir gesagt, daß Sie schon einmal hier unten waren.« 337 »Ja.« »Wir sind nicht in Gefahr, solange wir den Tang nicht bedrohen«, sagte Thomas. »Das wissen wir.« »Vielen Dank.« »Aus den Dokumenten geht hervor, daß die Versuche, ein Erntegerät an der Küste in Betrieb zu nehmen, fehlschlugen: der Tang kam sogar körperlich an Land, um anzugreifen«, sagte Panille. »Ja, Menschen und Maschinen wurden von der Küste ins Meer gerissen«, gab sie zurück. »Die Menschen ertranken und wurden zurückgeschleudert. Die Maschinen verschwanden einfach.« »Warum sollte der Tang uns also hier nicht angreifen?« »Das hat er bisher nie getan, solange wir nur zur Beobachtung getaucht sind.« Diese Worte halfen ihr, eine gewisse innere Ruhe wiederzufinden. Sie setzte ihre Beobachtung der Sensoren und Instrumente fort. Panille blickte über ihre Schulter auf den Schirm, sah die schräg verlaufenden Tangstämme, die wogenden Blätter und die seltsamen Blasenvorsprünge, die die Strahlungen der Tauchlampen des UBoots spiegelten. Als er an der Leiter entlang zum oberen Luk hinaufschaute, sah er den leuchtenden Kreis der LagunenOberfläche - einen zurückweichenden Mond, bevölkert von den zuckenden Kreaturen, die sich das Meer mit dem Tang teilten. Die Lagune war ein Ort der Zauberei und des Geheimnisses, durchzogen von einer so tiefgreifenden Schönheit, daß er dem Schiff für die Gelegenheit dankbar war, dies alles zu sehen. Die Tangauswüchse waren bleiche graugrüne Kabel, stellenweise dicker als der Torso eines Schiffsmenschen. Sie stiegen aus der Dunkelheit empor und verschwanden in die Richtung des hellen Lichtflecks weiter oben. Das Licht greift nach den Sternen und fürchtet sich in ihrem Ange-
338 sicht, sie zu berühren, staunend verharrend. O Sterne, ihr verbrennt mir den Verstand! Der Tang richtet sich auf Rega aus, im Augenblick die einzige Sonne am Himmel. Später würde Alki dazustoßen. Sogar bei Bewölkung richtet sich der Tang auf die Bahn einer Sonne aus. Wenn beide Sonnen schienen, lag der heliotropische Fixpunkt auf der Strahlungsmitte zwischen den beiden Himmelskörpern. Es war ein präziser Vorgang. Panille dachte darüber nach im Licht der Informationen, die er von Schiff darüber erhalten hatte. Es handelte sich um Daten, die bei gefahrvollen Vorstößen in das Meer gewonnen worden waren. Unzureichende Informationen und bei weitem nicht so intensiv wie die Dinge, die er durch sein Hiersein erfuhr. Einige der Details, die er auf dem Meeresboden zu Gesicht bekommen würde, waren ihm bereits bekannt: Tangstränge, die sich um und durch große Felsbrocken wanden. Kriechwesen und sich vergrabende Geschöpfe. Langsame Strömungen, dahintreibende Ablagerungen. Die Lagunen waren Ventilatoren, Passagen für den Wechsel zwischen Oberflächen- und Tiefenwasser. Nahe der Oberfläche gaben sie anderen Lebewesen Licht. Die Lagunen waren Käfi ge. »Diese Lagunen sind die Aquakulturanlagen des Tangs«, sagte er. Thomas blinzelte. Die Bemerkung kam seinen eigenen Vermutungen über den Tang und das Meeressystem so nahe, daß er sich fragte, ob Panille seine Gedanken belauscht hatte. Spricht Schiff womöglich gerade jetzt mit ihm? Panilles Worte faszinierten Waela. »Sie meinen, der Tang folgt bewußter Planung?« »Vielleicht.« Für Thomas rissen die Worte des Dichters einen Vorhang vor dem Reich des Tangs zur Seite. Plötzlich nahm er das Meer auf 339 ganz andere Weise wahr. Hier erstreckte sich ein vielschichtiger Lebensraum, frei von den anderen gefährlichen Dämonen Pandoras. War es unter diesem Blickwinkel gerechtfertigt, das Meer vom Tang zu befreien? Er wußte, daß es möglich war - man brauchte nur das Ökosystem nachhaltig genug zu stören, die inneren Abläufe im Leben des Tangs zu unterbrechen. War das die Entscheidung, die Oakes und Lewis getroffen hatten?
»Die Lichter!« sagte Panille. »Oooo ja!« Sie hatten die dunkle Zone erreicht, in der die Außensensoren des UBoots die zuckenden Lichter zu registrieren begannen. Edelsteine zuckten in der Schwärze außerhalb des Bereichs der Tauchlampen, winzige Farbausbrüche - rot, gelb, orangerot, grün, purpurn … Sie schienen keinem bestimmten Rhythmus zu folgen, einfache Explosionen der Helligkeit, die das Bewußtsein verblüff ten. »Meeresboden kommt herauf«, meldete Waela. Panille, mit allen Sinnen auf das höchste angespannt, blickte kurz auf ihren Schirm. Ja - der Meeresgrund schien sich zu heben, während sie stationär blieben. Kommt herauf. Thomas verlangsamte den Abstieg - langsamer, noch langsamer. Das U-Boot setzte mit einem leichten Ruck auf, der den Meeresboden zu einem grauen Nebel ringsum aufwühlte. Als der Dunst sich gesetzt hatte, zeigten die Schirme ein Umfeld von Sandwellen, die sich über die Grenze des Blickfeldes hinaus erstreckten. Bodengraser bewegten sich durch diese wellige Landschaft - umgedrehte Schüsseln mit schluckenden Lippen überall am Rand. An der bugwärtigen Grenze der Beleuchtung gruben sich die Flügel des großen U-Boot-Ankers in den Boden. Das Kabel erstreckte sich leicht gebauscht in die Höhe und verschwand in der Dunkelheit. Auf der Backbordseite waren schwarze Felsformationen zu erkennen, umschlungen und durchzogen von Tang340 tentakeln. Tief im Tangdschungel schwammen dunkle Gestalten weitere Diener des Herrschers der Meere. Schon bewegten sich winzige Kriecher am Anker und am Kabel. Panille wußte, daß das Ankergeschirr aus dem Eisen und Stahl dieses Planeten gefertigt worden waren - Substanzen, die innerhalb weniger Tagesläufe zerfressen werden würden. Nur Plas und Plastahl vermochten den Erosionskräften in Pandoras Meer zu widerstehen. Diese Erkenntnis brachte ihm zu Bewußtsein, wie brüchig ihre Verbindung zur Oberwelt war. Er beobachtete Brillanten, die in der Dämmerung außerhalb der Tauchlampen zuckten. Sie schienen zu ihm zu sprechen: »Wir sind hier. Wir sind hier …« Thomas kamen die Lichter wie Leuchtsignale an einem ComputerTerminal vor. Schon beim Betrachten der Holoaufzeichnungen hatte sich diese Assoziation in seinem Kopf gebildet. Er hatte Waela davon erzählt, während einer der Arbeitssitzungen über die pandorischen Tiefen. »Ein Computer könnte viel größere Zahlen
verarbeiten, für weitaus mehr Assoziationen, und das in noch kürzerer Zeit.« Aus diesem Gespräch war sein Vorschlag hervorgegangen: Wir zeichnen die Lichtsignale auf, suchen darin nach Mustern und spielen diese dem Tang wieder vor. Waela hatte die elegante Schlichtheit dieses Plans bewundert: der Sprung über die gefahrvolle Sammlung und Analyse von Proben, über die organischen Spekulationen! Der direkte Vorstoß zu den Kommunikationsmustern! Man wollte dem Tang sagen: »Wir sehen euch und wissen, daß ihr Bewußtsein habt und intelligent seid. Auch auf uns trifft das zu. Lehrt uns eure Sprache!« Auf die zuckenden Lichter starrend, verspürte Thomas den Wunsch zu sagen, sie erinnerten ihn an Weihnachtslichter in der 341 Dunkelheit. Aber er wußte, daß ihn von den anderen niemand verstehen würde. Weihnachten! Allein der Gedanke gab ihm das Gefühl ein, uralt zu sein. Die Schiffsmenschen kannten das Weihnachtsfest nicht. Sie spielten andere religiöse Spiele. Hali Eckel mochte die einzige Person in diesem Universum sein, die begreifen würde, was Weihnachten war. Sie hatte die Schädelstätte gesehen. Was hatten die Schädelstätte und die Leiden Jesu mit den Lichtern zu tun, die dort im Meer flackerten? Thomas starrte auf den Bildschirm vor sich. Was sollte er hier sehen? Aquakultur? Würden die Schiffsmenschen den Tang ausrotten müssen? Ihn kreuzigen, um selbst zu überleben? Weihnachten und Aquakultur … Das Spiel der Lichter hatte etwas Hypnotisches. Er spürte das stumme Staunen, das sich in der Kommandogondel ausgebreitet hatte. Ein Gefühl ehrfürchtiger Offenbarung überkam ihn. Hier auf dem Meeresboden war Pandoras Haushalt offenbart, hier waren all die Transaktionen zu besichtigen, die das Leben des Planeten vorgenommen hatte, Pandoras gewaltige geochemische und biochemische Kreisläufe, die dem Blick offenbar wurden. Was tust du hier, mächtiger Tang? War es dies, was Schiff ihnen hatte zeigen wollen? Er rechnete nicht mit einer Antwort Schiff s auf diese Frage. Eine
solche Antwort paßte nicht zu den Regeln dieses Spiel. Hier unten war er auf sich selbst gestellt. Spiel das Spiel, Teufel! Der Wasserdruck rings um die Gondel nahm seine Gedanken gefangen. Sie befanden sich hier, weil der Tang nichts unternahm. 342 In der Toleranz des Tangs konnten sie überleben. Andere waren in dieses Meer vorgestoßen und hatten sich durch vorsichtige Zurückhaltung am Leben erhalten. Was mochte der Tang als Bedrohung Empfinden? Plötzlich hatte das Juwelenfunkeln im Halbdämmer etwas Bösartiges. Wir haben zuviel Vertrauen. Panilles Stimme brach störend in das Schweigen seiner Ängste ein. »Wir bekommen erste Muster-Indikationen.« Thomas warf einen Blick auf die Aufzeichnungs-Anzeige links neben seiner Konsole. Die Lade-Sensoren deuteten die Bereitschaft zum Playback an. Hier wurden die Außenlampen des U-Boots gesteuert und konnten alle Lichtmuster abspielen, die der Computer als wiederholt vorkommend und bedeutungsträchtig ansah. Alle derartigen Muster sollten dem Tang vorgespielt werden. »Siehst du! Jetzt reden wir mit dir. Was sagen wir?« Das würde die Aufmerksamkeit des Tangs erregen. Aber was würde er tun? »Der Tang beobachtet uns«, sagte Panille. »Spüren Sie es?« Thomas mußte ihm insgeheim zustimmen. Der Tang auf allen Seiten beobachtete und wartete ab. Er kam sich vor wie an jenem fernen Tag im Mondstützpunkt, da er als kleines Kind zum erstenmal in die Krippenschule gegangen war. Hier wurde eine Wahrheit offenbart, die die meisten Erzieher übersahen: Man konnte gefährliche Dinge lernen. »Wenn er uns beobachtet, wo sind dann seine Augen«, flüsterte Waela. Thomas hielt das für eine unsinnige Frage. Der Tang mochte Sinne besitzen, die sich die Schiffsmenschen nicht vorstellen konnten. Ebensogut konnte man sich nach den Augen Schiff s erkundigen. Aber er konnte nicht bestreiten, daß das Schiff von einer 343 Aura der Wachsamkeit umgeben war. Die Präsenz, die der Tang den Eindringlingen vorgaukelte, schien beinahe greifbar zu sein. Neben ihm ertönte der Aufzeichner, und er sah die grünen
Lämpchen, die die Umschaltung auf Wiedergabe anzeigten. Die vorspringenden Lampen auf der Außenhülle des Trägerschiff es spielten jetzt etwas zurück, er hatte keine Ahnung, was. Außensensoren zeigten nur Reflexe auf den Partikeln im Wasser. In den Lichtspielen des Tangs fiel ihm keine spürbare Veränderung auf. »Man ignoriert uns.« Die Bemerkung kam von Waela. »Das kann man noch nicht sagen«, wandte Panille ein. »Wie sieht die Reaktionsdauer des Tangs aus? Oder vielleicht sprechen wir noch gar nicht richtig zu ihm.« »Versuchen Sie es mit den Mustern«, meinte Waela. Thomas nickte und gab das vorbereitete Programm ein. Es handelte sich um den Alternativschritt. Der kleine Schirm über der Kontrolltafel des Rekorders zeigte, was auf der Außenhülle des Schiff es dargestellt wurde: zuerst die pythagoreischen Quadrate, dann das Abzählen von Linien, dann die galaktische Spirale, das Kieselspiel … Keine Reaktion des Tangs. Die vagen Umrisse schwimmender Wesen zwischen den Tangformen ließen keine dramatischen Kurswechsel erkennen. Die Szene schien unverändert zu sein. Waela, die aufmerksam ihre Schirme im Auge behielt, sagte plötzlich: »Irre ich mich, oder sind die Lichter heller geworden?« »Ein wenig, kann sein«, antwortete Thomas. »Sie sind heller«, stellte Panille fest. »Ich habe den Eindruck, als wäre das Wasser … trüber. Als ob … Das Ankerkabel, seht!« Thomas schaltete auf das Blickfeld, das Panilles Schirm offenbarte, und sah, daß die Sensoren die Annäherung eines großen 344 Gegenstandes von oben anzeigten. »Das Kabel ist schlaff geworden!« sagte Waela. »Es sinkt!« Noch während ihres Ausrufs sahen sie die ersten Überreste des LALBallons herniedersinken, sich im Bereich der Tauchlampen über das Schiff stülpend - matte orangerote Spiegelungen des Materials, schwarze Ränder. Das Gebilde legte sich wie ein Vorhang über das freiliegende Kuppelstück über den drei Besatzungsmitgliedern. Hiervon wurden die Lebewesen im Tang aufgestört, die ihrerseits ein heftiges Flackern der Tanglichter auslösten - ein Eindruck, der sofort verschwand als der Vorhang sich vollends über das U-Boot legte. »Der Ballon ist von Blitzen getroffen worden«, sagte Waela. »Er …«
»Bereithalten, das Trägerboot abzuwerfen und alle Tanks zu blasen«, sagte Thomas. Er griff nach den Kontrollen und versuchte seine Panik niederzukämpfen. »Warten Sie!« rief Panille. »Warten Sie, bis der Ballon sich völlig gesetzt hat. Mag schon sein, daß wir darin festsitzen, aber mit dem U-Boot könnten wir uns hindurchschneiden.« Daran hätte ich denken sollen, sagte sich Thomas. Der Ballon kann uns hier unten zum Verhängnis werden. 345 Das hethitische Gesetz stellte Wiedergutmachung über Rache. Die Menschheit verlor einen gewissen Sinn für das Praktische, als sie sich für die andere semitische Reaktion entschied - niemals zu verzeihen und niemals zu vergessen. DAS VERLORENE VOLK Schiffsdokumente Legata saß weit zurückgelehnt da und zitterte am ganzen Körper. Der zuckende Kursor auf der Kom-Konsole verriet ihr, daß beinahe schon Tagseite war. Bald würde in den Korridoren Schiff s die vertraute Betriebsamkeit herrschen - vertraut, doch mit einem Gefühl der Ausdünnung, war doch die Besatzung spürbar geschrumpft. Sie hatte die Beleuchtung während der Nachtseite ganz klein geschaltet, um nicht abgelenkt zu werden von der Aufzeichnung, die im Holofokus vor Oakes‘ alter Couch ablief. Sie hob den Blick und sah das Mandala, das sie für Oakes‘ Quartier in der Redoute kopiert hatte. Die Betrachtung der Muster half ihr dabei, wieder zu sich selbst zu finden, aber ihre Hände zitterten noch immer. Erschöpfung, Zorn oder Ekel? Es bedurfte einer bewußten Anstrengung, um das Beben der Finger zu unterdrücken. Da und dort spürte sie Verkrampfungen in ihren Muskeln, und sie wußte, daß es für Oakes sehr gefährlich geworden wäre, hätte er in diesem Augenblick seine alte Kabine betreten. Ich würde ihn erwürgen. Es bestand kein Grund, zu der Annahme, daß Oakes gerade jetzt schiffseits kommen würde. Er war für immer nach unten gegangen. Als Gefangener seiner Schrecken. 346 Genau wie ich … bis … Sie machte einen tiefen, befreienden Atemzug. Ja, sie war den Schrei-Raum los. Es ist geschehen, aber jetzt bin ich hier.
Was sollte sie gegen Oakes unternehmen? Ihn erniedrigen. Das war die richtige Antwort. Keine physische Vernichtung, sondern Beschämung. Eine ganz besondere Art der Erniedrigung, zugleich politisch und sexuell. Etwas, das über jede normale Bloßstellung hinausging. Etwas das er sich als Aktion gegen einen anderen ausdenken mochte. Der sexuelle Aspekt war kein Problem für eine Frau von ihrer Schönheit und ihrem Genie. Aber die Politik … Sollte ich den Beweis vertuschen, daß ich diesen Holo gesehen habe? Heb dir die Information für den passenden Moment auf! Das war ein guter Einfall. Sie wollte sich auf ihre Inspiration verlassen. Sie bediente die Kom-Konsole und tippte ein: SCHIFFSDOKUMENT NUR FÜR LEGATA HAMILL. Dann der kleine Zusatz, den sie ganz allein entdeckt hatte: VERSCHLÜSSELN IM OCHSEN. Schon geschehen. Wer auch immer nach einer solchen Information suchen mochte, sie war in dem seltsamen Computer untergegangen, den sie bei einer ihrer historischen Suchaktionen gefunden hatte. Heute bleibe ich noch schiffseits. Sie würde sich nicht wohl fühlen. Das war der Vorwand gegenüber Oakes. Er würde ihr ohne Rückfrage eine Ruheperiode gewähren. Diese Zeit wollte sie darauf verwenden, mit Hilfe jedes ihr bekannten Computer-Zaubertricks alles in die Hand zu bekommen, was über Morgan Oakes verzeichnet stand. Politische Erniedrigung. Politische und sexuelle Bloßstellung. Das war der richtige Weg. Vielleicht besaß jener andere Psy-Ge aus der Hib einen Hin347 weis, dieser Thomas. Etwas in den Blicken, mit denen er Oakes musterte … als sähe er einen alten Bekannten in einer völlig neuen Rolle … Und sie stand in Thomas‘ Schuld. Seltsam, daß er als einziger erfahren mußte, daß sie um den P. gelaufen war. Er hatte das Geheimnis bewahrt, ohne darum gebeten worden zu sein - oder selbst Fragen zu stellen. Solche Diskretion gab es selten. Jeder Gedanke an Müdigkeit war verflogen. Es gab schiffseits zu essen, genug Nahrung, wenn sie sie brauchte. Oakes‘ Position beseitigte dieses Problem. Sie schickte Oakes ihre Nachricht bodenseits und wandte sich der Konsole zu. Irgendwo in der Dokumentation mußten nützliche Tatsachen stecken. Etwas, das Oakes verschleiert hatte oder das er nicht einmal selbst
wußte - vielleicht eine alte Übeltat, die er nicht ans Tageslicht kommen lassen wollte. Er beherrschte dieses Versteckspiel gut, doch sie wußte, daß sie besser war. Sie begann mit dem Hauptcomputer - dem wesentlichen Berührungspunkt Schiff s mit den Schiffsmenschen. War hier eine komplizierte Programmierung erforderlich? Eine penible Suche in kodierten Beziehungen, die Data-Bits versteckt in den tiefsten Tiefen verästelter Schaltkreise wie das Ochsentor? Ja, was war mit dem Ochsentor? Sie speicherte ihrerseits Geheimnisse darin, hatte es aber noch nie nach Oakes gefragt. Sie gab einen Test ein, drückte den Knopf und wartete. Gleich darauf strömten Daten über den kleinen Schirm der Konsole. Sie riß die Augen auf. War es so einfach? Es sah aus, als habe das Material nur auf ihren Abruf gewartet. Als habe jemand eine Biographie für sie vorbereitet. Es war alles vorhanden, was sie brauchte - Tatsachen und Zahlen. »Mißtraue jedem«, hatte Oakes gesagt. »Traue niemandem.« Und hier wurde nun seine Einstellung bestätigt, in einem Maße, 348 wie er es wohl in seinen schlimmsten Ängsten nicht für möglich gehalten hatte. Der Text rollte endlos vorbei. Sie fuhr ihn zurück, schaltete den Drucker hinzu, und brachte die Sache noch einmal zurück. Die Überschrift der Dokumentation enthielt das überraschendste Element von allen. MORGAN LON OAKES. Geklont. Aufgewachsen, wie er es ausdrücken würde, »wie eine ganz einfache Pflanze.« Aus den Axolotl-Tanks in einem erdseitigen Mutterleib. Warum? Kaum hatte sie die Frage gestellt, war die Antwort auch schon in den Informationen enthalten: »Um die Tatsache zu verschleiern, daß so etwas überhaupt möglich war, wurde die Geburt als natürlicher Vorgang dargestellt.« Ein politisches Manöver, wie es Schiff s würdig war … oder Oakes. Wußte er davon? Woher konnte er es wissen? Sie stoppte den Drucker und erkundigte sich, wer außer ihr diese Daten noch abgerufen hatte. »Schiff .« Es war eine Antwort, wie sie sie noch nie gesehen hatte. Schiff hatte mit diesen Daten gearbeitet. Angstvoll fragte sie, warum Schiff
Oakes‘ Biographie abgerufen habe. »Um sie in einem Spezialspeicher für Kerro Panille aufzubewahren, sollte er jemals diese Geschichte schreiben wollen.« Sie hob die Hände von der Tastatur. Spreche ich mit Schiff ? Panille gehörte zu den Leuten, die von sich sagten, sie sprächen mit Schiff . Er war also kein Dummkopf? Bin ich ein Dummkopf? Sie stellte fest, daß sie bei dieser Entdeckung mehr Angst empfand als bei ihrem Gang in den Schrei-Raum. Schiff hatte mit Kräften zu tun, die weit über das hinausgingen, was Oakes und Lewis 349 und Murdoch zu Gebote stand. Sie sah sich in der vergrößerten Kabine um - ein verdammt angeberisches Loch. Ihr Blick fiel auf das Mandala. Den beweglichen Wandschmuck hatte er mitgenommen. Das mystische Gebilde aber ruhte nackt und kahl auf der silbergrauen Metallwand. Es kam ihr leblos vor, eine früher vorhandene Lebendigkeit schien daraus gewichen zu sein. Ich bin es nicht wert, mit Schiff zu sprechen. Dies war ein Zufall gewesen … ein gefährlicher Zufall. Zögernd setzte sie den Ausdruck der Oakes-Biographie fort. Wieder strömten Worte über den Schirm, und der Drucker rasselte den Text heraus. Legata seufzte erleichtert. Sie hatte unsicheren Boden betreten. Aber sie war entkommen. Diesmal. Sie spürte etwas Seltsames vorgehen, ein unbekanntes neues Programm, das in Schiff erwachte. Es war ein Gefühl zwischen den Schulterblättern. Es mochte etwas noch viel Ungeheureres geschehen, und sie steckte mittendrin. Ihre Aufmerksamkeit wandte sich wieder der Oakes-Biographie zu. Damals hatte das Leben erdseits hektische Dimensionen gehabt große Geheimnisse, Rettung und Überleben, wie immer man es nennen wollte: die Ankunft Schiff s und die Verzweiflung der zum Untergang Verurteilten. Verzweiflung bringt im mindesten Fall Extreme hervor. »Legata!« Oakes rief ihren Namen, und ihr Herz setzte einen Schlag lang aus. Aber es war nur die Überschaltung der Konsole. Er versuchte von bodenseits mit ihr in Verbindung zu treten. »Ja.« »Was tust du?« »Meine Arbeit.«
Sie blickte auf die Instrumente der Konsole, um festzustellen, ob 350 er ermitteln konnte, was sie gerade las. Aber die Blockade durch das Ochsentor stand. Allerdings hörte er das Klappern des Druckers. »Was druckst du?« »Einige Daten, die du interessant finden wirst.« »Ahhh ja.« Sie konnte sich förmlich vorstellen, wie sein Verstand diese Antwort verarbeitete. Legata hatte etwas gefunden, das sie der offenen Verbindung zwischen Schiff und Boden nicht anvertrauen wollte. Sie würde es ihm später zeigen. Es mußte sich um etwas Interessantes handeln. Ich muß ihm etwas Saftiges vorsetzen, dachte sie. Etwas über Ferry. Deshalb bin ich ja hier. »Was willst du?« fragte sie. »Ich habe dich bodenseits zurückerwartet.« »Ich fühle mich nicht wohl. Hast du meine Nachricht nicht erhalten?« »Ja, meine Liebe, aber es gibt Dinge, um die wir uns dringend kümmern müssen.« »Aber noch haben wir nicht volle Tagseite, Morgan. Ich konnte nicht schlafen und muß hier noch arbeiten.« »Ist alles in Ordnung?« »Ich habe lediglich zu tun«, sagte sie. »Mein Problem duldet keinen Aufschub. Wir brauchen dich.« »Also schön. Ich komme hinunter.« »Erwarte mich in der Redoute.« In der Redoute? Er trennte die Verbindung, und erst jetzt wurde ihr klar, daß er gesagt hatte, er brauche sie. War das möglich? Als Verbündete oder als Geliebte? Sie nahm nicht an, daß in den komplizierten Schaltungen des Morgan Oakes viel Raum für Liebe war. 351 Eher machte sich Lewis daran, einen Nervenläufer als Haustier zu züchten. Wie auch immer, Oakes wollte sie bei sich haben. Das verschaffte ihr einen Fuß in die Tür zur Macht. Doch etwas machte ihr noch Kummer - die eine Angst, die alles andere überschattete: Was ist, wenn er mich wirklich liebt?
Einmal hatte sie geglaubt, sie wünsche sich, daß er sie liebe. Keine Frage - er war der interessanteste Mann, den sie je kennengelernt hatte. Unberechenbar und erschreckend - aber interessant. Das bedeutete schon viel. Will ich ihn zerstören? Der Drucker schloß die Oakes-Biographie ab. Sie faltete sie zusammen und näherte sich dem Mandala auf der Suche nach einem geeigneten Versteck für den dicken Stapel Schiffspapier. Das Mandala war fest mit der Wand verbunden. Sie machte kehrt und sah sich in der Kabine um. Muß ich es verstecken? Ja. Bis zum richtigen Augenblick. Der Diwan? Sie ging zu der Liege und kniete daneben nieder. Das Ding war mit Schrauben am Boden befestigt. Konnte sie einen Handwerker rufen? Nein … niemand durfte ahnen, was sie hier tat. Sie bleckte die Zähne, legte zwei Finger um die eine Schraube und drehte sie. Die Schraube bewegte sich. Kraß hat ihre Vorteile! Als die Schrauben entfernt waren, hob sie ein Ende des Diwans an. Oje, war der schwer! Sie glaubte nicht, daß drei Mann das Möbelstück anheben konnten. Sie schob den Text unter den Diwan, brachte die Schrauben wieder an und drehte sie fest. Jetzt brauche ich etwas Handfestes über Win Ferry. Sie stand auf und kehrte an die Konsole zurück. Auch mit Ferry hatte sie keine Mühe. Er war nicht im geringsten diskret. 352 Armer alter Narr! Ich werde Oakes für dich vernichten, Win. Nein! Laß dich nicht in edelmütige Stimmungen hineintäuschen. Du handelst hier allein für dich selbst. Lassen wir Liebe und den Ruhm anderer aus der Sache heraus. Bedenke, daß ich Macht habe; du meinst, es ginge dir übel, aber ich kann dir das Leben dermaßen vergällen, daß du sogar das Licht des Tages hassenswert findest. Du bist mein Schöpfer, aber ich bin dein Herr. FRANKENSTEINS UNGEHEUER SPRICHT Schiffsdokumente Gedämpftes Klopfen vor der Kabine weckte Oakes aus seinem ersten tiefen Schlaf in der Kolonie. Noch ehe er richtig wach war, berührten seine Finger die KomKonsole, und der Bildschirm zeigte ihm Chaos in den Korridoren der
Anlage. Sogar vor seinem verriegelten Luk! »Mein Hunger wartet nicht! Mein Hunger wartet nicht! Mein Hunger wartet nicht!« Der Singsang war wie ein Knurren in der Kehle der Nacht. Waffen waren nicht zu sehen, dafür aber zahlreiche Felsbrocken. In Sekundenschnelle war Lewis in der Leitung. »Morgan, für den Augenblick haben wir die Kontrolle verloren. Die Sache muß sich austoben, bis …« »Was geht da eigentlich vor, zum Teufel?« Es mißfiel Oakes, daß seine Stimme brach. 353 »Es begann mit einer Runde des Spiels unten bei den hydroponischen Anlagen. Dabei wurde viel getrunken. Und schon haben wir wieder einen Versorgungsaufstand am Hals. Wir können die Burschen rausfluten mit …« »Moment! Sind die Perimeter noch dicht?« »Ja. Ich habe dort meine Leute stehen.« »Warum willst du dann …« »Das Wasser in den Gängen verlangsamt sie, bis wir …« »Nein!« Oakes atmete tief ein. »Du überschreitest deine Kompetenzen. Wir lassen sie machen. Wenn sie sich etwas zu essen verschaff en, dann ist es ihre Verantwortung, wenn die Nahrungsversorgung noch schwieriger wird. Die Zuteilung wird nicht verändert, hörst du? Es gibt keine zusätzlichen Rationen!« »Aber sie rennen wild durch die …« »Laß sie ruhig alles kaputtmachen. Die anschließende Reparatur hält sie dann in Atem. Und ein guter Aufstand ventiliert die Emotionen für eine Weile und bringt körperliche Erschöpfung. Das wenden wir dann zu unserem Vorteil, aber erst nach gründlicher Überlegung.« Oakes wartete auf eine Antwort Lewis‘, aber der Vokoder blieb stumm. »Jesus?« »Ja, Morgan.« Lewis‘ Stimme klang atemlos. »Ich meine, du solltest … sofort in die Redoute umziehen. Wir können nicht auf die Tagseite warten, du mußt …« »Wo bist du, Jesus?« »Im alten Labor-Eins-Komplex. Wir wollten gerade die letzten Muster der …« »Warum muß ich jetzt in die Redoute?« Oakes blinzelte und drehte
die Beleuchtung hoch. »Der Aufstand geht vorbei. Solange der Perimeter nicht in Gefahr ist, können wir …« 354 »Morgan, die Leute stampfen nicht mit den Füßen auf und jammern sinnlos herum. Sie bringen Leute um. Wir haben die Waffenkammern abgeriegelt, aber einige Aufständische …« »Die Redoute kann doch unmöglich schon fertig sein! Die Schäden dort waren … ich meine, ist es dort sicher?« »Sie ist schon fertig. Und die Besatzung dort ist Mann für Mann von Murdoch ausgesucht worden. Die besten von allen. Auf sie kannst du dich verlassen. Und, Morgan …?« Oakes versuchte zu schlucken. »Ja?« Wieder ein langes Schweigen, Wortbrocken. »Morgan?« »Ich bin noch da.« »Du solltest sofort losfliegen. Ich habe für alles gesorgt. Wir werden sie aus den entsprechenden Gängen herausfluten. Meine Leute werden in wenigen Minuten bei dir sein: unser übliches Signal. Wir haben dich in fünfzehn Minuten am Fährhangar.« »Aber meine Unterlagen hier! Ich bin noch gar nicht fertig mit …« »Die Sachen holen wir später. Ich gebe der Fährmannschaft die notwendigen Anweisungen. Melde dich, sobald du in der Redoute eingetroffen bist.« »Aber … ich meine … was ist mit Legata?« »Sie ist schiffseits in Sicherheit. Ruf sie an, wenn du in der Redoute bist.« »Steht es denn … so schlimm?« »Ja.« Die Verbindung wurde unterbrochen. 355 Der Bogen eines Pendels mag wohl unterschiedlich sein, nicht aber seine Periode. Jeder Schwung erfordert dieselbe Zeit Bedenkt den letzten Schwung und seinen winzig kleinen Bogen. Dort sind wir wahrhaft lebendig: in der letzten Periode des Pendels. KERRO PANILLE Die Tagebücher An Oakes vorbei blickte Legata auf das Meer unterhalb der Redoute. Ein ganz normaler Sonnenuntergang fand dort statt, Rega folgte Alki hinter den Rand des Ozeans. Eine ferne Wolkenkette wogte über der Krümmung des Horizonts. Weite Wogen rollten heran und prallten gegen den Strand der kleinen Bucht. Die Brandung tobte außer Sichtweite vor den Felsen, auf denen die Redoute sich erhob.
Doppelte Plaswände und ein isoliertes Fundament schirmten den größten Teil der Geräusche ab - trotzdem spürte sie die Brandung durch die Füße. Auch sah sie die Gischt, die das Panorama dunstig erscheinen ließ und auf der Besichtigungsveranda das Plas mit Tropfen überzog. Ein ganz normaler Sonnenuntergang, aber ein abnormal aufgewühltes Meer. Sie empfand eine Ruhe, die nicht echt sein konnte. Oakes hatte sich mit Alkohol abgelenkt, Lewis mit Arbeit. Es kamen noch Berichte aus der Kolonie herein, doch nach letzten Meldungen war zu schließen, daß das alte Labor Eins belagert wurde. Ein Glück, daß Murdoch schiffseits geschickt worden war. Normales Meer. Nur noch dünne Tangfetzen waren an der Oberfläche zu sehen, und sie sah in dem Verschwinden des Tangs einen Verlust, den sie sich nicht erklären konnte. Früher hatte der Tang die Brandung gedämpft. Jetzt peitschte der Wind weißen Schaum über die Wel356 lenkämme. Hatte Lewis auch daran gedacht? »Warum siehst du den Tang und die Hyflieger zusammen?« fragte sie. »Du hast die Berichte gelesen. Sie sind Vektoren derselben Kreatur oder symbiotische Partner.« »Aber daraus ist nicht zu schließen, daß sie denken.« Oakes sah sie bedeutsam an und ließ ein braunes Getränk in einem Glas kreisen. »Wenn du einen von ihnen berührst, reagieren die anderen. Sie handeln gemeinsam. Sie denken.« Er deutete auf die Klippen gegenüber der Bucht, wo eine ungleichmäßige Reihe Hyflieger verharrte; sie sahen aus wie aufmerksame Wächter. »Sie greifen aber nicht an«, bemerkte sie. »Sie planen etwas.« »Woher willst du das wissen« »Wir schmieden doch auch Pläne.« »Vielleicht sind sie nicht wie wir. Vielleicht sind sie nicht besonders clever.« »Aber schlau genug, um sich zu lösen und neu zu formieren, wenn sie gegen etwas nicht ankommen.« »Aber sie sind nur gewalttätig, wenn wir sie bedrohen. Sie sind nichts anderes als eine … eine Plage.« »Plage! Sie bedrohen unser Überleben.«
»Aber sie sind auch … wunderschön.« Sie starrte über die klein Bucht auf die dahintreibenden orangeroten Ballons, auf ihr elegantes Drehen und Wenden im Wind, festgeklammert mit den Tentakeln an den Klippen Halt findend, ihren Genossen aus dem Wege schwebend. Den Kopf drehend, richtete sie ihre Aufmerksamkeit auf Oakes und versuchte trocken herunterzuschlucken. Er starrte in sein Getränk, das er sanft kreisen ließ. Warum wollte er nicht über die Ereignisse in der Kolonie sprechen? Es machte sie nervös, 357 daß Oakes anscheinend nicht mehr nervös war. Seit dem Versorgungsaufstand waren zwei volle Tagesläufe vergangen. Was passierte jetzt? Sie spürte, daß neue Kräfte sich herausschälten - das geschäftige Treiben überall in der Redoute, während Oakes hier neben ihr stand und in ihrer Gesellschaft das Panorama bewunderte. Kein einziges Mal hatte sich Oakes bisher mit einem Auftrag an sie gewandt. Sie hatte das Gefühl, wegen einer neuen Position auf die Probe gestellt zu werden. Vielleicht wollte er sie testen. Ahnt er, was ich schiffseits über ihn entdeckt habe? Morgan Lon Oakes. Unmöglich! Mit diesem Wissen könnte er mir nicht so ruhig begegnen. Oakes hob die Augenbrauen, sah sie fragend an und leerte sein Glas. »Schön sind sie, das stimmt«, stellte er fest. »Hübsch. Aber das gilt auch für eine Sonne, die zur Nova wird. Trotzdem möchte man eine solche Erscheinung nicht in seiner Umgebung wissen.« Er wandte sich dem allgegenwärtigen Spender zu, um einen neuen Drink zu bestellen, dabei fiel ihm ein Element des Wandbildes im Inneren der Veranda ins Auge und ließ ihn zusammenfahren. Das Ding schien sich zu bewegen … wie die Wellen des Meeres. »Morgan, könnte ich auch einen Drink haben?« Ihre Stimme tönte leise und schwach vor dem Hintergrund des Wandbildes - dabei hatte sie dieses Bild geschaffen. Ein Geschenk. Er hatte gedacht: Sie will mir Freude bereiten. Aber jetzt … in der Art und Weise, wie sie ihn anblickte, lag neuerdings immer was anderes als der Wunsch, Freude zu schenken. Was hatte sie mit diesem Gemälde wirklich bewirken wollen? Sollte es ihn erfreuen oder beunruhigen? Er starrte darauf. Das Bild war eine Woge von Farben, viel größer als das Mandala für sein neues Büro in der 358
Redoute. Sie nannte es: »Kampf beim Untergang der Sonnen.« Das Bild stellte eine Szene dar, die sie zuvor auf Holo verfolgt hatten: Kolonisten auf einem Bauplatz nahe des Meeres erwehrten sich eines Schwarms Hyflieger. Ein Kolonist hatte die Augen weit aufgerissen und baumelte mitten in der Luft an einem Bein … Schrecknis oder Halluzination? Der Mann deutete mit anklagender Geste aus dem Bild auf den Betrachter. Diese Einzelheit war Oakes zuvor entgangen. Er starrte auf den Arm. Sämtliche Baustellen, die Bohrlöcher, die Bergbaustationen - alles war geschlossen. Es kam allein auf die Redoute an. Warum sah die Gestalt in dem Gemälde anklagend aus? »Etwas zu trinken, Morgan - bitte?« Er brauchte sich nicht erst umzudrehen, um ihren Gesichtsausdruck zu erfahren, die Zunge, die zur Befeuchtung über die Lippen fuhr. Was hatte sie vor? Er drückte den Ausgabeknopf für zwei Drinks. Der Schrei-Raum hatte ihr seinen Stempel aufgedrückt, daran bestand kein Zweifel, doch anstatt sie vertrauenswürdiger zu machen … hatte dieses Erlebnis … Was? Ihm gefiel der gierige Ton in ihrer Stimme nicht, die ihn um etwas zu trinken bat. Wollte sie etwa dem verdammten Win Ferry nacheifern? Ihr Bericht über Ferry war beunruhigend. Sie brauchten schiffseits einen Mann, dem sie trauen konnten! Oakes kehrte zu ihr zurück und reichte ihr ein Glas. Der Sonnenuntergang färbte sich dunkelpurpurn, nur höher am Himmel gab es noch einige rosa Streifen. »Muß ich mir deine Gunst neuerdings auf diese Weise erkaufen?« Er konzentrierte sich auf ihren Drink. Sie quälte sich ein Lächeln ab. Was meinte er mit der Frage? Ihre Reise hierher war weitaus schwieriger gewesen, als sie sich vorgestellt hatte. Trotz der neuen Erkenntnisse, die sie mit sich führte … auch die Flucht vor der Gewalt in der Kolonie … sehr 359 schwierig. Nur wenige Meter entfernt wurde ein neues Labor Eins gebaut, tief vergraben im Gestein der Redoute - und Lewis führte das Kommando. Ich bin davon befreit. Ich bin frei. Aber nun wußte sie, daß sie viel mehr brauchte als das bewußte Erkennen dessen, was mit ihr geschehen war, viel mehr, ehe sie sich wahrhaft befreit fühlen konnte. Nach wie vor hielt Oakes ihre Psyche fest im Griff .
Ihre Finger zitterten, als sie aus dem Glas trank, das er ihr gegeben hatte. Das Getränk schmeckte scharf und bitter, eine Destillation, aber sie spürte, daß es sie zugleich beruhigte. Sobald der richtige Augenblick heranrückt, Morgan Lon Oakes … Oakes berührte ihr Haar, fuhr ihr über den Kopf. Sie beugte sich nicht zu ihm, wich aber auch nicht zurück. »In wenigen Tagesläufen«, sagte er, »wird es von dem Tang nur noch die Holo-Annäherungen und unsere Erinnerung geben. Wenn wir mit den Hyfliegern recht behalten, leben die dann auch nicht viel länger.« Er blickte zum Himmel hinauf, an dem der Widerschein der Sonnen ein goldenes Schimmern erzeugte und zwei Fächer schattenhafter Linien, die vom Horizont hereinragten. »Du bist nicht gerade liebebedürftig, wie, Legata?« Sie erbebte, als seine Finger einen Nerv am Hals berührten. »Ist dir kalt, Legata?« »Nein.« Sie wandte sich um und blickte auf das Wandbild. Sensoren hatten die erste schwache Beleuchtung eingestellt, um die dunkler werdenden Schatten in der Veranda zu vertreiben. Das Wandbild. Es saugte ihre Gedanken auf. Ich habe das gemalt. Wirklichkeit oder ein Traum? Sie starrte auf das Bild, auf die Welt ihrer Träume, auf jenen absonderlichen Zauberer des Verstandes, die Phantasie - eine Welt, 360 die Oakes nicht ohne die Vermittlung eines anderen Menschen wie sie zu sehen vermochte. Wieder erbebte sie in Erinnerung an die Holoaufzeichnung, die das Gemälde ausgelöst hatte: das Stöhnen der Hyflieger und das Sausen und Dröhnen, wenn sie explodierten, dazu die Schmerzensschreie brennender Kolonisten. Und während sie sich an die Szene erinnerte, glaubte sie den Geruch brennenden Haars wahrzunehmen. Der Gestank schien die Veranda zu füllen. Sie riß den Blick von dem Gemälde los und starrte auf das Meer hinaus -ungebrochene Dunkelheit, bis auf eine schimmernde weiße Linie fern am Horizont. Diese Erscheinung kam ihr bedrohlich vor, bedrohlicher als ihre Erinnerungen. »Warum mußten wir die Redoute so nahe am Meer bauen?« fragte sie. Die Frage war ausgesprochen, ehe sie darüber nachdenken konnte, und sie wünschte sofort, sie hätte sie zurückgehalten.
Der Drink. Er lockert ihr die Zunge. »Wir befinden uns hoch über dem Meer, meine Liebe, und sind ihm also gar nicht nahe.« »Aber es ist so groß und …« »Legata! Du hast uns bei der Planung unserer Redoute geholfen. Du warst mit allem einverstanden. Ich erinnere mich noch deutlich an deine Worte: ›Wir brauchen vor allem eine Zuflucht, einen sicheren Hort.‹« Aber das war vor dem Schrei-Raum, dachte sie. Sie zwang sich dazu, ihn anzusehen. Die schwache Beleuchtung löschte die weichen Rundungen seines Gesichts und beschränkte sich auf die Schatten, die von der Schädelform bestimmt wurden. Was für andere Pläne hast du mit mir? Als habe er ihre gedachte Frage vernommen, begann Oakes zu sprechen, dabei fixierte er ihr Spiegelbild im Plas. 361 »Sobald wir hier unten alles im Griff haben, Legata, möchte ich dich bitten, einige Reisen zum Schiff zu machen. Wir müssen Ferry im Auge behalten, bis wir einen Ersatz gefunden haben.« Er braucht mich also immer noch. Ihr war klargeworden, daß er eine schiffseitige Reise inzwischen mehr fürchtete als die Schrecken Pandoras. Warum? In welcher Weise bedrohte ihn Schiff ? Sie versuchte sich an Oakes‘ Stelle zu versetzen, oben in seiner schiffseitigen Kabine, umgeben von der Aura Schiff s. Nicht des Schiff es, Schiff s! Glaubte Oakes etwa doch an Schiff ? Er legte ihr einen Arm um die Hüfte. »Du warst einverstanden, meine Liebe.« Sie zwang sich dazu, nicht zurückzuzucken. Die künstliche Freundlichkeit seiner Stimme erschreckte sie, sie hatte Angst vor den unbekannten Plänen, die er mit ihr haben mochte. Welche Vernunftgründe standen hinter seinen Entscheidungen? Vielleicht gibt es da keine Vernunft. Die Sinnlosigkeit dieses Gedankens ängstigte sie noch mehr, als es Morgan Oakes tat. Morgan Lon Oakes. War es möglich, daß … Klone und die Raubtiere Pandoras … und Schiffsmenschen … daß so viele sterben mußten, nur weil Oakes ohne Vernunft handelte? Er hat seine Gründe. Wieder starrte sie auf ihr Gemälde. Was habe ich da gemalt? Der gefangene Mann erwiderte ihren Blick - die Augen, das schmelzende
Fleisch, der anklagend erhobene Finger, sie alle schrien: Du warst einverstanden! Du warst einverstanden! »Du kannst nicht alle Kreaturen auf diesem Planeten umbringen«, flüsterte sie und schloß krampfhaft die Augen. Er nahm den Arm von ihrer Hüfte. »Verzeih, Legata, ich dachte, du hättest ›nicht‹ gesagt …« »Ich …« Sie konnte nicht weitersprechen. 362 Er ergriff ihren Arm über dem Ellbogen, so wie Murdoch sie im Schrei-Raum festgehalten hatte. Sie spürte, wie er sie über die Veranda führte, und öffnete die Augen erst, als ihre Schienbeine die rote Couch berührten. Entschlossen drückte er sie in die Kissen. Sie bemerkte, daß er seinen Drink nicht losgelassen hatte, dessen Reste noch im Glas schwappten. Sie brachte es nicht fertig, zu Oakes aufzublicken. Sie zitterte so heftig, daß Tropfen des Getränks aus dem Glas sprangen und auf ihrer Hand und ihrem Bein landeten. »Mache ich dich nervös, Legata?« Er streichelte ihr Stirn und Wange. Sie konnte nicht antworten. Sie erinnerte sich an die letzte Gelegenheit, da er dies getan hatte, und begann lautlos zu weinen, mit starren Schultern. Die Tränen liefen ihr die Wangen herab. Oakes setzte sich auf die Couch neben ihr, nahm ihr das Glas aus der Hand und stellte es irgendwo auf den Boden. Er begann ihr den Nacken zu massieren, bis sich die Verspannungen langsam lösten. Seine Finger, sein präziser medizinischer Zugriff , verstanden sich zu ihr durchzutasten, verstanden ihre Abwehr zu überwinden. Wie kann er mich so berühren und doch im Unrecht sein? Sie beugte sich vor, beinahe völlig entspannt, und ihr Ellbogen berührte eine feuchte Stelle auf ihrem Schenkel, wo ein Spritzer ihres Getränks gelandet war. In diesem Augenblick erkannte sie, daß sie ihm widerstehen konnte … und daß er die Art ihres Widerstandes nicht ahnte. Er weiß nichts von dem Ausdruck, den ich schiffseits versteckt habe. Seine Finger bewegten sich so fachmännisch, so voller Pseudoliebe! Er liebt mich nicht. Wenn er mich liebte, würde er nicht … nicht … Sie erschauderte im Gedenken an den Schrei-Raum. »Ist dir noch immer kalt, meine Liebe?« Seine geübten Hände drückten sie sanft auf die Couch, massier363 ten sie angenehm an Hals und Brust.
Wenn er mich liebte, würde er mich nicht so berühren und mich auf seine Weise ängstigen. Was will er wirklich? Es mußte mehr als Sex sein, mehr als ihr Körper, den er mit solcher Gewißheit zu entflammen wußte. Es mußte etwas viel Tieferreichendes sein. Seltsam, daß er in einem solchen Augenblick weiter auf sie einreden konnte. Seine Worte ergaben irgendwie keinen Sinn mehr. »… und im rekombinanten Prozeß an sich haben wir eine interessante Nebenwirkung auf die Degenerierung des Tangs erzielt.« Degenerierung! Immer Degenerierung! Avata gibt Informationen durch die esoterischen Symbole von Avatas Geschichte, reduziert auf Träume und Bilder, die oft nur vom Träumenden übersetzt werden können, nicht durch Avata. KERRO PANILLE Geschichte der Avata Noch besteht kein Grund zur Panik, redete sich Waela ein. Es hatten schon andere U-Boote ihre LALs verloren und waren heil zurückgekehrt, und jene Vorfälle bestimmten jetzt, was getan werden mußte. Trotzdem bebte sie unkontrolliert am ganzen Leib, und ihre Gedanken richteten sich auf ihre Flucht aus den Meerestiefen an der Südküste des Ei-Kontinents. Ich bin schon einmal entkommen. Ich bin ein Überlebenstyp. Schiff , rette uns! Rette dich selbst. Kein Zweifel, das war die Stimme ihrer inneren Ehrlichkeit. Aber ja. Sie wußte, wie dieses Ziel zu erreichen war. 364 Immer wieder hatte sie mit Thomas diesen Ernstfall geübt. Und Panille schien ganz gelassen zu bleiben. Er kannte keine Panik. Er beobachtete die Bildschirme und schätzte das Ausmaß ab, in dem sie vom untergegangenen LAL-Ballon bedeckt wurden. Komisch, daß das Material auf direktem Wege herabgetrieben ist. »Es muß in dieser Lagune eine senkrechte Strömung geben«, sagte Panille, als wolle er auf ihren Gedanken antworten. »Sehen Sie, wie sich das Material über uns drapiert hat.« Thomas hatte zugesehen, wie der Stoff das Boot zudeckte, wie es sich ringsum niedersenkte, einem orangeroten Vorhang gleich, der den Ausblick auf den Tang versperrte. Unmöglich, daß das LAL durch Blitze zerstört worden ist, dachte er. Der Ballon war durch das Ankerkabel geerdet. Außerdem war er in mehrere Zellen unterteilt. Wenn auch nur die Hälfte dieser Zellen
zerstört worden wären, hätte der Ballon trotzdem nicht sinken dürfen. Und der Auftrieb hätte ausreichen müssen, um die heruntergelassene Gondel zu heben. Jemand will unsere Rückkehr verhindern. »Ich glaube, wir können das Zeug jetzt wegschneiden«, sagte Panille. Er berührte Thomas an der Schulter. Ihm gefiel nicht, wie der Mann da vor seinen Kontrollen saß und starr auf die Bildschirme blickte. »Ja … ja. Vielen Dank.« Thomas hob den Bug des U-Bootes an und fuhr die Schneidegeräte aus, peitschenartige Bogenbrenner, die aus ihren Verschlagen in der Hülle glitten und sich sofort an die Arbeit machten. Die Plaskugel erglühte im silberblauen Licht der Brenner. Thomas sah den orangeroten Vorhang auseinanderfallen und herabtreiben. Der Meeresboden wurde aufgewühlt. »Soll ich es tun?« fragte Waela. Abrupt schüttelte er den Kopf. Auch sie schien seine Erstarrung bemerkt zu haben. »Nein, ich schaff e es schon.« 365 Es war eine klare Kette von Maßnahmen: den Gleithaken öffnen, mit dem sie am Ankerkabel festsaßen, dann die Sprengbolzen aktivieren, die die Kommandogondel vom Trägerboot befreite, dann die Tanks ausblasen und mit der Gondel an die Oberfläche steigen. Dort angekommen, würde sich die Gondel automatisch stabilisieren. Aus dieser Position konnten sie dann die Radiosonde abschießen und das Positionszeichen aktivieren. Dann ging es nur noch darum, die Ankunft des Rettungs-LAL abzuwarten. Das Gefühl des Versagens erfüllte Thomas, als er dieses Notprogramm in Gang setzte. Sie hatten mit dem Kommunikationsprogramm gerade erst angefangen … und es war ein guter Plan gewesen. Der Tang hätte uns antworten können. Alle spürten den Ruck der Sprengbolzen. Die Gondel begann sich aus dem Trägerteil zu lösen. Wie eine Perle aus der Auster, dachte Thomas. Als sie an Höhe gewannen, kamen an den freien Stellen der Plaswände die Tanglichter wieder in Sicht. Waela starrte zu den blinkenden Lichtpunkten hinaus. Sie pulsierten und glühten in zuckenden Rhythmen, die eine vage, nicht greifbare Erinnerung auslösten. Wo habe ich das schon einmal gesehen? Es kam ihr so bekannt vor! Lichter, beinahe ausnahmslos grün und purpurn, Lichter, die sie anfunkelten …
Wo? Ich war nur unten im … Die Erinnerung bestürmte sie, und sie rief, ohne nachzudenken: »Die Lichter da draußen leuchten genauso wie bei meiner ersten Rettung. Sie blitzten damals genauso.« »Sind Sie sicher?« fragte Thomas. »Ganz sicher. Ich sehe sie noch vor mir - der sich vor mir öffnende Tang, damit ich unbehindert zur Oberfläche vorstoßen konnte.« 366 »Hyflieger werden aus dem Meer geboren«, sagte Panille. »Vielleicht glaubt der Tang, wir sind ein Hyflieger.« »Durchaus möglich«, sagte Thomas. Und er dachte: Sollten wir das sehen, Schiff ? In dem Gedanken lag eine gewisse elegante Logik. Die Kolonie hatte die Hyflieger kopiert, um den LALs an Pandoras Himmel freie Bahn zu verschaff en. Hyflieger griff en keine LALs an. Vielleicht ließ sich der Tang auf ähnliche Weise täuschen. Das mußte man näher ermitteln. Im Augenblick gab es jedoch wichtigere Überlebensprobleme. Seinen Verdacht der Sabotage mußte, durfte er dem Team nicht vorenthalten. »Das LAL muß etwas Ungewöhnlichem zum Opfer gefallen sein«, sagte er. Panille wandte sich von den Glühwürmchenlichtern des Tangs ab und blickte ihn an. »Sabotage«, fuhr Thomas fort und trug seine Argumente vor. »Das meinen Sie doch nicht im Ernst!« rief Waela. Thomas zuckte die Achseln. Er starrte auf die langsam vorbeigleitenden Tangstränge. Die Gondel hatte schon fast die biologisch aktiven Wasserschichten nahe der Oberfläche erreicht. »Nicht wirklich«, beharrte sie. »Doch«, gab er zurück. Er dachte an sein Gespräch mit Oakes zurück. War der Mann gekommen, um sich eine Sabotagemaßnahme anzusehen? Zumindest hatte er sich nicht auffällig verhalten. Aber seine Antworten zeugten nicht von einer klaren Linie - gewisse Sprünge waren darin zu erkennen gewesen. Panille starrte durch die Plaswände der Gondel in den Tang-käfig. Die Helligkeit nahm zu. Die Oberflächenkuppel aus Licht weitete sich immer mehr aus, die Sonnenstrahlen begannen das Wasser zu durchdringen. Schwimmwesen wichen der Kapsel aus 367
und kamen neugierig wieder näher. Blendende LichtReflexe schossen durch die Tangbarriere herein. Die leuchtenden Auswüchse verloren an Wirkung und verschwanden. Wenige Herzschläge später erreichte die Gondel die Oberfläche. Als das Gefährt in den Strömungen der Lagune zu hüpfen und zu kreiseln begann, aktivierte Thomas das Oberflächenprogramm. Allmählich beruhigte sich die Gondel, getragen von einer gemächlichen Dünung. Der Himmel war wolkenlos, doch in Lee war eine Horde von Hyfliegern auszumachen. Ein Treibanker löste sich aus seinem Außenfach, öffnete sich zur Röhrenform und schob die Kapsel herum. Das plasgefilterte Licht beider Sonnen erfüllte den Kommandoraum mit grellen Spiegelungen. Panille stieß einen langen Seufzer aus und merkte erst daran, daß er den Atem angehalten hatte, aus Furcht, sie könnten auf der Oberfläche nicht zur Ruhe kommen. Sabotage? Waela dachte ebenfalls über Thomas‘ Verdacht nach. Er mußte sich irren. Einige Fetzen des LAL-Ballons trieben auf der Lee-Seite der Lagune zwischen den Tangblättern. So etwas hatte man auch schon nach Blitzschlägen gegen LALs beobachtet. Aber aus wolkenlosem Himmel? Die Stimme der Ehrlichkeit würde sich damit auseinandersetzen müssen! Also die Hyflieger? Hyflieger greifen keine LALs an. Das weißt du. Thomas armierte die Radiosonde und drückte auf den Feuerknopf. Ein Ploppen war von oben zu hören, dann entfernte sich ein roter Schimmer in weitem Bogen, nach links ausschwenkend, und versank wieder im Meer. Orangeroter Rauch brodelte von der Stelle des Aufpralls empor und wurde vom Wind auf die Horde Hyflieger zugetrieben, die am südlichen Horizont kreuzten. 368 Sie sahen, wie sich die Tangblätter aufgeregt wanden und aus dem Wasser hoben, wo die Sonde untergegangen war. Thomas nickte vor sich hin. Die Radiosonde hatte nicht funktioniert. Waela befreite sich aus ihren Sitzgurten und griff nach der Entriegelung für das Dachluk. Panille aber hielt sie am Arm zurück. »Nein! Warten Sie.« »Was?« Sie machte sich frei. Nach der Szene der letzten Nachtseite machte seine Berührung sie
verlegen. Ihre Haut glühte heiß und purpurn, eine Regung, die sie nicht zu steuern vermochte. »Er hat recht«, sagte Thomas. »Noch nichts anfassen.« Thomas löste seinerseits die Gurte, griff nach dem Werkzeugkasten der Gondel und nahm einen Unidreher heraus. Vorsichtig schraubte er damit die Verkleidung des Luken-Mechanismus auf. Der Deckel löste sich und fiel klappernd auf das Deck. Die drei sahen das seltsame grüne Päckchen inmitten der Kontrollen. Kein Zweifel, wenn das Luk entriegelt und geöffnet wurde, mußte das Päckchen von dem Hebel zerdrückt werden. Thomas nahm eine Pinzette aus dem Werkzeugkasten und zog das grüne Päckchen heraus. Vorsichtig bewegte er es zur Seite. Sehr amateurhaft, sagte er sich und dachte an das Training seiner Sternenschiff -Mannschaft im Aufspüren und Entschärfen gefährlicher Geräte. Schiff hat so etwas schon viel besser gekonnt, ehe es Schiff war. Es war eine gute und notwendige Ausbildung gewesen. Man wußte eben nie, wie sich ein durchdrehendes Sternenschiff gegen seine Nabelschnurmannschaft zur Wehr setzen mochte. Haben wir hier ein bösartiges Sternenschiff von raffinierterer Art geschaffen? Sie Spuren der Sabotage, die er bisher registriert hatte sahen ihm allerdings nicht nach Schiff aus. Sie deuteten eher auf Oakes hin … oder auf Lewis. 369 »Was ist das für ein Päckchen?« fragte Waela. »Ich vermute, es handelt sich um Giftdämpfe, die ausgelöst werden, sobald wir das Luk öffnen«, antwortete Thomas. Vorsichtig legte er das Gebilde ab und wandte sich wieder den Lukenkontrollen zu. Das System schien nun unbehindert funktionieren zu können. Langsam entriegelte er das Luk, klappte den Drehgriff herab und begann ihn zu drehen. Das Luk wurde emporgedrückt und legte die Kante mit Dichtungsringen frei und einen Himmel, der nicht von dem allgegenwärtigen Plas gefiltert war. Als er das Luk ganz geöffnet hatte, nahm Thomas das grüne Päckchen mit einer Hand, stieg halb die Leiter hinauf und schleuderte das Gebilde in den Wind. Als es das Wasser berührte, wallte zitronengelber Rauch empor und wurde vom Wind über die tangbedeckten Wellen getragen. Die Blätter an der Oberfläche versuchten sich von dem Rauch fortzurollen, wurden aber berührt
und verdorrten auf der Stelle. Waela umklammerte eine Stützstrebe und legte eine Hand vor den Mund. »Wer war das?« »Oakes«, antwortete Thomas. »Aber warum?« fragte Panille. Die Entdeckung faszinierte ihn mehr als daß sie ihn erschreckte. Notfalls konnte Schiff sie ja retten. »Mag sein, daß er außer sich keinen Psy-Ge in der Kolonie dulden will.« »Sie sind Psy-Ge?« Panille war überrascht. »Hat Waela Ihnen das nicht gesagt?« Thomas stieg die Leiter herab. »Ich …« Sie lief purpurn an. »Es war mir entfallen.« »Vielleicht hat der Boß mit dem Tang Pläne«, meinte Panille. Thomas fuhr herum. »Was meinen Sie damit?« Panille wiederholte Hali Eckels Äußerungen über die Drohung, 370 den Tang zu vernichten. »Warum haben Sie das nicht gesagt?« wollte Waela wissen. »Ich dachte, Hali hätte sich geirrt, und - es ergab sich einfach keine Gelegenheit, davon zu sprechen.« »Bitte bleiben Sie an Ihren Plätzen«, sagte Thomas, »während ich mich umschaue, ob hier noch andere hübsche Überraschungen versteckt sind.« Er begann gebückt seine Suche. »Sie scheinen zu wissen, wonach Sie schauen müssen«, sagte Waela. »Ich bin in diesen Dingen nicht ganz ungeübt.« Der Gedanke beunruhigte sie: Thomas darin geübt, Sabotage aufzuspüren? Panille hörte nur mit halbem Ohr zu. Er verließ seinen Sitz und blickte zum offenen Luk hinauf. Die frische Luft, die durch die Öffnung hereinwehte, hatte einen angenehm süßen Geruch, der ihn irgendwie belebte. Durch eine freie Stelle neben seiner Konsole sah er die Flotte der Hyflieger dichter vor den Wind gehen. Die Bewegungen der Gondel, die Gerüche - sogar die Errettung vor den Gefahren der Tauchfahrt - dies alles erfüllte ihn mit einem intensiven Gefühl des Lebendigseins. Thomas beendete seine Untersuchung. »Nichts«, sagte er. »Ich kann mir immer noch nicht vorstellen …«, begann Waela. »Sie sollten es trotzdem glauben. In Oakes‘ Umgebung geschehen Dinge, von denen wir übrigen nichts wissen sollen.« Sie zeigte sich entrüstet. »Schiff würde es nicht zulassen …«
»Hah!« Thomas verzog das Gesicht. »Vielleicht hat Oakes ja recht. Schiff oder das Schiff ? Woher wollen wir das wissen?« Offene Ketzerei dieser Art interessierte Panille. Noch dazu aus dem Mund eines Psy-Ge. Aber hier ging es um die alte philosophische Frage, um die er sich oft genug mit Schiff auseinandergesetzt 371 hatte, lediglich direkter formuliert. Darüber nachdenkend, beobachtete Panille die Annäherung der Hyflieger und deutete schließlich nach Lee. »Seht euch die Hyflieger an!« Waela warf einen Blick über die Schulter. »Ziemlich viele und sie sind riesig. Was haben sie vor?« »Wahrscheinlich wollen sie uns mal aus der Nähe sehen«, meinte Thomas. »Sie kommen doch nicht nahe heran, oder?« Panille betrachtete die orangerote Horde. Es waren Lebewesen, die vielleicht sogar Intelligenz besaßen. »Haben sie jemals einen Menschen angegriffen?« »Darüber wird gestritten«, antwortete Waela. »Ihre Flugeigenschaften gehen auf Wasserstoff zurück - ein sehr explosives Zeug, wenn es mit Feuer in Berührung kommt. Es hat Zwischenfälle gegeben …« »Lewis meint, sie opfern sich als lebendige Bomben«, sagte Thomas. »Ich finde, sie sind nur neugierig.« »Könnten sie uns schaden?« fragte Panille und suchte den Horizont ab. Kein Land in Sicht. In den Stauräumen unter ihren Füßen gab es Nahrung und Wasser. Waela hatte die Vorräte vor dem Start überprüft, während er ihr eine Taschenlampe hielt. »Sie könnten einer Gondel ein wenig die Hülle versengen«, entgegnete Thomas, ohne die Arbeit an seiner Konsole zu unterbrechen. »Ich habe den Positionsimpuls ausgelöst, aber die Frequenzen sind ziemlich gestört. Das Funkgerät scheint allerdings zu funktionieren …« »Aber ohne die Sonde kommen wir durch die Störungen nicht durch«, sagte Waela. »Wir sitzen fest!« Panille glich das Schwanken der Gondel aus und stieg mehrere Sprossen der Leiter empor, bis seine Schultern durch das Luk 372 ragten. Mit einem Blick überzeugte er sich, daß die Hyflieger noch immer Kurs auf die Gondel hielten. Er richtete seine
Aufmerksamkeit auf das Sondenstartgerät, das neben dem Luk am Plas festgemacht war. »Was machen Sie?« wollte Thomas wissen. »Ein Gutteil des Antennendrahtes der Sonde ist noch auf der Rolle.« Thomas trat an den Fuß der Leiter und legte den Kopf in den Nacken. »Was haben Sie vor?« Panille starrte auf die Hyflieger, auf die vom Wind bewegte MeeresOberfläche. Er war sich eines überraschenden Gefühls der Freiheit bewußt, als sei die lange Zeit in der Enge der künstlichen Schiffswelt lediglich die Vorbereitung auf diesen Schritt gewesen. Alle Holoaufzeichnungen, all die Geschichtslektionen und intensiven Studien wogen nicht eine Sekunde dieser Realität auf. Die Vorbereitungen hatten ihn allerdings mit Kenntnissen ausgestattet. Er blickte zu Thomas hinab. »Mit einem Drachen bekämen wir die Antenne hoch genug.« »Drachen?« Waela starrte ihn durch das Plas an. Drachen waren aasfressende Vögel. Thomas, der die andere Bedeutung des Wortes kannte, setzte ein nachdenkliches Gesicht auf. »Haben wir das Material dazu?« »Worüber reden Sie?« wollte Waela wissen. Thomas erklärte es ihr. »Oh, Feiertagsflieger!« sagte sie und blickte sich in der Gondel um. »Stoff haben wir. Was ist das?« Sie zog einen Dichtungsstreifen von einem Instrumentenbrett und bog ihn. »Das wäre das richtige Material für die Verstrebungen.« Panille blickte zu den beiden hinab. »Dann wollen wir …« Er sprach nicht weiter; ein Schatten war über die Gondel geglitten. Die drei Menschen hoben die Köpfe. 373 Zwei riesige Hyflieger schwebten dicht über der Gondel. Einige Tentakel hatten sie hochgerollt, während sie mit anderen einige Felsbrocken durchs Wasser schleiften und damit das Gleichgewicht hielten. Der Ballasttentakel eines Hyfliegers streifte an der Gondel entlang und ließ sie heftig schwanken. Panille stützte sich am Lukenrand ab. Der Ballastfelsen rauschte mit schäumendem Kielwasser unter ihm vorbei. »Was haben die vor?« rief Waela. »Das Gas, das wir da vorhin fortgeworfen haben, hat viel Tang getötet«, sagte Thomas. »Ob die Hyflieger wohl den Tang beschützen?« - »Hier kommen weitere!« rief Panille.
Thomas und Waela schauten in die Richtung, in die er gedeutet hatte. Etwa hundert Meter entfernt kreuzte ein goldenschimmernder Schwarm Hyflieger vor dem Wind und wendete wie auf einen unhörbaren Befehl. Panille stieg noch weiter aus der Luke und setzte sich auf den Rand. Aus dieser Höhe konnte er sehen, wie die Ballastfelsen schäumende Linien durch die Wellen zogen und über die Tangblätter hinwegsprangen. Die riesigen Segelkämme der Hyflieger wogten und flatterten beim Wenden und erstarrten dann wieder, als sie sich neu mit Wind füllten. Thomas, der sich unter Panille gestellt hatte, um über den Rand einer Instrumentenbank zu schauen, bekam dieses Manöver zum Teil mit. »Behaupten sie nur nicht, die Wesen hätten keinen Verstand!« sagte er. »Ob wir sie wohl erzürnt haben?« fragte Waela. Panille, dem der Wind zupfend durch das Haar und den Bart fuhr, hörte diese Worte wie aus der uralten Welt Schiff s. Er war von einem unvorstellbaren Hochgefühl durchströmt - endlich frei! Pandora war herrlich! »Wunderschön sind sie!« rief er. »Wunderschön!« 374 Ein lautes Knacken in seinem Rücken ließ Thomas erschrocken herumfahren. Es war der Lautsprecher eines Funkgeräts, das er nach seinem ersten Test eingeschaltet gelassen hatte. Wieder knackte es im Lautsprecher. Dieses Phänomen, das den Funkverkehr Pandoras so unsicher machte, wurde Hyfliegern wie Tang zur Last gelegt aber wie machten sie das? Der Schwarm hatte die Gondel nun beinahe erreicht. Ein gewaltiges Exemplar, das die Spitze übernommen hatte, richtete seinen Felsballast direkt auf die Gondel aus. Thomas hielt den Atem an. Konnte das Plas solchen Schlägen widerstehen? »Sie greifen an!« rief Waela. Panille war noch weiter hinausgeklettert, stand nun auf der obersten Stufe der Leiter und fand mit dem Knie Halt am Rand des offenen Luks. Er schwenkte beide Arme und rief: »Seht sie euch an! Sie sind großartig! Wundervoll!« Thomas wandte sich an Waela, die am Fuß der Leiter verharrte: »Holen Sie den Dummkopf rein!« Noch während er diese Worte brüllte, glitten die eingezogenen Tentakel des vordersten Hyfliegers über die Gondel, und der Stein
prallte unmittelbar vor Waela gegen das Plas. Sie hielt sich verzweifelt an der Leiter fest und schrie etwas zu Panille empor, doch ihre Warnung kam zu spät. Die Gondel neigte sich zur Seite, und Panille, der wild mit den Armen ruderte, wurde zur Seite und aus der Gondel geschleudert. Sie sah, wie sich eine seiner Hände an einen Hyfliegertentakel klammerte, dann wurde er himmelwärts gezogen. Andere Tentakel schlangen sich sofort um seinen Körper, der nun beinahe völlig von den Greifarmen des Hyfliegers eingeschlossen war. Dies alles registrierte sie in unzusammenhängenden Eindrücken, denn unter dem Angriff der Hyflieger geriet die Gondel nun heftig ins Schlingern. Sie griff en an! Thomas hatte in einer Ecke Halt gefunden, wo 375 der Halbkreis der Kontrollen mit dem Kommunikationsstand zusammentraf. Er sah nur Panilles Füße verschwinden und hörte Waelas Schrei: »Sie haben Kerro!« Nach euren Begriff en kann das Selbst Avata genannt werden. Nicht Hyflieger, nicht Tang, nicht Elektro-tang, sondern Avata. Das ist das große Selbst in der Sprache eurer tierischen Vergangenheit. Avata. Diese Bezeichnung in euch findend, weiß Avata, daß wir dasselbe Lied singen. Durch den anderen erfahren Avata wie Mensch das Selbst. Kein zweites Maß für Avata. Jedesmal derselbe Wert. Keine getrennten Eigenschaften oder Formen. Dasselbe beim Menschen. Avata. Aber nicht Avata. Etwas mit Namen zu belegen, heißt etwas beschränken, kontrollieren. Etwas mit Namen zu belegen, ohne zu wissen, daß man eine Beschränkung ausspricht, heißt das Erkennen zu behindern. Bestenfalls ist das eine Ablenkung. Schlimmstenfalls eine falsche Darstellung, ein gestohlenes Etikett, ein Tod. Ein Ding falsch zu benennen und später alles auf den Namen zu beziehen - das ist ein Töten, ein Abschneiden des seelischen Blatts, der Tod des Stengels. Ein Ding ist Selbst oder es ist das Andere. Die Namensgebung ist eine Sache der unmittelbaren Nähe. Avata identifiziert die speziesfache Magnetifikation, den Magnetismus der Nähe, die Wellenlänge des Raums: Menschthomas, Menschkerro, Menschjessup, 376 Menschoakes. Avata sieht Fehlen von Sinnesorganen als erforderlich, um zwischen Klon und Mensch zu unterscheiden. Avata sieht in diesem Mangel keine Schwäche oder Verdrehung. Avata ist
eins in Hyflieger und Tang, nicht getrennt in jedem von beiden, auch nicht dasselbe. Die Zellen unterscheiden sich, teilen aber das Eine. Vor den Menschen machte Avata keine Unterschiede. Beide sind Selbst. Avata möchte euch das Selbst des Anderen lehren, des Menschen im Klon. Einige Dinge bestehen, weil man ihnen einen Namen gibt. Ihr bringt sie in eurer Sprache hervor, ihr bejammert das Leid, das sie euch gebracht haben. Sagt doch einfach, daß diese Dinge nicht so sind. Ändert nicht das Etikett, sondern die Etikettierbarkeit. Tilgt sie aus eurem Leben, indem ihr sie zuerst von eurer Zunge wascht. Im Ignorieren einer Sache, die falsch ist, liegt zugleich ein Wissen. Und somit -ein Lernen. Zu lernen heißt zu wachsen, und zu wachsen heißt zu leben. Ihr solltet das Vergessen üben - und somit das Lernen. »Heimat.« Das ist dein Etikett für diesen Ort, Menschkerro. Avata reinigt hier deine Zunge, damit du den Namen richtig gebrauchst und ihn dann vergißt. Avata bringt dir dies, um dich von Erwartungen zu befreien und damit du die Stichworte begreifst, auf die Avata reagiert oder nicht-reagiert. So lernst du Avata. Du bist zugleich tiefstehend wie hochstehend, und die Kontinutät ist die Kontinuität deines Willens. Betrachte die Ranke, die sich durch »Heimat« windet und die durch und durch Avata 377 ist Ergreife diese Ranke. Schöpfe das Wasser mit den Händen und trink! Du bist der Beobachter-Effekt. KERRO PANILLE Übersetzungen der Avata Und Gott der Herr sprach: »Siehe, der Mensch ist geworden wie unsereiner und weiß, was gut und böse ist. Nun aber, daß er nur nicht ausstrecke seine Hand und breche auch von dem Baum des Lebens und esse und lebe ewiglich! Und er trieb den Menschen aus und ließ lagern vor dem Garten Eden die Cherubim mit dem flammenden, blitzenden Schwert, zu bewachen den Weg zu dem Baum des Lebens. CHRISTLICHES BUCH DER TOTEN Schiffsdokumente Kerro Panilles letzter sinnvoller Gedanke galt der Schönheit des führenden Hyfliegers, der ihn in zwei Meter Höhe passieren würde. Er spürte die Unmittelbarkeit des Meeres und des Windes und sah die schwarze zuckende Tentakelmasse und das lange, starke Glied, das das prächtige Wesen mit dem Ballaststein verband. Im nächsten
Augenblick wurde er von den Füßen gerissen und ergriff den einzig denkbaren Halt - den lang herabhängenden Tentakel. Seine Beschäftigung mit diesen Kreaturen hatte Panille offenbart, daß angeblich gefährliche halluzinatorische Wirkungen von ihnen ausgingen, daß sie darüber hinaus leicht explodierten und im Grunde gefährlich waren wie Schiffsmenschen - aber nichts hatte ihn auf die Realität vorbereiten können. Als seine Hand den 378 Hyflieger berührte, durchfuhr ihn ein elektrisches Summen, das in jedem Sinnesnerv seines Körpers zu einem Crescendo anstieg. Auf seiner Zunge lag der bittere Geschmack von Eisen. Der satte Geruch unzähliger Blumen befiel seine Nase. Seine Ohren waren die Zitadelle heftigster Angriff e - Zimbeln und sirrende Saiten im Wettstreit mit Hörnerschall und Vogelgeschrei. Hinter dieser Belagerung hörte er eine gewaltige Menge einen Choral singen. Dann drehte sein Gleichgewichtssinn durch. Stille. Die Empfindungen endeten wie abgedreht. Bin ich tot? Geschieht dies wirklich? Du lebst, Menschkerro. Auf eine Weise war es wie die Stimme Schiff s. Ruhig, im Ton leicht amüsiert, und er wußte, daß sich die Worte lediglich in seinem Kopf bildeten. Woher weiß ich das? Weil du ein Dichter bist. Wer … wer bist du? Ich bin das Wesen, das du Hyflieger nennst. Ich rette dich aus dem Meer. Der wunderschöne … Ja! Der wunderschöne, prächtige, herrliche Hyflieger! Stolz schwang in dieser Äußerung mit, doch noch immer auch ein Anflug der Belustigung. Du hast mich … Menschkerro genannt. Ja - Menschkerro-Dichter. Was hat der Umstand, daß ich Dichter bin, damit zu tun, daß ich weiß, dies alles geschieht wirklich? Weil du dich auf deine Sinne verläßt. Als hätten diese Worte eine Tür in seinem Körper geöffnet, spürte er die ihn umschließenden Tentakel, den scharfen Zug des Windes dazwischen, und seine inneren Ohren registrierten die 379
Verlagerung einer weiten Kehre, die der Hyflieger beschrieb, als er vor dem Wind wendete. Seine Augen meldeten eine umschattete goldene Fläche wenige Millimeter vor seiner Nase, und er erkannte, daß er auf dem Rücken in einer Wiege aus Tentakeln lag, hoch über sich den Körper des Hyfliegers. Was hast du mit mir gemacht? Ich habe dein Wesen berührt. Was …? Wieder erlebte er den heftigen Angriff auf seine Sinne, diesmal aber stand ein Schema dahinter. Er spürte Ausbrüche der Modulation, die zu schnell kamen, als daß er sie hätte in verständliche Elemente trennen können. Sein Sehvermögen registrierte Bilder, und er erkannte, daß er mit den Augen des Hyfliegers auf das Meer hinabschaute … und auf die Gondel, aus der er gerissen worden war. Er hatte das Gefühl, sich an diese Empfindungen klammern zu müssen wie an seinen Verstand. In den Kulissen seiner Bewußtheit lauerte der Wahnsinn … Und wie zuvor endete die Attacke mit schockierender Plötzlichkeit. Panille lag keuchend im Griff des Hyfliegers. Es war, als werde er von der schönsten Poesie überschwemmt, die die Menschheit jemals hervorgebracht hatte - alles zur gleichen Zeit. Du bist mein erster Dichter, und alle Dichter sind nur durch dich bekannt. Panille spürte eine grundlegende Wahrheit in diesen Worten. Was machst du mit mir? fragte er. Dieses Gespräch hatte viel Ähnlichkeit mit seinem geistigen Kontakt zu Schiff . Ich bin bemüht, den Tod des Menschen und des Selbst zu verhindern. Das klang vernünftig. Panille wußte nichts darauf zu erwidern. Die Gedanken, die ihm 380 kamen, schienen ihm unzureichend zu sein. Gift aus der Gondel hatte Tang getötet. Die Hyflieger, die aus dem Meer hervorgingen, hatten offensichtlich etwas dagegen. Trotzdem ging es diesem Hyflieger darum, einen Menschen zu retten. Ihm kam plötzlich der Gedanke, daß er hier mit einer Informationsquelle sprach, die ihm die Beziehung zwischen Tang und Hyflieger erklären konnte. Doch ehe er die Frage zu überdenken vermochte, füllte die Stimme seinen Kopf, ein einziger Gedankenausbruch: Hyfliegerselbst-Tang-selbstalles-Eins. Dies erinnerte ihn an Schiff , das ihn nach Gott fragte. Er spürte eine
weitere elementare Wahrheit. Der Dichter weiß Bescheid … Dieser Gedanke wand und drehte sich in seinem Kopf, bis er nicht mehr zu sagen wußte, ob er vom Hyflieger ausging oder von ihm selbst. Der Dichter weiß es … der Dichter weiß es … Panille fühlte sich von diesem Gedanken überschwemmt. Er stand noch immer im Vordergrund seines Bewußtseins, als ihm aufging, daß er sich mit dem Hyflieger in einer Sprache unterhielt, die ihm gar nicht bekannt war. Die Gedanken traten ein … er verstand sie … doch von allen Sprachen, die er gelernt hatte, hatte keine etwas mit der Struktur dieses Gesprächs zu tun. Menschkerro, du sprichst die vergessene Sprache deiner tierischen Vergangenheit. So wie ich Gestein spreche, sprichst du diese Sprache. Ehe Panille antworten konnte, spürte er, daß sich die Tentakel ringsum öffneten. Es war ein ungemein seltsames Gefühl: Er war zugleich die Tentakel und er selbst, er wußte, daß er sich an die Avata klammerte, so wie er seine geistige Gesundheit festzuhalten versuchte. Neugier bestimmte sein Wesen. Wie absonderlich dieses Erlebnis war! Was für Poesie würde es ergeben! Dann wurde ihm bewußt, daß er über dem Meer baumelte: Der Schaum am Rand eines fächerförmigen Tangblatts erweckte seine Aufmerksamkeit 381 und ließ ihn nicht wieder los. Er hatte keine Angst; ihn erfüllte lediglich seine gewaltige Neugier. Er wollte jede Kleinigkeit in sich aufnehmen und in sich bewahren, um sie später mit anderen zu teilen. Wind peitschte an ihm vorbei. Er roch ihn, spürte ihn. Er drehte sich im Griff des Hyfliegers und erblickte eine hügelige Masse Hyflieger unmittelbar unter sich. Sie öffneten sich wie aufklappende Blütenblätter rings um die Gondel - orangerote Blütenblätter und die schimmernde Gondel. Mit sanfter Zielstrebigkeit schoben ihn die Tentakel in die Blume, in das Luk der Gondel. Sie folgten ihm und breiteten sich im Inneren der Kapsel aus. Er wußte, er war bei Waela und Thomas, trotzdem sah er noch die Blume vor Augen, deren Blätter sich jetzt schlossen. Ein orangeroter Lichthauch hüllte ihn ein, und er sah durch das Plas auf allen Seiten die Hyflieger, die Gondel in einem Gewirr von Tentakeln haltend. Wieder kehrte das verrückte Spiel seiner Sinne zurück, doch jetzt lief
es langsamer, und er vermochte zwischen den einzelnen Pulsschlägen zu denken. Ja, dort waren Thomas und Waela, mit glasigem Blick - starr vor Entsetzen oder bewußtlos. Helft ihnen, Avatal Selbst die unsterblich scheinenden Götter überleben nur so lange, wie sie von Sterblichen benötigt werden. DIE OAKES-THESEN Oakes begann zu blubbern und zu schnarchen. Sein Körper lag halb begraben unter den Kissen des langen Diwans, der sich in der Redouten-Veranda unter Legatas Gemälde erstreckte. Die 382 Beleuchtung war mattrot, das frühe tagseitige Licht Regas drang durch das Plas über dem Meer. Legata löste sich von Oakes, behutsam zog sie den Ärmel ihres Einteilers unter seinem nackten Oberschenkel hervor. Lautlos begab sie sich zum Plas und starrte auf das tagseitige Licht, das auf den Wellenkämmen zuckte. Das Meer war in wildem Aufruhr und der Horizont eine dicke milchig-weiße Linie. Die unkontrollierte Gewalt des Meeres war abstoßend. Vielleicht bin ich nicht für eine natürliche Welt geschaffen. Sie streifte den Einteiler über, schloß den Reißverschluß. Oakes schnarchte und schnaubte weiter. Ich hätte ihn in den Kissen erdrücken, seinen Körper den Dämonen vorwerfen können. Wer würde mich verdächtigen? Niemand außer Lewis. Der Gedanke war drüben auf dem Diwan beinahe schon Wirklichkeit geworden. Oakes war während der ganzen Dunkelperiode sexuell recht aktiv gewesen. Einmal hatte sie die Arme um seine Rippen gelegt, während er sie schwitzend und schnaufend bearbeitete, doch sie brachte es nicht über sich, ihn zu töten. Nicht einmal Oakes. Wogen schwappten hoch auf den Strand auf der anderen Seite der Bucht. Das Wasser erreichte heute früh besondere Höhen. Die tobende Brandung bildete den Kontrapunkt zu einem tiefen inneren Erbeben der Erde, und sie hörte das Klappern von Felsbrocken auf Gestein. Der Lärm mußte draußen erschreckend sein, wenn sie ihn schon hier drinnen so deutlich hörte. Es ist die Aufgabe der Wellen und Steine, Sand zu machen, dachte sie. Warum kann ich meine Aufgabe nicht auch so gut erfüllen … ohne Fragen zu stellen? Die Antwort kam sofort, als habe sie schon unzählige Male über die
Frage nachgedacht: Weil die Umwandlung von Gestein in Sand kein Töten ist. Es ist Veränderung, keine Auslöschung. 383 Ihr Künstlerblick suchte Ordnung in der Szene vor dem Plas, aber dort herrschte nur Unordnung. Eine wunderschöne Unordnung, die aber auch erschreckend war. Was für ein Kontrast zum friedlichen Treiben in einem schiffseitigen Agrarium! Ein Stück entfernt auf einer Landzunge zur Linken sah sie die Fährstation, den Bogen der Bucht dazwischen und die niedrige Kontur der geschützten Passage von der Redoute in die Station. Das war Lewis‘ Idee gewesen: die Station auf Abstand zu halten, abzuriegeln, sollten von der Kolonie einmal Angreifer landen. Sie spürte plötzlich den Wunsch, die Bucht bedeckt zu sehen von Tangblättern, die sich in der Brandung bewegten, aber der Tang wich zurück … immer weiter zurück … Ein Schaudern lief ihr das Rückgrat herauf und die Arme wieder hinunter. Ein paar Tagesläufe noch, hatte Oakes gesagt. Sie schloß die Augen, und das Bild, das sie plagte, war ihr eigenes Wandgemälde, der anklagende Finger, der unmittelbar auf ihr Herz gerichtet war. Du bringst mich um! sagte der Finger. So heftig sie auch den Kopf schüttelte, die Stimme wollte nicht schweigen. Gegen ihr besseres Wissen trat sie zum Spender und tastete ein Getränk ein. Ihr Hand war sicher. Sie kehrte zu dem plasgeschützten Ausblick zurück und trank langsam, während sie verfolgte, wie sich die Wogen auf der anderen Seite der Bucht den Strand heraufkämpften. Die Wogen hatten die alte Hochwassermarke um mindestens ein Dutzend Meter übertroff en. Sie fragte sich, ob sie Oakes wecken sollte. Plötzlich wogte ein Hyflieger im Tiefflug über den Strand vor der Fährstation. Eine Wächterin erschien am Strandposten, riß die schwere Laspistole an die Schulter und zögerte. Legata hielt in Erwartung des hellroten Blitzes und der Explosion den Atem an. Aber die Frau schoß nicht; sie senkte die Waffe wieder und 384 sah dem zierlichen Hyflieger nach, der hinter der Landzunge aus ihrer Sicht verschwand. Leise seufzend atmete Legata wieder aus. Was passiert, wenn wir keine anderen mehr zu töten haben? Oakes‘ Streben nach einem Paradiesplaneten ging vor dem Bild
dieser Meereslandschaft unter. Er konnte alles so plausibel erscheinen lassen, so natürlich, aber … Was war mit dem Schrei-Raum? Es war ein Symptom. Würden sich die Menschen, wenn es keine Huscher oder Läufer oder - keinen Tang mehr gab, gegeneinander wenden, würden sie sich zu Stämmen zusammenfinden und übereinander herfallen? Ein zweiter Hyflieger trieb weiter draußen vorbei. Das Wesen denkt. Und der verschwindende Tang. Oakes hatte recht, wenn er vermutete, daß sie die Berichte der fehlgeschlagenen UnterwasserForschungsprojekte gesehen hatte. Diese Wesen denken. Es bestand hier eine Intelligenz, von der sie außerhalb des Funktionierens normaler Zellen angerührt wurde, irgendwo in jenem Reich kreativer Phantasie, dem Oakes mißtraute und das er niemals betreten würde. Fast achtzig Prozent dieses Planeten sind von Meeren bedeckt, und wir wissen nicht einmal, was sich darunter befindet. Sie empfand plötzlich eine Art Neid auf die Forscher, die bei Vorstößen unter diese Ozeane ihr Leben riskiert (und verloren) hatten. Was hatten sie gefunden? Weiter unten am Strand prallten zwei riesige Felsbrocken mit einem alles erschütternden Knacken zusammen; sie zuckte nervös und blickte zum Strand auf der gegenüberliegenden Seite der Bucht. So schnell wie das Wasser die Hochwassermarke über385 schritten hatte, begann es sich auch wieder zurückzuziehen. Seltsam. Tonnenschwere Felsbrocken waren vor die Klippenbarriere gegenüber der Redoute gerollt worden. Andere befanden sich zweifellos auf dem Strand, der sich direkt unter ihr befand. Die Felsbrocken, die sie sehen konnte, waren riesig. Soviel Kra … in den Wellen. »Legata « Die Abruptheit seiner Stimme und Berührung ließ sie zusammenfahren, und ihre Hand zerdrückte das Glas. Sie starrte auf ihre Finger, auf die Schnitte, auf ihr Blut, auf die Scherben, die ihr im Fleisch steckten. »Setz dich, meine Liebe!« Nun war er ganz Arzt, was sie dankbar registrierte. Er zupfte die
Scherben heraus, zog Streifen Wundband aus einem Spender an seiner Kom-Konsole, um die Blutungen zu stillen. Seine Hände waren sicher und sanft. Als er fertig war, tätschelte er ihr die Schulter. »Na bitte. Du solltest …« Das Summen der Konsole unterbrach ihn. »Die Kolonie ist hinüber.« Es war Lewis. »Was soll das heißen?« tobte Oakes. »Wie kann die ganze Anlage …« »Eine Überfliegung mit der Fähre hat an der Stelle, wo sich Labor Eins befunden hat, ein großes Loch gezeigt. Zahlreiche Dämonen, die Luken zu den tieferliegenden Ebenen aufgesprengt …« Er zuckte die Achseln, eine winzige Geste auf dem Konsolenschirm. »Das … das würde ja bedeuten, daß Tausende von Leuten … Alle … tot?« Legata konnte sich Lewis nicht gegenüberstellen, nicht einmal auf dem Schirm. Lautlos begab sie sich zu dem Diwan und starrte durch das Plas hinaus. 386 »Hinter einigen Luken können sich Überlebende verschanzt haben«, fuhr Lewis fort. »So haben wir uns gerettet, als …« »Ich weiß, wie du die Situation hier gemeistert hast«, brüllte Oakes. »Was schlägst du vor?« »Ich schlage gar nichts vor.« Oakes knirschte mit den Zähnen und hämmerte stumm auf die Konsole. Dann sagte er: »Du meinst nicht, wir sollten Murdoch den Versuch machen lassen, Leute zu retten?« »Warum die Fähren riskieren? Warum einen unserer letzten guten Leute in Gefahr bringen?« »Natürlich. - Ein Loch, sagst du?« »Nur noch Schutt. Da scheinen Laspistolen und Plastahlschneider am Werk gewesen zu sein.« »Haben sie … Ich meine, gibt es drüben noch Fähren?« »Wir haben alles zerstört, ehe wir uns zurückzogen.« »Ja … ja, natürlich«, murmelte Oakes. Dann: »LALs?« »Nichts mehr.« »Hattest du oder Murdoch mir nicht gesagt, es wäre aus dem Labor Eins drüben alles herausgeholt? Alles hier?« »Anscheinend dachten die Aufständischen, es gäbe dort noch Burst. Sie eroberten die letzte verbleibende Kommunikationsanlage. Sie wandten sich hilfesuchend an … das Schiff .«
»Sie wurden doch nicht …« Oakes konnte die Frage nicht zu Ende sprechen. »Das Schiff hat nicht geantwortet. Wir haben mitgehört.« Oakes wurde von Erleichterung geschüttelt. Ohne sich zu dem Bildschirm mit Lewis‘ Gesicht umzudrehen, rief Legata: »Wie viele Leute haben wir verloren?« »Das weiß Schiff allein!« Lewis lachte. Oakes trennte ruckhaft die Verbindung. Legata ballte die Fäuste. »Wie kann er nur so lachen, wenn es 387 um solche …« Sie schüttelte den Kopf. »Er ist nervös«, sagte Oakes. »Hysterisch.« »Das ist er nicht! Er hat Spaß an der Sache!« »Beruhige dich, Legata! Du solltest dich etwas ausruhen. Wir haben viel zu tun, und ich brauche deine Hilfe. Wir haben die Redoute gerettet. Wir haben den größten Teil der Nahrungsmittel hier, die sich in der Kolonie befanden, und weitaus weniger hungrige Mäuler. Sei dankbar, daß du zu den Lebendigen gehörst.« Welche Sorge in seiner Stimme, in seinen Augen! Sie konnte beinahe glauben, daß er sie wirklich liebte. »Legata …« Er hob die Hand, um sie zu berühren. Sie trat einen Schritt zurück. »Die Kolonie ist vernichtet. Hyflieger und Tang kommen als nächstes an die Reihe. Dann was? Ich?« Sie wußte, daß da ihre eigene Stimme sprach, aber sie hatte keine Kontrolle mehr darüber. »Ich bitte dich, Legata! Wenn du keinen Alkohol verträgst, solltest du die Finger davon lassen!« Sein Blick richtete sich auf die Scherben am Boden. »Besonders so früh tagseits.« Sie wandte ihm den Rücken zu und hörte ihn die Konsolentaste drücken und einen Klon-Arbeiter rufen, der die Reste des Glases wegräumen sollte. Während er sprach, spürte Legata den Rest ihrer Hoffnung in der Morgenluft verfliegen, verschollen im grellen Aufzucken der Wellen dort draußen. Was kann ich gegen ihn unternehmen? 388 Mensch, weißt du, wie interessant es ist, dieses Ding, das du da beschreibst? Avata hat keinen Gott. Wie kommt es, daß du einen Gott hast? Avata hat das Selbst, hat das Universum. Aber du hast einen Gott. Wo hast du diesen Gott gefunden?
KERRO PANILLE Übersetzungen der Avata Für Thomas und Waela war die Rückkehr der Hyflieger ein neuer konzertierter Angriff . Thomas versuchte das Luk der Gondel zu schließen, das aber verklemmt war. Waela forderte ihn schrill auf, sich zu beeilen, und fragte, ob er Kerro sehe. Beide Sonnen waren inzwischen aufgegangen. Ihr Licht lag grell auf dem Meer. Waela fühlte sich schwindlig von den Schwankungen der Kapsel. »Was werden sie mit ihm tun?« rief sie. »Das weiß nur Schiff !« Ruckhaft zog er am Luk, das sich aber nicht bewegte. Der Mechanismus war offenbar bei dem ersten heftigen Zusammenprall mit der Gondel getroffen worden. Thomas blickte auf die herbeisegelnden Hyflieger. Eines der Wesen hatte die Tentakel fest eingerollt. Durchaus möglich, daß es darin Panille festhielt. Er sah, daß die Gondel aus dem Bereich des toten Tangs in eine lebendige grüne Zone geschoben worden war. Das Meer ringsum wurde durch einen Teppich sanft pulsierender Blätter gedämpft. »Sie kommen zurück!« rief Waela. Thomas gab seine Bemühungen um das Luk auf und glitt in die Gondel. »Schnallen Sie sich auf Ihrem Sitz fest!« brüllte er. Und folgte seiner eigenen Anordnung, während er dem näher kommenden orangeroten Schwarm entgegenstarrte. 389 »Was machen sie?« fragte Waela. Es war eine rein rhetorische Frage. Beide sahen deutlich, wie die Hyflieger ihren Flug im letzten Augenblick verlangsamten. Im gemeinschaftlichen Takt drehten sie ihre riesigen Segelmembranen in den Wind und umfaßten die Gondel mit den herabhängenden Tentakeln. Waela löste sich aus ihrem Sitz, doch ehe sie etwas unternehmen konnte, öffnete sich die Masse der Hyflieger über ihr, und Panille wurde durch das Luk hereingeschoben. Sie versuchte der neugierigen Fülle der Tentakel auszuweichen, die Panille begleitete, aber die Gebilde fanden sie. Sie umhüllten ihr Gesicht mit einem Gefühl kribbelnder Trockenheit, die augenblicklich in ein trunkenes Gefühl der Hingabe umschlug. Sie kannte ihren Körper; sie wußte, wo sie war, in der Gondel, die von einer Hängematte aus verschränkten Hyflieger-Tentakeln stillgehalten wurde. Doch nichts war wichtig
außer einem Gefühl der Wonne, das sie bis zur letzten Pore durchdrang. Sie fühlte, daß diese Regungen von Panille ausgingen, und nicht von den Hyfliegern. Avata? Was sind Avata? Dieser Gedanke schien von ihr zu kommen, doch genau wußte sie es nicht. Oben oder Unten waren ihr nicht mehr bewußt. Es gab keine räumliche Festigkeit. Ich verliere den Verstand! All die Schreckensgeschichten über giftige und halluzinatorische Hyflieger brachen durch die Barriere, die sie errichtet hatte, und sie versuchte zu schreien, fand ihre Stimme aber nicht mehr. Aber die Wonnen hielten an. Panille war dicht neben ihr und sagte Dinge, die sie beruhigen sollten. »Alles in Ordnung, Lini.« Woher hat er diesen Namen für mich? Das war ein Name aus meiner Kindheit. Ich hasse den Namen! 390 »Du solltest keinen Teil deiner selbst hassen, Lini.« Die Wonnen ließen sich nicht leugnen. Sie begann zu lachen, konnte dieses Lachen aber nicht hören. Urplötzlich öffnete sich eine Insel der Klarheit ringsum, und sie spürte, daß Kerro Panille nackt neben ihr lag. Sie spürte sein warmes Fleisch auf ihrem Körper. Wo ist meine Kleidung? Es war nicht wichtig. Ich erlebe eine Halluzination. Dies mußte sich aus Thomas‘ Befehl ergeben haben, nach dem sie den Dichter Panille verführen mußte. Sie gab sich dem Traum hin, seiner Wärme und Härte, als er in sie glitt und sie hin und her zu wiegen begann. Und ringsum spürte sie die forschenden Tentakel, die ihren Körper erkundeten, die sich ihr mit Bildern explodierender Sterne anschlossen. Auch das war unwichtig - Halluzinationen. Wichtig war nur die Freude, die Ekstase. Für Panille geriet der verlangsamte Strom des Sinnesangriff s ins Schwanken, als er Waela erblickte. Er spürte seinen eigenen Körper und die der Hyflieger. Wind peitschte die Segelmembranen. Dann hörte er Musik, einen gedehnten sinnlichen Gesang, der sein Fleisch im Rhythmus des Tanzes der Tentakel auf allen Seiten bewegte. Er fühlte sich zu Waela hingezogen, die Hände um ihren Nacken gelegt. Wie elektrisch ihr Fleisch war! Seine Hände öffneten ihren Einteiler.
Sie half ihm nicht, leistete auch keinen Widerstand, sondern erfüllte den sinnlichen Takt mit einem leichten Schwanken ihrer Hüften, das nicht einmal unterbrochen wurde, als der Einteiler von ihrem Körper glitt. Die seltsamste Empfindung von allen: Er sah ihr Fleisch, den lieblichen Körper, doch zugleich sah er einen orangegoldenen Hyflieger aus dem Meer steigen und frei in den Himmel springen, und er sah Hali im warmen gelben Licht unter einer Baumdrom391 Zeder liegen. Staunen erfüllte ihn, während er sich ebenfalls entkleidete und Waela auf das Deck herabzog. Schiff ? Schiff , ist dies die Frau, für die ich mich aufgespart habe? Wie kommt es, daß du dich an Schiff wendest, wenn du dein Menschselbst anrufen könntest? War das Schiff oder Avata? Egal. Er konnte nicht auf eine Antwort warten. Im Augenblick gab es nur den energischen Takt des sexuellen Magnetismus, der ihm jede Bewegung vorschrieb. Waela war plötzlich nicht-Waela, nicht-Hali, nicht-Avata, sondern Teil seines eigenen Fleisches, verbunden mit einem Gefühl gewaltigen Beteiligtseins zahlreicher anderer. Irgendwie hatte er das Gefühl, sich in dieser mächtigen Woge des Empfindens zu verlieren. Thomas, der sich noch im sicheren Griff seiner Gurte befand, als Panille zurückkehrte, wurde von den Tentakeln dort festgehalten. Er versuchte den Angriff abzuwehren, aber … Stimmen! Er hörte Stimmen … Er glaubte den alten Morgan Hempstead sprechen zu hören, im alten Mondstützpunkt, bei der Taufe des Sternenschiff es. ›Ein bedeutsamer Tag.‹ Seine Nase schien anzuschwellen und er nahm den Geruch Pandoras wahr, doch dazu hockte er in seinen eigenen Nasengängen. Tentakel! Sie bewegten sich, berührten ihn unter dem Anzug am ganzen Körper und mieden keine Intimität. Und während sie sich bewegten, saugten sie ihm die Identität aus. Zuerst war er Raja Flattery, dann Thomas, dann wußte er nicht mehr, wer er war. Dies amüsierte ihn, und er glaubte zu lachen. Ich erlebe Halluzinationen. Das war nicht einmal sein eigener Gedanke, denn er war nicht zur Stelle, er war nicht fähig, solche Gedanken zu haben. Irgendwo wirbelte unkontrolliert ein Kopf herum. Er glaubte sein Gehirn in dem Schädelkäfig herumschwappen zu hören. Er wußte, er mußte atmen, doch er konnte nicht feststellen, womit. Er glitt durch einen
392 Gang, den kein Klon jemals erlebt hatte - den Mutterleib aller Mutterleiber. So fühlt es sich an, wenn man geboren wird. Panik drohte ihn zu überwältigen. Ich bin nie geboren worden! Die Hyflieger bringen mich um! Avata tötet dich nicht! Das war eine Stimme, die durch eine Metalltonne hallte. Avata? Er kannte den Begriff aus seinen Studien als Geistlicher - das uralte Superego der hinduistischen Überseele. Wer bin ich, der dies weiß? Er gewahrte Panille und Waela, die nackten zuckenden Körper im Liebesspiel verschlungen. Das höchste biologische Prinzip. Diese Bindung an ihre Vergangenheit haben Klone nicht. Bin ich ein Klon? Wer bin ich? Wer immer er auch war, er wußte, was Klone waren, das war ihm bekannt. Klone waren Eigentum. Morgan Hempstead hatte das gesagt. Wieder drohte ihn Panik zu überrennen, aber dieses Gefühl wurde sofort unterdrückt, als er einem silbrigen Faden der Bewußtwerdung zu folgen versuchte, der sich aber mit seinem Bemühen, ihn zu greifen, immer schneller bewegte. Waela … Panille … Es mußte sich um Menschen handeln, doch er kannte sie nicht; er wußte nur, daß die Namen ihn mit Zorn erfüllten. Irgend etwas zwang ihn zur Ruhe. Das Mandala an seiner Kabinenwand. Ja. Er starrte darauf. Wer war Waela? Ein Gefühl des Verlustes durchströmte ihn. Er hatte seinen Zeitlauf für immer verlassen, weit entrissen dem Ort, an dem er aufgewachsen war, jeder Vergangenheit und eigener Zukunft beraubt. Verdammt sollst du sein, Schiff ! Er wußte, wer Schiff war - der Bewahrer seiner Seele -, dies 393 aber gab ihm das Gefühl ein, selbst Schiff zu sein und sich selbst in die Verdammnis geschickt zu haben. Von der Wirklichkeit blieb nichts. Alles war Verwirrung, alles war in das Chaos gestürzt. Ihr seid es, ihr verdammten Avata/Hyflieger! Haltet diesen Panille aus meinem Verstand fern! Ja, ich habe MEINEM Verstand gesagt! Dunkelheit. Er spürte Dunkelheit und Bewegung, Empfindungen
kontrollierter Bewegung, Ausblicke ins Licht und auf eine grell scheinende Sonne, dann zerklüftete Felsen. Er sah Rega tief über einem zinnenartigen Felshorizont stehen. Fleisch umgab ihn, und er wußte, daß es ihm selbst gehörte. Ich bin Raja Flattery, Psychiater-Geistlicher an Bord … Nein! Ich bin Raja Thomas, Schiff s Teufel! Er blickte an sich herab und stellte fest, daß er auf seiner Kommandocouch angeschnallt war. Die Gondel bewegte sich nicht mehr. Als er durch das Plas hinausblickte, sah er festen Boden - ein feuchtes pandorisches Terrain, übersät mit heimischen Pflanzen: seltsam stachelige Gebilde mit geschwungenen Silberblättern. Er wandte den Kopf, und vor ihm saß Waela auf dem Deck, splitternackt. Sie starrte auf zwei Einteiler. An einem befand sich Waelas Schulterepaulette des LAL-Dienstes, und der andere, der andere … gehörte Panille. Thomas sah sich in der Gondel um. Panille war nicht da. Waela blickte zu Thomas empor. »Ich glaube, es ist wirklich geschehen, wir haben uns geliebt. Und ich war in seinem Geist, während er in den meinen vordrang.« Thomas drückte sich kraftvoll gegen die Rückenlehne seines Sitzes und mühte sich um die Erinnerungsfetzen, die ihm durch den Kopf wirbelten. Wo steckte der verdammte Dichter? Er konnte dort draußen nicht lange durchhalten. Waela fuhr sich mit der Zunge über die Zähne. Sie hatte das Gefühl, den Anschluß an die Zeit verloren zu haben. Sie war aus 394 ihrem Körper gefahren an einen neuen Ort - doch jetzt kannte sie ihren Körper besser als je zuvor. Bilder. Sie erinnerte sich an das frühere, noch schrecklichere Erlebnis vor der Südküste des EiKontinents; sie hatte auf einem Tangblatt gelegen und den Wahnsinn bekämpft. Das jüngste Ereignis in der Gondel war nicht dasselbe, doch das eine gehörte irgendwie zum anderen. In beidem fühlte sie als Folge die Loslösung von ihrer Identität, ein Vermengen linearer Erinnerungen, indem Teile ihrer Vergangenheit aus dem Zusammenhang geschüttelt wurden. Thomas löste seine Gurte, stand auf und blickte durch das filternde Plas hinaus. Er hatte das Gefühl, etwas habe in seine Psyche hineingereicht und ihm jede Energie abgezogen. Was tun wir hier? Wie sind wir hierhergekommen? Von Hyfliegern keine Spur.
Was sind Avata? Die Gondel war in einer weiten flachen Senke abgesetzt worden, umgeben von einem Felsrand. Der Ort kam ihm vage bekannt vor. Der Umriß der Silhouette der Erhebungen im Westen … Er starrte darauf, befangen in der Erstarrung seiner Erinnerungskonzentration. »Wo sind wir?« Waelas Stimme. Seine Kehle war zu trocken. Er konnte nicht antworten. Er mußte einige Sekunden lang krampfhaft schlucken, ehe er sprechen konnte. »Ich … glaube, wir sind irgendwo in der Nähe von Oakes‘ Redoute. Die Felsen dort …« Er deutete mit der Hand. »Wo ist Kerro?« »Nicht hier.« »Er kann nicht draußen sein. Die Dämonen!« Sie stand auf und schaute sich inmitten des sichtbehindernden Gewirrs der Kontrolltafeln um, verdrehte sich den Hals, um keine 395 Richtung auszulassen. Törichter Dichter! Sie schaute zum Luk empor. Es war noch immer off en. In diesem Augenblick erschien ein LAL über dem Felshorizont im Westen; die untergehende Rega hüllte es in einen goldenen Schein. Das LAL wurde durch Ventilaktion neben der Gondel gelandet, das zischend abströmende Gas wirbelte den Staub auf. Die Gondel war ein ganz normales landseitiges Modell, gepanzert gegen Dämonen, übersät mit Waffen. Das Seitenluk öffnete sich einen Spalt, und eine Stimme rief aus dem Inneren: »Wenn ihr lauft, schafft ihr es vielleicht! Keine Dämonen in der Nähe.« Hastig stand Waela auf und streifte ihren Anzug über. Es war, als zöge sie sich in ein vertrautes Fleisch zurück. Das Gefühl der Identität zu haben festigte sich wieder. Ich darf über die Ereignisse nicht weiter nachdenken. Ich lebe. Wir sind gerettet. Aber irgendwo in ihrem Inneren glaubte sie eine Stimme rufen zu hören: »Kerro … Jim … Kerro … wo seid ihr?« Es kam keine Antwort, sie hörte lediglich Thomas darauf bestehen, daß er ihr erst folge, nachdem er sich im Freien umgesehen habe. Verdammter Narr! Ich bin schneller als er. Aber sie folgte ihm wortlos die Leiter hinauf, sah ihn die glatte Rundung der Plasgondel hinabgleiten und folgte dann seinem Beispiel. Das Rettungsluk der anderen Gondel öffnete sich weit, als sie es erreicht hatten, und sie wurden von zwei Händen ins Innere gezerrt. Sie befanden sich in den
vertrauten roten Schatten, die Schiffsmenschen auf ihren Abwehrpositionen überall im Inneren. Waela hörte, wie das Luk hinter ihr zugeknallt und verriegelt wurde, spürte, wie die Gondel sich pendelnd hob. Summend bewegte sich ein Abtaster über ihren Körper. Neben ihr sagte eine Stimme: »Beide sauber.« Erst jetzt ging ihr auf, daß sie sich im Innern der Rettungsgon396 del in einer abgetrennten Plasblase befand. Dies zeugte von nur einer Gefahr: Nervenläufer! Es waren Läufer in der Nähe. Sie verspürte große Dankbarkeit gegenüber dem Schiff smann, der sie abgesucht und den Kontakt mit den Läufern riskiert hatte. Sich umdrehend, erblickte sie eine langarmige Monstrosität, die nur noch entfernt die Form eines Schiffsmenschen hatte. »Wir bringen Sie ins Labor Eins«, sagte er, und sein Mund war ein zahnloses schwarzes Loch. In einem Anfall begeisterten Wahns schuf ich ein vernünftig denkendes Lebewesen und sah mich dann in der Schuld, ihm nach bestem Vermögen Glück und Wohlergehen zu garantieren. Dies war meine Pflicht, doch eine andere Aufgabe war sogar noch dringlicher. Meine Verpflichtung gegenüber den Angehörigen meiner eigenen Spezies hatte Vorrang, repräsentierten sie doch einen größeren Anteil an Glück oder Leid. DR. FRANKENSTEIN SPRICHT Schiffsdokumente Thomas streckte sich in der Hängematte seiner Zelle aus und sah einer Fliege zu, die über die Decke kroch. Es gab keine Sichtluken in dieser Zelle und keinen Chrono. Er hatte keine Ahnung, wieviel Zeit verstrichen war. Die Fliege wich der Erhöhung eines Sensorauges aus. »Wir haben dich also auch mitgebracht«, sagte Thomas laut zu der Fliege. »Würde mich nicht überraschen, wenn sich hier auch ein paar Ratten herumtrieben. Nicht-menschliche Ratten, meine ich.« 397 Die Fliege hielt inne und rieb die Flügel aneinander. Thomas lauschte. Im Korridor vor dem verschlossenen Luk waren immer wieder Schritte zu hören, es gab ein ewiges Hin und Her. Man hatte den Durchgang von draußen verschlossen, im Inneren gab es keinen Griff . Er wußte, er befand sich irgendwo in Oakes‘ berüchtigter Redoute,
dem Festungsvorposten auf dem Schwarzen Drachen. Man hatte ihm die gesamte Kleidung abgenommen und auch alle sonstigen Besitztümer; dafür hatte er einen schlecht passenden grünen Einteiler erhalten. »Quarantäne!« sagte er und schnaubte verächtlich durch die Nase. »Im Mondstützpunkt hieß das ›Loch‹!« Einige Passanten im Korridor draußen rannten sogar. Alles lief hier mit großer Eile ab. Er fragte sich, was da im Gange war. Was passierte drüben in der Kolonie? Wohin hatte man Waela gebracht? Er hatte nur erfahren, daß er für eine Einsatzschlußbesprechung vorgesehen war. Die erwies sich als eine schnelle Untersuchung durch einen fremden Med-Tech und die Isolierung in dieser Zelle. Quarantäne! Ehe sich das Luk schloß, hatte er auf der anderen Gangseite ein Schild entdeckt: »Labor Eins.« Es gab hier also auch ein Labor Eins … oder man hatte das andere aus der Kolonie hierherverlegt. Er war sich des Sensorauges bewußt, das ihn von der Decke bespitzelte. Die Zelle war spartanisch eingerichtet Hängematte, ein festgeschraubter Tisch, ein Waschbecken, eine altmodische Komposttoilette ohne Sitz. Wieder starrte er auf die Fliege. Sie war inzwischen zur gegenüberliegenden Ecke der Zelle vorgedrungen. »Ismael«, sagte er. »Ich glaube, ich nenne dich Ismael.« … seine Hand wird sich gegen jeden Menschen erheben und die Hand jedes Menschen gegen ihn, und er soll der Gegenwart aller seiner Brüder teilhaftig werden. 398 Schiff s eindeutige Gegenwart füllte Thomas‘ Kopf so plötzlich, daß er im Reflex die Hände über die Ohren schlug. »Schiff !« Er schloß die Augen und stellte fest, daß er den Tränen nahe war. Ich darf nicht der Hysterie erliegen! Ich darf es nicht! Warum nicht, Teufel! Die Hysterie hat ihre Vorteile. Besonders unter Menschen. »Für Hysterie ist keine Zeit.« Er öffnete die Augen, löste die Hände von den Ohren und sprach zum Deckensensor hinauf. »Wir müssen Dein Problem der Schiffsverehrung lösen. Man will mich nicht anhören. Ich muß also direkt eingreifen.« Schiff war erbarmungslos. Nicht MEIN Problem. Dein Problem. »Also mein Problem. Ich werde es mit den anderen teilen.« Es wird Zeit, vom Ende zu sprechen, Raj. Aufgebracht starrte er zu dem Sensor empor, als läge darin der
Ursprung für die Wesenheit in seinem Kopf. »Du meinst … das Anhalten der Abspielung?« Ja, die Zeit der Zeiten ist gekommen. Lag Trauer in Schiff s Äußerung? »Mußt Du es tun?« Ja. Schiff meinte es also ernst. Es handelte sich nicht nur um eine neue Abspielung. Eine Abspielung von vielen. Thomas schloß die Augen und spürte, wie seine Stimme in der Kehle schwächer wurde, wie sein Mund austrocknete. Er öffnete die Augen, und die Fliege war fort. »Wie … lange haben wir noch … wie lange?« Es trat eine merkliche Pause ein. Sieben Tagesläufe. »Das reicht nicht! In sechzig könnte ich es schaff en! Gib mir sechzig Tagesläufe Zeit. Was bedeutet dir eine solche Winzigkeit an Zeit?« 399 Eben das, Raj: es ist eine Winzigkeit. Ärgerlich, wie sich das an den empfindlichsten Stellen bemerkbar macht. Sieben Tagesläufe, Raj, dann muß Ich mich um andere Dinge kümmern. »Wie können wir den richtigen Weg zur Schiffsverehrung in sieben Tagen finden? Wir haben Dich seit Jahrhunderten nicht zufriedengestellt, und …« Der Tang stirbt. Es sind noch sieben Tagesläufe bis zur Ausrottung. Oakes glaubt, es dauert länger, aber er irrt sich. Also sieben Tagesläufe für euch alle. »Was wirst Du tun?« Euch der Gewißheit überlassen, daß ihr euch selbst auslöschen werdet. Thomas sprang aus der Hängematte und rief: »Hier drinnen kann ich nichts erreichen. Was erwartest Du von …« »Du da drin! Thomas!« Eine männliche Stimme aus einem verdeckten Vokoder. Thomas glaubte die Stimme Jesus Lewis‘ zu erkennen. »Sind Sie das, Lewis?« »Ja. Mit wem sprechen Sie da?« Thomas blickte zu dem Sensor in der Decke empor. »Ich muß mit Oakes reden.« »Warum?«
»Schiff wird uns vernichten.« Ich lasse es zu, daß ihr euch selbst vernichtet. Die Berichtigung zuckte sanft, aber fest durch sein Bewußtsein. »Und deswegen haben Sie so herumgebrüllt? Sie bilden sich ein, mit dem Schiff gesprochen zu haben?« In Lewis‘ Stimme lag Verachtung. »Ich habe mit Schiff gesprochen! Unsere Schiffsverehrung stimmt vorn und hinten nicht. Schiff fordert, daß wir uns darüber klarwerden …« 400 »Schiff fordert! Das Schiff wird merken müssen, welcher Stellenwert ihm zukommt. Es ist nichts weiter als ein funktionelles …« »Wo ist Waela?« Er brüllte die Worte voller Verzweiflung heraus. Er brauchte Hilfe. Waela mochte ihn verstehen. »Waela ist schwanger und wurde schiffseits geschickt, zu den Natali. Noch haben wir hier keine Geburtseinrichtungen.« »Lewis, bitte hören Sie mir zu! Bitte glauben Sie mir! Schiff hat mich aus der Hib geweckt, um euch allen einen Termin zu setzen. Sie haben nicht mehr viel Zeit, um …« »Wir haben alle Zeit der Welt!« »Genau! Und diese Welt hat nur noch sieben weitere Tagesläufe, Schiff fordert, daß wir es richtig zu verehren lernen, ehe …« »Schiffsverehrung! Mit solchem Unsinn können wir keine Zeit verschwenden. Wir müssen einen ganzen Planeten umformen, damit man sicher darauf leben kann!« »Lewis, ich muß mit Oakes sprechen.« »Glauben Sie wirklich, ich werde den Psy-Ge mit Ihrem Gerede belästigen?« »Sie vergessen, daß ich auch Psy-Ge bin.« »Sie sind verrückt - und ein Klon.« »Wenn Sie mich nicht anhören, gehen Sie der Katastrophe entgegen! Schiff wird die Abspielung … es wird für die Menschheit das endgültige Ende bedeuten.« »Ich habe in bezug auf Sie meine Befehle, Thomas, und ich werde sie befolgen. Hier ist nur Platz für einen Psy-Ge.« Das Luk hinter Thomas sprang auf. Er fuhr herum und sah das gelbe tagseitige Licht des Korridors rings um einen E-Klon-Wächter riesiger Kopf, rundes schwarzes Loch als Mund, gewaltige Arme, die beinahe bis zu den Fußknöcheln herabhingen. Die Augen waren vorgequollen und leuchtend rot.
»Du!« Eine grollende Stimme tönte aus dem runden schwarzen 401 Loch. »Raus hier!« Eine der fleischigen Hände schoß in den Raum, legte sich um Thomas‘ Hals und zerrte ihn in den Gang hinaus. »Schiffsverehrung. Wir müssen es lernen, Schiff zu verehren«, krächzte Thomas. »Diesen Unsinn mit der Schiffsverehrung habe ich langsam satt«, sagte der Wächter. »Du kommst raus!« Der Wächter ließ Thomas los und stieß ihn heftig den Gang hinab. »Wohin gehen wir? Ich muß mit Oakes reden.« Der Wächter hob einen Arm und deutete in den Gang. »Raus!« »Aber …« Ein neuerlicher Stoß warf Thomas beinahe von den Füßen. Gegen die Körperkräfte dieses Klons gab es kein Mittel. Thomas ließ sich den Gang entlangdrücken. Er verlief in einer Krümmung zur Rechten und endete an einem Luk mit Schleuse. Der Wächter umfaßte mit erbarmungslosem Griff Thomas‘ Arm und öffnete das Luk. Es klappte weit auf und offenbarte die ungeschütze Weite Pandoras im grellen Querlicht Alkis, die links tief über dem Horizont stand. Ein abrupter Stoß des Klons ließ Thomas atemlos zu Boden stürzen. Irgendwo über sich hörte er das ferne Pfeifen einer Horde Hyflieger. Sie haben mich zum Sterben ins Freie geschickt! 402 Und der Herr sprach: »Siehe, es ist einerlei Volk und einerlei Sprache unter ihnen allen …, sie werden nicht ablassen von allem, was sie sich vorgenommen haben zu tun. Wohlauf, lasset uns herniederfahren und ihre Sprache daselbst verwirren, daß keiner des anderen Sprache verstehe! CHRISTLICHES BUCH DER TOTEN Schiffsdokumente Von dem Augenblick, da ihr die ersten Tentakel über das Gesicht strichen, und dem Moment, da sie in die Fähre zum Schiff gebracht wurde, lebte Waela in einem verwischten Durcheinander von Vergangenheit-Gegenwart-Zukunft, über das sie keine Kontrolle hatte. Kerro war fort, Thomas war nicht erreichbar, soviel wußte sie. Und der Kontakt mit den Hyfliegern hatte in ihrem Geist eine Stimme zurückgelassen. Dort loderte sie auf in Attacken völliger Inanspruchnahme. Sie schwankte zwischen der Hinnahme der Stimme und der Überzeugung, daß sie den Verstand verloren hatte. Die Stimme von Ehrlichkeit antwortete nicht mehr, diese neue Stimme aber überfiel sie ohne Vorwarnung. Wenn sie ertönte, fühlte
sie dieselbe sinnliche Ekstase, wie sie sie in der Gondel erlebt hatte. Dies ist die Methode der Avata zu lehren und zu lernen. Immer wieder sprach die Stimme diese Worte. Wenn sie Fragen stellte, kamen Antworten, doch in einem Jargon, der sie verwirrte. Das Wissen, Menschwaela, strömt wie Elektrizität zwischen Polen. Sie aktiviert und lädt alles, was sie berührt. Sie lädt das, was sie bewegt und sich in ihr bewegt. Du bist ein solcher Pol. 403 Sie wußte, was die Worte bedeuteten, doch ihr Zusammenspiel verwirrte sie. Und die ganze Zeit über war sie sich vage der Abfertigungsprozedur bewußt, nachdem die Rettungsgondel sie an der Kolonie abgesetzt hatte. Thomas wurde irgendwohin gebracht, und sie kam sofort zur Einsatzschlußbesprechung in eine medizinische Abteilung. Das Gespräch wurde von Lewis geführt erstaunlich! Und bei dieser Gelegenheit zuckte der erste fordernde Blitz in ihr auf. Waela. Ich habe die Avata gefunden. Sie wußte, es geschah nichts Akustisches, trotzdem füllte die Stimme ihre Gehörnerven. Es war Kerro Panille, kein Zweifel. Nicht seine Stimme, doch seine Identität auf eine innere Weise entschlüsselt, die sich nicht verschleiern ließ. Sie war sich seiner Identität so sicher wie ihrer eigenen. Dabei wußte sie nicht einmal bestimmt, ob Kerro überhaupt noch am Leben war! Ich lebe noch. Dann hatte er eine Möglichkeit gefunden, seinen Verstand auszuschicken … oder hinein … Entweder das, oder ich bin verrückt, dachte sie. Sie kam sich nicht verwirrt vor, als sie in der grellweißen gekachelten Kabine des Medizinischen Zentrums vor Lewis stand, der sich hinter einem Metalltisch verschanzt hatte. Hände stützten sie. Es war Nachtseite; das wußte sie. Rega war untergegangen, und man hatte sie sofort hierhergebracht. Lewis sprach zu ihr, und sie schüttelte immer wieder den Kopf, unfähig, ihm zu antworten, weil die Stimme ihren Kopf erfüllte. Ein älterer Med-Tech sagte etwas zu Lewis. Sie hörte drei Worte: »… zu früh für …« Und schon kehrte der Wirbel der störenden Stimme zurück. Sie wußte nicht genau, ob sie Worte erkannte - oder ob man es überhaupt eine Stimme nennen konnte -, doch sie wußte genau, was 404
gesagt wurde. Es war eine Nicht-Sprache, was ihr bewußt wurde, als sie erkannte, daß sie in Kerros Botschaften nicht zwischen »Ich« und »Wir« zu unterscheiden vermochte. Eine Sprachbarriere war eingerissen worden. In diesem Augenblick des Erkennens kannte sie Avata so, wie Kerro die Avata kannte. Sie fragte sich, woher sie das erfahren hatte, diesen uralten Fetzen menschlicher Geschichte. Wie habe ich davon erfahren, Kerro Panille? Was dem einen getan wird, spüren alle, Menschwaela. »Warum bin ich Menschwaela?« Sie stellte die Frage laut und bemerkte einen seltsamen Ausdruck auf Lewis‘ Gesicht, der in seinem Gespräch mit dem Med-Tech abgelenkt worden war. Aber das störte sie nicht. Sie spürte, wie ihr Denken behäbig im pandorischen Wind dahintrieb. Die Leute ringsum reagierten mit Gemurmel und Kopfschütteln - mehrere Med-Techs waren darunter … ein gesamtes Team. Sie blendete sie aus. Nichts war wichtiger als die Stimme in ihrem Verstand. Du bist Menschwaela, weil du Mensch und Waela zugleich bist. Es mag die Zeit kommen, da das nicht der Fall ist. Dann wirst du Mensch sein. »Wann wird das geschehen?« Die kalte Spitze einer Pribox drang ihr in den linken Handrücken, schickte ein Prickeln den Arm hinauf und ließ einen Wirbelwind wirrer Erinnerungen über sie hereinbrechen, die nicht ihr gehörten. Wenn du all das weißt, was Anderemenschen wissen, und Anderemenschen alles über dich, dann bist du Mensch. Sie konzentrierte sich auf das großartige Universum des Inneren, das dieser Gedanke vor ihr öffnete. Avata. Sie hatte kein ZeitEmpfinden, während sie in den Armen Avatas schwebte, und wußte auch nicht, ob Avata tatsächlich bei ihr war. Wenn es nur 405 ein Traum war, sollte er niemals enden. Nur du kannst ihn beenden, Menschwaela, siehst du? Erinnerungen strömten in sie - von der ersten sinnlichen Bewußtwerdung der ersten Avata zur Ankunft der Schiffsmenschen auf Pandora und schließlich ihrer Rettung aus der Gondel - dies alles strömte in einem zeitlosen Blitz in sie, in einem nichtlinearen Strom der Empfindungen. Dies ist keine Halluzination! Sie sah Menschen, Schiffsmensch/Menschen vieler Sonnen und
unzähliger Geschichtsläufe, die mit ihnen starben. Es verblüffte sie, weshalb sie das alles begriff . Wie sie … Sie hörte die Stimme in ihrem Kopf: Dies tauschen wir mit jenen, die wir berühren. Die Leben aller Menschen sind in jedem von euch lebendig. Aber du und Menschkerro, ihr seid die ersten, die den Handel erkennen. Andere wehren sich und haben Angst. Angst löscht aus. Menschthomas widersetzt sich uns, aber aus Menschangst, nicht aus Menschthomas-Angst. Es gibt da etwas, das er nicht eintauschen will. Waela merkte plötzlich, daß sie durch die Augen eines anderen spionierte. Sie schaute in einen Spiegel, und das Gesicht, das sie anblickte, gehörte Raja Thomas. Eine zitternde Hand erkundete das Gesicht, ein bleiches, müdes Gesicht. Sie hörte eine Stimme, von der sie wußte, daß sie Schiff gehörte. Raja. Es folgten keine geistigen Bilder mehr. Er drängte sie hinaus. Wehrte sie ab. Sie fand sich allein auf der Rollbahn in einem Gang der Redoute. Thomas hat also Sprechkontakt mit Schiff . »Warum?« Die Frage war ein trockenes Kichern in ihrer Kehle, und eine in der Nähe stehende Med-Tech beugte sich über sie. »Bald sind Sie schiffseits, meine Liebe. Machen Sie sich keine Sorgen.« Die Gurte der Liege schmerzten ihr an den Brüsten. 406 Dies ist Pandora, Menschwaela. Hier ist das Böse losgelassen, und zwar restlos. Da war die Stimme wieder. Nicht Kerro. Avata? Das Wort kribbelte ihr auf der Zunge, als Med-Techs die Bahre an Bord einer Fähre rollten. Nun hing ein anderes Gesicht über ihr Traum oder Wirklichkeit? Klein, ein Gesicht, wie Lewis es hatte, aber nicht Lewis. Die Stimmen ringsum bildeten ein sinnloses Gewirr. Sie wurde geschoben, gedrückt und untersucht, doch ihre Aufmerksamkeit blieb auf die Stimme in ihrem Kopf gerichtet und auf die Verbindung, die sie zu jener komplizierten Kette der Menschheit gesehen hatte. »Sie ist schwanger. Das heißt schiffseits, zu den Natali. Befehl.« »Wie lange ist sie schon schwanger?« »Sieht aus wie mehr als ein Monat.« Das kann nicht sein! dachte sie. Ich bin eben erst eingetroffen, und Kerro und ich …
Plötzlich war sie sich eines doppelten Zeitgefühls bewußt - auf einer Ebene wußte sie, daß sie gegen Ende des Tageslaufs in der Redoute eingetroffen war, in dem das U-Boot in die Lagunen getaucht war. Der andere Zeitsinn regte sich in ihrem Unterleib, und die Uhr dort war verrückt geworden … sie drehte sich, drehte sich, drehte sich. Sie raste voran und hatte mit der Uhr in ihrem Kopf nichts mehr zu tun. »Bald ist sie das Problem der Natali«, sagte jemand. Das waren Worte in ihrem Ohr. Die auseinanderklaffende Zeit war viel wichtiger. Seit dem Augenblick, da Kerro in sie geglitten war … Die Zeit war aus dem Takt gekommen. Sie wußte nur, daß sie bei den Natali schiffseits abgeliefert werden mußte. Das gehörte zur Schiffsverehrung. Wie kann das sein, Avata! 407 Sie spürte, daß sie schwanger sein sollte und der Akt der Befruchtung eine Formalität der Avata darstellte. Als sich das Luk zur Fähre öffnete, faßte der schmalgesichtige Mann nach der Liege, und sie sah, daß er einer von Murdochs Leuten war, ein langfingriger Klon, der mit Falsettstimme sprach. Ein Angstschock fuhr ihr durch den Körper. »Komm ich schiffseits?« Sie brachte es nicht über sich, die andere Hälfte der Frage auszusprechen: »Oder ins Labor Eins?« »Ja«, sagte er, als er sie über die Schwelle der Fähre ruckeln ließ. »Was machen wir jetzt?« fragte sie laut. Und die Stimme in ihrem Kopf sagte: Die Welt retten. Dann wurden die Riegel vorgedreht, und sie schlief ein. Wissen, Gewissen, besser wissen Schiffsdokumente »Schiffseits!« schrie Oakes in den Vokoder seiner Konsole. »Wer hat angeordnet, die TaoLini schiffseits zu bringen?« Der Med-Tech, der ihn aus dem Schirm ansah, verzog entsetzt das Gesicht. Sein kleiner Mund verkrampfte sich und ließ eine Folge gestotterter Worte heraus. »Sie, Sir. Ich meine … Befehle. Sie ist schwanger, Sir, und Sie haben die Schiffsverehrungs-Befehle unterschrieben, wonach alle…« »Halten Sie mir nicht vor, was ich unterschrieben habe!« »Nein, Sir. Geben Sie Befehl, sie zurückzuholen, Sir?« Oakes preßte eine Hand an die Stirn.
408 Dazu war es jetzt zu spät. Die Natali haben sie. Sie bodenseits wieder aufzunehmen hätte einen Befehl von höchster Stelle vorausgesetzt, und das hätte Aufmerksamkeit erregt. Die Redoute machte schon genügend Probleme. Am besten ließ man die Sache laufen, bis sich etwas arrangieren ließ … Verdammt! Warum konnten wir die Natali nicht nach unten holen … »Ich möchte mit Murdoch sprechen.« »Er ist schiffseits, Sir.« »Das weiß ich! Machen Sie mir eine Verbindung zu ihm, schleunigst!« Er schlug mit der Handkante auf die Taste der Konsole, und das erschrockene kleine Gesicht des Med-Techs verschwand vom Schirm. Verdammt! Gerade als alles so gut zu laufen begann! Er starrte über die klare Bucht neben der Fährstation. Dort war schon kein Tang mehr zu sehen. Die Perimeterlampen und die Handlampen der Nachtarbeiter spiegelten sich auf dem ruhigen Wasser. Kein Tang. Unversehens wird er von Pandora verschwunden sein. Damit blieb Schiff . Das Schiff . Und jetzt die TaoLini. Man hatte keine Ahnung, was sie wußte. Thomas mochte ihr alles eingeredet haben. Immerhin war er Psy-Ge … Oakes wandte sich wieder seiner Konsole zu und aktivierte den Holo von Thomas Einsatzschlußbesprechung. Thomas saß in der Mitte des Raumes, eine Zelle von drei Metern im Quadrat. Er starrte den Sensor an. Eine große Frau aus der Verhaltens-Abteilung stand Thomas gegenüber, und er bewegte den Kopf hin und her. »Keine Zeit. Keine Zeit. ›Ihr habt zu entscheiden, in welcher 409 Form ihr Schiff verehren wollt‹ - dies sagt Schiff , und die Lösung liegt im Meer. Ich weiß, das Meer gibt den Aufschluß. Schiffsverehrung … Schiffsverehrung. Und es bleibt keine Zeit mehr, nach all den Äonen und all den Welten. Keine Zeit mehr. Keine Zeit …« Angewidert schaltete Oakes das Holo ab. Der Tang hat ihm die Sinne verwirrt, soviel ist klar. Vielleicht nur gut so. Er schlenderte zum Plas, das ihm einen Ausblick auf den Ozean
gestattete, und verfolgte die BlitzReflexe der Schweiß- und Schneidegeräte auf dem Wasser. Der Tang ist ein Tausch, dachte er. So verkehrt hat Thomas da gar nicht gelegen. Durch die Entfernung des Tangs verschaff en wir uns Zeit, und mit der Zeit kaufen wir uns eine Welt. Kein schlechter Handel. Immer wieder schritt er auf und ab, vom Plas zur Konsole von der Konsole zum Plas … Die TaoLini schiffseits zu wissen war eine zu große Variable. Er mußte etwas unternehmen. Verdammter Tech! Wieder hieb er mit der Faust auf den Schalttisch. Er hätte sie beschwatzen sollen, ins Labor Eins zu kommen, anstatt sie schiffseits gehen zu lassen. Kann denn der Dummkopf keinen eigenen Gedanken fassen? Muß ich jede Entscheidung selbst fällen? Er wußte, daß Murdoch oben in einen kleinen Machtkampf mit Ferry verwickelt war, aber beide gehörten zu Lewis, und das war Lewis‘ Problem. Im Grunde war Lewis schuld an dem ganzen Fiasko. »Bis sie sich mit dem Psy-Ge anlegen«, sagte er laut und richtete einen zustimmenden Finger auf sein Spiegelbild im Plas. Auf der anderen Seite des Spiegelbilds machte sich in der Bucht das rhythmische Rauschen kleiner Wellen bemerkbar, die am Strand emporzüngelten. 410 Beugung ist das Adjektiv der Sprache. Sie vermittelt die Feinheiten von Entzücken und Entsetzen, die Essenz von Kultur und gesellschaftlicher Entwicklung. So ist es mit dem Lichtmuster, das der Tang zur Schau stellt, so ist es mit dem Lied des Hyfliegers. KERRO PANILLE Geschichte der Avata (aus dem »Vorwort«) Waela betrachtete einen Holo, der Panille als Kind zeigte. Bis auf die projizierten Vorgänge im Holofokus war es still in dem kleinen Lernraum. Warmes blaues Licht erfüllte die Kabine, gedämpft, damit die Holodarstellung klarer hervortrat. Jedesmal wenn der Holoton nachließ, war das leise Surren der Ventilatoren zu hören. In regelmäßigen Abständen wendete Waela den Kopf ein wenig nach links und trank aus einer Röhre, die zu einem Schiffsspender führte. Ihre linke Hand lag sanft auf ihrem Unterleib, und sie glaubte das Wachstum des Fötus förmlich zu spüren. Die Schnelligkeit dieses Wachstums war offenbar, doch sie mochte nicht daran denken. Jedesmal wenn sie sich mit dem Rätsel der Ereignisse in ihrem Leib abgeben mußte, durchfuhr sie ein Hicksen des Entsetzens - eine Empfindung, die sofort irgendwie gedämpft wurde.
Eine Aura der Isolierung lag in dem Studierraum - eine Unterstreichung ihrer Erkenntnis, daß sie vom normalen schiffseitigen Leben ferngehalten wurde. Die Natali taten dies absichtlich. Beißender Hunger bestimmte die Bewegungen ihres Mundes am Schiffsspender. Sie trank gierig und mit einem gewissen Schuldbewußtsein. Hali Eckel hatte ihr nicht erklärt, warum es hier einen Schiffsspender gab oder warum das Schiff sie daraus ernährte, während es andere zurückwies. Von Zeit zu Zeit überkam Waela ein Gefühl der Rebellion, doch auch diese Aufwallungen wurden durch eine unerklärliche automatische Reaktion gedämpft. Sie 411 saß da und starrte unentwegt auf den Holo des jungen Panille. Im Augenblick zeigte der Holo ihn als Schläfer in seiner Kabine. Die Zeitanzeige gab sein damaliges Alter mit nur zwölf Annos an, und es gab keinen Hinweis darauf, wer diesen Holo autorisiert hatte. In diesem Augenblick rasselte ein Schiff -Vokoder in der Kabine des Kindes und weckte es. Panille richtete sich auf, reckte sich gähnend und stellte dann die Kabinenbeleuchtung stärker, während er sich mit der anderen Hand die Augen rieb. Schiff s Stimme erfüllte die Kabine mit ihrer schrecklichen Klarheit. »Letzte Nachtseite hast du Anspruch erhoben auf eine Verwandtschaft mit Gott. Warum schläfst du? Götter brauchen keinen Schlaf.« Panille zuckte die Achseln und starrte auf den Vokoder, aus dem Schiff s Stimme gedrungen war. »Schiff , hast Du Dich jemals so weit ausgestreckt, wie Du langen kannst, und gegähnt?« Waela stockte der Atem angesichts der Kühnheit des Kindes. Die Frage atmete Blasphemie, und es kam keine Antwort. Panille wartete. Für einen Jungen seines Alters kam er Waela sehr geduldig vor. »Nun?« fragte er schließlich in selbstgefälliger Freude über seine Logik. »Tut mir leid, junger Kerro. Mir ist ein wenig der Kopf auf die Brust gesunken, was du anscheinend nicht gesehen hast.« »Wie hätte Dir das geschehen können? Du hast doch gar keinen Kopf, den du auf ein Kissen legen könntest.« Waela atmete scharf aus. Das Kind forderte Schiff heraus, wegen Schiff s Frage nach der Verwandtschaft mit Gott. Sie wartete auf Schiff s Antwort und staunte schließlich darüber.
»Vielleicht liegen der Kopf, der Mir herabsinkt, und die Muskeln, die Ich strecke, lediglich nicht in deinem Sehbereich.« Panille nahm einen Becher Wasser von dem Wasserspender in 412 seiner Kabine und trank. »Du stellst Dir nur vor, wie es ist, wenn man sich streckt. Das ist nicht dasselbe.« »Ich habe mich wirklich gestreckt. Vielleicht bildest du dir nur ein, was Strecken ist.« »Ich strecke mich wirklich, weil ich einen Körper habe und dieser Körper manchmal schlafen möchte.« Waela glaubte einen abwehrenden Ton in seiner Stimme zu hören, doch Schiff antwortete mit deutlicher Belustigung. »Unterschätze die Kräfte der Einbildung nicht, Kerro. Das Wort allein verrät, daß hier ein Schöpfer von Bildern am Werk ist. Ist das nicht die Essenz deines Erlebens als Mensch?« »Aber Bilder sind doch - nur Bilder.« »Und die Kunstfertigkeit deiner Bilder, was ist das? Wenn du eines Tages einen Bericht über alle deine Erlebnisse zusammenstellst, wird das Kunst sein? Sag mir, woher du weißt, daß du existierst.« Waela schlug auf den Unterbrecherknopf. Das Holobild des jungen Panille verharrte noch einen Augenblick lang als Negativ, wie ein Nachgedanke, und erlosch. Doch sie glaubte sein Nicken gesehen zu haben, ehe sie die Abspielung unterbrach, als habe er eine plötzliche Einsicht gewonnen. Ja, was gewann er tatsächlich aus seiner seltsamen Verständigungsmethode mit Schiff ? Sie fühlte sich der Aufgabe, Panille zu verstehen, nicht gewachsen, trotz dieser geheimnisvollen Aufzeichnungen. Woher hatte Hali Eckel von diesen Holos gewußt? Waela sah sich in der winzigen Lernkabine um. Was für ein seltsamer kleiner Raum hinter dem versteckten Luk! Warum wollte Hali, daß ich mir diese Aufzeichnungen ansehe? Kann ich ihn wirklich in seiner Vergangenheit finden - indem ich das Gespenst seiner Kindheit tilge oder seine Stimme aus meinem Kopf vertreibe? 413 Waela preßte die Handflächen gegen die Schläfen. Diese Stimme! In den ungeschütztesten Augenblicken der Panik drang jene Stimme in ihren Verstand, forderte sie auf, ruhig zu sein, hinzunehmen, und erzählte ihr unheimliche Dinge über jemanden namens Avata.
Ich werde noch verrückt. Ich spüre es deutlich. Sie senkte die Hände und preßte sie gegen ihren Unterleib, als könne der Druck das schreckliche Tempo des Wachstums in ihr verringern. Hali Eckel klopfte schüchtern an das Luk. Es öffnete sich eben weit genug, um sie hereingleiten zu lassen. Sie verriegelte den Durchgang wieder und schwang ihre Pribox an der Hüfte herum. »Was haben Sie erfahren?« fragte Hali. Waela deutete auf das Gewirr der Holoaufzeichnungen rings um ihren Stuhl. »Wer hat die gemacht?« »Schiff .« Hali stellte ihre Pribox auf Waelas Sessellehne. »Sie verraten mir aber nicht, was ich wissen will.« »Schiff ist kein Wahrsager.« Waela wunderte sich über diese seltsame Antwort, Es gab Augenblicke, da Hali im Begriff zu stehen schien, etwas Wichtiges über Schiff zu sagen, etwas Privates und Geheimes, doch die Offenbarung blieb stets aus - es kamen lediglich solche absonderlichen Äußerungen. Hali befestigte den kalten Platinkontakt der Pribox auf Waelas linkem Handrücken. Die Berührung löste ein kurzes schmerzhaftes Kribbeln aus, das aber schnell nachließ. »Warum wächst das Kind in mir so schnell?« fragte Waela. Die Brandungswoge des Entsetzens lauerte in ihrem Kopf, verschwand wieder. »Wir wissen es nicht«, antwortete Hali. »Es stimmt etwas nicht, das weiß ich genau.« Die Worte wurden 414 tonlos gesprochen, ohne jedes Gefühl. Hali betrachtete die Instrumente ihrer Pribox, sah sich dann Waelas Augen, Zähne und Haut an. »Wir haben keine Erklärung dafür, aber ich versichere Ihnen, daß abgesehen von der Geschwindigkeit alles normal ist. Ihr Körper hat in nur wenigen Stunden die Arbeit von Monaten verrichtet.« »Warum? Ist das Baby …« »Unsere Messungen ergeben, daß das Kind in jeder Beziehung normal ist.« »Aber es kann doch nicht normal sein, wenn es …« »Schiff sagt, Sie erhalten alle Nähr- und Spurenelemente, die Sie brauchen.« Hali deutete auf die Röhre, die zum Schiffsspender führte. »Schiff sagt das!« Waela blickte auf die Verbindung zwischen ihrer
Hand und der Pribox. Hali gab eine kardiographische Messung ein. »Herz normal, Blutdruck normal, Blutzusammensetzung normal. Alles normal.« »Das stimmt aber nicht!« Waela keuchte, so sehr strengte es sie an, ein Gefühl in ihre Stimme zu legen. Irgend etwas wollte nicht, daß sie sich aufregte, daß sie frustriert war. »Dieses Kind wächst mit einem Tempo von etwa dreiundzwanzig Stunden, bezogen auf jede reale Stunde«, sagte Hali. »Das ist das einzig Abnormale.« »Warum?« »Wissen wir nicht.« Tränen traten in Waelas Augen, liefen ihr über die Wangen. »Ich traue Schiff «, sagte Hali. »Ich weiß nicht, wem oder was ich trauen soll.« Ohne es bewußt zu wollen, wandte sich Waela dem Schiffsspender zu und trank mit langen Schlucken. Während sie trank, 415 hörte der Strom der Tränen auf. Gleichzeitig behielt sie Hali im Auge, registrierte, wie zielstrebig sich die junge Frau bewegte, als sie die Einstellungen der Pribox veränderte. Was für ein seltsames Wesen, diese Hali Eckel - schiffskurzes Haar, schwarz wie Panilles Haar, der seltsame Ring in der Nase. So reif für eine so junge Frau. Das war das wirklich Absonderliche an Hali Eckel. Sie sagte, sie sei niemals bodenseits gewesen. Das Leben war hier oben nicht so sehr auf das bloße Überleben reduziert, wie es bodenseits sein mußte. Hier gab es Gelegenheit für angenehmere Dinge, feinere Verbindungen. Die Schiffsdokumente waren leicht erreichbar. Hali Eckel aber hatte die Augen einer Bodenseitigen. Waelas Hunger war gestillt, und sie hörte auf zu trinken. Sie drehte sich um und blickte Hali direkt an. Darf ich ihr von Kerros Stimme in meinem Kopf erzählen? »Eben haben Sie die ganzen Kurven durcheinandergebracht«, stellte Hali fest. »Was haben Sie gedacht?« Waela spürte, wie sich eine warme Rötung über ihren Hals ausbreitete. »Sie haben an Kerro gedacht«, sagte Hali. Waela nickte. Ihre Kehle war noch immer wie zugeschnürt, sobald sie über ihn zu sprechen versuchte.
»Warum behaupten Sie, Hyflieger hätten ihn entführt?« wollte Hali wissen. »Die Bodenseite behauptet, er wäre tot.« »Die Hyflieger haben uns gerettet«, gab Waela zurück. »Warum sollten sie ihre Haltung plötzlich ändern und ihn umbringen?« Hali antwortete nicht, sondern musterte sie nur eingehend, und Waela schloß die Augen. Wissen Sie, Hali, ich höre Kerros Stimme in meinem Kopf. Nein, Hali, ich bin nicht verrückt. Ich höre sie wirklich. »Was bedeutet es, wenn man um den P. läuft?« fragte Hali. Waela riß die Augen auf. »Was?« 416 »Den Dokumenten zufolge haben Sie einmal einen Geliebten verloren, weil er um den P. gelaufen ist. Er hieß Jim. Was bedeutet es, wenn man um den P. läuft?« Zuerst langsam, dann in Wortschwallen beschrieb Waela das Spiel und fügte hinzu, als sie den Grund für Halis Frage begriff : »Das hat nichts damit zu tun, warum ich glaube, daß Kerro noch lebt.« »Warum sollten die Hyflieger ihn entführen?« »Das haben sie mir nicht gesagt.« »Auch ich möchte, daß er lebt, Waela, aber …« Hali schüttelte den Kopf, und Waela glaubte in den Augen der Med-Tech Tränen zu sehen. »Sie mochten ihn auch, Hali?« »Wir hatten unsere … gemeinsamen Momente.« Sie blickte auf Waelas anschwellenden Unterleib. »Nicht solche Momente, aber trotzdem.« Mit einem schnellen Kopfschütteln wandte sich Hali wieder der Pribox zu, rief eine neue Auswertung ab, wandelte sie in Kode um, speicherte sie. »Warum speichern Sie die Unterlage?« Sie beobachtet mich gründlich, dachte Hali. Kann ich es wagen, Sie anzulügen? Irgend etwas mußte sie unternehmen gegen die offensichtlichen Ängste, die von dieser Untersuchung ausgelöst wurden, und gegen die Fragen, auf die es keine Antworten gab. »Ich zeige es Ihnen«, sagte Hali. Sie rief die Speicherung zurück und schaltete sie auf den Studierschirm hinter dem Holofokus. Mit einem eingebauten Zeigekeil deutete sie auf eine rote Linie, die über einer grünen Matrix oszillierte. »Ihr Herz. Beachten Sie mal den langgezogenen, flachen
Rhythmus.« 417 Hali gab eine andere Sequenz ein. Durch die rote Marke wob sich nun eine gelbe Linie, schneller und mit geringerer Intensität pulsierend. »Das Herz des Kindes.« Wieder bewegten sich Halis Finger über die Tasten. »Und dies geschah, als Sie an Kerro dachten.« Die beiden Linien formten plötzlich identische Wellen. Sie verschmolzen ein Dutzend Schläge lang zu einer Erscheinung und trennten sich dann wieder. »Was bedeutet das?« wollte Waela wissen. Hali entfernte den Kontakt von Waelas Hand und verstaute die Pribox wieder in dem Kasten an ihrer Hüfte. »Wir nennen das synchrone Biologie, wissen aber nicht genau, was es bedeutet. Schiff s Unterlagen bringen die Erscheinung in einen gewissen Zusammenhang mit bestimmten psychischen Phänomenen - zum Beispiel mit dem Gesundbeten.« Gesundbeten? »Ohne die Einschaltung der anerkannten wissenschaftlichen Medizin.« »Aber ich habe nie …« »Kerro hat mir einmal die Dokumentation gezeigt. Der Heiler erreicht einen ausgeglichenen physiologischen Status, manchmal in einer Trance. Kerro sprach von einer ›Symphonie des Geistes‹.« »Ich begreife nicht, wie das …« »Der Körper des Patienten gleitet in einen identischen Zustand, in kompletter Harmonie mit dem des Heilers. Wenn es vorbei ist, ist der Patient geheilt.« »Das glaube ich nicht.« »Es steht in den Unterlagen.« »Wollen Sie damit sagen, mein Kind heilt mich?« 418 »In Anbetracht der unbekannten Elemente dieses raschen Wachstums«, sagte Hali, »hätte ich eigentlich bei Ihnen mit größerer Aufregung gerechnet. Es scheint Ihnen aber nicht möglich zu sein, lange Perioden physiologischen Ungleichgewichts aufrechtzuerhalten.« »Was immer sie auch sein mag, sie ist trotz allem nur ein unausgereiftes Kleinkind«, sagte Waela. »Dazu wäre sie nicht in der
Lage.« »Sie?« Waela spürte Druck gegen eine untere Rippe; das Kind bewegte sich. »Ich habe von Anfang an gewußt, daß es ein Mädchen ist.« »Dasselbe meint die Chromosomenabtastung auch«, sagte Hali zustimmend. »Andererseits standen die Chancen eins zu eins, daß man richtig tippt. Ihre Mutmaßung beeindruckt mich also nicht.« »Nicht mehr als mich Ihr Gesundbeten.« Waela stand langsam auf und spürte, wie sich das Kind an die neue Körperhaltung anpaßte. »Bei ungeborenen Kindern ist es schon vorgekommen, daß sie Mangelerscheinungen bei der Mutter ausgeglichen haben«, bemerkte Hali. »Aber ich reise nicht in Gesundbetung.« »Aber Sie haben doch gesagt …« »Ich rede viel.« Sie tätschelte ihre Pribox. »Wir haben unten in der P-T eine besondere Übungskabine eingerichtet. Sie müssen Ihre Kondition halten, auch wenn Sie …« »Wenn Sie recht haben, wird das Kind in wenigen Tagesläufen geboren. Was kann ich da tun …?« »Gehen Sie in die P-T, Waela.« Hali verschwand durch das Luk, ehe Waela weitere Einwände erheben konnte. Eine wachsame und intelligente Frau. Waela verstand sich darauf, Dokumentationen durchzusuchen, und mit 419 unzureichenden Antworten ließ sich ihre Neugier nicht abspeisen. Also, was machen wir jetzt? Hali blieb am Luk zur Krippe stehen und sah, daß eines der Kinder sie aus der offenen Schale des Spielbereichs anstarrte. Hali kannte das Kind, Raul Andrit, fünf Jahre alt. Sie hatte ihn gegen Alpträume behandelt. Sie beugte sich über ihn. »Hallo, erinnerst du dich an mich?« Raul drehte das Gesicht in ihre Richtung, es war bleich und teilnahmslos. Ehe er antworten konnte, fiel er aus dem Spielbereich in den Korridor. Hali stellte ihren Alarm auf Ruf, drehte das Kind auf den Rücken und schloß die Pribox an. Die Notfalldiagnose summte, und zum erstenmal zweifelte Hali eine Computerdiagnose an. Die Tatsachen wirbelten an ihren Augen vorbei: Erschöpfung … 10,2 … »Ja?« Die Stimme eines Arztes tönte dünn aus dem PriboxLautsprecher. Sie setzte den Mann ins Bild und richtete den Jungen
auf, um ihm aus dem Notpaket einen Glukose- und Vitaminschuß zu geben. »Ich schicke einen Karren.« Der Sprecher piepste kurz, als der Arzt die Verbindung unterbrach. Hali gab in ihren Computer eine Frage ein: »Raul Andrit: Alter?« Auf dem Schirm erschien: 5,5. »Wie ist das Alter des eben getesteten Patienten?« 10,2. Ihre Finger huschten über die Tasten. »Der eben getestete Patient war Raul Andrit. Wie kann er 5,5 und 10,2 sein?« Er hat 5,5 Standard-Jahre gelebt. Sein Körper offenbart die für ein Alter 10,2 typischen Zellstrukturen. Für medizinische Zwecke ist das Zellenalter das wichtigste. Hali hockte auf den Fersen und starrte auf das bewußtlose 420 Kind - dunkle Ringe unter den Augen, bleiche Haut. Die Brust schien zu schmal zu sein und bewegte sich konvulsivisch mit jedem Atemzug. Was der Computer ihr gerade offenbart hatte, lief darauf hinaus, daß der kleine Junge in den letzten Tagen sein Alter verdoppelt hatte. Sie hörte den Karren eintreffen, geschoben von einem jungen Pfleger. »Bringen Sie das Kind ins Lazarett. Verständigen Sie seinen NataliSponsor, und setzen Sie die Behandlung gegen den Erschöpfungszustand fort«, ordnete sie an. »Ich komme gleich nach.« Sie eilte in Richtung Physiotherapie, stieß aber an der Ecke mit einem atemlosen herausstürzenden Arzt zusammen. »Eckel! Sie wollte ich gerade holen. Sie haben doch einen Fall mit einem Kind, das ohnmächtig geworden ist? Wir haben noch eins im Zweiten Spielbereich. Hier entlang.« Sie folgte dem Mann dichtauf und hörte sich seine Beschreibung an. »Ein Sieben-Anno aus Polly-Seitensektion. Das Kind kann sich kaum noch wach halten. In letzter Zeit ißt es zuviel, was bei der Nahrungsbeobachtung natürlich ein Problem ist, aber der Junge ist heute gewogen worden, und man hat seit letzter Woche einen Gewichtsverlust von zwei Kilogramm festgestellt.« Man brauchte ihr nicht zu sagen, daß das für ein Kind seines Alters ein erheblicher Verlust war. Der Junge lag auf einem Stück dichten grünen Rasens im SpielFreigelände, geschützt von einer verhängten Kuppel. Als sie sich
neben ihm niederkauerte, um ihren Kasten vorzubereiten, roch sie das frisch geschnittene Gras und sagte sich, wie wenig dies doch zueinander paßte - der angenehme frische Duft und der kranke Junge. Nach Raul Andrit überraschten sie die Ergebnisse der Pribox nicht mehr. Erschöpfungszustände … Anzeichen des Alterns … »Sollen wir ihn verlegen?« 421 Das war eine neue Stimme. Sie wandte sich um und blickte zu einem Mann empor, der neben dem Arzt stand - er hatte ein schmales Gesicht und trug einen Einteiler in Bodenseits-Blau. »Oh, dies ist Sy Murdoch«, gab der Arzt Auskunft. »Er ist gekommen, um Waela TaoLini ein paar Fragen zu stellen. Sie haben sie doch in die Physiotherapie geschickt, nicht wahr?« Hali stand auf und mußte an die Gerüchte über Murdoch denken, die ihr zu Ohren gekommen waren: Tang und Klone. Direktor von Labor Eins. Einer von Lewis‘ Leuten. »Warum möchten Sie ihn wegbringen?« fragte sie. »Wie ich von den Ärzten erfahren habe, wurde Raul Andrit mit ähnlichen Krankheitserscheinungen ins Lazarett gebracht. Da habe ich mir natürlich gedacht …« »Sie sprechen den Namen Raul Andrit mit einer gewissen Vertrautheit aus«, bemerkte sie. »Aber Sie tragen Kleidung der Bodenseite. Was wissen Sie …« »Hören Sie! Ich brauche Ihnen nicht zu antworten, denn …« »Sie antworten mir oder verantworten sich vor einem medizinischen Ausschuß, Mann! Es könnte sich um eine ansteckende Krankheit handeln, die von der Bodenseite heraufgebracht wurde. Also, was haben Sie für eine Verbindung zu Raul Andrit?« Das Gesicht des Mannes war ausdruckslos, völlig verschlossen. »Ich kenne seinen Vater.« »Das ist alles?« »Das ist alles. Das Kind habe ich nie gesehen. Ich … wußte nur, daß es hier ist, schiffseits.« Hali, die seit ihrer Kindheit zur Med-Tech ausgebildet worden war, in welcher Eigenschaft sie das Leben fördern und dafür sorgen mußte, daß die Schiffsmenschen geschützt wurden, kannte im Körper jeden Muskel, jeden Nerv, jede Drüse und jedes Blutgefäß mit Namen und sprach während ihrer Arbeit oft leise zu diesen 422
Körperteilen. Instinktiv wußte sie, daß Murdochs Ausbildung in eine andere Richtung ging. Er war widerlich. Und er log. »Was haben Sie mit Waela TaoLini zu schaff en?« »Das geht nur den Psy-Ge etwas an, nicht aber Sie.« Waela TaoLini ist mir von den Natali anvertraut worden. Das ist eine Sache Schiff s. Was sie betrifft, das geht auch mich etwas an.« »Ist doch reine Routine«, sagte Murdoch. Sein Verhalten ließ erkennen, daß es nicht nur Routine war, doch ehe sie antworten konnte, sah sie Waela die Spielzone betreten. Schon aus einiger Entfernung rief Waela: »Man hat mir gesagt, jemand sucht nach mir. Wissen Sie …« »Stehenbleiben!« rief Hali. »Wir haben hier zwei kranke Jungen, die nicht mit werdenden Müttern in Berührung kommen dürfen. Warten Sie drüben in der Natali-Sektion auf mich. Ich komme gleich hinüber und …« »Vergessen Sie das!« In Murdochs Stimme lag neue Kraft. Er wirkte wie ein Mann, der eine wichtige Entscheidung getroffen hat. »Wir treffen uns bei Ferry im Medizinischen Zentrum. Sofort!« »Bei Ferry?« wandte Hali ein. »Er weiß doch nicht …« »Oakes hat ihm das schiffseitige Kommando übertragen. Das müßte Ihnen genügen.« Er machte auf dem Absatz kehrt und verließ den Raum. 423 Mythen sind keine Fiktionen, sondern historische Ereignisse, mit den Augen eines Dichters gesehen und in den Worten eines Dichters geschildert. SCHIFFSZITATE Ferry saß auf seiner Kommandocouch und schlürfte eine helle Flüssigkeit, die stark nach Pfefferminz roch. Als Hali und Waela eintraten, hatte er sich auf einem verblendeten Bildschirm Biostate angesehen; er senkte die Blenden nicht. Die Kommandokabine, die nach Oakes‘ Abreise an den Abfertigungs-Komplex angeschlossen worden war, schimmerte im gelben Licht von Ecklampen. Ein ätzender Geruch nach Reinigungsmitteln lag in der Luft. Hali fielen sofort zwei Dinge auf: Ferry stand noch nicht unter dem Einfluß von Alkohol und hatte offenbar große Angst. Dann bemerkte sie, daß der Kommandostand frisch aufgeräumt aussah. Wo immer sich Ferry aufhielt, gab es nach kurzer Zeit ein ziemlich heilloses Durcheinander - ein schiffseits allgemein bekannter Zustand, der
eigentlich nicht zu den strengen Überlebensprinzipien dieses Lebensraums paßte. Hier aber war Ordnung gemacht worden. Ungewöhnlich. Im nächsten Augenblick fiel ihr Blick auf Murdoch, und ihr wurde klar, daß Ferry vor dem Angst hatte, was Murdoch an Oakes über ihn melden mochte. Murdoch stand gelassen und mit verschränkten Armen neben dem Kommandostand. Ferry schaltete mit übertriebener Geste seinen Schirm ab und drehte sich zu den Neuankömmlingen um. »Ich danke Ihnen, daß sie so schnell gekommen sind.« Ferrys Stimme klang dünn vor Beherrschung. Er fuhr sich einmal über die Nasenwurzel eine unbewußte Imitation Oakes‘. Waela sah, daß seine Finger zitterten. 424 Wovor hat er Angst? fragte sie sich. Das Auftreten des Mannes zeugte von angstvoller Vertuschung. Hat es irgendwie mit meinem Kind zu tun? In ihren Ohren rauschte die Angst. Und sie hörte Kerros Stimme: Du kannst Hali und Schiff vertrauen, Waela. Vertraue ihnen! Waela war die Kehle wie zugeschnürt, als sie zu schlucken versuchte. Hörte ihn denn niemand sonst? Verstohlen sah sie sich in dem Raum um. Wenn sie die Stimme hörte, war sie davon überzeugt, doch schwieg sie wieder, begannen die Zweifel. Ihre RealzeitWahrnehmungen erforderten ihre volle Aufmerksamkeit. Die körperlichen Sinne, durch die Notwendigkeit des Überlebens auf Pandora zur äußersten Schärfe entwickelt - darauf verließ sie sich. Und Ferry forderte ihre Konzentration. Der Mann war eine Gefahr, arbeitete er doch in mehrfacher Hinsicht mit Täuschung. Sie kannte die Geschichten über Ferry, einen fähigen Mediziner mit ein paar exzentrischen Neigungen, den man allerdings nicht mit einer jungen Frau allein lassen durfte. Ihre Augen verrieten ihr nun noch etwas anderes. Ein unfähiger Mann, sagte sich Waela, der das Kommando führt. Interessant. Warum hat sich Oakes einen Versager ausgesucht? Waelas Pandora-scharfe Sinne erspürten Alkohol in Ferrys Getränk. Sie gab sich große Mühe, ihr Gesicht starr zu halten, damit man ihr diese Feststellung nicht anmerkte. Die bodenseitige Verwendung von Alkohol und Tetrahydracannibinol in seinen verschiedenen Formen waren in der Kolonie allgemein akzeptiert worden. Doch schiffseits hatte sie damit nicht gerechnet. Wo Schiff doch den Schutz
übernommen hatte … nun, unter Schiffsmenschen hatte lange die Ansicht gegolten, daß der Alkohol ein gefährliches und unerwünschtes Gift war. Andererseits wußte sie, daß Ferry - wie sie selbst - viele frühe Jugendjahre erdseits verbracht hatte. 425 So mochte diese Neigung gar nicht so ungewöhnlich sein. Trotzdem interessierte sie sich für Ferrys Handeln. Wenn in gewissen Kreisen voller Zurückhaltung auf den Umstand reagiert wurde, daß sie ihr Kind außerhalb des regulären SchiffsFortpflanzungsprogramms empfangen hatte … Nun, aus welchem anderen Grunde sollte Ferry seine Bildschirmblende hochklappen? Und Alkohol! Es durfte nicht sein, daß ihr Leben oder das Schicksal ihres Kindes von einem Manne abhing, der seine Sinnesreaktionen bewußt dämpfte. Trinken, dachte sie. Das Wort stieg aus den Tiefen ihrer Kindheitserinnerungen empor, und es war ein irgendwie abgrundtiefes Gefühl, wenn sie sich die Hib-plus-Wachzeit vorstellte, die vergangen war, seit sie dieses Wort mit Alkohol in Verbindung gebracht hatte. Der verblendete Schirm machte ihr Sorgen. Es wurde Zeit, daß dem Mann mal jemand auf den Pelz rückte, sagte sie sich. »Ihr Getränk riecht so angenehm nach frischem Pfefferminz. Darf ich mal probieren?« »Ja … natürlich.« Es war nicht natürlich, aber er reichte ihr das Glas. »Nur einen kleinen Schluck. So etwas sollte eine werdende Mutter eigentlich nicht trinken.« Das Glas fühlte sich in ihren Fingern kalt an. Sie trank einen Schluck, schloß die Augen und erinnerte sich an einen heißen Nachmittag erdseits, da ihre Mutter ihr zusammen mit den Erwachsenen einen verdünnten Pfefferminzschnaps vorgesetzt hatte. Diese Flüssigkeit war heller, doch es handelte sich eindeutig um Bourbon mit Pfefferminze. Sie öffnete die Augen und sah Ferrys Blick starr auf das Glas gerichtet. Er braucht das Zeug, dachte sie. Ihm hängt ja förmlich die Zunge heraus. 426 »Ganz gut«, sagte sie. »Woher haben Sie‘s?« Er griff nach dem Glas, doch Waela reichte es Hali weiter, die zögernd auf Ferry blickte, dann auf Waela.
»Los!« sagte Waela. »Ab und zu sollte sich jeder mal einen gönnen. Ich hatte meinen ersten mit zwölf.« Als Hali noch immer zögerte, schaltete sich Ferry ein. »Vielleicht sollte sie es in Anbetracht der seltsamen Krankheit, die bei uns grassiert, lieber sein lassen. Wenn die nun ansteckend wäre?« Er behandelt das Zeug, als wär‘s ein kostbarer Edelstein, dachte Waela. Muß schwer zu kriegen sein. Sie sagte: »Wenn sie so ansteckend ist, haben wir sie längst in uns. Los, machen Sie schon, Hali!« Die jüngere Frau trank einen Schluck und beugte sich sofort krampfhaft hustend vor, das Glas in die Höhe gestreckt, damit jemand es ihr abnehme. Ferry entriß es ihr. Mit tränenden Augen rief Hali: »Das schmeckt ja scheußlich!« »Hängt nur davon ab, was man erwartet«, sagte Ferry. »Außerdem kommt es auf die Übung an«, sagte Waela. »Sie haben nie davon gesprochen, woher Sie den Stoff haben. Ist doch nicht etwa Labor-Alkohol, oder?« Ferry stellte das Glas umständlich auf die Konsole heben sich. »Das Getränk kommt von Pandora.« »Wird nicht leicht zu bekommen sein.« »Haben wir nicht Wichtigeres zu besprechen?« fragte Murdoch. Es waren seine ersten Worte, doch Ferry war sofort wie erstarrt. Er griff nach dem Glas, zog die Hand aber leer wieder zurück. Er drehte sich um und fummelte an den Kontrollen seines Schirms herum, ließ die Blende herabfallen, zögerte und ließ sie schließlich unten. 427 Waela nahm sich vor, bei erster Gelegenheit die Unterlagen abzurufen. Für die sich Ferry so interessierte. Da sie unbeschränkt Zugang hatte zu den Forschungsprogrammen des Schiff es, würde ihr das keine Mühe machen. Murdoch trat hinter Ferry, eine Geste, die Ferrys Nervosität noch steigerte. Waela fühlte einen Anflug von Mitleid mit dem alten Mann. Aus der Position konnte Murdoch die Schulterblätter jedes Mannes zum Kribbeln bringen. »Ich habe …«, stotterte Ferry. »Ich habe … äh … nur auf einige andere gewartet, ehe ich … äh … die Angelegenheit zur Sprache brachte, die wir … ich meine …« »Was sollen wir denn überhaupt hier?« erkundigte sich Hali. Ihr
gefielen die Unterströmungen nicht, die in diesem Raum am Werke waren. Unausgesprochene Drohungen lasteten schwer auf Ferrys Schultern, und es lag auf der Hand, daß sie von Murdoch ausgingen. Mit täppischer Bewegung griff Ferry nach seinem Glas, doch ehe er es an die Lippen heben konnte, griff Murdoch über seine Schulter und nahm es ihm aus der Hand. »Das hat Zeit.« Murdoch stellte das Glas auf einen Vorsprung hinter sich. Als er sich wieder den anderen zuwandte, ging das Luk auf, und drei Personen traten ein. Hali erkannte Brulagi aus dem Medizinischen Zentrum, eine untersetzte Frau mit dicken Armen und vorspringender Unterlippe. Sie trug das kastanienbraune Haar in der üblichen kurzen Frisur, und über einer flachen Nase funkelten die hellblauen Augen. Ihr auf dem Fuße folgte Andrit aus dem Verhaltenszentrum, ein großer dunkelhaariger Mann mit unsteten braunen Augen und einer nervösen, abrupten Art. Den Abschluß bildete 428 Usij a, eine grauhaarige, dünnlippige, leise sprechende Angehörige der Natali, die Hali den Auftrag gegeben hatte, Waela TaoLini zu überwachen. »Ahh, da sind Sie ja!« sagte Ferry. »Bitte setzen Sie sich.« Hali war froh über diese Aufforderung. Sie besorgte Waela einen Schlingensessel und setzte sich neben sie. Waela rückte ihre Sitze so zurecht, daß sie Ferry direkt gegenüber saß. Diese Geste setzte sie ein wenig von den anderen ab, gab ihr den Rang einer Beobachterin, doch auf diese Weise konnte sie sich auf Ferry und Murdoch konzentrieren, ohne den Kopf drehen zu müssen. Ferry würde es merken und sich darüber ärgern, sagte sie sich. Er wünschte sich Aufmerksamkeit, keine genaue Erkundung. Was ist mit dir, alter Mann? dachte Waela. Wovor hast du so Angst? Die drei Neuankömmlinge wählten eine Couch, die sich im rechten Winkel von Ferry hinzog. Murdoch blieb stehen. Hali wunderte sich über Waelas Positionswahl, wurde aber von der plötzlichen Erkenntnis abgelenkt, daß Andrit aus dem Verhaltenszentrum der Vater des jungen Raul sein mußte. Was ging hier vor? Murdoch berührte Ferry an der Schulter, und der ältere Mann fuhr zusammen. »Zeigen Sie die Karte.« Ferry schluckte, wandte sich zu seiner Tastatur um und tippte
ungeschickt etwas ein. Im Holofokus neben ihm erschien eine winzige Rißzeichnung Schiff s. Hali erkannte die separate Natali-Zone vor dem Verhaltenszentrum und bemerkte eine Reihe roter Punkte in der Projektion. Brulagi aus dem Medizinischen Zentrum stemmte die dicken Arme auf die Knie, beugte sich vor und starrte auf die dreidimensionale Karte. Andrit schien sich darüber aufzuregen. Usij a nickte lediglich. 429 »Was sind das für rote Zeichen«, fragte Hali. »Jeder Punkt steht für ein krankes Kind«, sagte Ferry. »Wenn Sie die Stellen verbinden, ergibt sich eine Spirale; Sie werden bemerken, daß sie zum Mittelpunkt der Spirale hin an Häufigkeit zunehmen.« »Ein Wirbel«, stellte Murdoch fest. Waela sah sich die Darstellung eingehend an. Ihr stockte der Atem, und sie hob den Blick und bemerkte einen Ausdruck ungezügelter Wut auf Andrits Gesicht. Er ballte immer wieder die Fäuste. Sie sah, daß sich die ausgeprägten Muskeln seiner Unterarme unter dem Einteiler bewegten. Ferry nahm einige Papiere von dem Vorsprung neben der Tastatur und blätterte sie während des Sprechens durch. »Waela, sagen Sie doch bitte jenen, die es nicht wissen, wo Ihre Kabine liegt.« Andrit beugte sich vor und wäre dabei beinahe von der Couch gerutscht. Er starrte Waela aufgebracht an. Sie sah Murdoch ein Lächeln unterdrücken. Was belustigte ihn? »Sie wissen alle, wo ich schlafe, Doktor. Meine Kabine befindet sich in der Mitte der Spirale.« Andrit bewegte sich schneller, als Waela jemals einen Schiffseitigen hatte reagieren sehen. Aber obwohl sie von der Schwangerschaft behindert war, hatte Pandora doch ihre Reflexe auf das Äußerste geschult. Als Andrit die Stelle erreichte, an der sie sich eben noch befunden hatte, war sie nicht mehr dort. Ehe er sich aufrappeln konnte, fällte Waela ihn mit einem Hieb gegen die Halsschlagader ihre Aktion kam rein automatisch. Sie spürte Kraft durch ihren Körper strömen. Von dem Fötus in ihrem Leib ausgehend, ergoß sie sich auswärts in jede Fiber. Hali, die aufgesprungen war, starrte von Andrit, der bewußtlos auf dem Deck lag, zu Waela, die normal atmend vor den anderen stand. Die plötzliche Bewegung hatte den rötlichen Schim430 mer ihrer Haut ins Flammende verstärkt. Als sie sich langsam auf
einem Absatz umdrehte, um zu sehen, ob noch Gefahr drohte, bot sie ein einschüchterndes Bild. Verwirrt fragte Hali: »Warum hat er das getan?« Waela wandte sich an Ferry. »Warum?« Sie balancierte auf den Fußballen. Andrit hatte nicht sie bedroht, sondern ihr ungeborenes Kind! Sollte ruhig noch jemand versuchen, ihrem Kind zu schaden! Murdoch hatte ein seltsames Funkeln in den Augen, als er ihr die Antwort gab. Er schien Spaß an der Szene zu haben. »Er war … direkt betroff en und regte sich über die Sache auf, verstehen Sie?« sagte er. »Eines der kranken Kinder ist sein Sohn.« »Was bedeuten die roten Punkte wirklich?« fragte Hali. »Ahh, ich glaube, es hat da ein paar Energieprobleme gegeben«, sagte Murdoch. »Eine ähnliche Erscheinung haben wir im Labor Eins beobachtet.« Waela machte einen Schritt in Ferrys Richtung. »Ich möchte es von Ihnen hören! Oakes hat Ihnen die Verantwortung hier übertragen. Was geht hier vor?« »Ich … äh … weiß eigentlich nicht viel darüber.« Ferry fuhr sich mit der Zunge über die Lippen und schaute sich rückwärts zu Murdoch um. »Das soll heißen, Sie dürfen eigentlich nichts darüber wissen«, erwiderte Waela. »Erzählen Sie uns, was Sie tatsächlich wissen.« »Zuerst wollen wir doch den Tonfall ein wenig mäßigen«, sagte Murdoch. »Hier auf dem Deck liegt ein Verwundeter, und die ganze bedauerliche Angelegenheit sollte nun wirklich ohne Leidenschaft weiter verfolgt werden.« Er wandte sich an die Vertreterin der Natali. »Dr. Usij a, da die MedTech anscheinend nicht reagieren kann …« 431 Hali blickte auf Andrit hinab, der sich zu rühren begann. »Er wird sich erholen«, sagte Waela. »Ich habe mich beim Schlag zurückgehalten.« Hali starrte sie an. Die indirekte Schlußfolgerung war klar: Waela hätte den Mann töten können. Jetzt erst beugte sich Hali vor, um ihn zu untersuchen. Die Pribox zeigte eine Prellung am Hals an, die Schäden an den Nerven hervorgerufen hatte, doch Waela hatte recht. Er würde wieder genesen. »Was passiert in Labor Eins?« Waela richtete ihre Frage an Murdoch. »Eine … künstliche Form dieses Phänomens wird dort betrieben. Sie
sind das erste natürliche Beispiel, das wir zu Gesicht bekommen.« »Natürliches Beispiel wofür?« Waela mußte die Worte über die Lippen zwingen. »Das Abziehen von Energie von … anderen Leuten.« Waela starrte ihn an. Was meinte er damit? Sie machte einen Schritt in seine Richtung und spürte Halis Hand an ihrem Arm. Waela fuhr zu der Med-Tech herum und hätte sie beinahe niedergeschlagen. Hali spürte dies und riß ihre Hand zurück. »Waela? Einen Augenblick - ich beginne zu verstehen.« »Was zu verstehen?« »Man glaubt, Sie sind für die kranken Kinder verantwortlich.« »Ich? Wie denn das?« Sie wandte sich wieder an Ferry. »Erklären Sie mir das!« Murdoch wollte etwas sagen, doch sie warf ihm einen ärgerlichen Blick zu. »Ich habe nicht Sie gefragt, sondern ihn!« »Nun beruhigen Sie sich aber, Waela!« sagte Ferry. »Die ganze Sache ist ein bedauerlicher Irrtum.« »Was meinen Sie damit, Sie Saufkopf - bedauerlicher Irrtum? Sie haben dieses Gespräch arrangiert. Sie haben Andrit kommen 432 lassen. Sie wußten von der Spirale in Ihren Unterlagen. Was wollten Sie erreichen, Sie Würstchen?« »Das lasse ich mir von Ihnen nicht bieten!« protestierte Ferry. »Das ist allein meine …« »Es wird Ihre Beerdigung, wenn Sie mir nicht sagen, was hier vorgeht!« Hali starrte Waela an. Was geschah mit der Frau? Ihr fiel auf, daß Murdoch reglos dastand - er machte keine Bewegung, die in irgendeiner Weise bedrohlich aufgefaßt werden konnte. Usij a und Brulagi waren auf ihren Sitzen erstarrt. »Drohen Sie mir nicht, Waela!« sagte Ferry. Ein jammernder Ton lag in seiner Stimme. Sie ist fähig, ihn umzubringen, wenn er ihrer Forderung nicht nachkommt, dachte Hali. Schiff , rette uns! Was ist über sie gekommen? Usij a begann leise zu sprechen, doch in der gespannten Atmosphäre der kleinen Kabine hatte ihre Stimme etwas Zwingendes. »Dr. Ferry, Sie sehen sich hier mit dem Phänomen der bedrohten wilden Mutter konfrontiert. Eine Regung, die sehr tief reicht. Sie könnte Ihnen gefährlich werden. Da Waela an die Verhältnisse
Pandoras angepaßt ist, würde ich Ihnen raten, ihre Frage zu beantworten.« Ferry schob seinen Sitz zurück, so weit es ging. Er fuhr sich mit der Zunge über die Lippen. »Ich … äh … die Umstände Ihres Aufenthalts schiffseits, Waela. Es hat da gewisse … äh … nennen wir sie abergläubische Regungen gegeben.« »Worüber?« »Über … äh … Sie. Wir haben Sie seit Ihrer Rückkehr immer wieder untersucht und finden keine … äh … brauchbaren Ergebnisse. Auch Schiff hilft uns nicht weiter. Was immer es ist, Schiff hat es gesperrt - Geheim. Oder …« - er warf Hali einen bösartigen 433 Blick zu - »wir werden an Med-Tech Hali Eckel verwiesen.« Hali konnte einen keuchenden Atemzug nicht unterdrücken. Waela fuhr zu ihr herum, und starrte sie an. Hali wurde klar, daß sie plötzlich zur Zielscheibe der anderen geworden war. »Waela, ich schwöre Ihnen, daß ich keine Ahnung habe, was er meint! Ich bin hier, um Sie und Ihr Kind zu schützen!« Waela nickte knapp und wandte sich wieder Ferry zu. In diesem Augenblick richtete sich Andrit ächzend auf. Waela beugte sich vor und zerrte ihn mit einer Hand hoch. Aus derselben Bewegung heraus schleuderte sie ihn auf die Couch zu, wo er Brulagi und Usij a knapp verfehlte. Die Mühelosigkeit dieser Aktion raubte Hali den Atem; erst nach einiger Zeit atmete sie langsam wieder aus. Sehr gefährlich, o ja! »Schildern Sie uns die Umstände, unter denen Schiff Sie an Hali Eckel verweist«, forderte Waela. Ihre Stimme war ein brodelnder Vulkan. Andrit beugte sich abrupt vor und übergab sich auf den Boden, doch niemand achtete darauf. »Stets auf die Frage, ob Ihr Kind das Phänomen hervorruft oder Sie selbst.« Hali schnappte nach Luft, vor ihren Augen flimmerte plötzlich eine staubige Hügelszene, der Untergang einer grellen gelben Sonne, und drei Gestalten, die an Kreuzen gefoltert wurden. Was für eine Art Kind, um Schiff s willen, trug Waela im Leib? Ohne sich umzudrehen, fragte Waela: »Hali, sagt Ihnen das etwas?« »Wie haben Sie Ihr Kind empfangen?« fragte Hali zurück.
Waela blickte sie erstaunt an. »Kerro und ich … um Schiff s willen, Sie wissen doch, wie Kinder entstehen! Glauben Sie etwa, wir hatten einen Axolotl-Tank an Bord des U-Boots?« 434 Hali senkte den Blick auf das Deck. Die Legende sprach von einer unbefleckten Empfängnis - ohne Beteiligung eines Mannes. Ein Gott… Aber es war nur eine Legende, ein Mythos. Seit jener Reise durch die Zeit hatte sich Hali oft gefragt: Warum? Was habe ich dort lernen sollen? Schiff sprach von der heiligen Gewalt. Die Berichte über die Schädelstätte, die sie seit ihrem Erlebnis gelesen hatten, bestätigten dies eindeutig. Heilige Gewalt und Waelas Kind? Waela wandte den Blick nicht von ihr. »Nun, Hali?« »Vielleicht ist Ihr Kind nicht auf diese Zeit beschränkt.« Sie zuckte die Achseln. »Ich kann Ihnen das nicht näher erklären, aber dieser Gedanke ist mir gekommen.« Anscheinend war Waela mit dieser Antwort zufrieden. Sie schaute zu Andrit hinüber, der sich den Kopf hielt und nichts sagte. Dann wandte sie sich wieder Ferry zu. »Was ist mit meinem Kind? Wovor haben Sie Angst?« »Murdoch?« In der Stimme Ferrys lag ein verzweifeltes Flehen. Murdoch verschränkte die Arme. »Wir haben Ferrys Berichte erhalten und …« »Was für Berichte?« Murdoch schluckte und deutete mit einem Kopfnicken auf die Holoprojektion mit der Spirale roter Punkte. »Was sollten Sie mir antun?« fragte Waela. »Nichts, das schwöre ich Ihnen! Nichts!« Er ist außer sich vor Entsetzen, dachte Hali. Kennt er das Phänomen der Überreaktion einer bedrohten Mutter bereits? »Irgendwelche Fragen?« wollte Waela wissen. »O ja, natürlich - Fragen wollten wir stellen.« »Nun, dann stellen Sie sie.« »Also, ich war … ich meine, ich habe das Problem mit den Natali besprochen, und wir, das heißt Oakes, er wollte, daß ich Sie frage, ob sie zur Geburt Ihres Kindes wieder bodenseits kommen 435 würden.« »Ich soll mich über die Vorschriften der Schiffsverehrung hinwegsetzen?« Waela wandte sich in Usij as Richtung. »Sie müssen nicht bodenseits gehen«, sagte Usij a. »Wir waren nur
einverstanden, daß er Sie fragt.« Waela richtete den Blick wieder auf Murdoch. »Warum bodenseits? Was hofften Sie dort mit mir zu tun?« »Wir haben dort große Vorräte Burst auf Lager«, gab Murdoch zurück. »Ich bin überzeugt, Sie brauchen jedes Gramm, das Sie kriegen können.« »Warum?« »Ihr Kind wächst mit großer Beschleunigung. Die physischen Ansprüche, die durch das Zellenwachstum ausgelöst werden, sind sehr groß.« »Aber was ist mit den kranken Kindern?« Sie wandte sich an Andrit. »Was hat man Ihnen gesagt?« Er hob den Kopf und starrte sie zornig an. »Daß Sie dafür verantwortlich sind! Daß sie dasselbe Phänomen schon bodenseits beobachtet haben.« »Wollen Sie, daß ich hinunterfliege?« Es war zu sehen, daß er gegen seine Ausrichtung auf die Vorschriften der Schiffsverehrung kämpfte. Er schluckte, dann sagte er: »Ich möchte nur, daß es verschwindet, was immer meinen Sohn krank macht.« »Wie erklärt man meine Verantwortung dafür?« »Man sagt, es sei ein … psychisches Absaugen, oft schon beobachtet, doch bisher nicht erklärt. Vielleicht sei Schiff …« Er brachte die Blasphemie nicht über die Lippen. Man hat sich ein schwaches Werkzeug gegen mich ausgesucht, dachte Waela. Der Plan trat nun deutlich zutage: Andrit sollte die in der 436 schiffseitigen Opposition gegen sie schlummernde Gewalttätigkeit demonstrieren. Auf diese Weise würde Sie sich bodenseits verlegen lassen müssen, »zu Ihrem eigenen Besten, meine Liebe«. Man wollte sie dringend nach unten holen. Warum? Inwiefern bin ich gefährlich für sie? »Hali, haben Sie schon von diesem Phänomen gehört?« »Nein, aber ich muß sagen, daß die Tatsachen auf Sie oder auf Ihr Kind deuten. Sie brauchen allerdings keinen Burst.« »Warum nicht?« wollte Murdoch wissen. »Schiff ernährt sie aus den Schiffsspendern.« Murdoch starrte sie stirnrunzelnd an: »Wie lange haben die Natali gewußt, daß das Kind zu schnell wächst?«
»Woher wissen Sie davon?« fragte Usij a zurück. »Es gehört zu dem Phänomen, über das wir sprechen - schnelles Wachstum, übernormaler Energieverbrauch.« »Wir wissen es seit den ersten Untersuchungen Waela TaoLinis«, sagte Hali. »Und Sie hielten den Mund und machten vorsichtig weiter«, sagte Murdoch. »Genauso haben wir bodenseits gehandelt.« »Warum wollten Sie mir Burst geben?« fragte Waela. »Wenn der Fötus genügend Energie aus dem Burst aufnimmt, findet die psychische Schwächung anderer Lebewesen nicht statt.« »Sie lügen!« sagte Waela. »Was!« »Ich durchschaue Sie, als bestünden Sie aus Plas!« sagte Waela. »Burst kann nicht besser sein als das Elixir!« Usij a räusperte sich. »Erzählen Sie uns von Ihren Erfahrungen mit diesem Phänomen, Murdoch.« »Wir machten DNA-Versuche mit Tangproben. Dabei stellten wir dieses … dieses Überlebensmerkmal fest. Der Organismus 437 absorbiert Energie aus der nächstverfügbaren Quelle.« »Die Mutter ist die nächstverfügbare Quelle«, meinte Hali. »Die Mutter ist das schützende Element und immun. Der Organismus bedient sich bei anderen Organismen im Umfeld, die dem … äh … Hungrigen ähnlich sind.« »Ich werde nicht älter«, sagte Hali. »Und ich bin öfter in ihrer Nähe als jeder andere.« »Richtig«, stellte Murdoch fest. »Der Organismus bedient sich bei einigen, nicht aber bei anderen.« »Warum bei Kindern?« wollte Hali wissen. »Weil sie wehrlos sind!« rief Andrit angstvoll, aber noch immer zornig. Waela spürte Energie in jeden ihrer Muskel strömen. »Ich gehe nicht bodenseits!« Andrit wollte aufstehen, doch Usij a hielt ihn zurück. »Was wollen Sie tun?« erkundigte sie sich. »Ich ziehe an den Rand des Schiff s, hinter eines der Agraria. Andere Leute, besonders Kinder, bleiben von mir fern, und unterdessen kümmert sich Hali um die ganze Sache.« Sie blickte Hali an, die sofort nickte. Murdoch war damit nicht einverstanden. »Es wäre viel besser, wenn
sie nach unten kämen, wo wir große Erfahrung haben mit…« »Würden Sie mich zu zwingen versuchen?« »Nein, o nein!« »Vielleicht können sie uns einen Vorrat Burst heraufschicken«, meinte Usij a. »Die Verschiffung eines so kostbaren Nährstoff es könnten wir im Augenblick nicht verantworten«, antwortete Murdoch. »Sagen Sie uns, was Sie über das Phänomen wissen«, forderte ihn Hali auf. »Können wir eine Immunität dagegen entwickeln. 438 Kehrt es wieder oder ist es chronisch? Kommt es zu …« »Dies ist der erste Fall, den wir außerhalb eines Labors erleben. Wir wissen, daß Waela TaoLini ihr Kind außerhalb des Fortpflanzungsprogramms empfangen hat und außerhalb der schützenden Barrieren der Kolonie, aber …« »Warum bekomme ich von der Kolonie keine Antworten?« fragte Ferry. Während Murdoch sprach, hatte er seinen Stuhl allmählich zur Seite gerückt und blickte jetzt zu dem Mann empor. »Das hat doch nichts zu tun mit …« »Sie sagen, Sie können Burst im Augeblick nicht verschicken«, fuhr Ferry fort. »Was ist an diesem Augenblick so besonders?« Waela hörte die Verzweiflung in der Stimme des alten Mannes. Was macht Ferry da? Die Fragen kamen wie von einem tiefsitzenden Zwang herausgeschleudert. »Ihre Fragen haben mit unserm Problem nichts zu tun«, sagte Murdoch, und Waela hörte das Todesurteil in seiner Stimme. Ferry hörte es auch, denn er schwieg bedrückt. »Was meinen Sie, wenn Sie sagen, daß die Empfängnis außerhalb der schützenden Barrieren der Kolonie stattgefunden hat?« erkundigte sich Usij a - die Stimme der Wissenschaft, die sich an einem interessanten Problem festbiß. Murdoch schien dankbar zu sein für die Unterbrechung. »Sie schwebten in einem … in einer Art Plaskugel. Es geschah im Meer, völlig vom Tang umgeben. Wir kennen nicht alle Einzelheiten, doch es gibt bei uns Stimmen, die andeuten, daß Waela und ihr Kind nicht mehr dem Menschtyp entsprechen.« »Versuchen Sie mich ja nicht, nach unten zu holen!« sagte Waela. Usij a stand auf. »Die Menschen haben sich erdseits und an jedem anderen Ort freizügig fortgepflanzt. Dies geschieht nun hier wieder … aber hinzu kommt eine Unbekannte, die erforscht
439 werden muß.« Murdoch richtete den Blick auf sie. »Sie haben gesagt …« »Ich habe Ihnen gesagt, Sie können sie fragen. Sie hat ihre Entscheidung getroffen. Ihr Plan ist vernünftig. Isolierung von Kindern, ständig unter Beobachtung …» Usij as Stimme umriß in monotonem Singsang die Details, die erforderlich waren, um Waelas Entscheidung in die Tat umzusetzen ein Ort mit einem Schiffsspender, ein Dienstplan für die Natali-MedTechs … Waela blendete die eintönige Stimme aus. Das Kind drehte sich wieder einmal. Ihr war schwindlig. Nichts von alledem ist normal. Nichts ist so, wie es sein sollte. Piep. Die Angst stieg in ihrem Bewußtsein empor, wurde wieder unterdrückt. Was meinte Murdoch, wenn er sagte, daß sie vielleicht nicht mehr dem Menschtyp entsprach? Waela versuchte sich an Einzelheiten der Ereignisse in der Gondel zu erinnern, die auf Pandoras Meer schwamm. Doch ihre Erinnerungen beschränkten sich auf die ekstatische Erfüllung ihrer Vereinigung mit etwas Ehrfurchtgebietendem. Die schiffseitige Kommandokabine, in der sie sich befand, Usij as Stimme -nichts von alledem hatte noch Bedeutung. Nur das Kind, das mit schrecklicher Geschwindigkeit in ihr heranwuchs. Ich brauche einen Schiffsspender. Ein Bild Ferrys kam ihr zu Bewußtsein. Er befand sich an einem anderen Ort. und hatte das unvermeidliche Glas in der Hand. Murdoch sprach mit ihm. Ferry versuchte erfolglos zu widersprechen. Sie hörte schwache Stimmen, entfernt und gedämpft, als tönten sie aus einem versiegelten Raum. Sie hatte das weite Panorama von Pandoras Meer vor sich, das im Licht zweier Sonnen funkelte. Es wurde durch einen verwischten Eindruck von Oakes 440 und Legata Hamill abgelöst. Sie liebten sich, Oakes lag auf einer braunen Matte auf dem Rücken. Sie hockte über ihm … langsame Bewegungen … sehr langsam … ein wilder Ausdruck der Freude auf dem Gesicht, die Hände krampften sich immer wieder in das feste Gewebe seiner Brust. In der Vision lehnte sich Legata zitternd zurück, und Oakes fing sie auf. Es ist ein Traum, ein seltsamer Wachtraum, sagte sich Waela.
Jetzt wechselte der Traum zu Hali, die in ihrer Kabine auf den Knien hockte. Auf einem Vorsprung vor Hali stand ein seltsames Holzgebilde - zwei glatte Stöcke, der eine etwas zu weit oben quer an dem anderen befestigt. Hali neigte den Kopf nahe an die gekreuzten Stöcke heran, und dabei nahm Waela plötzlich den Duft von Zedern wahr, so frisch, wie sie ihn selten in einem Baumdrom bemerkt hatte. Abrupt befand sie sich wieder in der Kommandokabine. Hali hatte ihr einen Arm um die Schultern gelegt und führte sie durch das Luk, während Usij a und Brulagi noch mit Murdoch stritten. »Sie brauchen etwas zu essen und Ruhe«, sagte Hali. »Sie haben sich überanstrengt.« »Schiffsspender«, flüsterte Waela. »Schiff wird mich nähren.« 441 Die Propheten Israels, die den Gedanken predigten, daß zehn gütige Männer erforderlich seien, damit eine Stadt überlebt, errichteten diese Vorstellung auf der talmudischen Idee der Sechsunddreißig Gerechten, deren Existenz in jeder Generation erforderlich ist, um die Menschheit überleben zu lasen. JUDAISCHES BUCH DER TOTEN Schiffsdokumente Erst als sie ihn über die Ebene im Osten rennen sah, dichtauf gefolgt von einem Falten-Huscher, machte sich Legata klar, daß Thomas in der Redoute war. Sie stand vor dem Riesenschirm im Kommandozentrum, umgeben vom geschäftigen Treiben der späten Tagseite. Oakes und Lewis standen links von ihr und besprachen etwas. Der große Schirm war auf ein Abtast-Programm geschaltet und stellte sich automatisch auf ungewöhnliche Vorkommnisse ein. Sie übernahm die Kontrollen und holte den Fliehenden heran. Der Huscher war nur noch wenige Schritte hinter ihm. Die Szene trat im klaren Querlicht der Abendsonne deutlich hervor. »Morgan, schau doch!« Oakes eilte herbei und starrte zum Schirm empor. »Dummkopf!« murmelte er. Thomas schlug einen Haken nach links und sprang voller Verzweiflung von einem gefährlich hohen Stein in den Sand an der Hochwassermarke. Der Huscher folgte ihm, verschätzte sich aber und landete in einem Gewirr toter Tangstränge, die von der Brandung angeschwemmt worden waren. Sofort begann das Wesen den Tang zu verschlingen, während Thomas den Strand entlangrannte. Ein zweiter Huscher erschien hinter ihm, sprang von
einem hohen Felsen herab und lief sofort los. Thomas suchte rennend hinter einem Felsen Schutz und lief an der Hochwasserlinie 442 entlang. Seine Stiefel warfen den nassen Sand hoch. Kein Zweifel er hörte den Huscher näher kommen. »Das schafft er nicht - niemand schafft das.« Oakes‘ zitternde Stimme verriet seine Nervosität. Hast du Angst, daß er nicht entkommt? fragte sich Legata. Oder daß er es schafft? »Warum hast du ihn ausgesetzt?« fragte sie. Dabei ließ sie den Blick nicht von der Gestalt, die sich hakenschlagend von ihr entfernte, und sie erinnerte sich an das nachtseitige Zusammentreffen mit ihm vor Labor Eins der Kolonie. Sie merkte, daß sie ihn insgeheim anspornte: In die Brandung! Ins Wasser! »Ich habe ihn nicht ausgesetzt, meine Liebe«, antwortete Oakes. »Er muß geflohen sein.« Oakes drehte sich um und rief zu Lewis hinüber, der sich auf der anderen Seite des Raums befand: »Schau mal nach, ob nach draußen nichts offensteht.« »Er war gefangen? Warum das?« »Er und die TaoLini sind ohne Panille von der UnterwaserExpedition zurückgekehrt und erzählten eine verrückte Geschichte, daß sie von Hyfliegern gerettet worden seien. Das erfordert mehr als nur eine einfache Einsatzschlußbesprechung.« Lewis kam herüber und blieb neben Oakes stehen. »Alles ist dicht.« Wieder war Thomas in Richtung Wasser ausgewichen. Er stürzte sich hinein, tauchte unter ein Gewirr toten Tangs. Als er wieder an die Oberfläche kam, war er an Kopf und Schultern mit dem Zeug bedeckt, und auch der zweite Huscher blieb zurück, um von den Strängen zu fressen. Thomas war deutlich müde geworden, seine Schritte waren unsicher. »Können wir denn nichts für ihn tun?« fragte Legata. »Was sollten wir denn tun?« wollte Oakes wissen. »Einen Rettungstrupp aussenden!« 443 »Das Gebiet dort ist randvoll mit Huschern und Flachfl üglern. Wir können uns den Verlust weiterer Leute nicht leisten.« »Wenn er so dumm ist, nach draußen zu gehen, ist das sein Risiko«, bemerkte Lewis. »Sind das nicht die Regeln für das Umlaufen des P.?« Er starrte Legata an. »Er läuft aber nicht um den P.«, sagte sie und fragte sich, ob Lewis
irgendwie von ihrem verrückten Lauf erfahren hatte. »Was immer er tut, er ist auf sich allein gestellt«, sagte Oakes. »Ohhh - nein …« Keuchend atmete sie aus, als die schwarze Gestalt eines dritten Falten-Huschers, gefolgt von zwei Flachflüglern, die Jagd auf den Menschen aufnahm. Thomas hatte zu torkeln begonnen, und der Huscher verringerte den Abstand sehr schnell. Als sich der Huscher bereits zum letzten blitzschnellen Sprung streckte, zuckte das Tier abrupt zur Seite. Eine Masse Tentakel fiel aus der Luft herab, ein Hyflieger raste über Thomas hin und zerrte ihn vom Boden hoch. Oakes bediente hastig die Schirmkontrollen und stellte auf Totale. Weiter hinten sagte jemand: »Seht euch das an!« Es war beinahe ein Seufzen. Über den Hügeln und Klippen landeinwärts erstreckten sich endlose Reihen von Hyfliegern, gewaltige Horden dieser Wesen, die sich in einem immensen Belagerungsring außerhalb der Reichweite der Waffen um die Redoute formiert hatten. »Leb wohl, Raja Thomas«, sagte Oakes. »Nur schade, daß die Hyflieger ihn erwischt haben. Ein Huscher hätte ihm wenigstens schnell den Garaus gemacht.« »Was machen denn die Hyflieger?« fragte Legata. Ehe Oakes antworten konnte, wandte sich Lewis zur Allgemeinheit um und sagte: »Also schön, die Schau ist vorbei. Alles wieder auf die Posten.« »Wir haben lediglich einige Dämonenleichen«, antwortete 444 Oakes. »Sie sind förmlich ausgesaugt worden.« »Ich … wünschte, wir hätten ihn retten können«, sagte sie. »Er hat das Risiko auf sich genommen und verloren.« Oakes griff nach den Kontrollen, ließ die Finger über dem Abtastprogramm verharren, zögerte. Er trat zurück, bis er den ganzen Schirm überschauen konnte. Der Hyflieger mit Thomas war in den fernen Horden untergegangen. Die riesigen schwankenden Ballons tanzten nun durch die Luft, unterlegt durch den orangeroten Schimmer der Sonnen, und ihre Segelmembranen wogten und füllten sich. Legata sah nun auch, was Oakes stutzig gemacht hatte. Weitere Hyflieger kamen herbei und stiegen immer höher am Himmel, füllten das Panorama völlig aus. »Bei Schiff s Augen!« sagte Oakes. »Aktiviere alle
Perimetersensoren.« Legata brauchte einige Sekunden, bis sie begriff , daß er sie meinte. Sie betätigte die Schalter, und der Schirm wurde grau, dann füllte er sich wieder in genau bemessenen Einzelszenen, die jeweils mit einer Ziffer gekennzeichnet waren. Hyflieger füllten den Himmel rings um die Redoute - über dem Meer und über dem Land. »Schau doch!« Lewis deutete auf einen Schirm, der den Fuß der Binnenklippen zeigte. »Dämonen.« Nun sahen sie, daß es auf dem gesamten Klippenrand, soweit die Sensoren reichten, von Leben nur so wimmelte. Legata war überzeugt, daß auf ganz Pandora nie zuvor eine solche Masse von Zähnen, Klauen und Stacheln versammelt gewesen war. »Was tun sie da?« fragte Oakes, und seine Stimme zitterte. »Sieht so aus, als warteten sie auf etwas«, antwortete Legata. »Auf den Angriffsbefehl.« »Laßt die Abwehr überprüfen!« bellte Oakes. 445 Legata sprach die entsprechenden Sensoren an, und der Schirm flackerte und zeigte schließlich die Szenen der Aufräumungsarbeiten nach der E-Klon-Revolte. Wer mochte da das Kommando führen? überlegte sie. Auf allen Schirmen waren Trupps am Werk, vorwiegend E-Klone, die unter der Aufsicht Bewaffneter Normaler standen. Einige arbeiteten in dem offenen Hof, in dem die Nervenläufer niemanden am Leben gelassen hatten; andere mühten sich an den zerstörten Abschnitten des Perimeters ab, wo man bisher nur vorläufige Barrieren hatte errichten können. Einige schwer Bewaffnete Trupps waren sogar draußen. Dämonen oder Hyflieger wagten sich nicht an sie heran. »Warum greifen sie nicht an?« wollte Legata wissen. »Wir scheinen in einer Art Stasis zu verharren«, sagte Lewis. »Wir sparen unsere Energie«, gab Oakes zurück. »Ich habe Befehl gegeben, sie nicht willkürlich abzuschießen. Neuerdings werden sie nur runtergeholt, wenn sie auf weniger als fünfundzwanzig Meter an Leute oder Gerät herankommen.« »Sie können denken«, sagte Lewis. »Sie können denken und Pläne schmieden.« »Aber was planen sie?« fragte Legata. Ihr fiel auf, daß Oakes von Minute zu Minute bleicher wurde. Oakes wandte sich zu ihr um. »Jesus, wir sollten lieber selbst etwas planen. Komm mit!«
Die beiden gingen, und Legata merkte es nicht einmal. Sie blieb am Schirm sitzen und ging sämtliche Außensensoren durch. Das ganze umliegende Terrain hatte sich in einen goldenen Schein aus Sonnen und Hyfliegern verwandelt, darunter dämonenschwärmende schwarze Felsen und ein wogendes Meer, gekrönt von weißem Schaum und Gischt. Schließlich spürte Legata, daß sich Oakes und Lewis nicht mehr in der Kommandozentrale aufhielten, und fuhr herum. 446 Ich muß bald handeln, dachte sie. Und ich muß bereit sein. Sie drängte sich durch das Treiben in der Zentrale, öffnete ein Hauptkorridor-Luk und schlug den Weg zu ihrem Quartier ein. Dichter, Du siehst Knochen weiter vorn, Wo es keine gibt. Doch wenn wir dort eintreffen, Sind sie da. HALI ECKEL Privatbriefe Sorgfältig beobachtete Hali die Monitore, die die liegende Waela abtasteten. Die Tagseite war schon ziemlich weit fortgeschritten, doch Waela schien zu schlafen, und ihr Körper ruhte reglos in der straff en Hängematte, die sie in einer der Randkabinen Schiff s installiert hatten. Ihr Unterleib war schon ein kleiner Berg. Als Zugang zur Kabine diente kein Luk, sondern ein einfacher Stoffvorhang, der im schwachen Zug aus dem benachbarten Agrarium raschelte. Sie schläft keinen normalen Schlaf, dachte Hali. Waela atmete zu flach, die Passivität ihres Körpers war zu ausgeprägt. Es war, als wäre sie in etwas geglitten, das der Hib nahe kam. Was hatte das für den Fötus zur Folge? Die Kabine war etwas größer als eine reguläre Kabine, und Hali hatte sich für ihren Monitorschirm einen kleinen Wagen auf Rädern besorgt. Der Schirm zeigte Waelas Lebenssignale als deutliche, gewellte Linien mit synchronen Zeit-Piepsern. Ein zweiter Satz von Linien bezeichnete die Entwicklung des Kindes in 447 Waelas Leib. Eine kleine Verdrehung eines Knopfes brachte eine Linie über die andere. Hali hatte den synchronen Takt nun beinahe eine Stunde lang im Auge. Waela hatte sich widerspruchslos in diesen Natali-Ableger
bringen lassen und war mit geradezu schlafwandlerischer Passivität auf jeden von Halis Vorschlägen eingegangen. Nachdem sie sich aus einem Schiffsspender in einem Korridor versorgt hatte, schien sie wieder kräftiger geworden zu sein - eine Art der Nahrungsaufnahme, die Hali nach wie vor mit Verwirrung erfüllte. Nur so wenige empfingen heutzutage noch Elixier durch die Schiffsspender, daß die meisten Schiffsmenschen sich schon gar nicht mehr um die Stationen kümmerten, und sie sah darin ein Zeichen für die tieferliegenden Absichten oder das Mißvergnügen Schiff s. Die Teilnahme an der Schiffsverehrung war nie besser gewesen. Warum nährte Schiff Waela? Während Waela aus dem Schiffsspender-Behälter trank, hatte Hali versucht, die Korridorstation für sich zu aktivieren. Kein Elixier. Warum, Schiff ? Keine Antwort. Seit es sie zur Kreuzigung Yaisuahs geschickt hatte, war Schiff mit seinen Antworten sehr sparsam gewesen. Wieder einmal verschmolzen die Linien auf dem Monitorschirm miteinander - Fötus und Mutter in synchronem Takt. Als die Linien zusammenkamen, öffnete Waela die Augen. Aber es stand keine Bewußtheit darin, sie starrten lediglich blicklos zur Decke der Kabine empor. »Fliege uns zurück zu Jesus.« Im Sprechen trennten sich die synchronen Linien wieder, und Waela schloß die Augen und sank zurück in die Geographie ihres geheimnisvollen Schlafs. 448 Erstaunt dachte Hali über die bewußtlose Frau nach. Waela hatte »Jesus« in der Aussprache gebraucht, wie Schiff sie anwandte. Hatte Schiff auch Waela auf die seltsame Reise zur Schädelstätte geschickt? Hali nahm es nicht an. Die Spuren dieses gemeinsamen Erlebnisses würde ich erkennen. Hali kannte die Narben, die dieser Ausflug nach Golgatha in ihr zurückgelassen hatte. Meine Augen sind älter. Und in ihrem Verhalten lag eine neue Ruhe, der Wunsch, das Erlebnis mit jemandem zu teilen. Doch sie lebte in dem Wissen, daß wohl keine andere Person ihre Schilderung verstehen würde - außer vielleicht, ja, vielleicht, Kerro Panille. Hali starrte auf Waelas runden Bauch. Warum hatte er sich mit dieser … dieser älteren Frau fortgepflanzt? Fliege uns zurück zu Jesus?
War das nur ein Gemurmel im Delirium? Warum dann die Aussprache des Namens? Ein aufwühlendes Gefühl des Unbehagens erfüllte Hali. Sie benutzte ihre Pribox, um sich mit dem Schiffskern in Verbindung zu setzen und eine Ablösung für den Monitor zu bestellen. Diese Ablösung kam bald, eine junge Natali-Internistin namens Latina. Ihre neue amtlich grüne Pribox hüpfte an ihrer Hüfte, als sie in die Nische eilte. »Weshalb die Eile?« fragte Hali. »Ferry läßt ausrichten, daß er Sie sofort sehen will, unten bei Schiffsverehrung Neun.« »Er hätte mich selbst anrufen können.« Hali klopfte auf ihre Pribox. »Ja … nun ja, er hat nur gesagt, ich sollte Ihnen sagen, es wäre sehr eilig.« Hali nickte und raffte ihre Sachen zusammen. Ihre Pribox und 449 ihr Rekorder gehörten automatisch dazu, wie Teile ihres physischen Wesens. Sie wies Latina in ihre Aufgabe ein, während sie die Geräte verstaute, und machte sie noch einmal auf das Vorkommen der synchronen Rhythmen aufmerksam, dann ging sie gebeugt durch den Vorhang. In dem Agrarium herrschte lebhaftes tagseitiges Treiben, eine Ernte wurde eingebracht. Hali wand sich durch das Treiben der Agra-Arbeiter und fand einen Servo, der kernwärts fuhr. An der Alten Schiff shülle nahm sie den Gleiter ins Zentrum und ließ sich an der Lehrpassage heruntergleiten, die zu Schiffsverehrung Neun führte. Die rote Ziff er blinzelte ihr zu, als sie das gesuchte Luk bediente und in den gedämpften blauen Schein glitt. Ferry war nirgends zu sehen, doch um einen Holofokus in der Mitte der Schiffsverehrungszone saßen etwa dreißig Kinder im Alter von fünf bis sieben. Der Fokus zeigte die Projektion eines Mannes in weißem Schiffstuch; er lag auf dem kahlen Boden und bedeckte in großem Schmerz oder Angst mit beiden Händen seine Augen. »Wie lautet die Lektion, Kinder?« Diese Frage wurde in der tonlosen, gefühllosen Stimme der üblichen Lehrprogramme Schiff s gestellt. Einer der Jungen deutete auf einen anderen neben sich und sagte: »Er will wissen, woher der Mann seinen Namen hat.« Der Mann in der Projektion, der irgendwie betäubt wirkte, stand auf, und von außerhalb des Fokus erschien eine Hand und stützte ihn. Die Hand wurde zu einem zweiten Mann in einer langen beigefarbenen
Robe. Neben diesem anderen Mann tänzelte ein großes weißes Pferd; es schien nervös zu sein und sah sich mit rollenden Augen um. Die Kinder ächzten, als das Pferd in den Holo trat, dann wieder verschwand und schließlich zurückkehrte. Sie klatschten, als der Mann in der Robe das Tier schließlich bändigte. 450 Keine der projizierten Gestalten sagte etwas, doch jetzt tönte eine Stimme aus dem Holofokus, in hohlem Ton sprach sie eine fremde Sprache. Wie vertraut ihr die Worte vorkamen. Hali hatte beinahe das Gefühl, sie verstehen zu können - als habe sie diese Sprache im Traum erlernt. Sie drückte auf den Übersetzungs-Schalter in der Lehne der Couch neben sich, und die Stimme dröhnte noch einmal: »Saul, Saul, warum verfolgst du mich?« Diese Stimme! Wo hatte sie diese Stimme schon gehört? Die weißgekleidete Gestalt, die noch immer die Hände über die Augen gelegt hatte und den größten Teil seines Gesichts verbarg, rollte sich herum und stand auf, wobei sie Hali den Rücken zuwandte. Dabei erkannte sie, daß der Mann doch keinen Schiff sanzug trug, sondern eine weiße Robe, die sich um seine langen Beine gewickelt hatte. Der Mann trat stolpernd zwei Schritte zurück und stürzte erneut. Im Fallen rief er: »Herr, wer bist du?« Die dröhnende Stimme sagte: »Ich bin Yaisuah, den du verfolgst. Es fällt dir schwer, dich der Dornen zu erwehren.« Hali stockte der Atem. Yaisuah! Yaisuah … Jesus! Mit einem Piepston erlosch der Holofokus, und die Lichter der Schiffsverehrung gingen an, ein warmer gelber Schein. Hali erkannte, daß sie die einzige Erwachsene im Raum war - es hatte sich um eine Lehrstunde für Kinder gehandelt. Warum hatte Ferry angeordnet, sie hier zu erwarten? Eines der Kinder, die auf dem Boden saßen, wandte sich an Hali: »Weißt du, woher der Mann seinen Namen hat?« »Es war eine Mischung zweier alter erdseitiger Kulturen«, sagte sie. »Warum habt ihr euch das angesehen?« »Schiff hat gesagt, dies wäre die heutige Lektion. Sie begann mit dem Mann auf dem Pferd. Er ist sehr schnell geritten. Haben wir Pferde in der Hib?« »Ja, nach dem Manifest führen wir Pferde mit, doch noch haben 451 wir keinen Lebensraum für sie.« »Ich würde gern einmal eins reiten.«
»Was hat dich die heutige Lektion gelehrt?« erkundigte sich Hali. »Schiff ist überall, ist überall gewesen und hat alles getan und gesehen«, sagte der Junge. Andere Kinder nickten. Hast Du mir deshalb Yaisuah gezeigt, Schiff ? Keine Antwort, aber sie hatte auch nicht mit einer Reaktion gerechnet. Ich habe meine Lektion nicht gelernt. Was immer mir Schiff beibringen wollte … ich habe versagt. Bekümmert stand sie auf und blickte auf den Jungen, der das Wort an sie gerichtet hatte. Warum gab es hier keine Erwachsenen. Es war die Schiffsverehrung für Kinder, aber nicht einmal ein Lehrer ließ sich blicken! »War Dr. Ferry hier?« fragte sie. »Er war hier, aber jemand hat ihn fortgerufen«, sagte ein kleines Mädchen aus dem Hintergrund. »Darf er die Schiffsverehrung verlassen?« »Wenn es um eine Angelegenheit Schiff s geht«, sagte Hali. Der Vorwand hörte sich hohl an, aber das Mädchen akzeptierte ihn. Abrupt wandte sich Hali ab und verließ den Raum. Im Gehen hörte sie das kleine Mädchen rufen: »Aber wer soll uns in dieser Stunde unterrichten?« Ich nicht, kleines Mädchen. Ich muß meine eigenen Studien betreiben. Schiffseits liefen die Dinge mehr als verkehrt. Waelas absonderliche Schwangerschaft war nur ein Symptom von vielen. Hali lief durch den Seitengang, der kernseits von der Schiffsverehrungs-Zone lag, fand einen Wartungsschieber, rückte ihn zur Seite. Sie zwängte sich durch eine schwach erleuchtete Röhre zu einem Quer452 gang, den sie durch einen anderen Wartungszugang verließ - und sich im Hauptgang zur Dokumentation befand. Hier war einiges los eine Gruppe von Heranwachsenden wurde im Umgang mit den komplizierten Geräten geschult - doch der Gang zwischen den Lagerregalen war leer, ebenso die Konsole, die Kerros kleines Lernlabor verbarg. Hali öffnete das verdeckte Luk, sah das hellrosa Licht in dem Labor. Sie ließ sich hineingleiten und nahm an den Kontrollen Platz. Das Luk klickte hinter ihr zu. Sie war atemlos vor Eile und wollte auch jetzt keine Zeit verlieren. Wo konnte sie beginnen? Vokoder? Projektion?
Hali biß sich auf die Unterlippe. Vor Schiff ließ sich nichts verbergen. Die Lektion an die Kinder war die Wahrheit gewesen. Sie wußte es. Ich brauche diese Geräte gar nicht, um Schiff anzureden. Warum benutzte dann Schiff diesen Raum? »Die meisten von euch finden das weniger aufwühlend, als wenn ich mich direkt in eurem Verstand melde.« Schiff s vertraute Stimme tönte aus dem Vokoder vor ihr. Aus irgendeinem Grund erzürnte sie der ruhige, vernünftige Tonfall. »Wir sind nur Spielzeug für dich! Was geschieht, wenn Du unserer überdrüssig wirst?« »Wie könnte das geschehen?« Die Antwort wurde ihr bewußt, ohne daß sie darüber nachdachte: »Indem wir unseren Respekt vor Schiff verlieren.« Es kam keine Antwort. Dies dämpfte ihren Zorn. Sie überlegte einen Augenblick lang stumm, dann: »Schiff , wer bist Du?« »Wer? Das ist nicht ganz der richtige Ausdruck, Hali. Ich habe in den Köpfen der ersten Menschen gelebt. Es brauchte Zeit, bis die richtigen Ereignisse eintraten, aber eben nichts anderes als Zeit.« »Was respektierst Du, Schiff ?« 453 »Ich respektiere das Bewußtsein, das Mich in euer Erkennen gebracht hat. Mein Respekt drückt sich in Meiner Entscheidung aus, Mich in dieses Bewußtsein so wenig wie möglich einzumischen.« »Und so soll ich Dich respektieren, Schiff ?« »Glaubst du, du könntest dich in Mein Bewußtsein einmischen, Hali?« Sie atmete langsam aus. »Ich mische mich ein, nicht wahr!« Es war eine Feststellung, keine Frage. Mit einem plötzlichen Gefühl des Schwebens, als träte die Erkenntnis ein, weil sie es geschehen ließ und nicht weil sie sie bewußt herbeiführte, erkannte Hali die Lektion der Schädelstätte… »Die Folgen von zuviel Einmischung«, flüsterte sie. »Du erfreust Mich, Hali, Du erfreust Mich so sehr, wie Kerro Panille Mich jemals erfreut hat.« »Hali!« Ferrys Stimme tönte aus dem Pribox-Lautsprecher an ihrer Hüfte. »Kommen Sie schnell ins Lazarett!« Sie war schon durch das versteckte Luk gestürmt und hatte den
Lagergang zur Hälfte zurückgelegt, ehe ihr bewußt wurde, daß sie Schiff mitten im Gespräch verlassen hatte. Schiff sprach auf diese persönliche Weise nur mit sehr wenigen Menschen, und sie hatte die Frechheit, einfach aufzuspringen und zu verschwinden. Doch kaum war ihr dieser Gedanke durch den Kopf gezuckt, als sie auch schon zu lachen begann. Sie konnte Schiff nicht verlassen. Ferry kam ihr am Hauptluk zum Lazarett entgegen. Er trug einen schweren blauen Bodenseits-Anzug und hatte einen zweiten Anzug dieser Art unter den Arm geklemmt. Er schob ihr das Gebilde hin, und Hali bemerkte, daß die Anzüge für Helme bei 454 gefährlichem Flug eingerichtet waren. Sie ergriff den Anzug, den Ferry ihr ruckartig hinhielt. Der alte Mann schien in höchster Erregung zu sein, seine Hände zitterten, sein Gesicht war hektisch gerötet. Der Bodenseits-Stoff fühlte sich rauh an in ihren Händen, ganz anders als Schiffstuch. Der lösbare Regenumhang mit Kapuze war dagegen ziemlich glatt. »Was … was geht hier vor?« fragte sie. »Wir müssen Waela aus dem Schiff bringen. Murdoch wird sie sonst töten!« Es dauerte einen Augenblick, ehe ihr die Bedeutung seiner Worte zu Bewußtsein kam. Dann fühlte sie Zweifel. Warum sollte sich dieser verängstigte alte Mann gegen Murdoch stellen? Und damit auch gegen Oakes! »Warum sollten Sie ihr helfen?« fragte sie. »Man ruft mich bodenseits an und will mich ins Labor Eins schicken.« Hali kannte die Gerüchte über Labor Eins - Klon-Experimente, einige verrückte Geschichten, doch Ferry war offensichtlich außer sich vor Entsetzen. Wußte er Näheres über Labor Eins? »Wir müssen uns beeilen«, sagte er. »Aber wie … man wird uns einholen!« »Bitte! Ziehen Sie den Bodenseiter an und helfen Sie mir!« Sie zog sich die Kleidung über den Schiffsanzug und fühlte sich sofort ungeheuer klobig. Ihre Finger fummelten an den Verschlüssen des Regenumhangs herum, während Ferry sie bereits in die LazarettZone drängte. »Wenn der erste Verdacht aufkommt, sind wir längst verschwunden«, sagte sie. »In vier Minuten startet ein Frachter von
Startstation Acht. An Bord sind technische Geräte, keine Mannschaft - alles automatisch.« 455 Sie hatten das Lazarett erreicht, und als er einen Vorhang zurückzog, unterdrückte Hali eine überraschte Frage. Waela lag auf einer Rollbahre und trug bereits einen bodenseitigen Regenumhang mit weit vorgezogener Kapuze. Ihr angeschwollener Unterleib war ein blauer Berg unter dem wasserabweisenden Material. Wie hatte Ferry sie hierhergebracht? »Murdoch hat sie ins Lazarett verlegen lassen, als Sie abgelöst worden waren«, erklärte Ferry und zerrte ächzend die Rollbahre aus ihrer Nische. Hali machte Anstalten, die Monitorverbindungen zu lösen. »Noch nicht!« sagte Ferry heftig. »Das ist doch das Signal an die Bio-Abteilung, daß etwas nicht stimmt!« Hali trat einen Schritt zurück. Natürlich; daran hätte sie auch selbst denken können. »Jetzt schließen Sie ihre Pribox an«, befahl Ferry. »Die Leute werden annehmen, wir bringen sie zu weiteren Tests irgendwohin.« Ferry faltete die Bodenseits-Kapuze unter Waelas Kopf und bedeckte sie mit einer grauen Decke. Als er ihren Kopf hob, bewegte sie sich schläfrig. »Was hat man ihr gegeben?« fragte Hali. »Ich glaube, ein Betäubungsmittel.« Hali blickte an ihrem Bodenseiter hinab, dann schaute sie Ferry an. »Man braucht nur einen Blick auf unsere Kleidung zu werfen, um zu wissen, daß etwas nicht stimmt.« »Wir tun einfach, als wüßten wir genau, was wir tun.« Waela zuckte im Schlaf, murmelte etwas, öffnete die Augen und sagte: »Ruhig, ruhig!« Dann sank sie wieder in den künstlichen Schlaf. »Ich höre Sie«, murmelte Hali. »Fertig?« fragte Ferry. Er faßte das Kopfende der Bahre an. Hali nickte. 456 »Dann machen Sie los!« Hali entfernte die Monitorverbindungen, und sie rollten Waela in den Gang hinaus, so schnell sie konnten. Startstation Acht, dachte Hali. Vier Minuten. Das war zu schaffen, wenn sie unterwegs nicht zu lange aufgehalten wurden.
Sie bemerkte, daß Ferrys Kurs auf den Tangentengang zu den Startstationen nahm. Eine gute Entscheidung. Sie hatten noch kein Dutzend eilige Schritte zurückgelegt, als Hali ausgerufen wurde. »Eckel ins Lazarett! Eckel ins Lazarett!« Hali schätzte die Entfernung zwischen dem Lazarett und ihrem Ziel auf zweihundert Meter. Auf den internen Schiffstransport konnten sie sich nicht verlassen. Wenn Murdoch wirklich ein Killer war, wenn sie weniger in ihm gesehen hatte, als er wirklich war, dann konnte die Fahrt durch eine Transitröhre nur mit einer Katastrophe enden. Er hatte die Möglichkeit, die Kontrollen zu desaktivieren und sie wie eine Mahlzeit vor seinem Luk abliefern zu lassen. Die Räder der Liege quietschten, was Hali auf die Nerven ging. Ferry keuchte, ihm setzte die ungewohnte Anstrengung zu. Die wenigen Leute, denen sie begegneten, sahen sofort, daß hier offenbar ein medizinischer Notfall vorlag, und drückten sich an die Wände, um die Bahre vorbeizulassen. Wieder rief man sie aus: »Eckel dringend ins Lazarett! Wir haben einen Notfall!« Sie schlitterten um die Ecke in den Gang zu den Startstationen und rissen die Liege dabei fast um. Ferry packte im letzten Moment zu und verhinderte, daß Waela zu Boden glitt. Hali half ihm, Waela wieder gerade zu legen, während sie weiter auf Nummer Acht zuhasteten. Eben kamen sie an der Fünf vorbei und sahen schon im Gang weiter vorn ihr Ziel. 457 Ferry griff im Gehen unter Waelas Schulter und zog etwas heraus, das ihm aufgefallen war. Hali sah ihn erbleichen. »Was ist denn das?« Er hielt es ihr hin. Das Ding sah heimtückisch aus – eine kleine Silberröhre. »Ein Detektor«, sagte Ferry keuchend. »Wo war das Ding?« »Murdoch muß versucht haben, ihr das Ding in den Hals zu stoßen, aber er ist nicht lange genug geblieben, um zu sehen, ob sie es auch wirklich verschluckt hat. Sie muß es ausgespuckt haben.« »Aber …« »Sie wissen, wo wir sind. Der Biocomputer kann das Ding im Körper aufspüren, ja, aber auch überall in Schiff .« Hali entriß ihm das Röhrchen und schleuderte es hinter sich, so weit
sie konnte. »Wir brauchen nur noch ein wenig Zeit.« »Sie sind bereits am Ziel, Eckel!« Murdochs schrille Stimme lähmte sie beinahe; er trat aus dem Luk der Nummer Acht dicht vor Ferry. Sie entdeckte ein Laserskalpell in seiner Hand und erkannte, daß er das Gerät als Waffe benutzen wollte. Mit dem Ding konnte er bei voller Energie einem Menschen auf zehn Meter Entfernung ein Bein abtrennen! 458 Wie die Jesuiten erkannten, beschränkt die Logik in ihrer Schlüsselfunktion jede Erörterung und engt daher den Denkprozeß ein. Schon im Wedanta wurde diese Art der Bändigung der ungezügelten Gedankenkreativität in sieben, die Logik führende Kategorien unterteilt: Qualität, Substanz, Handlung, das Ganze, das Einzelne, die intime Beziehung und die Nicht-Existenz (oder Negation). Von diesen Begriff en nahm man an, daß sie die wahren Grenzen des symbolischen Universums definierten. Die Erkenntnis, daß alle Symbolisierungsvorgänge grundsätzlich off en und unendlich sind, kam erst viel später. RAJA THOMAS Schiffsdokumente Der Hyflieger, in dessen Tentakeln Thomas ruhte, stimmte ein kurzes, schrilles Lied an und begann einen langsamen Abstieg durch blauen Dunst. Thomas spürte die Tentakel, die ihn einhüllten, und hörte das Lied - er bekam sogar mit, daß Alki seinen langen Sturz in den Sonnenuntergang begann. Er sah den dunkelpurpurnen Zenit, sah die von der Seite beleuchtete Helligkeit des blauen Dunstes und einen darum liegenden Rand steiler Klippen. Er nahm dies alles wahr und wußte doch nicht genau, was er da eigentlich erblickte, noch wußte er, ob er seinen Verstand noch richtig beisammen hatte. Und schon umhüllte ihn der Dunst, warm und feucht. Seine Erinnerungen waren wirr, wie etwas, das er nur durch wirbelndes Wasser sah. Sie bewegten sich und dehnten sich und fanden auf eine Weise zusammen, die ihn verwirrte. Ruhig! Sei ruhig! Er wußte nicht genau, ob dies sein eigener Gedanke war. 459 Wo war ich? Er glaubte sich zu erinnern, daß er aus Oakes‘ Redoute ins Freie gestoßen worden war. Das Land unter ihm konnte also noch immer der Schwarze Drache sein. Er wußte allerdings nicht mehr, daß er
von einem Hyflieger aufgegriffen worden war. Wie bin ich hierher gekommen? Als löse seine Verwirrung eine vage Erklärung aus, sah er in der Ferne ein Bild seiner selbst, wie er über eine Ebene lief, dichtauf gefolgt von einem Falten-Huscher, dann das Herabstoßen eines Hyfliegers, der ihn in Sicherheit brachte. Diese Bilder zuckten ihm ungewollt durch den Kopf. Rettung? Was mache ich hier? Ballast! Nahrung? Vielleicht bringt der Hyflieger mich in sein Nest, zu einer Horde hungriger … hungriger was? »Nest!« Er hörte das Wort deutlich, als habe es ihm jemand ins Ohr gesagt, aber da war niemand. Er wußte, die Stimme gehörte nicht ihm, sondern Schiff . Schiff ! Sie hatten keine sieben Tagesläufe mehr! Schiff stand im Begriff , die Abspielung zu stoppen. Ende der Menschheit. Ich bin verrückt geworden, das muß es sein. Ich werde in Wahrheit gar nicht von einem Hyflieger durch blauen Dunst getragen. In seinem Geist öffnete sich eine Pforte, und er hörte Stimmengewirr … zu den Sprechenden gehörte auch Panille. Erinnerungen … sein Geist hielt Erinnerungen fest, die bis zu diesem Stimmengewirr verschlossen gewesen waren. Die Gondel - die Hyflieger, die in die schwimmende Gondel griff en … Waela und Panille, die sich liebten, umgeben von Tentakeln wie lange, gleitende … forschende Schlangen. Er hörte sein eigenes hysterisches Lachen. War das auch eine Erinnerung? Er wußte wieder, wie das LAL sie 460 in die Redoute zurückbrachte … dann die Zelle … die seltsamen EKlone … und neues Gelächter. Ich erlebe Halluzinationen … und erinnere mich an Halluzinationen. »Keine Halluzinationen.« Wieder die Stimme! Die ihn umschließenden Tentakel verschoben sich, doch noch immer sah er nichts außer blauem Nebel und … und … Nichts anderes war gewiß. Das Gebrabbel in seinem Kopf setzte sich fort - Erinnerungen oder aktuelle Gegenwart, er wußte es nicht. Der Kopf drehte sich ihm. Bruchteile von Bildern, die wie Holoaufzeichnungen anmuteten, tanzten hinter seinen Augen. Ich habe zuletzt doch jeden Halt verloren - ich bin wahnsinnig
geworden. »Nicht wahnsinnig.« Nein … ich rede nur mit mir selbst. Das Geplapper löste sich allmählich in unterscheidbare Brocken auf. Er glaubte Wortfetzen zu erkennen, doch die innere Holoaufzeichnung entsetzte ihn. Er hatte das Gefühl, als sei der gesamte Planet nur für ihn zu Augen und Ohren geworden, als sei er - überall. Schrittweise kehrte die Stille zurück. Er spürte sie durch seinen Kopf schwemmen. Langsam - wie ein winziges Wesen, das eine Riesenwand emporkriecht - spürte er, wie sich jene anderen Augen und Ohren von seinem Bewußtsein entfernten. Er war allein. Was passiert hier mit mir, zum Teufel? Keine Antwort. Doch er fühlte, wie die Kadenzen seiner geistigen Stimme durch ein langes, dunkles System aus Tunneln und Korridoren hallte. Er befand sich in Dunkelheit. Und irgendwo in dieser Dunkelheit gab es ein Ohr, das zuhörte, und eine Stimme, die Antwort gab. 461 Waela war dort. Er fühlte sie, als könne er eine Hand ausstrecken und sie berühren … Die Tentakel umschlossen ihn nicht mehr! Eine Handfläche berührte den Boden … Gestein, Sand. Überall Dunkelheit. Waela blieb dort - ruhig, aufnahmebereit. Ich habe mich doch nicht etwa in eine Art verdammten Mystiker verwandelt? »Ein lebendiger Mystiker.« Diese Stimme! Sie war so real wie der Wind, den er plötzlich auf dem Gesicht spürte. Da wußte er, daß er in der Dunkelheit auf dem Boden kniete … und der Dunst ringsum wurde schimmernd blau. Und er erinnerte sich, erinnerte sich wirklich, daß er von einem Hyflieger vom Boden hochgerissen worden war. Die kostbarste Erinnerung; er umhegte sie, als wäre sie sein einziges Kind. Erinnerung: eine schimmernde Meeresfläche, ein schmaler Küstenstreifen, der sich davonwand, die zerklüftetsten Berge Pandoras, die aus dem Meer und den Ebenen aufstiegen - der Schwarze Drache. »Schau empor, Raja Thomas, und siehe, wie das Kind Vater des Menschen wird!«
Er neigte den Kopf und bemerkte im blauen Nebel Streifen hellgelber und orangeroter Färbung. Ein pfeifendes Lied verblüffte seine Ohren. Es stammte von einem kleinen Hyflieger, der im Nebel direkt über ihm verharrte. Ringsum fuhren Tentakel über den Boden. Der Nebel wurde dünner, bewegt von der Brise, die er auf der Haut spürte. Er roch Blütenduft. Die Luft war schwer und warm von Wasserdampf. Er schaute nach rechts und links, wo sich ein Ausblick bot. Dschungel. Ohne zu wissen, wie er zu dieser Erkenntnis gelangte, begriff er seine Umgebung: einen großen Krater in schwarzem Gestein, 462 eine darin festgehaltene Wolkenschicht schuf eine Inversion mit geschützter Wärme unterhalb des Kraterrandes. Einer der lauernden Hyfliegertentakel ringelte sich in seine Richtung und berührte seinen linken Handrücken. Das Gebilde fühlte sich so warm und weich an wie sein eigenes Fleisch. Ein Tropfen Kondensationsfeuchtigkeit lief ihm den Nacken hinab. Er blickte zu dem Hyflieger empor. Ein zweiter tropfnasser Tentakel baumelte direkt über ihm. Die Ruhe wich von ihm. Was wird es mir antun? Er blickte in alle Richtungen: warmer blauer Dunst. Krach! Weit über ihm zuckte ein greller Blitz horizontal durch den Nebel. Er spürte das Prickeln dieser Erscheinung an den Haarspitzen von Nacken und Armen. Wo liegt dieser Ort? »Nest.« Er hatte das Gefühl, diese Stimme gar nicht wirklich zu hören. Nein … sie spielte mit seinem Gehörsinn, wie Schiff s Stimme es getan hatte, doch es war nicht Schiff . Trotzdem spürte er die Realität dessen, was ihm seine Augen meldeten. Ein Hyfliegertentakel berührte ihn an der Hand, ein zweiter schwebte über ihm. Ringsum war und blieb der Dschungel. Vielleicht sah er hier das, was er sich am meisten wünschte: das legendäre Refugium, die Zuflucht mit dem ewig vollen Füllhorn, der Ort, an dem es keine Sorgen und kein Verstreichen von Zeit gab: der Garten Eden, das Paradies, das Zuhause. Ich habe in meinem eigenen Kopf Zuflucht gesucht wegen Schiff s
Entscheidung, mit uns ein Ende zu machen. Er wagte einen neuen Blick auf den nebligen Dschungel auf allen Seiten - wirre Gruppen von Bäumen und Ranken, die in dem 463 satten Grün allerlei seltsame Farben verbargen. »Deine Sinne lügen nicht, Raja Thomas. Das sind echte Bäume und Ranken. Siehst du die Blumen?« Die Farben waren Blüten - rot, anilinrot, herabfallende goldgelbe Kaskaden. Es war alles zu vollkommen, eine zarte Fiktion. »Wir finden die Blumen ganz angenehm.« »Wer … spricht … da … mit … mir?« »Avata spricht zu dir. Avata bewundert auch den Weizen und den Mais, die Apfelbäume und Zedern. Avata hat hier angepflanzt, was von eurer Rasse fortgeworfen wurde.« »Wer ist Avata?« Thomas starrte zu dem schwebenden Hyflieger empor, voller Angst vor der Antwort, die er jetzt vielleicht erhielt. »Dies ist Avata.« Eindrücke durchströmten seine Sinne: der Planet in Licht und Dunkelheit, die Klippen des Schwarzen Drachens und die Ebenen des Ei-Kontinents, Meere und Horizonte, ein Gewirr, das seine Fähigkeit der Unterscheidung überwältigte. Er versuchte davor zurückzuweichen, doch die Visionen verfolgten ihn. »Die Hyflieger«, flüsterte er. »Wir ziehen es vor, von euch ›Avata‹ genannt zu werden, denn wir sind zahlreich und zugleich eins.« Langsam wichen die Visionen von ihm. »Avata bringt Panille, euch zu helfen. Siehst du?« Er ließ den Blick herumwandern und sah weiter links einen dritten Hyflieger durch den blauen Nebel näher kommen. Einen nackten Kerro Panille in einer Tentakelschlaufe tragend. Panille schwamm in der Luft wie der Nachklang einer Vision, die nicht weichen wollte. Der Hyflieger ließ ihn wenige Zentimeter über dem Boden los. Er landete auf den Füßen und kam auf Thomas zu. Das Knirschen seiner Füße im Sand war nicht zu überhören. 464 Der Dichter war greifbar vorhanden. Er war auf der Ebene nicht gestorben oder von den Hyfliegern getötet worden. »Sie erleben keine Halluzination«, sagte Panille. »Denken Sie immer daran. Es handelt sich um kein Fraggo. Es ist ein Austausch des
Selbst.« Thomas stand auf, und der herabhängende Tentakel seines Hyfliegers bewegte sich mit ihm, ohne den Kontakt zum Handrücken zu lösen. »Wo sind wir, Kerro?« »Wie Sie schon vermutet haben - im Garten Eden.« »Sie haben meine Gedanken gelesen?« »Einige. Wer sind Sie, Thomas? Avata äußert große Neugier über das Rätsel, das Sie umgibt.« Wer bin ich? Er sprach aus, was ihn vordringlich bewegte: »Ich bin der Überbringer schlimmer Nachrichten. Schiff wird die Menschheit für immer löschen. Wir haben … weniger als sieben Tagesläufe Zeit.« »Warum sollte Schiff so etwas tun?« Panille blieb knapp einen Schritt vor Thomas stehen, legte den Kopf auf die Seite und zog ein ratloses, halb amüsiertes Gesicht. »Weil wir es nicht lernen, wie wir Schiff zu verehren haben.« 465 Die vergessene Sprache unserer tierischen Vergangenheit enthält die Notwendigkeit der Herausforderung. Nicht herausgefordert zu werden heißt zu verkümmern. Und die höchste Herausforderung besteht darin, die Entropie zu überwinden, jene Barrieren zu durchbrechen, die das Leben umschließen und isolieren und die Energie für Arbeit und Erfüllung begrenzen. KERRO PANILLE Gesang vor der Avata Einen endlosen Herzschlag lang stand Hali starr im Korridor und blickte auf Murdoch und die Waffe in seiner Hand - das tödliche Laserskalpell. Direkt hinter ihm sah sie Startstation Acht - dort lagen der Frachter und die Fluchtchance. Es waren noch weniger als zwei Minuten, bis das automatische System den Frachter ins All hinausschickte, damit er den langen Sturzflug nach Pandora antrete. Ein schneller Blick auf die bewußtlose Waela auf der Rollbahre neben ihr zeigte keine Veränderung, aber das Ziel des Laserskalpells war klar. Hali stellte sich zwischen Murdoch und Waela. Sie hörte das Japsen des alten Win Ferry, der ihre Absicht erkannte. Hali starrte unverwandt auf das Skalpell, räusperte sich und fand ihre Stimme wieder, die erstaunlich ruhig klang. »Diese Werkzeuge sind zum Retten von Leben gedacht, Murdoch, nicht zum Töten.« »Ich werde eine Menge Leben retten, indem ich diese TaoLini beseitige.« Seine Stimme erinnerte sie an jenen weit zurückliegenden
Augenblick, da Schiff sie an der Schädelstätte mit dem übelriechenden Mann zusammengeführt hatte. Schiff ? Die unausgesprochene Bitte füllte ihren Verstand. Schiff antwortete nicht. Es hing also alles von ihr ab. 466 Ferry hatte die Liege zwei Schritte vor Murdoch zum Stillstand gebracht und stand nun zitternd links von Hali. Murdoch schwenkte das Skalpell. »Dieses Werkzug ist dafür bestimmt, einen gesunden Körper von krankhaften Wucherungen zu befreien. Sie …« - er blickte auf die bewußtlose Waela - »… beschmutzt uns.« Wieder füllte sich Halis Erinnerung mit den Gesichtern der Schädelstätte - leidenschaftlich funkelnde Augen und die dahinter mühsam gebändigte Gewalt. Murdochs Gesicht paßte nahtlos in diesen Kreis. »Sie haben dazu nicht das Recht«, sagte sie. »Ich habe dies.« Er ließ die Klinge des Skalpellasers in loderndem Bogen an ihrer rechten Wange vorbeigleiten. »Das ist alles, was ich an Recht brauche.« »Aber Schiff …« »Das Schiff soll verdammt sein!« Er machte einen Schritt auf sie zu, die freie Hand ausstreckend, um sie zur Seite zu schieben. In diesem Augenblick trat Ferry in Aktion. Er handelte so schnell, daß Hali nur das Zurückzucken von Murdochs Kinn bemerkte und die verschwommene Bewegung von Ferrys Ellbogen. Murdoch fiel rückwärts auf das Deck, und das Skalpell wirbelte zur Seite. Hali war von der Schnelligkeit des alten Mannes ebenso überrascht wie von seinem Einsatz. Ferry wurde von Verzweiflung getrieben. »Los!« brüllte ihr Ferry zu. »Schaff en Sie Waela hier raus!« Murdoch rappelte sich schon wieder auf, als Ferry sich von neuem auf ihn stürzte. Hali handelte instinktiv. Sie packte die Bahre und zerrte sie an den Kämpfenden vorbei. Die quietschenden Räder gingen ihr auf die Nerven. Wieviel Zeit haben wir noch? 467 Und als sie die Liege durch das Luk zur Startstation Acht schob, fragte sie sich: Weshalb ist Ferry so verzweifelt? Das verschlossene Luk zum Frachter lag direkt hinter dem Eingang zur Station Acht. Sie rollte die Liege über die Erhebung der Schleuse
und stoppte zehn Schritte weiter vor dem Luk des Frachters. Erst in diesem Augenblick ging ihr auf, daß sie ohne Ferry nicht fliehen konnte. Er hatte das Transitprogramm des Frachters. Sie starrte auf die Kontrollen neben dem Luk. Ohne das Programm würde der Frachter in der Kolonie landen. Ihr Instinkt sagte ihr, daß sie dort von etwas erwartet wurden, das schlimmer war als Murdoch. Ohne das Programm kamen sie gar nicht erst in den Frachter hinein, sondern würden hier in der Startstation bei lebendigem Leib verbrannt werden. Ohne das Programm konnte sie den Frachter nicht von AUTOMATIK auf LEBENSSYSTEM schalten. Die Tatsachen-Bestandsaufnahme in ihrem Kopf wurde unterbrochen, als die Relais der Kontrollen auf das letzte Stadium vor der Trennung schalteten. Als sie ein Ächzen hörte, fuhr sie herum und sah Murdoch und Ferry in dem kurzen Gang zum Frachter kämpfen. Murdoch stemmte den alten Mann langsam in Halis Richtung. Wieder klickten die Kontrollen am Luk. Nacheinander zischten die Luken zur Startstation zu. Gewaltige Riegel bewegten sich in den Schlössern und trennten die Station und die vier Menschen vom Rest Schiff s. Murdoch stieß einen Schrei aus, und sie sah sein Ohr wie eine zarte Blüte über das rotverschmierte Deck gleiten. Erst bei diesem Augenblick ging ihr auf, daß Ferry das Skalpell an sich gebracht haben mußte. Sie fuhr zu den Kontrollen herum, riß die Schutzklappe auf und fand die Taste zur Programmverzögerung. Verzweifelt drückte sie darauf. Hoffentlich habe ich uns jetzt nicht hier eingesperrt. 468 Ein ominöses Ticken tönte aus dem Kontrollteil. Ferry drängte sie zur Seite und schob ein kleines Metallblatt in einen Schlitz unter den Kontrollen. Seine zitternden Finger bedienten den Knopf mit der Aufschrift Programmerweiterung, woraufhin das Luk des Frachters aufsprang. Sie schoben die Liege hinein, dabei richtete Waela sich auf. Sie blickte Ferry an, dann Hali und sagte: »Mein Kind wird im Meer schlafen. Wo die Hyflieger das Hin und Her der Wogen beruhigen, dort wird mein Kind schlafen.« Und ihr fiel der Kopf auf die Brust. Ferry und Hali zogen sie von der Bahre, beförderten sie vorsichtig zu einem Passagiersitz und schnallten sie behutsam fest. Während sie noch an der Arbeit waren, hörte Hali des Luk des Frachters zugehen. Das Schiff erbebte. Ferry schob sie auf eine der vorderen Kontrollcouchen, und sie schnallten
sich an. »Haben Sie schon mal einen von diesen Kähnen geflogen?« fragte er. Sie schüttelte den Kopf. »Ich auch nicht. Simulatorübungen habe ich mitgemacht, aber das ist lange her.« Seine Hand zögerte über dem Hebel mit der Kennzeichnung: STARTPROGRAMM, doch ehe er sich bewegen konnte, flackerte das rote AUTOMATIK-Licht an den Kontrollen auf. Hali blickte nach vorn auf die Plasrundung, die sich in die Landenische drückte, und erwartete die Trennung. Aber es rührte sich nichts. »Was ist los?« Hysterie wollte in ihr aufsteigen. »Warum startet das Schiff nicht?« »Ferry! Eckel! Schalten Sie ab und kommen Sie wieder herein!« »Murdoch«, sagte Ferry. »Immer muß er einem dazwischenfunken! Er muß aus der Startstation entkommen sein. Er hat den 469 Autopiloten übernommen, so daß wir die Haltebolzen nicht lösen können.« »Ferry, Eckel - wenn wir die TaoLini nicht ins Lazarett zurückschaffen, könnte sie sterben. Wollen Sie das auf dem Gewissen haben? Machen Sie keinen Arger, wegen einer …« Ferry schaltete den Vokoder ab. Hali atmete tief durch. »Was jetzt?« »Dies wird entweder der Flug Ihres Lebens oder gar kein Flug. Festhalten!« Ferry desaktivierte die Konsole und drückte den Knopf: NEUEINSTELLUNG, dann ÜBERSCHALTUNG und HANDFÜHRUNG. Sein Finger stockte einige Augenblicke lang über STARTPROGRAMM. »Ab damit!« sagte Hali. Er drückte auf den Knopf. Ein grollendes Zittern lief durch die Kabine. Hali wandte sich zu Ferry um. Niemals hätte sie solche Tatkraft und Entschlossenheit in dem alten Mann vermutet. Er schien über die Verzweiflung hinausgewachsen zu sein, im Zwang eines ganz eigenen privaten Überschaltungsprogramms. Plötzlich wurde ihr bewußt, daß der alte Mann nüchtern war. »Wenn wir nur eine Flughilfe hätten«, sagte er. Eine metallische Frauenstimme ließ sie zusammenzucken; sie tönte
aus einem Vokoder an der Decke. »Sie haben Flughilfe.« »Wer sind Sie, zum Teufel?« fragte Ferry. »Ich bin Bitten. Ich bin das System dieses Frachters. Ich bin für den Notfall mit konventionellem oder Konversations-Programm ausgerüstet. Sie möchten sich von Schiff trennen, richtig?« »Ja, aber …« Ein Dröhnen brauste durch den Frachter. Im vorderen Plas erschien plötzlich der grelle Umriß Regas, gefolgt von einem Pan470 orama der Sterne, das sich in dem Maße verbreitete, wie sie sich von Schiff entfernten. Eine langsame Wendung um hundertundachtzig Grad begann, und Hali sah das klaff ende Loch, das einmal Startstation Acht gewesen war. Schon schwärmten überall Roboxe wie Insekten und begannen die zerfetzten Kanten instandzusetzen. »Nun also«, brummte Ferry. »Was jetzt?« Halis Kehle war wie zugeschnürt, und sie schluckte krampfhaft. »Was Waela vorhin gesagt hat - die Wiege des Meeres. Weiß sie etwas darüber … über …« »Das lebenserhaltende System ist aktiviert«, meldete Bitten. »Braucht die schlafende Person zusätzliche Pflege?« Hali fuhr herum und betrachtete ihre Patientin. Waela schlief reglos, sie atmete ruhig. Hali löste ihre Gurte, kroch an Waelas Seite und führte eine Reihe von Tests durch: ausnahmslos normale Werte, wie sie nicht anders erwartet hatte: der Blutdruck war ein wenig hoch, das Adrenalin ein wenig stark, aber nachlassend. Eine medikamentöse Behandlung war nicht angebracht. Hali wurde Ferrys Stimme bewußt; er bat Bitten um die Angabe der voraussichtlichen Eintrittszeit in Pandoras Atmosphäre. Hali drehte sich um und starrte mit wachsendem Erstaunen auf den Planeten. Ihr schiffseitiges Leben war zu Ende. Das einzige, was sie über ihr Leben ganz sicher wußte, war, daß sie es noch nicht verloren hatte. Bittens metallische Stimme füllte klirrend die Kabine. »Zwei Stunden, fünfunddreißig Minuten bis zur Atmosphäre. Zusätzliche fünfunddreißig Minuten vom Eintritt bis zur Landung in der Kolonie.« »Wir können nicht in der Kolonie landen!« sagte Hali. Sie arbeitete sich zu ihrem Sitz zurück und machte die Gurte wieder fest. »Wie sehen unsere Alternativen aus.« 471
»Kolonie ist die einzige Landestation, die für dieses Schiff zugelassen ist«, gab Bitten Auskunft. »Wie steht‘s mit einer Landung an der Oberfläche?« »Gewisse Umstände gestatten eine Oberflächenlandung ohne Schaden für Schiff und Mannschaft. Aber unser Gewaltstart hat alle vorderen Landegeräte und Bremsdüsen zerstört. Die brauchen wir in der Kolonie nicht.« »Aber wir können nicht in der Kolonie landen!« Sie starrte Ferry an, der völlig reglos dasaß - entweder vor Angst oder Resignation. »Das Überleben ungeschützter Besatzungsmitglieder ist an anderen Orten der pandorischen Oberfläche nicht wahrscheinlich«, gab Bitten zu bedenken. Hali fühlte, daß sich ihre Gedanken im Kreise bewegten. Ein Überleben nicht wahrscheinlich? Sie hatte plötzlich das Gefühl, daß ringsum ein sensationelles Drama ablief, etwas, das unwirklich war, für die Bühne eingerichtet. Sie blickte zu Ferry hinüber, der weiter unverwandt durch das vordere Plas starrte. Das war es: Ferry benahm sich völlig untypisch, viel zu untypisch. Aber Murdochs Ohr … das Loch in Schiff … »Wir können nicht zu Schiff zurückkehren, wir können auch nicht an der Kolonie landen oder im Freien«, sagte sie. »Wir sitzen in der Falle«, stimmte ihr Ferry zu, und die Ruhe in seiner Stimme gefiel ihr ganz und gar nicht. 472 Siehe, jene sind nur ein kleiner Trupp, und sie erzürnen uns wahrhaftig; und wir sind eine Armee auf der Hut. MOSLEMISCHES BUCH DER TOTEN Schiffsdokumente »Sie sprechen da von Krieg«, sagte Panille und schüttelte den Kopf. Er setzte sich auf den warmen Boden, den Rücken an einen Dschungelbaum gelehnt, umgeben von mondschattiger Dunkelheit. »Krieg?« Thomas rieb sich die Stirn und betrachtete den dunklen Boden. Panilles Anblick gefiel ihm nicht - ein nackter Pan, der seine Kontakte mit dem Leben ringsum immer wieder zu verstärken und zu lockern schien - hier einen Baum berührend, dort den Tentakel eines vorbeischwebenden Hyfliegers. Kontakt, physischer Kontakt, ein ewiges Berühren. »Die Schiffsmenschen hatten viele Generationen lang keine Kriegserfahrung mehr«, sagte Panille. »Klone und E-Klone wissen überhaupt nichts darüber, sie kennen nicht einmal Schilderungen oder Traditionen. Meine Eindrücke
davon stammen aus Schiff s Holos.« Ein Mond stand in voller Rundung am Himmel, der andere erhob sein bleiches Gesicht über den zerklüfteten Horizont; in ihrem Licht sah Panille Thomas als Silhouette vor dem Himmel, ein verschwommener Umriß inmitten der Sterne. Ein sehr besorgter Mann. »Aber wir müssen die Redoute in die Gewalt bekommen«, sagte Thomas. »Darin liegt unsere einzige Hoffnung. Schiff … Schiff wird …« »Woher wissen Sie das?« »Es ist der Grund, warum ich aus der Hib geholt wurde.« »Um uns die Schiffsverehrung zu lehren?« 473 »Nein! Um Sie mit der Notwendigkeit der Lösung dieses Problems vertraut zu machen! Schiff besteht darauf, daß wir …« »Es gibt da kein Problem.« »Was soll das heißen - es gibt da kein Problem?« Thomas war entrüstet. »Schiff wird …« »Schauen Sie sich doch um.« Panille deutete auf das mondhelle Becken, auf die sanften Bewegungen der feuchten Luft zwischen den Blättern. »Wenn Ihnen Ihr Zuhause etwas bedeutet - hier sind Sie geschützt.« Thomas zwang sich dazu, einen tiefen Atemzug zu tun, um zumindest äußerlich den Eindruck von Ruhe zu verbreiten. Der Dschungel - ja, an diesem Ort schien es keine Dämonen zu geben … in diesem Nest, wie die Hyflieger es nannten. Aber dieser Ort genügte nicht! Kein Ort war vor Oakes oder vor Schiff sicher. Und vor Schiff s Forderung gab es kein Entkommen. Das mußte er Panille begreiflich machen. »Bitte glauben Sie mir«, sagte Thomas. »Wenn wir es nicht lernen, Schiff richtig zu verehren, ist es um uns geschehen. Dann gibt es die Menschheit nicht mehr, an keinem Ort mehr. Ich … ich möchte nicht, daß es dazu kommt.« »Warum sollten wir dann die Redoute angreifen?« »Weil Sie mir sagen, dort seien bodenseits die letzten Menschen anzutreffen - die Kolonie sei zerstört.« »Das stimmt, aber was wollten Sie den Leuten durch Ihren Angriff klarmachen?« Panille äußerte sich mit verrücktmachender Sachlichkeit, und seine Stimme blieb auf beunruhigende Weise eins mit den Rascheln der vom Wind ewig bewegten Blätter.
Thomas versuchte dem Tonfall zu entsprechen. »Lewis und der Boß vernichten den Elektrotang und die Hyflieger. Für das Leben hier wird die Zeit knapp. Wissen die Wesen denn nicht …« »Avata weiß, was hier vorgeht.« 474 »Sie wissen, daß sie ausgelöscht werden?« »Ja.« »Wollen Sie das verhindern.« »Ja.« »Und wie erwarten Sie das zu erreichen, ohne die Redoute zu beherrschen?« »Avata wird die Redoute nicht angreifen.« »Was werden sie denn tun?« »Was Avata immer getan hat: hegen und pflegen. Avata wird weiterhin Menschen retten, wenn das möglich ist. Avata wird uns an den Ort tragen, den wir aufsuchen müssen.« »Hat der Tang denn keine Kolonisten umgebracht? Sie haben doch Waelas Worte gehört …« »Eine der vielen Lügen Lewis‘«, antwortete Panille, und Thomas wußte, daß er recht hatte. Er starrte in den Dschungel hinter Panille. Irgendwo dort drinnen befand sich eine große Gruppe Überlebende, E-Klone und Normale, sie alle von Pandoras Oberfläche gerissen und hierher verpflanzt, so wie die Hyflieger die weggeworfene erdseitige Vegetation anpflanzten. Thomas hatte diese Ansammlung von Leuten noch nicht gesehen, doch Panille und die Hyflieger hatten sie ihm beschrieben. Die Hyflieger waren dazu in der Lage … aber … verzweifelt schüttelte Thomas den Kopf. »Sie haben soviel Macht!« »Wer?« »Der Elektrotang und die Hyflieger!« »Avata, meinen Sie.« Panilles Stimme klang geduldig. »Warum setzen Sie diese Macht nicht ein, um sich zu verteidigen!« Panille schüttelte den Kopf, »Avata ist ein Geschöpf, das das Phänomen der Macht begriff en hat.« 475 »Was? Was soll das …« »Macht zu haben bedeutet, sie zu benutzen. Das ist die Bedeutung des Besitzens. Etwas zu besitzen heißt, es zu verlieren. Thomas schloß die Augen und ballte die Fäuste. Panille wollte
einfach nicht verstehen! Und indem er sich weigerte, gab er sie alle der Vernichtung preis. Was für ein Verlust! Nicht nur die Menschheit …, sondern auch diese, diese Avata. »Sie haben soviel«, flüsterte Thomas. »Wer?« »Die Avata.« Er dachte über die Dinge nach, die die Hyflieger ihm bereits gezeigt hatten, und äußerte den Gedanken laut: »Jener Hyflieger, der mich hergebracht hat, wissen Sie, was er mir gezeigt hat, als wir zu essen bekommen hatten?« »Ja.« Thomas fuhr fort, ohne die Antwort wahrzunehmen: »In den wenigen Sekunden der Berührung hatte ich eine Halluzination der nahezu kompletten neueren Entwicklung der geologischen und botanischen Phänomene Pandoras. Wenn man bedenkt, daß das alles verloren sein sollte!« »Das war keine Halluzination«, berichtigte ihn Panille. »Was dann?« Thomas öffnete die Augen und starrte auf die vorüberziehenden Monde. »Avata lehrt über den Tastsinn, durch Berührung, jedenfalls zuerst. Ein wahrer, doch zuweilen überwältigender Strom von Informationen. In dem Maße, wie der Schüler sich zu konzentrieren lernt, separiert sich die Information, wird konzentriert. Man trennt die wichtigen Teile vom Geplapper.« »Geplapper, ja! Das meiste ist Geplapper, aber ich …« »Sie wissen, wie man sich konzentriert«, sagte Panille. 476 »Sie suchen sich aus, welche Geräusche Sie hören und verstehen wollen. Sie bestimmen, welche Dinge Sie sehen und erkennen. Dies ist nur eine andere Form der Selektierung.« »Wie können wir hier sitzen und über dies … dies … Ich meine, das Ende kommt! Für immer!« »Dies ist der wahre Strom des Wissens zwischen uns, Raja Thomas. Avata wechselt von der Meisterschaft der Berührung auf die direkte Kommunikation von Geist zu Geist über. Zur genauen Identifikation mit einem anderen Lebewesen. Sie haben gesehen, wie Dämonen Fetzen von explodierten Hyfliegern fressen?« Trotz seiner Frustration war Thomas‘ Interesse geweckt. »Ja, ich habe so etwas gesehen.«
»Die direkte Aufnahme von Wissen, die präzise Identifikation. Einige uralte Geschöpfe der Erde haben dasselbe getan. Strudelwürmer.« »Was Sie nicht sagen!« »Nein … ich ziehe keine Grenzen mehr.« Thomas fuhr zurück, als ein vorbeihuschender Hyflieger Tentakel über sein Gesicht streifen ließ, innehaltend, um den sitzenden Panille zu berühren. Einen Augenblick lang spürte Thomas verwischte Bilder, Traumfragmente, die hinter seinen Augen tanzten. Und das Geplapper! »Avata ist nach wie vor fasziniert von dem Rätsel, das Sie umgibt, Raja Thomas«, bemerkte Panille. »Wer sind Sie?« »Schiff s bester Freund.« Panille hörte die Wahrheit aus diesen Worten heraus und fühlte sich zurückversetzt in die schiffseitige Lehrkabine. Eine Flamme des Neids loderte vor dieser Erkenntnis auf und war sofort wieder verschwunden. »Und Schiff s bester Freund würde einen Krieg anzetteln?« »Es ist der einzige Weg.« 477 »Wer sollte Ihren Krieg ausfechten?« »Es ist eine Sache zwischen uns und denen.« »Aber wer wären Ihre Soldaten?« Thomas deutete auf den Dschungel in der Hoffnung, damit in die ungefähre Richtung der Leute zu blicken, die von den Hyfliegern hier zusammengeführt worden waren. »Und Sie würden mit Gewalt gegen Oakes vorgehen?« »Oakes ist ein Täuscher. Der Psychiater-Geistliche ist verantwortlich für das erste Gebot der Schiffsverehrung: das Überleben. Oakes aber würde die gesamte Zukunft der Menschheit opfern, um seine egoistischen Ziele zu erreichen.« »Das stimmt. Oakes ist egoistisch.« Sein Widerwille gegenüber Oakes brachte Thomas in Schwung: »Das Überleben erfordert Vorplanung und Opfer. Der Psy-Ge muß bereit sein, das Höchste zu opfern. Wir geben Schiff unsere Kinder als Geste der Schiffsverehrung. Oakes aber fertigt zusätzliche Geschöpfe durch Klonen, und das bei stagnierender Nahrungsmittelversorgung, Die Kinder hungern, während seine organischen Spielzeuge …« Frustriert verstummte Thomas. Während er noch verharrte und sich
fragte, wie er diesem Dichter die Notwendigkeit dessen, was geschehen mußte, begreiflich machen konnte, stieg Alki über dem östlichen Horizont auf und durchflutete die Nebel des Kraters mit milchigem Licht. Dieses Licht ließ jedes feuchte Detail in der Nähe deutlich hervortreten, verschwamm jedoch weiter entfernt zu einem geheimnisvoll-dunstigen Hintergrund voller gedämpfter Farben. »Wir sind in Gefahr, in schrecklicher Gefahr«, sagte er leise. »Leben ist immer in Gefahr.« »Nun, da stimmen wir wenigstens in einer Sache überein.« Thomas legte das Kinn auf die Brust, blickte auf seine Füße und 478 sah plötzlich in jener seltsamen Dehnbarkeit der Zeit, die sich mit der Gefahr ergibt, seine Stiefel. Er wußte noch, wie jene Füße unter ihm gebaumelt hatten, als der Hyflieger ihn vor der Redoute dem Angriff des Huschers entzog. Schreckliche Gefahr! Plötzlich fiel ihm ein anderer Augenblick ein, diesem ersten verwandt: der Moment, da er den Zerstörungsknopf an Bord des Sternenschiff s Earthling drückte, vor all jenen zahllosen Jahrtausenden und Abspielungen. In dem Jahrhundert zwischen dem Moment, da er seinem Körper den Befehl gab, den Knopf zu drücken, und dem Augenblick, da er es wirklich tat, hatte er die Galaxien studiert, die ihn von seinem Handrücken und seinen Fingern her anstarrten. Ein gekrümmtes Haar, nur Millimeter lang, hatte aus der Seite eines Knöchels seines rechten Zeigefingers geragt, und er erinnerte sich, daß ihm etwas Winziges und Feuchtes über die linke Wange gelaufen war. »Warum hat der Hyflieger mich hierhergebracht?« »Um deinen Samen zu erhalten.« »Aber Oakes und die Leute aus dem Labor Eins werden uns töten. Nichts wird überleben. Was sie verfehlen, wird Schiff vernichten.« »Und doch sind wir im Garten Eden«, sagte Panille. Anmutig stand er auf und breitete den Arm in einer weiten Geste aus. »Es gibt zu essen in Fülle. Wir haben es warm. Es ist nur gut einen Kilometer zum Strand, kaum mehr als zehn Kilometer zur Redoute - zwei verschiedene Welten, und Sie möchten sie zu einer machen.« »Nein! Sie verstehen nicht, was ich …« Thomas unterbrach sich, als ein Schatten über ihn dahinglitt. Er hob den Blick und sah ein Trio von Hyfliegern, die ein langes PlastahlSchneidegerät und drei strampelnde menschliche Gestalten
479 beförderten. Weiter hinten tauchten weitere Hyflieger über den Klippen auf. In allen Tentakeln hingen Menschen und Gerät. Panille berührte den herabhängenden Tentakel eines vorbeikommenden Hyfliegers, der sofort den Wind aus seiner Segelmembrane schlug. Er sprach mit geistesabwesender Stimme: »Lewis hat das Labor Eins in die Redoute verlegt. Diese Menschen wurden daraus vertrieben. Sie sind außer sich vor Entsetzen. Wir müssen uns um sie kümmern.« Ein Freudengefühl durchfuhr Thomas. »Sie fragen mich nach Soldaten? Dort sind sie! Und die Hyflieger bringen Waffen! Sie haben gesagt, sie würden uns beim Angriff nicht helfen, aber …« »Jetzt weiß ich, daß Sie einmal wirklich Psy-Ge waren«, stellte Panille fest. »Bewahrer der Roben und Rituale - der Äußerlichkeiten und des Kummers.« »Ich sage Ihnen, es gibt keine andere Möglichkeit! Wir müssen die Redoute erobern und einen Weg der Schiffsverehrung finden!« Panille starrte ihn blicklos an. »Wissen Sie nicht, daß Schiff von Menschen gemacht wurde? Deshalb hat auch alles, was von Schiff ausgeht, einen menschlichen Ursprung. Schiff sagt uns nichts und verlangt nichts, was nicht ein Teil unserer selbst ist.« Thomas konnte seinen Zorn und seine Frustration nicht mehr verbergen. »Sie fragen mich, ob ich wüßte, daß Schiff von Menschen gemacht wurde? Ich war einer dieser Menschen!« Für Panille war dies eine abrupte Offenbarung - Thomas, ein wiedererstandenes Teil der Geschichte! Schiff s Einfluß war ziemlich klar - Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft wurden zu einem lieblichen Muster verwoben. Dieses Ding brauchte nur noch ein Gedicht, um zum Leben zu erwachen. Panille belächelte seine Erkenntnis, und äußerte sich in aufwallender Aktivität: »Dann müssen Sie wissen, warum Sie Schiff geschaffen haben.« 480 Thomas hörte darin eine Frage. »Wir hatten ein Sternenschiff , die Earthling, und erhielten den Befehl, es in ein Wesen mit Bewußtsein zu verwandeln. Wir taten dies, weil wir im Falle des Nichtgelingens hätten sterben müssen. Im Augenblick der Bewußtwerdung verbrachte uns Schiff aus einer Gefahr in die nächste, indem es forderte, wir sollten uns darüber klarwerden, wie wir es verehren wollten. Und das sollte das Ziel unseres neuen Lebens sein, für uns und alle unsere Nachkommen.«
Panille antwortete nicht, sondern starrte weiter intensiv auf die eintreffenden Schwärme von Hyfliegern, jeder mit seiner Fracht von Menschen oder Gerät. Das weiche Flöten der Hyflieger und das entsetzte Plappern der Gestalten, die auf dem Boden abgesetzt wurden, begann das Terrain ringsum zu erfüllen. »Sie sprechen also mit Schiff wie ich«, sagte Panille nachdenklich. »Trotzdem hören Sie Ihre eigenen Worte nicht. Jetzt verstehe ich, warum Schiff hier einen Dichter brauchte.« »Was wir wirklich brauchen, ist ein erfahrener militärischer Führer«, gab Thomas zurück. »Da wir den nicht haben, muß ich wohl in die Bresche springen.« Er wandte sich um und ging auf die erste Gruppe verschreckter Überlebender zu. »Wohin gehen Sie?« »Ich werbe an.« 481 Infolge einer gewissen nostalgischen Filterwirkung gewann die Erde für die Schiffsmenschen die Konturen eines Märchenlandes. Die verschiedenen Geschlechter von Menschen, die in ihren unterschiedlichen historischen Erinnerungen schwelgten, konnten solche Berichte nur zu einem paradiesischen Hintergrund verschmelzen lassen. Kein Schiffsmensch hat jemals alle irdischen Orte und Klimazonen und Gesellschaffen erlebt. Auf diese Weise hinterließ die Bekräftigung der positiven Erinnerungen lediglich den Glauben daran, wie die Dinge gewesen waren. KERRO PANILLE Geschichte der Avata Legata saß an einem Kom-Tisch in der Arbeitszone, die man ihr in der Redoute zugeteilt hatte. Es war ein kleiner Raum, in dem noch die Spuren hastiger Bauarbeiten zu sehen waren. Unmittelbar vor ihrem Tisch befand sich ein ovales Luk, das in ihre Privatkabine führte, einen Raum, den sie nur noch selten aufsuchte. Oakes aber hatte anderweitig zu tun, und sie nutzte die Gelegenheit. Sie gab den Impuls für die Schiffsdokumente ein, dann ihren Privatkode. Schließlich wartete sie. Hatte sie noch Kontakt zu Schiff ? Das Gerät surrte. Zeichen tanzten über den Einbauschirm des Arbeitstisches. Sie sprach das Ochsentor an, entriegelte die Direktzugriff s-Barriere und begann die Daten über Oakes in die Speicher der Redoute zu übertragen. Da hätten wir dich, Morgan Lon Oakes! Unterdessen lag der Ausdruck sicher verwahrt in Oakes‘ alter schiffseitiger Kabine, für den Fall, daß sie ihn brauchte. Es war
immerhin entfernt möglich, daß Oakes hier über die Daten stolperte, sie löschte oder sogar auf das Original zurückverfolgte und 482 den Speicher dort ebenfalls leerte. Der Ausdruck aber stand weiter zur Verfügung, versehen mit der Imprimatur Schiff s. Als sie sich die Daten sicherheitshalber noch einmal angesehen und die Direktzugriff s-Barriere noch einmal überprüft hatte, aktivierte sie die Verriegelung und wandte sich dem Problem Lewis zu. Es genügte nicht, Macht über Oakes zu haben. Lewis lauerte in seiner Zone der Macht wie ein Mann, dem jede Gefahr bewußt ist. Ihr gefiel die Art und Weise nicht, wie er sie anstarrte, verstohlen abwägend. Das Ochsentor gab ihr den Dokumentation-offen-Impuls, und sie fragte alle Details ab, die über Jesus Lewis verfügbar waren. Augenblicklich erlosch das Einschalt-Licht an der Kommandokonsole. Sie bewegte den Hebel. Nichts. Sie versuchte es mit dem Überkommando-Programm, dann mit Oakes privatem Kode, schließlich mit Vokoder. Nichts. Ich habe nach Material über Lewis gefragt. Es mußte sich um einen Zufall handeln. Sie machte die gesamte Routine der Kontaktaufnahme noch einmal durch. Aber sie vermochte die Dokumentation Schiff s nicht auf diese Konsole zu holen. Sie stand auf, ging in den Gang hinab, durch das Durcheinander und das Treiben der E-Klon-Abfertigung und lieh sich in dieser Abteilung eine Konsole. Das Ergebnis blieb das gleiche. Wir sind abgeschnitten. Sie dankte dem bleichen, dünnfingerigen E-Klon, der ihr Platz gemacht hatte, und kehrte in ihre Kabine zurück. Der nächste Schritt mußte jetzt die Unterrichtung Oakes‘ sein. Nachdem die Kolonie untergegangen war und die Verbindung zu Schiff nicht mehr bestand, waren sie isoliert, allein in der Wildnis, die die Redoute von allen Seiten bedrängte. Ja - Oakes mußte Bescheid wissen. Sie setzte sich an ihren Tisch und schaltete eine rein stimmliche Verbindung, nachdem alles 483 andere versagte. Als er sie anfuhr, daß er zu tun habe, beharrte sie darauf, daß ihre Informationen alles andere an Wichtigkeit überträfen. Oakes hörte sich stumm an, was sie zu melden hatte, dann sagte er:
»Wir sitzen in der Falle.« »Wie ist das möglich?« fragte sie. »Es gibt doch niemanden, der uns eine solche Falle stellen könnte.« »Man hat uns in die Ecke getrieben«, sagte er. »Warte auf mich. Ich komme hinüber.« Der Vokoder knackte, als er die Verbindung abrupt trennte, und erst jetzt wurde ihr bewußt, daß Oakes nicht gefragt hatte, wo sie sich befand. Bespitzelte er sie die ganze Zeit? Wieviel von dem, was ich getan habe … wieviel hat er gesehen? Nach knapp einer Minute trat Oakes durch das Luk; sein weißer Einteiler war schweißfeucht. Noch im Eintreten begann er zu sprechen, und in seiner Stimme lag höchste Anspannung. »Diese TaoLini, außerdem Panille und Thomas - sie wollen uns vernichten!« Dicht hinter der Schwelle blieb er stehen und starrte sie über den Kom-Tisch düster an. »Unmöglich! Ich habe gesehen, wie Thomas von dem Hyflieger verschleppt wurde. Und Panille …« »Beide leben, ich sag‘s dir! Sie schmieden Pläne gegen uns!« »Wie …« »Weitere Klone sind in den Aufstand gegangen! Und Ferry hat uns eine seltsame Botschaft zukommen lassen, eine Drohung. Sie sind irgendwo in der Nähe, Lewis meint, in einem Tal. Leute und Gerät. Sie werden angreifen.« »Wie könnte irgend jemand …« »Sonden. Lewis schickt Sonden los. Und er hat recht, irgend etwas befindet sich dort draußen. Die Leute sind in der Lage, 484 unsere Suchinstrumente zu verwirren - Störungen, für die Lewis keine Erklärung hat - trotzdem empfangen wir Signale, die auf zahlreiche Lebewesen und viel Metall hindeuten.« »Wo?« »Im Süden.« Er machte eine vage Geste. »Was hast du gerade gemacht, als das Schiff den Kontakt unterbrach?« »Nichts«, log sie. »Die Konsole schaltete einfach ab.« »Wir brauchen diesen Kontakt, die Leute, die noch oben sind, das Material und die Nahrung. Hol sie uns zurück!« »Ich hab‘s versucht. Schau doch selbst.« Sie stand auf und bot ihm mit einer Geste ihren Sessel an. »Nein … nein.« Er schien beinahe Angst zu haben, sich an ihren
Kom-Tisch zu setzen. »Ich … verlasse mich auf deine Fähigkeiten. Ich wollte nur …« Sie nahm wieder Platz. »Du wolltest nur … was?« »Nichts. Sieh zu, ob du Lewis in die Leitung bekommst! Sag ihm, er soll mich in der Kommandozentrale erwarten!« Oakes machte auf dem Absatz kehrt. Das Luk ging zischend hinter ihm zu. Legata gab eine Suche nach Lewis ein, dann versuchte sie noch einmal Schiff anzusprechen. Keine Antwort. Sie lehnte sich zurück und starrte auf den Kom-Tisch. Ein Gefühl des Bedauerns überschwemmte sie, eine Art Vorläufer der Reue, ein Trauern über den Morgan Oakes, den es vielleicht hätte geben können. Er war der Verzweiflung nahe, die sie sich ersehnte. Sollte ruhig jemand die Redoute angreifen! Was auch geschah, sie war mit dem Material zur Stelle, das sie hier gespeichert hatte. Im ungünstigsten Augenblick, Morgan Lon Oakes! Du bist vielleicht sogar in der Lage, mein Zeitgefühl anzuerkennen - obwohl du das bisher nie getan hast! Würde es vor Thomas geschehen? War es möglich, daß Thomas 485 überlebt hatte und den Angriff führte? Sieh hielt es für denkbar. Thomas - ein zweiter Psy-Ge. Der Mann ohne Fehl und Tadel, der sie um den P. hatte laufen sehen, der ihr in jener Stunde der Verzweiflung geholfen und dann den Mund gehalten hatte. Diskret. Freundlich und diskret. Eine beinahe ausgestorbene Gattung. Zweifel meldeten sich in ihr. Vielleicht hing das bodenseitige Überleben der Menschen wirklich von Oakes und Lewis ab. Aber die Kolonie war untergegangen, und die Redoute stand eindeutig unter Belagerung durch den Planeten, wenn nicht gar durch eine unbestimmte Streitmacht unter Thomas‘ Kommando. Plötzlich fiel ihr der Schrei-Raum ein. Welche Rolle spielte der Schrei-Raum im Plan des Überlebens? Der Schrei-Raum war in keiner Beziehung zu rechtfertigen. In ihm kamen negative, gegen das Überleben gerichtete Impulse zum Ausdruck. Alles, was diesen Raum umgab, was daraus hervorging, brachte Tod oder Hunger oder eine erschreckende Unterwürfigkeit. Nein - nicht das Überleben. Oakes hat mich in den Schrei-Raum geschickt. Nichts würde daran etwas ändern können. Thomas aber hatte das Perimeter-Luk für sie bewacht. Seine Instinkte galten dem
Überleben. Und sie faßte den Entschluß, alles zu tun, was ihr zu Gebote stand, um dafür zu sorgen, daß Thomas‘ Art nicht ausstarb. Zu welchem Preis? fragte sie sich schließlich angesichts der zurückkehrenden Zweifel. Zu welchem Preis? 486 Ein schreckliches Gefühl überkam mich - eine gewaltige Belustigung, denn ich glaubte, daß die Menschheit durch das Filter von Schiff s Manipulationen und die verstrichene lange Zeit die Fähigkeit zum Kriegführen verloren hätte. Ich meinte, der Krieg sei den Menschen abgezüchtet und aberzogen worden in eben jenem Augenblick, da sie diese Fähigkeit am dringendsten brauchten. DIE THOMAS-KRITIK Schiffsdokumente Während sich Hali zum wiederholten Male um Waelas Zustand kümmerte - bis zum Erreichen der Atmosphäre war noch Zeit –, bellte Bittens metallische Stimme aus dem Vokoder an der Decke. »Kennen Sie einen gewissen Kerro Panille?« Waela bewegte sich und murmelte etwas beim Klang der Stimme, dann rieb sie mit beiden Händen über ihren angeschwollenen Unterleib. »Ja, wir kennen Panille«, antwortete Hali. Sie verschloß ihre Pribox. »Warum?« »Sie wollen an einem Ort außerhalb der Kolonie landen«, sagte Bitten tonlos. »Das könnte nun möglich sein.« Ferry blickte zu dem Vokoder empor. »Du hast gesagt, wir müßten auf jeden Fall in der Kolonie landen!« »Ich bin mit Kerro Panille in Kontakt«, sagte Bitten. »Er bestätigt, daß die Kolonie vernichtet worden ist.« »Vernichtet?« Starr saß Hali auf ihrer Couch, erfüllt von Entsetzen. Ferry umfaßte die Armlehnen seiner Kommandocouch, und seine Fingerknöchel traten weiß hervor. »Aber wir sind auf eine Landung in der Kolonie programmiert!« 487 »Ich erinnere Sie daran, daß ich das Notprogramm bin«, erwiderte Bitten. »Die derzeitigen Umstände entsprechen der Definition eines Notfalls.« »Wo können wir dann landen?« fragte Hali. Und spürte die ersten Regungen von Hoffnung. Kontakt mit Kerro! »Panille bestätigt mir, daß ich nahe einer bewohnten Anlage namens Redoute im Meer wassern kann. Er ist bereit, uns zu der Stelle zu lotsen.«
Hali überprüfte die Gurte, die Waela im Passagiersitz schützten, kehrte zu ihrer Couch zurück und schnallte sich an. Das Plas unmittelbar vor ihr rahmte den strahlenden Kreis eines wolkenbedeckten Planeten. »Sie wollten uns in den Tod schicken«, sagte Ferry leise. »Verdammt sollen sie sein!« »Möchten Sie an der alternativen Stelle landen?« fragte Bitten. »Ja, bring uns dort runter«, sagte Hali. »Aber es besteht ein Risiko«, gab Bitten zu bedenken. »Bring uns dort runter!« brüllte Ferry. »Eine normale Lautstärke genügt für die Stimm-Lenkung dieses Programms vollauf«, sagte Bitten. Ferry starrte Hali an. »Sie wollten uns in den Tod schicken.« »Ich habe Sie schon verstanden. Was meinen Sie damit?« »Murdoch sagte, wir müßten in die Kolonie.« Hali blickte ihn an und wog seine Worte ab. Merkte der Mann nicht, was er ihr da eben gesagt hatte? »Es war also eine Inszenierung«, sagte sie. »Sie haben den Kampf abgesprochen.« Ferry sagte nichts; er sah sie nur blinzelnd an. »Aber Sie haben Murdoch ein Ohr abgeschnitten«, fuhr Hali fort. Ferry bleckte die Zähne zu einem schrecklichen Grinsen. »Er 488 hat meiner Rachel etwas angetan. Ich weiß, daß er es war.« Hali verschränkte die Arme vor der Brust. Sie begriff all das, was Ferry nicht aussprach. Ihr Blick richtete sich auf das Laserskalpell, das Ferry an eine seiner Brusttaschen gesteckt hatte: ein dünner Stift, dessen Mechanismus Tod oder Leben bringen konnte. Er sollte das Skalpell mitnehmen, um sich damit notfalls gegen mich zu wehren! »Ich habe dafür gesorgt, daß es wie ein Versehen aussah«, sagte Ferry schließlich. »Aber ich weiß, daß sie meiner Rachel etwas angetan haben. Und Murdoch ist gewöhnlich der Mann, der diese dreckigen Sachen machen muß. Und er tut sie gern.« Er nickte Hali zu. »Im Schrei-Raum. Dort tun sie das.« Er erschauderte, als er die Worte Schrei-Raum aussprach. »Wir sollten also zur Kolonie abfliegen, die aber vernichtet ist. Opfer von Dämonen. Saubere Sache. Es gefiel ihnen nicht, daß ich über Rachel Fragen gestellt habe.« Hali fuhr sich mit der Zunge über die Lippen. »Was … was ist denn
der Schrei-Raum?« »Im Labor Eins, wo die schlimmen Dinge passieren. Es war wegen Rachel, das weiß ich genau. Außerdem trinke ich zuviel. Das tun viele von uns - nach dem Schrei-Raum.« Bittens Stimme mischte sich ein: »Korrektur bestätigt.« »Was war das?« fragte Ferry. »Hier Bitten. Ich habe eine Kurskorrektor von Kerro Panille bestätigt.« »Du willst auf dem Meer runtergehen?« fragte Hali voller Sorge um ihre bewußtlose Patientin. »Nahe der Küste. Panille bestätigt, daß wir sofort Hilfe erhalten werden.« »Was ist mit Dämonen?« fragte Ferry. »Wenn Sie damit die eingeborene Fauna meinen, so können Sie 489 sich mit den Waffen in den Frachträumen dieses Schiff es schützen.« »Du hast … Waffen an Bord?« fragte Hali. »Auf dem Lade-Manifest stehen Nahrungsmittelkonzentrate, Baustoff e und Werkzeuge, Arzneimittel, Bodenanzüge und Waffen.« Hali schüttelte den Kopf. »Ich wußte, man braucht Waffen, um bodenseits zu überleben, aber ich hatte keine Ahnung, daß sie schiffseits hergestellt werden.« »Wissen Sie, was eine Waffe ist?« fragte Ferry und blickte Hali an. Sie dachte an ihre Geschichts-Holos und die Soldaten an der Schädelstätte. »O ja, ich kenne Waffen.« »Dieses Laserskalpell.« Ferry berührte den Stift an seiner Brust. »Säurekonzentrate, Plastahl-Schneidegeräte für Bauarbeiten, Messer, Äxte …« Hali schluckte krampfhaft. Ihr ganzes Training als Med-Tech lehnte sich gegen diese Enthüllungen auf. »Wenn wir uns auf das … Töten vorbereiten«, sagte sie, »werden wir auch töten.« Sie brachte das Wort kaum über die Lippen. »Hier unten heißt es töten oder getötet werden. So will es der Boß haben.« In diesem Augenblick erreichte der Frachter die ersten dünnen Schichten der pandorischen Atmosphäre. Vibrationen liefen summend durch die Kabine und erstarben wieder. »Können wir nicht fliehen?« fragte Hali flüsternd. »Wohin denn?« gab Ferry zurück. »Sie müssen doch wissen, daß es
keine andere Zuflucht gibt. Die Schiffsmenschen lernen genug über die Bodenseite, um das zu wissen.« Kämpfen oder fliehen, dachte Hali, aber für die Flucht gibt es kein Ziel. Und ihr kam der Gedanke, daß Pandora wohl ein Ort war, an 490 dem Menschen zu Primitiven reduziert wurden. »Vertrauen Sie mir«, sagte Ferry, und das Zittern in seiner Stimme verlieh der Äußerung etwas Pathetisches. »Ja, natürlich«, sagte Hali. Im nächsten Augenblick wurde sie in die Gurte gedrückt und merkte daran, daß der Frachter die Bremsraketen feuerte, und sie blickte sich fürsorglich nach Waela um. »Wir landen in der Wiege des Meeres«, sagte Hali. »Das hat Waela gesagt. Erinnern Sie sich?« »Was weiß sie schon!« rief Ferry, und es war seine angstvolle, nörgelnde Stimme, die ursprünglich ihren Widerwillen gegen diesen Mann geweckt hatte. Der wahre Mensch weiß: Die Stränge aller Möglichkeiten ergeben ein Kabel von großer Stärke und großer Zielstrebigkeit. KERRO PANILLE Die Gesammelten Gedichte Sehr lange saß Panille im Schatten der seewärtigen Klippe und spürte die Annäherung der Wesenheit aus dem Weltall. Das Meer lag unter ihm, zugänglich über einen steilen Weg, hinter ihm stiegen die Felswände hoch empor. Avata hatte ihm das Problem zu Bewußtsein gebracht, und in den ersten Augenblicken war er Thomas‘ Denkart verfallen. Die Redoute wird Bescheid wissen über diesen Frachter, wird ihre Waffen gegen ihn richten. Aber Avata beruhigte ihn, sagte ihm, Avata würde den Systemen der Redoute falsche Bilder übermitteln und auf diese Weise 491 den Flugweg des Frachters verschleiern. Avata würde auch weiterhin die Position des Nests mit ähnlichen Projektionen tarnen. Das Gestein an Panilles Rücken fühlte sich kalt an. Von Zeit zu Zeit öffnete er die Augen und schloß sie wieder. Wenn er sie geöffnet hatte, nahm er vage den bernsteinbraunen Schimmer der Doppelten Abenddämmerung wahr - den von zwei untergehenden Sonnen erhellten glühenden Himmel. Schiff würde wissen, daß er hier war und was er tat. Schiff entging nichts. Wirkte jenes allmächtige Bewußtsein durch Phänomene, die
denen der Avata glichen? War es eine Bewußtheit auch der winzigsten Veränderung in elektrischen Impulsen? Oder eine andere Form der Energie, die Schiff und Avata anzapften? Jene Wesenheit aus dem All kam näher … immer näher. Er spürte sie, dann sah er sie auch. Der Frachter raste den Horizont herauf, ein großer Stein, der über die gläserne MeeresOberfläche hüpfte. Der Sturz in die Atmosphäre täuschte. Der Frachter hatte sich Pandoras Anziehung am niedrigsten Punkt über dem Horizont ausgeliefert. Nun schoß er in einem weiten Bogen aufwärts und nahm dabei Panilles Denken und Fühlen immer mehr in Anspruch. Er wurde größer auf seinem Weg um die Planetenkrümmung, und Panille sah das Schiff jetzt weißglühend auf sich zustürzen. Das Knirschen von Steinen hinter ihm verriet ihm Thomas‘ Annäherung, doch im Augenblick hatte Panille nur ein Ziel. Der näher kommende Frachter war mit ihm identisch, und er raste durch den bernsteinbraun strahlenden Himmel. »Schaff en Sie es?« fragte Thomas. »Ich bin schon dabei«, flüsterte Panille, verärgert über die Ablenkung des Antworten-Müssens. Ehe der erste Lichtpunkt in der pandorischen Dämmerung auftauchte, war Panille nicht überzeugt gewesen, daß er das Problem 492 meistern konnte. »Ich denke sie herunter«, flüsterte er. Ehrfurcht und Staunen lagen in seiner Stimme. »Wer kommt?« fragte Thomas. »Avata hat mir nichts davon gesagt.« Thomas stimmte ein leises, spöttisches Lachen an. »Also eine kleine Überraschung von Schiff . Vielleicht neue Rekruten für mich.« Er ging um Panille herum und verschwand auf dem schmalen Weg, seine Gestalt eine seltsame Bewegung im Zwielicht. Er geht zum Strand hinab, wo die Brandung sich bricht. Die Brandung wird die Landung gefährden. Als die letzten Geräusche Thomas‘ aus Panilles Bewußtsein schwanden, kam die Dunkelheit - die Doppelte Dunkelheit, in der Pandoras größte Rätsel gediehen. Panille sah sich selbst als eine Art Leuchtturm. Er war ein Aussender von Signalen von bekannter Position. Der Frachter und seine unbekannten Passagiere verließen sich auf seine Beständigkeit.
Avata wollte, daß der Frachter hier landete. Er vertraute Avata. Kommt ins Meer! dachte er. Das Meer … das Meer … Hyflieger pfiffen an einem Felsvorsprung weiter vorn, und er wußte, es war Zeit, Thomas zum Strand zu folgen. Schwerfällig stand er auf. Lange hatte er auf dem Beobachtungsvorsprung gewartet. Dies wissend, hatte er einen Einteiler aus weißem Schiffstuch angezogen, den Avata im Nest verstaut hatte. Ein Hyflieger bezog über und hinter ihm Position, während er langsam zur Küste hinabkletterte. Panille spürte die in der Nähe baumelnden Tentakel, die sich bereithielten, ihn zu umfassen, sollte er das Gleichgewicht verlieren. Avata, Bruder, dachte er. 493 Das Wesen gab flötend eine kurze Antwort. Die spitzen Vorsprünge und die Schwierigkeit des dunklen Klippenweges waren für Panilles Körper zur zweiten Natur geworden. Er brauchte über das Klettern nicht nachzudenken. Und er stellte fest, daß er den Leitstrahl aufrechterhalten konnte, während seine Gedanken abschweiften. Wieder beschäftigte ihn Thomas‘ ungläubige Befragung. Thomas verlangte Erklärungen und glaubte kaum etwas von dem, was er zu hören bekam. Er glaubt, Avata projiziert ihm seltsame Bilder in den Kopf. Er glaubt, ich habe das von Avata gelernt, ich sei ein Meister der Halluzination. Er glaubt nur, was er berühren kann, und anschließend zweifelt er sogar daran. Panille erinnerte sich an die Worte, die er gesprochen hatte: »Avata ist kein Erzeuger von Halluzinationen. Sie ist nicht einmal ein Wesen in der Mehrzahl. Deshalb gebrauche ich ja den Begriff Avata. Deshalb nenne ich einen Hyflieger Avata. »Ich kenne das Wort!« Thomas Ton war anklagend. »Das Einssein, das in der Mannigfaltigkeit vorhanden ist. Es ist ein Wort aus einer der alten Sprachen des Volkes meiner Mutter.« »Ihrer Mutter?« Thomas war verblüfft. »Hat Schiff Ihnen das nicht gesagt: Ich bin in einem Leib herangewachsen und gestillt worden. Haben Sie nicht behauptet, Schiff sage Ihnen alles?« Thomas warf ihm einen finsteren Blick zu, der Panille zeigte, daß er eine empfindliche Stelle des anderen berührt hatte. Doch nichts hatte Thomas davon abgehalten, seine Armee aufzustellen - keine
Warnungen über Avatas Beschaffenheit, keine Seitenhiebe gegen Thomas‘ beschränkte unvollständige Informiertheit. Die Hälfte der Armee wartete jetzt weiter oben - ein Gemisch aus E-Klonen und Normalen -, und sie alle beteten darum, daß der 494 Frachter von Schiff Waffen und andere Hilfsgüter an Bord hatte. Einige waren schon vorher zum Wasser hinabgestiegen und warteten nun zwischen den Felsen am Fuß der Klippen. Kann diese Armee dich retten? fragte Panille. Avata wird in wenigen Tagesläufen sterben. Dann ist es möglich, daß es zu einer Wiedergeburt kommt. Oakes hat dich noch nicht besiegt, sagte Panille. Lewis mit seinen Giften und seinem Virus - keiner von ihnen weiß, was Macht wirklich ist. Leise Flötentöne gingen von dem Hyflieger aus, das einzige Zeichen von Zweifel, das Avata sich anmerken ließ. Panille begann sich zu fragen: Ging das Gefühl der Leere auf Thomas‘ Anstrengungen zurück oder auf das bevorstehende Ende Avatas - kein Elektrotang/Hyflieger mehr, keine neuen individuellen Zellen, jene große Plural-Singular Einheit? Diese Vorstellung beunruhigte ihn, und er sagte sich zornig, während er den steilen Weg zum Wasser hinabkletterte: Wenn man sich einbildet, daß es um einen geschehen ist, dann ist es wirklich aus! Zwischen hohen Felsen hervortretend, erreichte er einen breiten, von Felsbrocken durchstoßenen Strand. Thomas stand weit entfernt nahe der Brandung - ein dunkler Schatten zwischen den vielen Felsen. Hohe, lange Wellen donnerten auf das lose Gestein. Die Luft war feucht von salziger Gischt. Panille spürte, daß sich ihm der schwere Rhythmus der Brandung durch Haut und Füße gleichzeitig mitteilte. Er legte eine Hand auf einen der Felsen des Tors, durch das er in dieses Meeresreich getreten war. Der Stein fühlte sich kalt und feucht an und vibrierte ebenfalls von der Brandung. Ohne den Tang, der das Meer in Schach hielt, türmten sich die Wellen zu zerstörerischer Wildheit empor - bei Flut tobten sie gegen die Klippen, riesige Felsbrocken mitreißend. Bald, sehr 495 bald würde all das, was Avata hier erbaut hatte, in der Wildnis des Meeres untergehen. Der avatanische Wächter schwebte über seiner Schulter. Ein Tentakel berührte ihn an der Wange, übermittelte ihm Emotionen, an
die er sich schwach erinnerte. Ja, dies ist der Ort. Panille erinnerte sich, daß er an diesem Platz die Jahrhunderte umfassende Poesie zu schätzen gelernt hatte, Poesie, die Gestein und Sand und Meer enthielt, und das seltsame Avata Lebendes-Selbst, erleuchtet durch den regelmäßigen Gang von Monden und Sonnen. Hier war die Monotonie der gegen die Küste anrennenden Wogen von Zeit zu Zeit von dem gesunden Klatschen eines in der Nacht geborenen Hyfliegers unterbrochen worden, sich losbrechend von der Mutterpflanze, davontreibend über das Meer, während die langen nabelschnurartigen Tentakel im Wasser nachschleppten. Obwohl ganz Avata eine Kreatur war, hatte Panille eine ganz besondere Nähe zu dem nachtgeborenen Hyflieger-Avatas gespürt. Hier hatte er ihrem Eintreffen entgegengehorcht und jede Geburt mit einem Lied begrüßt. Ein fernes Klatschen erweckte seine Aufmerksamkeit und erfüllte ihn mit dem Staunen eines Gebets, das Erfüllung gefunden hat. Weit auf der sanft bewegten See erhob sich das winzige Wesen in die Dunkelheit. Niemals wieder? Panille flüsterte einen Vers, gewidmet den verlorenen Zellen Avatas, und spürte, daß sein ganzer Körper das Lied weitergab, als wäre er endlich wahrhaftig eins mit Avata. Die einzelne Blüte überwältigt das Bouquet. Sich der Vereinigung ohne Umarmung erinnernd: Die Transformation des Selbst -Oh, welch goldene, nachtblühende Wahrheit! 496 Während seines Gesangs erglühte der gesamte Strandstreifen im Licht des Mondaufganges und der schimmernden Freundschaft Avatas. Der Widerschein erhellte die Gestalten von Thomas‘ zerlumpter Armee. Panille sah Thomas als Umriß vor dem vagen Licht. Er löste sich von dem Felsentor und ging den Strand hinab, um sich neben dem geheimnisvollen »Freund Schiff s« aufzustellen. »Sie sind keine zwei Minuten weit weg«, sagte Panille. Er spürte den Leitstrahl in sich, ein eingedämmtes Feuer, das ihn mit jenem herabstürzenden heißen Metallinsekt verband. »Oakes wird Sonden ausschicken«, meinte Thomas. »Avata wird mir helfen, ihre Signale zu stören.« Panille schenkte der Dunkelheit ein Lächeln. »Möchten Sie mir darin beistehen?« »Nein!« Du hältst zuviel zurück, Raja Thomas.
»Aber ich brauche Ihre Hilfe«, setzte Panille nach. Und spürte Thomas‘ Frustration, das Ansteigen der Spannung. »Was soll ich tun?« Thomas zwang die Worte über seine Lippen. »Es mag Ihnen helfen, einen avatanischen Tentakel zu berühren. Nötig ist es nicht, doch es könnte im Anfang hilfreich sein.« Ein schwarzer Tentakel rollte sich aus dem Nachthimmel zu ihm herab. Mit jeder Bewegung sein Widerstreben ausdrückend, hob Thomas den Arm und legte eine Handfläche auf die herandrängende Wärme. Sofort fühlte er sein Bewußtsein an die Kräfte angeschlossen, die den Frachter zur Küste lenkten. Er sah zwei Hyflieger direkt über sich, er spürte seinen Körper im von der Brandung massierten Sand stehen, ein Ort, an dem man bleiben kann. Aber der Puls der Flucht hielt ihn gebannt. Hätte mir im Mondstützpunkt jemand gesagt, daß ich eines Tages 497 einen Frachter mit dem Verstand und ein paar Pflanzen landen würde, die im Dunkeln singen … Und denken! Vor der Einmischung der Avata gab es kein Ausweichen. Avata nahm nicht hin, daß sie als Pflanze bezeichnet wurde. Thomas spürte mehr als die akustische Projektion, etwas, das man nicht gerade Stolz nennen konnte, das sich aber nicht völlig davon trennen ließ. Avata verwirrt mich, entschuldigte er sich. Du verwirrst dich selbst. Warum verbirgst du deine wahre Identität? Thomas riß die Hand von dem warmen Tentakel, doch die Avata blieb in seinem Bewußtsein präsent. Du spionierst an einem Ort, an dem du nichts zu suchen hast! rief Thomas anklagend. Avata spioniert nicht. Der gekränkte Ton dieser Antwort war nicht zu überhören. Panille kam sich vor, als belausche er ein Privatgespräch. In Thomas brodelte nun der Zorn in dem Bewußtsein, daß er den Avata-Kontakt nicht mehr einseitig brechen konnte, in der Erkenntnis, daß Avata die Wand zu durchstoßen gedachte, hinter der seine privaten Vorstellungen von sich selbst verborgen lagen. »Holen wir den Frachter herunter«, sagte Panille. »Von der Redoute kommen Sonden herüber.« Daraufhin gab Panille diesen Teil des Lenksystems frei; er sagte sich, daß er die Sonden im Sinn behalten müsse. Thomas mußte
seine eigenen Fehler machen. Die erste Sonde raste kreischend den Strand entlang. Flammend näherte sie sich auf einem Kurs, der zweifellos gegen eine Kursprojektion des ankommenden Frachters berechnet worden war. Wie Avata es ihm beigebracht hatte, erstellte Panille ringsum ein Terrainbild und übermittelte es der 498 Sonde. Er spürte, wie die projizierte Illusion die elektronischen Funktionen der Sonde zu stören begann. Das Projektil brach beinahe auseinander, so heftig fiel die Kurskorrektur um eine plötzlich auftauchende Felsspitze auf, die in Wirklichkeit gar nicht vorhanden war. Sie kommen näher, dachte er. Er wußte auch den Grund. Jede Illusion falschen Terrains ergab ein Fehlerschema, aus dem der Computer in der Redoute wiederum bedeutsame Korrekturwerte ableiten konnte. In Panilles Bewußtsein erschienen avatanische Ziffern, die ihm anzeigten, daß er nun ständig überwacht wurde. Ja, stimmte er zu. Die Patrouillen sind verstärkt worden. Zehnfach in zwölf Stunden, beharrte Avata. Warum begreift Thomas seine Rolle hierbei nicht? Es liegt vielleicht an seiner Art. Hast du deine Kontaktperson im Frachter identifiziert? Panille dachte über diese Frage nach, ging noch einmal seine Funktionsschritte als Leitstrahl durch und erlebte eine plötzliche Woge der Erkenntnis. Im Bewußtsein der Dringlichkeit schaltete er sich wieder in Thomas‘ Aktion ein, denn er spürte das Vorhandensein des Kontakts mit dem Frachter. »Thomas, mit wem haben Sie sich an Bord des Frachters in Verbindung gesetzt?« fragte Panille. Thomas dachte darüber nach. Er spürte die näherkommende Wesenheit - es war ein beinahe greifbarer Eindruck. Wenn es sich um eine Illusion handelte, dann um eine perfekte Illusion. Mit wem? setzte Panille nach. Thomas wußte, sein Kontakt konnte kein Schiffsmensch sein. Schiffsmenschen gerieten sofort in Panik, wenn fremde Gedanken in ihre Köpfe eindrangen. Wer also dann? Bitten. 499 Klar und deutlich erreichte ihn das Identifikationssignal des Frachters; eine geradlinige, intensive Konzentration ohne Emotion.
»Ahhhhhh«, sagte Thomas. Das Erstaunliche war für Panille Thomas‘ gefühlsbetonte Reaktion: große Belustigung. Bitten war ein Flugsystem-Computer, und die Erkenntnis, daß sein Verstand mit einem Computer in Verbindung stand, hätte den Mann nicht dermaßen amüsieren dürfen. Hier konnte nur ein weiterer Hinweis auf das Rätsel liegen, das Avata so ungemein anzog. Beide waren nun gezwungen, sich auf ihren geistigen Kontakt mit Bitten zu konzentrieren, doch Panille wußte nicht zu erklären, warum dies in ihm eine tiefsitzende Angstreaktion auslöste. Er spürte sie allerdings deutlich, eine Angst, die von seinem eigenen Fleisch ausstrahlte, auswärts in jede Zelle Avatas. SCHIFF: Ich habe dir von der klassischen Pandora und ihrer Büchse erzählt. PANILLE: Ich weiß, wie dieser Planet seinen Namen bekommen hat. SCHIFF: Wo würdest du dich verstecken, wenn die Schlangen und Schatten aus der Büchse hervorquellen? PANILLE: Natürlich unter dem Deckel. KERRO PANILLE Schiffsdokumente Waela hatte das Gefühl, nur in einem Traum zu leben; sie sah sich außerstande, irgendeiner Wirklichkeit zu vertrauen. Sie ließ die Augen geschlossen, ein sicheres Siegel vor der Welt außerhalb 500 ihres Fleisches. Dies genügte aber nicht. Ein Teil ihres Bewußtseins verriet ihr, daß sie den Landeanflug eines Frachters steuerte. Verrückt! Ein anderer Teil zeichnete die Augenblicke auf, ehe die Sonnen sich im Schatten des Schwarzen Drachen erhoben. Auch Panille war dort, irgendwo tief im Schatten. Ich habe Halluzinationen. Hali! Waela spürte von Hali Besorgnis ausgehen … und Hali war in der Nähe. Es war ein seltsames Angstgefühl - Spannung, überzogen von der bewußten Anstrengung, Ruhe zu bewahren. Hali hat große Angst und fürchtet sich noch mehr davor, diese Angst zu zeigen. Sie möchte, daß jemand das Kommando übernimmt. Natürlich - Hali ist niemals außerhalb Schiff gewesen. Waela versuchte die Lippen zu bewegen, versuchte beruhigende Worte auszusprechen, doch ihr Mund war zu trocken. Das Sprechen erforderte eine ungeheure Anstrengung. Sie kam sich gefangen vor und war davon überzeugt, daß sie auf der Passagiercouch eines
Frachters angeschnallt war, der auf eine bewegte Brandung zusteuerte. Im gleichen Augenblick strömten einige Gedichtzeilen Kerros durch Waelas Bewußtsein, und voller Faszination konzentrierte sie sich darauf, aber auch voller Angst, denn sie wußte nicht mehr, wo sie das Gedicht schon einmal gehört hatte: Dein Kurs wird stimmen, wenn du ausgemacht Die Blaue Linie des Sonnenaufgangs, bei Nacht Tief in den Schatten des Schwarzen Drachen. Hali war bei ihr; sie hörte sich die Verse an und wies sie von sich. Eine Woge der Emotion überschwemmte Waela, drängte sie, die Arme zu heben und Hali an sich zu drücken und mit ihr zu weinen. 501 Sie kannte diese Emotion - Liebe für denselben Mann. Aber sie sah Pandora ganz dicht voraus, eine tobende weiße Brandungslinie. Waela wollte davor zurückscheuen. Sie spürte das Kind in ihrem Leib, eine andere Bewußtheit, dessen Bruchteil Leben immer weiter um sich griff , immer weiter und weiter und weiter … Ein Schrei entrang sich ihr, aber der Laut ging in dem abrupten brausenden, metallbebenden Protest des ersten Kontakts zwischen Frachter und Meer unter. Einige Sekunden lang beruhigte sich die Bewegung, ein Gefühl des Rutschens wurde von gedämpfter Gegenbeschleunigung und einem Anheben abgelöst, dann kam eine knirschende, klappernde Kakophonie, die mit triumphierender Stille endete. »Wo sind die Leute?« Das war Halis Stimme. Waela öffnete die Augen und schaute zur Decke der schlichten Kabine des Frachters empor - Metallstreben, weiche Beleuchtung, ein blinkendes rotes Licht. Von irgendwo tönte das Rauschen einer Brandung, Der Frachter ächzte und knackte. Abrupt neigte sich das Raumschiff um einige Grad. »Da ist jemand.« Die Stimme des alten Ferry. Waela wandte den Kopf und sah, wie Ferry und Hali die Gurte ihrer Kommandocouchen lösten. Das Plas hinter ihnen rahmte eine zerklüftete schwarze Felsbarriere, nur wenige Meter entfernt. Schwankende Strahlen künstlichen Lichts spielten darüber hin. Ferrys Hände näherten sich einer Kontrolle vor sich. Zu Waelas Füßen ertönte ein Zischen, dann blies kalter Meereswind durch ein offenes Luk herein. Hinter den wandernden Lichtern herrschte Nacht. Das Luk war einen Augenblick lang durch zwei Gestalten
versperrt. Wie aus einem Traum erwachend, erkannte Waela die beiden - Panille und Thomas. »Waela!« Sie sprachen wie aus einem Mund, von ihrem Anblick offenbar überrascht. 502 Hali schob sich von der Kontrollkonsole fort; sie war sich des starren Blicks von Panille auf Waelas angeschwollenen Leib intensiv bewußt. Ihr wurde klar, daß weder Panille noch der Mann in seiner Begleitung Waela zu sehen erwartet hatten und schon gar nicht in der vollen Pracht einer Schwangerschaft. »Kerro«, sagte Hali. Verblüfft fuhr er zu ihr herum. »Hali?« Auflachend legte Thomas den Kopf in den Nacken. »Sehen Sie? Eine kleine Überraschung Schiff s!« Waela fummelte an den Gurten herum, die sie auf der Couch festhielten. Hali eile ihr zu Hilfe, öffnete die Verschlüsse und half ihr von der Liege. Das Tosen der Brandung hallte sehr laut, und sie spürten das Hämmern der Wellen durch das Deck. »Hallo«, sagte Waela, ging mit drei kurzen Schritten auf Thomas zu und umarmte ihn. Hali versuchte die Gefühle zu deuten, die dem Mann über das Gesicht huschten. Angst? Panille berührte Hali am Arm. »Dies ist Raja Thomas, Anführer der Armee und Nemesis von Morgan Oakes.« »Armee?« Hali blickte zwischen Panille und Thomas hin und her. Sanft löste Thomas Waelas Umarmung und stützte sie, während er Panille anschaute. »Sie machen Scherze darüber?« »Auf keinen Fall.« Panille schüttelte den Kopf. Hali verstand das Gespräch nicht. Sie setzte zu einer Frage an, doch Thomas kam ihr zuvor. »Was bringt der Frachter sonst noch?« Das Bitten-Programm antwortete sofort, eine knisternde Stimme aus dem Decken-Vokoder, unterbrochen von Knistern und Knacken, doch das Aufzählen des Frachtmanifests war verständlich. »Waffen!« rief Thomas. Er lief zum offenen Luk, rief den Leuten 503 draußen etwas zu und drehte sich heftig wieder um. »Wir müssen dieses Ding entladen, ehe die Brandung es zerschmettert oder Oakes Leute es vernichten. Alles hinaus!« Hali spürte eine Berührung an der Schulter. Ferry stand hinter ihr.
»Ich glaube, da schuldet man mir eine Erklärung.« Selbst diese Forderung wurde in weinerlichem Ton vorgetragen. »Später«, sagte Thomas. »Draußen wartet eine Führerin, die sie in unser Lager bringen wird. Sie erzählt Ihnen alles, was Sie wissen müssen.« »Dämonen?« fragte Ferry. »Gibt‘s hier nicht«, antwortete Thomas. »Jetzt aber schnell, während wir anderen …« »Sie können ihn nicht einfach so abspeisen!« protestierte Hali. »Ohne ihn hätte Murdoch … Wir wären alle tot!« Panille blickte Hali fragend an, dann wandte er sich an Ferry. »Hali, dieser alte Mann arbeitet für Oakes … und für sich selbst. Er versteht sich auf das politische Machtspiel und weiß genau, daß wir einen hohen Einsatz wert sind.« »Das ist doch längst vorbei«, sagte Ferry aufgebracht. Die Adern auf seiner Nase zeichneten sich wie Würmchen ab. »Die Frau wartet«, sagte Thomas. »Sie heißt übrigens Rue«, warf Panille ein. »Sie kennen Sie vielleicht besser als Rachel Demarests Kabinengenossin.« Ferry schluckte, wollte etwas sagen und schluckte noch einmal. »Rachel?« fragte er dann. Langsam bewegte Panille den Kopf hin und her. Eine Träne bildete sich in Ferrys rechtem Augenwinkel und glitt über seine geäderte Wange. Er atmete tief und zittrig ein, wandte sich ab und schlurfte auf das Luk zu. Die Energie und drängende Lebendigkeit, die er eben noch zur Schau gestellt hatte, waren verschwunden. 504 »Er hat uns wirklich gerettet«, sagte Hali. »Ich weiß, daß er ein Spion ist, aber …« »Wer sind Sie?« fragte Thomas. »Dies ist Med-Tech Hali Eckel«, stellte Panille vor. Hali blickte zu Thomas auf - wie groß er war! Seine Augen fesselten sie. Er schien sich in einem alterslosen Ring mittlerer Jahre zu befinden, doch als sie die Hand ergriff , die er ihr hinhielt, fühlte sie sich fest und jugendlich an. Eine befehlsgewohnte Hand, selbstbewußt. Jetzt erst merkte sie, daß Waela und Kerro sich berührten. Kerro hatte Waela einen Arm um die Schulter gelegt und führte sie zum Luk. »Med-Tech«, sagte Thomas. »Sie werden uns eine große Hilfe sein,
Hali Eckel. Hier entlang!« Hali widersetzte sich dem Druck seines Arms und sah zu, wie Kerro neugierig die Hand ausstreckte und Waelas Unterleib mit einem Finger berührte. Thomas bemerkte die Bewegung und konzentrierte sich auf Waela. »Irgend etwas stimmt mit ihr nicht. Sie dürfte noch nicht so dick …« Thomas liebt sie, dachte Hali. Die Sorge in seiner Stimme war nicht zu überhören. »Meine Pribox meint, es sind nur noch wenige Tagesläufe bis zur Geburt«, sagte Hali. »Das kann nicht sein!« »Aber es stimmt. Nur wenige Tagesläufe. Ansonsten …« - Hali zuckte die Achseln - »… scheint sie gesund zu sein.« »Unmöglich, sage ich! Es dauert viel länger, bis sich ein Kind zu dieser Größe …« »Lewis schafft das auch. Sie wissen doch, was die E-Klone gesagt haben.« Kerro war vom Luk zurückgekehrt und ließ sich seine Belustigung über Thomas‘ Verwirrung anmerken. 505 »Ja, aber …« Thomas schüttelte den Kopf. »Können Sie allein zum Strand hinabsteigen, Hali?« fragte Panille. »Das Heck des Frachters zerbricht bereits. »Und ich glaube, daß Waela …« »Ja, natürlich.« Sie ging an ihm vorbei - das vertraute Gesicht, die vertraute Stimme, der Körper viel dünner, als sie ihn in Erinnerung hatte. Da wurde ihr bewußt: Er ist nicht mehr der Kerro, den ich kenne! Er hat sich verändert … er ist so anders. Hinter ihr hörte sie Thomas murmeln: »Ich möchte die Frau selbst untersuchen.« Der Mensch weiß auch nicht um die rechte Zeit: Wie die Fische, die in ein böses Netz geraten, und die Vögel, die sich in der Schlinge fangen, so fallen die Söhne der Menschen einer bösen Zeit zum Opfer, wenn sie plötzlich über sie hereinbricht. CHRISTLICHES BUCH DER TOTEN Schiffsdokumente »Zerstrahlen Sie das Schneidegerät. Sagen Sie mir die Einzelheiten später durch.« Lewis trennte die Kom-Leitung und wandte sich zu Oakes um, der auf der anderen Seite des Kommandozentrums stand. Als läge in dieser Bewegung eine tiefergehende Kommunikation, drehten sich beide um und schauten zu dem großen Schirm empor. Das lebhafte Treiben ringsum nahm seinen Lauf - etwa fünfzig
Menschen steuerten die Abwehr der Redoute unter den Augen Bewaffneter Natürlicher, die sich ruhig und wachsam in den Ecken aufhielten. Legata aber, die in Oakes‘ Nähe stand, hatte den Ein506 druck, daß sich die Lärmschwelle auf dramatische Weise senkte. Sie starrte ebenfalls auf den Schirm. Draußen herrschte früher Rega-Morgen, und das Licht offenbarte den mächtigen Ring der Hyflieger und die wartenden Horden der Dämonen an den Klippen - und sie alle wirkten seltsam beherrscht. Inzwischen war jedoch ein neues Element hinzugekommen. Auf einer flachen Felserhebung im Südosten saß ein nackter Mann, umschmeichelt von Hyfliegertentakeln. Die Sensorenvergrößerung hatte seine Gesichtszüge deutlich herausgearbeitet - es war der Dichter Kerro Panille. Unten auf der Ebene stand ein Plastahl-Schneidegrät, das man mit Rädern ausgestattet hatte, umgeben von E-Klonen und offenbar auch Natürlichen. Die tödliche Mündung des Gerätes war auf die Redoute gerichtet - die Entfernung war für dieses Modell viel zu groß, aber es war eine drohende Geste. Das Bedrohlichste jedoch war der Umstand, daß keiner der Dämonen Anstalten machte, die Gestalten anzugreifen, die neben dem Schneidegerät warteten. Pandoras schreckliche Kreaturen warteten mit den anderen in rätselhafter Zurückhaltung. »In wenigen Minuten müßten wir mehr wissen,« sagte Lewis. Er drängte sich durch den Raum und blieb neben Oakes und Legata stehen. Zu dritt starrten sie zum Schirm empor. »Können wir nicht Leute rausschicken?« fragte Oakes. »Mit einem direkten Angriff müßten wir das Ding ausschalten können.« »Wen sollten wir schicken?« fragte Lewis. »Klone. Wir stehen doch bis zum Hals in Klonen.« Er strich sich mit der Handkante an der Kehle entlang. »Und wir haben nicht ausreichend zu essen. Wenn wir genügend schicken, kommen sie vielleicht sogar durch.« »Warum sollten Klone das tun?« fragte Legata. »Was?« Oakes war entrüstet über ihre kühnen Worte. 507 »Warum sollten Klone einen Angriffsbefehl ausführen? Sie sehen die Dämonen dort draußen. Und irgendwo auf der Ebene müssen Läufer stecken. Warum sollten die Klone das Risiko eingehen?« »Um sich zu retten. Wenn sie hierbleiben und nichts tun …« Oakes‘
Stimme erstarb. »Dein Schicksal ist ihr Schicksal«, sagte sie. »Vielleicht sind sie sogar noch schlimmer dran. Sie werden fragen, warum du sie nicht draußen anführst.« »Weil … ich der Psy-Ge bin! Ich bin für unser Überleben mehr wert als sie.« »Bist du ihnen auch mehr wert, als sie sich selbst wert sind?« »Legata, was willst du eigentlich …« Ein greller Lichtblitz unterbrach Oakes, gefolgt von einer lauten Explosion, die ihm den Atem raubte und seine Ohren knacken ließ. Sensorbilder verschwanden von dem großen Schirm und wurden von zuckenden Lichtbalken ersetzt. Legata, die von der Detonation zurückgeschleudert worden war, fand an einer fest installierten Kontroll-Konsole Halt. Lewis war zu Boden gegangen und rappelte sich langsam wieder auf. Aus dem Gang vor dem Kommandozentrum war Geschrei und Fußgetrappel zu hören. Oakes winkte Legata zu. »Bring den Schirm wieder in Ordnung!« »Wir müssen das Schneidegerät getroffen haben«, sagte Lewis. Legata stürzte an die Schirmkontrollen, gab eine Notsuche nach aktiven Sensoren ein und fand einen hochliegenden Blickpunkt, der auf die ferne Klippe ausgerichtet war, über der sich die Hyflieger formiert hatten. Die Szene schien unverändert zu sein. Fäuste dröhnten laut gegen das Luk der Kommandozentrale. Auf der anderen Seite des Raums öffnete jemand die Verriegelung. Augenblicklich füllte sich der Kommandoraum mit Gestalten, ein 508 Gemisch aus E-Klonen und natürlich Geborenen, die wirr durcheinanderbrüllten: »Läufer! Läufer! Abschotten!« Lewis fuhr zur nächsten Konsole herum und drückte den Knopf des Abschottungsprogramms. Während die Luken sich zischend schlossen, sahen sie auf dem Schirm die erste Woge von Menschen, die in panischem Entsetzen an der inneren Grenze der Redoute durcheinanderwirbelten. Legata ließ den hohen Sensor kreisen, um der Horde zu folgen, und zeigte auf diese Weise das qualmende Loch im Perimeter der Redoute, die Flut von Menschen, die davor floh und nun von verriegelten Durchgängen gestoppt wurde. Fäuste ließen ein gedämpftes Trommeln durch die Gänge hallen, ein Geräusch, das um so schrecklicher klang, als es vom Sensor aus großer Entfernung aufgefangen wurde. Die ganze Szene erhielt auf diese Weise etwas Marionettenhaftes. Plötzlich eilte Lewis durch den
Raum, ergriff einen der Neuankömmlinge am Arm und zerrte den Mann zu Oakes. Legata erkannte einen Aufseher, einen natürlich Geborenen namens Marco. »Was ist da draußen passiert, zum Teufel?« fragte Oakes. »Keine Ahnung.« Der Mann schaute nicht Oakes an, sondern blinzelte verwirrt zu dem Schirm empor. »Wir haben eines der neuen Schneidegeräte genommen, ein Gerät mit Weitwirkung, und kamen auch auf einen Meter ans Ziel heran.« »Sie haben vorbeigeschossen!« schrie Oakes. »Nein! Nein, Sir. Ein Meter reicht völlig. Beim Aufprall schmilzt das Gestein auf zehn Meter im Umkreis. Aber …« »Schon gut, Marco«, sagte Lewis. »Beschreiben Sie einfach, was Sie gesehen haben!« »Es war der Mann auf den Felsen.« Marco deutete auf den großen Bildschirm. »Er hat nichts getan«, sagte Oakes. »Wir haben ihn die ganze Zeit im Auge gehabt, und er …« 509 »Laß Marco erzählen, was er gesehen hat!« unterbrach Lewis. »Es geschah beinah zu schnell für das Auge«, fuhr der Aufseher fort. »Unser Strahl traf knapp einen Meter daneben auf. Ich sah den Boden da draußen glühen. Aber plötzlich wurde der Strahl … gebeugt. Er drehte sich auf den Mann auf dem Felsen zu. Ich hatte den Eindruck, daß er zu glühen begänne, dann schoß der Strahl direkt zu uns zurück!« »Unser Schneidegerät ist zerstört?« fragte Lewis. »Es ist so schnell explodiert, daß sich von uns nur wenige retten konnten.« »Schick eine Horde Klone hinaus!« befahl Oakes. Diese Worte lösten eine deutliche feindselige Reaktion der Anwesenden aus; zu spät erkannte er die Gefahr, in der er schwebte. Gut die Hälfte der Besetzung der Kommando-Zentrale bestand aus Klonen, und die meisten Flüchtlinge, die sich zwischen den Geräten drängten, waren Klone. »Aber ja doch!« rief eine Stimme aus dem Gedränge. »Sie bleiben hier, während wir in die Gefahr laufen!« Eine zweite Stimme, grollend-guttural, meldete sich aus einer anderen Richtung. »Ja, schicken wir ein paar Klone hinaus. Frisches Fleisch für die Dämonen. Eine kleine Ablenkung, während ihr natürlich Geborenen auf Zehenspitzen in die Kolonie zu eurem Wein
zurückkehrt!« Oakes starrte auf die Front der Gesichter, die immer näher kam. Sogar die natürlich Geborenen schienen zornig geworden zu sein. Dies war nicht der Augenblick zu enthüllen, daß die Kolonie gar nicht mehr existierte. Dadurch würde diesen Leuten nur ihre wahre Macht bewußt werden. Sie würden erkennen, wie sehr er sie brauchte. »Nein!« Oakes schwenkte die Hand. »Alle Entscheidungen, die das Überleben betreffen, werden durch den Psy-Ge getroffen. Ich 510 bin an diesem Ort Schiff s Gesandter und Seine Stimme!« »Oh, plötzlich heißt es Schiff !« rief jemand. »Wir werden nicht kneifen und in der Kolonie Schutz suchen«, fuhr Oakes fort. »Wir stehen hier an eurer Seite … notfalls bis zum letzten Mann.« »Ganz recht - Sie werden nicht von hier verschwinden!« knurrte die gutturale Stimme. Eine seltsame Stille legte sich über den Raum, in der Lewis‘ Stimme besonders deutlich zu hören war: »Wir lassen uns nicht unterkriegen!« Oakes griff nach dem Strohhalm. »Wir haben den Tang fast ausgerottet, der bisher verhinderte, daß wir uns das Meer nutzbar machten. Die Hyflieger sind als nächste an der Reihe. Ein paar lausige Rebellen werden uns das gute Leben nicht vermiesen, das wir uns hier gestalten können.« Oakes blickte zu Lewis hinüber und entdeckte zu seiner Überraschung, daß der Mann verstohlen lächelte. »Sag uns, was wir tun müssen!« forderte Lewis. Einer von Lewis‘ Anhängern in der Menge reagierte wie auf ein Stichwort: »Ja, sagen Sie uns das!« Wie sehr sich eine frühere Erziehung doch bezahlt macht, dachte Oakes. Und er sagte: »Zuerst müssen wir uns über unsere Lage klar werden.« »Ich habe den Schirm beobachtet«, sagte Lewis. »Ich sehe nirgendwo Läufer. Haben Sie welche gesehen, Legata?« »Nein, keinen einzigen.« »Kein einziger Läufer hat versucht, in die Redoute einzudringen«, fuhr Lewis fort. »Sie erinnern sich an das Chlor.« »Haben Sie den ganzen Perimeter überprüft?« fragte jemand. »Nein, aber sehen Sie sich mal die Leute nahe dem Loch in der
Außenmauer an.« Lewis hob den Arm. »Keiner von denen ist 511 angegriffen worden. Ich werde die Luken öffnen.« »Nein!« Oakes trat vor. »Der Mann, der da eben kritisch gefragt hat, liegt richtig. Wir müssen ganz sichergehen.« Er wandte sich an Legata. »Hast du genügend Sensoren, um den Perimeter abzusuchen?« »Nicht ganz … aber Jesus hat recht. Unsere Leute da draußen werden nicht attackiert.« »Dann schick ein paar Freiwillige mit tragbaren Sensoren hinaus«, sagte Lewis. »Ein paar Reparaturtrupps wären auch angebracht. Wenn du willst, begleite ich sie.« Oakes starrte Lewis an. War der Mann wirklich so mutig? Läufer, die sich an den Chlorangriff erinnerten? Unmöglich! Die Dämonen des Planeten wurden von etwas anderem in Schach gehalten. Während ihm dieser Gedanke durch den Kopf ging, hatte Oakes plötzlich das Gefühl, daß dort draußen der ganze Planet lauerte und nur auf den richtigen Augenblick wartete, ihn anzugreifen und zu toten. Sein Schweigen als Zustimmung auslegend, drängte sich Lewis durch die Menge und wählte dabei Leute aus. »Sie … Sie … Sie … und Sie … kommen Sie mit! Lewis, Sie stellen einen Reparaturtrupp zusammen! Nehmen Sie sich den Schaltplan und bringen Sie unsere Augen und Ohren wieder in Ordnung.« Lewis öffnete ein Luk auf der anderen Seite des Raums, winkte seine Freiwilligen hindurch und drehte sich noch einmal um, ehe er sich der Truppe anschloß: »Also, Morgan, jetzt liegt es an dir.« Was meint er damit? Oakes sah zu, wie das Luk hinter Lewis verriegelt wurde. Ich muß etwas unternehmen! »Alle Mann wieder an die Arbeit!« sagte er. »Wer nicht zur Besatzung der Kommandozentrale gehört, raus in den Gang!« Die Reaktion blieb aus. »Als Jesus eben das Luk öffnete, ist nichts hereingekommen«, 512 sagte Oakes. »Also los! Wir haben Arbeit. Sie auch.« »Sie können das Luk ruhig offenlassen«, warf Legata ein. Dieser Vorschlag gefiel Oakes gar nicht, aber er hatte die gewünschte Wirkung. Die Menge kam in Bewegung. Legata drehte sich zur Kontroll-Konsole für den großen Bildschirm um. Oakes trat neben sie, wobei er sich des Geruchs bewußt wurde, der sie umgab.
»Wir kämpfen gegen den ganzen verdammten Planeten«, knurrte er. Er sah zu, wie tragbare Sensoren und Reparaturarbeiten den Ausblick des Schirms wieder verbesserten. Als der Schirm wieder mehr von den Aktivitäten in der Redoute offenbarte, wurde deutlich, daß etwa siebzig Grad Perimeter-Sensoren unter der Zehn-Meter-Ebene zerstört worden waren. Ausgebrannte Relais hatten andere Relais außer Funktion gesetzt. Der Schaden war weitaus geringer als befürchtet. Er begann aufzuatmen und erkannte erst daran, wie sehr die Anspannung ihn verkrampft hatte. Nach einer gewissen Zeit kehrte Lewis zurück und trat zu Oakes und Legata an den Schirm. »Sollten die Leute im Gang bleiben?« Oakes schüttelte den Kopf. »Nein.« Er starrte auf den Bildschirm. »Ich habe sie wieder an die Arbeit geschickt«, meinte Lewis. »Draußen scheint sich nichts zu tun. Warum warten sie?« »Nervenkrieg«, meinte Oakes. »Möglich.« »Wir müssen uns einen Angriffsplan überlegen«, sagte Oakes. »Wir müssen die Klone überzeugen, daß ein Angriff erforderlich ist.« Lewis starrte auf Legatas Hände, die über die Schirmkontrollen tanzten, und blickte von Zeit zu Zeit auf die AAA, die sie zur Darstellung brachte. Rega stand inzwischen höher am Himmel, 513 und Alki begann über den Horizont zu kriechen. Es war sehr hell draußen auf der Ebene, jedes Detail war in grelles Licht getaucht. »Wie willst du die Klone davon überzeugen?« fragte Lewis. »Hol ein paar herein!« ordnete Oakes an. Lewis blickte ihn fragend an, machte dann aber kehrt und gehorchte. Gleich darauf näherte er sich wieder, gefolgt von zwölf E-Klonen, deren Äußeres mehr dem Standard der Natürlichen entsprach, abgesehen von zusätzlichen Muskeln an Armen und Beinen. Sie gehörten zu einem Typ, der in Oakes‘ Augen stets widerlich kraftprotzig ausgesehen hatte, doch jetzt ließ er sich seinen Ekel nicht anmerken. Lewis brachte die Gruppe in einem Bogen um Oakes zur Aufstellung, etwa drei Schritte von ihm entfernt. Oakes starrte in die Gesichter und erkannte darunter einige, die vorher mit den anderen in der Kommandozentrale Zuflucht gesucht hatten. Das Mißtrauen in den Gesichtern war nicht zu verkennen. Außerdem bemerkte Oakes, daß Lewis vorsichtshalber eine Laspistole umgeschnallt hatte und daß die natürlich Geborenen an den Wänden des Raums wachsam herüberschauten.
»Ich kehre nicht in die Kolonie zurück«, begann Oakes. »Nie wieder. Wir sind hier, um …« »Sie könnten aber bei Schiff Zuflucht suchen!« rief der Klon, der unmittelbar links von Lewis stand. »Schiff antwortet uns nicht«, sagte Legata. »Wir sind auf uns allein gestellt.« Verdammt! Oakes erbleichte. Wußte sie nicht, wie gefährlich es war, seine Abhängigkeit von anderen einzugestehen?« »Wir werden auf die Probe gestellt, das ist alles«, sagte er hastig. Er blickte zu Lewis hinüber und ertappte ihn erneut bei einem heimlichen Lächeln. »Vielleicht sollen wir ins Freie kommen und die Flucht ergrei514 fen«, sagte Legata. Ihre Finger zuckten über die Kontrolltastatur. »Vielleicht ist das Ganze nur ein Spiel wie der Schrei-Raum oder der Lauf um den P.« Was hat sie vor? fragte sich Oakes. Er warf ihr einen warnenden Blick zu, doch Legata konzentrierte sich weiterhin nur auf ihre Kontrollen. »Sie fangen etwas an!« sagte sie. Jedermann wandte sich dem Bildschirm zu, den sie ganz auf den Blick zu den Klippen geschaltet hatte. Panille war aufgestanden und umklammerte mit der Rechten einen Hyfliegertentakel. Weitere EKlone und andere Gestalten gruppierten sich um das Schneidegerät auf der Ebene tief unter ihm. Dämonen waren aus den Schatten der Klippen vorgerückt. Sogar im abschließenden Ring der Hyflieger schien Aufregung zu herrschen; die Gebilde bewegten sich, bauschten sich, veränderten die Höhe. Legata richtete den Zoom auf den Mann, der neben dem linken Rad des Schneidegeräts stand. »Thomas«, sagte sie. »Aber die Hyflieger …« »Er hat sich mit ihnen verbündet«, sagte Lewis. »Er steckte von Anfang an mit ihnen unter einer Decke!« Legata starrte auf die Ebene hinaus. War das möglich? Sie hatte Oakes als Klon bloßstellen wollen, doch jetzt zögerte sie. Was wußte sie wirklich über Thomas? Während ihr dieser Gedanke durch den Kopf ging, senkte Thomas den rechten Arm, und Panille wurde oben auf seiner Steinsäule von einem der Riesenballons ergriff en und langsam zur Ebene hinabgetragen. Thomas und seine Gefolgschaft rückten schrittweise
vor, eine ziemlich wirre Linie, die sich aber zu beiden Seiten des Schneidegeräts erstreckte. »Es müssen mindestens tausend sein«, brummte Lewis. »Woher hat er so viele Leute?« 515 »Was machen die Dämonen?« fragte Legata. Die Tiere hatten sich unter dem Klippenrand ausgebreitet - Huscher, Spinnerets, Flachflügler und andere -, sogar einige seltene Gruncher. Sie folgten den Angreifern, aber langsam und auf Distanz. »Wenn sie das Schneidegerät in Reichweite bringen, sind wir geliefert«, sagte Oakes und fuhr zu Lewis herum. »Schaff st du jetzt endlich ein paar Angreifer hinaus?« »Wir haben keine andere Wahl«, sagte Lewis und starrte die Klone neben sich an. »Das begreifen Sie doch alle, oder?« Die Delegation starrte zum Schirm empor, auf das vorrückende Schneidegerät und die flankierenden Dämonen, die die Nachhut bildeten. »Liegt doch auf der Hand«, sagte Lewis. »Sie strahlen unseren Perimeter auf und lassen die Dämonen zu uns herein. Dann sind wir alle tot. Wenn wir sie aber aufhalten können …« »Alle Mann, Achtung!« rief Oakes. »Ich gewähre jedem Klon, der sich freiwillig meldet, die volle Bürgschaft als natürlich Geborener. Diese Rebellen sind die letzte echte Gefahr für uns. Wenn sie beseitigt sind, verwandeln wir diesen Planeten in ein Paradies!« Langsam, doch mit wachsendem Tempo, näherte sich die Reihe der Klone dem Ausgangsluk. Andere Wesen schlossen sich an. »Halt sie in Bewegung, Lewis!« befahl Oakes. »Gib Waffen aus, wenn sie den Perimeter verlassen! Unsere Übermacht wird uns zum Sieg verhelfen.« 516 Es gab eine Zeit, da meine Phantasie zufriedengestellt war mit Träumen von Tugend, von Ruhm und Freude. Es gab eine Zeit, da ich mich in der falschen Hoffnung wiegte, ich würde Wesen begegnen, die mir mein Äußeres nachsehen und mich wegen der hervorragenden Eigenschaffen lieben würden, die zu entfalten ich in der Lage war. FRANKENSTEINS UNGEHEUER SPRICHT Schiffsdokumente Als Thomas das Angriffssignal gab, hatte er das beinahe lähmende Empfinden, daß er den Schlag nicht gegen die Redoute, sondern
gegen Schiff richte. Du hast dies alles eingefädelt, Schiff ! Siehst Du, was Du getan hast? Schiff antwortete nicht. Thomas rückte mit seiner Armee vor. Die Luft war heiß auf der Ebene vor den Klippen, beide Sonnen stiegen dem Zenit entgegen. Das Licht war grell, so daß er die Augen zusammenkneifen mußte, wenn er sich dem reflektierten Glanz der Sonnen zuwandte. Er spürte einen knirschenden Geschmack von Bitterkeit in der Luft - der Staub, der von seiner zerlumpten Rotte aufgewirbelt wurde. Er blickte nach links und rechts und sah sich seine Kämpfer an. Wer hätte sich bei einem solchen Unternehmen je eine verrückte Mischung dieser Art erträumt? In Avatas Sammlung waren die natürlich Geborenen eine verschwindend kleine Minderheit und gingen in dem Gedränge absonderlicher Formen unter: Kugelköpfe, seltsam plazierte Augen, Ohren, Nasen und Münder, tiefe Brustkörbe neben überaus dürren Rümpfen, schmale Glieder und normale Finger, sehnige Tentakel, Füße und Stumpen. Die Wesen schritten und wackelten und wankten dahin und folgten damit 517 seinem Befehl. Die improvisierten Räder, die man an dem PlastahlSchneidegerät befestigt hatte, knirschten durch den Sand und ratterten über kleine Felsen. Brummend, ächzend und pfeifend rückten seine Soldaten vorwärts. Einige E-Klone sangen: »Avata! Avata! Avata!« mit jedem schlurfenden Schritt. Er bemerkte, daß die Dämonen in gewissem Abstand ebenfalls unterwegs waren, so wie es Panille vorausgesagt hatte. Sie warten auf ihr Aas. Was sahen die Dämonen auf dieser Ebene? Panille hatte gesagt, er und die Hyflieger könnten falsche Bilder ausschicken, um die Dämonen in Schach zu halten. Einige E-Klone offenbarten ähnliche Fähigkeiten. Thomas sah darin einen Nebeneffekt der rekombinanten Versuche mit dem Tang. Eine Verteidigung, die ihm im Angesicht dieser Wesen sehr unsicher vorkam. Aber das ganze Unternehmen basierte ja auf unsicheren Faktoren - nicht genug Waffen, nicht genug Leute, nicht genug Zeit für Planung und Ausbildung. Er schaute zu den Klippen zurück und sah den Bogen zurückhängender Dämonen, mitten dazwischen Panille, der furchtlos ausschritt. Ein riesiger Huscher berührte den Dichter am Bein und bog ab. Thomas erschauderte innerlich. Panille hatte gesagt, er würde
an dem Töten nicht aktiv teilnehmen, er würde aber diese Armee nach besten Kräften beschützen. Die Med-Tech und eine sorgfältig ausgesuchte Gruppe von Helfern warteten am Fuß der Klippen. Es hing nun alles davon ab, ob seine Streitmacht die Verteidiger der Redoute so sehr einschüchtern konnte, daß Oakes kapitulierte. Im festgelegten Augenblick gab Thomas das Signal, auszufächern, sich über die Ebene zu verteilen. Wenn Panilles Kräfte weiter wirkten, sahen die Verteidiger nur eine eng gruppierte Formation direkt in die Reichweite der VerteidigungsWaffen mar518 schieren. Thomas schloß sich der Bedienung des Schneidegeräts an, die nun nach links abbog. Im Ausschreiten kamen ihm Zweifel. Nach seiner Zeitrechnung hatten sie nur noch wenige Stunden Zeit, bis Schiff seine Drohung wahr machte und der Menschheit für immer ein Ende bereitete. Dieses Unternehmen kam ihm hoffnungslos vor. Er mußte die Redoute überwältigen, die Überlebenden zusammentreiben, die richtige Art der Verehrung finden und Schiff beweisen, daß die Menschheit weiterleben sollte. Die Zeit reicht nicht. Panille! Panille war schuld, daß der Angriff so lange hinausgezögert worden war. Jedem Argument, das für die Notwendigkeit des Angriff s auf die Redoute sprach, hatte sich Panille leise widersetzt. Das Nest sei Paradies genug, sagte er. Ohne Zweifel, es war ein Paradies - ständiges Wachstum für die irdischen Pflanzen, kein Schimmel, keine Insektenparasiten … es gab dort nicht einmal Dämonen, die die Menschen bedroht hätten. Das Kraternest war eine Keimzelle von der Erde, ein chaotisches Durcheinander von Elementen, die nach Wachstum und Ordnung strebten. Ein Garten Eden, der einen Kilometer lang ist, macht noch keinen bewohnbaren Planeten aus. Und immer wieder Panille mit seinen sinnlosen Bemerkungen: »Was du mit dem Schmutz unter deinen Füßen machst, das ist ein Gebet.« Willst Du das, Schiff ? Die Art Gebet? Keine Antwort von Schiff - nur das Knirschen des Sandes unter den Sohlen, die Bewegung seiner Armee, die sich über die Ebene verteilte und weiter gegen die Redoute vorrückte. 519 Ich stehe hier allein. Keine Hilfe von Schiff .
Da fiel ihm das Sternenschiff Earthling ein - das Schiff , das zu Schiff geworden war. Er erinnerte sich an die Mannschaft, an die lange gemeinsame Ausbildung im Mondstützpunkt. Wo waren sie jetzt? War aus dieser Gruppe noch jemand in der Hib am Leben? Er sehnte sich danach, Bickel wiederzusehen. John Bickel wäre jetzt ein nützlicher Gefährte gewesen - voller Einfälle, direkt denkend. Wo war Bickel? Sand knirschte unter seinen Füßen wie der Sand auf dem Übungshof des Mondstützpunkts. Der Sand des Mondes, nicht der Erde. All jene Jahre - immer wieder der Blick empor zur Erde in ihrer blauen und weißen Pracht. Seine Sehnsüchte hatten nicht den Sternen gegolten, nicht irgendwelchen mathematischen Schöpfungen in Tau-Ceti. Er wollte nur die Erde - jenen einen Ort im Universum, der ihm verwehrt war. Pandora ist nicht die Erde! Aber das Nest war eine Versuchung - der Erde seiner Träume so ähnlich. Wahrscheinlich gibt es gar keine Ähnlichkeit mit der wirklichen Erde. Was weiß ich denn über die wirkliche Erde? Er und seinesgleichen hatten nur die Klon-Abteilung des Mondstützpunktes gekannt, auf ewig getrennt von den menschlichen Originalen durch die Vitro-Schilde. Immer nur die Vitro-Schilde, immer nur eine simulierte Erde - so wie die Klone die Menschen simulierten. Sie wollten nicht, daß wir unbekannte Krankheiten überall im Universum herumtrugen. Ein Lachen entfuhr ihm. Seht euch die Krankheit an, die wir über Pandora gebracht haben! Den Krieg! Und die Krankheit, die da Mensch heißt. Von rechts tönte ein Schuß herüber und riß ihn aus seinen Tag520 träumen. Ein Strahl von der Redoute hatte weiter vorn auf der Ebene einen großen Felsbrocken verflüssigt. Thomas gab Zeichen, daß sich die Angreifer weiter verteilen sollten. Er blickte zurück und sah Panille inmitten der riesigen Dämonenhorde gelassen ausschreiten. Ein schreckliches Gefühl der Ablehnung gegenüber Panille wallte in ihm auf. Panille war ein natürlich geborener Mensch. Ich bin in einem Axolotl-Tank herangezüchtet worden! Seltsam, überlegte er, daß erst all die unzähligen Äonen vergehen und hier eine schlimme Krise heraufziehen mußte, ehe er erkannte,
wie sehr ihm das Klonsein zuwider war. Den Klonen des Mondstützpunktes ist es ausdrücklich untersagt … Die Liste der Verbote war unzählige Seiten lang gewesen. Es ist nicht gestattet, mit Natal-Menschen oder der Erde in Berührung zu kommen. Aus dem Garten Eden verbannt, ohne zuvor die Freuden der Sünde gekannt zu haben. Was einer fühlt, wird von allen gefühlt, sagte Avata. Ja, Avata, aber Pandora ist nicht die Erde. Allerdings hatte Schiff gesagt, er sei Originalmaterial, ein Stück dessen, was die Erde gewesen war. Welche Erinnerungen an die Erde kribbelten in den Genen, die an seinen Fingerspitzen funkelten? Es war sehr heiß hier draußen auf der Erde, strahlend heiß. Schutz gab es nicht. Vermochte Panilles Projektion die Verteidiger der Redoute wirklich zu verwirren? Panille hatte die Sonden durcheinandergebracht, soviel stand fest. Und Thomas erinnerte sich an seinen geistigen Kontakt zu Bitten, dem Kontrollprogramm für den Frachter, der ein wahres Füllhorn an Vorräten gewesen war. Wie Panille sagte, die Fähigkeit der Kommunikation war zugleich die Fähigkeit zu heucheln. 521 Was war, wenn Panille sie einfach hier draußen im Stich ließ, indem er die maskierende Projektion fallenließ? Was geschah, wenn Panille verwundet - oder gar getötet wurde? Panille hätte hinten an den Klippen bleiben müssen. Sieht einem Klon ähnlich, das Offensichtliche zu übersehen. Dieser alte Spottsatz hallte ihm in den Ohren nach. Typisch Klon! Im Angesicht dieses Spotts waren alle Bemühungen, den Klonen ein Gefühl von Stolz einzugeben, vergeblich geblieben. Klone waren angeblich übermenschlich, geeicht auf übernormale Präzision. Das gefiel Menschen nicht. Die Klone des Mondstützpunktes unterschieden sich nicht von Menschen, sprachen auch nicht anders … aber die Trennung brachte Absonderlichkeiten hervor. Typisch Klon! Er stellte sich einen Mondstützpunkt-Lehrer vor, ein Mann, der ihn aus dem blasphemischen Schirm heraus anblickte, die Komplexität von Systemmonitoren erklärend, und die Worte: »Typisch Klon, einem Paradies den Rücken zu kehren!« Seine Armee befand sich beinahe in Reichweite der kleinsten Redoute-Waffen - knapp zweihundert Meter. Thomas riß sich aus
seiner Träumerei - so benahm sich kein General! Er blickte nach links und nach rechts. Seine Kämpfer waren gut verteilt. Er verhielt neben einem hohen schwarzen Felsbrocken, der größer war als er. Weiter vorn ragte die Redoute auf, die zahlreichen Mündungen der Schneidegeräte gaben ihr ein stacheliges Aussehen. Panille durfte nicht näher heran. Thomas drehte sich um und gab dem Dichter ein Zeichen, stehenzubleiben. Panille gehorchte. Die Armee würde nun allein weiter vorrücken müssen. Die wertvollste Waffe durfte nicht in Gefahr gebracht werden. Plötzlich begann der Felsen neben ihm zu glühen. Thomas sprang zur Seite, als das Gestein weißglühend schmolz und zerplatzte. Ein winziger Tropfen traf ihn sengend am linken Arm. Er 522 achtete nicht darauf, sondern brüllte: »Angriff !« Sein Mob lief in behäbigem Trab auf die Redoute zu. Gleichzeitig öffneten sich Außenluken im Perimeter der Redoute. Kämpfer mit Brennern und Laspistolen hasteten auf die Ebene. Sie stürmten in wirrer Konzentration auf Panilles projizierte Bilder. Bis auf wenige Meter herangekommen, steigerte sich ihre Verwirrung. Ziele, die sie ins Auge gefaßt hatten, lösten sich auf. Schießend torkelten sie nach links und nach rechts. Zufallstreff er ließen einige Angreifer zu Boden gehen. Die Schneidegeräte der Redoute begannen ihr grelles Licht zu verstrahlen, das suchend die Ebene abtastete. »Feuer!« schrie Thomas. »Feuer!« Einige seiner Gefolgsleute gehorchten, doch die Verteidiger der Redoute gehörten zum gleichen genetischen Gemisch wie die Armee. Angreifer und Verteidiger, ohne Uniformen nicht mehr zu unterscheiden, stolperten umeinander. Tödliche Energiestrahlen zuckten in huschenden Bewegungen hin und her und zerschnitten Freund und Feind gleichermaßen. Blutüberströmte Leichen lagen auf der Ebene - einigen fehlten ganze Gliedmaßen, rauchendes verkohltes Fleisch, einige der Verletzten schrien noch. Entsetzt starrte Thomas auf das Blut, das links neben ihm aus einem enthaupteten Torso gepumpt wurde. Als der Körper nach vorn fiel, sprühte eine Art rote Gischt in alle Richtungen. Was habe ich getan? Was habe ich getan? Keiner dieser Menschen, Angreifer wie Verteidiger, wußte, wie man richtig kämpfte. Sie waren hysterische Vernichtungswerkzeuge weiter nichts. Weniger als ein Viertel der Verteidiger hatte überhaupt die Reihen seiner Armee erreicht. Aber was hatte das schon zu
besagen? Die Ebene rings um die Redoute hatte sich in ein blutiges, rauchendes Chaos verwandelt. Er gab der Mannschaft am Schneidegerät zu seiner Linken ein Signal »Trennt die Mauer durch!« Aber die Bedienung war dezi523 miert, die improvisierten Räder des Geräts bewegten sich nicht mehr. Die Waffe stand nach rechts verkantet, die Mündung zeigte zu Boden. Die Überlebenden hatten sich hinter dem Gerät niedergeduckt. Thomas fuhr herum und blickte zu Panille zurück. Unbeweglich stand der Dichter in der wartenden Dämonenhorde. Zwei Huscher hockten wie gehorsame Hunde rechts von ihm. Die schreckliche Reihe der Killerrassen dieses Planeten erstreckte sich links und rechts in weitem Bogen um das blutige Schlachtfeld. Zorn durchfuhr Thomas. Du hast mich noch nicht besiegt, Schiff ! Stolpernd und keuchend näherte er sich dem Schneidegerät, umfaßte den schweren Lauf und stemmte ihn herum. Vier kräftige Klone waren hinten an der Klippe erforderlich gewesen, um das Gerät anzuheben. In seinem Zorn bewältigte er es jetzt allein. Er neigte es gegen einen Felsbrocken, bis die Mündung auf ein leeres Stück Redoutenmauer gerichtet war. Die überlebende Bedienungsmannschaft duckte sich weg, als er nach den Kontrollen faßte und den Strahl aktivierte. Eine grelle blaue Linie zuckte zur Redoute hinüber und brachte die Mauer zum Schmelzen. Die Außenwände von Bauwerken verglühten und glitten in die geschmolzene Lohe hinein. Thomas fand seine Vernunft wieder. Er machte einen Schritt rückwärts, dann noch einen und noch einen. Er war zwanzig Schritte von dem summenden Schneidegerät entfernt, als die Verteidiger ihr Ziel fanden. Das Schneidegerät explodierte in der Konfrontation von Strahl gegen Strahl. Thomas spürte nichts mehr von dem spitzen Metallstück, das sich ihm in die Brust bohrte. 524 Warum solltest Du es zulassen, daß ein Mann sich der Schande aussetzt, um Hilfe zu bitten, wenn es in Deiner Macht steht, o Herr, ihm seine Bedürfnisse auf ehrenhafte Weise zu gewähren? A KAHAN, ATERETH HA-ZADDIKIM Schiffsdokumente Hali behielt Waela im Auge, während die E-Klone-Helfer eine im Bereich des notdürftig mit Tüchern abgeteilten Lazaretts eine Art Geburtsabteilung vorbereiteten. Der Schatten der hohen Felsklippen
lag über der kleinen Gruppe, und die abrückende Armee füllte die Luft mit wirrem Lärm: Rufe, Ächzen, das Knirschen der Räder des Schneidegeräts im Sand. Sie empfand eine gewisse Erleichterung, als die Dämonen mit Panille abzogen. Er machte ihr angst. Ihr leise sprechender Dichterfreund war der Bewahrer eines erschreckenden inneren Feuers geworden, Bewahrer einer schrecklichen Kraft von der Art, wie sie sie in Golgatha am Werk gesehen hatte. Trotz des zusätzlichen Gewichts bewegte Waela sich mit geschmeidiger Schnelligkeit. Sie befand sich in ihrer natürlichen Umgebung: Pandora. Dieser Ort hatte auch Waela verändert. War das der Grund, warum sich Panille mit ihr fortgepflanzt hatte? Hali unterdrückte einen spitzen Stachel der Eifersucht. Ich bin eine Med-Tech. Ich bin eine Natali! Ein ungeborenes Kind braucht mich. Ich brauche Freude! Sie versuchte, nicht an die Ereignisse zu denken, die sich draußen auf der Ebene entwickeln mochten. Thomas hatte sie gewarnt. Woher hatte er seine Kenntnisse über das Kämpfen? Ein Gefühl der Empörung hatte sie nicht unterdrücken können. »Die Menschen, die da sterben werden, inwiefern unterscheiden sie sich von uns?« 525 Sie hatte ihm die Frage hingeschleudert, während sie von den Klippen herabstiegen, gestützt von Hyflieger-Tentakeln. Die ersten roten Streifen der Tagseite umfaßten einen grauen Horizont zur Rechten. Es war die Szenerie eines Alptraums gewesen: das Durcheinanderreden der Soldaten, das gedämpfte Flöten der Hyflieger. Die großen orangeroten Ballons hatten einige Leute zur Ebene hinabbefördert und Gerät geschleppt und bewachten nun den Abstieg derjenigen, die sich zu Fuß auf den Weg gemacht hatten. Hunderte von Menschen, viele Tonnen Gerät. Thomas hatte ihr auf die Frage erst geantwortet, als sie sie wiederholte. »Wir müssen die Redoute erobern. Wenn wir es nicht tun, wird Schiff uns vernichten.« »Damit sind wir aber nicht besser als sie.« »Aber wir werden überleben.« »Überleben als was? Hat Schiff sich auch darüber geäußert?« »Schiff sagt: ›Ihr werdet hören von Kriegen und Kriegsgeschrei; sehet zu und erschrecket nicht. Denn das muß so geschehen; aber es ist noch nicht das Ende … Das alles aber ist der Anfang der
Wehen.‹« »Das ist nicht Schiff . Das ist das Christliche Buch der Toten!« »Aber Schiff zitiert daraus.« Thomas hatte sie angesehen und ihr den Schmerz in seinen Augen offenbart. Das Christliche Buch der Toten. Auf ihre Bitte hin hatte Schiff ihr Teile davon gezeigt, in der winzigen Kabine, in der zuvor Panille studiert hatte. Wenn Thomas wirklich ein Psy-Ge war, mußte er diese Worte kennen. Sie fragte sich, ob Oakes sie kannte. Wie seltsam, daß schiffseits niemand auf ihre vorsichtigen Fragen und Vorstöße wegen der Ereignisse auf dem Golgatha-Hügel reagiert hatte. 526 Dann hatte Thomas ihr einen Schreck eingejagt; sie rasteten gerade auf einem kleinen Felsplateau tief in einem Spalt. »Warum hat Schiff Ihnen die Kreuzigung gezeigt? Haben Sie sich das schon einmal gefragt, Hali Eckel?« »Woher wissen Sie … woher wissen Sie von …« »Schiff erzählt mir so manches.« »Hat Schiff Ihnen auch gesagt, warum ich …« »Nein!« Thomas wandte sich wieder dem steilen Weg zu. Sie rief ihm nach: »Wissen Sie, warum Schiff mir das gezeigt hat?« Er blieb an einer Lücke im Fels stehen und starrte in das Morgenlicht hinaus, das sich über die Ebene ausbreitete, auf die schimmernden Spiegelungen auf dem Plas der fernen Redoute. Sie holte ihn ein. »Wissen Sie es?« Thomas fuhr zu ihr herum, und der Schmerz war ein schreckliches Lodern in seinen Augen. »Wenn ich das wüßte, wäre mir auch klar, wie die Menschen Schiff verehren müßten. Hat Schiff Ihnen keine Hinweise gegeben?« »Nur daß wir die heilige Gewalt verstehen lernen müßten.« Stirnrunzelnd starrte er sie an. »Erzählen Sie, was sie bei der Kreuzigung gesehen haben!« »Ich habe mitansehen müssen, wie ein Mann gefoltert und getötet wurde. Es war brutal und schrecklich, aber Schiff ließ nicht zu, daß ich mich einmischte.« »Heilige Gewalt«, murmelte Thomas. »Der Mann, der da umgebracht wurde, er sprach zu mir. Er … Ich hatte das Gefühl, daß er mich erkannte. Er wußte jedenfalls, daß ich einen weiten Weg zurückgelegt hatte, um ihn zu sehen. Er sagte, ich
sei ihm nicht verborgen. Er sagte, ich sollte bekannt machen, daß es geschehen sei.« 527 »Er sagte was?« »Er sagte, wenn überhaupt jemand Gottes Wille verstünde, dann ich … aber ich tue es nicht!« Sie schüttelte den Kopf; sie war den Tränen nahe. »Ich bin nur eine Med-Tech, eine Natali, und ich habe keine Ahnung, warum Schiff mir das gezeigt hat!« Thomas fragte flüsternd: »Und mehr hat der Mann nicht gesagt?« »Nein … er forderte die Menschenmenge auf, nicht um ihn zu weinen, sondern um sich selbst und um ihre Kinder. Und er sagte etwas von einem grünen Holze.« »Denn so man das tut am grünen Holz, was will am dürren werden?« sagte Thomas mit getragener Stimme. »Richtig! Das hat er gesagt! Aber was meinte er damit?« »Er meinte … er meinte, daß die Mächtigen in Zeiten der Feindseligkeit gefährlicher werden - und daß das, was sie tun, bis in die Spitzen der Äste zu spüren ist - für immer.« »Warum haben Sie dann diese Armee aufgestellt? Warum marschieren Sie dort auf die Ebene hinaus …« »Weil ich muß!« Thomas setzte seinen Weg in die Tiefe fort und antwortete ihr nicht mehr. Andere, die denselben Weg gewählt hatten, holten die beiden ein, drängten von hinten nach. So hatte sie keine Gelegenheit mehr, mit ihm zu sprechen. Nach kurzer Zeit erreichten sie den Fuß der Klippen, und dort warteten eigene Pflichten auf sie, während sich Thomas mit seinem Krieg beschäftigte. Ferry gehörte zu den Leuten, die Thomas für die medizinische Betreuung eingeteilt hatte. Sie wußte, was Thomas und Kerro von dem alten Mann hielten, und dies veranlaßte sie, ihn freundlich zu behandeln. Während sie mit Ferry in dem primitiv abgeteilten Lazarett unter den Klippen arbeitete, hörte sie Thomas zu seiner Armee sprechen. 528 »Gesegnet sei Schiff , meine Kraft, die meine Hände das Kriegführen lehrt und meine Finger das Kämpfen.« War das eine Ausdrucksweise für einen Psy-Ge? Diese Frage richtete sie an den alten Ferry. »So redet Oakes.« Der alte Mann schien sich in sein Schicksal ergeben zu haben, stand ihr aber tatkräftig zur Seite.
Die Armee stürzte sich nun geschäftig in ihre Vorbereitungen, während Panille wie ein unbeteiligter Beobachter abseits blieb. Ihr gefiel die Nähe der Dämonen nicht, aber er sagte, sie würden den Menschen hier nichts tun. Er sagte, die Hyflieger hätten die Sinne der Dämonen mit einer falschen Welt konfrontiert, die sie in Schach hielte. Ferry trottete an ihr vorbei und warf einen kritischen Blick auf ihren Nasenring. Sie fragte sich, was Ferry von Thomas‘ Äußerungen wirklich hielt. Thomas redete über den alten Mann, als wäre Ferry gar nicht dabei. »Dieser alte Dummkopf hat im Grunde gar keine Macht«, hatte Thomas gesagt. »Oakes glaubt einen Zipfel der wahren Macht hier auf dem Schwarzen Drachen in den Händen zu halten. Er teilt seine Macht mit niemandem. Im Vergleich zu dem, was uns in der Kolonie erwartet hätte, ist er dort drüben leicht zu überwältigen.« »Ich habe ihm gleich gesagt, daß er zu schnell handelt«, sagte Ferry. Thomas hatte ihn ignoriert und sich an Panille gewandt. »Ferry ist ein Lügner, aber wir können ihn gebrauchen. Er muß etwas Wertvolles über Oakes‘ Pläne wissen.« »Aber ich weiß gar nichts!« Die Stimme des alten Mannes bebte. In diesem Augenblick war einer der Natürlichen herbeigekom529 men, die Thomas zu seinen Adjutanten gemacht hatte. Thomas hatte die Striche über dem rechten Auge des Mannes angestarrt. Die beiden hatten sich entfernt, und Thomas hatte gemurmelt: »Was für eine Art, eine Armee zusammenzustellen - aus der Makulatur, die andere weggeworfen haben.« Seine Befehle allerdings waren ihr ganz vernünftig vorgekommen: Die E-Klone waren ihren Fähigkeiten entsprechend eingeteilt worden: Läufer, Träger, Lastenheber … Er hatte sich eine Übersicht über den Ausbildungsstand seiner Kämpfer verschafft - Operateure, Techniker mit grundlegenden physikalischen Kenntnissen, Schweißer, ungelernte Kräfte … Während ihrer Arbeit im Lazarett dachte sie darüber nach. Was für einen Unterschied machte es, wie Thomas seine Truppen einteilte? Wenn sie zu ihr kamen, waren sie nichts anderes mehr als verwundetes Fleisch. Waela half bei den Vorbereitungen für die Geburt und blieb plötzlich vor Hali stehen: »Warum sehen Sie so sorgenvoll aus? Ist etwas mit meinem Kind?«
»Nein, nichts dergleichen!« Und Waela hörte die vertraute innere Stimme, Ehrlichkeit: Das Kind wird bald geboren. Bald. Waela starrte Hali an. »Weshalb sind Sie so besorgt?« Hali betrachtete Waelas runden Leib. »Wenn die Hyflieger uns nicht den Burst aus der Kolonie gebracht hätten …« »In der Kolonie wurde das Zeug nicht mehr gebraucht. Die Menschen sind alle tot.« »Das habe ich nicht gemeint …« »Sie fürchten, mein Kind hätte Ihnen die Jahre geraubt, Ihr Leben und …« »Ich glaube nicht, daß Ihr Kind mir etwas nehmen würde.« 530 »Was ist es dann?« »Waela, was machen wir hier eigentlich?« »Wir versuchen zu überleben.« »Sie reden wie Thomas.« »Thomas redet manchmal sehr vernünftig.« Drei E-Klone unterbrachen das Gespräch. Torkelnd kamen sie in das Lazarett; zwei stützten einen dritten, der einen Arm verloren hatte. Einer hielt den abgetrennten Arm gegen den Stumpf, der von blutigem Sand verkrustet war. »Wer ist hier der Med-Tech?« fragte einer, ein Zwerg mit langen, beweglichen Fingern. Ferry wollte sich vordrängen, doch Hali winkte ihn zurück. »Bleiben Sie bei Waela. Geben Sie mir Bescheid, wenn sie mich braucht.« »Ich bin Arzt, wissen Sie!« Die alte Stimme klang gekränkt. »Ich weiß. Bleiben Sie bei Waela.« Hali führte die drei Verwundeten in das Lazarett, das im Schutz ringförmig angeordneter schwarzer Felsen lag. Sie arbeitete schnell und sicher; sie schloß den Armstumpf mit Wundband, nachdem sie ihn mit SepTalkum eingepudert hatte. »Können Sie seinen Arm retten?« fragte der Zwerg. »Nein. Was ist da draußen los?« Der Zwerg spuckte aus. »Hölle und Narretei ist dort ausgebrochen!« Sie versorgte seine Gefährten und wandte sich dann dem Zwerg zu. Seine Bemerkung hatte sie überrascht, was er auch merkte. »Oh, im Denken sind wir nicht schlecht«, sagte er. »Kommen Sie her, ich will Sie verarzten!« antwortete sie. Sein
rechter Arm wies eine große Brandwunde auf. Sie sprach weiter, um ihn von den Schmerzen abzulenken. »Wie sind Sie an die Hyflieger geraten?« 531 »Lewis hat uns verstoßen. Wie Müll wurden wir ins Freie gestoßen. Sie wissen ja, was das bedeutet. Überall Läufer. Die meisten von uns haben es nicht geschafft. Ich hoff e wirklich, die Läufer machen sich über die Redoute her.« Er deutete auf das Bauwerk auf der anderen Seite der Ebene. »Sie sollen diese vom Schiff verzogenen Schweinehunde bis zum letzten Mann vernichten!« Als sie fertig war, ließ sich der Zwerg vom Behandlungstisch gleiten und eilte auf den Ausgang zu. »Wohin wollen Sie?« »Wieder hinaus, um zu helfen, wo ich kann.« Er stand im Eingang, die Plane in der Hand, und starrte durch die Öffnung auf die Redoute. Blaue Blitze füllten dort die Luft. Sie hörte fernes Geschrei. »Sie sind nicht in der Verfassung …« »Es reicht, daß ich Verwundete tragen kann.« »Es gibt noch mehr?« »Viele sogar!« Er verschwand durch die Öffnung, der Stoff fiel hinter ihm herab. Hali schloß die Augen. Vor ihrem inneren Auge sah sie ein Gewimmel von Leuten, die sich zusammenballten, die zu einem Mob wurden. Der Geruch fauligen Atems und salzigen Bluts lagen in der Luft. Die winzigen Ränder von Schnittwunden und die großen Flächen von Brandwunden überschwemmten ihre Phantasie. Zwei gebrochene Kniepaare zuckten verschwommen durch ihre Erinnerung - die Männer an den Kreuzen. »Das ist nicht der richtige Weg«, murmelte sie. Sie ergriff ihre Pribox und ihren medizinischen Notkoffer, eilte zum Aufgang, warf den Stoff zur Seite. Der Zwerg war nur noch eine winzige Gestalt in der Ferne. Sie eilte ihm nach. »Wohin wollen Sie?« rief Ferry hinter ihr her. Sie wandte sich nicht um. »Man braucht mich da draußen.« 532 »Aber was ist mit Waela?« »Sie sind doch Arzt!« rief sie, ohne den Blick von dem Rauch zu wenden, der in der Ferne aufwallte. Wenn Menschen als Sprecher der Götter auftreten, ist Sterblichkeit wichtiger als Moral. Das Märtyrertum überbrückt diese Diskrepanz,
aber nur kurze Zeit. Bedauerlich an Märtyrern ist vor allem, daß sie nicht mehr in der Lage sind zu erklären, was das alles bedeuten sollte. Und sie bekommen nicht mehr mit, welche schrecklichen Folgen ihr Märtyrertod hat. RAJA THOMAS Ihr seid Sprecher für Märtyrer Schiffsdokumente Legata schaltete den großen Schirm von Sensor zu Sensor und versuchte einen Sinn in das zu bringen, was die Instrumente übermittelten. Bilder erschienen verwischt, formten sich mit neuer Perspektive um. Die Strahlen von Schneidegeräten zuckten über die Ebene, sie sah Gestalten und seltsame Bewegungen. Alarmsummer zeigten die Beschädigung eines Teils des Perimeters an. Sie hörte Lewis Reparatur- und Verteidigungstrupps losschicken. Abwehrstrahler traten grell in Aktion, geleitet von wichtigen Personen im Kommandozentrum. Sie konzentrierte sich weiter auf das Rätsel auf dem Schirm. Auf den winzigen Teilbildern huschte von Zeit zu Zeit etwas Verwischtes vorbei, als würden die Instrumente von einer Kraft durcheinandergebracht. Sie fuhr sich mit dem Ärmel über die Stirn. Im Verlauf des wirren Kampfes waren die beiden Sonnen hoch in den Himmel 533 gestiegen, während sich das lebenserhaltende System auf ein Minimum geschaltet und alle Energie auf die Waffen konzentriert hatte. Es war heiß in der Kommandozentrale, und die nervösen Bewegungen Oakes‘, der neben ihr stand, irritierten sie. Dagegen schien Lewis unerklärlich gelassen zu sein, sogar insgeheim amüsiert. Auf der Ebene tobte eine blutige Schlacht, daran gab es keinen Zweifel. Die Klone in der Kommandozentrale gaben sich an ihren Positionen größte Mühe, offensichtlich in der Angst, daß sie auch in den Kampf geschickt werden könnten. Legata drückte Wiederholung. Irgend etwas wischte über den großen Schirm. »Was war das?« wollte Oakes wissen. Legata ließ das Bild erstarren, doch die Sensoren vermochten das Bild nicht zu fixieren. Wieder gab sie Wiederholung ein und fuhr mit dem Zoom nahe an die verwischte Stelle heran. Nichts war zu erkennen. Bei nochmaliger Wiederholung verlangsamte sie die Projektion und forderte vom Computersystem eine Bildverstärkung.
Eine vage humanoide Gestalt wimmelte über den Schirm. Sie huschte zwischen zwei Felsen hindurch und mühte sich mit einem schweren Gegenstand, dann verschwand die Erscheinung. Ein grellblauer Strahl schlängelte sich von einem Punkt in der verwischten Zone, blitzende Zeichen in den Ecken des Schirms deuteten Alarmsignale an. Sie kümmerte sich nicht darum - das war vorbei, Lewis war mit diesem Zwischenfall fertig geworden. Etwas Wichtigeres zeigte sich nun auf dem Schirm, eine langsam aufblühende orangerote Erscheinung, die dort vorher nicht zu sehen gewesen war. »Was machst du?« fragte Oakes. »Was ist das?« »Ich glaube, sie beeinflussen unser Sensorsystem«, antwortete sie und hörte selbst die Ungläubigkeit in ihrer Stimme. 534 Oakes starrte mehrere Sekunden lang auf den Schirm, dann rief er: »Das Schiff ! Das verdammte Schiff mischt sich ein!« Auf seiner Oberlippe und seinen Wangen schimmerten Schweißtropfen. Sie spürte, daß er am Ende seiner Nervenkraft war. »Warum sollte das Schiff so etwas abrupt tun?« fragte Lewis. »Wegen Thomas. Du hast ihn ja da draußen gesehen.« Oakes‘ Stimme brach. Legata schaltete die Sensoren um, stellte den totalen Ausblick auf die Klippenzone her, von der der Angriff ausgegangen war. Die Dämonen waren fort, spurlos verschwunden. Der Dichter saß nicht mehr auf seiner hohen Felsplatte. Der Bogen der zuschauenden Hyflieger war zu einer dünnen Reihe oberhalb der Klippen geschrumpft. Die Szene trat im hellen Schein der beiden Sonnen plastisch hervor. »Wo sind die Hyflieger?« fragte sie. »Ich habe sie nicht wegfliegen sehen.« »In der Nähe sind keine«, stellte Lewis fest. »Vielleicht sind sie woandershin verschwunden, um …« Er unterbrach sich, als es beim offenen Eingangsluk ein Durcheinander gab. Legata drehte sich um und sah einen dunkelhaarigen Naturgeborenen, einen Aufseher, in die Kommandozentrale eilen. Schweißbedeckt huschte er zu Lewis. Wundband bedeckte eine blutige Brandwunde auf der nackten linken Schulter des Mannes, und seine Augen wirkten glasig; offenbar hatte er ein schmerzstillendes Mittel bekommen.
Es sind also auch natürlich Geborene draußen, dachte sie. »Wir haben jede Menge verwundeter Klone, Jesus«, sagte der Mann, seine Stimme klang heiser und angespannt. »Was machen wir mit denen?« Lewis gab die Frage mit einem Blick an Oakes weiter. 535 »Richtet ein Lazarett ein«, befahl Oakes. »Im Klon-Quartier. Sie sollen ihre eigenen Leute behandeln.« »Aber es gibt nicht viele, die etwas von Medizin verstehen«, wandte Lewis ein. »Denk daran, die meisten sind ziemlich jung.« »Ich weiß«, sagte Oakes. »Verstehe«, sagte Lewis nickend und wandte sich an den Aufseher. »Sie haben‘s gehört. An die Arbeit!« Der Mann starrte Oakes und Lewis aufgebracht an, aber dann gehorchte er. »Das Schiff mischt sich ein«, sagte Oakes. »Wir können im Augenblick keine Ärzte oder andere Leute erübrigen. Wir müssen uns einen Plan überlegen für …« »Was geht da draußen vor?« fragte Legata. Oakes drehte sich um und sah, daß sie wieder einmal die Sensoren durchging und dabei mehrere Bilder gleichzeitig zeigte. Zuerst wußte er nicht, was ihre Aufmerksamkeit geweckt hatte. Dann sah er es ein Rechteck auf dem Schirm rechts oben zeigte ein silbernes Gebilde, das über die Mauern der Redoute kroch. Es bewegte sich wie eine zur Zeitlupe erstarrte Woge, die Sensoren überdeckend, immer höher kriechend. Legata glich die verdeckten Sensoren aus, wich immer weiter auf neue Sensoren zurück. Die Welle bestand aus zahllosen funkelnden Fäden, die im Schein der beiden Sonnen hell leuchteten. »Spinnerets«, sagte Lewis gepreßt. Es wurde plötzlich so still, daß die Luft förmlich knisterte. Legata setzte ihre Arbeit an der Konsole fort. Lewis wandte sich an die Natürlichen, die die Kommandozentrale bewachten. »Harcourt, Sie und Javo nehmen sich einen Brenner und sehen zu, ob Sie sich nicht durch das Spinneret-Netz schneiden können.« Die Männer reagierten nicht. 536 Legata lächelte vor sich hin; die Stille im Raum nahm kein Ende. Sie spürte die Spannung ansteigen, der Augenblick, den sie erwartet
hatte, war nahe. Es war richtig gewesen zu warten. »Schicken Sie lieber Klone.« Legata erkannte Harcourts gepreßte Stimme. Heftige Bewegung entstand in der Zentrale. Sie schaute über die Schulter und sah weitere Klone aus dem Gang in die Zentrale drängen, darunter einige extreme E-Typen. Die meisten schienen verwundet zu sein. Offensichtlich suchten sie nach jemandem. Eine gutturale Stimme rief aus der Mitte der Neuankömmlinge: »Wir brauchen Ärzte!« Lewis wandte sich den beiden Natürlichen zu, denen er befohlen hatte, das Spinneretnetz anzugreifen: »Sie widersetzen sich meiner Anordnung?« Mit rotem Gesicht wiederholte Harcourt seinen Protest: »Schicken Sie doch Klone. Dafür sind die da!« Aus der Mitte des Raums meldete sich eine schrille Stimme: »Wir gehen da nicht raus!« »Warum sollten sie auch gehen?« fragte Legata. »Du hältst dich aus der Sache heraus!« schrie Oakes. »Sag ihnen doch, warum die Klone gehen müßten«, beharrte sie. »Du kennst den Grund!« »Nein, kenne ich nicht.« »Weil auf jeder gefährlichen Mission als erstes die Klone vorgeschickt werden. Harcourt hat recht. Zuerst die Klone. So ist es immer gewesen, und so soll es auch jetzt geschehen.« Er schielt also auf die Treue der natürlich Geborenen. Legata schaute zu Lewis hinüber und begegnete ruhig seinem Blick. Stand da Belustigung in seinen Augen? Egal. Sie drückte eine Taste der Schirmkonsole und behielt dabei die Leute in der 537 Zentrale im Auge. Ihnen konnte nicht entgehen, was da auf dem Schirm passierte. Sie hatte das Programm vorbereitet. Ja … die Anwesenden erstarrten allmählich zu einem Tableau, alle Blicke richteten sich auf den Schirm, ließen ihn nicht los. Verwirrt drehte sich Oakes um und sah sein Bild dort oben. Unter der Abbildung rollte seine Biographie ab. Er starrte auf die Überschrift: »Morgan Lon Oakes, Bezug Originalakte, Morgan Hempstead, Zellenspender …« Oakes fiel plötzlich das Atmen schwer. Das war ein Trick! Er starrte Legata an, und der kalte Blick, mit dem sie ihm begegnete, fuhr ihm wie ein Speer durch den Rücken.
»Morgan …« Wie süßlich ihre Stimme klang! »Ich habe deine Unterlagen gefunden, Morgan. Siehst du Schiff s Imprimatur auf der Darstellung? Schiff steht für den Wahrheitsgehalt dieser Dokumentation ein.« Morgans linkes Lid begann zu zucken. Er versuchte zu schlucken. Dies kann nicht sein! Ein Murmeln ging durch den Raum. »Oakes ein Klon? Bei den Augen Schiff s!« Legata verließ die Konsole und trat bis auf einen Meter an Oakes heran. »Dein Name … das ist der Name der Frau, die dich ausgetragen hat - gegen Gebühr.« Oakes fand seine Stimme wieder: »Das ist gelogen! Meine Eltern … unsere Sonne drohte zur Nova zu werden … Ich …« »Schiff sagt etwas anderes.« Sie deutete auf den Schirm. »Siehst du?« Die Daten rollten heraus: Zeitpunkt der Zellenimplantation, die Anschrift der Pseudo-Eltern, Namen … Lewis stellte sich neben Oakes. »Warum das, Legata?« Die Belustigung in seiner Stimme war nicht zu überhören. 538 Sie weigerte sich, den Blick von dem Ausdruck der Bestürzung auf Oakes‘ Gesicht zu wenden. Warum möchte ich ihn trösten? »Der Schrei-Raum war ein Fehler«, flüsterte sie. Im Hintergrund rief jemand: »Zuerst die Klone! Schickt den Klon hinaus!« In die Worte kam ein Rhythmus, sie steigerten sich zu zornigem Gebrüll: »Schickt den Klon raus!« Oakes kreischte: »Nein!« Aber Hände packten ihn, und Legata konnte in dem Gedränge der Menge nichts dagegen machen, ohne ihre Körperkräfte zum Töten einzusetzen. Sie sah sich dazu irgendwie nicht in der Lage. Oakes‘ schrilles »Nein! Bitte nicht!« verhallte auf der anderen Seite der Kommandozentrale und in den Gängen, wurde schließlich vom Geschrei des Mobs erstickt. Lewis trat an die Konsole, stellte die Daten ab und schaltete auf einen hohen Sensor, den das Spinneretnetz noch nicht erreicht hatte. Plötzlich flammte ein Brenner auf und riß eine Öffnung in das Netz an einer Stelle, wo durch einen Angriff von außen zuvor die Perimetermauer eingerissen worden war. Gleich darauf kam Oakes in Sicht, allein über Pandoras tödliche Ebene hastend. 539
Dieser Fötus darf nicht zur Reife gebracht werden. Er darf keine Frucht des menschlichen Baums sein. Kein Mensch könnte seine eigene embryonale Entwicklung beschleunigen. Kein Mensch könnte die Außenwelt anzapfen, um seinen Energiebedarf zu decken. Kein Mensch könnte sich vor Verlassen des Mutterleibs verständlich machen. Wir müssen das Wesen abtreiben oder Mutter und Kind töten. SY MURDOCH Lewis-Prinzipien Schiffsdokumente Waela saß auf dem Rand der Liege in dem improvisierten Geburtsraum. Sie hörte Ferry draußen im Lazarett an den Verwundeten arbeiten. Er hatte nicht einmal bemerkt, als sie ihn allein ließ. Materialkisten schirmten den kleinen Bereich ab, und sie saß in den von den Planen diffus gemachten Schatten und atmete flach, um die Wehen zu lindern. Halis Pribox und die Stimme in ihrem Leib hatten recht behalten. Das Kind würde seinem eigenen Plan folgen, auch bei seiner Geburt. Es scherte sich nicht um die Dinge, die ringsum geschehen mochten. Waela legte sich auf die Pritsche. Ich habe keine Angst. Warum habe ich keine Angst? Sie hatte das Gefühl, daß eine Stimme aus dem Leib ihr antwortete: Es wird geschehen, wie es geschieht. Die Stille wurde durch Stimmen unterbrochen, begleitet von hastigen Schritten draußen im Lazarett. Wie viele Gruppen von Verwundeten waren dort schon eingetroffen? Sie hatte die Übersicht verloren. Eine besonders heftige Wehe rang ihr ein Keuchen ab. 540 Es ist Zeit. Es ist wirklich soweit. Sie hatte das Gefühl, sich auf einer langen Rutsche abwärts zu bewegen, ohne Möglichkeit abzusteigen, unfähig, auch nur etwas von dem, was sich ereignen würde, abzuwenden. Das Ereignis dieses Augenblicks war unvermeidlich gewesen, seit jenem Augenblick in der Gondel des U-Boots. Wie hätte ich das verhindern können? Ich hatte keine Möglichkeit. »Wo ist die TaoLini? Wir brauchen hier draußen Hilfe!« Ferrys vertrautes Jammern. Waela richtete sich auf, kam taumelig hoch und kehrte schwerfällig in die Lazarettzone zurück. Geschüttelt von einer neuen Wehe, blieb sie am Eingang stehen. »Hier bin ich. Was wollen Sie?«
Ferry blickte auf; er versorgte gerade einen verwundeten E-Klon mit Wundband. »Jemand muß nach draußen gehen und entscheiden, wer die Erste Hilfe am dringendsten benötigt. Ich habe dazu keine Zeit.« Sie stolperte auf den Ausgang zu. »Warten Sie!« Die müden alten Augen richteten sich auf sie. »Was ist mit Ihnen?« »Es ist … ich werde …« Sie umklammerte die Kante des Behandlungstisches und starrte auf einen verwundeten E-Klon. »Sie legen sich besser wieder hin«, entschied Ferry. »Aber Sie brauchen …« »Ich entscheide, was hier passiert!« »Aber Sie haben doch gesagt …« »Ich hab‘s mir eben anders überlegt!« Er beendete seine Arbeit an dem E-Klon, der auf dem Tisch lag, und starrte auf die zusätzlichen Augen, die aus den Schläfenecken des Klons hervorragten. »Sie! Ihnen geht es so gut, daß Sie nach draußen gehen und dafür sorgen können, daß ich die schlimmsten Fälle zuerst zu sehen bekomme.« 541 Sie schüttelte den Kopf. »Er hat doch keine Ahnung …« »Er weiß, wenn jemand stirbt. Oder?« Ferry half dem Klon vom Tisch, und Waela sah die schreckliche Verbrennung auf der rechten Schulter des Mannes. »Er ist verwundet«, sagte sie. »Er kann unmöglich …« »Wir sind alle verwundet«, erwiderte Ferry, und sie hörte die Hysterie in seiner Stimme. »Jedermann ist verwundet. Sie legen sich da hinten wieder hin. Die Verwundeten sollen sich um ihresgleichen kümmern.« »Was machen Sie …« »Ich komme zu Ihnen, wenn ich mit diesem Haufen fertig bin. Dann …« Er starrte sie mit aufgerissenen Augen an und bleckte die gelben Zähne. »Vielleicht ein Kind? Verstehen Sie. Ich bin auch Dichter. Vielleicht gefalle ich Ihnen jetzt ein bißchen besser.« Waela spürte, wie die altvertraute Schlange der Angst ihren Rücken heraufkroch. Ein neues Brandopfer torkelte in das Lazarett, eine dünn gewachsene junge Frau mit langgestrecktem Hals und Kopf und riesigen Augen. Ferry half ihr auf den Nottisch und gab einem Klon der Pflegegruppe Zeichen, ihm zu helfen. Eine stummelbeinige Gestalt stapfte herbei und hielt der Verwundeten die Schultern.
Waela wandte sich ab; sie ertrug den Schmerz in den Augen der Frau nicht. Wie stumm sie war! »Ich komme gleich!« rief Ferry, als Waela sich abwandte. Sie blieb an der Öffnung im Stoffvorhang stehen. »Ich kann mich selbst versorgen. Hali hat mir beigebracht …« Ferry lachte. »Hali, süße Blüte der Jugend, hat Ihnen nichts beigebracht! Sie sind keine junge Frau mehr, TaoLini, und es ist Ihre erste Geburt. Ob es Ihnen gefällt oder nicht, Sie werden mich brauchen. Warten Sie‘s ab!« 542 Als sie in ihre Nische torkelte, überkam sie eine neue Wehe. Sie krümmte sich zusammen, bis der Krampf vorbei war, dann tastete sie sich durch das Zwielicht zur Pritsche und warf sich darauf. Ein weiterer heftiger Wehenschmerz lief ihr durch den Leib, unmittelbar darauf von einer neuen und noch stärkeren Wehe gefolgt. Sie atmete tief ein, und schließlich begann eine dritte Wehe. Urplötzlich war die Pritsche feucht von Fruchtwasser. O Schiff ! Das Baby kommt! Sie kommt … Waela kniff die Augen zusammen, und ihr gesamter Körper unterwarf sich der Elementargewalt, die in ihr am Werk war. Sie erinnerte sich nicht, gerufen zu haben, doch als sie die Augen öffnete, war Ferry bei ihr, in Begleitung des langfingrigen Zwergs, den sie im Außenbereich des Lazarettes schon gesehen hatte. Der Zwerg beugte sich über sie. »Ich bin Mil Kurz.« Seine Augen waren zu groß und standen unnatürlich weit vor. »Was soll ich tun?« Ferry stand hinter dem Zwerg und rang die Hände. Sein Gesicht war in Schweiß gebadet. Von der hysterischen Prahlerei, die er draußen zur Schau gestellt hatte, war nichts mehr zu sehen. »Das Kind kommt nicht«, sagte er. »Es kommt!« keuchte sie. »Aber die Med-Tech ist noch nicht hier. Die Natali …« »Sie haben gesagt, Sie würden mir helfen.« »Aber ich habe noch nie …« Eine Wehe bestürmte sie. »Stehen Sie da nicht nur herum. Helfen Sie mir! Verdammt, helfen Sie mir!« Kurz fuhr ihr über die Stirn. Zweimal streckte Ferry die Hände nach ihr aus und zuckte zweimal wieder zurück. »Bitte!« kreischte Waela zwischen den krampfartigen Atemzügen. »Das Kind muß gedreht werden! Bitte drehen Sie es!«
543 »Ich kann es nicht!« Ferry trat von der Liege zurück. Waela blickte zu dem Zwerg empor. »Kurz … Bitte! Das Kind muß gedreht werden! Könnten Sie …« Keuchend erlag sie einer weiteren Wehe. Als sie vorbei war, hörte sie die leise, ruhige Stimme des Zwergs. »Sagen Sie mir, was ich tun soll, Schwester.« »Versuchen Sie die Hände um das Kind zu legen und es zu drehen. Es hat einen Arm angehoben, und das verhindert, daß der Kopf … ohhhhh!« Waela schmeckte Blut auf der Zunge; sie hatte sich in die Lippe gebissen. Der Schmerz machte ihr allerdings den Kopf frei. Sie öffnete die Augen, sah den Zwerg zwischen ihren Beinen knien, spürte seine Hände - sanft, sicher. »Ahhhhhhhhhhhh«, sagte er. »Was … was …« brabbelte Ferry, der am Ausgang der Nische stand, bereit zu fliehen. »Das Kind sagt mir, was ich tun muß«, sagte Kurz. Er schloß die Augen, und sein Atem verlangsamte sich. »Das Baby hat einen Namen«, sagte er. »Sie heißt Vata.« Hinaus! Hinaus! Waela hörte die Stimme in ihrem Kopf. Sie sah Dunkelheit, roch Blut, spürte, wie ihre Nase zuquoll, etwas … »Werde ich hier geboren?« fragte Kurz. Er neigte sich in einer ehrfürchtigen Bewegung zurück, ein schimmerndes Kind in den Händen haltend. »Wie haben Sie das gemacht?« fragte Ferry. Waela breitete die Arme aus, spürte, wie ihr das Kind auf die Brust gelegt wurde. Sie spürte, wie der Zwerg sie berührte, sie und das Kind - Vata, Vata, Vata … Visionen aus ihrem Leben vermischten sich mit Szenen, von denen sie wußte, daß Kurz sie erlebt hatte. Was für ein sanfter, liebenswerter Mann! Sie sah die Schlacht 544 vor der Redoute, spürte, wie Kurz verwundet wurde. Andere Szenen spielten sich wie ein beschleunigter Holo vor ihren Augen ab. Sie spürte Panilles Gegenwart. Sie hörte Panilles Stimme in ihrem Kopf. Es war erschreckend. Sie konnte sie nicht verbannen. Die Berührung des Kindes lehrt das Gebären, und unsere Hände sind Zeugnis dieser Lektion. Das war Panille, dabei hielt er sich gar nicht hier im Lazarett auf.
Sie spürte die Menschen, die sie an Bord von Schiff zurückgelassen hatte, die Arbeiter in den hydroponischen Gärten, die Besatzung, die in all den unzähligen Gängen ihren Pflichten nachging … sogar die schlafenden Wesen in der Hib: Sie alle waren einen kurzen Moment lang eins mit ihrem Geist. Sie spürte, wie sie in ihrer gemeinsamen Bewußtheit innehielten. Sie spürte die Frage in ihrem Kopf. Ihr Entsetzen war Waelas Entsetzen. Was geschieht da mit mir? Bitte, was geschieht da? Wir leben! Wir leben! Die anderen Menschen verschwanden aus ihrem Bewußtsein als sie jene Worte hörte/fühlte. Nur die Sprecherin dieser Worte blieb bei ihr - eine winzige Stimme, ein Singsang, eine unvorstellbare Erleichterung. Wir leben! Waela öffnete die Augen und schaute dem Zwerg in die Augen. »Ich habe alles gesehen«, flüsterte er. »Das Kind …« »Ja«, flüsterte sie. »Vata … unsere Vata …« »Hier geht etwas vor«, sagte Ferry. »Was ist es?« Er legte die Hände an die Schläfen. »Verschwindet dort! Verschwindet!« Zuckend brach er zusammen. Waela blickte zu Kurz hinüber. »Hilf ihm!« »Ja, natürlich«, sagte er. »Zuerst die, die am schlimmsten dran sind.« 545 In der Stunde, da die Ägypter im Roten Meer starben, sollten die Geistlichen vor dem Heiligen Einen das Loblied singen, doch er wies sie mit den Worten fort: Meine Schöpfung ertrinkt im Meer; wollt ihr mir zur Feier dieses Ereignisses ein Lied darbringen? DER SANHEDRIN Schiffsdokumente Oakes‘ Herz schlug zu schnell. Schweiß tränkte seinen grünen Einteiler. Die Füße taten ihm weh. Aber er torkelte weiter durch die Leere, fort von der Redoute. Legata, wie konntest du mir das antun? Als er nicht weiterkonnte, ließ er sich in den Sand sinken und wagte den ersten Blick zurück. Man verfolgte ihn nicht. Sie hätten mich töten können! Etwas Schwarzes rahmte das Loch im Gewebe, das der Mob ihm in das Spinneretgewebe gebrannt hatte. Er starrte auf dieses Loch. Mit jedem Atemzug schmerzte seine Brust. Langsam wurden ihm auch andere Geräusche bewußt neben seinem keuchenden Atem. Der Boden unter seinen Händen erzitterte von fernem Donner. Wellen! Oakes blickte zum Meer hinüber. Die Flut stand höher, als er sie je
gesehen hatte. Der Meereshorizont war eine einzige weiße Linie. Riesige Wogen krachten gegen den Landvorsprung, auf dem sich die Fährstation erhob. Während er noch hinschaute, glitt ein großer Felskeil von der Landzunge in die Wogen und riß eine klaff ende schartige Wunde in den Fährhangar. Taumelnd rappelte er sich auf und starrte fassungslos auf die Ereignisse. Im weißen Schaum der herantobenden Wogen bewegten sich schwarze Gegenstände. Felsbrocken! In der Brandung wirbelten Felsen, die übermannsgroß 546 waren. In diesem Augenblick wurde der Garten - sein prächtiger Garten - fortgeschwemmt! Durch das Rauschen der Gischt drangen plötzlich schrille Schreie wie von Seevögeln. Er hob den Kopf und drehte sich einmal um sich selbst. Hyflieger? Fort. Kein einziger orangeroter Ballon tanzte am Himmel oder schwebte über den Klippen. Die Schreie setzten sich fort. Oakes blickte zu den Klippen hinüber, von deren Fuß Thomas den Angriff eingeleitet hatte. Leichen. Dort erstreckte sich das Schlachtfeld mit zerfetzten Menschen, die im grellen Schein der Sonnen zuckten. Gestalten bewegten sich zwischen den Verwundeten und hoben einige auf Bahren und trugen sie zu den Klippen. Wieder schaute Oakes zur Redoute zurück. Dort lag der sichere Tod. Er wandte sich dem Schlachtfeld zu und erblickte zum erstenmal die Dämonen. Ein heftiger Schauder durchlief seinen Körper. Die Dämonen waren eine stumme Horde, die in weitem Bogen hinter dem Schlachtfeld wartete. In ihrer Mitte stand ein einsamer Mensch in einem weißen Anzug. Oakes erkannte den Dichter Kerro Panille. Diese Schreie! Sie kamen von den Verwundeten und Sterbenden. Oakes torkelte auf Panille zu. Was kam es noch darauf an? Schick deine Dämonen ruhig gegen mich, Dichter! Jetzt hatte er den Rand des Schlachtfeldes erreicht - verstümmelte Körper. Oakes trat auf eine abgerissene Hand, deren Finger sich im Reflex um seinen Stiefel schlossen, und er sprang zurück. Am liebsten wäre er wieder in die Redoute gelaufen, zurück zu Legata. Aber sein Körper widersetzte sich. Er konnte nur noch weiter auf Panille zuschlurfen, der aufrecht zwischen den Dämonen stand. 547 Warum sitzen die Scheusale hier nur so herum? Wenige Meter vor Panille blieb Oakes stehen.
»Du.« Oakes überraschte die Tonlosigkeit seiner Stimme. »Ja.« Die Stimme des Dichters war durch den Kapselsender in Oakes Nacken deutlich zu hören, dabei bewegten sich Panilles Lippen nicht. »Mit Ihnen ist es aus, Oakes!« »Sie! Sie haben mir alles zerstört. Sie sind der Grund, warum Lewis und ich nicht mehr …« »Nichts ist zerstört, Oakes. Das Leben hier hat gerade erst begonnen.« Panille bewegte die Lippen nicht, trotzdem tönte die Stimme aus dem Sendegerät. »Sie sprechen nicht … aber trotzdem höre ich Sie.« »Das ist Avatas Geschenk an uns.« »Avata?« »Die Hyflieger und der Tang - sie sind eins: Avata.« »Dieser Planet hat uns also wirklich besiegt.« »Nicht der Planet - und auch nicht Legata.« »Also das Schiff . Es hat mich endlich in die Enge getrieben.« »Nicht Schiff .« »Dann Lewis! Er steckt dahinter. Er und Legata!« Oakes spürte die Tränen kommen. Lewis und Legata. Er vermochte Panilles ruhigem Blick nicht standzuhalten. Lewis und Legata. Ein Flachflügler entfernte sich von dem Dichter, kroch auf Oakes‘ Stiefelspitze und legte den borstigen Kopf auf die Seite. Entsetzt starrte Oakes auf das scharfzähnige Wesen nieder; er hatte das Kommando über seine Muskeln verloren. Voller Frustration zwang er sich dazu, weiterzusprechen. »Sagen Sie mir, wer dahintersteckt!« »Das wissen Sie sehr wohl.« 548 Ein gequälter Schrei entrang sich Oakes‘ Kehle: »Neeeeeeiin!« »Sie haben es getan! Sie und Thomas.« »Nein!« Panille starrte ihn nur an. »Dann befehlen Sie Ihren Dämonen, mich zu töten!« Oakes schleuderte ihm die Worte entgegen. »Sie sind nicht meine Dämonen.« »Warum greifen Sie dann nicht an?« »Weil ich ihnen eine Welt zeige, die von einigen als Illusion bezeichnet werden würde. Eine Kreatur greift nicht an, was sie
wirklich sieht, nur was sie zu sehen glaubt.« Entsetzt starrte Oakes den Dichter an. Illusion. Dieser Dichter könnte meinen Verstand mit Illusionsbildern füllen? »Das Schiff hat Ihnen das beigebracht!« »Avata hat es mich gelehrt.« Ein Gefühl der Hysterie breitete sich in Oakes aus. »Und Ihr Avata ist erledigt … restlos verschwunden!« »Doch zuvor führte sie uns das Universum anderer Realitäten vor Augen. Und Avata lebt in uns weiter.« Oakes starrte auf den tödlichen Flachflügler auf seinem Stiefel. »Was sieht das Monstrum?« Mit zitterndem Finger deutete er darauf. »Etwas von seinem Leben.« Ein lautes Krachen ließ den Boden ringsum erzittern, und der Flachflügler kroch von dem Stiefel und hockte sich friedlich in den Sand. Oakes starrte zum Ausgangspunkt des Krachens hinüber und sah, daß ein weiterer, der Bucht zugewandter Teil der Redoute in die Brandung geglitten war. Die weiße Horizontlinie war gegen das Land gerückt - gewaltige, donnernde Brecher. Die Bucht verstärkte die Wellen, preßte sie zusammen und jagte sie hoch die Küste hinauf. In stummem Entsetzen schaute Oakes zu, 549 wie ein weiterer Teil der Redoute fortgerissen wurde und in der Tiefe verschwand. »Mir ist gleich, was Sie sagen«, brummte Oakes. »Der Planet hat uns besiegt.« »Wenn Sie so wollen.« »Was ich will!« Oakes fuhr zornig zu ihm herum, beherrschte sich aber beim Anblick von zwei E-Klonen, die auf einer Bahre zwischen sich einen Verwundeten trugen. Hali Eckel, deren Nasenring im grellen Licht funkelte, begleitete die Gruppe; ihre Pribox war mit dem Patienten verbunden. Oakes starrte auf die Bahre und erkannte den Mann: Raja Thomas. Die Träger starrten Oakes fragend an, während sie Thomas im Sand abstellten. »Wie schlimm steht es?« wandte sich Oakes an Hali. Panille antwortete ihm: »Er stirbt. Eine Brustwunde und eine Strahlverbrennung.« Ein leises Lachen rollte in Oakes‘ Kehle empor, doch er hielt es zurück. »Er wird mich also nicht überleben! Wenigstens bekommt das verdammte Schiff keinen Psy-Ge mehr!« Hali kniete neben Thomas nieder und blickte zu Panille auf. »Den
Transport ins Lazarett überlebt er nicht«, sagte sie. »Er wollte, daß ich ihn zu dir bringe.« »Ich weiß.« Panille starrte auf den Sterbenden hinab. Eine Bewußtheit Thomas‘ war in Panilles Geist vorhanden, verbunden mit Vata, mit Waela, mit den meisten E-Klonen, deren genetische Kombination auf die Avata zurückführte. Und es war alles da, der volle Plan. Wie weise von Schiff , den Raja Flattery aus der Vergangenheit Schiff s zu nehmen und den Mann zu einer persönlichen Nemesis zu machen. Thomas bewegte flüsternd die Lippen, doch selbst Oakes verstand die Worte: »Ich habe mich so lange mit der Frage beschäftigt 550 … ich hatte das Problem verschleiert.« »Wovon redet er?« wollte Oakes wissen. »Er spricht mit Schiff «, antwortete Panille, und diesmal bewegten sich seine Lippen, seine Stimme war die Stimme des Dichters, an die er sich erinnerte, voller Klarheit und Scharfsicht. Der Sterbende machte einige keuchende Atemzüge und fuhr fort: »Ich habe das Spiel so lange gespielt … so lange. Panille weiß Bescheid. Es ist das Gestein … das Kind. Ja! Ich weiß! Das Kind!« Oakes schnaubte verächtlich durch die Nase. »Er bildet sich nur ein, daß er mit dem Schiff spricht.« »Sie verschließen noch immer die Augen vor den besten Merkmalen ihres Menschseins«, sagte Panille und starrte Oakes an. »Was … was heißt das?« »Mehr hat Schiff niemals von uns verlangt«, sagte Panille. »Das war der wahre Zweck der Schiffsverehrung: unser Menschsein zu finden und danach zu leben.« »Worte! Das sind doch nur Worte!« Oakes hatte das Gefühl, in eine Ecke gedrängt zu werden. Hier war alles nur Illusion! »Dann werfen Sie die Worte fort und fragen Sie sich, was Sie hier eigentlich wollen!« sagte Panille. »Ich versuche einfach zu überleben. Was sollte man sonst tun?« »Aber Sie haben nie wirklich gelebt.« »Ich habe … Ich habe …« Oakes verstummte, als Panille einen Arm hob. Einer nach dem anderen entfernten sich die Dämonen in schrägem Winkel auf die Klippen zu. Die ersten Geschöpfe erreichten die Klippe und machten sich auf den Weg zu den höherliegenden Ebenen, und Panille sprach weiter: »Ich lasse sie frei, so wie Avata
sie freigelassen hat. Trotzdem tun sie, was sie eben tun.« Oakes blickte den abziehenden Dämonen nach. 551 »Was werden sie tun?« »Wenn sie hungrig sind, werden sie fressen.« Das war zuviel für Oakes. »Was wollen Sie von mir?« »Sie sind Arzt«, antwortete Panille. »Wir haben Verwundete.« Oakes deutete auf Thomas. »Sie wollen, daß ich ihn rette?« »Nur Schiff oder wir alle zusammen können ihn retten«, meinte Panille. »Schiff !« »Oder wir alle zusammen - es ist dasselbe.« »Sie lügen! Sie lügen ja nur!« »Der Begriff des Gerettetwerdens hat viele Bedeutungen. In der Intelligenz und potentiellen Unsterblichkeit unserer Art liegt ein gewisser Trost.« Oakes wich vor Panille einen Schritt zurück. »Lügenworte! Dieser Planet wird uns alle umbringen.« »Wozu haben Sie Ihre Sinne, wenn Sie ihnen nicht glauben?« fragte Panille. Er machte eine Geste in die Runde und begegnete Halis gebanntem Blick. »Wir überleben. Wir setzen diesen Planeten instand. Avata, die diesen Planeten im Gleichgewicht hielt, ist verschwunden. Aber Vata ist die Tochter dieser Wesenheit so gut wie die meine.« »Vata?« Oakes spuckte das Wort förmlich aus. »Was ist das für ein neuer Unsinn?« »Waelas Kind ist zur Welt gekommen. Das Mädchen heißt Vata. Sie trägt den wahren Samen Avatas, der ihr bei der Empfängnis eingegeben wurde.« »Noch ein Ungeheuer.« Oakes schüttelte den Kopf. »Ganz und gar nicht. Ein hübsches Kind, im Körperbau so menschlich wie ihre Mutter. Hier, ich zeige sie Ihnen.« Bilder zuckten durch Oakes‘ Bewußtsein, jaulten durch seinen Geist auf der Trägerwelle des Kapselsenders in seinem Nacken. 552 Am liebsten hätte er sich das Ding aus dem Fleisch gerissen. Oakes torkelte zurück, Panille mit einer Hand fortschiebend, während die andere Hand sich um den eingebetteten Sender krallte. »Neeeeiiin … nein … nein!« Aber die Bilder verschwanden nicht. Oakes stürzte rückwärts in den
Sand und hörte im Stürzen die Stimme Schiff s. Er wußte, daß sie von Schiff kam. Es gab kein Entrinnen vor dieser Wesenheit, die sich in ihm ausbreitete, nicht auf den Sender angewiesen, überhaupt nicht auf Hilfsmittel angewiesen. Siehst du, Boß? Du hast zu keiner Zeit ein Thesengerüst unbeugsamer Worte gebraucht. Du brauchtest nichts anderes als Selbstrespekt, die Selbstverehrung, die die ganze Menschheit umschließt und all die Dinge, die für eure gegenseitige Unsterblichkeit von Bedeutung sind. Oakes preßte sich die Hände an die Schläfen und sank auf die Knie. Er starrte in den Sand, sein Blick war verschwommen von Tränen. Langsam zog sich Schiff zurück. Es war wie ein heißes Messer, das ihm aus dem Gehirn gezogen wurde. Eine schmerzhafte Leere blieb zurück. Er senkte die Hände und hörte das Knirschen zahlreicher Füße im Sand. Im Umdrehen erblickte er eine lange Reihe von Menschen - E-Klone und Natürliche -, die von der Redoute her näherkamen. Legata und Lewis bildeten die Spitze. Hinter den Flüchtlingen sah Oakes Rauch im Meereswind wallen, aus den Ruinen der Redoute aufsteigend. Seine kostbare Zufluchtsstätte wurde vernichtet! Alles ging unter! Oakes‘ Wut kehrte zurück, als er nun unsicher aufstand. Verdammt sollst Du sein, Schiff ! Du hast mich hereingelegt! Oakes bedrohte Legata mit der Faust: »Du Scheusal!« Lewis und Legata blieben etwa zehn Schritte vor Oakes stehen. Die Flüchtlinge warteten hinter ihnen - bis auf einen großen weiblichen E-Klon mit hübschem Gesicht und einem unförmigen 553 Kugelkopf. Er blieb vor Oakes stehen. »So sprichst du nicht mit ihr!« rief der weibliche E-Klon. »Wir haben sie zum Psy-Ge gewählt. So darfst du mit unserer Psy-Ge nicht sprechen!« »Das ist ja verrückt!« kreischte Oakes. »Wie können diese Monstrositäten einen Psy-Ge wählen?« Der E-Klon machte zwei Schritte auf Oakes zu. »Wen nennst du eine Monstrosität? Was ist, wenn wir uns hier fortpflanzen und eure Art zur belachten Ausnahme wird?« Oakes starrte sie entsetzt an. »Du bist nämlich gar nicht so hübsch«, fuhr sie fort. »Ich schaue mich jeden Tag von neuem an und finde mich immer hübscher. Doch mit jedem Tag wirst du häßlicher. Was ist, wenn ich es nicht mehr
für gut halte, daß neue häßliche Wesen geboren werden?« Legata trat vor und berührte die Frau am Arm. »Es reicht.« Gleichzeitig legte sich ein dunkler Schatten über die Gruppe. Alle blickten empor und sahen Schiff zwischen Rega und der Ebene hindurchschweben - tiefer als Schiff jemals zuvor gewesen war. Die seltsamen Vorsprünge und Flügelgebilde der Agraria waren deutlich zu sehen. Der Schatten bewegte sich mit ehrfurchtgebietender Langsamkeit, die Passage dauerte eine Ewigkeit. Als der Schatten ihn berührte, begann Lewis zu lachen. Alle, die das Lachen hörten, wandten sich ihm zu, und die meisten bekamen noch mit, wie er verschwand. Er verwandelte sich in einen weißen Schemen, der sich auflöste, und im nächsten Augenblick befand sich an der Stelle, an der er gestanden hatte, nichts mehr. »Warum das, Schiff ?« fragte Panille laut. Das Verschwinden erstaunte ihn sichtlich. Und alle hörten die Antwort, ein fröhliches Lärmen in ihren Köpfen. Ihr brauchtet einen wirklichen Teufel - Jesus Lewis, den anderen Teil 554 Meiner Selbst. Der echte Teufel begleitet Mich stets. Thomas blieb sein eigener Teufel - ein ganz besonderer Typ von Dämon, ein Lockvogel. Und das weiß er jetzt. Menschen, ihr habt euch die Gnade verdient. Ihr wißt jetzt, wie ihr verehren müßt. In diesem Augenblick erkannten alle die Absicht, die Schiff gegenüber Thomas verfolgte, eine Entscheidung, die auf der Waagschale lag. Thomas stemmte sich gegen Halis Willen auf einen Ellbogen hoch. »Nein, Schiff !« sagte er schwach. »Nicht wieder in die Hib. Ich bin zu Hause.« Legata warf ein: »Laß ihn frei, Schiff .« Wenn ihr ihn retten könnt, gehört er euch. Schiff s Herausforderung durchfuhr sie alle. Panille klammerte sich an das Bewußtsein Thomas‘ und rief Vata an, die sich im Lazarett unter den Klippen befand: Vata! Hilf uns! Die alte Bewußtheit Avatas kroch in seinen Geist - geschwächt, aber doch vollständig. Vata war all das, was einmal gewesen war … und mehr. Panille empfand seine Tochter als Gefäß für all jene zahllosen Äonen, in denen Avata gelebt und gelernt hatte, doch jetzt neu geformt zu allem, was menschlich war. Sie stieß über die Grenze der Ebene hinaus zur verbleibenden Besatzung Schiff s vor, sogar in die schlafenden Gehirne in der Hib, schenkte ihnen die neue Verehrung
und verwob sie zu einem einzigen Organismus. So kamen sie zu einem einzigen Bewußtsein zusammen … sogar Oakes. Und als alle vereint waren, drangen sie wie ein Faden schlangengleich in Thomas‘ Fleisch ein, schlossen seine Wunden und stellten die Körperzellen wieder her. Dann war es vorbei, und sie ließen Thomas auf seiner Bahre schlafen. 555 Panille atmete zitternd aus und starrte, blickte sich im Kreis der Leute um, die ihn auf der Ebene umringten. Durch die Heilung Thomas‘ waren alle Verwundeten wiederhergestellt worden. Die Toten lagen starr, doch unter den Lebenden gab es keine Entstellten mehr. Sie alle verharrten stumm unter der schattenwerfenden Wesenheit, die über die Ebene glitt. Legata. Wieder Schiff s Stimme. Erschüttert von dem Erlebnis des Anteilhabens, meldete sie sich mit lauter, zitternder Stimme: »Ja, Schiff ?« Ihr habt Mir Meinen besten Freund genommen. Oakes gehört jetzt Mir, ein gerechter Tausch. Wohin Ich auch gehe, Ich brauche ihn mehr als ihr. Sie blickte zu der von Rega umstrahlten Gestalt empor. »Du verläßt uns?« Ich reise durch das Ochsentor, Legata. Das Ochsentor - Meine Kindheit und Meine Ewigkeit. Sie dachte an das Ochsentor, an den verschlüsselten Speicher, in dem sie die Wahrheit über Oakes‘ Herkunft gefunden hatte, jenen beinahe mystischen Computer, aus dem verborgene Dinge ans Tageslicht kamen. Während sie daran dachte, spürte sie, wie ihr Bewußtsein mit den Dokumenten Schiff s eins wurde. Und weil sie alle durch Vata miteinander verbunden waren, hatten auch die Menschen auf der Ebene Anteil daran. Schiff s Worte und Bilder glitten über dieses flutende Bewußtsein dahin. Eine unendliche Phantasie hat auch unendliche Schrecken. Dichter wandeln ihre Alpträume zu Worten. Bei Göttern können Träume eine ganz eigene Substanz und Lebendigkeit gewinnen. Solche Dinge lassen sich nicht tilgen. Das Ochsentor, mein moralischer Faktor. Meine Psyche funktioniert in beiden Richtungen. Wenn sie sich in Symbolen bewegt,
556 dann durch den Ochsen. Einige meiner Symbole laufen und atmen wie es bei Jesus Lewis der Fall war. Andere singen in den Worten von Dichtern. Oakes sank auf die Knie. »Nimm mich nicht mit, Schiff !« flehte er. »Ich möchte hier nicht fort.« Aber Ich brauche dich, Morgan Oakes. Ich habe Thomas nicht mehr, Meinen persönlichen Dämon, und Ich brauche dich. Schiff s Schatten begann die Menschen auf der Ebene zu verlassen. Als Oakes vom Licht berührt wurde, verschwand er - ein weißer Schemen, dann Leere im Sand. Legata starrte auf die Stelle, an der Oakes eben noch gekniet hatte, und konnte nicht verhindern, daß ihr Tränen über die Wangen liefen. Hali richtete sich neben der Bahre auf, auf der ihr Patient in Schlaf gefallen war. Sie kam sich leer vor, ihrer Rolle beraubt, und das erfüllte sie mit Zorn. Sie starrte zur dahingleitenden Masse Schiff s empor. Sollte ich ihnen das mitteilen? fragte sie. Zeige es ihnen, Eckel! Noch immer zornig, spielte sie die Bilder der Kreuzigung ab, dann rief sie: »Schiff , war es so auch bei Yaisuah! War er nichts anderes als ein Fetzen aus einem Deiner Träume?« Ist das von Bedeutung, Eckel? Ist die Lehre geringer zu bewerten, nur weil die Geschichte, die dich rührt, eine Fiktion ist? Der Vorfall, an dem ihr gerade teilgenommen habt, ist zu wichtig, um auf der Ebene Faktum oder Fiktion diskutiert zu werden. Yaisuah hat gelebt. Er war die höchste Essenz der Güte. Wie könntet ihr je eine solche Essenz lernend akzeptieren, ohne ihr Gegenteil kennenzulernen? Und damit war der Schatten verschwunden, über die Klippen fortgleitend, die Teile der Menschheit mitnehmend, die an Bord geblieben waren - die Natali, die Hib-Wächter, die Arbeiter in den hydroponischen Gärten … 557 »Schiff verläßt uns«, sagte Legata und trat neben Panille. Während sie die Worte aussprach, spürte sie das Aufflammen der Bewußtheit, die Schiff mit ihnen geteilt hatte - die Schiffsdokumente, alle Vergangenheiten, die bis in die kleinsten Zellen auf der Ebene hineingetragen worden waren. »Wir sind abgenabelt worden«, sagte Panille. »Wir müssen unseren Weg jetzt allein gehen.« Hali schloß sich ihm an. »Keine Schiffsspender mehr.«
»Dafür hat das Wort ›allein‹ seine verschiedenen Bedeutungen verloren«, stellte Panille fest. »Ist das womöglich die Expansion des Universums?« fragte Legata. »Die Flucht der Götter vor ihren eigenen Schöpfungen?« »Götter stellen andere Fragen«, meinte Panille. Er blickte auf Hali hinab. »Als du uns Vata und die Schädelstätte brachtest, warst du unser aller Amme.« »Vata hat sich selbst zur Welt gebracht«, sagte Hali und schob ihre Hand in die Panilles. »Zuweilen wird eine Amme gar nicht gebraucht.« »Oder ein Psy-Ge«, warf Legata ein und lächelte. »Aber das ist eine Rolle, die wir jetzt alle kennen.« Sie schüttelte den Kopf. »Ich habe nur eine Frage - was wird Schiff mit all den Leuten da oben tun?« Sie deutete hinter dem kleiner werdenden Schiff her. Alle hörten es: Schiff s Wesenheit erfüllte die Menschen auf der Ebene und verschwamm sodann, doch um nie vergessen zu werden. Überrasche Mich, Heilige Leere! 558