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Chris Szczypiorski kann nach einer überstandenen Lebenskrise gerade wieder aufatmen. Sein Rausschmiss bei Bloomfield Weiss ist verwunden und der mit seiner Partnerin Lenka gestartete Fonds Carpathian schreibt zum ersten Mal seit der Gründung vor zwei Jahren schwarze Zahlen. Da wird Lenka unvermittelt auf offener Straße ermordet. Von einem Tag auf den anderen steckt Chris tief in der Bredouille. Nicht nur hat er seinen besten »Kumpel« verloren, sondern er muss auch nervöse Anleger bei der Stange halten. Am meisten brennt ihm die Frage auf den Nägeln: Warum musste Lenka sterben? Ihr Tod rührt eine zehn Jahre alte Geschichte auf. Sie beide und vier Freunde hatten in New York erfolgreich das berüchtigte Traineeprogramm der Londoner Investmentbank Bloomfield Weiss durchlaufen. Bei der gemeinsamen Abschlussparty kam ein Mitstudent tragisch ums Leben. Während Chris in die Vergangenheit eindringt, gibt es einen dritten Toten, auch er ein ehemaliger Mitstreiter. Diesmal gerät Chris selbst unter Mordverdacht … Michael Ridpath, der Markenname für Wirtschaftsthriller, sorgt mit einem raffinierten Plot für anhaltenden Nervenkitzel und reißt den Leser mit sich in das Abenteuer des Investmentbankings.
Michael Ridpath, geboren 1962, lebt in London. Jahrelang war er erfolgreicher Trader einer internationalen Großbank in London, und nach wie vor arbeitet er für eine Investmentfirma. Mit »Der Spekulant« (1995 bei Hoffmann und Campe) schaffte er gleich den Sprung an die Spitze der Bestsellerlisten. Inzwischen liegen die Romane »Tödliche Aktien« (1996), »Der Marktmacher« (1998) und »Feindliche Übernahme« (2000) bei Hoffmann und Campe vor.
Michael Ridpath
DAS PROGRAMM Roman
Aus dem Englischen von Hainer Kober
HOFFMANN UND CAMPE
Die Originalausgabe erschien 2001 unter dem Titel »The Predator« bei Penguin, London.
1. Auflage 2002 Copyright © 2001 by Michael Ridpath Für die deutschsprachige Ausgabe Copyright © 2002 by Hoffmann und Campe, Hamburg www.hoffmann-und-campe.de Schutzumschlaggestaltung: Claudia Hißmann Satz: Utesch GmbH, Hamburg Druck und Bindung: GGP Media, Pößneck Printed in Germany ISBN 3-455-06321-7
Für meine Mutter Elizabeth, die gerne las
TEIL EINS
1
Chris zog den gelben Klebezettel von seinem Lieblingskaffeebecher und las die Nachricht in der vertrauten, verschlungenen Schrift: Bin nach Prag. Mittwoch zurück. Vielleicht. Herzlich, L. Er seufzte und schüttelte den Kopf. Es war Montagmorgen, der erste Morgen nach zehn traumhaften Tagen Skifahren in den französischen Alpen. Er war seit halb sieben im Büro, ausgeruht und bereit, alles auszubügeln, was Lenka während seiner Abwesenheit mit ihrer Firma verbockt haben mochte. Wie er erwartet hatte, gab es eine ganze Menge. Der Computer war abgestürzt, die Rechnungsprüfer des Fonds monierten in einem Schreiben Probleme bei der Verbuchung aufgelaufener Zinsen, und sie hatte eine erhebliche Position Anleihen einer außerordentlich windig klingenden polnischen Mobilfunkgesellschaft gekauft. Und dann noch diese Nachricht. Sie wusste, dass er sich ärgern würde. Deshalb hatte sie ihn an den Kaffeebecher in der Küche geklebt, damit ihm ein paar Minuten blieben, um anzukommen, bevor er den Zettel fand. Wie aufmerksam. Sie hätte wenigstens einen Tag in London bleiben können, um ihn ins Bild zu setzen. Es war der erste Urlaub, den er genommen hatte, seit Lenka und er im vorigen Jahr ihre eigene Fondsverwaltungsge11
sellschaft gegründet hatten: Carpathian Fund Management. Er hatte schon damit gerechnet, dass ohne ihn alles aus dem Ruder laufen würde, aber wenn er die Augen schloss und an den knirschenden Pulverschnee unter den Skiern dachte, wusste er, es war die Sache wert. Das Telefon klingelte. Er stellte den Kaffeebecher auf seinem Schreibtisch ab und nahm den Hörer auf. »Carpathian.« »Morgen, Chris! Na, ordentlich Bräune getankt?« Die heisere, gut gelaunte Stimme erkannte er sofort. »Lenka! Wo bist du?« »Hast du meine Nachricht nicht bekommen? Ich bin in Prag.« »Schon, aber was machst du da? Du wärest besser hier und würdest mir erzählen, was alles gelaufen ist.« »Du bist doch ein schlaues Kerlchen, Chris. Du kriegst das schon raus. Außerdem gibt’s tolle Neuigkeiten. Ich hab ein Büro für uns!« »In Prag?« »Natürlich in Prag. Weißt du noch, wir haben doch darüber gesprochen?« Es stimmte. Sie hatten mal darüber gesprochen, nach und nach in ganz Mitteleuropa kleine Büros zu eröffnen. Aber noch nicht gleich. Der Gedanke an all den Verwaltungskram, der mit der Eröffnung und dem Betrieb eines solchen Büros verbunden war, hatte ihn abgeschreckt. »Was ist los, Chris? Die Räume sind ideal. Und ich glaube, ich habe jemand gefunden, der die Leitung übernehmen kann. Jan Pavlík. Er wird dir gefallen. Komm rüber und schau dir die Sache an.« 12
»Wann denn? Wie soll das gehen? Hier ist viel zu viel zu tun.« »Das kann warten«, sagte Lenka. »Die Sache hier ist wichtig. Und wir müssen rasch handeln, um das Büro zu kriegen. Komm schon. Ich möchte das nicht ohne dich entscheiden.« Chris hatte den Eindruck, dass sie genau das tat. »Aber was ist mit dem Computer? Und was um Himmels willen sollen wir mit fünfundzwanzig Millionen Euro Eureka Telecom anfangen?« »Mach dir keine Sorgen. Ollie hat jemanden aufgetrieben, der heute Morgen vorbeikommt und den Computer in Ordnung bringt. Und ich erzähl dir alles über Eureka Telecom, wenn du hier bist. Es hat seine eigene Bewandtnis mit dem Bond.« »Das hoffe ich«, sagte er. »Oh, Chris, du hörst dich so grimmig an«, sagte Lenka und tat, als sei sie schrecklich eingeschüchtert. »Stell dir vor, gegenüber vom Büro ist der Goldene Bär, eine tolle Kneipe. Da gibt es Budweiser vom Fass. Ich versprech dir, es wird dir gefallen.« Er zögerte. Durch das Fenster fiel sein Blick auf die höchsten Zweige der Eichen, die unten vom Platz aufragten. Auch im fünften Stock hörte man noch den Londoner Verkehrslärm, angereichert mit dem Gebrüll eines Taxifahrers, der einem Fahrradkurier wüste Beschimpfungen hinterherschrie. Es stimmte schon, sie hatten ihren Investoren versprochen, dass sie Filialen in Mitteleuropa eröffnen würden. Es sei wichtig, hatten sie gesagt, vor Ort präsent zu sein, um den Markt richtig zu verstehen. Es war wohl an 13
der Zeit, dass sie ihr Versprechen wahr machten. »Na komm schon, Chris«, sagte Lenka. »Wenn du mir den Kopf waschen willst, kannst du es auch hier tun.« Wie gewöhnlich bekam Lenka ihren Willen. »Na gut«, seufzte er, »bis heute Abend.« Das Taxi schlängelte sich vorsichtig durch die Autos, die auf dem kleinen, schneebedeckten Platz ohne erkennbare Ordnung abgestellt worden waren, und hielt vor dem Hotel Paris. Chris zahlte das Taxi und checkte ein. Er rief auf Lenkas Zimmer an. Sie sei in zehn Minuten in der Hotelhalle, sagte sie. Er brauchte nicht einmal so lange, um seinen Koffer fallen zu lassen, in die Jeans zu steigen und wieder runterzugehen. Lenka ließ natürlich auf sich warten. Die Hotelhalle war gesättigt mit Dekorelementen der vorletzten Jahrhundertwende: verzierte Kronleuchter und Fahrstuhltüren aus Messing, ein Marmorakt, der an Rodin erinnerte, und Jugendstilplakate, die alles anpriesen, von tschechischer Schokolade bis zu französischen Theaterstücken. Lenka stieg immer im Hotel Paris ab. Es sei eines der wenigen Hotels in der Stadt, die noch Stil hätten, sagte sie. Sie war nur dreißig Kilometer von Prag aufgewachsen und hatte in der Hauptstadt studiert. Sie liebte die Stadt. Chris war nicht im mindesten überrascht, dass sie dort ein Büro eröffnen wollte. Und er hatte auch nicht die Absicht, sie daran zu hindern. Zwar waren sie rechtlich gesehen gleichberechtigte Teilhaber des Carpathian Fund Management, doch der Fonds war ihre Idee gewesen, und er hielt es noch immer 14
für einen unglaublichen Glücksfall, dass sie ihn gebeten hatte, sich zu beteiligen. Vor zehn Jahren hatten sie sich kennen gelernt, als eifrige Teilnehmer an einem TraineeProgramm von Bloomfield, einer großen New Yorker Investmentbank. Sie hatten sich angefreundet und weiter Kontakt gehalten, als sie schon getrennte Wege gingen: er zum Londoner Büro von Bloomfield Weiss und sie zu ihrer Emerging-Markets-Gruppe in New York. Als er dann in seiner Wohnung hockte und die letzten Nachwehen einer Magen-Darm-Erkrankung auskurierte, die er sich in Indien geholt hatte, fristlos gekündigt, von seiner Freundin verlassen, sein Selbstvertrauen in Schutt und Asche – da hatte sie ihn angerufen. Sie verlasse Bloomfield Weiss, um einen eigenen Fonds zu gründen. Ob er Lust habe mitzumachen? Sie hatte ihn gerettet. Natürlich hatte er ihr Angebot zunächst abgelehnt und erklärt, er sei die falsche Wahl, er würde eher ein Klotz am Bein als eine Hilfe sein. Er war ehrlich davon überzeugt, sie keineswegs. Mit ihrer Hilfe fügte er die Scherben seiner Selbstachtung wieder zusammen. Wie sich herausstellte, hatte sie Recht: Sie waren ein gutes Team. Carpathian war ein Hedge-Fonds, der in Staatsanleihen und hochverzinsliche Rentenpapiere aus Mitteleuropa investierte. So jedenfalls las es sich in ihren MarketingBroschüren. In Wirklichkeit bedeutete »Hedge-Fonds«, dass ihr Fonds äußerst spekulativ und riskant ausgerichtet war, und »hochverzinslich«, dass es sich um Hochprozenter oder »Junk-Bonds« handelte, während mit Mitteleuropa die Länder hinter dem ehemaligen Eisernen Vorhang 15
gemeint waren – ohne die hoffnungslosen Fälle wie Russland. Allerdings wussten die Investoren, was sie taten. Sie wollten an der Integration der alten Ostblockländer mit dem Rest Europas so viel Geld wie möglich verdienen. Von Lenka und Chris erwarteten sie, dass sie große Risiken eingingen und viel Kohle machten, oder genauer, viele Euros. Mit ein bisschen Hilfe von Chris hatte Lenka fünfundfünfzig Millionen Euro aufgetrieben und sich noch einiges dazu geliehen, um die Rendite zu maximieren. Bisher war alles gut gegangen. In den ersten Monaten hatten sie eine Rendite von neunundzwanzig Prozent erzielt: Allein im Januar waren es sechs Prozent gewesen. Chris war lange genug im Geschäft, um zu wissen, dass sie ihren Erfolg bis zu einem gewissen Grade dem Glück verdankten. Aber er kannte sich auf dem Rentenmarkt aus und hatte Erfahrung mit Hochprozentern. Sie hatte die Visionen, er den praktischen Sinn. Sie machte den Investoren den Mund wässrig, er sorgte dafür, dass sie rechtzeitig seriöse Berichte erhielten. Sie hatte die Büroräume für eine Spottmiete am Hanover Square entdeckt, er hatte den Mietvertrag ausgehandelt. Und jetzt hatte sie ein Büro in Prag gefunden, der erste Schritt, der sie zu einer wirklich europäischen Fondsverwaltungsgesellschaft machen würde. Doch aus eigener, schmerzlicher Erfahrung wusste Chris, dass sich auf den Rentenmärkten die Dinge im Handumdrehen ändern können. Während des Winterurlaubs hatte er sich zum ersten Mal seit über einem Jahr ein paar Tage lang keine Sorgen um Carpathian gemacht. Jetzt sorgte er sich wieder. Ollie, ihr junger Analyst, würde sich um den Computer 16
kümmern. Er und Tina, die noch jüngere Rezeptionistin und künftige Assistentin, würden schon ein paar Tage allein zurechtkommen. Weit größer war die Sorge um die Eureka-Telecom-Papiere. Fünfundzwanzig Millionen Euro waren eine verdammt große Position für einen Fonds wie Carpathian. Chris wusste wenig über Eureka Telecom, abgesehen davon, dass das Unternehmen beabsichtigte, in Mitteleuropa ein Mobilfunknetz aufzubauen, und dass die Anleihen in der Woche emittiert worden waren, als er Skilaufen war. Bloomfield Weiss, sein alter Arbeitgeber, war die federführende Bank. Es war albern, aber er hatte immer noch Mühe, einem Wertpapier zu trauen, das unter ihrer Federführung emittiert wurde. Er betrachtete gerade ein Plakat, das Sarah Bernhardt in der Hauptrolle eines Theaterstücks ankündigte, als er eine vertraute Stimme hörte. »Chris! Wie schön, dass du gekommen bist. Aber du bist spät dran!« Sie lächelte und küsste ihn auf beide Wangen. Für eine Frau war sie ziemlich groß, mit weißblondem Haar, ausgeprägten Wangenknochen und großen, fast mandelförmigen braunen Augen. Sie trug enge Jeans, eine Lederjacke und Stiefel. Umwerfend sah sie aus. Hätte Chris sie nicht gekannt, wäre ihm der Unterkiefer heruntergefallen. Aber es war Lenka, und er hatte sich längst an sie gewöhnt. Wo sie ging und stand, drehten sich die Männer nach ihr um, was ihr durchaus nicht unlieb war. »Eine Dreiviertelstunde habe ich in Heathrow auf der Rollbahn gesessen«, sagte er. »Können wir was essen? Ich bin am Verhungern.« »Hast du im Flugzeug nichts gegessen?« 17
»Ich wollte mir den Appetit nicht verderben.« »Sehr schön«, sagte sie. »Gehen wir in den Goldenen Bären. Da können wir ‘n Bier trinken oder zwei, und du kriegst bestimmt noch was zu essen.« »Schauen wir uns das neue Büro an?«, fragte Chris. »Nur von draußen. Morgen früh seh’n wir’s uns richtig an.« »Und, wie ist dieser Goldene Bär?« »Ein richtig guter Laden, Chris. Du wirst sehen, genau dein Ding. Komm schon.« Als sie an ihm vorbeiging, roch er das teure Parfüm, das sie immer benutzte und das ihm so vertraut geworden war. Annick Goutal, wie er inzwischen herausgefunden hatte. Er folgte ihr aus dem Hotel in die kalte Nachtluft. Es war eisig, eine schneidende Kälte, die mühelos durch seinen Londoner Mantel drang und ihn erschauern ließ. Er wünschte, er hätte Handschuhe mitgenommen. »Komm«, sagte Lenka. »Hier entlang.« Mit diesen Worten bog sie in eine stille, verschneite Straße ein. »Ist es weit?« »Zehn Minuten zu Fuß. Ganz in der Nähe vom Paris, im Bankenviertel. Eine gute Adresse, ohne dass es zu teuer ist.« »Was ist mit Jan Pavlik? Glaubst du, dass er zu uns kommt?« »Ja, wenn er dir gefällt. Wir treffen ihn morgen. Er ist gut, glaube ich.« »Habt ihr schon über Konditionen gesprochen?« »Natürlich nicht«, sagte Lenka. »Das würde ich doch nie ohne dich machen.« Wortlos sah Chris sie an. 18
Lenka lachte. »Na gut, lass uns darüber im Lokal sprechen, wenn du möchtest. Es gibt noch was anderes, worüber ich mit dir reden möchte.« »Herzlich gern«, sagte Chris. »Aber zuerst brauche ich was zu essen.« »Klar«, sagte sie. »Die haben bestimmt Gulasch und Klöße. Damit kriegen wir dich schon satt.« Sie bogen um eine Ecke und traten auf den Altstädter Markt. Chris hielt inne und nahm das Bild in sich auf, überwältigt vom Zauber der weich angestrahlten alten Gebäude, die wie Märchenschlösser im Schnee leuchteten. Über bunt gestrichene barocke Patrizierhäuser erhob sich das mittelalterliche Rathaus, während in der Mitte des Platzes dunkel das Denkmal irgendeiner historischen Persönlichkeit aufragte. Der satte Klang eines Saxofons drang aus einer der Bars, die den Platz umsäumten. »Komm«, sagte Lenka und zog Chris weiter, »ich dachte, du hast Hunger.« Chris wusste, dass sie den Weg absichtlich gewählt hatte, um ihm die Stadt, die sie so liebte, von ihrer besten Seite zu zeigen, aber er folgte ihr durch eine Reihe schmalerer Straßen. »Ich hoffe, du weißt, wo du uns hinführst«, sagte er. »Klar weiß ich das«, sagte Lenka und bog unter einem Torbogen in ein winziges Gässchen ein. Eine vereinzelte Straßenlaterne beleuchtete stille Hauseingänge und ein paar geschlossene Kristallwarenhandlungen. Die kalte Luft roch nach Kohle. Hier lag der frische Schnee noch auf der Fahrbahn und glänzte im Licht der Laterne, nur ein bisschen zusammengepresst von den we19
nigen Autos, die drübergefahren waren. Alles war still; die Großstadtgeräusche wurden von den Häuserwänden und dem Schnee verschluckt. Plötzlich vernahm Chris leise, schnelle Schritte hinter sich. Als sich das Geräusch näherte, drehte er sich um. Lenka hatte gerade einen Satz begonnen. Ein Mann kam rasch auf sie zu und war nur noch ein paar Schritte entfernt. Er hielt etwas in der Hand und ging schnurstracks auf Lenka zu. Den Bruchteil einer Sekunde lang zeigte Chris überhaupt keine Reaktion. Er war zu überrascht von dem, was vor sich ging. Als er endlich erkannte, was der Mann in der Hand hatte, stieß er einen Schrei aus und stürzte sich auf ihn. Aber er war zu langsam. Mit einer einzigen raschen Bewegung packte der Angreifer mit der linken Hand Lenka am Mantelkragen, riss sie zurück und setzte ihr mit der rechten das Messer an die Kehle. Furcht und Schrecken standen in ihren aufgerissenen Augen, der tödliche Stahl glänzte auf der bleichen Haut ihres Halses. Ihr Atem ging heftig und stoßweise. Sie hatte zu große Angst, um sich zu wehren oder zu sprechen, aber ihre Augen flehten Chris an, etwas zu tun. »Ganz ruhig«, sagte Chris und hob langsam die Hände. Der Mann grunzte. Chris sah das Metall aufblitzen und hörte Lenkas gurgelnden Versuch zu schreien. Er warf sich vorwärts, aber der Mann stieß ihm Lenka entgegen, wandte sich um und lief davon. Chris fing sie auf. Einen Augenblick lang wusste er nicht, was er tun sollte. Doch dann ließ er den Mann laufen und legte Lenka vorsichtig aufs Pflaster. Blut troff in den Schnee und über ihre teure Lederja20
cke. Chris zog seinen Mantel aus und versuchte, ihn gegen ihre Kehle zu halten. »Hilfe!«, rief er. Er wusste nicht, was Hilfe auf Tschechisch hieß, daher versuchte er es auf Polnisch: »Pomocy! Policja! Pogotowie! Lekarza! Verdammt noch mal, irgendjemand muss mir doch helfen!« Lenka lag ganz still unter seinen Händen. Ihr Gesicht war schon bleich, ihre Augen offen und stumpf. Ihre Lippen bewegten sich, als versuche sie etwas zu sagen, aber sie brachte keinen Laut hervor. Verzweifelt drückte Chris ihr den Mantel auf die Kehle, als könnte er das Blut durch bloße Willenskraft zum Stillstand bringen. Innerhalb weniger Sekunden waren seine Hände und Arme mit Blut bedeckt. »Lenka! Bitte!«, flehte er sie an. »Du musst aufhören zu bluten. Hör auf zu bluten, Lenka! Um Gottes willen, stirb jetzt nicht. Lenka!« Doch es war vergebens. Unter seinen Händen wurden ihre Augen starr und hörte ihre Brust auf zu atmen. Chris presste ihren blutüberströmten Kopf an seine Brust und fuhr ihr mit den Fingern durchs Haar. »Lenka«, flüsterte er noch einmal und küsste sie auf die Stirn. Dann legte er sie sanft in den Schnee zurück und weinte. Mit hochgezogenen Schultern stapfte Chris durch den Schnee auf den Straßen, den Blick gesenkt, so dass er kaum bemerkte, wie die Stadt ihren Morgengeschäften nachging. Er brauchte frische Luft. Er brauchte Ruhe, damit sich der Aufruhr der Empfindungen, der in ihm tobte ein bisschen legen konnte. Er brauchte Zeit. 21
Eigenartig war ihm zumute. Nach den anfänglichen Tränen hatte eine große Kälte von ihm Besitz ergriffen. Äußerlich fühlte er sich stumpf und teilnahmslos. Er hatte schlecht geschlafen. Jedes Mal, wenn er einschlummerte, suchten ihn die immer gleichen Bilder heim: Lenkas entsetzte Augen, die ihn anflehten, etwas zu unternehmen, um sie zu retten, und ihr bleiches Gesicht, das in den blutgefleckten Schnee sank. Sein Gehirn war erschöpft, erstarrt. Doch unter dieser äußeren Schicht von Betäubung brodelte es, da tobten die Gefühle: das Entsetzen über ihren Tod, die grenzenlose Wut auf ihren Mörder, die Selbstvorwürfe, dass es ihm nicht gelungen war, das Unglück zu verhindern, und die Gewissheit, dass er sie nie wieder sehen, nie wieder lachen hören, nie wieder mit ihr streiten, sie nie wieder aufziehen und nie wieder die kleinen Siege von Carpathian mit ihr feiern würde. Alle diese Empfindungen lauerten dort und warteten darauf, sich in einem Schrei Luft zu machen. Doch irgendwie hielt die brüchige Fassade, so dass der ganze Aufruhr in seinem Inneren verschlossen blieb. Unter der Kälte spannte sich seine Gesichtshaut – eine eisige Kruste über dem Vulkan darunter. Die Polizei war schnell am Tatort gewesen. Die Beamten fragten Chris nach Lenka, nach dem Tathergang, nach dem Mann mit dem Messer. Chris hatte das Gesicht des Mannes nicht deutlich gesehen. Mittlere Größe, ein dunkles Jackett und ein dunkler weicher Hut – mehr gab sein Erinnerungsvermögen nicht her. Vergebens zermarterte er sich den Kopf. Doch, ein Schnurrbart. Er erinnerte sich an einen Schnurrbart. Auch das brachte die Polizei nicht weiter. Sie meinte, es müsse ein Profi gewesen sein. Offenbar ist es gar 22
nicht so leicht, jemandem die Kehle so sauber durchzuschneiden. Nein, wiederholte Chris wieder und wieder, er habe keine Ahnung, wer ein Interesse an Lenkas Tod haben könnte. Am Morgen waren ihre Eltern eingetroffen. Klein, zurückhaltend, bescheiden, waren sie das genaue Gegenteil von Lenka. Er war Landarzt, sie Krankenschwester. Ihr Leid war grenzenlos. Chris hatte sich nach Kräften bemüht, sie zu trösten, aber ihr Englisch war rudimentär. Ihr Kummer zerriss ihm das Herz. Da war er fortgegangen und hatte sich abermals nutzlos gefühlt. Er schlug den Weg zu der Straße ein, in der sich nach ihren Worten das neue Büro befinden sollte. Die Hausnummer hatte sie zwar nicht genannt, aber er sah die Gastwirtschaft mit dem Schild, auf dem ein gelber Bär ein Bier in der Tatze hielt. Gegenüber lag ein cremefarbenes dreistöckiges Bürogebäude mit einer geschnitzten Eingangstür. Als Chris sie näher in Augenschein nahm, erblickte er fünf blank polierte Stahlschilder, die die Firmenzeichen international tätiger Anwälte, Rechnungsprüfer und Unternehmensberater trugen. Er hatte das richtige Gebäude gefunden. Doch das Büro in Prag musste erst einmal warten. Desgleichen Jan Pavlík. Der Mann rechnete sicherlich damit, dass er heute mit ihm sprechen würde. Chris musste ihn anrufen und ihm mitteilen, was geschehen war. Er zögerte, einen Augenblick war er versucht, in die Kneipe zu gehen und sich trotz der frühen Morgenstunde ein Bier zu genehmigen. Aber er wandte sich ab von der Wärme, die ihm aus dem Eingang entgegenschlug. Er woll23
te gehen, die kalte Luft auf seinem Gesicht spüren, Lenkas Tod spüren. So lief er ziellos durch die Straßen der Altstadt mit ihren kleinen Plätzen, ihren Kirchen und den orangefarbenen, gelben, cremefarbenen und grünen Gebäuden, die in ihrer liebevoll restaurierten, bürgerlichen Behaglichkeit Lenkas Tod Lügen zu strafen schienen. Er kam zur Karlsbrücke, zog den Mantel enger um die Schultern und ging bis zur Mitte, von wo aus er auf die Stadt zurückblickte. Lenka hatte hier viele Jahre lang studiert. Lebhaft konnte er sie sich in den rauschhaften Wochen der Samtrevolution vorstellen – immer an der Spitze, immer unter den lautesten Demonstranten. Eine junge, idealistische Frau, die sich auf ein Leben in Freiheit freute. Ein halbes Leben. Eine eisengraue Wolke lag auf der Stadt und drohte das Prager Schloss am anderen Ufer zu verschlingen. Ein schneidend kalter Wind peitschte die Moldau voran, deren Wasser gurgelnd unter ihm dahinschoss. Die Kälte drang durch seinen Mantel, er fröstelte. Was war mit Carpathian? Die Expansion konnte er sich abschminken, es würde schwer genug sein, die Firma ohne Lenka durchzubringen. Aber er war dazu entschlossen. Sie war sein Partner, sie hatte ihm vertraut, und er würde sie jetzt nicht enttäuschen. Er beugte sich über das Geländer der alten Steinbrücke und starrte in den aufgewühlten Fluss. Er dachte daran, wie sie sich kennen gelernt hatten, vor zehn Jahren in New York – und schaudernd erinnerte er sich an jenen anderen Todesfall.
TEIL ZWEI
1
Die überfüllte U-Bahn fuhr in den Bahnhof Wall Street ein, und der zweiundzwanzigjährige Chris Szczypiorski drängte sich, gefolgt von zwei anderen jungen englischen Bankern, auf den Bahnsteig. Mit ihren jungen, frischen Gesichtern sahen sie in ihren Anzügen ein bisschen deplatziert aus. Sie hatten noch das neugierige Staunen der Touristen in den Augen, nicht den leeren, abgebrühten Blick der altgedienten New Yorker Pendler auf dem Weg zur Arbeit. »Ich hätte nie gedacht, dass wir hier heil ankommen würden«, sagte Chris. »Ich kann immer noch nicht glauben, was du da gerade gemacht hast, Duncan.« »Ich schwör dir, ich hab es im Fernsehen gesehen.« Der hochgewachsene, rothaarige junge Mann hinter ihm brachte seine Rechtfertigung mit leichtem schottischem Akzent vor. »In New York herrschen eben raue Sitten.« »Bist du sicher, Duncan«, meinte Ian, das letzte Mitglied des Trios auf dem Bahnsteig, »ich frag mich, ob das nicht vielleicht in Tokio war, was du gesehen hast?« »War es nicht«, sagte Duncan. »Du hast die Sendung schließlich nicht gesehen. Woher willst du es wissen?« »Jede Wette«, wiederholte Ian im Brustton der Überzeugung und grinste. 27
»Na ja«, sagte Duncan, und Zweifel überschattete sein Gesicht. Als sie in der Grand Central umgestiegen waren, hatte Duncan auf einmal die zusammengepferchten Fahrgäste mit Gewalt weiter in den überfüllten Wagen geschoben, um für sie drei Platz zu schaffen. Gerade noch rechtzeitig hatten Chris und Ian ihn rückreißen können. Wenn sich nicht im selben Augenblick die Türen geschlossen hätten, wäre Duncan gelyncht worden. »Auf jeden Fall versuchen wir das nicht noch mal, oder?«, sagte Chris, als er sich in Richtung des Drehkreuzes am Ausgang durch die Menge zwängte. »Ich glaube, Ian hat Recht. Die Leute hier mögen das nicht.« Sie stiegen aus der U-Bahn-Station in die Wall Street empor, die wie eine enge Schlucht von der geschwärzten Fassade der Trinity Church aus abwärts führte. Ihr Weg führte sie vorbei an den Hotdog- und Brezelständen, vorbei an den antiken Säulen der Federal Hall und dem gediegenen Eingang der New Yorker Börse, bis zu einem kleinen Durchgang, der tief im Schatten der zu beiden Seiten aufragenden Gebäude lag. Dort befand sich, ein Stück die Straße hinauf, ein glänzendes schwarzes Bürohaus, über dessen Eingangstür in goldenen Lettern »Bloomfield Weiss« prangte. In langer Schlange strömten die Angestellten in das Gebäude, wie Ameisen, die in ihren Bau heimkehren. Die drei jungen Leute wiesen sich bei den Sicherheitskräften am Empfangspult aus und fuhren in den dreiundzwanzigsten Stock empor. Dort hatte Bloomfield Weiss seine weltbekannte Ausbildungsabteilung untergebracht. Vor sechs Monaten, im September des vorigen Jahres, 28
hatte Chris im Londoner Büro von Bloomfield Weiss angefangen. Er war direkt von der Universität gekommen, wie die meisten der anderen neun Trainees. Sieben waren sofort nach New York gegangen, sie schlossen das Ausbildungsprogramm gerade ab. Chris, Ian Darwent und Duncan Gemmel waren im April hinübergeschickt worden, um am zweiten Programm des Jahres teilzunehmen. Nachwuchsbanker aus Bloomfield-Weiss-Niederlassungen in der ganzen Welt wurden hier zusammengezogen, um fünf Monate ihres jungen Lebens im härtesten Ausbildungsprogramm der Wallstreet zuzubringen. Trotz aller Verschiedenheit waren sich die drei Engländer nähergekommen in den sechs Monaten, die sie am untersten Ende der Hackordnung in der Londoner Niederlassung herumgekrebst waren. Duncan war von Natur aus freundlich, doch Ians Haltung überraschte Chris. Chris kannte ihn von der Universität, sie waren am gleichen College gewesen, sich dort aber kaum über den Weg gelaufen. Ian war ehemaliger Eton-Schüler, Sohn eines Ministers und Mitglied in einer Reihe von Clubs mit rätselhaften, aber altehrwürdigen Namen. Häufig sah man gut bestückte Blondinen an seiner Seite. Chris war in Halifax gewesen. Obwohl Ian drei Jahre lang die Existenz von Leuten wie Chris kaum zur Kenntnis genommen hatte, schien er zu der Überzeugung gelangt zu sein, dass all das nun, da sie beide auf der Gehaltsliste von Bloomfield Weiss standen, der Vergangenheit angehörte. Chris dachte gar nicht daran, ihm etwas nachzutragen: Sie brauchten einander. Als sie im dreiundzwanzigsten Stockwerk den Fahrstuhl verließen, wurden sie von einer kleinen blonden Dame 29
empfangen, die ein strenges Kostüm und ihr Haar in einem straffen Knoten trug. Sie war nicht viel älter als die drei, aber in ihrem Auftreten durch Welten von ihnen getrennt. Sie streckte ihnen die Hand entgegen. »Hi. Ich heiße Abby Hollis. Ich bin die Programmkoordinatorin. Und Sie sind?« Sie nannten ihre Namen. »Sehr schön. Sie kommen schon fast ein bisschen zu spät. Ihre Schreibtische sind dort drüben. Stellen Sie Ihre Sachen ab und gehen Sie weiter in den Kursraum. Wir fangen gleich an.« »Jawohl, Miss Hollis«, sagte Chris mit einem vielsagenden Blick in Richtung Ian und Duncan. Abby Hollis runzelte die Stirn und wandte sich der nächsten Gruppe zu, die aus dem Fahrstuhl auftauchte. Der Kursraum war ein großes, kreisförmiges Auditorium, dessen Bänke in fünf Reihen aufstiegen und unten, in der Mitte, eine Fläche mit verschiedenen Lehrmitteln frei ließen – einem Computer, einer großen Projektionswand, einem Flipchart und einer Sechs-Meter-Wandtafel auf Rollen. Fenster gab es nicht, nur das leise Summen der Klimaanlage, die den Raum mit Sauerstoff aus der Außenwelt versorgte. Über ihnen und unter ihnen bemühten sich Hunderte von Investmentbankern, aus viel Geld noch mehr Geld zu machen. Hier, im Herzen des Gebäudes, fast genau auf halber Höhe, befanden sich die Trainees, vorläufig noch abgeschirmt von den Gefahren und Versuchungen der Dollarmilliarden, mit denen dort draußen in der Wallstreet jongliert wurde. Der Raum war bereits voller Männer und Frauen ver30
schiedenster Herkunft und Hautfarbe. Chris ließ seine Blicke über Namensschilder schweifen. Hier fiel sein Name endlich einmal nicht aus dem Rahmen. Szczypiorski war nicht exotischer als Ramanathan, Ng oder Nĕmečková. Er saß zwischen einem hochgewachsenen blonden Mann, der offenbar Amerikaner war und Eric Astle hieß, und einer Schwarzen namens Latasha James. Duncan befand sich direkt hinter ihm, Ian auf der gegenüberliegenden Seite des Kursraums. »Okay, alles herhören!«, verkündete eine barsche Stimme. Alles schwieg. Ein kräftiger, beleibter Mann mittleren Alters, dessen schwarzes Haar mit Gel über die kahl werdende Kopfhaut zurückgekämmt war, stand jetzt in dem leeren Raum zwischen den Bankreihen. »Mein Name ist George Calhoun, und ich bin für das Ausbildungsprogramm hier bei Bloomfield Weiss verantwortlich. Darauf hin ich sehr stolz.« Er hielt inne. Alles wartete gespannt. »Wie Sie wissen, ist Bloomfield Weiss die gefürchtetste und geachtetste Investmentbank an der Wallstreet. Wie haben wir das erreicht? Warum sind wir jahraus, jahrein bei mehr Aktien- und Anleihenemissionen federführend als irgendeiner unserer Konkurrenten? Was macht uns zu den Besten? Nun, die Antwort haben Sie vor Augen. Es ist dieses Programm. Es ist das härteste Ausbildungsprogramm der Wallstreet.« Er sprach sie »Schtreet« aus, was, wie Chris inzwischen wusste, alle wirklich harten Jungs von Bloomfield Weiss taten. »Wir werden Ihnen nicht nur all das Handwerk herbringen, das Sie brauchen – Anleihenrechnung, Unternehmensfinanzierung und all diese 31
guten Dinge. Wir werden Ihnen auch beibringen, dass nur derjenige, der die größten Anstrengungen unternimmt, der am härtesten arbeitet, der sich nicht damit zufrieden gibt, Zweiter zu sein, den Sieg davonträgt.« Calhouns Stimme wurde zu einem Flüstern, seine Augen glänzten. »Die Wallstreet ist ein Dschungel, und Sie alle sind Raubtiere. Und da draußen«, er machte eine vage Armbewegung in Richtung Außenwelt hinter den fensterlosen Wänden, »da draußen ist die Beute.« Er hielt inne, atmete tief durch und zog die Hose mit einem entschlossenen Ruck hoch. »Ich habe eine gute und eine schlechte Nachricht. Die schlechte Nachricht lautet, dass Sie es nicht alle schaffen werden. Mit diesem Kurs führen wir ein neues System ein. Die Schwächsten von Ihnen, das untere Viertel, wird auf der Strecke bleiben. Ich weiß, dass Sie sich alle irrsinnig abgestrampelt haben, um hierher zu kommen, dass Sie sich durch die besten Universitäten hindurchgequält haben, hundert Bewerber aus dem Feld geschlagen haben, um den Job zu kriegen, aber Sie werden in den nächsten fünf Monaten härter arbeiten als jemals zuvor in Ihrem Leben. Und die skrupellosesten, die härtesten von Ihnen werden die Zukunft von Bloomfield Weiss bestimmen.« Er hielt inne, blickte sich um und prüfte, wie seine Worte angekommen waren. Seine Zuhörer saßen wie versteinert. »Noch Fragen?« Stille. Chris warf einen Blick in die Runde. Seine MitTrainees schienen ebenso fassungslos zu sein wie er. Eine einzige Hand ging in die Höhe. Sie gehörte zu einer 32
hochgewachsenen, auffallend gut aussehenden jungen Frau mit kurzem weißblondem Haar. Auf ihrem Namensschild stand »Lenka Nĕmečková«. Ungnädig wandte sich Calhoun der Hand zu, doch sein unwirsches Gesicht machte eine erstaunliche Wandlung durch, als er sah, zu wem die Hand gehörte. »Ja, äh, Lenka?« »Die schlechte Nachricht habe ich verstanden«, sagte die Frau mit hartem osteuropäischem Akzent, in den sich amerikanische Töne mischten. »Könnten Sie uns jetzt auch die gute Nachricht mitteilen?« Calhoun war einen Augenblick lang verwirrt. Es war deutlich zu sehen, dass er sich verzweifelt an die gute Nachricht zu erinnern versuchte. Chris hörte ein Lachen hinter sich. Duncan! Es pflanzte sich fort im Hörsaal und löste die Spannung, die Calhoun mit seiner Rede so sorgfältig aufgebaut hatte. Calhoun war keineswegs amüsiert. »Die gute Nachricht, Ma’am, lautet, dass Sie in den nächsten fünf Monaten beim Essen, Schlafen und Träumen nichts anderes im Sinn haben werden als Bloomfield Weiss.« Grimmig schob er seine Kinnlade vor, als wolle er ihr den Mut zu einer Antwort nehmen. Lenka lächelte liebreizend. »Oh, ja, das wird sicher schön sein.« Der Tag verging damit, dass man ihnen erläuterte, wie viel Arbeit sie erwartete, und dass man sie ihnen anschließend aufgab. Gegen fünf verließen die sechzig Trainees den Hörsaal; benommen umklammerten sie die Aufgaben, die sie 33
im Laufe der kommenden Woche zu erledigen hatten. Abby Hollis versorgte jeden Teilnehmer mit drei umfangreichen Büchern über Anleihenrechnung, Volkswirtschaft und Kapitalmärkte. Dazu bekamen sie Stoffbeutel, auf denen der Name von Bloomfield Weiss in kleinen, diskreten Buchstaben stand. Die Unterlagen gingen nicht in die eleganten Aktenköfferchen, die sich die meisten Trainees in den ersten Monaten ihrer Berufstätigkeit zugelegt hatten. »Himmel!«, sagte Duncan, der ziemlich angeschlagen aussah. »Ich brauch ein Bier.« Das schien Chris und Ian unter den gegebenen Umständen eine hervorragende Idee zu sein. Freundlich, wie es seine Art war, wandte sich Duncan an einen korpulenten Trainee mit langer, spitzer Nase, der die Unterlagen gerade sorgfältig in seiner Stofftasche verstaute. Rudy Moss war sein Name. »Hast du Lust mitzukommen?« Rudy warf einen vielsagenden Blick auf die prall gefüllte Tasche und schüttelte den Kopf. »Ich glaube nicht«, sagte er und trollte sich. »Was dagegen, wenn ich mitkomme?«, fragte eine Stimme hinter Duncan. Es war Eric Astle, der Amerikaner, der neben Chris saß und mit dem er im Laufe des Nachmittags ein paar ungläubige Blicke gewechselt hatte. In seiner Begleitung befand sich ein kleiner, dunkelhaariger Mann mit einem Dreitagebart. Eric stellte ihn als Alex Lubron vor. »Natürlich nicht«, sagte Duncan, »kennt ihr hier irgendeine vernünftige Kneipe?« »Jerry’s«, sagte Alex. »Kommt, wir zeigen sie euch.« Damit führte er den kleinen Trupp zum Fahrstuhl. 34
Auf dem Weg dorthin kamen sie an Lenka vorbei, die groß und allein inmitten der schnatternden Trainees stand. Um sie herum brach das Geplauder ab, als scheuten sich die anderen, sie in ihre Gespräche zu ziehen. Duncan zögerte. »Bock auf ein Schlubberchen?«, fragte er, seinen schottischen Akzent übertreibend. »Bitte?« »Hast du Lust, ein Glas mit uns zu trinken?«, übersetzte er mit freundlichem Lächeln. Lenka gab es zurück. »Warum nicht?«, sagte sie und nahm ihre Sachen. »Gehen wir.« »Himmel, glaubt ihr die Geschichte mit dem letzten Viertel?«, fragte Duncan die Gruppe, die beengt an einem kleinen Tisch saß, während eine Kellnerin Gläser mit kaltem Bier verteilte. Jerry’s war eine Kellerbar, gleich um die Ecke bei Bloomfield Weiss. Sie war zum Bersten voll mit gut genährten Börsianern, die noch einmal die Erfolge des Tages aufleben ließen. »Das kann doch nicht ihr Ernst sein, oder?« »Warum nicht?«, sagte Chris. »Aber wir haben wie blöde geschuftet, um so weit zu kommen, da wäre es doch eine Riesensauerei, wenn sie uns jetzt rausschmeißen«, sagte Duncan. »Völlig richtig. Das tun sie nicht. Mach dir keine Sorgen«, sagte Ian und zündete sich eine Zigarette an. »Das ganze Ding mit dem unteren Viertel dient nur dazu, Leute loszuwerden, die sie nicht mögen. Das betrifft uns nicht.« »Dich vielleicht nicht. Bei mir bin ich da nicht so sicher.« 35
Ian zuckte mit den Achseln, als wollte er zum Ausdruck bringen, dass Duncan Recht haben könnte, dass es ihn aber nicht allzu sehr interessierte. Ian war brillant und selbstsicher, ein kapitaler Hirsch für die Headhunter, die Jagd auf Universitätsabsolventen machten. Er war dunkel, schlank und sah unverschämt gut aus. Seine Anzüge waren viel teurer als die der beiden anderen, seine Hemden hatten Manschettenknöpfe, und seine Krawatten schienen gegen Flecken gefeit zu sein. Im Unterschied zu Duncan hing sein Hemd nie aus der Hose. Von allen dreien kam er in Aussehen und Auftreten dem Idealbild des Investmentbankers am nächsten. Nur ein Detail fiel aus dem Rahmen: seine abgekauten Fingernägel. »Kann ich eine haben?«, fragte Lenka und zeigte auf Ians Zigarettenschachtel. »Oh, tut mir Leid. Natürlich.« Ian hielt ihr eine hin, und sie zündete sie mit offenkundigem Behagen an. »Noch jemand?« Auch Alex steckte sich eine an. »Euer Land ist barbarisch, nirgends lasst ihr die Leute rauchen«, sagte Lenka. »Ich weiß nicht, wie ich den Tag überstehen soll.« In den Büros des Ausbildungsprogramms herrschte Rauchverbot. Noch war das Laster bei Bloomfield Weiss allerdings nicht völlig ausgerottet. Einige Wertpapierhändler hatten auf stur geschaltet und pafften noch immer ihre fetten Zigarren im Börsensaal, aber ihre Tage waren gezählt. »Wohl wahr«, sagte Ian. »Gibt es hier nicht ein Gesetz, das den Menschen das Mitführen von Zigaretten erlaubt. 36
Oder sind es Maschinenpistolen? Ich krieg das immer durcheinander.« »Früher durften wir es«, sagte Alex. »Aber der allmächtige Staat hat es uns verboten. Was wir brauchen, ist ein Raucher als Präsident, meinst du nicht, Eric? Eric ist unser politischer Aktivist. Er hat Bush im Alleingang zum Präsidenten gemacht.« »Vielen Dank für die Blumen«, sagte Eric. »Als ich auf dem College war, habe ich mich am Wahlkampf für Bush beteiligt«, erklärte er den anderen. »Umschläge zugeklebt für die gute Sache.« »Oh, sei nicht so bescheiden«, sagte Alex. »George hat ihn regelmäßig angerufen und gefragt, was er Gorbatschow sagen sollte.« Eric verdrehte die Augen. Sie bildeten ein höchst gegensätzliches Paar. Eric war groß, sportlich, mit kräftigem Kinn, kurzem Haarschnitt und einem Lächeln, mit dem er in jeder Zahnpastareklame auftreten konnte. Alex war fünfzehn Zentimeter kleiner, drahtig, mit krausem Haar und Bartstoppeln, die darauf schließen ließen, dass er sich morgens nicht rasiert hatte. Sein Schlips saß schief, und der oberste Hemdknopf stand offen. Seine braunen Augen unter den dunklen buschigen Augenbrauen verrieten Humor und Intelligenz. Chris fand sie beide sympathisch. »Mir hat dieser Professor Waldern ganz und gar nicht gefallen«, sagte Duncan, womit er das Gespräch wieder auf das Thema brachte, das ihn bedrückte. »Mir auch nicht«, sagte Chris. Waldern war ein unruhiger, nervöser Mann mit ergrauendem Bart und glänzenden 37
Knopfaugen, der großes Vergnügen daran zu finden schien, ihnen zu schildern, wie viel Arbeit auf sie wartete und wie unbarmherzig er mit denen verfahren würde, die nicht fleißig genug waren. Es hieß, er unterrichte an einer noblen Business School, doch Chris hatte den Eindruck, dass er den größten Teil seiner Zeit damit verbrachte, den Trainees von Bloomfield Weiss Anleihenrechnung und Kapitalmärkte nahe zu bringen. Die Bezahlung war vermutlich ausgezeichnet. »Er soll ein scharfer Hund sein«, sagte Eric. »Ich habe mir sagen lassen, er bringt erwachsene Männer zum Weinen.« »Das will ich gerne glauben«, sagte Duncan. Er wandte sich an Eric und Alex. »Ihr müsst doch besser wissen, wie das Programm läuft. Wird es wirklich so schlimm?« »Wahrscheinlich«, sagte Eric. »Vor einem halben Jahr hat Calhoun das Ausbildungsprogramm übernommen. Leider hat er sich in den Kopf gesetzt, das System zu verändern. Es ein bisschen darwinistischer zu machen. Die Loser sollen ausgemerzt werden, bevor man sie an die richtige Arbeit lässt. Offenbar hat ihm das Führungsgremium grünes Licht gegeben. Ich fürchte, wir sind die Versuchskaninchen.« »Ich würde mir nicht zu viel Sorgen machen«, sagte Alex. »Wie immer hängt alles davon ab, wen ihr kennt. Wenn euch ein Generaldirektor in seiner Abteilung haben will, kann euch niemand an den Wagen fahren. Nur die Ruhe bewahren.« »Und kennst du so jemand?«, fragte Duncan. »Während des ersten halben Jahrs habe ich in der Hypo38
thekenabteilung gearbeitet«, sagte Alex. »Die Leute da mögen mich. Ich hab nichts zu befürchten.« Das trug nur dazu bei, die Sorgenfalten auf Duncans Stirn zu vertiefen. »Und du?«, fragte er Eric. »Oh, ich hab keine Ahnung, wo ich mal lande«, erwiderte der. »Wir müssen es einfach auf uns zukommen lassen.« »Du kannst dir die Abteilung doch aussuchen«, sagte Alex. »Sie lieben dich alle.« Eric zuckte mit den Achseln. »Erst mal heißt es, die nächsten fünf Monate überstehen.« All das trug nicht zu Duncans Seelenfrieden bei. »Ich glaube nicht, dass es irgendjemanden in London einen Dreck schert, was aus mir wird.« Chris konnte es ihm nachfühlen. Sie drei waren in der Londoner Filiale herumgereicht worden, während die anderen Londoner Trainees ihr vorgesehenes Programm in New York absolvierten. Sie waren ganz unten, das Allerletzte. »Lasst das, Leute«, sagte Ian mit seinem besten EatonAkzent. »Hören wir auf, uns verrückt zu machen. Genau das wollen die Mistkerle. Fünf Monate sind wir mit dem Gehalt von Investmentbankern in New York. Amüsieren wir uns.« »Darauf trinke ich«, sagte Lenka. Sie hob ihr Glas, das schon fast leer war. »Cheers!« Alle hoben ihr die Gläser entgegen. »Hör zu, Duncan«, sagte Lenka. »Weißt du, was du tust, wenn einmal alles wirklich schief läuft?« »Was denn?« 39
»Du kommst hier runter und trinkst ein paar Bier mit uns. Das ist die tschechische Methode. Sie funktioniert.« Duncan lächelte und leerte sein Glas. »Du hast mich überzeugt. Sorgen wir für Nachschub.« Er hielt eine vorbeikommende Kellnerin am Arm fest, die ihn zwar finster ansah, aber seine Bestellung entgegennahm. »Du kommst also aus der Tschechoslowakei?«, fragte Chris. »Ich wusste gar nicht, dass Bloomfield Weiss auch eine Niederlassung in Prag hat?« »Ja, ich bin Tschechin. Aber ich bin hier in New York angestellt. Nachdem der Eiserne Vorhang gefallen ist, sind die Investmentbanken hinter den Osteuropäern her wie der Teufel hinter der armen Seele. Sie sagten, sie würden mir viel Geld bezahlen. Eigentlich weiß ich nur über Keats and Shelley Bescheid, aber das habe ich ihnen nicht gesagt.« Ihr Englisch war fließend und mühelos, aber sie hatte einen unüberhörbaren Akzent. »Hast du Englisch im Hauptfach gehabt?«, fragte Alex. »Ich habe Englisch und Russisch an der Karls-Universität in Prag studiert. Dann wollte ich meinen Magister in Yale machen. Aber dieser ganze postmoderne Quatsch hat mich fertig gemacht. Da es in Amerika sowieso nur ums Geld geht, dachte ich, ich sollte mich lieber darum kümmern. Vor zwei Wochen habe ich bei Bloomfield Weiss angefangen.« »Und du hast überhaupt nichts mit Wirtschaft gemacht?«, fragte Alex. »Ich glaube nicht, dass die Art von Wirtschaftswissenschaft, die man bei mir zu Hause lehrt, großen Eindruck bei Bloomfield Weiss machen würde. Aber ich habe ein paar amerikanische Bücher zum Thema gelesen. Ich 40
komm schon klar.« Sie wandte sich an Chris. »Und was ist mit dir, Mr. Szczypiorski? Bist du Pole?« Chris lächelte, als sie seinen unaussprechlichen Namen so geläufig hervorbrachte. »Nein«, antwortete er. »Klar, meine Eltern kommen aus Polen. Aber ich bin in Halifax geboren, Nordengland. Ich war nur einmal in Polen. Und Polnisch spreche ich mit Yorkshire-Akzent.« »Fließend polackisch, eh«, sagte Duncan. Chris lächelte etwas mühsam. Er hatte vor Jahren aufgehört, Witze über seinen Akzent oder seinen polnischen Namen komisch zu finden. »Das ist ja mal ein heißer Name«, sagte Alex. »Wie war das … Zizipisky? Das ist selbst für amerikanische Verhältnisse ein Zungenbrecher.« Chris machte sich nicht die Mühe, die Aussprache zu verbessern. »Weiß ich. Ich hab schon daran gedacht, ihn in Smith oder so was zu ändern, aber das ist scheußlich kompliziert.« »Dafür hatten wir Ellis Island«, sagte Alex. »Ein paar Vokale mehr, die Zets raus, und fertig ist ein Name, der so amerikanisch ist wie Apfelkuchen.« Auf der Uni hatte Chris seinen Namen bei jeder Gelegenheit zweimal buchstabieren müssen und war schließlich so genervt, dass er sich die Formulare für eine Namensänderung besorgte. Doch beim Eintragen des neuen Namens, den er sich ausgesucht hatte, »Shipton«, hatte er innegehalten. Szczypiorski war der Name seines Vaters, und von seinem Vater war ihm wenig geblieben. Allerdings hatte er keine Probleme, seinen Vornamen Krzysztof in Chris abzuändern. 41
»Was ist dieser Rudy Moss bloß für ein Typ?«, fragte Duncan. »Habt ihr gesehen, was er mir für einen Blick zugeworfen hat, als ich ihn gefragt habe, ob er mitkommt? Als hätte ich ihm gesagt, dass seine Schwester eine Lesbe ist.« »Er ist ein Arschloch«, sagte Alex. »Es gibt ein paar von seiner Sorte im Programm. Aber er ist der schlimmste. Beachtet ihn einfach nicht.« »Soll heißen?«, fragte Duncan. »Wir haben sechs Monate mit ihnen zusammengearbeitet«, sagte Alex. »Viele von ihnen sind Arschkriecher. Sie glauben, wenn sie in den richtigen Arsch kriechen, kriegen sie den besten Job. Und nicht nur das, sie wollen auch als Erste hinein. Das ist Rudys Spezialität.« Duncan zog eine Grimasse. »Die heilige Kuh unserer Unternehmensphilosophie heißt Konkurrenz«, erläuterte Eric. »Man erwartet von uns, dass wir um die besten Posten und die besten Noten im Programm konkurrieren. Typen wie Rudy Moss ist das in die Wiege gelegt.« »Und dir weniger?«, sagte Chris. »Ich bin wohl eher der Typ Teamspieler. Mit anderen zusammenzuarbeiten, das ist mein Ding, nicht gegen sie zu arbeiten.« »Was um alles in der Welt willst du dann bei Bloomfield Weiss?«, fragte Ian. »Das scheint doch kaum die Unternehmenslinie zu sein.« Eric lächelte und zuckte die Achseln. »Calhoun hat schon recht. Bloomfield Weiss ist das Beste, was die Wallstreet zu bieten hat. Ich will bei den Besten sein, aber auf meine Weise.« 42
Alle nickten feierlich, bis auf Alex, der lachte. »Hör doch auf mit dem Scheiß. ›Auf deine Weise‹, was heißt das denn? Um drei Uhr besoffen nach Hause kommen, und am nächsten Tag nicht vor Mittag aufstehen.« »Die Einstellung lob ich mir!«, meinte Lenka begeistert. Eric grinste. »Passt auf, was ihr sagt. Ihr sprecht hier über einen Investmentbanker von Bloomfield Weiss.« Duncan nahm den letzten Schluck aus seinem Glas. »Okay, ich denke, wir sollten jetzt gehen, wenn wir noch ein bisschen von der Arbeit schaffen wollen, die sie uns aufgebrummt haben.« So fuhren sie auf den verschiedenfarbigen U-BahnLinien in ihre jeweiligen Wohnviertel davon – Chris, Ian und Duncan in das Apartment, das sie gemeinsam in der Upper East Side bewohnten, wobei Duncan sich diesmal hütete, einen ganzen U-Bahn-Wagen voller Pendler gegen sich aufzubringen. Dafür beschäftigte er sich fast die ganze Fahrt mit Lenkas Reizen. Offenbar hatte sie ihn tief beeindruckt. Chris hatte großes Verständnis für Duncans Standpunkt, war aber fest entschlossen, Tamara, seiner Freundin in London, treu zu bleiben. Warme Gedanken über Lenka waren da wenig hilfreich. Die kalte Nachtluft brannte auf seinen Wangen und half seinem Gehirn, ein paar der Finanzkonzepte abzuschütteln, die er sich seit drei Stunden einzuhämmern versuchte. Es war Ende April, eigentlich sollte der Frühling vor der Tür stehen, aber Chris hatte eher das Gefühl, dass Frost in der Luft lag. Er kroch tiefer in seine alte Lederjacke und bog in eine Seitenstraße, die von der Fifth Avenue zum 43
Central Park führte. Zu beiden Seiten der Straße wölbten sich Markisen über den Eingängen, die in den warmen, goldenen Glanz von Marmorlobbys führten und von uniformierten Portiers mit leerem Blick bewacht wurden. Die Arbeit häufte sich, und er tat sich schwer. Er hatte versucht, seine Schulmathematik zu entstauben, aber das reichte nicht. Diskontierter Einnahmeüberschuss, modifizierte Dauer, interner Zinsfuß – was bedeutete das alles? Und wie sollte er es bis Mittwoch herausfinden? Er hatte sich bemüht, den Mund zu halten, als Duncan seiner Besorgnis über das Trainingsprogramm freien Lauf gelassen hatte. Auch er hatte seine Befürchtungen, fand es aber besser, sie für sich zu behalten. Ian hatte es in der Kunst des Versteckspiels zur Perfektion gebracht, und nach allem, was Chris bisher von der Arbeitswelt mitbekommen hatte, war diese Kunst einer der Schlüssel zum Erfolg. Wenn du es nicht gewusst hast, tu so, als hättest du es gewusst, und hoffe darauf, dass es niemand merkt. Doch im Ausbildungsprogramm würden sie es merken. Professor Waldern würde es am nächsten Morgen merken, wenn er Chris aufforderte, die modifizierte Dauer zu erklären. Oder Calhoun würde es merken – bei den Examina, die er ihnen versprochen hatte. Duncan hatte schon Recht. Es wäre eine Riesensauerei, wenn er nach all der Mühe und Plage rausgeschmissen würde. Chris hatte hart gearbeitet, um nach New York zu kommen. Verdammt hart. Begonnen hatte es, als er elf Jahre alt war. Mit eiserner Disziplin und viel Hilfe und Ermutigung durch seine Mutter hatte er es auf das örtliche Gymnasium 44
geschafft. Er bestand die mittlere Reife und das Abitur und war selbst überrascht von den Noten, die er erreichte. Dann hatte er sich in Oxford um einen Studienplatz für Geschichte beworben. Eigentlich wollte er es gar nicht, weil er es für aussichtslos hielt, aber Tony Harris, sein Geschichtslehrer, hatte ihn dazu überredet. Zu seiner großen Überraschung wurde dem polnischen Jungen mit dem Yorkshire-Akzent ein Platz in Lady Margaret Hall angeboten. Seine Mutter war außer sich vor Freude. Sie sagte, sie habe immer gewusst, dass er es schaffen würde, er habe eben den Verstand seines Vaters geerbt. Zwar wusste er, dass das nicht ganz stimmte, war aber davon überzeugt, dass sein Vater, wo immer er auch sein mochte, stolz auf ihn war. Und das tat ihm gut. Oxford, und noch mehr Arbeit. Danach die schwierige Suche nach einem Job. Die Rezession begann zu greifen: Die Firmen schränkten ihre Ausbildungsprogramme für Universitätsabsolventen ein. Einige Unternehmen verzichteten sogar ganz auf Trainees. Entsprechend war die Konkurrenz. Chris wusste wenig über die Unternehmen, die an der Universität ihren Nachwuchs rekrutierten, bewarb sich aber bei fünfzehn von ihnen, unter anderem auch bei Bloomfield Weiss. Die meisten lehnten ihn ab, viele sogar, ohne ihn zu einem Einstellungsgespräch einzuladen. In seinen düstereren Augenblicken machte er Szczypiorski dafür verantwortlich, obwohl er sehr wohl wusste, dass ihm die Vielzahl von nicht zum Studium gehörigen Tätigkeiten fehlte, dass er keinen sorgfältig geplanten Lebenslauf vorzuweisen hatte wie zum Beispiel Ian Darwent. Doch bei Bloomfield Weiss hängte er sich 45
richtig rein. Schließlich wurde er in das elegante Büro der Firma in Broadgate, in der City, gebeten, wo er von fünf verschiedenen Bankern in die Mangel genommen wurde. Er gefiel ihnen, das merkte er. Ihnen gefiel die Tatsache, dass er aus Halifax kam, ihnen gefiel sein polnischer Name, und ihnen gefiel die Entschlossenheit, die er ausstrahlte. Als er eines Morgens den Briefumschlag mit dem eingravierten Absender Bloomfield Weiss vorfand, wusste er sofort, was er bedeutete. Das Unternehmen wollte ihn. Und er wollte es. Zwar war es das einzige Stellungsangebot, das er bekam, aber es war dasjenige, das er am meisten begehrte. Jetzt war er einer von sechzig Überfliegern. Von sechzig jungen Frauen und Männern, die, egal, was man ihnen aufgetragen hatte, immer zu den Besten gehört hatten. Sechzig Gewinner. Gewinner wie Ian Darwent, Eric Astle, Alex Lubron oder der widerliche Rudy Moss. Und aus diesen sechzig Gewinnern würde das Ausbildungsprogramm fünfzehn Verlierer herausfiltern. Gut möglich, dass einer von ihnen Duncan war. Und ein anderer Chris. Er erreichte die niedrige Mauer zwischen Fifth Avenue und Central Park und blickte hinüber in das geheimnisvolle Dunkel des Parks, das eingefasst war von den hellen Lichtern der Manhattan Skyline. Es war Zeit, nach Hause zu gehen und noch etwas Schlaf zu finden. Morgen würde es wieder eine Menge zu lernen geben. Mit einem Seufzer machte er sich klar, dass es während der nächsten fünf Monate jeden Tag eine Menge zu lernen geben würde, Okay, dann würde er eben alle Selbstzweifel weit von sich schieben, weder nach rechts noch nach links schauen und verdammt noch mal dafür sorgen, dass er nicht zu den fünfzehn Verlierern gehörte. 46
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Die Arbeit war wirklich hart. Man verwendete die »Fallmethode«, die an der Harvard Law School entwickelt und von Business Schools im ganzen Land übernommen worden war. Dabei lasen die Kursteilnehmer einen »Fall«, das heißt einen eingehenden Bericht über ein realistisches Problem, vor dem ein Unternehmen stand und das man ausgewählt hatte, um ein bestimmtes Finanzkonzept zu illustrieren. Das wurde dann im Kurs diskutiert. Der Professor suchte sich irgendeinen armen Teufel aus, der die Diskussion anschieben musste, und bombardierte ihn oder sie anschließend mit einer ganzen Batterie von Fragen. Wenn es gut ging, war es eine sehr interessante Methode, um die zugrunde liegenden Probleme zu untersuchen. Wenn es schlecht lief, wurde es zu einer öffentlichen Demütigung des oder der Beteiligten. Die Schwierigkeit lag nicht darin, die Fälle am Vortag durchzuarbeiten. Um sie zu verstehen, mussten sich die Trainees viele Seiten aus komplizierten Lehrbüchern aneignen. Man erwartete von ihnen, dass sie jeden Abend mindestens ein kompliziertes Konzept begriffen. Professor Waldern leitete in den ersten Monaten des Programms zwei Kurse: Kapitalmärkte und Anleihenrechnung. Das waren zugleich die beiden wichtigsten Fä47
cher. Das gründliche Verständnis der Anleihenrechnung war von entscheidender Bedeutung für jeden, der später mit solchen Papieren handeln oder sie verkaufen wollte. Waldern war ein ausgezeichneter Lehrer: Er verstand es, höchst nüchterne Finanzprinzipien interessant und anschaulich darzustellen. Er entlockte den Kursteilnehmern Ansätze zur Lösung eines Falles, bis sich unter seiner Anleitung die Konzepte wie von selbst ergaben. Chris fand Walderns Lehrveranstaltungen äußerst anregend und anstrengend. Doch Waldern war auch ein Menschenschinder. Von Anfang an lebte Duncan in der panischen Furcht, er könnte aufgerufen werden, um die Diskussion zu leiten, und tatsächlich passierte es am dritten Tag. Chris wusste, dass Duncan sich am Abend stundenlang mit dem anstehenden Fall beschäftigt hatte – der Entscheidung einer Fluggesellschaft, eine festverzinsliche oder zinsvariable Anleihe zu emittieren. Duncan hatte das Problem einfach nicht verstanden. Er kam nicht auf den Punkt, wiederholte die Aufgabenstellung, und schon hatte Waldern Blut geleckt. Zwanzig Minuten lang bewies er Duncan, sich selbst und dem Kurs, dass Duncan noch nicht einmal die Grundprinzipien von festverzinslichen Anleihen begriffen hatte. Überflüssig zu erwähnen, dass Duncan am Boden zerstört war. Einige der Trainees, unter ihnen Rudy Moss, kicherten während der Hinrichtung. Chris war knallwütend. Er versuchte, einige der Antworten dazwischenzurufen, aber Waldern reagierte nicht darauf. Professor Waldern war nicht der einzige Schleifer im Programm. Abby Hollis war ein kleiner Hitler. Vor und 48
nach den Kursen wieselte sie umher und hatte an allem und jedem etwas herumzumeckern. Nach einem Zwischenfall in der zweiten Woche des Programms verwandelte sich Lenkas anfängliches Misstrauen gegenüber Abby in Verachtung. Lenka kleidete sich nicht gerade unauffällig. Den steifen Kostümen der meisten amerikanischen Frauen zog sie elegante Kleider, kurze Röcke, enge Blusen, Kaschmirpullover und extravagante Seidentücher vor. Sie sah eher wie eine Pariserin als eine New Yorkerin aus. Den männlichen Kursteilnehmern gefiel das natürlich, aber viele der Frauen waren eingeschüchtert, und einmal hatte Chris gehört, wie einige Frauen sich Gedanken darüber machten, ob sich eine solche Garderobe wohl vom Gehalt eines Trainees finanzieren lasse. Eines Morgens plauderte sie mit Chris und Duncan im Flur vor dem Kursraum, als sich Abby näherte. Lenka trug einen Hosenanzug. Er war in dezentem Hellgrau gehalten und sicherlich das unauffälligste Outfit, in dem man Lenka bislang gesehen hatte. »Auf ein Wort, Lenka«, sagte Abby und fasste sie am Arm. Leise sagte sie etwas zu ihr, was Chris und Duncan nicht richtig verstehen konnten. Dafür war Lenkas Antwort unüberhörbar: »Meine Kleidung ist unpassend! Was meinen Sie mit unpassend?« Abby warf Chris und Duncan einen nervösen Blick zu. »Ich finde, Sie sollten wissen, dass es unpassend ist, bei Bloomfield Weiss Hosen zu tragen«, sagte sie. Lenka schnaubte verächtlich. »Das ist doch absurd! Schauen Sie sich Chris und Duncan an. Die tragen auch 49
Hosen. Die meisten Teilnehmer tragen Hosen. Sidney Stahl, unser Vorstandsvorsitzender, trägt Hosen. Warum darf ich es nicht?« »Sie wissen genau, was ich meine«, sagte Abby. Sie war rot geworden, aber nachdem sie sich so weit aus dem Fenster gelehnt hatte, konnte sie sich keinen Rückzieher mehr leisten. »Es ist unangemessen, wenn Frauen Hosen tragen.« »Aha, Männer dürfen es, Frauen aber nicht. Ist es das? Wer hat das angeordnet? Ich wette, eine Frau.« »Ich weiß nicht, wer es angeordnet hat«, sagte Abby. »Aber Frauen tragen hier eben keine Hosen.« »Na gut, von jetzt an tun sie es«, sagte Lenka und ging an der anderen vorbei in den Kursraum. In der Pause gesellte sie sich zu Chris und den anderen am Kaffeeautomaten. »Die Frau ist unmöglich«, sagte sie. »Und habt ihr das Kostüm gesehen, das sie trägt, und diese scheußliche kleine Rüschenbluse. So was gehört verboten!« »Im letzten Jahr war sie noch eine von uns«, sagte Alex. »Was soll das heißen?« »Sie war ein Trainee, genau wie wir. Offenbar hat sie nicht besonders abgeschnitten. Nach dem Programm hat sie keinen Posten gekriegt, daher hat man sie zum Programmkoordinator gemacht. Man munkelt, sie muss sich hier bewähren, damit Calhoun sie fortlässt und sie einen richtigen Posten ergattert.« »Himmel«, stöhnte Duncan. »Wenn mir das passieren würde. Ich glaube, das würde ich nicht aushalten.« Alle schwiegen sie einen Augenblick und dachten an das Schicksal derer, die im unteren Viertel landen würden. »Die meisten Leute kommen ganz ja gut zurecht«, sagte 50
Alex. »Die haben alle ihren MBA an einer Business School gemacht; die kennen sich aus mit diesem Zeug. Aber ich muss sagen, für mich ist das ein ziemlicher Hammer.« »Das kannst du laut sagen«, meinte Duncan. »Es ist einfach zu viel«, sagte Chris, froh, dass Alex seine Schwierigkeiten eingestand. »Jedes Mal, wenn du ein Konzept verstanden hast, knallen sie dir zwei neue vor den Latz.« »Hört zu, habt ihr nicht Lust, heute Abend mit zu uns zu kommen? Vielleicht schaffen wir’s zusammen.« Fragend blickte Alex seinen Freund Eric an, der zustimmend nickte. »Hört sich vernünftig an«, sagte Chris. »Ich bin dabei«, sagte Duncan. »Ich auch«, sagte Ian. »Sind bei euch Frauen zugelassen, die Hosen tragen?«, fragte Lenka. »Normalerweise nicht«, sagte Alex. »Aber in deinem Fall können wir eine Ausnahme machen.« Die Wohnung von Eric und Alex lag weit draußen in der West Side. Sie war groß, aber renovierungsbedürftig. Offenbar unterlag sie der Mietpreisbindung, weshalb der Vermieter kein Interesse daran hatte, sie instand zu setzen. Die Möblierung war spärlich, und es herrschte die übliche studentische Unordnung – was ihnen aber allen beim Eintreten auffiel, waren die Wände. Vier oder fünf große Leinwände hingen in dem Zimmer, die alle petrochemische Fabriken oder Ölraffinerien zu verschiedenen Tages- und Nachtzeiten zeigten. Rohre, Kräne, Zylinder, Türme und Schornsteine bildeten, aus ungewöhnlichen Blickwinkeln dargestellt, komplizierte geo51
metrische Muster. Orangefarbenes Glühen, kräftige rote Flammen und grellweiße Halogenscheinwerfer vermittelten eine Ahnung von den geheimnisvollen chemischen Prozessen, die im Herzen dieser Anlagen stattfanden. Insgesamt vermittelten diese Bilder den Eindruck einer eigenartigen Schönheit. »Wahnsinn«, sagte Lenka. »Von wem sind die?« »Von mir«, sagte Alex. »Von dir?« Lenka wandte sich ihm zu, und es war deutlich zu erkennen, dass sie ihr Bild von ihm revidierte. »Ich wusste gar nicht, dass du malst.« »Nach dem College habe ich ein paar Jahre versucht, als freier Künstler zu leben. Ich hatte einige Ausstellungen, habe ein paar Bilder verkauft, doch leider hat es nicht zum Leben gereicht. Und der Gedanke, in Armut zu leben, hat mir nicht gefallen. Deshalb bin ich hier.« »Jammerschade«, sagte Lenka. Alex zuckte die Achseln. »Deshalb sind wir doch alle hier, oder?« Das kam ein bisschen trotzig heraus: Offenbar hatte Lenka einen wunden Punkt berührt. »Tut mir Leid, du hast wahrscheinlich Recht. Aber es ist ein merkwürdiges Sujet. Warum diese Fabriken?« »Ich komme aus New Jersey«, sagte Alex. »Da haben wir ‘ne Menge Ölraffinerien. Als Kind habe ich sie immer aus dem Autofenster gesehen, wenn wir vorbeifuhren. Ich war fasziniert. Später, auf dem College, wollte ich sie dann malen. Es ist eine Art Zwang geworden.« »Sie sind einfach super«, sagte Lena und ging in dem Zimmer umher. »Erzähl mir nicht, dass das hier auch New Jersey ist?« 52
Sie war vor einem besonders dramatischen Bild stehen geblieben: Dort wuchs ein solches Monster von Rohrleitungen und Stahlgerüsten aus dem Sandboden auf und warf den Widerschein seiner Flammen in einen weiten Wüstenhimmel. Der Gegensatz zwischen der kargen, lebensfeindlichen Landschaft und den hochtechnischen Konstruktionen, das Wechselspiel zwischen natürlichem und künstlichem Licht rief eine Wirkung von exotischem Reiz hervor. »Das ist die Industriestadt Jubail in Saudi-Arabien«, sagte Alex. »Ein chemisches Unternehmen hat meine Arbeiten gesehen und mir die Reise finanziert. Ich habe jedes Bild verkauft, das ich dort gemacht habe, abgesehen von diesem.« »Das überrascht mich nicht«, sagte Lenka. »Ich wünschte, ich hätte mehr behalten.« »Und an mich denkt niemand! Ich habe das Gefühl, in einer Scheißfabrik zu leben«, sagte Eric. »Was zum Teufel hast du gegen Sonnenblumen?« »Banause«, murmelte Alex. »Mir gefallen sie«, sagte Duncan. »Hast du schon mal eine Brauerei gemalt?« »Noch nicht«, sagte Alex. »Aber wenn ich dich recht verstehe, willst du ein Bier?« »Ich dachte schon, du würdest nie fragen.« In den folgenden Monaten trafen sich die sechs an mehreren Abenden in der Woche, um den Stoff gemeinsam aufzuarbeiten, wobei sie sich meist im Apartment von Eric und Alex trafen. Dabei zeigte sich rasch, wer wie viel wusste. Eric schien alles, was man ihm vorsetzte, sofort zu ver53
stehen. Für Duncan war es ein einziges hoffnungsloses Ringen. Alex und Chris erarbeiteten sich die Dinge irgendwann, Chris mit etwas mehr Mühe als Alex. Ian tat so, als verstünde er alles, und tatsächlich begriff er die Prinzipien auch sehr rasch. Doch sobald es um die mathematischen Details ging, erwies er sich als hoffnungsloser Fall. Das war ein Geheimnis, das er höchst geschickt vor allen Kursteilnehmern bis auf die Mitglieder der Arbeitsgruppe zu verbergen wusste, und die bemühten sich nach Kräften, ihn zu decken. Lenka schien ebenso rasch zu begreifen wie Eric, obwohl sie die Neigung hatte, bei Problemen, die den anderen ganz einfach vorkamen, mit weit hergeholten Lösungen aufzuwarten. Die Gruppenmitglieder halfen einander und kamen gut durch, mit Ausnahme des Debakels, das Duncan am dritten Tag erlebt hatte. Alex war nicht der einzige Trainee mit einem ungewöhnlichen Werdegang. Zwar gab es eine ganze Anzahl weißer, männlicher, angelsächsischer MBAs, doch legte Bloomfield Weiss Wert darauf, sich nicht nur aus diesem Reservoir zu bedienen. Es gab auch eine ganze Reihe Frauen, Inder, Afrikaner und Japaner. Einige wenige waren in Chris’ Alter, zweiundzwanzig, aber die meisten waren ein paar Jahre älter, manche sogar über dreißig. Unter den Amerikanern war ein berufsmäßiger Glücksspieler, eine Frau, die einen E-Commerce aufgezogen hatte, und ein Football-Profi, der hinkte. Unter den Ausländern befand sich ein ehemaliger französischer U-Boot-Fahrer, ein supercooler Japaner, der sich Tex nannte und seine Sonnenbrille nie abzunehmen schien, ein Saudi, der wusste, dass er unkündbar war und daher nicht das Geringste tat, und 54
eine nicht mehr ganz junge Italienerin, die Probleme mit dem gesprochenen Englisch hatte und bemüht war, dem Kurs zu folgen, während sie sich gleichzeitig um ihre dreijährige Tochter kümmerte. Alle wurden gleich behandelt, egal, welcher Herkunft sie waren, alle, bis auf Latasha James, die Schwarzamerikanerin, die neben Chris saß. Alle Professoren, sogar Waldern, behandelten sie stets mit großer Zuvorkommenheit und Höflichkeit. Das brachte Latasha auf die Palme. Die Firma hatte vor, sie in die Abteilung für Gemeindefinanzen zu stecken, wo sie die Beziehungen zu schwarzen Kommunalpolitikern pflegen sollte. Jedenfalls wollte Latasha wie alle anderen behandelt werden. Eric und Alex hatten Recht; es gab eine Menge Speichelleckerei. Die sechzig Trainees, die passiv hinter ihren Pulten hockten, wenn Waldern seinen Kurs hielt, waren plötzlich wie elektrisiert, wenn einer der Generaldirektoren einen Vortrag hielt. Diese Leute leiteten die verschiedenen Abteilungen der Firma. Ihre Vorträge fanden zwischen den normalen Kursveranstaltungen statt. Die Direktoren erläuterten dann, was in ihren Abteilungen geschah. Sie holten sich die Trainees nach dem Programm in ihre Abteilungen. Es handelte sich also um die Leute, die man beeindrucken musste. Der Anblick von sechzig jungen Investmentbankern, die alle zur gleichen Zeit bei einem einzigen Menschen Eindruck zu schinden versuchten, war ekelerregend. Chris wusste, dass er sich eigentlich hätte beteiligen müssen, konnte sich aber nicht dazu überwinden. Ian stellte in seiner lakonischen, lässigen Art die eine auffällige Frage, die sich einprägte. Eric beschränkte sich auf wenige, unge55
heuer scharfsinnige Fragen an die Generaldirektoren der wichtigsten Abteilungen der Firma. Duncan plapperte gelegentlich dummes Zeug, und Lenka brauchte sich nicht in den Vordergrund zu spielen, man stellte ihr Fragen. Es war erheiternd zu sehen, wie die Herren mittleren Alters sie scheinbar zufällig auswählten und stets ihr die gezielten Fragen stellten, die dazu dienten, einen Punkt zu verdeutlichen, auf den es ihnen ankam. Am schlimmsten führte sich natürlich Rudy Moss auf. Wenn Rudy in Form war, brachte er den ganzen Kurs zum gequälten Aufstöhnen. Am schlimmsten war der Tag, an dem Sidney Stahl kam. Stahl war gerade Vorstandsvorsitzender bei Bloomfield Weiss geworden. Er war ein winziger Mann mit einer rauen Stimme, knallroten Hosenträgern und einer riesigen Zigarre, die er fröhlich paffte, während er seinen Vortrag hielt. Chris fand ihn sehr anregend. Zweifellos war er ein Macher, der seine Zeit nicht mit Nebensächlichkeiten verschwendete. Als er sagte, ihn interessiere nicht, wer jemand sei und woher er komme, solange er für die Firma Geld verdiene, nahm ihm Chris das ab. Kaum hatte Stahl seinen Vortrag beendet – dass Bloomfield Weiss nur dann an der Spitze der Wallstreet bleiben könne, wenn es auch weiterhin am schnellsten auf alle Veränderungen der Märkte reagiere – und um Fragen gebeten, als Chris voller Entsetzen sah, wie Rudy Moss die Hand hob. »Mr. Stahl, Rudy Moss.« »Was haben Sie auf dem Herzen, Rudy?« »Nun, Mr. Stahl. Bei Ihren Worten habe ich mich gefragt, welchen Fertigkeiten wir das Kompetenzspektrum 56
verdanken, das für unsere Vormachtstellung gegenüber so vielen neuen Marktteilnehmern sorgt.« Stahl sah ihn an und nahm einen tiefen Zug aus seiner Zigarre. Rudy lächelte erwartungsfroh. Stahl rauchte. Rudy verfärbte sich sichtbar. Stahl rührte sich nicht. Sechzig Trainees rutschten unruhig auf ihren Stühlen hin und her. Rudy brach das Schweigen als Erster. »Ich meine, das Oligopol der großen Firmen zerbröckelt, die Schwellen für den Markteintritt werden niedriger, und wir müssen uns auf unsere Kernkompetenzen besinnen, um zu überleben. Ich frage mich, wie Sie die definieren?« Stahls Augen glühten auf. Wie das Ende seiner Zigarre. »Hören Sie zu, mein Junge, ich werde Ihnen jetzt sagen, wie wir überleben. Die meisten von euch werden Geld für mich verdienen, ‘ne Menge Geld. Die bleiben. Einige von euch werden mich mit irgendwelchem überflüssigem Scheiß nerven. Die sind draußen. Na, zu welcher Sorte wollen Sie gehören, Rudy?« Allgemeines Grinsen in der Runde. »Ich werde für Sie Geld verdienen, Sir«, krächzte Rudy. »Sehr schön. Noch Fragen?« Merkwürdigerweise gab es keine mehr.
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3
Das Examen in Anleihenrechnung fand in der vierten Woche des Programms statt. Das war einer der wichtigsten Tests des ganzen Kurses – George Calhoun hatte keinen Zweifel daran gelassen. Bis neun Uhr abends strapazierte Chris sein Hirn mit der Wiederholung des Stoffs, dann ging es nicht mehr. Gern hätte er Tamara in London angerufen, aber er hatte sie schon einmal um zwei Uhr morgens aufgeweckt, das war keine gute Idee gewesen. Er beschloss, seine beiden Mitbewohner zu einem schnellen Bier in der irischen Bar in der First Avenue zu überreden, die sie zu ihrer Stammkneipe erkoren hatten. Er brauchte ein bisschen Ablenkung, bevor er ins Bett ging. Er klopfte an Duncans Tür. Keine Antwort. Er klopfte noch einmal. »Herein.« Duncan lag auf dem Bett und starrte an die Decke. Sein Schreibtisch sah aus, als hätte eine Bombe eingeschlagen – ein fürchterliches Durcheinander von Notizen und offenen Lehrbüchern. »Das bringt nichts mehr«, sagte Chris. »Gehen wir ein Bier trinken.« »Ich … nein, ich meine … ach, Scheiße …«, stotterte Duncan und begann zu Chris’ Entsetzen zu schluchzen. 58
»Was ist los, Duncan?« »Was zum Teufel glaubst du denn? Es ist dieses Scheißexamen.« »Das ist doch nur ein Test.« »Das ist nicht nur ein verdammter Test. Das ist meine ganze Karriere. Morgen ist sie im Eimer. Sie schicken mich nach London zurück, und ich kann mich bei Barclay’s an die Kasse stellen.« Chris setzte sich aufs Bett. Duncan hatte rote Flecken auf den Wangen. Die Augen hatte er mit den Händen bedeckt, doch eine Träne kroch unter ihnen hervor und lief ihm übers Gesicht. »Red keinen Unsinn«, versuchte Chris ihn zu beruhigen. »Du hast doch gearbeitet. Du kommst bestimmt durch.« »Blödsinn, Chris. Ich hab nicht die geringste Ahnung. In meinem Kopf herrscht absolute Leere.« Wieder schluchzte er. »Ich bin noch nie durch ein Examen gerasselt.« »Und das wirst du auch jetzt nicht«, sagte Chris. »Sieh mal, du machst aus ‘ner Mücke einen Elefanten. Die wollen doch nur wissen, ob wir die Preise von Anleihen und Optionen ausrechnen können. Das ist keine große Sache. Die Mistkerle versuchen nur den Druck zu erhöhen, um unsere Belastbarkeit zu testen.« »Na gut, dann bin ich eben nicht belastbar«, schluchzte Duncan. »Klar bist du das«, sagte Chris. »Setz dich jetzt an den verdammten Schreibtisch, und wir gehen alles durch, was du nicht kapiert hast, bis du es intus hast.« Sie setzten sich mehr als zwei Stunden hin, und Chris versuchte, die Konzepte zu erklären, die ihm selbst erst vor 59
einer Woche so leidlich klar geworden waren. Er war geduldig, und seine Ruhe verfehlte ihre Wirkung nicht. Um Mitternacht konnte Duncan schließlich den Preis einer einfachen Option berechnen. Das musste reichen. Als er Duncan verließ, war Chris erschöpft. Er war auf dem Weg in sein Bett, als er Musik aus Ians Zimmer hörte. Er steckte den Kopf durch die Tür. Ian saß in einem Sessel, eine halb leere Flasche Whisky neben sich, rauchte eine Zigarette und hörte UB40. »Bin gerade bei Duncan gewesen«, sagte Chris. »Er hat die totale Panik wegen morgen.« »Der Knabe macht sich zu viel Sorgen«, sagte Ian. »Ich fürchte, nicht ganz ohne Grund. Ich habe versucht, ihn in Sachen Optionstheorie ins Bild zu setzen. Er hat Glück, wenn er durchkommt.« Ian zuckte die Achseln. »Morgen werden es ein paar Leute nicht schaffen, und du kannst absolut nichts tun, um ihnen zu helfen.« Chris starrte Ian an. Das stimmte nicht. Er wollte, dass Duncan es schaffte, und er hatte sein Bestes getan, um ihm zu helfen. Jedenfalls hoffte er sehr, dass es reichte. »Schaffst du es denn?«, fragte Chris. Es würde schwer für Ian sein, seine Zahlenschwäche in einem Test zu kaschieren, in dem es um Anleihenrechnung ging. Ian blickte auf und lächelte schmal. »Ich? Oh, bei mir klappt es schon.« Er goss sich einen neuen Whisky ein und starrte auf die Wand ein Stück rechts von Chris’ Kopf. Chris überließ ihn seinem Whisky und ging. Duncan kam durch, Ian auch, allerdings nur mit Ach und Krach. Chris schnitt zu seiner Überraschung ziemlich 60
gut ab. Das alles verblasste aber zur Bedeutungslosigkeit neben dem großen Skandal: Zwei Trainees wurden beim Schummeln erwischt. Abby Hollis ertappte Roger Masden, wie er seinen Testbogen Denny Engel zeigte, dem ExFootball-Spieler. Beide wurden aus dem Kursraum geführt und an diesem Nachmittag nicht mehr wiedergesehen. Auch am nächsten Tag erschienen sie nicht. Vor Kursbeginn hielt George Calhoun den übrigen Teilnehmern einen Vortrag über die hohen Maßstäbe, die Bloomfield Weiss anlegte. Er forderte sie eindringlich auf, dem für den nächsten Monat vorgesehenen Ethikkurs mit gesteigerter Aufmerksamkeit zu folgen. Nicht ein einziges Mal erwähnte er Roger und Denny mit Namen. Dafür taten es alle anderen. Das Schicksal der beiden war den ganzen Tag über das einzige Gesprächsthema und befreite die vier bedauernswerten Teilnehmer, die den Test nicht bestanden hatten, etwas von dem Druck, der auf ihnen lastete. »Das waren die ersten beiden«, meinte Duncan beim Mittagessen in der Cafeteria. »Ist eine Farce«, sagte Ian. »Heuchelei hoch drei. Die Leute bei Bloomfield Weiss haben wahrlich keinen Grund, den Moralapostel raushängen zu lassen. Sie sind berüchtigt dafür. In London habe ich gesehen, wie sie ihren Kunden das Fell über die Ohren zogen.« »Das ist ganz offensichtlich eine Überreaktion«, sagte Alex. »Das muss etwas mit der Phoenix-Affäre im letzten Jahr zu tun haben.« Im Jahr zuvor war Dick Waigel, ein Mitarbeiter von Bloomfield Weiss, verhaftet worden, weil er ein kompli61
ziertes Betrugsmanöver durchgeführt hatte, an dem Offshore-Trusts und der Bankrott einer Bausparkasse in Arizona beteiligt gewesen waren. Bloomfield Weiss hatte eine schlechte Presse gehabt. »Und denk an die Burschen, die ihre Kunden nicht nur mit Aktien, sondern auch mit Kokain versorgt haben«, sagte Duncan. »Blicken wir den Tatsachen ins Gesicht, um den Ruf unseres Arbeitgebers ist es nicht zum Besten bestellt.« »Deshalb macht Calhoun ja auch so ein Theater«, sagte Eric. »Das gehört alles zu seiner Strategie, das Programm viel härter zu machen als nötig. Er hofft, dass die Firma besser dasteht, wenn er die Maßstäbe so hoch hängt und uns unter Druck setzt.« »Mag sein«, sagte Alex, »aber ich habe gehört, dass einige Leute auch ganz schön sauer sind.« »Sehr gut«, sagte Duncan. »Warum?«, fragte Chris Alex. »Die Firma hat viel Geld ausgegeben, um die beiden einzustellen. Roger ist intelligent, und du kannst sicher sein, dass es im Börsensaal ein paar Leute gibt, die enttäuscht sind, dass sie keinen Football-Pro mehr haben, mit dem sie einen trinken gehen können. Bloomfield Weiss ist voll von Leuten, die in dieser Situation das Gleiche getan haben. Es war beknackt, sie zu feuern.« »Warum erklärst du Calhoun das nicht?«, sagte Duncan. Auf dem Rückweg zum Kursraum zog Duncan Chris zur Seite. »Übrigens«, sagte er. »Vielen Dank für die Hilfe. Ich hätte es nie geschafft, wenn du mir gestern Nacht nicht unter die Arme gegriffen hättest.« 62
Chris lächelte. »Hör schon auf! Du hättest das Gleiche für mich getan.« Der Frühling kam überfallartig. Eben noch hatten sie sich in ihre neuen Stadtmäntel gehüllt und sich unter einem schneidend kalten Wind geduckt, der um die hohen Gebäude heulte, und am nächsten Tag war die Sonne draußen, die Bäume waren voller Blüten und der Park färbte sich grün. Nach dem Examen in Anleihenrechnung verlangsamte sich das Tempo des Programms, und man gewährte ihnen den einen oder anderen freien Nachmittag. Eine Anzahl Nicht-Amerikaner traf sich samstags auf dem großen Rasen des Parks zum Fußballspielen. Die drei Engländer waren regelmäßige Teilnehmer. Duncan war ein guter Sportler, sehr gewandt und selbst bei einer solchen Freizeitveranstaltung unermüdlich in seinem Einsatz. Die Spiele waren sehr geräuschvoll – dafür sorgten Faisal, der Saudi, und ein paar Brasilianer –, und sehr vergnüglich. Auch Eric und Alex spielten mit, genauso wie übrigens Lenka und Latasha James. Latasha war gut; sie hatte auf dem College europäischen Fußball gespielt. Lenka hatte noch nie gespielt, aber das störte niemanden. Die Männer rissen sich darum, ihr den Ball zuzuspielen, um ihn ihr dann wieder mit viel Körperkontakt abzujagen. Nach einem der Spiele überredeten Lenka und Latasha Duncan, Chris, Ian und Alex, sie zu Zabar’s zu begleiten, einem Feinkostgeschäft auf der West Side. Sie kauften mehrere Tragetaschen voll Köstlichkeiten: französische Brote, Pasteten, exquisite Käsesorten und einen exotischen Fruchtsalat. Lenka geriet völlig aus dem Häuschen, 63
als sie heimische Produkte entdeckte, und bestand darauf, ein paar ungarische Salami und Mixpickles mitzunehmen – Unmengen von Mixpickles. Fasziniert war sie auch von Zabars Sammlung getrockneter Pilze. Sie behauptete, alle Tschechen seien Pilzkenner, und sie habe den größten Teil ihrer Kindheit damit verbracht, die Wälder ihrer Heimat auf der Suche nach Pilzen zu durchstreifen. Schließlich zogen die anderen sie aus dem Geschäft, machten noch einen Abstecher in einer Weinhandlung um die Ecke, erstanden ein paar Flaschen und schlenderten zurück in den Park. Sie gingen langsam, genossen die Frühlingssonne und betrachteten die Jogger, Inlineskater, Fahrradfahrer, Liebespärchen und Verrückten, die New Yorks Spielplatz bevölkerten. Als sie am Standbild von König Jagiello vorbeikamen, der auf seinem Pferd saß und zwei Schwerter überm Kopf schwenkte, blieb Lenka stehen. »Findest du es nicht schön, einen deiner Könige mitten in New York City zu sehen?«, fragte sie Chris. »Als käme er direkt aus dem Mittelalter herbeigeritten.« »Einen meiner Könige?«, fragte Chris. »Na, hör mal! Der Mann hat in der Schlacht von Tannenberg den Deutschen Orden besiegt! Erzähl mir nicht, dass überhaupt kein polnisches Blut mehr in deinen Adern fließt.« Chris lächelte. »Du hast ja Recht. Mein Großvater würde hier stehen und vor ihm salutieren, aber mein Vater hätte in die entgegengesetzte Richtung geblickt. Ich nehme an, ich mach es mir einfach leicht und tu so, als wenn ich Engländer wäre.« »Ich dachte immer, die Polen wären die größten Nationalisten der Welt«, sagte Lenka. 64
»Auf meinen Großvater trifft das zu«, sagte Chris. »Den Vater meiner Mutter. Er ist 1939 nach England geflüchtet. Er war ein Kampfflieger, ein Held, der in der Schlacht um England mitgekämpft hat. Liebend gern hätte er sein Leben für Polen hingegeben. Aber mein Vater glaubte nicht an solche Sachen. Er war Sozialist. Kein Kommunist, aber ein überzeugter Sozialist. Nach seiner Meinung vertieft der Nationalismus die Gräben zwischen den Menschen. Er glaubte nicht an Könige. Bestimmt hätte ihm auch dieser nicht gefallen.« »Was hat er in England gesucht, wenn er Sozialist war?« »Er hasste den Stalinismus. Und England schien ihm kein schlechter Ort zum Leben. Es war das Jahr 1965, und die Labour Party hatte gerade die Wahlen gewonnen. Harold Wilson schien ihm ein besserer Sozialist zu sein als die sowjetischen Apparatschiks in Warschau. Er war Schachspieler, ein internationaler Großmeister. Auf einem Schachturnier in Bournemouth hat er sich abgesetzt. In Yorkshire hatte er Verwandte, dort traf er meine Mutter, und das Resultat dieser Begegnung steht vor dir.« »Ich wette, dein Großvater hat nicht viel von ihm gehalten.« »Wohl wahr.« Das Zerwürfnis zwischen der Familie seiner Mutter und seinem Vater hatte Chris als Jungen sehr gekränkt. Tatsächlich schien die gesamte polnische Gemeinde in Halifax seinem Vater mit Misstrauen zu begegnen. Obwohl er sich abgesetzt hatte, gehörte er für sie zum neuen Regime und war damit niemand, dem man vertrauen konnte. Noch nicht einmal in die Kirche ging er. Trotz seiner Jugend hatte Chris das Misstrauen sehr wohl gespürt und den anderen Polen übel genommen. 65
»Du sprichst von deinem Vater in der Vergangenheit?« Chris seufzte. »Er starb, als ich zehn war.« »Oh, das tut mir Leid.« »Schon gut. Es ist lange her.« »Trotzdem tut es mir Leid.« Sie lächelte. »Auf jeden Fall finde ich es wundervoll, dass hier ein slawischer Held steht. Vielleicht wird man eines Tages auch für Vaclav Havel ein Denkmal errichten.« »Das wäre toll.« In der Nähe des kleinen Bootsteichs fanden sie ein freies Plätzchen. Sie öffneten die Weinflaschen, aßen, tranken und vertrödelten den Nachmittag. Die Mengen von Mixpickles, die Lenka gekauft hatte, konnten sie unmöglich schaffen, daher begannen Duncan und Alex sie schließlich damit zu bewerten, und im Handumdrehen war die schönste Mixpickles-Schlacht in Gange. Das Ganze war ziemlich kindisch, und Chris brachte es nicht über sich, sich zu beteiligen, aber es tat gut zu sehen, dass alle wenigstens eine Zeitlang ihr beschwerliches Dasein als Investmentbanker vergaßen. Chris legte sich ins Gras und blickte in das Stück blauen Himmel, das die Wolkenkratzer der Fifth Avenue frei ließen. Er spürte, wie der Druck des Ausbildungsprogramms von ihm abfiel. Es war wirklich sehr nett in New York, fand er. Müde vom Wein schloss er die Augen. Ein Tropfen Wasser auf seinem Gesicht weckte ihn. Dann noch einer. Die Sonne schien zwar noch, doch über einen Teil des Parks hatte sich eine tintenschwarze Wolke geschoben. Sie öffnete ihre Schleusen, und die Picknicker liefen wie aufgescheuchte Hühner umher, um ihre Sachen einzusammeln. 66
Latasha, Eric und Alex gelang es, das einzige leere Taxi auf der Fifth Avenue zu erwischen, während Chris, Ian, Duncan in ihrem Apartment Zuflucht suchten und Lenka mitnahmen. Unterwegs bot Duncan Lenka unter seinem Mantel Schutz vor dem Platzregen. Als sie völlig durchnässt eintrafen, machte Chris etwas Tee. Lenka ging zuerst unter die Dusche und borgte sich von Duncan ein paar trockene Kleidungsstücke. Anschließend duschten Chris und Ian. In dem allgemeinen Durcheinander verzogen sich Duncan und Lenka, um noch irgendwo etwas zu trinken. Chris und Ian sahen sich groß an, als die Tür hinter den beiden ins Schloss fiel. »Was glaubst du?«, fragte Chris. »Nie und nimmer«, sagte Ian. »Sie ist ein paar Nummern zu groß für ihn.« »Er sieht ziemlich gut aus«, sagte Chris, »mit seinem Dackel-Appeal.« Duncan war kein Beau im üblichen Sinne, aber er hatte ein lustiges, sommersprossiges Gesicht, krause rote Haare, blaue Augen und ein gewinnendes Lächeln, das zu sagen schien: »Komm, lass uns Freunde sein!« Chris hatte seine Wirkung auf einige Frauen bei Bloomfield Weiss in London beobachten können. Er konnte sich durchaus vorstellen, dass Lenka ihn jemand wie beispielsweise Eric mit seinem fein geschnittenen, hübschen Gesicht vorzog. »Sie ist doch viel älter als er«, protestierte Ian. »Sie muss mindestens fünfundzwanzig sein.« »Viel älter ist ja wohl leicht übertrieben«, sagte Chris. »Sie gefällt dir, gib’s zu!« 67
Ian zuckte die Achseln. »Nicht wirklich«, versuchte er möglichst beiläufig zu sagen. »Sie sieht ganz gut aus, nehme ich an.« Chris lachte. »Armes Mädchen. Hat den ganzen Kurs an der Hacke.« »Das gefällt ihr doch«, sagte Ian. »Damit hast du wahrscheinlich Recht.« Duncan kam gegen halb elf zurück. Chris und Ian waren noch wach. »Na?«, sagte Chris. Duncan holte sich ein Bier aus dem Kühlschrank, ließ sich aufs Sofa fallen und legte die Füße auf die Armlehne. »Sie ist einfach umwerfend«, sagte er grinsend. »Und?«, fragte Chris. Duncan öffnete sein Bier und nahm einen Schluck. »Schau’n wir mal.«
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»Carla, haben Sie mir in den letzten zwei Wochen ein einziges Mal zugehört?« »Ja, Herr Professor.« Waldern war schlecht gelaunt. Zu Anfang hatte er sich Ian vorgenommen, doch an dem hatte er sich die Zähne ausgebissen. Daher hatte er sich Carla Morelli zugewandt, einem dankbareren Opfer. »Dann müssten Sie mir auch sagen können, was ein Repo ist.« »Okay, okay«, sagte Carla und schluckte. Die Kursteilnehmer warteten. Angriffslustig streckte Waldern seinen Bart vor und durchbohrte sie mit seinen Blicken. Einige Sekunden lang herrschte Schweigen. Carla murmelte etwas. Theatralisch legte Waldern die Hand ans Ohr. »Ich kann sie nicht verstehen.« »Tut mir Leid«, sagte Carla unsicher. »Tut mir Leid«, wiederholte sie lauter. »Bei einem Repo gibt der Kunde Bloomfield Weiss eine Anleihe, die er nicht hat.« »Gibt uns eine Anleihe, die er nicht hat? Wie meinen Sie das?«, sagte Waldern und blickte ungläubig in die Runde. »Wie kann er jemandem etwas geben, was er nicht hat? Und im Finanzwesen gibt niemand irgendjemandem ir69
gendetwas. Da kauft, verkauft, verleiht oder leiht man.« Mit schnellen Schritten ging er auf und ab und genoss die Situation. »Marktteilnehmer verdienen Geld und investieren Geld, aber auf keinen Fall geben sie es einfach weg.« Carla wurde rot. Sie tat Chris Leid. Lenka hatte ihm erzählt, dass Carla große Schwierigkeiten hatte. Sie hatte das Kindermädchen entlassen müssen und fand nun keinen Ersatz. Sie verstand nur fünfzig Prozent dessen, was im Kurs durchgenommen wurde, und musste ständig ein Wörterbuch zu Rate ziehen, wenn sie sich abends mit den Aufgaben beschäftigte. »Tut mir Leid«, sagte sie. »Ich versuche es noch einmal. Bei einem Repo verkauft der Kunde eine Anleihe, die er nicht short hat …« »Nein, nein, nein, nein, nein!« Entrüstet schürzte Waldern die Lippen. »Dann darf ich meine Frage noch einmal stellen: Haben Sie mir in den letzten zwei Wochen ein einziges Mal zugehört?« »Das habe ich, Herr Professor«, sagte Carla mit zitternden Lippen. »Aber es ist nicht leicht für mich. Mein Englisch ist nicht sehr gut.« »Das akzeptiere ich nicht«, sagte Waldern. »Dies ist eine amerikanische Bank. Wenn Sie hier arbeiten wollen, müssen Sie mindestens so viel Englisch sprechen, dass sie die Konzepte verstehen. Das ist eine Vorbedingung, um an diesem Ausbildungsprogramm teilzunehmen. Also, was ist ein Repo?« Carla schniefte. Sie öffnete den Mund. Eine Träne lief ihr die Wangen hinunter. »Ein Repo ist eine Verkaufs- und Rückkaufvereinba70
rung«, erklang eine Stimme auf der anderen Seite des Saales. Die Kursteilnehmer wandten sich um und blickten hinüber. Es war Lenka. »Eine Vertragspartei verkauft einer anderen eine Anleihe und verpflichtet sich, sie zu einem bestimmten Zeitpunkt zu einem bestimmten Preis zurückzukaufen.« Waldern blickte Lenka finster an. »Ich habe Carla gefragt. Unterbrechen Sie mich bitte nicht.« Er wandte sich wieder an Carla, deren Wangen nass von Tränen waren. »Also, Carla, warum könnte jemand an einem Repo Interesse haben?« Bevor Carla zum Sprechen ansetzen konnte, hatte Lenka schon geantwortet. »Es ist eine preiswerte Methode der Geldbeschaffung zur Finanzierung eines Wertpapierbestands. Der Repo-Satz ist im Allgemeinen niedriger als die Geldmarktsätze.« Waldern fuhr herum. »Ich habe Sie gebeten, mich nicht zu unterbrechen. Ich möchte Sie ein für allemal bitten, Carla auf meine Fragen antworten zu lassen.« »Sie sehen doch, dass sie nicht in der Verfassung ist, auf Ihre Fragen zu antworten. Deshalb antworte ich für sie«, sagte Lenka. »Was möchten Sie sonst noch wissen?« »Ich möchte hier eines klarstellen«, stieß Waldern zähneknirschend hervor. »Ich erwarte von meinen Studenten, dass sie sich im Kurs an meine Anweisungen halten.« »Sie versuchen klarzustellen, dass Sie in diesem Hörsaal die absolute Macht haben und dass Clara gar keine hat.« Der Kommentar kam aus einer der hinteren Bankreihen. Es war Alex. Im Hörsaal wurde es totenstill. Walderns Gesicht färbte sich rot, er öffnete den Mund, als wolle er schreien, überlegte es sich dann aber und 71
schloss ihn wieder. »Ich entscheide, was in diesem Saal geschieht. Und ich werde nicht dulden, dass man meine Autorität untergräbt.« »Völlig einverstanden«, sagte Alex. »Aber wenn Sie Ihre Macht dazu missbrauchen, ihre Studenten zu schikanieren, statt ihnen etwas beizubringen, büßt dieser Machtanspruch seine Rechtfertigung ein.« Die Richtigkeit dieser Feststellung leuchtete allen ein, die sich in dem Raum befanden. Sichtlich erregt verkündete Waldern: »Lenka. Alex. Kommen Sie mit!« Es entstand eine kurze Pause, in der sich Lenka und Alex vielsagende Blicke zuwarfen; dann standen sie beide auf und folgten Waldern aus dem Hörsaal. Als sich die Tür hinter ihnen schloss, brach der Tumult los. Lenka und Alex durften an der Nachmittagsveranstaltung wieder teilnehmen – einem Vortrag der Edelmetallgruppe. Doch um Viertel vor fünf hatten sie einen Termin in George Calhouns Büro. Die anderen warteten bei Jerry’s auf sie. »Ganz schön mutig von den beiden«, sagte Duncan. »Dumm war es«, sagte Ian. »War es nicht«, sagte Chris. »Irgendjemand musste Waldern auf die Füße treten. Was er mit Carla gemacht hat, war unverzeihlich. Sie behandeln uns wie Kinder, aber wir sind keine Kinder mehr. Mensch, wir haben doch schon alle Berufserfahrung. Alex hatte völlig Recht, dass er ihm das klargemacht hat.« »Das ist doch absolut normal für Bloomfield Weiss«, sagte Ian. »Carla muss sich irgendwann daran gewöhnen. 72
Wenn Sie’s nicht abkann, sollte sie die Sache lieber lassen. Besser jetzt als später.« »Nein«, Chris schüttelte den Kopf. Er spürte, wie ihm die Hitze in die Wangen stieg. »Waldern soll uns ausbilden und nicht beleidigen. Alex hatte völlig Recht: Wenn er Menschen so behandelt, verdient er keinen Respekt. Meinen hat er jedenfalls verloren.« »Und warum hast du dann nichts gesagt?«, wollte Ian wissen. Chris schwieg. Er hätte wirklich den Mund aufmachen müssen. Er hätte Lenka und Alex unterstützen müssen. Stattdessen hatte er geschwiegen. Er wollte Ian sagen, dass er zu verblüfft war, um sich zu äußern, ließ es aber, weil er wusste, dass es nicht stimmte. »Du hast nichts gesagt, weil du deinen Job nicht riskieren wolltest«, sagte Ian mit einem triumphierenden Lächeln. »Quatsch!«, sagte Chris, wusste aber, dass Ian Recht hatte. Ians Lächeln wurde noch breiter. »Du bist ein zynischer Bastard.« Ian schüttelte den Kopf. »Ich will nur meinen Job nicht verlieren, genau wie du.« Die Wahrheit dieser Bemerkung traf Chris. Er wandte sich an Eric. »Was denkst du, Eric? Hätten wir was sagen sollen?« Eric überlegte. »Waldern war natürlich im Unrecht, aber ihn in dieser Weise vor den anderen anzugreifen, wird ihn sicherlich nicht dazu bewegen, sein Verhalten zu ändern. Calhoun wird immer Walderns Partei ergreifen. Das muss er.« 73
»Hätte Alex also den Mund halten sollen?«, fragte Chris. Eric zuckte die Achseln. »Wir andern haben es getan.« »Ich für meinen Teil wünschte, ich hätte etwas gesagt«, erwiderte Chris. Duncan hob einen Arm und winkte. »Da sind sie.« Lenka und Alex sahen Duncans Arm und steuerten auf den Tisch zu, an dem die anderen ihnen gespannt entgegenblickten. Sie sahen beide geschafft aus. »Na, wie war’s?«, fragte Duncan. »Wir haben eine erstklassige Standpauke gekriegt«, sagte Alex. »Ich vor allem. Aber wir bleiben im Geschäft.« »Wie habt ihr das hingekriegt?«, fragte Chris. »Tom Risman kam gerade aus Calhouns Büro, als wir reingingen.« »Der Chef der Hypothekenabteilung?«, fragte Chris. »Richtig«, sagte Alex. »Calhoun teilte mir mit, Risman wolle, dass ich bleibe. Aber ich habe eine ernste Verwarnung bekommen. Noch so eine Geschichte, und ich bin draußen.« Ihm gelang eine ziemlich gute Imitation von Calhouns Stimme. »Und was ist mit dir?«, wandte sich Chris an Lenka. »Ich habe ihm gesagt, dass ich Recht hätte und Waldern Unrecht«, sagte sie. »Ihn sollte er rausschmeißen und nicht uns. Er sagte, ich solle den Mund halten und machen, dass ich rauskomme.« »Ich glaube, Calhoun hatte mich auf dem Kieker«, sagte Alex. »Waldern hat sich fürchterlich darüber aufgeregt, dass ich seine Autorität in Frage gestellt habe.« »Na ja, jedenfalls bin ich froh, dass ihr noch beide dabei seid«, sagte Duncan und hob seine Bierflasche. »Ich geb 74
euch einen aus.« Er blickte sich nach einer Kellnerin um. »Ein Glück, dass Tom Risman von der Geschichte gehört hat, sonst wäre ich nicht mehr hier«, sagte Alex. »Wie kam das übrigens?« Er blickte in die Runde. Eric schmunzelte. »Warst du das?« Eric nickte. »Risman meinte, er habe Waldern noch nie ausstehen können. Er hat dir gern geholfen.« »Vielen Dank, Kumpel«, sagte Alex. »Na, wo bleibt nun das Bier?« Auf dem Newark Airport wimmelte es von Menschen. Am Freitagabend wollte jeder irgendeinen Wochenendbesuch abholen. Chris hatte sich gleich nach Kursende verkrümelt und sich mit U-Bahn und Bus hinausgequält. Dabei hätte er sich gar nicht so zu beeilen brauchen. Seit einer Dreiviertelstunde wartete er schon, und sie war noch immer nicht durch den Zoll. Ihr Flug hatte sich um eine halbe Stunde verspätet, vermutlich wartete sie noch immer auf ihr Gepäck. »Chris!« Irgendwie hatte er sie verpasst. Sie ließ ihre Tasche fallen und schlang die Arme um ihn. »Tamara! Wie schön, dich zu sehen.« Sie gab ihm einen raschen Kuss auf die Lippen und barg den Kopf an seiner Brust. Er strich ihr durchs blonde Haar. Es war wirklich schön, sie wieder zusehen. Schließlich lösten sie sich voneinander und wandten sich zum Ausgang. »He, wohin willst du?«, fragte sie. »Zu den Bussen geht es hier entlang.« 75
»Und zu den Taxis hier.« »Aber es ist überhaupt kein Problem mit dem Bus.« »Oh, Chris, sei nicht so knickrig. Ich zahle auch.« Damit wandte sie sich entschlossen der Schlange der Leute zu, die auf Taxis warteten. Chris folgte ihr, und schon bald fuhren sie Richtung Holland Tunnel und Manhattan. »Also, was machen wir heute Abend?«, fragte Tamara. »Ich dachte, wir essen irgendwo. Und dann könnten wir auf eine Party gehen.« »Eine Party? Das hört sich gut an. Da lern ich dann all deine neuen Freunde kennen. Oh, wird dieser schreckliche Duncan auch da sein?« »Er ist nicht schrecklich. Und ja, er wird da sein. Du weißt doch, dass wir ein Apartment teilen. Du wirst dich also mit ihm abfinden müssen. Ian Darwent wird auch kommen. Und den magst du doch, oder?« »Oh, ja. Er ist süß. Ich nehme an, es werden ‘ne Menge Amerikaner da sein?« »New York liegt in Amerika, Tamara«, sagte Chris lächelnd. »Also rechne damit, dass du ein oder zwei von ihnen ertragen musst.« Tamara seufzte. »Wahrscheinlich sind sie gar nicht so übel. Ich muss nur ein bisschen Geduld mit ihnen haben.« »Eric und Alex werden dir gefallen, das sind die Gastgeber.« »Gut. Jetzt komm!« Sie kuschelte sich an ihn und ließ die Hand unter sein Hemd und über seine Brust gleiten. »Das wird ein sehr angenehmes Wochenende werden.« Das Taxi schlängelte sich quer durch Manhattan und hielt 76
endlich vor Chris’ Apartment. Der Fahrpreis war enorm, und irgendwie blieb das Bezahlen an Chris hängen. Im Restaurant hatten sie sich viel zu erzählen, Chris vom Programm und Tamara von ihrem großen Bekanntenkreis. Sie hatten sich in Oxford kennen gelernt, waren aber erst nach den Examina im Abschlussjahr zusammengekommen. Tamara war schlank, blond und gewandt. Sie hatte Chris schon immer gefallen, aber er hätte nie gedacht, dass er eine Chance bei ihr haben könnte. So war er ziemlich überrascht gewesen, als sie nach einer Party in der letzten Semesterwoche zusammen im Bett landeten, und noch überraschter war er gewesen, als sie nach ihrer beider Umzug nach London die Beziehung fortsetzen wollte. Er fing bei Bloomfield Weiss an, sie bei Gurney Kroheim, einer durch und durch britischen Merchant-Bank, die sich um das klassische Kreditgeschäft kümmert. In den folgenden sechs Monaten war die Beziehung immer enger geworden, wenn auch nicht so eng, dass sie zusammengezogen wären. Aber sie hatte seine Einladung nach New York begeistert angenommen, und dafür war er ihr dankbar. Um elf waren sie wieder im Apartment. Aus Ians Zimmer drang laute Musik. Er war draußen gewesen, als sich Tamara und Chris am frühen Abend umgezogen hatten, daher hatte Tamara ihn nicht getroffen. Ohne anzuklopfen, stürmte sie in sein Zimmer, Chris hinterher. Es kümmerte ihn nicht, dass sie Ian beim Umziehen überraschen könnte. Ian würde es nicht stören, und Tamara würde einen kleinen Kick daraus ziehen. Ian war angezogen, aber trotzdem überrascht. Er stand 77
am Schreibtisch über einen kleinen Spiegel gebeugt, auf dem sich eine dünne Linie weißen Pulvers befand. Er wandte sich den Eindringlingen zu und wurde rot. »Ooh, Ian. Na, bereiten wir uns auf die Party vor?« Ian blickte von Chris zu Tamara. »Hm …«, war alles, was er hervorbrachte. »Hallo, Darling«, sagte Tamara, die sein Unbehagen offenbar genoss. Sie hielt ihm die Wange zum Kuss hin, befeuchtete mit der Zunge eine Fingerspitze, tippte damit auf das Pulver und verrieb es auf dem Zahnfleisch. »Mmh. Kann ich noch ein bisschen haben?« »Äh … hi, Tamara. Ja, klar«, sagte Ian und warf Chris einen unsicheren Blick zu. Tamara lachte. »Na komm schon, Chris. Ich bin sicher, Ian hat auch noch was für dich.« Chris starrte die beiden an und wusste nicht, wie er sich verhalten sollte. Schließlich wandte er sich um und ging raus. Er trat in sein Zimmer und blickte auf die belebte Straße hinab, die zwölf Stockwerke unter ihm lag. Er war wütend. Drogen waren für ihn absolut tabu, und dasselbe, hatte er angenommen, galt für seine Freunde, vor allem für seine Freundin. Was dachte sie sich? Drogen zu nehmen war idiotisch. Bei Ian war es zwar etwas überraschend, aber verständlich, wenn Chris näher darüber nachdachte. Aber wie konnte Tamara so dumm sein? Der Ärger war nur, dass er sich selbst schrecklich dumm vorkam, und das machte ihn noch wütender. Natürlich wusste er, dass Drogen genommen wurden. An der Uni hatte er hier und da beobachtet, wie sich Leute zu diesem Zweck verdrückten. Und aus der Presse wusste er, dass sie 78
sich speziell in der Finanzwelt großer Beliebtheit erfreuten. Aber er war ihnen immer aus dem Weg gegangen, oder, um genauer zu sein, sie ihm. Und deshalb kam er sich auch so töricht vor. Er war und blieb ein polnischer Bauer. Was erwartete er denn vor einer Party an einem Ort wie New York City? Reiß dich zusammen, sagte er sich. Bleib cool! Er atmete ein paar Mal tief durch und verließ sein Zimmer. Kichernd kam Tamara aus Ians Zimmer. Sie blieb stehen, als sie Chris erblickte. »Oh, Chris, du sahst so schockiert aus!« »Ich wusste nicht, dass du Drogen nimmst, Tamara.« »Tu ich auch nicht. Nicht wirklich. Nur hin und wieder mal. Wirke ich etwa wie ein Junkie, Chris?« Chris zuckte die Achseln. Ohne es zu wollen, blickte er sie prüfend an. Tamaras Augen sahen normal aus; tatsächlich sahen sie noch genau so aus wie vor einigen Minuten. Und weshalb sollten sie auch nicht: Er war schon wieder töricht! »Du bist so verkrampft«, sagte sie. »Du solltest auch mal probieren.« Chris schüttelte den Kopf. Sie zog seinen Kopf herunter und gab ihm einen langen, heißen Kuss. »Besser?«, fragte sie, als sie sich endlich voneinander lösten. »Schau mal, ich hätte es nie getan, wenn ich gewusst hätte, dass du dich so darüber aufregst. Lass uns aufbrechen, okay? Bist du fertig, Ian?« Sie nahmen ein Taxi zur Upper West Side. Chris blieb stumm, während sich Tamara angeregt mit Ian unterhielt, der sich von seiner charmantesten Seite zeigte. Als sie an79
kamen, war die Party schon in vollem Gange. Eric begrüßte sie an der Tür. In seiner Begleitung befand sich ein Mädchen, das er als Megan vorstellte. Chris war gespannt. Das war also die geheimnisvolle Freundin, die in Washington oder irgendwo in der Ecke wohnte und die Chris noch nicht kennen gelernt hatte. Gewiss, sie war attraktiv, aber nicht so umwerfend, wie man es von Erics Freundin erwartet hätte. Sie hatte langes krauses Haar, ein blasses, intelligentes Gesicht, Sommersprossen, eine Stupsnase und hellblaue Augen. Offenbar war sie sehr jung, kaum achtzehn, wirkte aber viel reifer. Chris fand sie auf Anhieb sympathisch. Chris stellte Tamara vor, und nach einem kurzen Smalltalk schickte Eric sie unter die Gäste mit der Mitteilung, dass das Bier im Bad sei. »Der gefällt mir«, sagte Tamara, während sie sich durch die Menge zum Badezimmer drängten. »Nicht mehr frei«, sagte Chris. »Das war seine Freundin, glaube ich.« »Wirklich? Ich hab sie für seine jüngere Schwester gehalten.« »Ich fürchte nicht.« »Kein Grund, eifersüchtig zu sein, Chris«, sagte Tamara und drückte seine Hand. »Ich bin sehr zufrieden mit dem, was ich habe.« Chris lächelte. Offensichtlich versuchte sie, gut Wetter zu machen; er hatte nicht die Absicht, das Wochenende zu verderben, indem er den Sittenrichter spielte. »Im Übrigen, Geschmack hat er nicht«, sagte Tamara und betrachtete missbilligend die petrochemische Fabrik im Wüstensand, die Alex gemalt hatte. 80
»Find ich nicht«, sagte Chris. »Oh, Chris, du bist ein schrecklicher Technikfreak.« Sie entdeckten das Bier. Es befand sich tatsächlich in der Badewanne, die mit Eis gefüllt war. »Das hab ich ja noch nie gesehen«, sagte Tamara. »Das muss ein alter amerikanischer Brauch sein.« »Ein sehr praktischer dazu«, sagte Alex, der aus dem Gewühle auftauchte. »Aber ich weiß, dass ihr Briten euer Bier lieber warm trinkt. Ich kann euers ja in den Backofen stellen, wenn ihr möchtet?« Tamara lächelte säuerlich. »Ich hätte gern etwas Weißwein«, sagte sie mit ihrem hochmütigsten Gesicht. Chris zuckte innerlich zusammen. »Klar doch, in der Küche ist welcher. Ich bin übrigens Alex Lubron.« »Hallo«, sagte Tamara und blickte an ihm vorbei. »Das ist Tamara«, sagte Chris. »Ich habe viel von dir gehört«, sagte Alex mit einem Lächeln. »Aha«, sagte Tamara. Alex stutzte. Eine winzige Falte erschien zwischen seinen Augenbrauen. »Okay. Dann viel Spaß.« Damit wandte er sich um und begrüßte Tetsundo Suzuki, der gerade eingetroffen war. »Hi, Tex, was liegt an?«, rief er und schlug ihm auf die Schulter. »Wer war denn das?«, sagte Tamara und schüttelte sich. »Alex ist ein Freund von mir«, sagte Chris. »Er hat das Bild gemalt, das dir nicht gefällt.« Tamara bemerkte den strengen Ton in seiner Stimme. »Hör zu, es tut mir Leid, aber diese Geschichte von den 81
Engländern, die warmes Bier mögen, kann ich einfach nicht mehr hören. Holst du mir jetzt ein Glas Wein?« Chris war der Spaß an der Party gründlich verdorben. Er hatte sich sehr darauf gefreut, Tamara seine neuen Freunde zu zeigen, aber er fühlte sich bei jeder Vorstellung unwohl. Nach einer halben Stunde taute sie unter dem Einfluss von Alkohol und Kokain langsam auf und amüsierte sich wahrscheinlich besser als er. Er versuchte, die Drogengeschichte zu vergessen, konnte es aber nicht. »He, Chris, da bist du ja!« Mühelos übertonte Lenkas heiserer Ruf das Stimmengewirr. Sie und Duncan drängelten sich zu Chris und Tamara vor. Lenka legte den Arm um Chris und küsste ihn. Sie war ziemlich beschickert. »Das ist also Tamara? Hallo, Tamara. Willkommen in New York.« Sie lächelte auf Tamara hinab, die gut zwanzig Zentimeter kleiner war. »Hallo«, sagte Tamara kühl. »Du kommst gerade rechtzeitig, um Chris ein bisschen zu entspannen. Er braucht Entspannung. Stimmt doch, Chris, oder?«, sagte Lenka und drückte ihn liebevoll an sich. »Weißt du, er arbeitet zu viel.« »Sicher«, sagte Tamara. »Ihr amerikanischen Banker nehmt die Arbeit sowieso viel zu ernst. Mir gefällt die britische Methode viel besser. Wir legen nicht so viel Wert auf Finanzanalysen und das ganze Zeug. Aber wir kommen auch zurecht.« »Nein, das System ist durchaus sinnvoll«, meinte Duncan ernst. »Aber ihr Merchant-Banker solltet eure eigenen Ausbildungsprogramme haben. Ich glaube nicht, dass man 82
in der modernen Finanzwelt ohne sie überleben kann. Irgendwann geht’s nicht nur darum, was man kann, sondern wen man kennt.« Auf Tamaras Wangen zeigten sich zwei rosafarbene Flecken. Chris erkannte die Symptome und sah dem, was da kam, mit Schrecken entgegen. »Das ist nicht ganz fair, Duncan«, sagte sie. »Gurney Kroheim hat ein paar sehr gute Leute.« »Bestimmt«, sagte Duncan. »Ich meine nur, dass auch diese Leute von einer formellen Ausbildung profitieren würden.« »So wie du?«, fragte Tamara mit einem gemeinen Glitzern in ihren Augen. »Genau«, sagte Duncan misstrauisch. »Du findest also nicht, dass das Ausbildungsprogramm von Bloomfield Weiss zu schwer ist?« »Eigentlich nicht«, meinte Duncan unsicher. »Klar, es ist schwer, aber ich komm schon klar.« »Da hab ich was ganz anderes gehört.« »Was soll das heißen?« Duncan blickte von Tamara zu Chris, der unruhig von einem Fuß auf den anderen trat. »Nun, ein System, das seine Trainees so unter Druck setzt, dass einige darunter zusammenbrechen, kommt mir nicht gerade ideal vor. Aber ich bin sicher, du schaffst es.« Duncan wollte etwas erwidern, verkniff es sich aber. Er wusste, dass Tamara ihn nicht ausstehen konnte, und er war nicht betrunken genug, um es auf einen Streit ankommen zu lassen. Lenka dagegen durchaus. »Warum beleidigst du meinen Freund?«, fragte sie. »Ich beleidige ihn nicht«, sagte Tamara. »Zumindest 83
nicht absichtlich. Duncan hat angefangen. Ich habe ihm nur geantwortet.« Lenka hatte leichte Gleichgewichtsprobleme. »Chris, das ist ja eine schreckliche Person. Ich kann nicht glauben, dass du so eine furchtbare Freundin hast.« Chris, der das Gespräch entsetzt verfolgt hatte, wusste, dass der Zeitpunkt gekommen war, einzugreifen. »Lenka«, sagte er entschieden. »Ich weiß, dass du eine Menge getrunken hast, aber so was darfst du trotzdem nicht sagen.« »Ich darf«, sagte Lenka. »Weil es stimmt. Du bist so ein netter Kerl, Chris. Du hast was Besseres verdient.« »Chris!«, keuchte Tamara, außer sich. »Sag ihr, sie soll sich entschuldigen.« Die Partygäste in der Nähe waren alle verstummt und blickten Chris erwartungsvoll an. »Lenka, ich bin sicher, dass du nicht wirklich meinst, was du eben gesagt hast. Würdest du dich bitte entschuldigen?« »Kommt nicht in Frage!«, sagte Lenka und starrte Tamara an. »Komm«, sagte Duncan und zog sie am Arm. »Komm, lass uns ein bisschen frische Luft schnappen.« Lenka zögerte, ließ sich dann aber von Duncan mitziehen. Schweigend beobachteten die Umstehenden, wie die beiden das Zimmer verließen, dann schwoll das Stimmengewirr explosionsartig an. »Wir gehen«, sagte Tamara entschlossen. »Verabschieden wir uns wenigstens von Eric und Alex«, sagte Chris. 84
»Nein, wir gehen sofort.« Das taten sie dann auch. Als sie auf die stille Straße traten, sahen sie die Umrisse von Lenka und Duncan um die Ecke verschwinden. Chris rief ein Taxi herbei. Schweigend fuhren sie in das Apartment zurück. »Ciao, Chris. Es war schön. Ich werd dich vermissen.« Sie standen vor dem Abflug-Gate des Newark Airport. Es war Sonntagabend; das Wochenende war vorüber. »Vielen Dank, dass du den langen Flug auf dich genommen hast«, sagte Chris. »Das war die Sache wert.« »Glaubst du, dass du noch mal kommen kannst?« »Ich würde gerne«, sagte Tamara. »Vielleicht an dem Feiertag Ende Mai. Wenn ich einen billigen Flug bekomme.« »Wahrscheinlich setzen sie an dem Wochenende die Preise hoch«, sagte Chris. »Um von Leuten wie uns zu profitieren.« »Ich versuch’s trotzdem«, sagte Tamara. Chris zog sie eng an sich, küsste sie und ließ sie dann gehen. Er sah ihr nach, wie sie sich vor dem Metalldetektor anstellte. Sie drehte sich um, bevor sie sich auf den Weg durch den langen Korridor zu ihrem Gate begab, und winkte. Er winkte zurück, dann war sie verschwunden. Chris nahm den Bus zurück zum Port-Authority-BusTerminal. Draußen war es dunkel. Durch die Nacht glühten die orangefarbenen Lichter der Ölraffinerien von New Jersey. Über den verschlungenen Fahrbahnen einer Straßenkreuzung ragten die Zwillingstürme des World Trade 85
Center auf. Der Anblick erinnerte Chris an eines von Alex’ Bildern. Trotz des völlig verpatzten Beginns war das Wochenende noch ganz nett geworden. Tamara hatte eingesehen, dass sie Chris verärgert hatte, und sich bemüht, es wieder gutzumachen. Samstag und Sonntag hatten sie sich kaum im Apartment sehen lassen. Das Wetter war großartig gewesen: Sie gingen im Central Park spazieren, besuchten die Frick Collection und das Museum of Modern Art und verbrachten ein oder zwei Stunden bei Bloomingdale’s und Lord & Taylor. Auch im Bett war es klasse gewesen. Trotzdem wurde Chris den bitteren Nachgeschmack von Freitagabend nicht recht los. Tamara konnte verletzend sein, das wusste jeder. Doch gewöhnlich war sie auch sehr lustig. Sie hatte einen ziemlich beißenden Witz, aber sie meinte es nicht so, wie sie es sagte. Zumindest hatte Chris das bisher immer angenommen. Doch zu seinen Freunden hätte sie netter sein müssen. Sie hätte sich mehr Mühe geben können. Das durfte er von ihr erwarten. Er mochte Duncan. Und obwohl er Alex und Lenka erst seit wenigen Wochen kannte, mochte er sie genauso. Natürlich kannte er Tamara schon viel länger, und natürlich hatte er sie gegen Lenka in Schutz nehmen müssen. Aber es war nicht schön gewesen, dass er sich zwischen seinen neuen Freunden und seiner Freundin hatte entscheiden müssen, und er nahm es Tamara übel, dass sie ihn dazu gezwungen hatte. Lenka hatte gesagt, Tamara sei nicht gut genug für ihn. Chris lächelte. Bestimmt war es Lenkas ehrliche Überzeugung, aber sie irrte sich. Er konnte sich glücklich schätzen, 86
dass er jemanden wie Tamara gefunden hatte. Sie war attraktiv, sie war amüsant, sie hatte Stil. Und sie war gut im Bett. Chris war in dieser Hinsicht nicht so erfahren, wie er es gerne gewesen wäre, aber er wusste, dass Sex mit Tamara grandios war. Er hoffte sehr, dass sie noch einmal nach New York kommen würde. Als er ins Apartment zurückkehrte, wartete Duncan auf ihn. Chris hatte ihn seit Freitagabend nicht mehr gesehen, und zum ersten Mal fragte er sich, wie es Duncan gelungen war, ihnen das ganze Wochenende aus dem Weg zu gehen. »Kommst du mit auf ein Bier?«, fragte Duncan nervös. Chris lächelte. »Okay.« Sie gingen in die irische Bar um die Ecke. Bis das Guinness vor ihnen auf dem Tisch stand, vermieden sie jeden ernsthaften Gesprächsgegenstand. Dann atmete Duncan tief durch. »Tut mir Leid«, sagte er. »Nein«, sagte Chris, »mir tut es Leid.« »Ich hätte mir den Mist über englische MerchantBanken verkneifen sollen. Es war idiotisch. Ich wusste, dass es Tamara auf die Palme bringen würde.« »Das hat es ja auch.« Duncan verschluckte sich an seinem Bier. »Wohl wahr.« Er nahm noch einen Schluck. »Sieh mal, ich weiß, dass Tamara mich nicht mag, und ich glaube nicht, dass sich das je ändern wird, aber du bist immer ein guter Kumpel gewesen, vor allem hier in New York, und ich möchte unsere Freundschaft nicht kaputtmachen.« Chris lächelte. »Mach dir deswegen keine Sorgen, Duncan. Tamara kann manchmal ein bisschen zickig sein. Tut 87
mir Leid, dass du dir diese Kacke von ihr anhören musstest. Ich hätte ihr nicht von dem Examen in Anleihenrechnung erzählen sollen.« »Leider hat sie Recht mit dem, was sie gesagt hat«, meinte Duncan. »Ich schaff dieses verdammte Ausbildungsprogramm nicht.« »Komm, hör auf zu jammern, Duncan. Da fällt mir ein, wo bist du eigentlich das ganze Wochenende gewesen?« Duncan nippte an seinem Bier. Er versuchte, ein Grinsen zu unterdrücken, was ihm aber nicht recht gelingen wollte. Schließlich gab er den Versuch auf. »Sag, dass das nicht wahr ist!«, sagte Chris. »Doch.« »Was, nach der Party?« »Ja.« »Wahnsinn.« »Ja.« »Guck gefälligst nicht so triumphierend aus der Wäsche«, sagte Chris. »Ich erwarte Einzelheiten. Einzelheiten, klar?« »Na ja, nachdem wir gegangen waren, war Lenka ziemlich wütend. Ehrlich gesagt, waren wir es beide. Eine Zeitlang sind wir stumm durch die Gegend gelaufen. Dann haben wir uns über dich und Tamara unterhalten. Und schließlich über andere Dinge.« Duncan hielt inne. Die Andeutung eines Lächelns spielte um seine Mundwinkel. »Am Columbus Circle haben wir nach einem Taxi Ausschau gehalten, und dann habe ich gesagt, ich bring sie zu Fuß zu ihrer Wohnung.« »Im Village?« 88
»Genau.« »Aber das sind ein paar Kilometer!« »Stimmt, aber es kam uns gar nicht so weit vor. Ich meine, es schien ewig zu dauern, aber wir wurden nicht müde oder so. Es war sehr romantisch. Dann waren wir endlich da, und sie hat gesagt, ich soll erst mal mit hochkommen. Ich könne doch nicht gleich den ganzen Weg zurückgehen.« »Und dann?« »Und dann …« Duncan lächelte. »Du hast die verdammte Pflicht, es mir zu erzählen.« »Hab ich nicht.« »Na gut, hast du nicht«, räumte Chris ein. »Aber das Wochenende hast du bei ihr verbracht, stimmt’s?« »Es schien uns sicherer als in unserem Apartment.« »Einleuchtend.« »Habt ihr nicht gemerkt, dass ich nicht da war?« »Nein, ich glaube nicht. Ich habe gedacht, du hockst in deinem Zimmer und schmollst oder so.« Chris nahm einen kräftigen Schluck Bier. Duncan und Lenka. Die Vorstellung gefiel ihm. »Glückwunsch«, sagte er. »Danke. Aber wir wollen’s die anderen im Programm lieber nicht merken lassen. Man weiß nie, wie Calhoun so was aufnimmt.« »Zum Teufel mit Calhoun«, sagte Chris. »Aber in Ordnung, ich halt den Mund. Doch Ian merkt es bestimmt. Und Alex und Eric auch.« »Das lässt sich nicht ändern«, sagte Duncan. »Oh, übrigens, Lenka sagt, es tut ihr Leid. Das, was sie über Tamara gesagt hat.« 89
»Schon in Ordnung.« »Sie sagt, sie bleibt bei dem, was sie gesagt hat, nur hätte sie es nicht sagen sollen.« Chris lächelte. »Sag ihr, auch das ist in Ordnung.«
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Der Sommer kam. Juni und Juli waren heiß in New York, so heiß, dass es unangenehm war, sich draußen aufzuhalten. Die Engländer waren nicht darauf eingestellt: Ihre Wollstoffe von Marks & Spencer eigneten sich nicht für das Klima. Die Luftfeuchtigkeit war so hoch, dass sie nach jedem Fußweg von der Länge eines Häuserblocks in Schweiß gebadet waren. Im Hörsaal herrschte köstliche Kühle, aber in der U-Bahn war es wie im brasilianischen Regenwald. Die Klimaanlage der Lexington-Linie war einem Waggon voll schwitzender Pendler nicht gewachsen. Manchmal zwängten sich Chris, Duncan und Ian an der 42. Straße hinaus und stürzten in einer Bar an der U-Bahn-Station ein kaltes Bier hinunter, bevor sie zur zweiten Etappe in ihren unterirdischen Regenwald zurückkehrten. Natürlich schaffte es Lenka, die ganze Zeit kühl und frisch auszusehen. Dabei kleidete sie sich in einer Weise, die die argwöhnischen Blicke von Abby Hollis auf sich zog, aber unterhalb der Eingreifschwelle blieb. Über Mangel an Arbeit konnten sie nicht klagen. Neben Walderns Kapitalmärkten, die ein unerschöpflicher Gegenstand zu sein schienen, standen Kurse in Unternehmensfinanzierung, Buchhaltung, Theorie der Außenwirtschaft, Kreditwürdigkeitsprüfung und Ethik auf dem Programm. 91
Aus allen Unternehmensbereichen von Bloomfield Weiss kamen Leute, um ihnen Vorträge zu halten – aus Tokio und Chicago, von Global Custody – der Abteilung für Abrechnung und Verwahrung von Wertpapieren – bis zur Abteilung für Aktienderivate. Das Tempo war nicht immer gleich, aber der Druck ließ nie nach – dafür sorgte George Calhoun. Zu seiner großen Überraschung stellte Chris fest, dass er Gefallen an dem Programm fand. In dem Maße, wie ihm die Konzepte klarer wurden und sich zu einem Gesamtbild zusammenfügten, wuchs sein Interesse. Mit besonderer Aufmerksamkeit lauschte er den Vorträgen der Wertpapierhändler. Diese Veranstaltungen waren bei den Trainees sehr beliebt, denn wenn Bloomfield Weiss für etwas stand, war es der Wertpapierhandel. Das Jonglieren mit Dollarmilliarden, die großspurigen, harten Typen mit ihrem Machovokabular, dieser Mischung aus Sex und Gewalt – das alles war für einen bestimmten Typus von Trainees äußerst attraktiv. Doch Chris hatte andere Gründe. Ihn faszinierte, wie sich die Beziehungen zwischen Märkten veränderten, wie sich Angebot und Nachfrage in der Kursbewegung niederschlugen und wie man Risikokapital so einsetzte, dass die Verluste begrenzt wurden und sich die Gewinne frei entwickeln konnten. An den vollmundigen Geschichten von Cash Callaghan, einem Spitzenverkäufer des Londoner Büros, der damit prahlte, wie er »diese Papiere gekitzelt und hochgejubelt« hatte, war Chris weniger interessiert als an den kühlen Analysen von Seymour Tanner, dem neunundzwanzigjährigen Star der Eigenhandelsabteilung, von dem es hieß, er habe im Vorjahr zweihundert Millio92
nen Dollar für die Firma verdient. Zum ersten Mal entwickelte Chris eine Art Zugehörigkeitsgefühl zu Bloomfield Weiss. Es gab da eine Aufgabe, der er sich gewachsen fühlte – wenn man ihn ließ. George Calhoun war bestrebt, den Konkurrenzdruck zu erhöhen. Er wollte seine Trainees anheizen, sie hungrig machen, die Ziele möglichst hochstecken. Daher führte er eine Rangliste ein, von eins bis sechzig oder vielmehr bis achtundfünfzig – seit dem Fortgang von Denny Engel und Roger Masden. Die Rangliste beruhte auf den zusammengefassten Ergebnissen der verschiedenen Tests, die im Laufe des Programms durchgeführt wurden. Um für ein bisschen Pfeffer zu sorgen, hatte er eine dicke rote Linie zwischen Nummer fünfundvierzig und Nummer sechsundvierzig gezogen, dem ominösen untersten Viertel. Außerdem verkündete er, die ersten drei Trainees würden am Ende des Programms einen Bonus erhalten. Auf Nummer eins war Rudy Moss. Auf Nummer zwei Eric Astle. Und auf Nummer drei – sehr zum Verdruss von Calhoun – stand Lenka. Am anderen Ende krebste Duncan so um Platz fünfzig herum, mit anderen Worten, im letzten Viertel, aber immer noch in Sichtweite des rettenden Ufers. Nach seinem schlechten Abschneiden in Anleihenrechnung stand Ian auf Platz zweiundvierzig, arbeitete sich aber kontinuierlich nach oben. Alex war zwei Plätze besser als vierzig, und Chris befand sich zu seiner großen Überraschung auf Platz fünfundzwanzig. Trotz der unterschiedlichen Leistungsstände – oder vielleicht gerade deshalb – blieb die Arbeitsgemeinschaft zusammen. Auf Eric und Lenkas Erfolg waren sie alle stolz, und alle woll93
ten sie dafür sorgen, dass Duncan und Alex auf sichere Plätze kamen. Allerdings gab es einen Kurs, der Chris überhaupt nicht zusagte. Ethik. Ian nannte ihn Unternehmensheuchelei, und der Name passte. Der Kurs war der zynische Versuch, die Flecken auf der weißen Weste zu tilgen, die Bloomfield Weiss seit dem Bausparkassenskandal in Phoenix und der Verurteilung der beiden mit Drogen dealenden Wertpapierverkäufer erlitten hatte. Der Kontrast zwischen Martin Krohl, der den Ethik-Kurs gab, und den wechselnden Managern, die ihnen in allen Einzelheiten berichteten, wie sie ihre Kunden abzockten, hätte etwas Komisches haben können, wenn der Ethik-Kurs nicht mit einem solchen Bierernst durchgezogen worden wäre. In dieser Prüfung schnitt Ian als Bester ab, was keine große Überraschung war. Er war intelligent, auf dem Gebiet gab es weit und breit keine Zahlen, und sein angeborener Zynismus kam der Art und Weise, wie der Gegenstand bei Bloomfield Weiss gelehrt wurde, entgegen. Lenka fiel durch. Sie erklärte, sie habe das Bedürfnis gehabt, einige ihrer Antworten »klarzustellen«, und diese Klarstellungen hätten Krohl wohl nicht gefallen. Es war nicht ohne Ironie, dass Ian in einer Ethik-Prüfung von Bloomfield Weiss vorne lag und Lenka zu den Letzten gehörte. Dies entging auch Chris und Duncan nicht, die sich beide ein bisschen schämten, so gut abgeschnitten zu haben. Die Beziehung von Duncan und Lenka entwickelte sich prächtig. Aber sie handhabten die Geschichte sehr professionell. Im Unterricht oder vor anderen Trainees ließen sie sich nicht das Geringste anmerken. Sogar in Gesellschaft 94
von Eric, Alex, Chris und Ian benahmen sie sich eher wie gute Freunde als wie ein Liebespaar. Saßen sie in einer Bar oder einem Restaurant nebeneinander, dann gab es viel gutmütige Neckerei, aber nichts von jener alle anderen ausschließenden, sich selbst genügenden Intimität, mit der ein Pärchen häufig einen Freundeskreis empfindlich stören kann. Doch sie verbrachten viel Zeit miteinander. Gewöhnlich blieb Duncan bei Lenka im Village und kam oft erst nach Mitternacht nach Hause – an den Wochenenden meist gar nicht. Am Wochenende des Memorial Day fuhren sie zusammen nach Cape Cod. Obwohl Duncan nicht viel Schlaf bekam, blühte er sichtlich auf. Er war glücklich, und das Selbstmitleid in Sachen Ausbildungsprogramm, das Chris und Ian allmählich auf die Nerven gegangen war, verschwand. Auch Lenka schien glücklich, allerdings war das bei ihr eher der Normalzustand. Ian fragte sich zwar gelegentlich, was sie an Duncan fand, doch selbst er konnte nicht leugnen, dass Duncan eine unwiderstehlich gute Laune verbreitete. Abgesehen davon, war auch Ian kein Kind von Traurigkeit. Häufig zog er abends um neun oder zehn noch mal los. Gelegentlich stolperte Chris dann am nächsten Morgen im Badezimmer über eine fremde Frau. Im Laufe des Sommers passierte das vier oder fünf Mal. Die meisten waren Amerikanerinnen, aber einmal war es ein Aupairmädchen aus Frankreich. Sie war die einzige, die Chris mehr als einmal sah. Attraktiv waren sie alle. Chris war nicht überrascht, dass Ians Erfolg bei Frauen, der schon in Oxford bemerkenswert gewesen war, hier in 95
New York noch größer war. Er setzte seinen Akzent sehr bewusst ein, und aus irgendeinem Grund, der Chris nicht recht klar war, schienen Frauen seine Arroganz nicht abstoßend, sondern anziehend zu finden. Sicherlich kam keine von den Frauen, die er mitten in der Nacht anschleppte, auf die Idee, dies sei der Beginn einer wunderbaren Beziehung. Vielleicht aber, so überlegte Chris, war das der Hauptgrund, dass sie mitkamen. Ians Erfolge waren umso bemerkenswerter, weil damals die Aids-Angst in New York umging. Ian war der Meinung, das Risiko für Heterosexuelle werde überschätzt, und offenbar waren seine weiblichen Gäste derselben Ansicht. Duncan ließ besondere Sorgfalt beim Abwasch walten. Alex hatte große Probleme. Seine Mutter war krank. Sehr krank. Sie hatte Leukämie, und ihr Zustand verschlimmerte sich. Bis auf Eric hatte er niemandem davon erzählt, doch als die Krankheit unaufhaltsam fortschritt, wollte Alex möglichst viel Zeit bei ihr verbringen. Sie lag in einem Krankenhaus in New Brunswick. Jedes Wochenende fuhr er hin, manchmal sogar am Abend nach dem Unterricht. Er fehlte so oft es ging, aber natürlich hatte Calhoun nicht das geringste Verständnis dafür. Schon bald teilte er Alex mit, dass er beim nächsten Fehltag aus dem Programm flöge. Alex’ Vater war vor drei Jahren gestorben, bald darauf hatte sein Bruder begonnen, sich in der Welt herumzutreiben. Augenblicklich arbeitete er auf einem Segelschiff in Australien. Alex war empört, als ihm der Bruder mitteilte, er könne nicht in die Vereinigten Staaten kommen, um seine Mutter zu besuchen. Damit ruhte die ganze Verant96
wortung auf Alex, der schwer an dieser Last trug. Wenn man sie nicht mit Mitteln voll pumpte, litt sie unter großen Schmerzen, und Alex litt mit ihr. Es zerriss ihm das Herz, bei jemandem zu sitzen, der kaum sprechen konnte und sich so schrecklich quälte. Er ertrug es nicht, bei ihr zu sein, und er ertrug es nicht, nicht bei ihr zu sein. Lenka begleitete ihn bei einigen dieser Besuche, das schien ihm gut zu tun. Aber das Lernen kam zu kurz, und bald war er so weit abgerutscht, dass er Duncans Platz im letzten Viertel einnahm. Tamara kam noch einmal rüber. Es war das Wochenende des 4. Juli. Dieses Mal flog sie direkt nach Washington, und Chris nahm einen Amtrak-Zug, um sich dort mit ihr zu treffen. Es wurde ein herrliches Wochenende. Sie schauten sich das Feuerwerk auf dem Capitol Hill an, hörten die 1812 Ouvertüre und erkundeten die Stadt und ihre Restaurants, die in der Sommerhitze brüteten. Chris war hier viel entspannter: Tamara konnte ihre unliebenswürdigen Bemerkungen über Amerika und die Amerikaner machen, ohne dass Bekannte es hörten und ohne dass er sich Sorgen machen musste, sie könnte irgendwelche Freunde beleidigen. Duncans Glück überstand den Sommer nicht. Es zerbrach an einem feuchtheißen Samstagabend, zwei Wochen vor Ende des Programms. Chris lag in unruhigem Schlaf, nur mit einem Laken bedeckt, als die Wohnungstür mit lautem Knall ins Schloss fiel und ihn weckte. Er warf einen Blick auf den Wecker. Viertel nach eins. Dann hörte er ein Grunzen. Duncan. Chris drehte sich auf den Rücken und lauschte. Gewöhnlich bemühte sich Duncan, keinen Lärm 97
zu machen, wenn er von Lenka kam. Wach geworden, fiel Chris noch eine weitere Ungewöhnlichkeit auf: Samstags blieb Duncan meist bei Lenka. Es gab keinen Grund für ihn, mitten in der Nacht ins Apartment zurückzukehren. Ein lautes Geräusch. Duncan fluchte. Noch ein Grunzen. Lärmend fiel ein Stuhl um. Das hörte sich nicht gut an. Chris wälzte sich aus dem Bett und zog sich seinen Bademantel an. Duncan stand schwankend im Flur. Sein Gesicht war weiß im grellen Flurlicht. »Alles in Ordnung, Duncan?« Duncan blies die Backen auf und versuchte, Chris zu fixieren. »Hab nur ein bisschen gebechert«, sagte er mit schwerer Zunge. »Werd zu Bett gehen. Fühl mich beschissen.« Er war sternhagelvoll. Chris gefiel nicht, wie Duncans Brustkorb arbeitete. Als versuche er krampfhaft, etwas zurückzuhalten. »Lass uns ins Badezimmer gehen, Duncan«, sagte Chris und fasste ihn am Arm. »Nein! Bett!«, sagte Duncan, ließ sich dann aber doch von Chris mitziehen. Kaum sah er die Kloschüssel, brachen alle Dämme. Chris hielt Duncan, während er seinen Mageninhalt ins Waschbecken entleerte. Chris hörte Ian eintreten. »Heilige Scheiße«, sagte der. »Dieser Blödmann. Ich hoffe, er macht die Sauerei hier weg.« »Dazu dürfte er wohl kaum in der Lage sein.« »Ich kümmere mich jedenfalls nicht darum«, sagte Ian, zog sich wieder in sein Zimmer zurück und schloss die Tür fest hinter sich. 98
Chris säuberte das Waschbecken und Duncan. Dann zog er ihm den größten Teil seiner Kleidung aus und legte ihn ins Bett. Duncan schlief sofort ein. Am späten Vormittag warf Chris einen Blick in Duncans Zimmer. Er lag auf dem Rücken und starrte mit offenen Augen an die Decke. Im Zimmer hing ein schaler Alkoholgeruch. »Wie geht’s dir?«, fragte Chris. »Beschissen«, sagte Duncan heiser. »Kannst du mir ein bisschen Wasser bringen, Chris?« Chris kehrte mit einem großen Glas zurück, das Duncan in einem Zug leerte. »Mein Gott, tut mir der Kopf weh!« »So besoffen habe ich dich noch nie gesehen«, sagte Chris. Duncan schüttelte den Kopf. »Ich weiß noch nicht mal, wie ich nach Hause gekommen bin. Hast du mir geholfen, ins Bett zu kommen?« Chris nickte. »Danke.« Duncan fuhr sich mit der Zunge über die trockenen Lippen. »Igitt. Hab ich gestern Abend gekotzt?« »Ja. Was war denn los?« »Wir hatten Streit.« »Lenka und du?« »Ja.« Chris wartete. Er wusste, Duncan würde schon mit der Sprache herausrücken. Duncan seufzte und verzog das Gesicht gequält. »Diese verdammten Kopfschmerzen. Es ist vorbei, Chris.« »Echt? Bist du sicher?« 99
»Ob ich sicher bin? Natürlich bin ich sicher.« »Warum? Was ist passiert?« Duncan hielt inne. »Es ist meine Schuld. Ich habe sie zu sehr bedrängt.« »Weswegen?« Er seufzte. »Ich habe ihr vorgeschlagen, dass wir zusammenziehen. Das Programm ist in zwei Wochen vorbei, und ich konnte den Gedanken nicht ertragen, nach London zurückzukehren und sie hier zu lassen. Mir ist klar geworden, dass sie das Wichtigste in meinem Leben ist. Meine Karriere bei Bloomfield Weiss ist sowieso im Eimer. Ich habe ihr also gesagt, dass ich kündigen und bei ihr in New York bleiben würde. Es wäre kein Problem, eine Stellung an der Wallstreet zu finden. Sie könne auch mit mir nach London kommen, oder wir würden beide in die Tschechoslowakei gehen. Das sei mir alles gleich. Ich wolle sie bloß nicht verlieren.« »Und was hat sie gesagt?« »Zunächst gar nichts. Sie schwieg, als denke sie nach. Aber ich wusste sofort, dass ich’s vermasselt hatte.« Duncan hielt inne und zog wieder eine gequälte Grimasse – ob wegen der Kopfschmerzen oder Lenka, konnte Chris nicht entscheiden. »Dann sagte sie, auch sie habe darüber nachgedacht, was sein würde, wenn das Programm zu Ende sei. Sie sagte, sie habe mich gern, aber wolle nicht die Verpflichtung eingehen, die ein solches Zusammenleben bedeute. Es sei besser für uns beide, wenn wir uns jetzt trennen würden.« »Ganz schön heftig!« »Du sagst es. Und dann habe ich die Sache endgültig in 100
den Sand gesetzt. Ich habe ihr gesagt, dass ich sie liebe. Ich liebe sie wirklich, Chris. Ich dachte, wenn ich ihr das sage und ehrlich bin, würde sie auch zugeben, dass sie mich liebt. Stattdessen sagte sie keinen Ton mehr. Kein Wort darüber, was sie für mich empfindet, nur, dass es das Beste wäre, wenn wir uns nicht mehr sähen.« Einen Augenblick hing Duncan seinen trübseligen Gedanken nach. »Ich konnte die Vorstellung einfach nicht ertragen«, fuhr er dann fort. »Ich bin nur noch zwei Wochen in New York und möchte wenigstens diese Zeit noch mit Lenka verbringen. Also schlug ich ihr vor, dass wir uns weiter sehen und die Zukunft erst einmal beiseite lassen. Aber davon wollte sie nichts mehr wissen. Ich habe auf sie eingeredet, aber sie hat mir nicht zugehört. Zum Schluss hat sie mich praktisch rausgeschmissen.« »Und dann bist du einen trinken gegangen?« »Ich wollte es nicht wahrhaben. Will es noch immer nicht. Das zwischen mir und Lenka, das ist etwas ganz Besonderes. Sie ist die tollste Frau, die ich je kennen gelernt habe. So was finde ich doch nie wieder, oder?« Fragend blickte er Chris an. »Lenka ist was ganz Besonderes«, sagte Chris vorsichtig. »Natürlich ist sie das«, sagte Duncan. »Eben denkst du noch, du bleibst dein Leben lang mit ihr zusammen, und im nächsten Augenblick …« »Das muss hart gewesen sein.« »Das war es. Das ist es. Oh, mein Gott.« Bestürzt und peinlich berührt sah Chris Tränen über Duncans Gesicht laufen. Chris hatte keine Ahnung, was er sagen sollte. Len101
ka wusste, was sie wollte, und wenn sie gesagt hatte, dass es aus war, dann war es aus. Duncan musste sich irgendwie damit abfinden. Aber leicht würde es nicht sein, das war Chris klar. »Wenn du dich dazu imstande fühlst, könnten wir einen Spaziergang im Park machen und ein bisschen darüber reden«, sagte Chris. »Das wäre schön«, sagte Duncan. »Ich bin in einer Minute fertig.« Chris betrat das Wohnzimmer. Ian las die Sonntagsausgabe der New York Times. »Was ist los mit ihm?«, fragte Ian, ohne aufzublicken. »Lenka hat Schluss gemacht.« »Ich hab doch gesagt, dass sie eine Nummer zu groß ist für ihn.« Er ließ die Zeitung sinken und stöhnte. »Ich glaube nicht, dass ich das Gejammer ertragen kann. Es wird ziemlich schlimm werden.« Es wurde ziemlich schlimm. Duncan war untröstlich. Er schlief nicht, trank Ians Whisky bis spät in die Nacht, und wenn er den geleert hatte, ging er eine neue Flasche kaufen. Tag und Nacht rief er Lenka an, bis sie den Hörer nicht mehr abnahm. Im Unterricht benahm er sich unmöglich, trug vor ihren Augen sein Leid zur Schau und weigerte sich, irgendjemandem zu erzählen, was los war. Einige der anderen Trainees machten sich Sorgen und fragten Chris und Ian, was er habe. Chris und Ian hielten es für besser, so zu tun, als wüssten sie auch nichts, was Ian offenkundig leichter fiel als Chris. Chris bemühte sich sehr, Verständnis für Duncan auf102
zubringen, aber sogar er verlor die Geduld mit ihm. Das Programm verschärfte sich. Das Abschlussexamen würde einen Vier-Stunden-Test über Kapitalmärkte umfassen, und alle wussten, dass Waldern es ihnen nicht leicht machen würde. Der ganze Kurs paukte wie besessen, nur Duncan nicht. Das machte Chris Sorgen. Duncan stand an einundvierzigster Position, nur fünf Plätze über der gefürchteten Demarkationslinie, und die Kapitalmärkte fielen bei der Gesamtbenotung erheblich ins Gewicht. Während Chris und Ian am Abend über den Büchern hockten, hing Duncan entweder irgendwo in einer Bar herum oder, noch schlimmer, saß in seinem Zimmer und schüttete den Whisky dort in sich hinein. Die Arbeitsgemeinschaft traf sich zwar noch regelmäßig in Erics und Alex’ Apartment, aber Duncan erschien nicht mehr. Zwar machten sich die anderen Sorgen um ihn, waren aber auch froh, dass sie sein Selbstmitleid nicht mehr ertragen mussten. Lenka kam wie eh und je. Sie wirkte zwar ein bisschen gedämpfter als sonst, doch war sie weit gefasster als Duncan. Am Donnerstag nach dem Zerwürfnis verließ Chris die Sitzung etwas früher, als Lenka hinter ihm her gelaufen kam. Gemeinsam gingen sie die Columbus Avenue hinunter. »Wie geht es Duncan?«, fragte sie. »Schlecht.« »Oh.« Schweigend legten sie ein paar Schritte zurück. Dann sagte Lenka: »Weißt du, ich mag ihn. Und ich mache mir Sorgen um ihn. Du musst dich um ihn kümmern, bitte!« 103
»Ich versuch es ja«, sagte Chris. »Aber es ist schwierig.« »Das Problem ist, wenn ich nett zu ihm bin, dann wecke ich falsche Hoffnungen in ihm. Er muss wissen, dass es vorbei ist. Es muss ein klarer Schlussstrich gezogen werden. Je länger es dauert, desto schlimmer wird es für ihn. Verstehst du?« »Ich glaube schon.« Chris wollte nicht Partei ergreifen, daher blieb er so unverbindlich wie möglich. Aber er war schon der Meinung, dass Lenka Recht hatte; bei Duncan wäre ein »Vielleicht« wahrscheinlich fatal gewesen. »Weißt du, ich habe ihm nichts vorgemacht«, sagte Lenka. »Wir haben uns einfach amüsiert. Ich habe die Sache nicht besonders ernst genommen und dachte, darüber seien wir uns einig. Als er mir dann erklärte, er wolle seine Stellung sausen lassen, um mit mir zusammenzuleben, wurde mir klar, dass er unsere Beziehung ganz anders sah. Deshalb habe ich Schluss gemacht. Es wäre Unrecht gewesen, die Sache weiterlaufen zu lassen.« »Hast du denn nicht gesehen, dass Duncan bis über beide Ohren in dich verknallt war?« Lenka seufzte. »Nein. So geht mir das ständig mit den Männern. Ich beginne eine Beziehung mit einem netten Mann, wir amüsieren uns, und plötzlich wird er todernst und will mich fürs Leben. Ich dachte, Duncan sei anders; schließlich ist das Ausbildungsprogramm nur von begrenzter Dauer. Es gab sozusagen ein vorprogrammiertes Ende. Aber davon wollte Duncan nichts wissen.« »Was ist denn so schlimm an einer ernsten Beziehung?« »Ich hatte mal eine. In Prag. Wir waren verlobt. Er studierte Medizin, und ich liebte ihn. Aber als ich nach der 104
Samtrevolution plötzlich die Gelegenheit hatte, aus unserem langweiligen Land herauszukommen und die Welt zu sehen, wollte er mich nicht gehen lassen.« »Wie das? Er konnte dich doch nicht fesseln?« »Er hatte eine sehr klare Vorstellung von unserer Beziehung. Tschechinnen heiraten früher als Westeuropäerinnen oder Amerikanerinnen. Er dachte, wenn wir erst einmal verheiratet wären, würde er sein Medizinstudium abschließen, und ich müsste ihm überall dorthin folgen, wohin ihn sein Beruf führe. Genau wie meine Mutter. Hast du gewusst, dass mein Vater Arzt ist?« »Nein.« »Also, ich hatte zwei Möglichkeiten. Ich konnte das neue Leben im Westen kennen lernen oder schon mit fünfundzwanzig das langweilige Dasein einer tschechischen Ehefrau und Mutter führen. Es war eine schwierige Entscheidung. Ich liebte Karel, aber im Grunde genommen gab es nur eine Entscheidung. In die Vereinigten Staaten zu gehen.« »Und seither?« »Das Letzte, was ich brauche, ist eine ernsthafte Beziehung.« »Warum nicht?«, fragte Chris. »Danach suchen doch die meisten Menschen.« Lenka dachte einen Augenblick nach, bevor sie antwortete. »Vermutlich weiß ich noch nicht, wer ich wirklich bin oder wer ich sein möchte. Ihr könnt euch kaum vorstellen, wie es bei uns in der Tschechoslowakei unter dem Kommunismus war. Amerika ist ganz anders; und das meiste, was anders ist, gefällt mir. Ich merke, dass ich mich verän105
dere, aber ich weiß nicht genau wie. Bestimmt werde ich keine Amerikanerin, selbst wenn ich hier eine Zeitlang lebe. Ich werde immer Tschechin bleiben. Eines Tages gehe ich zurück und tue etwas für mein Land, vielleicht mit den Fertigkeiten, die ich hier gelernt habe.« »Verstehe.« »Deshalb kommt für mich eine langfristige Beziehung mit Duncan – oder irgendjemand anders – nicht in Frage. Im übrigen würde Duncan gar nicht wissen, auf was er sich einlässt.« Lenka biss sich auf die Lippen. »Ich weiß, dass ich Duncan verletzt habe, das wollte ich nicht. Aber ich habe damals auch Karel verletzt, und mich selbst noch viel mehr. Das soll auf keinen Fall noch mal passieren.« »Das kann ich verstehen«, sagte Chris. »Wirklich?«, fragte Lenka und sah ihn prüfend an. »Verstehst du das wirklich?« »Ich denke doch.« »Und kannst du es auch Duncan klar machen?« Chris zögerte. »Weiß ich nicht. Wahrscheinlich nicht. Er ist Vernunftargumenten im Augenblick nicht sehr zugänglich.« »Das kann man wohl sagen. Ich habe vor ein paar Tagen versucht, mit ihm zu reden, aber das war zwecklos. So kann es nicht weitergehen. Er benimmt sich, als hätte ich was mit einem anderen. Pausenlos ruft er mich an und macht sich vor den anderen Kursteilnehmern zum Narren. Er verfolgt mich. Schickt mir Briefe, die ich ungelesen in den Papierkorb werfe. Und flüstert mir zu, wie leer und sinnlos sein Leben ist. Er muss einfach kapieren, dass es aus ist.« 106
»Ich werde tun, was ich kann«, sagte Chris. »Danke«, sagte Lenka. »Ich kann nämlich nicht mehr. Irgendjemand muss es ihm klar machen.« Chris beschloss, am folgenden Tag mit Duncan über Lenka zu sprechen. Nachdem sie in der Cafeteria im zwölften Stock zu Mittag gegessen hatten, schlug Chris einen kurzen Spaziergang im Battery Park vor. Sie ließen ihre Jacken zurück. Der Park lag nur wenige Häuserblocks entfernt. Wie immer war es heiß und feucht. Müßig schlenderten Touristen zwischen Souvenirverkäufern und Büroangestellten, die Sandwiches aßen. Nur die Möwen waren fleißig und stürzten sich auf jeden Krümel, der zu Boden fiel. Heiß und schwer hing der Smog in der Luft. Draußen im Hafenbecken ragte die Fackel der Freiheitsstatue in den leuchtenden Dunst. »Ich habe gestern mit Lenka gesprochen«, begann Chris. »Ach, wirklich?« Duncans Interesse war jäh erwacht. »Sie sagt, es ist überhaupt nicht daran zu denken, dass ihr noch einmal zusammenkommt. Sie ist nicht bereit, eine längere Beziehung mit irgendjemand einzugehen.« Der Hoffnungsschimmer in Duncans Augen verschwand so rasch, wie er gekommen war, und machte Bitterkeit Platz. »Ja und?« Seine Antwort verwirrte Chris. »Na, dann hat es doch keinen Sinn, sie weiter zu bedrängen.« »Ich weiß, dass sie das behauptet«, sagte Duncan finster. »Genau darum geht es. Sie irrt sich, und das muss ich ihr beweisen. Wenn ich sie in Ruhe lasse, kann das ja wohl kaum klappen, oder? Ich muss ihr zeigen, wie sehr ich sie liebe, damit sie sich endlich eingesteht, dass sie mich auch 107
liebt. Und das tut sie, egal, was sie sagt. Ich weiß es einfach.« Trotzig starrte er Chris an. »Hat sie dir von dem Typen erzählt, mit dem sie in der Tschechoslowakei verlobt war? Dass sie sich von ihm getrennt hat? Sie wollte sich damals nicht binden, und sie will es heute nicht.« »Das war was ganz anderes«, sagte Duncan. »Er wollte, dass sie alles für ihn aufgibt. Ich will alles für sie aufgeben.« Chris hielt den Mund. Er hatte gewusst, dass es zwecklos war, mit Duncan zu reden. Er hätte sich den Versuch sparen können. Aus den Augenwinkeln sah er, dass Gefahr im Verzug war. Vom War Memorial kamen Lenka und Alex auf sie zu, augenscheinlich sehr in eine Unterhaltung vertieft. »Na gut, tu, was du nicht lassen kannst«, sagte Chris und griff nach Duncans Arm. »Gehen wir ins Büro zurück.« Zu spät. Duncan hatte sie bereits gesehen. »Da. Guck dir das an!« »Duncan«, sagte Chris und zog ihn am Ärmel. Duncan riss sich los. »Das kann doch nicht wahr sein! Schau, was sie tun.« »Sie unterhalten sich, das ist alles. Sie sind Freunde. Sie sind unsere Freunde.« »Ja, aber guck dir an, wie sie sich unterhalten«, sagte Duncan, während er raschen Schrittes auf sie zusteuerte. Lenka erblickte ihn, ihr Gesicht verfinsterte sich, sie blieb stehen und sah ihm entgegen. »Was machst du da?«, fragte Duncan. »Ich unterhalte mich mit Alex«, erwiderte Lenka ruhig. »Warum tust du das? Warum sprichst du nicht mit mir?« 108
»Duncan!« Chris hatte ihn schon wieder am Ärmel zu fassen und versuchte, ihn wegzuziehen. Lenka platzte der Kragen. »Hör zu, Duncan! Ich kann reden, mit wem ich will. Ich kann gehen, mit wem ich will. Ich kann schlafen, mit wem ich will.« Sie trat ganz nahe an ihn heran und stieß ihm den Zeigefinger vor die Brust. »Ich mochte dich wirklich gern, Duncan. Es war schön mit dir. Aber diesen ganzen Scheiß hier muss ich mir nicht antun. Du kannst mir nicht vorschreiben, was ich zu tun und zu lassen habe, verstanden? Es ist aus zwischen uns, Duncan. Schluss! Finito!« Dieser Ausbruch kam für Duncan so überraschend, dass es ihm die Sprache verschlug. In seiner Verwirrung ließ er sich endlich von Chris fortziehen. Doch er drehte sich noch einmal um und rief: »Miststück!« »Scheißkerl!«, kam postwendend die Antwort von Lenka. Chris und Alex warfen sich einen vielsagenden Blick zu. Dann schob Chris den anderen entschlossen in Richtung Bloomfield Weiss davon. In einer Kurspause zog Chris Lenka beiseite. Sie sah immer noch wütend aus. »Das war ja ein höchst unerfreulicher Auftritt«, sagte er. »Hast du mit ihm gesprochen?« »Ja.« »Und? Findet er sich nun endlich damit ab?« »Nein.« Lenka seufzte. »Das habe ich befürchtet. Siehst du, was ich damit meine? Er benimmt sich, als wäre ich sein Eigentum? Das bin ich aber nicht, und das muss ich ihm irgendwie klar machen. Ich mag ihn noch immer, trotz sei109
ner Verbohrtheit. Aber wenn ich ihn einen Scheißkerl nennen muss, damit er kapiert, was los ist, dann tu ich das eben.« »Er ist eifersüchtig. Er denkt, du hast was mit Alex.« »Vielleicht ist das ganz gut so. Wenigstens wird er dann begreifen, dass es vorbei ist.« Lenka sah den Zweifel in Chris’ Gesicht. »Hast du eine bessere Idee?« Damit ging sie zurück in den Hörsaal.
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Die letzte Woche vor den Prüfungen war die Hölle. Alle waren angespannt. Es war klar, dass Waldern noch einmal sein Bestes geben würde. Geplant war ein Vier-StundenTest über Kapitalmärkte, aber Waldern hatte versprochen, er würde alles hineinpacken, was sie im Laufe des Programms gelernt hatten. Die Furcht, ins untere Viertel abzurutschen, hatte die Mehrheit der Trainees fest im Griff. Die übrigen sorgten sich um die Spitzenplätze. Rudy Moss war noch immer auf Platz eins, Eric auf zwei. Latasha James war dritte, nachdem Lenka durch ihr katastrophales Abschneiden im Ethikexamen auf Rang zehn abgerutscht war. Duncan lag unmittelbar über der Demarkationslinie, Alex unmittelbar darunter. Sogar Chris, der Nummer sechsundzwanzig war, hatte das Gefühl, er könnte noch ins unterste Viertel abstürzen, wenn ihn die Panik packte. Er hatte, wie Ian es formulierte, die Panik vor der Panik. Alex arbeitete verbissen, wobei ihm vor allem Lenka half. Die anderen waren überzeugt, dass er es schaffen würde, während sie Duncan mehr oder minder aufgegeben hatten. Chris versuchte es mit allen Mitteln: Ermutigung, Gardinenpredigten, Vorwürfen, Sarkasmus, alles ohne Erfolg. Duncan war auf dem Selbstzerstörungstrip. Der Test war eine Gemeinheit. Es ging dort um eine fik111
tive Kabelfernsehgesellschaft mit dubiosen Konten und der Absicht, Junkbonds zu emittieren, um eine Übernahme in Frankreich zu finanzieren. Chris musste zugeben, dass die Aufgabe schlau war: Um die Struktur und Abwicklung der Transaktion zu erfassen, brauchte man Kenntnisse in Buchhaltung, Kreditwesen, grenzüberschreitenden Unternehmenskäufen und natürlich Kapitalmärkten. Allein die Lektüre des Falls dauerte eine Dreiviertelstunde. Chris kaute sich durch, und nach drei Stunden hatte er die Sache weitgehend geklärt. In seinem Kopf rangen Erschöpfung und Adrenalin miteinander. Eine Stunde noch. Er würde es schaffen. Er war am Ende einer Seite angekommen, richtete sich auf und streckte sich. Im Hörsaal herrschte Stille, man hörte nur das Rascheln von Papier und eifriges Gekritzel. Von ihrem Platz in der Mitte des Raums starrte Abby Hollis teilnahmslos auf die Kursteilnehmer. Chris wollte sich gerade wieder an die Arbeit machen, als Eric, der neben ihm saß, seine Papiere zusammenraffte und zwischen den Bänken zu Abby Hollis hinabstieg. Er war schon fertig! Abby war offenbar ebenso verblüfft wie Chris und begann halblaut auf ihn einzureden. In diesem Augenblick hörte Chris ein Flüstern hinter sich. Er erstarrte. »Chris.« Es war Duncan, der direkt hinter ihm saß. »Chris. Nick bitte, wenn du mich hörst.« Chris’ Augen suchten Abby, die den Kopf noch immer Eric zugewandt hatte. Chris nickte. 112
»Lass mich deinen Test sehen.« Chris rührte sich nicht. »Schieb ihn an die Seite.« Chris machte keine Bewegung. »Mach schon, Chris. Ich brauche Hilfe. Bitte!« Heiße Wut überkam Chris. Er würde dieses Examen bestehen. Das wusste er. Und er hatte hart dafür gearbeitet. Warum sollte er Duncan abgucken lassen? Denny und Roger waren deswegen rausgeworfen worden. Wenn Duncan jetzt in der Patsche saß, so war das ganz allein seine Schuld. »Bitte, Chris. Lass mich die erste Seite sehen.« Langsam und betont nahm Chris seinen Kugelschreiber auf und beugte sich über seine Arbeit. Duncan musste sehen, wie er zurechtkam. Er, Chris, würde seinen Test beenden. »Du bist ein Scheißkerl, Chris!« Dieses Mal flüsterte Duncan zu laut. Abby hörte es, fuhr herum und blickte in Duncans Richtung. Chris hielt die Augen auf seinen Test gerichtet. »Wichser!«, zischte Duncan ein paar Sekunden später, als Abby ihre Aufmerksamkeit wieder Eric zugewandt hatte. George Calhoun stand schon draußen und wartete, als sie völlig erledigt aus dem Hörsaal kamen. Er forderte alle in den USA eingestellten Trainees auf, sich wegen der Krankenversicherung zu einem kurzen Blut- und Urintest zu begeben. Chris, Duncan und Ian waren zu müde, um dem viel Aufmerksamkeit zu schenken. Sie wollten so rasch wie möglich ins Freie. 113
»Kommst du mit zu Jerry’s?«, fragte Ian. »Und ob«, sagte Chris und wandte sich an Duncan. »Kommst du auch?« Duncan war bleich und den Tränen nahe. Ohne Chris zu beachten, ging er zum Fahrstuhl. Ian hob die Augenbrauen. »Was hat er denn?« Chris seufzte schwer. »Vergiss es! Lass uns ein Bier trinken.« Es war noch früh und die Bar fast leer. Aber Eric saß schon dort und hielt einen Tisch frei, auf dem ein großer Krug Bier stand und auf sie wartete. »Warum bist du so früh gegangen?«, fragte Chris. »Ich war fertig und konnte es da drin nicht mehr aushalten. Also habe ich schon für Bier gesorgt.« »Degoutant.« »Egal«, sagte Ian. »Kipp mir mal eins ein.« Er lockerte seinen Schlips und stürzte sein Bier in einem Zug hinunter. Eric goss ihm ein neues ein. »Na, wie war’s?«, fragte Chris. Eric lächelte. »Kein Wort mehr darüber. Es ist zu Ende. Es ist vorbei. Lassen wir uns voll laufen.« Und das taten sie. Das Programm ging überraschend unspektakulär zu Ende. Es folgten noch vier Tage der Ungewissheit, in denen alle Teilnehmer auf die Ergebnisse der Prüfung und die Amerikaner auf ihre Anstellung bei Bloomfield Weiss warteten. Chris wunderte sich, dass Waldern so lange Tests so rasch durchsehen konnte: Ian vermutete, dass er seine Doktoranden dran setzte. 114
Nach seiner anfänglichen Wut auf Chris hatte Duncan ihm verziehen. Er wusste, dass er es vermasselt hatte, und er gab zu, dass es seine eigene Schuld war, dass er sich nicht ausreichend vorbereitet hatte. Doch Chris hatte ein schlechtes Gewissen. Nicht dass er fand, dass er Duncan gegenüber verpflichtet war; Duncan hatte keinen Anspruch darauf gehabt, dass Chris für ihn schummelte. Was Chris zu schaffen machte, war, warum er Duncan in der Prüfung nicht geholfen hatte. Die Bloomfield-Weiss-Philosophie – sieh zu, dass du durchkommst, und überlass deine Kollegen ihren eigenen Problemen – war schließlich auch bis zu ihm durchgedrungen. Er hatte nur an die eigene Karriere gedacht. In seinen finstersten Augenblicken glaubte er sogar, den Wunsch verspürt zu haben, dass Duncan durchfiel. Das setzte ihm zu. Bloomfield Weiss veränderte ihn, und nachdem er Dutzende von erfolgreichen BloomfieldWeiss-Investmentbankern gesehen hatte, war er nicht sicher, ob ihm das gefiel. Alex war ungewöhnlich bedrückt. Er lief mit finsterem Gesichtsausdruck herum und sprach kaum mit den anderen. Sie nahmen an, dass er für sein Abschneiden das Schlimmste befürchtete, und ließen ihn in Ruhe. Die Ergebnisse der Prüfung über Kapitalmärkte wurden den anderen Resultaten aus dem Lauf des Kurses hinzugerechnet und alles zu einer Gesamtnote zusammengefasst. Die wurde um zehn Uhr am Donnerstagmorgen der letzten Woche auf einer Liste am schwarzen Brett vor dem Hörsaal veröffentlicht. Die Trainees umdrängten Abby Hollis, um einen Blick auf die Liste zu werfen. Eric war auf Platz eins gelandet, Rudy Moss auf Platz zwei und Latasha 115
James auf drei. Lenka war vierte geworden. Chris war mit seinem Ergebnis sehr zufrieden: Er hatte sich mit dem vierzehnten Platz noch ins erste Viertel geschoben. Ian war Zweiunddreißigster, und Alex hatte als Zweiundvierzigster gerade noch das rettende Ufer erreicht. Duncan war als siebenundfünfzigster mit Pauken und Trompeten durchgefallen. Nur Faisal war noch schlechter, aber den interessierte das nicht. Eine Stunde später hing eine zweite Liste aus: die Stellen für die amerikanischen Trainees. Eric hatte den ersehnten Job in der Abteilung für Unternehmenskäufe. Obwohl Alex es theoretisch geschafft hatte, bekam er keinen Job. Das schien ihn schwer zu treffen; die Belastung durch das Programm und die Krankheit seiner Mutter waren offenbar zu viel für ihn. Rudy Moss bekam seinen Posten in der Anlagenverwaltung, doch Latasha landete trotz ihres guten Abschneidens in der Abteilung für Gemeindefinanzen. Die Trainees aus den ausländischen Filialen würden erst zu Hause erfahren, was für Stellen ihnen zugedacht waren oder dass man, wie im Falle von Duncan und Carla, auf ihre weitere Mitarbeit keinen Wert legte. Der Rest des Tages ging hin mit Besprechungen, Formulare ausfüllen und weiteren Vorstellungen von unwichtigen Abteilungen. Das Ganze vollzog sich vor einem Hintergrund unablässigen Geplauders und Geschnatters. Die meisten waren froh, es geschafft zu haben. Diejenigen, die durchgefallen waren, reagierten unterschiedlich. Einige nahmen es mit stoischer Ruhe hin, einige versuchten, darüber zu scherzen, andere, wie Duncan, waren wütend, und wieder andere, wie Carla, weinten still vor sich hin. Niemand wusste, wie er die 116
Unglücklichen trösten sollte. Typen wie Rudy Moss nahmen keine Notiz von ihnen. Sie waren Geschichte bei Bloomfield Weiss, Versager, niemand, den man für seinen Aufstieg brauchen konnte. Also warum Zeit mit ihnen verschwenden? Das zaghafte Gemeinschaftsgefühl, das sich während der letzten fünf Monate zwischen den sechs jungen Bankern herausgebildet hatte, zerbröckelte zusehends, denn jeder bereitete sich nun auf das neue Leben innerhalb und außerhalb von Bloomfield Weiss vor. Es gab keine Abschiedsparty, nur kurze Gespräche. Die Amerikaner dachten an den neuen Job, die Ausländer an die Heimreise. Eric und Alex hatten ursprünglich vorgehabt, für alle Trainees eine Party zu geben. Doch als gegen Kursende schon alle mehr oder minder auseinander liefen, überlegten sie es sich anders. Sie beschlossen, die drei Engländer und Lenka zu einem Ausflug auf dem Boot von Erics Vater einzuladen, das im Norden von Long Island lag. Alle waren begeistert, sogar Duncan. Nach der letzten Kursveranstaltung stiegen sie in den Vorortzug nach Oyster Bay ein und freuten sich auf den Abend, der vor ihnen lag – einen Abend, der ihrer aller Leben verändern sollte.
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Langsam lenkte Eric das Boot durch das ruhige Wasser der Bucht. Es war ein schlankes weißes Schiff für die Sportfischerei, fast zehn Meter lang, mit einem Achterdeck, einer erhöhten Brücke und einem Vorderdeck. Eric fuhr geradewegs in die Sonne hinein, die hinter dem bewaldeten Hügelkamm von Mill Neck versank. Der Abend war sehr angenehm, der kühlste seit Wochen. In der Nacht zuvor hatte ein Gewitter die Luft von Schmutz und Feuchtigkeit gereinigt, übriggeblieben waren ein klarer Himmel mit Schäfchenwolken und eine leichte Brise. Das Ende des schwülheißen Sommers war nah. In einer Woche begann der September. Der Druck des Ausbildungsprogramms fiel von ihnen ab, als sie sich an den alkoholischen Vorräten gütlich taten, die sie an Bord gebracht hatten. Es gab reichlich Kühltaschen mit Bier, Lenka und Alex hatten sogar die Zutaten für Margaritas dabei. Alle hatten sie ihre Anzüge gegen Jeans und T-Shirts getauscht. Sogar Duncan wirkte entspannt. Zwar sprachen Lenka und er nicht miteinander, aber sie beschimpften sich auch nicht. Chris nahm drei Flaschen Bier und ging auf die Brücke, wo Eric am Ruder saß. Neben ihm hockte Megan, in verblichenen Jeans und einem alten blauen Sweater. Schwarze Haarsträhnen wehten ihr ins Gesicht. 118
Chris öffnete die Flaschen und gab sie weiter. Megan rutschte ein Stück beiseite, um ihm Platz zu machen. Es war ein friedlicher Abend. Kormorane strichen über das graue Wasser und wurden von der untergehenden Sonne in rote und orangefarbene Streifen getaucht. Dieser Arm der Oyster Bay erstreckt sich einige Kilometer ins Land hinein. Die Ufer säumten stille, bewaldete Hügel. Hin und wieder wurden große Anwesen sichtbar, hier und da ein Bootsteg, der aufs Wasser hinausging. Überall lagen große und kleine Boote vertäut, von winzigen Fischerbooten bis hin zu seetüchtigen Yachten. »Das war eine großartige Idee«, sagte Chris. »Hoffentlich«, sagte Eric. »Ich fahr gern hier raus.« »Fährst du mit deinem Vater?« »Ja, früher sehr oft. Jetzt weniger. Ich hab viel zu tun. Er hat viel zu tun. Du kennst das ja.« »Wo leben deine Eltern? In einem von diesen Häusern?« Chris deutete auf die prächtigen Villen, die entlang der Küste in die Hügel gebettet waren. Eric lachte. »Nein. Sie haben ein Häuschen in der Stadt. Oyster Bay war der Ort, wo die kleinen Geschäftsleute wohnten, die die großen Anwesen belieferten. Ein bisschen ist das noch immer so.« Chris war überrascht. Er hatte immer gedacht, Eric sei mit einem goldenen Löffel im Mund zur Welt gekommen. »Wirst du eines Tages hier raus ziehen?«, fragte er. Eric zuckte die Achseln. »Ich weiß nicht. Vielleicht, wenn ich älter bin.« »In eins von denen da?« 119
»Warte, ich zeige dir, wo ich wirklich gern wohnen würde. Gleich hier hinter der Landzunge.« Sie fuhren noch ein paar Minuten, und Eric steuerte das Boot näher an die Küste. Kurz darauf erblickten sie ein modernes weißes Gebäude mit eleganter Linienführung und großen Fenstern. Auf einer gepflegten Rasenfläche, die sanft zum Wasser abfiel, leuchtete ein großer Swimmingpool. Das Anwesen entsprach nicht ganz Chris’ Geschmack, war aber zweifellos beeindruckend. »Ist dir zu modern, was?«, sagte Eric, der Chris beobachtet hatte. »Ich versteh zu wenig von Architektur.« »Das hat Richard Meier entworfen.« Das sagte Chris gar nichts, was Eric nicht entging. »Na ja, auf jeden Fall gefällt es mir«, sagte er. Chris betrachtete die Villen, die weit genug auseinander lagen, um Privatsphäre zu wahren, jedoch nahe genug, um keinen Meter Küstenlinie zu verschenken. »Wer wohnt in solchen Palästen?« »Popstars, Mafiapaten, Investmentbanker.« Zum ersten Mal wurde Chris klar, dass der Beruf des Investmentbankers unter Umständen nicht nur Zugang zu einem guten Einkommen, sondern auch zu richtigem Reichtum eröffnete. Er konnte sich nicht recht vorstellen, eines Tages in einer solchen Villa zu wohnen, doch bei Eric fiel ihm das nicht schwer. Plötzlich war er davon überzeugt, dass er neben jemandem saß, der eines Tages ein sehr reicher Mann sein würde. »Möchtest du wirklich in die Politik, Eric, oder war der Bush-Wahlkampf nur so eine Eintagsfliege?« 120
Eric warf Chris einen raschen Blick zu und lächelte. »Nein, nein, ich meine das schon ernst.« »Du kannst doch aber nicht gleichzeitig Politiker und Investmentbanker sein.« »Das habe ich auch nicht vor. In den Vereinigten Staaten haben wir Berufspolitiker. Erst studieren sie Jura und dann klappern sie Washington ab, um wichtige Leute kennen zu lernen. Ich hab einen anderen Plan.« »Und der wäre?« »Heute brauchst du Geld, um in der Politik was zu erreichen. Das wird immer schlimmer. Einen Wahlkampf führen heißt, Geld, Geld und noch mehr Geld auftreiben. Deshalb will ich erst mal eine Menge Geld machen und dann in die Politik gehen. Bloomfield Weiss scheint mir ein guter Ausgangspunkt zu sein.« »Klingt vernünftig.« Für Eric bestimmt. Er hatte sich sicher schon alles genau zurechtgelegt. Chris hatte keine so weit reichenden Pläne. Er war dankbar für seinen Job bei Bloomfield Weiss und wollte ihn behalten. Das war alles. Eric wendete das Boot und fuhr den Weg zurück, den sie gekommen waren. Vom Achterdeck unter ihnen wehte Lenkas raues Lachen herauf. »Kannst du übernehmen, Megan?«, fragte Eric. »Ich sollte mal nach den anderen sehen.« Megan übernahm das Ruder, während Eric die Leiter hinunterkletterte, um sich der Gruppe unten anzuschließen, die schon die ersten Stadien der Trunkenheit hinter sich hatte. Chris blieb auf der Brücke. »Kannst du Motorboot fahren?«, fragte er. »Nicht wirklich«, Megan lächelte. »Eric und ich sind ein 121
paar Mal rausgefahren. Ich kann hier draußen das Ruder halten, mehr nicht.« »Seit wann kennt ihr euch?« »Seit vier Jahren. Wir waren in Amherst auf dem College zusammen. Im letzten Jahr haben wir uns angefreundet.« Sie sah den Ausdruck von Überraschung auf Chris’ Gesicht. »Du hast gedacht, ich gehe noch auf die Highschool, stimmt’s?« »Aber nein, nein«, sagte Chris. »Du wirst rot«, sagte Megan. »Du bist ein miserabler Lügner.« Sie hatte Recht. Chris spürte, wie ihm die Hitze ins Gesicht stieg. »Okay, Ich geb’s zu«, sagte er. »Du siehst nicht aus wie zweiundzwanzig oder so. Ist doch schön, oder?« »Eines Tages vielleicht. Im Augenblick nervt es mich zu Tode. Niemand nimmt mich ernst. Und Leute wie du wundern sich, dass Eric mit einem Schulmädchen zusammen ist.« »Aber nein, ich kann sehr gut verstehen, dass Eric mit dir zusammen ist«, sagte Chris, ohne nachzudenken. Megan warf ihm einen raschen Blick zu, um festzustellen, ob es eine reine Höflichkeitsbemerkung war, aber dann lächelte sie. »Du wirst schon wieder rot.« Chris nahm einen Schluck Bier, um seine Verwirrung zu verbergen. Er fand sie wirklich sehr attraktiv. Sie strahlte so viel Ruhe und Freundlichkeit aus, dass er den Wunsch verspürte, in ihrer Nähe zu bleiben und die Unterhaltung fortzusetzen. »Eric ist wohl sehr ehrgeizig«, sagte er. 122
»Oh, ja.« »Im Examen hat er fantastisch abgeschnitten. Ihm scheint alles zuzufliegen. Ich bin sicher, er wird es noch weit bringen.« »Bestimmt«, sagte Megan. »Trotzdem schafft er es, ein netter Bursche zu bleiben«, sagte Chris. »Er hat während des Kurses viel Zeit investiert, um uns anderen auf die Sprünge zu helfen. Das hätte er nicht tun müssen.« »Aber es hat seinem Fortkommen nicht geschadet, oder?«, sagte Megan. »Hätte es aber können.« »Hat es aber nicht, oder?« »Nein.« Megan blickte nach vorn, während sie das Boot um eine Boje lenkte. »Tut mir leid, das war unfair. Eric ist sehr nett und großzügig. Aber er würde nie zulassen, dass irgendetwas oder irgendjemand seine ehrgeizigen Pläne gefährdet.« Chris hob die Augenbrauen. »Glaubst du wirklich, dass er in die Politik geht?« »Natürlich«, sagte Megan, immer noch auf das Bootsmanöver konzentriert. »Und du glaubst, er wird es weit bringen?« »Oh, ja«, sagte sie. Plötzlich begriff Chris. »Meinst du …? Bis zum Präsidenten?« Megan lächelte, als hätte Chris gerade ein Geheimnis entdeckt. »Was Eric sich vornimmt, das erreicht er in der Regel auch. Man sollte ihn nicht unterschätzen.« »Wow!« Das konnte doch nicht ihr Ernst sein. Aber ir123
gendjemand würde schließlich Präsident werden, und Eric hatte keine schlechteren Chancen als jeder andere. »Sag ihm nicht, dass ich dir’s erzählt habe«, sagte Megan. »Ich weiß von nichts«, sagte Chris. »Aber du wirkst so …« »Ja?« »Na ja, nicht gerade glücklich damit.« »Ich mag Eric. Ich mag ihn sehr. Mehr noch, ich …« Sie hielt inne. Chris wusste, sie wollte sagen, dass sie ihn liebte, konnte das aber nicht, zumindest nicht gegenüber einem Fremden. »Ich mag ihn«, sagte sie wieder, »aber nimm es mir bitte nicht übel, euer Investmentbanking reißt mich nicht gerade vom Hocker. Eric ist wirklich begabt, und ich wünschte mir, er würde seine Begabung besser nutzen.« »In die Politik zu gehen, kann doch sehr nützlich sein. Wenn man ehrlich ist. Und das ist Eric.« »Möglich. Leider ist Eric Republikaner, und ich nicht.« »Oh.« Megan seufzte. »Auf jeden Fall läuft es im Augenblick ganz gut. Ihm gefällt, was er macht, und mir gefällt, was ich mache. Wir sehen uns zwar nicht so häufig, wie es uns lieb wäre, aber wenn wir uns sehen, ist es toll.« Die Dunkelheit setzte ein. Überall blitzten Lichter auf – auf den Bojen, den Booten, den Häusern an der Küste. Auch Megan schaltete die Bootslichter ein. »Du siehst viel zu nett für einen Investmentbanker aus«, sagte sie. »So schlimm sind wir gar nicht.« »Ich weiß nicht. Eric hat mir erzählt, dass sie das letzte 124
Viertel der Trainees rausschmeißen wollen. Damit macht man doch alle Teamarbeit kaputt, ich begreif das nicht.« »Bloomfield Weiss übertreibt ein bisschen«, sagte Chris. »Und wenn ich ehrlich bin, verdränge ich diesen Aspekt. Es ist ein harter Job. Aber ich glaube, ich packe ihn, und das macht mich ein bisschen stolz.« »Aber spekulieren Investmentbanker nicht mit dem Geld anderer Leute und zahlen sich unanständige Gehälter von den Gewinnen?« »Ganz so einfach ist es nicht.« Megan warf ihm einen Blick zu, der verriet, dass sie Ähnliches schon oft gehört hatte. Wahrscheinlich von Eric. »Nein, wirklich. Investmentbanken versorgen die Welt mit Kapital. Und die Welt braucht Kapital, um Wohlstand und Arbeitsplätze zu schaffen.« »Also sind Wallstreet-Haie unermüdliche Helden im Kampf gegen die Armut der Welt?« »Nicht unbedingt.« Chris war nicht ohne Verständnis für ihre Auffassung. Sein Vater hätte ihr sicherlich beigepflichtet. Aber wenn er, Chris, bei Bloomfield Weiss Erfolg haben wollte, und das wollte er, dann musste er sich solche Gedanken aus dem Kopf schlagen. Und überhaupt, er wollte nicht mit ihr streiten. »Was machst du? Du lebst in Washington, nicht wahr?« »Ich studiere in Georgetown. Europäisches Mittelalter. Und bevor du irgendwas sagst, ich weiß, dass ich damit die Dritte Welt auch nicht rette.« »Gefällt es dir trotzdem?« »Es ist faszinierend. Wirklich faszinierend, aber auch frustrierend: Je mehr ich lese, desto weniger habe ich das 125
Gefühl, die Sache zu verstehen. Wir können versuchen, die Welt zu sehen, wie sie vor tausend Jahren war, aber wir werden sie nie ganz verstehen.« Megan erzählte Chris von Karl dem Großen, seinen Gelehrten und Höflingen. Er hörte zu. Er hatte selbst Geschichte studiert, war aber dem Mittelalter stets aus dem Weg gegangen, weil es ihm zu fremd erschienen war. Bei Megan gewann es Realität. Außerdem machte es ihm Freude, ihr zuzuhören und sie dabei anzusehen. Als sie sich der Mündung der Bucht näherten, kam Eric herauf, um das Ruder wieder zu übernehmen. Er warnte die anderen, dass es ein bisschen kabbelig würde, sobald sie in die freien Gewässer des Sunds kämen, und er hatte Recht. Die Nachwehen des nächtlichen Sturms sorgten für eine raue See. Eric gab ein bisschen Gas, so dass das Boot von Welle zu Welle sprang. Vor ihnen, auf der anderen Seite des Sunds, leuchteten die Lichter von Connecticut. In der Dunkelheit waren sie auf allen Seiten von Lichtern umgeben: weißen, roten, grünen, pulsierenden, beständigen, beweglichen, ruhenden, vereinzelten und gehäuften. Eric konnte offensichtlich mit ihnen allen etwas anfangen. Der Mond war aufgegangen, dreiviertel voll, und verwandelte das stumpfe Grau des Meers in flüssiges Silber, dahinter zeichnete sich schwarz die Kontur der Küstenlinie ab. Eine eilige Wolke zog vorüber, intensivierte die Dunkelheit einen Augenblick, bevor sie über das Wasser entfloh. Chris kletterte die Stufen zum Achterdeck hinunter, wo die anderen schon einen ziemlichen Vorsprung in Sachen Alkohol hatten. Er war bisher bei einem Bier geblieben, während Lenka, Duncan, Ian und Alex schon mehrere 126
Margaritas intus hatten. Unter der lärmenden Fröhlichkeit spürte Chris die Spannung. Alles war zu laut und zu persönlich, mit einem Anflug von Hysterie. Kein Wunder, dass die Situation bald aus dem Ruder lief. Natürlich ging es mit einer Kabbelei zwischen Lenka und Duncan los. Duncan sah in die Dunkelheit und sagte: »Das erinnert ein bisschen an Cape Cod, findest du nicht, Lenka?« »Mach dich nicht lächerlich«, sagte sie mit schwerer Zunge. »Was soll denn daran wie Cape Cod sein.« »Doch«, sagte Duncan. »Es ist genau wie Cape Cod.« »Es ist doch stockfinster, Duncan. Du kannst überhaupt nichts sehen. Und dann gibt’s hier gar keine Strände. Nur die protzigen Villen. Sogar das Meer sieht anders aus.« »Unsinn. Denk doch an die kleine Pension in Chatham? Den ganzen Sonntagmorgen haben wir im Bett gelegen und aufs Meer geblickt. Das kannst du doch nicht vergessen haben. Du bist dabei gewesen, Lenka.« Lenka platzte der Kragen. »Halt endlich dein verdammtes Maul!«, schrie sie. »Es ist aus. Kannst du das nicht kapieren, Duncan? Es ist aus. Hör endlich auf, so zu tun, als wären wir noch zusammen.« »Aber es war ein wunderbares Wochenende. Das kannst du doch nicht einfach aus deinem Gedächtnis streichen.« »Und ob ich das kann!«, sagte Lenka mit einem Unterton von Grausamkeit. Duncan blickte sie einen Augenblick stumm an. Dann schnappte er sich eine Flasche Bier und kletterte um die Brücke herum auf das Vorderdeck. 127
»Vorsicht, Duncan!«, rief Eric von oben. Das Boot bäumte sich immer wieder in den Wellen auf, so dass Duncan leicht den Halt verlieren konnte. In unbehaglichem Schweigen blieben Ian, Chris, Alex und Lenka auf dem Achterdeck zurück. Lenka war zu weit gegangen. Vermutlich wusste sie es, aber sie wäre jedem an die Gurgel gegangen, der es auszusprechen gewagt hätte. Schließlich griff sich Chris ein paar Flaschen. »Ich bring sie Eric und Megan«, sagte er. »Ich komm mit«, sagte Ian. Auf der Brücke war es jetzt ziemlich eng. Duncan saß vor ihnen auf dem Vordeck, trank sein Bier und starrte auf die Lichter von Connecticut, die näher kamen. »Haben sich Duncan und Lenka gestritten?«, fragte Eric. »Ja«, sagte Chris. »Ich hab es kommen sehen.« »Ihr hättet ihn nicht einladen sollen«, sagte Ian. »Das musste Ärger geben.« »Es ging nicht anders«, sagte Eric. »Wir konnten ihn doch nicht ausschließen.« »Abgesehen davon«, warf Chris ein, »war es Lenka, die aus der Rolle gefallen ist. Sie ist schlecht drauf.« »Genau wie Alex«, sagte Ian. »Was hat er eigentlich? Seit der Prüfung ist nichts mit ihm anzufangen.« »Weiß ich auch nicht«, sagte Eric. »Vielleicht ist es die Geschichte mit seiner Mutter.« »Oder der Job«, sagte Chris. »Weiß er, warum er keinen bekommen hat? Er war doch über dem Strich, und ich dachte, die Hypothekenleute wollten ihn haben. Hast du eine Ahnung, Eric? Haben sie ihn einfach vergessen?« 128
Eric zuckte die Achseln. »Er weiß selbst nicht, was los ist. Seiner Mutter geht es nicht sehr gut. Ich glaub, das hat ihn geschafft.« »Guck dir das mal an!«, flüsterte Ian aufgeregt und zeigte auf das Achterdeck hinter ihnen. Lenka und Alex saßen in einer selbstvergessenen alkoholischen Umarmung. »Ach du Scheiße«, sagte Chris. Alle wandten sich zu Duncan um. Er war aufgestanden und machte ein paar unsichere Schritte. Dann blieb er stehen und warf die leere Flasche ins Wasser. Er konnte nicht sehen, was auf dem Achterdeck geschah, die Brücke war im Weg. »Lenka!«, rief Chris. Lenka blickte nicht auf, sondern hob nur einen einzelnen Finger. Chris wandte sich Duncan zu. »Duncan! Warte!« Duncan blickte auf und schwankte. Als eine Welle das Boot traf, wäre er fast über Bord gefallen. »Ich brauch noch ein Bier!«, knurrte er und setzte seinen Weg fort. Dann erblickte er Lenka und Alex. »He!«, rief er und krabbelte auf das Achterdeck. »He!« Er packte Lenka an der Schulter und zog sie von Alex fort. »Fass mich nicht an!«, schrie sie und gab ihm einen Stoß vor die Brust. »Was zum Teufel macht ihr da?«, schrie Duncan und schubste sie zurück. »Lass sie in Ruhe«, sagte Alex und stand auf. Er stieß Duncan von Lenka fort. Duncan trat einen Schritt zurück und holte zu einem 129
wilden Schwinger aus. Alex war zu betrunken und zu langsam, um rechtzeitig zu reagieren. Der Schlag traf ihn sauber am Kinn. Alex stolperte zurück. Duncan schlug noch einmal zu. Dieses Mal krachte Alex gegen die Reling, gerade als das Boot heftig auf einer Welle aufsetzte. Er kippte nach hinten und verschwand in der Dunkelheit. Was dann geschah, blieb Chris nur bruchstückhaft im Gedächtnis. Er erinnerte sich, dass Lenka schrie, dass Duncan mit offenem Mund auf die Stelle starrte, wo Alex eben noch gestanden hatte, dass Eric mit einem Satz von der Brücke sprang und neben dem Boot eintauchte. Ian torkelte hinter ihm her. Als er die Schuhe abstreifte, rief Megan: »Lass das!« Doch er war schon in der Luft und schlug Sekundenbruchteile später auf dem Wasser auf. Das Boot schoss noch immer vorwärts durch die Wellen. Megan, die am Ruder stand, reagierte viel zu langsam. Endlich drosselte sie den Motor. Eine Wolke schob sich vor den Mond. Chris sah nur Ian mit den Armen rudern, von den beiden anderen keine Spur. »Mein Gott«, sagte Duncan, während er sich bemühte, seine Schuhe auszuziehen. »Lass ihn nicht ins Wasser!«, rief Megan. »Um Himmels willen, Chris, sorg dafür, dass er im Boot bleibt!« Lenka verfluchte Duncan in einem Kauderwelsch aus Tschechisch und Englisch. Chris sprang auf das Achterdeck hinunter und versuchte, ihn zu packen, kam aber zu spät. »Ich muss ihn kriegen. Ich muss ihn da rausholen«, murmelte Duncan und sprang über Bord. Lenka warf sich hysterisch schluchzend in Chris’ Arme. Er versuchte, sie zur Seite zu schieben, aber sie klammerte 130
sich an ihm fest. Schließlich versetzte er ihr einen heftigen Schlag ins Gesicht. Geschockt sah sie ihn an, während er sie in einen Sitz auf dem Achterdeck verfrachtete. Megan wendete das Boot. »Chris! Komm rauf!« Chris kletterte auf die Brücke, aber selbst von dort, fast zwei Meter höher, konnte er keinen von ihnen entdecken. Beide blickten sie gebannt in das dunkle, schäumende Wasser vor ihnen. Hier draußen, in der Mitte des Sunds, war der Wind stärker. Gischtflocken flogen über die Wellenkämme, als sei das Boot von Hunderten von winzigen Schwimmern umgeben. Dann verschwand der Mond wieder hinter einer Wolke, und es wurde plötzlich sehr dunkel. Sie schienen sich etwa auf halber Strecke zwischen Long Island und Connecticut zu befinden, und obwohl sie von den Lichtern vieler Boote umgeben waren, war keines nahe genug, um helfen zu können. Megan fuhr mit gedrosseltem Motor langsam zu der Stelle zurück, wo Alex ins Wasser gestürzt war. Doch die Wende, der Wind und die Strömung ließen es höchst ungewiss erscheinen, ob es tatsächlich hier gewesen war. Vier von ihnen befanden sich im Wasser, aber Chris und Megan konnten nicht einen einzigen erkennen. »Da!«, sagte Chris. »Da drüben rechts!« Es war Duncan, der sich dort mühsam und ungeschickt über Wasser hielt. Megan lenkte das Boot dorthin. Chris sprang aufs Achterdeck hinunter und schnappte sich den Rettungsring. Duncan hatte sie gesehen und winkte. Es war nicht leicht, das Boot in seine Nähe zu manövrieren. Kostbare Zeit verging, bis Chris ihm den Ring zuwarf und er ihn ergriff. Chris zog ihn heran und holte ihn an Bord. Er 131
überließ das nasse, zitternde Häufchen Elend sich selbst und kletterte wieder auf die Brücke, um nach den anderen Ausschau zu halten. »Ich glaube, da hinten ist jemand«, sagte Megan, gab Gas und richtete den Bug auf einen dunklen Fleck, der auf den Wellen tanzte. Es war Eric. Fünf Minuten später lag er keuchend und zitternd ebenfalls an Deck. »Habt ihr ihn gefunden?«, fragte er zwischen heftigen Atemstößen. »Nein«, sagte Chris. »Ian ist auch reingesprungen. Wir müssen beide finden.« Inzwischen hatte Lenka sich wieder im Griff und stand oben bei Megan auf der Brücke. Chris und Eric gesellten sich zu ihnen. Sie ließen das Boot mit wachsendem Radius um die Stelle kreisen, wo sie Eric an Bord geholt hatten. »Ist Ian ein guter Schwimmer?«, fragte Megan. »Ich glaube«, sagte Chris. Er erinnerte sich, dass er in London oft in die Schwimmhalle gegangen war. »Was ist mit Alex?« »Keine Ahnung«, sagte Eric. »Hast du ihn gesehen?«, fragte Chris. Eric keuchte noch immer und schüttelte stumm den Kopf. Seine Zähne schlugen aufeinander. »Himmel, ist das Wasser kalt.« Die Kreise wurden immer weiter, bis Chris sich nicht mehr sicher war, dass sie überhaupt noch in der Nähe der Stelle waren, wo Alex ins Wasser gefallen war. »Die Küstenwache!«, rief Megan aus. »Müssen wir nicht die Küstenwache benachrichtigen?« 132
»Habt ihr das noch nicht getan?«, fragte Eric. »Nein«, stammelte Megan. »Ich habe nicht daran gedacht.« »Kanal sechzehn«, sagte Eric. »Lass, ich mach es selbst.« Er nahm das Mikrofon des Funkgeräts, das gleich neben dem Ruder hing, und schickte einen Notruf hinaus. Er blickte auf die Bootslichter in der Ferne. »Da ist niemand in der Nähe«, sagte er. »Wie lange werden sie brauchen?« »Weiß nicht. Zehn Minuten? Eine halbe Stunde? Keine Ahnung.« »Da!«, rief Lenka plötzlich und zeigte nach vorn, etwas rechts von der Bugspitze. Chris starrte in die Gischt. Ganz schwach sah er einen winkenden Arm. Megan hielt darauf zu. In dem Augenblick, als sie sich näherten, kam der Mond hinter der Wolke hervor. Es war Ian. Seine Bewegungen waren kraftlos, aber er hielt sich noch über Wasser. Als sie ihm den Ring zuwarfen, war er kaum noch in der Lage, die wenigen Meter zurückzulegen, um ihn zu ergreifen. Chris und Lenka zogen ihn an Bord. Er war völlig erschöpft. »Ich hab gesehen, wie ihr Eric rausgefischt habt«, keuchte er. »Ich hab gewunken und geschrien, aber ihr habt mich nicht bemerkt.« »Na, jetzt haben wir dich ja«, sagte Chris. Mit wachsender Verzweiflung setzten sie die Suche fort. Keine Spur von Alex. Ungefähr zehn Minuten nach Erics Notruf hielt ein schnelles Polizeiboot auf sie zu. Nachdem die Beamten sich kurz über die Situation unterrichtet hatten, forderten sie Megan auf, in den Hafen zurückzukeh133
ren, damit die anderen sich aufwärmen und etwas Trockenes anziehen konnten. Megan wollte sich weigern und die Suche fortsetzen, aber die Polizisten bestanden darauf. Sie sagten, in Oyster Bay würde ein Notarztwagen auf sie warten. Ian und Eric zogen sich ihre trockenen Sachen an, die noch in der Kabine lagen. Duncan weigerte sich. Stumm drängten sie sich auf der Brücke zusammen, während Megan auf die Küste zuhielt. Nachdem die hektische Suche vorbei war, hatten alle nur noch einen einzigen Gedanken. Alex war tot. Duncan hockte tropfend vor Nässe auf dem Fußboden der Brücke. Neben ihm hatte Lenka das Gesicht in beide Hände vergraben. Ian starrte erschöpft ins Leere. Chris war wie betäubt, er konnte einfach nicht glauben, was er in der letzten halben Stunde erlebt hatte. Das alles war ein schreckliches Missgeschick. Es musste doch möglich sein, Alex wiederzufinden, es musste einfach. Jetzt, wo die Küstenwache da war, die Behördenvertreter, die Erwachsenen, würde man ihn finden. Chris wollte nicht glauben, dass er selbst ein Erwachsener war, dass das hier kein Spiel war, welches die Erwachsenen wieder in Ordnung bringen konnten, dass er Zeuge gewesen war, wie ein Mann einen anderen ins Meer geprügelt hatte, und dass dieser andere, ein Freund, jetzt wahrscheinlich tot war. »Sie werden fragen, wie Alex ins Wasser gefallen ist«, sagte Eric. »Ich werde es ihnen sagen«, schluchzte Duncan. »Ich werde sagen, dass ich ihn geschlagen habe.« »Nein, es war meine Schuld«, sagte Lenka. »Ich habe 134
dich provoziert. Ich wollte, dass du wütend auf mich bist. Und auf ihn.« Duncan schüttelte den Kopf. »Ich hab ihn umgebracht«, sagte Duncan. »Ich hab ihn umgebracht.« »Vielleicht finden sie ihn ja noch«, meinte Chris schwach. Niemand glaubte daran. Auch er selbst nicht. »Das könnte sehr ernste Folgen für Duncan haben«, sagte Eric. »Ich weiß«, sagte Duncan. »Es geschieht mir ganz recht.« »Das finde ich nicht«, sagte Eric. »Man hat dich provoziert, und du wolltest ihn nicht umbringen.« »Ich habe gesagt, es war meine Schuld!«, sagte Lenka. »Und das werde ich auch der Polizei sagen.« Chris begriff, worauf Eric hinauswollte. »Es gibt keinen Grund, dass irgendjemand von uns Probleme kriegt. Wir wissen alle, dass es ein Unfall war. Wir brauchen also nur zu sagen, dass Alex betrunken war und über Bord gegangen ist.« »Aber ich habe ihn geschlagen«, sagte Duncan. »Du weißt das und ich weiß das«, sagte Chris. »Aber wir wissen auch alle, dass du ihn nicht umbringen wolltest. Du bist, aus welchen Gründen auch immer, provoziert worden. Doch wenn wir das alles der Polizei erzählen, dann wirst du wegen Totschlags, Mord oder was weiß ich verhaftet.« »Er könnte wegen Mord zweiten Grades angeklagt werden«, sagte Eric. »Egal, wie die Anklage lauten würde, sie wäre ziemlich schwerwiegend.« »Ich begreif überhaupt nicht, wie ihr so reden könnt«, sagte Duncan. »Alex ist tot! Versteht ihr? Tot!« Lenka hörte auf zu weinen. Sie rückte näher an Duncan 135
heran. »Alex ist vielleicht tot. Aber Chris und Eric haben Recht. Es könnte dir dein ganzes Leben ruinieren.« Sie berührte ihn am Arm. »Dafür möchte ich nicht verantwortlich sein.« Eine Zeitlang saßen sie stumm auf der überfüllten Brücke. Eric sprach als erster. »Was meint ihr dazu? Wir müssen uns jetzt entscheiden. Chris?« »Ich sage, dass es ein Unfall war. Alex befand sich auf dem Vordeck. Er wollte sich ein neues Bier holen, rutschte aus und ging über Bord.« »Lenka?« »Ich sage das Gleiche.« »Duncan? Es geht um dein Leben.« »Es war Alex’ Leben.« »Ja, aber jetzt reden wir von dir.« Er biss sich auf die Lippe, nickte aber. »Okay.« »Ian?« Ian war noch immer benommen. Er bewegte sich nicht und starrte blicklos in den Himmel. »Ian? Wenn wir diese Geschichte erzählen wollen, müssen alle mit ihr einverstanden sein.« Langsam richtete Ian seinen Blick auf Eric. Chris fragte sich plötzlich, wie weit Ians Egoismus ging. War er bereit, die Polizei anzulügen, um Duncan zu helfen? Offenbar war sich Ian noch nicht schlüssig. Schließlich nickte er. »In Ordnung.« »Wir sind uns also alle einig.« »Nein, sind wir nicht.« Es war Megan. 136
Überrascht wandte sich Eric zu ihr um. »Hast du ein Problem damit?« »Natürlich hab ich ein Problem damit. Wir müssen die Wahrheit sagen.« »Aber du denkst doch nicht, dass Duncan Alex absichtlich ins Wasser gestoßen hat?« »Nein, aber das habe nicht ich zu entscheiden. Das muss die Polizei tun.« Das Boot näherte sich Oyster Bay. Sie konnten schon die pulsierenden Blaulichter von mindestens zwei Rettungsfahrzeugen sehen, die auf sie warteten. Sanft redete Eric auf Megan ein, während sie Gas wegnahm. »Ich weiß, dass du Lügen hasst. Ich kann dich auch nicht zum Lügen zwingen. Aber hier geht es um einen Freund von mir. Kannst du es nicht für mich tun?« Alle Augen waren auf sie gerichtet. Für Chris gab es keinen Zweifel: Es war das Beste, wenn sie behaupteten, Alex sei ohne Fremdeinwirkung über Bord gefallen. Auch ihm gefiel es nicht, die Polizei anzulügen, aber die Wahrheit würde nichts bewirken, außer Duncan dem Räderwerk der amerikanischen Justiz auszuliefern. Mit höchst ungewissem Ausgang. Duncan würde sowieso den Rest seines Lebens an dieser Geschichte zu knabbern haben. Lenka wahrscheinlich auch. Chris hatte durchaus Verständnis für Megans Abneigung, die Polizei anzulügen, hoffte aber, sie würde ihre Meinung ändern. Wie Eric gesagt hatte, Duncan war ihr Freund. Megan sah Eric an, atmete tief durch und nickte. »Okay. Aber ich werde nichts erfinden. Ich sage einfach, ich hätte nichts gesehen.« 137
»Das reicht vollkommen«, sagte Eric. »Komm, lass mich das Boot in den Hafen fahren.« Der erste Schlag hatte Alex wehgetan. Der zweite setzte irgendeinen Mechanismus in seinem Gehirn außer Gefecht, einen Mechanismus des Nervensystems, der für den aufrechten Gang und das Gleichgewichtsgefühl sorgt. Als ihn Duncans Schlag zurücktaumeln ließ, fühlte er, wie die Beine unter ihm nachgaben. Die Reling stieß hart gegen seine Oberschenkel. Er versuchte sich nach vorn zu beugen, aber er schaffte es nicht, vielleicht weil er zu betrunken war oder weil das Boot so wilde Sprünge vollführte. Sein Körper fiel ins Leere, und eine Sekunde später befand er sich unter Wasser. Das Wasser war so kalt, dass es ihm die Luft aus den Lungen zu pressen schien. Irgendwie behielt er doch einen Rest übrig. Es war dunkel, und das Gewicht seiner Kleidung zog ihn nach unten; er wusste noch nicht einmal, wo oben und unten war. Panisch stieß er mit den Füßen und ruderte mit den Armen. Seine Lunge schmerzte, doch irgendwie gelang es ihm, den Mund geschlossen zu halten und kein Wasser zu schlucken. Plötzlich war sein Gesicht wieder in der Nachtluft, und er tat einen tiefen Atemzug, aber da schlug schon wieder eine Welle über ihm zusammen. Das Seewasser stach in seiner Lunge und brachte ihn zum Husten. Verzweifelt schlug er mit den Armen um sich. Es gelang ihm, den Kopf lange genug über Wasser zu halten, um seine Luftwege wieder frei zu bekommen. Noch einmal nahm er einen tiefen Atemzug, bevor er wieder unter dem Berg einer neuen Welle versank. 138
Unter Aufbietung all seiner Kraft in Armen und Beinen hielt er sich mühsam über Wasser. Seine Kleidung war schwer und das Wasser kalt. Er schaute sich um und erhaschte einen Blick auf die Brücke des Bootes, das sich rasch entfernte. Er hob einen Arm, um sich bemerkbar zu machen, woraufhin er prompt versank und wieder Wasser schluckte. Erneutes Husten. Er war in ernsten Schwierigkeiten, das wusste er. Er war kein guter Schwimmer und ziemlich betrunken. Das Boot konnte er nicht mehr sehen. Alex wollte nicht sterben. Er war noch zu jung. Es gab so vieles, was er noch mit seinem Leben anfangen wollte. Er würde nicht sterben. Er schwamm in die Richtung, in der er das Boot zuletzt gesehen hatte. Es gelang ihm nicht, gleichmäßige Schwimmzüge zu machen. Er schwamm zu rasch und ermüdete zusehends. Mach langsamer! Schwimm ruhiger! Solange er sich über Wasser hielt, konnten sie ihn finden. Inzwischen hatten sie sicherlich gewendet. Gleich würden sie hier sein. Vor ihm tauchte ein bewegter Schatten auf! Jemand schwamm auf ihn zu. Alex hob eine Hand, rief, arbeitete heftiger. Der Schwimmer kam näher. Gott sei Dank, dachte Alex. »Hierher!«, rief er. »Hier bin ich!« Er packte die Arme, die sich ihm entgegenstreckten. Er krallte sich in den Ärmeln fest. Wollte nie wieder loslassen und konnte es nicht glauben! Er war gerettet! Plötzlich spürte er kräftige Hände auf seinem Kopf, die ihn nach unten drückten. Er war so überrascht, dass er vergaß, Atem zu holen, bevor er im Wasser verschwand. 139
Was zum Teufel hatte das zu bedeuten? Er war zu schwach. Er vermochte sich nicht zu wehren. Er versuchte, den Schwimmer zu packen, ihn mit hinunterzuziehen, doch seine Lungen waren bereits voller Wasser. Er fühlte, wie er in die Dunkelheit sank, in die Umarmung der kalten, kalten See. Alex’ Leiche wurde am folgenden Morgen gefunden. Ein paar Kilometer weiter die Küste hinab war sie bei Eaton’s Neck gegen eine Klippe geschleudert worden. Chris, Ian und Duncan wurden noch eine Woche in New York festgehalten, wo sie von der Polizei vernommen wurden und an Alex’ Beisetzung teilnahmen. Fragen wurden gestellt und Lügen erzählt. Dann flogen die Engländer nach London zurück, Eric und Lenka traten ihre Stellen bei Bloomfield Weiss an, und Megan kehrte nach Washington zurück. Aber Alex war tot. Und die Erinnerung an die Umstände seines Todes war ihnen allen ins Gedächtnis gebrannt.
TEIL DREI
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Als Chris nach London zurückkehrte, war er entschlossen, Carpathian weiterzuführen. Es würde nicht leicht werden: Carpathian war viel eher Lenkas Geschöpf als seines. Er war zwar mit allen Einzelheiten vertraut: der Verwaltung der Fonds, den Sicherheiten des Portfolios, den Konten, den Verträgen über die Computerwartung, den Pachtverträgen der Büroräume und so fort. Aber die Richtlinien hatte Lenka bestimmt, genauso wie sie die Beziehungen zu den Investoren gepflegt hatte. Lenkas Ermordung war für Chris in jeder Hinsicht eine Katastrophe. Da waren die entsetzlichen Begleitumstände der Tat selbst. Jedes Mal, wenn er die Augen schloss, sah er ihr bleiches Gesicht auf der Straße, fühlte er das warme, klebrige Blut über die Hände laufen, sah er sie sterben. Dann die Schuldgefühle, dass er es nicht verhindert hatte. Wieder und wieder ließ er den Angriff Revue passieren. Hätte er nur eine Sekunde rascher reagiert, als er die Schritte hörte, hätte er den Arm nur eine halbe Sekunde früher ergriffen. Er malte sich aus, wie er den Angreifer packte, zu Boden warf und überwältigte. Alles Unsinn, wie er genau wusste. Hätte er tatsächlich schneller reagiert, dann hätte er wahrscheinlich auch dran glauben müssen. Dann war da die Trauer über den Verlust einer Freun143
din, eines Menschen, der ihm geholfen hatte, als er Hilfe dringend benötigte, eines Menschen, bei dem er in großer Schuld stand. Ihm fehlte ihr Lachen, die heisere Stimme, die ihn gutmütig neckte, die unwiderstehliche Vitalität, die sie immer umgab. Und schließlich war da die Sorge um das Unternehmen, ihr gemeinsames Unternehmen. In den letzten paar Jahren hatte sie ungeheuer viel Energie in Carpathian investiert. Die Firma war zum Mittelpunkt ihres Lebens geworden. Als der erste Schock vorüber war, stellte er fest, dass er auf Carpathian alle Gefühle übertrug, die er ihr gegenüber hegte. Er konnte ihren Tod nicht ungeschehen machen, er konnte sie nicht wieder zum Leben erwecken, aber er konnte dafür sorgen, dass ihr Geschöpf überlebte. Zunächst musste er sich um die beiden anderen Mitglieder des Teams kümmern, Ollie and Tina. Ollie war ein Nervenbündel. Chris und Lenka hatten ihn sich gewissermaßen aus der Konkursmasse geholt, die die bankrotte Investmentabteilung einer englischen Bank hinterlassen hatte. Er war fünfundzwanzig, sehr intelligent, aber extrem schüchtern. Er schien sein Leben in ständiger Angst zu verbringen. Das hatte Lenka in ihren skrupelloseren Momenten gnadenlos ausgenutzt. Aber im Grunde genommen mochte sie ihn, wie Chris es tat, und wie dieser war sie der Meinung, Ollie würde eines Tages, wenn er ein bisschen gefestigt war, ein großer Gewinn für die Firma sein. In der Zwischenzeit verursachte er keine großen Unkosten und kochte den Kaffee, ohne zu klagen. Bis vor einer Woche war Ollies schlimmster Albtraum gewesen, ein Geschäft zu vermasseln und dafür von Lenka angeschrien zu 144
werden. Doch das hier war so entsetzlich, dass er die einfachsten Aufgaben nicht mehr verrichten konnte. Er vermochte kaum noch zu reden. Als Chris ihm von Lenkas Tod berichtete, hatte er wie ein Schlosshund geheult. Er tat Chris Leid, und auf eine etwas komplizierte Weise war er auch erfreut, dass Lenka für Ollie eine solche Bedeutung gehabt hatte, obwohl sie sich manchmal über ihn lustig gemacht hatte. Chris überließ ihn fünf Minuten seiner Trauer, aber nur fünf Minuten. Er brauchte Ollie. Ollie war intelligent und kannte sich mit den Abläufen bei Carpathian aus wie kein anderer. Ollie musste erwachsen werden. Auf der Stelle. Tina war aus härterem Holz geschnitzt. Sie war eine außerordentlich tüchtige Person, neunzehn Jahre alt, kam aus Ongar, konnte den Kopierer reparieren, wenn Ollie ihn kaputt gemacht hatte, und wies die Wertpapierhändler energisch in ihre Schranken, wenn sie plump-vertraulich wurden. Während Chris’ Abwesenheit hatte sie sich um das Telefon gekümmert. Sie hatte zwar wenig Erfahrung und Kenntnisse im Finanzwesen, trotzdem konnte Chris sich auf sie verlassen. Allem Anschein nach spürte sie seine Entschlossenheit, Carpathian zu retten – und teilte sie. Alle vier hatten sie in einem einzigen großen Raum gesessen. Lenkas und Chris’ einziges Privileg war gewesen, dass sie von ihren Schreibtischen auf den Platz draußen blickten. Das gesamte Büro bestand aus diesem Raum, einem Empfangsbereich, einem Konferenzzimmer, einer Küche und einem Alkoven für Kopierer, Fax und Computerausrüstung. Groß war es nicht, aber hell, luftig und praktisch. Eine amerikanische Freundin von Lenka hatte es 145
entworfen und eingerichtet. Das hatte nicht viel gekostet, bis auf die elegant geschwungene Wand im Empfangsbereich, die ein Fresko in wirbelnden Blautönen zeigte. Chris und Lenka waren uneins gewesen: Lenka hatte die Wand gefallen, Chris hatte sie zu unseriös gefunden. Schließlich hatte sich Chris mit ihr einverstanden erklärt. Chris warf einen Blick auf Lenkas Schreibtisch. Leuchtend lila und orangefarben stand ein Blumenstrauß in einer hohen Kristallvase. »Paradiesvögel« würden sie genannt, hatte sie gesagt. In der Blumenhandlung um die Ecke hatte sie sich jede Woche einen neuen Strauß gekauft. Nach kurzem Zögern warf Chris die Blumen in den Mülleimer. Es schien ihm unrecht, dass sie so bunt und lebendig waren, als hätten sie die Neuigkeit noch nicht vernommen. Doch die leere Vase ließ er stehen. Unter ihrem Schreibtisch lagen vier Paar fast neue Schuhe. Lenka hatte immer gesagt, am besten könne sie barfuß denken. Gelegentlich hatte sie sogar Besucher mit bloßen Füßen empfangen. Chris hatte einige Monate gebraucht, um herauszufinden, wie sich an ihrem Arbeitsplatz so viele Schuhe ansammeln konnten; gewiss ging sie nicht barfuß nach Hause. Die Antwort war, dass sie in die Bond Street ging, wenn die Märkte gegen sie waren, und sich ein neues Paar kaufte, das sie, zurück im Büro, prompt von den Füßen streifte. Doch Chris hatte keine Zeit, seinen Gedanken an Lenka nachzuhängen. Er prüfte die Kurse ihres Portfolios. Der Markt machte Sperenzchen. Der russische Finanzminister war wegen eines Korruptionsskandals zurückgetreten, und nun schwächelte Osteuropa. Die große Eureka-Telecom146
Position war um fünf Punkte gefallen. Chris musste herausfinden, was Lenka mit ihr vorgehabt hatte. Aber auch das konnte warten. Er hatte nicht vor, im Laufe der nächsten Tage irgendwelche Transaktionen vorzunehmen. Er führte ein kurzes Telefonat mit Ian Darwent. Ian war noch immer bei Bloomfield Weiss; er verkaufte jetzt europäische Hochprozenter. Von ihm hatte Lenka die EurekaTelecom-Anleihen erworben. Das Gespräch war zähflüssig. Ian hatte den Kontakt zu Chris abgebrochen, als dieser Bloomfield Weiss verlassen hatte. Das konnte Chris ihm nicht vergessen. Offenbar wusste auch Ian nicht so recht, wie er sich Chris gegenüber verhalten sollte, vor allem, seit Carpathian ein Abnehmer von europäischen Hochprozentern war. Daher waren sie stillschweigend übereingekommen, dass Ian mit Lenka verhandelte. Das musste sich jetzt ändern. Tina hatte Ian am Tag zuvor berichtete, was Lenka zugestoßen war, daher tauschten sie jetzt nur ein paar oberflächliche Bemerkungen über ihren Tod aus. Chris war sich sicher, dass Ian aufrichtige Trauer empfand, aber er war nicht bereit, Ian dabei zu helfen, seine in Nobelinternaten erworbene Scheu vor emotionalen Fragen zu überwinden. Sie beendeten ihr Gespräch mit der Abmachung, sich am folgenden Tag über Eureka Telecom zu unterhalten. Chris telefonierte auch mit Duncan in der Wertpapierabteilung der Honshu Bank, der Londoner Filiale des japanischen Unternehmens, in der er jetzt beschäftigt war. Chris hatte ihn schon aus Prag über Lenkas Tod informiert. Das Gespräch war kurz gewesen; Duncan war zu schockiert, um viel sagen zu können. Jetzt hatte er eine Menge Fragen auf 147
dem Herzen. Chris verabredete sich mit ihm in einem Pub, um sie ihm zu beantworten. Als nächstes musste er die Investoren des CarpathianFonds informieren. Es waren acht an der Zahl mit einer Gesamtsumme von fünfundfünfzig Million Euro. Größtenteils waren sie in den USA ansässig, fast alle Bekannte von Lenka aus ihrer Zeit bei Bloomfield Weiss in New York. Der größte Investor war Amalgamated Veterans Life, und Lenkas Kontaktmann niemand anders als Rudy Moss. Er war der einzige Investor, den Chris wirklich kannte. Die übrigen hatte er flüchtig kennen gelernt, aber ihr Vertrauen gehörte Lenka. Trotzdem, ihm und Lenka war es gelungen, ihnen in den ersten neun Monaten eine Rendite von neunundzwanzig Prozent zu verschaffen. Sie hatten also allen Grund, zufrieden zu sein. Chris beschloss, ihnen allen eine E-Mail zu schicken, in der er sie vorab unterrichtete, bevor er sie am Nachmittag anrief. Es waren schwierige Telefonate. Alle waren tief bestürzt über die Nachricht. Für die meisten schien Lenka eine persönliche Freundin gewesen zu sein. Zu Chris’ großer Erleichterung deutete keiner an, dass er seine Einlage bei Carpathian überdenken wolle. Nur Rudy konnte er nicht erreichen. Der rief auch nicht zurück. Doch Chris machte sich deswegen keine Sorgen: Anrufe nicht zu beantworten, war eine Macho-Masche bei Leuten wie Rudy, und da sie sich kannten, hatte Chris bei Rudy die geringsten Bedenken. Ollie schien sich im Laufe des Tages zu fangen. Chris ließ ihn den Markt sondieren, um herauszufinden, ob die neueste russische Krise irgendwelche Risiken für die mitteleuropäischen Länder barg, in denen Carpathian inves148
tierte. Früher hatten sich Lenka und Chris darum gekümmert, aber Ollie machte seine Sache gar nicht schlecht. Um 20 Uhr verließ Chris das Büro mit dem Gefühl, Carpathian habe vielleicht doch eine Zukunft. Als Chris im Williams eintraf, hatte Duncan bereits einen Vorsprung von ein oder zwei Halben. Williams war ein dunkler Pub in einem Gässchen am Bishopsgate. Vor zehn Jahren hatten sie es zu ihrer Stammkneipe erkoren. Es war von Bloomfield Weiss bequem zu Fuß zu erreichen, lag aber andererseits in so sicherer Entfernung, dass man keine Kollegen und Vorgesetzte befürchten musste. Bislang war es vom Sanierungsfieber verschont geblieben, das in dem Viertel grassierte, so dass es über die Jahre ihr Treffpunkt geblieben war. Chris holte sich einen Halben, ließ Duncans Glas auffüllen und setzte sich zu ihm an einen kleinen Tisch in der Ecke. Der Pub war voller smarter junger Männer zwischen zwanzig und dreißig. Die versoffenen, übergewichtigen Typen mittleren Alters in ihren verbeulten Zweireihern, die vor zehn Jahren das Bild bestimmt hatten, waren weitergezogen. Chris fragte sich manchmal, was sie wohl taten, nachdem sie von seiner Generation verdrängt worden waren. Vielleicht würde er es in zehn Jahren wissen. »Danke«, sagte Duncan, leerte das alte Glas und schob es zur Seite, um für das neue Platz zu machen. »Cheers«, sagte er etwas kläglich. »Cheers.« »Ich kann es nicht glauben«, sagte Duncan. »Ich kann es einfach nicht glauben. Wie ist das passiert?« 149
»Jemand kam von hinten und hat ihr die Kehle durchgeschnitten«, sagte Chris so sachlich, wie er konnte. Er wollte sich nicht noch einmal auf die Einzelheiten dieses Abends einlassen. »Und du bist dabei gewesen?« Chris nickte. »Wer war es?« »Keine Ahnung. Ich hab nicht viel von ihm gesehen – er hat eine dunkle Jacke und einen Hut getragen.« »Und die tschechische Polizei? Was hält sie von der Sache?« »Nun, zuerst dachte man an einem Raubüberfall, einen Fixer, der Geld brauchte. Das scheint in Prag ein Problem von wachsender Bedeutung zu sein. Aber aufgrund der Vorgehensweise ist man inzwischen zu der Überzeugung gelangt, dass es sich um einen Profikiller gehandelt hat. Er konnte mit seinem Messer verdammt gut umgehen.« »Aber wer zum Teufel hätte ein Interesse daran, Lenka umzubringen?« Chris seufzte. »Keine Ahnung.« »Sicher eine Art Mafia-Anschlag«, sagte Duncan. »In Osteuropa gibt es schließlich jede Form von organisierter Kriminalität. Stand nicht letzte Woche in der Zeitung, dass in Russland ein paar Banker erschossen worden sind?« »Ich glaube nicht, dass Tschechien ganz so gefährlich ist wie Russland. Allerdings sagt die Polizei, dass es eine ukrainische Mafia gibt. Davon geht sie im Augenblick jedenfalls aus. Aber ich kann mir nicht vorstellen, dass die Unternehmen, in die wir investieren, in solche Sachen verwickelt sind.« 150
»Das weiß man nie«, sagte Duncan. »Da drüben ist doch alles Junk, Schrott, oder?« »Börsentechnisch ja, da ist es Junk, aber das heißt doch nur, dass sie im Rating schlecht abschneiden, nicht, dass die Emittenden Gauner sind.« »Schon, aber man weiß nie, wer hinter ihnen steht.« Nachdenklich trank Chris einen Schluck. »Das ist wahr«, gab er zu. Richtig war, dass die Unternehmen zu dem Zeitpunkt, wo Carpathian investierte, für westliche Ansprüche aufpoliert worden waren. In der Phase der Anarchie, die in all diesen Ländern den Übergang vom Kommunismus zum Kapitalismus geprägt hatte, hatten Gier, Korruption und Gewalt geherrscht. Sogar für Lenka war die Situation manchmal undurchsichtig gewesen. Das war einer der Gründe, warum sie unbedingt kleine Büros an Standorten wie Prag eröffnen wollte. »Vielleicht hat es tatsächlich mit einer unserer Investitionen zu tun.« »Das spielt jetzt auch keine Rolle mehr«, sagte Duncan. Sie saßen in tiefem Schweigen und dachten an Lenka. »Weißt du, sie war die einzige Frau, die ich wirklich geliebt habe«, sagte Duncan. »Und was ist mit Pippa?«, fragte Chris. Pippa war Duncans Frau. Sie waren drei Jahre verheiratet gewesen und hatten sich vor sechs Monaten getrennt. Duncan schüttelte den Kopf. »Ich mochte Pippa und fand sie sehr anziehend, aber ich habe sie nie geliebt. Das war das Problem.« Er trank sein Glas aus. »Nachdem die Sache mit Pippa schief gegangen war, habe ich viel an Lenka gedacht. Im Grunde genommen hab ich Lenka nie richtig vergessen können. Ich weiß, wir sind nur ein paar Mo151
nate zusammen gewesen, aber das sind die einzigen Monate gewesen, in denen ich mich wirklich lebendig gefühlt habe.« Chris fand, dass Duncan ein bisschen übertrieb, wollte sich aber nicht mit ihm streiten. »Sie war schon was ganz Besonderes«, sagte er. »Nicht wahr?«, sagte Duncan und lächelte zum ersten Mal. »Sie war so warmherzig, so großzügig, so lebendig. Und sie hatte mehr Sex als jede andere Frau, die ich kennen gelernt habe. Was ich für sie bedeutet habe, weiß ich nicht. Ich kann gut verstehen, dass sie mich abserviert hat.« »Das ist alles schon so lange her«, sagte Chris. »Mir kommt es vor, als wäre es gestern gewesen«, sagte Duncan. »Ich weiß noch genau, wie sie sich anfühlt, wie sie riecht und wie sie lacht. Erinnerst du dich an ihr Parfüm? Wie heißt es noch? Annick Goutal? Bei uns im Büro ist eine Französin, die es benutzt. Jedes Mal, wenn ich an ihr vorbeikomme, muss ich an Lenka denken. Dann ist sie plötzlich wieder da.« Seine Augen wurden feucht, und er blickte auf die Tischplatte hinunter. »Damals war was zwischen uns. Ich bin sicher, dass es ihr genauso gegangen ist. Wenn wir nach dem Programm zusammen geblieben wären, sähe mein Leben heute ganz anders aus.« Abermals wollte Chris widersprechen, Duncan auf die Unstimmigkeiten in seinen Annahmen hinweisen, und abermals besann er sich eines Besseren. Sicherlich wäre Duncans Leben anders verlaufen, wenn er mit Lenka zusammen geblieben wäre. In den letzten zehn Jahren war es nicht gut gelaufen für Duncan. Er kam nicht über Alex’ Tod hinweg. Die Schuldgefühle 152
machten ihn fast kaputt. Sie zerstörten, was ihm an Selbstbewusstsein geblieben war. Er war voller Bitternis, Wut und Selbstmitleid. Seine naive Unschuld und sein Dackelcharme waren dahin. Sein glattes Gesicht bekam Furchen, sein Kinn verdoppelte sich, und eine kleine Wölbung zeichnete sich über dem Gürtel ab. Auch sein gewinnendes Lächeln blieb auf der Strecke. Durch seine Verbitterung und die ständigen Selbstvorwürfe verlor er die meisten seiner Freunde. Chris hielt ihm die Stange. Es war nicht nur Treue gegenüber einem alten Freund. Die Vertuschung der Umstände von Alex’ Tod hatten bei Chris zwar kein Gefühl der Schuld, aber doch der Komplizenschaft geschaffen. Er konnte Duncan einfach nicht fallen lassen. Ian schon, womit er auch nicht lange wartete. Kaum war Duncan wieder in London, wurde er von Bloomfield Weiss entlassen, was bei seinem Abschneiden im Programm nicht anders zu erwarten war. Im Laufe der nächsten Jahre wechselte er bei unbedeutenden ausländischen Banken in der Londoner City als EurobondVerkäufer von Job zu Job. Die großen Bonusse der BoomJahre gingen an ihm vorbei. Er gehörte zum Fußvolk der Schlacht, die das Ziel hatte, Rentenpapiere über den ganzen Globus zu verteilen, zum billigen Kanonenfutter, das zuerst dran glauben musste, wenn die Wertpapierabteilung einer Bank von einem neuen Mann übernommen wurde, der Rationalisierung und Personalabbau auf seine Fahnen geschrieben hatte. Dabei war Duncan gar nicht schlecht in seinem Job. Er war ehrlich, konnte immer noch Leute für sich einnehmen, wenn er wollte, und hatte Kunden, die gerne Anleihen von ihm kauften. Aber er war von einer Au153
ra der Niederlage umgeben, und wenn Umstrukturierungen anstanden, was bei jeder Bank in der City einmal pro Jahr der Fall war, war sein Kopf stets der erste, der rollte. Nach einigen Jahren schien es dann endlich wieder aufwärts zu gehen. Er lernte Pippa kennen, eine nette, unkomplizierte Wertpapierassistentin, die ein paar Jahre jünger war als er. Sie heirateten, mit dem Erfolg, dass er seine Stellung bei einer arabischen Bank fast vier Jahre lang behielt. Sie kauften sich ein Haus in Wandsworth. Es machte wieder Spaß, mit ihm ein Bier trinken zu gehen. Dann ging alles schief. Pippa setzte ihn an die Luft, Chris bekam nie so richtig raus, warum eigentlich. Die arabische Bank entließ ihn. Er brauchte vier Monate, um eine neue Stellung zu finden. Und jetzt die Geschichte mit Lenka. Duncan war wieder völlig fertig. Dieses Mal war sich Chris nicht sicher, ob er die Kraft haben würde, ihm noch mal auf die Beine zu helfen. »Wie ist der neue Job?«, fragte er in dem Bemühen, das Thema zu wechseln. »Ein Job eben. Man hat mir eine Liste mit Leuten gegeben, die ich kontaktieren soll und die nie zurückrufen. Immer die gleiche Geschichte. Wir haben kein Produkt, das man verkaufen kann, und keine Kunden, an die wir es verkaufen können.« »Wie ist dein Chef?« »Soweit ganz okay. Kommt ursprünglich von Harrison Brothers, ist aber seitdem in der Firma. Ich beklag mich nicht. Sie bezahlen mich.« »Ist doch schön«, meinte Chris lahm. 154
Duncan blickte auf. »Da fällt mir ein, dass ich dich was fragen wollte.« »Was denn?« »Einer meiner arabischen Kunden möchte ein bisschen Geld in europäischen Hochprozentern anlegen. Er hat keine Ahnung, und alle großen Investmentbanken versichern ihm, ihre Angebote seien die besten und die der Konkurrenz der letzte Scheiß. Wir haben nichts, was wir ihm anbieten könnten, aber ich würde ihm gern weiterhelfen. Hast du eine Idee?« »Eigentlich war Lenka die Expertin für Hochprozenter, aber ich habe doch das eine oder andere aufgeschnappt«, sagte Chris. »Ich kann’s ja mal versuchen. Es sind allerdings alles osteuropäische Papiere.« »Schieß los!«, sagte Duncan. Obwohl Chris es nicht ganz in Ordnung fand, dass seine Kenntnisse umsonst abgerufen wurden, war es doch eine Erleichterung für ihn, über etwas anderes als Duncans Elend zu sprechen. Er nannte vier Papiere, von denen Lenka und er viel gehalten hatten. Duncan notierte sie sorgfältig auf der Rückseite einer seiner Geschäftskarten. »Was ist mit Eureka Telecom?«, fragte er, als Chris fertig war. »Sie sind meinem Kunden sehr angepriesen worden. Sie seien überaus billig, hat man ihm gesagt.« Chris zog ein zweifelndes Gesicht. »Bei denen bin ich mir ganz und gar nicht sicher. Wir haben zwar einige, aber ich fürchte, es könnte wieder so eine Bloomfield-WeissNummer sein. Halt dich lieber an die etwas teureren Papiere, die die Broker kaufen, und lass die Finger von den billigen, die alle loswerden wollen.« 155
Duncan lächelte. »Hört sich vernünftig an. Eureka Telecom ist also eins von Ians Dingern?« Chris nickte. »Ja. Ich sprech morgen mit ihm darüber.« »Dieses Arschloch«, murmelte Duncan. Chris zuckte die Achseln und blickte sich in dem Halbdunkel um. Vor vielen Jahren hatten sie hier zu dritt manch langen Abend verbracht. »Es ist schade«, sagte er. »Du wirst sentimental«, sagte Duncan. »Ian Darwent hat immer nur seinen Vorteil im Auge gehabt. Er war ausgesprochen nett, solange er es für nützlich hielt, aber kaum war er zu der Überzeugung gekommen, dass er uns nicht mehr brauchte, hat er uns fallen lassen wie heiße Kartoffeln.« Chris seufzte. »Vielleicht hast du Recht.« Es war schon traurig. Vor zehn Jahren schienen sie alle eine strahlende Zukunft vor sich zu haben. Sie schickten sich an, die humanen Investmentbanker des 21. Jahrhunderts zu werden. Doch dann kam alles ganz anders. Duncan fiel durch. Chris hielt es ein bisschen länger aus, dafür vollzog sich sein Abgang bei Bloomfield Weiss dann mit Pauken und Trompeten. Ian hatte seinen Weg gemacht, war aber, wie Duncan sagte, ein Arschloch. Alex und Lenka waren tot. Nur Eric hatte es wirklich geschafft. Er bekleidete jetzt irgendeinen einflussreichen Posten in der Unternehmensfinanzierung bei Bloomfield Weiss in New York. Chris schüttelte den Kopf und blickte auf sein leeres Glas. »Deine Runde.«
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Ein Blick auf Tinas Gesicht und die zitternde Hand, die das Fax hielt, genügte und Chris wusste, dass es keine guten Nachrichten waren. Ihm sank das Herz. Sein Bedarf an schlechten Nachrichten war gedeckt. Wortlos legte sie ihm das Fax auf den Schreibtisch. An: Von: Betrifft:
Chris Szczypiorski, Carpathian Fund Managers Rudy Moss, Vizepräsident, Amalgamated Veterans Life Einlage im Carpathian Fund
Mit diesem Schreiben möchte ich Ihnen mitteilen, dass Amalgamated Veterans Life die Absicht hat, seine Einlagen in Höhe von 10 Millionen im Carpathian Fund binnen 30 TAGEN zurückzuziehen. Mit freundlichen Grüssen Rudy Moss, Vizepräsident Chris fuhr aus der Haut. »Mit freundlichen Grüßen! Mein Gott! 157
Kein Wort über Lenka. Kein Wort der Trauer, kein Wort, dass er Verständnis für unsere schwierige Lage hat.« Tina schüttelte den Kopf. »Ein Wichser, oder?« »Und was für einer, Tina.« Chris griff zum Telefon, um Rudy seine Meinung zu sagen, laut und deutlich. »Hören Sie, Chris«, sagte Tina, während Chris Rudys Nummer in die Tasten hämmerte. »Ja?«, sagte Chris und hielt den Hörer ans Ohr. »Warum rufen Sie ihn nicht in fünf Minuten an?« Chris hörte Rudys Stimme am anderen Ende der Leitung. Er warf Tina einen Blick zu. Sie hatte Recht. Rudy anzuschreien, war wahrscheinlich nicht die klügste Methode, um ihn davon zu überzeugen, dass er sein Geld im Fonds ließ. Er legte auf und sagte lächelnd: »Danke.« Tina ging und ließ ihn allein. Chris stand auf und blickte aus dem Fenster auf den hübschen kleinen Platz unten. Trotz der Kälte saßen mehrere eingemummte Büroangestellte auf den Bänken und machten eine verspätete Mittagspause, gierig beäugt von mausgrauen Tauben. Die Sache war ernst. Zehn Millionen Euro machten fast zwanzig Prozent des Fonds aus. Schlimmer noch war die Signalwirkung, die von einem solchen Schritt für die anderen Investoren ausging. Bisher hatten sie sich abwartend verhalten – erst mal sehen, wie Chris sich machte. Irgendwie sind alle Investoren, selbst die größten, wie die Schafe. Möglichst wenig entscheiden, möglichst wenig Risiko eingehen – also tun, was alle tun. Gestern hatten sie auf Carpathian gesetzt. Und morgen? Was hatte Rudy dazu bewogen? Er kannte Chris. Sie hatten das Ausbildungsprogramm zusammen absolviert, und 158
Chris hatte ganz gut abgeschnitten. Gewiss, Chris hatte Rudy nicht ausstehen können, aber soweit er sich erinnerte, hatte er es den anderen nie merken lassen. Er atmete tief durch, zählte bis zehn und wählte noch einmal Rudys Nummer. »Rudy Moss.« »Hallo Rudy, Chris von Carpathian.« Chris benutzte seinen Nachnamen so wenig wie möglich. Er stiftete nur Verwirrung. »Hallo, Chris«, sagte Rudy neutral. »Ich habe dein Fax bekommen.« »Oh.« »Ehrlich gesagt, ich war ein wenig überrascht. Alle unsere Investoren wollen bei uns bleiben, und ich war davon ausgegangen, Amalgamated Veterans würde es genauso machen.« Am anderen Ende der Leitung trat eine kleine Pause ein. »Nun ja, Chris, ich wäre wirklich gerne bei dir geblieben, aber du musst auch meine Situation verstehen: Wir sprechen hier über eine schwerwiegende Veränderung im Fonds-Management. Die Besetzung des Managements ist für uns immer von großer Bedeutung. Eure Doppelspitze fanden wir schon etwas dürftig, aber jetzt bist nur noch du da. Ich fürchte, das ist uns ein bisschen zu wackelig.« Nicht ausrasten, sagte sich Chris. Ruhig Blut. Find heraus, was er wirklich hat. »Ich kann eure Sorge gut verstehen. In der Tat will ich so bald wie möglich einen erfahrenen Investmentpartner in die Firma nehmen.« Das stimmte zwar nicht, aber von jetzt 159
an stimmte es. Alles, was Amalgamated Veterans bewegen konnte, im Fonds zu bleiben. »Aber ich kann dir versichern, dass der Fonds in meinen Händen vollkommen sicher ist. Wir haben breit gestreut. Der Markt schwächelt zwar im Augenblick, aber wir rechnen damit, dass er sich erholt. Du verdienst bei uns gutes Geld, Rudy, das kann ich dir versichern.« »Bei uns?« Da war ein winziger Anflug von Spott in Rudys Stimme, der Chris sofort auf die Palme brachte. »Sicher, bei mir und meinen Kollegen.« »Und die sind?« »Ich habe hier zwei Assistenten.« »Aber im Wesentlichen schmeißt du den Laden?« »So ist es«, gab Chris zu. »Aber ich finde sicherlich bald einen Partner.« »Wir wissen doch beide Bescheid«, sagte Rudy, und ein unangenehmer Unterton schlich sich plötzlich in seine Stimme. »Was meinst du damit?«, fragte Chris scharf. »Ich meine damit, dass ich deine Geschichte kenne.« »Sprichst du über die Sache mit meinen Weggang bei Bloomfield Weiss?« »Genau die.« Chris schwieg. »Ich will ganz offen mit dir sein«, sagte Rudy. »Damit wir wissen, wo wir stehen.« »Du weißt ganz genau, dass ich für die Verluste nicht verantwortlich war.« »Wenn du’s sagst. Ich war nicht dabei.« »Ganz recht, du warst nicht dabei!«, fuhr Chris ihn an 160
und bedauerte es augenblicklich. Er musste unbedingt ruhig bleiben. »Lenka wusste, dass es nicht meine Schuld war. Sie hat mir vertraut.« »Lenka war eine intelligente Frau. Ich gestehe dir offen, dass ich auf sie gesetzt habe, als wir bei Carpathian investiert haben. Jetzt, wo sie tot ist …« Chris atmete tief durch. »Kann ich dich mit irgendwas umstimmen?« »Ich glaube nicht.« »Wie wär’s, wenn ich nach Hartford käme?« »Das wird keinen Zweck haben.« Chris traf eine Entscheidung. »Ich komme. Dann können wir weiter darüber reden.« »Ich hab gesagt, dass es keinen Zweck hat«, sagte Rudy ungeduldig. »Hör zu, Rudy. Wenn du euer Geld aus dem Fonds ziehst, dann ist das für mich, was du eine ›schwerwiegende Veränderung‹ nennen würdest, eine schwerwiegende Veränderung, die mich sehr trifft. Da schuldest du mir schon eine Stunde, damit wir darüber sprechen können.« Rudy dachte nach. »In Ordnung. Wenn du darauf bestehst.« »Ich bestehe darauf. Ich komme am nächsten Donnerstag, sagen wir, um zwei Uhr?« »Ich habe die ganze nächste Woche zu tun.« »Was ist mit Freitag?« »Ich habe gesagt, die ganze nächste Woche. Von Mittwoch bis Freitag bin ich in Kalifornien.« »Okay, was ist mit dem Montag darauf? Ich bin um neun Uhr da.« 161
»Neun Uhr ist unmöglich. Wir haben eine Morgenbesprechung.« »Zehn? Hör zu, Rudy, ich komm zu dir ins Büro, und du wirst mich nicht davon abhalten.« Rudy seufzte. »Okay, halb elf.« »Bis dann«, sagte Chris und legte auf. »Arschloch«, murmelte er. Am schlimmsten traf ihn, dass Rudy nicht das geringste Anzeichen des Bedauerns über Lenkas Tod hatte erkennen lassen. Nicht ein einziges Mal. Er griff sich sein Jackett und nahm den Mantel vom Garderobenständer. »Ich gehe ein bisschen spazieren«, teilte er Tina mit und verließ das Büro. Er überquerte die Oxford Street und befand sich bald auf dem breiten, großzügig gestalteten Portland Place. Feucht und kalt drang ihm der Wind durch den Mantel. Obwohl kein Schnee auf Londons Straßen lag, kam ihm das Wetter kälter vor als in Prag. Unfassbar, dass ihn die Bloomfield-Weiss-Äffäre schon wieder heimsuchte. Warum konnte die Welt sie nicht einfach vergessen? Er hatte versucht, die Geschichte aus seinem Gedächtnis zu streichen, mit begrenztem Erfolg. Jetzt wurde ihm klar, dass sie ihn sein Leben lang verfolgen würde. Irgendwo würde sich immer irgendjemand an diese Sache erinnern und versuchen, sie gegen ihn auszuspielen. Erneut packte ihn die Wut über die Ungerechtigkeit der ganzen Affäre, und er begriff, wie angenehm die Klärung durch einen Prozess sein kann. Er ist zwar kostspielig und ungewiss, bietet aber die Möglichkeit, sich die eigene Version der Ereignisse öffentlich bestätigen zu lassen. Er hatte damals auch an eine gerichtliche Klage gedacht, sogar ein 162
paar Hundert Pfund ausgegeben, um die Angelegenheit mit einem Rechtsanwalt zu besprechen, sich dann aber gegen einen Prozess entschieden, weil die Aussichten auf einen klaren Sieg gering, auf gewaltige Prozess- und Anwaltskosten jedoch so gut wie sicher waren. Es sah nach einem schlechten Geschäft aus. Jetzt wünschte er, er hätte es trotzdem getan. Er war bei Bloomfield Weiss zu einem guten Wertpapierhändler geworden. Es gibt zwei Arten von Händlern: die Glücksspieler und die Prozentspieler. Die Glücksspieler gehen große Risiken ein, die große Gewinne versprechen. Die besten von ihnen können erstaunliche Gewinne erzielen, laufen aber auch Gefahr, riesige Verluste einzufahren. Die Prozentspieler gehen kleinere Risiken ein, die sie überschauen und im Griff behalten können. In der Regel machen sie kleinere, aber häufigere Gewinne. Chris gehörte zur letzteren Kategorie. Monat für Monat erzielte er Gewinne, kaum jemals hatte er einen negativen Monat. Er tat Wunder für die Bilanz des Händlerabteilung und fürs Budget. Auf den guten alten Chris war Verlass, ein paar Hundert Riesen platzierte er immer auf der Habenseite. Bei seinen Vorgesetzten stand er hoch im Kurs. Sein unmittelbarer Chef, ein drahtiger, hyperaktiver Amerikaner namens Herbie Exler, war ein Glücksspieler. Er ermutigte Chris, die Größenordnungen seiner Transaktionen zu steigern. Die Logik dahinter war simpel. Wenn Chris mit einer Position von einhundert Millionen Dollar einen Gewinn von zweihunderttausend Dollar erzielen konnte, warum gab man ihm dann nicht lieber eine Position von fünfhundert Millionen oder einer Milliarde? Mit Zaudern 163
und Zagen erhöhte Chris die Größenordnung seiner Transaktionen, aber es klappte. Chris handelte mit europäischen Rentenpapieren. Das sah so aus, dass er beispielsweise deutsche Staatsanleihen für hundert Millionen Mark kaufte und eine gleichwertige Position an französischen Anleihen verkaufte, in der Erwartung, dass sich die Beziehung zwischen den beiden verändern würde. Dabei bewies Chris ein feines Gespür für die Veränderungen zwischen den europäischen Märkten, und er begriff, was es hieß, wenn die großen globalen Investoren, die zumeist Kunden von Bloomfield Weiss waren, ihr Geld von einem Land auf das andere verlagerten. Mit dem Nahen der Wirtschafts- und Währungsunion beherrschte ein Geschäft alle anderen. Man bezeichnete es als »Konvergenzhandel«. Die Theorie war einfach, zu einfach. Wenn die Währungen von Frankreich, Italien, Spanien, Portugal, Deutschland und all den anderen in den Euro eingingen, so dachte man, und wenn der Zinsfuß für die gesamte Eurozone von der Europäischen Zentralbank festgesetzt würde, dann müssten sich die Zinsraten für die Anleihen aller dieser Staaten weitgehend angleichen. Wenn also die italienischen Anleihen zwei Prozent mehr als die deutschen brachten, dann kaufte man italienische und verkaufte deutsche, weil man damit rechnete, dass die Geburtsstunde des Euros einen hübschen Kapitalgewinn bringen würde. Denn dann würden die italienischen Anleihenrenditen auf das deutsche Niveau absacken und die italienischen Kurse steigen. Es war ein Selbstläufer. Chris stieg groß ein, wie die ganze Wallstreet – und andere Anleger auch. Besonders ein 164
bedeutender Hedge-Fonds in Greenwich, Connecticut, stürzte sich auf das Geschäft, und zwar in extremem Umfang. Er lieh sich das Vielfache des eigenen Kapitals, um europäische Staatsanleihen im Wert von vielen Milliarden Dollar zu kaufen. Zunächst ging alles gut. Es gab hübsche Kapitalgewinne für Chris, den Hedge-Fonds, für alle. Doch dann, als sie alle im Sommerurlaub waren, kam Russland seinen Zahlungsverpflichtungen nicht nach und verursachte das große Zittern auf den Finanzmärkten der Welt. Das hatte zwar keine direkten Auswirkungen auf die Währungsunion, bewirkte aber das, was der Markt eine »Flucht in die Qualität« nennt. Nervöse Investoren suchten Werte, die sie für besonders sicher hielten. Sie kauften deutsche Anleihen und keine italienischen, spanischen, portugiesischen oder französischen. Die Buchgewinne wurden zu Buchverlusten. Theoretisch hätte das kein Problem sein dürfen: Sobald sich die Angst legte, musste sich die Konvergenzentwicklung unaufhaltsam fortsetzen. Doch Chris war nervös. Er wollte seinen Verlust realisieren, um später erneut zu kaufen, wenn sich die Lage beruhigt hatte. Nun hatte Chris aber eine große Position, und der Verlust hätte mehrere Millionen Dollar betragen. Damit hätte er praktisch alle Gewinne geopfert, die er im Laufe des Jahres erzielt hatte. Daher sprach er zunächst mit Herbie Exler. Herbie wurde sauwütend. Er hatte gerade seinem eigenen Chef Larry Stewart berichtet, Chris’ derzeitige Gewinne seien im Sack, und er könne sich darauf verlassen, dass es in den restlichen Monaten des Jahres so weitergehen 165
werde. Herbies eigener Bonus hing davon ab, dass Chris diesen Erwartungen gerecht wurde. Und das ZweiMillionen-Pfund-Haus in Kensington, an das Mrs. Exler ihr Herz verloren hatte, hing von diesem Bonus ab. Also schlug Herbie eine Verdoppelung der Position vor. Die Konvergenz sei unausweichlich, eine Verdoppelung würde die Gewinne verdoppeln und mithin auch den Bonus. Für Herbie war das ein Selbstläufer. Chris’ Position war bereits riesig. Er wollte verkaufen, nicht kaufen. Herbie und Chris hatten eine Reihe heftiger Diskussionen, in denen Herbie Chris vorwarf, er sei ein Hasenfuß, und Chris tatsächlich wie einer klang. Hinterher fragte sich Chris immer wieder, warum er nachgegeben hatte. Damals hatte er gute Gründe. Herbie war Chris’ Vorgesetzter. Zwar war Chris sich sicher, dass die Sache den Bach runtergehen konnte, trotzdem hatte Herbie sicherlich Recht, dass es eine gute Chance für einen günstigen Ausgang gab. Doch es gab noch einen anderen Grund, warum Chris nachgab, und den konnte er sich nicht verzeihen. Trotz seiner beeindruckenden Bilanz als Händler hatte Chris noch immer das Gefühl, der polnische Parvenu aus Halifax zu sein, der Nobody, der sich durch Schule, Universität und Investmentbanking geschummelt hatte, der Junge, der dankbar sein musste, das tun zu dürfen, was er tat. Herbie Exler war ein mit allen Wassern gewaschener New Yorker Börsenmakler, ein Bloomfield-Weiss-Mann durch und durch, ein König des Marktes. Im entscheidenden Augenblick vermochte Chris sich einfach nicht gegen ihn durchzusetzen. Solche Schwächen waren Herbie fremd. Also verdoppelten sie. 166
Dann ging alles sehr rasch. Obwohl die Wallstreet sich einig war, dass der Markt sich erholen würde, blieb niemandem eine andere Wahl, als die Positionen glattzustellen und die Verluste zu begrenzen. Die Investmentbanken hatten viele Hundert Millionen Dollar in Computersysteme investiert, die den Vorständen verrieten, auf welchen Buchverlusten ihre Händler saßen, und als diese Verluste unablässig anwuchsen, kam die Anweisung von oben, die Unglückspapiere abzustoßen. Also verkauften sie. Damit entwickelten sich die Kurse natürlich weiter gegen Chris. Und gegen den großen Hedge-Fonds aus Greenwich. Der hatte alles auf dieses Geschäft gesetzt und konnte sich keinen Ausstieg leisten. Aber die Makler, die sich überschlagen hatten, ihm Geld zu leihen, überschlugen sich nun, ihr Geld zurückzufordern. So musste auch der Hedge-Fonds am Ende verkaufen. Aber auch alle anderen verkauften. Es gab keine Käufer. Der liquideste Markt der Welt, der für Staatsanleihen, trocknete aus. Es kam zu einer weltweiten Krise, die nur deshalb nicht völlig außer Kontrolle geriet, weil die amerikanische Zentralbank die großen internationalen Investmentbanken zur Rettung des Hedge-Fonds bewog. Für Chris waren es furchtbare Tage. Seine Verluste waren astronomisch geworden, und es gab absolut nichts, was er dagegen tun konnte. Er hätte selbst dann nicht verkaufen können, wenn Herbie ihn gelassen hätte; seine Position war einfach zu groß für den Markt. Er blieb auf ihr sitzen. Jeder Tag war ein Albtraum, und von Tag zu Tag wurde es schlimmer. Abends notierte er den Buchverlust, bevor er nach Hause ging. Nachts versuchte er, die Position zu ver167
gessen, doch ohne Erfolg. Keine zehn Minuten mehr konnte er sich auf ein Buch oder eine Sendung konzentrieren, ohne dass ihm der Gedanke an seine Verluste die Kehle zuschnürte. Ein paar Mal versuchte er es mit Betrinken, aber auch das brachte nichts. Der Morgen danach war nur umso schrecklicher. Wenn er an seinen Schreibtisch zurückkehrte, musste er feststellen, dass der Markt zu der ohnehin schon gigantischen Verlustziffer noch ein paar Millionen hinzugefügt hatte. Am schlimmsten war für ihn der Kontrollverlust. Es war nicht das erste Mal, dass sich der Markt gegen ihn entwickelte, aber es war ihm bisher immer gelungen, auszusteigen und von vorn anzufangen. Dieses Mal war es anders. Er fühlte sich, als führe er in einem schnellen Auto einen Berg hinunter und wäre auf Glatteis geraten. Der Wagen rutschte, die Räder fanden keinen Halt, und der Abgrund rückte näher und näher. Nur dass es Tage, nicht Sekundenbruchteile dauerte, bis er ihn erreichte. Chris versuchte, sich professionell zu verhalten. Von morgens um sieben bis abends um acht setzte er eine undurchdringliche Miene auf. Er bemühte sich, jedem ein Lächeln zu zeigen, der einen Witz riss oder auch nur Hallo sagte. Aber das waren nur wenige. Alle wussten, was vor sich ging. Allen war klar, dass er es nicht überleben würde. Und sie mieden ihn, als wäre sein Pech eine ansteckende Krankheit. Herbie stand unter noch größerem Druck als Chris. Er verbrachte den größten Teil des Tages in seinem Büro und starrte auf die Monitore, in der Hoffnung, die kleinen Zahlen würden sich endlich so bewegen, wie sie es sollten. Er 168
hatte einige Freunde im Hedge-Fonds in Greenwich, die er mehrmals am Tag anrief und die unablässig erklärten, der Markt stehe unmittelbar davor, sich wieder zu erholen. Das erzählte er Chris lang und breit und versicherte ihm, dass diese Burschen ungeheuer clever seien. Wenn Chris Zweifel an der Position äußerte, fuhr Herbie ihn an, das sei ein Riesengeschäft und er solle gefälligst daran glauben. Wer mit Herbie über etwas anderes sprechen wollte, erlitt Schiffbruch. Der Mann war reizbar und gefährlich. Chris verstand nicht, warum das Management von Bloomfield Weiss nicht dem Beispiel der anderen Wallstreetfirmen gefolgt war und Herbie angewiesen hatte, die Position glattzustellen. Allerdings stand Bloomfield Weiss in dem Ruf, mehr Mumm zu haben als alle anderen Banken. Chris nahm an, er erlebe gerade den Beweis dafür. Ein weiterer Fehler. Dann erschien im Wall Street Journal ein Artikel, in dem es hieß, Bloomfield Weiss sitze auf einem Verlust von fünfhundert Millionen Dollar. Als Chris den Artikel morgens am Schreibtisch las, wusste er, dass die Angaben nicht ganz exakt waren. Tatsächlich beliefen sich seine Verluste auf sechshundertundzwölf Millionen Dollar. Die Telefone standen nicht mehr still – Makler, Kunden, Journalisten wollten wissen, was dran war. Die Antwort war immer die gleiche: Kein Kommentar. Kein Kommentar. Kein Kommentar. Herbie kam herein, umkreiste ein paar Minuten lang Chris’ Schreibtisch und wurde dann zu seinen Vorgesetzten gerufen. Chris verbrachte ein paar scheußliche Stunden an seinem Platz. Es gab nichts, was er tun konnte, nichts, was er sagen konnte. Kein Kommentar. 169
Um zwölf Uhr wurde er dann zu Simon Bibby zitiert, dem Chef der Londoner Filiale. Bei Bibby saßen Larry Stewart, der amerikanische Leiter der europäischen Rentenpapiere, und Herbie. Überflüssig zu erwähnen, dass sie alle wie Männer aussahen, die mehr als eine halbe Milliarde Dollar verloren hatten. Bibby war Engländer, fünfundvierzig und knallhart. Larry war gewöhnlich freundlich zu Chris, was im Augenblick aber nicht der Fall schien. Und Herbie hatte diesen Ausdruck in den Augen. Einen Ausdruck, der zu Chris sagte: »Ich mach dich fertig, du hast keine Chance, du kommst nicht davon, also versuch es gar nicht erst.« Bibby übernahm das Reden. Er sagte, er habe mit Sidney Stahl, dem Vorstandsvorsitzenden, gesprochen, der augenblickliches Handeln und eine Bereinigung der ganzen Angelegenheit verlangt habe. Dann fragte Bibby Chris, warum er sie über die Neubewertung seiner Position im Unklaren gelassen habe. Zunächst verstand Chris nicht. Dann wurde ihm klar, dass man Bibby erzählt hatte, die Verluste, die in den Berichten auftauchten, seien nicht real und würden außerdem durch nicht in voller Höhe ausgewiesene Gewinne von Derivate-Positionen ausgeglichen. Das traf nicht zu, und Chris hob an zu erklären, warum nicht. Herbie unterbrach ihn. Er blickte Chris direkt in die Augen und erklärte, er sei von ihm getäuscht worden und habe deshalb unwissentlich seine Vorgesetzten getäuscht. Chris protestierte, aber Herbie war unerbittlich. Er zitierte aus Gesprächen, die nie stattgefunden hatten und erdrückendes Beweismaterial gegen Chris lieferten. Als dieser die beiden anderen Männer ansah, begriff er. Bibby 170
starrte Chris an, als wäre er ein Schwerverbrecher, doch Larry, den Chris mochte und dem er vertraute, blickte angelegentlich auf seine Hände, den Tisch, auf alles, nur nicht auf Chris. Einer von den Vieren im Raum musste schuld sein an dem, was geschehen war. Und die anderen drei hatten beschlossen, Chris sollte es sein. Am leichtesten ließ sich das erreichen, indem man Herbies Geschichte Glauben schenkte. Chris protestierte noch eine weitere Viertelstunde, bis der Justiziar mit einem zweiseitigen Schreiben erschien. Bibby teilte Chris mit, er sei fristlos entlassen, bekomme aber noch das Gehalt für ein halbes Jahr und die Zusicherung von Bloomfield Weiss, dass sie nicht gegen ihn prozessieren würden, wenn er dieses Schriftstück unterzeichne. Chris las es sorgfältig durch. Er verpflichtete sich darin, weder Journalisten noch andere über die Ereignisse in Kenntnis zu setzen und keine rechtlichen Schritte gegen Bloomfield Weiss zu unternehmen. Bibby reichte Chris einen Kugelschreiber und sagte, wenn er nicht augenblicklich unterschreibe, sähe er sich gezwungen, die Börsenaufsicht einzuschalten. Chris überkam ein jähes Gefühl der Ohnmacht. Es war, als hätte er mit diesem Augenblick gerechnet, seit er bei Bloomfield Weiss angefangen hatte. Er war kein Investmentbanker, und nun hatten sie es herausgefunden. Wie man die Sache auch drehte und wendete, er hatte die Transaktion begonnen. Er hatte sich Herbies Forderung gefügt und verdoppelt. Natürlich hatte er weder Herbie noch Bibby oder sonst jemanden hinters Licht geführt, aber Herbies Wort stand gegen das seine, und er wusste, dass 171
Herbie gewinnen würde. Herbie war ein alter Hase in dem Geschäft und ohne Skrupel. Wenn es gegen Chris keine Beweise gab, dann erfand er sie eben. Bibby und Larry waren entschlossen, Herbie zu glauben. Die Wahrheit interessierte sie nicht, sie wollten an eine Lüge glauben, ihre Karriere hing davon ab. Was Chris längst ahnte, war nun offenkundig geworden: Er war nicht zum Investmentbanker geboren. Er hatte in diesem Zimmer nichts zu suchen. Also unterschrieb er. Bloomfield Weiss behauptete nicht direkt, er habe die Firma um sechshundert Millionen Dollar ärmer gemacht. Aber man machte ihm unmissverständlich klar, dass er entlassen worden war. Überall ging sein Name durch die englische Presse. Man wollte Interviews mit ihm machen, sein Telefon klingelte unaufhörlich, er wurde fotografiert. Er hielt sich an die Vereinbarung, die er unterschrieben hatte, und sprach mit keinem von ihnen, aber er war berühmt, berühmt als der Mann, der mehr als eine halbe Milliarde in den Sand gesetzt hatte. Ironischerweise bewegte sich der Markt dann doch in die erwartete Richtung, die Währungsunion fand statt und die Regierungsanleihen konvergierten. Einige Leute verdienten viel Geld. Bloomfield Weiss allerdings nicht. Auf Anordnung von Sidney Stahl stieß man die Positionen ab, realisierte die Verluste und ging zur Tagesordnung über. Chris versuchte das Gleiche. Jetzt endlich rief er die Headhunter zurück, die ihn seit einem Jahr Woche für Woche die Bude eingerannt hatten. Sie wollten nichts mehr von ihm wissen. Niemand wollte mehr was von ihm wissen. Er bekam keine Stellung. Er hätte es vielleicht ein biss172
chen intensiver versuchen können, aber das lag nicht in seiner Natur. Außerdem hatte er die Nase voll vom Investmentbanking. Also gab er auf. Gerade rechtzeitig kam Lenka und stellte ihn wieder auf die Füße. Gemeinsam gründeten sie Carpathian, und alles lief gut. Und jetzt, in diesem entscheidenden Augenblick, holte ihn das alles wieder ein. Allerdings mit einem Unterschied: Dieses Mal würde er nicht so mit sich umspringen lassen. Das schuldete er Lenka – und wohl auch sich selbst. Er straffte sich und schritt zuversichtlicher aus, als er über die Harley Street zum Büro zurück ging. Er würde versuchen, Rudy umzustimmen. Und wenn das nicht klappte, würde er sich etwas anderes einfallen lassen. Er war wild entschlossen. Wieder im Büro, nahm er sich das Portfolio vor. Der Fonds ließ ihm zwei Möglichkeiten, wenn sich ein Investor zurückziehen wollte: Entweder galt es, einen neuen Investor zu finden, der den Aussteiger ersetzte, oder sie mussten Anlagen verkaufen, um das nötige Geld aufzubringen. Ohne Lenka war nicht daran zu denken, einen neuen Investor aufzutreiben. Sie verfügte über die persönlichen Kontakte, und es war aussichtslos, wenn Chris versuchte, jemanden, den er nicht kannte, davon zu überzeugen, zehn Millionen Euro bei ihm zu investieren, wenn gerade das halbe Management ermordet worden war. Er würde also einige Anleihen verkaufen müssen. Aber welche? Im Fonds verfügten sie zwar nur über fünfundfünfzig Millionen Euro, doch das Portfolio war viel größer. Sie 173
hatten Geld aufgenommen und die Geheimnisse des Repo-Marktes genutzt, um weit umfangreichere Positionen zu schaffen. Tatsächlich bestand der größte Teil des Portfolios aus einem neuen Konvergenzgeschäft, das Chris eingefädelt hatte. Dabei ging er von der Überlegung aus, dass die meisten mitteleuropäischen Länder in die Europäische Union aufgenommen würden. Daher hatte Chris die Regierungsanleihen von Ländern wie der Tschechischen Republik, Polen, Estland, Ungarn und Slowenien gekauft. Ein bisschen legte er auch in zweitrangigen Ländern an. Zunächst scheute er sich, schließlich war er ein gebranntes Kind, aber Lenka ermutigte ihn und sagte, sie kenne niemanden, der für eine solche Transaktion besser geeignet sei. Außerdem könne er jederzeit verkaufen, sie würde ihm nicht reinreden. Daraufhin hatte er seinen ganzen Mut zusammengenommen und angefangen zu kaufen. Der Rücktritt des russischen Finanzministers hatte alle diese Positionen schwer erschüttert, doch Chris war von ihrer grundsätzlichen Stärke überzeugt gewesen und hatte sie behalten. Der Rest des Portfolios bestand aus hochverzinslichen Anleihen, so genannten Junk-Bonds. Lenka hatte in den Vereinigten Staaten Erfahrungen mit Junk-Bonds gesammelt und wollte sich der Analyse der kleinen, aber wachsenden Zahl von Junk-Bonds aus Osteuropa widmen. Die bei weitem größte Junk-Bond-Position war Eureka Telecom. Zugleich war sie diejenige, die sich am schlechtesten entwickelte und der Chris am wenigsten traute. Also musste Eureka Telecom dran glauben. 174
Wahrscheinlich würde es eine Zeitlang dauern, die Anleihen zu verkaufen, daher beschloss Chris, sofort damit anzufangen. Wenn er Rudy dazu überreden konnte, seine Investition bei Carpathian zu lassen, konnte Chris das Geld immer noch woanders investieren. Er rief Ian an. »Wie steht Eureka Telecom?«, fragte er, ohne sich mit Smalltalk aufzuhalten. »Ich glaube fünfundneunzig zu siebenundneunzig«, antwortete Ian. »Fünfundneunzig! Aber Lenka hat sie letzte Woche zum Nennwert gekauft, oder?« »Ich weiß«, sagte Ian. Die Sache war ihm offenkundig peinlich. »Aber durch die Nachrichten aus Russland ist der Markt in die Knie gegangen. Die neuesten ZeichnerZahlen sind am Montag herausgekommen. Sie waren, nun ja, enttäuschend.« »Schlechte Nachrichten in der Woche nach der Emission!«, sagte Chris. »Stand davon nichts im Emissionsprospekt?« »Es kam für uns alle völlig überraschend«, sagte Ian. »Aus diesem Grunde haben meine Händler die Anleihen auch heruntergestuft.« Theoretisch hieß das, dass Bloomfield Weiss bereit war, Chris die Anleihen zu einem Kurs von fünfundneunzig abzunehmen, und ihm neue zu einem Kurs von siebenundneunzig zu verkaufen. Lenka hatte ihre fünfundzwanzig Millionen Anleihen zum Nennwert – also hundert Prozent – gekauft. Theoretisch konnte Chris zehn Millionen von ihnen mit fünf Prozent Verlust verkaufen, was einer Million Euros entsprach. Nicht gerade ein Reibach, aber auch keine 175
Katastrophe. Er hatte kein gutes Gefühl bei dieser Position und wollte auf dem schnellsten Wege raus. Das Problem war nur, dass der Junk-Bond-Markt illiquid war. Was bedeutete, dass Bloomfield Weiss mit dem Kurs runtergehen würde, sobald Chris erklärte, er wolle die ganze Position verkaufen. Um wie viel, musste Chris herausfinden. »Was zahlst du mir für zehn?«, fragte Chris. Am anderen Ende der Leitung herrschte einen Augenblick Stille. »Fünfundneunzig hat nur für eine Million gegolten«, sagte Ian schließlich. »Okay, verstehe«, sagte Chris. »Also, für wie viel kann ich zehn Millionen verkaufen?« Diesmal dauerte die Stille länger. Endlich meldete sich Ian wieder. »Meine Händler würden das per Auftrag machen. Sagen wir, für dreiundneunzig?« Das kam für Chris überhaupt nicht in Frage. Bloomfield Weiss wollte seine Anleihen auf dem Markt anbieten, ohne selbst ein Risiko einzugehen. Aber Chris wollte raus, und zwar sofort. »Nein, Ian. Ich möchte ein Gebot für die zehn Millionen.« »Ich denke, wir arbeiten lieber im Auftrag.« »Hör zu, Ian, du hast uns letzte Woche fünfundzwanzig Millionen Euro von dieser Anleihe verkauft. Da musst du bereit sein, zehn Millionen zurückzukaufen.« Ian zögerte. »Chris«, sagte er. »Du weißt nicht, wie es auf diesem Markt zugeht. Es handelt sich hier nicht um Regierungsanleihen. Der Hochprozenter-Markt ist illiquid; das weiß jeder. Lass uns auf Auftrag arbeiten.« 176
»Ich brauche deine Belehrung nicht, Ian. Frag deine Händler, für wie viel sie zehn Millionen kaufen. Und zwar auf der Stelle.« »Aber, Chris …« »Frag sie!« »Okay.« Er ließ Chris einige Minuten warten. Ian hatte Recht, Chris war mit dem Junk-Markt nicht so vertraut wie mit Staatsanleihen, aber auf keinen Fall würde Bloomfield Weiss das zu seinem Vorteil nutzen. Ian hatte Carpathian die Bonds verkauft; er musste sie auch wieder zurückkaufen. »Chris?« Es war Ian. Seine Stimme klang unsicher und nervös. Chris wappnete sich innerlich. »Ja?« »Wenn du die Bonds direkt verkaufen willst, zahlen wir siebzig.« »Siebzig!« Chris schrie fast. »Das ist absurd. Wie könnt ihr behaupten, der Kurs sei fünfundneunzig, wenn ihr nur siebzig zahlt?« »Wir können sie nirgends loswerden, Chris. Der Markt sieht schlecht aus, und die Zeichnungszahlen haben alle verschreckt. Wenn wir sie dir abkaufen, haben wir sie am Hals.« Chris machte eine schnelle Überschlagsrechnung im Kopf. Bei einem Kurs von siebzig und einem Verkauf von zehn Millionen würde der Verlust drei Millionen Euro betragen. Der Buchverlust der restlichen Eureka-TelecomPosition würde weitere fünf Millionen ausmachen. Im Prinzip war der Wert von Carpathian um acht Millionen Euro geringer als noch vor einer Woche. 177
»Hör zu«, Ian flüsterte jetzt. »Verkauf sie nicht, Chris. Vertrau mir. Es lohnt sich, sie zu behalten.« »Warum?«, fragte Chris. »Vertrau mir einfach!« Ian vertrauen? Auf keinen Fall! Chris hatte ein echtes Problem, aber Ian zu vertrauen, war bestimmt keine Lösung. »Schick mir die Presseverlautbarung über die Zeichnungszahlen. Ich muss mir diese Geschichte etwas näher angucken. Wir unterhalten uns morgen noch mal.« Chris knallte den Hörer auf die Gabel und stützte den Kopf in die Hände. Er hatte ein Problem, ein dickes Problem. Den Rest des Nachmittags verbrachte er damit, sich Informationen durchzulesen, die Lenka im Eureka-TelecomOrdner gesammelt hatte. Die Sache war aussichtslos. Gewiss, es war ein ehrgeiziger Plan, ein Mobilfunknetz in Ungarn, Polen, der Tschechischen Republik und in der Slowakei zu installieren, um es später möglicherweise auf Rumänien und die baltischen Staaten auszuweiten. Die Netzfrequenzen und -lizenzen waren unter Dach und Fach. Aber es gab keine Geldmittel und empfindlich wenige Zeichner. Der Investitionsbedarf der nächsten fünf Jahre war gewaltig. Diesem Zweck diente der Junk-Bond. Doch das damit beschaffte Geld würde Eureka in achtzehn Monaten durchgebracht haben. Wie die übrigen Investitionen bezahlt werden sollten, war ein Rätsel. Ian schickte die Einzelheiten der Zeichner-Informationen per E-Mail. Sie waren enttäuschend. Für ein Unternehmen, dem für die nächsten Jahre eine dramatische Wachstumsphase prognostiziert wurde, bedeutete eine 178
fünfprozentige Zunahme der Zeichner über einen Zeitraum von sechs Monaten erbärmlich wenig. Kein Wunder, dass die Wertpapierhändler von Bloomfield Weiss besorgt waren. Chris ließ den Prospekt sinken und blickte nachdenklich auf Lenkas leeren Schreibtisch. Warum hatte sie das Papier gekauft? Sie war nicht dumm. Sie musste doch gesehen haben, dass es ein schlechtes Geschäft war. Er war überrascht, dass sie diese Anleihen überhaupt gekauft hatte, gar nicht zu reden von den fünfundzwanzig Millionen, fast dem halben Wert des Fonds. Oh, Lenka, Lenka. Chris verspürte einen Anflug von Ärger. Sie hatte ihn nicht nur im Stich gelassen, sondern ihm auch noch ein Riesenproblem eingebrockt, mit dem er nun irgendwie fertig werden musste. Wütend haute er mit der Faust auf den Schreibtisch, dass Ollie erschreckt aufblickte. Chris stützte den Kopf in die Hände. Warum musste Lenka sterben? Wie konnte ihr etwas so Schreckliches zustoßen? Er wünschte, sie wäre wieder da. Auf der Stelle. »Alles okay?«, fragte Ollie. Chris blickte auf und zwang sich zu einem Lächeln. »Nicht wirklich, aber vielen Dank für die Nachfrage.« Er warf einen Blick auf die vor ihm liegenden Papiere. »Ollie?« »Ja?« »Über dieses Eureka-Telecom-Geschäft hat Lenka nicht mit dir gesprochen, oder?« »Nein. Ich habe sie gefragt, aber sie hat nur gesagt, sie habe ein gutes Gefühl bei der Sache.« 179
»Und du hast auch nicht gehört, wie sie mit Ian darüber gesprochen hat?« »Eigentlich nicht. Sie haben sich ein paar Mal unterhalten, bevor das Geschäft perfekt war. Ich glaube, er hat in letzter Zeit ziemlich häufig angerufen. Und Ende letzter Woche sagte Lenka plötzlich, sie wolle keines dieser Gespräche mehr durchgestellt haben. Das war wirklich ein bisschen peinlich. Ich musste ihr dann immer sagen, was er wollte.« »Aha«, sagte Chris nachdenklich. »Hat sie gesagt, warum sie nicht mehr mit ihn sprechen wollte?« »Nein. Sie war in der Sache ziemlich kurz angebunden.« Chris überlegte. Bei Lenka hieß kurz angebunden häufig, dass sie ärgerlich war. Vielleicht, weil sie sich eine Lusche hatte andrehen lassen. »Da ist allerdings noch etwas, was ich dir sagen wollte.« »Ah ja? Und was ist es?« »Nun, in der letzten Woche, als du im Urlaub warst, kam jemand vorbei, der sie sprechen wollte.« »Aha.« Es kam oft jemand vorbei, der mit Lenka oder auch mit Chris sprechen wollte. »Ja, aber er war kein Broker oder so. Er sah überhaupt nicht aus wie jemand, der im Büro