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Für Jane und Lady Margaret und Keith Roberts, der Gottes Land ebenfalls liebt Und für Daphne, die Pallahaxi Browneyes ist und es nicht weiß
HEYNE SCIENCE FICTION & FANTASY Band 06/4625 Titel der englischen Originalausgabe CHARISMA Deutsche Übersetzung von Hans Maeter Das Umschlagbild schuf Boris Vallejo Redaktion: Rainer Michael Rahn Copyright © 1975 by Michael Coney Copyright © 1989 der deutschen Übersetzung by Wilhelm Heyne Verlag GmbH & Co. KG, München Printed in Germany 1989 Umschlaggestaltung: Atelier Ingrid Schütz, München Satz: Schaber, Wels Druck und Bindung: Presse-Druck Augsburg ISBN 3-453-03493-7
2 Michael G. Coney – Charisma
1 ICH LIESS DIE ANDEREN in der Kabine sitzen und trat durch die breite Tür auf das überdachte Achterdeck. Das Boot glitt ruhig über das leicht bewegte Wasser hinweg; wir fuhren parallel zu den etwa eine Viertelmeile entfernten Klippen. Die flachen Wellen rollten diagonal zu unserem Kurs und klatschten aufgischtend gegen die zerklüfteten, schwarzen Felsen. Ich hörte wieder das laute Lachen Mellors’ aus der Kabine; das SopranKichern, von dem es begleitet wurde, stammte von seiner Frau. Copwright steuerte die Hilfskontrollen in der Kabine; in diesen Gewässern konnte nicht viel passieren – doch würde ich ihn ablösen, wenn wir die Zufahrt von Falcombe erreichten. Ich warf einen Blick durch das Fenster und sah ihn bequem in seinem Sessel sitzen; er beteiligte sich an der Konversation und blickte nur gelegentlich auf den Radarschirm oder durch die Frontscheibe. Ich habe noch nie einem Mann getraut, der Gin trinkt. Er hatte mir den Rücken zugewandt; neben ihm saß Jean Longhurst mit einem Martini in der Hand. Ihnen gegenüber saßen Mellors und seine Frau. Mellors erzählte irgendeine Anekdote; ich konnte nicht verstehen, was er sagte, doch schien die Geschichte zumindest ihn zu amüsieren. Immer wieder gestikulierte er mit seinem Glas, und einmal sah ich ihn ein paar Tropfen des Drinks auf das Kleid seiner Frau verschütten. Dorinda Mellors blickte ihren Mann strafend an und tupfte die Flecken mit einem Taschentuch ab, während er, der nichts davon bemerkt hatte, weitersprach. Pablo stand etwas abseits und beobachtete sie – bei der Gruppe, doch nicht Teil von ihr. Er war wie ich in der eigenartigen Situation, die Mellors weitaus besser zu kennen als Alan Copwright oder Jean Longhurst, fühlte sich in ihrer Gesellschaft jedoch nicht wohl, weil ihre Beziehungen rein geschäftlich waren. Ich fragte mich, warum die Mellors so flüchtige Bekannte mitgenommen hatten; Alan und Jean lebten erst seit kurzer Zeit in Falcombe und hatten die Mellors gestern kennengelernt, an der Bar des Falcombe Hotels.
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Ich wandte mich um und sah das Wasser rasch unter dem Rumpf der Hausyacht fortgleiten. Auf einem Tisch neben mir lag die Angelschnur mit ihrem Haken; einem Impuls folgend warf ich sie über Bord und beobachtete, wie die Leine sich straffte, als der kleine, torpedoförmige Haken seine Position etwa zwanzig Fuß hinter dem Heck und vier Fuß unter der Wasseroberfläche einnahm. Ich hörte ein Geräusch hinter mir; Pablo kam heraus und trat neben mich an die Reling. »Alles in Ordnung da drin?« fragte ich. »Der Alte scheint ganz glücklich zu sein. Ich glaube, er hat ein Auge auf Jean geworfen.« »Jesus!« »Schon in Ordnung. Er macht das sehr unauffällig. Ich glaube nicht, daß Dorinda etwas gemerkt hat.« Zur Zeit wollten weder Pablo noch ich, daß irgend etwas geschah, das Mellors von dem derzeitigen Geschäft ablenkte. Die nächsten Tage waren entscheidend. Bis vor vier Monaten hatte ich bei Pablo als Verkäufer gearbeitet; er hat eine kleine Bootswerft bei Wixmouth. Im vergangenen Juni hatte ich gerüchteweise gehört, daß Wallace Mellors, ein reicher Hotelier in Falcombe, interessiert wäre, eine Flotte von Hausyachten zu kaufen, als Ergänzung zu seinen verschiedenen anderen Unternehmen in der Gegend. Soweit ich die Situation überblickte, bestanden keinerlei Schwierigkeiten für den Betrieb der Boote, da Mellors den Stadtrat – genauer gesagt, die ganze Stadt – in der Tasche hatte. Es ging lediglich darum, den Mann davon zu überzeugen, daß die Sache sich für ihn lohnen würde. Ich war sicher, daß mir das gelingen würde. Ich hatte früher Hotels geleitet, Hausyachten auf Charter-Basis geführt und sehr überzeugende Artikel für Yacht-Magazine geschrieben; deshalb glaubte ich genau der richtige Mann zu sein, um Mellors Wellenlänge zu finden. Pablo betreibt seine Werft auf einer bescheidenen Basis. Er hat etwa ein Dutzend Mitarbeiter und stellt Standard-
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Fiberglasrümpfe her, in die er eine Hover-Turbine installiert und eine Kabine nach den Wünschen des Kunden. Der fertige Artikel ist geräumig genug, um darauf leben und bei fast jedem Wetter mit fünfzig Meilen fahren zu können. Ein Abschluß wie dieser – es ging dabei um etwa zwölf Boote – würde Pablo Arbeit für den ganzen Winter geben und einen schönen Profit. Also hatte ich Mellors aufgesucht und wohnte auf seine Rechnung im Falcombe Hotel, das ihm gehörte. Wir schienen vom ersten Tag an blendend miteinander auszukommen, und als ich meine Erfahrungen in der Hotelbranche erwähnte, wurde er sehr interessiert. Er hatte gerade seinen Manager gefeuert und suchte einen Ersatz. Und nicht nur das, er brauchte auch jemand, der sich um die Hausyachten kümmerte, wenn sie geliefert wurden – inzwischen hatte ich ihn davon überzeugen können, daß es sich lohnte, die Sache ernsthaft zu überdenken. Kurz gesagt: Ich stieg bei Pablo aus und trat dem MellorsImperium bei. Alle Gewissensbisse, die ich gehabt haben mag, wurden mehr als aufgewogen von meiner Freude, den Bootsvertrag an Land gezogen und Pablo zu einem fetten Profit verhelfen zu haben. Pablo nahm die Sache philosophisch auf und war bereit, mir trotz meines Ausscheidens die übliche Provision zu zahlen, da ich die Verkaufsverhandlungen vor meiner Kündigung begonnen hatte. Er trug mir nichts nach. Also schienen alle glücklich und zufrieden zu sein. Doch die Zeit verging, und die Verhandlungen zogen sich in die Länge, und Pablo und ich wurden zunehmend unruhiger. Mellors schien nicht bereit, irgend etwas schriftlich festzulegen. Um endlich zu einem Abschluß zu kommen – Mellors hatte auf baldige Lieferung gedrängt – brachte Pablo elf Boote, die eigentlich für andere Kunden bestimmt waren, nach Falcombe und verankerte sie direkt unter Mellors’ Nase hinter dem Falcombe Hotel. Sie alle (deutete Pablo damit an, ohne es auszusprechen) können mit einem Federstrich dir gehören. Doch inzwischen war es September geworden und die TouristenSaison vorüber; also lag es logischerweise in Mellors Interesse, den Kauf bis zum nächsten Frühjahr aufzuschieben.
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Währenddessen wohnte ich an Bord einer der Yachten, arbeitete Anzeigentexte aus und traf die grundlegenden Vorbereitungen für das Verchartern der Boote in der kommenden Saison, führte das Falcombe Hotel und erhielt dafür keine andere Vergütung als freies Essen und Trinken. Meine einzigen Einkünfte stammten aus gelegentlichen Beiträgen für Yacht-Zeitschriften. Aber Mellors hatte mir für den Beginn der nächsten Saison ein hohes Gehalt versprochen, neben einer Beteiligung an den Profiten von der Vercharterung der Hausyachten. Also durfte ich es mir mit ihm nicht verderben, sonst war die Arbeit der letzten Monate nur Zeitverschwendung gewesen. »Wovon sprechen sie dort drinnen?« fragte ich. »Der alte Mann ist gerade damit fertig geworden, von sich selbst zu erzählen. Das heißt« – ein Unterton von Bitterkeit trat in Pablos Stimme – »er ist damit fertig geworden, ihnen zu erzählen, wie er ins Charterboot-Geschäft eingestiegen ist und nun elf Hausyachten besitzt. Jetzt versucht er, von den anderen etwas über die Forschungsstation herauszubringen.« »Damit wird er nicht weit kommen. Die Leute von der Station sind ziemlich schweigsam.« »Copwright hatte ein paar Drinks.« »Aus welchem Grund sollte Mellors sich für die Station interessieren? Da gibt es doch keine Gelegenheit, Geschäfte zu machen, oder?« »Ich habe den Eindruck, daß die Station auf einem Grundstück errichtet worden ist, das ihm gehört und der Pachtvertrag einige Unklarheiten enthält. Er deutete an, daß er die Pacht jederzeit erhöhen könne, und auf jeden beliebigen Betrag.« »Was hat denn das mit Copwright und Jean zu tun?« fragte ich. »Die sind doch nur Angestellte. So etwas sollte Mellors mit dem Boß ausmachen, diesem… wie heißt er noch?« »Stratton, glaube ich.«
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»Oh…« Ein silbriges Aufblitzen unter der Wasseroberfläche ließ mich aufblicken. Ich nahm die Fischpistole vom Tisch und drückte auf einen Knopf. Ein Stromstoß fuhr durch die Angelschnur. Eine Makrele schnellte silbern glänzend aus dem Wasser. Ich hob die Pistole und drückte ab. Der Rückstoß der Waffe riß meine Hand ein wenig nach oben. Die Makrele zuckte mitten im Sprung zusammen und fiel ins Wasser; anstatt zu versinken wurde sie an der Oberfläche mitgeschleppt und schlug das Wasser zu schäumender Gischt. Ich schaltete die automatische Rolle ein, und der Fisch wurde herangezogen. Ich schwang ihn über die Reling, und er fiel zappelnd an Deck. Pablo bückte sich und löste behutsam den winzigen, mit Widerhaken bewehrten Bolzen aus der Flanke des Fisches, dann zog ich die dünne Nylonschnur und den daran befestigten Bolzen in die Pistolenmündung zurück. Pablo hob den Deckel vom Eimer und warf die Makrele hinein, wo ihr kräftiges Zappeln bei den anderen Fischen reflexhafte Zuckungen auslöste. Er legte den Deckel wieder auf und grinste mich an. »Das war ein verdammt guter Schuß. Ich wußte gar nicht, daß du dich in Gegenwart von Frauen unsicher fühlst.« »Ich auch nicht.« Pablos rasche Themen Wechsel überraschten mich gelegentlich noch immer, obwohl ich ihn seit Jahren kannte. »Die Pistole ist natürlich ein Ersatz. Nein, keine Einwände. Ich weiß es.« In seinen müden Augen lag ein Schimmer von Mitgefühl, als er mich anblickte. Ich wußte, was jetzt kommen würde: eine Kostprobe seiner hausgemachten Philosophie. »Ich habe dasselbe Problem«, sagte er. »Und in letzter Zeit hat es sich noch verschlimmert. Ich bekam einen Minderwertigkeitskomplex dazu. Ich konnte keinem Mädchen mehr ins Gesicht sehen. Also habe ich mir eine Kamera gekauft, eine Minolta. F 1.4-Linse, automatische Dies und Jenes, ein Traum von Perfektion. Aber war ich nun zufrieden?« »Nun?«
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»Nein. Das Ding hat meine Sehnsucht nach Virilität nicht erfüllen können. Jedes Kind konnte damit umgehen – oder, noch schlimmer, eine Frau. Es sah weibisch aus – besonders, wenn ich das Objektiv herausnahm und ein rundes Loch an der Stelle zurückblieb, wo sonst das F 1.4 saß.« Er seufzte und starrte eine Weile auf das Wasser. Gedämpftes Lachen drang aus der Kabine: die Party lief gut. Die Klippen glitten vorüber. Weit hinter uns sah ich das dreieckige Segel einer Yacht, die gegen den Wind auf Falcombe zukreuzte. Pablo fuhr fort: »Aber diese austauschbaren Objekte sind eine wunderbare Sache. Ich ging zum Geschäft zurück und kaufte mir ein 3000er Teleobjektiv – ein langes Rohr – und montierte es anstelle des anderen ins Kameragehäuse. Dann hängte ich mir den Apparat um den Hals, so daß er auf meinem Bauch hing und das Teleobjektiv nach vorn ragte. So schlenderte ich die Uferpromenade von Wixmouth entlang und beäugte die Mädchen.« »Hat es etwas genützt?« »Nein«, sagte er traurig. »Sie hielten mich nur für einen Strandfotografen.« Dick Orchard trat zu uns an die Reling. Ich hatte völlig vergessen, daß er an Bord war. Er besaß diese gewisse ruhige Zurückhaltung, die im rauhen Lebenskampf nicht immer zum Vorteil gereicht. Er war klein, grauhaarig und alt und besaß ein Kapitänspatent. Pablo hatte ihn angeheuert, um die Hausyachten von Wixmouth nach Falcombe zu bringen und er war noch eine Weile geblieben, um sich zu versichern, daß es keine seemännischen oder technischen Schwierigkeiten gab. Er hob den Deckel vom Eimer und musterte die Fische. Dann nahm er mir schweigend die Fischpistole aus der Hand und betrachtete sie. Er warf mir einen scheuen Blick zu, als er zu reden begann. »Es wäre vielleicht gut, wenn Sie oder ich jetzt das Ruder übernehmen würden, John.« Er deutete mit einem bezeichnen-
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den Kopfnicken auf das Kabinenfenster. Mellors und seine Frau waren jetzt auf den Beinen; Jean Longhurst stand gerade auf. Copwright saß noch immer am Ruder, doch seine Aufmerksamkeit wurde von anderen Dingen abgelenkt, und er war offensichtlich nicht in der Lage, die Yacht zu steuern. Er starrte mit müden, verträumten Augen Jean an. »Geh nach vorn, Dick«, schlug Pablo vor. »Wenn du am Hauptruder bist, sage ich den anderen Bescheid.« Er öffnete die Tür, und ich sah ihn mit Copwright sprechen, der grinsend aufstand und sich bemühte, wach und alert zu wirken. Alle drängten jetzt zur Tür, und kurz darauf stand die ganze Besatzung, mit Ausnahme Dicks, auf dem Achterdeck und blickten in das aufgewirbelte Wasser, das hinter uns zurückblieb. Ein paar Möwen, die auf Fische hofften, stießen ihre traurigen Schreie aus und schossen herab. »Natürlich«, sagte Mellors in seinem aggressiven Tonfall, »läuft die Maschine jetzt stark gedrosselt.« Sein Arm lag locker um Jean Longhursts Taille. Dorinda Mellors stand neben mir und sah teilnahmslos auf die See. Ich blickte die Reling entlang auf ihre Gesichter: Dorinda, Wallace Mellors, Jean, Alan Copwright, Pablo. Es mochte an der späten Stunde liegen – da ist etwas im langsamen Übergang zum Zwielicht, das die Phantasie anregt –, doch glaubte ich eine Atmosphäre unterdrückter Gewalttätigkeit in der Gesamtheit dieser Gesichter erkennen zu können. Jeder für sich gesehen waren sie ganz normale Menschen, die auf See hinausblickten, doch zusammen… ich weiß nicht. Ein plötzlicher Windstoß blies einen Gischtnebel über uns, und die Stimmung war verflogen. Ich hatte mir das nur eingebildet. Und außerdem spürt man immer eine Atmosphäre unterdrückter Gewalttätigkeit, wenn Mellors dabei ist. Wallace Mellors ist um die fünfzig, muskulös, schwarzhaarig, laut, voreingenommen und sehr erfolgreich. Er besitzt einen rauhen Charme und die Fähigkeit, ein Image von unkomplizierter, geradliniger Ehrlichkeit zu projizieren, das, wie ich manchmal zu erkennen glaubte, das Geheimnis seines Erfolges
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ist. Ich mochte ihn und spürte, daß auch er mich mochte – doch als ich ihn dann besser kennenlernte, bekam ich immer stärkere Zweifel an seiner Vertrauenswürdigkeit. Vor ein paar Tagen hatte ich an der Bar mit seiner Frau gesprochen, und irgendwie waren wir auf das Thema meiner Anstellung gekommen. Sie fragte: »Haben Sie schon irgend etwas schriftlich, John?« und aus der Art, wie sie das sagte, erkannte ich, daß sie mich warnen wollte, wenn auch sehr vorsichtig… »Die Yacht macht mehr als fünfzig Meilen, mit voller Kraft. Was sagen Sie dazu, Alan?« Es war eine von Mellors unbeantwortbaren Fragen, mit denen er Menschen in die Defensive drängte. Copwright blickte ihn ruhig an, wenn auch seine Augen etwas verschwommen wirkten. Copwright trug eine Stahlbrille und einen Bart, der auf der Unterseite des Kinns sproß; das Kinn selbst war glatt rasiert. Das gab ihm das Aussehen einer intelligenten Ziege. »Verdammt gut, Wal«, antwortete er. »Aber ihr Wissenschaftler rechnet sicher mit Lichtgeschwindigkeit, wie, Jean?« »Manchmal.« Wenn Alan Copwright Ähnlichkeit mit einer Ziege aufwies, hatte Jean Longhurst das Aussehen eines Pferdes – oder zumindest eines Mädchens, das Pferde reitet, was manchmal so ziemlich dasselbe ist. »Nun haben Sie sich nicht so, Jean. Wir alle wissen doch, was in der Station los ist. Wozu also diese Geheimnistuerei? Temporal-Forschung, habe ich einmal sagen hören. Was ist das? Für mich klingt es wie Zeitreisen.« Er lachte kurz auf, beinahe verächtlich, und der Blick, den er Copwright zuwarf, war prüfend. »Genau wie H. G. Wells es beschrieben hat. Haben Sie Wells gelesen, Alan?« Alan seufzte fast unhörbar. Seine Augen waren klarer geworden, die Seebrise, die auf dem Achterdeck wehte, hatte ihn ernüchtert. »Mein Gott, ja. Natürlich habe ich Wells gelesen. Der Mann hatte eine bewundernswerte Vorstellungskraft, für seine Zeit. The War of the Worlds. The First Man on the Moon. Das war
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erstklassig. Damals. Heute kommt es einem allerdings ein wenig holperig vor.« »Die Zeitmaschine…« murmelte Mellors fast unhörbar. »Das wäre eine Idee…« »Die können Sie vergessen, Wal.« Copwright amüsierte sich über die durchsichtigen Versuche des Mannes, ihn auszuhorchen. »Zeitreisen sind unmöglich. Und die Gründe dafür kennen Sie genau so gut wie ich. Es gäbe zu viele Paradoxa, wie den eigenen Großvater zu töten. Und warum sind denn keine Zeitreisenden aus der Zukunft bei uns, und so weiter. Sie müssen den Tatsachen ins Auge sehen, Wal: Die Zukunft ist noch ungeschehen, und die Vergangenheit ist tot und vorbei. Also kann es Zeitreisen nicht geben.« »Es wäre sehr viel Geld wert, nur ein kleines Stück, sagen wir einen Tag oder zwei Tage, in die Zukunft treten zu können. Überlegen Sie doch einmal, wie man all seine Unternehmungen danach ausrichten könnte.« Ich sah Mellors an, daß seine Gedanken weit weg waren, und in seinen Augen lag ein Ausdruck von Gier. »Sie können sich doch wirklich nicht beklagen, Mr. Mellors«, lachte Jean und trat einen Schritt von ihm fort, so daß sein Arm von ihrer Taille glitt. Sie trat an die Backbord-Reling und blickte zum Ufer. Wir hatten eine Bucht erreicht, die Starfish Bay genannt wurde und wo man durch einen breiten Spalt zwischen den Uferklippen einen weiten Blick auf das Land hat, auf Felder, Wiesen, Moor und Heide, bis zu den waldbestandenen Hügelketten in der Ferne. Zwei riesige Bäume standen in der Senke direkt am Ufer der kleinen Bucht. Ein paar Wolken schwebten über uns, doch zum größten Teil zeigte der Himmel das fahle Blau des frühen Abends. Tief über dem Horizont hing die Schwärze eines aufziehenden Unwetters, aber es würde einige Stunden dauern, bis es uns erreichte. »Ich möchte Ihnen etwas sagen, Wal, um Ihnen unnötige Gedanken zu ersparen«, sagte Copwright plötzlich. »Es stimmt, daß wir auf der Forschungsstation die Möglichkeiten von
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Zeitreisen untersucht haben. Das fällt zufällig in unsere Arbeitssphäre – als Angelegenheit akademischen Interesses, nicht als Aufgabe, für die öffentliche Gelder verschwendet werden. Wir haben uns kurz damit beschäftigt, einen Weg zu finden, der um die Paradoxa herumführt. Und festgestellt, daß es so einen Weg nicht gibt. Also war das Thema für uns gestorben. Es ist erledigt.« Aus der Art, wie er das sagte, erkannte ich, daß seiner Ansicht nach Mellors es ebenfalls fallen lassen sollte. »Ein Jammer…« Mellors zog ein Newspocket-Gerät aus der Tasche und verfolgte automatisch die Durchgabe der Marktpreise. Selbst auf See, mit dem mysteriösen Abendlicht auf dem Wasser und den Schreien der Möwen aus ihren Nestern in den Uferklippen war es ihm unmöglich, den Rest der Welt zu vergessen. Er war immer Geschäftsmann. Ich vermute, daß dies eins der Geheimnisse seines Erfolges war, fragte mich jedoch gleichzeitig, ob es das wert war. Der kleine Bildschirm des Taschengeräts glühte bläulich im Zwielicht, die Ziffern flackerten. Er schaltete es aus und steckte es in die Tasche, einen zufriedenen Ausdruck auf seinem Gesicht. Offensichtlich war sein Imperium nicht zusammengebrochen. Er deutete auf die Starfish Bay. »Sehen Sie sich das an«, sagte er zu mir gewandt, aber – wie es seine Gewohnheit war – alle Anwesenden mit einschließend. »Hübsche, kleine Bucht. Ruhig und abgeschlossen. Es kommt kaum mal jemand her. Keine Straßen, müssen Sie wissen, nur ein Sandweg aus dem Landesinneren. Aber am besten erreicht man sie, wenn man von Falcombe aus über die Klippen steigt.« Sein Gesicht wirkte ruhig, beinahe traurig, als er uns eine weitere Facette seines Charakters vorführte: Mellors, der romantische Träumer. »Als Junge bin ich oft hier herausgekommen und geschwommen. Das Wasser ist tief und sauber; auf mehrere Meilen gibt es keine Zuleitung von Abwässern. Der Ausblick von den Klippen ist phantastisch… Niemand wird hier jemals bauen. Das Land ist öffentlicher Besitz. Geschützt. Als Gebiet hervorragender Naturschönheit.« Jean Longhurst stand vor mir, als ich auf die Bucht hinausblickte. Die Knöchel ihrer Hände traten weiß hervor, so hart
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umklammerte sie die Reling. Aus dem Augenwinkel heraus sah ich, wie Copwright erstarrte. »Neulich war ich zufällig im Büro des Stadtrates«, fuhr Mellors grüblerisch fort. »Vielleicht wollte ich die Kopie meines Pachtvertrages mit der Forschungsstation einsehen… Sie wissen doch, daß die Station auf meinem Land errichtet wurde, nicht wahr, Alan? Aber natürlich, das habe ich Ihnen ja schon früher gesagt. Auf jeden Fall, stellen Sie sich meine Überraschung vor, als ich feststellte, daß die Falcombe Forschungsstation irgendwelche Rechte auf Land an der Starfish Bay erworben hatte. Und sehr seltsame Rechte… Weil es Landbesitz der Öffentlichkeit ist, verstehen Sie. Es gehört nicht irgendeinem Menschen, sondern uns allen, würde ich sagen. Sind Sie nicht auch der Ansicht, John?« Jetzt versuchte er, mich in irgendeine private Angelegenheit zu verwickeln. Ich schwieg. Er fuhr fort. »Es sieht so aus, als ob die Station kürzlich ausschließliche Rechte auf einen Teil dieses öffentlichen Grundbesitzes erworben habe. So wie ich die Dinge sehe, können sie diesen Teil vielleicht sogar einzäunen, wenn ihnen danach ist. Wissen Sie zufällig etwas darüber, Alan?« Wir haben Alans Antwort nicht gehört, weil in diesem Augenblick etwas geschah, das so unheimlich, so phantastisch war, daß ich im ersten Moment an meinem Verstand zweifelte. Doch als ich umherblickte, erkannte ich, daß die anderen es auch sahen… Die Wolken waren über uns hinweggezogen. Die schwarze Sturmfront stand noch immer am Horizont, schien aber nicht nähergekommen zu sein. Der Himmel über uns war fast wolkenlos: nebelfeine Zirren wurden von der sinkenden Sonne gelbrot getönt. Ich sah grasende Kühe auf den Weiden, und etwas weiter entfernt stieg Rauch aus dem Schornstein einer Kate senkrecht zum Himmel empor. Doch die beiden hohen Bäume an der Starfish Bay schienen von einem Hurrikan gepackt worden zu sein; sie wurden hin und
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her geschüttelt, verstreuten Blätter nach allen Seiten und glänzten vor Nässe, während um sie herum die Luft still und unbewegt war… Ich hörte einen Ausruf von Copwright, der rasch unterdrückt wurde. Jean wandte den Kopf zu ihm, und sie schienen sich etwas mit Blicken zu sagen; die Augen des pferdegesichtigen Mädchens glänzten, und ihre Lippen öffneten sich vor Erregung. Mellors runzelte die Stirn. Pablo suchte meinen Blick. In seinen Augen stand Verwirrung – und Angst, wie ich glaubte. Dann starrten wir alle über das Wasser der Bucht auf die beiden Bäume, die schwankten und tanzten, als ob sie von einer riesigen Faust geschüttelt würden.
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2 ES DUNKELTE, ALS WIR DAS letzte Stück der engen Flußmündung hinauffuhren, die den Hafen von Falcombe mit der See verbindet. Das Wasser war goldgesprenkelt von den Reflexen der Lichter der zahlreichen Hotels, die auf dem Hang des Hügels standen, der sich rechts von uns erhob; das andere Flußufer lag dunkel, bis auf die Lichtpunkte einiger, weniger Fenster. Dick steuerte einen langsamen Zickzack-Kurs um die aus dem Wasser ragenden Felsen herum, die in dieser Gegend reichlich verstreut sind. Er stand am Rad in der Bugkabine; wir anderen saßen im großen Salon und tranken. Niemand sprach viel. Wenig später verbreiterte sich der Fluß zum Hafen hin, und Dick nahm Kurs auf den Pier; um diese Jahreszeit waren die meisten Boote an Land gebracht worden, und es gab viel Platz. Wir fuhren an einer Reihe von Hausyachten vorbei, die unterhalb des Falcombe Hotels Bug an Heck verankert waren. Es war Ebbe und ein breiter Streifen ockerfarbenen Schlamms glänzte zwischen uns und dem Ufer. Vage weiße Schatten schossen durch die Luft: Möwen auf einer letzten Jagd nach Futter, bevor sie sich für die Nacht zurückzogen. Die Turbine heulte lauter, als Dick die Hubkraft verstärkte, dann glitt die Hausyacht über den Schlamm hinweg und senkte sich etwa acht Fuß von der Steinwand des Piers entfernt zu Boden. Dick trat an Deck und warf den Buganker aus; Pablo sicherte auf die gleiche Art das Heck. Bis Mitternacht würden fünf Fuß Wasser unter dem Boot sein. Pablo brachte eine Planke aus, befestigte sie an Deck, lief auf ihr zum Pier und machte das andere Ende an einem Poller fest. Ich sah, wie Dorinda Mellors einen mißtrauischen Blick auf das schmale Brett warf, doch Pablo hatte keine Lust, die Hausyacht gegen die alten Steine des Piers reiben und beschädigen zu lassen; deshalb die unorthodoxe Ankerprozedur. Ich glaube, wir waren alle ein wenig angetrunken, als wir vorsichtig über den dunklen Pier gingen und versuchten, den verschiedenen Fußangeln auszuweichen – Hummerreusen und
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herumliegenden Fischnetzen. Wenig später erreichten wir Falcombes Hauptstraße; um diese Jahreszeit waren die schmalen Gehsteige fast menschenleer. Ein paar wenige Schaufenster waren erleuchtet; Katzen hockten in dunklen Hauseingängen. Ein Stück weiter begann die Straße anzusteigen und führte an den Waterman’s Arms vorbei zum Falcombe Hotel. Aus irgendeinem Grund waren Mellors und ich ein Stück hinter den anderen zurückgeblieben. Er umspannte meinen Arm. »John«, sagte er leise, »es könnte sich lohnen, morgen einen Blick auf die Starfish Bay zu werfen. Warum machen Sie nicht einen kleinen Spaziergang über die Klippen?« Alan und Jean waren ein paar Schritte voraus und unterhielten sich lebhaft mit Dorinda Mellors und Pablo. Ein Stück vor ihnen schritt Dick, allein und schweigend. Aus den Waterman’s Arms drangen gedämpftes Stimmengewirr und Lachen. Der Alkohol hatte mich mutig gemacht. »Ich sehe nicht ein, wozu das gut sein sollte.« »Muß es zu etwas gut sein? Es interessiert mich, das ist alles. Ich glaube nicht zu übertreiben, wenn ich feststelle, ein ziemlich gewichtiger Mann in dieser Gegend zu sein, stimmt’s? Ich bin der Meinung, daß ich gegenüber den Menschen hier eine gewisse Verantwortung habe.« »So?« »Und es gefällt mir nicht, daß die Bürokratie sie überrollt. So etwas ist wie die Schmalseite eines Keils. Als nächstes werden sie vielleicht die Wege sperren und Betreten-verboten-Schilder aufstellen und anderen Blödsinn machen, wenn sie es nicht schon getan haben. Allbright sagte mir, daß es zu einem Ausbruch von Myxomatose gekommen sei; überall tote Kaninchen, die stinken und verwesen und die Touristen vergraulen. Es würde mich nicht überraschen, wenn auch das irgendwie mit der Station zusammenhinge.«
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Das war mir wirklich zu viel. »Kommen Sie, Wal. Allbright hat eine Farm dort oben. Wahrscheinlich hat er die Krankheitserreger selbst verbreitet. Zuzutrauen wäre es ihm.« Wir traten durch den opulenten Eingang des Falcombe Hotels; Carter, der Portier, lächelte und nickte respektvoll. Mellors und seine Frau grüßten ihn betont herzlich; sie legten immer großen Wert darauf, die Mitarbeiter höflich zu behandeln. Ich blickte Carter kühl an, als wir an ihm vorbeigingen. Ich hatte ihn im Verdacht, an den Lebensmitteldiebstählen aus der Küche beteiligt zu sein; seit einiger Zeit hatte ich Fehlbestände festgestellt, und das Zeug mußte an ihm vorbei hinausgeschafft werden – wenn man es nicht mit Booten abtransportierte. Mellors griff wieder nach meinem Arm, als wir uns der Bar näherten. »Sehen Sie sich morgen ein wenig bei der Starfish Bay um, ja, John? Ich würde das als einen persönlichen Gefallen betrachten.« Ich wußte, was das bedeutete. Für eine Weile beschäftigte ich mich in meinem winzigen Büro. Es war noch früh am Abend, doch spürte ich schon diese Taubheit um die Wangen, die, wie ich aus Erfahrung wußte, das erste Anzeichen für heranreifende Besoffenheit ist. Das Hotel war etwa zur Hälfte gefüllt – recht gut für diese Jahrszeit. Alles schien glatt zu laufen: Die Köche bereiteten das Dinner vor, die Kellner schliefen in ihren Zimmern, die Rezeptionistin beschwichtigte einen schwierigen Gast, und der Buchhalter stellte die Tagesabrechnung zusammen – abzüglich seines stillen Anteils, überlegte ich düster. Ich warf einen Blick auf die Belegungsliste, fand ein freies Zimmer, nahm den Schlüssel und ging hinauf um mich zu duschen. Nach dem Dinner kehrte ich zu den anderen zurück und entdeckte sie in der Cocktail Lounge bei Kaffee und Likören. Ich zog mir einen Stuhl heran und setzte mich. Sie waren inzwischen so weit fortgeschritten, daß sie meine Ankunft nicht bemerkten. Ich fühlte mich ein wenig fehl am Platz, da die Konversation
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zusammenhanglos geworden war. Alan war in eine tiefe Diskussion mit Jean verstrickt, Mellors und seine Frau trugen ein neues Gefecht ihres ehelangen Krieges aus und knurrten einander mit giftigen Untertönen an, während Dick und Pablo über Boote sprachen. Sie wirkten noch verhältnismäßig nüchtern, gestikulierten jedoch ziemlich wild. Ich schob die Kaffeekanne beiseite und wandte meine Aufmerksamkeit Alan und Jean zu. »Hör zu«, sagte Alan undeutlich. »Ich habe in letzter Zeit keine Gelegenheit gefunden, mit Susanna zu sprechen. Das habe ich dir doch schon gesagt.« Etwas betroffen, in eine private Unterhaltung eingedrungen zu sein, war ich dennoch neugierig. Jeans Gesicht zeigte einen Ausdruck pferdehafter Besorgnis. »Also wissen wir nicht, was, zum Teufel, vor sich geht«, sagte sie. »Manchmal bezweifle ich, ob Stratton es weiß. Hast du jemals daran gedacht, daß unsere Experimente parallelisiert werden könnten?« Das klang interessant und ich rückte unauffällig etwas näher. Sie schienen meine Anwesenheit nicht zu bemerken. »Willst du damit sagen«, fragte Alan, »daß eine Art…« – er zögerte und verzog nachdenklich sein ziegenähnliches Gesicht – »… Kollision eintreten könnte?« Auch Jean war sehr nachdenklich. »Zusammentreffen wäre wohl eine treffendere Bezeichnung – obwohl nur Gott wissen mag, was das bedeuten kann. Aber diese Bäume… sie waren direkt im Fokalpunkt.« Ich hätte liebend gern mehr gehört, doch an diesem Punkt unterbrach Mellors das Gespräch, indem er einen fleischigen Arm um Jeans Taille legte. »Was ist denn mit Ihnen beiden? Sie können sich doch nicht von den anderen absondern. Dies soll schließlich eine Party sein, nicht wahr?« Als Mellors sich mit Jean zu befassen begann, wandte Pablo sich mir zu. »Muß mit dir reden«, sagte er abrupt. »Bitte.«
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Er blickte umher. »Nicht hier. In der Toilette.« »In Ordnung.« Ich stand auf. »Entschuldigen Sie uns einen Augenblick.« Wir standen über die Handwaschbecken gebeugt. Pablo schwankte leicht. Er umklammerte meinen Arm. »Ich will dir einen guten Rat geben.« Dies ist nun eine Gesprächseröffnung, die mir überhaupt nicht gefällt. In meinem ganzen Leben ist mir nie ein Rat gegeben worden – wenn er als solcher etikettiert worden war –, der sich nicht als absolut wertlos und häufig auch als beleidigend herausgestellt hatte. »Schieß los«, sagte sie resigniert. »Nimm dich vor diesem Bastard Mellors in acht.« »Das tue ich immer«, antwortete ich mit gespielter Selbstsicherheit, spürte jedoch gleichzeitig einen Druck in der Magengegend. »Der will dich aufs Kreuz legen. Vielleicht mich auch.« Pablo starrte durch das Fenster der Herrentoilette, in dem eine der Milchglasscheiben zu meinem ständigen Ärger durch eine aus klarem Glas ersetzt worden war. Jedes Mal, wenn die Hotelinspektoren vorbeikommen, kriege ich Kommentare darüber zu hören; anscheinend zieht eine kleine Scheibe Klarglas im Fenster einer Herrentoilette Perverse an wie ein Licht die Motten; das jedenfalls scheinen sie anzunehmen. Ich kann ihre Gedankengänge nicht nachvollziehen. Falls ein Perverser sich schon erregt, wenn er durch das kleine Fenster hereinlinst, um wieviel größer müßte dann sein Genuß sein, wenn er den Waschraum tatsächlich betritt, sein Inneres mit allen Sinnen in sich aufnimmt: den Geruch von Deodorant, das Rauschen von Wasser, der Anblick der in keuschem Weiß gekachelten Wände, der blanken Chromarmaturen. Das alles habe ich ihnen gesagt, doch sie sahen mich nur recht seltsam an. Ich blickte jetzt auch aus dem Fenster; hinter der kleinen Fläche mit den Mülltonnen konnte ich den mit Flutlicht beleuchteten Rasen am Flußufer sehen; die Tische und Stühle wirkten
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verlassen, einige waren umgekippt. Ich machte mir eine gedankliche Notiz, das morgen früh in Ordnung zu bringen. Im Augenblick sah es so aus, als ob alle Menschen vor einer unmittelbar bevorstehenden Sturmflut geflohen wären. Jenseits des Rasens, kaum erkennbar auf dem dunklen Wasser, sah ich eine Kette weißer Rechtecke: Pablos Hausyachten. »Warum glaubst du, daß er uns aufs Kreuz legen will?« fragte ich. »Hat er schon irgend etwas unterschrieben? Natürlich nicht, dieser hintertriebene Bastard. Ich hätte diese verdammten Boote anderweitig verkaufen können, weißt du das? Ich hatte feste Kunden dafür. Aber weil du mich überzeugt hast, daß Mellors ernsthaft zum Abschluß kommen will, habe ich sie vertröstet. Ich habe ihnen etwas von Produktionsschwierigkeiten erzählt, daß ich die Boote erst in sechs Monaten liefern könnte. Dadurch habe ich das Vertrauen der Kunden verloren. Und Zinsen für das investierte Kapital.« »Das wissen wir doch längst. Ich tue alles, um die Sache hinzukriegen.« »Dann werde ich dir etwas sagen, was du noch nicht weißt.« Pablo wandte sich um und blickte mir ins Gesicht; seine Augen waren verquollen von Alkohol und Sorge. »Er versucht, dich auszubooten. Weißt du, was er mir beim Dinner vorgeschlagen hat? Er wolle mit mir direkt abschließen. Deine Provision ist zehn Prozent, nicht? Er bot mir Barzahlung bei fünf Prozent Rabatt auf den ganzen Betrag – direkt von ihm an mich. Das würde den Zwischenhändler ausschließen. Dich.« »Du hättest dabei fünf Prozent gespart, Pablo«, sagte ich langsam. »Genau wie er.« Pablo lächelte bitter. »Aber sowas ist nicht meine Art, John. Wir kennen uns eine ganze Weile. Wir haben unsere Abmachung getroffen lange bevor wir Mellors kannten, und für mich ist ein Vertrag ein Vertrag. Du bekommst deine zehn Prozent, oder es wird nichts aus dem Geschäft. Einverstanden?«
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Dazu gab es nicht viel zu sagen. Ich murmelte meinen Dank, und wir gingen zu den anderen zurück. In meinem Magen saß eine kalte Wut, doch als ich Mellors Zustand sah, wußte ich, daß dies nicht der richtige Moment für eine Auseinandersetzung war. Er würde nicht einmal wissen, wovon die Rede war – oder so tun, als ob er es nicht wüßte. Ich setzte mich. Mellors blickte mich kurz an, anscheinend ohne mich zu erkennen. Dann wandte er sich Jean zu. »Noch einen Drink. Und Sie auch, Alan. Kellner!« Köpfe wandten sich in unsere Richtung, als er nach der Bedienung schrie. »Ich hole die Drinks«, sagte ich, als ich sah, daß der Kellner beschäftigt war. »Was wollen Sie?« Mellors grinste breit. »Da sehen Sie einen tüchtigen Manager, Jean. Ein heller Junge. Hat eine großartige Zukunft. Und in der nächsten Saison nehme ich ihn als Partner in unser kleines Hausyacht-Charter-Geschäft auf. Stimmt’s John?« Ich murmelte irgendeine Zustimmung und ging, um die Drinks zu holen. Später nutzte ich die erste sich bietende Gelegenheit, um mich zu entschuldigen und ging. Ich beauftragte die Rezeptionistin und den Buchhalter, das Hotel um Mitternacht abzuschließen, holte den Mantel aus meinem Büro und ging zur Tür, dankbar, nicht im Hotel wohnen zu müssen. Ich erwachte gegen zwei Uhr nachts durch seltsame Geräusche. Das Boot schaukelte ziemlich heftig, selbst in dem geschützten Hafen von Falcombe, also nahm ich an, daß der drohende Sturm schließlich über uns hereingebrochen war… Für den Unerfahrenen ist allein die Vorstellung, an Bord eines kleinen Schiffs zu schlafen, romantisch. Ein Glas Bier in der Stille des abendlichen Zwielichts, die tanzenden Reflexe von Lichtern anderer Boote auf dem ruhigen Wasser; dann in die gemütliche Kabine auf einen letzten Scotch und eine Zigarette. Später in der Koje, die Decke bis unters Kinn heraufgezogen, stellt man sich vor, daß das Wasser, nur wenige Zoll entfernt, gegen den schützenden, schoßgleichen Bootsrumpf plätschert. Und dann traumloser, gesunder Schlaf.
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Die Wirklichkeit sieht natürlich völlig anders aus. Zugegeben, alles verläuft problemlos, bis der Seemann in seiner Koje liegt. Erst dann, wenn er am meisten verwundbar ist, hört er die Geräusche. Das langanhaltende, dumpfe Dröhnen, begleitet von dem metallischen Pochen. Das sagt ihm, daß der Anker über Grund schleift. Er fährt hoch, knallt mit dem Kopf gegen die Bodenbretter der oberen Koje und versucht, durch das winzige Bullauge etwas zu erkennen. Vor zwei Stunden hatte er einen umgebauten Fischkutter und eine Reihe kleiner Dinghis gesehen, die rotblaue Flanke eines Seenotrettungsbootes und den Leuchtturm am Ende des Piers. Jetzt sieht er nichts, außer Wasser natürlich, düster und kalt und drohend in dem erratischen Licht des Mondes, über den ein immer mehr auffrischender Sturm zerrissene Wolkenfetzen jagt. Er ist mit der Ebbe meerwärts abgetrieben worden. Als seine Augen sich an die Dunkelheit gewöhnt haben, kann er das Ufer erkennen, schwarz und drohend, und die gischtenden Brecher, die gegen den Fels branden und sehr bald sein zerbrechliches Gefährt zu Kleinholz zertrümmern werden. Es scheint, als ob er in diese Richtung getrieben werden würde; und ein paar Sekunden angstvoller Beobachtung bestätigen das. Der riesige, dunkle Schatten des Ufers kommt immer näher. Ich habe jetzt meine Lektion gelernt. Ich finde mich einfach mit der Möglichkeit meines Todes ab und gehe wieder schlafen. Vor Jahren war das jedoch noch ganz anders: Ich wurde von Panik ergriffen wie alle anderen auch, zog meine Hose an und taumelte an Deck. Um festzustellen, daß alle Boote vom Gezeitenwechsel herumgedreht worden waren und der Hafen jetzt ein völlig anderes Bild bot. Wieder hörte ich das Geräusch: ein schweres, dumpfes Poltern gegen den Schiffsrumpf. Eine Weile blieb ich liegen und fragte mich, ob ich deswegen etwas unternehmen sollte. Ich hörte den
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Wind heulen, und von Zeit zu Zeit wurden Regentropfen so hart auf das Dach gepeitscht, daß es wie der Aufschlag von Schrotkugeln klang. Ich versuchte, wieder einzuschlafen, doch es gelang mir nicht; das treibende Objekt, was immer es sein mochte, schien wenige Zoll über meinem Kopfkissen gegen die Schiffswand zu poltern. Also zog ich mich an, rauchte eine Zigarette und trank einen Scotch, während ich über die Angelegenheit nachdachte, zog dann mein Ölzeug über und stieß die Tür zum Achterdeck auf. Der Regen peitschte mir ins Gesicht. Ich zog den Kopf zwischen die Schultern, umklammerte die Reling und beugte mich außenbords. Ein zylindrischer Gegenstand von der Größe eines Ein-Mann-U-Bootes lag im Wasser und wurde von jeder Welle gegen die Bordwand geschleudert. Es sah schwer genug aus, um eine Menge Schaden anrichten zu können. Ich ging wieder in die Kabine, holte die Taschenlampe, schaltete sie ein und sah mir das Ding noch einmal an. Es wirkte jetzt noch bedrohlicher, muschelbewachsen und fremdartig, wie eine nicht geborgene Raumkapsel. Es war, erkannte ich, als eine gelinde Panik von mir Besitz zu ergreifen begann, die konische Boje, die weiter stromauf gelegen hatte und wahrscheinlich vom Sturm losgerissen worden war. Es schien, als ob der unheimliche Anblick der sturmgepeitschten Bäume meine Phantasie entzündet hatte. Ich führte ein Tau durch den Ring zur Winsch auf dem Vordeck. Dann winschte ich die Boje unter erheblichen Mühen nach vorn, um den stumpfen Bug herum, und überließ es dem Wind, sie zum Ufer zu treiben. Als sie im Dunkel verschwand, richtete ich den Strahl der Taschenlampe auf sie; es sah so aus, als ob sie an dem Pier vorbeitreiben und bei der kleinen Helling an Land gespült werden würde. Befriedigt – in Wahrheit mit einem Gefühl der Tugendhaftigkeit – wollte ich gerade wieder in die Kabine zurückgehen, als ich durch den dichten Regen einen weißen Bootskörper sah, wo vorher kein Boot gelegen hatte. Ich schaltete die Taschenlampe ein, doch der vom Wind gepeitschte Regen reflektierte das Licht
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zu spiegelnden Sternen und begrenzte meine Sicht noch weiter. Ich ging auf dem schmalen Seitendeck nach achtern, hängte mich über die Reling und starrte in das Dunkel. Diesmal war ich ganz sicher: Was ich sah, war eines von Pablos Hausyachten, die in der Strömung trieb! Ich lief über die federnde Planke auf den Pier, stolperte über mehrere Hindernisse und hetzte die Straße hinauf. Wenige Minuten später war ich im Hotel und hämmerte gegen Pablos Tür. »Wer ist das, zum Teufel?« »Ich bin’s, John. Mach auf, um Gottes willen.« Nach einer kurzen, mit unwilligem Knurren gefüllten Pause erschien Pablo, mit zerwühltem Haar und offener Hose. »Jesus, John. Weißt du, wie spät es ist?« Ich erklärte ihm die Situation. Er stürzte zum Fenster und starrte in die Nacht hinaus. Das Flutlicht auf dem Rasen war abgeschaltet worden, und wir konnten nichts sehen. »Wir brauchen eine Barkasse«, sagte ich. »Mit einem Hover-Boot ist das nicht zu schaffen. Irgend etwas Wendiges mit einem schweren Kiel.« »Mellors’ Boot.« Der Alte besaß ein kleines, aber starkes Boot zum Fischen, das unten am Privatpier des Hotels lag. »Wir müssen den Schlüssel besorgen«, setzte Pablo unsicher hinzu. Wir hämmerten eine Weile gegen Mellors’ Tür, bevor wir sein wütendes Fluchen hörten. Schließlich öffnete Dorinda die Tür; sie wirkte verängstigt und sah ohne Make-up jünger aus. »Was ist?« fragte sie, blickte von mir zu Pablo und wieder zurück und preßte ein kostbares Hauskleid um ihren knochigen Körper. Ich erklärte ihr die Lage und bat sie um den Zündschlüssel für das Boot. Während ich dabei war, schrie Mellors aus dem Bett: »Sind Sie es, Maine? Was wollen Sie, zum Teufel? Was ist los? Kommen Sie herein, Mann.«
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Ich trat an Dorinda vorbei ins Zimmer, gefolgt von Pablo, und begann zu erklären. Mellors sah obszön aus: rote Augen in einem aufgedunsenen Gesicht, das Oberteil seines Pyjamas stand offen und enthüllte eine rosafarbene, mit grauen Haaren gesprenkelte Brust. Während er zuhörte, schien er wacher zu werden und begann Hose und Jacke über seinen Pyjama zu ziehen. »Nun kommen Sie schon«, sagte er energisch. »Worauf, zum Teufel, warten wir denn noch?« Er stieß die nackten Füße in seine Schuhe und lief zur Tür. Wir rannten die Treppe hinab; ich machte eine kurze Pause, um dem schlafenden Nachtportier den Schlüssel für die Eingangstür abzunehmen und die Flutlichter auf dem Rasen einzuschalten. Wir liefen die Korridore entlang, ich schloß die Tür auf, und wir schlossen vor dem grellen Licht und dem niederprasselnden Regen die Augen. Pablo blieb ganz plötzlich stehen und streckte den Arm aus. »O mein Gott«, murmelte er. »Sieh doch!« Ich starrte in die Nacht. Ich sah nichts außer dem Regen und ein paar Büschen am Ufer, und dahinter das schwarze Wasser des Flusses. Die Boote – alle zehn – waren verschwunden. Pablo stieß ein ungläubiges Stöhnen der Verzweiflung aus. »Das ist unmöglich«, sagte er, wieder und wieder, als wir in Mellors Boot stiegen, den Motor starteten und ablegten. »Das ist doch völlig unmöglich, um Gottes willen. Sie können sich doch nicht alle losgerissen haben. Nicht wahr, John? Nicht wahr?« Er stolperte zum Bug, als Mellors einen engen Kreisbogen zu schlagen begann, stand auf dem Vorderdeck und starrte in das Dunkel. Plötzlich schnitt ein heller, eng gebündelter Lichtstrahl aus der Halbkabine. Mellors hatte den Suchscheinwerfer eingeschaltet. Er zerteilte den Regen bis zum gegenüberliegenden Ufer, beleuchtete naßglänzende Bäume und ein paar Dinghis, die an einem Anleger auf den Wellen schaukelten. Dann schwenkte der
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Lichtstrahl flußaufwärts, und Mellors ließ die Turbine auf vollen Touren laufen. Das Boot schoß über den Kamm einer Welle hinweg und glitt kurz darauf durch ein Wellental. »Es ist ein Glück, daß der Wind stromauf bläst«, schrie Mellors durch das Heulen der Turbine, »sonst wären sie seewärts getrieben worden und an den Klippen zerschellt.« Pablo wandte sich zu mir um, und sein Gesicht wirkte alt vor Kummer. »Es gibt eine Menge Felsen flußaufwärts, ungefähr eine Meile von hier, jenseits des Hafenbeckens.« Er war vom Bug zurückgekommen und hockte jetzt mit Mellors und mir im notdürftigen Schutz der Halbkabine. Sein Gesicht wurde in raschem, rhythmischem Wechsel in rotglühendes Licht getaucht und wieder dunkel, weil er nervös an einer zwischen den hohlen Händen geschützten Zigarette zog. »Der Wind bläst sie direkt auf diese Riffgruppe zu – du weißt, welche ich meine.« »Ich glaube nicht, daß sie in diese Richtung getrieben werden.« Ich versuchte, den Kurs der Boote zu berechnen. Der Wind kam von Süden und wehte genau flußaufwärts. Die Flut stieg, und bei Falcombe gibt es einen erheblichen Gezeitenunterschied. Die Flutwelle muß von der Flußmündung aus etwa eine Meile durch das enge Bett gedrückt werden, bevor sie das breite Becken des Hafens von Falcombe erreicht. Hinter dem Hafenbecken verengt sich das Flußtal wieder und windet sich fast zwölf Meilen weit zwischen Hügeln entlang. Ich hielt es für wahrscheinlich, daß die Hausyachten durch die vereinten Kräfte von Flut und Wind in diesen von schlammigen Ufern eingefaßten Kanal hinaufgedrückt und die Klippen, von denen Pablo gesprochen hatte, um mindestens eine Viertelmeile verfehlen würden. Ich wandte mich Mellors zu. »Ein bißchen mehr steuerbord und direkt stromauf, würde ich sagen. Um den Hafen brauchen wir uns nicht zu kümmern. Die verdammten Kähne sind inzwischen sicher auf halbem Weg nach Boniton.« Boniton ist eine kleine Stadt am Fluß, wo ein schmaler, stark strömender Bach aus dem Moor einmündet. Wir rasten stromauf, und selbst bei dieser Geschwindigkeit wurde der von dem Wind gepeitschte Regen schneller vorange-
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trieben als das Boot. Von Zeit zu Zeit drehte die Maschine durch, und das ganze Boot erzitterte, wenn es in ein Wellental kippte und die Schraube aus dem Wasser gedrückt wurde. Die Lichtbahn des Scheinwerfers tanzte über Wasser und Ufer, erhellte vor Nässe glänzende Bäume, die im dichten Regen nebelig wirkende Luft über dem Fluß, mit Segeltuch abgedeckte Boote, die verlassen und tot aussahen. »Da ist eine!« schrie Pablo, als der Lichtstrahl auf einen großen, weißen Schiffsrumpf fiel. Mellors drosselte die Turbine und fuhr einen weiten Bogen; das Boot krängte stark, als es breitseits von den Wellen getroffen wurde. Die Hausyacht hatte sich anscheinend in der Ankerkette eines riesigen, schwarzen Bootes verfangen; wahrscheinlich war es ein alter Hafenschlepper, der sich im Umbau befand. Die Wellen schlugen beide Boote gegeneinander; der Schlepper, dessen scharfer Bug emporgerissen und abwärts geschleudert wurde, drohte, die Yacht in zwei Teile zu zerschneiden. Es war ein unheimlicher Anblick. Ich zögerte. »Sie gehen an Bord«, sagte Mellors im Befehlston. Ich ging nach vorn, wartete, bis Mellors das Boot vorsichtig längsseits brachte, und sprang. Meine Hände umklammerten die Reling der Hausyacht, ich zog meine Füße auf die Deckkante, zuckte zusammen, als das Boot wenige Zoll unterhalb meiner Knöchel gegen die Bordwand krachte, und schwang mich über die Reling auf das Vordeck. Über mir fuhr der messerscharfe Bug des Schleppers wie die Schneide einer gigantischen Guillotine herab, schoß auf mich zu und biß mit explosivem Knirschen in die Backbordseite der Hausyacht. Ich taumelte, fing mich wieder, packte das Ende des Taus, das Pablo mir zuwarf, und machte es fest. Die Turbine des Bootes heulte auf, die Hausyacht ruckte an, ich hörte das Reißen von Metall, als die Steuerbordreling von der peitschenden Ankerkette des Schleppers losbrach, und dann waren wir frei. Ich stand in der Vorkabine der Hausyacht, während wir stetig gegen den Wind stromab fuhren. Irgendwann versuchte ich die Maschine zu starten, doch wie erwartet sprang sie nicht an. Pablo hatte die Brennstofftanks aller Hausyachten – mit
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Ausnahme der, auf der ich schlief – geleert, um sie vor Vandalismus zu schützen. Er hatte nicht damit gerechnet, daß jemand die ganze Flotte von ihren Ankern lösen würde… Wir brauchten fast eine Stunde, um die erste Hausyacht zu ihrem Ankerplatz hinter dem Falcombe Hotel zurückzuschleppen. Pablo schlug Mellors vor, jetzt zu Bett zu gehen, doch der bestand darauf, bei uns zu bleiben, als wir zum zweiten Mal stromauf fuhren. Wir brachten die anderen Hausyachten nicht zurück. Wir entdeckten sie, eine nach der anderen, zwischen Bäumen an beiden Seiten des Ufers festgeklemmt und anscheinend unbeschädigt. Wir zogen sie ins tiefe Wasser und verankerten sie an Ort und Stelle, um bei Tageslicht zurückzukehren und sie abzuschleppen. Anschließend – es war gegen sechs Uhr, und das erste Licht der Morgendämmerung färbte den östlichen Horizont – fuhren wir zurück, machten das Boot am Anleger des Falcombe Hotels fest und gingen an Land. Zwei oder drei Hotelangestellte waren bereits erschienen, und ein paar andere Frühaufsteher, die etwas Interessantes witterten, erwarteten uns auf dem Hotelrasen. Ich wollte zu Bett gehen, und Pablo ebenfalls, doch Mellors bestand darauf, die Geschichte in allen Details zu erzählen, und aus Dankbarkeit für seine Hilfe mußten wir bleiben, seine Darstellungen bestätigen und ihm bei kleinen Details aushelfen. Es war sieben Uhr, bevor ich zu meiner Hausyacht zurückkam, mir Kaffee kochte, Eier und Speck briet, eine Zigarette rauchte und schließlich ins Bett kroch. Ich war müde und zerschlagen. Das Hotel, nahm ich mir vor, konnte für den Rest dieses Tages zum Teufel gehen.
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3 AM SPÄTEN NACHMITTAG stieg ich den Pfad hinauf, der im Zickzack zwischen leeren Ferienhäusern zu den Klippen führt. Außerhalb der Saison waren die grellfarbigen, abblätternden Holzhütten verlassen und boten diesen speziellen, verlorenen Anblick, den solche Bauten bei Ende des Sommers annehmen, wenn die toten, feuchten Blätter gegen ihre Türen geweht werden. Der unter ihnen liegende Hafen von Falcombe war leer, und die Hover-Fähre zog eine einsame Wellenspur durch das dunkle Wasser, das nach dem Sturm der letzten Nacht wieder ruhig war. Etwas weiter entfernt fuhr Mellors Boot flußaufwärts, um wieder eine der abgetriebenen Hausyachten zurückzuholen. Außer Atem von dem Aufstieg blieb ich stehen, wandte mich um und blickte in das hinter der kleinen Stadt liegende Tal. Obwohl es noch für zwei Stunden lang hell sein würde, brannten in den Räumen der Forschungsstation bereits die Fluoreszenzlampen. Das Gebäude war ein Anachronismus in diesem Tal, ein kantiger Betonklotz zwischen verwitterten Felsen und jahrhundertealten Holzhäuschen, dem abfallenden Land mit seinen Feldern und Hecken. Dünne Nebelschwaden bildeten sich in den Senken. Ich ging weiter, unter tropfenden Bäumen hindurch, und erreichte das windige, kahle Plateau am Rand der Klippen. Am Horizont sah ich ein Küstenschiff. Bei der großen Entfernung schien es stillzustehen. Kurz darauf erreichte ich den Granitpfosten, der in den Boden gerammt worden war und den höchsten Punkt dieser Gegend markierte. Auf seinem Ende saß eine runde Bronzeplatte, in die eine Karte des Gebiets und eine Windrose eingraviert waren. Der Pfad wurde jetzt sehr steinig und führte zur Starfish Bay hinab. Vor mehreren Jahrhunderten, hat man mir erzählt, wurde ein Tee-Klipper hier bei einem Sturm ans Ufer getrieben und ist auf den Klippen zerschellt. Die Umrisse des Schiffes sind bei Ebbe noch immer zu erkennen. Das Skelett ist von Tang und Seegras überwuchert, die ihm ein neues Leben gegeben haben.
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Es gibt noch ein anderes Memento der Vergangenheit neben dem schmalen Pfad, kurz bevor er seinen niedrigsten Punkt erreicht und dann auf der anderen Seite der Bucht wieder zu den Klippen hinaufführt. Ein Rechteck zerbrochener Steine markiert den Ort, wo sich irgendein Einsiedler einmal seine einsame Bleibe errichtet hatte. Während ich den steilen Pfad hinabging, konnte ich die Reste eines Schornsteins erkennen, die sich wie ein Denkmal aus den Trümmern reckten. Innerhalb dieses Rechtecks, auf einer grünen Plastikdecke, den Rücken gegen die Steine des Schornsteins gelehnt, saß ein Mädchen. Es trug eine Hose und einen gelben Anorak, und obwohl es in meine Richtung blickte, hatte ich im ersten Augenblick den Eindruck, daß es blind sei. Sie war schön und kam mir irgendwie bekannt vor, hatte nicht ganz schulterlanges, goldblondes Haar, das ein leicht gebräuntes Gesicht umrahmte. Ich war sicher, daß ich sie schon einmal gesehen hatte. Das gab mir den Mut, sie anzugrinsen, als ich mich ihr näherte; dann murmelte ich einen Gruß und wollte an ihr vorbeigehen. »Warten Sie«, sagte das Mädchen. »Ja?« Sie schien nervös zu sein. Sie hatte in einer Zeitung gelesen, die sie jetzt neben sich legte. Sie blickte mich unsicher an, als ob sie nicht wüßte, was sie sagen sollte. »Ich möchte mit Ihnen sprechen«, erklärte sie schließlich. »Das ist alles. Macht es Ihnen etwas aus?« Wir waren zwei Meilen von Falcombe entfernt und vier Meilen von Prospect Cove. Ein roher Pfad führt landeinwärts zu der etwa eine Meile entfernten Hauptstraße, an der ein Hotel steht; seine Schornsteine waren zwischen den Bäumen zu erkennen. Ich fragte mich, ob sie vielleicht in diesem Hotel arbeitete oder sonst mit ihm zu tun hatte. Mit einem geländegängigen Hover-Car konnte man den zum Ufer führenden Pfad benutzen, hatte Mellors mir erklärt. Hinter den Mauerresten, zwischen denen sie saß, standen zwei riesige Bäume, eine Abnormität in dem sonst
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völlig kahlen Tal; doch nirgends konnte ich ein geparktes HoverCar entdecken. »Mir macht es nichts aus«, sagte ich und zögerte, mich neben sie auf die Plastikdecke zu setzen. »Ich heiße John«, setzte ich etwas lahm hinzu und ließ den Familiennamen weg, wie es mir für dieses zufällige Treffen passend erschien. »Das dachte ich mir«, erwiderte sie zu meiner Überraschung. »John Maine, nicht wahr? Jemand hat… mir von Ihnen erzählt. Ich heiße Susanna. Setzen Sie sich doch, bitte.« Ich schob die Zeitung beiseite und setzte mich neben sie. Ein Foto fiel mir auf; die chaotischen Trümmer einer eingestürzten Brücke. Im Vordergrund stand eine Frau und sah den Männern zu, die die Trümmer beiseite räumten. Ihre Haltung war voller Anspannung, und die Kopfhaltung drückte Trauer aus. Nachdem die anfängliche Scheu überwunden war, unterhielten wir uns eine Weile über alltägliche Angelegenheiten; ein seltsam zielloses Gespräch, fand ich. Das graue Licht wurde dunkler, und die feuchte Luft kühlte spürbar ab. Unwillkürlich rückten wir näher zueinander, bis unsere Körper sich von Schulter bis Oberschenkel berührten. Wir sprachen über Ereignisse, die wir kürzlich in Newspocket verfolgt hatten, und unsere Gesichter waren einander nahe. Es war eine unwirkliche Unterhaltung, während die Wellen gegen einen nahen Felsen schlugen und die steilen Klippen zu beiden Seiten von uns dunkel wurden. Die Geschehnisse der vergangenen Nacht schienen sehr weit entfernt zu liegen. Plötzlich sagte sie: »Sie sollten jetzt gehen«, und ich stand auf und blickte unsicher auf sie herab. Sie lächelte. Sie hatte einen breiten Mund und volle, zum Küssen einladende Lippen. »Wir können uns morgen um dieselbe Zeit wieder hier treffen, wenn Sie mögen«, sagte sie. »Gerne«, antwortete ich. Sonst gab es nichts mehr zu sagen, und da sie offensichtlich darauf wartete, daß ich sie allein ließe,
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begann ich den Pfad hinaufzusteigen, auf dem ich herabgekommen war. Entgegen meinem Vorsatz machte ich einen kleinen Abstecher zum Hotel und nahm einen Drink an der Bar, bevor ich auf die Hausyacht ging. Ich hatte das Hotelessen allmählich satt und beschlossen, für eine Weile selbst zu kochen. Mellors saß an der Bar, und auch seine Frau. Er strahlte, als er den Gästen von den Ereignissen der vergangenen Nacht berichtete; nachdem ich mich in seiner Nähe ebenfalls an die Bar gesetzt hatte, erwischte ich ihn innerhalb einer Minute bei drei falschen Darstellungen. Mellors sah mich, entschuldigte sich bei den anderen und trat zu mir. »Waren Sie dort?« »Ich war dort«, sagte ich ihm. »Aber ich habe nichts Interessantes entdecken können. Keine Verbotsschilder, keine Zäune. Nur die Ruine einer Hütte und diese beiden Bäume, das ist alles.« »Verstehe«, sagte er enttäuscht. »Trotzdem halte ich es für richtiger, die Augen offen zu halten. Niemand zieht mir das Fell über die Ohren.« »Haben Sie Pablo gesehen?« »Die Boote sind alle wieder hier. Keine größeren Beschädigungen.« Er sprach nicht von Pablo, und ich fragte mich nach dem Grund. Er grinste mit gebleckten Zähnen. »Es hätte mir gar nicht gepaßt, wenn unser kleines Unternehmen einen Rückschlag erlitten hätte. Übrigens, wieviel Kapital können Sie aufbringen?« Ich verließ die Bar kurz darauf, ein flaues Gefühl im Magen. Er wußte genau, daß ich kein Kapital besaß. War dies der erste Schritt, um mich auszubooten, wie Pablo es vorhergesagt hatte? Am nächsten Morgen um neun Uhr ging ich an Land, um ein paar Lebensmittel einzukaufen. Ich wollte nicht, daß Mellors mir vorwerfen konnte, mich aus den Hotelbeständen zu bedienen. Es
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war einer dieser seltenen Herbsttage, an denen die Sonne warm von einem mit leichten Dunstwolken verhangenen Himmel scheint und die wenigen ständigen Einwohner einander mit fröhlichen Zurufen über die schmalen Straßen hinweg begrüßen. Möwen drehten über dem Wasser ihre Kreise und stießen heisere Schreie aus. Ich holte mir die Morgenzeitung und ging zum Supermarkt. Die Mädchen des saisongemäß reduzierten Verkaufspersonals lachten fröhlich, und deshalb kamen mir ihre nichtssagenden Gesichter beinahe hübsch vor. Ich fühlte mich besser. Ich erledigte meine Einkäufe, unterhielt mich ein wenig mit Esme am Käsestand und war drauf und dran sie für diesen Nachmittag auf die Hausyacht einzuladen, als ich durch das Fenster Susanna erblickte. Sie ging mit raschen Schritten die Straße hinauf. Ich ließ meine Einkäufe auf die Hotelrechnung schreiben, preßte die schwere Tüte an die Brust und ging hinaus. Susanna war nirgends zu sehen. Ich nahm den Weg, den sie gegangen war und blickte in die Schaufenster aller Läden, an denen ich vorbeikam, doch ohne Erfolg. Nach einer Weile gab ich es auf und ging zur Hafenbar des Falcombe Hotels, um einen Kaffee zu trinken. Mellors und Pablo waren nirgends zu entdecken. Die Hafenbar hat ein breites Panoramafenster, das zum Fluß und zum Rasen führt; ich entdeckte einen leeren Tisch vor dem Fenster, setzte mich und schlug meine Zeitung auf, wie ein normaler Tourist. Die erste Seite bot den üblichen Katalog von Katastrophen. Nachdem ich durch einen raschen Blick erfahren hatte, daß bei dem letzten Flugzeugunglück sechshundert Menschen getötet worden waren, schlug ich die Sportseite auf und gratulierte mir, daß ich diese Alternative hatte. Ich habe nie ein Abonnement mit Newspocket abgeschlossen; ich hasse es, jede einzelne Nachricht über mich ergehen lassen zu müssen, bevor auf dem winzigen Bildschirm endlich die Meldung erscheint, die mich interessiert. Newspocket behauptet, daß seine Abonnenten die bestinformierten Menschen des Landes seien, und ich zweifle nicht daran, daß dies zutrifft.
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Als ich einen Schluck Kaffee getrunken hatte und aus dem Fenster blickte, sah ich Pablo an der beschädigten Hausyacht arbeiten und ein kleines Boot auf die Pier zuhalten. Ein Mann stieg heraus, machte die Bugleine fest und half einem Mädchen beim Aussteigen. Ich haßte ihn vom ersten Augenblick an, teilweise, weil er auf eine gigolohafte Art gut aussah, und teilweise, weil das Mädchen, dessen Arm er so besitzergreifend hielt, Susanna war. Ich verließ eilig die Bar und ging diagonal über den Rasen, so daß ich den beiden den Weg abschnitt. Sie sprachen angeregt miteinander, aber wenigstens hatte dieser Lackaffe Susannas Arm losgelassen. »Hallo, Susanna«, sagte ich. Sie sah mich an, als sie ihren Namen hörte, dann trat ein Ausdruck des Nichterkennens auf ihr Gesicht. Sie wandte sich wieder dem Gigolo zu, und sie nahmen ihre Unterhaltung wieder auf, als sie an mir vorbeigingen, und der Mann warf mir einen flüchtigen, mildneugierigen Blick zu. Ich blieb stehen und sah ihnen nach und kam mir ziemlich albern vor. Sie gingen zum Parkplatz, und der Mann half Susanna in einen großen Hover-Lieferwagen. Langsam ging ich ihnen nach. Der Hover hob sich mit aufheulender Turbine vom Boden ab und bog nach links in die Straße ein. An seiner Seitenwand standen die Worte: FALCOMBE FORSCHUNGSSTATION Höchst geheim. Darum also. Anscheinend durfte ich Susanna überhaupt nicht kennen. Ich fragte mich, ob sie am Nachmittag kommen würde oder nicht… Sie war da. Ich näherte mich der kleinen Bucht von der Landseite aus, lenkte das Hover-Car rüttelnd und schwankend über den holprigen, überwucherten Pfad, nur um zu beweisen, daß es zu schaffen war. Und, das gab ich offen zu, in der Hoffnung, daß sie sich von mir zurückbringen lassen würde.
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Sie saß mit dem Rücken an einen der beiden großen Bäume gelehnt, als ich parkte und ausstieg, schien mich aber nicht zu bemerken. Dann, als ich auf sie zutrat, winkte sie mir zu und lächelte ihr breites Lächeln. Ich setzte mich neben sie. »Ich hoffe, ich habe Ihnen keine Ungelegenheiten bereitet«, sagte ich. Die Mitarbeiter der Forschungsstation hatten ihre eigenen Unterkünfte und durften, so weit ich wußte, keinerlei Kontakte mit der Außenwelt haben. »Ich habe nicht gewußt, daß Sie auf der Station arbeiten. Als ich Sie vorhin auf dem Pier sah, hoffte ich, daß Sie einen Kaffee mit mir trinken würden. Falls wir Ihren Gigolo-Freund hätten abhängen können.« Sie blickte mich mit einem Ausdruck sorgsamer Unverbindlichkeit an, den ich enervierend fand und der mich bei den letzten Worten ein wenig ins Stottern brachte. »Das war sicher Bill Stratton«, sagte sie. »Es wundert mich, daß Sie ihn bisher nicht kennengelernt haben. Er ist der Direktor der Station.« Sie zögerte. »Er will mich heiraten, aber… wenn ich an Ihrer Stelle wäre, würde ich ihm aus dem Weg gehen.« Sie sagte das sehr ernst. »Woher haben Sie erfahren, daß ich auf der Station arbeite?« »Es stand an dem Lieferwagen.« Sie lächelte. »Oh, natürlich«, sagte sie dann. »Es ist lächerlich, durch diese Inschrift auf die Station hinzuweisen. Aber dieses geheime Unternehmen ist voller Widersprüche.« »Was wird dort eigentlich getan?« »Sie wissen, daß ich Ihnen darüber nichts sagen darf, John.« Ihre Stimme klang amüsiert. »Erzählen Sie mir lieber, was Sie tun.« »Ich treibe mich auf den Klippen herum und halte Ausschau nach hübschen Mädchen.« »Ich meine in Ihrer Freizeit.« »Abgesehen von meinen vergeßlichen Versuchen, das Falcombe Hotel zu leiten, schreibe ich Artikel für Yacht-Magazine,
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illustriert mit Fotos von den neuesten Booten mit Mädchen in Bikinis auf dem Deck, die genau so aussehen wie Sie, nur nicht so hübsch. Haben Sie Lust, mal auf einem Boot fotografiert zu werden? Morgen werden die ersten Muster eines neuen Modells zu Wasser gebracht.« Ich meinte es ernst. »Wir könnten hinterher auf meinem Boot einen Whisky trinken.« Sie wirkte ehrlich traurig; ich nahm an, es war ein verdammt einsames Leben auf der Station. »Liebend gern. Aber Sie wissen ja, wie es ist.« »Ja, ich weiß.« Eine dichte, schwarze Front tiefhängender Wolken trieb vom Meer auf uns zu. Ein kalter, feuchter Wind kam auf und verdrängte die warme Abendluft. Susanna drängte sich zitternd an mich; ich legte den Arm um ihre Schultern. Sie drängte noch näher heran und wir saßen eine Weile schweigend; dann, als ob die plötzliche körperliche Nähe uns verlegen machte, begannen wir eine lebhafte Unterhaltung. Wir sprachen von Falcombe und seiner Wachstumsrate und verglichen es vorteilhaft mit den explosiv anschwellenden Cities im Osten. Wir argumentieren über Vor- und Nachteile verschiedener Pläne für ein neues Reservoir, und ob es ratsam sei, eine Meerwasser-Entsalzungsanlage zu bauen. Wir sprachen von dem Boom bei den Bootswerften und wie dieses Gewerbe in Falcombe den Rückgang des Tourismus’ aufgefangen habe. Ich erwähnte Mellors und sein Hausyacht-Projekt. Für eine Weile genossen wir eine interessante, aber ziellose Konversation. Wir sprachen von allem möglichem, nur nicht von der Forschungsstation und von Liebe. Ich fragte mich, ob es immer so sein würde. Und ich fragte mich, warum ich mich das fragte. Plötzlich wurde es ziemlich dunkel, und es begann zu regnen. Ich zog die Füße an, küßte sie leicht und impulsiv auf die Stirn und stand auf. »Wir werden naß«, stellte ich fest. Sie blieb sitzen. »Das macht mir nichts«, sagte sie. »Aber es wird Zeit, daß Sie gehen.«
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»Ich bin mit dem Hover gekommen. Ich bringe Sie zurück.« Sie schüttelte den Kopf. »Ich werde von jemandem abgeholt. Trotzdem vielen Dank, John.« Sie saß an den Baum gelehnt, blickte zu mir auf und wartete, daß ich ginge; der Regen machte ihr goldenes Haar strähnig, und Tropfen rannen über ihr Gesicht. »Seien Sie doch nicht albern«, sagte ich. »Zumindest können Sie sich doch in den Wagen setzen, bis er kommt. Es ist doch ein ›er‹, vermute ich.« »Ich bleibe lieber hier«, sagte sie ruhig. Sie lächelte nicht mehr. Ich blickte hilflos umher und sah jemanden von der Straße her den Pfad heraufkommen. Es war ein Mädchen in einem leichten Regenmantel, das ziellos und zögernd den Pfad entlangschritt, immer wieder stehen blieb und zum Himmel emporstarrte. »Was ist los mit ihr?« fragte ich. Susanna blickte in die Richtung in die ich deutete, und ihr Gesicht veränderte sich zu einem Ausdruck, den ich nicht deuten konnte, in dem jedoch Erkennen und etwas Angst zu leben schienen. »Gehen Sie jetzt, John«, sagte sie drängend. Ich packte ihre Arme und zog sie auf die Füße. »Sie sind verdammt unvernünftig«, sagte ich. »Wir sind schon bis auf die Haut durchnäßt. In Gottes Namen, kommen Sie jetzt mit zum Hover-Car. Ich habe nicht die Absicht, Sie zu vergewaltigen.« Ich hielt ihren Arm fest umklammert und begann sie über das nasse Gras zu meinem Fahrzeug zu zerren. Das Mädchen auf dem Weg beobachtete uns; sie setzte sich in einen leichten Trab und lief auf uns zu. Ich hatte den Eindruck, sie zu kennen, doch mein Verstand weigerte sich zu glauben, was meine Augen mir sagten. Susanna protestierte heftig, als ich sie weiterzerrte. Der Regen prasselte in unsere Rücken und trieb uns vorwärts. Ein Wirbel rostfarbener Blätter wurde von den beiden hohen
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Bäumen gerissen. Ich ließ Susannas Arm los und zog den Kopf in den Jackenkragen, als ich auf das Hover-Car zustolperte. Und plötzlich war der Himmel klar und gelbrosa von den Strahlen der tiefstehenden Sonne; die Wolken waren verschwunden und das Gras war trocken und raschelte unter unseren Füßen. Das andere Mädchen stand in der Nähe des Hover-Car und hatte uns jetzt den Rücken zugekehrt. Anscheinend hatte sie das Interesse an uns verloren; sie blickte in die entgegengesetzte Richtung auf die Schornsteine des Hotels an der Hauptstraße. Als ich sie anblickte, begann ich zu zittern. Ich wandte mich nach Susanna um. Sie war nicht da. Die Bäume standen still und unbewegt in der Abendluft, die Ruine der Steinhütte stand in der Nähe des Ufers wie ein fossiles Skelett. Und das Gras war trocken, und es hatte niemals geregnet. Und Susanna war verschwunden. Ich stieg in das Hover-Car, saß eine Weile reglos und dachte nach. Ich drückte auf den Startknopf, die Turbine heulte auf und das Fahrzeug hob sich vom Boden. Ich fuhr ein kurzes Stück, dann stieß ich, einem Impuls folgend, die Beifahrertür auf und sagte: »Steigen Sie ein. Ich bringe Sie zurück.« Sie setzte sich ohne ein Wort neben mich, dieses eigenartige, stille Mädchen; und falls sie vorher geschlafwandelt haben sollte, war sie jetzt hellwach; Angst und Verwirrung standen in ihren Augen. In Susannas Augen. Ihr Haar war trocken und seidig, weil es nicht geregnet hatte, dort, wo sie herkam. Und obwohl sie Susannas breiten Mund hatte, lächelte sie nicht. »Ich glaube, Sie haben einen Schock erlitten«, sagte ich. »Das kommt schon wieder in Ordnung.« Sie blickte mich an und schien beruhigt. »Entschuldigen Sie. Ich habe so etwas noch nie zuvor getan. Ich weiß gar nicht, was…« Sie runzelte die Stirn. »Ich kenne Sie«, sagte sie. »Sie sind der Mann, der mich heute morgen auf dem Pier angesprochen hat. Ich war in Begleitung von Bill Stratton.«
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Das Hover-Car schwebte den Pfad hinauf. »Das stimmt, Susanna«, sagte ich. »Und Sie kennen meinen Namen«, sagte sie verwundert. »Entschuldigen Sie«, sagte sie noch einmal. »Sie müssen mich für sehr unhöflich halten. Wo haben wir uns schon einmal getroffen? Irgendwo in der Stadt?« Obwohl das Hotel an der Hauptstraße während des Winters geschlossen ist, bleibt die Bar geöffnet, um den Durchgangsverkehr mitzunehmen. Ich parkte und führte das Mädchen hinein. Sie sträubte sich nicht. Sie sah aus, als ob sie einen Drink brauchte, also bestellte ich ihr einen doppelten Scotch, und nach kurzem Zögern auch einen für mich. Ich hatte ihn auch nötig. Wir saßen in der Ecke des leeren Raums, wo uns der Barmann nicht beäugen konnte. »Wir haben uns noch nie getroffen«, erklärte ich ihr. »Ich habe Sie mit dem Mädchen verwechselt, mit dem Sie mich heute abend gesehen haben. Sie heißt ebenfalls Susanna.« »Was für ein Mädchen?« fragte sie. »Als ich… erwachte, oder was immer es gewesen sein mag, standen Sie allein in der Nähe der beiden Bäume.« Ich stellte fest, daß mein Glas fast leer war und bestellte noch zwei Doppelte, und dachte, daß meine Susanna fort war, vielleicht für immer. Doch diese Susanna war hier, bei mir, und gab es wirklich einen Unterschied? Ich hatte die Wahrheit bereits vermutet. Ich blickte sie an; sie hatte ihren Mantel abgelegt. Ich fragte mich: Welche Bedeutung hat Liebe, genau genommen, bei Umständen wie diesen? »Wir sitzen hier in dieser Bar«, sagte ich abrupt, »und wissen nicht, worüber wir sprechen sollen. Etwas sehr Seltsames ist geschehen, und jeder von uns hat seine eigenen Gründe, nicht viel darüber zu reden. Lesen Sie Zeitungen?« Sie lächelte endlich, endlich. »Das tun sicher die meisten Menschen.«
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»Gestern erlebte ich dabei eine Überraschung. Ich sah ein Foto von der eingestürzten Brücke in Trent.« Sie sah mich leicht verwundert an. »Richtig. Ich habe es heute morgen in der Newspocket-Nachrichtensendung gesehen. Was ist so überraschend daran?« »Es ist heute früh geschehen.« Wieder erschienen zwei Drinks. »Worauf wollen Sie hinaus?« Sie wirkte plötzlich reserviert. »Ich will darauf hinaus, was Sie in der Station machen.« »Woher wissen Sie, daß ich dort arbeite?« »Das stand an der Seitenwand des Lieferwagens.« »Oh, natürlich. Wissen Sie…« – sie lächelte wieder – »manchmal mache ich mir so meine Gedanken über diese Geheimnismentalität. Wo immer man hinsieht, gibt es Widersprüchlichkeiten.« Oh, Susanna, Susanna! »Sie sind sehr schön«, sagte ich. »Und Sie sind einer von den ganz Schnellen. Wie heißen Sie?« Ich sagte es ihr und erzählte ihr von meiner Arbeit und von Mellors, und wir ließen uns noch zwei Drinks kommen. Ich versuchte ihr einzureden, daß ihre Gedächtnislücke auf Überarbeitung in der Station zurückzuführen sei und daß sie einen langsameren Gang einlegen sollte und mehr herumkommen müsse, um nette Menschen kennenzulernen – wie mich. Vorübergehende Amnesie sei ein Warnzeichen, sagte ich. Beim nächsten Mal könnte sie über die Klippen spazierengehen. Und wir tranken noch zwei Scotch. Aber sie weigerte sich, mir etwas über ihre Arbeit in der Station zu erzählen; und als ich vorschlug, daß wir uns wiedersehen sollten, sagte sie nein, bedauernd, wie ich annehme. Sie sagte, sie arbeite an einem wichtigen Projekt. Mehr wollte sie mir nicht erzählen.
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Wir fuhren in die Stadt zurück, und ich setzte sie bei der Forschungsstation ab. Ich vermutete, daß sie irgendeine Art von Bericht machen mußte. Ich hatte sogar eine vage Ahnung, um was es sich dabei handelte: offensichtlich hatte sie Schock und Verwirrung jetzt überstanden und wieder zu denken begonnen. Und sie schien ein sehr intelligentes Mädchen zu sein. Eine Bemerkung, die ich aufgefangen hatte, zog immer wieder durch meinen Kopf. Etwas, das Jean Longhurst gesagt hatte. »Hast du jemals daran gedacht, daß unsere Experimente parallelisiert werden könnten?«
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4 ICH LAG IN MEINER KOJE und befand mich in einer philosophischen Stimmung. Einmal war ich zum ersten Mal seit Wochen nicht mit einem Kater und einem Knoten nervöser Anspannung im Magen aufgewacht, vor Sorgen um das Hotel und die Hausyachten und darüber, wie ich mit Mellors stand. Ich machte mir um nichts Sorgen. Ich dachte an Liebe. Ich dachte, wie seltsam es ist, daß ich plötzlich eine Frau treffen sollte, von der ich schon nach sehr kurzer Bekanntschaft sagen konnte: Ich liebe sie. Woher, zum Teufel, wußte ich, daß ich sie liebte? Was hatte das zu bedeuten? Es hatte etwas mit den Augen zu tun, überlegte ich. Wenn ich sie ansah, sah ich ein schönes Mädchen – welcher Mann würde sie anders sehen? Doch es war, als ob mein periphäres Sehen eingeengt worden sei, weil ich nur sie sah, nichts anderes. Und dasselbe traf auf meinen geistigen Horizont zu: Ich dachte nur Susanna. Wenn ich mit ihr zusammen war, dachte ich allein an sie; ich sah nichts anderes als ihr Gesicht, ihren Körper, ihre Beine. Und wenn sie mich ansah, wenn unsere Blicke sich trafen, war es wieder etwas anderes. Daher wußte ich, daß sie genauso empfand. Aber wie? Augen sind schließlich nur Augen – optische Instrumente, die sich im Lauf von Jahrmilliarden entwickelt hatten. Die Seele eines Menschen kann man durch die Augen nicht erkennen. Trotzdem, wenn Susannas blaue Augen in die meinen blickten, schlugen Flügel in meiner Brust. Schließlich stand ich auf und machte Kaffee. Ich wusch und rasierte mich, zog mich an und verscheuchte einen blinden Passagier in Gestalt eines kleinen Jungen, der es als sein gutes Recht zu betrachten schien, von meinem Deck aus zu angeln und seine stinkenden Köder auf den gefirnisten Planken auszubreiten. Dann schloß ich ab und ging an Land. Im Hotel näherte sich das Frühstück seinem Ende, und alles schien glatt zu laufen. Von Mellors war nichts zu sehen, und ich
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fragte mich, ob er und seine Frau in ihrem Haus am anderen Ende der Stadt waren. Sie führten ein seltsames, nomadisches Leben, wohnten mal im Falcombe Hotel, mal in ihrem Haus oder in irgendeinem der drei anderen Hotels in nahegelegenen Städten, die ebenfalls zum Mellors-Imperium gehörten – wie es ihnen gerade einfiel. Der Manager eines dieser Hotels sagte mir einmal: »Mellors wohnt immer dort, wo er den meisten Ärger machen kann.« Zur Zeit war das anscheinend das Falcombe Hotel, da ich ihn jetzt die Treppe herabkommen sah, Dorinda im Schlepptau. Er trat ins Speisezimmer und blickte angriffslustig umher. Ich verzog mich hinter einen Pfeiler, bevor er mich entdecken konnte und gestikulierte einem Kellner. Der Kellner sah mich, trat sofort in Aktion und führte die Mellors zu einem Tisch in der Nähe des Fensters. Er legte ihnen die Speisekarte vor, und damit war die übliche Morgenkrise vorüber. Warum man sich nicht darauf verlassen kann, daß die Leute sich von allein um den Besitzer des Hotels kümmern, wird mir wohl ewig ein Rätsel bleiben. Ich ging in die Hafenbar und sah Pablo und Dick an einem Tisch sitzen; sie rauchten und blätterten Papiere durch. Pablo blickte auf, sah mich und deutete auf den Platz neben sich. »Ich denke, der Alte wird unterschreiben«, sagte er. »Was? Heute vormittag?« »Er hat gestern abend gesagt, daß er mich nach dem Frühstück sprechen will.« »Sie haben gerade damit angefangen«, sagte ich ihm. »Es wird nicht lange dauern.« »Das hoffe ich. Denn wenn deine verdammten Kellner ihn warten lassen, ist er nicht sehr zugänglich. Ich möchte, daß er auch eine Option auf sechs weitere Boote unterschreibt; lieferbar vor Mai kommenden Jahres.« Ich stand auf. »Du gehst ziemlich hart ran, findest du nicht?« Ich trat zur Tür und blickte in den Speiseraum. Mellors stocherte
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auf seinem Teller umher und sein Gesicht zeigte einen Ausdruck höchsten Ekels, doch das war nur seine normale Frühstücksmimik. Vor ihm, gegen sein Glas Orangensaft gelehnt, stand ein flimmerndes Newspocket-Gerät. Um Pablos willen hoffte ich, daß die Nachrichten gut waren. Ein Kellner stand dienstbereit hinter ihm; das Hotel tat sein Bestes, um den Abschluß glatt über die Bühne gehen zu lassen. Befriedigt kehrte ich zu Pablo und Dick zurück. »Oh, wegen meiner Provision«, sagte ich. »Ich meine, angesichts dessen, was du gesagt hast, Pablo… wenn es helfen sollte, die Sache abzuschließen – wäre ich bereit auf fünf Prozent herunterzugehen.« »Quatsch«, antwortete er ruhig. »Du bekommst deinen vollen Anteil. Das überlaß nur mir. Ich sage dir, John, ich habe so ein Gefühl, daß alles glatt laufen wird. Das muß es auch, nach all der Arbeit, die wir hineingesteckt haben. Dieser letzte Trip hat es entschieden. Jeder hat sich vollaufen lassen, jeder hat seinen Spaß gehabt, und diese beiden Typen von der Station haben Mellors gesagt, er sei großartig und das Boot sei großartig. Und Mellors hat richtig geschuftet, als die Boote abgetrieben sind, als ob er wirklich interessiert wäre, weißt du.« »Und mir hat er gesagt, ich soll mir etwas Kapital beschaffen.« »Das hat er getan, dieser Bastard? Das ist typisch Mellors. Auf jeden Fall kannst du ja deine Provision einbringen, wenn du magst. Das sollte ihn glücklich machen – weil er sie dann nicht in bar auf den Tisch legen muß.« »Langsam, Pablo, langsam. Du läßt dir von Mellors die volle Summe auszahlen, okay? Dann zahlst du mir davon meinen Anteil aus. Und wenn ich Lust dazu habe, bringe ich ihn als meinen Kapitalanteil für das Geschäft ein. Ich möchte, daß die Provision in meiner Tasche ist, und nicht in Mellors’. In Ordnung?« Pablo grinste. »Das kann ich verstehen.«
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Wir sprachen noch eine Weile über das Geschäft, bis Dick murmelte: »Er kommt.« »Ah, guten Morgen, guten Morgen!« Der Alte blickte auf uns herab und strahlte über das ganze Gesicht. Ich hatte ihn um diese Stunde nur selten in so guter Laune erlebt. Er setzte sich. Seine Frau war nicht mitgekommen. »Also dann«, sagte er und lächelte uns der Reihe nach an. Pablo schob die Papiere zurecht, doch es war noch zu früh für Mellors, der einem Kellner winkte. Er bestellte Kaffee, und wir betrieben höfliche Konversation, bis er gebracht wurde. Mellors nahm einen Schluck, steckte sich eine Zigarette an, lehnte sich in seinem Sessel zurück und lächelte freundlich. Pablo hielt den Augenblick jetzt für gekommen. »Ah – dies sind die Verträge, Wal«, sagte er und schob sie über den Tisch. »Vielleicht wollen Sie sie mal durchsehen.« »Das will ich. Bestimmt.« Er fummelte in seiner Tasche und zog eine Brille heraus. Er hauchte auf die Gläser, polierte sie mit einem Taschentuch und schob sie mit einem leisen Seufzer auf die Nase. Er begann zu lesen, zog hin und wieder an seiner Zigarette. Trotz Pablos Zuversicht war die Luft mit elektrischer Spannung geladen. Ich verstand nicht, daß Pablo das nicht spürte. Der Alte wollte irgend etwas abziehen… Ich versuchte, meine Gedanken von dieser Sache zu lösen und sah aus dem Fenster auf die Handvoll Ferienhäuser am anderen Ufer des Flusses. Die HoverFähre fuhr auf den Anleger zu, ohne Fahrzeuge und mit nur sechs Menschen; damit konnte man kein Geld verdienen. Meine Gedanken schweiften zu Susanna ab und blieben bei ihr. Ich fragte mich, was sie gerade tun mochte und, sehr sorgsam, um nicht zu viele Implikationen in Betracht zu ziehen, überlegte ich mir, wo genau sie jetzt sein mochte… »Das ist natürlich alles Blödsinn!« Mellors’ amüsierte Stimme riß mich in die Wirklichkeit zurück.
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»Blödsinn, Gesicht.
Wal?«
Erschrecken
breitete
sich
über
Pablos
»Dieser Vertrag.« Mellors tippte mit seiner Brille auf die Papiere und lächelte traurig. »Sie haben den wichtigsten Punkt ausgelassen.« »Oh… und was ist das, Wal? Dies ist unser normaler Verkaufsvertrag.« »Und Ihre normalen Preise? Zum Beispiel dieser Betrag. Ist das Ihr normaler Verkaufspreis?« »Aber natürlich, Wal. Auf diesen Preis haben wir uns doch schon vor einer ganzen Weile geeinigt.« »Aber die Umstände haben sich seitdem geändert, nicht wahr?« Pablo wirkte verwirrt und besorgt. »In welcher Weise?« Mellors schüttelte traurig den Kopf. »Oh, Pablo… und Sie sind Seemann. Haben Sie noch nie von Bergungsansprüchen gehört?« Irgend etwas Eisiges umspannte mein Herz. Pablos Augen weiteten sich. »Bergungsansprüche?« krächzte er. Mellors ließ die Maske fallen. »Aufgrund Ihrer dringenden Bitte habe ich vorgestern nacht bei einem schweren Sturm mein Boot auf den Fluß gebracht und in mehrstündiger Arbeit zehn Ihrer Hausyachten geborgen, die in Gefahr standen, zertrümmert zu werden. Im Verlauf dieses Unternehmens war mein Angestellter, Mr. John Maine, der einzige, der an Bord Ihrer Yachten gegangen ist.« Dieser alte Bastard, dachte ich. Jetzt begriff ich, warum er darauf bestanden hatte, daß ich auf die Hausyachten stieg und das Abschlepptau festmachte, und nicht Pablo. Er hatte alles genau geplant. Fast, als ob er gewußt hätte, daß die Boote abtreiben würden… Mellors fuhr fort. »Ich denke, wir stimmen alle zu, daß es so geschehen ist. Und nach dem geltenden Seerecht – um nicht
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auch noch die Klauseln des Hafenrechts von Falcombe zu erwähnen, mit denen ich sehr gut vertraut bin – stehen Sie dafür mit dem halben Wert dieser Boote in meiner Schuld. Aber darüber brauchen Sie sich keine Sorgen zu machen. Das wird Ihre Versicherung natürlich abdecken.« Pablo starrte Mellors mit kalkweißem Gesicht an. »Meine Versicherung? Meine Versicherung? Sie wissen verdammt genau, daß ich keine Versicherung habe. Sie haben sich bereit erklärt, die Boote selbst versichern zu lassen, solange sie hier liegen. Sie haben gesagt, das sei nicht mehr als gerecht, da Sie ein paar von ihnen benutzen würden und John auf einem schliefe.« »Oh? Haben Sie das schriftlich?« »Sie wissen verdammt gut, daß ich es nicht schriftlich habe, Sie Bastard!« »Kommen Sie, Pablo, kommen Sie. Wir wollen doch nicht persönlich werden. Dies ist schließlich eine geschäftliche Angelegenheit, und dafür gibt es genaue Regeln. Regel Nummer eins: Alles schriftlich festlegen. Aber ich will fair sein. Ich habe formal keine Ansprüche angemeldet. Noch nicht. Ich möchte Sie nur mit der Rechtslage vertraut machen, das ist alles. In diesem Fall finde ich das Gesetz ein wenig hart, deshalb habe ich in Betracht gezogen, meinen Anspruch nicht anzumelden. Unter der Bedingung, daß Sie die Preise für alle Boote um ein Drittel reduzieren.« »Aber das würde bedeuten, daß ich sie unter den Herstellungskosten verkaufe! Und bei all den Verzögerungen und Auslagen, die ich gehabt habe, gar nicht von der Abweisung anderer Kunden zu sprechen, wird mich das ruinieren!« Mellors lehnte sich zurück und lächelte. »Überlegen Sie es sich, Pablo«, sagte er. »Mir eilt es nicht.« Ich schob meinen Stuhl zurück, kam taumelnd auf die Füße und lief hinaus. Ich war beinahe verrückt vor Wut. Wenn ich noch länger zuhörte, dachte ich, würde ich Mellors aus seinem Sessel reißen und ihm die Fresse einschlagen. Und das wäre das
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Ende für meinen Job und meine weiteren Aussichten und für den Fundus guten Willens, den ich während der vergangenen Monate aufgebaut hatte. Mellors zu verprügeln, sah ich gerade noch rechtzeitig ein, wäre ein sehr kostspieliges Vergnügen. Dorinda Mellors stand vor mir. Ich blieb abrupt stehen, bevor ich sie auf meiner Flucht durch den Speiseraum über den Haufen rannte. »Kommen Sie, John, trinken Sie eine Tasse Kaffee mit mir«, sagte sie. »Sie sehen aus, als könnten sie eine gebrauchen.« Wie in Trance setzte ich mich, und sie goß etwas Schwarzes in eine Tasse. Sie winkte einem Kellner, murmelte ihm ein paar Worte zu, und kurz darauf stellte er eine Flasche Brandy auf den Tisch. Dorinda goß eine reichliche Dosis in meinen Kaffee. »Ich nehme an, daß Wallace wieder einmal seine Geschäftstüchtigkeit beweist«, sagte sie. Ich blickte sie über die dampfende Kaffeetasse hinweg an; sie war eine eigenartig farblose Frau, und ich wußte nie, wie ich sie nehmen sollte. Meistens vergaß ich sogar, daß sie da war. »Das stimmt«, sagte ich. »Er versucht, Pablo aufs Kreuz zu legen.« Ich weiß nicht, warum ich ihr das sagte; ich mußte einfach mit irgend jemandem darüber sprechen, vermute ich – selbst mit Mellors’ Frau, wenn kein anderer da war. »Wallace versucht nie, jemanden aufs Kreuz zu legen. Er tut es«, sagte sie. »Das ist richtig. Pablo liegt schon auf der Matte.« »Warum regen Sie sich so darüber auf?« »Pablo ist mein Freund. Ich schulde ihm eine Menge. Ihr Mann hat mich in letzter Zeit ziemlich an der Nase herumgeführt, und Pablo hat immer zu mir gestanden.« Sie blickte mich nachdenklich an. »Ich dachte mir, daß es so etwas sein muß. Wallace sagt mir nie etwas, müssen Sie wissen. Er ist ein eigenartiger Mann und hält nichts von persönlicher Freundschaft oder…« Sie errötete leicht, nur ein rosa Schimmer,
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der überraschend auf ihr ausdrucksloses Gesicht trat. »Oder etwas anderes in dieser Richtung. Wenn Sie Mr. Blakesley zu stark unterstützen, legt er Ihnen das als Schwäche aus. Ich an Ihrer Stelle würde mich da heraushalten. Sorgen Sie nur dafür, daß alles, was Sie betrifft, schriftlich fixiert wird.« »Das ist leicht gesagt. Während der letzten Monate habe ich hier im Hotel ziemlich hart gearbeitet und eine Menge Vorbereitungen für diese Hausyachtgeschichte getroffen. Und ich habe dafür nichts anderes bekommen als Ersatz meiner Auslagen und meinen Unterhalt. Was passiert jetzt? Wenn ich auf einem ordentlichen Arbeitsvertrag bestehe, sagt er vielleicht, ich solle mich zum Teufel scheren. Und ich hätte dann die ganze Zeit für nichts gearbeitet.« »Sie haben bereits für nichts gearbeitet. Glauben Sie mir, John, wenn Sie keinen schriftlichen Vertrag haben, haben Sie für nichts gearbeitet.« Ich starrte sie an, trank dann schweigend meinen Kaffee aus, erhob mich und ging. Pablo trat gerade aus dem Nebenraum. Er sah krank aus. Ich konnte ihn nicht ansehen. Ich ging durch das Foyer und trat auf die Straße. Es gab nur eins, was mich an diesem Vormittag davon abhielt, meine Sachen zu packen und so schnell wie möglich aus Falcombe zu verschwinden. Es wurde Mittag und ich ging in die Waterman’s Arms, aß ein Sandwich und trank ein Bier. Später am Nachmittag stieg ich in das Hover-Car, und ich spürte die Leere einer dunklen Vorahnung im Magen. Kurz darauf bog ich nach links ab und glitt schaukelnd und mit heulender Turbine den Pfad hinab, der zu der Stelle zwischen den Hügeln führte, wo man durch den Spalt in den Klippen hinter den beiden Bäumen das Meer schimmern sah. Sie wartete auf mich. Als ich stoppte und ausstieg blieb sie zwischen den Bäumen stehen, ohne in meine Richtung zu blicken. Doch als ich in ihren Zauberkreis getreten war, schlang sie ihre Arme um meinen Hals und wir küßten uns, lange und begehrend
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und sanft, und es war, als ob ich noch nie zuvor eine Frau in meinen Armen gehalten hätte. Es lag ein Ausdruck von Trauer in ihrem Kuß und auf ihrem Gesicht – und eine Verzweiflung, als ob das erste Mal auch das letzte sei. Wir lösten uns voneinander, atemlos und erschöpft. »Hallo«, sagte sie. Sie war wunderschön, und ich wollte nicht, daß es zwischen uns Geheimnisse gab. »Ich habe dir etwas mitgebracht«, sagte ich und reichte ihr meine Zeitung. Die Story über die Bergung von Pablos Hausyachten stand auf der ersten Seite. Sie nahm die Zeitung und sah mich unsicher an. »Du weißt es also?« »Einiges. Setzen wir uns. Wieviel kannst du mir sagen?« Im ersten Moment dachte ich, sie würde weinen. »Alles«, sagte sie ruhig. »Es spielt keine Rolle mehr. Ich hatte nicht erwartet, daß du kommen würdest.« Es war ein trüber Tag in ihrer kleinen Welt bei den zwei Bäumen, und die aufziehenden Wolken waren noch dunkler und drohten ein zu dieser Jahreszeit ungewöhnliches Gewitter an. Wir saßen an einen der Bäume gelehnt, und sie schwieg, während sie überlegte, wie sie beginnen sollte. »Du kommst von einer parallelen Welt«, sagte ich. Nun berichtete sie mir von den Programmen der Forschungsstation, und wie sie ihre ersten Experimente an diesen abgelegenen Ort projiziert hätten. »Abgesehen von anderen Überlegungen vor allem für den Fall, daß etwas schief gehen sollte«, sagte sie. »Wir waren uns anfangs nicht sicher, ob der Zusammenprall zweier Welten nicht eine Art Explosion auslösen würde.« »Wie groß ist der Unterschied zwischen dieser und deiner Welt?« fragte ich. »Sie ist fast genauso wie deine«, erklärte sie. »Die Menschen sind die gleichen Individuen, und alle Ereignisse finden fast zur
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gleichen Zeit statt. Es gibt keine Abweichungen, wie wir es erwartet hatten, obwohl einige der jüngsten Geschehnisse etwas voneinander divergierend verlaufen sind. Es scheint, als ob es so etwas wie ein Gesetz des Ausgleichs gibt, als ob beide Welten auf dasselbe Ziel zusteuern, nur auf etwas unterschiedlichen Wegen, die sich jedoch zumeist überlagern.« »Aber das gilt doch nur für deine Welt und die meine. Was ist mit den anderen?« »Wir haben sie noch nicht erreichen können. Schließlich hat der erste erfolgreiche Transfer eines Menschen erst in der vergangenen Woche stattgefunden. Wir glauben, daß deine Welt der unseren am nächsten liegt und wir im Lauf der Zeit Welten erreichen werden, die wir nicht einmal erkennen können.« Ein Schauer lief über meinen Rücken, als ich daran dachte, was in der Vergangenheit geschehen sein mochte, was geschehen sein könnte, mit einer breit gefächerten Auswahl von Alternativen. Susanna zeigte keinerlei Erregung, während sie mir das Projekt erklärte. »Ihr werdet diese Orte vielleicht vor uns erreichen«, sagte sie. »Eure Forschungsstation ist mit der unseren identisch, und sicher wird dort nach denselben Prinzipien gearbeitet wie bei uns. Ich halte es für durchaus möglich, daß eure Leute meine Welt besucht haben.« Sie lächelte plötzlich. »Du kennst ja meine Doppelgängerin in deiner Welt. Ist sie mir sehr ähnlich?« »Du hast sie gestern doch selbst gesehen. Sie kam den Weg herauf und stand neben meinem Hover-Car.« Sie zögerte. »Ich habe geahnt, daß sie es war, aber ich konnte sie nicht sehen. Begreifst du nicht? Es gibt keine Möglichkeit, diesen kleinen Kreis meiner Welt zu verlassen, oder auch nur etwas zu sehen, das sich in deiner Welt befindet. Ich mußte auf einen geeigneten Kontakt warten – wie dich –, der mir etwas gibt oder sagt, das ich später berichten kann. Es tut mir leid, daß
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du nun den Eindruck haben mußt, von mir ausgehorcht zu werden, Darling.« »Ich begreife es noch immer nicht.« »Wenn ich diesen Kreis verließe, würde ich in deiner Welt an zwei Orten gleichzeitig existieren. Ich und meine Doppelgängerin befänden sich in der gleichen Welt. Was unmöglich ist.« Mein Mund war trocken. Ein paar Regentropfen fielen. »Was wäre geschehen, wenn ich dich gestern zu meinem Wagen gezerrt hätte?« »Meine Doppelgängerin wäre erschienen. Hätte erscheinen müssen. Ist erschienen… Und wir hätten einander am Rand des Zeitkreises getroffen. Und dann… ich weiß es nicht. Vielleicht wären wir auf irgendeine Weise miteinander verschmolzen, physisch, geistig und seelisch. Aber auf keinen Fall hätten wir in derselben Welt koexistieren können. Ich glaube, wir hätten beide aufgehört zu existieren. Das ist die einzige Möglichkeit.« »Was ist der Sinn des Ganzen?« fragte ich. »Wir müssen lernen, verstehst du das nicht? Und eines Tages bekommt es vielleicht einen Sinn. Gestern hast du von der Flugzeugkatastrophe erzählt. Ich habe meiner Station davon berichtet, und man hat festgestellt, daß die entsprechende Maschine in unserer Welt aufgehalten worden war. Sie ist nicht gestartet.« »Also konntet ihr die Katastrophe verhindern?« »Nein. Wir haben erreicht, daß die Maschine nicht startete, aber sie ist auf der Piste explodiert. Niemand hat den Grund dafür finden können. Alle Menschen an Bord wurden getötet. Es ist, wie ich gesagt habe: Unsere Welten sind einander so ähnlich, daß die Geschichte einen Ausgleich anstrebt.« Wir sprachen eine lange Zeit über dieses Phänomen, und ich sagte ihr alles über die jüngsten Ereignisse, woran ich mich erinnerte, damit sie sie mit denen ihrer Welt vergleichen konnte. Ich war beschämt darüber, wie wenig ich vom Tagesgeschehen
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wußte und nahm mir vor, mich in Zukunft weniger mit den Sportmeldungen zu befassen. Wir lasen die Zeitung, die ich mitgebracht hatte, gemeinsam, und Susanna fand mehrere Abweichungen. »Ich kann dir jeden Tag eine Zeitung mitbringen«, sagte ich. »Geschichtsbücher könnten uns auch weiterhelfen«, sagte sie. »Obwohl sie wahrscheinlich etwas ungenau sind. Eins unserer Projekte besteht darin, eine komplette Geschichte eurer Welt zu erarbeiten und alle Abweichungen von der unseren festzustellen. Aber die Unterschiede sind so gering, daß sie in allgemeinen geschichtlichen Abhandlungen sicher nicht feststellbar sind.« »Also Zeitungen. Das gibt mir einen Grund, jeden Tag herzukommen und dich zu sehen.« Und sie war auch der Grund, warum ich heute Falcombe nicht verlassen hatte, um von Mellors fortzukommen, vom Hotel, von allem… Wieder trat der Ausdruck von Verzweiflung auf ihr Gesicht. »John«, sagte sie ruhig, »wir werden uns nicht mehr oft hier treffen können.« Ich blickte in ihr Gesicht, und dann küßte ich sie. »Ich werde dich nicht verlassen«, sagte ich. Wir küßten uns wieder, und während des Küssens begannen ihre Tränen zu rinnen. Ihre Stimme klang gepreßt; ihr Gesicht war an meine Schulter gedrückt. »Du weißt es nicht, John. Wir haben so wenig Zeit. So wenig Zeit…« Sie trat einen Schritt zurück, und blickte mich mit einem beinahe hungrigen Ausdruck an, während die Tränen über ihr Gesicht rannen und Regen von der See her auf uns gepeitscht wurde. Donner grollte in der Ferne, als sie am Reißverschluß ihres Anoraks fummelte. Sie ließ ihn zu Boden fallen, hakte den Büstenhalter auf und begann die Hose herunterzuziehen. Ihr Körper glänzte regennaß. »Mach schnell, Darling«, sagte sie, stieß ihre Sachen beiseite, legte sich auf die Plastikdecke und streckte ihre Arme nach mir aus.
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Ich starrte sie an und murmelte etwas von Menschen, die uns sehen könnten. »Niemand kann uns sehen«, sagte sie. »Begreifst du nicht? Niemand außer dir kann in diesen Kreis meiner Welt blicken. Wir sind allein hier. Wir haben gesagt, was zu sagen war, und meine Welt wird dankbar für deine Informationen sein und… alle weiteren, die du uns vielleicht geben kannst. Doch jetzt will ich etwas für mich, weil ich dich liebe. Bitte, John.« Also legte ich mich neben sie, küßte sie sanft und sagte ihr, daß ich sie liebe, und wir liebten uns, langsam, um das Glücksgefühl möglichst lange genießen zu können, während der kalte Regen unsere Körper badete und der Donner grollte und Blitze aus den dunklen Wolken niederzuckten. Ich war froh, daß es dazu gekommen war, weil ich keine Worte finden konnte, um Susanna zu sagen, was ich für sie empfand. Es ist unmöglich zu beschreiben, wie sie aussah, als sie dort lag, ihr Gesicht glänzend vor Liebe und Regentropfen. Die Worte dafür gibt es nicht. »Es wird Zeit, daß du gehst, Darling«, sagte sie. Ich versuchte zu widersprechen, doch ich wußte, daß es sinnlos war. Ich zog meine durchnäßten, am Körper klebenden Sachen wieder an und begann zu zittern, als ich zum Rand des Kreises ging. Ich trat in meine Welt, die trocken unter einem klaren Himmel lag, und blickte zu Susanna zurück, wo der Wind ihr Haar in ihr Gesicht blies und Regen auf mich zuwehte, der abrupt einen Yard vor meinem Standort verschwand. Ich konnte noch immer den Donner hören, wenn auch gedämpft, und als ich zum Himmel emporblickte, sah ich über den beiden hohen Bäumen Blitze zucken. Von einer plötzlichen Vorahnung gepackt trat ich rasch in ihre Welt zurück. »Susanna!« schrie ich. »Es ist gefährlich dort. Komm heraus!« Sie lächelte mich an. »Das kann ich nicht«, sagte sie. »Hast du es vergessen?« Sie blickte auf ihre Uhr. »Außerdem wird mich
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die Station in etwa einer Minute zurückholen. Wir sehen uns morgen, Darling.« Plötzlich war ihr Gesicht wieder ernst. »Gib auf dich acht. Und… geh Bill Stratton aus dem Weg.« Blitze zuckten über den Himmel ihrer Welt, als ich wieder aus ihr hinaustrat; das Gewitter stand jetzt genau über ihr. Ich blickte umher, sah den Pfad entlang, der zum Hotel führte. Die andere Susanna war nicht in Sicht. Was bedeutete, daß meine Susanna ihre Welt nicht verlassen würde. Ihre Welt nicht verläßt. Ihre Welt niemals verlassen hat. Ich wandte mich in dem Augenblick um, als ein greller, sengender Blitz herabfuhr. Ich sah ihn, doch ich spürte nichts davon. Der Baum glühte wie durch Elmsfeuer, und der Stamm explodierte wie eine Granate, und ich sah die Splitter heranfliegen, doch sie verschwanden kurz vor meiner Welt, lösten sich in nichts auf, wenn sie die trockene, ruhige Luft erreichten. Ich hörte das Krachen, wenn auch nur sehr leise, und ich hörte auch den leisen Schrei. Ich sah Susanna wie eine Fackel aufflammen in ihrer verdammten, grausamen Welt, und dann zu Boden stürzen, als ein großes Stück des zerfetzten Baumstamms an ihren Kopf geschleudert wurde. Das alles sah ich, bevor ihre Welt ausgeblendet wurde und die Bäume meiner Welt wieder dort standen, groß und unbeschädigt; und das Gras unter ihnen war trocken. Und meine Susanna war fort.
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5 ES WAR AM FRÜHEN ABEND, und ich stand auf dem trockenen Gras, das im seewärts wehenden Wind leise raschelte. Ich fühlte mich betäubt und unwirklich. Ein paar trockene Blätter taumelten von den Ästen der beiden Bäume zu Boden. Ich wandte mich ab, stieg über die Steintrümmer der Ruine hinweg und ging zum Ufer. Ich steckte mir eine Zigarette an und starrte auf das dunkle Wasser der Starfish Bay. Die Sonne war hinter die Berge gesunken, und die Luft war kalt. Es gibt keinen Strand an der Starfish Bay; der schmale Weg verläuft hart am Ufer, das zehn Fuß tief steil abfällt. Das Wasser ist hier etwa acht Fuß tief. Es war zu dunkel, um die Umrisse des versunkenen Klippers erkennen zu können, der etwas entfernt lag, doch als ich dort stand, konnte ich mir die nächtliche Szene vorstellen, als der Eisenkiel auf die Felsen krachte und die hohen Masten brachen. Ich fragte mich, ob der Einsiedler die Katastrophe von seiner Hütte aus beobachtet hatte; ob er in der Tür gestanden und in das Dunkel gestarrt hatte, als donnernde Brecher Gischt höher als das Dach seiner Behausung geschleudert hatten; und ob er plötzlich Lichter entdeckt hatte, wo keine Lichter sein sollten. Wahrscheinlich ist er dann hinausgelaufen, und der Wind hat hinter ihm die Tür zugeschlagen. In der Bucht bewegten sich Mastlichter und kamen näher, da der Ausguck die Starfish Bay mit der Zufahrt des Hafens von Falcombe verwechselte. Der Einsiedler wird die Warnung geschrien haben, die von Wind landeinwärts gerissen wurde, wo sie zwischen Heidekraut und Gestrüpp nutzlos verklang. Vielleicht ist er sogar zu seiner Hütte zurückgelaufen und hat eine rote Laterne geholt und sie verzweifelt hin und her geschwenkt, bis der Wind sie ausblies. Was immer er aber auch getan haben mochte, es war zu spät, und kurz darauf ist er entsetzt geflohen, als der riesige Bug über die Felsen auf ihn zu knirschte und zerbrochene Rahen und Masten aus dem dunklen Himmel fielen.
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Ich fragte mich, wie viele der Männer gerettet werden konnten, doch ich dachte nur an Susanna. Dann zwang ich mich, wieder an das versunkene Schiff zu denken und fragte mich, wie viele Menschen in der nächsten Welt ertrunken waren, und in der übernächsten. Und ich stellte mir einen Vater vor, der zu seinem verwöhnten Lieblingssohn sagte: »Amüsiere dich ein bißchen. Siehst du all diese Spielzeugmenschen, dieses winzige Boot? Nun setz dich und sieh mir zu; ich werde einen Sturm machen. Siehst du, wie er wütet, siehst du die Wellen? Die kleinen Männer haben Angst. Sieh, jetzt nehmen sie einen falschen Kurs. He, hast du das gesehen, Junge? Das hat schön gekracht, wie? Und jetzt mußt du es versuchen. Und wieder, und wieder, und wieder… Es gibt ja noch so viele davon, so viele Menschen, so viele Boote. Wir haben die ganze Ewigkeit vor uns, du und ich, mein Sohn. Die ganze Ewigkeit…« Etwas später stellte ich fest, daß ich auch an Mellors dachte, und an das, was während der letzten Tage geschehen war. Es sah aus, überlegte ich, während das dunkle Wasser mich anzuziehen schien, als ob ich in eine Pechsträhne geraten war. Eine vorübergehende Angelegenheit, die sich zu gegebener Zeit von selbst bereinigen würde. Schließlich, vor wenigen Tagen hatte ich noch nicht einmal gewußt, daß es Susanna gab. Sicher war es besser, daß ich sie kennengelernt hatte, selbst wenn sie jetzt tot war. Schließlich, redete ich mir ein, hätte ich dieses Erlebnis nicht gerne versäumt. Ich brauchte ein paar Minuten – ich hatte immerhin einen Schock erlitten, nicht wahr? –, doch es gelang mir schließlich, mich dazu zu bringen, vom Rand des hypnotischen Wassers zurückzutreten. Als ich der See den Rücken zukehrte und zu meinem Hover-Car ging, stellte ich fest, daß ich einen weiten Bogen um Susannas Kreis schlug. Das Innere des Wagens war beruhigend vertraut und normal; ich saß dort eine Weile und genoß dieses Gefühl – bis mir einfiel, daß Susanna noch lebte,
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als ich zum letzten Mal auf diesem Sitz gesessen hatte. Also drückte ich rasch auf den Startknopf und rauschte den Pfad hinauf zur Hauptstraße, bog auf die Straße nach Falcombe ab und erreichte fünfzehn Minuten später das Hotel. Ich parkte dort, ging ein Stück zurück und trat in die Waterman’s Arms. Ich hatte den festen Vorsatz, mich bis zur Bewußtlosigkeit vollaufen zu lassen und fand, daß das Falcombe Hotel dafür nicht der geeignete Ort sei. Unter solchen Umständen weiß niemand, was er wirklich will, also kann ich mir keine Vorwürfe machen. Ich hätte in irgendeine Kneipe gehen sollen, wo niemand mich kannte, wo ich mich ganz still besaufen konnte, ohne lästig zu werden. Doch damit hätte sich das Problem gestellt, wie ich nach Hause kommen sollte; logischerweise wäre ich zu der Zeit in einem Zustand, der es mir unmöglich machte, selbst zu fahren. Ich glaube, ich habe mich für die Waterman’s Arms entschieden, weil ich im Unterbewußtsein hoffte, dort vielleicht jemand zu treffen, dem ich mein Herz ausschütten konnte – nachdem ich mich dazu hatte überreden lassen, natürlich. Mein Opfer wurde Pablo, und zuerst sprach nur er. »Okay«, sagte er, nachdem er Mellors eine geschlagene halbe Stunde lang verflucht hatte und seine Augen sich zu röten begannen, »Was, zum Teufel, ist mit dir los?« Ich erzählte ihm – ich trank rasch und sprach langsam –, daß ein Mädchen, das ich liebte, getötet worden war. Sein Gesicht war voll trunkenen Mitgefühls. »Kein Wunder, daß du so kaputt bist. Trinken wir noch einen. Läßt einen nachdenklich werden, findest du nicht auch? Ich meine, wie die guten Menschen verschwinden und die Bastarde bei uns bleiben und mit allem durchkommen.« Seine geröteten Augen bekamen einen aggressiven Ausdruck, und seine Stimme wurde lauter, als er meinen Kummer vergaß und sich wieder an den seinen erinnerte. »Es ist kein Geheimnis, wen ich meine, oder?« Er
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blickte in der Bar umher. »Ich meine den Bastard Mellors, den wirklichen Präsidenten von Falcombe!« Mehrere Augenpaare blickten zu uns herüber. Wilfred, der Barmann, murmelte nervös: »Ruhig, immer schön ruhig bleiben.« Mellors bedeutet für viele Menschen hier ihre Lebensgrundlage. Pablo lachte verächtlich. Er sprach leiser – oder glaubte es jedenfalls – und wandte sich wieder mir zu. »Aber im Ernst: Ich habe eine verdammt gute Idee. Mellors hat diesen Bergungsanspruch noch nicht schriftlich niedergelegt.« Die Ironie dieser Tatsache ging ihm plötzlich auf, und ihm kamen beinahe die Tränen vor Lachen. »Verstehst du, Mellors hat es nicht schriftlich. Das sollte wirklich festgehalten werden.« Er unterdrückte einen neuen Lachanfall und sein Gesichtsausdruck wurde übertrieben ernst. »Also weiß offiziell niemand etwas davon, außer dir und mir. Und wenn Mellors jetzt einen Unfall haben sollte, würde niemals jemand davon erfahren.« »Morgen fühlst du dich wieder besser«, sagte ich, entsetzt über die Wendung, die dieses Gespräch genommen hatte. Er grinste verschlagen und sah plötzlich beängstigend nüchtern aus. »Oh nein, John, weil ich morgen einen entsetzlichen Kater haben werde. Übrigens, die nächste Runde ist deine. Es gibt aber noch einen anderen Weg aus dieser Sache. Bevor ich zu Bett gehe, werde ich ein letztes Mal mit Mellors sprechen und versuchen, ihn zur Vernunft zu bringen.« Diese Worte klangen bedrohlich. »Ich komme mit«, sagte ich nervös. »Vielleicht habe ich noch etwas Einfluß auf diesen Mann.« Das hätte ich niemals sagen dürfen. Fünfzehn Minuten später stellten wir Mellors in der Cocktail Lounge des Falcombe Hotels. Er hatte sich mit einer Gruppe von Freunden unterhalten und blickte verärgert auf, als er unterbrochen wurde. »Ja?« sagte er ungeduldig. »Was gibt es?«
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»Möchte mit Ihnen reden, Wal«, sagte Pablo. Seine Zunge war wieder schwer. Mellors merkte das sofort und warf seinen Freunden einen bezeichnenden Blick zu. »Selbstverständlich«, sagte er mit freundlicher Nachsicht. »Schießen Sie los.« »Allein, Wal, wenn es Ihnen recht ist.« Mellors zögerte und blickte mich an. Ich nickte, obwohl ich nicht sicher war, was ich damit meinte. Durch die Scotch-Nebel sah ich eine Vision, die Vision eines wunderbaren Mädchens mit einem breiten Lächeln und blauen Augen. Ich begann das Interesse an dem derzeitigen Mißgeschick zu verlieren. Ich wollte nur allein sein und leiden. Ich wollte an Susanna denken. Wenigsten das würden mir diese wirrköpfigen Bastarde doch erlauben? »Wir gehen für ein paar Minuten in mein Zimmer«, sagte Mellors. »Ich habe ein paar Flaschen dort, und einige Papiere, die Sie sich ansehen sollen, John.« Er entschuldigte sich bei seinen Freunden, und wir gingen nach oben. Sobald sich die Tür hinter uns geschlossen hatte – Dorinda war nicht im Zimmer –, begann Pablo zu sprechen, wobei er jedes Wort sorgfältig betonte. »Wal, ich möchte, daß wir alle vernünftig sind. Heute vormittag sind ein paar harte Worte gefallen, und das tut mir leid.« Mellors ließ sich auf den Bettrand fallen. »Mir auch, Pablo. Mir auch. Am besten, wir vergessen die ganze Sache, wie?« »Wenn du sagst, wir wollen die ganze Sache vergessen, was schließt das ein, Wal?« »Ich meine all die unangenehmen Worte, die da gefallen sind. Denken wir nicht mehr daran. Vergessen wir sie.« »Einschließlich Ihrer Bergungsansprüche, Wal?« »Oh, kommen Sie, Pablo. Ich habe gesagt, wir wollen die Unannehmlichkeiten vergessen. Es ist nichts Unannehmliches in
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meinem Anspruch. Der ist schlicht und einfach Geschäft. Wir wollen die Geschichte doch nicht noch einmal durchkauen, wie?« »Deshalb bin ich aber hier, Wal.« Mellors Gesicht bekam einen brutalen Ausdruck. »Dann verschwenden Sie Ihre Zeit, und die meine auch. Ich habe Ihnen meinen Standpunkt klargemacht. Sie haben einen Tag, um darüber nachzudenken, dann melde ich meinen Anspruch an. Und denken Sie daran, daß ich in dieser Gegend das Gesetz in der Tasche habe.« Mir begann endlich zu dämmern, daß Mellors Bergungsanspruch für mich die Halbierung meiner Provision bedeutete. »Ich glaube, wir sollten die Sache noch einmal gründlich durchdenken, Wal. Ihr Anspruch leitet sich anscheinend zum großen Teil aus der Tatsache ab, daß ich die zu bergenden Boote betrat, während ich in Ihren Diensten stand.« Ich zögerte und stellte fest, daß ich nervös meine Fäuste ballte und öffnete. »Es gibt jedoch nichts Schriftliches, aus dem hervorgeht, daß Sie mein Arbeitgeber sind. Ich habe keinen Vertrag.« Mellors blickte mich spekulierend an. »Gut«, sagte er. »Gut. Ich wäre Ihnen dankbar, Gentlemen, wenn Sie jetzt mein Zimmer verließen. Ich habe Ihnen nichts mehr zu sagen.« Als wir gingen, hob er das Visiphon ab. Draußen sagte Pablo zu mir: »Ich danke dir, John, aber es war sinnlos, deinen Hals zu riskieren. Wenn du bestreitest, daß eine Bergung stattgefunden hat, kann er sich auf die Zeugen auf der Pier berufen. Erinnere dich daran, wie sorgsam er darauf geachtet hat; daß sie die Situation begriffen. Jetzt wird er dich feuern, denke ich.« Das war mir auch klar. Ich dachte an all die Monate, die ich hier gearbeitet und verschwendet hatte. Ich dachte daran, daß Pablo aufs Kreuz gelegt worden war. Als wir die Treppe erreichten, blieb ich zögernd stehen. Ich glaube, wenn ich eine Pistole bei mir gehabt hätte, wäre ich zurückgegangen, hätte ihm eine Kugel in den Magen geschossen und zugesehen, wie er
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langsam verreckte. Und, wie Pablo gesagt hatte, es würde alle Probleme lösen – wenn ich nicht erwischt wurde… Die Szene hatte mich nüchtern gemacht. Ich nahm Pablo beim Arm. »Ich glaube, wir brauchen noch einen Drink«, sagte ich. Ich erwachte am nächsten Tag gegen Mittag mit irrsinnigen Kopfschmerzen. Ich konnte nicht glauben, daß es schon so spät war, als ich auf meine Uhr blickte. Vielleicht war ich erst am Morgen ins Bett gekommen. Ich konnte mich erinnern, irgendwann auf den Klippen gewesen zu sein. Ich erinnerte mich, tief unter mir die silbrige Gischt auf dem schwarzen Wasser gesehen zu haben, wo die Wellen gegen die scharfkantigen Felsen brandeten. Ich erinnere mich auch an das Gesicht eines Barmannes, der den Kopf schüttelte, an Menschen, die etwas murmelten und sich von mir zurückzogen. Ich rollte aus dem Bett und nahm zwei Alka-Selzer, zog mich an, rasierte mich und versuchte, nicht zu denken, versuchte, mich mit trivialen, gedanken- und zeiterfordernden Dingen zu beschäftigen. Ich verbrachte eine Stunde auf diese Weise, dann ging ich auf einen Drink in die Stadt. Der Barmann bei Waterman’s blickte mich zurückhaltend an. »Wie fühlen Sie sich heute, Mr. Maine?« fragte er. Ich murmelte irgend etwas und kippte rasch einen doppelten Scotch. Den zweiten trug ich zu einem Tisch und setzte mich. Ich blickte umher, sah mir die Gesichter der anderen Gäste an und dachte, was für eine lausige, stinkende Bande sie waren, in was für einer lausigen, stinkenden Welt sie lebten. Und ich begann an die anderen Welten zu denken. Ich bestellte noch einen Drink. Ich dachte an meine Susanna, die tot war. Ich dachte an das, was sie gesagt hatte: Die Geschichte scheint immer einen Ausgleich zu schaffen. Die Menschen in einer Welt sind fast so wie die Menschen in einer anderen. Ich dachte: Jetzt, in diesen Stunden und Tagen, in einer Welt nach der anderen, bis in die Unendlichkeit, sterben Susannas, sind sie gestorben, werden sie
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sterben, nur um die Ausgeglichenheit zu bewahren. Sechshundert Menschen sterben bei einem Flugzeugabsturz auf Welt A, also muß die gleiche Zahl auf Welt B umkommen. Und auf Welt C. Und auf Welt D und E. Und es gibt nichts, was man dagegen tun könnte. Die Menschen und die Susannas werden sterben… Ich schwöre, daß ich mich erst jetzt an die Susanna in meiner eigenen Welt erinnerte. Ich ließ meinen Drink auf dem Tisch stehen, rannte zur Tür und fuhr so schnell ich konnte zur Station. Der vorhergesagte Regen begann zu fallen; meine Sicht wurde dadurch behindert, ich war betrunken, aber ich schaffte es. Ich nannte dem Torwächter meinen Namen. »Ich muß Stratton sehen«, sagte ich. »Sofort.« Geh Bill Stratton aus dem Weg, hatte meine Susanna mir gesagt… »Besucher sind hier nicht zugelassen«, sagte der Wächter, der auf der anderen Seite des Zauns in Sicherheit war. Aber ich hatte Stratton in einem Fenster entdeckt. Ich rief seinen Namen, und er blickte in meine Richtung. Er runzelte die Stirn. Er erkannte mich nicht; er hatte mich bisher nur einmal gesehen. Ich schrie wieder seinen Namen, er öffnete das Fenster und verzog das Gesicht, als er von schweren Regentropfen getroffen wurde. »Was wollen Sie?« rief er. »Ist Susanna hier?« »Susanna? Wer, zum Teufel, ist Susanna? Und wer, zum Teufel, sind Sie, daß Sie hier herumschreien? Dies ist eine geheime Anlage.« O mein Gott. »Wenn Sie nicht auf das hören, was ich Ihnen zu sagen habe«, schrie ich zurück, »wird Susanna sterben!« Das wirkte. Er kam atemlos zur Pforte. Ich muß zugeben, daß Bill Stratton intelligenter war, als er aussah. Er begriff die Situation sofort und zeigte nicht die geringste Überraschung, daß
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die parallelen Welten Forschungen nach denselben Richtlinien betrieben. Aber anscheinend war ich zu spät gekommen. »Das heutige Experiment ist abgeschlossen«, sagte er, als wir kurz darauf am Fenster seines Büros standen und das Wetterleuchten am westlichen Himmel beobachteten. »Ich erwarte sie jede Minute zurück. Sie hat ein Hover-Car.« Wir warteten mehrere Minuten, dann holten wir den Arzt der Station, luden Sauerstoffzylinder und chirurgische Instrumente in ein Hover-Car und fuhren zur Starfish Bay, während Blitze über den dunklen Himmel zuckten und der Fall wind uns mit Gischt überschüttete. Stratton wirkte älter, erheblich älter, und sehr niedergedrückt. Er liebte Susanna. Wir fuhren rasch den holprigen Pfad hinab, und plötzlich grinsten uns die bleichen Steine der zusammengefallenen Hütte an, und die beiden Bäume waren da und verstreuten welkes Laub. Und einer der beiden war zerstört, der Länge nach gespalten wie von einer gigantischen Axt, und das Mädchen lag zusammengekrümmt auf dem nassen Gras. Sekunden später blickte der Arzt auf und wischte sich Regentropfen aus dem Gesicht. »Es tut mir leid«, sagte er. Stratton trug die leblose Susanna zum Hover-Car. Ich überließ alles andere dem Arzt und nahm Stratton mit auf mein Boot. Es schien das einzig Richtige zu sein. Er konnte die Station und die stummen Anklagen von Alan Copwright, Jean Longhurst und den anderen noch nicht ertragen. Er brauchte Ruhe und einen Drink, und die Gesellschaft eines Mannes, der Susanna auch verloren hatte… Irgendwann sagte er, wie um sich zu verteidigen: »Wir mußten sie dafür verwenden, sehen Sie das nicht ein? Sie konnte ihren Kreis nicht verlassen. Die Menschen mußten zu ihr kommen. Sie war sehr schön…« »Ist jemand zu ihr gekommen?« fragte ich, obwohl ich die Antwort kannte.
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»Nein«, antwortete er. »Die Wahrscheinlichkeit war sehr gering.« Er war betrunken und sprach sehr sorgsam. »Es gibt nur einen Typ Mensch, der sie sehen und in ihren Kreis treten konnte.« Ich war auch betrunken. Ich hatte das Gefühl, seit Tagen betrunken zu sein. »Ich weiß.« »Wer?« fragte er. »Ich.« Der Regen trommelte auf das Kabinendach, während er mich anblickte, mit seltsam leeren Augen. Ich fragte mich, ob er auf irgendeine Art auf mich eifersüchtig war. Die andere Susanna hatte mich geliebt. Strattons Susanna war mit ihr identisch – fast. Das Boot schaukelte leicht auf den flachen Wellen. »Sie leben in geborgter Zeit, Maine«, sagte er. »Das weiß ich. Ich tue es seit einigen Tagen.« Es kam auf nichts mehr an. Wir hätten Susanna nicht retten können. Sie war zum Sterben verurteilt worden, in dem Augenblick, als meine Susanna starb. Ihre Wege verliefen parallel. Die Mädchen starben, auf allen Welten, bis in die Unendlichkeit. Meine Susanna hatte gesagt: Wir haben so wenig Zeit. Aber damit hatte sie nicht sich gemeint. Sie hatte mich gemeint. Zwei Menschen können nicht gleichzeitig in derselben Welt leben. Aber ich konnte in Susannas Welt treten. Deshalb mußte mein Doppelgänger in ihrer Welt tot sein. Sie wußte das. Und die Geschichte wird einen Ausgleich schaffen. Susanna hatte mich gebeten, auf mich achtzugeben und Bill Stratton aus dem Weg zu gehen, weil sie wußte, daß in ihrer Welt Bill Stratton mit meinem Tod zu tun hatte… Stratton weinte jetzt schwache, trunkene Tränen. »Ich habe sie geliebt«, murmelte er. Er blickte mich mit rotgeränderten Augen an. »Wieviele von ihr haben wir getötet?«
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Plötzlich hatte ich genug von ihm, von seinem Gejammer. Ich stand auf. »Wir haben nichts mehr zu trinken«, sagte ich. »Aber es ist noch Zeit, in der Stadt Nachschub zu holen. Kommen Sie mit?« Es goß in Strömen, und die Planke, die vom Boot zum Pier führte, war glitschig. Das Wasser ebbte rasch und rauschte unter der Planke hinweg. Die Lichter von Falcombe schimmerten durch einen Regenschleier. Ich sah, wie das Schild der Waterman’s Arms in dem böigen Wind wild hin und her pendelte. Die Planke federte und schwankte, als Stratton sie taumelnd überschritt.
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6 ALS WIR WATERMAN’S ARMS verließen, war es elf Uhr geworden. Wir bogen von der engen Hauptstraße ab und latschten durch die Pfützen auf dem Pier. Eine einzige nackte Birne brannte; das war eine kürzlich beschlossene Konzession des Stadtrats von Falcombe an mich, den einzigen Menschen, der nach Abschluß der Saison an Bord eines Wasserfahrzeugs wohnte. Die Touristenbeleuchtung hing als dunkle Girlanden zwischen hohe Pfosten an beiden Seiten des Piers. Wir gingen über die Planke und traten in die Kabine; ein fader Geruch von Alkohol und Zigarettenrauch hing in der Luft, mit einer kleinen Würze von Propangas. Morgen früh mußte ich nach dem Kocher sehen; wahrscheinlich war irgendwo ein kleines Leck. Ich steckte den Kocher an und setzte Kaffeewasser auf. Stratton hatte sich nüchtern getrunken. Er blickte mich trübsinnig an und ignorierte das Bier, das wir von Waterman’s Arms mitgebracht hatten. »Sie leben in geborgter Zeit, Maine«, sagte er wieder. Ich wünschte, er würde damit aufhören. Er hatte den Satz den ganzen Abend über ständig wiederholt, und schien auf dieses Schlagwort stolz zu sein. Ich sagte ihm, er solle den Mund halten. Er lächelte mit den Lippen, seine rotgeäderten Augen blieben davon unberührt. »Sie haben nichts zu verlieren«, sagte er. Ich nahm einen Schluck Kaffee. Er schmeckte gut. »Worauf wollen Sie eigentlich hinaus?« »Wir könnten Sie in der Forschungsstation gebrauchen.« »Sie meinen, weil ich ersetzbar bin?« »Es ist überhaupt kein Risiko damit verbunden. Was heute geschehen ist, war ein Unfall, für den die Chancen eins zu einer Million standen.« So vergingen mehrere Stunden.
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Am nächsten Morgen spürte ich, daß jemand an Deck war, zog ein paar Sachen über und trat hinaus. Der Junge war wieder da und angelte vom Bug aus, seine Köder auf einer feuchten Zeitung ausgebreitet. Sie stanken. »Verschwinde! Nimm das Zeug mit. Ich habe dir schon einmal gesagt, daß du hier nichts zu suchen hast.« Er ging, und ich machte mir ein leichtes Frühstück. Stratton wurde wach und stöhnte. »Jesus, ich habe einen Kopf…« »Trinken Sie eine Tasse Kaffee, dann fahre ich Sie zur Station«, sagte ich. »Danke. Haben Sie es sich überlegt? Auf der Station auszuhelfen, meine ich.« Ich hatte den ganzen gestrigen Tag über weder Mellors noch Pablo gesehen und deshalb keine Ahnung, ob ich gefeuert worden war oder nicht. Ich war aber fast sicher, daß es so war. Doch egal, wie die Situation sein mochte, ich brauchte einen Tag oder zwei ohne das Hotel. Außerdem begann sich in meinem Kopf eine Idee zu formen. »Was genau erwarten Sie von mir?« fragte ich vorsichtig. »Das sage ich Ihnen, wenn wir dort sind.« Wir frühstückten schweigend und fuhren dann schweigend zu dem häßlichen Betonklotz hinaus. Stratton erklärte mir seine Theorien, als wir in seinem karg und klinisch wirkenden Büro saßen. »Vor einigen Tagen haben Sie ein Mädchen von Parallelwelt 2, wie wir es nennen, getroffen«, sagte er. »Susanna Lincoln. Unsere Welten liegen einander sehr nahe.« Er berichtete mir etwas über die von der Station bisher geleisteten Arbeit; es schien, als ob ihre Experimente etwa den gleichen Stand erreicht hatten wie die auf Welt 2, und auch die daraus gezogenen Schlüsse waren ähnlich, obwohl es so aussah, als ob seine Susanna nicht das Glück gehabt hatte, einen Kontakt zu finden.
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»Sie mußte dort sitzen und auf jemand warten, der sie ansprach. Eine besondere Art von Jemand. Jemand wie Sie.« Er machte eine Pause, steckte sich eine Zigarette an und beobachtete mich. Nach seinen Darstellungen waren die Regeln des Spiels äußerst streng. Ich war auf Welt 2 gestorben, also würde ich auch auf Welt 1 bald sterben. Die Geschichte würde für Ausgleich sorgen. Der persönliche Aspekt interessierte ihn nicht. »Es ist eine große Chance«, sagte er. »Susanna mußte auf einen Kontakt warten, Sie haben dieses Problem jedoch nicht. Wir können Sie in Welt 2 projizieren, und Sie können aus dem Zeitkreis hinaustreten. Sie können sich in einer anderen Welt frei bewegen. Stellen Sie sich das vor, Maine!« Er paffte hastig an seiner Zigarette. »Sie können alles erfahren – können die Geschichte mit der unseren vergleichen, können visuelle Bandaufzeichnungen und Tonbänder mitbringen… Unser ganzes Forschungsprogramm würde erheblich vereinfacht.« Es war nicht Enthusiasmus, was mich veranlaßte, seinen Vorschlag anzunehmen. Ich hatte meine eigenen Gründe dafür, Welt 2 sehen zu wollen. Ich wollte feststellen, wie und warum ich dort gestorben war. Susanna hatte angedeutet, daß Stratton irgend etwas damit zu tun gehabt hätte. Ich fragte mich, ob es wirklich möglich wäre, genügend Informationen zu sammeln, um meinen eigenen, zukünftigen Tod zu verhindern. Später stand ich in dem Zauberkreis, in dem Susanna gestorben war. Hundert Yards entfernt pulsierte die herbstlich graue See in der kleinen Bucht; Regentropfen klatschten auf das Steinrechteck und fielen von den braunen Blättern und kahlen Zweigen des Baumes, unter dem ich stand. Neben mir lag der zerborstene Stamm des Baumes, der Susanna getötet hatte. Ich blickte auf meine Uhr, sah, daß ich noch eine Minute Zeit hatte, und widerstand dem Impuls, wie von Teufeln gehetzt wegzulaufen, so weit fort von diesem Kreis, wie ich in sechzig
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Minuten laufen konnte. Ich hielt mir die ungeahnte Möglichkeit vor, die mir offenstand: die Chance, drei Stunden in einer parallelen Welt zu verbringen. Aber trotzdem wollte ich fortlaufen, und ich hatte noch immer dreißig Sekunden Zeit dazu. Ich hörte ein Rascheln in dem welken Laub über mir, und ein Eichhörnchen lief den Baumstamm herab. Es sprang in das nasse Gras, sah mich dort stehen und lief auf mein Hover-Car zu, wo es stehenblieb, zurückblickte und sich zu der klassischen Eichhörnchen-Pose aufrichtete, die Vorderpfoten an die Brust gepreßt, den Schwanz über den Kopf gerollt. Dann war es verschwunden, und der Wagen ebenfalls. Die Szene vor mir verschob sich, eine winzige, abrupte Bewegung, als ob in einem Filmstreifen ein Bild herausgeschnitten worden war. Die See war jedoch noch immer grau, und der Regen trieb nach wie vor ins Land, aber es war ein sehr feiner Regen, fast nur ein Nebel. Ich trat in Welt 2. Ich stieg rasch zur Kuppe des Hügels hinauf, der die eine Flanke der kleinen Bucht bildet, und ging auf dem Klippenpfad auf Falcombe zu. Wenig später sah ich die Stadt unter mir liegen, feuchte Dächer, die matt neben der Flußmündung glänzten. Ich zog den Hut in die Stirn und stellte den Jackenkragen auf, als ich weiterging. Stratton, mit seiner Vorliebe für das Melodramatische, hatte mein Gesicht mit Theaterschminke leicht verändert; es könnte unschöne Konsequenzen haben, wenn man mich erkannte, hatte er gemeint. Ein Toter, der durch die Stadt schlendert, könnte vielleicht einige Fragen heraufbeschwören. Wenig später verbreiterte sich der Pfad zur Straße, die zwischen den Ferienhäusern abwärts führte; hin und wieder begegneten mir Menschen, die jedoch vorübergingen, ohne mich anzusehen. Es war ein eigenartiges Gefühl, durch Falcombe zu gehen: der Ort schien unverändert, die Geschäfte identisch, und ich erkannte viele der Gesichter, die ich sah. Stratton hatte mir gesagt, daß Welt 2 der unseren sehr ähnlich sei, und damit hatte er recht. Die Ähnlichkeit war so unheimlich, daß ich meine Tranportation vergaß – oder vielleicht versuchte ich mir
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unbewußt einzureden, daß sie nicht stattgefunden habe. Beinahe automatisch trat ich in Waterman’s Arms. Wilfred stand hinter der Theke und polierte ein Glas. Sonst war niemand da. Die regulären Mittagstrinker waren schon gegangen. »Scotch, bitte.« Ich dachte daran, ihn nicht mit seinem Namen anzusprechen. Er blickte kaum auf, als er mir das Glas zuschob. Ich tat einen Spritzer Soda in den Whisky und setzte mich an einen Tisch beim Fenster, um mir meinen nächsten Schritt zu überlegen. Die Aschenbecher waren anders als in den Waterman’s Arms, die ich kannte: Sie waren mit einer Reklame für Johnny Walker beschriftet. Aber sonst glich dieser Raum dem anderen. »Auf der Durchreise?« versuchte Wilfred, ein Gespräch in Gang zu bringen. »Ja. Ich bin aber schon mehrmals hier gewesen. Dachte, ich könnte ein paar Freunde aufsuchen, bevor ich wieder abreise.« Sein Gesicht verriet milde Neugier. »Mir war gleich so, als ob ich Sie schon einmal gesehen hätte. Ich vergesse nie ein Gesicht.« Er blickte erwartungsvoll zur Tür. Der Drücker klickte, und sie schwang auf. »Tag, Tom«, sagte er. »Wartest du auf die Beerdigung?« Der kleine Mann trat zur Theke. »Ich denke, für ein Bier habe ich noch Zeit.« Er wandte den Kopf, sah mich und wandte sich nach einem kurzen, prüfenden Blick wieder ab. Ich kannte ihn in meiner Welt als Tom Parkes, den Inhaber der Hover-FährenKonzession. Wahrscheinlich war er hier im selben Geschäft. Er lehnte sich an die Theke, das Glas in der Hand, und sah mich wieder an. »Fremd hier, wie?« sagte er freundlich. »Das stimmt.« »Um diese Jahreszeit haben wir hier nicht viele Besucher.«
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»Ich bin nur auf ein paar Stunden hier«, sagte ich ihm. »Ich möchte wissen… Kennen Sie einen Mann namens Bill Stratton?« »Dr. Stratton von der Forschungsstation?« »Richtig. Ich wollte ihn sehen, bevor ich die Stadt wieder verlasse. Man hat mir gesagt, daß er häufig um die Mittagszeit in die Stadt kommt.« Die beiden Männer tauschten einen raschen Blick. »Wann haben Sie ihn zum letzten Mal gesehen?« fragte Wilfred nach einer Pause. »Oh, das ist schon eine Weile her«, sagte ich, um mich nicht festzulegen. »Vielleicht haben Sie dann nicht von dem Unfall gehört.« »Unfall?« Mein Herz schien lauter zu schlagen. »Sie haben eben von einer Beerdigung gesprochen…« »Beerdigung? Nein, das ist ein anderer. Dies sind seltsame Zeiten in Falcombe. Nein, Ihr Dr. Stratton lebt, obwohl er das nur seinem Glück verdankt, wie man sagt. Das halbe Gesicht weggebrannt, und er war ein so gutaussehender Bursche… Ein paar Leute in der Stadt sagen, es sei ein Mordversuch gewesen, und vielleicht haben sie recht. Aber immerhin…« – Wilfred lächelte kalt – »ist der andere Bastard dabei gestorben.« »Ist das der, für den die Beerdigung ist?« Er lachte kurz auf. »Die Beerdigung ist für einen guten Mann. Vielleicht kennen Sie ihn nicht, aber er hat viel für diese Stadt getan. Nein, der Mann, von dem wir sprechen, war Maine. Ein widerlicher Bastard. Wir sind froh, daß wir ihn los sind, was, Tom?« »Das kann man wohl sagen«, stimmte der Fährmann ihm zu. Ich zahlte und ging hinaus. Der Regen hatte aufgehört, zumindest vorläufig, und ich ging rasch zur Pier hinab. Ein Blick auf die Uhr sagte mir, daß ich noch zwei Stunden Zeit hatte, das
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reichte, um einen raschen Blick auf meine Hausyacht zu werfen, bevor ich das Krankenhaus aufsuchte. In Gedanken versunken grüßte ich Esme, das junge Mädchen aus dem Supermarkt. Sie blickte mich überrascht an, schritt dann steif an mir vorbei. Sie dachte, ich sei ein Fremder, der sie aufreißen wollte. Ich war dankbar für Strattons Make-up. Wenn sie mein wirkliches Gesicht gesehen hätte, würde sie die ganze Stadt zusammengeschrien haben; eine wandelnde Leiche hätte selbst ihren etwas unterentwickelten Verstand stimuliert… Mit diesem ein wenig abseitigen Gedanken an den Tod schien ich etwas ausgelöst zu haben. Es waren jetzt mehr Menschen als sonst in der engen Straße, und sie standen auf eine lächerlich sinnlose Art herum, sprachen kaum miteinander, und ihre Gesichter zeigten einen verschlossenen Ausdruck. Ich sah Menschen, die ich in meiner Welt kannte; an der Ecke, wo die Straße nach Boniton auf die Hauptstraße stößt, stand eine Gruppe von Angestellten des Falcombe Hotels. Irgend etwas an ihrer Haltung, ihrem Schweigen, schlug in meiner Erinnerung eine Saite an, und ich blieb in der Nähe des Parkplatzes stehen und beobachtete sie. Und plötzlich wußte ich, was es war. Sie erinnerten mich an streikende Arbeiter. Es lag eine Atmosphäre von Niedergeschlagenheit und Unsicherheit in der Luft, als ob sie überlegten, woher ihre nächste Mahlzeit kommen würde. Ich hatte den brennenden Wunsch, Mellors in dieser Welt gegenüberzutreten, um festzustellen, was er wirklich von mir hielt. Eine Zeitlang, bis vor einigen Wochen, waren wir prächtig miteinander ausgekommen. Beinahe hätte ich mich umgedreht und wäre zum Hotel gegangen; dann erinnerte ich mich an Strattons Warnung. Der Doppelgänger Pablos würde wahrscheinlich dort sein, und der Dicks. Es wäre sehr leichtsinnig, mich Menschen zu zeigen, die mich gut kannten; dazu reichte diese einfache Tarnung nicht. Unter den wartenden Gruppen erhob sich ein Murmeln, und sie begannen erwartungsvoll mit den Füßen zu scharren. Köpfe wandten sich, und Augen blickten zur Boniton-Straße, zu der Stelle, wo sie hinter einer alten Kirche ins Blickfeld kam. Ich
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glaube, das war der Augenblick, wo mir klar wurde, was ich sehen würde. Ich kannte alles, die ganze Geschichte, soweit sie Welt 2 betraf. Der Leichenwagen glitt ins Blickfeld: ein altertümlicher RollsRoyce, auf Rädern, vornehm und langsam. Die Zuschauer murmelten. Auf dem Dach des Wagens stand ein riesiger, mit Blumen gefüllter Silberkorb. Hinter ihm folgten weitere Wagen, ebenfalls Radfahrzeuge, und wahrscheinlich von Kolbenmaschinen angetrieben. Der Leichenwagen bog um die Ecke in die Hauptstraße ein, und die Männer, die am Straßenrand standen, nahmen die Hüte ab. Viele von ihnen, die ich aus meiner Welt kannte, hatte ich noch nie mit einem Hut gesehen; ich glaube, sie trugen ihn nur zu diesem Anlaß, um ihn respektvoll abnehmen zu können. Der Sarg war aus heller Eiche und sah unglaublich kostbar aus, doch das hatte ich erwartet. Im nächsten Wagen erwartete ich Dorinda zu sehen – und ich sah sie, schwarz verschleiert und leidvoll. Ich erkannte viele der Menschen in den folgenden Wagen und auch unter den Trauergästen, die dem letzten Wagen zu Fuß folgten. Pablo war unter ihnen, und Dick. Als der Zug sich auf das Falcombe Hotel zubewegte, hörte ich einen der Zuschauer zu einem anderen sagen: »Einen Mann wie ihn wird es nicht wieder geben. Manche haben ihn hart genannt; schön, das war er auch – aber ich habe ihn immer fair gefunden. Die Stadt schuldet Mr. Mellors sehr viel.« Sein Nachbar antwortete: »Du hast völlig recht. Und ich will dir noch etwas sagen: Maine kann von Glück sagen, daß er so schnell in dem Feuer gestorben ist, sonst würden wir ihn jetzt aufhängen für das, was er Mr. Mellors angetan hat.« Ich ging rasch fort, weil mir übel wurde, und fand meinen Weg über die mit allem möglichen Unrat bestreute Pier fast nur durch meinen Instinkt. Die Hausyacht war ein Wrack, ein völlig verbrannter, schwarzer Rumpfrest, der auf dem Wasser lag wie ein riesiger, toter Käfer. Von den Aufbauten war nichts übrig geblieben, und der Rumpf
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war stellenweise bis zur Wasserlinie niedergebrannt. Er würde beim nächsten Oststurm versinken, falls der Stadtrat ihn nicht vorher fortschleppen ließ. Ich blickte das Wrack eine Weile an, erholte mich langsam von dem letzten Schock, war mir jedoch sehr der Tatsache bewußt, daß ein Teil meines totalen Selbst in diesem Wrack gestorben war… Der unvermeidliche jugendliche Angler saß auf den Resten des Bugs und hielt mit fröhlicher Unbekümmertheit für Tragödien seine Angelschnur in das Wasser der rasch abfließenden Ebbe. Ich dachte daran, wie oft ich seinen Doppelgänger in Welt 1 von meinem Boot gejagt hatte und fragte mich, ob er mir wohl einige Informationen geben konnte. Zumindest mußte er mir sagen, was mit dem Boot geschehen war. »Du! Izaak Walton!« rief ich ihn an, und gebrauchte unwillkürlich die Formulierung, die ich auf Welt 1 gebrauchte. Er fuhr mit einem Ausdruck reinen Entsetzens herum. Er hatte eine Stimme aus dem Grab gehört. Er konnte nicht mehr als einen flüchtigen Blick auf mich geworfen haben, als er das Gleichgewicht verlor und mit einem erschrockenen Aufschrei in das rasch strömende Wasser fiel. Ich sprang auf das Boot, beugte mich über das Heck, und versuchte, ihn bei der Schulter zu packen, als er vorbeigetrieben wurde. Aber er war zu weit entfernt. Ich kletterte auf die Pier zurück und lief auf ihr entlang, um mit ihm auf gleicher Höhe zu bleiben. Am Ende der Pier ist eine Bootswerft. Ich lief um an Land gezogene Dinghis herum, behielt den Jungen ständig im Auge und rief ihm zu durchzuhalten. Ich sprang von der Helling auf den Rasen des Falcombe Hotels, wo ein Dutzend Menschen bereits unsicher am Flußrand umherliefen und dem Jungen Anweisungen zuschrien. Dann fiel mir der Anleger ein Stück flußabwärts ein, der Haltepunkt der Fähre, die zwischen Falcombe und dem Dorf am anderen Flußufer verkehrt. Es ist eine erhöhte Plattform auf Pfählen. Ich glaubte, daß es möglich sein müßte, an einem der Endpfeiler hinabzuklettern und den Jungen zu packen, wenn er vorbeigetrieben wurde. Ich lief über
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den Rasen und die Stufen hinter dem Hotel hinauf und sprintete die Straße entlang. Ich bog nach rechts ab, sprang ein paar Stufen hinab und rannte über die dröhnenden Planken des Anlegers. Eine alte Frau lehnte am Geländer und verbrachte ihre letzten Tage damit, auf das zeitlose Wasser zu starren. Sie blickte erschrocken auf, als ich mich über das Geländer schwang und zwischen den Querstreben der Pfeiler aus ihrem Blickfeld verschwand. Das Wasser rauschte etwa ein Yard unter mir meerwärts. An einen schwarz imprägnierten Pfeiler geklammert blickte ich den Fluß hinauf. Etwa fünfzig Yards entfernt lag eine konische Boje in der Flußmitte; das strömende Wasser gischte an ihr empor wie die Bugwelle eines Zerstörers. Der Junge hatte sich an der Boje festgeklammert, und ein Ruderboot hielt diagonal zur Strömung auf ihn zu. Kurz darauf wurde der Junge an Bord gezogen. Seltsam enttäuscht kletterte ich auf den Anleger zurück. Die Waden der alten Frau waren knotig wie Treibholz. Sie sah mich mit einem Blick fader Neugier an, wie ein Schaf. Sie ließen mich Stratton besuchen. Ich hatte eigentlich nicht damit gerechnet, am Empfangsschalter vorbeizukommen, doch kurz darauf stieg ich hinter den muskulösen Waden einer Krankenschwester die Treppe hinauf, wurde in das weiße, aseptische Krankenzimmer geführt und ermahnt, daß ich nur fünf Minuten bleiben dürfe, nicht länger. Er war ein Klumpen unter der Decke, sein Kopf eine weiß bandagierte Kugel auf dem Kissen. Er hätte jeder sein können, oder niemand, wäre in dem Knäuel weißer Binden nicht ein Schlitz gewesen, der seinen Mund freiließ. »Hallo, Stratton«, sagte ich. Die Gestalt erstarrte. Der Mund flüsterte. »Sie sprechen wie Maine. Die Schwester sagte mir, daß Sie sich Maine nennen, und ich habe ihr nicht geglaubt. Gestern wurde mir gesagt, daß
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Maine tot sei, schon seit Tagen. Wer sind Sie, um Gottes willen?« »Ich bin Maine.« »Man hat mir gesagt, es hätte eine Explosion gegeben, und Maine sei dabei getötet worden. Dann sind sie gekommen und haben mich vernommen, weil Maine anscheinend etwas mit dem Mord an Mellors zu tun hat. Was wollen Sie hier?« »Ich war Susannas Kontakt«, erklärte ich. »Ich komme von Welt 1.« »Die wir Welt 2 nennen«, sagte Stratton trocken. »Die Eitelkeit der Menschen hat viele Formen. Eines Tages wird es uns vielleicht sogar gelingen, die Original-Welt zu entdecken.« Nach dem ersten Schock hatte er mich mit bewundernswert sachlicher Haltung akzeptiert. »Was haben Sie bisher herausgefunden?« fragte ich. »Ich möchte so viele Informationen wie möglich mit zurücknehmen. Vielleicht können wir bei dieser Sache zusammenarbeiten. Ich nehme an, daß ich Ihre Welt wieder besuchen werde.« »Parallele Welten«, murmelte er. »Fast identisch. Seltsam… es scheint, als ob Ihre Welt in subjektiver Zeit bei parallelen Geschehnissen einen bis drei Tage zurückliegt. Die Geschichte gleicht aus, doch die Ereignisse finden nicht simultan statt. Die Ihren folgen den unseren; wir befinden uns deshalb in Ihrer Zukunft.« »Und ich bin noch immer am Leben.« Mein Mund war plötzlich trocken. »Und Mellors lebt, in meiner Welt. Wie lange habe ich noch, Stratton?« »Ihr Doppelgänger in unserer Welt ist vor mehreren Tagen gestorben. Ziehen Sie daraus die Schlüsse, die Ihnen passen.« In diesem Augenblick trat die Schwester herein. »Sie müssen jetzt gehen, Mr…. Maine.« Sie führte mich hinaus und schloß die Tür.
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»Wie ist es passiert?« fragte ich. Sie war sehr hübsch. Ich fragte mich, ob sie eine Doppelgängerin in meiner Welt hatte… Unwichtige Gedanken treten zu den unmöglichsten Zeiten auf. »Bei einem Feuer und einer Explosion auf Mr. Maines Hausyacht«, sagte sie. »Niemand weiß, wodurch die Katastrophe ausgelöst wurde, aber die Polizei glaubt, daß die beiden Männer getrunken haben und eingeschlafen sind, und eine Zigarette das Bettzeug in Brand gesetzt hat, und später ist die Gasflasche explodiert.« Ich starrte sie an. Stratton hatte in der vergangenen Nacht auf der Hausyacht geschlafen, und ich auch. Wir hatten getrunken. Aber in meiner Welt hatte es kein Feuer gegeben. Vielleicht war der Zeitpunkt meines Sterbens verstrichen. Vielleicht würde dieses eine Geschehen, das Feuer in Welt 2, in meiner Welt nicht parallel ablaufen. Vielleicht würde ich leben… »Ihr Name…« Sie fuhr zögernd fort: »Sind Sie ein Verwandter von Mr. Maine? Sie sehen ihm sehr ähnlich.« »Ja.« »Ich habe Mr. Maine gekannt. Er war… nett. Ich glaube nicht, was jetzt in der Stadt über ihn geredet wird, daß er Mr. Mellors getötet und versucht habe, auch Dr. Stratton zu ermorden.« Sie blickte mir offen in die Augen. »Ich möchte nur, daß Sie das wissen, sonst nichts.« Ich fragte sie nach ihrem Namen – für den Fall, daß ich noch einmal ins Krankenhaus kommen sollte – und sie sagte ihn mir: Schwester Marianne Peters. Nicht nur Schwester Peters… Eine halbe Stunde später stand ich im Zeitkreis, blickte aufs Meer hinaus und wartete, daß ich in meine Welt zurückgeholt würde.
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7 DAS HOVER-CAR MATERIALISIERTE, hockte auf dem flachgedrückten Gras, das vor einer Sekunde aufgerichtet gewesen und vom Wind bewegt worden war. Ich verließ den Kreis, stieg ein und fuhr zur Station. Ich fuhr langsam, weil ich zitterte und nicht sicher war, das Fahrzeug unter Kontrolle halten zu können. Es war über mich gekommen, als ich über die unsichtbare Grenze in meine eigene Welt zurücktrat. In diesem Augenblick begann ich mich zu fragen, wie, zum Teufel, ich in diese Sache hineingeraten war. Und ich fragte mich, wie sicher Stratton war, daß ich zurückkehren würde. Während ich in Welt 2 gewesen war, hatte ich zeitweise die Existenz paralleler Welten völlig vergessen; alles war so ähnlich. Doch als ich in dem Kreis gewartet hatte, gewartet daß Stratton – der mich nicht mochte – auf den Knopf drücken und mich zurückholen würde, wurde ich mir meiner Fehlplazierung in Raum und Zeit unbehaglich bewußt. Angenommen, irgend etwas war schiefgegangen. Angenommen, Stratton war nicht in der Lage, mich zurückzuholen. Ich wäre in einer Welt gestrandet, in der mein Doppelgänger tot war. Doch ich hätte nur ungern versucht, das den Bürgern von Falcombe zu erklären. Wenn sie meine einfache Tarnung durchschaut hätten, wären sie natürlich zu der Annahme gelangt, daß ich bei der Explosion auf der Hausyacht entkommen war und mich versteckte, zerrissen von Schuldgefühlen für die Ermordung Mellors’ und die Verstümmelung Strattons. Ich dachte eine ganze Weile darüber nach. Während der letzten Tage seines Lebens schien mein Doppelgänger jede Minute voll ausgeschöpft zu haben. Es war eine Erleichterung, wieder unter Menschen zu sein, die mir nichts vorwarfen. Als ich auf die Hauptstraße einbog, hatte ich mich fest entschlossen, unter die ganze, verdammte Geschichte einen Schlußstrich zu ziehen; ich wollte weder mit Mellors noch mit Stratton und allen anderen länger etwas zu tun haben. Ich würde zu Pablo kriechen und ihn bitten, mich wieder einzustel-
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len. Ich würde versuchen, Susanna zu vergessen – sie war in ihrer Welt genau so tot wie in der meinen… Ich brauchte einen Drink, bevor ich weiterfuhr, also lenkte ich den Wagen auf den Parkplatz des Hotels an der Straße und sagte mir, daß Stratton ein Idiot war, wenn er glaubte, mich durch Panikmache zwingen zu können, für ihn die Dreckarbeit zu machen. Die Gefahr lag nicht in der Möglichkeit, auf meinen Doppelgänger zu stoßen und mich selbst auszulöschen, sie lag in einer Fehlfunktion des Transferprozesses, der mich ganz einfach auslöschen würde. Ich beschloß, Stratton aufzufordern, mir den Prozeß genau zu erklären. Nur um zu sehen, ob es ihm möglich war; nur aus Spaß… Die Bar war leer; der Barmann starrte auf den winzigen Bildschirm seines Newspocket-Gerätes und sah nicht einmal auf, als ich hereintrat. Ich blickte ihn an, dann den Tisch in der Ecke, und ich begann plötzlich am ganzen Körper zu zittern. Der Raum war bedrückend durch den Geist Susannas. Strattons Susanna… aber änderte das etwas? Ich spürte Tränen in meinen Augen, wandte mich abrupt um und lief hinaus. Ich stieg in den Wagen und fuhr weiter, zur Station. Stratton war fasziniert von meinem Bericht. Er fragte mich nach allen Details, und der Recorder neben ihm zeichnete jedes Wort auf. Ich beschrieb die Theorie seines Doppelgängers über den Zeitunterschied zwischen parallelen Geschehnissen auf beiden Welten. »Eine Unendlichkeit von Welten…«, murmelte er. »Fast parallel, doch leicht divergierend. Und ein kleiner Zeitunterschied von jeder zur nächsten. Ich frage mich…« »Sie haben keinerlei Beweise dafür, daß es mehr als eine Welt parallel der unseren gibt«, wandte ich ein. »Die, von der ich gerade zurückkomme, ist die einzige, von der wir wissen.« »Sie kennen den ganzen Umfang unserer Experimente nicht, Maine«, sagte er scharf. »Ich ziehe logische Schlüsse aus dem, was wir bereits wissen. Um zu dem Zeitunterschied zurückzu-
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kommen: Vereinfachen wir die Sache – nehmen wir an, daß es tausend Welten gibt, obwohl wir wissen, daß ihre Zahl unendlich sein muß. Wenn es uns gelänge, Welt 500 zu besuchen, würden wir vielleicht feststellen, daß sie zwanzig Jahre in der Zukunft liegt…« Gegen meinen Willen wurde ich an den Implikationen interessiert. »Und Welt minus 500 läge zwanzig Jahre in der Vergangenheit. Wenn wir sie erreichen könnten.« »Es scheint, daß es eine Art Zeitreise wäre«, führte Stratton meinen Gedanken zu Ende. »Natürlich würden die zukünftigen Geschehnisse in Welt 500 die unseren nicht exakt parallelisieren. Doch generell könnten wir einen Einblick in das erhalten, was uns bevorsteht…« Alan Copwright trat herein und hörte die letzten Worte mit. Er setzte sich, blickte mich prüfend an, wandte sich dann an Stratton. »Ich weiß nicht, ob es ratsam ist, zu diesem Zeitpunkt zu viel zu sagen«, erklärte er respektvoll. »Ich meine, wir sind noch nicht sicher…« »Nicht sicher? Copwright, wir haben Kaninchen auf Welt 15 geschickt. Und sie zurückgeholt.« Oder andere Kaninchen, fiel mir plötzlich ein, die mit Myxomatose infiziert waren… Copwright war hartnäckig. »Hören Sie, Doktor, ich hoffe, Sie nehmen es mir nicht übel… Aber Sie sind der einzige Mensch, der sagen kann, daß es sich um Welt 15 handelte. Sie führen dieses Experiment allein durch.« Er blickte mich an, als ob er meine Zustimmung erhoffte. »Es scheint bei Dr. Stratton eine Art Instinkt zu sein, John. Niemand außer ihm kann das Gerät bedienen. Wenn Sie es sehen, würden sie bezweifeln, daß es überhaupt ein Gerät ist. Nichts anderes als ein Gewirr von Drähten und Transistoren und ein Sitz für den Leiter und Operateur des Experiments. Es gibt keinerlei Instrumente oder Skalen oder etwas anderes.«
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Mein Gott, dachte ich, welchem Teufelsding habe ich mein Leben anvertraut? Und was für einem Mann? Stratton rauchte seine Zigarette auf eine bedrohlich wirkende Stakkato-Art und trommelte mit den Fingern der anderen Hand auf die Schreibtischplatte. »Das Prinzip mag neu sein, aber es gibt keinen Grund für die Annahme, daß ich es nicht beherrschen kann. Zugegeben, wir waren vielleicht überpräzise, als wir behaupteten, die Kaninchen seien nach Welt 15 geschickt worden. Es kann auch Welt 14 oder Welt 16 gewesen sein. Aber als ich die generellen Daten der Matrize mit Welt 2 verglich, kam ich zu dem Schluß, daß es sich um Welt 15 handelte und lag damit zumindest sehr nahe.« »Aber Welt 2 mag vielleicht gar nicht Welt 2 sein«, bemerkte Copwright. »Es könnte andere Welten zwischen ihr und uns geben.« »Zur Zeit der Entdeckung von Welt 2 hat es keine bedeutenden Alternativen gegeben«, sagte Stratton entschieden. »Obwohl ich mir natürlich darüber im klaren bin, daß mit der Zeit irgend etwas geschehen könnte, das so erheblich ist, daß es eine Spaltung bewirkt, entweder in ihrer Welt oder in der unseren, wodurch eine weitere Welt zwischen uns geschaffen wird. Im Augenblick stellen wir in jeder Hinsicht nebeneinander liegende Matrizen dar. Bitten Sie mich nicht, Ihnen das zu erklären, ich fühle es lediglich.« Ich sagte, ein wenig scharf: »Ich hätte aber gerne gewußt, warum Sie so verdammt sicher sind, Stratton. Schließlich hätte ich ziemlich dumm aus der Wäsche gekuckt, wenn Sie vor einer halben Stunde einen Fehler gemacht und mich von Welt 3 zurückgeholt hätten, anstatt von Welt 2.« »Maine«, sagte Stratton müde, »ich habe während der ganzen Zeit hier am Gerät gesessen und die Matrize stabil gehalten. Mein Gott, glauben Sie, daß ich irgendwelche Risiken eingehe?« »Ja. Aber darauf kommt es nicht an. Ich bin fertig mit dieser Sache.«
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»Fertig?« Copwright stieß das Wort heraus; seine Erleichterung war nicht zu überhören. »Ich kann nicht behaupten, daß mir das leid tut, John.« »Wovon reden Sie, zum Teufel, Copwright? Wie kann er damit fertig sein? Wir haben doch gerade erst angefangen.« Alan Copwright schien für irgend etwas Mut zu sammeln. Er blickte an uns beiden vorbei und sagte: »Ich glaube nicht, daß John der richtige Mann für den Job ist. Ich wäre glücklicher, wenn wir jemand anderen finden könnten – selbst wenn wir einige Monate zurückgeworfen werden, bis wir jemanden gefunden haben, der aus dem Kreis treten kann. Ich habe heute im Falcombe Hotel mit Mellors gesprochen. Oder richtiger, Mellors hat zu mir gesprochen.« »Sprechen Sie weiter.« Strattons Ton war scharf. »Er hat versucht, mich zu bestechen. Er hat Wind von der Möglichkeit bekommen, in die Zukunft zu blicken und ist sehr daran interessiert. Er sieht darin alle möglichen geschäftlichen Vorteile.« »Das sieht ihm ähnlich«, sagte ich bitter. »Richtig. Also haben Sie ihn abgewiesen«, sagte Stratton. »Also hat er wieder gedroht, uns von seinem Land zu vertreiben. Wir haben das ja schon einige Male erlebt. Ich mache mir da keine Sorgen. Wir werden ihm nichts sagen. Wir werden niemandem etwas sagen. Dieser Zeitfaktor – er ist Dynamit.« Copwright sagte langsam: »Aber wir haben es bereits jemandem gesagt, Dr. Stratton. Ich habe Ihnen das klarzumachen versucht, seit ich diesen Raum betreten habe. Sie haben davon erzählt. Sie haben ihm eine ziemliche Menge erzählt. Und John ist Mellors’ Mann. Er ist bei ihm angestellt.« »Machen Sie sich darüber keine Sorgen«, sagte ich ihnen. »Ich glaube, daß er mich gefeuert hat. Ich bin kein Freund von Mellors, und er hat keine Ahnung, daß ich Ihnen hier helfe.«
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»Gut«, sagte Stratton. »Er darf es auch niemals erfahren, Maine. Niemand darf jemals etwas davon erfahren. Meine Mitarbeiter sind alle sehr sorgfältig überprüft worden; bei Ihnen ist das nicht möglich. Wie denn auch? Sie sind der einzige Mensch für diesen Job, so weit wir es wissen.« Copwright war noch immer nicht überzeugt. »Mellors’ Haltung ist die gleiche wie die vieler anderer Menschen. Wenn diese Sache in falsche Hände gerät, können durch unfaire Vorteile enorme Profite erzielt werden – gar nicht zu reden von den Möglichkeiten für das organisierte Verbrechen. Ich würde gern wissen, woher Mellors seine Informationen hat; der Mann ist gerissen… ich hätte ihn heute nachmittag umbringen können, so aggressiv und hartnäckig war er. Und als er merkte, daß er nicht weiterkam, so verdammt beleidigend…« Er stand auf. »Okay, ich habe gesagt, was ich zu sagen hatte. Ich bin für die Personalangelegenheiten der Station verantwortlich, John, und wenn Sie jemals etwas davon verlauten lassen, daß Sie uns hier helfen, werden wir das nicht nur dementieren, sondern Sie bekommen auch eine Menge Ärger.« Das konnte ich nicht schlucken. Ich stand ebenfalls auf. »Ich habe doch gesagt, daß ich mit der Sache fertig bin, verdammt«, sagte ich scharf. »Ich werde jetzt aus der Tür gehen und vergessen, daß es dieses Gebäude gibt.« »Wie Sie wollen«, sagte Copwright und verließ das Zimmer. Stratton sagte in die Stille, nachdenklich, fast im Selbstgespräch: »Ich frage mich… ich frage mich, ob Susanna noch lebt, in der Vergangenheit…« »Sie scheinen mich nicht verstanden zu haben«, sagte ich. »Ich habe Ihnen gesagt, daß ich mit der Sache fertig bin. Und ich habe das ernst gemeint.« Ich ließ ihn sitzen. Ich fuhr sehr rasch zum Falcombe Hotel. Ich wollte alles so schnell wie möglich hinter mich bringen, solange ich in
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Stimmung dazu war. Als erstes wollte ich mit Mellors brechen. Ich probte ein paar wohlgeformte Sätze der Kündigung. Ich war versucht, mir eine lautstarke Szene zu genehmigen, entschied jedoch dagegen. Ich wollte nicht Pablos Chancen für eine vernünftige Einigung mit diesem Mann verderben. Dann, wenn ich mich von Mellors befreit hatte, würde ich Pablo bitten, mir meinen alten Job wiederzugeben. Falls Pablo noch im Geschäft war nach dem Schwindel, den Mellors abzuziehen versuchte… Und ich würde Pablo bitten, sich um dieses Geschäft selbst zu kümmern, weil ich so schnell wie möglich aus Falcombe verschwinden wollte. Ich war nervös. Ich konnte die Anklagen nicht vergessen, die ich auf Welt 2 gegen meinen Doppelgänger gehört hatte. Ich wollte weg von hier, bevor mir dasselbe geschah. Ich grüßte die Rezeptionistin, als ob während der vergangenen zwei Tage nichts geschehen wäre und versicherte mich, daß Mellors in seinem Zimmer war – den ganzen Nachmittag, wurde mir gesagt. Mrs. Mellors sei in ihrem Zimmer; seit einiger Zeit schliefen sie getrennt. Ich stieg rasch die Treppe hinauf und fühlte die Blicke der Rezeptionistin in meinem Rücken. Sie hatte natürlich von dem Streit Wind bekommen. In einem Hotel gibt es keine Geheimnisse. Ich klopfte energisch an die Tür, und als sich niemand meldete, stieß ich sie auf und trat ins Zimmer. Es war unerträglich heiß; Mellors lag voll bekleidet auf dem Bett. Sein Gesicht hatte eine ungesunde Farbe. Mein ganzes Leben lang habe ich die Tendenz gehabt, falsche Hotelzimmertüren zu öffnen. Und wenn immer ich das tue, sehe ich einen Mann auf dem Bett liegen, der krank aussieht. Niemals wendet er den Kopf und sieht mich an, obwohl sehr oft seine Augen offen sind. Er ist immer vollständig angezogen, bis auf Schuhe und Krawatte. Es ist sein Gesicht, das mir Angst macht; es ist entweder ziegelrot oder totenbleich. Und sein Atem ist entweder keuchend oder flach, als ob er im Sterben läge; oder nicht wahrzunehmen, als ob er tot wäre. Das habe ich so oft
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erlebt, daß ich mich manchmal frage, ob es immer derselbe Mann ist, der mich mein ganzes Leben lang verfolgt. Mellors Aussehen fiel in die zweite Kategorie. Sein Gesicht war totenbleich und sein Atem nicht wahrnehmbar. Als ob er tot wäre. Ich hatte mich einige Male um Leichen in Hotelzimmern kümmern müssen; das ist eins der Berufsrisiken eines Managers. Jetzt bin ich so weit, daß ich eine Leiche spüren kann, sowie ich die Tür öffne. Manchmal brauche ich das Zimmer nicht einmal zu betreten. Ich erkenne es an dem Ausdruck schuldhafter Angst auf dem Gesicht der Ehefrau, die mir erklärt, daß sie ›George nicht wachkriegen kann‹. Ich wußte, daß Mellors tot war, bevor ich das Blut auf der anderen Seite des Kissens sah, und die furchtbare, ausgezackte Wunde in seinem linken Auge. Trotzdem fühlte ich nach seinem Puls; wie erwartet konnte ich kein Lebenszeichen entdecken. Mellors würde keine Geschäfte mehr machen. Ich konnte keine Trauer empfinden. Schock, ja. Meine Hände zitterten, und ich hatte das Gefühl, einen harten Schlag in die Magengrube erhalten zu haben. Aber ich war nicht traurig, daß Mellors tot war; im Gegenteil, das machte viele Dinge erheblich leichter. Ich blickte auf den Toten hinab, fühlte mich beinahe erleichtert, erinnerte mich jedoch auch an Welt 2 und das Begräbnis. Die Geschichte hatte wieder einen Ausgleich hergestellt… In diesem Augenblick wurde die Tür geöffnet und Mrs. Mellors trat herein. Der Name des Inspektors war Robert Bascus, und ich nahm an, daß er von seinen Freunden Bob genannt wurde, doch der Haufen verschreckter Menschen, die ihm gegenüberstanden, waren nicht seine Freunde. Er stand in der Mitte des Raums und dominierte die Szene, während wir auf unbequemen Hotelzimmerstühlen um ihn herumsaßen. Mellor’s Leiche lag nach wie vor
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auf dem Bett, jetzt allerdings von einem Laken bedeckt. Es war sieben Uhr abends, und das Hotel war unheimlich und sehr still, und ich fragte mich, ob alle Gäste ebenfalls tot wären. Dorinda Mellors war auch bei uns; sie saß gerade und trockenen Auges auf ihrem Stuhl und zeigte, wie man so sagt, eine unter den Umständen bewundernswerte Haltung. Was üblicherweise heißt, daß die Witwe nach dem ersten Schock zu erkennen beginnt, daß die Vorteile der neuen Situation die Nachteile überwiegen. Ich erinnere mich, gedacht zu haben, daß ich tödlich beleidigt wäre, wenn meine Witwe bei meinem Tod nicht halb wahnsinnig werden würde… Pablo wirkte nervös und blickte immer wieder auf die reglose Gestalt unter dem Leintuch. Dick schien ruhiger, doch drückte die Art, wie er saß, Ängstlichkeit aus. Die Tür wurde geöffnet, und Alan Copwright trat ein, begleitet von zwei uniformierten Polizisten. Er sah mich und sagte: »John, ich bin gerade hergekommen, um mit Ihnen zu reden, und man hat mir gesagt…« Seine Stimme erstarb, als sein Blick auf die Wölbung unter dem Laken fiel. Einer der uniformierten Männer sagte: »Dies ist Mr. Alan Copwright, Sir. Die Rezeptionistin hat zufällig erwähnt, daß er heute schon einmal hier war, um Mr. Mellors aufzusuchen. Ich dachte, Sie würden vielleicht mit ihm sprechen wollen.« Es lag eine besondere Betonung in seinen Worten. »Danke, Constable.« Bascus lächelte Alan liebenswürdig an und deutete ihm, sich ebenfalls zu setzen. Wieder öffnete sich die Tür, und zwei Männer mit einer Bahre traten herein, die den Toten rasch und sachlich entfernten. Der Polizeiarzt steckte seinen Kopf herein und sagte Bascus, daß er ihm seinen Bericht um zehn Uhr zugehen lassen würde, dann schloß sich die Tür und wir waren mit dem Gesetz allein. Der Inspektor blickte einen Moment aus dem Fenster, als ob er seine Gedanken sammeln wolle, dann wandte er sich langsam um und blickte uns der Reihe nach an. »Ich brauche Ihnen wohl nicht zu sagen, daß ich sehr unglücklich wäre, wenn einer von
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Ihnen die Stadt verlassen sollte. Wie ich hörte, wohnen Mrs. Mellors, Mr. Blakesley und Mr. Orchard bereits im Hotel. Mr. Maine ist der Manager, und ich bin sicher, daß er hier ein Zimmer finden kann. Vielleicht können Sie auch Mr. Copwright unterbringen, Mr. Maine. Ich würde es begrüßen, wenn Sie alle heute nacht hier im Hotel blieben.« »Hören Sie, wollen Sie damit sagen, daß ich unter Verdacht stehe, oder wie immer Sie das nennen?« sagte Alan empört. »Beruhigen Sie sich, Mr. Copwright. Im Augenblick steht jeder Einwohner von Falcombe unter Verdacht, also befinden Sie sich in sehr guter Gesellschaft. Es scheint jedoch, daß Sie Mr. Mellors heute nachmittag aufgesucht haben, und unser Arzt sagt, daß er am Nachmittag gestorben ist. Ich bin sicher, daß das nur ein Zufall ist, möchte Sie aber trotzdem hier haben.« »Ich besorge Ihnen ein Zimmer, Alan«, sagte ich. »Danke«, sagte Bascus. »Ich fürchte, daß einigen von uns eine lange Nacht bevorsteht, doch ich werde versuchen, es so kurz wie möglich zu halten. Mr. Maine, mit Ihnen möchte ich zuerst sprechen. Die anderen – warum gehen Sie nicht in die Bar und genehmigen sich einen Drink? Ich bin sicher, daß Sie eine Stärkung brauchen.« Sie gingen, und ich stand auf, trat zum Fenster und blickte auf das dunkle Wasser hinaus. Die Hausyachten waren alle sicher verankert. Mellors hatte seinen Bergungsanspruch nicht schriftlich festgelegt. Pablo war aus dem Schneider. Ein Mann stand auf dem von Flutlicht erleuchteten Rasen, in der Nähe des Piers. Er hatte die Hände hinter dem Rücken verschränkt, schaukelte auf seinen Hacken vor und zurück und starrte auf Mellors’ Boot. Obwohl er Jeans und eine braune Jacke trug, sah man ihm den Polizisten an. Bascus sagte plötzlich: »Wie ich hörte, waren Sie es, der den Toten fand, Mr. Maine.« Ich wandte mich um und sah ihn an. »Es scheint so.«
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»Ich muß natürlich von ihnen einen Bericht darüber haben.« Er zog eine Spoolette aus der Tasche und legte sie auf den Nachttisch, die winzige Linse auf mein Gesicht gerichtet. Also erzählte ich ihm alles, von dem Moment an, als ich das Hotel betrat, bis zu dem Moment, wo Dorinda ins Zimmer kam. »Ja, aber wie ist es mit dem Nachmittag? Vielleicht können Sie mir sagen, was Sie von – sagen wir seit Mittag getan haben?« Er war überaus höflich und lächelte hin und wieder, als ob ich etwas Komisches gesagt hätte, ohne mir dessen gewahr zu sein; ein privater Scherz zwischen ihm und der Spoolette. »Ich war mit dem Hover-Car unterwegs, wenn Sie nichts dagegen haben.« »Es wäre besser, wenn Sie solche Ausdrücke nicht verwenden würden, Mr. Maine. Die Lehrbücher sagen unseren SpooletteAuswertern, daß alles, was in Verbindung mit ›wenn Sie nichts dagegen haben‹ gesagt wird, wahrscheinlich eine Lüge ist. Ich bin jedoch sicher, daß Ihr Fall eine Ausnahme darstellt. Wohin sind Sie gefahren?« »Zur Starfish Bay.« »Allein?« »Ja.« »Warum?« »Weil ich Lust dazu hatte, Mann Gottes. Ich wollte allein sein, um nachzudenken. Ich brauche das von Zeit zu Zeit. Sie nicht?« »Sehr oft sogar. Ich vermute, Sie wollten über Ihren Streit mit Mr. Mellors nachdenken?« »Woher, zum Teufel, wissen Sie davon?« »Bitte, Mr. Maine. Wir wollen doch nicht aggressiv werden, nicht wahr? Bleiben Sie nur bei der Wahrheit. Vergessen Sie nicht, daß Sie fast der erste Mensch sind, mit dem ich über diese Sache spreche. Ich werde eine Menge von anderen Leuten erfahren – alles mögliche wird herauskommen. Unnangenehme
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kleine Tatsachen.« Seine Stimme wurde plötzlich hart. »Also bleiben Sie bei der Wahrheit, ja?« »Ich bin zur Starfish Bay gefahren, allein, um über einiges nachzudenken. Ich habe sie bis etwa fünf Uhr dreißig nicht verlassen.« Das Auge der Spoolette registrierte meinen Ausdruck, zeichnete meine Stimme auf. Das Resultat würde später ohne Eile ausgewertet werden. »Immer noch allein? Niemand hat Sie während all dieser Stunden gesehen?« Es hatte keinen Sinn, die Station zu erwähnen; Stratton würde meine Behauptung niemals bestätigen; nicht jetzt. Dann fiel mir das Hotel an der Straße ein. Aber ich hatte nur kurz in die Bar geblickt und war sofort wieder gegangen; der Barmann hatte mich nicht einmal bemerkt. Man erwartet schließlich an einem normalen Tag nicht, ein Alibi beibringen zu müssen. »Ich war allein«, sagte ich. Er seufzte. »Was für ein Jammer«, sagte er.
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8 KEIN MANN GIBT GERNE ZU, daß ein anderer Mann ihm Angst einflößt; statt dessen gebrauchen wir Euphemismen, ohne sie als solche zu erkennen. Wir sagen, zum Beispiel, daß wir einen Menschen respektieren. Oder daß so ein Mensch dynamisch ist. Oder daß er eine magnetische Persönlichkeit besitzt. Vielleicht sagen wir, daß er aggressiv ist oder unberechenbar oder paranoid oder gerissen oder daß er ein großes Maul hat. Was wir meinen ist, daß er uns auf die eine oder andere Art Angst einflößt. Bascus machte mir Angst. Ich war gezwungen, mir das einzugestehen, weil ich zitterte, als ich das Zimmer verließ. Bascus war groß und gerissen und klug, und ich spürte, daß er mich nicht sehr mochte, er würde glücklich sein, mich hinter Gitter bringen zu können, es sei denn, er fände einen besseren Verdächtigen. Als er vor mir stand, kam ich mir vor wie ein schuldiges Schulkind, und ich kämpfte mit einer impotenten, kindischen Wut dagegen an, weil ich wußte, daß der Fehler bei mir lag. Wenn ich ihm nicht standhalten konnte, gab ich damit zu, daß er ein besserer Mann war als ich. Natürlich waren alle Vorteile auf seiner Seite. Ich stand durch den Anblick der Leiche unter Schockwirkung und war noch immer von den Ereignissen der letzten Tage beeinflußt – während für ihn eine Leiche eine alltägliche Angelegenheit war, wie ich vermutete. Außerdem konnte ich mich nicht von einem Schuldgefühl befreien, weil ich in letzter Zeit einige Male überlegt hatte, wie viel leichter alles sein würde, wenn Mellors aus dem Weg war… Pablo begrüßte mich in der Bar. »Wie ist es gelaufen?« Alle waren da: Alan Copwright, Dorinda Mellors, Dick Orchard, Pablo… ich. Und jeder von uns konnte der Mörder sein. »Nicht allzu schlecht«, sagte ich grinsend und bestellte einen Scotch. »Er will jetzt mit Ihnen sprechen, Dorinda.« Mellors Frau verließ uns, eine graue, unbedeutende Frau, und wir merkten kaum, daß sie nicht mehr da war.
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Am nächsten Tag fuhr ich zur Station, um mit Stratton zu sprechen; meine Zunge fühlte sich an wie ein Stück rohe Leber, und ich hatte einen fauligen Geschmack im Mund. Der Tag war hell und wunderschön, und das Sonnenlicht brannte in meinen Augen. Ich beschloß, das Trinken zu reduzieren, und faßte gleichzeitig den Vorsatz, das Rauchen ganz aufzugeben. Die Steuerdüsen des Hover-Car funktionierten schlecht, und die Schlingerbewegung bei der Fahrt auf den vor der Stadt liegenden Hügel war schlimmer als an Bord einer Hover-Yacht bei Windstärke neun. Als ich die Station erreichte, hatte ich ein sehr flaues Gefühl im Magen. Stratton deutete auf einen Stuhl. »Ich dachte, Sie hätten gesagt, daß Sie mit der Sache fertig seien.« »Wissen Sie, daß Mellors tot ist?« Ein seltsamer Ausdruck trat auf sein Gesicht; er nickte leicht, als ob er diese Nachricht erwartet hätte. »Nein«, sagte er. »Wann ist das geschehen?« »Gestern nachmittag. Was haben Sie die ganze Zeit über getan?« Er fuhr mit den Fingern durch sein dunkles Haar. »Ich habe hier gearbeitet. Seit ich mit Ihnen gesprochen habe. Wie ist er gestorben?« »Er ist ermordet worden.« »Verstehe… Haben sie den Mörder erwischt?« »Soviel ich erfuhr, ist zuletzt Alan Copwright vernommen worden«, sagte ich boshaft, ohne zu erwähnen, daß das zwölf Stunden zurücklag. »Copwright? Was für ein Blödsinn. Copwright würde niemals jemanden töten; dazu fehlt ihm der Mut. Er bringt nicht einmal den Mut auf, die Longhurst ins Bett zu bringen, und sie hat es weiß Gott nötig. Nein. Da hat die Polizei den falschen Mann erwischt. Ich habe mich schon gewundert, warum er heute nicht hier ist.«
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Ich gab nach. »Als ich abfuhr, saß er noch beim Frühstück. Er wird bald hier sein.« »Sie haben ihn im Hotel untergebracht? Danke… Hören Sie, falls Sie hergekommen sind, um über Mellors zu sprechen, ich bin daran nicht interessiert. Der Mann war ein Widerling.« »Jetzt, wo er aus dem Weg ist, dürfte einiges für Sie leichter werden.« Er runzelte die Stirn. »Meinen Sie? Ja, wahrscheinlich schon. Er hatte den lächerlichen Einfall, uns erpressen zu wollen. Aber damit wäre er niemals durchgekommen.« »Er ist ja damit auch nicht durchgekommen. Stimmt’s?« »Was wollen Sie damit sagen?« »Nicht so wichtig, Stratton. Vergessen Sie es. Ich meine nur, daß eine ganze Reihe von Menschen ihn erledigt haben könnte, das ist alles. Ich kann überall Motive sehen, und die Polizei bestimmt auch. Privat sah Mellors ganz anders aus als sein öffentliches Image. Deshalb hängt alles von Alibis ab.« »Alibis?« »Ich werde ein Alibi brauchen, Stratton. Ich habe der Polizei gesagt, daß ich den ganzen Nachmittag über allein an der Starfish Bay gewesen sei, und man war davon nicht sehr beeindruckt. Also müssen Sie mir helfen.« Sein Gesicht verdüsterte sich. »Wie?« »Indem Sie das Experiment erklären.« »Ich habe Ihnen doch gestern gesagt, warum ich das nicht tun kann. Das müssen Sie schon allein hinkriegen, Maine.« »Mein Gott, Mann! Sie könnten mich wegen Mordes verhaften!« Sein Gesicht verdüsterte sich noch mehr, während er mich nachdenklich anblickte, und wieder hatte ich das Gefühl, daß er mich haßte.
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»Verstehe«, sagte er langsam. »Das wäre sehr bedauerlich. Ich werde Ihnen sagen, was wir tun können. Falls es jemals dazu kommen sollte – daß Sie verhaftet werden, meine ich –, werde ich Ihnen ein Alibi verschaffen. Aber nur als letzte Möglichkeit. Ansonsten ist es an Ihnen, sich da herauszuhauen.« »Vielen Dank.« »Das ist doch selbstverständlich«, fuhr er fort, ohne auf meinen Sarkasmus einzugehen. »Aber natürlich erwarte ich dafür eine kleine Gegenleistung. Zum Beispiel Ihre Einwilligung, auch in Zukunft an unseren Experimenten mitzuarbeiten.« Zum Glück für ihn öffnete sich in diesem Augenblick die Tür, und Alan Copwright trat herein. »Hallo, John«, sagte er und blickte mich kurz an. »Guten Morgen, Sir. Ich vermute, Mr. Maine hat Ihnen bereits gesagt, daß ich aufgehalten worden bin.« »Das war gestern nacht, aber lassen Sie nur. Ich habe schon immer gefunden, daß der Service im Falcombe Hotel verdammt langsam ist.« Copwright wurde rot. »Ich bin erst spät zu Bett gekommen. Die Polizei hat mich als letzten vernommen. Es war fast Mitternacht, als das Verhör begann, und es hat eine ganze Weile gedauert. Und danach habe ich auch nicht besonders gut geschlafen.« »Schlechtes Gewissen?« fragte Stratton. »Hören Sie, ich könnte in Schwierigkeiten geraten. Bascus – das ist der Polizist – weiß alles über unseren Disput mit Mellors. Und anscheinend hat auch jemand eine dumme Bemerkung von mir mitgehört, daß ich ihn erwürgen könnte oder so was.« »Ist er denn erwürgt worden?« fragte Stratton mit dem Interesse eines Menschen, der nicht betroffen ist. »Nein. Der Laborbericht traf ein, während ich vernommen wurde. Er ist anscheinend durch das Auge erschossen oder erstochen worden, während er auf dem Bett lag und schlief.«
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Ich erschauerte ein wenig, als die Erinnerung wieder wachgerufen wurde. Die tödliche Wunde war durch das Augenlid zugefügt worden… Stratton sagte: »Man muß doch den Unterschied zwischen einem Schuß und einem Stich feststellen können. Hat man eine Kugel gefunden?« »Anscheinend nicht. Die Leute im Labor haben sich bestimmt auch darüber gewundert. Die Wunde entsprach in mehrerer Hinsicht einer Schußverletzung, und es waren auch Pulverspuren im Gesicht. Aber als sie, agh…« – er schluckte – »als sie suchten, konnten sie keine Kugel finden. Sie hat den Kopf auch nicht durchschlagen. Sie war einfach nicht da.« »Das begreife ich nicht«, sagte ich. »Es war ein kleines Kaliber, das ist alles, was sie sagen können. Bascus war da ganz offen; er hat mir den Bericht sogar vorgelesen. Er ist ein komischer Detektiv. Ich hatte immer geglaubt, daß sie kein Wort reden, Spuren suchen, und am Ende den Mörder plötzlich entlarven.« »Am Ende von was?« fragte Stratton mit grimmigem Humor. »Dies ist kein Roman, sollten Sie wissen.« Copwright wirkte ein wenig überrascht. »Das stimmt, Sir. Komisch, daß Sie das sagen. Wissen Sie, ich habe immer wieder das Gefühl, daß nichts von allem wirklich geschieht. Es scheint alles so völlig außerhalb der Realität zu liegen. Ich denke, das kommt von meiner Müdigkeit.« »Wie gut ist Ihr Alibi?« fragte ich ihn sachlich. »Alibi? Ich habe Bascus gesagt, daß ich Mellors am Nachmittag gesprochen habe. Ich mußte es ihm sagen; die Rezeptionistin hat mich zu seinem Zimmer hinaufgehen sehen. Das war kurz nach drei, glaube ich. Aber es ist bestimmt nicht tragisch. Ich bin sicher, daß ihn irgend jemand danach noch lebend gesehen hat.«
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Er war wirklich sehr naiv. »Jemand wie der Mörder, meinen Sie?« fragte ich ihn. »Es besteht sehr wenig Aussicht, daß der freiwillig Informationen beisteuert. Um welche Zeit ist der Mord nach dem Befund passiert?« »Das konnten sie nicht genau sagen, aber sie meinen, daß es lange nach drei geschehen sein muß. Es war sehr heiß in dem Raum, und dadurch ist es anscheinend schwierig, den Zeitpunkt des Todes genau festzulegen.« »Oder Bascus will nicht, daß er bekannt wird«, sagte ich. »Nur weil er Sie einmal in die Karten hat blicken lassen bedeutet das nicht, daß er Ihnen alles sagt. Wo waren Sie, nachdem Sie Mellors verlassen haben?« »Er ist sofort zur Station zurückgekehrt«, sagte Stratton bestimmt. »Ich kann die Zeit seiner Ankunft hier jederzeit bestätigen, Maine. Und damit ist ein Verdächtiger aus dem Spiel. Was das Feld ein wenig begrenzt, wenn Sie mir folgen können.« Wir starrten einander ein paar Sekunden lang an, und ich dachte: Damit sind nur noch Pablo, Dick und Dorinda im Rennen. Und jemand, an den noch niemand gedacht hat. Und ich. Stratton beobachtete mich, versuchte in meinem Gesicht zu lesen. »Machen Sie wieder mit, Maine«, sagte er. »Ein kurzer Trip in die Vergangenheit dürfte keinerlei Schwierigkeiten bringen. Welt minus 8, einverstanden? Eine Gelegenheit herauszufinden, was wirklich geschehen ist; die ganze Geschichte könnte dupliziert werden. Vielleicht sehen Sie…« Er zögerte. »Ich meine, es wäre möglich, daß auch andere Menschen noch am Leben sind…« Er meinte Susanna. Ich sah ein Flackern hinter seinen Augen, als er sprach. Es war entweder Haß oder Eifersucht – ich weiß nicht, was von beiden. Und es war mir auch egal. »Sie bekommen Ihr Alibi«, setzte er hinzu. »Und es gibt immer… den anderen Faktor. Ich will sagen, daß Sie nichts zu verlieren haben.«
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Das Netz zog sich wieder enger zusammen, der Tod nagte an der Grenze meiner Existenz. Alan verließ auf einen Wink von Stratton den Raum, und wir beide hingen eine Weile unseren eigenen Gedanken nach. Stratton rauchte eine Zigarette nach der anderen, sein gebräuntes Gesicht verschlossen, den Blick auf den sich kräuselnden Rauch gerichtet. Ich fragte mich, was mir bevorstehen würde. Strattons Gedanken hatten sich ebenfalls den persönlichen Aspekten zugewandt. »Im Krankenhaus…« murmelte er. »Welt 2. Sie haben gesagt, daß auf Ihrem Boot ein Feuer ausgebrochen sei und Sie davon getötet wurden, aber ich sei mit Verletzungen davongekommen. Wie schwer waren sie?« »Schlimm, würde ich sagen.« Er blickte mich nachdenklich an. »Es gibt keinen Grund zu der Annahme, daß eine ernsthafte Verletzung in einer Welt in einer anderen wiederholt werden muß«, sagte er. »Die Parallelisierung scheint sich eher auf den Tod zu beziehen.« »Das ist ein tröstlicher Gedanke, für Sie.« »Nein. Hören Sie mir zu, Maine. Der Tod zieht Konsequenzen nach sich, weil er ein Bewußtsein auslöscht, das anderenfalls in der Lage gewesen wäre, zukünftige Ereignisse zu beobachten oder zu formen. Die ganze Existenz dieser Welten hängt von den Intelligenzen ab, die sie bewohnen. Wenn auf Welt 2 dieselben Menschen leben wie auf Welt 1, müssen die Geschichtsverläufe beider Welten auf ähnlichen Wegen vor sich gehen, weil es dieselben Menschen sind, die diese Geschichtsverläufe bestimmen. Natürlich wird es einige Abweichungen geben, aber die werden ausgeglichen, wie wir gesehen haben.« »Und Sie fragen sich, wann ich ausgeglichen werde«, sagte ich kalt. »Vielleicht haben Sie Glück.« Er versuchte, mir Mut zu machen. »Vielleicht werden Sie sehr alt. Schließlich muß es einige Widersprüchlichkeiten geben, wie sonst sollten wir wissen, daß
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es parallele Welten gibt? Wenn sie alle mit dieser Welt identisch wären, würden sie diese Welt.« Wir diskutierten diese Frage eine Weile, und schließlich erklärte ich mich bereit, an diesem Nachmittag mit einer Reise zu Welt minus 8 weiterzumachen. Ich gab nicht gleich nach. Gegen meine eigene Überzeugung ließ ich Stratton hart darum kämpfen. Natürlich verbrachte ich den Rest dieses Vormittages in mageneinschnürender Erwartung. Natürlich hatte sich das Bild Susannas in mein Gehirn gebrannt, als ich nach einer anscheinend widerwilligen Zustimmung zu Strattons Plänen von der Station fortfuhr. Ich war wieder verliebt, verliebt in das Leben, verliebt in die Liebe, ein Junge, der vor seiner ersten Verabredung die Zeiger der Uhr vorschieben möchte. Als ich den Wagen den schmalen Weg hinab nach Falcombe lenkte, waren Bascus und seine Untersuchungen aus meinem Bewußtsein verdrängt. Ich hatte aber trotzdem einen Rest Vernunft bewahrt; also parkte ich den Wagen auf dem Pier und ging ins Waterman’s Arms zum Lunch. Ich sah den Jungen wieder vom Vorderdeck meiner Hausyacht fischen und machte mir nicht einmal die Mühe, ihn anzuschreien. Ich wollte unauffällig bleiben, bis es Zeit wurde, zur Starfish Bay zu fahren. Das Restaurant des Waterman’s Arms ist ein kleiner Raum in imitiertem Tudor-Stil, mit viel Messing und Eichenbalken und, in einer Ecke, einem bemerkenswerten 3-V Mobile. Letzterer Einrichtungsgegenstand, den überzeugensten seiner Art, den ich jemals gesehen habe, muß den Eigentümer ein Vermögen gekostet haben. Es besteht aus einem imitierten (oder auch echten, wer kann das wissen?) Eichentisch und vier Stühlen im antiken Stil, und die Wand im Hintergrund geht ohne sichtbaren Bruch in die wirkliche Wand über. Auf dem Tisch ist ein gewaltiges Mahl aufgefahren, in Befolgung der Vorstellung, daß im sechzehnten Jahrhundert oder so der Appetit der Menschen grenzenlos war. Oder es gab eine zahlreiche
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Dienerschaft, die alles, was übrigblieb, vertilgte. Da ist ein Eberkopf mit einem Apfel in der Schnauze, schön glasiert. Da sind gebratene Fasane, Schinken, Schweine- und Rinderbraten und Berge von Gemüse in allen Farben, die ich nicht einmal beim Namen kenne. Die Bestecke sind aus Silber und die mit rubinrotem Wein gefüllten Gläser aus geschliffenem Kristall. Auf den vier Stühlen sitzen vier handfeste Elisabethanische Typen, trinkend und essend und lachend und rülpsend, doch alles gedämpft, um die wirklichen Esser nicht zu stören. Tag für Tag machen sie ihre Vorführung und verleihen dem Raum Atmosphäre. Irgendwann tritt auch ein Minnesänger auf, zupft die Saiten seines Instruments und singt ein traditionelles Lied jener Tage. Ich finde das Ganze ein wenig übertrieben. Es mag recht gut für Touristen sein, die es nur einmal auf der Durchreise sehen, doch ich esse häufig im Waterman’s, wenn ich von dem Menü des Falcombe Hotels die Nase voll habe, und kenne das Programm inzwischen auswendig, bis auf den letzten Rülpser. Einmal habe ich Wilfred, den Barmann, gefragt, wie lange die Show dauere, und er sagte, vier Stunden, das heißt, genau so lange wie die abendliche Dinnerzeit. Das heißt, vier Schauspieler mußten sich hingesetzt und vier Stunden lang getafelt haben, während die 3-V Kameras liefen… Ich saß mit dem Rücken zu dem Stereomobile, und die Kellnerin brachte mir die Karte. Sie war ein hübsches Mädchen mit dunklen Augen, die lächelten, aber ich brauchte keine hübschen Mädchen. Ich war nicht einmal sicher, ob ich Essen brauchte. Alles, was ich brauchte, war ein ruhiger Ort, wo ich sitzen und mich auf den Nachmittag freuen konnte – und hoffen, nicht enttäuscht zu werden. Weil die Susanna, die ich in Welt minus 8 treffen mochte, mich nie kennengelernt hatte. Und wenn doch, würde sie mich nicht wiedererkennen, weil ich wieder getarnt war. Aber ich konnte ihr schließlich sagen, wer ich sei, und sie würde das verstehen, weil sie bei der Forschungsstation von Welt minus 8 arbeitete. Und dann, viel-
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leicht… Ich wußte es nicht. Ich konnte mir nicht vorstellen, was dann geschehen würde. Vielleicht mochte sie mich nicht. Pablo und Dick saßen mir gegenüber und blickten mich seltsam an. »Oh, hallo ihr beiden.« »Das ist doch nett von ihm, findest du nicht auch, Dick? Der Bastard spricht mit uns. Jesus, eine Weile dachte ich, er sei ein anderes Mobile, das diese Kneipe gekauft hat. Obwohl keineswegs ein so malerisches wie das in der Ecke.« »Tut mir leid. Ich habe nachgedacht. Habe euch nicht gehört.« Die Kellnerin brachte ihnen die Karte und wir bestellten. Sie verschwand mit einem Wehen ihres kurzen Rocks, gefolgt von Pablos anerkennenden Blicken. »Gut«, sagte er dann. »Wie siehst du die Dinge, John?« Ich mußte mich daran erinnern, daß er von dem Mord sprach. »Ich habe heute vormittag mit Copwright gesprochen«, sagte ich. »Es scheint, daß viel vom genauen Zeitpunkt des Todes abhängt.« »Oh, den kennen sie jetzt. Bascus hat ihn uns genannt. Vier Uhr dreißig.« »Bascus hat euch das gesagt?« Er war wirklich großzügig mit Informationen für einen Cop, dachte ich. »Vier Uhr dreißig?… Damit bin ich aus dem Rennen.« »Versuche uns nichts vorzumachen, John. Bascus hat mich gebeten, dir etwas auszurichten. Er will heute nachmittag mit dir sprechen.« »Heute nachmittag? Dieser verdammte Bascus. Ich bin heute nachmittag beschäftigt.« Die Suppe wurde gebracht, dampfend heiß. Pablo probierte sie vorsichtig. »Was sollen wir ihm sagen?« »Das, was ich dir gerade gesagt habe. Sage ihm, daß ich beschäftigt bin.«
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Dick blickte an mir vorbei. »Vielleicht sollten Sie ihm das selbst sagen, John.« Ich wandte mich um. Bascus stand im Eingang des Restaurants und blickte umher. Er sah uns und kam auf uns zu. Wir saßen zu dritt an einem Tisch für vier Personen. Er setzte sich zu uns und lächelte. Es war nicht allzu schlecht gelaufen, überlegte ich, als das Hover-Car über den schmalen Weg zur Starfish Bay hinabglitt. Bascus war sehr vernünftig gewesen und hatte mich nicht zu sehr wegen meines mysteriösen nachmittäglichen Vorhabens bedrängt. »Kommen Sie dann später ins Hotel«, hatte er gesagt. »Und, Mr. Maine… lassen Sie mich immer wissen, wo Sie sich aufhalten, damit wir in Verbindung bleiben können. Ich wollte heute vormittag mit ihnen reden, aber Sie waren ausgegangen.« Danach hatte er das Thema völlig fallenlassen, und Dick und Pablo begannen über Boote zu sprechen – ein Thema über das Bascus erstaunlich gut informiert war. Es war ein heller, sonniger Herbsttag, und es lag sogar eine leichte Staubschicht auf dem Weg, die zu einer schimmernden Wolke aufgewirbelt wurde, als ich mit der Geschwindigkeit herunterging, um den Wagen durch eine Lücke in der Hecke zu lenken. Dann war ich auf dem Gras und fuhr auf die beiden Bäume zu, hinter denen die Bucht wie ein Bassin reflektierten Sonnenlichts lag. Als ich auf dem umgestürzten Baumstamm saß und über die weiche Holzkohle strich, die der Blitzschlag zurückgelassen hatte, dachte ich über das heutige Experiment nach. Es war das erste Mal, daß ich oder ein anderer Mensch in die Vergangenheit reisen würde, obwohl Stratton ein paar Tiere in Minus-Welten geschickt und auch wieder zurückgeholt hatte. Wie um mich daran zu erinnern, hoppelte ein kleines, graues Kaninchen unter dem Baumstamm hervor, setzte sich und beobachtete mich. Es
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war sehr zutraulich. Ich streckte die Hand nach ihm aus, und erst im letzten Moment bewegte es sich, wandte sich ungeschickt um und hoppelte taumelnd fort. Seine Bewegungen waren lethargisch und sein Kopf von Myxomatose verschwollen. Ich fragte mich, von welcher Welt die Krankheit übertragen worden war. Ich warf einen Blick auf meine Uhr und sah, daß es zwei Uhr dreißig war; fast im gleichen Augenblick erfolgte dieses abrupte, undefinierbare Zucken der Szenerie, die eine Verschiebung signalisierte. Ich war in der Vergangenheit… Irgend etwas stimmte nicht. Ich konnte nicht über den Kreis meiner Welt hinausblicken; es war, als ob sie von einer nebulösen, grauen Wand umgeben wäre. Ich blickte nach oben; die Blätter des stehengebliebenen Baumes verschwanden abrupt in dem Grau. Es war, als ob ich in einem Zylinder der Realität säße, umgeben von wirbelnden, ungeformten Träumen. Ich hatte Angst. Ich stand auf, trat auf das Grau zu und versuchte, es mit meinen Blicken zu durchdringen. Es verschob sich ein wenig, wie Nebel. Der Teil, vor dem ich stand, kam mir ein wenig fester vor als die anderen. Wie Nebel… Ich lachte leise, amüsiert von meiner eigenen Dummheit. Es war eine Nebelbank, die auf Welt minus 8 von der See her heranrollte – eine zu dieser Jahreszeit alles andere als seltene Erscheinung. Ich streckte meine Hand aus. Als meine Fingerspitzen den Nebel berührten, erkannte ich eine feste Form in dem Grau, dann hörte ich lautes Knistern, sah einen grellen Lichtblitz und wurde rücklings ins Gras geschleudert; unerträglicher Schmerz brannte in meiner Hand. Verkrampft und zitternd steckte ich die Hand in meine Achselhöhle, dann übergab ich mich, und das Übergeben war ein Vergnügen, weil es einen winzigen Teil meines Bewußtseins von dem furchtbaren Schmerz löste, der jetzt den rechten Arm heraufkroch…
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Später war ich in der Lage, meine rechte Hand zu untersuchen. Die oberen Glieder von Zeige- und Mittelfinger waren fort; aus den Stümpfen strömte Blut. Der Schmerz war unerträglich; mühsam fummelte ich mit der linken Hand mein Taschentuch aus der Tasche. Um mich herum wirbelte die graue Wand. Und ich würde erst in drei Stunden zurückgeholt werden.
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9 DURCHHALTEN GEHÖRT NICHT zu meinen Stärken. Ich bin einmal in Wixmouth in ein 3-V Spezialitäten-Theater gegangen, das Torturama. Hinterher wünschte ich, daß ich es nicht getan hätte. Der Film befaßte sich mit einem historischen Zwischenfall aus dem Zweiten Weltkrieg – der bildende Aspekt, der durch Geschichte vermittelt werden soll, wird oft mißbraucht, um die grausamsten Filme zu rechtfertigen – wo die Geheimpolizei dabei ist, Informationen aus einem Gefangenen zu pressen. Die Art der Informationen, um die es ging, war nebensächlich. Solche Trivialitäten wurden im Espiona am Ende der Straße abgehandelt. Es war die Verhörmethode, die die Zuschauer gefangen hielt und mich kotzend den Gang entlang in die frische Normalität der Nacht hetzte. Das Mädchen, das ich mitgenommen hatte, blieb auf ihrem Platz sitzen… Falls ich jemals verhört werden sollte, würde ich alles sagen, was ich wußte, von Anfang an, und zum Teufel mit meinem Vaterland. Ich wußte, daß ich früher oder später zusammenbrechen würde, warum sollte ich also nicht zusammenbrechen, bevor sie mit dem Brandeisen anfingen? Ich habe Angst vor körperlichen Schmerzen. Und jetzt lag ich in Agonie auf dem Boden und hatte zwei Fingerkuppen verloren, weil ich mich in ein idiotisches Experiment hatte hineinziehen lassen. Ich hatte es geschafft, das Taschentuch fest um die Fingerspitzen zu knoten und mit dem Schreien aufzuhören, weil es nichts einbrachte. Ich wand mich stöhnend am Boden, starrte die graue Wand an und wußte, daß es fast drei Stunden dauern würde, bevor ich Hilfe bekommen konnte. Ich verfluchte Stratton und verfluchte Copwright und nach einer kurzen Pause, weil ich mich wieder übergeben mußte, verfluchte ich auch Bascus. Ein lethargisches Kaninchen beobachtete mich mit verschwollenen Augen, und ich verfluchte es ebenfalls, weil ich wußte, daß es bald sterben würde und große Schmerzen litt und deshalb den Effekt meines Selbstmitleids verwässerte, weil ich nicht sterben
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würde. Ich mußte stundenlang die furchtbarsten Schmerzen ertragen, bevor ich in ein Krankenhaus gehen konnte. Dann verblaßte das Kaninchen, und ich bin wohl bewußtlos geworden. Als ich wieder zu mir kam, war der Nebel verschwunden, und ich konnte meinen Wagen sehen, und es war eine Menge Blut im Gras. Ich fühlte mich sehr schwach, so schwach, daß mir schwindlig wurde, als ich aufzustehen versuchte und mich wieder auf dem Boden fand… Nach einer Periode des Halbbewußtseins von unbestimmter Dauer dachte ich wieder an den Wagen – und an Stratton. Der Wagen war unendlich weit entfernt – ganze zwanzig Yards – und ich begann mühsam auf ihn zuzukriechen, Zoll für Zoll. Ich fragte mich, warum Stratton nicht hergekommen war, um festzustellen, was schiefgegangen war. Ich hätte inzwischen doch in der Station sein müssen, um ihm zu berichten. Ich blickte auf meine Uhr: Viertel nach sechs. Dann lag ich still, mit wirbelndem Kopf, halb innerhalb, halb außerhalb des Zeitkreises. Dann kam mir ein Gedanke, der mich sofort weitertrieb. Wenn Stratton nicht von mir hörte, mochte er annehmen, daß ich auf Welt minus 8 aufgehalten worden war und nicht zum ausgemachten Termin im Zeitkreis sein konnte. Also würde er die Matrize wieder einschalten, um mir eine zweite Chance zu geben. Und mich dabei mitten durchteilen, wenn ich an dieser Stelle bliebe. Kurz darauf öffnete ich mit meiner unverletzten Hand die Wagentür, kroch auf die Sitze und fummelte auf dem Bauch liegend nach dem Visiphon. Strattons Gesicht erschien; er wirkte gleichzeitig verärgert und erleichtert. »Was, zum Teufel, ist passiert? Gerade wollte ich die Matrize noch einmal… Mein Gott, wie sehen Sie aus? Warum liegen Sie auf dem Bauch?« »Kommen Sie sofort heraus, Sie Arschloch«, stieß ich hervor und schaltete ab.
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Ich nehme an, daß ich wieder bewußtlos geworden bin, denn später war es dunkel, und ich fühlte Hände an meinem Körper. »Der Bastard blutet wie ein Schwein«, sagte Strattons Stimme. »Hören Sie, Sir, ich werde seinen Wagen zurückbringen.« Das war Copwright. »Wir wollen ihn in Ihren Wagen bringen, dann können Sie ihn ins Krankenhaus schaffen. Ich rufe gleich dort an, damit sie ihn erwarten und Blutkonserven bereitstellen.« »Das klingt vernünftig.« Wieder spürte ich Hände; ich fühlte, daß ich getragen wurde. Dann heulte eine Turbine, das Hover Car schwankte leicht und hob sich, und wir waren unterwegs. Ich wußte, daß wir im Krankenhaus waren, weil plötzlich helle Lampen schienen und die Schmerzen nachließen: Irgend jemand mußte mir etwas injiziert haben. Ich öffnete die Augen und blickte zur Decke empor. Dann schob sich ein Männergesicht in mein Blickfeld. »Wie fühlen Sie sich?« fragte der Arzt. »Besser.« »Sie haben viel Blut verloren, wissen Sie. Ich gebe Ihnen lieber eine Vollnarkose, wenn ich Ihre Wunden untersuche und vernähe. Wenn es Ihnen recht ist.« Ich nickte matt. Ich fühlte einen Stich, und ein feiner Flüssigkeitsstrahl floß in meinen Arm. Dann verlor ich das Bewußtsein. Das Gesicht des Arztes war alt und faltig und gütig gewesen, und ich nahm es mit mir ins Vergessen; doch als ich erwachte, hatte ein Austausch stattgefunden. Das Gesicht, das jetzt auf mich herabblickte, war weiblich und jung und sehr hübsch, mit braunem, knapp schulterlangem Haar, einer Stupsnase und großen, braunen Augen, alles gekrönt von einer lächerlichen weißen Schwesternhaube, die wie Schlagsahne auf einem Kuchen wirkte, beleuchtet von der Morgensonne, die durch das Fenster schien. Diese herrliche Vision machte ein verwundertes Gesicht. »Was, um alles in der Welt, haben Sie in Ihrem Gesicht?«
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Ich war noch nicht ganz bei Bewußtsein, nicht völlig da, denn ich sagte: »Hallo, Marianne.« »Woher wissen Sie meinen Namen? Ich kenne Sie nicht, oder? Es ist schwer zu sagen, mit all dem Zeug auf Ihrem Gesicht.« Ein Schwamm erschien vor mir. »Ich werde Sie mal ein wenig säubern.« Jetzt war ich wieder völlig klar und wußte, daß Stratton meine Tarnung nicht entfernt hatte, bevor er mich herbrachte. Schwester Marianne Peters schrubbte eine Weile an mir herum, dann trat sie zurück, um das Resultat ihrer Arbeit zu betrachten. »Natürlich«, sagte sie. »Sie sind der Manager des Falcombe Hotels, Mr. Maine. Ich habe sie häufig in der Bar gesehen. Ich wußte allerdings nicht, daß Sie meinen Namen kennen. Das finde ich sehr schmeichelhaft. Obwohl ich mir vorstelle, daß Sie Wert darauf legen, die Namen aller Gäste zu kennen.« »Nur der hübschen«, sagte ich automatisch. Susanna hätte so etwas nicht erschüttert, doch Marianne errötete leicht, was ich recht attraktiv fand. Krankenschwestern sollen da angeblich recht dickfellig sein. »Wozu die Maskierung?« fragte sie hastig. »Bekommen Sie zu viele Beschwerden im Hotel?« Es war peinlich, daß sie die Reste von Strattons lächerlicher Tarnung als das erkannte, was es war. »Liebhabertheater«, sagte ich vage. »Ich war auf dem Weg zu einer Probe.« »Was ist passiert?« »Ich kann mich nicht genau erinnern. Ich war lange bewußtlos. Ich vermute, ich habe meine Finger in die Wagentür eingeklemmt und bin sofort bewußtlos geworden. Ich weiß nur, daß ich den Wagen gestoppt habe, und dann bin ich hier aufgewacht.« Sie blickte mich mitfühlend an. »Sie…« Sie zögerte. »Sie haben die vorderen Glieder von zwei Fingern verloren, wissen Sie.«
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»Ich werde schon ohne sie zurechtkommen.« Ich fühlte mich von Minute zu Minute besser, doch ich wollte nicht, daß sie ging. Noch nicht. Ich wollte lieber mit ihr sprechen als mit Bascus, und ich hatte das Gefühl, daß ich Besuchern ausgesetzt sein würde, wenn sie gegangen war. »Wie lange muß ich hierbleiben?« fragte ich hoffnungsvoll. »Ich denke, daß wir Sie heute nachmittag entlassen können.« »Wie? Verdammt, Marianne, ich bin krank! Ich habe gerade eine ernste Operation hinter mir. Ich habe viel Blut verloren! Es muß doch eine Rekonvaleszenzperiode geben!« Sie lächelte. »Sie haben im 3-V zu viele geschichtliche Filme gesehen, Mr. Maine. Das gehört alles der Vergangenheit an. Sie haben die Nacht hier verbracht, und Ihr Blut ist ergänzt worden. Das Anästhetikum hat keinerlei Nachwirkungen. Sie haben eine Anti-Schock-Spritze erhalten. Ihre Wunden sind mit einem Versiegelungsmittel behandelt worden. Ihre Kleidung liegt dort auf dem Stuhl.« »Sie können mich John nennen«, sagte ich matt, »wenn Sie mich innerhalb der nächsten Stunde ansprechen. Um welche Zeit machen Sie Schluß?« »Um vier.« Eine andere Krankenschwester kam herein und flüsterte etwas, und die Stimmung zerbrach; Marianne lächelte zwar noch immer, doch es war ein professionelles Lächeln. »Da ist Besuch für Sie«, sagte sie fröhlich, als ob wir nicht auf dem besten Weg gewesen waren, Freunde zu werden. »Dr. Stratton.« Ich seufzte. Das ist das Schlimme bei Krankenschwestern. Sie werden dafür bezahlt, zu allen Menschen freundlich zu sein. Das Ego fühlt sich geschmeichelt, nur um festzustellen, daß auch dem Ego jedes anderen Patienten geschmeichelt wird. Stratton trat herein. »Würden Sie uns bitte allein lassen, Schwester?« sagte er, und sie ging. Er setzte sich schwer auf die Bettkante. »Wie fühlen Sie sich?«
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»Einigermaßen.« »Würden Sie mir sagen, was passiert ist?« Ich beschrieb es in allen Einzelheiten: die graue Wand außerhalb des Zylinders der Realität, den Blitzschlag in meine Fingerspitzen, den Schmerz, das Bluten, das Warten. Er hörte mir zu, ohne seinen Gesichtsausdruck zu verändern, und bestimmt ohne Mitgefühl. »Nur ein grauer Nebel? Sonst nichts?« fragte er, als ich zu Ende gekommen war. Ich überlegte, dann erinnerte ich mich. »Er schien… sich irgendwie zu verfestigen, gerade bevor ich ihn berührte.« Ich verzog das Gesicht, als ich wieder den entsetzlichen Schmerz spürte. »Warum haben Sie ihn berührt?« fragte er. »Das war dumm von Ihnen.« »Warum ich ihn berührt habe?« Ich spürte eine langsame Wut in mir aufsteigen. »Verdammt, Stratton, ich habe versucht, Ihr Experiment durchzuführen! Sie haben mir versichert, daß es absolut sicher sei. Sie hätten Kaninchen in die Vergangenheit geschickt, haben Sie behauptet. Ich glaubte, es sei normaler Nebel auf Welt minus 8. Mein Gott, ich habe Glück gehabt, nur meine Fingerspitzen zu verlieren. Ich hätte auch mit einem Schritt ganz in den Nebel treten können. Was wäre dann wohl passiert?« »Sie kennen die Antwort darauf bereits. Denken Sie an Susanna.« Und plötzlich fiel es mir ein. Der nieselnde Regen; ich, noch uneingeweiht, biete ihr an, sie zur Stadt mitzunehmen. Ihre Ablehnung, und das plötzliche Erscheinen ihrer Doppelgängerin, einer ziellos, zögernd näherkommenden Gestalt… Stratton hatte recht. Ich kannte die Antwort. »Mein Doppelgänger in Welt minus 8 ist am Leben«, sagte ich langsam. »Deshalb konnte ich nicht über die Grenze des Kreises
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hinausblicken. Und als ich meine Hand in diese Welt streckte, war er gezwungen, auf der anderen Seite der Wand zu erscheinen und seine Hand nach mir auszustrecken. Und der Teil von mir, der sich in seiner Welt befand, meine Fingerspitzen, konnten dort nicht existieren, weil sie bereits an der Hand meines Doppelgängers existierten. Also trafen sich unsere Fingerspitzen und löschten sich gegenseitig aus und hörten auf zu sein…« Stratton lächelte grimmig. »Und wie Sie sagten: Wären Sie vielleicht ganz in den Nebel getreten… Es gibt etwas, das Sie lernen müssen, Maine. Wir experimentieren in einem völlig unbekannten Gebiet. Wir wissen nicht, was zu erwarten ist. Wenn also irgend etwas Außergewöhnliches geschieht, tun Sie nichts, sondern denken Sie nach. Versuchen Sie, das Phänomen zu begreifen und die Konsequenzen zu ermitteln. Und wenn irgendwelche Zweifel zurückbleiben, tun Sie nichts. Warten Sie, bis Sie zurückgeholt werden.« »Wer, zum Teufel, sagt Ihnen, daß ich es noch einmal versuchen werde?« »Bascus wird Sie heute nachmittag sprechen wollen. Morgen also. Wir werden nicht so weit zurückgehen wie gestern. Vielleicht sollten wir Welt minus 2 versuchen. Sie sind völlig sicher. Wenn Sie aus dem Kreis hinaussehen können, können Sie ihn auch verlassen. So einfach ist das.« »Gott verdamme Sie, Stratton«, murmelte ich. »Guten Tag, Mr. Maine. Ich habe von Ihrem Unfall gehört. Tut mir leid. Aber jetzt ist alles wieder in Ordnung, nehme ich an?« Wir waren wieder in Mellors Zimmer. »Ein paar Fingerglieder fehlen, das ist alles.« Bascus lächelte. Er sah enorm fit und aktiv aus. Trotz all meiner Vorsätze spürte ich, daß der Mann mich wieder zu dominieren begann. »Wenn die Wunde etwas verheilt ist, werden sie sicher eine Verpflanzung durchführen«, sagte er mit
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kraftvoller Stimme. »Ich habe gehört, Sie haben die Hand in der Tür ihres Hover-Car eingeklemmt. Wirklich Pech. Haben sie irgend etwas retten können?« Er meinte meine Fingerspitzen. Ich versuchte, nicht daran zu denken, aber das war es, was er meinte. »Was kann ich für Sie tun, Inspektor?« fragte ich. »Oh, ich wollte Sie nur auf dem Laufenden halten. Was meine Nachforschungen betrifft, meine ich.« Das war typisch Bascus; inzwischen kannte ich seine Taktik. Er würde mir alles sagen, was ich wissen wollte, und während des Gesprächs sollte mir irgend etwas herausrutschen… Ich riß mich zusammen. Ich wußte nichts, das mir herausrutschen konnte. Ich war unschuldig, verdammt. Es klopfte, und Pablo trat herein, gefolgt von Dick. Nach einer kurzen Pause, während der wir einander schweigend anblickten, kamen auch Dorinda und Copwright herein. Noch immer sprach niemand. Wir waren alle nervös; dies sah wie die klassische Demaskierungsszene aus. Bascus stand noch immer, den Rücken zum Fenster. »Ich habe Sie heute nachmittag zu einer Diskussion hergebeten, in der Hoffnung, daß es uns gemeinsam gelingt, etwas Licht in den Mord an Mr. Wallace Mellors zu bringen. Ich möchte Ihnen allen danken, daß Sie Ihre Zeit opfern, um mir dabei zu helfen.« Er lächelte ohne jeden Sarkasmus. »Wie Sie inzwischen sicher bemerkt haben, ist es meine Art, ganz offen und ehrlich zu sein, und ich hoffe, daß Sie es auch so halten werden. Ich bin dessen sicher. Als erstes möchte ich mit Ihnen den Zeitplan dieses verhängnisvollen Nachmittags durchgehen.« Ich blickte Dorinda an; ihr Gesicht war ausdruckslos. Sie trug ein zweiteiliges Kostüm; es war offensichtlich teuer gewesen, doch selbst seine Eleganz schaffte es nicht, ihre negative Persönlichkeit anzuheben. Irgendwie merkte man gar nicht, daß sie da war. Sie trug keine Trauer. Ich fragte mich, wie sie den Tod ihres Mannes verarbeitete. Ich wußte, daß ich mich das immer fragen würde.
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Bascus fuhr fort: »Am frühen Nachmittag, gegen halb drei, hat Mr. Copwright gebeten, mit Mr. Mellors sprechen zu dürfen. Die Rezeptionistin hat in seinem Zimmer angerufen und Mr. Copwright auf Mr. Mellors Anweisung hin gesagt, er solle hinaufgehen. Mr. Copwright tat es, und in der Zeit zwischen seiner Ankunft und etwa Viertel nach drei, als die Rezeptionistin ihn hinausgehen sah, fand zwischen ihm und Mr. Mellors ein erregter Wortwechsel statt. Dies wurde von einem Zimmermädchen berichtet. Ihr Name ist…« – er warf einen Blick in sein Notizbuch – »Annie Jones. Stimmt das, Mr. Copwright?« Alan wirkte betroffen. »Ja, aber…« »Das ist alles, was ich wissen wollte. Die Gründe für den Streit haben Sie mir bereits genannt, und ich habe auch mit Zeugen gesprochen, die aussagten, daß Sie kurz darauf zur Forschungsstation zurückgefahren seien. Ich wollte von Ihnen lediglich die Zeitangaben bestätigt haben.« »Die Zeiten stimmen«, sagte Copwright düster. »Ich danke Ihnen. Die nächsten Besucher Mr. Mellors’, die ebenfalls von der Rezeptionistin angemeldet wurden, waren Mr. Charles Blakesley und Mr. Richard Orchard.« Ich habe mich oft gefragt, wie Pablo zu seinem Spitznamen gekommen war. Vielleicht war er ihm aus einer Laune heraus von einem Freund angehängt worden, weil der Name Charles überhaupt nicht zu seinem Aussehen und seiner Persönlichkeit paßte. Aber ich bin sicher, wenn ich ihn immer als Charles gekannt hätte, würde der Name zu ihm passen. Namen beschwören unvermeidlicherweise bestimmte Vorstellungen herauf – für mich kann kein anderes Mädchen erfolgreich den Namen Susanna tragen. Pablo ist Pablo, und auf seine Weise ist er genauso einmalig. Jetzt sah er bedrückt aus, wie er da vorgebeugt auf seinem Stuhl saß; aber er sah nicht wie ein Mörder aus. Keiner von uns sah so aus. »Das muß gegen drei Uhr dreißig gewesen sein«, fuhr Bascus fort. »Nachdem auch sie den hier anscheinend üblichen lautstarken Disput geführt hatten, verließen diese beiden
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Gentlemen das Zimmer etwa um vier Uhr, ein Zeitpunkt, der von der Rezeptionistin nicht belegt werden kann. Da sie in diesem Hotel wohnen, sind sie direkt auf ihre Zimmer gegangen. Stimmt’s?« »Das stimmt«, sagte Dick. »Wir hatten nach dieser Auseinandersetzung eine Menge zu besprechen«, setzte Pablo hinzu. »Auch hier wollen wir uns nicht mit den Gründen für diesen Disput aufhalten. Über Motive mache ich mir keine Sorgen. Wo immer ich auch hinsehe, entdecke ich welche. Nun, wie ich eben sagte, kann die Rezeptionistin nicht bezeugen, wann Sie beide Mr. Mellors’ Zimmer verlassen haben, aber Ihre Aussage wird von Mrs. Mellors bestätigt, die ihren Mann gegen vier Uhr fünfzehn in seinem Zimmer aufsuchte. Sie fand ihn schlafend.« Bascus lächelte kalt. »Zweifellos erschöpft von einem schwierigen Nachmittag.« Dorinda nickte. Ihre Augen waren ohne Ausdruck. »Dann, gegen sechs Uhr dreißig, hat Mr. Maine Mr. Mellors tot aufgefunden. Fast gleichzeitig kam Mrs. Mellors ein zweites Mal herein.« Ich stimmte zu. Dorinda stimmte zu. Bascus machte eine kurze Pause, dann sagte er: »Der Zeitpunkt des Todes ist auf vier Uhr dreißig festgelegt worden, mit leichten Toleranzen nach beiden Seiten. Bei flüchtigem Hinsehen, und wenn jeder die Wahrheit gesagt hat, läßt Sie das alle vom Haken, nicht wahr? Nicht wahr?« Er blickte uns der Reihe nach fragend an. Ich denke, daß wir alle nickten; ich jedenfalls tat es. »Das ist aber nicht der Fall.« Seine Stimme klang jetzt drohend. »Es läßt niemand vom Haken, außer vielleicht Mr. Copwright, und auch dessen Alibi messe ich keinen allzu großen Wert bei. Blakeley und Orchard sagen füreinander aus, und ich gebe dafür keinen roten Penny, weil sie beide einen guten Grund hatten, Mellors zu töten. Jeder der beiden hätte um vier Uhr dreißig sein Zimmer verlassen und die Sache durchführen
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können.« Er sprach jetzt ziemlich schnell. Er war sehr verändert. Er hatte die Höflichkeit und die Misters fallengelassen. »Maine sagt, er sei nicht vor sechs Uhr dreißig ins Hotel gekommen. Aber er ist der Manager hier und ich bin sicher, daß er ein- und ausgehen kann, ohne gesehen zu werden. Mrs. Mellors… Nun, sie hat niemand, der ihre Aussage bestätigen kann, niemand.« Er starrte Dorinda an. »Was haben Sie dazu zu sagen, Mrs. Mellors?« Dorinda erwiderte seinen Blick ruhig und fest. »Ich würde sagen, daß Sie in Gefahr sind, sich eine Verleumdungsklage einzuhandeln, Inspektor Bascus.« Bascus seufzte. »Wie wahr. Das kommt davon, wenn man offen und ehrlich ist. Ein Jammer: eingeengt von denselben Gesetzen, die ich durchzusetzen versuche. Werden Sie Klage gegen mich erheben, Mrs. Mellors?« Doch Dorindas kämpferischer Augenblick war bereits vorüber. Sie senkte den Kopf und wurde rot. Bascus fuhr fort: »Ich denke, daß ich Ihnen alles gesagt habe, was ich bis jetzt weiß.« Seine Stimme klang wieder normal: vernünftig, vertrauensvoll, überzeugend. »Und ich hatte einen bestimmten Grund, es Ihnen zu sagen. Ich nehme an, daß Sie alles untereinander besprechen werden, und ich nehme an, daß einer von Ihnen möglicherweise ein Mörder ist, und daß Sie alle Angst haben. Ich kann Sie nicht alle festnehmen, muß Sie jedoch bitten, mich ständig darüber zu informieren, wo ich Sie jeweils erreichen kann. Bleiben Sie in der Nähe, wenn es sich einrichten läßt. Und reden Sie über die Sache. Vielleicht fällt Ihnen dabei etwas ein. Und wenn, werden Sie es mich sicher wissen lassen. Schließlich könnte unser Mörder auch jemand anders sein, jemand, der mit dieser Gruppe nicht das geringste zu tun hat. Aber Sie sind die Menschen, die Motive für einen Mord haben.«
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Ich stellte fest, daß ich Dorinda anblickte und mich fragte, was für ein Motiv sie gehabt haben könnte, oder ob die Polizei die Frau eines toten, reichen Mannes automatisch verdächtigte. »Also bleiben Sie in Verbindung, ja?« schloß Bascus. »Sie können jetzt alle gehen.« »Oh… das heißt, alle außer Ihnen, Mr. Maine.«
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10 »MACHEN SIE SICH KEINE SORGEN, Mr. Maine. Dies ist keine dramatische Anschuldigung. Ich möchte Sie lediglich bei einer kleinen Sache um Ihre Hilfe bitten.« »Selbstverständlich.« »Gut. Vielleicht kommen Sie jetzt mit mir auf den Korridor. Ich möchte Ihnen etwas zeigen.« Ich war froh, den Raum verlassen zu können, in dem Mellors gestorben war. Ich hatte den Verdacht, daß Bascus dieses Zimmer ganz bewußt für seine Vernehmungen gewählt hatte, um die Verdächtigen möglichst stark zu verunsichern. Und so weit es mich betraf, war er damit auch recht erfolgreich. Er führte mich den Korridor entlang und blieb vor der letzten Tür stehen. »Was für ein Raum ist dies, Mr. Maine?« »Die Wäschekammer.« »Würden Sie bitte öffnen?« Ich zog mein Schlüsselbund aus der Tasche und schloß auf. Der Raum wirkte recht harmlos: Regale mit Stapeln frischer Bettwäsche, eine Anzahl von Eimern, ein paar Besen, das übliche. »Danke«, sagte Bascus. »Sie können die Tür jetzt schließen. Was ist das dort?« Er deutete auf die Luke. Ich schloß sie auf. Hinter ihr lag der kleine Aufzug, den das Personal benutzt, um Mahlzeiten, Getränke und andere Dinge zu den Etagenkellnern hinauf zuschicken. Er ist eine einfache Holzplattform, etwa drei Fuß im Quadrat, die von unten aus über einen einfachen Flaschenzug bewegt werden kann. Das erspart den Kellnern, schwere Tabletts die Treppen hinaufschleppen zu müssen; er wird auch von den Zimmermädchen benutzt, um morgens die benutzte Bettwäsche nach unten zu schaffen. Natürlich interessierte Bascus sich für ihn, denn theoretisch stellte der Aufzug die einzige Möglichkeit dar, die an diesem Korridor
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liegenden Zimmer zu erreichen, vorbeigehen zu müssen.
ohne
an
der
Rezeption
»Sagen Sie mir«, fragte er. »Warum sind Sie noch immer im Besitz der Schlüssel?« »Was meinen Sie mit noch immer? Ich bin nach wie vor der Manager hier.« Seine Stimme nahm wieder den harten Ton an. »Soweit ich informiert bin, hat Mr. Mellors Sie kurz vor seinem Tod gefeuert. Stimmt das etwa nicht, Mr. Maine?« »Nein, das stimmt nicht«, erwiderte ich erregt. »Wir hatten eine Auseinandersetzung, und ihm… mißfiel der Standpunkt, den ich einnahm. Doch er hat mich nicht entlassen. Ich habe kein Kündigungsschreiben erhalten.« »Und Sie haben sich wohlweislich eine Weile nicht im Hotel blicken lassen, damit Mr. Mellors keine Gelegenheit hatte, Sie persönlich zu entlassen. Nachdem Sie, wie von mehreren Menschen bezeugt wurde, eine harte Auseinandersetzung mit Mr. Mellors gehabt hatten, sind Sie fast drei Tage lang nicht zum Dienst erschienen, bis sechs Uhr dreißig am Nachmittag des Mordtages. Ich nehme an, daß Sie Ihre Zeit in, sagen wir, dumpfem Haß und mit Trinken verbracht haben. Ich nehme sogar an, daß Sie an jenem Nachmittag wirklich zur Starfish Bay gefahren sind, wie Sie es behauptet haben, dort die Flasche leerten, die Sie mitgebracht hatten, und meditierten. Ich nehme an, daß Sie anschließend, gegen vier Uhr, wenn die Schicht wechselt, und häufig eine halbe Stunde lang niemand in der Küche ist, ins Hotel zurückgekehrt sind. Ich nehme an, daß Sie sich dann mit diesem Lift heraufgezogen und hier im Wäscheraum gewartet haben, bis Mellors allein war, ungesehen sein Zimmer betreten und ihn getötet haben, und anschließend das Hotel auf demselben Weg wieder verließen.« »Und ich nehme an, daß Sie sich noch erinnern, was Mrs. Mellors über Verleumdung gesagt hat.«
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Bascus lächelte. »Für eine Verleumdungsklage brauchen Sie Zeugen. Sie wären überrascht, was ich alles annehmen kann, wenn niemand dabei ist. Ich sehe es als anregenden intellektuellen Wortwechsel nichts anderes. Und jetzt sagen Sie mir bitte, warum die Luke abgeschlossen wird.« »Der Aufzug wird hauptsächlich am Morgen benutzt. Danach wird er abgeschlossen, damit die Kinder nicht damit spielen können.« »Wer besitzt Schlüssel dazu?« »Ich habe natürlich einen. Die Zimmeraufseherin hat einen. Und der Oberkellner hat einen. Das sind alle. Beide geben ihren Schlüssel ab, wenn sie Dienstschluß haben.« »Wie sind Ihre Dienststunden?« »Die Zimmeraufseherin arbeitet von sieben Uhr morgens bis drei Uhr nachmittags. Der Oberkellner hat eine geteilte Schicht. Er ist während des Frühstücks hier und kommt dann für das Dinner wieder, so gegen sieben.« Bascus’ Lächeln wurde breiter. »So was, Mr. Maine. Was Sie eben gesagt haben, bedeutet, daß der einzige Mensch, der diesen Aufzug benutzt haben könnte, Sie sind.« »Und ich sage, daß niemand den Aufzug benutzt hat.« Bascus betrachtete die Rückseite der Luke. »Sie sehen, daß das Schloß auch von innen zu öffnen ist«, sagte er. Dann beugte er sich vor und blickte in den Schacht, ergriff das Seil und begann daran zu ziehen. Kurz darauf erschien die Plattform, beladen mit schmutzigem Geschirr, das die Leute in der Küche nicht herausgenommen hatten. Er schnalzte mit der Zunge, nahm es von der Plattform und stellte es vorsichtig zu Boden. Dann prüfte er die Festigkeit des Seils und blickte mich an. »Mr. Maine«, sagte er sanft, »ich möchte, daß Sie mir demonstrieren, wie Sie sich zur Küche hinablassen würden, nur für den Fall, daß sie es jemals tun wollten. Ein rein akademischer Versuch, verstehen Sie.«
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»Nein«, sagte ich bestimmt. »Es ist nicht sicher.« »Es ist sicher genug, wenn Sie sich fest an dem Seil festhalten, Mr. Maine. Lassen Sie es langsam durch Ihre Hände gleiten, dann besteht überhaupt keine Gefahr.« »Das Seil könnte reißen.« »Das Seil ist sehr stark.« »Dann versuchen Sie es doch.« Er blickte mich lächelnd an, kroch in das enge Loch und hielt sich am Seil fest. Dann kniete er sich auf die kleine Plattform und begann das Seil langsam abzuspulen. »Ab geht die Post, Mr. Maine«, sagte er, noch immer lächelnd. Dann kam es zu einem Moment reiner, klassischer Ironie, wie man sie nur einmal im Leben genießt. Das Seil riß und Bascus fiel schreiend zwei Stockwerke tief durch den Schacht. Inzwischen ließ die Wirkung der Antischock-Spritze nach, und ich begann mich ziemlich flau zu fühlen. Nachdem ich den Abtransport von Inspektor Bascus ins Krankenhaus überwacht hatte, ging ich in die Bar. Dort fand ich die anderen Verdächtigen, in einer Gruppe zusammensitzend und ausgiebig trinken. »Was war das für ein Krach vorhin?« fragte Pablo. »Bascus ist den Aufzugschacht hinabgestürzt.« »Oh.« Sein Gesicht hellte sich merklich auf. »Das tut mir aber leid. Ist er schwer verletzt?« »Das konnte er mir nicht sagen. Aber er wird mindestens zwei Tage lang im Krankenhaus bleiben müssen; ich glaube, er hat sich einen Arm gebrochen.« Dorinda sah mich mit einem ihrer undefinierbaren Blicke an. »Was für ein eigenartiger Zufall.«
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Eine ihrer Charakteristika ist, daß ihre Bemerkungen niemals beantwortet werden, also sagte ich nichts. Pablo fragte: »Wie fühlst du dich?« Ich sagte ihm, daß ich müde sei, und fragte ihn, wie er sich fühle; er machte einen zufriedenen Eindruck. »Dorinda und ich haben das Geschäft abgeschlossen«, sagte er. »Jetzt ist alles okay. Sie hat alle unsere mündlichen Abmachungen mit Wallace ratifiziert.« »Alle?« fragte ich vorsichtig. Dorinda schien sich wieder in ihr Schneckengehäuse zurückgezogen zu haben und starrte in ihr Glas. »Sie kauft die Boote zum ausgemachten Preis«, sagte Pablo, ein wenig zu entschieden. »Alle, auch die beschädigten. Also ist deine Provision wieder ein gutes Geschäft, John. Ich zahle sie dir aus, sobald…« Er brach den Satz ab und nahm einen Schluck Scotch. Er hatte sagen wollen: sobald ich das Geld habe, doch das wäre taktlos gewesen, da ich nicht glaubte, daß er schon irgend etwas schriftlich hatte… Dorinda sagte wieder etwas, und diesmal hörte ich zu. »Und was Sie betrifft, John, so möchte ich, daß Sie weiterhin dieses Hotel leiten«, sagte sie. Ich war nicht so leichtgläubig wie Pablo. »Und was ist mit meinem Gehalt?« fragte ich. »Ich denke doch, daß wir uns auf einen bestimmten Betrag einigen sollten. Und dann ist da noch das ausstehende Gehalt für die letzten Monate. Und wir wollen auch das Partnerschaftsarrangement für das Chartergeschäft nicht vergessen. Wir sollten das alles schriftlich festlegen. Es ist für uns beide fairer so.« Ihre Augen blitzten tatsächlich ein wenig auf, und sie wirkte in dem Moment recht attraktiv. »Ich werde alles morgen früh meinem Anwalt übergeben«, sagte sie. Eine Weile herrschte Stille, während Pablo, Dick und ich diese Wandlung unseres Geschicks zu verdauen suchten, und ich bin
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sicher, daß jeder von uns dachte: was für ein Glück für uns, daß Mellors tot ist. Ich fragte mich, ob Dorinda wollte, daß wir das dachten. Und ich fragte mich, ob sie irgendeinen zwingenden Grund hatte, auf diese Weise unser Wohlwollen zu erkaufen – schließlich war sie anscheinend der letzte Mensch, der ihren Mann lebend gesehen hatte… Dick schien meinen Gedanken Ausdruck geben zu wollen. »Wißt ihr«, sagte er nachdenklich, »Bascus glaubt, daß einer von uns vieren der Mörder ist. Das ist keine besonders große Auswahl bei einer Sache wie Mord.« Diese Bemerkung brachte die Sache ins Rollen. Eine tiefsinnige, wenn auch manchmal etwas krause Diskussion begann, während der sich herausstellte, daß jeder von uns einen der anderen verdächtigte. Das heißt, jeder sprach so, als ob nicht er der Mörder sei, er jedoch in dieser Gruppe zu suchen sei. Ich glaube, daß Dorinda mich im Verdacht hatte; auf jeden Fall maß sie mich mehrmals mit merkwürdigen Blicken, die mich fragen ließen, wie sie es ertragen konnte, einen Killer zu beschäftigen. Dieser Verdacht wurde allerdings dadurch ausgeglichen, oder vielleicht sogar gelöscht, daß ich sie verdächtigte – was auch Pablo und Dick taten, wie ich annehme. So ist es nun einmal mit der Dankbarkeit. Wir müssen eine seltsame Vierergruppe abgegeben haben; wir saßen unmittelbar vor der Bar, tranken rasch, sprachen in dringlichem Flüsterton und warfen immer wieder theatralische Blicke über die Schultern. Nach einer Weile begann die Band im Nebenraum zu spielen, und es kamen mehr Gäste herein. Inzwischen hatte die Wirkung des Alkohols die der Antischockspritze überlagert, und ich wurde entsetzlich müde. Ich konnte an nichts anderes mehr denken, als an mein Bett. Als ich mich mühsam aufstemmte, glitt Dorinda von ihrem Stuhl. »Nur einen einzigen Tanz, bevor wir alle zu Bett gehen, John«, bat sie. »Ich sehe, daß Sie todmüde sind.«
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Ich geleitete sie ins Frühstückszimmer, das an Tanzabenden auch als Ballraum dient; wir standen einander gegenüber, und ich legte meinen Arm um sie. Die Band spielte einen langsamen Oldie: ›September Song‹. Sie war nicht besonders gut. Wir begannen auf eine Art zu tanzen, die ich für Arbeitgeberin und Arbeitnehmer für angemessen hielt; dann glitt ihre Hand von meiner Schulter auf meine Hüfte. Ihr Haar näherte sich meinem Gesicht, und mit ihrem linken Arm zog sie mich näher, immer näher, und noch näher, und, Jesus, noch näher. Wir tanzten, und ich bemühte mich, mir nichts anmerken zu lassen, wie peinlich es mir war, und den Eindruck zu erwecken, daß es mir Spaß machte. Ich wußte nicht, was ich von der Sache halten sollte. Ich überlegte und überlegte, und als die Sängerin die Stelle des Songs erreicht hatte, wo es heißt, ›diese goldenen Tage verbringe ich mit dir‹, war ich noch immer nicht darauf gekommen. Die Musik verklang mit dem Versuch, alle Instrumente im gleichen Augenblick denselben Ton spielen zu lassen, was über die Fähigkeiten der Instrumentalisten hinausging. Dorinda ließ mich los, trat einen Schritt zurück und lächelte; bleich und unbedeutend, und eine reiche Witwe. »Danke, John«, sagte sie. Ich ließ das Sonnenlicht durch meine geschlossenen Lider dringen und genoß das Gefühl einer totalen Reinigung und eines Wohlbehagens, das ich an jenen seltenen Morgen erlebe, wenn am Vorabend eine ausgewogene Mischung aus körperlicher Ermüdung und Alkohol einen perfekten, tiefen Schlaf hervorgerufen hatte. Dann öffnete ich die Augen und erkannte, mit einigen Schwierigkeiten, die Kabine der Hausyacht, in der ich lag. Irgendwie mußte ich hierhergekommen sein, nachdem ich Dorinda Mellors verlassen hatte, wahrscheinlich angetrieben von der panischen Angst, die Nacht mit ihr unter einem Dach zu verbringen. Ich lachte leise, fühlte mich frisch und wach. Ich
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hatte mich nicht mehr so wohl gefühlt, seit Susanna gestorben war. Selbst der Gedanke an Susanna bedrückte mich nicht. Sie lebte noch immer, irgendwo, und sie war noch immer erreichbar… Ich rollte aus der Koje, richtete mich auf und atmete tief durch; die kalte Morgenluft schnitt scharf in mein Lungengewebe. Ein Hustenanfall schaltete das Gehirn wieder ein; ich zog mich an und setzte Kaffeewasser auf, schnüffelte und fragte mich, ob es wieder nach Propan roch. Ich wusch mich mit kaltem Wasser und setzte mich dann mit einem dampfenden Becher Kaffee auf den Bettrand. Die Kabine sah gut aus, gefirnistes Mahagoni glänzte warm im frühen Licht der Sonne. Durch das Fenster sah ich eine Reihe von Booten, die auf dem glitzernden Wasser dümpelten, mit einer Möwe als Wächter auf jeder Mastspitze. Der Ausblick änderte sich, als das Boot vom Wind ein wenig gedreht wurde und das Falcombe Hotel in Sicht kam. Ich sah jemanden über den Rasen zum Flußufer gehen, und er trug irgend etwas in den Händen. Ich glaubte den Gang Carters erkennen zu können – der wahrscheinlich wieder Eigentum des Hotels zum Boot eines Freundes schaffte. Jenseits des Hotels erhob sich die dunkle, zerklüftete Silhouette des Kaps, und an dessen anderer Seite lag die Starfish Bay. Aber Susanna lebte. Natürlich lebte sie an einem Morgen wie diesem. Und Inspektor Bascus war nicht einsatzfähig. Vorläufig war ich frei, konnte tun und lassen, was ich wollte – jedenfalls, bis er wieder auf den Beinen war oder bis ein Ersatz für ihn eintraf. Die Polizei hatte mir gestern nacht gestattet, das Hotel zu verlassen. Das mochte ein Versehen gewesen sein, das auf die nach Bascus’ Unfall entstandenen Unruhe zurückzuführen sein mochte, doch ich glaubte es nicht. Sie konnten nicht vier Verdächtige wegen desselben Verbrechens festhalten. Während ich meinen Kaffee trank, machte ich mir einige Gedanken über diese Verdächtigen.
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Pablo. Er konnte durch Mellors’ Tod nur gewinnen – hatte bereits erheblich gewonnen, falls Dorinda zu ihrem Wort stand, und ich war aus irgendwelchen Gründen überzeugt, daß sie es tun würde. Pablo hatte auch Gelegenheit für den Mord gehabt, da sein Zimmer unweit dem Mellors’ lag. Sein Alibi wurde nur von Dick bestätigt, und das mochte der Polizei vielleicht nicht reichen. Doch ich konnte, ehrlich gesagt, nicht glauben, daß Pablo zu einem Mord fähig wäre. Dick hatte kaum ein Motiv, Mellors zu töten, außer seinem normalen Ekel vor der Art, wie der Mann Pablo behandelt hatte. Das aber war kein Motiv für einen Mord, möglicherweise jedoch Grund genug, Pablos Alibi zu bestätigen. Und Dorinda. Sie hatte ebenfalls die Möglichkeit gehabt. Motiv? Welche Frau wollte nicht einen Ehemann loswerden, der so reich und so widerlich war wie Mellors? Wieder dachte ich über ihr gestriges Benehmen nach. Sie hatte sich zweifellos die allergrößte Mühe gegeben, uns alle als Freunde zu gewinnen – als ob sie fühlte, daß sie unsere Freundschaft in der Zukunft brauchen würde. Ich fragte mich, was für eine Waffe sie benutzt haben mochte, und eine Weile spielte ich mit der Vorstellung, daß es eine Art Injektionsspritze gewesen sein mochte, ähnlich der, mit der sie mich im Krankenhaus anästhesiert hatten. Ich stellte mir Mellors schlafend auf dem Bett liegend vor und sah Dorinda auf ihn zutreten, ihr normaler, neutraler Gesichtsausdruck von einem unvorstellbaren verdrängt; sie beugt sich über ihn und schießt einen nadelfeinen Strahl einer unter hohem Druck stehenden Flüssigkeit durch sein Lid, durch sein Auge in sein Gehirn… Ich erschauerte, dann strich ich den Gedanken. Das würde die Pulverspuren nicht erklären. Ich trank den Rest meines Kaffees und stellte den Becher in den Spülstein; er wirkte neben den vielen Whiskygläsern der letzten Tage ein wenig fehl am Platz, wie eine Nonne in einer Masse von Fußballfans. Ich beschloß, weniger zu trinken, und trat aufs Achterdeck hinaus. Ich lehnte mich an die Reling und starrte in das strömende Wasser. Irgend etwas stieß mein
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Unterbewußtsein an, ein winziger Einfall, der verschwunden war, bevor ich ihn greifen konnte. Später, überlegte ich, würde ich Stratton besuchen. Ich würde mich wieder zur Verfügung stellen und mit seiner Hilfe eine in der Vergangenheit liegende Welt aufsuchen. Meine Fingerspitzen zitterten ein wenig, als ich mir die wirbelnde Wand vorstellte, doch dann verging das Gefühl wieder. Nicht zum ersten Mal fragte ich mich, was Sofortversiegelung war, daß es eine Wunde so rasch zum Heilen brachte. Ich hoffte, das Mittel war ausreichend getestet worden. Ich versuchte, mir eine Vergangenheitswelt vorzustellen, in der ich Susanna treffen würde. Wenn ich sie treffen sollte, war es mir vielleicht möglich, ihren Tod zu verhindern, und dann… Und dann was? Ich konnte nicht in ihrer Welt bleiben, und ich konnte sie bestimmt nicht in die meine schleppen… Und während ich von immer stärker werdender Bedrückung gepackt wurde, begann ich einzusehen, wie unwahrscheinlich es war, daß wir uns jemals wiedertreffen sollten – weil sie vor mir gestorben war. Deshalb würde in jeder Welt, in der sie leben mochte, auch mein Doppelgänger noch am Leben sein, was es mir unmöglich machte, sie zu betreten… Es ist eins der seltsamsten Phänomene, wie allein der Prozeß normalen Denkens, ohne jede Beeinflussung von außen, eine Hochstimmung in tiefe Niedergeschlagenheit verwandeln kann. Ich war derselbe Mann, der erst vor wenigen Minuten auf das Achterdeck hinausgetreten war und sorglos glücklich ins Wasser geblickt hatte. Jetzt fühlte ich mich so tief unten, daß ich mich am liebsten hineingestürzt hätte. Das, überlegte ich, ist der Moment, wo ein Mann wirklich einen Scotch braucht. »Hallo, John!« Pablo stand auf der Pier. »Du siehst heute morgen ziemlich mitgenommen aus.« »Vor einer Minute fühlte ich mich noch großartig.« »Daran habe aber ich keine Schuld. Es ist die Nachwirkung des Schocks. Du hast gestern immerhin einiges mitgemacht.« Er kam an Bord. »Willst du mir etwas darüber erzählen? Ich weiß
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nicht, ob du dich an viel von dem erinnern kannst, was gestern nacht geschehen ist. Aber du hast kaum ein Wort darüber verloren, was mit deiner Hand passiert ist.« »Ich habe mir die Finger in einer Wagentür festgeklemmt.« »Unsinn. Dein Problem ist, daß du kein Vertrauen in Menschen hast. Und umgekehrt bist du nicht im geringsten an ihren Problemen interessiert. Du bist selbstsüchtig, John. Verschlossen. Ich kenne dich seit geraumer Zeit, und doch habe ich das Gefühl, dich kaum zu kennen. Ich meine, was weiß ich schon von dir?« »Mein Gott, das weiß ich auch nicht.« »Du magst keine Milchhaut in deinem Kaffee herumschwimmen haben, du magst keine Politik und keinen Lammbraten. Das ist so ziemlich alles, was ich jemals erfahren habe. Oh, und du magst Frauen viel mehr, als du es zugibst, obwohl du bei vierzig Jahren oder so eine Grenze ziehst, woraus ich schließe, daß du deine Mutter nicht sehr gemocht hast.« »Die alte Kuh«, sagte ich und spielte sein Spiel mit. »Sie hat mich unterdrückt. Das ist natürlich auch der Grund dafür, daß ich zuviel rauche. Magst du einen Drink?« »Ich habe bald eine geschäftliche Besprechung mit Dorinda und möchte dafür einen klaren Kopf behalten. Danke. Aber bevor ich gehe, möchte ich dir noch etwas sagen. Ich lasse dich ungern in so einem Zustand allein.« »Mir fehlt nichts.« »Nein. Ich habe nur so ein Gefühl, daß es nicht richtig ist. Gut. Ich nehme an, du weißt nicht einmal, warum ich Pablo genannt werde. Aber wir wollen uns damit nicht aufhalten. Ich möchte dir etwas erzählen, was mir im vergangenen Winter passiert ist, am 19. Februar, um genau zu sein. Daß du deine Fingerspitzen verloren hast, erinnert mich daran.« Ich sah einen Schwarm Sprotten die Oberfläche des Wassers zernarben, als Pablo mit seiner Geschichte begann. Während er
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mit seiner tiefen Stimme sprach, bekam ich immer mehr das Gefühl, sie bereits zu kennen, also unterbrach ich ihn, damit er schneller zum Ende käme. »Okay, also es hämmert an die Schlafzimmertür, und es ist der Ehemann, der früher als erwartet nach Hause kommt. Also kommt es zu einer peinlichen Szene und einer gewaltigen Schlägerei. Bring die Story schon zu Ende, Pablo.« »Das ist der Punkt, wo du dich irrst, John. Du nimmst an, daß alle Menschen gleich sind, nichts als Serienprodukte, die dir zu Gefallen ihre Rollen spielen. Du nimmst an, daß ich, den man manchmal Pablo Blakeley nennt, auch nicht anders bin als die anderen. Wenn du wirklich wissen willst, was passiert ist: Ich bin aus dem Fenster geklettert.« »Das ist auch schon mal dagewesen«, wandte ich ein. »Zu der Zeit war Originalität die geringste meiner Sorgen. Also, ich stieg aus dem Fenster, und die, äh – Lady zog hinter mir die Scheibe herunter. Es war eins von diesen altmodischen Fenstern. Dann öffnete sie die Schlafzimmertür und ließ ihren Mann ein. Sie entschuldigte sich wortreich dafür, ihn ausgeschlossen zu haben, doch sie glaubte ein Geräusch gehört zu haben und sei ängstlich geworden. ›Ein Geräusch?‹, sagte er und wollte zum Fenster gehen. ›Es ist längst verschwunden‹, sagte sie und zog ihn zurück. ›Laß uns zu Bett gehen, Arthur.‹ Dann folgte eine zärtliche Szene.« »Woher weißt du das?« fragte ich. Er lächelte mich traurig an. »Weil ich noch immer da war. Ich hing mit meinen Fingerspitzen am Fensterbrett. Es war zwei Stockwerke hoch, und ich wagte nicht zu springen. Ich habe schon immer Angst von Höhen gehabt, und außerdem hatte sie meine Fingerspitzen eingeklemmt, als sie das Fenster herabgeknallt hatte. Wenn ich sie auch nur eine Sekunde lang entspannt hätte, wären sie nebeneinander zwischen Fenster und Fensterbrett zurückgeblieben. Es wäre ein etwas ungewöhnlicher Anblick
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gewesen, wenn jemand das Fenster am nächsten Morgen geöffnet hätte.« Ich verzog das Gesicht und massierte vorsichtig meine Hände. Pablo fuhr fort: »Plötzlich fuhr der Mann auf, als er mich stöhnen hörte. ›Jetzt kann ich es selbst hören‹, sagte er. ›Jesus, ich glaube, da ist irgendein Bastard am Fenster!‹ Sekunden später schob er das Fenster empor, starrte zu mir herab. ›Was, zum Teufel, treiben Sie da?‹ fragte er. Er war groß und kräftig und trug einen gestreiften Pyjama. In diesem Moment hatte ich eine Inspiration, ›Ich bin ein Voyeur‹, sagte ich. ›Ein was?‹ ›Ich gehe umher und sehe zu, wenn Frauen sich ausziehen‹, sagte ich. ›Ich kann nichts dafür. Ich weiß auch nicht, was über mich kommt. Es ist ein entsetzliches Leiden.‹ ›Jesus‹, sagte er und sah mich interessiert an. ›Warum tun Sie es denn, wenn es Ihnen kein Vergnügen macht? Sind Sie eine Art Masochist?‹ ›Es macht mir Vergnügen‹, versicherte ich ihm. ›Ich meine, wenn ich dabei bin. Aber später bekomme ich dann diese Schuldgefühle.‹ Ich versuchte hineinzuklettern, doch er schob mich zurück. ›Und wie ist es mit Frauen, die sich anziehen?‹ fragte er, anscheinend bereit, die ganze Nacht über meine Perversion zu diskutieren. ›Macht Ihnen das genau so viel Spaß, wie Frauen beim Ausziehen zu beobachten? Wenn sie dabei sind, meine ich, bevor diese Schuldgefühle einsetzen.‹ ›Es ist großartig‹, sagte ich matt, ›einfach großartig.‹ ›Das freut mich, um Ihretwillen‹, sagte er. ›Weil meine Frau sich in etwa acht Stunden anziehen wird. Ich hoffe, daß sich das Warten für Sie lohnt.‹«
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Pablo seufzte und sah mir mit einem Hundeblick in die Augen. »Mit diesen Worten zog er das Fenster wieder herab. Hart und fest.« Die Sprotten waren jetzt sehr nahe gekommen, und kleine Schwärme schossen dicht unter der Oberfläche hin und her; hin und wieder mischte sich der lange, stromlinienförmige Körper eine Makrele unter sie. Ich blickte schweigend zu ihnen hinab und wartete. »Sieh dir das an«, sagte Pablo. »Ich wünschte, ich wäre noch in der Lage, eine Fischpistole zu benutzen.« Er streckte seine Finger aus und betrachtete sie. Ich konnte nichts Ungewöhnliches an ihnen erkennen. Ich hatte nie etwas Ungewöhnliches an Pablos Fingern erkennen können. Die ganze Geschichte war reine Erfindung. Pablo hob die rechte Hand. Er blickte an seinem ausgestreckten Arm entlang, den Zeigefinger gekrümmt wie um einen Pistolenabzug. »Bang«, sagte er, als wieder eine Makrele aus dem Wasser schnellte. So einfach war das, und plötzlich stand die Vision wieder vor meinen Augen – aber anstelle von Pablo sah ich Dorinda. Dorinda, die zu ihrem schlafenden Ehemann tritt, eine Fischpistole in der Hand, näher und näher, dann die Waffe aus einer Distanz von nur einem Zoll auf das geschlossene Auge richtet, abdrückt… Und dann, oh Gott, auf den Knopf drückt und den scharfen, mit Widerhaken bewehrten Bolzen in den Lauf zurückspult und das Zimmer verläßt, so daß zwar Pulverspuren auf dem Gesicht des Toten zurückbleiben, jedoch keine Kugel in der Wunde gefunden wird… »Ist deine Geschichte wahr, Pablo?« fragte ich mit zitternder Stimme. »Du hast die Pointe, wie immer, nicht begriffen, John. Die Wahrheit oder Unwahrheit spielt in deinem Fall keine Rolle. Worauf es ankommt, ist, daß du dich wenigstens für einen
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Moment für die Probleme eines anderen Menschen interessieren solltest.« Langsam, unauffällig bückte ich mich; Pablo starrte über den Hafen. Ich öffnete die Tür des kleinen Schranks, in dem ich mein Angelzeug aufbewahrte. Normalerweise lag die Pistole, in Ölpapier gewickelt, auf dem Bordbrett an der Rückwand des Schranks. Normalerweise.
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11 ICH GLAUBE, DASS ICH erleichtert geseufzt habe, als ich in Strattons Büro trat. Das Tempo und die emotionale Belastung der letzten Tage hatten ihre Spuren hinterlassen, so stark, daß der Anblick des Wissenschaftlers, der mich mit überlegenem Widerwillen über seinen Schreibtisch hinweg anstarrte, in seiner Normalität auf mich beruhigend wirkte. Ich konnte fast fühlen, wie sich mein Unterbewußtsein an die Vorstellung klammerte: Stratton ist nicht verrückt wie Pablo, oder rätselhaft wie Dorinda, oder tot wie Mellors. Stratton haßt mich nur, hat mich vom ersten Augenblick an gehaßt – eine gesunde Konstante in dieser Welt des Irrsinns. Er löste seinen Blick von mir und sah wie immer den von seiner Zigarette emporkräuselnden Rauchwolken nach, als ob dieser Anblick erheblich erfreulicher wäre. »Ich nehme an, daß Sie zu einem neuen Versuch bereit sind«, sagte er. »Warum nicht?« »Richtig… Ich habe einen recht interessanten Einfall gehabt, Maine. Nehmen wir einmal an – nur für den Augenblick –, daß Sie Mellors ermordet hätten…« »Mein Gott, Stratton!« »Hören Sie mir doch zu, Mann«, sagte er müde. »Ich habe gesagt: Nehmen wir einmal an, daß Sie Mellors ermordet hätten. Oder nehmen wir an, Sie hätten irgendein anderes schweres Verbrechen begangen. Sind Sie noch nicht auf den Gedanken gekommen, daß eine parallele Welt ein ideales Versteck böte?« »Nein. Die Menschen würden es als seltsam empfinden, wenn ich von den Toten auferstehe.« »Aber wir wissen nicht, wie Sie auf jeder dieser Welten gestorben sind. Sie hätten auf ein Dutzend verschiedene Arten gestorben sein können. Wenn Sie ertrunken wären, zum Beispiel, könnte Ihre Leiche niemals gefunden worden sein –
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also könnten Sie irgendwo auftauchen und sagen: ›Wo bin ich? Anscheinend habe ich das Gedächtnis verloren.‹« »Genial. Und warum erzählen Sie mir das?« »Oh…« Er machte eine vage Bewegung mit seiner Zigarette. »Aus keinem bestimmten Grund.« Der Regen trommelte gegen das Fenster. Die schönen Herbsttage sind Einzelfälle. Der spartanische Raum war grau und trübe; der Blick aus dem Fenster zeigte fast ausschließlich Maschendrahtzäune. Die Bürokratie errichtet ihre armseligen, kleinen Gefängnisse selbst auf dem grünsten, schönsten Land. »Dann wollen wir das Thema fallenlassen«, sagte ich. »Ich habe kein Verbrechen begangen.« Ich warf einen Blick auf meine Uhr. »Sollten wir nicht lieber anfangen?« »Dies ist ein wissenschaftliches Experiment, Maine. möchte, daß Sie bestimmte Beobachtungen durchführen.«
Ich
»Das tue ich schon.« Sein Gesichtsausdruck war undurchschaubar, als er mich musterte. »Ich sollte Ihnen etwas sagen. Es könnte Ihnen einfallen, eine Wiederholung von Mellors’ Ermordung beobachten zu wollen. Falls Sie das tun, verschwenden Sie wahrscheinlich nur Ihre Zeit. Es gab mehrere Menschen mit adäquaten Motiven – also hat die Identität des Täters keinerlei Bedeutung. Das einzig Wichtige ist, daß dieser Mann ermordet wurde. Und ich möchte behaupten, daß es mehrere Welten gibt, wo Sie der Täter waren.« »Das sehe ich nicht ein. In jeder Welt, die der unseren nahe ist, reagieren die Menschen in identischen Situationen auf eine fast gleiche Weise. Wenn nicht, würde es eine unendliche Zahl von Welten geben, die der unseren so ähnlich sind, daß wir die Unterschiede niemals feststellen könnten.« »Auch wenn Sie es nicht glauben: die gibt es.« »Was meinen Sie damit?«
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»Ich meine damit, daß ich meine Theorien ein wenig korrigieren mußte, Maine. Was wir Welt minus 2 nennen, könnte genau so gut Welt minus 200 sein, zum Beispiel. In dem Maß, in dem sich meine Technik weiterentwickelt, bin ich in der Lage, eine größere Zahl von Wahrscheinlichkeiten zu erkennen. Nehmen wir wieder das Beispiel von Welt minus 2; was wir mit dieser Bezeichnung wirklich meinen, ist: die der unseren zunächstliegende Welt, die jedoch ausreichende Abweichungen aufweist, um zum Zeitpunkt des Experiments und am Ort des Experiments von der unseren unterscheidbar zu sein. Und um diese Unterschiede feststellen zu können, müssen die Ereignisse, die diese Welt von der unseren unterschiedlich machen, für uns erkennbar sein – mit anderen Worten: Sie müssen in diesem Teil des Landes stattgefunden haben. Was bedeutet, daß die Welt, die wir als Welt minus 2 bezeichnen, in Manchester Welt minus 5 genannt werden mag. Immer mehr gelange ich zu der Erkenntnis, daß Zeit und Raum untrennbar sind.« Ich spürte wieder eine leichte Unruhe in mir aufsteigen. »Aber das bedeutet doch, daß das Zurückrufen sehr leicht von einer falschen Welt versucht werden könnte, selbst wenn Sie glauben, die Matrize während der ganzen Zeit, die ich fort bin, zu halten. Ich könnte in Welt minus 2 stehen und auf den Rückruf warten, während Sie, durch einen winzigen Fehler, den Rückruf auf eine nur um einen Bruchteil davon entfernte Welt richten. Welt minus 2,01 oder so etwas.« Er lächelte finster. »Das habe ich bestimmt schon getan. Aber eine so geringfügige Abweichung würden Sie nicht einmal merken. So wie Sie sich vage an ein Erlebnis erinnern mögen, das niemals stattgefunden hat. Aber Sie würden nicht merken, daß Sie nicht ganz derselbe Mensch in ganz derselben Welt sind. Während der Maine in Welt minus 2 ein ganz anderer Mann mit anderen Erinnerungen ist, die von völlig anderen Erlebnissen geprägt wurden. So anders, daß er sterben kann, während Sie weiterleben… Selbst diese Welt, die wir Welt 1 nennen, die, in der wir leben und die uns konstant vorkommt, selbst diese Welt ist in
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ständiger Veränderung begriffen, die jedoch in den verschiedenen Regionen unterschiedlich ablaufen. Zu einem bestimmten Zeitpunkt mag es hier Welt 0,999997 sein, während es zehn Meilen entfernt Welt 1.0000002 ist. Nichts ist konstant, Maine. Nichts war jemals konstant.« Er beugte sich vor und schnippte einen Bleistift über die Schreibtischplatte. Er glitt über die polierte Fläche und fiel zu Boden. Die Spitze brach ab. »Sehen Sie«, sagte Stratton. »Ich habe die Welt verändert.« Nach dieser beunruhigenden Lektion war ich verständlicherweise nervös, als ich in dem Kreis stand und den Transport zu Welt minus 6 erwartete, ich hatte beinahe Angst zu husten, für den Fall, daß so etwas den Ablauf der Ereignisse beeinflussen könnte. Strattons Versicherungen hatten mich nicht überzeugt. Der einzige Grund dafür, daß ich hier zitternd auf dem nassen Gras stand und auf die wenige Yards entfernt heranrollenden Wellen starrte, war die verschwundene Fischpistole. Und, natürlich, Susanna… Ich war überzeugt, daß meine Pistole dazu benutzt worden war, Mellors zu erschießen – und ich war genau so überzeugt, daß sie irgendwann wieder auftauchen würde, mit meinen Fingerabdrücken auf dem Griff und Mellors Blut an dem Bolzen – und dann würde man von mir eine Menge Erklärungen verlangen… Also mußte ich in die Vergangenheit zurückgehen – zu Welt minus 6, um genau zu sein – und versuchen, den Weg dieser Waffe zu verfolgen, von dem Augenblick an, als sie aus dem kleinen Schrank auf der Hausyacht genommen worden war. Vorausgesetzt, daß Mellors auf Welt minus 6 ermordet und meine Pistole dazu benutzt worden war. Eine dünne Chance, aber verdammt, ich mußte doch irgend etwas voraussetzen. Ich seufzte, und die Welt kippte, restabilisierte sich in Welt minus 6, mit geringfügigen Abweichungen nach beiden Seiten…
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Und wieder befand ich mich in dem wirbelnden Zylinder, was nach Strattons Ansicht bedeutete, daß ich in dieser Welt noch am Leben war. Frustriert stand ich in der Mitte der grauen Masse und dachte daran, daß ich erst in vier Stunden zurückgeholt werden würde. Das war eine verdammt lange Wartezeit. Ich setzte mich auf den umgestürzten Baumstamm und versuchte, nicht an Susanna zu denken. Nach einer Weile wurde aus der Frustration Skepsis. Dies war nun das zweite Mal, daß Stratton versucht hatte, mich in die Vergangenheit zu schicken, und das zweite Mal, daß es ihm mißlungen war. Vielleicht war das Reisen zwischen parallelen Welten eine Einbahnstraße. Stratton hatte behauptet, Kaninchen in die Vergangenheit geschickt und wieder zurückgeholt zu haben, doch woher wollte er das wissen? Ein Kaninchen kann kaum als kompetenter Beobachter bezeichnet werden. Während ich darüber nachdachte, löste sich der Nebel plötzlich auf; ich sah Wolken über mir, und das dumpfe Schlagen der Wellen gegen das felsige Ufer wurde lauter, interpunktiert von den heiseren Schreien der Möwen. Ich kam zu dem Schluß, daß die Verzögerung auf eine technische Panne in der Station zurückzuführen sei, atmete tief durch und trat in die Vergangenheit. Das Gras federte unter meinen Füßen, als ich den Berghang hinauf zum Rand der Klippen ging. Ein leichter Sprühregen wurde diagonal über den Pfad geweht, und, verstärkt von der feuchten Seeluft, kann er einen Menschen innerhalb weniger Sekunden bis auf die Haut durchnässen. Ich stellte meinen Kragen auf und schritt rascher aus, den Kopf zwischen die Schultern gezogen. Ein paar Schafe blickten mich apathisch an. Falcombe kam in Sicht, feucht und nebelig lag es tief unten im Flußtal. Ich stieg den schlüpfrigen, steinigen Pfad hinab, der zur Straße führte. Wenig später ging ich durch die Straßen von Falcombe; einige Passanten musterten mich mit neugierigen Blicken. Anfangs konnte ich mir nicht erklären, aus welchem Grund ich ihre Blicke anzuziehen schien; ich hatte den Eindruck, daß die
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Menschen mir länger und genauer ins Gesicht sahen, als es normalerweise üblich war. Der erste Mensch, der das tat, war ein junges und relativ hübsches Mädchen, und ich gab ihren Blick offen und auf die übliche Art zurück. Als sie an mir vorbeiging, wandte sie jedoch den Kopf hastig ab, als ob sie dabei erwischt worden wäre, einen körperlich verunstalteten Menschen anzustarren. Ich schrieb ihr Verhalten einer konstitutionalen Jungfräulichkeit zu, entdeckte jedoch zu meiner Überraschung wenig später denselben Ausdruck auf dem Gesicht einer älteren Fischfrau, die ganz gewiß keine Jungfrau mehr war. In diesem Augenblick begann ich mir Gedanken über die Auswirkungen des Regens auf Strattons lächerliche Maskierung zu machen. Ich trat in die öffentliche Toilette in der Nähe des Ufers. Es hing kein Spiegel über dem schmierigen Waschbecken, doch in einer Ecke stand ein abgestoßener Wiegeautomat, wie ein alternder Perverser, mit einem starrenden Chromauge in der Mitte seiner Skala. Ich trat an ihn heran, bückte mich ein wenig und überprüfte mein Gesicht. Senkrechte Streifen in gelb, rot und braun zogen sich über die Haut, wie die Kriegsbemalung eines Indianers. Ich blickte entgeistert in den Chromspiegel. Ich hatte kein Make-up mitgebracht, und ich konnte auf keinen Fall in diesem Zustand durch die Stadt gehen. Es gab nur eine Möglichkeit: Ich mußte das ganze Zeug abwaschen und sofort zur Starfish Bay zurückgehen und einen weiten Bogen um alle Menschen machen, denen ich begegnete. Ich trat an das am wenigsten verdreckte Waschbecken, atmete tief durch und begann, mein Gesicht kräftig mit eisigem Wasser zu waschen. Da es hier keine Seife gab und das Make-up ziemlich viel Fett enthielt, brauchte ich eine ganze Weile, um es herunterzukriegen. Plötzlich spürte ich, daß jemand neben mir stand. »Jesus, hier steckst du also. Wo bist du die ganze Zeit gewesen? Jemand hat mir gesagt, du seist noch auf dem Boot.« Ich wischte mir das Wasser aus den Augen, spürte, daß mein Herz rascher schlug, richtete mich dann auf und blickte Pablo an. »Noch auf dem Boot?« wiederholte ich und versuchte, sehr rasch
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nachzudenken. Nach allen Gesetzen sollte mein Doppelgänger auf dieser Welt tot sein, doch hier stand Pablo und begrüßte mich ohne besondere Überraschung. »Was für ein Spiel spielst du eigentlich?« Seine Stimme klang verärgert. »Spiel?« »Mellors sollte die Boote versichern lassen, doch ich glaube nicht, daß er es getan hat. Was soll ich jetzt machen?« Ich hatte keine Ahnung, wovon er sprach. Er würde das sehr bald merken, und dann konnte meine Lage recht kompliziert werden. Ich saß in der Falle. Ich sagte vorsichtig: »Hör zu, Pablo, ich verstehe nicht, was du meinst.« Er starrte mich an. »Wo hast du während der letzten Stunden gesteckt?« »Oh, ich bin nur spazierengegangen. Oben auf den Klippen, weißt du.« Begreifen dämmerte in seinem Gesicht, doch es sah deshalb nicht glücklicher aus. »Verstehe. Okay, komm mit und sieh dir die Bescherung an.« Ich trocknete mein Gesicht so gut es ging mit dem Taschentuch und folgte ihm, als er mit schnellen Schritten die Straße entlangging, den Pier überquerte und vor den noch immer rauchenden Trümmern der Hausyacht stehenblieb – der Hausyacht meines Doppelgängers. »Wie ist das passiert…?« fragte ich. Ich konnte mir einen Teil denken, und ich konnte den Todeszeitpunkt meines Doppelgängers auf die Sekunde genau festlegen: als der Nebel in der Starfish Bay plötzlich verschwand und ich aus dem Zeitkreis treten konnte… Ich vergeudete also nur meine Zeit in Welt minus 6. Entweder war die Fischpistole bereits vom Boot gestohlen worden, oder sie war von den Flammen zerstört worden.
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»Ich hoffte, daß du mir vielleicht sagen könntest, was passiert ist«, sagte Pablo betreten. »Dies wird Mellors’ Vertrauen einen ziemlichen Stoß versetzen, kann ich dir versichern. Als ob ich nicht ohnehin genug Arbeit damit hätte, den Bastard zum Unterschreiben zu bringen. Seit heute morgen suche ich ihn, aber er ist nirgends zu finden. Dorinda ist auch keine Hilfe; sie scheint alles ihm zu überlassen…« Seine Stimme versickerte. Sein Gesicht war zerfurcht vor Sorgen, als er zusah, wie die Feuerwehrleute ihren Schlauch aufrollten. Die Gaffer hatten sich verlaufen. Die Show war vorbei. Eine bekannte Gestalt in einem braunen Regenmantel trat auf uns zu und begrüßte uns, und ich mußte mich daran erinnern, daß ich ihn nicht kannte – nicht hier. »Guten Tag, Gentlemen«, sagte Inspektor Bascus. »Ich habe gehört, daß das Boot einem von Ihnen gehört.« Er blickte von Pablo zu mir. »Es ist mein Boot«, sagte Pablo. »Mr. Maine hat auf ihm gewohnt.« »Mr. Maine… Oh, richtig, der Manager des Falcombe Hotels. Ich wußte doch, daß ich Sie schon irgendwo gesehen habe… Inspektor Bascus«, stellte er sich dann vor. »Würden Sie mir bitte schildern, wie es geschehen ist?« »Ich weiß nicht. Wie ich Mr. Blakesley eben erklärt habe, bin ich gerade zurückgekommen. Ich bin auf den Klippen spazierengegangen.« Der Regen war stärker geworden, aus dem Nieseln war ein Prasseln geworden. Ich war durchnäßt und fror. »Warum gehen wir nicht alle ins Hotel«, schlug ich vor. »Wir können Ihnen die Einzelheiten auch dort schildern.« Wir setzten uns in Bewegung. »Komisches Wetter für einen Spaziergang auf den Klippen.« Das war eine für Bascus typische Bemerkung, gesprochen auf die für ihn typische, wegwerfende Art. Ich zog es vor, sie zu ignorieren. Er fuhr mit einer Beobachtung fort, die für mich etwas schwieriger war. »Sie haben ziemlich viel braunes Zeug auf Ihrem Gesicht, Sir«, sagte er. »Sieht wie Ruß aus oder so
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etwas. Haben Sie in dem Wrack umhergestochert? Etwas verloren?« Ich hatte das komische Gefühl, daß er auf die Fischpistole anspielte. »Ich habe so gut wie alles verloren«, sagte ich bissig. »Und ich habe nicht herumgestochert. Ich habe Ihnen doch gesagt, daß ich gerade zurückgekommen bin – Mr. Blakesley kann das bezeugen. Wenn Sie es unbedingt wissen müssen, ich bin ausgeglitten und in den Schlamm gefallen. Der Pfad auf den Klippen ist ziemlich rutschig, bei diesem Regen.« »Natürlich.« Bascus verließ diese Richtung seiner Vernehmung sofort wieder. Schließlich gab es nicht den geringsten Hinweis dafür, daß ein Verbrechen stattgefunden hatte. »Ich hoffe, das Boot ist versichert, Sir?« wandte er sich an Pablo. »Wahrscheinlich nicht.« Pablo ging mit gesenktem Kopf weiter. »So? Das ist schlimm.« Bascus ging langsamer, als ob diese Eröffung seine Beinmuskeln geschwächt hätte. Ein kleiner Wasserfall ergoß sich in meinen Kragen. Irritiert beschleunigte ich meine Schritte, und Pablo tat das gleiche. Bascus holte uns kurz darauf ein. Wir hatten die Kreuzung erreicht, wo die Straße von Boniton auf die Hauptstraße stößt. Zuerst hörten wir die erschrockenen Schreie nicht. Ich dachte über die seltsame Lage nach, in der ich mich befand; ich ging durch eine parallele Welt, nahm den Platz meines Doppelgängers ein und fragte mich, wie lange ich das Spiel durchhalten konnte. Dann rissen die schrillen Schreie einer Frau mich aus meinen Gedanken. Ich blickte auf und sah ein schwarzes Hover-Car den Hang herabkommen, in rasender Fahrt, von einer Seite zur anderen schlingernd, außer Kontrolle. »Was, zum Teufel…?« Bascus stand mitten auf der Kreuzung, sicher ob der Majestät seines Berufes – oder vor Angst versteinert. Pablo stürzte an mir vorbei. Ich war mit einem Sprung in einer Türnische.
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