Sir Henry Rider Haggard (1856–1925), einer der be deutendsten englischen Erzähler der Jahrhundert wende, gehört zu de...
16 downloads
1032 Views
1MB Size
Report
This content was uploaded by our users and we assume good faith they have the permission to share this book. If you own the copyright to this book and it is wrongfully on our website, we offer a simple DMCA procedure to remove your content from our site. Start by pressing the button below!
Report copyright / DMCA form
Sir Henry Rider Haggard (1856–1925), einer der be deutendsten englischen Erzähler der Jahrhundert wende, gehört zu den Klassikern des phantastischen Abenteuerromans. Seine exotischen und farben prächtigen Fantasy-Epen spielen vornehmlich im dunklen Herzen Afrikas, das zu jener Zeit noch weit gehend unerforscht und von wilden Völkerschaften bewohnt war und Raum bot für Spekulationen über geheimnisvolle unentdeckte Reiche und legendäre uralte Zivilisationen. Der gelbe Gott, eine häßliche goldene Statue aus Afrika, ist nicht nur eine interessante, absonderlich geformte Antiquität, sondern sie verfügt angeblich über magische Kräfte. Ihr Geheimnis kennt letztlich nur der alte Jeekie, ein Neger, der einst von einem Missionar nach England gebracht wurde. Er weiß, daß es eine Darstellung der »Kleinen Bonsa« ist, einer mächtigen grausamen Göttin. Alan Vernon, der verarmte Neffe des inzwischen verstorbenen Missionars, weiß von Erzählungen Jee kies, daß die »Kleine Bonsa« nicht nur über Menschen gebietet, sondern auch über einen ungeheuren Gold schatz. Zusammen mit Jeekie bricht der junge Mann auf, um die »Kleine Bonsa« in ihre Heimat zurückzu bringen und den Schatz für sich zu gewinnen.
Von Henry Rider Haggard erschienen in gleicher Ausstattung in der Reihe HEYNE SCIENCE FICTION & FANTASY: Sie · 06/4130 Allan Quatermain · 06/4131 Ayesha – Sie kehrt zurück · 06/4133 Sie und Allan · 06/4133 König Salomons Diamanten · 06/4134 Die heilige Blume · 06/4135 Das Halsband des Wanderers · 06/4136 Tochter der Weisheit · 06/4137 Das Sehnen der Welt · 06/4138 Morgenstern · 06/4146 Als die Welt erbebte · 06/4147 Das Nebelvolk · 06/4148 Das Herz der Welt · 06/4149 Kleopatra · 06/4310 Der Geist von Bambatse · 06/4311 Allan Quatermain der Jäger · 06/4367 Allan Quatermain und die Eisgötter · 06/4368 Das Elfenbeinkind · 06/4369 Der Gelbe Gott – · 06/4370 Heu-Heu oder das Monster · 06/4466 Nada die Lilie · 06/4467 Weitere Ausgaben sind in Vorbereitung.
HENRY RIDER HAGGARD
Der gelbe Gott
Ein Idol Afrikas
Fantasy Roman
19. Band der Haggard-Ausgabe
WILHELM HEYNE VERLAG � MÜNCHEN � Dieses E-Book ist nicht zum Verkauf bestimmt!! �
HEYNE SCIENCE FICTION & FANTASY � Band 06/4370 �
Titel der englischen Originalausgabe � THE YELLOW GOD � Deutsche Übersetzung von Hans Maeter � Das Umschlagbild schuf Vicente Segrelles/Norma �
Redaktion: Wolfgang Jeschke � Die englische Originalausgabe erschien im März 1909 � im Verlag Cassell, London, die amerikanische Ausgabe bereits � im November 1908 im Verlag Copples & Leon, New York
Copyright © 1987 der deutschen Übersetzung � by Wilhelm Heyne Verlag GmbH & Co. KG. München � Printed in Germany 1987 � Umschlaggestaltung: Atelier Ingrid Schütz, München � Satz: Schaber, Wels � Druck und Bindung: Elsnerdruck, Berlin � ISBN 3-453-00472-8 �
INHALT
1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12 13 14 15 16 17 18 19 20
Sahara, Limited .......................................... Der Gelbe Gott ........................................... Jeekie erzählt eine Geschichte ................... Alan und Barbara ....................................... Barbara hält eine Rede ............................... Mr. Haswell verliert die Beherrschung .... Das Tagebuch ............................................. Das Zwergenvolk ....................................... Die Morgendämmerung ............................ Bonsa-Stadt ................................................. Die Halle der Toten .................................... Das Goldhaus ............................................. Das Bankett der Kleinen Bonsa ................ Die Mutter Jeekies ...................................... Alan erkrankt ............................................. Was die Asika Alan zeigte ........................ Das Ende des Mungana ............................. Ein Treffen im Walde ................................ Zwei Eulen .................................................. Die Botschaft der Asika .............................
7 � 27 � 52 � 75 � 91 � 108 � 130 � 147 � 171 � 192 � 211 � 232 � 245 � 265 � 287 � 305 � 324 � 344 � 362 � 381 �
1
Sahara, Limited
Sir Robert Aylward, Bart, M.P.*, saß in seinem Büro in London. Es war ein sehr prächtiges Büro in einem prächtigen Haus, sicher eines der schönsten, das in einem Umkreis von einer halben Meile des Mansion House gefunden werden konnte. Seine Mauern wa ren aus Aberdeen Granit errichtet worden, einem Material, das dazu bestimmt war, einen prospektiven Käufer mit einem Gefühl von Sicherheit zu beein drucken. Stuck- oder selbst Ziegelbauten mochten im tatsächlichen oder im finanziellen Sinne zerfallen, doch dieses felsenartige Granitbauwerk, durch eine lebensgroße Figur Justitias mit Waage und Schwert gekrönt, die von allen vier Ecken des Daches von ge schmackvollen Symbolfiguren des Handels und der Industrie bewundert wurde, würde gewiß jeden Schock überdauern. Erdbeben konnten seinen starken Fundamenten nichts anhaben; Panik und Katastro phen konnten es genau so wenig erschüttern wie die Bank von England. Das jedenfalls war der Eindruck, den hervorzurufen es entworfen worden war, und nicht ohne Erfolg. »Es kommt so sehr auf das Äußere an«, pflegte Mr. Champers-Haswell, Sir Roberts Partner, mit seiner fröhlichen Stimme zu sagen. »Jeder von uns wird da durch beeinflußt, und sei es noch so unbewußt. Be eindrucken Sie die Öffentlichkeit, mein lieber Ayl * Baronet, Member of Parliament. – Anm. d. Übers.
ward. Lassen Sie äußeren Glanz auf innere Opulenz hinweisen, und das Brot, oder richtiger, der Granit, den Sie auf das Wasser streuen, wird sich nach vielen Tagen bezahlt machen.« Mr. Aylward – denn dieses Gespräch fand statt, bevor seine Verdienste, oder die Großzügigkeit seiner Börse, mit einem Titel belohnt worden war – blickte seinen Partner auf die unbewegte Art an, für die er berühmt war, und antwortete: »Sie bringen Ihre Me taphern durcheinander, Haswell, doch wenn Sie da mit sagen wollen, daß die Öffentlichkeit aus Narren besteht, die durch Reklame beeindruckt werden müs sen, bin ich völlig Ihrer Meinung. Nur ist diese Re klame ein wenig kostspielig, und ich will nicht viele Tage auf meinen Lohn dafür warten müssen. Aber 20 000 Pfund hin oder her sind schließlich nur eine Klei nigkeit, also sagen Sie dem Architekten, er soll das Ding aus Granit bauen!« Sir Robert Aylward saß in seinem ruhigen Zimmer im rückwärtigen Teil dieses dauerhaften Bauwerks, einem überaus elegant ausgestatteten Raum, um den ihn jeder Minister beneidet hätte, und dessen Ein richtung erlesenen Geschmack verriet. Seine Wände waren mit gemasertem Teakholz getäfelt, ein dicker Teppich verschluckte das Geräusch von Schritten, ei ne antike Venus stand auf einem Marmor-Piedestal in einer Ecke, und über dem Kaminsims hing ein wun derbares Gemälde von Gainsborough, das Porträt ei ner gewissen Miss Aylward, einer zu ihrer Zeit be rühmten Schönheit, mit der sein jetziger Besitzer, wie bemerkt werden sollte, sich jedoch keinerlei wie auch immer gearteter Beziehung rühmen konnte. Sir Robert saß an seinem Ebenholztisch und spielte
mit einem Bleistift, und das Licht des hell lodernden Kaminfeuers fiel auf sein Gesicht. Es war ein auf seine Weise bemerkenswertes Ge sicht, so wie es in seinem vierundvierzigsten Jahre wirk te; sehr blaß, doch von einer natürlichen Blässe, sehr gut geschnitten, und als Ganzes eindrucksvoll. Seine Augen waren dunkel, passend zu dem schwarzen Haar und Spitzbart, und die Nase war gerade und etwas weit vorspringend. Sein Mund war vielleicht der schwäch ste Teil, denn er drückte eine gewisse Verschlagenheit aus, außerdem waren die Lippen recht dick und ein wenig sinnlich. Sir Robert war sich dessen bewußt und trug deshalb einen Schnurrbart, um diesen Ein druck zu überdecken. Ein genauer Beobachter hätte von diesem Gesicht eine Impression erhalten, wie sie der plötzliche Anblick einer Wachsmaske hervorruft. ›Wie kräftig! Wie lebensnah!‹ würde er gesagt haben, ›aber natürlich ist es nicht echt. Es mag ein Mensch dahinterstecken, oder auch geschnitztes Holz, aber es ist lediglich eine Maske.‹ Manche Menschen von gu ter Beobachtungsgabe hatten dieses Gefühl bei Sir Robert Aylward, nämlich, daß unter der Maske seines blassen Antlitzes ein anderer Mensch steckte, den sie nicht kannten und auch nicht kennen wollten. Wenn diese Menschen ihn in diesem Augenblick des Beginns unserer Geschichte sehen könnten, wür den sie denken, daß diese Weisheit ihrer Kinder ge recht wird. Denn jetzt, in der Abgeschlossenheit sei nes eleganten Büros, schien die Maske plötzlich von ihm abzufallen. Sein Gesicht zerbrach wie Eis bei Tauwetter. Er erhob sich hinter seinem Schreibtisch und begann auf und ab zu gehen. Dabei sprach er laut mit sich selbst.
»Gütiger Himmel!« murmelte er, »was für ein ris kantes Spiel das ist, aber ich werde es gewinnen. Ich glaube, daß ich es gewinnen werde.« Er blieb beim Schreibtisch stehen, schaltete eine elektrische Lampe an und machte mit dem Bleistift eine rasche Berechnung auf der Rückseite eines Brie fes. »Ja«, sagte er, »das ist mein Anteil: eine Million und siebzehntausend Pfund in bar und zwei Millio nen in Aktien, die man mit einem gewissen Diskont abstoßen kann – sagen wir, noch einmal siebenhun dertfünfzigtausend, plus dem, was ich bereits habe – setzen wir dafür nur zweihundertfünfzigtausend netto fest. Also alles in allem zwei Millionen, aus de nen eventuell noch mehr werden könnten, aber wahrscheinlich nicht, es sei denn, die Aktien schießen in die Höhe, da ich keine Lust habe, weiter zu speku lieren. Dies ist das Ende von zwanzig Jahren Arbeit, Robert Aylward. Und wenn man bedenkt, daß ich vor achtzehn Monaten, obgleich ich so reich schien, am Rande des Bankrotts stand – hart am Rande, mit nicht mehr als fünftausend Pfund. Was aber hat die Wende herbeigeführt? Ich frage mich: was hat die Wende herbeigeführt?« Er durchquerte den Raum, blieb vor der antiken Marmorstatue stehen und starrte sie an. »Nicht Venus, denke ich«, sagte er mit einem kur zen Lachen. »Venus hat noch nie einen Mann reich gemacht.« Er wandte sich um und ging zum anderen Ende des Raums zurück, der im Schatten lag. Dort, auf einem zweiten Marmor-Piedestal, stand ein Ob jekt, das im Halbdunkel matt glänzte. Es war etwa zehn Zoll oder einen Fuß groß, doch konnte man bei
dem Licht nicht mehr davon erkennen, als daß es gelb war und etwa die Form einer Kröte hatte. Aus ir gendeinem Grund schien Sir Robert Aylward davon angezogen zu werden, denn er blieb stehen, um es anzustarren, dann streckte er die Hand aus und schaltete eine andere Lampe ein, in deren grellem Licht das Ding auf dem Piedestal sich plötzlich iden tifizierte und aus dem Dunkel ins Licht sprang. Es war ein schreckliches Objekt, eine Monstrosität von undefinierbarem Geschlecht und unidentifizierbarer Art, doch gekrönt von einem Frauenkopf mit einem Gesicht von außergewöhnlicher, wenn auch teufli scher Schönheit, der nach hinten lehnend zwischen hohen, doch grotesk schmalen Schultern steckte, so daß sein Gesicht nach oben gerichtet war. Die Arbeit war grob, doch seltsam ausdrucksvoll. Was immer es an Grausamem, was immer es an Teuflischem, was immer es an Unmenschlichem an den finsteren Orten der Welt geben mochte, schien aus den JuwelenAugen in diesem gelben Frauengesicht zu glühen, gelb, weil seine Substanz Gold war, ein Gesicht, das nicht zu den nur embryonal entwickelten Beinen dar unter zu passen schien, denn ein Körper war nicht vorhanden, sondern der Kopf saß direkt auf den Bei nen. Eine hohle, lebensgroße Maske mit zwei winzi gen, froschartigen Beinen, das war seine Form. »Du bist eine häßliche Kreatur«, murmelte Sir Ro bert, als er diese Figur betrachtete, »aber obwohl ich an nichts glaube, weder im Himmel über uns, noch auf der Erde unter uns, außer an die abgrundtiefe Dummheit der britischen Öffentlichkeit, will ich ver dammt sein, wenn ich nicht an dich glaube. Auf jeden Fall begann von dem Tage an, als Vernon dich in
mein Büro brachte, mein Glück sich zu wenden, und nach dem Lächeln auf deinem lieblichen Gesicht zu urteilen, glaube ich nicht, daß es schon vorbei ist. Ich frage mich, was für Steine es sein mögen, aus denen deine Augen bestehen. Opale, meine ich, nach der Art und Weise zu urteilen, wie sie die Farbe wechseln. Sie haben einen ungewöhnlichen Glanz heute; ich kann mich nicht erinnern, sie jemals so hell ...« In diesem Augenblick klopfte es an die Tür. Sir Ro bert schaltete die Lampe aus und trat zum Kamin zu rück. »Herein!« sagte er, und während er sprach, wurde sein blasses Gesicht wieder unbewegt und aus druckslos. Die Tür wurde geöffnet, und sein Bürovorsteher trat herein, ein eindrucksvoller Mann mit eisengrau em Haar, der einen untadeligen Schwalbenschwanz rock und glänzende Lederschuhe trug. Er trat auf sei nen Herrn zu und verhielt in respektvollem Schwei gen, wartete, daß er angesprochen würde. Eine ganze Weile blickte Sir Robert achtlos über seinen Kopf hinweg, als ob er seine Gegenwart nicht bemerkte; das war so seine Art. Dann wandte er seinen Blick geistesabwesend dem Manne zu und sagte mit seiner kalten, klaren Stimme: »Ich glaube nicht, nach Ihnen geläutet zu haben, Jeffreys.« »Nein, Sir Robert«, antwortete der Bürovorsteher und verneigte sich, als ob er mit einem Mitglied des Königshauses spräche, »doch es geht um jenen Arti kel für die Zeitung Cynic.« »Presseangelegenheiten?« sagte Sir Robert und hob die Brauen. »Sie sollten mittlerweile gelernt haben, daß ich mich mit solchen Details nicht abgebe. Spre
chen Sie mit Mr. Champers-Haswell darüber, oder mit Major Vernon!« »Sie sind beide im Moment nicht zugegen, Sir Ro bert.« »Dann reden Sie, Jeffreys«, antwortete der Chef der Anlagegesellschaft mit einem resignierten Seufzen, »aber machen Sie es kurz! Ich denke gerade über et was nach.« Der Bürovorsteher verneigte sich abermals. »Die Leute von Cynic haben gerade wegen des Ar tikels, den wir ihnen sandten, telephoniert. Ich denke, daß Sie ihn gesehen haben, Sir, und mögen sich erin nern, wie er beginnt ...« Er begann von einem ma schinengeschriebenen Durchschlag abzulesen, den er in der Hand hielt, und dessen Überschrift ›Sahara Limited‹ lautete. »Wir haben nunmehr das Vergnügen, bekanntzu geben, daß dieses gewaltige Projekt, durch das eine Wüste in ein wogendes Meer verwandelt wird, über das die Güter der Nationen transportiert werden und durch das die wüsten Einöden der Erde von Men schenmassen bevölkert werden und wie Rosen erblü hen sollen, in all seinen notwendigen, wenn auch langweiligen finanziellen Aspekten abgeschlossen worden ist und innerhalb weniger Tage den zukünf tigen Investoren vorgelegt werden wird, unter denen es bereits erhebliches Aufsehen erregt hat. Diese De tails werden wir in späteren Artikeln ausführlich be handeln, können uns daher an dieser Stelle auf den Hinweis beschränken, daß uns die Basis der Kapitali sierung als eine für die Öffentlichkeit äußerst vorteil hafte erscheint, der hier die Möglichkeit geboten wird, an seiner gewaltigen Prosperität Anteil zu ha
ben. Unser heutiges Anliegen ist, von seinen natio nalen und imperialen Aspekten zu sprechen ...« Sir Robert hob vorwurfsvoll den Blick. »Wie viel mehr von diesem außergewöhnlich langweiligen und nichtssagenden Zeug wollen Sie noch vorlesen, Je ffreys?« fragte er. »Nicht mehr, Sir Robert. Wir zahlen dem Cynic dreißig Pfund, um diesen Artikel zu drucken, und jetzt sagen sie, wenn sie das von dem ›nationalen und imperialen‹ Geschäft bringen sollen, verlangen sie zwanzig Pfund mehr.« »So, Jeffreys? Warum?« »Weil, Sir Robert – ich will es Ihnen offen sagen, denn Sie wollen immer die Wahrheit hören – ihr Anzeigen redakteur der Meinung ist, daß es sich bei Sahara Li mited um einen nationalen und imperialen Schwindel handelt. Er sagt, für weniger als fünfzig Pfund wird er Nation und Imperium nicht darin verwickeln.« Ein flüchtiges Lächeln zuckte über Sir Roberts Ge sicht. »Soso«, sagte er. »Ich bin erstaunt über seine Be scheidenheit. Wenn ich an seiner Stelle wäre, würde ich mehr verlangen, denn der Stil ist in der Tat ein wenig protzig. Nun, wir wollen uns zu diesem Zeit punkt nicht mit ihnen streiten – füttern Sie die Haie. Aber Sie sind doch nicht gekommen, um mich wegen einer solchen Lappalie zu stören?« »Gewiß nicht, Sir Robert. Es gibt noch etwas, das weitaus wichtiger ist. Der Daily Judge lehnt es nicht nur ab, irgendeinen Artikel zu bringen, sondern wei gert sich auch, unser Inserat aufzunehmen und sagt, daß man unseren Prospekt mit aller Schärfe kritisie ren werde.«
»Ah!« sagte Sir Robert nach kurzem Nachdenken, »das ist wahrhaftig ziemlich ernst, da die Leute dem Judge glauben, selbst dann, wenn er sich irrt. Bieten Sie den Leuten den dreifachen Anzeigenpreis an.« »Das ist bereits geschehen, Sir, und sie weigern sich trotzdem.« Sir Robert ging in die Ecke des Raums, in der das gelbe Objekt auf seinem Piedestal hockte, und dachte eine Weile nach, so wie ein Mensch oft ein Ding stu diert, während er über ein anderes nachdenkt. Es schien ihm eine Idee zu geben, denn er blickte über die Schulter zurück und sagte: »Es ist gut, Jeffreys. Wenn Major Vernon zurückkommt, sagen Sie ihm, daß ich mit ihm sprechen möchte.« Der Bürovorsteher verneigte sich und ging so lautlos hinaus wie er hereingekommen war. »Also überlegen wir einmal«, sagte Sir Robert im Selbstgespräch. »Der alte Jackson, der Chefredakteur des Judge, war ein enger Freund von Vernons Vater, dem verstorbenen Sir William Vernon, G.C.B. Ich glaube sogar, daß er mit einer seiner Schwestern ver lobt war, die jedoch vor der Hochzeit starb, oder so etwas. Also müßte der Major ihn herumkriegen kön nen, falls irgend jemand dazu in der Lage sein sollte. Das Schlimme ist nur, daß ich diesem jungen Gen tleman nicht recht traue. Es kam uns gelegen, ihm ei nen Anteil an dem Geschäft zu geben, weil er Inge nieur ist und das Land kennt und dieses SaharaProjekt seine Idee war, eine auf ihre Weise sehr gute – wie aus anderen Gründen. Jetzt aber beginnt er, über die Stränge zu schlagen, will zuviel wissen, entwik kelt ein Gewissen, und so weiter. Als ob die Organi satoren spekulativer Gesellschaften etwas mit dem
Gewissen zu schaffen hätten. Ah! Dort kommt er.« Sir Robert setzte sich an seinen Schreibtisch und fuhr mit seinen Berechnungen fort, und in diesem Moment sprach eine klare, kräftige Stimme mit den Angestellten im Vorzimmer. Dann kam das Geräusch fester Schritte, die Tür öffnete sich, und Major Alan Vernon trat herein. Er war ein noch junger Mann, nicht älter als zweioder dreiunddreißig Jahre, obwohl ihm die auf Ro bustheit hindeutende rötliche Gesichtsfarbe fehlte, die für so viele Engländer seiner Klasse und seines Alters typisch ist. Eine schwere SchwarzwasserfieberInfektion, die er sich während des Dienstes in West afrika zugezogen hatte, und die jeden Mann von schwächerer Kondition getötet hätte, hatte seinem Gesicht das blühende Aussehen genommen und es blasser, aber auch interessanter, zurückgelassen, als es einst gewesen war. Denn auf gewisse Weise war dieses Gesicht interessant, und es besaß auch eine Art Charme. Es war ein gutes und ehrliches Gesicht mit einem eifrigen, ein wenig erstaunten Ausdruck, das Gesicht eines Mannes, der über Vorstellungskraft und Ideen verfügt, der nach der Wahrheit sucht, dem es jedoch nicht gelingt, sie zu finden. Was den Charme betrifft, so lag er vor allem in dem freundlichen, offe nen Lächeln und in den ehrlichen, auffallend runden, braunen Augen, die unter einer etwas zu wuchtigen, leicht hervorragenden Stirn lagen, doch es mochte auch sein, daß die bereits erwähnte Krankheit den unteren Teil des Gesichts hatte einfallen lassen. Ob wohl schlank, war er doch von kräftiger Statur, mit breiten Schultern und gut entwickelten Gliedern, und nur wenig unter sechs Fuß groß.
Dies war die äußere Erscheinung von Alan Vernon. Was seinen Geist betraf, so war der recht rege auf ei nigen Gebieten, wie auf denen der Technik und des militärischen Wissens, für die er ausgebildet worden war; er war auch offen und freundlich, doch dachte er nicht besonders schnell, vielleicht wegen seiner Ver trauensseligkeit. Alan Vernon war ein Mann, der Bö ses nur langsam erkannte, und noch langsamer bereit war, es zu glauben, selbst wenn er es zu erkennen schien – eine Schwäche, die sehr viel zur Erklärung seiner Anwesenheit im Büro jener hervorragenden und brillanten Finanziers Aylward & ChampersHaswell beitragen mag. Im Augenblick wirkte er ein wenig beunruhigt, wie ein Fisch auf dem Trockenen, oder vielmehr wie ein Fisch, welcher der Qualität des Wassers zu mißtrauen beginnt, dem etwas an seinem Geruch und Geschmack seltsam vorkommt. »Jeffreys hat mir gesagt, daß Sie mich zu sprechen wünschen, Sir Robert«, sagte er mit seiner tiefen, an genehmen Stimme, und blickte den Baronet ein we nig beunruhigt an. »Ja, mein lieber Vernon, ich möchte Sie bitten, et was zu tun, wenn Sie die Güte haben würden, ob wohl es nicht ganz zu Ihrem Aufgabengebiet gehört. Der alte Jackson, der Chefredakteur des Judge, ist doch ein Freund von Ihnen, nicht wahr?« »Er war ein Freund meines Vaters, ich kenne ihn nur flüchtig.« »Das reicht völlig. Ich nehme an, Sie haben davon gehört, daß er ein halsstarriger, alter Knochen ist, der eine Abneigung gegen unser Sahara-Projekt entwik kelt hat. Irgend jemand muß ihn dagegen aufgehetzt haben, und er weigert sich, Inserate aufzunehmen,
droht Kritik an, und so weiter. Die Opposition des Judge oder irgendeiner anderen Zeitung würde uns zwar nicht umbringen, und wir werden kämpfen, wenn es notwendig sein sollte, aber andererseits ist es immer besser, sich mit einem Gegner zu einigen, so lange die Möglichkeit dazu besteht. Um es kurz zu machen: Würden Sie ihn bitte aufsuchen und ihn auf seinen Irrtum aufmerksam machen?« Bevor Major Vernon antwortete, ging er langsam zum Fenster und blickte hinaus. »Es liegt mir nicht, Freunde der Familie um Gefal len zu bitten«, antwortete er schließlich, »und, wie Sie eben sagten, gehört dies nicht zu meinen Aufgaben. Wenn es jedoch irgend etwas mit den technischen Möglichkeiten zu tun haben sollte, bin ich natürlich gerne bereit, mit ihm zu sprechen«, setzte er hoff nungsvoll hinzu. »Ich weiß nicht, mit was es zu tun hat; das heraus zufinden, möchte ich Sie eben bitten«, antwortete Sir Robert mit einiger Schärfe. »Man kann eine Angele genheit dieser Art nicht in wasserdichte Sektoren tei len. Es trifft zwar zu, daß bei einem so wichtigen Projekt jeder von uns für sein Ressort zuständig ist, doch bleibt die Tatsache, daß wir gemeinsam für das Ganze verantwortlich sind. Ich bin mir nicht sicher, ob Sie das genügend bedenken, mein lieber Vernon«, setzte er mit Betonung hinzu. Sein Partner reagierte rasch; es mochte beinahe ge sagt werden, daß er erschauerte, obwohl es unsicher blieb, ob die Bewegung oder das Erschauern von dem Argument über die gemeinsame Verantwortung aus gelöst worden war oder von der Vertraulichkeit der Anrede ›mein lieber Vernon‹. Vielleicht war das letz
tere der Fall, denn da der ältere Mann ein Baronet war und der jüngere nur ein Major des Pioniercorps, der den Dienst quittiert hatte, war die gesellschaftli che Kluft zwischen ihnen, wie jeder Mensch mit eini gem Urteilsvermögen erkennen konnte, ziemlich breit. Die Sphären, in denen sie geboren waren und sich bewegten, waren grundverschieden, und es gab keine Brücke gemeinsamer Elemente oder Impulse. »Ich glaube, daß ich das sehr bedenke, besonders in letzter Zeit, Sir Robert«, antwortete Alan Vernon zö gernd. Sein Partner warf ihm einen prüfenden Blick zu, da er fühlte, daß diese Worte eine tiefere Bedeutung be saßen, sagte jedoch nur: »Das ist gut. Mein Automobil steht vor der Tür und wird Sie zur Fleet Street brin gen. Aber vorher sollten Sie Ihren Besuch vielleicht telephonisch ankündigen, und wenn Sie zurück sind, kommen Sie bitte sofort zu mir! Ich brauche heute nicht ins Parlament zu gehen, also werde ich bis zum Dinner hier sein, und auch Ihr Cousin Haswell neh me ich an. Legen Sie dieser alten Bulldogge Jackson irgendwie einen Maulkorb an. Natürlich hat er seinen Preis, wie alle anderen auch, und Sie brauchen da nicht kleinlich zu sein. Wir wollen nicht, daß er uns während der kommenden Woche oder vierzehn Ta gen an der Kehle hängt.« Zehn Minuten später hielt das prächtige, zweitau send Pfund teure Automobil vor dem Verlagsgebäu de des Judge, und der Chauffeur verneigte sich vor Major Vernon, als er ihm die Tür des etwas herunter gekommen wirkenden Eingangs aufhielt. Hinter der Tür saß ein kleiner Junge in einer Art Kasten und fragte ihn nach seinem Anliegen. Sobald er seinen
Namen hörte, sagte er, daß der ›Guv'nor‹ befohlen habe, ihn sofort hinaufzuschicken – dritter Stock, rechter Korridor, zweite Tür links. Also ging er hin auf, und als er das angegebene Ziel erreicht hatte, wurde er sofort von einem nervös wirkenden Mann in Beschlag belegt, der offensichtlich auf ihn gewartet hatte, und ihn fast mit einem Stoß durch eine Tür be förderte, hinter der sich ein großer, abgenutzter und sehr unordentlicher Raum befand. An einem Schreib tisch von enormen Ausmaßen saß ein älterer Mann – ebenfalls groß, abgenutzt und sehr unordentlich –, der einen langen Fahnenabzug hin und her schwenkte und der gerade dabei war, einen Redak teur zurechtzuweisen. »Wer ist da?« rief er herumfahrend. »Ich bin be schäftigt – kann mit niemandem sprechen.« »Ich bitte um Entschuldigung«, antwortete der Major bescheiden, »aber Ihre Leute sagten mir, ich sollte heraufkommen. Mein Name ist Alan Vernon.« »O ja, ich erinnere mich. Setzen Sie sich einen Mo ment, und – Mr. Thomas, tun Sie mir den Gefallen, diesen Quatsch wieder mitzunehmen und ihn völlig neu zu schreiben, in dem Sinne, den ich Ihnen kurz umrissen habe.« Mr. Thomas ergriff den zurückgewiesenen Artikel und verschwand durch eine zweite Tür, woraufhin sein Chef mit vernehmlicher Stimme bemerkte: »Der Mann ist ein absoluter Esel. Ein Glück, daß ich daran dachte, mir sein Zeug anzusehen. Aber was soll's? Er ist nicht schlechter als alle anderen auf dieser lang weiligen Welt.« Er lachte herzhaft, schwang sich mit seinem Sessel herum und sagte: »Und nun zu Ihnen, Alan. Was haben Sie auf dem Herzen? Eine Viertel
stunde habe ich für Sie Zeit. Mein Gott! Ich habe doch glatt vergessen, daß es mehr als ein Dutzend Jahre her ist, seit wir uns sahen; Sie waren damals fast noch ein Junge, und jetzt haben Sie die Armee verlassen, mit einem D.S.O.* und einer Gratifikation, und sind Finanzier geworden, was Ihrem alten Vater sicher nicht recht gewesen wäre. Kommen Sie, setzen Sie sich zu mir, damit wir miteinander reden können!« »Ich habe die Armee nicht verlassen, Mr. Jackson«, antwortete sein Besucher, »sie hat mich verlassen. Ich wurde aus Gesundheitsgründen verabschiedet. Sie sagten, daß ich nach jenem Fieber niemals wieder ganz gesund werden würde, ich habe es aber den noch geschafft.« »Ah! So ein Pech, so ein großes Pech zu Beginn ei ner vielversprechenden Karriere, denn ich weiß, daß man im Kriegsministerium große Stücke auf Sie hielt. Nun, Sie sind zu einem prächtigen Mann herange wachsen und Ihrem Vater sehr ähnlich, und auch ei nem anderen Menschen.« Er seufzte und fuhr mit den Fingern durch sein graues Haar. »Aber an sie werden Sie sich nicht erinnern können; sie ist zu früh gestor ben. Aber kommen wir zur Sache: in diesem Büro hat man keine Zeit für sentimentale Erinnerungen. Wor um geht es, Alan? Denn, wie alle anderen Menschen, wollen Sie sicher etwas von mir.« »Es geht um die Gründung der Sahara Limited, Mr. Jackson«, begann er ein wenig unsicher. Das große Gesicht des alten Zeitungsmannes ver finsterte sich. »Die Sahara Limited! Diese verfluchte ...« Er unterbrach sich abrupt. »Was haben denn Sie, * Distinguished Service Order: Verdienstorden – Anm. d. Übers.
von allen Menschen auf dieser Welt, damit zu tun? Oh, ich erinnere mich. Jemand hat mir kürzlich er zählt, daß Sie Partner von Aylward, dem Firmen gründer, geworden sind, und von dieser kleinen Ratte, Champers-Haswell, der der eigentliche Kopf des Unternehmens ist. Also gut, sagen Sie, was Sie zu sagen haben!« »Es hat den Anschein, Mr. Jackson, daß der Judge nicht nur unseren Artikel abgelehnt hat, sondern auch das Inserat der Gesellschaft zurückweist. Ich verstehe von diesem Aspekt der Angelegenheit nicht viel, doch Sir Robert hat mich gebeten, Sie aufzusu chen und Sie zu fragen, ob man da nicht zu einem Einverständnis gelangen könnte.« »Mit anderen Worten, der Mann hat Sie herge schickt, um mich zu bearbeiten, weil er weiß, daß ich mit Ihrer Familie befreundet war. Das ist ein schmäh licher Auftrag, der auch ein schmähliches Ende fin den wird. Sie können damit keinen Erfolg haben – niemand auf der Welt kann damit Erfolg haben, so lange ich auf diesem Stuhl sitze, nicht einmal die Ei gentümer dieses Blattes.« Es herrschte Stille zwischen ihnen, die schließlich durch Alan gebrochen wurde, der verlegen sagte: »Wenn dem so ist, will ich Ihre Zeit nicht länger in Anspruch nehmen.« »Ich habe Ihnen gesagt, daß ich eine Viertelstunde für Sie habe, und Sie sind erst vier Minuten hier. Sa gen Sie mir, dem alten Freund Ihres Vaters: warum haben Sie sich mit diesen vergoldeten Schweinen ein gelassen?« Es lag ein solcher Ernst in der Frage des Mannes, daß sein Besucher nicht eine Sekunde lang daran
dachte, sich diesen scharfen Ton zu verbitten. »Es ist natürlich keine originelle Idee«, antwortete er, »aber ich hatte diesen Einfall, die Wüste zu über fluten. Ich habe vor einigen Jahren meinen Urlaub dort verbracht und diese Zeit dazu genutzt, ein paar grobe Vermessungen durchzuführen. Dann mußte ich den Dienst quittieren und lebe seit dem Tode meines Vaters in Yarleys – es gehört jetzt mir, wissen Sie, doch es bringt nichts ein, außer einer Jagd-Pacht, die gerade ausreicht, um die Reparaturen zu bezah len. Dort habe ich dann Champers-Haswell kennen gelernt, der in der Nähe lebt und ein entfernter Cou sin von mir ist – meine Mutter war eine geborene Champers – und ihm bei irgendeiner Gelegenheit da von erzählt. Er war sofort sehr davon eingenommen und machte mich mit Aylward bekannt, und das En de der Geschichte war, daß sie mir eine Partnerschaft anboten, mit einem Anteil an dem Unternehmen, da ich, wie sie sagten, genau der richtige Mann dafür sei.« »Genau der richtige Mann«, wiederholte der Chef redakteur. »Ja, der letzte der Vernons, ein Ingenieur mit einem alten Namen in diesem Lande, mit einem untadeligen Ruf und großen Fähigkeiten. Ja, Sie wa ren natürlich genau der richtige Mann für die. Und Sie haben ihr Angebot angenommen?« »Ja. Ich war finanziell am Ende und hatte nichts zu tun; ich will etwas Geld verdienen. Wissen Sie, Yar leys ist seit über fünfhundert Jahren der Familiensitz, und es käme mich hart an, ihn verkaufen zu müssen. Und außerdem ... außerdem ...« Er schwieg. »Haben Sie Barbara Champers kennengelernt?« fragte Mr. Jackson zusammenhanglos. »Ich habe sie
einmal getroffen. Ein sehr nettes Mädchen, und au ßerordentlich hübsch. Aber natürlich kennen Sie sie, da sie ihres Onkels Mündel ist und Sie nicht weit von Yarleys wohnen, wie Sie sagten. Muß auch mit Ihnen verwandt sein.« Major Vernon war ein wenig zusammengezuckt, als der Name fiel, und sein Gesicht schien sich ein wenig zu röten. »Ja«, sagte er, »ich habe sie kennengelernt, und es gibt da in der Tat eine verwandtschaftliche Bezie hung.« »Wird eines Tages auch eine reiche Erbin sein, denke ich«, fuhr Mr. Jackson fort, »falls der alte Has well nicht mit ihrem Geld durchbrennt. Ich glaube, daß Aylward das weiß; auf jeden Fall bemühte er sich sehr um sie, als ich sie traf.« Vernon zuckte wieder zusammen, dieses Mal sehr deutlich. »Ganz natürlich – daß Sie unter all diesen Umstän den in das Geschäft eingetreten sind«, fuhr Mr. Jack son fort. »Aber wenn Sie meinen Rat hören wollen, sollten Sie jetzt aussteigen, so rasch es Ihnen möglich ist.« »Weshalb?« »Weil ich sicher bin, Alan Vernon, daß Sie genauso wenig wie ich erleben wollen, wie Ihr Name in den Schmutz gezogen wird.« Er fummelte in einer Schublade und zog ein maschinenbeschriebenes Pa pier hervor. »Nehmen Sie das mit«, sagte er, »und le sen Sie es in aller Ruhe! Es ist ein Abriß der finan ziellen Karriere von Messrs. Aylward und ChampersHaswell, und eine Aufstellung der Gesellschaften, die sie gegründet oder mit denen sie in Verbindung ge
standen haben, und was mit ihnen geschah und mit denen, die ihr Geld darin investierten. Jemand hat sie mir gestern besorgt, und ich werde sie verwenden. Was dieses Sahara-Geschäft betrifft, so mögen Sie vielleicht glauben, daß es in Ordnung ist, und vom technischen Standpunkt aus mag dem auch so sein, aber Sie werden niemals auf diesem Meer segeln, das zu schaffen die britische Öffentlichkeit zur Zeichnung von so vielen Millionen aufgefordert werden soll. Hö ren Sie, wir haben nur noch drei Minuten, also will ich zur Sache kommen. Die Wüste ist türkisches Ter ritorium, nicht wahr? Von allem anderen abgesehen, beruht die Sicherheit des ganzen Unternehmens also auf einer Zustimmung des Sultans.« »Ja, Sir Robert Aylward und Mr. Haswell haben die in Konstantinopel besorgt. Ich habe das Dokument selbst gesehen.« »Tatsächlich? Und sind Sie mit der Unterschrift des Sultans vertraut? Ich weiß, daß der Potentat im letz ten Herbst, als die beiden dort waren, mit einer schweren Krankheit darniederlag ...« »Sie meinen ...« Major Vernon blickte erschrocken auf. »Ich meine, Alan, daß mir diese Sicherheit nicht ge fällt. Mehr will ich dazu nicht sagen, da es im Gesetz dieses Landes einen Verleumdungsparagraphen gibt. Aber der Judge verfügt über gewisse Informations quellen. Es mag sehr wohl sein, daß nicht sofort Ein spruch erhoben wird, da der Bakschisch ihn für eine Weile aufhalten kann, aber früher oder später wird es zum Einspruch oder zum Einschreiten kommen, und vielleicht sogar zu internationalen Schwierigkeiten – also zu einem gewaltigen Skandal. Und was das Pro
jekt selbst betrifft, so ist es schamlos überkapitalisiert, zum Nutzen seiner Initiatoren – als deren einer, den ken Sie daran, Alan, Sie erscheinen werden. Aber die Zeit ist um. Vielleicht nehmen Sie meinen Rat an, vielleicht auch nicht, doch hier ist er, gegeben von ei nem Mann von Welt und einem alten Freund Ihrer Familie. Was diesen windigen Artikel und den Pro spekt betrifft, so würde ich Sie selbst dann nicht im Judge veröffentlichen, wenn Sie mir tausend Pfund dafür bezahlen würden, wozu Ihr Freund Aylward, wie ich vermute, gern bereit wäre. Auf Wiedersehen. Kommen Sie irgendwann wieder vorbei und sagen Sie mir, was geschehen ist – und ...« – die letzten Worte wurden durch die sich schließende Tür geru fen – »richten Sie Miss Barbara meine besten Grüße aus, denn sie ist eine grundehrliche Frau.«
2
Der Gelbe Gott
Alan Vernon ging langsam die bleibelegten Stufen hinab, stieß dabei mit eifrigen Gentlemen zusammen, die hinaufeilten, um mit dem großen Chefredakteur zu sprechen, dessen Glocke bereits ungeduldig schellte, und wurde von dem aufmerksamen Chauf feur zu dem luxuriösen Automobil zurückgeleitet. An der Decke des Automobils befand sich eine elektri sche Lampe, und bei deren Licht begann er sehr be unruhigt das Papier zu lesen, das Mr. Jackson ihm gegeben hatte, und das er noch immer in der Hand hielt. Wie es sich fügte, wurden sie nahe dem Mansion House eine Viertelstunde lang aufgehalten, so daß er die Zeit fand, seinen Inhalt zwar nicht völlig zu ver stehen, doch genug davon zu begreifen, um ihm die runden, braunen Augen sehr weit zu öffnen, bevor das Automobil vor dem Granitportal seines Büros hielt. Alan verließ das Fahrzeug, das leise davonfuhr, stand einen Moment lang unschlüssig und fragte sich, was er tun sollte. Sein Impuls war, sofort in einen Omnibus zu steigen und zu seiner Wohnung oder zu seinem Club zu fahren, dem Sir Robert nicht ange hörte, doch da er kein Feigling war, verwarf er diesen Gedanken sofort wieder. Sein Schicksal hing in der Schwebe, dessen war er sich nur zu bewußt. Entweder mußte er Mr. Jacksons Warnung in den Wind schlagen, obwohl sie von vie len geheimen Ängsten und Instinkten bestätigt wur
de, gar nicht davon zu sprechen, daß es ihm nicht gelungen war, seinen Auftrag auszuführen; oder er mußte den Stier bei den Hörnern packen und mit der Firma brechen. Das zu tun, würde nicht nur eine Menge moralischen Mutes erfordern, sondern auch praktisch seinen Ruin bedeuten, während er, wenn er die erste Möglichkeit wählte, wahrscheinlich inner halb von vierzehn Tagen ein reicher Mann sein wür de. Was immer Jackson und andere in ihrer abfälligen Schrift zu sagen haben mochten, er war sicher, daß die Gründung der Sahara Limited vonstatten gehen würde, denn sie war – wenn auch unter gewissen Vorbehalten – von verantwortungsvollen Persönlich keiten unterschrieben worden; außerdem wurden die noch nicht einmal ausgegebenen Vorzugsaktien be reits mit einem hohen Aufschlag gehandelt. Abgese hen von dem ihm zustehenden Anteil als Mitglied der Muttergesellschaft würden ihm als Partner des Unternehmens gut hunderttausend Pfund zustehen. Mit anderen Worten würde er, der so viele Gründe dafür hatte, zu Geld kommen zu wollen, reich sein. Nachdem er so hart gearbeitet und so vieles über sich hatte ergehen lassen, das er als beschämend, sogar als erniedrigend empfand, warum sollte er nicht das mitnehmen, was ihm zustand, und erst dann ausstei gen? Das konnte er durchaus tun, fiel ihm ein, da sein Partnerschaftsvertrag, wahrscheinlich durch ein Ver sehen Aylwards, der solche Dinge seinen Anwälten überließ, ihn nicht für eine festgesetzte Periode band. Er konnte also zu jedem Zeitpunkt aufgelöst werden. Auf dieses Argument gab es jedoch nur eine mögliche Antwort: die seines Gewissens. Wenn er überzeugt
war, daß hier einiges nicht mit rechten Dingen zu ging, wäre es unehrlich, an dem Profit teilzuhaben. Und er war davon überzeugt, Mr. Jacksons Argu mente und sein vernichtendes Schriftstück hatten ei ne Flut von Licht auf Dinge geworfen, die er zwar vermutet, aber niemals richtig verstanden hatte. Er war der Partner von, gelinde ausgedrückt, Abenteu rern, und das Geld, das er erhalten würde, sollte arglosen Menschen aus der Tasche gezogen werden. Er würde für etwas garantieren, das ihm sehr zwei felhaft erschien und durch betrügerische Praktiken reich werden. Mit anderen Worten: er, Alan Vernon, der niemals wissentlich die Unwahrheit gesagt oder auch nur einen Halfpenny genommen hatte, der ihm nicht gehörte, würde von dem Tribunal des eigenen Gewissens als Lügner und Dieb verurteilt werden. Die Sache war unerträglich. Was immer der Preis sein mochte, er mußte sie beenden. Wenn es ihm bestimmt sein sollte, ein Bettler zu bleiben, so würde er zumin dest ein ehrlicher Bettler sein. Mit festen Schritten und erhobenen Hauptes trat er in Sir Roberts Büro, und versagte sich sogar die Förmlichkeit des Anklopfens. Er sah Mr. ChampersHaswell neben seinem Partner an dem EbenholzSchreibtisch sitzen und ein Schriftstück durch eine Leselupe examinieren, das er bei seinem Eintritt ha stig zusammenfaltete und in eine Schublade schob. Es schien, wie Alan bemerkte, ein ungewöhnliches For mat aufzuweisen und in fremden Schriftzeichen ab gefaßt zu sein. Mr. Haswell, ein rundlicher, jovial wirkender, klei ner Mann mit rosiger Gesichtsfarbe und weißem Haar, erhob sich sofort, um ihn zu begrüßen.
»Wie geht es Ihnen, Alan?« sagte er herzlich, denn als Cousin aufgrund der Ehe seiner Mutter nannte er ihn beim Vornamen. »Ich bin gerade aus Paris zu rück, und es wird Sie freuen zu hören, daß man uns von dort voll unterstützen wird; ich darf sagen, daß auch die Regierung sich an dem Projekt beteiligen wird, natürlich nicht offiziell. Sie wissen, daß die Franzosen Besitzungen entlang jener Küste haben, und sie haben nichts dagegen, wenn ihnen die Gele genheit geboten wird, ihre Hand noch ein wenig weiter auszustrecken. Unsere Probleme bezüglich der Finanzierung sind damit endgültig ausgeräumt, denn ein volles Drittel wird in Paris garantiert, und ich er warte, daß kleine Investoren und Spekulatoren noch erheblich mehr aufbringen werden. Wir werden also Sahara-Aktien für drei Millionen Pfund im sonnigen Frankreich absetzen, und das nebelige England hat für den Rest gutgesagt. Es wird ein Fall von Briefen der Zusagen und des Bedauerns werden, und des Bedauerns, Alan, und finanziell die erfolgreichste Aktienemission der letzten zwölf Jahre. Was sagen Sie dazu?« Der kleine Mann streckte vor Stolz die Brust heraus, schürzte die Lippen und stieß Luft her vor, wodurch ein Geräusch entstand, wie wenn Wind durch Telegraphenleitungen weht. »Ich weiß nicht so recht, Mr. Haswell. Wenn wir alle noch am Leben sind, würde ich diese Frage gerne in zwölf Monaten beantworten, oder noch später, wenn wir sehen, ob die Gesellschaft auch in der Pra xis ein Erfolg ist, oder nicht.« Wieder machte Mr. Haswell ein Geräusch wie durch Drähte fahrender Wind, doch diesmal war ein schrillerer Ton darin; sein weicher Klang war ver
schwunden, und es war, als ob die Luft plötzlich von Frost erfüllt wäre. »Ein Erfolg in der Praxis!« wiederholte er. »Das ist wohl kaum unsere Angelegenheit, nicht wahr? Un ternehmensgründer können sich nicht mit langfristi gen Aspekten abgeben, Alan. Die sollten der investie renden Öffentlichkeit überlassen werden, dem spe kulierenden Pfarrer und der jüngferlichen Lady, die auch einmal etwas Aufregung erleben möchte – die sen Stützen des modernen Unternehmertums. Aber was wollen Sie eigentlich damit sagen? Die Idee stammt doch von Ihnen, und Sie haben immer be hauptet, daß sie großen Profit abwerfen wird.« »Ja, Mr. Haswell, bei moderater Kapitalisierung und unter der Voraussetzung, daß wir der Mitarbeit der Hohen Pforte* sicher sind.« Mr. Haswell blickte ihn sehr prüfend an, und Sir Robert, der bisher schweigend zugehört hatte, sagte mit seiner kalten Stimme: »Ich glaube, daß wir diese Punkte schon vor langer Zeit eingehend durchge sprochen haben, und, ehrlich gesagt, bin ich ihrer et was müde, besonders, da es zu spät ist, um noch et was ändern zu können. Wie sind Sie mit Jackson zu rechtgekommen, Vernon?« »Überhaupt nicht, Sir Robert. Er will unter keiner Bedingung etwas mit der Sache zu tun haben und ist sogar entschlossen, sie mit Klauen und Zähnen zu bekämpfen.« »Dann wird er sich sehr einsam fühlen, wenn die Artikel morgen erscheinen. Natürlich ist das lästig, * Der Sultan, der Herrscher der Türken in Konstantinopel. – Anm. d. Übers.
doch wir sind stark genug, ihm eine Nase zu drehen. In Frankreich liest man den Judge nämlich nicht, und in Konstantinopel hat niemand auch nur von ihm ge hört. Deshalb haben wir nichts zu befürchten – solan ge wir zusammenhalten«, setzte er warnend hinzu. Alan fühlte, daß der Zeitpunkt der Krise gekom men war. Er mußte jetzt reden – oder für immer schweigen; Aylward sah sich bereits nach seinem Hut um. »Sir Robert und Mr. Haswell«, sagte er mit nervö ser Stimme. »Ich habe Ihnen etwas zu sagen, etwas Unangenehmes.« Er schwieg. »Dann sagen Sie es, Vernon. Ich möchte mich zum Dinner umziehen; ich gehe heute ins Theater und muß früher essen«, antwortete Aylward völlig gleichgültig. »Es geht darum, Sir Robert«, sagte Alan erregt, »daß mir die Prinzipien, auf denen diese Sache auf gebaut ist, nicht gefallen, und deshalb möchte ich meinen Anteil daran aufgeben und aus Ihrer Firma ausscheiden, wozu ich nach den Bestimmungen un seres Partnerschaftsvertrages das Recht habe.« »Haben Sie dieses Recht?« sagte Aylward. »Ich kann mich wirklich nicht daran erinnern; doch dürfen Sie, mein lieber Freund, nicht glauben, daß wir Sie auch nur eine Sekunde lang gegen Ihren Willen fest halten würden. Aber darf ich mir die Frage erlauben, ob dieser alte Puritaner, Jackson, Sie hypnotisiert hat, oder ob es sich um einen Fall plötzlichen Irrsinns nach einer Influenza handelt?« »Weder das eine, noch das andere«, sagte Alan ernst, denn obwohl er Zurückhaltung übte bei Din gen, die er nicht wirklich verstand, war er kein Mann,
der zweideutige Anspielungen oder Impertinenz hinnahm. »Es ist so, wie ich es gesagt habe, nicht mehr und nicht weniger. Ich bin auch nicht einver standen mit der Art der Kapitalisierung oder mit der Garantie, daß das Unternehmen überhaupt durchge führt werden kann. Außerdem ...« – er machte eine kurze Pause – »außerdem möchte ich etwas haben, das man mir nie gewährt hat: mehr Informationen über das Firman*, unter dem die Konzession gewährt wurde.« Ein leichtes Zittern lief über das unbewegte Gesicht Sir Roberts, während Mr. Haswell seinen WindPfeifton ausstieß, dieses Mal mit einem Ausdruck klagenden Tadels. »Da Sie Ihre Partnerschaft an der Firma formell aufgekündigt haben, sehe ich keinen vernünftigen Grund, solche Dinge mit Ihnen zu besprechen. Wir hätten Ihnen natürlich alles eingehend erläutert ...« »Mein lieber Alan«, unterbrach Haswell, der über aus erregt wirkte, »ich flehe Sie an, es sich um Ihrer selbst willen noch einmal zu überlegen. In einer ein zigen Woche würden Sie ein reicher Mann sein; wol len Sie wirklich alles nur um einer Laune willen auf geben?« »Vielleicht erinnert Vernon sich, daß e r über eintau sendsiebenhundert Aktien des Syndikats besitzt, die wir inzwischen auf einen Wert von achtzehn Pfund gebracht haben, und hält es für klüger, den greifbaren Profit mitzunehmen, was generell ein sehr gesundes Prinzip ist«, unterbrach Aylward sarkastisch. * � Firman: Verfügung eines orientalischen Herrschers. – Anm. d. Übers.
»Sie irren sich, Sir Robert«, antwortete Alan und lief rot an. »Die Art und Weise, mit der der Wert die ser Aktien künstlich hochgetrieben wurde, ist eins der Dinge, die mir am meisten mißfallen. Ich will für die meinen nur den Nennwert haben, den ich für sie bezahlt habe.« Jetzt wirkten die beiden Senior-Partner trotz all ih rer Erfahrung ziemlich schockiert. Eine solche Dummheit – oder eine solche Ehrlichkeit – war ihnen völlig unbegreiflich. Sie hatten das Gefühl, daß ir gend etwas dahinterstecken mußte. Sir Robert erholte sich jedoch sofort wieder von diesem Schock. »Also gut«, sagte er. »Es steht uns nicht zu, Ihnen Vorschriften zu machen. Sie müssen Ihr Bett machen und darin schlafen. Mit Ihnen zu diskutieren oder Ih nen Vorhaltungen zu machen, würde sehr unhöflich sein.« Er drückte den Knopf einer elektrischen Klin gel, und während er das tat, fügte er hinzu: »Wir sind uns, denke ich, darüber einig, Vernon, daß Sie als Gentleman und Ehrenmann keinen öffentlichen Ge brauch von den Informationen machen werden, die Sie während Ihrer Zeit in diesem Büro erhalten ha ben, weder zu unserem Nachteil, sei er persönlich oder finanziell, noch zu Ihrem Vorteil.« »Selbstverständlich nicht«, antwortete Vernon. »Falls nicht mein Charakter angegriffen wird und es nötig werden sollte, mich zu verteidigen, sind meine Lippen versiegelt.« »Das wird niemals geschehen – warum sollte es auch?« sagte Sir Robert mit einer höflichen Vernei gung. Die Tür öffnete sich, und Jeffreys, der Bürovorste her, trat herein.
»Mr. Jeffreys«, sagte Sir Robert, »bitte suchen Sie den Partnerschaftsvertrag zwischen Major Vernon und uns heraus und bringen Sie ihn her! Einen Mo ment. Stellen Sie auch eine Überschreibung von Ma jor Vernons Aktien des Sahara Syndikats an Mr. Champers-Haswell und mich zum Nennwert aus und bereiten Sie einen Scheck über diesen Betrag vor! Au ßerdem entfernen Sie Major Vernons Namen, wo immer er in dem Entwurf unseres Prospektes er wähnt wird, und – ja – noch etwas: Telephonieren Sie mit Specton – ich meine den Earl of Specton – und sa gen Sie ihm, daß es mir doch gelungen sei, ihm einen Platz im Vorstand und einen Block Aktien zu einem sehr günstigen Preis zu sichern, und daß sein Name in unserem Prospekt erscheinen wird, wenn er uns telegraphisch sein Einverständnis erklärt! Das ist doch auch in Ihrem Sinne, nicht wahr, Haswell? – ja –, dann ist das alles, glaube ich, Jeffreys. Aber machen Sie bitte schnell, denn ich will zum Essen!« Jeffreys, der Makellose und Unerschütterliche, ver neigte sich, warf aus den Augenwinkeln einen ra schen Blick auf Vernon, und ging hinaus. Es entstand, was man eine drückende Stille nennt; es war sogar eine sehr drückende Stille. Die Würfel waren gefallen, die Angelegenheit war abgeschlossen, was also konnten die Akteure noch tun, bis die Ratifi zierung erfolgt war, oder – ein besserer Vergleich – bis das decretum nisi als absolut erklärt wurde? Mr. Champers-Haswell bemerkte, daß das Wetter für den April sehr kühl sei, und Alan stimmte ihm zu, wäh rend Sir Robert seinen Hut nahm und ihn mit dem Jackenärmel abstaubte. Dann murmelte Mr. Haswell in stiller Verzweiflung – denn er war in Dingen von
geringerer Bedeutung ein freundlicher Mensch, der Szenen und Unannehmlichkeiten haßte – etwas da von, daß er ihn, Alan, ja als Wochenendgast auf sei nem Besitz, ›The Court‹, in Herfordshire, haben wür de. »So war es ausgemacht«, antwortete Alan direkt, »doch nach dem, was geschehen ist, legen Sie viel leicht keinen Wert darauf, daß ich dieser Einladung nachkomme.« »Oh! Warum denn nicht? Warum denn nicht?« sagte Mr. Haswell. »Der Sonntag ist ein Ruhetag, an dem wir aus Prinzip nicht vom Geschäft sprechen, und wenn wir es doch tun sollten, mögen wir alle un sere Ansichten über diese Dinge ändern. Sir Robert wird ebenfalls da sein, und es würde Ihre Cousine Barbara sicher sehr enttäuschen, wenn Sie nicht kä men, denn sie versteht überhaupt nichts von ge schäftlichen Angelegenheiten; sie sind für sie ein Buch mit sieben Siegeln.« Bei der Erwähnung des Namens von Barbara blickte Sir Robert von den Papieren auf, mit denen er sich zu beschäftigen vorgab, und Alan glaubte in sei nen Augen den Ausdruck von Herausforderung zu erkennen. Eben noch war er entschlossen gewesen, daß keine Macht der Erde ihn dazu bringen könnte, einen Sonntag mit seinen verflossenen Partnern in ›The Court‹ zu verbringen. Jetzt, auf einen Instinkt oder einen Impuls reagierend, stieß er seinen Ent schluß um. »Danke«, sagte er, »wenn wir uns über diesen Punkt im klaren sind, komme ich sehr gern. Ich werde also morgen abend von Yarleys hinüberfahren. Vielleicht würden Sie Barbara entsprechend informieren.«
»Sie wird sich freuen«, antwortete Mr. Haswell, »denn sie sagte mir neulich, daß Sie mit Ihnen über eine Freiluftbühne sprechen möchte, die sie im Juli einrichten will.« »Im Juli!« antwortete Alan mit einem kurzen Auf lachen. »Wer weiß, wo ich im Juli sein werde.« Wieder trat eine Stille ein, die sogar an Sir Roberts Nerven zerrte, denn er ließ seine Papiere liegen, durchquerte den Raum und trat vor das goldene Ob jekt, das bereits beschrieben wurde, und betrachtete es nachdenklich. »Dieses Ding gehört Ihnen, Vernon«, sagte er, »und nun, da unsere Beziehungen beendet sind, wollen Sie es sicher zurückhaben. Woher stammt es eigentlich? Das haben Sie mir nie gesagt.« »Oh! Das ist eine lange Geschichte«, antwortete Alan gleichgültig. »Mein Onkel, der Missionar war, hat es vor langer Zeit aus Westafrika mitgebracht. Ich habe alles, was damit zusammenhängt, vergessen, doch Jeekie, mein afrikanischer Diener, kennt sich da genau aus, denn mein Onkel hat ihn als Jungen vor einer rituellen Opferung oder so etwas ähnlichem ge rettet, an einem Ort, wo sie diese Idole anbeten, und seitdem ist er bei uns. Es ist ein Fetisch mit magischen Kräften und allem anderen, was dazu gehört. Ich glaube, sie nennen es den ›Schwimmenden Kopf‹. Wenn man ihn ansieht, hat man doch den Eindruck, als ob der Kopf zwischen den Gliedmaßen schwim me, nicht wahr?« »Ja«, sagte Sir Robert, »und ich bewundere das schöne Scheusal. Es ist grausam und künstlerisch wie ... wie die Finanzwelt. Hören Sie, Vernon, wir haben uns zwar zerstritten und werden von nun an Gegner
sein; es ist sinnlos, sich da etwas vorzumachen, das tun nur Narren, aber auf eine gewisse Weise sind Sie schlecht weggekommen. Sie könnten auf dem Markt heute mindestens zehn Pfund für jede der Aktien be kommen, und ich zahlte Ihnen nur ein Pfund dafür. Ich verstehe Ihre Skrupel, doch gibt es keinen Grund, warum wir da nicht zu einem Ausgleich kommen sollten. Ihr Fetisch hat mir Glück gebracht, also möchte ich ihn kaufen. Lassen Sie ihn hier, und ich stelle Ih nen statt des Schecks über eintausendsiebenhundert Pfund einen über siebzehntausend Pfund aus.« »Das ist ein sehr großzügiges Angebot«, sagte Ver non. »Geben Sie mir bitte einen Moment Bedenkzeit.« Er trat ebenfalls in die Zimmerecke und betrachtete die goldene Maske, die zwischen den froschartigen Gliedmaßen zu schweben schien. Die schimmernden Augen zogen seinen Blick an, doch was er darin sah, spielt keine Rolle. Er konnte sich tatsächlich niemals daran erinnern. Aber als er sich wieder aufrichtete, war er entschlossen, sich weder für siebzehn-, noch für siebzigtausend Pfund von diesem einzigartigen Fetisch zu trennen. »Nein, vielen Dank«, sagte er. »Ich möchte den ›Gelben Gott‹, wie Jeekie ihn nennt, nicht verkaufen. Vielleicht behalten Sie ihn freundlicherweise noch ei ne Woche oder so hier, bis ich mich entschieden habe, wo ich ihn unterbringe.« Wieder stieß Mr. Champers-Haswell seinen seltsa men Pfeifton aus. Daß ein Mensch siebzehntausend Pfund für ein Stück afrikanischen Goldes ausschlagen sollte, das höchstens hundert wert sein konnte, war ihm unbegreiflich. Sir Robert schien jedoch nicht im geringsten überrascht, nur sehr enttäuscht.
»Ich habe volles Verständnis dafür, daß Sie ihn nicht verkaufen wollen«, sagte er. »Ich danke Ihnen für Ihre Bereitwilligkeit, ihn vorderhand hier zu las sen, damit er uns durch die Gründungsperiode hilft.« Er lachte. In diesem Augenblick trat Jeffreys mit den Schrift stücken herein. Sir Robert reichte Alan den Partner schaftsvertrag, und als dieser ihn identifiziert hatte, nahm er ihn ihm wieder aus der Hand und warf ihn ins Kaminfeuer, wobei er sagte, daß er natürlich eine schriftliche Bestätigung darüber erhalten und sein Ausscheiden in der Gazette veröffentlicht werden würde. Dann wurde die Übereignung der Aktien be stätigt und der Scheck übergeben. »Also dann bis zum Samstag«, sagte Alan, als er den Scheck einsteckte, nickte beiden zu und verließ den Raum. Der Korridor führte an dem kleinen Zimmer vorbei in dem Mr. Jeffreys, der Bürovorsteher, allein saß. Als Alan ihn durch die offene Tür an seinem Schreibtisch sah, trat er hinein und drückte sie hinter sich zu. Er zog seinen Schlüsselbund aus der Tasche, löste die Schlüssel für seinen Schreibtisch und den Safe vom Ring und übergab sie dem Bürovorsteher, der ihm, gewissenhaft wie immer, eine Empfangsbestätigung dafür ausstellte. »Sie verlassen uns, Major Vernon?« fragte er, als er das Papier unterschrieb. »Ja, Jeffreys«, antwortete Alan und setzte dann, ei nem Impuls folgend, hinzu: »Tut es Ihnen leid?« Mr. Jeffreys blickte auf, und Alan sah Spuren un terdrückter Emotion in seinem harten, unbewegten Gesicht.
»Was mich betrifft: Ja, Major – für Sie: nein.« »Was meinen Sie damit, Jeffreys? Ich verstehe Sie nicht ganz.« »Ich meine, daß es mir leid tut, weil Sie niemals versucht haben, irgendeine nicht ganz saubere Sache mir aufzuladen und sie mich ausbaden zu lassen; und auch, weil Sie mich immer so behandelt haben, wie man es von einem Gentleman erwartet, nicht wie eine Maschine, die man benutzt, bis sich eine bessere fin det, und die man wegwirft, wenn sie nicht mehr funktioniert.« »Es ist sehr freundlich von Ihnen, mir das zu sagen, Jeffreys, aber ich kann mich nicht erinnern, irgend etwas Besonderes für Sie getan zu haben.« »Nein, Major, Sie können sich nicht an Dinge erin nern, die für Sie selbstverständlich sind. Aber ich und die anderen erinnern uns daran, und deshalb tut es uns leid, daß Sie gehen. Doch für Sie freut es mich, denn obwohl Aylward und Haswell eine große Sache durchgezogen haben und einen Haufen Geld verdie nen werden, ist dies kein Ort für einen Menschen wie Sie, und jetzt, wo Sie gehen, nehme ich mir die Frei heit, Ihnen zu sagen, daß ich mich schon immer ge fragt habe, was Sie hier zu suchen haben. Irgend wann, Major, kommt der große Krach, so wie er schon mehr als einmal früher gekommen ist, vor Ihrer Zeit.« »Und dann?« fragte Alan, dem daran gelegen war, die Gedanken dieses Mannes zu ergründen, den er bis dahin für sehr verschlossen gehalten hatte. »Und dann, Major Vernon, wird es Messrs. Ayl ward und Champers-Haswell, die an so etwas ge wöhnt sind, kaum etwas ausmachen und höchstens
dazu führen, daß sie ihre Partnerschaft auflösen und für eine Weile in Deckung gehen, und Leuten wie mir, die nur Angestellte sind, noch weniger. Aber wenn Sie dann noch hier wären, würde es Ihnen sehr viel ausmachen, denn es würde Ihren Namen be schmutzen und Ihnen das Herz brechen, und was nützte Ihnen dann das Geld? Ich sage Ihnen, Major«, fuhr der Bürovorsteher mit stiller Intensität fort, »obwohl ich ein Niemand und ein Nichts bin, würde ich sofort Ihrem Beispiel folgen, wenn ich mir das lei sten könnte. Aber ich kann es mir nicht leisten, da ich eine kranke Frau und gesundheitlich anfällige Kinder habe, die sechs Monate pro Jahr an der Südküste le ben müssen, gar nicht zu reden von meiner alten Mutter, und ... ich war dumm genug, mich von Sir Robert in sein letztes kleines Abenteuer hineinziehen zu lassen und habe alles verloren, was ich erspart hatte. Also verstehen Sie, Major daß ich ein wenig Geld verdienen muß, bevor die Maschine auf den Schrott geworfen wird. Doch eines können Sie mir glauben: wenn ich fünftausend Pfund zusammenbe komme, was ich mir von dieser Sahara-Geschichte erhoffe, bevor ich einen Monat älter bin – sie mußten mir schon ein paar Aktien geben, weil ich zu viel weiß –, gehe ich aufs Land, wo ich geboren wurde, und kaufe mir dort eine Farm. Dann gibt es Messrs. Aylward & Haswell für Thomas Jeffreys nicht mehr. Das werde ich tun! Leben Sie wohl, Major Vernon, ich werde mir die Freiheit nehmen, Ihnen hin und wieder zu schreiben, da ich weiß, daß Sie mich nicht verraten werden. Leben Sie wohl und Gott segne Sie, was er auf lange Sicht bestimmt tun wird, dessen bin ich si cher.« Damit ergriff er die Hand des verwunderten
Alan und drückte sie herzlich. Als er gegangen war, verließ Alan ebenfalls den Raum. Er bemerkte, daß die Schreiber, die anschei nend ein Gerücht von den Geschehnissen erreicht hatte, ihm durch die Glastüren ihrer Büros neugierig nachblickten, und, wie er glaubte, nicht ohne Bedau ern und eine Art Bewunderung. Selbst der prächtig uniformierte, ordensbehängte Portier trat aus seiner mit Schnitzereien verzierten Teak-Loge neben der Tür, legte die Hand an den Mützenschirm und fragte, ob er ein Taxi rufen sollte. »Nein, vielen Dank, Sergeant«, antwortete Alan, »ich werde den Bus nehmen. Und, Sergeant, ich habe anscheinend vergessen, Ihnen zu Weihnachten etwas zu schenken. Würden Sie dies annehmen? – ich wünschte, ich könnte mehr erübrigen.« Er reichte ihm zehn Shillings. »Ich danke Ihnen vielmals, Major«, sagte der Mann. »Zehn Shillings von Ihnen sind mir lieber, als zehn Pfund von den anderen Gentleman. Aber, Major, ich wünschte, wir wären wieder zusammen an der West küste. Es ist zwar ein stinkendes, barbarisches Loch, aber längst nicht so schlimm wie diese Stadt.« Denn die beiden Männer hatten eine Zeitlang ge meinsam gedient, und der Sergeant hatte durch Alan seinen derzeitigen lukrativen, doch ziemlich lang weiligen Posten erhalten. Schließlich war er draußen. Das massive Granit portal verschwand hinter ihm im Abendnebel, so wie ein Alptraum verschwindet. Er, Alan Vernon, der über ein Jahr lang ein Joch getragen hatte, war wieder ein freier Mann. Alle seine Träume von Reichtum wa ren zerstoben; genaugenommen war er, von der Er
fahrung abgesehen, jetzt ärmer als an dem Tage, an dem der Schatten jenes Portales zum ersten Mal auf ihn gefallen war. Aber zumindest war er sicher – sicher. Der Partnerschaftsvertrag, der ihm wie ein Skla venring um den Hals gelegen hatte, war zu weißer Asche geworden; sein Name war von dem unseriösen Prospekt der Sahara Limited gelöscht, in dem von Millionen, die irgend jemand investieren sollte, ge sprochen wurde, wie von Silber zu den Zeiten Salo mons, als etwas, das kaum zählte. Selbst der schärfste Kritiker konnte nicht behaupten, daß er auch nur ei nen Halfpenny an dem Unternehmen verdient hätte, im Gegenteil, falls es Schwierigkeiten geben sollte, mußte man ihm den freiwilligen Verzicht auf die ihm zustehenden Profite zugute halten. Er war in die eisi gen Wasser der Entsagung gesprungen und sauber herausgestiegen – wenn auch nackt. Seit seiner Kind heit hatte Alan sich nie mehr so absolut glücklich und sorgenfrei gefühlt. Nicht für eine Million würde er zurückgehen, um in diesem Mausoleum von Reputa tionen Gold zu raffen. Was die Zukunft betraf, so war es ihm völlig egal, was geschehen mochte. Es gab niemanden, der von ihm abhängig war, und auf ir gendeine Weise würde er immer sein Brot verdienen können, ein sauberes, ehrliches Brot. Er lief die Straße hinab und tanzte vor Glück wie ein Kind, ja, und als er dabei gegen einen Straßenkeh rer rempelte, drückte er ihm als Entschädigung einen ganzen Sixpence in die Hand. So gelangte er zum Mansion House, nicht ohne von der Polizei für ange trunken gehalten zu werden, und kletterte auf das obere Deck eines Busses, der mit müde und sorgen voll wirkenden Büroangestellten gefüllt war, die nach
langen Arbeitsstunden für einen Hungerlohn nach Hause fuhren. In dieser ernüchternden Gesellschaft und einer eisigen Luft verflog etwas von seinem En thusiasmus. Dieser Schritt, fiel ihm ein, bedeutete, daß Yarleys, seit Jahrhunderten das Heim seiner Fa milie, früher oder später, in höchstens einem Jahr oder zweien, unter den Hammer kommen würde. Warum hatte er Aylwards Angebot nicht angenom men und ihm diesen alten Fetisch für siebzehntau send Pfund verkauft? Es bestand da keinerlei Zu sammenhang mit dem Aktiengeschäft, und wenn ein sehr reicher Mann bereit war, einen außergewöhnlich hohen Preis für eine Kuriosität zu bezahlen, konnte er ihn ohne jeden Zweifel und ohne Scham annehmen. Zumindest würde der Betrag gereicht haben, um Yarleys zu retten, das nur mit einer Hypothek von zwanzigtausend Pfund belastet war. Er konnte es nicht sagen, selbst wenn sein Leben davon abgehan gen hätte. Er war einem Impuls gefolgt, einem sehr seltsamen Impuls, mehr konnte er darüber nicht sa gen; vielleicht hatte es damit zu tun, daß sein Onkel ihm als Junge erklärt hatte, dieses Ding sei einmalig, oder vielleicht, weil der alte Jeekie, sein afrikanischer Diener, es so sehr verehrte und schwor, daß es Glück bringe. Auf jeden Fall hatte er seine Entscheidung getroffen, und damit war der Fall erledigt. Doch eine andere und ernsthaftere Frage blieb of fen. Er hatte Reichtum erstrebt, um Yarleys retten zu können, doch noch mehr für einen anderen Zweck. Mehr als alles andere auf der Welt liebte er Barbara, seine entfernte Cousine und die Nichte von Mr. Champers-Haswell, der bis vor einer Stunde sein Ge schäftspartner gewesen war. Nun war sie jedoch die
Erbin eines großen Vermögens, und ohne eigenes Vermögen konnte er sie nicht heiraten, selbst wenn sie ihn heiraten wollte, was noch zweifelhaft war. Zum einen besaß ihr Onkel und Vormund, Haswell, laut dem Testament ihres Vaters in diesen Dingen ab solute Vollmacht, bis sie das Alter von fünfundzwan zig Jahren erreichte, und zum anderen war er selbst zu stolz. Deshalb hatte es den Anschein, daß er durch das Verlassen der Partnerschaft auch Barbara verlas sen hatte, was ihm ein schrecklicher Gedanke war. Nur um sie zu sehen, hatte er sich bereit erklärt, tags darauf ›The Court‹ aufzusuchen, obwohl das ein Treffen mit seinen verflossenen Partnern bedeutete, welche die letzten Menschen auf der Welt waren, die er so bald wiederzusehen wünschte. In diesem Mo ment faßte er den Entschluß, Barbara die ganze Ge schichte zu erzählen, bevor er sich am Sonntag von ihr verabschiedete, damit sie ihn nicht falsch beur teilte. Danach würde er fortgehen, irgendwohin – nach Afrika vielleicht. Er fühlte sich unendlich müde, so müde, als ob er eine Woche lang im Griff eines Fiebers gelegen hätte. Er mußte etwas essen und zu Bett gehen. Dieser Tag hatte ihm genügend Böses ge bracht, doch im Ganzen gesehen segnete er den Na men Jacksons, dem Chefredakteur des Judge und al ten Freund seines Vaters. Nachdem Alan das Büro verlassen hatte, wandte Sir Robert sich Mr. Champers-Haswell zu und fragte ihn abrupt: »Was, zum Teufel, hat das zu bedeuten?« Mr. Haswell blickte zur Decke empor und pfiff auf seine seltsame Weise, bevor er antwortete. »Ich bin mir da nicht sicher, doch scheint das Ver
halten unseres jungen Freundes darauf hinzudeuten, daß er eine Ratte gerochen hat, oder sogar, daß Jack son, dieser alte Bastard, ihm eine Ratte gezeigt hat – von der großen, türkischen Rasse.« Sir Robert nickte. »Vernon ist ein Bursche, der Ratten nicht mag; sie scheinen ihm den Schlaf zu rauben«, sagte er, »aber glauben Sie, daß er die Ratte, nachdem er sie gesehen hat, im Sack lassen wird?« »Oh, ganz bestimmt, ganz bestimmt«, antwortete Mr. Haswell unbesorgt; »der Mann ist das Ehrgefühl selbst und wird uns niemals verraten. Denken Sie doch daran, wie er sich bei diesen Aktien verhalten hat. Dennoch halte ich es für gut, daß wir ihn los sind. Zu viel Ehrgefühl ist, genauso wie zuviel Ehr geiz, bei jedem Geschäft eine sehr gefährliche Eigen schaft.« »Ich weiß nicht, ob ich Ihnen da zustimmen kann«, antwortete Sir Robert. »Ich bin mir nicht sicher, ob wir nicht auf lange Sicht mit etwas mehr davon bes ser fahren würden. Was mich betrifft – obwohl es uns geschäftlich nicht schaden kann, da man es gar nicht zur Kenntnis nehmen wird – so tut es mir leid, daß wir Vernon verloren haben, sehr leid sogar. Ich halte ihn nicht für einen Narren, und ich respektiere seine Eigenschaften, so lästig sie oft auch sein mögen.« »Ich auch, ich auch«, versicherte Mr. Haswell eifrig, »und natürlich haben wir ständig gegen seinen Rat gehandelt, was ihn sehr verärgert haben muß. Das Projekt, so wie er es konzipiert hatte, war ein ehrli ches Geschäft, das eine Rendite von zehn Prozent ei nes geringen Kapitals abgeworfen hätte, aber was sind schon zehn Prozent für Sie und für mich? Wir
wollen Millionen, und wir werden sie bekommen. Nun, er wird ja morgen in ›The Court‹ sein, und vielleicht können wir dort die Dinge klären. Ich wer de Barbara einen Tip geben; sie hat großen Einfluß auf ihn, und Sie mögen es ebenfalls tun, Aylward.« »Miss Champers hat großen Einfluß auf jeden, der das Glück hat, ihr zu begegnen«, antwortete Sir Ro bert galant. »Doch selbst wenn sie bereit sein sollte, ihn zu nützen, glaube ich nicht, daß er in diesem Falle zum Ziele führt. Vernon hat seinen Entschluß schon vor langer Zeit gefaßt. Ich habe ihn beobachtet und bin mir dessen sicher. Heute hat er sich nur dazu auf gerafft, den Sprung zu wagen, und ich glaube nicht, daß wir ihn jemals in diesem Büro wiedersehen wer den. – Haswell«, setzte er mit plötzlicher Schärfe hin zu, »ich sage Ihnen, daß das Glück, das wir in der letzten Zeit hatten, zu schön war, um anzudauern. Der Boom, der wirkliche Boom, ist mit Vernon ein getreten, und ich bin sicher, daß er mit Vernon von uns gehen wird.« »Auf jeden Fall muß es diesmal einen schönen Bat zen bei uns zurücklassen. Aylward, mein Freund. Was auch immer geschehen mag, in spätestens einer Woche sind wir reich, wirklich reich für den Rest un seres Lebens.« »Für den Rest unseres Lebens, Haswell, ja, für den Rest unseres Lebens. Aber was ist das Leben? Eine Seifenblase, die jede Stecknadel zum Platzen bringen kann. Oh! Ich weiß, daß Sie dieses Thema nicht mö gen, doch ist es ganz gut, ihm manchmal ein bißchen Beachtung zu schenken. Ich bin kein Kirchgänger, weiß Gott, aber wenn ich mich recht erinnere, wur den wir gelehrt, den Herrn zu bitten, uns zu erlösen,
besonders ›zu Zeiten des Reichtums‹, worauf etwas von Heimsuchungen und plötzlichem Tod folgt, denn als jenes Gebet geschrieben wurde, drehte sich das Glücksrad menschlicher Schicksale genauso, wie es das heute tut. Aber lassen wir dieses Thema, bevor ich abergläubisch werde, was Menschen, die an nichts glauben, häufig sind, denn letzten Endes müs sen sie an irgend etwas glauben, vermute ich. Haben Sie Mantel und Hut? Dann kommen Sie!« Er schaltete das Licht aus, so daß der Raum in Dunkelheit ge taucht wurde, in der nur die Reste des Kaminfeuers glühten. Sein Partner knurrte verärgert, da er sich beim Umwenden die Hand an der Schreibtischkante gesto ßen hatte. »Lassen Sie mir meine einzige Sparmaßnahme, Haswell«, sagte Sir Robert mit einem kleinen Lachen. »Elektrizität ist Energie, und ich hasse es, Energie zu vergeuden. Warum stört es Sie?« fuhr er fort, wäh rend er zur Tür schritt. »Ist es der Kontrast? Zu allen Zeiten unseres Reichtums, zu allen Zeiten unserer Heimsuchungen, vor Krankheit und vor plötzlichem Tod ...« »Guter Gott, erlöse uns«, unterbrach Mr. Haswell ihn mit zitternder Stimme. »Was, zum Teufel, ist das?« Sir Robert wandte sich um und sah – oder glaubte zu sehen – etwas sehr Seltsames. Der goldene Fetisch mit dem Frauengesicht schien sich von dem Piedestal, auf dem er ruhte, zu lösen. Im Licht des vergehenden Kaminfeuers glitt er durch den großen Raum auf sie zu, nur wenige Zoll über dem Fußboden. Er kam sehr langsam, aber unaufhaltsam näher, erreichte sie und
verhielt, dann stieg er hoch, bis er die Höhe von Mr. Champers-Haswells Gesicht erreicht hatte, und blieb dort in der Schwebe. Er starrte ihm in die Augen, kaum eine Handbreit von seinem Gesicht entfernt, als ob die Maske ein wirkliches Frauenantlitz wäre, das ihn aus unmittelbarer Nähe musterte. Mr. Champers-Haswell stieß einen erstickten Laut aus, halb Pfeifen und halb Stöhnen, und taumelte zu rück, bis er auf einer lederbezogenen Couch landete, die dort stand. Einen Moment lang hing die goldene Maske reglos in der Luft. Dann drehte sie sich ein wenig, stieg noch ein Stück empor und schwebte seitwärts auf Sir Robert zu, um vor dessen Gesicht innezuhalten. Aylward taumelte zum Kaminsims und fummelte nach dem Lichtschalter; in der Stille hörte das Krat zen seiner Fingernägel auf dem Holz der Täfelung sich an wie das Nagen einer Maus. Er fand den Schalter schließlich, und im nächsten Moment er strahlte das Büro in hellem Licht. Mr. Haswell, dessen sonst rosiges Gesicht totenbleich war, und dessen Hut und Regenschirm auf dem Boden lagen, war wie ein Sterbender keuchend auf die Couch gesunken, wäh rend Sir Robert an den Kaminsims geklammert stand wie ein Mensch, der gerade eine tödliche Wunde er halten hatte. Der goldene Fetisch indes thronte ruhig auf seinem Piedestal, so unbewegt und reglos wie die antike Venus am anderen Ende des Raums. Eine Weile herrschte Stille. Dann sagte Sir Robert, sich wieder fassend: »Haben Sie eben irgend etwas Un gewöhnliches bemerkt, Haswell?« »Ja«, flüsterte sein Partner. »Ich glaubte dieses gräßliche afrikanische Ding, das Vernon mitgebracht
hat, über den Fußboden gleiten zu sehen und mir mit glühenden Augen ins Gesicht zu starren, und in die sen Augen ...« »Nun, was war in den Augen?« »Ich kann mich nicht genau erinnern. Es ... es war eine Art Bild, und seine Bedeutung war plötzlicher Tod – Oh, Gott! Plötzlicher Tod. Sagen Sie mir, daß es nur eine Phantasieerscheinung war, die von Ihrem Gerede bösen Omens ausgelöst wurde.« »Ich kann Ihnen leider nichts in dieser Richtung sagen«, antwortete Aylward mit hohler Stimme, »denn ich sah dort ebenfalls etwas.« »Was?« fragte sein Partner. »Einen Tod, der nicht plötzlich ist – und andere Dinge.« Wieder herrschte Stille, die schließlich von Ayl ward gebrochen wurde. »Kommen Sie!« sagte er. »Wir sind überarbeitet – zu starke Anspannung, und dies war die Reaktion darauf. Behalten Sie diesen Unsinn für sich, sonst sperrt man uns beide ins Irrenhaus.« »Selbstverständlich, Aylward, selbstverständlich. Aber können Sie dieses entsetzliche Ding nicht fort schaffen?« »Auf gar keinen Fall, Haswell, selbst dann nicht, wenn es uns den ganzen Tag lang heimsuchen sollte. Es wird hierbleiben, bis wir am Montag die SaharaAktien auf den Markt geworfen haben, und wenn ich es in den Safe sperren und die Schlüssel in die Them se werfen müßte. Danach kann Vernon es mitneh men, wozu er das Recht hat, und ich bin sicher, daß mit ihm unser Glück aus dem Hause gehen wird.« »Dann sage ich: je eher das Glück geht, desto bes
ser«, antwortete Haswell und brachte nur einen schwachen Abglanz seines gewohnten Pfeifens her vor. »Das Leben ist wichtiger als das Glück, und – Aylward, dieser Gelbe Gott, an dem Sie so hängen, will uns ermorden. Wir werden für die Opferung gemästet, das ist alles. Ich erinnere mich jetzt, daß dies eines der Dinge war, die ich in seinen Augen sah!«
3
Jeekie erzählt eine Geschichte
›The Court‹, das Landhaus Mr. Champers-Haswells, war auf seine Art ein sehr schöner Besitz. Das heißt, es enthielt neunundzwanzig Schlafzimmer, jedes von ihnen mit eigenem Badezimmer, eine große Zahl von Wohnräumen, dazu reichlich Garagen, Stallungen und Büros, das ganze umgeben von mehreren Acres* neu angelegter Gärten. Im übrigen sah es jedoch aus wie eine Vorstadtvilla, die man durch ein Vergröße rungsglas betrachtet. Es war diese Frage des Geschmacks, die es von Sir Roberts Heim, ›Old Hall‹, unterschied, das einige Meilen entfernt lag. Nicht daß dieses Haus alt war, denn das ursprüngliche Gebäude war vor hundert Jahren zusammengefallen oder niedergebrannt. Doch Sir Robert, der eine gewisse künstlerische Begabung besaß, hatte an seiner Stelle ein kleineres, doch wirk lich schönes Haus aus weichem, grauem Stein erbaut, langgestreckt und niedrig, und im vielgiebeligen Tu dor-Stil gehalten. Dieses Haus, so schön es auch war, konnte sich je doch nicht mit Yarleys messen, dem angestammten Sitz der Vernons, der unweit davon lag. Yarleys war rein elisabethanisch, wenngleich es eine durch ein Ei chendach gedeckte Halle enthielt, die angeblich aus der Zeit von King John stammen sollte und der Rest eines früheren Gebäudes war. In Yarleys gab es kein * 1 acre = 40,47 Ar – Anm. d. Übers.
elektrisches Licht oder andere moderne Bequemlich keiten, dennoch kamen Menschen gern dorthin, we gen seiner außergewöhnlichen Schönheit und seiner historischen Beziehungen. Der Burggraben, von dem das Haus umgeben war, der rasenbewachsene Hof zwischen den Flügeln – es war auf drei Seiten eines Karrees errichtet – die geteilten Fenster, die von Tür men flankierte Toreinfahrt aus roten Ziegeln, die niedrigen getäfelten Räume, an deren Wänden die Porträts verstorbener Vernons hingen, der leicht ab fallende Park mit den herrlichen Eichen, die darin standen, einzeln oder in Gruppen, waren alle auf ihre Art perfekt. Es war eines der schönsten englischen Häuser, und, seltsam genug, seine vernachlässigten Gärten und die Aura von Verfall, die über ihm hing, trugen eher dazu bei, seinen Charme zu verstärken, als ihn zu mindern. Doch es ist ›The Court‹, mit dem wir jetzt zu tun haben, und nicht Yarleys. Mr. Champers-Haswell hatte zu einer Wochenendgesellschaft eingeladen. Es waren zehn Gäste anwesend, alles Männer, und mit Ausnahme von Alan, der, wie man sich erinnern wird, zu ihnen gehörte, alle reich und Geschäftsleute. Unter ihnen befanden sich zwei französische Bankiers und drei Juden, jeder von ihnen eine Stütze des Saha ra Syndikats und sehr an der bevorstehenden Ausga be der Aktien interessiert. Sie zu beschreiben ist un nötig, da sie in unserer Geschichte keine Rolle spie len; sie waren bemerkenswert allein schon durch ih ren Reichtum, den sie durch Methoden zusammenge rafft hatten, die zum größten Teil das Tageslicht scheuten. Der Reichtum dieser Männer war deutlich genug zu erkennen. Seit dem Morgen dieses Tages
waren sie allein oder zu zweit in ihren kostspieligen Motorkaleschen eingetroffen, begleitet von prächtig gekleideten Chauffeuren und Dienern. Ihre Pelz mäntel, ihre juwelenbesetzten Manschettenknöpfe und Ringe, und teilweise selbst ihre Gesichter spra chen von Geld, doch das war auch das einzige, das sie miteinander verband. Alan erschien erst, als es Zeit wurde, sich zum Es sen umzukleiden, da er wußte, daß Barbara nicht vorher erscheinen würde, und es war ihre Gesell schaft, die er suchte, nicht die seines Gastgebers oder der anderen Gäste. In Begleitung seines afrikanischen Dieners Jeekie – denn in einem solchen Hause war es notwendig, jemanden mitzubringen, der einem auf wartete – fuhr er von Yarleys hinüber, eine Entfer nung von etwa zehn Meilen, und traf gegen acht Uhr dort ein. »Mr. Haswell ist hinaufgegangen, um sich umzu kleiden, Major, und auch die anderen Gentlemen ha ben sich zu diesem Zweck zurückgezogen«, sagte Mr. Smith, der Butler des Hauses, »doch Miss Champers hat mich gebeten, Ihnen diese Mitteilung zu geben und Ihnen auszurichten, daß man um halb neun es sen wird.« Alan nahm das Kuvert entgegen und bat den But ler, ihm sein Zimmer zu zeigen. Dort angekommen – obwohl ihm nur fünfundzwanzig Minuten verblieben – riß er das Kuvert auf, während Jeekie seinen Koffer auspackte. Lieber Alan, las er, komm nicht zu spät zum Essen, weil ich Dir sonst nicht einen Platz neben mir freihalten kann. Natürlich wird Sir Robert mich zu Tische führen.
Die anderen sind heute noch schlimmer als sonst – finster! finster! – und ich könnte es nicht ertragen, auch zu meiner Linken einen davon zu haben. Deine – B. P.S.: – Was hast Du angestellt? Unsere verehrten Gäste, ganz zu schweigen von meinem Onkel, scheinen Deinetwegen völlig aus der Fassung zu sein. Ich habe eins ihrer Gespräche mitgehört, während ich so tat, als ob ich Blumen ordnete. Einer von ihnen nannte Dich einen ›selbstgefälligen Moralapostel und störrischen Esel‹, und ein anderer – ich glaube, es war Sir Robert – antwortete: ›Zweifellos, aber störrische Esel können ausschlagen und haben schon so manches Mal anderer Leute Karren umgestürzt.‹ Ist das Sahara-Syndikat dieser Karren? Wenn ja, dann verzeihe ich Dir. P.P.S.: – Denk daran, daß wir morgen zusammen zur Kirche gehen, aber komm zum Frühstück in Knickerbockers oder so etwas herunter, um sie irrezuführen, und ich werde das gleiche tun – ich meine, ich werde mich kleiden, als ob ich zum Golfplatz fahren wollte. Wir können uns später in Christen verwandeln. Wenn wir es nicht tun – wenn wir uns nicht so kleiden, meine ich – werden sie es erraten und alle mit zur Kirche kommen wollen, mit Ausnahme der Juden natürlich, was die Strafe des Himmels auf uns herabbringen wurde. P.P.P.S.: – Laß diesen Brief nicht herumliegen, denn der Diener, der sich um Dich kümmern soll, liest alle Briefe. Er macht sie mittels Dampf auf. Smith, der Butler, ist der einzige anständige Mann in diesem Hause. Alan lachte laut auf, als er diese seltsame und offen herzige Epistel gelesen hatte, das seinen Lebensgei stern wieder etwas Auftrieb gab, die seit dem gestri gen Tage einen ziemlichen Tiefstand erreicht hatten.
Ihre Zeilen erfrischten ihn. Sie waren wie eine kühle Brise, die durch ein offenes Fenster in einen stickigen, überheizten Raum weht. Er hätte den Brief gerne auf bewahrt, doch beherzigte er Barbaras Warnung und den neugierigen Diener, und warf ihn in die Flam men des Kaminfeuers und sah zu, wie er verbrannte. Jeekie hüstelte diskret, um seinen Herrn daran zu er innern, daß es Zeit sei, sich zum Essen anzukleiden, und Alan wandte sich um und sah ihn mit einem zer streuten Blick an. Er war es wert, angesehen zu werden, dieser Jeekie. Der Leser möge sich einen sehr großen kräftig ge bauten Neger vorstellen, mit einer Haut so schwarz wie ein auf Hochglanz polierter Stiefel, wolligem Haar, das so weiß wie Schnee war, und einem kur zen, krausen Bart, ebenfalls weiß; mit Händen wie Hammelkeulen, deren Finger überraschend feinglie derig und rosig waren und haselnußfarbene Nägel aufwiesen; mit einem resoluten und unbewegten Ge sicht, aus dem jedoch, unter einer breiten Stirn, zwei außergewöhnlich fröhliche und ausdrucksvolle Au gen blickten, die jede Emotion spiegelten, die sich hinter ihnen abspielte – das heißt, wenn er ihnen er laubte, es zu tun. So war Jeekie. »Soll ich Ihnen mit den Stiefeln helfen, Major?« sagte er mit seiner vollen, melodischen Stimme und in einem absolut perfekten, wenn auch schwerfälli gem Englisch. »Ich denke, daß in neun Minuten und einer halben der Gong ertönen wird.« »Laß ihn ertönen, zum Teufel«, antwortete Alan. »Nein, ich vergaß – ich muß mich beeilen. Jeekie, lösch das Feuer und öffne alle Fenster, wenn ich fort bin. Dieser Raum ist wie ein Treibhaus.«
»Ja, Major, das Feuer wird gelöscht und der Schlaf raum gelüftet. Den anderen Stiefel, wenn ich bitten darf.« »Jeekie«, sagte Alan, »wer sind diese Leute, die in diesem Hause zu Gast sind? Hast du etwas gehört?« »Ich habe einige der Namen aufgeschnappt, als ich die Treppe hinaufging, Major. Drei der Gentlemen haben Sie noch nie getroffen, aber ...« – er verfiel plötzlich aus seinem gestelzten, aus Büchern erlern ten Englisch in seine gewohnte Sprechweise, wie er es immer tat, wenn ihm etwas sehr ernst war – »Jeekie glaubt, sind nur finstere Menschen alle; Diebsleute. Gibt keinen guten Menschen in diesem Hause außer Ihnen und Miss Barbara und mir, Major. Jeekie hat das alles durch Korridor-Palaver von Dienstboten er fahren. Nein, nicht jetzt, andere Male, früher. Sie er zählen Jeekie, dem alten afrikanischen Dummkopf, alles, und er sieht sie nur an und sagt: ›O Himmel! Was du nichts sagst!‹ und hält seine Augen und Oh ren offen.« »Das glaub ich dir gern, Jeekie«, antwortete Alan und lachte wieder. »Dann halte sie weiter offen und gib mir die Hose!« »Ja, Major«, sagte Jeekie und fiel wieder in sein ge stelztes Englisch zurück, »ich werde weiterhin Infor mationen sammeln, die sich für Sie als vorteilhaft er weisen mögen, doch persönlich wünschte ich, daß Sie mit dem ganzen Pack nichts mehr zu tun hätten – mit Ausnahme von Miss Barbara natürlich.« »Hört, hört«, rief Alan, »das ist der Gong. Denk daran, beim Servieren zu helfen, das heißt, wenn man dich ruft.« Er zog rasch die Jacke an und ging hinab. Die Gäste waren in der Halle versammelt und
tranken Sherry mit Angostura, eine Ausschweifung, die nach Alans Meinung dem Haus einen Stempel aufdrückte. Der Gastgeber, Mr. Champers-Haswell, trat auf ihn zu und begrüßte ihn mit großer Herzlich keit. Alan bemerkte, daß er recht blaß aussah, und auch, daß er ziemlich zerstreut war, denn er stellte einen französischen Bankier als bekannten Juden vor, und den bekannten Juden als französischen Bankier, obwohl der Unterschied zwischen den beiden klar er sichtlich war und die beiden betreffenden Gentlemen die Verwechslung sichtlich übelnahmen. Sir Robert Aylward kam auf seine direkte Art quer durch die Halle auf ihn zu, als er seiner ansichtig wurde, und drückte ihm die Hand. »Freut mich, Sie zu sehen, Vernon«, sagte er und richtete einen durchdringenden Blick auf Alan, als versuchte er, seine Gedanken zu lesen. »Ein ange nehmer Wechsel von der Stadt und all diesen Ge schäften, nicht wahr? Ah! Sie denken, daß man auch hier nicht ganz vom Geschäft loskommt.« Er blickte sich unter den Gästen um. »Das ist einer der Schwä chen Ihres Cousins Haswell: er kann sich einfach niemals ganz davon lösen, gönnt sich nie eine wirkli che Entspannung. Ich wette einen Sovereign darauf, daß er in einem Nebenzimmer einen Stenographen neben einem Telephon sitzen hat, nur für den Fall, daß sich im Laufe unserer Konversation die Möglich keit irgendeiner geschäftlichen Transaktion ergeben sollte. Das ist zwar sehr umsichtig, aber nicht klug. Sein Herz hält es nicht aus, die Belastung wird ihn vor seiner Zeit dahinraffen. Hören Sie! Alle sprechen über die Sahara. Ich wünschte, ich wäre dort; zumin dest muß es dort ruhig sein. Mit dem Sand unter
meinen Füßen, und den ewigen Sternen über mir. Ja, ich wünschte, ich wäre dort«, wiederholte er mit ei nem Seufzen, und Alan bemerkte, daß sein Gesicht zwar nicht bleicher werden konnte, als es seine na türliche Farbe war, jetzt jedoch sehr abgespannt und gealtert wirkte. »Ich auch«, antwortete Alan enthusiastisch. Dann begann ein französischer Gentleman, der er fahren hatte, daß er der Ingenieur war, der das große Flutungsprojekt entwickelt hatte, ihn als ›cher maître‹ anzusprechen und so schnell in seiner Muttersprache auf ihn einzureden, daß Alan, dessen Französisch nicht gerade seine Stärke war, vergeblich versuchte, seinen Worten zu folgen. Als er sich bemühte, eine Frage zu beantworten, die er kaum verstanden hatte, öffnete sich die Tür am Ende der Halle, und Barbara Champers trat herein. Die Halle war ein langgestreckter Raum, und Bar bara stand weit entfernt, wodurch sie, die ohnehin nur mittelgroß war, klein wirkte. Dennoch war selbst auf diese Entfernung die Würde ihrer Erscheinung nicht zu übersehen. Eine schlanke Frau mit braunem Haar, fröhlichen, braunen Augen in einem gut ge schnittenen Gesicht, einer weiblich gerundeten Figur, und einer wunderbar reinen Haut: das war Barbara. Man mochte zehntausend junge Frauen finden, die genausogut oder sogar noch besser aussahen, doch war da etwas um sie, das sie von den meisten ande ren Frauen unterschied. Es lag Entschlossenheit in ih rem Schritt, und überschäumende Gesundheit und Energie in jeder ihrer Bewegungen. Ihre Augen konnten gerade in andere Augen blicken, denen sie sich gegenübersahen, nicht herausfordernd, aber
doch mit einer Art unschuldiger Furchtlosigkeit und Unternehmungslust, die viele Menschen in Verlegen heit brachte. Sie war überhaupt außergewöhnlich un schuldig, und unberührt von den üblichen weiblichen Allüren, eine Nymphe der Wälder und des Wassers, die, obwohl bereits dreiundzwanzig Jahre alt, sich noch nicht viel aus Männern machte, außer als Ge sellschafter, die sie mochte oder nicht mochte, wie ihr Instinkt es ihr eingab. Sie trug ein weißes Kleid, das mit silberner Stickerei verziert war und keinen Schmuck außer einer Halskette aus kleinen Perlen und ein paar Lilien an ihrem Busen. Barbara ging durch die Halle, ohne nach links oder nach rechts zu blicken, auf ihren Onkel zu, den sie mit einem Kopfnicken begrüßte. Dann trat sie zu Alan, reichte ihm die Hand und sagte: »Wie geht es dir? Warum bist du nicht schon gegen Mittag ge kommen? Ich wollte heute nachmittag eine Runde Golf mit dir spielen.« Alan antwortete, daß er auf Yarleys zu tun gehabt habe. »Yarleys!« antwortete sie. »Ich dachte, du seist jetzt in der Stadt und verdienst an Spekulationen, wie alle anderen, die ich kenne.« »Aber, Miss Champers«, unterbrach Sir Robert vorwurfsvoll, »ich habe Sie doch gebeten, mit mir vor dem Tee eine Runde Golf zu spielen, und Sie moch ten nicht.« »Nein«, antwortete sie, »weil ich auf meinen Cou sin wartete. Wir passen besser zusammen – beim Golf, meine ich.« Es lag etwas in ihrer Stimme, die normalerweise so sanft und angenehm war, etwas Hartes und Trotzi
ges, das Alan gleichzeitig als beunruhigend und als beglückend empfand. Aylward dagegen schien es zu verärgern, denn er warf Alan über ihren Kopf hinweg einen Blick zu, dessen Ausdruck nicht zu mißdeuten war, obwohl sein bleiches Gesicht so unbeweglich wie immer blieb. ›Ich hasse Sie. Wir sind Feinde‹, sagte dieser Blick. Wahrscheinlich bemerkte Barbara ihn auch; auf jeden Fall sagte sie, bevor einer der bei den ein weiteres Wort äußern konnte: »Gott sei Dank, endlich wird das Essen aufgetragen. Sir Robert, wür den Sie mein Tischherr sein, und du, Alan, würdest du zu meiner anderen Seite sitzen? Mein Onkel wird den anderen ihre Plätze zeigen.« Das Mahl war ausgedehnt und ausgezeichnet; der Preis eines jeden Gedecks hätte eine arme Familie ei nen ganzen Monat lang ernähren können, und von den Kosten der exquisiten Weine hätte sie ein ganzes Jahr oder länger leben können. Den letzteren wurde auch von allen lebhaft zugesprochen, mit der Aus nahme von Barbara, die Wasser trank, und von Alan, der seit seinem schweren Fieber nur sehr schwachen Whisky-Soda zu sich nahm. Selbst Aylward, ein sehr mäßiger Trinker, konsumierte eine ziemliche Menge Champagner. Als Folge davon wurde die Konversa tion recht lebhaft, und durch sie gedeckt, während Sir Robert mit seinem Nachbarn zur Linken diskutierte, fragte Barbara leise: »Worüber habt ihr euch gestrit ten, Alan? Sag es mir, ich kann nicht länger warten!« »Ich habe mich mit ihnen überworfen«, antwortete er und blickte dabei auf seinen Hammelbraten, als ob er ihn kritisierte. »Ich will damit sagen, daß ich aus der Firma ausgeschieden bin und mit dem Geschäft nichts mehr zu tun habe.«
Barbaras Augen strahlten, als sie zurückflüsterte: »Ich bin froh darüber. Es ist die beste Nachricht, die ich seit Tagen erhalten habe. Aber warum, wenn ich dich fragen darf, bist du dann hier?« »Um dich zu treffen«, sagte er verlegen. »Ich dachte, es würde dir vielleicht nichts ausmachen ...« – und in seiner Verwirrung ließ er das Messer auf den Teller fallen, das zurückschnellte und seine Hemd brust mit Bratensauce bespritzte. Barbara lachte ihr glückliches, fröhliches Lachen, anscheinend über Alans Ungeschick mit dem Messer. Ob sein Hiersein ihr etwas ›ausmachte‹ oder nicht, blieb offen. Sie reichte ihm nur ihr Taschentuch – eine kostbare, mit Spitzen umsäumte Winzigkeit – damit er sich die Bratensauce vom Hemd wischen konnte, und er griff auch danach, da er annahm, es sei eine Serviette; und als er das tat, berührte sie seine Hand mit einer kleinen, streichelnden Bewegung ihrer Fin ger. Ob das zufällig geschah oder absichtlich, blieb ebenfalls offen. Es gab Alan jedoch ein unbeschreibli ches Glücksgefühl. Und als er entdeckte, daß es ihr Taschentuch war, das sie ihm gegeben hatte, steckte er es ein, und sie bat ihn auch niemals, es zurückzu geben. Nur einmal, sehr viel später, als sie es in der Ecke eines Aktenkoffers versteckt fand, sagte sie er rötend, sie hätte nie geglaubt, daß ein Mann so kin disch sein könne. »Jetzt, wo du nichts mehr mit ihnen zu tun hast«, sagte sie, als die Prozedur des Abwischens erledigt war, »werde ich sie mir vornehmen. Ich habe mich nur um deinetwillen zurückgehalten.« Sie lehnte sich zurück und starrte zur Decke empor, wie tief in Ge danken versunken.
Kurz darauf trat eines jener Schweigen ein, wie sie manchmal bei festlichen Essen auftreten, selbst wenn der Champagner noch so hervorragend und reichlich ist. »Sir Robert Aylward«, sagte Barbara mit ihrer kla ren, wohltönenden Stimme, »würden Sie, als Experte, einen sehr unwissenden Menschen ein wenig aufklä ren? Ich hätte gerne eine kleine Auskunft.« »Miss Champers«, antwortete er, »stehe ich nicht stets zu Ihren Diensten?« Und alle warteten gespannt, über was für eine Frage ihre Gastgeberin Aufklärung wünschte. »Sir Robert«, fuhr sie mit ruhiger Stimme fort, »je der der hier Anwesenden ist, wie ich glaube, das, was man mit Finanzier bezeichnet, das heißt, mit Aus nahme von mir und Major Vernon, der es nur ver sucht hat, und dem es, dessen bin ich sicher, nicht ge lingen wird, da die Natur ihn zu etwas anderem ge macht hat, zu einem Soldaten, und – zu was sonst hat die Natur dich noch gemacht, Alan?« Da er keine Antwort auf diese Frage gab, obwohl Sir Robert eine ziemlich unschmeichelhafte zwischen zusammengebissenen Zähnen hervorstieß, die Barba ra aber mitbekam, fuhr sie fort: »Und Sie sind alle sehr erfolgreich und wohlhabend und werden in der kommenden Woche noch erfolgreicher und noch wohlhabender sein, nicht wahr? Nun möchte ich Sie nur dieses fragen: wie macht man das?« »Wenn wir die Prämisse um des Arguments wegen akzeptieren, Miss Champers«, antwortete Sir Robert, der das Gefühl hatte, dieser Herausforderung nicht ausweichen zu dürfen, »so lautet die Antwort: durch Finanzierungen.«
»Ich tappe noch immer im dunkeln«, sagte sie. »Fi nanzierung, so wie ich sie verstehe, bedeutet die Gründung von Firmen, und Firmen werden gegrün det, um Geld für jene zu verdienen, die in sie inve stieren. Nun habe ich heute nachmittag, als ich mich langweilte, in einem Buch gelesen, das den Titel ›The Directory of Directors‹ trägt, und habe alle Ihre Na men darin gefunden, mit Ausnahme derer der fran zösischen Gentlemen, und die Gesellschaften, die Sie leiten – über die stand einiges in einem anderen Buch. Aber ich konnte nicht erkennen, daß irgendeine die ser Gesellschaften jemals Geld verdient hätte – Divi dende nennen Sie das wohl, nicht wahr? Deshalb fra ge ich mich, wie konnten Sie alle durch sie so reich werden, und warum investieren Menschen darin?« Sir Robert runzelte die Stirn, Alan wurde rot, zwei oder drei der Gäste lachten amüsiert, und einer der französischen Gentlemen, der Englisch sprach und schon mehr getrunken hatte, als gut für ihn war, sagte mit vernehmlicher Stimme zu seinem Tisch nachbarn Haswell: »Ah! Sie ist charmant. Sie berührt genau den wunden Punkt. Wie werden wir reich, und warum investieren die Menschen? Mon Dieu! Warum investieren sie? Das ist das große Geheimnis. Ich sa ge, cette belle demoiselle, votre nièce, est ravissante. Elle a d'esprit, mon ami Haswell.« Offenbar teilte ihr Onkel diese Ansichten nicht, denn er wurde rot wie ein Truthahn und sagte über den großen, runden Tisch hinweg: »Meine liebe Bar bara, ich möchte dich bitten, nicht von Dingen zu re den, die du nicht verstehst. Wir sind hier, um zu di nieren, nicht, um über Finanzen zu reden.« »Gewiß, Onkel«, antwortete sie freundlich. »Ich
bitte um Entschuldigung. Wahrscheinlich habe ich mich gründlich danebenbenommen, wie üblich, und das Schlimmste dabei ist«, setzte sie an Sir Robert gewandt hinzu, »daß ich nun genausowenig weiß wie vorher.« »Wenn Sie diese Dinge meistern wollen, Miss Champers«, sagte Aylward mit einem recht gezwun genen Lachen, »müssen Sie in die Lehre gehen und Gebete im Schrein des ...« – er wollte Mammon sagen, doch da er erkannte, daß dieses Wort einen unange nehmen Klang hatte, ersetzte er es – »des Gelben Gottes sprechen, so wie wir es tun.« Bei diesen Worten blickte Alan, der auf seinen Tel ler gestarrt hatte, rasch auf, und das rosige Gesicht ih res Onkels wurde plötzlich bleich. Doch die unerschütterliche Barbara nahm den Fa den auf. »Der Gelbe Gott«, wiederholte sie. »Meinen Sie damit Geld oder dieses Fetisch-Ding von Major Vernon mit dem schrecklichen Frauengesicht, das ich in Ihrem Stadtbüro sah? Nun gut, um das Thema zu wechseln, sag uns, Alan, was dieser Gelbe Gott ist und woher er kommt!« »Mein Onkel Austin, ein Bruder meiner Mutter, war Missionar, und er hat ihn vor langen Jahren aus Westafrika mitgebracht. Er war der erste Weiße, der den Stamm aufsuchte, bei dem er angebetet wird; ich glaube sogar, daß niemand sonst jemals dort gewesen ist. Doch von seiner Geschichte weiß ich nicht viel. Jeekie kann sie dir berichten, wenn du magst, denn er war ein Angehöriger jenes Stammes und ist damals gemeinsam mit meinem Onkel geflohen.« Da Jeekie inzwischen den Raum verlassen hatte, wollten einige der Gäste ihn holen lassen, doch Mr.
Champers-Haswell war dagegen. Schließlich einigte man sich auf einen Kompromiß: Alan sollte seinen Diener später herbringen lassen, wenn sie sich zu rückzogen, um Billard oder Karten zu spielen. Schließlich war das Dinner vorüber, und die Gäste, die wohl gespeist hatten, gingen zum Billardzimmer, um zu rauchen und sich auf jede gewünschte Weise zu unterhalten. Es war ein sehr großer Raum, über sechzig Fuß lang, und eine weite Fläche zwischen den beiden Billard-Tischen war mit Sitzgruppen möbliert. Als die Gentlemen eintraten, fanden sie Barbara vor dem großen Kamin in der Mitte stehen, eine kleine Gestalt in Weiß und Silber in der weiten Leere. »Verzeihen Sie mein Eindringen in Ihr Reich«, sagte sie, »und bitte rauchen Sie weiter, denn ich mag den Geruch von Tabak. Ich bin eigens aufgeblieben, um Jeekies Geschichte des Gelben Gottes zu hören. Alan, hol Jeekie herbei, oder ich gehe sofort zu Bett!« Ihr Onkel machte eine Bewegung, als ob er Alan daran hindern wollte, doch Sir Robert flüsterte ihm etwas zu, das ihn anscheinend dazu brachte, seine Meinung zu ändern, während die anderen, auf diese oder jene Weise, ihre enthusiastische Zustimmung zum Ausdruck brachten. Alle waren sie gespannt, diesen Jeekie kennenzulernen und seine Geschichte zu hören, wenn er eine zu erzählen hatte. Also wurde nach Jeekie geschickt, und er erschien in Abendklei dung, wie es in England und Amerika bei allen Stän den üblich ist. Dort stand er nun vor ihnen, weißhaa rig, ebenholzgesichtig, riesig, unerschütterlich. Es be steht kein Zweifel daran, daß seine Erscheinung eine starke Wirkung hervorrief, denn sie war ungewöhn lich und wahrlich beeindruckend.
»Sie haben nach mir geschickt, Major?« fragte er, an seinen Herrn gewandt, den er militärisch grüßte, denn er war auch Alans Diener gewesen, als dieser in der Armee gedient hatte. »Ja, Jeekie. Miss Barbara und diese Gentlemen möchten, daß du ihnen erzählst, was du über den Gelben Gott weißt.« Der Neger zuckte zusammen und rollte seine run den Augen empor, bis das Weiße sichtbar wurde, und sagte dann in seinem Schulbuch-Englisch: »Das ist ein sehr privates Thema, über das ich in dieser Öffent lichkeit nicht sprechen möchte.« Ein Chor von Protestrufen erklang, und einer der jüdischen Gentlemen trat auf Jeekie zu und drückte ihm ein paar Sovereigns in die Hand, die dieser in die Tasche gleiten ließ, scheinbar ohne sie wahrzuneh men. »Jeekie«, sagte Barbara, »enttäusch uns nicht!« »Sehr wohl, Miss, ich beuge mich Ihrem Wunsch. Der Gelbe Gott, den alle diese Gentlemen anbeten, ist ein völlig anderer als der, von dem Sie wünschen, daß ich Ihnen berichte. Sie wissen alles über ihn. Mein Gott ist weiblichen Geschlechts.« Bei dieser Feststellung brachen die Zuhörer in La chen aus, während Jeekie wieder die Augen rollte und wartete, bis sie sich beruhigt hatten. »Mein Gott«, fuhr er fort, »ich meine damit den Gott, Gen tlemen, zu dem ich früher betete, denn jetzt bin ich ein guter Christ, besitzt soviel Gold, daß ihm nicht nach mehr verlangt.« Er schwieg. »Wonach verlangt diese Göttin dann?« fragte je mand. »Blut«, antwortete Jeekie. »Sie ist eine Göttin des
Todes. Ihr Name ist Kleine Bonsa oder Kleiner Schwimmender Kopf; sie ist die Frau vom Großen Bonsa oder dem Großen Schwimmenden Kopf.« Wieder erklang Gelächter, jedoch weitaus weniger – so lachten zum Beispiel weder Sir Robert noch Mr. Champers-Haswell. Dieses Lachen schien Jeekie in Erregung zu versetzen. Auf jeden Fall brachte es ihn dazu, sein gestelztes Englisch aufzugeben und in je nes seltsame Vokabular zu verfallen, das allen Ne gern geläufig ist, gewürzt mit einem scharfen Slang der sein ganz persönliches Produkt war. »Sie wollen hören Palaver von Gelben Gott?« sagte er. »Na schön, ich erzähle Ihnen, Sie überschlauen, weißen Männer, die glauben, zu wissen alles, doch in Wirklichkeit wissen überhaupt nichts. Mein Volk, Volk der Asiki, das heißt, Volk der Geister, von denen Sie sagen, Sie nicht daran glauben, aber immer hinter Tür nach ihnen schauen, sind Menschen, die Gelben Gott anbeten, Bonsa Groß und Bonsa Klein, beten beide an und nennen eines; nur Kleine Bonsa gerade auf Reisen zu diese Land und sitzt und denkt in Stadtbüro. Gelbe Gott lebt langen Weg flußaufwärts, und dann sechs Tage lang nach links, durch dichten Wald, in dem Zwergenvolk lebt, das mit Giftpfeil schießt. Dann nach rechts, kleinen Fluß hinauf, wo viele wilde Tiere. Dann wieder links, und mit Kanu durch Sumpf, wo man am Fieber stirbt, und über See. Dann langer Marsch über Grasland und Berge. Dann durch Schlucht in Berge, wo hohe, schwarze Bäume Dach bilden, und Fluß wie Donner in Schlucht stürzt, dort sind Asiki und Goldhaus von Gelber Gott. Gan ze Berg aus Gold, voll mit Gold, und darunter Gold haus von Gelber Gott schwimmt in Wasser. Sie, die
ist wie Königin, Priesterin, lebt auch dort, immer, sehr schöne Frau, heißt Asika, mit Gesicht wie Gelbe Gott, grausam, grausam. Sie nimmt Ehemann jede Jahr neu, und jede Jahr er stirbt, weil sie immer sucht nach richtige Mann, aber niemals finden.« »Auf welche Weise tötet sie ihn?« fragte Barbara. »Oh! Nein, sie ihn nicht töten, Miss; er sich selbst töten, wenn Jahr vorbei, froh, wegzukommen von Asika und zu Geistern gehen. Solange lebt, lebt sehr gut, viel Essen, viel Frauen, feine Haus, so viel Gold, wie mag, nur nicht, wofür ausgeben kann, hübsche Halskette, hübsche Farben für Gesicht. Aber Asika, sie nach und nach essen seine Verstand. Er sehen zu viele Geister. Das Haus, wo schläft, mit tote Männer, die einst an seine Stelle, ist voll mit Geister, und jede Nacht mehr kommen, zu sitzen bei ihm. Sie sitzen um ihn herum, sehen mit große Augen an, so wie jetzt Sie mich sehen an, bis er, wenn Asika fertig, seinen Ver stand aufessen, verrückt wird; heult wie Mann in Hölle, wirft weg alles Gold, das sie ihm gegeben. Dann, kann sein, nach einer Woche, kann sein nach einem Monat, kann sein nach einem Jahr, wenn er sehr kräftig, aber niemals mehr, er läuft in Nacht hin aus und springt in Kanal, wo Gelbe Gott wohnt. Und Gott nimmt ihn, und Asika sitzt an Ufer und lacht, weil sie hungrig für neue Mann, um seine Verstand auch aufessen.« Jeekies volle Stimme erstarb zu einem Flüstern und schwieg. Es herrschte Stille im Raum, denn selbst im hellen Licht der elektrischen Lampen und durch die Nebel des Champagners entstand in manchem Be wußtsein die Vision von einem unheimlichen Wasser, in dem der Gelbe Gott wohnte, und von einem ver
rückten Wesen, das sich im Schein des Mondes in den Tod stürzte, während seine schöne Hexenfrau, die nach Männern hungerte um ihren Verstand aufzu fressen, an seinem Ufer saß und lachte. Obwohl man sich nun an die Sprache des Negers gewöhnt hatte, sie teilweise sogar lustig fand, besaß er doch die Gabe des Erzählers. Seine Zuhörer spürten, daß er von et was sprach, das er kannte, oder sogar erlebt hatte, so daß selbst die Erinnerung daran ihn in Furcht ver setzte; und deshalb versetzte er auch sie in Furcht. Wieder unterbrach Barbara die Stille, die sie als be drückend empfand. »Warum kommen in jeder Nacht mehr Geister, um bei dem Ehemann der Königin zu sitzen, Jeekie?« fragte sie. »Woher kommen sie?« »Von den Toten, Miss; sind tote Ehemänner von Asika seit Anbeginn der Welt, die sie Munganas nen nen. Außerdem bringen immer neue Opfer für Gelbe Gott. Von weit, weit entfernt arme Nigger senden Menschen, die sollen geopfert werden, damit Haus oder Stamm Glück haben. Manchmal schicken Köni ge, manchmal große Männer, manchmal Medizin männer, manchmal Frauen, die haben Zwillingsba bies. Und auch die Asiki bringen Menschen, solche, die Hexen sind oder Giftzeug getrunken haben, das Schwarze Muavi nennen, und davon nicht krank ge worden, oder vielleicht Sohn, den am meisten lieben, um Fluch von ihrem Dach zu nehmen. Alle diese kommen zu Gelbe Gott. Dann Medizinmänner von Asiki, sie halten Todespalaver. Eine Nacht, wenn Mond voll, sie schlagen Trommeln, und Trommeln machen ›Wow! Wow! Wow!‹ und Medizinmänner suchen heraus alle, die sterben sollen diese Monat.
Einmal sie suchen heraus Jeekie, oh! Gott im Himmel, suchen heraus mich!« Während er das sagte, begann er zu keuchen, und wischte mit seiner großen Hand den Schweiß ab, der sich auf seiner Stirn bildete. »Aber Gelbe Gott nicht nehmen Jeekie, ihn nicht wollen, und ich entfliehen.« »Wie?« fragte Sir Robert. »Mit meinem Herrn, Onkel von Major, Reverend Austin, er, der kommt, um machen Asiki zu Christen. Er schnippt mit Fingern, setzt kleine Maske von Gel be Gott auf, die er gestohlen, von Kleine Bonsa selbst, dieselbe, die jetzt sitzt in Ihre Büro« – dabei deutete er auf Sir Robert – »wie Kröte auf Stein. Priester, sie glauben, Gott hat sich verwandelt in Mensch, will Urlaub machen, will mich in Wald mitnehmen und dort mein Leben essen. Also sie uns lassen gehen, und wir gehen schnell, als ob Teufel uns in Hintern treten – schnell, schnell, und sehen Asiki nie wieder. Aber Kleine Bonsa ich bringe mit, für Glück, und weil nicht wagen, sie zurücklassen, weil dann böse; und jetzt sie sitzt in Ihre Büro, und ich glaube, macht Ma gie dort. Deshalb Sie werden reich, weil sie weiß, Sie sie anbeten.« »Ist das die Rede eines getauften Christen?« tadelte Barbara und setzte dann hinzu: »Aber was meinst du damit, Jeekie, wenn du sagst, daß der Gott dich nicht genommen hat?« »Meine dieses, Miss: Wenn Opfer Großer Schwim mender Kopf dargeboten, Priester ihn bringen an Ufer von Kanal, wo große Gott wohnt. Dann, wenn Gelbe Gott ihn wollen, er sich umwenden und schwimmen über das Wasser.« »Schwimmt über das Wasser? Ich dachte, du hät
test gesagt, daß er nur eine Goldmaske ist?« »Ich nicht weiß, Miss, vielleicht Mann in Maske, vielleicht Geist. Schwimmt über Wasser in Nacht, und hebt sich heraus und sieht in Gesicht von Opfer. Dann Priester ihn nimmt und tötet, mal auf diese Art – mal auf andere. Oder, wenn flieht und sie nicht tö ten, ist egal, weil er stirbt in einem Jahr, immer ster ben, niemand lebt lange, wenn Gelbe Gott im Dunkel zu ihm schwimmt und sich hebt und lächelt in sein Gesicht. Egal, ob Große Bonsa oder Kleine Bonsa, denn sie sind Mann und Frau in heiliger Ehe, und je de kann es tun.« Als diese Worte über Jeekies Lippen kamen, wurde sich Alan eines ungewohnten Geräusches links von sich bewußt, und als er den Kopf wandte, sah er, daß Mr. Champers-Haswell, der neben ihm stand, die Zi garre aus der Hand gefallen war und er, weiß wie ein Laken, hin und her schwankte. In der nächsten Se kunde wäre er zu Boden gestürzt, wenn Alan ihn nicht mit den Armen aufgefangen und gestützt hätte, bis andere zu Hilfe kamen, mit deren Unterstützung er ihn zu einem Sofa trug. Auf ihrem Wege dorthin kamen sie an einem Tisch vorbei, auf dem Flaschen mit alkoholischen Getränken und Sodawasser aufge reiht waren, und zu seiner Verwunderung bemerkte Alan, daß Sir Robert Aylward, der kaum, wenn über haupt, besser aussah als sein Partner, ein Glas zur Hälfte mit Cognac füllte, den er mit großen Schlucken hinunterstürzte. Dann herrschte ein ziemliches Durcheinander und jemand lief zum Telephon, um den Arzt zu rufen, während die tiefe Stimme Jeekies rief: »Das war Werk von Gelbe Gott – o ja, Werk von Kleine Bonsa. Jeekie guter Christ, aber kein Zweifel,
sie mächtiger Fetisch, kann alles tun, was will, mit je ne, die sie anbeten, und Sie wissen, sie sitzt in Büro von diese Gentlemen. Denke, sie macht Reverend Austin und mich sie nach England bringen, weil hat Auge auf Firma von Messrs. Aylward & Haswell. Oh, das mich nicht wundern, weil Bonsa weiß alles.« »Oh, du und dein verdammter Fetisch!« rief Alan aufgebracht. »Verschwinde, du alter Esel!« »Major«, antwortete der beleidigte Jeekie, der wie der seine steife Positur und Sprachform annahm, »nicht ich war es, der diese Geschichte blutrünstigen Aberglaubens armer Afrikaner erzählen wollte. Sie dürfen nicht dem alten Jeekie Vorwürfe machen, wenn sie christliche Gentlemen so krank macht wie ein Kanal-Dampfer.« »Verschwinde!« wiederholte Alan und stampfte mit dem Fuß auf. Also ging Jeekie hinaus, doch vor der Tür begeg nete er einem der jüdischen Gentlemen, der auch ein wenig elend wirkte. Ihm kam eine Idee, er berührte mit einem Finger sein weißes Kraushaar, wie zum Gruß, und sagte: »Sie mögen Jeekies hübsche Ge schichte, Sir? Nun, Jeekie meint, Sie machen kleine Gabe für Jeekie, wie Ihr Bruder dort drinnen. Das Gelbe Gott sehr gefallen, Sir, und Ihnen massig Glück bringen.« Jetzt wurde dieser Jude, einem ungewohnten Im pulse folgend, außerordentlich großzügig. In seiner Tasche befand sich eine Handvoll Sovereigns, die er eingesteckt hatte, um sie als Einsatz beim Bridge zu verwenden. Er nahm sie alle mit einem Griff heraus und drückte sie in Jeekies ausgestreckte Hand, wo sie sich augenblicklich zu verflüchtigen schienen.
»Ich danke Ihnen, Sir«, sagte Jeekie. »Jetzt ich si cher, Sie massig Glück haben, so wie Ihr Opa Jakob in Bibel, als er seinen Bruder reinlegen.«
4
Alan und Barbara
Es wurde an diesem Abend kein Bridge und kein Billard gespielt in ›The Court‹, wo es sonst immer recht hoch hergegangen war. Nachdem man Mr. Haswell in sein Schlafzimmer getragen hatte, gingen einige der Gäste, unter ihnen Sir Robert Aylward, zu Bett, da es, wie sie sagten, nichts nützen würde, wenn sie herumsäßen, während andere, die mehr Anteil nahmen, aufblieben, um auf die Diagnose des Arztes zu warten, der sechs Meilen entfernt wohnte. Als er schließlich eingetroffen war, trat Barbara ins Billard zimmer und berichtete Alan, der dort saß und rauchte, daß ihr Onkel aus seiner Ohnmacht erwacht sei und der Arzt, der über Nacht dableiben würde, versichert habe, daß er nicht in Lebensgefahr sei, sondern nur einen Herzanfall erlitten habe, der an scheinend durch Überarbeitung oder Aufregung her beigeführt wurde. Als Alan am folgenden Morgen erwachte, war das erste, was er durch das offene Fenster hörte, das Ge räusch des abfahrenden Einspänners des Arztes. Dann erschien Jeekie und berichtete ihm, daß es Mr. Haswell wieder gut ginge, er aber die ganze Nacht hindurch gezittert habe ›wie ein Gelee‹. Alan fragte, was ihm gefehlt habe, doch Jeekie zuckte nur die Achseln und sagte, das wisse er nicht – »Vielleicht hat der Gelbe Gott ihn geschüttelt«, meinte er. Zum Frühstück erschien Barbara, wie sie es in ihrer Nachricht angekündigt hatte, in einem kurzen Rock.
Sir Robert, der auch schon am Tisch saß – er wirkte sehr bleich, selbst für seine Verhältnisse, und hatte schwarze Ringe um die Augen – fragte sie, ob sie mit ihm Golf spielen wolle, worauf sie antwortete, daß sie es sich überlegen würde. Es wurde ein recht melan cholisches Mahl, und wie durch ein stillschweigendes Übereinkommen wurde Jeekies Geschichte von dem Gelben Gott nicht mit einem Wort erwähnt, und mit Ausnahme höflicher Fragen nach dem Ergehen Mr. Haswells sprach auch niemand von seinem Anfall. Als Barbara hinausging, flüsterte sie Alan, der ihr die Tür aufhielt, zu: »Wir treffen uns um halb elf im Küchengarten.« Demgemäß ging Alan, nachdem er sich unbemerkt umgezogen hatte, unter Vermeidung der Räume, in denen er von den anderen Gästen gesehen werden konnte, auf einigen Umwegen zu diesem Küchen garten, der, wie es in modernen Häusern üblich zu sein pflegt, hinter einer Baumreihe verborgen, fast ei ne Viertelmeile vom Hause entfernt lag. Hier wan derte er hin und her, bis er schließlich Barbaras Stimme hinter sich sagen hörte: »Bummle nicht so! Wir kommen zu spät zur Kirche.« Also gingen sie los, ein wenig verstohlen, wie durchbrennende Kinder. Unterwegs fragte Alan, wie es ihrem Onkel ginge. »Jetzt ist er wieder in Ordnung«, antwortete sie, »aber er hat einen bösen Schock erlitten. Die Ge schichte von dem Gelben Gott war schuld daran. Ich weiß das, weil ich bei ihm war, als er wieder zu sich kam, wie auch Sir Robert. Er sprach auf eine wirre Art über ihn und sagte, er schwimme über den Fuß boden auf ihn zu, bis Sir Robert sich schließlich über
ihn beugte und ihm recht heftig gebot, still zu sein. Weißt du, Alan, ich glaube, daß dein Fetisch sich in ihrem Büro auf irgendeine unangenehme Art be merkbar gemacht hat.« »Also wirklich! Aber wenn, dann muß es gesche hen sein, nachdem ich es verlassen hatte, da ich nie mals von so etwas gehört habe, und Aylward und dein Onkel gehören auch nicht zu den Menschen, die Gespenster sehen. Sir Robert wollte mir sogar erst vorgestern siebzehntausend Pfund für das Ding ge ben, was nicht gerade darauf hindeutet, daß er sich vor ihm fürchtet.« »Er wird dieses Angebot bestimmt nicht wieder holen, Alan, denn ich hörte ihn heute morgen mei nem Onkel versprechen, daß es sofort nach Yarleys geschafft werden würde. Aber warum wollte er es für eine so große Summe kaufen? Sag es mir rasch, Alan, denn ich komme um vor Begierde, die ganze Ge schichte zu erfahren.« Also erzählte er sie ihr, ohne irgend etwas auszu lassen, und sie lauschte aufmerksam auf jedes Wort, fast ohne ihn zu unterbrechen. Als er mit seiner Er zählung fertig war, erreichten sie die Tür der netten, alten Dorfkirche, deren Turmuhr gerade elf schlug. »Komm rein, Alan!« sagte sie leise. »Und danke dem Himmel für all seine Gnade, denn du solltest heute ein sehr dankbarer Mensch sein.« Ohne ihm Zeit für eine Antwort zu lassen, trat sie in die Kirche, und sie nahmen ihre Plätze in dem gro ßen Kirchengestühl ein, das viele Generationen von Besitzern jenes alten Hauses innegehabt hatten, das Mr. Haswell abgerissen hatte, als er ›The Court‹ er baute. Ihre Gedenktafeln befanden sich an den Wän
den, und ihre Grabplatten im Boden des Chors. Doch nun saß außer Barbara niemals jemand in ihrem Ge stühl; selbst die für das Gesinde reservierten Bänke waren leer, weil solche, die in ›The Court‹ dienten, keine Kirchengänger waren; denn ›wie der Herr, so's G'scherr‹, sagt das Sprichwort. Der freundliche, alte Pfarrer wirkte überrascht und erfreut, als er zwei der Bewohner jener palastartigen Residenz unter seinen Schäflein entdeckte, obwohl Barbara ihm seit langem Freund und Helfer war. Der einfache Gottesdienst nahm seinen Anfang; das erste Bibelwort wurde gelesen. Es beschwor Weh und Ungemach auf jene, die Haus an Haus, und Feld an Feld reihen, die Unrecht mit Banden der Eitelkeit und der Sünde befestigen; die das Böse gut und das Gute böse heißen, die Dunkel für Licht ausgeben, und Licht für Dunkel; die die Belohnung der Sünder für rechtens halten; die das Leben genießen, doch nicht der Werke des Herrn achten, und nicht des Waltens Seiner Hand, denn solchen ist prophezeit, daß ihre großen, prächtigen Häuser ohne Menschen und ver ödet sein sollen. Es war ein gutes Wort, und Alan, der aufmerksam zuhörte, dachte, daß die Weissagungen des alten Se hers, die vor Tausenden von Jahren gesprochen wor den waren, auch für die Bewohner einiger großer, prächtiger Häuser seiner Tage angemessen waren, die, was immer sie auch tun oder ungetan lassen mochten, weder der Werke des Herrn achteten, noch des Waltens Seiner Hand. Vielleicht hatte Barbara den gleichen Gedanken; auf jeden Fall erschien einoder zweimal ein trauriges kleines Lächeln auf ihrem schönen, lieblichen Gesicht, als die unsterblichen
Worte durch den Kirchenraum klangen. Der ›Friede, der das Verstehen übersteigt‹, wurde auf ihre Häupter beschworen, dann erhoben sie sich mit den anderen Mitgliedern der kleinen Gemeinde und gingen hinaus. »Wollen wir durch den Wald nach Hause gehen, Alan?« fragte Barbara. »Das ist zwar ein Weg von drei Meilen, aber wir essen nicht vor zwei Uhr.« Er nickte, und kurze Zeit später waren sie allein in jenem Wald, dem herrlichen Wald, durch den der Atem des Frühlings wehte, schritten über einen Tep pich von Sternhyazinthen, Veilchen und Primeln; völlig allein, außer den Tieren, die unverhofft ihren Weg kreuzten, in einer Stille, die nur vom Singen der Vögel und vom leisen Säuseln des Windes in den Bäumen erfüllt war. »Was meintest du damit, als du sagtest, ich sollte heute ein dankbarer Mensch sein?« fragte Alan nach einer Weile. Barbara blickte ihm auf ihre offene, unschuldige Art in die Augen und antwortete mit den Worten der Predigt. »›Wehe denen, die Unrecht mit den Banden der Eitelkeit und der Sünde befestigen, die Haus an Haus reihen‹«, und sie deutete dabei durch eine Lichtung des Waldes auf die Dächer von ›The Court‹, der auf einem der Hügel stand, und auf das Dach von ›Old Hall‹ auf einem anderen. – »›und Feld an Feld‹«, wobei sie mit einer ausholenden Geste auf das ganze, umliegende Land deutete, »›denn viele Häuser, groß und prächtig, die Musik, bei Tische haben, werden verlassen liegen‹.« Dann wandte sie sich ihm zu und sagte: »Verstehst du es jetzt, Alan?« »Ich glaube schon«, antwortete er. »Du willst damit
sagen, daß ich mich in schlechter Gesellschaft befun den habe.« »In sehr schlechter, Alan. Und einer davon ist sogar mein Onkel; doch Wahrheit muß Wahrheit bleiben. Alan, sie sind nicht besser als Diebe; all ihr Reichtum ist gestohlen, und ich danke Gott, daß du es rechtzei tig herausgefunden hast, bevor du nicht nur im Na men, sondern auch im Herzen einer der ihren wur dest.« »Wenn du damit das Sahara-Syndikat meinst«, sagte er, »so ist das Konzept absolut gesund; ich selbst bin dafür verantwortlich. Das Projekt ist durch führbar und würde große Vorteile mit sich bringen, die zu erläutern jetzt jedoch zu lange dauern würde.« »Ja, ja, Alan, aber du weißt, daß sie nicht die Ab sicht haben, es durchzuführen; sie wollen nur von gutgläubigen Menschen die Millionen kassieren. Ich lebe jetzt zehn Jahre lang bei meinem Onkel, seit dem Tode meines Vaters, und ich kenne die Hintertreppen der Geschäfte. Es hat schon ein halbes Dutzend sol cher Projekte gegeben, und wenn er und Sir Robert auch schlechte Zeiten erlebt haben, sehr schlechte Zeiten sogar, sind sie doch ständig reicher und rei cher geworden. Doch was ist mit denen geschehen, die in ihre Projekte investiert haben? Oh, laß uns auf hören mit diesem Thema! Es ist zu unerfreulich. Für mich spielt das alles keine Rolle, da ich eigenes Geld besitze, obwohl ich noch nicht darüber verfügen darf. Du mußt wissen, daß die männliche Linie meiner Familie ziemlich plebejisch ist: mein Großvater ver kaufte Tuche und hatte einen guten Geschäftssinn, mein Vater war Kohlenhändler und machte ein Ver mögen dabei. Sein Bruder, mein Onkel, dem mein
Vater immer unerschütterlich vertraute, ging in ein Gewerbe, das man ›Finanzierung‹ nennt, und als mein Vater starb, überließ er mich, sein einziges Kind, seiner Vormundschaft. Vor meinem fünfundzwan zigsten Jahr darf ich ohne seine Zustimmung nicht einmal heiraten oder auch nur über einen Halfpenny verfügen; falls ich gegen seinen Willen heiraten sollte, fällt sogar der größte Teil meines Geldes an ihn.« »Ich nehme an, daß er es bereits vereinnahmt hat«, sagte Alan. »Nein, ich glaube nicht. Ich habe festgestellt, daß ich zwar nicht darüber verfügen kann, er jedoch auch nicht. Er kann nichts von dem Konto abheben ohne meine Unterschrift, und ich habe mich immer gewei gert, irgend etwas zu unterschreiben. Immer wieder haben sie mir irgendwelche Dokumente vorgelegt, aber ich habe stets gesagt, daß ich mich mit ihnen be fassen würde, wenn ich fünfundzwanzig bin und nach dem Testament meines Vaters mündig werde. Ich bin heimlich zu einem Rechtsanwalt in Kingswell gegangen und habe ihm ein Pfund für seinen Rat ge zahlt, und er hat es mir so empfohlen: ›Unterschrei ben Sie nichts‹ hat er mir gesagt, und ich habe auch nichts unterschrieben, also kann, außer durch Fäl schung, nichts von dem Geld abgehoben worden sein. Aber sie können es dennoch irgendwie geschafft haben. Vielleicht besitze ich nichts mehr als die Klei der, die ich auf dem Leib trage, obwohl mein Vater ein sehr reicher Mann war.« »Wenn dem so ist, sitzen wir im selben Boot, Bar bara«, antwortete Alan mit einem Lachen, »denn mein derzeitiger Besitz besteht aus Yarleys, das etwa hundert Pfund im Jahr einbringt, abzüglich der Zin
sen für die Hypothek und der Unterhaltungskosten, und die tausendsiebenhundert Pfund, die Aylward mir am Freitag für meine Aktien zurückgezahlt hat. Wenn ich bei ihnen geblieben wäre, hätte ich, soviel ich verstanden habe, in einer Woche oder zweien, hunderttausend Pfund besitzen können, und jetzt stehe ich da, über dreißig Jahre alt, ohne Beruf, wegen Invalidität aus der Armee verabschiedet, und nun nachdem ich auch im Finanzgeschäft gescheitert bin, bin ich nur noch ein Stück Treibgut, ohne Hoffnung und ohne Beruf.« Barbaras braune Augen wurden sanft von Mitge fühl – oder waren es Tränen? »Du bist ein seltsamer Mensch, Alan«, sagte sie. »Warum hast du nicht die siebzehntausend Pfund für diesen Fetisch angenommen? Es wäre ein ehrlicher Handel gewesen, und er hätte dich auf die Beine ge stellt.« »Das weiß ich nicht«, antwortete er düster. »Es ging mir einfach gegen den Strich, was hat es also für einen Sinn, drüber zu reden? Ich glaube, mein alter Onkel Austin sagte mir einmal, daß ich mich nie da von trennen dürfe – nein, wahrscheinlich war es Jee kie. Dieser elende Gelbe Gott! Er taucht immer wie der auf.« »Ja«, antwortete Barbara, »der Gelbe Gott taucht immer wieder auf, besonders in dieser Gegend.« Sie gingen eine Weile schweigend, bis Barbara sich plötzlich auf den Stamm einer gefällten Eiche setzte und zu weinen begann. »Was hast du?« fragte Alan. »Ich weiß es nicht«, antwortete sie. »Es geht einfach alles schief. Ich lebe in einer Art vergoldeter Hölle.
Ich mag meinen Onkel nicht, und ich hasse die Män ner, die er ins Haus bringt. Ich habe keine Freunde, ich kenne kaum eine Frau, ich habe Kummer, den ich dir nicht erzählen kann, und ... – ich bin unglücklich. Du bist der einzige Mensch, mit dem ich reden kann, und nach diesem Streit wirst du wahrscheinlich fort gehen müssen, um irgendwo deinen Lebensunterhalt zu verdienen.« Alan blickte sie an, wie sie so weinend auf dem Baumstamm saß, und das Herz wurde ihm schwer, denn er liebte dieses Mädchen seit Jahren. »Barbara«, sagte er erregt, »bitte, weine nicht; es macht mich traurig. Du bist eine reiche Erbin ...« »Was noch zu beweisen wäre«, antwortete sie. »Aber was hat das überhaupt damit zu tun?« »Es hat alles damit zu tun, zumindest, so weit es mich betrifft. Wenn es nicht darum wäre, hätte ich dich schon längst gebeten, mich zu heiraten, weil ich dich liebe, so wie ich es auch jetzt tun würde, aber natürlich ist es unmöglich.« Barbara hörte auf zu weinen, fuhr sich mit dem Handrücken über die Augen und blickte zu ihm auf. »Alan«, sagte sie, »ich glaube, du bist der größte Narr, den ich jemals kannte – aber ein Narr ist so wohltuend, wenn man unter lauter Schurken lebt.« »Ich weiß, daß ich ein Narr bin«, antwortete er. »Wenn ich es nicht wäre, hätte ich dir nicht von mei nem Unglück erzählt, doch manchmal wird einem alles zu schwer. Also vergiß es und vergib mir!« »O ja«, sagte sie, »ich vergebe dir; eine Frau kann fast immer einem Mann vergeben, daß er sie liebt. Was immer sie auch sagen mag, ist sie doch bereit, diese menschliche Schwäche mit Nachsicht zu be
trachten. Was jedoch das Vergessen betrifft, so ist das eine andere Sache. Ich kann nicht einsehen, warum ich so darauf erpicht sein sollte, es zu vergessen, da es nicht viele Menschen gibt, die mich mögen.« Sie blickte ihn auf eine völlig neue Art an, auf eine Art, die ihm so etwas wie einen Schock versetzte, denn er hatte nicht geglaubt, daß die nymphengleiche Barba ra eines solchen Blickes fähig wäre. Sie und jede Art von Leidenschaft waren immer zwei völlig getrennte Dinge gewesen. Nun war Alan auf jeden Fall ein Mann, wenn auch ein bescheidener, mit allen Instinkten eines Mannes, und deshalb gab es Ausdrücke eines weiblichen Ge sichtes, die selbst einer wie er nicht völlig mißdeuten konnte. »Du ... willst doch ... nicht etwa sagen«, stammelte er zweifelnd, »du willst doch nicht etwa wirklich ...« Er stand ganz verwirrt vor ihr. »Wenn du deine Frage ein wenig klarer fassen würdest, Alan, wäre ich vielleicht in der Lage, dir darauf eine Antwort zu geben«, sagte sie, während das ihr eigene, kleine Lächeln in ihre Mundwinkel kroch, wie Sonnenschein durch den Regen. »Du willst doch nicht etwa damit sagen«, fuhr er fort, »daß du mich liebst, so wie ... wie ich dich seit Jahren liebe?« »Oh, Alan«, sagte sie lachend, »weshalb im Namen aller Heiligen sollte ich dich nicht lieben? Ich sage nicht, daß ich es tue, aber warum sollte ich es nicht tun? Was für eine Kluft liegt denn zwischen uns?« »Die uralte«, antwortete er, »die zwischen Dives und Lazarus – die zwischen den Reichen und den Armen.«
»Alan«, sagte Barbara und blickte zu Boden, »ich weiß nicht, was über mich gekommen ist, aber aus ir gendeinem unbekannten und unerklärlichen Grund bin ich geneigt, Lazarus über diese Kluft zu führen – über die erste wohlverstanden, nicht über die zwei te.« Wie der Blick, der dem vorausgegangen war, war dies eine Formulierung, die selbst Alan nicht mißver stehen konnte. Er setzte sich neben sie auf den Baum stamm, während sie, die noch immer zu Boden blickte, ihn aus den Augenwinkeln heraus beobach tete. Er wurde erst rot, dann bleich, und sein Herz klopfte wie wild. Dann streckte er seine große braune Hand aus und nahm ihre kleine weiße in die seine, und als diese Vertraulichkeit keinen Protest hervor rief, gab er ihre Hand frei legte seinen Arm um sie und zog sie an sich, nicht einmal, sondern immer wieder, und mit einer solchen Kraft, daß ein Eich hörnchen, das diese Vorgänge von einem benachbar ten Baum aus verfolgt hatte, empört zur anderen Seite des Stammes sprang und nicht mehr gesehen ward. »Ich liebe dich, ich liebe dich«, sagte er heiser. »So scheint es«, antwortete sie mit schwacher Stimme. »Magst du mich?« fragte er. »Dem muß wohl so sein, Alan, da ich sonst wohl kaum ... oh! Du dummer Alan.« Und ohne Rücksicht auf ihren sonntäglichen Hut, der sich von der Miß handlung nie wieder erholte, aber als heilige Reliquie aufbewahrt wurde, ließ sie ihren Kopf an seine Schulter sinken und begann wieder zu weinen, dieses Mal vor Glück. Er küßte ihr die Tränen fort; und dann, weil ihm
nichts anderes zu sagen einfiel, fragte er sie, ob sie ihn heiraten wolle. »Das ist wohl die übliche Folge einer solchen An gelegenheit, wie ich glaube«, antwortete sie, »oder sollte es auf jeden Fall sein. Aber wenn du eine di rekte Antwort haben willst: Ja, ich werde dich heira ten, sehr bald, wenn mein Onkel seine Zustimmung gibt, was er sicher nicht tun wird, da du dich mit ihm zerstritten hast, auf jeden Fall aber in zwei Jahren, wenn ich fünfundzwanzig und meine eigene Herrin bin; das heißt, wenn wir irgendeine Grundlage für unsere Ehe haben, da man schließlich essen muß. Im Augenblick scheinen unsere irdischen Besitztümer vor allem aus einem immensen Vorrat von gegensei tiger Liebe, einer guten Ausstattung an Kleidung und einem häßlichen Gelben Gott zu bestehen, der nach dem, was gestern abend geschah, meiner Meinung nach keine zweite Chance erhält, sich in Bargeld zu verwandeln.« »Ich muß irgendwie zu Geld kommen«, sagte er. »Ja, Alan, aber ehrlich gesagt, wird das nicht leicht sein. Niemand hat Interesse an Menschen ohne Ka pital, deren einziges Vermögen aus einer verdienst vollen, aber kurzen militärischen Karriere und einer reichen Erfahrung mit afrikanischem Fieber besteht.« Alan stöhnte über diese zutreffende, doch sehr nie derschmetternde Feststellung, und sie fuhr rasch fort: »Ich habe vor, eine zweite Pfundnote für meinen freundlichen Anwalt in Kingswell auszugeben. Viel leicht wird er irgendeine Möglichkeit entdecken ...« »Selbst wenn ihm das gelingen sollte, Barbara, kann ich nicht von deinem Geld leben; es wäre nicht richtig.«
»Oh! Mach dir darüber nur keine Sorgen, Alan. Wenn ich diese vagen Tausender in die Hände be komme, wirst du bald mehr daraus machen, denn dem, der da hat, soll gegeben werden. Doch im Au genblick sind sie noch sehr vage und mögen, so weit ich weiß, durch Aktien bankerotter Gesellschaften re präsentiert werden. Kurz gesagt: die finanzielle Si tuation ist außerordentlich deprimiert, wie man so etwas im Wirtschaftsteil der Times nennt. Doch das ist kein Grund, daß auch wir deprimiert sein sollten.« »Nein, Barbara, denn auf jeden Fall haben wir ein ander.« »Ja«, antwortete sie und sprang auf, »wir haben einander. Liebster, bis daß der Tod uns scheidet, und ich glaube, daß er sich damit noch eine ganze Weile Zeit lassen wird; ich habe plötzlich das Gefühl, Alan, daß er uns nicht voneinander scheiden wird, daß du und ich unser Leben bis zu seinem natürlichen Ende vor uns haben. Was kommt es da auf alles andere an? In zwei Jahren werde ich frei sein. Und ich sage dir, wenn es hart auf hart kommt, werde ich ihnen allen trotzen« – ihr sanfter Mund wurde dabei so unnach giebig wie Stein – »und dich auf der Stelle heiraten, was ich, da ich mündig bin, ohne weiteres tun kann, selbst wenn es mich jeden Halfpenny kosten mag, den ich besitze.« »Nein, nein«, sagte er rasch, »das wäre eine Sünde – eine Sünde gegenüber dir selbst und gegenüber deinen Nachkommen.« »Gut, Alan, dann wollen wir warten, oder vielleicht wird das Glück uns zulächeln – warum eigentlich nicht? Auf jeden Fall habe ich mich in meinem gan zen Leben noch nie so glücklich gefühlt; denn, mein
geliebter Alan, wir haben gefunden, was zu finden wir geboren wurden, haben es ein für allemal gefun den, und alles andere sind lediglich Etceteras. Was wäre alles Gold der Asiki von dem Jeekie gestern abend berichtet hat, für einen von uns gut, wenn wir nicht einander hätten? Wir können ohne Reichtümer leben, aber nicht ohne den anderen, zumindest ich könnte es nicht, und ich schäme mich nicht, es offen einzugestehen.« »Nein, meine Geliebte, nein«, antwortete er und allein der Gedanke ließ ihn erbleichen, »wir könnten nicht ohne einander leben – nicht mehr. Ich weiß nicht einmal, wie ich es so lange aushalten konnte, wenn ich nicht immer die Hoffnung gehabt hätte, daß der Tag kommen würde, wo wir nicht mehr getrennt sind. Das war der Grund dafür, daß ich in dieses in fernale Geschäft eingestiegen bin: um genug Geld zu verdienen, daß ich dich bitten konnte, mich zu heira ten. Und jetzt bin ich aus dem Geschäft ausgestiegen und habe es dennoch getan, obwohl ich es nicht hätte tun sollen.« »Ja, also hättest du es genau so gut ein Jahr oder zwei früher tun können, als die Dinge vielleicht etwas einfacher waren. Nun, es ist auf jeden Fall ein gutes Beispiel für die Eitelkeit menschlichen Planens, und jetzt müssen wir heim, damit wir rechtzeitig zum Es sen da sind. Wenn wir uns verspäten, wird Sir Robert bestimmt einen Suchtrupp nach uns aussenden; ich trage mich, ob er das nicht bereits getan hat – in die falsche Richtung.« Die Erwähnung des Namens von Sir Robert Ayl ward war wie ein eisiger Wind mitten im Sommer, und für eine Weile gingen sie in Schweigen.
»Du hast Angst vor dem Mann, Barbara«, sagte Alan schließlich, als er ihre Gedanken erriet. »Ein wenig«, antwortete sie, »so weit ich noch vor irgend etwas Angst haben kann. Und du?« »Auch ein wenig. Ich denke, daß er uns Schwierig keiten machen wird. Er kann sehr bösartig und sehr einfallsreich sein.« »Einfallsreich, Alan? Das bin ich auch. Mein Ver stand kann es jederzeit mit dem seinen aufnehmen. Außer durch Mord kann er uns durch nichts vonein ander trennen, und Mord ist etwas, das nicht in sei ner Art liegt. Männer wie er brechen das Gesetz nicht; sie haben zu viel zu verlieren. Aber zweifellos wird er versuchen, dir das Leben schwer zu machen, und das aus mehreren Gründen.« Wieder gingen sie eine Weile schweigend, in Ge danken versunken, und plötzlich sah Barbara, wie das Gesicht ihres Geliebten heller wurde. »Was hast du, Allan?« fragte sie. »Etwas, das ich nur selten habe, Barbara: eine Idee. Vor einigen Minuten hast du von dem Asiki Gold ge sprochen. Warum sollten wir nicht hingehen und es uns holen?« Sie starrte ihn an. »Es klingt ... ziemlich gewagt«, sagte sie nach einer Weile, »wie eins von meines Onkels Geschäften.« »Nicht halb so gewagt, wie du glaubst. Ich habe keinen Zweifel, daß es vorhanden ist, und Jeekie kennt den Weg. Außerdem glaube ich mich zu erin nern, daß sich bei Onkel Austins Tagebüchern eine Landkarte und ein Bericht über die ganze Angele genheit befinden, obwohl, offen gestanden, der alte Knabe eine so furchtbare Handschrift hatte, daß ich
mir niemals die Mühe gemacht habe, sie zu lesen. Siehst du«, fuhr er voller Enthusiasmus fort, »das ist die Art von Geschäft, für das ich geeignet bin. Ich bin gründlich gegen das Fieber immunisiert, ich kenne die Westküste, wo ich drei Jahre lang bei der Grenz land-Kommission gewesen bin, ich habe die Eingebo renen studiert und spreche mehrere ihrer Dialekte. Natürlich gibt es ein gewisses Risiko, aber irgendein Risiko liegt in allem, und ich fürchte mich davor ge nau so wenig wie du, weil auch ich glaube, daß ein ganzes, langes Leben vor uns liegt.« »Lies diese Tagebücher, Alan, dann wollen wir weiterreden. Ich werde mir Jeekie vornehmen, der mir alles sagen wird, wenn ich ihn richtig darum bit te, und versuchen, der Sache auf den Grund zu ge hen. Aber was wirst du bezüglich meines Onkels tun?« »Mit ihm reden, selbstverständlich, und die Sache hinter mich bringen.« »Ja«, antwortete sie, »das ist der beste und der ehr lichste Weg. Natürlich kann er dich hinauswerfen, aber er kann mich nicht daran hindern, dich zu tref fen. Wenn er es tun sollte, geh nach Hause, nach Yarleys! Ich werde dich dort besuchen. So, wir sind da; laß uns durch die Hintertür hineingehen.« Sie deutete auf ihren zerdrückten Hut und lachte.
5
Barbara hält eine Rede
Während Alan und Barbara in den entscheidenden Minuten ihres Lebens auf dem gefällten Baumstamm im Walde saßen, durch den ein Hauch von Frühling wehte, fand ein Gespräch in Mr. Champers-Haswells Suite in ›The Court‹ statt, deren Einrichtung, wie er Besuchern gegenüber gern betonte, ihn zweitausend Pfund gekostet habe. Sir Robert, der zumindest einen guten Geschmack vorweisen konnte, fand sie so grauenhaft, daß er, während er auf seinen Gastgeber und Geschäftspartner wartete, mit dem er sprechen wollte, ans Fenster des Wohnzimmers trat und die Aussicht genoß, die noch niemand hatte verderben können. Schließlich erschien Mr. Haswell, in einen Morgenmantel gewickelt, und er wirkte sehr bleich und zittrig. »Freut mich, daß es Ihnen wieder gut geht«, sagte Sir Robert, während er einen Sessel zurechtrückte, in den Mr. Haswell sich fallen ließ. »Mir geht es gar nicht gut, Aylward«, antwortete er, »mir geht es überhaupt nicht gut. Habe mich noch nie in meinem Leben so aufgeregt; dachte, ich würde sterben, als dieser verfluchte Wilde uns seine entsetz liche Geschichte erzählte. Aylward, Sie sind doch ein Mann von Welt; sagen Sie mir, was hat das alles zu bedeuten? Sie wissen, was wir im Büro gesehen ha ben, und dann – jene Geschichte.« »Ich weiß es nicht«, antwortete er; »ehrlich, ich weiß es nicht. Ich bin ein Mensch, der nie an etwas
geglaubt hat, das ich nicht sehen und prüfen kann, einer dem jeder Glaube abgeht. Wenn ich die Zeit da zu fand, habe ich mich mit den verschiedenen religiö sen Systemen befaßt und sie alle als Unsinn erkannt. Ich bin überzeugt, daß wir nichts anderes als hoch entwickelte Säugetiere sind, unsere Geburt einem Zu fall verdanken, und, wenn unsere Zeit gekommen ist, ins schwarze Nichts zurückkehren, aus dem wir ka men. Alles andere, was der höhere und geistliche Teil genannt wird, schreibe ich dem abergläubischen Zu fall, dem Schrecken der entsetzlichen Lage zu, in der wir uns befinden, in der Lage von einer Art Götter, die durch einige wenige Jahre eines von Furcht und Leid beherrschten Lebens eingeschränkt werden. Aber Sie kennen meinen Standpunkt längst, warum also soll ich mich darüber auslassen? Und jetzt bin ich mit einer Erfahrung konfrontiert, die ich mir nicht er klären kann. Am Freitagabend im Büro glaubte ich wahrhaftig die Goldmaske, die eine so seltsame An ziehungskraft auf mich ausübt, daß ich Vernon sieb zehntausend Pfund dafür bot, weil ich annahm, daß sie uns Glück bringt, über den Fußboden schweben und erst in Ihr Gesicht und dann in meines blicken zu sehen. Und am folgenden Abend erzählt dieser Neger seine Geschichte. Was soll ich davon halten?« »Ich kann es Ihnen nicht sagen«, antwortete Mr. Champers-Haswell mit einem Stöhnen. »Alles, was ich weiß, ist, daß es mich fast zu einer Leiche gemacht hat. Ich bin nicht wie Sie, Aylward; ich bin in einem evangelischen Hause aufgewachsen, und obwohl ich mich während der letzten Jahre kaum mit diesen Dingen beschäftigt habe – nun, wir können sie ein fach nicht von einem Tag auf den anderen abschüt
teln. Ich bin überzeugt, daß da irgendwo irgend et was ist, und als dieser schwarze Mann sprach, schien dieses Irgendetwas plötzlich ungewöhnlich klar zu sein. Es richtete sich auf und packte mich bei der Kehle, schüttelte den Atem aus mir heraus, und, ich schwöre Ihnen, Aylward, den ganzen Vormittag über habe ich mir gewünscht, daß ich ein anderes Leben geführt hätte, so wie meine alten Eltern und mein Bruder John, Barbaras Vater, der ein sehr religiöser Mensch war, es getan haben.« »Es ist ein wenig spät, sich darüber Gedanken zu machen, Haswell«, sagte Sir Robert und zuckte die Achseln. »Man trifft seine Wahl, und damit hat es sich. Ich glaube, daß wir lediglich von der riskanten und schwierigen Arbeit der Syndikatsgründung überlastet sind und so die Opfer von Halluzinationen und einem Zufall wurden. Und wenngleich ich zuge be, dieses Ding als eine Art Maskottchen betrachtet zu haben, setze ich doch keinerlei Glauben in irgend einen Fetisch. Wie kann ein Stück Gold sich bewegen, und wie kann es die Zukunft kennen? Ich habe Je ffreys geschrieben, daß er es morgen aus dem Büro entfernen soll, also wird es uns nicht mehr stören. Und jetzt möchte ich mit Ihnen über eine andere An gelegenheit sprechen, derentwegen ich eigentlich hergekommen bin.« »Nicht von Geschäften«, sagte Mr. Haswell mit ei nem Seufzen. »Das tun wir die ganze Woche über, und am Montag werden wir wieder mehr als genug davon haben.« »Nein«, antwortete Sir Robert. »Über etwas Wich tigeres; über Ihre Nichte Barbara.« Mr. Haswell blickte ihn mit seinen kleinen Augen
an, die so scharf waren, daß sie sich in die seinen zu bohren schienen. »Barbara?« sagte er. »Was ist mit Barbara?« »Können Sie sich das nicht denken, Haswell? Sie haben doch sonst ein recht gutes Gespür dafür. Na gut, es hat keinen Sinn, um den heißen Brei herumzu reden: ich möchte sie heiraten.« Bei dieser plötzlichen Eröffnung wurde sein Part ner äußerst interessiert. Er lehnte sich zurück, starrte an die reichgeschmückte Decke und stieß sein ge wohntes Wind-in-den-Drähten-Pfeifen aus. »Soso«, sagte er. »Ich habe nicht geahnt, daß Sie an der Ehe interessiert sind, Aylward, sondern, wie ich, das Junggesellenleben vorziehen, besonders, da Sie ständig dagegen predigen. Hat die junge Lady ihr Einverständnis erklärt?« »Nein, ich habe noch nicht mit ihr darüber gespro chen. Ich hatte es mir eigentlich für heute vormittag vorgenommen, aber sie ist irgendwohin verschwun den – mit Vernon, vermute ich.« Mr. Haswell pfiff wieder, doch nun in einer ande ren Tonhöhe. »Bitte, hören Sie damit auf!« sagte Sir Robert. »Es geht mir auf die Nerven, und die sind heute vormit tag ohnehin etwas angegriffen. Hören Sie! Es ist eine seltsame Sache, eine, die noch weniger verständlich ist als unser Erlebnis mit dem Gelben Gott, doch in meinem Alter von vierundvierzig Jahren habe ich zum erstenmal die Torheit begangen, das zu tun, was man ›sich verlieben‹ nennt. Es ist nicht ein Fall eines erfolgreichen Geschäftsmannes in mittleren Jahren, der sich zu ranger wünscht und sich mit einer pas senden partie zur Ruhe setzen möchte, sondern einer
von reiner, absoluter Leidenschaft. Ich liebe Barbara, und je schlechter sie mich behandelt, desto mehr liebe ich sie. Es wäre nicht so schlimm, wenn das SaharaSyndikat scheitern würde, als wenn sie mich zurück wiese. Lieber würde ich drei Viertel meines Vermö gens verlieren als sie. Verstehen Sie?« Sein Partner blickte ihn an, schürzte die Lippen, um zu pfeifen, erinnerte sich an Sir Roberts Tadel und schüttelte statt dessen den Kopf. »Nein«, sagte er. »Barbara ist ein nettes Mädchen, aber ich hätte nie geglaubt, daß sie solche Gefühle in einem Mann wecken könnte, der alt genug ist, ihr Vater sein zu können. Ich glaube, daß Sie das Opfer eines Wahns sind, von dem ich zwar gehört, den ich aber niemals selbst erlebt habe. Venus – oder ist es Amor – hat Sie erwischt, mein lieber Aylward!« »Oh! Bitte lassen Sie Götter und Göttinnen aus dem Spiel; von denen haben wir bereits genug gehabt«, antwortete Aylward gereizt. »So stehen die Dinge nun einmal, und ich möchte jetzt wissen, ob meine Werbung Ihre Unterstützung findet. Denken Sie dar an, daß ich ihr einiges zu bieten habe, Haswell; zum Beispiel ein großes Vermögen, von dem ich ihr die Hälfte überschreiben werde das ist immer von Vorteil in unserem Geschäft – und den Titel eines Baronets, der bald zu dem eines Peers erhöht werden wird.« »Wirklich? Ist das sicher?« »Ich denke schon. Innerhalb der nächsten drei Mo nate stehen Parlamentswahlen an, und bei einer sol chen Gelegenheit kommen einer Partei, die finanziell notleidend ist, ein- oder zweihunderttausend Pfund sehr gelegen. Ja, ich kann wohl sagen, daß es geregelt ist. Sie wird Lady Aylward sein, oder mag sich ir
gendeinen anderen Namen aussuchen, der ihr gefällt, und eine der reichsten Frauen Englands. Also: habe ich Ihre Unterstützung?« »Ja, mein lieber Freund, warum nicht? Obwohl Bar bara nicht auf Geld sieht, da sie davon selbst eine Men ge hat, in erstklassigen Papieren, die zu veräußern ich sie niemals überreden konnte, da sie in dieser Hin sicht sehr gerissen ist und sich weigert, irgendein Pa pier zu unterschreiben. Außerdem wird sie wahr scheinlich auch meine Erbin sein – und Aylward ...« – hier überschattete ein Ausdruck der Furcht sein Ge sicht – »ich weiß nicht, wie lange ich noch leben wer de. Dieser verfluchte Doktor hat heute morgen mein Herz untersucht und mir gesagt, daß es sehr schwach sei. Schwach war das Wort, das er gebrauchte, aber aus dem Ton, in dem er es sagte, entnehme ich, daß er mehr damit meinte. Aylward, ich glaube, daß ich je den Tag sterben kann.« »Unsinn, Haswell, das können wir alle«, antwortete sein Partner mit einem gespielten Optimismus, dem jede Überzeugungskraft fehlte. Schließlich blickte Mr. Haswell, der sein Gesicht in den Händen vergraben hatte, wieder auf, seufzte tief und sagte: »Oh! Ja, natürlich haben Sie meine Unter stützung denn Barbara ist meine einzige Verwandte, und ich würde sie gerne gut verheiratet wissen. Es ist von Vorteil, daß sie ohne meine Zustimmung nicht heiraten kann, zumindest nicht, bevor sie fünfund zwanzig Jahre alt ist, denn wenn sie es dennoch tun sollte, verliert sie ihr ganzes Vermögen, das dann wohltätigen Stiftungen zugute kommt, mit Ausnah me eines Einkommens von armseligen zweihundert Pfund pro Jahr. Sie müssen wissen, daß mein Bruder
John eine fast krankhafte Furcht vor einer unbedach ten Heirat hatte, und ein unbegrenztes Vertrauen zu mir, was, wie sich jetzt zeigt, für Sie von Vorteil ist.« »Und warum ist es für mich von Vorteil?« fragte Sir Robert. »Weil, mein lieber Aylward, falls ich mich nicht sehr täuschen sollte, noch ein zweiter Bewerber im Spiel ist, unser verflossener Partner Vernon, von dem Barbara übrigens recht angetan zu sein scheint, ob wohl das auf einer rein freundschaftlichen Basis be ruhen mag. Auf jeden Fall sind ihr seine Wünsche und Meinungen wichtiger als die meinen und die Ih ren zusammengenommen.« Bei der Erwähnung von Alans Namen zuckte Ayl ward heftig zusammen. »Das habe ich befürchtet«, sagte er, »und er ist zehn Jahre jünger als ich und Soldat, kein Geschäftsmann. Es ist sinnlos, davor die Augen zu verschließen, denn obwohl ich ein Baronet bin und bald ein Peer sein werde, und er nichts ist als ein bettelarmer LandGentleman mit einem D.S.O., gehört er zu uns, wenn auch in einer anderen Klasse, so wie sie auch, von der Seite ihrer Mutter her. Nun, ich könnte ihn ruinieren, denn, wie Sie sich erinnern werden, habe ich die Hy pothek auf Yarleys aufgekauft, und ich werde es auch tun, wenn es nötig sein sollte. Im Grunde genommen hat unser Freund nicht einen Shilling den er sein ei gen nennen kann. Deshalb, mein lieber Haswell – wenn Sie mich nicht hintergehen, was Sie sicherlich nicht tun werden, da ich ein gefährlicher Gegner sein kann«, setzte er mit drohendem Unterton hinzu, »hat Alan Vernon kaum eine Chance in dieser Richtung.« »Ich weiß nicht, Aylward, ich weiß nicht«, antwor
tete Haswell und schüttelte den Kopf. »Barbara ist ei ne sehr willensstarke Frau, und sie mag sich dafür entscheiden, den Mann zu nehmen und das Geld fah ren zu lassen, und was dann? Wer könnte sie daran hindern? Außerdem gefällt mir Ihre Idee nicht, Ver non zu ruinieren. Es ist nicht recht, und es mag auf unsere Köpfe zurückfallen, besonders auf den Ihren. Es tut mir leid, daß er uns verlassen hat, so wie es Ih nen am Freitagabend leid getan hat, denn irgendwie war er ein guter, ehrlicher Stock, auf den man sich stützen konnte, und wir brauchen eine solche Stütze. Doch ich bin jetzt müde; ich kann einfach nicht länger reden. Der Arzt hat mich vor Aufregungen gewarnt. Holen Sie sich die Zustimmung des Mädchens, Ayl ward, dann werden wir weitersehen. Ah! Dort kommt meine Suppe. Auf später.« Als Sir Robert zum Mittagessen herabkam, fand er, daß Barbara besonders strahlend und anziehend wirkte, als sie am Kopfende des Tisches saß und in ihrem besten Französisch mit den ausländischen Gentlemen plauderte, die ihr immer wieder Kompli mente machten. »Entschuldigen Sie meine Verspätung«, sagte er, »doch einmal hatte ich mit Ihrem Onkel zu reden, und dann habe ich in den heutigen Zeitungen die Artikel über unser kleines Unternehmen überflogen, das morgen gestartet werden soll. Eine erfreuliche Beschäftigung, alles in allem, denn mit einer oder zwei Ausnahmen sind sie alle positiv.« »Mon Dieu«, sagte der französische Gentleman, der rechts von Barbara saß, »wenn man bedenkt, was sie gekostet haben, ist das wahrlich kein Wunder. Ihre englischen Zeitungen sind so unwahrscheinlich teuer;
in Paris hätten wir das für die Hälfte haben können.« Barbara und ein paar der Gäste lachten frei heraus, da sie seine Offenheit amüsant fanden. »Aber wo haben Sie gesteckt, Miss Champers? Ich dachte, wir würden eine Runde Golf spielen. Die Caddies waren dort, ich war dort, die Greens sind heute früh extra gewalzt worden, aber Sie waren nicht da.« »Nein«, antwortete sie, »weil Major Vernon und ich zur Kirche gegangen sind und eine sehr schöne Pre digt über die Heiligkeit des Sabbat gehört haben.« »Sie sind sehr streng«, sagte er. »Halten Sie es für eine Sünde, wenn Männer, die die ganze Woche über hart gearbeitet haben, am Sonntag ein harmloses Spielchen spielen?« »Ganz und gar nicht, Sir Robert.« Dann blickte sie ihn an und setzte mit einem plötzlichen Entschluß hinzu: »Wenn Sie wollen, werde ich am Nachmittag neun Löcher mit Ihnen spielen und Ihnen bei jedem Loch einen Schlag Vorsprung geben. Oder wäre Ih nen ein Foursome* lieber?« »Nein, lassen Sie uns das Matsch allein austragen, und möge der Bessere gewinnen.« »Gut, Sir Robert; aber vergessen Sie nicht, daß ich eine hervorragende Golfspielerin bin.« »Mach nicht so ein Gesicht«, flüsterte sie Alan zu, als sie nach dem Essen durch den Garten spazierten; »ich muß die Dinge klären und wissen, was gegen uns steht. Ich bin zum Tee wieder zurück, und dann werden wir mit meinem Onkel sprechen.«
* Gruppe von vier Spielern – Anm. d. Übers.
Die neun Löcher waren gespielt, und Barbara hatte das Match mit einem Schlag Vorsprung gewonnen, worüber sie sehr stolz war, da sie sich alle Mühe ge geben hatte, und mit so vielen Vorteilen auf seiner Seite war Sir Robert, der sich ebenfalls alle Mühe ge geben hatte, kein leichter Gegner gewesen, selbst nicht für eine so gute Golfspielerin wie sie. »Ich bin besiegt worden«, sagte er mit einer Stim me, in der Verärgerung sich mit einen Lachen stritt, »und von einer Frau, der gegenüber ich im Vorteil war. Es ist beschämend, denn ich muß zugeben, daß ich nicht gern verliere.« »Glauben Sie nicht, daß Frauen fast immer gewin nen, wenn sie es wirklich darauf anlegen?« fragte Barbara. »Wenn sie es nicht schaffen, was oft genug vorkommt, liegt es meiner Meinung nach daran, daß ihnen nichts daran lag oder daß sie sich nicht ent scheiden konnten. Eine Frau, die etwas ernst meint, ist ein gefährlicher Gegner.« »Ja«, antwortete er, »oder die beste Verbündete.« Dann übergab er die Schläger und eine halbe Krone den Caddies, und als sie außer Hörweite waren, sagte er: »Miss Champers, ich habe mich schon seit einiger Zeit gefragt, ob es nicht möglich wäre, daß Sie für mich eine solche Verbündete werden könnten.« »Ich verstehe nichts vom Geschäft, Sir Robert; mei ne Neigungen liegen nicht in der Richtung.« »Sie wissen sehr gut, daß ich nicht vom Geschäft spreche, Miss Champers. Ich spreche von einer ande ren Partnerschaft, einer, die die Natur zwischen Männer und Frauen vorherbestimmt hat: der Ehe. Würden Sie mich zum Ehemann nehmen?« Sie öffnete die Lippen, um zu sprechen, doch er
hob die Hand und fuhr fort: »Hören Sie mich an, be vor Sie eine voreilige Antwort geben, die so schwer zurückzunehmen oder fortzureden ist. Ich kenne alle meine Nachteile: meine Jahre, die Ihnen als zu viele erscheinen mögen; mein bescheidenes Herkommen; mein Gewerbe, das Sie, nicht ganz ohne Grund, ver achten und mißbilligen. Nun, der erste läßt sich nicht ändern, doch der zweite ist bereits unter dem Gold und Hermelin von Reichtum in Titeln begraben. Was kommt es darauf an, daß ich der Sohn eines Stadt schreibers bin, der niemals mehr als zwei Pfund pro Woche verdiente und in einem Mietshaus in Battersea zur Welt kam, wenn ich jetzt einer der reichsten Männer dieses reichen Landes bin und als Lord in ei nem Palast sterben werde, unter Hinterlassung von Millionen und Ehren für meine Kinder? Was das dritte betrifft, mein Gewerbe, so bin ich bereit, es auf zugeben. Es hat seinen Zweck erfüllt, und in einer Woche werde ich den Betrag verdient haben, den ich mir vor Jahren zum Ziel gesetzt habe. Von da an – falls das Geschick mir keinen Strich durch die Rech nung macht – werde ich mich höheren Zielen zuwen den, den Zielen legitimen Strebens. So weit es meine Zeit erlaubte, habe ich bereits Anteil an der Politik genommen, bisher als Arbeitender, doch beabsichtige ich, ihn als Regierender fortzusetzen, wozu meine Gesundheit und meine Fähigkeiten mich prädestinie ren. Ich habe die Absicht, zu einem der führenden Männer dieses Imperiums zu werden, über alle diese Niemands zu herrschen, deren einziger Anspruch auf das Vertrauen ihrer Landsleute darin besteht, daß sie in einer bestimmten Klasse aufgewachsen sind, mit Geld in den Taschen und ohne die Notwendigkeit, ih
re besten Mannesjahre mit Arbeit verbringen zu müs sen. Mit Ihnen an meiner Seite kann ich all dies und noch mehr erreichen. Das ist die Zukunft, die ich Ih nen biete.« Wieder wollte sie ihn unterbrechen, und wieder hinderte er sie daran, da er die unausgesprochene Antwort auf ihren Lippen las. »Hören Sie! Ich habe Ihnen noch nicht alles gesagt. Vielleicht habe ich an den Anfang gesetzt, was an den Schluß gehört. Ich habe Ihnen nicht gesagt, daß ich Sie aufrichtig und ehrlich liebe, mit der zuverlässigen, unverbrüchlichen Liebe, die manchmal Männer mitt leren Alters überkommt, deren Gedanken niemals in diese Richtung gegangen sind. Ich will nicht versu chen, die Rhapsodien der Leidenschaft zu singen, was in meinem Alter lächerlich oder unpassend wäre; doch ist es wahr, daß ich von dieser Leidenschaft er füllt bin, die über mich gekommen ist und von mir Besitz ergriffen hat. Ich, der oft über solche Gefühle bei anderen Männern gelacht habe, bete Sie an. Sie sind die Freude meiner Augen. Wenn Sie nicht im Raume sind, erscheint dieser mir leer. Ich bewundere die Aufrichtigkeit Ihres Charakters und selbst Ihre Vorurteile, und wünsche, mein Lebensniveau dem Ihren anzugleichen. Ich glaube, daß kein Mann Sie jemals so lieben kann, wie ich es tue, Barbara Cham pers. Nun sprechen Sie bitte. Ich bin bereit, das Beste zu hören – oder das Schlimmste.« Barbara blickte ihm mit ruhigem Blick in die Au gen, wie es ihre Art war, und antwortete sanft und einfühlsam, denn der Stil dieses Mannes, sein Anlie gen vorzubringen, auch wenn er wortreich und of fensichtlich vorbereitet war, hatte sie gerührt.
»Ich fürchte, es ist das Schlimmste, Sir Robert. Es gibt Hunderte von Frauen, die mir auf jede erdenkliche Art überlegen sind und mit Freuden bereit wären, Ih nen die Hilfe und die Partnerschaft zu geben, nach der Ihnen verlangt, mit ihrem Herzen als Zugabe. Wählen Sie sich eine von denen, denn ich kann es nicht.« Er hörte ihre Worte, und zum erstenmal zerfiel sein Gesicht. Während der ganzen Zeit war es maskenhaft und unbewegt geblieben, selbst als er von seiner Lie be gesprochen hatte, doch jetzt zerbrach es, wie Eis unter dem Druck einer von unten pressenden Flut, und sie sah die Tiefen und Strömungen seiner Natur und verstand ihre Stärke. Nicht daß er sie mit Wor ten, wütenden oder bittenden, preisgab, denn die blieben ruhig und sachlich. Sie hörte nicht, sie sah, und es schien ihr unbegreiflich, daß allein die Verän derung des Gesichtsausdrucks eines Mannes so viel zu erklären vermochte. »Das sind sehr grausame Worte«, sagte er. »Sind Sie unabänderlich?« »Ja. Ich spiele nicht mit solchen Dingen, das wäre grausam.« »Darf ich Ihnen eine Frage stellen? Wenn Sie sie mit nein beantworten, werde ich die Hoffnung nicht auf geben. Lieben Sie einen anderen Mann?« Wieder blickte sie ihn mit ihren furchtlosen Augen an und antwortete: »Ja, ich bin mit einem anderen Manne verlobt.« »Mit Alan Vernon?« Sie nickte. »Wann ist das geschehen? Schon vor einigen Jah ren?« »Nein, heute vormittag.«
»Gütiger Himmel!« murmelte er mit heiserer Stimme und wandte den Kopf ab. »Heute vormittag! Dann wäre es gestern abend noch nicht zu spät gewe sen, und ich hätte gestern abend mit Ihnen sprechen wollen – ich hatte es mir fest vorgenommen. Ja, wenn es nicht um die Geschichte dieses verfluchten Fetischs und den Anfall Ihres Onkels gewesen wäre, hätte ich mit Ihnen gesprochen, und vielleicht mit Erfolg.« »Ich glaube nicht«, sagte sie. Er wandte sich ihr zu, und trotz der Tränen in sei nen Augen brannten sie wie Feuer. »Sie glauben ... Sie glauben«, sagte er keuchend, »doch ich weiß! Natürlich war es nach diesem Vor mittag unmöglich. Aber Barbara, ich sage Ihnen, daß ich Sie dennoch gewinnen werde. Ich bin noch nie mals gescheitert, wenn ich etwas wirklich wollte, und ich habe nicht vor, in dieser Sache zu scheitern. Ob wohl ich Vernon auf eine gewisse Weise gemocht und respektiert habe, hatte ich doch immer das Gefühl, daß er mein Feind ist, jemand, der dazu bestimmt war, Leid und Verlust über mich zu bringen, selbst wenn er dies nicht beabsichtigt. Jetzt verstehe ich, warum dem so war, und er soll erfahren, daß ich stärker bin als er. Gott stehe ihm bei, sage ich!« »Das wird er auch tun, denke ich«, antwortete Bar bara ruhig. »Sie führen jetzt wilde Reden, und ich verstehe, warum Sie es tun, hoffe jedoch, daß Sie Ihre Worte vergessen; aber ob Sie vergessen oder sich er innern, glauben Sie nicht, daß Sie mich einschüchtern können. Männer, wie Sie, die Geld gemacht haben«, fuhr sie mit wachsender Erregung fort, »die auf ir gendeine Art zu Geld gekommen sind und mit die sem Geld irgendwie Ehren und Titel gekauft haben,
halten sich für groß, und während Ihrer kurzen Tage, Ihrer sehr kurzen Tage, die mit zehn kleingedruckten Zeilen in der Times zu Ende gehen werden, sind Sie auch groß in diesem vulgären Lande. Sie können sich kaufen, was Sie wollen, Menschen kriechen vor Ihnen und betteln Sie um Almosen und Gefälligkeiten an, und Zugschaffner sprechen Sie bei jedem zweiten Schritt mit ›Mylord‹ an. Aber Sie vergessen die Gren zen, die Ihnen in dieser Welt gesetzt sind, und in der, die über Ihnen ist. Sie sagen, Sie werden dieses oder jenes tun. Sie sollten einmal ein Buch studieren, das nur wenige von Ihnen jemals gelesen haben, jene Stelle, die Ihnen sagt, daß Sie nicht wissen können, was Sie morgen sein werden; daß Ihr Leben nur wie eine Dampfwolke ist, die für einen Moment Gestalt wird und wieder verschwindet. Sie glauben, daß Sie den Mann vernichten können, dem ich mein Herz ge geben habe, weil er ehrlich ist, und Sie unehrlich, weil Sie reich sind, und er arm ist, und weil er dort gesiegt hat, wo Sie gescheitert sind. Nun, für mich und für ihn biete ich Ihnen die Stirn. Tun Sie, wonach es Sie gelüstet, und scheitern Sie dabei! Und wenn Sie ge scheitert sind, in der Stunde Ihrer höchsten Not, erin nern Sie sich der Worte, die ich heute zu Ihnen ge sprochen habe. Wenn ich Ihnen weh getan haben sollte, indem ich Sie zurückwies, so ist es nicht meine Schuld, und es tut mir leid, doch wenn Sie den Mann bedrohen, der mich mit seiner Liebe ehrt, und den ich über alles liebe, so erwidere ich diese Drohung, und mögen die Mächte, die uns schufen, ihr Urteil zwi schen Ihnen und mir fällen, wie sie es auch tun wer den.« Sie brach in Tränen aus, wandte sich rasch um und ließ ihn stehen.
Sir Robert blickte ihr nach. »Was für eine Frau«, sagte er nachdenklich, »was für eine Frau – die ich verloren habe! Nun, sie hat die Einsätze bestimmt, und wir werden das Spiel bis zum Ende spielen. Die Trümpfe scheinen alle in meiner Hand zu sein, doch würde es mich nicht im gering sten überraschen, wenn sie dennoch gewinnen wür den, denn das Element, das ich Glück nenne, und für das sie einen anderen Namen gebraucht, mag eine Rolle spielen. Dennoch, ich habe noch nie eine Her ausforderung gescheut, und wir werden das Spiel zu Ende führen, ohne Mitleid für den Verlierer.« An diesem Abend wurde die erste Karte ausgespielt. Als Sir Robert zu ›The Court‹ zurückkehrte, bestellte er sein Automobil und fuhr, angeblich dringender Geschäfte wegen, entweder zu seinem Haus, ›Old Hall‹, oder nach London, und sagte nur, er sei durch ein Telegramm fortgerufen worden. Als der SiebzigPS-Mercedes durchs Tor glitt, wurde Mr. Haswell ei ne mit Bleistift geschriebene Notiz in die Hand ge drückt. Ich habe es versucht und habe verloren – für den Moment. Das Unglück wollte es, daß A. V. mir zuvorgekommen ist, und sogar an diesem Vormittag. Wenn ich gestern abend durch Ihre Krankheit meine Chance nicht vertan hätte, wäre es gewiß anders ausgegangen. Ich habe jedoch nicht die Absicht, mein Vorhaben aufzugeben, bei dem ich mich auf Ihre Unterstützung verlasse und sie erwarte. Behalten Sie V. im Büro oder lassen Sie ihn gehen, ganz wie Sie wollen. Vielleicht wäre es besser, wenn Sie ihn dazu überreden könnten, bis nach Ausgabe
der Aktien zu bleiben. Doch wie immer Sie sich in dieser Angelegenheit entscheiden mögen, verlasse ich mich darauf, daß Sie einer Verlobung zwischen ihm und Ihrer Nichte entschieden entgegentreten und zur Erreichung dieses Zieles alle Ihre Rechte und Autorität als ihr Vormund einsetzen werden. Verbrennen Sie diese Notiz. – R. A.
6
Mr. Haswell verliert die Beherrschung
Alan und Barbara saßen in Mr. Champers-Haswells Wohnzimmer mit dem geschmacklosen Dekor, und vor ihnen, am Kaminfeuer, ruhte Mr. ChampersHaswell auf seinem Sofa. Alan hatte ihn eben mit wenigen soldatisch knappen Worten über seine Ver lobung mit Barbara in Kenntnis gesetzt. Während der Darlegung dieser interessanten Tatsache hatte Barba ra kein Wort gesagt, doch Mr. Haswell hatte mehr mals gepfiffen. Jetzt endlich sprach er, im Ton er zwungener Herzlichkeit, den er meistens gegenüber seinem Cousin anwandte. »Sie bitten um die Hand einer recht bemittelten Er bin, Alan, mein Junge«, sagte er, »doch haben Sie ver absäumt, mich über Ihre Situation zu informieren.« »Wozu soll ich Ihnen sagen, was Sie ohnehin wis sen, Mr. Haswell? Ich bin aus der Firma ausgeschie den, deshalb habe ich praktisch nichts.« »Sie haben praktisch nichts, und dennoch ... Also wissen Sie, in meiner Jugend waren die Männer ein wenig taktvoller; sie mochten es nicht, wenn man sie Mitgiftjäger nannte – aber natürlich haben die Zeiten sich geändert.« Alan biß sich auf die Lippe, und Barbara richtete sich in ihrem Sessel kerzengerade auf. Als Mr. Has well diese Reaktionen bemerkte, fuhr er eilig fort: »Wenn Sie in der Firma geblieben wären und den Betrag verdient hätten, der Ihnen in dieser Woche zugefallen wäre, anstatt uns im letzten Moment aus
irgendeiner donquichotischen, persönlichen Laune heraus zu verlassen, könnte es anders ausgesehen haben. Ich sage nicht, daß dem so wäre, sondern nur, daß dem so sein könnte, und Sie mögen sich an das Sprichwort vom Fell des Bären erinnern, der noch nicht erlegt ist. Also frage ich Sie, ob Sie geneigt wä ren, Ihren Austritt rückgängig zu machen und diese Frage später noch einmal zur Sprache zu bringen, sa gen wir, am kommenden Sonntag?« Alan dachte eine Weile nach, bevor er antwortete. Wenn er Mr. Haswell richtig verstanden hatte, war dies praktisch ein Versprechen, der Verlobung unter dieser Bedingung zuzustimmen. Die Versuchung war enorm, es war die stärkste, der er sich jemals gegen übergesehen hatte. Er blickte Barbara an. Sie hatte die Augen geschlossen und gab ihm nicht das geringste Zeichen. Aus irgendwelchen, nur ihr bekannten Gründen, hatte sie beschlossen, daß er diese wichtige Entscheidung ohne die kleinste Beeinflussung durch sie treffen sollte. Und sie mußte sofort getroffen wer den, ein Hinausschieben war unmöglich. Für einen Moment zögerte er. Auf der einen Seite war Barbara, auf der anderen sein Gewissen. Nach langen Zweifeln war er zu einem bestimmten Ent schluß gelangt, von dem er genau wußte, daß er sei nen Partnern nicht passen würde. Sollte er ihn jetzt verwerfen? Sollte er versuchen, eine bestimmte Zusa ge als Preis seiner Kapitulation zu verlangen? Die Firmengründung war unterschrieben und würde wie vorgesehen erfolgen; der Skandal würde erst später eintreten, Monate oder sogar Jahre später, und er könnte lange vorher aussteigen, wie es auch die mei sten der anderen vorhatten. Nein, er konnte es nicht
tun. Sein Gewissen würde das nicht zulassen. »Ich sehe keinen Sinn darin, diese Frage noch ein mal zu erörtern, Mr. Haswell«, sagte er ruhig; »wir haben sie am Freitagabend entschieden.« Barbara öffnete die Augen und blickte zu der be malten Decke empor, und Mr. Haswell pfiff. »Dann sehe ich keinen Sinn darin, Ihre freundliche Bewerbung um die Hand meiner Nichte noch einmal zu erörtern. Hören Sie, mein Freund, ich will ganz of fen zu Ihnen sein. Ich habe andere Pläne mit Barbara, und ich verfüge über die Autorität, sie durchzuset zen, oder zumindest ihre Durchkreuzung durch Sie zu verhindern. Wenn Barbara gegen meinen Willen heiratet, bevor sie fünfundzwanzig ist, also während der kommenden zwei Jahre, geht sie ihres ganzen Vermögens, mit Ausnahme einer armseligen Jahres rente, verlustig. Das ist bestimmt ein Faktor, der Sie beeinflussen wird, da Sie nichts haben, und selbst wenn dem nicht so sein sollte, halte ich Sie nicht für so eigensüchtig, daß Sie sie in Armut stürzen wol len.« »Nein«, antwortete Alan, »das brauchen Sie nicht zu befürchten, weil es unrecht wäre. Ich verstehe, daß Sie meinen Antrag aufgrund meiner Mittellosigkeit nicht gutheißen, was unter den gegebenen Umstän den vielleicht nicht verwunderlich ist. Nun, dann liegt die einzige Möglichkeit darin, zwei Jahre zu warten, eine lange Zeit, aber nicht endlos lang, und bis dahin werde ich versuchen, meine Situation zu verbessern.« »Tun Sie, was Sie wollen, Alan«, sagte Mr. Haswell scharf, denn jetzt war alle seine faux bonhomme – Haltung verschwunden und enthüllte seinen wahren
Charakter, den eines skrupellosen Geschäftemachers, der nur seine dunklen Ziele im Auge hat. »Tun Sie, was Sie wollen, aber merken Sie sich, daß ich jede Kommunikation zwischen Ihnen und meiner Nichte verbiete, und daß ich es begrüßen würde, wenn Sie meine Gastfreundschaft, die Sie so schmählich miß braucht haben, nicht länger in Anspruch nehmen würden.« »Ich werde sofort gehen«, sagte Alan und stand auf, »bevor ich die Beherrschung verliere und Ihnen einige Wahrheiten sage, die ich später bereuen mag, denn Sie sind schließlich Barbaras Onkel. Doch eines möchte nun ich Ihnen begreiflich machen: Ich weige re mich, mir jedes Treffen mit meiner Cousine ver bieten zu lassen, die volljährig ist und versprochen hat, meine Frau zu werden.« Damit wandte er sich zum Gehen. »Warte einen Moment, Alan«, sagte Barbara, die während der ganzen Zeit geschwiegen hatte. »Ich ha be etwas zu sagen, das du hören solltest. Du hast eben gesagt, Onkel, daß du andere Pläne für mich hast, womit du wohl meinst, daß ich Sir Robert Ayl ward heiraten soll den ich, wie du sicher weißt, heute nachmittag ein für allemal abgewiesen habe. Jetzt möchte ich dir klarmachen, daß keine Macht der Erde mich dazu bringen wird, einen Mann zu heiraten, den ich verabscheue, und dessen Reichtum, der dir so wichtig ist, meiner Meinung nach auf unehrliche Weise erworben wurde.« »Was hast du gesagt?« unterbrach ihr Onkel wü tend. »Er ist seit vielen Jahren mein Partner – du be leidigst auch mich damit.« »Es tut mir leid, Onkel, aber ich nehme kein Wort
zurück. Selbst wenn Alan tot wäre, würde ich diesen Mann nicht heiraten, und vielleicht solltest du ihm das klarmachen«, setzte sie sehr betont hinzu. »Eher würde ich sterben. Du hast uns außerdem erklärt, daß du mir das ganze Vermögen wegnehmen würdest, das mein Vater hinterlassen hat, falls ich gegen dei nen Willen heiraten sollte. Onkel, diese Befriedigung werde ich dir nicht gönnen. Ich werde warten, bis ich fünfundzwanzig Jahre alt bin und mit mir und mei nem Vermögen tun kann, was mir paßt. Und schließ lich sagtest du, daß du uns verbietest, uns zu treffen oder miteinander zu korrespondieren. Ich antworte dir darauf, daß ich Alan treffen und ihm schreiben werde, so oft und wann immer ich will. Falls du ver suchen solltest, mich daran zu hindern, werde ich vor Gericht gehen und alle Fakten auf den Tisch legen, was ich, wie mir geraten wurde, jederzeit tun kann – nicht durch Alan, übrigens – alle Fakten, wie gesagt, und einen getrennten Lebensunterhalt aus meinem Vermögen beantragen, bis ich fünfundzwanzig bin. Ich bin sicher, daß das Gericht dem Antrag stattgeben und auch erklären wird, daß Alan, angesichts seiner Herkunft und seiner Verdienste, ein durchaus pas sender Ehemann für mich ist.« »Ist es das, was du zu sagen hast?« keuchte Mr. Haswell, »ist es das, was du zu sagen hast, du freches und undankbares Gör?« Plötzlich bekam er einen Wutanfall, verfiel in eine Sprache, die hier nicht wie dergegeben werden soll, und stieß eine Flut von Dro hungen und Verwünschungen gegen Alan und seine Nichte aus. Barbara wartete, bis er vor Erschöpfung innehielt. »Onkel«, sagte sie, »du solltest daran denken, daß
du ein schwaches Herz hast und dich nicht aufregen darfst; aber wenn du, nachdem du dich beruhigt hast, noch einmal auf diese Weise zu mir sprechen solltest, werde ich sofort vor Gericht gehen, denn solche Flü che lasse ich mir nicht bieten, weder von dir, noch von irgendeinem anderen Menschen. Ich muß mich bei dir entschuldigen, Alan; ich fürchte, ich habe dich in sehr schlechte Gesellschaft gebracht. Komm, Ge liebter, wir wollen gehen und deinen Einspänner vor fahren lassen.« Sie schob ihren Arm liebevoll unter den seinen, und gemeinsam verließen sie den Raum. »Ich möchte wissen, wer sie darauf gebracht hat«, keuchte Haswell, als die Tür sich hinter ihnen ge schlossen hatte. »Irgendein lausiger Advokat, wette ich. Nun, sie hat mich in der Hand, ich kann mir kei ne gerichtliche Untersuchung leisten, besonders da sich gegen Vernon nichts anderes vorbringen läßt, als daß der Wert seines Landbesitzes gefallen ist. Aber ich schwöre, daß sie ihn niemals heiraten wird, so lange ich lebe!« Er wiederholte die Worte fast schrei end, und die bemalte Kuppeldecke warf ihr Echo zu rück: »Solange ich lebe!« Und dann war es still in dem Raum, bis auf das schwere Schlagen seines Herzens. Als Alan an diesem Abend nach einer Fahrt von zehn Meilen nach Hause kam, schickte er Jeekie zu der Haushälterin, daß sie ihm etwas zu essen mache. Auf seine geheimnisvolle afrikanische Art hatte der Neger bereits eine Menge über die Ereignisse dieses Tages in Erfahrung gebracht, zumeist von dem Gesinde des Hauses, besonders aber von den beiden GoldCaddies, Söhnen des Gärtners, die offenbar, anstatt sich mit den Golfschlägern zu entfernen, in einer
dichten Hecke in Deckung gegangen waren und von dort aus mit lebhaftem Interesse alles verfolgt hatten, was zwischen Barbara und Sir Robert gesprochen worden war. Jeekie, der einsah, daß dies nicht der richtige Moment war, um seine Neugier zu befriedi gen, ging hinaus und kam wenig später mit einer Portion kalten Hammelbratens und einer Flasche Rotwein zurück. Dann kam seine Chance, denn Alan rührte den Hammelbraten kaum an und verlangte Toast und Butter. »Sehr minderwertiger Chop« – das war das west afrikanische Wort für Essen – »für einen Gentleman, Major«, sagte er, schüttelte seinen weißhaarigen Kopf und deutete auf den Hammelbraten – »besonders für einen, der so plötzlich das wunderbare Essen in ›The Court‹ verlassen hat. Warum sind Sie nicht bis nach dem Abendessen geblieben, Major?« Alan lachte über das gestelzte Englisch des Schwarzen und antwortete auf eine mehr umgangs sprachliche Art: »Weil ich hinausgeworfen wurde. Jeekie.« »Ah! Das schien heute irgendwie in der Luft zu lie gen, Major. Sir Robert Aylward, er wurde auch hin ausgeworfen, wenn der Tritt auch von einem kleine ren Schuh erfolgte.« Wieder lachte Alan, doch da es erleichternd war, über die Angelegenheit zu sprechen, und sei es auch nur mit Jeekie, fragte er ihn: »Woher weißt du das?« »Ich schloß es aus der Atmosphäre, Major: von Sir Roberts Diener, von zwei Jungen, die Sir Roberts und Miss Barbara am neunten Loch des Golf Greens spre chen sahen, von dem Fahrer von Sir Roberts Maschine, und schließlich aus seinem eigenen, edlen Angesicht.«
»Ich sehe, du bist ein guter Beobachter, Jeekie.« »Die Beobachtung, Major, ist die Kunst des Lebens. Ich sehe, daß Miss Barbaras Augen so rot sind wie der Morgenhimmel, und ich ziehe meine Schlüsse daraus. Ich sehe Sie aus dem Haus stürzen, finster wie eine Gewitterwolke, und ich ziehe meine Schlüs se daraus. Ich horche an der Tür von Mr. Haswells Zimmer und höre ihn fluchen wie einen Heiligen der Bibel, und Sie und Miss Barbara antworten, nicht so laut wie Heilige, und was Sie sagten, konnte ich nicht hören, und ich ziehe meine Schlüsse. Jeekie schließt daraus dies: Daß Sie Miss Barbara Ihre Liebe erklär ten, auf eine für einen Gentleman ziemliche, christli che Art, wie sie auch Ihr verstorbener Reverend On kel gutgeheißen hätte, und Miss Barbara, sie tut es auch, mit zehn Prozent Zinsen, aber der alte Mann, der immer pfeift, heißt es nicht gut: er sagt: ›Wo ist Geld?‹ Er sagt: ›Der vornehme Sir Robert hat viel Geld und ist an derselben Sache interessiert. Mir ist Sir Robert lieber. Hinaus mit ihnen, weil ohne Geld!‹ Ich habe so etwas oft gesehen, als Junge in Westafri ka. Oh, das ist weit verbreitet, wo immer die Sonne scheint. Ich bemerke dies alles, und ich ziehe meine Schlüsse – das ist Jeekies Art, und Jeekie irrt sich sel ten.« Alan lachte, bis ihm die Tränen über die Wangen liefen. »Jeekie«, sagte er, »du bist ein großer Halunke!« »Ja, ja«, unterbrach Jeekie, »großer Halunke, das beste, was man in dieser Welt sein kann, Major. Der ehrenwerte Sir Robert, Bart., M.P., und Mr. Cham pers-Haswell haben das längst herausgefunden und sitzen auf der Spitze des Baums im Reiche von Opu
lenz. Jeekie ist großer Halunke, und deshalb hat er ein Sparkonto – aber reden Sie weiter, Major!« »Nun, Jeekie, wenn du auch ein Halunke bist, so bist du doch warmherzig, und weil ich glaube, daß du mich magst ...« »Oh, Major«, unterbrach Jeekie wieder, »das ist die reinste Wahrheit. Ehrenwort, ich liebe Sie, Major, mehr als jeden anderen Menschen auf der Welt, außer meiner alten Frau, die jetzt glücklicherweise tot ist, vergangen und begraben, in dem besten Eichsarg für vier Pfund zehn Shillings, zwar ohne Beschläge, doch sehr schön poliert, und vielleicht Ihres heiligen On kels Austin, ebenfalls gestorben und eingesargt, der mich vor dem frühen Dahinscheiden an einem dunklen Ort rettete. Major, ich mag keine Gräber. Ich habe zu viele davon gesehen, und ich kann nicht sa gen, was auf der anderen Seite liegt. Obwohl alle sa gen, daß sie es wissen, ist Jeekie da nicht ganz sicher. Vielleicht ist dort alles helles Licht und Glorienschein, vielleicht aber ein feuchtes Loch, aus dem kein Weg hinausführt. Aber dies zumindest ist wahr: daß ich Sie mehr liebe als Miss Barbara, denn die Liebe einer Frau ist eine sehr wackelige, ungewisse Sache, die schnell kommt und schnell geht. Jeekie hat das her ausgefunden – oft. Ja, wenn es nötig sein sollte ... – obwohl der Tod eine unangenehme Sache ist – wenn es nötig sein sollte, würde ich für Sie sterben, was ein sehr unerfreuliches Opfer ist.« Und Jeekie warf sich in dem ehrlichen Enthusiasmus seines warmen Herzens nach afrikanischer Art auf die Knie, ergriff die Hand seines Herrn und küßte sie. »Danke, Jeekie«, sagte Alan, »das ist wirklich sehr nett von dir. Aber so weit sind wir noch nicht, ob
wohl niemand wissen kann, was später passieren mag. Nun setz dich auf den Stuhl und schenk dir ei nen Whisky ein – aber nicht zu viel –, denn ich möchte dich um einen Rat bitten.« »Ich gehorche, Major.« Er ergriff die Whiskyflasche und schenkte sich ein Glas halbvoll, denn Jeekie hatte eine Vorliebe für Whisky. Diese Vorliebe hatte ihn be reits öfter in Konflikt mit dem Gesetz gebracht. »Gieße drei Viertel davon zurück«, sagte Alan, und Jeekie tat es. »Jetzt hör mir genau zu!« fuhr er dann fort. »Dies ist die Lage: Miss Barbara und ich sind ...« – er zögerte. »Oh! Ich weiß; so wie ich und Mrs. Jeekie einst«, sagte Jeekie und kippte etwas von dem unverdünnten Whisky. »Fahren Sie fort, Major!« »Und Sir Robert Aylward ist ...« »Diese Punkte sind alle völlig klar«, unterbrach Jeekie und blickte kummervoll auf sein Glas. »Kom men Sie zur Sache, Major!« »Nun, die Schwierigkeit besteht darin, daß ich, wie du eben sagtest, ohne Geld bin und deshalb ...« »Deshalb«, unterbrach Jeekie wieder, »stecken Sie mit Ihren ehrenhaften Absichten gegenüber Miss Barbara fest, wegen des Widerstandes von Mr. Has well, des gesetzlichen Onkels, der die Gewalt über ihr Vermögen hat, und der durch den edlen Sir Robert aufgehetzt wurde, der dasselbe Mädchen will.« »Sehr richtig, Jeekie, aber wenn du etwas weniger reden und mich mehr zu Wort kommen lassen wür dest, könnten wir rascher vorankommen.« »Ich werde von nun an schweigen, Major.« Er hob sein leeres Glas und blickte hindurch, als ob es ein Tele skop wäre, ein Wink, den Alan geflissentlich übersah.
»Jeekie, du verdammter, alter Narr, ich brauche Geld!« »Ja, Major, das verstehe ich! Major, verzeihen Sie, wenn ich das Schweigegebot breche, aber wenn fünf hundert Pfund auf meinem Sparkonto von Nutzen sind, stehen sie Ihnen zu Diensten. Und noch zwan zig Pfund dazu, die ich gestern abend von einem rei chen Juden erpreßt habe, der den Fetisch fürchtet.« »Jeekie, du alter Esel, ich will deine fünfhundert Pfund nicht; ich will sehr viel mehr, fünfzigtausend, oder fünfhunderttausend. Sag mir, woher ich die be kommen kann!« »Dazu ist die Stadt der beste Ort. Aber Sie haben die Stadt weggeworfen; Sie sind zu ehrlich; ist ein großer Fehler, Major, auf dieser Erde zu ehrlich zu sein: Das habe ich schon in Westafrika oft bemerkt.« »Vielleicht, Jeekie; aber ich habe genug von der Stadt. Wie du sagen würdest: für mich ist sie ausge löscht, erledigt.« »Ja, Major, zu viele Taschendiebe, zu viel Dreck. Ich verstehe.« »Aber was bleibt dann, Jeekie? Als du uns gestern abend deine seltsame Geschichte erzähltest, sagtest du etwas von einem Berg, der voller Gold ist, und von Häusern voller Gold bei deinem Volk. Jeekie, glaubst du ...« Er stockte und blickte ihn an. Jeekie rollte seine schwarzen Augen und schenkte sich in einem Anfall von Zerstreutheit mehr Whisky ein. »Glauben Sie, Major, daß dieser nutzlose Tand in die Münze des gnädigen Königs Edward einge tauscht werden kann? Das ist nicht zu schaffen, Ma jor, von niemandem, außer vielleicht von Major Alan
Vernon, D.S.O., und von einem gewissen Jeekie, christlicher Nachname: Smith.« »Sprich weiter, Jeekie!« sagte Alan und stellte die Whiskyflasche außer Reichweite. »Sprich weiter und erkläre!« »Es ist so, Major: Die Asiki machen sich nichts aus Gold, es hat keinen Wert für sie. Leute, die vor langer, langer Zeit dort lebten – ich weiß nicht, wann –, ha ben es ausgegraben und dort aufbewahrt und den großen Fetisch gemacht, den sie Bonsa nennen, um Feinde zu vertreiben, die es stehlen wollen. Es ist auch ein alter Brauch, daß jeder in dem Lande, der ein großes Nugget findet, oder einen hübschen Stein, wie ihn Ladies am Busen tragen, ihn als Opfer zu Bonsa bringt, so daß jetzt eine Menge von dem Zeug da ist. Aber niemand braucht es für irgend etwas, au ßer um es an die Mauern vom Haus von Asiki zu kle ben, oder um Schüsseln, Hocker, Tische oder Koch töpfe daraus zu machen. Einmal ist ein Araber zu ih nen gekommen, und ich habe gesehen, wie die Prie ster ihm eine eiserne Hacke mit Gold aufwogen, doch später haben sie ihn dann ermordet – nicht wegen des Goldes, sondern damit er ihr Geheimnis nicht verra ten konnte.« »Man kann also mit ihnen handeln, Jeekie?« Er schüttelte zweifelnd den weißen Kopf. »Ja, vielleicht, wenn Sie irgend etwas finden, das sie kaufen wollen und es nach Asiki-Land bringen können. Aber ich glaube, es gibt nur eins, was sie wollen, und das haben Sie, Major.« »Ich, Jeekie? Was habe ich denn?« Der Neger beugte sich vor, tippte seinem Herrn auf das Knie und sagte in verschwörerischem Ton: »Sie
haben Kleine Bonsa, die heiliger ist als alles andere, sogar heiliger als Großer Bonsa, ihr Ehemann, ich meine, sie ist ein größerer, mächtigerer Teufel. Diese Kleine Bonsa sitzt im vorderen Raum von Asikas Haus, und wenn Asika etwas sehen will, setzt sie sie in eine große Schüssel aus Gold, aber ich sage Ihnen nicht, in was sie schwimmt. Einmal oder zweimal im Jahr nehmen sie die Kleine Bonsa auch heraus; Asika trägt sie als Maske, und jenen, den sie treffen, töten sie als Opfer für die Kleine Bonsa, damit ihre Geister auf die Erde zurückkommen, um Priester Bonsas zu sein. Ich sage Ihnen, Major: dieser Gelbe Gott hat schon viele tausend Menschen sterben sehen.« »Wirklich ein reizender Fetisch«, sagte Alan. »Ich würde meinen, daß die Asiki von Herzen froh sein müßten, ihn los zu sein.« »Nein, nicht froh, sondern sehr traurig. Es gibt kein Glück mehr für sie, seitdem die Kleine Bonsa fort ist, aber viel Glück für jene, die sie haben. Das ist der Grund dafür, daß die Firma Aylward und Haswell so viel Geld verdient hat, seitdem Sie dort eingetreten sind und sie ins Büro gebracht haben. Sie färbt den Blick der Leute rosig, so daß sie keine Ratte riechen. Und deshalb haben Sie Glück gehabt: Sie sind nicht am Schwarzwasserfieber gestorben; Sie sind dieser Räuberhöhle in der Stadt entkommen; Sie haben die Liebe der lieblichen Jungfrau, Miss Barbara, gewon nen. Die Kleine Bonsa hat das alles für Sie getan, und sie wird noch viel mehr für Sie tun, so wie sie meinen alten Herrn, Ihren heiligen Onkel, sicher aus jenem Lande geführt hat, weil alle Asiki weggelaufen sind, als sie ihn mit ihr vor seinem Gesicht sahen, weil sie fürchteten, man würde sie als Opfer nehmen, nach
dem sie mein Leben gegessen hatte.« »Kein Wunder, daß sie weggelaufen sind«, sagte Alan lachend, denn die Vision eines Missionars mit der heidnischen Bonsa-Maske vor dem Gesicht war umwerfend komisch. »Aber komm endlich zur Sache, du alter Heide! Was, meinst du, soll ich tun?« »Jeekie ist kein Heide mehr, Major, aber es gibt ne ben der christlichen Religion viele andere Wahrheiten auf dieser Welt. Ich will nicht, daß Sie irgend etwas tun, doch ich sage Ihnen dies: Wenn Sie zu den Asiki gehen, mit der Kleinen Bonsa vor dem Gesicht und so gekleidet wie Ihr heiliger Onkel, dem Sie sehr ähnlich sind, denn er war vor dreißig Jahren etwa in Ihrem Alter, geben sie Ihnen alles Gold, das Sie wollen, wenn Sie ihnen dafür die Kleine Bonsa zurückgeben, die sie seit undenklichen Zeiten lieben und verehren, denn die Kleine Bonsa ist sehr, sehr alt.« Alan setzte sich in seinem Sessel auf und starrte Jeekie an, und Jeekie nickte ihm mit seinem großen weißen Kopf zu. »Da ist etwas dran«, sagte Alan langsam, mehr zu sich selbst als zu dem Neger, »und vielleicht ist das der Grund dafür, weshalb ich den Fetisch nicht ver kaufen wollte, denn, wie du sagtest, gibt es viele wahre Dinge auf der Welt neben denen, an die wir glauben. Aber, Jeekie, wie soll ich den Weg dorthin finden?« »Keine Sorge, Major, die Kleine Bonsa findet den Weg, weil sie nach Hause will; sie ist jetzt sehr hung rig und braucht dringend Opfer. Ich denke, es wäre gut, wenn Sie ein Schwein für die Kleine Bonsa töten würden – oder auch nur ein Lamm. Sie weiß, daß Sie Ihr Bestes tun, da Menschen in diesem christlichen
Lande nicht so leicht zu haben sind, und wird sagen: ›danke für das Leben des Schweins‹.« »Hör mit dem Unsinn auf!« sagte Alan. »Ich brau che einen Führer. Wenn ich gehe, wirst du mit mir kommen?« Bei dieser Frage verzog der Neger das Gesicht und wirkte überaus unglücklich. »Nicht gern, gar nicht gern«, sagte er und rollte die Augen. »Asiki-Land sehr komischer Ort für Eingebo rene. Aber ...«, setzte er trübe hinzu, »wenn Sie gehen, muß auch Jeekie gehen, denn ich bin ein Diener der Kleinen Bonsa, und wenn ich zurückbleibe, wird sie böse und tötet mich, weil ich ihr auf ihrem Wege nicht aufwarte. Aber vielleicht, wenn ich mitgehe und sie zum Gold-Haus zurückbringe, gefällt es ihr und sie tut mir nichts. Außerdem kann ich Ihnen dort hel fen. Ja, wenn Sie und die Kleine Bonsa gehen, gehe ich auch.« Nach dieser Erklärung stand Jeekie auf, nahm den Teller mit dem kalten Hammelbraten vom Tisch und ging zum anderen Ende des Raums. Dann kam er zu rück, stellte den Teller wieder auf den Tisch, trat vor Alan und sagte ernst: »Major, ich will Ihnen die ganze Wahrheit sagen, nur dieses eine Mal. Jeekie glaubt, daß er mit Ihnen nach Asiki-Land gehen muß. Jeekie hatte viele schlechte Träume in letzter Zeit. Die Kleine Bonsa ist mitten in der Nacht gekommen und hat sich auf meinen Bauch gesetzt und mein Gesicht mit ih rem goldenen Bein gekratzt, und sie hat gesagt: ›Jee kie, Jeekie, steh rasch auf und bring mich zurück nach Bonsa-Stadt, denn ich bin dieses Nebels müde und habe alles erledigt, das zu tun ich hergekommen bin. Jetzt will ich wieder ein gutes Opfer haben, und zu
Hause wartet viel Arbeit auf mich, Arbeit, von der du noch nichts verstehst. Bring mich schnell zurück, oder es wird dir leid tun, Jeekie, mein Junge‹!« Er schwieg. »In der Tat?« sagte Alan. »Und hat sie dir bei die sen mitternächtlichen Heimsuchungen sonst noch etwas erzählt?« »Ja, Major, sie hat gesagt: ›Und nehme deinen wei ßen Herrn mit auf die Reise, denn ich will auf seinem Kopf nach Asiki-Land zurückkehren, und es ist je mand dort, der ihn sehen möchte, eine alte Freundin, die er vergessen hat, die aber ihn nicht vergaß. Sag ihm, daß die Kleine Bonsa bei ihr noch eine offene Rechnung hat und ihn dazu benutzen will, sie zu be gleichen. Doch wenn er nicht gehen will, ist das eine andere Sache, und dann mag er sich hüten, denn die Kleine Bonsa ist ein gefährlicher Gegner, wenn sie er zürnt wird, wie es seine verflossenen Partner eines Tages herausfinden werden.‹« »Oh, halt endlich den Mund, Jeekie! Was nützt es, wenn du mir deine Alpträume erzählst?« »Gut. Major, wie Sie wollen. Aber ich habe noch ei nen anderen Grund dafür, daß ich bereit bin, Sie zu begleiten. Jeekie will seine Mama wiedersehen.« »Deine Mama? Du hast niemals von deiner Mutter gesprochen. Außerdem muß sie längst gestorben sein.« »Nein, Major, weil auch sie im Traum zu mir kam, sehr lebendig, und mich verfluchte, weil ich ihre Decke gestohlen habe. Sie ist eine sehr zähe, alte Frau; es ist schwer, sie zu töten.« »Vielleicht hast du auch einen Vater?« meinte Alan. »Das glaube ich nicht, Major; meine Mama sagte immer, daß sie ihn vergessen habe. Sie meint damit,
daß sie nicht über ihn reden mag, weil er so groß ist. Warum ist Jeekie so stark, so klug, und hat ein so schönes Gesicht? Natürlich weil er der Sohn eines sehr bedeutenden Mannes ist. Alles das sind die wah ren Gründe, weshalb ich mit Ihnen gehen will, Major. Trotzdem macht der arme, alte Jeekie vielleicht einen Fehler; vielleicht hat er nur geträumt, weil er am Abend zu viel gegessen hat, vielleicht ist seine Mama trotz allem tot. Und wenn dem so ist, wäre es viel leicht besser, zu Hause zu bleiben – ich weiß es nicht.« »Nein«, antwortete Alan, »ich weiß es auch nicht. Zwischen der Kleinen Bonsa und diesen und jenen Dingen schwimmt mir der Kopf – wie die Kleine Bonsa im Wasser.« »Der Große Bonsa schwimmt im Wasser«, korri gierte Jeekie. »Die Kleine Bonsa schwimmt meistens in der goldenen Schüssel.« »Ob Großer Bonsa oder Kleine Bonsa, ist mir egal. Ich gehe jetzt zu Bett, und du solltest es auch tun, nachdem du hier abgeräumt hast. Und, Jeekie, wenn du auch nur ein Wort von unserem Gespräch verlau ten läßt, werde ich sehr wütend. Hast du verstan den?« »Ja, Major, ich habe verstanden. Ich weiß, die Klei ne Bonsa wird mich wie ein Löwe anspringen und mir die Kehle durchbeißen, wenn ich über ihr Ge heimnis mit irgend jemandem spreche außer Ihnen, bei dem sie in einem fremden Lande, weit von der Heimat entfernt, lebt. Keine Angst, daß Jeekie etwas von der Kleinen Bonsa verraten wird; oh! Gar keine Angst.« Er schüttelte ernst seinen weißen Kopf, nahm wieder den Teller mit dem kalten Hammelbraten auf verließ den Raum.
Ein wilder Mischmasch von abergläubischem Un sinn, dachte Alan, als Jeekie gegangen war, aber den noch mag man irgend etwas damit anfangen können. Offenbar gibt es wirklich eine Menge Gold in diesem Asiki-Lande, und wenn man die Leute zu einem Handel bewegen könnte ... Dann, da er von Jeekie und seinen Stammesgöttern genug hatte, zündete er seine Pfeife an und dachte ei ne Weile an Barbara und all die Ereignisse dieses tu multuösen Tages. Trotz seiner Zurückweisung durch Mr. Haswell und der Schwierigkeiten und Gefahren, die ihm drohten, fühlte er, daß es ein glücklicher Tag gewesen war. Denn hatte er nicht entdeckt, daß Bar bara ihn von ganzem Herzen und mit ganzer Seele liebte, so wie er sie liebte? Und da dem so war, ließ ihn alles andere ziemlich kalt. Die Zukunft mußte für sich selbst sorgen; für diesen Tag reichte ihm dessen Freude. Also ging er zu Bett und schlief bald ein. Aber er schlief nicht lange ungestört, denn bald kam er ins Träumen, etwas von dem Großen Bonsa und der Kleine Bonsa, welche zu beiden Seiten seines Bettes saßen, oder vielmehr schwebten, und über ihn hin weg ein endloses Gespräch führten, während Jeekie und Sir Robert Aylward, die am Kopf-, beziehungs weise Fußende des Bettes hockten, wie die Symbole der guten und der bösen Dämonen auf einem moha medanischen Grab, als eine Art irrer Chor fungierten. Er drückte den Glockenknopf seiner Repetieruhr, es war erst eins, also versuchte er wieder einzuschlafen, was ihm jedoch nicht gelang. Noch nie zuvor war er so hellwach gewesen. Eine Stunde oder länger versuchte er vergeblich,
wieder Schlaf zu finden, schließlich sprang er aus dem Bett und fragte sich, was er tun könnte, um seine Gedanken zu beschäftigen. Plötzlich fiel ihm das Ta gebuch seines Onkels, des Reverend Mr. Austin ein, das er zusammen mit dem Gelben Gott und ein paar anderen Dingen geerbt, doch niemals gelesen hatte. Es waren mehrere Bände, die er vor fünfzehn Jahren, kurz bevor er in die Armee eingetreten war, in einer Kiste in der Bibliothek verstaut hatte, wo sie zweifel los verblieben waren. Nun, da er ohnehin nicht schla fen konnte, warum sollte er sie nicht jetzt durchsehen und sich damit für ein paar Stunden die Zeit vertrei ben? Er zündete eine Kerze an und ging zur Bibliothek hinunter, einem sehr alten und schönen Raum mit schwarzen Eichenpaneelen zwischen den Bücherre galen, die aus der elisabethanischen Epoche stamm ten. Hinter diesen Paneelen befanden sich Schränke, und in einem von ihnen stand die bewußte Kiste, die aus Teakholz gefertigt war. Auf ihrem Deckel stand in Druckbuchstaben: REVEREND HENRY AUSTIN – PASSAGIER NACH ACCRA, was zeigte, daß sie einst seines Onkels Kabinengepäck gewesen war. Der Schlüssel hing an dem Griff, und nachdem Alan weitere Kerzen angezündet hatte, nahm er sie heraus und schloß sie auf. Der Geruch von staubigen, ver gilbten Papieren, die zu dicken Bündeln zusammen geschnürt waren, schlug ihm entgegen. Er nahm ei nes nach dem anderen heraus und legte sie auf den Fußboden. Es war eine bedrückende Beschäftigung, allein dort in jenem großen, stillen Raum mitten in der Nacht, eine, die ihm bald zuwider wurde, da sie ihn irgendwie an das Berauben von Grabkammern in
einer Krypta erinnerte. Vor ihm lagen die sorgsam verwahrten Aufzeichnungen eines guten, wenn auch nicht bedeutenden Lebens, und bis zu diesem Mo ment hatte er nie die Energie aufbringen können, sie auch nur durchzusehen. Schließlich kam er zum Ende der Papierbündel und sah, daß sich unter ihnen eine Reihe dicker Schreib kladden befand, deren Rücken nach oben wiesen und mit dem Wort Tagebuch beschriftet waren, und jeweils das Jahr und manchmal auch den Aufenthaltsort des Verfassers angaben. Als e r sie mit wachsender Bestür zung anstarrte, da es ihrer sehr viele waren, fiel sein Blick schließlich auf eine mit der Aufschrift Westafrika, von denen es noch weitere gab, doch trug diese in Klammern den zusätzlichen Hinweis: Dieser Band enthält alles, was von meinen Notizen über meine und Jeekies Flucht von den Asiki-Teufelsanbetern übriggeblieben ist. Alan nahm es heraus, und nachdem er die Kiste wieder gefüllt und verschlossen hatte, nahm er es mit in sein Schlafzimmer, wo er es im Bett liegend zu le sen begann. Er stellte jedoch bald fest, daß es nicht viel zu lesen gab, da der größte Teil der eng beschrie benen Seiten so von Wasser durchweicht worden sein mußte, daß die Bleistiftschrift völlig unleserlich ge worden war. Die mittleren Teile der Kladde, die nicht durchweicht worden waren, konnten jedoch noch entziffert werden, zumindest teilweise, und auf die sen Seiten befand sich auch eine Karte, die in Tinte und offenbar zu einem späteren Zeitpunkt ausgeführt worden war, und auf ihrer Rückseite stand: Ich habe vor, bei passender Gelegenheit die ganze Geschichte meines Besuches bei dem unbekannten Volk der Asiki neu zu schreiben, da meine ursprünglichen Notizen verlorengin-
gen, als das Kanu in den Stromschnellen kenterte und wir den größten Teil unserer ohnehin geringen Habe einbüßten, mit Ausnahme dieses Tagebuches und der goldenen Fetischmaske, die Kleine Bonsa oder Kleiner Schwimmender Kopf genannt wird. Ich denke, daß ich so ziemlich alles mit der Hilfe Jeekies aus der Erinnerung rekonstruieren kann, doch da diese Angelegenheit lediglich von persönlichem und nicht von religiösem Interesse ist, weil es mir nicht gelang, das Wort unter jenen umnachteten und blutrünstigen Wilden zu verbreiten, in deren Lande, wie ich ehrlich glaube, der Teufel einen seiner Hauptwohnsitze hat, muß dieses Vorhaben warten, bis sich eine Gelegenheit dafür ergibt, wie eine Krankheit oder meine alten Tage. – H. A. P.S.: – Ich sollte voll Dankbarkeit hinzufügen, daß mir die Möglichkeit gegeben wurde, einen Brand aus den Flammen dieses Höllenfeuers zu retten, nämlich den Negerjungen Jeekie, dessen außergewöhnliche Klugheit und Treue ich das Gelingen meiner Flucht verdanke. Nach langem Zögern hatte ich schließlich das Gefühl, ihn taufen zu können, obwohl ich fürchte, daß Jeekie nach wie vor stark vom Heidentum seiner Heimat geprägt ist. So habe ich ihn erst vor knapp sechs Monaten dabei erwischt, daß er einen weißen Hahn vor dieser Maske, der Kleinen Bonsa, opferte, aus Dankbarkeit dafür, wie er zu meinem Entsetzen erklärte, daß er zum Canon ehrenhalber unserer Kathedrale ernannt wurde. Ich habe ihm gesagt, er solle diese häßliche Maske, die schon so oft in menschlichem Blute badete, zum Küchenfeuer tragen und dort – nach Entfernung der die Augen darstellenden Juwelen – einschmelzen solle, damit der Erlös den Armen gegeben werden könne.
Anmerkung: Ich sollte mich lieber selbst darum kümmern, denn wo es um die Kleine Bonsa geht, kann man Jeekie nicht trauen. Er sagt (unter einigen Entschuldigungen) daß sie magische Kraft besitze, und daß, wenn sie eingeschmolzen würde, auch er zerschmelzen würde, und genauso ich. Wie finster und lächerlich sind doch diese abergläubischen Vorstellungen der Heiden! Vielleicht werde ich das Ding, anstatt es zu zerstören, an ein Museum verkaufen und so die Gefühle jenes schwachen Gefäßes, Jeekie, schonen, der es sich sonst in den Kopf setzen könnte, zu verkümmern und zu sterben, wie es diese Afrikaner häufig tun, wenn ihre Nerven von der Angst vor ihrem Fetisch beherrscht werden.
7
Das Tagebuch
Alan überlegte, daß die Zeit Jeekie in dieser Hinsicht kaum verändert hatte, als er diese Wegekarte mit großer Sorgfalt studierte und feststellte, daß die Route in Alt-Calabar, in der Bucht von Biafra, an der Westküste Afrikas, begann, und von dort aus den Großen Qua-Fluß hinaufführte, dem sie eine weite Strecke folgte. Dann durchquerte sie, nach Norden abbiegend, ein Gebiet, das mit ›dichter Wald‹ be zeichnet war, bis sie auf einen Fluß namens Katsena stieß, an dessen Ufer entlang sie ostwärts führte. Von dort verlief sie wieder in nördlicher Richtung durch große Sümpfe und endete schließlich in einem Gebir ge namens Shaku. In der Mitte dieser Bergwelt stan den die Worte: Das Volk der Asiki lebt hier an den Ufern des Raaba-Flusses. Die Karte war grob maßstabgerecht gezeichnet, und Alan, der als Ingenieur mit solchen Dingen ver traut war, kalkulierte rasch die Entfernung dieses Ra aba-Flusses von Alt-Calabar, die in der Luftlinie etwa 350 Meilen betrug, wenngleich die tatsächlich zu rückzulegende Strecke mindestens 500 Meilen betra gen mußte. Nachdem er sich die Karte eingeprägt hatte, öffnete er das vom Wasser beschädigte Tagebuch. Während er Seite um Seite umblätterte, konnte er nur da und dort einen Satz entziffern, so wie diesen: ... also wies ich diese schöne, doch schreckliche Frau zurück. Ich, ein christlicher Missionar als Gemahl einer heidnischen Prie-
sterin! Welch ein Gedanke! Eher würde ich mich Bonsa zum Opfer bringen lassen. Es folgten einige unleserliche Seiten, und dann konnte er wieder einen kurzen Abschnitt entziffern: Sie gaben mir ›Die Bohne‹ in einem goldenen Becher, und da mir ihre Wirkung bekannt war, bereitete ich mich auf den Tod vor. Doch zu meinem Glück wies mein Magen, der von jeher empfindlich war, das Gift sofort zurück, das mich jedoch für mehrere Tage unpäßlich werden ließ. Woraufhin sie alle in die Hände klatschten und sagten, ich sei offensichtlich unschuldig und ein großer Medizinmann. Und ein Stück weiter: Noch nie hatte ich so viel Gold gesehen, ob als Staub, als Nuggets oder zu irgendwelchen Gegenständen verarbeitet. Es mußte viele Millionen wert sein, denke ich, doch zu jener Zeit war Gold das letzte, womit ich mich belasten wollte. Dieser Eintragung folgten viele absolut unleserliche Seiten. Die letzte lesbare Passage lautete: Also lief ich, geführt von dem Jungen, Jeekie, und mit der Goldmaske, Kleine Bonsa, vor meinem Gesicht, durch die Menge der Asiki, und hielt dabei Jeekie bei der Hand, als ob ich ihn gewaltsam mit mir zerrte. Ich muß einen seltsamen Anblick geboten haben, als ich, in meiner fadenscheinigen Kutte, mit nackten Beinen und mit der Goldmaske, um ihnen als einer der Teufel zu erscheinen, die sie anbeten, im Lichte des Mondes zwischen ihnen hindurch rannte und dabei brüllte wie ein Stier ... Dies war der Beginn meiner entsetzlichen, sechs Monate währenden Reise zur Küste. Abgesehen von der Gnade der Vorsehung, die mich für ihre Zwecke erhielt, hätte ich sie jedoch niemals lebend erreicht, wenn es nicht um die Kleine Bonsa gewesen wäre, da dieser Fetisch, wie ich zu meinem Erstaunen feststellte, über
Hunderte von Meilen bekannt und gefürchtet war, und das von Menschen, die ihn noch nie gesehen hatten – ja, selbst von den wilden Kannibalen. Wo immer er gezeigt wurde, erschienen Nahrung, Träger, Kanus und was immer wir sonst brauchten, wie durch Zauberei. Groß ist der Ruhm des Großen und der Kleinen Bonsa in jenem Teil Afrikas, obwohl die weiter entfernt lebenden Stämme, so seltsam es auch erscheinen mag, sie nur selten bei ihren Namen nennen. Wenn sie von einem der Fetische sprechen, welche nach ihren Vorstellungen Mann und Frau sind, bezeichnen sie sie als den ›Gelben-Gott-der-jenseits-lebt‹. Nicht ein einziges weiteres Wort dieser seltsamen Geschichte konnte Alan entziffern, und so schloß er mit brennenden Augen die stockfleckige und zer fledderte Kladde, und fiel endlich, während der neue Tag bereits zu dämmern begann, in tiefen Schlaf. Gegen elf Uhr dieses Vormittags, da er lange geschla fen hatte, erhob sich Alan vom Frühstückstisch und trat mit seiner Pfeife in die offene Tür der wunderba ren Halle von Yarleys, die, wie die Bibliothek, mit eli sabethanischer Eiche getäfelt war, für die jeder Anti quitätenhändler Hunderte von Pfund auf den Tisch geblättert hätte. Es war ein herrlicher Morgen, einer von jenen, die manchmal im April zu uns nach Eng land kommen, wenn die Luft so lind ist wie die Luft Italiens, wenn der Geruch der Erde wie der Duft von Weihrauch aufsteigt, und kleine Wolken langsam über einen strahlendblauen Himmel segeln. Als er so in der Tür stand, blickte er in den Park hinaus, wo die Ulmen bereits einen Anflug von Grün zeigten und die Eschen pechschwarze Knospen. Nur die Walnuß bäume und die hohen Eichen, manche von ihnen Rie
sen, die tausend Jahre alt waren, boten sich noch in ihrer winterkahlen Nacktheit dar. Alan war in nachdenklicher Stimmung und fragte sich, wie viele seiner Vorväter wohl in den frühen Stun den eines solchen Apriltages an dieser selben Stelle gestanden und gesehen haben mochten, wie jene sel ben Bäume vom Atem des Frühlings erweckt wur den. Nur die Bäume und das Land wußten das, jene Bäume, die bei jedem von ihnen Zeugen ihrer Geburt, ihrer Taufe, ihrer Hochzeit und ihres Begräbnisses gewesen waren. Die Männer und Frauen selbst waren vergessen. Ihre Porträts, die jeden in der Kleidung seiner Epoche zeigten, hingen da und dort an den Wänden des alten Hauses, das sie einst besessen und bewohnt hatten, doch wer erinnerte sich noch an ir gend etwas von ihnen? In vielen Fällen waren sogar ihre Namen verloren gegangen, denn da sie glaubten, daß sie, die in ihrer Zeit so überaus wichtig waren, niemals in Vergessenheit versinken könnten, hatten sie es nicht für nötig gehalten, diese auf ihren Porträts zu verzeichnen. Und jetzt stand das Ende bevor. Wenn es ihm nicht gelingen sollte, irgendeine Lösung zu finden, würde das, was von dem alten Besitz übrig geblieben war – denn die weiter entfernt liegenden Ländereien hatten längst verkauft werden müssen –, unter den Hammer kommen und das Eigentum irgendeines raffgierigen und erfolgreichen Mannes werden, der eine Familie vorweisen wollte und eines kommenden Tages viel leicht behaupten würde, daß die an diesen Wänden hängenden Porträts die seiner eigenen Vorfahren sei en, und er den Besitz gekauft habe, weil er der letzte Sproß eines anderen Zweigs dieser alten und völlig
verarmten Sippe sei. Nun, so war es nun einmal auf dieser Welt, und vielleicht mußte es so sein, doch der Gedanke stimmte Alan tieftraurig. Wenn er bei der Firma hätte bleiben können, würde es vielleicht anders aussehen. Um diese Stunde saßen seine ehemaligen Partner, Sir Robert Aylward und Mr. Champers-Haswell, zwei fellos in ihrem Bürohaus in der Stadt, vielleicht im Gespräch mit Lord Specton, der nun seinen Platz im Vorstand des großen Syndikats eingenommen hatte, dessen Aktien heute auf den Markt kamen. Zweifel los waren Bestellungen für Aktien zuhauf mit der Morgenpost und per Telegramm angekommen, und Mr. Jeffreys meldete respektvoll ihre Anzahl und die entsprechenden Beträge, während Sir Robert unbe teiligt blieb und Mr. Haswell sich die Hände rieb und fröhlich pfiff. Fast mußte er sie beneiden, diese Män ner, die inmitten von Hektik und Aufregung der harten Finanzwelt große Vermögen erwarben, wäh rend er ohne einen Penny vor der Tür stand und zu den Bäumen hinüberstarrte, und zu den Mutterscha fen, die zwischen ihnen ihre Lämmer führten, er, der trotz aller harter Arbeit nur ein Versager war. Mit ei nem Seufzen wandte er sich ab, um seine Mütze zu holen und hinauszugehen – er hatte einen Pächter, mit dem er sprechen mußte, ein unzuverlässiger, un zufriedener Mann, der ständig neue Gebäude und ei nen Nachlaß der Pacht verlangte. Wie sollte er neue Gebäude bezahlen? Er mußte die Forderungen des Mannes abweisen, selbst wenn das zur Aufkündi gung der Pacht führen sollte. In diesem Moment drang ein schrilles Geräusch an sein Ohr, das Läuten einer elektrischen Klingel. Es
kam von dem Telephonapparat, den er in Yarleys hatte installieren lassen, als er in die Londoner Firma eingetreten war – eine für seine Verhältnisse erhebli che Ausgabe –, damit er stets mit dem Londoner Büro in Verbindung war. Rufen sie mich aus alter Ge wohnheit an? fragte er sich. Er trat zu dem Apparat, der an der Wand des kleinen Raumes befestigt war, den er als Arbeitszimmer benutzte, und nahm den Hörer vom Haken. »Wer spricht dort?« fragte er. »Hier ist Yarleys. Alan Vernon.« »Und hier ist Barbara«, lautete die Antwort. »Wie geht es dir, Liebster? Hast du gut geschlafen?« »Nein, sehr schlecht.« »Die Nerven – Alan, du hast schlechte Nerven. Obwohl ich einen schlimmeren Tag hatte als du, bin ich um neun ins Bett gegangen und habe, behütet von einem absolut reinen Gewissen, bis neun Uhr mor gens fest geschlummert, genau zwölf Stunden lang. War es nicht schlau von mir, an dieses Telephon zu denken, das dir sicher nicht eingefallen wäre? Mein Onkel ist nach London gefahren, nachdem er mir ge schworen hatte, daß kein Brief von dir dieses Haus erreichen würde, aber er hat vergessen, daß es hier in jedem Zimmer ein Telephon gibt, und ich spreche in diesem Moment von einem Apparat, der sich unmit telbar neben seinem Arbeitszimmer befindet. Geseg net sei der Mann, der das Telephon erfand, das ich bisher immer für einen furchtbaren Unsinn gehalten habe. Bist du in guter Stimmung, Alan?« »Ganz im Gegenteil«, antwortete er; »ich habe mich noch nie in meinem Leben so deprimiert gefühlt, nicht einmal, als ich glaubte, innerhalb weniger Stun
den am Schwarzwasserfieber sterben zu müssen. Au ßerdem gibt es eine Menge, worüber ich mit dir spre chen muß, und das kann ich nicht am Ende dieses verdammten Drahtes tun, an dem dein Onkel mithö ren mag.« »Ich dachte es mir«, antwortete Barbara, »deshalb habe ich ja angerufen, um dir einen guten Morgen zu wünschen und dir zu sagen, daß ich mit dem Auto mobil zum Mittagessen hinüberkomme – mit meiner Zofe Snell als Anstandswauwau. Kein Widerspruch, ich komme zum Essen hinüber – ich kann dich nicht hören – mir ist es egal, was die Leute reden mögen. Ich bin gegen ein Uhr dort, also sei gefälligst zu Hau se. Bis dann! Ich mag nicht viel essen, aber laß etwas für Snell und den Chauffeur vorbereiten. Auf Wie dersehen.« Dann war die Leitung tot und alles »Hallo!« und »Bist du noch da?« von Alan vermochte ihm nicht ei ne Silbe zu entlocken. Nachdem er das beste Mittagessen geordert hatte, das seine alte Haushälterin zustande bringen konnte, verließ Alan das Haus in weitaus besserer Stimmung, die noch weiter gehoben wurde, als es ihm gelang, den Pächter zu überreden, noch ein Jahr ohne neue Gebäude zurechtzukommen. In einem Jahr, überlegte er, konnte alles mögliche geschehen. Dann kehrte er zum Hause zurück, auf einem Weg, der durch den Wald führte, wo mehrere frisch gefällte Eichen darauf warteten, entrindet zu werden. Es war dies kein er hebender Anblick; es schien so grausam, die mächti gen Bäume in dem Moment zu töten, da sie gerade ihre Knospen für einen neuen Lebenssommer durch die Rinde schoben. Doch tröstete er sich damit, daß
sie wirklich zu eng gestanden hatten und das Holz dringend gebraucht wurde. Als er zum Haus zurückkam, mit einem Strauße weißer Veilchen, die er an einer geschützten Stelle für Barbara gepflückt hatte, entdeckte er ein Automobil, das mit erheblich mehr als zulässiger Geschwindig keit die Walnuß-Allee entlangfuhr, die sein ganzer Stolz war. In ihm saßen jene junge Lady und ihre Zo fe, Snell, eine Frau mittleren Alters, mit der er auf be sonders gutem Fuße stand, da er einmal Gelegenheit gehabt hatte, ihr unter einigen Schwierigkeiten für sich selbst behilflich zu sein. Das Automobil hielt vor der Vordertür, und Barba ra sprang heraus, fröhlich lachend und so frisch und blühend anzusehen wie der Frühling selbst. »Das wird einen Skandal geben, Liebling«, sagte Alan und schüttelte den Kopf, als sie endlich allein in der Halle waren. »Natürlich wird es einen Skandal geben«, antwor tete sie. »Ich will, daß es einen Skandal gibt. Ich will, daß es jeden Tag einen Skandal gibt, wenn das not wendig sein sollte, bis sie mich in Ruhe meines We ges gehen lassen, und wenn sie es nicht tun, werde ich, wie bereits angekündigt, vor Gericht gehen und es um Schutz bitten. Oh! Ich habe dir ein Exemplar des Judge mitgebracht. Das Blatt bringt einen absolut vernichtenden Artikel über dieses Sahara-Syndikat, in dem sie auch erwähnen, daß du die Firma verlassen hättest, und dir dazu sehr herzlich gratulieren.« »Die beiden werden annehmen, daß ich ihn lanciert habe«, stöhnte Alan, als er einen Blick auf die Über schriften warf, deren scharfe Formulierung fast belei digend war, und auf die Zusammenfassung der fi
nanziellen Karrieren von Sir Robert Aylward und Mr. Champers-Haswell. »Dafür werden sie mich noch mehr hassen, und ich sage dir, Barbara, daß wir nicht zwei Jahre lang in einer Atmosphäre ständigen Kleinkrieges leben können.« »Ich kann es, wenn es nötig sein sollte«, antwortete diese entschlossene, junge Frau. »Aber ich sehe ein, daß es für dich sehr belastend werden könnte, wenn du hierbleibst.« »Darum geht es ja, Barbara. Ich kann nicht hier bleiben; ich muß fortgehen, und je weiter fort, desto besser, bis du deine eigene Herrin bist.« »Wohin, Alan?« »Nach Westafrika, denke ich.« »Nach Westafrika?« wiederholte Barbara mit ein wenig zitternder Stimme. »Um nach jenem Schatz zu suchen, Alan?« »Ja, Barbara. Aber jetzt iß erst einmal, dann werden wir darüber reden. Es gibt vieles, das ich dir sagen und zeigen muß.« Also aßen sie und sprachen dabei von anderen Dingen, da das Hausmädchen dabei war und sie be diente. Als sie gerade fertig waren, trat Jeekie ins Zimmer, mit einer Kiste und einem großen Briefum schlag, die durch Boten von dem Londoner Büro an Alan geschickt worden waren. »Was ist in der Kiste?« fragte Alan und blickte ein wenig nervös auf den Umschlag, dessen Adresse in einer ihm bekannten Handschrift geschrieben war. »Ich bin nicht sicher, Major«, antwortete Jeekie, »doch ich glaube, Kleine Bonsa; ich denke, daß ich sie durch das Holz riechen kann. Die Kleine Bonsa hat immer einen süßen Duft.«
»Dann sieh nach!« sagte Alan, während er das Sie gel des Umschlages erbrach und seinen Inhalt her auszog. Er bestand aus verschiedenen Schriftstücken, die von den Anwälten der Firma ausgestellt waren, darunter eines, das die Auflösung der Partnerschaft formell bestätigte und von ihm abgezeichnet werden mußte, bevor es in der Gazette erscheinen konnte, so wie ein zweites, durch das die Hypothek auf Yarleys in Höhe von fünfzehntausend und einigen Pfund zu rückgefordert wurde, welche von der Firma über nommen worden war, als er den Partnerschaftsver trag abgeschlossen hatte; außerdem eine Zusammen stellung verschiedener Beträge, deren Aufrechnung einen geringen Betrag zu seinen Ungunsten auswies, und schließlich eine von ihm zu unterzeichnende Quittung über die Rückgabe des Goldfetischs, der sein Eigentum sei und ebenfalls abgeliefert werden würde. »Sieh dir das an!« sagte Alan seufzend und schob Barbara die Papiere zu, die sie sorgfältig, eins nach dem anderen, las. »Ich verstehe«, sagte sie dann. »Es herrscht also Krieg bis aufs Messer. Alan, mir gefällt diese Vor stellung ganz und gar nicht, und vielleicht wäre es besser, wenn du fortgehen würdest. Solange du hier bist, werden sie dir das Leben zur Hölle machen.« Währenddessen hatte Jeekie mit einem großen Ta schenmesser und unter Zuhilfenahme des Schürei sens aus dem Kamin den Deckel von der Kiste ge stemmt. Barbara, die zufällig in seine Richtung blick te, sah, daß er auf den Knien lag und den Kopf beug te, bis die Stirn das Objekt berührte, das sich in der Kiste befand, wobei er etwas in einer unverständli
chen Sprache murmelte. »Was tust du da, Jeekie?« fragte sie ihn. »Ich verneige mich vor der Kleinen Bonsa, Miss Barbara, sage ihr, wie froh ich bin, daß sie aus der Stadt zurückgekehrt ist. Sie mag es, wenn man sie willkommen heißt. Jetzt müssen Sie herkommen und sich auch verbeugen. Die Kleine Bonsa wird das als Kompliment auffassen.« »Ich werde mich nicht verbeugen, aber ich werde sie mir ansehen, Jeekie, denn obwohl ich schon so viel von diesem Gelben Gott gehört habe, hatte ich noch keine Gelegenheit, ihn genauer zu betrachten.« »Sehr gut. Kommen Sie her und sehen Sie die Klei ne Bonsa an, Miss!« Mit diesen Worten kantete Jeekie die Kiste an ein Bein des Eßtisches. Da Barbara von oben kaum etwas erkennen konnte, kniete sie sich auf den Boden, um besser sehen zu können. »Gütiger Himmel!« rief sie. »Was für ein furchtba res Gesicht – doch auch schön, auf seine Art.« Kaum waren die Worte von ihren Lippen, als aus irgendeinem unerklärlichen Grund, der wahrschein lich mit der Verlagerung des Schwerpunktes zu tun hatte, die Kleine Bonsa plötzlich aus ihrer Kiste zu gleiten oder zu fallen schien. Und sie schnellte sich direkt auf Barbara zu, die einen kleinen Schrei aus stieß und aus Furcht, daß das wertvolle Stück be schädigt werden könnte, die Maske mit ihren Armen auffing und für einen Moment an ihre Brust drückte. »Gerettet!« rief sie, erhob sich und stellte sie auf den Tisch, woraufhin Jeekie zu ihrer Verwunderung eine Art Kriegstanz aufzuführen begann. »O ja«, sagte er, »gerettet, sehr gerettet! Alles ist ge rettet! Dies ist ein wunderbares Omen. Die Lady kniet
vor Kleine Bonsa, und Kleine Bonsa springt aus Kiste, verneigt sich und hüpft in Ladys Arme. Das ist gro ßes, erstklassiges Glück für die Lady und alle ande ren. Wenn Kleine Bonsa das tut, hat man nichts mehr zu fürchten. Alles wird klar wie Sonnenschein.« »Unsinn«, sagte Barbara lachend. Dann setzte sie aus sicherer Entfernung die Betrachtung des Fetischs fort. »Sehen Sie hier!« sagte Jeekie und deutete auf die mißgestalteten winzigen Beine, die dennoch so ge formt waren, daß die Figur auf ihnen stand. »Wenn jemand Kleine Bonsa trägt, bindet er sie sich vor das Gesicht; sehen Sie, hier an den Beinen sind noch die selben, alten Lederriemchen. Jetzt werde ich sie auf setzen, denn sie mag wieder einmal getragen wer den.« Mit einer raschen Bewegung drückte er sich die Maske vors Gesicht und verknotete die fettigen, alten Lederstreifen hinter dem Kopf. So angetan wirkte der riesige Neger wahrhaft furchterregend. »Ich kann Sie sehen, Miss«, sagte er und richtete die aus opalartigen Steinen bestehenden Augen, die durch winzige Rubine wie blutunterlaufen wirkten, auf Barbara. »Ich sehe Sie, und Sie können mich nicht sehen, da diese Augen sehr schlau gemacht sind. Aber hören Sie, denn Sie können mich hören.« Und plötzlich ertönte aus der Maske, hervorgerufen durch eine darin verborgene Einrichtung, ein lautes Pfeifen, das sie erschauern ließ. »Nimm das Ding sofort wieder ab, Jeekie!« sagte Alan. »Wir wollen keine Banshees* hier haben!« »Banshees? Die kenne ich nicht, das sind vielleicht * Todesfeen – Anm. d. Übers.
armselige englische Fetische«, sagte Jeekie, während er die Maske ablegte. »Sie ist ein wirklicher, afrikani scher Gott, der alle Banshees und solches Gelichter fortpfeift. Dies ist die Kleine Bonsa, zehntausend Jah re alt oder mehr, hat viele Leben aufgegessen, so vie le, daß niemand sie zählen kann, und sie wird fort fahren, Leben zu essen, für immer und ewig, ja, bis in die dreißigste oder vierzigste Generation, wie die zehn Gebote es niederlegen zunutzen eines christli chen Menschen wie mich. Blicken Sie sie noch einmal an, Miss Barbara!« Barbara nahm das häßliche, uralte Ding in die Hände und studierte es eingehend. Niemand konnte das hohe Alter dieser Maske anzweifeln, denn das Goldblech, aus dem sie bestand, war regelrecht abge scheuert an den Stellen, wo sie die Stirnen der Hohe priester oder -priesterinnen berührt hatte, von denen sie bei festlichen Gelegenheiten oder bei Opferungen getragen worden war, was bewies, daß Hunderte und Aberhunderte sie nacheinander auf diese Weise be nutzt hatten. Das gleiche galt auch für die pfeifenarti ge Einrichtung im Mund der Maske und für die win zigen, krötenartigen Füße, auf denen sie stand. Und die Oberfläche des Goldes war außerdem da und dort verätzt, wie von Säuren oder Salzen, doch wagte sie nicht zu fragen, was für Salze das gewesen sein mochten. Dennoch war dieses Objekt von einer sol chen Kunstfertigkeit, daß das zernarbte, schöne Ge sicht der Kleinen Bonsa sie immer noch mit demsel ben teuflischen Lächeln anblickte, das sie getragen hatte, als sie die Hände ihres Schöpfers verließ, wahr scheinlich lange bevor Mohammed seinen heiligen Krieg ausrief, oder noch viel früher.
»Was bedeutet diese Inschrift?« fragte Barbara und deutete auf lange Reihen runenartiger Buchstaben auf der Innenseite der Maske. »Das weiß ich nicht, Miss; ich glaube, das ist eine tote Sprache, und die Worte wurden zu Anbeginn der Zeit eingeritzt, als schwarze Menschen schreiben konnten. Aber die Asiki-Priester schwören, daß sie jeden einzelnen Buchstaben in ihrer Erinnerung ha ben, und das ist der Grund dafür, weshalb niemand die Kleine Bonsa kopieren kann, denn sie sehen nur hinein und erkennen, ob die Zeichen richtig sind. Sie sagen, es sind die Namen all jener, die für die Kleine Bonsa sterben müssen, und wenn sie damit fertig ist, beginnt sie von vorn, denn die Kleine Bonsa stirbt nie. Aber vielleicht lügen die Priester.« »Das denke ich auch«, sagte Barbara, »aber jetzt bring die Kleine Bonsa fort, denn so glückbringend sie auch sein mag, mich macht sie nervös!« »Wohin soll ich sie bringen, Major?« fragte Jeekie, an Alan gewandt. »In die Kiste in der Bibliothek, wo sie bisher gewohnt hat? Oder in den Silberschrank, zu den Löffeln? Oder unter Ihr Bett, wo Sie sie immer in der Nähe haben?« »Oh! Leg sie zu den Löffeln!« sagte Alan irritiert, und Jeekie zog mit seinem Schatz ab. »Ich glaube, Alan«, sagte Barbara, als sich die Tür hinter ihm geschlossen hatte, »wenn ich wieder ein mal zum Essen hierher komme, werde ich mein Taufgeschenk mitbringen, denn ich kann nicht mit einem Besteck essen, das neben diesem blutbesudel ten Ding gelegen hat. Doch jetzt wollen wir zur Sache kommen: zeig mir das Tagebuch und die Landkarte!«
Liebster Alan, schrieb Barbara zwei Tage später von ›The Court‹, ich habe alles gründlich durchdacht, und da Du so darauf versessen bist, halte ich es für das beste, wenn Du nach Afrika gehst. Mir erscheint dieses Abenteuer zwar als absoluter Wahnsinn, aber ich vertraue auf unser Glück, oder, besser gesagt, auf die Vorsehung, die über uns wacht, und deshalb glaube ich nicht, daß Du, oder auch ich, zu Schaden kommen werden. Wenn Du hier bleibst, drückt es Dir das Herz ab, und jede Kommunikation zwischen uns wird zunehmend schwieriger werden. Mein Onkel ist furchtbar wütend auf Dich, und seit er entdeckt hat, daß wir über das Telephon miteinander sprechen, hat er die Drähte außerhalb des Hauses durchschneiden lassen, obwohl das für ihn erhebliche Nachteile mit sich bringt. Sein beleidigender Brief an Dich, in dem er sagt, du hättest mich ›kompromittiert‹, um Deine ›habgierigen Ziele‹ zu erreichen, geht in dieselbe Richtung. Wie also kannst Du hierbleiben und solche Angriffe über Dich ergehen lassen? Ich habe wieder meinen Freund, den Rechtsanwalt, aufgesucht, und er hat mir erklärt, daß wir selbstverständlich sofort heiraten könnten, wenn wir das wollten, doch sei das Testament meines Vaters, das er im Somerset House eingesehen hat, in diesem Punkt absolut klar, und ich würde, wenn ich es gegen den Willen meines Onkels täte, alles verlieren, bis auf eine Rente von zweihundert Pfund pro Jahr. Ich bin wirklich nicht geldgierig, aber ich will meinem Onkel nicht den Triumph gönnen, mich meines Vermögens beraubt zu haben, das uns irgendwann nützlich sein könnte. Der Anwalt erklärte mir auch, daß das Gericht keine Möglichkeit zum Eingreifen habe, so weit es das Testament meines Vaters betrifft, und auch nicht die Vormundschaft über einen Menschen wie mich
übernehmen könne, da ich volljährig sei und den Schutz der normalen Gesetze des Landes genieße. Es scheint also, als ob wir nichts anderes tun können, als uns in Geduld zu üben und zu warten, bis die Zeit den Knoten lösen wird. Falls Du währenddessen in Afrika zu etwas Geld kommen kannst, um so besser. Also geh, Alan, geh, so bald Du es willst, denn ich möchte Dich nicht länger dieser Agonie ausgesetzt wissen, und Dich Tag um Tag unter all dem leiden zu sehen, was Du zu ertragen hast. Wann immer Du zurückkehren magst, wirst Du mich hier auf Dich wartend finden, und auch wenn Du nicht zurückkehren solltest, werde ich warten, so wie Du in den gleichen Umständen auf mich warten würdest. Doch glaube ich fest daran, daß Du zurückkehren wirst. Dann folgte vieles, das nicht hätte geschrieben wer den müssen, und am Ende des Briefes stand ein Post scriptum, welches lautete: Ich war so froh, als ich hörte, daß es Dir gelungen ist, die Hypothek auf Yarleys umzuschulden, obwohl die Zinsen so hoch sind. Schreib mir, wann immer Du Gelegenheit dazu findest, an die Adresse des Anwalts, denn dann werden Deine Briefe mich erreichen, doch niemals an dieses Haus, denn hier würden sie unterschlagen werden. Ich werde dir ebenfalls schreiben, an die Adresse, die Du mir angibst. Lebwohl, mein geliebter Alan, meine wahre und einzige Liebe. Ich frage mich, wann und wo wir uns wiedersehen werden. Gott sei mit uns beiden und stärke uns, auf daß wir unser Schicksal ertragen können. P.P.S. – Ich hörte, daß die Gründung der Sahara, Li-
mited, wirklich ein Erfolg war, trotz der Angriffe des Judge. Sir Robert und mein Onkel haben dabei Millionen gemacht. Ich frage mich, wie lange sie sie behalten werden. Eine Woche, nachdem Alan diesen Brief erhalten hatte, war er auf See, mit Kurs auf die Küste von Westafrika.
8
Das Zwergenvolk
Endlich dämmerte der Morgen. Während der ganzen Nacht hatte es geregnet, so wie es in Westafrika manchmal regnen kann, und unvorstellbare Wasser massen waren mit einem zischenden Rauschen, mo noton und unaufhörlich in den weiten Fluß gepras selt. Jetzt, gegen Morgen, hatte der Regen aufgehört, und überall stieg ein sanfter, perlfarbener Nebel schleier auf, der über dem Wasser schwebte und sich wie Wollfäden um das Gezweig der am Flußufer ste henden Bäume wand. Auf einer kleinen Lichtung, die von Buschwerk freigeschlagen worden war, stand ein Zelt, und aus diesem Zelt erschien jetzt ein weißer Mann, der einen Tropenhelm, ein graues Flanellhemd und ebensolche Hosen trug. Es war Alan Vernon, der in dieser Umgebung größer und männlicher wirkte als in seinem Londoner Büro und selbst auf seinem eigenen Besitz, Yarleys. Vielleicht hatten der Schnurrbart und der braune Kinnbart, die er sich hatte wachsen lassen, etwas mit seinem veränderten Aussehen zu tun, oder seine durch die Tropen bereits gegerbte und gebräunte Haut. Doch auch seine Hal tung war anders geworden, aus der nun jede Unsi cherheit verschwunden war. Sie war jetzt die eines Mannes, der ans Befehlen gewohnt ist und seinen Platz im Leben gefunden hat. »Jeekie«, rief er, »weck diese Burschen auf und zünde den Petroleumkocher an! Ich will meinen Kaf fee.«
Worauf eine tiefe Stimme zu hören war, die in einer Eingeborenensprache rief: »Hört auf zu schnarchen, ihr schwarzen Ferkel, und auf die Beine, denn euer Herr ruft euch!« Ein Befehl, dem die Geräusche von Fußtritten und Stößen und leise Flüche folgten. Kurz darauf erschien Jeekie selbst, und auch er war stark verändert, denn nun trug er anstatt seiner ele ganten europäischen Kleidung eine lange, weiße Ro be und Sandalen, was ihm ein würdiges und patriar chalisches Aussehen verlieh. »Guten Morgen, Major«, sagte er fröhlich. »Ich hof fe, Sie haben gut geschlafen, Major, trotz dieser sehr unpassenden, fluchwürdigen Situation, was mehr wäre, als wir getan haben in einem Boot, das halb voll Wasser ist, gar nicht zu reden von dem Geruch der Schwarzen und den vielen Moskitos. Aber der Regen ist jetzt aus und vorbei, und gleich wird die Sonne hervorkommen, also könnte es viel schlimmer sein, und wir können uns nicht beklagen.« »Ich weiß nicht«, antwortete Alan mit einem Er schauern. »Ich nehme an, daß ich gegen das Fieber gefeit bin, denn sonst hätte ich es in dieser Nacht be stimmt erwischt, und – gib mir das Chinin; ich will sicherheitshalber fünf Grains davon nehmen.« »Ja, ja, sicherheitshalber«, antwortete Jeekie, öffnete die Medizinkiste und nahm das Chinin, während er verstohlen in das Gesicht seines Herrn blickte, denn er wußte, daß der Ort, an dem sie geschlafen hatten, zu dieser Jahreszeit für einen weißen Mann tödlich sein konnte. »Sie haben kein Fieber erwischt – Kleine Bonsa« – hier senkte er die Stimme und blickte auf einen kleinen Kasten, der Alan als Kopfkissen gedient hatte – »hat dafür gesorgt. Aber Chinin gibt Ihnen
Appetit auf das Frühstück. Sehr guter Chop heute morgen. Was mögen Sie lieber? Kalten Wildbraten, oder Fisch, oder eine von den Enten, die Sie gestern geschossen haben?« »Oh! Etwas von dem kalten Fleisch, denke ich. Gib die Enten den Bootsleuten; ich mag sie bei dieser Hit ze nicht. Übrigens, Jeekie, dies ist die Stelle, wo wir den Qua-Fluß verlassen, nicht wahr?« »Ja, ja, Major, genau hier. Ich erinnere mich gut an diese Stelle, weil Ihr Onkel damals eine ganze Stunde lang am Ufer gebetet hat; ich habe auch so getan, als ob ich betete, doch in meinem Herzen habe ich der Kleinen Bonsa gedankt, denn ich war noch Heide zu jener Zeit; kein guter Christ wie jetzt. Heute früh be ginnen wir mit dem Marsch durch den Wald, wo es ziemlich dunkel und kühl und angenehm ist, das heißt, falls wir keine Zwergleute treffen, vor denen uns der Herr bewahren möge.« Damit verneigte er sich vor dem Kasten, welcher die Kleine Bonsa ent hielt. »Werden die vier Träger mit uns durch den Wald gehen, wie sie es versprochen haben, Jeekie?« »Ja, ja, sie kommen mit. Gestern abend sagten sie zwar, daß sie nicht mitkommen wollen, weil sie zu viel Angst vor den Zwergen haben. Aber ich habe sie gründlich zurechtgestaucht. Ich habe ihnen eingere det, daß ich ihnen im Schlaf kleine Stücke von ihren Haaren und ihren Zehennägel abgeschnitten und die se mit einer starken Medizin vermischt hätte, und wenn sie nicht mitkämen, würde jeder einzelne von ihnen sterben, bevor er seinen Kraal erreicht, und da sie mich für einen großen Medizinmann halten, ha ben sie mir geglaubt. Vielleicht werden ein paar von
ihnen sterben, wenn sie mit uns gehen. Wenn dem so sein sollte, sage ich ihnen, das käme allein von ihren geheimen Gedanken, doch wegzulaufen, und dann halten sie mich für einen noch größeren Medizin mann. Oh! Sie kommen mit, sie kommen mit, keine Angst! Und hier ist Ihr Kaffee, Major. Trinken Sie ihn heiß, bevor Sie Ihr Bad nehmen, aber bleiben Sie im flachen Wasser, weil die Krokodile hier Frühaufsteher sind.« Alan lachte und ging zum Fluß, um ›sein Bad zu nehmen‹. Trotz der Moskitos, die ihn in dichten Wol ken umschwirrten, empfand er das Wasser als kühl und angenehm im Vergleich zu der heißen, stickigen Luft, und es schien die Mattigkeit nach der unruhig verbrachten Nacht zu vertreiben. Ein Monat war vergangen, seit sie Alt-Calabar verlassen hatten, und durch fast ununterbrochene Regenfälle war die Reise sehr schwierig gewesen. Die weißen Männer, die er in der Stadt traf, hatten ihn für verrückt gehalten, daß er in dieser Jahreszeit versu chen wollte, den Fluß hinaufzufahren. Natürlich hatte er ihnen nichts von dem Zweck seiner Expedition ge sagt, sondern nur nebenher erwähnt, daß er das Land erforschen und jagen wolle, und vielleicht nach Bo denschätzen suchen. Doch da sie wußten, daß er ein Ingenieuroffizier mit langjähriger Afrika-Erfahrung war, gelangten sie bald zu dem Schluß, daß er in ir gendeiner geheimen Regierungsmission unterwegs war, über die er nicht reden wollte. Diese Vermutung, der Jeekie hinter seinem Rücken kräftig Nahrung gab, wirkten sich für Alan sogar günstig aus, und es war ihr zu verdanken, daß er Bootsleute und Träger zu einer Jahreszeit anwerben konnte, in der er sie, hätte
man ihn lediglich für einen privaten Reisenden ge halten, nicht für viel Geld und gute Worte bekommen hätte. Seitdem war seine Reise eine lange Geschichte von Schlamm, Moskitos und Schinderei gewesen, doch auch ohne ernsthafte Zwischenfälle, wenn man davon absah, daß einer seiner Bootsmänner von ei nem Krokodil gefressen wurde, das ein besonderer ›Frühaufsteher‹ gewesen war, denn es hatte den ar men Burschen aus dem Boot gezogen, in dem er wäh rend der Nacht schlief. Nun aber begannen die wirk lichen Gefahren, da er an dieser Stelle den großen Fluß verließ und zu Fuß den Wald durchqueren mußte, begleitet von Jeekie und vier Trägern, die er teuer hatte bezahlen müssen, um sie zum Mitkom men zu bewegen. Er konnte sich nicht verhehlen, daß sein Unter nehmen ziemlich gewagt war. Doch davon stand nichts in dem langen Brief, den er in der vergangenen Nacht an Barbara geschrieben und seufzend versie gelt hatte, da er sehr wohl der letzte sein mochte, den sie jemals von ihm erhalten würde, falls die Boots leute heil nach Calabar zurückkehren und daran den ken sollten, ihn zur Post zu geben. Das Unternehmen hatte begonnen und mußte durchgeführt werden, bis zu seinem erfolgreichen Ende – oder bis zum Tode. Eine Stunde später brachen sie auf. Alan übernahm die Führung der kleinen Expedition; er trug ein dop pelläufiges Gewehr, das sowohl Kugeln als auch Schrot verschießen konnte, etwa fünfzig Patronen in Messinghülsen, die sie vor Feuchtigkeit schützten, ei nen Revolver, ein Jagdmesser, einen Regenmantel, und schließlich, auf den Rücken geschnallt wie einen Rucksack, den Blechkasten mit dem Fetisch, Kleine
Bonsa, der zu kostbar war, als daß er ihn jemand an ders hätte anvertrauen wollen. Es war dies eine ziemlich schwere Last für einen weißen Mann in die sem Klima, doch da Alan eine drahtige Figur hatte, spürte er ihr Gewicht kaum, zumindest zu Anfang. Ihm folgten, hintereinander, die vier Träger, bela den mit einem kleinen Zelt, Nahrungsmittelkonser ven und Brandy, Munition, einer Kiste mit Glasper len, Uhren etcetera als Geschenke, Decken, Reserve kleidung, und so weiter. Es waren kräftige Burschen, die den Wald kannten, doch ihre düsteren Gesichter verrieten, daß sie jetzt, da sie mit seinen Gefahren di rekt konfrontiert wurden, sich nichts sehnlicher wünschten, als irgendwoanders zu sein. Unmittelbar vor dem Aufbruch hatten sie trotz ihrer Angst vor Jeekies Medizin im letzten Moment ihre Lasten ab geworfen und versucht, zu dem ablegenden Boot zu fliehen, was jedoch von Jeekie vereitelt wurde, der mit so etwas gerechnet und am Ufer mit einer Schrot flinte auf sie gewartet hatte. Und er war dort stehen geblieben, bis das Kanu zu weit vom Ufer entfernt war, um es schwimmend erreichen zu können. Dann hatte er sie gefragt, ob sie lieber hier bleiben und ver hungern wollten, in der Gesellschaft der Teufel, die er ihnen zur Unterhaltung zurücklassen würde, oder ob sie wie ehrliche Männer zu ihrem Wort stehen wür den. Das Ende davon war, daß sie ihre Lasten wieder aufnahmen und losmarschierten, während hinter ih nen der riesige, schreckliche Jeekie folgte, beide Häh ne seiner Schrotflinte gespannt, die er gelegentlich dazu benutzte, sie ihnen ermunternd in den Rücken zu stoßen. Er war wahrlich eine abenteuerliche Er
scheinung, denn außer den Waffen, von denen er starrte, war er mit mehreren Kochtöpfen behängt, ganz zu schweigen von einer Kork-Matratze und ei ner wasserdichten Stoffbahn, die zu einem Bündel ge rollt auf seine Schultern gebunden waren, einem Ka sten, der Medizin und Nahrung enthielt, den er auf dem Kopf trug, und drauf befestigt, wie ein Helm auf einem Sarg, thronte ein riesiger Tropenhelm, der mit einem Moskitonetz vollgestopft war, dessen Zipfel herabfielen wie ein grüner Schleier. Als Alan ihm wegen der Kork-Matratze Vorhaltungen machte und ihm riet, sie wegzuwerfen, da es ihn unnötig erhitze, sie zu tragen, erwiderte er, daß er in England dreißig Jahre lang gefroren habe und es jetzt endlich wieder warm haben wolle. Da Alan vermutete, daß der wah re Grund für seine Weigerung, sich davon zu tren nen, darin lag, daß er seinen Herrn davor bewahren wollte, auf dem feuchten Boden zu liegen, sagte er nichts mehr darüber, was, wie man noch sehen wird, Jeekie zum Glück gereichen sollte. Für eine Meile oder mehr führte ihr Weg durch ein Dickicht phantastisch geformter Mangroven, die im Schlamm wurzelten und in dem Nebel wie pflanzli che Polypen wirkten, die mit ihren vielen Beinen nach Nahrung gruben, und hohem Schilfrohr, auf dem Schwärme zwitschernder Finken saßen. Dann, gerade als die Sonne strahlend über den Horizont stieg, sie mit ihren Strahlen aufmunterte und die Feuchtigkeit aufsog, erreichten sie ein Terrain, das mit spärlichem Buschwerk bestanden war, zwischen dem da und dort Palmen und große Baumwollbäume wuchsen, und gelangten schließlich zum Rande des gewaltigen Waldes.
Oh! Dunkel, dunkel war es in jenem Walde; wenn man aus dem strahlenden Sonnenlicht in ihn hinein trat, hatte man das Gefühl, plötzlich und ohne jede Vorwarnung aus dem hellen Tag, wie wir ihn ken nen, in den Hades geraten zu sein, wie die griechi sche Mythologie ihn darstellt, wo kraftlose Geister ziellos umherirren und das verlorene Licht beklagen. Überall waren die Stämme gewaltiger Bäume, die astlos kirchturmhoch gen Himmel ragten, riesige Bäume mit gerippten Wurzeln, und unterhalb von ihnen befand sich ein Dickicht hungriger, wuchern der Schlingpflanzen. Wo ein Baum im Laufe des letzten Jahrhunderts zu Boden gestürzt war, wurde er von einer dicken Schicht dieser Lianen bedeckt, deren Ranken oft den Umfang eines menschlichen Körpers aufwiesen, und die das Licht tranken, das wie durch einen Schacht auf sie herabfiel, es tranken, bevor die Äste die Lücke wieder schließen und sie aushungern würden. Wo kein Baum herausgebrochen war, blie ben diese Schlingpflanzen dünn und schwächlich; von Jahr zu Jahr kümmerten sie so dahin, auf ihre Chance wartend, doch sie lebten und harrten darauf, daß sie eines Tages kommen würde. Und sie kam immer für diese erwartungsvollen Parasiten, da im mer wieder, irgendwo in der Tiefe des Waldes, viel leicht viele Meilen entfernt, ein lautes Krachen durch die Stille hallte, das Stürzen eines Baums, der aus ei nem Samenkorn entsprossen war, als noch die Sach sen über England herrschten, oder vielleicht bevor Kleopatra Antonius verführte, und der nun sein Ende fand. Am zweiten Tag ihres Marsches durch diesen Wald wurde Alan zufällig Zeuge, als ein solcher Baum um
stürzte, und es war ein Anblick, den er niemals ver gessen können würde. Durch die immense Ausdeh nung seines Geästes, das alle unterhalb von ihm wachsenden Rivalen getötet hatte – denn er war ein sehr erfolgreicher Baum gewesen, der von seinem Vorfahr eine robuste Konstitution geerbt hatte – stand er jetzt irgendwie isoliert, so daß sein gewaltiger Stamm, der aus einer kleinen Erhebung wuchs, und das dichte Grün seiner weit ausladenden Äste eine Art Richtpunkt für die sechs Menschen bildete, die auf ihn zumarschierten wie Ameisen auf einen Schößling in einem Kornfeld zu. Dann, in der heißen Mittagssonne, als kein Luftzug sich regte, kam plötz lich das Ende. Plötzlich schien sein mächtiger Stamm zu erzittern; plötzlich wurden diese weit ausladenden Äste durcheinandergeworfen, als sie ihren Halt verlo ren, nacheinander griffen wie lebende Wesen, die Luft peitschten, in ihrem letzten Kampf aufschrien; und dann sank der Baum mit einem entsetzlichen, ächzenden Stöhnen und krachte zu Boden. Es war wieder still, und durch diese Stille hörte man Jeekies fröhliche Stimme: »Der alte Baum ist umgekippt! Schön, daß er nicht auf uns gekippt ist, dank der Kleinen Bonsa. Mach weiter, du fauler Nig ger-Hund! Wirst du dafür bezahlt, herumzustehen und zu gaffen? Geh weiter, oder ich blase dir deinen häßlichen Kopf von den Schultern!« Und er stieß die Mündungen der doppelläufigen Schrotflinte in den Rücken des armen verängstigten Trägers. So sah der Wald aus. Über die ersten vier Tage ih res Marsches durch diesen Wald gibt es nichts zu be richten. Er schien ohne jedes Leben, obwohl sie hin und wieder das Schreien von Pagageien aus dem
hundert Fuß über ihnen liegenden Geäst der Bäume hörten oder die vagen Schatten von Affen sahen, die sich dort von Ast zu Ast schwangen. Das war wäh rend des Tages, wenn sie die Sonne zwar nicht sehen konnten, aber wußten, daß sie irgendwo über ihnen schien. Doch während der Nacht hörten sie nichts, da Raubtiere nicht in Gebiete kommen, in denen sie kei ne Beute finden. Was Alan verwunderte, war der Umstand, daß durch diese undurchdringliche Wild nis ein klar erkennbarer Weg führte, dem sie folgten. Rechts und links von ihnen erhoben sich undurch dringliche Wände von Schlingpflanzen, doch zwi schen diesen verlief der Weg, ein sehr alter Weg, denn nichts wuchs auf ihm; und er wich nur selten von seiner Richtung ab, um einen Bogen um einen der mächtigsten Bäume zu schlagen, die seit undenk lichen Zeiten dort gestanden haben mußten, Bäume wie jener, den sie hatten umstürzen sehen. Er fragte Jeekie, wer den Weg angelegt hätte. »Menschen, die aus Noahs Arche gekommen sind«, antwortete Jeekie. »Ich denke, sie sind hierhergelau fen, um dem Wasser zu entkommen, und haben zwei Elefanten vorausgeschickt, die den Weg trampeln mußten. Oder vielleicht hat das Zwergenvolk ihn gemacht. Oder vielleicht Leute, die nach Asiki-Land gehen, um Opfer darzubringen, wie die alten Juden.« »Mit anderen Worten, du weißt es nicht«, sagte Alan. »Nein, natürlich weiß ich es nicht. Wer weiß schon etwas über einen Weg durch den Wald, der vor dem Beginn der Zeit gemacht wurde? Sie stellen Fragen, Major, ich antworte. Es war doch eine lustigere Ant wort, als nur den Kopf zu schütteln und die Augen
zu rollen, wie diese dummen Esel von Trägern.« Es war in der vierten Nacht, daß die Schwierigkei ten begannen. Wie üblich hatten sie ein riesiges Feuer aus abgefallenen Ästen und faulenden Baumstämmen entfacht, von denen viele auf dem Boden lagen. Es gab keinen Grund dafür, ein so großes Feuer zu ma chen, da sie wenig zu kochen hatten und die Luft heiß war, doch sie machten es so groß aus demselben Grunde, aus dem Jeekie Fragen beantwortete, auch wenn er nichts wußte: weil es lustiger war. Zumin dest gab es Licht im Dunkel, als Flammenzungen zwanzig oder dreißig Fuß hoch in die Luft schossen, und sein Prasseln war ein willkommenes Geräusch in der uralten Stille. Alan lag auf der Korkmatratze im Freien, denn es war unnötig, das Zelt aufzuschlagen; falls es regnen sollte, würde das dichte Blätterdach sie schützen. Während er seine Pfeife rauchte, amüsierte er sich damit, das zuckende Licht der Flammen an einer be sonders dunklen Stelle zu beobachten, deren Schwär ze wahrscheinlich von einem etwa zwanzig Fuß ent fernt stehenden Gebüsch hervorgerufen wurde, und plötzlich glaubte er, dort Barbaras Gesicht zu sehen, dieses charaktervolle, schöne Gesicht, wie so eine Vi sion vor einem solchen Hintergrund manchmal er scheint. Und plötzlich sah er dort, an derselben Stelle, wirklich ein Gesicht, doch war es ein völlig anderes. Es war klein, und rund, und häßlich, und hatte Ähn lichkeit mit dem eines kranken, aufgedunsenen Kin des. Aus dieser Entfernung konnte er keins seiner Merkmale erkennen, mit Ausnahme der Lippen, die breit und wulstig waren, und zwischen denen weiße Zähne hervorblitzten.
»Sieh dort!« flüsterte er Jeekie auf englisch zu, und Jeekie blickte in die Richtung. Dann riß er, ohne ein Wort zu sprechen, die Schrotflinte hoch, die wie im mer neben ihm lag, und feuerte in das Gebüsch. So fort ertönte ein lautes Quieken, wie von einem ver wundeten Tier, und die vier Träger sprangen schrei end auf. »Setzt euch hin!« befahl Jeekie ihnen in ihrer Spra che. »Ein Leopard ist dort herumgeschlichen, und ich habe geschossen, um ihn zu verscheuchen. Aber geht nicht dorthin, da er verwundet und wütend sein könnte. Holt Äste heran und macht einen Zaun um uns und das Feuer herum, für den Fall, daß noch mehr davon in der Nähe sein sollten.« Die Männer, die Angst vor Leoparden hatten und diese Tiere mit abergläubischer Ehrfurcht scheuten, gehorchten auf der Stelle, und da innerhalb eines Umkreises von einigen Yards genügend Holz her umlag, hatten sie bald einen Boma-Zaun errichtet, der, so provi