SCAN by Schlaflos Man nennt sie die Träumer. Sie sehen aus wie schlafende Kinder. Doch in Wahrheit sind sie Götter. Vier...
43 downloads
1057 Views
2MB Size
Report
This content was uploaded by our users and we assume good faith they have the permission to share this book. If you own the copyright to this book and it is wrongfully on our website, we offer a simple DMCA procedure to remove your content from our site. Start by pressing the button below!
Report copyright / DMCA form
SCAN by Schlaflos Man nennt sie die Träumer. Sie sehen aus wie schlafende Kinder. Doch in Wahrheit sind sie Götter. Vier Götter beherrschen und behüten das Land Dhrall: Dahlaine und sein Bruder Veltan wachen im Norden und im Süden, während der Westen und der Osten von ihren Schwestern Zelana und Aracia beschützt werden. Die Mitte des Reiches jedoch entzieht sich ihrer Macht und wird von Göttern und Menschen zugleich gemieden. Hier erstreckt sich ein wildes, unwirtliches Land, das von dem unmenschlichen, machthungrigen und skrupellosen Wesen Vlagh kontrolliert wird. In dieser rauen Ödnis zieht das teuflische Vlagh seine gefährliche Brut aus Monstern und Dämonen heran, mit der es ganz Dhrall erobern will. Doch noch besteht Anlass zur Hoffnung, denn eine uralte Prophezeiung verheißt, dass einst vier Kinder das Böse aus dem wilden Land besiegen werden - vier unvorstellbar mächtige Kinder, die mit ihren Träumen
sogar die Kräfte von Meer und Land beeinflussen können...
David & Leigh Eddings
Das wilde Land Götterkinder 1 Deutsch von Andreas Heiweg Autoren David Eddings wurde 1931 in Spokane, Washington, geboren und wurde 1982 mit seinem ersten Fantasy-Epos, der Belgariade, bekannt. Seither hat er teils alleine, teils in Zusammenarbeit mit seiner Frau Leigh von der Kritik viel beachtete Werke in der Tradition Tolkiens verfasst, die ihm eine ständig wachsende, begeisterte Leserschaft eingetragen haben. David und Leigh Eddings leben in Carson City/Nevada.
Vorbemerkung Auszug aus DAS LAND DHRALL, eine Studie der Fakultät für Vergleichende Theologie an der Universität zu Kaldacin Das Land Dhrall existiert - und zwar in seiner gegenwärtigen Position, wenn man den mitunter phantasievollen Legenden der Region Glauben schenken darf- bereits seit Anbeginn der Zeit. Vater Erde ist unruhig, daher bewegen sich andere Kontinente hin und her über das Antlitz von Mutter Meer und wandern und wanden auf der Suche nach neuen Orten, wo sie verweilen können. Doc! das Land Dhrall, so wird erzählt, sei durch den Willen der Götte von Dhrall fest an seinem Platz verankert, und so solle es bleiben bis ans Ende aller Tage. Nun, woher diese Welt kommt - und wieso es sie gibt - entzieh sich dem menschlichen Verständnis. Aber die Legenden von Dhrall behaupten, sie sei das Werk der alten Götter, und ihre Schöpfung sei eine derart enorme Aufgabe gewesen, dass die Götter - wenn gleich unsterblich und allmächtig - oftmals von ihrer Arbeit sehr ermüdeten. Es gab jedoch jüngere Götter, die zu jener Zeit durch das Land zogen, und ihr Mitleid für die erschöpften Alten war groß, daher drängten sie ihresgleichen zur Rast, während sie selbst die Bürd der Schöpfung übernahmen. Die Alten waren über alle Maße dankbar, hatten sie sich doch völlig verausgabt und nun nicht mehr die geringste Kraft. Und so schliefen sie, während die Schöpfung ohne Unterlass von den jüngeren Göttern fortgeführt wurde. Also schliefen die älteren Götter fünfundzwanzig Äonen lang und erwachten dann erfrischt und bereit, ihre unendliche Aufgabe eigenständig wieder fortzusetzen; und nun waren ihre jüngeren Ebenbilder bereit, ihrerseits die Arbeit einzustellen und fortan zu ruhen. Berge erhoben sich aus dem Erdboden und wurden von Wetter und Zeit abgetragen. Mutter Meer brachte Leben in vielfältiger Form hervor, und manche der Wesen aus Mutter Meer betraten das trockene Antlitz von Vater Erde auf der Suche nach einer Heimstatt. Im Laufe der Zeit und zur Anpassung an die Orte veränderten sie sich dort auf dem Antlitz von Vater Erde, und es entstanden die verschiedensten Varianten. Lebensformen, die zuvor nicht gesehen worden waren, entwickelten sich, und ältere Lebensformen starben aus, weil alle Geschöpfe blind nach höchster Vollendung strebten. Doch die Götter des Landes Dhrall entschieden sich, in das Wachstum und die Entwicklung der Kreaturen ihrer Domänen nicht einzugreifen, denn sie kamen zu dem weisen Schluss, dass die Geschöpfe ihrem eigenen Weg folgen würden, indem sie sich mit der Welt um sie herum auseinander setzten. Denn wahrlich, die Welt befindet sich in einem ewigen Zustand des Wandels, und ein Geschöpf, das für das eine Zeitalter geeignet ist, überlebt in einem anderen vielleicht nicht. Die Götter hatten schlussendlich erkannt, dass diese Wandlung eine Reaktion auf die Welt und nicht auf einen göttlichen Plan war. Und die Zeit in ihrem festen Gefüge setzte ihren Marsch auf ein Ende hin zu, das niemand vorausahnen konnte, und die Zyklen von Arbeit und Ruhe unter den Göttern nahmen ihren Fortgang, während Mutter Meer und Vater Erde zuschauten und sich jeglicher Einwirkung enthielten. Die Götter des Landes Dhrall haben das Land unter sich aufgeteilt, und jeder - ob nun einer der Jüngeren oder Älteren - herrscht über 10 einen bestimmten Teil. Es bleibt allerdings ein riesiges Ödland in der Mitte, das zu keiner der vier Domänen gehört, ob nun Osten oder Westen, Norden oder Süden, denn das Ödland von Dhrall ist unfruchtbar und entbehrt jeglicher Schönheit. Dennoch existiert dort Leben, wenngleich sich die Lebensformen im Ödland von jenen im übrigen Lande Dhrall unterscheiden. In den Legenden vor Dhrall wird behauptet, die Lebensformen im Ödland seien Schöpfungen von Das-man-Vlagh-nennt.
Über die Herkunft dieses Vlagh sind sich die Legenden vor Dhrall nicht einig. Manche behaupten, es sei nicht mehr als ein Albtraum, den einer der frühen Götter während des ersten langer Schlafes gehabt habe. Anderen Legenden zufolge ist das Vlagh deutlich älter als die Götter, deren Gestalt annähernd der von Menschen gleicht, und darüber hinaus der Herr der stechenden Insekten und giftigen Reptilien gewesen, die längst vom Antlitz der Mutter Meer und des Vaters Erde verschwunden sind. Wenigsten; stimmen alle Legenden von Dhrall in einem Punkt überein: Das-man-Vlagh-nennt war zu ungeduldig, um den Geschöpfen, du ihm dienten, ausreichend Zeit zu lassen, damit sie dem langsamer natürlichen Prozess von Entwicklung und Veränderung, der vor den wahren Göttern von Dhrall begünstigt wird, folgen konnten sondern es entschied sich stattdessen, ihre Entwicklung zu beeinflussen, auf dass sie ihm besser dienen konnten. Und es fiel dem Vlagh auf, dass Diener von größerem Wert sind wenn sie nicht alle gleich sind, denn ein Geschöpf, das nur für ein besondere Aufgabe erschaffen wurde, ist weitaus effektiver als ein gewöhnliches Wesen. Um dies zu erreichen, hüllte sich das Vlagh regelmäßig in einem gewebten Kokon in seinem dunklen Nest im Zentrum des Ödlands, und wenn es aus diesem Kokon wieder herauskroch, war e: eine Kreatur von gänzlich anderer Art als zuvor. Dann erprobte e: die Fähigkeiten seiner neuen Gestalt, um festzustellen, welche be 11 sonderen Aufgaben es bewältigen konnte, und merkte sich Stärken und Schwächen. Erneut schloss es sich in einen Kokon ein, und als es abermals herauskam, waren die Schwächen verschwunden, doch die Stärken hoben sich noch mehr hervor. Durch solcherlei Experimente veränderte und verbesserte Das-man-Vlagh-nennt seine eigene Gestalt zu einem ungemein vielschichtigen Wesen. War es zufrieden, reproduzierte sich dieses Wesen tausendfach, so dass es genug Diener hatte, um sein letztendliches Ziel zu erreichen. Dann kehrte Das-man-Vlagh-nennt zu seinem Nest zurück und begann von neuem, erschuf eine weitere Lebensform für eine weitere besondere Aufgabe. Und deshalb sind all die verschiedenen Kreaturen, die aus dem Kokon des Vlagh schlüpfen, keine Wesen der Domänen der wahren Götter von Dhrall, sondern eher eigenwillige Kombinationen, teils Insekt, teils Reptil, teils Warmblüter, und jede dieser Variationen hat ihre ganz besondere Aufgabe in den Diensten des Herrschers vom Ödland. Das einzige Charakteristikum, das die Wesen des Ödlands teilen, ist ein zwanghafter Trieb, die Domäne des Herrschers zu vergrößern, bis das gesamte Land Dhrall seinem Willen unterliegt. Und das Vlagh schickte viele seiner Kreaturen in die Domänen der wahren Götter von Dhrall aus, und diese Eindringlinge berichteten dem Vlagh alles, was sie beobachtet hatten. Und das Vlagh dachte über jedes kleine Faktum nach, das seine Diener ihm erzählten, und nach unzähligen Äonen entdeckte es einen schwachen Punkt und zwar während der Übergabe der Macht und der Autorität von einer Generation der Götter an die nächste. Denn die alten Götter wurden müde und vergesslich, derweil sie sich nach Schlaf sehnten; und die jungen Götter waren erst halb erwacht. Und der Geist des Vlagh war von Freude über diese Enthüllung 12 erfüllt. Und es schmiedete seine Pläne und stellte seine Diener zum Krieg auf, durch den es die wahren Götter von Dhrall ein für alle Mal zu vernichten gedachte. Und dort im Ödland träumte es von dem Tag, an dem es das gesamte Land von Dhrall beherrschen würde. Und nachdem es Dhrall erst unterworfen hatte, konnte es auch andere Länder erobern, und nach einer Weile würde ihm die ganze Welt gehören. Und alle Kreaturen, die kleinen und die großen, würden sich vor ihm verbeugen, und seine Herrschaft würde ewig dauern, und alle Macht läge in seinen Händen. Und der Geist des Vlagh frohlockte. Mutter Meer und Vater Erde schenkten den Possen der Götter jedweder Länder nur wenig Aufmerksamkeit, und beide schliefen auch nicht, denn ihnen oblag die Aufgabe, das Leben auf der Erde und im Meer zu pflegen, und wehe demjenigen, Mensch oder Gott, der den Kreislauf des Lebens bedrohte. Obwohl Mutter Meer und Vater Erde sehr freundlich erschienen, konnten sie Katastrophen auslösen, die über jegliche Vorstellungskraft hinausgingen, sollte die Notwendigkeit dafür bestehen, um dadurch den Fortbestand des Lebens zu gewährleisten. Es geschah jedoch vor langer Zeit in der Domäne des Nordens, dass ein halb verrückter Einsiedler eine Vision von dem hatte, was eines Tages Wirklichkeit werden würde, und in dieser Vision sah er schlafende Kinder, deren Träume die Pläne von Das-man-Vlagh-nennt vereiteln konnten, denn die Träume konnten Befehle erteilen, und Mutter Meer und Vater Erde konnten sich den Befehlen der Träumer nicht widersetzen. Und die meisten Menschen im Land Dhrall verhöhnten die Vision des Einsiedlers, denn sein Wahnsinn war nicht zu übersehen. Aber die Götter von Osten und Westen, Norden und Süden verspotteten ihn nicht, fand die Vision doch tief in ihren Seelen einen Widerhall, und sie wussten um ihre Wahrheit. So waren die Götter 13 des Landes Dhrall voller Sorge, da sie im Herzen erkannten, dass sich mit der Ankunft der Träumer die Welt verändern und nichts mehr so sein würde als wie zuvor. Die Äonen schleppten sich dahin, wie es Äonen eigen ist, einer Ungewissen Zukunft entgegen; die jüngeren Götter wurden älter, und der Zyklus ihrer Herrschaft näherte sich wieder einmal seinem Ende...
Und an dieser Stelle beginnt unsere Geschichte.
Die Insel Thurn
Zelana vom Westen war diese unangenehmen Menschengeschöpfe ihrer Domäne leid. Sie fand sie widerspenstig, und ihre endlosen Beschwerden und Forderungen verärgerten sie über alle Maßen. Zudem schienen sie zu glauben, dass sie nur lebte, um ihnen zu dienen, und das beleidigte sie. Aus diesem Grunde kehrte sie ihnen den Rücken und verweilte einige Äonen auf der Insel Thurn, die vor der Küste ihrer Domäne liegt. Dort beriet sie sich mit Mutter Meer und vergnügte sich beim Komponieren von Musik und dem Verfassen von Poesie. Nun sind die Gewässer um die Insel Thurn die Heimat einer seltenen Art von rosa Delphinen, die Zelana für verspielt und intelligent hielt, und nach einiger Zeit betrachtete sie die Delphine nicht mehr als Tiere, sondern als liebe Gefährten. Bald lernte sie ihre Sprache zu verstehen und zu sprechen, und sie teilten ihr viel über Mutter Meer und die Geschöpfe mit, die in den Tiefen der Mutter und an ihren Küsten leben. Als Belohnung spielte sie ihnen Musik auf der Flöte vor oder sang für sie. Die Delphine genossen Zelanas Darbietungen und luden sie eines Tages ein, mit ihnen zu schwimmen. Sie waren höchst verblüfft über einige von Zelanas Eigenheiten, nachdem sie sich zu ihnen gesellt hatte. Soweit sie feststellen konnten, schlief sie nie, und sie konnte fast ohne Ende unter der Oberfläche von Mutter Meer bleiben. Auch wirkte es seltsam auf sie, dass sie kein Interesse an den Fischschwärmen fand, die durch das Wasser um die Insel herum zogen. Zelana versuchte ihren Freunden zu erklären, dass sie Schlaf und Luft und Nahrung nicht brauchte. 17 Ihre Perioden von Schlaf und Wachen waren viel länger als ihre; sie konnte die notwendige Luft aus dem Wasser selbst entnehmen; und sie ernährte sich von Licht und nicht von Fischen oder Gras. Die Delphine jedoch vermochten ihre Erklärungen nicht recht zu begreifen. Zelana entschied, die Sache am besten auf sich beruhen zu lassen. Die Menschengeschöpfe des Landes Dhrall hingegen wussten ganz genau, wer - und was - Zelana war. Sie herrschte über den Westen, allerdings hatte sie noch weitere Familienangehörige. Ihr älterer Bruder Dahlaine regierte den Norden, und er war grimmig und rau. Ihr jüngerer und gelegentlich ein wenig leichtfertiger Bruder Veltan kontrollierte den Süden - wenn er nicht gerade den Mond erkundete oder über die Farbe Blau nachdachte; ihre steife und schickliche ältere Schwester Aracia regierte den Osten als Königin und als Göttin. Die Zeitalter nahmen ihren gemessenen Gang, doch Zelana achtete darauf kaum, denn Zeit bedeutete ihr nichts.
Dann tauchte eines Tages ihre liebste Freundin, eine matronenhafte rosa Delphinfrau namens Meeleamee in der Nähe des Ortes auf, wo Zelana mit gekreuzten Beinen am Antlitz von Mutter Meer saß und ihre neueste Komposition auf der Flöte spielte. Ich habe etwas entdeckt, das du vielleicht sehen möchtest, Geliebte, verkündete Meeleamee mit ihrer schrillen Stimme. Oh? Zelana legte die Flöte in die Leere genau über ihrer Schulter, wo sie ihren gesamten Besitz aufbewahrte. Es ist sehr hübsch, piepste Meeleamee, und es hat genau die richtige Farbe. Warum schauen wir es uns also nicht an, Liebes? erwiderte Zelana. Und so schwammen sie gemeinsam zu den steilen Klippen an der Südküste des Eilands, und während sie sich dem Land näherten, tauchte Meeleamee nach unten weg und schwamm hinunter und 18 immer weiter hinunter in die Tiefen von Mutter Meer. Zelana folgte ihr, und bald hatten sie den schmalen Einlass zu einer Höhle erreicht, und Meeleamee schwamm, gefolgt von Zelana, in die Höhle hinein. Verstand und Erfahrung sagten Zelana, es müsse in der Höhle dunkler werden, je weiter und weiter sie durch die verschlungenen Tunnel eindrangen, aber stattdessen wurde es heller, und das Wasser vor ihnen leuchtete rosa und warm und freundlich, und Meeleamee schwamm, gefolgt von Zelana, in die Höhle hinein. Und als sie in dem seichten Becken am Ende des Durchlasses die Oberfläche durchbrachen, erblickte Zelana ein Wunder, denn Meeleamee hatte sie in eine Grotte geführt, wie Zelana noch keine gesehen hatte. Natürlich gab es dafür eine Erklärung, aber nüchterner Verstand vermochte die reine Schönheit dieser versteckten Höhle nicht zu beeinträchtigen. Eine breite Ader rosafarbenen Quarzgesteins zog sich quer über die Decke und erfüllte die verborgene Höhle mit dem leuchtenden Farbton. Zelana ergötzte sich an dem Licht und fand es herrlicher als jedes andere, das sie in den vergangenen zehn Äonen gesehen hatte. Ein Schauder durchfuhr sie, und sie glühte vor Freude. Jenseits des flachen Beckens am Eingang war der Boden mit feinem weißen Sand bedeckt, den das Licht mit leuchtendem Rosa überzog, aus einer kleinen Nische im Hintergrund hörte man das Wohltönende, fast musikalische Tröpfeln von Süßwasser, und zudem gab es alle Arten von interessanten Winkeln und Spalten an den gewölbten Wänden. Nun, piepte Meeleamee, was hältst du davon, Geliebte? Ganz herzallerliebst, wirklich herzallerliebst, antwortete Zelana. Das ist der schönste Ort auf der ganzen Insel. Freut mich, dass er dir gefällt, sagte Meeleamee bescheiden. Ich dachte, du würdest gern von Zeit zu Zeit herkommen. Nein, Liebes, erwiderte Zelana. Das brauche ich nicht. Denn 19 ich werde hier wohnen. Dieser Ort ist vollkommen, und ein wenig Vollkommenheit habe ich verdient. Du bleibst doch nicht die ganze Zeit hier, Geliebte, quiekte Meeleamee bestürzt. Gewiss nicht, Liebes, sagte Zelana. Ich werde bestimmt zum Spielen mit dir und meinen anderen Freunden nach draußen kommen. Aber dieser wunderschöne Ort ist von nun an mein Heim. Was ist das, ein Heim, fragte Meeleamee neugierig. An einem Tag wie jeder andere kam Dahlaine vom Norden aus dem Gang, der zu Zelanas rosa Grotte führte, um seiner Schwester mitzuteilen, dass im Lande Dhrall Ungemach im Anzug sei. Ich weiß nicht, was mich das angeht, lieber Bruder, erwiderte Zelana. Die Berge beschützen das Land des Westens auf der einen Seite, und die Mutter Meer beschützt es auf der anderen. Wie sollen mich die Geschöpfe des Ödlands je erreichen? Das Land Dhrall besteht aus einem Stück, liebe Schwester, erinnerte Dahlaine sie, und keine natürliche Barriere ist unpassierbar. Die Geschöpfe deines Landes des Westens schweben in ebenso großer Gefahr wie alle anderen. Ich glaube, du solltest langsam aus deinem kleinen Unterschlupf kommen und der Welt draußen ein wenig Aufmerksamkeit schenken. Wie lange hast du dich schon nicht mehr um deine Domäne gekümmert? Zelana zuckte mit den Schultern. Ein paar Äonen höchstens -bestimmt nicht mehr als ein Dutzend. Habe ich etwas Wichtiges verpasst? Die Menschengeschöpfe haben einen gewissen Fortschritt gemacht. Sie können inzwischen Werkzeuge herstellen und haben gelernt, mit Feuer umzugehen. Du solltest sie dir ab und zu anschauen. Aber wozu in aller Welt? Sie sind dumm und verdorben, und sie stinken. Meine Delphine sind sauberer und weiser, und ihre großen 20 Herzen sind mit Liebe erfüllt. Wenn die Geschöpfe des Ödlands hungrig sind, sollen sie doch die Menschengeschöpfe fressen. Ich werde sie nicht vermissen. Die Völker des Westens fallen in deine Verantwortung, Zelana, erinnerte Dahlaine sie. So wie die Fliegen und die Ameisen und die Kakerlaken, und die kommen anscheinend ganz gut zurecht. Du kannst die Welt nicht einfach missachten, Zelana, mahnte Dahlaine sie. Überall um dich herum befindet sich die Welt im Wandel. Die Geschöpfe des Ödlands rühren sich, und es wird nicht mehr lange dauern, bis die
Träumer eintreffen. Wir müssen uns bereithalten. Das Zeitalter der Träumer ist doch noch lange nicht gekommen, oder, fragte Zelana ungläubig. Die Anzeichen häufen sich, Zelana, sagte Dahlaine. Mutter Meer und Vater Erde folgen ihrem eigenen Zeitplan. Sie werden nicht warten, bis es uns passt, das zu tun, was getan werden muss. Der Herrscher des Ödlands bereitet sich darauf vor, gegen uns zu ziehen, und wir sind nicht in der Lage, uns ihm zu stellen. Wir hätten diese heimtückische Kreatur umgehend vernichten sollen, als wir sie bemerkt haben. Darüber können wir uns bei anderer Gelegenheit unterhalten, liebe Schwester, wechselte Dahlaine vorsichtig das Thema. Aber eigentlich bin ich gekommen, um dir etwas zu überreichen, von dem ich dachte, es würde dir gefallen. Ein Geschenk - für mich? Zelanas Gereiztheit verschwand. Was ist es denn, wollte sie neugierig wissen. Dahlaine lächelte. Irgendwie brachte die Magie des Wortes Geschenk seinen Bruder und seine Schwestern stets dazu, sich seinen Ansichten zu öffnen. Zelana reagierte dann zum Beispiel exakt so, wie er es von ihr wünschte. Ein Geschenk war sicherlich keine Form des Zwangs, doch diente es dem gleichen Zweck und wirkte 21 weitaus freundlicher. Ach, sagte er beiläufig, nichts Großes, liebe Schwester. Nur eine Kleinigkeit, die dich vielleicht erfreuen könnte. Wie würde dir ein neuer Gefährte gefallen? Mir ist eingefallen, dass du nach all den Äonen von den Delphinen ein wenig gelangweilt sein könntest, da sie nie aus dem Wasser kommen und mit dir in deiner hübschen Grotte spielen können. Also habe ich dir einen Gefährten mitgebracht, der dein Heim mit dir teilen kann. Nun zeig schon, rief Zelana ungeduldig. Selbstverständlich, sagte Dahlaine und konnte sich ein verschlagenes Lächeln kaum verkneifen. Mit beiden Händen griff er in die unsichtbare Leere, die er immer hinter sich trug, und zog ein Fellbündel aus der Luft. Mit besten Empfehlungen, geliebte Schwester, sagte er in leicht übertriebenem Ton und reichte ihr das Bündel. Begierig nahm Zelana das Bündel und schlug die eine Seite des Fells auf, um zu sehen, was Dahlaine ihr geschenkt hatte. Mit augenfälligem Unglauben starrte sie das neugeborene Wesen an, das in dem warmen Fell schlief. Was soll ich denn damit, rief sie mit schriller Stimme. Er zuckte mit den Schultern. Sorge dafür, Zelana. Es sollte nicht schwieriger sein, als auf einen jungen Delphin aufzupassen. Aber das ist eines von diesen Menschengeschöpfen, protestierte sie. In der Tat, so ist es, erwiderte Dahlaine mit gespieltem Erstaunen. Wie seltsam, dass ich es nicht selbst bemerkt habe. Du bist sehr aufmerksam, Zelana. Er hielt kurz inne. Das ist kein gewöhnliches Menschengeschöpf, liebe Schwester, fügte er ernst hinzu. Es ist etwas Besonderes. Davon gibt es nur sehr wenige, doch sie werden die Welt verändern. Sorge gut für das Kleine und beschütze es, Zelana. Ich denke, du wirst es füttern müssen, denn ich glaube, es kann nicht wie wir allein von Licht leben. Vielleicht musst du ein wenig ausprobieren, was es verträgt, doch bist du ge22
wiss klug genug, um dieses Problem zu lösen. Und sauber musst du es auch halten. Kleine Menschengeschöpfe haben die Neigung, Schmutz zu machen. Nach einigen Jahren wirst du ihm sicherlich das Sprechen beibringen wollen. Es gibt Dinge, die es uns mitteilen muss, und wenn es nicht sprechen kann, wird es uns nichts sagen können. Was kann uns eines dieser Wesen schon mitteilen, was wir nicht längst wissen? Träume, Zelana, Träume. Wir schlafen nicht, daher träumen wir auch nicht. Das kleine Mädchen in deinen Armen ist ein Träumer. Deshalb habe ich es zu dir gebracht. Es ist ein Mädchen? Zelanas Stimme wurde um einen Hauch sanfter. Natürlich. Ich dachte, mit einem Jungen würdest du wohl nicht so gut zurechtkommen. Sorge für die Kleine, Zelana, und ich komme in ein paar Jahren wieder vorbei und sehe nach, wie sie sich entwickelt. Der Säugling in Zelanas Armen gab ein Gurren von sich und streckte die winzige Hand nach Zelanas Gesicht aus. Oh, sagte Zelana mit zitternder, fast erstickter Stimme und drückte das Kind fester an sich. Dahlaine lächelte. Die Sache lief doch gut, gratulierte er sich. Es hatte nur ein wenig Gurren und Lallen und die sanfte Berührung einer Kinderhand gebraucht, und schon waren sein Bruder und seine beiden Schwestern ihren neuen Gefährten vollkommen verfallen. Gerne hätte er sich noch eine Weile an diesem Anblick erfreut, doch sein eigener kleiner Träumer war ganz allein daheim, und es war fast Fütterzeit, daher sollte er sich wohl rasch auf den Heimweg machen. Er schwamm aus Zelanas Grotte hinaus und stieg auf seinen gut eingerittenen Blitz. Blitze sind sehr laute Reittiere, ohne Frage, doch können sie riesige Entfernungen innerhalb eines Augenblicks zurücklegen. 23
Zelanas erstes Problem mit ihrem neuen Schützling war, das Richtige zum Essen zu finden. Eigentlich hoffte sie, Dahlaine habe sich geirrt. Wenn das Kind von Licht leben könnte, so wie Zelana, wäre das Füttern kein Problem. Das Sonnenlicht, das durch die rosafarbene Quarzader von der Decke der Grotte hereinfiel, schien gerade auf das Moosbett, auf dem Zelana gelegentlich ruhte. Voller Hoffnung legte sie das Fellbündel auf dieses Moosbett und öffnete den Mantel, damit die Sonne das Kind berühren konnte.
Der Säugling begann zu strampeln. Vielleicht gefiel dem kleinen Wesen die Farbe nicht. Zelana hatte festgestellt, dass man sich zunächst gewissermaßen an die Kost aus rosa Licht gewöhnen musste. Rosa, so schien es, war ein Geschmack, den man lernen musste. Sie schnippte mit den Fingern, und sofort verwandelte sich der Quarz in Blau. Das Kind hörte nicht auf zu strampeln und begann sogar zu quengeln. Zelana versuchte es mit Grün, doch hatte sie damit auch keinen Erfolg. Dann wählte sie schlichtes Weiß. Es war vermutlich ein wenig zu kühl, oder die Kleine war noch nicht groß genug für so fortgeschrittene Farben. Die Geräusche des Säuglings wurden lauter und eindringlicher. Rasch schloss Zelana das schreiende Kind in die Arme und eilte zum Rand des flachen Beckens am Eingang der Grotte. Meelea-mee, rief sie in der schrillen Sprache der Delphine. Ich brauche deine Hilfe! Schnell! Bitte! Meeleamee hatte schon viele, viele kleine Junge aufgezogen, und daher besaß sie in diesen Angelegenheiten große Weisheit und Erfahrung. Milch, riet sie. Was ist Milch, fragte Zelana. Und wo finde ich sie? Meeleamee erklärte es ihr genau, und zum ersten Mal in ihrem endlosen Leben errötete Zelana. Was für eine seltsame Sache, sagte sie und wurde noch röter. Sie blickte an sich herunter. Meinst du, ich könnte ... Doch sie brachte den Satz nicht zu Ende. Vermutlich nicht, antwortete Meeleamee. Dazu gehört einiges, das wohl nicht ganz so einfach ist. Kann das Junge schwimmen? Ich weiß es nicht, gestand Zelana ein. Wickle die Kleine aus und leg sie hier ins seichte Wasser. Ich müsste sie ohne große Schwierigkeiten stillen können. Zunächst stellten sich Zelana und Meeleamee ein wenig unbeholfen an, doch schließlich gelang es ihnen, das Kind zu füttern. Zelana verspürte wirkliche Erfüllung - die immerhin fast vier Stunden währte. Dann mussten sie das Kind erneut stillen. Wie Dahlaine bereit angedeutet hatte, war es mit großem Aufwand verbunden, Säuglinge zu versorgen. Die Jahreszeiten kamen und gingen wieder dahin, wie Jahreszeiten es eben für gewöhnlich tun, und aus dem Sommer wurde Herbst und bald darauf stellte sich der Winter ein. Zelana hatte den Jahreszeiten nie viel Aufmerksamkeit gezollt. Flitze oder Kälte hatten für sie keine große Bedeutung, und Licht konnte sie überall erzeugen wann immer sie hungrig wurde. Die Delphinfrauen wechselten sich mit dem Stillen des Säugling: ab, und Zelana bemerkte, dass das Kind sehr lieb und anhänglich zu sein schien. Von den Küssen waren die Delphine zunächst ein wenig erschrocken, nach einer Weile jedoch genossen sie es, vor dem dankbaren Kind geküsst zu werden. Manchmal stritten si sich sogar darum, wer mit dem Stillen an der Reihe war; diese Auseinandersetzungen endeten allerdings, als das Kind Zähne bekam und auf allem zu kauen begann, was es nur in den Mund bekommen konnte. An diesem Punkt wurde die Ernährung umgestellt und nun boten die Delphine der Kleinen Fisch anstelle von Milch an. Zum Dank küsste das Kind sie weiterhin, und so hatte alles wieder seine Ordnung. 24 Da die Kleine stets im seichten Becken am Anfang der Grotte gefüttert worden war, konnte sie schwimmen, noch bevor die Zähne kamen, nicht lange jedoch, nachdem die Ernährung geändert worden war, begann sie zu gehen - und zu laufen -, und bald watschelte sie durch die Grotte und quiekte Delphinworte. Jedes Mal, wenn sie hungrig war, kam sie zum Wasser. Die Delphine achteten darauf, dass sie im flachen Wasser blieb, jagten aber Fische aus dem tiefen Meer in die Grotte, damit das Kind lernen konnte, sich seine Nahrung selbst zu fangen. Als der dritte Sommer des Kindes anbrach, wagte es sich aus der Grotte heraus, um sich zu den jüngeren Delphinen zu gesellen, die entlang der Küste der Insel Thurn ihre Streifzüge unternahmen. Jetzt verbrachte es die Tage damit, mit den jungen Delphinen herumzutollen und sich vom Reichtum der Mutter Meer zu ernähren. Zelana gefiel dies. Die Unabhängigkeit der Kleinen befreite auch ihre Hüterin, so dass diese sich wieder verstärkt Poesie und Musik zuwenden konnte. Die jungen Delphine nannten das Mädchen Beeweeabee, allerdings hielt Zelana diesen Namen nicht für angemessen, da er wörtlich übertragen hieß: Kurze-Flosse-ohne-Schwanz. Trotz der Erziehung und der Freunde war das kleine Mädchen doch ein Landtier, und so besann sich Zelana auf ihre poetischen Fähigkeiten und kam schließlich auf den Namen Eleria. Der klang so hübsch musikalisch - und reimte sich zudem auf viele schöne Worte. Dem kleinen Mädchen bedeutete der Name nicht sehr viel, doch nach einer Weile reagierte sie meistens darauf, wenn Zelana sie so rief, also erfüllte er mehr oder weniger seinen Zweck. Die Jahreszeiten wechselten, aber Zelana hatte schon lange erkannt, dass diese das allein konnten, daher brauchte sie die Jahreszeiten nicht anzutreiben. 26 In Elerias fünftem Herbst kam Dahlaine wieder einmal zu Be such. Wie steht es denn um dein Kind, liebe Schwester, erkundigte er sich bei Zelana. Ist nicht so ganz einfach zu beantworten, die Frage, erwidert Zelana. Ich habe seit zehn Äonen keinen Kontakt
mehr mit der Menschengeschöpfen gehabt, und in der Zeit haben sie sich gewiss verändert. Was für sie in Elerias Alter normal ist, weiß ich nicht. Sie verbringt die meiste Zeit im Wasser, und deshalb stinkt sie auch nicht so wie ihre Artgenossen rochen, als ich mich von ihnen zurückgezogen habe. Wo ist sie, fragte Dahlaine und schaute sich in der Grotte um Vermutlich spielt sie mit ihren Freunden, sagte Zelana, irgendwo an der Küste der Insel. Sie hat Freunde? Dahlaine wirkte überrascht. Ich wusste nicht, dass auf der Insel Menschen leben. Dort leben keine, und selbst wenn, würde ich ihr nicht erlauben, mit ihnen Umgang zu haben. Das wirst du dir noch einmal überlegen müssen, Schwester. Irgendwann wird es notwendig sein, dass sie mit ihresgleichen Umgang hat. Weshalb? Sie muss ihnen sagen, was sie tun sollen, Zelana. Wenn ihre Spielgefährten also keine Menschen sind, was dann? Delphine natürlich. Sie und die jungen Delphine kommen sehr gut miteinander aus. Ich wusste nicht, dass Delphine sich auf dem trockenen Land fortbewegen können. Können sie doch gar nicht. Eleria schwimmt mit ihnen. Bist du verrückt, herrschte Dahlaine sie an. Sie ist erst fünf! Du kannst sie doch nicht einfach alleine in Mutter Meer lassen! Mach dir keine Sorgen, Dahlaine. Sie kann fast so gut schwimmen wie ihre Spielgefährten, und dort draußen im tiefen Wasser 27
findet sie den größten Teil ihres Essens. Das spart mir eine Menge Zeit. Sie ernährt sich selbst, also brauche ich mich nicht drum zu kümmern. Außerdem mag sie Beeren - wenn die richtige Jahreszeit ist -, doch sonst isst sie Fisch. Wie kocht sie denn den da draußen im Wasser? Was ist kochen, erkundigte sich Zelana interessiert. Nur so eine Sitte, antwortete Dahlaine ausweichend. Du solltest sie allerdings vom tiefen Wasser fern halten. Warum? Meistens schwimmt sie in der Nähe der Oberfläche, welchen Unterschied macht es also, wie viel Wasser unter ihr ist? Dahlaine gab es auf. Mit Zelana konnte man einfach nicht reden. Zelana hatte nicht einmal sich selbst eingestanden, dass ihr Leben nun, da sie Eleria hatte, um sie zu lieben und für sie zu sorgen, viel schöner war. Da Eleria sich ihr Essen selbst suchte und genug Freunde hatte, die sie beschäftigten, war ihre Gegenwart am Abend in der Grotte kaum eine Störung. Zelana konnte sich ihrer Poesie und ihrer Musik widmen, und Eleria diente ihr als Publikum. Sie mochte es, wenn Zelana für sie sang, und sie genoss es offensichtlich, wenn Zelana ein Gedicht rezitierte - obwohl sie kein einziges Wort verstand. Inzwischen befand sie sich im sechsten Lebensjahr, doch immer noch sprach sie ausschließlich in der quiekenden, pfeifenden Sprache der Delphine. Darüber dachte Zelana nach. Eigentlich war es kein großes Problem, denn sie selbst beherrschte diese Sprache fließend. Dennoch entschied sie, dass sie dem Mädchen demnächst ein paar Grundlagen der Sprache beibringen sollte, die sie mit ihrer Schwester und 28 ihren Brüdern sprach. So schwierig sollte das nicht sein. Zela hatte erkannt, welch rasche Auffassungsgabe Eleria besaß. Wie sich herausstellte, war Eleria ihr längst zwei Schritte voran Zelana hatte dem Kind schon früh Gedichte vorgetragen, und ein Tages im frühen Herbst von Elerias sechstem Jahr hörte Zelana z fällig mit an, wie das Kind seinen Spielgefährten eines der Gedichte erzählte, wobei sie es Zeile für Zeile in deren Sprache übersetzt Zelanas Poesie erhielt in diesem schrillen Plappern der Delphin spräche eine ganz neue Dimension. Zelana war ziemlich sicher, da die jungen Delphine eigentlich nicht besonders an Poesie interessiert waren, doch Elerias Gewohnheit, ihre Aufmerksamkeit m Küssen und Umarmungen zu belohnen, ließ sie geduldig verharren. Zelana liebte die Delphine selbst, sie zu küssen war ihr freilich niemals in den Sinn gekommen; Eleria dagegen hatte schon in frühem Alter erkannt, dass Delphine für einen Kuss fast alles tun würden. An diesem Punkt entschied Zelana, es sei gar keine so schlecht Idee, den Fortschritten des jungen Kindes ein wenig mehr Aufmerksamkeit zu schenken. In letzter Zeit schien Eleria ständig neu Überraschungen für sie bereitzuhalten. Eleria, sagte sie ein wenig später, als sie allein in der Grotte waren. Eleria antwortete mit einem schrillen Delphinlaut. Sprich in Wörtern, Kind, verlangte Zelana. Eleria starrte sie verwundert an. Es ist nicht angemessen für mich, das zu tun, Geliebte, erwiderte sie recht formell. Dein Sprache ist nicht für den gewöhnlichen Gebrauch bestimmt. Sie is reserviert für erhabene Äußerungen. Nicht um alles in der Welt würde ich sie entweihen und sie für das Gemeine nutzen. Nun erkannte Zelana ihren Fehler. In gewisser Weise hatte sie Eleria genauso behandelt, wie das Kind nun seinen Delphinfreund behandelte. Eleria war ein gebanntes Publikum gewesen - aber
nicht ganz und gar gebannt. Das Kind hatte seine eigenen Schlüsse gezogen. Dahinter steckte eine gewisse Logik, der zufolge Zelanas Sprache allein für die Poesie reserviert war, da Zelana sie nur benutzt hatte, wenn sie Gedichte rezitierte. Die tagtäglichen Gespräche hatte sie stets in der Sprache der Delphine geführt. Komm her, Kind, sagte Zelana, es ist Zeit, dass wir uns ein bisschen besser kennen lernen. Eleria wirkte verängstigt. Habe ich etwas falsch gemacht, Geliebte, fragte sie. Bist du erzürnt, weil ich deine Gedichte jenen mit den Flossen erzählt habe? Das wolltest du nicht, oder? Deine Gedichte waren Liebe, allein für mich bestimmt. Jetzt habe ich sie verdorben. Elenas Augen füllten sich mit Tränen. Bitte, schicke mich nicht fort, Geliebte, flehte sie. Ich verspreche, es nie wieder zu tun! Eine Woge von Gefühlen schlug über Zelana zusammen, und sie spürte, wie sich ihre Augen verschleierten. Sie streckte dem Kind die Arme entgegen. Komm zu mir. Eleria lief zu ihr, und sie umarmten sich innig. Beide weinten jetzt, und trotzdem erfüllte sie eine eigenartige Freude. Zelana und Eleria verbrachten von nun an ihre Zeit gemeinsam in der Grotte. Die Delphine brachten Eleria Fisch zum Essen, und die tröpfelnde Quelle versorgte sie mit Wasser, daher bestand für das Kind keine Notwendigkeit, hinaus in Mutter Meer zu gehen. Ihre Spielgefährten waren zunächst ein wenig beleidigt, doch das verging bald. Viele Stunden lehrte Zelana Eleria, wie man Poesie schöpft und wie man singt. Zelanas Poesie war erhaben und formvollendet, ihre Lieder waren äußerst vielgestaltig. Elerias Poesie hingegen war altmodisch, doch viel leidenschaftlicher, und ihre Lieder einfach und rein. Schmerzlich wurde Zelana bewusst, dass die Stimme des Kindes schöner war als ihre eigene, klarer, und sie reichte ohne Anstrengung in höchste Höhen. 30
Schließlich begriff Eleria, dass die Sprache, die sie als Sprache de Poesie kennen gelernt hatte, auch eine gewöhnlichere Form hatte die sie für ihre alltäglichen Gespräche nutzen konnte. Dennoch be harrte sie darauf, Zelana auf altmodische Weise weiterhin Geliebte zu nennen. Im Frühling von Elerias siebtem Jahre zog das Kind wieder mit seinen rosa Freunden zum Spielen aus. Zelana hatte angedeutet, wie sehr Eleria sie in letzter Zeit vernachlässigt habe, was nicht sehr höflich sei. Spät an dem Tag kehrte Eleria mit einem seltsamen funkelnden Gegenstand in die Grotte zurück. Was ist das für ein hübsches Ding, Kind, fragte Zelana. Es heißt Perle, Geliebte, antwortete Eleria, und eine sehr alte Freundin der Delphine hat es mir geschenkt - nun, eigentlich nicht persönlich. Aber sie hat mir gezeigt, wo ich sie finde. Ich wusste nicht, dass Perlen so groß werden können, staunt Zelana. Es muss eine riesige Auster gewesen sein. Sie war gigantisch, Geliebte. Wer ist diese Freundin der Delphine? Eine Walfrau, erklärte Eleria. Sie ist schon sehr alt und wohnt nahe diesem Inselchen vor der Südküste. Heute Morgen hat sie siel zu uns gesellt und mir gesagt, sie wolle mir etwas zeigen. Dam führte sie mich zu diesem Inselchen und hinunter zu der riesige Auster, die an einem Riff hing. Die Schale der Auster war fast s breit, wie ich lang bin. Wie hast du sie denn aufbekommen, wenn sie so groß war? Das brauchte ich nicht, Geliebte. Die alte Walfrau hat die Schale mit der Flosse berührt, und dann hat sich die Auster für uns geöffnet. Wie überaus sonderbar, sagte Zelana. Die alte Walfrau erzählte mir, die Auster wolle, dass ich die Per 3 le bekomme, also habe ich sie genommen. Und ich habe mich auch bei der Auster bedankt, allerdings bin ich nicht sicher, ob sie mich verstanden hat. Es war ein wenig schwierig zu schwimmen und gleichzeitig die Perle zu tragen, deshalb hat die alte Walfrau mir angeboten, mich nach Hause zu tragen. Tragen? Nun, nicht richtig tragen. Ich bin auf ihrem Rücken geritten. Das hat so viel Spaß gemacht. Eleria hielt die Perle hoch. Sieh, wie rosa sie leuchtet. Geliebte? Sie ist sogar schöner als die Decke der Grotte. Eleria drückte sich die Perle, die ungefähr die Größe eines Apfels hatte, an die Wange. Ich mag sie, verkündete sie. Hast du heute gegessen, fragte Zelana. Ja, früher am Tag, Geliebte. Meine Freunde und ich haben einen Schwärm Heringe gefunden und uns satt gegessen. Hatte der Wal zufällig einen Namen? Die Delphine nannten sie Mutter. Sie ist natürlich nicht ihre richtige Mutter. Ich glaube, auf diese Weise wollen sie ihr nur ihre Liebe zeigen. Und sie spricht die gleiche Sprache wie die Delphine? Ungefähr. Nur ist ihre Stimme nicht so schrill. Eleria ging zu ihrem Moosbett hinüber. Ich bin sehr müde, Geliebte, sagte sie und sank auf ihr Bett. Wir mussten weit schwimmen bis zu dem Inselchen, und Mutter Wal schwimmt schneller als ich. War gar nicht leicht mitzuhalten. Warum legst du dich dann nicht schlafen, Eleria? Morgen früh wirst du dich bestimmt besser fühlen. Ja, das glaube ich auch, Geliebte, sagte Eleria. Ich kann schon kaum noch die Augen offen halten. Sie legte sich auf ihr Bett aus Moos und wiegte die rosa leuchtende Perle in den Armen über ihrem Herzen.
Das verwirrte Zelana, und ein wenig machte es sie auch besorgt. Für Delphine und Wale ist es nicht natürlich, miteinander zu ver32 kehren, wie Eleria es beschrieben hatte, und Zelana war sich fast sicher, dass sie eigentlich nicht miteinander sprechen und sich verstehen konnten. Heute war etwas überaus Sonderbares geschehen. Eleria schlief offensichtlich fest, ihre Glieder hatten sich entspannt. Plötzlich schwebte die rosa leuchtende Perle zu Zelana: Verwunderung über dem schlafenden Mädchen. Das rosafarbende Leuchten wurde beständig stärker und hüllte Eleria in seinen Schein. Misch dich nicht ein, Zelana, sagte eine sehr vertraute Stimmt in Zelanas Kopf. Das ist nicht notwendig, und ich brauche keine Hilfe von dir. Eleria erwachte am nächsten Morgen später als gewöhnlich, hatte eine verwirrte Miene im Gesicht, setzte sich mit gekreuzten Beinen auf ihr Moosbett und hielt dabei die Perle in der Hand. Warum schlafen wir, Geliebte, fragte sie. Ich nicht, erwiderte Zelana, und ich bin mir oft nicht sicher, warum andere Wesen so oft schlafen müssen. Ich dachte, du und ich, wir wären von der gleichen Art, sagte Eleria. Wir sehen uns sehr ähnlich, nur ist dein Haar dunkel und glänzend, und meins gelblich. Das habe ich mich auch schon oft gefragt. Vielleicht bin ich aus dem Bedürfnis zu schlafen schon herausgewachsen. Schließlich bin ich ein ganz schönes Stück älter als du. Die Antwort vereinfachte die Sache ein wenig, aber Zelana war ziemlich sicher, dass Eleria für die ganze Wahrheit noch nicht bereit war. Wenn du nicht schläfst, kennst du sicherlich auch nicht all die seltsamen Dinge, die immer zu geschehen scheinen, während ich schlafe, oder? Man nennt sie Träume, Eleria, erklärte Zelana ihr, und ich glaube, kein anderes Geschöpf hat die gleiche Art von Träumen wie du. Mein Bruder Dahlaine hat mir erzählt, deine Träume seien et33 was sehr Besonderes, sehr viel bedeutender als die Träume der gewöhnlichen Wesen. Hattest du heute Nacht einen Traum, der dir Angst gemacht hat? Er hat mir keine Angst gemacht, Geliebte. Er wirkte nur so eigenartig. Warum erzählst du ihn mir nicht, schlug Zelana vor. Also, ich schien zu schweben - nur dass ich nicht in Mutter Meer schwebte, wie ich es manchmal tue, wenn ich mich ausruhen und wieder zu Atem kommen will. Stattdessen schwebte ich in der Luft, und weit unten ereigneten sich seltsame Sachen. Vater Erde stand ganz in Flammen, seine Berge erhoben und senkten sich wie die Wellen von Mutter Meer. Felsen schmolzen und liefen an den Hängen der Berge von Vater Erde hinunter in Mutter Meer, und andere Berge spuckten flüssiges Feuer in den Himmel. Könnte so etwas wirklich geschehen? Ja, Kind, sagte Zelana mit besorgter Stimme, und es geschah schon einmal genau so, wie du es beschrieben hast. Ich habe zugeschaut. Das war der Anfang der Welt. Was passierte als Nächstes? Nun, die Feuer brannten lange, lange Zeit, und dann brach das Land unter mir auseinander, und die einzelnen Stücke trieben in verschiedene Richtungen davon. Dann begannen Bäume auf dem Antlitz von Vater Erde zu sprießen, und Mutter Meer bekam die ersten Kinder. Ungefähr da bemerkte ich, dass ich nicht allein war. Andere hatten den gleichen Traum - nur war es für sie vielleicht kein richtiger Traum. Zelana lächelte. Nein, Liebes, das war es nicht. Ich war eine jener anderen, und ich habe gewiss nicht geträumt, und auch meine Brüder und meine Schwester nicht. Demnach war es deine Familie, die sich an den Rändern meines Traumes versteckte, fragte Eleria. Ich dachte, du hast nur zwei Brüder und eine Schwester, doch hatte ich das Gefühl, mit mir schauten noch zwei Brüder und eine Schwester zu. Das ist ein anderer Zweig der Familie, Eleria, erklärte Zelanj Wir kommen nicht sehr häufig zusammen. Bei anderer Gelegenheit können wir einmal über sie sprechen. Warum fährst du nicht mit deinem Traum fort? Träume schwinden, glaube ich, und ich würde ihn gern ganz hören, ehe du ihn vergessen hast. Nun, die meisten Kinder von Mutter Meer waren Fische, aber einige nicht. Das waren diejenigen, die auf das Antlitz von Vater Erde krochen. Zuerst sahen sie aus wie Schlangen, doch dann wuchsen ihnen Beine, und sie wurden sehr groß. Manche fraßen Bäume, andere fraßen diejenigen, die Bäume fraßen. Dann fiel ein großer, brennender Stein aus dem Himmel, und als er Vater Erde traf, gab es ein lautes Platschen, nur war es nicht der Stein, der platschte, sondern das Wasser, und für lange Zeit wurde es dunkel. Als es schließlich wieder hell wurde, waren die Schlangen mit Beinen verschwunden. Waren meine Verwandten auch verschwunden? Einige haben sich schlafen gelegt, aber sie wachten nach einet Weile auf, und diejenigen, die wach gewesen waren, legten sich schlafen. Ein Wesen jedoch ging niemals schlafen. Das ist sehr hässlich, oder? In der Tat, Kind, erwiderte Zelana schaudernd. Es ist ein Verbannter, und wir denken mitnichten gern an es. Was geschah daraufhin? Eine Menge Wesen mit Fell wanderten herum, und es gab Vögel und Insekten, aber dann kamen Wesen, die auf den Hinterbeinen gingen. Sie sahen überhaupt nicht aus wie wir. Ihre Haut bestand aus Schuppen, wie die Haut von großen Fischen - oder auch von Schlangen, und ihre Augen waren riesig und standen vor ihren Gesichtern hervor. Sie blieben eine lange Zeit, und dann bedeckte sich alles mit Weiß, und es wurde sehr kalt. Mutter Meer
schien zu schrumpfen, sie floh von den Küsten. Dann verschwand das Weiß, und Mutter Meer kehrte zurück. Da erschienen die Mensch-Wesen, die aussehen wie ich. Sie sahen allerdings nicht genauso aus wie 35 ich. Aus irgendeinem Grunde wickelten sie sich in Tierhäute, und du und ich, wir tun das nicht, oder? Für uns ist es nicht notwendig, Eleria. Die Häute helfen den Mensch-Wesen, warm zu bleiben, und sie schämen sich vor ihren Körpern. Wie sonderbar, sagte Eleria und runzelte leicht die Stirn. Das war ungefähr alles, Geliebte, außer, dass dieser schrecklich aussehende Beobachter immer noch am Rande meines Traumes war, und ich glaube, dieses Wesen mag mich nicht sehr gern. Aus irgendeinem Grund scheint es mich zu fürchten. Wenn es so etwas wie Verstand hat, heißt das, sagte Zelana. Sag mal, kannst du vielleicht ein paar Tage hier allein bleiben? Ich müsste mich um ein paar Dinge kümmern. Bestimmt bleibe ich nicht lange fort. Kann ich nicht mitkommen? Ich fürchte, das ist nicht möglich, Eleria. Diesmal muss ich allein gehen. Vielleicht nehme ich dich das nächste Mal mit. Wir werden sehen.
3 Zelana schwamm aus ihrer verborgenen Grotte zu einem Kiesstrand in der Nähe, wo die Wellen heranbrandeten, und stieg mit einem Seufzen voller Bedauern aus dem Wasser. Sie hob das Gesicht zum Himmel und suchte nach einem jener Winde, die weit über ihr unaufhörlich wehten und endlos über Wolken und Wetter hinwegbrausten. Mehrere fand sie, doch keiner blies in die richtige Richtung, also setzte sie ihre Suche fort. Schließlich spürte sie einen Wind, der nach Norden wehte, zur Domäne ihres älteren Bruders, 36 und sie erhob sich höher und höher durch die Winde, die in die falschen Richtungen wehten, bis sie den Nordwind erreichte, der an äußeren Rand des Himmels blies, und sie stieg auf diesen Wind und er brachte sie zu der rauen Domäne ihres Bruders Dahlaine. Dahlaine lebte in einer Höhle tief in der Erde unter den Felsen spitzen und dem ewigen Schnee des Bergs Shrak, den die Völker de: Nordens für den höchsten Gipfel der Welt halten. Und Zelana stieg; vom dunklen, äußeren Rand des Himmels herab auf den scheußlichen Berg, der finster auf die Domäne ihres Bruders herabblickte mit der rauen Miene der Erhabenheit. Den Eingang zu Dahlaine' Höhle bildete eine tiefe Einkerbung in der Nordseite des Berges, und Zelana trat dort ein und folgte dem gewundenen Gang, der abwärts und abwärts durch glitzernden schwarzen Stein führte bis zu der riesigen Halle tief im Innern des Berges, die Dahlaines Zuhause war. Am Ende des Ganges hielt Zelana inne. Ihr stämmiger graubärtiger Bruder stand mit nacktem Oberkörper über einem rötlich scheinenden Feuer und schlug auf etwas ein, das einen klirrenden Klang erzeugte. Über ihm schwebte eine leuchtende Kugel und tauchte ihn in Licht. Was in aller Welt tust du da, Dahlaine, fragte Zelana neugierig. Dahlaine drehte sich abrupt um und sah seine Schwester an. Ach, Zelana, rief er. Du hast mich erschreckt. Stimmt etwas nicht? Vielleicht - vielleicht auch nicht. Beschäftigst du dich jetzt mit Musik? Falls ja, bist du ein wenig verstimmt. Ich probiere lediglich etwas aus, liebe Schwester, erwiderte er. Ein paar der Menschen jenseits der Mutter Meer haben etwas entdeckt, das sie Metall nennen. Ich wollte sehen, ob ich es nachmachen kann. Ist etwas Besonderes los? Zelana blickte sich aufmerksam in Dahlaines Höhle um. Wo ist dein Träumer, erkundigte sie sich. 37 Ashad? Der spielt draußen mit den Bären. Bären? Du wirst ihm doch nicht erlauben, mit Bären zu spielen! Sie werden ihn auffressen, oder? Ganz bestimmt nicht, Zelana. Sie sind seine Freunde - so wie deine rosa Delphine die Freunde von Eleria sind. Hat sich etwas Ungewöhnliches ereignet? Vielleicht. Eleria hat letzte Nacht geträumt, und möglicherweise ist das wichtig. Ich dachte, du solltest darüber Bescheid wissen. Eine Sache daran könnte sogar noch wichtiger sein als der Traum selbst. Oh? Anscheinend hat Mutter Meer selbst die Finger im Spiel. Dahlaine starrte sie an. Eleria war gestern mit den jungen rosa Delphinen draußen, und sie haben sie einer alten Walkuh vorgestellt. Ich wusste nicht, dass Wale und Delphine die gleiche Sprache sprechen, meinte Dahlaine. Sprechen sie auch nicht. Deshalb kam ich zu der Ansicht, es handele sich gar nicht um einen Wal. Jedenfalls führte die alte Walkuh Eleria zu einer kleinen Insel vor der Südküste von Thurn und zeigte ihr eine Auster, die ungefähr fünfzig Mal größer war als die größte Auster, die ich je gesehen habe. Dann berührte der Wal die Schale mit der Flosse, und diese Auster öffnete sich, als habe jemand an der Tür geklopft. Im Inneren enthielt sie eine Perle - rosa und ein wenig größer als ein Apfel. Das ist unmöglich, rief Dahlaine. Du wirst das mit der Auster klären müssen, Dahlaine. Der Wal sagte zu Eleria, die Auster wolle ihr die Perle
schenken, also nahm Eleria sie an, und der Wal ließ sie auf seinem Rücken nach Thurn Zurückreiten. Nun, das hätte ich gern gesehen, sagte Dahlaine und lachte. Es dürfte doch ein wenig schwierig sein, einen Wal zu satteln. 38 Willst du den Rest der Geschichte hören, oder möchtest du lustige Bemerkungen machen, gab Zelana in scharfem Ton zurück. Entschuldige, liebe Schwester. Fahr bitte fort. Eleria war von dem anstrengenden Tag sehr müde. Sie ging augenblicklich zu Bett, und dann geschahen mehrere sehr merkwürdige Dinge. Diese rosafarbene Perle erhob sich in die Luft über Eleria und begann zu leuchten fast wie ein kleiner rosa Mond -, und das Licht schien auf Eleria. Dann sprach die Perle zu mir und sagte, ich solle mich um meine eigenen Angelegenheiten kümmern. Ich erkannte die Stimme sofort, denn ich lausche ihr bereits seit Anbeginn der Zeit. Das meinst du nicht ernst, rief Dahlaine. Sehr ernst, lieber Bruder. Es war die Stimme von Mutter Meer und demzufolge war der Wal bestimmt kein gewöhnliches Tier, oder? So etwas hat sie noch nie getan, erwiderte Dahlaine besorgt. Damit erzählst du mir nichts Neues, Dahlaine, gab Zelana zurück. Ich glaube, wir sollten lieber Vorsicht walten lassen, bis wir besser verstanden haben, was sie tut und weshalb. Mutter Meer ist die wichtigste Kraft in unserer Welt, also sollten wir uns lieber gut mit ihr stellen. Was geschah als Nächstes, fragte Dahlaine. Eleria hatte natürlich einen Traum. Vermutlich war das der Grund, der dahinter steckte. Auf eigentümliche Weise ist diese Perle die Essenz des Bewusstseins von Mutter Meer. Ihre Gezeiten kommen und gehen, ihre Wellen branden an die Küsten von Vater Erde, doch sie ist stets wach. Ich bin mir fast sicher, dass die Perle tatsächlich eine Wiedergeburt von Mutter Meer ist, die Eleria den Traum Bild für Bild eingegeben hat. Hat Eleria dir von dem Traum erzählt? Natürlich. Denkst du, ansonsten wäre ich hier? Was ist in dem Traum vorgekommen? 39 Die Welt, antwortete Zelana. Eleria sah, wie sie war, als sie noch brannte, als sich die Kontinente teilten und ehe das Leben begann. Dann sah sie die Kontinente auseinander driften und beobachtete, wie die Lebewesen aus der Mutter Meer an Land kamen. Sie sah die großen Eidechsen über die Welt streifen und den Kometen, der sie alle umgebracht hat. Sie war sich uns und der anderen bewusst - jener, die jetzt schlafen -, und irgendwie hat sie auch das Vlagh gespürt. Sie sah das Zeitalter des Eises und die späteren Menschenwesen. Soweit ich es sagen kann, hat sie alles vom Anfang bis einschließlich vorgestern geträumt. Das alles hat sie in einer Nacht geträumt, hakte Dahlaine ungläubig nach. Sie hatte Hilfe, Dahlaine. Ich bin sicher, die Perle hat sie Schritt für Schritt geführt. Wir sollten lieber unseren Mitgöttern mitteilen, was sich hier tut. Unser Zyklus nähert sich dem Ende, und die Mitgötter werden bald erwachen. Wir müssen sie warnen, dass die Krise, die wir seit dem Anfang erwarten, während ihres Zyklus vermutlich zum Ausbruch kommen wird. Allerdings nur, wenn sie nicht ausbricht, bevor unser Zyklus beendet ist, sagte Dahlaine. Ich glaube, wir sollten uns zusammensetzen und uns darüber unterhalten. Warum holst du nicht Aracia, und ich sehe zu, ob ich Veltan finde. Wir müssen einige Entscheidungen treffen, und möglicherweise haben wir nicht viel Zeit dafür. Es soll geschehen, wie du befiehlst, mein lieber, lieber Bruder, erwiderte Zelana mit übertriebener Förmlichkeit. Muss das sein, Zelana, gab er mit schmerzlicher Miene zurück. Wenn du so einleuchtende Dinge sagst, ja. Hol du Veltan, Dahlaine, und ich werde schauen, ob ich die heilige Aracia aus ihrem dummen Tempel locken kann. Sollen wir uns hier treffen? Das wäre wohl das Beste. Meine Höhle liegt abgeschiedener als die anderen Orte - außer deinem Heim natürlich. Dort könnten wir uns auch treffen, nehme ich an, aber Veltan schwimmt nicht sehr gut. Und die Träumer müssen wir von dem Treffen fern halten Wir wollen doch ihre Visionen nicht beeinflussen. Zelana verließ Dahlaines Höhle und durchkämmte den Nordhimmel, bis sie einen Wind entdeckte, der ihrem Zweck dienlich war, Dann erhob sie sich in die kalte Luft des Nordens zu dem betreffenden Wind und ritt auf ihm in südöstlicher Richtung auf Aracias Domäne zu. Seit dem Beginn der letzten Entwicklungsstufe von Menschen war Aracias Meinung von sich selbst noch höher geworden. Bis zu ihrem Erscheinen war Aracia einigermaßen einfühlsam gewesen -ein wenig eitel vielleicht, doch keineswegs unerträglich. Die letzten Menschen jedoch, die nicht mehr so grob waren wie die frühen, hatten religiöse Bedürfnisse und sehnten sich nach Göttern. Aracia hielt sie für sehr nett und war mehr als glücklich, diese Bedürfnisse nach Religion erfüllen zu können. Sie hatte angedeutet, dass eine hübsche Bleibe angemessen wäre, während sie auf die Menschen aufpasste, und so hatte ihr Volk ihr eine gebaut - eigentlich mehrere. Die erste war ein wenig einfach gewesen, da sie überwiegend aus Baumstämmen errichtet wurde. Sie hatte eine Weile lang ihren Zweck erfüllt, doch der Wind blies durch die Ritzen, und im Frühlingsregen wurde der Lehmboden schlammig.
Aracia hatte also als Material Steinblöcke - statt der Baumstämme - vorgeschlagen, und die Menschen, die ihr dienten, arbeiteten lange und hart, um ihr eine Unterkunft zu bauen, die annähernd so bequem war wie Zelanas Grotte oder Dahlaines Höhle. Und jetzt weilte Aracia vom Osten in ihrem prächtigen, wenn auch zugigen Tempelpalast mit unzähligen Dienern, die ihr ständig bestätigten, wie wunderbar und wunderschön sie sei und dass sie ohne sie nicht leben könnten - und wenn es ihr nicht allzu viel ausmache, könnte sie nicht den Kerl, der sich kürzlich so beleidigend benommen hat40 te, in eine Kröte verwandeln, oder könnte sie nicht vielleicht Regen machen, weil der Hafer Wasser brauchte, doch nicht zu viel Regen, denn dadurch würde alles nur schlammig. Zelana stieg durch die frische Herbstluft zu der Marmorkuppel des Tempels hinunter und stellte ihre Augen so ein, dass sie durch den polierten Stein in Aracias königlichen Thronsaal schauen konnte. Er war natürlich mit hellstem Marmor getäfelt, hohe Säulen säumten die Außenränder, und hinter Aracias goldenem Thron hingen rote Vorhänge. Aracia trug ein königliches Gewand auf dem Leib, eine königliche Krone aus Gold auf dem Kopf und eine königliche Miene im Gesicht. Ein fetter Mann in schwarzer Leinenrobe und übermäßig verzierter Mitra stand vor Aracias Thron und hielt ihr eine ermüdende Lobrede. Aracia, so erschien es Zelana, hing dem Mann ergriffen an den Lippen. Obwohl sie wusste, wie unhöflich es erscheinen musste, konnte sich Zelana nicht gegen einen plötzlichen Impuls wehren. Der fette Orator unterbrach sich abrupt, als Zelana, nur in durchsichtige Gaze gehüllt, plötzlich aus dem Nichts vor dem Thron ihrer älteren Schwester auftauchte. Mehrere dicke, überfressene Diener fielen sofort in Ohnmacht, und einige andere der eher theologisch Bewanderten begannen damit, verschiedene Glaubensgrundsätze neu zu überdenken. Aracia schnappte nach Luft. Bedecke dich, Zelana, sagte sie mit schneidender Stimme. Wieso denn, liebe Schwester, erwiderte Zelana. Ich bin gegen das Wetter gefeit und habe keine Makel, die ich verbergen müsste. Wenn du dich selbst in einen solch dummen Kokon hüllen willst, ist das deine Sache, aber dadurch verwandelst du dich auch nicht in einen Schmetterling, 42
Kennst du eigentlich gar keine Bescheidenheit? Natürlich nicht. Ich bin perfekt, wusstest du das nicht? Dahlaine möchte uns sehen - und zwar sofort. Lass allerdings deinen Träumer hier. Unser Bruder wird den Grund erklären, sobald wir bei ihm sind. Wenn Dahlaine mir etwas erklären will, soll er herkommen und es hier tun, gab Aracia zurück. Ich werde mich nicht in diesem schmutzigen Loch, in dem er wohnt, vor ihm verbeugen. Prächtig, meine liebe Schwester, sagte Zelana süß. Ich bin sicher, all deine fetten Diener wären entzückt, wenn du dich hier in deinem eigenen Tempel verbeugst - vorausgesetzt, dass der noch stehen würde, wenn Dahlaine auf seinem dummen Blitz erscheint, auf dem er immer reitet. Das ist sicherlich ein hübscher Blitz, denke ich, aber der Lärm, den er erzeugt, erschüttert manche Gebäude so sehr, dass sie einstürzen. Deinen Tempel wieder aufzubauen würde deinen fetten Dienern einiges zu tun geben, während sie darüber nachdenken, warum sich die oberste Göttin des Universums vor jemandem verbeugt, der für alle Welt wie ein zotteliger Bär aussieht. Du verbeugst dich nie vor ihm, Zelana, warf ihr Aracia vor. Natürlich nicht, antwortete Zelana. Ich muss nicht, weil ich nicht verlange - oder erwarte -, dass sich jemand vor mir verbeugt. So sind die Dinge, Aracia. Hast du das schon vergessen? Es ist an der Zeit, deinen Kokon abzustreifen, meine Schmetterlingsschwester. Die Träume haben begonnen, und das Vlagh könnte auf unserer Schwelle stehen, ehe die Woche vorüber ist. Gehen wir also zu Dahlaine, solange uns noch Zeit bleibt. Zelana nahm ihre Schwester an der Hand, und auf dem Wind ritten sie nach Nordwesten. Es war früher Herbst, und das Land unter ihnen leuchtete bunt. Die Flüsse glitzerten in der Herbstsonne, und auf den Bergen im Norden von Aracias Domäne glänzte weiß der ewige Schnee. 43 Eigentlich freuten sich die Schwestern auf das Treffen. Seit fast einem Dutzend Äonen hatte sich die Familie nicht mehr versammelt. Gewiss, gelegentlich kam es zu Zank unter den Geschwistern, doch keine Familie lebt in ständiger Harmonie, und in Zeiten der Krise war man stets in der Lage, bestehende Meinungsverschiedenheiten beiseite zu schieben und sich zusammenzuraufen. Ist das nicht Dahlaines Berg, fragte Aracia und zeigte auf das Land des Nordens, das weit unter ihnen lag. Zelana blickte nach unten. Nein, entgegnete sie. Der Berg Shrak ist ein bisschen höher. Aus dieser Höhe habe ich Vater Erde noch nie gesehen, meinte Aracia. Er sieht ganz anders aus, nicht wahr? Irgendwann musst du einmal versuchen, ihn vom Rand des Himmels zu betrachten, schlug Zelana vor. Vom Rand des Himmels? Aracia klang verwundert. Von dort oben, wo er nicht mehr blau ist. Nachdem Eleria mir ihren Traum erzählt hat, musste ich Dahlaine berichten, was sie gesehen hatte, doch der einzige Wind, den ich in seine Richtung fand, war einer am äußeren Rand der Luft. Aus der Höhe kann man sogar die Wölbung der Welt erkennen. Ist sie tatsächlich gewölbt, fragte Aracia. Veltan hat mir erzählt, wenn man Vater Erde vom Mond aus betrachte,
sehe er aus wie eine blaue Kugel. Sie runzelte die Stirn. Ich habe nie verstanden, weshalb Mutter Meer Veltan für all diese Äonen zum Mond verbannte? Hat er sie in irgendeiner Weise beleidigt? Zelana lachte. In der Tat, Aracia. Er hat ihr gesagt, sie wäre langweilig. Nein, das ist nicht möglich! O doch, das hat er. Er sagte ihr, sie wirke sehr viel interessanter, wenn sie dann und wann die Schattierungen ihres Blaus variierte. Dabei hat er sogar gewagt, ihr Streifen vorzuschlagen. Er ist ihr so lange damit auf die Nerven gefallen, bis sie die Beherrschung verlo44
ren und ihn fortgeschickt hat. Deswegen hat unser kleiner Bruder zehntausend Jahre auf dem Mond verbracht. Und die Zeit hat er sich damit vertrieben, Blautöne aufzulisten, fügte Aracia hinzu. Das scheint seine Lieblingsbeschäftigung zu sein. Wie viele Blautöne hat er denn bislang gefunden? Als ich das letzte Mal mit ihm gesprochen habe, lag die Zahl be ungefähr dreizehn Millionen. Vermutlich hat er inzwischen noch mehr entdeckt. Da ist Berg Shrak, teilte Zelana ihrer Schwester mit. Dam wollen wir mal schauen, ob Dahlaine es geschafft hat, Veltan aufzutreiben. Durch die klare Luft gingen sie nach unten zum zerklüfteter Gipfel des Bergs Shrak und schreckten dabei einen Schwärm Gänse auf. Zelana mochte Gänse. Meist waren diese Vögel dumm, doch ihre Wanderungen zeigten den Wechsel der Jahreszeiten sehr präzise an, und das sorgte in diesem unvorhersagbaren Teil der Welt für eine gewisse Stabilität. Die Schwestern landeten in der Nähe des Höhleneingangs, und Zelana führte Aracia den langen gewundenen Gang zum unterirdischen Heim ihres Bruders hinunter. Entsetzlich, merkte Aracia an, während sie sich umschaute. Hat er diese Eiszapfen selbst an der Decke aufgehängt? Die sind nicht aus Eis, liebe Schwester, erwiderte Zelana. Sie sind aus Stein. Sie wachsen genauso wie Eiszapfen, aber es dauert ein wenig länger. Er wird noch verhungern, wenn er hier unten in der Dunkelheit lebt, meinte Aracia. Er hat eine kleine Sonne, die ihm in die Höhle folgt, erklärte Zelana. Wie ein kleiner Welpe läuft sie ihm hinterher. Das Licht genügt ihm. Stellt er jetzt schon Sonnen her? Aracia wirkte ein wenig be45 stürzt. Ich habe das auch einmal versucht, doch das dumme Ding ist auseinander geflogen, als ich sie zum Drehen gebracht habe. Vermutlich hast du sie nicht schwer genug gemacht. Das Gleichgewicht einer Sonne muss äußerst genau austariert sein - zu leicht, dann fliegt sie auseinander; zu schwer, dann kollabiert sie in sich selbst. Aracia sah sich aufmerksam um. Wo ist Dahlaines Träumer, flüsterte sie. Ashad? Dahlaine hat mir gesagt, er sei draußen und spiele mit den Bären. Jeder von uns hat sein Lieblingstier, nicht? Ich liebe meine rosa Delphine, Dahlaine mag Bären, Veltan die Schafe, und du freust dich über die Seehunde, die an deinen Küsten leben. Aracia zuckte mit den Schultern. Sie haben uns etwas zum Spielen gegeben, während wir warten, bis die Menschengeschöpfe herangewachsen sind, sagte sie. Erneut schaute sie sich in der dunklen Höhle um. Anscheinend hat Dahlaine Veltan noch nicht gefunden, fuhr sie dann fort. Ich sehe die beiden nirgends. Wie weit führt diese Höhle in den Berg? Meilen und Meilen, glaube ich, antwortete Zelana. Warten wir. Bestimmt sind sie bald hier. Hat deine Träumerin dir schon interessante Geschichten erzählt? Nein, gab Aracia zurück. Ich glaube, sie ist noch nicht so weit. Nach dem, was du mir erzählt hast, ist deine Träumerin die Erste. Die Geschichte der Welt weist den anderen Träumern ja geradewegs die Richtung. Hat sie wirklich alles ganz von Anfang an in ihrem Traum gesehen? Es kam dem sehr nahe, was tatsächlich geschehen ist, erklärte Zelana. Wie heißt dein Kind eigentlich? Lillabeth, antwortete Aracia schwärmerisch, und sie ist das hübscheste Wesen in der ganzen Welt. Tja, offensichtlich ist ihnen das gemeinsam, nicht, meinte Zelana. 46 Was? Dass sie unsere Wahrnehmung verändern, liebe Schwester, erwiderte Zelana. Ich könnte mir vorstellen, dass Dahlaine und Veltan das Gleiche fühlen, was ihre Träumer betrifft. Jedenfalls hege ich gegenüber Eleria dasselbe Gefühl. Vermutlich ist das ganz einfach. Wir lieben sie, weil sie unsere sind. Könntest du mir nicht ein paar Einzelheiten von Elerias Traum erzählen, bat Aracia. Warten wir auf Dahlaine und Veltan. Es sind einige durchaus schwierige Dinge vorgefallen, als Eleria zu träumen begann, und Dahlaine ist wohl der Beste, wenn es darum geht, sie zu deuten. Falls er jemals hier auftaucht, fügte Aracia hinzu. Draußen war gewiss schon später Nachmittag, als zwei krachende Donnerschläge die Luft erzittern ließen. Das ist so kindisch, befand Aracia. Müssen sie das denn unbedingt machen?
Sie sind immer noch wie kleine Jungen, antwortete Zelana. Und Prahlerei gehört zu ihrer Natur. Auf einem Blitz zu reiten, das weckt ganz bestimmt jedermanns Aufmerksamkeit. Aber sie sehen hinterher so albern aus - sie glühen, und ihr Haar steht ab. Das liegt wahrscheinlich an dem Blitz, sagte Zelana. Immerhin ist es eine schnelle Art zu reisen, obwohl ich doch lieber beim Wind bleibe. Das geht fast genauso schnell und macht nicht annähernd so viel Lärm. Einige Augenblicke später traten die Brüder aus dem gewundenen Gang, der von der Oberfläche herunterführte. Was hat euch aufgehalten, erkundigte sich Zelana freundlich. Ich hatte Schwierigkeiten, unseren kleinen Bruder zu finden, erklärte Dahlaine säuerlich. Manchmal kann er ein rechter Miesepeter sein, mischte sich der große und blonde Veltan ein. 47
Ich hätte bestimmt bessere Laune, wenn du dich nicht stets vor mir verstecken würdest, sagte Dahlaine. Hast du deiner Schwester von Elerias Traum erzählt, Zelana? Die Einzelheiten noch nicht, antwortete Zelana. Einige ihrer Diener waren anwesend, und ich glaube, die müssen nicht unbedingt alles wissen, was gerade vor sich geht. Dann erzähle ihn doch uns allen, liebe Fischschwester, sagte Veltan und grinste sie unverschämt an. Gewiss, Mondknabe, gab Zelana bissig zurück, und dann erzählte sie es ihnen: von dem Wal, der Perle, dem Traum. Du hast dir das doch ausgedacht, Zelana, spottete Veltan. Nein, kleiner Bruder, ganz bestimmt nicht. Die Perle - und vermutlich auch der Wal - sind nicht das, was sie zu sein scheinen. Unsere Schwester glaubt, dass Mutter Meer sich in die Dinge einmischt, erklärte Dahlaine, und ich denke, Zelana könnte Recht haben. Jetzt kommen wir zum interessanten Teil, großer Bruder, meinte Zelana strahlend. Wer und was genau sind diese Kinder, die du uns vor einigen Jahren so großzügig überlassen hast? Die Träumer natürlich, Zelana, erwiderte Dahlaine ein wenig zu eilig. Und, hakte sie nach. Und was? Was sind sie sonst noch, Dahlaine? Meistens bist du so durchschaubar, dass wir anderen dich sofort entlarven können. Du hast es doch wohl nicht gewagt, rief Veltan, und die Augen fielen ihm fast aus dem Kopf, als er Dahlaine anstarrte. Ich weiß nicht recht..., begann Aracia. Dann fielen ihr ebenfalls fast die Augen aus dem Kopf. Dahlaine, stieß sie hervor. Nun ...Er holte tief Luft. War es nicht gewissermaßen ein Notfall, fragte er vorsichtig. Bist du verrückt geworden, wollte Veltan wissen. Sie dürfen 48
während unseres Zyklus nicht anwesend sein. Die Welt kann das Gewicht nicht tragen! Na ja, besonders schwer sind sie nicht, erwiderte Dahlaine verteidigend. Ich habe mich bemüht, ihre früheren Erinnerungen auszulöschen, ehe ich sie geweckt habe, und ich habe sie ein wenig verändert, damit sie mehr neugeborenen Menschengeschöpfen ähneln. Sie schlafen und atmen und essen richtig, anstatt sich von Licht zu ernähren. Ihr Verstand ist der eines Kindes, und sie haben keine Ahnung, wer - oder was - sie wirklich sind, daher wird die Welt wegen ihrer Anwesenheit in unserem Zyklus nicht gleich einstürzen. Sie sind doch noch Kinder, und unser Zyklus wird zu Ende sein, ehe sie vollkommen ausgewachsen sind und begreifen, wer sie wirklich sind. Mit dieser Idiotie hast du die Welt einer großen Gefahr ausgesetzt, brauste Aracia auf. Beruhige dich, Schwester, sagte Zelana. So langsam begreife ich, was Dahlaine im Sinn hatte. Wenn dieses abscheuliche Ding im Ödland kurz davor steht, gegen uns zu ziehen, brauchen wir alle Hilfe, die wir bekommen können, und die anderen haben genauso viel zu verlieren wie wir. Außerdem haben wir sie doch noch nie kennen gelernt, oder? Sie sind wirklich sehr angenehme Wesen. Vorher habe ich sie nicht besonders gemocht, doch seit ich Eleria nun kenne, liebe ich sie sehr. Das hattest du vermutlich im Sinn, als du dir diesen Plan ausgedacht hast, oder, Dahlaine? Wenn wir sie kennen und lieben, können wir ihnen vertrauen. Geht es bei deinem großen Plan nicht eigentlich genau darum? Manchmal bist du so schlau, Zelana, dass ich es kaum ertragen kann, sagte er säuerlich. Er ist klüger, als ich dachte, sagte Veltan zu seinen Schwestern. Wenn wir die anderen vor dem Ende unseres Zyklus wecken, können wir sie erziehen, als wären sie unsere Kinder, und sie auf alles vorbereiten, was sich während unserer Ruhephase ereignen könnte. 49 Und dann können sie am Ende ihres Zyklus den Gefallen erwidern, fügte Zelana hinzu. Diesmal sorge ich für Eleria, und nächstes Mal sorgt sie für mich. Klingt gut, sagte Veltan und zögerte kurz. Wir waren viel zu lange Fremde füreinander, finde ich. Dabei tragen wir die gleiche Verantwortung, also dürfte ein wenig Zusammenarbeit durchaus von Nutzen sein. Zwar bin ich nicht froh darüber, dass du uns nicht verraten hast, was du vorhattest, Dahlaine, aber das ist jetzt nicht so
wichtig. Was kommt als Nächstes? Erstens, sagte Zelana, sollten wir den Träumern nicht allzu detailliert erzählen, was vor sich geht. Sie sind noch Kinder, und Kinder lassen sich leicht beeindrucken, gleichgültig, welcher Spezies sie angehören. Wir wollen ihre Träume doch nicht dadurch verunreinigen, dass wir ihnen erzählen, was sie tatsächlich bedeuten. Mutter Meer würde das bestimmt nicht gefallen, und sie könnte sich überlegen, uns alle vier auf den Mond zu verbannen, und nicht nur Veltan. Damit hast du sicherlich Recht, Zelana, stimmte Dahlaine zu. Halten wir die Träume so rein wie möglich. Er kratzte sich nachdenklich am Kinn. Wir haben da ein Problem, fuhr er fort. Dieser erste Traum wird vermutlich die Wesen aus dem Ödland über die Berge locken, und unsere Völker werden ihnen nicht standhalten können. Ich glaube, wir müssen Hilfe von Außenstehenden holen. Absolut unmöglich, widersprach Aracia heftig. Unsere Völker sind rein und unschuldig. Die Außenstehenden sind barbarische Ungeheuer. Sie sind fast so übel wie die Geschöpfe des Ödlandes. Nicht ganz, Aracia, widersprach Dahlaine. Wir können sie gefügig machen, wenn es sein muss. Das einzige Problem, das ich sehe, ist sprachlicher Natur. Die Außenstehenden sprechen nicht die gleiche Sprache wie unsere Völker. 50
Das ist keineswegs ein Problem, Dahlaine, erklärte Veltan. leb habe mir schon einige Kulturen der Außenstehenden angeschaut, Zuerst habe ich ihr Plappern überhaupt nicht verstanden, doch ich habe eine Möglichkeit gefunden, diese Schwierigkeit zu umgehen. Ach, meinte Dahlaine. Das würde ich gern erfahren. Man muss einfach die Sprache außer Acht lassen und gleich in die Gedanken eindringen. Damit hat er Recht, Dahlaine, sagte Zelana. Mich hat es nicht viel mehr als eine Woche gekostet, die Sprache meiner Delphine zu lernen. Wenn man ihren Gedanken lauscht und nicht ihren Worten, geht das sehr schnell. Interessante Idee, befand Dahlaine. Unglücklicherweise sind Menschen dazu nicht in der Lage. Veltan zuckte mit den Schultern. Dann tue ich es für sie. Könntest du das ein wenig näher erklären, Veltan, fragte Aracia.
Es ist ein bisschen schwierig, liebe Schwester, erwiderte er. Bist du sicher, dass du dir die Einzelheiten anhören willst? Aracia schauderte. Erspare sie mir bitte. Sag mir nur, wie die Ergebnisse aussehen werden. Die Fremdlinge werden in ihrer Sprache sprechen, und unsere Völker in unserer. Doch keine der beiden Gruppen wird Kauderwelsch hören. Alle werden glauben, ihrer eigenen Sprache zu lauschen, und deshalb werden sie sich verstehen. Würde das auch zwischen verschiedenen Gruppen von Außenstehenden funktionieren, wollte Dahlaine wissen. Vermutlich müssen wir Leute aus verschiedenen Kulturen herholen. Auch das ist kein Problem, sagte Veltan. Wir müssen lediglich entscheiden, an welchem Ort sie sich untereinander verständigen sollen. Vielleicht sollten wir es auf das Land Dhrall beschränken. Die Fremdlinge sprechen alle möglichen verschiedenen Sprachen, und vielleicht sollten wir das so lassen. Wenn sie sich untereinander 51 verständigen, könnten sie Bündnisse schmieden, und am Ende würde uns das neue Schwierigkeiten bereiten. Damit könntest du Recht haben, räumte Dahlaine ein. Versuchen wir es und schauen wir, was dabei herauskommt. Ich bin gegen diesen törichten Vorschlag, wandte Aracia unnachgiebig ein. Wir können uns diese heulenden Barbaren nicht ins heilige Land holen! Wie heilig wird es wohl noch sein, nachdem die unheiligen Ungeheuer aus dem Ödland über die Berge gestiegen sind, fragte Dahlaine sie in anklagendem Ton. Die Außenstehenden sind ein wenig ungehobelt, das gebe ich wohl zu, aber sie sind vor allem Krieger. Unsere Völker haben bisher nicht einmal das Eisen entdeckt, sie benutzen immer noch Steinwerkzeuge. Die Völker der Welt draußen haben keine Ahnung von der großen Bedeutung Dhralls, doch sie wissen, wie man kämpfen muss. Die meiste Zeit lang üben sie das gegeneinander. Ich denke, wir sollten diese fremden Länder bereisen und diese Kriegervölker aufsuchen. Es gibt mehrere Kniffe, wie wir sie nach Dhrall locken können, und nachdem sie erst hier sind, wedeln wir ihnen mit Gold vor der Nase herum, bis ihr Interesse geweckt ist. Gold? Das ist doch nicht sehr nützlich, Dahlaine, wandte Veltan ein. Zwar hübsch, doch zu weich. Es hat keinen praktischen Wert, weil es fast so ist wie Blei, wenn man es richtig betrachtet. Die Fremdlinge mögen es, und wenn sie von den Bergen aus Gold im Ödland hören, werden wir nicht in der Lage sein, sie selbst mit Peitschen wieder zu vertreiben. Ich glaube, wir haben keine große Wahl. Unsere Völker sind einfach zu sanftmütig, um sich gegen die Armeen des Vlagh zu behaupten. Wir brauchen eine große Anzahl dieser - wie Aracia sagt - heulenden Barbaren, und wir brauchen sie bald. Ziehen wir also in die Welt draußen, und suchen wir nach Kriegern. Das ist die einzige Möglichkeit, wie wir Dhrall vor den Mächten des Vlagh retten können.
Viele, viele Meilen weit ritt Zelana auf einem Westwind von der Küste Dhralls über die Mutter Meer. Sie wusste, im Westen gab es Land - zumindest war das so gewesen, ehe sie sich in ihre rosa Delphine von der Insel Thurn verliebt hatte. Vielleicht war dieses Land ja wieder fortgewandert. Die Nacht senkte sich über die Mutter Meer, als Zelana tief unten etwas Sonderbares entdeckte. Es schien ein kleines Feuer zu sein, das auf der Oberfläche des Wassers trieb. Feuer und Wasser vertragen sich eigentlich nicht gut, wie Zelana wusste. Voller Neugier schwebte sie hinunter, um sich die Sache näher anzuschauen. Sie flog durch das Zwielicht, und als sie sich dem Antlitz von Mutter Meer näherte, sah sie, was sie auf den ersten Blick für ein schwimmendes Haus hielt. Dann erkannte sie, dass es sich vermutlich um eine größere Version der Kanus handelte, mit denen die Menschen ihrer Domäne aufs Wasser gingen und Fische jagten. Das Feuer, das sie gesehen hatte, brannte in einem kleinen Glaskasten auf dem hinteren Teil des übergroßen Kanus. Leise ließ sie sich auf das Wasser nieder und schlich sich heran. Der schwimmende Gegenstand war technisch ganz offensichtlich weiter entwickelt als alles, was die Menschen von Dhrall bauen konnten, doch hatte man es wohl aus demselben Grund konstruiert, aus dem die Menschen von Dhrall Kanus machten. Bei den Fremdlingen handelte es sich höchstwahrscheinlich um Fischer. Die rosa Delphine der Insel Thurn fraßen Fisch, und Eleria hatte ihr erzählt, Fisch schmecke recht angenehm - solange er frisch sei. Das übergroße Kanu, das Zelana entdeckt hatte, war riesig, lang und schmal, und die Fremdlinge hatten sogar ein Haus mit niedrigem Dach errichtet, in dem sie bei schlechtem Wetter Zuflucht fin52 53 den mochten. Aus irgendeinem Grund hatten sie in der Mitte einen großen Baumstamm aufgestellt. Als Zelana näher kam, bemerkte sie einen unangenehmen Geruch, der über dem gesamten Kanu hing. Dann traten zwei Menschengeschöpfe mit behaarten Gesichtern aus dem niedrigen Gebäude mit flachem Dach am hinteren Teil des Kanus. Beide waren sehr groß und muskulös, und ihre Kleidung bestand aus einer komischen Mischung aus Stoff und Leder. An den Gürteln trugen sie eine Art Waffen, die sofort Zelanas Aufmerksamkeit auf sich zog. Wenn diese Menschengeschöpfe nur Fischer wären, brauchten sie doch keine Waffen zu tragen. Das ließ darauf schließen, dass die zwei nicht hier draußen auf dem Antlitz von Mutter Meer waren, um nach Fisch zu jagen. Zelana zog sich aus dem Licht zurück und befolgte Veltans Anweisung, wie man die Sprache der Fremdlinge verstehen konnte. Scheint eine angenehme Nacht zu werden, Käpt'n, sagte das eine der Geschöpfe gerade. Aye, antwortete das andere barsch, und von mir aus kommt das nicht zu früh. Ich habe die Nase von dem schlechten Wetter hier gestrichen voll. Zelana war durchaus überrascht, wie gut sich Veltans Theorie in die Praxis umsetzen ließ. Für gewöhnlich nahmen Veltans Experimente nicht den Ausgang, den er sich wünschte. Sie konnte die beiden Fremdlinge ohne Schwierigkeiten verstehen. Du solltest vielleicht in den Ausguck steigen, Ochs, schlug derjenige vor, der Käpt'n genannt wurde. Jetzt, wo das Wetter besser geworden ist, sind sicherlich auch andere Schiffe hier in der Gegend unterwegs. Wir segeln schließlich mit der Seemöwe nicht zum Spaß herum. Aye, Käpt'n, sagte der Riese namens Ochs. Die trogitischen Schiffe bleiben gewöhnlich nahe an der Küste, aber der Sturm hat sie vielleicht ins Tiefe Wasser verschlagen. Wenn wir Glück haben, 54
können wir uns einen hübschen Berg trogitisches Gold holen, während sie hier außer Sichtweite des Landes herumirren. So langsam fängst du an zu denken wie ein richtiger Maag, Ochs, sagte Käpt'n und grinste böse dazu. Die Aussicht darauf, trogitische Schiffe wie Äpfel von einem Baum zu pflücken, lässt ein warmes Feuer in meinem Bauch lodern. Morgen früh setzen wir die Mannschaft an die Arbeit, die Segel zu flicken und die Schäden zu beseitigen, die der Sturm in der Takelage angerichtet hat. Einige Male wären wir ja beinahe gekentert. Zelana saß mit gekreuzten Beinen auf der Oberfläche von Mutter Meer und dachte über einige interessante Möglichkeiten nach. Die beiden Fremdlinge, Ochs und Käpt'n, hatten das Kanu als Schiff bezeichnet, und in der Umgebung gab es offensichtlich noch andere Schiffe. Relativ klar war auch, dass diese Menschengeschöpfe, die sich selbst Maags nannten, nicht wegen Fisch auf dem Antlitz von Mutter Meer herumfuhren. Zweifellos suchten sie nach den Schiffen anderer Fremdlinge, um ihnen Gold wegzunehmen. Demzufolge hatte Dahlaine die Fremdlinge richtig eingeschätzt. Sie waren tatsächlich an Gold interessiert, obwohl Zelana nicht verstand, aus welchem Grund. Die Seemöwe, so schien es, war eine zu gute Gelegenheit, um sie verstreichen zu lassen. Da Zelana jetzt die Sprache der Fremdlinge verstehen konnte, würde sie, wenn die Dinge so liefen, wie es sich der mit dem Namen Käpt'n erhoffte, in der Lage sein, die Menschen, die sich selbst Maags nannten, bei ihrem Verhalten zu beobachten. Sollten sie sich als geeignet erweisen, würde ihr Schiff die Sache leicht machen. Ein Wort mit der Mutter Meer konnte für eine Strömung sorgen, die die Seemöwe zur Westküste des Landes Dhrall trieb, und zwar fast so schnell, wie der Wind ein Staubkörnchen trug. Je länger sie darüber nachdachte, desto mehr gelangte Zelana zu der Überzeugung, dass diese Maags genau das waren, wonach sie 55
suchte. Sie würde gut aufpassen und zuhören, und das erforderte vermutlich, dass sie sich im Inneren des schwimmenden Hauses namens Seemöwe aufhielt. Dies stellte sie vor kein großes Problem. Sie hatte die Fähigkeit, sich unauffällig zu machen, während sie lauschte und beobachtete. Und falls sich die Maags als geeignet erwiesen ... Sie alle hatten besondere Namen, die sehr anschaulich, wenn auch nicht immer schmeichelhaft waren. Derjenige, den sie respektvoll Kapitän oder Käpt'n nannten, hieß Sorgan Hakenschnabel. Zelana, die wie eine Fliege über die Decke des niedrigen Gebäudes am hinteren Teil der Seemöwe schlich, bemerkte, dass Sorgan tatsächlich eine Nase hatte, die an den Schnabel eines Adlers erinnerte - oder an den eines Aasgeiers. Der mit dem Namen Ochs hatte Schultern wie ein Bulle, und dann gab es noch einen, der Befehle erteilte, und der hieß Kryda Schinkenpranke, allerdings hätte Bärentatze genauso gut zu ihm gepasst. Schinkenpranke, so fiel Zelana auf, gab seine Befehle mit der Faust, und niemand schien willens, sie zu ignorieren. Zu jenen, die Befehle von Käpt'n, Ochs oder Schinkenpranke entgegennahmen, gehörte der Fette, der das Essen zubereitete, Ado der Langsame, der fast so klug wie ein Baumstumpf zu sein schien, und Kaldo Baumwipfel, der sehr groß war. Dann gab es noch Großfuß, Bockzahn, Henkelohr und einen kleinen, drahtigen Kerl, den sie Hase nannten. Der Baum, der aus der Mitte der Seemöwe wuchs, war ein so genannter Mast, und das Tuch aus schwerem Stoff, das die Maags am Mast befestigten, hieß Segel. Zelana begriff die Bedeutung des Segels nicht, bis sie sah, wie die Maags es am nächsten Tag setzten, um die Morgenbrise einzufangen. Die Maags, so schien es, waren klug genug, um den Wind die meiste Arbeit für sie machen zu lassen. Zelana liebte den Wind ebenfalls, daher gefiel ihr diese Idee. Es war irgendwann am Vormittag, als Ochs rief: Segel in Sicht, Käpt'n, und sofort entwickelte sich auf dem Schiff hektische Betriebsamkeit. Die Maags holten ihre Waffen hervor - Metallmesser mit langen Klingen, die sie Schwerter nannten, große Äste, Speere und verschiedene andere Gerätschaften, allesamt dazu angefertigt, anderen Menschen wehzutun. Die Seemöwe schoss über das Wasser und holte bald ein anderes Schiff ein, und die Maags standen an der Reling der Seemöwe, schwangen die Waffen und schrien den Männern auf dem anderen Schiff Drohungen zu. Dann sprangen die Menschen auf dem anderen Schiff zu Zelanas Überraschung alle in die Mutter Meer und versuchten so schnell sie konnten fortzuschwimmen. Die Maags vertäuten die Seemöwe mit dem anderen Schiff und trugen alle möglichen Gegenstände auf ihr schwimmendes Heim. Nachdem sie damit fertig waren, schnitten sie die Taue durch, die die beiden Schiffe zusammenhielten. Sollen wir das Schiff in Brand stecken, Käpt'n, fragte Ochs Hakenschnabel erwartungsfroh. Ich denke nicht, antwortete Sorgan. Mögen sich die Trogiten ihr Schiff zurückholen. Wir haben, was wir wollten. Vielleicht kehren sie um und laden das Schiff noch einmal voll. Dann können wir sie erneut ausrauben. An diesem Punkt dachte Zelana über ihre Möglichkeiten nach. Die Maags der Seemöwe hatten darüber gesprochen, dass sie schon mehrmals Siedlungen entlang der Küste überfallen hatten, also konnten sie offensichtlich auch an Land kämpfen und nicht nur auf dem Antlitz von Mutter Meer. Zudem prahlten sie gern mit ihren verschiedenen Abenteuern. Falls eine plötzliche Meeresströmung sie rein zufällig ins Land Dhrall verschlug und die Mannschaft ebenso zufällig auf eine große Menge Gold stieße, würden sie zu Hause mit ihrem Glück angeben, und nicht lange darauf würden 56 57 Hunderte von Maagschiffen zur Küste von Dhrall aufbrechen. Nachdem sie dort angelangt wären, würde schon eine geringe Beeinflussung genügen, um sie dazu zu bringen, die Heerscharen des Vlagh anzugreifen. Das Wort Gold weckte zweifellos die ungeteilte Aufmerksamkeit der Maags. Zelana übermittelte diesen Gedanken der Mutter Meer und machte ihr einen Vorschlag. Mutter Meer hielt die Idee für recht amüsant. Nicht lange darauf lag die Seemöwe friedlich im Wind und bewegte sich ungefähr in südöstliche Richtung. Dann packte eine plötzliche Turbulenz das Schiff und schob es nach Osten. Hakenschnabel, Ochs und Schinkenpranke brüllten einander widersprechende Befehle, und ihre Untergebenen versuchten verschiedene Dinge zur gleichen Zeit zu tun, doch nichts, was sie versuchten -und nichts, was sie hätten versuchen können -, führte zu einem Ergebnis. Die Seemöwe bewegte sich nach Osten, manchmal seitlich, manchmal vorwärts, manchmal auch rückwärts. Mutter Meer hatte sie in sehr, sehr festem Griff. Zelana ritt auf dem Wind hoch über ihnen und schaute mit einer gewissen Zufriedenheit zu, wie die Seemöwe unaufhaltsam auf das Land Dhrall zugetrieben wurde. Ob es ihnen gefiel oder nicht -Hakenschnabel und seine Mannschaft hatten sich gerade mit den Mächten des Guten verbündet, die in unendlichem Widerstreit mit dem Bösen des Vlagh standen.
Die Seefahrer
Obwohl er es bis zu seinem letzten Atemzug leugnen würde, war es so etwas wie reiner Zufall, der zu der Entdeckung des Landes Dhrall durch den Kapitän der Seemöwe, Sorgan Hakenschnabel, und seine Mannschaft führte, wenn man bei der Wahrheit bleiben wollte. Wie alle Welt weiß, ist Sorgan Hakenschnabel aus dem Lande Maag der größte Kapitän aller Zeiten. Kein Mann kann ihm das Wasser reichen, wenn es um die Vorhersage des Windes, des Wetters, der Gezeiten oder auch nur den Wert der Fracht irgendeines Schiffes geht, das der Seemöwe unglücklicherweise auf hoher See begegnet. Die Menschen im Lande Maag sind ein wenig größer als die Menschen aus den Ländern weiter im Süden, und sie sind schon früh in ihrer Geschichte zur See gefahren. Die Berge von Maag reichen bis zum Meer, und die Hänge zeigen gewissermaßen seewärts und flüstern stumm: Geht dorthin. Berge sind gut für die Jagd, aber nicht sehr gut für die Landwirtschaft, also bewirtschafteten die Menschen von Maag stattdessen das Meer - und sie fuhren reiche Ernte ein. Angelhaken lassen sich aus Eisen viel leichter schmieden als Pflüge, und mit Netzen ist der Ertrag größer als mit Sicheln. Außerdem müssen die Menschen, die sich vom Meer ernähren, nicht monatelang untätig herumsitzen und warten, während ihre Ernte heranwächst. Die Ernte des Meeres ist ständig da, und sie kann zu jeder Jahreszeit eingefahren werden. Die Menschen des Landes Maag entwickelten in ihrer Geschichte eine drollige Eigenart. Häufig benutzten sie lieber Beschreibun61 gen statt Namen. Deshalb gab es oft mehrere Großfußs oder Bockzahns in einem Maagdorf, auch Schlauköpfe, Fette und Taubenzehen. Dazu gesellten sich später gewöhnlichere Namen, nachdem die Maags in Kontakt mit den kultivierteren Menschen des Südens getreten waren. Sorgan Hakenschnabel war stolz auf seinen Namen, da er andeutete, dass andere ihn für einen Adler hielten, den edelsten aller Vögel. Schon früh in seinem Leben fuhr er zur See, und sein erster Kapitän war der legendäre Dalto Großnase, ein Mann, dessen Name Schrecken im Herzen jedes trogitischen Kapitäns säte, der das nördliche Meer befuhr. Nun sind die Trogiten ein habgieriges Volk, das sich nur zu gern die Dinge unter den Nagel reißt, die rechtmäßig anderen gehören. Irgendwann in der ferneren Vergangenheit entdeckte ein Forscher der Trogiten auf der Suche nach Lagerstätten von Zinn oder Kupfer eine bestimmte Region weit im Westen des Landes Shaan, das sich westlich vom Lande Maag befindet. Die Maags gestanden dem trogitischen Forscher durchaus Mut zu, denn die Eingeborenen des Landes Shaan verspüren die moralische Verpflichtung, alles - und jeden - zu essen, den oder
das sie getötet haben. Getötet werden ist eine Sache, gegessen werden aber eine ganz andere... Der trogitische Forscher erkaufte sich die Freundschaft der Wilden von Shaan mit ein wenig wertlosem Plunder, und sie führten ihn in ein Gebiet, wo die Flüsse sandigen Grund haben. Viele Flüsse haben ein Bett aus Sand, doch der Sand in den Flüssen des inneren Shaan enthält überwiegend Gold. Die Neuigkeit mit dem Gold in den Flüssen von Shaan verbreitete sich rasch, und Abenteurer aus aller Welt eilten herbei, um sich ihren Anteil zu sichern. Nach einigen Jahren jedoch verbreitete sich eine weitere Neuigkeit, nämlich die, dass die Abenteurer, die ins Land Shaan zogen, nie zurückkehrten. Die Begeisterung ließ spürbar nach. 62 Die Quelle des trogitischen Goldes war wohl bekannt; die Gefahren, die mit der Suche danach verbunden waren, sogar noch besser. Gold war jedoch wertlos, solange der Besitzer es nicht irgendwohin tragen kann, wo er eine Möglichkeit zum Ausgeben hat. Die Trogiten fanden rasch eine Lösung für dieses Problem: Sie bauten Schiffe und beförderten ihren Reichtum ins Land Trog. Es handelte sich um große Schiffe mit breitem, tiefem Rumpf, die sich eher über das Wasser wälzten, anstatt richtig zu segeln. Maagschiffe dagegen waren schlank und schnell. Darüber hinaus neigten die wohlhabenden Trogiten zum Geiz, und daher stellten sie keine Wächter ein, die ihre Schatzschiffe verteidigten. Die Maags gaben zu diesem Zeitpunkt das Fischen mehr oder weniger auf, denn: Die Trogiten gewannen Gold aus den Flüssen von Shaan, schleppten es zur Küste und luden es auf ihre schwankenden Schatzschiffe. Dann segelten diese Schatzschiffe auf das nördliche Meer hinaus, wo die Maags ihnen auflauerten. Sorgan Hakenschnabel war von Kapitän Großnase hervorragend darin ausgebildet worden, wie man die trogitischen Schatzschiffe von ihrem überflüssigen Gewicht befreite. Als junger Mann vergeudete er seine Einkünfte natürlich bei lärmenden Festen; junge Seeleute widmen sich mit größter Begeisterung dem Feiern. Doch nach einigen Jahren erkannte Sorgan, dass der Kapitän des Schiffes viel, viel mehr von der Beute bekam als die gewöhnlichen Seeleute. Daher begann er, die Hälfte seiner Einkünfte zu sparen, und schon bald hatte er genug beisammen, um sich sein eigenes Schiff, die Seemöwe, zu kaufen. Die Seemöwe war nicht besonders seetüchtig, als Sorgan sie von dem barschen alten Piraten kaufte, den er zufällig in einer Spelunke im Maaghafen Weros kennen gelernt hatte. Ihre Segel waren zerfetzt, und sie hatte etliche Lecks. Doch zu jenem Zeitpunkt war sie das Beste, was Sorgan sich leisten konnte. Wäre der alte Mann, dem sie gehörte, während des Handels nüchtern gewesen, hätte er ver63 mutlich mehr Geld verlangt. Aber sein Geldbeutel war leer, und Sorgan hatte klugerweise sein letztes Angebot so lange hinausgezögert, bis dem alten Kerl die Zunge vor Durst aus dem Mund hing. Derweil schüttelte er häufig seinen eigenen Geldbeutel, während sie feilschten, wobei er vorgab, dass es sich lediglich um eine gedankenlose Gewohnheit handelt. Das musikalische Klingeln des Geldes spielte keine kleine Rolle dabei, dass der betrunkene alte Mann schließlich Sorgans letztes Angebot annahm. Nachdem Sorgan die Seemöwe gekauft hatte, überredete er zwei seiner früheren Schiffskameraden, Ochs und Kryda Schinkenpranke, als erster und zweiter Maat bei ihm anzuheuern. Ihr Rang bedeutete zu jener Zeit noch nicht allzu viel, denn Sorgan brauchte zunächst vor allem Hilfe, um die Seemöwe seetüchtig zu machen. Die drei arbeiteten ein Jahr an den Reparaturen, und es dauerte deshalb so lange, weil ihnen häufig das Geld ausging. Wann immer es wieder so weit war, mussten sie ihre Arbeit unterbrechen und sich in den Straßen am Wasser auf die Suche nach betrunkenen Seeleuten machen, die noch ein paar Münzen in ihren Geldbeuteln hatten. Am Ende hatten sie die Seemöwe repariert, und erneut mussten die drei durch den Hafen ziehen - diesmal, um eine Mannschaft zu suchen. Die Seemöwe war ein richtiges Maaglangschiff, hundertzehn Fuß lang und fünfundzwanzig Fuß breit, und deshalb brauchte sie eine richtige Mannschaft. Sorgan hatte sein Bestes getan, um die Größe der Mannschaft auf ein Minimum zu beschränken, doch achtzig Mann mussten es schon sein. Er hatte überlegt, ob er nicht bei den Ruderern einsparen konnte, aber Ochs und Schinkenpranke hatten heftig protestiert und aufgezeigt, dass ein Mangel an Ruderern die Geschwindigkeit beeinträchtigen würde, und ein schnelleres Schiff würde mehr Geld einbringen. Und so streifte die Seemöwe schließlich über das Wasser des Nordmeeres und hielt nach geeigneten Opfern Ausschau. Es war im Mittsommer eines ansonsten nicht sehr erwähnenswerten Jahres, als die Seemöwe in einen dieser Sommerwinde geriet, die für gewöhnlich nicht lange andauern - zwei Tage ungefähr, aber bestimmt nicht länger als drei. Dieser jedoch ließ nicht nach, und die Mannschaft der Seemöwe musste das schlechte Wetter fast eine Woche ertragen und hilflos mit ansehen, wie der heulende Sturm die Takelage zerfetzte und das Segel zerriss. Als der Orkan vorüber war, arbeitete die Mannschaft hart und lange, um das Schiff auch nur annähernd wieder seetüchtig zu machen. Kapitän Hakenschnabel nahm es gelassen hin. Kein Schiff segelt stets auf einem sonnigen Meer, und schlechtes Wetter muss man eben durchstehen. Natürlich braucht der Kapitän eines Schiffes selten eigenhändig die Takelage zu reparieren oder die Segel zu flicken. Diese Aufgaben sind Pflicht der gewöhnlichen Seeleute, und so zog sich Kapitän Hakenschnabel in seine Kabine zurück, um ein wenig Schlaf nachzuholen.
Dazu kam es allerdings nicht. Trotz der Tatsache, dass die Seemöwe viele Meilen vom Land entfernt war, hatte eine verflixte Fliege irgendwie den Weg in Hakenschnabels Kabine gefunden, und das Brummen der Flügel genügte, um den Kapitän wach zu halten. Wenn die Fliege nicht umherschwirrte, war es sogar noch schlimmer. Er spürte ihre Augen auf sich liegen, fühlte, wie sie jede seiner Bewegungen verfolgte, und das war noch unangenehmer als das hirnlose Brummen. Wie sehr er sich auch anstrengte, Sorgan Hakenschnabel konnte nicht schlafen. In diesem Jahr schien nichts so zu laufen, wie es sollte. Nachdem Takelage und Segel repariert waren, machte die Seemöwe wieder Fahrt, und sie segelte vor dem Wind ein gutes Stück von der 64 Küste Maags entfernt, als Ochs ein trogitisches Handelsschiff am Horizont entdeckte. Segel in Sicht, Käpt'n, brüllte er mit einer Stimme, die Glas noch in einer Meile Entfernung hätte splittern lassen. Wo, wollte Hakenschnabel wissen. Zwei Grad steuerbord, Käpt'n, rief Ochs. Hakenschnabel überließ das Ruder Kryda Schinkenpranke und eilte zu Ochs an den Bug. Zeig es mir, verlangte er von seinem stämmigen ersten Maat. Ochs zeigte es ihm. Ganz schöne Entfernung, meinte Hakenschnabel zweifelnd. Die Ruderer werden sowieso schon fett, Käpt'n, erwiderte Ochs. Ein hübscher Spurt würde sie ein bisschen in Bewegung bringen, auch wenn wir das Schiff nicht erwischen. Damit hast du Recht, Ochs, stimmte Sorgan zu. Also gut, versuchen wir mal, ob wir das Schiff schnappen können. Es sieht aus wie ein Trogit, also würde es sich lohnen. Aye, Käpt'n, stimmte Ochs zu. Dann hob er die Stimme. Ruderer auf die Plätze, donnerte er. Es gab ein wenig Geknurre, doch die kräftigen Ruderer zogen ihre Angelhaken ein oder legten die Würfel zur Seite und eilten wie ein Mann zu ihren Plätzen unter Deck. Mehr Segel, schrie Ochs den Männern in der Takelage zu. Dann blinzelte er nach vorn. Ich würde die Entfernung auf anderthalb Meilen schätzen, Käpt'n, sagte er, und kein trogitisches Schiff hält mit der Seemöwe mit, wenn sie unter vollen Segeln steht und die Ruderer ihre Heuer verdienen. Wir sollten es vor Sonnenuntergang erreicht haben. Warten wir's ab, Ochs, warten wir's ab. Sorgan genoss eine schnelle Fahrt, und das schwankende trogitische Schiff gab ihm einen Vorwand, die Seemöwe ein wenig fliegen zu lassen. Falls dieser belebende Spurt auch sonst nichts einbrachte, so würde er doch die 66 Erinnerung an den verfluchten Sommersturm und die Gereiztheit vertreiben, die diese verflixte Fliege an der Decke seiner Kabine bei ihm hervorgerufen hatte. Hakenschnabel war nicht übermäßig abergläubisch, aber das Gefühl, beobachtet zu werden, hatte ihn nervös gemacht. Das trogitische Schiff setzte ebenfalls mehr Segel, ein deutlicher Hinweis darauf, dass die Mannschaft die Seemöwe bemerkt hatte. Doch das breite Handelsschiff hatte keine Chance gegen den langen und schlanken Verfolger, und am späten Nachmittag hatte die Seemöwe es fast erreicht. Dann holten die Seeleute, die sonst nicht beschäftigt waren, die Waffen auf das Hauptdeck, stellten sich an die Reling, schwangen die Waffen und übten ihren Schlachtruf. Wie gewöhnlich verließen die Trogiten zu diesem Zeitpunkt ihr Schiff. Es war so gewöhnlich, dass es fast schon ein Ritual war. Die Seemöwe wartete kurz, um den trogitischen Seeleuten Zeit zu lassen, über die Reling zu springen und von den beiden Schiffen fortzuschwimmen, dann legten die Maags längsseits an und stahlen alles von Wert, trugen ihre Beute an Bord der Seemöwe und zogen sich zurück, damit die Trogiten wieder auf ihr Schiff klettern konnten, ehe jemand ertrank. Es handelte sich um ein zivilisiertes Arrangement. Niemand wurde verletzt, kein Schiff wurde beschädigt, und man trennte sich beinahe in Freundschaft. Hakenschnabel lächelte schwach. Im letzten Sommer hatte er ein trogitisches Schiff so oft ausgeraubt, dass er den Kapitän mittlerweile mit Namen kannte. Sollen wir das Schiff in Brand stecken, Käpt'n, fragte Ochs Hakenschnabel erwartungsfroh. Ochs hatte aus irgendeinem Grund seine Freude daran, Schiffe zu verbrennen. Ich denke nicht, antwortete Sorgan. Mögen sich die Trogiten ihr Schiff zurückholen. Wir haben, was wir wollten. Vielleicht kehren sie nach Shaan zurück und laden das Schiff noch einmal voll. Dann können wir sie erneut verfolgen und ausrauben. Es war doch immer wieder das Gleiche. 67 Nachdem die Maags das trogitische Schiff weit hinter sich gelassen hatten, geriet die Seemöwe in einen Wind, der sie nach Südosten trieb - und das war das Ereignis, welches das wie gewöhnlich an der Sache änderte. Jeder Seemann weiß um die Flüsse im Meer, doch anders als bei den Flüssen an Land, kann man jene auf dem Meer nicht sehen. Wasser ist schließlich Wasser, und die Oberfläche des Meeres sieht überall gleich aus, ob es nun unter den Wellen schnell fließt oder steht. Die Seemöwe bewegte sich friedlich nach Südosten, die Mannschaft war damit beschäftigt, die Beute aufzuteilen, als es einen plötzlichen Ruck gab und die Seemöwe abrupt seitlich in Richtung Nordosten gedrückt
wurde. Der erste Maat Ochs kämpfte mit dem Ruder, das zu brechen drohte. Wir sitzen in der Patsche, Käpt'n, rief er. Gerade hat uns eine Meeresströmung erfasst! Ruderer auf die Posten, brüllte Hakenschnabel, während Schinkenpranke schrie: Segel einholen! Sofort herrschte große Betriebsamkeit auf Deck, doch nichts, was sie unternahmen, schien irgendeine Wirkung zu zeigen. Das hat keinen Zweck, Käpt'n, rief Ochs. Diese Strömung hat uns und lässt uns nicht los. Wir können nicht mehr steuern! Vielleicht wird die Strömung schwächer, wenn die Gezeiten wechseln, hoffte Schinkenpranke. Darauf würde ich nicht wetten, erwiderte Ochs und bewegte das Ruder vor und zurück, um ein Gefühl für den Strom zu bekommen. Diese Strömung ist schneller als alles, was ich je gesehen habe. Ich glaube, mit den Gezeiten hat es wenig zu tun. Möglicherweise mit der Jahreszeit, aber bis zum Herbst ist noch eine lange Zeit, und wir sind tausend Meilen von daheim fort, ehe der Winter kommt. Wir kommen jedenfalls richtig gut voran, bemerkte Schinkenpranke. Versuchst du jetzt, komisch zu sein, wollte Ochs gereizt wissen. 68 Ich wollte es nur mal erwähnen, gab Schinkenpranke zurück. Soll ich die Ruderer von ihren Posten abziehen, Käpt'n? Nein, lass sie das Schiff drehen, damit wir mit dem Bug voran schwimmen. Wenn es weiterhin seitwärts treibt, kann uns bereits die kleinste Welle kentern lassen. Anschließend sollen sie die Ruder bereithalten. Wenn wir auf eine Insel oder ein Riff zutreiben, müssen sie sich in die Riemen legen und uns Freirudern. Aye, Käpt'n, wenn du meinst, erwiderte Schinkenpranke und salutierte gewissermaßen, indem er an seiner Stirnlocke zupfte. Es kam allerdings ganz anders. Die Seemöwe fuhr die nächsten Tage in nordöstliche Richtung dahin und kam immer weiter und weiter in unbekannte Gewässer. Die Mannschaft wurde ängstlicher, während die Tage dahinzogen. Seit über zwei Wochen hatten sie kein Land mehr gesehen, und abgedroschene alte Geschichten über Seeungeheuer, den Rand der Welt, Dämonen und riesige Strudel machten die Runde. Ochs und Schinkenpranke versuchten diese Geschichten zu unterbinden, hatten dabei jedoch keinen Erfolg. Dann, an einem hellen Sommernachmittag, ließ der Strom plötzlich ohne Vorwarnung nach, kam zum Stehen und ließ die Seemöwe friedlich auf dem flachen, leeren Meer liegen. Was machen wir jetzt, Käpt'n, fragte Schinkenpranke. Ich denke noch drüber nach, erwiderte Sorgan. Hetz mich nicht. Er sah Ochs an. Wie viel Trinkwasser haben wir noch, erkundigte er sich. Vielleicht für eine Woche - wenn wir es rationieren. Wie steht es mit Essen? Ist ein bisschen knapp, Käpt'n, berichtete Ochs. Der Fette beschwert sich schon seit ein paar Tagen. Er ist bestimmt nicht der beste Koch der Welt, aber er weiß, wie man Bohnen und Salzfleisch mit Tang streckt, wenn es eng wird. Ich würde sagen, das Wasser ist unser Hauptproblem. 69 Vielleicht regnet es ja, hoffte Schinkenpranke. Vielleicht lässt sich nicht so gut trinken, meinte Ochs düster. Besser wäre es, wenn wir Land finden, und zwar schnell. Sonst ... Er ließ unausgesprochen, was er sagen wollte, aber die anderen hatten auch so verstanden. An den nächsten Tagen gab es auf der Seemöwe nur schmale Rationen, doch an einem stahlgrauen Morgen, ehe die Sonne aufging, rief Kaldo Baumwipfel, der größte Mann an Bord, Land in Sicht! von der Marsstenge herunter. Ein kleinerer Mann hätte den flachen Klecks am östlichen Horizont vielleicht übersehen, doch Baumwipfel mit seinen fast sieben Fuß entdeckte ihn. Bist du sicher, rief Schinkenpranke dem schlaksigen Ausguck zu. Ganz sicher, rief Baumwipfel zurück. Zwei Strich backbord, vielleicht drei - oder vier - Meilen entfernt. Weck Ochs, sagte Schinkenpranke zu Hase, dem kleinen, drahtigen Seemann, der in der Nähe stand. Er lässt sich nicht gern so früh am Morgen wecken, gab Hase zurück. Dann wird er immer so grantig. Tritt ihn einfach an den Fuß und lauf weg, schlug Schinkenpranke vor. Der erwischt dich nie. So hast du doch deinen Namen bekommen, oder? Ich kann sogar meinem eigenen Schatten davonlaufen, prahlte Hase, aber wenn ich stolpere und falle, wird Ochs mich packen und den Rest des Tages auf mir herumtrampeln. Steig auf den Mast, riet ihm Schinkenpranke. Ochs kann 70
nicht besonders gut klettern. Aber er muss wissen, dass wir Land gesichtet haben. Lieber nicht, Schinkenpranke. Schinkenpranke ballte die riesige Hand zur Faust und hielt sie Hase vor die Nase. Ich würde mir noch einmal überlegen, was ich lieber tue, Hase, sagte er drohend. Jetzt hör auf zu meutern und tu, was ich dir gesagt habe. Reg dich doch nicht gleich auf, mummelte Hase kleinlaut und wich zurück. Ich geh ja schon. Ochs hingegen überraschte Hase mit einem plötzlichen Begeisterungssturm. Natürlich brauchte Ochs seiner Größe wegen viel zu essen und zu trinken, und so stimmte ihn die unerwartete Sichtung von Land fröhlich. Die Seemöwe war wenigstens ebenso schnell wie ihr Namensvetter, und bis zum Sonnenaufgang war die Küste
vor ihnen deutlich zu erkennen. Geh zum Käpt'n, Hase, und sag ihm, wir haben Land gesichtet, befahl Ochs. Warum ich, beschwerte sich Hase. Weil ich es gesagt habe. Steh nicht herum und widersprich, Hase. Geh einfach. Aye, erwiderte Hase mürrisch. Er beschwert sich aber häufig, nicht, merkte Schinkenpranke an. Dafür rennt er schnell, gab Ochs zurück. Er ist ein wenig ängstlich, das ist alles. Er ist immer auf der Hut, aber wenn du ihn ein bisschen unter Druck setzt, macht er, was du ihm sagst - früher oder später. Kapitän Hakenschnabel kam mit erleichterter Miene an Deck. Hat schon jemand Städte gesichtet, erkundigte er sich. Bislang nicht, Käpt'n, antwortete Ochs. Wenn wir uns mit Vorräten versorgen wollen, müssen wir sie uns wahrscheinlich selbst erjagen, ohne Hilfe. 71 Am besten suchen wir uns zuerst einen Fluss oder einen Bach, entschied Hakenschnabel. Ehe wir auf die Jagd gehen, sollten wir die Wasserfässer füllen. Hunger ist schlimm, aber Durst ist noch schlimmer. Allerdings nicht sehr viel schlimmer, meinte Ochs. Wenn mein Magen noch lauter knurrt, werden die Einheimischen hier wahrscheinlich denken, ein Gewitter zöge auf. Würdet ihr euch bitte einmal die Größe dieser Bäume anschauen, rief Schinkenpranke und starrte zur dicht bewaldeten Küste hinüber. Solche Bäume habe ich noch nie gesehen! Schinkenpranke war möglicherweise leicht erregbar, doch diesmal verstand Sorgan die Sorge seines zweiten Maats. Der Wald, der hinter dem Strand begann, bestand aus Bäumen, deren Stämme zwanzig bis dreißig Fuß Durchmesser hatten und die sich wie riesige Säulen zu einer Höhe von wenigstens hundert Fuß erhoben, ehe der erste Ast aus ihnen spross. Sie wirken ziemlich groß, stimmte Ochs zu. Ziemlich}, meinte Schinkenpranke. Aus einem von diesen Bäumen könntest du zwei Seemöwen bauen und hättest immer noch genug Holz fürs Frühstück übrig. Bäume können wir nicht essen, entgegnete Sorgan. Füllen wir die Wasserfässer, und dann jagen wir uns was zu essen, ehe Ochs anfängt, Segel und Anker zu verspeisen. Die Seemöwe segelte eine Meile oder weiter an der bewaldeten Küste entlang, als Ochs einen breiten Bach entdeckte, der in eine kleine Bucht mündete. Schinkenpranke schwenkte das Ruder hart herum und setzte das Schiff auf einen Sandstreifen. Danach ging der größte Teil der Mannschaft daran, die Wasserfässer zu füllen, während Schinkenpranke eine kleine Jagdgesellschaft in den Wald führte, um nach Tieren zu suchen. Die Jagdgesellschaft kehrte bei Sonnenuntergang mit leeren 72
Händen zurück. Wir haben einige Fährten gefunden, Käpt'n, berichtete Schinkenpranke, und auch ein paar ausgetrampelte Wildpfade, aber wir sind über nichts gestolpert, das einen Pfeil wert gewesen wäre. Für heute Abend haben wir genug, nehme ich an, meinte Sorgan. Der Fette hat die Angelschnüre ins Wasser gehängt, nachdem wir die Seemöwe auf den Sand gesetzt haben, und einige große Fische an Land gezogen. Fisch schmeckt mir nicht so besonders gut, Käpt'n, maulte Schinkenpranke. Immer noch besser als Blätter und Zweige, meinte Sorgan achselzuckend. Habt ihr zufällig irgendwelche Spuren von Menschen im Wald gefunden? Nichts, das eindeutig wäre, Käpt'n. Keine gefällten Bäume oder Brücken oder sonstiges. Hier mag es vielleicht Menschen geben, aber im Wald haben sie keine Spuren hinterlassen. Ich weiß nicht, ob es eine gute Idee ist, die Seemöwe über Nacht auf dem Strand liegen zu lassen. Vielleicht sollten wir besser draußen auf dem Wasser ankern - nur der Sicherheit halber. Wenn hier zufällig doch Menschen leben, sollten wir doch erst etwas über sie in Erfahrung bringen, ehe wir die Hosen herunterlassen. Und auf jeden Fall möchte ich nicht der Hauptgang bei einem Festmahl werden. Guter Einwand, stimmte Sorgan zu. Kümmere dich drum. Die Seemöwe zog während der nächsten Tage vorsichtig an der Küste nach Süden. Die Mannschaft entdeckte Wild - wilde Kühe und die verschiedensten Hirscharten -, aber sie stieß nicht auf Menschen. Das ließ auf der Seemöwe eine gewisse gereizte Stimmung aufkommen. Es muss doch hier irgendwo Menschen geben, Käpt'n, sagte Ochs eines Nachmittags, eine Woche, nachdem sie Land gesichtet hatten. 73 Warum, fragte Hakenschnabel. Überall gibt es Menschen, Käpt'n - sogar an der Küste von Shaan. Hoffentlich sind sie nicht wie die Shaaner - wenn es denn hier Menschen gibt, warf Schinkenpranke ein. Ich könnte jedenfalls noch lange ohne Menschen auskommen, die andere Menschen fressen. Möglicherweise sind wir einfach zu weit im Norden angekommen, meinte Sorgan. Es ist noch Sommer, daher wissen wir ja nicht, wie die Winter hier sind. Die Menschen hier leben vielleicht einfach weiter im Süden. Die Seemöwe segelte weiter nach Süden entlang der leeren Küste, und eine Stunde oder etwas später rief Baumwipfel etwas von der Marsstenge herunter. He, Käpt'n, rief er. Vor uns liegt ein Dorf. Ich kann zwar keine
Menschen sehen, doch aus einem der Häuser steigt Rauch auf. Siehst du, Ochs, meinte Sorgan. Du machst dir einfach zu viele Gedanken. Er blickte zur Marsstenge hoch. Wie weit entfernt, Baumwipfel, rief er zurück. Auf der anderen Seite von der Sandbank vor uns, rief Baumwipfel herunter. Ich sehe ein paar Boote auf dem Strand, doch niemand ist in der Nähe. Wir müssen sie verscheucht haben, sagte Hakenschnabel. Ich denke, wir sollten uns ganz sachte nähern. Wir wollen schließlich niemanden nervös machen. Er drehte sich um. He, Hase, rief er. Aye, Käpt'n, erwiderte der kleine Mann. Hol mal dein komisches Horn und Stoß ein paar Mal hinein. Vor uns liegt ein Dorf, und ich würde den Leuten dort gern mitteilen, dass wir kommen - und zwar in friedlicher Absicht. Aye, Käpt'n, sagte Hase. Er ging kurz nach unten und kehrte mit einem großen geschwungenen Kuhhorn zurück. An dessen 74 Mundstück setzte er die Lippen und erzeugte ein langes, trauriges Blöken, das vom dunklen Wald widerhallte. Hakenschnabel und die anderen lauschten genau, doch gab es keine Antwort. Versuch es noch einmal, sagte Sorgan, und lass es ein wenig fröhlicher klingen, wenn du kannst. Hase blies einen hohen Ton, der mit einem schiefen Quieken endete. Ich denke, Hase sollte ein bisschen üben, meinte Ochs kritisch. Das klang wie eine Katze, der man auf den Schwanz getreten hat. Dann gab es von irgendwo aus dem Wald eine Antwort, die ein wenig zarter klang als Hases Gequieke. Na, also, sagte Hakenschnabel. Blas weiter, Hase, befahl er. Und versuch, dass es sich ein bisschen freundlicher anhört. Ich gebe mein Bestes, Käpt'n, klagte Hase. Niemand an Bord mag es, wenn ich das Blasen übe, deshalb bin ich wie eingerostet. Die Seemöwe umrundete die Spitze der Sandbank, und die Mannschaft versammelte sich am Bug, um einen Blick auf das Dorf hinter dem schmalen Einlass zu werfen. Nicht gerade sehr prunkvoll, bemerkte Ochs. Hauptsächlich Stöcke, die mit Gras gedeckt sind. Du hast doch nicht Paläste erwartet, nicht wahr, Ochs, fragte Sorgan. Ich bin eher froh, keine Steinmauern und solche Dinge zu sehen. Wir haben nur ein einziges Schiff, und wir wollten doch nicht auf Menschen stoßen, die über eine großartige Zivilisation verfügen. Mir scheint es, wir haben diesen Ort vor den Trogiten entdeckt. Sag der Mannschaft, sie soll nicht mit Schwertern und Speeren herumfuchteln. Wir wollen die Leute nicht nervös machen. Dieser Wald reicht bis dicht an das Dorf heran, und mir wäre es lieber, nicht von einem Dutzend Pfeile getroffen zu werden, während ich versuche, mit dem Häuptling des Dorfes zu reden. Bring 75
die Seemöwe in die Bucht, Ochs, aber wir ankern ein Stück vom Strand entfernt. Ich nehme das Beiboot, rudere näher heran und warte dann. Sicherlich werden die Dorfbewohner verstehen, was ich beabsichtige. Ich will reden und nicht kämpfen. Ochs grunzte und steuerte die Seemöwe in die Bucht. Als sie noch etwa hundert Schritt vom Strand entfernt war, befahl er der Mannschaft, den Anker zu werfen, und ein paar Männer ließen das Beiboot für Hakenschnabel ins Wasser. Ich bleibe innerhalb von Bogenreichweite, meinte der Kapitän zu Ochs, doch sag der Mannschaft, sie soll die Waffen verborgen halten - es sei denn, die Sache beginnt brenzlig zu werden. Dann stieg er über die Reling und ließ sich ins Boot hinab. Er legte die Ruder ein, ruderte los, hielt schließlich inne und wartete. Ein paar Menschen aus dem Dorf kamen zum Strand, und es machte den Eindruck, sie würden miteinander streiten. Schließlich stieg ein großer schlanker Mann mit langen blonden Zöpfen und Lederkleidung in eine Art Kanu, und die anderen schoben das Kanu ins tiefere Wasser. Der blonde Mann paddelte zu Hakenschnabel hinaus; er schien darin sehr geschickt zu sein. Während er näher kam und die Männer auf der Seemöwe ihn deutlicher erkennen konnten, überlief Sorgan ein kurzer Schauder. Diesen Mann sollte man besser ernst nehmen. Er war ziemlich groß und hatte ein hartes Gesicht. Doch waren es die Augen, die den Schauder beim Kapitän der Seemöwe ausgelöst hatten. In ihnen lag eine Art von Entschlossenheit, wie Sorgan sie selten zuvor gesehen hatte. Wenn dieser einzigartige Eingeborene etwas wollte, würde er vermutlich keine langen Umschweife machen, um es zu bekommen. Sorgan wurde klar, das er sehr vorsichtig zu Werke gehen musste. Was wollt ihr, fragte der Fremde. Er klang nicht ausgesprochen feindselig, und das betrachtete Hakenschnabel als gutes Zeichen. Lediglich war er ein wenig überrascht, dass der Mann die Sprache der Maags beherrschte. Das würde alles wesentlich leichter 76 machen. Wir wollen keinen Ärger, Freund, sagte er. In diesen Gewässern sind wir fremd, und wir wissen nicht genau, wo wir eigentlich sind. Dies ist das Land Dhrall, antwortete der andere Mann, und hier ist die Domäne Zelanas vom Westen. Beantwortet das deine Frage?
Ich fürchte, vom Land Dhrall habe ich noch nie gehört, erwiderte Sorgan. Wir sind natürlich weit von zu Hause entfernt, und das könnte diesen Umstand erklären. Ist Zelana euer König oder so etwas in der Art? Nicht genau. Ihr werdet sie in Kürze kennen lernen, nehme ich an. Du bist Sorgan Hakenschnabel, nicht wahr? Woher weißt du das? Sorgan war total baff. Zelana vom Westen hat uns erzählt, dass du kommen wirst. Du würdest nicht viel über Dhrall wissen, deshalb soll ich dir alle Fragen beantworten. Woher konnte sie wissen, dass wir kommen, erkundigte sich Sorgan. Wir hatten überhaupt nicht die Absicht, uns so weit vom Land Maag zu entfernen. Aber eine Meeresströmung hat euch erfasst und zu uns gebracht. War es nicht so? Du scheinst ja eine Menge über uns zu wissen, Fremder, und dabei kenne ich noch nicht einmal deinen Namen. Dazu wollte ich gerade kommen, Sorgan Hakenschnabel, sagte der große Mann. Ich bin Langbogen und gehöre zum Stamm von Alter Bär. Zelana vom Westen trug mir auf, euch zum Dorf von Weißzopf, dem Häuptling des Dorfes und des Stammes von Lattash zu führen. Zwischen hier und Lattash gibt es drei Stämme, und sie werden Feuer anzünden, um euch die Richtung zu weisen. Du kannst doch bis drei zählen, oder? Natürlich kann ich das. Sorgan war ganz schön beleidigt. Wie bist du an den Namen Langbogen geraten? 77 Ich bin ein bisschen größer als die anderen Männer des Stammes von Alter Bär, also ist auch mein Bogen länger. Und schon hielt er den Bogen in die Höhe, um ihn Sorgan zu zeigen. Er bewegte ihn nicht sehr schnell, und nirgendwo war ein Pfeil zu sehen, und er hielt ihn auch nicht so, als wolle er ihn benutzen. Sowohl Langbogen als auch Sorgan achteten darauf, keine übereilten Bewegungen zu machen, da möglicherweise im Verborgenen auf jeden von ihnen ein Dutzend Pfeile gerichtet waren. Hübsch gearbeiteter Bogen, lobte Sorgan. Er macht, was ich will, gab Langbogen bescheiden zurück. Bis jetzt hat er mich auf keine einzige Entfernung enttäuscht. Sorgan nahm an, dass der blonde Mann prahlte, doch klang er ausgesprochen selbstsicher, und deshalb wusste der Kapitän nicht so genau ... Wie weit ist es denn bis zu diesem Lattash, fragte er. So weit, wie ein Mann in zehn Tagen laufen kann, antwortete Langbogen. Wenn ihr die Feuer am Strand passiert habt, erreicht ihr einen schmalen Einlass, der in eine recht große Bucht führt. Lattash liegt an dieser Bucht, und Zelana erwartet euch in Lattash. Sorgan sah blinzelnd ins Wasser und rechnete im Kopf. Ich schätze nur, aber ich denke, die Seemöwe - so heißt mein Schiff da drüben - müsste es in drei Tagen schaffen. Ich würde an deiner Stelle nicht länger brauchen, riet ihm Langbogen. Zelana ist ungeduldig, und du solltest sie auf keinen Fall verärgern. Außerdem soll ich dich fragen, ob das Wort Gold irgendeine Bedeutung für dich hat. Oh, ja, antwortete Sorgan leidenschaftlich. Ich weiß nicht, weshalb, aber Zelana trug mir auf, einfach Gold zu dir zu sagen. Habt ihr ausreichend Vorräte und Wasser für drei Tage? Ich nehme an, Zelana würde es lieber sehen, wenn ihr nicht noch einmal anhalten müsst, während ihr nach Süden unterwegs seid. Wie wollte sie uns denn daran hindern, irgendwo anzulegen? Das willst du bestimmt gar nicht wissen, Sorgan Hakenschnabel. Ohne Zweifel treffen wir uns wieder, aber im Augenblick solltest du lieber so rasch aufbrechen, wie du kannst. Es wäre wirklich besser, wenn du das tust.
7 Hatte er außer dem Bogen noch andere Waffen, Käpt'n, erkundigte sich Ochs, als Sorgan auf die Seemöwe zurückkehrte. Ein Bündel Pfeile und ein Speer lagen auf dem Boden des Kanus, antwortete Sorgan. Die hat er nicht angerührt, doch lagen sie dort, wo ich sie sehen konnte. Ich bin mir ziemlich sicher, dass ich sie bemerken sollte. Aber komisch, die Speerspitze war nicht aus Eisen, sondern aus Stein. Die Menschen im Land Shaan, die andere Menschen fressen, machen ihre Werkzeuge und Waffen auch aus Stein, sagte Ochs. Dabei fühle ich mich nicht gerade behaglich, Käpt'n. Allein bei dem Gedanken, gefressen zu werden, wird mir schon ganz anders. Ich glaube, diese Menschen gehören nicht zu jener Sorte, Ochs, meinte Sorgan. Der Kerl in dem Kanu wirkte sogar fast freundlich. Er kannte meinen Namen und hat sich vergewissert, ob wir genug Vorräte und Wasser an Bord haben. Es gibt einen Ort namens Lattash ungefähr drei Tage von hier, wo eine gewisse Zelana mit uns reden will. Langbogen erwähnte etwas von Gold. So wie er es vorgebracht hat, scheint diese Zelana Leute anheuern zu wollen, die kämpfen können, und sie wird ihnen gutes Gold zahlen. Also ich werde von einer Frau keine Befehle entgegennehmen, Käpt'n, protestierte Schinkenpranke. 78 79 Mach dir deshalb keine Sorgen, Schinkenpranke, beschwichtigte Sorgan ihn. Du bekommst deine Befehle weiterhin von mir, so wie immer. Ich werde mit dieser Zelana verhandeln. Setzt die Segel und auf nach Süden. Dort unten wartet eine Dame, die mit mir über Gold reden will, also keine Trödelei. Nachdem die Seemöwe den Einlass hinter sich gebracht hatte, kam eine gute Brise auf, und bald glitt Sorgans
Schiff mühelos über die Wellen hinweg, etwa eine Meile oder so von der Küste Dhralls entfernt. Am Abend hatte die Seemöwe Langbogens Dorf schon weit hinter sich gelassen, und Sorgan machte auf der Windschattenseite eines Inselchens Halt und ließ den Anker werfen. Niemand, der bei klarem Verstand ist, segelt nach Einbruch der Dunkelheit durch fremde Gewässer. Beim ersten Licht stand Sorgan auf, ging an Deck und begutachtete das Wetter. Schinkenpranke und Hase lehnten an der Steuerbordreling. Was ist los, fragte er sie. Es leben wirklich seltsame Viecher hier im Wasser, Käpt'n, erwiderte Hase. Ich habe ja schon viele Delphine und Tümmler gesehen, aber noch keine in der Farbe Rosa. Das meinst du nicht ernst, rief Sorgan. Ich will auf der Stelle tot umfallen, wenn ich Spaß mache, erwiderte Hase. Ich habe sie plantschen und kichern gehört, ehe es hell wurde, und ich habe meinen Augen kaum trauen können, als es genug Licht gab, um sie zu sehen. Er hat Recht, Käpt'n, stimmte Schinkenpranke zu. Die kleinen Gauner sind so rosa wie ein Sonnenaufgang, und sie flitzen durch das Wasser wie spielende Gören. Da ist einer, Käpt'n, rief Hase und zeigte nach Steuerbord. Sorgan starrte in die Richtung. Das war ohne jeglichen Zweifel ein Delphin, und er war tatsächlich rosa. Dann schwärmten weitere um die Seemöwe herum, sprangen aus dem Wasser und planschten und kicherten und tollten herum. 80 Das ist wirklich ein seltsamer Ort, murmelte Sorgan, halb zu sich selbst. Demnächst sehen wir noch purpurne Haie und hellgrüne Wale. Weck die Mannschaft, Schinkenpranke. Das Wetter sieht gut aus, also lasst uns aufbrechen. Aye, Käpt'n. Die Seemöwe segelte nach Süden weiter, doch sie war nicht länger allein. Die rosa Delphine begleiteten sie, schwammen vor ihrem Bug her und schnatterten steuerbords wie backbords mit der Mannschaft. Ist ja fast, als hätten wir eine Eskorte, Käpt'n, meinte Ochs. Dann blinzelte er die Tiere abschätzend an, die zu allen Seiten verspielt aus dem Wasser sprangen. Ich frage mich, wie Delphinfleisch schmeckt, sinnierte er. Nein, entgegnete Sorgan scharf. Gerade haben wir ein bisschen Glück, Ochs. Mach mir bloß keine Sachen. Du würdest möglicherweise einen Sturm oder eine Wasserhose heraufbeschwören, und bis nach Maag zurück hat man ein ganz schönes Stück zu schwimmen. Aber diese Tiere haben doch nichts mit dem Wetter zu tun, Käpt'n, spottete Ochs. Vielleicht nicht, aber ich will kein Risiko eingehen. Treib also keine Spielchen mit solchen Dingen, Ochs. Lass sie einfach so, wie sie sind. Und die Seemöwe setzte ihren Weg nach Süden bei guter Geschwindigkeit fort, während die Delphine sie begleiteten und die Dämmerung rosig am Osthimmel aufzog. Da ist ein Feuer am Strand, Käpt'n, rief Baumwipfel von der Marsstenge. Halt die Augen offen, rief Hakenschnabel zu ihm hinauf. Unterwegs nach Süden sollen wir noch zwei weitere sehen. Nach dem dritten müssen wir scharf aufpassen. Da gibt es einen Einlass, der zu einer großen Bucht führt. Danach suchen wir. 81 Aye, Käpt'n, rief Baumwipfel zurück. Am frühen Nachmittag des dritten Tages nach Sorgans Begegnung mit Langbogen passierten sie das dritte Leuchtfeuer, und Hakenschnabel befahl der Mannschaft, die Augen nach backbord offen zu halten. Sie umrundeten eine Landspitze, und dahinter entdeckten sie einen schmalen Kanal, der sich zwischen zwei Gebirgsausläufern hindurchzog. Ich übernehme das Steuer, Ochs, sagte Sorgan und legte eine Hand auf das Ruder. Die Ruderer sollen ihre Plätze einnehmen, und lass außerdem das Segel einholen. So nahe am Heimatdorf dieser reichen Dame wollen wir die Seemöwe nicht noch auf Grund setzen. Aye, Käpt'n, stimmte Ochs zu. Hakenschnabel überdachte seine Möglichkeiten, während er die Seemöwe durch den Kanal in die große Bucht dahinter steuerte. Er war ziemlich sicher, dass Langbogen ihn nicht hatte täuschen wollen, doch war es vermutlich günstig, die Dinge hier in aller Ruhe anzugehen. Er kannte dieses Volk nicht, und die Menschen hier kannten ihn nicht. Prüfend richtete er den Blick gen Himmel. Es war Nachmittag, und vermutlich würden sie einige Zeit brauchen, um das Dorf zu finden und durch die Bucht dorthin zu rudern. Somit erreichten sie dieses Lattash wohl eher gegen Sonnenuntergang oder sogar später. Es wäre wahrscheinlich sicherer, ein Stück vor der Küste Anker zu werfen und bis zum Morgen zu warten. Auf diese Weise kamen sie bei Tageslicht an, und jeder konnte sehen, was der andere tat. Klettere auf den Mast, Schinkenpranke, sagte er zu seinem zweiten Maat. Wenn du das Dorf siehst, such uns einen Ankerplatz für die Nacht. Wir werden bis zum Morgen abwarten, ehe wir uns mit der reichen Dame unterhalten. 82 Aye, Käpt'n, stimmte Schinkenpranke zu. Verärgern wir die Eingeborenen nicht, solange es nicht sein muss. Sie warfen den Anker vor einer Felsküste, wo es keinen erkennbaren Strand gab. Hakenschnabel wollte
verhindern, dass sich im Dunkeln jemand auf sein Schiff schlich. Er postierte dennoch mehrere Wachen zwischen Bug und Heck, nur um sicherzugehen. Die Nacht war ruhig, und am Morgen schien alles in Ordnung zu sein. Die Wachen hatten mehrere Feuer in der Nähe eines breiten Sandstrands am Ende der Bucht gesehen, und Sorgan rief die Mannschaft der Seemöwe auf Deck zusammen. Ich möchte, dass ihr euch benehmt, wenn wir in dieses Dorf gelangen, sagte er zu ihnen. Kommt nicht auf den Gedanken, das Weibsvolk zu belästigen oder den Männern ihren Schmuck zu stehlen. Möglicherweise befinden wir uns zehn zu eins in der Unterzahl, also benehmen wir uns sehr höflich. Diese Menschen brauchen offensichtlich unsere Hilfe, und es wurde angedeutet, dass wir Gold als Bezahlung bekommen, deshalb werdet ihr euch zusammenreißen. Fuchtelt nicht mit euren Schwertern oder Speeren herum und fangt keine Streitereien an. Hier könnte es um eine Menge Gold gehen, und ich wäre sehr unglücklich über jeden, der mir einen Strich durch die Rechnung macht. Habe ich mich verständlich ausgedrückt? Er betrachtete seine Mannschaft mit hartem Blick und grimmiger Miene. Alle hatten ihn anscheinend genau verstanden. Als die Sonne aufging, lichteten sie den Anker, und die Ruderer bewegten die Seemöwe langsam zum Ende der Bucht, wo die Wachen in der Nacht die Feuer gesehen hatten. Bring das Schiff bis ungefähr hundert Schritt vor die Küste, Ochs, wies Sorgan seinen ersten Maat an. Dort werfen wir den Anker und warten ab, wie sich die Eingeborenen verhalten. Wenn sie friedlich sind, gut. Benehmen sie sich jedoch feindselig, wenden wir die Seemöwe und verschwinden. 83 Habe verstanden, Käpt'n, bestätigte Ochs. Sorgan bemerkte, dass Lattash um einiges größer war als das Dorf, in dem er Langbogen getroffen hatte, und auf dem Sandstrand lagen viele Kanus. Fischernetze trockneten auf Stangen neben den Kanus. Offensichtlich ernährten sich die Eingeborenen von Lattash überwiegend vom Fischfang. Die Häuser - wenn man sie denn so nennen durfte - bestanden zum größten Teil aus Ästen, die gewölbeartig verflochten waren, und obwohl sie sehr einfach wirkten, hielten sie gewiss dem Wetter stand. Nichts im Dorf konnte man eine Straße nennen, denn die einzelnen Hütten erweckten den Eindruck, rein zufällig platziert zu sein. Es gab auch einen hohen Deich zwischen dem Dorf und dem Fluss, der genau an dieser Stelle aus den Bergen kam, und das deutete auf gelegentliche Überflutungen hin. Nicht lange danach wurde etwa ein Dutzend Kanus zu Wasser gebracht, und die in Leder gekleideten Eingeborenen paddelten aufs Wasser hinaus. Sorgan fiel auf, wie gut sie bewaffnet waren. Ihre Pfeile und Speere hatten Steinspitzen, doch ein gut geschärfter Stein konnte sich vermutlich genauso gut in Fleisch bohren wie Eisen. Die Kanus zogen im Halbkreis zwischen der Seemöwe und dem Strand heran, doch ein einzelnes wurde fast bis an Sorgans Schiff herangepaddelt. Darin befanden sich nur zwei Eingeborene. Der eine, der paddelte, war fast so stämmig wie Ochs und hatte einen flammend roten Bart, der fast bis zur Hüfte ging. Der andere war wesentlich älter und hatte schneeweißes Haar, das er zu Zöpfen geflochten trug. Der Rotbärtige brachte das Kanu geschickt zum Halt, und sein älterer Gefährte erhob sich. Willkommen in Lattash, Sorgan Hakenschnabel, sagte er mit tiefer, donnernder Stimme. Lange haben wir auf deine Ankunft gewartet. Deine Begrüßung ehrt mich, erwiderte Sorgan. Eine gewisse Förmlichkeit schien wohl angebracht, dachte er bei sich. 84 Ich bin Weißzopf von Lattash, stellte sich der Mann im Kanu vor, und die jüngeren Männer des Dorfes beherzigen meinen Ratschlag - jedenfalls meistens. Der alte Mann lächelte schwach. Diesen trockenen Humor hatte Sorgan schon bei Langbogen bemerkt. Er richtete sich auf. Mir wurde gesagt, eine gewisse Zelana wolle ein Wort mit mir wechseln, Häuptling Weißzopf, sagte er. Das, habe ich ebenfalls gehört, antwortete Weißzopf. Dies ist mein Neffe Rotbart, sagte er und deutete auf den Eingeborenen, der das Paddeln übernommen hatte. Er wird dich zu der Höhle geleiten, wo sie weilt. Ich bleibe hier, damit deine Männer sich keine Sorgen um dein Wohlergehen machen müssen. In Zeiten wie diesen sind solche Vorsichtsmaßnahmen vielleicht nicht mehr notwendig, doch wir sind uns noch fremd, und daher wollen wir jegliche List ausschließen. Eine überaus weise Entscheidung, Häuptling Weißzopf, lobte Sorgan, und ich werde mich in dieser Angelegenheit von dir leiten lassen. Wenn Weißzopf es auf Förmlichkeit anlegte, würde Sorgan ihn damit überhäufen, bis er darin hüfttief versank. Die beiden wechselten die Plätze. Weißzopf kam an Bord der Seemöwe, und Hakenschnabel kletterte in das Kanu. Behandele unseren Freund gut, Ochs, rief Sorgan seinem ersten Maat zu. Aye, Käpt'n, erwiderte Ochs voller Respekt, derweil sich das Kanu von der Seemöwe entfernte. Warum lebt diese Dame mit Namen Zelana in einer Höhle und nicht im Dorf beim Rest des Stammes, erkundigte sich Sorgan bei dem rotbärtigen Eingeborenen, der geschmeidig zum Strand paddelte. Sie gehört eigentlich nicht zu uns, Sorgan Hakenschnabel, antwortete Rotbart, und sie mag uns nicht sehr. Ich dachte, sie sei die Königin dieses Teils von Dhrall, meinte Sorgan. Nicht ganz, sagte Rotbart. Unseren Legenden zufolge ist sie
85 unsterblich, und sie kümmert sich nicht sehr viel um die Menschen, Vor langer, langer Zeit ist sie fortgegangen. Erst kürzlich kehrte sie zurück, und nun wohnt sie in der Höhle am Rand des Dorfes. Mein Onkel sagt, sie sei sehr mächtig, und wenn sie möchte, dass etwas geschieht, wird es auch geschehen. Onkel Weißzopf wirkt ein wenig seltsam, wenn er über sie spricht. Ich glaube, er fürchtet sich vor ihr, was sehr komisch ist, denn sonst fürchtet er sich vor gar nichts. Sie kommt nie aus dieser Höhle, und ihr einziger Diener ist ein kleines Mädchen. Das Mädchen kommt immer zu uns, um uns mitzuteilen, was Zelana von uns möchte. Wie sieht sie denn aus, wollte Sorgan wissen. Rotbart zuckte mit den Schultern. Ich habe sie nur zweimal gesehen, und sie hält stets ihr Gesicht bedeckt. Einmal habe ich gehört, wie mein Onkel mit einem der anderen alten Männer des Dorfes gesprochen hat, und er sagte, sie würde sich oft verwandeln. Verwandeln? Sie sieht nicht immer gleich aus. Rotbart hörte auf zu paddeln. Wenn wir den Strand erreichen, soll ich dich am Wasserrand entlang führen. Onkel Weißzopf sagte, du solltest von deinen Männern bis zu Zelanas Höhle immer gut zu sehen sein, damit sich deine Männer keine Sorgen machen. Dein Volk ist aber sehr vorsichtig, Rotbart, merkte Sorgan an. Onkel Weißzopf ist das lieber. Alte Männer sind eben so. Das erklärt vielleicht, weshalb sie so alt geworden sind. Vermutlich hast du Recht, räumte Rotbart ein und nahm das Paddel wieder zur Hand. Wir müssen hier anlanden. Auf der Seite des Strandes, zu der wir wollen, gibt es unter der Wasseroberfläche spitze Felsen, und ich würde mir das Kanu lieber nicht aufschlitzen. Wie weit ist es bis zu dieser Höhle, fragte Sorgan. Rotbart zeigte mit dem Paddel dorthin. Sie ist in dem Hügel nahe am Ende des Strandes. Ganz schön weit vom Dorf entfernt, fiel Sorgan auf. Der Berg war eigentlich wie eine Kuppel geformt, und an den kahlen Seiten aus Fels wuchs kaum eine Pflanze. Die wir Zelana nennen, mag anscheinend unseren Geruch nicht. Sollte ich mich vor ihr verbeugen oder sonst etwas Besondere: tun, erkundigte sich Sorgan. Ich glaube nicht. Onkel Weißzopf hätte es sonst erwähnt. Sag ihr einfach, wer du bist. Vermutlich wird sie es schon wissen, da sie dich immer wieder beschrieben hat, seit sie hergekommen ist. Rotbart ließ den Bug des Kanus auf den Sand laufen, und dann zog er es gemeinsam mit Sorgan aus dem Wasser. Anschließend gingen sie den Strand entlang und achteten darauf, immer in Sicht der Seemöwe zu bleiben. Hast du irgendetwas über möglicherweise anstehende Unruhen gehört, horchte Sorgan Rotbart aus. In diesem Teil der Welt gibt es immer Unruhen, Sorgan Hakenschnabel, gab Rotbart zurück. Die Stämme führen wegen jeder Kleinigkeit Krieg. In letzter Zeit haben wir allerdings Geschichten über die Geschöpfe des Ödlands gehört. Wo befindet sich das? Jenseits der Berge, antwortete Rotbart vage. Viel weiß ich nicht darüber, weil die alten Männer nicht gern über das Ödland sprechen. Die Geschöpfe, die dort leben, sehen vermutlich so ähnlich wie Menschen aus, aber ich glaube, eigentlich sind es keine Menschen. Zelana kann dir darüber bestimmt mehr erzählen. Ich glaube, deshalb will sie überhaupt mit dir reden. Dort drüben ist der Eingang zu ihrer Höhle. Er zeigte auf eine unregelmäßige Öffnung im Fels des Berges. Mein Onkel hat mir gesagt, ich solle ein bisschen Lärm machen, ehe wir hineingehen. Er meinte, wir sollten Zelana besser nicht erschrecken. Sie näherten sich dem Höhleneingang mit einer gewissen Vor87
sieht. Zelana vom Westen, rief Rotbart in die hallende Höhle, ich bin Rotbart aus dem Geschlecht von Weißzopf dem Häuptling, und ich habe einen Fremden namens Sorgan Hakenschnabel mitgebracht, der mit dir sprechen möchte. Einige Augenblicke warteten sie, dann kam ein wunderschönes Mädchen mit blondem Haar aus der dunklen Höhle. Was hat dich so lange aufgehalten, Hakenschnabel, fragte es Sorgan. Die Geliebte hat sich schon Sorgen um dich gemacht. Kommt herein, aber putzt euch die Füße ab. Sie mag es überhaupt nicht, wenn jemand Schmutz in ihre Höhle trägt. Sorgan und Rotbart folgten dem Mädchen durch die unregelmäßig geformte Öffnung und durch einen schmalen, gewundenen Gang in eine große Kammer, wo in einiger Entfernung zum Eingang ein kleines Feuer brannte. Eine Frau mit dunklem Haar und hauchdünnem Gazegewand saß mit dem Rücken zu ihnen am Feuer. Zeit, dass du eintriffst, Hakenschnabel, sagte die Frau. Ist die Seemöwe lahm geworden? Es ist doch eine ganz schöne Entfernung von Langbogens Dorf bis hierher, erwiderte Sorgan und fühlte sich keineswegs nur leicht beleidigt. Das hat die Seemöwe jedoch nicht aufgehalten, als sie vor einer Weile dieses trogitische Schatzschiff gejagt hat. Woher weißt du davon, fragte er. Die Geliebte weiß alles, Hakenschnabel, erklärte ihm das kleine Mädchen. Das weiß doch jeder. Es genügt, Eleria, sagte die Frau in Gaze. Dann drehte sie sich um und schaute Sorgan an. An diesem Punkt wurden Sorgans Knie schwach. Sie war die schönste Frau, die er je gesehen hatte.
Starr mich nicht so an, Sorgan Hakenschnabel, sagte sie streng. Das ist unhöflich. Vergib mir, sagte er und errötete. Deine Erscheinung hat mich unvorbereitet getroffen. Das musst du eigentlich gewöhnt sein. Ja, es geschieht häufig, räumte sie ein. Wenigstens warst du Manns genug und bist nicht in Ohnmacht gefallen. Das kann nämlich sehr ärgerlich sein. Ich sehe, du hast Rotbart mitgebracht. Eigentlich hat er mich mitgebracht, erwiderte Sorgan, wobei seine Stimme noch immer leicht zitterte. Er hat mir den Weg gezeigt. Dann kennt ihr euch ja schon. Gut. Er wird mit uns kommen, wenn wir nach Maag zurückkehren. Wir werden außerdem Langbogen abholen, aber die Einzelheiten können wir später besprechen. Reden wir erst einmal übers Geschäft. Ich brauche Krieger, und ich zahle in Gold. Bist du interessiert? Das Wort Gold klingt sehr interessant, antwortete er. Wen soll ich über die Klinge springen lassen? Und wie viel Gold gibst du mir, wenn er tot ist? Du kommst ja gleich zur Sache, Sorgan, sagte sie bedeutungsvoll. Das spart Zeit, meinte er und zuckte mit den Schultern. Reden wir über eine Art Krieg? Nun, gewissermaßen. Wie viel weißt du über das Land Dhrall? Bis ich Langbogen vor drei Tagen getroffen habe, hatte ich noch nie etwas davon gehört. Rotbart hat mir von diesen Menschen erzählt, die jenseits der Berge leben. Daraus schließe ich, dass sie diejenigen sind, die ich für dich erledigen soll. Ist das so eine Art Stammesstreit? In Maag kommt das auch ständig vor. Es geht weit über einen Streit hinaus, Hakenschnabel, sagte sie. Die Menschen von Dhrall leben vor allem an der Küste, wo man fischen kann, doch es gibt andere Geschöpfe, die im inneren Ödland leben. Sie werden unruhig, und du und deine Krieger sol89 len sie davon überzeugen, dorthin zurückzukehren, wo sie hingehören. Deshalb habe ich dich kommen lassen. Du sollst weitere Maags herholen und uns helfen, die Geschöpfe des Ödlands über die Berge zurückzutreiben. Wir sagen den Maags, dass ich ihnen Gold gebe, wenn sie herkommen und uns helfen. Leicht gesagt, Gold, werte Dame Zelana, sagte Sorgan, aber ich glaube, ich möchte Gold sehen, ehe ich die anderen Maags überzeugen kann. Klingt einleuchtend. Zelana wandte sich an das kleine Mädchen. Bring ihn nach hinten, wo das Gold liegt, Eleria, sagte sie. Zeig ihm, wie viel es ist. Gewiss, Geliebte, antwortete das kleine Mädchen. Es liegt ein Stück weiter hinten in der Höhle, Hakengabel, sagte es zu Sorgan. Hakenschnabel, berichtigte er sie. Aha, sagte sie. Das ergibt auch viel mehr Sinn, oder? Ich muss die Geliebte falsch verstanden haben, als sie mir deinen Namen gesagt hat. Mir kam es irgendwie verkehrt herum vor, aber Gabelhaken ergibt auch nicht viel Sinn, was? Wie viel von diesem Gold möchtest du dir anschauen? So viel wie möglich, erwiderte Sorgan gierig. Ich glaube, so viel Zeit haben wir nicht, sagte Eleria, Die Geliebte hat es ein bisschen eilig. Dann gab die Gaze gewandete Zelana eine Art Quieken von sich, und Eleria antwortete auf die gleiche Weise. Sorgan nahm an, es handelte sich um eine fremde Sprache. Zelana streckte die Hand aus und nahm ein glühendes Stück Feuer aus der leeren Luft, das sie Eleria reichte. Hinten in der Höhle ist es dunkel, erklärte Eleria Sorgan. Diese kleine Sonne wird uns den Weg beleuchten. Du solltest dich geehrt fühlen, Hakenschnabel. Die Geliebte wollte es eigentlich zum Mittagessen verspeisen. Sie hielt ihm das glühende Stück Feuer entgegen. Hier, sagte sie, du kannst es tragen, wenn du möchtest. 90
Sorgan versteckte die Hände hinter dem Rücken. Nein, ist schon gut, entgegnete er vielleicht ein wenig zu rasch. Trag du es nur. Soweit Sorgan sehen konnte, war das Stück Glut nicht in Glas eingefasst - oder in irgendetwas anderes. Es schien Feuer zu sein, doch das kleine Mädchen ging ausgesprochen unachtsam damit um. Also gut. Komm. Sie führte ihn in den hinteren Teil der Höhle und hielt das Feuer in die Höhe. Verbrennt es dir nicht die Hand, fragte Sorgan, während sie durch den Felsgang gingen. Nein, antwortete Eleria, die Geliebte hat es gebeten, nicht so heiß zu sein. Warum nennst du sie ständig die Geliebte, fragte er neugierig. So nennen die Delphine sie, erklärte Eleria. Ich habe viel mit den Delphinen gespielt, als ich noch jünger war. Wir haben einige gesehen, als wir von Langbogens Dorf hierher kamen, sagte er. Ich weiß. Die Geliebte hat sie gebeten, euch den Weg zu zeigen. Schließlich solltet ihr nicht verloren gehen. Das Gold, das du sehen willst, ist gleich hier um diese Ecke. Sorgan folgte ihr, dann blieb er plötzlich stehen, und die Augen wären ihm fast aus dem Kopf gefallen. Der Felsgang, dem er und Eleria folgten, war von einer massiven Mauer aus - so schien es -goldenen Ziegeln blockiert. Genügt das erst einmal, fragte Eleria ihn. Die Geliebte kann noch mehr bringen lassen, doch Rotbart und die anderen Dorfbewohner würden eine Weile brauchen, bis sie es hergeholt hätten. Wie weit reicht der Gang, fragte Sorgan mit bebender Stimme. Ich bin mir nicht sicher, sagte Eleria. Ziemlich weit, glaube ich. Halt mich hoch, und ich schaue nach.
91 Sorgan setzte sie sich auf die Schulter. Sie hielt ihren Feuerball hoch und spähte in die Höhle. Das Licht reicht nicht bis zum Ende, berichtete sie, aber so weit ich sehen kann, ist nichts als Gold. Ganz hübsch, doch wäre es noch hübscher, wenn es rosa wäre und nicht gelb. Gelb ist ein wenig langweilig auf die Dauer, findest du nicht? Ich finde es überhaupt nicht langweilig, widersprach Sorgan. Kehren wir um, schlug Eleria vor. Die Geliebte ist ein wenig ungeduldig. Wäre es wohl in Ordnung, wenn ich ein paar dieser Ziegel mitnehme, um sie meinen Männern zu zeigen, erkundigte sich Hakenschnabel bei ihr. Bestimmt, sagte sie und lächelte sonnig. Es ist schließlich genug da, oder? Oh, ja, sagte Sorgan voller Leidenschaft. Dann gingen sie zurück in den vorderen Teil der Höhle. Genügt dir das Gold, Hakenschnabel, fragte Zelana. Sieht recht anständig aus, antwortete er. Ich könnte vermutlich das gesamte Land Maag damit kaufen. Allerdings muss ich ein wenig davon mitnehmen, um es den anderen Maags zu zeigen. Vermutlich würden sie mir nicht glauben, wenn ich ihnen nur davon erzählte. Nicht zu viel, mein guter Sorgan, sagte Zelana. Die Seemöwe ist nicht dazu gebaut, viel Gewicht zu befördern, und sie soll schließlich nicht unter uns sinken, während wir nach Maag segeln, ja? Wirf, fragte Sorgan alarmiert. Eleria und ich kommen mit dir, und außerdem Rotbart und Langbogen. Ihr müsst aber nicht unbedingt mitkommen, gnädige Zelana, protestierte Sorgan. Ich glaube doch, Hakenschnabel, widersprach sie. Wir müs92 sen uns beeilen, und ich kann die Seemöwe überreden, schneller zu fahren - und außerdem dafür sorgen, dass du deine Verpflichtung, zurückzukehren, nicht vergisst. Aber ..., setzte er halbherzig an. Kein Aber, unterbrach sie ihn. Wir laufen mit der Nachmittagsflut aus. Geh zurück an Bord der Seemöwe und mach sie klar. Rotbart wird sich darum kümmern, dass ein bisschen Gold auf das Schiff gebracht wird, ehe wir aufbrechen. Eleria nimmst du jetzt mit. Ich muss mich noch mit meinem Bruder unterhalten. Bis jetzt habe ich nicht zugestimmt, protestierte Sorgan. Willst du etwa ablehnen? Also ... Sein Widerstand bröckelte, als er sich an die massive Wand aus Goldziegeln erinnerte. Ich habe es mir auch nicht vorstellen können, meinte Zelana selbstgefällig. Jetzt geh. Er blickte sehnsüchtig zum hinteren Teil der Höhle. Schnell, schnell, Sorgan Hakenschnabel, sagte sie und schnippte mit den Fingern in seine Richtung. Der Tag verstreicht, und wir wollen unterwegs sein, ehe die Sonne zu Bett geht.
8 Alter Bär war also der Häuptling des Stammes, und obwohl er selten sprach, hatten Langbogens Eltern ihm schon in der Kindheit erklärt, dass Alter Bär sehr weise war. Langbogen war damals überwiegend damit beschäftigt gewesen, Kind zu sein, daher hatte er, was seine Eltern ihm sagten, ohne den geringsten Zweifel hingenommen und sein Kindsein mit ungebremster Begeisterung fortgesetzt. Das Dorf des Stammes von Alter Bär befand sich zu jenem Zeitpunkt auf einem hohen Steilufer, und dahinter lag ein tiefer Wald. Davor erstreckte sich die Mutter Meer vom Fuß der Klippen bis zum fernen Horizont im Westen. Langbogen war sicher gewesen, dass es in der ganzen Welt keinen besseren Ort gab, um Kind zu sein. Im Spätsommer von Langbogens fünftem Jahr wurden viele Angehörige des Stammes von Alter Bär von einer seltsamen Krankheit befallen, die zunächst brennendes Fieber auslöste und dann Schüttelfrost hervorrief. Die Kranken bekamen purpurne Flecken auf der Haut, und sie sahen Dinge, die eigentlich nicht da waren - so schreckliche Dinge, dass sie viele Tage lang schrien, ehe sie schließlich starben. Nun war Einer-Der-Heilt der Schamane von Alter Bars Stamm, und er war sehr bewandert in der Kunst des Heilens, doch die Seuche, die aus der Nacht herangekrochen war, widerstand jedem Versuch, sie zu besiegen, und der halbe Stamm von Alter Bär wurde dahingerafft. Zu jenen, die an der Krankheit starben, gehörten auch die Eltern von Langbogen und die Frau von Häuptling Alter Bär. 97
Und Einer-Der-Heilt, der sich der Seuche geschlagen geben musste, war zur Hütte von Alter Bär gegangen und hatte den Häuptling gedrängt, die überlebenden Angehörigen des Stammes zu versammeln und zu fliehen. Voller Sorge hatte Alter Bär zugestimmt und den Überlebenden befohlen, ihre Hütten niederzubrennen, und dann hatte er sie zu einem neuen Ort nahe der Küste von Mutter Meer geführt, wo sie ihre Hütten auf unverseuchtem Boden wiederaufbauen konnten, und er hatte den verwaisten Langbogen zu sich in die neue Hütte geholt und ihn großgezogen wie einen eigenen Sohn. Nun hatte Alter Bär eine Tochter namens Trübes Wasser, doch die Kinder hatten nicht, wie es oft geschieht, miteinander um die Zuneigung von Alter Bär gerungen, sondern hatten in ihrer Trauer zusammengefunden. Obwohl sie gemeinsam in einer Hütte aufwuchsen, hatten Trübes Wasser und Langbogen sich nie als Geschwister gefühlt - vielleicht weil Alter Bär Langbogen stets als ihren Gast bezeichnete.
Schon als Kind war Langbogen von rascher Auffassungsgabe gewesen, und es war ihm stets so erschienen, als wolle Alter Bär mit dem Wort Gast das Denken der beiden Kinder in seiner Hütte beeinflussen. Das Ziel des klugen Häuptlings war ziemlich offensichtlich, und während Trübes Wasser heranreifte, fand Langbogen keinen Grund, sich zu beschweren. Trübes Wasser wuchs zu jener Art Mädchen heran, bei deren Anblick Männern der Atem stockt, wenn sie vorbeigehen. Ihre Haare waren schwarz wie Rabenschwingen, ihre Haut so bleich wie der Mond, die Augen groß, die Lippen voll. Sie war groß und schlank, und nach und nach zeigten sich an ihrem Körper noch andere interessante Attribute. Langbogen fand es schwierig, den Blick von ihr zu wenden. Die Väter von hübschen jungen Mädchen sind häufig sehr nervös, wenn junge Männer sich in großer Zahl um ihre Töchter versammeln, doch Alter Bär blieb ruhig, weil sich Langbogen um die98
se Angelegenheit kümmerte. Bereits als junger Mann, der die Kindheit kaum hinter sich gelassen hatte, war er groß und muskulös, und er konnte sehr überzeugend wirken. Nach einigen Zwischenfällen begriffen die anderen jungen Männer von Alter Bars Stamm, wie gefährlich es werden konnte, wenn sie Trübes Wasser hinterherliefen. Trübes Wasser begrüßte Langbogens Einsatz, da sie eigene Sorgen hatte, die ihre ungeteilte Aufmerksamkeit verlangten. Sie hatte beobachtet, mit welch großem Interesse die anderen jungen Frauen des Stammes Langbogen begutachteten, und ihr schien es eher geraten, diese zu Desinteresse zu ermutigen. Es kostete Trübes Wasser nicht sehr viel Überzeugungsarbeit, bis die anderen jungen Frauen begriffen, dass Langbogen eigentlich nicht zu haben war; in den meisten Fällen erreichte sie dies mit ein paar Andeutungen, doch manche der jungen Frauen erforderten eine direktere Herangehensweise. Dabei kam es gelegentlich zu ein paar Beulen, jedoch | selten zu ernsthaften Verletzungen. Alter Bär hatte ihr kleines Spiel mitverfolgt. Gesagt hatte er nichts, aber er lächelte oft. I Die übrigen jungen Männer des Stammes betrachteten Langbogen mit einer gewissen Ehrfurcht. Sehr früh hatte er seinen Bogen bekommen, und er konnte eigentlich selbst nicht begründen, wieso jeder Pfeil, den er von dem langen, geschwungenen Bogen abschoss, exakt dorthin traf, wo er treffen sollte, auch über unglaubliche Entfernungen hinweg. Er hatte versucht zu erklären, wie er eine Einheit mit jedem Ziel fühlte, das seine Pfeile unbeirrbar fanden. Der Einklang von Hand und Auge und Denken bildete den Mittelpunkt des Geschicks jedes Bogenschützen, doch Langbogen hatte schon früh erkannt, dass das Ziel in diese Eintracht aufgenommen werden musste. Dieser Sinn für Einheit begründete Langbogens unfehlbare Präzision. Er glaubte, sein Ziel würde den Pfeil 99
geradezu anziehen, und eine solche Vorstellung kann man nur schwer vermitteln. Trübes Wasser hingegen fiel es leicht, Langbogen zu verstehen. Sie hatte sich schon seit frühester Kindheit mit ihrem Ziel in Einklang gebracht. Alle im Stamme von Alter Bär wussten längst, dass es nicht mehr lange dauern würde, bis eine bestimmte Zeremonie stattfinden würde, aber der genaue Zeitpunkt hing von Häuptling Alter Bär ab, und der Häuptling schien es nicht eilig zu haben. Langbogen und Trübes Wasser glaubten, mit der Verzögerung wolle der Häuptling sie lediglich ärgern. Sie hielten es überhaupt nicht für lustig. Im frühen Sommer von Langbogens vierzehntem Jahr entschied Alter Bär schließlich, dass die Kinder in seiner Hütte vermutlich erwachsen genug waren, und so stimmte er mit einer großen Schau seines Widerwillens der Zeremonie zu, in der Trübes Wasser und Langbogen für ihr Leben vereint werden würden. Sogleich breitete sich Feststimmung aus. Das junge Paar war im Stamm sehr beliebt, und ihre Verbindung versprach das freudigste Ereignis des Sommers zu werden. Die jungen Frauen des Stammes überreichten Trübes Wasser kleine Geschenke, und wenn sie sich trafen, hörte man häufig lautes Kichern. Die jungen Männer schenkten Langbogen wunderbare Pfeilspitzen, Speerspitzen und Messer, die alle aus dem feinsten Stein gehauen waren, außerdem halfen sie ihm beim Bau der Hütte, in der Trübes Wasser und er wohnen sollten. Schließlich kam der Tag der Verbindung, und wie es der Tradition nach üblich war, stand Trübes Wasser in der Dämmerung auf und ging allein zu einem stillen Teich im nahen Wald, wo sie baden und sich in das Gewand aus weichem Hirschleder kleiden wollte, das sie während der Zeremonie tragen sollte. Langbogen durfte sie an diesem Tag erst bei der Zeremonie se100 hen, und so hielt er die Augen fest geschlossen, während er noch auf seinem Lager lag, als Trübes Wasser ihr Gewand für die Zeremonie nahm und die Hütte ihres Vater verließ. Beeil dich, sagte er leise, während sie ins Morgenlicht hinaustrat, und sie gab ein perlendes Lachen von sich, das ihn im Herzen anrührte. Die Sonne stieg im Osten über den tiefen Wald, und die blauen Schatten des Morgens verblassten nach und nach, und der wichtigste Tag nahm langsam seinen Lauf. Langbogen kleidete sich gewissenhaft an, dann wartete er. Aber Trübes Wasser kehrte nicht zurück. Am Vormittag befand sich Langbogen in Aufruhr. Trübes Wasser war ebenso ungeduldig wie er, die Zeremonie der Verbindung zu vollziehen, und niemand konnte ein so langes Bad nehmen. Schließlich brach Langbogen mit Sitten und Tradition und rannte durch das Dorf zu dem Pfad, der zu dem stillen Teich im Wald führte. Und als er
an dem Weiher eintraf, stockte ihm das Herz. Seine Zukünftige trieb, in weiße Hirschhaut gekleidet, mit dem Gesicht nach unten auf dem stillen Wasser. Verzweifelt sprang Langbogen in den Teich, nahm sie bei den Armen und zog sie auf das moosbedeckte Ufer. Er legte sie mit dem Gesicht nach unten auf das Moos und drückte ihr mit beiden Händen auf den Rücken, so wie Einer-Der-Heilt es den jungen Männern des Stammes beigebracht hatte, einen Ertrunkenen wieder zu beleben, doch trotz all seiner Bemühungen zeigte Trübes Wasser nicht das leiseste Lebenszeichen. In tiefstem Schmerz hob Langbogen den Kopf und heulte, denn sein Leben hatte seinen Sinn verloren. In unsäglicher Trauer trug Langbogen den leblosen Körper von Trübes Wasser ins Dorf zurück, und Häuptling Alter Bär weinte, doch schickte er gleichzeitig nach dem Schamanen des Stammes, Einer-Der-Heilt. Sie kann doch nicht ertrunken sein, wollte der 101 Häuptling in seinem Gram wissen. Sie konnte sehr gut schwimmen, und dieser Teich im Wald ist nicht tief. Sie ist nicht ertrunken, Alter Bär, erwiderte Einer-Der-Heilt grimmig. Die Wunden an ihrem Hals stammen von Schlangenzähnen. Es war Gift, das ihr das Leben geraubt hat. Hier in der Gegend gibt es keine Giftschlangen, widersprach Alter Bär. Einer-Der-Heilt zeigte auf die Spuren am Hals von Trübes Wasser. Keine Schlange hat so riesige Zähne. Ich möchte eher vermuten, es sind die Fänge eines der Diener von Das-man-Vlagh-nennt. Ich kenne viele Geschichten über die Diener des Vlagh. Zwar bergen die alten Geschichten selten viel Wahrheit, doch könnten jene über die Geschöpfe des Ödlands durchaus der Wirklichkeit entsprechen. Es war Das-man-Vlagh-nennt, das sie erschaffen hat, und uns wurde erzählt, dass das Vlagh ihnen Gift gab, damit sie keine Waffen brauchen. Warum sollte ein Diener des Vlagh unsere geliebte Trübes Wasser töten, verlangte Alter Bär zu wissen, und seine Stimme konnte seine Trauer nicht verbergen. Es gibt Gerüchte, Das-man-Vlagh-nennt sei rastlos geworden und sende seine Diener aus dem Ödland in die Küstendomänen, um uns zu beobachten, damit das Vlagh über unsere Schwächen erfährt. Diese Diener wollen nicht gesehen werden, glaube ich, daher würden sie vermutlich jeden töten, der sie zufällig entdeckt, damit sie uns weiter beobachten und ihr Wissen dem Vlagh bringen können. Dann wäre es besser, wenn keiner der Diener des Vlagh mit seinem Wissen ins Ödland zurückkehrt, meinte Alter Bär verbittert. Ich werde mit meinem Sohn Langbogen darüber sprechen. Seine Trauer mag ein Quell ewigen Hasses sein, und ich glaube, Das-man-Vlagh-nennt wird noch bedauern, was seine Diener am heutigen Tag angerichtet haben. 102 Schick ihn zu mir, ehe er auf die Jagd geht, mein Häuptling, schlug Einer-Der-Heilt vor. Und zunächst soll er eine Zeit lang trauern. Wenn der Kummer seinen Lauf genommen hat, wird er daran denken können. Und während er trauert, werde ich tun, was ich kann, um mehr über die Diener des Vlagh in Erfahrung zu bringen, damit ich ihm etwas über ihre Eigenheiten sagen kann. Spät im Winter des folgenden Jahres entschied Alter Bär, es sei an der Zeit, den noch immer trauernden Langbogen zur Hütte von Einer-Der-Heilt zu bringen, denn Langbogens Gram wollte kein ende finden, und er befahl seinem verzweifelnden Sohn, ihn zu begleiten. Also trotteten sie durch den schmelzenden Schnee zur Hütte des Schamanen, und als sie eintraten, öffnete EinerDer-Heilt ein Bündel getrockneter Knochen und breitete sie auf einer Decke vor ihnen aus. Da wir so wenig über die Geschöpfe des Ödlands wissen, die Das-man-Vlagh-nennt dienen, hielt ich es für besser, wenn wir einen Toten befragen, damit wir seine besonderen Eigenschaften verstehen, erklärte er ihnen. Wo hast du diesen Toten gefunden, fragte Langbogen mit flacher, teilnahmsloser Stimme. Ich habe ihn eigentlich nicht gefunden, Langbogen. Nach dem Tod von Trübes Wasser zog ich los, um einen von ihnen zu fangen. Sie kennen sich nicht sehr gut im Wald aus, daher ist es leicht, eine Falle vor ihnen zu verbergen. Ich entdeckte Spuren, die mir sagten, wo ich mit einer Falle vielleicht Glück haben könnte, und dann hob ich eine Grube aus, die ich mit Laub und Zweigen tarnte. Es war eine recht tiefe Grube, und ich bespickte den Boden mit angespitzten Pfählen, und nachdem ich sie getarnt hatte, wartete ich. Es dauerte eine Weile, doch schließlich fiel einer der Diener des Vlagh in meine Falle und wurde von den Pfählen begrüßt. Alles verlief sehr gut - außer, dass dieses Geschöpf zwei Tage brauchte, bis es gestorben war. 103 Dann zog ich es aus der Grube und kochte das Fleisch von den Knochen, damit wir die Eigenheiten besser erkennen können. Einer-Der-Heilt zuckte mit den Schultern. Wenn wir erfahren haben, was wir wissen müssen, werdet ihr den Schädel vielleicht zum Grab von Trübes Wasser tragen wollen, als Geschenk an ihren Geist. Langbogens Augen, die zuvor wie tot gewirkt hatten, leuchteten plötzlich auf. Das würde ihrem Geist gefallen, entschied er, und noch mehr von diesen Köpfen würden ihm vermutlich noch besser gefallen. Das ist durchaus möglich, mein Sohn, stimmte Alter Bär zu. Also gut, sagte der Schamane und hob den Schädel auf, seht hier, die Fangzähne dieser Kreatur sind nach hinten geklappt, um sie zu verbergen, so wie die Zähne von Giftschlangen. Die Zähne springen vor, sobald das Geschöpf zuschlägt. Auf diese Weise versteckt es seine Waffen, bis es angreift. Er legte den Schädel beiseite und nahm einen der Armknochen auf. Wie ihr seht, hat das Geschöpf spitze Stacheln an den Armen entlang, vom Handgelenk bis zum Ellbogen. Die Stacheln ähneln jenen von Wespen und Hornissen. Sie sind wie die
Fangzähne giftig, und sie bleiben ebenfalls verborgen, bis das Geschöpf angreift. Erst dann springen sie vor. Hüte dich davor, wenn du dich einem dieser Geschöpfe näherst, Langbogen, denn sie können sich sehr schnell bewegen. Das-man-Vlagh-nennt hat einen sehr wirkungsvollen Mörder erschaffen, doch muss dieser nahe kommen, um zu töten. Aus der Entfernung kann es nicht morden. Das ist wichtig zu wissen, sagte Langbogen, und auch seine Stimme strahlte nun wieder Leben aus. Verursacht das Gift Schmerzen? Einer-Der-Heilt nickte. Unerträgliche Schmerzen, glaube ich. Und ist es auch in der Lage, die Geschöpfe seiner eigenen Art zu töten, fragte Langbogen weiter. Dessen bin ich mir sicher. Wenn ich das Gift eines von ihnen auf meine Pfeilspitzen 104 schmiere, würde dieser Pfeil dann den Schmerz und den Tod zu jedem anderen von ihnen tragen, der mir über den Weg läuft, ja? Einer-Der-Heilt blinzelte. Wozu brauchst du das? Ich habe gehört, keiner deiner Pfeile würde je sein Ziel verfehlen. Die Geschöpfe des Ödlands haben mir viel Schmerz bereitet, und ich schulde ihnen zum Ausgleich ebenfalls eine Menge Schmerz. Ein ehrlicher Mann begleicht seine Schulden stets. Sei vorsichtig, Langbogen, mahnte der Schamane. Diese Geschöpfe tarnen sich bei der Jagd, und sie schlagen nur zu, wenn ihre anvisierte Beute nahe ist. Ich bin ein Jäger, Einer-Der-Heilt, erinnerte Langbogen den Schamanen. Im Wald kann sich nichts vor mir verbergen. Die Diener von Das-man-Vlagh-nennt gieren nach Wissen. Ich werde es zu meiner Lebensaufgabe machen, diese Gier des Vlagh ungestillt zu lassen, denn ich werde alle seine Diener töten, die es herschickt, und ihre Schädel auf das Grab von Trübes Wasser legen, als Geschenk an ihren Geist und als Zeichen meiner Liebe. Und jetzt gehst du auf die Jagd, mein Sohn, fragte Häuptling Alter Bär. Wenn es dir gefällt, mein Vater. Es gefällt mir sehr, Langbogen. Und so kam es, dass Langbogen aus dem Stamme von Alter Bär im Wald verschwand, um die Giftsprühenden Diener von Das-man-Vlagh-nennt aufzuspüren. Man erzählte sich, dass das Vlagh während der nächsten Jahrzehnte viele seiner Diener in das Land des Stammes entsandte, doch nur wenige, wenn überhaupt einer, kehrten zurück, denn Langbogen war eins mit dem Wald geworden, und die Geschöpfe des Ödlands konnten ihn weder sehen noch hören noch riechen, bis der Tod sie von seinem Bogen aus ansprang. Die Rückkehr der Zelana aus den Legenden schürte große Aufregung unter allen Stämmen ihrer Domäne, und die Menschen im 105 Stamme von Alter Bär fühlten sich ausgesprochen geehrt, als die Nachricht bei ihnen eintraf, dass sie bald zu einem Besuch erscheinen würde. Langbogen jedoch verspürte kein großes Bedürfnis, sie kennen zu lernen, und so verschwand er, als die Nachricht von ihrer Ankunft durch das Dorf von Alter Bär ging, einfach im Wald und setzte seine Jagd fort. Allerdings hatte sie ihn aufgespürt, und das fand er beunruhigend. Er war sicher gewesen, dass ihn niemand im Wald aufspüren konnte, wenn er es nicht wünschte, doch Zelana war genau zu dem Ort gekommen, wo er sich aufhielt, um ihn um seine Hilfe zu bitten. Ich bin daran nicht interessiert, wies er sie ohne Umschweife ab. Im Moment habe ich Dringlicheres zu tun. Ich glaube, du solltest besser jemand anderen für deine Zwecke auswählen. Es ist sehr wichtig, drängte sie. Für mich nicht. Für mich ist nur eine Sache wichtig, und diese Sache erledige ich gerade. Du magst uns nicht sehr, oder, Langbogen, fragte das kleine Mädchen in Zelanas Begleitung klug. Eigentlich magst du niemanden. In dir ist kein Platz für mögen, denn du bist ganz und gar mit nicht mögen erfüllt, oder? Es geht noch ein wenig über nicht mögen hinaus, Kleine, hatte Langbogen ihr erklärt, und seine Stimme klang dabei ein wenig sanfter. Die Diener von Das-man-Vlagh-nennt haben diejenige getötet, die meine Frau werden sollte, und dafür töte ich jetzt sie. Das hört sich gerecht an, hatte das kleine Mädchen gesagt. Wie viele von ihnen hast du schon getötet? Er hatte mit den Schultern gezuckt. Hunderte, glaube ich. Ich zähle sie nicht mehr. Schon seit zwanzig Jahren bin ich auf der Jagd. Wenn das alles ist, was dir wichtig ist, so kennen wir einen Weg, wie du Tausende töten kannst, nicht wahr, Geliebte? Vielleicht sogar noch mehr, Eleria, hatte Zelana erwidert. 106 Dann hatte sie Langbogen in die Augen gesehen. Wir hassen die Geschöpfe des Ödlands ebenso wie du, Langbogen, und falls diese Angelegenheit den Ausgang nimmt, den ich mir wünsche, werden wir sie alle töten, und dann ziehen wir ins Ödland und töten Das-man-Vlagh-nennt. Na, wie hört sich das an? Interessant genug, um weitere Einzelheiten zu erfahren, hatte Langbogen entschieden. Langbogen war misstrauisch gewesen, als Zelana ihm versichert hatte, dass das Schiff des Maags mit Namen
Hakenschnabel über das Antlitz von Mutter Meer zum Lande Dhrall kommen würde, und noch skeptischer, als sie ihm erzählte, dass die Maags für Gold alles tun würden. Doch bei der Ankunft von Hakenschnabels langem, schmalem Schiff im Dorfe von Alter Bär, die sich fast exakt so abspielte, wie sie es vorhergesagt hatte, begann Langbogens Skepsis sich in Luft aufzulösen. Und darüber hinaus reagierte Sorgan Hakenschnabel auf das Wort Gold genau so, wie Zelana es ihm angekündigt hatte. Bis jetzt hatte Zelana mit allem Recht gehabt, und wenn die Maags so nützlich waren, wie sie es zu glauben schien, würde die lange Reise in ihr Heimatland Zeit und Unannehmlichkeiten wert sein. Langbogen hatte schon seit vielen Tagen keinen Diener des Vlagh mehr getötet, und deswegen schämte er sich ein wenig. Trübes Wasser war jedoch stets geduldig gewesen, und so war er sicher, ihr Geist sei gewiss zum Warten bereit, während er Zelana vom Westen half, die Männer aus Maag ins Land Dhrall zu bringen, damit sie Langbogen unterstützten, alle Diener des Vlagh zu töten -und natürlich am Ende das Vlagh selbst. Langbogen glaubte, dass sich der Geist von Trübes Wasser in besonderem Maß freuen würde, wenn er den Kopf des Vlagh als Geschenk auf ihr Grab legte. 107 Spät an einem stürmischen Nachmittag kehrte die Seemöwe in das Dorf von Alter Bär zurück, und schon das Knattern ihres Segels kündigte sie an. Langbogen erkannte sogleich den Vorteil dieses Segels, aber wenn der Wind richtig hineinfuhr, konnte es großen Lärm verursachen. Wirst du nun fortgehen, Langbogen, mein Sohn, fragte Häuptling Alter Bär, als das Maagschiff ein Stück vor dem Kiesstrand den Anker warf. Es ist vermutlich im Interesse des ganzen Stammes, mein Vater, erwiderte Langbogen. Zelana vom Westen hat mir gesagt, die Maags könnten uns einen Weg zeigen, wie wir mehr Geschöpfe des Ödlands töten können, und das wird dem Geist deiner Tochter Trübes Wasser gefallen. Dann ist es richtig, wenn du gehst, mein Sohn, stimmte Alter Bär zu. Mach dir keine Sorgen, weil du abwesend sein wirst. Ich werde mich um das Grab von Trübes Wasser kümmern. Das würde ich begrüßen, mein Vater, sagte Langbogen. Vielleicht werden du und ich schon bald den Kopf des Vlagh selbst ans Grab deiner Tochter bringen können, und das sollte ihrem Geist gefallen. Jedenfalls würde es meinem gefallen, meinte Alter Bär zustimmend. Geh also, mein Sohn, und möge der Geist von Trübes Wasser über dich wachen. Es soll sein, wie du sagst, mein Vater, erwiderte Langbogen recht förmlich. Er ging durch das Dorf zum Kiesstrand, schob sein Kanu ins Wasser und nahm sein Paddel, um durch das kabbelige Wasser zur Seemöwe zu gelangen. Das Dorf und der Wald blieben hinter ihm, doch warf er keinen Blick zurück. 108 Hübsches kleines Skiff hast du da, Freund, sagte ein Kerl mit riesigen Händen und lehnte sich über die Reling der Seemöwe. Skiff? Langbogen verwirrte das Wort. Dieses kleine Boot, das du da hast. Es ist ganz schön schnell, oder? Es bringt mich dorthin, wo ich will. Sollen wir es an Bord holen? Das wäre das Beste. Ich kenne den Stamm der Seemöwe noch nicht, und falls ich nicht gut mit seinen Angehörigen auskomme, brauche ich das Kanu vielleicht, damit es mich nach Hause bringt. Der Mann mit den großen Händen lachte. Ich hätte auch einige Male ein Skiff aus dem gleichen Grund gebrauchen können. Fast mein ganzes Leben lang fahre ich nun schon zur See, und häufig hatte ich Ärger mit meinen Schiffskameraden. Du bist Langbogen, nicht wahr? So werde ich genannt. Mich nennen sie Schinkenpranke, sagte der Mann an der Reling. Ist kein großartiger Name, aber inzwischen habe ich mich daran gewöhnt. Komm an Bord, Langbogen. Der Käpt'n will dich sehen. Ich kümmere mich um dein Kanu. Ich sollte Zelana vom Westen mitteilen, dass ich hier bin, sagte Langbogen. Sie ist beim Käpt'n in der Kabine am Heck, erklärte Schinkenpranke. Noch in Lattash hat sie ihm seine Kabine abgenommen. Darüber war er nicht besonders glücklich, aber sie bezahlt uns schließlich, und so hat er nichts einzuwenden gehabt. Tagsüber benutzt er die Kabine noch für seine Arbeit, doch nach Sonnenaufgang liegt er in der Koje neben mir und Ochs. Langbogen reichte ihm das geflochtene Seil, das vorn an seinem Kanu befestigt war, und kletterte geschickt an Bord des Maagschiffes. Wo genau ist das Heck, fragte er. Das hintere Ende des Schiffes, erklärte Schinkenpranke. 109 Und wer ist derjenige, den du Käpt'n nennst, fragte Langbogen weiter. Dieses Wort kenne ich nicht. Als wir letztes Mal hier waren, hast du mit ihm gesprochen, antwortete Schinkenpranke. Er heißt Sorgan Hakenschnabel, und ihm gehört die Seemöwe. Das erklärt einiges. Wir Dhralls würden ihn wohl Häuptling nennen. Es bedeutet ungefähr das Gleiche, nehme ich an. Ich spreche mit ihm und lasse Zelana wissen, dass ich hier bin. Ich weiß nicht, ob du den Bogen mitnehmen solltest, meinte Schinkenpranke misstrauisch. Der macht den Käpt'n
vielleicht ein bisschen nervös. Den Bogen nehme ich überall mit hin, gab Langbogen knapp zurück. Wenn das den Leuten auf der Seemöwe nicht passt, kehre ich in den Wald zurück, wo ich hingehöre. Du brauchst dich nicht gleich aufzuregen, beschwichtigte ihn Schinkenpranke. Wir stehen doch alle auf der gleichen Seite. Langbogen grunzte und marschierte zum hinteren Teil des Schiffes. Dort lehnte ein stämmiger Dhrall mit flammend rotem Bart an einer niedrigen Hütte. Ich bin Rotbart aus dem Stamm von Weißzopf, stellte er sich eher förmlich vor. Und ich bin Langbogen aus dem Stamme von Alter Bär. Mir wurde gesagt, Sorgan Hakenschnabel wolle mit mir sprechen und Zelana vom Westen sei bei ihm. Sie sind dort drin, Langbogen aus dem Stamme von Alter Bär, sagte Rotbart und zeigte auf die rechteckige Öffnung in dem niedrigen Haus. Wir werden uns bald wieder sprechen, Rotbart aus dem Stamm von Weißzopf, erwiderte Langbogen. Die Förmlichkeit würde sicherlich nachlassen, wenn Rotbart und er sich besser kennen gelernt hatten, im Augenblick war sie jedoch angemessen. Das Kind Eleria lehnte sich aus der Öffnung, auf die Rotbart ge110 zeigt hatte. Er ist da, Geliebte, rief sie über die Schulter. Es ist derjenige, der seine ganze Zeit damit verbringt, jene zu töten, die er nicht mag. Du darfst das so nicht sagen, Kind, schalt Langbogen sie. Aber es ist die Wahrheit, oder? Vielleicht, doch ist es unhöflich, es einfach so zu sagen. Oh, puh, erwiderte sie. Dann streckte sie ihm die Arme entgegen. Trag mich. Hast du das Laufen verlernt? Nein, ich möchte nur getragen werden, das ist alles. Langbogen lächelte schwach, hob sie hoch und trug sie in die Hütte, die nach Pech roch und ein niedriges Dach hatte. Willkommen, Langbogen, sagte Zelana. Warum trägst du Eleria? Sie wollte es so, antwortete Langbogen, und mir hat es nichts ausgemacht. Er ist sehr nett, Geliebte, sagte Eleria. Er hat sich überhaupt nicht dagegen gewehrt, mich zu tragen. Dann küsste sie Langbogen auf die Wange. Du kannst mich jetzt absetzen. Langbogen ist kein Delphin, schalt Zelana. Ich weiß, pflichtete Eleria bei, doch er wird mir genügen, bis wir wieder zu Hause sind. Gelegentlich muss ich eben etwas küssen. Das weißt du doch. Zelana seufzte und verdrehte die Augen gen Himmel. Oh, ja, sagte sie. Das ist Sorgan Hakenschnabel aus dem Lande Maag, Langbogen. Ich nehme an, ihr seid euch schon begegnet. Ja, antwortete Langbogen. Er sah Sorgan an. Der Mann, der Schinkenpranke heißt, sagte mir, du wollest mich sprechen. Nicht so wichtig, Langbogen, meinte Sorgan. Ich wollte dich nur wissen lassen, dass wir versuchen werden, es dir während der Reise so bequem wie möglich zu machen. Brauchst du irgendetwas? 111 Langbogen zuckte mit den Schultern. Ein wenig Zeit zum Fischen jeden Tag, das ist alles. Gelegentlich bekomme ich Hunger. Du kannst mit der Mannschaft essen, Langbogen. Wir unterhalten uns später weiter. Jetzt sollten wir besser in See stechen. Sorgan stand auf und ging hinaus. Er spricht nicht in unserer Sprache, Zelana, oder, fragte Langbogen. Sie blinzelte. Woher weißt du denn das? Seine Lippenbewegungen passen nicht zu den Worten, die aus seinem Mund kommen. Irgendetwas verwandelt die Sprache in unsere, während er spricht. Zelana lachte amüsiert. Da wird mein Bruder aber verlegen sein, kicherte sie. Ich hätte es eigentlich selbst bemerken müssen. Du bist sehr aufmerksam, Langbogen. Habe ich dafür nicht meine Augen? Du wirst dich daran gewöhnen. Kommst du immer gleich auf den springenden Punkt zu sprechen? Er zuckte mit den Schultern. Das spart Zeit. Wirst du mir jetzt genau erklären, weshalb ich dich begleiten soll? Wie soll ich dir helfen, die Maags zu überreden, ins Land Dhrall zu kommen und die Diener des Vlagh für uns zu töten. Ich möchte, dass du Pfeile verschießt, Langbogen. Wen oder was soll ich töten? Du brauchst nichts zu töten, Langbogen, entgegnete sie. Wir werden Krieger aus dem Land Maag holen, die uns helfen, gegen die Geschöpfe des Ödlands zu kämpfen. Ich möchte, dass du Pfeile auf Dinge abschießt, die weit von dir entfernt sind, und so viele triffst wie möglich. Die Maags müssen erfahren, dass die Krieger in Dhrall so gefährlich sind wie die Krieger in Maag. Wir brauchen ihre Hilfe, aber wir brauchen auch ihren Respekt.
Langbogen dachte darüber nach. Gänse, denke ich, schlug er vor. 112 Wie war das, bitte? Die Menschen sind immer sehr erschrocken, wenn sie Gänse sehen, die mit einem Pfeil in der Brust aus dem Himmel fallen, erklärte Langbogen. Sie scheinen nicht zu begreifen, dass Pfeile Dinge in der Luft genauso gut treffen können wie Dinge auf dem Boden. Kannst du das wirklich, Langbogen, rief Eleria. Ich meine, kannst du mit deinem Bogen tatsächlich Gänse aus dem Himmel holen? Das ist nicht besonders schwierig, Kleine, sagte Langbogen. Gänse fliegen geradeaus, daher ist leicht abzuschätzen, wo dein Pfeil sie erreichen wird. Außerdem sind sie gut zum Essen, daher muss ich nicht ohne Grund töten. Das wäre nicht richtig. Ich glaube, den sollten wir bei uns behalten, Geliebte, sagte Eleria. Wenn du ihn nicht willst, kann ich ihn dann haben? Angesichts dieser Äußerung erschrak Langbogen denn doch ein wenig.
10 Rotbart schläft bei den Maags, die Sorgan die Mannschaft nennt, erklärte Zelana Langbogen später am Nachmittag. Er ist ein freundlicher Kerl, aber auch sehr aufmerksam. Wir müssen mehr über die Maags in Erfahrung bringen, und das erledigt Rotbart für uns. Ich glaube, du solltest hier bei mir und Eleria schlafen. Wir sagen den Maags, du seiest meine Wache, damit niemand auf dumme Gedanken kommt. Der eigentliche Grund ist jedoch, dass ich dich so weit wie möglich von den Maags fern halten möchte. In einer Weile führst du etwas sehr Spektakuläres mit deinem Bogen vor, und es wäre gut, wenn in den Stimmen der Maags der Seemö113 we eine gehörige Portion Ehrfurcht mitschwingt, während sie es den anderen Maags erzählen. Langbogen zuckte mit den Schultern. Was auch immer dir recht ist, erwiderte er. Wie lange soll es dauern? Nicht zu lange, antwortete sie. Sorgan nimmt Gold mit nach Maag zurück. Wenn er es den anderen Maags zeigt, scharen die sich vermutlich um ihn wie Aasgeier. Sie runzelte die Stirn. Sie werden doch nicht wie Aasgeier über uns herfallen, fragte sie. Es ist eine Möglichkeit, die wir im Auge behalten sollten, meinte Langbogen. Ich beobachte sie. Falls sie zu hungrig werden, gibt es Wege, sie davon zu überzeugen, jemand anderen zu essen. Langbogen stand beim ersten Tageslicht des folgenden Morgens auf, und überrascht fand er Zelana wach vor. Du schläfst nicht viel, wie, fragte er sie. Ich brauche keinen Schlaf, Langbogen, sagte sie. Warum stehst du so früh auf? Ich dachte, es wäre nützlich, wenn ich diese Maags ein wenig besser kennen lerne. Je mehr ein Jäger über seine Beute weiß, desto erfolgreicher wird seine Jagd sein. Du willst sie doch nicht töten, Langbogen? Nein, sagte er rasch, doch einfangen ist manchmal schwieriger als töten. Er nahm seinen Bogen und ging hinaus ins graue Licht des Morgens. Nur eine schwache Brise wehte, doch sie genügte Langbogen, um festzustellen, dass sie von Osten kam, was für diese Zeit des Jahres sehr ungewöhnlich war. Offensichtlich hatte Zelana dabei ihre Finger im Spiel. Von der Spitze der Seemöwe her hörte er ein klingendes Geräusch, und er ging nach vorn, um nach der Quelle zu suchen. Ein kleiner Maag stand vorn an der Seemöwe und schlug auf etwas ein, das glühte, als befände sich tief in seinem Inneren Feuer. 114 Was ist das, fragte Langbogen neugierig, und warum schlägst du darauf ein? Es heißt Eisen, erklärte der kleine Maag, und ich forme es mit meinem Hammer. Schinkenpranke hat kürzlich sein Messer abgebrochen, und ich soll ihm ein neues schmieden. Er ist ungeschickt, deshalb macht er ständig etwas kaputt. Wo findest du dieses Eisen? Ich habe keine Ahnung, wo es herkommt, denn ich muss nur damit arbeiten. Selbst suchen brauche ich es nicht. Du bist dieser Langbogen, ja? So nennt man mich. Glüht das Eisen immer? Nein, ich muss es zuerst in meinem Feuer erhitzen. Dadurch wird es weich und ist leichter zu bearbeiten. Ich heiße übrigens Hase - vermutlich, weil ich früher manchmal vergessen habe zu wachsen. Jedenfalls stellen wir all unsere Waffen und Werkzeuge aus Eisen her. Eine meiner Aufgaben auf der Seemöwe besteht darin, Angelhaken aus Eisen zu machen. Schön, dass du vorbeigeschaut hast. Der Käpt'n meinte, ich könnte vielleicht ein paar Pfeilspitzen für dich hämmern. Im Lande Dhrall benutzen wir Pfeilspitzen aus Stein, erklärte ihm Langbogen. In der Vergangenheit haben sie uns gute Dienste geleistet. Ich sehe keinen Grund, weshalb ich daran etwas ändern sollte. Darf ich einen deiner Pfeile sehen?
Natürlich. Langbogen nahm einen Pfeil aus seinem Köcher und reichte ihn dem kleinen Mann. Hase begutachtete den Pfeil genau. Machst du diese Spitzen selbst, fragte er. Gewiss. Wenn ich damit schießen will, muss ich davon ausgehen können, dass sie ordentlich bearbeitet wurden. Es muss eine ganze Weile dauern, eine zu machen, merkte Hase an, und vermutlich haben nicht alle das gleiche Gewicht, oder? 115 Aber fast. Pass auf, ich hämmere dir ein paar aus Eisen, und dann kannst du sie dir anschauen. Die werden dich bestimmt überraschen. Die werte Dame, die hier über alle den Befehl hat, sagte mir, dass ihr in gar nicht langer Zeit sehr viele Pfeile brauchen werdet, doch sie ist nicht mit der ganzen Sache herausgerückt und verschwieg mir, was es damit auf sich hat. Ich werde zur Unterhaltung deines Volkes ein paar Gänse schießen, sagte Langbogen ihm. Das erklärt, wozu du so viele brauchst, meinte Hase. Wenn du sie aus der Luft holen willst, benötigst du eine Menge Pfeile. Man kann sie leicht wieder finden, Hase. Die toten Gänse treiben auf dem Wasser, daher habe ich keine Schwierigkeiten, meine Pfeile zurückzuholen. Und was ist mit denen, die keine Gänse treffen? Das kommt nicht vor. Willst du mir etwa erzählen, du würdest nie daneben schießen? Es wäre nicht sehr nützlich, das Ziel zu verfehlen. Wie machst du diese Pfeilspitzen aus Eisen? Wie ich schon sagte, erhitze ich das Eisen im Feuer, bis es zu glühen beginnt. Dann ist es weich genug, um es in die Form zu hämmern, die ich will. Eine weiche Pfeilspitze ist aber nicht sehr nützlich, Hase. Das Eisen bleibt nicht weich. Nachdem ich es in die richtige Form gehämmert habe, tauche ich es in kaltes Wasser, und es wird wieder hart. Langbogen schaute zum Strand, der gemächlich an ihnen vorbeiglitt, während die Seemöwe nach Westen unterwegs war. Wenn wir Pfeile machen wollen, brauchen wir Schäfte. Ich glaube, es wird nicht mehr lange dauern, bis die Seemöwe das Land Dhrall hinter sich lässt, also sollten du und ich am besten zum Strand ge116 hen und Schösslinge schneiden, ehe wir mit der Herstellung der Pfeilspitzen beginnen. Ich spreche mit Sorgan und sage ihm, was wir vorhaben. Das klingt sinnvoll, stimmte Hase zu. Uns bleibt genug Zeit, Pfeilspitzen zu hämmern, wenn wir erst auf dem offenen Meer sind. Es ist weit von Dhrall nach Maag - viel weiter, als dem Käpt'n eigentlich klar ist. Aber dir ist es klar, oder, fragte Langbogen schlau. Hase blickte sich rasch um und vergewisserte sich, dass niemand in der Nähe war. Ich denke, dem Kapitän gegenüber solltest du das besser nicht erwähnen, Langbogen, sagte er leise. Er achtet nicht viel auf den Himmel, nachdem die Sonne untergegangen ist, aber wenn man weiß, wonach man sucht, kann man nach dem Stand bestimmter Sterne den eigenen Aufenthaltsort bestimmen. Als diese Meeresströmung die Seemöwe packte, hat sie das Schiff viel weiter nach Osten verschlagen, als der Kapitän - oder sonst jemand - bemerkt hat. Du bist ein kluger Mann, Hase, bemerkte Langbogen. Warum gibst du dir so viel Mühe, es zu verbergen? Hase zuckte mit den Schultern. Das macht das Leben einfacher, antwortete er mit einem verschlagenen Grinsen. Wenn der Kapitän und Ochs und Schinkenpranke nicht erkennen, dass ich außer Luft noch mehr in meinem Kopf habe, erwarten sie auch nicht viel von mir. Falls sie herausfinden, dass ich meine rechte von meiner linken Hand unterscheiden kann, geben sie mir vielleicht Aufgaben, die nicht so einfach zu erledigen sind wie jene, die ich jetzt zu tun habe. Ich habe immer geglaubt, dass leicht viel angenehmer ist als schwer, oder? Dein Geheimnis ist bei mir sicher, Hase. Eines Tages jedoch -und ich glaube, dieser Tag ist nicht mehr fern werden du und ich allerdings das Land des Schweren erkunden müssen. Und dann könnte unser Leben davon abhängen, wie gut wir sind. 117 Das konntest du dir wohl nicht verkneifen, Langbogen, wie, sagte Hase säuerlich. Ich wollte dich nur warnen, das ist alles. Einige Tage später wandte sich die Seemöwe nach Westen, und das Land Dhrall blieb hinter ihnen zurück und verschwand bald am östlichen Horizont. Das offene Meer ließ Langbogen unruhig werden. Er war ein Wesen des Waldes, und die leere Weite der Mutter Meer bedrückte ihn. Auch verspürte er Schuldgefühle, weil er seine Lebensaufgabe vernachlässigte. Er hätte im Wald sein und die Diener des Vlagh töten sollen, oder auf dem Friedhof bei dem Grab von Trübes Wasser. Seine Gedanken schweiften zurück zu seiner Begegnung mit Zelana vom Westen und dem Kind Eleria. Zelana herrschte über den Westen, und ihr Befehl hätte ihm Gesetz sein müssen, doch war es nicht das Wort Zelanas, aufgrund dessen er sie in das Land Maag begleitete; es waren die klugen Worte des Kindes Eleria gewesen. Ihre Andeutung, die Maags könnten eine Möglichkeit eröffnen, mehr Diener des Vlagh in kürzerer Zeit zu töten, als er in seinem ganzen Leben erlegen könnte, hatte ihn an Bord der Seemöwe getrieben. Je mehr er darüber nachdachte, desto seltsamer erschien es ihm. Wäre Zelana allein zu ihm gekommen, hätte er sich ihrer Bitte leicht verweigern und seine Jagd fortsetzen können. Bei Eleria war ihm das nicht gelungen. In
gewisser Weise war Eleria wesentlich überzeugender als Zelana selbst, und das ließ interessante Möglichkeiten erahnen. Vielleicht war es keine schlechte Idee, sowohl Zelana als auch Eleria mehr Aufmerksamkeit zu widmen. Da ging Sonderbares vor sich. Hakengabel glaubt ihr nicht, Langbogen, sagte Eleria ein paar Tage später, als sie allein in der Pechverschmierten Kabine am Heck 118 der Seemöwe waren. Wie gewöhnlich saß Eleria auf Langbogens Schoß. Sie hatte noch nicht versucht, auf seinem Schoß zu sitzen, während er stand, doch sicherlich würde der Tag kommen, an dem sie auch das ausprobierte. Als die Geliebte ihm erzählte, dass deine Pfeile immer dorthin fliegen, wo du willst, erwiderte er, niemand bringe das zustande. Hakengabel, fragte Langbogen neugierig. Er scheint sehr eingenommen von sich zu sein, sagte Eleria und grinste dabei frech. Wenn ich ihn Hakengabel nenne, bringt ihn das durcheinander. Das ist aber ein bisschen unhöflich, Kleine. Ich weiß, räumte sie ein. Macht aber Spaß. Langbogen lachte. Eleria war eine Freude, und deswegen stellte sie wohl eine größere Gefahr dar als Zelana. Spaß ist keine schlechte Sache, Langbogen, sagte sie und rieb die Nase wie ein kleines Kätzchen an seiner Wange. Warum sprichst du nicht mit Zelana, schlug Langbogen vor. Jetzt wäre doch kein schlechter Zeitpunkt, um einen Schwärm Gänse über die Seemöwe fliegen zu lassen. Vertreiben wir also Hakengabels Zweifel, damit er seine Sorgen los ist. Das wäre schön, stimmte Eleria zu. Und dann kicherte sie. Es war kein großer Schwärm, bemerkte Langbogen, als die Gänse von Norden kamen, kurz bevor die Sonne in einer rot leuchtenden Wolkenbank tief am westlichen Horizont versank - nur sechs oder höchstens sieben Vögel. Die sollten jedoch genügen, um aus Hakenschnabel einen Gläubigen zu machen. Langbogen nahm eine Hand voll seiner neuen Pfeile mit Eisenspitze und seinen Bogen und ging zum Heck der Seemöwe, wo Sorgan, Ochs und Schinkenpranke die meiste Zeit verbrachten. So langsam kann ich keinen Fisch mehr sehen, SorganKapitän, sagte er höflich. Würde es dich beleidigen, wenn ich uns etwas anderes zu essen besorge? 119 Was hast du denn im Sinn, fragte Sorgan. Die da, antwortete Langbogen und zeigte auf die Gänse. Bislang habe ich keinen Beitrag zum Essen auf der Seemöwe geleistet, und das ist unhöflich. Diese Gänse wären doch sicherlich eine willkommene Abwechslung für dich und deine Männer. Die Gänse sind aber ziemlich hoch in der Luft, meinte Schinkenpranke misstrauisch. Noch nicht hoch genug, versicherte Langbogen ihm. Ochs blinzelte nach Westen, und der flammende Sonnenuntergang überzog sein Gesicht mit Rot. Die Sonne geht unter, Langbogen, sagte er. Wenn du ein oder zwei der Gänse triffst, hättest du schon einiges Glück, aber es wird nicht leicht, sie im Wasser zu finden, oder? Ich werde tun, was ich kann, um es euch zu erleichtern, versprach Langbogen. Sorgsames Zielen war notwendig, doch Langbogen hatte sich den Zeitpunkt selbst ausgesucht. Die Gänse abzuschießen bildete keine Schwierigkeit für ihn. Allerdings war es nicht ganz so leicht, sie aufs Deck der Seemöwe anstatt ins Wasser fallen zu lassen - aber auch keineswegs unmöglich. Nicht lange, nachdem Langbogen mit Hakenschnabel gesprochen hatte, regnete es Gänse aufs Deck der Seemöwe, und Sorgan und seine Männer behandelten Langbogen plötzlich mit wesentlich größerem Respekt und einer großen Portion Ehrfurcht. Daran war Langbogen gewöhnt. Die Männer von Alter Bars Stamm betrachteten ihn bereits mit ganz ähnlicher Miene, seit er noch sehr jung gewesen war. 120
11 Sie ist viel älter, als sie aussieht, Langbogen, erzählte Hase am nächsten Morgen. Wie ich die Geschichte gehört habe, war sie ein ziemlich abgewrackter Kahn, als der Käpt'n sie von ihrem Vorbesitzer, einem alten Maag, kaufte. Der Käpt'n, Ochs und Schinkenpranke haben länger als ein Jahr gebraucht, um sie auf Vordermann zu bringen. Und das Erste, was sie gemacht haben, war dies. Hase stampfte mit einem Fuß auf das Deck. Bis dahin war die Seemöwe eigentlich nur ein offenes Ruderboot. Sie haben ein Deck eingezogen und diese langen schmalen Luken für die Ruder eingebaut. Ich denke, die Ruderer sollten dadurch vor schlechtem Wetter geschützt werden, aber der Hauptgrund war wahrscheinlich, sich Platz zum Kämpfen zu schaffen. Wenn du von einem Schiff zum anderen springen sollst und das Wasser dabei kabbelig ist, musst du dich schnell bewegen. Falls nicht, wirst du möglicherweise nass. Das ergibt Sinn, nehme ich an, räumte Langbogen ein. In Dhrall kämpfen wir nicht auf dem Antlitz von Mutter Meer. Es ist keine gute Idee, sie zu verärgern. Wir kommen ganz gut mit ihr aus, meinte Hase. Jedenfalls war der Einfall, ein Langschiff mit einem Deck auszustatten, ziemlich neu. Erst vor ungefähr zwanzig Jahren hat ein Schiffsbauer unten in Gaiso diese Idee
gehabt - bestimmt, weil irgendein Käpt'n seine eigene Kabine wollte, damit er nicht bei der Mannschaft schlafen muss. Manche Käpt'ns sind halt ein wenig hochnäsig. Ist es für die Ruderer nicht schwierig zu steuern, wenn sie nicht sehen können, wohin sie fahren, wollte Langbogen wissen. Na, an dem Punkt kommt das Ruder ins Spiel. Schau mal nach hinten zum Heck, da steht Ochs und hält einen Griff in den Händen, der mit einer Stange verbunden ist. Diese Stange geht bis run121 ter ins Wasser, und dort ist ein großes flaches Brett an der Stange befestigt. Es heißt Ruder, und damit kann man das Schiff in die eine oder die andere Richtung steuern, je nachdem, nach welcher Seite Ochs den Griff zieht. Die Ruderer erledigen das Rudern, doch Ochs steuert. Hase grinste. Ich brauche diese Aufgabe nicht sehr häufig zu übernehmen. Man muss schon ziemlich kräftig sein, um ein Schiff wie die Seemöwe zu steuern. Ochs ist sehr gut darin. Er besteht von Kopf bis Fuß nur aus Muskeln. Wahrscheinlich könnte er sogar etwas hochheben, das nur eine Seite hat. Ich habe noch nicht viele Dinge gesehen, die nur eine Seite haben, merkte Langbogen an. Nun, sie sind in der Tat recht selten, stimmte Hase zu. Wir glauben, es ist der schönste Ort der Welt, erzählte Hase Langbogen und Eleria ein paar Tage später, als die drei vorn am Bug der Seemöwe saßen. Natürlich, ich bin dort aufgewachsen, und jeder denkt immer, dass es in der Welt keinen schöneren Ort gibt als den, an dem er aufgewachsen ist. Es ist doch schön, wenn du der Heimat deiner Kindheit treu bist, Hase, sagte Langbogen. Treue zu Orten und Menschen ist der Anfang von Ehre. Mir geht es ganz genauso mit den Wäldern von Dhrall. Ach, so sehr geht es mir nicht um die Ehre, Langbogen, gestand Hase. Gleichgültig, wohin ich auch gehe oder wem ich mich auch anschließe, ich bin immer der Zwerg des Wurfs. Jeder Maag, den ich kennen gelernt habe, scheint zu glauben, größer sei besser, und deshalb denken sie stets, ich sei nicht viel wert, weil ich klein und schmächtig bin. Aber dir gefällt es, oder, Häschen, meinte Eleria gescheit. Du willst den andern doch vormachen, dein Verstand sei genauso schmächtig wie dein Körper. Deshalb redest du immer so dumm, wenn jemand von ihnen in der Nähe ist, nicht? 122 Häschen, protestierte Hase. Klingt doch viel netter, erklärte Eleria ihm von ihrem mittlerweile Angestammten Platz auf Langbogens Schoß aus, und ich finde dich nett, weil du fast so winzig bist wie ich. Langbogen ist einer von den Großen, daher versteht er uns Winzlinge nicht. Ich mag ihn gern, aber er hat einige Fehler. Na ja, niemand ist perfekt außer der Geliebten, versteht sich. Eleria ist sehr klug, Hase, sagte Langbogen zu dem kleinen Maag, und du solltest besser wissen, dass sie dich manchmal dazu bringen kann, Dinge zu tun, die du eigentlich lieber nicht tun würdest. Wenn Zelana Eleria nicht mitgebracht hätte, als sie mich aufsuchte, wäre ich noch im Wald. Ich hatte mein Nein schon halb heraus, da ließ Zelana Eleria auf mich los. Kurz darauf habe ich mein Nein runtergeschluckt. Eleria streckte Langbogen die Zunge heraus, dann lachte sie. Du musst dich vor ihm hüten, Häschen, warnte sie. Er beobachtet die ganze Zeit und sieht die Dinge, die andere verbergen wollen. Ich schätze, jeder hat etwas zu verbergen, aber die meisten haben damit kein Glück, wenn sie es mit Langbogen zu tun bekommen. Das ist mir schon aufgefallen, antwortete Hase trocken. Seit meiner Kindheit habe ich mich dumm gestellt, und immer hat es mir jeder geglaubt, aber Langbogen hat mich durchschaut, ehe ich mich zweimal umgedreht hatte. Er hielt inne und zog eine Augenbraue leicht in die Höhe. Aber da wir schon einmal beim Thema sind, solltest du vielleicht erfahren, Eleria, dass Langbogen und ich uns durch dein dummes Spielchen nicht täuschen lassen. Du grinst und kicherst viel, aber Langbogen und ich wissen, dass du unter der Oberfläche hart wie Eisen bist. Du kriegst immer, was du willst. Aber, aber, Häschen, sagte Eleria und täuschte die Verdrossene vor, was sagst du da? Ich bin geschockt. Wirklich geschockt. 123 Wir werden das nicht die Runde machen lassen, ja, meinte Hase zu beiden. Jeder von uns dreien hat seine Eigenheiten, die die anderen auf der Seemöwe nicht erfahren müssen, oder? Wenn sie es selbst nicht bemerken, würden sie uns vermutlich auch nicht glauben, wenn wir es ihnen erzählten, stimmte Langbogen zu. Da kommt jemand, warnte Eleria leise. Wie heißt dieser Ort, wo du aufgewachsen bist, Hase, fragte Langbogen und sprach ein wenig lauter. Das Volk von Maag nennt ihn Weros, antwortete Hase und verfiel wieder in seine gewohnte leicht schleppende Redeweise, und alle wollen dorthin, um sich eine schöne Zeit zu machen. Ein richtiger Maag geht meilenweit, um sich eine schöne Zeit zu machen. Er blickte beiläufig über die Schulter zu dem Seemann, der gerade ein Tau aufknotete. Gleich darauf drehte sich der Mann um und kehrte zum Großmast zurück. Wenn ich die Stellung der Sterne richtig gedeutet habe, erreichen wir übermorgen den Hafen von Weros - was eigentlich unmöglich ist, weil wir viel weiter von daheim entfernt waren, als Sorgan und der Rest der Mannschaft begriffen haben. Das würde ich nicht unbedingt verbreiten, Häschen, meinte Eleria. Sie müssen nicht wissen, wie weit es von
Maag nach Dhrall ist, und die Geliebte möchte eigentlich auch nicht, dass sie es herausfinden. Sie braucht eine Armee, und die Menschen, die sie will, sind vielleicht nicht bereit, so weit von ihrer Heimat Fortzugehen. Wie haben wir das so schnell geschafft, fragte Hase. Die Geliebte kann viele Dinge geschehen lassen, die sie geschehen lassen will, Häschen, erklärte Eleria. Willst du wirklich genau wissen, wie sie das macht? Dieser Gedanke schien Hase zu erschrecken. Er schluckte. Ah, stammelte er, nein, ich glaube nicht. Ist er nicht süß, sagte Eleria zu Langbogen. Dann rutschte sie 124 vom Schoß des großen Dhralls herunter und ging zu dem kleinen Maag. Küsschen, Häschen, sagte sie. Was? Hase war verwirrt. Das ist eine ihrer Angewohnheiten, sagte Langbogen. Es tut nicht weh und macht sie glücklich, also haben wir uns damit abgefunden. Pst, Langbogen, verlangte Eleria. Dann schlang sie die Arme um Hases Nacken und küsste ihn innig. Du solltest mal ein Bad nehmen, Häschen, fügte sie hinzu und rümpfte die Nase. Ich habe mich erst vor einem Monat gewaschen, protestierte er. Dann ist es mal wieder Zeit, Häschen. Bald. Bitte! Das Wetter wurde schlecht, und im Verlauf der beiden nächsten Tage, während die Seemöwe beharrlich nach Westen zog, war es stürmisch und regnerisch. Langbogen war an Regen gewöhnt, da die Nordwestküste von Dhrall gewissermaßen die Regenecke des Landes war. Die Maagseeleute bekamen jedoch schlechte Laune, und die Stimmung an Bord war düster, bis endlich im Dunst des steten Nieseins tief am westlichen Horizont die Küste von Maag auftauchte. Die Maagstadt Weros lag am Ende einer schmalen Bucht, und die Ruderer der Seemöwe nahmen trotz des Wetters ohne das gewohnte Murren ihre Plätze ein. Anscheinend stimmte es die Seeleute fröhlich, dass sie nach so langer Zeit nach Hause kamen. Weros war eine ansehnliche Stadt, obwohl die Häuser alle dicht aneinander standen, als fürchteten die Bewohner sich vor der Einsamkeit. Die schlammigen Straßen führten in alle möglichen Richtungen und ließen den Verdacht aufkommen, dass die Menschen, die sie angelegt hatten, sich zuvor keine großen Gedanken über ihren Verlauf gemacht hatten. Die meisten Gebäude waren aus viereckigen Baumstämmen gebaut, deshalb wirkten sie weitaus stabi125 ler als die Hütten von Alter Bars Stamm in Dhrall. Mit Eisenwerkzeugen konnte man offensichtlich bessere Häuser bauen. Eine Rauchwolke trieb aus der Stadt und verhüllte die nahen Felder. Lange Anleger ragten vom Ufer ins Wasser, und dort lagen viele Langschiffe der Maags, und weitere ankerten draußen im Hafen. Während die Seemöwe sich der Stadt näherte, trug eine Böe einen widerlichen Gestank über das Wasser heran. Langbogens Nase war sehr empfindlich, schließlich war er Jäger, und er hoffte, sie würden nicht lange in Weros bleiben müssen. Die Seeleute warfen die schweren Eisenanker an beiden Enden der Seemöwe, und Eleria gesellte sich zu Langbogen. Die Geliebte bat mich, dich aufzusuchen, sagte sie. Hakengabel will uns erklären, wie er die anderen Kapitäne der Maag überzeugen will, dass sich ein Besuch des Landes Dhrall lohnen könnte. Die Maags würden vermutlich fast alles tun, um von diesen viereckigen Goldklumpen so viele zu bekommen, wie ihre Schiffe tragen können. Dinge zu besitzen ist den Maags anscheinend wichtig, merkte Langbogen an. Das macht es uns leicht. Um das Gold zu besitzen, werden sie tun, was wir wollen, aber am Ende werden wir sie besitzen. Schauen wir mal, was Hakengabel zu sagen hat. Eleria streckte ihm die Arme entgegen. Du kannst mich tragen, wenn du möchtest. Natürlich, sagte Langbogen und nahm sie auf die Arme. Offensichtlich spielte Körperkontakt eine wichtige Rolle für Eleria, wenn sie jemanden überreden wollte, das zu tun, was sie wollte. Zelana erteilte Befehle, aber Eleria bezauberte. Absicht und Ergebnisse waren bei beiden für gewöhnlich gleich, aber Elerias Vorgehensweise war charmanter. Langbogen trug Eleria zu Sorgans Kabine am Heck der Seemöwe. Ochs und Schinkenpranke waren bereits anwesend, ebenso wie Rotbart. Die beste Art, die Aufmerksamkeit der Menschen sofort zu erregen, besteht meiner Ansicht nach darin, ihnen Gold zu zei126 gen, sagte Sorgan gerade, und so werden wir es machen. Ochs, ich möchte, dass du und Schinkenpranke verbreitet, im Kielraum der Seemöwe befänden sich stapelweise Goldbarren. Vermutlich wird das niemand glauben - was unserem Plan entgegenkommt Sobald ein Kapitän behauptet, ihr würdet lügen, sagt ihm, ihr würdet ihm das Gold gern zeigen, wenn er das will. Bringt nicht mehr als zwei oder drei gleichzeitig auf die Seemöwe und lasst durchblicken, dass hier an Bord uneingeladene Gäste nicht sehr herzlich willkommen geheißen werden. Lasst keine gewöhnlichen Matrosen oder Herumtreiber aus den Schenken auf das Schiff kommen, auch verschwendet keine Zeit mit denjenigen, die sich zwar Kapitän nennen, doch nur ein großes Ruderboot mit fünfzehn oder zwanzig Mann Besatzung ihr Eigen nennen. Wir wollen ausnahmslos die Kapitäne richtiger Langschiffe mit richtiger Besatzung. Ich will hier keinen sehen, der nicht wenigstens achtzig Mann unter seinem Kommando stehen hat. Und vergesst nicht, wir wollen keinen Krawall, also nicht mehr als zwei oder drei Kapitäne auf einmal.
Verstanden, Käpt'n, sagte Ochs. Ich und Schinkenpranke sollen aufpassen, dass nicht mehr Besucher an Bord sind, als die Mannschaft in Schach halten kann. Haben eure Menschen wirklich auch kleine Boote, Hakengabel, fragte Eleria. Sorgan gab einen unanständigen Laut von sich. Die meisten sind Schmarotzer, antwortete er. Sie nennen sich Kapitän der Maags, aber ihre Boote sind allenfalls alte Fischerkähne, und die Männer an Bord wissen nichts übers Kämpfen. Ein richtiges Maaglangschiff ist mindestens hundert Fuß lang, und es hat wenigstens achtzig Mann an Bord - fünfzig Ruderer, fünfundzwanzig, die für das Segel zuständig sind, drei Offiziere, ein Koch, ein Schmied und ein Zimmermann. Er blickte Zelana an. Wie bald brauchst du die Flotte, die wir zusammenstellen sollen, erkundigte er sich. 127 Wir haben ein wenig Zeit, Sorgan, erwiderte sie. Die Geschöpfe des Ödlands sind noch nicht bereit, uns anzugreifen. Demnach bleibt uns Zeit bis zum Frühjahr, nicht wahr? Niemand wird bei klarem Verstand versuchen, eine Armee im Winter über die Berge zu führen. Das Vlagh denkt da möglicherweise anders. Es kümmert sich nicht darum, wie viele seiner Diener auf dem Marsch sterben, wenn es ein Ziel ins Auge gefasst hat. Die Maagflotte sollte an den Küsten von Dhrall eintreffen, ehe der Schnee liegen bleibt. Bis dahin sind es nur ungefähr zwei Monate, werte Dame Zelana, protestierte Sorgan. In dieser kurzen Zeit kann ich nicht so viele Schiffe zusammenbringen. Sie befinden sich nicht alle an einem Ort, daher muss ich sie erst auftreiben. Zum Winteranfang könnte ich eine Vorhut dort postiert haben, doch für die Hauptflotte brauche ich mehr Zeit. Ich schätze, sechshundert Schiffe sollten genügen. Mit achtzig und mehr Männern an Bord von jedem steht dir dann eine große Armee zur Verfügung - fünfzigtausend Mann in etwa. Das Schwierigste ist es, mit all den Kapitänen Verbindung aufzunehmen. Viele kreuzen auf See und halten nach den Schatzschiffen der Trogiten Ausschau. Wären sie dann nicht zwischen uns und dem Land Dhrall, warf Rotbart ein. Ich nehme an, ja. Wieso? Wir könnten sie unterwegs aufsammeln, oder? Das ist offenes Meer, Rotbart. Wenn diese Schiffe nicht genau auf unserem Weg liegen, werden wir sie nicht einmal zu Gesicht bekommen. Gibt es mittlerweile Wege auf Mutter Meer, hakte Rotbart milde nach. Davon habe ich noch nicht gehört. Gibt es einen Grund, den ich nicht kenne, weshalb alle Schiffe der Flotte hinter der Seemöwe hersegeln müssen? Wäre es nicht besser, wenn sie sich verteilen, während sie zum Land Dhrall unterwegs sind? Ich habe 128 schon oft auf Mutter Meer gefischt und über die Jahre bemerkt, dass man mehr Glück in Gewässern hat, wo nicht kürzlich gerade andere Fischer waren. Nun ..., begann Sorgan, ließ jedoch unausgesprochen, was immer er sagen wollte. Es wäre trotzdem deine Flotte, Sorgan Hakenschnabel, versicherte ihm Zelana. Alle Maags auf den anderen Schiffen würden ebenfalls unter deinem Kommando stehen. Aber müssen sie unbedingt den ganzen Weg nach Dhrall an deinen Schwanzfedern kleben? Sorgan schaute ein wenig verlegen drein. Ich hatte nie zuvor eine ganze Flotte hinter mir, gestand er ein. Ich wollte einmal sehen, wie sich diese Schiffe an einer Stelle versammeln, die zu meiner Flotte gehören. Das ist ein bisschen kindisch, wie? Ein Kind zu sein ist schon in Ordnung, Hakengabel, meinte Eleria. Ich zum Beispiel habe in letzter Zeit sehr viel Spaß gehabt. Sorgan seufzte. Ich schätze, es wäre besser, wenn sich die Flotte hinter uns verteilt, damit sie weitere Schiffe aufsammeln kann, sagte er voller Bedauern. Du bist ein guter Junge, sagte Eleria liebevoll. Was hat es mit dieser Sache auf sich, Sorgan? Ein hagerer Maagkapitän aus der ersten Gruppe, die Sorgan zu einem Besuch an Bord der Seemöwe im Hafen von Weros eingeladen hatte, stellte die Frage, während er die Strickleiter zum Deck hinaufkletterte. Komm mit in meine Kabine, und ich erkläre es dir, erwiderte Sorgan und betrachtete die beiden anderen Maags in dem Boot, die Ochs gerade zur Seemöwe gerudert hatte. Langbogen folgte ihnen auf dem Weg zum Heck. Zelana und Eleria standen am Bug und schauten hinüber zur Stadt Weros, daher war die Kabine im Augenblick leer. 129 Wer ist der, wollte einer der anderen Maags wissen und zeigte auf Langbogen. Das ist Langbogen. Er arbeitet für die Dame, die mich bezahlt, damit ich eine Flotte für sie zusammenstelle. Können wir offen vor ihm reden? Er weiß, worum es geht, Vetter Tori, gab Sorgan zurück. Hat Ochs dir nicht von dem Gold erzählt, das wir unten im Schiff gestapelt haben? Der hagere Maag schnaubte. Du denkst doch nicht im Ernst, ich würde ihm das abnehmen, was?
Wir gehen gleich runter. Drüben in einem Lande namens Dhrall zieht ein Krieg auf, und die Dame, die dort sozusagen das Sagen hat, braucht Männer, die richtig kämpfen können und sich mit ihrem Volk verbünden. Und sie zahlt mit Gold. Ich habe ungefähr hundert Barren bei mir, damit ich den Kapitänen, die ich für wert befinde, sich uns anzuschließen, beweisen kann, dass ich die Wahrheit sage. Ich fürchte, du hast den Verstand verloren, Sorgan. Niemand, der noch alle fünf Sinne beisammen hat, winkt einem Maagkapitän mit Gold. Deshalb unterhalten wir uns ja gerade, Tori, antwortete Sorgan. Ich würde mich viel besser fühlen, wenn ich eine Anzahl Verwandter bei mir wüsste, sobald ich anfange, das Gold herumzuzeigen. Das ergibt schon Sinn, nehme ich an. Wo ist dieses Dhrall überhaupt, Sorgan? Ein ganzes Stück östlich von hier. Wenn ich recht verstanden habe, steht dieser Dame mit ihrem Gold keine richtige Armee zur Verfügung, fragte Tori. Das würde dir wohl so passen, Tori. Das ist Langbogen, und ich habe nie zuvor jemanden gesehen, der ihm auch nur im Mindesten das Wasser reichen könnte, wenn es ums Bogenschießen geht. Aber die Dame Zelana hat nicht genügend Männer, um gegen ihren Feind zu kämpfen. An dem Punkt kommen wir ins Spiel. Im Augenblick 130 möchte ich vor allem erst einmal unseren Verwandten Bescheid geben. Weißt du zufällig, wo sich Malar und Skell herumtreiben? Tori kratzte sich am Kopf. Also, das Letzte, was ich von Malar gehört habe, ist, dass er mit seiner Mannschaft in Gaiso auf den Putz haut. Er hatte eine Glückssträhne, und jetzt feiern sie. Du kennst ja unseren Vetter. Wenn er einmal mit dem Feiern angefangen hat, geht es weiter, bis er kein Geld mehr hat. Könntest du ihm vielleicht eine Nachricht zukommen lassen, dass ich über ein Geschäft mit ihm reden will? Ich werde sehen, was ich tun kann. Wir müssen allerdings warten, bis er wieder nüchtern ist. Und wo ist Skell? Die Küste aufwärts in Kormo. Sein Schiff muss repariert werden, nachdem ihn ein Trogitenschiff vor der Nordostküste gerammt hat. Das solltest du übrigens wissen, Sorgan: Die Trogiten haben angefangen, den Bug ihrer Schiffe zu verstärken, und zwar mit etwas, das sie Rammsporn nennen. Eine richtig dicke Stange, deren Spitze mit Eisen eingefasst ist. Der Sporn ragt vorn aus dem Trogitenschiff heraus, genau an der Wasserlinie. Die Trogiten geben nicht mehr einfach auf und springen über Bord, wenn sie uns sehen. Sie rudern mit ihren Schiffen stattdessen genau auf uns zu, und der Rammsporn bricht ein Loch in die Flanke, durch das ein Mann spazieren könnte. Wie mir zu Ohren kam, haben die Trogiten schon ein halbes Dutzend Langschiffe mit diesen verfluchten Spornen versenkt. Schrecklich, rief Sorgan. Die Trogiten waren schon immer schrecklich, Sorgan. Ich dachte, du hättest das gewusst. Aber du hast mir und den anderen Kapitänen versprochen, wir könnten uns das Gold anschauen, das du bekommen hast. Also gut, aber wir müssen auch dem Rest unserer Familie Bescheid sagen. Ich würde besser schlafen, wenn ein Dutzend Schiffe 131 mit Leuten, denen ich vertrauen kann, um die Seemöwe herum vor Anker liegen. Nachdem ihr gesehen habt, was ich im Frachtraum habe, werdet ihr verstehen, wieso. Langbogen dachte über das nach, was er gerade mit angehört hatte. Die Maags, so schien es, hatten eine sehr primitive Kultur. Zwar war ihre Technik fortschrittlicher, doch ihre sozialen Strukturen hatten noch einiges an Entwicklung vor sich. Beim ersten Licht einige Tage später trat Langbogen aus der Kabine am Heck der Seemöwe, um das Wetter zu begutachten, und er entdeckte Rotbart, der am Bug vorn an der Reling lehnte. Du bist früh auf, Rotbart, sagte er, als er sich zu dem Mann aus dem Stamm von Weißzopf stellte. Rotbart zuckte mit den Schultern. Gewohnheit, nehme ich an. Ich sehe mir gern den Himmel an, ehe die Sonne aufgeht. Gehst du häufig fischen, Langbogen? Gelegentlich. Ich ziehe die Jagd vor. Langbogen zögerte. Kürzlich, als Hakenschnabel sich mit seinen Verwandten unterhalten hat, ist mir etwas aufgefallen. Du hast doch einige Zeit unter den einfachen Seeleuten der Maags verbracht. Erschien es dir so, als sei die Familie wichtiger als der Stamm? Ich glaube, sie haben überhaupt keine Stämme, Langbogen. Soweit ich herausfinden konnte, gibt es keine Stämme - und keine Sitten, Gesetze oder Häuptlinge. Ihre Waffen sind unseren überlegen, darüber hinaus sind sie reine Wilde. So ähnlich betrachte ich die Sache auch. Sitten sind vielleicht manchmal langweilig, aber sie halten den Stamm zusammen. Ich weiß nicht, ob es dir klar ist, Langbogen, sagte Rotbart daraufhin, aber du bist in der Domäne unserer Zelana sehr berühmt. Leider komme ich nicht sehr weit herum, Rotbart. In den letzten Jahren war ich sehr beschäftigt. Davon habe ich gehört. Natürlich geht es mich eigentlich nichts 132 an, aber vielleicht kannst du mir beantworten, warum du die ganze Zeit diese Geschöpfe aus dem Ödland tötest. Langbogen zögerte, aber Rotbart war der Einzige auf dieser Reise, den er vielleicht als Freund betrachten
konnte. Vor langer Zeit ist etwas Schreckliches geschehen, erzählte er. In unserem Stamm gab es eine junge Frau mit Namen Trübes Wasser, und sie und ich hatten beschlossen zu heiraten. Am Tag der Zeremonie ging sie zum Baden in den Wald, und um das traditionelle Gewand anzulegen. Während sie dort allein im Wald war, wurde sie von einem der Ödlandgeschöpfe umgebracht. Seit jenem Tag lebe ich nur noch für die Rache. Mein herzliches Beileid, Langbogen, sagte Rotbart entschuldigend. Ich wollte mich mit meiner Neugier nicht aufdrängen. Jetzt verstehe ich dich allerdings besser. Du willst sie alle umbringen, ja? Wenn es möglich ist, gestand Langbogen ein. Für mich ist kein Tag richtig zu Ende, ehe ich nicht mindestens eines dieser Untiere getötet habe. Es gibt nur einen Grund, weshalb ich mich schließlich Zelana angeschlossen habe und mit ins Land Maag gekommen bin. Die kleine Eleria meinte, wenn ich die Maags als Hilfe hätte, könnte ich Tausende der Diener des Vlagh töten - oder vielleicht sogar alle. Da hast du aber einiges zu tun, nach dem zu urteilen, was ich über diese Bestien gehört habe, erwiderte Rotbart. Würde es dich beleidigen, wenn ich auch ein paar Dutzend von ihnen umbringen würde? Nur so als Zeichen der Freundschaft natürlich. Es ist höflich, die Feinde eines Freundes zu töten, nicht wahr? Langbogen lächelte kurz. Mir würde es nicht das Mindeste ausmachen, Rotbart. Viel Spaß dabei. Eine Sache allerdings: Wenn wir das Ödland erreichen, vergiss nicht, dass Das-man-Vlagh-nennt mir gehört. Ich glaube, der Geist von Trübes Wasser wäre sehr glücklich, wenn ich den Kopf des Vlagh auf ihr Grab legen würde, als Zeichen meiner unendlichen Liebe. 133 Niemals würde ich daran denken, dir in die Quere zu kommen, Freund Langbogen, versicherte Rotbart. Wäre es denn in Ordnung, wenn ich deinen Mantel halte, während du Das-man-Vlagh-nennt in kleine Stücke zerlegst? Das würde ich bestimmt ertragen können, Freund Rotbart, gab Langbogen zugleich ernst und ironisch zurück. Und beide lachten.
12 Sorgan gelang es, mehrere seiner Vettern bei der Seemöwe zu versammeln, während er weiterhin Maagkapitäne rekrutierte, die zwar nicht mit ihm verwandt waren, jedoch im Hafen von Weros vor Anker lagen. Langbogen wurde mehrmals gerufen, um sein Können mit dem Bogen zu demonstrieren, und die Maags behandelten ihn mit großem Respekt, als die wachsende Flotte in See stach, um sich entlang der Küste nach Süden zu bewegen. Die Seemöwe legte bei jedem Küstendorf an, in dessen Hafen mehr als zwei oder drei Schiffe vor Anker lagen. In den Städten nördlich von Weros suchen einige meiner Verwandten auch weiterhin nach Schiffen und Männern, erklärte Sorgan Zelana eines Abends einige Tage später bei ihrem gewohnten Treffen zum Essen in seinem früheren Quartier. Es macht die Runde, dass ich Leute anheuere und gut zahle, und dadurch geht alles viel schneller, als ich erwartet habe. Vermutlich haben wir unsere Flotte schon bald zusammen. Das hoffe ich doch, antwortete Zelana. So wie die Dinge jetzt stehen, befindet sich der Westen von Dhrall in großer Gefahr. Ich werde einen Teil der Flotte in Kürze vorausschicken, ver134 sicherte Sorgan ihr. Ich warte nur noch, bis sich mein Vetter Skell zu uns gesellt. Er ist verlässlicher als meine anderen Verwandten. Wie soll Skell denn Lattash finden, Käpt'n, fragte Ochs. Di Küste ist sehr lang, wenn ich mich recht erinnere. Ich könnte ihm den Weg zeigen, schlug Langbogen vor. Sorgan schüttelte den Kopf. Dich brauche ich hier, Langbogen, sagte er. Du bist der einzige Mann, der aus hundert Schritt Entfernung einen Pfeil durch ein Astloch schießen kann, und dies Fähigkeit gehört zu den Dingen, mit denen ich die anderen über zeugen kann, sich uns anzuschließen. Ich könnte ihn doch begleiten, meinte Rotbart. Ich macht hier sowieso nichts anderes, außer meinen Bart wachsen zu lassen und obwohl mein Bart wirklich sehr prächtig ist, wird er niemanden veranlassen, mit uns zu kommen. Das klingt sinnvoll, Sorgan, sagte Zelana, und wenn dein Vetter auf Rotbarts Rat hört und seine Flotte gut verteilt, werden sie weitere Maagschiffe auf dem Antlitz von Mutter Meer auflesen Dann können sie das magische Wort Gold zu deren Kapitänen sagen, und in Dhrall würde die doppelte Anzahl an Schiffen ankommen, als wir von Maag losgeschickt haben. So machen wir es also. Du zahlst, demnach tanzen wir nach deiner Pfeife - aber erst, nachdem Skell bei uns eingetroffen ist. Er ist viel verantwortungsbewusster als die anderen Kapitäne, dabei kann er auch möglicherweise übermäßig Erpichte davon abhalten, die Küstendörfer auszurauben, anstatt sich auf den Kampf gegen die Armee des Ödlands vorzubereiten. Das würde bei deinem Volk nur Zorn schüren, und ich hätte meine halbe Armee vielleicht schon verloren, ehe ich dort eintreffe, falls die anderen Dhralls nur halb so gut mit dem Bogen umgehen können wie Langbogen. Am nächsten Morgen gab es Nebel. Langbogen stand am Bug der Seemöwe und lauschte den Stimmen, die von den Nachbarschiffen 135 kamen. Geräusche, so hatte er gelernt, schienen in der Nacht oder in dichtem Nebel weiter zu tragen. Vielleicht gab es da eine geheime Absprache zwischen Augen und Ohren.
Rotbart kam vom Heck zu ihm. Was für eine Suppe, sagte er. Ja, habe ich auch schon festgestellt. Ich glaube, das ist kein guter Tag zum Jagen. Aber vielleicht fürs Fischen. Rotbart schaute sich um und beugte sich vor. Zelana möchte ein Wort mit dir reden, sagte er leise. In der Nacht ist etwas passiert, das ihr Sorgen bereitet. Ich gehe gleich zu ihr, erwiderte Langbogen genauso leise. Dann sagte er ein wenig lauter: Kannst du im Nebel wohl ohne Hilfe Wache halten, Rotbart? Ich sollte mich mal bei Zelana zeigen, um sie zu fragen, was ich heute für sie tun kann. Das bekomme ich schon hin, antwortete Rotbart. Ich werde dich holen lassen, falls ich in Bedrängnis gerate. Sehr lustig, murmelte Langbogen. Schön, dass es dir gefallen hat, sagte Rotbart und grinste breit. Langbogen ging nach hinten zum Heck. Rotbart gehörte zu einem anderen Stamm, trotzdem mochte Langbogen ihn. Die gegenwärtige Krise veränderte viele von Langbogens Vorgefassten Meinungen, wie es vor einem Jahr wohl noch kaum möglich gewesen wäre. Er klopfte sachte an die Kabinentür. Herein, Langbogen, rief Zelana. Er trat ein und schloss die Tür leise hinter sich. Rotbart sagte, du wolltest mich sprechen. Gibt es Schwierigkeiten? Ich denke, es könnte dazu kommen, antwortete sie. Dann blickte sie ihm in die Augen. Setz dich, Langbogen. Ich glaube, es ist an der Zeit, zwischen uns etwas zu klären. Hast du je von den Träumern gehört? Langbogen zuckte mit den Schultern, als Eleria auf seinen Schoß kletterte. Das ist eine sehr alte Geschichte. Sie berichtet uns, die 136 Ankunft der Träumer sei ein Zeichen dafür, dass die alten Götter bald schlafen gehen. Es geht sogar noch darüber hinaus, Langbogen. Die Zeit neigt dazu, die Dinge zu verzerren, und alte Geschichten bleiben nicht unbedingt so, wie sie ursprünglich waren. Die Geschichte der Träumer handelt von unserer gegenwärtigen Lage, und es sind am Ende die Träumer, die sich dem Vlagh stellen müssen. Und es besiegen müssen, fragte Langbogen. Nun, das dürfen wir hoffen, schätze ich. Sie sah ihn eigentümlich an. Du verstehst schon, worauf ich hinauswill, nicht wahr, Langbogen? Ja, tatsächlich ist Eleria einer der Träumer, und sie hat dich mir bereits weggenommen. Habe ich nicht, protestierte Eleria. Versuche nicht, mir das Gegenteil einzureden, Eleria, schalt Zelana das Kind. Du hast es zu offensichtlich angestellt. Ich mag ihn, Geliebte, das ist alles. Ich würde dir niemals etwas wegnehmen. Das ist eine Lüge, und du weißt das ganz genau, entgegnete Zelana verärgert. Du hast mir schon meine Delphine weggenommen, und jetzt willst du mir den Diener wegnehmen, dem ich am meisten vertraue. Wenn du ein wenig netter zu ihnen wärst, wären sie nicht so versessen darauf, mit mir zu spielen, hielt Eleria dagegen. In letzter Zeit bist du gemein geworden und abscheulich, Geliebte. Was ist denn mit dir los? Langbogen setzte das Mädchen von seinem Schoß auf den Boden. Dann stand er auf. Ich komme später noch einmal vorbei, sagte er trocken. Ihr könnt mir ja Bescheid sagen, wenn euer Streit vorüber ist. Er ging auf die Tür zu. Du kommst sofort zurück, rief Zelana. Nein. Wenn ihr euch gegenseitig ankeifen möchtet, wäre ich nur dabei im Weg. Damit verließ er die Kabine und schloss die Tür. 137 Die Stille, die aus der Kabine kam, war lauter als Donner. Langbogen ging hinüber zur Reling und schaute hinaus in den Nebel, während er wartete. Eleria trat früher aus der Kabine, als er erwartet hatte. Alles ist wieder in Ordnung, Langbogen, sagte sie. Das ging aber schnell, merkte er an. Du hast uns erschreckt. Die Geliebte ist es nicht gewöhnt, dass jemand einfach so fortgeht wie du. Wir haben uns vertragen, gleich nachdem du hinaus warst. Eine Weile lang haben wir geweint und uns umarmt, und jetzt ist alles wieder gut. Du kannst reinkommen. Gut. Soll ich dich tragen? Besser nicht, sagte sie bedauernd. Verärgern wir sie nicht gleich wieder. Sie betraten die Kabine; Zelana hatte sich tatsächlich wieder gefasst. Wir haben gerade über die Träumer gesprochen, Langbogen, sagte sie, als sei nichts geschehen. Sie haben einige ungewöhnliche Fähigkeiten, wenn sie träumen. Sie können in die Vergangenheit sehen, und gelegentlich träumen sie auch über die Zukunft. Das ist letzte Nacht geschehen. Eleria hatte einen Traum über die Zukunft, und wir müssen etwas unternehmen, damit er nicht wahr wird. Können wir das denn, fragte Langbogen sie. Ich habe die alten Geschichten über die Träumer gehört, und in allen heißt es, diese Träume würden die Zukunft gewissermaßen in Stein meißeln. Die alten Geschichten irren. Elerias Traum berichtet uns lediglich, was geschehen könnte, nicht, was wirklich geschehen wird. Es war eher eine Warnung. Erzähl ihm deinen Traum, Eleria, und auch über deine Perle. Wenn du möchtest, Geliebte, erwiderte Eleria fügsam. Der kleine Sturm des Streits war vorübergezogen. Eleria ging auf Langbogen zu und streckte ihm die Arme entgegen. Er hob sie hoch und
138 setzte sie auf seinen Schoß. Hast du schon einmal von der Insel Thurn gehört, Langbogen, fragte sie. Sie liegt westlich vor der Küste von Dhrall, hat man mir gesagt, antwortete Langbogen, und es ist uns verboten, sie zu betreten. Das ist vermutlich die Idee der Geliebten. Sie wohnt dort, und sie möchte keine Nachbarn haben. Jedenfalls gibt es im Wasser um die Insel rosa Delphine, und die Geliebte mag sie sehr gern. Sie kann ihre Sprache sprechen, und oft unterhalten sie sich. Als ich noch ein sehr kleines Kind war, haben die jungen Delphine mit mir gespielt. Und demnach sprichst du ebenfalls ihre Sprache? Es ist die Sprache, die ich zuerst gelernt habe. Erst vor einer Weile hat mir die Geliebte ihre Sprache beigebracht. Das ist aber eigenartig. Die meisten Mütter lehren ihre Kinder, ihre eigene Sprache zu sprechen. Eleria lachte fröhlich. Wie in aller Welt bist du auf den absurden Gedanken gekommen, die Geliebte sei meine Mutter, fragte sie. Ich glaube, wir sind irgendwie verwandt, aber meine Mutter ist sie gewiss nicht. Darüber können wir uns bei anderer Gelegenheit unterhalten, mischte sich Zelana entschieden ein. Erzähl ihm von der Perle, Eleria. Das wollte ich ja gerade, Geliebte. Es geschah letztes Jahr, als ich vor der Küste mit den jüngeren Delphinen spielte, Langbogen, und eine alte Walkuh kam zu uns und sagte mir, sie wolle mir etwas zeigen. Ich folgte ihr zu einer riesigen Auster, und die Walkuh berührte die Auster mit einer Flosse, und die Auster öffnete sich. Eleria kletterte von Langbogens Schoß, ging zu dem schmalen Bett, in dem sie schlief, und suchte unter den Decken. Dann zog sie einen Gegenstand ungefähr von der Größe eines Apfels hervor. Das hatte die Auster in ihren Schalen verborgen, erklärte sie und hielt es hoch, damit Langbogen es betrachten konnte. Man nennt es eine Perle, und die Walkuh sagte mir, sie sei für mich bestimmt. 139 Langbogen war angesichts der Größe dieser Perle verblüfft. Perlen hatte er schon häufig gesehen, doch nie eine auch nur annähernd so große. Die Perle kontrolliert Elerias Träume, Langbogen, warf Zelana ein, und ich glaube, der Traum von letzter Nacht war eine Warnung. Erzähl ihn, Eleria. Natürlich, Geliebte, fügte sich Eleria. Ich nehme an, andere Leute träumen auch, Langbogen, sagte sie, und die meiste Zeit über sind meine Träume so wie ihre, doch der in der letzten Nacht unterschied sich sehr von jenen, die ich sonst habe. Ich schwebte in der Luft über der Seemöwe. Sie lag im Hafen einer kleinen Maagstadt vor Anker, und es war Nacht. Fünf andere Schiffe lagen zu ihrem Schutz neben ihr, und dann fingen alle Schiffe um die Seemöwe herum an zu brennen. Die Maags liefen hektisch umher und versuchten die Brände zu löschen, und währenddessen kamen fünf andere Schiffe aus der Dunkelheit und legten an der Seemöwe an. Es gab einen schlimmen Kampf, und alle an Bord der Seemöwe wurden getötet. Dann gingen die Fremden nach unten, wo Hakengabel diese Goldblöcke aufbewahrt, die er so gern mag. Nachdem sie alle weggenommen hatten, steckten sie die Seemöwe in Brand und ruderten davon. Danach sah ich jemanden mit Kapuze über dem Kopf, der vom Strand zuschaute, und dieser Jemand lachte. Dann wachte ich auf und erzählte der Geliebten, was ich gerade geträumt hatte, und daraufhin schickte sie Rotbart zu dir, um dich herzubitten. Wie groß war der Mann am Strand, der lachte, fragte Langbogen eindringlich. Nicht annähernd so groß wie die anderen Maags, antwortete Eleria. Er war ungefähr so groß wie Häschen. Konntest du die Farbe der Kapuze erkennen? Ich glaube, sie war grau. Ist das wichtig? Möglicherweise. Die Diener des Vlagh sind nicht sehr groß, 140 und sie tragen graue Kapuzen. An deinem Traum scheint mehr dran zu sein, als dir klar ist. Offenbar haben einige Geschöpfe des Ödlands einen Weg gefunden, uns hierher zu folgen, und nun versuchen sie, uns daran zu hindern, die Armee der Maags ins Land Dhrall zu bringen. Er blickte Zelana an. Gibt es eine Möglichkeit, dies abzuwenden? Ich denke, wir haben bereits begonnen, die Zukunft zu ändern, Langbogen, erwiderte sie. Allein über diese Pläne Bescheid zu wissen, das ist schon der erste Schritt. Langbogen war der endlosen Besuche von Maagkapitänen müde gewesen, die an Bord der Seemöwe kamen und sich Sorgans Goldblöcke anschauten. Offensichtlich konnten sie das Wort von anderen nicht akzeptieren, und deshalb mussten sie das Gold mit eigenen Augen sehen. Elerias Traum hingegen änderte seinen trägen Zustand sofort. Falls der Traum tatsächlich das bedeutete, was er zu bedeuten schien, hatten fünf der Kapitäne wenig Interesse am Land Dhrall. Langbogen war ein Jäger, und ein Jäger muss lernen, zu beobachten und zu lauschen - und sich dabei so unauffällig wie möglich zu verhalten. Die meisten Besucher der Seemöwe waren begeistert von den Aussichten, die mit Sorgans Angebot verbunden waren. Andere gaben Begeisterung vor, doch wirkte sie bei ihnen nicht ehrlich. Also beobachtete und lauschte Langbogen, sagte jedoch nichts. Im Hafen eines kleinen Küstenortes namens Kweta gesellte sich Sorgans hagerer und mürrischer Vetter Skell zu ihnen, und nach einigem Gerede einigten sich Sorgan und Skell, einen Teil dessen, was sie als Flotte
bezeichneten, mit Rotbart als Führer nach Osten ins Land Dhrall zu schicken. Mein Vetter Skell ist ein zuverlässiger Mann, werte Dame Zelana, erklärte Sorgan, während sich die Vorhut zum Aufbruch vorbereitete. Er hat ungefähr hundert141
I zwanzig Schiffe und fast zehntausend Mann gegen einen möglichen Überraschungsangriff eures Feindes, und wenn es eine große Invasion der Küstenregion deiner Domäne geben sollte, wird er in der Lage sein, den Feind so lange aufzuhalten, bis wir eintreffen. Wie lange wird es wohl noch dauern, bis wir anderen nach Dhrall segeln, erkundigte sich Zelana. Nicht mehr sehr lange. Die Nachricht hat die Runde gemacht, und fast jeder Maagkapitän ist darauf erpicht, uns zu begleiten. Das einzige Problem besteht darin, dass sie alle das Gold persönlich sehen wollen, ehe sie ihre Entscheidung treffen. Sorgan zog eine klägliche Miene. Ich gebe es ja nicht gern zu, aber vielleicht haben wir zu viel Gold nach Maag mitgebracht. Wenn man es recht überlegt, hätte ein Dutzend Blöcke vermutlich genügt. Die meisten Maags hätten mir geglaubt, wenn ich ein Dutzend gesagt hätte. Da ich jedoch behaupte, ich hätte hundert auf meinem Schiff, wollen sie es sich selbst anschauen, nur um sicherzugehen, dass ich sie nicht belüge. Ich glaube, ich habe einen zu großen Köder an meinen Angelhaken gehängt. Niemand ist perfekt, Hakengabel, sagte Eleria. Hakenschnabel, berichtigte Sorgan sie abwesend. Wie auch immer, gab sie mit spöttischer Gleichgültigkeit zurück.
13 Ich habe dir das Gold doch schon gezeigt, Kajak, sagte Sorgan zu dem knochendürren Maag, der am nächsten Morgen mit einer Gruppe Besucher an Bord der Seemöwe kam. Traust du deinen eigenen Augen nicht? Ich will dir lediglich helfen, Sorgan, erwiderte der magere Kajak. Meinen sämtlichen Verwandten habe ich davon erzählt und ihnen versprochen, sie dir vorzustellen, wenn du in die Häfen ihrer Heimatorte einläufst. Wenn alles so läuft, wie ich es mir vorstelle, kann ich deiner Flotte zwei Dutzend weitere Schiffe bringen. Prächtig, Kajak, sagte Sorgan. Offenbar kannst du über deine Nasenspitze hinaussehen. Meistens habe ich es mit Männern zu tun, die nicht begreifen, warum wir mehr Schiffe und Männer brauchen. Sie scheinen Angst zu haben, mehr Leute würden ihren Anteil verkleinern. Die begreifen überhaupt nicht, über wie viel Gold wir hier reden. Manche haben eben Probleme mit großen Zahlen, Sorgan. Wäre es in Ordnung, wenn ich meine Vettern in den Frachtraum führe und ihnen dein Gold zeige? Aber bitte doch, Kajak, meinte Sorgan. Langbogen hatten neben Sorgans Kabine gesessen, während der Kapitän sich mit Kajak unterhielt, und ihm fiel auf, dass Kajaks vier Vettern ein wenig nervös waren, während sie hinter dem knochendürren Maag standen. Eleria saß wie gewöhnlich auf Langbogens Schoß. Das könnten diejenigen sein, die ich in meinem Traum gesehen habe, flüsterte sie ihm ins Ohr. Die Zahl würde passen, stimmte Langbogen zu, aber die Zahl allein heißt noch nicht, dass es tatsächlich diejenigen sind, nach denen wir Ausschau halten. Husch, von meinem Schoß runter, Kind. Ich schleiche ihnen hinterher, wenn sie sich Sorgans Gold anschauen. Langbogen folgte Kajak und seinen vier Vettern in einigem Abstand. Sie wirkten nervös, doch befanden sich schließlich mehrere schwer bewaffnete Seeleute von Sorgan in der Nähe, und somit war das zu verstehen. Als sie aus dem Frachtraum zurückkehrten, zeigte sich auf ihren Gesichtern die gewohnte ehrfürchtige Miene. Sie hatten nichts ge142 tan, was irgendwie auffällig gewesen wäre, dennoch wollte Langbogen die Möglichkeit nicht ausschließen, dass es sich um die fünf Kapitäne aus Elerias Traum handelte. Diese Familie hat nicht gerade den besten Ruf hier in Maag, Langbogen, sagte Hase später, als ihn Langbogen unter vier Augen nach Kajak und seinen Vettern fragte. Es ist schon vorgekommen, dass andere Maagschiffe mit nur einigen von ihnen an Bord losgesegelt sind, um trogitische Schatzschiffe auszunehmen, und die anderen Maags wurden niemals wieder gesehen. Falls sie jedoch irgendetwas vorhaben sollten, werden sie es noch nicht jetzt tun. Skell und die anderen Kapitäne der Vorhut sind noch hier und statten ihre Schiffe mit Proviant für die Reise nach Dhrall aus, es sind also viele Maagschiffe in der Nähe. Aber Skells Flotte wird nicht mehr lange hier sein, Hase, erinnerte Langbogen ihn. In den nächsten Tagen wird sie nach Dhrall auslaufen, und dann bleiben nur wenige Schiffe zum Schutz der Seemöwe. Genau dann sollten wir anfangen, uns Sorgen zu machen, stimmte Hase zu. Käpt'n Sorgan wird die Schiffe fortschicken, und Kajak wird Schiffe herholen. Ich denke, heute Abend werde ich mal durch ein paar Tavernen ziehen. Maagseeleute trinken gern einen, wenn sie im Hafen sind, und betrunkene Seeleute reden viel. Manchmal erzählen sie dann Dinge, die sie in nüchternem Zustand niemals von sich geben würden. Ich muss lediglich so tun, als sei ich noch betrunkener als sie, dann wird niemand auf mich achten. Wenn ich etwas herausfinde, werde ich es dich wissen lassen.
Das wäre sehr nützlich, Hase, stimmte Langbogen zu. Ich werde Zelana unseren Verdacht mitteilen, allerdings glaube ich, wir brauchen Sorgan noch nichts zu sagen. Zuerst müssen wir mehr wissen, ehe wir ihn einweihen. Er drehte sich um und ging zu Zelanas Kabine. 144 Was hast du gemacht, Langbogen, fragte Zelana ihn, als er eintrat. Ich bin einer Fährte gefolgt, erwiderte er. Ein eigentümlicher Ausdruck. Kommt aus der Jagd. Die Tiere im Wald hinterlassen Spuren auf dem Waldboden und an den Bäumen und Büschen, und denen kann der Jäger folgen, wenn er nur weiß, wie er sie zu deuten hat. Hase hilft mir. Du magst ihn, ja, fragte Eleria. Er ist klug, doch verbirgt er seine Klugheit. Heute Abend wird er in den Tavernen an Land nach Fährten suchen, dort, wo die Maagseeleute diesen Saft trinken, der sie töricht macht. Möglicherweise werden Männer aus Kajaks Gefolge töricht genug, um etwas zu erzählen, was Kajak lieber geheim halten will. Falls dieser Kajak tatsächlich derjenige ist, den du in deinem Traum gesehen hast, werden seine Seeleute und die seiner Vettern Bescheid wissen. Hase setzt sich in eine Ecke und tut so, als hätte er zu viel getrunken. Kajaks Männer werden glauben, er schlafe, und dann unterhalten sie sich, als wäre er nicht da. Du hast dich verändert, Langbogen, bemerkte Zelana. In Dhrall hättest du dich nie so verhalten. Es unterscheidet sich nicht so sehr von dem, was ich im Wald mache, Zelana, widersprach er. Ich bin wie immer auf der Jagd. Nur die Jagdgründe haben sich verändert, das ist alles. Mein Ziel ist weiterhin eins der Geschöpfe des Ödlands, doch vielleicht muss ich zunächst mehrere Schiffsladungen der Verwandten dieses Kajaks töten, ehe ich einen freien Schuss auf einen Diener des Vlagh bekomme. Aber ich werde ihn finden, und ich werde ihn töten. Darum geht es schließlich bei der Jagd. Es sieht so aus, als hättest du Recht, Langbogen, berichtete Hase sehr leise, während sie in der Dämmerung am nächsten Morgen am 145 Bug der Seemöwe standen. Etliche von Kajaks Männern haben sich gestern betrunken, und sie konnten ihre Zunge nicht im Zaum halten. So habe ich hier ein bisschen und dort ein bisschen aufgeschnappt, und langsam formt sich ein Bild. Du bist ein guter Jäger, Hase, gratulierte Langbogen seinem kleinen Freund. Wohin führt die Fährte, die du gefunden hast? Das ist aber eigenartig ausgedrückt, meinte Hase, doch es passt ins Bild. Kajaks Leute waren sich alle darin einig, dass Kajak es nicht ertragen kann, sich Gold entgehen zu lassen. Käpt'n Sorgan hat ihm zwar von dem Gold in Dhrall erzählt, doch waren das nur Worte. An Bord der Seemöwe hat Kajak hingegen echtes Gold gesehen, und das will er sich holen. Über das Gold in Dhrall macht er sich dann Gedanken, nachdem er das Gold hier in Maag gestohlen hat. Du hast außerdem Recht mit deiner Annahme, dass Kajak und seine Vettern nichts unternehmen werden, ehe Skell den größten Teil der Flotte nach Osten führt. Das haben sie immer wieder gesagt, und am Ende hing es mir schon zum Hals heraus. Sie wissen nicht, wann genau Skell in See stechen will, aber sie hoffen, es werde nicht mehr länger als ein paar Tage dauern. Fünf Schiffe haben sie hier im Hafen von Kweta, weitere sind unterwegs. Sie haben nicht vor, die Schiffe anzugreifen, die die Seemöwe beschützen, solange sie nicht in der Übermacht sind. Am liebsten würden sie uns drei zu eins überlegen sein. Jedenfalls herrscht die Ansicht vor, sie müssten in der Nacht zuschlagen, nachdem Skell aufgebrochen ist. Alle Maags haben inzwischen mitbekommen, was der Käpt'n vorhat und wie viel er zahlt, deshalb kommen jeden Tag neue Schiffe. Wenn sie zu lange warten, sind sie wieder in der Unterzahl. Falls Skell aufbricht, ehe ihre Freunde hier sind, müssen sie angreifen, ob es ihnen gefällt oder nicht. Dazu müssen sie sich etwas einfallen lassen, das ihnen einen Vorteil verschafft. Und da kommt das Feuer ins Spiel, oder, warf Langbogen ein. Du hast es die ganze Zeit gewusst, nicht wahr? 146 Es war lediglich eine Vermutung. Ich brauchte eine Bestätigung, ehe ich richtig zu planen beginnen konnte. Wir sollten den Käpt'n besser warnen, meinte Hase ernst. Das ist nicht notwendig. Der Kapitän und der Rest der Mannschaft wären uns nur im Weg. Willst du mir etwa sagen, dass wir beide allein gegen fünf Maagschiffe kämpfen sollen, wollte Hase ungläubig wissen. Natürlich nicht, erwiderte Langbogen und lächelte trocken. Zelana und Eleria helfen uns. Mehr Hilfe brauchen wir nicht. Hast du etwa getrunken, erkundigte sich Hase misstrauisch. Hases Besuch in den Tavernen hat unseren Verdacht bestätigt, Zelana, erstattete Langbogen kurze Zeit darauf Bericht. Es ist Kajak, der uns mit Feuer überfallen will. Er ist der erste Feind, gegen den wir kämpfen müssen. Kannst du es regnen lassen? Ich werde mit Mutter Meer darüber sprechen. Bestimmt wird sie gern behilflich sein. Was hast du vor? Wenn Kajaks Männer mit ihren Booten zu den Schiffen von Sorgans Verwandten rudern und ihre Fackeln werfen, würde Regen das Feuer löschen, ehe es sich ausbreiten kann. Dann muss Kajak gegen fünf Schiffe kämpfen, obwohl er es nur mit einem aufnehmen wollte. Vielleicht gibt er an diesem Punkt schon auf und
ergreift die Flucht. Langbogen hielt inne und dachte einen Moment lang nach. Ich glaube, wir sollten ihn nicht davonkommen lassen. In der Umgebung versammeln sich viele Maagschiffe, und Kajak ist nicht der einzige gierige Kapitän. Andere Maagkapitäne könnten seinen Plan ebenfalls verlockend finden. Wenn er tot ist, kann er seinen Plan aber jenen hier in der Welt der Lebenden nicht mehr erzählen. Was er in der Welt der Toten erzählt, kann uns vermutlich gleichgültig sein, auch wenn ich mich auf diesem Gebiet nicht sehr gut auskenne. Wenn du glaubst, es könne uns Probleme bereiten, könntest du vielleicht einen Blick in die Welt der Toten werfen. 147 Willst du mich erzürnen, Langbogen? Ich würde nicht einmal im Traum daran denken, so etwas zu tun, heilige Zelana, erwiderte er mit offenem Gesicht. Ich habe lange nachgedacht und bin der Meinung, wir sollten Sorgan von dem bevorstehenden Überfall nicht in Kenntnis setzen. Hase und ich kommen mit der Angelegenheit allein zurecht, und Sorgan würde uns nur im Weg stehen. Du bist schon zu lange im Land Maag. Anscheinend hast du dir die hiesige Sitte des Prahlens angewöhnt. Du glaubst doch nicht wirklich, du und Hase könnt allein mit diesem Kajak fertig werden, oder? Kajak hat nur fünf Schiffe, Zelana. Die dürften kein großes Problem darstellen. Er sagt es so, als würde er es tatsächlich glauben, Geliebte, merkte Eleria an. Ich weiß. Und deshalb fange ich an, mir Sorgen zu machen. Sorgans Vetter Skell beendete seine Vorbereitungen, die Segel zu setzen und mit den bisher versammelten Maagschiffen ins Land Dhrall aufzubrechen, und Langbogen unterhielt sich unter vier Augen mit Rotbart. Es ist keine große Sache, erklärte er seinem Freund. Ich kümmere mich darum, dass Kajak an dem Morgen, nachdem er an Bord der Seemöwe gekommen ist, die Sonne nicht mehr aufgehen sieht. Ein oder zwei seiner Verwandten werden sich vielleicht entscheiden, hier eiligst zu verschwinden. Möglicherweise versuchen sie, sich Skell anzuschließen, und dann würdest du Skell am besten wissen lassen, was sie hier im Hafen von Kweta angestellt haben. Bestimmt will Skell solche Männer nicht in seiner Flotte haben. Das mache ich, versprach Rotbart. Soll ich Skell ebenfalls davor warnen, wie giftig die Diener des Vlagh sind? Langbogen dachte darüber nach. Lieber nicht, ehe seine Flotte Lattash erreicht hat, entschied er. Er soll zunächst dort ankom148 men, bevor wir ihm die ganze Wahrheit verraten. Die Maags sind viel größer als die Geschöpfe des Ödlands, deshalb haben sie eine größere Reichweite mit den Armen. Außerdem verhelfen ihnen Schwerter und Speere zu einem Vorteil, wenn der Kampf beginnt. Wir gehen so vor, wie du sagst, stimmte Rotbart zu. Soll ich deinem Häuptling Alter Bär eine Nachricht überbringen? Wenn du irgendwann in seiner Nähe bist, nachdem du Dhrall erreicht hast, teile ihm bitte mit, mir gehe es gut und ich würde zum Stamm zurückkehren, ehe der Schnee zu tief wird. Und dass wir fast bereit sind, diesen Krieg auszutragen. Das mache ich, Freund Langbogen. Du bist ein zuverlässiger Mann, Freund Rotbart. Langbogen lächelte zaghaft. Es sind ungewöhnliche Zeiten, nicht wahr? Nie zuvor habe ich einen Mann aus einem anderen Stamm Freund genannt. Das kommt selten vor, pflichtete Rotbart bei. Dann grinste er Langbogen an. Aber es gefällt mir, fügte er hinzu und ahmte eine von Elerias Lieblingsmienen nach. Langbogen lachte schallend, und die beiden reichten einander die Hände zu jener Geste, die von alters her Freundschaft symbolisierte.
14 Wieso bist du so sicher, dass es regnen wird, Langbogen, fragte Hase, während die beiden geduckt am Bug der Seemöwe hockten und, selbst außer Sicht, beobachteten, wie die fünf Boote sich den Schiffen von Sorgans Verwandten näherten. Du würdest es mir doch nicht glauben, wenn ich es dir sage, 149 Hase, antwortete Langbogen. Es wird regnen, sobald es notwendig ist, und die Schiffe, die die Seemöwe bewachen, werden nicht brennen. Also, folgendermaßen werden wir vorgehen. Du bleibst in Deckung und reichst mir die Pfeile, so schnell du kannst. Meine rechte Hand bleibt an einer Stelle - sehr dicht an der Bogensehne -und du wirst mir die Pfeile genau zwischen die Finger legen. Auf diese Weise können wir doppelt so viele Pfeile abschießen, wie ich ohne deine Hilfe schaffen würde. Dort draußen sind fünf Schiffsladungen voller unfreundlicher Kerle, Langbogen. Gleichgültig, wie schnell du schießen kannst, du musst eine riesige Zahl Leute umbringen. Wir müssen sie nicht alle umbringen, Hase, erklärte Langbogen geduldig. Ein Schiff fährt nicht dorthin, wo der Kapitän will, solange nicht jemand am Steuer es in die richtige Richtung lenkt. Wir haben nur fünf Ziele, und fünf Pfeile können wir gleichzeitig in der Luft haben. Deshalb bist du also davon überzeugt, dass wir die Sache ganz allein meistern können, oder? Ein Schiff ohne Steuermann am Ruder wird vermutlich den Rest der Nacht im Kreis durch den Hafen fahren. Hase schaute
blinzelnd hinaus aufs dunkle Wasser. Das erfordert aber einen guten Schuss, Langbogen, merkte er an. Nicht schwieriger, als Gänse vom Himmel zu holen, mein kleiner Freund, sagte Langbogen. Ihm fiel auf, wie viele Leute er in letzter Zeit als Freund bezeichnete. Zwar erschien es ihm angemessen, und dennoch verwunderte es ihn. Seit einem halben Dutzend Jahren hatte Langbogen niemanden mehr Freund genannt. Kannst du mich hören, Langbogen? Er vernahm eine Stimme, die wie ein leises Flüstern an seinem linken Ohr klang. Sehr deutlich, erwiderte er fast lautlos. Ich muss genau wissen, wann diese Männer die Fackeln auf die Schiffe werfen. Ich möchte dich nicht beunruhigen, daher solltest du wissen, dass dieser Sturzregen nicht überall auftreten wird. Es 150 regnet lediglich auf die Schiffe, sonst nirgendwo, und nur so lange, bis die Feuer gelöscht sind. Die Mannschaften der fünf Schiffe sollen schließlich nicht in den Kabinen oder im Kielraum Schutz suchen. Sie müssen auf ihre Posten, damit sie ihre Schiffe verteidigen können. Wenn du einen Regentanz oder so etwas aufführen willst, solltest du langsam anfangen, drängte Hase, der nichts hörte. Die Männer in den Booten haben gerade die Fackeln angezündet. Der Regen beginnt, nachdem sie die Fackeln geworfen haben, Hase, sagte Langbogen. Wir wollen sichergehen, dass sie keine Fackeln mehr haben, bevor wir mit dem Regen anfangen. Du machst es aber sehr spannend, meinte Hase ein wenig besorgt. Vertrau mir. Ich mag es nicht, wenn jemand das zu mir sagt, beschwerte sich Hase. Soll ich die Laterne am Bug auspusten? Warum? Dann kommen deine Pfeile aus der Dunkelheit. Ich habe gesehen, wie schnell du einen nach dem anderen abschießen kannst, und solltest du tatsächlich doppelt so schnell sein, wenn ich dir helfe, werden die da draußen keine Ahnung haben, wie viele Schützen auf sie zielen. Das macht sie bestimmt krank vor Angst, und vielleicht geben sie dann einfach auf und fliehen. Keine schlechte Idee, Hase, befand Langbogen. Wenn sie fliehen, brauche ich nicht so viele Pfeile zu verschwenden, um sie zu töten. Geh und blas die Laterne aus. Hase schlich nach vorn und löschte die Laterne am Bug Da fliegen die Fackeln, Langbogen, rief er heiser flüsternd und rannte zu seinem Platz zurück. Regen, Zelana, Regen, sagte Langbogen in Gedanken. Ich dachte, du würdest gar nicht mehr fragen, erwiderte sie milde. 151 Plötzlich gab es einen grellen Blitz, gefolgt von lautem Donner, und Regen prasselte auf die Schiffe herunter. Der Regen endete so unvermittelt, wie er begonnen hatte, doch Langbogen war sicher, jetzt würde bestimmt nichts mehr auf den fünf Schiffen brennen, denn das Wasser lief in Rinnsalen von den Decks über die Seiten. Los, Hase, sagte Langbogen scharf und begann, seine Pfeile so schnell wie möglich abzuschießen, wobei er zunächst auf die Maags in den Booten zielte und sich anschließend auf die Steuermänner von Kajaks Schiffen konzentrierte. Man hörte gedämpfte Rufe von den steuerlos treibenden Schiffen, und Langbogen verspürte eine gewisse grimmige Belustigung, als die Seeleute an Bord lieber über die Reling ins Wasser sprangen, anstatt das Ruder zu übernehmen, wie es die Kapitäne ihnen befahlen. Die Ruderer blieben auf ihren Bänken, doch mit unbemanntem Steuer irrten die Schiffe im Hafen herum wie ein Wurf Welpen, die ausgerückt waren, und jedes Mal, wenn jemanden der Mut überwältigte - oder wenn jemand dumm genug war - und er das Ruder ergriff, hieß ihn ein Pfeil aus der Dunkelheit willkommen. Vermutlich war es der Schrecken, den die aus der Dunkelheit kommenden, lautlosen Pfeile auslösten, die zudem mit tödlicher Genauigkeit trafen, der die Seeleute an Bord der fünf Schiffe dazu trieb, ins kalte, aufgewühlte Wasser des Hafens zu springen und zum vermeintlich sicheren Strand zu schwimmen. Langbogen vergrößerte den Schrecken noch dadurch, dass er auf Stellen zielte, an denen die Pfeile sehr gut sichtbar waren. Ein Pfeil im Herz wird einen Mann gewiss töten, doch in den meisten Fällen werden den tödlichen Schaft nur wenige sehen. Langbogen zielte deshalb auf die Stirn der Männer und nicht auf die Brust, und natürlich verfehlte er sein Ziel nie. Drei oder vier Tote mit Pfeilen in der Stirn sind eine Botschaft, die man kaum missverstehen kann. Hase, der in der Dunkelheit kauerte, reichte seinem Freund ei152 nen Pfeil nach dem anderen in die rechte Hand, und Langbogen schoss einen nach dem anderen auf Kajaks Schiffe ab. Schließlich erlosch jegliche Hoffnung an Bord der fünf Schiffe, als Kajak, der Befehle und Flüche brüllte, mitten im Wort innehielt, weil aus seiner Stirn ein zitternder Pfeil ragte. Jetzt sprangen alle ins Wasser. Wir haben gesiegt, rief Hase. Wir haben tatsächlich gesiegt! Noch nicht, sagte Langbogen und holte einen seiner alten Pfeile mit Steinspitze hervor. Er stand auf und suchte den Strand ab. Dort, sagte er, zog die Sehne und schoss den Pfeil mit einer geschmeidigen Bewegung ab. Der Pfeil flog in hohem Bogen über das dunkle Wasser der Bucht und fand unbeirrbar die grau verhüllte Gestalt, die voller Enttäuschung heulte, seit der Regen die Flammen auf den fünf Schiffen um die Seemöwe herum gelöscht hatte.
Die verhüllte Gestalt stieß einen Todesschrei aus, als der vergiftete Pfeil sein Ziel fand. Dann fiel sie zu Boden, wand sich heftig und erschlaffte schließlich. Was war das, wollte Hase wissen. Das war einer unserer wahren Feinde, mein kleiner Freund, erklärte Langbogen. Jetzt ist er tot, und wir brauchen uns keine Sorgen mehr wegen ihm zu machen. Dort draußen gab es so viele Gegner, Langbogen, meinte Hase. Ich kann nicht glauben, dass wir wirklich gesiegt haben. Wir waren nur zu zweit, daher hätte ich nicht auf uns gewettet. Ich kann überhaupt nicht fassen, wie zwei Mann die Besatzung von fünf Schiffen besiegen können. Ach, so ein schwieriger Kampf war das gar nicht, Hase. Unsere Pfeile kamen aus der Dunkelheit, und so wusste niemand auf Kajaks Schiffen, wo genau wir waren, und solange keiner die Schiffe des Mannes, den sie Kajak nannten, zur Seemöwe steuerte, waren wir nicht in Gefahr. 153 Du hast schon eine eigentümliche Weise, die Welt zu betrachten, Langbogen. Wenn sie ihn vorher Kajak nannten, wie nennen sie ihn dann jetzt? Langbogen zuckte mit den Schultern. Tot vermutlich, antwortete er. Der auf dem Strand lacht nicht mehr, unterrichtete Langbogen kurze Zeit später Zelana und Eleria. Gut, lobte Zelana. Ich habe dir doch gesagt, die eisernen Pfeilspitzen seien besser als die aus Stein. Vielleicht, räumte Langbogen ein, doch für besondere Gelegenheiten habe ich mir welche von den alten aufbewahrt. Weswegen denn, fragte Eleria. Meine Steinpfeile habe ich in Gift getaucht, erklärte Langbogen. Es erschien mir nur gerecht, dass das Geschöpf des Ödlands, das hinter den Ereignissen heute Nacht steckte, etwas Besonderes erhielt. Das weiß es bestimmt zu schätzen, meinte Zelana trocken. Die Rufe, die es von sich gab, nachdem mein Pfeil es getroffen hatte, klangen nicht gerade nach Jubel, Zelana, gab Langbogen darauf zurück und lächelte schwach. Dann platzten Sorgan, Ochs und Schinkenpranke in Zelanas Kabine. Warum hast du uns nicht gesagt, was Kajak vorhat, Langbogen, wollte Sorgan mit schriller Stimme wissen. Es war nicht notwendig, antwortete Langbogen. Hase und ich konnten die Sache allein handhaben. Bei solchen Vorkommnissen geht man am besten mit so wenig Kriegern wie möglich vor. Je mehr beteiligt gewesen wären, desto größere Verwirrung hätte es gegeben. Aber Hase, rief Ochs. Hase war noch nie ein guter Kämpfer. Er ist zu klein. Er hat getan, was notwendig war, hielt Langbogen dagegen. 154 Er ist mit den Händen so flink wie mit den Füßen. Daher konnte er mir die Pfeile schneller reichen, als es jedem anderen Mann an Bord der Seemöwe gelungen wäre, und so jemanden brauchte ich. Alles ist genau so abgelaufen, wie wir wollten, weshalb regst du dich also jetzt auf, nachdem es vorüber ist? Du bist ziemlich kaltblütig, Langbogen, meinte Sorgan. Dich kann wohl gar nichts erschüttern, wie? Ich bin ein Jäger, Sorgan. Ein Jäger, der zur falschen Zeit unruhig wird, bekommt nicht regelmäßig zu essen. Was uns wirklich gerettet hat, war dieser verrückte Sturzregen, verkündete Schinkenpranke vorwurfsvoll. Ohne den würden wir jetzt ganz schön in der Patsche sitzen. Woher wusstest du, dass es regnen würde? Langbogen berührte seine Nase. Ich habe es gerochen, log er schlagfertig. Fahrt ihr schon all die Jahre zur See und habt nicht gelernt, wie man den Geruch von baldigem Regen erkennt? Sorgan blickte Zelana an. Wenn du eine Armee von Männern wie Langbogen hast, wozu brauchst du dann uns, erkundigte er sich. Weil ich nicht so viele Männer wie Langbogen habe, Sorgan, erwiderte sie. Er ist einzigartig. Auf der ganzen Welt gibt es keinen zweiten wie ihn. Er kann sehr flink Pfeile verschießen, doch beim Denken ist er noch schneller. Es wird der Zeitpunkt kommen - und zwar ziemlich bald, glaube ich -, da wird er bestimmte Vorschläge machen. Wenn dir dein Leben etwas wert ist, hör ihm genau zu und tu genau das, was er dir sagt. Eleria ging auf Langbogen zu und streckte ihm die Arme entgegen. Er setzte sie sich auf den Schoß. Ich würde tun, was die Geliebte dir vorschlägt, Hakengabel, sagte sie. Hakenschnabel, berichtigte er sie zerstreut. Sie zuckte mit den Schultern. Wie auch immer. Langbogen ist der Beste der Welt, und die Geliebte sagt, er gehört mir, also solltest du lieber ganz schrecklich nett zu mir sein, meinst du nicht auch? 155 Jedes Mal, wenn ich mich umdrehe, will mir jemand anderer Befehle erteilen, beschwerte sich Sorgan. Aber auf diese Weise kommen wir schließlich voran, oder, sagte Eleria und gähnte. Wenn wir nun alles gesagt haben, was gesagt werden muss, würde ich gern ein wenig schlummern. Heute Nacht habe ich wenig Schlaf bekommen wegen dieser dauernden Rufe und des Hinundherrennens. Hakengabel, tu mir den Gefallen und versuche beim nächsten Mal, leise zu kämpfen. Ich brauche meinen Schlaf. Damit küsste sie Langbogen, schmiegte sich in seine Arme und schlief augenblicklich ein.
Veltans Reise
15 Ein Almosen, flehte der zerlumpte Bettler zögerlich, während Veltan an einem stürmischen Wintermorgen von Süden her auf einer ruhigen Straße nahe des Forums der trogitischen Stadt Kaldacin an ihm vorbeiging. Aber gern, antwortete Veltan und suchte nach seinem Geldbeutel. Mit dem Geld hatte Veltan immer noch seine Probleme. Sicherlich, das musste er einräumen, war es bequemer als Tauschhandel, doch vergaß er stets, welchen Wert die einzelnen Münzen aus den verschiedenen Metallen hatten. Er gab dem Bettler kurzerhand ein paar Messingmünzen und ging weiter in Richtung Forum. Inzwischen war es Winter geworden, und Veltan hatte für den Winter nicht viel übrig, da seine Domäne im Lande Dhrall überwiegend Bauern beherbergte, und Bauern ziehen nun einmal den Frühling und den Sommer vor. Der Winterhimmel war mit Wolken verhangen, die kahlen Bäume wirkten wie tot, und es gab keine Blumen. Die Trogiten von Kaldacin schienen gegen die dem Winter eigene Melancholie jedoch immun zu sein. Trogiten hatten allgemein eine sehr hohe Meinung von sich, gleichgültig, welchen Teil des Weltreichs sie als ihr Zuhause ansahen, doch die Trogiten von Kaldacin glaubten offensichtlich, ihre Stadt sei das Zentrum des Universums, und allein die Tatsache, innerhalb der Mauern zu wohnen, erhebe sie bereits nicht nur über die Bewohner anderer Länder, sondern auch über all jene Trogiten, die so unglücklich waren und in einer anderen Stadt oder einem anderen Dorf wohnen mussten. Gewiss, die Stadt war von großer Pracht. Ohne Frage war zu ih159 rem Bau ein unermesslicher Aufwand an Arbeit getrieben worden, doch Veltan begriff nicht so recht, wofür. Niemand brauchte so große Häuser. Die hohen Mauern um die Stadt herum waren möglicherweise notwendig es könnten ja Feinde in der Nähe leben - allerdings hatte Veltan den starken Verdacht, auch bei diesen Mauern handele es sich lediglich um Protzerei. Die Trogiten bevorzugten Stein als Baumaterial für ihre Häuser und andere Gebäude, und das ergab sicherlich Sinn. Holz kann brennen, Stein für gewöhnlich nicht. Die Marmorverkleidung war hübsch, nur: Wussten die Trogiten von Kaldacin nichts Besseres mit ihrer Zeit anzufangen? Die öffentlichen Gebäude wirkten zunächst sinnlos, doch während Veltan die Trogiten besser kennen lernte,
begriff er, dass sie diesen großartigen Pomp brauchten, um anderen - und vor allem auch sich selbst - zu beweisen, wie wichtig sie waren. Jeder Hinweis auf einen Mangel an Wichtigkeit schien am Selbstbewusstsein des durchschnittlichen Trogiten zu knabbern. Deshalb prunkten die riesigen Marmorpaläste, Versammlungshallen, Tempel und Handelsvertretungen für gewöhnlich auf den Hügeln innerhalb der Stadtmauer. Am größten von allen war selbstverständlich der kaiserliche Palast, das Heim des glorreichen Imperators Gacian. Im Palast wimmelte es nur so von verschiedensten Dienern, Beratern und anderen Kletten, die um die Aufmerksamkeit des erhabenen Kaisers buhlten. Nach einigen Ratschlägen gelang es Veltan, sich den Weg zu einer Audienz bei seiner Kaiserlichen Majestät zu erkaufen, doch wie sich herausstellte, war der erhabene Gacian dumm und unfähig und hatte keinerlei Ahnung, was das Wort Armee bedeutete. Hier verschwendest du nur deine Zeit, weißt du, belehrte ihn ein älterer, in einen Umhang gekleideter Berater, den Veltan im Palast von Gacian kennen gelernt hatte. Die eigentliche Autorität hier in Kaldacin liegt in den Händen des Palvanums. Dort werden 160 Gesetze gemacht und Entscheidungen über den Kurs des Imperiums getroffen. Und wo finde ich das Palvanum, fragte Veltan. Im Forum, im Zentrum der Stadt. Wenn du den Palvani erklärst, was du willst und was du zu bezahlen bereit bist, werden sie sicherlich eine Vereinbarung mit dir treffen. Allerdings war es ganz anders gekommen. Die einzelnen Palvani zeigten sich durchaus willig, Veltans Geld anzunehmen, und leisteten dafür vage Versprechen, die Angelegenheit ihren Kollegen gegenüber zur Sprache zu bringen. Doch in der Hohen Kammer, wo die meisten Palvani die endlosen Reden ihrer Kollegen im Schlafe ertrugen, wurde das Thema nicht einmal ansatzweise zur Sprache gebracht. So verschwendete Veltan vom Süden einen weiteren Nachmittag im Forum, um jemanden zu finden irgendjemanden -, der ausreichend Autorität besaß und über die trogitische Armee verfügen durfte. Während sich der wolkige Himmel im Westen in einen flammenden Sonnenuntergang verwandelte, gab Veltan auf und ging zurück zum Südtor von Kaldacin. Natürlich bot die Stadt reichlich Unterkünfte, die man mieten konnte, doch Veltan machte das Wetter nichts aus, und er schlief sowieso nie. Stattdessen verbrachte er die Nächte lieber auf den Feldern. Die Luft war süßer, und er konnte die Schwester Mond deutlich sehen. Veltan mochte die Schwester Mond, und er hatte sie vermisst. So hatte er mitnichten gefühlt, als Mutter Meer ihn damals zur Schwester Mond verbannt hatte, erinnerte er sich. Immer noch verspürte er Groll wegen des gebieterischen Verhaltens von Mutter Meer auf seinen scherzhaft gemeinten Vorschlag, sie wäre vielleicht hübscher, wenn sie Streifen trüge. Mutter Meer hatte offenbar überhaupt keinen Sinn für Humor, ja, sie nahm alles so furchtbar ernst. Veltan hatte es hingegen ganz bestimmt nicht ernst gemeint, 161 als er sich lang und breit über die Schönheit kontrastierender Blautöne ausgelassen hatte, und wie wunderbar Mutter Meer aussehen würde, wenn sie ihre Oberfläche mit sorgfältig abgestimmten Streifen in ganz hellem Blau durch das ganze Spektrum bis hin zu einem Königspurpur schmücken würde. Er hatte sie doch nur erheitern wollen! Doch statt zu lachen hatte sie auf die Schwester Mond gezeigt und gesagt: Begib dich dorthin, Veltan! Sofort! Aber..., protestierte Veltan. Gehl Und so hatte Veltan die nächsten zehn Äonen auf dem pockennarbigen Antlitz der kleinen Schwester der Welt verbracht und sehnsüchtig hinunter - oder hinauf - geschaut zu der runden blauen Kugel, die einst seine Heimat gewesen war. Einige Male wagte er sich zu den Sternen hinaus, aber dort war es noch schlimmer. Die entsetzliche Leere zwischen den Gestirnen erfüllte Veltan mit einer überwältigenden Einsamkeit. Von der Schwester Mond aus konnte er wenigstens die Erde betrachten. Dabei bekam er zwar Heimweh, allerdings war das besser als die riesige Schwärze des Universums. Mit der Zeit hatte er die Schwester Mond lieb gewonnen, sie hatte seine wachsende Zuneigung gespürt und schließlich mit ihm gesprochen. Es war dumm von dir, das zu sagen, weißt du, waren ihre ersten Worte gewesen. Streifen, Veltan? Du hast Glück, dass sie dich nicht an ihre Fische verfüttert hat. Ich habe doch nur Spaß gemacht. Das weiß ich, hatte Schwester Mond erwidert, aber die Mutter Meer kann nicht lachen. Das weiß doch jeder. Ich werde mit ihr sprechen und schauen, ob ich sie zu Milde umstimmen kann. Die hört nie zu, sagte er düster. Da irrst du, Veltan. Mir hört sie immer zu. Ich kann ihre Gezeiten zu jedem beliebigen Zeitpunkt stören, und das kann sie auf den Tod nicht leiden. Dann begann die Schwester Mond zu Veltans Überraschung zu kichern. Seitdem kamen sie ziemlich gut mitei162 nander aus. Anders als Mutter Meer und Vater Erde hatte Schwester Mond Sinn für Humor, und Veltan hatte die endlosen Jahrhunderte damit verbracht, ihr Witze zu erzählen. Sogar nachdem Mutter Meer sich hatte erweichen lassen und ihm die Rückkehr nach Hause erlaubte, hielt Veltan
die Bekanntschaft mit der Schwester Mond aufrecht und besuchte sie häufig. Ein Almosen? Es war der gleiche zerlumpte Bettler, den Veltan schon am Tag zuvor gesehen hatte. Ist dies dein üblicher Arbeitsplatz, erkundigte sich Veltan bei ihm. Der Bettler zuckte mit den Schultern. Hier ist es windgeschützt, und wenn es regnet, kann ich unter dem Bogengang dort Schutz suchen. Du wirkst betrübt, Fremder. Was bekümmert dich? Veltan setzte sich auf den Randstein neben den Bettler. Ich dachte, diese Stadt sei das Zentrum der Macht des trogitischen Weltreichs, aber ich finde niemanden, der irgendwelche Autorität besitzt. Ich suche jemanden, der gegen Bezahlung eine Armee unter meinen Befehl stellt, bloß will niemand auch nur mit mir darüber reden. Hast du schon mit den Soldaten selbst gesprochen? Ich wusste nicht, ob das erlaubt ist. Muss ich dazu nicht jemanden fragen, der Autorität hat? Ich dachte, die Armee des Imperiums erhält ihre Befehle von der Regierung. Der Bettler lachte. Das stimmt schon seit Jahren nicht mehr, Fremder. Die kaiserliche Regierung hielt es für lästig, den Soldaten in Zeiten des Friedens ihren vollen Sold zu zahlen, und schon bald waren Bettler wie ich besser dran als der durchschnittliche Krieger. Da übernahmen die Soldaten das Geschäft selbst. Ständig gibt es kleinere Kriege - für gewöhnlich zwischen den verschiedenen Adeligen, die über die Provinzen herrschen -, daher finden diese Armeen ständig Arbeit. Wozu brauchst du eine Armee? 163 In meinem Land ist Ärger im Anzug, antwortete Veltan ausweichend. Die Geschichte ist etwas verwirrend, aber es sieht aus, als würden wir die Hilfe gelernter Soldaten brauchen. Ein junger Trogit in engem schwarzem Leder tauchte in der Gasse auf. Er trug einen Metallhelm, und in der Hand hielt er einen langen Speer. Ich muss mit dir reden, Kommandant Narasan, sagte er entschuldigend zu dem Bettler. Was gibt es denn schon wieder, Keselo, wollte der Bettler wissen, und nenn mich nicht Kommandant. Den Titel habe ich an dem Tag abgelegt, an dem ich mein Schwert zerbrochen habe. Bei uns geht es wirklich drunter und drüber, Herr, berichtete der junge Mann. Willst du deine Entscheidung nicht noch einmal überdenken? Niemand weiß mehr, was er tun soll. Lass ihnen ein wenig Zeit, Keselo. Sie werden es schon lernen. Wir haben keine Zeit, Herr, entgegnete der jugendliche Keselo. Die siebte Kohorte ist vollkommen außer Rand und Band. Sie sind zur Stadt hinausgezogen, plündern Landhäuser und rauben Reisende auf der Hauptstraße aus. Wir haben ihnen den Befehl erteilt, zurückzukehren, aber sie verweigern den Gehorsam. Geht und bringt sie um, sagte der Bettler schlicht. Sie umbringen? Keselo schnappte nach Luft. Das geht doch nicht! Sie sind unsere Kameraden. Es ist nicht recht, die eigenen Kameraden zu töten. Aber sie halten sich nicht an die Regeln, Keselo, also sind sie nicht mehr eure Kameraden. Sie haben sich von der Armee abgespalten, und damit haben sie gegen den Eid verstoßen, den sie geschworen haben, als sie eintraten. Wenn ihr sie nicht bestraft, werden andere Kohorten ihrem Beispiel folgen, und die gesamte Armee wird sich auflösen. Du weißt, was zu tun ist, Keselo. Geh und tue es, und höre auf, mich mit deinen dummen Problemen zu belästigen. Gibt es sonst noch etwas? Nein, Herr. Das Gesicht des jungen Mannes zeigte Verzweif164 lung. Kannst du es dir nicht noch einmal überlegen und wieder ins Hauptquartier kommen? Nein. Verstehst du, was nein bedeutet, Keselo? Du kennst mich gut genug, um zu wissen, dass ich meine, was ich sage. Jetzt verschwinde. Keselo seufzte. Ja, Herr, sagte er. Dann drehte er sich um und ging Ein guter Junge, erklärte der Bettler Veltan, und wenn er nicht in irgendeinem Scharmützel fällt, könnte er es weit bringen. Anscheinend bist du nicht das, wonach du aussiehst, mein Freund, merkte Veltan an. Das Äußere kann täuschen. Ich bin genau das, was ich zu sein scheine. Daran ändert sich nichts, nur weil ich früher etwas anderes war. Narasan, der Armeekommandant, ist jetzt Narasan, der Bettler. Warum hast du deinen Beruf aufgegeben? Narasan seufzte. Ich habe eine dumme Entscheidung getroffen, und dadurch kamen Tausende meiner Männer zu Tode. Damit kann man nur schwer leben, also entschloss ich mich, das aufzugeben, was ich bisher gemacht hatte. Die Zeit läuft sowieso ab, und in einer Weile wird es keinen Unterschied mehr machen, was ich tue. So alt bist du doch noch gar nicht, mein Freund. Ich habe auch nicht mich gemeint, erwiderte Narasan düster. Ich habe über die Welt gesprochen. Sie steht kurz vor ihrem Untergang, weißt du. Es wird nicht mehr lange dauern. Das bezweifle ich, meinte Veltan. Was hat dich zu diesem unglücklichen Schluss gebracht? Ist es vielleicht eine der Lehren der trogitischen Religion? Narasan gab einen derben Laut von sich. Religion ist nur ein schlechter Witz, der aus Lügen und Aberglauben besteht, erklärte er höhnisch. Die Priester benutzen sie als Vorwand, um die Leichtgläubigen auszunehmen, damit sie selbst in ihren hübschen 165 Tempeln luxuriös leben können. Ich habe herausgefunden, was vor sich geht. Die Zeit läuft ab. Jeden Tag kann
sie vorbei sein. In der Stimme des zerlumpten Mannes schwang Hoffnungslosigkeit mit. Ich glaube, du hast Dinge gesehen wie kaum ein anderer, sagte Veltan, doch nicht ganz bis zum Ende. Die Welt geht dem Ende eines Zyklus entgegen, doch nicht dem Ende der Zeit. Ein Zyklus endet, aber der nächste wird beginnen, und die Zeit schreitet, wie sie das immer tut, voran. Verzweifle nicht, Narasan. Die Zeit hat kein Ende - und auch keinen Anfang, wenn du die Wahrheit wissen willst. Und wieso kennst du dich damit so gut aus, hakte der Bettler nach. Ich habe schon früher Zyklen miterlebt, erklärte ihm Veltan. Viele, sehr viele. Die Jahreszeiten wechseln, die Jahre verstreichen. Die Jungen werden alt und sehnen sich nach Schlaf, und die Schlafenden erwachen und setzen ihre Arbeit fort. Das ist der natürliche Lauf der Dinge. Du betrachtest die Welt völlig anders als wir. Du bist nicht von hier, oder? Das habe ich doch schon erwähnt. Ich suche eine Armee, und ich bin bereit zu zahlen, aber bislang habe ich noch niemanden gefunden, der sich mit mir darüber unterhalten will. Veltans Gesicht zeigte einen kläglichen Zug. Ich glaube, mein Verstand hat geschlafen. Ein Dutzend Mal bin ich schon an dem Mann vorbeigelaufen, mit dem ich sprechen muss, und ich habe ihn kaum bemerkt. Und? Wer ist er? Du, mein Freund. Es ist Zeit, dass du deinen Kummer