Heinz Schmidt-Bachem Aus Papier
Heinz Schmidt-Bachem
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Heinz Schmidt-Bachem Aus Papier
Heinz Schmidt-Bachem
Aus Papier Eine Kultur- und Wirtschaftsgeschichte der Papier verarbeitenden Industrie in Deutschland
De Gruyter
ISBN 978-3-11-023607-1 e-ISBN 978-3-11-023608-8 Bibliografische Information der Deutschen Nationalbibliothek Die Deutsche Nationalbibliothek verzeichnet diese Publikation in der Deutschen Nationalbibliografie; detaillierte bibliografische Daten sind im Internet über http://dnb.d-nb.de abrufbar. © 2011 Walter de Gruyter GmbH & Co. KG, Berlin/Boston Einbandabbildung: SuperStock/Getty Images Lektorat & Satz: Dr. Rainer Ostermann Druck: Strauss GmbH, Mörlenbach ∞ Gedruckt auf säurefreiem Papier Printed in Germany www.degruyter.com
Geleitwort von Wolfgang Brückner Der „Arbeitskreis Bild, Druck, Papier“ mit seiner Berliner Anlaufstelle im „Museum europäischer Kulturen“ der Stiftung Preußischer Kulturbesitz ist vor mehr als 30 Jahren aus einem internationalen Zirkel sogenannter „Papiersammler“ entstanden, den die wissenschaftlich hoch angesehene Lübecker Kunsthistorikerin und Volkskundlerin Christa Pieske (1919–2010) für Museologen, Universitätsinteressenten und Sammler aller Arten von Kulturkuriosa aus Papier zusammengerufen hatte. Er gab die Arbeitsgrundlage für eine umfassende Ausstellung im genannten Berliner Museum ab, und sie organisierte seitdem jährliche Treffen an unterschiedlichen Orten. Dort hat in Hagenow 2008 Herr Dr. Heinz Schmidt-Bachem über sein Buchprojekt unter dem damaligen Arbeitstitel „Beiträge zur Geschichte der industriellen Papier-, Pappe- und Kunststoffverarbeitung in Deutschland“ referiert. Er berichtete damit u. a. über den Versuch einer systematischen Erweiterung der „Bibel“ unseres Kreises, dem von Christa Pieske inaugurierten und herausgegebenen enzyklopädischen, Handbuch Das ABC des Luxuspapiers. Herstellung, Verbreitung und Gebrauch 1860 bis 1930 aus dem Jahre 1983, das bei Reimer in Berlin erschienen ist. Bislang kannten wir zur speziellen Thematik der Papierherstellung und -verarbeitung nur jene Titel, die unser weiteres Handbuch „Massenbilderforschung. Eine Bibliographie bis 1991/95“, Würzburg 2003, unter 4077 Titeln mit den Nummern 154-191 als Sekundärliteratur verzeichnet. Primäre Quellen wie Louis Edgar Andés’ Papier-Specialitäten. Praktische Anleitung zur Herstellung von den verschiedensten Zwecken dienenden Papierfabrikaten, Wien, Pest, Leipzig, A. Hartleben’s Verlag, 1896, blieben antiquarische Rarissima. Daher begrüßen wir die Ankündigung eines Werkes, das Vieles zusammenfasst, vor allem aber sich auf die letzten 200 Jahre konzentriert und gerade damit auch den Kulturhistoriker direkt in seinem Teil II über die weiter verarbeitende SpezialartikelProduktion anspricht. Zur generellen Technologiegeschichte des Papiers informieren heutzutage in Mitteleuropa zahlreiche regionale Sondermuseen (z. T. in älteren Papiermühlen) oder Abteilungen überregionaler Institute zur Kultur- und Zivilisationsgeschichte, die in der Regel mit informativen Fachkatalogen an die Öffentlichkeit treten und vor Ort im Rahmen ihrer didaktischen Vermittlungsbemühungen Handwerksvorführungen anbieten. Doch die wirtschaftsgeschichtlichen Fakten und Faktoren bleiben nur schwer visualisierbar. Es folgt dort deshalb in der Regel schnell der Übergang zur bloßen Ausstellung der einst oder auch heute noch produzierten Artikel, und damit gelangen wir wiederum forschungsgeschichtlich zu einer spezialisierten Realienkunde, die allein das Sammlerglück zu befriedigen pflegt. Umgekehrt vermag der „reine“ Wissenschaftler seine theoretischen Ambitionen nicht ohne den von Sammlern zusammengetragenen Fundus an konkreten Objekten zu verwirklichen. Das vereint im „Arbeitskreis Bild, Druck, Papier“ die unterschiedlichen Temperamente. Wir freuen uns gemeinsam auf den Titel „Aus Papier“ und danken dem Autor für dieses Handbuch. Ihm ist es gelungen, technische Entwicklungen, wirtschaftsgeschichtliche Umstände und kulturhistorische Phänomene zu einer großen Rundumschau zu bündeln.
Vorwort Die Papier, Pappe und Kunststoffe/Folien verarbeitende Industrie bildet zusammen mit der Druckindustrie und der Papiererzeugung einen der drei Teilbereiche der Papierwirtschaft. Zu den Untergliederungen des Verarbeitungsbereiches gehört u. a. der Zweig „Flexible Verpackungen“ (Tüten, Beutel, Tragetaschen). 2001 erschien meine Dissertation zur Wirtschafts-, Sozial- und Technikgeschichte dieser Fachrichtung.1 Die spartenübergreifenden Bezüge, die in dieser Arbeit regelmäßig zu berücksichtigen waren, verwiesen in nahezu jeder Konstellation auf das Fehlen einer geschichtlichen Gesamtdarstellung der Papier verarbeitenden Industrie und damit auf eine bedeutende Lücke in der papierhistorischen Forschung. Das geschichtswissenschaftliche Erkenntnisinteresse an diesem Industriezweig beschränkte sich bisher – auch international2 – lediglich auf Teilbereiche, deren Fragestellungen zudem weitgehend kulturgeschichtlich ausgerichtet waren und in der Epochendarstellung nur selten über die vorindustrielle Entwicklungsphase hinausgingen. Während der Erstellung der vorliegenden Untersuchung ergaben sich bis zuletzt aus nahezu jeder neuen Quelle Stichwörter und Hinweise, die weitere Fragestellungen auslösten und erneute Recherchen veranlassten. Das nicht absehbare Ende der Spurenfindung war schließlich Anlass, die Arbeit nach weit mehr als einem Jahrzehnt auf einem Stand des, in sich jedoch kohärenten, Vorläufigen einzustellen. Wie jeder andere Zweig der Geschichtsforschung muss auch die Geschichte der industriellen Papier-, Pappe- und Kunststoff-Verarbeitung ein unabschließbarer Prozess bleiben. Die hier nun vorliegende – in einem freien, unabhängigen Forschungsprojekt erstellte – zweiteilige Publikation enthält im ersten Teil spartenübergreifende Beiträge und Übersichten zur Entstehung und Entwicklung des Gesamtbereiches der Papier, Pappe und Kunststoff verarbeitenden Industrie sowie im zweiten Teil Darstellungen zu Teilbereichen bzw. Sparten. Die darin enthaltenen und hier in einer größeren Anzahl erstmalig veröffentlichten Befunde machen die Besonderheiten dieser Industrie und die vielfältigen Sichtweisen, Widersprüche, Interessengegensätze und Konflikte deutlich, wie sie vor allem in den Konkurrenz-, Absatz-, Markt- und Beschäftigungsverhältnissen sichtbar werden. Aus der Summe der einzelnen Beiträge ergibt sich jedoch auch, welche enorme Bedeutung insbesondere die Bereiche (Pack-)Papier-, Pappe- und Kunststoff- bzw. FolienVerarbeitung im infrastrukturellen Gefüge der modernen Volkswirtschaft haben. Und schließlich werden durch die Geschichte dieser Industrie Wirkungszusammenhänge und Interdependenzen erhellt, die weit über die rein wirtschaftliche Bedeutung hinaus auch die – weitläufig definierten – Fachrichtungen und Arbeitsfelder der Kultur- und Alltagsgeschichte sowie der Sozial-, Technik-, Politik- oder Umweltgeschichte erfassen. 1 2
Heinz Schmidt-Bachem, Tüten, Beutel, Tragetaschen – Zur Geschichte der Papier, Pappe und Kunststoffe verarbeitenden Industrie in Deutschland, Münster 2001. Vgl. u. a. Internationale Bibliographie zur Papiergeschichte (IBP), hrsg. v. Die Deutsche Bibliothek – Deutsches Buch- und Schriftmuseum der Deutschen Bibliothek Leipzig, bearb. v. Frieder Schmidt u. Elke Sobek (u. a.), Bd. 1, München 2003.
VIII Vorwort Die Realisierung des Projektes dauerte insgesamt mehr als 15 Jahre – von der Mitte der 1990er Jahre bis zum Beginn des zweiten Jahrzehnts des 21. Jahrhunderts. Allen, die mir in den vielen Jahren mit ihrem Wissen, mit Materialien, Hinweisen, Informationen und Kenntnissen bereitwillig und persönlich motiviert geholfen haben, möchte ich über den jeweils bereits persönlich ausgedrückten Dank hinaus auch an dieser Stelle noch einmal herzlich danken. Mein besonderer Dank gilt jedoch Herrn Dr. Rainer Ostermann, der als Lektor dieses Buch mit beeindruckender Kompetenz, größter Umsicht und konsequent beharrlicher Akribie in die letzte Fassung gebracht hat. Mein Dank gilt zudem allen Mitarbeitern des Verlages Walter de Gruyter – vor allem aber Frau Dr. Julia Brauch und Herrn Florian Altenhöfer, M.A. –, die dieses Projekt von Beginn an umsichtig und in wohltuender Weise begleitet haben. Und nicht zuletzt gilt mein Dank meiner Familie – meiner Frau Barbara, meinem Sohn Malte und meiner Tochter Gesine – die dieses Projekt während der ganzen Jahre geduldig, wohlwollend und hilfreich unterstützend begleitet haben. Der Volkswirtschaftler, Wirtschaftshistoriker und Soziologe Max Weber stellte 1917 in seinem Vortrag „Wissenschaft als Beruf“ 3 fest, dass es das Schicksal, ja der Zweck jeder wissenschaftlichen Arbeit sei, in zehn, zwanzig oder fünfzig Jahren zu veralten resp. überholt zu werden. Im August 2008 wurde die von mir verfasste und von der Deutschen National-Bibliothek/DNB Leipzig gedruckte und gebundene Arbeit Beiträge zur Geschichte der industriellen Papier, Pappe und Kunststoffe verarbeitenden Industrie in Deutschland mit einem Umfang von rund 660 Seiten in den Bestand der DNB eingestellt. Im Januar 2009 stellte die Universität Tübingen über ihren Online-Publikationsservice4 eine weitere Fassung mit einem Umfang von rund 740 Seiten ins Internet. Nach weiteren zwei Jahren liegt nunmehr in gedruckter Fassung diese korrigierte, erneut überarbeitete und abermals erweiterte Publikation mit einem umfangreichen Registerteil und einer Fülle von Ansätzen für weiterführende Forschungen vor. Für Materialien, Hinweise, Ergänzungen und durch (schriftliche) Quellen belegte Korrekturen bin ich auch weiterhin dankbar. Heinz Schmidt-Bachem im April 2011
3 4
Vgl. Max Weber, Wissenschaft als Beruf, Stuttgart 1995, S. 17. http://tobias-lib.uni-tuebingen.de/volltexte/2009/3675 (Stand: 28.2.2011).
Inhaltsübersicht Zur Einführung (Frieder Schmidt) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die Geschichte der industriellen Papierverarbeitung – Ansatz und Aufbau der vorliegenden Arbeit. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
1 5
Teil I Papierverarbeitung im 19. und 20. Jahrhundert Handwerk – Manufaktur – Fabrik – Industrie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Firmengründungen im 19. Jahrhundert. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Hand- und Heimarbeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Gefängnis-, Armenhaus-, Waisenhausarbeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Maschinenbau . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Soziale Verhältnisse in der Papierverarbeitung um 1900 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Verbands-/Kartell-/Vereinswesen bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs . . . . . . . Papierverarbeitung im 20. Jahrhundert. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
27 40 86 112 123 161 171 197
Teil II Sparten der Papier, Pappe und Kunststoff verarbeitenden Industrie Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Ansichtskarten. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Briefumschläge, -hüllen, -kuverts, -decken und Papierausstattung . . . . . . . . . . . . Buchbinde-Industrie. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Büroartikel – Schreibwaren – Organisationsmittel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Buntpapier . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Geschäftsbücher . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Graphische Industrie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Hartpapier/-pappe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Kalender – Reklame-/Werbe-Kalender . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Kartonagen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Luxuspapier . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Papiergarn/-textilien. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Papiermaché . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Pappe – Karton . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Spielkarten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Tapeten. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Tragetaschen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Veredelte/bearbeitete Papiere . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Zigarettenpapier/-verpackungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
361 365 370 395 446 464 475 497 538 568 573 590 615 661 673 686 697 723 837 858
Anhang . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 879
Inhalt Geleitwort (Wolfgang Brückner) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Vorwort . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Zur Einführung (Frieder Schmidt) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Die Geschichte der industriellen Papierverarbeitung – Ansatz und Aufbau der vorliegenden Arbeit. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
V VII 1 5
Teil I Papierverarbeitung im 19. und 20. Jahrhundert Handwerk – Manufaktur – Fabrik – Industrie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Handwerk . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Manufaktur . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Fabrik. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Industrie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
27 30 31 32 37
Firmengründungen im 19. Jahrhundert. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Entstehung und Entwicklung der Papierwaren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Friedrich Melsbach/(Bad) Sobernheim . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . N. F. A. Netzler/Flensburg (Altona) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . F. M. Lenzner/Stettin . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Weitere Beispiele für Firmengründungen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Bodenheim & Co./(Bad Sooden-)Allendorf . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Friedr. Serong/Höxter . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Leipziger Papierwarenfabrik Friedr. Prössdorf . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Ernst C. Behrens/Alfeld . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Heinrich Ludwig/Siebenlehn (Sachsen) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Schroeder & Wagner/Rinteln . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . H. C. Bestehorn/Aschersleben . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . C. C. Kurtz/Meißen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Wilhelm Winckel/Berleburg . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Weitere Firmengründungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Gerhold & Thon/Neumünster . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . C. F. Schmidt & Co./Elberfeld . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Verpackungen im 19. Jahrhundert – Hygienefragen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Tüten/Beutel als Problem . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Letztes Viertel des 19. Jahrhunderts . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Standortfrage . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
40 40 41 45 46 47 47 55 55 55 59 60 61 65 65 66 67 68 69 73 76 78
Hand- und Heimarbeit Spielwaren . . . . . . Karnevalartikel . . . Papierblumen . . . .
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86 101 106 109
XII
Inhalt
Gefängnis-, Armenhaus-, Waisenhausarbeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Armen-Institut Esslingen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Waisenhaus Kassel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
112 117 120
Maschinenbau . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Buchbinde- und Kartonagen-Maschinen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Gebr. Brehmer/Leipzig . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Kolbus/Rahden . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Tüten-/Beutel-Maschinen ab 1852. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Weitere Patentanmeldungen (1) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Weitere Patentanmeldungen (2) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Tüten-/Beutel-Maschinen um 1900 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Papiersack-Maschinen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
123 124 133 137 138 143 144 154 158
Soziale Verhältnisse in der Papierverarbeitung um 1900 . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
161
Verbands-/Kartell-/Vereinswesen bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs . . . . . . . Tüten-/Beutel-Industrie – 1. Versuch (1882) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Tapeten-Industrie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Briefumschlag-/Papierausstattungs-Industrie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Tüten-/Beutel-Industrie – 2. Versuch (1900) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Ansichtskarten-Industrie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Tüten-/Beutel-Industrie – 3. Versuch (1911) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
171 178 180 184 189 192 193
Papierverarbeitung im 20. Jahrhundert. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1900–1933 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Erster Weltkrieg . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Weimarer Republik . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Hubert Kurz – VP/München. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Karl Höhn/Ulm . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Soziales und Statistisches zwischen 1900 und 1933 . . . . . . . . . . . . . . . . . . DIN-Formate . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . NS-Zeit. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1933. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1934. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1935. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1936. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1937. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1938. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1939. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1940. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1941. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1942. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . 1943. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Nachkriegszeit . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . DDR. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Zahlen und Produkte . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
197 197 202 217 225 226 228 241 256 256 263 273 274 280 286 291 299 302 306 309 318 334 346
Inhalt XIII
Teil II Sparten der Papier, Pappe und Kunststoff verarbeitenden Industrie Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
361
Ansichtskarten. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
365
Briefumschläge, -hüllen, -kuverts, -decken und Papierausstattung . . . . . . . . . . . . Martin Rommeler/Jülich . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Remkes/Elberfeld . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Lemppenau/Stuttgart . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Papierausstattung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Ernst Mayer/Heilbronn. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Heyder/Düren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Otto Ficker/Kirchheim unter Teck. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
370 373 373 376 377 384 386 388
Buchbinde-Industrie. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Joseph Meyer/Bibliographisches Institut . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Hempel/Berlin. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Demuth/Berlin . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Kaliko . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Sperling/Leipzig . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Fritzsche/Leipzig . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Taschenbücher, Gesang- und Gebetbücher, Bibeln, Geschäftsbücher . . . . . . . . Lüderitz & Bauer/Berlin. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Sigloch/Stuttgart . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Klebebindung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Hermann F. Baumfalk . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Willy Hesselmann . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Emil Lumbeck . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Planatolwerk/Rohrdorf-Thansau . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Ehlermann/Wohlenberg Verden/Aller . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Hochleistungs-Maschinen für Klebebindung um 1950 . . . . . . . . . . . . . . . . . .
395 397 399 399 400 403 404 405 408 408 410 411 414 415 438 441 445
Büroartikel – Schreibwaren – Organisationsmittel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Pelikan/Hannover . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Leitz/Stuttgart . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Soennecken/Bonn . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Baier & Schneider/„Brunnen“, Heilbronn . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Geha/Hannover . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Herlitz/Berlin . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . ELBA/Wuppertal . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . KABE/Leuchtturm-Alben, Geesthacht . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
446 450 454 457 458 460 460 462 463
Buntpapier . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Dessauer/Aschaffenburg . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Nees/Aschaffenburg . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
464 466 471
Geschäftsbücher . . . . . . . . . . . . . . . . . König & Ebhardt/Hannover . . . . . . . Edler & Krische/Hannover . . . . . . . . Brieger Geschäftsbücher-Fabrikation
475 476 494 496
.............................. .............................. .............................. ..............................
XIV Inhalt Graphische Industrie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Akzidenz-/Merkantildruck, Zeitungsdruck, Wertpapiere . . . . . . . . . . . . . . . . . Akzidenz-Gestaltung im 19. Jahrhundert . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Büxenstein/Berlin . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Giesecke & Devrient/Leipzig, Wertpapiere . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Gebr. Bertelsmann/Bielefeld . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Gundlach/Bielefeld . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Reklamemarken . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
497 497 499 509 516 523 524 533
Hartpapier/-pappe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Pressspan . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Rundgefäße. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Hülsen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Pappteller . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Meirowsky/Dielektra/Köln . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Isola/Düren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
538 539 544 545 547 549 561
Kalender – Reklame-/Werbe-Kalender . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Richard Dohse & Sohn/Bielefeld . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Eilers/Bielefeld . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
568 569 570
Kartonagen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . M. Adt/Ensheim . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Dreyspring/Lahr . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Lahr . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Chronologische Übersicht zur Entstehung der Kartonagen-Fabrikation Georg Adler/Buchholz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Luce/Bielefeld. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Hoffmann’s/Salzuflen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Armbruster/Hamburg-Bergedorf . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Casimir Kast . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Faltschachteln . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Margarine-Verpackungen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
...... ...... ...... ...... ...... ...... ...... ...... ...... ...... ...... ......
573 575 575 576 577 581 583 584 585 586 587 589
Luxuspapier . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Wolf Hagelberg/Berlin. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Papierblumen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Karneval-/Festartikel . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Carl Riethmüller/Kirchheim unter Teck. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Konfetti . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Luftschlangen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
590 593 598 606 609 612 614
Papiergarn/-textilien. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Papierkleidung vor 1900 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Papierwäsche . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Trocken-Spinnverfahren. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Nass-Spinn-/Faserstoff-Verfahren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Nass-Spinnverfahren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Papiergarn/-gewebe im Ersten Weltkrieg . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
615 615 620 623 624 626 637
Inhalt XV
Papiermaché . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Stobwasser – Braunschweig, Berlin. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Stockmann/Braunschweig . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Puppen, Spielwaren, Lehr- und Lernmittel. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
661 664 667 668
Pappe – Karton . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Begriffsbestimmung/Unterscheidung Karton und Pappe . . . . . . . . . . . . . . . . . Industrielle Entwicklung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Industrielle Papp-Prägung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Wellpappe. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Chromo-Ersatzkarton. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Wickelpappe . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
673 673 674 676 680 683 684
Spielkarten . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Altenburg . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Vereinigte Stralsunder Spielkartenfabriken AG . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
686 692 694
Tapeten. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Gebr. Rasch & Co./Bramsche . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Erfurt & Sohn/Wuppertal . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
697 718 721
Tragetaschen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Einleitung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Papier-Tragetaschen (vor 1945) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Selbstbedienung und Tragetaschen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Papier-Tragetaschen (nach 1945) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Kordelgriff . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Griffloch-Ausführungen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Papiergriff – außen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Papiergriff – innen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Kunststoffgriff . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Konfektionierung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Druck – Oberflächenveredlung/-behandlung . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Papier- vs. Plastiktragetaschen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Papier und Kunststoff . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Folien . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Zellglas/Viskose-Folie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Kunststoff-/Polyethylen(PE)-Folie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Exkurs . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Folien-Tragetaschen/„Plastiktüten“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Plastiktüten vor 1965 („Hemdchen“). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Plastik-Tragetaschen nach 1965 („Reiterband“) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Plastik-Tragetaschen nach 1975 („DKT“) . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Plastik-Tragetaschen seit Mitte der 1970er Jahre . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Plastik-Tragetaschen nach 1990 . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Luxus-Tragetaschen. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Konzentrations-Prozess – Globalisierung. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Folien-Tragetaschen nach 2000. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Rationalisierungsdruck und Maschinenbau (LEMO). . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Plastiktüten – Natur-, Umwelt- und Klimaschutz . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
723 723 724 728 731 732 733 734 740 741 741 742 747 751 761 761 764 767 772 772 783 789 791 794 796 799 801 805 807
XVI Inhalt Exkurs: „Jute statt Plastik“ . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Tragetaschen – Gestaltung, Werbewirksamkeit. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
816 831
Veredelte/bearbeitete Papiere . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Emil Holtzmann/Speyer . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Carl Schleicher & Schüll/Düren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Renker-Belipa/Düren . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Fotopapier. . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Felix Schoeller/Osnabrück . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Melitta-Werke/Minden (Sparte Papierverarbeitung/-erzeugung). . . . . . . . . . . .
837 842 844 845 848 849 852
Zigarettenpapier/-verpackungen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Zigarettenpapier verarbeitende Industrie . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Gizeh/Gummersbach . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Efka-Werke Trossingen . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
858 858 865 866
Anhang Literatur- und Quellenverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Abkürzungsverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Abbildungsverzeichnis . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Personenregister . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Firmenregister . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . Ortsregister . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . . .
881 933 936 939 951 971
Zur Einführung von Frieder Schmidt Papier ist ein flächiger Werkstoff, bestehend aus Fasern pflanzlichen Ursprungs. Nach entsprechender Aufbereitung wird aus wässriger Suspension mittels eines Siebs ein Blatt geschöpft bzw. seit Einsatz der Papiermaschine im frühen 19. Jahrhundert eine endlose Bahn gebildet. In der europäischen Papiermacherei wurden bis zur Mitte des 19. Jahrhunderts fast ausschließlich abgelegte Textilien, Lumpen oder Hadern genannt, als Rohstoff verwendet. Dann traten ergänzend mechanisch aufbereiteter Holzschliff und chemisch aufbereiteter Holzzellstoff hinzu, wodurch dem steigenden Verbrauch von Papier keine Grenzen mehr gesetzt waren. Carl Hofmann, der 1876 die Papier-Zeitung gegründet und diese anschließend jahrzehntelang geleitet hatte, erklärte den durchschnittlichen Papierverbrauch zu einem Gradmesser des kulturellen Niveaus einer Gesellschaft. Deutschland nahm bei diesem Vergleich einen der vordersten Plätze ein.1 Eine sich industrialisierende Gesellschaft mit stetig wachsender Bevölkerung entfaltete massenhaft neue Bedürfnisse, die es zu befriedigen galt. Papier erwies sich dabei als ein sehr geeignetes Material, ließ es sich doch leicht in vielerlei Hinsicht modifizieren. Resultat war ein immer breiteres Sortiment unterschiedlichster Papiersorten, das sich für die vielfältigsten Verwendungszwecke eignete. Was in der aufblühenden Industriegesellschaft benötigt wurde, waren jedoch nicht einfach unterschiedliche Papiersorten, die sich nach Gewicht, Stärke, Farbe, Opazität, Glätte, Stoffzusammensetzung etc. unterschieden, sondern Dinge, die sich durch ihren Gebrauchswert für einen bestimmten Zweck eigneten. Man brauchte zum Beispiel Behältnisse für die Verpackung, den Transport und die Aufbewahrung von Erzeugnissen aller Art, seien es pharmazeutische Produkte, Sämereien oder Kurzwaren. Die Erzeugnisse selbst konnten auch wieder aus Papier oder Karton bestehen: zum Brief und der Rechnung gesellte sich der aufgedruckte Briefkopf, der Umschlag und der Aktenordner, aus der einfachen Postkarte wurde die Ansichtspostkarte, die man in ein Sammelalbum steckte. Diese Objekte wurden für einen Markt produziert und wurden als Waren gehandelt. Im Verlauf des 19. und 20. Jahrhunderts entstand so eine Papierwaren erzeugende Industrie, die bei der Produktion alle Techniken ausschöpfte, die der Papierverarbeitung dienten und dienen: „Die Papierverarbeitungstechnik umfasst alle Prozessschritte, die notwendig sind, aus Papier, Pappe oder Karton fertige Produkte herzustellen. Dazu ist in der Regel die Kombination mit anderen Materialien notwendig, namentlich Druckfarben, Lacken und Klebstoffen, aber auch Folien aus Kunststoff oder Metall, textilen Materialien oder anderen flächigen Werkstoffen.“2
Man kann folgende Verarbeitungstechniken unterscheiden: trennende Verfahren, umformende Verfahren, verbindende Verfahren, Verfahren zur Kombination von Materia1 2
Vgl. Sabine Schachtner, Paper consumption in Germany during the 19th and 20th century. In: IPH congress book 17 (2008), S. 195-203. Vgl. Renke Wilken, Papierverarbeitungstechnik. In: Taschenbuch der Papiertechnik, hrsg. v. Jürgen Blechschmidt. München 2010, S. 465-515, hier: S. 465.
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Zur Einführung
lien, Druckverfahren, schließlich Verfahren zum Transport. Beim Trennen geht es um Schneiden, Stanzen und Sägen. Beim Formen lassen sich die vorbereitenden Verfahren (Ritzen, Rillen, Stauchen, Nuten, Perforieren und Abschrägen) von den primär formenden Verfahren, die aus ebenem Werkstoff ein räumliches Gebilde hervorbringen (Ziehen, Prägen, Wickeln, Biegen), und den sekundär formenden Verfahren (Bördeln, Rollen, Verpressen, Verjüngen, Sicken) unterscheiden. Das Verbinden befasst sich mit dem Zusammenfügen von Flächen, Kanten oder Ecken und kann durch Kleben, Heißsiegeln, Schweißen, Heften, Nieten oder Nähen erfolgen. Beim Veredeln kommen weitere Verfahren zum Einsatz: Prägen, Kreppen, Kaschieren, Beziehen, Beschichten und Imprägnieren.3 Diese Systematik der Arbeitsverfahren verdeutlicht das der Papierwaren erzeugenden Industrie zur Verfügung stehende Repertoire, auf das bei den mehr oder weniger komplexen Fertigungsabläufen zurückgegriffen werden kann. Die einzelnen Verfahren konnten mit von der mehr oder weniger geübten Hand geführten Werkzeugen und Geräten zur Anwendung gebracht werden oder dafür konstruierte Maschinen übernahmen diese Rolle und sorgten für eine massenhafte und gleichförmige Wiederholung des immer einen Arbeitsschritts. Darauf spezialisierte Maschinenfabriken suchten ihre Marktnischen und sicherten ihr Know-how durch Patente. Die Papierwarenfabriken wiederum profitierten von dem im Lauf des 19. Jahrhunderts wirksam gewordenen Geschmacksmuster- und Gebrauchsmusterschutz. Ein Gesetz für den Geschmacksmusterschutz galt im Deutschen Reich seit 1876. Beim 1891 eingeführten gesetzlichen Schutz von Gebrauchsmustern ging es um den Nützlichkeitsaspekt von Arbeitsgerätschaften oder Gebrauchsgegenständen. „Die Erzeugnisse der papierverarbeitenden Industrie sind buchstäblich omnipräsent“4, so heißt es 2007 in einer Branchenstudie. Tatsächlich hat dieser Industriezweig, der zu diesem Zeitpunkt ca. 1 Prozent der Beschäftigten des verarbeitenden Gewerbes in Deutschland und knapp 1,2 Prozent aller Umsätze aufwies, einen großen Einfluss auf die Alltagskultur. Weite Bereiche von Gewerbe und Handel, von öffentlicher Verwaltung, Lehre, Forschung und Gesundheitswesen, aber auch des privaten Lebens und Wohnens der Bevölkerung sind heute ohne die wesentlichen Erzeugnisgruppen der papierverarbeitenden Industrie nicht mehr vorstellbar: Verpackungsmittel, Haushalts-, Hygiene- und Schreibwaren und Bürobedarf, Tapeten, schließlich sonstige Waren (wie z. B. Etiketten, Kaffeefilter oder Zigarettenpapier) aus Papier, Karton und Pappe. Die vorliegende Untersuchung macht es sich zur Aufgabe, diese kaum zu überblickende Vielfalt unterschiedlichster Erzeugnisse in zweifachem Zugriff vorzustellen und in ihrer historischen Entwicklung zu analysieren. In einem ersten Durchgang werden die einzelnen Etappen papierverarbeitender Produktion nach einer Klärung wesentlicher Grundtypen der Produktion (Handwerk – Manufaktur – Fabrik – Industrie) in aufeinander folgenden zeitlichen Querschnitten untersucht, wobei die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg für Ost- und Westdeutschland getrennt dargestellt wird. Dieser Zugriff erlaubt es, epochentypische Elemente herauszuarbeiten und das gesellschaftliche, wirtschaftliche und politische Umfeld darzustellen, in dem sich die Branche entwickelt hat. Dies gilt zum Beispiel für die Heimarbeit, die bei der 3 4
Vgl. Fritz Hesse u. Hans-Jürgen Tenzer, Erzeugnisse der Papierverarbeitung, Leipzig 1966 (= Grundlagen der Papierverarbeitung, Bd. 3), S. 12 f. Input Consulting GmbH: Strukturmerkmale und Entwicklung der papierverarbeitenden Industrie in Deutschland, Stuttgart, Dezember 2007, S. 5 (www.input-consulting.com/download/ Korr1_ PPV_end.pdf (Stand: 21.2.2011).
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Tütenherstellung und bei der Produktion von Kunstblumen eine große Rolle spielte, und es geht um das Tütenkleben in Arbeitshäusern und Gefängnissen. Kriegswirtschaftliche Verhältnisse in den beiden Weltkriegen bedeuten jeweils besondere volkswirtschaftliche Herausforderungen und sind in ihrer spezifischen Konstellation ausgesprochen erhellend. Die Zeit der nationalsozialistischen Diktatur wird in dieser Studie nicht vergessen und verdrängt, sondern im Gegenteil gründlich ausgeleuchtet und anhand einiger exemplarischer Lebensläufe wie denen von Richard Kaselowsky, Friedrich Schaarschmidt oder Fritz Kiehn anschaulich gemacht. In einem zweiten Durchgang wird die Geschichte der papierverarbeitenden Industrie und ihrer Erzeugnisse in einzelnen Unterkapiteln beschrieben, die wie gleichsam lexikalische Artikel in der alphabetischen Reihenfolge der entsprechenden Leitbegriffe angeordnet sind. Diese Methode ermöglicht raschen und systematischen Zugriff, ohne dabei eine innere Systematik des sehr heterogenen Materials vorzutäuschen. Jede dieser Teilsparten hat ihre unternehmerischen Protagonisten, die mit ihren innovativen Betrieben ganze Märkte hervorgebracht oder diesen zumindest in prägender Weise ein Gesicht gegeben haben. Deshalb wird in diesen Unterkapiteln der Geschichte einzelner Unternehmen gebührender Raum gegeben, wodurch die ganze Untersuchung einen wichtigen Beitrag zur deutschen Unternehmensgeschichte darstellt. In die vorliegende Darstellung haben Informationen aus einer Vielzahl häufig nur schwer zugänglicher Dokumente Eingang gefunden. Dies bedeutet auch in erheblichem Umfang die Sicherstellung von wesentlichem Quellenmaterial bzw. die Rekonstruktion und Dokumentation verlorengegangener Originalquellen anhand der Berichterstattung in der einschlägigen Fachpresse. Die vorliegende Darstellung wird somit in vielen Fällen Ausgangspunkt für weitere Forschungen sein können, für die erst jetzt durch die detaillierte Bereitstellung von Fakten und die Vermittlung von Querbezügen ein Grundgerüst gegeben ist. Die Untersuchung macht deutlich, dass die Papierwarenindustrie kurz nach der Mitte des 19. Jahrhunderts zu ganz erheblichen Teilen in Kleinstädten mit eher ländlichem Charakter und in strukturschwachen Gegenden ihren Ausgangpunkt genommen hat. Dieses Wirtschaften abseits der Metropolen gibt manchen der ausführlich vorgestellten Unternehmen (man denke z. B. an die Firma H. C. Bestehorn in Aschersleben) oder einem spezialisierten Zweig (man denke z. B. an die Spielwarenhersteller im Kreis Sonneberg oder die Kartonagenindustrie in Lahr) im lokalen Wirtschaftleben eine bestimmende Funktion. Durch die Bildung von Vereinen, Kartellen und Verbänden kommt es in der Zeit der Hochindustrialisierung zu einer intensiven Verknüpfung von wirtschaftlichen Interessen innerhalb der einzelnen Sparten der papierverarbeitenden Industrie. Berlin nimmt auf dieser Ebene eine wichtige Rolle ein, zumal dort mit Max Krause und Carl Hofmann ganz wesentliche Persönlichkeiten bzw. Wortführer der Papierwirtschaft ansässig waren. Solange Arbeitskraft zu außerordentlich günstigen Konditionen zur Verfügung steht, ist der Druck in Richtung Mechanisierung der Produktion mittels verstärkten Maschineneinsatzes noch gebremst. Doch wachsende Stückzahlen, steigende Löhne und im Hinblick auf die Gleichförmigkeit der Erzeugnisse erhöhte Qualitätsanforderungen bahnen immer neuen Verfahren und Konstruktionen den Weg in die papier-, karton- und pappeverarbeitenden Industrieunternehmen. Historiker wie Ernst-Peter Biesalski haben hier für das Buchbindergewerbe bereits wesentliche technik- und gewerbegeschichtliche Aspekte herausgearbeitet, und Wisso Weiß hat in seiner Zeittafel zur Papiergeschichte eine Fülle von einschlägigen Hinweisen vermerkt, doch die vorliegende Untersuchung macht deutlich, dass erhebliche Teile der damaligen technologischen Entwicklung völlig
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in Vergessenheit geraten sind. Dies liegt natürlich auch daran, dass Leipzig, das damalige Zentrum des deutschen Buchbinderei- und Papierverarbeitungs-Maschinenbaus, in den letzten Jahrzehnten fast seinen komplette einschlägige Industriebesatz verloren hat und damit ein fast vollständiger Traditionsabriss verbunden ist. Kompliziert zu überschauen sind auch die maschinenbaulichen Anstrengungen im Bereich der Tüten- und Beutelfertigung. Es dürfte hilfreich sein, dass in vorliegender Publikation für viele dieser Firmen der verschlungene unternehmensgeschichtliche Weg in der Folge des Zweiten Weltkriegs und unter planwirtschaftlichen Verhältnissen nachgezeichnet wird. Untersucht man die einzelnen Erzeugnisgruppen der papierverarbeitenden bzw. der Papierwaren erzeugenden Industrie, so lassen sich aufeinanderfolgende Innovations- bzw. Diffusionswellen beobachten, zum Beispiel im Bereich der industriellen Buchproduktion, bei der Herstellung von Briefumschlägen und Geschäftsbüchern ebenso wie bei Tüten und Tragetaschen oder im zeitweilig hoch bedeutsamen Bereich der Papiergarn-Industrie. Weitere Beispiele wären der Sonderbereich Veredlung der Papiere, in dem Rohpapier durch Imprägnieren, Beschichten, Bedrucken oder andere Methoden zusätzliche spezifische Eigenschaften verliehen werden. In handelsfähige Packungen konfektioniert sind diese Erzeugnisse einerseits Waren des Papier- bzw. Papierwarenhandels, andererseits Ausgangsmaterial für eine wie auch immer geartete Weiterverarbeitung oder Packmittel. Manche dieser Innovationen haben zu dauerhaftem Bedarf geführt, bei anderen ist das Potential bereits nach wenigen Jahrzehnten erschöpft, weil die jeweiligen Bedürfnisse seitens der Verarbeiter oder Konsumenten im Lauf der Zeit auf bessere oder ganz anders geartete Weise befriedigt wurden. Durch mehr oder weniger ausführliche Firmenporträts werden die innovatorische Rolle, das Leistungsprofil und die Unternehmensentwicklung maßgeblicher Firmen der Papierverarbeitung vorgestellt. Stellvertretend seien folgende Firmen genannt: Georg Adler, Buchholz; Emil Adolff, Reutlingen; Baier & Schneider, Heilbronn; H. C. Bestehorn, Aschersleben; Büxenstein, Berlin; Edler & Krische, Hannover; Erfurt & Sohn, Wuppertal; Eilers, Bielefeld; Giesecke & Devrient, Leipzig; Carl Herlitz, Berlin; J. C. König & Ebhardt, Hannover; Max Krause, Berlin; Louis Leitz, (Stuttgart-)Feuerbach; Melitta, Minden; Rasch, Bramsche; Carl Riethmüller, Kirchheim unter Teck; Carl Schleicher & Schüll, Düren. Diese und andere Unternehmen haben ganz maßgeblich bei der Entwicklung und Ausgestaltung bestehender und neuartiger Teilmärkte fungiert. In der hier vorliegenden übergreifenden Darstellung wird erst in vollem Umfang deutlich, welche Rolle sie im großen Getriebe der – u. a. auch Papierwaren – produzierenden Gesellschaft spielten (und teilweise auch noch spielen). „Die Geschichte und Entwicklung der Papierfabrikation ist weit leichter zu überblicken als die der Verarbeitung“, betonte Lore Sporhan-Krempel 1959 im Vorwort ihrer Studie Vom Papier und seiner Verarbeitung in alter und neuer Zeit. Vorliegende Untersuchung zeigt, wie komplex die Materie ist, und macht gleichzeitig deutlich, dass die Aufgabe dennoch bewältigt werden kann. Postscriptum: Im April 2011 erzählte Heinz Schmidt-Bachem am Telefon, nun sei alles bestens geklärt, man könne sich auf ein baldiges Erscheinen des umfangreichen Werks freuen. Jetzt trifft unmittelbar vor Druckfreigabe die ernüchternde und traurige Nachricht ein, Heinz Schmidt-Bachem sei am 8. Mai 2011 plötzlich und unerwartet gestorben. Die Papierhistoriker in Deutschland trauern um einen ihrer unermüdlichsten und gründlichsten Forscher sowie einen der fleißigsten und qualifiziertesten Sammler. Das hier vorgelegte Nachschlagewerk wird zu seinem Vermächtnis.
Die Geschichte der industriellen Papierverarbeitung – Ansatz und Aufbau der vorliegenden Arbeit „Wenn das Papier die Papierfabrik verlässt, stellt es erst einen Rohstoff dar. Aus diesem Rohstoff ‚Papier‘ das Gebrauchsgut ‚Papierware‘ herzustellen, ist Aufgabe der Papierverarbeitungs-Industrie. Sie ist fast so vielfältig wie die Waren, die sie herstellt.“1
Das Verfahren und die Technik zur Herstellung von Papier sind seit weit über 2000 Jahren bekannt. Papier ist ein Werkstoff, der schon immer für unterschiedlichste Zwecke verwendet und verarbeitet wird. Über den reinen Zweckcharakter hinaus erfuhr und erfährt die Herstellung und Nutzung von Papier (bevorzugt als „Beschreibstoff“/Schriftträger) vielfach eine kulturgeschichtliche Überhöhung. Die Erzeugnisgeschichte des Papiers ist seit langem Gegenstand eines besonderen historischen Interesses und einer intensiven Forschungstätigkeit. Produkte aus Papier2 sind Ergebnisse spezieller Fertigungstechniken, die sich aus der Verschiedenartigkeit der Verwendungszwecke, der Werkstoffe (Papier, Pappe/Karton sowie Kunststoff), der Konstruktionen oder der Ausführungen ergeben. Die jeweiligen Fertigungstechniken werden durch die Haupt- und Mischzwecke Druck, Verarbeitung, Buchbinderei sowie Veredlung bestimmt. Die Techniken können einzeln oder – in der Praxis überwiegend – in Kombination ausgeführt werden.3 In Europa war die Verarbeitung von Papier seit dessen Einführung während des 14. Jahrhunderts zunächst vor allem eine Angelegenheit der Spielkartenmacher, bevor sie über viele Jahrhunderte zum ausschließlichen Gegenstand des – zunftgebundenen – Buchdrucker- und Buchbinder-Handwerks wurde. Im Zeitalter des Merkantilistismus, also im 18. Jahrhundert, wurden Spielkarten, Buntpapier, Papiermaché-Artikel, Tapeten, Kartonagen, Papierblumen oder Festartikel im Manufakturbetrieb hergestellt. Diese Bereiche gehörten im Übergang zum Fabrikzeitalter des 19. Jahrhunderts zu den begründenden Sparten der Papier und Pappe verarbeitenden Industrie. In den 1820er Jahren hatte die Industrialisierung der Buchbinderei begonnen. In den 1840er Jahren folgten die Bereiche Kartonagen, Geschäftsbücher und Briefumschläge. Ab der zweiten Hälfte der 1850er Jahre entwickelte sich die Sparte der PapierwarenIndustrie. Sie ging aus der Tüten-/Beutel-Fabrikation hervor, in der kurz nach ihrer Begründung zu Beginn der 1850er Jahre fächerübergreifend, unter einem Dach bzw. aus einer Hand auch Akzidenz-/Merkantil-Drucke ausgeführt sowie Briefumschläge, Kartonagen, Lernmittel, Geschäftsbücher usw. gefertigt wurden. Nicht enthalten im Sortiment der Papierwaren-Sparte waren Buntpapier, Tapeten, Spielwaren, Luxuspapier, Papier1 2 3
Erich Stier, Papierverarbeitung. Ein kurzer Überblick. In: Papier-Zeitung, Nr. 98/1929, 7.12.1929, S. 3070 ff., hier: S. 3070, Sp. 1. Der Begriff „Papier“ steht im Folgenden aus Gründen der Vereinfachung auch für „Pappe“ sowie für „Kunststoff“ bzw. „Folien“. Vgl. u. a. Hesse/Tenzer, Erzeugnisse der Papierverarbeitung, S. 13 ff.
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wäsche/-garn oder Hartpapierwaren. Diese Bereiche blieben üblicherweise reine Spartenproduktionen. Dagegen gehörte zum Angebot einer Papierwaren-Fabrik fast immer mindestens eines der drei Massenprodukte, nämlich Briefumschläge, Kartonagen sowie Tüten/Beutel.4 Die Papierwaren-Industrie, die innerhalb der Papier- und Pappeverarbeitung eine erhebliche wirtschaftliche Bedeutung erlangte, bildet(e) keine eigenständige Fachgruppe. Sie war lediglich ein Sammelbegriff für ein diversifiziertes, von Betrieb zu Betrieb wechselndes Angebot aus einer Hand. Sie war die Summe von Einzelproduktionen, die als solche jeweils separat, jedoch in wechselnden Zuordnungen und Nomenklaturen, statistisch erfasst und über Fachverbände gesondert vertreten wurden. In vereinfachter Form wurde und wird der Begriff „Papierwaren“ unspezifisch verwendet und häufig mit dem Gesamtbereich der Papier- und Pappeverarbeitung gleichgesetzt. Im Verlauf mehrfacher Strukturveränderungen hat sich die Fachrichtung Papierwaren als Gewerbezweig nach und nach nahezu völlig aufgelöst. Geblieben sind international und global agierende Konzerne, die am PBS-Markt (Papier-, Büro-, Schreibwaren) sowie im Verpackungsbereich konkurrierend im Wettbewerb stehen. Die Anfänge der Ausweitung der Papier und Pappe verarbeitenden Industrie zur Papier, Pappe und Kunststoffe (resp. Folien) verarbeitenden Industrie reichen von der großgewerblichen Verwertung von Papiermasse/Papiermaché, die durch Füll- und Zusatzstoffe unterschiedlichster Art ständig verändert und weiterentwickelt wurde, bis ins 18. Jahrhundert zurück. Die Verbindungen der Bereiche Papier/Zellulose und halbsynthetische Kunststoffe („Cellulose-Kunststoffe“, Vulkanfiber, Celluloid, Galalith usw.) lassen sich bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts zurückverfolgen. Seit dem ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts, dem Entwicklungs- und Produktionsbeginn vollsynthetischer/ duroplastischer Kunststoffe, bestehen Verbindungen zwischen den Werkstoffen Papier und eben diesen Kunststoffen (Kunstharze/Bakelit, „Pertinax“ usw.). Nach dem Ende des Zweiten Weltkrieges hatten sich Kunststoffe (u. a. Polyethylen) als gleichberechtigte Werkstoffe in der Papier und Pappe verarbeitenden Industrie allgemein durchgesetzt und drohten zu Beginn der 1960er Jahre den angestammten Werkstoff Papier/Pappe weitgehend zu verdrängen. Der Hauptverband der Papier und Pappe verarbeitenden Industrie/HPV veränderte/erweiterte sich seit den 1970er Jahren zum Hauptverband der Papier, Pappe und Kunststoff verarbeitenden Industrie. Die Anfänge der organisierten Fachvertretung der Papier- und Pappe verarbeitenden Industrie reichen bis in die 1870er Jahre zurück. Zu Beginn des 21. Jahrhunderts war diese Industrie, insbesondere über den Bereich Verpackungsmittel und mit weitem Abstand vor den Bereichen Bau, Fahrzeugbau und Elektro-Industrie, der größte Abnehmer der Kunststoffe herstellenden Industrie.5 Der Anteil der Papierverarbeitung am Gesamtumsatz der Papierwirtschaft (Druck, Verarbeitung, Erzeugung) liegt seit vielen Jahrzehnten durchgehend an zweiter Stelle hinter der Druckindustrie und vor der Zellstoff- und Papiererzeugung.6 Die Produktions4 5 6
„[...] Briefumschläge, Lohntüten und Mustertaschen aus Papierwarenfabriken, d. h. Tütenund Beutelfabriken [...]“. Paul Schöller, Die Kartelle der papierverarbeitenden Industrie, Solingen 1929, S. 32. Einsatzbereiche für Kunststoff u. a. im Jahre 2008: Verpackungen 32,5%; Bau 25,2%; Fahrzeug-Industrie 9,2%; Elektro-/Elektronik-Industrie 7,4%; vgl. IPV-Geschäftsbericht 2008/09, Frankfurt/M. 2009, S. 25. „So beschäftigte die Papierverarbeitung, einschließlich der Papierveredlung und Tapetenfabrikation [...] im Jahre 1925 in 13 058 Betrieben 156 736 Personen, während die Papiererzeugung in 1151 Betrieben 117 173 Personen beschäftigte. Die Papierverarbeitung beschäftigt noch wesentlich mehr Personen, wenn man ihr [...] die Luxuspapierwarenherstellung [mit
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menge sowohl der Papier- wie der Kunststoffverarbeitung steigerte sich zwischen 1960 und 2005 um mehr als das Fünffache. Der Industriebereich wurde (auch) im ersten Jahrzehnt des 21. Jahrhunderts überwiegend von kleineren und mittleren Betrieben mit einer Beschäftigtenzahl bis 500 bestimmt. Im gleichen Zeitraum wurden jedoch zunehmend Teile dieses Wirtschaftsbereiches von der Dynamik des allgemeinen Konzentrations- und Globalisierungsprozesses erfasst. Die Geschichte der industriellen Papier- und Pappeverarbeitung ist selbst innerhalb der papierhistorischen Forschung ein weitgehend unbeachtetes Thema. Im Mittelpunkt der Papiergeschichte stehen die handwerklich-frühindustrielle Papiererzeugung (Papiermühlen) und die Wasserzeichenkunde. Das historische Interesse an der Verarbeitung von Papier und Pappe beschränkt sich ebenfalls weitgehend auf die (kunst-)handwerklichvorindustrielle Tradition mit der Schwerpunktsetzung Spielkarten, Buchdruckerei/-binderei, Tapeten, Papiermaché und Luxus-Papiere/-Kartonagen. Materialsammlungen, Untersuchungen und Veröffentlichungen zur Geschichte der industriellen Periode der Papierund Pappeverarbeitung, dem nach der Druckindustrie wirtschaftlich bedeutendsten Zweig der Papierwirtschaft, liegen lediglich zu Einzelbereichen, nicht aber zum Gesamtkomplex vor. Der Bereich Papierwirtschaft wurde und wird von der Papiererzeugung als Rohstofflieferant dominiert. Die Papierverarbeitung steht überdies schon immer in der Abhängigkeit der Preis- und Konditionsvorgaben durch die Papiererzeugung. Erklärungsversuche für das Phänomen, nach dem die industrielle Papierverarbeitung (auch) historiographisch weitgehend ignoriert wird, lassen sich bereits in den ersten Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts finden. Sie werden meist mit den komplexen Strukturen dieses Wirtschaftsbereiches in Beziehung gesetzt und als Begründung angeführt. 1920 veröffentlichte Heinrich Meyerholz eine Dissertation, in der er die wirtschaftliche Lage der Kunstdruck- und Luxuspapierwaren-Industrie darstellte.7 Sein auf diese Sparte bezogener Befund ist übertragbar auf nahezu alle Bereiche der Papier verarbeitenden Industrie und auf die Geschichtsschreibung im Sinne eines Versuches, Vergangenheit bewusst werden zu lassen: „Wie es für die meisten Industrien charakteristisch ist, daß die Schwerindustrien, die Rohstoff erzeugenden gegenüber den weiterverarbeitenden Gewerben viel mehr ins Auge fallen, weil sie kompakter in Erscheinung treten, so findet man fast allgemein eine Unterschätzung der [Papier verarbeitenden Industrie] in ihrer Bedeutung gegenüber der Papierindustrie. Diese Unterschätzung zeigte sich u. a. darin, daß [19198] mangels Fürsprache durch den Industrieverband Deutscher Industrieller der großen Papierverarbeitung [...] eine Vertretung im Wirtschaftlichen Ausschuß beim Reichsamt des Innern versagt blieb, während die, zumal für die viel weniger wichtige Papierindustrie bevorzugt wurde.“9
Die geringe Beachtung der Kunstdruck- und Luxuspapierwaren-Industrie und der Papier verarbeitenden Industrie insgesamt erklärte sich für Meyerholz damit, dass sie „außerordentlich verzweigt und verästelt ist. Die Zahl der Erzeugnisse und die in der Industrie zur Anwendung gelangenden technischen Verfahren sind unendlich mannigfaltig. Daher lässt sich die Industrie als wirtschaftliche Einheit schwer herausschälen und stehen einer klaren Abgrenzung große Schwierigkeiten im Wege.“10 100 000] zuzählt.“ Schöller, Kartelle, S. 2. Die Beschäftigtenzahl von rund 150 000 blieb über viele Jahrzehnte konstant. 7 Vgl. Heinrich Meyerholz, Die Kunstdruck- und Luxuspapierwarenindustrie, Marburg 1920. 8 Vgl. Abschn. „Papierverarbeitung zwischen 1900 und 1933“/Weimarer Republik der vorliegenden Arbeit (nachfolgend abgekürzt als v. A.). 9 Meyerholz, Kunstdruckindustrie, S. 1. 10 Ebd., S. 2.
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Ein weiteres Hindernis für eine Beschäftigung mit dieser Industrie sah Meyerholz in der Unbestimmtheit und Unklarheit der Begriffe sowohl der Druck- und Fertigungstechniken als auch der Erzeugnisse. Hinzu kam (und kommt) die Vielzahl der Sparten mit ihren Unbestimmtheiten und Unklarheiten in der jeweiligen Definition als Erzeugnisbereich. Damit hatte Meyerholz im Wesentlichen, aus wirtschaftsgeschichtlicher Sicht und bezogen auf die Luxuspapier-Industrie, die wichtigsten Gründe angeführt, die die Erforschung und Darstellung der Papier verarbeitenden Industrie insgesamt, aber auch in der Papiergeschichtsforschung erschweren. Der Zugang zur Papiergeschichtsforschung wird darüber hinaus erschwert durch deren traditionelles Selbstverständnis, aus dem heraus sie sich seit ihrer Begründung in den 1930er Jahren als Hilfswissenschaft (vor allem) der Industrie-, Wirtschafts-, Sozial- und Kulturgeschichte im Zusammenhang mit der Erforschung der Geschichte der Papiermacherei und der Wasserzeichen versteht. Im Juni 1926 schrieb Wilhelm auf der Nöllenburg in der „Papierwelt“: „Die Bedeutung des Standortprinzips für die papiererzeugende Industrie ist in dem einschlägigen Schrifttum zur Genüge geklärt, nicht so die Frage der Lage der papierverarbeitenden Gewerbe.“11 Auch im Dezember 1926 war für Nöllenburg das Thema Vernachlässigung der Geschichte und Bedeutung der Papier verarbeitenden Industrie im akademischen Betrieb weiterhin Gegenstand seines Interesses: „Es [...] ist festzustellen, daß die papierverarbeitende Industrie bisher recht stiefmütterlich in der Literatur behandelt ist und sich der Forschungs- und Lehreifer vor allem dem Druck- und Buchbindergewerbe zugewandt hat.“12
Für Paul Schöller hatte sich Ende der 1920er Jahre hieran nichts geändert. Im Zusammenhang einer umfassenderen Untersuchung schrieb er: „Die Papierverarbeitung ist bisher in der wirtschaftswissenschaftlichen Literatur wenig beachtet worden, wohingegen die Papiermacherei, d. h. die Papierindustrie schlechthin, eine vielseitige Beachtung gefunden hat.“13
Schöllers Erklärung dafür lautet: „Die Abgrenzung der Papierverarbeitung ist [...] außerordentlich schwer. Sie ist in allen statistischen Aufstellungen so zerpflückt, oder mit der Papierindustrie bzw. den polygraphischen Gewerben zusammengeworfen, oder dort so unklar definiert, daß ihr Umfang überhaupt nicht genau festzustellen ist. [Die Praxis rechnet] mit Ausnahme des Druck- und Verlagsgewerbes alle Betriebe zur Papierverarbeitung [...], die sich mit der Verarbeitung von Papier und mit der Herstellung von Waren aus diesem beschäftigen.“14
Karl Weissenfels stellte 1931 fest, dass die „geringe Bedeutung der papierverarbeitenden Industrie in der Literatur darin begründet [liegt], daß der Begriff der Industrie zu vieldeutig ist und andererseits die Betriebe selbst kein einheitliches Gebilde darstellen.“15
Die Industrie zur Verarbeitung von Papier, Pappe und Kunststoff(-Folien) ist im Wesentlichen eine Industrie zur Herstellung von Nutz-, Wegwerf- und Massenprodukten (Hygienepapier, Merkantil-/Akzidenzdruck-Erzeugnisse usw.) mit dem Schwerpunkt Verpackun11 Wilhelm auf der Nöllenburg, Die Bedeutung der Lage für die papierverarbeitenden Industrien. Ein Beitrag zum industriellen Standortproblem. In: Papierwelt, 27.6.1926, S. 7 ff. 12 Wilhelm auf der Nöllenburg in: Papierwelt, 5.12.1926, S. 8, Sp. 1. 13 Schöller, Kartelle, S. 1. 14 Ebd., S. 2. 15 Weissenfels, Karl, Die Standorte der papierverarbeitenden Industrie Deutschlands, Diss., 1930, Kaldenkirchen 1931, Vorwort.
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gen. In der Öffentlichkeit werden diese Produkte als „weniger erhaben, weniger erhebend und weniger vornehm“16 wahrgenommen. Trotz ihrer enormen Bedeutung als infrastrukturelles Element im Distributions-System der Volkswirtschaft und trotz ihres gesellschaftlichen Nutzwertes sind sie andauernder Kritik ausgesetzt. Im kollektiven Gedächtnis ist vor allem die Einübung der Ex- und hopp-Mentalität seit dem späten 19. Jahrhundert durch sie gespeichert sowie die Vermüllung des öffentlichen Raums. Durch die ästhetische Belastung von Straßen und Landschaft wurde über einen langen Zeitraum das allgemeine Verständnis von Sauberkeit und Ordnung gestört und schließlich überfordert. Dieses Problem gilt in Deutschland jecoch (u. a. durch eine straffere und effektivere Organisation der Müllentsorgung sowie durch die Begründung des Dualen Systems Deutschland/DSD) als weitgehend gelöst. In der kollektiven Wahrnehmung und im öffentlichen Bewusstsein des 21. Jahrhunderts gehören die Massenerzeugnisse der Papier verarbeitenden Industrie – insbesondere Verpackungen – jedoch unmittelbar zum Milieu der Müllwirtschaft (Mülltrennung, Grüner Punkt, Gelber Sack usw.).17 Den Produkten selbst fehlt häufig jede positive Aufladung. Sie lösen in ihrer Massen- und Zweckhaftigkeit und in ihrer gestalterischen Umsetzung (von Ausnahmen abgesehen) kaum den Reflex aus, mit ihnen achtsam umzugehen, sie aufzubewahren, wieder- und/oder weiterzuverwenden oder zu sammeln. Im umwelt- und klimapolitischen Diskurs und in regelmäßig wiederkehrenden Kampagnen zählen Verpackungen, insbesondere jedoch „Plastiktüten“ zu den Symbolträgern der Gefährdung von Klima und Umwelt. Sie geraten somit beständig auch ins Blickfeld gesetzgebender und -ausführender Aktivitäten.18 In der geschichtlichen Aufarbeitung dagegen bleibt die – zudem unübersichtlich strukturierte – Papier verarbeitende Industrie weitgehend ohne Beachtung. Ihre (seriellen Massen-)Produkte werden in einer ersten Reaktion der Kategorie „banal/trivial“ und damit dem Subkulturellen zugeordnet. Sie sind nicht von einer Aura des Sinnlichen, Bibliophilen und Schöngeistigen, nicht vom „Zauber des Gewöhnlichen“19 umgeben. Die Massen(Wegwerf-)produkte dieser Industrie erlangen nicht die Qualität und den Rang statusbehafteter Symbole – sie werden allenfalls zu Transporteuren solcher Symbole. „Die [...] allgemeine Zurückhaltung gegenüber Massenerzeugnissen, gekoppelt mit großer Zurückhaltung gegenüber ästhetischen Wertungen“20 war lange Zeit kennzeichnend für die Haltung der Wissenschaft gegenüber diesem Phänomen. Die weitgehende Ignoranz einer historiographischen Beschäftigung mit der industriellen Papierverarbeitung erklärt sich vermutlich auch aus der Dominanz der geisteswissenschaftlichen Tradition der Geschichtswissenschaft, aus der heraus die Schriftlichkeit der Quellen aus den 16 Richard Gissler-Weber, Der Gissler-Stamm und sein Papier. Eine Zeitreise durch das Land der Gispatschen von Abraham bis auf den heutigen Tag. (125 Jahre GP), Düren o. J. (2007), S. 26, Sp. 1. 17 Dagegen behauptet der Industrieverband Papier- und Folienverpackung/IPV (Frankfurt/M.) auf Tragetaschen bezogen: „Die Tragetasche besitzt in Deutschland ein positives Image. Litteringprobleme [...] existieren nicht.“ IPV-Geschäftsbericht 2008/09, Frankfurt/M. 2009, S. 10. Der IPV sah seine Feststellung durch „Studien von renommierten Instituten“ belegt; vgl. ebd. 18 Vgl. hierzu insbes. Abschn. „Tragetaschen“/Natur, Umwelt, Klima der v. A. 19 Sabine Christmann, Der Zauber des Gewöhnlichen oder Warum die Tüten auf den Zehenspitzen stehen, München 2009 [Text zur gleichnamigen Austellung in der Münchner Galerie von Braunbehrens]. 20 Christa Pieske (unter Mitarbeit von Konrad Vanja u. a.), Das ABC des Luxuspapiers – Herstellung, Verarbeitung und Gebrauch 1860–1930 [= Schriften des Museums für Deutsche Volkskunde, Bd. 9], Staatliche Museen Preußischer Kulturbesitz, Berlin 1983 (hier: Buchhandels-Ausgabe, Berlin 1984), S. 8.
10 Die Geschichte der industriellen Papierverarbeitung geordneten Beständen der Archive den eindeutigen Vorrang vor dem Interesse an den Objekten der materiellen Kultur – zumal der industriellen Massen-/Alltagskultur – hat (hatte?).21 Die wissenschaftliche Beschäftigung mit den industriellen (Massen-)Produkten der Papier verarbeitenden Industrie mag jedoch auch daran scheitern, dass die – vornehmlich an der Hochkultur orientierten – Historiker sich mit diesen in ihrem eigenen Alltag als Selbstverständlichkeit wahrgenommenen Produkten (unbewusst) in eine zu engen Beziehung gebracht sehen. Eine solche Enge lässt den notwendigen, unvoreingenommenen Blick auf den Gegenstand eines (möglichen) wissenschaftlichen Interesses kaum aufkommen. Dabei wäre es jedoch „geradezu notwendig, die im hochkulturellen Bereich erworbenen Fähigkeiten auf die Gegenstände der Alltagswelt hin zu nutzen, also auch die Kritik- und Analysefähigkeit, die man im Kulturbereich gewonnen hat.“22
Die Vorzüge einer Übertragung der hochkulturellen Fähigkeiten auf die Alltagswelt liegen nach Bazon Brock auch darin, „daß so Bereiche unseres Lebens als bedeutungsvoll erkannt werden, die man vorher gerade wegen ihrer Selbstverständlichkeit als bedeutungslos ansah.“23 Indes lässt die Beschäftigung mit dem (vermeintlich) Trivialen eher den Verlust an Seriosität und Reputation vermuten und weniger einen Gewinn an akademischer Wertschätzung erwarten – einen Gewinn, wie er sich bereits seit langem bei der Erforschung und Darstellung der als spektakulär wahrgenommenen Auto-, Chemie-, Elektro-, Montan- oder Schwer-Industrie, aber auch bei der „erhabenen, erhebenden, vornehmen“ Feinpapier- oder Luxuspapier-Industrie offenbar von selbst ergibt. Der Verweis auf die Spartenprodukte Fein- und Luxuspapier wiederum erhellt, dass auch im Bereich des als trivial/banal Empfundenen eine Hierarchie besteht. Die Spartenprodukte Tüten, Beutel, (Papier-/Plastik)Säcke z. B. haben wegen des ihnen offenbar spontan zuzuweisenden Charakters als Wegwerfartikel, aber auch wegen der sprachlichen Zuordnung zur Kinder-/Lautsprache (Tuuut/Tute/Tüte) und zu vulgär-sexuellen Assoziationen (Sack, Beutel) einen augenscheinlich minderen Rang als andere Produkte der Papier verarbeitenden Industrie, die sich inzwischen auch der Beachtung anerkannter, öffentlichrechtlicher Museen sicher sein können. Die Papiermuseen in Deutschland (Düren, Bergisch-Gladbach, Fockendorf usw.) haben ihren Schwerpunkt in der Geschichte der Papiermacherei (bevorzugt handgeschöpfte Papiere). In Altenburg sowie in LeinfeldenEchterdingen gibt es je ein Spielkarten-Museum, in Kassel ein Tapetenmuseum, in Sebnitz ein Papierblumen-Museum, viele volkskundliche oder kunstgewerbliche Museen (bzw. Spezialmuseen) oder Bibliotheken verfügen über Luxus- und/oder Buntpapierbestände oder über Plakatsammlungen. Die Idee, utilitaristische Massenpapiere als historische Dokumente zu sammeln, zu archivieren und auszustellen entwickelt sich erst allmählich. Im Gegensatz etwa zu den öffentlichkeitswirksamen Automobilsalons, Luftfahrtschauen, Industrie-, Computer-, Buchmessen usw. bleiben die Messen der Papier, Pappe und Kunststoff verarbeitenden Industrie (Paperworld/Frankfurt/M., Kunststoffmesse/ Düsseldorf, Drupa/Düsseldorf, Interpack/Düsseldorf usw.) meist eine Angelegenheit der Fachleute und der Fachpresse. 21 Über die Impulse sowie den Einfluss der Soziologie – vertreten u. a. durch Georg Simmel, Siegfried Kracauer, Walter Benjamin oder Jean Baudrillard – auf die geschichtswissenschaftliche Rezeption wäre noch gesondert und am anderen Ort zu reflektieren. 22 Bazon Brock, Zur Archäologie des Alltags. In: Friedrich Friedl/Gerd Ohlhäuser, Das gewöhnliche Design, Köln 1979, S. 22. 23 Ebd., S. 23.
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Der spannungsvolle Reiz jedoch, der sich bei der Erstellung der vorliegenden Arbeit ergab und das damit verbundene wissenschaftliche „Erlebnis“24, lagen vor allem in der Neu- und Wiederentdeckung vielfältiger, bisher nur wenig oder gar nicht beachteter Spuren, die sich hier zu lebensnahen Fragestellungen, aber auch zu wissenschaftlichen Problemstellungen im interdisziplinären Wirkungszusammenhang von Wirtschafts-, Sozial-, Technik-, Industrie-, Alltags-, Kultur- Konsum- sowie Politik-, Umwelt- und Zeitgeschichte zusammenfügten und die sich darüber hinaus häufig erst unter Beachtung beispielsweise kunst-, sprach-, literatur- und religionsgeschichtlicher Aspekte erhellen oder vervollständigen ließen. Die erste hier bekannte Quelle, die sämtliche Sparten der industriellen Papierverarbeitung mit dem Stand der 1870er Jahre erfasst, ist die (unveröffentlichte) Niederschrift Entstehung und Ausdehnung der Papierwaaren-Branche und deren Nutzen in nationalökonomischer Beziehung berichtet von Benjamin Bodenheim Allendorf März 1873.25 Diese achtseitige handschriftliche Fassung im Folio-Format bildete im Wesentlichen die Vorlage zu einem Vortrag, den Benjamin Bodenheim im März 1875 während einer Tagung deutscher Ingenieure in Hannover hielt und dessen Inhalt noch im selben Monat im „Hannoverschen Courier“ ausführlich wiedergegeben wurde.26 Mit der von Benjamin Bodenheim verfassten Schrift liegt eine der ersten zusammenhängenden Darstellungen zur Geschichte einer Sparte der Papier verarbeitenden Industrie vor. 1959 veröffentlichte Lore SporhanAbb. 1: Benjamin Bodenheim, Entstehung und Krempel (1908–1994) anlässlich des zehnAusdehnung der Papierwaaren-Branche und jährigen Bestehens der Abteilung Papierderen Nutzen in nationalökonomischer Bezietechnik am Oskar-von-Miller-Polytechnihung, Allendorf 1873, Handschrift kum München eine knapp 80-seitige „Betrachtung“ zur Geschichte des Papiers.27 Mit dieser Schrift wurde eine „gedrängte Darstellung“ der Geschichte der gesamten erzeugenden und verarbeitenden Papierindustrie einschließlich ihrer handwerklichen Wurzeln veröffentlicht.28 24 Weber, Wissenschaft, S. 22. 25 U. a. im Besitz des Verf., eine weitere Ausführung im Bestand des StA Bad Sooden-Allendorf. 26 Vgl. Hannoverscher Bezirksverein deutscher Ingenieure – Sitzung vom 5. März. In: Hannoverscher Courier, Jg. 22, Nr. 7192, Hannover, 13.3.1875. 27 Lore Sporhan-Krempel, Vom Papier und seiner Verarbeitung in alter und neuer Zeit – Erforscht und erfaßt von Lore Sporhan-Krempel und hrsg. anlässlich des 10jährigen Bestehens der Abteilung Papiertechnik am Oskar-von-Miller-Institut München, Papiertechnische Stiftung München, München 1959. 28 Vgl. Sporhan-Krempel, Vom Papier, S. 5 (Vorwort).
12 Die Geschichte der industriellen Papierverarbeitung 1983 erschien von Christa Pieske (1919–2010) die Begleitschrift zur gleichnamigen Ausstellung Das ABC des Luxuspapiers29. In dieser Schrift wurde erstmalig die Geschichte einer Sparte der Papier und Pappe verarbeitenden Industrie auch unter kultur-, wirtschafts- und sozialgeschichtlichen Gesichtspunkten30 untersucht und dargestellt. Diese Veröffentlichung wurde für mich Vorbild und Maßstab für die hier vorliegende Arbeit. Weitere Veröffentlichungen, die die Geschichte der Papier, Pappe und Kunststoffe verarbeitenden Industrie im Ganzen auf wissenschaftlicher Grundlage zum Gegenstand haben, sind, bezogen auf Deutschland, nicht bekannt. Für die hier untersuchte komplexe Themenstellung war es notwendig, die gesamte Literatur- und Quellenlage von Grund auf zu recherchieren und zu bibliographieren. Dabei nahm der von mir zunächst erhobene Anspruch auf Vollständigkeit in dem Maße ab wie der Umfang des Materials zunahm. Aus der Gliederung des Literatur- und Quellenbestandes nach Materialgruppen und Sparten ergibt sich gleichzeitig eine ungefähre Systematik als Grundlage zur Erarbeitung des Themas: Wissenschaftliche Literatur: In den ersten drei Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts waren mehrere Sparten der Papierverarbeitung (u. a. Briefumschläge/Papierausstattung, Tapeten, Tüten/Beutel) Gegenstand sozial- und wirtschaftswissenschaftlicher Untersuchungen, die sich vor allem auf die Themenbereiche Kartellbildung, Standorttheorie und Heimarbeit bezogen, so z.B. eine der Arbeiten Alfred Webers31. Die Veröffentlichungen (insbesondere Dissertationen und Enqueten) befassten sich jedoch nur am Rande und nur zum Teil mit der jeweiligen geschichtlichen Einordnung. Im Abstand von mehr als rund 80 Jahren sind die Ergebnisse dieser Untersuchungen und wissenschaftlichen Arbeiten selbst zu historischen Quellen geworden. Sachbücher oder kulturgeschichtliche Abhandlungen in teilweise populärwissenschaftlicher Ausführung gibt es u. a. zu den (bibliophilen/schöngeistigen) Bereichen Tapeten, Papiermaché, Spielzeug, Festartikel, Buntpapier, Spielkarten oder Dosen/Schachteln. Alle diese Bereiche werden vorrangig jedoch unter einem kulturgeschichtlichen oder künstlerischen Blickwinkel betrachtet bzw. dem handwerklich-volkskundlichen Umfeld zugeschrieben. Sie wurden erst in dieser Zuordnung überhaupt wahrgenommen. Darstellungen in allgemeiner, kurzgefasster und übersichtsartiger Form ohne Quellenangabe gibt es zu fast allen Bereichen. Allen Veröffentlichungen gemein ist, dass sie nicht oder nur eingeschränkt überprüfbar sind.32 Sie enthalten ihrem Charakter entsprechend entweder gar keine oder nur zusammengefasste, übersichtsartige Quellenangaben. Fachbücher, deren Hauptzweck vor allem die Definition von Werkstoffen und die Beschreibung der Verarbeitungsverfahren ist, enthalten in aller Regel nur wenige, meist aber keinerlei historische Hinweise. Sie gehören je nach Erscheinungsjahr inzwischen selbst zu den historischen Quellen. 29 Vgl. Fußnote 20. 30 In Absetzung zu den wirtschafts- und sozialwissenschaftlichen Arbeiten der 1920er Jahre insbes. zum Problem der Kartellbildung, zur Sozialen Frage sowie zur Theorie der Standorte s. Fußnote 32. 31 Alfred Weber, Über den Standort der Industrien, 1. Teil, Reine Theorie des Standortes, Tübingen 1909. 32 Darunter Wisso Weiß, Zeittafel zur Papiergeschichte, Leipzig 1983. Durch die fehlende Offenlegung der Quellen entstehen häufiger Missverständnisse und Verunsicherungen.
Die Geschichte der industriellen Papierverarbeitung 13
Fachzeitschriften: Am ergiebigsten bei der historischen Recherche zur Geschichte der industriellen Papier- und Pappeverarbeitung haben sich Fachzeitschriften erwiesen. Auch sie (insbesondere die Papier-Zeitung33) sind selbst zur historischen Quelle geworden. Bis in die Jahrgänge der 1970er Jahre lassen sich häufiger auch geschichtsbezogene Beiträge oder persönliche Rückblicke und Erinnerungen finden. Statistiken: Die Durchsicht und Auswertung von Statistiken unterschiedlichster Quellen (Reichs-, Bundes-, Verbands-, Wirtschafts-, Ausfuhr- usw. statistiken) trägt gerade im Bereich Papierverarbeitung mehr zur Verwirrung als zur Aufhellung bei. Die Unschärfe der jeweiligen, häufig wechselnden Begriffe, Zuordnungen und Klassifikationen macht sich insbesondere auch bei diesen Quellen mit dem ihnen zu unterstellenden Anspruch auf sachliche Korrektheit bemerkbar. Statistiken der Sparte Papierverarbeitung haben ihren Wert jedoch gerade darin, dass sie die (unvermeidliche) Willkür verdeutlichen und damit den Zwang zur definierten Festlegung des jeweiligen Quellenurhebers aufzeigen. Firmen- und Jubiläumsschriften: Einen besonderen Quellenbestand für die industrie-, wirtschafts- und sozialgeschichtliche Forschung bilden die Firmen-/Jubiläumsschriften. Ihr Zweck ist es zunächst und vor allem, eine firmeninterne Erinnerung zu sichern, eine Binnen-Identifikation („corporate identity“) zu stiften sowie das Erscheinungsbild des Unternehmens nach außen möglichst vorteilhaft (meist unter Aussparung oder randständiger Behandlung der NS-Zeit) zu repräsentieren. Firmenschriften sind als meist „apologetisch-affirmative“34 Quellen somit nur bedingt tauglich und müssen daher vor allem in ihrer gelegentlichen Ausführung als „Wirtschaftspoesie“ (vor allem bei älteren Schriften mit würdigender Ausrichtung auf die Person des Firmengründers sowie seiner Familie) besonders kritisch gesichtet werden. Diese Quellengattung steht in herausragender Weise in der Gefahr einer doppelten Subjektivität – der des Verfassers und der des Rezipienten. Schriften dieses Genres erweisen sich jedoch als tauglich, insofern sie Daten und Fakten enthalten, die den firmenübergreifenden geschichtlichen Gesamtzusammenhang der Sparte oder Fachgruppe vervollständigen. Archive: Versuche, an nicht öffentliche/nicht veröffentlichte (aber auch an öffentlich zugängliche) Materialien zu gelangen, waren fast immer von Zufällen abhängig. Die Ansprechpartner waren nicht zuständig, nicht kompetent, wenig kooperationsbereit, misstrauisch, desinteressiert oder zeitlich überfordert bzw. sie waren zuständig, kompetent, hatten Zeit usw. Die Bestände selbst, auch die in Wirtschaftsarchiven, sind unter dem Suchbegriff „Papierverarbeitung“ meist nur wenig ergiebig. Fachlich betreute Firmenarchive waren nur in äußerst wenigen Fällen vorzufinden. Oft bestand keinerlei Interesse an der eigenen Firmengeschichte. Oft lag aber auch aus ganz unterschiedlichen Gründen kein Archiv- und Quellenmaterial (mehr) vor. Häufig war der Verlust insbesondere eine Folge des Konzentrations- und Globalisierungsprozesses seit den 1980er Jahren. Größere Verluste gab es ebenso nach der Rückführung volkseigener/verstaatlichter
33 Für eine weitere Bearbeitung des anstehenden Themenkomplexes ist eine eingehende systematische Erfassung und Auswertung der Fachbeiträge dieses Peridodikums unbedingt erforderlich. 34 Begriff nach Horst Wallraff, Nationalsozialismus in den Kreisen Düren und Jülich. Tradition und „Tausendjähriges Reich“ in einer rheinländischen Region, Düren 2000, S. 11, Anm. 65. Wallraff verwendet den Begriff im Zusammenhang mit der Firmengeschichtsschreibung in der Art von Josef Geuenich, Geschichte der Papierindustrie im Düren-Jülicher Wirtschaftsraum, hrsg. v. d. Düren-Jülicher Papierindustrie, Düren 1959.
14 Die Geschichte der industriellen Papierverarbeitung DDR-Betriebe in Privatbesitz. Darunter waren Bestände, die vor allem über die Traditionskabinette der volkseigenen Betriebe selbst das unternehmerfeindliche System der DDRWirtschaft überdauert hatten. Sowohl die „globalisierten“ als auch die „reprivatisierten“ Archivalien hatten für die neuen Besitzer (häufig anonyme Investoren) oft keinerlei Bedeutung und wurden kurzerhand vernichtet. Die Archivarbeit konnte durch die Erstellung eigener Bestände (zum Teil wesentlich) ergänzt werden. Dazu gehören Traditionsquellen wie Firmen-/Jubiläumsschriften und Überrestquellen wie geschäftliche Korrespondenzen im Original, Lohnbücher, Rechnungen, Betriebsordnungen usw. sowie Sachquellen. Interviews: Als ambivalent – was ihre Aussagekraft betrifft – haben sich Interviews mit Fachvertretern der einzelnen Sparten erwiesen. Sie waren, bezogen auf die jeweilige betriebliche Situation, aufschlussreich. Sie waren oft irritierend, bezogen vor allem auf übertragbare Verallgemeinerungen und historische Gültigkeit insbesondere bei der Klärung von betriebsübergreifenden Fachbegriffen sowie bei der Darstellung innovativer Aktivitäten innerhalb einer Branche (wir, die ersten, die einzigen, die größten usw.). Die meisten Interviews erbrachten Erkenntnisgewinn und Verunsicherung im gleichen Maße. Viele Informationen konnten hier jeweils nur zur Kenntnis genommen und mit Quellenangabe dokumentiert werden. In Fällen abweichender oder widersprüchlicher Angaben wurde hier nach dem Plausibilitätsprinzip entschieden und die nicht überprüfbaren Darstellungen als Anmerkungen behandelt. Um jede Festlegung in einer Rangliste der Sparten/Branchen bzw. von Unternehmen hinsichtlich des Alters oder der Bedeutung innerhalb des Gesamtbereiches dieser Industrie zu neutralisieren, und um die Komplexität, Vieldeutigkeit und Uneinheitlichkeit dieser Industrie so weit wie möglich aufzulösen und übersichtlich zu gestalten, sind die Epochen und Fachthemen in einem gesonderten (ersten) Teil nach einem chronologischen Ordnungssystem und die Fachgruppen/Sparten im zweiten Teil nach einem alphabetischen Ordnungssystem als jeweils in sich schlüssige Einheiten gegliedert. Da es wenige historische Interdependenzen, wohl aber inhaltliche Abhängigkeiten, Gemeinsamkeiten, Querverbindungen und Wirkungszusammenhänge innerhalb des Branchenverbundes gibt, können diese Aspekte nach dem hier verwendeten Ordnungssystem stärker berücksichtigt und deutlicher herausgearbeitet werden. Der Bezugsrahmen, der das Thema als Ganzes bindet, aber auch die Überschneidungen innerhalb des Branchenverbundes ergeben sich im Wesentlichen über die Werkstoffe Papier, Pappe, Kunststoffe und über die maschinellen Entwicklungen zu ihrer Verarbeitung. Die Festlegung auf die untersuchten und dargestellten Fachgruppen und -themen orientierte sich an ihrer jeweiligen historischen Präsenz sowie an ihrer aktuellen Organisiertheit im HPV. Diese Industriegruppen-Vertretung wurde 1948 als Arbeitsgemeinschaft der Papier und Pappe verarbeitenden Industrie/APV gegründet, 1955 umbenannt in Hauptverband der Papier und Pappe verarbeitenden Industrie/HPV und 1970 um den Bereich Kunststoffe zum Hauptverband der Papier, Pappe und Kunststoffe verarbeitenden Industrie/HPV erweitert. Dem HPV waren 1998 18 Fachverbände angeschlossen (2006: 15). Den Wirtschaftsverbänden Papierverarbeitung (WPV, Vereinigung der 2008 aus dem HPV ausgegliederten Fachverbände) waren im Jahr 2008 infolge struktureller Veränderungen nur noch zehn Fachrichtungen angeschlossen. Bei der Festlegung des Umfangs und der Ausführlichkeit einzelner Darstellungen war entscheidend, ob dieser Vorgang bereits an anderer (veröffentlichter) Stelle umfassend nachvollzogen werden kann, oder ob dieser Vorgang hier erstmalig erfasst wurde.
Teil I 15
1930/31 schrieb Robert Musil (1880–1942) in seinem Roman „Der Mann ohne Eigenschaften“: „Ulrich erinnerte sich einer [...] Erfahrung aus seiner Militärzeit. Die Eskadron reitet in Zweierreihen, und man lässt ‚Befehl weitersagen‘ üben, wobei ein leise gesprochener Befehl von Mann zu Mann weitergegeben wird: ‚Der Wachtmeister soll vorreiten‘, so kommt hinten heraus: ‚Acht Reiter sollen sofort erschossen werden‘ oder so ähnlich. Auf die gleiche Weise entsteht auch Weltgeschichte.“35
Um den bei Musil beschriebenen „Stille-Post“-Effekt zu vermeiden und den direkten Bezug sowie die Nähe zum – vielfach erstmals genutzten – Quellenmaterial zu wahren, werden in den vorliegenden Beiträgen die Quellen ausführlich zitiert und im Anmerkungsteil überprüfbar gemacht. Um die Willkür der persönlichen Entscheidung nach wichtig/unwichtig bei der Auswahl der Quellenzitate möglichst einzuschränken, wurden aus dem vorgefundenen Material auch erzählende Elemente übernommen. Was uns heute als Nebensächlichkeit mit nur geringem Anspruch auf wissenschaftliche Relevanz erscheint, kann im Verständnis künftiger Generationen wissenswert sein. Der Forschungsbereich bleibt geographisch weitgehend auf Deutschland beschränkt, ohne jedoch die Zusammenhänge, Bedingtheiten und Wirkungen zu übergehen, die vor allem von den Entwicklungen in England, Frankreich und den USA ausgingen. Der zeitliche Schwerpunkt liegt im Bereich der industriellen Papier- und Pappeverarbeitung überwiegend zwischen Mitte des 19. und Mitte des 20. Jahrhunderts. Der Bereich Kunststoffverarbeitung setzt zu Beginn des 20. Jahrhunderts, verstärkt aber erst ab Mitte des 20. Jahrhunderts mit dem Aufkommen des Polyethylens ein. Einige Beiträge waren bereits Gegenstand meiner Dissertation36. Sie werden hier in völlig überarbeiteter und teilweise wesentlich erweiterter Fassung aufgenommen und in einen größeren Zusammenhang gebracht. Das Gleiche gilt für die Ergebnisse meiner Arbeit „Beiträge zur Geschichte der industriellen Papier-, Pappe- und Kunststoffverarbeitung in Deutschland“, die als Online-Version an der Universität Tübingen (TOBIAS) verfügbar ist. Die folgende Skizze der beiden Teile der vorliegenden Arbeit gibt eine kurze inhaltliche Einführung sowie eine Übersicht zur Literatur- und Quellenlage des jeweiligen Abschnitts.
Teil I Papierverarbeitung im 19. Jahrhundert – Entwicklung der Papierwaren-Industrie: Zu den wichtigsten Entwicklungen in der Papier verarbeitenden Industrie des 19. Jahrhunderts gehört die Entwicklung einer Massenproduktion von Briefumschlägen, Tüten/Beuteln (Mitte des Jahrhunderts) sowie von Kartonagen (letztes Viertel). Die Fachrichtung „Papierwaren“ beschreibt eine unterschiedlich große Anzahl von Produkten verschiedener Einzelsparten (einschließlich der Massenerzeugnisse), die unter einem Firmendach hergestellt wurden. Der Beginn dieser Fachrichtung steht zeitlich und inhaltlich eng mit dem Beginn der Tüten-/Beute-Fabrikation in der Mitte des Jahrhunderts in Verbindung. 35 Robert Musil, Der Mann ohne Eigenschaften, Erstes und Zweites Buch, hrsg. v. Adolf Frisé, 19. Aufl., Reinbek 2004, S. 361. 36 Vgl. Vorwort, Anm. 1.
16 Die Geschichte der industriellen Papierverarbeitung Ihr Beginn liegt ebenso im fabrikmäßigen, massenhaften Einsatz der Drucktechnik für Akzidenz-(Behörden-/Dienst-/Privat-)druck- bzw. Merkantil-(Geschäfts-)drucksachen der unterschiedlichsten Art. Die einzelnen Sparten der industriellen Papier- und Pappeverarbeitung, die sich bereits vor dem 19. Jahrhundert bzw. in der ersten Hälfte/zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts entwickelt hatten, sind jeweils in Einzeldarstellungen, alphabetisch geordnet, im zweiten Teil der vorliegenden Arbeit beschrieben. Hand- und Heimarbeit: Handarbeit war ebenso wie die Heimarbeit selbst in den Jahrzehnten um 1900 und trotz der weitgehenden Mechanisierung vor allem der Massenproduktion in der Industrie der Papier- und Pappeverarbeitung (meist aus Kostengründen) noch weit verbreitet. Sie sind in der Zeit ab Mitte des 19. Jahrhunderts bis zum ersten Drittel des 20. Jahrhunderts in besonderer Weise durch Frauen- und Kinderarbeit, überlange Arbeitszeiten, Hungerlöhne, Rechtlosigkeit und Elendsbehausungen gekennzeichnet. Betroffen davon waren vor allem die Heimarbeiter/innen der Bereiche Puppen, Karnevalartikel (Masken), Tüten/Beutel-, Lernmittel-, Luxuspapier-, Papierblumen- sowie Kartonagen/Etuis-Industrie. Die hausindustriellen Lohn- und Arbeitsverhältnisse dieser Sparten gehören zu den dunkelsten Kapiteln der Industrie- und Wirtschaftsgeschichte. Als Quellen lagen eine Reihe zeitgenössischer (gewerkschaftlicher) Untersuchungen und Veröffentlichungen sowie gesetzlicher Regelungen insbesondere aus der Zeit der beiden ersten Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts vor. Maschinenbau: Die maschinelle Entwicklung und Nutzung setzte im Bereich der gewerblichen Papier- und Pappeverarbeitung zum Teil schon zu Beginn des 19. Jahrhunderts ein (graphische Industrie – Senefelder, Koenig & Bauer). Die Verarbeitungsgeräte und -maschinen wurden verstärkt um die Jahrhundertmitte entwickelt, vielfach aber erst im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts vervollkommnet. Dieser Abschnitt enthält zunächst eine chronologische Übersicht zur Entwicklung insbesondere des (Verarbeitungs-)Maschinenbaus für Kartonagen und Buchbinderei (beide Bereiche mit häufig identischer Ausstattung). Die Übersicht ergibt sich aus einer unsystematischen Sammlung bei Gelegenheit und zufällig gefundener Daten. Alle erfassten Daten sind (jeweils mit Quellenangabe) aufgeführt, auch dann, wenn sie voneinander abweichen. Über die Richtigkeit der Angaben kann hier nicht entschieden werden. Ausführlicher werden die Firmen Karl Krause/Leipzig und Gebr. Brehmer/Leipzig vorgestellt. Im weiteren Teil wird die Entwicklung des Maschinenbaus für Tüten und Papierbeutel/-säcke aufgezeigt – dabei eingehender u. a. J. I. Weidmann/Aachen sowie Windmöller & Hölscher/Lengerich, Fischer & Krecke/Bielefeld. Dieser Teil ist als überarbeiteter und erweiterter Beitrag aus meiner Dissertation (2001) übernommen und wird hier weitergeführt. Die Daten ergeben sich aus einer Vielzahl von Quellen, insbesondere Buchveröffentlichungen, Fachzeitschriften und Firmenschriften (für die Darstellung von Windmöller & Hölscher standen auch Materialien aus dem Firmenarchiv zur Verfügung). Auch dieser Abschnitt ist in überarbeiteter Form meiner Dissertation entnommen und teilweise stark erweitert worden. Gefängnis- sowie Zucht-, Armen- und Waisenhausarbeit: Zu den Arbeiten in Strafanstalten und Sozialeinrichtungen gehörten neben Textil- bevorzugt auch Papierarbeiten. Sie waren körperlich leicht auszuführen und konnten nach dem Verständnis der Leitungen und der Auftraggeber daher auch von Frauen und Kindern ausgeübt werden. Die privat-
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gewerbliche Papierverarbeitung hatte der Anstaltsarbeit gegenüber ein ambivalentes Verhältnis. Sie sah darin eine Konkurrenz, aber auch eine Kooperationsmöglichkeit in Bezug auf Profiterhöhung. Eine wesentliche und hier den roten Faden vorgebende Quelle für die Darstellung dieses Sachverhalts, der bereits zu Beginn des 19. Jahrhunderts in Sozialeinrichtungen einsetzte und verstärkt in den Jahrzehnten um 1900 im Strafvollzug eine Rolle spielte, stellt die Papier-Zeitung dar. Die meisten anderen Quellen sind in der Hauptsache Zufallsfunde. Soziale Verhältnisse in der Papierwaren-Industrie: Im Zentrum steht das beklagenswert niedrige Lohnniveau. Die meist ungelernten Arbeiter/inen standen über viele Jahrzehnte am untersten Ende der allgemeinen Einkommensskala. Auf die Lebensverhältnisse der Arbeiter/innen wird auch in den einzelnen Sparten-Abschnitten der vorliegenden Arbeit eingegangen. Verbandswesen und Kartelle: In der industriellen Papierverarbeitung gab es eine lang andauernde Übergangsphase, in der sich die Industrie nicht vom Schutzgedanken der handwerklichen Wirtschaftsordnung lösen und an den Gedanken des freien Wettbewerbs gewöhnen wollte. Dieses Bedürfnis nach Schutz und Marktregulierung versuchte sie bis Ende des Zweiten Weltkrieges insbesondere über die Bildung von Kartellen zu befriedigen. Als Quellen lagen Literaturbeiträge zur Wirtschafts- und Sozialgeschichte sowie zeitgenössische Beiträge aus Fachzeitschriften vor. Papierverarbeitung 1900–1933: Die Papier verarbeitende Industrie erlebte in den Jahrzehnten um 1900 eine konjunkturelle Hochblüte. Ab den 1890er Jahren wurden in größerer Zahl die ersten amtlichen und berufsständischen Statistiken erhoben. Sie veranschaulichen deutlich das Problem der genauen Definition, Zuordnung und Abgrenzung in diesem Branchenkomplex. In den meisten Betrieben war Mischproduktion üblich. Über die Bereiche Papierverarbeitung, Buchbinderei und Kartonagen-Fabrikation (Papier- und Pappeverarbeitung) hinaus kam es vor allem zu Überschneidungen mit dem Druckereigewerbe. Der Erste Weltkrieg hatte einen stark nachteiligen Einfluss auf nahezu alle Bereiche der Fachrichtung – mit Ausnahme auf die der Papiergarn-Industrie oder der Zigarettenpapier- und Spielkarten-Industrie. DIN-Formate: Die Geschichte der DIN-Formate reicht zurück bis ins späte 18. Jahrhundert. Die ersten institutionellen Anfänge verbinden sich lokal mit Deutschland und zeitlich mit dem Ersten Weltkrieg. Die Formel und die Voraussetzungen dafür wurden insbesondere durch Wilhelm Ostwald zwischen 1900 und 1914 geschaffen. Seit den 1930er Jahren gilt die DIN auf der Ebene von Vereinbarungen auch international als „freiwilliges Gesetz“. Als Quelle lagen Fachzeitschriften-Beiträge, Beiträge zu Jubiläumsveranstaltungen sowie eine Publikation von Markus Krajewsky zum Thema „Weltprojekte“ aus dem Jahre 2006 vor. Papierverarbeitung in der NS-Zeit: Die Papier und Pappe verarbeitende Industrie geriet in den ersten Jahren nach der „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten in eine optimistische Grundstimmung und kollaborierte willig mit dem Regime. Die Machthaber realisierten nach 1933 Schritt um Schritt eine Markt- und Wirtschaftsordnung, die weitgehend den jahrzehntealten Vorstellungen der Branche entsprach. In der meist konservativen
18 Die Geschichte der industriellen Papierverarbeitung Unternehmerschaft herrschte ein weitgehendes Einverständnis mit den politischen Zielen der Nationalsozialisten. Mitte der 1930er Jahre geriet die Industrie zunehmend in eine Phase der Irritationen und Ernüchterung. Mit der konsequenten Durchsetzung der dirigistischen Kommandowirtschaft bekam sie auch deren Konsequenzen zu spüren. In den 1940er Jahren geriet die Industrie in eine Phase der Desillusionierung. Durch den Fortgang, den Verlauf und das absehbare Ende des Krieges war auch sie vielfach unmittelbar betroffen – bis hin zum Totalverlust der Betriebsanlagen. Die Wiederaufbau- und Erholungsphase setzte in vielen Fällen nur wenige Wochen nach Ende des Regimes ein. Die Quellen fanden sich im Wesentlichen in Fachzeitschriften, Firmenarchiven/chroniken und behördlichen Publikationen sowie Veröffentlichungen zur Zeitgeschichte. Papierverarbeitung in der Nachkriegszeit: Über das genaue Ausmaß der direkten und indirekten Kriegs- und Kriegsfolgeschäden im Bereich der industriellen Papier- und Pappeverarbeitung liegen keine Angaben vor. Die Industriekapazitäten insgesamt, einschließlich der der industriellen Papier- und Pappeverarbeitung, waren nach Ende des Krieges größer als unmittelbar vor Kriegsausbruch. In den Nachkriegsdarstellungen der meisten Firmengeschichten reduzieren sich die Ereignisse zwischen 1933 und 1945 auf die Erwähnung der Modernisierungs-Phase Mitte der 1930er Jahre, auf die Schwierigkeiten durch die Materialbewirtschaftung und auf Bombenkrieg bzw. Luftangriffe. Die Quellen, insbesondere die für die Jahre 1945 bis 1947, beruhen weitgehend auf Firmendarstellungen/-unterlagen. Erst ab der Währungsreform 1948 liegen wieder amtliche Zahlen und Fachbeiträge aus Publikationen vor. Papierverarbeitung in der DDR: Die allgemeine Wirtschaftsgeschichte der DDR und die der industriellen Papier- und Pappeverarbeitung ist von Beginn an durch eine Weiterführung nach planwirtschaftlichen Grundsätzen gekennzeichnet. Die Betriebe im sowjetischen Einflussbereich, zunächst nur die Großbetriebe, zunehmend auch kleinere und ab Anfang der 1970er Jahre ausnahmslos alle Betriebe, wurden zwangsweise in so genanntes Volkseigentum überführt, d. h. verstaatlicht. Einen internationalen Ruf konnte sich vor allem der Maschinenbau für den Bereich der Papier- und Pappeverarbeitung erwerben. Aus Gründen der mit Vorrang betriebenen Devisenbeschaffung konnten auch weitere Bereiche dieser Industriesparte teils bedeutende Exportanteile erreichen. Weder die Geschichte der DDR-Wirtschaft insgesamt noch die der Papierwirtschaft ist bisher dargestellt worden. Die Quellenlage war insgesamt wenig ergiebig. Papierverarbeitung – Zahlen und Produkte: Die Papier verarbeitende Industrie ist fachlich vielfach nur schwer von der Papiererzeugung, insbesondere aber von der Druckindustrie sowie selbst innerhalb der einzelnen Fachgebiete voneinander abzugrenzen. Das macht auch den Umgang mit den auf diesen Fachbereich bezogenen statistischen Angaben schwierig. Sie werden hier der Vollständigkeit halber dennoch erwähnt. Ergiebiger war der historische Eindruck, der durch die Aufzählungen der einzelnen Produkte möglich wurde. Die Quellen beziehen sich im Wesentlichen auf Angaben aus der Sekundärliteratur und auf Angebotslisten verschiedener Firmen. Die Quellen zu diesem Thema waren vor allem in Fachbüchern, Nachschlagewerken und Fachzeitschriften zu finden.
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Teil II Ansichtskarten: Die Ansichtskarten-Industrie entwickelte sich seit dem letzten Viertel des 19. Jahrhunderts. Bis ins erste Drittel des 20. Jahrhunderts wurde dieser Gewerbezweig – in den Statistiken meist unter „Luxuspapierwaren“ geführt – von den Wirtschaftsdisziplinen vor allem im Hinblick auf die Kartellentwicklungen stärker beachtet. Briefumschläge/Couverts/Kuverts – Papierausstattung: Die Einführung dieser Produkte, der Maschinenbau und die Entwicklung zum Massenprodukt vollzogen sich in kurzen Abständen und in rascher Folge ab Mitte des 19. Jahrhunderts. Die Produktionszentren lagen vor allem in Wuppertal (u. a. Remkes), Berlin (u. a. Max Krause), Stuttgart (insbesondere Lemppenau) und Düren (u. a. Heyder). Im letzten Viertel der 19. Jahrhunderts entwickelte sich aus dieser Industrie der Zweig der Papierausstattung mit Zentren u. a. in Berlin, Stuttgart und Düren. Als Quellen lagen einige wissenschaftliche Arbeiten mit Stand um 1920 sowie einige Firmenschriften vor. Eine Vielzahl der Daten beruht auf Angaben von Wisso Weiß. Buchbinde-Industrie: Die industrielle Buchbinderei setzte in Deutschland bereits Anfang des 19. Jahrhunderts ein (u. a. im Bibliographischen Institut Joseph Meyer, 1826). Ab Mitte des 19. Jahrhunderts spielten Bucheinbandstoffe (u. a. Kaliko) als Ersatz für Naturmaterialien eine zunehmende Rolle. Broschierte Ausgaben waren im größeren Umfang bereits seit den 1840er Jahren im Handel (u. a. Tauchnitz, gegr. 1837). Ebenfalls in der Mitte des 19. Jahrhunderts lagen die Anfänge der Mechanisierung des Gewerbes (Karl Krause/Leipzig, Gebr. Brehmer/Leipzig). In dieser Zeit bildeten sich vermehrt Großbuchbindereien aus (Demuth/Berlin, Sperling/Leipzig usw.). Zu den großbuchbinderischen Aufträgen aus den Bereichen Belletristik und Wissen kamen Gebet- und Gesangbücher, Geschäftsbücher, Kalender oder Alben für unterschiedlichste Bereiche als Objekte außerhalb des Buch- und Zeitschriftenhandels hinzu. Als Quellen lagen einige Übersichten und Untersuchungen zu nationalen bzw. zu regionalen Entwicklungen und zur Entwicklung des Maschinenbaus vor, des Weiteren Fachbücher, Fachzeitschriften (insb. Allgemeiner Anzeiger für Buchbindereien/AAfB) sowie Firmenschriften, Firmen- und Privatarchive. Das zentrale Thema der industriellen Buchbinderei im 20. Jahrhundert war die Klebebindung, verbunden vor allem mit den Namen Hasselmann/„Planatol“, Lumbeck („lumbecken“) sowie Ehlermann. Das Archivmaterial und die Veröffentlichungen zu/von Emil Lumbeck bleiben vielfach fragmentarisch. Der Quellenbestand (weitgehend in Familienbesitz) beruht im Wesentlichen auf Erinnerungen, die Emil Lumbeck im Alter von über 80 Jahren und in der unübersehbaren Absicht der eigenen Denkmal-Setzung verfasste. Auch zum Konkurrenz-Unternehmen Planatol liegen – insbesondere zur Frühzeit – nur sehr allgemeine Darstellungen vor. Im Gegensatz zu den Klebemitteln und zur Frühzeit der (halb-)maschinellen Klebetechnik ist die Entwicklung des Maschinenbaus nach 1945 zur Klebebindung umfassend dokumentiert. Buntpapier: Das Buntpapier ist so alt wie das Papier selbst. Im Übergang zur industriellen Produktion gehörte die (großgewerbliche) Buntpapier-Produktion (u. a. Dessauer/Aschaffenburg) innerhalb der Papierverarbeitung zu den ersten Sparten, die den jeweils neuesten wirtschaftlichen und technischen Stand nutzten.
20 Die Geschichte der industriellen Papierverarbeitung Als Quellen konnten hier meist nur Buchveröffentlichungen herangezogen werden (Dessauer, Exner, Haemmerle, Sporhan-Krempel, Weiß usw.). Büroartikel, Schreibwaren, Organisationsmittel: Eine eindeutige Abgrenzung der Sparten Büroartikel, Schreibwaren, Organisationsmittel insbesondere gegenüber den Bereichen Papierwaren, Geschäftsbücher, Lernmittel, Kalender, aber auch gegenüber Linier-Anstalten, graphische Industrie usw. ist nicht möglich. Der Komplex erschließt sich aus einer Vielzahl von Wurzeln, von denen einige wegen ihrer Bedeutung und/oder günstigen Quellenlage einzeln dargestellt werden können – u. a. die Geschäftsbücher- oder die Briefumschlag-Industrie. In der amtlichen Statistik des Deutschen Reiches von 1926 sind in der Untergruppe 3 der Gewerbegruppe XI (Papierindustrie) unter „Papierverarbeitung“ mehr als 190 Fabrikationszweige aufgeführt; dabei allein unter „c -Buchbinderei, Büro-/Schreibbedarf“ 42 Fabrikationszweige wie Geschäftsbücher, Briefordner, Alben, Kassenblocks, Notizbücher, Schreibblocks, -hefte, -mappen usw. Der zunächst vor allem Papier und Pappe verarbeitende Industriebereich Büroartikel, Schreibwaren, Organisationsmittel erweiterte sich insbesondere seit den 1970er Jahren auch zu einem bedeutenden Kunststoff verarbeitenden Bereich. In diesem Abschnitt werden insbesondere die Firmengeschichten von Pelikan, Leitz, Soennecken, Baier & Schneider, Herlitz sowie ELBA und KABE/Leuchtturm nach jeweils firmeneigenen Image-/Jubiläumsschriften – unterstützt von Beiträgen in Fachzeitschriften und Fachbüchern – dargestellt. Geschäftsbücher: Die deutsche Geschäftsbücher-Industrie wurde Mitte der 1840er Jahre begründet. Sie erlangte in den folgenden rund 140 Jahren Weltgeltung. Begünstigt bzw. zunehmend notwendig wurde sie insbesondere nach der Reichsgründung von 1871 durch die immense Ausweitung der öffentlichen und privatwirtschaftlichen Verwaltung sowie durch die Fortschritte in der Drucktechnik, durch die technische Entwicklung großgewerblich einsetzbarer Linier-/Rastrier-Vorrichtungen, durch die massenhafte Papierproduktion oder durch die Erfindung der Drahtheftung/-bindung. Die bedeutendsten deutschen Firmen dieser Branche waren König & Ebhardt (K&E) sowie Edler & Krische (E & K/Ekaha) – beide Hannover. Über die Person Hermann Ebhardt (Firmenleiter K&E) vermittelt sich zudem ein Einblick in weltanschaulich/politisch geprägte Haltungen und Reaktionen während der Jahre 1938–1948. Zur Geschichte dieser Firmen und zur NS-Karriere Hermann Ebhardts lagen vor allem Materialien aus Privat- und Firmenarchiven, aus den Bundesarchiven Berlin und Koblenz, aus dem Stadtarchiv Hannover und aus verschiedenen Fachzeitschriften vor. Kalender: Kalender wurden im 19. Jahrhundert zum (notwendigen) Massenartikel. Ab dem letzten Viertel des 19. Jahrhunderts wurden sie verstärkt als Werbemittel genutzt. Das Zentrum der Kalender-Industrie lag in Bielefeld (Dohse, Eilers, Gundlach usw.). Die Kalender-Industrie steht in engster Verzahnung u. a. mit der Papierwaren-, Büroartikeloder der graphischen Industrie. Sie unterscheidet sich von diesen Bereichen jedoch durch den Einsatz spezieller Fertigungs- insbesondere Binde-Anlagen, die sie zu einem Sonderbereich der Papier-, Pappe- und Kunststoffe verarbeitenden Industrie machen Für die Darstellung dieser Industrie lagen vor allem Firmenschriften von Dohse und Eilers (beide Bielefeld) vor. Graphische Industrie: Diese Industrie mit den Schwerpunkten Akzidenz-/Merkantildruck, Zeitungsdruck, Wertpapierdruck usw. und ihren Wurzeln seit Senefelder um 1800 unter-
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scheidet sich als Sparte der Papier verarbeitenden Industrie von den anderen Sparten – insbesondere zum Buch-Verlagswesen – durch die stärkere Ausrichtung auf Druckarbeiten im Vergleich zu den Bindearbeiten. Wie in allen anderen Sparten gibt es auch hier unlösbare Überschneidungen zu benachbarten Fachbereichen. Zu den geschichtlich herausragenden Betrieben dieser Branche zählen u. a. Büxenstein/Berlin, Giesecke & Devrient/Leipzig usw. Am Beispiel der stark diversifizierten Graphischen Betriebe Gundlach/ Bielefeld (Verpackungen, Formulare usw.) lässt sich die Schwierigkeit der fachlichen Abgrenzung anschaulich belegen. Als Quellen standen im Wesentlichen Firmen(Jubiläums)-Schriften zur Verfügung, die zur notwendigen Objektivierung durch zeitgeschichtliche Veröffentlichungen (insbesondere zur NS-Zeit – Kaselowsky, Schaarschmidt) ergänzt werden konnten. Hartpapiere/-pappen: Als einer der am schwierigsten darzustellenden Abschnitte dieser Arbeit erwies sich das Kapitel „Hartpapiere/-pappen“. Hartpapiere sind ein Verbundwerkstoff aus Papier und (vollsynthetischen) Kunststoffen nach dem Pressverfahren oder als Werkstoff nach anderen Herstellungsverfahren und anderen Zusätzen. Sie werden als Pressstoffe fast ausschließlich für technisch/industrielle Zwecke – insbesondere für die Elektro- und Rohr verarbeitende Industrie – hergestellt. Hartpapiere werden aber z. B. auch in der Verpackungs-Industrie (für Becher, Dosen, Trommeln usw.) oder in der TextilIndustrie als Hülsen verwendet. Zu den ältesten Pressstoff-Marken gehören „Pertinax“ und „Carta“, deren Entstehung im engen Zusammenhang mit dem Beginn der BakelitProduktion und der Elektro-Industrie steht. Die Vorläufer des Hartpapiers sind der Weiterentwicklung des Papiermachés zuzurechnen. Das Quellenmaterial reicht von Fachbüchern aus dem 19. Jahrhundert (Andés) über Beiträge der Papier-Zeitung bis hin zu Materialien aus Firmenarchiven (u. a. MeirowskyDielektra/Köln, Isola/Düren). Kartonagen/Dosen/Faltschachteln: Die Geschichte dieser Pack-/Verpackungsmittel ist bisher noch nicht systematisch aufgearbeitet worden. Die bruchstückhaften Informationen dazu sind häufig abweichend bis widersprüchlich, fast immer jedoch ohne Quellenangabe zu finden. Die handwerklichen Wurzeln reichen bis in die Zeit der Futteralmacher im 15./16. Jahrhundert zurück. Während des 18. Jahrhunderts wurden Dosen und Verpackungen vor allem aus Pappmaché und Pappe zunehmend mehr auch manufakturmäßig hergestellt. Den Massendurchbruch erlangte die Kartonagen-Industrie mit dem Massenbedarf an Verpackungen, mit der maschinellen Drahtheftung zu Faltschachteln seit dem letzten Viertel des 19. Jahrhunderts und durch die Weiterentwicklungen im Karton-/Pappebereich (Chromo-Ersatzkarton und Wellpappe um die Jahrhundertwende). In diesem Abschnitt wird eine chronologische Übersicht versucht, deren Schwerpunkt auf der Erfassung von Firmengründungen liegt. Die maschinelle Entwicklung (insbesondere Gebr. Brehmer/Leipzig) ist im Abschnitt „Maschinenbau“, die von Karton/ Pappe im Abschnitt „Pappe“ ausführlicher dargestellt. Die Quellenlage beruht in der Hauptsache auf der Auswertung von Beiträgen aus Fachzeitschriften und aus Firmenschriften. Luxuspapier: Der Begriff stammt aus der Mitte des 19. Jahrhunderts. Das Zentrum dieser Industrie lag in Berlin (insbesondere W. Hagelberg). Deutschland war (auch) in der Sparte Luxuspapier weltweit führend.
22 Die Geschichte der industriellen Papierverarbeitung In Würdigung und aus Respekt vor der besonderen Leistung und der Persönlichkeit von Christa Pieske stehen ihre Arbeiten zur Geschichte des Luxuspapiers, insbesondere jedoch das ABC des Luxuspapiers (Berlin 1983/84) im Mittelpunkt dieses Abschnitts, ergänzend werden eine Arbeit von Heinrich Meyerholz aus dem Jahr 1920 und Fachzeitschriften-Beiträge herangezogen. Karneval-/Festartikel: Diese Industrie wurde in Deutschland Anfang der 1830er Jahre begründet. Das Zentrum lag im Thüringer Wald. In diesem Abschnitt wird insbesondere auf die in Fabriken herstellten Produkte eingegangen. Die für diese Industrie typische Produktionsform der Heimarbeit wird vor allem im entsprechenden Abschnitt („Handund Heimarbeit“) der vorliegenden Arbeit behandelt. Im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts wurde für die rheinische Papierverarbeitungs-Industrie das Thema Konfetti und Luftschlangen zunehmend von Bedeutung. Die Karneval- und Festartikel-Industrie hat zahlreiche Berührungspunkte und Überschneidungslinien mit der Luxuspapier-Industrie. Daher sind viele der Angaben aus Christa Pieskes ABC des Luxuspapiers übernommen worden. Außerdem lagen eine Dissertation, verschiedene Firmenschriften und Beiträge aus Fachzeitschriften vor. Papierblumen: Die Kunstblumen-/Papierblumen-Industrie gehört zu den ältesten Manufakturbereichen der Papierverarbeitung. In diesem Gewerbe wurde bereits vor mehr als 200 Jahren nach dem Fließband-Prinzip gearbeitet. Zu den klassischen Rohstoffen der Kunstblumen-Industrie gehören sowohl Textilstoffe als auch Papier (ebenso Wachs – seit den 1950er Jahren Kunststoff/Polyethylen). Das jeweils verwendete Material wurde im Wesentlichen vom den jeweils aktuellen Kosten für Rohstoffe bestimmt. Diese Industrie ist in Deutschland (Preußen) seit Mitte des 18. Jahrhunderts vertreten. Seit Mitte des 19. Jahrhunderts wurde der ostsächsische Wirtschaftsraum um Sebnitz/Neustadt weltweit zum Zentrum dieses Gewerbes. In den 1920er Jahren hatte Papier in der Kunstblumen-Produktion den größten Rohstoffanteil. Ausgewertet werden konnten Buch- und Zeitschriftenveröffentlichungen sowie unveröffentlichte Manuskripte/Typoskripte. Papiergarn/-textilien: Papierkleidung ist bekannt, seit es Papier gibt. Im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts kam zunehmend mehr auch Papierwäsche (Kragen, Manschetten usw.) auf. Papiergarn aus flächigem Papier wurde bis Ende des 19. Jahrhunderts (vor allem in Japan und USA) im Trocken-Spinnverfahren hergestellt. Ende des 19. Jahrhunderts gab es erste Versuche, Papiergarn im Nass-Spinnverfahren direkt von der Papiermaschine zu gewinnen. Durchsetzen konnte sich jedoch nur das Trocken-Spinnverfahren nach Emil Claviez. Während des Ersten Weltkriegs erlangte die Papiergarn-Spinnerei und -Weberei eine außerordentliche volks- und kriegswirtschaftliche Bedeutung. In diesen Jahren wurden im großen Stil Papiergarn-Produkte als Ersatz für Textilien aus Naturfasern eingesetzt. Die Erfahrungen aus der staatlich gelenkten Bewirtschaftung insbesondere auch dieses Industriezweiges hatten Vorbildcharakter für die Kriegsplanung und -führung des NSRegimes. Für gewerbliche Zwecke (Möbel, Dekoration, Landwirtschaft usw.) wird Papiergarn bis in die Gegenwart hergestellt und verarbeitet. Im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts war das Thema Papiergarn in Deutschland Gegenstand eines allgemeinen öffentlichen, wirtschaftlichen und technischen Interesses. Das Thema wurde in zahlreichen Untersuchungen und Veröffentlichungen behandelt, die die Grundlage für einen umfangreichen Quellenbestand bilden.
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Papiermaché: Papiermaché-Arbeiten werden seit dem frühen 18. Jahrhundert auch in Manufakturen ausgeführt. Sie gehören somit zu den ältesten industriellen Produkten der Papierverarbeitung. Ihre Herstellungsverfahren und Verwendungszwecke sind äußerst vielfältig. Dem Ursprungs-Rohstoff Papier/Pappe werden je nach Anforderung an das Endprodukt unterschiedliche Zusätze beigefügt. Auf diese Weise können völlig neue Werkstoffe entstehen. Die Spannweite der Produkte reicht von den kunsthandwerklichen Luxus- und Gebrauchsartikeln des 18. und 19. Jahrhunderts (u. a. Dosen, Puppen) bis zu den gepressten Leiterplatten für die Elektro-Industrie sowie gewickelten Hartpapier-Rohren für unterschiedlichste Industriebereiche. Um diese Spannweite in einer übersichtlichen Form darzustellen, wird der Komplex in der vorliegenden Arbeit in die Abschnitte „Hartpapier“ mit dem Schwerpunkt technische Verwendungszwecke (u. a. Meirowsky/Köln) und „Papiermaché“ mit dem Schwerpunkt Ausstattung von Lebensräumen (u. a. Stobwasser/Braunschweig, Berlin) aufgelöst. Veröffentlichungen zu beiden Themenbereichen, insbesondere zu den für die Kulturgeschichte interessanten Papiermaché-Arbeiten, sind seit dem 19. Jahrhundert bis in die jüngste Gegenwart sowohl in Büchern und Ausstellungs-Katalogen als auch in Fachzeitschriften in hinreichender Zahl zu finden. Pappe im 19. Jahrhundert: Zu den wichtigsten Entwicklungen und industriellen Fertigungen von Pappe im 19. Jahrhundert gehörten Chromersatzkarton und Wellpappe. Beide Sorten beschleunigten den massenhaften Einsatz von Kartonagen – vor allem den von Faltschachteln. Für diesen Abschnitt wurden vor allem Titel der Fachliteratur sowie Firmenchroniken genutzt. Spielkarten: Spielkartenmacher gehörten zu den frühesten Abnehmern der Papierproduktion in Europa. Im 18. Jahrhundert gehörten sie zu den Mitbegründern des Manufaktur-/ Fabrikwesens in der Papierverarbeitung. Diese Industrie spiegelt die gesamte Entwicklung der Wirtschaftsgeschichte vom Merkantilismus bis zur Globalisierung wieder. Die aktuelle Produktion erreicht zig-Mio.-Stückzahlen. Als Quellen dienten insbesondere die umfangreich recherchierte Dissertation von Werner Stuckmann aus dem Jahre 1925 sowie Weiß’ Zeittafel (1983) und ein Katalogtext des Papiermuseums Bergisch-Gladbach [2001]. Tapeten: Tapeten gehören zu den ältesten manufaktur-/fabrikmäßig verarbeiteten Papieren überhaupt. In Europa hatten sie in ihren Ursprüngen vor allem Surrogat-Funktion für teure Wandverkleidungen. Ihre stärksten Wurzeln reichen nach Frankreich und England. Produktionstechnisch haben sie einen hohen Grad an Bezügen zur Textil- und BuntpapierFabrikation. Ihre Entwicklung zum Massenprodukt ist eng mit der Entwicklung des Papiers zum Massenprodukt verbunden. Als Quellen konnten in der Hauptsache Titel von Wilhelm Franz Exner, Gustav E. Pazaurek, Franz Rullmann sowie Wisso Weiß und Firmenschriften genutzt werden. Papier und Kunststoffe/Kunststoffe und Papier: Über die Weiterentwicklung und über die fortwährenden Veränderungen des Papiermaché sowie über den Rohstoff Zellulose, aus dem (auch) halbsynthetische Kunststoffe (u. a. Celluloid) gewonnen wurden, entstanden bereits im 19. Jahrhundert erste gemeinsame Bereiche beider Werkstoffe. Sie stehen seit Beginn des 20. Jahrhunderts insbesondere als Verbund-Werkstoffe in den Sparten Elektrik/Elektronik (Pertinax, Durax) und Verpackung ergänzend, durchdringend oder ersetzend in enger Verbindung. Nach Ende des Zweiten Weltkrieges gab es
24 Die Geschichte der industriellen Papierverarbeitung verstärkt Bemühungen, kunststoffähnliche Papiere bzw. papierähnliche Kunststoffe zu entwickeln. Für Kombinationen beider Werkstoffe gibt es vielfältige Einsatzbereiche. Im Zusammenhang mit den Themen Papiermaché und Verpackung sind bereits in meiner Dissertation Tüten, Beutel, Tragetaschen erste Ansätze zu diesem Abschnitt formuliert, die hier, im Wesentlichen auf der Grundlage von Firmenschriften/-geschichten und Beiträgen in Fachzeitschriften, weitergeführt werden. Kunststoff-/Polyethylen-Folien: Die Entwicklung der Kunststoff-Folien setzt mit dem halbsynthetischen Zellglas im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts ein. Von nachhaltiger Bedeutung insbesondere im Verpackungsbereich wurde der Einsatz der vollsynthetischen Polyethylen/PE-Folie mit einer Vorgeschichte, die bis in die 1930er Jahre reicht, und die in den 1940/50er Jahren ihren endgültigen Durchbruch erlangte. Die PE-Folie wurde vor allem bei der Produktion von „Plastiktüten“ eingesetzt. Dieser Abschnitt ist im Wesentlichen aus meiner Dissertation übernommen und hier nur im geringen Maß ergänzt und überarbeitet worden. Die Geschichte der (Papier-)Tragetaschen begann im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts, die der Plastik-Tragetaschen/Plastiktüten in den 1960er Jahren. Tragetaschen erweisen sich in besonderer Weise als Medium und Quelle zur Wirtschafts-, Sozial-, Industrie-, Technik-, Kultur-, Alltags-, Konsum-, Design- oder Kunstgeschichte. Auch dieser Abschnitt ist hier in (zum Teil völlig) überarbeiteter, wesentlich erweiterter und aktualisierter Fassung aus meiner Dissertation übernommen. Veredelte/bearbeitete Papiere: Der Begriff der „Papierveredlung“ ist missverständlich, irreführend und auch als Fachbegriff nicht genau definiert. Es sind üblicherweise fachübergreifende Sondererzeugnisse. Als Beispiele für die Herstellung und den Vertrieb insbesondere von technischen Papieren standen/stehen das Unternehmen Emil Holtzmann/Speyer und das Dürener Unternehmen Schleicher & Schüll. Als Quellen wurden unterschiedliche Fachbücher sowie die die Firmengeschichten Holtzmann und Schleicher & Schüll herangezogen. Zigarettenpapier: Die Zigarettenpapier verarbeitende Industrie in Deutschland wird geschichtlich von den beiden Firmennamen Gizeh und Efka bestimmt. Efka steht für Fritz Kiehn, der in der NS-Zeit, in der Nachkriegszeit und im bundesdeutschen Wirtschaftsleben Karriere machte. Durch die Darstellung zu Fritz Kiehn wird die Wirtschafts- und Sozialgeschichte um ein Kapitel Politik- und Zeitgeschichte ergänzt. Als Quellen lagen im Wesentlichen Firmenschriften, Fachzeitschriften-Beiträge sowie eine Monographie zu Fritz Kiehn vor.
Teil I Papierverarbeitung im 19. und 20. Jahrhundert
Handwerk – Manufaktur – Fabrik – Industrie Gegenstand der vorliegenden Arbeit ist die Geschichte der Papier, Pappe und Kunststoffe verarbeitenden Industrie. Eine wesentliche Erklärung dafür, dass die Geschichte dieser Industrie bislang nicht erforscht wurde, lässt sich – bezogen auf den Bereich der Papier und Pappe verarbeitenden Industrie – u. a. bereits 1931 bei Karl Weissenfels finden, nach der „die geringe Bedeutung der papierverarbeitenden Industrie in der Literatur darin begründet [liegt], daß der Begriff der Industrie zu vieldeutig ist und andererseits die Betriebe selbst kein einheitliches Gebilde darstellen.“1
Die Begriffe Handwerk, Manufaktur, Fabrik, Industrie – bezogen auf den Bereich der Papier-, Pappe und Kunststoffverarbeitung – werden im Verständnis dieser Arbeit wie folgt definiert (und übersichtsartig nachvollzogen): a) Handwerk: – weitgehend maschinenfreie Einzelfertigung auf Bestellung unter Mitarbeit des Meisters/Werkstattbesitzers und unter Anwendung natürlicher Arbeits- und Antriebskräfte (Hände, Füße, Wind, Wasser); b) Manufaktur – weitgehend maschinenfreie Massenfertigung durch eine größere Anzahl von (auch ungelernten) Beschäftigten für einen offenen Markt unter Leitung eines nicht mehr persönlich in der Produktion tätigen, kapitalistisch orientierten Unternehmers (Kaufmann, Handelsherr usw.), der häufig im staatlichen Auftrag und/oder mit staatlicher Unterstutzung handelt; der Manufakturbetrieb arbeitet wie der Handwerksbetrieb unter Nutzung natürlicher Arbeits- und Antriebskräfte; c) Fabrik – wie Manufaktur, jedoch in privater Alleininitiative und -verantwortung unter Ausnutzung (auch) künstlicher Antriebskräfte (Dampf, Gas) in zunehmend mit Maschinen ausgestatteten Betrieben; d/1) Industriebetrieb – wie Fabrik, meist jedoch größer ausgelegt, unter Ausnutzung elektrischer Antriebskräfte; d/2) Industrie als Gesamtbegriff aller Papier und Pappe verarbeitenden Produktionsbereiche (Papier verarbeitende Industrie2).3 Das erste Papier in Europa wurde im letzten Viertel des 13. Jahrhunderts geschöpft (Fabriano/Italien,4 1276). In der zweiten Hälfte des 14. Jahrhunderts gehörten die Spiel1 2 3
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Weissenfels, Standorte, Vorwort. Aus Gründen der sprachlichen Vereinfachung wird „Papierverarbeitung“ allgemein als Oberbegriff für „Papier-, Karton- und Pappeverarbeitung“ bzw. für „Papier und Pappe verarbeitende bzw. Papierwaren-Industrie“ verwendet. Die Definitionen ergeben sich nach der Auswertung einer Vielzahl von Quellen und auch unter Berücksichtigung von Geschichtliche Grundbegriffe – Historisches Lexikon zur politisch-sozialen Sprache in Deutschland, hrsg. v. Otto Brunner, Werner Conze, Reinhart Koselleck, Bd. 1-8/2, Stuttgart 1972–1997; zur Kritik an Brunner/Conze/Koselleck s. u. a. Achim Landwehr, Geschichte des Sagbaren – Einführung in die historische Diskursanalyse, Tübingen 2001, S. 28 ff. Zum aktuellen Stand (um 2008) der Theorienbildung zur Entstehungs- und Frühgeschichte des Papiers (China, Arabien) vgl. u. a. Martin Kluge, Arabisch-persische Papiere, Vortrag, DAP-Tagung Gernsbach 4.–7.9.2008, Typoskript im Besitz des Verf.
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Teil I – Papierverarbeitung im 19. und 20. Jahrhundert
kartenmacher zu den wichtigsten Abnehmern der Papiermühlen.5 In der ersten Hälfte des 15. Jahrhunderts hatte die Nürnberger Kleineisenindustrie mit ihrem Verpackungsbedarf einen bedeutenden Anteil am Absatz der ersten deutschen Papiermühlen (seit 1390, Stromer/Nürnberg). Ab Mitte des 15. Jahrhunderts war die Papier-/Pappeverarbeitung weitgehend eine Angelegenheit der Drucker und Buchbinder. Diese Handwerke beschränkten sich bis ins 19. Jahrhundert im Wesentlichen auf ihren ureigenen Gegenstand – auf das Drucken und Binden von Büchern. Daneben gab es im Buchbinderhandwerk erste Spezialisierungen beispielsweise durch Futteral- und Schachtelmacher (Nürnberg). Sie waren die Vorläufer der Kartonagenindustrie. Zu den frühen merkantilen Arbeiten der Drucker gehörten bereits im 15. Jahrhundert Bücherverzeichnisse, Flugschriften, Devotionalienbilder (Holzschnitt) usw. als Einblattdrucke. In den Einblattdrucken liegen die Wurzeln des Akzidenz-/Merkantildruckes als Fachsparten der graphischen Industrie; über die (Holzschnitt-)Rapportdrucke für die Tapeten der Renaissancezeit liegen hier jedoch auch die Wurzeln der Tapeten-Industrie.6 Die Papierverarbeitung ist produktionstechnisch eine Nachfolgefertigung der Buchbinderei, die wiederum „vorwiegend eine Nachfolgefertigung der Druckerzeugnisse [ist], so daß organisatorisch die Zusammenfassung in der Polygraphischen Industrie liegt.“7 Aus vorindustrieller Zeit sind Text-/Schriftquellen unterschiedlichster Herkunft überliefert, die die Vielfalt von Papier- und Pappeprodukten belegen.8 Im Merkantilismus entstanden Manufakturen als großgewerbliche Produktionsstätten, in denen erstmals arbeitsteilig Papier und Pappe für gewerbliche Zwecke hergestellt und verarbeitet wurde: Buntpapier, Tapeten, Pappen für Kartonagen, Packpapier für Handel und Gewerbe, Patronen-/Kartuschenpapier für das Militär, Konzeptpapier für die Verwaltung, Papiermaché usw. Für die Ausgestaltung von Festen sowie für die Ausschmückung von Lebensraum durch Buntpapier, Tapeten, Festdekorationen, Luxuskartonagen und Papier(maché)waren, Spielkarten, Spielwaren usw. entwickelten sich seit dem 18. Jahrhundert vermehrt spezielle Fachrichtungen. Ab dem letzten Drittel des 18. Jahrhunderts wurden, weitgehend noch auf handwerklicher Ebene, Papier und Pappe zunehmend auch für die Ausführung von privaten und gewerblichen Sonderwünschen meist lokaler Auftraggeber verarbeitet: Akzidenz- und Notendrucke, Etuis, Dosen, Kartonagen, Tüten/Beutel, später Briefumschläge/Papierausstattung u.dgl. Der überregionale Markt wurde seit der Wende vom 18. zum 19. Jahrhundert von Manufakturwaren verstärkt (u. a. 1750, Nothnagel/Frankfurt, Tapeten; 1763 Stobwasser/Braunschweig, Papiermaché/Lackwaren) sowie von Verlegern versorgt, die fast ausschließlich in Heimarbeit produzieren ließen (Papierblumen, Spielzeug, Festartikel usw.). In dieser Zeit kamen die ersten kapitalistisch begründeten und kaufmännisch geführten Fabriken auf (u. a. Dessauer/Aschaffenburg, Buntpapier, 1810, Dreyspring/Lahr, Kartonagen, 1816 usw.). Sie gehören wie 5
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Vgl. u. a. Werner Stuckmann, Ueber Entwicklung und Eigenart der deutschen Spielkartenindustrie, Diss., Greifswald 1925 (Typoskript); Stromer, Ulman, Püchel von mein geslecht und abentewer, Teilfaksimile der Handschrift, Hs 6146 des Germanischen Nationalmuseums Nürnberg. Kommentarband bearb. v. Lotte Kuras. Zur 600-Jahrfeier der Gründung der ersten Papiermühle in Deutschland, hrsg. v. Verband Deutscher Papierfabriken (Bonn), 1990, S. 120. Vgl. u. a. Sabine Thümmler, Die Geschichte der Tapete – Raumkunst aus Papier, München 1998, S. 13. Vgl. Hesse/Tenzer, Erzeugnisse der Papierverarbeitung, S. 16. U. a. die von Papierlaternen. In der Kursächsischen Generalverordnung von 1719 werden sie in einem Verbot erwähnt, mit dem der Ausbruch von Feuersbrünsten verhindert werden sollte; vgl. Weiß, Zeittafel, S. 161. Papierlaternen waren in Deutschland bereits um 1550 bekannt – Georg Agricola (1494–1555) erwähnt sie in seinem 1556 erschienenen Werk „De re metallica libir XII“; vgl. Weiß, Zeittafel, S. 95.
Handwerk – Manufaktur – Fabrik – Industrie
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die Papier und Pappe verarbeitenden Manufakturen und die Hausindustrie zu den frühen Gewerbezweigen im System der durch Arbeitsteilung, Spezialisierung, Mechanisierung und Rationalisierung gekennzeichneten Industrie. „Der ‚faustische Geist‘ des modernen Kapitalismus ergriff auch diesen [Papier verarbeitenden] Zweig der Wirtschaft. Der fortschrittliche Kapitalismus ließ die Technik der Herstellung sich immer mehr vervollkommnen. Während zur Zeit des Handwerks technische Änderungen nur zögernd Eingang in die Betriebe fanden, suchte nunmehr ein Unternehmer den anderen durch Anwendung immer vollkommenerer Maschinen konkurrenzunfähig zu machen [...]. Die Rücksicht auf den anderen, die den Handwerker Bindungen auflegte, übte der kapitalistische Unternehmer nicht mehr.“9
Von einer Papier verarbeitenden Industrie im engeren, modernen Sinne, mit weitgehend technisch/maschinell ausgerüsteten Betrieben und Unternehmen, kann bis zum letzten Viertel des 19. Jahrhunderts jedoch nur vereinzelt die Rede sein (u. a. Dessauer AG 1859). Sie wurde erst in den Jahrzehnten nach der Reichsgründung durch den erheblich verstärkten Einsatz von Kapital (Bestehorn AG 1878, Giesecke & Devrient 1884, Hagelberg AG 1894 usw.), besonders aber von Maschinen und Dampfkraft bzw. Elektroantrieb begründet. Begünstigt durch den Kontext der Entwicklung zum Massenzeitalter mit Massenproduktionen zur Deckung des Massenbedarfs einer weitgehend urbanisierten Massenbevölkerung (kurz vor dem Ersten Weltkrieg lebten fast zwei Drittel der rund 63 Mio. Deutschen in Städten, davon wiederum ein Drittel in Großstädten10), begünstigt weiterhin durch die allgemeine Industrialisierung, einschließlich der der Papiererzeugung (die Papierproduktion stieg von 15 000 t im Jahre 1800 bis auf knapp 780 000 t im Jahre 189711) und befördert durch die rasante Steigerung des Massenkonsums als Folge der kontinuierlichen Aufwärtsentwicklung der Kaufkraft sowie des dynamischen Ausbaus des Post-, Verkehrs- und Verwaltungswesens bildeten sich ab Mitte des 19. Jahrhunderts zunehmend auch Papierwaren- und Kartonagen-„Fabriken“ aus. Mit der massenhaften Fertigung von Tüten/Beuteln, Kartonagen und Briefumschlägen als „verlorene Verpackungen“12 hatte insbesondere die Papier- und Pappe verarbeitende Industrie schon früh einen maßgeblichen Anteil an der Entstehung der Wegwerf-Mentalität, durch die sich schließlich die Massengesellschaft des 20. Jahrhunderts in besonderer Weise auszeichnete. Die Linie Handwerk-Manufaktur-Fabrik-Industrie/-betrieb ist ein Entwicklungsprozess mit vagen Übergängen, unscharfen Abgrenzungen und offenen Begriffsdefinitionen.13 „Eine exakte Grenzziehung zwischen handwerklicher und industrieller Produktion ist [...] nicht möglich.“14 So sind die Kartonagen- und die Tüten- und Papierbeutel- oder die Luxuspapier-„Fabriken“ bis in die späten 1870er Jahre technisch mehr dem Manufakturwesen zuzuordnen. Sie arbeiteten meist lediglich mit Hilfsgeräten bzw. -„maschinen“. Die Betriebe waren aber Fabriken, insofern sie nach dem Prinzip von Arbeitstei9 Schöller, Kartelle, S. 6. 10 Vgl. u. a. Hans-Ulrich Wehler, Deutsche Gesellschaftsgeschichte, Bd. 3, Von der „Deutschen Doppelrevolution“ bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges 1849–1914, München 1995, S. 1254. 11 Vgl. u. a. Hermann Josef Kohl, Das Papier. Verflechtungen in der Wirtschafts- und Arbeitslehre, Ratingen/Kastellaun/Düsseldorf, o. J., S. 45. 12 Dieser Begriff wird u. a. in der Festschrift Werden und Wachsen der Papierwirtschaft im Bielefelder Raum. 75 Jahre Geschichte der Firma F. Luce, Friedrich Schaarschmidt – Ein Leben für Papier und Pappe, Bielefeld 1962, S. 20, verwendet. 13 Vgl. u. a. Vahlens Großes Wirtschaftslexikon, hrsg. v. Erwin Diehl und Otmar Issing, Bd. 1, München 1987, S. 78, Sp. 2. 14 Ebd.
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Teil I – Papierverarbeitung im 19. und 20. Jahrhundert
lung, Spezialisierung und Rationalisierung arbeiteten, kapitalistisch verfasst, im Handelsregister eingetragen und kaufmännisch geleitet waren sowie in größeren Stückzahlen produzierten und meist über eine größere Beschäftigtenzahl verfügten. Sie waren ebenso „Fabriken“, als sie ab dem zweiten Drittel des 19. Jahrhunderts verstärkt die über fossile Brennstoffe gewonnene Dampfkraft15 als Antriebskraft nutzen und damit den Wechsel von den natürlichen, regenerativen Energie- und Antriebskräften Wasser, Wind, Mensch, Tier (typisch für Werkstätten/Manufakturen) zur künstlich erzeugten Wärmekraft vollzogen hatten. Die Überschneidungen und Parallelentwicklungen der Begriffe und Betriebsformen Handwerk/Manufaktur/Fabrik/Industrie/-betrieb sind in Deutschland bis in die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert gerade auch für die weitgehend mittelständisch geprägte Papier- und Pappeverarbeitung kennzeichnend.
Handwerk Handwerk wurde in der Zeit um 1860 beschrieben als „gewerbsmäßige Bereitung materieller Lebensbedürfnisse für die örtliche Kundschaft“.16 Es „arbeitet in der Regel für lokalen Bedarf auf feste Bestellung. 2. Der Unternehmer (Meister) ist selbst an der praktisch-technischen Ausführungsarbeit beteiligt. 3. Die Gehilfen (Gesellen) müssen eine Lehrzeit durchmachen. 4. Meister und Geselle sind imstande, ein Stück Arbeit von Beginn bis zu Ende herzustellen. 5. Die Produktion geschieht auf Rechnung und Gefahr des Inhabers.“17
Durch die industrielle Massenproduktion geriet das Handwerk insgesamt wiederholt in Wirtschafts-, aber auch in Sinnkrisen. Das Papier verarbeitende Handwerk gehörte jedoch nicht zu den „obsoleten Gewerben“ als Folge des Industrialisierungsprozesses und wurde nicht aus dem Wirtschaftsleben verdrängt. Vielmehr konnte es innerhalb der Papierwirtschaft noch bis weit ins 20. Jahrhundert hinein eine selbstbewusste Stellung behaupten. Die Buchdrucker und -binder sowie die gewerblichen Papierverarbeiter gehörten durch ihre Arbeit als gelernte Fachkräfte in Großdruckereien und Großbuchbindereien, in Luxuspapier-, Geschäftsbücher-, Tüten/Beutel-, Briefumschlagfabriken usw. „zu den zahlreichen Handwerkzweigen, deren Aufschwung mit dem gewaltigen Auftragsvolumen der Urbanisierung oder der erfolgreichen Ankoppelung an die Industrie“18 verbunden war. Eine der ersten Umbruchskrisen des Gesamthandwerks wurde in der Revolution von 1848 deutlich. Die allgemeinen wirtschaftlichen Strukturen hatten sich bereits so nachhaltig verändert, dass auf dem Frankfurter Kongress im Juli/August 1848 von den Meistern mit Nachdruck die Rückkehr zur überkommenen Ordnung gefordert und die Abschaffung der Gewerbefreiheit (Preußen 1811) verlangt wurde. In der preußischen Gewerbeordnung 15 Die Buchdruckerei F. A. Brockhaus/Leipzig nutzte seit 1834 als erster Betrieb des Buchgewerbes die Dampfkraft; die erste „Dampfbuchbinderei“ (1866) war Sperling/Leipzig; vgl. Helma Schaefer, Zur Dauer und Zierde – Gestaltungsgeschichte des Einbandes 1754–1897. In: Wolfenbütteler Schriften zur Geschichte des Buchwesens, Bd. 20, Wolfenbüttel 1994, S. 28, Sp. 1. 16 Viehahn, um 1860, zit. nach Bernhard Harms, Zur Entwicklungsgeschichte der deutschen Buchbinderei in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Technisch – Statistisch – Volkswirtschaftlich. Tübingen und Leipzig 1902, S. 71. 17 Ebd., S. 73 f. 18 Wehler, Deutsche Gesellschaftsgeschichte, Bd. 3, S. 1272.
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vom Februar 1849 wurde auf diese Forderungen mit Verständnis eingegangen, die faktisch bestehende Gewerbefreiheit für die preußischen Territorien aber festgeschrieben. Die Gesellen durften in freier Lohnkonkurrenz zwischen Fabrik- und Werkstattarbeit wählen.19 Durch die Spezialisierung auf einzelne Erzeugnisse und durch die Spezialisierung auf einzelne Arbeitsschritte – je nach Neigung und Fähigkeit – hatten insbesondere die Buchbinder schon früh Erfahrungen mit arbeitsteiligen Techniken als einem Wesensmerkmal der Fabrik- und Industriearbeit sammeln können. Bei der ersten großen Gewerbezählung des Deutschen Bundes von 1861 wurden „Verlagsgewerbe und Kleingewerbe kurzerhand zu den ‚Fabriken‘ geschlagen.“20 Auch für die Verwaltung und durch die Verwaltung wurden die Abgrenzungen zwischen Werkstatt, Manufaktur und Fabrik zunehmend verschwommener.21
Manufaktur Manufakturen gehören zu den Merkmalen des merkantilistischen Wirtschaftssystems. Sie haben ihren Ursprung im Zeitalter des Absolutismus und wurden sowohl unter staatlicher wie auch privater Regie geführt. Manufakturen stellen eine Frühform der kapitalistisch-industriellen Produktions- und Wirtschaftsweise dar. Ihre Blütezeit lag vor allem im 18. und frühen 19. Jahrhundert. Befreit von den Zwängen und Einengungen der Zünfte und Innungen, nahmen sie als erste die arbeitsteilige Massenproduktion auf, behielten jedoch, bedingt durch den technischen Entwicklungsstand, die handwerkliche Arbeitsweise bei. Wenn auch noch weitgehend maschinenfrei, glichen sie in der Produktionsform bereits den Fabriken. In der Papier- und Pappeverarbeitung gehörten im ausgehenden 18. und beginnenden 19. Jahrhundert u. a. die privat geführten Papiermaché- und Dosen-/Kartonagen-Manufakturen (auch „Fabriken“) von Adt/Ensheim oder Dreyspring/ Lahr zu den typischen Vertretern dieser Epoche. In Ludwigslust (Mecklenburg-Schwerin) wurde in der herzoglichen staatlich geführten „Carton-Fabrique“/Manufaktur zwischen den 1760er Jahren bis Anfang des 19. Jahrhunderts Makulatur zu Papiermaché-Architekturen, -Stuck usw. als Serien- und Einzelstücke verarbeitet. In der „Cartonagen-Fabrik“ Dreyspring (gegr. 1816) z. B. wurde noch bis in die Zeit um 1900 vorwiegend in Hand-/ Heimarbeit von Frauen und Kindern gefertigt. Als Vorbereitung von Waisenkindern und Kindern der unteren Schichten auf die Arbeit in Manufakturen/Fabriken dienten u. a. die Industrie- bzw. Arbeitschulen (nach J. H. Pestalozzi, J. H. Campe) sowie die Erziehungsanstalten, Waisen- und Armenhäuser (u. a. Esslingen, Kassel). In deren Produktionsabteilungen wurden zu Beginn des 19. Jahrhunderts bereits in hohen Stückzahlen auch Papierund Pappewaren hergestellt (z. B. Tüten). 1797 erschien von Bernhard Heinrich Blasche (1768–1832), Pädagoge an der Erziehungsanstalt Schnepfenthal, „Der Papparbeiter oder Anleitung in Pappe zu arbeiten“ (4. Aufl. 1811, 5. Aufl. 1847).22 In der Regierungszeit 19 Vgl. ebd., S. 59. 20 Vgl. ebd., S. 61. 21 Zu den Schwierigkeiten einer klaren Begriffsbestimmung sowie der inhaltlichen und historischen Abgrenzung vgl. u. a. Geschichtliche Grundbegriffe, Bd. 2, S. 232 f.; Thomas Nipperdey, Deutsche Geschichte 1866–1918, München 1998, S. 253 f. 22 1810 erschien von Blasche „Beschreibung meiner Musterkabinette – Ein Übungsbuch für diejenigen, welche in der Kunst zu pappen eine höhere Fertigkeit erlangen wollen“; vgl. u. a. Weiß, Zeittafel, S. 213 u. 248.
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Teil I – Papierverarbeitung im 19. und 20. Jahrhundert
des preußischen Königs Friedrichs II. (reg. 1740–1786) wurden „Manufaktur“ oder „Fabrik“ noch synonym verwendet. Die zuständige Behörde wurde sowohl als „Manufactur“- wie auch als „Fabric“-/„Fabrique“-/„Fabrik“-Department bzw. „Collegium“ bezeichnet.23 Zur Unterscheidung von Manufaktur und Fabrik im alltäglichen Verständnis erklärt der Brockhaus von 1839, dass „im gewöhnlichen Leben kein derartiger Unterschied“ gemacht wird.24 Nach Wilhelm Treue sind Manufakturen „unzünftige, weiterverarbeitende, vorindustrielle, zentralisierte, innerbetrieblich arbeitsteilige Großbetriebe mit mindestens zehn Arbeitern unter Vorherrschaft der Handarbeit.“25 Mit Ausnahme des Merkmals der Zentralisierung und der Mindestzahl der Arbeiter (als nur ungefährer Größenordnung), lassen sich über diese Definition auch die meisten Papier und Pappe verarbeitenden Betriebe bis ins dritte Viertel des 19. Jahrhunderts charakterisieren.
Fabrik Seit Ende des 18. Jahrhunderts wurde unter „Fabrik“ allgemein eine größere Werkstatt oder Manufaktur verstanden, die, häufig im Auftrag eines Kaufmanns/Kapitalgebers und/oder unter Einflussnahme und Beförderung des Staates, durch Arbeitsteilung und große Stückzahlen kostengünstig und gewinnbringend Waren für den freien Handel herstellten. Die Produktion im Bereich der Papier- und Pappeverarbeitung verlief noch weitgehend in Handarbeit. Die Betriebsräume waren maschinenfrei und allenfalls mit Hilfsgeräten ausgestattet. Antriebskräfte, weder natürliche noch künstliche, wurden kaum bzw. nicht benötigt. Zu dieser Betriebsform zählen typischerweise die Kunst(Papier-)blumen-„Fabriken“ in Berlin oder Weimar in der zweiten Hälfte des 18. Jahrhunderts. Sie wurden in der Mehrzahl von Kaufleuten gegründet und geleitet und waren keiner Innung oder Zunft angeschlossen. J. W. v. Goethe (1749–1832) berichtet in seinen ab 1811 erschienenen Lebenserinnerungen „Aus meinem Leben. Dichtung und Wahrheit“ aus der Zeit seiner Kindheit um 1760 von „Fabriken, Bleichplätzen und ähnlichen Anstalten“26 sowie vom einem Frankfurter „Verlag oder vielmehr Fabrik“.27 In der 1750 von dem Kunstmaler Johann Nothnagel (1729–1794) in Frankfurt/M. gegründeten Wachstuch- und Tapeten-„Fabrik“, deren „Vertrieb außerordentlich stark“ war, hatte der Firmengründer um 1760 „genug mit Leitung des Ganzen zu tun und saß in seinem Comptoir umgeben von Faktoren und Handlungsdienern, [während] in vielen Zimmern hintereinander [eine Menge] jüngerer und älterer Männer“ arbeitete.28 In Preußen gab es um die Wende zum 19. Jahrhundert die Einrichtung eines Fabrikdepartements mit einer technischen Deputation und einem Manufactur-Collegium, das vor allem in patent23 Vgl. u. a. Detlev Richter, Stobwasser – Lackkunst aus Braunschweig und Berlin, 2 Bde., München 2005, hier Bd. 1, S. 24, Sp. 1 ff.; das in den 1860er Jahren so bezeichnete Berliner „Manufacturen- und Commerz-Collegium“ ging aus dem vorangegangenen „GeneralfabrikenDepartement“ hervor; vgl. ebd., S. 143, Sp. 2. 24 Brockhaus – Bilder-Conversations-Lexikon für das deutsche Volk. In vier Bänden. Leipzig 1837–1841, hier: Bd. 2., S. 1. 25 Wilhelm Treue, Gesellschaft, Wirtschaft und Technik im 19. Jahrhundert. In: Gebhardt, Handbuch der deutschen Geschichte, 9. Aufl., Bd. 17, München 1975, S. 147 f. 26 Goethes Werke. Im Auftrage der Goethe-Gesellschaft herausgegeben. Fünfter Bd. Dichtung und Wahrheit. Insel-Verlag MCMLI, S. 14. 27 Ebd., S. 29. 28 Vgl. ebd., S. 118.
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rechtlichen und technischen Angelegenheiten Entscheidungen zu treffen und Prüfungen zu veranlassen hatte.29 Die Verwendung des Begriffes „Fabrik“ hatte vielfach eher modische Gründe und sollte einen fortschrittlichen Produktions- und Betriebs-Charakter ausdrücken oder eine Unterscheidung zur zunftgebundenen Werkstatt ausdrücken. In der Papierverarbeitung wird der Begriff „Fabrik“ am frühesten und am häufigsten wohl in der Sparte der Spielkartenmacher (mit häufig nur zwei Beschäftigten) verwendet.30 Obwohl in Württemberg erst 1862 die Gewerbefreiheit zugelassen worden war, wurde u. a. bereits 1836 in Kirchheim unter Teck der Buchinder Friedrich Enslin „zum fabrikmäßigen Betrieb des Buchbinder-, Futteralmacher-, Papp- und Lederarbeitergewerbes und der Fertigung von Schnellzündhölzern ermächtigt.“31 Der Chemiker Carl Hornemann (1811– 1896) gründete 1838 eine „Malerfarben-Fabrik“ (ab 1878 unter der Firmenmarke „Pelikan“/Hannover), die er als Ein-Mann-Betrieb in den Funktionen als Geschäftsführer, Handelsvertreter und Arbeiter führte.32 Der Brockhaus erklärt um 1840: „Fabriken oder Manufacturen heißen Anstalten, in welchen durch geschickte Vertheilung der Arbeit die Verfertigung gewisser Waaren (Fabrikate) im Großen auf die möglichst schnellste und beste Weise betrieben wird.“33
Die Bezeichnung Fabrik war auch juristisch nicht klar definiert. Laut einer reichsgerichtlichen Entscheidung vom 15. Oktober 1886 schloss selbst das Fehlen elementarster Dampfkraft im Betrieb die Bezeichnung „Fabrik“ nicht aus. Der Fabrikant (Vollkaufmann, Unternehmer, Industrieller, Handelsherr usw.) ließ nach einer Definition aus der Mitte des 19. Jahrhunderts „seine Waren unter planmäßiger Leitung durch eine zahlreiche Arbeiterklasse oder mit Maschinen massenhaft hervorbringen, setzt[e] dieselbe auf dem Wege des Handels ab und versorgt[e] eine größere Bevölkerung; seine Vorbildung, sein Kapital und seine Betriebsweise [erhöben] ihn zu den gebildeten Klassen.“34
Bernhard Harms definierte (1902) den Begriff Fabrik mit sieben Merkmalen: „1. Die Produktion erfolgt für den Markt oder auf feste Bestellung. 2. Der Unternehmer beteiligt sich nicht direkt an dem technischen Prozeß. 3. Der Fabrikbetrieb beschäftigt eine große Anzahl von ungelernten oder angelernten Arbeitern und Arbeiterinnen. 4. Die Arbeitsteilung ist bis ins kleinste durchgeführt. 5. Die Benützung von Maschinen und Motoren geht in größerem Maßstab vor sich. 6. Zum Personal des Fabrikbetriebs gehören durchweg technische Aufsichtsbeamte, nicht selten auch Direktoren, Techniker und Ingenieure. 7. Es ist in der Regel ein bedeutendes Betriebskapital erforderlich.“ 35
Mit dieser Begriffsbestimmung, vor allem mit der „massenhaften“ Hervorbringung, und der Formel „Fabrik“ = „Kapital, Arbeit, Leitung“36 wird u. a. auch die 1847 von Heinrich Ebhardt/Hannover gegründete Geschäftsbücher- oder die 1853 von Gumpert Bodenheim/ Allendorf gegründete Tüten-„Fabrik“ erfasst. Diese Definition trifft aber auch bereits auf 29 30 31 32 33 34 35 36
Vgl. u. a. entsprechende, wiederholte Hinweise in Weiß, Zeittafel. Vgl. Abschn. „Spielkarten“ der v. A. Vgl. Der Teckbote, Nr. 131 vom 20.8.1955, Sonderdruck. Vgl. Kathleen Allner, Pelikan – Ein Unternehmen schreibt Geschichte [= Schriften des Historischen Museums Hannover 30], Hannover 2008, S. 7, Sp. 2. Brockhaus – Bilder-Conversations-Lexikon, hier: Bd. 2, S. 1. Viehahn, um 1860, zit. nach Harms, Entwicklungsgeschichte, S. 71. Harms, Entwicklungsgeschichte, S. 68. Deutsches Staats-Wörterbuch, Bd. 3, Stuttgart/Leipzig 1858, Sp. 477; zit. in: Wolfgang Ruppert, Die Fabrik – Geschichte von Arbeit und Industrialisierung in Deutschland, 2., unveränderte Aufl., München 1993, S. 10.
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Teil I – Papierverarbeitung im 19. und 20. Jahrhundert
Abb. 2: Papierwaren-Fabrik Gumpert Bodenheim 1868
die Papiermaché-/Pappdosen-/Kartonagen-„Fabriken“ (Manufakturen) zu, die seit dem letzten Drittel des 18. Jahrhunderts (Matthias Adt/Ensheim) oder seit Beginn des 19. Jahrhunderts (Carl Friedrich Dreyspring/Lahr usw.) gegründet worden waren. Viele der späteren industriellen Großbetriebe (u. a. Giesecke & Devrient/Leipzig, König & Ebhardt/ Hannover oder Gundlach/Bielefeld) hatten ihren Ursprung in der Mitte des 19. Jahrhunderts auf der Ebene von Handwerksbetrieben (u. a. die 1846 gegründete Buchbinde-/ Kartonagen-Werkstatt (spätere Fabrik) Georg Adler/Buchholz) oder auch in fachfremden Produktions- oder Handelssparten. Sie behielten diesen Status oft über Jahrzehnte bei, bevor sie, vor allem in den 1870er Jahren, binnen kürzester Zeit zum Status eines Großbetriebes aufrückten, ohne in jedem Einzelfall das Stadium einer „Fabrik“ in allen Entwicklungsphasen (Maschinen in Hand- oder Fußbetrieb, natürliche oder künstliche Antriebskräfte) durchlaufen zu haben. Viele Unternehmen/Industriebetriebe (u. a. Kayser/ Winden, Kurtz/Meißen, Gundlach/Bielefeld usw.) begingen im 20. Jahrhundert ihr 100oder 150-jähriges Firmen-Jubiläum. Sie bezogen darin die häufig über Jahrzehnte andauernde rein handwerklich, noch nicht unternehmerisch geprägte Periode ihrer Betriebe mit ein. Die Marburger Tapetenfabrik/Kirchhain gedachte 1945 ihres einhundertjährigen Bestehens, das sich jedoch nicht auf die Tapetenfabrikation beziehen konnte. Die Firma war 1845 durch Johann B. Schaefer als Fachhandlung für Innenausstattungen gegründet worden und hatte erst 1879 die Produktion von Tapeten aufgenommen. In der Ausgabe Nr. 90/1929 veröffentlichte die Schriftleitung der Papier-Zeitung einen Aufruf, nach dem sich Firmen der Papierverarbeitung melden sollten, deren Gründungsjahr vor 1865 lag. Für die Zeit vor 1850 meldeten sich in den Ausgaben 95 und 104/1929 u. a.: Kefersteinsche Papierhandlung, Halle/Saale 179037; Papierfabrik J. H. Kayser, Winden b. Düren, 37 Keferstein „hat bald darauf (Jahreszahl unsicher) mit der Herstellung von Tüten, Schreibheften usw. begonnen.“ Papier-Zeitung, Nr. 95/1929, 27.11.1929, S. 2960, Sp. 2. Keferstein gehörte um 1929 zu den führenden Unternehmen des Papiergroßhandels. Zur Geschichte des
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180538; C. C. Kurtz, Meißen, 183439; F.N.A. Netzler/Flensburg, später Hamburg, 1844 (als Papierhandlung?),40 E. Gundlach/Bielefeld, gegr. 1847;41 F. M. Lenzner, Stettin 184742. Alle angeführten Betriebe prodzierten fabrikmäßig/industriell erst ab der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts. Das jeweils angegebene Gründungsjahr lag fern dieses Niveaus. In den Jahren 1850/51–1857 herrschte in Deutschland eine „geradezu explosionsartige Hochkonjunktur“.43 Sie ging von der Montanindustrie aus und erfasste schließlich nahezu alle Wirtschaftsbereiche. In der Papierverarbeitung nahm seit Beginn der 1850er Jahre, vor allem aber seit Ende der 1850er Jahre, in einer Phase nahezu ununterbrochener Konjunktur bis 1875, die Zahl der großbetrieblichen Produktionsstätten beständig zu. Bevor in der Mitte der 1870er Jahre die ersten ausgereifteren Maschinen für die Massenproduktion von Kartonagen, Papierbeuteln, Papierwaren (im weitesten Sinn) usw. aufkamen, standen lediglich vereinzelt einfache, hand- oder fußbetriebene Schneide-, Präge- oder Stanzmaschinen zur Verfügung. Sie hatten meist jedoch den Charakter technischer Hilfsvorrichtungen, für die keinerlei natürliche (Wind, Wasser) oder künstliche Antriebskräfte (Dampf, Elektrizität) nötig waren. Nur die größeren Betriebe, vor allem Großdruckereien und -bindereien, waren ab etwa Mitte des 19. Jahrhunderts besser ausgestattet (Schnellpressen, Schneide-, Vergolde-, Falz-„Maschinen“). Nach dem Schneide- und dem Druckvorgang erfolgten die weiteren Arbeitsschritte weitgehend in Handarbeit unter Verwendung einfacher und einfachster Hilfsgeräte. Diese Vorgänge mussten nicht mehr von gelernten Handwerkern ausgeführt werden: Die technischen Einrichtungen konnten mehr und mehr auch von angelernten, billigen (vor allem auch weiblichen) Arbeitskräften bedient werden. Die Betriebe der Papierverarbeitung waren bis Ende der 1870er Jahre kaum Fabriken im Sinne von „Maschinenhallen“.44 Nur die Produktion von Buntpapier, Tapeten und Briefumschlägen konnte bereits ab Mitte des 19. Jahrhunderts durch den Einsatz von Walzen- und Fertigungsmaschinen als Fabrik/Fabrikation im umfassenderen Sinne definiert werden. Diese Industriezweige erreichten innerhalb der Papier- und Pappeverarbeitung als erste, neben den graphischen und buchbinderischen Großbetrie-
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Papier-(Groß-)Handels vgl. u. a. Stefan Feyerabend, 180 Jahre Papiergroßhandel – 90 Jahre Verband. Ein Überblick, Celle 1998. Kayser begann erst 1875 mit der Herstellung von Packpapier. Über den Bereich Verarbeitung der Papierfabrik J. H. Kayser ist nichts weiter bekannt; vgl. u. a. Geuenich, Papierindustrie, S. 330 ff. Wahrscheinlich liegt hier ein Versehen eines Geschäftsfreundes vor, der diese Angabe ohne Wissen der Firma J. H. Kayser machte; vgl. ebd., Fußnote. Die Firma wurde als Papier- und Materialwaren-Handlung gegründet. Kurtz nahm erst 1861 die Produktion von Tüten auf. Vgl. 100 Jahre C. C. Kurtz, Meißen 1834–1934, Jubiläumsschrift, S. 13, im Besitz des Verf. Zu Netzler, Papierwaren/Tüten-Produktion seit den 1880er Jahren, s. Abschn. „Papierverarbeitung im 19. Jahrhundert“/Netzler der v. A. Die Gundlach AG hatte ihren Ursprung in einer kleinen Buchbinder-Werkstatt. Dieses Unternehmen nahm zu Beginn der 1870er Jahre die fabrikmäßige Papierverarbeitung auf; vgl. Mit Gutenberg ins Internet. 150 Jahre Gundlach, hrsg. v. E. Gundlach GmbH & Co. KG, Bielefeld 1997. Der Betrieb wurde unter der Bezeichnung „Papierwaren- und Cartonagenfabrik“ gegründet. Die Produktion beschränkte sich in den Anfangsjahren jedoch auf den Druck von Akzidenzien vor allem für den Apothekerbedarf; vgl. u. a. Ernst Frank, Die industrielle Entwicklung der Stadt Stettin, Düren 1932. Vgl. Wehler, Deutsche Gesellschaftsgeschichte, Bd. 3, S. 93. Vgl. Wolfgang Zorn, Einführung in die Wirtschafts- und Sozialgeschichte, München 1974, S. 58.
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ben, das Merkmal von „Maschinenhallen“, die auch mit Antriebskräften (Schwungrädern, Dampf) ausgestattet waren und die erst auf diesem technischen Niveau als „Fabriken“ im modernen Sinne definiert werden können. Die Massenprodukte Kartonagen oder Tüten/Beutel erforderten für ihre Herstellung bis ins letzte Drittel des 19. Jahrhunderts eine nur wenig differenzierte Arbeitsteilung. Das Fabrikmäßige ihrer Produktion lag vor allem in der zunftfreien Betriebsform, in der höheren Stückzahl sowie in der größeren Anzahl der Beschäftigten, die zu billigen Löhnen in beliebiger Anzahl leicht einzustellen waren. Aber auch die Anzahl der Beschäftigten lässt keine zweifelsfreie Zuordnung der Betriebsform zu. So nahm beispielsweise die 1853 als „Fabrik“ gegründete Firma Bodenheim/Allendorf den Betrieb zur Tütenherstellung mit einem Werkmeister und acht Arbeiterinnen auf. Andere „Fabriken“ beschäftigten in der Mitte des 19. Jahrhunderts häufig lediglich drei Arbeiter und einen Kaufmann.45 Auch die erste deutsche Briefumschlag-„Fabrik“, die 1849 von dem Kaufmann Martin Rommeler in Jülich/Rhld. gegründet worden sein soll, kam mit den hinteren Räumen einer Kolonialwarenhandlung am Marktplatz der Kleinstadt aus.46 Fabriken jeder Art mit 40 bis 50 Arbeitern zählten um 1840 zu den größeren/großen Betrieben.47 Eine Ausnahme bildeten einige Tapetenfabriken, die Buntpapierfabrik von Dessauer/Aschaffenburg, in der um die Mitte des 19. Jahrhunderts bereits etwa 200 Beschäftigte arbeiteten oder die Geschäftsbücher-Fabrik von König & Ebhardt/Hannover mit rund 65 Arbeitskräften. Der Betriebsinhaber oder -leiter einer Fabrik (u. a. die Kaufleute Alois Dessauer oder Heinrich Ebhardt) war nicht mehr selbst in der Produktion tätig, sondern mit der Organisation von Verwaltung und Produktion beschäftigt. Die häufig sach- und fachfremden Eigner bzw. Geber des Gründungskapitals oder Anteilseigner blieben der Firma in aller Regel fern. Am 26. Juli 1897 trat das Handwerkergesetz in Kraft. Nach der Rechtsprechung des Reichsgerichts war bei der Klärung der Abgrenzung zwischen Handwerksbetrieb und Fabrik auch zu diesem Zeitpunkt insbesondere noch die Frage zu prüfen, ob eine weitreichende Arbeitsteilung durchgeführt werde. Ferner war die Größe der Anlagen, die Zahl der Beschäftigten, die Tätigkeit des Arbeitgebers und die Verwendung von Maschinen zu berücksichtigen.48 Allgemein gültige Bestimmungen darüber, was eine Fabrik im Sinne der Gewerbeordnung sei, ließen sich auch an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert nicht feststellen.49 Als eine Papiergroß- und Kleinhandlung mit der sehr allgemeinen Beschreibung einer angeschlossenen „großen Druckerei“, Hefte-Produktion, Papierausstattung und Dütenkleberei im Jahre 1901 von der Papier-Zeitung wissen wollte, ob sie mit dem Führen des Begriffes „Papierwarenfabrik“ gegen bestehende Gesetze oder Bestimmungen verstoße, entschied das Fachblatt, dass unter den geschilderten Umständen der Benutzung des gewünschten Begriffes nichts im Wege stehen dürfte.50 Und noch in einer Entscheidung des Reichsgerichts aus dem Jahre 1942 musste erneut festgelegt 45 46 47 48
Vgl. Zorn, Wirtschafts- und Sozialgeschichte, S. 30. Vgl. Abschn. „Briefumschläge“ der v. A. Vgl. u. a. Ruppert, Die Fabrik, S. 19, Sp. 2. Vgl. Harms, Entwicklungsgeschichte, S. 69 f.; vermutlich bezieht sich Harms hier auf ein am 23.6.1898 verkündetes Urteil des Reichsgerichtes (dritter Senat in Sachen einer Anklage wegen Verstoßes gegen die Reichs-Gewerbeordnung); vgl. Papier-Zeitung, Nr. 86/1898, 27.10.1898, S. 3210, Sp. 1. 49 Vgl. Papier-Zeitung, Nr. 50/1901, 11.07.1901, S. 2082, Sp. 2. 50 Vgl. Papier-Zeitung, Nr. 43/1901, 30.5.1901, S. 1668, Sp. 1 f. Dieser Bescheid der PapierZeitung blieb jedoch in den Leserbriefen der folgenden Ausgaben nicht unwidersprochen.
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werden, dass als „Fabrik“ nur ein wirtschaftlich und technisch einheitlicher Betrieb bezeichnet werden dürfe, der die Fabrikation maßgebend beeinflusse und nach außen als Hersteller der Ware in Erscheinung trete. Weiter sei zu verlangen, dass die Güter ganz oder zum größten Teil maschinell erzeugt und ihrem Umfang nach über den eines handwerklichen Betriebs hinausgingen. Vor allem wäre eine gewisse Größe und Bedeutung des Betriebs (Zahl der Beschäftigten, Größe der Betriebsräume, Umsatzhöhe) zu verlangen.51 Diese Kriterien wurden, selbst in den Jahrzehnten der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert, nicht von allen Betrieben der Papier- und Pappeverarbeitung erfüllt. Handwerkliche und kleingewerbliche Elemente blieben in diesem Gewerbezweig noch häufig bestimmend. Der Streit um die Statuszuschreibung aus Gründen eines möglichen Innungszwanges wurde zwischen den Ursprungshandwerken der Papier und Pappe verarbeitenden Industrie (also den Druckern, vor allem aber den Buchbindern) und den PapierwarenFabriken in Einzelfällen noch bis ins erste Drittel des 20. Jahrhunderts hinein ausgetragen. Von einer Industrialisierung bereits in der Mitte des 19. Jahrhunderts kann in Deutschland im Wesentlichen nur im Montan- und Textilbereich gesprochen werden. An der „Allgemeinen deutschen Industrie-Ausstellung“ von 1854 in München nahmen aber bereits auch Betriebe des Luxus- und Phantasiepapiers oder des graphischen Gewerbes teil (u. a. Hagelberg/Berlin, Giesecke & Devrient/Leipzig).
Industrie Industrie wird im Brockhaus von 1838 ganz allgemein definiert als das „Bestreben nach Vervollkommnung und leichter Vervielfältigung der Produkte der Kunst und des Gewerbefleißes“.52 Der Brockhaus beschreibt die Erfolge der Industrie vor allem am Beispiel der Chemie, der Buchdrucker- und der Kupferstechkunst. Nach Fuchs/Raab bezeichnet „Industrie“ im engeren Sinne „die Rohstoffumwandlung auf mech. oder chem. Weg und im engsten Sinn die mech. und chem. Bearbeitung von Rohstoffen und Halbfabrikaten mit weitgehender techn. Arbeitsteilung, Benutzung von Maschinen, Beschäftigung einer größeren Zahl von Lohnarbeitern, insbes. in der Fabrik sowie die Verwendung von Kapital.“53
Um die Jahrhundertwende gab es in der deutschen Papier- und Pappeverarbeitung mehrere großbetriebliche Unternehmen mit je über 1000 Beschäftigten – darunter Hagelberg/Berlin (Luxuspapier), Bestehorn/Aschersleben (Papierbeutel/-waren), König & Ebhardt/Hannover, W. Loewenthal/Brieg (Geschäftsbücher). Die Begriffe „Fabrik“ und „Industrie/Industriebetrieb“ sind durch prozesshafte Übergänge (Industrialisierungs-„Prozess“) miteinander verbunden. Der allgemeine Beginn einer durch den Impuls des Eisenbahnbaus54 im Wesentlichen begründeten und durch das Wirtschaftsbürgertum vorangetriebenen ersten Industrialisierungsphase („erste industrielle Revolution“) lag in Deutschland zwischen den Jahren 1835 und 1845.55 Die zweite Phase („zweite industrielle Revolution“) begann in den 1880er Jahren vor allem mit dem 51 Vgl. Klimschs Druckerei-Anzeiger, Fachblatt für die gesamte Druckindustrie, Reproduktionstechnik, Buchbinderei und Papierverarbeitung, Frankfurt/M., 27/1942, S. 468. 52 Brockhaus – Bilder-Conversations-Lexikon, Bd. 2, S. 443. 53 Konrad Fuchs/Herbert Raab, Wörterbuch zur Geschichte, München 1972, Bd. 1, S. 377. 54 Vgl. u. a. Friedrich Lenger, Industrielle Revolution und Nationalstaatsgründung. Gebhardt, Handbuch der deutschen Geschichte, 10. Aufl., Bd. 15, München 2003, S. 37 f. 55 Vgl. Ruppert, Die Fabrik, S. 27, Sp. 1 ff.
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Durchbruch der Elektrotechnik.56 Dieser Durchbruch gelang zuerst insbesondere in den Großbetrieben – den eigentlichen „Industrie“-Betrieben. Kennzeichnend für die Umstrukturierung einer Fabrik zum Industrie-Unternehmen ist u. a. auch der Übergang von Dampf oder Gas als Antriebskraft auf Elektrizität oder die „Konzentration der Produktion in der Fabrik mit ihrer charakteristischen Kombination von Arbeits- (oder Werkzeug-) und Kraftmaschinen.“57 Die Übergänge bleiben fließend. In der vorliegenden Arbeit wird „Fabrik“ über den Einsatz von Maschinen und den damit erforderlichen Antriebskräften (Dampf, Gas) und „Industrie“ mit dem Einsatz von elektrischen Antriebskräften (in der Zeit um 1900) definiert. Im Gegensatz zur „ersten industriellen Revolution“, an der Deutschland im Wesentlichen lediglich Teilnehmer/Teilhaber war, wurde die „zweite industrielle Revolution“ von Deutschland innovativ und aktiv mitgestaltet. 1876 gab es im Industriezentrum Berlin 50 Luxuspapier-Fabriken. Davon waren acht mit einem Motor ausgestattet.58 Dieses Verhältnis von etwas mehr als sechs zu eins wird kaum übertragbar sein auf die Papier verarbeitende Industrie des damaligen Deutschen Reiches. So wurde u. a. erst 1894 die Buchbinderei Richard Dohse & Sohn/Bielefeld mit einem Gasmotor, der einer der ersten in Bielefeld überhaupt war, ausgerüstet. Damit war für diese Firma „der Übergang vom rein handwerklichen auf einen fabrikmäßigen Betrieb“ vollzogen.59 Ab 1894 betrieb Otto Ficker/Kirchheim (Papierwaren, später vor allem Briefumschläge) mit einem Deutzer Gasmotor einen Teil seines Maschinenbestandes. Dieser Gasmotor „schlug den Grundton zum Lied der Arbeit an, in den das Räderwerk und die Maschinen [...] aufmunternd und anfeuernd einstimmten. Nicht selten setzten aber unerwünschte Pausen ein. Dann war die Harmonie der Arbeit im ganzen Betrieb gestört, und es dauerte oft Stunden, ja Tage, bis der [Motor] wieder für die Arbeit gewonnen werden konnte.“60
Um 1900 stellte Dohse/Bielefeld von Gas- auf Elektroantrieb um. Bereits 1889 hatten König & Ebhardt/Hannover (Geschäftsbücher) und 1894 Giesecke & Devrient/Leipzig61 oder 1897 Büxenstein/Berlin (Akzidenz- und Zeitungs-Großdruckerei), um 1900 Fr. Melsbach/Sobernheim (Papierwaren) usw. auf Elektrobetrieb mit Licht- und Kraftanlagen umgestellt. Für Bernhard Harms, Verfasser einer Geschichte zur Entwicklung der Buchbinderei, war diese Tatsache noch um 1902 Anlass, diesen Vorgang ausdrücklich zur erwähnen und ausführlich zu beschreiben. „Abgesehen von den Hilfsmaschinen beruht die Leistungsfähigkeit der Großbuchbindereien vor allem auf einer bis ins kleinste durchgeführten Arbeitsleistung unter starker Heranziehung der weiblichen Kraft“62.
Harms betont die Verbindung aus Arbeitsteilung, Einsatz der Elektrizität und verstärkter Beschäftigung (niedrig bzw. unterbezahlter) weiblicher und/oder jugendlicher Arbeits56 Vgl. ebd., S. 30, Sp. 2 ff. 57 Vgl.ebd., S. 21, Sp. 1 f.; vgl. auch Jürgen Kocka, Das lange 19. Jahrhundert – Arbeit, Nation, bürgerliche Gesellschaft. In: Gebhardt, Handbuch der deutschen Geschichte, 10. Aufl., Bd. 13, München 2002, S. 47 ff. 58 Vgl. Meyerholz, Kunstdruckindustrie, S. 11. 59 Vgl. Bindereport, 7/1983, S. 363, Sp. 1 f. 60 Mayer, Vom Handwerk zum Großbetrieb, S. 39; 1903 Anschluss einer Gleichstrom-Nebenschluss-Dynamomaschine; vgl. ebd., S. 41. 61 Akzidenz-Großdruckerei, Wertpapiere – als erster Betrieb der graphischen Industrie in Leipzig, vor „Buchbinderei Aktiengesellschaft vorm. Gustav Fritzsche, 1900. 62 Harms, Entwicklungsgeschichte, S. 24.
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kräfte als wesentliche Merkmale im Übergang von der Fabrik- zur Industriearbeit. Zeitversetzt zur Entwicklungsphase der Hochindustrialisierung in der Schwerindustrie (Montanindustrie – Bergbau, Hüttenwesen), im Maschinenbau, in der Chemie-, Elektro- oder Textilindustrie erreichte die Papier- und Pappeverarbeitung durch die technischen Voraussetzungen im Maschinenbau und durch die massenhafte Papiererzeugung ab Mitte der 1870er Jahre die potenzielle Befähigung zur industriellen Produktionsweise. Für eine Papier verarbeitende Industrie im Großmaßstab gab es jedoch nur vereinzelte Beispiele. Auch nach der Jahrhundertwende blieb die Papierverarbeitung bei einem relativ geringen Technisierungsgrad und einer durchschnittlichen Belegschaftszahl von elf Beschäftigten insgesamt weitgehend mittel- bis kleinständisch63 strukturiert und in der Betriebsform bei einem verhältnismäßig geringen Kapitaleinsatz häufig eine Mischform aus Werkstatt und Fabrik.64 Im wirtschaftlichen Gesamtprozess hatte dieser Industriezweig eher eine reagierende als innovative Bedeutung. Er war – vor allem in den Massenproduktionsbereichen Briefumschläge, Tüten/Beutel, Kartonagen, graphisches Gewerbe – bedarfsdeckend als bedarfsweckend. „Von den Konsumgüterindustrien sind allein die Papierindustrie und die graphischen Gewerbe weit überdurchschnittliche Wachstumsbranchen, das hängt vor allem mit dem ungeheuer ansteigenden Bedarf – Schriftlichkeit, Zeitungen, Verpackungen – zusammen.“65
Als die Firma Hettmannsperger & Löchner/Bruchsal um 1912 ihren Betrieb vollständig umbaute und auf einen industriellen Stand brachte, wurde das Ergebnis von der PapierZeitung als das „Neueste und Bewährtesten auf technischem und hygienischem Gebiet“ beschrieben. Benz & Co. in Mannheim hatte die Dieselmotoranlage für Rohölspeisung gebaut. Die elektrischen Anlagen (Dynamo, Einzelmotoren, Akkumulatoren, Lichterzeugung, Körper für schattenloses Licht usw.) stammten von dem Elektrizitätswerk Stotz & Co. in Mannheim. Siemens & Halske, Berlin/Karlsruhe, war mit der Verlegung der Fernsprechanlage beauftragt worden.66 In den Jahren um 1910 kamen allerdings noch „82% aller Primärenergien aus [mit Kohle betriebenen] Dampfmaschinen.“67 Im selben Jahr 1912 wurde in Düren von Papierindustriellen die Isola AG (nach der Meirowsky AG/ Köln von 1893) gegründet, in der Papier vor allem für den Bereich der Elektrotechnik und später für die Elektronik- und Digital-Technologie zu Kunststoff konvertiert wurde. Mit der Einsatzmöglichkeit von Isolierpapieren war eine wesentliche Voraussetzung für die Anwendbarkeit der Elektrik in Industrie und Haushalt geschaffen.68 Für die rund 12 700 Betriebe der Papier verarbeitenden Industrie ergab sich jedoch selbst in der Mitte der 1920er Jahre erst ein Motorisierungsgrad von knapp 23 Prozent und eine durchschnittliche PS-Zahl von knapp 35 auf je 100 Personen (der allgemeine Durchschnitt in Industrie und Handwerk lag bei 145)69. Damit hatte dieser Gewerbezweig den mit Abstand geringsten Motorenanteil im Bereich der Papierwirtschaft.70 63 Vgl. auch Entwicklungsprobleme des Mittelstandes am Beispiel der Beutelindustrie. In: apr, Nr. 6/1964, S. 312. 64 Vgl. Fritz Demuth, Papierindustrie, 2. Teil, Papierverarbeitung. In: Schriften des Vereins für Sozialpolitik (Die Störungen des deutschen Wirtschaftslebens während der Jahre 1900 ff.), Bd. III, Leipzig 1903, S. 251 ff., hier: S. 253. 65 Nipperdey, Deutsche Geschichte, S. 234. 66 Vgl. Papier-Zeitung, Nr. 85, Berlin 1912, S. 3003, Sp. 1 u. 2. 67 Vgl. Nipperdey, Deutsche Geschichte, S. 226. 68 Vgl. hierzu Abschn. „Hartpapier“ der v. A. 69 Vgl. Weissenfels, Standorte, S. 41 f. 70 Vgl. ebd., S. 41.
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Teil I – Papierverarbeitung im 19. und 20. Jahrhundert
Firmengründungen im 19. Jahrhundert Entstehung und Entwicklung der Papierwaren „Bei der Papier- [und Pappe-]verarbeitung werden aus unveredelten, veredelten oder bedruckten Werkstoffen Erzeugnisse hergestellt, die durch konstruktive Gestaltung und Ausführung auf den jeweiligen Verwendungszweck abgestimmt sind.“1 2
Zu Beginn des 19. Jahrhunderts lag die Papier- und Pappeverarbeitung noch weitgehend in den Händen der handwerklichen Buchbinderei. Aber bereits im 18. Jahrhundert waren zunehmend privatwirtschaftliche und/oder staatlich geförderte Manufakturen (bzw. „Fabriken“) entstanden, in denen arbeitsteilig und unter kaufmännischer Leitung im großen Stil z. B. Papiermaché-Ware (u. a. Adt/Ensheim, um 1739), Tapeten (u. a. Arnold/Kassel, um 1790) oder Dosen/Kartonagen (u. a. Dreyspring/Lahr, 1816) hergestellt wurden. Daneben gab es manufakturähnliche Einrichtungen der öffentlichen Armenfürsorge, in denen von Kindern, Frauen, Alten, Kranken und Straffälligen z. B. Verpackungen (vor allem Tüten/ Beutel), Kalender oder Gesangbücher gefertigt wurden. Kurz nach der Wende zum 19. Jahrhundert nahm die hausindustrielle Fertigung von Blumen, Puppen, Spielwaren, Karneval- und Festartikeln als je eigenständige Sparte beständig zu. Den kräftigsten Schub zur Ausbildung einer fabrikmäßigen und schließlich industriellen Fertigung von Papierwaren erhielt die Entwicklung um 1800 durch die Erfindung der Lithographie durch Alois Senefelder (1771–1834).3 Erst ab dem ersten Drittel des 19. Jahrhunderts konnte sich die Papier- und Pappeverarbeitung durch die Erweiterung um den Akzidenz-/Merkantildruck allmählich zu einer Industrie mit allen Kennzeichen dieser Wirtschaftsform4 ausbilden und durch den zunehmenden Maschineneinsatz mit künstlichen Antriebskräften (Dampf, Elektrizität) ab Mitte des Jahrhunderts einen Durchbruch im großen Stil erreichen. Alle großgewerblichen Einrichtungen der Papier- und Pappeverarbeitung arbeiteten zu Beginn des 19. Jahrhunderts noch ohne Maschinen. Für die Druck- und Hilfseinrichtungen mussten Wind, Wasser, Hand und Fuß als natürliche Antriebskräfte genutzt werden. Zu den bemerkenswerten Neugründungen des frühen 19. Jahrhunderts gehört die 1810 von Alois Dessauer in Aschaffenburg eingerichtete Buntpapier-Fabrik, Sie entwickelte sich in den folgenden Jahrzehnten zu einer der größten ihrer Art weltweit.5 1820 richtete Christoph Wilhelm Eilers in Bielefeld eine Buchbinder-Werkstatt ein und legte damit den Grundstein für die Kalenderfabrik Fritz Eilers, die im 20. Jahrhundert
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Hesse/Tenzer, Erzeugnisse der Papierverarbeitung, S. 15. Aus Gründen der Vereinfachung wird „Papierverarbeitung“ als Oberbegriff für „Papier-, Karton- und Pappeverarbeitung“ bzw. für „Papier und Pappe verarbeitende bzw. PapierwarenIndustrie“ verwendet. Vgl. hierzu Abschn. „Graphische Industrie“ der v. A. Vgl. hierzu Abschn. „Begriffe“ usw. der v. A. Vgl. Abschn. „Buntpapier“ der v. A.
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eine den Markt bestimmende Stellung erreichte.6 1845 wurde in Hannover die Druckerei König & Ebhardt zur Herstellung von Geschäftsbüchern gegründet. Daraus entwickelte sich ein Unternehmen, das in dieser Sparte weltweit die Führung übernahm.7 1846 gründete der Buchbinder Georg Adler in Buchholz b. Annaberg/Sa. eine Werkstatt, die sich rasch zu einer Kartonagen-Fabrik entwickelte. In der Ausgabe Nr. 90/1929 veröffentlichte die Schriftleitung der Papier-Zeitung einen Aufruf, nach dem sich Firmen der Papierverarbeitung melden sollten, deren Gründungsjahr vor 1865 lag. Für die Zeit vor 1850 meldeten sich in den Ausgaben 95 und 104/1929 u. a. C. C. Kurtz/Meißen. Die Firma wurde 1834 als Papier- und Materialwarenhandlung gegründet. Kurtz nahm erst 1861 die Produktion von Tüten auf.8 Als eine weitere Firma meldete sich E. Gundlach/Bielefeld, gegr. 1847. Die Gundlach AG hatte ihren Ursprung (wie Eilers/Bielefeld) in einer kleinen Buchbinderwerkstatt. Der Beginn der fabrikmäßigen Papierverarbeitung lag mit wenigen Ausnahmen zu Anfang der 1870er Jahre und im Zuge des allgemeinen wirtschaftlichen und industriellen Aufschwungs nach der Reichsgründung.9 Die Papierwarenund Cartonagen-Fabrik F. M. Lenzner/Stettin, die sich ebenfalls bei der Papier-Zeitung gemeldet hatte, war 1847 als Akzidenz-Druckerei auf Werkstatt-Niveau gegründet worden. Es ist keine Firma der Papierwaren-Branche mit dem Kennzeichen eines diversifizierten, fabrikmäßig ausgeführten Angebots aus einer Hand aus der Zeit der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts bekannt. Alle Betriebe waren Spartenbetriebe, die – mit Ausnahme der Papiermaché-, Tapeten-, Dosen- oder Buntpapier-Fabrikation – über die Größenordnung eines Werkstattbetriebes nicht hinaus gekommen waren.
Friedrich Melsbach/(Bad) Sobernheim Zu den Vorläufern und (Mit-)Begründern der sich ab den 1850/60er Jahren verstärkt ausbildenden Papierwaren-Fabrikation zählt die Firma (spätere Papierwaren-Fabrik) Fr. Melsbach. Sie wurde am 12. April 1832 von Friedrich Melsbach (1805–1884)10 in Sobernheim (Nahetal/Rheinpreußen/Rheinland-Pfalz) als Buchbinderwerkstatt eröffnet. Dieser Betrieb entwickelte sich kontinuierlich zu einer der Keimzellen der deutschen Papierwaren-Industrie. Im Nebengewerbe betrieb Melsbach in den Anfangsjahren zusätzlich eine Buchhandlung, deren Umfang sich jedoch im bescheidenen Rahmen hielt. Auf der Suche nach weiteren Erwerbsquellen erhielt er 1836 die Erlaubnis zur Errichtung einer Leihbücherei. Auf Anregung des mit ihm befreundeten Apothekers Eduard Hellwig/Kirn stellte Melsbach ab den 1840er Jahren in seiner Druckerei (im kleinen Umfang) auch Verpackungen (Schachteln, Tüten/Beutel für Arzneimittel) her.11 Daraus entwickelte sich in den folgenden Jahrzehnten ein Betrieb mit einer spezialisierten Ausrichtung auf den Apotheker-Bedarf. Der Kundenkreis erstreckte sich zunehmend über ganz Deutschland. Um 1900 erhielt Melsbach schließlich die Berechtigung zum Alleinvertrieb für „Packungen nach dem im Auftrage des Hessischen Apotheker-Vereins von Julius Scriba herausgegebe6 7 8 9 10 11
Vgl. Abschn. „Kalender“ der v. A. Vgl. Abschn. „Geschäftsbücher“ der v. A. Vgl. 100 Jahre C. C. Kurtz, S. 13; vgl. weiter unten im vorliegenden Abschn. Vgl. Mit Gutenberg ins Internet. Vgl. Familienarchiv Ernst Fechter, Bad Sobernheim. Vgl. Hundert Jahre Fr. Melsbach (Jubiläumsschrift), Bad Sobernheim 1932.
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nen Vorschriften“.12 Der Bedarf der Apotheker an Kapseln, Tüten, Beuteln, Schachteln, Fahnen, Etiketten13 oder Signaturen für den Verkauf von Arzneien war von jeher groß. Bis in die Mitte des 19. Jahrhunderts wurden diese Artikel von den Apothekenbetreibern nur bedarfsweise in Handarbeit hergestellt. Im Einzelhandel wurden meist die Lehrlinge nach Feierabend mit dem Drehen und Kleben von Tüten und Beuteln beschäftigt. Es war eine zeitaufwändige und besonders bei den Apothekern höchst unbeliebte Tätigkeit. Sie war offenbar nur schwer mit ihrem Berufsstolz zu vereinbaren. Die eine gewisse Fertigkeit voraussetzende Herstellung der benötigten Arzneimittel-Schachteln wurde in der Regel Buchbindern übertragen. Aufdrucke jeglicher (auch schmückender) Art fehlten völlig. 1848 erwarb Friedrich Melsbach von Louis Graf eine Steindruckerei. Im August dessleben Jahres wurde ihm von der zuständigen Behörde die Konzession zur Errichtung eines lithographischen Geschäfts erteilt.14 Auf Werbezetteln versprach er, alle in dieses „Fach einschlagenden Artikel elegant, prompt und – billigst“ zu liefern.15 Der Umfang des Gesamtgeschäftes ist nicht bekannt. Fakten und Vergleichszahlen fehlen. Ab Ende der 1840er Jahre gehörte Melsbach mit dem Angebot diverser Drucksachen, Verpackungen usw. aus einer Hand jedoch zu den frühen Beispielen der sich entwickelnden Papierwaren-Industrie. Die oft von Zufällen abhängige Quellenlage zur Geschichte der Papierwaren-Industrie insgesamt wird auch am Beispiel Melsbach deutlich. Personenbezogene Stimmungsbilder und vage formulierte Tendenzen in der Betriebsentwicklung waren bis weit ins 20. Jahrhundert ein allgemeines Kennzeichen der Firmenchroniken. Von Melsbach liegen z. B. keine Beschäftigten- oder Produktionszahlen vor. Die Frage nach der tatsächlichen Stellung der Firma in der Entwicklungsgeschichte der deutschen Papierwaren-Industrie muss somit offen bleiben. Auch für diesen Betrieb gilt wie für die meisten anderen Firmenbiographien des 19. und frühen 20. Jahrhunderts auch, dass der Firmengründer in der „Gloriole eines charismatischen Gründers oder Lenkers“ auftritt und die Entwicklung der Firma „oft auf den Unternehmer mitsamt seiner Familie“ reduziert wird.16 Während sich der ursprüngliche Handwerksbetrieb Melsbach allmählich zu einer Papierwaren-Fabrik entwickelte, der Übergang vom Handwerksbetrieb zur Fabrik sich aber nicht exakt nachvollziehen lässt, wurde die Fabrik von Bodenheim/Allendorf (Hessen) als solche bereits konzipiert und 1853 als eben solche gegründet.17 Erst unter diesem Vorzeichen ist die Begründung der – spartenübergreifenden – Papierwaren-Industrie mit einem Datum zu belegen. „Der Betrieb [von Melsbach] entwickelte sich großartig. Bald schon reist Friedrich Melsbach per Postkutsche oder Schiff zu Apothekern im Rheinland, nach Nassau, Hessen18 und der Pfalz, um seine Produkte anzubieten.“19 12 Vgl. z. B. Preisliste der Packungen zu selbstbereiteten pharmazeutischen Handverkaufs-Spezialitäten nach den im Auftrag des hessischen Apotheker-Vereins von Julius Scriba herausgegebenen Vorschriften 1905. Melsbach, Bad Sobernheim 1905, im Besitz des Verf. 13 Zur Geschichte des Etiketts vgl. u. a. Das Etikett und seine Geschichte. In: Die neue Verpackung, Nr. 9/1956, S. 555 sowie Friedrich Beck, Etiketten – Anwendung und Gestaltung im Wandel der Zeit. In: Die neue Verpackung, Nr. 7/1959, S. 459. 14 Vgl. entsprechendes Dokument. Melsbach, Bad Sobernheim, Firmenarchiv. 15 Vgl. entsprechende Zeitungs-Ausschnitte. Melsbach, Bad Sobernheim, Firmenarchiv. 16 Vgl. Harald Wixforf, Nicolaus Dürkopp – ein innovativer Unternehmer aus Bielefeld. In: Ravensberger Blätter, Zweites Heft 2004, S. 1. 17 S. unter „Bodenheim“ in diesem Abschn. 18 Der 1853 von Bodenheim in Allendorf begründete Papierwaren-Betrieb befand sich in Hessen; auch Bodenheim produzierte bevorzugt für den Pharmazie-Bereich. Mögliche direkte/indirekte Berührungspunkte sind für eine Betrachtung nicht per se auszuschließen.
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Schließlich dehnte Melsbach seine Verkaufsreisen bis Westfalen aus. In enger Verbindung mit den Fortschritten in der medizinischen Forschung und der pharmazeutischen Produktion wurde der Betrieb stetig ausgebaut.20 Für diesen Ausbau sorgte auch eine intensive Kundenpflege, die von Melsbach mit besonderer Sorgfalt betrieben wurde. In den späten 1860er Jahren wurde eine der ersten Ritzelmaschinen (Karl Krause/Leipzig, 1867, Vorläufer der Kartonagen-Maschinen) aufgestellt. Das Unternehmen bezeichnete sich in diesen Jahren als Papierwaaren- & Cartonagen-Fabrik. Zu den Produkten zählten 1868 u. a. „Adressen-Aufkleber, Anweisungs-Formulare, Apotheker-Kapseln, Avisbriefe, Beutel von Papier, Duten von Papier, Blumentopfhülsen, Bonbondevisen, Briefcouverts, Cigarren-Beutel, -Etiketten, Contobücher, Copirbücher, Etuis, Geschäftsbücher, Pillenschachteln, Pulverschieber, Recept-Mappen, Rechnungs-Formulare, Thee-Cartons [und] Zahnpulver-Schachteln.“21
In einer Preisliste aus dem Jahre 1868 werden u. a. aufgeführt: „Duten, Beutel und Envelopen, Wein-, Tabak- und Carton-Etiketten, Schreibhefte, Copier- & Geschäftsbücher, Briefcouverts, Siegeloblaten, Capseln, Papp-Schachteln, Pulverschieber und Kästchen, Steindruck- und Buchdruck-Sachen.“22
Das entsprach dem Standard-Angebot der Papierwaren-Industrie dieser Zeit. Die Rechnungen wurden nach „Thalern, Silbergroschen oder Gulden süddeutscher Währung“ ausgestellt.23 1871 wurde die Errichtung eines für moderne technische Ansprüche geeigneten Fabrikgebäudes notwendig. Dessen Herzstück bildete die Aufstellung einer Steindruck-Schnellpresse. Zuschneidemaschinen ermöglichten eine rationelle Pappeverarbeitung bei der Kartonagenherstellung. 1888 folgte die erste Buchdruck-Schnellpresse. Mit ihr konnten Tüten und Beutel billiger hergestellt werden. Diese Technik verdrängte zunehmend den Steindruck. Ebenso bürgerte sich in Deutschland die aus England übernommene Fertigung von Buchdruck-Etiketten für den Apothekenhandverkauf ein. In den 1880er Jahren konnte Melsbach die Anzahl der werkseigenen Wohnungen auf 20 erhöhen. Noch vor der Jahrhundertwende wurde in diesem Betrieb mit der maschinellen Produktion von flachliegenden Faltschachteln begonnen.24 Diesen Typ verwendeten die Apotheker zunächst vor allem zum Verpacken von Verbandstoffen sowie von Tierheil- und -mastmitteln. Um die Jahrhundertwende wurde der Betrieb mit einer elektrischen Licht- und Kraftanlage ausgerüstet.25 Bis zu Beginn des 21. Jahrhunderts wurde die Druckerei und 19 Fr. Melsbach, Druck und Verpackung, Bad Sobernheim 1982 (Jubiläumsschrift), o. S. („So hat es angefangen“) und Dokumente im Firmenarchiv. 20 Zu den Fortschritten in der Verpackung pharmazeutischer Präparate gehörte es im letzten Viertel des 19. Jh. u. a. auch, zum Verpacken von Salben, für luftdichte Verschlüsse usw. allgemein vegetabilisches Papier anstelle mit geschmolzenem Wachs oder Cerosin imprägniertes Papier zu verwenden; vgl. Weiß, Zeittafel, S. 428. 21 Fr. Melsbach, Druck und Verpackung, o. S. 22 Vgl. Fr. Melsbach, Bad Sobernheim, Preisliste 1868, Firmenarchiv. 23 Vgl. ebd. 24 In den Papier-Adressbüchern waren für das Gebiet des Deutschen Reiches 1892 dreizehn Hersteller für pharmazeutische Papierwaren sowie 30 für pharmazeutische Kartonagen verzeichnet; 1904 entsprechend 43 und 44; 1914 33 und 41; 1927 21 und 8; 1936 11 und 12. Neben Melsbach u. a. die Firmen: Becker & Marxhausen/Kassel; Faubel & Co. Nachf./Kassel; Zülcken & Co./Dresden; H. C. Steinmüller/Dresden; Gebr. Kiesel/Berlin; H. Senger/Berlin; C. F. Dreyspring/Lahr; Willi Marckwardt/Lahr; vgl. Pieske, ABC des Luxuspapiers, S. 117. 25 Vgl. Sobernheimer Intelligenz-Blatt, Nr. 44, 12.4.1932 („Zum hundertjährigen Bestehen der Firma Fr. Melsbach Sobernheim“), Sp. 1-3. Vgl. auch Zum hundertjährigen Bestehen der
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Abb. 3: Cartonnage- und Papierwaaren-Fabrik Fr. Melsbach/Sobernheim, Preisliste, 1872
Verpackungs-Firma Melsbach in der fünften Generation als Familienbetrieb geführt. Melsbach war somit das älteste (bisher bekannte, aus dem Handwerk kommende) FamilienUnternehmen der deutschen Papierwaren-Industrie. Im Jahre 2006 musste Melsbach Insolvenz anmelden. 2008 war das Unternehmen weiterhin mit Apothekenbedarf, Tragetaschen, Luftpolster-, Spezial-Verpackungen usw. am Markt vertreten.26 Firma Fr. Melsbach Sobernheim. In: Sobernheimer Anzeiger – Nachdruck in: Allgemeine Zeitung, 19.6.1932, Sp. 1-3. 26 Vgl. www.melsbach.de (Stand: 21.2.2011).
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N. F. A. Netzler/Flensburg (Altona) „[...] die älteste Herstellerfirma [für Tüten und Papierbeutel] dürfte [...] die Fa. N. F. A. Netzler Nachf. sein, [...] die 1844 gegründet wurde.“27 Der Briefkopf der „PapierwarenFabrik und Papier-Gross-Handlung N. F. A. Netzler Nachf.“/Altona-Ottensen aus dem Jahr 1904 enthält die Einträge: „Gegründet Flensburg 1844“ und „Etabliert: Ottensen 1884“.28 Für welchen geschäftlichen Zweck die Firma N. F. A. Netzler gegründet wurde, ist nicht bekannt. Nicolai Ferdinand Abraham Netzler wurde am 25. Januar 1820 in Flensburg geboren. Das Bürgerbuch von 1849 erwähnt ihn als „Bürgersohn“, im Flensburger Adressbuch von 1855/56 wird Netzler als „Makler“ aufgeführt, 1861 unter „Agenten für auswärtige Handelshäuser“.29 Die Quellen zur Person und zur frühen Geschichte des Unternehmens N. F. A. Netzler sind spärlich. 1878 wurde Netzler mit dem „Verdienstpreis Berlin 1878“ ausgezeichnet, 1881 folgte die „Goldene Medaille Altona“.30 Wofür Netzler ausgezeichnet wurde, ist nicht bekannt. „Im Jahre 1884 [wurde] ein weiterer Betrieb [neben dem in Flensburg] in Altona-Ottensen“ errichtet.31 Zehn Jahre später, 1894, hieß es in einem Firmenporträt, dass die „im Jahre 1844 in Flensburg unter bescheidenen Verhältnissen ins Leben gerufene“ Firma Netzler Nachf. „Maschinen-Düten- und Couvert-Fabrik, Spezial-Maschinen für Papiersäcke- und Düten-Fabrikation“ unter den weiteren Fabrikstätten in Altona „nicht nur ihrer papierenen Erzeugnisse wegen, sondern auch durch den Vertrieb der zur Herstellung derselben von ihr konstruierten maschinellen Apparate einen Platz in der ersten Reihe“
einnehme.32 Entsprechend dieser Darstellung folgte „die Herstellung der maschinellen Apparate“ zeitlich dem „Wirkungskreis der papierenen Erzeugnisse“. Netzler konstruierte, betrieb und vertrieb drei Maschinentypen für die Herstellung von Drachen(Spitz-)türen33 und Papiersäcken/Boden-/Standbeuteln: 1. neben einer Papier-Querschneide-Maschine für Formatpapiere eine Schneide-, Umwickel- und Anfeucht-Maschinen, die im Betrieb in drei Exemplaren in „eigenartiger Thätigkeit [...] wirksam“ waren. Die Maschine konnte mit einer Leistungsfähigkeit von etwa zwei Zentnern/Std. braune, holzhaltige Papierrollen schneiden, wickeln und anfeuchten. 2. Tütenmaschinen (Pat.Nr. 47585), von denen 27 28 29 30
Waldemar Reuther, Der Einsatz von Beutelpackungen, Neuwied 1951, S. 26. Kopie im Besitz des Verf. Vgl. Auskunft (E-Mail) Stadt Flensburg, Fachbereich 3.7, StA Nielsen-Bolte vom 28.6. 2010. Vgl. Angabe der Auszeichnungen auf Firmen-Briefköpfen (zuletzt 2010, Schreiben an Verf.); vgl. auch F.N.A. Netzler Nach. in Altona-Ottensen und Flensburg. Maschinen-Düten- und Couvert-Fabrik, Spezial-Maschinen für Papiersäcke- und Düten-Fabrikation. In: Paul Hirschfeld, Schleswig-Holsteins Grossindustrie und Grosshandel – mit Unterstützung der königlichen Provinzialbehörden des königlichen Kommerzcollegiums in Altona und der Handelskammer in Kiel und Flensburg, hrsg. v. d. Deutschen Export-Bank, Berlin 1894. Nach Hirschfeld war die Ausführung „C“ um 1894 der (patentierte) Nachfolgetyp der „bereits mehrfach [1878 und 1881] preisgekrönten“ Netzler-„Apparate“. 31 Vgl. Schreiben von Uwe Lorenzen, Buchholz/Nordheide an Verf., 22.6.2010; weitere (mögliche) Recherche-Ergebnisse zur Firmengeschichte unter Gesellschaft für Schleswig-Holsteinische Geschichte, Schleswig (Rechercherchen des Verf. blieben ergebnislos). 32 Vgl. Hirschfeld, Paul, Leipzigs Großindustrie und Großhandel in ihrer Kulturbedeutung, Leipzig 1887. 33 Drachentüten sind Spitztüten, bei denen in der Flachlage die Klebenaht mittig liegt, wodurch sie die Form eines Winddrachens erhalten.
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bei Netzler zwei Exemplare in Betrieb waren, „die mit bewundernswerter Geschwindigkeit die aus den Spezereigeschäften bekannten Spitzdüten“ erzeugten. 3. Universal-Sack/ (Papier-Stand-/Bodenbeutel-)Maschinen – mit eingebautem Trocken-Zylinder – („zwei in Thätigkeit“), mit denen für den Bedarf von Material-Handlungen, Drogerien und Apotheken Papierbeutel mit und ohne (nach innen) eingelegte Ecken hergestellt werden konnten. „Dieser höchst sinnvoll arbeitende Automat schneidet, faltet, klebt vollständig selbständig“ Papierbeutel, „zu welchen auch die neuartigen, so begehrten ‚Zigarrenbeutel‘ gehör[t]en.“
Diese Maschine – in der Ausführung „C“ (in der dritten Generation?) – war in Deutschland patentrechtlich geschützt.34 Sie hatte eine Stundenleistung, je nach Beutelgröße, von 140 bis 300 Stück.35 Für die Ausführung der Druckaufträge verfügte Netzler Nachf. in Altona-Ottensen über eine betriebseigene Setzerei, eine Stereotype-Anlage und mehrere Rotations-Druckmaschinen für Rollenpapiere sowie zwölf Tiegeldruck-Schnellpressen. Diese „Merkur“Pressen, von einfacher und robuster Bauart, waren „gleichfalls ein in allen Fachkreisen anerkanntes Werk der Firma“.36 Mit 50 Arbeitskräften wurden täglich in zehnstündiger Schicht 50 Zentner Papier zu Kuverts, Rollenpapier, Tüten und Beutel verarbeitet, „welche Erzeugnisse in Gemeinschaft mit den maschinellen Fabrikaten der ganzen Verkehrswelt“ zugingen.37 „Ab 1910 wurde nur noch an der Fabrikation von Verpackungsmitteln gearbeitet. Hergestellt wurden: Drachentüten [...], Flachbeutel [...], Bodenbeutel [...] und größere Säcke für Zement, Erde usw. [...]. In der Kriegszeit 1939–1945 arbeitete der Betrieb für die Wehrmacht. [...] Es wurden Faltenbeutel für Lebensmittel aus Echt Pergament (‚Kamerad, kennst Du Knäckebrot?‘) und Papiersäcke für Nitropenta (ein Sprengstoff) hergestellt. Mit Beginn der Selbstbedienung [...] mussten [...] neue Wege des Erwerbs gefunden werden.“38
2010 war die N. F. A. Netzler Nach. GmbH im Hamburger Adressbuch als Service-Unternehmen verzeichnet.
F. M. Lenzner/Stettin 1847 wurde von dem Drucker und Lithographen F. M. Lenzner (aus Lauchstätt/Pommern) in Stettin eine „Papierwaaren- und Cartonagenfabrik“ gegründet. Lenzner fertigte zunächst Apotheken-Etiketten und später Drucksachen aller Art sowie Tüten, Beutel und sonstige Verpackungen vor allem für den pharmazeutischen Bedarf. Die Firma wurde nach 1850 unter wechselnden Bezeichnungen, meist jedoch unter „Cartonagen-Fabrik und Steindruckerei“ geführt; ab 1885 als „Buch-, Steindruckerei und Kartonagen-Fabrik“; ab 1924 als „Werk für Papierverarbeitung und Druckerei“; ab 1943 als F. M. Lenzner, Plakatanschlag. Während der 1920er Jahre gehörten zum Firmenangebot u. a. Packungen, 34 Vgl. Hirschfeld, Schleswig-Holsteins Grossindustrie und Grosshandel. „Letztere wurden hauptsächlich nach England exportiert.“ Lorenzen, 22.6.2010. 35 Alle Angaben zur Maschinen-Ausstattung nach Hirschfeld, Schleswig-Holsteins Grossindustrie und Grosshandel. 36 Alle Angaben zum Druckbereich nach ebd. 37 Vgl. ebd. 38 Alle Angaben für die Zeit zwischen 1910 und dem Beginn der Selbstbedienung nach Lorenzen, 22.6.2010.
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Kartonagen, Faltschachteln, Tüten (in der Schreibweise „Düten“), Einwickelpapiere, Geschäftspapiere, Etiketten, Prospekte, Reklame, Plakate, Reklamemarken und Kataloge.39 Die Firmengeschichte F. M. Lenzner wurde nach dem Zweiten Weltkrieg von einem Familienmitglied aufgezeichnet, jedoch nie veröffentlicht. Das Manuskript gilt als verschollen. Dieser Vorgang ist ein durchaus typisches Beispiel für die Zufälligkeit des Quellenmaterials, wodurch die systematische Darstellung der gesamten Branche erschwert wird.
Weitere Beispiele für Firmengründungen Bereits 1845 war in Hannover die Akzidenzdruckerei und spätere GeschäftsbücherFabrik König & Ebhardt gegründet worden40; 1847 hatte Ernst Gundlach mit der Gründung einer Werkstatt den Grundstein für das spätere graphische Großunternehmen Gundlach AG/Bielefeld41 gelegt; 1849 hatte Martin Rommeler in Jülich/Rhld. die erste deutsche Briefumschlag-„Fabrik“42 eröffnet. Um 1850 waren in der Buntpapier-Fabrik Alois Dessauer/Aschaffenburg 650 Arbeitskräfte beschäftigt43, in der Geschäftsbücher-Fabrik König & Ebhardt/Hannover waren es 65 Beschäftigte. 1852 gründete der Buchdrucker Wilhelm Büxenstein eine Werkstatt, aus der sich in folgenden Jahrzehnten eine der größten Zeitungs- und Akzidenz-Druckereien in Berlin entwickelte.44 Im selben Jahr war durch Hermann F. Giesecke und Alphonse Devrient in Leipzig eine der weltweit führenden Akzidenz-/Merkantil- und Wertpapier-Druckereien begründet worden.45 Die Nachfrage nach Produkten aus den Bereichen Buntpapiere, Tapeten, Spielkarten, Papierblumen, Spielzeug, Karneval-/Festartikel, Kartonagen/Dosen, Verpackungen/Tüten46 usw. steigerte sich seit Ende des 18./Beginn des 19. Jahrhunderts immer mehr, wodurch der Industrialisierung der Papier- und Pappeverarbeitung der Boden bereitet wurde. In den 1850er und 60er Jahren häuften sich Firmen-/Fabrikgründungen im Bereich der gewerblichen Papierverarbeitung/Papierwaren.
Bodenheim & Co./(Bad Sooden-)Allendorf 1853 wurde durch den Buchbindermeister Gumpert Bodenheim (1809–1887) in Allendorf a. d. Werra die Tüten- und Papierwaren-Fabrik Bodenheim & Co. gegründet.47 Die 39 Zu F. M. Lenzner vgl. u. a. Allgemeiner Wohnungsanzeiger für Stettin, Stettin 1848, S. 92, Sp. 1; Stettiner Adressbücher Stettin 1850 ff. Archiwum Panstnowo Szcecin, schriftl. Auskunft 3.12.2003, im Besitz des Verf.; Historischer Arbeitskreis Stettin im Heimatkreis Stettin, Hans-Günter Cnotka – u. a. mit Bezug auf Bericht W(ilhelm) Lenzner, Köln 1986 (Manuskript, verschollen) – Kiel, schriftl. Auskunft, 21.12.2003, im Besitz des Verf.; Frank, Die industrielle Entwicklung der Stadt Stettin. 40 Vgl. Abschn. „Geschäftsbücher“ der v. A. 41 Vgl. Abschn. „Graphische Industrie“ der v. A. 42 Vgl. Abschn. „Briefumschläge“ der v. A. 43 Vgl. Abschn. „Buntpapier“ der v. A. 44 Vgl. Abschn. „Graphische Industrie“ der v. A. 45 Vgl. Abschn. „Graphische Industrie“ der v. A. 46 Vgl. die jeweiligen Abschnitte in der v. A. 47 Vgl. Benjamin Bodenheim, Entstehung und Ausdehnung der Papierwaaren-Branche und deren Nutzen in nationalökonomischer Beziehung, Allendorf 1873. Ungedruckte 8-seitige Handschrift, mit Anhang einer Briefabschrift des preußischen Hofgartendirektors Ferdinand
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Idee dazu, die andere vor Bodenheim oder gleichzeitig mit ihm hatten,48 mündete jedoch für alle in ein „Fiasko“49. Bodenheim unterhielt seit Mitte der 1830er Jahre Kontakte zum Kasseler Waisenhaus.50 Durch die Beobachtung der dortigen Tütenproduktion war er immer mehr davon überzeugt, dass „es lukrativ sein müsste, diesen Artikel auch fabrikmäßig und in großen Parthien herzustellen und somit die Spezerei-Detail-Handlungen, Apotheken und verwandte Branchen von einer der lästigsten Arbeiten zu befreien“.51
Das daraufhin von ihm entwickelte Konzept ging über das Denken auf der Ebene von Handwerk und Werkstatt hinaus. Es ging auch über die Begrenzung allein auf Tüten und Beutel hinaus. Bodenheim wollte allem Anschein nach von Beginn an im großen Stil mit fabrikmäßig hergestellten Drucksachen und Papierwaren aller Art möglichst viele gewerbliche und private Bereiche erfassen. Mit diesem Angebot im Großmaßstab „begann sich deren Herstellung nach und nach von der eigentlichen Buchbinderei abzuspalten und es entwickelten sich eigenständige Spezialbetriebe“.52 Für Gumpert Bodenheim erwies sich die Zeit zwischen den 1830er Jahren und der Verwirklichung seiner Pläne in mehrfacher Hinsicht als schwierig. Die erzkonservative Wirtschaftspolitik Kurhessens, nach der u. a. für das Aufstellen jeder einzelnen Maschine eine behördlich erteilte Konzession erforderlich war, behinderte vor allem auch die Gründung von Betrieben nach den Kriterien eines modernen Unternehmertums. 1846 war die Zunftordnung neu eingeführt worden und ließ u. a. nur eine begrenzte Anzahl von Hilfskräften zu. Zu einer Lockerung kam es erst mit der Einführung der Gewerbefreiheit unter preußischer Herrschaft nach 1866.53 Gumpert Bodenheim verfügte zudem über ein zu geringes Eigenkapital, um die Kreditwürdigkeit zur Errichtung einer Fabrik nachweisen zu können. Neben der Buchbinderei betrieb er als zusätzliche Einnahmequelle eine Papierhandlung.54 Bodenheim gewann jedoch zunehmend mehr die Überzeugung, dass es für seine Idee einen Markt
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Jühlke (1815 bis 1893) an das Unternehmen Bodenheim & Co., Allendorf, vom 2.9.1867. Im Besitz des Verf. Der Inhalt dieser Schrift wird im Wesentlichen in Hannoverscher Courier, 13.3.1875 wiedergegeben, vgl. insbes. S. 2, Sp. 2 f.; vgl. auch Deutschlands Industrie X. Vereinigte Hessische Papier- und Papierwaaren-Fabriken (vorm. G. Bodenheim & Co.) in Cassel und Allendorf a. d. Werra und ihre Vertretung in der Wiener Weltausstellung. In: Wiener Weltausstellungs-Zeitung, Nr. 205, Wien, 19.7.[1873], o. S. [S. 1-3]. Der Vorname Gumpert wird in den Quellen üblicherweise auf den Anfangsbuchstaben „G.“ verkürzt. Gumpert Bodenheim wurde am 28.8.1809 geboren, er starb am 18.6.1887 im Alter von 78 Jahren. Er liegt unter diesen Daten auf dem jüdischen Friedhof in Abterode (bei Allendorf) begraben. Zu den Lebensdaten Gumpert Bodenheims vgl. auch Horst Schütt, Jüdische Familien in Allendorf und Sooden unter besonderer Berücksichtigung der Familie Bodenheim [= Schriftenreihe aus dem StA Bad SoodenAllendorf, hrsg. v. Stadtarchivar Lüder Westje, Nr. 8], Bad Sooden-Allendorf 2000, S. 9 ff. S. u. a. weiter Abschn. „Maschinenbau“/Jacob Isaac Weidmann der v. A. Vgl. Bodenheim, Entstehung der der Papierwaaren-Branche, S. 2. Vgl. ebd., S. 1; vgl. auch Horst Schütt, Die Familie Bodenheim in Allendorf a. d. Werra, Tütenproduktion mit internationalem Ruf [= Schriftenreihe aus dem StA Bad SoodenAllendorf, hrsg. v. Stadtarchivar Lüder Westje, Nr. 7], Bad Sooden-Allendorf 2000, S. 1. Vgl. Bodenheim, Entstehung der der Papierwaaren-Branche, S. 1. Vgl. Biesalski, Ernst-Peter, Die Mechanisierung der deutschen Buchbinderei 1850–1900. Die Entwicklung der industriellen Buchbinderei. In: AGB, 36, Frankfurt/M. 1991, S. 38, Sp. 1. Vgl. Wolfgang Jacob, Die Entwicklung der organisch-chemischen Industrie (Manufakturen und erste Industriebetriebe) in Kurhessen-Kassel im 18. und 19. Jahrhundert, Diss., Kassel 1990, S. 63 ff. Vgl. Bodenheim, Entstehung der der Papierwaaren-Branche, S. 2.
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gebe, und dass dieser mit billigen Arbeitskräften und niedrigen Materialkosten gewinnbringend zu bedienen wäre. Ein besonderes Problem lag in der – möglichst günstigen – Beschaffung des Papiers. Die Papierproduktion mit einem Volumen von 15 000 t um 1800 erhöhte sich erst in den 1860er Jahren spürbar auf 800 000 t (bis 1900 auf 780 000 t).55 Bei den verschiedenen kurhessischen Ministerien und Behörden hatten sich über viele Jahrzehnte beträchtliche Aktenbestände angesammelt, deren Aufbewahrungsfristen nach und nach ausliefen. Insbesondere auf diese Bestände hatte Bodenheim in seiner Planung gesetzt. Um die Genehmigung zur Nutzung zu erhalten, musste er über lange Jahre immer erneut Bittgesuche an die zuständigen Dienststellen richten.56 Für Bodenheim war es zudem nachAbb. 4: Gumpert Bodenheim (1809–1887) teilig, jüdischer Herkunft zu sein. In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts waren die Juden in Deutschland mit Hass, Willkür und Rechtsunsicherheit konfrontiert. Allendorf hatte sich in seiner gesamten Stadtgeschichte bis zu Beginn des 19. Jahrhunderts mit Nachdruck und erfolgreich dagegen gewehrt, Juden selbst gegen Zahlung von Schutzgeld ein Aufenthaltsrecht zu gewähren.57 Ab den späten 1830er/frühen 1840er Jahren muss sich Gumpert Bodenheim konkret mit der Idee befasst haben, eine Tütenfabrik zu eröffnen. Während der langjährigen Wartezeit auf eine Konzession musste er immer wieder Bittgesuche an die Landesregierung richten und (demütigende) Leumundsüberprüfungen über sich ergehen lassen.58 Zusammen mit Jacob Plaut59 konnte Gumpert Bodenheim am 18. August 185360 mit einem Werkmeister und acht Arbeiterinnen eine Tütenfabrik eröffnen: Bodenheim & Co. Bereits nach einem Jahr entwickelte sich daraus eine der ersten Papierwaren-Fabriken Deutschlands.61 55 56 57 58
Vgl. u. a. Kohl, Das Papier, S. 45. Vgl. StA Bad Sooden, Allendorf, Konvolut Bodenheim. Vgl. Handschreiber-Chronik, Vol. 5, I 230, Bad Sooden-Allendorf 1938 (StA). Vgl. u. a. Heinz Mentzel, Mentzel, Heinz, Papiertüten aus hundert Jahren – Die ersten fabrikmäßig hergestellten Tüten der Welt stammen aus Sooden-Allendorf. In: Kasseler Post, 55. Jg., Nr. 44, 14.02.1937, 4. Bl., Sp. 1-4, hier: Bl. 4, Sp. 1; vgl. auch handschriftl. Abschriften Bodenheims im Bestand des StA Bad Sooden-Allendorf (ungeordnetes Konvolut). 59 „Jüdische Einwohner in Bad Sooden-Allendorf“; vgl. K. A. Schimmelpfennig, Städtische Chronik für das Jahr 1938, 1.8.1938, StA Bad Sooden-Allendorf, Bd. 5, 1938, S. 76. Nach dieser Chronik schied Plaut bald aus der Firma aus und ging nach Kassel. 60 Vgl. Gedenkschrift „80 Jahre Papierverarbeitung – Bodenheim & Co. G.M.B.H.“, 18.8.1933, Firmenarchiv, StA Bad Sooden-Allendorf, auch im Besitz des Verf.; amtliche Archivunterlagen existieren nicht mehr. 61 „[...] das erste [Geschäft] seiner Art in der Welt, bildete den Anfang eines Industriezweiges, welcher heute allein in Deutschland mehr als 12 000 Arbeiter beschäftigt.“ Werra-Bote
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„Das Geschäft, das Erste seiner Art in der Welt, bildete den Anfang eines Industriezweiges, welcher heute [1894] in Deutschland allein mindestens 8.000 Arbeiter beschäftigt.“62
Die Firma wurde von August 1853–November 1873 von Gumpert Bodenheim geleitet. Am 1. Januar 1859 nahm er seinen Sohn Benjamin Bodenheim (1837–1879)63 und seinen Schwiegersohn Jacob Steinfeld (1827–1887) mit in die Geschäftsleitung auf. Als technischer Leiter wirkte in den Jahren von 1858 bis in die 1890er Jahre der Faktor Fritz Gilles.64 Gleich „im ersten Jahr brach sich die Idee trotz vieler Unannehmlichkeiten und bei der Fabrikation hervortretender unerwarteter Schwierigkeiten endlich Bahn“.65 Bereits ein Jahr nach der Firmengründung nahm Bodenheim an der „Allgemeinen deutschen Industrie-Ausstellung“ in München teil.66 Die Anfangsschwierigkeiten des Unternehmens waren nur von kurzer Abb. 5: Handgefertigte Spitztüte aus der PapierDauer. In den folgenden Jahrzehnten bis waren-Fabrik Gumpert Bodenheim, ca. 1853 zum Ersten Weltkrieg entwickelte sich Bodenheim & Co. zu einem der führenden Unternehmen dieser Branche. Allendorf war mit seiner zentralen Lage inmitten Deutschlands von einem Kranz von Städten und ländlichen Siedlungen in Hessen, Thüringen, Westfalen und dem König-
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65/1903, Beilage, Sp. 2. „Deutschlands älteste Papierwarenfabrik“. Hannoverscher Anzeiger, Nr. 235, 3. Beilage, 5.10.1928, S. 13, Sp. 4; vgl. u. a. auch Blätter für Arbeitsrecht, Nr. 21/1928; Die Deutsche Arbeitgeber-Zeitung, Nr. 42/1928, 14.10.1928; „Bodenheim & Co. GmbH in Allendorf a. Werra als erste und älteste Papierwarenfabrik Deutschlands“ – Wochenschrift für den Papier- und Schreibwaren-Handel und die Papier verarbeitende Industrie, Nr. 41/1928, S. 12, Sp. 1. „Anfang der 30er Jahre des vorigen Jahrhunderts kam der Buchbindermeister G. Bodenheim in Allendorf-Werra auf den Gedanken, daß es sich lohnen müsse, Papierdüten, Drucksachen und dergleichen fabrikmäßig und in großen Partien herzustellen. Aber erst 1853 konnte er seinen Plan zur Ausführung bringen und die erste Papierwarenfabrik der Welt, Firma Bodenheim & Co., Papierwaren- und Kartonagen-Fabrik, Buchdruckerei und lithographische Anstalt, gründen.“ Unbekannte Quelle, Kopie, Zeitung aus Hannover (Hannoverscher Anzeiger?), o. J., nach 1926 (1928?), Titel des Beitrages: Hannoverscher Großhandel und Fabrikation, Sp. 2; Mentzel, Papiertüten aus hundert Jahren; „Bodenheim richtete vor 125 Jahren die erste Tütenfabrik der Welt ein.“ Hannoversche Nachrichten, 1.6.1953, o. S. (Kopie), Sp. 1 f. In allen Fällen handelt es sich vermutlich um Pressemitteilungen der Fa. Bodenheim. Hessisches Buchdruckerbuch – enthaltend Nachweis aller bisher bekannt gewordenen Buchdruckereien des jetzigen Regierungsbezirks Cassel und des Kreises Biedenkopf. Im Auftrage des Marburger Geschichtsvereins bearb. u. hrsg. v. Gustav Könnecke, Marburg 1894, o. S., Nachrichten-Anhang „Bodenheim & Co. Entstehung und Entwicklung der Buchdruckerei“. Nach der Quellenlage und einer Jahrzehnte andauernden Recherche ist Bodenheim der erste Betrieb, der als „Fabrik“ gegründet wurde und der nach den Kriterien dieses Begriffes Tüten und Beutel und kurze Zeit darauf schrittweise das gesamte Programm der Papier- und Pappe verarbeitenden Industrie in der Fachrichtung Papierwaren herstellte; zu „Fabrik“ vgl. Abschn. „Begriffe“ usw. der v. A. Zu Leben und Person Benjamin Bodenheims s. Schütt, Jüdische Familien, S. 15 ff. Zu den personellen und weiteren betrieblichen Einzelheiten in der Firmengeschichte vgl. Heinz Schmidt-Bachem, Tüten, Beutel, Tragetaschen – Zur Geschichte der Papier, Pappe und Kunststoffe verarbeitenden Industrie in Deutschland, Münster 2001, S. 54-66. Bodenheim, Entstehung der der Papierwaaren-Branche, S. 2. Vgl. Deutschlands Industrie (Wiener Weltausstellungs-Zeitung), S. 3, Sp. 1.
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reich Hannover umgeben. Aus der unmittelbaren – verarmten – Umgebung konnten billige Arbeitskräfte angeworben werden. Die Detailhandlungen, Apotheken, Drogerien und Konditoreien dieser Region – und bald darüber hinaus – zählten zu Bodenheims ersten Kunden, der um sie mit dem Argument warb, sie von der „lästigen Aufgabe des Dütenklebens“ zu befreien.67 Um die Industrie, vor allem um die chemische Industrie, 68 warb Bodenheim mit dem Argument, sie von der Notwendigkeit zu befreien, für den Vertrieb ihrer Präparate eigens Abteilungen zur Herstellung von Verpackungen einrichten zu müssen. Der Abnehmerkreis wurde ständig größer. Darunter waren vor allem auch Gärtner, die in der Erntezeit besonders stark beansprucht waren und die sich die von Bodenheim bezogenen Kapseln, Sortimentsbeutel und Taschen gleich mit den nötigen Beschriftungen und Firmennamen bedrucken ließen. Sie ersparten sich so das zeitraubende Schreiben von Hand.69 Der Gartenbau stand im Umbruch. Neben den Adels- wurden zunehmend auch Bürgergärten sowie öffentliche Anlagen als Zier- und Nutzflächen gestaltet. Zahlreiche Gartenbauvereine entstanden. In der näheren und weiteren Umgebung von Allendorf (u. a. Braunschweig, Erfurt, Eisleben, Quedlinburg) hatten sich Samen-Saat-/ Zuchtbetriebe und -handlungen als florierendes Gewerbe entwickelt, das bald zu den bedeutendsten Kunden des Unternehmens gehörte. Am 10. Oktober 1854 konnte Bodenheim die erste Buchdruckerpresse (Handpresse, Baujahr 1844) mit amtlicher Genehmigung zu eigenem Gebrauch aufstellen. Die Konzession, auch für andere zu drucken, wurde dem Unternehmen am 25. Juli 1855 erteilt.70 1859 konnte die erste Schnellpresse aufgestellt werden. Sie wurde kontinuierlich Stück um Stück ergänzt. 18 Jahre nach der Gründung, 1871, stand die erste Zweifarben-Presse im Betrieb.71 1894 arbeiteten bei Bodenheim drei Doppelfarbenpressen, sechs Schnellpressen, zwei Tiegeldruckpressen für Dampfbetrieb, zwei kleine Pressen für Fußbetrieb und eine Amateurpresse für Handbetrieb.72 Benjamin Bodenheim sprach anlässlich eines Vortrags über „eine Maschine, die anschienend nur nebensächlich den Zwecken der Papierwarenindustrie dient, ohne die aber die Branche niemals die jetzt erreichte Bedeutung erlangt haben würde, das ist die Buchdruckerpresse, welche sowohl als Ein- wie womöglich auch als Zweifarbenpresse sich als äußerst nutzbringend für die Papierwarenindustrie erwiesen hat.“73
1862 beteiligte sich Bodenheim & Co. an der Kunst- und Industrieausstellung in Nordhausen und erhielt dort als Auszeichnung eine erste Medaille („Dem Verdienste seine Krone“). Auf den Geschäfts-/Rechnungsformularen aus der Mitte der 1860er Jahre firmierte Bodenheim als „Papier-Düten-, Cartonage-, Geschäftsbücher- und Couvert-Fabrik – Buchdruckerei, Buchbinderei und Liniir-Anstalt“. Die Vignette zeigt etwa zehn Jahre 67 Bodenheim, Entstehung der der Papierwaaren-Branche, S. 2. 68 Zur unmittelbaren Nachbarschaft von Bodenheim gehörte u. a. die chemische Fabrik Allendorf (von Unger/Avenarius), die im April 1797 ihr Privileg erlangte; vgl. Jacob, Entwicklung der organisch-chemischen Industrie, S. 37 f. 1835 hatte der Allendorfer Apotheker Vaupel den Antrag gestellt, eine Eisenkali- und Berliner Blau-Fabrik einrichten zu dürfen; vgl. ebd., S. 87). In der Nachbarschaft zu Allendorf/Witzenhausen gab es 1856 insgesamt zehn chemische Fabriken. 69 Zum Aufwand dieser Tätigkeit in der Zeit um 1835 vgl. u. a. Otto Rollert, 125 Jahre Firma Friedrich Adolph Haage jun. Erfurt, 1822–1947, [Erfurt 1947], Jubiläumsschrift, S. 12. 70 Vgl. Hessisches Buchdruckerbuch, S. 4. 71 Vgl. Bodenheim, Entstehung der der Papierwaaren-Branche, S. 3. 72 Vgl. Hessisches Buchdruckerbuch, S. 4. 73 Hannoverscher Courier, 13.3.1875, S. 2, Sp. 3.
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nach der Firmengründung eine weitläufige dreiflügelige Gebäudeanlage mit Nebengebäuden und einem Maschinenhaus für die 1865 eingebaute Dampfanlage.74 Neben den Handels- und Kunstgärtnereien gehörten für Bodenheim die Apotheken zu den wichtigsten Kunden. Besonders aus diesem Abnehmerkreis kamen zunehmend die vielfältigsten Sonderwünsche. Um die befriedigen zu können, wurde in Allendorf zusätzlich eine Kartonagen-Abteilung einschließlich einer lithographischen Anstalt eingerichtet.75 Um 1875 wurden in Allendorf monatlich bis zu 100 000 Stück dieser Kartonagen fabrikmäßig hergestellt.76 Die Rohstofffrage war auch noch Mitte der 1860er Jahre aktuell. Um die Ware trotzdem günstig anbieten zu können, wurde bei Bodenheim sehr darauf geachtet, dass das Papier durch die sorgfältigste Auswahl der Sorten und durch einen möglichst verlustfreien Zuschnitt der Formate den jeweiligen Größen, Zwecken und Inhalten angepasst wurde, „damit auch kleinste Düten nicht aus schwereren als ihren Größen entsprechenden Papiersorten hergestellt“ wurden.77 Zu diesem Zweck baute Gumpert Bodenheim zusammen mit einigen Handwerkermeistern seines Betriebes in den 1860er Jahren eine der ersten deutschen Papierschneidemaschinen, die über viele Jahrzehnte im Einsatz war.78 Neben der Herstellung von Tüten, Beuteln und Kartonagen setzte bei Bodenheim & Co. bald auch die Produktion von Briefkuverts ein. Eine Besonderheit in diesem Bereich waren die so genannte Acten-Couverts. Dazu kamen alle erdenklichen Druckerzeugnisse für Handel und Gewerbe: Flaschen-, Beutel-, Dosen-Etiketten, Heilpulver- und Rezeptkuverts, Apothekerkapseln und -etiketten, Formulare, Etuis und Geschäftsbücher jeglicher Art, bedruckte Firmenkuverts, Versandtaschen, Versandanhänger, Zigarrenbeutel und -umschläge, Konfitüren-Papiere, Bonbon-Devisen, Schokoladen-Envelopen79 sowie Schulhefte.80 Bodenheim konnte seinen Betrieb in den ersten zehn Jahren ständig ausbauen. Der Personalbestand musste fortwährend erhöht werden. Die 1854 aufgestellte Handpresse für die Druckerei war durch eine stetig steigende Zahl von Schnellpressen ergänzt worden. 1865 war die Errichtung einer Dampfanlage dringend erforderlich geworden.81 Innerhalb weniger Jahre hatte sich die „Düten“-Fabrik Bodenheim & Co. zu einer vollständigen Papierwaren-Fabrik entwickelt. „In Anerkennung seiner Verdienste um die
74 Vgl. u. a. Rechnungsformular an E. Büse, Coppenbrügge (Mark Brandenburg), vom 30.2.1867, im Besitz des Verf. 75 Vgl. zu Kartonagen auch entsprechenden Abschn. der v. A. 76 Vgl. Bodenheim, Entstehung der der Papierwaaren-Branche, S. 3. Zur Entwicklung der Kartonagen- und Faltschachtel-Fabrikation in Deutschland vgl. Abschn. „Kartonagen“ der v. A. 77 Bodenheim, Entstehung der der Papierwaaren-Branche, S. 3. 78 Vgl. u. a. Ernst-Peter Biesalski, Die Entstehung der industriellen Buchbinderei im 19. Jahrhundert. In: Wolfenbütteler Schriften zur Geschichte des Buchwesens, Bd. 20, Wolfenbüttel 1994, S. 76, Sp. 2; vgl. auch diverse Firmenschriften, StA Bad Sooden-Allendorf. 79 Vgl. Deutschlands Industrie (Wiener Weltausstellungs-Zeitung), S. 2, Sp. 3 sowie entsprechende Sachquellen im Sammlungsbestand des Verf. Als weitere Erzeugnisse der PapierwarenIndustrie zählt Benjamin Bodenheim auf: Tapeten, Karten, Buntpapiere, Kinderspielzeug aus Papier-Maché, Papierwäsche, Pergamentpapier u. a.; vgl. Hannoverscher Courier, 13.3.1875, S. 2, Sp. 2; keiner der von Bodenheim aufgezählten Artikel gehört zum Produktionsbereich der Papierwaren-Industrie. 80 Vgl. Deutschlands Industrie (Wiener Weltausstellungs-Zeitung), S. 2, Sp. 3 sowie entsprechende Sachquellen im Sammlungsbestand des Verf. 81 Diese Anlage diente gleichzeitig zum Kochen von Kleistern/Leimen und zum Trocknen der geklebten Ware. Vgl. Deutschlands Industrie (Wiener Weltausstellungs-Zeitung), S. 2, Sp. 3.
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Hebung der Papierwaren-Industrie wurde Herr G. Bodenheim im Jahre 1871 zum Königl. Kommerzienrat ernannt“.82 Bis 1873 wurden am Allendorfer Marktplatz sechs große drei-, vier- und fünfgeschossige Gebäude mit insgesamt sieben geräumigen Sälen und fünf Arbeitsstuben erworben bzw. errichtet. Zu den Werksgebäuden kamen noch firmeneigene Wohnhäuser für „Beamte“/Angestellte des Unternehmens hinzu.83 In den Betriebsräumen waren bis zu 300 Arbeitskräfte beschäftigt, die wöchentlich weit über zwei Mio. Tüten und Papierbeutel sowie ungefähr die gleiche Menge Briefumschläge herstellten. In diesen Jahren unterhielt das Unternehmen Geschäftsverbindungen zu den meisten europäischen und zu einigen überseeischen Ländern.84 Bodenheim & Co. genoss mit seinen Erzeugnissen Weltruf.85 Zu den Aktivitäten des Betriebes zählt auch die Initiative zur Errichtung einer Bahnstation im Jahre 1872 und – bis die Post diesen Dienst übernahm – die Öffnung des Bahntelegraphen für den allgemeinen Publikumsverkehr.86 1867 nahm Bodenheim an der Pariser Weltausstellung teil, 1869 an einer Ausstellung in Hamburg, 1870 an einer weiteren in Kassel sowie 1873 an der Weltausstellung in Wien (Gruppe XI, Nr. 39).87 1873 wurden die Vereinigten Hessischen Papier- und Papierwaren-Fabriken (vorm. G. Bodenheim & Co.) als Aktiengesellschaft gegründet.88 Der Allendorfer Betrieb sollte von den Zufällen und „Calamitäten“ der Papierbeschaffung befreit sein.89 Daher kamen im November 1872 zum Allendorfer Stammhaus die Papierfabriken Kindelbrück und Guxhagen sowie das Kasseler Unternehmen Gebr. Pfeiffer hinzu. Auf vier Papiermaschinen sollten jährlich 4 bis 4,5 Mio. Pfund Papier in allen Qualitäten hergestellt werden.90 Dieser Firmenverband wurde 1878 wieder aufgelöst. Ebenfalls 1872 wurde in Hannover die Niederlassung Bodenheim & Steinfeld (Sohn und Schwiegersohn Gumpert Bodenheims) gegründet.91 In den 1890er Jahren wurde dem technischen Leiter des Betriebes, Fritz Gille, in Anerkennung seiner Verdienste vom Kaiser das Allgemeine Ehrenzeichen 82 Werra-Bote: Aus der Provinz und ihrer Umgebung, Allendorf, 15.8.1903, Beilage zur Nr. 65, Sp. 2. 83 Vgl. Bodenheim, Entstehung der der Papierwaaren-Branche, S. 7. 84 Vgl. Martin O. Johannes, Zur Geschichte der Post in Bad Sooden-Allendorf. In: Witzenhausener Kreisblatt, Zeitungsausschnitt, 15.3.1952. 85 Vgl. Historisch-biographische Blätter: Bodenheim & Co., Berlin [um 1900], S. 3. 86 Vgl. Johannes, Zur Geschichte der Post in Bad Sooden-Allendorf, S. 2, Sp. 4. 87 Vgl. Deutschlands Industrie (Wiener Weltausstellungs-Zeitung), (S. 3), Sp. 1. Bodenheim muss bereits als Buchbindermeister an verschiedenen Wettbewerben und Ausstellungen teilgenommen haben. Die Wiener Weltausstellungs-Zeitung erwähnt neben der Teilnahme Bodenheims an den genannten Ausstellungen auch die Teilnahme an weiteren „Concurrencen“ und Ausstellungen – vor 1853: Berlin 1844, Cassel 1846; nach 1853: München 1854, Nordhausen 1862, Hamburg 1869, Wittenberg 1869 und Cassel 1870 (vgl. ebd.). 88 Vgl. u. a. Deutschlands Industrie (Wiener Weltausstellungs-Zeitung), S. 3, Sp. 1. 89 Vgl. Bodenheim, Entstehung der der Papierwaaren-Branche, S. 4. 90 Vgl. ebd.; vgl. auch Rechenschaftsbericht des Vorstandes und Aufsichtsrates der Vereinigten Hessischen Papier- und Papierwaren-Fabriken (vorm. G. Bodenheim & Co.), Allendorf 1875, (StA Bad Sooden-Allendorf). 91 Buch- und Steindruckerei, Buchbinderei, Stereographie und Galvanoplastik. KartonageFabrik. Zum Lieferangebot der Papier-Großhandlung Bodenheim & Steinfeld gehören insbes. Schreib- und Schulhefte (dt. und lat.), hrsg. v. Hannov. Lehrerverein; vgl. u. a. Rechnungsformulare der Papier-Großhandlung Bodenheim & Steinfeld/Hannover an E. Büsse, Coppenbrügge (Mark Brandenburg), vom 13.3.1899 und 12.2.1904, im Besitz des Verf.
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verliehen.92 1891 wurde die Kraftanlage von 1865 durch eine leistungsfähigere ersetzt.93 Der Eintrag für Bodenheim & Co. im Papier-Adressbuch vom Dezember 1901 lautet: „Kartonagen- und Papierwarenfabrik, Buch- und Steindruckerei. Inh. Rudolf Bodenheim [...] 2 Dampfmasch. 100 PS 1 Dynamo, 20 Schnellpressen darunter 4 für Doppelfarben, Glättpressen, Satinierwerke, 15 Schneide- und Ausstanz-, 3 Heft-, Falz- u. Perforiermasch., sowie diverse andere Hilfsmaschinen, Stereotypie, Reparaturwerkstatt und Tischlerei. 200 Pers. Spez. Packungen f. Drogen- und Samenhandlg., chemische Fabriken und Colonialwaaren, Buchdruck- u. lithographische Arbeiten, Schreibhefte. Zweiggeschäft in Hannover, Münzstrasse 7a, unter der Firma Bodenheim & Steinfeld.“94
Anlässlich des 50-jährigen Bestehens der Firma im Jahre 1903 stiftete Rudolf Bodenheim für wohltätige Zwecke 12 000 M. Davon gingen 2000 M an die Stadt zur Unterstutzung der Armenpflege. 10 000 M flossen in den Invaliden-Fonds für Mitarbeiter des Betriebes.95 Um die Jahrhundertwende gingen die Erzeugnisse der Firma nahezu in alle Erdteile. Die Hauptexportländer waren Russland, Österreich und die Schweiz.96 Um 1900 stellte sich Bodenheim & Co. in einem Firmenportrait als ein Unternehmen vor, das den gesamten Einzelhandel (Kolonialwarenhandlungen, Drogerien, Konditoreien, Apotheken usw.), insbesondere aber auch die Kunstgärtnereien und Samenzuchtbetriebe sowie schließlich den chemischen Fabriken die Möglichkeit eröffnet habe, sich von den Verpackungsproblemen und der Tütenkleberei als einer der zeitaufwändigsten, unbeliebtesten und als besonders „geisttötend“ empfundenen Beschäftigungen zu befreien. Sie alle wären ohne die durch Bodenheim & Co. begründete PapierwarenIndustrie nicht in der Lage gewesen, ihren Branchen und Betrieben „diejenige Ausdehnung zu geben, welche sie im Laufe der verflossenen Dezennien genommen haben.“97 In den 50er und 60er Jahren des 19. Jahrhunderts häuften sich im Dreieck Hannover/ Kassel/Bielefeld Firmengründungen der Papier verarbeitenden Industrie. Benjamin Bodenheim konnte 1873 von „brillanten“ wirtschaftlichen Ergebnissen berichten, die die Papierwaren-Industrie seit ihrer Gründung im Jahre 1853 erzielen konnte.98 Dafür sprach auch „die Masse der Concurrenz-Unternehmen“, die seither „sämlich direct oder indirect von Beamten des Allendorfer Geschäftes“ gegründet worden waren.99 „Doch darf man vom der Fabrik Allendorf mit Recht sagen, daß sie die erste war in der Papierwaaren-Branche und auch die erste geblieben ist bezüglich der Concurrenz-Unternehmungen.“100 92 Vgl. Werra-Bote: Aus der Provinz und ihrer Umgebung, Allendorf, 15.8.1903, Beilage zur Ausgabe Nr. 65, Sp. 2. Fritz Gille war Faktor der Abteilung für Akzidenzdruck. In dieser Abteilung arbeiteten zeitweilig bis zu 40 Beschäftigte. Weiter gehörten zur Abteilung vierzehn Maschinenmeister bzw. Drucker und neun Bogenanleger; vgl. Hessisches Buchdruckerbuch, S. 3. 93 Die Anlage ist erhalten geblieben und wird im Ruhrland-Museum Essen ausgestellt. 94 Papier-Adressbuch von Deutschland, 2. Aufl., Berlin, Dezember 1901, S. 55. 95 Vgl. Schütt, Jüdische Familien, S. 21. 96 Vgl. Deutschlands Industrie (Wiener Weltausstellungs-Zeitung), S. 3, Sp. 1. In einer allgemeinen Export-Übersicht der Papierwaren-Industrie in den Jahren 1889–1900 wird festgestellt, dass nahezu 40 Prozent der Gesamtproduktion exportiert werden, dass aber „die Dütenfabrikation und Buchbinderei fast keinen Export haben“; zit. nach Demuth, Papierindustrie, S. 255. 97 Vgl. Bodenheim & Co., S. 1 ff. 98 Vgl. Bodenheim, Entstehung der der Papierwaaren-Branche, S. 7. 99 Vgl. ebd., S. 7. 100 Deutschlands Industrie (Wiener Weltausstellungs-Zeitung), S. 3, Sp. 1.
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1873 verdienten in Deutschland mindestens 3000 Menschen ihren Lebensunterhalt durch die Arbeit in dieser Branche (1894: 8000; 1903: 12 000).
Friedr. Serong/Höxter 1857 wurde im Zentrum von Höxter/Westf. die Friedr. Serong Papierwaren-Fabrik errichtet. Die Fabrik lag im Zentrum der Stadt an der Knochenbache. „An der Giebelseite zum Wall stand in großen Lettern die Firmenbezeichnung ,Friedr. Serong Papierwaarenfabrik‘. Der Hauptanteil der Produktion lag im Bereich Bodenbeutel mit und ohne Aufdruck.“101
Die Klebung erfolgte im Werk oder auch in Heimarbeit. Die Zuschnitte wurden bis in die umliegenden Orte geliefert bzw. als fertige Ware nach Höxter gebracht. 1906 erwarb Louis Flotho die Tütenfabrik. Gedruckt wurde von Klischees, Holzschnitten und zusammengesetzten Buchstaben, zum Teil aus Holz. Im Altbau aus den 1860er Jahren standen auch zu dieser Zeit fast keine Maschinen. In den Jahren 1909–1911 errichtete Louis Flotho zusammen mit Karl Krekeler das Werk in der Hermannstraße 4.102 Die Firma nahm einen guten Aufschwung. Im Buchdruckverfahren wurde auf PLANETADruckpressen und im Flachdruck auf Steindruckpressen (Solnhofener Steine) gedruckt. Bis 1950 standen noch die Steindruck-Pressen und wurden für einfache Arbeiten eingesetzt. In den 1990er Jahren wurden vorwiegend Faltschachteln im Offsetverfahren hergestellt. Die Papierverarbeitung machte nur noch einen Anteil von ca. fünf Prozent aus. Die Produktion von Flachbeuteln wurde jährlich geringer. Papierbeutel konnten im Anilin-/ Flexo- und Tiefdruck günstiger angeboten werden.103
Leipziger Papierwarenfabrik Friedr. Prössdorf Dieses Unternehmen wurde 1858 in Leipzig als Papierwarenfabrik zur Herstellung von Tüten und Beuteln gegründet.104
Ernst C. Behrens/Alfeld Am 1. Juni 1860 wurde in Alfeld a. d. Leine von dem 21 Jahre alten Kaufmannsgehilfen Ernst Carl Behrens (1839–1904) und Friedrich Bode, seinem späteren Schwager, eine Düten-, Beutel-, Kapsel-, Couverts-, Schreibhefte, Conto- und Copirbücherfabrik gegründet. Friedrich Bode schied 1864 während einer krisenhaften Entwicklungsphase des Unternehmens entmutigt wieder aus. Die Firma wurde seither unter dem Namen „Ernst C. Behrens“ geführt.105 In der Alfelder Bevölkerung wurde die vollständige Firmenbezeich101 Willi Grothe (ehemaliger Serong-Mitarbeiter), Schreiben an Verf., Höxter, 23.11.1993, im Besitz des Verf. 102 „Dr. Krekeler war leitend im IG-Farben-Konzern tätig und wohnte in Köln. Nach seiner Pensionierung zog er nach Höxter, wo er 1947 kinderlos starb.“ Grothe, 23.11.1993. 103 Grothe, ebd. 104 Vgl. Papier-Zeitung, Nr. 95/1929, 27.11.1929, S. 2960, Sp. 1. 105 Vgl. 75 Jahre Ernst C. Behrens, Alfeld 1935, Jubiläumsschrift, ohne Seitennummerierung (Firmenarchiv).
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nung allgemein auf „Düten-Behrens“ verkürzt.106 In einer Zeitungsanzeige vom Eröffnungstag beehrte sich Behrens, die Alfelder Geschäftswelt wissen zu lassen, dass über seine Fabrik ab sofort auch Etiketten- und Steindruck-Erzeugnisse zu beziehen seien.107 Alfeld war Mitte des 19. Jahrhunderts eine Ackerbürgerstadt im Königreich Hannover. Es lag im Großraum der Residenzstadt und war mit dieser durch eine 1853 eröffnete Eisenbahnlinie verbunden. Alfeld war zudem seit 1706 Standort einer Papiermühle, die Mitte des 19. Jahrhunderts auf den modernsten Stand gebracht worden war.108 Weitere Papier erzeugende Betriebe in der unmittelbaren Nachbarschaft befanden sich in Gronau, Delligsen, Kaierde oder Brunkensen109. Ernst C. Behrens hatte durch Heirat Eingang in den Kreis der Papiermacher gefunden.110 Alfeld war wirtschaftlich ein eher unbedeutender Standort. In der strukturschwachen Umgebung gab es ein großes Angebot an billigen Arbeitskräften.111 Neben Lebensmittelhändlern und Zigarrenfabrikanten112 waren es vor allem Apotheker, die Behrens entweder persönlich oder in Einzel- oder Rundschreiben ansprach. Die von ihnen vertriebenen pharmazeutischen Pulver wurden seit alters in Papierblättchen „eingekapselt“. Für die Apotheker war es eine als Last empfundene Tätigkeit, diese Kapseln auf Vorrat von Hand zu falzen, zu kleben und zu beschriften. Die Papierverarbeiter – zumal mit Druckmöglichkeiten – machten sich die Unlust der Apotheker für eigene Angebote zunutze. Auch in der amerikanischen Verpackungs-Industrie verlief die Reihenfolge der Mechanisierung von „caps“/capsula/Apotheker-Kapseln über „bags“/Papierbeutel hin zur Kartonagen-Fertigung.113 In Deutschland konstruierte Heinrich Hölscher (1842–1913) vor seiner ersten Tüten-Maschine eine mechanische Vorrichtung zur Herstellung von Kapseln. In den ersten Jahren nach Gründung der Tüten- und Papierwaren-Fabrik Windmöller & Hölscher (Lengerich/Westf.) im Jahre 1869 bildeten rund 350 Apotheken noch lange den Hauptanteil der Kunden.114 Allein bei Bodenheim/Allendorf wurde Mitte der 1870er Jahre wöchentlich ca. 750 000 Kapseln hergestellt.115 Die Firma Bode & Behrens sprach vor allem die Apotheker mit dem Herausstellen dieses Berufsstandes als einer „Classe Menschen“ an, die ihre Zeit gewiss nützlicher als mit dem „geisttötenden“ Falzen und 106 Vgl. Ernst C. Behrens – Jubiläumsschrift zum 100jährigen Bestehen im Jahre 1960, Alfeld 1960 (Firmenarchiv) 107 Vgl. entsprechendes Faksimile in Behrens, Jubiläumsschrift 1935. 108 Vgl. 125 Jahre Ernst C. Behrens – Verpackungswerke, Großdruckerei 1860–1985, Alfeld 1985 (Jubiläumsschrift, Firmenarchiv). Die Hannoverschen Papierfabriken Alfeld Gronau vorm. Gebr. Woge waren am 8.7.1706 gegründet worden. Vgl. Jubiläumsschrift „Endlose Bahn“, Alfeld 1956 sowie apr, Nr. 19/1956, S. 1015 f. 109 Die Papiermühle Brunkensen war 1836 durch den Papiermacher August Friedrich Woge (1814–1863) gepachtet worden; vgl. Weiß, Zeittafel, S. 289. 110 Vgl. Behrens, Jubiläumsschrift 1935; vgl. auch Ein Jahrhundert Alfelder Packungen. In: apr, Nr. 6/1960, S. 701. 111 Auf die billigen Arbeitslöhne, mit denen er auch seine günstigen Angebote begründete, wies Ernst C. Behrens am 2.9.1861 in einem Kundenrundschreiben an die „verehrliche ApothekerVersammlung in Coburg“ ausdrücklich hin; vgl. Faksimile in Behrens, Jubiläumsschrift 1960. 112 Zu „Zigarrenkisten-Ausstattungen“ vgl. u. a. Pieske, ABC des Luxuspapiers, S. 286 ff. 113 Vgl. u. a. Hinweis des Winterthur-Museums (Delaware/USA), vom 12.12.1992, im Besitz des Verf. 114 Vgl. Verpackte Märkte, Lengerich 1969, S. 30 f. Um 1900 gehörten zu den weiteren Anbietern von Kapsel-Maschinen u. a. W. N. Enzmann/Dresden, Wilh. Maul jr./Dresden oder Gustav Aufemberg/Wien; vgl. Patentliteratur. Wesentlich behaupten konnten sich jedoch nur die Konstruktionen von Windmöller & Hölscher. 115 Vgl. Bodenheim, Entstehung der der Papierwaaren-Branche, S. 7.
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Abb. 6: Papierwaren-Fabrik Ernst C. Behrens/Alfeld, 1860er Jahre
Kleben von Kapseln, Tüten und Beuteln zu verbringen wüsste.116 Bode & Behrens versprach darüber hinaus, „dem Zeitgeist angemessene“ Druckqualitäten bei der Ausführung der Firmen- und Inhaltsangaben zu liefern.117 Mit diesem Angebot des fabrikmäßigen Falzens, Klebens und Druckens von Verpackungsmitteln wurde die Idee der Arbeitsteilung als eine der Grundideen der modernen Wirtschaft auch von der PapierwarenIndustrie aufgegriffen und als zeitgemäßes Marketing-Argument eingesetzt.118 Unterstützt wurden diese Argumente durch den Hinweis, dass sich durch die Verwendung fabrikmäßig hergestellter Kapseln, Tüten und Beutel die Ware genauer auswiegen wie auch hygienischer und einwandfreier verpacken ließe.119 Durch die in Größe und Gestaltung nach Möglichkeit stets gleichbleibende und somit mit Merkmalen der Wiedererkennbarkeit versehene fabrikmäßig hergestellte Verpackung verhalf die Papierwaren-Industrie ab den 60er Jahren des 19. Jahrhunderts der Idee der Markenverpackung – wie sie z. B. im Tabakhandel seit langem üblich war – allgemein zum Durchbruch. In der ersten Preisliste von Bode & Behrens aus dem Jahre 1861 machte die Firma auch das Angebot von in Farbe, Gewicht und Zustand verschiedenen Papierproben, die eine jeweils „typische“, für das Geschäft identitätsstiftende Gestaltung erlaubten und die für die Firma die „ersten Beispiele“ dafür waren, dass „besonders in der sauberen Verpackung die Bürgschaft für stets gleichmäßige und richtig gewogene Ware“ lag.120 116 117 118 119 120
Vgl. Behrens, Jubiläumsschrift 1985. Ebd. Vgl. Ein Jahrhundert Alfelder Packungen, S. 448. Vgl. Behrens, Jubiläumsschrift 1985. Vgl. Behrens, Jubiläumsschrift 1935 und Behrens, Jubiläumsschrift 1985; vgl. hierzu auch „Bemerkungen“ in: Verkaufsbedingungen der Firma Bode & Behrens vom 15.11.1860: „[...]
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Mit den gleichen Argumenten, mit denen Bode & Behrens/Ernst C. Behrens in den 1860er Jahren die Apotheker ansprach, wandte sich das Unternehmen auch an die Lebensmittelhändler, denen es beispielsweise Tüten in kleinsten Abmessungen für ein Quint Gewürz in Paketen zu je 8000 Stück zum Preis von einem Taler, 15 Silbergroschen, fünf Pfennigen anbot – ein nach Behrens überaus günstig Angebot.121 Bei Ernst C. Behrens wurden im Lithographieverfahren, neben Tüten und Beuteln, Zigarrenbeutel „mit beliebiger Firma“ bedruckt, dazu Verpackungen für Schokolade und Lebkuchen, GeldrollenPapiere, Kassenschein-Umschläge, geklebte Probekapseln aus blauem Konzeptpapier und geklebte Kräuterbeutel. In Steindruck lieferte die Firma Signaturen für Medizingläser, Rechnungsformulare, Wechselformulare, Etiketten für Flaschen und Zigarrenkisten, Briefkuverts, Fantasie-Briefkuverts, Schreibhefte, Oktav-, Geschäfts- und Kopierbücher.122 Die umfangreiche Druckartikelliste bei Bode & Behrens macht die entscheidende Bedeutung der Druckereitechnik für die Entwicklung der Papierwaren-Industrie deutlich. Auf diesen „äußerst nutzbringenden“ Umstand wies Benjamin Bodenheim (Fa. Bodenheim & Co., Allendorf) im Jahre 1875 ausdrücklich hin. Danach hätte die Branche ohne den Einsatz von Buchdruck-Schnellpressen – von Ein-, besonders aber von ZweifarbenPressen – niemals ihre damals bereits erreichte Bedeutung erlangen können.123 Die Preise für Tüten, Beutel und Kapseln waren niedrig. Die meisten Abnehmer hielten sie aber dennoch für zu hoch. Das lag auch an den Preisen, die für (unbeschriftete/unbedruckte) Verpackungs-Papiere noch zu zahlen waren.124 Die Arbeitslöhne lagen in allen Gebieten Deutschlands und in allen Branchen äußerst niedrig. Bei der fabrikmäßigen Tütenherstellung musste jedoch noch so viel Arbeit von Hand geleistet werden, dass die fertig bezogenen Tüten und Beutel für die meisten Kaufleute kaum billiger als die in Eigenfertigung hergestellte Ware waren. Die Anbieter fabrikmäßig gefertigter Tüten und Beutel hatten es schwer, mit den niedrigen Löhnen des Verkaufspersonals, das nebenbei mit dem Tütenkleben beschäftigt wurde, konkurrieren zu können. Die noch junge Papierwaren-Industrie musste erst einen Bedarf an professionell ausgeführten Verpackungsqualitäten begründen und einen Markt für Abnehmer aufbauen, die diese Qualitäten mit eigenen Möglichkeiten nicht mehr erzielen konnten. Die Kunden mussten z. B. davon überzeugt werden, dass es für sie zeitsparender und somit kostengünstiger sei, das Problem der Rohstoffbeschaffung und -verarbeitung an Dritte weiterzugeben, und dass es sich überhaupt empfehle, die Firmen- und Inhaltskennzeichnung von Berufsdruckern ausführen zu lassen, um im zunehmenden Wettbewerb unter den Bedingungen der sich stetig steigernden ästhetischen Ansprüche und unter den sich immer stärker wandelnden wirtschaftlichen Bedingungen besser bestehen zu können. „Wesentlich entspringt der Bedarf, den [die Papier verarbeitende Industrie] zu decken berufen ist, dem Luxus oder doch dem Verlangen nach zweckmäßigerer und ansprechenderer Befriedigung des Bedarf.“125
Die Papierwaren-Industrie erlebte erst ab den 1870er Jahren, vor allem mit dem Massenangebot an preisgünstigem Maschinenpapier, ihren Durchbruch zur Massen-Industrie.
121 122 123 124 125
und heben wir besonders hervor, dass zu den verschiedenen Grössen stets die entsprechenden Stärken verwendet werden.“ In: Behrens, Jubiläumsschrift 1960. Vgl. Behrens, Jubiläumsschrift 1960. Vgl. ebd. Vgl. Hannoverscher Courier, 13.3.1875, S. 2, Sp. 2. Vgl. Behrens, Jubiläumsschrift 1960. Demuth, Papierindustrie, S. 252.
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So konnte u. a. das Unternehmen Bodenheim/Allendorf nach 1870 feststellen, dass es seinen Abnehmern die Ware übersichtlich geordnet und bedruckt zu einem Preise abgeben könne, „für den sie sich nicht einmal das Rohmaterial beschaffen können.“126 Für dieses Unternehmen waren insbesondere die Apotheker, Samen- und Tabakwaren-Händler zu Schrittmachern für den sich ständig weiter herausbildenden Fachhandel (Kolonialwaren, Drogen usw.) geworden. Ernst C. Behrens konnte die Tüten, Beutel und Kapseln zu Beginn der Betriebstätigkeit nur von Hand fertigen lassen.127 Ausgereifte Maschinen gab es dafür noch nicht. Erst in den 1870er Jahren kam eine Klebemaschine in die Fabrik. Die Maschine musste noch mit dem Schwungrad durch Körperkraft angetrieben werden.128 Zur gleichen Zeit stand bei Behrens eine Schnellpresse mit einer Rechenauslage, die im Anfang ebenfalls mit der Hand gedreht werden musste. Daneben wurde noch auf einer Tretmaschine gedruckt, bei der der „Dütenmacher“ das Papier mit der Hand anlegen und gleichzeitig die Maschine mit dem Fuß in Bewegung bringen musste. In der gleichen Weise arbeitete der Ableger. Ab 1884 übernahm eine Dampfmaschine den bis dahin üblichen Hand- und Fußantrieb.129 Mit der Anschaffung einer Tütenmaschine in den 1870er Jahren war lediglich der Einstieg in die Erledigung billiger Massenware verbunden. Die Tütenkleberei von Hand wurde damit keineswegs überflüssig. Sie blieb bis weit in die 30er Jahre des 20. Jahrhunderts (zumindest für die kleineren Betriebe notwendiger) Bestandteil der Tüten- und Papierbeutel-Produktion. Vor allem die besseren Qualitäten der auf Stein- und Buchdruck-Schnellpressen hergestellte Bogen konnten nach dem Zerschneiden nur von Hand geklebt werden.130 Aber auch später noch mussten Sonderausführungen, für die die Anschaffung von Maschinen nicht lohnte, von Hand gefertigt werden. 1871 wurde in Delligsen ein Zweigbetrieb eingerichtet. Im Kreisgebiet Alfeld folgten Kaierde, Freden, Limmer, Gerzen und Buchdrink. In diesen Gemeinden wurde dadurch eine hochentwickelte und weit verbreitete Heimindustrie eingeführt. Sie bestimmte weitgehend die wirtschaftliche Struktur dieser Region, die um 1935 zu den Zentren der Heimarbeit in Deutschland zählte.131 1873 war die Firma Behrens auf der Wiener Weltausstellung vertreten.132
Heinrich Ludwig/Siebenlehn (Sachsen) Im Jahre 1850 gründete der Kaufmann Heinrich Leberecht Ludwig (1825–1908) am Marktplatz in Siebenlehn/Sachsen eine Kolonialwarenhandlung. Zehn Jahre später, am 126 Vgl. Deutschlands Industrie (Wiener Weltausstellungs-Zeitung), S. 3, Sp. 1. 127 Vgl. Behrens, Jubiläumsschrift 1935. 128 „Bei jeder Umdrehung den Todpunkt zu überwinden – und das zehn oder zwölf Stunden lang am Tage zu tun – war keine Kleinigkeit.“ Ein Jahrhundert Alfelder Packungen, S. 448. 129 Vgl. Behrens, Jubiläumsschrift 1935. 130 Die erste funktionstüchtige Tütenmaschine von Windmöller & Hölscher (Konstruktionsbeginn 1872) konnte nur die einfachen Spitztüten von der Rolle arbeiten; vgl. Verpackte Märkte, Lengerich 1969, Chronik-Anhang. 131 Vgl. Behrens, Jubiläumsschrift 1935. Mitte der 1920er Jahre waren in Alfeld und Umgebung rund 200 Heimarbeiter/innen in der Tüten- bzw.- Beutelproduktion tätig; vgl. Weissenfels, Standorte, S. 135; vgl. auch Die Heimarbeit in der Papier und Pappe verarbeitenden Industrie, hrsg. v. Verband der Buchbinder und Papierverarbeiter Deutschlands, Berlin 1926, S. 3. 132 Vgl. Alphabetisches Verzeichnis der an der Ausstellung in Gruppe II des Programms beteiligten Deutschen Firmen, Wien 1873.
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12. August 1860, begründete er im Dachgeschoss desselben Hauses eine Tütenfabrik, die nur kurze Zeit darauf in unmittelbarer Nachbarschaft in einem erheblich größeren Neubau untergebracht wurde. Ludwig beschäftigte in den Anfangsjahren rund 50 bis 60 Kinder im Alter zwischen zehn und 14 Jahren, die vormittags die Schule besuchten und nachmittags unter der persönlichen Aufsicht des Firmeninhabers in der „Dütenpappe“ (volkstümliche Bezeichnung für Tütenkleberei) ausschließlich in Handarbeit Tüten und Beutel klebten. Die Kinder durften sich die Tätigkeiten, die ihnen am besten von der Hand gingen, aussuchen. Das erzeugte den wenigsten Ausschuss, erhöhte die Produktivität und für die Kinder gegebenenfalls die Löhne. Der Wochenlohn lag bei zwei bis drei M und galt als äußerst niedrig.133 Im Jahre 1866 besuchte König Johann von Sachsen (reg. 1854–1873) zusammen mit seiner Mutter den Betrieb und „freute sich an den vielen Kindern, die fleißig ihrer Arbeit nachgingen“.134 Die Mutter des Königs zeigte sich von diesem Unternehmen derart beeindruckt, dass sie 100 000 Taler zu einem äußerst günstigen Zinssatz als Kredit anbot, um die Firma zu vergrößern. Um 1885 bestand die Belegschaft aus fünf Männern und elf Frauen. 1895 wurde Ludwig durch den sächsischen König Albert (reg. 1873–1902) das Ritterkreuz II. Klasse des Albrechts-Ordens verliehen.135 In den 1920er Jahren beschäftigte Heinrich Ludwig ca. 100 Heimarbeiter. 1935 arbeiteten in der Verwaltung und im Betrieb rund 50 Arbeiter und Angestellte sowie 50 bis 60 Heimarbeiterinnen. In den Jahren zwischen 1972 und 1989 war die Firma als Werk 3 Siebenlehn (Werk 2 Rich. Weinberger Zwickau) Teil des VEB Verpackungsmittelwerks Crimmitschau, VEB Kombinat Verpackung Leipzig. Dieses Kombinat, gegründet am 1. Januar 1979, war der größte Tüten- und Beutelhersteller der DDR.136 Ab 1861 kam es im Bereich der gewerblichen Papierverarbeitung zu einer spürbaren Erhöhung der Zahl von Firmengründungen. Die Gründe dafür waren vor allem in den rasanten Veränderungen der (Papier-)Technik-, Wirtschafts- und Bevölkerungsentwicklung sowie in der Modernisierung der Wirtschaftspolitik – insbesondere in Preußen – zu suchen. Die Industrieproduktion war in Deutschland von 1851–1860 gegenüber dem Zeitraum von 1841–1850 um mehr als das Doppelte gestiegen.137
Schroeder & Wagner/Rinteln Am 1. Januar 1861 wurde durch Heinrich Schroeder (* 1832) und den Kaufmann Carl Wagner (* 1834) in Rinteln138 das spätere Verpackungsmittel-Unternehmen Schroeder & 133 Vgl. Wolfgang Walcha, Rede anlässlich der 75-Jahrfeier des Unternehmens Heinrich Ludwig, Siebenlehn/Sachsen, 12.8.1935, Typoskript (Firmenarchiv), S. 1. 134 Vgl. ebd., S. 1. 135 Vgl. 1850–2000. 150 Jahre Heinrich Ludwig, Siebenlehn 2000, o. S. (Jubiläumsschrift). 136 Vgl. ebd. 137 S. u. a. Treue, Gesellschaft, Wirtschaft und Technik sowie Friedrich-Wilhelm Henning, Wirtschafts- und Sozialgeschichte, Bd. 2, Die Industrialisierung in Deutschland 1800–1914, 7. erw. Aufl., Paderborn u. a. 1989; vgl. ferner Franz Krawany, Die Papierindustrie der Welt in ihrer Entstehung und heutigen Bedeutung. In: Kommerzielle Berichte. Herausgegeben vom k. k. österreichischen Handelsmuseum, Nr. 13, Wien 1909. 138 Rinteln war in den 1850er Jahren auch der Wohnsitz des jüdischen Kaufmanns Moses Steinfeld. Dessen Sohn Jacob Steinfeld heiratete 1859 die einzige Tochter Gumpert Bodenheims, Jettchen (s. „Bodenheim & Co.“ im vorliegenden Abschn.); vgl. Schütt, Jüdische Familien, S. 14.
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Wagner als Papierwaren-Fabrik gegründet.139 Die Haupttätigkeit lag zunächst in der Herstellung von Tüten und Briefumschlägen aller Art. Am 1. April 1863 wurde mit einer eisernen Handpresse der Druckereibetrieb für die Papierwaren-Herstellung eingerichtet. Am 21. Februar 1866 erhielt Carl Wagner die Konzession, auch Etiketten, Briefbogen, Fakturen, Rechnungen, Preislisten, Adress- und Visitenkarten, Register, Formulare usw. herstellen zu dürfen.140 Am 15. September 1883 übernahm er zusätzlich zur „Buchdruckerei und Prägeanstalt zur Herstellung von Düten, Couverts und Contobüchern“ und der zum Betrieb gehörenden „Papier- und Schreibmaterialien-Handlung en gros und en detail“ die Redaktion, den Druck und den Verlag der Zeitung „Liberales Wochenblatt für die Grafschaft Schaumburg“.141
H. C. Bestehorn/Aschersleben Am 1. April 1861 gründete der 30-jährige Kaufmannsgehilfe Heinrich Christian Bestehorn (1831–1907) mit siebenhundert Talern Anfangskapital und wenigen Arbeiterinnen in Aschersleben/Sachsen-Anhalt einen Betrieb zur Herstellung von Papierbeuteln und Spitztüten in Handarbeit. Er stellte die Tüten „für Kaufleute her, die sich ihre Tüten bis dahin selbst geklebt hatten. Zunächst wurde er ob dieser kuriosen Idee von manchem belächelt. Bestehorn hatte jedoch die zukünftige Bedeutung dieser unscheinbaren Ware richtig erkannt.“142
Gut 75 Jahre später (um 1936) hatte sich daraus mit rund 1800 Beschäftigten der größte Papierverarbeitungs-Betrieb des europäischen Kontinents entwickelt.143 H. C. Bestehorn hatte nach dem Abitur eine Kaufmannslehre begonnen und wie die meisten Kaufmannsgehilfen seiner Generation in den freien Stunden, vor allem aber nach Feierabend, Tüten kleben müssen. Diese höchst ungeliebte Tätigkeit war für ihn Anregung zur Gründung des Unternehmens. Die ersten Tüten und Beutel wurden nach der Klebung von einer Druckerei in Hettstedt mit einfachen Firmenaufdrucken versehen. Die Ware wurde mit Pferdegeschirren täglich hin- und hergefahren. 1865 wurde bei HCB die erste Buchdrucker-Schnellpresse aufgestellt. Danach war der Betrieb bis Anfang der 1950er Jahre im großen Umfang auch als Buchdruckerei und -binderei tätig. 139 Heinrich Schroeder trat bereits am 1.10.1862 wieder aus dem Unternehmen aus. Vgl. Hessisches Buchdruckerbuch, S. 314. 140 Vgl. ebd. 141 Vgl. ebd.; vgl. auch 125 Jahre Schroeder & Wagner, Rinteln. In: apr, Nr. 40/1986, S. 1632 f. 142 Vgl. Rudolf Kühl, Entstehung und gegenwärtiger Stand der deutschen Brief-UmschlagIndustrie, 1923, Typoskript, S. 34. 143 Diese und alle weiteren Angaben nach: Emil Straßburger, Geschichte der Stadt Aschersleben, Aschersleben, o. J. S. 490 f.; Aschersleben im 19. Jahrhundert, o.V., o. J. [F. C. Drosihn, 1901], S. 250 ff.; 100 Mio. Zigarettenpackungen. In: Tageblatt von Aschersleben 13.8.1932, o. S. („Historisches“ – Ausschnitt, dem Verf. vorliegende Kopie); 14 Stätten der Arbeit – H. C. Bestehorn in Aschersleben. In: Klimschs Druckerei-Anzeiger Nr. 45, 1932, o. S. (Ausschnitt – dem Verf. vorliegende Kopie); VEB Aschersleben. In: Die Verpackung 3/81, S. 89 ff.; Aus der Geschichte des VEB Optima Aschersleben, Großdruckerei und Papierverarbeitungswerk, hrsg. v. Sozialistische Einheitspartei Deutschlands / Betriebsparteiorganisation des VEB Optima Aschersleben, Leipzig 1988; Von der Handarbeit zur „Nullarbeit“. In: Ascherslebener Zeitung, 20.4.1996, S. 13, Sp. 1-4; Nicht viel übrig vom Großbetrieb Optima“. In: Ascherslebener Zeitung, 20.7.1996, S. 7, Sp. 1-3 – sowie: 100 Jahre Druckereien und Zeitungen in Aschersleben 1819–1999, hrsg. v. d. Geschichtswerkstatt der Kreisvolkshochschule Aschersleben, Aschersleben 1999. Schriftl. und telef. Auskünfte des StA Aschersleben Juni/ Juli 2001.
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1867 kaufte H. C. Bestehorn auf der Weltausstellung in Paris zwei Maschinen zur Herstellung von Briefumschlägen für Dampfbetrieb (Leistung in 8,5 Stunden: 20 000 bis 25 000 Stück). Von diesen Maschinen ließ er eine im Betrieb aufstellen, die zweite zerlegen, technisch verbessern und in zwölf, schließlich in 20 Kopien in eigener Werkstatt nachbauen. Mit diesem Maschinenbestand war Bestehorn allen Konkurrenten überlegen. Die übliche Leistung bei Handarbeit auf Tretmaschinen lag bei ungefähr 5000 bis 6000 Stück. Tüten/Beutel und Briefumschläge bildeten die Hauptartikel des Betriebes. Ab 1870 wurde das Unternehmen im Branchen-Adressbuch erstmalig auch unter Buchdruckereien geführt. Zu den besonderen Persönlichkeits-Merkmalen H. C. Bestehorns gehörten Risikobereitschaft und ein ausgeprägter Geschäftssinn. Er unterhielt umfangreiche geschäftliche und private Kontakte. Dazu gehörte auch der zu Heinrich von Stephan (1831–1897; 1870 Generalpostdirektor, ab 1876 Generalpostmeister). Von Stephan bekam Bestehorn lange Zeit vorher Kenntnis darüber, dass die Einführung eines neuartigen zusammenfaltbaren Telegramm-Formulars vorgesehen war.144 Als dieses Formular (mit Verschlusssiegel, anstelle des bis dahin üblichen Umschlagverfahrens) 1872 amtlich eingeführt wurde, konnte es von HCB unverzüglich ausgeliefert werden. Der Unternehmer hatte es in seinem Betrieb auf Vorrat drucken lassen und sich das Alleinherstellungs-Recht gesichert. Auf die gleiche Weise hatte Bestehorn rechtzeitig von der Absicht erfahren, eine Zweisiegel-Ausführung der Kuverts für Bargeldsendungen einzuführen, um die hohe Diebstahlrate zu senken (das bargeldlose Überweisungsverfahren war noch nicht üblich). Auch für diese Umschläge konnte er sich den Entwicklungsauftrag und die Alleinherstellungs-Rechte sichern. Das Druckereigewerbe war allgemein in starkem Maße daran interessiert, regelmäßig wiederkehrende Aufträge großer Behörden oder anderer Verwaltungseinrichtungen (für Formulare, Wertpapiere, Briefmarken, Geldscheine, amtliche Bekanntmachungen, später Lebensmittelkarten, Telefonbücher usw.) zu erhalten. Derartige Geschäfte waren meist an feste Verträge gebunden, die sich – unabhängig von der jeweils herrschenden Wirtschaftslage – oft stillschweigend verlängerten. BehördenAufträge bildeten häufig das Rückgrat eines Druckerei-Betriebes. 145 Für seine herausragenden unternehmerischen Erfolge (Firmenmotto: „Mit Wucht, Macht und Kraft“) wurde Heinrich Christian Bestehorn 1888 vom Kaiser der Titel eines Königl. Kommerzienrates verliehen (1899 Ernennung zum Geheimen Kommerzienrat146). Von der Stadt Aschersleben wurden ihm die Ehrenbürgerrechte zuerkannt. Über ihn und seine Familie wurde die kommunale und wirtschaftliche Entwicklung Ascherslebens maßgeblich mitgestaltet und mitbestimmt. Um 1890 war Aschersleben Standort von drei Papierwarenfabriken mit knapp 450 Fabrikarbeitern und rund 350 Heimarbeitern. Als H. C. Bestehorn sich im Jahre 1900 aus der aktiven Geschäftsleitung zurückzog, lag der Umfang der jährlichen Erzeugung bei den wichtigsten Artikeln (Packungen für Kaffee, Tee, Kakao sowie Briefumschläge und Drucksachentaschen oder Reklamemarken) in der Größenordnung von Hunderten von Mio.147
144 In der preußischen Staatsdruckerei gab es eine eigene Einrichtung zur Fabrikation von Briefumschlägen, die als Freikuverts herausgegeben wurden. Vgl. Kühl, Briefumschlag-Industrie, S. 10. 145 Vgl. Ilse Barleben, Von der schwarzen und von der weißen Kunst. A. Bagel 1801–1951, Düsseldorf 1951 (Jubiläumsschrift), S. 39. 146 Vgl. Papier-Zeitung, Nr. 36/1907, 5.5.1907, S. 1588, Sp. 2. 147 Vgl. ebd.
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Um die Jahrhundertwende arbeiteten allein bei Bestehorn rund 600 Fabrikarbeiter und etwa 400 Heimarbeiter. Im Jahre 1907 waren es 900 Fabrikarbeiter und rund 600 Heimarbeiter – teilweise aus den Vororten Staßfurt, Güsten, Ballenstedt, Ermsleben und Hoym.148 Die Bestehorn-Heimarbeiter lieferten ihre Ware täglich ab. Nach der Kontrolle wurde ein Auszahlungsschein ausgestellt, der an der Kasse eingelöst werden konnte. Das neue Rohmaterial wurde an der Materialausgabe abgeholt.149 Für 1932 wurde die Zahl der Bestehorn-Heimarbeiter unverändert mit rund 600 angegeben.150 Auf 16 000 qm Betriebsfläche standen mehrere hundert Maschinen, darunter 50 Druckpressen, über 60 Kuvert- und Beutelmaschinen.151 Die Bestehorn-Erzeugnisse gingen in nahezu alle „civilisierten“ – auch überseeischen – Länder der Welt. In den Ateliers bei Bestehorn entstanden die ersten Verpackungsgestaltungen u. a. für Persil, Kathreiner, Reemtsma oder Oetker.152 Zu den kommunal-/sozialpolitischen Tätigkeiten des Unternehmens gehörte u. a. die Übergabe des „Bestehornhauses“ für kulturelle Veranstaltungen als Geschenk an die Stadt (1908, Kosten 120 000 M – in diesem Jahr beschäftigte das Unternehmen 1800 Arbeitskräfte153), die Errichtung zahlreicher wohltätiger Stiftungen, umfangreiche gewerbliche Baumaßnahmen im Stadtgebiet und schließlich der Ausbau Ascherslebens zu einem Standort von zentraler Bedeutung innerhalb der deutschen Papier verarbeitenden Industrie. Bestehorn erwarb ständig weitere Betriebe und veranlasste andere Unternehmer, ihrerseits in Aschersleben die Produktion von Papiererzeugnissen aufzunehmen (Max Edlich; Georg Gerson; Hopfe & Unger; Kröner; Koch & Bein). Weitere, vor allem rheinische und westfälische Papierverarbeiter errichteten in Aschersleben Filialen, um dort insbesondere die Geschicklichkeit der Handarbeiterinnen und Heimarbeiter zu nutzen, die weit über diesen Standort hinaus einen guten Ruf hatten. 1926 erwarben Otto und Richard Bestehorn Anteile am Verpackungsunternehmen Leunis & Chapman/Hannover.154 1932 wurde bei Bestehorn in einem Zentralgebäude auf sieben Ebenen gearbeitet, die mit Lasten- und Personenaufzügen miteinander verbunden waren. Das ständige (temperierte) Papier- und Kartonlager umfasste die Menge von 200 Waggons, die auf rund 600 Maschinen verarbeitet wurden. Die gesamte jährliche Verarbeitungsmenge lag bei 6,5 Mio. kg. Neben der Verpackung gehörten zum Fertigungsprogramm der Firma insbesondere auch Schaupackungen, Plakate, Prospekte und andere Werbematerialien. Das Unternehmen verfügte u. a. über eine eigene Tischlerei, Schlosserei und Feuerwehr. Die wöchentliche Arbeitszeit für die rund 1500 bis 16000 Arbeiter und Angestellten lag bei 46 Stunden. Im selben Jahr 1932 fertigte HCB für die Zigarettenfabrik Haus Neuerburg/ München (Marke „Oberstmarke“) täglich 1,5 Mio. Schiebepackungen (Stückpreis pro Tsd. = 3,50 M). Mit dieser Stückzahl war Bestehorn weltweit außer Konkurrenz. 1936 – auf dem Höhepunkt der Firmengeschichte – arbeiteten allein im Stammbetrieb Aschersleben 1800 Menschen.155 Rund 50 000 qm Arbeits- und Lagerfläche standen zur Ver148 149 150 151 152 153 154
Vgl. ebd. Vgl. Klimschs Druckerei-Anzeiger 45/1932, o. S. (Ausschnitt – Fotokopie). Vgl. ebd. Vgl. Papier-Zeitung, Nr. 36/1907, 5.5.1907, S. 1588, Sp. 2. Vgl. Papier-Verarbeiter, Nr. 9/1967, S. 64, Sp. 3. Vgl. Kühl, Briefumschlag-Industrie, S. 34. Vgl. 1864–1964, Hundert Jahre jung. Schrift aus Anlaß des 100jährigen Bestehens der Leunis & Chapman GmbH, Jubiläumsschrift, Hannover 1964, S. 14. 155 Zusammen mit dem Zweigwerk Rob. Leunis & Chapman/Hannover arbeiteten 1936 bei H. C. Bestehorn 2000 Arbeiter; der Maschinenbestand lag bei rund 1 000; vgl. Kartonagen- und
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fügung. Jährlich wurden rund 10 000 t Papier und Karton/Pappe verarbeitet. In den Hallen standen 27 Buchdruck-Maschinen und 17 Offsetmaschinen. HCB gehörte zu den größten Papierverarbeitungs-Werken Europas.156 Unmittelbar vor Kriegsende, im April 1945, wurde ein Umsatz von nur noch 77 Mio. RM erreicht. Im Mai 1945 (Aschersleben war bis Sommer 1945 britische Besatzungszone) konnte der Betrieb mit 97 Beschäftigten wieder aufgenommen werden. Bis zum 30. Juni d. J. stieg die Zahl auf 417 (plus einer höheren Anzahl von Heimarbeitern). Im Herbst 1945 (Aschersleben gehörte nunmehr zur sowjetischen Besatzungszone) wurde der Betrieb entschädigungslos enteignet. Richard Bestehorn157 ging als kaufmännischer Leiter (Geschäftsführer) nach Hannover und baute dort das zu 90 Prozent zerstörte Verpackungswerk Leunis & Chapman, dessen Teilhaber er war, wieder auf. Im Dezember 1945 wurden im Werk Aschersleben bereits wieder nahezu 600 Mitarbeiter beschäftigt. Der Betrieb erreichte einen Umsatz von über 300 000 RM. Zwischen 1945 und 1948 war das Unternehmen Teil der Industriewerke Provinz Sachsen-Anhalt158. Zum Produktionsprogramm gehörten im Wesentlichen Akzidenzen (auch in kyrillischer Schrift, Formulare für die sowjetische Militäradministration, ab Juni 1946 auch Schulbücher, Belletristik, Wissenschaftsliteratur in kyrillischer Schrift), Lebensmittelkarten, Plakate, Papierbeutel und Faltschachteln. Ab August 1946 wurde – vor allem infolge der vielen sowjetischen Reparationsaufträge – in zwei Schichten gearbeitet. Am 17. April 1948 wurde der Betrieb durch Befehl Nr. 64 des Obersten Chefs der SMAD (Sowjetische Militäradministration in Deutschland) rechtskräftig enteignet und als Industriewerke Sachsen-Anhalt vorm. H. C. Bestehorn, Aschersleben weitergeführt. Zu Beginn des Jahres 1951 erfolgte die Eingliederung in die Vereinigung Volkseigener Betriebe (VVB) Leichtindustrie. Das Unternehmen führte von nun an die Bezeichnung VEB OPTIMA. Ende 1951 wurde die Heimarbeit abgeschafft und Anfang 1952 (bis 1956) eine Abteilung für Handklebearbeiten mit 140 bis 180 Plätzen im Betrieb eingerichtet. Das Unternehmen spezialisierte sich zunehmend auf die Herstellung von Flach-, Kreuz- und Bodenbeuteln. In den 1950er Jahren wurden die ersten von der Rolle arbeitenden Klotzbodenbeutel-Maschinen mit vorgeschaltetem Druckwerk eingesetzt. Dadurch wurde die Anzahl der Größen von 44 auf vier Standardgrößen reduziert. Ebenfalls Mitte der 1950er Jahre wurde mit der Zellglasverarbeitung begonnen, die vor allem für den Export eine Rolle spielte. Ab 1958 wurden Alufolien im Großmaßstab kaschiert. 1960 begann die Produktion von PolyethylenBeuteln. 1986 beschäftigte das Unternehmen – nunmehr Teil des VEB Kombinats Verpackung Leipzig – 1500 Mitarbeiter. 1991/92 wurde OPTIMA privatisiert und bis zum Jahr 1996 nahezu vollständig liquidiert. Das zentrale Werksgebäude des ehemaligen Unternehmens Heinrich Christian Bestehorn wurde unter Denkmalschutz gestellt.
Papierwaren-Zeitung, Alleiniges Organ des Zentralverbandes Deutscher KartonagenFabrikanten sowie seiner Landes- und Ortsverbände, Dresden (1884 ff.), hier: Nr. 17/1936, 24.4.1936, S. 183, Sp. 2. 156 Zur selben Zeit zählte sich auch der Graphikbetrieb (Verpackungen usw.) E. Gundlach/Bielefeld mit mehr als 1500 Beschäftigten zu „den großen Papierwarenfabriken des Kontinents“; vgl. Mit Gutenberg ins Internet, S. 25, Sp. 1 f. 157 Zu: Richard Bestehorn s. u. a. Papier-Verarbeiter, Nr. 9/1967, S. 64, Sp. 3 f. 158 Zur Nachkriegsentwicklung der ostdeutschen Wirtschaft vgl. Abschn. „Papierverarbeitung in der DDR“. der v. A.
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C. C. Kurtz/Meißen Die spätere Papierwarenfabrik C. C. Kurtz, die 1834 in Meißen als Papier- und Materialwarenhandlung gegründet worden war, nahm am 11. Juni 1861 die Produktion von Tüten auf.159 Die entsprechende Nachfrage kam vor allem aus dem Kolonialwarenhandel. Bis dahin hatte die Firma lediglich das benötigte Papier für Kaufleute („Tütendreher“) geliefert. Anfangs wurden die „groben schlichten Flachtüten“ mit einem durchschnittlichen 250-Gramm-Volumen im eigenen Hause gefertigt.160 Kurz darauf wurden Aufträge an die städtische Spinnschule am Wassertor erteilt und schließlich in angemieteten Räumen des Laurentius-Hospitals „von halbwüchsigen Kindern“ ausgeführt.161 Die von diesen Einrichtungen abgelieferten Qualitäten waren indes so mangelhaft, dass dem Unternehmen daraus mehr Schaden als Nutzen entstand. Die Tütenproduktion konnte erst 1863 nach der Entwicklung eines Geschäftskonzeptes spürbar gesteigert werden. 1868 wurde für diesen Zweck eine Papier-Schneidemaschine mit Hand- und Fußbetrieb angeschafft. Kurze Zeit darauf wurde die Tütenfertigung im großen Umfang durch die Vergabe von Heimarbeit-Aufträgen erweitert. Hausfrauen konnten sich so „im Verein mit den Kindern manchen Groschen dazuverdienen“.162 1872 machte eine firmeneigene Druckpresse die Auftragsvergabe für Firmen-Aufdrucke an ortsansässige Druckereien überflüssig. Es folgen schnell weitere Pressen. Für die noch sehr einfache Schriftausführung konnte anfangs „ein aufgeweckter Arbeitsbursche zugleich den Setzer und Drucker“ in einem übernehmen.163 Für die Ausführung besserer Druckbilder wurde 1885 einer der ersten Stereotyp-Apparate der Nürnberger Firma Carl Kempe eingesetzt.164 Immer schnellere und anspruchsvollere Druckmaschinen folgten. 1889 wurde der Hand- und Fußbetrieb der Papier-Schneidemaschine durch einen Drei-PS-Gasmotor ersetzt. Der ursprüngliche Papierhandel der Firma nahm in dem Umfang ab, wie die Produktion von Tüten und Beuteln (vor allem für den Kolonialwaren-, Drogen-, Süßwaren- und Samenhandel) zunahm. 1896/97 wurde auf einem fast 9000 qm großen Grundstück ein viergeschossiges Werksgebäude errichtet.165
Wilhelm Winckel/Berleburg Mit nur einem Mann wurde durch den noch jungen Wilhelm Winckel († 1902) am 1. Mai 1861 in Berleburg, in einer als „arm“ beschriebenen, wirtschaftlich und verkehrsmäßig ungünstig gelegenen Gegend,166 ein Betrieb zur Herstellung von handgefertigten Kolonialwaren-Tüten gegründet. Das dafür verwendete Strohpapier gelangte auf beschwerlichen Wegen durch Pferdefuhrwerke aus kleinen westfälischen Papierfabriken über das RothaarGebirge nach Berleburg. Die fertige Ware wurde auf demselben Weg ins Siegerland, ins Oberbergische und bis nach Hessen geliefert (Berleburg erhielt 1911 einen Bahn-
159 160 161 162 163 164 165 166
Vgl. 100 Jahre C. C. Kurtz, S. 13. Vgl. ebd., S. 15. Vgl. ebd. Vgl. ebd., S. 19. Vgl. ebd. Vgl. ebd. Diese Druckmaschine stand 1934 im Deutschen Museum München. Vgl. ebd., S. 21. Vgl. Wittgensteiner Kreisblatt, 1.1.1902, S. 1, Sp. 2.
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anschluss). In den 1870er Jahren suchte Winckel für seine Papierwaren-/Tüten-Fabrik und Druckerei in Zeitungsanzeigen wiederholt „brave und fleißige Kinder“ oder „brave kräftige Burschen“ oder „Mädchen und Frauen“ und „jüngere Arbeiter“ aus dem Ort und „vom Lande“ (Berghausen, Aue, Balde, Birkelbach usw.).167 In den 1880er Jahren stellte Winckel die erste Tütenmaschine auf. Der Betrieb war das erste größere gewerbliche Unternehmen der weitgehend durch Land- und Holzwirtschaft geprägten Gegend und wurde zu einem bedeutenden Auftraggeber für Heimarbeit. Um 1900 war Wilhelm Winckel Vorsitzender der Konvention westdeutscher Dütenfabrikanten.168 1929 fusionierte der Betrieb mit dem Papier verarbeitenden Unternehmen Gebr. Goerlach/Limburg (gegr. 1876).169 Um 1936 beschäftigte Winckel insgesamt etwa 200 Mitarbeiter. Im Betrieb standen 27 Tüten- und Beutelmaschinen sowie 30 verschiedenartige Druckmaschinen.
Weitere Firmengründungen170 Ebenfalls im Jahre 1861 wurden in Eschwege die Papierwaren-Fabrik, Buchdruckerei und Papierhandlung en gros & en detail Jacob Meyberg und in Wanfried a. W. die Papierwaren-Fabrik, Lithographische Anstalt, Buch- & Steindruckerei sowie Prägeanstalt Peter Israel gegründet.171 Ab 1862 war in Dresden das Unternehmen C. F. Petzold in den Bereichen „Papierdüten- & Couvert-Fabrik sowie Buchbinderei“ tätig.172 1863 errichtete H. Grünbaum in Kassel eine Papierwarenfabrik, Buch- und Steindruckerei, in der zunächst besonders Papierbeutel, Tüten und geschäftliche Drucksachen für den Bedarf von „Kolonialwaren, Drogen-, Samenhandlungen etc. in engeren Grenzen“ hergestellt wurden.173 In München gründete August Neustätter im selben Jahr eine Papierwarenfabrik. Das Unternehmen wurde u. a. 1873 auf der Weltausstellung in Wien und 1882 auf der Gewerbe-Ausstellung in Nürnberg prämiert, auf der Kunst- und Gewerbe-Ausstellung in München (1873) erhielt es ein Ehrendiplom. In den 1890er Jahren hatte sich Neustätter auf die Herstellung von Anhängern, Musterbeutel, Aktenund Drogenkuverts sowie Löhntüten spezialisiert.174 Ebenfalls 1863 gründete Carl Ber167 Vgl. Wittgensteiner Kreisblatt, 12.9.1873 und folgende (Inseratenteil). 168 Vgl. Papier-Zeitung, Nr. 28/1900, 8.4.1900, S. 1027, Sp. 2. 169 Vgl. auch Wittgensteiner Kreisblatt, 2.5.1911, S. 1, Sp. 4. sowie Festschrift zum 75-jährigen Bestehen, Berleburg 1936 (Auszug als Fotokopie im Besitz des Verf.) sowie 75 Jahre Wilh. Winckel GmbH – 1861–1936 (Jubiläumsblatt, im Besitz des Verf.) sowie 75 Jahre Firma Winckel – Von Bürgermeister Günther. In: Wittgensteiner Nationalzeitung, Berleburg, Mai 1936, kopierter Zeitungsausschnitt im Besitz des Verf. 170 In diesen Jahren wurden in Paris in mehr als 40 Fabriken Tüten/Beutel maschinell hergestellt; vgl. Weiß, Zeittafel, S. 359; 1850 hatte Breval/Paris eine Tüten-/Papierbeutel-Klebemaschine entwickelt; hierbei handelte es sich möglicherweise um die französische Maschine auf der Weltausstellung London 1851, von der E. J. Labarre 1942 berichtet; vgl. Emile Joseph Labarre, Dictionary and Encyclopaedia of Paper and Paper-Making, Amsterdam 1937 u. 1952, S. 13, Sp. 2; 1864 Rabatté/Paris; vgl. Weiß, Zeittafel, S. 328. 171 Vgl. Hessisches Buchdruckerbuch, Anzeigen-Anhang. 172 In Helmsdorf bei Stolpen/Sachsen unterhielt das Unternehmen eine Maschinen-Papier-Fabrik. Vgl. Rechnungsformulare vom 8.4.1876 und 21.11.1879 (s. Archiv Technisches Museum Papiermühle Niederzwörnitz). 173 Vgl. Hessisches Buchdruckerbuch, Anzeigen-Anhang. 174 Vgl. Neustätter-Zirkular, München, 30.6.1897, im Besitz des Verf.
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berich (1831–1900) in Heilbronn ein Geschäft, das sich mit dem Vertrieb von Tüten und Beuteln sowie mit dem Großhandel von Schreibwaren der verschiedensten Art befasste. Kurz nach der Firmengründung erweiterte sich das Unternehmen auf den Papiergroßhandel und auf die Herstellung von Geschäftsbüchern.175 1867 eröffenete L. Keseberg in Hofgeismar die „Hessische Papierwaren-Fabrik, Hof-, Buch- und Steindruckerei, Königl. und Grossh. Hoflieferant“. In den 1890er Jahren sollte die Tütenfabrikation in diesem Betrieb aufgenommen werden.176 1867 wurde der Buchbindermeister Hermann Henschel/Luckenwalde (südlich von Berlin) durch eine ärztliche Abhandlung, die sich mit dem Problem des allgemein unhygienischen Verpackens von Lebensmitteln befasste, dazu angeregt, Pappteller als neuartiges Verpackungsmaterial anzubieten. Das aufwändige Verfahren für die Fertigung der Pappteller (aus Holzschliff-Pappe) war lange Zeit nur auf gewöhnlichen Buchbinder-Balanciers möglich. Erst in Zusammenarbeit mit dem Maschinenbau-Unternehmen Karl Krause/Leipzig konnte Henschel eine geeignete Prägepresse (Hand-/Knie-Hebelpresse) zur halbautomatischen Fertigung bauen lassen (vollautomatische Fertigung erst seit 1964). Aus der Buchbinder-Werkstatt war nach 1867 eine Papierwaren-Fabrik mit Tüten-/Beutel- und Pappteller-Fabrikation entstanden.177 Das Unternehmen zog weitere Firmengründungen nach sich, die Luckenwalde bis zu Beginn der 1990er Jahre zu einem regionalen Zentrum der Papier- und Pappeverarbeitung machten. Dazu gehörten u. a. Boehme & Hanack, Eckardt & Co., A. Friedrich Wwe., Rich. Grunewald, Adolf Nau und die Luckenwalder Papierwarenfabrik Artur Linke.178 In der amtlichen Statistik des Deutschen Reichs aus dem Jahre 1926 wurde in der Untergruppe 3 der Produktionsgruppe XI „Papierindustrie“ unter „Papierverarbeitung“ im Bereich Hartpapierwaren 39 Fabrikationszweige aufgeführt, darunter Attrappen, Bilderrahmen, Dosen, Fahrkarten, Kartonschilder, Pappsohlen, Papiermachéwaren, Spulen usw. sowie Pappteller.179 Die Fabrikation von Papptellern geht bis in die 1860er Jahre zurück.
Gerhold & Thon/Neumünster 1866 wurde Schleswig-Holstein Preußen angegliedert, 1868 Hessen-Nassau.180 Die preußische Regierung unternahm insbesondere in Schleswig-Holstein größere Anstrengungen, 175 Vgl. Westdeutsche Wirtschaftschronik, Bd. II, Hamburg 1954, S. 81. Viele (Pack-)Papiergroßhändler waren gleichzeitig auch Hersteller von Tüten und Beuteln; vgl. u. a. Feyerabend, Papiergroßhandel, S. 4, Sp. 2 ff. 176 Vgl. Hessisches Buchdruckerbuch, Anzeigen-Anhang. 177 Vgl. VEB Pappen- und Papierverarbeitungswerke Luckenwalde, Firmenschrift [1996], StA Luckenwalde; vgl. auch FAZ, 16.1.2001, Nr. 13, S. 12, Sp. 1. 178 Vgl. Bezugsquellen für Papier und Papierwaren, für Schreibwaren, Bürobedarf usw. nebst einem Verzeichnis fremdsprachlicher Fachausdrücke, Berlin o. J. (1931/32), S. 1496. 179 Vgl. Statistik des Deutschen Reiches – Die Ergebnisse der Volks-, Berufs- und Betriebszählung vom 16. Juni 1925, Bd. 401-418, Berlin 1929, hier Bd. 413 (1926), 1, Berlin 1927, S. 107. 180 Zu den preußischen Provinzen gehören bis 1945: Ostpreußen, Berlin, Brandenburg, Pommern, Posen-Westpreußen, Niederschlesien, Oberschlesien, Preuß.-Sachsen, SchleswigHolstein, Hannover, Westfalen, Hessen-Nassau, Rheinprovinz, Hohenzollern; vgl. u. a. Papierherstellung und -verarbeitung – Berufe in ihr. In: Handwörterbuch der Betriebswirtschaft, hrsg. v. Heinrich Nicklisch, Bd. 4. 4. Aufl., Stuttgart 1938, S. 306.
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um die Industrieentwicklung zu fördern. In dieser Provinz gab es u. a. noch keine Papierwaren-Fabrikation. Das war für die Papierverarbeiter Gerhold & Thon aus dem Allendorf unmittelbar benachbarten Geismar/Hessen-Nassau Anlass, die preußischen Fördermaßnahmen zu nutzen, um zusammen mit Ellesat in Neumünster einen Betrieb für Papierverarbeitung (Tüten/Beutel) einzurichten und am 12. Mai 1868 zu eröffnen. Die Anfänge waren primitiv. Die Fachkräfte, zwölf junge Frauen, mussten von Gerhold & Thon aus der hessischen Heimat nach Neumünster geholt werden. Sie waren „die einzigen Mitarbeiter, die Papier und Papierverarbeitung überhaupt kannten“ und die „in einer der wenigen Konkurrenzfabriken [Bodenheim?] schon gearbeitet hatten“181. Die Fertigung der Anfangsproduktion mit Tüten und Beuteln geschah in reiner Handarbeit. Noch im Gründungsjahr 1868 stellte die Firma bei der preußischen Königl. Technischen Deputation für Gewerbe am 19. Dezember ein Gesuch auf Patenterteilung für eine „Düten-, Falz- & Klebemaschine“ und begründete das Gesuch mit „dem großen Bedarf von Papier Düten und dem Bedürfniß einer billigen Production derselben“.182 Die Maschine sollte „dem Zweck einer vorteilhaften Fabrication durch Schnelligkeit und Sauberkeit der Arbeit vollständig“ entsprechen.183 Der Antrag wurde am 28. Januar 1869 vom Ministerium für Handel und Gewerbe abgelehnt, da die Unterlagen unvollständig eingereicht worden waren.184 Die (weiterhin handgeklebte) Ware blieb noch lange Jahre unbedruckt. Die erste Druckmaschine wurde noch mit der Hand betrieben. Erst Ende der 1870er Jahre konnte mit Dampfantrieb gearbeitet werden. Anfang der 1880er wurden aus Mitteldeutschland Facharbeiterinnen für die (Hand-)Fertigung von Apotheker-Kartonagen eingestellt. Die Anzahl dieser Facharbeiterinnen musste bald auf 20 erhöht werden. 1886 wurde ein Fabrikneubau in Betrieb genommen, der weitgehend für Maschinenarbeit eingerichtet war. Die Firma ging nach und nach zur Fertigung einfach- und hochwertig bedruckter Verpackungen (Tüten/Beutel, Kartonagen/Faltschachteln) über. 1924 wurde die erste Offsetmaschine aufgestellt. Neben dem Verpackungsdruck auch für höchste Ansprüche wurden Aufträge für Plakate, Etiketten usw. erledigt. Abnehmer der Gerhold & Thon-Produkte waren vor allem Konzerne, Großfirmen der Lebensmitel-Branche, Kaffee-Großröstereien, Margarine-, Schokoladen-, Hefe-, Tabak-, Farben- Fischkonserven-Hersteller, der Drogerie-Groß- und -Einzelhandel usw. Zum Einzugsbereich gehörte der gesamte norddeutsche, insbesondere auch der Ostseeraum. Die Anzahl der im Betrieb Beschäftigten lag in den 1920er Jahren schließlich bei über 100. Dazu kamen 150 Heimarbeiter und eine größere Anzahl von Reisenden/Vertretern.
C. F. Schmidt & Co./Elberfeld Nach seinen wiederholten Reisen in die USA war Carl Friedrich Schmidt aus Witten „stark beeindruckt von dem aus Amerika stammenden Gedanken, für Lebensmittel eine 181 Zu allen Gerhold & Thon betreffenden Informationen vgl. Gerhold & Thon GmbH, Unser Werden und Wirken. 1868–1928. Neumünster 1928 (Jubiläumsschrift). 182 Vgl. Preußisches Geheimes Staatsarchiv Berlin, Ministerium für Handel, Gewerbe und öffentliche Arbeiten, Abteilung IV, Mechanik und Maschinenbau, Rep. 120, D XIV, Fach 1, Nr. 123, Akten betreffend die Maschinen und Vorrichtungen zur Anfertigung der Düten und die Patenterteilung darauf, 1855 bis 1879. A Berlin, 19.12.1868; nachf. zit. als GStA Berlin mit jeweiligem Datum. 183 Vgl. ebd. 184 Vgl. ebd.
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wirklich den Erfordernissen der Zeit entsprechende Verpackung zu schaffen“185. Zusammen mit seinem Vetter Reinhart Schmidt/Briefumschläge (Elberfeld-Wuppertal) gründete er 1878 in Elberfeld „für die Verpackung von Lebensmitteln“ die Firma C. & R. Schmidt.186 Zweck des Unternehmens war die Fabrikation von Papiersäcken, -beuteln und -tüten. Der Arztsohn Carl F. Schmidt war an den drängenden Hygienefragen seiner Zeit sehr interessiert. Im März 1880 wurde die Firma ins Handelsregister eingetragen. 1882 wurde sie unter „C. & R. Schmidt, Inhaber Carl F. Schmidt, Papierwarenfabrik, Buch- und Steindruckerei – Spezialitäten: Papiersäcke und Papierschüsseln“ geführt.187 Unmittelbar nach der Übernahme als Alleininhaber hatte Carl. F. Schmidt mit der Fabrikation „gepresster Papierschüsseln“/Pappteller begonnen.188 Ab Ende der 1880er Jahre gehörte zum Lieferprogramm der Firma eine reiche Auswahl an bedruckten/unbedruckten Tüten und Papierbeuteln, an Pappschüsseln und -tellern (für privat, Gewerbe, Gastronomie, Konditoreien usw.), Glühkörperhüllen (für Gasglühstrümpfe), Zigarrentaschen zum Zusammenschieben, gefaltete Taschen-Trinkbecher, Taschen-Apotheken, Papp-Versandrollen, Tortenschachteln sowie Schachteln aller Art (auch aus Lederpappe). Die Exportverbindungen reichten von England über die USA bis Argentinien und Brasilien. Zum Betrieb gehörte eine werkseigene Schlosserei und Tischlerei. Während des Ersten Weltkriegs wurde die Firma ab 1915 fast vollständig auf die Produktion von Heeresverpackungen umgestellt. Nach Ende des Krieges stellte sich Schmidt & Co. ab 1919 insbesondere auf die Lieferung von Verpackungen für die pharmazeutisch-chemische Industrie ein. 1922 wurde das Unternehmen in eine Aktien-Gesellschaft umgewandelt. In den 1920er Jahren wurde der Bereich Papierverarbeitung fast vollständig eingestellt; der Bereich Pappeverarbeitung (Teller, Schüsseln, Dosen usw.) wurde ausgebaut und die Produktion von paraffinierten Trinkbechern sowie Hartpapier-Kübeln neu aufgenommen. Vor allem mit Trinkbechern belieferte C. F. Schmidt & Co. Großveranstaltungen, die Reichsbahn und die gerade gegründete Lufthansa. Während des Zweiten Weltkriegs wurde die Firma – wie bereits während des Ersten Weltkriegs – vollständig auf die Versorgung der Wehrmacht mit Verpackungsmaterial ausgerichtet. Die Belegschaft erreichte einen Höchststand von 250 Mitarbeitern. Im Juni 1944 wurden die Fabrikgebäude nach einem Bombenangriff total zerstört. Nach Ende des Kriegs und nach dem Wiederaufbau des Werkes wurde das Vorkriegsprogramm wieder aufgenommen.
Verpackungen im 19. Jahrhundert – Hygienefragen In den ersten zwei Dritteln des 19. Jahrhunderts spielten Verpackungen aus Papier und Pappe nur im kleinen Segment der Luxuswaren und Genussmittel (Bijouterien, Konfiserien, Tabak, Übersee-/„Kolonialwaren“-Produkte, feinmechanische Instrumente, ReiseNecessaires, -Bestecke, -Porzellane usw.) eine Rolle, und die war eher bescheiden. Die von Etui-, Futteral- und Dosenmachern in Werkstätten und Manufakturen hergestellten Verpackungen waren in ihrer Ausführung und in ihrem Aufwand dem Inhalt angepasst. Der Bedarf an Massenverpackungen – insbesondere für lose, trockene Waren – kam erst in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts mit der Entwicklung zur Massengesellschaft zur Massenproduktion und zum Massenkonsum auf. Zwischen 1851 und 1913 hatte 185 186 187 188
Vgl. 75 Jahre Schmidt & Co., S. 5. Vgl. ebd. Vgl. ebd., S. 6 f. S. auch Abschn. „Hartpapier“/Pappteller der v. A.
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sich das nominale Volkseinkommen verfünffacht und nach Abzug der jährlich um zehn Prozent steigenden Preise verdreifacht.189 Die Realeinkommen der deutschen Bevölkerung stiegen je Kopf (in Mark) von 295 (1851), auf 326 (1861), 352 (1871), 465 (1881), 555 (1891) auf 626 M im Jahre 1900.190 Allein in den Jahrzehnten zwischen der Reichsgründung und dem Beginn des Ersten Weltkriegs stieg die Bevölkerungszahl in Deutschland von 41 Mio. im Jahre 1871 auf 64 Mio. im Jahre 1914. Damit lag die Bevölkerungszahl des Deutschen Reichs hinter China, Russland und den USA weltweit an vierter Stelle.191 Ab 1850/60 hatte sich die Zahl der Geschäfte pro Einwohner verdreifacht. Allein zwischen 1875 und 1907 nahm sie um 80 Prozent zu.192 Fach- und Spezialgeschäfte entstanden. Der Bedarf an gesundheitlich unbedenklicher (Massen-)Verpackung stieg erst mit der veränderten Rolle von Hygienestandards im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts.193 Um 1880 stand die Entwicklung der Faltschachtel als Massenkartonage erst am Anfang. Das (zunehmend mehr erstverwendete) Papier für die maschinelle oder für die Eigenproduktion von Tüten und Papierbeuteln sowie zum Einschlagen der Ware war meist grau oder in blassen Einfärbungen, es war nur geringfügig geleimt und ohne satinierte Oberfläche. Stockzucker z. B. wurde in ein filziges, auf einer Seite blau eingefärbtes Papier eingewickelt. Nur die Konfiserien, vor allem aber die Apotheker, verwendeten aus vorwiegend ästhetischen oder hygienischen Gründen weißes Tüten/Beutel- oder Einwickelpapier.194 Die Metzger, Käse- und Fischhändler begnügten sich noch lange Zeit mit bedrucktem Zeitungspapier, das an der Ware festklebte. In der Zeit um 1880 waren die meist noch handgedrehten und handgeklebten Tüten und Papierbeutel der Kolonialwarenhändler weitgehend schmucklos. Lediglich die bedruckte und zum Teil schon mit Maschinen hergestellte Ware der Tüten- und PapierwarenFabriken war neben den Firmenaufdrucken auch mit Schmuckelementen versehen. Der Bedarf an (mehr oder weniger) anspruchsvoll, vor allem aber auffällig gestalteter Massenverpackung wurde erst durch den zunehmenden Konkurrenzkampf sowie das sich daraus ergebende Reklamewesen (u. a. für Marken) befördert und durch die Fortschritte im graphischen Gewerbe nahezu unbegrenzt möglich gemacht. Dem Bemühen vor allem der Werkbund-Bewegung (u. a. Karl Ernst Osthaus, 1874–1921), nach dem Vorbild des englischen Arts and Crafts Movements in volkserzieherischer Absicht auch über die Gestaltung der Massenverpackung auf die Massenästhetik einwirken zu können, war dagegen nur geringer Erfolg beschieden. Die Fähigkeit, den zunehmenden Massenbedarf zu decken, ging schließlich vor allem eng mit der Möglichkeit zur prinzipiell unbegrenzten, massenindustriellen Produktion von Papier195 und Kartonagen ab Mitte bzw. ab dem letzten Viertel des 19. Jahrhunderts einher. 189 Vgl. Treue, Gesellschaft, Wirtschaft und Technik, S. 269. 190 Vgl. Eduard Gartmayr, Nicht für den Gewinn allein – Die Geschichte des deutschen Einzelhandels, Frankfurt/M. 1964, S. 84. 191 Vgl. u. a. Karl Erich Born, Von der Reichsgründung bis zum Ersten Weltkrieg. In: Gebhardt, Handbuch der deutschen Geschichte, Bd. 16, München 1975, S. 40 ff. 192 Vgl. Ludwig Berekoven, Geschichte des deutschen Einzelhandels, 2. Aufl., Frankfurt/M. 1987, S. 29. 193 Die allgemeine Verbreitung von Hygienepapier begann erst im letzten Viertel des 19. Jhs.: 1876 erste Toilettenpapierrollen; 1902 Zellstoffwatte (Wiesbaden) usw.; vgl. u. a. György Vamos, Tendenzen im Papierverbrauch. In: Papier aus Österreich, 12/1989, S. 34 ff., hier: S. 36, Sp. 1. 194 Vgl. 60 Jahre Wipf & Co. Zürich – Papierwarenfabrik, Zürich, o. J. (1941, Jubiläumsschrift), S. 19, im Besitz des Verf. 195 Die Papierproduktion erreichte um 1800 einen Stand von 15 000 t; erst in den 1860er Jahren stieg sie spürbar auf 80 000 t an; bis 1900 auf 780 000 t; vgl. u. a. Kohl, Das Papier, S. 45;
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In der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts war es allgemein üblich, z. B. zum Verpacken von Nahrungsmitteln auch Einwickel- und Tütenpapiere zu verwenden, die aus bedruckter oder handbeschrifteter Makulatur stammten. So berichtete z. B. schon 1780 ein städtischer Registrator in Esslingen, dass der ortsansässige Kaufmann Steudel schon seit längerem Akten zum Tütendrehen verwende, die er von einem Spitalangestellten („Spitalgehorsamen“) kaufte, der das Material aus dem völlig ungesicherten Archivgewölbe des Hospitals besorgte.196 In den Jahren der Säkularisation um 1802/03 müssen im westfälischen Bödeken verheerende Zustände geherrscht haben. Niemand kümmerte sich um das Archiv und die Bibliothek des dortigen Klosters. Die Bauern, Buchbinder und Krämer zerschnitten die wertvollen Pergament-Codices, um daraus Schuhsohlen oder Buchdeckel zu machen oder Tüten zu drehen.197 Der Homer-Übersetzer Johann Heinrich Voß (1751–1826) berichtete in den beiden ersten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts von einem Kaufmann, der oft ganze Büchersammlungen erstand, um sie zum Tütendrehen zu verwenden. Voß war mit einem Handwerksmeister bekannt, bei dem es stets nach schlechtem Kaffee roch, den sich der Meister täglich in lappigen Löschpapiertüten bei einem Krämer besorgte.198 1826 notierte Voß: „Wenn auch das Aufspüren des echten lateinischen Ausdrucks mühsam war, weil mein altes aus Tütenpapier gerettetes Wörterbuch einen unbrauchbaren deutschlateinischen Anhang hatte.“199
1827 erschien Heinrich Heines „Buch der Lieder“. Heine überkam dabei die ungute Ahnung, dass eines Tages „Krautkrämer“ die Seiten seines Buches dazu missbrauchen würden, um darin „für die alten Weiber der Zukunft“ Kaffee und Schnupftabak abzufüllen.200 Paul Wiegand, Archivar und Bibliothekar an der Klosterbibliothek Corvey, klagte Mitte der 1830er Jahre, dass wohl jedermann wisse, welches Unheil die Krämer und Buchbinder in der Literatur schon angerichtet hätten und immer noch täglich anrichteten. 201 Diese Praxis stand in einer langen Tradition, die bis ins in die Zeitenwende und verstärkt bis in 16. Jahrhundert mit vielen Beispielen zu belegen ist. Erst als durch moderne Produktionsverfahren Papier in ausreichender Menge zur Verfügung stand und sich allmählich erste Absatzprobleme zeigten, drängte vor allem die Papier/Pappe herstellende und verarbeitende Industrie auf Änderung der gängigen Verpackungsgewohnheiten. 1878 hatte Robert Koch (1843–1910) in Berlin den Ursachennachweis von Infektionskrankheiten geführt und in den Zusammenhang mit Hygienemangel gestellt. U. a. war zu Ende der 1870er Jahre
196 197 198 199 200 201
zum Forschungsstand um 2008 vgl. Sabine Schachtner, Paper consumption in Germany during the 19th and 20th century. In: IPH congress book 17 (2008), S. 195-203. Vgl. Urkundenbuch der Stadt Esslingen, 1. Bd., bearb. v. Adolf Diehl. [= Württembergische Geschichtsquellen, hrsg. v. der Württembergischen Kommission für Landesgeschichte, Bd. IV], Stuttgart 1899, hier: S. XX/XXI (Einleitung). Vgl. Hermann-Josef Schmalor, Die ehemalige Klosterbibliothek Corvey (Teil II) in: Corvey Journal, Jg. 3, H. 2/1991, S. 2-9. Vgl. Joachim Wachtel, Vom Ballenbinder zur Selbstbedienung – Verpackung anno dazumal und heute, hrsg. v. Wolff & Co., Walsrode, Gütersloh o. J. (1965), S. 65. Zit. nach Jacob Grimm u. Wilhelm Grimm, Deutsches Wörterbuch. Bearb. v. d. Arbeitsstelle des deutschen Wörterbuches zu Berlin, München 1984, hier: Elfter Bd. Erste Abteilung, II. Teil, München 1984, S. 194. Vgl. Willy Tyroler, Vonwegen ... „kommt gar nicht in die Tüte“. In: packung und transport, 5/1988, S. 67, Sp. 1. Vgl. Hermann-Josef Schmalor, Klosterbibliotheken in Westfalen 800–1800. In: Monastisches Westfalen. Klöster und Stifte 800–1800, Münster 1992, S. 8.
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„Carl Friedrich Schmidt, Sohn des [...] Arztes Dr. Julius Schmidt in Witten, [...] mit den Forderungen der modernen Hygiene bestens vertraut. Er war stark beeindruckt von dem aus Amerika stammenden Gedanken, für Lebensmittel eine wirklich den Erfordernissen der Zeit entsprechende Verpackung zu schaffen.“202
Zusammen mit seinem Vetter Reinhart Schmidt/Wuppertal (Briefumschläge) gründete er 1878 in Wuppertal eine Fabrik zur Herstellung von Papiersäcken, -beuteln und -tüten, in der kurz darauf auch Pappschüsseln/-teller für den Einmal-Gebrauch produziert wurden.203 Ende der 1870er Jahre war die Papier verarbeitende Industrie durch mehrere Umstände in eine Absatzkrise geraten.204 Die Vettern Schmidt erhofften sich, vor dem Hintergrund der verstärkten Hygiene-Diskussion auch ein „politisch korrektes“ Produkt anzubieten. In einem Bericht der Wuppertaler Handelskammer zur Lage der ortsansässigen Papier verarbeitenden Industrie aus dem Jahre 1881 heißt es u. a.: „[...] es steht zu erwarten, daß die Zweckmäßigkeit [der Pappteller], nämlich als sauberer, praktischer und wohlfeiler Behälter beim Verkauf von Esswaren aller Art zu dienen und die gesundheitswidrige Unsitte, derartige Ware in bedrucktes oder beschriebenes Papier einzuwickeln, zu verdrängen, mehr und mehr anerkannt wird.“205
Im selben Jahr 1881 richteten die Schutzvereine der Papier-Industrie und des Papier- und Schreibwarenhandels zusammen mit dem Verein der Deutschen Papierfabrikanten eine Petition an das Kaiserliche Gesundheitsamt, worin sie um gesetzliche Maßnahmen gegen die „ekelerregende und gesundheitswidrige Unsitte“ des Einwickelns von Esswaren in gebrauchtes, bedrucktes und beschriebenes Papier baten. 1882/83 erließ der Gothasche Stadtrat eine Polizeiverordnung, wonach das stehende und ambulante Gewerbe, einschließlich der Wochen- und Jahrmärkte, fette und feuchte Nahrungs- und Genussmittel ausschließlich in sauberes, „zu keinem Zwecke vorher gebrauchtes, unbeschmutztes“ Schreib- oder Druckpapier, oder reines, naturfarbenes Stroh- oder Löschpapier zu verwenden hätte. Verboten wurde insbesondere die Verwendung von Papier gebrauchter Schreibbücher oder gebrauchter Druckschriften sowie von buntfarbigem Papier, zu dessen Einfärbung giftige Stoffe eingesetzt worden waren. Bei Zuwiderhandlung wurde Geld- oder Haftstrafe angedroht. Ab 1899 war es in Deutschland Delikatesswarenhändlern und Fleischern gesetzlich verboten, z. B. Schinken, Schweizer Käse oder andere Esswaren ohne hygienisch einwandfreie Zwischenlage direkt in bedrucktes Papier einzuwickeln.206 Für Kartonagen-Verpackungen gab es vor dem letzten Viertel des 19. Jahrhunderts – mit Ausnahme von Schachteln/Dosen für Apotheker oder Luxusartikel-Anbieter – kaum einen Bedarf. Erst mit dem Aufkommen industrieller Massenprodukte stieg auch die Nachfrage nach Massenverpackungen aus Karton/Pappe. Und erst mit dem Angebot von Karton und Pappe in beliebiger Menge, vor allem aber mit der Entwicklung drahtgehefteter/geklebter Faltschachteln wurde es zunehmend üblich (und notwendig), Industriegüter derart verpackt anzubieten.
202 203 204 205 206
Vgl. 75 Jahre Schmidt & Co. Gegründet 1878 [Wuppertal 1953], S. 5. Vgl. ebd., S. 5 f. Vgl. Anfang im folgenden Abschn. „Papierverarbeitung – 1900–1933“ der v. A.. Zit. in: 75 Jahre Schmidt & Co, S. 11. Vgl. Die Gartenlaube, H. 40/1899. Wiedergegeben in: IPH-Info, 1/1988, S. 17.
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Tüten/Beutel als Problem Anfang der 1880er Jahre gehörten Tüten und Beutel zu den Selbstverständlichkeiten in der Ausstattung des Einzelhandels. In den Monaten Januar bis März des Jahres 1881 ging die Papier-Zeitung wiederholt auf eine Auseinandersetzung ein, die von mehreren – vor allem Berliner – Zeitungen als Kampagne einiger Vereine aufgegriffen worden war. In dieser Kampagne ging es um die Erwirkung einer gerichtlichen Entscheidung, nach der die Kolonialwarenhändler Lebensmittel Brutto für Netto – ohne Tara/Tütengewicht – einzuwiegen hätten. Das Thema war von allgemeinem Interesse, da die meisten – mit jedem einzelnen Pfennig rechnenden – Hausfrauen bei den täglichen Besorgungen den Vorgang des Einwiegens unmittelbar beobachten konnten und dabei feststellten, dass das Gewicht der Tüten/Beutel als Teil des Gesamtgewichtes berechnet wurde. Durch diese Kampagne war auch in der Papierwirtschaft eine längere Diskussion darüber ausgelöst worden, ob Tüten in Stückzahlen – wie zwischen Anfang der 1850er und Mitte der 1860er Jahre allgemein üblich207 – oder nach Gewicht bestellt, bezogen bzw. geliefert werden sollten. Im seriösen Geschäftsverkehr zwischen Tüten-/Beutel-Anbietern und Einzelhandel war es üblich, bei Gewichtsverkäufen fast ausnahmslos mit Angabe der Stückzahl auf 50 oder 100 kg zu handeln, z. B.: „100 Pfd. ½ Pfunds-Düten oder -Beutel in Schrenz, Spelt oder Blaustoff etwa 10 000 Stück, 1 Pfunds 8000 Stück, 2 Pfunds 5000 Stück u.s.w.“ 208 Besonders von Berlin ausgehend war es in einigen Fällen Praxis geworden, dass Fabrikanten bei Bestellung nach Gewicht schwere (oft unter Zusatz von Tonerde) und minderwertige Ware zu „geschundenen/geschleuderten“209 Preisen lieferten, oder Krämer derartige Ware in der Absicht bestellten, sie bei der Warenabgabe mitzuwiegen, um aus der Differenz zwischen billigen Tüten und teurem Inhalt einen („pfennigfuchserischen“) Gewinn herauszuschlagen. Dieses Verhalten wurde von der Kundschaft kritisch beobachtet und kommentiert. Zugleich wurde von den Kunden ohne Einwand hingenommen, dass schweres Einwickelpapier beispielsweise für Butter, Schmalz oder grüne Seife mitgewogen wurde. Beim gleichen Umgang mit Tüten und Beuteln war jedoch von Übelständen, Missbrauch, Unsitte und betrügerischen Absichten die Rede. Das war rufschädigend in einem Klima, in dem Sitte, Anstand, Zucht und Ordnung auf kleinbürgerlichem Niveau verinnerlicht waren. Verstöße gegen diese Prinzipien verlangten nach Bestrafung. Die billige, schwere und unansehnlich wirkende Massen-Ware „Tüten“ – in der Hauptsache aus Altpapier und Strohschrenz – wurde unmittelbar mit der negativ besetzten Zuordnung von billig, minderwertig, massenhaft, Ärger verursachend und Zuchthausware in Verbindung gebracht.210 Die besseren Qualitäten wurden jedoch als zu teuer abgelehnt und der Hadernverbrauch dafür als nicht gerechtfertigt kritisiert. Die Beiträge der Papier-Zeitung lassen nicht erkennen, in welchem Verhältnis die unbedruckte Billigware zur aufwändiger gestalteten Qualitätsware stand. Die Anteile der Billigware werden jedoch überwogen haben. Die ungeheure Anzahl der Klein- und 207 Die übliche Handelsform waren 12-, 8-, 4-, 2- oder 1000- und 500-Stück-Pakete – je nach Sorte und Größe. Vgl. Papier-Zeitung, Nr. 10, 10.3.1881, S. 431, Sp. 3. Die Tüten- und Beutelmaschinen, die seit Mitte/Ende der 1870er Jahre eingesetzt werden konnten, waren wahlweise mit oder ohne Zählwerk ausgestattet. 208 Vgl. Papier-Zeitung, Nr. 9, 3.3.1881, S. 417, Sp. 1. Blaustoff ist blaues Packpapier für Zuckerbeutel; vgl. Hans Kotte (u. a.), Welches Papier ist das? Stuttgart 1959, S. 206. 209 Preisschinderei/Schleuderpreise sind zeitgenössische Begriffe für Preiskampf/-unterbietung. 210 „Manche schöne (?) dicke Düte wurde mir als Strafanstaltsdüte bezeichnet [...]. Wer solche Düten Brutto für Netto mitzuwiegen die Stirn hat, der müsste auch in die Strafanstalt zum Dütenkleben gebracht werden.“ Papier-Zeitung, Nr. 9, 3.3.1881, S. 417, Sp. 2.
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Kleinstläden – oft nur in der Größenordnung von Wohnzimmern und bis in abgelegene Nebenstraßen hinein – hatte bei allgemein schmaler Rendite einen scharfen Wettbewerb auf dem Niveau von Zehntelpfennigen zur Folge. Alle Nebenkosten wurden kleinlichst kalkuliert. Das ging vor allem zu Lasten der Verpackung. Die Masse der Kundschaft war noch nicht darin eingeübt, auch die Artikel der täglichen Versorgung in ansprechender Ausstattung angeboten zu bekommen. Und die Krämer waren wegen der damit verbundenen erhöhten Kosten nicht daran interessiert, etwas zu ändern. Lediglich die besseren Fachgeschäfte in den größeren Städten, einschließlich der Apotheken, hielten eine solche (auch Luxus-)Ausstattung für ihre meist teueren Produkte und für ein anspruchsvolleres Publikum bereit, das nicht darauf angewiesen war, in der Größenordnung von Pfennigbeträgen rechnen zu müssen. Dagegen bildeten bei der Massenversorgung (notwendigeroder vernünftigerweise?) Verpackungen auf der Qualitätsstufe von Zeitungs- und billigstem Schrenzpapier oder in mitgebrachten Gefäßen den üblichen Dienstleistungsstandard. Die Fabrikation der „unscheinbaren“ Tüten und Beutel galt nach Einschätzung der Papier-Zeitung „im allgemeinen als niedrigster und bescheidenster Zweig der Papierverarbeitung“.211 Tüten und Beutel sind Synonyme für Alltag, Selbsterhaltung auf elementarster Stufe. Sie stehen als notwendiges Beiwerk im unmittelbaren Zusammenhang von Grundversorgung und Befriedigung elementarster Bedürfnisse. Sie werden unmittelbar gleichgesetzt mit der Geste des Wegwerfens – mit Müll. Tüten/Beutel – sowie ab dem ausgehenden 19. Jahrhundert Faltschachteln – sind Ausdruck von Banalität. Die allgemeine Vorstellung von der Fertigung von Tüten/Beuteln verband sich in der Vergangenheit über viele Jahrzehnte mit dem zweifelhaften Milieu ungelernter Gelegenheitsarbeiter, Strafgefangener212, selbst mit dem Milieu „körperlich Anormaler“213, die in Arbeitshäusern, Landesheil-, Idioten- und Taubstummen-Anstalten214 beschäftigt waren. Die Heimarbeiter hingegen, die Puppen, Blumen oder Masken herstellten, konnten in ihrer Mehrzahl damit rechnen, eher einem zwar bedauernswerten, weil äußerst armen, insgesamt aber als „bürgerlich“ gewerteten Milieu zugeordnet zu werden. Bei Tüten und Beuteln (teil-/behelfs-/ersatzweise begrifflich wenig günstig als „Sack“ bezeichnet) löste/löst allein die Bezeichnung des Gegenstandes Assoziationen zu Urlauten, zur Kindersprache, zur Lautmalerei aus (Tuten/Tute/Tüte). „Tüten drehen gehen“ umschreibt das Faulenzen; „Knalltüte“ oder „Trantüte“ gilt als Ausweis für mangelnde oder verlangsamte Intelligenz. Tüte steht für Entlassung/Kündigung (er kriegt die Tüte). Tüte drückt Verneinung/Ablehnung aus (kommt nicht in die Tüte). Tüte bedeutet Kontrollverlust/Verwirrung (völlig aus der Tüte sein). Hermann Hesse schrieb in einer krisenhaften Phase: „Mein Leben kommt mir vor wie eine zerplatzte Papiertüte“.215 Die „Wucht in Tüten“ allein kann kaum für den positiven Ausgleich sorgen und das Ausweichen auf Ersatzbegriffe (Beutel/Sack) scheitert an irritierenden Assoziationen sexuell zweideutiger Natur. Neutralnüchtern und seriös erwähnt werden Tüten/Beutel lediglich in Industrie- und Wirtschaftsnachrichten, polemisch zitiert dagegen z. B. als „Plastiktüte“ in der Umweltdiskussion. Als Gegenstand wissenschaftlicher Arbeit sind gewöhnliche Tüten kaum zur Steigerung der Reputation geeignet. Ihnen fehlt das Spektakuläre, das „Seriöse“ der Montan-/ Schwer-Industrie oder der Charme der Luxuspapiere wie auch der Reiz der Briefmarken. 211 Papier-Zeitung, Nr. 9/1893, 19.1.1893, S. 153, Sp. 2. 212 Mindestens im selben Umfang wie Tüten/Beutel wurden in den Strafanstalten Briefumschläge geklebt. Dieser Zusammenhang wurde jedoch immer nur unter wirtschaftlichen Aspekten behandelt. 213 Demuth, Papierindustrie, S. 269. 214 Vgl. u. a. Papier-Zeitung, Nr. 99/1904, 11.12.1904, S. 3685, Sp. 2. 215 Zit. nach stern, 30/2002, S. 74, Sp. 1.
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Tüten und Beutel sind nicht „sexy“. Ihrer Gestaltung fehlte das Raffinement der Verführung, das Spielerische des Überflusses. Tüten/Beutel und Faltschachteln hinterließen in ihrer Massenhaftigkeit und der Anspruchslosigkeit ihrer Erscheinung von Beginn an den Eindruck des allein Nützlichen, des Überflüssigen und damit der Last und des Problems der Entsorgung. Sie wurden/werden als Müll wahrgenommen und verwiesen derart auf „die Existenz des Verfalls inmitten der nach Perfektion gierenden Konsumgesellschaft. Die siegreiche Kulturarbeit hat eine Kehrseite, den Müll.“216 Tüten/Beutel, Tragetaschen, Faltschachteln blieben weitgehend ungenutzt als Brücke zum sozial, akademisch oder museal anerkannten Bereich des Luxuspapiers als „Einstimmung auf etwas undefinierbar Festliches, Schönes und Gehobenes“217 – oder auf Wertvolles (z. B. Papiermaché-Puppen), Herausgehobenes (z. B. Papier-Blumen, -Masken), vom Wegwerf-, Müllund Abfallcharakter Befreites (z. B. Alben, Geschäftsbücher usw.). Die meisten Massenverpackungen erreichen erst nach Jahrzehnten einen nostalgischen, meist als kurios empfundenen Reiz. Tüten/Beutel wurden vor allem mit den im öffentlichen Bewusstsein in denkbar schlechtem Ruf stehenden Strafanstalten (Zuchthäuser/Gefängnisse = „Tütenfabriken“) in Verbindung gebracht. In diesen Anstalten verbüßten die Insassen („Tütenkleber“) nach einem allgemeinen, undifferenzierten und obrigkeitshörigen Verständnis eine (im Zweifelsfall) verdiente Strafe. Bevor der Resozialisierungsgedanke aufgekommen war, sollten die Straffälligen vor allem durch das Erziehungsmittel Arbeit (u. a. durch das um 1880 bereits sprichwörtliche „Tütenkleben“) wieder in die Gesellschaft eingegliedert werden. (Auch) vor diesem Hintergrund kam Tüten und Beuteln als billiges, in der Anfangszeit noch häufig unzuverlässiges und in der Mehrzahl unansehnliches Massenphänomen eine Wertigkeit zu, aus dem heraus sie gerade noch als Brennmaterial für Herd und Ofen tauglich waren. Sie wurden bereits zu Beginn ihrer Massenfertigung „belächelt“. Zur „Poesie der Alltagsdinge“ hatten sie nur wenig beizutragen. Die massenhaften Begegnungen, Erfahrungen und Wahrnehmungen mit ihnen waren so nachteilig und nachhaltig prägend, dass die Beschäftigung mit ihnen in jeder Form bis in die Gegenwart – ganz im Gegensatz etwa zu Luxuspapier, Papiermaché-Arbeiten, Tapeten usw. – als „schrullig“ empfunden wird.218 Im letzten Jahr des ausgehenden 19. Jahrhunderts kam es in der Papier-Zeitung zu einer äußerst empörten Reaktion „ehrenhafter Dütenfabrikanten“ auf Preiskurante (Preislisten) der Lübecker Papierhandlung Moritz Cohn, die folgendermaßen warb: „Vorstehende Notierungen sind in Anbetracht der hierfür ohne jeden Zusatz von Mineral gelieferten Papiere und äußerst sorgfältigen Arbeit die niedrigsten in ganz Deutschland und werden von keiner Fabrik außerhalb des Königreichs Sachsen erreicht. [...] Dies ist der einzige Grund, der die übrigen Fabrikanten zur Gewichtsberechnung zwingt, deren betrügerische Absicht hierdurch nicht nur klar hervorgeht, sondern auch gleichzeitig die markante Feigheit dieser Herren, mir auf diesem gleichen Wege entgegenzutreten.“219 216 Jürgen Kisters, Die Kunst, der Müll und der Tod. Zum Anlaß einiger Objekte von Ruth Knecht. In: Apex, Nr. 15, Köln 1992, S. 76 217 Christa Pieske, Luxuspapier 1860–1930. Bunte Vielfalt eines vergänglichen Materials. In: Schätze in Papier, hrsg. v. Heinrich Mehl, Husum 1999, S. 16. 218 Vgl. u. a. Stuttgarter Zeitung, Nr. 22/2002, S. 52, Sp. 1 (die Formulierung steht im Zusammenhang mit Spitzwegerich-Bonbons). 219 Vgl. Papier-Zeitung, Nr. 14/1899, 16.2.1899, S. 510, Sp. 2. Die Papier-Zeitung riet jedem Tütenfabrikanten/-händler, der sich durch diese Anzeige geschädigt fühlte, beim Amtsgericht Lübeck auf Schadenersatz und Strafe zu klagen; vgl. ebd.
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Die bis in die Gegenwart andauernde Diskussion um den Anspruch an und den Überfluss von Verpackungen – u. a. im Problemfall „Plastiktüten“ – hat eine weit über 100 Jahre andauernde Tradition. Damit verbindet sich zugleich die Tradition der wertenden Zuordnung von gesellschaftlich sanktionierten/nicht sanktionierten Phänomen der Massenkultur.
Letztes Viertel des 19. Jahrhunderts Die Papierverarbeiter konnten ihre Chancen in ihren Anfängen Mitte des 19. Jahrhunderts vor allem durch den Einsatz ungelernter, billiger Arbeitskräfte, durch die konsequente Rationalisierung in der Rohstoffverarbeitung, hauptsächlich bei der Auswahl und beim Zuschnitt der Papiere sowie durch den Einsatz der Drucktechnik und schließlich durch den beharrlichen Aufbau eines Marktes nutzen. Technisch-maschinelle Möglichkeiten standen dieser Fachrichtung bis zum letzten Viertel des 19. Jahrhunderts nur sehr begrenzt zur Verfügung. Durch das große Angebot billiger Arbeitskräfte gerade auch in strukturschwachen Gegenden konnte sie diesen Mangel jedoch voll ausgleichen und den Maschineneinsatz noch lange Zeit vernachlässigen. Erst als die Massennachfrage allgemein zunahm und durch die Konkurrenz der Produzenten die Kalkulations- und Kostengrenzen enger wurden, erhielten die Maschinenbauer eine Chance, ihre häufig schon länger vorliegenden Konstruktionsideen in der Praxis bis zur Serienreife umzusetzen. 1810 hatten Friedrich Koenig (1774–1833) und Andreas Friedrich Bauer (1783–1860) die Technik der Schnellpresse entwickelt (Koenig & Bauer/Oberzell). Aber „erst nach einem halben Jahrhundert und mehrfachen Verbesserungen kann mit endlosem Papier von der Rolle gedruckt werden“.220 In den 1830er Jahren war von dem Amerikaner Isaac Adam/Boston die Tiegeldruck-Presse („Boston“-Presse) entwickelt und in den folgenden Jahren wiederholt verbessert worden.221 Sie eignete sich als Flachdruck-Maschine vor allem für den Druck kleiner Formate und für kleine Auflagen. Ab den 1860er Jahren nahm die Anzahl der Akzidenzdruckereien, der Großbuchbindereien sowie der Briefumschlag-, Tüten- und Papierwaren-Fabriken mit erhöhtem Bedarf an Druck-Einrichtungen stetig zu. Und ab den 1870er Jahren konnten sich durch die verstärkt einsetzende und für Fabriken letztlich typische Mechanisierung (Tüten-/Beutel-Maschinen, Drahtheft-Maschinen) – einschließlich des zunehmenden Einsatzes von Dampfkraft und Elektrizität – allmählich auch in der Papier und Pappe verarbeitenden Industrie Großunternehmen entwickeln, die ihre Erzeugnisse auch über Markenbezeichnungen kenntlich machten (u. a. 1877 Max Krause/Berlin, MK-Papier). 1875 beschrieb Benjamin Bodenheim die Situation der Papierwaren-Industrie am Beispiel eines der damals führenden Unternehmen dieser Sparte, der Firma Bodenheim/Allendorf.222 Danach hatte die Tütenfabrikation in der Mitte der 1870er Jahre ähnliche Dimensionen wie die Kuvertproduktion angenommen. Wahrscheinlich war der Anteil der Tüten und Beutel jedoch größer. Bei Bodenheim waren 250 gut geschulte Arbeitskräfte beschäftigt. Im Betrieb standen acht Buchdruck-Schnellpressen, vier Hand-, vier amerikanische Tiegeldruck- und fünf lithographische Pressen. Dazu kamen Satinier- und 220 Weiß, Zeittafel, S. 249. 221 Vgl. ebd., S. 286. 222 Benjamin Bodenheim/Allendorf, Vortrag anlässlich einer Tagung des Hessischen Bezirksvereins deutscher Ingenieure am 5.3.1875 in Hannover. In: Hannoverscher Courier, 13.3.1875, S. 2, Sp. 2 f.
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Glättwerke, Präge-, Vergolde- und Stempelpressen, 25 Briefkuvert-Maschinen,223 außerdem Kaschier-, Schneide- und andere Hilfsmaschinen sowie Geräte zur Herstellung von Galvanos und Stereotypen. Wöchentlich wurden 2 ¼ Mio. Briefkuverts mit Maschinen und eine ¾ Mio. Briefumschläge in Handarbeit hergestellt. Dazu kamen wöchentlich 20 000 Stück diverser (Fest-)Kartonagen. Die Herstellung der Tüten und Beutel erfolgte bei Bodenheim & Co. teils durch Maschinen224, in der Hauptsache aber durch Handarbeit. Ein geschickter Arbeiter fertigte während der üblichen Zehnstunden-Schicht täglich 10 000 Tüten. Der Lohn dafür betrug 15 bis 20 Pf. pro Tausend/pro Stunde (= täglich 1,50 bis 2,00 M). Das waren Kosten, die kaum höher lagen als Maschinenarbeit. Sie machten eine Anschaffung einer Maschine nicht lohnend.225 Benjamin Bodenheim erklärt den Begriff (Tüten-)„Maschine“ nicht genauer. Sie seien Kuvertmaschinen ähnlich gewesen. Beim damaligen technischen Entwicklungsstand können darunter nur vage amerikanische, englische oder französische Beutel-Maschinen vermutet werden. Die deutschen (Spitztüten-)Maschinen von Windmöller & Hölscher/Lengerich kamen in leistungsfähiger Ausführung erst in der zweiten Hälfte der 1870er Jahre auf den Markt.226 Wahrscheinlich wird es sich bei den Bodenheim-„Maschinen“ um einfachste Hilfsgeräte gehandelt haben, für die zeit- und branchenüblich irreführend ein höherer Grad an Technologie unterstellt wurde. Zu den Hauptabnehmern der Verpackungs- und Papierwaren-Industrie zählten Mitte der 1870er Jahre u. a. Kaufleute, Apotheken, Drogenhandlungen, Konditoreien, Kunstgärtner usw., die „sämtlich ihren Bedarf an Düten und Cartonagen aus den Fabriken“ bezogen.227 Dadurch wurde den Abnehmern die zeitraubende Eigenfertigung abgenommen und andererseits Tausenden von Arbeitskräften der Lebensunterhalt gesichert.228 Um 1890 wurden in der deutschen Tüten-, Papiersack-, Papierwaren-, Kartonagen- und Briefumschlag-Industrie rund 460 Betriebe mit rund 13 000 Beschäftigten gezählt.229 Durch den nunmehr industriell verwerteten Rohstoff Holz ließ sich ab der zweiten Jahrhunderthälfte die Papier-/Pappeproduktion nahezu unbegrenzt steigern. Zwischen 1800 und 1910 war die deutsche Papier- und Pappeerzeugung von 500 g auf 20 kg je Kopf und Jahr gestiegen. Die Gesamtmenge hatte sich von 1800 bis 1910 um mehr als das 100-fache vergrößert.230 Dagegen hatte sich der Papierpreis in den Jahren zwischen 1880 223 1875 kam in England eine – gegenüber der 1840 zuerst konstruierten – wesentlich verbesserte Briefumschlagmaschine mit Gummiereinrichtung heraus; vgl. Kühl, Briefumschlag-Industrie, S. 3 ff. 224 Vgl. Hannoverscher Courier, 13.3.1875, S. 2, Sp. 3; vgl. u. a. schriftl. Angaben der Firma Heinrich Ludwig, Siebenlehn (Sachsen) zu einer Arbeitsplatte für Handkleberei, in dem diese Platte ebenfalls als „Maschine“ bezeichnet wird (Schreiben vom 28.11.1997 und Arbeitsplatte im Besitz des Verf.). 225 Vgl. Hannoverscher Courier, 13.3.1875, S. S. 2, Sp. 3. 226 Vgl. hierzu auch Abschn. „Maschinenbau“ der v. A. 227 Hannoverscher Courier, 13.3.1875, S. 2, Sp. 2 f. 228 Vergleichszahlen liegen nicht vor. In anderen Firmenchroniken fehlen derartige Angaben meist völlig. 229 Vgl. 100 Jahre Berufsgenossenschaft Druck und Papierverarbeitung 1885–1985, hrsg. v. d. Berufsgenossenschaft Druck und Papierverarbeitung Wiesbaden, Wiesbaden/Mainz 1985, S. 41. Zu diesen Zahlen müssen die Gewerbszweige mit nicht eindeutiger Zuordnung – z. B. LinierAnstalten, Geschäftsbücher, Etiketten-, Etui-Fabriken usw. – hinzugerechnet werden. 230 Vgl. Bockwitz, Hans H./Kotte, Hans/Friese, Franz, Karton im Wandel der Zeit. Studien zur Kartongeschichte, dargeboten zum fünfzigjährigen Bestehen des Feldmühle-Werkes in Arnsberg in Westfalen 1901–1951, Bielefeld 1950, S. 47.
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und 1895 halbiert. Insbesondere über die Dynamik, die die Papier erzeugende Industrie in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts durch die Möglichkeit der massenhaften Erzeugung gewonnen hatte, war, neben den weiteren technischen Innovationen (insbesondere Maschinenbau und Energie), den radikal veränderten wirtschaftlichen Verhältnissen nach 1871 (Massenproduktion/-bedarf, Hochkonjunktur usw.) sowie den soziokulturellen Weiterentwicklungen (Urbanisierung, erhöhter Bildungsgrad, gesteigerter Informationsbedarf usw.), auch eine Dynamik in der Papier- und Pappeverarbeitung hin zur industriellen Ausformung angestoßen worden. Eine amtliche Produktionserhebung über die gesamte Papierverarbeitung wurde vor dem Ersten Weltkrieg nur ein einziges Mal für das Jahr 1897 durchgeführt und (nur teilweise) im Jahre 1900 veröffentlicht.231 Danach wurden 1897 wertmäßig produziert: – Kartonagen und Etuis: 28 Mio. RM. – Tüten und Beutel: 21 Mio. RM. – Briefumschläge und feine Papierwaren: 14,5 Mio. RM.232
Standortfrage Für die Gründungsphase der 1850er/60er/70er Jahre und die weitere Entwicklung der Tüten/Papierbeutel oder Briefumschläge herstellenden Industrie gibt es bis über die Jahrhundertwende hinaus eine auffällige Standortbevorzugung von Kleinstädten in strukturschwacher Umgebung (2000 bis 20 000 Einwohner – z. B. Sobernheim, Allendorf, Höxter, Lengerich, Aschersleben, Berleburg, Elberfeld usw.). In den meisten Fällen waren die Gründungsorte gleichzeitig die Wohn- und Lebensorte der Firmengründer. 1929/30 wurde eine Studie zur Standortwahl im Bereich der Papier und Pappe verarbeitenden Industrie erstellt.233 Danach orientierte sich dieser Wirtschaftszweig – und insbesondere der der Kartonagen herstellenden Industrie – auch im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts und wie seit Mitte des 19. Jahrhunderts vorrangig an den Kriterien Arbeitskräfte und Absatzmarkt. Bei zunehmendem Ausbau des Verkehrswesens, vor allem des Eisenbahnnetzes mit günstigen Frachttarifen, war ein ortsunmittelbarer oder -naher Absatzmarkt für die meisten Produkte der Papier und Pappe verarbeitenden Industrie dagegen weniger wichtig. Auch eine mögliche Ortsferne zu den Produktionsstätten der Ausgangsprodukte spielte bei der Standortfrage nur eine nachgeordnete Rolle. Die Ware wurde üblicherweise „frei Station“ geliefert. Erst mit der deutlich zunehmenden Hochindustrialisierung und der damit einhergehenden Ausbildung von Großstädten ab den frühen 1870er Jahren entstand ein entsprechender Massenbedarf an Massenartikeln (Kartonagen, Tüten/Beutel, Briefumschläge usw.). Der private und gewerbliche Massenbedarf machte dessen Deckung vor Ort lohnend, und durch ein entsprechendes Arbeits- und Fachkräfteangebot auch möglich. Das traf ebenso auf die verfeinerten Artikel (Luxuspapierwaren, -Kartonagen, Papierausstattung) zu, deren weitgehende Fertigung von Hand auch in den Großstädten durch ausreichende Arbeitskräfte im Leichtlohnbereich (Frauen, Jugendliche oder Angehörige „tieferstehender Rassen“234) gesichert war. 231 232 233 234
Vgl. Weissenfels, Standorte, S. 103. Vgl. Demuth, Papierindustrie, S. 253. Vgl. Weissenfels, Standorte, S. 104. Ebd., S. 36.
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„Für die Wahl des Standortes für die Unternehmungen der Buntdruck- und Luxuspapierwarenindustrie sind die Rohmaterialien nicht maßgebend, da auf sie [...] nur ein untergeordneter Kostenanteil an den Fertigprodukten entfällt. Dagegen ist die Entwicklung der Industrie in hohem Maße beeinflußt worden von dem Vorhandensein einer Bevölkerung, die für die Arbeiten besonders geeignet ist. [...] daß z. B. in Leipzig, Stuttgart, Berlin und Frankfurt a. M. die Entstehung der Kunstdruckereien durch das Buchdruckgewerbe angeregt worden ist.“235
Und schließlich war bei der zunehmenden Mechanisierung die Suche nach qualifiziertem Bedienungspersonal in den Großstädten aussichtsreicher als in den Kleinstädten. Diese Entwicklung bedeutet jedoch nicht, dass sich dadurch die Produktion der Papier und Pappe verarbeitenden Industrie von den Klein- in die Großstädte in einem bemerkenswerten und nachhaltigen Umfang verlagert hätte. Die großstädtischen Standorte kamen lediglich hinzu. Das Beharrungsvermögen der Kleinstadtbetriebe an ihrem traditionellen Standort war kennzeichnend für diese Branche und blieb es bis in die Gegenwart. 1903 wurden allein in der Papierwaren-Industrie (ohne Spezialbetriebe für Briefumschläge, Kartonagen, Tüten/Beutel) 12 000 Arbeitskräfte gezählt.236 Die Zahl der Betriebe der Papier und Pappe verarbeitenden Industrie lag nach Schätzungen 1927 in den Großstädten bei: Berlin 3280, Hamburg 740, Leipzig 720, Dresden 560, München 520, Frankfurt/M. 360 und Nürnberg 200 Betrieben der Papier und Pappe verarbeitenden Industrie. Diese Zahlen haben insgesamt jedoch nur einen geringen Aussagewert, da nicht definiert wurde, welcher Betrieb nach welchen Kriterien zu erfassen war. Reine Spartenbetriebe waren selten. Die meisten Betriebe waren Mischbetriebe.237 An der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert konnten die meisten Produkte der industriellen Papierverarbeitung massenhaft hergestellt werden. Sie waren zunehmend zur Selbstverständlichkeit im bürgerlichen Leben geworden. Papierwaren gehören zu den frühen Verbrauchsartikeln, durch die der sorgsame, bedachte und sparsame Umgang mit Dingen aller Art allmählich verloren ging. Papierwaren wurden in ihrer Massenhaftigkeit, Billigkeit und Kurzlebigkeit zunehmend als wertlos betrachtet und verführten zum entsprechend gedankenlosen Umgang mit ihnen. Die frühen Massen-Papierwaren vermittelten eine erste Ahnung von einem Leben in Sorglosigkeit, Verschwendung und Überfluss. Über sie wurde die Geste des Wegwerfens von produzierten Dingen eingeübt und allmählich verinnerlicht. Insbesondere über die massenhaft eingesetzten und nicht mehr erkennbar berechneten Tüten und Papierbeutel veränderte sich das Verständnis von Abfall. Es veränderte sich die Kategorie Kreislauf der Rohstoffe, in dem alles bis zur Selbstauflösung wiederund weiterverwendet wurde, zur völlig neuen Kategorie von Müll, in der die Dinge nach einmaligem Gebrauch in der selbstverständlichen Erwartung einer möglichst spurlosen Entsorgung weggeworfen wurden. Vor allem die Papierwaren Tüten, Papierbeutel, Briefumschläge usw. sind wesentlich beteiligt an der Entwicklung der Ex- und HoppMentalität und an der Entwicklung der Wegwerf-Gesellschaft, die sich schließlich zunehmend mit dem Problemwandel von der Versorgung zur Entsorgung und mit dem Begriffswandel vom Rohstoff-Kreislauf zum Recycling befassen musste.
Standortfrage am Beispiel Düren In der traditionsreichen und über die Grenzen Deutschlands hinaus bekannten Papiermacher-Region Düren-Jülich (einschließlich Kreuzau und Winden)238 hatte sich im letz235 236 237 238
Heinrich Meyerholz, Kunstdruckindustrie, S. 31. Vgl. Werra-Bote, Nr. 65, vom 15.8.1903, Beilage Aus der Provinz und ihrer Umgebung, Sp. 2. Vgl. Pieske, ABC des Luxuspapiers, S. 49. Zu Jülich vgl. u. a. Abschnitte „Briefumschläge“ oder „Pappe/Wellpappe“ der v. A.
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ten Viertel des 19. Jahrhunderts, nicht selten aus den Reihen der Papiermacher, eine Papierverarbeitungs- bzw. -bearbeitungs/-veredlungs-Industrie entwickelt, die in diesem Wirtschaftsbereich schnell mit einer Anzahl von Marktführern vertreten war. „Man kann [...] nicht behaupten, dass bei der Papier[verarbeitungs-]Industrie eine reine Arbeitsorientierung vorliegt. [...] Vielmehr ist Agglomeration [Bildung von Ballungsräumen] auf der Basis von Arbeitsorten festzustellen. Die Zentren für die Papier[verarbeitung] sind so in Berlin und Düren, ferner in Nürnberg und in Stuttgart gegeben.“239
Seit Ende des 17. Jahrhunderts hatte sich die Papiermacherei und in deren Gefolge die Papierverarbeitung zu einem der bedeutendsten Wirtschaftszweige im Raum Düren entwickelt. Während die Standorte Berlin, Nürnberg und Stuttgart traditionell zu den wirtschaftlichen Ballungsräumen zählten, erreichte der Landkreis Düren auf Grund der industriellen Entwicklung vor allem im Papier-, Metall- und Textilbereich sowie des Eisenbahnanschlusses seit 1841 einen Bevölkerungszuwachs von rund 37 000 im Jahre 1816 auf nahezu 107 000 im Jahre 1912.240 Eine weitere überregionale Beachtung fand Düren, als ab 1925 im Allgemeinen reichseinheitliche Lohn- und Arbeitstarifvereinbarungen galten. „Dagegen [wurden] nur 10% durch 23 Ortstarife (besonders markante Papierverarbeitungsorte wie Düren, Chemnitz, Nürnberg, Barmen-Elberfeld, Hamburg usw.) [...] erfaßt.“241 Ende des 20. Jahrhunderts waren im Kreis Düren von den insgesamt rund 89 000 Erwerbstätigen etwa zehn Prozent in der Papierwirtschaft (rund 9000, davon nahezu 2400 in der Papierherstellung, über 4600 in der Papierverarbeitung, rund 2000 im Bereich Maschinenbau und Herstellung von Bespannungen für Papiermaschinen) tätig.242 Die Fachrichtung Papier-/Pappeverarbeitung erwies sich somit auch hier als der beschäftigungsstärkste Zweig der Papierwirtschaft. Einen besonderen Ruf erwarb sich der Standort Düren (neben Berlin, Dresden und Leipzig243) auch in den Fächern Trauerpost244 und Papierausstattung245 sowie Kuverts,246 Kartonagen, technische Papiere247 usw. Dazu gehörte u. a. Schleicher & Schüll (1856 gegründet – im Volksmund „de Truerfabrik“248 genannt). Seit 1876 druckte Schleicher & Schüll Millimeterpapier, ab 1880 aschfreies Filterpapier.249 „Die Firma Schleicher & Schüll hat in der Vielseitigkeit ihrer Erzeugnisse [...] eine für die Entwicklung der Dürener Papierwarenindustrie [...] ausschlaggebende Rolle gespielt, [...] 239 So äußert sich Kurt Reitzel mit Bezug auf die Papierausstattungs-Industrie, eine Formulierung, die hier jedoch auf die gesamte Dürener Papierverarbeitungs-Industrie – u. a. mit dem Schwerpunkt Papierausstattungs-Industrie – übertragbar ist; vgl. Kurt Reitzel, Die deutsche Papierausstattungs-Industrie, Diss., Tübingen 1921, S. 55. 240 Vgl. Grundriß zur deutschen Verwaltungsgeschichte 1815–1945, hrsg. v. Walter Hubatsch, Reihe A: Preußen, Bd. 17; Rheinland, bearb. v. Rüdiger Schütz, Marburg 1978, S. 53, zit. in: Wallraff, Nationalsozialismus, S. 24. 241 Vgl. Weissenfels, Standorte, S. 133. 242 Vgl. REKON BranchenReport, Die Papierwirtschaft im Kreis Düren, Herstellung und Verarbeitung von Papier – Papiermaschinenbau – Herstellung von Bespannungen, hrsg. v. ISA Consult GmbH, bearb. v. Birgit Timmer [u. a.], Bochum 1997, Zusammenfassung (S. 1 ff.). 243 Vgl. Pieske, ABC des Luxuspapiers, S. 268. 244 Vgl. dazu auch Abschn. „Briefumschläge der v. A. 245 Vgl. dazu auch „Papierausstattung“ im Abschn. „Briefumschläge“ der v. A. 246 Vgl. dazu auch Abschn. „Briefumschläge“ der v. A. 247 Vgl. dazu auch Abschn. „Veredelte Papiere“ der v. A. 248 Zum Herstellungsverfahren von Trauerrändern vgl. u. a. apr, Nr. 1371956, S. 723 f. sowie Abschn. „Briefumschläge“ der v. A. 249 Vgl. Abschn. „Graphische Industrie“/Schleicher & Schüll der v. A.
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auch im Handel [...] Ihre Erzeugnisse auf dem Gebiete der Druckerei und Lithographie sind weltbekannt. Ihre besondere Spezialität liegt in der Herstellung von Wertpapieren und Scheckformularen, von hochwertigen Druckerzeugnissen sowie von Prägearbeiten. Sie befasst sich mit der Herstellung von Papier-Ausstattungen und nimmt auf dem Gebiete der Filterpapiere250 eine führende Stellung ein. [...] Ihre Schutzmarke ist das Seepferdchen.“251
Zur Industrie-Sparte der Papierveredlung/-bearbeitung/technische Papiere gehörte auch die 1885 gegründete Firma Gebr. (Alfred und David) Herzheim. Herzheim stellte ursprünglich Adress- und Geschäftskarten252 sowie Trauerpapierwaren her. 1896 errichtete das Unternehmen in Berlin ein Auslieferungslager, das zunehmend zum produzierenden Zweigbetrieb erweitert wurde.253 Um 1901 wurde Herzheim zum Spezialbetrieb für gummierte Papiere ausgebaut und erlangte darin eine „führende Stellung in Deutschland“. Herzheim hatte eine Erfindung des Maschinenbau-Inspektors Stöbelmann von der Reichsdruckerei Berlin übernommen, nach der mechanisch „gebrochene“ oder geriffelte (später auch durch Weichmacher behandelte)254 nicht-rollende gummierte Papierwaren hergestellt werden konnten. Herzheim war schließlich zur Großproduktion von gummierten Streifen, Rollen (insbes. aus Kraftpapier) und (satinierten) Bögen aller Art übergegangen, die u. a. für die Produktion von Eckenschließ-Papieren, streifengummierten Schreibmaschinen-Kartons, Etiketten, Brief-, Wert/-Rabattmarken usw. verwendet wurden.255 Über die Spezialfertigung gummierter Papierwaren hinaus war das Unternehmen auch in der Produktion von Achat-Durchschreibpapier, Wachs- und Paraffin-Papier sowie von Abziehpapier tätig. 1928 wurde das Unternehmen an Schleipen & Erkens/Koslar verkauft.256 Ebenfalls 1885 wurde die Lithographische Kunstanstalt Eugen Hoesch & Orthaus gegründet, die als Stein- und Buchdruckerei, als Papierwaren-Fabrik (Papierausstattung), Buchbinderei, Schachtelfabrik (Papier-Ausstattung257) sowie ab 1920 als Präge- und Linier-Anstalt tätig wurde. Seit Mitte der 1870er Jahre hatte der gelernte Schlosser Peter Lüttgen aus kleinsten Anfängen heraus eine Tüten/Beutel-Produktion im Industriemaßstab aufgebaut. Zur Jahrhundertwende verfügte der Betrieb über ein ausgedehntes Exportnetz. Peter Lüttgen wurde zu einem der wichtigsten Gestalter, die die Region Düren über die Papiererzeugung hinaus auch zu einem Papierverarbeitungs-Zentrum machten, das schließlich eine nationale und internationale Bedeutung erlangte.258 Zu den weiteren Herstellern flexibler Verpackungen (Tüten/Papierbeutel) gehörten im Raum Düren/Kreuzau/Winden u. a. Hein250 Zu Filterpapieren vgl. Handbuch der Papier- und Pappenfabrikation (Papierlexikon), bearb. v. Fritz Hoyer, 2. Aufl., Wiesbaden 1961 ff., hier: Lfg. Nr. 7, 1963, S. 184, Sp. 1 f. 251 Vgl. Josef Bongartz, Die Dürener Papierverarbeitungs-Industrie. Vortrag an der Volkshochschule der Stadt Düren, 7.2.1933 (maschinenschriftl. Manuskript, StA Düren), S. 4; vgl. auch Abschn. „Veredelte Papiere“ der v. A. 252 Vgl. u. a. Pieske, ABC des Luxuspapiers, S. 75. 253 „Im Stillen waren Versuche zur Herstellung photographischer Papiere im Gange. Herr Herzheim (jetzt [Ende der 1890er Jahre] Firma Schering, Berlin) arbeitete mit Herrn Schoeller jun. (Papierfabrik Burg Gretesch, Osnabrück.“ Photographische Correspondenz, Nr. 457, 1898; zit. in: Hans Georg Möntmann, Papier Positiv – Eine Vision. 100 Jahre Felix Schoeller, Osnabrück [1995] (Jubiläumsschrift). 254 Vgl. Papierlexikon, Lfg. Nr. 8, S. 623, Sp. 1 f. 255 Gummierte Papiere; vgl. u. a. Papierlexikon, Lfg. Nr. 8, S. 623, Sp. 1 f. 256 Vgl. u. a. Geuenich, Papierindustrie, S. 360. 257 Vgl. u. a. Pieske, ABC des Luxuspapiers, S. 194. 258 Vgl. Fünfzig Jahre Peter Lüttgen, Kreuzau. In: Papier-Zeitung, Jubiläums-Ausgabe 1926, S. 3948.
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rich Aug. Schoeller Söhne (später übernommen von Hugo Albert Schoeller/„Neumühle“), Joh. Schlack & Arnold (später Gebr. Kayser), Peter Bach, J. H. Kayser, Kayser & Schreiber, Heinrich Schnitzler und Ernst Biermanns (später Hubert Hartmann).259 Weitere Firmen, die im Bereich der Dürener Papierverarbeitung/-bearbeitung/-veredlung eine besondere Bedeutung hatten, waren: – Gebr. Schmitz, verschiedenfarbige Umschlagpapiere (davor Nadel- und Zuckerpapiere); im selben Betrieb wurde 1865 schwarzes Verpackungspapier für fotografische Trockenplatten produziert; – um 1875/79 Robert Emmel (1852–1929) in Papiermühle zu Merken b. Düren; wasserdichtes Verpackungspapier („Pergamyn“):260 – Bernh. Lindner & Co. (gegr. 1886, Trauer-Papierwaren, stellte auf englischen Anlagen als erste deutsche Firma Trauerpost maschinell her; „Genrekarten“/Blumen- und Spruchkarten261: – Dürener Faltschachtel-Fabrik (gegr. 1893); – Felix Peltzer & Co., gegründet 1895, Anfangsprodukte Natur-Karton, Papyrolin usw., später Glacépapier, Plakatkarton aus gestrichener Holzpappe, Dekorationspapiere, Chromo(ersatz-)papier für (farbigen) Stein- und Offsetdruck zur Verwendung vielfältigster Art, vor allem zur Kaschierung von Kartons und Faltschachteln für Verpackungszwecke (Bonbonieren, Schuhkartons, Zigarettenschachteln usw.). Zu den Angeboten Mitte der 1920er Jahre gehörten Papyrolin- und Leinenpapiere, Manifold-Vervielfältigungs-Papiere sowie Kraft-Kohle-Durchschreib-Papiere.262 Die Firma Peltzer hatte in den späten 1920er/frühen 1930er Jahren „das Recht zur alleinigen Herstellung von Delmeyna263-Etikettenklebepapier [...], welches auf Glas und Metall, polierten Flächen u.s.w. jeder Art klebt, ohne gummiert oder mit Leim versehen zu sein.“264
Seit der ersten Hälfte der 1920er Jahre stellte Kalle/Wiesbaden-Bieberich Zellglas unter der Markenbezeichnung „Cellophan“ her.265 Pelzer (1928 von der „Dürener Fabrik präparierter Papiere Renker & Co.“ übernommen266) klebte um 1933 „nach einem besonderen Verfahren das von [...] Kalle [...] erzeugte Cellophan auf Drucke, wodurch diese z. B. auf Landkarten und Baupläne, außer einem besonderen Schutz gegen Verschmutzung eine höhere Wirkung“ erzielten.267
Das Unternehmen war bekannt durch die Vielseitigkeit seiner Farbmuster. Zu den weiteren Papier ver-/bearbeitenden Firmen in Düren gehörten: – Math. Dierdorf Nachf., gegr. 1900, Trauer-Papierwaren; – Dürener Papierwarenfabrik, gegr. 1900; Papier-Ausstattungen, Visiten- usw. -Karten, Trauer-Papierwaren; 259 Zur Tüten-/Beutel-Industrie in Düren/Kreuzau/Winden vgl. Schmidt-Bachem, Tüten, Beutel, Tragetaschen, S. 147 ff. 260 Vgl. u. a. Die neue Verpackung, 7/1952, S. 168; Franz Maria Feldhaus, Die Geschichte des Pergamentpapiers. In: Die neue Verpackung, Nr. 9/1956, S. 540, sowie apr, Nr. 15/1951, S. 641. 261 Vgl. Pieske, ABC des Luxuspapiers, S. 140. 262 Vgl. u. a. Geschäftsanzeige in: Papierzeitung, Jubiläums-Ausgabe 1925, S. 3985. 263 Schutzmarke, nichtrollendes Klebepapier; vgl. Papierlexikon, Lfg. Nr. 4, S. 262, Sp. 1. 264 Bongartz, Dürener Papierverarbeitungs-Industrie, S. 5 f. 265 Vgl. Abschn. „Folien“ der v. A. 266 Vgl. Abschn. „Veredelte Papiere“ der v. A. 267 Bongartz, Dürener Papierverarbeitungs-Industrie, S. 6.
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Die Dürener Fabrik präparierter Papiere Renker & Co./DFPP wurde 1902 gegründet. Sie wurde im Bereich Lichtpaus-Papiere schnell zum Markführer in Deutschland.268 Carl Lang & Grosser (existent von 1903 bis zum Ende des Ersten Weltkriegs, Blanko-, Adress- und Geschäftskarten, Trauer-Papierwaren); die Firmengründer hatten ihre beruflichen Erfahrungen bei M. Mayer/Heilbronn gesammelt269 Die Dürener Briefumschlag-Fabrik Becker & Funck („Größte und älteste Spezialfabrik für Luxuskarten und Trauerpapierwaren“270) ging aus der bereits 1886 von Bernhard Lindner gegründeten Papierwaren-Fabrik hervor; ab 1906 bei Lindner Erwähnung der Mitarbeiter Johann Becker und Wilhelm Funck. „Im Jahre 1913 gliederte die Firma Bernh. Lindner & Cie. sich durch Gründung der Dürener Briefumschlagfabrik Becker, Bongartz und Funck eine reine Briefumschlagfabrik an, deren Erzeugnisse sich auf alle Sorten Umschläge erstreckten.“271
Nach dem Ersten Weltkrieg weiterhin Bernhard Lindner & Co. bzw. nach dem Erwerb des um 1900 „von Wirtz-Krandt, später von Hermann Grüttner“272 gegründeten Konkurrenz-Unternehmens „Dürener Papierwarenfabrik“ im Jahre 1918 ebenfalls „Dürener Papierwarenfabrik“. Unter dieser Bezeichnung stellte sie Packungen, Mappen, Blocks und Kassetten her. Nach Ende des Ersten Weltkriegs übernahm Becker, Bongartz & Funck das 1903 gegründete Papierverarbeitungswerk Lang & Grosser/Düren und stellte dessen Produktion auf die Herstellung von Filtrierpapieren um.273 In den 1920/30er Jahren unterhielt die Firma Niederlassungen in Berlin, Hamburg, Köln und Breslau.274 Die Firmenbezeichnung wechselte später noch häufiger – so in: Dürener Briefumschlagfabrik Becker & Funck bzw. Dürener Briefumschlagfabrik Becker, Bongartz & Funck bzw. Becker & Funck, Papierverarbeitung, bzw. Becker & Funck, Dürener Papierwarenfabrik. Die Firma wurde 1984, bei rund 60 Mitarbeitern, geschlossen, aber noch 1986 im Dürener Adressbuch als Becker & Funck, Briefumschlagfabrik, geführt.275 Weitere Firmen: – Fritz Fischer GmbH (gegr. 1898276), „Sondererzeugnisse: Blanco-Goldschnitt und geprägte Karten, Trauerpapiere, Couverts und Mappen, Papier-Lager“277; – Macherey, Nagel & Co., gegr. vor 1914, Filtrier- und technische Papiere, später Trauerpapierwaren u. Karten278; – Ernst Hammanns (Luxus-Kartonagen – Sarotti, Lindt usw., Massendrucksachen): Nachfolger der Dürener Faltschachtelfabrik Winstroht & Hammans, gegr. 1901; – Schroeder & Hoesch; 268 269 270 271 272 273 274 275 276 277 278
Vgl. zu Renker/DFPP auch Abschn. „Veredelte Papiere“ der v. A. Vgl. Bongartz, Dürener Papierverarbeitungs-Industrie, S. 8. Ebd. Ebd., S. 7. Ebd. Vgl. ebd., S. 8 f. Vgl. ebd., S. 8; in Köln unter dem Namen „Kölner Papiermanufaktur“, in Breslau unter dem Namen „Heinrich Dederichs & Cie.“; vgl. ebd. F. Gaspers, maschinenschriftl. Info, StA Düren S 1/581; vgl. auch Dürener Zeitung, 12.12.1950, Nr. 286, S. 5, Sp. 2. Vgl. u. a. Geschäftsanzeige in: Papier-Zeitung, Jubiläums-Ausgabe 1925, S. 4024. Besuchs-Anzeige für Vertreter, im Besitz des Verf. Vgl. Bongartz, Dürener Papierverarbeitungs-Industrie, S. 9.
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Heinrich Wuhrmann (Stammbetrieb in Freiburg/Brsg.), Durchschreibbücher; Gebr. Heyder,279 Briefumschläge; Carl Lang & Grosser, gegr. 1913, Karten und Trauerpost, Ende der 1920er Jahre Übernahme durch Becker, Bongartz und Funck, neue Produktion nach der Übernahme: Filterpapiere; Isola, 1913 hatten Dürener Papier-Industrielle die Isola AG zur Herstellung von Hartpapier-Isolierungen für die Elektro-Industrie gegründet280; Paul Britz, gegr. 1914, Papierausstattungs-Fabrik281; May + Spies, gegr. 1920, Trauerpapier; um die Wende vom 20. zum 21. Jahrhundert stellte May + Spies neben Trauerpost Brief- und Geschäftspapiere, Selbstklebeprodukte sowie Weihnachts- und Städteansichtskarten her282; 1921 ging die 1805 von Laurenz Heidbücherl (*1762) gegründete Papierfabrik J(ohann) H(einrich) Kayser (seit 1817 im Familienbesitz) mit der Produktion von Tüten und Beuteln auch zur Papierverarbeitung über283; In den 1920er Jahren nahm die Papierfabrik Zerkall, Renker & Söhne (Zerkall Bütten, gegr. 1888, seit 1903 im Besitz der Familie Renker) neben u. a. „Filtrierpapier“ als Veredlungsprodukt auch die Verarbeitung von Papier auf (Briefumschläge, Kartonagen, Druckerei). „Beim Wiederaufbau [nach Ende des Zweiten Weltkrieges] wurde das Werk im Hinblick auf die Papierverarbeitung erheblich erweitert. Es wurden mehrere moderne Briefumschlag- und Briefumschlagfuttermaschinen aufgestellt.“284
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Rössler, gegr. 1938, Briefpost; Turaphot – Photopapiere, gegründet 1901 in Werningerode/Harz (Filme und Photopapier), Verlegung des Firmensitzes 1948 über Berlin nach Düren-Mariaweiler („Gelbe Mühle“); 1973 350 Beschäftigte; Rückgang der Beschäftigtenzahl bis 1994 auf 25, im selben Jahr Konkursanmeldung; 1995 Übernahme durch Handelsgesellschaft Wolfen; 1998 Umwandlung in eine AG 285; Poensgen & Heyer, gegr. 1885 in Köln („Römerturm“ – Papiermarke), eröffnete 1960 ein Feinstpapier-Verarbeitungswerk (u. a. handgeränderte Trauerpost) in DürenLendersdorf; um 1970 mit ca. 200 Mitarbeitern (allein in der Briefblock-Abteilung circa 60); 2001 umfassende Modernisierung; Ende März 2009 mit einer Beschäftigtenzahl von 27 geschlossen.286
Josef Bongartz konnte Anfang der 1930er Jahre feststellen, dass es „in Deutschland wohl kaum eine Stadt [gibt], in der nicht Dürener Papiererzeugnisse in den Läden und Schaukästen ausgestellt sind.“287 Etwa 70 Prozent der Dürener Papierwaren wurden innerhalb Deutschlands abgesetzt. 30 Prozent gingen in den Export. Der relativ geringe Exportanteil 279 280 281 282 283 284 285 286 287
Vgl. Abschn. „Briefumschläge“/Gebr. Heyder der v. A. Vgl. Abschn. „Hartpapiere“ der v. A. Vgl. Bongartz, Dürener Papierverarbeitungs-Industrie, S. 8. Weitere (knappe) Angaben zu May + Spieß s. in: Hans D. Domsta/Helmut Krebs/Anton Krobb, Zeittafel zur Geschichte Dürens 747–1997, Düren 1998, S. 244 u. 334. Vgl. Geuenich, Papierindustrie, S. 230 ff. Vgl. ebd., S. 222 ff. Vgl. Hans-Heinrich Linden, Mariaweiler – Ein Dorf im Wandel der Zeit, Aachen 2000, S. 238 f. 2005 meldete der Betrieb beim Amtsgericht Aachen erneut Insolvenz an. Vgl. u. a. Web-Archiv Aachener Zeitung/AZ. Bongartz, Dürener Papierverarbeitungs-Industrie, S. 12.
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hatte vor allem mit der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg zu tun.288 In den 1970er Jahren lag in Düren die Anzahl der Papier verarbeitenden Betriebe höher als die der erzeugenden – die Anzahl der Beschäftigten war mit rund 600 jedoch geringer. Zu den Betrieben gehörten die Papierwaren-Fabrik Dierdorf (33 Beschäftigte); Becker & Funck Dürener Briefumschlag-Fabrik (95); das Papierverarbeitungswerk Emmert (39); Fabriken gummierter Papiere (dreiundsiebzig); die Briefumschlag-, Papierausstattungs- und Trauerpapier-Fabrik Gebr. Heyder (124); die Faltschachtel-Fabrik Aska (40); die Papierausstattungs- und Briefumschlag-Fabrik Rössler (186 Beschäftigte) – weitere Produkte bei Rössler: hochwertige Aquarell- und Zeichenblocks, seit 1989 zur Mayer-Gruppe/Heilbronn gehörig).289 Neben der Papierwaren-Industrie, die sich seit der Mitte des 19. Jahrhunderts entwickelte und z. B. der Chromolithographie, der Luxuspapier-, Buntpapier-, Buchbinde-, Graphische-, Briefumschlag- oder Geschäftsbücher-Industrie, deren Anfänge bereits in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts liegen, gehören zu den wichtigsten Entwicklungen im Bereich der industriellen Papier- und Pappeverarbeitung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts u. a. die Luxuspapier-Industrie (Hagelberg, 1858 usw.), die BüroartikelFabrikation290 (Pelikan, gegr. 1838, Großbetrieb ab 1895; Leitz, 1871 usw.), der Ausbau der Kalender-Fabrikation291 (Richard Dohse, 1880 usw.); vor allem jedoch der Ausbau der Kartonagen-Industrie, die durch die Entwicklung der Faltschachtel in den 1870er Jahren neben der Tüten-/Beutel-Industrie und der Briefumschlag-Industrie zu einer Industrie zur Herstellung von Massenprodukten ausgebaut werden konnte292 und damit die Papier verarbeitende Industrie zu einer Papier und Pappe verarbeitenden erweiterte. 1897 wurden in der Papier und Pappe verarbeitenden Industrie folgende (auf-/abgerundeten) Umsätze erzielt: Chromolithographie Luxuspapierfabrikation Kartonagen und Etuis Tüten und Beutel Kleinbuchbinderei Tapeten Briefumschläge und feine Papierwaren Geschäftsbücher Puppen u. Spielwaren Großbuchbinderei Albumfabrikation
49 Mio. M.293 31 Mio. M. 27 Mio. M. 21 Mio. M. 17 Mio. M. 17 Mio. M. 14 Mio. M. 11 Mio. M. 8 Mio. M. 6 Mio. M. 5 Mio. M.294
288 Zum Stand der Papier verarbeitenden Industrie im Dürener Raum Ende der 1990er Jahre vgl. REKON BranchenReport, S. 25-52. 289 Vgl. Anneliese Floßdorf, Examensarbeit Uni Köln 1970, S. 47; diverse Angaben zu Betrieben der Papierverarbeitung in Düren finden sich auch bei Domsta, Zeittafel zur Geschichte Dürens. 290 Vgl. Abschn. „Büroartikel ...“ der v. A. 291 Vgl. Abschn. „Kalender“ der v. A. 292 Vgl. Abschn. „Kartonagen“ der v. A. 293 Abgekürzt: Chromos – „Bezeichnung für eine kleinformatige, chromolithographische Darstellung“; Chromos wurden zum Bekleben/Montieren von Schachteln, Briefbogen und Gratulationskarten insbes. in der Luxuspapier-Industrie gebraucht. Produkte der Chromolithographischen Kunstanstalten/Industrie waren Chromos, Chromobilder und -karten. Vgl. Pieske, ABC des Luxuspapiers, S. 103.
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Nach Erscheinen dieser Statistik, in der erstmals strikt nach Papierfabrikation und Papierverarbeitung unterscheiden wurde, erklärte ein höherer Reichsbeamter gegenüber einem Papierverarbeiter: „Wir hatten ja keine Ahnung, dass die Papierverarbeitung so groß und umfassend ist.“295 Im allgemeinen Verständnis der Wirtschaftspolitik lag die Bedeutung der Papierindustrie allein in der Papiererzeugung/-produktion/-fabrikation. Die Gründe dafür, dass die Papier verarbeitende Industrie auch am Ende des 19. Jahrhunderts – und darüber hinaus – als Ganzes immer noch kaum oder gar nicht wahrgenommen wurde, lag vor allem wohl in ihrer vielfältigen Verästelung, die von der Papierblumen-Herstellung bis zur Massenproduktion von Tüten/Beuteln reichte. Der endgültige Ausbau dieses Wirtschaftszweiges zu einer Papier, Pappe und Kunststoffe verarbeitenden Industrie erfolgte erst rund 70 Jahre später in der Mitte des 20. Jahrhunderts.
Hand- und Heimarbeit In den Jahrzehnten um 1900 war die Industrie der Papier- und Pappeverarbeitung weitgehend mechanisiert. Das traf vor allem auf die Massenerzeugnisse Briefumschläge, Kartonagen sowie Tüten/Beutel zu. Die meisten Beschäftigten in diesen Sparten hatten ihren Arbeitsplatz in einer Fabrik. Sie waren damit von der Familie getrennt und unterlagen einer ständigen Kontrolle. In fast allen Bereichen dieser Industrie gab es jedoch weiterhin Nischenaufträge oder vollständige Produktionen, die von Hand – entweder im Betrieb oder in Heimarbeit – erledigt wurden. Die Vergabe von Heimarbeit erfolgte fast ausschließlich aus Kostengründen und Gewinninteressen. Sie wurde bevorzugt an Standorten mit einem (Über-)Angebot an billigen Arbeitskräften vergeben. Voraussetzung für die Vergabe war, dass Maschinenarbeit nicht möglich war oder sich nicht lohnte. Durch das System der Heimarbeit konnten die Augtraggeber vor allem flexibel auf jeweilige Auftragslagen reagieren (eine Frühform der Zeitarbeit). Durch sie konnten räumliche oder personelle Engpässe oder Überkapazitäten weitgehend problemlos umgangen oder kurzfristig ausgeglichen werden. Und schließlich konnten ganze Betriebsabteilungen oder gar vollständige Betriebe ausgelagert werden. Gerade in Zeiten krisenhafter Wirtschaftsentwicklungen entschieden sich Betriebsinhaber für die Option, die „in der Hausindustrie durch überlange Arbeitszeit, Frauenund Kinderarbeit billiger hergestellten Produkte [anzubieten]“.1 Die meist ohne tarifliche Bindung beschäftigten Heimarbeiter2 wurden so auch zur Konkurrenz für die Fabrikarbeiter. Diese wurden erpressbar und es entstand für sie durch 294 Vgl. Demuth, Papierindustrie, S. 252 f. 295 Vgl. Nachrichten für Handel und Industrie 105/1901 v. 12.7.1901, zit. in: Reitzel, Papierausstattungs-Industrie, S. 4; nach dieser Quelle lag der Gesamtwert der Produktion im Bereich Papierverarbeitung bei über 14 Mio. Mark; vgl. ebd., S. 1. 1 Die Heimarbeit in der Spielwaren-, Karneval- und Blumen-Industrie innerhalb des Organisationsgebietes des Verbandes der Fabrikarbeiter Deutschlands (Sitz Hannover), bearb. v. Gottfried Brandel (Sonneberg) nach dem Stande vom Frühjahr 1925, Hannover 1926, S. 6. 2 Die Heimarbeit wurde erstmalig in der Gewerbeordnung vom 21.6.1869 gesetzlich geregelt. Im Juni 1923 wurde vom Reichstag ein Hausarbeitsgesetz erlassen.
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die Hausindustrie ein ständiger Lohndruck wie auch eine andauernde Entlassungsgefahr. Die Konkurrenz unter den Arbeitnehmern war ein nicht unwillkommenes Disziplinierungsmittel in der Hand der Arbeitgeber. Die Angleichung der Fabrik- und Heimarbeiterlöhne wurde erst mit dem Hausarbeitsgesetz von 1923 verbindlich geregelt, jedoch vielfach auch weiterhin nicht beachtet. In der Heimarbeit konnten beide Seiten ihre Vorteile finden. Für die Auftragnehmer bedeutete sie meist jedoch nur die Wahl zwischen einem größeren oder einem kleineren Übel. Die Verlagerung der Arbeit aus der Fabrik in den Privatbereich war für die Auftragnehmer mit erheblichen Nachteilen verbunden. Sie mussten in den meisten Fällen Raum, Licht, Arbeitsmittel, Heizung usw. unentgeltlich bereitstellen. Sie hatten ebenso unentgeltlich für den Transport der Rohstoffe und der Fertigware zu sorgen. Für die Heimarbeiter (meist Heimarbeiterinnen) bestand der Vorteil vor allem darin, je nach familiärer Situation (Hausfrau, Mutter, Krankenpflegerin) die Zeit und das Maß der Haupt- oder Nebentätigkeit in einem gewissen Rahmen flexibler einzuteilen und frei von unmittelbarer Aufsicht und direktem Zwang arbeiten zu können. Oft ließen sich durch die Heimarbeit auch tägliche stundenlange und beschwerliche Arbeitswege zu Fuß bei allen Wetterlagen und in allen Jahreszeiten vermeiden. Aus der Sicht der Arbeitgeber hatte „die Hausindustrie [durch] die Fabrik einen wohltätigen Einfluß auf breite Schichten der weniger bemittelten Bevölkerung ausgeübt, da es vielen kleinen Familien hierdurch möglich geworden ist, sich einen nicht zu unterschätzenden Zuschuss zu den Kosten des Lebensunterhaltes zu schaffen. Viele von den Arbeiterinnen, welche in der Fabrik beschäftigt waren, arbeiten nach ihrer Verheiratung zu Hause für die Fabrik weiter. Da die Hausarbeit zu denselben Akkordsätzen wie in der Fabrik bezahlt wird, und da es den Frauen durch dieselbe möglich ist, ihren Haushalt und ihre Kinder zu überwachen und dem von der Arbeit heimkehrenden Manne ein behagliches Heim zu bereiten, so ist diese Art der Beschäftigung nicht nur bevorzugt, sondern sie gewöhnt unwillkürlich auch an Sauberkeit, Ordnung und Pünktlichkeit.“3
Dieser Darstellung gegenüber stand die Beurteilung durch die Gewerkschaften: Die Heimarbeit hatte „einen bitteren Beigeschmack, da sie in vielen Fällen unzureichend entlohnt [wurde]. Die Folge [war] Entbehrung. Durch überlange Arbeitszeit, Frauen- und Kinderarbeit [hatte] die Heimarbeit sich schon immer ausgezeichnet. Die starke Abhängigkeit vom Arbeitgeber, die geringe Möglichkeit, gegenseitig seine Lage zu besprechen, und der durch Entbehrung geschaffene Stumpfsinn [ließen] es nur schwer zu, dass die Hausarbeiter sich selbst aufraf[f]en, eine Besserung herbeizuführen. Die Angst, die Arbeit zu verlieren, [brachte] die Hausarbeiter noch obendrein dazu, sich alles vom Arbeitgeber vorschreiben zu lassen. [...] Es ist eine betrübende Tatsache, dass viel Not und Elend in der Hausarbeit vorhanden ist.“4
Unbestritten nachteilig für die Auftragnehmer war der überaus geringe Verdienst und die weitgehende Rechtlosigkeit und Erpressbarkeit. Als besonders günstig hingegen erwies sich dieses System für die Auftraggeber vor allem in vorwiegend ländlich oder kleinstädtisch strukturierten Regionen. In einer solchen Umgebung war das Angebot an billigen Arbeitskräften meist gesicherter als in Standorten mit größeren Industrieansiedlungen. Insbesondere in Gegenden mit monopolartig geprägter Heimarbeit war es für die Arbeitgeber leicht, mit dem Mittel der Angst vor Arbeits-/Einkommensverlust das Lohnniveau zu bestimmen. So veröffentlichte im Herbst 1893 der Tütenfabrikant Wilhelm Winckler (Berleburg/Siegerland) im „Wittgensteiner Kreisblatt“ unter der Überschrift „Arbeit“ 3 4
F. C. Drohsin, Aschersleben im 19. Jahrhundert, Aschersleben 1900, o. S. Brandel, Heimarbeit, S. 5.
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eine Anzeige, in der er auf kursierende Gerüchte und dadurch ausgelöste Ängste in dieser abgeschiedenen Region einging: „Es ist hier vielfach die irrige Auffassung vertreten worden, dass, nachdem ich einige Dütenklebemaschinen aufgestellt, ich fernerhin keine Taschen mehr zur Herstellung außer dem Hause in Arbeit gebe. Dem gegenüber erkläre ich, dass ich nach wie vor hinreichend Arbeit für viele Familien außer dem Hause zu vergeben habe und dass namentlich die Familien, die schon längere Zeit gearbeitet haben, bevorzugt werden. Die jetzt länger werdenden Abende sollten doch manchen Familienvater veranlassen, für die Seinen einen reichlichen Nebenverdienst zu schaffen. Auch finden noch einige der Schule entlassene Knaben und Mädchen in meiner Fabrik in Akkord und Taglohn lohnende Beschäftigung.“ 5
In einigen hausindustriell bestimmten Bezirken (z. B. Thüringer Wald, Erzgebirge) machte sich durch das „allzu große Angebot an Arbeitskraft [...] unter den Hausarbeitern eine selbstmörderische Konkurrenz fühlbar.“6 Auf diese Solidarität verhindernde Situation reagierten die Gewerkschaften mit Enttäuschung und die Arbeitgeber mit Häme. Die Gewerkschaften mussten feststellen: „Es fehlt eben jeder Klasseninstinkt, der sonst die Menschen zu gemeinsamem Handeln schmiedet. Ein organisiertes Eintreten dieser zusammenhanglosen, versumpften und verdumpften Masse ohne Gesichtskreis, ohne Initiative für Verbesserung ihrer Lebensbedingungen ist natürlich nicht zu erwarten. Das einzige, was diesen Leuten, denen jedes Mittel fehlt, ihre materielle Lage zu verbessern, übrigbleibt, ist, sich gegenseitig zu unterbieten. Der einzelne erkauft sich hin und wieder einen kleineren Vorteil auf Kosten der Gesamtheit. Dieser Zug zum Individualismus ist die jeder Organisation entgegenwirkende Kraft.“7
Auf Unternehmerseite (u. a. Gerhard Eilers/Manebach) hieß es dagegen: „Einzelne Elendsfälle sind zum großen Teil auf andere Umstände [als der Lohndrückerei] zurückzuführen, so auf Alter, Krankheit und nicht selten auf Trunksucht. Die Schuld an niedrigen Löhnen pflegt auch hier stets den Unternehmern zugeschoben zu werden. Es werden jedoch die Konkurrenzverhältnisse der Unternehmer untereinander außer acht gelassen [...] Andererseits entfällt doch auch auf die Heimarbeiter selbst ein Stück Verantwortung, denn sie sind nicht gezwungen, stets Heimarbeiter zu bleiben. Manche Leute, die ihre Beschäftigung in der Fabrik finden würden, bleiben lieber zu Hause, um über Arbeitszeit und Arbeitsdauer selbst entscheiden zu können.“8
Mit beiden Sichtweisen verbindet sich naturgemäß eine jeweils parteiische Verallgemeinerung. In fast allen zeitgenössischen Darstellungen ist jedoch das „Elend der Heimarbeiter“ ein häufig wiederkehrendes und mit Beispielen vielfach belegtes Problemfeld. Gerhard Eilers geht z. B. nicht auf die oft Stunden dauernden Arbeitswege bei Fabrikarbeit ein, die in vielen Fällen bei jeder Wetterlage zu Fuß zurückgelegt werden mussten. Er geht auch nicht auf die seit Generationen übliche Kinderarbeit ein, die jede solide schulische Bildungsmöglichkeit mit Aussicht auf eine Verbesserung der Lage ausschloss. Andererseits bedeutete der weit verbreitete Alkoholismus gerade auch in der Arbeiterschaft als Folge der ruinösen Arbeits- und Lohn- und damit der konfliktreichen Lebensverhältnisse ein nicht unerhebliches soziales Problem dieser Jahrzehnte. 5 6 7 8
„Der Gedanke, die Industrie wird [...] in andere Gegenden vertragen, wird den Hausarbeitern von interessierten Kreisen beigebracht.“ Ebd. Ebd., S. 6. Nach: Stillich, Die Spielwarenhausindustrie des Meininger Oberlandes o. J.; zit. in: Brandel, Heimarbeit, S. 96. Gerhard Eilers, Die Thüringer Karnevalsartikel-Industrie als Typus hausindustrieller Betriebsform, Diss., Borna-Leipzig 1928, S. 42. Gerhard Eilers gehörte zur Unternehmensleitung Eilers & Mey, Manebach).
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Ein häufiger Nachteil in vor allem ländlichen Gegenden mit stark ausgeprägter Hausindustrie konnte jedoch sein, dass in Zeiten intensiverer Feld- und Erntearbeiten auch hier die Arbeitskräfte knapp wurden. In jedem Fall war es für die Auftraggeber (gerade aus dem Kunstblumen- und Puppengewerbe oder aus dem Tüten-/Beutelfach) vorteilhaft, wenn sie darauf achteten, auf gut ausgebildete Heimarbeiter zurückgreifen zu können, um so die Qualität der Ware weitgehend gleichbleibend sichern zu können.9 Hierzu weiß u. a. Gerhard Küppers am Beispiel aus der Tüten-/Beutelindustrie der Nordeifel zu berichten, dass in dem kleinen Eifeldörfchen Kreuzau bei Düren in den 80er und 90er Jahren des 19. Jahrhunderts Spitztüten ausschließlich von Hand in Heimarbeit gefertigt wurden, bevor dort 1898 die erste Kreuzbodenbeutel-Maschine aufgestellt wurde und Maschinen für die Spitztüten-Produktion folgten.10 Sonderformen aber, wie gefütterte Mehl- und Kaffeebeutel oder große Beutel zwischen 20 und 50 Pfund Inhalt wurden (auch) in Kreuzau noch bis in die 1920er Jahre zusätzlich von Hand in Heimarbeit gefertigt „und fanden in vielen Familien eine gute Pflegestätte“11. Abgenommen wurden die handgefertigten Tüten von den Spezereigeschäften, meist aber nur in kleinen Mengen, sie galten als kostspielige Betriebsausgabe. Noch bis in die frühen 1930er Jahre ließ sich in der nördlichen Eifel beobachten, wie in großen Henkelkörben und Kiepen die Papierzuschnitte und Klebemittel von den Betrieben für die Heimarbeit abgeholt wurden. In Sachsen wurde in solchen Körben in der Hauptsache Rohmaterial für die Herstellung von Kunstblumen, in Thüringen für Puppen oder Masken transportiert.12 Durch die Möglichkeit, nahezu alle Tüten- und Beutelarten, auch in Sonderformen, maschinell herstellen zu können, war in den Jahrzehnten um 1900 die Fertigung von Hand in Fabrik-, Heim- oder Gefängnis/Zuchthaus-/Arbeit noch keineswegs überflüssig geworden. Lediglich einfache Spitztüten waren fast völlig aus der Handfertigung verschwunden. Sie konnten in diesen Jahren bereits in jeder gewünschten Menge und Größe von Maschinen billiger hergestellt werden. Dagegen waren handgefertigte Beutel zumal bei Kleinauflagen, einmaligen Sondergrößen oder Sonderformen durchaus noch üblich. Handgefertigte Beutel wurden aber auch aus dem Grund bevorzugt, weil sie ein besseres, fülligeres Bild ergaben und die Beutelecken im Gegensatz zu den Maschinenausfertigungen beim Befüllen nicht extra eingeschlagen werden mussten. Standbeutel (auch für Präsentationen) waren immer noch billiger als Faltschachteln.13 Bei kleineren Bestellungen von Samen-, Drogen- oder Bonbonbeuteln (in Tausender-Auflage) ließen sich zudem Papierreste kostengünstig verarbeiten.14 9
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Vgl. Heinrich Thümmes, Tüten-, Beutel- und Papiersack-Fabrikation sowie ihre Nebenfächer. 2., gänzlich umgearb. und erweiterte Aufl., Bd. I und II, Berlin 1928/1929, hier: Bd. II, S. 81 f. Im ländlichen Gebiet von Hohenelbe (Böhmen/Mähren) gab es beispielsweise um 1910 zehn Papierkonfektions-Betriebe, die ihre Aufträge für Papiertüten und -säcke fast ausschließlich von Frauen und Kindern in Heimarbeit erledigen ließen. Vgl. Weiß, Zeittafel, S. 446. Gerhard Küppers, Es begann mit der Handarbeit – Eine kurze Betrachtung zu der Papierverarbeitung in Kreuzau und Winden. In: Dürener Nachrichten, 22.2.1961, S. 5, Sp. 2 f.; vgl. auch Gerhard Küppers, Die Papierverarbeitung in Kreuzau und Winden. In: Die Eifel, Monatsschrift des Eifelvereins, 56. Jg., 1961, S. 136 f. Küppers, Es begann mit der Handarbeit, S. 5, Sp. 2 f. Vgl. auch Abschnitte „Karneval-/Festartikel“ und „Papierblumen“ der v. A. Vgl. Ewald Sachsenberg, Wirtschaftliches Verpacken – Handbuch für den täglichen Verbrauch in Handel und Gewerbe, Berlin 1926, S. 26. Vgl. Max Schubert, Die Papierverarbeitung, Bd. II, Die Buntpapier-, Tapeten-, Briefumschlag-, Düten- oder Papiersack-, Papierwäsche- und photographische Papier-Fabrikation. Praktisches
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Der Vor- und Nachteil der Handkleberei wurde von der Industrie je nach betrieblicher Situation unterschiedlich wahrgenommen und kommentiert. So verzichtete der Papierverarbeiter Walter Hess auch in seinem Handbuch von 1930 noch nicht darauf, diesem Thema einen ganzen Abschnitt einzuräumen.15 Dort bezeichnet er die Handkleberei jedoch als ein „Schmerzenskind“ der Tütenfabrikanten. Auch Heinrich Thümmes beschrieb die Handkleberei „als eine rechte Last“ für die Fabrikanten, die durch Kleinauflagen und Sonderwünsche fast überall auf betriebliche Schwierigkeiten stießen, der größeren Aufträge wegen aber gezwungen waren, auch solche Sonderwünsche auszuführen.16 Dagegen berichtet Heinz Mentzel (1937) in einer Geschichte der Firma Bodenheim & Co./Allendorf,17 dass dort noch 100 bis 120 Heimarbeiter/innen lohnende Arbeit fänden. Maschinen würden bei Bodenheim nur dort eingesetzt, wo es wirtschaftlich unbedingt erforderlich wäre.18 Die Züricher Papierwaren-Fabrik Wipf & Co. (gegr. 1882) stellte noch im Jahre 1942 die Wichtigkeit der Handarbeits-Abteilung im Gesamtbetrieb heraus und zählte sie zu den „interessantesten und schönsten“ Abteilungen des Unternehmens.19 Die Handarbeit biete den Arbeitern innere Befriedigung, weil sie noch die Zusammenhänge ihres Wirkens erkennen könnten und deshalb mit viel Liebe ihre Arbeit verrichteten.20 Das gelte besonders für Kaffee- und Teebeutel in feineren Papiersorten21 und moderner Druckausstattung, feine Konfekt- und Bonbonpackungen, bei extra großen Hut- und Stehbeuteln (Kreuzboden, Klotzboden), aber auch bei gewöhnlichen Spitztüten und Flachbeuteln, wenn sie in anspruchsvoller zweiseitiger Druckausführung gewünscht würden.22 Auch Heinrich Thümmes23 widmet 1928 in seinem Standardwerk von der „Tüten-, Beutel- und Papiersack-Fabrikation“ der Handklebung noch ein ganzes Kapitel.24 Thümmes führte insbesondere Kaffee-, Tee- oder Kakaobeutel auf, ferner die verschiedenen Arten von Drogen- und Samenbeutel, größere Beutel über 20 Pfund Inhalt sowie
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Handbuch für Techniker, Buntpapier-, Tapeten- und Dütenfabrikanten, Direktoren, Berlin 1901, S. 17. Vgl. Walter Hess, Die Praxis der Papierverarbeitung. Praktisches Handbuch für das gesamte Gebiet der papierverarbeitenden Industrie, Berlin 1930, S. 173. Vgl. Thümmes, Tüten-Fabrikation, Bd. II, S. 81. Vgl. Abschn. „Papierverarbeitung im 19. Jahrhundert“ der v. A. Vgl. Papierwaren aus hundert Jahren. In: Kasseler Post, 55. Jg., Nr. 44, Kassel, 14.2.1937, S. 4, Sp. 2. Vgl. 60 Jahre Wipf & Co., S. 23. Vgl. ebd., S. 25. Für bessere Kaffeebeutel wurde insbes. auch sog. Tütenschreib-Papier verwendet. Dabei handelt es sich um eine Zwischenqualität zwischen Schreibmaschinen- und Zellulosepapier. Es ist ein „holzfreies, meist maschinenglattes, bisweilen aber auch satiniertes und geprägtes, gebleichtes, beschreibfähiges Papier von 70 bis 90 g/m2.“ Kotte, Welches Papier ist das?, S. 418. Vgl. Hess, Praxis der Papierverarbeitung, S. 174. Zur Bedeutung Heinrich Thümmes’ (1861–1937) in der deutschen Tüten- und PapierbeutelIndustrie während der ersten drei Jahrzehnte des 20. Jahrhunderts s. auch Papier-Zeitung Nr. 75/ 1930, S. 2178. Ab 1905 veröffentlichte Heinrich Thümmes regelmäßig in der Papier-Zeitung Fachbeiträge zum Thema Tütenfabrikation. 1909 veröffentlichte Thümmes den ersten Band eines Lehr- und Fachwerks zur Tüten- und Beutelfabrikation. 1922 (unterbrochen durch den Ersten Weltkrieg) folgte der zweite Band. 1928/29 wurden beide Bände wesentlich überarbeitet und erweitert in einer zweiten Auflage herausgegeben. Thümmes hatte sich vor allem auch als Sachverständiger in dieser Branche einen Namen erworben. Vgl. Thümmes, Tüten-Fabrikation, Bd. II, S. 81 ff.
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viele Sonderformen und Größen. Ebenso waren die meisten gefütterten zwei- oder mehrlagigen Kaffee- und Teebeutel eine Angelegenheit der Handkleberei.25 In den Fabriken durchlief diese Fertigung üblicherweise drei Stationen: Am Platz der ersten Arbeiterin lag links und rechts je ein Stapel z. B. Cellulosepapier und Pergamentersatz. Diese beiden Sorten legte die Arbeiterin zusammen, bestrich den oberen Rand mit Leim, drückte die Sorten zusammen und bildete daraus einen Schlauch, den sie in der Mitte verklebte. Die zweite Arbeiterin nahm diese Papierschläuche, drückte sie derart in eine Klemme, die vor ihr an der Tischplatte befestigt war, dass in der gewünschten Breite des Bodens ein Papierüberstand frei blieb, dessen rechte und linke Seite sie einfalzte, dann die obere Breitseite mit Leim bestrich und mit der unteren zusammendrückte. Schließlich wurde mit einem Holzklotz, der sonst zur Herstellung von Klotzbodenbeuteln diente, der nötige Klebedruck festgeschlagen. Einige Tütenkleberinnen hatten es sich zur Angewohnheit gemacht, sich nach dem Kleben von jeweils 25 Tüten/Beuteln auf diesen Stapel zu setzen, um so die Tüten/Beutel flacher und fester zu machen. In den meisten Betrieben war dabei die Arbeit mit dem Falzbein üblich. Dieses Falzbein, aus einem Tierknochen26 gearbeitet, wurde an die vorgegebene Falzlinie gehalten, das Papier darüber geschlagen und vorgefalzt. Der so entstandene Bruch wurde schließlich mit dem Falzbein scharfgezogen. Diese beiden ersten Stationen werden als die schwierigsten beschrieben. Die Frauen hatten oft völlig zerschundene Hände. An der dritten Position wurde mit einer spitzen Nadel und einem Hammer in je ein Bündel Tüten ein Loch in eine obere Ecke geschlagen, durch die eine Kordel gezogen und geknotet wurde. Im letzten Arbeitsgang wurden diese Bündel versandfertig verpackt.27 Daneben gab es eine Vielzahl von Fertigungsarten, die von Gegend zu Gegend und von Betrieb zu Betrieb variierten und beliebig vor Ort in der Fabrik oder in Heimarbeit ausgeführt werden konnten. Was die Heimarbeiter für die Bereitstellung der „Pflegestätte“ und als Akkordlohn vor der Jahrhundertwende erhielten, ist nur schwer zu ermitteln, da die Quellen über ihre wirtschaftliche Situation nur noch spärlich vorhanden sind. Aus verschiedenen amtlichen Mitteilungen der hausindustriellen Produktion ist zu ersehen, dass z. B. 1899 in Berlin schulpflichtige Kinder mit Tütenkleben beschäftigt waren. Ihr Wochenverdienst schwankte bei einer täglichen Arbeitszeit von neun Stunden zwischen 80 Pf. und drei Mark.28 In der (bedeutenden) Kartonagen-Industrie des badischen Lahr verdienten Kinder um 1895 1,50 Mark bis 2,50 Mark monatlich. Besonders geschickte Kinder konnten es monatlich bis auf fünf bis sechs Mark schaffen.
25 Thümmes, Tüten-Fabrikation, Bd. I, S. 25. 26 Dieses in der gesamten Papier- und Pappeverarbeitung übliche Handwerkzeug war meist aus den Schienbeinknochen der Vorderläufe von Hammeln gefertigt, die sich durch eine besondere Härte auszeichnen. Die Falzbeine nutzen sich nach je einer Million gearbeiteter Tüten/Beutel um ca. zwei cm ab. So hatte sich das Falzbein der Heimarbeiterin Helga Ferl/Leipzig nach rund sechzehn Jahren Arbeit und rund ca. drei Mio.en Stück von ursprünglich rund 15 auf ca. neun Zentimeter verkürzt. Vgl. Helga Ferl, schriftl. Auskunft, Leipzig Juli/2000; Falzbein im Sachquellen-Bestand des Verf. 27 Vgl. Hess, Praxis der Papierverarbeitung, S. 175 ff; vgl. u. a. auch Schubert, Papierverarbeitung, Bd. II, S. 82, wo es heißt, dass die „Maschinenarbeit [noch vielfach] an Sauberkeit und Genauigkeit manches zu wünschen übrig lasse“; vgl. auch Papier-Zeitung, Nr. 99/1904, 11.12. 1904, S. 368, Sp. 2 f. 28 Vgl. Die schöne Hülle. Zur Geschichte und Ästhetik der Verpackung, hrsg. v. Michael Dauskardt, Göttingen 1982, Göttingen 1982/83, S. 50.
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„Diese Kinderarbeit hat manche Missstände im Gefolge. Die Kinder vernachlässigen [...] vielfach ihre Hausaufgaben für die Schule. Ihre Gesundheit leidet Schäden [...]; es war vorgekommen, daß Kinder in gewinnsüchtiger Weise über Gebühr lange beschäftigt [waren].“29
Das örtliche Bürgermeisteramt sah sich schließlich veranlasst, durch eine Bestimmung diese „Missständen thunlichst zu steuern“, das heißt, die Arbeitszeit der Kinder wurde genau geregelt, nach den Schulzeiten ausgerichtet und auf maximal vier höchstens jedoch fünf Stunden begrenzt. Bei Nichtbeachtung wurde mit einer Geldstrafe in Höhe von fünf Mark für die Armenkasse gedroht. Die Regelung hatte jedoch kaum mehr als einen symbolischen Wert. Sie war offensichtlich eher als Appell gedacht. Tatsächlich wurden die Unternehmer als Steuerzahler und Arbeitgeber in aller Regel mit größter Nachsicht behandelt. Die Regelung bezog sich ohnehin nur auf die in Fabriken und bei den „Kommissionenmachern“/Subunternehmern beschäftigten Kinder. „Die Zahl der so beschäftigten Kinder [ließ] sich nicht genau feststellen; im einzelnen [mochten] es 10–12 sein.“30 In Lahr und Umgebung waren jedoch in der hausindustriellen Kartonagenproduktion über 400 Heimarbeiterinnen beschäftigt, die zwangsläufig die eigenen Kinder mitbeschäftigen mussten. Die Ausbeutung der Kinder/Jugendlichen ging nach ihrer Schulentlassung, üblicherweise im Alter von 14 Jahren, weiter. Sie wurden mit dem Status von Lehrlingen (ohne Lehrvertrag) über eine Dauer von drei Jahren mit wöchentlich vier bzw. fünf und schließlich sechs Mark im dritten „Lehrjahr“ beschäftigt.31 Nach dem Reichsgesetz vom 30. März 1903 betreffend Kinderarbeit in gewerblichen Betrieben durften eigene Kinder unter zehn Jahren nicht beschäftigt werden. Nach § 14 des Gesetzes war jedoch auf Auftrag der Handels- und Gewerbekammer bis zum 31. Dezember 1905 als Übergangsregelung die Beschäftigung von Kindern im Alter zwischen acht und zehn Jahren gestattet und zwar u. a. „in den Kartonagenfabriken das Falzen und Kleben von Papierartikeln, Schachteln, Etuis und Kartons. Anbringung von Aufschriften mittels Schablonen und andere leichte Arbeiten“.32 Von Kinderarbeit im Alter zwischen fünf und sechs Jahren für die Phosphor-/Schwefel-Zündhölzer-Industrie in Neustadt am Rennsteig und über das Verpacken der (giftigen) Hölzer hatte Emanuel Sax bereits in einer Studie aus den späten 1880er Jahren berichtet: „Unterdeß haben Frau und Kinder Papiertüten (Patronen) vorbereitet, in welche jetzt von den kleinsten Familienangehörigen, mitunter Kindern von 5- 6 Jahren Zündhölzchen hineingesteckt werden“.33
Im Jahre 1906 wurde in Berlin die Deutsche Heimarbeit-Ausstellung ausgerichtet. Zur Ausstellung erschien ein „Führer und Erklärer“, der vom „Bureau für Sozialpolitik“ herausgegeben wurde.34 Diese Begleitschrift hatte nach dem Anspruch der Veranstalter 29 Johann Schwendemann, Das Kartonagengewerbe zu Lahr. In: Schriften des Vereins für Sozialpolitik, Bd. 8, 1897, S. 199-206, hier: S. 201 30 Ebd. 31 S. Abschn. „Kartonagen/Lahr“ der v. A. 32 Vgl. u. a. auch Weiß, Zeittafel, S. 437. 33 Emanuel Sax, Die Hausindustrie in Thüringen, Jena 1885 (Theil I) – 1888 (Theil III), hier: Theil III, S. 76. Bereits 1844 waren von dem Schweden Gustaf Erik Pasch (1788–1862) Sicherheits-Zündhölzer mit getrennter Zündmasse und Reibfläche erfunden worden (vgl. BE, Bd. 24, S. 621, Sp. 1. 1877 exportierte Schweden schon 200 Mio.en Zündhölzerschachteln mit „präparierten Reibeflächen“; vgl. Wachtel, Vom Ballenbinder zur Selbstbedienung, S. 42, Sp. 2. 34 Vgl. Heimarbeit und Hausindustrie in Deutschland – ihre Lohn- und Arbeitsverhältnisse, hrsg. im Zusammenhang mit der Deutschen Heimarbeiter-Ausstellung 1906 in Berlin vom Bureau für Sozialpolitik, bearb. von Clemens Heiss und August Koppel, Berlin 1906, S. 3. Ebenfalls im Jahre 1906 erschien in der Reihe Schriften der Gesellschaft für Soziale Reform (hrsg. v. dem Vorstande) von Rudolf Meerwarth unter dem Titel „Untersuchungen über die Hausindust-
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den Status einer halbamtlichen Enquete. Im Vorwort heißt es, dass sie im Sinne von „Urmaterial als Quelle für weitere Forschungen [...] der wissenschaftlichen und sozialpolitischen Arbeit“ dienen solle.35 Als erstaunlich wurde vermerkt, wie sehr gerade die Fabrikindustrie ein Anschwellen der Heimarbeit nach sich gezogen habe, aber auch, in welchem Ausmaß in diesem Bereich das „Elend der verschämten Armut“ zu beobachten sei.36 Bei den meisten Heimarbeitern bestand daher die Neigung, „die Löhne und Arbeitsverhältnisse im günstigeren Licht erscheinen zu lassen, als sie nach der negativen Seite zu übertreiben“.37 Am 28. Juli 1916 schrieb das Papierwaren-Großunternehmen H. C. Bestehorn/Aschersleben an den Mobilmachungsausschuss des Roten Kreuzes: „[...] von der Kleinarbeit haben sich doch immer zahlreiche Personen ferngehalten, weil es ihnen peinlich war oder weil sie auch sonst nicht in der Lage waren, die ungeklebte Ware in Tragkörben von der Fabrik abzuholen und die fertiggeklebte Ware wieder hinzuschaffen.“38
In solchen Fällen wurde von der Firma geraten, das Kleben kleiner Papierbeutel zu übernehmen, von denen 4000 bis 6000 Stück unauffällig in einer Markttasche transportiert werden könnten.39 Wichtigster Bestandteil der Begleitschrift zur Berliner Heimarbeiter-Ausstellung war ein Auskunftsbogen, der an möglichst viele Heimarbeiter ausgegeben werden sollte, um so zu einer größtmöglichen und genauen Datenerfassung ihrer Lohn- und Arbeitsverhältnisse zu gelangen. Bereits in der Vorbereitung dieser Ausstellung hatten Clemens Heiss und August Koppel als Herausgeber der Begleitschrift ein 230 Seiten umfassendes Tabellenwerk erarbeitet, in dem die unterschiedlichsten Heimarbeitervertretungen erste Erhebungen in Stichproben zusammengetragen hatten. Auf den Seiten 114-122 sind die statistischen Angaben des Deutschen BuchbinderVerbandes dargestellt. Unter der Position 104 sind für den Herstellungsort Stuttgart „Papierdüten und Beutel“ pro tausend Stück mit einer Arbeitszeit pro Satz von 1,5 und 2,5 Stunden für Papiertüten (bzw. 3, 4,5 und 5 Stunden für Beutel) aufgeführt. Der durchschnittliche Arbeitslohn pro Satz lag bei 20, 35 und 40 Pf. bei Papiertüten bzw. 55 und 80 Pf. bei Beuteln. Das ergab einen durchschnittlichen Reingewinn von 16 Pf. für Tüten und 20 Pf. als Stundenlohn für Beutel. Die durchschnittliche Arbeitszeit lag bei zehn Stunden täglich. Um 1906 kamen die Stuttgarter Heimarbeiter im Bereich der Tütenund Beutelkleberei auf einen durchschnittlichen Wochenlohn von neun Mark. Sie lagen damit unterhalb des Wochenlohns, der z. B. bei Bodenheim & Co. bereits um 1875 für Fabrikarbeit gezahlt wurde. In der Spalte „Bemerkungen“ wird die Position 104 als „Frauen- und Kinderarbeit“ definiert.40
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rie in Deutschland“ eine Darstellung zur wirtschaftlichen und sozialen Lage der Heimarbeiter/ Hausindustriellen/Hausgewerbetreibenden (vor allem im Bereich der Hausweberei, Spielwarenhausindustrie, Kleider- und Wäschekonfektion, Zigarrenindustrie, Stickerei, Fabrikation künstlicher Blumen). Die darin immer wieder als „elend“ beschriebenen Arbeits- und Lebensumstände (Kinderarbeit, Arbeitsschutzgesetzgebung, Arbeitszeit, Lohn-, Arbeits- und Wohnverhältnisse) lassen sich insgesamt mit den entsprechenden Verhältnissen der Heimarbeit in der Papier und Pappe verarbeitenden Industrie vergleichen; vgl. Rudolf Meerwarth, Untersuchungen über die Hausindustrie in Deutschland, Schriften der Gesellschaft für Soziale Reform, hrsg. v. d. Vorstande, Heft 8 des II. Bandes, der ganzen Reihe 20. Heft, Jena 1906. Vgl. Heimarbeit und Hausindustrie in Deutschland, S. 3. Vgl. ebd., S. 4. Vgl. ebd., S. 5. Zit. in: Geschichte des VEB Optima Aschersleben, S. 8. Ebd., S. 8 f. Vgl. Weiß, Zeittafel, S. 442.
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Abb. 7: Lohn-Tabelle nach Angaben des Deutschen Buchbinder-Vereins 1906. Aus: Heimarbeit und Hausindustrie in Deutschland. Ihre Lohn- und Arbeitsverhältnisse, Berlin 1906, S. 114 f.
Nach dieser Erhebung waren in der Kartonagen-Industrie an 25 Orten insgesamt 82 (gemeldete) Kinder beschäftigt. Das Alter lag zum Teil unter zwölf Jahren. Der Stundenlohn betrug fünf bis zwölf Pf. Im Gesetz über Kinderarbeit in gewerblichen Betrieben
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vom 30. März 1903 (gültig ab 1. Januar 1904) hatte der Reichskanzler folgende Ausnahmen zugelassen: Eigene, über acht Jahre alte Kinder durften mit dem Auflegen des Papiers auf die Form, mit dem Bemalen und Anstreichen von Masken beschäftigt werden, allerdings nur im Kreis Sonnenberg und im Amtsgerichtsbezirk Eisfeld.41 In der Buchbinderei und Kartonagenfabrikation durften Kinder mit Falzen und Kleben von Papierartikeln (z. B. Tüten/Beutel) und anderen leichten Arbeiten in den Regierungsbezirken Breslau, Liegnitz, Merseburg, Koblenz, Mittelfranken, im Kreis Sonnenberg und in den Amtsgerichtsbezirken Eisfeld, Neustadt (Sachsen-Coburg-Gotha) und Rodach beschäftigt werden. Für andere Bezirke galten diese Ausnahmebestimmungen nicht.42 Für die Ausführung des Gesetzes in Preußen hatten die Minister für Handel und Gewerbe, der geistlichen (usw.) Angelegenheiten und des Innern am 30. November 1903 eine Ausführungs-Anweisung erlassen, nach der Gewerbetreibende, die Kinder regelmäßig beschäftigten, eine von der Ortspolizei ausgestellte Arbeitskarte besorgen mussten.43 In der Papier-Zeitung Nr. 21/1906 wurde ein Bericht von Clemens Heiss aus dem Reichs-Arbeitsblatt wiedergegeben, der sich auf die Erhebungen bezog. Danach schwankte der durchschnittliche Stundenverdienst von männlichen Heimarbeitern im Bereich der Buchbinderei in Berlin zwischen 18 und knapp 27 Pf. bzw. der Wochenverdienst in einer Spanne von 11, 18, 40 über 60 und 81 bis über knapp 130 M.44 Die entsprechenden Verdienste der Frauen bewegten sich in einer Spanne von zehn bis knapp über 16 M. In Brandenburg lagen sie bei Reklameartikeln zwischen sechs und knapp sieben Mark wöchentlich. An Zigarettenschachteln wurden in Dresden 6 bis 7 bzw. 8,50 M., 9, 10,20 M., 12, maximal 13,20 M. verdient.45 In Eisenberg lag der Verdienst bei der Herstellung von Etuis zwischen 6 und 10 M. In Lahr wurden bei der Herstellung von Schachteln aller Art in 60 Stunden zwischen 3,30 M. und maximal 12 M. verdient. In der Lahrer Heimindustrie war es üblich, dass alle zur Familie gehörenden Kinder mitarbeiteten. Die Zuschnitte wurden von der Fabrik geliefert. Die Arbeit wurde von Frauen fertiggestellt. Der durchschnittliche Monatsverdienst lag bei 20 M. Davon gingen jedoch ab: 18 bis 19 Pf. für fünf Pfund Leim, 2,25 M. für fünf Liter Spiritus, so dass ein Reingewinn von 16,85 M. monatlich blieb. Der Arbeitsraum diente gleichzeitig als Schlafraum und im Winter als Küche. In Offenbach wurden an Parfümerie-Kartonagen in 54 Wochenstunden zehn M. Verdienst erreicht. In Rathenow konnte für die Herstellung von Brillenfutteralen in 96 Wochenstunden von der ganzen Familie unter Mitarbeit von Frau und Kindern ein Verdienst von 20 bis 25 M. erreicht werden. In Stuttgart erreichten die Heimarbeiter bei der Herstellung von Papiertüten, Patronentaschen und Apothekenschachteln in 60 Arbeitsstunden einen Wochenverdienst von 7,20 M. bis 12 M. In Wurzen lag der Durchschnittsverdienst bei 75 Wochenstunden für die Fertigung von Etuis und Scherzartikeln zwischen 4,20 M. und 14 M. Die Arbeiter in Wurzen klagten vor allem über das lange War41 42 43 44
Vgl. Papier-Zeitung, Nr. 1/1904, 3.1.1904, S. 3, Sp. 1. Vgl. ebd. Vgl. ebd. Bei den Beträgen ab 48 Mark handelte es sich immer um Zwischenmeister, die mit mehreren Hilfskräften arbeiteten; vgl. Papier-Zeitung, Nr. 21/1906, 25.3.1906, S. 875, Sp. 2. Aber selbst für Zwischenmeister waren Wochenverdienste nachgewiesen, die bei lediglich knapp 17 Mark lagen; vgl. ebd. Es wurden jedoch auch wiederholt Klagen über unverhältnismäßig hohe Gewinne der Zwischenmeister geführt; vgl. u. a. Papier-Zeitung, Nr. 20/1906, 11.3.1906, S. 832, Sp. 1. 45 Diese und die weiteren Angaben zu den Heimarbeiter-Verdiensten nach Clemens Heiß im Reichs-Arbeitsblatt; vgl. Papier-Zeitung, Nr. 21/1906, 15.3.1906, S. 875, Sp. 2 f.
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ten auf Arbeit. In Berlin verdienten Heimarbeiterinnen für die Herstellung von Haussegen in 90 Wochenstunden zwischen 6,90 M. und 7,20 M. In Kassel wurden für Tüten in 60 Stunden zwischen 4,60 M. und 5,25 M., in Frankfurt/M. in 36 Stunden zwischen 2,10 M. und 5,40 M.. bzw. in 57 Stunden zwischen 5,70 M. und 6,80 M. verdient. In Hannover wurden für verschiedene Sorten von Tüten unter Mithilfe von zwei Jungen im Alter von neun und zwölf Jahren sowie eines Mädchens von zehn Jahren Stundenlöhne von 15 bis 40 Pf. bezahlt. Die Kinder hatten daran einen Anteil von vier bis sechs Arbeitsstunden täglich. In einem anderen Fall lag der Stundenlohn in Hannover aber auch nur bei 9,50 Pf. Zu der Berliner Heimarbeits-Ausstellung von 190646 wurde in mehreren Reaktionen bemerkt, dass die Klebelöhne für Tüten, die dort vorgestellt wurden, „durchaus nicht die niedrigsten“ waren.47 Es waren Betriebe bekannt, in denen die Klebelöhne um ein Drittel niedriger lagen. Das Niveau der Akkordlöhne wurde als „unglaublich niedrig“ beschrieben und man sprach von „schauderhaften Verhältnissen“ .48 In diesen Tiefst-Löhnen (vor allem aber auch in der Gefängnisarbeit) wurde der Grund für den allgemeinen Tiefstand der Branche gesehen. An eine nachhaltige Abstellung der Verhältnisse konnte jedoch kaum gedacht werden, da die regionalen und lokalen Produktionsbedingungen sowie die egoistischen Interessen einzelner Unternehmer zu so erheblichen Unterschieden führten, dass an eine einheitliche, geschlossene Haltung des Faches kaum ernsthaft gedacht werden konnte. In Band II seines Handbuches für die Tüten- und Beutelfabrikation veröffentlicht Heinrich Thümmes im Jahre 1929 einen „Tabellenentwurf für Arbeitsbücher zur Handklebung in Heimarbeit“. Deren Musterangaben bezog er auf die Monate November und Dezember 1908.49 Danach erhielten die Heimarbeiterinnen für je 1000 Stück einfache Kreuzbodenbeutel oder Seitenfalz-Kaffeebeutel 1 M. bzw. 3 M.50 1916 zahlte die Firma H. C. Bestehorn für 1000 Beutel 35 Pf., „so dass sich schon bei 4000 Stück, die bei einiger Geschicklichkeit ganz gut schon an einem Tag geklebt werden können, ein Nebenverdienst von 1,40 Mark erzielen lässt [...] In Familien, in denen heranwachsende Kinder, Ältere, Arbeitsunfähige usw. mithelfen können, lässt sich der Verdienst für die Familie noch ansehnlich steigern (...).“
So heißt es in einem Brief, den das Unternehmen an den Mobilmachungsausschuss des Roten Kreuzes vom 28. Juli 1916 richtete. Dieser Brief war besonders für Kriegsteilnehmerfrauen und deren Angehörige gedacht, um ihnen „über die schweren Zeiten des Krieges hinwegzukommen helfen.“ Das Schreiben enthielt den Zusatz: „Für die Hausarbeit ist eine Arbeitsruhe von 20.00 bis 6.00 Uhr gesetzlich vorgeschrieben. – Schont die Kinder!“ 51
46 „[...] auf einem kleinen Ecktisch hatten Tütenkleberei und Papierwaren überhaupt Platz gefunden.“ Papier-Zeitung, Nr. 60/1906, 29.7.1906, S. 2476. 47 Diese und die folgenden Angaben vgl. Papier-Zeitung, Nr. 60/1906, 29.7.1906, S. 2476, Sp. 1 f. 48 Papier-Zeitung, Nr. 20/1906, 11.3.1906, S. 832, Sp. 1 sowie Papier-Zeitung, Nr. 60/1906, 29.7. 1906, S. 2476, Sp. 1. 49 Vgl. Thümmes, Tüten-Fabrikation, Bd. II, S. 128 f.; vgl. auch Papier-Zeitung, Nr. 3/1906, 10.1. 1906, S. 80. 50 Vgl. Thümmes, Tüten-Fabrikation, Bd. II, S. 128 f. Der Auftrag für Pos. 1 wurde in diesem Muster am 17.11. erteilt und am 20.11 mit ca. 2200 Stück zum Gesamtpreis von 3,27 Mark abgeliefert. Der Wochenlohn entspricht damit ungefähr dem, den Clemens Heiss und August Koppel ermittelt haben. 51 In: Geschichte des VEB Optima Aschersleben, S. 9.
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Das Heimarbeitergesetz vom 27. Juni 1923 enthielt u. a. Bestimmungen darüber, dass Verzeichnisse der Heimarbeiter aufgestellt und in den Betrieben ausgehängt werden mussten, dass Lohntafeln an den Ausgabestellen aufgehängt und Lohnbücher ausgehändigt werden mussten. Die Löhne der Heimarbeiter mussten dem Gesetz entsprechend denen der Fabrikarbeiter angenähert werden. Es gab jedoch keine besonderen Bestimmungen z. B. über die Größe und Beschaffenheit der Arbeitsräume oder über die Beschäftigung von Kindern und Jugendlichen. „Was die Löhne der Heimarbeiter anbetrifft, so stehen sie mit denen der Fabrikarbeiter auf einer Stufe. Wenn der Heimarbeiter trotz der Geltung von Tarifverträgen manchmal weniger verdient, so ist dies oft auf die Ungleichmäßigkeit seiner Arbeit und die Liederlichkeit der Lieferungen zurückzuführen.“52
1925 fand in Berlin eine weitere Heimarbeiter-Ausstellung statt. „Auf der Heimarbeiterausstellung wird auch die Kinderarbeit behandelt. Man sieht, wie diese in der Luxuspapierindustrie und Kartonagenindustrie großen Umfang angenommen hat. In Aschersleben sind es bis 100 Kinder, in Lahr über 80 Kinder, in 26 Orten, wo Tüten geklebt werden, sind es 100 Kinder. Löhne von 9, 10, 11 Pfennig und noch darunter werden gezahlt, so dass die Eltern gezwungen sind, ihre Kinder mitarbeiten zu lassen, damit sie nicht verhungern.“53
Anlässlich dieser Ausstellung veröffentlichte der Verband der Buchbinder und Papierverarbeiter Deutschlands eine Heimarbeiter-Enquete.54 Nach der Enquete waren 1925 in 39 Orten Deutschlands 4800 hauptberufliche Heimarbeiter (meistens Heimarbeiterinnen, Männer nur ca. 120) tätig.55 Davon war rund die Hälfte in der Tüten- und Beutelbranche beschäftigt, etwa ein Viertel in der Kartonagen- und Etui-Industrie und ein Viertel in der Luxuspapierwaren- und Kotillon-Industrie. Zentren der Tüten- und Beutel-Fabrikation in Heimarbeit (insgesamt 26 Orte) waren: Alfeld/Westfalen (200), Hirschberg/Schlesien (137), Stettin/Pommern (100), Hannover (200), Aschersleben/Sachsen-Anhalt (500, darunter 100 Kinder) sowie Leipzig (350), außerdem Liegnitz/Schlesien (81), Brandis/Sachsen (95) und Luckenwalde/Brandenburg (60). In der Kartonagen- und Etui-Industrie waren Heimarbeiterinnen tätig vor allem in Berlin (320), Rathenow/Brandenburg (35), Baden (54, darunter 80 Kinder). Zentren der Heimarbeit für die Kotillon56- und Luxuspapierwaren-Branche waren Berlin (300), Quedlinburg/Sachsen-Anhalt (28), Dresden (400), Grünau/Sachsen (400).57 In Aschersleben erhielten die Heimarbeiter für gefütterte Flachbeutel 75 Pf., für Bodenbeutel 1,25 M. und für Falzbeutel 2 M. je 1000 Stück.58 Nach den Bestimmungen des Heimarbeiterlohngesetzes vom 23. Juni 1925 war es verboten, für Fabrik- und Heimarbeiter unterschiedliche Löhne zu zahlen. Der durchschnittliche Stundenlohn für Heimarbeiterinnen in der gesamten Papierverarbeitung lag zwischen 17 Pf. (14 Jahre, weibl.)
52 Eilers, Thüringer Karnevalsartikel-Industrie, S. 30. 53 Bericht des Reichstagsabgeordneten M. Arendsen vom 4.7.1925, zit. nach Weiß, Zeittafel, S. 474. 54 Vgl. Heimarbeit in der Papier und Pappe verarbeitenden Industrie. 55 Zit. in: Weissenfels, Standorte, S. 135. Tatsächlich dürfte die Zahl der Heimarbeiter/innen sehr viel höher gelegen haben, da diese Arbeit als Nebentätigkeit nicht erfasst wurde; vgl. ebd. 56 Die wichtigsten Orte dieses Industriezweiges lagen im Thüringer Wald, u. a. in Manebach, Sonneberg, Ohrdruf; vgl. Eilers, Thüringer Karnevalsartikel-Industrie, S. 30. 57 Vgl. Heimarbeit in der Papier und Pappe verarbeitenden Industrie, S. 4. 58 Vgl. ebd., S. 4.
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und 55 Pf. (25 Jahre, männl.).59 Jedoch waren Reinverdienste von neun, fünf, vier, selbst 2,5 Pf. pro Stunde insbesondere in der Kotillon-, Papierwaren- und Papierblumenindustrie nicht selten.60 Die Einhaltung der Tarife – geregelt durch das Heimarbeitsgesetz vom 30. Juni 1923 und durch die Verordnung über Fachausschüsse für Hausarbeit vom 28. November 1924 – hing auch vom gewerkschaftlichen Organisationsgrad der Arbeiter ab. Beispielsweise hatten die nur schwach organisierten rund 500 Heimarbeiter der Kartonagenindustrie in Lahr einen Lohnverlust von zehn bis 20 Prozent hinzunehmen.61 Von den ca. 30 Orten, in denen für die Tüten- und Beutelbranche die Heimarbeit eine besondere Rolle spielte, wurden in den acht bis zehn Hauptindustriezentren vielfach nur Extraanfertigungen, besondere Formate und schwierig herzustellende Sorten in Auftrag gegeben. Der größte Teil der gewöhnlichen Ware wurde in Maschinenarbeit geleistet. Damit konnten üblicherweise 20-fach höhere Tagesleistungen erzielt werden als durch geschickteste Handarbeit. Bei Maschinen, die von der Rolle entweder einfache Flachbeutel, Flachbeutel mit Seitenfalte oder Bodenbeutel in kleineren Formaten herstellten, lag diese Leistung (mit ca. 90 000 Stück pro Tag) oft um das 50-fache höher. Das macht deutlich, dass die Zahl der mit Heimarbeit Beschäftigten trotz der inzwischen stark gestiegenen Mehrproduktion um 1925/26 dennoch zurückgegangen war. So hatte sich beispielsweise in Schlesien die Zahl der Heimarbeiterinnen von 800 im Jahre 1912 um 450 auf 350 im Jahre 1926 verringert. Nur in Orten, in denen die Anschaffung solcher Maschinen aus Mangel an Massenaufträgen nicht lohnte, wurden weiterhin Tüten und Beutel in größeren Mengen von Hand geklebt.62 Anhand von Vergleichszahlen der Breslauer Akkordlöhne zwischen 1912 und 1925 wurden in der Enquete des Verbandes der Buchbinder und Papierverarbeiter auch genaue Angaben über die Lohnverhältnisse der „rückständigen Tüten- und Beutelbranche“ in der Zeit kurz vor dem Ersten Weltkrieg gemacht.63 Danach ergaben sich Steigerungen zwischen 50 und 100, teilweise sogar von 200 Prozent. Die Gewerkschaft sprach von einem unverkennbaren Erfolg im Kampf gegen die „unwürdige Entlohnung der Heimarbeiterschaft“.64 Am 30. Juni 1923 wurde vom Reichstag ein Hausarbeitsgesetz verabschiedet.65 1932 veröffentlichte der Verband der Buchbinder und Papierverarbeiter Deutschlands nach dem von 1926 einen zweiten Bericht zur Lage der Heimarbeiter.66 Inzwischen war es gelungen, die Arbeitsverhältnisse sowohl der in den Betrieben als auch in der Heimarbeit Beschäftigten auf der Ebene von Reichstarifen zu regeln. Zu den besonderen Bestimmungen gehörte, dass „Heimarbeit möglichst zu beseitigen [sei]. Heimarbeitern und Heimarbeiterinnen dürfen nicht niedrigere Stücklöhne gezahlt werden als Werkstattarbeitern. Den Heimarbeitern [...] darf 59 Vgl. Eilers, Thüringer Karnevalsartikel-Industrie, S. 43 f. Nach dieser Quelle lagen die durchschnittlichen Wochenlöhne bei 30 Mark für ungelernte, 35 für gelernte/vorgesetzte Arbeiter und 33 Mark für Akkordlöhne; vgl. ebd. 60 Vgl. Weissenfels, Standorte, S. 136. 61 Vgl. ebd. 62 Zu allen Angaben in diesem Abschn. vgl. Heimarbeit in der Papier und Pappe verarbeitenden Industrie, S. 4 u. S. 6. 63 Vgl. ebd., S. 7. 64 Vgl. ebd. 65 Vgl. Papier-Zeitung, Nr. 43/1933, 31.5.1933, S. 722, Sp. 1. 66 Vgl. Heimarbeit in der Papier und Pappe verarbeitenden Industrie [1932], S. 2.
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nicht mehr Arbeit zugewiesen werden, als sie in der tariflich festgesetzten Arbeitszeit zu leisten in der Lage sind. Der gesetzlichen Vertretung der Arbeiterschaft des Betriebes steht eine Kontrolle hierüber und über die richtige Zahlung der tariflichen Löhne zu.“67
Für die Kartonagen-Industrie sah der Reichstarif um 1930 folgende Bestimmungen vor: „Heimarbeit ist, wo nicht zu vermeiden, zulässig. Sie soll in erster Linie an solche Personen ausgegeben werden, die wegen ihrer körperlichen Beschaffenheit, wegen besonderer Familienverhältnisse, wie z. B. Sorge für die Familie und Kindererziehung, im Betrieb nicht arbeiten können. – Die Heimarbeiter [...] müssen für die von ihnen zu leistenden Arbeiten dieselben Akkordlöhne erhalten, welche an die im Betrieb beschäftigten Personen zu leisten sind. – Es darf an die mit Heimarbeit Beschäftigten nicht mehr Arbeit ausgegeben werden, als sie in der tariflich festgesetzten Arbeitszeit zu leisten in der Lage sind. – Heimarbeit darf in der Regel an die im Betrieb Beschäftigten nicht ausgegeben werden. – Den in den Betrieben tätigen Personen ist berufliche Arbeit außerhalb des Betriebes für andere Firmen oder für eigene Rechnung nicht gestattet. – Kinderarbeit ist in allen Betrieben verboten.“68
Ähnliche Bestimmungen enthielt der Reichstarif für die Etui- und FeinkartonagenIndustrie und alle übrigen Tarife – so auch für die Tüten- und Beutelfabrikation. Obwohl die tariflichen Regelungen zum Teil allgemein verbindlich festgelegt und gesetzlich einklagbares Recht waren, wurden sie doch noch häufig umgangen. Zum größeren Teil lag das an den Arbeitern selbst. Insbesondere die Heimarbeiter fühlten sich noch immer in einem so starken Abhängigkeitsverhältnis von den Arbeitgebern, dass sie meist stillschweigend alle Brüche des Tarifs hinnahmen. Noch immer hüteten die Heimarbeiter sich ängstlich, Angaben über ihre Arbeitsverhältnisse gegenüber den Arbeitnehmern zu machen oder gar Namen zu nennen, da sie von Seiten der Arbeitgeber Maßregelungen und sonstige Unannehmlichkeiten befürchteten.69 Unter diesem Druck wurden offene Kontakte zum Gewerkschaftsverband nach Möglichkeit vermieden. Dieser hatte es daher außerordentlich schwer, an genaue Angaben z. B. über die Ausdehnung der Heimarbeit zu gelangen und daher nur mit geschätzten Zahlen arbeiten konnte. Der Verband der Buchbinder und Papierverarbeiter Deutschland ging Anfang der 1930er Jahre davon aus, dass an 45 bis 50 Orten des Deutschen Reiches 300 bis 400 männliche und rund 4000 weibliche Heimarbeiter beschäftigt waren. Und trotz des gesetzlichen Verbotes waren noch 200 bis 300 Kinder mitbeschäftigt. Die größten Zahlen der Heimarbeiter stellten Berlin mit je 300 Arbeiterinnen in der Luxuspapierund Kartonagen-Industrie, Aschersleben mit 60 männlichen und 400 weiblichen Heimarbeitern. Dazu kamen in Aschersleben ungefähr 100 Kinder, die ausschließlich Tüten und Beutel klebten. In Lahr/Baden waren 30 männliche und 350 weibliche Heimarbeiter sowie ca. 80 Kinder in der Kartonagen- und Etui-Industrie beschäftigt. Eine besonders große Anzahl von weiblichen Heimarbeitern war zudem in Dresden, Grimma, Alfeld a. d. L. sowie in Hirschberg/Schlesien und in Leipzig zu finden.70 Im konstant hohen Anteil an weiblichen (meist ungelernten) Arbeitskräften sowohl in der Fabrik- als auch in der Heimarbeit der Papier verarbeitenden Industrie liegt ein wesentlicher Grund für den durchgehend relativen Arbeitsfrieden in dieser Branche, in der auch deshalb „Streiks verhältnismäßig selten waren.“71
67 68 69 70 71
Ebd., S. 2. Ebd. Vgl. ebd., S. 3. Vgl. ebd. Vgl. u. a. Reitzel, Papierausstattungs-Industrie, S. 90.
100 Teil I – Papierverarbeitung im 19. und 20. Jahrhundert Den einzelnen Branchen nach stellte Anfang der 1930er Jahre die Tüten- und Beutelindustrie nach wie vor die größte Anzahl an Heimarbeitern. In 26 Orten wurden ca. 2000 Heimarbeiterinnen sowie 120 Heimarbeiter gezählt. Zu diesen Zahlen kamen noch ungefähr 100 Kinder. Nach der Tüten- und Beutelindustrie folgte in der Beschäftigung von Heimarbeitern die Kartonagenindustrie. Hier waren 100 Heimarbeiter und 1200 Heimarbeiterinnen sowie etwa 100 Kinder beschäftigt.72 In zwei Orten waren noch rund 600 Heimarbeiterinnen in der Luxuspapier-Industrie beschäftigt. Ein weiterer kleiner Rest fand Heimarbeit in der Buchbinderei, Etui- und Kartonagenbranche und in sonstigen Papierwarenbetrieben.73 In der NS-Zeit fiel die Heimarbeit in den Zuständigkeitsbereich des Reichsarbeitsministers. Ab Frühjahr 1933 wurde mit der Errichtung eines Gesamtfachausschusses für die Papiertüten- und Papierbeutel-Industrie – zunächst für den Raum Leipzig/Magdeburg – begonnen, um einheitliche Mindestentgelte für Preußen und Sachsen festzusetzen.74 Die Fertigungskosten für Handarbeit wurden vom Reichsverband Deutscher Papierwarenfabriken/RDP im Zusammenwirken mit den Behörden in unregelmäßigen erscheinenden Listen festgelegt.75 Während des Zweiten Weltkrieges wurde Beutelkleberei in Handarbeit nur noch in wenigen Ausnahmefällen genehmigt. Die maschinelle Fertigung sowohl von Tüten als auch von Beuteln hatte sich in den Jahren bis kurz vor dem Krieg nahezu vollständig durchgesetzt.76 Für das Jahr 1950 stellte der Papierbeutelverband e. V. fest, „dass auch in unserem Fachverband die Handarbeit an der Gesamtproduktion gemessen, nur noch einen sehr kleinen Umfang besitzt.“ In 117 gemeldeten Betrieben wurden insgesamt noch ca. 430 Beschäftigte im Bereich Handarbeit gezählt.77 Die Gesamtzahl der Heimarbeiter wurde vom Papierbeutelverband für das Jahr 1950 noch mit insgesamt 974 angegeben. Die Tarifvereinbarungen für diesen inzwischen als Sondergebiet von nebensächlicher Bedeutung klassifizierten Bereich sollten auf Länderebene getroffen werden.78 Am 15. März 1951 wurde ein bundeseinheitliches Heimarbeitsgesetz (HAG) verabschiedet.79 Danach wurde auf Grund von § 4, Abs. 1 vom Bundesminister für Arbeit ein Heimarbeiterausschuss für die Herstellung von Tüten und Beuteln eingerichtet. Dieser Ausschuss gab fortan in unregelmäßigen Abständen die jeweils neuesten „Erlasse über die bindende Festsetzung von Entgelten für die Herstellung von Tüten und Beuteln in Heimarbeit (Papierverarbeitung)“ im Bundesanzeiger bekannt. Bei der Erledigung von Sonderaufträgen und Kleinauflagen ist die Heimarbeit bis in die Gegenwart unverzichtbar geblieben. So veröffentlichte der Bundesanzeiger vom 7. April 1995 auf der Grundlage des Heimarbeitergesetzes die 72 Diese Zahlen stehen demnach in einem geringen Verhältnis zur Gesamtzahl der Beschäftigten in dieser Branche, die bei 30 000 lag. Zentren waren Berlin, Dresden und Lahr; vgl. Heimarbeit in der Papier und Pappe verarbeitenden Industrie [1932], S. 4 f. 73 Vgl. ebd., S. 3 f. 74 Vgl. Papier-Zeitung, Nr. 43/1933, 31.3.1933, S. 722, Sp. 1. Vermutlich sollte auf diese Weise auch die lückenlose Erfassung aller Heimarbeiter erreicht werden, um sie der staatlichen Kontrolle zu unterwerfen; vgl. hierzu auch Abschn. „Papierverarbeitung in der NS-Zeit“ der v. A. 75 Vgl. Preisrechnungsvorschriften und Bedingungen für den Verkauf von Papierbeuteln, Ausg. IV, hrsg. v. RDP, Berlin, März 1945, S. 20 f. 76 Vgl. Reuther, Einsatz von Beutel-Packungen, S. 28. 77 Vgl. Geschäftsbericht des Papierbeutelverbandes e. V., 1950 (IPV-Archiv, Frankfurt/M.). 78 Vgl. ebd. 79 Vgl. ebd.
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„Bekanntmachung einer bindenden Festsetzung von Entgelten, Fertigungszeiten und sonstige Vertragsbindungen für die Herstellung von Verpackungsmitteln und für buchbinderische Hilfsarbeit in Heimarbeit“
vom 9. September 1994.80 In der Anlage 1 wurden unter der Ziffer 1 beispielsweise die Arbeitszeiten für die Herstellung von Tüten und Beuteln von Hand und in Heimarbeit geregelt, ab Ziffer 64 die Zuschläge für Tragbeutel, Tragtaschen und Zugbeutel aus Papier.81 Die Anlage 2 regelte die Arbeitszeiten für die Herstellung von Tüten und Beuteln aus Zellglas und verwandten Stoffen von Hand.82 In der Anlage 3 wurden die Arbeitszeiten für die Herstellung von Beuteln aus Polyethylen, PVC und verwandten Stoffen von Hand aufgeführt. Die Anlage 4 schließlich legte die Arbeitszeiten für die Herstellung von Kartonagen von Hand fest.83 Diese Regelungen wurden vom „Heimarbeitsausschuß für die Herstellung von Verpackungsmitteln“ beschlossen und vom Bundesminister für Arbeit und Sozialordnung genehmigt.
Spielwaren Während die Heimarbeit im Bereich der Massenprodukte Tüten und Beutel durch den vermehrten Einsatz von Maschinen zunehmend verdrängt wurde, blieb sie in anderen Bereichen der Papierverarbeitung jedoch noch lange Zeit auch nach der Wende zum 20. Jahrhundert bestimmend. Zu diesen Bereichen gehörte insbesondere die Spielwaren-, Karneval- und Papierblumen-Industrie. 1925 fand in Berlin eine Heimarbeitausstellung statt. Begleitend zur Ausstellung wurde vom Verband der Fabrikarbeiter Deutschlands eine Schrift über die „Heimarbeit in der Spielwaren-, Karneval- und Blumen-Industrie“84 herausgegeben, die „nicht in tendenziöser Weise alle die Missstände der Heimarbeit bloßstellen, sondern der denkenden Menschheit die tatsächlichen Verhältnisse offenbaren“ sollte.85 Die Veröffentlichung glich in weiten Teilen einer Anklageschrift. Neben der Karneval- und Papierblumen-Industrie gehörte die Spielwaren-Industrie zu den Gewerbebereichen mit einem besonders hohen Anteil an Heimarbeit. Das Zentrum dieser Industrie lag in Sonneberg/Thüringen. Dort wurden in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts insbesondere auch Papier und Papier-/Pappmaché zur Massenherstellung von Spielzeugteilen (Puppenkörper, -köpfe, -arme, -beine), aber auch von Attrappen, Tieren, Obst und anatomischen und biologischen Lehrmitteln verarbeitet. Die Puppenmacher,
80 Vgl. Bundesanzeiger, hrsg. v. Bundesministerium der Justiz, 7.4.1995, Jg. 47, Nr. 69: Bekanntmachung [1] einer bindenden Festsetzung von Entgelten, Fertigungszeiten und sonstigen Vertragsbedingungen für die Herstellung von Verpackungsmitteln und für buchbinderische Hilfsarbeiten in Heimarbeit, S. 4158-4162; Bundesanzeiger, hrsg. v. Bundesministerium der Justiz, 7.4.1995, Jg. 47, Nr. 69: Bekanntmachung [2] einer bindenden Festsetzung des Urlaubs für die mit der Herstellung von Verpackungsmitteln und mit buchbinderischen Hilfsarbeiten in Heimarbeit Beschäftigten, S. 4162. 81 Vgl. Bekanntmachung [1], S. 4159, Sp. 1. 82 Vgl. ebd. 83 Vgl. Bekanntmachung [2]. Eine neue „Festsetzung zur Änderung von Entgelten für die Herstellung von Verpackungsmitteln“ wurde im Bundesanzeiger Nr. 102 vom 8.6.1999 veröffentlicht. 84 Brandel, Heimarbeit, S. 6. 85 Ebd.
102 Teil I – Papierverarbeitung im 19. und 20. Jahrhundert die in der Hauptsache mit Papiermaché und Modeln/Formen arbeiteten, hatten die Berufsbezeichnung Drücker oder Former. Größere Spielwaren/Lehrmittelteile wurden aus Papierstreifen/-lappen hergestellt, die mit Roggenkleister getränkt und anschließend, ähnlich wie das Maché, in eine Form gedrückt wurden – ein Arbeitsgang, der eine hohe Fertigkeit verlangte und nur von wenigen Arbeitern beherrscht wurde. Die so hergestellten Artikel waren teuer. Als dritte Technik der Papierverarbeitung in der Spielwaren/Lernmittel-Industrie wurde das Hohlformen eingesetzt. Dabei wurde die Papiermaché-Masse in Lappen zu 3-4 mm Stärke gewälzt und mit den Fingern in die Formen eingedrückt.86 Die Arbeit der Drücker/Former galt als außerordentlich ungesund. Die Model mussten vorher mit Petroleum oder billigem Fett ausgeschmiert werden, um ein Ankleben/Anbacken der Masse zu vermeiden. „Der Gestank der Drückerstuben ist äußerst widerlich“.87 Das überbrühte Roggenmehl ging nach einiger Zeit in Gärung über und verursachte in Verbindung mit dem Petroleum einen „beißenden Gestank“.88 Bei zusammengesetzten Papiermaché-Teilen mussten die Nähte nach dem Trocknen mit Messer und Schmirgelpapier unter starker Staubentwicklung begradigt werden.89 Der Staub, der beim Begradigen der Formnähte entstand, bedeckte die ganze Werkstatt mit einer dicken Schicht. Dieser Teil der Arbeit wurde meist von Kindern ausgeführt. Die Rate der Lungenschwindsucht in dieser Altersgruppe war hoch.90 Die Werkstatt war in vielen Fällen zugleich Wohnraum, Essraum, Schlafraum, Küche und häufig auch Stall für Ziegen, Kaninchen, Schweine usw. Zum Trocknen der Ware war ein erheblicher Wärmeaufwand erforderlich. Im Sommer konnte die Ware in der Sonne trocknen. Meist musste die Trockenwärme jedoch über die Öfen und Kochherde im Haus erzeugt werden. Für das notwendige Brennmaterial (Grude/Braunkohle) mussten die Heimarbeiter selbst aufkommen. Das Zentrum dieser Industrie lag in Stadt und Kreis Sonneberg/Thüringen (mit den Gemeinden Heinersdorf, Effelder, Mengersgereuth, Truckenthal und Grünpen), zum Teil im Meininger Oberland91 und in Neustadt/Oberfranken bei Coburg.92 Dort arbeiteten nahezu in jedem Haus Drücker/Former. Die Kinderarbeit war in diesen Familien noch Mitte der 1920er Jahre ein „unausrottbares Übel“.93 1898 waren in den Bezirken Sonneberg, Schalkau und Steinach insgesamt rund 34 Prozent aller Schulkinder in der Heimarbeit/Hausindustrie beschäftigt; 1910 rund 44 Prozent; 1923 rund 33 Prozent. Die Abnahme von 1923 im Vergleich zu 1910 ist u. a. auch darauf zurückzuführen, dass sich die Schulen verstärkt des Problems annahmen, dass die Gewerkschaften diesen „Übelstand“ immer wieder scharf kritisierten, dass die Gewerbeaufsicht diese Bemühungen stärker unterstützte und dass die Kinderschutz-Bestimmungen zunehmend genauer beachtet wurden.94 Seit Mitte des 19. Jahrhunderts gab es einen geregelten Drückertarif. Er war notwendig geworden, um das soziale Elend der Drücker erträglicher zu machen. In diesem 86 87 88 89 90 91 92 93 94
Vgl. ebd., S. 56 f. Ebd., S. 57. Ebd., S. 37. Vgl. ebd., S. 55 f. Vgl. ebd., S. 57. Vgl. ebd., S. 96. Vgl. ebd., S. 57. Ebd. Ebd., S. 105.
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Tarif wurde genau festgelegt, dass z. B. für ein Dutzend Babybeine mit einer Länge von 6 cm 10 zehn Pf. zu zahlen waren, für Katzen, die von der Schnauze über Kopf und ücken bis zum Schwanzansatz zu messen waren, waten laut Tarif 20 Pf. zu zahlen. Dieser Tarifvertrag mit festgelegten Mindestlöhnen war förmlich von allen großen Arbeitergeber-Organisationen – Spielwareninteressenten-Verband, Vereinigte Fabrikanten und Hausgewerbetreibende der Puppen- und Spielwaren-Industrie Sonneberg – anerkannt worden. Aber kaum einer der Arbeitgebervertreter hielt sich an diese Vereinbarungen.95 Um 1905 galt nach der Gewerbeordnung für die Betriebe der Spielwaren-Industrie ein tariflich geregelter Arbeitstag von elf Stunden. In der Saison (Juni bis Oktober – nach einer Regelung aus dem Jahre 1894 auch mit zulässiger Sonntagsarbeit) fiel aber meist sehr viel mehr Arbeit an. Daher war es üblich, dass die Arbeiter/innen in diesen Monaten nach einer meist zehnstündigen Arbeitszeit darüber Aufträge mit nach Hause nahmen, um sie dort nach Erledigung der dringendsten Haushaltsarbeiten in weiteren drei oder vier Arbeitsstunden zu erledigen.96 Für diesen Bereich der Arbeit gab es – im Gegensatz zur Fabrikarbeit – keinerlei Schutzbestimmungen.97 Lediglich die Beschäftigung fremder Kinder unter zwölf Jahren war nach dem Kinderschutzgesetz vom 30. März 1903 verboten. Dieses Verbot wurde jedoch nur mangelhaft beachtet. Für Kinder der eigenen Familie galt es ohnehin nicht. „Die Mehrzahl der Kinder arbeitet bis 10 oder 12 Uhr nachts.“98 Das Kinderschutzgesetz von 1903 enthielt für den Bereich der SpielwarenIndustrie Ausnahmebestimmungen und Übergangsregelungen bis zum 1. Dezember 1905. Danach durften Kinder unter zehn Jahren in familiärer Heimarbeit auch weiterhin beschäftigt werden.99 Seit dem Ende des 18. Jahrhunderts hatte sich wenig geändert. Für die 1769 in Berlin eingerichtete Blumen-Manufaktur galt noch in den 1780er Jahren: „Die Arbeiterinnen waren häufig Mädchen unter acht Jahren. Sie verdienten wenig Lohn bei einer Arbeitszeit von täglich mindestens zwölf Stunden.“100 Als Beschreibung einer durchschnittlichen Heimarbeiterfamilie in der Sonneberger Spielwaren-Industrie um 1905 galt: „Sie besteht aus Mann, Frau und drei Kindern von 4- 10 Jahren, die Eltern arbeiten, die Kinder helfen mit ausstechen [...] die Arbeitszeit dauert etwa 15 Sunden.“101 Für die Heimarbeiter gab es weder eine Kranken- noch eine Invalidenversicherungspflicht. Dabei galten die Gesundheitsverhältnisse in der SpielwarenIndustrie allgemein als „ungünstig“.102 Amtliche Statistiken über die Lohnverhältnisse der Heimarbeiter/innen aus der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg gibt es nicht. Jedoch weisen die Steuerlisten in SachsenMeiningen (Sonneberg) für die Jahre um 1905 aus, dass mehr als 50 Prozent der erwachsenen Arbeiter/innen nicht steuerpflichtig waren, da sie weniger als 600 M. im Jahr ver95 Vgl. Gabriele Grünebaum, Papiermaché – Geschichte, Objekte, Rezepte, Köln 1993 (2. Aufl. 1995), S. 98 f. 96 Vgl. Meerwarth, Untersuchungen, S. 20. 97 „[...] dass durch die Arbeitsschutzgesetzgebung [insb. Kinderschutzgesetz] in vielen Fällen die Heimarbeit vermehrt worden ist.“ Ebd., S. 71. 98 Ebd., S. 21. 99 Vgl. ebd., S. 21. 100 Erika Herzfeld, Preußische Manufakturen. Großgewerbliche Fertigung von Porzellan, Seide, Gobelins, Uhren, Tapeten, Waffen, Papier u. a. im 17. und 18. Jahrhundert in und um Berlin, Bayreuth 1994, S. 120, Sp. 1. 101 Zit. nach Dr. Rausch, Die Sonneberger Spielwarenindustrie, o. O., o. J., o. S. In: Meerwarth, Untersuchungen, S. 23. 102 Vgl. Meerwarth, Untersuchungen, S. 21.
104 Teil I – Papierverarbeitung im 19. und 20. Jahrhundert dienten.103 Die Angaben zu den Lohnverhältnissen bezogen sich jeweils auf Einzelverhältnisse. Sie sind nur bedingt übertragbar, ermöglichen aber dennoch eine ungefähre Vorstellung. Von einem Drücker/Former der Papiermaché-Verarbeitung, der mit seiner Frau und einer erwachsenen Tochter arbeitete, wurde berichtet, dass er 27 M. Wochenlohn erhielt; seine Auslagen betrugen 8,90 M., was einem Reinverdienst von 18,10 M. gleich kam. Ein anderer Drücker/Former, der geringerwertige Ware mit seiner Frau herstellte, erzielte einen Wochenlohn von 15 M., wovon 3 bis 5 M. für Material abgingen, dies entsprach einem Reinverdienst von 10-12 M.104 Die typische Wohnung der Hausindustriellen/Heimarbeiter in der Spielwaren-Industrie bestand aus einem Zimmer, in dem gekocht, gewohnt, geschlafen und gearbeitet wurde. Gelegentlich gab es noch eine kleine Schlafkammer. „In einigen Dörfern [des Kreises Sonneberg], so in Rauenstein, in Hämmern, in Neufang finden sich verhältnismäßig große Gebäude, sog. Mietskasernen, in denen sich gewöhnlich die ärmste Bevölkerung zusammendrängt, während die jüngeren Dorfinsassen zumeist in kleinen für zwei bis vier Familien passenden Häuschen wohnen. Ein Haus in Rauenstein beherbergt in wenigen Stuben 51 Personen; auf die Stube kommen in solchen Logis 6-7 Seelen.“105
In diesen überbelegten Behausungen, die kaum gelüftet wurden oder gelüftet werden konnten, da die Raumwärme zum Trocknen der Ware – gerade auch bei PapiermachéArbeitern – gebraucht wurde, waren häufig unterernährte, mit gesundheitswidrigen Materialien beschäftigte Arbeiter aller Altersklassen untergebracht. Die Rate der „Proletarierkrankheit“ (Lungentuberkulose) war hoch. Nach einer Studie aus dem Jahre 1897 ergab sich im Kreis Sonneberg eine Sterberate aufgrund von Tuberkulose von 4,3 Prozent im Vergleich zu 2,5 Prozent im übrigen Herzogtum Sachsen-Meiningen.106 Die „Hauptursache der Tuberkulose ist in der bedeutenden Hausindustrie für Papiermaché-Arbeiten zu suchen. In den engen Wohnräumen, wo auch geschlafen wird, wird in gebückter Haltung andauernd, Sommer und Winter, gearbeitet. In denselben Räumen werden bei großer Hitze die feuchten, stark und unangenehm riechenden Produkte getrocknet. Die kleinen Kinder, die Impflinge, sehen durchweg gesund und gut genährt aus, die erwachsenen Personen sind blutarm, zeigen eine mangelhafte Ernährung.“107
Nach einer Betriebszählung aus dem Jahre 1907 gab es im Kreis Sonneberg fast 1000 Drücker-Heimarbeitsbetriebe, 1912 waren es 700, davon hatten an die 300 Grude-Trockenöfen. Mitte der 1920er Jahre wurde die Gesamtzahl der Drückerbetriebe im Raum Sonneberg/Neustadt auf 1100 geschätzt.108 Versuche, auf die unhaltbaren Zustände in der Spielwaren-Industrie durch Zusammenschlüsse und gemeinsame Aktionen der Arbeiter zu reagieren, hatte es wiederholt gegeben. Es blieb meist jedoch bei diesen Versuchen. Sie waren immer nur von kurzer Dauer; so auch ein Zusammenschluss der Drücker/Former aus den Jahren 1896/97. 1904 kam es zu einem Streik. 1905 versuchten die freien Gewerkschaften, eine Ortsgruppe der Spielwarenarbeiter zu gründen. 103 Vgl. ebd., S. 24. 104 Vgl. ebd., S. 26 f. Meerwarth weist ausdrücklich darauf hin, keine extremen Beispiele ausgesucht zu haben; vgl. ebd. 105 Zit. nach Rausch, Die Sonneberger Spielwarenindustrie, o. O., o. J., o. S. In: Meerwarth, Untersuchungen, S. 26. 106 In der Stadt Sonneberg lag die Quote bei über vier Prozent; in Effelder, Amtsbezirk Schalkau bei über sieben Prozent; vgl. Meerwarth, Untersuchungen, S. 27. 107 Zit. nach einer Studie von Prof. Leubuscher aus dem Jahre 1897, o. O., o. S. In: Meerwarth, Untersuchungen, S. 26. 108 Vgl. Brandel, Heimarbeit, S. 57.
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Ebenfalls 1905 wurden in Sonneberg und Neustadt Zahlstellen des Verbandes der Fabrikarbeiter Deutschlands gegründet. In Neustadt schlossen sich hauptsächlich Drücker/ Former diesen Zahlstellen an. In Sonneberg waren es die Docken(Puppen-)macher. Die Gesamtzahl blieb jedoch sehr gering. 1911 hatten sich über 300 Hausgewerbetreibende (darunter alle Gehilfen) aus dem Bereich der Augeneinsetzer in Sonneberg und Neustadt für kurze Zeit den Zahlstellen angeschlossen. Die Gehilfen konnten einen „glänzenden Tarif“ abschließen109. Er schloss ein: tariflich festgelegter Zehnstundentag; 1. Mai als Feiertag (Arbeitsruhe); Beschränkung der Überstunden auf höchsten acht je Woche; Verbot der Mitgabe/-nahme von Heimarbeit an Fabrikarbeiter; Verbot der Beschäftigung von Schulkindern; gleicher Lohn für Männer und Frauen; Lohnerhöhungen bis zu acht M. die Woche.110 1913 erhielt der Ortsverband der Fabrikarbeiter Sonnebergs eine neue Leitung. Dadurch gab es einen Neuanfang und einen kräftigen Aufschwung der Gewerkschaftsarbeit. Im selben Jahr gab es eine Aussperrung „größten Stils“ in der Spielwaren-Industrie.111 Bei heftigen, blutigen Zusammenstößen ging die Polizei mit dem Säbel gegen die Arbeiter vor. In einem anschließenden Prozess wegen Landfriedensbruch wurden langjährige Freiheitsstrafen ausgesprochen.112 Trotz (oder wegen) dieser Erfahrungen hatte sich der Organisationsgedanke im Ersten Weltkrieg durchgesetzt. 1916 organisierten sich die Drücker/Former, 1919 die Balg(Puppenkörper)macher im Verband der Fabrikarbeiter Deutschlands. Die Arbeitgeber schlossen sich 1920 in Leipzig mit 20 Fachfirmen zum Verband deutscher Masken- und Spielwaren-Fabrikanten zusammen.113 Die Arbeits- und Lohnverhältnisse der Heimarbeiter in der Thüringer SpielwarenIndustrie um Sonneberg blieben bis in die Zeit Mitte der 1920er Jahre nahezu unverändert. In den Bemerkungen zu einer von Gottfried Brandel erstellten „Übersicht über die durch den Verband der Fabrikarbeiter Deutschlands ausgestellten Arbeiten, über Löhne, Arbeitszeiten und Lebenslage der Heimarbeiter“ für die Heimarbeiterausstellung Berlin 1925 wurden unter Punkt 2 u. a. Angaben zu den Produktionsverhältnissen und -bedingungen in Truckenthal gemacht. Gegenstand: Weihnachtsmann, in Form gedrückt; tägliche Arbeitszeit: zwölf bis 14 Stunden; der Tageslohn war tariflich geregelt; Stundenverdienst: 20 Pf.; Wochenlieferung: zwei- bis dreimal; Zeitverlust per Lieferung: vier Stunden; ein 26jähriger männlicher Arbeiter mit vier Familienangehörigen, seit zehn Jahren im Beruf; Dachwohnung, der Werkraum diente gleichzeitig als Küche und Schlafraum – die „Frau muss mitarbeiten. Neben dem Bett ist der Arbeitstisch. Die Rohmasse stinkt, da mit Petroleum gearbeitet wird. Beim Abnehmen der Nähte ist große Staubentwicklung. Die Kinder von 4 und 1½ Jahr. müssen in dieser stickigen Luft leben.“114
Brandel zählt insgesamt nahezu 200 Positionen aus dem Bereich Spielwaren, Karnevalartikel, Papierblumen auf. Die durchschnittliche tägliche Arbeitszeit lag bei 12-14 Stunden. Der Stundenverdienst lag zwischen 5 und 50 Pf. – durchschnittlich bei 20-25 Pf.115 Als weiteres Beispiel, ebenfalls aus Truckenthal, wurde eine 41 Jahre alte, seit 27 Jahren im Beruf stehende Formerin für rohe Puppenkörper, Arme, Beine angeführt; sie erhielt 109 110 111 112 113 114 115
Vgl. ebd., S. 98 f. Vgl. ebd., S. 1. Vgl. ebd., S. 97. Vgl. ebd. Vgl. Weissenfels, Standorte, S. 126. Brandel, Heimarbeit, S. 14/15. Vgl. ebd., S. 14 ff.
106 Teil I – Papierverarbeitung im 19. und 20. Jahrhundert bei einer 14-stündigen Arbeitszeit einen Stundenlohn von sieben Pf. Für diese Arbeit bestand eine tarifliche Lohnvereinbarung. Die Ware wurde ein- bis zweimal in der Woche abgeliefert. Durch diese Lieferungen entstand eine durchschnittliche zusätzliche Zeitbelastung von vier Stunden. Zur Familie gehörten drei Personen, die Wohnung bestand aus drei Räumen. „Der Tarif ist 42 Pfg. pro Dzd. Heimarbeiterin erhält nur 13 Pfg. Weder Arbeitgeber noch Arbeiter kümmern sich um den Tarif, da nur der Arbeit erhält, der am billigsten arbeitet. Die zwei Töchter arbeiten nicht.“116
Das durchschnittliche Jahreseinkommen einer Heimarbeiterfamilie (Teilarbeiter) in der Spielwaren-Industrie lag in der großen Mehrzahl unter 600 M. Gelernte Bossierer (Fertigmacher, teilweise mit Arbeitgeberfunktion und eigener Werkstatt) konnten mit einem Jahreseinkommen zwischen 1000 und 2000 M., also mit mehr als dem Doppelten oder Dreifachen rechnen.117
Karnevalartikel118 Die Zentren der Karnevalartikel-Industrie lagen um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert im Thüringer Wald – Manebach b. Ilmenau, Sonneberg, Ohrdruf (südl. Gotha) und in den oberfränkischen Gemeinden Pressig, Rothenkirchen, Teuschnitz usw.119 Mitte der 1920er Jahre gab es in Sonneberg sechs Unternehmen, die die Arbeit in der Hauptsache auf Heimarbeiter verteilten. Im Betrieb wurden die Artikel meist nur verpackt und zum Versand gebracht. Nur ein Sonneberger Betrieb ging in der Zeit dazu über, das Bemalen der Masken in hauseigener Abteilung – von zumeist jugendlichen und weiblichen Arbeitskräften – vornehmen zu lassen.120 In Jagdsdorf b. Sonneberg wurden „fast in jedem Haus Masken bemalt, aufgelegt, oder es [wurde] der Haarbesatz angeflickt.“121 In der Jahrhundertwende wurden von einem Sonneberger Unternehmen jährlich über 10 000 Gros (= je 144 Stück) Papier-, Haut- und Drahtmasken abgesetzt.122 Diese Industrie war nahezu ausschließlich auf Heimarbeit ausgerichtet.123 Die gesamte Produktion wurde mit Hilfe weniger Hilfsmittel in Handarbeit ausgeführt. Die Lohn- und Arbeitsbedingungen galten als die „denkbar ungünstigsten“ – der durchschnittliche Wochenlohn einer Familie lag bei kaum 12 bis 14 M. (= 3,00 bis 3,50 M. pro Arbeitskraft).124 In der Karnevalartikel-Industrie des Thüringer Waldes/Oberfrankens wurden neben Masken vor allem auch Nebelhörner, Mützen, Gigerlstöcke,125 Scherzartikel aller Art sowie Klatschen in großer Zahl hergestellt. Für das Bekleben von einem Gros (144 Stück) 116 117 118 119 120 121 122
Ebd., S. 14 f. Vgl. Meerwarth, Untersuchungen, S. 25. Vgl. auch Abschn. „Karnevalartikel“ der v. A. Vgl. Brandel, Heimarbeit, S. 43. Vgl. ebd., S. 42. Ebd., S. 43. Vgl. Fritz Regel, Thüringen. Ein geographisches Handbuch, Teil III: Kulturgeographie, Jena 1896, S. 215, zit. in: Eilers, Thüringer Karnevalsartikel-Industrie, S. 13. 123 Vgl. Brandel, Heimarbeit, S. 42. 124 Vgl. ebd., S. 43. 125 Karnevalstöcke aus Karton, Phantasiegriffe mit karnevalfarbenem Papier beklebt; vgl. u. a. Eilers & Mey, Masken- und Papierlaternenfabrik, Manebach i. Th. (Angebotskatalog), 1939, S. 76.
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Nebelhörner mit Papier wurden 50 Pf. gezahlt. Davon gingen sieben Pf. für Arbeitsmaterial (Papier, Kleister) ab. Für die Höchstleistung von 70 bis 80 Gros (für ein Gros brauchte ein geübter Arbeiter vier Stunden) musste eine Familie von fünf Erwachsenen und zwei Kindern täglich 15 Stunden arbeiten. Das machte einen Stundenverdienst von knapp 14 Pf. aus. In der Hochsaison erhielten die Arbeiter 48 Pf. für ein Gros. Das Material kostete dann drei Pf. Der Stundenverdienst lag in der Hochsaison bei elf Pf.126 Die Klatschen wurden sowohl in Heim- als auch in Gefängnisarbeit gefertigt. Dabei erhielten die Gefangenen oft einen höheren Lohn als die Heimarbeiter.127 Nur vereinzelt kam es zu solidarischen Zusammenschlüssen der Heimarbeiter gegen diese Verhältnisse. Als sie um die Jahrhundertwende besonders unerträglich wurden, kam es 1902 zur Gründung des Maskenarbeiter-Verbandes Jagdsfeld-Manebach128. Der Monatsbeitrag lag für männliche bei 20 und für weibliche Heimarbeiter bei zehn Pf. Diese Beträge konnten jedoch vielfach nicht aufgebracht werden.129 „Das Trucksystem stand (in der Jahrhundertwende) in höchster Blüte. Die Heimarbeiter erhielten am Wochenende statt Lohn vom Arbeitgeber neben ihren Rohstoffen für die Heimarbeit noch die Lebensmittel und sonstige Kolonialwaren und Gebrauchsartikel geliefert. Auf inständiges Bitten oder energisches Drängen hin wurden hin und wieder auch einige Mark in bar gegeben [...] und oft hatte der Heimarbeiter beim Arbeitgeber mehr Schulden stehen als verdienten Lohn.“130
1908 kam es zu einem mehrwöchigen Streik der Maskenarbeiter, jedoch musste der durch „Hunger und Not erzwungene Verrat einiger Maskenarbeiter [...] den Abbruch des Streiks nach sich ziehen.“131 Unter dem Druck der Öffentlichkeit besserte sich die Lage der Arbeiter für kurze Zeit, aber „die Mutlosigkeit der Maskenarbeiter brachte bald wieder das alte Joch“132 und „Die Unternehmermacht hatte den Willen und die Energie der Maskenarbeiter unterjocht.“133 Die tägliche Arbeitszeit lag bei „unmenschlich langen“ 16 Stunden und mehr. In den Nächten von Freitag auf Samstag wurde regelmäßig durchgearbeitet. Frauen- und Kinderarbeit war selbstverständlich. Der Unternehmer Gerhard Eilers aus Manebach bemerkte dazu: „Die Kinder, [...] die da und dort in den langen Wintermonaten zu einzelnen Hilfsleistungen herangezogen werden, haben meist nur Arbeiten zu verrichten, die ihren Körper nicht schädigen. Die Hilfsleistungen sind sehr leicht und von einfachster Art. Sie haben keine unangenehmen Folgen für die Entwicklung der Kinder [...] Im Sommer sind sie meist mit landwirtschaftlichen Arbeiten, Holzlesen, Waldbeeren- und Pilzesuchen [...] beschäftigt. Die Erfahrung lehrt, dass die Kinder für diese Arbeiten viel nützlicher und geeigneter sind.“134
In der Zeit des Ersten Weltkrieges wurde die Manebacher Produktion von Karnevalartikel auf Papiersäcke umgestellt. Unter den Einwirkungen des Krieges war der wichtige Exportmarkt völlig zusammengebrochen. Erst im Jahre 1919 wurde die Maskenarbeit allmählich wieder aufgenommen. Alle Arbeiter hatten sich in der Zwischenzeit 126 Vgl. Brandel, Heimarbeit, S. 50 f. 127 Vgl. ebd., S. 50. 128 Die Maskenarbeiter schlossen sich 1907 dem Verband der Fabrikarbeiter Deutschlands an; vgl. ebd., S. 44. 129 Vgl. ebd. 130 Ebd. 131 Ebd. 132 Ebd. 133 Ebd. 134 Eilers, Thüringer Karnevalsartikel-Industrie, S. 40.
108 Teil I – Papierverarbeitung im 19. und 20. Jahrhundert „der Kriegs- und anderen Industrien zugewandt [...] Es muss festgehalten werden, dass [unmittelbar nach Ende des Ersten Weltkrieges] die Arbeitgeber sich für den Tarifgedanken außerordentlich einsetzten und ihre Heimarbeiter auch direkt zum Eintritt in die Gewerkschaft aufforderten.“135
Bereits nach kurzer Zeit hatten sich über 400 Maskenarbeiter gewerkschaftlich organisiert.136 Trotzdem musste Gottfried Brandel noch 1925/26 feststellen, dass „nach wie vor [...] die Ausbeutung der eigenen Frau und der Kinder137 für viele Maskenheimarbeiter etwas Selbstverständliches“ ist.138 Unter diesen Umständen blieb den Frauen nicht die Zeit, sich um den Haushalt zu kümmern. Nur das Notwendigste konnte unter hohem Zeitdruck erledigt werden. Selbst für das Bettenmachen oder das Kochen des Mittagessens reichte es oft nicht, da keine Arbeitszeit verloren werden durfte.139 Der Wochenverdienst für vier Personen lag bei 38-45 M., die Arbeitszeit wöchentlich bei ca. 80 Stunden, der Stundenverdienst bei 14-18 Pf. je Person.140 1925 mussten für eine Menge von 15-20 Gros Masken zwei Personen täglich 14-15 Stunden arbeiten. Dazu die Sicht des Unternehmers Gerhard Eilers: „Die Arbeitszeit in der Manebacher Heimindustrie lässt sich [...] stundenmäßig sehr schwer angeben [...] je nach dem Fleiß und der Ausdauer der einzelnen Heimarbeiter [ist sie] sehr verschieden [...] Praktisch kann ja [...] der selbständige Heimarbeiter unbegrenzt lange arbeiten. Die Dauer ist nur von dem Willen des Einzelnen abhängig. In vielen Fällen will der Heimarbeiter möglichst viel verdienen, und dehnt daher vielfach die Arbeitszeit verhältnismäßig lang aus, zumal er meist die gesundheitlichen Gefahren der längeren Arbeitszeit nicht kennt. Die Zahl der Arbeitsstunden an einem Tag [...] bewegt sich zwischen 10 und 12 Stunden [... wenn] die Saisonarbeit einsetzt [... steigt die] Stundenzahl [an]“.141
Der durchschnittliche Stundenlohn lag in diesen Jahren bei knapp zehn bis zwölf Pf. „An den Sonnabenden früh um vier Uhr treten viele Frauen einen Marsch von zwei Stunden an, um zur Bahn zu kommen und nach einer Ausgabe von 1,80 RM Fahrgeld die Ware in die Fabrik zu bringen. Erst spät in den Nachmittagsstunden kommen sie wieder zu Hause an, froh darüber, wenn ihnen der Fabrikant wieder Papier mitgegeben hat für neue Arbeit.“142
Für das Auflegen von ein Gros Kindermasken (= 144 Stück) wurden 1,42 M. (weniger als ein Pf. je Stück) gezahlt. Davon gingen 50 Pf. für Papier und Kleister ab. Die Betriebskosten (Licht, Heizung usw.) mussten ebenfalls von den Heimarbeitern getragen werden. Die Heimarbeit in der Thüringer Karnevalartikel-Industrie war weitgehend über das Verlagssystem geregelt. Dieses System funktionierte als Vermittlung zwischen Herstellern (Heimarbeitern) und Abnehmern (Fabrikanten, Verleger).143 Im Heimarbeiter-Lohngesetz vom 23. Juni 1923 wurden tarifliche Mindestlöhne festgelegt. Nach dem Stand vom 1. No135 Ebd. 136 Vgl. ebd., S. 44 f. 137 Die Kinder mussten „oft bis 11 Uhr nachts und noch länger“ arbeiten (ebd., S. 46, Bildunterschrift). 138 Ebd., S. 45. Nach dem Ersten Weltkrieg kam es zu einer allgemeinen Umstrukturierung der Tarifverhältnisse. Arbeitgeber und Arbeitnehmer organisierten sich auf Reichsebene zu jeweils separaten Tarifparteien und schlossen Reichstarife ab. 139 Vgl. ebd., S. 45 f. 140 Vgl. ebd., S. 45. 141 Eilers, Thüringer Karnevalsartikel-Industrie, S. 40 f. In anderen Fällen musste die Ware wöchentlich – meist mit einem Handwagen – mit einem Zeitverlust von „stets 3 bis 4 Stunden“ abgeliefert werden; dieser Zeitverlust musste durch Sonntagsarbeit wieder kompensiert werden; vgl. Brandel, Heimarbeit. S. 51. 142 Ebd., S. 49. 143 Vgl. Eilers, Thüringer Karnevalsartikel-Industrie, S. 10 f.
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vember 1925 lagen die Stundenlöhne zwischen 17 Pf. (weibl., 14 Jahre) und 55 Pf. (männl., 25 Jahre). Der durchschnittliche Wochenlohn für Fabrikarbeiter in der Klasse I (ungelernte Arbeiter) betrug 30 M., in Klasse II (gelernte/vorgesetzte Arbeiter) wurden 35 M. ausgezahlt; Akkordlöhne lagen bei 33 M.144 Diese tariflichen Löhne bezogen sich auf Zeit- oder Akkordlöhne für Fabrikarbeiter. Die Heimarbeiter wurden jedoch nach Stücklöhnen und jeweiliger Qualität der Ware bezahlt. Bei diesem System war Willkür nicht unüblich. Die Endsummen konnten daher sehr unterschiedlich ausfallen. „Schlecht bezahlt wird bei der Maskenfabrikation [der Heimarbeiter] das Anheften von Schnurrbärten und Haarbesatz, so dass z. B. eine 25jährige Arbeiterin [die 14 Stunden täglich arbeitet] 12 Pfg. Stundenlohn bekam. Für Kinderarbeit bei der Maskenherstellung, das Stempeln „Made in Germany“ bekam z. B. ein 14jähriges Mädchen 5 Pfg. in der Stunde. – Außerordentlich ungünstig ist die Entlohnung fast durchweg für die Herstellung künstlicher Blumen, die ihren Sitz in Sebnitz und Dipoldiswalde hat. Eine 28jährige Arbeiterin verdiente 5 Pfg. stündlich, eine andere 4 Pfg., eine 36jährige 3 Pfg. Andere Löhne sind [...] bis höchsten 34 Pfg. Die Löhne unter 10 Pfg. sind nicht selten.“145
Wie bei den Spielzeugmachern war auch bei den Maskenmachern der Werkraum häufig gleichzeitig Küche, Schlaf- und Wohnraum „[...] und im Frühjahr noch Aufenthaltsraum für junge Ziegen und Hühner“.146 Der weniger als zwei Meter hohe „Arbeitsraum ist zugleich Schlafraum für sechs Personen.“147 Eine ganz andere Sicht auf die Dinge und auf die Wohnverhältnisse der Heimarbeiter in Manebach vertrat hingegen Gerhard Eilers: „Die Wohnverhältnisse haben sich [...] erheblich gebessert [...] ein beträchtlicher Teil der Arbeiter hat ein einstöckiges Häuschen erworben [...] Der Wanderer [...] ist über das schmucke Aussehen dieser kleinen Häuser erstaunt [...] Die elenden Hütten ... sind nicht mehr zu finden ... Die Wohnungen bestehen in der Mehrzahl [...] aus Wohnzimmer, Küche, Kammer und einer guten Stube [...] der Waldbewohner ist mit ihnen sehr zufrieden, zumal sie nicht feucht und dumpf sind [...] Arbeitsräume, die zugleich als Küche und Wohnstube dienen, gehören zu den Seltenheiten. Die meisten Heimarbeiter haben entweder einen besonderen Raum zum Arbeiten, oder sie arbeiten in der Wohnstube, die jedoch dadurch in keiner Weise in ihrer Behaglichkeit beeinträchtigt wird. Daneben besteht dann noch die gute Stube, die an Ruhe-, Sonnund Feiertagen benutzt wird. Die Stube ist das Schmuckstück der ganzen Häuslichkeit. Im Sommer dient sie den zahlreichen Fremden [...] zum Quartier.“148
Papierblumen149 Besonders „erbärmliche“150 Zustände herrschten in der Heimarbeit der PapierblumenIndustrie. Diese „moderne Hausindustrie im eigentlichen Sinne“151 hatte ihren Hauptstandort in Sebnitz/Sachsen und Umgebung (einschließlich Neustadt/Sachsen). Weitere Standorte waren Dresden, Leipzig, Halle, Chemnitz, Breslau, Berlin und München. 152 An 144 Vgl. ebd., S. 43 f. 145 Gerhard Eilers, zit. nach Frieda Wunderlich, Die Deutsche Heimarbeiterausstellung 1925, Jena 1927, S. 12; vgl. auch Brandel, Heimarbeit. 146 Brandel, Heimarbeit, S. 46. 147 Ebd., S. 47. 148 Eilers, Thüringer Karnevalsartikel-Industrie, S. 45 f. 149 S. auch Abschn. „Papierblumen“ der v. A. 150 Vgl. Brandel, Heimarbeit, S. 121. 151 Meerwarth, Untersuchungen, S. 58. 152 Vgl. Brandel, Heimarbeit, S. 120; Pieske, ABC des Luxuspapiers, S. 196 f.
110 Teil I – Papierverarbeitung im 19. und 20. Jahrhundert der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert waren mit der Herstellung künstlicher Blumen in Heimarbeit schätzungsweise 20 000 bis 25 000 Arbeitende (vor allem Frauen) beschäftigt.153 Der durchschnittliche Tageslohn lag bei einer Arbeitszeit zwischen elf und 14 Stunden bei 60-80 Pf.154 In dieser Industrie gab es bei oft „unerträglicher“ Hitze-, Giftdämpfe- und Staubentwicklung zahlreiche gesundheitsschädigende Arbeitsgänge155 mit Verbrennungen, Vergiftungen oder Bleierkrankungen.156 „Die Mutter machte [um 1900] mit den Kindern Blumen für eine Sebnitzer Blumenfabrik. Sie legte Laub auf, und die Kinder mussten ihr dabei helfen. Jedes Kind hatte jeden Tag eine bestimmte Anzahl Blätter aufzulegen. Für jedes Gros gab es 30 Pfennige und für 6 Mark wurde jede Woche Heimarbeit gemacht. M. B. musste jede Woche nach Sebnitz liefern gehen, d. h. die fertige Heimarbeit in der Fabrik abliefern und neue Arbeit mitbringen. Die Mutter gab ihm dafür das Fahrgeld für den Zug [...] Der Junge fuhr aber nur eine Strecke. Zurück lief er. Von dem eingesparten Geld kaufte er sich etwas zu essen.“157
Der Arbeiter Konrad Sommer erinnerte sich: „Die Großmutter fertigte Myrtenblätter an [...] Für ein Gros abgelieferter Blüten erhielt der Heimarbeiter laut Festlegung im Entgeltbuch 60 Pfennige. Großmutter fertigte sie aus Seidenfäden, Seidenpapier, Stoff, Leim, Draht und anderen [...] Materialien.“158
Kunstblumen gehörten zu den exportintensiven Artikeln. 1912 wurden nahezu 8000 Doppelzentner ausgeführt, 1913 mehr als 7300, 1922 mehr als 5700, 1923 mehr als 6300 Doppelzentner.159 Heimarbeit war in der Blumenindustrie, insbesondere im östlichen Erzgebirge, vorherrschend. Die Kinderarbeit in dieser Industrie war in einigen Gegenden auch noch Mitte der 1920er Jahre als „mehr als kraß zu bezeichnen“160. Nach dem Ersten Weltkrieg war in den entlegenen Gebirgsorten insbesondere in den Wintermonaten die leicht zu erlernende Blumenbinderei für Landwirte, Handwerker und deren Frauen sowie für Kriegerwitwen oft die einzige Möglichkeit, Einkünfte zu erwirtschaften. Die Erlöse wurden von den Arbeitgebern (von Ort zu Ort sehr unterschiedlich) bestimmt und es wurde „für jeden angebotenen Preis Arbeit geleistet“161. Stundenlöhne von zehn und zwölf Pf. waren gang und gäbe – selbst Fälle von drei bis sechs Pf. Entlohnung pro Stunde waren bekannt.162 153 Vgl. Meerwarth, Untersuchungen, S. 59. 154 Vgl. ebd., S. 62 ff. 155 Im Entwurf der Gewerkschaften aus dem Jahre 1924 für einen Heimarbeiterlohn-Vertrag in diesem Bereich wurden 150 verschiedene Positionen aufgeführt; vgl. Brandel, Heimarbeit, S. 122. 156 Vgl. ebd., S. 120 f. Diese Darstellung bezieht sich vor allem auf die Herstellung von Wachsblumen. In der Stoffblumen-Fabrikation galt, „dass die Arbeit keine besonderen gesundheitlichen Schäden mit sich bringt“; vgl. Meerwarth, Untersuchungen, S. 64. 157 Martin Bergmann (1891–1972), Fabrikarbeiter; zit. in: Manfred Schober, Die Sebnitzer Kunstblume, Dresden/Basel 1994, S. 21. Der Familienvater verdiente – mit einer nicht genannten Tätigkeit – wöchentlich dreizehn Mark. Die Anzahl der in der Sebnitzer/Neustädter Kunstblumen-Industrie beschäftigten Arbeiter, einschließlich der Heimarbeiter (nicht aber deren Familiemitglieder) wird für den Zeitraum vor Ausbruch des Ersten Weltkrieges auf 10 000 geschätzt; vgl. ebd., S. 22. 158 Konrad Sommer, geb. 1925, zit. in: Schober, Sebnitzer Kunstblume, S. 22. 159 Vgl. Brandel, Heimarbeit, S. 121. 160 Vgl. ebd., S. 121. Diese Beobachtung bezog sich vor allem auf die Industrie im östlichen Sachsen (Sebnitz usw.). In München konnte Kinderarbeit in diesem Industriebereich bereits in der Zeit um die Jahrhundertwende nicht mehr festgestellt werden; vgl. Meerwarth, Untersuchungen, S. 63. 161 Brandel, Heimarbeit, S. 121. 162 Vgl. Brandel, Heimarbeit, S. 121; vgl. auch Tabelle auf S. 123 ebd. Diese Tabelle beruht weitgehend auf Angaben aus dem Bezirk Sebnitz-Neustadt, wobei die Positionen unterhalb 15 Pf.
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Diese außerordentlich geringen Lohnsätze (der durchschnittliche Stundenlohn in der Papier verarbeitenden Industrie betrug 20-25 Pf.) beförderten um 1900 mehr und mehr den Organisationsgedanken. So wurde in der Pfingstwoche 1901 in Berlin der Verband der Blumenarbeiter gegründet. Dieser Verband konnte kurze Zeit darauf Mitglieder auch in Dresden, Leipzig, Sebnitz und in Neustadt b. Sebnitz anwerben. Nach der Betriebszählung von 1907 wurden in der Industrie künstlicher Blumen 30 000 Beschäftigte, davon 7000 Heimarbeiter, gezählt. 1914 schloss sich der Verband der Blumenarbeiter dem Verband der Fabrikarbeiter Deutschlands an.163 Mitte der 1920er Jahre versuchte vor allem die Sektion der Blumenbinder im Verband der Fabrikarbeiter die Verhältnisse durch Lohnverträge zumindest auf Bezirksebene – in anderen Bereichen waren inzwischen Reichstarife üblich – zu bessern. 1925 veranlasste der Buchbinder- und Papierverarbeiter-Verein eine Enquete zur Lage der Heimarbeit. Von dieser Enquete wurden 29 Orte mit 4800 Heimarbeitern erfasst, von denen die Hälfte in der Tüten-/Beutelproduktion beschäftigt war, etwa je ein Viertel arbeitete in der Kartonagen- und Etui- bzw. in der Luxuspapierwaren- und Kotillon-Industrie. Zentren der Tüten-/Beutel-Handkleberei in hauptberuflicher (!)164 Heimarbeit waren (mit Angabe der Arbeitskräfte): Luckenwalde: 60 Liegnitz/Schl.: 80 Brandis: 95 Stettin: 100 (Arbeiterinnen) Hirschberg/Schlesien: 140 Alfeld/Westf.: 200 Hannover: 200 Leipzig: 350 Aschersleben: 500 (darunter 100 Kinder) Zentren der Etui-Industrie waren: Rathenow: 35 Berlin: 320 Baden: 450 (darunter 80 Kinder) Zentren der Luxuspapierwaren und Kotillonartikel waren: Quedlinburg: 30 Berlin: 300 Dresden: 400 Grimma/Sachs.: 400.165 und die einstelligen Positionen klar überwiegen. Die Einkommensverhältnisse hatten sich damit in den letzten 15 bis 20 Jahren nur gering bis gar nicht verändert. 163 Vgl. ebd., S. 121 f. Dabei handelte es sich in Berlin um 80 Perosnen (49 männl., 31 weibl.); Dresden – 511 (51 m., 460 w.); Leipzig – 21 (4 m., 17 w.); Neustadt – 102 (67 m., 35 w.), Sebnitz – 414 (278 m., 130 w.) gesamt = 1128. In den Folgejahren vervielfachten sich die Mitgliedszahlen; jedoch blieb der Organisationsgrad der Heimarbeiter in diesem Wirtschaftsbereich außerordentlich niedrig; vgl. ebd., S. 122. 164 Die Zahl der in Nebentätigkeit Beschäftigten ist unbekannt; sie war vermutlich beträchtlich. 165 Vgl. Weissenfels, Standorte, S. 135.
112 Teil I – Papierverarbeitung im 19. und 20. Jahrhundert Die durchschnittlichen Stundenverdienste der Heimarbeiter/innen lagen Mitte der 1920er Jahre in der gesamten Papier-/Pappe verarbeitenden Industrie zwischen 20 und 50 Pf. In der Kotillon-, Papierwaren- und Papierblumen-Industrie waren auch „Reinverdienste von 9, 5, 4, ja 21,5 Pfg. pro Stunde nicht selten“; es wurden jedoch auch Beträge zwischen 60 und 80 Pf. erreicht. In Gegenden mit einem hohen Organisationsgrad wurden gültige Tarife von den Arbeit-/Auftraggebern weit eher eingehalten als z. B. in der Kartonagen-Industrie in Lahr/Baden, wo die Heimarbeiter Einbußen von 10-20 Prozent hinnehmen mussten. Ab Juni 1923 und November 1923 war die Heimarbeit durch das Heimarbeitsgesetz bzw. durch die Verordnung über die Fachausschüsse für Heimarbeit geregelt.166
Gefängnis-, Armenhaus-, Waisenhausarbeit Um 1900 wurden in Strafvollzugsanstalten und öffentlichen Sozialeinrichtungen neben anderen Arbeiten auch Papierarbeiten ausgeführt. Zu ihren wichtigsten Auftraggebern gehörten die Behörden, die Briefumschläge, Formulardrucke, Einbandarbeiten und dergleichen orderten. Das löste Konflikte mit der Privatwirtschaft aus. „Einen sehr gefährlichen Außenseiter hatte [vor dem Ersten Weltkrieg] die [Briefumschlag-] Konvention durch die Konkurrenz der Strafgefangenen. Es wurden von Unternehmern Briefumschläge auf den Markt gebracht, die sie in Strafanstalten herstellen ließen und die 10-15% billiger waren, als der Briefumschlagfabrikant sie herstellen konnte.“1
Dagegen wandte sich der „Verein deutscher Briefumschlagfabrikanten“ in wiederholten Eingaben an die Behörden. Erreichen konnte er schließlich, dass die in den Strafanstalten hergestellten Briefumschläge nur im Behördenverkehr eingesetzt wurden. Damit war zwar die Preis-„Schleuderei“ der freien, nicht kartellierten Anbieter unterbunden, aber die kartellierten Anbieter hatten damit auch ihre besten Kunden, die Behörden, „fast vollkommen“ verloren.2 Viele private, vor allem kartellungebundene Papierverarbeiter nutzten die Möglichkeit der Auftragsvergabe an Strafanstalten. Ausschlaggebend dafür war fast immer der günstige Abnahmepreis. In der Papier-Zeitung Nr. 9/1904 wurde von einem privaten Papierverarbeiter darauf hingewiesen, dass u. a. das Kleben von Tüten und Beuteln „leicht aus dem Haus gegeben werden [könne], insbesondere aufs Land, andererseits eignet [sich diese Arbeit] auch als leichte Beschäftigung in den Arbeitshäusern, Gefängnissen oder Landesheil-, Idioten- und Taubstummen-Anstalten.“3
„Gefängnis“ bzw. „Zuchthaus“ und „Tütenfabrik“ waren um 1900 sprichwörtliche Synonyme.4 Die Strafanstalten („Regiebetriebe“ – Arbeit „in eigener Regie“) waren nicht nur Auftragnehmer, sondern auch Anbieter. Sie konnten auf Grund ihrer besonderen Verhältnisse und Bedingungen besonders günstige Preisangebote machen. 166 1 2 3 4
Vgl. ebd., S. 135 f. Schöller, Kartelle, S. 31. Vgl. ebd., S. 31. Papier-Zeitung, Nr. 99/1904, 11.12.1904, S. 3685, Sp. 2. Vgl. u. a. Lutz Röhrich, Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten, Freiburg 1977, Bd. 2, S. 1097.
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„Solange es noch keine [gewerblichen und maschinellen] Einrichtungen hierfür gab, ließ man die Sträflinge in den Gefangenenanstalten die Herstellung [von Tüten und Beuteln] besorgen“, berichtete Paul Schöller 1929.5 Und Martin Stolzmann erinnerte sich 1922: „Mit dem Wachsen der Industrie stieg der Verbrauch, und da maschinelle Einrichtungen allgemein noch nicht bekannt waren, [...] benutzte man gern die freien Kräfte in den Gefangenenanstalten.“6
Wann und in welcher Strafanstalt die ersten Tüten/Beutel- und andere Papierarbeiten ausgeführt wurden, ist nicht bekannt. Laut Paul Schöller wurde „spätestens seit den 1870er Jahren dieses Thema auch in der wirtschaftlichen Öffentlichkeit wahrgenommen.“ So hatte z. B. Carl Friedrich Schmidt 1878 in Elberfeld/Wuppertal eine Fabrik für Papiersäcke, -beutel und -tüten eingerichtet und parallel dazu die maschinelle Produktion von Pappschüsseln/-tellern begonnen. Während die Tüten-/Beutel-Produktion zunächst einen guten wirtschaftlichen Verlauf nahm und die Pappteller-Produktion aus verschiedenen Gründen7 stagnierte, verdrehte sich das Verhältnis am Ende der 1880er Jahre. Inzwischen war der Tüten-/Beutel-Fabrikation „eine unangenehme Konkurrenz in der Gefängnisarbeit entstanden.“8 Während die Tütenkleberei in den Strafanstalten zunächst noch weitgehend in Handarbeit ausgeführt wurde, gingen sie dann aber zunehmend dazu über, auch Maschinen einzusetzen und die „Erzeugnisse wurden sogar durch Vertreter vertrieben.“9 Die Papierwaren-Fabriken in der Umgebung von Gefängnissen/Zuchthäusern sahen sich deshalb veranlasst, auf alternative (Spezial-)Fertigungen umzusteigen.10 Besonders in den Jahrzehnten um die Jahrhundertwende bestand zwischen der privaten Industrie und den Strafanstalten ein intensives, sowohl von Kooperation als auch von Konkurrenz bestimmtes Verhältnis. Die private Papierwaren-Industrie nahm dieser Praxis gegenüber eine gespaltene Haltung ein. In der Unternehmerschaft und bei der Justizverwaltung herrschte jedoch ein allgemeiner Konsens darüber, dass die Strafanstalten insbesondere als Besserungsanstalten zu begreifen seien, in denen „unter richtiger Anleitung ein grosser Theil arbeitsscheuer Wesen zu einem arbeitsamen Leben zurückgeführt werden“ konnte.11 Einige Fabrikanten nutzten gezielt die für sie vielfachen Vorteile dieses Systems, andere sahen sich durch diese, die Preise unterbietende Konkurrenz geschädigt. Das führte innerhalb der Branche zu Konflikten und Auseinandersetzungen, die Ende der 1880er Jahre auch öffentlich ausgetragen wurden. In der Ausgabe Nr. 31/ 1889 der Papier-Zeitung wurden von einem Befürworter aus Unternehmerkreisen die Vorteile für beide Seiten beschrieben.12 Insbesondere für die Herstellung besserer Tüten-/ Beutelqualitäten wurden genügend geschulte, vor allem aber billige Arbeitskräfte benötigt. Die standen in den privaten Betrieben nicht immer in ausreichender Zahl zur Verfügung. Als Ausweg bot sich die Auftragsvergabe an Gefängnisse und Zuchthäuser an. Die Gefangenen führten vor allem Einbandarbeiten – insbesondere jedoch Tüten/Beutel- und 5 Schöller, Kartelle, S. 47. 6 Martin Stolzmann, Tüten- und Beutelfabrikation. In: Papier-Zeitung, Jubiläums-Ausgabe 1926, S. 3970, Sp. 1; zu „Strafanstaltsdüten“ und „Dütenkleben in Strafanstalten“ vgl. u. a. auch Papier-Zeitung, Nr. 9, Berlin, 3.3.1881, S. 409, Sp. 2. 7 S. hierzu auch Abschn. „Hartpapiere“/Pappteller der v. A. 8 Stolzmann, Tüten- und Beutel-Fabrikation, S. 3970, Sp. 1. 9 Ebd. 10 Vgl. 75 Jahre Schmidt & Co., S. 13 f. 11 Vgl. Papier-Zeitung, 20. Jg., Nr. 103, Berlin, 26.12.1895, Titelseite, Sp. 1. 12 Vgl. Papier-Zeitung, 24. Jg., Nr. 31, Berlin, 16.4.1889, S. 1176, Sp. 1.
114 Teil I – Papierverarbeitung im 19. und 20. Jahrhundert Briefumschlag-Arbeiten von Hand aus. Einige besonders leistungsstarke Anstalten hatten auch Maschinen mit Fuß- oder Dampfantrieb im Einsatz. Die Vertrags- oder Akkordsätze der am Ende des 19. Jahrhunderts allgemein als leistungsfähig beschriebenen Insassen konnten in diesen Häusern konkurrenzlos günstig kalkuliert werden. In gut geführten Regiebetrieben wurden z. B. mit dem Tütenkleben pro Tag und Gefangenen 50 Pf. verdient. In einigen Gefängnissen/Zuchthäusern waren bis zu 100 Gefangene allein mit dieser Arbeit beschäftigt. Die von den Gefangenen hergestellte Ware ermöglichte den Anstalten einen Verkauf zu Schleuderpreisen. Auch private Fabrikanten waren an diesen Profitmöglichkeiten interessiert. Es gab Papierwaren-Fabriken, die mit drei oder vier Anstalten gleichzeitig arbeiteten. In der Ausgabe Nr. 31/1889 wurde in der Papier-Zeitung von einem Unternehmer berichtet, bei dem im eigenen Betrieb das Kleben von 1000 Kaffeebeuteln mit Seitenfalten 2,50 M. kostete, während in der Strafanstalt dieselbe Arbeit für 1 M. geleistet wurde. Im Verkauf erhielt der Unternehmer dafür 6,80 M. Er konnte selbst damit noch deutlich unter dem sonst üblichen Angebotspreis bleiben. Zu den weiteren Gründe für die kostengünstige Preisgestaltung der Gefängnis-/Zuchthausware zählte u. a., dass für Nebenarbeiten Tagelöhner für 50 bis 70 Pf. eingestellt werden konnten und die Kosten für Licht, Heizung, Miete, Steuern sowie Kranken- und Invalidenversicherungen äußerst gering waren oder ganz fortfielen.13 Diese besonderen „Vorteile“ der Strafanstalten, einschließlich des Fortfalls von Verzinsung und Schuldentilgung bei der Anschaffung von Maschinen – die Anstalten waren finanziell meist besser ausgestattet – sowie des Fortfalls der Antriebskosten beim Einsatz der Maschinen, wurden von einigen Unternehmern scharf kritisiert. In den Nummern 2 und 13 des Jahrgangs 1890 wurde in der Papier-Zeitung von Fabrikanten dargestellt, dass sich für sie allein durch den fünf- bis zehnfach höheren Arbeitslohn für die Bedienungskräfte der Maschinen der (somit nur vermeintliche) Vorteil diese Einsatzes wieder aufheben würde. Die Unternehmer forderten, die für die Fabrikanten und freien Arbeiter bestehende und „in so unerhörter Weise schädigende“ und „verderbbringende“ Gesetzgebung wieder zu ändern.14 Eine derartige Gesetzesänderung hatte bereits am 4. Mai 1881 auch der Verband deutscher und österreichischer selbständiger Buchbinder, Cartonagen-Arbeiter und Portefeuiller15 in einer Petition an den deutschen Reichstag gefordert. In dieser wurden vor allem die materiellen Schädigungen des Gewerbes, aber auch die moralisch negativen Auswirkungen auf die freien Arbeiter durch die Tätigkeiten der Regiebetriebe herausgestellt und vorgeschlagen, von ihnen nur noch Artikel, die aus dem Militärbudget zu finanzieren wären (Tornister, Lederzeug u. dgl.), herstellen zu lassen.16 13 Vgl. ebd. 14 Vgl. Papier-Zeitung, 25. Jg., Nr. 13, Berlin, 13.2.1890, S. 386, Sp. 2. 15 Die Portefeuille-Industrie hatte sich bereits in den 1820er und 30er Jahren vor allem in Wien und Offenbach aus der Etui-Fabrikation entwickelt. „Von der Zeit der Gewerbefreiheit von 1866 an erfolgte eine stärkere Spezialisierung: Schachtelmacher, Portefeuille- und Etuihersteller gebrauchten außer Papier und Pappe Leder und Textilien. Damit waren die Galanteriewaren geschaffen.“ Pieske, ABC des Luxuspapiers, S. 41. Insbesondere in Offenbach (Lederwaren-Fabrikation) bestand seit der Mitte des 18. Jahrhunderts der Bereich der Galanterie-, Etui- und Souvenirproduktion. In dieser Branche wurden u. a. Bilderrahmen aus Pappe, Blockkalender, Skatblocks, Fächer und Wanddekorationen hergestellt; vgl. Weissenfels, Standorte, S. 24; vgl. auch Adolf Link, Die Lederwarenindustrie – erzeugende und verarbeitende [= Teil III-2 von Weber, Standort der Industrien], Tübingen 1913, S. 85 ff. 16 Vgl. BDB – Bund Deutscher Buchbinderinnungen, Petition des Verbandes deutscher und
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In den Jahren 1895/96 wurde in der Papier-Zeitung die Diskussion um die Gefängnis-/ Zuchthausarbeit erneut aufgenommen. Im Dezember 1895 schlug ein Unternehmer vor, die Gefängnisarbeit durch ein Gesetz auf Lohnarbeit zu beschränken und den direkten oder indirekten Handel durch die Anstalten zu verbieten.17 Der Wettbewerbsnachteil, der durch solchen Handel z. B. für die privaten Tüten-/Beutelfabrikation entstand, wurde anhand einer Strafanstalt in Holstein aufgezeigt, deren Direktor aus den erheblichen Gewinnen seines Hauses jährlich große Überschüsse für andere Zwecke abführen konnte.18 Eine preußische Kostenerhebung aus dem Jahre 1893/94 ergab, dass die Strafanstalten pro Kopf und Arbeitstag nur 40 Pf. zahlen mussten. Dagegen hatte ein privater Unternehmer für einen freien Arbeiter täglich 2,50 M. aufzuwenden. Von Unternehmerseite wurde daher gefordert, dass die Strafanstalten Mindestlöhne in Höhe der Hälfte der ortsüblichen Tagessätze auszuzahlen hätten. Vor allem aber sollte den Gefängnissen/Zuchthäusern nicht die Herstellung maschinell gefertigte Massenerzeugnisse (Briefumschläge, Tüten/ Beutel) gestattet sein.19 Die Klagen vieler Handwerker und Unternehmer rissen nicht ab. Im Frühjahr 1906 bezeichnete der preußische Justizminister vor dem Abgeordnetenhaus die Zustände als dringend verbesserungswürdig und versprach Abhilfe.20 Inzwischen waren Fälle bekannt geworden, in denen sich Gerichtsgefängnisse mit Tageslöhnen von 38 Pf. seitens einzelner Unternehmer zufrieden gaben. Das war kaum die Hälfte der niedrigsten Heimarbeiterlöhne, die jedoch ihrerseits schon als skandalös niedrig beschrieben wurden.21 Schließlich wurde die Gefängnisarbeit auch für die „erschreckenden“ Verhältnisse in der Heimarbeit verantwortlich gemacht, da die Tütenfabrikanten, die (meist wegen zu großer Standortferne) nicht die Billigtarife der Gefangenenarbeit in Anspruch nehmen konnten, aus Konkurrenzgründen einen Ausweg in der Heimarbeit suchten. Das Ziel der Unternehmerforderungen war nicht die Abschaffung der Gefängnisarbeit, sondern die Angleichung der Tarife an die freie Arbeit – „fort mit den niedrigen Löhnen des Fiskus für Gefangenenarbeit!“22 Wie unterschiedlich die privaten Unternehmer auf die Konkurrenz bzw. auf das Angebot der staatlichen Regiebetriebe reagierten, wird u. a. belegt durch „eine große Münchener Düten- und Papierfabrik“, die bei der am 16. Juli 1901 in Straubing eröffneten Königl. Strafanstalt (größtes Zuchthaus in Bayern) „eine bedeutende Anzahl modernster Maschinen dorthin [hatte] verbringen lassen“,23 oder durch das 1894 in Stuttgart gegründete Papierwaren-Unternehmen Carl Ganter, das im Jahre 1902 seinen Firmensitz in die unmittelbare Nachbarschaft zum Zuchthaus Ludwigsburg verlegte, um die Produktion in wesentlichen Teilen unter den günstigen Bedingungen der Anstalt ausführen zu lassen. Die Aufseher erhielten für das Kontrollieren der Ware zwei oder drei Pf. pro Tausend.24
17 18 19 20 21 22 23 24
österreichischer selbständiger Buchbinder, Portefeuiller und Cartonnagen-Arbeiter an den Hohen Deutschen Reichstag vom 4.5.1881. In: Veröffentlichungen aus dem Referats- und Vortragsdienst, Köln 1882. Vgl. Papier-Zeitung, Nr. 103/1895, 26.12.1895, S. 3285, Sp. 1. Vgl. Papier-Zeitung, Nr. 3/1896, 9.1.1896, S. 66, Sp. 2. Vgl. Papier-Zeitung, Nr. 2/1896, 5.1.1896, S. 34, Sp. 2. Vgl. Papier-Zeitung, Nr. 20/1906, 11.3.1906, S. 832, Sp. 1. Vgl. ebd.; es sind aber auch umgekehrte Fälle bekannt; vgl. dazu Abschn. „Heimarbeit“ der v. A. Papier-Zeitung, Nr. 20/1906, 11.3.1906, S. 832, Sp. 2. Vgl. Straubinger Tagblatt, 11.04.1901, ohne Seitenangabe, Sp. 2 (Ausschnitt-Kopie). Vgl. W. Ehrmann, Kurzbericht über meine 50-jährige Tätigkeit bei der Firma Carl Ganter, Stuttgart, vom 2. Mai 1904 – 2. Mai 1954 (Typoskript. Firmenarchiv Vereinigte Papierwarenfabriken (VP) München), S. 1.
116 Teil I – Papierverarbeitung im 19. und 20. Jahrhundert Bereits 1886 hatte die 1879 gegründete „Brieger Geschäftsbücherfabrik W. Loewenthal“ (Bez. Breslau/Schlesien) einen Teil der Produktion auf das Gelände der Brieger Strafanstalt verlegt.25 Auf diesem Gelände konnte Loewenthal in den folgenden Jahren eine „mächtige Fabrikanlage“ errichten.26 Anfang der 1890er Jahre beschäftigte er über 300 Arbeitskräfte – 1907 waren es 800. Die 1906 von Rich. Weinberger in Zwickau/Sachsen übernommene und 1896 von Hartenstein gegründete „Dütenfabrik und Accidenzdruckerei“ ließ von Beginn an die gesamte Tüten- und Beutelproduktion in der ortsansässigen Landesstrafanstalt Schloss Osterstein fertigen. Weinberger beschäftigte in dieser Anstalt zeitweilig bis zu 200 Gefangene, die ausschließlich handgefertigte Ware herstellten. Das Unternehmen war damit der größte Arbeitgeber dieser Einrichtung.27 193928 gab Weinberger die Tüten-/Beutelproduktion in dieser Strafanstalt vollständig auf und ging in betriebseigenen Räumen auf fünf von Fischer & Krecke/Bielefeld bezogenen Beutelmaschinen zur vollmaschinellen Produktion über.29 Ein weiteres sächsisches Unternehmen, die Firma Heinrich Ludwig/Siebenlehn, ließ in den 1920er Jahren im Zuchthaus Waldheim Tüten von den Inhaftierten kleben.30 Im Jahre 1903 beschäftigten nach Angaben der Unternehmer für die Gewerbestatistik 658 gewerbliche Betriebe weit über 30 000 Gefangene, davon über 26 000 männliche, und rund 4500 weibliche. Die Papierverarbeitung war hierbei mit 79 Betrieben (= rund 12 Prozent) vertreten. Diese beschäftigten rund 2500 männliche und rund 400 weibliche Gefangene (= knapp 10 Prozent). Dabei entfielen auf die Buchbinderei 56 Betriebe mit mehr als 2000 Gefangenen und auf die Kartonagenfabrikation elf Betriebe mit etwas mehr als 350 Gefangenen.31 Heinrich Thümmes sah um 1929 in der Möglichkeit, Tüten und Beutel auch in Gefängnissen und Arbeitshäusern fertigen zu lassen, nur noch einen Notbehelf.32 Obgleich die Arbeit in diesen Häusern immer noch billiger war als in Privatbetrieben, war damit aus unternehmerischer Sicht – vor allem in der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg – doch eine Reihe von Unannehmlichkeiten verbunden. Besonders begründet waren diese durch die ständig wechselnden Arbeitskräfte, denen somit eine intensive Schulung und Übung 25 Vgl. Werner Irrgang, Neuere Geschichte der Stadt Brieg, hrsg. v. der Bundesvereinigung der Brieger, Goslar [1980]. S. 97. 26 Vgl. ebd. 27 Schloss Osterstein diente ab März 1933 als Schutzhaftlager der Nationalsozialisten, in dem politische Gefangene auch zu Tode gefoltert wurden; vgl. Ralf Hüttner, Zwickau, mit Informationen der Stadt und chronologischem Auszug aus der Stadtgeschichte, Bad Soden-Salmünster 1995, S. 53. 28 Das Zuchthaus Osterstein war 1932 wegen seines schlechten baulichen Zustands aufgelöst worden und wurde nach 1933 erneut genutzt. Das unter der Regie der Nationalsozialisten berüchtigte Zuchthaus Osterstein war auf 1000 bis 1200 Gefangene ausgelegt, 1937 waren etwa 1600 eingewiesen. Davon galten 1200 als politische und 400 als kriminelle Häftlinge; vgl. Deutschland-Berichte der Sozialdemokratischen Partei Deutschlands (Sopade) 1934–1940 (7 Bde.), 6. Aufl., Salzhausen, Frankfurt/M. 1982, hier: 1937, S. 714 f. 29 Vgl. Interview mit Klaus Weinberger, Zwickau, 29.7.1997, Gesprächsnotiz im Besitz des Verf. 30 Vgl. 150 Jahre Heinrich Ludwig, o. S. Zur grundsätzlichen Diskussion Privatwirtschaft vs. „Staatskapitalismus“ aus privatwirtschaftlicher Sicht (während der 1920er Jahre) vgl. u. a. Schmidt/Hirschberg, Die Konkurrenz der Staatsbetriebe. In: Der Papier-Fabrikant, Nr. 39/1926, S. 442. 31 Vgl. Papier-Zeitung, Nr. 61/1903, 30.6.1903, S. 2170, Sp. 1; die Papier-Zeitung nennt eine Gesamtzahl von nahezu 80 600 Gefangenen; vgl. ebd. 32 Vgl. Thümmes, Tüten-Fabrikation, Bd. I, S. 82.
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fehlte. Vor allem fehlte den Gefangenen ein besonderes Interesse an einer sorgfältigen Erledigung ihrer Arbeit. In der Papier verarbeitenden Industrie galt der allgemeine Erfahrungssatz, dass höhere Löhne auch höhere Leistungen hervorbrachten.33 In den Anstalten wurde daher viel Ausschuss produziert und die Gefangenen mussten ständig unter strenge Aufsicht gestellt werden. Ein maßgeblicher Grund für die mangelnde Motivation zur sorgfältigen Ausführung der Arbeit war im „sprichwörtlichen und kaum noch zu überbietenden Elendspreis“ für (Heim- und) Gefangenenarbeit zu suchen, von dem der Verband der Buchbinder und Papierverarbeiter Deutschlands (als gewerkschaftlicher Vertretung) noch im Jahre 1926 sprach.34 Bei einigen Strafanstalten mussten die privaten Auftraggeber bei Lieferungen von Kleister aus Kartoffelstärke größere Mengen berücksichtigen, denn dieser war eine willkommene Ergänzung zur Gefangenenverpflegung.35 Auch zu Beginn des NS-Regimes blieb der Kampf gegen die Konkurrenz der Regiebetriebe ein Dauerthema. So forderte der NS-Kampfbund des gewerblichen Mittelstandes noch im Mai 1933 in einem 13-Punkte-Programm unter Punkt 5 die Aufhebung aller „staatlichen und gemeindlichen Regiebetriebe, soweit für die Weiterführung nicht ein erhebliches öffentliches Interesse vorliegt.“36 Die Begriffe Tüte und Tütenkleben waren durch die Gefängnis-/Zuchthausarbeit derart diskreditiert, dass in den 1940er Jahren über eine Änderung der Berufsbezeichnung nachgedacht wurde. 1942 legte ein Berufsausschuss während einer Sitzung das Berufsbild und die Prüfungsordnung für den (neuen) Anlernberuf der „Maschinenbeutelkleberin“ fest. Teilnehmer dieser Sitzung waren die Deutsche Arbeitsfront Fachamt Druck und Papier, Frauenamt und Jugendamt, Reichsgruppe Industrie, die Wirtschaftsgruppe Papierverarbeitung und die Fachgruppe Papier verarbeitende Industrie. Die an dieser Sitzung beteiligten Fachleute waren sich vor allem auch darüber einig, nicht den Begriff der Maschinen„tüten“kleberin zuzulassen. Begründet wurde dieser Entschluss u. a. damit, dass die Papierbeutel rund 80 Prozent der Gesamtproduktion ausmachten, demnach also auch eine viel stärkere Gewichtung in der Bezeichnung der Gesamtproduktion erfahren müssten, während nur rund 20 Prozent Tüten oder tütenähnliche Produkte ausmachten. Es wurde beschlossen, zukünftig den Begriff „Tüte“ aus dem Bereich der industriellen Papierverarbeitung ganz verschwinden zu lassen. Vor allem wurde auf den engen Zusammenhang zwischen Tütenproduktion und Gefängnis- bzw. Zuchthausarbeit hingewiesen und auf die sich hieraus ergebenden negativen Auswirkungen bei der Berufswahl der Jugendlichen bzw. deren Eltern.37
Armen-Institut Esslingen In der sozialen Zuordnung wurde lange Zeit nicht scharf zwischen den „Insassen“ der Gefängnisse und Zuchthäuser oder denen der Arbeits-, Armen-, Siechen-, Witwen- oder Waisenhäuser unterschieden. Häufig wurden diese Einrichtungen als institutionelle Einheit geführt. Krieg, wiederholte Missernten und Hungersnöte hatten um 1816 viele Städte 33 34 35 36 37
Vgl. u. a. Reitzel, Papierausstattungs-Industrie, S. 54. Vgl. Heimarbeit in der Papier und Pappe verarbeitenden Industrie [1926], S. 1. Vgl. Weinberger, 29.7.1997. Vgl. Papier-Zeitung, Nr. 42/1933, 27.5.1933, S. 715, Sp. 1. Vgl. Klimschs Druckerei-Anzeiger, 69/1942, S. 556, Sp. 1. Auch der Versuch, auf die Begriffe Beutel oder Sack auszuweichen, musste misslingen, da diese Begriffe spontan sexuelle Assoziation auslösten; vgl. u. a. Weissenfels, Standorte, S. 16.
118 Teil I – Papierverarbeitung im 19. und 20. Jahrhundert und Gemeinden oft in große finanzielle Schwierigkeiten versetzt – so auch die Stadt Esslingen38. Das dortige öffentliche Waisenhaus, im Mittelalter gegründet und 1745 zeitweise mit einem Zucht- und Arbeitshaus verbunden, musste 1808 aufgelöst werden. Vor allem die Hungersnot von 1816 führte zu unhaltbaren Zuständen in den ärmsten und ärmeren Bevölkerungsschichten. Um wenigstens das Elend der Kinder zu lindern, wurde nach dem Vorbild des Schweizers Johann Heinrich Pestalozzi (1746–1827) auf Initiative eines privaten Freundeskreises eine Kinderbeschäftigungs-Anstalt (südd. „Industrie“- oder „Arbeitsschule“) eingerichtet.39 Die erklärte Absicht der Esslinger wie anderweitiger Anstalten war es, die Kinder nicht nur von der Straßenbettelei abzubringen, sondern auch zu einer nützlichen Arbeitshaltung anzuleiten.40 Die unter pädagogischen Gesichtspunkten formulierten Absichten und Ziele waren häufig aber reine Verbrämung von an sich ausbeuterischen Absichten. Anfang des Jahres 1752 wurde beim Großen Waisenhaus zu Braunschweig eine Buchdruckerei eingerichtet. Als Arbeitskräfte sollten neben einem Setzer und zwei Druckern auch Zöglinge des Waisenhauses mit dem Status von Lehrlingen herangezogen werden. Nach einem Gutachten von Hofrat Burghoff vom 26. Februar 1752 zur Finanzierung des Unternehmens wurde gerade diesen Lehrlingen eine kostensparende Position zugeschrieben, da sie während der Lehrzeit vom Waisenhaus zu unterhalten und nach der Lehre als von der Druckerei nicht losgesprochene Abhängige zu halten wären. „So ist solches um so leichter, weil sie das Waisenhaus 4 Jahre in der Lehre zu unterhalten schuldig ist, ingleichen um so nötiger, weil man bereits nach Verlauf eines Jahres dieselben füglich gebrauchen und den so kostbar salariert werdenden Setzern und Druckern tete bieten können. Haben dieselben nun 5 Jahre in der Lehre gestanden, so werden sie zwar als Gesellen deklariert und das Wochenlohn mit denselben verakkordiert. Allein da sie von keinem die Druckerei ausgelernten Herrn losgesprochen werden, als können sie auf diese ihre erlernte Kunst niemals fortkommen, sondern sie sind genötigt lebenslang (falls sie keine Militär- oder andere Dienste bekommen) auf diese Druckerei zum erheblichen Besten derselben, zu bleiben und lediglich allda ihren Verdienst zu suchen.“41
Zu den Tätigkeiten, die ab 1817 von Kindern in württembergischen Industrieschulen auszuführen waren, gehörten u. a. „Verfertigung von Devisen, papierenen Düten (Gucken) 38 Zu den „Noth- und Teuerungsjahren“ 1816/17 und ihren Folgen auf die öffentliche Fürsorge vgl. u. a. Karlheinz Geppert, Arbeit statt Almosen – Der Rottenburger Spital zum Hl. Geist im 19. Jahrhundert [= Der Sülchgau, Jahresgaben des Sülchgauer Altertumsvereins, 41. Bd., 1997], Rottenburg am Neckar 1999, S. 99 ff. 39 Vgl. Iris Sonnenstuhl-Fekete, Die Esslinger Kinderarbeits-Institute – Ein Beitrag zur Schulund Sozialgeschichte des 19. Jahrhunderts, Sonderdruck aus: Esslinger Studien, 20/1990, Sigmaringen 1990, S. 183 ff.; zu „Industrieschulen“ vgl. u. a. auch Hans-Christian Kirsch, Bildung im Wandel. Die Schule gestern, heute und morgen, Düsseldorf/Wien 1979, S. 153 ff. 40 Vgl. Esslinger Wochenblatt, Jg. 1854, Nr. 99. Zum historischen Zusammenhang zwischen Arbeits-, Zucht- und Waisenhaus vgl. insbes. Christoph Sachsse/Florian Tennstedt, Geschichte der Armenfürsorge in Deutschland, Bd. 1, Vom Spätmittelalter bis zum 1. Weltkrieg, 2., verb. und erw. Aufl., Stuttgart 1998, S. 150 ff. 41 Staatsarchiv Wolfenbüttel, 2 Alt 14654, Nr. 23, Gutachten Hofrat Burghoff vom 26.2.1752 zur Gründung der Buchdruckerei beim Großen Waisenhaus BMV [Beatae Mariae Virginis] Braunschweig, zit. in: Volker-Ludwig Siemers, Das Braunschweigische Papiergewerbe und die Obrigkeit. Merkantilistische Wirtschaftspolitik im 18. Jahrhundert, Braunschweig 2002, S. 202. „Obwohl die jungen Leute also nach einem Jahr bereits die Arbeit der Gesellen verrichten konnten, mussten sie fünf Jahre ‚in der Lehre stehen‘. Aber weil sie in einem Betrieb gelernt hatten, der nicht von einem Meister geführt wurde (was nur in einem derartigen ‚staatlichen‘ Unternehmen möglich war), konnte kein Meister sie formal freisprechen, daher konnten sie nicht Gesellen werden und durften nicht als solche woanders Arbeit suchen.“ Ebd.
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für Kaufleute und andere Papierarbeiten.“42 Zu den Arbeiten, die von den Kindern im Esslinger Institut in den Anfangsjahren hauptsächlich verrichtet wurden, gehörten Baumwolle verlesen, Spinnen, Stricken, Körbe flechten (ab 1827/28) und Tüten- bzw. Beutel kleben. Unter der Überschrift „Wohlfeile DütenPreiße“ erschien im April 1817 im „Schwäbischen Merkur“ eine Anzeige, nach der im Armen-Institut Esslingen alle Gattungen von Tüten und Beuteln zu äußerst billigen Preisen auch über größere Entfernungen zu erhalten wären.43 Die Größen der Spitztüten aus geleimtem Schreibpapier und anderen Qualitäten lagen zwischen einem Lot (= 16 g) und zehn Pfund. Die Bestellungen konnten entweder beim Armen-Institut selbst oder beim Kaufmann Immanuel Steudel, der zu einer angesehenen Esslinger Kaufmannsfamilie gehörte,44 eingereicht werden. Eine schnelle und untadelhafte Lieferung wurde ausdrücklich zugesichert. Die Beschaffung des Rohmaterials zur Herstellung von Tüten/Beuteln bereitete in den ersten Jahren keine besonderen Probleme.45 Dieses Material kam anfangs vor allem aus der Altregistratur der Stadtverwaltung. Die Anstalts-Kommission (im Jahre 1816 zuständig für 50 Schüler) hatte im Dezember 1816 an den Magistrat der Stadt Esslingen die Bitte gerichtet, ihr die unbrauchbar gewordenen Akten unentgeltlich zu überlassen. Der Rat der Stadt ging wohlwollend auf diese Bitte ein und ließ die entsprechenden Akten aussortieren. Der kostenlose Bezug des Papiers versetzte die Anstaltsleitung in die Lage, die Tüten und Beutel besonders günstig anzubieten und somit auch Abnehmer zu finden.46 Im Jahre 1817 betrug die Gesamtschülerzahl des Esslinger Beschäftigungsinstitutes 200. Die meisten Schüler waren mit dem Kleben von Tüten und Beuteln beschäftigt. 1818 wurden davon nahezu 314 000 geklebt. Neben dem Verlesen von Baumwolle bildete die Herstellung von Tüten und Beuteln in den Anfangsjahren die zweite nennenswerte Einnahmequelle. Die Makulaturvorräte der örtlichen Stadtverwaltung waren bald aufgebraucht. Die Oberamtsleitung des Wohltätigkeitsvereins musste sich an staatliche Kanzleien in Stuttgart mit der Bitte wenden, ihr kostenlos Makulatur zur Verfügung zu stellen. Dieser Versuch blieb erfolglos, desgleichen auch ein weiterer aus dem Jahre 1823, der beim Finanzministerium unternommen wurde. Dort lagerten 50 Zentner Altpapier. Dieser Vorrat war inzwischen jedoch anderweitig verkauft worden. Zu den Lieferanten des Neu-Papiers gehörte vermutlich auch die Esslinger Papiermühle, die aus Mangel an geeigneten Hadern wiederholt Papier herstellen musste, das für die Verwendung als Schreib- oder Druckpapier kaum oder gar nicht geeignet war. Die Mühle lieferte daher vor allem auch Packpapier. Der Mühlenbetrieb wurde 1849 eingestellt.47 Packpapier war in den 1830er Jahren „meist von großem Format, stark, halbgeleimt und grau, braun, gelblich u.s.w. von Farbe, weil es aus bunten Lumpen gemacht ist, wird aber auch, wie z. B. das blaue und violette Zuckerpapier, in der Masse gefärbt.“48 42 Geppert, Arbeit statt Almosen, S. 139. 43 Schwäbischer Merkur, Nr. 69, 6.4.1817, S. 502, zit. nach Frieder Schmidt, Quellenfunde. In: DAP-Info 2/1996, S. 20, Sp. 1. 44 Christian Gottlob Steudel, ein weiteres Mitglied dieser Familie, war Gründungsmitglied der Esslinger Kinderbeschäftigungs-Anstalt. 45 Vgl. hierzu und zu den weiteren Angaben in diesem Absatz Sonnenstuhl-Fekete, Die Esslinger Kinderarbeits-Institute, S. 200 ff. 46 Im Jahre 1821/22 waren es nur noch 21 Schüler; vgl. ebd., S. 193. 47 Vgl. Lore Sporhan-Krempel, Die Papiermühle zu Esslingen am Neckar. In: H. Archier, Archiv für Geschichte des Buchwesens, Bd. XIV, Lfg. 2, Frankfurt/M. 1973, S. 222 ff. 48 Brockhaus – Bilder-Conversations-Lexikon, hier: Bd. 3, S. 400. Insbes. wurden auch Tabakbeutel aus Papier der beschriebenen Qualität gefertigt; vgl. Sachquellen-Bestand des Verf. Die
120 Teil I – Papierverarbeitung im 19. und 20. Jahrhundert
Waisenhaus Kassel Eine ähnliche Tütenproduktion wie im Esslinger Armen-Institut wurde um 1820 im Waisenhaus zu Kassel aufgenommen. Diese Produktion ergab sich aus der Existenz der hauseigenen Hofdruckerei.49 Durch die umfangreichen Druckaufträge (Zeitungen, Kalender, Bibeln, Gesangbücher) entstand ein beträchtlicher Papierbedarf. Für die unvermeidlichen Fehldrucke und Verschnitte mussten gewinnbringende Umnutzungs- und Weiterverwertungsmöglichkeiten gesucht werden. Der Bedarf an Tüten und Papierbeuteln hatte zugenommen. Die Waisenhausleitung sah hier eine Marktlücke und ließ die Makulatur zu Tüten verarbeiten. Begünstigt wurde das Angebot durch die Möglichkeit, auch die aussortierten Aktenbestände der Staatsarchive zu verarbeiten. Sie wurden dem Waisenhaus bevorzugt zur Verfügung gestellt, das so zu einer verlässlichen Bezugsquelle wurde. Damit konnte sich in diesem Haus – neben den bestehenden Selbsthilfeeinrichtungen wie Lotteriebetrieb, Druckerei etc. eine der ersten gewerblichen Tütenproduktionen von nennenswerter Bedeutung entwickeln.50 Mitte der 1860er Jahre hatte bei den Pädagogen allmählich ein Nachdenken über den Sinn oder die Zweifelhaftigkeit von Kinderarbeit eingesetzt, insbesondere aber auch über die Gefahren, die stundenlanges Sitzen für Kinder und Heranwachsende mit sich bringen musste. Dieses Sitzen „ist der physischen Entwicklung nicht förderlich, die Steifheit des Kreuzes mag bei vielen hierin begründet sein, gleichwie das Wachsen mehr in knotige Breite als schlanke Höhe“51. Dahinter stand nicht allein die Sorge um das Wohl der Kinder, sondern auch Bedenken hinscihtlich deren zukünftiger Arbeits- und Wehrtauglichkeit. Um Wechsel in die Beschäftigungsarten zu bringen, alternierten im Kasseler Waisenhaus z. B. die „Dütenmacher“ und Küchenarbeiter wöchentlich, die Schneider- und Gartenarbeit dagegen monatlich.52 Außer den Waisen- und Kinderbeschäftigungs-Anstalten (Esslingen, Kassel), die neben den Buchbinderwerkstätten die Ursprungsbetriebe der industriellen Tüten-/Beutelproduktion bilden, gibt es weitere Beispiele für Sozialeinrichtungen, in denen diese Arbeit verrichtet wurde. So war im Bemühen, weitere Arbeits- und Beschäftigungsmöglichkeiten für Blinde zu erschließen (neben den üblichen Bürstenbinde- und Korbflechtearbeiten), zu Beginn der 90er Jahre des 19. Jahrhunderts im Asyl der Braunschweiger Blindenanstalten der Versuch unternommen worden, auch das „Dütenmachen“ einzuführen. Diese Idee wurde aber weder von anderen Blindenbildungs- und Fürsorgeeinrichtungen übernommen noch im eigenen Haus weiterverfolgt. Wahrscheinlich waren die Arbeitsergebnisse zu unbefriedigend.53 Auch im 1852 im oberhessischen Treysa (südl. Melsungen) gegründeten Armenarbeitshaus und Rettungsanstalt für verwahrloste Kinder
49 50
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erste deutsche Packpapier-Großhandlung wurde 1853 durch J. Fink in Krefeld gegründet; vgl. Feyerabend, Papiergroßhandel, S. 7, Sp. 2. Der Verbrauch an Papier in allen Sorten lag Ende der 1830er Jahre in Deutschland bei einem bis zwei kg pro Kopf, die Anzahl der Papiermaschinen bei 25 (England: 250, Frankreich: 125); vgl. ebd., S. 5, Sp. 2. Vgl. 300 Jahre Stiftung Hessisches Waisenhaus zu Kassel 1690–1990, Denkschrift zum 300jährigen Jubiläum, Kassel 1990, S. 12 ff. Vgl. Kurhessische Schulzeitung Nr. 38, 1864, S. 291-320. In: Armenfürsorge in Hessen-Kassel, Dokumente zur Vorgeschichte der Sozialpolitik zwischen Aufklärung und Industrialisierung, hrsg. v. Susanne Grindel u. Winfried Speitkamp [= Veröffentlichungen der Historischen Kommission für Hessen Bd. 62], Marburg 1998, hier: S. 243. Vgl. ebd. Vgl. ebd. Vgl. Blind-Sehbehindert, Hannover, Heft 1/92, S. 5.
Gefängnis-, Armenhaus-, Waisenhausarbeit
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wurde altes Papier zu „Duten“ verarbeitet.54 Kurz nach der Aufnahme der Tütenproduktion durch die Meißener Firma C. C. Kurtz (1861) vergab das Unternehmen Aufträge zum Kleben von Tüten an die städtische Spinnschule und das dortige Laurentius-Hospital. Die Arbeitsergebnisse der „halbwüchsigen Kinder“ waren jedoch so schlecht, dass das Unternehmen von weiteren Aufträgen absah.55 Die Freiburger Papier-Großhandlung Julius Rothweiler Nachf. vergab in den letzten Jahrzehnten des 19. Jahrhunderts Aufträge zum Tüten- und Beutelkleben an die dortige Kreispflege-Einrichtung.56 In Deutschland gab es 1894 47 Arbeitshäuser (mit zehn Filialen und Nebenbetrieben). Bei der Auswahl der Arbeiten kamen für die jeweiligen Leitungen der Arbeitshäuser bevorzugt solche in Betracht, die nicht nur einen ergiebigen Ertrag für die Anstalten gewährleisteten, sondern auch zur Besserung der Korrigenden, zur Arbeitserziehung Randständiger und als Eingliederungserleichterung nach der Anstaltsentlassung geeignet schienen. Erzeugnisse der Papier- und Pappeverarbeitung gehörte in diese Kategorie.57 Das Arbeitshaus Brauweiler/Rhld. z. B. ließ seit 1873 in der Landarmen-Abteilung Tüten/Beutel und Briefumschläge von Hand kleben. Um 1912 war Brauweiler die größte derartige Einrichtung in der preußischen Rheinprovinz. Auftraggeber für Briefumschläge waren im Wesentlichen Behörden. Die Aufträge für Tüten kamen hauptsächlich von Privatunternehmen. In Brauweiler waren 900 Korrigenden untergebracht. Die tägliche Arbeitszeit lag kurz vor dem Ersten Weltkrieg bei elf Stunden (bzw. bei zehn Stunden im Winter). Der Tageslohn zwischen 36 und 72 Pf. wurde zum größten Teil zur Deckung der Anstaltskosten einbehalten. Im Höchstfall blieben 30 Pf. für den „Eingewiesenen“ zur freien Verfügung, wovon der größte Teil wiederum bis zur Entlassung von der Anstaltsleitung als Sparguthaben einbehalten wurde. Diese Entlohnungsverhältnisse blieben vom Beginn des Kaiserreiches (1871) bis in die ersten Jahre der Weimarer Republik (um 1921/22) über einen Zeitraum von nahezu 50 Jahren fast unverändert. In der Ära der Nationalsozialisten erhielt die 1933/34 als KZ und von 1938–1942 als GestapoGefängnis genutzte Anstalt Brauweiler, in der auch Konrad Adenauer inhaftiert war, von der reichsdeutschen Luftfahrtindustrie Aufträge für handgeklebte Spuckbeutel (zu verwenden bei Flugübelkeit).58 1950 ermittelte der Papierbeutel-Verband e. V. die Zahl der Gefangenen, die in bundesdeutschen Strafanstalten noch mit der Fertigung von Tüten/Beuteln beschäftigt waren, 54 Vgl. Armenfürsorge in Hessen-Kassel, S. 223. 55 Vgl. 100 Jahre C. C. Kurtz, S. 15. 56 Vgl. 60 Jahre Papiergroßhandlung J. Rottweiler Nachfolger, Freiburg i. Br. 1939, S. 4 (Jubiläumsschrift), im Besitz des Verf. 57 Vgl. Heinrich Münzenmaier, Die korrektionelle Nachhaft auf Grund der Überweisung an die Landespolizeibehörde. Mit besonderer Berücksichtigung der Verhältnisse in Württemberg, Stuttgart 1912, Stuttgart 1912, S. 54 ff. 58 Vgl. Hermann Daners, „Ab nach Brauweiler ...!“ Nutzung der Abtei Brauweiler als Arbeitsanstalt, Gestapogefängnis, Landeskrankenhaus. Pulheimer Beiträge zur Geschichte und Heimatkunde, 15. Sonderveröffentlichung, Pulheim 1996, S. 57 u. 62 ff.; vgl. auch Jarotzky, Hans v., Die Rheinischen Provinzialanstalten in Brauweiler. Kurze Darstellung der Einrichtung, der Verwaltung und des Betriebes dieser Anstalten, Brauweiler 1911, S. 29 ff. (Hans v. Jarotzky war vor seiner Tätigkeit als Anstaltsleiter in Brauweiler Strafanstalts-Direktor und ArmeeOffizier); zu den Arbeitsbedingungen, Lohn- und Prämientarifen in den preußischen Straf-, Korrektions-, Armen- und Arbeitshäusern während der Kaiserzeit (1871–1918) und bis Mitte der 1920er Jahre vgl. u. a. Sachsse/Tennstedt, Geschichte der Armenfürsorge, S. 179 ff.; vgl. auch Wolfgang Ayaß, Das Arbeitshaus Breitenau, Kassel 1992, S. 178 ff.
122 Teil I – Papierverarbeitung im 19. und 20. Jahrhundert mit knapp 1300.59 In den rheinischen Strafanstalten Siegburg (Gefängnis) und Rheinbach (Zuchthaus) ließ in den späten 1940er Jahren die Rheinische Papierfabrik/Kröll (RP Köln) in reiner Handarbeit die ersten deutschen Tragetaschen aus Papier kleben.60 Für Meyer & Stemmle (Koblenz, später Mühlheim-Kärlich) wurden während der frühen 1950er Jahre in der Strafanstalt Koblenz (Kartause) die ersten deutschen Papiertragetaschen für Konditoreien geklebt.61 1953 sah sich der Fachverband insbesondere genötigt, gegen das Aufstellen von Tüten- und Beutelmaschinen in Strafanstalten zu protestieren.62 Gerade auch die Gefangenenanstalten Siegburg und Rheinbach gerieten während der 1950er Jahre wiederholt in die Kritik der rheinischen Buchbinder-Innungen, da sie durch die Vergabe von Aufträgen der nahe gelegenen Bundes-, aber auch der Landesbehörden bevorzugt wurden und dem freien Handwerk vor allem Einband-Aufträge entzogen. Die Höhe der Stundenlöhne für Gefangenenarbeit lag in den 1950er Jahren zwischen 10 und 30 Pf.63 Das Tütenkleben und das Kleben von Briefumschlägen in Sondergrößen durch Handarbeit in Strafanstalten, vor allem in Frauengefängnissen, ist seit den 1950er Jahren völlig eingestellt woren.64 „In der Justizvollzugsanstalt München wurden [jedoch noch] bis Anfang der 1980er Jahre Tüten geklebt. Diese Arbeiten wurden von den Gefangenen in Einzelzellen verrichtet.“.65
Meist war jedoch das Kleben von Tüten in den Justizvollzugsanstalten durch die Fertigung von Tragetaschen in Sonderausführungen abgelöst worden. Die Sonderausführungen wurden dort bis in die ersten Jahre des 21. Jahrhunderts entweder handgeklebt oder erhielten für die Endfertigung einen Kordeleinzug. So wurden beispielsweise in der Papierabteilung der Strafanstalt Straubing im Auftrag der Firma Zischka/Amberg bis in die 1990er Jahre von den Gefangenen (vor allem) Weihnachts-/Oster-Geschenktragetaschen gefertigt. Die Arbeitsgänge bestanden im Falzen, Kleben, Boden einlegen und Kordel einziehen. Die Gefangenen arbeiteten isoliert in Einzelzellen, in so genannte Arbeitszellen, die sich von den Kopf- oder Schlafzellen in der Größe unterschieden. Anfang der 1960er Jahre gab es drei Lohnstufen: a) 15 Pf. je Tag (monatlich 3,45 DM), b) 30 Pf., c) 45 Pf. (monatlich 9,90 DM) – in dieser Stufe war es auch möglich, Prämien von zwei bis drei DM zu erlangen. Samstags wurde bis zwölf Uhr mittags gearbeitet. Ein Gefangener verdiente in der Papierabteilung durchschnittlich 8 DM monatlich, wovon 4 DM als Rücklage einbehalten und bei der Entlassung ausbezahlt wurden. Pro Woche durfte ein Päckchen Tabak gekauft werden (die meisten Insassen kauften „Krüll“ für 80 Pf.). Anfang der 1970er Jahre lag die Mindestarbeitszeit bei drei Stunden täglich. Als monatliche Entlohnung dafür wurden 15 bis 20 DM vergütet. Bei einer vollen Achtstunden-Leistung konnte 59 Vgl. Geschäftsbericht 1950, S. 6, IPV-Archiv, Frankfurt/M.; Tüten wurden u. a. noch in der Haftanstalt Aachen oder in der Arbeitsanstalt Brauweiler (Rheinland) geklebt. 60 Vgl. mündl. Auskunft Matthias Meyer, Erftstadt, 7.1.2000, Gesprächsnotiz im Besitz des Verf. 61 Vgl. mündl. Auskunft Toni Schneider, Mechernich-Kommern, 14.1.2000, Gesprächsnotiz im Besitz des Verf. 62 Vgl. Geschäftsbericht 1953, S. 5, IPV-Archiv, Frankfurt/M. 63 Vgl. u. a. AAfB, 12/1954, S. 422, Sp. 2 f., sowie S. 434, Sp. 1. 64 Zu den letzten prominenten Gefangenen, die während der 1950er Jahre im Arbeitshaus Brauweiler mit dem Kleben von Tüten beschäftigt waren, gehörte die im „Edel“-Milieu arbeitende Prostituierte Rosemarie Nitribitt; vgl. Daners, „Ab nach Brauweiler ...!“, S. 268; Neues Rheinland 7/1999, S. 34, Sp. 1 f.. 65 Schriftl. Auskunft der Justizvollzugsanstalt München, 16.8.2002, im Besitz des Verf. Zur Entlohnung der Gefangenen lagen der JVA München im Jahre 2002 keine Unterlagen mehr vor.
Maschinenbau
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dieser Betrag bei 40 bis 50 DM liegen. Dabei wurde nach einem Punktsystem gewertet. Eine Tagesleistung von 400 großen bzw. 600 kleinen Tragetaschen entsprach 600 Punkten, die mit 30 bis 40 Pf. vergütet wurden. Bis Anfang der 1970er Jahre wurde die Mindestpunktzahl bei gleicher Bezahlung auf 1000 heraufgesetzt. Nach der Strafvollzugsreform 1976/77 gab es andere Lohnstufen und der Gefangene leistete Beiträge zur Arbeitslosenversicherung. Insgesamt erhielten die Gefangenen nach der Reform bedeutend höhere Bezahlungen. Um 1980 wurde die Mindeststundenzahl auf sechs erhöht. Die Arbeit in der Papierabteilung der Strafabteilung Straubing war beliebt, da sie bei Tag und bei Nacht möglich war. Die Gefangenen hatten in dieser Abteilung erheblich höhere Verdienstmöglichkeiten als in anderen Bereichen. Mitte der 1980er Jahre konnte die Entlohnung im Einzelfall bei 200-300 DM liegen, durchschnittlich jedoch zwischen 80 und 100 DM.66 Die Prämie betrug bis zu 30 DM im Monat. Die Gefangenen der Papierabteilung bekamen wegen ihres Umgangs mit Leim täglich einen halben Liter Milch. In Haus II der Strafanstalt Straubing waren auf den Gängen C2 und C3 etwa 40 Gefangene, in Haus I zehn Sicherungsverwahrte und in Haus III (Arbeitstherapie in der psychiatrischen Abteilung) 15 Gefangene bei der Firma Zischka/Amberg beschäftigt. „Manchmal wurden verleumderische Briefe in die Tüten reingeschrieben und so versteckt an die Öffentlichkeit gebracht.“67 In der JVA Amberg wurden auch noch im Jahre 2002 „Tüten“/Tragetaschen geklebt.68
Maschinenbau Mit der zunehmenden Spezialisierung und der zunehmenden Notwendigkeit zur Rationalisierung als Folge des Massenangebots und der Massenherstellung von Büchern und der Massennachfrage nach Büchern, Papierwaren, Verpackungen usw. entwickelten sich vor allem in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts einzelne Sparten des Buchbindegewerbes zunehmend mehr zu selbstständigen Fachrichtungen einer Papier und Pappe verarbeitenden Produktion im Sinne einer großgewerblichen, häufig mit Fremdkapital ausgestatteten und schließlich auf elektrische Antriebskräfte gestützten Industrie. Die Maschinen-Fabrikanten waren, „darauf reagierend, recht schnell in der Lage [...], passende Maschinen zu liefern.“1 Die Ideen dafür waren oft schon Jahrzehnte zuvor von Mechanikern und Tüftlern entwickelt worden. Sie hatten in einem fortschrittsgläubigen Zeitalter die Lösung technischer Probleme als besondere Herausforderung angesehen und die traditionellen Hand-Werkzeuge zunächst zu Hilfsmaschinen und schließlich zu Vollmaschinen/Automaten entwickelt. Solange jedoch billige Arbeitskräfte in ausreichender Zahl zur Verfügung standen und die Massennachfrage sich noch erst entwickeln musste, hatten diese Ideen kaum eine Chance auf Umsetzung. Erst als die Fabrikanten sich ge66 Vgl. schriftl. Auskunft D. Todorov, München, ehemaliger Gefangener der JVA Straubing, 10.7. 2002, im Besitz des Verf. 67 Schreiben der JVA Straubing – Pädagogischer Dienst – Referat V a, Straubing, 21.11.02, im Besitz des Verf. 68 Vgl. ebd. 1 Biesalski, Mechanisierung, S. 38, Sp. 1.
124 Teil I – Papierverarbeitung im 19. und 20. Jahrhundert zwungen sahen, ihre Konkurrenzfähigkeit durch die Senkung der Herstellungskosten bei gleichzeitiger Erhöhung der Stückzahlen zu sichern, wurde es für sie unumgänglich, Maschinen einzusetzen.
Buchbinde- und Kartonagen-Maschinen „Der älteste Papier und Pappe verarbeitende Handwerker ist der Buchbinder und in seiner Tätigkeit liegen die Keime beschlossen zu vielen heute selbständigen Industriezweigen der Papierund Pappeverarbeitung.“2
In der Mitte des 19. Jahrhunderts stand das Buchbindehandwerk mit seinen Nebenfächern (Dosen-/Schachtel-/Kartonagenfertigung usw.) bereits in einer langen Tradition,3 deren Ursprünge bei den „Fütterlein“-/Futteralmachern im 15. Jahrhundert lagen und in der die Fertigungstechniken nahezu unverändert geblieben waren. Noch in den 1870er Jahren waren Ritzelmesser, Lineal, Glasplatten und Leimpinsel die wichtigsten Werkzeuge der Buchbinder/Kartonagenmacher. „Fein säuberlich wurden die in Papier bereits eingeschlagenen Pakete abgemessen und abgezirkelt, das Lineal angelegt, geritzt und fertig war die Hülle, alles individuell und genau passend, aus starken Pappen, natürlich nur 70x100. Verschnitt usw. spielten keine Rolle.“4
In der Frage des Maschineneinsatzes verhielten sich die Handwerker konservativ. So hatte u. a. Karl Krause/Leipzig bereits 1867 ein Patent auf eine Ritzelmaschine erworben.5 Aber noch in den späten 1880er Jahren war es in Deutschland vielfach üblich, z. B. die Bruchstellen in der Pappe für die weitere Verarbeitung auszufräsen. Dabei wurden kleine Rädchen über eine Trommel in Bewegung gesetzt, die aus der durchlaufenden (meist dickwandigen) Pappe Riefen kratzten oder schabten, um so Biege- bzw. Bruchstellen einzuarbeiten. Die häufigen Staubstauungen verursachten viel Ausschuss und behinderten den gleichmäßigen Gang der Maschinen erheblich. Der Lärm und die Staubentwicklung, mit der die Umgebung der Fabriken belästigt wurde, machten zu deren Eindämmung schließlich Polizeivorschriften notwendig.6 Die Fräsmaschinen wurden bis um die Jahrhundertwende, bevor die ersten Rill-Maschinen aufkamen und damit u. a. die massenhafte Herstellung von Faltschachteln möglich wurde, eingesetzt. Eckdaten zur Entwicklung des Maschinenbaus für die Buch- und Kartonagenfabrikation7 werden im Folgenden nach den vorgefundenen Quellen chronologisch aufgelistet: 2 3 4 5 6 7
Sporhan-Krempel, Vom Papier, S. 37. „Buchbinder waren immer schon auch Papier- und Pappeverarbeiter.“ Emil Kloth, Geschichte und Entwicklung der Papierverarbeitung. In: Jahrbuch der Papierverarbeitung 1940, Markkleeberg 1940, S. 40. Die ersten Buchbinder werden in Nürnberg 1433 erwähnt; vgl. Sporhan-Krempel, Vom Papier, S. 38. Richard Otte, Ehrenvorsitzender des Zentralverbandes Deutscher Kartonagen-Fabrikanten. In: Papier-Zeitung, Nr. 10/1925, hier: Jubiläums-Ausgabe, Berlin 1926, S. 3973. Vgl. u. a. Weiß, Zeittafel, S. 363. Vgl. Horst Brieger, Die Faltschachtel-Fabrikation – ein Rückblick. In: Papier-Zeitung, Nr. 1/ 1926 (Jubiläums-Ausgabe), S. 3976 ff., Sp. 2. Die Chronologie wurde nach einer (unsystematischen) Sammlung von Zufalls- und Gelegenheitsfundstücken erstellt. Die Daten wurden aus Gründen der Vollständigkeit auch dann erfasst, wenn Zweifel an ihrer Richtigkeit bestanden. Die Überprüfung aller Angaben muss noch geleistet werden.
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Zu Beginn des 19. Jahrhunderts lag England an der Spitze der allgemeinen technischen, wirtschaftlichen und sozialen Entwicklung. 1810: Der deutsche Buchdrucker Friedrich Koenig (1774–1833) entwickelte zusammen mit Andreas Friedrich Bauer (1783–1860) um 1810 in London eine Hochdruck-Schnellpresse (nach 1817 Schnellpressenfabrik Koenig & Bauer/Oberzell). 1. Nov. 1825: John Isaac Hawkins erhielt ein englisches Patent für (halb-)maschinelle Buchbindung (Instant-Binder/Fadenschnellhefter, als Vorläufer der Heftmaschine).8 1832: Philip Watt entwickelte patentreife Versuche zur mechanischen Buchbindung9 – Nutzung ab 1842 durch Thomas Richardson/Liverpool. 1830er Jahre: Tiegeldruckpresse (Bostonpresse) von Isaac Adam/Boston; in den folgenden Jahren wiederholt verbessert, vor allem für kleine Formate und kleine Auflagen.10 Zu den mühsamsten Arbeiten im traditionellen Buchbinderhandwerk gehörte das Beschneiden des Buchblocks mit einem Beschneidehobel, der auf einem schweren Holzgestell montiert war.11 Die ersten Schneide„maschinen“ im Sinne von handbetriebenen Hilfswerkzeugen für Kleinbetriebe/Werkstätten sind aus Frankreich bekannt. 1837 (1840er Jahre): durch Thirault/Frankreich, Schneidemaschine mit feststehendem Messer12; 1844 und 1852: Patentanmeldung durch Guillaume Massiqout (*1797) für einfache Hebel- und Räderschneidemaschine13; 1839: Vergolderpresse in Holzbauweise durch Karl Alexander Hensel 14; 1847: Patent für „Maschine zum Zusammenfalten von Zeitungen und anderen Papieren“ für Thomas Birchall/Ribbleton Hall, Grafschaft Lancaster/England15; 1849: erstes Patent für eine Falzmaschine für den Amerikaner Edward Smith – eine Messer-Falzmaschine, die über Walzen und Bänder arbeitete16 – befriedigende Leistungen bei der Maschinen-Falzung konnten jedoch erst am Ende des 19. Jahrhunderts erreicht werden.17 Die ersten deutschen Firmen, die noch vor 1850 Schneidemaschinen (für dickere Papierlagen und größere Bogen (nicht zum Beschneiden der Buchblöcke18) herausbrachten, waren wahrscheinlich Hartmann/Chemnitz19 und Gebr. Heim/Offenbach (bei Heim war in den 1850er Jahren auch eine der ersten Walzmaschinen zum Glät-
8 Vgl. u. a. AAfB, 4/1959, S. 209, Sp. 2; vgl. auch Hellmuth Helwig, Das Aufkommen der Buchbindemaschinen im 19. Jahrhundert und die Anfänge der modernen Verleger- bzw. Maschinen-Buchbinderei. In: Der graphische Betrieb, Heft 10 1940, S. 441-447, hier: S. 444, Sp. 1. 9 Vgl. u. a. Helwig, Aufkommen der Buchbindemaschinen, S. 444, Sp. 1; wegen ihrer komplizierten Konstruktion war die Maschine für den praktischen Einsatz jedoch ungeeignet; vgl. ebd. 10 Vgl. u. a. Weiß, Zeittafel, S. 286. 11 Vgl. u. a. Abb. in: Helwig, Aufkommen der Buchbindemaschinen, S. 444, Sp. 1, 2. Abb. 12 Vgl. u. a. AAfB, 4/1959, S. 208, Sp. 3. 13 Vgl. ebd., S. 208 f., Sp. 3 f. 14 Vgl. Biesalski, Mechanisierung, S. 14, Sp. 1. 15 Vgl. ebd., S. 25, Sp. 1; Biesalski bezieht sich bei dieser Angabe auf das Journal der neuesten Fortschritte in der Buchbinderei 6/1849, vgl. ebd., S. 101 f. 16 Vgl. AAfB, 4/1959, S. 209, Sp. 1. 17 Vgl. Biesalski, Entstehung, S. 68, Sp. 2. 18 Vgl. u. a. AAfB, 4/1959, S. 209, Sp. 1. 19 Vgl. Helwig, Aufkommen der Buchbindemaschinen, S. 442, Sp. 1.
126 Teil I – Papierverarbeitung im 19. und 20. Jahrhundert
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ten der Buchblocks gebaut worden)20. Zu jeder Papierschneide-Maschine gehörten bei Heim zwei Messer aus Gussstahl mit einer Länge von 90 bzw. 45 cm und 18 bzw. 12 cm Höhe21; um 1850: Frank/Berlin (später A. Bolle & Jordan), Papierschneide-Maschine für Bogen, Beschneidemaschine für Blocks sowie Vergoldepresse,22 ebenso Karl Alexander Hensel/Leipzig, Papierschneidemaschine23, Brombacher, ebenfalls Papierschneide-Maschine24; um 1850: Falzmaschine für Zweibruch25; 1851: auf der Weltausstellung in London wurde zum ersten Mal in Europa eine Falzmaschine von Blake/USA26 präsentiert; In den frühen 1850er Jahren begann der Amerikaner David McConnel Smyth mit seinen Versuchen zur mechanischen Buchbindung27. Alle Versuche jedoch, ein brauchbares maschinelles Bindeverfahren für Bücher zu entwickeln, erbrachten bis 1875 nur unbefriedigende Ergebnisse.28 1852: Schneidemaschine von Richard Hartmann/Chemnitz29; 1850er Jahre: Gumpert Bodenheim/Allendorf, Tüten- und Papierwaren-Fabrikant, ließ von Handwerkern seines Betriebes eine Papierschneide-Maschine für den Eigenbedarf bauen30
20 Vgl. AAfB, 4/1959, S. 208, Sp. 3; der Verf. des Artikels bezieht sich hier auf eine entsprechende Darstellung in Ludwig Brade/Emil Winckler, Das illustrierte Buchbinderbuch. Vollständige Unterweisung in den Arbeiten und Kunstfertigkeiten des Buchbinders. Mit besonderer Hinsicht auf die neuesten deutschen, englischen und französischen Fortschritte in diesem Fache. Nebst ausführlichen Belehrungen über die Anfertigung der verschiedenartigsten Bücherschnitte, über Vergoldung, über Anwendung der neuesten Maschinen sowie mit einer Abhandlung über das Neueste in der Cartonagen- und Portefeuillefabrikation, Leipzig 1860. In: Otto Spaner’s Bibliothek des Wissens über die technische Chemie und Gewerbekunde. Zweite Serie. 21 Vgl. AAfB, 4/1959, S. 209, Sp. 1. 22 „[...] schwieriger jedoch ist es, die geschichtliche Entwicklung des Baues der Vergolde- und Prägepresse zu verfolgen, da bei diesen Maschinen kein so hartnäckiger Konkurrenzkampf der Hersteller wie bei den Schneide- und Beschneidemaschinen geführt“ wurde. Helwig, Aufkommen der Buchbindemaschinen, S. 445, Sp. 2. 23 Vgl. Michael Peter, Aspekte der Entwicklung des deutschen Papierverarbeitungs- und Buchbindereimaschinenbaus unter besonderer Berücksichtigung des Standortes Leipzig. In: Beiträge zur Geschichte von Technik und technischer Bildung. Leipzig 4/1992, S. 59 ff., hier: S. 61; etwa „im ersten Drittel des 19. Jahrhunderts veranlaßte der Leipziger Karl Alexander Hensel die Leipziger Maschinenfabrik Harkot & Co. [...] sowie die Maschinenfabrik Götz & Nestmann zum Bau der von ihm konstruierten Kniehebelpresse für Vergolde- und Prägezwecke. Die Konstruktion dieser Maschine scheint jedoch den Anforderungen [...] nicht gerecht geworden zu sein.“ Helwig, Aufkommen der Buchbindemaschinen, S. 445, Sp. 2. 24 Vgl. Papier-Zeitung, Nr. 82/1937, 13.11.1937, S. 1397, Sp. 1. 25 Vgl. Sporhan-Krempel, Vom Papier, S. 38. 26 Vgl. AAfB, 4/1959, S. 209, Sp. 1. 27 In den 1880er Jahren u. a. mit Fadenheftung nach dem Nähmaschinen-Prinzip; vgl. Eberhardt Kettlitz, 125 Jahre Drahtheften aus Leipzig, hrsg. v. d. Heidelberger Druckmaschinen AG, [Leipzig] 2004, S. 26 f.; vgl. auch Helwig, Aufkommen der Buchbindemaschinen, S. 445, Sp. 1 sowie Hellmuth Helwig, Das deutsche Buchbinder-Handwerk, Handwerks- und Kulturgeschichte, Bd. I u. II, Stuttgart 1961/1965, hier Bd. II, S. 247. 28 Vgl. Kettlitz, Drahtheften, S. 19. 29 Vgl. Biesalski, Mechanisierung, S. 20, Sp. 2. 30 Vgl. Helwig, Aufkommen der Buchbindemaschinen, S. 442, Sp. 2; vgl. u. a. 80 Jahre Papierverarbeitung Bodenheim & Co., Allendorf, Allendorf 1933; vgl. auch Peter, Aspekte, S. 61. Die Papierschneide-Maschine wurde von Bodenheim 1933 dem Deutschen Museum Mün-
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1854: (wahrscheinlich) erste funktionstüchtige Papierschneide-Maschine in Deutschland durch den Textilmaschinen-Fabrikanten Richard Hartmann/Chemnitz31, 1854 Lieferung an C. H. Sperling als erste Leipziger Buchbinderei;32 – alle diese „Maschinen“ waren jedoch weiterhin lediglich als „verbesserte Hilfswerkzeuge des handwerklichen Buchbinders anzusehen.“33
Abb. 8: Karl Krause/Leipzig, Beschneide-Maschine, um 1890
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1855: Gründung des Maschinenbau-Unternehmens Karl Krause/Leipzig. Die Firmengründung erfolgte am 1. Februar 1855 als Reparaturwerkstatt. „Karl Krause [...] baut zuerst Kopierpressen und Handpressen für Stein- und Kupferdruck“34. 1858/59 wurde bei Krause die erste Papierschneide-Maschine in Betrieb genommen. ab 1873 war Krause zum Großbetrieb aufgestiegen. chen angeboten – sie wurde dort um 2007 jedoch nicht im Bestandsverzeichnis geführt; vgl. Biesalski, Entstehung, S. 76, Sp. 2. Emil Kloth hat noch „in seiner Lehrzeit (1879–1883) damit beschnitten“. Vgl. Kloth, Papierverarbeitung, S. 41. „Die erste Schneidemaschine zog 1854 bei Sperling in Leipzig ein.“ Kloth, Papierverarbeitung, S. 41. Bei dieser Maschine stand das Messer oben fest Der Tisch wurde durch Drehen von unten dagegen bewegt. – Das Entstehungsjahr 1852 (s.d.) ist wahrscheinlicher; 1854 wurde diese Maschine bereits ausgeliefert.; vgl. auch Helwig, Aufkommen der Buchbindemaschinen, S. 445, Sp. 2. Peter, Aspekte, S. 62. Weiß, Zeittafel, S. 338; vgl. u. a. auch Kettlitz, Drahtheften, S. 14.
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1893: Übergang der Firmenleitung an Biagosch; 1902 beschäftigte Krause 900 Arbeiter und produzierte jährlich etwa 4500 Maschinen, Apparate und Geräte für Papier- und Pappeverarbeitung.35 „Karl Krause kann als der Begründer der Leipziger Buchbinderei- und Papierverarbeitungsmaschinenindustrie gelten.“36 Krause-Maschinen „haben die Industrialisierung der Buchbinderei und Papierverarbeitung befördert.“37 Der„Mechanicus und Maschinenbauer“ Krause (1813–1901) war, wie die späteren selbständigen Leipziger Maschinenbauer Karl Alexander Hensel, August Fomm und Christan Mansfeld, zunächst in der Maschinenbauanstalt Gebrüder Harkort & Co. beschäftigt und lernte dort durch den Ingenieur Götz (später Teilhaber bei Götz & Nestmann/Leipzig) die Grundlagen des Maschinenbaus kennen.38 1856/57: Funktionstüchtige Papierschneide-Maschine von Heim/Offenbach39; 1857/58: erste Buch-Beschneidemaschine, erste Kniehebelmaschine zum Vergolden und Blindprägen (Balanciers) von Karl Krause40; 1858: Gründung der Firma August Fomm/Leipzig-Reudnitz durch Johann August Fomm (Schneidemaschinen mit Doppelhebel, später Spezialisierung auf Prägemaschinen, insbesondere für großgewerbliche Buchbindereien)41; 1858: Karl Krause/Leipzig, Papierschneide-Maschine42; 1858/59: August Fomm/Leipzig, Doppelhebel-Schneidemaschine43; 1860: Martini in Frauenfeld/CH, Falzmaschinen im größeren Umfang; 1861: Gründung des Unternehmens Christian Mansfeld/Leipzig (Papier-/Pappeverarbeitungs-Maschinen),44 ab 1870 vor allem Schneidemaschinen, Pappscheren45 und Vergoldepressen46; 1866: Gründung der Maschinenfabrik E. C. H. Will/Hamburg („Original-Will“) für Papier verarbeitende Industrie (zum Teil im 20. Jahrhundert: Rotationsmaschinen, Bogen-Liniermaschinen, Schulheft-Fertigungs-Straßen, Falz- und Heftmaschinen, Banderolier-Maschinen, Rotations-Perforier-Maschinen)47;
35 Vgl. u. a. Papier-Zeitung, Nr. 20/1902, S. 701, Sp. 1 f. – Übersicht zur Firmengeschichte Karl Krause s. auch nachfolgend. 36 Kettlitz, Drahtheften, S. 14. 37 Vgl. AAfB, 3/1956, S. 73, Sp. 1 f. Archivbestände der Firma Karl Krause sind im Sächsischen Staatsarchiv/Leipzig unter der Findbuch-Nummer 20788 erfasst. 38 Vgl. Biesalski, Mechanisierung, S. 14, Sp. 1. 39 Vgl. Kloth, Papierverarbeitung, S. 41. Auf der Schneidemaschine wurde das Messer schräg nach unten bewegt; vgl. auch Peter, Aspekte, S. 61 f. 40 Vgl. u. a. Peter, Aspekte, S. 65. 41 Vgl. ebd., S. 66; vgl. auch Helwig, Aufkommen der Buchbindemaschinen, S. 442, Sp. 2. 42 Vgl. Biesalski, Entstehung, S. 77, Sp. 2. „[...] ab 1858 von Karl Krause, Leipzig angebotene Papierschneidemaschine die ersten waren, die in nennenswerten größeren Stückzahlen hergestellt und verkauft wurden.“ Ebd. 43 Vgl. Biesalski, Entstehung, S. 78, Sp. 1. 44 Anfangs Bau von Nähmaschinen, bald darauf Maschinen für Buchbinderei und Papierverarbeitung; vgl. Weiß, Zeittafel, S. 349. 45 „Es ist nicht möglich, das Aufkommen der Pappschere in Deutschland genau zu datieren, da sie in der zeitgenössischen Literatur kaum Niederschlag gefunden hat.“ Biesalski, Mechanisierung, S. 23, Sp. 2; 1859: Karl Krause Pappschere; vgl. ebd. 46 Vgl. Peter, Aspekte, S. 66. 1923 hatte Mansfeld über 100 Maschinentypen mit über 500 Modellen im Produktionsprogramm; vgl. ebd., S. 69. 47 Vgl. Rechnungs-Formular E. C. H. Will, Hamburg, Juli 1962, im Besitz des Verf.
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1866: Eckenausstoßmaschine48; 1867: Ritzelmaschine mit Fußbetrieb nach Patent für Karl Krause; in ihren Hauptteilen aus Holz, Ritz- und Messerwalze zum Aufstecken von Scheibenmessern. „Man kann [diese Ritzelmaschine] mit vollem Recht auch Mutter der Kartonagenmaschinen nennen.“49 Eines der ersten Exemplare ging an die Firma Melsbach/Sobernheim. Die Ritzmethode wurde von der Pappschere abgelöst. Eine frühe Ausführung wurde bereits 1860 in Brade-Winklers, Illustriertes Buchbinderbuch beschrieben (PappdeckelSchneidemaschine).50 1869: Gründung der Firma A. Hogenforst/Leipzig, Angebot des gesamten Maschinenprogramms für die Papier- und Pappeverarbeitung – insbesondere Perforiermaschinen51; 1869: Verkaufskatalog von Karl Krause/Leipzig u. a. mit: Hebelschneidemaschinen, Gold-, Blinddruck- und Prägepressen für Hand- und Dampfbetrieb, Pappscheren, Walzwerke, Abpressmaschinen, Kantenabschrägmaschinen für Einbanddeckel, Ritzmaschinen, Eckenausstoßmaschinen für Kartonagen sowie verschiedene Hilfsgeräte52; Ende der 1860er/Anfang der 1870er Jahre beschäftigte sich Henry Renno Heyl, Philadelphia/USA mit der maschinellen Herstellung von Faltschachteln; seit 1871 USPatent; 31. Juli 1872: Englisches Patent Nr. 2291, 8. Oktober 1872 US-Patent Nr. 132078 für Henry R. Heyl und August Brehmer für Faltschachtel-Verfahren und -maschine53; 1872: Gründung der „Novelly Paper Box Comp.“/Philadelphia zur Herstellung von Faltschachteln.54 Neben Henry R. Heyl und August Brehmer wurde auch dessen Bruder Hugo Brehmer beteiligt; Ausbau zu einer speziellen Maschinenbau-Werkstatt für Drahtheftmaschinen zur Herstellung von Faltschachteln und für rotierende Stanzen.55 1872: Der Österreicher C. Th. Bischof (Papierfabrik Schlögmühl b. Gloggnitz) erfand eine Papierrollen-Schneide- und Wickelmaschine, die er auf der Weltausstellung Wien 1873 zum ersten Mal vorführte. „Diese Maschine war das Vorbild aller späteren Bauarten von Rollenschneidemaschinen.“56 ab 1873: Novelly Paper Box Comp. eigenständige Maschinenfabrik „Brehmer Brothers“/Philadelphia57; 1875: Gebr. Brehmer/Philadelphia, Drahtheftmaschine für Bücher58; um 1875: John T. Robinson/USA „erste moderne Ritzmaschine“59;
48 Vgl. Das Falzbein, November 1975, S. 124, Sp. 1. 49 Vgl. ebd., S. 123, Sp. 2 f. Zu den bedeutenden Unternehmen in der Sparte KartonagenMaschinenbau zählte später auch die Sächsische Cartonagen Maschinen AG/SCMAG, Dresden. 50 Vgl. Helwig, Aufkommen der Buchbindemaschinen, S. 442, Sp. 1 f. 51 Vgl. Peter, Aspekte, S. 70. 52 Vgl. Helwig, Aufkommen der Buchbindemaschinen, S. 446, Sp. 2 f. 53 Vgl. Kettlitz, Drahtheften, S. 19. 54 Vgl. ebd. 55 Vgl. ebd. 56 Vgl. Thümmes, Tüten-Fabrikation, 1909, S. 219. 57 Vgl. Kettlitz, Drahtheften, S. 19; vgl. auch Peter, Aspekte, S. 70. 58 Vgl. Biesalski, Entstehung, S. 72, Sp. 2. 59 Vgl. Hans-Georg Böcher, Design in Hülle & Fülle. Gefaltete Schachteln – entfaltete Märkte. Die schönsten Faltschachteln aus über 100 Jahren. Design und Kulturgeschichte der künstlerischen Warenverpackung. 2. Ausstellungskatalog des Deutschen Verpackungsmuseums. Klassiker des modernen Verpackungsdesigns, 2. Bd. In Zusammenarbeit mit dem Deutschen Verpackungs-
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1877: Gründung der Eisengießerei und Maschinenbau-Firma Goethes & Schulze/ Bautzen; Schneidemaschinen für Zellstoff-, Strohstoff-, Pappen- und Papierfabriken60; 1877: Karl Krause/Leipzig, Buchblock-Beschneidemaschine61; 1878: Gründung des Maschinenbau-Unternehmens Emil Jagenberg/Düsseldorf. Firmengründung am 30. Mai 1878 durch den Papiermacher Ferd. Emil Jagenberg (1827–1905) als Papiergroßhandlung; 1880er Jahre Einstieg in den Maschinenbau mit Maschine zum Aufspulen von Heftdraht für Kartonagefabriken; 1878: Gebr. Brehmer, Einführung der Drahtheftmaschine für Bücher in Deutschland62; 1879: Robert Gair63 (1839–1927, New York) Stanz- und Rill-Verfahren in einem Arbeitsgang („improved apparatus for cutting and reasing papier in the manufacture of paper boxes“); Gair „begründet damit die Faltschachtel-Industrie“.64 1879: Gebr. Brehmer/Philadelphia verlegen Betrieb (mit Produktionsschwerpunkt Heftmaschinenbau) nach Leipzig-Plagwitz;65 nachdem es Brehmer gelungen war, außer der Faltschachtel-Drahtheftmaschine „alle übrigen zur Faltschachtelfabrikation erforderlichen Maschinen (rotierende Stanzen usw.) zu entwickeln, ging er einen Schritt weiter zur Erfindung der Draht-Buchheftmaschine“.66 um 1880: Klebemaschine mit Fußbetrieb zum Bekleben der Schachtelstirnwände von Glatzer und Briggs67; 1881/82: Nach Weiß wurde in New York die erste Fabrik für Kartonagenmaschinen gegründet.68 1882: Patent für John T. Robinson/USA auf eine Ritzmaschine mit einem verstellbaren Messer69 1883: Gründung des Maschinenbau-Unternehmens Preusse & Co./Leipzig; möglicherweise noch im Gründungsjahr erste deutsche Falzmaschine;70 erste Entwicklung museum, Heidelberg, hrsg. v. Fachverband Faltschachtel-Industrie (FFI), Offenbach, Heidelberg 2001, S. 84, Sp. 2; nach Böcher wurde die erste Ritzmaschine in den USA 1870 entwickelt. Vgl. Bindereport, 11/1996, S. 589, Sp. 1 f. Vgl. Biesalski, Entstehung, S. 78, Sp. 1. Vgl. ebd., S. 71, Sp. 1 u. 73, Sp. 1. Zum Unternehmer Robert Gair („the father of the folding carton“) vgl. u. a. Böcher, Design, S. 81, Sp. 1 f. Vgl. u. a. ebd., S. 80, Sp. 1; vgl. dagegen Kettlitz, Drahtheften, S. 19; vgl. neben Böcher, Design, auch Otto Stobbe, Aus der Geschichte der Wellpappe. In: Papiergeschichte, Nr. 1 u. 2/1966, S. 2, Sp. 2. Robert Gair „entwickelte spezielle Messer und Stanz-Linien, verankerte diese in einer Form, setzte sie auf einen Stanztiegel und konnte so die Faltschachtelzuschnitte in einem einzigen Vorgang stanzen und rillen.“ Böcher, Design, S. 80, Sp. 2 f. „Es steht eindeutig fest, daß Henry R. Heyl und August Brehmer die Erfinder der Drahtheftung von Kartons sind.“ Kettlitz, Drahtheften, S. 20. Vgl. Peter, Aspekte, S. 71. Vgl. Die Erfindung der Drahtheftmaschine. In: AAfB, 5/1949, S. 125, Sp. 2. In diesem Beitrag aus dem Jahre 1949 wird – wie allgemein üblich – Hugo Brehmer als der Erfinder der Drahtheftmaschine genannt. Inzwischen gilt es als sicher, dass August Brehmer als der Erfinder anzusehen ist; vgl. Kettlitz, Drahtheften. Archivbestände der Firma Gebr. Brehmer sind im Sächsischen Staatsarchiv/Leipzig unter der Findbuch-Nummer 20785 erfasst. Vgl. Papier-Zeitung, Nr. 82/1937, 13.11.1937, S. 1397, Sp. 2. Vgl. Weiß, Zeittafel, S. 395. Vgl. Böcher, Design, S. 84, Sp. 1. Vgl. u. a. Peter, Aspekte, S. 73.
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dieses Typs in der Schweiz, 1860, Fa. Martini & Co./Frauenfeld; Weiterentwicklung in England; Preusse lieferte die erste Falzmaschine 1888 aus; eine vollautomatisch arbeitende Falzmaschine wurde 1893 von Klemm & Forwerk/Leipzig an die Firma J. Reiter, Hofdruckerei in Dresden, ausgeliefert71; 1884: Gebr. Brehmer/Leipzig, „Schiffchen“-Faden-Buchheftmaschine72; 1885: erste Maschine zur Herstellung von Hülsen73; 1885: erste von der Rolle arbeitende Überziehmaschine von Horace Imman, New York74; um 1885: Jagenberg, Drahtspulmaschine für Kartonagen-Fabriken75; 1888: Gründung der Firma Emil Kahle/Leipzig – Perforiermaschinen; 1888: Max und Emil Jagenberg, Rollenschneide-Maschine; 1888: Kartonagemaschinen in einem Zweigwerk der AG für die Cartonagenindustrie/Meißen76; 1888: Preusse & Co. AG/Leipzig Auslieferung der ersten Falzmaschine – Leistung: im Handanlege-Verfahren 1500 bis 2000 Bogen/Std; später mit Doppelfalzmaschine 4000/Std. und mehr; 1890: Jagenberg, Papierschneide-Maschine für den eigenen Bedarf; 1890er Jahre: Jagenberg, Anleim-Maschine für Buchproduktion, deren Weiterentwicklung von Jagenberg und Laube/Dresden für die Kartonagen-Industrie; dagegen Spezialisierung auf Anleim-Maschinen für die Buchbinderei bis hin zu den Bucheinhänge- und Broschur-Einhänge-Maschinen sowie (seit 1904) Deckenmach-Maschinen durch Pragma GmbH/Berlin77; 1892: Jagenberg mit „Patent-Kartonagen-Rändelmaschine“ (DRP 68 039);78 Durchbruch zum Großunternehmen; 11. Februar 1893: Patenterteilung Nummer 67 121 für ein „Verfahren und Vorrichtung zum Biegen von Pappe im scharfen Winkel ohne vorheriges Ritzen und Nuthen“; Das Patent war ein Jahr zuvor von dem Metall-/Blechverarbeiter Carl Theodor Remus/ Dresden beantragt worden. Das Verfahren ermöglichlichte ein bruchfreies Biegen starker, insbesondere minderwertiger Pappe nach dem Prinzip der reißfreien Dehnung der äußeren Pappedecke durch Stauchen der inneren Pappeschichten. Ab 1893 wurde dieses Verfahren durch Remus in rascher Folge mehrfach verbessert.79 Diese „Erfindung revolutioniert die Kartonagenherstellung. Das Remus-Biegeverfahren ist die
71 Vgl. ebd., S. 74 f.; an der Angabe Preuße/1883 „erscheinen Zweifel angebracht, weil [...] in Dinglers Polytechnischem Journal [...] schon 1862 auf der Ostermeß- Ausstellung des Börsenvereins neben der Martini’schen Konstruktion eine Falzmaschine der Maschinenfabrik Hugo Koch, Leipzig, ausgestellt war.“ Biesalski, Mechanisierung, S. 25, Sp. 1. 72 Vgl. u. a. Schaefer, Zur Dauer und Zierde, S. 44, Sp. 1. 73 Vgl. Papier-Zeitung, Nr. 82/1937, 13.11.1937, S. 1397, Sp. 1. 74 Vgl. ebd., S. 1397, Sp. 2. 75 Sie wurde u. a. auf der Industrie-, Gewerbe- und Kunstausstellung, Düsseldorf 1902 vorgestellt; vgl. Pieske, ABC des Luxuspapiers, S. 39. 76 Vgl. Weiß, Zeittafel, S. 407. 77 Vgl. Helwig, Aufkommen der Buchbindemaschinen, S. 446, Sp. 2. 78 Wisso Weiß: Rändelstreifen-Beleimmaschine – „damit Beginn der Entwicklung zahlreicher Maschinen zur Kartonagenfertigung“ (Weiß, Zeittafel, S. 415). Eine Verbesserung der Rändelmaschine stellte die Schachtel-Überziehmaschine dar, mit der auch zwei Streifen gleichzeitig von der Rolle aufgeleimt werden konnten; vgl. Papier-Zeitung, Jubiläums-Ausgabe, Berlin 1926, S. 3976. 79 Vgl. u.a. Papier-Zeitung, Nr. 82/1937, 13.11.1937, S. 1397, Sp. 2.
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entscheidende Grundlage für die maschinelle Verarbeitung von Pappe und damit die Massenfabrikation von Versandschachteln.“80 etwa 1893 Remus/Dresden Papierbiegemaschine81; 1893: Gustav Klein, vollautomatische Falzmaschine82; 1894: erste Brehmer-Falzmaschine83 Dezember 1894: Gründung der Sächsischen Cartonnagen-Maschinen-Actiengesellschaft/SCAMAG in Dresden durch Carl Theodor Remus (Pappe-Biegemaschinen) und Josef Templer (Blechklammern und Nieten für Pappe-Verarbeitung)84; 1895: Rillverfahren nach Patent von Karl Krause aus dem Jahre 189485; Mitte der 1890er Jahre: Jagenberg/Düsseldorf, Anschmier-Maschine; um 1897: bei Karl Krause/Leipzig u. a.: Balanciers, Glätt- und Packpressen, Kreisscheren, Rill-, Ritz- und Nutmaschinen, Kartonagen-, Sonder- und Ausstanzmaschinen86; 1898: Jagenberg, Bogen-Anlegemaschine (DRP 106 198)87; 1900: Gründung des Maschinenbau-Unternehmens Kolbus/Rahden, Buchbindemaschinen; 1900: Jagenberg, erste Flaschen-Etikettier-Maschine; 1900: Gründung der Firma Wübben & Co./Berlin; 1904 erste Deckenmach-Maschine für Buchbindereien88; Um 1900: Gebr. Brehmer seit Ende 1870er Jahre Absatz von 34 000 Heftmaschinen sowie einer Unzahl von Heftapparaten89; um 1900: Jagenberg, erste Faltschachtel-Klebemaschine (FK Nr. 60 a)90; um 1900: Karl Krause „Blitzpresse“91 für Chromokarton;
80 Ruth Isheim/Michael Rothe, KAMA. Menschen – Leben – Maschinen. Gestanzte Geschichte. 111 Jahre mit KAMA, hrsg. v. KAMA GmbH, Dresden 2005, S. 16, Sp. 2 f. 81 Vgl. Papier-Zeitung, Nr. 82/1937, 13.11.1937, S. 1397, Sp. 2; das erste Patent stammte aus dem Jahre 1892. 82 Vgl. Biesalski, Entstehung, S. 68, Sp. 2. 83 Vgl. Helwig, Aufkommen der Buchbindemaschinen, S. 443, Sp. 2; vgl. auch Biesalski, Entstehung, S. 68, Sp. 2 (bei Biesalski Brehmer-Falzmaschine 1895). 84 Vgl. Isheim/Rothe, KAMA. Menschen – Leben – Maschinen, S. 17, Sp. 1. 85 Vgl. Papier-Zeitung, Nr. 82/1937, 13.11.1937, S. 1397, Sp. 2. 86 Vgl. Pieske, ABC des Luxuspapiers, S. 39. 87 Zur Entwicklungsgeschichte der deutschen Buchbinderei in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts vgl. u. a. Weissenfels, Standorte; Burkhard Theine, Technischer Fortschritt und Verpackungsindustrie. In: Supermarkt und Emmaladen, Münster 1993/94, S. 69; vgl. auch Emil Jagenberg, Papierverarbeitungsmaschinen. In: Papier-Zeitung, (Jubiläums-Ausgabe), Berlin 1926, S. 3973 ff. Neben Jagenberg, Düsseldorf, gegr. 1878, waren vor allem Gosch, Leipzig/Bielefeld, gegr. 1865 und Winkler & Dünnebier, Neuwied, gegr. 1913, als Maschinenbauer für Papierverarbeitung und Verpackung am Markt. Zur Geschichte der maschinellen Entwicklung im Bereich Papierschneiden, Falzen, Heften, Prägen, Linieren, Kleben, Biegen, Ritzen, Rillen und Nuten vgl. auch Die ersten Maschinen der Buchbinderei, Papierverarbeitungs- und Kartonagenindustrie. In: apr, Nr. 10/1955, S. 449 ff. 88 Vgl. Helwig, Aufkommen der Buchbindemaschinen, S. 446, Sp. 2. 89 Vgl. Harms, Entwicklungsgeschichte, S. 22. 90 Vgl. Böcher, Design, S. 103, Sp. 2. In den 1920er Jahren war von Jagenberg in der KartonagenIndustrie insbes. die „Automatische Faltschachtel-Klebemaschine mit Einlage- und Zählapparat“ mit einer Leistung von 10 000 bis 15 000 Stück/Std. im Einsatz; vgl. u. a. Walter Hess, Die Kartonagen-Fabrikation. Praktisches Handbuch für die gesamte Kartonagenfabrikation unter besonderer Berücksichtigung neuzeitlicher Arbeitsmethoden, bearb. u. hrsg. v. Walter Hess [= 2., völlig neu gestaltete Aufl. von Schubert, Die Kartonagenfabrikation], Berlin 1926, S. 299. 91 Vgl. Pieske, ABC des Luxuspapiers, S. 39.
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um 1900: weitere Maschinenbau-Unternehmen für das Buchbinder-Gewerbe u. a.: Boll & Jordan/Berlin, Dietz & Listing/Leipzig, Förster & Tromm/Leipzig, A. Hogenforst/Leipzig92; 1901: Gründung der Drahtheft-Maschinenfabrik Gutberlet & Co./Leipzig; ab den 1940er Jahren durch NS-Wirtschaftspolitik mit Gebr. Brehmer in wechselnden wirtschaftlichen Beziehungen; um 1902: bei Jagenberg u. a. Maschinen zum Etikettieren von Schachteln, Spezialmaschinen zur Herstellung von Luftschlangen, Konfetti, Girlanden93; um 1903: ohne den Einsatz von Maschinen hätte die Zahl der Beschäftigten in der Kartonagen-Industrie zwischen 1890 und 1902/03 um schätzungsweise 50 Prozent erhöht werden müssen94; 1904: Gründung der Drahtheft-Maschinenfabrik Herfurth & Heyden/Leipzig; 1905: Jagenberg, Aufnahme der Papiergarn-Produktion; um 1914 500 Arbeitskräfte95 1906: Gründung der Firma Wilhelm Mallien Nachf./Leipzig; 1907: Gutberlet/Leipzig-Mölkau erster europäischer Falzautomat96; 1922: Gründung der Maschinenbauanstalt M. Vetter & Co./Leipzig; 1924: Gründung der Firma Willy Köhler/Leipzig, Maschinen und Apparate für das graphische Gewerbe. 1927: Gutberlet/Leipzig, kombinierte Falz- und Drahtheftmaschine „Duo-Triumph“97
Gebr. Brehmer/Leipzig Die „Pioniere des Medienzeitalters“98 August und Hugo Brehmer (1846–1904 bzw. 1844–1891) waren durch die Entwicklung und den Bau von Drahtheft-Maschinen maßgebend an der maschinellen Entwicklung zur Massenherstellung von Kartonagen und Büchern beteiligt. Die gelernten Schlosser und Maschinenbauer waren nach 1868 getrennt auf Gesellen-Wanderschaft gegangen. August Brehmer wanderte zu Beginn der 1870er Jahre nach Amerika aus und arbeitete dort im Erfinderbüro von Henry Renno Heyl in Philadelphia. Philadelphia war das US-Zentrum der Buchherstellung, des graphischen Gewerbes und des dazugehörenden Maschinenbaus. Hier wurden vor allem Zeitungen, Zeitschriften und Reklamedrucksachen in Massenauflagen herausgegeben. Auf Philadelphia konzentrierten sich die entsprechenden Erfindungen für diese Sparte des Maschinenbaus. Harry R. Heyl befasste sich insbesondere mit der maschinellen Herstellung von Faltschachteln. 1871 hatte er Patentrechte für ein entsprechendes Verfahren erworben. Auf dieses Patent gründete eine Weiterentwicklung, die er 1872 zusammen mit August Brehmer schützen ließ. Es beinhaltete ein Verfahren zur Drahthaftung von Faltschachteln
92 Vgl. Biesalski, Mechanisierung, S. 15, Sp. 2. 93 Vgl. Pieske, ABC des Luxuspapiers, S. 39. Die Produktion von Schmalstreifen für Luftschlangen, Papiergarne, Klebestreifen usw. gehörte zu den Spezialisierungen bei Jagenberg. 94 Demuth, Papierindustrie, S. 283. 95 Vgl. u. a. 75 Jahre Jagenberg Werke Akt.-Ges. Düsseldorf 1878–1953. In: Leistung. 3. Jg., Heft 22, Düsseldorf 1953 [Werk-Zeitschrift]. Die Papiermühle a. d. Wupper bei Solingen, Ferdinand Jagenberg und Söhne, war u. a. Teilnehmer an der Weltausstellung in Wien 1873; vgl. Alphabetisches Verzeichnis. 96 Vgl. Helwig, Aufkommen der Buchbindemaschinen, S. 443, Sp. 2. 97 Vgl. AAfB, 4/1959, S. 209, Sp. 2. 98 Vgl. Kettlitz, Drahtheften, S. 18.
134 Teil I – Papierverarbeitung im 19. und 20. Jahrhundert anstelle der üblichen Klebeheftung.99 Diese Erfindung war Anlass zur Gründung der Novelly Paper Box Comp., die den Bau von entsprechenden Maschinen betrieb. 1872 trat auch Hugo Brehmer als Teilhaber in die Gesellschaft ein. Die Brüder wurden unmittelbar darauf Alleinpächter des Unternehmens, das ab 1873 unter Brehmer Brothers firmierte. „In dieser Zeit wurde das Prinzip der selbsttätigen Klammerbildung aus einem von einer Drahtspule kommenden Draht erfunden, das prinzipiell noch heute angewendet wird.“100 Zusammen mit H. R. Heyl übertrugen die Brüder Brehmer das Prinzip der Drahtheftung auf die Herstellung von Büchern. Am 26. Februar 1875 wurde Henry Renno Heyl Alleininhaber des US-Patentes Nr. 176632 für „ein Verfahren zur Buchbindung durch Heften der Lagen des Buches mit Drahtklammern“. August Brehmer erhielt in Absprache mit Heyl für dasselbe Verfahren („Maschine zum Einbinden von Büchern“) am 11. November 1877 unter der DRP Nr. 1228 Patentschutz für Deutschland.101 1879 gründeten August und Hugo Brehmer in Leipzig-Plagwitz eine Maschinenfabrik und begannen mit 52 Arbeitern die Herstellung von Drahtbuchheft-Maschinen.102 Obwohl die Entwicklung eine Gemeinschaftsarbeit von August und Hugo Brehmer sowie Henry Renno Heyl war, wurde das US-Patent nur auf Heyl ausgestellt – ebenso der Patentschutz von 1876 für Großbritannien. „Die Anwendung des Verfahrens auf das Binden von Büchern scheint [...] originär [jedoch] von Heyl zu stammen.“103 1876, ein Jahr nach der US-Patentierung war während der Weltausstellung in Philadelphia der amtliche Ausstellungskatalog in einer Millionenauflage als erstes drahtgeheftetes Buch der Welt erschienen.104 Innerhalb weniger Jahre standen diese Maschinen in allen Großbuchbindereien und Geschäftsbücherfabriken des In- und Auslandes. „Die Drahtheftmaschine hat den Übergang von der handwerksmäßigen Einbandherstellung hin zur mechanisierten, großgewerblichen Unternehmensform des Buchbindergewerbes entscheidend beeinflusst.“105
1878, ein Jahr vor der Firmengründung Gebr. Brehmer/Leipzig, wurde die erste BuchDrahtheftmaschine von Philadelphia nach Deutschland ausgeliefert. Sie ging an die Geschäftsbücherfabrik König & Ebhardt/Hannover.106 In einer Beschreibung der Buchheftmaschine durch die „Illustrierte Zeitschrift für Buchbinder“ aus demselben Jahr hieß es: „Ein einigermaßen geschicktes Mädchen lernt die Handhabung der Maschine in wenigen Tagen, und ist dann fähig, je nach Gattung der Arbeit, das 4- bis 10-fache Quantum einer Handnäherin in derselben Zeit zu heften.“107
1879 arbeiteten in der Leipziger Dampfbuchbinderei Sperling bereits drei, bis 1895 bei König & Ebhardt in Hannover 16 derartige Maschinen.108 Die Großbuchbinderei J. R. Herzog/Leipzig präsentierte anlässlich der Kantate-Ausstellung Leipzig 1879 den Besuchern zum ersten Mal drahtgeheftete Bücher. 99 UK-Patent Nr. 2291 vom 31.7.1872; US-Patent Nr. 132078 vom 8.10.1872; vgl. Kettlitz, Drahtheften, S. 18 f. 100 Ebd., S. 19. 101 Vgl. ebd., S. 19. 102 Vgl. ebd., S. 19, 21 und 22. 103 Vgl. ebd., S. 19, 21 und 22. 104 Vgl. Kettlitz, Drahtheften, S. 20. 105 Ebd., S. 21. 106 Vgl. ebd., S. 20. 107 Zit. nach ebd., S. 22. 108 Vgl. Weiß, Zeittafel, S. 389.
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1881, zwei Jahre nach der Betriebsaufnahme, waren von den Drahtheft-Maschinen der Gebr. Brehmer allein in Leipzig 29 in Betrieb. 1883 waren bei Brehmer 142 Arbeiter beschäftigt; im Gründungsjahr 1879 waren es 52; bis 1885 erhöhte sich die Zahl auf 227.109 Um 1890 hatte sich die Buch-Drahtheftmaschine endgültig durchgesetzt. Brehmer baute in diesen Jahren um die 25000 Maschinen jährlich. Der Hauptanteil der Produktion ging in den Export nach ganz Europa und nach Nordamerika110 Durch das Unternehmen Gebr. Brehmer entwickelte sich Leipzig zu einem Zentrum des Maschinenbaus für Buch- und Kartonagen-Drahtheftung. 1882 wurde das Unternehmen C. L. Lasch & Co. zur Herstellung von Drahtheft-Maschinen nach dem Prinzip Brehmer gegründet. 1883 folgte die Ernst Preusse & Co. AG, die noch ab demselben Jahr 1883 eine der ersten Falzmaschinen für Buchbindereien anbot;111 acht Jahre später, 1891, konnte Preusse 33 verschiedene Typen Drahtheftmaschinen für Block-, Broschuren, Buch-, Kartonagen- und Heftleistenheftung liefern. 1886 folgte die Gründung der Firma Carl Gebler als Fachbetrieb für diese Sparte.112 Ende des 19. Jahrhunderts fertigte die Maschinenfabrik Gebr. Brehmer Draht-Heftmaschinen für Block-, Buch- und Broschurheftung, Maschinen zur Verarbeitung von Klammerstäben, die von Rollendraht selbsttätig Klammen bildeten, ferner KartonageHeftmaschinen, sowie Drahtheft-Maschinen zur Herstellung von Schreibheften usw.113 Die Drahtheftung konnte sich vor allem dank ihrer Wirtschaftlichkeit bei Massenauflagen durchsetzen. Sie konnte aber nicht den besonderen, in Jahrhunderten gewachsenen Bezug der Buchbinder zur Fadenheftung ersetzen. Zudem wurde mehr und mehr das Problem der Oxydation in drahtgehefteten Bücher deutlich.114 Das BuchbindeGewerbe akzeptierte inzwischen jedoch eine maschinelle Lösung, die Tradition und Wirtschaftlichkeit miteinander verband. Am 26. Juli 1883 erhielt August Brehmer Patentschutz des Deutschen Reiches für ein Verfahren zur maschinellen Fadenheftung.115 Mit der maschinellen Fadenheftung konnte das „Problem der Maschinenheftung mittels Faden [...] als gelöst betrachtet werden.“116 Zwischen 1881 und 1889 wurden von dem Amerikaner David McConnell Smyth von Leipzig aus „Faden-Nähmaschinen für Buchbinder“ angeboten, die er zusammen mit dem Singer-Nähmaschinenwerk entwickelt hatte. Sie wurden vom Gewerbe wegen ihrer zu lockeren Bindung aber nicht angenommen.117 August Brehmer konnte dieses Problem ab 1883 lösen und ab 1895 mit den Typen 38 und 38½ erfolgreich weiterentwickeln.118 Ebenfalls 1895 brachte Brehmer eine
109 110 111 112 113 114
115 116 117 118
Vgl. Kettlitz, Drahtheften, S. 22. Vgl. ebd., S. 24. Vgl. Weiß, Zeittafel, S. 399. Vgl. Kettlitz, Drahtheften, S. 25. Vgl. ebd., S. 23 und 31. 2009 inserierte das Heinrich-Heine-Antiquariat/Düsseldorf: „Rilke René (sic!) Maria: Wegwarten. [...] Lieder dem Volke geschenkt. Prag. Selbstverlag des Verf. (1895). [...] O.-Umschlag (die oxydierten Heftklammern wurden entfernt, das Heft am Rücken mit Japanpapier stabilisiert und mit neuerer Fadenheftung versehen [...]“. Zit. nach „Bücher, Bücher, Bücher, Bücher ...“, Gemeinschaftskatalog der Antiquare/GIAO 2009, Deutsche Schillergesellschaft Marbach 2009, S. 99, Sp. 1. „Ein bescheidener Vorläufer war der von John Isaac Hawkins 1825 erfundene Fadenschnellhefter, Instant-Binder genannt“; vgl. Erfindung der Drahtheftmaschine, S. 125, Sp. 2. Journal für Buchbinderei, 1884, zit. in: Kettlitz, Drahtheften, S. 27. Vgl. Kettlitz, Drahtheften, S. 26 f. Vgl. ebd., S. 27.
136 Teil I – Papierverarbeitung im 19. und 20. Jahrhundert halbautomatisch arbeitende Falzmaschine119 für einfachen Dreibruch unter der Nummer 40 heraus – 1896 für größere Formate, 1897 für Zeitungsfalz, 1898 für Vierbruch.120 Damit „waren im 19. Jahrhundert die grundlegenden Verfahren und Maschinen eingeführt worden, die den weiteren Erfolg der Buchbindereimaschinen aus Leipzig begründeten.“121 Nach Ende des Zweiten Weltkrieges wurde 1948 bei Brehmer die 146.418. Drahtheft-Maschine ausgeliefert. 1953 lagen die Zahlen (des seit 1951 als Teilbetrieb unter VEB Falz- und Heftmaschinenwerk Leipzig geführten Unternehmens) bei 146.600 Drahtheft-Maschinen sowie 9000 Fadenbuchheft-Maschinen, 11 500 Falzmaschinen und 2800 Klebemaschinen.122 1960 wurde das VEB Falz- und Heftmaschinenwerk Leipzig mit dem VEB Buchbinderei-Maschinenwerk (vorm. Karl Krause) zum VEB Buchbinderei-Maschinenwerk Leipzig (LBW) verbunden. In den folgenden Jahren wurde die Produktion der 74 Grundmodelle der Kartonagen-, Broschuren- und Blockdraht-Heftmaschinen nach und nach eingestellt und die Produktion von Sammeldraht-Heftmaschinen (dies war eine Entwicklung aus der Mitte der 1920er Jahre) zunehmend in den Vordergrund gerückt. „Grundsätzlich werden beim Prinzip der Sammelheftung von einer Maschine mit verschiedenen Baugruppen die Papierbögen zusammengeführt (‚gesammelt‘), geheftet und geschnitten. Dazu werden die einzelnen Bögen auf ein Transportband oder eine sattelartige Kette aufgelegt und der Hefteinrichtung zugeführt, dort je nach gewünschter Art drahtgeheftet und anschließend dreiseitig beschnitten.“123
Durch Lizenzübernahmen (Hepp/Berlin) und Eigenentwicklungen wurde die Linie der Sammeldraht-Heftmaschinen bis zur kompletten Fließstrecke mit bis zu 10 000 Stück Broschuren Stundenleistung ausgebaut und durch ständige Neuerungen erfolgreich weitergeführt.124 1965 konnte auf der Leipziger Frühjahrsmesse das Bindeverfahren Fadensiegeln vorgestellt werden. „Beim Fadensiegeln werden innerhalb des Falzprozesses vor dem letzten Falz auf der zukünftigen Falzlinie Heftklammern aus Spezialfäden mit thermoplastischem Anteil eingestochen und überstehende Enden durch Hitze und Druck mit dem Falzbogen verbunden.“125
Um 1980 lag die Belegschaftszahl des Kombinats bei 15 000 Arbeitskräften. Der Exportanteil der bei LBW gebauten Hochleistungs-Stauchfalzmaschinen, Messerfalz-, Zusammentrag-, Drahtheft-Maschinen, Sammelhefter, Fadenbuch-Heftmaschinen, Klebemaschinen, Broschuren-Einhängemaschinen, Kartonagen-Heftmaschinen sowie Knotenfaden-Heftmaschinen lag bei 90 Prozent der gesamten Polygraph-Produktion. Die Knotenfaden-Heftmaschinen wurden bei Brehmer bereits in der Jahrhundertwende erprobt (serienreif erst 1936, nur in kleiner Stückzahl gebaut, zuletzt 1963). Die Heftung erfolgte mit Fäden, die durch Hakennadeln in das Heftmaterial (vor allem Schreibhefte, Notizbücher, Broschuren usw.) geführt, verschlungen und an den Enden der Fäden verknotet wurden.126 Durch die
119 1883 hatte bereits Ernst Preusse/Leipzig eine der ersten Bogenfalz-Maschinen für Buchbindereien entwickelt; vgl. u. a. Weiß, Zeittafel, S. 399. 120 Vgl. ebd., S. 420. 121 Kettlitz, Drahtheften, S. 27, Sp. 2. 122 Vgl. ebd., S. 46, Sp. 1. 123 Ebd., S. 34, Sp. 3. 124 Vgl. ebd., S. 50 f. 125 Ebd., S. 55. 126 Vgl. ebd., S. 37, Sp. 1 f.
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„Zwänge der sozialistischen Planwirtschaft verloren die Leipziger Buchbindereimaschinenwerke [schließlich aber] kontinuierlich Marktanteile auf dem Weltmarkt“ und „führten zum Verlust der Vorherrschaft der Plagwitzer Maschinen auf dem Weltmarkt.“127
Am 1. Juli 1990 wurde das Stammwerk des Kombinats als Brehmer Buchbindereimaschinen GmbH der Treuhand-Anstalt unterstellt. Im November 1991 wurde das Unternehmen von der 1880 gegründeten McCain Manufacturing Corp. Chicago/USA übernommen und als McCain Brehmer Buchbindereimaschinen GmbH weitergeführt. Ende 1993 beantragte McCain/Brehmer Gesamtvollstreckung. Im März 1994 wurde Brehmer Buchbindereimaschinen GmbH als Tochtergesellschaft des Falzmaschinenbauers StahlGruppe/Ludwigsburg neu gegründet. 1998/99 übernahm die Heidelberger Druckmaschinen AG mit der Stahl-Gruppe das Leipziger Traditionsunternehmen.128
Kolbus/Rahden 1900 wurde auf dem Gelände der 1775 von Christan H. Kolbus in Rahden/Westf. gegründeten Schmiede durch August Kolbus (1869–1941) eine Buchbindemaschinen-Fabrik eröffnet. Als erste Konstruktion erschien die Buchrunde- und Abpressmaschine „Rupert“, die in den Folgejahren insbesondere nach England exportiert wurde. 1903 beschäftigte Kolbus etwa 15 Mitarbeiter. 1910 entwickelte er die kleine Prägepresse „Blockert“, die ebenfalls erfolgreich abgesetzt werden konnte. Mit Kriegsbeginn 1914 musste die Entwicklung einer Buchdeckenmaschine abgebrochen werden. Der Betrieb der Maschinenfabrik wurde auf Granatenproduktion umgestellt. 1924 nahm August Kolbus die Entwicklungsarbeiten für die Buchdeckenmaschine – in Konkurrenz vor allem zum US-Unternehmen Smyth – wieder auf. Das Unternehmen beteiligte sich an Messen in Leipzig, Paris, London und Mailand. 1927 meldete Kolbus Schutzansprüche für eine „Vorrichtung zum Schneiden von Pappbogen für Buchdeckel“ an. Auf der Herbstmesse Leipzig 1927 stellte sie Kolbus als erste europäische Buchdeckenmaschine (KD) vor. Ein Jahr später 1928 folgte die Variante CD. 1930 waren bei Kolbus/Rahden 90 Arbeitskräfte beschäftigt. In diesen Jahren gingen 80 Prozent der Produktion in den Export. Dazu gehörten u. a. die Bucheinhänge-Maschine FM und die Prägepressen I und II. Nach der NS-„Machtergreifung“ im Jahre 1933 brach der Export bei Kolbus mit katastrophalen Folgen für das Unternehmen nahezu völlig zusammen. Nach Ausbruch des Zweiten Weltkrieges wurde die Produktion für die Dauer des Krieges abermals auf Rüstung umgestellt. 1945 wurde der Betrieb von der britischen Besatzungsmacht demontiert. Auch die Konstruktionsunterlagen wurden einbehalten. Der Wiederaufbau begann 1947. Die Firma beschäftigte 35 Mitarbeiter. 1949 brachte Kolbus die Kaliko-Schere KS heraus. Die Anzahl der Beschäftigten stieg bis 1950 auf 150. Auf der ersten Messe für Druck und Papier, der DRUPA in Düsseldorf (1951) waren nahezu 535 Aussteller aus dem In- und Ausland vertreten. Kolbus stellte die Buchdecken-Maschine KD vor. 1957 entstand die Idee zum Bau einer Buchfertigungsstraße. Sie wurde in den folgenden Jahren umgesetzt. 1961 wurde die Firmenbezeichnung zum Markenzeichen KOLBUS geändert. Anfang der 1960er Jahre umfasste das Kolbus-Programm 20 Maschinentypen. 1962 ging die erste vollautomatische Buchfertigungsstraße in Fließfertigung mit einer Leistung von 36 Büchern/Min. in Produktion. Kolbus gewann dadurch eine weltweit führende Marktstellung. In Bassum bei Bremen wurde ein Zweigwerk errichtet. 1967 konnten die 1000. Buchdecken-Maschine der Typen KD, CD, VCD und bereits einige der Neu127 Vgl. ebd., S. 49, Sp. 2 f. u. S. 48, Sp. 2. 128 Vgl. ebd., S. 57 ff.
138 Teil I – Papierverarbeitung im 19. und 20. Jahrhundert entwicklung DA ausgeliefert werden. 1968 erfolgte die Gründung eines weiteren Werkes in Minden/Westf. 1970 wurde mit der EMP (Einhänge-Maschine plus Buchformpresse FE) eine Buchfertigungs-Hochleistungsstraße mit 70 Takten/min. eingeführt. Kolbus beschäftigte Anfang der 1970er Jahre in seinen drei Werken nahezu 870 Mitarbeiter. 1972 führte das Unternehmen die Buchfertigung in Kompaktbauweise ein. Die „Compactstraße“ verdichtete die drei Maschinen AR, HL und FMP zu einer Einheit auf 7,65 m Länge. Mit der Compactstraße wurden die Arbeitsgänge Runden, Abpressen, Begazen, Hinterkleben, Kapitalen und Einhängen in einer Fließstrecke mit 25 Takten/min. möglich. Im Jubiläumsjahr 1975 ging Kolbus mit seinem Fertigungsprogramm auch in die Maschinenbaubereiche Falzen/Zusammentragen, Drahtziehen, Textil, Verpackung, Förder- und Abfülltechnik sowie Kunststoff. 1981 stieg das Unternehmen mit dem „Systembinder“ in die Buchklebetechnik ein. 1984 folgte der „Ratiobinder KM 470“ als weiterer Klebebinder. Damit hatte sich Kolbus auch in diesem Bereich der Buchherstellung dauerhaft etabliert. 1982 lieferte das Werk seinen ersten Dreimesser-Automaten HD 150 aus. 1984 erschien der Hochleistungs-Buchdeckenautomat DA Strato mit einer Leistung von 70 Decken/min. Um 1990 beschäftigte Kolbus in den Werken Rahden und Bassum über 1000 Mitarbeiter. 1997 übernahm Kolbus die Firma Prosystem/Kostritz (Schutzumschlag- und Pappenschneidemaschinen). Im selben Jahr präsentierte das Unternehmen den Ratiobinder 2000 – um das Jahr 2000 mit einer Leistung von 8000 Takten/Std. und die Buchfertigungsstraße BF 60/FE 60 mit einer Leistung von rund 60 Takten/min. Ebenfalls im Jahre 1997 ging Kolbus mit Sigloch Maschinenbau eine Partnerschaft mit Produktionsaufteilung ein. 1998 erreichte der Betrieb in der Fertigung von Klebebindern eine Jahresleistung von 50 Einheiten. Kolbus baute seine Marktposition in Südostasien und China aus. 2000, im 100. Jahr des Firmenbestehens, erschien die „Publica“ speziell für die Produktion von Zeitschriften, Katalogen und Telefonbüchern sowie die Zusammentragmaschine ZU 840.129
Tüten-/Beutel-Maschinen ab 1852 Die ersten „Düten“ wurden aus handgeschöpftem Kanzleipapier (aus reinen Leinenhadern) von Hand geklebt. Dieses Papier – aussortiertes Aktenpapier der hessischen Ministerien – war um 1853 zum Teil mehr als 100 Jahre alt.130 Von den Tüten wurden überwiegend kleine Formate für den Verkauf von Zucker, Zimt, Muskat oder Pfeffer in Pfennig/Heller-Beträgen benötigt. Für diesen Zweck erschien die Verwendung von ungebrauchtem Papier als Verschwendung, ein Gedanke, der sich durchaus in Übereinstimmung mit den damals gültigen Hygienemaßstäben befand. 131 Die fabrikmäßigen „Ur“-Tüten der frühen 1850er Jahre hatten die durchschnittlichen Maße von 10 x 12 x 15 cm. Diese 129 Alle Angaben zu Kolbus vgl. 100 Jahre Buchbindemaschinen, Rahden 2000, S. 68-84. 130 Seit dem 16. Jh. wurde in Bettenhausen bei Kassel eine Papiermühle betrieben. 1847 gab es im Bereich Kurhessen insgesamt 17 Papiermühlen mit 214 Arbeitern. Ab 1861 lieferten allein in Kassel zwei Mühlen mit 214 Beschäftigten Papier. Vgl. Jacob, Entwicklung der organischchemischen Industrie, S. 147 ff. 131 Vgl. Werra-Bote, 27.9.1919, 2. Bl., Sp. 1 u. 2. Von den ersten Bodenheim-Tüten ist ein Bestand von fünf Exemplaren bis auf den heutigen Tag erhalten. Von den ersten unbeschrifteten Tüten aus der Mitte der 1850er Jahre sind insgesamt acht Exemplare archiviert (StA Bad Sooden-Allendorf).
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kleinformatigen (handtellergroßen) Spitztüten blieben bis in die 1870er Jahre hinein typisch. Sie sollten in ihrer Mehrzahl für kleine Mengen von Gewürzen, Drogen und Heilmitteln oder Süßigkeiten reichen. Nahezu zeitgleich mit der Aufnahme der Tüten-/Beutel-Fabrikation durch Bodenheim/Allendorf im Jahre 1853 und zeitgleich zur internationalen Entwicklung132 wurde um 1850 durch Jacob Issaac Weidmann (1803–1867) der deutsche133 Maschinenbau für Tüten und Beutel begründet.
Jacob Isaac Weidmann Jacob Isaac Weidmann wurde am 15. März 1803 in Burtscheid/Aachen als Sohn eines Webers geboren.134 1823 machte er sein Lehrerexamen und erhielt eine Anstellung als erster Lehrer an der Elementarschule Merzenhausen b. Jülich/Rhld., die dort im selben Jahr von der evang. Kirchengemeinde Linnich eingerichtet worden war. Er hatte insgesamt 14 Schülern zu unterrichten.135 Am 28. Dezember 1825 wurde Weidmann mit Wirkung zum 1. Januar 1826 an die evangelische Elementarschule Hückelhoven/Rhld. versetzt.136 Für diese Stelle wurde ihm ein Jahresgehalt von 100 Reichstalern, davon 25 aus der Kommunalkasse, und fünf Reichstaler für den Schulbrand (Heizungskosten) ausbezahlt. Darüber hinaus erhielt er die Nutzungsrechte für je einen Obst- und Gemüsegarten.137 Im Dezember 1834 heiratete Weidmann.138 Er übernahm zusätzlich die Stelle eines Organisten und ab 1. März 1841 (bis 1850) die eines Expedienten der örtlichen Poststelle. Nach 1850 wurde er vermutlich erneut nach Merzenhausen versetzt. Weidmann lebte in andauernden Geldsorgen. Um den Unterhalt für die achtköpfige Familie zu sichern, musste er zusätzlich Privatunterricht erteilen. In der knappen restlichen Zeit befasste sich Weidmann als Tüftler mit Problemen der Mechanik. U. a. war er 1838 mit dem Ausbau und der Erweiterung der 1827 von der evangelischen Kirchengemeinde Hückelhoven erworbenen Orgel beschäftigt.139 Seit der Zeit um 1850/51 befasste sich Jacob Isaac Weidmann mit der Konstruktion einer Tütenmaschine.140 Dazu angeregt wurde er durch den Bedarf der Spezereihandlun132 Vgl. GStA Berlin, 15.7.1861 (Darlehen-Gesuch). In einem Antrag auf Neuerteilung eines Patents erhofft sich Jacob Weidmann dadurch auch „einigen Lohn für meine zehnjährige Arbeit“; vgl. ebd. 133 1850: – „Breval in Paris erfindet eine Maschine zur Herstellung geklebter Papiersäcke für den Kaufmannsbedarf, ebenso 1863 Petee in Philadelphia und 1864 Rabatté in Paris“ – Weiß, Zeittafel, S. 328; 1852 hatte Francis Wolle/USA das US-Patent 8355 für eine bag machine erhalten. 134 Vgl. Auskunft Standesamt Aachen vom 20.3.2001, im Besitz des Verf. Weidmann starb am 4.8.1867 in Burtscheid/Aachen als Kaufmann. 135 Vgl. Helmut Schulte, Evangelische Gemeinde Linnich, Troisdorf-Oberlar 1963, S. 67. 136 Vgl. Georg Grambusch, Chronik der evangelischen Gemeinde Hückelhoven, hrsg. v. Presbyterium, Hückelhoven 1999, S. 31 f.; vgl. auch Auskunft des Stadtsarchivs Hückelhoven, 21.11.2000 (im Besitz des Verf.) und Familienarchiv Alfred Neumann, Schreiben an Verf., Hückelhoven, 25.11.2000, im Besitz des Verf. 137 Vgl. Chronik der evangelischen Gemeinde Hückelhoven, S. 23 ff. 138 Vgl. Auskunft nach dem Kirchen-Heiratsregister, Adolf Neumann (Familienarchiv), Hückelhoven, Dezember 2000, im Besitz des Verf.; vgl. auch GStA Berlin, 15.7.1861 (Darlehensgesuch). 139 Vgl. Chronik der evangelischen Gemeinde Hückelhoven, S. 102 ff.); vgl. auch GStA Berlin, 18.7.1857. Nach dieser Unterlage gibt Weidmann jedoch an, die Orgel gebaut zu haben. 140 Vgl. GStA Berlin, 15.7.1861 (Darlehensgesuch).
140 Teil I – Papierverarbeitung im 19. und 20. Jahrhundert gen und Konditoreien in der Dreiländer-Grenzstadt Aachen, insbesondere aber durch den Bedarf des Tabakgewerbes. Das holländische Tabakgewerbe hatte in der Mitte des 19. Jahrhunderts bereits eine lange Tradition. Bildliche Darstellungen mit Tabak-Szenen einschließlich (unbedruckten) Papier-Verpackungen sind seit dem frühen 17. Jahrhundert bekannt.141 Seit Mitte des 17. Jahrhunderts sind bedruckte (mit Händlerangaben und Vignetten) Tabak-Papierverpackungen aus Holland überliefert.142 Im 18. Jahrhundert wurden für teure Tabaksorten zunehmend auch aufwändige Luxus-Verpackungen von Kupferstechern gestaltet. Im frühen 19. Jahrhundert übernahmen die deutschen Hafenstädte Bremen und Hamburg die führende Rolle im europäischen Tabakhandel. Aus dieser Zeit sind Tabak-Etiketten mit einem großen Themenreichtum überliefert.143 Tüten/Beutel für Zigarren kamen in Holland während des ersten Drittels des 19. Jahrhunderts auf.144 Auch in Aachen gab es Mitte des 19. Jahrhunderts zahlreiche Tabakfabriken mit entsprechendem Verpackungsbedarf.145 Im Januar 1854 stellte Weidmann über die preußische Regierung in Aachen bei der Königl. Technischen Deputation für Gewerbe in Berlin ein Gesuch auf Patenterteilung für eine „mechanische Vorrichtung, Taschen aus Papier zu machen“.146 Das Gesuch enthielt ausführliche Beschreibungen und Zeichnungen. In einem Bericht der Technischen Deputation an das Ministerium für Handel, Gewerbe und öffentliche Arbeiten vom 24. Februar 1855 wurde nach Weidmanns Angaben die Maschine in folgender Anordnung beschrieben: „Papier von der nothwendigen Breite und ohne Ende ist auf eine Rolle aufgewickelt. Von dieser läuft dasselbe ab und wird durch ein Paar, zeitweise bewegte Walzen, in angemessener Länge vorgeschoben und lagert auf einem Tischblatte. Jetzt tritt die Wirkung einer Messerklinge ein, die beim Herabgehen eine angemessene Länge abschneidet, wobei ein Paar Backen das Papier festhalten. In dieser Lage wird die eine Seitenkante und das Ende mittels eines mit Kleister versehenen Laufbandes mit Kleister bestrichen. Ist dies geschehen, so legt sich eine Formplatte auf das Papier, zwei Seitenklappen schlagen die Seitenflächen des überstehenden Papiers übereinander, wobei der nicht bekleisterte Theil auf den bekleisterten zu liegen kommt. Jetzt tritt noch eine dritte Klappe in Thätigkeit und treibt die unteren Papierränder, die mit Kleister durch Bürsten bestrichen werden, ebenfalls über die Formplatte und die Tasche [der Flachbeutel] ist fertig. Ein Tuch ohne Ende führt die fertigen Taschen vom Tische ab und die Operation beginnt von Neuem. Auch dreieckige Tüten sollen mit der Maschine angefertigt werden, während sie nach der Zeichnung jetzt für 4eckige bestimmt ist.“147
141 Vgl. u. a. Judith Leyster, Der fröhliche Trinker (1629, Rijksmuseum Amsterdam) als Abb. 1 in: Daalen, Iris M. van, Zigararrentüten und andere niederländische Tabakverpackungen. In: Arbeitskreis Bild, Druck, Papier, Tagungsband Amsterdam 2007, hrsg. v. Wolfgang Brückner, Münster 2008. „[...] die seit der Barockzeit zunehmend betriebene Verfeinerung der mechanischen Fertigung und optischen Erscheinung standfähiger Papierbeutel [Kreuz-/Blockbodenbeutel] ließ ein Packmittel entstehen, das für trockene lose Füllgüter wie beispielsweise Tabak weiteste Verbreitung fand.“ Böcher, Design, S. 41 (ohne Quellenangaben); vgl. auch Vom Ballenbinder zur Selbstbedienung, S. 33, Sp. 1 ff. 142 Vgl. u. a. Detail in Hubert van Ravesteyn, Stilleben (1669, Rijksmuseum Amsterdam); als Abb. 2 in: Daalen, Zigarrentüten, S. 63. 143 Vgl. ebd., S. 65. 144 Vgl. ebd., S. 66. 145 Vgl. Adressbücher, StA Aachen. 146 Vgl. GStA Berlin, 18.1.1855; im weiteren Schriftverkehr ist im selben Zusammenhang wechselweise von einer Maschine zur Herstellung von Taschen, Düten oder Beuteln die Rede. 147 GStA Berlin, 24.2.1855.
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Die Beurteilung der ersten Weidmann-Konstruktion durch die Technische Deputation fiel, da sie aus sehr vielen Einzelteilen bestand, eher skeptisch aus. Für den praktischen Einsatz schienen noch mehrere Abänderungen nötig. Als Maßstab für eine funktionstüchtige Tütenmaschine wurde der erreichte Standard beim Bau von Briefumschlagmaschinen angelegt. Die Technische Deputation ging in ihrer Beurteilung insbesondere auch auf das System der Klappen in der Weidmann-Konstruktion ein, das ihr der bekannten de la Rue’schen Couvert-Maschine (von 1845148) entnommen zu sein schien.149 Insgesamt wich die Konstruktion aber von allen der Deputation bekannten Maschinen in einer Weise ab, so dass der Erteilung eines Patents nichts entgegen stand.150 Nach der Überweisung einer Bearbeitungsgebühr wurde „dem Lehrer, Herrn Weidmann, mit allerhöchster Genehmigung Sr. Majestät des Königs“ am 7. Mai 1855 durch das Königl.-Preußische Ministerium für Handel, Gewerbe und öffentliche Arbeiten unter der Nummer 5,215 IV (nach einer Regelung vom 14. Oktober 1815) Patentschutz für eine „Vorrichtung zur Anfertigung von Papiertaschen“151 gewährt. Damit war – nach den Anfängen der Mechanisierung im graphischen Gewerbe seit Beginn des 19. Jahrhunderts, in der Buntpapier- und Tapeten-Fabrikation seit den 1840er Jahren und den gerade gemachten Anfängen in der maschinellen Briefumschlag-Fabrikation – für einen weiteren Bereich der gewerblichen Papier- und Pappeverarbeitung versucht worden, die Möglichkeiten der technischen Entwicklung zu nutzen. Auch in der Buchbinderei häuften sich die Versuche, diesen Bereich zu mechanisieren. Von der Möglichkeit einer umfassenden Ausstattung mit funktionstüchtigen Maschinen für das gesamte Gewerbe der Papier- und Pappeverarbeitung kann aber erst seit dem letzten Viertel des 19. Jahrhunderts gesprochen werden. Die Patenterteilung für J. Weidmann war auf den Schutzbereich des preußischen Staates begrenzt und hatte eine Gütigkeitsdauer von fünf Jahren. Voraussetzung war jedoch, dass sie innerhalb eines Jahres genutzt würde. Die Patenterteilung erfolgte zudem unter der Bedingung, dass sich die Maschine innerhalb von sechs Monaten in Tätigkeit beweisen müsse.152 Am 6. Dezember 1855 wurde dem Ministerium durch die Gemeinde Doveren (Obergemeinde für Hückelhoven, Kreis Erkelenz/Rhld.) gemeldet, dass die Maschine am 1. November „in Thätigkeit“ gesetzt und zur Gewerbesteuer angemeldet worden war.153 Am 18. Juli 1857 richtete Jacob Weidmann an den preußischen König ein Darlehensgesuch.154 Weidmann wollte eine Fabrik zur Herstellung von Tütenmaschinen und zur Produktion von Tüten/Beuteln einrichten und so einen ganz neuen Industriezweig begründen. Er argumentierte u. a. damit, in seinem Betrieb mindestens 25 Arbeiter be148 Vgl. Abschn. „Briefumschläge“ der v. A. 149 1845 hatten Warren de la Rue und Edwin Hill ein englisches Patent auf eine BriefumschlagMaschine erhalten, deren Konstruktion allgemein als maßstabgebend für Papierbeutel-Maschinen galt. Diese Maschine erlangte auf der ersten Weltausstellung (London 1851) eine besondere Aufmerksamkeit; vgl. Franz Maria Feldhaus, Die Geschichte des Kuverts. In: Die neue Verpackung, Nr. 8/1954, S. 380. In der preußischen Staatsdruckerei wurden auf Maschinen von de la Rue Franko-Kuverts hergestellt und bedruckt; vgl. Kühl, Briefumschlag-Industrie, S. 12. 150 Vgl. GStA Berlin, 24.2.1855. 151 In der Erkelenzer Zeitung vom 16.5.1855 wird von einem Patent für eine „Dütenmaschine“ berichtet; vgl. ebd., S. 2, Sp. 3. Die Begriffe Tüten, Beutel, Taschen wurden während des gesamten 19. Jahrhunderts nicht sachlich getrennt. 152 Vgl. GStA Berlin, 7.5.1855. 153 Vgl. GStA Berlin, 6.12.1855. 154 Vgl. GStA Berlin, 18.7.1857.
142 Teil I – Papierverarbeitung im 19. und 20. Jahrhundert schäftigen zu können, auch solche, die sonst nur schwer eine Arbeit finden würden. Er erhoffte sich außerdem Exportaufträge. Insgesamt waren das nach seiner Meinung Gründe, die auch im staatlichen Interesse liegen müssten. Am 18. August 1857 wurde jedoch das Gesuch abgelehnt. 1861 wurde Jacob Isaac Weidmann im Burtscheider Adressbuch (Aachen) in der Hauptstraße 3 als „Kaufmann und Maschinendütenfabrikant, auch Agent der F.-V. Ges. Colonia“ und im Gewerbeeintrag unter „Maschinentüten“ geführt.155 Am 15. Juli 1861 stellte der „Handelsmann“ Jacob Weidmann beim Ministerium für Handel und Gewerbe in Berlin einen Antrag auf Neuerteilung eines Patentes für seine seit 1855 geschützte Maschine „sowie dergleichen eine Maschine zu dreieckigen Düten“.156 Die Maschine von 1855 hatte Weidmann vollständig überarbeitet und dafür alle durch sie bisher erwirtschafteten Gelder wieder investiert. Von der Neuerteilung des Patentes erhoffte er sich endlich einen Gewinn aus seiner inzwischen zehn Jahre andauernden Entwicklungstätigkeit.157 Am 15. August 1861 lehnte die Königlich Technische Deputation dieses Gesuch mit der Begründung ab, dass darin keine wesentlichen Neuerungen enthalten seien. Aus den Akten des preußischen Ministeriums für Handel und Gewerbe ergibt sich vor allem, dass Jacob Isaac Weidmann in ständiger Geldnot lebte. Seine Briefe und Eingaben gleichen Bittgesuchen. Die Enttäuschung über die ausbleibende Anerkennung seiner Leistung klingt wiederholt an. Eine Befreiung aus der Geldnot versprach er sich insbesondere durch den Einsatz der von ihm erfundenen Tüten-/Beutelmaschine. Weidmann stellte mehrfach sein besonderes Interesse an den Fragen und Problemen der Mechanik und Technik heraus. Der Lehrer, Tüftler, Organist und Posthalter war schließlich zum Konstrukteur und Unternehmer geworden. Mehrfach ging er auf seine (offenbar vergeblichen) Anstrengungen ein, eine gesicherte Erwerbsquelle zu erlangen. Der erhoffte wirtschaftliche und gesellschaftliche Erfolg stellte sich nicht ein. Jacob Isaac Weidmann starb 1867 im Alter von 64 Jahren. J. Weidmann war der Zeit um Jahrzehnte voraus. Erst ab Mitte der 1870er Jahre war ein allgemeiner Entwicklungsstand im wirtschaftlichen, technischen und sozialen Umfeld erreicht, in dem sich die maschinelle Fertigung von Tüten/Beuteln allmählich durchsetzen konnte. Die Aktivitäten Jacob Weidmanns erlangten nie eine größere Bekanntheit und gerieten schließlich für nahezu 150 Jahre völlig in Vergessenheit.
155 Vgl. Aachener Adressbuch 1861 (Burtscheid wurde 1891 nach Aachen eingemeindet). Im Adressbuch von 1858 wird Weidmann nicht erwähnt. Für 1859 und 1860 fehlen entsprechende Ausgaben. Noch auszuwerten bleiben der Bestand 55-1 StA Aachen – Handel, Gewerbe und Fabrikwesen 1852–1877 sowie der Bestand 55-1 a – Handel und Fabrikwesen 1858–1897. 156 Vgl. GStA Berlin, 15.7.1861. Weidmann argumentiert wie folgt: „Letztere ist seit Erteilung des Patents neu erfunden, wobei jedoch als Grundlage des Systems die erste beibehalten worden ist. Und wage ich unter Beifügung des vorigen Patents die untertänigste Bitte um Erteilung eines neuen Patents.“ 157 Vgl. GStA Berlin, 15.7.1861.
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Weitere Patentanmeldungen (1) Am 25. September 1859 bat der Mechanikus Ewald Schmiedel/Berlin um die Erteilung eines Patents für eine „Papier Düten Klebe-Maschine“.158 Am 1. August 1864 stellte Joseph Prillwitz/Berlin beim Ministerium für Handel und Gewerbe einen Antrag auf Patenterteilung für eine „Düten Klebemaschine“.159 Nach der (als mangelhaft gerügten) Anmeldung beschrieb die Technische Deputation in einem Bericht, dass das „Papier ohne Ende von angemessener Breite aufgerollt, der Maschine zugeführt, durch Speisenwalzen[?] auf eine bestimmte Länge vorgeführt, abgeschnitten und durch eine durch Kautschukband ohne Ende bestehende Unterlage mitgenommen, durch Leitschienen an den Seiten aufgebogen, durch eine Bürstenwalze mit Kleister bestrichen, weitergeführt, an seinem Ende aufgekippt, mit Kleister bestrichen, zwischen Abführwalzen zusammengedrückt und als fertige quadratische Düte abgelegt werden soll.“160
Der Antrag wurde am 6. September 1864 mit der Begründung abgelehnt, dass es sich bei dieser Erfindung lediglich um unwesentliche Abweichungen von der Konstruktion Jacob Weidmanns aus dem Jahre 1855 handele.161 Ein weiteres Gesuch, begründet durch „den großen Bedarf von Papier Düten und dem Bedürfniß einer billigen Production derselben“, wurde am 19. Dezember 1868 von Gerhold, Thom & Elletsat/Neumünster für eine „Düten, Falz & Klebemaschine“ eingereicht, „die dem Zweck einer vorteilhaften Fabrication durch Schnelligkeit und Sauberkeit der Arbeit vollständig“ entsprechen sollte.“ Der Antrag wurde am 28. Januar 1869 vom Ministerium für Handel und Gewerbe abgelehnt, da die Unterlagen unvollständig eingereicht worden waren.162 Die Vorrichtung bestand „aus einem Tisch, auf welchem das zu einer Düte bestimmte Papierblatt aufgelegt wird und welcher mit 2 verstellbaren Parallelleisten versehen ist. Über dem Tisch befindet sich ein Träger. Während der Träger mit einem Fußtritt auf das auf dem Tisch liegende Papierblatt einwirken kann und dieses durch die Leisten gekniffen wird, tragen die Gummibehälter Gummi auf seine zwei Kanten auf. Das so vorbereitete Blatt wird dann abgenommen und mit der Hand gefalzt.“163
Da diese Vorrichtung eine zu große Ähnlichkeit mit den üblichen Briefkuvertmaschinen hatte, wurde der Antrag abgelehnt.
Windmöller & Hölscher/Lengerich Von keiner der zwischen 1855 und 1873 beim preußischen Ministerium für Handel und Gewerbe zum Patent angemeldeten Konstruktionen ist bekannt, dass sie praktisch umgesetzt worden wären oder eine größere Verbreitung oder Bedeutung erlangt hätten. Erst mit der Gründung der Firma Windmöller & Hölscher, Lengerich/Westf. im Jahre 1869 wurde in Deutschland der Grundstein für den erfolgreichen Auf- und Ausbau einer Industrie zum Bau von Tüten-, Beutel- (und schließlich Tragetaschen-)maschinen gelegt. Die 158 Vgl. GStA Berlin, 26.9.1859. Die eingereichten Unterlagen waren jedoch unvollständig. Am 8.3.1861 wurde ihm unter Vorbehalt eines Ausführungs-Nachweises unter Nr. W 2353 Patentschutz erteilt. 159 Vgl. GStA Berlin, 1.8.1864. 160 Vgl. GStA Berlin, 24.8.1864. 161 Vgl. GStA Berlin, 6.9.1864. 162 Vgl. GStA Berlin, 19.12.1868. 163 Vgl. GStA Berlin, 21.1.1869.
144 Teil I – Papierverarbeitung im 19. und 20. Jahrhundert Entstehung des Unternehmens ging auf den Kaufmann Gottfried Windmöller (1841– 1897) und den Mechaniker Hermann Hölscher (1842–1913) zurück. Gottfried Windmöller war Sohn eines Lengericher Eisen- und Produktenhändlers. Er schloss eine Ausbildung zum Kaufmann ab und hielt sich danach mehrere Jahre in England auf, wo er Erfahrungen im modernen Industrieunternehmertum sammelte.164 Hermann Hölscher wurde als Sohn eines Unternehmers geboren und hatte eine Lehre als Gold- und Silberarbeiter abgeschlossen. Seine Feierabende verbrachte er häufig in den Familien Lengericher Kleinkaufleute und des Apothekers, denen er half, Tüten von Hand zu drehen und Kapseln zu falzen. Durch diese Tätigkeit wurde er zur Idee angeregt, derartige Arbeiten mechanisch ausführen zu lassen. Hölscher war ein begabter Mechaniker, Tüftler und Konstrukteur. Bereits in den frühen 1860er Jahren entwickelte er eine Vorrichtung zur Anfertigung von Apotheker-Falzkapseln. Als die Konstruktionspläne zum Bau einer Tütenmaschine zunehmend konkreter wurden, beschloss er, ein eigenes Unternehmen zu gründen. Für diesen Zweck verband er sich mit dem Kaufmann und Kapitalgeber Gottfried Windmöller.165 Heinrich Hölscher gehörte als Handwerker zu den knapp 70 Prozent, die um 1870 in Rheinland-Westfalen die größte Gruppe der Firmengründer stellten. Gottfried Windmöller zählte als Kaufmann zur zweitstärksten Gruppe der Bank- und Kaufleute (15 Prozent). Die restlichen rund 15 Prozent der typischen Gründerpersönlichkeiten kamen aus den Kreisen der Akademiker, Apotheker, Beamten, Offiziere oder Grundbesitzer.166 Das spätere Maschinenbau-Unternehmen Windmöller & Hölscher (W & H) wurde 1869 als „Mechanische Papierwaren- und Dütenfabrik“ gegründet. Neben von Hand gefertigten Tüten gehörten vor allem Apotheker-Falzkapseln, aber auch Fidibusse und Schulhefte zum Angebot. Den hauptsächlichen Gewinn warfen die auf einfachsten Geräten „mechanisch“ gefertigten Falzkapseln ab. Neben den Inlandskunden gab es dafür im Verlauf der betrieblichen Entwicklung schließlich Abnehmer u. a. in St. Louis/USA, Wien, Amsterdam, St. Gallen, Zürich und Fribourg – insgesamt über 350 Auftraggeber.167 Die erste „Spitz-Düten-Maschine“ wurde bei Windmöller & Hölscher 1870/71 gebaut. Von dieser Maschine ist lediglich bekannt, dass sie auf drei Füßen geständert war. Weitere Einzelheiten, Unterlagen oder Abbildungen gibt es nicht. Diese Maschine blieb auch ohne Typenbezeichnung.
Weitere Patentanmeldungen (2) Am 10. Februar 1873 stellte der Zichorien-Fabrikant Emil Seelig/Heilbronn beim Ministerium für Handel und Gewerbe in Berlin ein Gesuch auf Erteilung eines Patents für eine „Düten-Füll-Maschine“, das, wie bereits für Bayern, Baden und Österreich, auch in Preußen Gültigkeit haben sollte.168 Die Maschine war, wie aus dem Gesuch hervorging, bereits in drei weiteren Zichorien-Betrieben erfolgreich eingesetzt worden. Seelig garan164 Vgl. Verpackte Märkte, hrsg. aus Anlaß des 100jährigen Bestehens der Maschinenfabrik Windmöller & Hölscher, Lengerich/Westf. 1969 (Jubiläumsschrift), S. 28 f. 165 Vgl. ebd., S. 26 f. 166 Preußen – Versuch einer Bilanz. Fünf Bde, hier: Bd. 3, Preußen – Zur Sozialgeschichte eines Staates – Eine Darstellung in Quellen, bearb. von Peter Brandt u. a., Reinbek 1981, S. 233. 167 Vgl. Verpackte Märkte, S. 30 f. 168 Vgl. GStA Berlin, Abteilung IV., Rep. 120, Maschinenbau D., Abtl. XIV. Koch 1. Nr. 151, 10.2.1873 ff.
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tierte durch den Einsatz der Maschine in einer ersten Version 35 Prozent und in einer zweiten Version 70 Prozent Ersparnis an Arbeitslohn. Die Maschine war dafür bestimmt, trockene, pulverförmige Stoffe in Tüten zu füllen. Sie bestand aus einem Schlitten mit einer Anzahl verstellbarer Maßkästchen, der unter einem Fülltrichter hin- und hergeführt wurde. Die Bodenplatte der Maßkästchen war feststehend. Bei der Fortbewegung des Schlittens fiel der Inhalt der Kästchen in die darunter positionierten Tüten. Die Tüten waren in metallene Formen eingesetzt. Der Tisch, auf dem die Formen angebracht waren, wurde durch ein einfaches Schüttelwerk bewegt, um die Füllung im Beutel zu verdichten.169 Am 13. März 1874 wurde dem Ministerium für Handel und Gewerbe von der Technischen Deputation empfohlen, das Gesuch abzulehnen, u. a. weil „die Maschine als eine Kombination mechanischer Hilfsmittel anzusehen ist, welche bei den meisten Vorrichtungen für ähnliche Zwecke vorhanden sind, namentlich aber in vollkommenster Weise bei den Patronen-Füllmaschinen angewendet werden.“
Am 26. September 1874 legte Joseph H. F. Prillwitz/Berlin nach zehn Jahren dem zuständigen Fachministerium erneut170 ein Patentgesuch vor für „eine Maschine zur contnuierlichen Fabrikation von Papierdüten. Die vorgelegte Maschine erzeugt einfache oder doppelte Papierdüten aus endlosem Papier, indem sie Blätter von erforderlicher Größe abschneidet und die Klappen mit Leim versieht, dieselben falzt und zuklebt. Von der vorgelegten Rolle gelangt das Papier, welches vorher nach der gewünschten Breite geschnitten ist, durch ein Paar Speisewalzen hindurch unter den Schneideapparat, welcher mittels eines Sägeschnitts nach einer passenden Schablone ein Blatt abtrennt und gleichzeitig zwei Einschnitte macht, um das Umlegen der Klappen zu ermöglichen. Das abgetrennte Blatt wird zwischen einem Tuch ohne Ende aus Kautschuk und einer stellenweise unterbrochenen Metallplatte hochgeschoben, über der letzteren gefalzt und fertig geklebt. Um doppelte Düten zu erhalten, werden anfangs auf die Maschine zwei Rollen so aufgelegt, dass beim Abwälzen die Seite des einen Blattes die des andern etwas überragt. Wenn auch Maschinen zur Fabrikation von Papierdüten bekannt sind und die bei der vorgelegten Maschine angewandten Mechanismen nicht wesentlich abweichen von denen, die für gleiche Zwecke gebräuchlich sind, so existieren doch unseres Wissens bisher keine Maschinen, welche die verschiedenen Operationen des Ausschneidens, Falzens und Leimens und Klebens routinierlich ausüben.“171
Am 30. Oktober 1874 erkannte die Techn. Deputation die Maschine in dem Sinne als neu an, dass bisher keine andere mit der Fähigkeit bekannt war, die Operationen des Ausschneidens, Falzens, Leimens und Klebens kontinuierlich ausführen zu können. Diese Maschine wurde am 21. November 1874 von Bernard Douce & Compcop/Paris, patentiert. Prillwitz wurde am 2. Dezember 1875 vom preuß. Ministerium für Handel und Gewerbe aufgefordert, die praktische Anwendung dieser Maschine nunmehr binnen vier Wochen nachzuweisen. Am 16. Juli 1875 reichte der Maschinenschlosser Simon Gelter/Detmold ein Patentgesuch ein, und zwar für eine Maschine „mit Fuß- und Handbetrieb zur Anfertigung von Spitzdüten in beliebiger Große und auf einer Platte [...] Die Konstruktion dieser Maschine ist so einfach, wie ich dieselbe jetzt nach mehrmaliger Verbesserung hergestellt habe, dass sie ein jeder nach kurzer Einübung handhaben kann und wird eine solche Maschine von Dütenfabrikanten und Kaufleuten gerade in dieser Weise verlangt, um dieselbe ohne Schwungrad usw. gebrauchen zu können, was hierbei gerade erreicht ist. Da sich dieselbe so leicht und schnell handhaben lässt, kann ein geübter Arbeiter
169 Vgl. GStA Berlin, 13.3.1874. 170 Vgl. GStA Berlin, 1.8.1874. 171 Vgl. GStA Berlin, 26.9.1874.
146 Teil I – Papierverarbeitung im 19. und 20. Jahrhundert ohne Ermüdung 2000 Düten in der Stunde in beliebiger Größe anfertigen. Drei solcher Maschinen stehen augenblicklich fertig nach Elberfeld, Bielefeld und Geritz in Posen bestellt.“172
Bei Windmöller & Hölscher wurde 1872/73 eine verbesserte Version der Tütenmaschine von 1870/71 gebaut. Auch diese Maschine erhielt keine Typenbezeichnung. Die erneut verbesserte Ausführung von 1875/76 erhielt am 4. Juli 1877 vom Kaiserlichen Patentamt (eröffnet am 1. Juli 1877) die Patentnummer 130. In der Patentschrift heißt es: „Diese Dütenmaschine dient zur Herstellung von Düten, und zwar durch Umwandlung eines ihr gebotenen endlosen Papierstreifens in fertige Düten jeder beliebigen Größe unter gleichzeitigem Drucken von Firmenzeichen aller Art.“
Als Hauptfunktionen der W & H-Maschine wurden genannt: 1. Periodische Abwicklung von der Papierrolle. 2. Bedrucken. 3. Kleisterauftrag. 4. Falzen. 5. Abschneiden des Papiers. 6. Erzeugung der Bruchlinie. 7. Zusammenkleben und geregelte Abführung der fertigen Tüten. Nach jeweils 100 gefertigten Tüten wurde diese Zahl durch ein Glockenzeichen angezeigt. Der Arbeiter nahm den Packen, bohrte mit einer Nadel ein Loch und zog einen Faden durch, so dass ein Tütenbündel entstand, das in den Krämerläden zum charakteristischen Erscheinungsbild gehörte.173 Auf dieser Maschine konnten Tütenhöhen zwischen zwölf und 40 cm in einer Stückzahl von 40 pro Minute hergestellt werden. In der Patenturkunde wurde darauf hingewiesen, dass derartige Maschinen sonst nicht existierten. Ähnliche Apparate hätten jeweils nur Teilfunktionen ausführen können.174 Ab dem 14. Juli 1877 erhielt der 22-jährige Müllergeselle und spätere Mühlenbesitzer Alfred Crienitz (1855–1915), Wünschendorf b. Weida/Thür.175 vom Kaiserlichen Patentamt in Berlin unter der Nummer 1714 eine „Maschine zur Anfertigung von Papiersäcken“ patentrechtlich geschützt. In der Urkunde werden fünf Hauptfunktionen der FlachbeutelMaschine, die einen Zählapparat hatte, beschrieben: „die Herstellung eines fortlaufenden Papierschlauches aus Papier ohne Ende [von der Rolle], die Abschneidevorrichtung, die Bildung der Böden, das Bedrucken des Papiersackes mit Firma und Trocknen des fertigen Fabrikates mittels Dampf.“176
1878 wurde die Firma Netzler Nachf./Flensburg (ab 1884 auch Altona-Ottensen – Maschinen-Düten- und Couvert-Fabrik, Spezialmaschinen für Papiersäcke- und DütenFabrikation) mit einem „Verdienstpreis“/Berlin und 1884 mit einer „Goldenen Medaille“/ Altona ausgezeichnet. Netzler konstruierte, betrieb und vertrieb Ende des 19. Jahrhunderts drei Maschinentypen für die Herstellung von Drachen(Spitz-)tüten177 und Papiersäcken/ 172 Vgl. GStA Berlin, 16.1.1875. Das Gesuch wurde am 20.7.1875 wegen unzureichender Unterlagen abgelehnt. 173 Vgl. Patent-Urkunde No. 130, Berlin, 4.7.1877. 174 Vgl. ebd., S. 2. 175 Vgl. Familienarchiv Helmut Crienitz, Auskunft vom 6.12.2000, im Besitz des Verf. Alfred Crienitz wird in der Familienchronik als technisch interessierter Tüftler beschrieben. – In Weida war 1816 von Adolf Keferstein die erste deutsche Papiermaschine entworfen und 1819 in Betrieb genommen worden; vgl. u. a. Wilhelm Franz Exner, Die Tapeten- und BuntpapierIndustrie für Fabrikanten und Gewerbetreibende sowie für technische Institute dargestellt [= Neuer Schauplatz der Künste und Handwerke. Mit Berücksichtigung der neuesten Erfindungen, hrsg. v. einer Gesellschaft von Künstlern, technischen Schriftstellern und Fachgenossen. 25. Bd.], Weimar 1869, S. 21; vgl. auch Josef Leiß, Vom Handdruck zum Maschinendruck. In: Olligs, Heinrich, Tapeten. Ihre Geschichte bis zur Gegenwart, Bd. III: Technik und wirtschaftliche Bedeutung, Braunschweig 1969, S. 9-70, hier: S. 15 f. 176 Vgl. Deutsche Patentschrift Nr. 1714. 177 Drachentüten sind Spitztüten, bei denen in der Flachlage die Klebenaht mittig liegt, und sie dadurch die Form eines Winddrachens erhalten.
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Boden-/Standbeutel: 1. Schneide-, Umwickel- und Anfeucht-Maschinen, die im Betrieb in drei Exemplaren in „eigenartiger Thätigkeit [...] wirksam“ waren. Die Maschine konnte mit einer Leistungsfähigkeit von etwa zwei Zentnern/Std. braune, holzhaltige Papierrollen schneiden, wickeln und anfeuchten; des Weiteren eine Papier-Querschneide-Maschine für Formatpapiere; 2. Tütenmaschinen (Pat.Nr. 47585), von denen bei Netzler zwei Exemplare in Betrieb waren, „die mit bewundernswerter Geschwindigkeit die aus den Spezereigeschäften bekannten Spitzdüten“ erzeugten; 3. Universal-Sack/(Papierbeutel-)Maschinen – mit eingebautem Trocken-Zylinder – (bei Netzler zwei Exemplare „in Thätigkeit“), mit denen für den Bedarf in Material-Handlungen, Drogerien und Apotheken PapierStand-/Bodenbeutel mit und ohne (nach innen) eingelegte Ecken hergestellt werden konnten. „Dieser höchst sinnvoll arbeitende Automat schneidet, faltet, klebt vollständig selbständig“; ebenso Papierbeutel, „zu welchen auch die neuartigen, so begehrten ‚Zigarrenbeutel‘ gehör[t]en.“
Diese Maschine – in der Ausführung „C“ – war in Deutschland patentrechtlich geschützt. Sie hatte eine Stundenleistung, je nach Beutelgröße, von 140 bis 300 Stück.178 Dem Amerikaner Francis Wolle war bereits im Jahre 1852 die US-Patentnummer 8355 für eine Papierbeutel-Maschine erteilt worden. Damit sollte für die Einzelhändler die Eigenfertigung von (dreieckigen) cornucopias (Füllhörnern/Spitztüten) überflüssig werden. Im August 1864 stellten August Franke und Julius Cador beim preuß. Königl. Ministerium für Handel und Gewerbe einen Antrag auf Erlangung eines Einführungs-Patentes auf eine amerikanische Papier-Beutelmaschine, als deren Erfinder Auguste Wolle aus Bethlehem im US-Staat Pennsylvania angegeben wurde. Die Maschine war zu dieser Zeit bereits in Amerika, England, Frankreich und Belgien eingeführt.179 Ebenfalls 1864 wurde von Rabatté in Paris eine Tüten-/Papierbeutel-Klebemaschine konstruiert.180 Erst 1878, zu Beginn des letzten Viertels des 19. Jahrhunderts, lag bei Windmöller & Hölscher eine ausgereifte Konstruktion der Spitztüten-Maschine vor, und erst mit dieser Maschine wurden Leistungen erreicht, die die bisher übliche Handkleberei bald weitgehend verdrängen sollten.181 Bei Windmöller & Hölscher wurde beschlossen, mit dieser Ausführung in den Verkauf zu gehen. Neun Jahre nach der Firmengründung wurde die „Mechanische Papierwaren- und Düten-Fabrik“ Windmöller & Hölscher auch zum Maschinenbau-Unternehmen.182 Die erste Maschine ging nach Görlitz an die Firma Braun & Leisten.183 Die Maschinen dieser Generation fertigten in der Minute 40 Spitztüten ohne Druck.184 Bereits 1876/77 hatte Windmöller & Hölscher mit dem Bau der von der Rolle („in ge178 Alle Angaben zur Maschinen-Ausstattung nach Hirschfeld, Schleswig-Holsteins Grossindustrie und Grosshandel. 179 Vgl. GStA, ohne genauere Angabe, 1864). Papierbeutel-Klebemaschine konstruiert; vgl. Weiß, Zeittafel, S. 328. 180 Vgl. Weiß, Zeittafel, S. 328. 181 Vgl. Verpackte Märkte, S. 32. 182 Vgl. ebd., Chronik-Anhang. 183 Vgl. Thümmes, Tüten-Fabrikation, Bd. I, S. 3. 184 Nach ständigen Verbesserungen kamen die Konstruktionen in der Mitte der 1920er Jahre auf eine Minutenleistung von 200-300 Stück (vgl. Verpackte Märkte, Chronik-Anhang). Mitte der
148 Teil I – Papierverarbeitung im 19. und 20. Jahrhundert ringen und feinen Sorten“) arbeitenden „A“-Beutelmaschinen (A II 1886, A III 1906 – mit und ohne Stempeldruckwerk) und „B“-Beutelmaschinen begonnen (ab ca. 1890 auch als Union-Papiersack-Maschine, ab 1912/13 als Union bzw. Matador in fortlaufend verbesserten Ausführungen, ab 1920 nur noch als Matador). Diese Flachbeutel-Maschine arbeitete vom Schlauch, der aus zwei Papierbahnen gebildet wurde – in der späteren CVersion auch mit eingelegten Seitenfalten. In beiden (B und C)-Ausführungen konnte mit oder ohne Fütterung gearbeitet werden. Als Als Besonderheit galt der Abschlag vom Schlauch durch einen in sich drehenden Schläger für ein oder zwei Abschläge. Für die Bedienung der beiden Maschinentypen waren je zwei Arbeiter erforderlich (davon einer für das Abstapeln der Beutel). Für das Trocknen des geklebten Bodens wurde ein mit Gas oder Dampf beheizter Trockenzylinder eingesetzt. Dieser Zylinder war in den ersten Jahren noch nicht aus Gusseisen in einem Stück gefertigt. Er musste in einer Osnabrücker Kesselschmiede aus gebogenen Bleckstücken mit Nieten zusammengesetzt werden. Ab 1912/13 fiel dieser Zylinder durch eine Änderung in der Konstruktion der Matador-Ausführung fort.185 Neben der Maschinenherstellung blieb das Unternehmen Windmöller & Hölscher Abb. 9: Papierwaren- und Maschinen-Fabrik auch nach 1878 ein Papier verarbeitender Windmöller & Hölscher/Lengerich, Zirkular Betrieb mit Tüten-Fertigung, die zu De1907 monstrationszwecken, aber auch mit dem Merkmal der Nötigung als Druckmittel gegenüber den Tütenherstellern186, noch bis 1913 aufrechterhalten wurde. Zusammen mit den Kapseln erbrachten sie noch 1892 zwei Drittel des Gesamtumsatzes.187 Außer Hermann Hölscher und Alfred Crienitz waren um 1877 auch andere Konstrukteure mit Lösungsversuchen für die maschinelle Tüten- und Beutelfabrikation befasst.188 In fast
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1970er Jahre wurde eine Minutenleistung von 400 erreicht. Ende der 1880er Jahre waren die Spitztüten-Maschinen mit einfachen Tiegeldruck-Apparaten ausgestattet, ab 1905 mit zweifarbigem Rotationsdruck, ungefähr zeitgleich auch mit Anilindruckwerk. Vgl. W & H-Firmenarchiv. „Verschiedene Maschinenfabrikanten setzten ihre Maschinen selbst in Betrieb, um Tüten herzustellen. Sie erklärten, daß sie sofort mit der Tütenproduktion aufhören wollten, wenn die Tütenfabrikanten ihre Maschinen kaufen würden. ‚Sie stellten hierdurch die Papierwarenfabrikanten vor die Alternative: entweder werden unsere Maschinen gekauft oder ihr werdet durch unsere Konkurrenz aus dem Sattel gehoben‘.“ Schöller, Kartelle, S. 47, Zitat aus der Papier-Zeitung 50/1880, o. S. Vgl. Verpackte Märkte, Chronik-Anhang. Die Herstellung von Apotheker-Falzkapseln lief bei Windmöller & Hölscher erst in der Mitte der 1950er Jahre aus. Vgl. entsprechende Hinweise in der Patent-Literatur, in der Papier-Zeitung und bei Max Schubert, der vor allem die Entwicklung während der letzten Jahrzehnte des 19. Jahrhunderts
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allen Fällen (mit Ausnahme der Konstruktionen von Heinrich Hölscher) bleibt jedoch offen, ob die angemeldeten Patente je ausgeführt wurden oder ob die ausgeführten Konstruktionen erfolgreich eingesetzt werden konnten. Zu den bekannten Namen gehören: – – – – –
Julius Theodor Möller/Burtscheid b. Aachen, Schnellkleister-Maschine für Spitztüten, Pat.-Nr. 3698, 1878189; H. H. Möller/Flensburg, Einrichtung zur Anfertigung mehrerer Reihen von Papiertüten auf einer Maschine, Patent-Anmeldung Dezember 1878, Pat.-Nr. 5405; Louis Hauff/Darmstadt, Papiersack-Maschine, Pat.-Nr. 26102, 1883; Heinrich Baumann/München, Maschine zur Herstellung von Papier-Spitztüten, Schweizer Patent von 1893; Fritz Bornkessel/Wieda (Südharz), Maschine zur Herstellung von Spitz- und Beuteltüten, Patent-Nr. 89805, 1895.
1878 wurde bei Windmöller & Hölscher mit dem Bau der Papierbeutel-Maschine A 1 mit und ohne Stempeldruckwerk begonnen. Die von dieser Maschine gelieferten Flachbeutel wurden von zwei Bahnen gebildet (Zweinaht-Beutel). Ein Tütenfabrikant bemerkte hierzu kritisch in der Papier-Zeitung: „Ich bezweifle, dass die mit zwei Papierstreifen zusammengeklebten Beutel für den Consumenten sich praktisch erweisen. Bekanntlich werden die Beutelecken, um eine Bodenform zu gewinnen, von dem Detaillisten eingedrückt und diese mitunter sehr zeitraubende und bei geringen Papiersorten den Bruch des Papiers hervorrufende Manipulation hat bereits Maschinen zur Anfertigung von Beuteln mit 4 eckigem Boden hervorgerufen. Diese auf der Maschine angefertigten Beutel sind insofern nicht praktisch, als die sechs scharfen Falzen die Widerstandsfähigkeit des Papiers schwächen, wogegen die Handarbeit diese Mängel zwar nicht hat, aber die Waare sehr vertheuert. Dicke geringe Papiere lassen sich der scharfen Behandlung wegen auf der Maschine nicht gut verarbeiten. Da nun die gewöhnlichen einseitig geklebten Beutel bei der Füllung resp. dem Eindrücken Schwierigkeiten verursachen, so müssen dieses zweiseitig geklebte Beutel im noch grösseren Masse thun, weil durch die verwendete Klebemasse beide Seiten steif werden und die Gefahr des Bruchs bei grösserer Gewalt erhöhen.“190
Im Ausland war der besseren Befüllbarkeit und Standfestigkeit wegen von Beginn an die viereckige Form des Papierbeutels bevorzugt. Bekannte Papierbeutel-Hersteller waren u. a.: Harris & Fletcher/Manchester, James Bibby, John Baron und Job Duerden/Burnley (England), Myron Nathaniel Stanley/Paris, Charles C. Randell/New Bedford und William C. Cross/Boston. Die bekannteste Firma in diesem Bereich war jedoch die von Francis Wolle gegründete Union Bag Machine & Co. (USA). Auch die erste deutsche Konstruktion durch Jacob Weidmann aus dem Jahre 1854/55 war eine Beutelmaschine.191 Die W & H-Beutel aus dem Jahr 1878 bestanden aus einer (schlauchartigen/ tubenförmigen) Bahn mit einer Klebenaht in der Mitte (Einnaht-Beutel). Dabei wurde in den ersten beobachtet und beschrieben hat; vgl. Schubert, Papierverarbeitung, Bd. II, S. 127 ff. (Die Dütenoder Papiersack-Fabrikation). 189 Der Tüftler und Erfinder Theodor Möller hatte sich in der örtlichen Gasfabrik vom Commis zum Techniker und schließlich zum Ingenieur hochgearbeitet. Ein beruflicher Bezug zur Papierverarbeitung ist – wie etwa bei dem früheren Lehrer Jacob Weidmann oder dem ehemaligen Müller Alfred Crienitz – nicht zu erkennen. 190 Papier-Zeitung, Nr. 9, Berlin 3.3.1881, S. 409, Sp. 2. 191 Vgl. Francis Wolle, US-Pat.-Nr. 9355 1852.
150 Teil I – Papierverarbeitung im 19. und 20. Jahrhundert Jahren der Boden durch Einfalzen von Hand gebildet. Die Erfindung von Alfred Crienitz aus dem Jahre 1877 hatte diesen Arbeitsgang bereits integriert. Eine amerikanische Weiterentwicklung, die ebenfalls beide Arbeitsgänge leisten konnte, kam in den 1880er Jahren unter der Bezeichnung Union-Bag-Machine (Francis Wolle) über England nach Deutschland.192 Ab 1883 wurde bei Windmöller & Hölscher die Schnellläufer-Spitztüten-Maschine gebaut. Die Bezugsbedingungen dazu enthielten das Angebot, auf Verlangen zum Aufstellen und zur Inbetriebnahme einen Monteur zu entsenden. Dabei hatte der Auftraggeber für Wohnung und Beköstigung „in anständigem Hause“ zu sorgen. Für jeden Arbeitstag waren 6 M. zu vergüten.193 1883 bestand das Unternehmen W & H seit 14 Jahren. In den ersten zehn Jahren wurden aber „infolge einer nahezu ständigen Wirtschaftsdepression“ fast ausschließlich Apotheker-Falzkapseln hergestellt.194 Die maschinelle Tütenfertigung stellte wegen mangelnder Nachfrage noch lange ein Problem dar. „Die Maschinenfabrikanten, die geglaubt hatten, in diesen Spezialmaschinen ein besonders gutes Geschäft zu machen, fanden für ihre Waren, deren Herstellung sie stark forciert hatten, bald keine Abnehmer mehr. Sie versuchten auf alle mögliche Art und Weise ihre Maschinen an den Mann zu bringen. Sei es durch Preisherabsetzung oder durch langfristige Kreditgewährung. Verschiedene Maschinenfabrikanten [so Windmöller & Hölscher195] setzten ihre Maschinen selbst in Betrieb, um Tüten herzustellen. Sie erklärten, daß sie mit der Tütenproduktion sofort aufhören wollten, wenn die Tütenfabrikanten ihre Maschinen kaufen würden. ‚Sie stellten hierdurch die Tütenfabrikanten vor die Alternative: entweder unsere Maschinen werden gekauft oder ihr werdet durch unsere Konkurrenz aus dem Sattel gehoben.‘“ 196
„Erst 1878 kam die Wende.“197 Sie vollzog sich aber nicht allein infolge der Veränderung der wirtschaftlichen Lage. Der Höhepunkt der konjunkturellen Depression lag vor allem in den Jahren zwischen 1873 und 1878. Für den zögerlichen Aufschwung der maschinellen Tüten- und Beutelfertigung während der 1870er Jahre war vielmehr eine ganze Reihe von technologischen und wirtschaftlichen Bedingungen und Voraussetzungen wirksam gewesen. Da waren zunächst die Tüten- und Beutelmaschinen selbst, die während der ersten zehn Jahre noch wenig ausgereift waren. Für die Papierverarbeiter gab es kaum einen wirtschaftlichen Grund, Maschinen einzusetzen. Es bestand kein Kostenunterschied zwischen Hand- und Maschinenarbeit. Die technische Entwicklung der Tüten- und Beutelmaschinen stand zudem noch zu isoliert und ohne Beziehung zu den nichtmaschinellen Faktoren. Sie war noch nicht begleitet von einem entsprechenden Entwicklungsstand im Fertigungs-Umfeld – insbesondere durch geeignete Papiere und Kleister. Die W & H-Maschinen verarbeiteten Papier von der Rolle. Für die Beschaffung geeigneter Rollenpapiere gab es zunächst aber noch erhebliche Schwierigkeiten. Die Papierfabriken waren hauptsächlich auf die Herstellung von Formatpapieren eingerichtet. Von den Tütenpapieren wurden besondere Eigenschaften hinsichtlich ihrer Stoffzusammen192 Vgl. Rolf Sander, The history of paper sacks: 100 Jahre Papiersackmaschinen und Papiersäcke, hrsg. v. Wilhelmstal-Werke GmbH, Achern und Monheim, 1988, S. 12. 193 Vgl. Schnelläufer-Firmenprospekt, W & H-Archiv, Lengerich/Westf. 194 Verpackte Märkte, S. 32 f. 195 Vgl. Abschn. „Maschinenbau“ der v. A. 196 Schöller, Kartelle, S. 47, Zitat aus der Papier-Zeitung 50/1880. O. S. 197 Verpackte Märkte, S. 3.
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setzung, Festigkeit, Leimung, Gleichmäßigkeit, Feuchtheit und guten Wicklung verlangt.198 Seit Beginn der industriellen Papierfertigung mit endloser Bahn wurde diese Bahn entweder in ganzer Breite aufgerollt oder in schmale Bahnen geteilt und lose – für Tüten-/Beutelmaschinen zu lose – aufgewickelt. Mit dem Aufkommen des Rotationsdruckes für Zeitungen ab Anfang der 1870er Jahre199 wurden für diesen wichtigen Sektor gleichmäßig, passend und fest aufgewickelte Rollen verlangt. Dafür mussten die von der Papiermaschine kommenden Rollen auf besonderen Rollen- und Schneidemaschinen umgearbeitet werden. Die klangharte Festigkeit der Rollen wurde durch Bremsen und Gegendruckwalzen erreicht. Der Österreicher C. Th. Bischof (Papierfabrik Schlögmühl b. Gloggnitz) erfand 1872 eine Papierrollen-Schneide- und Wickelmaschine, die er auf der Weltausstellung in Wien 1873 zum ersten Mal vorführte. „Diese Maschine war das Vorbild aller späteren Bauarten von Rollenschneidemaschinen.“200 In den 1890er Jahren wurden u. a. auch von Ferd. Emil Jagenberg/Düsseldorf eine Scheren-Schnitt-Maschine und von W & H eine Rollen-Längsschneide-Maschine angeboten.201 Ein weiterer wichtiger Faktor in der maschinellen Tüten-/Beutelfertigung waren die Klebstoffe. Die für die Handarbeit selbst hergestellten Mehl- und Stärkekleister waren wegen ihrer Knotenbildung, Verkrustung usw. für eine rationelle Maschinennutzung kaum brauchbar. Um 1890 bot W & H eine Kleistermühle für Hand- und Riemenbetrieb an. Sie sollte die Knotenbildung verhindern und einen störungsfreien Kleisterauftrag gewährleisten.202 Für die Maschinennutzung waren jedoch chemisch hergestellte Pflanzen- und Kaltleime erforderlich. Anfang der 1870er Jahre entstand in Deutschland die Pflanzen- und Kaltleimindustrie. Dazu gehörten vor allem die Firmen Otto Kutzner/ Berlin, Ferdinand Sichel/Hannover-Linden und Kontorowicz/Breslau.203 Zu den Klebern, Leimen und Kleistern, die hergestellt wurden und je nach Verwendungszweck oder Papiersorte zubereitet wurden, gehörten Mehl- und Stärkekleister, kleisterartige Pflanzenleime, kaltwasserlösliche Trockenkleister, Dextrinleime („Stärkegummi“ auf der Basis von Kartoffelstärke), dextrinierte Kaltleime, Gummi arabicum, Fischleime, Kaseinleime, Tierleime und verschiedene Sonderklebemittel.204 Eines der Themen, die noch in der Mitte der 1890er in den Fachzeitschriften behandelt wurden, war die Schimmelbildung, die sich bei maschinengefertigten Tüten und Beuteln nach längerer Lagerzeit einstellte.205 Dieses Problem ergab sich besonders bei mit Mehlkleister hergestellter Ware. Sie konnte bei der Maschinenproduktion der größeren Menge wegen oft nicht mehr einzeln zum Trocknen ausgelegt werden und war daher
198 Vgl. Thümmes, Tüten-Fabrikation, Bd. I, S. 3. 199 Nach der Reichsgründung 1871 „kamen die politischen Zeitungen zu einer bis dahin nicht geahnten Bedeutung.“ Peter, Aspekte, S. 60. 200 Vgl. Thümmes, Tüten-Fabrikation, 1909, S. 219. 201 Vgl. ebd., S. 220; vgl. auch entsprechenden W & H-Werbeprospekt, Firmenarchiv. Zu den Herstellern von Rollenscheide-Maschinen gehörten um 1900 auch Walter Kellner/Barmen, Gral & Hoehl/Dresden, Gutschky & Tönnesmann/Düsseldorf, J. Goebel/Darmstadt, Friedr. Müller/Dresden-Potschappel, Aug. Koebig/Dresden-Radebeul, um 1909 bot die Firma C. G. Haubold/Chemnitz eine Rollenschneide-Maschine mit kreisscherenartiger Schneidevorrichtung an; vgl. Thümmes, Tüten-Fabrikation, 1909, Anzeigen-Anhang. 202 Vgl. W & H-Firmenprospekt, um 1880, Firmenarchiv. 203 Vgl. Thümmes, Tüten-Fabrikation, Bd. I, Anzeigen-Anhang. 204 Vgl. ebd., S. 13 f.: vgl. auch Papier- und Verpackungsklebstoffe – gestern und heute. In: apr, Nr. 40/1986, S. 1418. 205 Vgl. Papier-Zeitung Nr. 51, Berlin, 21.6.1895, S. 1595, Sp. 1.
152 Teil I – Papierverarbeitung im 19. und 20. Jahrhundert dem Bakterienbefall besonders ausgesetzt.206 Ein Mitarbeiter, der 1898 bei W & H eine Lehre begann, berichtete Anfang der 1960er Jahre: „Wir saßen zu mehreren Jungen an langen Tischen und mussten die aus der Maschine kommenden Spitztüten auseinander pflücken, da sie häufig zusammenklebten. Nachher wurden sie zum Trocknen ausgelegt und dann bündelweise abgepackt, zu welchem Zweck etwa 50 bis 100 Stück mit einer Ahle durchstochen wurden. Durch dieses Loch steckten wir einen Bindfaden und knoteten beide Enden fest.“207
Von Bedeutung für den anfangs nur zögerlichen Maschineneinsatz in der Tüten- und Beutelfabrikation war jedoch auch der Mangel an Fachpersonal. Erst im Laufe der Jahre konnte dieser Mangel behoben werden. Auch Fischer & Krecke/Bielefeld208 bot in den Anfangsjahren den Kunden an, beim Kauf einer Beutelmaschine einen erfahrenen Maschinenmeister gegen mäßige Bezahlung auf mehrere Wochen mitzugeben, damit sich das Bedienungspersonal unter seiner Anleitung gründlich mit der Handhabung der Maschine vertraut machen konnte.209 Ende der 1880er/Anfang der 1890er Jahre traten in einigen Bezirken Deutschlands erste Probleme durch eine Überversorgung des Marktes mit maschinengefertigten Tüten auf. Wie in anderen Produktionsbereichen auch, waren nach anfänglichen Erfolgen durch den Maschineneinsatz schon bald Überproduktionen zu beobachten. Dadurch kam es zwangsläufig zu Gewinneinbrüchen. Maschinengefertigte Tüten beherrschten inzwischen in einigen Regionen den Markt. Davon waren besonders das Platzgeschäft sowie die nächste Umgebung der Tüten/Beutelfabriken betroffen. Die Ware musste schließlich so billig angeboten werden, dass sich auf weite Entfernungen die Transportkosten nicht mehr rechneten. Der Maschineneinsatz in Deutschland wurde weitgehend durch heimische Erzeugnisse bestimmt.210 Neben den maschinengefertigten Spitztüten und Flachbeuteln wurden Anfang der 1890er Jahre immer häufiger auch maschinengefertigte Boden-/Standbeutel angeboten. Von allen Papierbeuteln fand die Kreuzboden-Ausführung ihrer praktischen Form wegen – allein aufrecht stehend – die weiteste Verbreitung. Dieser Beutel ist eine französische Entwicklung.211 Bis zur Konstruktion der ersten Maschine für diesen Typ durch den Engländer Job Duerden wurde er ausschließlich von Hand gefertigt.212 In Deutschland wurde die englische Maschine zuerst von der Firma Gundlach & Co./Bielefeld bezogen.213 Die erste deutsche (verbesserte) Maschine dieser Art wurde 1890 von Fischer & Krecke (F & K) gebaut.214 Gustav Fischer (1850–1939) hatte 1880 zusammen mit Krecke begonnen, eine von ihm selbst konstruierte Maschine für den Bleisatz zu bauen. Von 1888– 206 Vgl. Papier-Zeitung, Nr. 53, Berlin, 4.7.1895, S. 1674, Sp. 1. 207 Für Dich (Werkszeitung der Fa. Windmöller & Hölscher), Heft 38, Lengerich, Sommer 1961, S. 17 f. 208 Maschinenbau-Unternehmen (Beutel, Tragetaschen), Bielefeld, gegr. 1880. 209 Vgl. Firmen-Prospekt, um 1900, Firmenarchiv. 210 Vgl. Papier-Zeitung, 24. Jg., Nr. 31, Berlin, 16.4.1889, S. 1176. 211 Vgl. Thümmes, Tüten-Fabrikation, Bd. I, S. 7. 212 Vgl. ebd., S. 7. In der Patentliteratur wird der Konstrukteur der Kreuzbodenbeutelmaschine, Job Duerden, als Mitarbeiter sowohl englischer als auch amerikanischer Firmen genannt. In den USA wurden diese Maschinen bei Charles Boughton Stilwell in Worchester/MA gebaut, in England bei Strachau & Henshaw; vgl. Schubert, Papierverarbeitung, Bd. II, S. 157. 213 Vgl. Thümmes, Tüten-Fabrikation, Bd. I, S. 7. 214 Vgl. ebd.
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1891 wurden bei F & K auch Fahrräder (neun Modelle, u. a. für Transporte) gebaut.215 Für die von Wilbur S. Scudder/USA entwickelte Matritzen-Setzmaschine „Monoline“ hatte Georg W. Büxenstein/Berlin 1895 die deutschen Lizenzrechte erworben und ließ sie von Gustav Fischer bauen. Sie wurde 1897 auf der Gewerbeausstellung in Leipzig vorgestellt. Die Monoline konnte sich gegenüber der Linotype jedoch nicht durchsetzen.216 Die Kreuzboden-Beutelmaschine von 1890, „ursprünglich amerikanischer Construction, wurde bisher nur aus England bei uns eingeführt. Wir passten die Construction unseren inländischen Verhältnissen besser an und versahen die Maschine mit erheblichen [...] Verbesserungen, so dass unsere Maschine im Stande ist, alle Beutelgrößen von 1-8 Pfund zu fertigen und auch dünneres Papier zu verarbeiten... Die Leistungsfähigkeit beträgt im Durchschnitt 450 Beutel pro Stunde.“217
Die Maschine arbeitete von der Rolle und fertigte Beutel mit gezackter Oberkante in Größen bis zu acht Pfund. Sie benötigte für den Antrieb „etwa 11/4 Pferdekraft“.218 Die von Maschinen gefertigten Kreuzbodenbeutel stießen bei den Verbrauchern anfangs auf Skepsis. Die Kunden misstrauten ihrer Haltbarkeit, da sie die handgefertigten Ausführungen mit glatter Oberkante gewohnt waren, während die maschinengefertigten durch den Trennabschlag eine markante gezackte Randlinie aufwiesen.219 Die DH-Kreuzbodenbeutel-Maschine, die Hermann Hölscher ab 1894 konstruierte, lieferte Beutel mit glatter Oberkante, die eher den handgeklebten glichen. Die erste W & H-Maschine dieser Ausführung ging an die Firma Friedrichsen & Co./Eutin (bei Lübeck.220 Die Erfindung einer Maschine für Klotzbodenbeutel (viereckiger Boden) ist bereits eine Entwicklung des 20. Jahrhunderts. Der Konstrukteur Max Cleff (Barmen, 1876–1943) brachte sie 1901 bei seinem Eintritt in die Firma Windmöller & Hölscher als Idee ein. Der handgefertigte Klotzbodenbeutel – über einem Holzklotz gebildet – war (vermutlich) bereits im 18. Jahrhundert vor allem im holländischen Tabakhandel üblich.221 Zur Zeit der Jahrhundertwende war die maschinelle Fertigung von Tüten und Papierbeuteln endgültig im industriellen Maßstab möglich – und angesichts der inzwischen benötigten Mengen auch erforderlich. National und international eingesetzt hatte die Entwicklung um die Jahrhundertmitte (Francis Wolle/USA, Jacob Isaac Weidmann). In der zweiten Hälfte der 1860er Jahre wurden in Paris in mehr als 40 Fabriken Tüten und Beutel für den Kaufmannsbedarf hergestellt.222 Um 1870 wurde der europäische Papierwarenmarkt von englischen, französischen und belgischen Firmen beherrscht. Deren starke Stellung beruhte im Wesentlichen darauf, dass sie sich die ersten wichtigen Erfindungen im Bereich der mechanischen Papierverarbeitung sofort nutzbar gemacht hatten
215 F & K war damit einer von insgesamt acht Betrieben, die in diesen Jahren in Bielefeld Fahrräder bauten; vgl. Michael Mertins, Die Anfänge der Bielefelder Fahrradindustrie, Teil 1-3; hier Teil 2. In: Fahrrad & Moped 2/1999, S. 23, Sp. 1. 216 Vgl. Matthias Otto, 25 Jahre „sozialer Friede“ im Buchdruckgewerbe. In: Deutscher Drucker, 6/2004, S. 37, Sp. 2. 217 F & K-Firmenprospekt, um 1900, Bielefeld, Firmenarchiv. 218 Vgl. ebd.; vgl. auch Ein Unternehmensprofil. In: apr, Nr. 40/1986, S. 1408; vgl. weiterhin Papier-Zeitung, Nr. 82/1896, Berlin, 11.10.1896, S. 2642, Sp. 2. 219 Vgl. Thümmes, Tüten-Fabrikation, Bd. I, S. 7 f. 220 Vgl. ebd., S. 8. 221 Vgl. Böcher, Design, S. 52, Sp. 2. 222. Vgl. Weiß, Zeittafel, S. 359.
154 Teil I – Papierverarbeitung im 19. und 20. Jahrhundert (Harris & Fletcher, England; M. N. Stanley, Frankreich usw.)223 Deutschland konnte sich dieser Entwicklung ab Ende der 1870er Jahre (zunächst vor allem über Windmöller & Hölscher) anschließen und gehörte um die Jahrhundertwende schließlich zu den führenden Nationen im Bereich des Maschinenbaus für Tüten und Papierbeutel.
Tüten-/Beutel-Maschinen um 1900 In den Jahrzehnten um 1900 gab es in Deutschland mehr als ein Dutzend Unternehmen, die Maschinen zur Herstellung von Tüten, Beuteln und Papier-Großsäcken bauten. Der lebhafte Wettbewerb zwischen ihnen wurde bis weit in die 1930er Jahre durch die Qualität bestimmt, insbesondere jedoch durch die je kostengünstigste Arbeitsweise der Anlagen. Auf jede Neu- und Weiterentwicklung der Konkurrenz wurde umgehend mit einer Weiterentwicklung reagiert.224 Zu den wichtigsten Firmen gehörten um 1900: – – – –
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Barmen: Ernst Pott; Berlin: Gebr. Tellschow, Pahlitzsch (später von Winkler & Dünnebier/Neuwied übernommen), Bernhard Ecker, Kaul & Förster/Kaför; Bielefeld: Fischer & Krecke, Honsel & Co., Weidrich & Brünger; Flensburg: N. Jepsen & Sohn – mit verbessertem Nachbau der Union-Bag-Machine, Francis Wolle, USA, seit Ende der 1880er Jahre Drachentüten-Maschine – viereckige Spitztüten225; Flensburg/Altona-Ottensen: N. F. A. Netzler – Drachentüten und Bodenbeutel; Lengerich: Windmöller & Hölscher ; Neuwied: [Alfred] Winkler & [Max] Dünnebier, gegr. 1913 – Max Dünnebier hatte 1911 eine Rotations-Briefumschlagmaschine erfunden;226 1939 konnte das Unternehmen die 1200. Maschine an die Briefumschlag-Industrie ausliefern227; Straßburg: C. u. A. Holweg, Holweg brachte 1910 die erste eigene vom Blatt arbeitende Kreuzbodenbeutel-Maschine heraus. Sie galt als die leistungsfähigste ihrer Zeit; Stuttgart-Cannstatt: Fr. Hesser (gegr. 1861), 1894 erste vom Blatt arbeitende Kreuzbodenbeutel-Maschine; diese Maschine bestand aus zwei Aggregaten, von denen das eine den Schlauch und das andere Boden fertigte. 1904 brachte die Fr. Hesser AG einen Typ heraus, der in einem Arbeitsgang alle Fertigungsschritte auch für gefütterte Beutel ausführen konnte.228
223 100 Jahre Reinhart Schmidt GmbH, Briefumschlagfabrik – Chronik 1869–1969, [Wuppertal] 1969 (Firmenarchiv) 224 Vgl. Reuther, Einsatz von Beutel-Packungen, S. 27 u. 29. 225 Vgl. hierzu vor allem Thümmes, Tüten-Fabrikation, Bd. I, S. 23 ff., S. 63 ff., S. 129 ff., S. 277 ff., S. 296 ff. und Anzeigen-Anhang; vgl. auch Patentliteratur. 226 Vgl. Weiß, Zeittafel, S. 448 und 457. 227 Vgl. ebd. 228 Zu Fr. Hesser vgl. u. a. Zur Erinnerung an die Feier des 50jährigen Bestehens der Maschinenfabrik Fr. Hesser, Cannstatt, Cannstatt 1911 (Stuttgart 1911 – „Älteste Spezialfabrik für automatische Paktier-Maschinen“).
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Die Marktführer in den USA, Frankreich und England waren –
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USA: Union Bag Machine & Co., Leitung: Francis Wolle, Charles Boughton Stilwell (Worchester, Ma., amerikanischer Hersteller der Kreuzbodenbeutel-Maschinen); amerikanische Konstrukteure für Beutelmaschinen waren u. a.: William C. Cross/ Boston, William Denman oder A. Lorenz & W. H. Honis/New York, Charles St. Randall sowie Luther Childs Crowell/Boston (US-Patent 123811); die bekanntesten französischen Unternehmen waren E. Bilon, Myran Nathaniel Stanley, Rabatte & Carbonelle (alle Paris); in England zählten zu den wichtigsten Unternehmen u. a. Barraclough; Harris & Fletcher/Manchester – Harris & Fletcher erhielten bereits 1877 das deutsche Patent Nr. 1612 für Bodenbeutel; Strachan & Henshaw/Bristol – bei dieser Firma arbeiteten die Konstrukteure Job und Samuel Duerden. Job Duerden war der Erfinder der Kreuzbodenbeutel-Maschine); Bibby & Baron/Grafschaft Lancaster. Weitere englische Erfinder mit Patenten zwischen 1875 und 1910 waren u. a. Elisha Smith Robinson/ Bristol, Edward Craddy, Frederic W. Chapell, Henry J. Cornway, Jacob St. Birnesohn und Alfred G. Strong.229
Marktführer in Deutschland war Windmöller & Hölscher. Zu den wichtigsten frühen Konstruktionen des Unternehmens gehörten Spitztüten-Maschine mit Druckeinrichtung aus dem Jahre 1875 (später 1898), Union-Papiersack-Maschinen der Typen B und C 1877 (verbessert 1888), A 1, mit und ohne Stempeldruckwerk (1878). Erste Schnellläufer-Spitztüten-Maschine mit und ohne Druckwerk 1883 (verbessert 1901, mit einer Zehn-Stunden-Leistung von 40 000 bis 60 000 Stück), 1914 Schnellläufer Type BD mit und ohne Druckwerk; 1894 erste Kreuzbodenbeutel-Maschine, mit verbesserten DHAusführungen von 1906 und 1926. Etwa zeitgleich mit Holweg/Straßburg (und F & K/Bielefeld) hatte W & H kurz nach der Jahrhundertwende begonnen, Anlagen für Anilindruck nach dem Rotationsverfahren zu entwickeln. Dabei wurden die Papiere zunächst mit Mustern (Dessins/Designs) und Firmenaufdruck „dessiniert“, wieder aufgewickelt und dann erst auf den Verarbeitungsmaschinen zu Beuteln und Tüten konfektioniert. Dazu war eine Regulierungsvorrichtung erforderlich, mit der die Drucke in einem umständlichen und zeitraubenden Verfahren immer passgenau ausgerichtet werden mussten. Nachdem es um 1903 zuerst C. & A. Holweg gelungen war, ein Zweifarben-Anilin-Druckwerk mit einer Konfektions-Anlage zu kombinieren, folgte kurz darauf auch Windmöller & Hölscher. Trotz dieses Fortschritts blieb jedoch für längere Zeit die Herstellung der für dieses Druckverfahren erforderlichen Gummiklischees und Matrizen noch sehr schwierig, wie auch für die Farbenindustrie noch erhebliche Entwicklungsaufgaben zu bewältigen waren. Nach Ende des Ersten Weltkrieges wurde 1923 von einer dänischen Firma auf der Leipziger Messe eine Flach- und Faltenbeutelmaschine vorgestellt, die mit einem Zweifarben-Anilindruckwerk gekoppelt war und mit einer Leistung von 30/min. Bäckerbeutel herstellte. Erst durch diese Anlage wurde auch die deutsche Maschinenindustrie gezwungen, verstärkte Anstrengungen zu unternehmen, um den Anschluss an die internationale Entwicklung zu halten. Die dünnflüssigen und vor allem rasch trocknenden Anilinfarben erlaubten hohe Druckgeschwindigkeiten und waren insbesondere auch für Tüten- und Beutelpapiere geeignet.230 229 Vgl. Patent-Literatur; zu Luther Childs Crowell/Boston vgl. u. a. Stephen van Dulken, Das große Buch der Erfindungen, Düsseldorf 2006, S. 65 f. 230 Vgl. Hans Robert Steinbauer, Der Anilindruck, 3. neubearb. Aufl., Frankfurt/M. 1954, S. 9 f. u. 87 f.; in den 1950er Jahren bewährte sich der Anilindruck vor allem auch beim Bedrucken
156 Teil I – Papierverarbeitung im 19. und 20. Jahrhundert Zu den herausragenden Betriebsleitern bei Windmöller & Hölscher gehörte in den ersten vier Jahrzehnten des 20. Jahrhunderts der Konstrukteur Max Cleff (1876–1943). Die von ihm 1901 entwickelte Klotzbodenbeutel231-Maschine232 arbeitete vom Blatt und stellte von drei Stapeln Formatpapier Beutel mit doppelter Fütterung her. Angefertigt wurden die Beutel über einen rechteckigen Messingklotz, der die Abmessungen der Beutel bestimmte. Vor dieser Konstruktion wurden seit mehr als 300 Jahren entsprechende Beutel (insbesondere für den Tabakhandel) von Hand über einem Holzklotz angefertigt. Mit der äußerst komplizierten ersten Klotzbodenbeutel-Maschine von Max Cleff konnten 40 Beutel in der Minute hergestellt werden.233 Diese Maschine wurde in Deutschland sechsmal verkauft, in Holland drei- oder viermal. Über einen Lizenzvertrag mit der Firma Thomas M Royal & Co./Philadelphia wurde die Maschine in der Ausführung DB in größerer Stückzahl in den USA vertrieben.234 Anders als in Europa konnten in den USA Einformat-Maschinen aufgestellt werden und die eingesetzten Papiere beschränkten sich auf wenige Sorten. In Deutschland und Europa gab es indessen „starke Gegenströmungen“, die den Absatz durch die Vielzahl der Papiersorten und Beutelgrößen hemmten.235 In Deutschland spielten diese Maschinen bald keine Rolle mehr.236 Zu Beginn der 1920er Jahre wurden bei W & H erneut Anstrengungen unternommen, Klotzbodenbeutel – diesmal von der Rolle arbeitend – vollmaschinell herzustellen. Das Interesse der Papierverarbeiter an einer solchen Maschine war groß. Sie lieferte standfeste Beutel, die alternativ zu den Faltschachteln angeboten werden konnten. Schließlich zwangen aber technische Probleme zur Aufgabe des Cleff-Projektes.237 Erst 1937/38 konnte der W & HKonstrukteur Arno Finke eine funktionstüchtige „Triumph“-Anlage nach dem Rotationsverfahren entwickeln, die vor allem in der Nachkriegszeit eine große Bedeutung erlangte. Auf der Triumph wurde die Grundform/der Taschenkörper für Papier-Tragetaschen hergestellt.238 Zu den weiteren wichtigen Konstruktionen von Max Cleff gehörte die Flach- und Seitenfaltenbeutel-Maschine Matador. Sie kam 1914 bei W & H heraus. Mit ihr konnte die Maschinenleistung auf 1000 Stück/min erhöht werden. Die „Matador“ wurde weltweit in großer Stückzahl vertrieben.239 Das 1880 in Bielefeld gegründete Maschinenbau-Unternehmen Fischer & Krecke, das 1893 die erste deutsche Kreuzbodenbeutel-Maschine entwickelt hatte, konnte 1895 eine Rotations-Spitztüten-Maschine mit Druckvorrichtung anbieten, für die ab 1906 unter der Bezeichnung Rapid geworben wurde.240
231 232 233 234 235 236 237 238 239 240
von Zellglas; in den 1960er Jahren ging der Anilindruck in den Flexodruck über – s. Abschn. „Tragetaschen“ der v. A. Klotzboden- oder Selbstöffner-Beutel oder self-opening bag; vgl. Hans Stolzmann, Der Klotzbodenbeutel – Beutel der Zukunft? In: apr, Nr. 11/1954, S. 473 f. Vgl. Für Dich, Heft 58, 1966, S. 7. Bis Mitte der 1950er Jahre konnte diese Leistung durch ständige Verbesserungen auf die zehnfache Leistung (400/Min.) erhöht werden; vgl. Für Dich, Heft 16, S. 32. Vgl. Für Dich, Heft 58, 1966, S. 7. Vgl. Hans Stolzmann, Der Klotzbodenbeutel, S. 574. Vgl. ebd. Vgl. ebd. Vgl. Verpackte Märkte, Chronik-Anhang. Vgl. ebd. 1907 wurde nicht mehr für diese Spitz„düten“-Maschine, sondern für die Spitz„tüten“-Maschine geworben (vgl. Firmenprospekt, F & K-Firmenarchiv). In dieser Zeit vollzog sich der allmäh-
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Während Hermann Hölscher bei der Konstruktion seiner Spitztüten-Maschinen ein intermittierendes Tiegeldruck-Verfahren vorgesehen hatte, entwickelte Gustav Fischer (1850–1939) im Jahre 1888 ein Verfahren, nach dem die Beutel nach der Fertigstellung im Rotationsverfahren zu bedrucken waren.241 Zum weiteren Tüten- und BeutelmaschinenProgramm bei Fischer & Krecke gehörten ab 1918 u. a. die Spitztüten-Maschine Rekord, eine verbesserte Rapid von 1919 und eine verbesserte Kreuzbodenbeutel-Maschine von 1920.242 Honsel und Co./Bielefeld stellte u. a. Flachbeutelmaschinen her. Fr. Hesser/StuttgartCannstatt bot die doppelte Kreuzbodenbeutel-Maschine DEB III an.243 Vom Blatt arbeiteten Kreuzbodenbeutel-Maschinen der Gebr. Tellschow/Berlin oder die „Schnellläufer“ Kaför Modell B von Kaul & Förster/Berlin. Die „Universal“-Beutelmaschine (später MB) kam von Pahlitzsch/Berlin. Die „Helios“-Flachbeutel-Maschine wurde bei Winkler & Dünnebier/Neuwied gebaut. Die meisten dieser Maschinen waren auf hohe und höchste Leistungen ausgelegt, um den Massenbedarf zu decken. Sie arbeiteten hauptsächlich von der Papierrolle.244 Um 1910 gab Weidrich & Brünger/Bielefeld, Fabrik für Maschinen zur „Düten“fabrikation, eine Angebots-Liste heraus u. a. mit den Typen Papiersack-Maschine B F, Papiersack-Maschine B D, mit Druckapparat und Wechselgang, Kreuzboden-Maschine K, Spitzdüten-Maschine „Ravensberg“, Kleistermühlen K L, Rotationsdruck-Maschine R sowie eine Fräsmaschine.245 1922 beschäftigte die Maschinenfabrik Hugo Weidrich/ Bielefeld in der Jöllenbecker Straße 25 Arbeiter/Gehilfen sowie 20 Lehrlinge (Hugo Weidrich: 1875–1942). Robert Weid(e)rich (1881–1966, der Bruder von Hugo W.) hatte mit 25 Jahren (1906) eine Papierverarbeitungs-Maschinenfabrik gegründet und aus kleinsten Anfängen heraus schließlich ein international renommiertes Unternehmen aufgebaut. In den Bielefelder Adressbüchern u. a. von 1940 und 1955 ist die Maschinenfabrik R(obert) und H(ugo) Weiderich aufgeführt. 1966 war die Maschinenfabrik Hugo Weiderich eine Zweigniederlassung der Maschinenbau-Fabrik Fischer & Krecke/Bielefeld.246 Neben der Produktion und dem Druck von Massenware gab es aber auch gehobene Ansprüche, die nur durch mehrlagige Tüten und Beutel mit Stein- oder Buchdruck befriedigt werden konnten. Diese Sorten mussten im letzten Produktionsgang für die Bodenbildung jedoch von Hand geklebt werden. Für die durchgehend maschinelle Produktion solcher Beutel erfand Friedrich Hesser/Stuttgart-Cannstatt Anfang der 1890er Jahre vom Blatt arbeitende Maschinen für einfache und gefütterte Kreuzbodenbeutel. Das System bei Fr. Hesser bestand zunächst aus zwei getrennt arbeitenden Maschinen, wobei die eine den Papierschlauch und die andere den Boden bildete. Dieses System konnte erst nach rund zehn Jahren wesentlich verbessert werden.247 Friedrich Liebhardt/Barmen baute
241 242 243 244 245 246 247
liche Bezeichnungswandel von der Düte zur Tüte, der sich teilweise noch bis in die 1930er Jahre erstreckte. Vgl. Sander, The history of paper sacks, S. 18. Vgl. entsprechende Firmenprospekte, F & K-Archiv, Bielefeld. Zur Unternehmensgeschichte vgl. Denkschrift zum 75jährigen Bestehen der Firma Fr. Hesser, Stuttgart 1936. Vgl. insbes. Thümmes, Tüten-Fabrikation, Bd. I, Anzeigen-Anhang. Vgl. Weidrich & Brünger, Fabrik für Maschinen zur Dütenfabrikation, Bielefeld, AngebotsListe, o. J. (um 1910), im Besitz des Verf. Vgl. schriftl. Auskunft StA Bielefeld, 422 13 01-08 272/Rath v. 17.7.2008. Vgl. Thümmes, Tüten-Fabrikation, Bd. I, S. 327 ff.
158 Teil I – Papierverarbeitung im 19. und 20. Jahrhundert eine vom Blatt arbeitende Maschine für kleine Flachbeutel. Die Firma Carl Drohmann (später eine Tochterfirma des Unternehmens Friedr. Hesser) baute eine Blockbeutelmaschine, die mit einem oder zwei Blatt Futter arbeiten konnte. Derartige Maschinen haben die Notwendigkeit der Handarbeit wesentlich zurückgedrängt. Mitte der 1920er Jahre stellte Heinrich Thümmes in der Papier-Zeitung fest, dass der deutsche Maschinenbau für Tüten und Papierbeutel, die Tüten- und Papierbeutel-Fabrikation selbst, die Papiererzeugung für diese Fabrikation und die Klebstoffindustrie sowohl in der Menge als auch in der Qualität an der Weltspitze lägen. Die Erzeugnisse waren nach Heinrich Thümmes in nahezu allen Ländern verbreitet und genossen einen hervorragenden Ruf.248 Damit hatte sich 70 Jahre nach seiner Begründung in Deutschland auch dieser Industriezweig einen bedeutenden Anteil auf dem internationalen Markt sichern können.249
Papiersack-Maschinen Um 1902 wurde in Deutschland verstärkt wahrgenommen, dass in den Vereinigten Staaten zunehmend Mehl, Zement und Kalk in Papiergroßsäcken bis zu 25 kg abgepackt wurden. Die vermutlich erste Papiersack-Fabrik der Welt wurde 1851250 von den Geschäftsleuten James Arkell und den beiden Brüdern Adam und Bamin Smith – aus Sorge vor einer Baumwollverknappung im Falle kriegerischer Auseinandersetzungen im Süden der USA – in Canajoharie, NY gegründet. 1859 wurde dort die Mehlsack-Produktion aufgenommen.251 „Von der amerikanischen Firma Arkell & Smiths in Canajoharie werden [um 1882] Papiersäcke für Zement und Mehr gefertigt.“252. – „Papiersackmaschine von White, Child & Berney [1891] in London und Wien; mit dieser werden 10 000 Papiersäcke in der Stunde versandfertig hergestellt.“253
Die Informationen über die verwendeten Papiere und die Art der Fertigung (mehrlagig, teils in (Hilfs-)Maschinen-, teils in Handarbeit) waren zunächst noch vage. Die Skepsis über die Zweckmäßigkeit solcher Säcke überwog.254 1906 wies Carl Hofmann (1836– 1916), der Herausgeber der Papier-Zeitung, vor dem Verein der Zellstoff- und PapierChemiker darauf hin, dass er schon Mitte der 1870er Jahre auf die Existenz von Papiersäcken aufmerksam gemacht hätte. Im Februar 1908 stellte Gustav Fischer, Mitbegründer des Unternehmens Fischer & Krecke/Bielefeld anlässlich der Generalversammlung des Vereins Deutschen Portlandzement-Fabrikanten eine neue Maschine zur Herstellung von mehrwandigen Großsäcken für Zement, Kalk, Gips, Mehl, Zucker usw. nach einer Idee vor, die er bereits 1905 aus 248 Vgl. Heinrich Thümmes, Tüten- und Beutelfabrikation. In: Papier-Zeitung, Jubiläumsausgabe, Berlin 1926, S. 3966 ff., hier: S. 3970. 249 Vgl. Thümmes, Tüten-Fabrikation, Bd. I, S. 296 ff. 250 Damit liegt hier die erste bekannte Information über eine Papiersack-Fabrik überhaupt vor. 251 Vgl. apr. 9/1996, S. 296. 252 Weiß, Zeittafel, S. 397; vgl. zum Thema Papiersack-Fabrikation insbes. auch Thümmes, Tüten-Fabrikation, Bd. I, S. 282 ff. sowie Hess, Praxis der Papierverarbeitung, S. 186 ff. 253 Weiß, Zeittafel, S. 414. Zur Geschichte und Entwicklung der Papiersack-Fabrikation vgl. u. a. auch Hans Jürgen Teuteberg, Bischof + Klein 1892 bis 1992, Jahrhundertbilanz eines westfälischen Verpackungsunternehmens, Lengerich 1992, S. 27 ff. 254 Vgl. Papier-Zeitung, Nr. 11/1902, 6.2.1902, S. 354, Sp. 2.
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den USA übernommen hatte.255 Der Verein hatte zuvor an das Königl. Materialprüfungsamt einen (wahrscheinlich amerikanischen) Mustersack mit der Bitte gesandt, die deutschen Papierfabrikanten zu veranlassen, sich ebenfalls mit der Neuentwicklung zu befassen. 1907 war dieses Thema erneut Gegenstand von Erörterungen des Vereins der Zellstoff- und Papier-Chemiker. Hier konnte darauf hingewiesen werden, dass ein derartiges Papier auch in Deutschland hergestellt würde – es fehlten jedoch Verarbeitungs-Maschinen. Fischer & Krecke hatte 1907/08 eine von der Papierrolle automatisch arbeitende Anlage konstruiert, die eine Leistung von ca. 30 Stück/Min erbrachte. Am 20. Februar 1908 meldete die Zeitschrift „Baumaterialmarkt“ in Nr. 8, dass die Maschine „jetzt in vollem Betrieb“ sei.256 Nun wiederum, so Gustav Fischer in einem am 28. Februar in Berlin gehaltenen Vortrag, wäre es „nötig, daß sich einige Zementfabriken dazu [entschlössen], den Versuch zu machen, den Zement in Papiersäcken zu verpacken.“257 Gustav Fischer wies in seinem Vortrag darauf hin, dass u. a. von Benrath & Frank/Düren ein (Zweibahnen-)Papier mit eingelegter grober Gaze als besonders geeignetes Material zur Produktion von Großsäcken zu beziehen war. „Dieses Papier scheint noch die meiste Aussicht zu haben, für den hier vorliegenden Zweck Verwendung finden zu können.“ Später folgten Versuche mit gekrepptem Papier und mit Papier mit Drahteinlage. In den USA waren 1906 die ersten einlagigen Großsäcke aus Manilatauen-Papier258 auf einer Einzweck-Maschine namens „System Fuller“ hergestellt worden. Der Vortrag Gustav Fischers brachte nicht den erhofften Erfolg. Bei Fischer & Krecke lief die Entwicklung danach nur zögernd weiter. Bis 1914 wurden in Deutschland lediglich drei Maschinen und in Belgien, Schweden und Italien nur je eine Maschine verkauft.259 „Bei der Montage dieser letzten [nach Italien verkauften] Maschine, die schon große Verbesserungen aufwies, musste der Monteur infolge des Kriegsausbruches Hals über Kopf nach Deutschland zurück.“260
Die Wende kam im Frühjahr 1915. Bedingt durch die zunehmenden Stellungskämpfe während des Ersten Weltkrieges entwickelte die deutsche Militärführung die Idee, mit Sand gefüllte Papiersäcke als Deckungsschutz für die Infanterie zu verwenden.261 Am 27. Juli 1916 wurde im Reichsgesetzblatt eine Bekanntmachung veröffentlicht (S. 823), nach der eine Zentralstelle für Papiersäcke einzurichten sei, die „Reichsstelle für den Verkehr mit Säcken“ (Reichs-Sackstelle). Dieser Reichsstelle vorangestellt wurde eine Verwaltungsstelle, deren Vorsitzender und deren Mitglieder vom Reichskanzler ernannt wurden.262 255 Vgl. G. Fischer [jun.], Geschichte einer Maschine [Bielefeld o. J. (um 1935)], o. S., F&K-/StA Bielefeld. 256 Vgl. ebd. 257 Gustav Fischer, Vortrag, gehalten in der Generalversammlung des Vereins Deutscher Portlandzement-Fabrikanten am 28.2.1908 in Berlin, Kopie im Besitz des Verf. 258 Ursprünglich aus Abfällen von Schiffstauen (Tauenpapier) und Segeln hergestellt; zu Manilahanf vgl. insb. Papierlexikon, Lfg. Nr. 15, S. 1165, Sp. 266, Sp. 1 sowie Papierlexikon, Teil 3, 1970, S. 1907, Sp. 2. 259 Vgl. Fischer, Geschichte einer Maschine; vgl. auch Sander, The history of paper sacks, S. 34; zum Wettbewerb zwischen Papierstoff und Jute um 1911 vgl. Max Müller. In: Wochenblatt für Papierfabrikation, Nr. 23/1911, S. 2113 ff. 260 Fischer, Geschichte einer Maschine. 261 Diese und die weiteren Angaben dieses Absatzes sind diversen Firmeninformationen des Unternehmens Fischer & Krecke (nachfolgend: F & K) entnommen; s. Firmenarchiv/StA Bielefeld Bestand F & K. 262 Vgl. Max Trautwein, Die Organisationen der Papierindustrie, Diss., Freiburg 1921, S. 79.
160 Teil I – Papierverarbeitung im 19. und 20. Jahrhundert Ein wesentlicher Grund für die vermehrte Produktion von Papiersäcken lag jedoch darin, dass der Rohstoff Jute knapp wurde und die Papiersäcke sich, anders als die Jutesäcke, als besonders staubdicht und aromasicher erwiesen. Sie erhielten damit als Packmittel für Lebensmittel, Düngemittel und Baumaterialien auch in der Zivilwirtschaft eine zunehmende Bedeutung. Am 5. Januar 1918 wurde durch eine staatliche Verfügung Papier zur Herstellung von Säcken beschlagnahmt. Die Verarbeitung des Papiers war nur gegen Bezugsscheine gestattet, die von der Reichs-Sackstelle ausgestellt sein mussten.263 Im Februar 1918 wurde eine staatliche Verteilungsstelle für Sackpapier errichtet und dem Syndikus der Sackpapierfabrikanten unterstellt. Der Verband war am 9. November 1917 von 80 Herstellern gegründet worden.264 Fischer & Krecke konnte allein in den drei Kriegsjahren zwischen 1915 und 1918 in Deutschland und Österreich-Ungarn 14 Maschinen zur Herstellung zweibahniger (gefütterter) Zementsäcke verkaufen (in den sieben Jahren zwischen 1908 und 1915 insgesamt nur sechs). Die Qualität der Säcke war in Bezug auf Haltbarkeit und Dichtigkeit zu Beginn des Krieges jedoch nicht zufriedenstellend. Bei Fischer & Krecke wurde daher 1916 die Idee entwickelt, drei, vier und mehr Lagen dünnen Papiers statt der zwei Lagen dicken Papiers einzusetzen. Für die Mehrlagen-Anordnung wurde am 20. Juni 1917 Patentschutz angemeldet. „Nun erst war die Bahn frei für die Herstellung eines allen Anforderungen entsprechenden Papiersackes“.265 Die Minutenleistung der (Kreuzboden-)Sack-Maschinen lag bei (nur) 30 bis 40. Deshalb wurde das Verfahren auf bloße Schlauch-Produktion umgestellt. Damit waren Minutenleistungen zwischen 100 und 200 möglich. Die oben und unten offenen SchlauchSegmente wurden anschließend auf Nähmaschinen geschlossen. Der Nachteil dieser Variante war jedoch, dass sich die Druckverhältnisse im Innern der gefüllten Säcke ungünstig auswirkten. Bei F & K wurde daher 1927 eine Maschine entwickelt, die die oberen und unteren Öffnungen mit einem schmalen Kreuzboden versehen konnte. Die Formverhältnisse des gefüllten Sackes wurden dadurch für Transport und Lagerung deutlich günstiger. Die Verwendung und damit die Produktion von Papiersäcken nahm jedoch erst nach Beendigung des Ersten Weltkrieges nennenswert zu. Ein Patentstreit mit der Firma Bates/ Chicago, die genähte Ventilsäcke herstellte, führte etwa ab 1926 verstärkt zur Entwicklung eines Ventilsacks in geklebter Ausführung.266 1924 lag der Verbrauch an Papiersäcken allein in Deutschland bei über 200 Mio. Stück; zwölf Jahre später, 1936, lag die Stückzahl bei 428 Mio. (= 28 000 t Papier). Der tatsächliche Bedarf konnte damit jedoch (wegen Papiermangels) längst nicht mehr gedeckt werden.267 Um 1930 entwickelte F & K die erste vollautomatische Papiersack-Maschine. Auf den „Zentaur“-Maschinen konnten weltweit täglich etwa 2,5 Mio. Säcke hergestellt werden.268 263 264 265 266
Vgl. ebd., S. 80. Vgl. ebd. Fischer, Geschichte einer Maschine Als Ventilsäcke werden Papiersäcke bezeichnet, die durch eine kleine Öffnung befüllt werden und die sich nach dem Befüllen durch eine eingearbeitete Klappe selbsttätig schließen. 267 Vgl. Ein kleines Rechenexempel im Sinne des Vierjahresplanes, Infoblatt 1936, F&K-/StA Bielefeld. 268 Vgl. auch Ulrich Stienecker, Technik und Technologie der Papiersackmaschinen, Teil 2, Märkte und Historie, Windmöller & Hölscher, Lengerich 2002, unveröffentlicht; zwei dieser Anlagen wurden u. a. im Dezember 1933 vom sowjetischen Papiersack-Kombinat Novo-Ljalinakij/ Ural bestellt und im Juli 1934 fertig montiert von F & K übergeben; vgl. Protokoll-Notiz, F&K-/StA Bielefeld.
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In den Argumenten für den Einsatz von Papiersäcken und gegen die Verwendung von Jutesäcken wurden vor allem politische, wirtschaftliche, technische und hygienische Begründungen angeführt. Erst in den 1930er Jahren wurden die bis dahin vor allem auf den Verbraucher bezogenen Hygiene-Argumente von der Papiersack-Industrie auch auf die Beschäftigten u. a. in der Zement-Industrie ausgeweitet. „[...] Man hat in allen Ländern der Welt das fast vollständige Verschwinden der Krankheiten der Augen, der Haut und der Atmungsorgane des Personals in Zementfabriken feststellen können; ebenso das Verschwinden aller wunden Stellen am Rücken und an den Schultern [...] und damit das Verschwinden der Hautkrankheit, die Zement-Krätze genannt wurde. [...] aber noch andere gesundheitsgefährlichere Stoffe als Zement, z. B. Thomasmehl und andere chemische Präparate, bei denen, wenn Jutesäcke verwandt werden sollen, die Arbeiter darauf aufmerksam gemacht werden müssten, sich gegen deren Staub zu schützen.“269
Im weiteren Verlauf des 20. und zu Beginn des 21. Jahrhunderts zählte Fischer & Krecke zu den auch international führenden Unternehmen im Bereich des Maschinenbaus für Verpackungen. 2008 wurde Fischer & Krecke von der Bobst-Group übernommen.
Soziale Verhältnisse in der Papierverarbeitung um 1900 Um 1875 fertigte bei Bodenheim & Co./Allendorf ein geschickter Arbeiter in einem Zehn-Stunden-Arbeitstag in Handarbeit bis zu 10 000 Tüten und Beutel. Pro Tausend erhielt er 15-20 Pf. (= Wochenlohn ca. 9-12 M.).1 Um 1880 verdiente ein Schlosser-, Schuhmacher-, Zimmermanns- oder Schriftsetzergeselle mit durchschnittlich 20-25 M. in der Woche etwa das Doppelte.2 Eine allgemein gültige Tarifordnung gab es nicht. Vergleichende Angaben sind daher nicht möglich. Die Höhe des durchschnittlichen Jahreslohns eines qualifizierten Arbeiters in der Textilbranche betrug in den 1880er Jahren 1050 M. Hilfsarbeiter erhielten 750 M. Das entsprach dem Spitzenlohn eines PapierwarenArbeiters bei einem Wochenlohn in den 1880er Jahren von 12-15 M. Eine Arbeiterin erreichte in der Textilbranche rund 600 M. und ein Kind rund 300 M. Jahreslohn. Die Ausgaben einer Arbeiterfamilie mit noch nicht arbeitsfähigen Kindern für Ernährung (ohne Fleisch) lagen jährlich bei rund 930 M. Hinzu kamen Mindestausgaben für Kleidung, Wäsche, Miete, Heizung, Steuern usw. Das erforderliche Minimalbudget einer Arbeiterfamilie erreichte somit rund 1620 M. jährlich.3 Von einem Verdiener allein war dieser Betrag in der Papierwaren-Industrie nicht zu erreichen. 1881 kostete ein Schwarzbrot 80 Pf., ein Pfund Butter 1,20 M., für Miete mussten ungefähr 10 M. im Monat aufgebracht werden.4 1889 erreichten Arbeiter in der Papier269 Info-Blatt, F&K-/StA Bielefeld. Das Zitat wurde unter der Überschrift „Hygienische Vorteile des Papiersackes – Aus einer Propagandaschrift des großen Papiersack-Konzerns „Sacna“ in Frankreich ist Folgendes zu entnehmen“ angekündigt. 1 Vgl. Hannoverscher Courier, 13.3.1875, S. 2, Sp. 2. 2 Vgl. Preußen – Versuch einer Bilanz, Bd. 3, S. 248; vgl. auch Schöning, Anzeigenwerbung, S. 10. 3 Vgl. Otto Rühle, Illustrierte Kultur- und Sittengeschichte des Proletariats, Berlin 1930, S. 320. 4 Vgl. Das häusliche Glück, hrsg. v. einer Commission des Verbandes „Arbeiterwohl“, Mönchengladbach u. Leipzig 1882. Neu hrsg. v. Richard Blank, München 1975, S. 146 f.
162 Teil I – Papierverarbeitung im 19. und 20. Jahrhundert fabrik Hedwigstal bei Puderbach, Kreis Neuwied/Rheinprovinz bei einem Zehn-Stundentag einen Tageslohn von 1,50 M., während in einem benachbarten Walzwerk bis zu 8 M. pro Schicht verdient werden konnten.5 Der Spitzenlohn in dieser Industrie lag bei 4 M. pro Arbeitstag (= max. 96 M. monatlich bzw. 1000 bis 1200 M. jährlich). Ein Betriebsleiter bei der Papierfabrik Glatz (Neidenfels/Pfalz) erhielt ein Jahresgehalt von 3000 M. plus Gratifikation.6 Nach einer Mitteilung der Handelskammer Leipzig aus dem Jahre 1891 erreichten in einer Fabrik für Papierlaternen gelernte Buchdrucker und -binder Wochenlöhne von 1622 M, ungelernte Frauen dagegen nur 7,50-10 M.7 Auch 1896 waren die Verhältnisse in der Papierwaren-Industrie nicht günstiger. In Berlin z. B. lag der durchschnittliche Wochenlohn bei 12 M.8 Gelernte, organisierte Buchbinder erhielten in diesen Jahren in derselben Branche einen wöchentlichen Mindestlohn von 21-24 M.9 Bei einem angenommenen Umrechnungskurs von 1:30-33 bezogen auf das Jahr 2000/01 bedeutet das für ungelernte Arbeiter in der Papierwarenbranche einen durchschnittlichen Monatslohn von rund 1600 DM, für gelernte Buchdrucker bei rund 3200 DM.10 „In der Fabrikation billiger Gebrauchsartikel, so Düten, Kartonagen und gewissen Sorten Kuverts sind die Löhne sehr gering, was auf die leichte Arbeit zurückzuführen ist, die körperlich Anormalen selbst ausführbar ist und zahlreich Gelegenheitsarbeiter anzieht. Auch die Konkurrenz der Gefängnisarbeit wirkt lohndrückend. Hier hat auch der Aufschwung keinen Wandel mit sich gebracht, die betreffende Arbeiterklasse ist nicht fähig gewesen, ihren Stand zu verbessern.“11
Mitte der 1890er Jahre lagen in den Berliner Kartonagen- und Papierkonfektions-Fabriken die Einkommensverhältnisse bei 50 Pf. bis 5 M. für weibliche und bei 2-10 M. täglich für männliche Mitarbeiter.12 Über die Arbeitsbedingungen und sozialen Verhältnisse der in der PapierwarenIndustrie Beschäftigten liegen für die Jahrzehnte um 1900 nur wenige Quellen vor. In einer pauschalen Beurteilung stellte Kurt Reitzel 1921 fest: „Man konnte bis vor kurzer Zeit von einer sozialen Rückständigkeit der Arbeiter in der [...] Papierverarbeitungsindustrie sprechen.“13 1890 waren der Papierverarbeitungs-Berufsgenossenschaft knapp 2000 Betriebe angeschlossen; 1900 waren es knapp 3000. Die Löhne der (versicherten) Beschäftigten lagen um 1890 bei etwas über 700 RM/Jahr; 1900 bei über 760 RM/Jahr. Die durchschnittliche Arbeitszeit war bis 1900 für gelernte Facharbeiter bis auf neun Std./tägl. gesenkt worden; für ungelernte Arbeit/innen lag sie bei durchschnittlich zehn Stunden.14 Die Zahl der Beschäftigten lag 1899 bei über 91 500); 1902 bei 101 400; der Durchschnittsjahreslohn der Versicherten lag 1902 bei 847 RM.15 Tariflich vereinbarte 5 Vgl. Jürgen Kuczynski, Darstellung der Lage der Arbeiter in Deutschland 1871–1900, Berlin 1963, S. 337; vgl. auch Weiß, Zeittafel, S. 410. 6 Vgl. Claus-Peter Westrich, Glatz Feinpapiere. Aus der Geschichte der Feinpapierfabriken Julius Glatz GmbH Neidenfels, Neustadt/Weinstraße 1991. 7 Vgl. Weiß, Zeittafel, S. 416. 8 Vgl. Pieske, ABC des Luxuspapiers, S. 52. 9 Vgl. Demuth, Papierindustrie, S. 270. 10 Vgl. Einladung zur Ausstellung „100 Jahre Buntpapiersammlung Seegers“. Die Deutsche Bibliothek/Deutsches Buch- und Schriftmuseum der Deutschen Bücherei Leipzig, März 2001. 11 Vgl. Demuth, Papierindustrie, S. 269; in den Jahren 1902–1907 herrschte in Deutschland ein günstiges konjunkturelles Klima. 12 Vgl. Papier-Zeitung, Nr. 83/1895, 17.10.1895, S. 2670, Sp. 1. 13 Reitzel, Papierausstattungs-Industrie, S. 87. 14 Vgl. Demuth, Papierindustrie, S. 267. 15 Vgl. ebd., S. 279.
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Löhne gab es nur für Buchdrucker und Buchbinder. Für ungelernte Kräfte wurden sie von Betrieb zu Betrieb und innerhalb des Betriebes frei vereinbart. Die Höhe richtete sich häufig nach der Dauer der Betriebszugehörigkeit oder nach dem jeweiligen Akkordsatz; sie waren insgesamt willkürlich festgelegt und gehörten zum Betriebsgeheimnis. Statistische Angaben über Durchschnittslöhne einzelner Betriebe liegen nicht vor. Die insgesamt desolaten Einkommensverhältnisse der ungelernten Arbeitskräfte in der Papier verarbeitenden Industrie lagen jedoch am unteren Ende der allgemeinen Lohnskala. 1896 wurde in Berlin die Tarif-Organisation mit dem Tarif-Amt der Deutschen Buchdrucker als oberste Behörde „zur Erhaltung des sozialen Friedens“ gegründet. Leiter des Amtes wurde der GroßdruckereiBesitzer und Vorsitzende der Deutschen Buchdrucker-Tarif-Gemeinschaft Georg W. Büxenstein (1857–1924),16 der seit 1886 Mitglied der Tarif-Kommission für Deutschlands Buchdrucker war. 30 Jahre vor GrünAbb. 10: Arbeitsbuch der Papierwaren-Fabrik dung der Tarif-Organisation war im Mai Heinrich Schnitzler/Winden nach den Bestim1866 in Leipzig anlässlich des Buchdrumungen der Gewerbeordnung von 1900 für minderjährige Arbeiter unter 16 Jahren, 1916 ckertages der Deutsche Buchdruckerverein als gewerkschaftliche Vertretung der Buchdrucker gegründet worden. 1869 folgte – als erster deutscher Wirtschafts-/Arbeitgeberverband überhaupt – der Deutsche Buchdruckerverband als Vertretung der Buchdruckereibesitzer. „Zwischen den beiden Organisationen entstand eine in der deutschen Sozialgeschichte einzigartige Struktur industrieller und sozialer Beziehungen“.17 Die als „Tarifgemeinschaft“ fungierende Verbindung sollte alle Arbeitsbedingungen regeln. Für das Funktionieren und die Überwachung zur Einhaltung der Vereinbarungen wurden Kontroll- und Schlichtungsorgane eingerichtet. 1873 wurde zwischen beiden Parteien der erste Tarifvertrag mit Lohn- und Arbeitszeitregelungen vereinbart. Es war der erste überbetriebliche, zentral vereinbarte Tarifvertrag in Deutschland überhaupt.18 Dem vorausgegangen war ein Streik der Buchdrucker, der über 14 Wochen dauerte.19 Diese Berufsgruppe galt im Bereich der Papier und Pappe verarbeitenden Industrie jedoch als privilegierte Minderheit. Die Mehrheit bestand aus ungelernten Kräften.
16 Vgl. Freunden und Mitarbeitern am Tage ihres 50jährigen Bestehens in dankbarem Gedenken die Firma W. Büxenstein, Berlin, 1.10.1902, [S. 6]; vgl. auch Abschn. „Graphische Industrie“/ Büxenstein der v. A. 17 Otto, 25 Jahre „sozialer Friede“, S. 38, Sp. 1. 18 Vgl. ebd., S. 38, Sp. 2. 19 Vgl. Weiß, Zeittafel, S. 380.
164 Teil I – Papierverarbeitung im 19. und 20. Jahrhundert 1899 lag die Zahl der Beschäftigten in den Betrieben, die der PapierverarbeitungsBerufsgenossenschaft angeschlossen waren, bei 91 500; 1902 bei gut über 100 000. Der Durchschnittsjahreslohn lag bei den Versicherten kurz nach der Jahrhundertwende bei knapp 850 RM.20 In der Papier verarbeitenden Industrie der Düren-Jülicher Region wurde etwa in den Jahrzehnten um den Ersten Weltkrieg21 an sechs Tagen in der Woche von morgens 7 Uhr bis abends 18 Uhr gearbeitet.22 In den Saisonzeiten, vor allem während der Obsternte, ging die Schicht oft auch bis 21 Uhr. In den Betrieben waren vorwiegend Arbeiterinnen beschäftigt, die in den meisten Fällen sofort nach Beendigung der Schulpflicht als 14-Jährige eine (lohnkostengünstige) Beschäftigung in den Betrieben aufnahmen. Sie wurden gern eingestellt. Sie waren schnell, fleißig und geschickt und waren den Leichtlohngruppen zuzuordnen. Als wöchentlichen Arbeitslohn erhielten sie zwischen 12 und 13 M. oder einen ungefähren Stundenlohn zwischen 20 und 25 Pf. bzw. einen Jahreslohn von ca. knapp 650 Mark. Facharbeiter erhielten einen durchschnittlichen Stundenlohn von 35 Pf.23 Im Vergleich zur Schwerindustrie waren die Beschäftigten in der Papier und Pappe verarbeitenden Industrie weniger körperlichen und nervlichen Belastungen ausgesetzt. Das machte sie für weibliche, jugendliche, aber auch für behinderte Arbeitskräfte attraktiv. „Die Möglichkeit körperlich Anormale einzustellen, ist in der [Papierverarbeitungs]-Industrie infolge der vielen leichten Arbeiten vorhanden. Nach den Ausführungen des Industrieschutzverbandes darf für Arbeiter [...] ein Fuß oder ein Bein fehlen. Zeige- und Mittelfinger beider Hände sind [jedoch] unbedingt erforderlich.“24
Die Wahrscheinlichkeit von Unfällen mit schwerwiegenden Folgen war insgesamt gering. Völlig gefahrlos war die Arbeit in den engen Maschinensälen der Papierwaren-Industrie jedoch nicht. Die freilaufenden Transmissionsriemen und ungesicherten Maschinenteile waren ständig zu beachten. Die Lärmbelästigung war in Betrieben mit größerer Maschinenzahl erheblich. Die relativ günstigen (auch leichteren, sauberen) Arbeitsbedingungen in vor Kälte geschützten Betriebsräumen wurden auch für die Begründung der meist unterdurchschnittlichen Lohnzahlungen herangezogen. Um 1900 lag das durchschnittliche Jahreseinkommen für 70 Prozent der Familien in Deutschland unter 3000 M. 25 Prozent der Familien konnten mit 3000-12 000 M rechnen. Fünf Prozent erreichten ein Jahreseinkommen von über 12 000 M.25 – für einen Einzelverdiener in der Papierwaren-Industrie (meist Frauen) lag das Einkommen bei rund 500 M./Jahr und damit am untersten Ende der Lohn- und Einkommensskala. Vereinzelte Versuche von Arbeitnehmern, ihre sozialen Verhältnisse mit Nachdruck zu verbessern, endeten oft wegen versuchter Erpressung oder wegen „Androhung eines Übels zur Erreichung eines rechtswidrigen Vermögensvorteils“ mit Aussperrung, Entlassung oder gar Gefängnisstrafen.26 20 Vgl. Demuth, Papierindustrie, S. 276. 21 Vgl. Interview mit Peter Bach, ehemaliger Tütenfabrikant in Winden, Nideggen/Eifel, 27.2. 1991, Tonkassettenaufzeichnung im Besitz des Verf. 22 Die geregelte Arbeitszeit war 1922 z. B. in der Arbeitsordnung der Vereinigten Papierwarenfabriken vorm. Eger & Comp. München festgelegt: „von 7–12 Uhr und von ½ 2 bis 5 Uhr, an Freitagen von 7–12 Uhr und von ½ 2 – ½ 6 Uhr, an Samstagen von 7–12 Uhr“, Arbeitsordnung 1922, § 3, VP-Firmenarchiv München. 23 Vgl. Bach, 27.2.1991. 24 Reitzel, Papierausstattungs-Industrie, S. 93. 25 Vgl. Gartmayr, Nicht für den Gewinn allein, S. 84. 26 Vgl. Papier-Zeitung, Nr. 27/1897, 28.3.1897, S. 896, Sp. 1.
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Unter dem Eindruck der zunehmenden Verschärfung der sozialen Konflikte in der Gesellschaft, in der die Gerechtigkeits-Balance erheblich gestört war, entwickelten sich auf Seiten der Arbeiterschaft Gegenkräfte, um auf die machtbewusste und machtbetonte Position der Unternehmerschaft reagieren zu können. Als Folge der stetig zunehmenden Verdichtung der Arbeitsbelastungen – als Folge wiederum des stetig zunehmenden Maschineneinsatzes – und als Folge der in weiten Teilen üblichen Elendslöhne, der katastrophalen Wohnverhältnisse in den Mietskasernen der Großstädte sowie der weitgehenden Schutz- und Rechtlosigkeit formierte sich im wachsenden Maße eine Arbeiterbewegung, die ihre Interessen und Forderungen durchzusetzen versuchte: gewerkschaftlich z. B. im Gewerkverein der graphischen Berufe, im Verband der Fabrikarbeiter oder im Allgemeinen Deutschen Arbeiterverein/ADV; politisch in der Sozialdemokratischen Partei/SPD. Der weitaus größte Teil der in der industriellen Papierverarbeitung Beschäftigten blieb jedoch unorganisiert. Am 25. Oktober 1904 sah sich u. a. der Gewerkverein der graphischen Berufe veranlasst, eine Resolution mit der dringenden Aufforderung zur Mitgliedschaft zu verabschieden. Die Reaktion auf diese Aufforderung blieb in dieser – wie in den anderen Gewerkschaften – bis zum Ende des Ersten Weltkrieges jedoch weitgehend folgenlos.27 Um 1908 gehörten zur Belegschaft der Tapetenfabrik Gebr. Rasch & Co./Bramsche mehr als 80 Arbeiter. Im November 1909 kam es bei Rasch & Co. zu Streik und Aussperrung. Unter dem Einfluss und unter dem Eindruck zunehmend organisierter solidarischer Stärke legte eine Belegschaftsabordnung der Firmenleitung eine Forderung nach einer Lohnerhöhung von 15 Prozent vor. Weitere Forderungen waren eine größere Gerechtigkeit bei der Verteilung von Leistungsprämien und bei der Verhängung von Lohnabzügen wegen minderer Arbeitsqualität, die Beibehaltung der 15-minütigen Vesperpause (die offenbar gekürzt oder ganz abgeschafft werden sollte), Lohnzahlung samstags, Verkürzung der Arbeitszeit am Samstag um eine Stunde. Die übliche Arbeitszeit lag bei einer Zwölf-Stunden-Schicht an sechs Tagen in der Woche bei 72 Stunden. Im Sommer wurde bei Rasch von 6 Uhr morgens bis 18 Uhr abends bzw. im Winter von 7 Uhr bis 19 Uhr gearbeitet. Die Gesamtdauer der Arbeitspausen lag bei einer Viertelstunde. Die Firmenleitung lehnte Verhandlungen mit den Vertretern dieser Delegation ab und einigte sich am 24. November mit der christlichen Gewerkschaft auf eine tägliche Lohnerhöhung von zehn Pf. Für unpünktliches Erscheinen am Arbeitsplatz durften als weiteres Ergebnis der Einigung zwischen Firmenleitung und christlicher Gewerkschaft zukünftig vom Lohn nicht mehr als 30 Pf. abgezogen werden. Außerdem wurde den Druckern und Farbenmischern „das Reinigen von Farbe und sonstigem Schmutz [...] schon an ihrer Arbeitsstelle gestattet.“ Während des rund dreiwöchigen Arbeitskampfes waren alle 82 Arbeiter ausgesperrt bzw. entlassen worden; 52 wurden wieder eingestellt.28 Der Firmeninhaber Hugo Rasch hatte sich 1907 für seine Familie ein Wohnhaus „in der Art eines Landhauses“ ausbauen lassen, das von „einer großzügig angelegten Gartenanlage [Park] mit einem Teich umgeben war.“29 Und wiederum zwei Jahre davor 1905 hatte sich Rasch an einer gemeinnützigen Stiftung zur Errichtung einer Gartenstadt für Arbeiterhäuser (nach englischem Vorbild) beteiligt.30 Im allgemeinen Zeitverständnis war das Verhalten 27 Vgl. u. a. Reitzel, Papierausstattungs-Industrie, S. 87. 28 Vgl. Henning Buck, Firmen- und Familiengeschichtliches. In: Rasch-Buch 1897–1997, hrsg. v. d. Tapetenfabrik Gebr. Rasch, Bramsche 1998, S. 24-55, hier: S. S. 40, Sp. 1f. 29 Vgl. ebd., S. 46. 30 Vgl. Buck, Firmen- und Familiengeschichtliches, S. 54, Sp. 1 f.
166 Teil I – Papierverarbeitung im 19. und 20. Jahrhundert der meisten Arbeitgeber gegenüber ihren Beschäftigten von einer Mischung aus „Herr im eigenen Hause“, der das uneingeschränkte Sagen hatte, und patriarchalischer Attitüde im Sinne eines – auch erzieherischen – Fürsorge-Verständnisses bestimmt. Wann was und wie entschieden wurde, behielt sich der Unternehmer vor. Die Grundhaltung der Unternehmer im Verhältnis und im Verständnis ihren Beschäftigten gegenüber war schließlich vielfach auch das Motiv dafür, sich vollständig oder weitgehend mit der NS-Ideologie zu identifizieren. Beispielhaft dafür steht Horst Bentz, „Betriebsführer“ der Melitta-Werke AG/Minden, NSDAP-Mitglied, SS-Mann, SD-Mitarbeiter und erklärter Antisemit. Er „begegnete seinen Mitarbeitern mit einer patriarchalischen Haltung: Er erwartete von ihnen Loyalität zum Unternehmen und übernahm seinerseits Verantwortung für die Belegschaft [...] Interessenkonflikte wie sie in der Weimarer Republik [...] zwischen Gewerkschaften und Arbeitgebern auftraten, hatten in seinem Weltbild keinen Platz. Die demokratische Gesellschaft mit ihrer Interessen- und Meinungspluralität war Horst Bentz fremd.“31
Die Gründe für die über lange Zeit anhaltenden völlig unzureichenden Einkommensverhältnisse der Arbeiter in der Papierwaren-Industrie lagen im Einzelfall im überzogenen Gewinnstreben eines Firmeninhabers. Auch unter den Unternehmern dieser Branche gab es ein konservatives, sozialdarwinistisches Lager. Häufiger jedoch lagen die Gründe wohl in den rücksichtslosen, ruinösen Konkurrenz- und Preiskämpfen und in den sich daraus ergebenden unzureichenden Erträgen, die u. a. auch die beständigen Forderungen nach der Bildung von Kartellen erklären. Das es zu einer solchen – vor allem auch dauerhaften und funktionierenden – Kartell- bzw. Syndikatsbildung nicht kam, lag wiederum an der mangelnden Geschlossenheit und an der mangelnden Disziplin aller Marktteilnehmer. Andererseits sorgten die Außenseiter dafür, dass der Wettbewerb am Markt – und damit der Markt selbst – wenigstens in Ansätzen erhalten blieb. Auch in sozialer Hinsicht stellte die Arbeitgeberschaft kein homogenes Gebilde dar. Ihre jeweilige Einstellung und Haltung zur „sozialen Frage“ und die Reaktion darauf ergab sich aus sehr unterschiedlichen Motiven. Diese Motive konnten von patriarchalischer Fürsorge und sozialer Verantwortung ebenso bestimmt sein wie von der Befürchtung, dass sich die politische Gesamtsituation bei fortdauernder Verschärfung der sozialen Gegensätze und angesichts der wachsenden sozialistischen „Umtriebe“ zu Ungunsten der konservativen Kräfte verändern könnte. „Die Fürsorge gegenüber den eigenen Mitarbeitern dürfte sowohl auf soziale Verantwortung als auch auf ökonomisches Denken zurückzuführen sein. Den Firmeninhabern war durchaus bewusst, dass sich Arbeitsbedingungen auf die Arbeitsmoral auswirken und zufriedene und gesunde Arbeitskräfte die Produktivität steigern. [...] wollte man durch Wohltatseinrichtungen der wachsenden sozialdemokratischen Bewegung so wenig Angriffsfläche wie möglich bieten. Auch das patriarchalische Selbstverständnis der Unternehmer dürfte [...] eine nicht unwesentliche Rolle gespielt haben.“32
Auf kleinerer Ebene nahm die Sorge der Arbeitgeber zu, ihre patriarchalisch-autoritäre Rolle gegenüber den „unmündigen“ und der Führung bedürftigen Arbeitnehmern einzubüßen, d. h. nicht mehr „Herr im eigenen Haus“ zu sein und nicht mehr völlig uneinge-
31 Mechthild Hempe, 100 Jahre Melitta – Geschichte eines Markenunternehmens, hrsg. v. d. Melitta Unternehmensgruppe, Minden, Köln 2008, S. 38. 32 Pelikan – Ein Unternehmen schreibt Geschichte, S. 30, Sp. 1 f.; zu Pelikan vgl. Abschn. „Büroartikel“ der v. A.
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schränkt Entscheidungen treffen zu können. Bismarck hatte versucht, diese von den Arbeitgebern verursachte Entwicklung mit der Sozial-Gesetzgebung zu entschärfen. Zu den frühen Beispielen der sozial engagierten Arbeitgeber im Bereich der Papier verarbeitenden Industrie zählt der Annaberg-Buchholzer Kartonagen-Fabrikant Georg Adler (1821–1898).33 Adler gehörte zu den aktiven Teilnehmern der Revolution von 1848/49. Als Unternehmer verfasste er 1871 eine Schrift mit dem Titel „Ein Baustein zur Lösung der sozialen Frage“, in der er progressive Gedanken zum Verhältnis von Arbeitgebern und Arbeitnehmern entwickelte. „Der fleißige und geschickte Fabrikant, der andererseits die volle Kraft des Arbeiters für sich in Anspruch nimmt und verbraucht [...] hat am Abend seines Lebens so viel, daß er auch noch seinen Familienangehörigen hinterlassen kann. Dem ebenfalls fleißigen und geschickten Arbeiter dagegen gewähren die Lohnverhältnisse nicht, sich einen genügenden Notpfennig [...] zu erübrigen.“34
Als eine der Konsequenzen aus dieser Erkenntnis beteiligte Adler die Beschäftigten seines Unternehmens am Reingewinn des Betriebes und schloss Lebensversicherungen für sie ab.35 Bereits zu Beginn der 1860er Jahre hatte Adler eine betriebliche Krankenund Unterstutzungskasse eingerichtet.36 1872 wurde er zum Königl. Kommerzienrat ernannt. 1883 erhielt er den sächsischen Albrechtsorden I. Klasse. Der Betrieb von Georg Adler gehörte zu den Vorzeige-Betrieben der sächsischen Industrie und wurde 1858, 1860, 1885 und 1890 von Mitgliedern und Gästen des sächsischen Herrscherhauses bzw. von Kabinettsmitgliedern des sächsischen Staatsregierung besichtigt.37 Mit dem Namen des kommunal und kirchlich engagierten Firmeninhabers verbinden sich zahlreiche Stiftungen und gemeinnützige Einrichtungen u. a. der Armen-, Kranken- und Jugendpflege im Bereich der Stadt Buchholz.38 Auch der Berliner Luxuspapier-Fabrikant und Begründer der dortigen Berufsgenossenschaft der Papier verarbeitenden Industrie (gegr. 1884), Wolf Hagelberg (1825–1896), wird zu den sozial engagierten Unternehmern gezählt. Hagelberg stand im Ruf eines „Vaters der Arbeiter, der sie alle gekannt und sich um Notfälle gekümmert“ hätte. Er unterhielt u. a. einen Fond in Höhe von 10 000 RM für notleidende Arbeiter.39 Zu einem seiner Nachfolger im Amt des Vorsitzenden der Berufsgenossenschaft zählte der Elberfelder Briefumschlag-Fabrikant Reinhart Schmidt (1838–1909). Der sozialpolitisch besonders interessierte, aber auch engagierte Schmidt war als Vorsitzender des Zentralausschusses der zur bürgerlichen Linken zählenden Freiheitlichen Volkspartei Stadtverordneter in Elberfeld (1873) und Abgeordneter des preußischen Provinziallandtages. Seit 1881 gehörte er dem Reichstag in Berlin an. Dessen 1. Vizepräsident war er von 1895 bis 1898, dessen 2. von 1898–1900. Reinhart Schmidt war in fast allen Kommis33 Zu Georg Adler und zum Unternehmen Georg Adler s. Abschn./Unter-Abschn. „Pappe – Kartonagen“ der v. A. 34 Zit. in: Buchholzer Persönlichkeiten. Leben – Wirken – Schicksale. Eine Auswahl aus 5 Jahrhunderten. Erarbeitet nach alten Unterlagen und Dokumenten von Joachim Reim, AnnabergBuchholz 2001 (= Streifzüge durch die Geschichte des oberen Erzgebirges, Heft 48), S. 12. 35 Vgl. Zur Erinnerung an die Jubelfeier des fünfzigjährigen Bestehens der Firma Georg Adler zu Buchholz am 24.3.1896, Firmenschrift, 8 unnummerierte Seiten, u. a. im Besitz des Verf., hier: [S. 5]. 36 Vgl. ebd., (S. 7). 37 Vgl. ebd. 38 Vgl. Buchholzer Persönlichkeiten, S. 14 f. 39 Vgl. Pieske, ABC des Luxuspapiers, S. 53 u. 61.
168 Teil I – Papierverarbeitung im 19. und 20. Jahrhundert sionen zur Beratung sozialpolitischer Gesetzentwürfe maßgebend tätig, insbesondere bei den Arbeiterschutzgesetzen, der Arbeiterversicherung und bei den Änderungen der Gewerbeordnung. In der Kommission für das Invalidengesetz im Jahre 1898/99 führte er den Vorsitz. Einen besonderen Anteil hatte Reinhart Schmidt an der Beilegung des großen Bergarbeiterstreiks im Ruhrgebiet von 1889. Im Industriezweig der BriefumschlagFabrikation galt Reinhart Schmidt als „Wegbereiter vernünftiger Zusammenarbeit“ und als einflussreicher Förderer gemeinsamer wirtschaftspolitischer Interessen.40 Ab 1884 stand die 1856 in Hannover gegründete Geschäftsbücher-Fabrik Edler & Krische/E & K unter der Leitung von Otto Edler und Wilhelm Krische. Otto Edler tat sich in seiner sozial ausgerichteten Grundhaltung bald besonders hervor. So gehörten zur Ausstattung eines 1896 errichteten Fabrik-Neubaus auch Baderäume für die Belegschaft – eine für die Zeit nicht übliche Sozialleistung. Für Otto Edler waren die Gewerkschaften gleichberechtigte Gesprächs- und Verhandlungspartner. Bei E & K gab es bereits um die Jahrhundertwende Belegschaftssprecher. Für seine Haltung gegenüber den Arbeitnehmern musste er sich in Unternehmerkreisen immer wieder rechtfertigen. Otto Edler gehörte zu den Mitbegründern des organisierten Buchdruckergewerbes. Er war in verschiedenen Berufsverbünden führend tätig. 1906 wurde anlässlich des 150-jährigen Firmenjubiläums eine betriebseigene Stiftung zur Altersversorgung eingerichtet und von der Unternehmensleitung mit 100 000 RM ausgestattet.41 Als ein weiterer sozialpolitisch besonders engagierter Unternehmer-Patriarch, dessen Motivation besonders von der Sorge um den Arbeitsfrieden geprägt war, galt Max Krause/ Berlin (1838–1913).42 In seinem 1865 gegründeten Unternehmen waren in den Jahren von der Jahrhundertwende bis vor Beginn des Ersten Weltkriegs ca. 400 bis ca. 650 Arbeitnehmer beschäftigt. Max Krause unterhielt insgesamt 18 innerbetriebliche Wohlfahrtseinrichtungen, u. a.: – Pensionskasse. Die Kasse zahlte nach 25-jähriger Betriebszugehörigkeit, bei Invalidität, an hinterbliebene Witwen und Kinder, bei Hochzeiten, in Todesfällen, in dringenden Notfällen, für Betriebsfeste.43 Ferner: – Alters- und Invalidenkasse, eine Sterbekasse, – Sommerferien-Stiftung für Kinder von Betriebsangehörigen, – Betriebskrankenkasse (zahlte ein Jahr lang Krankengeld), – Betriebssparkasse, – Konsumverein, – Werksküche für warme und kalte Speisen und Getränke, – Fabrik-Vorschusskasse, – Badeeinrichtung für kalte und warme Bäder, – Bücherei, – Gesangverein, – Feuerwehr,
40 Vgl. Reinhart Schmidt, Chronik, S. 7 f. 41 S. auch Abschn. „Geschäftsbücher – Edler & Krische“ der v. A. 42 U. a. Teilnahme an der Wiener Weltausstellung 1873; vgl. Alphabetisches Verzeichnis; vgl. auch Abschn. „Briefumschläge“ der v. A. 43 50 Jahre im Dienste der Papier-Industrie, 13. April 1852 – 13. April 1902, Max Krause, Berlin 1902.
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bezahlte Sommerferien; für Angestellte 14, für Arbeiter 8 Tage, Gewinnbeteiligung, Lohnzahlung an allen gesetzlichen Feiertagen usw.44
Vor dem Ersten Weltkrieg unterhielt das Unternehmen folgende weit über dem allgemeinen Standard liegenden Wohlfahrts-/Sozialeinrichtungen: – Fabrik-Krankenkasse, sie zahlte bis zu 52 Wochen Krankengeld, – Pensionskasse, – Fabrikküche – dort wurde warmes Essen ab 15 Pf. ausgegeben, – Fabrik-Ausschuss mit elf Mitarbeitern; davon waren acht von der Belegschaft gewählt und drei von der Betriebsleitung ernannt; der Ausschuss stand der Firmenleitung beratend zur Seite, – Otto-Wandrey-Stiftung: ermöglichte Sommeraufenthalte an der See oder auf dem Land, – Betriebs-Sparkasse, es wurden wöchentlich Beträge ab zehn Pf. angenommen, die Einlagen wurden von der Firma mit fünf Prozent verzinst, – „Consum-Verein“ für dei Finanzierung von Lebensbedürfnissen, – Männer-Gesangverein, „[...] ein sehr wertvoller Faktor zur Erziehung und Erhaltung des Gefühles der Zusammengehörigkeit“45, – Gewinn-Beteiligung: jährlich, je nach Betriebsergebnis46, – Lohn und Arbeitszeit: an die rund 400 Beschäftigten zahlte die Firma jährlich 400 000 M. Löhne und Gehälter aus; Lohnauszahlung jeweils freitags nach Feierabend; Arbeitszeit: im Winter von 7 Uhr 30 bis 17 Uhr 30, im Sommer von 7 bis 17 Uhr bei einer Stunde Pause; alle gesetzlichen Feiertage wurden voll bezahlt. – Ferien: für Angestellte 17 Tage, für Arbeiter 8 Tage, jeweils bei Gehalts-/Lohnfortzahlung.47 Auch Gumpert Bodenheim/Allendorf unterhielt in seiner Papierwarenfabrik bereits in den 1870er Jahren, viele Jahre vor der entsprechenden Gesetzgebung, eine betriebseigene Krankenkasse und Invaliden-Unterstützungskasse für seine – zum Teil über 40 Jahre im Betrieb tätigen – Arbeitnehmer. Für die „Beamten“ und Arbeiter wurden Wohnungen gebaut. Die Betriebsfeuerwehr galt auch in diesem Unternehmen als eine für die Integration und für den Betriebsfrieden besonders geeignete Einrichtung.48 Solche Einrichtungen dienten vor allem auch dem Zweck einer sinnvollen Freizeitbeschäftigung (Alkoholprobleme in der Arbeiterschaft) und der Festigung des sozialen Friedens im Betrieb. Die Papierwaren-Fabrik Fr. Melsbach/Sobernheim richtete für ihre Mitarbeiter schon in den 1880er Jahren eine Betriebskrankenkasse und einen Unterstützungsverein ohne eigene Beitragszahlung ein. Die Anzahl der Werkswohnungen wurde auf 20 erhöht.49 Der Gründer der Vereinigten Papierwarenfabriken (VP/München, gegr. 1896), Hubert Kurz (1871–1936), wurde in einem Nachruf wegen seines „tiefen sozialen Verständnisses und seiner Liebe zu seinen Arbeitern und Angestellten“ hervorgehoben.50 44 Vgl. Max Krause, Lebens-Ansichten, gewonnen in einem 60jährigen Berufsleben, Berlin 1912, S. 35; diese Ansichten stellten einen Ratgeber zur Lebensführung mit Themen wie Arbeit, sittlicher Halt, Familie, Haushaltung usw. dar. 45 Vgl. Krause, 50 Jahre im Dienste der Papier-Industrie. 46 Vgl. ebd. 47 Vgl. ebd. 48 Vgl. Bodenheim & Co, Berlin, o. S. 49 Vgl. Fr. Melsbach, Druck und Verpackung, o. S.
170 Teil I – Papierverarbeitung im 19. und 20. Jahrhundert Die Gesamtzahl der Beschäftigten in der Papier und Pappe verarbeitenden Industrie lag 1899 bei über 91 000, 1902 bei über 100 000;51 der Durchschnittsjahreslohn der Versicherten lag 1902 bei 847 M.52 1896 veröffentlichte Elisabeth Gnauck-Kühne unter dem Titel Die Lage der Arbeiterinnen in der Berliner Papierwaren-Industrie eine Studie zu den sozialen Verhältnissen weiblicher Arbeitnehmer.53 Danach war der Anteil der 16-25jährigen Arbeiterinnen mit 70 Prozent an der Gesamtbelegschaft besonders hoch. Die allgemeine Arbeitszeit lag zwischen acht und zwölf Stunden. Als normal galt eine durchschnittliche Arbeitszeit von zehn Stunden. 21 Prozent der Arbeiterinnen verdienten 6-10 M. die Woche, 37 Prozent 9-12 M. und 31 Prozent 12-16 M. Jugendliche erhielten etwa 5 M. Damit machten die Niedriglohngruppen über zwei Drittel aus. Neben den Lohnschwankungen gehörten zu den besonderen Risiken der Arbeiterinnen auch die Unsicherheiten in der Beschäftigungsdauer. Durchschnittlich 32 Prozent der Frauen mussten in absatzflauen Zeiten mit ihrer Entlassung rechnen. Es herrschte das Prinzip der Saisonarbeit, des hire and fire. Diese Situation änderte sich erst im Laufe der 1920er Jahre.54 In den Darstellungen der Arbeitgeber stellten sich die Arbeitsverhältnisse mehr unter dem Gesichtspunkt des Arbeitsfriedens und einer stimmungsvollen betrieblichen Harmonie dar, wie sie – noch weitgehend unter patriarchalischer Führung55 – im letzten Viertel des 19. Jahrhunderts anzutreffen waren – so beispielsweise bei Ernst C. Behrens in Alfeld. Als dort die erste Tütenmaschine aufgestellt war, wurde dadurch die Handarbeit nicht völlig verdrängt. Die Arbeiterinnen saßen weiterhin an langen, breiten Tischen und verrichteten nach dem Eindruck des Arbeitgebers fleißig, aber ohne nervöse Hast ihre Arbeit. An einen Acht-Stunden-Tag dachte noch niemand. Nach der Schilderung des Betriebsinhabers herrschte in den Arbeitsräumen eine gewisse anheimelnde Gemütlichkeit. An langen Winterabenden verbreiteten Petroleumlampen ein behagliches Licht. Die fröhlichen Arbeiterinnen sangen oft Volkslieder, aber auch „ein Lied auf den geliebten Kaiser“ war häufig zu hören.56 Für die Betriebsleitung bei Ernst C. Behrens war das noch ein kleines Stück von Poesie im Arbeitsalltag, die durch den Maschineneinsatz jedoch mehr und mehr zerstört wurde.57 In diesem Stimmungsbild wird der besondere Charakter der Mischform aus Werkstatt und Fabrik deutlich, wie er auch für die meisten Betriebe der Papier verarbeitenden Industrie im Ausgang des 19. Jahrhunderts noch verbreitet war. „In einem kulturellen Sinne bedeutet die Werkstatt als Beharrungsort zugleich ,Rückzugsort‘. Inmitten der Stürme der Zeit, die oft rasch aufgeblähte Unternehmungen in den Niedergang trieben, wie sie auch immer wieder für turbulente Neuentwicklungen sorgten, erwies sich die Werkstatt als Hort der Beständigkeit und Redlichkeit. Sie vermittelte inmitten entfremdeter Massenproduktion handwerkliche Solidität.“58 50 51 52 53
54 55 56 57 58
Vgl. Wochenblatt für Papierfabrikanten, Nr. 23, Berlin 1936, S. 439. Vgl. Demuth, Papierindustrie, S. 267 Vgl. ebd., S. 279. Vgl. Pieske, ABC des Luxuspapiers, S. 52 ff. „Der hohe Prozentsatz weiblicher Arbeitskräfte in der [Papierverarbeitungs]-Industrie hat seinen Grund in der leichten, dem weiblichen Organismus nicht lästig fallenden Produktionstechnik, ferner in dem Umstande, daß sich gerade Frauen für die feineren Arbeiten [...] eignen.“ Reitzel, Papierausstattungs-Industrie, S. 89. Vgl. Hess, Praxis der Papierverarbeitung, S. 175. Vgl. hierzu auch Abschn. „Graphische Industrie/Büxenstein“ der v. A. Vgl. Behrens, Jubiläumsschrift 1935. Vgl. ebd. Hermann Glaser, Industriekultur und Alltagsleben, überarb. und erw. Neuauflage, Frankfurt/M. 1994, S. 47.
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Max Krause gab, geleitet vom Wunsch, „dazu beizutragen, dass es dir gut gehe“, seinen Mitarbeitern einen von ihm verfassten, 33 Seiten langen Leitfaden zur Lebensgestaltung an die Hand,59 dessen wichtigste Erkenntnis lautete: „Das Leben ist aufgebaut auf Mühe und Arbeit. Diese beiden sind dem Menschen die zwar rauhen, aber dafür die besten Kameraden, die ihm alles bringen, was das Leben verschönt, ihn zufrieden machen, aus ihnen entwickelt sich alles, was man Glück nennt.“60
Verbunden wurde dieses Leitmotiv mit den Tugenden Sparsamkeit, Sitte und Anstand, Ehrerbietung, Dankbarkeit, Liebe, Treue und Vertrauen zum Kaiser, Gottvertrauen, Vaterlandsliebe61, Ehe und Familie, solide und geordnete Haushaltsführung. Max Krause gab sich überzeugt, dass in der strikten Beachtung dieser Tugenden die Quelle allen persönlichen Glückes und Erfolges für jedermann zu finden sei. Er fühlte sich verpflichtet, dies als Erkenntnis seines Lebens und als Vermächtnis am Ende seines Arbeitslebens im familienväterlichen Verständnis an seine Arbeiter, die er in dieser Schrift duzte, weiterzugeben. In diesem moralisierenden „Denkmal“ erweist sich Max Krause als erzkonservativ, deutsch-national, staatstragend und staatserhaltend, sittenstreng und einzig davon überzeugt, dass jeder nur seines eigenen Glückes Schmied sein könne. Seine ernste Sorge davor, dass das politische System, in dem sich alle die von ihm aufgeführten Tugenden überhaupt erst entfalten konnten, durch die Arbeiterbewegung verändert werden könnte, drückte er in der Frage aus: „[...] willst du denen glauben, welche dir vielleicht von einem vollkommenen Leben vorreden? Es sind Worte, welche man dir entgegenbringt, Worte, welche durch ihren Klang dich verwirren und dich unzufrieden in deinem Herzen machen. Stelle dich auf den Boden der Wirklichkeit, siehe mit den Augen des guten Menschen, denke mit dem Verstand und dem Wohlwollen eines ruhigen Bürgers, dann wirst du vielleicht auch dahin kommen, zu sagen, es ist, wie dies allezeit bleiben wird, nicht alles vollkommen.“62
Verbands-/Kartell-/Vereinswesen bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs1 Seit Beginn des 19. Jahrhunderts löste sich das traditionelle Zunft- und Gildewesen als berufsständisches und gesellschaftliches Ordnungssystem mehr und mehr auf. Durch den Wandel vom Individual-/Handwerks- zum Massen-/Maschinenzeitalter entwickelten sich gesellschaftliche Kräfte, deren Strukturen neu geregelt werden mussten: politisch über Parteien, wirtschaftlich über Kapitalgesellschaften, Kartelle, Konventionen, Syndikate, 59 Vgl. Krause, Lebens-Ansichten, Berlin 1912, S. 8. 60 Ebd. 61 „Deutsch über alles“ – „Wenn alle, Erzeuger, Verkäufer und Verbraucher den Muth hätten, ihre Waren auch deutsch zu nennen, es würde bald besser um die deutsche Papier-Industrie stehen“. Krause, 50 Jahre im Dienste der Papier-Industrie (letzte Seite). 62 Krause, Lebens-Ansichten, S. 14. 1 S. auch die einzelnen Fach-Abschnitte der v. A.; zur Entwicklung nach Beginn des Ersten Weltkrieges vgl. die entsprechenden Abschnitte „Papierverarbeitung ...“ der v. A.; vgl. auch Pieske, ABC des Luxuspapiers, S. 59.
172 Teil I – Papierverarbeitung im 19. und 20. Jahrhundert Ringe, Genossenschaften usw., sozial über Arbeiterschutzvereine und Gewerkschaften sowie industrielle Arbeitnehmervereinigungen. Als Folge der Auflösung der handwerklichen Produktionsweise, die über viele Jahrhunderte auf Kundenbestellung und feste Absatzregeln ausgerichtet und entsprechend fest im unternehmerischen Denken verankert war und durch die massenhafte Gütererzeugung für einen offenen, anonymen und durch Wettbewerb bestimmten Markt, konnten sich während des 19. Jahrhunderts kaufmännisch und/oder technisch besonders begabte Führungspersönlichkeiten profilieren. Diese Persönlichkeiten waren oft zum rücksichtslosen Konkurrenzkampf bereit. Ihre Namen sind vor allem mit der Geschichte der Schwerindustrie verbunden (Borsig, Siemens, Krupp u. a). In der Papierverarbeitung profilierten sich durchsetzungsfähigen Persönlichkeiten wie Wolf Hagelberg/Berlin, Max Krause/Berlin oder H. C. Bestehorn/Aschersleben.2 Diese Männer hatten Vorbildcharakter. Sie lösten im unteren Unternehmertum Bewunderung und Visionen aus, waren aber für die Mehrzahl der Unternehmer mit meist kleinbürgerlichem Hintergrund unerreichbar. Für diese wurde das neue Wirtschaftssystem mit den neuen Freiheiten, aber auch Herausforderungen oft zum mentalen Problem. Der Umgang damit musste in einer Übergangsphase erst noch eingeübt werden. In der weitgehend mittelständisch strukturierten Papierverarbeitung, in der es oft weniger um Profitmaximierung als um die bloße Existenzsicherung ging, zog sich dieser Prozess bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts hin. In den Jahrzehnten um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert war das Denken noch ambivalent und davon bestimmt, die Vorteile der Zünfte (vor allem wettbewerbsgeregelte Marktverhältnisse) nicht als Schutzraum aufzugeben, die neuen Vorteile (unbehindertes Unternehmertum) aber voll auszuschöpfen. In der Phase der Hochindustrialisierung wurde der individualisierte Wirtschaftskampf in der oberen Mittelschicht und in der Oberschicht der Wirtschaft zunehmend von einer Kultur der Verhandlungen, Verträge und Zusammenschlüsse abgelöst. Die kaufmännisch ausgebildeten und/oder an Hochschulen juristisch, naturwissenschaftlich, nationalökonomisch ausgebildeten Führungskräfte waren darum bemüht, das Wirtschaftsgeschehen durch eine neue Formgebundenheit in Syndikaten, Kartellen usw. rationaler, berechenbarer und damit effizienter zu gestalten.3 Sie waren vor allem auch daran interessiert, über diese Organisationsformen nach außen möglichst auch an den Gesetzgebungs-Verfahren mitzuwirken. „In der Papierverarbeitung sind wie in den meisten anderen Industrien [...] zu unterscheiden: Kartellmäßige Bindungen, Fach- und Interessenverbände und Arbeitgeberverbände.“4
Vor 1865 gab es in Deutschland insgesamt vier Kartelle; 1875 waren es acht; 1885: 90; im Jahre 1890 210; am Ende des Jahres 1905 waren es 366 Kartelle (mit rund 12 000 Betrieben), davon etwa 200 im Charakter von Syndikaten.5 „Für die Kartellbildung ist von großer Bedeutung, daß die Größe und die technische Entwicklung der Betriebe nicht allzu verschieden ist. Die Papierverarbeitung hat Zweige, die nach diesem Gesichtspunkt betrachtet, leicht zu kartellieren sind, wie die Tapeten- und die Briefumschlagindustrie. Andererseits aber solche, die derart verschiedene Größenverhältnisse auf2 3 4 5
Zu Wolf Hagelberg s. Abschn. „Luxuspapier“; Max Krause s. Abschn. „Briefumschläge“; H. C. Bestehorn s. Abschn. „Papierverarbeitung im 19. Jahrhundert“ der v. A. Vgl. u. a. Fritz Salzmann, Die Papierindustrie. Ihre wirtschaftliche Entwicklung und heutige Lage, Berlin 1911, S. 118. Weissenfels, Standorte, S. 123. Vgl. Hans Kramer, Deutsche Kultur zwischen 1871 und 1918. Handbuch für Kulturgeschichte, Frankfurt/M. 1971, S. 268.
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weisen, zudem in technischer Beziehung so unterschiedlich entwickelt sind, daß Kartelle von Bedeutung hier schwer zu schaffen sind. Dies ist z. B. der Fall in der Tüten- und Kartonagenindustrie.“6
Unter der Voraussetzung, dass die Zahl der Unternehmer bei einer Kartellbildung möglichst klein sein sollte, hatte gerade die Tüten-/Beutel- sowie die Kartonagen-Industrie mit ihrer außerordentlich großen Anzahl von Betrieben besonders ungünstige Bedingungen. Dagegen war die Kartellbildung z. B. in der Briefumschlag- und BriefordnerIndustrie wegen der überschaubaren Anzahl der Betriebe sehr viel günstiger. Als eine weitere Voraussetzung für ein erfolgreiches Wirken der Kartelle galt die Konzentration einer Industrie auf wenige Zentren. „Verteilt und zersplittert sich die Produktion über ein ausgedehntes Gebiet, so mehren sich die Besonderheiten, denen bei einem gemeinsamen Vorgehen Rechnung getragen werden muß.“7
Eine lokal/regionale Branchen-Konzentration in der Papier verarbeitenden Industrie gab es vor allem in den Bereichen Buntpapier, Geschäftsbücher, Ordner, Spielzeug, Festartikel oder Papierblumen, Kalender, Spielkarten sowie Zigarettenpapier. Die Standort-Konzentration traf auch auf die Luxuspapier-Industrie zu. Hier spielte jedoch die zum Teil starke Ausrichtung auf den Export sowie die außerordentliche Binnen-Differenzierung in der Produktion bzw. den Produkten eine maßgebliche Rolle bei der Be-/Verhinderung von Zusammenschlüssen. Dagegen war die Produktion von Massenartikeln wie Tüten/Beutel oder Kartonagen über das gesamte Reichsgebiet verteilt (ebenso die BriefumschlagFabriken, deren Anzahl als reine Mono-Produktionsstätten aber relativ überschaubar war). Jedoch kam es auf lokaler Ebene auch bei den Herstellern von Papier-Massenartikeln immer wieder zu Versuchen eines Zusammenschlusses. Ausschlaggebend dafür waren meist hohe Transportkosten oder andere Probleme bei der Warenbeförderung. Letztlich erwies sich aber die für die Papier verarbeitende Industrie typische Unternehmensform von Klein- und Mittelstands-Betrieben als besonders hinderlich bei der Bildung bzw. für das Funktionieren von (vor allem) Preis-Kartellen. „Die privaten Unternehmer der Papierverarbeitung, die ihre Werke in zäher Arbeit emporgebracht hatten und die nichts Höheres kannten als ihr eigenes Unternehmen, waren nicht leicht zu bewegen, auf die individuelle Bewegungsfreiheit zu verzichten.“8
Die Bildung von Verbänden usw. in der Papier verarbeitenden Industrie hat ihren zeitlichen Anfang im Mai 1866 und ihren örtlichen in Leipzig. Dort war anlässlich des Buchdruckertages der Deutsche Buchdruckerverein als gewerkschaftliche Vertretung der Buchdrucker gegründet worden. 1869 folgte – als erster deutscher Wirtschafts-/Arbeitgeberverband überhaupt – der Deutsche Buchdruckerverband als Vertretung der Buchdruckereibesitzer. Der Kartellierungsprozess begann in der Papierwirtschaft Anfang der 1870er Jahre. 1872 war unter maßgeblicher Mitwirkung der Redakteure der Papier-Fachzeitschriften auf der Seite der Papiererzeuger der Verein deutscher Papierfabrikanten gegründet worden. Dessen 1. Vorsitzender wurde Louis Keferstein (Cröllwirz/Halle).9 1876, im Gründungsjahr der Papier-Zeitung, folgte als erste Vertretung auf der Seite der Papier verarbeitenden Industrie der von dem Aschaffenburger Buntpapier-Fabrikanten Alois Dessauer (1824–189210) gegründete Verein Deutscher Buntpapier-Fabrikanten.11 Aus 6 7 8 9 10
Schöller, Kartelle, S. 12. Ebd. Ebd., S. 13. Vgl. u. a. Feyerabend, Papiergroßhandel, S. 7, Sp. 2. Vgl. u. a. Abschn. „Buntpapier“ der v. A.
174 Teil I – Papierverarbeitung im 19. und 20. Jahrhundert dieser Vereinigung ging im Jahre 1877 der Papierindustrie-Verein (P.I.V./PIV) hervor, der sich unter seinem ersten 1. Vorsitzenden, Max Krause12, schnell zu einer Dachorganisation der gesamten Papierwirtschaft (Erzeugung, Verarbeitung, Handel, ab 1906 nur noch Vertretung der Verarbeitung und des Handels13) entwickelte.14 Kassenwart des PIV war der Magdeburger Papier-Großhändler Friedrich Wilhelm Abel (1840–1890), der seit der gemeinsamen Lehrzeit bei Joh. Fr. Deneke/Magdeburg (1852/54) mit Krause befreundet war.15 Abel bewirkte durch eine Eingabe an Reichskanzler Bismarck, dass die Verrechnung der Beiträge für die neu eingerichtete Sozialversicherung durch das – später zum festen Begriff gewordene – „Kleben“ von Marken vereinfacht wurde.16 Wegen tiefgreifender Meinungsverschiedenheiten zwischen den einzelnen Wirtschaftsbereichen in Fragen des Außenhandels verlor der PIV ab 1901 seinen Charakter als Dachorganisation der gesamten Papierwirtschaft; 1903 spalteten sich als Folge einer Versammlung in Eisenach viele Mitglieder ab. Der PIV blieb bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges in der Hauptsache eine Interessenvertretung der Papier verarbeitenden Industrie, dessen 1. Vorsitzender bis dahin weiterhin Max Krause war.17 1879 erfolgte die Gründung des Mitteldeutschen Papierindustrie-Vereins in Leipzig.18 Ebenfalls im Jahre 1879 gründeten die Papier- und Schreibwarenhändler den Deutschen Papier Verein (DPV) als gemeinsame Vertretung der Schreibwarenfabrikation, des PapierGroßhandels und des Schreibwaren-Einzelhandels.19 Eine maßgebende Rolle in diesem Verein spielte anfangs der Schreib- und Bürowaren-Fabrikant Friedrich Soennecken/ Bonn (1848–1919).20 Der DPV ging Anfang der 1920er Jahre im Reichsverband (Reichsbund) Deutscher Papier- und Schreibwarenhändler auf.21 Diese (Einzelhandels-)Branche war um 1870 zunächst durch verschiedene Buchbinder-Innungen vertreten. 1880 wurde der Schutzverein für den Papier- und Schreibwarenhandel gegründet und später als Abteilung Kleinhändler im Deutschen Papier-Verein geführt. Ab den 1890er Jahren entstanden Fachvereine auch auf örtlicher und regionaler Ebene.22 Zwischen 1933 und 1945 war der Papierwaren-Einzelhandel innerhalb der Reichsgruppe Handel/Warengruppe Einzelhandel/Fachgruppe Kunstgewerbe, Papier- und Spielwaren/Fachabteilung Papier, Schreibwaren und Bürobedarf über Bezirks- und Kreis- bis in Ortsfachabteilungen gegliedert.23
11 Vgl. Carl Hofmanns Kampfgenossen. In: Papier-Zeitung, Jubiläums-Ausgabe, Berlin 1926, S. 3911; vgl. jedoch Jahreszahl 1878 in: Schöller, Kartelle, S. 22. Als erster fachlicher Wirtschaftsverband in Deutschland überhaupt gilt der am 15.8.1869 in Mainz gegründete Deutsche Buchdrucker-Verein; vgl. Deutscher Buchdrucker-Verein, Jahrbuch 1935, Berlin 1936, S. 10. 382; vgl. auch Deutscher Drucker, 6/2004, S. 38, Sp. 1. 12 Zu Max Krause (MK-Papier) s. Abschn. „Briefumschläge ...“ der v. A. 13 Vgl. Abschn. „Verbandswesen“ der v. A. 14 Vgl. Hofmanns Kampfgenossen, S. 3911. 15 Vgl. Krause, 50 Jahre im Dienste der Papier-Industrie. 16 Vgl. Hofmanns Kampfgenossen, S. 3911, Sp. 1. 17 Vgl. ebd., S. 3911, Sp. 2. 18 Vgl. Pieske, ABC des Luxuspapiers, S. 59. 19 Vgl. Max Trautmann, Die Organisationen, Freiburg 1921, S. 40. 20 Zu Soennecken s. auch Abschn. „Büroartikel“ usw. der v. A. 21 Vgl. Kampfgenossen, S. 3911. 22 Vgl. Arthur Guthke, Die Entwicklung des Schreibwarenhandels der letzten 50 Jahre. In: Papier-Zeitung, Jubiläums-Ausgabe, Berlin 1926, S. 3985 f. 23 Vgl. Handbuch für Bürobedarfs- und Schreibwarenhandel, Berlin 1939, S. 17.
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1888 wurde zu Ostern anlässlich der Leipziger Messe von 120 Mitgliedern des Mitteldeutschen Papiervereins (gegr. 1879) im Saal des Gasthauses „Eldorado“ eine Gesamtschau Papier und Papierwaren veranstaltet. Aus dieser Schau entwickelte sich die moderne Messe des Papierfachs als Mustermesse. „Die erste Papierwarenmesse von 1888 war die erste zusammengefasste Messegruppe, und mit ihr beginnt die Umwandlung der Leipziger Messe von der Warenmesse zur Mustermesse.“24
Durch die Bismarck’sche Sozialgesetzgebung (eingeleitet am 17. November 1881) mit den drei Säulen Krankenversicherung (15. Juni 1883), Unfallversicherung (6. Juli 1884) sowie Invaliditäts- und Altersversicherung (22. Juni 1889) ergab sich für die einzelnen Industrie- und Gewerbezweige die Notwendigkeit zu berufsgenossenschaftlichen Zusammenschlüssen. Die Vertreter der Druckereien stellten am 7. Januar 1885, die Vertreter der Papier verarbeitenden Betriebe am 22. Januar 1885 (als erste überhaupt bzw. als zweite) beim Reichsversicherungssamt den Antrag auf Gründung von Berufsgenossenschaften in der Form eines korporativen Zusammenschlusses.25 „Erst seit dem Erlass des Unfallversicherungsgesetzes [...] – auf Vorschlag der Papier-Zeitung vom 11. September 1884 sollte die Papierindustrie eine papiererzeugende und eine papierverarbeitende Genossenschaft bilden – wurde der Begriff „Papierverarbeitung“ für alle diejenigen Gewerbe gebraucht, welche sich mit dem Färben, Bedrucken, Bemalen, Heften und anderem Verarbeiten von Papier befassen.“26
Nach der Gründungsversammlung hielten die Deutsche Buchdrucker-Berufsgenossenschaft am 23. August 1885 in Leipzig und die Papierverarbeiter-Berufsgenossenschaft am 23. September 1885 in Berlin jeweils ihre erste Genossenschaftsversammlung ab. Dabei wurden die Richtlinien für den Aufbau der Verwaltung und Durchführungsbestimmungen für Heilverfahren und Entschädigungsleistungen erarbeitet. Die beiden Berufsgenossenschaften nahmen am 1. Oktober 1885, am Tage des Inkrafttretens des Gesetzes, ihre Tätigkeit auf.27 Der erste Vorsitzende der Papierverarbeiter-Berufsgenossenschaft wurde der Berliner Luxuspapier-Fabrikant Wolf Hagelberg.28 Standorte der Sektionssitze waren Berlin, Breslau, Leipzig, Hannover-Kleefeld, Kassel, Elberfeld, Lahr und Nürnberg.29
24 Weiß, Zeittafel, S. 408; an der Messe des Jahres 1906 waren im Wesentlichen die Branchen Graphischer Maschinenbau, Verlagserzeugnisse, Lehr- und Lernmittel, Bürobedarf beteiligt; vgl. Eberhardt Preil, 75 Jahre Papierwarenmesse in Leipzig 1888–1963, Leipzig 1963, S. 6. 25 Vgl. 100 Jahre Berufsgenossenschaft Druck und Papierverarbeitung, S. 3. 26 Vgl. Reitzel, Papierausstattungs-Industrie, S. 3. 27 Vgl. Die Sorge um den arbeitenden Menschen – 75 Jahre Unfallschutz im graphischen Gewerbe und in der Papierverarbeitung, hrsg. v. d. Berufsgenossenschaft Druck und Papierverarbeitung, Wiesbaden. Wiesbaden o. J. [1960]. 28 Vgl. Kampfgenossen, S. 3911f. sowie Abschn. „Luxuspapier“ der v. A. – An den Beratungen für eine Satzung dieser Berufsgenossenschaft war auch Max Krause aktiv beteiligt; vgl. Carl Hofmann. In: Papier-Zeitung, Jubiläums-Ausgabe, Berlin 1926, S. 3910. Zu den Nachfolgern W. Hagelbergs im Amt des Vorsitzenden gehörte u. a. der Elberfelder BriefumschlagIndustrielle Reinhart Schmidt (1838–1909; vgl. Kampfgenossen, S. 3912.). Abweichend von dieser Darstellung werden in „Die Sorge um den arbeitenden Menschen“ die Namen der Vorsitzenden der Papierverarbeitungs-Berufsgenossenschaft angegeben mit: Adolf [?] Hagelberg (1885–1896), Carl Hellriegel (1897–1911), Karl Rudolf Bergmann (1912–1922), Julius Kaufmann (1923–1928), Louis Hagelberg (1929–1933), Paul Krause (1934–1945; Paul Krauses Sohn, Max Krause, war um 1960 stellv. Vorsitzender des Vorstandes; vgl. Die Sorge um den arbeitenden Menschen, o. S. (Anhang). 29 Vgl. Weissenfels, Standorte, S. 128.
176 Teil I – Papierverarbeitung im 19. und 20. Jahrhundert 1889 wurde der Verein Deutscher Tapetenfabrikanten gegründet. Mit 52 Beitrittsfirmen war daran nahezu die gesamte Branche beteiligt.30 „Aber selbst nach dem Erlass des Unfallversicherungs-Gesetzes behaupteten die Papierfabrikanten, es gäbe gar keine papierverarbeitende Industrie im rein wirtschaftlichen Sinn. Das Wort Papierverarbeitung bezeichne gar keinen Beruf, sondern nur einen gemeinsamen Boden, auf dem sich die verschiedenartige Betriebe für die Durchführung der Bestimmungen des Unfallversicherungsgesetzes zusammenfänden.“31
Die Papierfabrikation blieb selbstbewusst genug, sich als führende Kraft innerhalb der Papierwirtschaft zu behaupten, obwohl sie darin in der statistischen Wertung seit den späten 1890er Jahren hinter der Druckindustrie und hinter der Papierverarbeitung lediglich den dritten Rang belegte. Die 1890er Jahre gelten als Hauptperiode der Kartellbildungen.32 „Der neuerliche Wandel der Volkswirtschaft von einem freien und ungeregelten Nebeneinander zu einem durch Zusammenschluss mehr und mehr geordneten Organismus findet sein verkleinertes Spiegelbild in der Entwicklung der einzelnen Gewerbezweige, so auch der Papierindustrie, vor allem in ihren Bestrebungen, sich zusammenzuschließen zur Wahrung gemeinsamer Interessen bis zur Errichtung einer Art Selbstregierung.“33
„Kartelle sind Kinder der Not.“ Die Industrie durfte sich u. a. mit dieser Formulierung des Nationalökonomen Friedrich Kleinwächter (1838–1927) aus dem Jahre 1883 zur Bildung von Kartellen im Sinne von Interessen- und Schutzgemeinschaften legitimiert fühlen. Durch eine Grundsatzentscheidung des Reichsgerichtes vom Februar 1897 wurde diese Sichtweise bestätigt. Das Gericht legalisierte darin die Bildung von Kartellen und erkannte sie – auch privatrechtlich einschließlich des Klagerechtes – förmlich an.34 Kartelle verfolgten vor allem das Ziel, unter weitgehender Ausschaltung des Wettbewerbs innerhalb einer Branche Produktion, Preise sowie Liefer- und Zahlungsbedingungen durch verpflichtende Absprachen und Vereinbarungen zu regulieren und möglichst lückenlos zu kontrollieren.35 In einem gewissen Rahmen gehörte zu ihren Aktivitäten – mehr jedoch zu den Aktivitäten der Fachverbände, zu deren Aufgaben ganz allgemein in erster Linie die Förderung der fachlichen Interessen nach innen und nach außen gehörte – auch die Einflussnahme auf staatliche (vor allem gesetzgeberische) Maßnahmen. Die Kartelle agierten im Selbstverständnis der Anschauung, dass der Staat vorrangig den Interessen der Wirtschaft zu dienen habe. Ihr Vorbild hatten sie in den Schutz- und Trutzbündnissen der Handwerkerzünfte. In ihrer Ausrichtung auf Regulierung und Kontrolle wurden die Industrie-Kartelle zu Organisations- und Strukturmodellen bei der bezirklichen und fachlichen Gleichschaltung der Wirtschaft unter dem NS-Regime und bei der Bildung von Kollektiv-Kombinaten in der DDR. Sie waren damit in Verkehrung
30 Ab 1900: Verband Deutscher Tapetenindustrieller; vgl. Trautwein, Organisationen, S. 37. 31 Reitzel, Papierausstattungs-Industrie, S. 4. 32 Vgl. Weissenfels, Standorte, S. 124. „Kartelle sind Verbände von Unternehmern derselben Branche, deren Zweck dahin geht, durch ein gewisses solidarisches Vorgehen der Genossen die gegenseitige Konkurrenz einzudämmen oder gänzlich auszuschließen, um auf diese Weise die wirtschaftliche Lage der betreffenden Branche günstiger zu gestalten.“ Trautwein, Organisationen, S. 21. Für 1897 notiert Wisso Weiß: „In Deutschland sind die bis zu diesem Jahre entstandenen Kartelle meist vorübergehende Erscheinungen“ (Weiß, Zeittafel, S. 422). 33 Salzmann, Die Papierindustrie, Vorwort. 34 Vgl. Wehler, Deutsche Gesellschaftsgeschichte, Bd. 3, S. 635. 35 Vgl. ebd.; vgl. auch Volker Berghahn, Das Kaiserreich 1871–1914 (= Gebhardt, Handbuch der deutschen Geschichte, 10. Aufl., Bd. 16, Stuttgart 2003, S. 76 ff.
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ihres Ursprungsgedankens zu Steuerungsinstrumenten im Kommando- und DirigismusSystem des Staates geworden. 1910 gab es über 670 Kartelle, 1914 rund 700.36 Nach dem Bergbau hatte die Papier erzeugende Industrie mit 90 Prozent den höchsten Kartellierungsgrad.37 Die Kartellbildung in der verarbeitenden Industrie setzte verstärkt erst kurz vor Beginn des Ersten Weltkrieges ein. Je nach Zweck, Problem und Absicht wurden Preiskartelle gebildet oder Konditionskartelle, Mengen- oder Produktionskartelle, Absatz- oder Gebietskartelle, Gewinnverteilungskartelle sowie Vertriebskartelle oder verschiedenartige Kombinationen der einzelnen Kartellformen.38 Andere Gründe für Unternehmerverbände, -vereine (Konventionen) waren, die Gunst von Hochkonjunkturphasen zu nutzen, sich als Arbeitgeber, Anbieter oder Abnehmer (von Rohstoffen und Maschinen) zusammenzuschließen.39 Neu auftretende Konkurrenz im Kartellbereich wurde besonders aufmerksam beobachtet. In den meisten Fallen galt, sie gegebenenfalls sofort zu bekämpfen, um sie zur Aufgabe oder zum Kartellbeitritt zu zwingen. Dieses Ziel versuchten die Kartelle zu erreichen durch Behinderung der Produktionsfähigkeit insbesondere bei der Material- und Maschinenbeschaffung (Materialsperre), Arbeitskräftebeschaffung, Kreditbeschaffung sowie durch Absatzbehinderung, indem sie Exklusivverträge mit Lieferanten, Maschinenbauern, Kunden und Händlern abschlossen. Notfalls ging die Behinderung bis hin zu persönlichen Angriffen auf die soziale und gesellschaftliche Stellung des Außenseiters („in Verruf bringen“).40 „Das Wort ‚Kartelle‘ kommt in der papierverarbeitenden Industrie nicht häufig vor. [Diese Industrie] gebraucht Bezeichnungen wie: Konventionen, Verbände, Vereine, Vereinigungen etc. [Sie werden] deshalb so gern gewählt, weil man den Kartellcharakter möglichst verschleiern will. Es ist überhaupt festzustellen, daß sich die Verbände in der Papierverarbeitung mit großer Heimlichkeit umgeben. Dies wird verständlich, [...] daß die Papierverarbeitung zum weitaus größten Teil in den Händen von Einzelunternehmern liegt, die stets eine größere Scheu vor der Öffentlichkeit bewiesen haben als die Erwerbsgesellschaften.“41
Im Ergebnis waren die Bemühungen der Kartelle in den meisten Fällen jedoch lediglich von „überschwenglicher Hoffnung, sehr wenig Freude, viel Ärger und Enttäuschungen, teilweise sogar mit großen Schäden“ verbunden.42 Die Preiskartelle in der Papier und Pappe verarbeitenden/Papierwaren-Industrie scheiterten am häufigsten daran, dass sie als Mischbetriebe mit oft unterschiedlichsten Produkten selten oder nie allen Konventionen beitreten konnten. Wenn aber auch nur ein einziger Betrieb in der eindeutigen Absicht nicht beitreten wollte, mit Preisunterbietungen die Konkurrenz vom Markt zu verdrängen, war das gesamte System hinfällig. Selbst Kartellmitglieder waren nicht lückenlos und mit der nötigen Strenge zu kontrollieren oder bei Verstößen nicht nachhaltig mit Sanktionen zu belegen. Die meisten Verkaufskartelle der Papier und Pappe verarbeitenden Industrie scheiterten bereits nach kurzer Zeit, da sie, anders als die Verkaufssyndikate der Großindustrie, weder die Macht noch das Kapital hatten, einheitliche Verkaufs-, 36 Vgl. Wehler, Deutsche Gesellschaftsgeschichte, Bd. 3, S. 633. 37 Vgl. Berghahn, Das Kaiserreich, S. 76. 38 Vgl. Trautwein, Organisationen, S. 23. In der papierverarbeitenden kam es oft zu Preis- und Gebietskartellen. 39 Vgl. ebd., S. 23. 40 Vgl. ebd., S. 24 f. Die soziale Ausgrenzung der Außenseiter blieb meist jedoch eine rein theoretische Möglichkeit. 41 Vgl. Schöller, Kartelle, S. 1. 42 Vgl. Papier-Zeitung, Nr. 23/1899, 19.3.1899, S. 826, Sp. 2.
178 Teil I – Papierverarbeitung im 19. und 20. Jahrhundert Liefer- und Zahlungsbedingungen durchzusetzen oder durch Anpassung der Produktion an den Markt die Preise zu beeinflussen. Die von der Papier und Pappe verarbeitenden Industrie in der Konsequenz mit diesen Vorstellungen verbundene Ausschaltung eines freien Wettbewerbs wurde erst unter den plan- und zwangswirtschaftlichen Systemen der NS-Zeit (Zwangskartelle) und der DDR (Zentralwirtschaft) umgesetzt. Im Zeitalter der Globalisierung blieben bekannte traditionelle Firmennamen oft allein aus Gründen der Markteinführung und des Marktvorteils erhalten. Die Vereinigungen/Verbände/Kartelle dienten den Unternehmern in ihrer Rolle als Arbeitgeber vor allem zur Orientierung bei der Gestaltung von Arbeitsverhältnissen. Tarifliche Regelungen in der Fläche gab es bis Ende des Ersten Weltkrieges nicht.43 Die Arbeitsverhältnisse (Arbeitszeit, Urlaub, Entlohnung) waren besonders im Bereich der Papierverarbeitung von Betrieb zu Betrieb und in den meisten Fällen selbst innerhalb der Betriebe individuell gestaltet. 1896 wurde in Berlin die Tarif-Organisation mit dem Tarifamt der Deutschen Buchdrucker als oberste Behörde „zur Erhaltung des sozialen Friedens“ gegründet. Leiter des Amtes und Vorsitzender der Deutschen Buchdrucker-Tarif-Gemeinschaft wurde Georg Büxenstein,44 der seit 1886 Mitglied der Tarif-Kommission für Deutschlands Buchdrucker war. 30 Jahre vor Gründung der Tarif-Organisation war im Mai 1866 in Leipzig anlässlich des Buchdruckertages der Deutsche Buchdruckerverein als gewerkschaftliche Vertretung der Buchdrucker gegründet worden. 1869 folgte – als erster deutscher Wirtschafts-/ Arbeitgeberverband überhaupt – der Deutsche Buchdruckerverband als Vertretung der Buchdruckereibesitzer. „Zwischen den beiden Organisationen entstand eine in der deutschen Sozialgeschichte einzigartige Struktur industrieller und sozialer Beziehungen“.45 Die als „Tarifgemeinschaft“ fungierende Verbindung – eine Art Vorläufer der 1933 gegründeten Deutschen Arbeitsfront (DAF) – sollte alle Arbeitsbedingungen regeln. Für das Funktionieren und die Überwachung zur Einhaltung der Vereinbarungen wurden Kontrollund Schlichtungsorgane eingerichtet. 1873 wurde zwischen beiden Parteien der erste Tarifvertrag mit Lohn- und Arbeitszeitregelungen vereinbart. Es war der erste überbetriebliche, zentral vereinbarte Tarifvertrag in Deutschland überhaupt.46 Dem vorausgegangen war ein Streik der Buchdrucker, der über 14 Wochen dauerte.47
Tüten-/Beutel-Industrie – 1. Versuch (1882) Beispielhaft für die Versuche und das Scheitern der Kartellbildung in der weitgehend mittelständisch strukturierten Papier und Pappe verarbeitenden Industrie steht die Tütenund Papierbeutel-Sparte. Sie durchlief Anfang der 1880er Jahre, knapp 30 Jahre nach ihrer Entstehung als fabrikmäßig betriebenes Gewerbe vor dem Hintergrund erster Überangebote und verschärfter Konkurrenzverhältnisse eine konjunkturelle Tiefphase. „Billige Kredite und die Verwendung schnelllaufender Maschinen ließen die Produktion schon 43 Trautwein gibt für 1907 einen Arbeitgeberverband der Papierindustrie an; vgl. Trautwein, Organisationen, S. 104). 44 Vgl. Freunden und Mitarbeitern, [S. 6]. 45 Otto, 25 Jahre „sozialer Friede“, S. 38, Sp. 1. 46 Ebd., S. 38, Sp. 2. 47 Vgl. Weiß, Zeittafel, S. 380.
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bald in ein geradezu unsinniges Tempo verfallen.“48 Diese Situation wurde insbesondere durch wiederholte kartellartige Preisabsprachen der seit 1872 kartellierten Papierlieferanten verschärft. 49 In der vielfach von Kleingeist geprägten Tüten- und Beutelbranche/ Papierwaren-Branche50 entstand zunehmend ein allgemeines Schutzbedürfnis gegenüber den selbstbewusst auftretenden Rohstofflieferanten, und bei den entschlosseneren Vertretern entwickelten sich erste Vorstellungen darüber, wie nach dem Vorbild der Schwer-/ Montan-, aber auch der Papier-Industrie eine gewisse Ordnung im den eigenen Marktbereich zu bringen wäre. Im Anschluss an eine von den Papierfabrikanten erneut getroffene Preisvereinbarung trafen sich am 16. April 1882 in Köln eine Anzahl von Tüten-/Beutelfabrikanten aus dem Rheinland, Westfalen und Hessen-Nassau, um über Möglichkeiten zur Änderung der bestehenden Lage zu beraten.51 Die Mitglieder dieser Versammlung vertraten allgemein die Ansicht, dass gerade die hohen Papierpreise für gewöhnliche Ware einen Preisaufschlag für Tüten erforderlich machten, und dass ein „Normalpreis“ für Gewicht- und Stückware festzulegen sei. Ein solcher Preis sollte auch für Druckarbeiten vereinbart werden. Weiter sprach sich die Versammlung dafür aus, dass dem „Drucksystem einzelner Grossisten“ entgegentreten werden müsse, und schließlich sollten die Papierfabrikanten veranlasst werden, Papier nicht mehr Kolonial-, Material-, Spezerei- und Delikatesswarenhandlungen zu fast ähnlichen Konditionen zu liefern, wie sie die Tüten/Beutelfabrikanten auch geboten bekämen.52 Die nächste Versammlung dieser Runde wurde bereits für den 14. Mai 1882, wiederum in Köln, vereinbart. Die Versammlung vom 16. April 1882 scheint die erste derartige überhaupt gewesen zu sein. Die Papier-Zeitung, unter der Leitung ihres kartellfreudigen Herausgebers Carl Hofmann53, begrüßte ausdrücklich diesen Schritt und äußerte sich positiv darüber, dass „endlich“ auch dieser Geschäftszweig dazu übergegangen sei, durch gemeinschaftliche Beratungen und Beschlüsse Missstände zu beseitigen. „Eine Erhöhung der Preise wäre in erster Linie sehr zu wünschen.“54 In der Ausgabe von Anfang Mai 1882 unterstützte die Papier-Zeitung erneut diese Bestrebungen und sprach sich dafür aus, dass die Versammlung der Tüten/Beutelfabrikanten aus dem Rheinland, Westfalen und Hessen-Nassau zunächst lediglich einen festen Kern bilden solle, eher weitere Kreise hinzugezogen würden – was allerdings sehr zu wünschen wäre.55 Am 11. Juni 1882 traf sich im Elberfelder Hotel „Kaiserhof“ nur noch eine kleine, nicht beschlussfähige Runde von Tüten/Beutelfabrikanten zu einem Gedankenaustausch. Die Veranstaltungsfolge derartiger Treffen war während der vergangenen Wochen zu dicht 48 Schöller, Kartelle, S. 47. 49 Die Papierfabrikanten hatten sich bereits 1872 zum Verein Deutscher Papierfabrikanten/VDP zusammengeschlossen. 50 Gleichsetzung beider Begriffe u. a. bei Schöller, Kartelle, S. 47. 51 Vgl. Papier-Zeitung, VII. Jg., Nr. 17, Berlin, 27.4.1882, S. 449, Sp. 2 u. 3. 52 Vgl. ebd. 53 Carl Hofmann zählte in den Jahren zwischen 1875 und 1916 zu den aktivsten und einflussreichsten Persönlichkeiten im Bereich der deutschen Papierwirtschaft. Er war vor allem ein Verfechter von Interessengemeinschaften, von denen er viele anregte und publizistisch nachhaltig unterstützte; vgl. Carl Hofmann. In: Papier-Zeitung, Jubiläums-Ausgabe, Berlin 1926, S. 3909 f.. 54 Vgl. Papier-Zeitung, VII. Jg., Nr. 17, Berlin, 27.4.1882, S. 449, Sp. 2 u. 3. 55 Vgl. Papier-Zeitung, VII. Jg., Nr. 18, Berlin, 8.5.1882, S. 462, Sp. 2.
180 Teil I – Papierverarbeitung im 19. und 20. Jahrhundert und auch zu aufwändig geworden und nicht mehr jeder Interessierte konnte regelmäßig daran teilnehmen. Die Überlegungen dieser Versammlung (inzwischen Rheinland, Westfalen, Hessen-Nassau, der Gau Hannover und die größeren Teile Süddeutschlands) gingen u. a. dahin, Gießen als ständigen Standort für die Vertretung der Tüten/Beutelfabrikanten zu bestimmen. Das übergeordnete Ziel sollte es jedoch sein, schließlich alle Gaue und Provinzen Deutschlands zu erfassen.56 Ein weiterer Punkt dieser Elberfelder Gesprächsrunde war die fehlende einheitliche Normung der Größen und Stückzahlen sowie die immer noch unterschiedliche Bezeichnung der hergestellten Hauptprodukte, die je nach Gegend von „Tute“ und „Dute“ bis „Düte“ für Tüte, aber auch (Papier-)Beutel reichte und den Abnehmern die Vergleichbarkeit der Ware erschwerte.57 Bis zur Verwirklichung eines Gesamtverbandes auf Reichsebene im Jahre 1900 und 1911 musste schließlich jedoch noch eine Reihe von Schwierigkeiten überwunden werden. Das galt ebenso für die Idee eines angestrebten Gesamtverbandes der Papier verarbeitenden Industrie, die sich aufgrund von Meinungsverschiedenheiten, Eigenbröteleien und Interessengegensätzen über viele Jahre nicht durchsetzen ließ.58
Tapeten-Industrie Als ein weiteres Lehrstück zur begrenzten Wirkung der Kartelle kann das Beispiel der Tapetenindustrie gelten.59 Mitte der 1880er Jahre wurden die Verkaufsbedingungen für die Hersteller von Tapeten durch einen allgemeinen Preisverfall zunehmend ungünstiger. Um „Maßnahmen gegen den um sich greifenden unlauteren Wettbewerb“ zu ermöglichen, gründeten im April 1889 sechs Unternehmer in Frankfurt/M. den „Verein Deutscher Tapetenfabrikanten“, dem unmittelbar darauf 42 und schließlich 52 Mitgliedsfirmen beitraten.60 Damit waren die deutschen Tapetenfabrikanten nahezu vollständig zusammengeschlossen. Die Vereinigung legte (zunächst) keine Preisvereinbarungen fest, sondern traf zunächst lediglich verbindliche Verkaufs-/Lieferbedingungen. Der Zusammenschluss bildete als Konditional-Kartell ein „Kartell niederer Ordnung“. Bei Nichteinhaltung und Verstoß konnten Konventionalstrafen verhängt werden.61 „Es ist leicht zu erklären, daß man zuerst versucht hatte, die Preise ungeregelt zu lassen, da die Tapeten außerordentlich differenzierte Fertigprodukte darstellen, die noch dazu den Schwankungen der Mode unterworfen sind.“62
Die Vereinigung wurde bald „zu einem schlagkräftigen Instrument“ (W. Kilger), das seine Wirksamkeit vor allem auch durch die kleine Anzahl der Mitgliedsfirmen erzielte.63 Nach 56 Vgl. Papier-Zeitung, VII. Jg., Nr. 31, Berlin, 1.8.1882, S. 892, Sp. 1. 57 Vgl. ebd. 58 Vgl. Max Krause, Einige Erinnerungen. In: Papier-Zeitung, Jubiläums-Ausgabe, Berlin 1926, S. 3958. 59 Zur Geschichte der Tapeten/der Tapetenindustrie vgl. u. a. Abschn. „Tapeten“ der v. A. 60 Vgl. u. a. Olligs, Heinrich, Tapeten. Ihre Geschichte bis zur Gegenwart, Bd. I: TapetenGeschichte: Bd. II: Fortsetzung der Tapeten-Geschichte; hier: Bd. III: Technik und wirtschaftliche Bedeutung, Braunschweig 1969; vgl. darin insbes. W. Kilger, Wirtschaftliche Bedeutung der Tapete, S. 135-192, hier: S. 140; vgl. auch Schöller, Kartelle, S. 18. 61 Vgl. Kilger, Wirtschaftliche Bedeutung der Tapete, S. 140, Sp. 2. 62 Schöller, Kartelle, S. 19. 63 Vgl. Kilger, Wirtschaftliche Bedeutung der Tapete, S. 140, Sp. 2 sowie S. 142, Sp. 2.
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Paul Schöller war eine „solche Konditionenkonvention [...] jedoch von vornherein zur Wirkungslosigkeit verurteilt, da die verschärften Konditionen durch herabgesetzte Preise kompensiert wurden.“64 Erst sechs Jahre nach der Gründung, ab 1895, wurden gebundene Mindestpreise festgelegt – das Konditionen-Kartell war nunmehr auch ein Preiskartell und damit ein „Kartell höherer Ordnung“.65 189166 schlossen sich die Abnehmer der Tapetenhersteller, die zunächst nur in lokalen Vereinigungen organisiert waren, zum „Hauptverband Deutscher Tapetenhändler“/HDT mit einem Organisationsgrad von einem Sechstel aller Händler zusammen. „Wenn auch nur stark 10% des deutschen Tapetenhandels in diesem Verein organisiert waren, handelte es sich doch in der Hauptsache um größere Firmen, die in ihrer Gesamtheit immerhin einen beträchtlichen Faktor darstellten.“ 67
1897 kam es über den „Tapetenring“ als Vereinigung beider Verbände zum marktbeherrschenden Zusammenschluss von Tapetenherstellern und -händlern68 mit alljährlich in gemeinsamer Versammlung festgesetzten verbindlichen Verkaufsvorschriften und einem umfangreichen System von Sanktionen. Die nicht organisierten Händler schlossen sich üblicherweise stillschweigend den Vereinbarungen an. Für die Tapetenfabrikanten war dieser Vertrag jedoch „keineswegs vorteilhaft, sie brachten sich durch dieses Vorgehen um einen großen Teil der Kundschaft.“69 Dem Tapetenring angegliedert waren schließlich auch die Vereine deutscher Tapetenpapier-Fabrikanten, Tapetenfarben-Fabrikanten und die Tapetenzeichner sowie 18 der bedeutendsten englischen, französischen und österreichischen Tapetenfabrikanten. Die Organisation erschien „als ungemein stark. Nur wurde sie von allen beteiligten Kreisen umgangen. Die Außenseiter erhielten ihre Materialien und setzten ihre Waren an Ringhändler ab, wie auch die Ringfabrikanten an außenstehende Händler lieferten.“70
Die Preise verfielen trotz aller Kartellvereinbarungen, und selbst nach einer offiziellen Preiserhöhung im April 1899, die bei einzelnen Waren bis zu 95 Prozent betrug, durchschnittlich aber bei 10-40 Prozent lag, fanden die meisten Kartellpartner Wege und Möglichkeiten, auch diese Festsetzungen – als „Außenseiter“ bzw. unter dem Druck der von den Außenseitern geschaffenen Marktverhältnisse – zu umgehen.71 Darauf traten ab 1900 elf, in der Hauptsache mittelgroße, zum Teil aber auch bedeutende, Firmen aus der Fabrikanten-Vereinigung/DTF aus. Sie sahen sich danach berechtigt, bei der Preissetzung bis zu zehn und 20 Prozent unterhalb der Ring-Absprachen zu bleiben.72 Schließlich war die 64 Schöller, Kartelle, S. 18. 65 Vgl. Kilger, Wirtschaftliche Bedeutung der Tapete, S. 141, Sp. 2. 66 Vgl. Trautwein, Organisationen, S. 24. Nach Demuth, Papierindustrie, S. 282, fällt diese Gründung in das Jahr 1890. 67 Schöller, Kartelle, S. 18. 68 Zusammenschlüsse der Tapetenhändler in: Verein deutscher Tapetenhändler und einer Einkaufsgenossenschaft deutscher Tapetenhändler, einschließlich lokaler Untervereine; vgl. Salzmann, Die Papierindustrie, S. 144. 69 Schöller, Kartelle, S. 18. 70 Vgl. Demuth, Papierindustrie, S. 282. Ab Mai 1899 musste sich der Ring gegen Anzeigen wegen Erpressung von Nicht-Mitgliedern wehren; vgl. Papier-Zeitung, Nr. 55/1899, 16.6.1899, S. 2097, Sp. 1. 71 Vgl. Demuth, Papierindustrie, S. 282. Um 1900 gab es in der deutschen Tapetenindustrie rund 50 Betriebe mit 3800 Beschäftigten, 400 Druckmaschinen und 140 Handdrucktischen; vgl. Weiß, Zeittafel, S. 434. 72 Vgl. Kilger, Wirtschaftliche Bedeutung der Tapete, S. 142, Sp. 2.
182 Teil I – Papierverarbeitung im 19. und 20. Jahrhundert Kartell-Disziplin derart brüchig geworden, dass die noch verbliebenen Mitglieder 1906 die Auflösung beschlossen und 1907 vollzogen.73 1907 gab es in Deutschland 59 Tapeten herstellende Unternehmen mit insgesamt 600 Druckmaschinen. Parallel zur Auflösung des Vereins Deutscher Tapetenfabrikanten schlossen sich Im März 1907 „von den 59 Betrieben der Branche 56 Fabriken zu dem Verband Tapetenindustrie [,Zweckverband Tapetenindustrie‘74] zusammen.“75 Über diesen Zusammenschluss waren 580 – und damit bis auf 20 alle – Druckmaschinen erfasst. Hintergrund der Bildung des Tapeten-„Zweckverbandes“ (H. Olligs) war die Vorstellung, über diesen Verband alle Betriebe der – mittelständisch strukturierten und agierenden Branche zu einer Aktiengesellschaft zu fusionieren. Aufgrund der Monopolstellung76 der AG sollten vor allem die Preise und Bedingungen für Ein- und Verkäufe durchgesetzt werden. Die Umsetzung dieser Idee konnte bei einer derart hohen Anzahl von in Frage kommenden Betrieben allein aus formalen Gründen nicht sofort erfolgen. Für eine Übergangszeit legte ein von der Generalversammlung gebildeter Arbeitsausschuss, vertreten durch die (zunächst) 13 Mitgliedsfirmen, Übergangsregeln fest. Aber schon in der Gründungsphase der Tapeten-Aktiengesellschaft wurden die Koordinierung der Absichten, Vorgehensweisen und Ziele der einzelnen Mitgliedsfirmen derart problematisch, dass dieser „kapitalistische“77 Verband im März 1908 aufgelöst werden musste. „Der erste Versuch, die gesamte deutsche Tapetenindustrie zu fusionieren, war gescheitert.“78 Die Idee der Gründung einer Aktiengesellschaft blieb angesichts der Gesamtlage der Industrie jedoch lebendig. Bereits am 28. März 1908 wurde in Altona von zunächst fünf, später (ab 30. Mai 1908) insgesamt elf, schließlich zwölf Betrieben die Tapeten-IndustrieAktiengesellschaft/Tiag gegründet. Damit war eine Zwischenlösung gefunden. Die ursprüngliche Planung ging von der Teilnahme der Hälfte aller bestehenden Fabriken an dieser AG aus. Von den insgesamt 560 Druckmaschinen, über die die gesamte Branche zu dieser Zeit verfügen konnte, liefen in den zwölf Betrieben der AG 210.79 Die ursprüngliche Zielsetzung, monopolistisch agieren zu können, war damit verfehlt. Für die Durchführung dieses Vorhabens wäre zudem die Unterstützung eines Bankhauses erforderlich gewesen. Diese Unterstützung blieb aus.80 Die einzelnen Betriebe der Tiag wurden organisatorisch als Abteilungen geführt. Dazu gehörten zum Teil führende Betriebe der Branche wie Engelhardt & Schleu/Beuel a. Rhein, Frismann & Co./Breisach, Baden, Flammersheim & Steinmann/Köln-Zollstock, Hansa, Iven & Co./Altona-Ottensen, Heeder & Co./Krefeld, Hinderer & Thomas/Krefeld, R. Langhammer Nachf./Leipzig-Lindenau, Papier- und Tapetenfabrik Bammental/Bammental, Baden, Gebr. Rasch & Co./Bramsche b. Osnabrück, Aug. Schütz/Wurzen i. Sa., Tapetenfabrik Großheim/Elberfeld, Chemnitzer Tapetenfabrik (Austritt 1912) Max Langhammer/Chemnitz, Druckmaschinenwerke Altona/Altona, Hansata-Lincrustawerke/Altona-
73 74 75 76 77 78 79 80
Vgl. ebd., S. 143, Sp. 2. Vgl. Buck, Firmen- und Familiengeschichtliches, S. 38. Vgl. Kilger, Wirtschaftliche Bedeutung der Tapete, S. 145, Sp. 1. Vgl. hierzu auch Eduard Liepmann, Die monopolistische Organisation in der deutschen Tapetenindustrie, Darmstadt 1913; Angabe nach Schöller, Kartelle, S. 20 ff. Schöller, Kartelle, S. 20. Kilger, Wirtschaftliche Bedeutung der Tapete, S. 147, Sp. 1. Vgl. ebd.Kilger, Wirtschaftliche Bedeutung der Tapete, S. 147, Sp. 2. Vgl. Salzmann, Die Papierindustrie, S. 142.
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Ottensen sowie Lincrustawerke Walton & Co./Hannover. Die einzelnen Abteilungen der Tiag behielten innerbetrieblich weitgehend ihre Selbständigkeit.81 Der durch die Gründung der Tiag einsetzende (vor allem) Preiskampf zwischen der AG, den Außenseitern und den Händlern ging zu Ungunsten der Hersteller aus.82 Unter den Außenseitern wurde von 32 Firmen Ende Mai 1908 als Gegenmaßnahme zur Tiag in Chemnitz der Verein Deutscher Tapetenfabrikanten/VDT gegründet. Damit existierten zwei Hersteller-Verbände, die, zusammen mit den Tiag-Werken als drittem Marktteilnehmer, in scharfer Verdrängungskonkurrenz zueinander standen. Am 31. Mai 1909 veröffentlichte die Tiag ihren Geschäftsbericht u. a. mit der Feststellung: „Das verflossene Geschäftsjahr [1908] stand unter dem Zeichen des Kampfes in der deutschen Tapetenindustrie, und zwar eines Kampfes, wie ihn die Branche noch nicht durchgemacht hat.“83
Vier Wochen vor der Veröffentlichung des Tiag-Geschäftsberichtes hatte der Vorsitzende des „Hauptvereins Deutscher Tapetenhändler“ eine Versammlung von Fabrikanten und Händlern einberufen. Das Ergebnis dieser Versammlung war die Wiederbelebung des Tapeten-Rings (Hersteller, Händler) und der Zusammenschluss der beiden konkurrierenden Hersteller-Verbände zum „Kartell Deutscher Tapetenindustrieller“, der am 22. Mai 1909 vollzogen wurde. Alleiniger Zweck des Kartells war die Regelung von Preisen und die Festlegung von Konventionen. Zum Kartell gehörten die 24 Mitglieder des Vereins Deutscher Tapetenfabrikanten/VDT sowie 14 Tiag-Abteilungen (12 Tapeten-Hersteller, zwei Lincrusta-Fabriken). Dem Kartell nicht angeschlossen waren 16 Klein- und Mittelbetriebe. Sie standen ihm als Außenseiter gegenüber.84 Aber auch dieses Kartell blieb nach anfänglichen Erfolgen85 schließlich weitgehend ohne Wirkung.86 „Zu einer Sanierung der Verhältnisse hat der Ring in keinem Fall geführt.“87 Im April 1911 erklärten fünf Mitgliedsfirmen ihren Austritt. Damit war die Auflösung des Kartells eingeleitet. Nach der vollständigen Auflösung des Kartells bestand die Tiag weiter. Aber auch sie musste im Geschäftsjahr 1909/10 einen Verlust in Höhe von über 3 Mio. M. hinnehmen. Im September 1910 schied als erstes Mitgliedsunternehmen Hans, Iven & Co./AltonaOttensen aus. Damit war auch die Auflösung der Tiag eingeleitet, die förmlich zunächst jedoch bis April 1911 weiter bestand.88 Das Dauerthema Gründung/Auflösung von Vereinen/Verbänden/Kartellen der TapetenIndustrie war damit nicht beendet. Am 8. März 1911 schlossen sich 31 Fabriken zum Kartell des „Verbandes Deutscher Tapetenfabrikanten“ zusammen. Diesem Kartell standen 24 nicht kartellierte Hersteller gegenüber.89 Der Verband konnte sich jedoch bis zum Ende des Ersten Weltkrieges halten. Während des Krieges verzichteten die Mitglieder 81 82 83 84 85 86
Vgl. Kilger, Wirtschaftliche Bedeutung der Tapete, S. 147, Sp. 2 f. Vgl. Salzmann, Die Papierindustrie, S. 142 f. Zit. nach Heinrich Olligs, Tapeten, Braunschweig 1969, Bd. III, S. 148, Sp. 2. Vgl. Kilger, Wirtschaftliche Bedeutung der Tapete, S. 149, Sp. 2. Vgl. Salzmann, Die Papierindustrie, S. 143. Vgl. Trautwein, Organisationen, S. 57 ff. In den 1920er Jahren gab es den TapetenfabrikantenVerein mit Sitz in Berlin sowie den Verband Deutscher Tapetenfabrikanten, ebenfalls mit Sitz in Berlin; vgl. Papier-Adressbuch, Berlin 1926, S. XXXIV. 87 Demuth, Papierindustrie, S. 282. 1896 gab es in der Papierindustrie 19 Kartelle, 1906 waren es nur noch sechs; vgl. Trautwein, Organisationen, S. 24. Trautwein bezieht sich bei dieser Angabe auf Robert Liefmann, Kartelle und Trusts, 4. Aufl., Stuttgart 1920. 88 Vgl. Weiß, Zeittafel, S. 410. 89 Vgl. Kilger, Wirtschaftliche Bedeutung der Tapete, S. 152, Sp. 1.
184 Teil I – Papierverarbeitung im 19. und 20. Jahrhundert des Verbandes darauf, neue Kollektionen zu entwerfen und herauszubringen. Einige Betriebe dieser als nicht kriegswichtig eingestuften Branche wurden gleich nach Kriegsbeginn stillgelegt. Trotzdem blieb das Angebot als Folge der vorangegangen Überkapazitäten, des nahezu völligen Zusammenbruchs der Binnennachfrage und des erheblich eingeschränkten Exports noch lange Zeit erhalten. Durch den Verzicht auf neue Kollektionen konnten auch die Kosten und damit Preise stabilisiert werden. 1917 organisierten sich die freien Tapetenhersteller parallel zum „Verband der gesamten Tapetenindustrie“ im „Tapetenfabrikantenverband e. V.“ mit Sitz in Berlin.90 Kurz vor Kriegsende schlossen sich auch die nicht kartellierten Betriebe dem Verband an. „Wahrscheinlich befürchteten sie, dass [...] der Wettbewerbsdruck wieder von neuem beginnen könnte.“91 Nach Ende des Ersten Weltkrieges konnten viele Teilnehmer des Tapetenmarktes keine Vorteile mehr darin erkennen, organisiert zu sein. Trotzdem gab es drei Verbände der Tapetenindustrie und des Handels. Sie hatten vor allem versucht, mit den Folgen der Inflation, mit dem nahezu völligen Zusammenbruch der Exportmärkte, mit den rücksichtslos durchgesetzten Dumpingpreisen der französischen Tapetenindustrie und schließlich mit der Weltwirtschaftskrise – vor allem aber mit dem Problem der Außenseiter (das dann endgültig erst unter dem NS-Regime „gelöst“ wurde) – fertig zu werden.92
Briefumschlag-/Papierausstattungs-Industrie Ein weiteres Beispiel dafür, dass Kartelle nicht als Freundschaftsvereinigungen gegründet wurden, sondern als wirtschaftliche Zweck- und Interessenverbände, bietet die Briefumschlag-Industrie.93 Bereits Mitte der 1880er Jahre gab es in der Branche Bestrebungen, ein Kartell zu bilden.94 1890 kam es in Frankfurt/M. zur Bildung der „Vereinigung deutscher Briefumschlag-Fabrikanten“.95 Zweck der Vereinigung sollte es vor allem sein, höhere Preise und günstigere Verkaufsbedingungen durchzusetzen. Diese Vereinigung löste sich noch im selben Jahr wieder auf, da die allgemeine Marktlage des Jahres 1890 die rücksichtslose Durchsetzung von Einzelinteressen beförderte. Nach der Auflösung der Vereinigung herrschte auf dem deutschen Briefumschlagmarkt völlige Anarchie und Willkür, die als „üble Gesetze des freien Wettbewerbs“ beschrieben wurden.96 Durch die „wilde Konkurrenz“ schien ein ganzer Industriezweig gefährdet. Diese Situation hielt bis Mitte der 1890er Jahre an. 1896 wurde von 18 Unternehmern in Elberfeld der „Verein deutscher Briefumschlagfabrikanten“/VdB gegründet. Absicht des Vereins war, insbesondere durch Preiserhöhungen und Produktionseinschränkungen wieder Ruhe und Ordnung in den Markt zu bringen.97 Mit dieser Zielsetzung hatte der 90 Vgl. Schöller, Kartelle, S. 21 f. 91 Vgl. ebd., S. 22. 92 W. Kilger, Wirtschaftliche Bedeutung der Tapete, S. 152, Sp. 2; Kilger bezieht sich bei seinen Angaben für die Zeit des Ersten Weltkriegs ausschließlich auf: Gisela Adenauer, Preispolitik und Selbstkostenrechnung in der deutschen Tapetenindustrie, Diss., Köln 1944; vgl. auch Schöller, Kartelle, S. 19 f. 93 „In der eigentlichen Papierverarbeitungsindustrie finden wir den Gedanken des Zusammenschlusses noch recht wenig entwickelt. Zu einem gewissen Erfolge hat es hier eigentlich nur die Briefumschlagindustrie gebracht.“ Salzmann, Die Papierindustrie, S. 144. 94 Vgl. Schöller, Kartelle, S. 30. 95 Vgl. Kühl, Briefumschlag-Industrie, S. 45. 96 Ebd. 97 Vgl. ebd., S. 47.
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Verein einen kartellartigen Charakter (Preis-, Konditionen-Kartell) angenommen. Wegen mangelnder Einigkeit und Disziplin der Mitgliedsfirmen scheiterte jedoch nach kurzem Bestehen auch dieser Verein. 190098 wurde in Frankfurt/M. erneut der Versuch eines Zusammenschlusses unternommen. Dem nunmehr erfolgreich wiederbelebten VdB, „der sich sehr zum Heile der Hersteller gehalten“ hatte99, gehörten 33 Mitgliedsfirmen an. Das entsprach einem Anteil von 90 Prozent der gesamten Branche. Nach dieser Neugründung nahm der Verein endgültig einen kartellartigen Charakter an, legte Preise sowie Zahlungs- und Lieferbedingungen (so genannte „Konditionen“) für das klar umrissene Branchensortiment (Briefumschläge, Versand- und Mustertaschen, Lohnbeutel sowie Briefmappen) verbindlich fest und setzte diese in der Folge am Markt durch. Dem Verein waren schon kurz nach der Gründung 36 Betriebe angeschlossen.100 Das war im Wesentlichen und nur mit Ausnahme kleinerer, unbedeutenderer Betriebe die Gesamtheit der Branche. Selbst freie „Außenseiter“ waren von Zeit zu Zeit dem Verein assoziiert. Das Kartell konnte nach Einschätzung von Paul Schöller schließlich „wohl als das bedeutendste und stabilste Kartell der Papierverarbeitung angesehen werden [... und hatte] einer Reihe von Kartellen der Papierverarbeitung als Vorbild gedient.“101 Die Voraussetzungen dafür waren jedenfalls günstig: Die einzelnen Betriebsgrößen der Branche waren im Vergleich zu den anderen Zweigen der industriellen Papierverarbeitung, insbesondere auch zur Papierwaren-Industrie, nur unwesentlich unterschiedlich. In ihrer streng reduzierten Produktions-Struktur war sich die Briefumschlag-Industrie sehr ähnlich und mit ihrer übersichtlichen Anzahl der Betriebe102 war sie relativ leicht zu koordinieren.103 Diese Voraussetzungen ermöglichten einen Grad an Geschlossenheit, aufgrund derer ein System von bindenden (jedoch äußerst umstrittenen) Treuerabatten gegenüber den Kunden und ein einheitliches System von Produktions-/ Umsatz-Kontingentierungen erwuchs. Dem Verein war es u. a. bereits im Gründungsjahr gelungen, mit dem im selben Jahr 1900 gegründeten „Verein deutscher Couvertpapierfabrikanten“ einen Exklusivvertrag über Papierlieferungen ausschließlich an Mitgliedsfirmen des VdB abzuschließen.104 Der Papierausstattungs-Industrie als einem „Anhängsel der Briefumschlag-Industrie“105 gelang es erst 1916, eine „Konvention der Vereinigung deutscher Papierausstattungsfabriken“ zu gründen. Diese Konvention konnte lediglich Konditionen verbindlich regeln. Eine Preisregelung war nur auf der Basis eines einheitlichen Kalkulations-Verfahrens möglich, da die besseren Sorten keine Typenfestsetzung zuließen.106 Zwischen 1902 und 1906 wirkte sich die wirtschaftliche Depression auch auf die Mitgliedsfirmen des VdB verschärfend aus.107 An der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert 98 99 100 101 102 103 104 105 106 107
1900: Gründung des Vereins Deutscher Couvertpapierfabrikanten. Vgl. Weiß, Zeittafel, S. 434. Demuth, Papierindustrie, S. 282. Vgl. Schöller, Kartelle, S. 30 f. Ebd., S. 31. 1920 gab es in Deutschland 67 Betriebe zur Herstellung von Briefumschlägen mit knapp 5500 Beschäftigten. Damit hatte sich die Zahl der Betriebe innerhalb von 30 Jahren seit 1890 ziemlich genau verdoppelt und die Anzahl der Beschäftigten vervierfacht; vgl. Schöller, Kartelle, S. 30. Vgl. Schöller, Kartelle, S. 34. Vgl. ebd. Vgl. ebd. Vgl. ebd., S. 36. Besonders im Jahre 1904 blieb die Phase „nicht ohne heftige Kämpfe, und Zeiten des Verlustes waren nicht vermeidbar“. Salzmann, Die Papierindustrie, S. 145.
186 Teil I – Papierverarbeitung im 19. und 20. Jahrhundert wurden in Deutschland täglich fünf Mio. Briefumschläge hergestellt. In dieser Zeit lag der Exportanteil für Briefkuverts bei 50 Mio. RM.108 Diese Zahlen erlauben jedoch keinen Aufschluss über die Gesamtlage der Branche um 1900. Nach Paul Schöller waren die „ersten Jahre des 20. Jahrhunderts [...] für die Briefumschlagindustrie sehr schwierig.“109 Die Nachfrage am Binnenmarkt lag wesentlich unterhalb den Produktionsmöglichkeiten, desgleichen die Nachfrage aus dem Ausland. Die Branche litt zudem unter der Unsicherheit über die Preisentwicklung bei den Rohstoffen, was wiederum die Abnehmer zurückhaltend reagieren ließ. Für viele Betriebe lag die Lösung des Problems im Austritt aus dem VdB, um sich dem freien Wettbewerb zu stellen. So musste der Verein u. a. Anfang Mai 1904 mitteilen, dass die (zum Teil) bedeutenden Hersteller H. C. Bestehorn/Aschersleben, C. R. Bergmann/Berlin, Albert Labus/Berlin, Schwan & Co./Berlin sowie die Neuwieder Couvertfabrik/Neuwied ausgetreten waren und „dass der Verein deshalb für die weiteren Bezüge von diesen Firmen eine Jahres-Umsatzprämie nicht mehr vergütet.“110 Der Mangel an Aufträgen hatte schließlich vielfach eine Verkürzung der Arbeitszeit in der gesamten Branche zur Folge.111 Im staatlichen Gefängnis Berlin-Tegel war um 1900 eine Briefumschlag-Fabrik größeren Umfangs errichtet worden. Sie versorgte zunächst die Justiz-, später alle preußischen Behörden und schließlich wurden Briefumschläge auch an Behörden außerhalb Preußens sowie an Private geliefert.112 In der Branche kam es dadurch zu spürbaren Verschlechterungen der Absatzverhältnisse mit der Folge von Vertrauensverletzungen und Vertragsbrüchen innerhalb des Kartells.113 „Einen sehr gefährlichen Außenseiter hatte [um 1900] die [Briefumschlag-]Konvention durch die Konkurrenz der Strafgefangenen. Es wurden von Unternehmern Briefumschläge auf den Markt gebracht, die sie in Strafanstalten herstellen ließen und die 10-15% billiger waren, als der Briefumschlagfabrikant sie herstellen konnte.“114
Dagegen hatte sich der VdB in wiederholten Eingaben an die Behörden zwar gewehrt, erreichen konnte er schließlich aber nur, dass die in den Strafanstalten hergestellten Briefumschläge nur noch im preußischen Behördenverkehr eingesetzt wurden. Damit war zwar die Preis-„Schleuderei“ der freien, nicht kartellierten Anbieter unterbunden, aber die kartellierten Anbieter hatten damit auch ihre besten Kunden, die Behörden, „fast vollkommen“ verloren.115 Viele private, vor allem kartellungebundene Papierverarbeiter nutzten die Möglichkeit der Auftragsvergabe an Strafanstalten. Ausschlaggebend dafür war fast immer der günstige Abnahmepreis. Zahlreiche Betriebe fühlten sich vom Verein nicht mehr hinreichend vertreten und verließen ihn.116 Bis 1911 konnte der VdB mit 45 Unternehmen jedoch wieder 95 Prozent der Branche erreichen. 108 Vgl. Pieske, ABC des Luxuspapiers, S. 195; vgl. auch Weissenfels, Standorte, S. 18. 109 Schöller, Kartelle, S. 31. 110 Zirkular „Im Namen des Vereins deutscher Briefumschlagfabrikanten“, Düsseldorf 5.5.1904, im Besitz des Verf. 111 Vgl. Schöller, Kartelle, S. 31; Schöller zitiert hier einen Bericht der Handelskammer Elberfeld aus dem Jahre 1901. 112 Vgl. u. a. Kühl, Briefumschlag-Industrie, S. 57 113 Vgl. ebd., S. 48. 114 Schöller, Kartelle, S. 31. 115 Vgl. ebd. 116 So erging am 5.5.1904 ein Zirkular im Namen des VdB, nach dem die Firmen H. C. Bestehorn/Aschersleben, C. H. Bergmann/Berlin, A. Labus/Berlin, Schwan & Co./Berlin und die Neuwieder Couvertfabrik dem Verein ab sofort nicht mehr angehörten und er „deshalb für die
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Um 1911 hatte das Kartell wieder „einen recht günstigen Stand“ erreicht.117 Ein Faktor für das Zusammenhalten der Konvention lag vor allem in der konsequenten Anwendung der gerade in Mode gekommenen Treuerabattbestimmung. Nach ihr waren solche Abnehmer, die sich verpflichteten, auf ein Jahr nur von Mitgliedern der Konvention zu kaufen, berechtigt, zehn Prozent Treuerabatt vom Nettobetrag der Rechnung abzuziehen. Der Kunde hatte sich damit verpflichtet, sich für die nächsten zwölf Monate den Konventionsbestimmungen zu unterwerfen. Bei Verstoß musste er alle Abzüge für ein Jahr zurückzahlen. Dieses Verfahren hatte durch einen Entscheid des Kammergerichts bindende Kraft.118 Um 1914 konnten einige Betriebe in Einzelleistung die tägliche Menge der gesamten deutschen Briefumschlag-Industrie aus der Zeit um 1900 erreichen.119 Der Gesamtwert der Produktion wurde auf 10 Mio.120 Goldmark jährlich geschätzt.121 Der Erste Weltkrieg „brachte eine starke Steigerung der Nachfrage nach Briefumschlägen.“122 Die Hersteller nutzten die Situation und erhöhten die Preise – gegen den Widerstand des Handels.123 Als 1919 der Arbeitgeberverband der Papierverarbeitungsindustrie (Api) gegründet wurde124, hatte der VdB daran einen maßgeblichen Anteil. Der VdB galt als typisches Beispiel für eine Kartellbildung zur Preis- und Konditionengestaltung mit Absatzverteilung und Gewinnausgleich. Der VdB trug damit die Tendenz zu einem Syndikat in sich. Um 1930 gab es neben dem VdB noch den Reichsverband der Briefumschlagindustrie (RdB).125 1923 gründeten in Berlin-Charlottenburg mehrere Produzenten aus dem Bereich der Briefumschlag-/Papierausstattungs-Industrie die Vereinigung deutscher PapierausstattungsFabrikanten. Ziel der Vereinigung war es, ein Kartell zur Festsetzung von Konditionen, Mindestpreisen und zur Vereinheitlichung der Sorten zu bilden. Diese Vereinigung hatte wenig Erfolg, da sich wegen des besonderen Charakters dieser Sparte „eine Bindung nicht durchsetzen ließ.“126. Ein von außen hereingetragenes Problem zwang am 25. August 1899 die gesamte Branche zur Gründung der „Zollvereinigung des Papierfachs“ (Erzeugung, Verarbeitung, Handel).127 Die Ausfuhr von mit Produkten dieses Industriezweiges hatte seit den 1870er Jahren erheblich zugenommen und es war innerhalb der Papierwirtschaft zu Meinungsverschiedenheiten vor allem bei der Abwicklung des Zahlungsverkehrs gekommen.128
117 118 119 120 121 122 123 124 125 126 127 128
weiteren Bezüge von diesen Firmen eine Jahres-Umsatzprämie nicht mehr(vergüte)“; vgl. Simnos und Frech, Düsseldorf, 5.5.1904, im Besitz des Verf. Mit C. H. Bestehorn verließ den Verein einer der bedeutendsten Hersteller. Vgl. Salzmann, Die Papierindustrie, S. 145. Vgl. ebd. Vgl. Kühl, Briefumschlag-Industrie, S. 38. Goldmark = Recheneinheit im Verhältnis z. B. zum Dollar. Vgl. Hellmuth Helwig, Die Entwicklung. In: AAfB, 8/1956, S. 317, Sp. 2. Schöller, Kartelle, S. 35. Vgl. ebd. Bis 1945 unter der Adresse Berlin W 35, Potsdamer Straße 36. Vgl. Weissenfels, Standorte, S. 124. Die mit der Briefumschläge herstellenden Industrie eng verbundene Papierausstattungs-Industrie gründete 1923 in Berlin-Charlottenburg die Vereinigung deutscher Papierausstattungs-Fabrikanten; vgl. ebd. Vgl. ebd., S. 124 f. Vgl. u. a. Reitzel, Papierausstattungs-Industrie, S. 62. Insbes. infolge der Kämpfe bei der Berechnung in sog. „Mark-“ oder „Auslandswährung“; zu den Ein- und Ausfuhrmengen der Papier verarbeitenden Industrie in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg s. auch Abschn. „Papierverarbeitung – 1900–1933“ der v. A.
188 Teil I – Papierverarbeitung im 19. und 20. Jahrhundert Der Zollvereinigung gelang es, besonders ungünstige Vertragsbedingungen abzubauen und viele Zollschikanen zu beseitigen.129 Am 25. Februar 1902 trennte sich die Papier erzeugende Industrie wegen unüberbrückbarer Interessenkonflikte von der Papier verarbeitenden Industrie. Die Vereinigung nannte sich fortan „Vereinigung für die Zollfragen der Papier verarbeitenden Industrie und des Papierhandels“. In der Satzung der Vereinigung dieser exportintensiven Sparten hieß es: „Die Vereinigung hat den Zweck, die wirtschaftlichen Interessen aller deutschen Papier und Pappe verarbeitenden Gewerbe, einschließlich aller graphischen Gewerbe, des Kunstbuchs und Zeitungsverlags sowie des Papier- und Pappengroßhandels zu fördern und wirksam zu vertreten.“130
Dazu gehörten Fragen des Verkehrswesens, des gewerblichen Rechtsschutzes, des Ausstellungswesens und der Handelsgebräuche. Im Mittelpunkt der Vereinsaktivitäten standen unter der Geschäftsführung von Eugen Hager jedoch Fragen und Probleme der Zollverhältnisse sowie der Handelsverträge. Nach der Trennung der Zollvereinigung 1902 schlossen noch im selben Jahr die neue Vereinigung mit dem Papier-Industrie-Verein (PIV) ein Abkommen ab, nach dem auch die (vor allem Verwaltungs-)Aufgaben des PIV der Zollvereinigung übertragen wurden. Die Vereinigung für die Zollfragen der Papier verarbeitenden Industrie und des Papierhandels und des PIV wurden unter eine gemeinsame Leitung in der Person von Max Krause gestellt. 1906 erklärten die Papiererzeuger auch förmlich ihren Austritt aus dieser Vereinigung.131 Der PIV, der den Kreditschutz als seine Hauptaufgabe ansah, hatte darüber hinaus gemeinsame Angelegenheiten der Papier verarbeitenden Industrie nach außen vertreten und Vorschläge für Verordnungen, Gesetzesvorlagen usw. vorbereitet. Auf diese Weise konnte er die einzelnen Verbände bis zu einem gewissen Grad zusammenhalten. Bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges trafen sich die Vertreter dieser Vereinigung regelmäßig am Hauptsitz des PIV am Nollendorfplatz in Berlin, um jeweils anlässlich der Jahresversammlungen auch über den ursprünglichen Gründungszweck hinausgehende Themen zu beraten.132 In diese Zeit fällt auch die Prägung des Begriffes „Papierverarbeitung“.133 1899 wurde in Kassel die Vereinigung deutscher Fabrikanten von pharmazeutischen Kartonagen und Papierwaren, die ihren Sitz in Stuttgart hatte, gegründet. Dieser Vereinigung gehören 18 Mitgliedsfirmen an.134 „1900 versuchten die Tüten- und Beutel- sowie die Kartonagenindustrie Mindestpreise durchzusetzen. Der Versuch mißlang.“135
129 Vgl. Krause, Einige Erinnerungen, S. 3975. 1926 umfasste diese Vereinigung unter dem Namen „Außenhandelsverband der Papier verarbeitenden Industrie“ 27 Verbände; vgl. ebd.; der Außenhandelsverband hatte bis 1945 die Anschrift Berlin W 30, Nollendorfplatz 1. Unter derselben Anschrift waren in den 1920er Jahren der Bund Deutscher Vereine des Druckgewerbes, der Verlage und der Papierverarbeitung sowie der Papier-Industrie-Verein/ PIV verzeichnet; vgl. Papier-Adressbuch von Deutschland, Berlin 1926, S. XXXIII. 130 Vgl. u. a. Reitzel, Papierausstattungs-Industrie, S. 62. 131 Vgl. u. a. ebd., S. 63 f. 132 Ab 1927 nannte sich der Verein „Außenhandelsverband der Papier verarbeitenden Industrie“ und umfasste 119 Einzel- und 16 Körperschaftsmitglieder mit rund 26 000 angeschlossenen Betrieben. 133 Dieser Begriff geht auf den Begründer der Papier-Zeitung (gegr. 1876), Carl Hofmann, zurück; vgl. Krause, Einige Erinnerungen, S. 3958. 134 Vgl. Weissenfels, Standorte, S. 126; vgl. auch Papier-Adressbuch, Berlin 1926, S. XXXV. 135 Demuth, Papierindustrie, S. 282.
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Tüten-/Beutel-Industrie – 2. Versuch (1900) Auf einer Versammlung der norddeutschen Tütenfabrikanten am 11. Februar 1900 in Hannover wurde u. a. die Festlegung von Mindestpreisen für den norddeutschen Gau beschlossen und die Gründung eines gesamtdeutschen Verbandes der Tütenfabrikanten vorgeschlagen. Dieser Vorschlag wurde von der Papier-Zeitung am 4. März als Aufruf veröffentlicht.136 Wie bereits 1882 wurde auch diese Initiative der Tütenfabrikanten von der Papier-Zeitung tatkräftig unterstützt. Sie schlug als Gründungstermin für einen Gesamtverband den 8. April 1900, als Gründungsort Berlin und als Bezeichnung „Verband Deutscher Dütenfabrikanten“ vor und versprach, sich um die Organisation zu kümmern. Dieser Aufruf fand spontan allgemeine Zustimmung. Für den 7. April hatten die nordund ostdeutschen Sektionen eine gemeinsame Versammlung angesetzt, damit alle Teilnehmer auch an der für den 8. April 1900 geplanten Versammlung aller deutschen Tütenfabrikanten teilnehmen könnten. Auch mit der Teilnahme des hannoverschen Verbandes wurde gerechnet. Am 29. März forderte die Papier-Zeitung die Vorstände der ost- und norddeutschen, sächsisch-thüringischen, hannoverschen, rheinisch-westfälischen und süddeutschen Verbände auf, zu den Vorschlägen der Redaktion Stellung zu nehmen.137 Am 5. April veröffentlichte die Papier-Zeitung eine Einladung der Vereinigung ostund norddeutscher Dütenfabrikanten zu einer Versammlung am 7. April in Berlin, Potsdamer Straße. Auf der Tagesordnung standen die Berichte der einzelnen Gauversammlungen und die Vorbereitung zur allgemeinen Versammlung aller deutschen Tütenfabrikanten am folgenden Tag.138 In derselben Ausgabe der Papier-Zeitung vom 5. April lud der Verein Berliner Papiergroßhändler und Dütenfabrikanten (Vorsitz: W. Wahrburg) alle deutschen Tütenfabrikanten zu einer Versammlung am 8. April 1900, vormittags 10 Uhr in Berlin, Unter den Linden, ein. Der wichtigste Tagesordnungspunkt war der Zusammenschluss der Regionalverbände zu einem „Verband Deutscher Dütenfabrikanten“.139 An der Gründungsversammlung nahmen, vertreten vor allem durch die größeren Betriebe, alle deutschen Sektionen140, mit Ausnahme derjenigen Süddeutschlands, teil.141 Zum Vorsitzenden wurde W. Wahrburg gewählt. Der Hauptverband sollte seinen Sitz in Berlin haben. Das Präsidium sollte aus sechs Mitgliedern bestehen. Alle Beschlüsse der einzelnen Sektionen sollten jeweils dem Präsidium (der „Central-Leitung“) gemeldet werden.142 „Dieser Verband war ein ausgesprochener Fachverein, dem jeglicher Kartellcharakter 136 137 138 139 140
Vgl. Papier-Zeitung, Nr. 18/1900, S. 643, Sp. 1. Vgl. Papier-Zeitung, 25/1900, 29.3.1900, S. 910, Sp. 1. Vgl. Papier-Zeitung, Nr. 27/1900, 5.4,1900, S. 982, Sp. 2. Vgl. ebd. 1. Berlin und Vororte; 2. Brandenburg, Vorpommern und Stettin; 3. Schlesien, Reg.-Bez. Posen; 4. Rheinland, Westfalen, Hessen-Nassau; 5. Hannover, Bremen, Braunschweig, Oldenburg; 6. Sachsen, Thüringen; 7. Süddeutsche Sektion (Bayern, Württemberg, Baden, Elsass-Lothringen, Rheinpfalz); 8. Sektion Ost- und Westpreußen, Reg.-Bez. Köslin, Bromberg; 9. Sektion Hamburg, Lübeck, Mecklenburg, Schleswig-Holstein; vgl. Papier-Zeitung, Nr. 29/1900, 12.4. 1900, S. 1059, Sp. 1 f.; zu den Namen der teilnehmenden Firmen vgl. ebd. 141 Die süddeutsche Sektion hatte für den folgenden Tag, den 9. April, zu einer Versammlung nach Stuttgart eingeladen. Sie sandte eine Grußbotschaft an die Gründungsversammlung nach Berlin und sagte zu, alle dort vereinbarten Beschlüsse zu unterstützen; vgl. Papier-Zeitung, Nr. 29/ 1900, 12.4.1900, S. 1058, Sp. 1. Die bayerischen Papierwaren-Fabrikanten hatten zu einer Versammlung am 11.4.1900 in München eingeladen, um Preiserhöhungen für Tüten durchzusetzen; vgl. Papier-Zeitung, Nr. 18/1900, 4.3.1900, S. 643, Sp. 1. 142 Vgl. Papier-Zeitung, Nr. 29/1900, 12.4.1900, S. 1057 f.
190 Teil I – Papierverarbeitung im 19. und 20. Jahrhundert fehlte“143, der somit weder Preise noch Konditionen verbindlich festlegte, insgesamt aber durch Richtpreise doch Preiserhöhungen bewirkte. Am selben Tag, am 8. April 1900, veröffentlichte die Papier-Zeitung eine Einladung der Konvention westdeutscher Dütenfabrikanten (Leitung Wilhelm Winckel, Berleburg) zu einer Versammlung am 17. April in Köln. Einer der Tagungsordnungspunkte war ein allgemeiner Erfahrungsaustausch, ein anderer – der wahrscheinlich wichtigste, weil schwierigste – das Verhalten bei Abweichen von der Preiskonvention durch Mitglieder, insbesondere aber durch Nichtmitglieder.144 An der mangelnden Geschlossenheit aller Marktteilnehmer und an der mangelnden Disziplin bei der Einhaltung der Konventionen waren fast alle Kartelle des Papierfachs immer wieder gescheitert. Die Durchsetzung der Preis- und Markt-Kartelle hätte gleichzeitig auch das Ende des Wettbewerbs und damit das Endes Marktes bedeutet. Am 12. Mai 1900 fand in Breslau eine Versammlung der Papierwarenfabrikanten von Schlesien und Posen statt.145 Beschlossen wurde, eine Sektion für die Provinzen Schlesien und Posen mit Sitz in Breslau zu gründen und dem Verband Deutscher Dütenfabrikanten beizutreten. Der Jahresbeitrag sollte 20 M. betragen. Bis auf weiteres wurden Mindestpreise festgesetzt.146 Anfang Juni 1900 lud der Vorsitzende des Verbandes Deutscher Dütenfabrikanten, W. Wahrburg/Berlin, zu einer Generalversammlung am 16. Juni nach Berlin ein. Es sollte Bericht über die bisherigen Erfolge der einzelnen Sektionen erstattet werden, zudem waren die Verbands-Statuten zu verabschieden.147 Während dieser Versammlung148 konnte W. Wahrburg eine erste positive Bilanz der Verbandsarbeit ziehen. Dazu gehörte vor allem die Zusicherung der Papierfabrikanten (mit einer Ausnahme), zukünftig nur noch mit dem Tütenverband und nicht mehr mit den Verbrauchern direkt zu arbeiten. Ebenso konnte über erste Erfolge bei der Festsetzung von Mindestpreisen in den einzelnen Sektionen berichtet werden, die jeweils auch für Sanktionen bei Verstößen gegen die Festsetzungen zuständig bleiben sollten. Und schließlich wurden die Verbands-Statuten verabschiedet.149 Die nächste Versammlung fand an selber Stelle am 6. Mai 1901 statt. Hier wurde deutlich, dass einige der neu gegründeten Sektionen noch in einer sehr instabilen Verfassung waren, und dass eine Einigung über Mindestpreise häufig nicht herbeigeführt werden konnte. Mehrere Sektionen glaubten gar, aus dem Verband austreten zu müssen, weil ihnen der Anschluss an die Zentrale „nicht direkt opportun erschien“150. Die nächste Versammlung sollte in Düsseldorf stattfinden.151 In der Folgezeit fanden nur noch vereinzelte Versammlungen statt. In der Hauptsache auf der Ebene der Berliner Sektion (und 143 Schöller, Kartelle, S. 47. 144 Vgl. Papier-Zeitung, Nr. 28/1900, 8.4.1900, S. 1027, Sp. 2. 145 Teilnehmende Firmen waren Wilhelm Theuner/Liegnitz, Martin & Müller/Glogau (Schlesien), Grünwald & Rosenheim Hirschberg (Schlesien), Neumerkel & Co./Hirschberg (Schlesien), Th. Jos. Hilbrich Nachf., Breslau, Otto & Gerhardt, Breslau, Scholz & Mumm, Breslau, Rich. Chutsch, Breslau, F. K. Ziolkowsky, Pleschen; vgl. Papier-Zeitung, Nr. 41/1900, S. 1498, Sp. 1. 146 Vgl. Papier-Zeitung, Nr. 41/1900, S. 1498, Sp. 1. 147 Vgl. u. a. Papier-Zeitung, Nr. 44 und 45/1900. 148 An der Versammlung waren inzwischen nicht mehr alle Sektionen unmittelbar vertreten, vielmehr erklärten sich die abwesenden in schriftlichen Adressen solidarisch; vgl. Papier-Zeitung, Nr. 50/1900, 24.6.1900, S. 1838, Sp. 1. 149 Vgl. Papier-Zeitung, Nr. 50/1900, 24.6.1900, S. 1838, Sp. 1. 150 Vgl. Papier-Zeitung, Nr. 39/1901, 16.5.1901, S. 1441, Sp. 1. 151 Vgl. ebd.
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nicht mehr im Gründungslokal Unter den Linden). Die Entwicklung positiv beschwörend stellte Wahrburg im April 1903 in der Papier-Zeitung fest, dass sich die Lage im „Dütenfach“ zum Besseren gewendet hätte. Er vermisste jedoch den aufrichtigen Willen aller – vor allem der kleineren und mittleren – Fabrikanten zur Mitarbeit.152 1903/04 lautete die endgültige Bilanz jedoch, dass alle Versuche, eine geschlossene Haltung zu erreichen, gescheitert waren, und dass die vereinbarten Mindestpreise „kaum innegehalten wurden“153. Der Verband war, trotz der allgemein ansteigenden Konjunktur der Jahre 1903 bis 1906, gescheitert. Als Mindesterfolg wurde gewertet, dass er in der Zwischenzeit kollegiale Treffen und Aussprachen ermöglicht, übermäßige Schärfen im Wettbewerb gemildert und zeitweilig für erträgliche Zustände im Fach hatte sorgen können. Im April 1904 erreichten die Tütenpreise erneut eine Tiefstand. Die „Herren Tütenfabrikanten [hatten] sich den Preisrückgang selbst zu verdanken infolge stetiger gegenseitiger Unterbietung“.154 Am Ende des Jahres 1904 sah es im Bereich der Tütenfabrikation „schlimmer aus denn je“.155 Die Papierpreise waren im Laufe des Jahres gefallen und damit auch die Tütenpreise. Als die Papierpreise wieder stiegen, sanken die Tütenpreise immer noch. Zu den notwendigen Konsequenzen, die ein einheitliches Verhalten zugunsten der Tüten-/BeutelFabrikanten notwendig gemacht hätten, waren – als inzwischen durchgängige Erfahrung – nur wenige bereit. Am 2. November 1901 trafen sich in Berlin Vertreter der Dachpappen-Industrie, um den „Verband Deutscher Dachpappen-Fabrikanten“ zu gründen.156 1902157 schlossen sich in Frankfurt/M. die Etikettenhersteller zur Vereinigung Deutscher Etikettenhersteller zusammen.158 1907 gründeten 135 in zwölf Ortsgruppen organisierte Mitglieder mit 4000 Arbeitern und 200 Angestellten in Berlin den Reichsverband der Etui- und FeinkartonagenIndustrie.159 Ebenfalls 1907 und ebenfalls in Berlin erfolgte die Gründung des „Verbandes Deutscher Wellpappenfabriken“.160 Ein Jahr später, 1908, folgte, wieder in Berlin, die Gründung des Zentralverbandes deutscher Kartonagenfabrikanten. Dieser Verband umfasste 1050 Mitglieder in drei Landes-161- und 26 Ortsverbänden mit rund 35 000 Arbeitern und 4000 Angestellten.162 152 153 154 155 156 157 158
159 160 161 162
Vgl. Papier-Zeitung, Nr. 31/1903, 16.4.1903, S. 1080, Sp. 1. Vgl. Demuth, Papierindustrie, S. 282. Vgl. Papier-Zeitung, Nr. 33/04, 24.4.1904, S. 1104, Sp. 1. Vgl. Papier-Zeitung, Nr. 103/1904, 25.12.1904, S. 3837, Sp. 2. Vgl. Der Papier-Fabrikant, Nr. 41/1926, S. 482. Vgl. Pieske, ABC des Luxuspapiers, S. 59. Vgl. Trautwein, Organisationen, S. 39. Anschrift der Vereinigung: Berlin W 9, Potsdamer Straße 13; vgl. Papier-Adressbuch, Berlin 1926, S. XXXIV) und Salzmann, Die Papierindustrie, S. 146: Vereinigung deutscher Etikettenfabriken. Im Papier-Adressbuch von 1904 sind 600 Etikettenhersteller verzeichnet, eine Zahl, die nur noch von den Geschäftsbücher-Herstellern übertroffen wird; 1927 waren es rund 300 Etiketten-Hersteller; vgl. Pieske, ABC des Luxuspapiers, S. 116. Vgl. Weissenfels, Standorte, S. 126. Vgl. Weiß, Zeittafel, S. 444. Z. B. Schutzverband Berliner Schachtel- und Kartonfabriken; vgl. Salzmann, Die Papierindustrie, S. 146. Vgl. Weissenfels, Standorte, S. 126.
192 Teil I – Papierverarbeitung im 19. und 20. Jahrhundert Im selben Jahr 1908 wurde in Berlin von 37 anwesenden Firmenvertretern der Deutsche Papiergroßhändlerverband gegründet. Dabei waren die Feinpapiergroßhändler in der Überzahl. Als Mitglieder wurden – unter Führung Berlins – nur Landesverbände zugelassen. Nach einer (ersten deutschen) Preisvereinbarung aus dem Jahre 1887 war es 1888 in Wuppertal zur Gründung des Vereins Wuppertaler Papiergroßhändler gekommen. Dieser Verein war aus Gründen der örtlichen Wirtschaftsstruktur163 stark auf Packpapier und Pappe konzentriert. Ab 1898 waren erstmalig Papiergroßhandlungen mit Adressen verzeichnet, die jedoch mehr auf spezielle Zusammenstellungen ausgerichtet waren („Papier und Geschäftsbücher, Papier und Schreibwaaren, Packpapier, Düten und Pappewaaren, Papiergroßhandlung und Buchdruckerei“). 1900 war der Verein Berliner Papiergroßhändler gegründet worden, der zunächst noch den Zusatz „und Dütenfabrikanten“ trug. Von 22 Unternehmen gegründet, zählte der Verein bald 50 Mitglieder. 1907 hatten verschiedene Feinpapiergroßhändler einen Verband gegründet.164 Seit Juni 1910 gab es den Verband deutscher Faltschachtelfabriken.165 Ein Jahr vor Beginn des Ersten Weltkrieges wurde 1913 in Berlin-Charlottenburg die Briefordner-Konvention gegründet.166
Ansichtskarten-Industrie Seit den 1890er Jahren hatte sich innerhalb der Papier verarbeitenden Industrie der Bereich Ansichtskarten (Postkarten) zu einem eigenständigen Wirtschaftszweig ausgebildet. Die Wurzeln dieser Industrie reichen bis in das Jahr 1865 zurück.167 Insbesondere für die Hersteller und Vertreiber von Karten nach dem Autochromverfahren kam es noch vor Beginn des Ersten Weltkrieges zur Bildung dauerhafter Konventionen.168 Für die Artikel anderer Druckverfahren war eine solche Konventionsbildung jedoch kaum möglich, da zwischen der Notwendigkeit der Druck-Spezialisierung und einem Breitenangebot des Handels kaum eine Verbindung hergestellt werden konnten. Bei den Kartenherstellern wurde je nach Druckverfahren nach Chromolithographie, Bromsilber,169 Lichtdruck, Autochrom,170 Vierfarbendruck usw. unterschieden. Am zahlreichsten vertreten waren die Hersteller von Vierfarbendrucken. Eine Konventionsbildung in diesem Bereich schien jedoch gerade deshalb besonders schwierig. Lediglich die Anbieter von Chromokarten konnten im Herbst 1910 einen Zusammenschluss als „Vereinigung chromolithographischer Postkartenfabriken“ bilden. Diese Ver163 Vgl. u. a. Abschn. „Briefumschläge“ der v. A. 164 Vgl. Feyerabend, Papiergroßhandel, S. 8 ff. 165 Vgl. Salzmann, Die Papierindustrie, S. 146; Salzmann resümiert, dass es „nur wenige vorhandene Papierverarbeitungskartelle“ gegeben hätte; vgl. ebd., S. 142. 166 Vgl. Weissenfels, Standorte, S. 126. 167 Vgl. Abschn. „Briefumschläge – Ansichtskarten“ der v. A. 168 Alle Angaben zum Bereich Ansichtskarten nach Salzmann, Die Papierindustrie, S. 146 ff. 169 Kopierverfahren durch mechanisierte Herstellung von Photos in großen Stückzahlen („Echt Photo“), die handkolorierte Fassung wurde meist von Frauen in Heimarbeit hergestellt. In Deutschland wurde das Kopierverfahren erstmals in den 1890er Jahren von der Berliner „Neuen Photographischen Gesellschaft“ (NPG) im Großverfahren angewendet; vgl. Pieske, ABC des Luxuspapiers, S. 95 f. 170 Kombination von Buch- und Steindruck; ausführliche Darstellung der Druckverfahren bei der Herstellung von Bild-/Ansichtspostkarten s. insb. Wilhelm Maas, Die AnsichtspostkartenIndustrie in Deutschland, Heidelberg 1922, S. 12 ff.
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einigung umfasste 21 Mitglieder der bedeutendsten Firmen, darunter acht Aktiengesellschaften. Damit waren etwa zwei Drittel der Gesamtproduktion erfasst. Die Konvention setzte insbesondere Mindestpreise fest, räumte Umsatzrabatte zur Treuebildung ein und konnte gleich nach der Gründung eine Preiserhöhung von 20 Prozent durchsetzen. Verstöße gegen diese und weitere Bestimmungen wurden mit hohen Strafen belegt. Die Händler hatten kaum Möglichkeiten, sich gegen dieses Kartell zur Wehr zu setzen. Die etwa 20 bis 30 Hersteller von Bromsilberkarten (teils kolorierte, meist jedoch schwarz-weiße Porträt- und Genremotive in Massenauflagen) begannen im ersten Jahrzehnt des 20. Jahrhunderts mit Einigungsbestrebungen und gründeten schließlich den Verband Photographischer Reproduktionsanstalten (PRA), der 16 Mitgliedsfirmen umfasste. Dieser Vereinigung gegenüber standen die Außenseiter in der Freien Vereinigung Photographischer Reproduktionsanstalten die sich Anfang 1910 jedoch wieder auflöste. Im Herbst 1910 waren im PRA 17 Firmen vereinigt, dem vier Außenseiterfirmen gegenüberstanden. Die Machtstellung des PRA im Verhältnis zu den Abnehmern war Im März 1910 gründeten die Großhändler den Verband deutscher PostkartenGrossisten“ der erheblich stärker war als der des Chromokarten-Kartells. der aus partikularistischen Gefühlsrücksichten171 in Bund deutscher Postkartengrossisten umbenannt wurde. Zum Bund gehörten lokale Unterverbände für Berlin, Hamburg, Dresden, Leipzig, Süddeutschland. Die Einflussmöglichkeiten dieses Verbandes galten als gering. Schließlich bestand um 1910 der Schutzverband der Postkartenindustrie (gegr. 1900, 160 Mitglieder172), der in seiner Bedeutung als Industrieverband für den Gesamtbereich mit dem Verein Deutscher Papierfabrikanten (VDP) verglichen wurde.
Tüten-/Beutel-Industrie – 3. Versuch (1911) Nach eingehenden Beratungen war es am 30. Dezember 1911 im Papierhaus zu Berlin173 zur Gründung des Verbandes deutscher Tüten- und Papierwarenfabriken gekommen.174 An der Gründungsversammlung nahmen 70 Hersteller teil.175 Zweck des schließlich von 44 Beitrittsfirmen gegründeten Verbandes (mit Sitz in Solingen) sollte vor allem sein, die Preisunterschiede infolge des Konkurrenzkampfes zu mildern. Von Beginn an sollten die gemeinsamen wirtschaftlichen Interessen mit dem Ziel der Einführung einer „gerechten Markt- und Preisordnung für Papierbeutel“ auf der Ebene einer Konvention/eines Kartells gefördert werden.176 Dieser Zweck konnte auf nationaler Ebene zunächst aber auch 171 Vgl. Salzmann, Die Papierindustrie, S. 149. 172 Vgl. Pieske, ABC des Luxuspapiers, S. 59. 173 Ungefähr zeitgleich wurde in Karlsruhe von 40 süddeutschen Tüten-/Papierwaren-Fabrikanten eine Preis-Konvention beschlossen; vgl. Schöller, Kartelle, S. 49. 174 Auf Orts-/Landesebene war es 1900 zur Gründung des Vereins Berliner Papiergroßhändler und Dütenfabrikanten gekommen; die Tütenfabrikanten waren jedoch bald wieder abgekoppelt worden; vgl. Feyerabend, Papiergroßhandel, S. 10, Sp. 1. 175 Vgl. Preisrechnungsvorschriften, S. 2. Dieser Verband – zwischen 1929 und 1945: RDP – wurde von der Redaktion als eines der ältesten Kartelle im Bereich der Papierverarbeitung beschrieben; vgl. Preisrechnungsvorschriften, Berlin 1945, S. 3. – Ab 1919 nannte sich die Vereinigung Verband deutscher Tüten- und Beutelfabrikanten. Er hatte seinen Sitz in Solingen und stand unter dem Vorsitz von Martin Stolzmann/Solingen; vgl. Weissenfels, Standorte, S. 126. 176 Vgl. Preisrechnungsvorschriften, Berlin 1945, S. 2; vgl. auch Schöller, Kartelle, S. 49.
194 Teil I – Papierverarbeitung im 19. und 20. Jahrhundert diesmal nicht erreicht werden, da die jeweiligen Marktbedingungen – insbesondere bei der Preisgestaltung – zu unterschiedlich waren. Die Tüten-/Beutelfabrikation war eine sehr spezifische Branche, die in der Hauptsache auf stark differenzierte Musterware aufbaute und damit in der Schwierigkeit stand, für eine Wertberechnung kaum einen Normalpreis festsetzen zu können.177 Hinzu kam eine erhebliche Anzahl von Anbietern, die kaum über eigene Produktionsmöglichkeiten verfügten, sondern vielfach in Lohndruckereien und Strafanstalten ihre Ware fertigen ließen, die sie somit mehr in der Rolle eines Händlers als eines Fabrikanten anboten.178 Das Gewerbe wurde vor dem Hintergrund der vielen Unterschiede in zehn Bezirke aufgeteilt, um so auf die jeweiligen regionalen Eigenheiten besser reagieren zu können. So gab es z. B. eine Reichspreisliste für Stückzahlware, eine Reichspreisliste für Gewichtsware, eine Bezirkspreisliste für Gewichtsware für Groß-Berlin, eine Bezirkspreisliste für Gewichtsware für Hamburg (Nordseeküste) sowie eine Bezirkspreisliste für Gewichtsware der Bezirke Pommern, Grenzmark, Brandenburg (ohne Groß-Berlin), Schlesien, Land und Provinz Sachsen, Thüringen, Anhalt und Hannover. Die Bezirkspreislisten galten jeweils für Mindestpreise. Sie lagen aber teils über, teils unter den Preisen der Reichspreislisten.179 Die überregionalen Interessen des Verbandes wurden von einem Gesamtvorstand wahrgenommen. Dazu gehörte auch ein Versuch, die Maschinenbaubetriebe zu verpflichten, nur an Verbandsmitglieder zu liefern.180 Bei den bestehenden Möglichkeiten der Preisgestaltung war nicht daran zu denken, außergewöhnliche Forderungen durchzusetzen, vielmehr konnte lediglich daran gedacht werden, preisregulierend zu wirken und angemessene Erlöse zu erzielen.181 Der gegenseitige Schutz für die einzelnen Bezirke bestand darin, dass die in diesem Bezirk vereinbarten Preise auch von außerbezirklichen Anbietern respektiert wurden. Die Durchsetzung der Verbandsziele blieb unbefriedigend, da nicht alle Marktteilnehmer (vor allem „Außenseiter“) diese Ziele teilten und bei der großen Verschiedenheit der Marktansprüche, der Papiersorten und der sehr ungleichen Betriebsverhältnisse eine einheitliche Regelung nicht zu erreichen war.182 1925/26 konnte Martin Stolzmann schließlich aber doch feststellen, „dass durch den Verband der gegenseitige kollegiale Verkehr in schöner Weise gefördert wurde, und sich zwischen den Konkurrenten Freundschaftsverhältnisse gebildet haben, die trotz aller Mängel den Mitgliedern zum großen Vorteil geworden sind.“183
Im Kriegsjahr 1916 wurde nach einer 18-monatigen Verbandsruhe von denselben Verbandsmitgliedern der Versuch einer Neugründung unternommen. Diesmal konnte sich der Verband deutscher Tüten- und Beutelfabrikanten konstituieren. Der Verband stellte sich wie alle Wirtschaftsbereiche vordergründig in den Dienst der Kriegs- und Planwirtschaft und verfolgte gleichzeitig und vor allem mit Preisfestsetzungen und der Schaffung reichsweit einheitlicher Zahlungs- und Lieferbedingungen (Konditionen) branchenorientierte Interessen.184 177 Vgl. Demuth, Papierindustrie, S. 281. 178 Vgl. Papier-Zeitung, Nr. 102, Berlin 1912, S. 3087, Sp. 2. 179 Vgl. Preisrechnungsvorschriften, Berlin 1945, S. 3. Der Verkauf nach Gewicht wurde 1944/45 verboten und durch den ausschließlichen Verkauf nach Stückzahlen ersetzt. 180 Vgl. Trautwein, Organisationen, S. 25. 181 Vgl. Papier-Zeitung, Jubiläums-Ausgabe 1926, S. 3272. 182 Vgl. ebd., S. 3972. 183 Stolzmann, Tüten- und Beutel-Fabrikation, S. 3972. 184 Vgl. Schöller, Kartelle S. 50.
Verbands-/Kartell-/Vereinswesen bis zum Beginn des Ersten Weltkriegs
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In den 1920er Jahren bestimmten – wie in der gesamten Papierwarenbranche – weitgehend die nicht kartellgebundenen Außenseiter das Geschäft. Der Konkurrenzkampf in diesem überbesetzten Markt wurde insbesondere mit dem Instrument der Preisunterbietung geführt. 1921 wurde die Preisbindung aus den Jahren der Kriegs-Planwirtschaft endgültig aufgegeben. Die ursprüngliche Verbandsidee „stand eigentlich nur noch auf dem Papier“, der Verband gab „seine Ohnmacht offen zu“185. Für Kartellbefürworter/ Wettbewerbsgegner stellte sich die Situation im Tüten-/Papierwarenfach am Ende der 1920er Jahre als äußerst „ungesund“ dar. Die Lage war diesmal jedoch von den leistungsfähigsten Betrieben mit den modernsten Produktionsanlagen herbeigeführt worden. Und nur die, so die Hoffnung der Kartellbefürworter, würden in einer so überschaubaren Anzahl überleben, die allein erst einen funktionsfähigen Zusammenschluss ermöglichen würde. Vier Jahre später wurde unter dem NS-Regime der Wunsch nach marktfreier Sicherheit durch staatlich verordnete Zwangskartelle erfüllt. Zu Beginn der 1930er Jahre gab es im Bereich der Papier verarbeitenden Industrie u. a. folgende Arbeitgeberverbände186: – Gesamtausschuss der papierverarbeitenden Industrie; der Ausschuss, unter Vorsitz von Max Krause, gegründet 1926 und bestehend aus 50 Verbänden/Vereinen/Konventionen, hatte seinen Sitz im „Haus der papierverarbeitenden Industrie“/Berlin (Nollendorfplatz). Er war Nachfolger des während des Ersten Weltkrieges 1916 gegründeten Bundes deutscher Vereine des Druckgewerbes, Verlage und Papierverarbeitung.187 Zu seinen Aufgaben gehörte u. a. die Durchsetzung der wirtschaftlichen Interessen gegenüber dem Gesetzgeber und den Behörden. Ein zentrales Anliegen war insbesondere die Förderung der Normentwicklung bei den Papierformaten.188 Der Ausschuss war keine förmliche Spitzenorganisation, „sondern ein Gremium führender Persönlichkeiten“.189 – Kartellausschuss der industriellen Papierverarbeitung, gegründet 1922 in BerlinCharlottenburg; – Außenhandelsverband zur Durchsetzung der zollrechtlichen Interessen der Papier verarbeitenden Industrie, bereits 1899 in Berlin gegründet; – Verein deutscher Geschäftsbücher-Fabrikanten, gegründet 1917, mit vier Landesverbänden, 134 Mitgliedern; – Briefordner-Konvention, gegründet 1913, unter Vorsitz von Leitz/Bonn; – Verband Deutscher Masken- und Papierspielwaren-Fabrikanten, gegründet 1922 in Leipzig; 20 Mitgliedsfirmen; – Verband deutscher Tüten- und Beutelfabrikanten, gegründet 1919, Sitz in Düsseldorf bzw. Solingen; – Verband mittel- und südwestdeutscher Papierwaren-Fabrikanten, gegründet 1917, Sitz Eberstadt b. Darmstadt, 26 Mitgliedsfirmen; – Zentralverband deutscher Kartonagen-Fabrikanten, gegr. 1908, Sitz in Berlin; 1050 Mitglieder in drei Landes- und 26 Ortsverbänden; in dieser Industrie waren insgesamt 39 000 Arbeitskräfte beschäftigt. 185 186 187 188 189
Vgl. ebd. Vgl. Weissenfels, Standorte, S. 125 ff. Vgl. hierzu: Abschn. „Papierverarbeitung 1900–1933/Erster Weltkrieg“ der v. A. Vgl. hierzu: Abschn. „DIN-Formate“ der v. A. Vgl. Weissenfels, Standorte, S. 125.
196 Teil I – Papierverarbeitung im 19. und 20. Jahrhundert – – – – –
Reichsverband der Etui- und Feinkartonagen-Industrie, gegründet 1907, Sitz in Berlin; zwölf Ortsgruppen mit 135 Mitgliedern; rund 600 Mitarbeiter; Vereinigung deutscher Fabrikanten von pharmazeutischen Kartonagen und Papierwaren, gegründet 1899, Sitz in Kassel, 18 Mitgliedsfirmen; Verband deutscher Papierhülsen-Fabrikanten, gegründet 1919, Sitz in Leipzig-Gohlis; Verband Bergischer Kartonagen-Fabrikanten, Sitz in Barmen; Buchbinderei-Besitzer, zusammengeschlossen in vier Verbänden: Bund deutscher Buchbinder-Innungen (Handwerk); Verband deutscher Buchbindereibesitzer/Leipzig; Jakob-Krause-Bund/Vereinigung deutscher Kunstbuchbinder; Reichsverband der Buchbindereien/M. Gladbach.
Insgesamt standen Ende der 1920er/Anfang der 1930er Jahre den vier Fachgruppen der Papier erzeugenden Industrie 53 Fachverbände der Papier und Pappe verarbeitenden (einschließlich der veredelnden) Industrie gegenüber. Die Sparte bildete die Fachgruppe „Papier“ der Industriegruppe Papier und Vervielfältigung im Reichsverband der deutschen Industrie190. Als Arbeitgeber waren die Betriebe der Papier verarbeitenden Industrie im 1918/19 gegründeten Arbeitgeberverband der papierverarbeitenden Industrie/Api mit Sitz in Berlin organisiert.191 Der Api war neben der Papiererzeugung Teil der Reichsarbeitsgemeinschaft für das deutsche Papierfach in der Vereinigung der deutschen Arbeitgeberverbände. „Im ganzen [hatte] der Api 264 Mitglieder, die Arbeitgeber von 3 500 Angestellten und 18 000 Arbeitern“ waren.192 Die Papierverarbeitung stand mit der absoluten Zahl der in ihr Beschäftigten mit rund 140 000 an zweiter Stelle hinter dem Druck-/Vervielfältigungsgewerbe mit rund 170 000 Arbeitnehmern. Demnach hätte der Api mit rund 21 000 Arbeitnehmern lediglich den siebten Teil der Beschäftigten-Gesamtzahl erfasst. Erst an dritter Stelle kam innerhalb der Papierwirtschaft mit rund 90 000 Beschäftigten die Papiererzeugung, die trotz dieser Position eine dominierende Stellung innerhalb des Papierfaches einnahm.193 Die Arbeitnehmer waren in einem deutlich überschaubareren Verbandswesen organisiert. Dazu gehörten die freie Gewerkschaft Verband der Buchbinder und Papierarbeiter Deutschlands/Berlin, der Verband der Fabrikarbeiter Deutschlands/ Hannover sowie der (christliche) Graphische Zentralverband und der Zentralverband christlicher Fabrik- und Transportarbeiter/Köln. Der Hauptteil der Arbeitnehmerschaft war durch den 1885 gegründeten Verband der Buchbinder und Papierverarbeiter Deutschlands vertreten. Dieser Verband, mit Sitz in Berlin, verstand sich als Gewerkschaft zur Wahrnehmung ausschließlich beitragsfinanzierter sozialpolitischer Aufgaben (Arbeitslosen-, Kranken-. Hinterbliebenen-, UmzugsUnterstützung usw., Bildung) sowie als Tarifpartner der Arbeitgeber. Die Mitgliederzahl lag 1921 bei 88 000 – von insgesamt rund 140 000 Arbeitnehmern im Papier und Pappe verarbeitenden Industriebereich. Ende 1922 lag die Zahl der Mitglieder bei 98 000 (davon 72 000 weiblich; Ende 1925 50 000; Ende 1927 rund 54 000. Das Mitglieder-Verhältnis männlich/weiblich lag 1908 bei rund 60 Prozent männlich zu rund 40 Prozent weiblich; 1912 50 zu 50; 1922 rund drei Viertel weiblich, ein Viertel männlich; 1930/31 zwei 190 Vgl. Weissenfels, Standorte, S. 135 ff. 191 Vgl. ebd., S. 128; vgl.auch Abschn. „Papierverarbeitung 1900–1933 – Weimarer Republik“ der v. A. 192 Weissenfels, Standorte, S. 128. 193 Vgl. ebd., S. 129.
Papierverarbeitung im 20. Jahrhundert
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Drittel weiblich, ein Drittel männlich. Die meisten Mitglieder hatte dieser Verband in Sachsen. In West- und Süddeutschland ließen sich Arbeitnehmer wesentlich häufiger durch die christlich orientierten Gewerkschaften vertreten.194
Papierverarbeitung im 20. Jahrhundert 1900–1933 In den Jahrzehnten zwischen der Reichsgründung und dem Beginn des Ersten Weltkrieges stieg die Bevölkerungszahl in Deutschland von 41 Mio. im Jahre 1871 auf 64 Mio. im Jahre 1914. Damit lag die deutsche Bevölkerungszahl hinter China, Russland und den USA weltweit an vierter Stelle. 1871 war die Beschäftigtenzahl im Bereich Land-/Forstwirtschaft (sechs Mio.) und Industrie/Bergbau (fünf Mio.) nahezu gleich. Kurz vor dem Ersten Weltkrieg hatte sich die Zahl der im Bereich Industrie/Bergbau Beschäftigten mit fast zehn Mio. nahezu verdoppelt. Zwei Drittel der Bevölkerung lebten in den Jahren um 1871 noch auf dem Lande. 1910 lebten 60 Prozent in einer Stadt – davon mehr als 21 Prozent in einer Großstadt. Zwischen 1871 und 1887 hatten sich die Nominallöhne mehr als verdoppelt.1 Zwischen 1851 und 1913 hatte sich das nominale Volkseinkommen verfünffacht – und nach Abzug der jährlich um zehn Prozent steigenden Preise verdreifacht.2 Die Realeinkommen der deutschen Bevölkerung stiegen je Kopf (in M.) von 295 (1851), auf 326 (1861), 352 (1871), 465 (1881), 555 (1891) auf 626 M. im Jahre 1900.3 Eine Herrenhose kostete um 1880 ca. 3,50 M., eine Joppe 25 M., 5 Pfund Bratenfleisch 3 M., 1 Pfund engl. Tee rund 2,50 M., 1 Pfund Graupen 24 Pf., 1 Pfund Kartoffeln 4 Pf.4 Nach dem Sieg über Frankreich und der Reichsgründung im Jahre 1871 kam es in Deutschland zu einem rasanten Aufschwung mit hochkonjunkturellen Zügen. „Einen lebhaften Aufschwung nimmt die [Papier verarbeitende] Industrie seit den 70er Jahren des vorigen Jahrhunderts, wo der deutsch-französische Krieg Geldreichtum, Geschmack und kräftiges Leben in der deutschen Wirtschaft entstehen ließ.“5
Dieser anfänglichen Hochstimmung folgte jedoch schnell eine länger andauernde Depressionsphase. Der Börsenkrach vom 9. Mai 1873 ging als „schwarzer Freitag“ in die Wirtschaftsgeschichte ein. Die Depression hielt insgesamt bis 1878 an. Diese Phase wurde von der deutschen Papierwirtschaft und von der Papier/Pape verarbeitenden Industrie höchst unterschiedlich wahrgenommen. So konnte z. B. das Allendorfer Papierverarbeitungsunternehmen G. Bodenheim um 1875 von einer hervorragenden Betriebsentwicklung berichten,6 während die Papier-Zeitung ein Jahr später 1876 feststellte: 194 1 2 3 4 5 6
Vgl. ebd., S. 137 f. Vgl. Born, Von der Reichsgründung bis zum Ersten Weltkrieg, S. 40 ff. Vgl. Treue, Gesellschaft, Wirtschaft und Technik, S. 269. Vgl. Gartmayr, Nicht für den Gewinn allein, S. 84. Vgl. Schöning, Anzeigenwerbung, S. 10. Demuth, Papierindustrie, S. 252. Vgl. Hannoverscher Courier, 13.3.1875; vgl. auch Rechenschaftsbericht des Vorstandes und Aufsichtsrates der Vereinigten Hessischen Papier- und Papierwaren-Fabriken; auch in diesem
198 Teil I – Papierverarbeitung im 19. und 20. Jahrhundert „Die deutsche Papierindustrie befindet sich nun seit Jahren in einer argen Notlage. Ein winziger Gewinn, wenn er überhaupt noch erzielt wurde, ist das Resultat eines Arbeitsjahres, das mühevoller und reicher an Ärger und Unruhe war denn je. Das Gefühl der Unbehaglichkeit und Gedrücktheit bringt im ganzen Geschäftlichen Verstimmungen hervor, die den Verkehr zwischen Fabrikant und Händler immer mehr zu verschärfen drohen.“7
Auch das Maschinenbau-Unternehmen Windmöller & Hölscher führte die nur schleppende Entwicklung während der ersten zehn Jahre seines Bestehens auf die „nahezu ständige Wirtschaftsdepression“ zurück.8 Absatzprobleme zeigten sich in diesen Jahren auch in der 1869 gegründeten Briefumschlag-Fabrik Reinhart Schmidt/Wuppertal.9 Schmidt führte die Gründe dafür vor allem darauf zurück, dass sich nach der Reichsgründung von 1871 auch in Deutschland die Freihandelsidee voll durchgesetzt hatte. Die Schutzzölle waren weitgehend abgebaut. Im Papierwarenmarkt wurde das insbesondere von Belgien, Frankreich und Österreich genutzt. „Unerhört niedrige Preise“ waren die Folge – mit der wiederum bekannten Folge des Qualitätsverfalls, des Absatzes usw.10 Diese Phase war jedoch weniger tiefgreifend und wenig typisch für die insgesamt ausgeprägte wirtschaftliche Hochstimmung nach der Reichsgründung. Während der Jahre um 1900 zählte in einer Epoche des „ersten deutschen Wirtschaftswunders“ neben dem Maschinenbau, der Elektrotechnik oder der Chemie auch die Papierwirtschaft zu den Branchen mit „überwältigenden“11 Zuwachsraten. Zwischen 1900 und 1930 stieg die deutsche Papierproduktion von 800 000 t auf 2,38 Mio. t jährlich.12 Die Papierwirtschaft gliederte sich in ihrer wirtschaftlichen Bedeutung nach den Bereichen 1. Druck, 2. Verarbeitung, 3. Erzeugung. Neben einem Binnenmarkt von rund 60 Mio. Einwohnern wurde von der Fachrichtung Verarbeitung ein weltumspannender Exportmarkt u. a. mit Briefumschlägen, Papier-Ausstattungen, Buntpapier, Schreibwaren, Wertpapier-Drucken, Hartpapier-Erzeugnissen, Kalendern, Karneval- und Festartikeln, Kartonagen aller Art, Luxuspapier, Tapeten oder mit Spezialmaschinen usw. beliefert. 1880 lag die Gesamtausfuhr von Papier- und Pappwaren („nicht bes. gen.“) bei 6 150 t, 1890 bei 8 380 t, 1900 bei 14 232 t. 1905 hatte sich die Gesamtmenge gegenüber 1880 mit 24 339 t nahezu vervierfacht.13 Einzeln aufgeführt waren in der Statistik des Deutschen Reiches: Farbdruckbilder (1889: 3494 t, 1905: 8304 t), Spielkarten (1897: 89 t, 1905: 141 t); Kalender/Schreibkalender (1897: 151 t, 1905: 453 t).14 Zwischen 1875 und 1900 war die Zahl der bereits bestehenden Einzelhandelsbetriebe im Reichsgebiet um weitere 80 Prozent gestiegen. Entsprechend hoch war der Bedarf an Verpackungen aller Art (bedruckte/unbedruckte Tüten, Beutel, Kartonagen, Faltschachteln
7 8 9 10 11 12 13 14
Bericht ist von Schwierigkeiten die Rede, die jedoch den Papier erzeugenden Bereich des Unternehmens betrafen. Der Papier verarbeitende Bereich (in Allendorf) arbeitete dagegen mit Gewinn; vgl. ebd., S. 2. (StA Bad Sooden-Allendorf). Papier-Zeitung, Nr. 3, Berlin 1.2.1876, Titelseite („Keine Sonntagsarbeit mehr“), Sp. 2. Verpackte Märkte, S. 32 f. Zur Briefumschlag-Fabrik Reinhart Schmidt s. auch Abschn. „Briefumschläge“ der v. A. Vgl. 75 Jahre Schmidt & Co, S. 6. Vgl. u. a. Wehler, Deutsche Gesellschaftsgeschichte, Bd. 3, S. 612. Vgl. E. Krämer, Schon früh zu Verpackungszwecken genutzt – 600 Jahre Papierherstellung in Deutschland. In: Papier- und Kunststoffverarbeiter, 6/1990, S. 72 ff., hier: S. 73. Vgl. Schöller, Kartelle, S. 9; „Der Rückgang von 1884 bis 1885 ist darauf zurückzuführen, daß von 1885 ab [in der Reichsstatistik] Spielzeug und Patronen aus Papier nicht mehr unter dieser Rubrik [Papierverarbeitung] geführt [wurden]; vgl. ebd., S. 10. Vgl. Meyerholz, Kunstdruckindustrie, S. 45.
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oder Etiketten). Die einzige amtliche Produktionserhebung für das gesamte Fach der Papierverarbeitung war im Jahre 1897 erstellt und ab 1900 teilweise veröffentlicht worden.15 1906/07 lag der Papierverbrauch pro Kopf der Bevölkerung bei knapp 20 kg.16 1906 führte Deutschland mehr als 117 000 Meterzentner Papierwaren im Wert von 600 000 Pfund ein und führte 170 000 Meterzentner Papierwaren im Wert von nahezu 625 000 Pfund aus.17 Vor dem Ersten Weltkrieg lag der Exportanteil der Papier verarbeitenden Industrie mit 215 Mio. M (rund 40 Prozent) der Gesamtproduktion18 – deutlich vor dem der Papier erzeugenden Industrie mit 81 Mio. M. Dieses Verhältnis änderte sich erst nach Ende des Krieges.19 In den 1920er Jahren entfielen 32 Prozent der Gesamterzeugung an Papier für Verpackungszwecke.20 1926 lag der Papierverbrauch in der Tüten- und Beutel-Industrie hinter dem für die Zeitungsdruck-Industrie an zweiter Stelle.21 1925 wurden 67 782 Arbeitskräfte gezählt, die mit der Produktion von Massenpackungen (Tüten/Beutel, Kartonagen, Briefumschläge) beschäftigt waren. Sie machten damit knapp die Hälfte aller in der Papierverarbeitung Beschäftigten aus. 22 In diesen Jahren war die öffentliche und privatwirtschaftliche Verwaltung explosionsartig angewachsen. Verbunden damit war ein enormer Bedarf an Büroartikeln und Organisationsmitteln, an Briefumschlägen, Kalendern usw. Der Umfang der Wissensaneigung und -vermittlung sowie das Bedürfnis nach Unterhaltung hatten in den Jahren seit Mitte des 19. Jahrhunderts überdurchschnittlich zugenommen. Der Anteil des Papierverbrauchs für Zeitungen, Zeitschriften, Bücher usw. wurde auf 40, für Postverkehr, Schule und Verwaltung auf 25 und für Handel und Industrie auf 20 Prozent geschätzt.23 Um 1900 waren im Bereich Papierwaren zu den bereits bekannten Firmen, die in den 50er und 60er Jahren des 19. Jahrhunderts gegründet worden waren24 und die auch um die Jahrhundertwende noch erfolgreich arbeiteten, weitere hinzugekommen. u. a. waren dies Gerhold & Thon/Neumünster (1868),25 Friedrich Müller, Heilbronn (1872),26 Carl Philipp Schmidt/Kaiserslautern (1874), Manzinger/München-Pasing (1879), Schurath/Leipzig (1881), M. Neemann/Leer (Ostfriesland) (1889) und Hettmannsperger & Löchner/Bruchsal (1894). In den Jahren 1900–1902 erlebte das Deutsche Reich eine Phase der wirtschaftlichen Depression. Sie ging von den Bereichen Banken, Elektro, Eisen und Textil aus und führte
15 U. a. von Eugen Hager im Jahresbericht des Industrievereins für das Jahr 1913, S. 26, zit. in: Weissenfels, Standorte, S. 103. 16 Vgl. Krawany, Papierindustrie der Welt, S. 75; um 1990 waren es rund 200 kg; vgl. Krämer, Schon früh zu Verpackungszwecken genutzt, S. 73; zum Stand der Forschung um 2008 vgl. Schachtner, Paper Concumption in Germany. 17 Vgl. Krawany, Papierindustrie der Welt, S. 39. 18 Vgl. Demuth, Papierindustrie, S. 255. 19 Vgl. Krause, Einige Erinnerungen, S. 3957. 20 Vgl. Theine, Technischer Fortschritt und Verpackungsindustrie, S. 69. 21 Vgl. Stolzmann, Tüten- und Beutel-Fabrikation, S. 2970, Sp. 2 22 Vgl. Theine, Technischer Fortschritt und Verpackungsindustrie, S. 69. 23 Vgl. Wladimir Woytinsky, Die Welt in Zahlen, Bd. 4, Das Gewerbe, Berlin 1926, S. 346; zum Stand der Forschung um 2008 vgl. Schachtner, Paper Concumption in Germany. 24 Vgl. Abschn. „Papierverarbeitung im 19. Jahrhundert“ der v. A. 25 Vgl. Gerhold & Thon, Unser Werden und Wirken, S. 1. 26 Im Volksmund „Guggemüller“ – badische Bezeichnung für Tüte.
200 Teil I – Papierverarbeitung im 19. und 20. Jahrhundert zu einer allgemeinen Schwächung der Inlandsnachfrage. Das hatte Auswirkungen auf andere Branchen, die zum Teil Produktionsrückgänge hinnehmen mussten – die Geschäftsbücher-Produktion beispielsweise ging in diesen Jahren um ca. 25 Prozent zurück. Insbesondere in der vom privaten Konsum besonders stark abhängigen Tüten/Beutel- und Kartonagen-Fabrikation (typische klein- bis mittelständische Gewerbe mit oft geringer Kapitalausstattung) hatte das zur Folge, dass kleinere und kleinste Unternehmen den Betrieb einstellen oder zumindest im größeren Umfang (meist ungelernte Gelegenheits-) Arbeiter entlassen mussten. Der verbleibende Markt verteilte sich auf die leistungsstärkeren Firmen, so dass der Rückgang insgesamt als weniger stark empfunden wurde.27 Die Tüten/-/Beutel-Produktion ging um rund 10-15 Prozent zurück, Darin drückten sich vor allem die Umsatzeinbrüche bei Kolonialwaren und Zigarren aus.28 Die Preise für Tüten/Beutel sanken um etwa 10 Prozent.29 Trotz der (relativ kurzen) Depressionsphase zwischen 1900 und 1902 stieg die Zahl der Arbeitskräfte in der Papierverarbeitung als Gesamtbereich von rund 91 000 auf 100 000.30 Die Papierverarbeiter profitierten in diesen Jahren von der wirtschaftlichen Gesamtlage, in der die Dauer der Konjunkturphasen deutlich höher war als die der wirtschaftlichen Depressionen. „1903 berichtet die Berliner Handelskammer z. B. von einer Überhäufung mit Aufträgen. Nachtarbeit musste zu Hilfe genommen werden. Die Berliner waren froh, wenn sie ihre Aufträge unterbringen konnten. Zahlreiche Unternehmungen arbeiteten ganz überwiegend für den Export und erzielten meistens glänzende Gewinne. Besonders groß war die Bedeutung der Ausfuhr für die Chromolithographie, von deren Erzeugnissen rund 75% ins Ausland gingen.“31
Am Ende des 19. Jahrhunderts (1897) lag die Tüten- und Beutel-Produktion hinter der Chromolithographie (49 Mio. M.), Luxuspapier (31 Mio. M.), Kartonagen (27 Mio. M.) mit 21 Mio. M. Umsatz an vierter Stelle der deutschen Papier- und Pappeverarbeitung.32 Trotzdem: Abweichend von dieser Position und abweichend von der allgemeinen Entwicklung wurden die Verhältnisse von der Tüten- und Beutel-Fabrikation weniger günstig wahrgenommen. In den Jahrzehnten bis zum Ersten Weltkrieg wurde nahezu ununterbrochen über die „Zustände im Tütenfach“ geklagt. „Wohl nirgends ist die Verschiedenartigkeit und die Zerfahrenheit in der Preisstellung und nirgends das Angebot im Vergleich zum Verbrauch größer als in Tüten.“33 Schuld daran waren – je nach Blickwinkel – die Papierfabrikanten, die „Schleuderer“ und „Schmutzkonkurrenten“ in den eigenen Reihen, die Heimarbeit, die Gefängnisarbeit oder die betrügerischen Machenschaften der Reisenden/Vertreter. Der Hauptgrund für die „Übelstände“ wurde jedoch in der Uneinigkeit, in der mangelnden Solidarität und Geschlossenheit des Faches sowie im Kleingeist und Egoismus vieler Mitbewerber gesehen. Die Schwierigkeiten lagen vor allem aber in den regionalen Unterschieden (Infrastruktur, Abnehmerdichte usw.) und in den Betriebsgrößen (Betriebskosten). Die einzige Lösung lag nach Ansicht der meisten Fachangehörigen in der Kartellbildung. Die Firma Vereinigte Papierwarenfabriken vorm. Eger & Comp. (München/Nürnberg) offerierte 1912 als typisches Papierverarbeitungs-Sortiment Tüten und Papierbeutel, 27 28 29 30 31 32 33
Vgl. Demuth, Papierindustrie, S. 272 f. Vgl. ebd., S. 277. Vgl. ebd., s. 273 f.; s. auch Abschn. „Verbands“ usw. -wesen der v. A. Vgl. Demuth, Papierindustrie, S. 279. Meyerholz, Kunstdruckindustrie, S. 13. Vgl. Demuth, Papierindustrie, S. 252. Papier-Zeitung, Nr. 60/1906, S. 2476, Sp. 1.
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Rollen- und Packpapier mit und ohne Firmenaufdruck, Brot- und Hutbeutel mit und ohne Falten, feinste Packungen für Kaffee, Tee, Kakao, Zwieback, Seifenpulver etc., Kartonagen und Faltschachteln für alle Gewerbezweige, Versandkartons, Wellpappe, Zigarren-, Zigaretten-, Apotheker- und Gewürzbeutel, Zigarrenspitzen, Kuverts sowie Druckarbeiten aller Art.34 In der „Arbeitsordnung für die Dütenfabrik und Akzidenzdruckerei von Rich. Weinberger/Zwickau“ vom 2. August 1912 wurde die Arbeitszeit – wie allgemein üblich – geregelt von „Montag bis Freitag vormittags: von 7 bis 12 Uhr, nachmittags von ½ 2 bis 7 Uhr, für männliche Arbeiter bis ½ 7 Uhr. Am Sonnabend vormittag: von 7 bis 12 Uhr – nachmittag: für Buchdrucker von 1 bis 4 Uhr, für Papierschneider etc. von 1 bis ½ 6 Uhr, für Arbeiterinnen von 1 bis ½ 5 Uhr, für jugendliche Arbeiter von 1 bis 5 Uhr.“
Die Pausenlänge betrug vormittags und nachmittags je 15 Minuten, sonnabends je 30 Minuten.35 Für die Ausbildung der jungen Kaufleute gab es in der Fabrikation von Papierwaren und Kartonagen vor der Jahrhundertwende keine Fachschule. Sie mussten ihr theoretisches und praktisches Wissen vielmehr in der „Schule des Lebens“ vor Ort in Fabriken und Werkstätten erwerben. Die neu eingerichteten Handelsschulen konnten von den Lehrlingen im Sommer nur von 6 bis 7 Uhr morgens und abends von 20 bis 22 Uhr, im Winter morgens von 7 bis 8 Uhr und abends von 19 Abb. 11: Titelblatt der Arbeitsordnung der bis 21 Uhr besucht werden. Für Lehrlinge Papierwaren-Fabrik Rich. Weinberger/Zwickau galt auch sonntags eine Arbeitszeit von 10 1930 bis 12 Uhr.36 Urlaub gab es für Lehrlinge kaum bzw. gar nicht.37 Die Arbeitszeit für Angestellte lag auch bei zehn bis zwölf Stunden täglich. Bezahlten Urlaub für Arbeiter und Angestellte gab es nur in wenigen Ausnahmefällen.38 Bis in die Zeit um den Ersten Weltkrieg waren die Lohn- und Arbeitszeitregelungen jeweils auf Betriebsbasis getroffen. Als auf die Gesamtbranche der Papierverarbeitung 34 Vgl. Einladungsschreiben der VP/Nürnberg zur Bayerischen Gewerbeschau München 1912 (VP München, Firmenarchiv). 35 Vgl. ebd., S. 1 f. und Anhang, Firmenarchiv Weinberger/Zwickau. 36 Vgl. Ehrmann, Kurz-Bericht über meine 50-jährige Tätigkeit bei der Firma Carl Ganter, S. 1 f. 37 Vgl. Papier-Zeitung, Nr. 41/1898, 13.11.1898, S. 3482, Sp. 1. 38 U. a. im Großbetrieb Max Krause/Berlin; vgl. Abschn. –„Soziale Verhältnisse“ der v. A.
202 Teil I – Papierverarbeitung im 19. und 20. Jahrhundert übertragbare Beispiele dafür stehen die Papierwarenbetriebe mit Schwerpunkt Tütenund Beutelherstellung der Papierregion Düren-Jülich/Rhld.39 Dort wurde an sechs Tagen in der Woche von morgens 7 bis abends 18 Uhr gearbeitet. In den Saisonzeiten, vor allem während der Obsternte, ging die Schicht oft auch bis 21 Uhr. In den Betrieben waren vorwiegend Arbeiterinnen beschäftigt, die üblicherweise sofort nach Beendigung der Schulpflicht als 14-Jährige eine (lohnkostengünstige) Beschäftigung in den Betrieben aufnahmen. Sie erhielten als wöchentlichen Arbeitslohn zwischen zwölf und 13 M. oder einen ungefähren Stundenlohn zwischen 20 und 25 Pf. Facharbeiter erhielten einen durchschnittlichen Stundenlohn von 35 Pf.40 Die Arbeit der Handelsvertreter in der Papierwarenbranche war in der Zeit vor dem Ersten Weltkrieg überaus zeitaufwändig und körperlich meist anstrengend. Die Reisenden hatten ständig große Mengen von Mustervorlagen mitzuführen, die in Koffern oft über weite Strecken auch zu Fuß befördert werden mussten. Die öffentlichen Verkehrsmittel erlaubten besonders in ländlichen Regionen meist nur umständliche und langwierige Reisen. Die politischen und wirtschaftlichen Verhältnisse wurden in den Vertreterkreisen im Allgemeinen als verlässlich und übersichtlich positiv empfunden. Die meisten Aufträge hielten sich im bescheidenen Rahmen. Durch den Ersten Weltkrieg kam es zu tiefgreifenden Veränderungen sowohl in der Fabrikation als auch im Verkauf und in den Verkaufsmethoden.
Erster Weltkrieg Vor Beginn des Ersten Weltkriegs stand die deutsche Unternehmerschaft politisch den Nationalliberalen, Freikonservativen, Konservativen oder dem Zentrum nahe und „unterstützte, nicht selten in bedenklicher Weise, die imperialistische deutsche Weltpolitik“41. Auch Großunternehmen der Papier verarbeitenden Industrie ließen sich von den Großund Weltmachtbestrebungen des Kaiserreiches inspirieren und gründeten nicht zuletzt auch aus diesem Geist heraus weltumspannend Niederlassungen – u. a. König & Ebhardt/ Hannover (Geschäftsbücher), Pelikan/Hannover (Büro-, Zeichenbedarf), Erfurt/Wuppertal (Tapeten), Wolf Hagelberg/Berlin (Luxuspapier), Nister/Nürnberg (graph. Industrie).42 Diese Haltung blieb auch während des Krieges weitgehend unverändert. Die deutsche Wirtschaft war bereit, die Bedürfnisse und Anforderungen des Staates und des Militärs loyal zu erfüllen. Gleichzeitig wusste sie jedoch ihre Vorteile zu wahren und ihre Chancen zu nutzen.43 Die Loyalität gegenüber dem Staat war vor allem darin begründet, dass dieser ihre selbstbewusste Erwartung in hohem Maße erfüllte, nach der er ihr zu dienen und für möglichst störungsfreie Geschäftsabläufe zu sorgen hatte. Bis zum Ende des Krieges regelten allein im Bereich der Papier verarbeitenden Industrie 13 staatliche und halbstaatliche sowie gemischt staatlich/privatwirtschaftliche Kommissionen, Zentral- und Überwachungsstellen die Kriegswirtschaft. Die Papierverarbeitung selbst wiederum hatte sich mit über 50 Fachverbänden in einer Zentralorganisation zusammengeschlossen.44 39 Die Gesamtzahl der in dieser Region beschäftigten Papier(ver)arbeiter (einschließlich Heimarbeiter) und Angestellten lag bei rund 500; vgl. Küppers, Es begann mit der Handarbeit. 40 Vgl. Bach, 27.2.1991. 41 Kramer, Deutsche Kultur zwischen 1871 und 1918, S. 263. 42 Vgl. u. a. Pelikan – Ein Unternehmen schreibt Geschichte, S. 17, Sp. 1. 43 Vgl. hierzu insbes. auch Abschn. „Papiergarn“ der v. A. 44 Vgl. u. a. Schöller, Kartelle, S. 15.
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Abb. 12: Kriegs-(Post-)Karte, um 1914
Am 1. August 1914 begann der Erste Weltkrieg. Die jahrelangen Vorbereitungen darauf waren nahezu ausschließlich auf die militärische Mobilmachung konzentriert. Die industrielle Produktion war darauf weder von der Wirtschaft vorbereitet noch in die Planungen der Armeeführung miteinbezogen worden. Ein Problem, das sich schnell zeigte und dringend zu lösen war, lag in der fehlenden Standardisierung von Industrie- und Rüstungsgütern.45 Nur wenige Tage nach Beginn des Krieges hielt Fritz Neuhaus, Borsig-Generaldirektor, vor der 55. Hauptversammlung des Vereins Deutscher Ingenieure/VDI in Berlin einen Vortrag, den er unter den Titel „Über den Vereinheitlichkeitsgedanken in der Deutschen Maschinenindustrie“ gestellt hatte. In diesem Vortrag forderte Neuhaus „die konsequente Ausbreitung des Gedankens der Synchronisierung technischer und gesellschaftlicher Leistung in möglichst vielen Bereichen und über nationale Grenzen hinaus.“46 Standardisierte Industrielieferungen für den Heeresbedarf und für die Industrieproduktion gewannen auch in der Papierwirtschaft (z. B. bei Ersatzteillieferungen für technische Ausrüstungen durch die Hartpapier-Industrie oder zur Vermeidung von Papierverlusten wegen fehlender Formatvorgaben) schnell an Bedeutung. Die DIN-Idee wurde schließlich von der Papierwirtschaft wesentlich vorangetrieben. Zum zentralen Problem der Kriegswirtschaft entwickelte sich jedoch die Frage der Rohstoffversorgung. Deutschland war seit dem Tag der Kriegserklärung durch – vor allem englische – Blockademaßnahmen von nahezu allen Importen abgeschnitten. Die Frage der Rohstoffversorgung war angesichts der allgemeinen Annahme, der Krieg und damit auch die Störung der Waren- und Rohstoffströme würde nur von kurzer Dauer sein 45 Vgl. hierzu auch Abschn. „DIN-Formate“ der v. A. 46 Renker, Alfred, Historischer Exkurs in die Normungsgeschichte des NPa und die Terminologie. Festvortrag: 50 Jahre Normenausschuss Papier und Pappe (NPa) im DIN Deutsches Institut für Normung 1950–2000, hrsg. v. Normenausschuss Papier und Pappe (NPa), Berlin 2000, S. 17.
204 Teil I – Papierverarbeitung im 19. und 20. Jahrhundert nahezu völlig vernachlässigt worden.47 Dabei machten die Rohstoffimporte schon seit langem weit über die Hälfte der deutschen Gesamteinfuhren aus.48 Die deutsche Wirtschaft war weitgehend exportorientiert. Nach Ausbruch des Krieges erwies es sich jedoch sehr schnell als notwendig, „die in Deutschland vorhandenen Waren [und Rohstoffe] zu inventarisieren und zu bewirtschaften. Mit einer Verknappung der Ware wurde in den ersten Monaten des Krieges in der Papierverarbeitung gar nicht gerechnet. Die Ausfuhr der stark exportierenden papierverarbeitenden Industrie war weggefallen, es war daher genug Ware für den Inlandsmarkt vorhanden.“49
Die Lage verschärfte sich jedoch zunehmend. In der Papier verarbeitenden Industrie fehlten u. a. bald Sulfitzellstoff und Zellstoffwatte, die mit Vorrang z. B. für die Sanitätsdienste an der Front gebraucht wurden. In den ersten Monaten und Jahren (bis 1916) mussten Wirtschaft und Verwaltung auf die ständig wechselnden Situationen flexibel und mit improvisierten Maßnahmen zu reagieren. Alle statistischen Unterlagen über Bestände, Verbrauch, Produktionsgliederung und Produktionskapazitäten, die für eine zivil- und kriegswirtschaftliche Planung, Lenkung und Bewirtschaftung notwendig waren, fehlten und mussten von den Behörden erst im Einvernehmen und in enger Zusammenarbeit mit den von der Privatwirtschaft organisierten Kriegsausschüssen – u. a. Kriegsausschuss für das Papierfach – erstellt werden. Die Rohstofflager waren anfangs meist noch gut gefüllt bzw. wurden aus den Beständen der besetzten Länder aufgefüllt. Die Bereiche Papier, Pappe, Zellstoff, Holzschliff oder Altpapier z. B. wurden erst im dritten Kriegsjahr – im Sommer 1916 – für Wirtschaft, Verwaltung und Militär zum ernsthaften Problem.50 Innerhalb der Papier verarbeitenden Industrie gehörte vor allem die LuxuspapierIndustrie, die bis dahin die Produktions-Statistik (vor allem im Exportgeschäft) anführte, zu den Sparten, die zuerst und schließlich am stärksten unter dem Ausbruch des Kriegs zu leiden hatte. Ihre Produkte waren „infolge des Kriegsausbruchs naturgemäß wenig begehrt.“51 Sowohl der Außen- als auch der Binnenmarkt brachen nahezu vollständig ein. Die Arbeitslosigkeit in dieser Branche stieg in den ersten Wochen und Monaten sprunghaft an. Als allmählich deutlich wurde, dass die Dauer des Krieges länger als zunächst allgemein angenommen anhalten würde, versuchte auch diese Sparte, sich auf die Verhältnisse der Kriegswirtschaft einzustellen. Die Umstellung auf Kriegsproduktion war jedoch vor allem aus technischen Gründen nur in Ausnahmefällen möglich. Die BerlinNeuroder Kunstanstalten z. B. (Luxuspapierwaren, Bromsilber-Fabrikate) gingen zur Produktion von Papiergarn, die Deutsche Photogravur AG/Siegburg zur Metallverarbeitung über. Darin zeigten sich die ersten Versuche einer Umstrukturierung, letztlich aber der beginnende Niedergang dieser Industrie, der durch den Ersten Weltkrieg nachhaltig beschleunigt wurde. Schließlich hatte diese Sparte ihre führende Stellung innerhalb der Papier verarbeitenden Industrie dauerhaft verloren. 47 Der „Verein zur Beförderung des Gewerbefleißes“ hatte jedoch schon vor der Jahrhundertwende die Gefahr der Abhängigkeit von Importen erkannt und insbes. für den Textilbereich nach Alternativen zu Naturfasern suchen lassen; vgl. hierzu auch Abschn. „Papiergarn“ der v. A. 48 Vgl. u. a. Markus Krajewsky, Restlosigkeit – Weltprojekte um 1900, Frankfurt/M. 2006, S. 202. 49 Schöller, Kartelle, S. 14. 50 Vgl. Gerhard Schoeller/Clemens Lammers, Die Kriegswirtschaft der Papier-, Pappen-, Zellstoff- und Holzstoffindustrie im Weltkrieg 1914/18. In: Grundfragen der Papierwirtschaft, Berlin 1941, S. 8 f. 51 Albert Stadelmann, Die Buntpapierindustrie in Aschaffenburg, Diss. 1922, Typoskript, S. 62.
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Die Luxuspapier-Industrie war der wichtigste Kunde der Buntpapier-Industrie. Unmittelbar nach Kriegsbeginn kam es u. a. daher auch in dieser Sparte der Papier verarbeitenden/„veredelnden“52 Industrie zu weitgehenden Produktionsstockungen bis hin zu (vorübergehenden) Betriebsstilllegungen. Ein weiterer Grund für die plötzlich auftretende Krise war die erhebliche Abhängigkeit von Exporten – insbesondere in die Kriegsgegnerstaaten USA, England und Frankreich. Gleichzeitig mussten das in den USA und England angelegte erhebliche Kapital weitgehend als verloren angesehen werden. Am Ende des Jahres 1914 wies beispielsweise die Bilanz der Aschaffenburger Buntpapier-Aktiengesellschaft einen Verlust von nahezu 330 000 M gegenüber dem Vorjahr 1913 aus. Ab 1915 wurde auch die Lage in der Rohstoffbeschaffung zunehmend schwieriger. 1915 konnte nur noch ein Drittel der Rohstoffmenge gegenüber 1914 beschafft werden. „Erst als sich die gesamte deutsche Industrie in Erkenntnis dessen, dass mit einer längeren Dauer des Krieges gerechnet werden müsse, auf die neuen Verhältnisse eingestellt hatte, sahen sich die Buntpapierfabriken in den Stand gesetzt, durch Anpassung an die außergewöhnliche Situation wieder ihre Produktion zu steigern.“53
Diese Industrie wurde zum Zulieferer der Betriebe, die Pulver und Munition, Konserven, Tabak, Zigarren und Zigaretten zu verpacken hatten oder leicht verderbliche Nahrungsund Genussmittel – u. a. Suppenwürfel, Teigwaren, Mehl, Kaffee-Ersatz und dergleichen. Durch den Mangel an Harz und anderen Klebstoffen waren die Rohpapiere schlecht geleimt, porös und luftdurchlässig. Erst durch den aus erdigen Bestandteilen zusammengesetzten Farbaufstrich der Buntpapierfabriken erhielten die Verpackungspapiere eine isolierende Oberflächenbeschaffenheit. Auch für Buchbindereien und für die LederwarenIndustrie wurden die Buntpapier-Hersteller zu wichtigen Bezugsquellen für den Ersatz von Leinwand, Leder oder Wachstuch. Beide Wirtschaftszweige wiederum waren wichtige Lieferanten für den direkten Heeresbedarf (Bücher, Dienstvorschriften, Notizbücher, Kalender, Meldeblocks, Brieftaschen, Etuis jeder Art usw.).54 1916 wurde zur Unterstützung des Vereins Deutscher Chromo- und Buntpapierfabrikanten und zur Durchsetzung von Sonderinteressen dieses Industriezweiges in Berlin die Vereinigung Buntpapier als Preis- und Konditionen-Kartell gegründet.55 Mit zunehmender Kriegsdauer machte sich in der Buntpapier-Industrie zudem, wie in allen Industriezweigen auch, der Mangel an Führungs-, Fach- und Hilfskräften bemerkbar. Durch deren Einberufungen zum Miliärdienst wurde die Lenkung und Produktion häufig zum unlösbaren Problem.56 Schon 1915 hatte sich die Papierknappheit gerade auch für die Buntpapier-Industrie deutlich verschärft. Wesentlich erschwerend wirkte sich ab 1916 auch der allgemeine Hilfs- und Brennstoffmangel aus. Die Buntpapier-Industrie musste sich ständig mit nicht weniger als elf Kriegswirtschafts-/Kriegsverwertungsstellen in Verbindung setzen, um kontingentierte Rohstoffe zugeteilt zu bekommen: 1. Kriegsverwertungsstelle für das deutsche Zeitungsgewerbe, 2. für das Papierfach, 3. für Streichpapier, 4. für pflanzliche und tierische Öle und Fette, 5. Kriegs-Chemikalien AG, 6. Kriegsmetall AG, 7. KriegsSchmieröl-Gesellschaft, 8. Kriegswirtschafts AG, 9. Zentralstelle für die Verteilung von Kartoffelmehl an die Papierverarbeitung, 10. Trockenkartoffel-Verwertungsgesellschaft, 11. Kriegsausschuss für Ersatzfutter (durch Kartoffelstärke, Leim usw.).57 52 53 54 55 56 57
S. hierzu Abschn. „Veredelte Papiere“ der v. A. Stadelmann, Buntpapierindustrie, S. 63 f. Vgl. ebd., S. 64. Vgl. ebd., S. 149 f. Vgl. ebd., S. 62 ff. Vgl. ebd., S. 71.
206 Teil I – Papierverarbeitung im 19. und 20. Jahrhundert Inhaltlich eng verbunden mit der Luxuspapier-Industrie war die PapierausstattungsIndustrie, die sich jedoch anders als die Luxuspapier-Industrie im Verlauf des Krieges (zum nicht geringen Teil auch über die Feldpost-Ausgaben) wieder erholen konnte. Für die Hersteller von Reklameartikeln dagegen, die ebenfalls der Luxuspapier-Industrie zugerechnet wurden, entwickelten sich die wirtschaftlichen Verhältnisse für die gesamte Dauer des Krieges äußerst ungünstig.58 Im Gegensatz zur Luxuspapier-Industrie konnten, abgesehen von der PapiergarnIndustrie59, vor allem die Hersteller von Ansichtskarten, Zigarettenpackungen oder Spielkarten durch den Krieg ihren Geschäftsumfang erheblich steigern. An der Front und im Kontakt zur Front gab es für diese Artikel einen sprunghaft gestiegenen Bedarf. Zu Beginn des Krieges stockte u. a. der Absatz von Spielkarten merklich. Er stieg jedoch wieder spürbar an, als aus dem Bewegungskrieg der Anfangszeit ein Stellungskrieg geworden war. Die Soldaten suchten in dieser zermürbenden Situation verstärkt nach Abwechslung, Ablenkung und Zeitvertreib.60 „Die Heeresleitung erkannte rechtzeitig dieses [...] Bedürfnis und erklärte die Spielkartenfabriken für ‚kriegswichtige Betriebe‘.“61 Die Industrie wurde während der Dauer des Krieges trotz der zwangswirtschaftlichen Maßnahmen bevorzugt mit Rohstoffen beliefert. Einzelne Betriebe mussten dazu übergehen, in zwei Schichten zu arbeiten, um den außerordentlichen Bedarf einigermaßen zu decken. In einigen Fällen übten die Behörden Druck auf die Spielkarten-Fabriken aus, um die Lieferungen zu beschleunigen. Für die Industrie herrschte – „analog zur Rüstungsindustrie“ – ab 1915 eine „partielle Hochkonjunktur“.62 Zu den Zweigen der Papierherstellung/-veredlung, für die sich, ausgelöst durch den Ersten Weltkrieg, neue Absatzgebiete erschlossen, gehörte auch die Fotopapier-Industrie. Das führende Unternehmen dieser Sparte, Felix Schoeller/Osnabrück, war durch „die Luftaufklärung, [die] auf immer größere Mengen Luftbilder angewiesen war [während des Ersten und Zweiten Weltkrieges] als kriegswichtiger Betrieb eingestuft worden.“63 Für die meisten Bereiche der Papier verarbeitenden Industrie hatte sich die positive Wirtschaftslage nach einer langen Friedensphase durch den Ersten Weltkrieg tiefgreifend verändert. Ein- und Ausfuhrverbote der deutschen Behörden sowie Ein- und AusfuhrBlockaden der Kriegsgegner-Staaten hatten den nahezu völligen Zusammenbruch der Warenströme zur Folge. Der Maschinenbau musste seine Entwicklungsarbeiten einstellen und wurde teilweise oder völlig auf Rüstungs-Produktion umgestellt.64 Die Fachkräfte waren eingezogen und mussten durch verstärkte Frauenarbeit sowie durch Kriegsgefangene ersetzt werden, die Verhältnisse am Arbeitsmarkt veränderten sich durch den Krieg nachhaltig. Durch den hohen Anteil an weiblichen Beschäftigten hatte die gesamte Papier verarbeitende Industrie im Gegensatz zu vielen anderen Zweigen der Wirtschaft zunächst jedoch weit weniger unter den Einberufungen zum Kriegsdienst zu leiden. Dauerhaft musste sich das Fehlen der männlichen Fach- und Führungskräfte allerdings auch in dieser Branche nachteilig bemerkbar machen. Um für die Nachkriegszeit vorzusorgen, 58 59 60 61 62 63 64
Vgl. Meyerholz, Kunstdruckindustrie, S. 76 ff. Vgl. hierzu Abschn. „Papiergarn-Industrie“ der v. A. Vgl. Stuckmann, Spielkarten-Industrie, S. 72. Ebd., S. 73. Ebd. Vgl. Möntmann, Papier Positiv, S. 150. Vgl. Abschn. „Maschinenbau“ der v. A.
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wurde es allgemein üblich, den betrieblichen Kontakt zur Front durch Brief- und Paketsendungen sowie durch Extraausgaben von Werkzeitschriften zu halten.65 Von Seiten der Wirtschaft war man aus Gründen einer überwiegend patriotischen Haltung zudem bemüht, die Maßnahmen zu unterstützen, mit denen die anfängliche Kriegsbegeisterung zumindest auf dem Niveau der Kriegsbereitschaft gehalten werden sollte. Pelikan z. B. hatte 1915 374 Mitarbeiter im Kriegseinsatz. Um die Stimmung an der Front „trotz der rauen Kriegszeit“ aufzuhellen, ließ die Unternehmensleitung zu Weihnachten als „Liebesgaben“ „½ Liter Rotwein, 10 Cigarren, 3 Hauslichter, Schokolade, 1 Honigkuchen, ein paar [Paar?] Hosenträger, einen Spiegel mit Kamm und einen Roman“66 an die Front schicken. Am 4. August 1914 wurde das „Gesetz zur Ermächtigung des Reichskanzlers zu wirtschaftlichen Maßnahmen“ erlassen. In § 3 wurde der Kanzler ermächtigt, während der Dauer des Krieges die Versorgung der Verlage für Zeitungen, Zeitschriften und andere periodisch erscheinende Druckschriften mit Druckpapier sicherzustellen sowie den Verbrauch an Druckpapier gegebenenfalls zu regeln. Die Versorgung der Nachrichtenund Informationsmedien sowie der Propagandadienste mit Papier hatte als Element der Kriegsführung unbedingten Vorrang und musste in jedem Fall gewährleistet sein. Die Durchführung dieser Maßnahmen konnte der Reichskanzler einer oder mehreren (von der Industrie/Wirtschaft gebildeten) Kriegsgesellschaften übertragen, die jedoch seiner unmittelbaren Aufsicht unterstellt waren. Die Zeitungspapier-Branche genoss Privilegien, die sie im Verlauf des Krieges auch einzusetzen wusste. Auf Initiative von Walther Rathenau (1867–1922, Vorstandsmitglied der AEG, ab 1915 Vorstandsvorsitzender) veranlasste Heinrich Scheüch (1864–1946, seit dem 4. August 1914 Chef des Stabes im Großen Hauptquartier)67, am 8. August 1914 die Ausarbeitung eines Konzeptes zur Sicherung der Rohstoffversorgung. Die Ausarbeitung wurde Walther Rathenau übertragen. Nur eine knappe Woche später konnte am 13. August 1914 offiziell die „Kriegs-Rohstoff-Abteilung“/KRA gegründet und als Dienststelle in den Räumen des preußischen Kriegsministeriums eingerichtet werden. Walther Rathenau übernahm bis April 1915 die Leitung dieser (Planungs-)Abteilung, deren Aufbau, Organisation und Wirkung sich trotz der kurzen Zeitspanne weitgehend mit seinem Namen verbindet. Auf der Grundlage des wirkungsvoll agierenden Kartell-Systems der deutschen Wirtschaft wurde die Versorgung mit Rohstoffen unter den gegebenen Umständen schnell und effizient organisiert. Als eine der ersten Branchen stellte sich die Papierwirtschaft auf die Verhältnisse der Kriegswirtschaft ein68 Am 15. August 1914, noch in der Phase einer allgemeinen Kriegsbegeisterung, trafen sich auf Anregung des Herausgebers der Papier-Zeitung, Carl Hofmann im Berliner Papierhaus Vertreter der gesamten deutschen Papierwirtschaft (Erzeugung, Verarbeitung, Handel). Carl Hofmann zählte in den Jahren zwischen 1875 und 1916 zu den aktivsten und einflussreichsten Persönlichkeiten im Bereich der deutschen Papierwirtschaft. Er war vor allem ein Verfechter von Interessengemeinschaften, von denen er eine größere Zahl anregte und publizistisch nachhaltig unterstützte.69 An der 65 Vgl. Reitzel, Papierausstattungs-Industrie, S. 38. 66 Vgl. Pelikan – Ein Unternehmen schreibt Geschichte, S. 17, Sp. 2. 67 Scheüch war bis 4.8.1914 Direktor des Allgemeinen Zentral-Departements im Kriegsministerium, von Okt. 1918 – Jan. 1919 preuß. Kriegsminister; vgl. de.wikipedia.org/wiki/Heinrich Scheüch (Stand: 5.3.2011). 68 Vgl. Abschn. „Papierverarbeitung 1900 – 1933“ der v. A. 69 Vgl. „Carl Hofmann“. In: Papier-Zeitung, Jubiläums-Ausgabe, Berlin 1926, S. 3909 f.
208 Teil I – Papierverarbeitung im 19. und 20. Jahrhundert Sitzung vom 15. und der folgenden am 18. August 1914 nahm als Interessenvertreter der Papier verarbeitenden Industrie u. a. Max Krause teil. Krause war in Personalunion gemeinsamer Vorsitzender des Papier-Industrie-Vereins/PIV, in dem seit 1906 ausschließlich Papierverarbeitungs-Unternehmen zusammengeschlossen waren, sowie der Vereinigung für die Zollfragen der Papier verarbeitenden Industrie/Zollvereinigung (Geschäftsführer Eugen Hager). Als Einzelfachverband der Papierverarbeitung war der Verein Deutscher Briefumschlag-Fabrikanten/VDB vertreten. Ferner nahmen teil der Verein Deutscher Papierfabrikanten/VDP, der Deutsche Papier-Verein/DPV, die Redaktion der Papier-Zeitung, Feldmühle, Verband der Fachpresse Deutschlands sowie der Verband Deutscher Druckpapier-Fabrikanten.70 An der Sitzung vom 15. August nahmen darüber hinaus auch Berater aus dem Bankwesen (u. a. Brodführer/Dresdner Bank Berlin) teil. Sie sollten die Papier-Industrie u. a. in der Frage juristisch unterstützen, ob sie und wie sie während der Dauer des Krieges in Form einer Genossenschaft zu organisieren wäre.71 Der während dieser Sitzungen gebildete Kriegsausschuss/KA für das gesamte deutsche Papierfach (am 25. Mai 1916 wieder aufgelöst – Vertretung der Papierverarbeitung durch den Briefumschlag-Fabrikanten Rudolf Bergmann/Berlin) setzte sich als freiwillige privatwirtschaftliche Initiative vor allem zur Aufgabe: 1. die Betriebe bei der Sicherstellung der insbesondere für den Heeresbedarf, für die Versorgung der Zivilbevölkerung sowie für die Erledigung allgemeiner staatlich/öffentlicher Verwaltungs-Aufgaben benötigten Rohstoffe zu beraten; 2. den Arbeitsmarkt, insbesondere durch die Verteilung von Arbeitskräften, zu regeln; 3. für eine gleichmäßige Verteilung von Lieferungsausschreibungen auf die Unternehmen der angeschlossenen Industriezweige zu sorgen; 4. das gesamte Papierfach in Rechts- und Verwaltungsfragen, die sich aus den Besonderheiten des Krieges ergaben, zu beraten sowie 5. – und hier zeigte sich das Eigeninteresse Abb. 13: Vollmilchkarte, Mai 1917 des freiwilligen Zusammenschlusses am deutlichsten – Vorschläge bezüglich der Regelung der Preise und der Produktion auszuarbeiten.72 Zu den selbstgesetzten Aufgaben des Kriegsausschuss gehörte weiterhin, die durch den Krieg in Not geratenen Bereiche der Papier verarbeitenden Industrie (Luxuspapier im weitesten Sinne) bei der Umstel70 Vgl. Papier-Zeitung, Nr. 67/1914, 20.8.1914, S. 2195, Sp. 1 f.; Nr. 68, 23.8.1914, S. 2206, Sp. 1. 71 Vgl. Papier-Zeitung, Nr. 67/1914, 20.08. 1914, S. 2195, Sp. 2.. 72 Vgl. Schöller, Kartelle, S. 14.
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lung auf Kriegsproduktion zu unterstützen und Arbeit zu beschaffen. „Für die meisten Zweige der Papierverarbeitung brachte der Krieg [jedoch] weit mehr Aufträge als die Vorkriegszeit.“73 Zur Kriegsführung und für die Versorgung der Zivilbevölkerung wurden Unmengen u. a. von Dachpappe, Kartonagen, Papiersäcken sowie von Papiergarn/produkten benötigt. Durch die Feldpost wurde der Verbrauch an Briefpapier außerordentlich gesteigert.74 So konnte u. a. bei der Otto Ficker oHG/Kirchheim, die die Produktion von Papierwaren mehr und mehr auf die Herstellung von Feldpostbriefen und -karten umgestellt hatte, „der Ausfall auf dem Auslandsmarkt [um 1916 durch die Feldpostprodukte] ausgeglichen“ werden.75 Im Unternehmen Otto Ficker „herrschte Hochbetrieb“. Bei Kriegsbeginn lag die Zahl der Beschäftigten in der Produktion bei 365, 1916 bei 380. Die kriegsbedingt nicht besetzten Arbeitsplätze der Männer sowie die neu geschaffenen Plätze wurden durch Frauen besetzt. Bereits fünf Tage nach der Sitzung vom 15. August 1914 gingen am 20. August in gedruckter Form „Rechtsbelehrungen und Ratschläge“ an die Fachfirmen der Papierwirtschaft heraus, z. B. über das Verhältnis zwischen Lieferanten und Abnehmern in Kriegszeiten, über Handelsverträge, Zoll- und Steuerangelegenheiten, Aus- und Durchfuhrverbote, über Sozialpolitik, das Verhältnis von Arbeitgebern und Arbeitnehmern, über die arbeitsrechtlichen Verhältnisse der zum Kriegsdienst eingezogenen Mitarbeiter und über Versicherungen (wie etwa die Krankenversicherung).76 Die Aufgaben, die der Kriegsausschuss der Papierindustrie übernommen hatte, wurden in den einzelnen Zweigen den bereits bestehenden Fachvereinen und Unternehmer-Verbünden übertragen. Dabei erlangten insbesondere die Kartelle eine führende Bedeutung. Für die nichtorganisierten Unternehmer wurde es zunehmend notwendig, sich einer entsprechenden VerAbb. 14: Reklamemarke, Ludwig Hohlwein, einigung anzuschließen. Rote-Kreuz-Sammlung, um 1915 Die teils patriotisch motivierte, teils am Eigeninteresse orientierte Absicht des Kriegsausschusses Papierwirtschaft war es, in freiwilliger Initiative eine Lobby zu bilden, die bei den Maßnahmen und Entscheidungen den zivilen und militärischen Instanzen Einfluss nehmend aus politischer Überzeugung unterstützend zur Seite stehen sollte.77 73 74 75 76
Vgl. ebd., S. 14. Vgl. ebd., S. 15. Vgl. Mayer, Ficker, S. 50 f. Vgl. Max Krause, Die papierverarbeitenden Industrien im Weltkrieg. In: Grundfragen der Papierwirtschaft, Berlin 1941, S. 22. 77 Vgl. Krause, Einige Erinnerungen, S. 3958.
210 Teil I – Papierverarbeitung im 19. und 20. Jahrhundert Damit verband sich insbesondere auch die Absicht, vor allem weiterhin bestimmend auf die Gestaltung der Preise und der Lieferbedingungen einwirken zu können. Vorbild für die Gründung des Ausschusses waren die Spitzenverbände der deutschen Industrie (Zentralverband deutscher Industrieller und Bund der Industriellen), die sofort nach Kriegsausbruch den Kriegsausschuss der deutschen Industrie gegründet hatten. In den ersten Jahren war die deutsche Kriegswirtschaft einfach und übersichtlich organisiert. An ihrer Spitze stand seit Mitte August 1914 die staatlich geleitete KRA des Kriegsamtes des Preußischen Kriegsministeriums. Im Oktober 1914 beschäftigte diese Abteilung 41 Mitarbeiter im Staatsdienst. Anfang Januar 1915 waren es über 130 Beamte. In den privatwirtschaftlich geführten Kriegsrohstoff-„Gesellschaften“ arbeiteten in der Anfangsphase des Krieges 84 externe Sachverständige und über 650 Angestellte. Die KRA erschien bereits zu diesem Zeitpunkt als „die größte wirtschaftliche Organisation der Weltgeschichte.“78 Im letzten Kriegsjahr 1918 beschäftigte dieser zur Behörde erhobene Ausschuss über 2500 Beamte und Angestellte. Die einzelnen Sektionen bestanden aus ihrem Leiter und zwei Referenten. Die Anordnungen ergingen vom Kriegsministerium. Für die Vorbereitung und Durchführung der Anordnungen war für den Bereich der Papierwirtschaft der Kriegsausschuss zuständig. Dem KA war auch die Verwaltung der Papierkontingente zugewiesen.79 Der KA für das deutsche Papierfach blieb bis zum Frühsommer 1916 eine rein privatwirtschaftliche Einrichtung. In ihm waren federführend für das gesamte Fach zunächst nur die Papiererzeuger für die Wirtschaftsgruppen Papier, Pappe, Zellstoff und Holzschliff vertreten – die Papierverarbeitung wurde durch Rudolf Bergmann/Berlin (Briefumschläge, von 1912–1922 auch Leiter der Papierverarbeitungs-Berufsgenossenschaft80) vertreten. Der KA traf sich während der beiden ersten Kriegsjahre zu zahlreichen Sitzungen. Beraten wurden u. a. Ausfuhrfragen, Einrichtung und Ausbau der Feldpost, rechtliche Fragen, Kriegsmaßnahmen des Auslands und entsprechende deutsche Vergeltungsmaßnahmen, Fragen der Kriegsversicherung, Lieferungen an Militärbehörden, Beschlagnahme von Rohstoffen und Materialien usw. Vier Wochen nach Kriegsbeginn, Anfang September 1914, wurde im KA Papier eine Kommission gebildet, die sich mit Fragen der Ausfuhr befasste. Später folgten Beratungen über Fragen des Altpapiers, Höchstpreise, Regelung der Papierbeschaffenheit, Regelungen der Papierbeschaffung usw. Die Besprechungen fanden in der Regel in den jeweils zuständigen Ministerien statt. Zu den weiteren Aufgaben des Ausschusses gehörte es u. a., Gutachten zu erstellen und zu erteilen oder Maßnahmen unterschiedlichster Art vorzuschlagen.81 Um 1915/16 wurde die Papierknappheit zunehmend kritischer. Die Vorräte, auch die der besetzten Länder, waren weitgehend aufgebraucht. Die Rohstoffversorgung stockte merklich. Die Produktion ging in bedeutendem Umfang zurück. Gleichzeitig wurde Papier mehr und mehr als Ersatzstoff für alle nur denkbaren Zwecke (vor allem auch im – sehr weit gefassten – Textilbereich) verwendet. Im April 1916 wurde auf Betreiben des Vereins deutscher Zeitungsverleger von der Ermächtigung des Reichskanzlers zu wirtschaftlichen Maßnahmen vom 4. August 1914 nach § 3 zum ersten Mal Gebrauch gemacht und damit mit der Zwangsbewirtschaftung 78 79 80 81
Vgl. Krajewsky, Restlosigkeit, S. 204 ff. Vgl. Schoeller/Lammers, Kriegswirtschaft, S. 10. Vgl. Abschnitte „Briefumschläge“ sowie „Verbandswesen“ der v. A. Vgl. Max Krause, Kriegswirtschaft, Berlin 1941, S. 24.
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begonnen. In Berlin wurde die „Kriegswirtschaftsstelle für das deutsche Zeitungsgewerbe“ eingerichtet, die zunächst alle Vorräte an maschinenglatten, holzfreien Papieren erfassen ließ und ein paar Wochen später Regelungen über dessen Verbrauch herausgab. Ab September 1917 mussten der Kriegswirtschaftsstelle ausnahmslos alle Bestände an Papier, Pappen und Kartons gleich welcher Sorte angezeigt werden. Die Sicherstellung des Bedarfs an Papieren für den unmittelbaren Staats- und Heeresgebrauch führte schließlich zu einer Beschränkung der Erzeugung verschiedener Sorten – u. a. von Streichpapieren und -Kartons (Chromo-/Buntpapiere). Die Folge war, dass einige Verarbeiter aller oder der meisten Sorten ihren Bedarf auch nicht annähernd decken konnten. Für die (insgesamt wenigen) Ausfuhrgenehmigungen für Papierwaren war die Zentralstelle der Ausfuhrbewilligungen für Erzeugnisse der Papier verarbeitenden Industrie in Berlin zuständig.82 Am 11. Mai 1916 wurde auf Veranlassung der Kriegs-Rohstoff-Abteilung durch das Kriegsministerium der Papiermacher-Kriegsausschuss/PKA im Rang einer Behörde gegründet. Gleichzeitig wurde der KA für das Papierfach aufgelöst. Papier und Zellstoff hatten im Verlauf des Krieges für die Zwecke der Heeresverwaltung und für die Versorgung der Zivilbevölkerung eine deutlich gesteigerte Bedeutung erlangt. Die Bewirtschaftung des Zellstoffs und Holzschliffs, des Papierholzes, der Leime für Papier usw. stand ab sofort unter der Zwangsverwaltung des PKA und wurde von ihm organisiert. Die Papier verarbeitende Industrie war zu Beginn des Ersten Weltkrieges im Wesentlichen eine Vereinigung (unter der Geschäftsleitung von Eugen Hager), die lediglich in Fragen des Zolls und des Außenhandels einig, geschlossen und effizient auftrat. Hier waren die Notwendigkeit und der Druck zum Zusammenschluss am größten.83 Zunehmend wurde jedoch auch den Papierverarbeitern „klar, dass die alte Zersplitterung aufhören und eine Zentralorganisation geschaffen werden musste, um den Kriegsnöten des Faches beizukommen und den neuen Verhältnissen zu begegnen.“84 1914 bestanden etwa 25 größere und kleinere Verbände der gewerblichen Papierverbraucher – darunter der Deutsche Buchdrucker-Verein/DBV, der Papier-Industrie-Verein/PIV (mit einem eher informell ausgeprägten Charakter), der Verein deutscher Steindruckerei-Besitzer, der Börsenverein des deutschen Buchhandels, der Verein deutscher Verleger, der Verband der Fachpresse, der Verein deutscher Briefumschlag-Fabrikanten, der Verband Deutscher BuchbindereiBesitzer,85 der Verein Deutscher Chromo- und Buntpapier-Fabrikanten, der Centralverband deutscher Kartonagen-Fabrikanten usw. Die Mitgliedschaft in diesen Verbänden und Vereinen war freiwillig. Die geschlossene Erfassung aller Fachgenossen war in keinem Fall gegeben. Der PIV, der den Kreditschutz als seine Hauptaufgabe ansah und unter dessen Dach sich die Vertreter der Papierverarbeitung trafen86, hatte darüber hinaus 82 Vgl. Stadelmann, Buntpapierindustrie, S. 65 ff. 83 Vgl. Max Krause, Kriegswirtschaft, Berlin 1941, S. 23; vgl. auch Abschn. „Verbandswesen“ der v. A. 84 Krause, Die papierverarbeitenden Industrien im Weltkrieg, S. 24; Max Krause konnte sich bei seinen Aufzeichnungen zu Beginn des Zweiten Weltkriegs nicht mehr auf amtliches Archivmaterial stützen, denn es war keines mehr vorhanden, stattdessen konnte er lediglich auf sein privates Archivmaterial und seine Erinnerungen zurückgreifen. 85 Dem Verband standen nach Ende des Ersten Weltkrieges auf gewerkschaftlicher Seite der Verband der Buchbinder und Papierverarbeiter Deutschlands, Zentralverband des graphischen Gewerbes sowie die verschiedenen Fachgruppen (Geschäftsbücher usw.) gegenüber; vgl. u. a. Niederschrift der gemeinschaftlichen Verhandlungen dieser Vereinigungen, Berlin 19. u. 20.12. 1919, Fotokopie im Besitz des Verf. 86 Vgl. Abschn. „Verbandswesen“ der v. A.
212 Teil I – Papierverarbeitung im 19. und 20. Jahrhundert jedoch vielfach gemeinsame Angelegenheiten bearbeitet und Vorschläge für Verordnungen, Gesetzesvorlagen usw. vorbereitet. Auf diese Weise konnte er die einzelnen Verbände bis zu einem gewissen Grad zusammenhalten. – In der Berufsgenossenschaft der Sparten Druck, Verlage, Verarbeitung (Leitung von 1912–1922 Rudolf Bergmann/Berlin, Briefumschläge) waren um 1915/16 rund 13 000 Betriebe mit rund 375 000 vor allem weiblichen, zunehmend mehr aber auch Kriegsgefangenen, Beschäftigten erfasst. Die Gesamtmenge der Erzeugnisse wurde auf 1,5 Mrd. M. geschätzt.87 Am 3. Juni 1916 wurde (als Reaktion auf die Bildung des behördeninstanzlichen Papiermacher-Kriegsausschusses/PKA vom 11. Mai d. J.) der Bund Deutscher Vereine des Druckgewerbes, der Verlage und der Papierverarbeitung als freie Vertretung gegründet.88 Diesem Bund traten nach und nach alle Verbände der Papier verarbeitenden Industrie bei. Schließlich waren es 56. Der Zweck des Bundes war es, die gemeinsamen wirtschaftlichen Interessen der drei Gewerbezweige zu vertreten, mögliche Meinungsverschiedenheiten oder Interessengegensätze der einzelnen Zweige auszugleichen und eine gemeinsame Vertretung gegenüber den staatlichen Instanzen zu bilden. Mit der Gründung des Bundes der Papierverarbeitungs-Vereine war erstmals eine gemeinsame Basis der gewerblichen Papierverbraucher geschaffen worden. Dieser Bund erwies sich schließlich für das Militär und für die Verwaltung als unerlässlich für den Erfolg bei der Bewältigung kriegswichtiger Anforderungen. Der Bund hat während des Krieges und in der ersten Nachkriegszeit kraft seiner Fachkompetenz zu allen Fragen der Bewirtschaftung (auch von Hilfsstoffen) Stellung genommen, die Marktlage und Preisbildung beobachtet und Fragen des Arbeitsmarktes besprochen. Der Bund Deutscher Vereine des Druckgewerbes, Verlage und der Papierverarbeitung war mit den amtlichen/ halbamtlichen Organisationen (KRA, PKA) des Faches in Personalunion verbunden. Dabei wurden ihm auch amtliche Funktionen, z. B. Hilfsstoffverteilung, Ausfuhrgenehmigung, Bedarfs- und Bestandserhebungen, Bezugsschein-Ausgaben, übertragen.89 Entsprechend der Errichtung des Papiermacher-Kriegsausschusses/PKA auf Veranlassung der Kriegsrohstoff-Abteilung durch das Kriegsministerium wurde im Oktober 1916 als Gegenstück dazu, ebenfalls auf Veranlassung der KRA, durch das Reichsamt des Innern der Reichsausschuss für Druckgewerbe, Verlag und Papierverarbeitung/RA in halbamtlicher, beratender Funktion für den Bereich des gewerblichen Papierverbrauchs geschaffen. Dieser Reichsausschuss bestand aus den beiden Gruppen Druck und Verlag (zwölf Mitglieder) sowie Papierverarbeitung (14 Mitglieder) plus Generalsekretäre. Gleichzeitig ernannte das Reichsamt einen Kommissar für den Reichsausschuss/RA.90 Die Mitglieder des Reichsausschusses und ihre Stellvertreter wurden vom Reichskanzler/ Reichsamt des Innern ernannt und zugleich unter dessen Aufsicht gestellt. Der RA hatte u. a. die Aufgabe, bei der Papierbewirtschaftung beratend tätig zu sein sowie bei der Erstellung eines Wirtschaftsplanes mitzuwirken. Ferner sollte der Ausschuss Pläne für die Herstellung, Verarbeitung und Preisregelung bei Papier und Pappe erarbeiten.91
87 88 89 90
Vgl. Krause, Die papierverarbeitenden Industrien im Weltkrieg, S. 26. Vgl. ebd., S. 26. Vgl. ebd. Vgl. ebd., S. 27. Der Sitz des RA war Berlin, Alexandrinenstraße 110; vgl. Adressbuch der Papierindustrie, Berlin 1918, S. 354. 91 Dieser Ausschuss wurde nach Ende des Krieges im Jahre 1919 wieder aufgelöst; vgl. Krause, Die papierverarbeitenden Industrien im Weltkrieg, S. 27.
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Die Versorgung der Presse mit Papier lag beim Reichsamt des Innern (später Wirtschaftsministerium). Diese Versorgung war straff organisiert. Dagegen hatten die anderen Dienststellen des Papierfachs im Wesentlichen die Aufgabe, zu beobachten, zu beraten und Statistiken zu führen.92 Am 31. Juli 1916 erschien eine Verordnung über die Errichtung einer Reichsstelle für Druckpapier. Nach dieser Verordnung wurden die Preise für Zeitungsdruckpapier verbindlich festgesetzt. Diese Preise wurden niedriger gehalten als die für andere Papiere. Die Lieferungen unterlagen der Meldepflicht. Die zugewiesenen Papiermengen wurden herabgesetzt. Aus der Druckpapierstelle beim Reichsamt des Innern (bis Juli 1916) und der Reichsstelle für Druckpapier (ab Juli 1916) wurde schließlich ab 1. April 1917 die Kriegswirtschaftsstelle für das Deutsche Zeitungswesen beim Reichsamt des Innern (Reichswirtschaftsministerium/RWM) als Selbstverwaltungsorgan der Zeitungsverleger gebildet. Die Papiermengen für diesen Bereich wurden nunmehr vom Kriegswirtschaftsministerium zugeteilt bzw. bewirtschaftet. Eine Verbindung des Papiermacher-Kriegsausschusses/PKA mit dem Reichsausschuss für Druckgewerbe, Verlag und Papierverarbeitung/RA (sowie mit dem Handel) wurde durch die Reichskommission zur Sicherstellung des Papierbedarfs gebildet. Diese Kommission war vom Reichsamt des Innern im Einvernehmen mit dem Kriegsamt aus Mitgliedern der beiden Ausschüsse berufen worden. Die Kommission hatte vor allem für die Sicherstellung der Militär- und Zivilbehörden mit Papier durch Zwangsbewirtschaftung und Preisregulierung zu sorgen. Sie hatte aber auch Vorschläge für die Verteilung der Papier-/Pappemengen auszuarbeiten sowie auf Einsparmöglichkeiten hinzuweisen. Die Kommission stand im ständigen und unmittelbaren Kontakt zum Reichswirtschaftsamt und zur Kriegs-Rohstoff-Abteilung des kgl.-preuß. Kriegsministeriums. Dieses Modell der Verzahnung einer behördlich angeordneten und von der Industrie organisierten Zwangswirtschaft zum gegenseitigen Vorteil fand auch nach Ende des Krieges eine häufige, meist unkritische Würdigung. Für die Zwangs- und Planwirtschaft des NS-Regimes und für das System der DDR-Wirtschaft hatte es Vorbildcharakter. „Ohne Durchberatung durch die Reichskommission wurden keine das Papier- und Druckgewerbe regelnden Bestimmungen erlassen. Die Durchführung des Entschlusses der Industrie, die Papierpreise für das In- und Ausland gleichzeitig zu regeln und auch die mit der Preisbildung zusammenhängenden wirtschaftlichen Fragen gemeinsam zu beraten, hatte großen Erfolg. Für die hauptsächlichsten Papiersorten bildeten sich Kartelle, die in Verbindung mit der Pappenindustrie im ‚Gesamtausschuss der Fachgruppen der Papier- und Pappenindustrie‘ vereinigt waren. [...] Das Bestreben, auf die Preisbildung einzuwirken, hat die bestehenden Fachvereinigungen gestärkt.“93
Ab Mitte des Jahres 1916 wurde die Versorgung mit Zellstoff und Papier zunehmend schwieriger. Beide Wirtschaftsgüter wurden in stark steigendem Maße für Heereszwecke benötigt: Nitrinpapier für die Munitions-Produktion, Sackpapier als Ersatz für Jute, Spinnpapier für die Textil-Industrie usw. Zudem verursachte der ernorme Bedarf des Heeres an Chlor, Schwefelkies, Leim und Harz eine spürbare Verschlechterung der Papierqualitäten. Das Papier wurde grau und war in seiner mangelhaften Leimfestigkeit für Verwendungs- und Verarbeitungszwecke nur noch bedingt geeignet. Als Reaktion auf diese Verhältnisse kam es auf Vorschlag des Vorsitzenden des Deutschen Papiergroßhändler-Verbandes, Alexander Flinsch/Berlin, (*1872),94 im April 1917 zur Gründung einer Reichsarbeitsgemeinschaft im Range einer Behörde für alle 92 Vgl. Schoeller/Lammers, Kriegswirtschaft, S. 10. 93 Reitzel, Papierausstattungs-Industrie, S. 63. 94 Vgl. Feyerabend, Papiergroßhandel, S. 11, Sp. 1.
214 Teil I – Papierverarbeitung im 19. und 20. Jahrhundert Gruppen der Papierwirtschaft (Erzeugung, Verarbeitung, Großhandel, Arbeitgeber, Arbeitnehmer). Der Vorsitz der Reichsarbeitsgemeinschaft für das Papierfach (RAG) lag bei Dr. Hans Kraemer. Zu den Mitgliedern gehörten – stellvertretend für die gesamte Papierwirtschaft – sieben (vereidigte) Vertreter des Papiermacher-Kriegsausschusses/PKA, des Reichsausschusses für Druck, Verlag und Papierverarbeitung/RA sowie einige Vertreter des Papiergroßhandels.95 Die Mitglieder der Arbeitsgemeinschaft wurden vom Reichskanzler ernannt. Die RAG, einschließlich einer Preisprüfungsstelle, unterstand unmittelbar den Anordnungen und der Kontrolle des Reichswirtschafts- und des Reichskriegsamtes. Zu den wichtigsten Aufgaben der RAG gehörte vor allem die Sicherstellung von Spinnpapier für die (umfangreiche bis ausschließliche) textile Ersatzproduktion für den Zivil- und Militärbedarf, die Sicherstellung von Verbands- und Hygienematerial auf Zellstoffbasis für den Zivil- und Militärbedarf und die Sicherstellung von Verpackungen für unmittelbare Kriegszwecke (Sandsäcke, Schachteln für Infanteriemunition usw.). Zu den Aufgaben gehörte aber auch, Rationierungsmaßnahmen bei Lebensmitteln für die Zivilbevölkerung möglich zu machen, die u. a. durch Packungszwang in Faltschachteln (z. B. für Haferflocken, Kunsthonig usw.) der jeweils aktuellen Versorgungslage angepasst werden sollte.96 Dagegen wurde u. a. Windmöller & Hölscher, dem führenden Maschinenhersteller für Tüten und Beutel, die Produktion erheblich eingeschränkt bzw. eingestellt und auf die Herstellung von Granatgeschoss-Rohlingen und Maschinen zu ihrer Bearbeitung umgestellt.97 Die Reichsarbeitsgemeinschaft („Papierparlament“) sorgte für den ständigen Kontakt zwischen Herstellern, Händlern, Verbrauchern/Verarbeitern und Zivil- sowie Militärbehörden. Sie tagte regelmäßig alle zwei Wochen, um aktuelle Fragen zu erörtern und über geplante Maßnahmen der Behörden zu beraten.98 Zu den ersten Aktivitäten, die die RAG nach ihrer Bildung anging, gehörten Bestandsaufnahmen von Rohpapier und Rohstoffen, Beeinflussung der Bewirtschaftung der Hilfsstoffe (Chlor, Schwefelkies, Harz, Leim, Filz, Siebe usw.), Feststellung der Produktionskapazität der einzelnen Betriebe, Feststellung des wirklichen Bedarfs und des Grades der allgemeinen Verschwendung sowie des übermäßigen Papierverbrauches der Behörden, Kriegsgesellschaften usw. Hinzu kamen Fragen der Ausfuhr. Gleichzeitig wurden Richtlinien für die Beschränkung des Bedarfs ausgearbeitet. Ab Oktober 1917 unterlagen ausnahmslos alle 35 Papier- und Karton-Arten und 14 gesonderte Arten von Pappe der amtlichen Bestandsaufnahme-, Bezugs- und Verbrauchsregelung.99 Die Kriegswirtschaft (durch Ermächtigungsgesetz vom 4. August 1914 – Bewirtschaftungsgesetz – eingeführt) war durch den für das Deutsche Reich ungünstigen Verlauf des Krieges endgültig zur Kriegszwangswirtschaft geworden.100 Nach dem Krieg würdigte und kritisierte Max Krause die Tätigkeit dieser Spitzenorganisationen, denn
95 96 97 98 99
Vgl. Krause, Die papierverarbeitenden Industrien im Weltkrieg, S. 27. Vgl. Brieger, Faltschachtel-Fabrikation, S. 3978, Sp. 2. Vgl. Teuteberg, Bischof + Klein, S. 94 f. Vgl. Schoeller/Lammers, Kriegswirtschaft, S. 10. Diese Bewirtschaftungsmaßnahmen wurden erst Ende September 1920 wieder aufgehoben; vgl. Krause, Die papierverarbeitenden Industrien im Weltkrieg, S. 24 f. 100 Vgl. Trautwein, Organisationen, S. 63.
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„letzten Endes lastete auf ihnen die gesamte Kriegswirtschaft des Faches, aber [...] mehr als die Hälfte ihrer Arbeitskraft wurde aufgezehrt im negativen Sinne: in der Verhinderung der vielen schädlichen Vorschläge und Projekte zu amtlicher Regelung. Diese[n] Teil der Tätigkeit der zentralen Verbände [...] habe ich beinahe für wichtiger gehalten als den positiven.“101
Noch während des Krieges (1916) entstanden vorsorglich für die Nachkriegszeit neben diesen amtlichen Einrichtungen die privaten Interessenvertretungen u. a. für die Erzeuger mit dem Zentralausschuss der Papier-, Pappen-, Zellstoff- und Holzstoffindustrie oder für die Papierverarbeiter der 1916 gegründete Bund deutscher Vereine des Druckereigewerbes, Verlage und der Papierverarbeitung mit seinen 54 ihm angeschlossenen Verbänden und Vereinen, darunter etwa 15 Preiskartelle und drei Syndikate,102 mit Max Krause als Vorsitzendem.103 Diesem Bund war bereits während des Krieges die Aufgabe zugedacht, in Friedenszeiten die gemeinsamen wirtschaftlichen Interessen der Mitglieder der angeschlossenen Verbände, Vereine und Konventionen gegenüber der Gesetzgebung, den Behörden und der Öffentlichkeit einheitlich und mit Nachdruck zu vertreten. Ebenfalls noch während des Krieges wurden weitere Vereinigungen auf der Fachebene gegründet – so 1917 in Berlin der Verein Deutscher Geschäftsbücherfabrikanten e. V. (VDGF), dem vier Landesverbände mit 135 Mitgliedern, teilweise in Personalunion mit dem Verband der deutschen Lernmittel-Industrie (VDL)104, angehörten.105 Ebenfalls im Jahre 1917 wurden der Verein Deutscher Schreibhefte-Fabrikanten e. V. und die Zeichenlernmittel-Vereinigung e. V. gegründet.106 Ende 1917, am 17. Dezember, wurde der Papierverarbeitungsmaschinen-Verband (PMV) gegründet.107 Noch vor Kriegsende (Herbst 1918) wurde im März 1918 auf Beschluss der Papiermacher-Verbände der Zentralausschuss als Folgeorganisation des Kriegsausschusses (PKA) gebildet.108 Am Ende des Ersten Weltkrieges wurden durch die veränderten Verhältnisse in der Arbeitswelt auf Reichsebene Anstöße für tarifliche (Flächentarif) und arbeitsrechtliche Regelungen (Arbeitszeit, Kündigung usw.) gegeben. Durch die hohe Zahl der Kriegstoten kam es häufiger zu Wechseln in den Betriebsleitungen oder zur völligen Aufgabe des Betriebes. Der allgemeine Rohstoff- und Brennstoffmangel während des Krieg sowie die häufigen Unterbrechungen der öffentlichen Transportwege verursachten Produktions- und Lieferstörungen bzw. Totalausfälle. Eine nachhaltige (mentale und politische) Wirkung hatte die weitgehende Umstellung der Textilwirtschaft auf Papierverarbeitung. Die be101 Krause, Einige Erinnerungen, S. 3958. 102 Vgl. Weissenfels, Standorte, S. 125. 103 Vgl. ebd. Dieser Bund nannte sich ab 1926 Gesamtausschuss der papierverarbeitenden Industrien. Er hatte seinen Sitz weiterhin am Nollendorfplatz in Berlin. Zu den neuen Aufgaben gehörten im Wesentlichen die Normung der Papierformate, das Verkehrswesen und die Lieferungsbedingungen der Papierfabrikanten. Über den Ausschuss wurden 400 000 Arbeiter und Angestellte erfasst; vgl. Weissenfels, Standorte, S. 125. 104 Wichtige Standorte dieser Industrie waren: Halle, Berlin, Heilbronn und Hannover; vgl. Weissenfels, Standorte, S. 24. 105 Dieser Wirtschaftszweig stand kurz vor dem Ruin. Er war stark überbesetzt; vgl. Gedanken zum Kartellproblem in der Papierverarbeitung. In: apr, Nr. 15/1951, S. 629 ff. 106 Nach 1933 Zusammenschluss im VDL; vgl. Gedanken zum Kartellproblem, S. 631. 107 Vgl. Peter, Aspekte, S. 76; im Jahre 1924 waren aber nur 19 der insgesamt 33 Leipziger Unternehmen im PMV organisiert – von den insgesamt 145 deutschen Betrieben dieser Branche waren es 68 – weniger als die Hälfte; vgl. ebd., S. 76 f. 108 Vgl. Trautwein, Organisationen, S. 83.
216 Teil I – Papierverarbeitung im 19. und 20. Jahrhundert hördlich gelenkten Maßnahmen zur Ersatz-Produktion109 von Naturfaser-Textilien durch Papiergarn und von Naturfaser-Säcken auf solche aus Papier bedeuteten für diesen Produktionszweig während der Dauer des Krieges hohe Profite und einen Innovationsschub größten Ausmaßes.110 Diese weitgehende Umstellung hatte jedoch auch eine tiefsitzende „Ersatz“-Psychose in der Bevölkerung ausgelöst, deren langanhaltende Wirkung noch einen – auch sprachlichen – Einfluss („Sortenwandel“ anstatt „Ersatz“) auf die Kriegsvorbereitungen des NS-Regimes ausübte. Auch andere Produktionsbereiche innerhalb der Papier-/Pappeverarbeitung mussten während des Krieges ihre üblichen Angebote umstellen: – so die Hartpapier-Industrie von Elektro-Isolierungen auf die Produktion von Schuhsohlen usw.111 oder die Karneval-Industrie auf die Fertigung von Tarnzeug.112 Die Briefumschlag-Industrie veränderte ihren Produktionsschwerpunkt auf Feldpostkarten und -briefe; die extrem breiten Trauerränder der Vorkriegszeit wurden angesichts des Massenbedarfs bis auf wenige mm reduziert.113 Die graphische Industrie und die Wertpapier-Druckereien erhielten neue Aufgaben u. a. durch die vermehrten Druckaufträge für militärische See- und Landkarten, für Bezugsscheine für die Zivilversorgung oder in der Inflationszeit vor allem für Not- und Inflationsgeld.114 Durch den Krieg waren als neuer Bedarf u. a. Feldpostschachteln, Verpackungen für Kunsthonig, Margarine usw., Papiersäcke als Ersatz für Jutesäcke, Kartuschenhülsen aus Hartpapier usw. entstanden. Nach dem Krieg war vor allem auch eine starke soziale Veränderung in der Vertreterschaft durch zerstörte wirtschaftliche und physische Existenzen zu beobachten („Strandgut des Krieges“).115 Die Papier und Pappe verarbeitende Industrie war in einem erheblichen Maß in das System der modernen, zwangs- und planwirtschaftlichen Kriegsorganisation eingebunden – dazu gehörten u. a. Kriegs-Rohstoff-Abteilung, Kriegsrohstoff-Gesellschaften, Kriegsausschüsse, Reichsausschüsse, Reichsstellen – u. a. für den Verkehr mit Papiersäcken (Reichs-Sackstelle), Reichswirtschaftsstellen – u. a. für Ersatzspinnstoffe (Spinnpapier und Zellstoffgarn) usw. Die kriegs/-planwirtschaftlichen Erfahrungen der Jahre 1914–1918 waren für die Organisation der Nachkriegswirtschaft und -verwaltung während der Weimarer Republik, für die Nationalsozialisten bei den Vorbereitungen des Zweiten Weltkriegs und schließlich bei der Organisation der DDR-Wirtschaft von niht zu unetrschätzder Bedeutung. 1919 legte der SPD-Abgeordnete (rechter Flügel) Rudolph Wissell (1869–1962, von Februar bis Juli 1919 erste Wirtschaftsminister der Weimarer Republik) dem Wirtschaftsausschuss der Nationalversammlung in Weimar einen Entwurf über die Einführung der Planwirtschaft u. a. in der Papierindustrie vor.116 „Dass die staatlichen Wirtschaftsverwaltungen zu immer mehr Interventionismus tendierten, war schon nach dem Ersten Weltkrieg deutlich geworden. Die reformierte Reichsbank, das Reichsministerium für Wirtschaft, [...] für Arbeit und das [...] für Ernährung und Landwirt-
109 Kriegsrohstoff-Abteilungen/KRA im Kriegsministerium, Verteilungsstellen usw. – s. hierzu auch Abschn. „Papiergarn“ der v. A. 110 Vgl. Abschn. „Papiergarn“ der v. A. 111 Vgl. Abschn. „Hartpapier“/Isola der v. A. 112 Vgl. Abschn. „Festartikel“ der v. A. 113 Vgl. Abschn. „Briefumschläge“ der v. A. 114 Vgl. Abschn. „Graphische Industrie“ der v. A. 115 Vgl. Franz Schrömer, Verkauf – gestern und heute, Typoskript eines Vortrags, gehalten am 11.1.1973 in Aschbach/Bayern, VP-Firmenarchiv München. 116 Vgl. Schöller, Kartelle, S. 16.
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schaft waren allesamt Produkte des Ersten Weltkrieges und seiner Folgen. Auch viele Regelungssysteme, die nach 1933 eingeführt wurden, waren schon in den zwanziger Jahren diskutiert worden.“117
Weimarer Republik Im November 1918 erfolgte nach der Kapitulation und der Auflösung des Deutschen Reiches die Demobilisierung der Reichskommission zur Sicherstellung des Papierbedarfs. Sie wurde durch den Fachausschuss für das gesamte Papierfach ersetzt.118 Daraus bildete sich am 24. Juni 1919 die Reichsarbeitsgemeinschaft für das deutsche Papierfach.119 Ebenfalls im November 1918 vereinbarten Gewerkschaften und Arbeitgeber eine zentrale Arbeitsgemeinschaft, um die mit der Demobilisierung und der Umstellung von Kriegs- auf Friedenswirtschaft verbundenen Fragen und Probleme gemeinsam zu lösen. Die Arbeitgeber erkannten die Gewerkschaften ohne Einschränkung als ArbeitnehmerVertretung an. Das betraf insbesondere auch das Recht der Gewerkschaften zum Abschluss kollektiver Arbeitsverträge. Am 1. Mai 1919 wurde allgemein der Acht-StundenArbeitstag eingeführt. Außerdem wurde die Gründung von Arbeitnehmer-Ausschüssen in Betrieben mit mehr als 50 Belegschaftsmitgliedern sowie von Schlichtungsausschüssen für Arbeiter und Angestellte im Kündigungsfalle vereinbart. Entsprechend der Weimarer Verfassung wurde das Recht einklagbarer, kollektiver Arbeitsverträge anerkannt. 1920 trat auf Reichsebene ein Betriebsrätegesetz in Kraft.120 Am 17. März 1919 wurde die KRA im Kriegsministerium aufgelöst und als Friedensabteilung dem RWM unterstellt.121 Auf Fürsprache des Zentralverbandes Deutscher Industrieller wurde im Wirtschaftlichen Ausschuss beim Reichsamt des Innern zur Mitwirkung in politischen Angelegenheiten eine Vertretung der Papierwirtschaft eingerichtet, die allein durch die Papier erzeugende, nicht jedoch durch die wirtschaftlich bedeutendere Papier verarbeitende Industrie oder durch Vertreter der Druckindustrie besetzt wurde. Der Zentralverband hatte diesen beiden Fachrichtungen die Fürsprache versagt.122 Mit Verfügung des RWM vom 1. Juni 1919 wurde der Kriegsausschuss der PapierIndustrie/PKA förmlich aufgelöst.123 Mit dem Ende des Ersten Weltkriegs und dem Ende der politisch-gesellschaftlichen Ordnung des Kaiserreiches kam es zu einer organisatorischen Neustrukturierung der gesamten deutschen Wirtschaft, einschließlich der Arbeitgeberorganisationen, die bei der Durchsetzung ihrer Interessen nunmehr – wie auch die Arbeitnehmer – insbesondere im Verbands- und Tarifwesen auf der Ebene von Reichsverbänden und Reichstarifen aktiv wurden. Auf beiden Seiten hatte sich zunehmend vor allem die Einsicht durchgesetzt, dass die Möglichkeit des ständigen Ausspielens der Tarife des einen Betriebes, Ortes 117 Adam Tooze, Ökonomie der Zerstörung – Die Geschichte der Wirtschaft im Nationalsozialismus, München 2007, S. 141. 118 Vgl. Trautwein, Organisationen, S. 94. 119 Vgl. ebd., S. 105. 120 Vgl. Westrich, Glatz Feinpapiere, S. 76. Der Arbeitgeberverband der papierverarbeitenden Industrie (Api) hatte sich zu den Bestimmungen des Gesetzes in ausdrücklich loyaler Weise bekannt; vgl. Papier-Zeitung, Nr. 10/1921, S. 390, Sp. 2. 121 Vgl. Trautwein, Organisationenen, S. 94. 122 Vgl. Meyerholz, Kunstdruckindustrie, S. 1, vgl. auch Salzmann, Die Papierindustrie, S. 153. 123 Vgl. Trautwein, Organisationenen, S. 95.
218 Teil I – Papierverarbeitung im 19. und 20. Jahrhundert oder Betriebes gegen den anderen nur nachteilig sein konnte und insbesondere durch einen Reichstarif weitgehend auszuschalten war. 124 Auf übergeordneter Ebene konnte 1919 der während des Krieges im Jahre 1916 gegründete Bund deutscher Vereine des Druckgewerbes, Verlage und der Papierverarbeitung mit seinen sämtlichen 54 Mitgliedsverbänden neu gestaltet und weitergeführt werden. Die Neugestaltung des Bundes wie auch die der anderen Wirtschaftsorganisationen beruhte insbesondere auf der Grundlage der Freiwilligkeit und der Selbstverwaltung im Gegensatz zur den Kriegsorganisationen und den späteren während des NS-Regimes und der DDR-Wirtschaft verfügten Zwangsorganisationen. Der Bund legte außerdem das dauernde Mitbestimmungsrecht des Druckgewerbes, der Verlage und der Papierverarbeitung innerhalb der neu entstandenen Reichsorgane (Reichsausschuss für das Papierfach, Reichsarbeitsgemeinschaft für das Papierfach, Reichsverband der deutschen Industrie sowie Außenhandelsstelle für das Papierfach) fest. Dadurch wurde das Arbeitsfeld des Bundes erheblich erweitert, u. a. wurde er vielfach als ausführendes Organ der Reichsorgane eingeschaltet.125 In direkter Beziehung zu den Zentralverbänden auf Reichsebene stand auch der „Arbeitgeberverband der deutschen Papierverarbeitungs-Industrie/Api“, der der „Vereinigung deutscher Arbeitgeberverbände“ angeschlossen war. Die Vereinigung wiederum war im „Reichsverband der deutschen Industrie“ organisiert, in dessen Präsidium ein Vertreter, in dessen Vorstand zwei Vertreter und in dessen HauptausAbb. 15: Deckblatt des Reichstarifvertrages schuss acht Vertreter des Papierfachs defür das deutsche Buchgewerbe und verwandte legiert waren. Alle elf Vertreter wurden aus Berufe, 1920 dem Bereich Papierfabrikation gestellt – somit keiner aus der Papierverarbeitung. Der (unausgesprochene und vom Zentralen Industrieverband unterstützte) Führungsanspruch in der deutschen Papierwirtschaft war auch dadurch erneuert worden. In den insgesamt 25 Fachgruppen des Reichsverbandes der deutschen Industrie war dagegen die Fachgruppe „Papier“ mit je 15 Vertretern der Papiererzeugung und der Papierverarbeitung ungefähr – bei einem an sich wirtschaftlichen Übergewicht der Papierverarbeitung – ausgewogen vertreten.126 Die Vertreter der Papierverarbeiter (delegiert vom Bund deutscher Vereine des Druckgewerbes, Verlage und der Papierverarbeitung) im Fachverband „Papier“ des Reichsver124 Vgl. Papier-Zeitung, Nr. 10/1921, S. 390, Sp. 1. 125 Vgl. Reitzel, Papierausstattungs-Industrie, S. 69. 126 Vgl. ebd., S. 69 f.
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bandes der deutschen Industrie bildeten zugleich die Arbeitgeberseite der Papierverarbeitung in der am 24. Juli 1919 gegründeten „Reichsarbeitsgemeinschaft für das Papierfach“. Der Reichsverband der deutschen Industrie hatte in der am 15. November 1918 gebildeten Zentralen Arbeitsgemeinschaft der deutschen Industriellen, gewerblichen Unternehmer und Arbeitnehmer seine Spitze, die die gemeinschaftliche Interessenvertretung aller Industriellen, gewerblichen Unternehmer sowie Arbeitnehmer gegenüber der Reichsregierung und den Parlamenten auf Reichs- und Länderebene zu übernehmen hatte. Die Zentrale Arbeitsgemeinschaft gliederte sich in 14 „Reichsarbeitsgemeinschaften“ der Industrie und Gewerbezweige – von denen einer durch das Papierfach gebildet wurde. Für den Zentralvorstand der Zentralen Arbeitsgemeinschaft waren zehn Vertreter der Arbeitgeber für das Papierfach im „Zentralausschuss für die Arbeitgeber“ (sechs für die Papierverarbeiter, vier für die Papiererzeuger) abgeordnet.127 Der Zentralen Arbeitsgemeinschaft übergeordnet war der „Wirtschaftsrat“, dem je ein Vertreter der Arbeitgeber und der Arbeitnehmer des Papierfachs angehörte. Der Reichsausschuss für das Papierfach, der als zentrale Organisation der Selbstverwaltung des Papier erzeugenden und des Papier verbrauchenden Gewerbes konzipiert war, hatte sich zu Beginn der 1920er Jahre noch nicht konstituiert. Mit den Ausschüssen für wirtschaftliche und sozialpolitische Fragen war die GesamtPapierindustrie sowohl im Reichsverband der deutschen Industrie als auch in der Arbeitsgemeinschaft der deutschen Industriellen, gewerblichen Arbeitgeber und Arbeitnehmer vertreten. „Unter der Führung und der Mitwirkung des Vereins deutscher Briefumschlagfabrikanten gelang es am 8. Juni 1919 mit Ausnahme des Steindruckerverbandes und der Kartonagenindustrie die ganze deutsche Papierverarbeitung [unter Vorsitz von Max Krause/Berlin] in dem ‚Arbeitgeberverband der deutschen Papierverarbeitungsindustrie‘ (Api) zusammenzufassen.“128
Die Aufgabe des Api bestand vor allem darin, Vertreter der Arbeitgeber gegenüber den Arbeitnehmern zu sein. „Nach dem Kriege waren die [während des Ersten Weltkriegs gebildeten] Kartelle für die Unternehmer äußerst wertvoll geworden, weil die ständigen Lohnforderungen der Arbeiter durch gemeinsame Preiserhöhungen auszugleichen in der Lage waren.“129
Zu den Aufgaben des Api gehörte ferner, bei Streitigkeiten innerhalb der Arbeitgeberschaft durch ein Schiedsgericht zu entscheiden, einen paritätischen Arbeitsnachweis zu unterhalten (Betriebsrätegesetz) und bei selbständig abgeschlossenen Arbeitsverträgen auf die Einhaltung der Mindeststandards zu achten.130 Die Tarifabschlüsse zwischen dem Api und den Arbeitnehmer-Vertretungen wurden vom Reichsarbeitsministerium (RAM) für allgemein verbindlich erklärt.131 Der Verband sollte die Arbeitsverhältnisse auf der Arbeitgeberseite für das gesamte Reichsgebiet regeln. Im Dezember 1919 gehörten dem Api 20 Fachgruppen aus acht Bereichen an: 1. Briefumschlag- und Papierausstattungs-Industrie, 2. Buchbindereigewerbe, 3. Buchdruckgewerbe, 4. Geschäftsbücher-, Notizbücher-, Schulhefte und Zeichenlernmittel-Industrie, 5. Kartonagen-Industrie, 6. Steindruckgewerbe, 7. Tapeten-Industrie, 8. Wellpappen-Industrie.132 Nachdem auch die Bezirke VI und X des Verbandes Deutscher Tüten- und Beutel127 128 129 130 131 132
Vgl. ebd., S. 71. Weissenfels, Standorte, S. 124. Schöller, Kartelle, S. 16. Vgl. Weissenfels, Standorte, S. 128. Vgl. u. a. Papier-Zeitung, Nr. 98/1929, 07.12.1929, S. 3074, Sp. 1. Vgl. Papier-Zeitung, Nr. 10/1921, S. 390, Sp. 2.
220 Teil I – Papierverarbeitung im 19. und 20. Jahrhundert Fabrikanten dem Api geschlossen beigetreten waren, gehörten diesem Gesamtverband Anfang 1921 insgesamt 73 Mitglieder an. 133 Gegen den Anspruch der Allgemeinverbindlichkeit der Api-Tarifabschlüsse kämpfte vor allem der Allgemeine Arbeitgeberband der Papier verarbeitenden Industrie als einer der „Oppositionsverbände“ zum Api, und zwar mit dem Argument, dass der Api lediglich 200 Mitgliedsfirmen vertrete („Zwangstarif der 200“), während im Allgemeinen Arbeitgeberverband 500 Firmen organisiert seien und hunderte anderer Betriebe der Branche ganz außerhalb aller Organisationen stünden. 134 Auf Arbeitnehmerseite standen dem Api im Wesentlichen der Deutsche Buchbinderverband (Berlin, seit Herbst 1919 Verband der Buchbinder und Papierverarbeiter Deutschlands – für gelernte Arbeiter), der Verband der Fabrikarbeiter Deutschlands (Hannover – für angelernte/ungelernte Arbeiter) und der Graphische Zentralverband als Tarifpartner gegenüber.135 Seit November 1919 wurden in Leipzig Verhandlungen zwischen Vertretern der Arbeitgeber- und Arbeitnehmerseite mit dem Ziel geführt, die betrieblichen Tarifvereinbarungen zugunsten eines Reichstarifvertrages abzulösen.136 Die Verhandlungen wurden im April 1920 mit einem Vertrag erfolgreich abgeschlossen. Er war einer von vier Reichstarifverträgen und weiteren 24 Tarifverträgen, die allein im April/Mai 1920 von den Tarifparteien ausgehandelt wurden.137 Ebenfalls im November 1919 hatten sich die Geschäftsbücher-, Notizbücher-, Schreibhefte- und Zeichenlernmittel-Fabrikation,138 die Briefumschlag- und Papierausstattungs-Fabrikation, Wellpappen-Industrie, Tapeten-Industrie, Bilderbuch-Fabrikation sowie verschiedene andere Zweige der Papierverarbeitung neu organisiert und – soweit noch nicht geschehen – im Api zusammengeschlossen. Im Spätherbst 1919 beschloss auch der Vorstand des Verbandes der Deutschen Buchbindereibesitzer, seinen Mitgliedern den Beitritt zum Api zu empfehlen.139 Versuche des Api, die großen Verbände der Papier verarbeitenden Industrie zu einem „graphischen Kartell“ zu vereinen, schlugen vor allem wegen des Widerstandes der Steindruckereibesitzer fehl.140 In den ersten Nachkriegsjahren kam es neben der allgemeinen Neustrukturierung auch zu Neugründungen von Fachverbänden. Der Verband Deutscher PapierhülsenFabriken wurde 1919 in Leipzig-Gohlis gegründet. 1920 schlossen sich in Leipzig 20 Fachfirmen zum Verband deutscher Masken- und Papierspielwaren-Fabrikanten zusam-
133 Vgl. ebd., Sp. 1. 134 Vgl. Papier-Zeitung, Nr. 98/1929, 07.12.1929, S. 3070, Sp. 1. 135 Vgl. Papier-Zeitung, Nr. 96/1919, 30.12.1919, S. 3133, Sp. 1; daneben gab es noch den Zentralverband christlicher Fabrik- und Transportarbeiter, der aber nur regionale Bedeutung hatte und vor allem in der rheinischen Wellpappenfabrikation vertreten war; vgl. ebd. 136 Vgl. Papier-Zeitung, 84/1919, 23.11.1919, S. 3049, Sp. 1. 137 Vgl. Api-Mittelungen, Nr. 2, Berlin, 1.5.1920, S. 1 ff.; Anfang 1921 lag die Gesamtzahl der erfolgreich abgeschlossenen Tarifverträge oder -verlängerungen bei 34; vgl. Papier-Zeitung, Nr. 10/1921, S. 390; an den Tarifverhandlungen nahmen auf Arbeitgeberseite der Api mit seinen ihm angeschlossenen Verbänden, der Deutsche Buchdrucker-Verein, der Bund Deutscher Buchbinder-Innungen und ab Mai der Zentralverband Deutscher Kartonagen-Fabrikanten sowie mehrere lokale Verbände teil; vgl. Api-Mitteilungen, ebd., S. 1. 138 Die Arbeitgeber der Geschäftsbücher- usw. -Fabrikation hatten sich bereits im Juni d. J. zu einem Fachverband zusammengeschlossen; Vorsitzender wurde Paul Asheim (Ferd. Asheim AG, Paul Asheim war gleichzeitig stellvertr. Vorsitzender des Api). 139 Vgl. Papier-Zeitung, Nr. 51/1919, S. 1523, Sp. 1. 140 Vgl. Papier-Zeitung, Nr. 10/1921, S. 390, Sp. 1 f.
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men.141 1922 wurde in Berlin-Charlottenburg der Kartellausschuss der Papierverarbeitung gegründet.142 Der Reichsverband Deutscher Wellpappe-Fabrikanten ging auf eine Gründung aus dem Jahre 1929 in Berlin zurück.143 Die zügig vorangetriebenen Tarifverhandlungen und -abschlüsse waren beim Api nicht zuletzt auch von der Sorge einer linksradikalen Systemveränderung infolge der sozialen, wirtschaftlichen und politischen Krisen bestimmt. Streiks, Aufruhr und Meuterei in der Arbeiterschaft und bei den Soldaten (Arbeiter- und Soldatenräte) ließen die Errichtung einer Gesellschaftsordnung nach bolschewistischem Vorbild in der gerade gegründeten Sowjetunion befürchten.144 Radikale Kräfte in der Buchbinder-Gewerkschaft zusammen mit „auf dem Boden des revolutionären Rätesystems stehenden Buchbindern und Papierverarbeitern“145 hatten 1920 auf einer Konferenz Forderungen aufgestellt nach: 1. Umbau der graphischen Gewerkschaften zu einer großen Papierindustrieorganisation; 2. Ablehnung einer Arbeitsgemeinschaft mit dem Unternehmertum; 3. Anerkennung des Rätesystems als Grundlage der Sozialisierung; 4. Aufgabe der bisherigen politischen Neutralität; 5. Anerkennung des Massenstreiks als politisches und wirtschaftliches Kampfmittel; 6. Grundsätzliche Änderung der Unterstützungseinrichtungen; 7. alleiniges Bestimmungsrecht der Mitglieder in Beruf und Betrieb; 8. restlose Erfassung aller Industrieangehörigen; 9. Kampf gegen die Betriebsorganisation und gegenrevolutionäre Verbände. Weiterhin wurden auf dieser Konferenz Beschlüsse zur Organisation des Kampfes, insbesondere zur Einrichtung von Propagandakommissionen gefasst.146 Die Arbeitgeber befürchteten tiefgreifende politische Systemveränderungen, zumindest jedoch nachhaltige Störungen des Betriebsfriedens und der Produktion. 1919 gab es in Deutschland knapp 370 Streiks. Davon betroffen waren in der Hauptsache die Bereiche Bergbau, Metall und Verkehrswesen. In der Papierindustrie waren 184 Betriebe vom Streik betroffen. Dabei ging es vor allem um Lohnerhöhungen.147 Die Papier verarbeitende Wirtschaft blieb von größeren kommunistischen Störversuchen jedoch weitgehend verschont. Durch die erfolgreichen Tarifabschlüsse der Jahre 1919/20 blieben den meisten Mitgliedsfirmen des Api zudem größere Streiks erspart. Einzelne Unruhen konnten ver141 Vgl. Weissenfels, Standorte, S. 126. 142 Vgl. ebd., S. 125; zur kartellpolitischen Diskussion der 1920er Jahre vgl. auch Wilhelm Clemens, Kartell-Politik in der Papierindustrie. Vortrag auf der außerordentlichen Hauptversammlung des Vereins Deutscher Papierfabrikanten am 28.1.1926. In: Der Papier-Fabrikant, Nr. 7/1926, S. 69 ff. 143 Die erste Verbandsgründung erfolgte 1907 unter der Bezeichnung Verband Deutscher Wellpappenfabriken. Der erste Reichstarifvertrag zwischen dem Arbeitgeberverband und verschiedenen Gewerkschaften wurde am 1.7.1925 abgeschlossen; vgl. Otto Stobbe, Wellpappen-Handbuch, Bde. I-II/2, Darmstadt 1963 u. 1972, hier Bd. I, S. 64 (Wisso Weiß: 1925 – „Gründung der Vereinigung deutscher Wellpappenfabriken Köln-Rodenkirchen“; Weiß, Zeittafel, S. 473). Der Verband wurde 1926 im Papier-Adressbuch unter der Anschrift Berlin W 35, Potsdamer Straße 36 geführt (vgl. ebd. S. XXXIV). 1929 wurde der Reichsverband deutscher Wellpappe-Fabrikanten gegründet; vgl. Weiß, Zeittafel, S. 480. 144 So kämpfte beispielsweise im April 1919 Werner Klein (1899–1972, Bischof + Klein, Lengerich/Westf.) in einem Freikorps gegen den aufständischen Spartakusbund (KPD) im Ruhrgebiet: vgl. Teuteberg, Bischof + Klein, S. 26. Die Freikorps standen bis zum Abschluss des Versailler Friedensvertrags (Juni 1919) im Einverständnis mit der Reichsregierung unter dem Kommando der alten Obersten Heeresleitung/OHL (Paul v. Hindenburg, 1847–1934) bzw. der Reichswehrführung. Sie zerschlugen erfolgreich die spartakistischen/kommunistischen Aufstände. 145 Zit. nach Api-Mitteilungen, Nr. 2, Berlin, 1.5.1920, S. 4, Sp. 1. 146 Vgl. ebd., S. 4, Sp. 1 f. 147 Vgl. Papier-Zeitung, Nr. 94/1920, 7.11.1920, S. 3334, Sp. 1.
222 Teil I – Papierverarbeitung im 19. und 20. Jahrhundert hältnismäßig schnell beigelegt werden. Die Zentralleitungen der Gewerkschaften hatten sich trotz der politischen Spannungen und Unruhen als verlässliche Tarifpartner erwiesen. Vor allem hatten die ultraradikalen „kommunistischen Zellen“ immer wieder versucht, die Autorität der Gewerkschaften zu untergraben und die Arbeiterschaft gegen sie aufzubringen.148 Bezeichnend für die Verhältnisse um 1919/20 mögen zwei (episodenhafte) Schilderungen sein, die erstens die Vereinigten Papierwarenfabriken (VP) München und zweitens die Firma Emil Claviez, Adorf/Vogtland betrafen. „Am 7. April 1919 rief der Münchner Zentralrat der Arbeiter, Bauern und Soldaten die Räterepublik in Bayern aus. Am 1. Mai 1919 drohten die Rote Garde und der Pöbel an, die arbeitenden Vpler herauszuholen und alles zusammenzuschlagen. Hubert Kurz149 verließ an der Spitze seiner Leute die Fabrik. Die Vpler zogen durch den Hof auf die Straße unter dem Gejohle von tausenden erregten und verhetzten Menschen. Hubert Kurz wurde auf einen offenen Lastwagen gezerrt und zusammen mit anderen Bürgern aus dem Viertel mit unbekanntem Ziel von der Roten Garde weggebracht. Am Nachmittag wurden sie in einem Waldstück bei Freising abgeladen und freigelassen. Als Hubert Kurz in der Nacht wieder zurückkehrte, hatten sich Heckenschützen auf der Dächern der Häberlstraße eingenistet und zwei Granaten hatten in das Mittelgebäude der Kapuzinerstraße, dem Gründungsort der VP, eingeschlagen, Am 2. Mai wurde München von Regierungstruppen besetzt und es ist bekannt, dass die sogenannten Weißen grausame Rache an den Roten genommen haben.“150
In der Firma Emil Claviez wurde 1920 folgender Vorfall beobachtet: „Der Kapp-Putsch [März 1920], jener Versuch zur Stürzung der Republik, wirkte sich auch bei uns in einer dreitägigen Stillegung des Betriebes aus. Als Angestellt und Arbeiter in jener Zeit ihr gewohnte Arbeit aufnehmen wollten, standen kommunistische Posten vor den Toren und verweigerten den Eintritt. Am 16., 17. und 18. März 1920 mussten alle streiken auf Befehl der Kommunisten. Nun kamen die Tage der Rotgardisten und die Schreckenstage des berüchtigten Kommunistenhäuptlings Max Hölz.151 Auch unserer Fabrik stattete er einen Besuch ab. Mit dem Ausruf: ,Ich bin Hölzʻ trat er unangemeldet in das Büro des Chefs. Er forderte die sofortige Herausgabe des Autos! Auf die Antwort des Chefs, das Automobil sei kaputt und der Fahrer sei nach Plauen gefahren mit einem defekten Teil des Wagens, um dieses reparieren zu lassen, befahl Hölz dem Chef 152, ihn persönlich an den Autoschuppen zu begleiten. Aber, Schreck, der Schofför hatte den Schlüssel mitgenommen. Hölz glaubte nun, man wolle ihm das Auto verweigern. Er gebrauchte einen rohen Titel, welcher sich auf den Bauch des Kommerzienrates bezog und griff dabei in die Tasche, aus welcher er eine EierHandgranate zog, dabei die Worte sprechend: Hier ist mein Schlüssel, wenn nicht innerhalb von fünf Minuten das Tor geöffnet ist, fliegt der Schuppen in die Luft. Schleunigst musste der Schlossermeister kommen und Hölz überzeugte sich, dass das Auto nicht gebrauchsfähig war. Alle Teile aber und alles Benzin wurde vor das Tor gelegt, zur Abholung bereit und ein HölzGardist stand mit Gewehr davor Wache. Auch eine große Summe Geldes musste die Firma damals ganz kurzfristig aufbringen.“153 148 Vgl. Papier-Zeitung, Nr. 10/1921, S. 390, Sp. 1. 149 Hubert Kurz (1871–1936), war der Firmengründer der VP. 150 Kurz, Hubert A. O., Geschichte der VP 1896–1996, hrsg. v. Vereinigte Papierwarenfabriken GmbH München, München 1996, S. 38. 151 Max Hölz, (1889–1933, gest. in Moskau, wahrscheinlich ermordet), USPD-Mitglied, Mitbegründer der KPD (1918/19), organisierte nach dem Kapp-Putsch eine „Rote Armee“ und rief 1921 eine Räterepublik in Mitteldeutschland aus; vgl. u. a. BE, Bd. 10, S. 200. 152 Gemeint ist Emil Claviez/Adorf (1866–1931), ein „Kriegsgewinnler“ (vgl. Abschn. „Papiergarn“ der v. A.). 153 Hans Baebelein, Geschichte des Betriebes Teppich- und Textilwerke AG Adorf i. V., Vorgeschichte und Entwicklung der Firma. Adorf o. J. (1925/26), maschinenschriftl. Manuskript, Museum Adorf, S. 6.
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Da nur wenige Firmen ausschließlich Kartonagen, Briefumschläge, Schulhefte, Tüten/ Papierbeutel usw. herstellten, war die Papier verarbeitende Industrie sowohl auf fachlicher, auf Arbeitgeber- als auch auf Arbeitnehmerseite in einem vielfältigen Verbands-, Kartellund Konventionswesen organisiert. Oft gehörten die Betriebe mehreren Fachgruppen und Arbeitgebervertretungen gleichzeitig an. Neben dem Verband deutscher Tüten- und Papierwarenfabriken/Reichsverband Deutscher Papierwarenfabrikanten gab es u. a. den Zentralverband Deutscher Kartonagen-Fabrikanten, in dem zweckmäßigerweise auch Papierwaren-Hersteller organisiert waren/sein mussten. Die Vereinigung der Verbände der Papierverarbeitung war am 18. November 1922 auf Einladung des Vereins deutscher Briefumschlagfabrikanten (VDB) von 15 Kartellen gegründet worden.154 Zur Zielsetzung der Vereinigung gehörte die gemeinsame Vertretung gegenüber Lieferanten und Abnehmern, Verständigung über Kalkulationsgrundsätze, Vertretung gegenüber der Öffentlichkeit und den Behörden sowie die Vereinheitlichung von Ausführungsvorschriften.155 Der Verband bestand aus vier Reichsfachgruppen als Unterorganisationen: der Fachgruppe für Geschäftsbücher-,156 Notizbücher- usw. -Betriebe; der Fachgruppe Briefumschlag- und Papierausstattungs-Fabriken; der Fachgruppe Tapetenund Buntpapier-Fabriken und der Fachgruppe Wellpappenfabriken. Diese Fachgruppen waren aus den 20 Untergruppen gebildet, die sich wiederum aus der Zusammenfassung der einzelnen Ortsgruppen ergaben. Insgesamt hatte der Api 264 Mitglieder, die Arbeitgeber von 18 000 Arbeitern und 3500 Angestellten waren.157 Im einzelnen angeschlossen waren der Verband Deutscher Buchbindereibesitzer158 /Arbeitgeberverband der Papier verarbeitenden Industriellen, die Fachgruppe Briefumschlag- und Papierausstattungs-Fabrikation, der Arbeitgeberverband der Papier verarbeitenden Industriellen, die Fachgruppe Geschäftsbücher-, Notizbücher-, Schreibhefte-, Zeichenlernmittel-Fabrikation und verarbeitende Betriebe, der Reichsverband Deutscher Buchdruckereien, der Bund Deutscher Buchbinder-Innungen159 und der Deutsche Buchdrucker-Verein. Auf gewerkschaftlicher Seite standen dem Api insbesondere der Verband der Buchbinder und Papierverarbeiter Deutschlands160 sowie der Graphische Zentralverband gegenüber. Jeder dieser Verbände bemühte sich als Einzelvertretung um die Aufnahme der nicht organisierten Arbeitnehmer. Beide Verbände zusammen traten als Gemeinschaft in den Tarifverhandlungen auf. Bis zum Ende des Krieges waren beispielsweise die meisten Beschäftigten in der Briefumschlagindustrie gar nicht oder nur sehr zersplittert organisiert. Das wird zum Teil am erheblichen Übergewicht der weiblichen Arbeitnehmer 154 Vgl. Kühl, Briefumschlag-Industrie, S. 51. 155 Vgl. ebd. 156 Der Verein Deutscher Geschäftsbücher-Fabrikanten hatte seinen Sitz in Berlin W 35, Potsdamer Straße 36; vgl. Papier-Adressbuch, Berlin 1926, S. XXXIV. 157 Vgl. Weissenfels, Standorte, S. 128. Anschrift 1926: Frankfurt/M., Börsenstraße 15; vgl. PapierAdressbuch, Berlin 1926, S. XXXV. 158 Gegr. 1900 in Leipzig, nahezu 250 Mitglieder – durchweg größere Firmen – in sechs Ortsgruppen; vgl. Weissenfels, Standorte, S. 127. 159 Gegr. 1882 in Berlin; vgl. Weissenfels, Standorte, S. 127. 160 Der Verband war als gewerkschaftliche Organisation am 13./14.4.1873 auf dem allgemeinen Buchbindertag zu Nürnberg als „Verband der Buchbinder und verwandte Geschäftszweige“ gegründet worden; er ging aus dem Zusammenschluss von Lokalvereinen hervor. 1878 wurde der Verband durch das Bismarck’sche Sozialistengesetz verboten; 1885 erfolgte die Neugründung; der 1893 bestehende Zentralverband der Einzelmitglieder wurde 1933 aufgelöst; vgl. Weiß, Zeittafel, S. 380.
224 Teil I – Papierverarbeitung im 19. und 20. Jahrhundert in dieser Industrie gelegen haben, „die für eine Organisation schwerer zu gewinnen [waren], aber auch unter den männlichen Arbeitnehmern war kein einheitlicher Zusammenschluss vorhanden.“161 Ein Teil gehörte dem Graphischen Zentralverband oder dem Verband der Buchbinder und Papierverarbeiter an, ein anderer Teil war beruflich organisiert und hatte sich einem seiner Tätigkeit entsprechenden Verband angeschlossen – u. a. die Packer und Hilfskräfte dem Transportarbeiter-Verband. Die Zahl der nicht organisierten männlichen Gewerkschaftsmitglieder war insgesamt zwar kleiner als die der weiblichen, sie war jedoch nicht gering. Erst durch die deutliche Erhöhung des Organisationsgrades und der engeren Zusammenarbeit der beiden bedeutendsten Arbeitnehmervertretungen waren nach Ende des Ersten Weltkrieges erfolgreiche Tarifverhandlungen mit den Arbeitgebern möglich. Für die bessere Durchsetzung von Rechtsansprüchen (vor allem bei unbezahlten Rechnungen) sorgte in den 1920er und 30er Jahren auf wirtschaftspolitischem Gebiet die Spitzenorganisation „Papierindustrieverein“ mit Sitz in Berlin. Dem Papierindustrieverein gehörten Firmen aus dem Bereich der Papierverarbeitung an.162 1926 wurde mit „Die Verpackung“ in Berlin die erste Verpackungs-Fachzeitschrift gegründet. 1927 entstand an der Technischen Hochschule Dresden die erste Prüfeinrichtung für Verpackungen. Ebenfalls 1927 wurde beim Ausschuss für wirtschaftliche Fertigung des Reichskuratoriums für Wirtschaftlichkeit (RKW) ein Ausschuss „Verpackung“ gebildet. 1928 kam es zu einer tiefen Krise im Deutschen Papiergroßhändlerverband. Während die Sektion der Feinpapiergroßhändler für einen freien Handel ohne Werkhandel oder gehobenen Kommissionärsstatus eintrat, bevorzugte der Packpapiergroßhandel ebenso eindeutig feste Abmachungen sowohl mit Lieferanten als auch mit Abnehmern. Da er sich in dieser Haltung mit Packpapierverarbeitern, insbesondere jedoch mit Tütenfabrikanten, einig wusste, kam es zur Gründung eines Allgemeinen Papier-Verbandes (APV). Nach Ansicht der Packpapiergroßhändler bestand eine Interessengemeinschaft weniger zwischen den einzelnen Sparten des Papiergroßhandels, als vielmehr zwischen den Großhändlern und den jeweiligen Verarbeitungsgewerben.163 Noch im selben Jahr kam es daraufhin zur Planung eines eigenen Reichsverbandes der Packpapiergroßhändler. Nach eingehenden Diskussionen konnte die Separierung jedoch abgewendet werden und es kam zur Gründung des Reichsverbandes Deutscher Papiergroßhändler, in dem beide Sparten vertreten waren.164 Auch in der Bildung des APV drückte sich zum wiederholten Male das besondere Streben der Tütenfabrikanten nach Sicherheit durch Absprachen aus, die sich für diese Industrie ab 1933 dann endlich erfüllen sollte. „Die wegen ihrer technisch bedingten Unbeweglichkeit kartellfreudige Papierwirtschaft kommt [dem NS-Staat] sehr entgegen, indem sie sich selbst ihren seit langem gehegten Wunsch, den Wettbewerb zu zügeln, erfüllt.“165
Mit der 4. Notverordnung der Reichspräsidenten zur Sicherung von Wirtschaft und Finanzen und zum Schutze des inneren Friedens vom 8. Dezember 1931 (ausgegeben am 9. Dezember d. J.) wurde ein Preiskommissar eingesetzt. Dessen Aufgabe bestand vor 161 162 163 164 165
Kühl, Briefumschlag-Industrie, S. 69. Vgl. Bongartz, Dürener Papierverarbeitungs-Industrie, S. 1 f. Vgl. Feyerabend, Papiergroßhandel, S. 12, Sp. 2. 94 Feinpapier-, 236 Packpapiergroßhändler; vgl. ebd., S. 12, Sp. 2. Vgl. Bongartz, Dürener Papierverarbeitungs-Industrie, S. 1 f.
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allem in der Durchsetzung einer allgemeinen Preissenkung. Ziel dieser Maßnahme war die Stärkung der Binnennachfrage und damit die Verbesserung der wirtschaftlichen Lage mitten in der Weltwirtschaftskrise. Die Preissenkungen von durchschnittlich zehn Prozent sollten vor allem auf lebenswichtige Artikel bezogen sein – dazu zählte der Preiskommissar auch Tapeten. Die Tapetenindustrie konnte diese Preissenkung jedoch erfolgreich abwehren. Für den Tapetenhandel bestand eine Preisbindung. Deren Aufhebung hatte jedoch keine Preissenkung zur Folge. Daher erließ der Preiskommissar am 1. Februar 1932 eine Verordnung über den Handel mit Papiertapeten. Danach wurden die höchstzulässigen Aufschläge auf die Bruttopreise für den Handel mit 40 bis 50 Prozent festgesetzt. Davor lag diese Spanne bei bis zu 200 Prozent. Dieser hohe Satz wiederum ergab sich aus der allgemein üblichen „Rabattschleuderei“ im Tapeten-Einzelhandel.166
Hubert Kurz – VP/München Typisch für die Wirtschaftsstruktur der Vorkriegs-Ära war neben der Monopolbildung in der Montan-Industrie die beträchtlich steigende Zahl der Groß- und Mittelbetriebe.167 Sie entstanden meist nicht in dieser Größenordnung, sondern wuchsen dazu erst allmählich heran. Sie bildeten jedoch, insbesondere auch mit der Zielsetzung von Machtzusammenballung, einschließlich der Bildung von Kartellen,168 Syndikaten, Trusts, Konzernen oder Kapitalgesellschaftern, den Maßstab aller unternehmerischen Ziele.169 Die typischen Unternehmerpersönlichkeiten in dieser Wirtschaftsepoche beschreibt Wilhelm Treue als Männer, bei denen das Streben nach Gewinn, nach Neuerungen, Fortschritt und Rationalisierung im Mittelpunkt stand. Sie verfügten meist über eine kaufmännische und/oder technische Ausbildung. Als weitere Merkmale galten Phantasie, Risikobereitschaft und Expansionswillen. Sie waren meist von individueller Ausprägung, aber auch zur Bildung von Interessengemeinschaften und Kartellen bereit.170 Als Beispiel für den Bereich der Papier und Pappe verarbeitenden Industrie steht für diese Epoche der Münchener Unternehmer Hubert Kurz, Gründer der Firma Eger & Comp. in München (der späteren Vereinigten Papierwarenfabriken/VP). Hubert Kurz wurde 1871 als Beamtensohn geboren. Nach dem Schulbesuch absolvierte er in einer Papiergroßhandlung eine Kaufmannslehre. Im Alter von 25 Jahren gründete er 1896 (in der Phase einer länger andauernden Hochkonjunktur) zusammen mit dem Papiergroßhändler Carl Eger eine Firma zur Herstellung von Tüten und Papierbeuteln. Hubert Kurz galt als wenig kapitalkräftig, aber als ausgesprochen ehrgeizig und außerordentlich tüchtig. Er wurde als ein Mann wahrgenommen, „der allemal scharf ins Zeug“ ging und der von Beginn an die Absicht verfolgte, Großfabrikant zu werden.171 Nach fünf Jahren wurde Hubert Kurz zum Alleininhaber des Unternehmens Eger & Comp. 1907 fusionierte Kurz, der „etwas vom Größenwahn“ erfüllt war,172 mit dem Ludwigsburger Papierwaren-Unternehmen Carl Ganter sowie mit dem Heilbronner Papier166 Vgl. Kilger, Wirtschaftliche Bedeutung der Tapete, S. 154, Sp. 1 f.; zur Lage der TapetenIndustrie in den 1930er Jahren s. auch Abschn. „Tapeten“ der v. A. 167 Vgl. Kramer, Deutsche Kultur zwischen 1871 und 1918, S. 269. 168 Vgl. Abschn. „Verbandswesen“ der v. A. 169 Zu „Großunternehmen“ vgl. u. a. Wehler, Deutsche Gesellschaftsgeschichte, Bd. 3, S. 622 ff. 170 Vgl. Treue, Gesellschaft, Wirtschaft und Technik, S. 207 ff; vgl. auch Wehler, Deutsche Gesellschaftsgeschichte, Bd. 3, S. 632; Papier-Zeitung, Jubiläums-Ausgabe, Berlin 1926, S. 3911 ff. 171 Vgl. Auskunftei Schimmelpfeng, München, 6.1.1905, VP-Firmenarchiv München. 172 Vgl. ebd.
226 Teil I – Papierverarbeitung im 19. und 20. Jahrhundert waren-Unternehmen Carl Friedrich Mutter.173 Die Firmenbezeichnung lautete ab 1901 „Vereinigte Papierwarenfabriken“. Zehn Jahre nach der Gründung waren unter dem Dach dieses Unternehmens sechs Papierverarbeitungs-Betriebe (einschließlich des Stammhauses) vereinigt. Hubert Kurz war seinem Ziel, „a tout prix Großfabrikant“ zu werden, um entscheidende Schritte nähergekommen.174 Ein wesentliches Motiv für die vielen Erwerbungen war das Bestreben, am Markt für „übersichtliche und berechenbare Konkurrenzverhältnisse“ zu sorgen – die Ausschaltung von Konkurrenz durch Konzentration zu erreichen. Auch zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurde in der PapierwarenBranche wie in den Jahrzehnten davor Ware „um jeden Preis“ verkauft („geschleudert“).175 Die Verhältnisse wurden von Kurz als „unsinnig“ bezeichnet. In ihm entwickelte sich zunehmend das Bedürfnis, „hier Ordnung“ zu schaffen.176 Bereits im Jahre 1900 hatte Hubert Kurz an einer Versammlung bayerischer Papierwaren-Fabrikanten teilgenommen, auf der Preiserhöhungen und neue Rabattsätze festgelegt wurden. Hubert Kurz hatte auf dieser Versammlung eine Schutzvereinigung speziell für Münchener Firmen angeregt.177 1913 erreichten die Vereinigten Papierwaren-Fabriken die erste Umsatzmillion. Auch nach Ende des Ersten Weltkrieges setzte sich Hubert Kurz – aus Gründen einer „gesunden“ Preisbildung durch Preistarife bzw. Preisbindung – für die Verabschiedung einer Papiersack-Konvention im Rahmen eines Syndikates auf Reichsebene ein.178 Diese Konvention sollte zwischen Papierherstellern, -verarbeitern und staatlichen Organisationen (Reichssackstelle – zuständig für Bewirtschaftung) vereinbart werden.179 Als Hubert Kurz 40 Jahre nach der Firmengründung im Jahre 1936 starb, waren unter dem Dach der VP-Fabriken zwölf Betriebe, einschließlich einer Papierfabrik180, zusammengefasst.
Karl Höhn/Ulm Der Techniker und Chemiker Karl Höhn (1880–1942) übernahm 1910 mit Erbschaftsmitteln die 1830 von Christoph Siler in Ulm gegründete Buch- und Steindruckerei Heinrich Frey mit angeschlossener lithographischer Anstalt in Neu-Ulm.181 Er baute diesen Betrieb in kurzer Zeit zu einem führenden Unternehmen der Papier verarbeitenden Industrie im südwestdeutschen Raum aus. Höhn hatte zwischen 1901 und 1907 in Stuttgart Technik und in München Chemie studiert. Zwischen 1908 und 1910 arbeitete er an einer Dissertation im Fach Chemie. 173 Vgl. Ohne Verfasser, „Eugen Lemppenau“, Typoskript, 0231/20, Archiv für Schwäbische Wirtschaftsgeschichte, Stuttgart o. J., S. 473. 174 Vgl. Auskunftei Schimmelpfeng, München, 6.1.1905, VP-Firmenarchiv München. 175 Vgl. Carl Ganter, Schreiben an Hubert Kurz, Ludwigsburg, 3.1.1905, VP-Archiv München. 176 Vgl. ebd. 177 Vgl. „Niederschrift über die am Sonntag, den 11. März 1900 in München stattgehabte Versammlung bayerischer Papierwarenfabrikanten“, VP-Firmenarchiv München. Diese Versammlung stand auch im Zusammenhang mit dem am 8.4.1900 in Berlin gegründeten Verband Deutscher Dütenfabrikanten, dessen oberstes Ziel die Durchsetzung von Mindestpreisen war; vgl. Papier-Zeitung, Nr. 18/1900, 4.3.1900, S. 643, Sp. 1. 178 Vgl. Hubert Kurz, Resolution zu einer Papiersack-Konvention, München, 22.12.1919. VPFirmenarchiv München. 179 Vgl. ebd. 180 1919 wurde die VP München Alleininhaberin der Papierfabrik Ismaning. 181 Diese Buchdruckerei wechselte bis 1910 wiederholt den Besitzer; zuletzt 1890 durch Heinrich Fray; vgl. Dr. Karl Höhn 29.10.1880 bis 1.4.1942 – Zum hundertsten Geburtstag des Gründers der Druckereibetriebe Dr. Karl Höhn, hrsg. v. Dr. Karl Höhn GmbH, Ulm-Biberach-Lindau o. J. [1980], S. 29.
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1910 wurde er zum Dr. rer. nat. promoviert. Unmittelbar nach dem Erwerb der Buchdruckerei brachte Höhn den Betrieb auf den neuesten technischen Stand und richtete eine eigene Schriftgießerei und Offset-Druckerei ein. Höhn führte in seinem Betrieb ohne Zögern den jeweils modernsten Stand in der Druckereitechnik ein (u. a. Offsetdruck, um 1910). Zeitgleich mit der Einrichtung der Schriftgießerei und Offset-Druckerei richtete er die erste und leistungsstärkste chemigraphische Klischeeanstalt in Ulm ein. Die Firma spezialisierte sich neben dem Buchdruck auf den Farbendruck für Plakate, Werbedrucksachen aller Art und Etiketten. 1912 gründete Höhn in Biberach einen Zweigbetrieb mit Linieranstalt für die Herstellung von Geschäftsbüchern und Karteikarten. Die dafür erforderliche Buchbinderei richtete er in Ulm ein. Sie entwickelte sich in kurzer Zeit zum Großbetrieb mit Übergang zur Kartonagen-Fabrikation. Für Karl Höhn wurde dieser Betriebszweig mit Massenaufträgen für Verpackungen aus der Lebens- und Genussmittel-Industrie sowie aus der Seifen- und Parfümindustrie über lange Jahre zum einträglichsten Produktionsbereich. Einen erheblichen Teil davon machte die Herstellung von Kappenschachteln für die Zigarettenindustrie aus. Einen weiteren Teil machten die Verpackungen für die Tabakindustrie – u. a. für die nahe gelegene Pfalz aus. Von Reemtsma/Hamburg hatte Höhn bis 1931 einen Dauer-Großauftrag – 1937 baute Reemtsma eine eigene Verpackungs-Abteilung auf.182 Bis 1931 verließen jeden Abend „zwei mit etikettierten Zigarettenpackungen vollbeladene Möbelwagen die Stadt in Richtung Hamburg.183“ Der Betrieb musste in Ulm – vor allem für die Kartonagenfabrikation – fortwährend ausgebaut und erweitert werden. Ebenfalls in den frühen 1920er Jahren konnte Karl Höhn in Kirchheim-Teck ein Gebäude für die Herstellung von Kappenschachteln erwerben, in dem er 60 Arbeitskräfte beschäftigte. 1925/26 und 1928/29 wurde in Ulm ein zentraler Gebäudekomplex mit 3000 qm Betriebsfläche errichtet. Mitte der 1920er Jahre, rund 15 Jahre nach der Betriebsgründung, zählte die Höhn-Belegschaft zeitweise über 1000 Mitarbeiter. Nach der Kündigung des Dauerauftrages für Reemtsma/Hamburg mussten 1931 allein in Ulm über 300 Arbeitskräfte entlassen werden.184 1912 erhielt Karl Höhn den Druckauftrag für das „Wochenblatt der Papierfabrikation“, 1913 den Auftrag für die Hefte „Ulm-Oberschwaben – Zur Kunst- und Altertumsgeschichte“. Damit war eine betont stadt- und heimatgeschichtliche Ausrichtung des späteren Verlages Karl Höhn vorgegeben. Ab 1917 übernahm Karl Höhn den Verlag und die Druckerei des „Lindauer Tageblatts“. Damit war Höhn endgültig ins Verlagsgeschäft für Zeitungen – später auch für Zeitschriften und Bücher – eingestiegen. 1919–1921 folgten Zeitungsgründungen in Kempten und Kaufbeuren („Allgäuer Neueste Nachrichten“). 1920 kaufte er das „Blaubeurener Tageblatt“. Ab 1927 erschien im Verlag Höhn die „Ulmer Chronik“ als Monatszeitschrift. 1929 stieg Höhn in Tübingen („Tübinger Chronik“) und Ulm ins Zeitungs-, (Fach-)Zeitschriften-, Buchverlags- und Buchversandsowie Antiquariatsgeschäft ein.185 Als letzte Verlagserwerbung erfolgte die Übernahme des „Ulm/Neu Ulmer Adressbuches“ (erste Höhn-Ausgabe 1933). 182 Vgl. zu den Reemtsma-Zigarettenpackungen H. F. & Ph. F. Reemtsma, Die Cigarettenpackung im Laufe der Reemtsma-Firmengeschichte – Gustaf Nils Dorén, Hamburg 1975. 183 Höhn, 29.10.1880 bis 1.4.1942, S. 11. 184 Vgl. ebd., S. S. 15. 185 Weitere Zeitschriftentitel waren u. a. Das Tier, Die Tierwelt, Deutsche Briefmarkenzeitung, Kunst- und Antiquitäten-Rundschau, Das Bodensee-Buch; vgl. Höhn, 29.10.1880 bis 1.4. 1942, S. 15 ff.
228 Teil I – Papierverarbeitung im 19. und 20. Jahrhundert Die graphische Abteilung im Höhn-Unternehmen hatte sich vor allem auf die Herstellung von Reklame-/Werbeschriften aller Art und auf den Wertpapierdruck spezialisiert. In der Inflationszeit nach dem Ersten Weltkrieg erhielt Höhn von mehreren Stadtgemeinden (u. a. Ulm) den Druckauftrag für Papier-Notgeld. Während der NS-Zeit zeigte Karl Höhn nur wenig Bereitschaft, sich den politischen Spielregeln freiwillig unterzuordnen. „1933 – Durch zunehmenden Druck der NSDAP, wie Steuerstrafe, Ausschluß aus der Reichspressekammer und sogar Gestapo-Antrag auf KZ-Einweisung, Verkauf des Betriebes Tübingen an die NS-Presse.“186 „Beschlagnahmen folgten, mehr oder weniger erzwungene Verkäufe der Zeitungsverlage und -druckereien. Es kam zum Entzug von Rüstungsaufträgen für die Kartonagenfabrikation. Es kam zum Ausschluß aus der Reichspressekammer und endlich zur Aberkennung der VerlegerEigenschaft. Und als dann kein Spielraum mehr blieb für ein Unternehmertum, wie er es kannte, [...] da begann Karl Höhn zu resignieren.“187
Karl Höhn starb 1942.
Soziales und Statistisches zwischen 1900 und 1933 Als Reichskanzler Bernhard von Bülow (amt. 1900–1909) 1907 dem Reichstag einen Entwurf zur Änderung der Reichs-Gewerbeordnung vorlegte, nach dem die Höchstarbeitszeit für Arbeiterinnen auf zehn Stunden täglich verkürzt bzw. gesetzlich festgelegt werden sollte, reagierte die Papierindustrie darauf mit vielen Vorbehalten und Bedenken. Zur Verhütung wirtschaftlicher Schäden für die Arbeitgeber waren im Entwurf jedoch ohnehin schon folgende Maßnahmen vorgesehen: 1. eine Übergangsfrist bis zum 1. Januar 1910, um die jeweilige betriebliche Organisation darauf einstellen zu können. 2. In Ausnahmefällen sollte eine Höchstarbeitszeit von 11 Stunden täglich oder 60 Stunden wöchentlich möglich sein – z. B. um die volle Auslastung der Maschinen zu ermöglichen.188 Von der Novelle der Gewerbeordnung waren 820 Betriebe der Papierindustrie (Erzeugung und Verarbeitung) mit rund 16 000 Arbeiterinnen betroffen. Davon gehörten zur Papiererzeugung 532 Betriebe mit über 11 200 Arbeiterinnen (= knapp über 21 Prozent je Betrieb) und zur Papierverarbeitung 288 Betriebe mit über 4700 Arbeiterinnen (= über 16 Prozent je Betrieb). 1907 hatten mehr als 28 Prozent aller Arbeiterinnen in der Papierverarbeitung eine längere als zehnstündige Arbeitszeit täglich – in der Papiererzeugung waren es mehr als 37 Prozent.189 Besonders für den Bereich der Papierverarbeitung mit einem verhältnismäßig hohen Anteil an Saisonarbeit wurden durch die Gesetzesänderung Probleme erwartet. Die Novelle sah vor, dass ab 1910 eine tägliche Arbeitszeit von 12 Stunden auch in Saisonzeiten von den Arbeiterinnen nicht überschritten werden durfte.190 Während sich die meisten Unternehmer der Papier und Pappe verarbeitenden Industrie darum bemühten, eine Verbandsstruktur zu organisieren, über die vor allem Kartelle oder kartellähnliche Marktabsprachen möglich gemacht werden sollten,191 und sie sich bei den 186 187 188 189 190 191
Ebd., S. 31. Ebd., S. 27. Vgl. Papier-Zeitung, Nr. 1/1908, 2.1.1908, S. 1, Sp. 1. Vgl. ebd., S. 1, Sp. 2. Vgl. ebd. Vgl. hierzu Abschn. „Verbandswesen“ der v. A.
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unterschiedlichsten Gelegenheiten über die „Übelstände“ und „Missstände“ beklagten, die ihren Interessen, Vorstellungen und wirtschaftlichen Zielen entgegenstanden, ging es im Engagement um die Arbeitnehmerinteressen insbesondere darum, über gewerkschaftliche Organisationsformen die sozialen Verhältnisse zu verbessern bzw. Verschlechterungen der Arbeitsbedingungen abzuwehren.192 Die Unternehmer waren mit ihren Klagen und mit ihrer Unzufriedenheit offensiv um Öffentlichkeit bemüht. Die meisten Arbeiter, zumal Heimarbeiter, waren in ihrem sprichwörtlichen Elend schamhaft um Verschweigen bemüht. Ihnen fehlte jedes Selbstbewusstsein. Sie stellten keine kämpferisch vorgetragenen Forderungen. Sie fühlten sich gedemütigt, verhielten sich in den meisten Fällen kleinlaut, resigniert, fatalistisch und versuchten eher, ihre Situation zu verbergen oder beschönigend darzustellen. In Deutschland gab es im Bereich Buchbinderei/Papierverarbeitung/Kartonagen-Fabrikation um 1910 zwei Arbeitnehmervertretungen: den funktionstüchtig organisierten Deutschen Buchbinder-Verein (DBV, Berlin) als freie Gewerkschaft193 und den nahezu bedeutungslosen (christlichen) Graphischen Zentralverband/Köln. 194 Zu den Aufgaben des Buchbindervereins gehörten u. a. die Sicherung und Gewährung von Arbeitslosen-, Kranken-, Invaliden-, Hinterbliebenen- und Umzugs-Unterstützung. Ende 1922 waren in dem Verband 98 000 (davon 72 000 weibliche) Mitglieder organisiert. 1927 gehörten ihm rund 15 Prozent jugendliche Mitglieder an – davon 13 000 weibliche und 3000 männliche Jugendliche (die meisten aus Leipzig, Berlin, Dresden, Hamburg und Bielefeld). Der 1885 gegründete Deutsche Buchbinder-Verband beschloss auf der Nürnberger Verbandstagung im Jahre 1907 und auf der Erfurter Verbandstagung im Jahre 1910 die Erstellung einer allgemeinen Berufsstatistik der verschiedenen Branchen und Gewerbe innerhalb des Verbandes. Das Ziel der Erhebung sollte sein, die genaue Zahl der Beschäftigten sowie deren Lohn- und Arbeitsverhältnisse möglichst umfassend und verlässlich zu ermitteln.195 Die Studie zeigte auf, dass es um 1910 zu umfangreichen Lohnbewegungen gekommen war. In 35 Fällen kam es dabei zu Streiks mit erheblichen Auswirkungen für die Betriebe und zu Aussperrungen. Die regelmäßige Wochenarbeitszeit lag in diesen Jahren zwischen 30 (halbtags) und 69 Stunden. Die durchschnittliche Arbeitszeit lag in über 51 Prozent der Betriebe bei 54 Stunden, in gut 20 Prozent bei 54 bis 57 Stunden, in über 23 Prozent zwischen 57 und 60 Stunden und in gut 3 Prozent bei über 60 Wochenstunden. „Damit hat der Verband gegenüber 1894 eine wesentliche Verkürzung der durchschnittlichen Arbeitszeit je Woche erreicht.“196
192 Aktiv unterstützt wurden diese Bemühungen u. a. von der Gesellschaft für Soziale Reform und vom Bureau für Sozialpolitik. 193 Nach zwei Vorläufer-Verbänden war dieser Verband 1885 gegründet worden. Nach dem Ersten Weltkrieg: Verband der Buchbinder und Papierverarbeiter Deutschlands sowie der Verband der Fabrikarbeiter Deutschlands für die Tapeten- und Wellpappenindustrie und – in einem noch geringeren Maße – der Zentralverband christlicher Fabrik- und Transportarbeiter Deutschlands; vgl. Weissenfels, Standorte, S. 136. 194 Vgl. Statistische Erhebungen über die Lohn- und Arbeitsverhältnisse in Buchbindereien, Kontorbuchfabriken, Linieranstalten, Album-, Etuis-, Kartonagen-, Galanterie- und Lederwaren-, Luxuspapier- und Papierwaren-Fabriken und ähnlichen Branchen in Deutschland. Aufgenommen im November 1910. Mit einer Einleitung über die Ausbreitung der Buchbinderei und Kartona-genfabrikation nach der amtlichen Berufs- und Betriebszählung vom 12. Juni 1907, hrsg. v. Vorstand des Deutschen Buchbinderei-Verbandes, Berlin 1912, S. 2. 195 Vgl. Statistische Erhebungen, S. 1. 196 Weiß, Zeittafel, S. 448.
230 Teil I – Papierverarbeitung im 19. und 20. Jahrhundert Nach der Statistik des deutschen Buchbinderverbandes lag die durchschnittliche Wochenarbeitszeit um 1895 nur bei 3000 von über 17 000 Buchbindern bei maximal 54 Stunden, bei über 8300 Buchbindern bei 57 bis 60 Stunden, bei über 770 Buchbindern bei 60 bis 63 Stunden und in gut 3000 Betrieben bei über 63 Stunden.197 Im November 1910 veranlasste der Vorstand des Verbandes die Durchführung der statistischen Erhebung. Zu Hilfe genommen wurden die Mitgliedskartei, die Ergebnisse der amtlichen Berufs- und Gewerbezählung des Reichsstatistischen Amtes aus dem Jahre 1907 und das Papier-Adressbuch der Papier-Zeitung (4. Ausg. 1908). Die Reichsstatistik führte unter der Gewerbegruppe X den Bereich der Papierindustrie. Unter X b 1 wurde die gesamte Papierverarbeitung unter Buchbinderei erfasst, während unter X b 2 die Kartonagen-Fabrikation (von Albumkulissen bis Zigarrenspitzen) zusammengestellt war.198 In den „Amtlichen Nachrichten des Reichs-Versicherungsamtes betreffend die Bildung der Berufsgenossenschaften“, Berlin, 5. Juni 1885, wurde die Papierverarbeitungs-Berufsgenossenschaft unter X geführt. Darunter wurde die Industrie der Papierveredelung gegliedert in X a 1. = Glaspapiermacher, Kartenmacher für Webereien, Oelpapier-, Papierstramin-, Pappefabrikanten (diese aber nur, sofern sie bloß Pappe zusammenkleben), Pergamentpapier-199, Schleifpapier-, Wachspapier-, Sandpapier-, SchmirgelpapierFabrikanten; ferner (X a 2.) Steinpappe und Papiermaché-Fabrikation; (X a 3.) Dachfilzund Dachpappe-200Fabrikation; (X a 4.) Bunt- und Luxuspapier-Fabrikation; (X a 5.) Tapeten- und Rouleaux-Fabrikation; (X d.) Buchbinderei und Kartonagen-Fabrikation.201 Die statistische Erfassung war aber gerade in diesem Branchenkomplex wegen der Definitions-, Zuordnungs- und Abgrenzungsprobleme schwierig. In den meisten Betrieben waren Mischproduktionen üblich. Über die Bereiche Papierverarbeitung, Buchbinderei und Kartonagenfabrikation hinaus kam es daher vor allem zu Überschneidungen mit dem Druckereigewerbe (s. Christl. Graphisch. Zentralverband).202 Die Erstellung einer aktuellen Berufs- und Branchenstatistik sollte die 14. des Deutschen Buchbinder-Verbandes werden. Die letzte war im Jahre 1900 erfolgt. In den fünf Jahren zwischen 1895 und 1900 waren insgesamt 13 Erhebungen durchgeführt worden.203 Zum Berufsstand wurden 1910 rund 90 500 Angehörige gezählt. 75 000 PersonenFragebögen wurden vom Vorstand des Verbandes ausgegeben. 27 700 konnten ausgefüllt für die Auswertung genutzt werden. Darüber hinus wurden 12 000 Betriebs-Fragebögen verschickt, von denen lediglich knapp 3600 beantwortet wurden. Der Vorstand des Christlichen Graphischen Zentralverbandes hatte seine Mitglieder ausdrücklich aufgefordert, das Ausfüllen der Fragebogen zu verweigern.204 Im Jahre 1912 wurden die Ergebnisse der Umfrage auf 561 Seiten unter folgendem Titel veröffentlicht: „Statistische Erhebungen über die Lohn- und Arbeitsverhältnisse in 197 Vgl. ebd., S. 418. 198 Vgl. Statistische Erhebungen, S. 11 ff. 199 „Die Herstellung von Pergamentpapier und Kartonpapier pflegt die Praxis nicht, wie es die Statistik des Deutschen Reiches tut, als Papierveredelung zu bezeichnen. Da diese Papiere von den Papierfabriken gewöhnlich sofort anschließend an die Herstellung des Rohpapieres in einem Arbeitsgang angefertigt werden, rechnet man sie der Papierherstellung zu.“ Schöller, Kartelle, S. 4. 200 Dachpappe stellt „eine besondere Art der Papierveredelung [dar...], die mittelst eines Tränkverfahrens aus Rohpappe und sandversetztem Teer die Dachpappe erzeugt.“ Ebd. 201 Vgl. Die Sorge um den arbeitenden Menschen. 202 Vgl. Statistische Erhebungen, S. 10 f. 203 Vgl. ebd., S. 9 ff. 204 Vgl. ebd., S. 2.
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Buchbindereien, Kontobuchfabriken, Linieranstalten, Album-, Etuis-, Kartonagen-, Galanterie- und Lederwaren-, Luxuspapier- u. Papierwarenfabriken und ähnlichen Branchen in Deutschland. Aufgenommen im November 1910. Mit einer Einleitung über die Ausbreitung der Buchbinderei und Kartonagenfabrikation nach der amtlichen Berufs- und Betriebszählung vom 12. Juni 1907. Herausgegeben vom Vorstand des Deutschen BuchbinderVerbandes.“ Teil I bezog sich auf die Zahlen der amtlichen Statistik aus dem Jahre 1907 mit der Berufs- und Branchenzählung im Bereich Buchbinderei und Kartonagenfabrikation. Danach gab es über 12 600 Buchbindereibetriebe mit weit über 72 000 Beschäftigten und über 2800 Kartonagen-Fabriken mit nahezu 35 000 Beschäftigten.205 In Teil II waren die Ergebnisse der Lohn- und Arbeitsverhältnisse zusammengefasst. Neben einer Gesamtdarstellung wurde auch nach regionalen Umfrageergebnissen, aufgeteilt nach 17 Gauen, differenziert. Danach hatte die größte Gruppe der männlichen Beschäftigten einen wöchentlichen Durchschnittslohn von 15 bis 20 M. Die weiblichen Beschäftigten erhielten 10-15 M. Die durchschnittliche Arbeitszeit lag 1910 bei den meisten Beschäftigten im Bereich von 51-54 Wochenstunden.206 Urlaub gab es nicht. Die Vielfalt der Produkte, die in der Papier und Pappe verarbeitenden Industrie Deutschlands bis zum Beginn des Ersten Weltkrieges erreicht war, drückt sich u. a. auch in der Abteilung V – Erzeugnisse – des Papier-Adressbuches von Deutschland des Jahres 1914 aus. In einer Auswahl von Produkten, die im engeren Sinne der Papier- und Pappeverarbeitung zuzuordnen sind, finden sich beispielsweise Ablegemappen für Briefe, Abreißblocks, Abreißkalender,207 Abziehbilder,208 Aktendeckel, -mappen, Alben,209 Andrück-, Anhänge-Etiketten,210 Ansichtspostkarten,211 Apotheker-Kartonagen, -Papierwaren, Bäckerbeutel, Banderollen, Bestellzettel, Lieferscheine, Rechnungen, Quittungen, Bierglasuntersetzer, Billets, Blanko-, Gold- und Zierschnittkarten, Blanko-Vordrucke, Blocks, einschl. Kalenderblocks, Blumenkörbe, -ranken usw., -topfhüllen,212 Bonbonieren, Bonsbücher, Bratenverzierung, Brautkranzkästen,213 Briefbogen,214 -kassetten, -mappen, -ordner, -schachteln, -taschen, -umschläge, Brillen-Etuis, Buchbindermappen, Büchsen, Christbaumschmuck,215 Chromos,216 Diplome,217 Dokumentenmappen, Dosen und Büchsen, Drogenbeutel, Einlagenkartons, Eisenbahnfahrkarten, Etiketten und Plakate, Fahrscheine, Fakturenbücher, Faltenbeutel, Faltschachteln, Falzkapseln, Fantasie-Karten usw., Fenstervorsetzer,218 Figuren, bewegliche, Flachbeutel, Fleischbeutel, Fliegenfänger-Hülsen, Futterale, Galanteriewaren, Gebetbücher, Geldrollenhüllen, geprägte Karto205 206 207 208 209 210 211 212 213 214 215 216 217 218
Vgl. ebd., S. 14 ff. Vgl. ebd., S. 34 ff. Vgl. u. a. Pieske, ABC des Luxuspapiers, S. 151. Vgl. u. a. ebd., S. 73. Vgl. u. a. ebd. S. 78. Vgl. u. a. ebd., S. 115 ff. Vgl. u. a. ebd., S. 86 f. sowie Abschn. „Ansichtspostkarten“ der v. A. Vgl. u. a. Pieske, ABC des Luxuspapiers, S. 264 f. Vgl. u. a.ebd., S. 98 f. Vgl. u. a. ebd., S. 99. Vgl. u. a. ebd., S. 101 ff. V. u. a. ebd., S. 103. Vgl. u. a. ebd., S. 112. Vgl. u. a. ebd., S. 109 ff.
232 Teil I – Papierverarbeitung im 19. und 20. Jahrhundert nagen, Papiere usw., Gesangbücher, Geschäftsbücher, Gratulations- und Glückwunschkarten219, Hartpapier-Artikel, -Waren, Haussegen,220 Heiligen- und Genrebilder,221 Hülsen aller Art, Hut- und Wäschebeutel, Hut-, Mützen- usw. -Schachteln, IlluminationsLaternen, -Lampions,222 Kartonagen aller Art, Kassenblocks, Kassetten aller Art, Kegelkarten, Kellnerkontrollblocks, Kerzenschirme,223 Kinderhelme224, -fahnen, Militärgegenstände für Kinder, Kindertheater, Kladden, Klosettpapier, Knallbonbons,225 Konfekt- und Bonbon-Ausstattung,226 Konfektionstüten- und -beutel, Konfetti, Kopierbücher, Kotillon- und Karnevalartikel, Kragen-, Krawatten- usw. -Kartonagen, Krawattenbeutel, Kreppbeutel und -taschen, Krepphand-, Rasier-, Tisch- und Betttücher, Kreuzbodenbeutel, Krippenfiguren, Kunstblumen und -blätter, Lampenschirme, linierte Papiere, Lohnbücher, Lohn-Tüten, -Beutel, -Taschen, Luftschlangen,227 Luxus-Kartonagen228, -Papiere, Mappen aller Art, Masken, Menu- und Tischkarten,229 Militär-Formulare, Musterbeutel, Musterbücher, Notizbücher, -kalender, Ostereier-Attrappen,230 Ostertüten, Paketadressen, Papierdekoration,231 -drachen232, -fächer,233 -fahnen, -garn, -girlanden,234 -spielwaren235, -mützen, -rollen, -servietten236, -wäsche usw., Pappteller,237 -rahmen,238 -reklameartikel239 usw., Patronenschachteln, -hülsen, pharmazeutische Kartonagen, Papierwaren, Portefeuillewaren, 219 220 221 222
223 224 225 226 227 228 229 230 231 232 233 234 235 236 237 238 239
Vgl. u. a. ebd., S. 128 ff. Vgl. u. a. ebd., S. 147. Vgl. u. a. ebd., S. 78 f. u. S. 138 f. Um 1900 lieferte u. a. C. Riethmüller/Kirchheim unter Teck, gegr. 1855, „im großen Umfang [...] Zuglaternen in die Schweiz, [...] wo sie dann als Fahrrad-Laternen verwendet wurden.“ Der Teckbote vom 20.8.1980 (StA Kirchheim unter Teck). Während der 1890er Jahre war es auch in Deutschland üblich geworden, Fahrräder mit Papier-Laternen zu beleuchten. Diese Sitte wurde von einem preußischen Oberlandesgericht 1899 untersagt, da Laternen allein vom Sprachgebrauch her nicht aus Papier sein konnten; vgl. Papier-Zeitung, Nr. 87/1899, 20.8.1899, S. 2610, Sp. 1; nach dieser behördlichen Auslegung konnten Laternen nur in der Glas-Ausführung als solche bezeichnet werden; vgl. jedoch Pieske, ABC des Luxuspapiers, S. 168 („Lampions oder Papierlaternen)“. Um 1900 gab es in Deutschland etwa 40 Hersteller von Lampions und Papier-/Stocklaternen; vgl. ebd., S. 168 ff. Zu den Laternenformen zählten Zylinder-, Ballon- und Phantasie-Ausführungen; zur Herstellung von Papierlaternen und Girlanden vgl. u. a. Papier-Zeitung, Nr. 46/1927, 23.2.1927, S. 503, Sp. 2 f. Vgl. u. a. Pieske, ABC des Luxuspapiers, S. 175 f. Vgl. u. a. ebd., S. 157. Vgl. u. a. ebd., S. 158 ff. Vgl. u. a. ebd., S. 98 u. S. 162. Vgl. u. a. ebd., S. 154 ff. sowie Abschn. „Karneval-/Festartikel“ der v. A. Vgl. u. a. Pieske, ABC des Luxuspapiers, S. 177 ff. Vgl. u. a. ebd., S. 181. Vgl. u. a. ebd., S. 210 f. Vgl. insbes. zu Oster-, Weihnachts-, Schaufenster-, Festdekorationen Eilers & Mey, Angebotskatalog, S. 60 ff. Vgl. u. a. Pieske, ABC des Luxuspapiers, S. 198. Vgl. u. a. ebd., S. 198. Zu Netz-, Eichenlaub-, Laub-, Weinlaub-, Blüten-, Spiral-, irisfarbigen, Fächer-, Waben-, Tuff-, u. wetterbeständigen Girlanden vgl. Eilers & Mey, Angebotskatalog, S. 125 ff. Vgl. u. a. Pieske, ABC des Luxuspapiers, S. 249. Vgl. u. a. ebd., S. 204. Vgl. u. a. Papier-Zeitung, Nr. 22/1905, 30.4.1905, S. 1236 sowie Abschn. „Papierverarbeitung im 19. Jahrhundert“/Henschel, Luckenwalde der v. A. . Vgl. u. a. Pieske, ABC des Luxuspapiers, S. 212. Vgl. u. a. ebd., S. 108 f.
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Post-Formulare, Puderschachteln, Pulvertüten (Mehl, Seifenpulver usw.), Quittungsmarken, Registrierbücher, -mappen usw., Reise-Kartonagen, Reklame-Artikel, Ringbücher, Samenbeutel, Sammelmappen, Sargverzierungen,240 Schallplatten-Tüten, Scherz- und Juxartikel, Schilder, Schreib- und Bürobedarf, Schulbedarf, Schreibhefte, Serviettentaschen, Soldatenbriefmarken, Speisekarten,241 Spielkarten, Spielwaren, Spitzenpapiere,242 Sprengstoff-Pappenhülsen, Spulen, Storchtüten,243 Tafel-244 und Saaldekorationen, Tagebücher, Tanz- und Vereinsabzeichen,245 Tapeten, technische Papiere, Theaterbillets, Thermometerfutterale, Tortenpapiere, Trauerpapierwaren,246 Trinkbecher, Verbandstoffe, Versand- und Verpackungs-Kartonagen, -Rohre, -Taschen usw., Visitenkarten,247 Wandschmuck,248 Zeichenpapier und -karton, -bedarf, -lernmittel usw., Zierbänder, Zigarettenhülsen, -bilder, -kartonagen249 Zigarrenbeutel, -ringe, -kisten-Ausstattungen,250 Zuckertüten.251 Zu den wichtigsten Herstellern von Schirmen für Petroleumlampen gehörte das Berliner Unternehmen Hohenstein & Lange (1876–1906). Mitte der 1890er beschäftigte das Unternehmen 200 Arbeiter, die in Hand- und Maschinenarbeit alle möglichen Ausführungen – von einfach bis luxuriös/aufwändig – aus Karton, Bunt-, Krepp- und Seidenpapier in Verbindung mit unterschiedlichen Materialien, insbesondere Metall, Textilien, Naturalien, Schirme herstellte. Die Preise reichten von Pfennigbeträgen bis zu 100 M. Auf seine üppigen bis überladenen Ausführungen war das Unternehmen besonders stolz und sah in deren Anfertigung gleichzeitig eine volkserzieherische Aufgabe. „Denn große Kreise des Volkes müssen noch zum guten Geschmack und zum Sinn für Farben und Formenschönheit erzogen werden, und gerade die Lampenschirm-Industrie, die den Schmuck eines täglichen Bedarfsartikels liefert, der zu einem billigen Preise erstanden werden kann, kann ein Mittel zu diesem Zwecke sein.“252
Die Arbeitszeiten in den 1920er Jahre waren weitgehend tariflich geregelt. 1922 war z. B. bei den VP München in der Arbeitsordnung des Betriebes festgelegt: „von 7 – 12 Uhr und von ½ 2 bis 5 Uhr, an Freitagen von 7 – 12 Uhr und von ½ 2 – ½ 6 Uhr, an Samstagen von 7 – 12 Uhr“.253 1925 wurden in der Papier und Pappe verarbeitenden Branche drei Prozent Arbeitslose und 2,5 Prozent Kurzarbeiter gezählt.254 Ende der 1920er Jahre wurden die Arbeitsbedingungen in den Fabriken der Papierverarbeitung im Allgemeinen als „sehr günstig“255 beschrieben. Die meisten Produkte dieser Industrie (Ausnahmen z. B. Papiermaché240 Zu Papp-Sargbeschläge vgl. u. a. ebd., S. 213 ff.; vgl. auch Abschnitt „Pappe“/Präge-Industrie der v. A. 241 Vgl. u. a. ebd., S. 246. 242 Vgl. u. a. ebd., S. 250 f. 243 Vgl. u. a. ebd., S. 258 f. 244 Vgl. u. a. ebd., S. 264 f. u. S. 259. 245 Vgl. ebd., S. 259 f., S. 261 u. S. 275. 246 Vgl. u. a. ebd., S. 266 ff. 247 Vgl. u. a. ebd., S. 277. 248 Vgl. u. a. ebd., S. 280 ff., S. 154 u. S. 226 f. 249 Vgl. u. a. ebd., S. 290. 250 Vgl. u. a. ebd., S. 286 ff. 251 Vgl. Papier-Adressbuch für Deutschland, Berlin 1914, S. 779 ff. 252 Vgl. Papier-Zeitung, Nr. 18/1896, S. 566/67 sowie Nr. 19/1896, S. 600/01 (Zitat S. 601, Sp. 2; zu „Lampenschirme/-schleier“ vgl. auch Pieske, ABC des Luxuspapiers, S. 166 ff. 253 Arbeitsordnung 1922, § 3, VP-Firmenarchiv München. 254 Vgl. Weissenfels, Standorte, S. 134. 255 Vgl. ebd., S. 133.
234 Teil I – Papierverarbeitung im 19. und 20. Jahrhundert Artikel) konnten nur in einem trockenen und luftigen Raumklima herzustellen werden.256 Die übliche Arbeitszeit, die vor dem Ersten Weltkrieg standardmäßig bei zehn Stunden lag, lag inzwischen einheitlich bei acht Stunden. Der Überstundenzuschlag erreichte die Größenordnung zwischen 12,5 und 15 Prozent.257 Sonntags- oder Nachtarbeit fiel nur in äußerst seltenen Fällen an. Die Lohn- und Arbeitsbedingungen waren Ende Dezember 1925 in 59 Einzeltarifen geregelt. Eine besondere Bedeutung hatten dabei die acht Reichstarife: Api-(Arbeitgeber)Tarif, VdB-(Gewerkschafts-)Tarif, Buchdrucker-/Buchbinder-Tarif, Kartonagen-Tarif, Etuis-Tarif, Wellpappen-Tarif, Zigarettenkartonagen- und staatlicher Arbeiter-Tarif. Diese Tarife galten für rund 80 Prozent der Beschäftigten. Standorte mit einer besonders ausgeprägten Papierverarbeitungs-Industrie, z. B. Düren, Chemnitz, Barmen, Elberfeld, Nürnberg, Hamburg usw., hatten in der Regel eigene Ortstarife. Vier Prozent aller Beschäftigten waren durch fünf Bezirkstarife (u. a. Tüten- und Beuteltarife für Schlesien, Sachsen/ Thüringen/Anhalt, Südwestdeutschland, Bayern und Trossingen) erfasst.258 Die Löhne lagen in der Papier verarbeitenden Industrie insgesamt etwas besser als in der Papier erzeugenden, aber wesentlich niedriger als in der graphischen Industrie. Der Wochenlohn betrug in der Papierindustrie 26 RM, in der Kartonagen/Papierverarbeitung = 28 RM (Spitzen-Stundenlohn = 92 Pf.; für Arbeiterinnen = 58 Pf.), im Druckgewerbe = 42 RM. Dies waren im Vergleich zum Ausland Spitzen-Stundenlöhne. Im Vergleich dazu wurde beispielsweise in Norwegen (höchstens) 1,69 RM/Arbeiterinnen = 1,07 RM gezahlt, in Österreich (im niedrigsten Fall) = 0,59 RM/Arbeiterinnen = 0,28 RM.259 Die Arbeiterschaft galt als sehr „wirtschaftsfriedlich“260. Um eine Verbesserung der Arbeitsbedingungen zu erreichen, stellten 1925 insgesamt mehr als 1700 Beschäftigte in elf Orten vorübergehend ihre Arbeit ein. Im selben Jahr fanden zwei Streiks zur Abwehr von Verschlechterungen der Arbeitsbedingungen statt, an denen mehr als 480 Arbeiter beteiligt waren. 1925 wurden von der Statistik des Deutschen Reiches die Ergebnisse der Volks-, Berufs- und Betriebszählung vom 16. Juni 1925 teilweise veröffentlicht. Darin wurde die Papierverarbeitung als Gewerbeklasse 3 zur Gewerbegruppe XI – Papierindustrie und Vervielfältigungsgewerbe – der Gewerbeabteilung B –Industrie und Handwerk – geführt.261 Danach gehörten zu den Produktgruppen der Papierverarbeitung: – Herstellung von Massenpackungen, Kartonagen und Wellpappenindustrie (37 Fabrikationszweige – u. a. Tüten, Papierbeutel, Zigarrenbeutel, Herstellung von Faltschachteln, Hülsen, Luxuskartonagen, Pappkoffern, Zigarrenkartonagen, Zigarrenkisten aus Pappe usw.); – Papierausstattung und Herstellung von Briefumschlägen (elf Fabrikationszweige, u. a. Luxuspapierprägerei, Monogrammprägerei usw.); – Buchbinderei und Herstellung von Büro- und Schulhilfsmitteln (42 Fabrikationszweige – u. a. Herstellung von Briefordnern, Alben, Kassenblocks, Schreibblocks, Notizbüchern, Schreibheften, -mappen usw.); 256 Vgl. ebd.; die Lungenschwindsucht, die mit 28 % an den Todesursachen der in dieser Branche Beschäftigten beteiligt war, konnte demnach nur bzw. in der Hauptsache mit den – meist elenden – Wohn- und Lebensbedingungen in Verbindung gebracht werden. 257 Vgl. Weissenfels, Standorte, S. 133. 258 Vgl. ebd. 259 Vgl. ebd., S. 134. 260 Ebd., S. 134 f. 261 Vgl. ebd., Anhang.
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Herstellung von Hartpapierwaren (39 Fabrikationszweige – u. a. Attrappen, Bilderrahmen, Dosen, Etuis, Fahrkarten, Pappsohlen, Pappteller, Papiermaché, Kartonschilder usw.);262 – Herstellung von sonstigen Papierwaren (62 Fabrikationszweige – u. a. Andenkenartikel aus Papier, Banderollen, Etiketten, Galanteriewaren aus Papier, Lampenschirme, Papierblumen, -dekorationsgegenstände, -lackwaren, -reklameartikel-, -spulen, -wäsche usw.263 Nach dieser Statistik umfasste die Papierverarbeitung Mitte der 1920er Jahre knapp 200 Fabrikationszweige. Nicht aufgeführt waren z. B. Produkte des graphischen Gewerbes (Geschäftsbücher, Wertpapiere, Speisekarten, Kataloge usw.) oder der Bereich der Tapetenherstellung. Entsprechend der Betriebszählung vom 16. Juli 1925 wurden im Deutschen Reich insgesamt 14 136 Betriebe im Bereich der Papierindustrie gezählt. Davon 1113 (7,9%) in der Erzeugung,264 269 (1,8%) in der Veredlung,265 12 674 (89,8%) in der Papierverarbeitung266 und 80 (0,5%) in der Tapeten-Industrie. Von den insgesamt knapp 271 000 Beschäftigten im Bereich der Papierwirtschaft wurden Mitte der 1920er Jahre rund 115 000 (mehr als 42 Prozent) in der Papiererzeugung, knapp 11 500 (über vier Prozent) in der Papierveredlung, rund 140 000 (fast 52 Prozent) in der Papierverarbeitung und knapp 4600 (weniger als 2 Prozent) in der Tapeten-Industrie gezählt. Auch in der Beschäftigtenzahl war die Papier verarbeitende Industrie führend vor den anderen Bereichen der Papierwirtschaft. Von der Gesamtzahl der Beschäftigten in der Papierwirtschaft waren fast 103 000 (38 Prozent) Frauen, wobei dieser Anteil in der Papierverarbeitung mit über 54 Prozent wiederum am stärksten war (davon in der Herstellung von Massenpackungen, Kartonagen und Wellpapier über 63 Prozent, Papierausstattung und Briefumschläge fast 62 Prozent; Papierveredlung knapp über 35 Prozent, Tapeten-Industrie knapp über 19 Prozent, Papiererzeugung 19 Prozent Frauenanteil).267 Im „Handwörterbuch“ von 1925 (hier 1938) wurden die Berufe der Gewerbeklassen (Papiererzeugung, -veredlung, -verarbeitung und Tapeten) aufgeführt. Zu den Gewerbearten in der Gewerbeklasse „Verarbeitung“ gehörten Beschäftigte, die tätig waren in der:
262 Nicht erwähnt werden die Hartpapier-Erzeugnisse der Industrie zur Herstellung von ElektroIsoliermitteln (Meirowsky/Köln, Isola/Düren usw.); vgl. Abschn. „Hartpapiere“ der v. A. 263 Statistik des Deutschen Reiches, S. 107. Der Komplex „Papierherstellung u. -verarbeitung, Berufe in ihr“ wurde veröffentlicht in: Nicklisch, Papierherstellung, S. 303 ff. Nicklisch bezieht sich dabei teilweise auf Veröffentlichungen in Wirtschaft und Statistik 1927, 2. Juni-Heft, S. 534 ff. 264 Dazu zählten Holzschleiferei, Zellstoff- und Papierherstellung; vgl. Nicklisch, Papierherstellung, S. 303. 265 Darunter fiel a) die Herstellung von weiß- und buntgefärbten Papier, Chromo-, Kunstdruck-, Umdruck-, Metallpapier, b) von geleimtem und gummiertem Papier und Pergamentpapier; c) von Schmirgel-, Glimmer-, Schiefer- und Glaspapier, d) von Kartonpapier (geklebt), e) von chemisch-technischem Papier; vgl. Nicklisch, Papierherstellung, S. 303. – 1838 wurde „Rostoder Polierpapier“ (also Schmirgelepapier) zum Reinigen von Eisen und Stahl erstmalig erwähnt; vgl. Weiß, Zeittafel, S. 301. 266 Zwei Jahre zuvor, 1923, gab der Jahresbericht der Papierverarbeitungs-Berufsgenossenschaft lediglich eine Anzahl von 4834 Betrieben mit über 125 000 Beschäftigten an; vgl. Nicklisch, Papierherstellung, S. 310. Die Angaben zur Anzahl der Beschäftigten bleiben jedoch mit rund 140 000 über viele Jahrzehnte in allen Statistiken konstant. 267 Vgl. Nicklisch, Papierherstellung, S. 304.
236 Teil I – Papierverarbeitung im 19. und 20. Jahrhundert a) Herstellung von Massenpackungen, Kartonagen- und Wellpappen-Industrie; b) Herstellung von Papier-Ausstattung und Briefumschlägen; c) Buchbinderei und Herstellung von Schul- und Büro-Hilfsmitteln; d) Herstellung von Hartpapierwaren; e) Herstellung von sonstigen Papierwaren.268 Als gelernte Berufe in dieser Gruppe galten lediglich die beiden Handwerksberufe Buchbinder und Etuimacher (gelernte Setzer und Drucker in dieser Branche waren keine spezifischen Exklusivberufe dieser Gewerbeklasse). In allen anderen Tätigkeitsfeldern waren (insbesondere weibliche) angelernte bzw. ungelernte Hilfskräfte eingesetzt – dazu gehörten Falzerinnen (vor allem im Bereich Massenverpackungen Tüten/Beutel, aber auch Briefumschläge), Kartonagenarbeiter/innen, Papierschläger, Papparbeiter, Tüten-/Beutelkleber/innen usw.269 Im Statistischen Warenverzeichnis der Jahresberichte des Außenhandelsverbandes der Papier verarbeitenden Industrie (Stand 1. Oktober 1925) wurden als Warengattungen im Bereich Papier und Pappe-Waren festgelegt (auszugsweise): – – – – – – – – – – – – – –
– –
Tüten, Beutel, Säcke, Faltbeutel, -schachteln und dergleichen Behältnisse (Massenpackungen), bedruckt und unbedruckt; Briefumschläge, bedruckt und unbedruckt; Papierwäsche, auch ganz oder teilweise mit Baumwollgewebe überzogen Briefpapier, -karten und -umschläge in Behältnissen aus Papier, Pappe oder Holz (Papierausstattung); Geschäfts-, Notizbücher, Poesiealben; Einbanddecken, Mappen, Attrappen, Etuis; Alben (Sammelbücher, die zur Aufnahme von Bildern, Briefmarken, Postkarten o. dgl. eingerichtet sind)270; Waren aus Papier, Pappe, Steinpappe, Holzmasse, Zellstoff, Vulkanfiber, Steinpappenmasse, auch Hartpapierwaren; Waren aus bunt bedrucktem oder sonstwie verziertem Papier, oder damit ganz oder teilweise überzogen; Hartpapierware, auch gefärbt, lackiert oder gefirnisst; Blumen (Blüten, Blütenblätter, Knospen); transparentes Viskosepapier und Waren daraus; Lampenschirme, Laternen sowie andere feine Waren und Luxusgegenstände; andere Waren, z. B. Schreibhefte, geheftete oder auf Pappe aufgezogene oder eingebundene Preisverzeichnisse (Kataloge usw.); Papierwaren in Verbindung mit anderen Materialien (Gespinste, Wachs, Halbedelsteine, Perlmutter, Elfenbein, Zellhorn/Zelluloid, Metalle usw. für Figuren, Büsten, Kartonagen, Ankündigungstafeln, Jacquardkarten; Stickereien auf Papier oder Pappe; Zigarrenspitzen usw.271
268 Vgl. ebd., S. 303. 269 Ebd., S. 303 f. 270 Der Papierverarbeitungs-Betrieb E. Gundlach/Bielefeld erledigte in den 1930er Jahren allein für die Reemtsma Cigarettenfabriken in Hamburg Aufträge für Sammelalben in einer Größenordnung von bis 1,5 Mio.en Stück jährlich (zwischen 1932 und 1937 mehr als fünf Mio.en); vgl. Mit Gutenberg ins Internet, S. 25, Sp. 1; s. auch Unterabschn. „Karl Höhn“ in diesem Abschn. 271 Vgl. Weissenfels, Standorte, S. 36/Anhang.
Papierverarbeitung im 20. Jahrhundert
237
In der amtlichen Statistik des Deutschen Reichs von 1926 wurden in der Untergruppe 3 der Gewerbegruppe XI „Papierindustrie“ unter „Papierverarbeitung“ mehr als 190 Fabrikationszweige aufgezählt – darunter: –
– –
–
–
Herstellung von Massenpackungen Kartonagen und Wellpappenindustrie = 37 Fabrikationszweige; darunter wiederum Faltschachteln, Tüten/Beutel, Hülsen, Luxuskartonagen, Pappkoffer, Zigarettenkartonagen, Zigarrenkisten aus Pappe usw.; Papierausstattung, Briefumschläge = elf Fabrikationszweige, darunter auch Luxuspapier-, Monogrammprägerei usw.; Buchbinderei und Büro-/Schulbedarf = 42 Fabrikationszweige, darunter Geschäftsbücher, Briefordner, Alben, Kassenblocks, Notizbücher, Schreiblocks, -hefte, -mappen usw.; Hartpapierwaren = 39 Fabrikationszweige, darunter Attrappen, Bilderrahmen, Dosen, Etuis, Fahrkarten, Pappsohlen, Pappteller, Papiermachéwaren, Spulen, Kartonschilder usw.272; Sonstige Papierwaren = 62 Fabrikationszweige, darunter Andenkenartikel, Banderollen, Dekorationsgegenstände, Etiketten, Galanteriewaren, Lackwaren, Lampenschirme, Papierblumen, Reklameartikel, Wäsche usw.273
1926 zählte Heinrich Thümmes aus einem der drei Massenproduktionsbereiche (Kartonagen, Tüten/Beutel, Briefumschläge) in Deutschland etwa 550 Tüten- und PapiersackFabrikanten.274 Ein Fünftel davon waren Großbetriebe mit 50 bis 150 Maschinen. Zwei Fünftel waren Mittelbetriebe mit ungefähr zehn Maschinen. Diese beiden Betriebsgrößen hatten vielfach noch Nebenbetriebe zur Anfertigung verwandter Papierwaren (Kartonagen, Briefumschläge, Schulbedarf, Trinkbecher usw.). Die restliche Betriebsgröße lag unterhalb von zehn Maschinen. Nur sehr wenige Unternehmen stellten ausschließlich beispielsweise Tüten und Papierbeutel oder nur Kartonagen bzw. nur Briefumschläge her. Zur Kategorie der Großbetriebe zählte 1927 mit 60 Tüten- und Beutelmaschinen auch die Tüten- und Beutelfabrik der Verlagsgesellschaft deutscher Konsumvereine in Hamburg. Dort wurden, je nach Größe, täglich zwischen 20 000 und 100 000 Tüten und Beutel je Maschine hergestellt. Die durchschnittliche Tagesleistung dieser Produktionsabteilung lag bei rund 2,5 Mio. Tüten und Beuteln. Das entsprach einem Papierverbrauch von 15 000 kg pro Tag oder 4,5 Mio. kg, bzw. 100 000 Rollen Papier im Jahr.275 Dem Papier-Adressbuch von 1927 lässt sich in der Sparte Papierverarbeitung folgende Tabelle entnehmen:
272 Nicht aufgeführt werden Hartpapier-Produkte der Industrie zur Herstellung von Isolier-Schichtpressstoffen; vgl. Abschn. „Hartpapiere“ der v. A. 273 Vgl. Statistik des Deutschen Reiches, S. 107. 274 Vgl. Thümmes, Tüten- und Beutelfabrikation, S. 3968, Sp. 2. Für 1921 wurden im PapierAdressbuch von Deutschland (Berlin) unter „Tüten, Beutel und Einschlagpapiere“ nahezu 500 Firmen aufgeführt; vgl. ebd., S. 1001 ff. In der selben Quelle wurden für 1925 unter „Tüten und Beutel“ (ohne Einschlagpapier) ca. 170 Firmen genannt; vgl. ebd., S. 1151 f.; unter „Einwickelpapier“ ca. 30 Firmen; vgl. ebd., S. 1095). Die Meldungen waren jeweils freiwillig. Sie vermitteln daher nur eine Übersicht und enthalten keine statistisch verwertbaren Angaben. 275 Vgl. Bayerisches Volksblatt für Konsumgenossenschaftler, 20. Jg., Nr. 17, München 9/1927, S. 1, Sp. 2.
238 Teil I – Papierverarbeitung im 19. und 20. Jahrhundert Stadt Berlin Hamburg Leipzig Dresden München Frankfurt/M. Nürnberg
Hersteller
Großhändler
3280 740 720 560 520 360 200
560 320 240 200 120 120 120
Einzelhändler 3280 880 680 600 560 400 240276
Die Zentren der Kartonagen-Industrie um 1927 lagen vor allem im Freistaat Sachsen (mit Dresden, Leipzig und Erzgebirge), in Süddeutschland und in Großstädten wie vor allem Berlin, Hamburg, Stuttgart, Leipzig, München usw. 1927 konnte Peter Küstermann (Hamburg)277, der 1. Vorsitzende des Zentralverbandes der Deutschen Kartonagen-Fabrikanten278 über 12 000 Mitgliedsfirmen der Papier und Pappe verarbeitenden Industrie aufführen, in denen über 41 000 Beschäftigte arbeiteten. 279 In der größten Firma (H. C. Bestehorn/Aschersleben280) waren 1600 Menschen beschäftigt, in mehreren weiteren mehr als 1000. Am Ende der 1920er Jahre lag die Zahl der Fachbetriebe bei rund 12 500 – und damit um das zehnfache höher als im Bereich der Papiererzeugung.281 Die Zentren lagen vor allem im Freistaat Sachsen, insbesondere in Dresden und im Erzgebirge, aber auch in Süd- und Westdeutschland und in Großstädten wie Berlin, Hamburg, München, Stuttgart oder Leipzig. Zu den wichtigsten Erzeugnissen gehörten u. a. Zuschnitte von Leder-, Holz- und Strohpappen, Reklamekartons, Tragetaschen, Faltschachteln, Gürtelschachteln, Kappenschachteln, Zigarettenschachteln usw., Apothekerschachteln, rund, eckig, Streudosen usw., Bezugskartonagen für Wäsche, Strümpfe, Krawatten, Taschentücher, Schuhkartonagen, flach, geheftet, kaschiert, bezogen, Geschäftskartonagen, Lagerkästen mit Holz, auch mit Pappe, Luxuskartonagen aller Art, Halbetuis, Bonbonieren, Parfümerieschach276 Tabelle nach Pieske, ABC des Luxuspapiers, S. 49. 277 Peter Küstermann (geb. 1867) wurde 1906 Teilhaber der 1889 gegründeten Hamburger Kartonagenfabrik As. Orbahn & Küstermann, 1914 übernahm er die Firma, 1906 wurde er 1. Vorsitzender des im selben Jahr gegründeten Ortsverbands Hamburg der Kartonagen-Fabrikanten, 1921 wurde Küstermann 1. Vorsitzender des Zentralverbandes der Deutschen KartonagenFabrikanten, 1933 Führer des Zentral-Verbandes der Deutschen Kartonagen-Fabrikanten; vgl. Papier-Zeitung, Nr. 6/1934, 20.1.1934, S. 82, Sp. 2, sowie Kartonagen- und PapierwarenZeitung, Nr. 11/1937, 12.3.1937, S. 117 f. u. Nr. 47/1937, 3.12.1937, S. 517. 278 Gegründet 1908, Anschrift: Berlin C 2, Jüdenstraße 53 (vgl. Papier-Adressbuch, Berlin 1926, S. XXXV). In der Statistik des Deutschen Reiches gehörten zum Bereich der Kartonagen ebenso die Fächer Tüten, Beutel und Papiersäcke, Massenpackungen (u. a. Briefumschläge) und Wellpappen-Industrie; vgl. Weissenfels, Standorte, S. 27. 279 Vgl. Peter Küstermann, Die Kartonagen-Industrie. In: Sechste Jahresschau Deutscher Arbeit, Dresden 1927, S. 39. Die Teilnahme der Papier erzeugenden und verarbeitenden Industrie an der Reihe Jahresschau Deutscher Arbeit gilt als die erste große deutsche Papierausstellung; vgl. Weiß, Zeittafel, S. 477. 280 H. C. Bestehorn/Aschersleben beschäftigte 1936, im Jahr des 75-jährigen Firmenbestehens, 1800 Arbeitskräfte; in der Eigenwerbung bezeichnete sich das Unternehmen als „Größte Papierverarbeitungswerke des Kontinents“; vgl. u. a. 180 Jahre Druckereien und Zeitungen in Aschersleben 1819–1999, Materialauswahl und -bearbeitung v. Frank Reisberg, KVHS Aschersleben-Staßfurth, Geschichtswerkstatt „Entwicklung von Industrie, Handel, Handwerk und Gewerbe in Aschersleben“, Aschersleben 1999, o. S. 281 Vgl. Weissenfels, Standorte, S. 12.
Papierverarbeitung im 20. Jahrhundert
239
teln und Etuis, Hülsen für Elemente, Kästen für Radios und Anoden, Glühkörper, gewickelte und gezogene Hülsen und Dosen, Versandrollen mit und ohne Verschluss, Holzstoffkisten, Wellpappekartons für Eier usw., Hutkartons (rund und eckig), Reisekartons, Reisekoffer, Galanteriekartonagen, Papierkörbe, Handschuhkästen, Schmuckkästen usw., kunstgewerbliche Kartonagen (Imitationen alter Truhen, Waffen usw.), Hartpapiergefäße, Papiermaché, Standgefäße, Lackwaren, Haspelbretter, Warenwickel, Musterkarten, Büroartikel, Briefkörbe, Formularkästen, Spiele, Puppenmöbel, Prägemittel, Teller, Becher, Kalender, Sargverzierungen, Zigarrenkisten, Kotillonscherzartikel, imprägnierte Papierwaren, wie Dosen, Becher usw., wasser- und fettdicht, Beleuchtungskartonagen (Metallimitations-Lampen, Annaberger Wunderlampen, Lampions.)282 Ein 1914 geborener Arbeiter erhielt 1929 (als 15-Jähriger) in einer Papierwaren-/Tütenfabrik in der Voreifel einen wöchentlichen Lohn von 12 RM, 1931 = 14,40 RM, 1933 = 16,80 RM, 1934 = 19,20 RM, 1936 = 21,60 RM, 1937 u. 1938 26,40 RM.283 1930 wurde die Arbeitszeit für Buchdrucker in dieser Firma geändert auf „Montag bis Freitag vormittags 7 bis 12 Uhr, nachmittags ½ 1 bis ¼ 5. Sonnabend vormittags 7 bis ¾ 1, Frühstückspause 9 bis ¼ 10 Uhr. Für die Tütenfabrik Montag bis Freitag vormittags: 7 bis 12 Uhr, nachmittags ¼ 2 bis ¾ 5 Uhr. Sonnabend vormittags: 7 bis ½ 1 Uhr. Ein Arbeiter hat am Sonnabend nachmittag Dienst, dafür hat er an einem anderen Nachmittag frei.“284
Die Lohnzahlung erfolgte bis 1930 sonnabends, ab 1930 freitags, jeweils nachmittags.285 Der durchschnittliche Jahreslohn lag Anfang der 1930er Jahre auf Reichsebene bei 1873 RM; für einen Jugendlichen in der Voreifel bei knapp 800).286 Vom 1. Dezember 1931 bis 1. Januar 1932 wurden auf Grund einer Notverordnung Lohnsenkungen in Höhe von rund 14 Prozent vorgenommen. Nach der Schuh- und der chemischen Industrie waren das die höchsten Tariflohnsenkungen.287 Im August 1932 gab es im Bereich Papierveredlung/ Papierwaren/Briefumschläge/Kartonagen rund 50 Prozent Arbeitslose.288 1930 wurden in Deutschland 2,38 Mio. t Papier produziert.289 1930/31 erschien von Heinrich Biagosch das Lexikon der Papierverarbeitung in zwei Bänden. Im 1. Band (Erzeugnisse) werden über 200 Positionen aufgeführt, die die Vielseitigkeit dieses Industriezweiges belegen.290 1931 waren in der Papierverarbeitungs-Berufsgenossenschaft 4961 Betriebe mit fast 129 000 Arbeitern und Angestellten erfasst. Der Anteil der weiblichen Beschäftigten in
282 Vgl. Küstermann, Kartonagen-Industrie, S. 40. 283 Vgl. Lohn- und Gehaltsunterlagen der Fa. Heinrich Schnitzler, Winden/b. Düren, im Besitz des Verf. 284 Vgl. Betriebsordnung der Fa. Heinrich Schnitzler, Winden/b. Düren, im Besitz des Verf. 285 Vgl. z. B. Betriebsordnung der Papierwaren-Fabrik Weinberg/Zwickau (Firmenarchiv). 286 Vgl. Bongartz, Dürener Papierverarbeitungs-Industrie, S. 1. 287 Vgl. Weiß, Zeittafel, S. 484. 288 Vgl. Bongartz, Dürener Papierverarbeitungs-Industrie, S. 13. Zur Anzahl der Betriebe und Beschäftigten in der Papierverarbeitungs-Berufsgenossenschaft um 1932 vgl. auch 100 Jahre Berufsgenossenschaft Druck und Papierverarbeitung. S. 34. Der Anteil der weiblichen Beschäftigten in der deutschen Papier verarbeitenden Industrie lag 1932/33 bei rund 58 Prozent; vgl. Weiß, Zeittafel, S. 491. 289 Vgl. Papier- und Kunststoffverarbeiter, 6/1990, S. 73. 290 Heinrich Biagosch, Lexikon der Papierverarbeitung, Bd. 1 Erzeugnisse, Bd. 2 Arbeitsverfahren, Berlin 1930/31.
240 Teil I – Papierverarbeitung im 19. und 20. Jahrhundert der deutschen Papier verarbeitenden Industrie lag 1932/33 bei 58 Prozent.291 „Die Papierverarbeitung ist [...] eine ausgesprochene Frauenindustrie.“ In der Kartonagenindustrie lag der Frauenanteil bei über 63 Prozent, in der Briefumschlag- und PapierausstattungsIndustrie bei fast 62 Prozent, in der Fabrikation sonstiger Papierwaren bei nahezu 60 Prozent.292 Fast die Hälfte der Papier-/Pappeverarbeiter war in der Kartonagen- und Wellpappen-Industrie beschäftigt. Fast ein Drittel arbeitete in der Sparte Buchbinderei. Der Bereich Briefumschläge/Papierausstattung verfügte über den größten Maschinenbestand (Stanz-/Falzmaschinen).293 Die gesundheitlichen Arbeitsbedingungen wurden inzwischen für alle in der industriellen Papierverarbeitung Beschäftigten als „sehr günstig“ bezeichnet.294 „Wenn der [Gewerkschafts-]Verband der Buchbinder und Papierverarbeiter als Haupttodesursache (28%) seiner Mitglieder seit einer Reihe von Jahren die Lungenschwindsucht feststellt, so das nicht auf ungünstige Arbeitsbedingungen zurückzuführen sein, wenn auch die große Zahl der Handwerker und Heimwerker nicht immer unter den gleich günstigen Raumund Arbeitsverhältnissen arbeiten wie die Mehrzahl der Fabrikbelegschaften.“295
Im Vergleich zur allgemeinen zehnstündigen Arbeitszeit in den Jahren bis zu Beginn des Ersten Weltkrieges lagen die tariflichen Regelungen Ende der 1920er Jahre reichsweit bei einem Acht-Stunden-Arbeitstag. Auch die Bezahlung von Überstunden war mit einem 12,5- bis 15-Prozent-Zuschlag einheitlich geregelt. Für die Lohn- und Arbeitsbedingungen lagen im Dezember 1925 insgesamt 59 Tarifvereinbarungen vor. „Besondere Bedeutung [hatten] die 8 Reichstarife (Api-, V.d.B.F-[Verband der BriefumschlagFabrikanten]; Buchdrucker-; Buchbinder-; Kartonagen-; Etuis-; Wellpappen-; Zigarettenkartonagen- und staatliche Arbeiter-Tarif).“296
Diese Tarifvereinbarungen hatten für 80 Prozent der Beschäftigten Gültigkeit. Der Rest war in der Hauptsache durch Orts- und Bezirks-Tarifvereinbarungen geregelt. „Die Arbeiterschaft war im großen und ganzen sehr wirtschaftsfriedlich.“297 1925 streikten insgesamt 1750 Arbeiter an elf Standorten entweder für Verbesserungen der Arbeitsbedingungen oder zur Abwehr von Verschlechterungen. 1927 fanden überhaupt keine Streiks statt.298 1925 lag die Zahl der Arbeitslosen im Bereich der Papier und Pappe verarbeitenden Industrie bei drei Prozent, die der Kurzarbeiter bei 2,5 Prozent.299 Die Entlohnung erfolgte sowohl nach Zeit- als auch nach Akkordarbeit. Dabei lag der durchschnittliche Lohn der Papierverarbeiter geringfügig höher als der der Papiermacher, jedoch „wesentlich niedriger als in der graphischen Industrie.“300 Der durchschnittliche Wochenlohn lag Mitte der 1920er Jahre in der Kartonagen-Industrie bei 28, in der Papierindustrie bei 25, in der graphischen Industrie bei 43 RM. Auch die – von Sparte zu Sparte, von Region zu Region sehr unterschiedlich stark vertretene – Heim291 Vgl. Weiß, Zeittafel, S. 491. 292 Vgl. Weissenfels, Standorte, S. 130; nach dieser Quelle lag der Gesamtanteil der weiblichen Beschäftigten bei etwas über 54 Prozent; vgl. ebd. 293 Vgl. Weissenfels, Standorte, S. 129; nach Weissenfels lag die Gesamtzahl der Beschäftigten bei 140 000. 294 Vgl. ebd., S. 133. 295 Ebd.; vgl. hierzu auch die Abschn. „Heimarbeit“ und „Soziale Verhältnisse“ der v. A. 296 Weissenfels, Standorte, S. 133. 297 Ebd., S. 132. 298 Ebd., S. 133. 299 Vgl. ebd., S. 135. 300 Ebd.
Papierverarbeitung im 20. Jahrhundert
241
arbeit in der Papier-/Pappeverarbeitung war reichseinheitlich durch das Heimarbeitergesetz vom 30. Juni 1923 und durch die Verordnung über die Fachausschüsse für Heimarbeit vom 28. November 1924 geregelt. Der Durchschnittsstundenlohn für Heimarbeiter lag bei 10 Pf. Bei einem Zehn-Stunden-Arbeitstag ergab das einen Wochenlohn von 6 RM.301
DIN-Formate Zu den bedeutsamsten Ergebnissen des ersten Drittels des 20. Jahrhunderts gehört die allgemeine Einführung der Industrienorm/DIN, an der die Papierwirtschaft einen wesentlichen, vielleicht sogar ausschlaggebenden Anteil hat. Nach der Einführung der Papiermacherei in Europa entstand eine verwirrende Vielfalt von Formaten. Ihre jeweilige Größe war allein durch die Maße der Schöpfrahmen bestimmt. Zu den gängigsten Formaten gehörten in Frankreich Grand Monde, Petit Aigle, Soleil, Petit Jésus, Raisin oder Coquille – ihre Maße reichten von 90 x 126 cm (Grand Monde) bis 44 x 56 cm (Coquille). Im Raum Österreich/Steiermark bestand Pro Patria mit dem Maß 33,4 x 42,0 cm. In England wurde zwischen Foolscape, Emperor, Imperial und Royal unterschieden. Hier reichten die Maße von 20,3 x 30,0 cm (Foolscape) bis 182,8 x 122 cm (Emperor).302 Alle Formatbezeichnungen waren „begrifflich fest im Markt303“. Mit dem stetig wachsenden Umfang an Verwaltung und Archivbeständen wurden die Forderungen nach Begrenzung der Formatevielfalt dringlicher. Durch das „Statuti del Populo/Bologneser Statut“ aus dem Ende des 14. Jahrhunderts (1389)304 wurden erstmals nach dem Zufallsprinzip vier Formate („recute“ als kleinstes, „reale“ usw.) festgelegt, deren Bezugsmuster auf einer Marmorplatte eingraviert waren. „Schon damals war bekannt, welche Abmessungen ein Papierbogen haben musste, damit man bei Halbierung der kurzen oder Verdoppelung der langen Seite einen Bogen mit gleichem Seitenverhältnis, also ähnlichem Aussehen, erhielt.“305
In Anlehnung an diese Formate wurden auch in Holland entsprechende Bestimmungen erlassen.306 Die gedanklichen Ursprünge einer systematischen Formatbestimmung reichen bis ins späte 18. Jahrhundert zurück. Der Physiker, Mathematiker und Verfasser philosophischer Schriften Georg Christoph Lichtenberg (1742–1799) schrieb 1786 an seinen Freund Johann Beckmann (1739–1811)307:
301 Vgl. Weissenfels, Standorte, S. 135 f.; zu den Verhältnissen in der Heimarbeit vgl. auch Abschn. „Heimarbeit“ der v. A. 302 Vgl. u. a. Manfred Krause, [Normenausschuss Papier und Pappe (NPa) im DIN e. V.], Von der Vereinheitlichung zur Vielfalt? – Auf und Ab der Papierformate, Vortrags-Typoskript, o. J. (um 2006), S. 4. 303 Renker, Historischer Exkurs, S. 16. „Man trifft diese Formate [...] noch heute im internationalen Kunsthandel und [...] im Bereich der Printmaking Papers an.“ Ebd. 304 Vgl. hierzu: Gottfried Schweizer, Das Urformat von Bologna – Papiernormung bereits Ende des 14. Jahrhunderts. In: Wochenblatt für Papierfabrikation, 16/2008, S. 921-922; Angabe nach Dieter Pothmann, Der lange Weg zum DIN-Format. In: Wochenblatt für Papierfabrikation, 1-2/2008, S. 38-41. 305 Ebd., S. 41, Sp. 1. 306 Vgl. u. a. Krause,Vereinheitlichung, S. 4. 307 Johann Beckmann, Professor für Ökonomie und Technologie, gilt als der Begründer der Technologie und als Urheber der Bezeichnung „Technologie“. Er führte diese Bezeichnung 1769 für
242 Teil I – Papierverarbeitung im 19. und 20. Jahrhundert „Können [Sie mir] sagen, wo die Formen unserer Papiermacher gemacht werden, oder ob sie sie [...] selbst machen? – Ich gab einmal einem jungen Engländer, den ich in Algebra unterrichte, die Aufgabe auf, einen Bogen Papier zu finden, bei dem alle Formate als forma patens, Folio, Quarto, Oktav, Sedez einander ähnlich wären. Nach gefundenem Verhältnis wollte ich nun einem vorhandenen Bogen eines gewöhnlichen Schreibpapiers mit der Schere das verlangte Format geben, fand aber mit Vergnügen, dass er ihn wirklich schon hatte. Es ist nämlich das Papier, worauf ich dieses Billet schreibe, dem ich aber, weil durch das Beschneiden etwas vom eigentlichen Format verloren gegangen sein kann, noch einen unbeschnittenen beilege. – Die kleine Seite des Rechtecks muss sich nämlich zu der großen verhalten wie 1:√2 oder wie die Seite des Quadrats zu seiner Diagonalen. – Die Form hat etwas Angenehmes und Vorzügliches vor der gewöhnlichen. Sind den Papierformen-Machern wohl Regeln vorgeschrieben oder ist diese Form durch Traditionen nur ausgebreitet worden? Und wo stammt diese Form, die wohl nicht durch Zufall entstanden ist, her?“308
1787 erlangte Dorothea Schützer als erste Frau Deutschlands an der Universität Halle die Doktorwürde. „Ohne sich der Tragweite ihrer Entdeckung bewusst gewesen zu sein, soll Dorothea Schützer dieselbe ihr [wie dem Schüler Lichtenbergs] vorgelegte Aufgabe bereits bei ihrer Doktorprüfung gelöst haben.“309
Neun Jahre nach seinem Brief an Johann Beckmann berichtete Lichtenberg 1795 in der Reihe seiner seit 1778 von ihm herausgegebenen „Göttinger Taschen Calender“ über das Ergebnis seines Schülers und seine, Lichtenbergs, Schlussfolgerungen daraus. Unter dem Titel „Über Bücherformate“ beschrieb er zwei der bis in die Gegenwart für die Normung von Papierformaten gültigen Sätze – den Hälftungs-/Halbierungs- und den ÄhnlichkeitsSatz.310 In seinem Beitrag ging er ausführlicher auf die gängigen Patent-Formate Folio (20¾ x 33 cm), Quart (22 x 28 cm), Oktav,311 Sedez (Größen durch jeweilige Teilung) sowie auf das Verhältnis ihrer Seitenlängen zueinander ein, die „immer abwechselnd ähnlich“312 sind. Lichtenberg entwickelte daraus die Formel zum Seitenverhältnis: a:a√2 = 1:√2313 und dem daraus folgenden ästhetisch gelungenen Ergebnis von 5:7, das sich aus dem Verhältnis der Schmalseite zur Diagonalen entwickelt.314 Im Frankreich der Revolutionsjahre wurde die Lichtenberg-Formel nur wenige Jahre nach ihrer Veröffentlichung aufgegriffen und im November 1798, ein Jahr vor seinem Tod, als Formatreihe, die bereits einige DIN-Formate vorwegnahm, vorgeschrieben.315 Sie
308 309 310 311 312
313 314 315
die „Wissenschaft von den gewerblichen Künsten und Verfahren“ ein; vgl. u. a. BE, Bd. 2, 1987, S. 700, Sp. 1. Zit. in: Renker, Historischer Exkurs, S. 16 f. Vgl. Krause,Vereinheitlichung, S. 5. Vgl. u. a. Renker, Historischer Exkurs, S. 17. Das Oktav-Format wurde bevorzugt im Privatverkehr verwendet; es wurde dreiteilig zusammengelegt und mit Oblate versiegelt als Brief versandt; vgl. u. a. Reitzel, PapierausstattungsIndustrie, S. 48. Vgl. Dieter Pothmann, Der lange Weg zum DIN-Format, DAP-Tagung Gernsbach, 4.– 7.9./2008, Vortrags-Typoskript, S. 1 f.; vgl. auch Dieter Pothmanns in Fußnote 304 (S. 241) genannte Publikation, in der unter „Literaturhinweise“ u. a. angeführt sind: B. Achenbach, Eins zu Wurzel zwei: Lichtenbergs Beitrag zum DIN-Papierformat. In: Lichtenberg-Jahrbuch 1992, S. 49-55; sowie: B. Achenbach, DIN 476 und Lichtenberg, ein Nachschlag. In: Lichtenberg-Jahrbuch 1996, S. 185-190. Vgl. Pothmann, DIN-Format, S. 2. Vgl. ebd., S. 2. So entspricht „Grand registre“ dem DIN-A2-Format; „Moyen papier“ dem DIN-A3-Format vgl. ebd.
Papierverarbeitung im 20. Jahrhundert
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fügte sich ein in die französische Bevorzugung rationaler Begründungen, aus der heraus im April 1795 auch die Einführung des metrischen Systems dekretiert worden war. Dieses von der Nationalversammlung verfügte Dekret wurde 1799 verbindlich definiert und ab den 1840er Jahren über die Grenzen Frankreichs hinaus allgemein übernommen. Die Einführung des metrischen Systems bildete die dritte Voraussetzung für die Bestimmung der DIN-Formate, die Lichtenberg naturgemäß noch nicht berücksichtigen konnte. „Schon 1840 wurde in England die Größe des Briefpapiers vereinheitlicht.“316 In Deutschland wurde die Idee der Erstellung von Norm-Formaten erst 1875 vom Verein Deutscher Papierfabrikanten/VDP aufgegriffen. Nach langwierigen Verhandlungen wurde die Festlegung von zwölf „amtlichen Reichsformaten“ beschlossen und auf der Generalversammlung von 1883 erneut bestätigt.317 Im Bemühen, Ordnung in die Welt zu bringen sowie für alle geistigen und materiellen Angelegenheiten ein Organisationssystem zu schaffen wurde 1911 das so genannte „Weltformat“ entwickelt. Begründer war der (Natur-)Philosoph318 und Chemie319Nobelpreisträger Wilhelm Ostwald (1853–1932). Ostwald hatte seine wissenschaftliche Laufbahn an der Universität Leipzig 1906 aufgegeben und sich danach bis zu seinem Tod in freier Arbeit mit Projekten in der Dimension von Weltprojekten „mit maximaler Reichweite“320 beschäftigt. Zu den von ihm verfassten Texten gehörten Themen wie Die Organisation der Welt (1910), Weltformat für Drucksachen (1911), Die Grenzen der Welt (1911), Die Weltsprache (1912); 1911 gründete er den Verband zur Schaffung eines internationalen Weltsprache-Amtes321, die Schift Weltgeld entstand 1912, „Weltdeutsch“ 1915.322 Die theoretischen Entwürfe Ostwalds ergaben sich als konsequente Weiterführung der realen Entwicklungen seit dem letzten Drittel des 19. Jahrhunderts, in dem das weltweite Netz der Handels- und Kommunikationswege wesentlich verdichtet und die Isolierung der Kulturen zunehmend aufgelöst wurden („Welt als Einheit“).323 1909 entwarf Ostwald die „Energetischen Grundlagen der Kulturwissenschaft“.324 Darin wies er der Wissenschaft unter der Leitdisziplin der Energetik die zentrale Rolle zu, die Verhältnisse der Welt durch konsequente Organisation zu verbessern.325 Wesentlicher Teil dieser Lehre war das Prinzip der Restlosigkeit. Es galt, durch rückstandslose 316 Vom Zauber des Papiers – Von den Anfängen in China über die Technik der Herstellung bis zur Vielfalt der Verwendung, hrsg. v. Eberhard Fiebig, München 1978, S. 110, Sp. 1. 317 Vgl. Pothmann, DIN-Format, S. 3. 318 U. a. hielt Wilhelm Ostwald 1895 in Lübeck vor der Dritten Allgemeinen Versammlung der Gesellschaft Deutscher Naturforscher und Ärzte einen Vortrag zum Thema „Die Überwindung des wissenschaftlichen Materialismus“, in dem er versuchte, die Größe Materie durch Energie zu ersetzen und Energetik mit dem Ziel der Vermeidung von Energieverschwendung als neue Lehre vorzustellen; vgl. Krajewsky, Restlosigkeit, S. 65; 1902 erschien von Ostwald Moderne Nationalphilosophie; 1903/04: Die philosophische Bedeutung der Energetik; vgl. Krajewsky, Restlosigkeit, S. 351. 319 In den 1890er Jahren (bis 1906) war Ostwald an der Universität Leipzig der einzige deutsche Ordinarius für physikalische Chemie; vgl. Krajewsky, Restlosigkeit, S. 65. 320 Vgl. Krajewsky, Restlosigkeit, S. 72. 321 Vgl. ebd., S. 90. 322 Vgl. ebd., S. 351 f. 323 Vgl. u. a. Hobsbawm, Eric J., Die Blütezeit des Kapitalismus – Eine Kulturgeschichte der Jahre 1848–1875, München 1977, S. 67-89. 324 Ostwald bewohnte in Großbothen (südöstl. Leipzig/Grimma, Sachsen) das „Haus Energie“; vgl. u. a. Krajewsky, Restlosigkeit, S. 120. 325 Vgl. ebd., S. 108.
244 Teil I – Papierverarbeitung im 19. und 20. Jahrhundert Ausnutzung von (auch geistiger) Energie, von Material, Kraft, Zeit usw. Verluste zu vermeiden, um in allen (geistigen und materiellen) Bereichen den größtmöglichen Nutzen zu erzielen. Daraus ergab sich für Wilhelm Ostwald u. a. auch das Postulat: „Vergeude kein Papier; verwende es.“326 Zum Prinzip der Verlustvermeidung gehörte auch die Vermeidung von Wissensverlust. Während die Herausforderung für die Generation Lichtenbergs vor allem darin bestand, mehr und mehr naturwissenschaftliche Phänomene und Sachverhalte aufzuklären, gab es um 1900 verstärkt das Problem, Ordnung in die Fülle der inzwischen aufgeklärten Wissenschafts-Phänomene und -Sachverhalte zu bringen. Es ging um ein Modell, mit dem die großen Mengen angehäuften Wissens zu sichten, zu ordnen und durch eine genormte, systematisch angelegte Organisation schnell, verlustfrei und effizient verfügbar gemacht werden konnten. Aus diesem Effizienz-Ansatz heraus setzte sich Ostwald mit Nachdruck für eine Systematik ein, die mit einheitlichen, weltweit verbindlichen Standards und Normformaten für alles Gedruckte Geltung haben sollte. Den Lichtenberg’schen Sätzen von der Hälftelung/Halbierung und der Ähnlichkeit als Grundlage für eine solche Systematik fügte er den entscheidenden Satz des „Anschlusses“ (an das metrische System) als dritte Bedingung hinzu.327 „Es genügt die Feststellung, dass das metrische System durch die restlose Durchführung des dekadischen Prinzips vollständig an unsere Zähl- und Rechenweise angeschlossen ist und somit das Ideal realisiert, welches für alle derartigen Regelungen festgehalten werden muss.“328
Nach dem Satz der Hälftelung gehen zwei benachbarte Formate einer Reihe/Serie durch Hälfteln (Halbieren/Falten) oder Doppelung verlustfrei auseinander hervor, wobei sich die Flächen stets wie 1:2 verhalten. „Oswald bestimmte das kleinste Format mit 1 x 1,41 cm² und baute darauf die Formatreihe durch Verdoppelung der jeweils kurzen Seite auf, also Format II = 1,41 x 2 cm² usw.“329 Nach dem Satz der geometrischen Ähnlichkeit wird das Verhältnis von Seite zur Höhe durch die gleiche Zahl ausgedrückt bzw. verhalten sich die beiden Seiten der Formate wie die Seiten eines Quadrats zur Diagonalen. Diese bereits durch Lichtenberg festgelegten, bei ihm eher auf Ästhetik abzielenden Regeln erhielten durch Ostwalds dritten so genannte Anschluss-Satz eine systematischen Charakter, nach dem sich die Formatdefinition an das metrische, zu Lebzeiten Lichtenbergs noch nicht festgelegte System von 1799 anschließen muss und nach dem der Ausgangspunkt der Formatreihe/-serie die Länge eines Zentimeters ist.330 Ostwald erkärte, nicht ohne Pathos: „Wir zögern nicht, die so gewonnenen Formate [...] ‚Weltformate‘ zu nennen“. Nach diesem Format auf der Grundlage eines Längenzentimeters erschien im April 1912 als erste Publikation die von Wilhelm Ostwald herausgegebene Zeitschrift „Internationale Assoziation der chemischen Gesellschaften“.331 Von den Behörden wurde die Einführung der Weltformate 1913 jedoch abgelehnt. Sie boten in ihrem Verständnis keinen Ersatz für das gängige Akten-Format Folio (20¾ x 33 cm).332 Die tatsächlichen Gründe für diese Entscheidung sind jedoch nicht bekannt. 326 327 328 329 330 331 332
Nach ebd., S. 106. Vgl. Renker, Historischer Exkurs, S. 17. Zit. nach Krajewsky, Restlosigkeit, S. 105. Pothmann, DIN-Format, S. 2. Vgl. u. a. Krajewsky, Restlosigkeit, S. 106. Vgl. ebd., S. 108. Vgl. Pothmann, DIN-Format, S. 4.
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Unter dem Eindruck der Ostwald’schen Lehre gründeten der Schweizer (kurz zuvor in Konkurs gegangene) Geschäftsmann Karl Wilhelm Bührer (1861–1917) und der Journalist Adolf Saager 1911 in München „Die Brücke – Internationales Institut zur Organisation geistiger Arbeit“.333 Das Institut verstand sich als Ergänzung zum Brüsseler „Institut International de Bibliographie“, das sich zur Aufgabe gestellt hatte, den gesamten Bücherbestand der Welt zu erfassen. Um 1910 waren bereits rund elf Mio. Titel in einer Zettel-Kartei aufgenommen. „Die Brücke“ hatte sich ihrerseits zur Aufgabe gestellt, ausnahmslos alle gewerblichen, nicht durch Verlagsrechte geschützten Drucksachen zu sammeln – von Fahrkarten und bedruckten Bierdeckeln bis zu Warenkatalogen und Geschäftsberichten. Darüber hinaus sollte ein Kommunikations-Netzwerk aufgebaut werden, das die Kontaktanschriften aller geistigen Arbeiter (Wissenschaftler, Autoren, Journalisten, Bibliothekare, Archivare usw.) enthielt.334 Vor allem aus der angestrebten lückenlosen Erfassung der Druckschriften ergab sich für „Die Brücke“ zunehmend dringlicher die Forderung nach Vereinheitlichung aller Formate. Nach Bührers Vorstellung war es daher notwendig, ein entsprechendes „Mono-System“ resp. eine „Mono-Ordnung“ zu entwickeln. Je nach Zweck sollten z. B. für Kleingrafik andere – in jedem Fall aber definierte – Formate als für Kataloge usw. gelten. Wilhelm Ostwald (mit Sitz in Großbothen b. Grimma/Sachsen) übernahm zum Großteil die Finanzierung des Projektes. Er wurde Erster Vorsitzender der „Brücke“, die ihren Sitz in München hatte. Ostwald verband seine privilegierte Stellung mit der Forderung, das zu entwickelnde System unter dem von ihm gewählten Begriff „Weltformate“ zu publizieren und bekannt zu machen.335 Für die Öffentlichkeitsarbeit war Adolf Saager zuständig.336 Bührer, der „heimliche Held [...] gebräuchlicher Papiermaße“,337 wurde Zweiter Vorsitzender. Ihm gelang es, zahlreiche Mitglieder und Förderer für die „Brücke“ zu gewinnen, darunter den Architekten Peter Behrens (1868–1940) und den späteren Reichsbankpräsidenten sowie NS-Wirtschaftsminister Hjalmar Schacht (1877–1970). Einen Großteil seiner Zeit verwandte der Geschäftsführer der „Brücke“ jedoch auf das Sammeln von Reklamemarken. Sachlich gehörte dieses Thema in die Rubrik „Kleingrafik“ des „Brücke“-Archivs. Das Sammeln von Reklamemarken hatte sich in den Jahren vor dem Ersten Weltkrieg zu einem Massenphänomen von bis dahin nicht bekannten Ausmaßen ausgeweitet. Alle sozialen Schichten waren davon ergriffen. Für Karl Wilhelm Bührer wurde das Sammeln der Kleingrafik über die sachliche Begründung hinaus schließlich zu einer Obsession, die ihm für geschäftliche Aktivitäten kaum mehr Zeit und Raum ließ. Das führte wegen Vernachlässigung und schließlich wegen völlig unterlassener Wahrnehmung von Geschäftsangelegenheiten zum Zusammenbruch des Instituts. Im September 1913 musste „Die Brücke“ geschlossen werden (für Bührer der zweite Konkurs innerhalb weniger Jahre). Wilhelm Ostwald fand als Nachlassverwalter fast nur noch große Mengen aufgeklebter Reklamemarken vor.338 Der überdauernde Nachlass bestand jedoch darin, dass erst „aufgrund von Bührers Anregung [...] Ostwald [1911]
333 334 335 336
Vgl. Krajewsky, Restlosigkeit, S. 109. Vgl. ebd., S. 111 f. Vgl. ebd., S. 119. Von Saager erschien u. a. „Die Brücke als Organisationsinstitut“. In: Schriften über die Brücke, Bd. 9, Ansbach 1911; „Die Brücke. Historisches“ unveröffentlichtes Typoskript, 1921. Angaben nach Krajewsky, Restlosigkeit, S. 356. 337 Krajewsky, Restlosigkeit, S. 120. 338 Vgl. ebd., S. 119; vgl. auch Abschn. „Graphische Industrie – Reklamemarken“ der v. A.
246 Teil I – Papierverarbeitung im 19. und 20. Jahrhundert seine systematischen Überlegungen zur Ordnung der Formatreihe, die sich [...] in der DIN-Reihe wiederfinden“ entwickelte.339 Nach dem „Brücke“-Debakel befasste sich Ostwald bis zu seinem Tode im Jahre 1932 in der Hauptsache nur noch mit der „harmonischen Organisation der Farben“.340 Bührer starb wenige Jahre nach dem Ende der „Brücke“ im Jahre 1917. „Seine Anregung jedoch, das standardisierte Papierformat zur ‚technischen Grundform aller Kultur‘ zu erheben, wirkt weiter“.341 Die endgültige Fassung der Formatreihen – das „Flächenformat“ – wird üblicherweise mit dem Namen Walter Porstmann (1886–1959) verbunden. Er gilt als der Begründer, als der „Schöpfer der DIN-Formate“.342 Der 1911 in Leipzig examinierte Mathematiker und Physiker hatte sich 1911 als 26-Jähriger bei Wilhelm Ostwald im „Haus Energie“/Großbothen b. Grimma/Sachsen um die Stelle eines Privatsekretärs und Assistenten beworben und diese 1912 angetreten.343 Zu seinen Aufgaben gehörte, die von Oswald erarbeiteten und auf Wachswalzen diktierten Beiträge, einschließlich der zu den Papier-„Weltformaten“, schriftlich zu übertragen. Porstmann hatte dadurch Zugang zu allen Studien, theoretischen Konzepten und wissenschaftlichen Schlussfolgerungen seines Arbeitgebers. Zu den Eigenmächtigkeiten, Vertrauens- und Grenzverletzungen Porstmanns zählte, die Übertragungen, in offensichtlicher Plagiatabsicht, für seine Zwecke zu kopieren. Nach fast drei Jahren Tätigkeit kam es 1914 zu Unstimmigkeiten und schließlich zum Zerwürfnis zwischen dem Vordenker und seinem Kopisten. Porstmann musste das „Haus Energie“ im Unfrieden verlassen. Ein Jahr zuvor hatte Ostwald den Nachlass der „Brücke“ ordnen und die Ablehnung seiner Format-Idee durch die Behörden hinnehmen müssen. Ab sofort musste er erleben, wie sein Denkgebäude als Vorlage für die Zwecke und Absichten anderer (aus)genutzt wurde. Walter Porstmann „übt sich [nach seiner Trennung von Ostwald] im Geheimnisverrat“.344 Er veröffentlichte noch im selben Jahr 1914 zwei Artikel (in „Prometheus – Illustrierte Wochenschrift über die Fortschritte in Gewerbe, Industrie und Wissenschaft“) zum Thema „Flächenformate“. In diesen und den folgenden Beiträgen zeigte sich Porstmann „als gelehriger Schüler und Kopist“ Ostwalds.345 Er übernahm u. a. die drei Sätze Wilhelm Ostwalds (Hälftelungs-, Ähnlichkeits-, Anschluss-Satz), formuliert sie jedoch „sophistisch“ und „missbräuchlich“ um, indem er die Bezugsgröße Länge (nach Ostwald) durch Fläche in Quadratzentimetern austauschte („Flächenformat“ vs. „Weltformate“).346 Wilhelm Ostwald wollte mit seinem Drei-Sätze-System jede Willkür bei der Festlegung der Formate ausschließen. Genau das – Willkür – wurde ihm von Porstmann seit 1914 immer wieder unterstellt. Porstmann selbst nahm für sich in Anspruch, er allein habe frei von jeder Willkür das einzig mögliche und richtige Ergebnis entwickelt.347 Ganz ähnlich und Willkür unterstellend ging er mit nahezu dem gesamten Theoriesystem Ostwalds um, dessen Begrifflichkeit er zum Teil nur in Andeutungen modifizierte („ener339 340 341 342 343 344 345 346 347
Krajewsky, Restlosigkeit, S. 118. Vgl. ebd., S. 120. Ebd. Vgl. u. a. Krause,Vereinheitlichung, S. 5 f.; vgl. auch Renker, Historischer Exkurs, S. 17. Vgl. Krajewsky, Restlosigkeit, S. 120 f. Ebd., S. 122. Ebd. Vgl. ebd., S. 123 f. Vgl. ebd., S. 123.
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getischer Imperativ“ wurde beispielsweise zu „biologischer Imperativ“).348 „Kein geringes Wagnis stellt [...] Porstmanns Versuch dar, gegen Ostwalds allgegenwärtigen energetischen Imperativ auf dasselbe Konzept nur u. a. Namen zu setzen.“349 Die Idee der Normung (Synchronisation, Vereinheitlichung, Vereinfachung, Ordnung, Übersichtlichkeit, Zeit- und Kostenersparnis, Übertragbarkeit, Vergleichbarkeit usw.) wurde in Deutschland erst unter dem Druck äußerer Verhältnisse aufgegriffen und schließlich konsequent umgesetzt: Gleich zu Beginn des Ersten Weltkrieges wurde deutlich, dass durch die Standardabweichungen der Industrielieferungen für den Heeresbedarf erhebliche Probleme auf das Militär zukommen würden. Die Armeeführung verlangte die Einführung einheitlicher Standards nach dem Baukastensystem.350 Die Industrie ging in patriotischer Haltung umgehend auf diese Erwartung ein. In unmittelbar zeitlicher Nähe zur Rede Fritz Neuhaus’351 zum Problem der Synchronisierung technischer und gesellschaftlicher Leistung hatte sich das Vorstandsmitglied der AEG Walther Rathenau (1867–1922, ab 1915 Vorstandsvorsitzender) für die „Synchronisierung“ der Rohstoffversorgung eingesetzt. Rathenau stand im Austausch mit Wilhelm Ostwald, der Vorsitzender der Deutschen Elektrochemischen Gesellschaft war und für Rathenau gelegentlich Expertisen anfertigte.352 Parallel zur Entwicklung in Deutschland waren auch in den westeuropäischen Industrienationen nichtstaatliche Institute entstanden, die als privatrechtlich organisierte, selbstverwaltete Vereine (wie die bereits 1873 zusammengeschlossenen Technischen Überwachungsvereine/TÜV) den Gedanken der Vereinheitlichung technischer Maße durchzusetzen versuchten. In keinem anderen Land wurde die Idee seit 1914 jedoch so konsequent verfolgt wie in Deutschland. Im Dezember 1916, mehr als zwei Jahre nach Kriegsbeginn, entstand in Spandau b. Berlin das „Fabrikationsbüro“. Es war das erste staatliche Institut zur Güter-Standardisierung.353 Von diesem Büro aus nahm „die moderne Normungsbewegung ihren Anfang.“354 Die Arbeit des Büros bezog sich vor allem auf die Lieferungen der Industrie, die unmittelbar für den Heeresbedarf an der Front bestimmt waren. Als erste übernahm die Maschinenbau-Industrie diese nunmehr auch institutionalisierte Idee und gründete am 16. Mai 1917 einen „Normalien-Ausschuss für den Maschinenbau“.355 Daraus ging im Dezember desselben Jahres 1917 der „Normenausschuss356 der Deutschen Industrie“/ 348 Vgl. ebd., S. 124. 349 Ebd. 350 Vgl. u. a. Fritz Genzmer/Walther Großmann, Das Buch des Setzers. Kurzgefaßtes Lehr- und Handbuch für den Schriftsetzer, 3. Aufl., Berlin [1939], S. 197 f. Zum militärgeschichtlichen Zusammenhang der Standardisierung vgl. Das Glühbirnenbuch, hrsg. v. Peter Benz/Helmut Höge/Markus Krajewsky, Wien 2001, insb. S. 56-76; Literaturhinweis in Krajewsky, Restlosigkeit, S. 321 (81). 351 Zur Rede von Fritz Neuhaus vgl. S. der v. A. 352 Vgl. Krajewsky, Restlosigkeit, S. 200 f. 353 „Auf Veranlassung des Waffen- und Munitionsbeschaffungsamtes (Wumba) wird im Herbst 1916 in Spandau ein ‚Büro Schaechterleʻ eingerichtet, aus dem am 21. Dezember durch Erlaß des Chefs des Kriegesamtes des Kriegsamtes das ‚Königliche Fabrikationsbüroʻ [...| entsteht.“ Bruno Holm, Fünfzig Jahre Deutscher Normenausschuss, Berlin 1967, S. 21, Sp. 1f. 354 Vgl. Genzmer/Großmann, Das Buch des Setzers, S. 197. 355 Vgl. ebd., S. 199; vgl. auch Holm, Fünfzig Jahre Deutscher Normenausschuss, S. 23, Sp. 1. 356 Der bis dahin übliche Begriff „Normalie“ war im Sommer 1917 auf Anregung von Walter Porstmann durch VDI-„Norm“ ersetzt worden; vgl. Holm, Fünfzig Jahre Deutscher Normenausschuss, S. 24, Sp. 1.
248 Teil I – Papierverarbeitung im 19. und 20. Jahrhundert NDI hervor, dessen erster Vorsitzender Fritz Neuhaus und dessen erster Geschäftsführer der VDI-Direktor Waldemar Hellmich (1800–1949)357 wurde. Dieser Ausschuss war der Vorläufer des „Deutschen Norm-Ausschusses“/DNA (1927) bzw. des „Deutschen Instituts für Normung“/DIN, auf den die „Deutsche Industrie-Norm“/DIN zurückgeht.358 „Das dezidierte Ziel des Normenausschusses [bestand] darin, nicht nur innerhalb der Maschinenindustrie, sondern vielmehr im gesamten Produktionssektor den Grundsatz des energetischen Imperativs [nach Wilhelm Ostwald] zu realisieren.“359
Diesem Grundsatz entsprechend erklärte Hellmich in seiner Eröffnungsrede vor dem Normenausschuss, dass jede „Energieverschwendung im Innern [...] die Kampffähigkeit [schwäche] und [...] daher vermieden werden“ müsse.360 Die NDI-Norm für technische Zeichnungen (Nr. 5), die noch im Gründungsjahr 1917 erlassen worden vor, schrieb vor, dass jedes einzelne Geräteteil auf einem nur von der Zentralstelle herausgegebenen besonderen Blatt (als genormte Zeichnungsformate in standardisierter Größe – Lieferant Carl Schleicher & Schüll/Düren361) ausgeführt werden durfte.362 Damit war vor allem auch das Mono-Prinzip des „Brücke“-Gründers Karl Wilhelm Bührer aufgegriffen und als Normvorschrift erstmals umgesetzt worden.363 Im Laufe des Sommers 1917 war – noch vor Gründung des NDI – von Walter Porstmann die Monographie „Normenlehre – Grundlagen, Reform, Organisation der Maßund Normensysteme“ erschienen.364 Darin wurden ganz unterschiedliche Bereiche unter dem Gesichtspunkt der Vereinheitlichung/Normierung behandelt – z. B. Themenbereiche wie Geld, Zeit, Organisation, die Porstmann von seiner Tätigkeit als Sekretär bei Ostwald her übernommen hatte. Die Veröffentlichung von Porstmann erregte insbesondere die Aufmerksamkeit des NDI-Vorsitzenden Waldemar Hellmich. Drei Jahre später, 1920, war Porstmann Mitarbeiter im Normausschuss der Deutschen Industrie.365 Nach Ende des Ersten Weltkrieges wurde im August 1919 der NDI vom Reichwirtschaftsministerium beauftragt, allgemeine Reichsnormen zu entwickeln. Der IndustrieAusschuss bildete Fach-Ausschüsse, u. a. einen Normenausschuss für das graphische Gewerbe/NAGRA.366 Im selben Jahr 1919 war der „Chefenergetiker“ Wilhelm Ostwald als Sachverständiger zu Sitzungen des NDI nach Leipzig eingeladen worden. Er sollte den Ausschuss als Urheber der „Weltformate“, aber auch in seiner Eigenschaft als ehemals Erster Vorsitzender der „Brücke“ beraten, auf die, nach Karl Bührer, die (technischen) Zeichnungsformate (DIN 5) zurückgingen. Ostwald stieß jedoch auf Abneigung und schließlich auf Ablehnung der „führenden Männer“ des Ausschusses. Die Abneigung nahm er als persönlich 357 Vgl. Krajewsky, Restlosigkeit, S. 125. 358 Vgl. u. a. ebd. 359 Ebd. Der Begriff „DI-Norm“ (Deutsche Industrie-Norm) geht auf den Ingenieur Paul Wölfel zurück, der ihn 1917 prägte; vgl. u. a. Holm, Fünfzig Jahre Deutscher Normenausschuss, S. 24, Sp. 2. 360 Zit. nach Krajewsky, Restlosigkeit, S. 125. 361 Vgl. Abschn. „Papierveredlung“ der v. A. 362 Vgl. u. a. Holm, Fünfzig Jahre Deutscher Normenausschuss, S. 25, Sp. 2. 363 Vgl. Krajewsky, Restlosigkeit, S. 126. 364 Vgl. u.a. Holm, Fünfzig Jahre Deutscher Normenausschuss, S. 111, Sp. 1. 365 Vgl. Krajewsky, Restlosigkeit, S. 124 f. 366 Nach Alfred Renker (Historischer Exkurs, S. 17) erfolgte die Gründung im Jahre 1918. Max Krause sprach von einem Ausschuss, der „nie ordentlich gewählt wurde und nie Vollmacht vom Fach erhielt. [...] Von Anfang an wurden hier die Kämpfe leider persönlich zugespitzt.“ Max Krause, Normung der Papierformate. In: Wochenblatt für Papierfabrikation, 8/1922, S. 667, Sp. 2.
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motiviert wahr. Hier begegneten sich offensichtlich zwei Geisteshaltungen, die kaum gemeinsame Berührungspunkte hatten. Wilhelm Ostwald nahm für sich den Eindruck mit, „unter den Anwesenden der einzige Sachkundige“ gewesen zu sein.367 In der Sache wurde die Ablehnung durch den Ausschuss schließlich (wie bereits 1913) mit dem massiven Widerstand von Behörden und Industrie begründet, nach deren Ansicht sich „die neuen Maße nur schlecht mit dem bisherigen Folioformat und den Geschäftspapieren“ vertrugen.368 Die Verwaltung sah Veränderungen auf sich zukommen, die es abzuwehren galt; die Industrie befürchtete Gewinnverluste. Der VDP hatte die Ostwald-Vorschläge an seine Fachgruppen überwiesen, die vor allem die Maschinen-Auslastung auf der Grundlage dieses Vorschlags zu überprüfen hatten. Im September 1921 lehnte der VDP die Vorschläge endgültig ab und beharrte auf der Beibehaltung von sechs gängigen (und weiteren Unter-)Formaten, die sich in der Praxis bewährt hätten und die die vorhandenen maschinellen Einrichtungen berücksichtigten.369 Max Krause370 stellte im Wochenblatt für Papierfabrikation fest: „Ueber den Normungsbestrebungen in unserem Fache schwebte von Anbeginn an ein Unstern. [...] Kampf entbrannte [...] sofort zwischen den Wissenschaftlern [um Wilhelm Ostwald] und gewissen Ingenieur-Verbraucherkreisen [um Waldemar Hellmich, Walter Porstmann] einerseits und den Fachleuten des Papierfaches [Verein Deutscher Papierfabrikanten, Bund deutscher Vereine des Druckgewerbes, Verlage und Papierverarbeitung] andererseits.“371
Krause argumentierte aus Unternehmersicht: „Hatten wir z. B. bis heute nur zwei Formate Geschäftsbriefpapier, das Postquart und das Folio, so kommt nun das dritte, das neue ‚Format der wissenschaftlichen Reihe‘ hinzu. Vermehrung, Verwirrung! Wie einfach wäre es gewesen, wenn sich die Behörden zum Postquartformat [...] bekehrt hätten, ein Fortschritt ohnegleichen wäre für die Papierindustrie erreicht!“
Die Nachteile für die herstellende und verarbeitende Papierindustrie bei der Umrüstung der Maschinen auf das „Format der wissenschaftlichen Reihe“ konnte Max Krause in diesem Beitrag anschaulich darlegen. Das Verständnis dafür, dass die Formate für Geschäftsbriefbögen, Briefumschläge, Postkarten, Bücher, Bieruntersätze, Schulhefte, Briefmarken, Tapeten, Geschäftsbücher usw. überhaupt vereinheitlicht werden sollten, fehlte Krause völlig. „In anderen Industrien normt man Schrauben und Muttern, die elektrischen Schalter, die Eisenprofile usw., man bringt doch aber nicht die Länge einer Schraube mit den Maßen einer elektrischen Birne in Übereinstimmung!“372
1920 war Walter Porstmann vom NDI-Vorsitzenden Waldemar Hellmich „höchstpersönlich“ gebeten worden, an den Ausschuss-Sitzungen teilzunehmen.373 Wiederum ein Jahr 367 Krajewsky, Restlosigkeit, S. 126; vgl. auch Holm, Fünfzig Jahre Deutscher Normenausschuss, S. 34, Sp. 2. 368 Vgl. Krajewsky, Restlosigkeit, S. 126. 369 Vgl. Dieter Pothmann, DIN-Format, S. 4; „[...] zwölf sogenannte Normal-Papierformate [...] neben soundso vielen Phantasieformaten“, Genzmer/Großmann, Das Buch des Setzers, S. 197. 370 Bereits in den 1890er Jahren wurden vom Verein deutscher Briefumschlag-Fabrikanten/VdB für Briefumschläge „gewisse einheitliche Bezeichnungen für einzelne Größen eingeführt und der Versuch gemacht, eine Reduzierung der allzu zahlreichen Sorten vorzunehmen. Diese Maßnahme stellte den Auftakt zur Normierung der Briefumschläge dar.“ Kühl, BriefumschlagIndustrie, S. 47. 371 Krause, Normung der Papierformate, S. 667, Sp. 1. 372 Ebd., S. 668, Sp. 2 f. 373 1920 wurde Walter Porstmann Mitglied des Ausschusses; vgl. http://de.wikipedia.org/wiki/ Walter_Porstmann, Walter Porstmann (Stand: 3.2.2011).
250 Teil I – Papierverarbeitung im 19. und 20. Jahrhundert zuvor, 1919, war Porstmann an der Universität Leipzig mit einer (bereits veröffentlichten) 37 Seiten umfassenden Dissertation zum Dr. phil. promoviert worden.374 Auf der NDISitzung von 1920 begegnete „der einstige Subalterne [Walter Porstmann] nun seinem alten Meister [Wilhelm Ostwald] aus Großbothen in triumphaler Umkehrung der Verhältnisse“.375 Am Ende der Sitzung voll äußerst harter Kämpfe, vielerlei taktischer Winkelzüge sowie zahlloser offener und heimlicher Widerstande lag der Beschluss vor, im darauffolgenden Jahr 1921 eine Norm auf der Basis des Porstmann-Vorschlages zu erlassen.376 1921 untersuchte der VDI sechs Industriebereiche, darunter den Bereich Druck, und errechnete insgesamt Millionenverluste, die sich aus der ungeordneten Vielfalt technischer Einzelheiten ergaben.377 Noch im selben Jahr 1921 beendete der Deutsche Normausschuss, der inzwischen mehrere tausend Normblätter veröffentlicht hatte, das jahrelange Tauziehen um Quart-, Kanzlei- oder Folio-Formate und führte für das graphische und Papier-Fach das metrische Format in vier DIN-Reihen ein (u. a. A4: 210 x 297 cm), das sich entsprechend verdoppeln (DIN A12 bis A0) oder verkleinern lässt (DIN A4, 5, 6 usw.). „Die Reihe A ist die Hauptreihe, der DIN-A-0-Bogen als der Grundbogen dieser Reihe hat einen Flächeninhalt von 1 qm“ und das Maß 84,1 x 118,9 cm.378 Die Reihen/ Teilformate/Formatklassen entstehen durch fortgesetztes Falten des Grundformates – jeweils durch Halbieren senkrecht zur langen Seite. Die Nummern bezeichnen die Anzahl der Falzungen (DIN A „4“ = vier Falzungen) des Grundformates. Die DIN-Einführung des Flächenmaßes durch den NDI bezogen auf einen Quadratmeter stellte keine prinzipielle Abweichung vom Porstmann-Vorschlag bezogen auf einen Quadratzentimeter dar. Der Porstmann-Entwurf wiederum beruhte auf dem Weltformat der „Brücke“ und stellte keine prinzipielle Abweichung vom Ostwald-Ansatz der Längen- anstelle der Quadrat-Flächenmessung dar. Am 18. August 1922 wurde diese Norm unter DIN 476 „Papierformate“ veröffentlicht.379 Im Herbst 1922 erschien das erste DIN-Buch (Nr. 1) unter dem Titel „Papierformate“.380 1923 wurde das „NormblattFormat von 230 mm x 320 mm auf DIN A 4 umgestellt.“381 Verbunden mit der DIN-Einführung waren die Schaffung genormter Geschäftsdrucksachen und der verstärkte Einsatz von u. a. Fenster-Briefumschlägen. „Prägend war [...] auch die Auswirkung der Norm im Behördenbereich. Ausgehend von den Papierformaten wurden Bürobedarf (Briefumschläge, Ordner, Hängeregistratur usw.) und Büromöbel (Schreibtischschubladen, Aktenschrank) aufeinander abgestimmt.“382
Walter Porstmann wurde 1923 Geschäftsführer der Büroausstattungs-„Fabriknorm GmbH“. Die Stadtverwaltung München verbot als erste, im Schriftverkehr andere als DINFormate zu verwenden.383 „Vorreiter für das nachhaltig verfolgte Ansinnen einer Stan374 Vgl. Krajewsky, Restlosigkeit, S. 127; Porstmanns Diss. hatte den Titel „Untersuchungen über Aufbau und Zusammenschluss des Maßsystems“. 375 Krajewsky, Restlosigkeit, S. 126 f. 376 Vgl. nach Walter Porstmann, 1927 – Krajewsky, Restlosigkeit, S. 127. 377 Vgl. Genzmer/Großmann, Das Buch des Setzers, S. 197. 378 Vgl. ebd., S. 197 f. 379 Vgl. u. a. Renker, Historischer Exkurs, S. 17. 380 Vgl. Krause,Vereinheitlichung, S. 5; im Jahr 2000 erschien das DIN-Buch Nr. 118 „Papier und Pappe“. 381 Vgl. Holm, Fünfzig Jahre Deutscher Normenausschuss, S. 111, Sp. 3. 382 Krause,Vereinheitlichung, S. 6. 383 Vgl. u. a. Charlotte Maier, Werbung im Weltformat. In: Charivari, 18. Jg., Nr. 1/2, Jan./Feb. 1992, S. 71-74, hier: S. 71.
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dardisierung der Papierformate war das Bezirksamt Wunsiedel“/Fichtelgebirge.384 Dieses Amt schrieb für seine Drucksachen nach der Veröffentlichung der DIN 476 „Papierformate“ die Einhaltung dieser Formate verbindlich vor. Ende April 1924 wurde in Berlin vom DIN, vom VDI und von verschiedenen Institutionen aus Wirtschaft, Wissenschaft und Technik der Beuth Verlag gegründet. Die Namensgebung geht auf Christian Peter Wilhelm Beuth (1781–1853) zurück, unter dessen Leitung 1821 der einflussreiche Verein zur Förderung des Gewerbefleißes in Preußen gegründet worden war. Zur Aufgabe des Verlages gehört seit Beginn der Vertrieb (BeuthVertrieb) von Normungs-Literatur, -Dokumenten und -Informationen. 1924 wurde in Stockholm auf Vorschlag Deutschlands – unterstützt insbesondere von der Schweiz und Österreich – das gesamte Vordruckwesen des Weltpostvereins auf DIN-Format umgestellt.385 Die Norm wurde von vielen europäischen Ländern anerkannt386 und 1934 schließlich als internationale Norm empfohlen.387 Die bürgerliche Kundschaft wollte sich jedoch lange Zeit nicht an die neuen Formate und an die „unpersönlichen“ Geschäfts-/Behörden-Drucksachen und -Vordrucke gewöhnen. Viele Industrie-Unternehmen konnten sich nur schwer dafür entscheiden, die imposanten, meist aufwändig und dekorativ gestalteten Briefköpfe aus der Zeit der Jahrhundertwende zugunsten eines nüchternen Schriftzuges aufzugeben. Die alten Brief-„Kopfbereiche“ waren einzig auf Werbewirkung angelegt und häufig mit Abbildungen von Auszeichnungen und Medaillen sowie mit Fabrikansichten „verschönt“, deren Dimensionen oft „lediglich in der Phantasie der Zeichner existierten.“388 Die eigentlichen und entscheidenden Widerstände gegen die umfassende Einführung genormter Papierformate kamen jedoch weiterhin aus der herstellenden und verarbeitenden Papierindustrie. Auch Max Krause, der Vorsitzende des 1926 gegründeten „Gesamtausschusses der papierverarbeitenden Industrien“,389 zu dessen Aufgaben und zu dessen persönlichem Anliegen schon seit langem die, wenn auch eingeschränkte und vor allem auf die Bedürfnisse der Industrie ausgerichtete, Normung der Papierformate gehörte, blieb in seinen Bemühungen, zu einer einheitlichen Regelung zu kommen bis Ende der 1920er Jahre insgesamt erfolglos.390 Der „Unstern“, der über dem Normenausschuss schwebte und den Max Krause bereits 1922 im Wochenblatt für Papierfabrikation beklagt hatte, war für ihn Anlass, eine Neugründung zu fordern und mit Vertretern der Fachrichtungen Rohstofferzeugung, Drucker, Verleger und Papierverarbeiter, Büro- und Reklame-Artikel-Hersteller sowie mit Vertretern der Möbelindustrie, des Großhandels, der Verbraucher, des Maschinenbau usw. zu besetzen391.
384 Krause,Vereinheitlichung, S. 50 385 Vgl. u. a. Papier-Zeitung, Jubiläums-Ausgabe 1925, S. 3940, Sp. 2. 386 Zum Stand Mitte der 1920er Jahre in den Ländern Schweiz, Österreich, Ungarn, Holland, Schweden, Norwegen, Finnland, Lettland, Belgien, Frankreich, Russland, Polen und England s. Papier-Zeitung, Jubiläums-Ausgabe 1925, S. 3938, Sp. 1 f. 387 Vgl. Krause,Vereinheitlichung, S. 5. 388 Vgl. u. a. Buck, Firmen- und Familiengeschichtliches, S. 36, Sp. 2. 389 Dieser Ausschuss war 1916 während des Ersten Weltkrieges als „Bund deutscher Vereine des Druckereigewerbes, Verlage und der Papierverarbeitung“ mit seinen 54 ihm angeschlossenen Verbänden und Vereinen – darunter etwa 15 Preiskartelle und drei Syndikate – gegründet worden. Über den Ausschuss wurden in den 1920er Jahren 400 000 Arbeiter und Angestellte erfasst; vgl. Weissenfels, Standorte, S. 125. 390 Vgl. ebd., S. 125. 391 Vgl. Krause, Normung der Papierformate, S. 669, Sp. 2.
252 Teil I – Papierverarbeitung im 19. und 20. Jahrhundert 1927 wurde der Normenausschuss der Deutschen Industrie/NDI in Deutscher Normenausschuss/DNA umbenannt.392 1932 starb Wilhelm Ostwald. Eine seiner Grundideen, die Buchformate zu vereinheitlichen, war nicht in Erfüllung gegangen. „Die Anwendung der DIN-Formate blieb [...] im Wesentlichen auf Schreib-, Büro- und Administrationspapiere beschränkt.“393 Zur Ausstattung des Großbothener Ostwald-Landhauses „Energie“ gehörten in den 1930er Jahren „Merkzettel und Brieftasche, Visitenkarten und Briefpapier‚ Sofakissen, ja sogar Tischdecken und Handtücher im Weltformat.“394 Am Ende der 1920er Jahre setzten die Befürworter der Wettbewerbsbeschränkung in der Kartonagen-Industrie ihre Hoffnung darauf, dass die Produktion zukünftig „infolge der Durchführung der Normung immer weniger individuell gestaltet sein wird, daher lediglich die großen leistungsfähigen Betriebe beschäftigt werden können.“395 Durch die damit verbundene Betriebsreduzierung würde dann, so die Hoffnung der Wettbewerbsgegner, eine Kartellierung der dann „gestrafften“ Branche (wieder) eher möglich sein.396 Ab 1935 war die Papierherstellung für Geschäfts- und Behördenzwecke ausschließlich auf DIN-Format eingestellt worden. Im April 1936 wurde mit Anordnung Nr. 1 der Prüfungsstelle für Druck und Papierverarbeitung (Leitung Dr. Lorenzen) die Normung der Papiererzeugnisse geregelt. Zu dieser Anordnung gehörte u. a. auch das Verbot, weiterhin Quart- und Folio-Formate herzustellen. Erlaubt war ab sofort nur noch das DIN-Format.397 „Nachdem durch die Anordnung Nr. 2 der Überwachungsstelle für Papier vom 15.6.36 (Neufassung vom 17.8.38) Papiere und Kartons, die als Schreib-, Schreibmaschinen-, Schreibmaschinendurchschlag- und Abzugspapiere bzw. als Postkartenkarton für den Geschäfts- und Behördenschriftverkehr Verwendung finden, sowie Karteikartenkarton nur in den Normformaten der Reihe A [...] hergestellt werden dürfen, ist die Verwendung der Normformate nunmehr für den gesamten Geschäftsschriftverkehr vorgeschrieben.“398
Um 1938/39 war die „Papierformat-Normung [...] längst Tatsache geworden“ und von den Behörden sowie den Industrien durch die Herausgabe des Normblattes DIN 476 anerkannt.399 Die Papier-Normung bezog sich auf Bogenformate, Hüllen, Mappen und Geschäfts-Drucksachen. Beispielsweise ergaben sich die Formate der Scheckformulare, Quittungen, Wechsel und Etiketten (Streifenformate) aus dem Halbieren, Vierteln und Achteln (usw.) größerer Formate in der Längsrichtung. Plakate mussten das Format DIN A3 haben. Entsprechend den Vorgaben des NS-„Werberates“ durften sie eine Form haben, die sich aus dem Mehrfachen dieser Größe ergab. Geschäftsbriefe (DIN A4/Ganzbrief bzw. DIN A5/Halbbrief), Geschäftskarten, Rechnungsformulare und Postkarten unterlagen der Vordruck-Normung. Für die druckgraphische Aufteilung der Geschäftsbriefe (Anschriftenfeld, Heftrand, Längs- und Querfalzmarken, Schlussmarken usw.) gab es nach DIN 676 ebenfalls genormte Maße. Für Rechnungsformulare galt die DIN 684. Die 392 393 394 395 396 397
Anschrift des DNA Ende der 1930er Jahre: Berlin, Dorotheenstraße 40. Pothmann, DIN-Format, S. 4. Krajewsky, Restlosigkeit, S. 130. Kartonagen- und Papierwaren-Zeitung, Nr. 19/1936, 8.5.1936, S. 204, Sp. 1 f. Vgl. Schöller, Kartelle, S. 54. Vgl. Grundfragen der Papierwirtschaft, Berlin 1941, Zeittafel; vgl. u. a. auch Kartonagen- und Papierwaren-Zeitung, Nr. 19/1936, 8.5.1936, S. 204, Sp. 1 f. 398 Handbuch für den Bürobedarfs- und Papierwarenhandel. Im Auftrag der Fachabteilung Papier, Schreibwaren und Bürobedarf in der Fachgruppe X der Wirtschaftsgruppe Einzelhandel, bearb. von Hermann Wildt u. a., Berlin 1939, S. 221. 399 Genzmer/Großmann, Das Buch des Setzers, S. 198.
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Abb. 16: „Die Herstellung von Papiererzeugnissen nur noch in Normformaten“, DIN-Verordnung, 1. Nachtrag der Überwachungsstelle für Papier 1937. Veröffentlicht. In: Klimschs DruckereiAnzeiger/Kl. D. A. 1937/46
Formate der Reihen B, C und D galten für die abhängigen Papiergrößen wie Mappen, Ordner usw.400 400 Vgl. ebd., S. 200.
254 Teil I – Papierverarbeitung im 19. und 20. Jahrhundert Der Papierverbrauch war von 31 kg je Kopf in den Jahren vor 1937 auf 35 kg im Jahre 1938 gestiegen. Parallel dazu liefen Bemühungen, Papier/Pappe durch unterschiedlichste Maßnahmen, u. a. durch Normung, einzusparen. So konnte beispielsweise durch Normung der Zigarettenschachteln der jährliche Bedarf an Chromo-Ersatzkarton von 42 000 t bis zum Jahre 1938 in den Folgezeit um 8000 t gesenkt werden.401 1938 wurde der NAGRA, der Urheber-Ausschuss der DIN 476, mit den vier angeschlossenen Unterausschüssen Papier, Schrift, Farbe und Maschinen402 aufgelöst.403 Endgültig durchgesetzt wurde die Norm erst während des Zweiten Weltkrieges aus Gründen des Rationalisierungsdrucks und des Rohstoffmangels.404 Im August 1940 z. B. erließ der Reichsbeauftragte für Papier und Verpackungswesen eine der zahllosen und durch den Krieg beschleunigten Normvorschriften für Verpackungen, in denen für Tüten und Papierbeutel millimetergenaue Abschnittlängen, Blattgrößen und höchstzulässige Klebestreifenbreiten verbindlich vorgegeben wurden. Bei Zuwiderhandlungen wurde mit Strafen nach den Vorschriften der Vorordnung über den Warenverkehr gedroht.405 Bereits Anfang 1940, nur wenige Monate nach Kriegsbeginn waren Bestrebungen auch der Untergruppe Papierverarbeitungs-Maschinen in der Fachgruppe Maschinenbau verstärkt worden, die Produktionsprogramme der einzelnen Unternehmen durch Normung zu vereinfachen.406 Mitte Juli 1950 wurde innerhalb des Deutschen Normausschusses/DNA der Fachnormen-Ausschuss/FNA „Papier und Pappe“/NPA gegründet. Dieser Ausschuss ging auf eine Initiative der Landesregierung Sachsen vom Dezember 1947 zurück und fällt damit in den Kontext der Umwandlung der DDR-Länder in Bezirksstrukturen im Jahr 1952. Mit dieser Initiative sollte die möglichst zügige Anwendung der DIN 827 „Papier: Stoff, Festigkeit, Verwendung“ erreicht werden. Die DIN 827 enthielt bis dahin lediglich die Forderung nach entsprechend prüftechnischer Kontrolle. Im September 1949 hatte der DNA ein vorläufiges Arbeitsprogramm – aufgeteilt in sechs Abschnitte – erstellt. Unter Abschnitt 3 war beispielsweise die „Normung der Begriffsbestimmungen und Festlegung einheitlicher Bezeichnungen“ zu erarbeiten. Im Dezember 1949 fand in WestBerlin eine erste Mitarbeiter-Versammlung statt. Beschlossen wurde die Aufnahme von Normungsarbeiten im Bereich „Papier und Pappe“. Dafür wurden fünf Arbeitsgruppen gebildet. „Die Weichen zur Gründung eines FNA ‚Papier und Pappe‘ waren somit gestellt.“407 Als Vorsitzender wurde Direktor Unger vom VVB Papier/Heidenau vorgeschlagen. Endgültig konstituiert wurde der Fachnormen-Ausschuss/FNA mit fünf Unterausschüssen im Juli 1950 (u. a. „Materialprüfung“ mit integriertem Unterausschuss „Prüfverfahren“). Dazu hatten sich 30 Vertreter – darunter Behördenvertreter – aus Ost und West am Sitz des Deutschen Normenausschusses in West-Berlin (Uhlandstraße) getroffen.408 Im selben Jahr 1950 wurde im Oktober der 1938 aufgelöste NAGRA neu gegründet. Schwerpunkt war jedoch nicht mehr der Bereich Papier. Die Aktivitäten verlagerten sich nunmehr auf die (ursprüngliche) Fachrichtung Druckgrafik.409 401 402 403 404 405 406 407 408 409
Vgl. Papier-Zeitung, Nr. 50/1939, 14.6.1939, S. 1038, Sp. 2. Vgl. Genzmer/Großmann, Das Buch des Setzers, S. 199. Vgl. Renker, Historischer Exkurs, S. 18. Vgl. u. a. Maier, Werbung im Weltformat sowie Rur-Post, Firmenzeitschrift der Gebr. Heyder/ Düren, 25. FS. [3], Sp. 2. Vgl. Anordnung VP 6 der Reichsstelle für das Verpackungswesen. In: RGBl., Berlin, 9.8. 1940, S. 1430. S. u. a. Abschn. „Papierverarbeitung in der NS-Zeit 1933 bis 1945“ der v. A. Renker, Historischer Exkurs, S. 17. Vgl. ebd., S. 18. Vgl. ebd.
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Nach 1951 bildete sich als loser Zusammenschluss eine internationale Vereinigung der Tapetenfabrikanten/IGI. Auf dem IGI-Kongress London im Mai 1955 wurde die Einführung einer international genormten Einheitsrolle empfohlen, die seither den Standard der Tapetenmaße bildet.410 In Ost-Berlin wurde 1954 das „Amt für Standardisierung“ als staatliche Behörde gegründet. In Entsprechung zur DIN gab es ab 1955 die „Technischen Güter- und Lieferbedingungen/TGL“ heraus. Im Gegensatz zum Empfehlungscharakter der DIN war die TGL als dienstliche Vorschrift verbindlich anzuwenden. 1960/61 waren von der „Zentralstelle Standardisierung – Verpackung“ beim Institut für Verpackung und Papierverarbeitung/ Dresden z. B. in TGL 7-1023 (veröffentlicht Februar/1962, Bl. 1, S. 1 f.) Begriffe und Arten für Beutel für Verpackungszwecke festgelegt worden.411 Im Mai 1974 wurde die Behörde (mit Sitz in Berlin-Köpenick) in „Amt für Standardisierung, Messwesen und Warenprüfung der DDR/ASMW“ umbenannt. Besonders im Maschinenbau blieb die TGL vor allem aus Exportgründen mit der DIN identisch. Nach der Wiedervereinigung ging das ASMW 1990 in das Deutsche Institut für Normung/DIN, Berlin-Charlottenburg, über. 1954 erfolgte eine Neuausgabe der DIN 827 (Normalpapiere). Sie war vorwiegend für die Verwendung bei Behörden bestimmt und sah die Normung von fünf Stoff- sowie neun Verwendungsklassen vor. Die Stoffklassen reichten von „Papier nur aus Hadern“ (Kl. I) bis „Papier aus Zellstoff mit mehr als 50% verholzten Fasern“ (Kl. V). Die Verwendungsklassen 1-5 umfassten Schreibpapiere, die Klassen 6-9 Briefhüllenpapier, Karton, Druck- und Abzugpapier. Die Normalpapiere der Verwendungsklasse 1-4b z. B. waren mit Wasserzeichen versehen. Deren Anwendung war genau definiert und musste jeweils vom Materialprüfungsamt/MPA Berlin-Dahlem genehmigt werden. Das MPA war zuständig für die Prüfung und Einhaltung der vorgeschriebenen Eigenschaften und Stoffzusammensetzungen.412 1961 wurde die DIN 476 als ISO 216 international anerkannt.413 Seit 1975 wurden die Gründsätze für den Aufbau der A- und B-Reihe und deren Abmessungen auf internationalem Standard in der ISO 216 genormt. Im März 1968 wurde auf dem Gebiet „Papier und Pappe“ vom „Ausschuss für Lieferbedingungen und Gütesicherung beim Deutschen Normausschuss“/RAL die Vereinbarungen 470 (als „freiwilliges Gesetz“) getroffen und über den Beuth-Vertrieb veröffentlicht. In diesen Vereinbarungen wurden Bezeichnungs-Vorschriften, Liefer- und Gütebedingungen sowie Prüfverfahren u. a. für Schreibpapier, Postsackpapier, Briefordner-Hartpappe oder Schuhpappen festgelegt.414 Neben DIN und RAL brachte auch der Verein der Zellstoff- und Papier-Chemiker und Ingenieure/Darmstadt „Zellcheming-Merkblätter“ zu einer Reihe von Prüfverfahren heraus.415
410 Vgl. Kilger, Wirtschaftliche Bedeutung der Tapete, S. 160, Sp. 2 ff. 411 Vgl. Manfred Steinbach, Begriffe über Beutel – klargestellt. In: Standardisierung – Verpackung, Mitteilungsblatt der Zentralstelle für Standardisierung – Verpackung (DDR), Heft Nr. 3, Januar 1962, S. 6 ff. (vgl. in derselben Ausgabe: Hans-Jürgen Tenzer u. Manfred Steinbach, Definition der Grundbegriffe aus dem Gebiet der Verpackung, S. 3 ff). 412 Vgl. Papierlexikon, Lfg. Nr. 17, S. 1266, Sp. 2 ff. 413 Vgl. Krajewsky, Restlosigkeit, S. 129. 414 Vgl. Papierlexikon, Lfg. Nr. 19/20, S. 1481, Sp. 1 f. 415 Vgl. Papierlexikon, Lfg. Nr. 17, S. 1268, Sp. 1; vgl. auch Papierlexikon, Lfg. Nr. 25/26, S. 2063, Sp. 1.
256 Teil I – Papierverarbeitung im 19. und 20. Jahrhundert Im März 2002 wurde die deutsche Fassung der DIN 476 von der ISO-TC (Technische Kommission der Internationalen Standard/Norm Organisation) in der Internationalen und Europäischen Norm (EN) unter der Bezeichnung DIN EN ISO 216 übernommen. Damit war nach 80 Jahren die alte Bezeichnung, nicht aber deren Inhalt bzw. Formatsystem aufgehoben. Weltweit – mit den wichtigen Ausnahmen USA416 und Kanada – hatte zu Beginn des 21. Jahrhunderts die DIN in den meisten Ländern Gültigkeit. Japan hatte das System bereits 1951 als nationale Norm übernommen. In der VR China war die A-Reihe die übliche Norm. Nach einer Untersuchung der kanadischen Bundesregierung mussten deren Vordrucke noch zu Beginn des 21. Jahrhunderts in 70 verschiedenen Formaten mit entsprechend 70 unterschiedlichen Umschlag-Größen erstellt werden.417 Besondere Probleme mit der Akzeptanz der DIN/EN/ISO hatte die Hegemonialmacht USA. Sie versuchte auf diesem Gebiet (u. a. im Jahre 2006, jedoch erfolglos) ihre abweichend definierten Standards (NA-Formate; ledger, letter, legal418) weltweit durchzusetzen.419 In den Vereinigten Staaten selbst war auch zu Beginn des 21. Jahrhunderts und trotz eines Beschlusses des US-Kongresses aus dem Jahre 1876 das metrische Maß noch nicht eingeführt worden.420
NS-Zeit 1933 Zu den üblichen Geschäftsgängen und -abläufen, die zu Beginn des Jahres 1933 auch im Bereich der Papierverarbeitung noch weitgehend unter „liberalen“ Bedingungen abgewickelt wurden, und die sich aus dem Alltag in Wirtschaft und Gesellschaft ergaben, gehörte im Januar 1933 u. a. eine Angebotsliste der Vereinigten Papierwarenfabriken München, in der das gängige Sortiment der frühen 1930er Jahre aufgeführt war: Anhänger (halbamtlich), Bodenbeutel (für Brezeln, Makkaroni, Nudeln), Bodenbeutel (für Kaffee, Bonbons, Konfitüren), Brotbeutel, Butterbrotpapier-Rollen, Flachbeutel (für Hüte, Kränze, Lametta, Salzstangen), Klosettpapier (-pakete), Klotzbodenbeutel (für Tabak, Zwieback, Tee, Kaffee), Konfektions-Tragetaschen (mit Flach- oder Kreuzboden), konische Hülsen, Muster-Umschläge, -beutel, Optiker-Taschen, Foto-Taschen, Samenbeutel, SemmelTaschen, Servietten, Spitzdüten, Schallplatten-Taschen, Schinkenbrot-Taschen, Schirmhüllen, Tortenteller, Tragetaschen (mit/ohne Verstärkungsstreifen, gefüttert/ungefüttert), Versandtaschen, Weißwarenbeutel, Zigarren- und Zigarettenbeutel.421
416 1925 hieß es in der Papier-Zeitung noch: „Bemerkenswert ist, daß [der] Antrag [Deutschlands auf Einführung der DIN-Formate auf der Tagung des Weltpostvereins in Stockholm 1924] besonders kräftig von der Vertretung der Vereinigten Staaten unterstützt wurde.“ Papier-Zeitung, Jubiläums-Ausgabe 1925, S. 3940, Sp. 2. 417 Krause, Vereinheitlichung, S. 6. 418 Für das Format „legal“ „gibt es nicht einmal annähernd ein sog. DIN-Format“, Krause, Vereinheitlichung, S. 6. 419 Vgl. ebd. 420 Vgl. ebd., S. 7; zum DIN-Format vgl. auch Max Helbig/Winfried Hennig, DIN-Format A 4 – Ein Erfolgssystem in Gefahr, Berlin 1988, sowie Rainer Müller, Flächenformate, Diss., Köln 1971. 421 VP-Firmenarchiv München.
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Im Lauf des Jahres wurde die seit dem Ende des 19. Jahrhunderts gültige Lehrlingsausbildung im Bereich der Papier und Pappe verarbeitenden Industrie neu geregelt. In Zusammenarbeit zwischen den Fachverbänden und den Industrie- und Handelskammern wurde nach längerer Vorbereitung vor allem festgelegt, welche Tätigkeiten fortan als Lehroder als Anlernberufe zu definieren wären.422 Zu den umfassenden Neuregelungen, die ab Ende Januar 1933 nach der „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten das gesamte – ab sofort „gleichgeschaltete“ – Sozialgefüge Deutschlands betrafen, gehörte auch die vollständige Neuordnung der Wirtschaft. „Zu keiner Zeit ist im 19. und 20. Jahrhundert die deutsche Wirtschaft einer so nachhaltigen staatlichen Steuerung unterworfen worden wie in der Epoche des Nationalsozialismus.“ Keine politische oder wirtschaftliche Phase zuvor lässt sich „mit dem autoritären Interventionismus dieser Kommandowirtschaft“ vergleichen.423 Ab Januar 1933 galt: „Die Wirtschaft dient dem Staat und damit dem Volk. Sie ist eine völkische Wirtschaft. [...] Sie [...] ist gleichzeitig gebunden und frei. a) Gebunden ist die Wirtschaft, weil sie völkischen Lebensgesetzen vorbehaltlos verpflichtet ist. b) Frei ist die Wirtschaft, weil die persönliche Schöpferkraft und Leistung in ihr sich voll entfalten kann.“424
Die so verstandene freie Entfaltung hatte vor allem für die Unternehmer Gültigkeit. Sie wurden im totalen Führer-Staat zu „Betriebsführern“ erklärt und mit dem uneingeschränkten Recht des „Herrn im eigenen Hause“ ausgestattet. Am 6. Mai 1933 wurde die Deutsche Arbeitsfront/DAF eingerichtet. Mit ihr verfolgte Adolf Hitler das Ziel der „Bildung einer wirklichen Volks- und Leistungsgemeinschaft aller Deutschen“.425 Am 10. Mai 1933 wurden die DAF-Gesamtverbände für Arbeiter und Angestellte gegründet. Am 17. Mai erging ein Streik- und Aussperrungsverbot. Am 23. Juni folgte der Erlass über den DAF-Gesamtverband für Unternehmer. Im Mai 1933 konnte die Papier erzeugende Industrie riesige Mengen Altpapier zum Kilopreis von 1 Pf. erstehen. Es stammte aus der „Aktion wider den undeutschen Geist“, die vom NS-Studentenbund an allen deutschen Universitätsstandorten durchgeführt wurde (Bücherverbrennung in Berlin/Opernplatz am 10. Mai 1933).426 Ab Juni 1933 begleitete die NS-Führung mit einer groß angelegten PropagandaKampagne eine „Arbeitsschlacht“, die mit dem „Gesetz zur Verminderung der Arbeitslosigkeit“ vom 1. Juni 1933 eingeleitet wurde. Zu dieser Aktion, die bis weit in das Jahr 1934 hinein lief, gehörten u. a. die Aufstockung von Arbeitsplätzen in der Rüstungsindustrie, die Ausdehnung der Kurzarbeit, die Senkung der Löhne, Notstandsarbeiten (Ödlandkultivierung, Stubbenroden, Reinigung von Chausseegräben usw.) oder das Verbot von Doppelverdiensten (insbesondere zu Lasten der Frauenarbeit) sowie die Ausweitung des Arbeitsdienstes.427 422 Vgl. u. a. Sporhan-Krempel, Vom Papier, S. 71. 423 Hans-Ulrich Wehler, Deutsche Gesellschaftsgeschichte, Bd. 4, Vom Beginn des Ersten Weltkrieges bis zur Gründung der beiden deutschen Staaten 1914–1949, München 2003, S. 691. 424 Hermann Messerschmidt, Das Reich im Nationalsozialistischen Weltbild, Leipzig 1943, zit. in: Der Nationalsozialismus. Dokumente, S. 84. 425 Adolf Hitler, 24.10.1934, zit. in: Nationalsozialismus. Dokumente 1933–1945, S. 87. 426 Vgl. Günter de Bruyn, Unter den Linden, Berlin 2002, S. 60 f. 427 Vgl. Deutschland-Berichte, 1934, S. 27 f. Die Deutschland-Berichte erschienen von April/Mai 1934 – Dezember 1936 unter dem Titel „Deutschland-Berichte der Sopade“, von Januar 1937 – April 1940 unter dem Titel „Deutschland-Berichte der Sozialdemokratischen Partei Deutschland (Sopade)“, im Auftrag des Exilvorstandes der Sozialdemokratischen Partei hrsg. v. Erich Rinner, bis Nr. 3, März 1938 in Prag, ab Nr. 4/5, April/Mai 1938 in Paris (s. Deutschland-Berichte, 1934, Rückseite Titelblatt).
258 Teil I – Papierverarbeitung im 19. und 20. Jahrhundert „Als sich nach Erlaß des Gesetzes [...] herausstellte, daß die Tapetenindustrie nicht in der Lage war, mehr Arbeitskräfte einzustellen, ermittelte die Wirtschaftgruppe Druck und Papier [...] und kam zu dem Schluß, daß der äußerst starke Preiskampf und die Gruppenbildung in der Tapetenindustrie ein Ende finden müsse“.428
Um 1933 gehörten die Themen Preise und Kartelle seit mehr als 20 Jahren zu den permanenten und am meisten strapazierten Themen der Tapeten-Industrie. Im Sommer 1933 war es erneut zu einer organisatorischen Zweiteilung der Branche gekommen. Die Mitgliedsfirmen verteilten sich über den Verband Deutscher Tapetenfabrikanten und den Tapetenfabrikanten-Verein/Berlin.429 Der Konkurrenzkampf beider Kartelle verschärfte sich in einer Weise, die auch zur Schließung einiger Betriebe führte. Nach dem Erlass des „Gesetzes zur Verminderung der Arbeitslosigkeit“ vom 1. Juli 1936 kam es auf Veranlassung der NS-geführten Wirtschaftsgruppe Druck und Papier unter Androhung von Zwang zu einer „Aussprache“ zwischen beiden Kartellen. Die Führung der Wirtschaftsgruppe wollte durchsetzen, dass sich alle Tapetenfabrikanten, unabhängig von ihrer Verbands-/Vereins-Zugehörigkeit auf gemeinsame, einheitliche Preisrichtlinien einigten. Diese Einigung wurde noch vor Ablauf des Jahres 1933 erreicht.430 1936 lösten sich die beiden Kartelle schließlich „freiwillig“ auf und gründeten am 4. Dezember 1936 im Berliner Hotel Adlon die „Gemeinschaft Deutscher Tapetenfabrikanten“/GDT unter Einschluss aller 38 deutschen Tapetenfabriken.431 „Mit voller Absicht wählte man nicht mehr die Bezeichnung ‚Verband‘, ‚Verein‘ oder ‚Kartell‘, sondern bezeichnete das neue Gebilde als ‚Gemeinschaft‘, um damit zu dokumentieren, dass nunmehr auf der Grundlage einer einheitlichen Zusammenarbeit eine neue Phase in der Geschichte der Deutschen Tapetenindustrie begonnen hatte.“432
Am 15. Juli 1933 wurde zum Zwecke der Gleichschaltung der Wirtschaft und der Marktregulierung das „Gesetz über die Errichtung von Zwangskartellen“ als eine der Maßnahmen zur Errichtung einer im nationalsozialistischen Geist geführten und im nationalsozialistischen Sinne total kontrollierten Wirtschaftsordnung verabschiedet.433 Bereits am 3./4. Mai 1933 waren die „Reichsstände“/„ständische“ Wirtschaft als Zwangskartelle für Handwerk und Handel unter Führung von Adrian von Renteln verkündet worden.434 Um „die Belange der Unternehmungen, der Gesamtwirtschaft und des Gemeinwohls zu berücksichtigen“, konnte der Reichswirtschaftsminister435 zum Zwecke der Marktregelung 428 Kilger, Wirtschaftliche Bedeutung der Tapete, S. 156, Sp. 1. 429 Vgl. ebd., S. 155, Sp. 1. 430 Vgl. ebd., S. 156, Sp. 2. 431 Vgl. u. a. Klaus Kunkel, VDT – Verband Deutscher Tapetenfabrikanten und IGI – Internationaler Verein der Tapetenfabrikanten. In: Rasch-Buch 1897–1997, S. 202, Sp. 1 f. 432 Kilger, Wirtschaftliche Bedeutung der Tapete, S. 156, Sp. 2 f. 433 Vgl. Papier – Die Anordnungen der Reichsstelle für Papier und Verpackungswesen und die sonstigen einschlägigen Bewirtschaftungsbestimmungen mit Erläuterungen, hrsg. v. Harald Ditges u. a. (Loseblatt-Sammlung), Bad Oeynhausen 1941 ff., 2 F III a 1, S. 13. 434 Vgl. Zeittafel zur Wirtschafts-, Sozial- und Technikgeschichte. In: Rolf Walter, Einführung in die Wirtschafts- und Sozialgeschichte, Paderborn 1994, S. 248; zum „ständischen Aufbau im NS-Regime“ vgl. u. a. Avraham Barkai, Das Wirtschaftssystem des Nationalsozialismus, Frankfurt/M. 1988, S. 110 ff. 435 Reichsminister für Wirtschaft, Ernährung und Landwirtschaft, bis 27.6.1933: Alfred Hugenberg (Industrieller); Nachfolger als „Reichswirtschaftsminister“: Kurt Schmitt (bis 30.7.1934); Nachfolger: Hjalmar Schacht (Reichsbankpräsident, ab 21.5.1935 Generalbevollmächtigter für die Kriegswirtschaft), Rücktritt 26.11.1937; Nachfolger ab 4.2.1938 (bis Kriegsende): Walther Funk (Pressechef der Reichsregierung, Staatssekretär im Reichspropagandaministerium). Ab September 1939 Kriegswirtschaft, Leiter: Hermann Göring (Oberbefehlshaber
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(durch Preisüberwachung usw.436) den Zusammenschluss von Unternehmen zu Syndikaten, Kartellen, Konventionen oder Verbänden anordnen. Zwischen 1933 und 1935 überwachte das RWM 1600 freiwillig gebildete Kartelle und veranlasste die Bildung von weiteren 120 Zwangskartellen.437 Diese Zusammenschlüsse waren mit Befehls- und Strafgewalt ausgestattet.438 Der Reichswirtschaftsminister räumte sich in diesem Gesetz persönliche Aufsichts- und Eingriffsbefugnisse ein – insbesondere das Recht, sich innerhalb eines Wirtschaftszweiges – z. B. des graphischen Gewerbes/der Papier verarbeitenden Industrie – die Errichtung neuer Unternehmungen sowie die Erweiterung des Geschäftsbetriebes vorzubehalten oder die Leistungsfähigkeit bestehender Unternehmen für eine bestimmte Zeitdauer zu bestimmen oder von seiner Einwilligung abhängig zu machen.439 Begründet wurde das Gesetz mit der „Einschränkung des Wettbewerbs, allenfalls der Produktion“.440 Mit diesem Gesetz kam die NS-Wirtschaftsführung einem langgehegten Wunsch gerade auch weiter Teile der Papier und Pappe verarbeitenden Industrie entgegen, die sich seit Jahrzehnten um gelenkte Marktverhältnisse bemühten. Offensichtlich gab es bei der Umsetzung dieses Gesetzes jedoch größere und länger andauernde Schwierigkeiten, da die staatlichen Stellen – aus der Sicht und zum Leidwesen der Wirtschaft – den nötigen Nachdruck vermissen ließen. Die NS-Führung machte von der Anwendung dieses Gesetzes zunächst nur sparsamen Gebrauch. Die privatkapitalistische Verfassung der unter „arischer“ Leitung stehenden Betriebe sollte als bestehende Wirtschaftsordnung erhalten bleiben. Von einer staatlichen Planwirtschaft war zunächst noch keine Rede.441 Während die NS-Stellen die Umsetzung der Marktregulierung ohne besonderen Nachdruck betrieben, kam es auf Betreiben der Unternehmer zu „einer hemmungslosen Kartellierung der gesamten Wirtschaft in allen Stufen und in allen Zweigen der Erzeugung“442. So traf u. a. die Papier- und Pappewirtschaft bereits vor der Verkündung des Gesetzes vorbereitende Maßnahmen zur „Gleichschaltung“, um „endlich“ aus dem als „zügellos“ empfundenen Wettbewerb herauszukommen. Freiwillig, bereitwillig und vorauseilend wurde u. a. am 8. April 1933 in Berlin-Charlottenburg die Kontrollstelle Natronpapier und Papiersäcke443 als privatwirtschaftliches Kartell gegründet. In diesem Kartell waren alle deutschen Hersteller von Natron-
436 437 438 439 440 441 442 443
der Luftwaffe); ab 17.3.1940: Fritz Todt (Organisation Todt – OT), Reichsminister für Bewaffnung und Munition, 1942 Unfalltod; Nachfolger: Albert Speer (Generalbauinspektor), ab 26.6.1943 Kontrolle der gesamten Rüstungsproduktion, ab 2.9.1943 Reichsminister für Rüstung und Kriegsproduktion; ab 25.7.1944: Joseph Goebbels (Reichsminister für Volksaufklärung und Propaganda), Reichsbevollmächtigter für den totalen Kriegseinsatz; vgl. u. a. Walter, Einführung, S. 248 ff. Walter, Einführung, S. 111. Vgl. u. a. Tooze, Ökonomie der Zerstörung, S. 137. Vgl. Deutschland-Berichte, 1934, S. 180; vgl. u. a. auch Die Bekämpfung der Schleuderfirmen. In: Zeitschrift für Deutschlands Buchdrucker und verwandte Gewerbe, Berlin, 30.1. 1934, 9/34, S. 68. Vgl. Deutschland-Berichte, 1939, S. 258 f. Ebd., S. 259. Vgl. ebd., S. 259. Der 1. Vierjahresplan wurde von Adolf Hitler am 9.9.1936 in Nürnberg verkündet. Vgl. Deutschland-Berichte, 1934, S. 818 f. Ab 1943: Gemeinschaft Natronzellstoff, Natronpapier und Papiersäcke; ab 1946: Gemeinschaft Papiersackindustrie; vgl. Rolf-Dieter Loer, Die Gemeinschaften der deutschen Papiersackindustrie – Entstehung und Wirkung ihrer Organisationsformen, Weiden/Regensburg 2000, S. 14 f.
260 Teil I – Papierverarbeitung im 19. und 20. Jahrhundert zellstoff (1 Betrieb), Natronpapier (14) und Natronpapiersäcken (37 Betriebe) – von der Rohstofferzeugung bis zum Endprodukt – zusammengefasst. Unmittelbarer Anlass für die Kartellbildung waren für die Leitung der Kontrollstelle sowohl volks- als auch betriebswirtschaftliche Gründe: 1. Devisenbelastungen durch skandinavische Importe bei gleichzeitigen Absatzschwierigkeiten der deutschen Holzwirtschaft und 2. Probleme in der Beschäftigungslage der Natronzellstoff- und Sackpapierindustrie. Für die Leitung waren das insgesamt Verhältnisse, deren Wurzel „zügelloser“ Wettbewerb sei.444 An der Gründung dieses Kartells waren auch Vertreter des RWM beteiligt. Staatliche und privatkapitalistische Interessen trafen sich unmittelbar nach der NS-„Machtergreifung“ in weitgehender Übereinstimmung bei der Verfolgung politischer sowie betriebs- und volkswirtschaftlicher Ziele wieder. Es galt im vielfach bekundeten Gleichklang von Regime und Kartell das (behauptete/vorgegebene) gemeinsame Bekenntnis „Gemeinnutz geht vor Eigennutz“. Durch die zwangsweise Kartellbildung im Rahmen der „ständischen/ völkischen“ Neuordnung sah sich die Wirtschaft ihren seit langem verfolgten Bestrebungen nähergekommen, durch weitgehende Ausschaltung des Wettbewerbs endlich „Ruhe und Ordnung“ in den Markt der jeweiligen Branche zu bringen. Auch innerbetrieblich wurden die Vorgaben des „organischen Aufbaus der Wirtschaft“ nach dem „Führerprinzip“ allgemein akzeptiert. Durch die privatwirtschaftliche Ausrichtung einerseits und die Vielzahl staatlicher Organe zur dirigistischen Wirtschaftslenkung andererseits kam es – insbesondere während des Kriegsjahre zwischen 1939 und 1945 – fortwährend zu (auch persönlich und von Machtansprüchen geprägten) Kompetenz- und Zuständigkeitsüberschreitungen/-überschneidungen mit häufig sabotageähnlichen Zügen, zu Verunsicherungen, Missverständnissen, Widersprüchen, Mehrfachweisungen und schließlich zu erheblichen Reibungsverlusten im Wirtschaftsablauf, die wiederum ein noch härteres Durchgreifen bei gleichzeitiger Machtzusammenballung zur Folge hatten. Insbesondere während der Kriegsjahre wurde versucht, diese Probleme durch immer erneute Umorganisationen einzudämmen. Die klare, zweifelsfreie Darstellung und Übersicht der Abläufe wurde trotz des Anscheins einer gelenkten Wirtschaft durch die Vermischung staatlicher und privat-/betriebswirtschaftlicher Interessen nahezu unmöglich gemacht. Wie die Sackpapier-/Papiersack-Industrie setzte auch der Vorstand des KartonagenZentralverbandes (unter Leitung von Peter Küstermann445) die – von der NSDAP zunächst nur als wünschenswert geäußerte – Absicht in höchster Eile und ohne gesetzliche Grundlage um, den eigenen Wirtschaftsbereich „gleichzuschalten“. Am 28. Mai 1933 tagte in Eisenach die Hauptversammlung des Zentralverbandes Deutscher Kartonagen-Fabrikanten. Bereits auf dieser Versammlung wurde den Erwartungen und längerfristigen Absichten der NS-Führung entsprochen und eine Gleichschaltung der Branche beschlossen. Dem Vorstand wurde von der Hauptversammlung nach dem „Führerprinzip“ uneingeschränkte Vollmacht eingeräumt. Damit konnte er aus eigener Machtvollkommenheit und Verantwortung unkontrolliert und ungehindert alles tun und veranlassen, um den organisatorischen Neuaufbau der Branche zu bestimmen. Um dieses Ziel zu erreichen, wurde vom Vorstand als erstes angeordnet, dass zunächst im ganzen Reich eine Erhebung durchzuführen wäre, um insbesondere auch alle die Kartonagenbetriebe zu erfassen, die sich dem Zentralverband bisher nicht angeschlossen hatten. Die Absicht dabei war, eine große und „gewaltige“ Organisation aufzubauen, in der es für „Außenseiter“ keinen Platz mehr 444 Vgl. ebd., S. 15 ff. 445 Zu Peter Küstermann s. auch Kapitel „Kartonagen“ und „Papierverarbeitung 1900–1933/Weimarer Republik.
Papierverarbeitung im 20. Jahrhundert
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geben würde.446 Als nächstes sollte vor allem der bisherigen, als „unsinnig“ beschriebenen Preisgestaltung auf dem Kartonagenmarkt Einhalt geboten werden.447 Vier Fachgruppen für konventionsfähige Artikel sollten gebildet werden, die mit äußerster Beschleunigung und mit allem erdenklichen Nachdruck Einheitspreise und einheitliche Verkaufsbedingungen festzulegen hätten. Die Vereinbarung einheitlicher Liefer- und Zahlungsbedingungen stand in Kürze an. Es galt, die Rentabilität und „endlich einmal die so lange vermisste Ordnung wiederherzustellen.“448 Die Teilnehmer der Hauptversammlung waren sich bewusst, dass es immer wieder Außenseiter geben werde, die den Sinn der neuen Zeit und der neuen Ordnung nicht begriffen hätten oder nicht begreifen wollten. In solchen Fällen würde man nicht davor zurückschrecken, gegebenenfalls mit Hilfe der Regierung eine Zwangsorganisation zu schaffen, die auch den letzten Kartonagenhersteller in die Pflicht nehmen würde, Mitglied des Zentralverbandes Deutscher Kartonagen-Fabrikanten zu werden.449 Noch im Juni 1933, unmittelbar nach Verkündung des „Gesetzes über die Errichtung von Zwangskartellen“ wurden auf Betreiben des Reichsverbandes Deutscher Papierwarenfabriken/RDP450 erstmals einheitliche „Preis- und Verkaufsbedingungen für Papierbeutel“ herausgegeben (Ausg. I – vorwiegend in Süd- und Mitteldeutschland wirksam). Die Ausgabe II folgte im Mai 1934 („RDP-Liste“). Sie hatte im ganzen Reichsgebiet Gültigkeit.451 Bei der Annahme und Umsetzung dieser Liste gab es keinerlei Schwierigkeiten – sie war im Gegenteil von weiten Kreisen der Branche seit langem erhofft und wurde daher allgemein begrüßt. Nur in der RDP-Bezirksgruppe III (Rheinland-Westfalen, Bezirksführer Martin Stolzmann/Solingen) gab es kurzfristig Probleme. Stolzmann musste Anfang/Mitte Mai 1934 wiederholt und dringend zu Sitzungen der Bezirksgruppe einladen. Eine dieser Sitzungen fand am 9. Mai 1934 in Düsseldorf statt. An ihr nahm auch der Führer des Reichsverbandes, Heinrich Lenhardt/Kaiserslautern, teil, der dafür eigens aus Berlin angereist war. Die Mitglieder/„Fachgenossen“ wurden mit Nachdruck zur Zustimmung der Preisliste aufgefordert. Diese Forderung musste jedoch nur an wenige Außenseiter – u. a. Kayser & Schreiber/Düren – gerichtet werden. Es waren Ausnahmen, die diese Liste (immer noch) als Reglementierung ihrer unternehmerischen Entscheidungen empfanden und daher Vorbehalte gegen sie anmeldeten.452 Schließlich musste der Reichswirtschaftsminister auf Antrag des Reichsverbandes Verhandlungen mit den Außenseitern anordnen, die unverzüglich vor einer Einigungsstelle in der Reichshauptstadt aufzunehmen waren.453 – Zu den Außenseitern und Unangepassten („Elemente“, „diese Kreise“, „Judenspuk“454), die aus ihrer individuellen Eigenart, Hal446 447 448 449 450
451 452 453 454
Vgl. Papier-Zeitung, Nr. 16/1933, S. 767, Sp. 1. Vgl. ebd. Vgl. ebd. Vgl. ebd. Leiter des RDP war Martin Stolzmann. 1900 hatte Stolzmann in Solingen ein Papierverarbeitungswerk mit angeschlossener Papiergroßhandlung gegründet. 1905 wurde er Leiter des Deutschen Tütenverbandes. 1933 ließ er sich als Leiter des RDP ablösen, 1934/35 wurde er erneut dazu bestimmt; vgl. Papier-Zeitung, Nr. 77/1935, S. 1366, Sp. 1. Vgl. RDP-Rundschreiben Nr. 35, Sitzungs-Protokoll, im Besitz des Verf.; RDP nach dem Gesetz über die Errichtung von Zwangskartellen vom 15.7.1933. Vgl. RDP-Rundschreiben Nr. 35, Sitzungs-Protokoll, im Besitz des Verf. Vgl. Papier-Zeitung, Nr. 19/1934, S. 348, Sp. 1. Paul Hertensteiner, Der Nationalsozialismus lenkt die Wirtschaft. In: Kartonagen- und Papierwaren-Zeitung, Nr. 47/1936, 20.11.1936, S. 506, Sp. 1.
262 Teil I – Papierverarbeitung im 19. und 20. Jahrhundert tung und/oder politischen Überzeugung heraus nur wenig Bereitschaft zeigten oder denen es aufgrund ihres Weltbilds heraus unmöglich war, sich der NS-Ideologie und Kommandowirtschaft willig unterzuordnen, gehörte u. a. Karl Höhn. Schon 1933 bekam er vor allem wegen seiner geringen Neigung, sich den Vor- und Maßgaben der gleichgeschalteten Presse zu fügen, den zunehmenden Druck der NSDAP-Instanzen zu spüren. Die Ausübung des Druckes reichte von Steuerstrafen über den Ausschluss aus der Reichspressekammer und schließlich zur Aberkennung des Verleger-Status bis zum Gestapo-Antrag auf KZ-Einweisung. Zu den Sanktionen für sein unangepasstes Verhalten gehörten weiter die erzwungenen Verkäufe seiner Zeitungsverlage und -druckereien (aus der Region Ulm/Tübingen) an die NS-Presse,455 die Beschlagnahme von Betriebsteilen und Produktionsmitteln, der Ausschluss von Rüstungsaufträgen für die Kartonagen-Sparte des Betriebes – usw. „Und als dann kein Spielraum mehr blieb für ein Unternehmertum, wie er es kannte, [...] da begann Karl Höhn zu resignieren.“456. 1936 beging der erfolgreiche Großfabrikant für Luxuskartonagen Max Armbruster/ Hamburg-Harburg Suizid. Der Ästhet und Feingeist, der in den 1920er Jahren Grafiker wie Kurt Wendler (1893–1980) und Julius Gipkens (1883–1968) damit beauftragt hatte, ihren progressiven Stil auf die Verpackungen international tätiger Pralinen- und Schokoladen-Hersteller zu übertragen, war außerstande, sich in das totalitäre NS-System einzufügen und sich u. a. mit der angeordneten „Blut- und Boden“-Ästhetik abzufinden. Der „Neuaufbau“ der Wirtschaft trug in der zweiten Hälfte der 1930er Jahre Züge einer gewissen Liberalisierung, zu der auch eine Revision der bisherigen amtlichen Kartellpolitik gehörte. Die Folgen eines zu stark eingeschränkten Wettbewerbs in einer – nun als „übergebundenen“ erkannten – Wirtschaft (Verordnung über den Wettbewerb vom 21.12.1934), wurden u. a. in „mitgeschleppten Kapazitäten“ gesehen, für die es „keine Verwendungsmöglichkeiten gab“.457 Letztlich war die Einsetzung eines Preiskommissars (Carl Goerdeler) zur Überwachung und Bindung der Preise die eigentlich Folge der von der Wirtschaft so nachdrücklich betriebenen Kartellierung. In ihrem Schutz wurde der Wettbewerb – vor allem der Preiswettbewerb – mit der Schutzbehauptung der Abwehr von Schleuder-Konkurrenz stark eingeschränkt und zu branchenweiten Preissteigerungen genutzt. Bei der Erfassung aller Betriebe der Kartonagen-Industrie wurde auch 1933 erneut die Schwierigkeit der Zuordnung (Papier-, Pappeverarbeitung, Druck) deutlich. So wurden in einer 1940 erschienenen Publikation zum Bereich der Papierverarbeitung u. a. Werbeartikelfabriken (Taschenkalender, Notizbücher, Brieftaschen, Skatblocks usw.), Albumfabriken, Galanteriewarenfabriken (Taschennecessaires, Nähkästchen, Handschuhkästen, Taschenspiegel usw.), Plakat-, Papptellerfabriken, Linieranstalten, Wellpappen-, Papiersack-, Papierblumen-Fabriken, Zigarettenpapier-Fabriken (etwa 2000 Beschäftigte), Buchdruckereien, -binderereien usw. gezählt. Der Autor kam in der Zusammenrechnung aller Bereiche und unter Subsummierung des Begriffes „Papierverarbeitung“ auf eine Gesamtbeschäftigtenzahl von 200 000.458 Die vollständige und lückenlose Ein- und Unterordnung schien jedoch auch Jahre später noch nicht in der Weise vollzogen worden zu sein, wie das nach den Vorstellungen der Partei und der Wirtschaftsfunktionäre hätte geschehen sollen. 455 456 457 458
Höhn, 29.10.1880 bis 1.4.1942, S. 31. Ebd., S. 27. Vgl. Deutschland-Berichte, 1934, S. 818. Vgl. Kloth, Papierverarbeitung, S. 46.
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„Man sollte glauben, dass diese Einsicht allmählich auch bei den Elementen eingekehrt sei, die anfänglich [...] gerade der Wirtschaftspolitik des Nationalsozialismus mit größtem Mißtrauen begegnet sind. Leider ist jedoch festzustellen, dass fast auf allen Gebieten wirtschaftlicher Betätigung, in der Industrie, im Handel und im Handwerk, noch heute gewisse Kreise aus den verschiedensten, immer aber unbegründeten Motiven heraus, die nationalsozialistische Lenkung der Wirtschaft nicht anerkennen wollen. Entgegen einer klaren nationalsozialistischen Parole der verantwortlichen Spitzenorgane der Wirtschaft fürchten diese Kreise vom politischen Führungsanspruch noch immer einen unrechtmäßigen Eingriff in ihre privaten Rechte [...] Der Nationalsozialismus hat mit diesem Judenspuk aufgeräumt. Er hat, nötigenfalls mit gesunder Rücksichtslosigkeit, der Wirtschaft wieder ihre dienende Rolle zugewiesen [...] Er hat das Leistungsprinzip in einem Umfange herausgestellt, wie das vordem nie geschehen ist.“459
Die Eile und Bereitwilligkeit, mit der der weitaus größte Teil der Industrie den Vorgaben des NS-Regimes zur Bildung von Unternehmerverbänden entgegenkam, war vielfach politisch motiviert, da sich in der neuen Ordnung alte anti-gewerkschaftliche und antilinke Einstellungen und Interessen der Wirtschaft mit den politischen Zielen der neuen Machthaber trafen. Die Eile schien vor allem aber unter unternehmerisch Gesichtspunkten geboten, da sich hier zum ersten Mal „endlich“ real die lang ersehnte Chance bot, die Risiken der „Schleuder“-Konkurrenz durch die Bildung von (Preis-)Kartellen auszuschalten. Insgesamt gilt, „dass die Profite nach 1933 rapide stiegen und den Unternehmensführungen [...] attraktive Aussichten für die Zukunft versprochen waren.“460
1934 Am 20. Januar 1934 erließ die Reichsregierung das „Gesetz zur Ordnung der nationalen Arbeit“.461 Dieses Gesetz stärkte vor allem die Position der Betriebseigner als „Herr im eigenen Haus“.462 Nach diesem Gesetz erließen z. B. die Vereinigten Papierwarenfabriken vorm. Eger & Comp München am 1. Oktober 1934 eine Betriebsordnung, nach der „Führer und Gefolgschaft des Betriebes [...] zusammen eine Arbeitsgemeinschaft“ bildeten (§ 1). Die Arbeitszeit wurde festgelegt: „a) für Arbeiter: Montag bis Donnerstag von 7- 4.30 Uhr mit 1 Std. Pause; Freitag von 7-5 Uhr mit 1 Std. Pause; Samstag von 7-12 Uhr; b) für Angestellte: Montag bis Freitag von 7.30-5 Uhr mit 1 Std. Pause; Samstag von 7.30-1 Uhr; c) Lehrlinge und Lehrmädchen (unter 16 Jahren) erhalten vormittags und nachmittags je eine weitere halbe Stunde Pause.“463
Am 27. Februar 1934 wurde das „Gesetz zur Vorbereitung des organischen Aufbaues der deutschen Wirtschaft“ veröffentlicht.464 Darin wurde der Reichswirtschaftsminister beauftragt, den berufsständischen Aufbau der gewerblichen Wirtschaft zu organisieren. Ziel des Gesetzes war die Errichtung einer berufsständischen Selbstverwaltung der gewerblichen Wirtschaft.465 Mit dieser Selbstverwaltung sollte die unbedingte Verantwort459 Hertensteiner, Der Nationalsozialismus lenkt die Wirtschaft, S. 506, Sp. 1. 460 Tooze, Ökonomie der Zerstörung, S. 143. 461 Vgl. u. a. Organisationsbuch der NSDAP, hrsg. v. Der Reichsorganisationsleiter der NSDAP, 5. Aufl., München 1938, S. 185 ff. 462 Vgl. u. a. Wallraff, Nationalsozialismus, S. 402. 463 § 23, VP-Betriebsordnung 1934, VP-Firmenarchiv München. 464 Am 27.11.1934 erging die Verordnung zum Neuaufbau der Wirtschaftsorganisation; vgl. Deutschland-Berichte, 1934, S. 820. 465 Vgl. u. a. Barkai, Das Wirtschaftssystem des Nationalsozialismus, S. 110 ff.
264 Teil I – Papierverarbeitung im 19. und 20. Jahrhundert lichkeit der Wirtschaft gegenüber der Staatsführung sichergestellt, der Führungsgedanke durchgesetzt und ein streng hierarchischer Gesamtaufbau der Wirtschaft erreicht werden. Am 27. November 1934 wurde das Gesetz ergänzt durch die Erste Durchführungsverordnung, nach der die gesamte gewerbliche Wirtschaft fachlich und regional/bezirklich zu ordnen war.466 „Gewiß spielen bei dem ständischen Aufbau der Wirtschaft [...] mannigfache ideologische und romantische Vorstellungen eine Rolle, aber der praktische Zweck dieser Durchorganisation der Wirtschaft [war] ihre Vorbereitung auf einen künftigen Krieg“.467
Während in der Deutschen Arbeitsfront die „schaffenden Deutschen der Stirn und der Faust“ (Adolf Hitler, 1934468) organisiert waren und die DAF u. a. vor allem (auch) die Aufgabe der „weltanschaulichen Erziehung ihrer Mitglieder zum Nationalsozialismus“ hatte,469 war die gewerbliche Wirtschaft straff und total in einem streng hierarchisch aufgebauten System von Pflichtorganisationen gegliedert. Nur so schien dem NSRegime die Gewähr dafür gegeben, dass „der staatliche Wille als Gesetz oder Anregung auch tatsächlich in die letzten Zweige und Verästelungen“ gelangte und die einzelnen Unternehmen „zur nationalsozialistischen Wirtschaftsauffassung zu erziehen“ waren.470
Spitzenorganisation der gesamten gewerblichen Wirtschaft – und somit die Zusammenfassung aller fachlichen und regional/bezirklichen Organisationen war die Reichswirtschaftskammer. Dazu gehörte die „Abteilung Reichsgruppen“ mit fachlicher und die „Abteilung Industrie- und Handelskammern“ mit regional/bezirklicher Zuständigkeit. Es gab sechs „Reichsgruppen“ für die fachliche Gliederung: 1. Industrie (ehemals „Reichsstand“), 2. Handwerk, 3. Handel, 4. Banken, 5. Versicherungen, 6. Energiewirtschaft. Bei den Reichsgruppen nahm die Gruppe 1 „Industrie“ eine Sonderstellung ein. Sie wurde entsprechend ihren wichtigsten Produktionszweigen wiederum in sieben „Hauptgruppen“ unterteilt. Die Hauptgruppen (bis 1940/41 wieder aufgelöst) waren jeweils nach außen den Reichsgruppen gleichgestellt. Die übrigen fünf Reichsgruppen bildeten zusammen mit den Hauptgruppen „Wirtschaftsgruppen“ – davon 27 bei der Reichsgruppe Industrie. Die Wirtschaftsgruppen wurden bei Bedarf nach Fach- und Fachuntergruppen gegliedert.471 In der räumlich/regionalen Gliederung der gewerblichen Wirtschaft waren Wirtschaftsbezirke vorgesehen, die sich im Wesentlichen an der Gliederung der (zu Beginn der 1940er Jahre) bereits bestehenden 20 Industrie- und Handelskammer- sowie Handwerkskammer-Bezirke orientierten. Jeder Wirtschaftsbezirk sollte eine Wirtschaftskammer mit einem Leiter erhalten, der zugleich Vorsitzender der jeweiligen Industrie- und Handelskammer/IHK war. Die Mitgliedschaft aller Unternehmer und Unternehmungen in diesen Fach- und Bezirks-Organisationen war „staatspolitische Pflicht“.472 466 Vgl. Handbuch für Papier, Schrift und Druck, hrsg. v. Fritz Ebenböck u. a., Berlin/Wien/Leipzig 1941, S. 591. 467 Deutschland-Berichte, 1934, S. 179. 468 Vgl. u. a.: Der Nationalsozialismus. Dokumente 1933–1945, hrsg. v. Walther Hofer, Frankfurt 1982, 7., überarb. Neuaufl., S. 87. 469 Handbuch für den Bürobedarfs- und Papierwarenhandel, S. 21. Kontrolliert wurden die Arbeitsverhältnisse und die Arbeitstätigen über das Arbeitsbuch nach dem Gesetz vom 26.2.1935; vgl. Walter, Einführung, S. 249. 470 Handbuch für den Bürobedarfs- und Papierwarenhandel, S. 15. 471 Vgl. Handbuch für Papier, Schrift und Druck, S. 591. 472 Vgl. ebd., S. 592.
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Am 22. März 1934 wurde das „Gesetz über den Verkehr mit industriellen Rohstoffen und Halbfabrikaten“ verabschiedet.473 Mit diesem Datum verbindet sich der Beginn der Zwangsbewirtschaftung (auch von Papier), die erst nach Ende des Zweiten Weltkrieges in den Jahren 1948/49 wieder aufgehoben wurde. In dem Gesetz wurde der Reichswirtschaftsminister ermächtigt, „den Verkehr mit industriellen Rohstoffen und Halbfabrikaten zu überwachen und zu regeln, insbesondere Bestimmungen über deren Beschaffung, Verteilung, Lagerung, Absatz und Verbrauch“ zu regeln.474
In diesem Gesetz war bereits die Möglichkeit vorgesehen, bei Bedarf Überwachungsstellen bezüglich der Durchführung dieser Aufgaben einzurichten. In der Folge erschien am 4. September 1934 eine Verordnung über den Warenverkehr.475 Damit war der Reichswirtschaftsminister ermächtigt, „den Verkehr mit Waren zu überwachen und zu regeln“.476 Mit dieser Verordnung von Anfang September 1934 (Datum u. a. auch der Errichtung der Wirtschaftsgruppe Druck und Papierverarbeitung mit Aufgliederung in zehn Fachgruppen) konnte die Lenkung/Bewirtschaftung auf Waren aller Art ausgedehnt werden und war nicht mehr länger allein auf die Bereiche Rohstoffe und Halbfabrikate beschränkt. Gleichzeitig wurden mit dieser Verordnung Überwachungsstellen zu deren Einhaltung eingerichtet. Unter Nr. 8 (§ 1 A II a) wurde die Überwachungsstelle „Papier“ mit Sitz in Berlin aufgeführt. In der Neufassung der Verordnung über den Warenverkehr vom 18. August 1939 wurden die Überwachungsstellen zu Reichsstellen (zur Überwachung und Regelung des Warenverkehrs – Lenkung und Bewirtschaftung) umgewandelt.477 Die Reichsstelle für Papier und Verpackungswesen war in dieser Verordnung unter Nr. XXIII aufgeführt.478 Durch die Erweiterung der Reichsstelle Papier um den Bereich Verpackungswesen war diese Einrichtung auch mit der Durchführung des VerpackungsmittelAusgleichs, mit der Lenkung und dem Einsatz der Verpackungsmittel sowie mit Umstellungs- (vor allem Qualitätsminderungs)- und Sparmaßnahmen beauftragt. Das Gesetz vom 22. März 1934 wurde vor allem geschaffen, um die bei der Rohstoffeinfuhr entstehenden Devisenverluste durch Ausgleich der Zahlungsbilanz zu kompensieren und sich auf Dauer mehr und mehr von Auslandseinfuhren unabhängig zu machen – „Befreiung Deutschlands von der weltwirtschaftlichen Abhängigkeit“.479 Hintergrund dieses Gesetzes war, die sofort nach der „Machtergreifung“ durch die Nationalsozialisten einsetzende und mit Nachdruck und Vorrang betriebene Aufrüstung und Kriegsvorbereitung480 auch durch diese Maßnahme zu unterstützen.
473 Vgl. RGBl. I, 22.3.1934, S. 212. 474 Vgl. Papier – Die Anordnungen der Reichsstelle für Papier und Verpackungswesen, 2 A I a, S. 13 ff. 475 Vgl. RGBl. I, S. 816, Neuordnung 20.10.1937; entsprechende Nachträge erfolgten jeweils nach Erweiterung des Reichsgebiets: Österreich, 19.3.1938; sudetendeutsche Gebiete (Böhmen, Mähren) 19.10.1938; Memelland 31.3.1939; eingegliederte Ostgebiete 14.12.1939; im Westen Eupen/Malmedy/Moresnet 20.6.1940 usw. 476 Deutscher Reichsanzeiger und Preußischer Staatsanzeiger Nr. 209 vom 7.9.1934. 477 Vgl. Deutscher Reichsanzeiger und Preußischer Staatsanzeiger Nr. 192 v. 21.8.1939 – A II b, RGBl. I, S. 1430. 478 Sitz: Berlin-Charlottenburg, Hardenbergstraße 15. 479 Vgl. Deutschland-Berichte, 1934, S. 817. 480 „Aufrüstung und Kriegsvorbereitung waren zweifellos von Anfang an das politische Ziel der nationalsozialistischen Herrschaft, das sie [...] sofort nach der Machtübernahme zu verwirklichen suchte.“ Barkai, Das Wirtschaftssystem des Nationalsozialismus, S. 205.
266 Teil I – Papierverarbeitung im 19. und 20. Jahrhundert Die Schwierigkeit bei der Umsetzung dieser zentralen Zielsetzung des Regimes lag vor allem in der Rohstoffbeschaffung – insbesondere Eisenerze, Kupfer, Nickel, unedle Metalle, Wolle, Baumwolle, Holz (u. a. für Papier), Felle und Häute usw. Die rüstungsund kriegsbezogene Rohstoffversorgung war weitgehend von Einfuhren abhängig. Um sich aus dieser Abhängigkeit weitestgehend zu befreien, waren Wirtschaft und Forschung aufgefordert, die Erzeugung und Verwendung deutscher Rohstoffe mit allen Mitteln zu betreiben und eine Ersatzwirtschaft aufzubauen.481 Für unumgängliche Importe wurden im Zuge des „Neuen Plans“ Überwachungsstellen zur Lenkung und Kontrolle der Einfuhren bei bestimmten Warenarten eingerichtet.482 Jede Überwachungsstelle stand unter der Leitung eines vom Reichswirtschaftsminister bestellten und an seine Weisungen gebundenen Reichsbeauftragten. Die Überwachungsstelle für Papier – es gab andere für Holz, Lebensmittel, Kohle, Salz, Chemieprodukte, Milch, Eier, Tabak, Kaffee usw. – wurde auf Grund einer Verordnung am 4. September 1934 eingerichtet. Die Aufgabe dieser Einrichtung bestand zunächst in der Einfuhrüberwachung von Zellstoff, Holzstoff, Papier, Papierwaren, Druckwerken und Briefmarken.483 Die Kosten waren auf die einzelnen Wirtschaftsbereiche umzulegen. Bei Zuwiderhandlung gegen die Anordnungen der Überwachungsstellen wurde mit Gefängnis und Geldstrafen, Einziehung von Vermögen und Ordnungsstrafen (bis zu 300 000 RM) gedroht. Zur weiteren Unterstützung und Durchsetzung dieses Gesetzes wurde am 3. Juli 1934 mit Geltungsdauer bis 30. September 1934 das „wirtschaftliche Ermächtigungsgesetz“ erlassen, das den Reichswirtschaftsminister befugte, auch unter Abweichung von bestehenden Gesetzen innerhalb seines Geltungsbereiches alle Maßnahmen einschließlich der Androhung von Geld- und Gefängnisstrafen zu treffen, die er zur Förderung der deutschen Wirtschaft sowie zur Verhütung und Beseitigung wirtschaftlicher Schäden für notwendig hielt.484 An dieses Steuerungssystem angepasst wurde insbesondere auch die Papierwirtschaft mit den Bereichen Erzeugung, Druck und Verarbeitung.485 Die Papierwirtschaft/Erzeugung war in beträchtlichem Umfang auf Einfuhren angewiesen. Mit dem Inkrafttreten des Gesetzes vom 22. März 1934 und insbesondere der Verordnung vom 4. September 1934 wurde die Papierwirtschaft ein Jahr nach der „Machtergreifung“ der Nationalsozialisten zu einem staatlich gelenkten Wirtschaftsbereich. Die aus dem Gesetz erwachsenden Konsequenzen für den Inlandsmarkt wurden bis 1936 (Beginn des „Vierjahresplans“ – für das Papiergebiet im Dezember 1937486) Schritt um Schritt über entsprechende Maßnahmen in einem immer enger werdenden Netz von Lenkungs- und Kontrollinstanzen bewirtschaftet, reglementiert und kontingentiert. Die Einfuhrlenkung hatte zunehmend Auswirkungen auf die Erzeugnis-, Absatz- und Verbrauchssteuerung/-lenkung. So reichte u. a. die Sulfatstoff-Erzeugung für Kraftpapiere zur Deckung des Inlandsbedarfs schon im Jahre 1935 nicht mehr aus. Daher waren be481 Rohstoffmangel/-knappheit gehörte in den Deutschland-Berichten der Sopade (Sozialdemokratische Partei Deutschlands) zwischen 1934 und 1940 zu den zentralen und regelmäßig aufgegriffenen Themen. 482 Zunächst für Wolle und andere Tierhaare, Baumwolle, Bastfasern, unedle Metalle, Felle und Häute, Kautschuk, industrielle Fettversorgung, Eisen und Stahl; vgl. Deutschland-Berichte, 1939, S. 257. 483 Vgl. Grundfragen der Papierwirtschaft, Berlin 1941, S. 57. 484 Vgl. Deutschland-Berichte, 1939, S. 257. 485 Vgl. Deutscher Buchdrucker, 7.4.1939, S. 407, Sp. 1. 486 Vgl. Grundfragen der Papierwirtschaft, Berlin 1941, Zeittafel.
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reits vor der Einführung des „Vierjahresplans“ Verbrauchsregelungen eingeführt worden, nach denen die Verwendung von Kraftpapier bestimmten Vorschriften unterworfen war.487 Bereits im Sommer 1935 war es zu krisenhaften Rohstoffverknappungen bei der Herstellung von Natron-/Sulfat-/Kraftpapieren gekommen, auf die von der Überwachungsstelle für Papier am 31. Juli 1935 mit der Anordnung Nr. 1: „Meldepflicht und Verarbeitungsgenehmigung für alle Natron-(Sulfat-)Zellstoffe und Natronpapierabfälle verarbeitenden Betriebe“ reagiert wurde.488 Die Kontrollstelle für Natronpapier und Papiersäcke hatte bereits im April 1933 eine Kontingentierung der Papierlieferungen beschlossen.489 Im Mai 1934 erfolgte durch das RWM die erste Beschränkungs-Anordnung im Sinne eines Neuerrichtungs- und Erweiterungsverbotes.490 Die anfangs noch enthusiastische Stimmung in der Unternehmerschaft war schon im Frühjahr 1934 allgemeiner Ernüchterung gewichen: „Die Geschäftswelt und die Industrie mimen nach außen den Nazi, heben beide Hände hoch; aber unter sich schimpfen sie wohl am meisten. Jeder Gewerbetreibende gehört irgendeinem, wenn möglich mehreren nationalen Verbänden an, trägt stets mehrere Abzeichen usw. Sie nörgeln aber über jede Abgabe, die ihnen auferlegt wird. In diesen Kreisen kursieren auch die meisten Witze über die führenden Männer und über die Regierung selbst. Die Bestimmungen, die von oben kommen, werden nur unter Druck durchgeführt. Aber mit irgendwelchem Widerstand aus diesen Kreisen ist nicht zu rechnen.“ 491
Am 5. Juli 1934 folgte das „Gesetz über den Aufbau der Sozialversicherung“. Darin wurde u. a. geregelt, dass für die Berufsgenossenschaften an Stelle der seit 1885 üblichen Genossenschaftsversammlung und des Vorstandes als Leitungsorgane nunmehr ein „Leiter“ vom Reichsversicherungsamt einzusetzen sei. Damit waren die traditionellen Prinzipien der Selbstverwaltung der Berufsgenossenschaften außer Kraft gesetzt. Leiter der Papierverarbeitungs-Berufsgenossenschaft wurde zwischen 1934 und 1945 Paul Krause. 492 Im August 1934 wurde die Wirtschaftsgruppe Papier-, Pappen, Zellstoff- und Holzstoff-Erzeugung mit vier Fachgruppen als Untergliederungen errichtet. Leiter der Wirtschaftsgruppe wurde Ewald Schoeller, Geschäftsführer wurde von Wussow. Ewald Schoeller (*1893, Lobendau/Schlesien) hatte 1925 die Aktienmehrheit der Schlesischen Cellulose- und Papierfabriken AG erworben, zu der zwei Zellulose- und zwei Papierfabriken gehörten; durch Zukäufe (u. a. einer Zellulongarn-Spinnerei in Köslin/Hinterpommern) in den Jahren 1934 und 1935 hatte er den Konzern erheblich erweitern können; um 1937 waren im Konzern Schlesische Cellulose- und Papierfabriken Ewald Schoeller & Co. etwa 4000 Arbeitskräfte beschäftigt. Ewald Schoeller war Vorsitzender des Vereins Deutscher Zellstoff-Fabrikanten und später Vorsitzender des Zentralausschusses der Papier-, Pappen-, Zellstoff- und Holzstoff-Industrie sowie Leiter der NSWirtschaftsgruppe Papier, Pappe, Zellstoff und Holzschliff (gegr. 1934).493 487 488 489 490
Vgl. ebd., S. 57. Vgl. u. a. Papier-Zeitung, Nr. 12/1938, 9.2.1938, S. 203, Sp. 1. Vgl. Loer, Die Gemeinschaften der deutschen Papiersackindustrie, S. 20. Vgl. Grundfragen der Papierwirtschaft, Berlin 1941, Zeittafel. Für das graphische Gewerbe erging das Neuerrichtungs- und Erweiterungsverbot im Juni 1935. 491 Deutschland-Berichte, 1934, S. 49. 492 Vgl. Die Sorge um den arbeitenden Menschen. 493 Vgl. Handbuch für Papier, Schrift und Druck, S. 591; Fritz Ebenböck, der Hrsg. dieses Handbuchs, war Leiter der im Juni 1937 zusammengelegten Reichsbetriebs-Gemeinschaft Druck und Papier der Deutschen Arbeitsfront/DAF; vgl. auch Geuenich, Papierindustrie (Ewald Schoeller & Co, Langerwehe, seit 1943, Sonderdruck).
268 Teil I – Papierverarbeitung im 19. und 20. Jahrhundert Im September 1934 wurde die Überwachungsstelle für Papier (Einfuhr-Bewirtschaftung, Reichsbeauftragter: Loos) errichtet.494 Ebenfalls im September 1934 wurde die Wirtschaftsgruppe Druck, Papierverarbeitung und Verlag beim Reichsstand der Deutschen Industrie (später „Reichsgruppe Industrie“, Sitz Berlin) mit Fach- und Fachunter-Gruppen als Untergliederung eingerichtet bzw. „neu geordnet“.495 Zur Wirtschaftsgruppe Druck gehörten die Fachgruppen Buchdruck, Flachdruck, und Tiefdruck sowie Handwerklicher Buchdruck. Die Wirtschaftsgruppe Druck unterhielt 1941 in ihren 20 Bezirks-Wirtschaftsgruppen (einschließlich Ostmark/Österreich (eingegliedert Mai/1938) und Sudetenland (eingegliedert Dezember/1938) entsprechend viele Geschäftsstellen.496 Die Wirtschaftsgruppe Papierverarbeitung gliederte sich in 1. Fachgruppe Papierverarbeitung und Tapetenherstellung – mit den Fachuntergruppen: a) gestrichene Papiere, b) chemisch-technische und gummierte Papiere, einschließlich Fachabteilung Kleberollen, c) Tapetenherstellung. 2. Fachgruppe Industrielle Buchbinderei mit den Fachabteilungen a) Lohn- und Verlagsbinderei, b) Gesang- und Gebetbücher, c) Album und Mappen, d) Geschäftsbücher, e) Bürohilfsmittel, f) Lernmittel, g) Musterkarten, h) Werbemittel, i) Gummierung Lackierung, Plakat-Herstellung sowie Lohnstanzerei.497 3. Fachgruppe Pappen verarbeitende Industrie mit den Fachuntergruppen a) Kartonagen- und Etui-Industrie mit der Fachabteilung Kartonagen-Industrie und der Fachabteilung Etui-Industrie, b) Wellpappen-Industrie, c) Hartpapier-, Stanz- und Präge-Industrie.498 4. Fachgruppe Papier verarbeitende Industrie mit den Fachuntergruppen a) Verpackungsmittel aus Papier (Tüten und Beutel, Rollenpapier und Einschlagpapier mit Druck, Papiersäcke); Fachabteilung Papiersäcke, b) Fachuntergruppe Briefumschläge und Papierausstattung, 494 Vgl. Grundfragen der Papierwirtschaft, Berlin 1941, Zeittafel. Im Juli 1935 wurde im Zuge der Straffung der Papierbewirtschaftung vom Reichsbeauftragten für Papier, Loos, als Anordnung Nr. 1 vom 31.5.1934 der Überwachungsstelle eine Meldepflicht und Verarbeitungsgenehmigung speziell für Natron(Sulfat-)zellstoff und Natron(Sulfat-)papierabfälle erlassen; vgl. Reichsanzeiger, Nr. 75/1935, 30.7.1935. 495 Vgl. Rundschreiben Führer Fachgruppe 7 Papierwaren [Heinrich Lenhardt], Berlin 1934; Fundort: Archivgemeinschaft Papiersackindustrie, Wiesbaden.. Da es fortwährend zu Neuorganisationen kam, weichen die genauen Zahlen und Bezeichnungen der einzelnen Gliederungen je nach Datum der jeweiligen Quelle voneinander ab. 496 Vgl. Handbuch für Papier, Schrift und Druck, S. 593. 497 Vgl. ebd., S. 593 f. 498 Vgl. ebd., S. 594.
Papierverarbeitung im 20. Jahrhundert
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c) Verschiedene Papierwaren mit den Fachabteilungen Papierhülsen und -spulen, Siegelmarken, Etiketten und Anhänger, Krepppapierwaren, Zellstoffware und Filtrierpapier, Verschiedene Papierwaren, Kleine Rollen, Lampenschirme, Kunstblumen, Festartikel, Zigarettenhülsen, Sonstige Bedarfsartikel aus Papier (Kreuzbänder, präparierte Pflanzen, Zigarrenspitzen, Papiergarn und -gewebe, Papierwolle, Jacquardkarten, Apothekerkapseln, Malerschablonen, Matrizentafeln, Schnittmuster, Reklamebuchstaben, Huthülsen, Fußbodenbelag, Tintenlöscher usw.), Verdunklungseinrichtungen, d) Handgefertigte Bedarfsartikel aus Papier mit den Fachabteilungen Lampenschirme, Kunstblumen und Binderei-Bedarfsartikel, Festartikel, Zigarettenhülsen und Zigarettenpapier sowie Zigarrenspitzen.499 Bezirklich nach Industrie- und Handelskammern unterteilt war die Wirtschaftsgruppe Druck und Papier im nunmehr Großdeutschen Reich Anfang der 1940er Jahre in 21 Bezirksgruppen und Untergruppen: Bezirk Ostpreußen mit Sitz Königsberg; Bezirk Schlesien (Breslau); Berlin/Brandenburg (Berlin); Pommern (Stettin); Nordmark (Hamburg); Bremen (Bremen); Düsseldorf (Krefeld); Westfalen und Lippe (Münster); Köln (Düren); Hessen (Mainz); Mittelelbe (Magdeburg); Thüringen (Erfurt); Sachsen (Leipzig); Ostsachsen (Dresden); Bayern (München-Pasing); Baden (Karlsruhe); Württemberg und Hohenzollern (Stuttgart); Saarpfalz (Saarbrücken); Ostmark (Wien); Sudetenland (Reichenberg).500 Als Leiter/„Führer“ der Wirtschaftsgruppe Druck und Papier wurde Karl Seeliger/ Leipzig vom Reichswirtschaftsminister ernannt. Dr. jur. Karl Seeliger (*1890, Offizier) war u. a. Aufsichtsratsvorsitzender der Großbuchbinderei Fritzsche-Hager AG (Leipzig/ Berlin, gegr. 1895/96), Vorsteher des Buchgewerbevereins, seit 1931 Mitglied der NSDAP, Mitglied der SA, Gauführer Nordwest-Sachsen des Volksbundes für das Deutschtum im Ausland.501 Nach verschiedenen Erlassen des Reichswirtschaftsministers, insbesondere ab Sommer 1937 – nach Wirksamwerden des „Vierjahresplans“ (1936) – sah sich Seeliger in der Pflicht, die Mitglieder der Wirtschaftsgruppe Druck, Papierverarbeitung und Verlag „nicht nur zu betreuen, sondern auch zu erziehen. Dabei sei [ihm] gewissermaßen ein Teil der Staatsautorität übertragen worden, was seine Verantwortung erheblich steigere“.502 Seeliger war als Führer der Wirtschaftsgruppe Druck, Papierverarbeitung und Verlag vom Reichswirtschaftsminister beauftragt, die Leiter der untergeordneten Fachgruppen zu berufen. Er war gegenüber den Führern der Fachgruppen weisungsberechtigt.503 Die Fachgruppen waren amtlich bestellte und allein anerkannte Branchenvertretungen. Nur sie waren berechtigt – und verpflichtet – die ihnen zugeordneten, ausnahmslos angeschlossenen Betriebe und Betriebsabteilungen der jeweiligen Branche in allen wirtschaftspolitischen Belangen zu vertreten, „zu betreuen“504 und im Sinne der NS-Ideologie politisch „zu erziehen“. 499 Vgl. ebd. 500 Vgl. ebd., S. 594 f. Ab 1934 gab es als weitere Pflichtorganisation die Wirtschaftsgruppe Groß- und Außenhandel. Darin waren 26 Handelszweige fachlich gegliedert. Unter Pos. 26 wurden Schreib- und Papierwaren, Büro- und Buchbinderbedarf aufgeführt. 501 Vgl. Papier-Zeitung Nr. 6/1935, 20.1.1935, S. 82, Sp. 1. 502 Vgl. Papier-Zeitung, Nr. 60/1937, 18.7.1937, S. 989, Sp. 1. 503 Vgl. u. a. Rundschreiben der Fachgruppe Papierwaren, Heinrich Lenhardt, Berlin 1934 [ohne Datum]. Fundort: Archiv Gemeinschaft Papiersackindustrie, Wiesbaden. 504 Vgl. u. a. ebd.
270 Teil I – Papierverarbeitung im 19. und 20. Jahrhundert Stellvertreter des Führers der Wirtschaftsgruppe Papierverarbeitung, Druck und Verlag wurde Heinz Asheim/Berlin. Asheim war Erster Vorsitzender des Deutschen Buchdrucker-Vereins. Das NSDAP-Mitglied war Mitinhaber der Ferd. Asheim KG/Berlin, Beiratsmitglied der Fachgruppe Druck, Papierverarbeitung und Verlag, stellvertretender Vorsitzender des Fachverbandes der Lernmittel-Industrie und Vorsitzender des Arbeitgeberverbandes der Papier verarbeitenden Industrie (Api).505 Geschäftsführer wurde von Wussow;506 Führer der Fachgruppe 7 Papierwaren („aller Art, soweit es sich nicht um Verpackungsmittel aus Pappe/Kartonagen oder Wellpappe und Etuis oder um Erzeugnisse der Papierveredlung handelt“507) wurde Heinrich Lenhardt. In einem Rundschreiben erklärte dieser: „Vom Führer der Wirtschaftsgruppe (Druck, Papierverarbeitung und Verlag) bin ich beauftragt, alle erforderlichen Maßnahmen zur Bildung der Fachgruppe beschleunigt zu treffen, damit die Fachgruppe steht, sobald die Zwangswirtschaft für die gesamte Wirtschafsgruppe verfügt wird, womit in Kürze zu rechnen ist.“508
Nach Beginn des Zweiten Weltkrieges wurde Karl Seeliger, der Führer der Wirtschaftsgruppe Druck, Papierverarbeitung und Verlag als einer der ersten zum Wehrwirtschaftsführer ernannt.509 Am 24. Oktober 1934 erließ Adolf Hitler eine Verordnung, nach der die im Mai 1933 gegründete Deutsche Arbeitsfront als Parteigliederung der NSDAP unterstellt wurde. Das Wesen und Ziel war, eine „Organisation der schaffenden Deutschen der Stirn und der Faust“ zu schaffen und „die Bildung einer wirklichen Volks- und Leistungsgemeinschaft aller Deutschen“ zu erreichen510 Nach der NS-Ideologie waren Wirtschaft und Arbeit vorrangig nach politischen Gesichtspunkten auszurichten. Die Deutsche Arbeitsfront hatte diesem ausschließlich politischen Ziel zu dienen. Am Ende sollten ausnahmslos alle „Volksgenossen“ für die Durchsetzung der NS-Ziele erfasst und ausgerichtet werden – auch am Arbeitsplatz.511 Die kleinste Einheit im Wirtschafts- und Arbeitsleben bildete der Betrieb bzw. die Betriebsgemeinschaft, hierarchisch gegliedert nach „Betriebsführer“ und Betriebs„gefolgschaft“. In der Fachrichtung Druck und Papier gab es zu Anfang der 1940er Jahre im „großdeutschen“ Reichsgebiet rund 25 000 Betriebseinheiten mit rund 700 000 „Betriebsführern“ und Betriebs„gefolgschaften“.512 Der organisatorische Aufbau der Deutschen Arbeitsfront entsprach dem der NSDAP. Gebietlich gliederte sie sich (1941) in 41 Gaue, einschließlich der neuen Gaue DanzigWestpreußen, Wartheland, den sieben „ostmärkischen“/österreichischen Gauen und dem
505 Vgl. Papier-Zeitung, Nr. 6/1934, 20.1.1934, S. 82, Sp. 2; im April 1919 war sein Vorgänger Paul Asheim stellvertretender Vorsitzender des gerade gegründeten Etuis- und FeinkartonagenFachverbandes geworden; im Juli 1919 war Paul Asheim zum Vorsitzenden des Fachverbandes der Geschäftsbücher- usw. -Fabrikation gewählt worden; Paul Asheim war gleichzeitig stellv. Vorsitzender des API; vgl. Papier-Zeitung, Nr. 51/1919, S. 1523, Sp. 1. 506 Vgl. Grundfragen der Papierwirtschaft, Berlin 1941, Zeittafel. 507 Rundschreiben Führer Fachgruppe 7. 508 ebd. 509 Vgl. Papier-Zeitung Nr. 6-7/1940, 13.3.1940, S. 458, Sp. 1. ff. 510 Vgl. Organisationsbuch der NSDAP, S. 185. 511 Vgl. Handbuch für Papier, Schrift und Druck, S. 583. 512 Vgl. ebd.
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Sudetenland. Jeder Gau wiederum war in Kreise unterteilt und jeder Kreis in Ortsverwaltungen“ der einzelnen Städte.513 Fachlich geleitet, unterteilt und ausgerichtet wurde die Deutsche Arbeitsfront vom Zentralbüro. Für die einzelnen Fachgebiete waren besondere Fachämter mit Sitz beim Zentralbüro eingerichtet. Es bestanden insgesamt 17 Fachämter. Für den Bereich Druck und Papier war das Fachamt 8, Druck und Papier, zuständig. Das Fachamt war aus der Zusammenlegung der Reichsbetriebsgemeinschaften/RBG Druck und Papier im Juli 1937 entstanden. Die entsprechende Umbenennung erfolgte im November 1937.514 Zu „betreuen“ hatte es sämtliche Betriebsgemeinschaften der Zellstoff-, Holzstoff-, Papierund Pappenherstellung, der Papierveredlung, der Papierverarbeitung, der Pappenverarbeitung, des Buchbindergewerbes, des Reproduktionsgewerbes, des Schriftgießergewerbes, der Stempelherstellung, der Tapetenindustrie, des Vervielfältigungsgewerbes sowie alle Druck- und Verlagsbetriebe und verwandte Betriebe. Die Richtlinien für die fachliche „Betreuung“ wurden vom Fachamt Druck und Papier erlassen. Für die Durchführung der Aufgaben waren die bei allen Gauwaltungen eingerichteten Gaufachabteilungen Druck und Papier zuständig. Den Gaufachabteilungen wiederum waren die Kreisfachabteilungen für die einzelnen Städte bzw. Landkreise untergeordnet.515 Da die lückenlose Erfassung aller Betriebe und Betriebsgemeinschaften im Bereich Druck und Papier allein durch das Fachamt sowie die Gau- und Kreisfachabteilungen nicht gewährleistet schien, wurden auch für die letzten Nischenbetriebe noch zusätzlich elf Fachgruppen eingerichtet. Jede dieser Fachgruppen bildete eine Zusammenfassung ähnlicher Betriebe, die von einem Fachgruppenverwalter bei einem Fachamt, in größeren Gauen auch von Gau- und Kreisfachabteilungen verwaltet wurden.516 Mit der Anordnung vom 11. August 1938 waren durch den Leiter der DAF die Fachämter zu Durchführungsorganen für sämtliche Aufgaben der DAF in den einzelnen Betrieben erklärt worden. Die Fachämter erhielten von übergeordneten Führungsämtern Generalrichtlinien für die allgemeinen Aufgaben der einzelnen Sachgebiete, die neben ihren besonderen Aufgaben durchzuführen waren. Zu den Führungsämtern der DAF zählten Einrichtungen wie Organisationsamt, das Amt Schulung, das Amt Arbeitseinsatz, das Amt soziale Selbstverantwortung, das Heimstättenamt, das Frauenamt, das Amt für Berufserziehung und Betriebsführung usw.517 An der Spitze des Fachamtes stand der Leiter des Fachamtes. Ihm zur Seite stand ein ehrenamtlicher Hauptbeirat von Fachleuten aus dem gesamten Reichsgebiet und den verschiedensten Berufen bzw. Betriebsgruppen. Der Hauptbeirat, der sich aus „Betriebsführern“, „Betriebsobmännern“, Abteilungsleitern, Meistern und „Gefolgschafts“mitgliedern zusammensetzte, wurde vom Leiter des Fachamtes zur Vorbereitung bzw. Durchführung aller wichtigen Maßnahmen herangezogen.518 Das Fachamt Druck und Papier war in folgende Hauptabteilungen, Abteilungen und Unterabteilungen untergliedert: Hauptabteilung I: Organisation und Ausrichtung; Hauptabteilung II: Soziale Selbstverantwortung und Gestaltung; Hauptabteilung III: Leibesertüchtigung; Hauptabteilung IV: Reichsfachgruppen. 513 514 515 516 517 518
Vgl. ebd. Vgl. Grundfragen der Papierwirtschaft, Berlin 1941, Zeittafel. Vgl. Handbuch für Papier, Schrift und Druck, S. 584. Vgl. ebd. Vgl. ebd., S. 585. Vgl. ebd., S. 584.
272 Teil I – Papierverarbeitung im 19. und 20. Jahrhundert Es gab zwölf Fachgruppen, wovon die Fachgruppe 3 für Papierwaren zuständig war. Die Fachgruppe 3 wiederum war unterteilt in die Fachschaften Tüten- und Beutel-Industrie, Papiersackfabriken, Verpackungspapier-Industrie, Krepp-Papierwaren-Industrie, Papierhülsen- Spulen-Industrie, Briefumschlag- und Papierausstattungs-Industrie, LuxuspapierFabriken, Siegelmarken- und Etiketten-Fabriken, Zigarren- und Zigarettenspitzen-Industrie, Festartikel-Industrie, Papierblumen-Industrie, Lampenschirm-Industrie, Sonstige Papierwaren- und Papierverarbeitungs-Industrie. Am 10./11. November 1934 wurde an der Papiermacherschule Altenburg eine Forschungsund Prüfungsstelle für Verpackungen aus Papier, Karton und Pappe eingerichtet. 519 Am 27. November 1934 wurde die Wirtschaft in sechs Reichsgruppen der Reichswirtschaftskammer eingeteilt.520 Ebenfalls 1934 wurde in Offenbach die KARTOG als Einkaufsgenossenschaft der Pappe und Papier verarbeitenden Industrie eG gegründet.521 Bei der politischen Neuorientierung der Wirtschaft stellten die Preiserhöhungen insbesondere eine Behinderung des Exports und damit der Beschaffung dringend benötigter Devisen dar. Bei den Ausfuhrgeschäften hatte die Wirtschaft 1934 noch weitgehend freie Hand. So erhielt Fischer & Krecke/Bielefeld im Juli 1934 die Ausfertigung eines Besichtigungs- und Abnahme-Protokolls, das eine Kommission des im Ural gelegenen sowjetischen Papiersack-Kombinats Novo-Ljalinankij ausgefertigt hatte, in dem die „sorgfältige Bearbeitung und hohe Qualität“ der im Dezember 1933 bestellten zwei F&KZENTAUR-Zementsack-Maschinen einschließlich Zubehör bestätigt wurde.522 Die ab Ende 1934 forcierte Ausrichtung auf den Exportmarkt drückte sich u. a. auch in der teilweisen Drosselung der Ersatzstoff-Wirtschaft aus. So wurde die Zellstoff-Industrie in das Investitionsverbot für die Papier-, Karton- und Maschinenpappe-Industrie miteinbezogen. Diese Maßnahme wurde amtlich damit begründet, dass Überinvestitionen in der Zellstoffindustrie im Zusammenhang mit der Ersatzstoff-Wirtschaft verhindert werden sollten.523 Zu den Begleiterscheinungen der Papier verarbeitenden Industrie/Festartikel dieser Jahre gehörten z. B. die Aufträge für Papierblumen, die in Millionenstückzahlen als Spendennachweis für die Sammlungen z. B. von der NS-Volkswohlfahrt/NSV oder vom Winterhilfswerk/WHW verteilt wurden. Die pausenlose Sammeltätigkeit der NSOrganisationen hatte im Alltags-, Straßen- und Arbeitsleben eine derartige Intensität und einen solchen Umfang angenommen, dass sie nur noch über aufwändige Regelungen und Organisations-Apparate zu bewältigen waren und von der Bevölkerung zunehmend mehr als Plage und Belästigung empfunden wurden.524
519 Vgl. 100 Jahre Technikum Altenburg, 1895–1995, hrsg. v. d. Staatliche Fachschule für Papier- und Verpackungstechnik, Altenburg 1995, S. 20, Sp. 2; vgl. auch Sporhan-Krempel, Vom Papier, S. 72. 520 Vgl. Walter, Einführung, S. 249. 521 Die KARTOG hatte Ende der 1990er Jahre ihren Sitz in Dietzenbach. 1935 folgte in Chemnitz die Gründung der Rocarto, die sich ähnlich wie die KARTOG in der Hauptsache auf Kartonagen beschränkte, da sich die Mitglieder nicht hinreichend gut über den Großhandel versorgt fühlten; vgl. Feyerabend, 180 Jahre Papiergroßhandel, S. 12. Sp. 1. 522 Vgl. Protokoll-Notiz, F&K-/StA Bielefeld. 523 Vgl. Deutschland-Berichte, 1934, S. 823 f. 524 Vgl. z. B. Deutschland-Berichte, 1935, S. 178 ff. („Sammelunwesen“).
Papierverarbeitung im 20. Jahrhundert
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1935 Im Januar/Februar 1935 – „mitten im Frieden“ – hatte u. a. der Konsumverein Schweidnitz/Schlesien über Handzettel seine Mitglieder aufgefordert, beim Verbrauch im Haushalt größte Sparsamkeit zu üben und z. B. bereits gebrauchte Papierbeutel und Tüten in die Verkaufsstellen zurückzubringen.525 1935 wurde das „Gesetz zum Schutz der nationalen Arbeit“ erlassen und alle Betriebe amtlich dem „Führerprinzip“ unterstellt. Beim Aufbau der „ständischen“/„völkischen“ Wirtschaftsordnung kam der Reichswirtschaftskammer als Spitzenorganisation der Unternehmer eine führende Rolle zu. Ihr unterstanden (zunächst (die Organisationsform wechselte ständig) für die Fach- und Gebietsorganisation zwei Abteilungen: die Abteilung Reichsgruppen und die Abteilung Industrie- und Handelskammern. Die Abteilung Reichsgruppen war für die fachliche,526 die Abteilung Industrie- und Handelskammern für die bezirkliche Organisation zuständig.527 Der Leiter der Reichswirtschaftskammer (ein Unternehmer) unterstand unmittelbar dem Reichswirtschaftsminister.528 Die Kammer wurde als Organ der Selbstverwaltung bestimmt, um die „schöpferischen Kräfte“ der Wirtschaft für die neue Marktregelung stärker nutzen zu können. Der Staat zog sich auf die Funktion der Beaufsichtigung zurück. Insgesamt war die Neuordnung der Wirtschaft ab Spätherbst 1934 darauf ausgerichtet, die Staatsinitiative einzuschränken, durch Lockerung der Kartellbildung Kosten zu senken, den Wettbewerb zu fördern, den Preisanstieg zu stoppen und die Lohnsenkungen fortzusetzen.529 1942 wurde das System der Industrie- und Handelskammern sowie Wirtschaftskammern aufgelöst und in ein System von Gauwirtschaftskammern zusammengefasst. Die neuen Behörden, die nicht mehr nur für einzelne Kammerbezirke, sondern für das jeweilige gesamte Gaugebiet zuständig waren, waren damit sehr viel enger der politischen Führung und Kontrolle unterstellt.530 Das Fachgebiet Druck und Papier war in die drei Wirtschaftsgruppen gegliedert531: 1. Druck, 2. Papierverarbeitende Industrie, 3. Papier-, Pappe-, Zellstoff- und Holzstofferzeugung.532 Am 21. Mai 1935 war durch Carl Goerdeler, den Reichskommissar für Preisüberwachung eine „Verordnung zur Durchführung der Ordnung für das Graphische Gewerbe mit Vorschriften zur Durchsetzung eines ,lauteren Wettbewerbsʻ mit dem Ziel der ,Erziehung zur richtigen Kalkulationʻ“ (mit rechtsverbindlichen Richtpreisen) erlassen worden.533 Vertreten wurde das Graphische Gewerbe durch den Deutschen BuchdruckerVerein/DBV (Vorsitzender: Albrecht Frisch), den Verband Deutscher Offset- und Steindruckereien sowie den Bund der chemigraphischen Anstalten – in denen auch die meisten 525 526 527 528 529 530
Vgl. ebd., S. 33. Vgl. u. a. Deutschland-Berichte, 1939, S. 245 f. Vgl. u. a. ebd., S. 247 f. Vgl. Handbuch für Papier, Schrift und Druck, S. 591. Vgl. Deutschland-Berichte, 1934, S. 822 f. Vgl. u. a. Berghoff, Hartmut/Rauh-Kühne, Cornelia, Fritz K. Ein deutsches Leben im 20. Jahrhundert, Stuttgart 2000, S. 143. 531 Wirtschaftsgruppe Druck und Papierverarbeitung, gegründet am 18.9.1934. Vgl. Stobbe, Wellpappen-Handbuch, Teil I, S. 65. 532 Vgl. Handbuch für Papier, Schrift und Druck, S. 593. 533 Vgl. ebd., S. 59.
274 Teil I – Papierverarbeitung im 19. und 20. Jahrhundert Papierverarbeiter organisiert waren. Ergänzt wurde diese Verordnung durch die „Anordnung einer Marktregelung für das Graphische Gewerbe“ vom 7. Juni 1935, in der u. a. ausnahmslos alle Betriebe des graphischen Gewerbes zur Zwangsmitgliedschaft im Deutschen Buchdrucker-Verein verpflichtet wurden.534 Am 8. Juni 1935 erging vom DBV eine Mitteilung an alle Betriebe des Gewerbes, in der der Vorsitzende über die Durchführung der „Ordnung für das Graphische Gewerbe“ informierte und zugleich darauf aufmerksam machte, dass seine künftigen Anordnungen im „Deutschen Reichsund Preußischen Staatsanzeiger“, im „Völkischen Beobachter“ sowie in der „Zeitschrift für Deutschlands Buchdrucker“ veröffentlicht würden.535 Albrecht Frisch wies insbesondere auf die Pflicht zur genauesten Beachtung aller Anordnungen hin, „da Unkenntnis in keinem Fall vor den Folgen schützen“ würde. In Anlage 2 zu dieser Mitteilung wurde noch einmal klar gemacht, dass der DBV ermächtigt war, „für bestimmte Erzeugnisgruppen Richtpreise und Lieferbedingungen festzusetzen“. Damit war per staatliche Anordnung mit Gesetzeskraft verpflichtend erreicht, wofür die einzelnen Sparten der Branche über viele Jahrzehnte in freiwilliger Vereinbarung – meist ergebnislos – gekämpft hatten. Anlage 3 enthielt eine Aufstellung sämtlicher Sparten des graphischen Gewerbes, nach der sich jeder Betrieb je nach Spezialisierung selbst einzuordnen und entsprechend anzumelden hatte. Anlage 4 betraf das „Verzeichnis der Meldestellen“. Im Falle einer Unterschreitung der vom DBV erlassenen Richtpreise war jeder Betrieb verpflichtet, diese Unterschreitung umgehend dieser Stelle anzuzeigen. Das Verzeichnis war von Kreis I Hannover über Köln, Frankfurt/M., Stuttgart, München, Halle/Saale, Breslau, Hamburg, Stettin bis Kreis XII Königsberg durchgegliedert.
1936 Die ersten Jahre des NS-Regimes brachten einen allgemeinen Aufschwung und ließen – bei allen Widersprüchen – in der Bevölkerung und in der Wirtschaft in Erinnerung an die Kaiserzeit vor Beginn des Ersten Weltkrieges ein Gefühl von „Friedensjahren“ aufkommen. Die NS-Wirtschaftspolitik realisierte nach 1933 die Nachfrageankurbelung vor allem durch öffentliche Verschuldung, indem sie drastische Ausgabenerhöhungen und Steuersenkungen vornahm.536 „Für Geschäftsleute mit einem [für die Papier und Pappe verarbeitende Industrie typischen] national oder lokal begrenztem Aktionsradius waren die Jahre nach 1933 ein wahrhaft goldenes Zeitalter autoritärer ‚Normalität‘.“537 In Wirklichkeit jedoch „handelte es sich um ein äußerst kurzlebiges ‚Wirtschaftswunder‘ mit extrem desaströsen Folgen“.538 Für viele Betriebe auch der Papierverarbeitung waren die Jahre zwischen 1933 und 1938 vor allem durch eine technische Modernisierungs- und Ausbauphase geprägt.539 534 Abdruck im „Reichsanzeiger“ Nr. 13, 7.6.1935; vgl. auch Zeitschrift für Deutschlands Buchdrucker und verwandte Gewerbe, Nr. 46/47, Berlin, den 12.6.1935, S. 409 ff.; zur Selbstdarstellung des DBV in der NS-Zeit s. u. a. Deutscher Buchbinderverein, Jahrbuch 1935 (Berlin 1936). 535 Vgl. Deutscher Buchdrucker-Verein e. V., Berlin, Schreiben vom 8.6.1935, u. a. im Besitz des Verf.; die weiteren Angaben und Zitate zu dieser/aus dieser Mitteilung beziehen sich auf diese Quelle. 536 Vgl. Deutschland-Berichte, 1937, S. 108 f. („Scheinblüte der Wirtschaft“); vgl. auch Walter, Einführung, S. 248 f. 537 Tooze, Ökonomie der Zerstörung, S. 131 u. S. 143 ff. 538 Wehler, Deutsche Gesellschaftsgeschichte, Bd. 4, S. 709; vgl. ebd., S. 721 ff. 539 Vgl. diverse Firmenchroniken in Teil I und II der v. A. – u. a. Bestehorn/Aschersleben.
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„Hitlers Regime ermöglichte es dem deutschen Unternehmertum [...] sich aggressiv einer technologischen Entwicklung zu widmen, bei der es vor allem um Techniken ging, die notwendig waren, damit das duale Ziel des Regimes von wachsender Unabhängigkeit (Autarkie) und Aufrüstung erreichbar wurde.“540
In der Papier und Pappe verarbeitenden Industrie machte sich das vor allem in der Neuentwicklung von Anlagen bemerkbar, die Personal- und Materialeinsparungen sowie höhere Stunden-/Schicht-Leistungen möglich machten. In den meisten Firmenchroniken wird die Modernisierungsphase Mitte der 1930er Jahre zu den Höhepunkten der Unternehmensgeschichte gerechnet. 1936 lag die Papierproduktion in Deutschland bei über 2,5 Mio. t. Der Verbrauch an Papier und Pappe lag pro Kopf der Bevölkerung bei knapp 30 kg (1900 waren es etwa 13 kg). Von der Gesamtproduktion wurde u. a. etwa ein Drittel für Verpackungszwecke, ein Viertel für den Zeitungsdruck und ein Fünftel für den Druck von Zeitschriften, Büchern und Reproduktionen verwendet.541 Im April 1936 wurde mit Anordnung Nr. 2 der Prüfungsstelle für Druck und Papierverarbeitung (Leitung Dr. Lorenzen) die Normung der Papiererzeugnisse – nach einem Vorlauf seit der Zeit des Ersten Weltkrieges – endgültig geregelt. Zu dieser Anordnung gehörte u. a. auch das Verbot, weiterhin Quart- und Folio-Formate herzustellen. Erlaubt war ab sofort nur noch das DIN-Format.542 „Das höhere Wirtschaftsbürgertum [...] hat den Regimewechsel offensichtlich nicht als tiefe Zäsur erfahren.“543 Der NS-Politik war daran auch nicht gelegen. „Alles weist darauf hin, daß Hitler zumindest während der ersten Jahre seiner Herrschaft die Wirtschaftskreise schonend behandelte, um seine Ziele mit deren williger Mitarbeit zu verwirklichen.“544
In diesem Klima, in dem die meisten „deutschen Unternehmer [...] bereitwillig mit[machten]“,545 fehlte es auch im Wirtschaftszweig der mittelständisch strukturierten Papier und Pappe verarbeitenden Industrie nicht an Kollaborations-Bereitschaft und an Sympathiebekundungen für die neue Ordnung. So formulierte im Sommer 1934 die Papierwarenfabrik Friedrich Melsbach in den zehn Grundsätzen der von ihr (verpflichtend) verfassten Betriebsordnung u. a.: „1. Deutsches Leben ist Arbeit. Alle Arbeit nur für Deutschland. 2. In diesem Sinne verbinden sich Führer und Gefolgschaft im Betriebe zu einer nationalsozialistischen Betriebsgemeinschaft. 3. Wer dieser Gemeinschaft angehören will, muß sich innerhalb und außerhalb des Betriebes stets nationalsozialistischer Gesinnung befleißigen: 4. Die Betriebsgemeinschaft beruht auf gegenseitigem Vertrauen. Quertreibereien, Mißgunst und Nörgeleien haben in ihr 540 Tooze, Ökonomie der Zerstörung, S. 308; angestoßen wurde die Diskussion um die NSModernisierungsphase bereits 1968 durch Ralf Dahrendorf; vgl. Ralf Dahrendorf, Gesellschaft und Demokratie in Deutschland, München 1968, hier: S. 431 ff.; vgl. auch David Schoenbaum, Die braune Revolution – Eine Sozialgeschichte des Dritten Reiches, Köln 1968, hier: u. a. S. 348, sowie: Hans Mommsen, Noch einmal: Nationalsozialismus und Modernisierung. In: Geschichte und Gesellschaft, 21/1995, S. 391-402. 541 Vgl. Weiß, Zeittafel, S. 485 ff. 542 Vgl. Grundfragen der Papierwirtschaft, Berlin 1941, Zeittafel; vgl. u. a. Kartonagen- und Papierwaren-Zeitung, Nr. 19/1936, 8.5.1936, S. 204, Sp. 1 f.; zur „Geschichte der DINFormate“ s. auch Abschn. „Briefumschläge“ der v. A. 543 Wehler, Deutsche Gesellschaftsgeschichte, Bd. 4, S. 721. 544 Barkai, Das Wirtschaftssystem des Nationalsozialismus, S. 109. 545 Golo Mann, Deutsche Geschichte des 19. und 20. Jahrhunderts, 12. Aufl. d. Sonderausg., Frankfurt/M 1977, S. 828.
276 Teil I – Papierverarbeitung im 19. und 20. Jahrhundert keinen Raum [...] 6. Arbeit ist Leben [...]. Der Sinn unseres Lebens ist Arbeit am deutschen Volk, und zwar an dem Platz, an den jeder gestellt ist. 8. Die Betriebsgemeinschaft baut sich auf der Grundlage der Ehre auf“.546
Die Melitta Werke AG/Minden begrüßte die Machtübernahme „als einen entscheidenden, erfreulichen Umschwung in unserem Vaterland.“547 Der Betrieb wurde ideologisch vorbehaltlos in das NS-System integriert. Die Allendorfer Papierwarenfabrik nannte sich um 1932/33 wieder nach ihrem jüdischen Gründer Bodenheim. Sie stellte in einer Denkschrift zum 80-jährigen Bestehen der Firma u. a. die andauernd gute Beziehung zwischen Betriebsleitung und Belegschaft heraus (im August 1933 noch nicht: „Betriebsführer“ und „Gefolgschaft“). „Dieses patriarchalische Verhältnis hat sich allen marxistischen Zersetzungstendenzen zum Trotz bis zur jüngsten Gegenwart erhalten und wird von uns im neuen Deutschland bewußt weiter gepflegt und vertieft werden [...] Opferbereitschaft und vorbehaltlose Treue sind von altersher anerkannte Eigenschaften unseres hessischen Volksstammes [...] Wir wollen aus dieser kerndeutschen Tradition heraus auch unserer schönen Heimat in Dankbarkeit gedenken [...] Durch Arbeit für Deutschland. Das sei die Parole für alle Zukunft“.548
Carl Ph. Schmidt/Kaiserslautern ließ verlauten: „In das Aufbauprogramm der neuen Regierung hat sich unser Unternehmen willig eingefügt und die Pläne nach Kräften unterstützt, wie wir das auch in Zukunft zu tun gedenken.“549
Ernst C. Behrens/Alfeld erklärte: „Revolution, Inflation, Deflation, Arbeitslosigkeit sind die Kernworte, die uns noch heute eine Welt von Elend und Grauen ins Gedächtnis zurückrufen und uns dem zu Dank verpflichten, der 1933 diese Gespenster zu bannen wußte.“ 550
Die Feldmühle/Stettin stellte sich 1935 als „[...] würdiger Vertreter deutschen Unternehmergeistes [dar]. In diesem Geiste der Arbeit, im gleichen Schritte des Vorwärtsstrebens, in kameradschaftlicher Zusammenarbeit mit der Gefolgschaft – so soll es nun auch in das zweite Halbjahrhundert der Feldmühle gehen.“ 551
Julius Süß/Leipzig behauptete von sich: „Die Firma Süß ist ein rein arisches Unternehmen seit ihrer Gründung, mit rein arischer Belegschaft.“552 – usw. Unbestimmt muss bleiben, inwiefern im Einzelfall opportunistische Motive oder Überzeugung durch die Betriebsordnungen ausgedrückt wurden. Die DAF erwartete: von den „Betriebsführern“, sich „dem Zielstreben des Nationalsozialismus in der Gestaltung des Lebens im Betriebe zu folgen [...]. Die Betriebsordnung offenbart, ob und in welcher Weise sich der Betriebsführer zum Nationalsozialismus bekennt, und ob er gewillt ist, seine Gefolgschaftsmitglieder im Zeichen der nationalsozialistischen Gemeinschaftsidee zu führen.“553 546 Betriebsordnung der Firma Fr. Melsbach, Fabrik pharmazeutischer Kartonagen und Papierwaren, Bad Sobernheim, 25.6.1934, im Besitz des Verf. 547 Hempe, 100 Jahre Melitta, S. 39, Sp. 2. 548 80 Jahre Papierverarbeitung Bodenheim & Co. Ein Wort an unsere verehrten Geschäftsfreund, Allendorf, Aug. 1933, Kopie im Besitz des Verf. 549 Sechzig Jahre Carl Ph. Schmidt, Kaiserslautern. 1874–1934. Kaiserslautern 1934, S. 9. 550 Behrens, Jubiläumsschrift 1935. 551 50 Jahre Feldmühle, Stettin 1935 (Special-Bank-Post-Prospekt), im Besitz des Verf. 552 Druckerei Julius Süß, Leipzig/Böblitz/Ehrenberg 1935, Angebotsliste, im Besitz des Verf. 553 Vgl. Vom Wesen und vom Inhalt der Betriebsordnung, hrsg. v. der DAF und den Arbeitskammern [hier: Deutsche Arbeitsfront, Gauleitung Kurhessen – Der Gau-Obmann der DAF], Kassel, o. J., S. 5.
Papierverarbeitung im 20. Jahrhundert
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Von der Papierbeutel herstellenden Industrie, vertreten durch den RDP, wurde noch 1945 vor allem begrüßt, dass bereits im Frühsommer 1933 „endlich“ eine Marktordnung/regelung/-regulierung mit verbindlichen Preisvorgaben/-vorschriften durchgesetzt werden konnte.554 Ab 1935 gehörte der Vorstandsvorsitzende des Oetker-Konzerns/Bielefeld, Richard Kaselowsky – seit September 1933 alleiniger Konzern-Chef/„Betriebsführer“, seit 1. Mai 1933555 aktives NSDAP-Mitglied – dem „Freundeskreis Reichsführer SS Heinrich Himmler“ an. Unter seiner Geschäftsführung erschien die Gundlach-Tageszeitung „Westfälische Neueste Nachrichten“, die nach der „Machtergreifung“ „sofort auf die neue Linie eingeschwungen“ war und in der viele Artikel vor „hasserfüllten Antisemitismus“ strotzten.556 Zum Oetker-Konzern gehörte über Mehrheitsbeteiligungen der graphische Großbetrieb Gundlach AG/Bielefeld. „Betriebsführer“ bei Gundlach war Kaselowskys persönlicher Freund Friedrich Schaarschmidt, NSDAP-Mitglied und als „Führer“ des IHK-Bezirks Bielefeld fest im System integriert.557 Auch Fritz Kiehn, „Betriebsführer“ von Efka/ Trossingen (Zigarettenpapier) gehörte dem Persönlichen Stab sowie dem „Freundeskreis RF-SS Heinrich Himmler“ an.558 Der „Betriebsführer“ der weltgrößten GeschäftsbücherFabrik König & Ebhardt/Hannover, Hermann Ebhardt, war als SS-Mann und ParteiMitglied aktiver Mitarbeiter im Rasse- und Siedlungs-Hauptamt der SS559. Horst Bentz (1904–1984), „Betriebsführer“ der Melitta-Werke AG/Minden (Kaffeefilter, 1941, 1942 und 1943 als NS-Musterbetrieb mit der „Goldenen Fahne“ ausgezeichnet560), war seit 15. Februar 1933 SS-Mitglied561 (1945 Obersturmführer/Oberleutnant), seit dem 1. Mai 1933 NSDAP-Mitglied sowie Mitarbeiter im Sicherheitsdienst/SD der SS; er war u. a. maßgeblich an der Pogromhetze gegen die Juden des Melitta-Betriebsstandortes Minden beteiligt.562 „Einer der Fachleute in punkto ‚Rasseverfall‘ und ‚Rassefragen‘ in Reihen der Kreisdürener Lehrerschaft war [...] der als Hauptstellenleiter ‚Ahnennachweis‘ im Kreispersonalamt und ab 1939 als Kreisarchivpfleger tätige sowie seit [...] 1937 als Volksschulrektor [...] fungierende Josef Geuenich.“563
Der Lehrer, Sippen- und Familiengeschichtsforscher Josef Geuenich (1896–1977) wurde 1933 Mitglied der NSDAP und des NS-Lehrerbundes/NSLB. Nach einem Gutachten des „Sachverständigen für Rasseforschung“ beim Reichsinnenministerium vom Sommer 1934 war Geuenich von „deutscher Herkunft und frei von jüdischem Bluteinschlag“. 1937 wurde ihm die Leitung der Ortsgruppe Düren „Rassen-, Familien- und Sippenforschung“ 554 Vgl. Preisrechnungsvorschriften, S. 3. Der RDP war während des NS-Regimes insbes. für Preisbildung und Preisüberwachung im Tüten- und Beutelfach zuständig; vgl. u. a. PapierVerarbeiter, Nr. 1/1967, S. 46, Sp. 2. 555 Vgl. stern 38/04, S. 78, Sp. 2. 556 Vgl. Rüdiger Jungbluth, Die Oetkers – Geschäfte und Geheimnisse der bekanntesten Wirtschaftsdynastie Deutschlands, Frankfurt/New York 2004, S. 139. 557 Vgl. Abschn. „Graphische Industrie“/Gundlach der v. A. 558 Vgl. Abschn. „Zigarettenpapier“/Fritz Kein der v. A. 559 Vgl. Abschn. „Geschäftsbücher“ der v. A. 560 Vgl. Hempe, 100 Jahre Melitta, S. 55. 561 Vgl. dagegen Hempe, 100 Jahre Melitta, S. 39, Sp. 2: „Seit Juli 1933 war Horst Bentz auch Mitglied der SS.“ 562 Zu Melitta s. Abschn. „Veredelte Papiere“ der v. A. 563 Wallraff, Nationalsozialismus, S. 391. In einem Bericht in der „Dürener Zeitung“/DZ aus dem Jahr 1976, heißt es dagegen, dass Geuenich bereits 1936 Kreisarchivpfleger wurde; vgl. DZ, Januar 1976 „Stadtarchivar Geuenich wird 80“.
278 Teil I – Papierverarbeitung im 19. und 20. Jahrhundert der „Westdeutschen Gesellschaft für Familienkunde“ übertragen. Nach einer Beurteilung der lokalen NS-Kreisleitung aus dem Jahr 1939 war Geuenich „in politischer sowie in charakterlicher Hinsicht unbedingt zuverlässig“.564 Von 1943–1972 war Josef Geuenich Leiter des Stadt- und Kreisarchivs Düren. In den 1950er Jahren verfasste er, „ausgehend von den familiengeschichtlichen Forschungen und den sich daraus erarbeiteten sippenhaften Zusammenhängen“, die „Geschichte der Papierindustrie im Düren-Jülicher Wirtschaftsraum“.565 Diese „apologetisch-affirmative“566 Firmendarstellung wurde weit über die Region hinaus auch zu einem Standardwerk der deutschen Papiergeschichtsforschung. Alle Genannten fügten sich willig in ein System, das nach dem Muster militärischer Strukturen für sich in ausnahmslos allen Bereichen die Führung in Anspruch nahm. „Die Führung in diesem Kampf muss eine einheitliche sein. Der vom Nationalsozialismus jederzeit eindeutig geforderte Vorrang der Politik will nicht mehr und nicht weniger als diese straffe, zentrale Führung, die keinen Einfluß von Parteien und Interessengruppen kennt. Alle einzelnen Teilgebiete sind nur Abschnitte der großen Gesamtfront, die unter einheitlichem Oberbefehl den Kampf nach allen Seiten führt. Dies gilt nicht zuletzt gerade für die Wirtschaft, der keine geringere Aufgabe zugewiesen ist, als unter allen Umständen und nötigenfalls gegen alle Schwierigkeiten in bestmöglicher Weise die materielle Grundlage für diesen Daseinskampf des Volkes zu schaffen.“567
Die Gefahren, die mit der wirtschaftlichen Gleichschaltung verbunden waren, wurden in ihrer vollen Bedeutung vielfach (auch bewusst) übersehen und dem unternehmerischen Grundverständnis (z. B. in Führungsfragen) untergeordnet.568 Die deutschen Unternehmer waren „willige Partner“ des Regimes.569 Es galt unverändert – an die veränderten Verhältnisse jedoch angepasst – das von Walther Rathenau (1867–1922) in der Rückschau auf das Kaiserreich gezeichnete Bild, nach dem das deutsche Großbürgertum (einschließlich seiner Vorbildwirkung auf das mittelständische Bürgertum) weitgehend in seiner Haltung und Staatsnähe „durch Beziehungen und Vergünstigungen preiswert bestochen [wurde], seinen Vorteil im Ankriechen an die herrschende Schicht und in der Lobpreisung des Bestehenden suchte. Die geistige Verräterei des Großbürgertums, das seine Abkunft und Verantwortung verleugnete, das um den Preis des Reserveleutnants, [...] des Adelsprädikats, des Herrenhaussitzes und des Kommerzienrats die Quellen der Demokratie nicht nur verstopfte, sondern vergiftete.“570
Die positive Grundstimmung wirkte sich auch auf die Einzelhandelsnachfrage aus – die häufig jedoch nur stockend befriedigt werden konnte. Viele Menschen konnten in den Anfangsjahren des Regimes einen bescheidenen Wohlstand erwerben.571 Es gab sogar Raum für Probleme der graphischen Gestaltung von Tüten und Papierbeuteln. In der Papier-Zeitung Nr. 27/1935 sprach der Schriftleiter Helmuth Recke das (alte) Problem der 564 Vgl. Wallraff, Nationalsozialismus, S. 391, Anm. 363. 565 Geuenich, Papierindustrie, S. XVIII; vgl. auch Josef Geuenich, Die Dürener Papierindustrie. In: Westdeutscher Beobachter, 12.9.1941, Nr. 50, darin „Dürener Beobachter“, Sp. 1 ff. 566 Wallraff, Nationalsozialismus, S. 11, Anm. 65. 567 Hertensteiner, Der Nationalsozialismus lenkt die Wirtschaft, S. 506, Sp. 1. 568 „[...] die Masse der Wirtschaftsführer und Unternehmer stand dem Regime bis zuletzt loyal gegenüber.“ Abgeglitten in die Barbarei – Der Historiker Hans Mommsen über die Haltung der deutschen Unternehmer zu Hitlers Programm, zur Kriegswirtschaft und zur Zwangsarbeit (Interview). In: DER SPIEGEL, Nr. 32, 6.8.2001, S. 141 ff., hier: S. 144. 569 Vgl. Tooze, Ökonomie der Zerstörung, S. 129. 570 Zit. nach Wehler, Deutsche Gesellschaftsgeschichte, Bd. 3, S. 1270. 571 Vgl. Berekoven, Geschichte des deutschen Einzelhandels, S. 55.
Papierverarbeitung im 20. Jahrhundert
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Abb. 17: Margarinebestell-, Fettverteilungs-, Bezugsscheine im NS-Wirtschaftssystem
Tütengestaltung mit „wenig werbetechnisch wirksamer Ausstattung“ an. Er riet zu mehr Phantasie und neuen Gedanken, um zum einen dadurch den Umsatz der Tüten-/Beutelhersteller zu erhöhen und zum anderen einen wichtigen Beitrag zu leisten, um das Qualitätsempfinden der breiten Masse im Hinblick auf eine anspruchsvolle Verpackungsgestaltung zu fördern.572 1936 wurden von der Tüten-/Beutel-Industrie neben den klassischen Tüten- und Beutelarten für traditionelle Verpackungszwecke u. a. auch Sammelpapierbeutel für Kaufhäuser angeboten, daneben auch Frühstücks- und Wochenendbeutel aus Pergamentpapier, Geschenkbeutel (mit Kordelgriffen), Fototaschen, Handtaschenbeutel „und nicht zuletzt der Olympiabeutel [anlässlich der Olympischen Spiele in Berlin 1936], der den Besuchern der Kampfspiele sogar den Regenmantel ersetzen konnte“.573 1937/38 erschien bei Windmöller & Hölscher/Lengerich die Klotzbodenbeutel-Maschine TRIUMPH. Diese Anlage war eine Weiterentwicklung der ab 1902 bei W & H gebauten Klotzbodenmaschine, die von Max Cleff entworfen worden war und vom Blatt arbeitete. Durch die Neukonstruktion von Arno Finke konnte auf der TRIUMPH von der Rolle gearbeitet werden. Nach dem Krieg wurden auf dieser Anlage mit angeschlossenen Aggregaten vor allem Papier-Tragetaschen hergestellt.574 572 Vgl. Helmuth Reske, Tüten und Beutel als Werbeträger. In: Papier-Zeitung, Nr. 27/1935, 2.2.1935, S. 580, Sp. 1 f.; vgl. auch Tüten als Markenpackung. In: Papier-Zeitung, Nr. 46/1933, 10.6.1933, S. 767, Sp. 1 f.; zum Problem der Tüten/Beutel-Gestaltung s. auch Abschn. „Gefängnisarbeit“ der v. A. 573 Vgl. M. C. Schreiber, Tüten und Beutel. In: Offset – Buch- und Werbekunst, Blatt für Drucker, Werbefachleute und Verleger, 10/1936, S. 344 ff. 574 Vgl. Verpackte Märkte, Chronik-Anhang.
280 Teil I – Papierverarbeitung im 19. und 20. Jahrhundert Am 31. Mai 1935 wurde das (geheime) „Reichsverteidigungsgesetz“ erlassen, durch das die deutsche Wirtschaft viereinhalb Jahre vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges zur Rüstungsproduktion verpflichtet wurde.575 In der allgemeinen Wirtschafts- und Versorgungslage zeigten sich spätestens im Laufe des Jahres 1936 infolge des allgemeinen Rohstoffmangels erhebliche Probleme. Im Februar 1936 hatte der Vorstand des Aufsichtsrates der Gundlach AG/Bielefeld einen Betrag von 500 000 RM freigegeben, um zusätzlichen Lagerraum für die Vorratshaltung des graphischen Großbetriebes zu errichten, da die Lieferengpässe immer bedrohlicher wurden.576 Zur Bewältigung der Rohstoffund Versorgungsprobleme gehörte u. a. die groß angelegte Kampagne „Kampf dem Verderb“ (u. a. Altpapiersammlung). Um diese Probleme in den Griff zu bekommen und die Kriegsvorbereitungen voranzutreiben, wurde am 9. September 1936 von Adolf Hitler auf dem Reichsparteitag der NSDAP in Nürnberg der erste „Vierjahresplan“ verkündet. Beauftragter zur Durchführung des Plans mit weitreichenden Vollmachten war seit 29. Oktober 1936 Hermann Göring (1893–1946). Für die Kartonagen- und PapierwarenIndustrie stellte Paul Hertensteiner klar: „Die [...] Betrauung des Ministerpräsidenten Göring mit der verantwortlichen Durchführung des Vierjahresplans bietet die unbedingte Gewähr dafür, dass von der gewaltigen Forderung des Führers bei ihrer Umsetzung in die Wirklichkeit keine Abstriche geduldet werden. Sie lässt weiterhin keinen Zweifel darüber, dass etwa widerstrebende Elemente nötigenfalls mit soldatischer Unerbittlichkeit in die Gemeinschaftsfront dieses schweren deutschen Lebenskampfes hineingezwungen werden.“ 577
Die mit diesem Gesetz verbundenen Kampagnen zur Produktionssteigerung (am 1. Mai 1937 rief DAF-Führer Robert Ley [1890–1945] zum „Leistungskampf deutscher Betriebe“ auf578) wurden u. a. von der Betriebsführung der 1936 gegründeten Nord-West Tütenund Rollenpapier-Fabrik unterstützt – erstens „durch den höchstmöglichen sozialwirtschaftlichen und arbeitsfördernden Einsatz einer auf das Leistungsprinzip ausgerichteten Betriebsgemeinschaft. Zweitens: Durch die rationellste Ausnutzung stärkster Produktionsmittel.“579
Ende 1936 stand die schlesische Papierfabrik Ziegenhals, die ausschließlich Zeitungspapier herstellte, vor dem Konkurs. Sie konnte ihre 1000 Arbeitskräfte wegen Holz-/Rohstoffmangels nicht weiter beschäftigen, da sie nicht über die notwendigen Devisen verfügte.580 Im Dezember 1936 waren alle Waldbesitzer durch Verordnung verpflichtet worden, ihr Fichtenholz als Papierholz anzubieten. 581
1937 Das Jahr 1937 begann mit einer Einschränkung der Zellstoffzuteilung um ein Zwölftel des Jahres 1936 und bereits im Januar war in der Fachgruppe Papierwaren eine Verein575 Vgl. Walter, Einführung, S. 249; zur Geschichte der Kriegswirtschaft während der NS-Zeit vgl. u. a. Dietrich Eichholtz, Die Geschichte der deutschen Kriegswirtschaft 1939 bis 1945, Forschungen zur Wirtschaftsgeschichte, Bd. 1, 3., durchgesehene Aufl., Berlin (Ost) 1984. 576 Vgl. Mit Gutenberg ins Internet, S. 25, Sp. 1. 577 Hertensteiner, Der Nationalsozialismus lenkt die Wirtschaft, S. 506, Sp. 2. 578 Vgl. Walter, Einführung, S. 250.) 579 Vgl. Nordwest Papierwerke Karl Götze, Lindlar, Januar 1939, im Besitz des Verf. 580 Vgl. Deutschland-Berichte, 1936, , S. 1428. 581 Vgl. Deutschland-Berichte, 1937, S. 71.
Papierverarbeitung im 20. Jahrhundert
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barung getroffen worden, nach der der Hauptteil der Packpapiererzeugung bei der Belieferung der Packpapierverarbeiter nicht höher als im Jahre 1935 liegen sollte. Damit verzichtete diese Fachgruppe freiwillig auf etwa 20 Prozent der Papierlieferungen des Jahres 1936.582 Die Reichsschrifttumskammer/RSK hatte in einem vertraulichen Rundschreiben alle Zeitungs- und Zeitschriftenverleger aufgefordert, aus Gründen der Materialeinsparung ab 1. Januar 1937 den Umfang ihrer Ausgaben um zehn Prozent zu kürzen. In einigen Druckereien wurden Entlassungen mit Papiermangel begründet.583 Im Februar 1937 folgte die (preisregulierte) Bewirtschaftung des Altpapiers durch Anordnung Nr. 4 der Überwachungsstelle für Papier.584 Insgesamt wurden die Verhältnisse im Papierfach der staatlich gelenkten NS-Wirtschaft – insbesondere im Packpapierbereich – um die Jahreswende 1936/37 als „Chaos“ beschrieben.585 Die Papiererzeuger kamen mit den Aufträgen aus dem In- und Ausland nicht mehr nach. Die Nachfrage war während des gesamten Jahres 1936 im Rahmen der mit großem Propagandaaufwand begleiteten „Erzeugungsschlacht“ kontinuierlich gesteigert worden. Lediglich über die Preisstoppverordnung nach dem „Vierjahresplan“, die hier als erste umfassende und durchgreifende Maßnahme eingesetzt wurde, konnten die Behörden, die bereits eine Panik z. B. im Papierfach befürchteten, die Kontrolle über das Geschehen zurückgewinnen.586 Die Überwindung der Rohstoffschwierigkeiten wurde zum Anlass großer Aktionen der NS-Propaganda und des Parteiapparates. Der Leiter der Geschäftsgruppe „Rohstoffverteilung“ des Beauftragten für den „Vierjahresplan“ hatte die Gauleitungen der NSDAP beauftragt, die Sammlungen von Altmaterialien und Abfällen – einschließlich Altpapier – unter der Parole „Kampf dem Verderb“ zu organisieren. Die Gaubeauftragten der Partei hatten wiederum Kreis- und Ortsbeauftragte ernannt, die auf jeweils lokaler Ebene bis in kleinste Dorfgemeinden mit Versammlungen, Lichtbildvorträgen und Filmvorführungen für den Erfolg dieser Kampagne zu sorgen hatten.587 Im Frühjahr 1937 wurden die Lücken im „Vierjahresplan“ u. a. bei der Versorgung mit Papier und Pappe immer stärker bemerkbar. Die Zeitungsdruckereien wurden nur noch eingeschränkt beliefert. Die Papierrollen durften nicht mehr mit Holz umkleidet geliefert werden (Holzbewirtschaftung). Die dadurch verursachten Transportschäden vergrößerten jedoch den Papiermangel. Das Druckereipersonal durfte kein zu Blättern aufgeschnittenes Papier für den privaten Haushaltsbedarf mehr mitnehmen. Die Produktion von Papiertaschentüchern war nahezu völlig eingestellt. Die Herstellung von braunem Packpapier und braunen Pappen war untersagt worden.588 Im März 1937 gab die Wirtschaftsgruppe Einzelhandel auf Veranlassung des RWM und im Einvernehmen mit der Geschäftsgruppe Rohstoffverteilung beim Beauftragten für den „Vierjahresplan“ in einem Rundschreiben „Grundsätze für die Maßnahmen zur Einsparung von Verpackungsmaterial“ heraus. Oberst Fritz Löb, Offizier im Generalstab und Chef des weisungsberechtigten Amtes für deutsche Roh- und Werkstoffe“, informierte am 20. Oktober 1937 in einem „rich582 Vgl. Papier-Zeitung, Nr. 102-03/1937, 25.12.1937, S. 1786, Sp. 1. 583 Vgl. Deutschland-Berichte, 1937, S. 73. 584 Anordnung Nr. 4 vom 5.2.1937 „Preisbildung für Papierspäne und Altpapier“; vgl. u. a. Papier-Zeitung, Nr. 12/1938, 9.2.1938, S. 203, Sp. 1. Papierspäne sind Abfälle der Papierverarbeiter. 585 Vgl. Papier-Zeitung, Nr. 102-03/1937, 23.12.1937, S. 1786, Sp. 1. 586 Vgl. ebd. 587 Vgl. Deutschland-Berichte, 1937, S. 76 f. 588 Vgl. ebd., S. 389.
282 Teil I – Papierverarbeitung im 19. und 20. Jahrhundert tungweisenden“ Vortrag im „Haus der Flieger“ (Göring-Ministerium, Göring war Beauftragter des „Vierjahresplans“) die deutsche Papierwirtschaft über ihre Aufgaben, die sie im Zusammenhang mit der Erfüllung des „Vierjahresplanes“ zu leisten hatte und über die vom Amt herausgegebenen Grundsätze, die von der Wirtschaft dabei zu beachten waren. Als ein Grundsatz „im Kampf gegen die Papiervergeudung“ galt: „Der Sparsamkeit beim Einsatz der Rohstoffe soll die Sparsamkeit beim Papierverbrauch entsprechen.“589 Zum Vortrag geladen waren Vertreter der Wirtschaft, Partei, Wehrmacht, Behörden und Wissenschaft (Forschungsstätten für Holzchemie/Heidelberg, Papier-Technik/ Darmstadt). Danach lag es im Sinne des „Vierjahresplans“, dass zur Herstellung von Papier in erster Linie die Rohstoffe verwendet wurden, die im genügenden Umfang zur Verfügung standen. Wirtschaftlich falsch und gegen den Sinn des Plans gerichtet war es, für Verpackungszwecke qualitativ hochwertige Papiere zu verwenden, für deren Rohstoffbeschaffung Devisen eingesetzt werden mussten.590 Die gesamte deutsche Papierverarbeitung hatte allen Verbrauchern die Papiersorten anzubieten, welche den deutschen inländischen Rohstoffverhältnissen entsprachen und für den notwendigen Zweck noch ausreichend waren. Zukünftig waren weit mehr als bisher statt guter Holzsorten Papierabfälle, geringerwertige Holzqualitäten und Zellstoffabfälle zu verwenden. Von der Fachuntergruppe Packpapier erging an den Großhandel und an die Papierverarbeiter die Aufforderung, in jedem nur vertretbaren Falle vor allem aus Altpapier gewonnenes Schrenzpapier591 zu liefern und zu verarbeiten. Die Maßnahmen hatten den Zweck, jede Verschwendung und unnötige Verwendung von Verpackungsmaterial zu verhindern. Der Verpackungsaufwand sollte sich lediglich in angemessenen Grenzen bewegen und jeder übermäßige Aufwand unterbunden werden. Auch durch diese Maßnahme sollten spürbare Rohstoffeinsparungen erreicht werden. Bei dieser Aktion waren jedoch besonders auffällige Hinweise auf die Rohstofflage zu vermeiden, um nicht den Eindruck entstehen zu lassen, dass man in Deutschland genötigt wäre, auf primitive und unzureichende Verpackungsformen zurückgreifen zu müssen. Als nicht übertriebener Verpackungsaufwand galt, wenn Einwickelpapier, Tüten und Papierbeutel zum Schutz der Ware und aus hygienischen Gründen verwendet würden. Auch andere Zweige des Papierwarenfaches, wie die Briefumschlag- und Papierausstattungs-Industrie hatten trotz freiwilliger Vorleistungen und trotz bedeutender Ausfuhranteile Belastungen auf sich nehmen müssen, ohne vorher unterrichtet oder befragt worden zu sein. In einem Rundschreiben der Wirtschaftsgruppe Einzelhandel, „Grundsätze für die Maßnahmen zur Einsparung von Verpackungsmaterialien“ hieß es: „Die Maßnahmen zur Einsparung von Verpackungsmaterial im Einzelhandel, Großhandel und Handwerk haben den Zweck, jede Verschwendung und unnötige Verwendung von Verpackungsmaterial zu vermeiden. Es liegt nicht im Sinne dieser Maßnahme, den sich in angemessenen Grenzen bewegenden Verpackungsaufwand zu unterbinden. Vielmehr soll nur der übermäßige Verpackungsaufwand unterbunden werden, wodurch allein schon eine ins Gewicht fallende Papierersparnis zu erreichen ist. Dabei sind besonders auffällige Hinweise auf die Rohstofflage in dem Papiergebiet zu vermeiden, denn es darf nicht der falsche Eindruck erweckt werden, als wenn man in Deutschland genötigt sei, zu primitiven und unzureichenden Verpackungs589 Vgl. Papier-Zeitung, Nr. 85/1937, 23.10.1937, S. 1441, Sp. 2. 590 Der Importanteil an Fichtenholz zur Papierherstellung lag bei 60 Prozent; vgl. Rundschreiben Nr. 12 der Fachuntergruppe Packpapier vom 28.11.1938 (VP-Firmenarchiv München). 591 Vgl. Rundschreiben der Fachgruppe Papier, Nr. 10. vom 17.11.1938; vgl. auch VP-Rundschreiben Nr. 258, vom 25.11.1938 (VP-Firmenarchiv München).
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maßnahmen zu schreiten. – Beispiele übermäßigen Verpackungsaufwandes, wie er sich gerade in den letzten Jahren entwickelte, sind zahlreich vorhanden. So ist man z. B. erst in letzter Zeit dazu übergegangen, Gefäße zum Einkauf feuchter oder flüssiger Waren nicht mehr mitzubringen und Waren und dergl. doppelt und dreifach einzuwickeln. Es ist aber kein übermäßiger Verpackungsaufwand, wenn z. B. Tüten oder Beutel zur Verpackung von Waren verwendet werden, die einer derartigen Verpackung zu ihrem Schutz oder aus hygienischen Gründen bedürfen. Es heißt, den Verpackungsbedarf über das gewollte Maß hinaus zu drosseln, wenn z. B. die Käufer in den Läden aufgefordert werden, für solche Waren, die bisher zweckmäßig in Tüten, Beuteln oder dergl. verpackt worden sind, selbst Verpackungsmaterial mitzubringen, zumal das mitgebrachte Verpackungsmaterial oft den notwendigen Ansprüchen nicht genügt. Es ist selbstverständlich, dass die Verkäufer in diesen Fällen ihren Abnehmern auch nicht erklären dürfen, diese notwendige und bisher angewendete Verpackungsart sei nunmehr durch ,höhere Anordnungʻ verboten. – Warenschutz und Hygiene dürfen somit nicht außer Acht gelassen werden. Darüber hinaus sollen grundsätzlich berechtigte Wünsche der Käufer, die eine besondere Verpackung zu Geschenkzwecken und aus ähnlichen Gründen erbitten, von den Verkäufern nach Möglichkeit auch berücksichtigt werden. – Ein Erfolg der Maßnahmen ist nur gewährleistet, wenn die Verbraucher von ihrer Notwendigkeit überzeugt sind. Diese Überzeugung soll bei ihnen möglichst durch Einzelhinweise gestärkt werden. Bei der Wahl der Beispiele ist aber sorgfältig zu prüfen, ob es sich in den gegebenen Fällen tatsächlich um eine ,Verschwendungʻ handelt. – Bei der Propaganda im Einzelhandel selbst soll im übrigen als Zwecke der Maßnahme die Ersparnis von unnötigen Verpackungen in den Vordergrund gestellt werden, nicht aber der Gedanke, dass der Kaufmann durch Einsparung von Verpackungsmaterial seinen Betrieb kaufmännisch entlasten kann.“ 592
Unter all diesen Schwierigkeiten hatte das Papierwarenfach offenbar am meisten zu leiden. Bereits seit der Jahreswende 1935/36 war es zu immer neuen Formen der Sortenund Preisverschiebung/-veränderung vor allem im Teilbereich Schrenz- und mittlere Packpapiere gekommen.593 „Aber nicht genug damit, man hat es auch für richtig befunden, gerade diesen so schwer vorbelasteten Teil der Papierverarbeitung, der zudem durch seine freiwillige Kontingentierung [im Jahre] 1935 mehr als jede andere Gruppe zugunsten des Gesamtfaches vorgeleistet hatte, mit der bekannten Papierersparnisaktion des Einzelhandels und des Handwerks zu überraschen. Es ist nur zu hoffen, dass die regelwidrige Sparmaßnahme gegen das Fach und ohne das Fach aus dem Bereiche fachfremder Werbung mit völlig unkontrollierbaren Auswirkungen in die geregelten Bahnen des sorgfältig im voraus überdachten und planmäßig in dem Zusammenhang des Gesamtfaches [...] übergeleitet wird.“594
Ab 1938 wurde für die Produktion von Tüten und Beuteln fast nur noch Schrenzpapier eingesetzt. Offenbar sah der Einzelhandel einen Vorteil darin, über diese Aktion auch Kosten zu sparen. In den Fachzeitschriften des Einzelhandels wurde, mit Genehmigung oder gar auf Wunsch der zuständigen Behörden595, offensiv gegen die Verpackungsverschwendung Stellung bezogen und mehr oder weniger dazu aufgefordert, nach Möglichkeit 592 Vgl. Rundschreiben der Wirtschaftsgruppe Einzelhandel, Grundsätze für die Maßnahmen zur Einsparung von Verpackungsmaterialien, hrsg. v. der Wirtschaftsgruppe Einzelhandel des Reichswirtschaftsministeriums und im Einvernehmen mit der Geschäftsgruppe Rohstoffverteilung beim Beauftragten für den Vierjahresplan, Berlin, März 1937 (VP-Firmenarchiv München). 593 Vgl. Papier-Zeitung, Nr. 102-03/1937, 23.12.1937, S. 1786, Sp. 2. 594 Fritz Coerper [Fachgruppe Papierwaren], Rohstoffwende im Papierwarenfach. In: PapierZeitung, Nr. 102-03/1937, 23.12.1937, S. 1786, Sp. 2. Die Zuständigkeit für Sparmaßnahmen im Verpackungswesen wurde im April 1939 vom Wirtschaftsminister auf die Reichsstelle für Papier und Verpackungswesen übertragen; vgl. Papier-Zeitung, Nr. 38/1939, 13.5.1939, S. 847, Sp. 1. 595 Vgl. Sparsamkeits-Grundsätze des Amtes für deutsche Roh- und Werkstoffe „im Kampf gegen die Papiervergeudung“ vom Oktober 1937 (Papier-Zeitung, Nr. 85/1937, 23.10.1937, S. 1441).
284 Teil I – Papierverarbeitung im 19. und 20. Jahrhundert weitestgehend auf Verpackungsmaterialien zu verzichten.596 So wurden z. B. in Dresdener Lebensmittelgeschäften über Aushänge dafür geworben, für Marmelade Schüsseln mitzubringen, um Papier zu sparen. In fast allen Geschäften wurde über Plakate dazu aufgefordert, Taschen, Netze oder Packpapier mitzubringen. „Der Versand von Frühgebäck durch die Mitglieder unserer Innung kann in Zukunft nicht mehr in Papiertüten erfolgen, da wir im Zeichen des Vierjahresplans helfen wollen und müssen, deutsche Rohstoffe zu ersparen. Wir erbitten für die Maßnahme die verständnisvolle Unterstützung der deutschen Hausfrau. Durch ständige Bereitstellung von eigenen Beuteln wird diese Hilfe am besten gewährleistet. Auch bei den täglichen Einkäufen bitten wir, nach Möglichkeit Beutel, Taschen und Körbchen zu benutzen. Die Bäcker-Innung. [...] Wer auf überflüssige Verpackung verzichtet, erspart wertvolle Rohstoffe. Wirtschaftgruppe Einzelhandel.“597
Dagegen wehrte sich die Verpackungsmittel herstellende Industrie und wies auf ihren Anspruch hin, ebenso wie der Einzelhandel an die Existenzsicherung denken zu dürfen.598 Im Bereich Büromaterial, Schreibmaschinenpapier und anderen Sorten (Durchschlag-, Blaupapier usw.) kam es zu Lieferfristen bis zu drei Monaten. Die Geschäftsund Lieferbedingungen wurden zunehmend verschärft. Die Lieferungsmöglichkeiten blieben je nach Lage der Rohstoffversorgung vorbehalten. Qualitäts- und Preisabweichungen blieben je nach Kartell- oder Behördenanordnung ebenfalls vorbehalten. Dem Abnehmer stand es jedoch frei, in solchen Fällen vom Vertrag zurückzutreten. 599 Bereits Anfang 1937 hatte der Geschäftsführer der Fachgruppe 4 Papier- und Papierverarbeitung (Papierwaren) der Wirtschaftsgruppe Druck und Papierverarbeitung, Dr. Fritz Coerper im Zusammenhang mit dem „Vierjahresplan“ die Abnehmer der Mitgliedsfirmen dieser Fachgruppe in einem Rundschreiben über einen allgemein anstehenden „Sortenwandel“ (Qualitätsminderung) informiert. Um Devisen bei der Rohstoffbeschaffung (Holz für die Zellstoffindustrie) zu sparen, sollte zukünftig vor allem devisenfreies Holz (Kiefern, Buchen), aber auch Stroh, Abfallzellulose, Holzspäne und Altpapier verarbeitet werden. Zur Sprachregelung gehörten auch die Begriffe „Qualitätsveränderung“, „Qualitätsumstellung“, „Sortenbereinigung“ und „zweckbedingte Papierqualitäten“. „Als zweckbedingtes Papier ist das Papier anzusehen, welches in der Qualität und im Aussehen für die Verpackung oder Einschlagen eines entsprechenden Verbrauchsgutes noch genügt.“600
Den Produzenten, die bis dahin in der Hauptsache Cellulose- und Bastpapier als Packpapier herstellten, bedeutete der „Sortenwandel“ für „zweckbedingtes Papier“ zusätzliche Produktionsprobleme, da die schnelllaufenden Verarbeitungsmaschinen für minderwertige Qualitäten nicht ausgelegt waren.601 Die Papiererzeugung und die Papierverarbeitung hätten sich gemeinsam darum zu bemühen, für den Verbrauch nur solche Sorten herzustellen, die sich für den jeweiligen Verwendungszweck noch hinreichend eigneten. Das Aussehen der Ware hätte dabei von nachrangiger Bedeutung zu sein – „wir müssen alle umlernen“.602 Die Erzeugung hoch596 597 598 599 600
Vgl. Deutschland-Berichte, 1937, S. 655. Deutschland-Berichte, 1938, S. 60 f. Vgl. Rundschreiben Nr. 212 (1937) der VP (VP-Firmenarchiv München). Vgl. Deutschland-Berichte, 1937, S. 654 f. Vgl. Rundschreiben der VP-Leitung an die Außendienst-Mitarbeiter, München, 30.12.1938 (VPArchiv München). 601 Vgl. ebd. 183 Vgl. „Sortenwandel“ Rundschreiben der Fachgruppe 4 Papier- und Papierverarbeitung der Wirtschaftsgruppe Druck und Papierverarbeitung, Berlin (1937), VP-Firmenarchiv München.
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wertiger Zellstoffarten wurde insgesamt eingeschränkt und dadurch bedingt auch die mengenmäßige Erzeugung und Sortenbeschränkung hochwertiger Papiere, Kartons und Pappen vorgenommen. Es wurden Verwendungsverbote bestimmter Sorten für bestimmte Erzeugnisse erlassen603 und Verwendungsgebote bestimmter Sorten für bestimmte Verwendungszwecke ausgesprochen.604 Durch die Sortenumstellung/Qualitätsminderung wurde die Altpapierverwertung in den Jahren 1937/38605 zum beherrschenden Thema der Branche, wobei die Fachuntergruppe Packpapier von ihren Mitgliedern erwartete, dass sie da „wo es nötig ist, [den] Abnehmern die Verhältnisse in ruhiger und sachlicher Weise schildern, dass diese andere Papiere nicht nur notgedrungen verwenden, sondern dass sie von ihrer nationalwirtschaftlichen Pflicht überzeugt sind und dies gern und freudig tun.“606
Hiervon war vor allem auch die Markenartikel-Industrie betroffen, die nach Ansicht der Abteilung Presse und Propaganda in der Hauptabteilung 1 der Wirtschaftsgruppe in der Vergangenheit die Verpackungsmittel nicht nur mengenmäßig, sondern auch qualitätsmäßig zu einem wahren Luxusgut entwickelt hatte, dem jedoch jede Berechtigung fehle. Wo am Wert der eigentlichen Ware keine Veränderungen oder Verbesserungen mehr möglich waren, da sollten für den Wettbewerb Verpackung und Ausstattung den Ausschlag geben. Auch aus Wettbewerbsgründen schien es ungesund, wenn sich der Verbraucher fragen müsse, ob er nun für die oft minderwertige Ware oder für die häufig hochwertige Verpackung bezahlt hätte.607 Gleich zu Beginn des Jahres 1937, am 20. Februar, hatte die Überwachungsstelle für Papier im Auftrag des Reichsbeauftragten für Papier (Dr. Loos) die Anordnung Nr. 5 erlassen, die sich auf die „Verwendung von Zellglas“ bezog und nach der Zellglas als Umhüllungsmittel nur für Lebens- und Genussmittel sowie für Verbandsstoffe unter bestimmten Voraussetzungen zugelassen wurde.608 1939, mit Kriegsbeginn, wurde – bis auf wenige Ausnahmen (z. B. Oetker,609 Bahlsen, Ricena-Kindernahrung) – die Herstellung von Markenartikeln endgültig untersagt. An ihre Stelle traten Einheits- und Ersatzprodukte in tristen Notpackungen. Auch für gewerbliche Reklame sollten im Rahmen des „Vierjahresplans“ Einschränkungen durchgesetzt werden. Nach Ansicht eines Vertreters der Fachgruppe Handel sollten Reklame und Geschäftsbesuche durch Vertreter/Reisende 603 Z. B. in der Anordnung Nr. 9 der Reichsstelle vom 10.11.1937, nach der die Verwendung von Papier, Papiertüten oder sonstigen aus Papier oder Pappe hergestellten Verpackungsmitteln im Hausbrand-Handel verboten wurde; vgl. Hans Bornschier, Papier von A – Z. Praktischer Wegweiser durch die Anordnungen der Reichsstelle für Papier und Verpackungswesen, hrsg. v. Fachamt Druck und Papier der Deutschen Arbeitsfront in Gemeinschaft mit der Reichsstelle für Papier und Verpackungswesen, Berlin 1941, S. 32. 604 Vgl. Handbuch für Papier, Schrift und Druck, S. 570. 605 Die Altpapier-Bewirtschaftung war im Februar 1937 eingeführt worden (Anordnung Nr. 4, Neufassung Jan. 1940); vgl. Grundfragen der Papierwirtschaft, Berlin 1941, Zeittafel. 606 Rundschreiben Nr. 12 der Fachuntergruppe Packpapier (Berlin), vom 28.11.1938. 607 Vgl. Handbuch für Papier, Schrift und Druck, S. 569. 608 Vgl. Reichs- und Staatsanzeiger, Nr. 44, 23.2.1937. Dieses Verbot wurde auf Intervention der herstellenden Industrie am 3.7.1937 wieder aufgehoben (vgl. Bornschier, Papier von A – Z, S. 228). 1943 musste die Produktion von Zellglas im Vergleich zu 1939 sogar noch gesteigert werden – 1926 lag die jährliche Herstellungsmenge in Deutschland bei 300 t, 1930 bei 1000 t, 1940 bei 5000 t (vgl. Cellophan – Erfindung und Welterfolg, hrsg. zum 50jährigen Arbeitsjubiläum von Adolf Todt bei der Kalle & Co. AG (Text v. Franz Ulrich Gass), WiesbadenBieberich 1956, S. 48 f. u. 116). 609 Zum besonderen Verhältnis des Oetker-Konzerns zu den politischen Eliten sowohl des Kaiserals auch des NS-Reiches vgl. insbes. Jungbluth, Die Oetkers.
286 Teil I – Papierverarbeitung im 19. und 20. Jahrhundert ganz eingestellt werden, da derartige Aktivitäten durch die NS-Vorratswirtschaft völlig überflüssig wären. Papier und Pappe für derartige Werbe- und Auftragseinsätze wurden nicht mehr zugewiesen. 610 Um die Papierversorgung auf das Notwendigste zu beschränken, waren ab Sommer 1937 Einsparungen bei Postkarten, Geschäftspapieren, Aktendeckeln, Schulheften oder Zigarettenpackungen vorgesehen bzw. im Dezember per Anordnung endgültig festgelegt. Für bestimmte Papiersorten wurden Beimischungen angeordnet. Im Tapetenhandel wurde für die Verkaufszeit ab 1938 die Anzahl der Musterkarten auf höchstens 500 Blatt erlaubt und im Format beschränkt.611 „Die Gewerbe, die mit Papier zu tun haben, unterliegen straffen Kontrollen612.“ Mit Runderlass vom 20. Juli 1937 verpflichtete der Reichsarbeitsminister die untergeordneten Dienststellen, für die sparsamste Verwendung aller Papiere zu sorgen. Insbesondere durften keine hochwertigen Papiere für den Geschäftsverkehr verwendet werden. Für Ablagen zur Aktenführung war nur holzhaltiges Papier vorzusehen. Innerdienstlicher Schriftverkehr war notfalls auch zweiseitig auszuführen. Grundsätzlich sollte die Mehrfachverwendung von Papier beachtet werden usw.613 Nach dem Weihnachtsgeschäft 1937 konnte der Einzelhandel feststellen, dass an Weihnachtsverpackung sehr gespart worden und dass Bett- und Tischwäsche ausnahmslos ohne Karton verkauft worden war. Druckereien, die im Januar Papier bestellt hatten, konnten mit der Auslieferung erst im Dezember rechnen.614 Der allgemeine Versorgungsmangel bereits in Friedenszeiten drückt sich auch in einem Aufruf der Papierfabrik Ismaning (Bayern) vom 25. September 1937615 an ihre Vertreter aus, sich nach Beschaffungsquellen für Bandeisen und Nägel umzusehen. Das Unternehmen befand sich sehr in Verlegenheit, da infolge des Mangels an Eisen keine reguläre Beschaffung möglich war.616 Auch in der Fachpresse ergingen Ratschläge zur Materialeinsparung. Die Papier-Zeitung veröffentlichte im Dezember 1937 einen Hinweis, wie Bindfäden so zu verknoten wären, dass man sie ein zweites Mal verwenden könne.617
1938 1938 lag die deutsche Papierproduktion bei 48 kg je Kopf der Bevölkerung. Gegenüber 1906/07 (mit knapp 20 kg) bedeutete das weit mehr als eine Verdoppelung.618 Hergestellt wurden u. a. – 12 Mrd. Briefumschläge – 500 Mio. Papiersäcke 610 611 612 613 614 615
Vgl. Deutschland-Berichte, 1938, S. 64 f. Vgl. Deutschland-Berichte, 1937, S. 985. Ebd., S. 1731 f. Vgl. ebd., S. 1421 f. Vgl. Deutschland-Berichte, 1938, S. 64. Für dasselbe Jahr konnte das Unternehmen allerdings eine „stürmische Nachfrage“ seiner Produkte verzeichnen, die jedoch bei der „Knappheit an Papier und Verpackungsmaterial“ kaum zu befriedigen war; vgl. Rundschreiben der VP-Leitung an die Außendienst-Mitarbeiter vom 30.12.1938 (VP-Firmenarchiv München). 616 VP-Archiv München. 617 Vgl. Papier-Zeitung, Nr. 96, Berlin, 1.12.1937, S. 979, Sp. 1; vgl. zu diesem Thema auch Deutschland-Berichte, 1938, S. 64 f. 618 Um 1945 war diese Menge jedoch wieder auf 10 kg gesunken; vgl. apr, Nr. 9/1958, S. 412.
Papierverarbeitung im 20. Jahrhundert
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100 Mio. Rollen Tapeten 80 Mio. Schnellhefter 20 Mio. Briefordner.619
1938 wurde in Mainz die Forschungsstelle Papiergeschichte (FPG) eingerichtet.620 Träger der Einrichtung war der Verein ZELLCHEMING (Verein der Zellstoff- und Papiertechniker und -ingenieure, gegr. 1935) mit dem 1937 gegründeten Unterausschuss Papiergeschichte und Wasserzeichenkunde. Erster Leiter war Alfred Schulte (1900–1944).621 Nach Ende des Zweiten Weltkrieges wurde die Forschungsstelle als Abteilung Papiergeschichte dem Deutschen Museum in München zugeordnet.622 Ebenfalls 1938 wurde in Osnabrück durch Herbert Eklöh der erste Selbstbedienungsladen Europas eröffnet und damit der Einstieg in ein Verkaufssystem geschaffen, das nach Ende des Zweiten Weltkrieges größte Auswirkungen auf das Verpackungswesen hatte. Im Juli 1935 war die Errichtung der (Preis-)Prüfungsstellen a) Papierindustrie und b) Druck und Papierverarbeitung erfolgt. Ab Juni 1938 waren die Überwachungsstellen mit den Prüfungsstellen vereinigt. Für die Papierindustrie wurde Friedrich Dorn Reichsbeauftragter. Dr. Lorenzen wurde ab Juni 1938 Reichsbeauftragter für die Prüfungsstelle Druck und Papier-Verarbeitung.623 Zwei Jahre zuvor, 1936, wurde unter dem wachsenden Druck der Judenverfolgung dem leitenden Prokuristen der weltgrößten Geschäftsbücher-Fabrik König & Ebhardt/Hannover, Heinz C. Meyer, einem Schulkameraden und persönlichen Freund des Firmeninhabers und SS-Mitglieds Hermann Ebhardt die Prokura entzogen. Meyer gelang es im Frühjahr 1939, unter dem Schutz von Hermann Ebhardt nach London zu emigrieren. Ein ähnliches Beispiel dafür, dass jeder „seinen anständigen Juden“ kannte, und die NS-Führung damit immer wieder vor Probleme stelle, wird aus Jülich/Rld. berichtet: „Der Altpapierhandel Englands lag [in den 1930er Jahren] weitgehend in jüdischer Hand und seine Repräsentanten waren klare, verlässliche, sachkundige Kaufleute, denen [der anglophile] Walther Gissler [1887–1960, Gissler & Pass/Jülich] sehr zum Ärger der damals herrschenden Nationalsozialisten die Treue hielt, bis der Krieg ausbrach. [...] Walther Gissler, der seinen Geschäftsfreund Levy, einen Altpapierhändler in Hamburg, rechtzeitig vor dem Ausbruch der ‚Reichskristallnacht‘ warnen konnte und von dem er zum Dank dafür nach dem deutschen Zusammenbruch englische und schwedische Rohstofflieferungen bekam.“624
Zu den justiz-/rassepolitischen Kampagnen des Jahres 1938625 (Judenpogrom/„Reichskristallnacht“ – 9. November) gehörte insbesondere die endgültige „Entjudung“. d. h. die endgültige „Ausschaltung des artfremden Einflusses in der deutschen Wirtschaft.“626 Von 619 Vgl. Papier-Zeitung, Nr. 50/1939, 14.6.1939, S. 1037, Sp. 1. 620 Vgl. Armin Renker, Die Forschungsstelle Papiergeschichte im Gutenbergmuseum Mainz, 1956. 621 Vgl. Frieder Schmidt, Forschungsprogramme der deutschen Papiergeschichte – Ein Überblick. In: Zum Stand der Papiergeschichtsforschung in Deutschland. Symposium mit Papierhistorikern und -wissenschaftlern anlässlich des 600jährigen Jubiläums der Papiermacherei in Deutschland, hrsg. v. Günter Bayer, Frankfurt/M. 1993, S. 16. 622 Vgl. Weiß, Zeittafel. 623 Vgl. Grundfragen der Papierwirtschaft, Berlin 1941, Zeittafel. 624 Gissler-Weber, Der Gissler-Stamm, S. 41, Sp. 2 f.; Gissler-Weber gibt nicht an, aus welcher Quelle er diese (Vor-)Information bezieht. 625 „Verordnung zur Ausschaltung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben“ vom 12.11.1938 (RGBl. I, S. 1580). 626 Vgl. ebd.; vgl. auch Deutsche Justiz, Nr. 25/1938, 24.6.1938, S. 988, Sp. 1. – „Anfang der [1870er] Jahre, wo sich der Kapitalismus mit starkem jüdischem Einschlag mit hohen Profiten
288 Teil I – Papierverarbeitung im 19. und 20. Jahrhundert dieser Kampagne betroffen war zeitweise auch die Feldmühle, Papier- und Zellstoffwerke AG/Stettin. Bereits im November 1935 war in einer 1. Verordnung zum Reichsbürgergesetz festgelegt worden, dass jüdische Gewerbebetriebe als solche zweifelsfrei zu kennzeichnen seien. Davon betroffen jedoch waren in der alltäglichen Praxis vor allem Einzelunternehmen (Ladengeschäfte, Handelsunternehmen usw.). Im Mai 1938 drückte u. a. ein „Gefolgschafts“-Mitglied der Melitta-Werke/Minden627 im „Briefkasten“ der „Melitta-Werkzeitung“ (Nr. 5) seinen Unmut darüber aus, dass es in den Reihen der Werksgemeinschaft immer noch Menschen gebe, „die ohne Juden scheinbar nicht fertig“ würden. Der Betriebsangehörige wollte wissen, ob solche Leute weiterhin das Recht hätten, „sich als deutsche Volksgenossen zu betrachten“ und ob es der „Gefolgschaft“ zugemutet werden könne, „solche Menschen in den Reihen der Werksgemeinschaft zu dulden.“ Die Redaktion der „Melitta-Werkzeitung“ antwortete dem „lieben Arbeitskameraden“, dass die Juden tatsächlich wohl noch immer von deutschen Volksgenossen unterstützt würden, da sie ihre Geschäfte sonst längst hätten schließen müssen. „Wir wollen auch nicht hoffen, dass es auch in unseren Reihen Judenfreunde gibt. Wir würden sie fristlos entlassen. Dies mag sich jeder merken, der sich noch irgendwie zu den Juden hingezogen fühlen sollte.“
Nachstehend wurden alle (rund 30) Mindener Juden aufgezählt, die ein Geschäft bzw. ein Gewerbe (Viehhandel, Pferdehandel, Lumpenhandel, Rechtsanwalts-Kanzlei usw.) ausübten, damit keiner sagen könne, „er habe nichts gewusst usw.“.628 Im Juli 1938 gab Horst Bentz während einer Betriebsversammlung u. a. persönlich bekannt, „[...], dass jeder, der beim Juden kauft, fristlos entlassen wird [...] Wer künftig überhaupt noch in jüdischen Geschäften gesehen wird, einerlei ob er kauft oder nicht, gehört nicht zu uns und muss fristlos entlassen werden.“629
Mit der 3. Verordnung vom 14. Juni 1938630 sollten von dieser Kennzeichnungspflicht auch die Gesellschafts-Unternehmen (Aktiengesellschaften usw.) in vollem Umfang erreicht werden. Der Vorstand der Feldmühle AG sah sich seit Anfang des Jahres 1938 wiederholt veranlasst, „entstellende Behauptungen zurückzuweisen“ und nachdrücklich herauszustellen, dass „die Feldmühle selbstverständlich kein jüdisches Unternehmen“ sei.“631 Der Vorsitzende, alle Mitglieder des Präsidiums und alle Mitglieder des Aufsichtsrates sowie der Vorsitzende und alle Mitglieder des Vorstandes seien „rein arisch“ und zum Teil NSDAP-Mitglieder. Schließlich konnte die Feldmühle darauf hinweisen, dass auch alle leitenden Angestellten sowie – soweit feststellbar – alle Gefolgschaftsmitglieder arisch waren und die Betriebsordnung die Vorschrift enthielt, dass bei Einstellungen die DAF-Mitgliedschaft als Voraussetzung nachzuweisen wäre.632 Als Grund für die Notwendigkeit dieser Klarstellungen gegenüber der „Zentralstelle für die wirtschafts-
627 628 629 630 631
632
und zugleich Verelendung großer Arbeitermassen austobte ...“, so die Formulierung von Kloth, Papierverarbeitung, S. 41. Melitta-Werke s. auch Abschn. „Veredelte Papiere“ der v. A. www.zg-minden.de (Stand: 23.12.2009). Ebd., 12.12.2008. Veröffentlicht im RGBl. I/91 vom 15.6.1938, u. a. wiedergegeben unter dem Titel „Was ist ein jüdischer Betrieb?“ in: Berliner Börsen-Zeitung, Nr. 276, vom 16.6.1938. Vgl. Aufstellung der Feldmühle-Aktien nach arischem und nichtarischem Besitz, Stettin, 13.2.1938, Stiftung Westfälisches Wirtschaftsarchiv/WWA Dortmund, o. Sign; am 12.11. d. J. wurde förmlich/amtlich die „Verordnung zur Ausschaltung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben“ erlassen. Vgl. Aufstellung der Feldmühle-Aktien.
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politischen Organisationen der NSDAP“/Berlin, der „Zentralstelle der Deutschen Arbeitsfront – Reichsbezugsquellen-Archiv“/Berlin sowie der IHK Stettin nannte die Feldmühle die wiederholt gemachte Erfahrung, „dass von böswilligen Vertretern unserer Konkurrenz die Mitteilung gemacht oder weitergegeben wurde, [...] dass die Feldmühle ein nichtarisches Unternehmen sei. In vielen Fällen konnten wir die eigensüchtigen Beweggründe [...] sogar feststellen.“633
Die viel beschworene „Kameradschaft der Fachgenossen im nationalsozialistischen Geiste“ entlarvte sich hier als bloße Floskel im Konkurrenzkampf. Die Unterstellung, „jüdisch/ nichtarisch“ zu sein, geriet der Feldmühle zusätzlich zum Problem bei der Absicht, die Hauptverwaltung während des Sommers 1938 von Stettin nach Berlin zu verlegen. Das NSDAP-Kampfblatt „Das Schwarze Korps“ mutmaßte hinter dieser Absicht die Flucht des Vorstandes aus der unmittelbaren Nähe der Gauleitung Pommern (Stettin), die ein besonders eifriges Interesse an der „Entjudung des Konzerns“ gezeigt hätte.634 Die Hauptverwaltung der Feldmühle war während des ganzen Sommers des Jahres 1938 (neben dem Umzug nach Berlin) voll damit beschäftigt, von einer Vielzahl deutscher und Schweizer Banken den Nachweis der arischen/nichtarischen Aktienanteile am Unternehmen zu erbringen. Schließlich stellte das RWM am 1. Oktober 1938 nach eingehender Prüfung aller Feldmühle-Angaben und -Unterlagen amtlich fest, dass das Unternehmen „nicht als jüdischer Betrieb im Sinne der 3. Verordnung zum Reichsbürgergesetz [...] anzusehen“ sei.635 Im Sommer desselben Jahres zeigte der Zigarettenpapier-Hersteller Fritz Kiehn/ Trossingen (Efka) offen sein besonderes Interesse an der „entjudeten/arisierten“ Zigarettenpapier-Fabrik Fleischer in Eislingen. Die Industriellenfamilie Fleischer hatte nach massivem Zwang, persönlichen Bedrohungen, Einschüchterungen, Repressalien, Schikanen und Intrigen im Juni 1938 Deutschland verlassen müssen. Im Hintergrund dieser „Entjudungs“maßnahme stand nach dem Eindruck der Familie Fleischer und ihrer Vertrauensleute „der Herr Präsident Kiehn mit seinem mächtigen Einfluß bei SS und Gestapo“636. Nach über zweijährigen Kompetenz-, Rivalitäts- und Korruptionsrangeleien im NS-Apparat, die sowohl auf Reichs- wie auch auf Gauebene ausgetragen wurden – und in Konkurrenz zum Großkaufmann und „alten Kämpfer“ Gustav Schickedanz/ Nürnberg (Gründer des Versandhauses „Quelle“) – konnte Fritz Kiehn die Papierfabrik Fleischer/Eislingen im April 1940 zu einem Fünftel des ursprünglichen Kaufpreises für fünf Jahre (bis 1945) unter der Bezeichnung „Papierfabrik Fritz Kiehn“ endgültig erwerben.637 Im Zusammenhang mit „der fortschreitenden Entjudung der Wirtschaft“638 erhielt der „Betriebsführer“ der Firma Meirowsky & Co. AG/Köln im Februar 1941 von der „Gauwaltung der Deutschen Arbeitsfront“ (DAF Köln-Aachen) ein vertrauliches Schreiben, in dem mitgeteilt wurde, dass beim Reichswirtschaftsminister der Entwurf einer Verordnung vorliege, nach der „jüdische Firmenbezeichnungen, auch wenn sie nicht jüdisch klingen, entfernt werden“ müssten.639 Das Unternehmen war 1894 durch Max 633 634 635 636 637 638
Vgl. ebd. Vgl. Das Schwarze Korps, 23.6.1938, Folge 25, Seite 14, Sp. 2. Vgl. Reichswirtschaftsministerium, Berlin, 1.10.1938. Vgl. Berghoff/Rauh-Kühne, Fritz K., S. 130 f. Vgl. ebd., S. 125 ff. und 133 ff.; vgl. auch Abschn. „Zigarettenpapier ...“/Fritz Kiehn der v. A. Gewerblicher Rechtsschutz und Urheberrecht, Berlin, Januar/1940, Nr. 1, S. 21; zum Thema „Entjudung“ vgl. u. a. auch Johannes Ludwig, Boykott, Enteignung, Mord – Die „Entjudung“ der deutschen Wirtschaft, Hamburg 1989. 639 Vgl. Schreiben der DAF-Gauwaltung Köln-Aachen („vertraulich“) vom 17.2.1941 In: Chronik-Ordner, 1. Geschichtliche Entwicklung des Werkes, Archiv Lamitec/Dielektra Köln-Porz.
290 Teil I – Papierverarbeitung im 19. und 20. Jahrhundert Meirowsky (1866–1949) zur Herstellung von Elektro-Isolatoren gegründet worden. Meirowsky war bereits 1919 aus der Firmenleitung und aus der Firma vollständig ausgeschieden.640 Der Obmann empfahl, frühzeitig Überlegungen für eine Namensänderung anzustellen.641 Im August 1941 musste die weltweit eingeführte Firmenbezeichnung „Meirowsky & Co. AG“ aufgegeben und durch eine neutrale Bezeichnung ersetzt werden.642 Das Unternehmen nannte sich fortan „Dielektra“.643 Mit dieser Entscheidung hatte die Firmenleitung offenbar Probleme. In einer kurz darauf erschienenen DielektraVeröffentlichung wurde Max Meirowsky weiterhin und ausdrücklich für seine Verdienste in der Firmengeschichte und der Geschichte der Isoliermaterialien in der Elektrotechnik namentlich gewürdigt.644 Am 7. November 1938 war in Paris der deutsche Botschaftsangehörige Ernst vom Rath von dem jüdischen Jugendlichen Herschel Grünspan aus privaten Gründen erschossen worden. Am 9. November kam es (auch deshalb) zum reichsweiten Judenpogrom („Reichskristallnacht“). In der Dezember-Ausgabe der „Melitta-Werkzeitung“ (Nr. 12) äußerte die Redaktion der Werkszeitung ihre Empörung darüber, dass das Ausland es gleich als „barbarisch“ bezeichne, „wenn sich die deutsche Volksseele voller Empörung ob solcher Scheußlichkeiten ein wenig Luft“ mache. „Juda zittert um seine Existenz! Es appelliert an das Mitleid der Welt.“ Aber das Ausland wolle die Juden auch nicht haben. „Wir sollen uns [...] mit diesem dickfelligen Geschmeiß herumbalgen. Hoffentlich haben die Kinder Israels, die noch in Deutschland umherwatscheln, jetzt endlich den [...] Einfall [...], daß sie schnellstens verduften.“
Wenn jeder deutsche Volksgenosse seiner Pflicht, nicht „beim Juden“ zu kaufen genügt hätte, „hätte es am 9. November nicht mehr so viele jüdische Schaufenster gegeben.“ Den Volksgenossen aber, die immer noch „beim Juden“ kauften, hätte man allen „Eisbeutel auf ihr außer Takt geratenes Denkgehäuse legen sollen. Nun ist das ja nicht mehr nötig.“ Es waren jedoch immer noch Stimmen zu hören, dass Juden auch Menschen seien – aber: „In der Judenfrage hat das Herz zu schweigen!“ Auch die Kinder seien davon nicht auszunehmen. „Jeder Judenlümmel wird einmal ein ausgewachsener Jude.“ Auch mit den in Minden bekannten anständigen Ärzten sei keine Ausnahme zu machen. „Bringt die Schandmäuler, die vom Juden sagen, daß er gute Eigenschaften habe, zum Schweigen.“645
640 Vgl. Abschn. „Hartpapiere“/Meirowsky der v. A. 641 Vgl. Schreiben der DAF-Gauwaltung Köln-Aachen („vertraulich“) vom 17.2.1941. In: Chronik-Ordner, Archiv Lamitec/Dielektra. 642 Am 31.3.1941 wurde im RGBl. I, Nr. 35 die Verordnung über Firmen von „entjudeten“ Gewerbebetrieben vom 27.3.1941 veröffentlicht. Grundlage dafür waren die Dritte Verordnung zum Reichsbürgergesetz vom 14.6.1938 – RGBl. I, S. 627 sowie weitere Verordnungen über die Ausschaltung der Juden aus dem deutschen Wirtschaftsleben vom 12.11.1938 (RGBl. I, S. 1580) sowie die Verordnung über den Einsatz des jüdischen Vermögens vom 3.12.1938 (RGBl. I, S. 1709 643 Abgeleitet von „Dielektrikum“ – Begriff nach Michael Faraday, 1791–1867, für isolierende bzw. nicht elektrisch leitende Stoffe; vgl. u. a. BE, Bd. 7, S. 104, Sp. 1 f. 644 Vgl. Stätten deutscher Arbeit. Dargestellt von Hans Tischert – Dielektra AG Porz, Dilsberg o. J. ]1941/42]. 645 http://www.zg-minden.de/melittawerke.html (Stand: 21.2.2011). „Der ehemalige SS-Obersturmführer [Horst] Bentz führte bei den Melitta-Filterwerken bis 1981 das Kommando. Er hat öffentlich nach dem Krieg mit keiner Silbe zu der [...] dokumentierten und von ihm persönlich zu verantwortenden Pogromhetze gegen die Mindener Juden Stellung bezogen.“ Ebd.
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Am Ende des Jahres 1938 kam die Geschäftsleitung der Vereinigten Papierwarenfabriken/ München in einem Rundschreiben an die Mitarbeiter zu dem Ergebnis, dass das Unternehmen mit dem Geschäftsverlauf während des abgelaufenen Jahres zufrieden sein konnte. Die Geschäftsergebnisse waren gegenüber dem Jahr 1937 zurückgeblieben. Für 1939 war zu erwarten, dass „in Bezug auf Verpackungsmittel volkswirtschaftlich notwendige, die Papierqualitäten betreffende Umstellungen“ erfolgen würden. Die zu erwartenden „Qualitätsveränderungen“/-verminderungen der Papiere, die nicht auszuschließende Verknappung an Papier, die bereits beschlossene Verwendung nur noch „zweckbedingter Papiere“, die zu erwartenden Schwierigkeiten bei der Verarbeitung geringerwertiger Papiersorten auf schnelllaufenden Maschinen usw. wären von allen Beteiligten hinzunehmen und das Verständnis dafür aufzubringen. „Das Jahr 1938 hat uns Deutschen durch die unermüdliche Schaffenskraft und den eisernen Willen unseres Führers Adolf Hitler so gewaltige und ungeahnte Erfolge gebracht, daß wir auch mit großer Zuversicht und voll Vertrauen in das Jahr 1939 schreiten können.“646
Es bleibt offen, welcher Grundton sich mit dieser Aussage verbindet – konstruktiver Wille zur Mitarbeit an den Zielen des NS-Regimes, subtile Ironie, willfährige, opportunistische Anpassung an die erwarteten und geforderten Bekenntnisse zum Regime aus nüchternem Geschäftsinteresse, Sarkasmus, Ignoranz?
1939 Am 10. Februar 1939 erging eine Anordnung des Reichswirtschaftsministers über eine Neuorganisation der Wirtschaftsgruppe Druck und Papierverarbeitung. Sie betraf die Trennung der Gesamtgruppe in die Teilgruppen „Wirtschaftsgruppe Druck“ und „Wirtschaftsgruppe Papierverarbeitung“.647 Die inhaltlich/fachlichen Meinungsverschiedenheiten und Auseinandersetzungen vor allem aus Gründen der Überschneidungen beider Fachrichtungen hatte in einer Weise zugenommen, die die Trennung der Gesamtgruppe ratsam erscheinen ließ.648 In den Jahren 1938/39 hatte sich die volkswirtschaftliche Situation in Deutschland kurzfristig gefestigt. Es herrschte Vollbeschäftigung. Der Papierverbrauch war von 31 kg je Kopf in den Jahren vor 1937 auf 35 kg im Jahre 1938 gestiegen. Parallel dazu liefen Bemühungen, Papier/Pappe durch unterschiedlichste Maßnahmen einzusparen. Im Frühjahr 1939 erteilte das RWM der (im September 1934 gegründeten) Überwachungsstelle für Papier649 den Auftrag, auf dem Sektor des Verpackungswesens die inzwischen (und in Erwartung des Kriegsausbruchs) notwendig gewordene Umstellungen und Sparmaßnahmen in die Wege zu leiten. Dazu gehörte u. a. die Einrichtung einer VerpackungsmittelAusgleichsstelle bei der Reichsstelle für Papier. In diese Maßnahmen eingebunden waren nach Ausbruch des Krieges u. a. der Reichsbeauftragte für Papier und Verpackungswesen, Friedrich Dorn, der Geschäftsführer der Reichsstelle für Verpackungsforschung, Johannes Hoffmann, der Beauftragte der Reichsstelle für Papier und Verpackungswesen für die 646 Rundschreiben „An unsere Mitarbeiter im Außendienst und in unseren Arbeitsstätten in Ismaning, Stuttgart und Mannheim“, München, den 30.12.1938, VP-Archiv München. 647 Vgl. Papier-Zeitung Nr. 14/1939, S. 254, Sp. 1 f. 648 Vgl. Papier-Zeitung Nr. 17/1939, Titelseite, Sp. 1 f. 649 Ab Mai 1939 „Überwachungsstelle für Papier und Verpackungswesen“; vgl. Papier-Zeitung Nr. 38/1939, S. 3847, Sp. 1., ab Oktober 1939 „Reichsstelle für Papier und Verpackungswesen“; vgl. Papier-Zeitung Nr. 85/86 1939, Titelseite, Sp. 1 f.
292 Teil I – Papierverarbeitung im 19. und 20. Jahrhundert Verteilungsstelle für Holzfässer, Günther Behrenz, der Beauftragte der Reichsstelle für Papier und Verpackungswesen für die Sammlung gebrauchter Kisten, Otto Freitag, der Beauftragte der Reichsstelle für Papier und Verpackungswesen für die BlechverpackungsIndustrie, Werner Fink, und der Leiter der Verteilungsstelle für Säcke der Reichsstelle für Papier und Verpackungswesen, Herbert Lauffer.650 Im Zuge der Maßnahmen dieser Stellen konnte beispielsweise durch Normung der Zigarettenschachteln der jährliche Bedarf an Chromoersatzkarton von 42 000 t bis zum Jahre 1938 in den Folgezeit um 8000 t gesenkt werden. Durch technische Verbesserungen der Maschinen konnte die Leistung einer Briefumschlag-Maschine von täglich 35 000 Stück auf 100 000 Stück gesteigert werden. Für die Bedienung eines Zigarettenschachtel-Aggregats wurden statt bisher zehn nur noch vier Arbeiter benötigt. Bei der Faltschachtel-Herstellung konnte bei gleichem Arbeitseinsatz eine Verdoppelung der Erzeugungsleistung erreicht werden.651 1939 wurden im so genannten. „Altreich“ in rund 4000 Betrieben der Wirtschaftsgruppe Papierverarbeitung mit rund 160 000 Beschäftigten Massenartikel (Tüten, Beutel, Briefumschläge, Kartonagen652 usw.) und Sondererzeugnisse (Festartikel,653 Papierblumen usw.) hergestellt. Die Anzahl der in der Papierwaren-Industrie Beschäftigten entsprach der der Automobil-Industrie. Der Umsatz der Papierwaren-Industrie hatte um 1939 die Milliardengrenze überschritten. Der Exportanteil dieser Industrie lag bei 50-60 Mio. RM jährlich. Davon entfiel rund die Hälfte auf veredelte Produkte. „Volkswirtschaftlich und kulturell ist die Papierverarbeitung von hoher Bedeutung, nicht zuletzt auch deshalb, weil sie in der deutschen Ausfuhr unter 27 exportierenden Industrien an erster Stelle steht.“654
Im Frühjahr 1939 erteilte das RWM der Überwachungsstelle für Papier den Auftrag, auf dem Sektor des Verpackungswesens Maßnahmen, insbesondere Sparmaßnahmen, für die inzwischen notwendig gewordenen Umstellungen in die Wege zu leiten. April 1939 bestimmte die Überwachungsstelle für Papier nach Anhörung der Wirtschaftsgruppe Druck und Papierverarbeitung und der Wirtschaftsgruppe Papier-, Pappen-, Zellstoff- und Holzstoff-Erzeugung, dass Briefumschläge für den Behörden- und Geschäfts-Schriftverkehr ab sofort nur noch in bestimmten, vorgegebenen Maßen hergestellt werden durften.655 Ab 18. August 1939 wurden die Überwachungsstellen in den Rang von Reichsstellen erhoben. Die Reichsstellen (u. a. für den Reichsnährstand und für den industriellen Bereich) leiteten ihre Aufgabenstellung unmittelbar aus dem Reichsinteresse ab. Sie waren ein Instrument der Wirtschaftslenkung. Die Reichsstellen konnten – als ausgegliederte Abteilung des RWM – Geschäfte im eigenen Namen abschließen. Die Reichsstellen hatten den Verkehr mit Waren zu überwachen und in ministerieller Ermächtigung zu 650 Vgl. Grundfragen des Verpackungswesens (= Teil der Reihe Papier und Verpackung), hrsg. v. Friedrich Dorn, Berlin/Wien/Leipzig 1941. 651 Vgl. Papier-Zeitung, Nr. 50/1939, 14.6.1939, S. 1038, Sp. 2. 652 Auf diese Produktgruppe, die a) für die Versorgung der Zivilbevölkerung von zentraler Bedeutung war, um Unruhen zu vermeiden und die b) zur Deckung des Heeresbedarfs von strategischer Bedeutung war, konzentrieren sich im Wesentlichen die konkreten Beispiele dieses Abschnitts. Zu den weiteren Sparten (Briefumschläge, Geschäftsbücher, Tapeten usw.) s. jeweils dort. 653 Nach einer Verordnung der Kölner Polizei vom Februar 1937 war das Tragen von KarnevalsGesichtsmasken nur in geschlossenen Räumen gestattet, nicht aber auf öffentlichen Wegen, Straßen und Plätzen; vgl. Kartonagen- und Papierwaren-Zeitung, Nr. 6/1937, 5.2.1937, S. 60, Sp. 1. 654 Kloth, Papierverarbeitung, S. 47. 655 Vgl. Deutscher Buchdrucker, 7.4.1939, S. 407, Sp. 1.
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regeln, insbesondere Bestimmungen zu deren Beschaffung, Verteilung, Lagerung, Absatz und Verbrauch zu treffen.656 Um eine effektivere Bündelung aller Maßnahmen zu erreichen, wurden die Überwachungsstellen ab Frühjahr 1939 in Reichsstellen mit höherer Kompetenzausstattung umgewandelt. Aus der Überwachungsstelle Papier wurde ab August 1939 die Reichsstelle Papier und Verpackungswesen.657 Diese Reichsstelle ergab sich in dieser Kombination vor allem aus der Tatsache, dass in den 1930/40er Jahren 42 Prozent aller Verpackungsmittel aus Papier oder Pappe hergestellt waren oder für den Ausgleich anderer Verpackungsmaterialien/Packstoffe (Blech, Holz usw.) eingesetzt wurden. Um alle in Verbindung mit der Packmittel-Industrie stehenden Fragen an einer Stelle zu konzentrieren, fiel die Wahl auf die für Papier verantwortliche Behörde (Überwachungsstelle Papier).658 Als „Grundgesetz“ für das Wirken der Reichsstellen galt die Warenverkehrsordnung von 1939, gültig in der Fassung vom 18. August. Erlassen wurde diese Ordnung vom Reichswirtschaftsminister, dem die Reichsstellen auch disziplinarisch unterstellt waren. Die Tätigkeit der Reichsstelle für Papier und Verpackungswesen unter der Leitung von Friedrich Dorn659 drückte sich insbesondere in einem definierten Mechanismus von Erlassen, Anordnungen, Regelungen und Einzelanweisungen aus. Danach waren z. B. „Anordnungen“ Vorschriften, die im Deutschen Reichsanzeiger und im Preußischen Staatsanzeiger öffentlich bekannt gemacht wurden. Zwischen August 1939 und dem Anfang des Jahres 1941 waren 21 Anordnungen, sechs Verpackungs-(Vp)-Anordnungen sowie eine Spezialanordnung für Säcke (S 1) ergangen.660 Die Gültigkeit der jeweiligen Anordnungen wurde fortwährend neu festgelegt. Als „Regelungen“ galten Verfügungen, die einen bestimmten Kreis von Personen bzw. Firmen betrafen und die diesen Adressaten nicht in so allgemeiner Form übermittelt wurden. Regelungen hatten einen mehr internen Charakter. Einzelanweisungen“ waren Bestimmungen für den Einzelfall.661 Ende der 1930er/Anfang der 1940er Jahre wurde etwa ein Drittel der gesamten Papierund etwa 80 Prozent der gesamten Pappeproduktion als Verpackungsmittel verwendet. Bei den Packpapieren wurde unterschieden: 1. Schrenzpapier – aus Altpapier (für einfache Tüten und zu Packzwecken oder neben Strohpapier zur Herstellung von Wellpappen); 2. mittlere oder bessere einseitig glatte Packpapiere – aus einer mehr oder weniger hohen Beimischung aus Altpapier oder Einsatz von Zellulose (hauptsächlicher Rohstoff in der Tüten- und Beutelindustrie, insbesondere Einsatz in der Lebensmittelwirtschaft und im Handel); 3. Sackpapier – aus Natron- oder Sulfitzellstoff (zu glatten Papiersäcken verarbeitet).662 Nach Beginn des Krieges im September 1939663 ergaben sich für Papier und Pappe insbesondere Mehranforderungen für Verpackungszwecke durch die Umstellung des 656 657 658 659 660 661 662 663
Vgl. u. a. Papier-Zeitung, Nr. 85-86/1939, 28.10.1939, S. 1701, Sp. 1 f. Vgl. Bornschier, Papier von A – Z, S. 10 ff. Vgl. ebd., S. 18. Friedrich Dorn – seit April 1938 Reichsbeauftragter für Papier – verfolgte zeitweilig den Plan, die gesamte Papierwirtschaft zu verstaatlichen; er scheiterte jedoch am Widerstand der privaten Wirtschaft; vgl. Stefan Freytag, Papiergroßhandel, Hamburg 1998, S. 16, Sp. 2. Am 17.8.1938 ergingen als Anordnung 2 der Überwachungs-/Reichsstelle Herstellungsvorschriften für Papiererzeugnisse. Dieser Anordnung folgten zahlreiche Nachträge; vgl. Bornschier, Papier von A – Z, S. 31. Vgl. ebd., S. 12. Vgl. Julius von Lautz, Papier und Pappe als Verpackungsmittel. In: Grundfragen des Verpackungswesens, o. S. [S. 114]. Die wahren Ursachen des Kriegs wurden auch seitens der Papierindustrie verschwiegen: „Der uns aufgezwungene Krieg ist ein totaler“. Karl Seeliger, Führer der Wirtschaftsgruppe Druck
294 Teil I – Papierverarbeitung im 19. und 20. Jahrhundert Transports von Kraftwagen auf Eisenbahn- und Schiffverkehr.664 Im ersten Kriegsjahr wurde, um Rohstoffe zu sparen, die Produktion von besseren Packpapieren um 40 Prozent gedrosselt. Die Herstellung mittlerer Packpapiere wurde entsprechend erhöht. In derselben Zeit wurde die Wellpappenproduktion trotz der Rohstoffprobleme um fast zehn Prozent gesteigert.665 Papier und Pappe dienten vor allem als Ersatzstoff für Blech und Holz666 bei der Herstellung von Dosen und Kisten sowie Sackpapier und Spinnpapier als Ersatz für Jute, Hanf und Baumwolle.667 Der belastete Begriff der „Ersatzstoffe“ aus der Zeit des Ersten Weltkrieges668 war durch den Begriff der „Austauschstoffe“ ersetzt worden. Zu den Sparmaßnahmen, die durch das RWM im Frühjahr 1939 angeordnet worden waren, gehörten 1. die Umstellung des Verbrauchs auf andere Verpackungsmittel (vielfach von Metall oder Holz auf Papier und Pappe), soweit devisenbelastete oder rohstoffwirtschaftlich unerwünschte Stoffe bei dem Versand von Erzeugnissen verwendet wurden; 2. die Durchführung von Veränderungen im Verpackungswesen, die sich im Zuge von Roh- und Halbstoffumstellungen bei der Herstellung von Verpackungsmitteln ergeben hatten. Vor allem für Papier und Pappe war ein größerer Verbrauch insbesondere auch durch die Rationierung der Lebensmittel entstanden. Durch die Anpassung der Zuteilung an das Kartensystem war die Abfüllung und Verpackung der verschiedenartigsten Lebensmittel an bestimmte Größeneinheiten gebunden, die zumeist nur einen Teil der früheren (Friedens-)Normalpackungen ausmachten und daher einen Mehraufwand an Papier und Pappe erforderten. Hinzu kam die in großem Umfang vorgenommene Einlagerung und Konservierung größerer Lebensmittelbestände mit entsprechendem Verpackungsaufwand. Hinzu kam schließlich auch ein erhöhter Papierbedarf durch die Einführung von Lebensmittelkarten und Bezugsscheinen.669 Völlig unerwähnt blieb in diesen Zusammenhängen meist der außerordentlich hohe Bedarf für den „Papierkrieg“, der allein durch diese Maßnahmen bewirkt wurde. Trotz des erheblich gestiegenen Bedarfs an Tüten und Beuteln war es in den ersten Kriegsjahren gelungen, den Herstellern die notwendigen Papiermengen zur Verfügung zu stellen, so dass keine wesentlichen Engpässe auftraten.670 Ebenso war es gelungen, den deutlich gesteigerten Bedarf an Papiersäcken – als Ersatz für Jutesäcke – durch eine besondere Erhöhung der Produktion von geklebten und gewebten Papiersäcken vollständig auszugleichen. Zu den vom RWM im Frühjahr 1939 angeordneten Sparmaßnahmen gehörte u. a. ferner die Zuordnung bestimmter Füllgüter zu bestimmten Verpackungsmitteln. Die Bewirtschaftung der für die Fabrikation erforderlichen Roh- und Halbstoffe blieb unverändert bei den dafür jeweils zuständigen Reichsstellen.671 Zur Durchführung dieses Auftrages richtete die Überwachungs(Reichs-)stelle für Papier eine Verpackungsmittel-Ausgleichstelle ein.672
664 665 666 667 668 669 670 671 672
und Papier in: Ders., Die Aufgaben der großdeutschen Papierverarbeitung im Krieg, Berlin 1941, S. 46. Vgl. Lautz, Papier und Pappe [S. 115]. Vgl. ebd., [S. 116]. Vgl. hierzu insbes. Hermann Neumann, Papier und Pappe als Austauschstoffe für Verpackungsmittel. In: Grundfragen des Verpackungswesens, Berlin 1941 [S. 118 ff]. Vgl. Lautz, Papier und Pappe [S. 115]. S. hierzu u. a. Abschn. „Papiergarn“ der v. A. Vgl. Lautz, Papier und Pappe [S. 115 f]. Vgl. ebd. [S. 116]. Vgl. Grundfragen des Verpackungswesens. In Reihe: Papier und Verpackung, hrsg. v. Friedrich Dorn, Berlin/Wien/Leipzig 1941 [S. 7]). Vgl. ebd., S. 9.
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Im April 1939 wurde die Wirtschaftsgruppe Druck und Papierverarbeitung getrennt. Mit dieser Trennung wurden Konsequenzen aus tiefgreifenden Meinungsverschiedenheiten beider Fachbereiche gezogen, die vor allem im Jahre 1938 ausgetragen wurden und sich auf Fragen der Organisation bezogen.673 Julius von Lautz übernahm das Referat Zellstoff, Holzstoff, Papier und Pappe, Holz- und Strohchemie, Druck und Papierverarbeitung sowie Verpackungswesen im RWM.674 Zum Leiter der nun eigenständigen Wirtschaftsgruppe Druck wurde August Lorey ernannt, zum Leiter der Wirtschaftsgruppe Papierverarbeitung Karl Seeliger (seit 1934 Leiter der Wirtschaftsgruppe Druck, Papierverarbeitung und Verlage). 1938 war in Kaiserslautern unter Leitung von Heinrich Lenhardt die Fachgruppe der Papier- und Pappeverarbeitung gegründet und 1939 wieder aufgelöst worden. In der nunmehr gebildeten Fachgruppe Pappe verarbeitende Industrie waren alle Hersteller von Kartonagen und Packungen sowie Zuschnitten, Etuis und Halbetuis, Wellpappeerzeugnissen, Erzeugnissen der Hartpapier-, Stanz- und Präge-Industrie zusammengefasst. In der Fachgruppe Papier verarbeitende Industrie verblieben die Hersteller von Tüten und Beuteln, Briefumschlägen und Papierausstattung, Papiersäcken, Papierhülsen und Spulen, automatisch gefertigten Siegelmarken und Etiketten, Anhängern, Krepppapierwaren, künstlichen Blumen, Lampenschirmen, Zigarettenhülsen und Zigarettenpapier, Festartikeln und ähnlichen Papierwaren.675 Im September 1939 wurde die Gemeinschaft Packpapier gegründet.676 Unter den plan- (ab 1939) rüstungs-, wehr- und kriegswirtschaftlichen Bedingungen des NS-Regimes gab es keine Marktprobleme. Kunden mussten nicht gesucht werden, die Kunden suchten die Hersteller. Es gab keine Konkurrenz, die Marktverhältnisse waren über Zwangskartellierung und staatliche Verteilungsstellen geregelt. Marktanalysen waren überflüssig. Für die Wirtschaft gab es keinerlei Risiken. Die Produktpalette war vorgeschrieben.677 Nach einer (ironischen) Feststellung aus dem Jahre 1972 gab es in der NSWirtschaft keine Sorge um die Rentabilität. Die Kosten und Preise waren eingefroren. Der höchstzulässige Gewinn war fixiert. Nach einer Verordnung des „Beauftragten für den Vierjahresplan“ wurde durch den Reichskommissar für die Preisbildung der Gewinn für die Betriebe der Papier und Pappe verarbeitenden Industrie mit mehr als 100 000 RM Jahresumsatz auf 7,5 Prozent des betriebsnotwendigen Kapitals (zuzüglich 3,5 bis 5 Prozent vom Umsatz) festgelegt. Für die gesetzlichen Sozialabgaben waren 6,5 Prozent der Lohn- und Gehaltssumme festgelegt.678 Diese Vorschriften und die Anordnungen des Reichsbeauftragten für Verpackungsmittel waren Teil des Bewirtschaftungssystems, das für Papier mit der Rohstoffkontingentierung ab 1936 einsetzte und noch über die Währungsreform im Jahre 1948 hinausreichte. Sinn und Zweck dieser Verordnung war es u. a. „Maßstab für die Beurteilung des im Krieg erzielten Gewinns“ zu sein.679 673 Vgl. Papier-Zeitung, Nr. 17/1939, 1.3.1939, S. 423 f. 674 Vgl. Papier-Zeitung, Nr. 14/1939, 18.2.1939, S. 254, Sp. 1 f. Vgl. Grundfragen der Papierwirtschaft, Berlin 1941, Zeittafel. 675 Vgl. Papier-Zeitung, Nr. 44/1939, 3.6.1939, S. 990, Sp. 1. 676 Vgl. Grundfragen der Papierwirtschaft, Berlin 1941, Zeittafel. 677 Vgl. Günter Reintjes, Ansprache anlässlich der Feierstunde des 100jährigen Betriebsjubiläums [der Firma C. F. Müller AG, Heilbronn] am 10.11.1972 (Typoskript, Firmenarchiv C. F. Müller AG, Heilbronn). Zur Arbeit der „Zwangskartelle“ vgl. u. a. Barkai, Das Wirtschaftssystem des Nationalsozialismus, S. 128 f. 678 Vgl. Reintjes, Ansprache. 679 Vgl. RDP, Preisrechnungsvorschriften und Bedingungen für den Verkauf von Papierbeuteln, Ausgabe III, Berlin, 1.4.1943. Die Ausgabe IV („Grünes Heft“) erschien im März 1945.
296 Teil I – Papierverarbeitung im 19. und 20. Jahrhundert Das Amt des Reichskommissars für Preisbildung war am 29. Oktober 1936 nach Verkündung des „Vierjahresplans“ eingerichtet worden. Der erste Preisstopp wurde am 26. November 1936 vom Reichskommissar für Preisbildung, Josef Wagner, verfügt. Wagner (1898–1945) war Gauleiter des Gaus Westfalen-Süd sowie Gauleiter und Oberpräsident in Schlesien. Er wurde 1941/42 seiner Ämter enthoben. 1945 kam Wagner – wahrscheinlich in einem KZ – um.680 Als Grundlage für die Preisbildung in der Papier verarbeitenden Industrie dienten die Allgemeinen Grundsätze der Kostenrechnung, die am 16. Januar 1939 vom Reichskommissar für Preisbildung genehmigt worden waren. Danach hatte u. a. am 1. April 1943 der RDP die Ausgabe III der Preisrechnungsvorschriften und Bedingungen für den Verkauf von Papierbeuteln herausgegeben.681 Ausgabe IV folgte im März 1945. Unmittelbar vor Ausbruch des Zweiten Weltkrieges wurden in der Wirtschaftsgruppe Papierverarbeitung rund 160 000 Beschäftigte gezählt und ein Jahresumsatz von über einer Mrd. RM erzielt.682 Im Sommer des Jahres 1939 war vom RWM beschlossen worden, die Lenkung der Rohstoffzuweisung und der Arbeitskräfte sowie die Verteilung der Betriebskapazitäten durch eine zentrale Auftragslenkung für die gesamte Industrie umfassend neu zu regeln. Damit sollte eine Entspannung im Wirtschaftsablauf erreicht werden. Durch die intensiven Kriegsvorbereitungen war es zu Überhitzungserscheinungen gekommen, die für den staatlichen Lenkungsapparat kaum noch kontrollierbar schienen.683 Für die Papierindustrie waren diese Erscheinungen besonders nachteilig, da Holz – trotz der Eingliederung bzw. Annexion waldreicher Gebiete ins Reich (Österreich, Protektorat Böhmen und Mähren) – zu den knappsten Rohstoffen zählte und vor allem für Bauvorhaben und für die Textilindustrie (Zellwolle684) kontingentiert wurde. Am 4. September 1939, drei Tage nach Beginn des Zweiten Weltkrieges, erging vom RWM eine Verordnung über Gemeinschaftswerke in der gewerblichen Wirtschaft, nach der der Reichswirtschaftsminister u. a. ermächtigt wurde, die Gründung derartiger Werke anzuordnen. Dabei handelte es sich um Zwangsorganisationen, um für die „Erfordernisse der Kriegswirtschaft ein bewegliches, rasch wirksames Instrument“ zu schaffen.685 Nach dieser Verordnung erhielt der Reichswirtschaftsminister die sehr weitgehende Vollmacht, in die Geschäftsführung der einzelnen Unternehmen unmittelbar einzugreifen. Die Rechte und Pflichten in den Gemeinschaftswerken wurden ohne Mitwirkung der Mitglieder allein vom Reichswirtschaftsminister festgelegt. Gegen dessen Maßnahmen und Entscheidungen gab es keine Rechtsmittel. Hermann Göring hatte als Beauftragter für den „Vierjahresplan“ die alleinige Befehlsgewalt im Bereich der Kriegs-Wirtschaft für sich in Anspruch genommen. Die Mitarbeit der Industrie war weitgehend ausgeschaltet. Im Frühjahr 1940 gab es zwei Gemeinschaftswerke – das Gemeinschaftswerk Packpapier/Berlin und das Gemeinschaftswerk Wiener Modeerzeugnisse. Das Gemeinschaftswerk Packpapier war auf der Grundlage einer engen Zusammenarbeit mit den Zwangskartellen der Branche angelegt. Es hatte vor allem die Funktionen und die Aufgaben einer 680 681 682 683 684
Vgl. Johannes Volker, Hakenkreuz über Bochum, Bochum 1983, S. 206 f. RDP, Preisrechnungsvorschriften, Ausgabe III. Vgl. Weiß, Zeittafel, S. 495. Vgl. Deutschland-Berichte, 1939, S. 847 ff. Als Ersatzfasern für Baumwolle, Wolle usw. Es fand eine beträchtliche Produktionssteigerung statt von 8 Mio. kg (1934) auf 150 Mio. kg (1937), 200 Mio. kg (1938) auf 32 Mio. kg im Jahre 1939; vgl. Deutschland-Berichte, 1939, S. 849. 685 Zit. nach Deutschland-Berichte, 1940, S. 184.
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einer Verteilungsstelle zu übernehmen. Der besonders starke Rohstoffmangel dieser Industrie war an die Erfordernisse der Kriegswirtschaft anzupassen. Das Gemeinschaftswerk konnte in die Verteilung der Aufträge an die Mitgliedsfirmen der Zwangskartelle eingreifen – die Kontingente entweder kürzen oder erhöhen. Es hatte ebenso das Recht, Syndikate oder einzelne Unternehmen der Branche anzuweisen, bestimmte Abnehmer zu beliefern oder bis zu zehn Prozent ihrer Produktionsmengen dem Gemeinschaftswerk zur Verfügung zu stellen.686 Diese völlige Umstellung eines Teils der Wirtschaft auf den Krieg stand am Anfang des „totalen Krieges“. Unmittelbar nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs sahen sich die meisten Papierverarbeiter gezwungen, bis auf Weiteres Verkaufsbeschränkungen nach dem vorliegenden Verteilungsplan IV (vom 18. September 1939) in Kraft zu setzen. Damit war die Gültigkeit des Verteilungsplans III vom 15. Juni 1937 erloschen.687 Am 5. September 1939 hatte der Reichswirtschaftminister durch die marktregelnden Zusammenschlüsse der Packpapier-Industrie die Gemeinschaft Packpapier gründen lassen und unter seine Aufsicht gestellt. Als Packpapier galten bessere und mittlere Packpapiere, Schrenzund Strohpapiere, Briefumschlagpapiere, Pack- und Zelluloseseiden.688 Dem Inkraftsetzen des neuen Verteilungsplans folgte eine amtliche Anordnung, die u. a. die Vereinigten Papierwarenfabriken/München schon wenige Tage später, am 27. September 1939, veranlasste, ihre Vertreter darüber zu informieren, dass mit sofortiger Wirkung bis auf weiteres der Verkauf von Papier und Papierwaren völlig einzustellen sei. Nur in dem Fall, dass ein Kunde ohne Vorräte wäre und dringend Ware benötigte, könnten kleinere Mengen, nicht über 100 RM Auftragswert, abgegeben werden. Das Unternehmen legte größten Wert darauf, die Kunden durch die Verkaufssperre nicht zu beunruhigen, entsandte aber zunächst keine Vertreter mehr und wartete auf weitere Weisungen.689 Nur wenige Wochen nach Kriegsbeginn wurde die Hamburger Firma Wilh. Schickens (Papier für Großverbrauch) zu einer wichtigen Adresse für die meisten Betriebe. Bei Schickens konnten der „Betriebsluftschutzplan“, Ausführung A oder B, oder und die verschiedenen Formblätter, Broschüren, Anordnungen und Durchführungsbestimmungen für den betrieblichen Luftschutz angefordert werden. Die Luftschutzvorbereitungen hatten lange vor Kriegsbeginn eingesetzt. So informierten die VP/München im Februar 1938 in einem streng vertraulichen Rundschreiben ihre Vertreter darüber, dass im März d. J. für Bayern, insbesondere aber für München, größere Luftschutzübungen zu erwarten seien. Bei solchen Übungen sei die Nachfrage nach Verdunklungspapier erfahrungsgemäß besonders groß, eine ausreichende Versorgung wäre in der Vergangenheit aber nicht immer möglich gewesen. Die Firma hatte keine Genehmigung, den Begriff „Verdunklungspapier“ zu verwenden, sondern durfte nur „extra zäh schwarzes Cellulose-Papier“ anbieten. Die Breiten lagen zwischen 60, 120 und 180 cm.690 Besonders in den ersten Kriegsmonaten ergab sich eine Vielzahl von Schwierigkeiten für die gesamte Zivil- und Kriegswirtschaft, da viele Firmen nicht über genügend Verpackungsmaterial verfügten, um ihre Produkte zum Versand bringen zu können. Erst nach der Besetzung und Einbeziehung insbesondere Polens, Hollands, Belgiens und 686 Vgl. ebd., S. 184 f. 687 Vgl. Rundschreiben Verkaufsbeschränkungen für Papier und Papierwaren der VP vom 18.9.1939, VP-Firmenarchiv München. 688 Vgl. Papier – Die Anordnungen der Reichsstelle für Papier und Verpackungswesen, 2 F III a 1, S. 13. 689 Vgl. Rundschreiben der VP vom 27.9.1939, VP-Firmenarchiv München. 690 Vgl. Rundschreiben Nr. 3234 der VP, 4.2.1938, VP-Firmenarchiv München.
298 Teil I – Papierverarbeitung im 19. und 20. Jahrhundert Frankreichs in die deutsche Rohstoff- und Produktionsbasis war es möglich, die Versorgungslage in einer ganzen Reihe von Rohstoffgebieten wesentlich zu stabilisieren.691 Diese Schwierigkeiten gab es, obwohl bereits ein halbes Jahr vor Kriegsbeginn, am 1. April 1939, auf Anordnung des Reichswirtschaftsministers die Reichsstelle für Papier und Verpackungswesen gebildet worden war.692 „Die Überwachungsstelle bearbeitet [...] alle Sparmaßnahmen auf dem Gebiet der Verpackung und der Umlagerung der Verbrauchergruppen auf andere Verpackungsmittel, sie befaßt sich außerdem mit der Verwertung der durch die Arbeiten des Ausschusses für wirtschaftliche Fertigkeiten beim Reichskuratorium für Wirtschaftlichkeit [RKW] gewonnenen Ergebnisse und ist schließlich zuständig für die Durchführung von Änderungen im Verpackungswesen, die sich im Zuge der Roh- und Halbstoffumstellungen im Rahmen des Vierjahresplanes bei der Herstellung von Verpackungsmitteln ergeben.“693
Innerhalb der Papier verarbeitenden Industrie war auch die Tüten- und Beutelindustrie in den ersten Monaten nach Ausbruch des Krieges durch ihre unzureichende Rohstoffversorgung mit Papier in eine schwierige Lage geraten. Die steigende Papierverknappung hatte bereits vor dem Krieg zu einer Kontingentierung geführt. Dabei gingen die Papierfabriken bei der Verteilung gegenüber den Abnehmern nach den jeweiligen Maßgaben wechselnder Referenzperioden vor.694 Die Maßgaben wurden von den Papiererzeugern zunächst noch selbst bestimmt. Das führte insbesondere zu Lieferschwierigkeiten gegenüber den Tüten- und Beutel-Herstellern, da deren Produkte in Kriegszeiten aus Sicht der Papiererzeuger nachrangig waren. Damit unterlagen sie insofern einer Fehleinschätzung, als der NS-Führung im starken Maße daran gelegen war, in der Bevölkerung keinen Unmut wegen mangelnder Grundversorgung aufkommen zu lassen. Selbst der Begriff „Mangel“ sollte erst gar nicht aufkommen. Die Lehren aus dem Ersten Weltkrieg waren noch in frischer Erinnerung. Bereits in den ersten Tagen und Wochen des neuen Krieges hatte sich gezeigt, dass der Tüten- und Beutelbedarf im Gegensatz zur Einschätzung und zur Haltung der Papierlieferanten deutlich gestiegen war. Die Gründe dafür lagen im Wesentlichen 1. in den Hamsterkäufen (die jedoch nach wenigen Wochen wieder abklangen) 2. im mit Kriegsbeginn eingeführten System der Lebensmittelkarten und entsprechenden Kleinportionen, die die Anzahl der Kaufvorgänge für jeden Haushalt erhöhten. Die übliche und gewohnte Vorratshaltung wurde abgelöst durch mehrfache Einzelkäufe. Dadurch entstand ein Mehrverbrauch an Papier, der sich daraus ergab, dass z. B. ein 2,5-kg-Beutel üblicherweise 20 g Papierverbrauch erforderlich machte, während fünf 500-Gramm-Beutel (= insgesamt 2,5 kg Füllgewicht) 30 g Papier benötigt wurden – hinzu kam die doppelte Maschinenlaufzeit für deren Herstellung. Ein dritter Grund für den erhöhten Tüten- und Beutelbedarf ergab sich dadurch, dass diese Verpackungsart für die Umhüllung von loser Ware in Gewichtsmengen bis zu 15 kg die rohstoffsparendste war. Zwar hatte sich die Verpackung in Faltschachteln (z. B. für Mehl, Salz, Zucker, Waschpulver,695 Kaffee-Ersatz usw.) schon weitgehend behaupten können, aber die Reichsstelle für Papier und Verpackungswesen hatte deren Herstellung gedrosselt. Für jede Tüten-/Beutelverpackung wurde im Vergleich zur Karton-/Faltschachtelverpackung gewöhnlich nur die Hälfte an Faserstoff benötigt. 691 692 693 694 695
Vgl. Grundfragen des Verpackungswesens, S. 8. Papier-Zeitung, Nr. 38/1939, 13.5.1939, S. 847, Sp. 1. Vgl. Grundfragen der Papierwirtschaft, Berlin 1941, S. 105. Vgl. ebd., S. 106. Die ersten deutschen Firmen, die Waschpulver in Packungen anboten, waren Thompson und Luhns; vgl. Werden und Wachsen der Papierwirtschaft im Bielefelder Raum, S. 22.
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Und schließlich ergab sich als vierter Grund ein erhöhter kriegs-/wehrwirtschaftlicher Bedarf z. B. für Zwieback- oder Dropsbeutel für die Wehrmacht oder Löschsandbeutel für den Zivilschutz usw.696 Diesem erhöhten Bedarf an Tüten und Beuteln stand nur eine vergleichsweise geringe Einsparung bei Artikeln gegenüber, deren Verpackung in Kriegszeiten als nicht unbedingt erforderlich betrachtet wurde (Textilien, Kurzwaren u.ä.).
1940 Um die bei Kriegsbeginn deutlich gewordenen Mangelerscheinungen bei der Grundversorgung der Bevölkerung nach Möglichkeit dauerhaft abzustellen, veranlasste die Reichsstelle für Papier und Verpackung im Januar 1940 folgende Maßnahmen: 1. Ernennung eines Beauftragten für Tüten und Beutel, der für die reibungslose Versorgung des Marktes verantwortlich war 2. Errichtung einer besonderen Abteilung Bedarfsträger Tüten- und Beutelpapiere, um die Versorgung der Tüten- und Beutel-Industrie mit Rohstoffen auch in Sondermengen sicherzustellen. Der Bedarfsträger, Erwin Görges/Berlin begann seine Tätigkeit am 1. April 1940 und war mit der Lösung folgender Aufgaben beauftragt: 1. Erfassung sämtlicher Hersteller von Tüten und Beuteln – diese Erfassung ergab eine ungefähre Anzahl von 500 im Gebiet des Großdeutschen Reiches; davon betrieben ungefähr 300 die Tüten-/Beutelherstellung als Hauptarbeitsgebiet, die erfassten Betriebe hatten Fragebogen z. B. 2. Feststellung der in jedem Betrieb vorhandenen Maschinen und HandarbeitsAbteilungen 3. Feststellung eines jeweils entsprechenden Papierkontingents. Um eine ungefähr ausgewogene Versorgung der Abnehmer von Tüten und Beuteln sicherzustellen, ordnete der Beauftragte für Tüten und Beutel an, dass Großhändler und Verbraucher einen Anspruch auf 50 Prozent ihrer Bezüge im Jahre 1938 hätten. Die über 50 Prozent jedem Tüten- und Beutelhersteller zur Verfügung stehende Erzeugung konnte in der Rangordnung der Kriegswichtigkeit von den Papiererzeugern selbst verteilt werden.697 Schließlich führte nach Einschätzung des Bedarfsträgers Tüten- und Beutelpapier/Beauftragter für Tüten und Beutel, Erwin Görges, die Gesamtheit der Maßnahmen seit August 1940 zu einer wesentlichen Beruhigung der Versorgungslage. Der im Laufe des Krieges aufgetretene Mehrbedarf für kriegswichtige Zwecke wurde durch Einschränkungen auf anderen Gebieten, z. B. Bäckerbeutel, oder durch Herstellungsverbote (insbesondere seit März 1941) ausgeglichen.698 Mit dem Krieg häuften sich auch die Störungen in den betrieblichen Abläufen. Die Papierfabrik Palm/Unterkochem699 musste sich im März 1940 bei einem Kunden entschuldigen, weil ein Versand wegen Waggonmangels nicht über die Bahn erfolgen konnte und deswegen der Wasserweg gewählt werden musste.700 Im Februar 1940 war den VP/ München die Packschnur und dünne Hanfschnur (zum Aufstechen von Tüten und Beuteln)
696 697 698 699
Vgl. Grundfragen der Papierwirtschaft, Berlin 1941, S. 106. Vgl. ebd., S. 108. Vgl. ebd. Zu Fa. Palm KG vgl. Hermann Baumhauer u. Manfred Schindler, Wagnis und Erfolg der Spezialisierung – 100 Jahre Verpackungspapiere Papierfabrik Palm KG. 1872–1972, Neukochen 1972. 700 Schreiben im Besitz des Verf.
300 Teil I – Papierverarbeitung im 19. und 20. Jahrhundert fast vollständig ausgegangen. Mit Zuweisungen war zukünftig nicht mehr zu rechnen. Die Firma suchte dringend selbst kleinste Mengen, um Auslieferungen auch weiterhin gewährleisten zu können. Notfalls würde auch Papierschnur akzeptiert.701 Auch Kisten und Bretter für den Versand wurden knapp und die Reichsstelle für Papier und Verpackungswesen musste über eine Anordnung festlegen, dass bei kriegswichtigen Lieferungen aus dem Bereich Zellstoff-, Papierund Pappeerzeugung derartige Verpackungsmaterialien nach gewissen Richtsätzen verteilt werden müssten.702 Ende Januar 1940 verbot dieselbe Reichsstelle allen gewerblichen Unternehmungen sowie Behörden und Dienststellen jeglicher Art die Bevorratung mit Papier und Pappe aller Sorten über einen voraussichtlichen Bedarf von mehr als drei Monaten. Diese Frist war auch bei Bestellungen einzuhalten.703 Abb. 18: Löschsand-Papierbeutel für Luftschutzzwecke, Ab Frühjahr 1940 unterlagen um 1940 Papier und Pappe sowie Zellstoff und Handelsholzstoff einer Absatzlenkung. Seit Ausbruch des Krieges galt für die Industrie ein System der so genannten „Mobillegung“/Mobilmachungs-Belegung, die für die Firmen mit der Erledigung von Produktionsaufgaben verbunden war. Dieses System wurde durch die Absatzlenkung mit „Auslieferungsfreigaben“ abgelöst. Entsprechend dieser Regelung durften die Betriebe nur die – nach Sorten festgelegten – Mengen ausliefern, die ihnen von der Reichsstelle Papier und Verpackungswesen freigegeben wurden. Dabei waren Über- und Unterschreitungen in Höhe bis zu zehn Prozent zulässig. Der Ausgleich dafür musste aber innerhalb eines Kalendervierteljahres wieder hergestellt werden. Die Auslieferungsfreigaben bildeten die Bemessungsgrundlage für die Rohstoffzuteilung. Sie wurden regelmäßig überprüft und je nach Marktlage von Zeit zu Zeit abgeändert. Vertretbare Wünsche der Erzeuger sollten dabei möglichst berücksichtigt werden. Für die Bezieher verlief die Verteilung nach drei verschiedenen Systemen: 1. Richtsätze; 2. Sondermengen für genau festgelegte Verwendungsgebiete (z. B. für Zeitungs701 Vgl. entsprechendes Rundschreiben der VP, Februar 1940, VP-Firmenarchiv München. 702 Vgl. entsprechende Anordnung der Reichsstelle für Papier und Verpackungswesen, Berlin, 8.1. 1940. VP-Firmenarchiv München. 703 Vgl. Anordnung Nr. 18 der Reichsstelle für Papier und Verpackungswesen, Berlin 27.1.1940, VP-Firmenarchiv München.
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und Buchverlage) – die Verwaltung der Sondermengen war Treuhändern übertragen. 3. Totalverteilung; sie war die schärfste Form der Absatzlenkung. Dabei war genau bestimmt, wer von wem was und wie viel zu beziehen hatte. Für die Vorbereitung der Verteilung (Bewirtschaftung) hatte die Reichsstelle für Papier und Verpackungswesen im Oktober 1939 sieben Verteilungsbeauftragte und Verteilungsstellen eingesetzt: 1. für Sulfit-Zellstoff; 2. Pappe; 3. Packpapier; 4. Zeitungsdruckpapier; 5. Schreib- und Druckpapier; 6. Natron-(Sulfat-)zellstoffpapier und Spinnpapier; 7. besondere Papiere.704 Zu den besonderen Papieren gehörte u. a. das Verdunklungspapier, das „im Winter 1939/40 und im Winter 1940/41 in geradezu unvorstellbaren Mengen vom Markt angefordert wurde“705. Dieser Bedarf konnte zum Teil nur durch Ersatzpapiere gedeckt werden.706 „Die Hauptaufgabe der Verteilungsstelle [für mittleres Packpapier – Tüten/Beutel] bestand und besteht in der Sicherstellung des kriegs- und volksernährungswichtigen Bedarfs, der in jedem Fall, auch unter Zurückstellung der zivilen Ansprüche, befriedigt werden muss.“707
Im Allgemeinen wurden für die Besetzung dieser Stellen Vertreter der Kartelle und Kartellzusammenschlüsse (als „Selbstverwaltungs-Körperschaften“) herangezogen.708 Neben ihrer eigentlichen Verteilungstätigkeit führte die Verteilungsstelle u. a. auch die bereits vor dem Kriege von der Reichsstelle begonnenen Arbeiten auf dem Gebiet der Qualitäts„Verlagerung“/-minderung fort. Auf fast allen Verbrauchsgebieten, insbesondere jedoch bei Tüten und Beuteln, aber auch bei Briefumschlagpapieren, wurden die Qualitätsansprüche mehr und mehr heruntergefahren.709 Im August 1940 erließ der Reichsbeauftragte für Papier und Verpackungswesen Normvorschriften für Verpackungen, in denen u. a. für Tüten und Papierbeutel millimetergenaue Abschnittlängen, Blattgrößen und höchstzulässige Klebestreifenbreiten verbindlich vorgegeben wurden. Bei Zuwiderhandlungen wurde mit Strafen nach den Vorschriften der Verordnung über den Warenverkehr gedroht.710 Am 30. Dezember 1940 erfolgten als Anordnung Nr. 3 der Reichsstelle für Papier und Verpackungswesen Verteilungsvorschriften durch Festsetzung von Auslieferungsfreigaben711 für Papier und Pappe. Für die Verteilung von Zellstoff, Holzstoff, Papier und Pappe sowie von Erzeugnissen der Papier und Pappe verarbeitenden Industrie und des Druckgewerbes war die Reichsstelle unmittelbar zuständig. Mit der Anordnung Nr. 3 vom 30. Dezember 1940 konnten dafür vom Reichsbeauftragten aber auch Beauftragte mit Anweisungsrecht bestellt oder Beauftragtenstellen bzw. Verteilungsstellen eingerichtet werden.712 Zuständig für Packpapier (einschl. Schrenz- und Strohschrenzpapier für Tüten/Beutel und Wellpappenprodukte) war die Ver704 Vgl. Papier-Zeitung, Nr. 79-80/1939, 7.10.1939, S. 1444, Sp. 1; zu Aufgaben und Bewirtschaftungsmaßnahmen der Verteilungsstelle für Packpapier der Reichsstelle für Papier und Verpackungswesen s. u. a. Grundfragen der Papierwirtschaft, Berlin 1941, S. 83 ff. 705 Vgl. Grundfragen der Papierwirtschaft, Berlin 1941, S. 87. 706 Vgl. ebd. 707 Ebd., S. 86. 708 Vgl. Bornschier, Papier von A – Z, S. 15 f. vgl. auch Papier-Zeitung, Nr. 3-4/1940, 13.1.1940, S. 21 f. 709 Vgl. Grundfragen der Papierwirtschaft, Berlin 1941, S. 88. 710 Vgl. Anordnung VP 6 der Reichsstelle für das Verpackungswesen. In: RGBl., Berlin, 9.8.1940, S. 1430. 711 Bis 1.1.1940 unter der Bezeichnung „Mobabgabe“; vgl. Papier – Die Anordnungen der Reichsstelle für Papier und Verpackungswesen, 2 – B III a, S. 2. 712 Vgl. ebd., 1 AO – 3, S. 1.
302 Teil I – Papierverarbeitung im 19. und 20. Jahrhundert teilungsstelle 4 mit den beiden Beauftragten Schütze und Gätcke der Gemeinschaft Packpapier/Berlin. Der Beauftragte für Briefumschläge und Papierausstattung (F) war Paul Krause/Berlin, vertreten durch den Anwalt des Wirtschaftsverbandes der Briefumschlagindustrie. Beauftragter für Tüten und Beutel (G) war Erwin Görges (Teltow b. Berlin).713 Die zentrale Steuerung der Aufträge und Erzeugnisse des Druckgewerbes erwies sich jedoch als unmöglich. Ab März 1941 wurde diese Lenkungsaufgabe von der Reichsstelle auf die Bezirksgruppen der Wirtschaftsgruppe Druck übertragen.714 In der Anordnung Nr. 2 vom 30. Dezember 1940 der Reichsstelle für Papier und Verpackungswesen wurden erneut Vorschriften u. a. für Briefumschläge, Spitztüten und Boden-, Flach- und Faltenbeutel (für Kaffee, Mehl, Grieß usw.) mit genauen Abschnittslängen und höchstzulässigen Klebestreifenbreiten veröffentlicht.715 Die Anlage 2 dieser Verordnung enthielt Vorschriften über Kennzahl, Sorten, Stoffeinträge, Farben usw. bei Packpapieren. Unter der Kennzahl A 2 z. B. wurde Schrenzpapier geführt, das mindestens 90 Prozent Altpapiersorten enthalten, von grauer Farbe sein musste und ein Gewicht von nicht weniger als 80 g/qm haben durfte.716 Diese Anordnung war die umfassendste der Reichsstelle für Papier und Verpackungswesen. Sie enthielt auf den einzelnen Gebieten der Papiererzeugung, des Großhandels, der Papierverarbeitung und des Drucks wesentliche Bestimmungen z. B. über Sorten, stoffliche Zusammensetzung, Farben, Gewichte (u. a. für Briefumschläge: Höchstgewicht für Tüten und Beutel z. B. 130 g/qm – usw.). Zu den Vorschriften gehörten weiterhin Kenn-Nummern oder Verwendungszwecke der einzelnen Erzeugnisse. Während in der 1. Anordnung vom 17. August 1938 im Wesentlichen nur die Bereiche Druck- und Schreibpapiere behandelt wurden, hatte sich die Anordnung Nr. 2 über verschiedene Nachträge bis Ende Dezember 1940 zu einem umfangreichen Katalog entwickelt, der auch die Erzeugnisgruppen Pappe und Kartons für Verpackungszwecke sowie Packpapier einschließlich dessen Verarbeitung miteinbezog – wobei es auch für Packpapier Kennzahlen (statt Kenn-Nummern) gab.717 In der Anordnung Nr. 1 der Reichsstelle mit Vorschriften über die Bewirtschaftung und Einfuhr von Holzsulfit-, Stroh-, Natron (Sulfat-) Zellstoff und Holzstoff wurde unter § 29 geregelt, dass auf sämtlichen Angeboten, Auftragsbestätigungen und Rechnungen der Erzeuger und Händler eine Kennzahl und Sortenbezeichnung anzugeben war. Die Packpapiere waren entsprechend der Statistik der Wirtschaftsgruppe Papiererzeugung gegliedert in Nr. 9 Strohpapier (in der Hauptsache für Wellpappe); Nr. 10 Schrenzpapier; Nr. 11 Braunholzpapier; Nr. 12 Mittleres; Nr. 13 Besseres Packpapier; Nr. 18 Briefumschlagpapier.718
1941 Am 21. Januar 1941 veranstaltete die Reichsstelle für Papier und Verpackung in Berlin eine Tagung zum Thema „Grundfragen des Verpackungswesens“. Das Eröffnungsreferat hielt Friedrich Dorn in seiner Eigenschaft als Reichsbeauftragter für Papier und Verpackungswesen. Sein Beitrag stand unter dem Titel „Verpackung im Kriege“. Es war 713 714 715 716 717 718
Vgl. ebd., 2 – B III b, S. 21. Vgl. ebd., 2 – B III d, S. 31. Vgl. ebd., 1 – AO 2, Anlage 1, S. 17 ff. Vgl. ebd., 1 – AO 2, Anlage 1, S. 21 Vgl. ebd., 2 – B II a, S. 1. Vgl. ebd., 2 – B II a, S. 29; zur Definition, Klassifizierung, Normung usw. von Packpapier vgl. insb. Papierlexikon, Lfg. Nr. 17, S. 1300 f., Sp. 2 f.
Papierverarbeitung im 20. Jahrhundert
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zugleich das Generalthema der Tagung. Insgesamt wurden 17 Referate gehalten, darunter von Hermann Neumann vom Reichsamt für Wirtschaftsausbau, Reichsausschuss für Verpackungsmittelforschung zum Thema „Papier und Pappe als Austauschstoffe“ mit dem das übergeordnete Thema der Tagung fachlich eingegrenzt wurde. In seinem Referat gab Neumann eine Übersicht über den Stand der Entwicklung neuer Verpackungen insbesondere auf der Grundlage von Ersatzstoffen für Metall und Holz. Die entsprechenden Arbeiten waren koordiniert zwischen den Unternehmen der Papier und Pappe verarbeitenden Industrie, den einzelnen Wirtschaftsorganisationen und der Arbeitsgemeinschaft Werkstoffeinsatz für Verpackungseinsatz, die zusammen beim Reichskuratorium für Wirtschaftlichkeit zentralisiert waren. Das Kuratorium wiederum handelte im Auftrag der Reichsstellen für Wirtschaftsplanung und -lenkung. Für die wissenschaftlichen Arbeiten war vom Reichsamt für Wirtschaftsaufbau in Altenburg/Thüringen eine „Forschungsstelle für Verpackungen aus Papier und Pappe“ eingerichtet worden. Diese Forschungsstelle war das einzige derartige Institut in Europa. An der praktischen Erprobung der Forschungsergebnisse waren die Verpackungsmittelindustrie, die chemische Industrie sowie die Verbraucherwirtschaft beteiligt. Zu den neu entwickelten Produkten insbesondere als Austauschmittel für Blechverpackungen gehörten Verpackungsmittel aus Pappe und Papier für technische Füllgüter wie Mittel zur Fußbodenpflege, für Lederfett, Schmiermittel, Putz- und Reinigungsmittel. Diese Verpackungen bestanden meist aus einer Kombination von Papppemantel und Kopf- und/oder Bodenblech. Von besonderer Bedeutung vor allem für die Wehrmacht war die Produktion von Motoröl-Flaschen aus Pappe. Diese Produktion hatte um 1941 bereits einen erheblichen Umfang erreicht. Einen anderen wichtigen Sektor für den Einsatz von Verpackungen aus Papier und Pappe bildete die Lebens-, Nähr- und Genussmittelwirtschaft. Aus Gründen einer verlässlich funktionierenden Vorratshaltung waren die Geschäftsgruppe Ernährung und das Ernährungsministerium im besonderen Maße an der Entwicklung der Tiefkühl-/Gefrier-Technik für Obst, Gemüse, Fisch und Fleisch im Großmaßstab interessiert. Gerade an der Entwicklung dieser Technik und der dafür einsetzbaren Papier-/Pappe-Verpackungen wurde mit Nachdruck gearbeitet. Die Versorgung der Bevölkerung mit Lebensmitteln hatte unbedingten Vorrang. Die NS-Führung wollte unter allen Umständen Unlust, Unwillen oder gar Unruhen wegen Mangelversorgung vermeiden. Sie hatte aus den entsprechenden Erfahrungen während des Ersten Weltkriegs gelernt. Besonders zahlreich waren die Entwicklungen von Austauschmitteln bei Verpackungen für pharmazeutische und kosmetische Produkte (Tabletten, Dragees, Heftpflaster, Hautcreme usw.). Als Austauschmittel für Holz-Großverpackungen wurden Fässer aus Pappe nach dem Wickelverfahren eingesetzt sowie Kisten aus Graupappe. Abnehmer dafür waren vor allem die Konserven-, Textilund Elektro-Industrie usw.719 Insgesamt konnte während dieser Tagung eine positive Bilanz zum Stand der Entwicklung von Ersatz-/Austauschmitteln für Verpackungen auf der Grundlage von Papier und Pappe gezogen werden.720 Die Papierwirtschaft musste im Verlauf des Krieges immer rigider werdende Anordnungen, Anweisungen, Erlasse, Verfügungen, Vorschriften, Bestimmungen, Bekanntmachungen, Regulierungsmaßnahmen, Auflagen, Gebote, Verbote, Pflichten, Grundsätze, Richtlinien usw. befolgen, die in zunehmend schnellerer Folge mit hoheitlichem oder halb719 Alle Angaben zu diesem Abschn. nach: Grundfragen des Verpackungswesens, Inhaltsverzeichnis ff. 720 Zum „Einsatz neuer Roh- und Werkstoffe“ in der Verpackungsmittel-Industrie während des Zweiten Wettkrieges vgl. auch Handbuch für Papier, Schrift und Druck, S. 571 ff.
304 Teil I – Papierverarbeitung im 19. und 20. Jahrhundert amtlichem Charakter von den verschiedensten Reichs- und Dienststellen herausgegeben wurden. So wurde beispielsweise im Deutschen Reichsanzeiger Nr. 94 die Anordnung Vp 3 der Reichsstelle für Papier und Verpackungswesen zur Verwendung von Pappe für Zigarrenkisten vom 20. April 1940 veröffentlicht, nach der in § 2 genau geregelt wurde, dass bei „der Herstellung von Zigarrenkisten für Zigarren bis zu einer Preislage bis einschließlich RM 0,19 (für Zigarren ohne Kriegszuschlag) [...] die Böden der Zigarrenkisten nur noch aus unkaschierter Graupappe (aus gemischten Papierabfällen) oder aus hierfür von der Reichsstelle für Papier und Verpackungswesen besonders zugelassenen Spezialpappen hergestellt werden [dürfen].“721
Der Anordnung Vp 3 vom 20. April 1940 war die Anordnung Vp 1 vom 15. September 1939 vorangegangen, nach der grundsätzlich bei der Herstellung von Zigarrenkisten nicht mehr als drei Teile aus ausländischem Holz zu verarbeiten waren.722 Der Beauftragte der Reichsstelle für Papier und Verpackungswesen für die Herstellung von Zigarrenkisten hatte seinen Sitz in Berlin, Luisenstraße. Die Fachuntergruppe Zigarrenkisten und Zigarrenwickelformen-Industrie hatte ihren Sitz in Berlin, Burgstraße.723 Zur Herstellung von Zigarettenpackungen waren im Dezember 1937 Vereinbarungen getroffen worden, an denen die Wirtschaftsgruppe Papier-, Pappen-, Zellstoff- und Holzstoff-Erzeugung, die Wirtschaftsgruppen Druck und Papierverarbeitung, die Fachuntergruppe Zigarettenindustrie sowie die Wirtschaftsgruppe Lebensmittelindustrie beteiligt waren.724 Es gab „Formulare für alle denkbaren Gelegenheiten, die einer alles regelnden Kriegsbürokratie in den Sinn kamen. Der Flut von Behördenaufträgen war [bei der Gundlach AG/Bielefeld] nur durch die Einrichtung von Doppelschichten Herr zu werden.“725
Zu ermitteln wäre noch die Höhe des Papierverbrauchs, der Anteil an Druckkapazitäten sowie der Personal- und Zeitaufwand zur Kenntnisnahme und zur Umsetzung durch die „Hypertrophie an Ämtern und Parteistellen, [durch] die kriegswirtschaftlich wichtigen Betriebe und vor allem die Wehrmacht.“726 Der Bereich Tüten und Beutel wurde 1941 von der Reichsstelle Papier und Verpackungswesen als „Fachabteilung“ mit Sitz in Berlin, Potsdamer Straße 80, geführt. 727 Diese Fachabteilung war zuständig bei Bedarf an Schrenzpapier, Braunholzpapier, Packpapier mit weniger bzw. mehr als 25 Prozent Zellstoff sowie Natronmischpapier für die Herstellung von Tüten und Beuteln.728 Für Grießbeutel, Kaffeebeutel und Malzkaffeebeutel galten gesonderte Festsetzungen und Bekanntmachungen der Reichsstelle. Die Gemeinschaft Packpapier hatte ihren Sitz in Berlin, Hardenbergstraße 13. Die Vertreter dieses Kartells waren Beauftragte der Verteilungsstellen für Packpapier der Reichsstelle Papier und Verpackungswesen, deren Erzeugnisgebiet Strohpapier, Schrenzpapier 721 Vgl. Papier – Die Anordnungen der Reichsstelle für Papier und Verpackungswesen, 2 – C II, S. 4. 722 Vgl. Bornschier, Papier von A – Z, S. 34. 723 Vgl. ebd., S. 41. 724 Vgl. ebd., S. 138. 725 Mit Gutenberg, S. 26, Sp. 2. 726 Rudolf Till, Wiener Papiergroßhandlungs-Ges.m.b.H – vorm. J. Grünhut. Drei Generationen im Dienste des Wiener Kulturlebens. 1858–1958, Wien 1958, S. 53. 727 Vgl. Papier – Die Anordnungen der Reichsstelle für Papier und Verpackungswesen, 2 – B III c, S. 25; vgl. auch Bornschier, Papier von A – Z, S. 60. 728 Vgl. Bornschier, Papier von A – Z, S. 60.
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einschließlich Strohschrenz und Isolierrohpapier, Braunholzpapier, mittlere Packpapiere, Hülsenpapier, Sulfitzellstoffpackpapiere, Briefumschlagpapier, Pergamentersatz, Pergamyn, Seidenpapier, Verdunklungspapier, Sulfitsackpapier und Spinnpapier umfasste.729 Stoffzusammensetzung, Gewicht, Farbe und Kennzahl bei Schrenzpapier waren in Anordnung 2 und Anlagen der Reichsstelle verbindlich festgelegt. Schrenzpapier zur Herstellung von Tüten und Beuteln war nur über die Fachabteilung Tüten und Beutel zu beziehen, die restliche Sorten und Schrenzpapier für andere Verwendungszwecke konnten nur über die Verteilungsstelle für Papier und Verpackungswesen bzw. deren Beauftragten bestellt werden.730 In der Reihe der laufend veröffentlichten Herstellungsverbote wurden u. a. am 10. März 1941 Aktentaschen aus Papier, Beutel für Zigarren und Ansichtskarten, Briefpapier-Kassetten, SchallplattenTragetaschen, Schultüten, Tragekartons Abb. 19: Papierbeutel der Marien-Apotheke in usw. aufgeführt.731 Am 14. März 1941 St. Avold/Lothringen, um 1941 folgte das Herstellungsverbot von Beuteln für einzelne Salz- und Kümmelstangen sowie für ähnliche Waren. Ebenso durften keine Heftbeutel für Schulhefte und Blumentüten für Hyazinthen mehr hergestellt werden.732 Am 8. September 1941 erging die Kennzeichnungspflicht von Drucksachen. Danach hatten Drucker und Papierverarbeiter auf allen Drucksachen733 und sonstigen Erzeugnissen, die unter Verwendung von Papier und Pappe hergestellt und mit Druck versehen waren (z. B. Formulare, Plakate, bedruckte Tüten/Beutel, Briefpapier/-umschläge), entweder ihren Firmennamen, ihr Firmenzeichen oder eine Kenn-Nummer anzubringen. Die Kenn-Nummern wurden von der Wirtschaftsgruppe Druck oder von der Wirtschaftsgruppe Papierverarbeitung zugeteilt.734 Am 24. November 1941 erging eine Anordnung über die Genehmigungspflicht zur Herstellung von Druckerzeugnissen. Danach wurde eine derartige Herstellung ohne vorliegende Genehmigung in jedem Fall verboten. Für die Erteilung der Genehmigung waren die Bezirksgruppen der Wirtschaftsgruppe Druck zuständig.735 729 Vgl. ebd., S. 66. 730 Vgl. ebd., S. 120 f. 731 Vgl. Papier – Die Anordnungen der Reichsstelle für Papier und Verpackungswesen, 1 – AO 2, Nachtrag 1, S. 27. 732 Vgl. Bornschier, Papier von A – Z, S. 45, 46 u. 72. 733 Vgl. ebd., S. 84. 734 Vgl. Papier – Die Anordnungen der Reichsstelle für Papier und Verpackungswesen, 1 – AO 2, S. 33. 735 Vgl. ebd., 1 – AO 3, S. 21.
306 Teil I – Papierverarbeitung im 19. und 20. Jahrhundert
1942 1942 wurden im Bereich Papierverarbeitung 4600 Firmen gezählt736 (Karl Seeliger, Leiter der Wirtschaftsgruppe Papierverarbeitung, sprach während eines Vortrags im November 1942 von 150 000 „Gefolgschafts“mitgliedern und weit mehr als einer Viertelmilliarde RM Umsatz für das Reichsgebiet einschließlich „Ostmark“ (Österreich).737 In München wurde das Institut für Lebensmitteltechnologie und Verpackung gegründet. Der Forschungsschwerpunkt lag im Sektor Verpackung.738 Ab Frühjahr 1942 konnte die Industrie die Menge der schriftlich verfassten Anordnungen zu den einzelnen Bewirtschaftungsmaßnahmen, Verteilungsrichtlinien und Kontingentierungen mit Sondermengen und Auslieferungsfreigaben als Folge der „Totalbewirtschaftung“ verwaltungstechnisch kaum noch bewältigen.739 Dieser „Papierkrieg“ war aber nicht allein typisch für die Zeit des Zweiten Weltkrieges, er gehörte vielmehr zum Wesen einer dirigistischen Zwangswirtschaft. Schon vor Ausbruch des Krieges galt: „Es ist bekannt, dass [die] immer mehr um sich greifende Zwangswirtschaft mit einer Unmasse von Schreibwerk und statistischen Arbeiten verbunden ist.“740 Ab Juli 1942 – zu dieser Zeit erreichte das Kampfgebiet der Wehrmacht die größte Ausdehnung – wurden von der Reichsstelle für Papier und Verpackungswesen selbst die Zuteilungsvorschriften für die Wehrmacht immer komplizierter.741 Als eine der Kriegsfolgen wurde die Verringerung der Papier- und Pappeerzeugung bei einem gleichzeitig erhöhten Bedarf zunehmend spürbarer. Für einen gewissen Ausgleich sorgten die von der Wehrmacht in den besetzten Gebieten requirierten Papiervorräte. 742 Die NS-Lenkungsbehörden verschärften ab Sommer 1942 in immer kürzeren Zeitabständen die seit 1936 (Beginn des der Kriegsvorbereitung dienenden „Vierjahresplanes“) bestehenden Sparmaßnahmen. Sie verengten die Maßnahmen mehr und mehr vom „kriegswichtigen“ auf den „kriegsentscheidenden“ Papier- und Pappebedarf.743 Dazu zählte allein der Bedarf der Wehrmacht, der Rüstung und der Unterlieferanten der Rüstungsbetriebe. Im Plan der Bedarfsgruppen nahmen diese Bereiche die Positionen A, B und C ein. Unter D waren Behörden und Parteistellen ausnahmslos als kriegsentscheidend anerkannt. Tüten und Beutel gehörten mit in die ersten zivilen Einstufungen unter E als „volksernährungswichtiger Bedarf“ und unter F „sonstiger volksernährungswichtiger Bedarf“.744 Die Flut der behördlichen Vorschriften an die Betriebe war derart unübersichtlich geworden, dass sie den Mitarbeitern nur noch anhand von Beispielen und verschiedenfarbiger Formulare745 erläutert werden konnten. An der „Heimatfront“ herrschte der totale Papierkrieg. 736 737 738 739 740 741 742 743 744 745
Vgl. Weiß, Zeittafel, S. 495. Vgl. Papiergewerbe und Schreibwaren-Zeitung, Nr. 22/1942, Mitte November 1942, S. 2, Sp. 2. Vgl. Weiß, Zeittafel, S. 495. Vgl. beispielhaft die entsprechenden Bestände im VP-Firmenarchiv München. Deutschland-Berichte, 1939, S. 850 f. Vgl. Richtlinien und Erläuterungen der Reichsstelle für Papier und Verpackungswesen vom 31.7.1942 (VP-Firmenarchiv München). Vgl. Feyerabend, Papiergroßhandel, S. 18, Sp. 1. Vgl. VP-Rundschreiben Nr. 383 vom 5. Aug. 1942 (VP-Firmenarchiv München) Vgl. VP-Rundschreiben Nr. 373 vom 30.4.1942 (VP-Firmenarchiv München). „Durch eine neuerliche Anordnung von Berlin ist eine textliche Änderung der Erklärungsformulare notwendig geworden. Die weißen Formulare des roten Verteilungsplans vom 20.4.1942 verlieren somit ihre Gültigkeit. Ab 1.5.1942 sind die neuen gelben [Formulare zu verwenden].“ VP-Rundschreiben Nr. 373 vom 30.4.1942 (VP-Firmenarchiv München).
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1942 konnten schon seit langem von keiner Papiersorte mehr 100 Prozent der Bezüge von 1938 zugeteilt werden.746 Die Richtsätze bewegten sich vielmehr – je nach Erzeugnismöglichkeit in den einzelnen Sorten – zwischen null und 50 Prozent. „Wehrmacht, Rüstung und sonstiger kriegsentscheidend und vordringlich wichtig anerkannter Bedarf beanspruchen in letzter Zeit fast ausnahmslos die gesamten Zuteilungen in Papier und Pappe.“747
Die Industrie wurde immer häufiger gezwungen, Verkaufsbeschränkungen oder vollständige Verkaufssperren einzuführen. Am 15. Juni 1942 erging eine (erneute) Anweisung748 des Leiters der Fachgruppe Papier verarbeitende Industrie der Wirtschaftgruppe Papierverarbeitung über Beschränkungen bei der Herstellung von Tüten und Beuteln. Die Anweisung enthielt zehn Paragraphen von „Papiersorten“ bis „Inkrafttreten“. „Der Wehrmachts-Papierscheck wird nicht von den auftraggebenden Wehrmachtsdienststellen, sondern von den Firmen, die den Auftrag haben, ausgestellt. Die Anerkennung des Schecks durch Bestätigungsstempel ist dann bei der jeweils bevollmächtigten Wehrmachtsdienststelle (Kontingentträger) zu beantragen. Auf allen Wehrmachtschecks ist der genaue Verwendungszweck sowie die Anzahl der aus der angeforderten Papiermenge herzustellenden Erzeugnisse des Drucks und der Verarbeitung anzugeben. Vordrucke, bei denen diese Angaben fehlen, werden von den bevollmächtigten Wehrmachtsdienststellen zurückgewiesen. WehrmachtsPapierchecks sind nicht von der auftraggebenden Wehrmachtsdienststelle auszustellen, [...] sondern der Wehrmachts-Papierscheck ist zu beantragen – a) von uns, wenn unser Auftraggeber eine Dienststelle oder ein Truppenteil des Heeres, der Luftwaffe, der Kriegsmarine, der WaffenSS, der Organisation Todt oder des Reichsarbeitsdienstes (soweit der Wehrmacht unterstellt) ist. Beispiel: Der Hauptsanitätspark bestellt Packpapier bei uns. Den Wehrmachtscheck für diesen Auftrag haben wir zu beantragen. – b) von unserem Kunden bzw. Auftraggeber, wenn dieser Lieferant einer Dienststelle oder eines Truppenteils des Heeres, der Luftwaffe usw. ist und die bestellte Papiermenge zur Ausführung des ihm erteilten unmittelbaren Wehrmachtsauftrages benötigt. Beispiel: Der Hauptsanitätspark bestellt bei einer chem. Fabrik Ampullen. Die chem. Fabrik benötigt für diese Verpackung Packpapier, das sie bei uns bestellt, Antragsteller für den Wehrmachts-Papiercheck ist die chem. Fabrik. – Zuteilungen für den übrigen mittelbaren = indirekten Wehrmachtsbedarf erfolgen auf Grund von Erklärungen über den Verwendungszweck. Diese neuen Erklärungsformulare, welche von uns auf rotem Papier sind [...] Dieselben sind vom Auftraggeber ordnungsgemäß auszufüllen, zu unterschreiben und uns mit dem Auftrag bzw. Auftragszettel einzureichen. Sie werden von uns den zuständigen Wehrmachtsdienststellen zur Genehmigung übermittelt. Als indirekter = mittelbarer Wehrmachtsbedarf gilt auch der Bedarf der Rüstungsindustrie, sofern er nicht durch Wehrmachts-Papierschecks [...] schon erfaßt ist. Beispiel: Der Hauptsanitätspark bestellt einen Röntgenapparat. Der Hersteller dieses Apparates benötigt Schrauben und andere Metallteile, die er von den Firmen xyz bezieht. Diese Firmen benötigen für die Auslieferung Verpackungsmaterial. In diesem Fall haben die Firmen xyz die vorgesehenen Erklärungsformulare auszufüllen, die von uns dann den zuständigen Verteilungsstellen eingereicht werden. Aus diesem Beispiel geht hervor, dass es sich bei den Firmen xyz des Beispiels um Unterlieferanten eines Rüstungsbetriebes handelt. Für deren Bedarf sind die vorgenannten Erklärungen von diesen abzugeben [usw.].“749
Schon Mitte der 1920er Jahre hatte Max Krause jun. im Zusammenhang mit den amtlichen Richtlinien für die Papierwirtschaft während des Ersten Weltkrieges festgehalten: „Es ist 746 Vgl. VP-Rundschreiben Nr. 384 vom 26. Aug. 1942, S. 1 (VP-Firmenarchiv München). 747 Vgl. ebd. 748 „Unbeschadet der Vorschriften der Anordnung 2 der Reichsstelle für Papier und Verpackungswesen vom 31.12.1941 und der Nachträge 1 der Anordnung 2 vom 31.3.1942 [...] dürfen Tüten [nur noch] ... .“ – Papier-Zeitung, Nr. 17/1942, 29.8.1942, S. 390, Sp. 2 f. 749 Papier-Zeitung, Nr. 17/1942, 29.8.1942, S. 390, Sp. 2 f.
308 Teil I – Papierverarbeitung im 19. und 20. Jahrhundert unfaßbar, welche seltsamen Blüten Zwangswirtschaftsideen und Kriegspsychose [...] treiben.“750 Ab August 1942 musste jegliche Werbung für Produkte der Papier erzeugenden und verarbeitenden Industrie eingestellt werden.751 Damit entfiel auch die Tätigkeit der Außendienstmitarbeiter/Reisenden/Vertreter. Sie wurden ab sofort im Innendienst beschäftigt.752 Um den Lieferansprüchen der Kunden trotz verminderten Personalstandes entsprechen zu können, hatte die Fachgruppe Papier verarbeitende Industrie im September 1942 die Tüten-/Beutelindustrie darum ersucht, möglichst nur noch Kolonial-Flachbeutel statt Bodenbeuteln anzubieten und zu verkaufen. In der „Ostmark“ sei dieser Beuteltyp schon immer eingeführt gewesen. Bereits im Juni des Jahres hatte die Fachgruppe die Industrie angewiesen, nur noch Spitztüten auf Fäden anzustechen und aufzureihen. Für Papierbeutel wurde die Fadenbündelung nicht mehr gestattet.753 Im November 1942 ging die Fachzeitschrift Klimschs Druckerei-Anzeiger auf eine Veröffentlichung des Reichsarbeitsblattes zum Thema „Tarifordnung“ für gewerbliche „Gefolgschafts“mitglieder/Betriebsangehörige im Papier verarbeitenden Gewerbe in Deutschland ein.754 Für die gewerblichen „Gefolgschafts“mitglieder in der deutschen Papier-, Pappen-, Zellstoff- und Holzstoff-Industrie war zuletzt im Juni 1939 durch den Sondertreuhänder der Arbeit eine neue Reichstarifordnung erlassen worden, im Juni 1940 erfolgte eine Tarifordnung (keine Reichstarifordnung) für das graphische und Papier verarbeitende Gewerbe. Im Klimschs Druckerei-Anzeiger vom November 1942 wurde bedauert, dass für die inzwischen 15 (teilweise sogar 20) Jahre alten Tarifordnungen der verschiedenen Gewerbezweige innerhalb dieser Wirtschaftsgruppe immer noch keine einheitliche Fassung vorlag.755 Inzwischen waren nur Teilschritte auf dem Weg zu einer Neuordnung erreicht worden. Ein männlicher Hilfsarbeiter hatte in der Papierverarbeitung einen Brutto-Stundenlohn von 22 Pf. Das entsprach einem durchschnittlichen BruttoMonatslohn von 42 bis 45 RM.756 Diese Summe lag somit erheblich unterhalb des durchschnittlichen Brutto-Wochenlohnes eines gelernten Fabrikarbeiters, der 57,80 RM (Monatslohn rund 230 RM) betrug. Die wöchentliche Arbeitszeit lag bei 48 Stunden.757 Als endgültiges Ziel galt dem Fachamt Druck und Papier eine einheitliche Tarifordnung für das gesamte graphische Gewerbe, die Papierverarbeitung, die Pappeverarbeitung sowie später auch für die Papiererzeugung. Als Grund für die lange Verzögerung wurden verschiedene Umstände, nicht zuletzt aber die kriegsbedingten Verhältnisse genannt.758 Die „eingefrorenen“ Lohnverhältnisse, die zum großen Teil noch aus der Zeit der Weimarer Republik, der in der NS-Terminologie so genannten „Systemzeit“ stammten, änderten sich erst nach der Währungsreform 1948. 750 Krause, Einige Erinnerungen, S. 3958. 751 Vgl. Papier-Zeitung, Nr. 17/1942, 29.8.1942, S. 390, Sp. 2 f.; vgl. auch Papiergewerbe und Schreibwaren-Zeitung, Nr. 18/1942, Mitte September 1942, S. 3, Sp. 2 f. 752 Vgl. Rundschreiben Nr. 384 der VP, München, 20.8.1942. VP-Firmenarchiv München 1. 753 Vgl. Fachgruppe Papier verarbeitende Industrie, Verkaufsanweisungen der Preisliste für Spitztüten, Bodenbeutel, gefüttert und ungefüttert, Kolonialwaren-Flachbeutel – Fassung vom 21.9.1942 und Anweisung vom 5.6.1942 (VP-Firmenarchiv München). 754 Vgl. Klimschs Druckerei-Anzeiger, Nr. 35/1942, S. 586. 755 Vgl. Grundfragen der Papierwirtschaft, Berlin 1941, Zeittafel. 756 Vgl. u. a. entsprechende Lohn- und Gehaltsunterlagen der Fa. Heinrich Schnitzler; vgl. auch Grothe, 23.6.1992. 757 Vgl. Helga Grebing/Peter Potzorski/Rainer Schulze, Die Nachkriegsentwicklung in Westdeutschland 1945–1949, S. 39 ff. 758 Vgl. Klimschs Druckerei-Anzeiger, Nr. 35/1942, S. 586.
Papierverarbeitung im 20. Jahrhundert
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Bereits in der Nr. 28 (September 1942) hatte Klimschs Druckerei-Anzeiger aus dem Deutschen Reichsanzeiger Nr. 206 vom 3. September 1942 die Herstellungs- und Verarbeitungsvorschriften für Papier, Karton und Pappe als Nachtrag zur Anordnung Nr. 2 der Reichsstelle für Papier und Verpackungswesen vom 1. September 1942 zitiert.759 Artikel 4 dieser Vorschriften enthielt u. a. das ausdrückliche Herstellungsverbot von Einkaufsund Handtaschen aus Papier.760
1943 Im Januar 1943 wurden die neuen Verteilungsstellen und Verteilungsbeauftragten durch die Reichsstelle für Papier und Verpackungswesen bekannt gegeben. Diesen Instanzen oblag ab sofort u. a. die Verteilung von Erzeugnissen der Papier- und Pappeverarbeitung. Sie hatten allein nach den von der Reichsstelle erlassenen Anordnungen zu handeln. 761 Die Verteilungsstelle für Packpapier (Ziffer 4) z. B. war sachlich zuständig für die Verteilung von Stroh- und Schrenzpapier, von Strohschrenz- und Verdunklungspapier.762 Auch die Zuteilung von Sondermengen für die Herstellung von Tüten und Beuteln wurde (unter Ziffer 9) geregelt. Dazu gehörten Papiere aller Art, außer Pergamin und Pergamentersatz-Papier. Anspruch auf Zuteilung von Sondermengen an Pergamin und Pergamentersatz-Papier hatten lediglich die Wehrmacht, der Reichsarbeitsdienst, die „Organisation Todt“/OT, die SS, die Waffen-SS, der „Reichskommissar für die Festigung des deutschen Volkstums“/RKF, die Polizei, der Sicherheitsdienst/SD und die „Technische Nothilfe“.763 Unter der Anordnung II/4 der Reichsstelle für Papier und Verpackungswesen wurden u. a. auch die Vorschriften für Formate und Gewichte bei der Herstellung von Tüten und Beuteln geregelt. Dabei waren Übergangsregelungen vorgesehen.764 Die Tapetenproduktion war bereits im ersten Kriegsjahr stark eingeschränkt worden. 1943 wurde sie vollständig/weitestgehend verboten bzw. von 38 auf (zunächst) acht (1944/45 zwei bis drei) Betriebe verringert.765 Am 8. Februar 1943 erließ der Reichswirtschaftsminister eine Verordnung zur Ernennung eines Reichsbeauftragten für Verpackungsmittel. Diesem Beauftragten stand für sein umfangreiches Aufgabengebiet die ebenfalls neu eingerichtete Arbeitsgemeinschaft Verpackung zur Seite. Zu dieser Arbeitsgemeinschaft gehörten die Reichsgruppen Industrie, Handel und Handwerk sowie der Reichsnährstand. Die Aufgaben der bisherigen Reichsstelle für Papier und Verpackungswesen wurden allein auf das Gebiet Papier reduziert. Damit war ihre Aufgabe im Bereich Verpackungswesen erloschen. 766 Als Verpackungsmittel wurden nach der Verordnung des Reichswirtschaftsministers vom 8. Februar 1943 definiert:
759 Vgl. ebd., Nr. 28/1942, S. 476. 760 Vgl. ebd., S. 478. In der Nr. 26 vom 27. Aug. 1942 hatte Klimschs Druckerei-Anzeiger in einer längeren Notiz ausdrücklich auf die Möglichkeit hingewiesen, „Lohnbeutel mehrmals“ zu verwenden. Vgl. ebd. S. 452. 761 Vgl. ebd., Nr. 2/1943, S. 22. 762 Vgl. ebd. 763 Vgl. ebd., Nr. 4/1943, S. 58. 764 Vgl. ebd., Nr. 6/1943, S. 84 f. 765 Vgl. u. a. Weiß, Zeittafel, S. 496. 766 Vgl. Klimschs Druckerei-Anzeiger, 7/1943, S. 102.
310 Teil I – Papierverarbeitung im 19. und 20. Jahrhundert „Waren, die dazu bestimmt sind, andere Waren zu umhüllen oder zusammenzuhalten, um sie verkehrs- oder lagerfähig zu machen und gegen äußere Einwirkungen zu schützen.“767
Im Frühjahr 1943 war der in der Bevölkerung durch den Ersten Weltkrieg äußerst negativ besetzte und somit politisch unerwünschte Begriff „Ersatz“ endgültig durch den Begriff „Austausch“ ersetzt worden, es hieß fortan nur noch Austauschprodukte, Austauschverpackungen usw. Berichte mit positiven Erfahrungen über Austauschstoffe für Verpackungen wurden weiterhin veröffentlicht. Nahezu alle hochwertigen Verpackungs-Werkstoffe – vor allem Metalle, Qualitätspapiere/-pappen usw. – waren als Folge des durch den Krieg verschärften Rohstoffmangels im großen Stil von devisenabhängigen Mangel-Rohstoffen auf heimische Austausch-Rohstoffe umgestellt worden. Für die Entwicklungsingenieure und Maschinenkonstrukteure ergaben sich daraus erhebliche Herausforderungen. Aufwändige Versuchsreihen mussten durchgeführt, Konstruktions-Anpassungen vorgenommen bzw. Neukonstruktionen geleistet werden. Die ausgetauschten Stoffe mussten vor allem auf ihre Verträglichkeit mit den jeweiligen Verpackungsgütern untersucht und schließlich für die maschinelle Verarbeitung tauglich sein. Am geeignetsten für diese Anforderungen erwiesen sich Papier, Pappe, Papierguss, Zellglas und Kunststoffe. In Verbindung mit Metallfolien und synthetischen Kunstharzen/ -stoffen (speziell „Igelit“), durch Lackierungen, Kaschierungen und Imprägnierungen konnten über diese modifizierten Werkstoffe wertvolle Metalle, Weißblech und Zinn weitgehend ersetzt werden. Die Erfahrungen, die dabei u. a. mit der Verarbeitung von Kunststoffen und durch die Kombination verschiedener Werkstoffe gemacht wurden, erwiesen sich bis in die Gegenwart als nachhaltig. Neben Kostenersparnissen konnten bedeutsame Gewichts- und Raumersparnis sowie Bruchfestigkeit erreicht werden. Durch den Einsatz von 1000 kg Zellglas konnten beispielsweise 125 000 kg Metall eingespart werden.768 Der Austausch von Blech durch Zellglas erbrachte bei einer Million Farbband-Verpackungen eine Ersparnis von 50 000 kg Weißblech. Das Nährmittel „Maizena“, das ursprünglich in verlöteten Weißblechdosen angeboten worden war, wurde seit den frühen 1940er Jahren in Pappschachteln mit Innenbeuteln aus Zellglas vertrieben. Bei 100 000 Packungen bedeutete das eine Einsparung von 20 t Metall. Feuchtpräparate und fetthaltige Cremes wurden in speziell präparierte Schachteln aus Hartpapier verpackt. Tuben aus Zinn oder Aluminium (besonders für Zahnpasta) konnten durch Tuben aus Papier mit metallner Kunstharzfolie oder aufkaschierter Alu-Folie ersetzt werden. Für die Verpackung von Tabak, Zigaretten, Schokolade, Tee, Gefrierkonserven, Butter, Käse, Pumpernickel, Zwieback, Keks, Suppenwürfel, Seifen, Putzmittel, Farben usw. konnten nur noch mit Kunststoff („Igelitpaste“) kaschierte Papiere und Pappen verwendet werden. Für Bohnerwachs, Schuhcreme, Öl, technische Fette usw. wurden Hartpapierdosen oder Gefäße aus Pappenguss bzw. Kombinationen aus Papier/Pappe und Blech sowie gewickeltes Papier mit Kunstharzverleimung (ursprünglich Produkte für Elektro-Isolierungen) eingesetzt. Verbandszeug war durch Papier mit einem Einschlag aus Zellglas wetterfest geschützt. Leukoplastspulen und -dosen aus Blech waren gegen Spulen und Dosen aus Papier ausgetauscht.769 Die Zellglas-Industrie (Kalle/Wiesbaden, Feldmühle/Odermünde, Wolff/Walsrode) sah sich durch diese Entwicklung darin besonders bestätigt, auf die Aufhebung des Pro767 Zit in: ebd. 768 Vgl. Austauschverpackungen für kosmetisch-pharmazeutische Präparate. In: Das DrogistenFachblatt, Nr. 13/1943, 31.3.1943, S. 16, Sp. 2. 769 Vgl. u. a. ebd., S. 16, Sp. 2 ff.
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duktionsverbotes von 1937770 gedrungen zu haben. In den zehn Jahren zwischen 1930 und 1940 war die deutsche Zellglas-Produktion von 1000 auf 5000 t gesteigert worden.771 Die in der Zeit getroffene Einschätzung, „was sich im Krieg bewährt, wird auch nach dem Krieg unentbehrlich bleiben!“772, wurde schließlich bestätigt. Besonders in den Jahren nach der Währungsreform wurde aus verkaufspsychologischen Gründen wieder die vertraute alte „Friedensverpackung“ eingesetzt, die dann jedoch aus Kosten- und zunehmend aus Umweltgründen, nicht mehr aber wegen Rohstoffmangels mehr und mehr z. B. durch Polyethylen-Folie ersetzt wurde. 1943 wurde die Parole vom baldigen „Endsieg“ zunehmend unhaltbarer. Die NSPropaganda musste neue Schwerpunkte setzen; u. a. druckte die Werkzeitschrift der Briefumschlag-Fabrik Gebr. Heyder/Düren Abb. 20: Zellglas-Beutel für den Fronteinsatz, unter dem Titel „Gedanken zum 1. Mai“ um 1942 einen Aufruf ab, in dem die „Volksgenossen“ und die „Gefolgschaften“ in den „Betriebsgemeinschaften“ – als „Zellen der Volksgemeinschaft“ – aufgefordert wurden, sich geschlossen im „Geist der Volksgemeinschaft“ zu „bewähren“. Der Aufruf wurde mit dem Tod begründet, der an den Fronten wie auch in der Heimat „reichlich Ernte“ hielt, mit der notwendigen Unterstützung der „Opfer der Terrorangriffe“, mit der „Hilflosigkeit der Zivilbevölkerung“, mit dem „namenlosen Leid und Elend“. Es galt, den „verbissenen Hass“ gegen die „Mordmethoden der Feinde“ zu stärken. Die „Opfer der Terrorangriffe“ wurden aufgefordert, den Soldaten an der Front davon zu berichten, wie sehr sich die „Volksgemeinschaft“ um sie kümmere. „[Das] hebt die Stimmung und stärkt die Kampfkraft.“773. Es war vom gegenwärtigen Kampf die Rede, dem „ein tiefer Sinn zugrunde“ läge. Die „Volksgemeinschaft“ wurde aufgerufen, nicht allein zu spenden, sondern „aktiv“ zu opfern.774 Mit zunehmender Dauer des Krieges wurde auch der Arbeitskräftemangel immer spürbarer. Die Unternehmen konnten zusätzliche Arbeitskräfte, die sie für bestimmte Produktionen benötigten, bei der jeweils zuständigen Arbeitsverwaltung anfordern. Die Zuweisungen der Arbeitsverwaltungen mussten im Normalfall akzeptiert werden. Durch den extremen Mangel an deutschen Facharbeitern wurden zunehmend ausländische Arbeitskräfte beschäftigt – Vertragsarbeiter, dienstverpflichtete und Zwangsarbeiter, Militärinternierte, 770 771 772 773
Vgl. ebd. im vorliegenden Abschn.. Vgl. u. a. Cellophan – Erfindung und Welterfolg, S. 116. Drogisten-Fachblatt, Nr. 13/1943, S. 17, Sp. 2. Vgl. Rur-Post (Werkzeitschrift – Feldpost [der Fa. Gebr. Heyder/Düren] für die Betriebsangehörigen an der Front), 3. Jg. Nr. 14, C. S., Gedanken zum 1. Mai. Sp. 1 f. 774 Vgl. ebd.
312 Teil I – Papierverarbeitung im 19. und 20. Jahrhundert Kriegsgefangene, „Ostarbeiter“ und KZ-Häftlinge. Bei einer eventuellen Einstellungsverweigerung derartiger Arbeitskräfte gingen die Unternehmen das Risiko verringerter Rohstoff-Quoten und im äußersten Fall das Risiko der Betriebs-Stilllegung ein. Mit den zunehmenden Schwierigkeiten bei der Arbeitskräfte-Beschaffung sanken oftmals die Hemmungen der Arbeitgeber, auch Zwangsarbeiter einzustellen.775 Für gewerbliche Betriebe, einschließlich der Betriebe der Papier- und Pappeverarbeitung, in denen in „Gemeinschaftslagern“ untergebrachte Juden im Arbeitseinsatz standen, wurde vom Reichsminister für Ernährung und Landwirtschaft im März 1943 ein Erlass vom 18. Februar 1943 bekannt gegeben, wonach diese Arbeitskräfte die gleiche Verpflegung aus der Werksküche oder Kantine zu erhalten hätten wie die übrigen Arbeitnehmer. Begründet wurde diese Anordnung damit, dass „die Aufrechterhaltung der Arbeitskraft dieser Personen [...] aus Arbeitseinsatzgründen geboten“ war.776 Für Juden, die nicht in einem Gemeinschaftslager untergebracht waren, galt das gleiche. Die Ausgabe der Verpflegung hatte jedoch „gesondert von der für die anderen Verpflegungsteilnehmer zu erfolgen“777. Ebenso geregelt war die Teilnahme von nicht gekennzeichneten ausländischen Arbeitern und „Ostarbeitern“ an gemeinsamen Werksveranstaltungen mit Deutschen. Grundsätzlich war diese Teilnahme möglich, aber es war „Sorge dafür zu tragen, dass zwischen den oben angeführten Gruppen ein Abstand durch einen Gang oder durch eine Stuhlreihe [bestand]. Auf keinen Fall darf einem deutschen Arbeitskameraden zugemutet werden, während seiner Freizeit direkt neben einem Ostarbeiter zu sitzen“.778
Der Umgang mit zwangsverpflichteten Juden, Kriegsgefangenen, Ost-, Fremdarbeitern usw. wurde in den einzelnen Betrieben sehr unterschiedlich gehandhabt. Die meisten Betriebe rückten diesen Umgang nach dem Krieg in ein weitgehend mildes Licht („die Leute hatten es bei uns gut“). Es ist überliefert, dass Friedrich Schaarschmidt (1892–1983) – NSDAP-Mitglied, „Betriebsführer“ des graphischen Großbetriebs Gundlach/Bielefeld – während des Krieges seine Verbindungen (auch über die Konzernmutter Oetker/Bielefeld) zu NS-Führungskadern nutzte und mit Erfolg dafür sorgte, dass er für infolge des Personalausfalls bei Gundlach durch Kriegseinsatz oder durch den Einsatz in der Rüstungsproduktion Zwangsarbeiter zugeteilt bekam. 185 wurden genehmigt, davon 105 so genannte „Ostarbeiter“, die nach Bielefeld verschleppt worden waren und zu niedrigsten Lohnkosten im Unternehmen beschäftigt wurden. Nach einem dokumentierten Fall war Schaarschmidt zusammen mit der Gestapo persönlich an Misshandlungen sowjetischer Zwangsarbeiterinnen beteiligt, die im Keller des Gundlach-Betriebsgebäudes u. a. wegen Diebstahls verübt wurden.779 In den letzten Kriegstagen wurde Gundlach von den Behörden 775 Vgl. Mommsen/Abgeglitten in die Barbarei, S. 142. 776 Vgl. Die Deutsche Arbeitsfront, Gauwaltung Sachsen, Rundbrief Nr. 189, 15.3.1943, S. 6. 777 Vgl. Die Deutsche Arbeitsfront, 189/1943, S. 6. Zu den Widersprüchen und ständig wechselnden Beschlüssen im Hinblick auf die Behandlung von Zwangsarbeitern (Verpflegung, Löhne usw.) vgl. u. a. Ulrich Herbert, Fremdarbeiter, Politik und Praxis des „AusländerEinsatzes“ in der Kriegswirtschaft des Dritten Reiches, Berlin/Bonn 1986, S. 132 ff., sowie Mark Spoerer, Spoerer, Mark, Zwangsarbeit unter dem Hakenkreuz. Ausländische Zivilarbeiter, Kriegsgefangene und Häftlinge im Dritten Reich und im besetzten Europa 1938 bis 1945, Stuttgart 2001. 778 Vgl. Die Deutsche Arbeitsfront, 189/1943, S. 6. Zur Situation der Zwangsarbeiter in der Kriegswirtschaft allgemein s. u. a. auch Fritz Blaich, Wirtschaft und Rüstung im „Dritten Reich“, Historisches Seminar Bd. 1, hrsg. v. Armin Reese und Uwe Uffelmann, Düsseldorf 1987, S. 35 ff. 779 Vgl. Jungbluth, Die Oetkers, S. 152.
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noch ein kleineres Kontingent jüngerer Prostituierter als Arbeitskräfte zugewiesen. Die persönliche Reputation Friedrich Schaarschmidts blieb trotz aller NS-konformer und aktiv unterstützender Tätigkeiten und Verhaltensweisen unbeschädigt. Dem Begründer des Bielefelder Rotary-Clubs von 1935 wurde nach seinem Tod 1983 bestätigt, dass er „Freundschaft [pflegte, dass er] ethische Grundsätze im privaten und beruflichen Leben [verfolgte und dass er] sich um die Verständigung zwischen den Völkern [mühte]“.780 Bei Bestehorn/Aschersleben, dem größten deutschen Papierverarbeiter, wurden während des Krieges zwangsverpflichtete Frauen aus der Sowjetunion und Griechenland, jüdische Mädchen sowie Kriegsgefangene aus Frankreich und der Sowjetunion beschäftigt.781 1940 waren dem Lengericher Papier verarbeitenden Unternehmen Bischof + Klein (vor allem Papiersäcke) 30 französische Kriegsgefangene und Zivilarbeiter, darunter zehn Holländer, zugewiesen. 1942 folgten 30 russische Zwangsarbeiterinnen. Später kamen noch sieben junge russische Mütter mit ihren Kleinkindern hinzu.782 Die VP/München mussten im Juli 1942 ihr Feinpapierlager räumen, um Quartier zu schaffen für 30 ukrainische Mädchen und Frauen zwischen 14 und 30 Jahren, die zum Arbeitseinsatz abkommandiert waren und dort barfuß und in leichten Sommerkleidern eintrafen783. Zuständig für den Arbeitseinsatz von „Fremdarbeitern“ in Deutschland war ab 21. März 1942 als Generalbevollmächtigter Fritz Sauckel.784 „Im Dezember 1942 ist der [VP-]Betrieb gemäß eines Erlasses des Munitionsministeriums und des Beauftragten für den Arbeitseinsatz in eine Sonderstufe unter dem Stichwort ‚Arbeitseinsatz – Ostverpflegung‘ eingereiht und geschützt worden“.785
Am 1. April 1943 hatte der RDP die Ausgabe III der Preisrechnungsvorschriften und Bedingungen für den Verkauf von Papierbeuteln herausgegeben.786 Diese Vorschriften und die Anordnungen des Reichsbeauftragten für Verpackungsmittel waren Teil des Bewirtschaftungssystems, das für Papier mit der Rohstoffkontingentierung ab 1936 einsetzte und noch über die Währungsreform im Jahre 1948 hinausreichte. Die Maßnahmen zur Mindestbelieferung der Ernährungswirtschaft mit Tüten und Beuteln standen im engen Zusammenhang mit der Tatsache, dass die Versorgung der Bevölkerung bereits vor Ausbruch des Krieges mit größter Dringlichkeit vorbereitet war. Die NS-Führung war gewarnt durch die Fehler, die bei der Versorgung der Bevölkerung während des Ersten Weltkrieges und kurz nach dessen Ende gemacht worden waren. Unmittelbar vor bzw. nach Kriegsbeginn wurde die Warenrationierung durch Lebensmittelkarten und Bezugsscheine (für Gebrauchsgüter – Großaufträge für die graphische Industrie) eingeführt. 787 Ernsthafte Versorgungsschwierigkeiten – etwa durch Hamster780 Dr. Hochheimer (? – unleserlich), Trauerrede, Bielefeld 1983, Kopie des Redetextes im Besitz des Verf.; vgl. auch Abschn. „Graphische Industrie“ der v. A. 781 Vgl. Geschichte des VEB Optima Aschersleben, S. 14. 782 Vgl. Teuteberg, Bischof + Klein, S. 34. 783 Vgl. VP, Brief an einen Frontsoldaten aus der Gefolgschaft/Belegschaft vom 15.8.1942, VPFirmenarchiv München. 784 Vgl. Walter, Einführung, S. 251. 785 Wie der Auftrag für diese Abteilung der VP München mit Sonderstufe und hoheitlichem Schutz genau lautete, ist nicht bekannt; vgl. Geschichte der VP, München 1996, S. 54; zu Zwangs-, Ost-, Fremd- usw. -arbeitern, Kriegsgefangenen- und Internierteneinsatz usw. in den einzelnen Firmen und Branchen s. auch die jeweiligen Fach-Abschnitte der v. A. 786 RDP, Preisrechnungsvorschriften, Ausgabe III. 787 Am 27.8.1939 Lebensmittel-Rationierung, am 14.10.1939 Einführung der Reichskleiderkarte; vgl. Walter, Einführung, S. 250.
314 Teil I – Papierverarbeitung im 19. und 20. Jahrhundert käufe – konnten während der gesamten Kriegsdauer weitgehend vermieden werden. Im Zweiten Weltkrieg gelang es, „die Versorgung der Bevölkerung bis in die Schlussphase des Krieges zu sichern. Die rücksichtslose Ausplünderung der besetzten Gebiete, der Einsatz hunderttausender Kriegsgefangener in der deutschen Landwirtschaft, eine bis weit in den Krieg hinein leistungsfähige Agrarproduktion sowie eine schon in Vorkriegszeiten einsetzende Verbraucherlenkung verhinderten ‚Steckrüben-Erfahrungen‘“
aus der Zeit der Ersten Weltkrieges mit ihren verheerenden Auswirkungen auf die Stimmung der Bevölkerung.788 Auf Schwarzhandel standen in den Jahren des Zweiten Weltkrieges hohe Strafen. Darüber Abb. 21: Akzidenzdruck im System der NShinaus war jeder Haushalt bemüht, durch Kriegswirtschaft: Zusatz-Seifenkarte, Sepeigene Maßnahmen die Versorgungslage zu tember 1944 verbessern. Bombengeschädigte erhielten in den ersten Jahren noch relativ problemlos Ersatz über entsprechende Zuteilungen und gelegentliche Sonderzuteilungen.789 Gegen Ende des Krieges konzentrierten sich die Maßnahmen der Reichsstelle im Bereich der Zivilversorgung auf die Bereitstellung von Lebensmittelkarten und Verdunklungspapier sowie auf Fensterpappe für Bombengeschädigte.790 Die straffe Kriegsorganisation erfasste auch die von den unmittelbaren Kriegseinwirkungen betroffene Papier und Pappe verarbeitende Industrie. Bei H. C. Bestehorn wurden sofort nach Kriegsbeginn Teile der Produktion ganz auf die Herstellung u. a. von Feldpostbriefen, Landkarten und auf Verpackungen für Pistolenmunition umgestellt. Christian Mansfeld, das 1861 in Leipzig gegründete Maschinenbau-Unternehmen für die Papier verarbeitende Industrie, wurde von der Luftwaffe im November 1940 unter höchster Geheimhaltung „im Rahmen des Dringlichkeitsprogramms [...] eine besondere Bedeutung zuerkannt“ und die Produktion vollständig auf Rüstung umgestellt.791 Nur wenige Monate nach Kriegsbeginn waren zu Anfang 1940 auch Bestrebungen der Untergruppe Papierverarbeitungs-Maschinen in der Fachgruppe Maschinenbau verstärkt worden, die Produktionsprogramme der einzelnen Unternehmen durch Normung zu vereinfachen. 1942 wurde für die Dauer des Krieges vom Arbeitsausschuss Papierverarbeitungs-Maschinen eine Aufgabenteilung für alle Unternehmen der Branche verpflichtend geregelt. Für den Maschinenbaubetrieb Gebr. Brehmer/Leipzig z. B. hatte diese Regelung zur Folge, dass er seinen Spezialbereich Buch- und Kartonagen-Drahtheftmaschinen nunmehr in enger Zusammenarbeit mit dem in Leipzig-Mölkau ansässigen Unternehmen Gutberlet & Co. als Alleinanbieter teilen musste. Buch-Drahtheftmaschinen durften nur noch von Brehmer gebaut werden. Kartonagen-Drahtheftmaschinen wurden ebenfalls 788 Jürgen Schmidt, Einkaufen in Krisenzeiten: 1845/49 und 1945/49. In: Peter Lummel/Alexandra Deak, Einkaufen, ine Geschichte des täglichen Bedarfs, Berlin 2005, S. 204, Sp. 1. 789 Vgl. Berekoven, Geschichte des deutschen Einzelhandels, S. 55. 790 Vgl. Feyerabend, Papiergroßhandel, S. 18, Sp. 1. 791 Vgl. Peter, Aspekte, S. 80.
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von Brehmer – als ein auf vier Modelle reduziertes Programm – gebaut. Mit Gutberlet teilte sich Brehmer den Bau von Block- und Broschur-Heftmaschinen in jeweils festgelegten Stärken. Für reine Rüstungszwecke hatte Brehmer den Bau von Blechsteppmaschinen792 für den Flugzeugbau (Henschel/Berlin) und für Marineaufträge (Blohm & Voss/Hamburg, Marinewerft/Wilhelmshaven) auszuführen. Mit den zunehmenden Luftangriffen auf Leipzig wurde Brehmer als wichtiger Rüstungsbetrieb Mitte 1944 – getarnt als „Ultra-Werkstätten“ – nach Oschatz und Auerbach verlagert. Die Verlegung wurde vom Oberkommando der Wehrmacht veranlasst. Brehmer lieferte 1943 u. a. Granatzünder. Für die umfangreiche Rüstungsproduktion beschäftigte Brehmer 1944 etwa 2000 Arbeitskräfte – darunter Zwangsarbeiter aus Belgien, Frankreich, Italien und der Sowjetunion. Damit hatte sich die Anzahl der Beschäftigten im Vergleich zu 1927 verdoppelt.793 Beim Papierverarbeiter Gustav Zipf/Mannheim einem Zweigbetrieb der VP/München, waren in der Nacht zum 17. Dezember 1940 bei einem Fliegerangriff nahezu die gesamten Betriebsanlagen zerstört worden. Darüber hatte die Firma in einem Rundschreiben vom Januar 1941 ihre Kundschaft ausführlich informiert. Am 28. Januar 1941 erhielt die Firmenleitung von der Wehrwirtschaftlichen Abteilung der IHK Mannheim eine Verwarnung, da es sich bei diesem Rundschreiben um einen Verstoß gegen die VerschlusssachenVorschriften handelte. Die Abwehrstellen des zuständigen Wehrkreises waren tätig geworden. Die Veröffentlichung des Rundschreibens war im Interesse der Landesverteidigung nicht erwünscht.794 Die Firma Friedr. Serong/Höxter trennte während des Krieges die übliche Firmenansicht im Briefkopf der Geschäftsbogen ab, um den Bombern keine Identifizierungsmöglichkeit zu bieten.795 Windmöller & Hölscher musste ab 1942/43 seine Tüten- und BeutelmaschinenProduktion auf kriegswichtige Granatenproduktion und Aluminiumteile für die Luftwaffe umstellen.796 Im Heilbronner Papierverarbeitungswerk Carl Friedrich Müller AG wurde 1942 ein großer Teil der Betriebsgebäude und Maschinen durch Brandbomben zerstört. Der Betrieb musste, wenn er nicht völlig geschlossen werden wollte und alle Mitarbeiter der Rüstungsindustrie überstellt werden sollten, innerhalb von drei Wochen wieder produzieren. Die Frist konnte eingehalten werden.797 Bei C. F. Müller machte sich, wie in allen anderen Betrieben auch, der ständige Druck bemerkbar, der auf jedem Mitarbeiter durch die von den Planungsstellen vorgeschriebenen Produktionsmengen lastete. Die Belegschaftszahl wurde durch die Einberufungen zum Militär und durch den Einsatz in Rüstungsbetrieben ständig kleiner. „Männerarbeit“ musste durch Frauen übernommen werden. Bereits um 1938/39 hatte der Anteil der Frauenarbeit in der Papier verarbeitenden Industrie
792 Die Blechstepp-Maschinen auf der Basis der Drahtheftung wurden in den 1930er Jahren bei Brehmer entwickelt. Mit dem Typ 130 M aus dem Jahre 1938 konnten zwei Metallbleche von jeweils bis zu 0,8 mm Wandstärke mit Drahtklammer derart verbunden werden, dass eine fast ebenmäßige Fläche entstand. Verwendung fand das Verfahren vor allem im Flugzeug-, Schiffs-, Automobil-, Waggon- und im Stahlmöbelbau; vgl. Kettlitz, Drahtheften, Sp. 2. 793 Vgl. ebd., S. 38 f. 794 Vgl. Rundschreiben der Firma Gustav Zipf, Mannheim, Jan. 1941 und Schreiben der IHK Mannheim vom 28. Jan. 1941. VP-Firmenarchiv München. Zu den Maßnahmen des zivilen Luftschutzes gehörte auch die Verteilung von Löschsand-Papiersäcken. 795 Vgl. Grothe, 3.3.1992. 796 Vgl. Verpackte Märkte, Chronik-Anhang. 797 Vgl. Die Carl Friedrich Müller AG, Heilbronn, feiert am 10. November 1972 ihr 100jähriges Jubiläum, 1. Innenseite des Umschlags (Firmenarchiv).
316 Teil I – Papierverarbeitung im 19. und 20. Jahrhundert bei 58,1 Prozent gelegen.798 1942 wurden neue Berufsbilder für die Anlernberufe der Maschinenbeutelkleberinnen und Papierausstatterinnen festgelegt.799 Am 25. Juli 1944 wurde Joseph Goebbels Reichsbevollmächtigter für den totalen Kriegseinsatz. Ab 24. August 1944 galt eine generelle Urlaubssperre und die Anordnung der 60-Stunden-Arbeitswoche.800 Der Mangel an Ersatzteilen sowie Hilfsund Betriebsstoffen wurde von Woche zu Woche spürbarer.801 Ende 1943 wurde bei einem Bombenangriff das Büro der 1936 gegründeten Gemeinschaft Deutscher Tapetenfabrikanten/GDT in Berlin total zerstört. Obwohl die Tapeten-Produktion nahezu völlig eingestellt war und die TapetenIndustrie mit nur noch acht (von 38) Betrieben weitgehend aufgehört hatte zu existieren, wurde das GDT-Büro für diese acht Betriebe im Feldmühle-Hauptquartier/Berlin neu eingerichtet. Im Februar 1944 Abb. 22: Deutsche Reichspost, Anwerbung weiblicher erhielt die GDT-Zentrale in der UmArbeitskräfte, Papierbeutel, um 1944 gebung von Berlin ein neues Büro.802 Am Ende des Krieges arbeiteten nur noch zwei oder drei Tapeten-Hersteller – u. a. Gebr. Rasch/Bramsche. Bei Rasch liefen von den insgesamt 20 noch sechs bis sieben Maschinen. Rasch gehörte zu den Unternehmen, die als nicht kriegswichtig (zumindest teilweise) stillgelegt werden sollten. Im Mai 1942 hatte im RWM eine Besprechung der Reichsstelle für Papier und Verpackungswesen stattgefunden, während der die „Verteilungsstelle für besondere Papiere“ angewiesen wurde, Rasch & Co. mitzuteilen, dass für die Tapeten-Produktion ab sofort kein Papier mehr freigegeben würde. Begründet wurde der Zuweisungsstopp mit den besonderen Schwierigkeiten, die durch den Transport des Rohpapiers nach Bramsche (b. Osnabrück) entstünden. 1938 gehörte Rasch und Co. als eine der bedeutendsten deutschen Tapetenfabriken zu den 31 Betrieben innerhalb der „Gemeinschaft Deutscher Tapetenfabrikanten“/GDT, die vom „Amt Schönheit der Arbeit“ 798 Vgl. Weiß, Zeittafel, S. 491; Zahlen zur Beschäftigung deutscher Frauen zwischen 1939 und 1945 s. u. a. Fritz Blaich, Wirtschaft und Rüstung im „Dritten Reich“, S. 106. 799 Vgl. Klimschs Druckerei-Anzeiger, Nr. 25/1942, S. 463 u. Nr. 33/1942, S. 556. 800 Vgl. Walter, Einführung, S. 251. 801 Vgl. Günter Reintjes, Ansprache anläßlich der Feierstunde des 100jährigen Firmenjubiläums am 10.11.1972, C. F. Müller AG, Heilbronn, S. 6 (Firmenarchiv). 802 Vgl. Kilger, Wirtschaftliche Bedeutung der Tapete, S. 158, Sp. 1 f.
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den Gemeinschaftsauftrag erhalten hatten, eine Musterkarte zu entwerfen, die insbesondere bei der Ausgestaltung von Arbeitsplätzen als Vorlage dienen sollte. Im Jahr des Kriegsausbruchs 1939 hatte Rasch noch 6,5 Mio. Rollen produziert. Im Jahr zuvor, 1938, lag die deutsche Gesamtproduktion bei 100 Mio. Rollen. 1941 war die Produktion bei Rasch auf weniger als vier Mio. Rollen zurückgegangen. 1942 war das gesamte wehrfähige Personal, einschließlich des Betriebs„führers“ Emil Rasch, zum Militärdienst eingezogen. Nur ca. 60 ältere Arbeiter und 15 Angestellte waren zur Weiterführung des Betriebes verblieben. Aus dem Bescheid der Verteilungsstelle ergab sich ein längerer Schriftwechsel. Ende Juli 1942 ließ das RWM über den Leiter des GauStabsamtes die Genehmigung zur Weiterproduktion erteilen. Im Herbst 1944 erreichten den Betrieb u. a. zehn t Kreide aus Lübeck. Das reichte für die Versorgung mit diesem Rohstoff für die nächsten Monate. Schwierigkeiten machte dagegen die Beschaffung von Schwefelsäure. „Den Posten Papier, den wir von Marburg für Flammersheim & Steinmann [Köln] zur Lagerung erhielten, werden wir ebenfalls übernehmen können, da die genannte Firma inzwischen stark beschädigt worden ist. [...] Ebenfalls werden wir von dem beschlagnahmten [finnischen] Papier, welches in Bremen lagert, noch etwa 40 t erhalten.“803
Rasch & Co. gehörte mit seiner Tapeten-Produktion zur Dringlichkeitsstufe III. Das wiederum bedeutete Probleme bei der Kohlenbelieferung. „Wir haben Antrag gestellt, aufgrund unserer Rüstungseinlagerung in Stufe II aufgenommen zu werden.“804 Der VP-Betrieb Gustav Zipf in Bruchsal musste durch einen Bombenvolltreffer im März 1945 den Totalverlust seiner Büro- und Lagergebäude hinnehmen. Bei diesem Angriff wurde ebenso das Fabrikgebäude des Bruchsaler Papierverarbeiters Karl Trautwein total vernichtet. Im April 1945 wurden Gebäude und Maschinen des Papierverarbeitungs-Betriebes M. Neemann in Leer (Ostfriesland) total zerstört. Wenige Tage später ging mit dem Kriegsende auch das Hauptabsatzgebiet Ostpreußen für die Firma verloren. In den letzten Kriegsmonaten wandte sich die Firma Serong/Höxter hilfesuchend an den Reichsausschuss für Verpackungswesen in Berlin. Bei Serong wurde seit Jahrzehnten an der Entwicklung pulverdichter Verpackungen gearbeitet. Diese Arbeiten und die laufende, als kriegswichtig eingestufte Produktion für die Wehrmacht und von lebensmittelkartenpflichtigen Verpackungen sollten vollständig eingestellt werden. Das Produktionsamt hatte eine weitere Herstellungsanweisung verweigert, um eine (völlig fachfremde) Rüstungsfertigung vornehmen zu lassen. Serong sah hierin eine katastrophale Entwicklung für die Firma, die auch die Produktion für andere, ausgebombte Firmen mit übernommen hatte. Bei Serong sollte nun selbst die Versorgung der Wehrmacht und Kriegswirtschaft mit Verpackungsmitteln eingestellt werden.805 Noch im Februar/März 1945 war vom RDP in Abstimmung mit dem Reichskommissar für Preisbildung festgestellt worden, dass „die Papierbeutelindustrie innerhalb der Papier- und Pappeverarbeitung einen besonders wichtigen Faktor in der Versorgung der Verbraucher mit Verpackungsmitteln“ darstellt.806 Weniger Probleme hatte die Papiersack-Industrie bei der Herstellung von Großsäcken. Die Verteilungsstelle Sackpapier und Papiersäcke hatte bereits am 9. Nov. 1939 auf die 803 Spilker, „Unübliche Einschränkungen“. In: Rasch-Buch 1897–1997, S. 132 ff., hier: S. 133. 804 Zu Rasch & Co. vgl. ebd., S. 132 ff. 805 Schreiben der Firma Friedr. Serong an den Reichsausschuss für Verpackungswesen beim Reichskuratorium für Wirtschaftlichkeit, Höxter, 14.1.1945, im Besitz des Verf. 806 Preisrechnungsvorschriften, Berlin 1945, S. 3.
318 Teil I – Papierverarbeitung im 19. und 20. Jahrhundert besondere volks- und kriegswirtschaftliche Bedeutung der Papiersackproduktion für Füllgüter wie Baustoffe, Futter- oder Düngemittel usw. hingewiesen.807 Ab 1940 wurden Papiersäcke vordringlich auch für die Ernährungswirtschaft benötigt. Die Beschaffung von Arbeitskräften, Transportmitteln und Rohstoffen zur Herstellung von Papiersäcken wurde mit Vorrang behandelt.808 Das Lengericher Unternehmen Bischof + Klein (B + K) beispielsweise konnte noch in der Jahreswende 1943/44 eine hochleistungsfähige Schlauchmaschine zur Herstellung von Papiersäcken modernster Bauart in Betrieb nehmen. Ernst Klein war Mitglied im „Technischen Ausschuß der Kontrollstelle Natronpapier und Papiersäcke“ und seit 1941 Mitglied im Beirat der Kontrollstelle.809 Um 1943/44 wurden allein bei B + K täglich zwischen 20 000 und 40 000 Papiersäcke mit einem Jahresverbrauch von 10 000 t Papier (1944) vor allem für die Zement-, Dünge- und Nahrungsmittel-Industrie hergestellt.810 Das waren rund fünf Prozent der gesamten Reichsproduktion (Jahresproduktion 1942 = nahezu 8,5 Mio. Stück, Papierverbrauch: rund 220 000 t).811 Zu den Abnehmern gehörte vor allem die Zement-, Großchemie- und Stahl-Industrie. Die Hüttenwerke im Ruhrgebiet arbeiteten noch ausnahmslos nach dem Thomas-Verfahren, bei dem als Nebenprodukt in großen Mengen Thomasmehl als Düngemittel anfiel. Aber auch die Ruhrstickstoff AG in Bochum (Düngemittel) oder die Gasrußwerke (für Gummierzeugung) sowie die Soda- und Salzhersteller gehörten zu den Kunden mit einem jeweiligen Bedarf an Papiersäcken in Millionenhöhe. B + K verfügte bis kurz vor Kriegsende über ausreichende Papiervorräte und konnte seine Produktion auf hohem Niveau aufrechterhalten.
Nachkriegszeit Über das genaue Ausmaß der direkten und indirekten Kriegs- und Kriegsfolgeschäden im Bereich der industriellen Papier- und Pappeverarbeitung liegen keine Angaben vor. Die Höhe der Schäden wird jedoch kaum von der der übrigen Wirtschaftsbereiche abweichen. Es gibt Tendenzen, das allgemeine Ausmaß der Kriegszerstörungen812, Restitutionen und Demontagen weit höher einzuschätzen, als es tatsächlich war. Der Mythos von der Stunde Null lässt sich weder für den zivilen noch für den wirtschaftlichen Sektor bestätigen.813 Das Deutsche Institut für Wirtschaftsforschung schätzt, dass in Westdeutschland (spätere BRD) 15 Prozent und in Ostdeutschland (spätere DDR) 12 Prozent 807 Vgl. Loer, Die Gemeinschaften der deutschen Papiersackindustrie, S. 50. 808 Vgl. ebd., S. 53. 809 Vgl. ebd., S. 19 ff. 810 Papiersäcke fanden in diesen Zeiten noch eine weitere Verwendung: „Von dort in einem Lazarettzug in die Gegend von Minsk. [Als Verwundeter in ...] Papiersäcke gepackt, in denen auch Kartoffeln transportiert wurden. Und Tote.“ Ulla Hahn, Unscharfe Bilder, München 2005, S. 173. 811 Vgl. Teuteberg, Bischof + Klein, S. 35. 1950 wurden in Westdeutschland wieder 442 Mio. Stück Papiersäcke hergestellt (vgl. ebd., S. 41); um 1945 lag der Pro-Kopf-Verbrauch an Papier bei 10 kg – gegenüber 48 kg im Jahre 1938; vgl. apr, Nr. 9/1958, S. 412. 812 Vgl. dazu u. a. Michael von Prollius, Deutsche Wirtschaftsgeschichte nach 1945, Göttingen 2006, S. 67 ff. 813 Vgl. Uwe Uffelmann, Der Weg zur Bundesrepublik – Wirtschaftliche, gesellschaftliche und staatliche Weichenstellungen 1945–1949 [Historisches Seminar Bd. 12, hrsg. v. Armin Reese und Uwe Uffelmann], Düsseldorf 1988, S. 19 f.
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des Volksvermögens durch den Krieg vernichtet wurden. Im Westen Deutschlands waren vor allem die Bombenschäden höher. Dadurch war jede fünfte Produktionsanlage vernichtet worden. Trotzdem lagen die Industriekapazitäten nach Ende des Krieges höher als unmittelbar vor Kriegsausbruch.814 Auch die Schäden in der Papier- und Pappe verarbeitenden Industrie reichen je nach Betrieb von „Totalverlust“ bis „relativ“ oder „völlig unbeschädigt“. In den Nachkriegsdarstellungen der meisten Firmengeschichten reduzieren sich die Ereignisse zwischen 1933 und 1945 auf die Erwähnung der Schwierigkeiten durch die Materialbewirtschaftung und auf den Bombenkrieg/die Luftangriffe. Die Situation der Papier verarbeitenden Industrie stellte sich nach Mai 1945 von Betrieb zu Betrieb, von Region zu Region und von Besatzungszone zu Besatzungszone als sehr unterschiedlich dar.815 Nachdem im Frühjahr 1945 die Kriegsvorräte durch Plünderungen und Beschlagnahmungen schnell aufgebraucht waren, brach auch die Versorgung der Bevölkerung völlig zusammen. Nach ersten Plänen der Sieger-/Besatzungsmächte sollte das noch vorhandene deutsche Industriepotenzial durch Demontage zerschlagen und als Kriegsbeute der Siegermächte abtransportiert werden.816 Die Versorgungswege der Bevölkerung verliefen über Hamstern, Schwarzmarkt, Kohlenklau, CARE-Pakete, Lebensmittelkarten und Bezugsscheine. Von Amts wegen wurden pro Kopf und Monat zugeteilt: 825 g Brot, 170 g Fett, 450 g Fleisch, 1400 g Nährmittel, 625 g Käse, 1000 g Zucker, 125 g Kaffee-Ersatz, 900 g Kartoffeln sowie 1 l entrahmte Milch.817 Für Verpackungsmaterial hatten die Kunden selbst zu sorgen. Zeitungspapier, alle möglichen Behälter oder selbstgenähte Leinenbeutel dienten als Tüten-/PapierbeutelErsatz. Vorverpackte Waren (Teigwaren, Mehl, Zucker, Haferflocken, Margarine usw.) wie in der Vorkriegszeit zunehmend üblich, gab es nun nur noch im Lose-Verkauf.818 1946 stand pro Kopf der Bevölkerung eine Jahresmenge von weniger als 10 kg Papier zur Verfügung – vor dem Krieg waren es 46 kg.819 In der Papierwaren-Industrie war, wie in den meisten Wirtschaftsbereichen auch, ein Neubeginn der Produktion bzw. deren Wiederaufnahme vielfach nur unter improvisierten Bedingungen möglich. Noch vor Ende des Krieges wurde bei Dielektra/Köln am 16. April 1945 mit 20 Arbeitskräften mit dem Wiederaufbau der zerstörten Werksanlagen begonnen. Das Grundkapital der Firma hatte sich inzwischen von knapp drei Mio. RM 1924 auf nahezu fünf Mio. RM erhöht.820 Im Mai 1945 lag die Anzahl der Beschäftigten bereits wieder bei 120.821 Am 20. Juli 1945 erhielt der Betrieb von der britischen Militär-Regierung 814 Vgl. stern, 12/05, S. 90, Sp. 2 f. 815 Zur jeweiligen wirtschaftlichen Situation und Entwicklung in den vier Besatzungszonen ab Sommer 1945 vgl. u. a. Werner Abelshauser, Deutsche Wirtschaftsgeschichte seit 1945, München 2004, S. 106 ff. 816 Vgl. Berekoven, Geschichte des deutschen Einzelhandels, S. 81. 817 Vgl. Norbert Albrecht, Deutschland – Die Geschichte der Bundesrepublik 1949 bis 1982, München/Mönchengladbach 1982, S. 16. 818 Vgl. Karlheinz Wiegmann, Die Warenverpackung der dreißiger bis sechziger Jahre. In: Supermarkt und Emmaladen, Münster 1993/94, S. 53. 819 Walter Hess, Die Papierverarbeitung. Ein praktisches Handbuch für die Veredelung des Papiers und das gesamte Gebiet der papierverarbeitenden Industrie, Berlin 1958, S. 194: = 6,5 kg; apr 9/ 1958, S. 412: = 1938 48 kg, 1945 10 kg. 820 Vgl. Georg Flach, Chronik der Dielektra Aktiengesellschaft, Köln 1958, S. 1, Typoskript, Firmenarchiv Lamitec/Dielektra Köln-Porz, S. 17. Georg Flach war Prokurist bei Dielektra. 821 Vgl. ebd., S. 16.
320 Teil I – Papierverarbeitung im 19. und 20. Jahrhundert die „höchste Dringlichkeitsstufe“ zugewiesen, mit der die Wiederaufnahme der Fabrikation von Hartpapier-Isoliermaterialien für die Elektro-Industrie beschleunigt werden sollte.822 Die allgemeine Stromversorgung musste schnellstmöglich wieder hergestellt werden. Als schwierig erwies sich jedoch die Versorgung mit Papier und Textilien. Viele der traditionellen Lieferanten lagen nunmehr im Gebiet der sowjetisch besetzten Zone. Im August 1945 lief die Produktion von Hartpapier-Rohren (bis zu 400 mm Durchmesser) bereits wieder an. Der Wiederaufstieg des Unternehmens gelang in kürzester Zeit im großen Stil. Bei Graphia/Brackwede wurden die nach den Bombenangriffen verbliebenen Betriebsteile von der englischen Besatzungsmacht beschlagnahmt. Die Engländer richteten dort eine eigene Druckerei ein und gaben den Betrieb erst 1958 wieder zurück.823 Die graphische Industrie, die während der NS-Zeit vor allem mit dem Druck von Lebensmittelkarten, Bezugsscheinen und behördlichen Akzidenzien beschäftigt war, war damit ohne Unterbrechung, lediglich unter dem Austausch von Hoheitszeichen, auch für die nächsten Jahre damit beschäftigt. Die ersten Druckaufträge für die Gundlach AG/Bielefeld kamen von der britischen Besatzungsmacht für Lebensmittelmarken, Bezugsscheine und Sonderbescheinigungen aller Art. Insgesamt wurden allein beim graphischen Großbe- Abb. 23: Akzidenzdruck: Beipackzettel zu CARE-Paket trieb Gundlach zwischen 1939 und 1950 schätzungsweise 376 Mio. Lebensmittelkarten und Bezugsscheine auf Offsetmaschinen gedruckt.824 Im August 1948 erhielt die Druckerei (Branchen-Spitzname „Reichsdruckerei des Westens“) von der Bank deutscher Länder den Auftrag, Fünf- und Zehnpfennigscheine zu drucken.825 822 Vgl. Horst A. Wessel, Die Firma Meirowsky & Co., später Dielektra, in Porz und ihre Leistungen auf dem Gebiet der künstlichen Isolierstoffe für die Elektrotechnik. In: Rechtsrheinisches Köln. Jahrbuch für Geschichte und Landeskunde, hrsg. v. Geschichts- und Heimatverein Rechtsrheinisches Köln e.V., Bd. 18. Köln 1992, S. 129-162, hier: S. 152. 823 Vgl. Dahlembergk, W. von, Graphia Hans Gundlach GmbH Bielefeld – Entwicklung und Bedeutung eines graphischen Großbetriebes 1929 bis 1960, Bielefeld 1960 (Firmenschrift), S. 47. 824 Vgl. Mit Gutenberg ins Internet, S. 28, Sp. 2. 825 Vgl. ebd., S. 28, Sp. 2.
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Abb. 24: Akzidenzdruck im System der Nachkriegs-Mangelwirtschaft: Brennstoffbezugskarte, Stadt Berlin 1945/46
Sechs Wochen nach der Kapitulation erhielten die Vereinigten Papierwarenfabriken/ München von der amerikanischen Militärregierung die Genehmigung, in der betriebseigenen Papierfabrik Ismaning Papier herzustellen, und zwar für die Lebensmittelindustrie, für die US-Streitkräfte sowie für alle Betriebe und Regierungsstellen, die von der Militärregierung die Zustimmung zur Inbetriebnahme erhalten hatten.826 Zwei Monate nach Kriegsende nahm Bischof + Klein/Lengerich die Produktion im weitgehend unzerstört gebliebenen Betrieb wieder auf. Die britische Militärregierung hatte das Werk zunächst, wie die meisten anderen Betriebe und öffentlichen Einrichtungen auch, für ein paar Monate geschlossen und die bei B + K noch reichlich vorhandenen Papiervorräte (für die mit Sonderstatus versehene kriegswichtige Produktion von PapierGroßsäcken) beschlagnahmt. Die noch verbliebenen 190 Beschäftigten wurden in den ersten Nachkriegswochen zu Aufräum- und Ausbesserungsarbeiten außerhalb des Betriebes abkommandiert. Ab Juli/August stellten 20 Beschäftigte vier Wochen lang zunächst Butterbrotpapier her. In der betriebseigenen Schlosserei wurden für kurze Zeit Kochtöpfe hergestellt. Die volle Papier verarbeitende Produktion konnte 1945 vor allem auch aus Gründen des Fachkräftemangels nicht wieder aufgenommen werden. Ab September erweiterte B + K sein Produktangebot und begann mit der Fertigung von Tüten und Papierbeuteln. Neben dem Bedarf der Industrie an Papiersäcken war insbesondere eine enorme Nachfrage im Konsumbereich vor allem für Lebensmittel zu erwarten. Das Papier für die Spitztüten wurde aus den unvermeidbaren Abfällen bei der Herstellung von Papiersäcken gewonnen. Die Spitztüten-Maschine konnte vom befreundeten Maschinenbauer Windmöller & Hölscher am Ort besorgt werden.827 826 Vgl. entsprechendes Genehmigungsschreiben vom 19.6.1945, VP-Firmenarchiv München. 827 Vgl. Teuteberg, Bischof + Klein, S. 38 f.
322 Teil I – Papierverarbeitung im 19. und 20. Jahrhundert In den Monaten Juli/August gab es rege Kontakte zwischen dem Materialprüfungsamt Berlin-Dahlem (Unter den Eichen) und der Hauptverwaltung der Feldmühle. Das Prüfungsamt war bemüht, die zerstörten, verloren gegangenen oder von sowjetischen Truppen beschlagnahmten Prüfapparate (u. a. Papierzug-Festigkeitsprüfer) wieder zu ersetzen und die Fachbibliothek wieder aufzubauen. Der Dienstbetrieb des Amtes war lediglich in der Endphase des Kriegs durch die Kampfhandlungen in seiner unmittelbaren Umgebung für eine paar Tage unterbrochen worden. Nach Ende der Kampfhandlungen hatte die Dienststelle in ungebrochener Pflichterfüllung den ihr zugewiesenen Kontrollauftrag nahezu übergangslos weitergeführt. Im Frühsommer des Jahres 1945 galt es, die neu aufgetretenen Schwierigkeiten zu überwinden. Das Materialprüfungsamt setzte dabei auf die Hilfe und Unterstützung der Feldmühle, die in ihrem Berolina-Werk und im Werk Odermünde bei Stettin noch über entsprechende Möglichkeiten verfügte. Das Prüflabor der Feldmühle war in diesen Wochen damit beschäftigt, aktuelle Prüfberichte über die „laufende qualitative Überwachung der Fabrikation“828 zu erstellen sowie Untersuchungen über Berstdruck, Falzzahl, Stoffzusammensetzung, Aschegehalt, Leimung, Lacke usw. der noch in den Werken Odermünde, Königsberg, Berlin oder Hohenkrug/Pommern produzierten/vorhandenen Lackpapiere („geeignet für Tüten- und Beutelverarbeitung“), Wachstuch-Ersatz, Krepppapiere, BKA-Stoffe („Zellstoffeinlagen der Damenbinden“), Vulkanfiber usw. anzustellen oder Zellstoff-Kennzahlen zusammenzustellen. Die Feldmühle war, vorbehaltlich der weiteren Entwicklung, grundsätzlich zur Hilfestellung für das Prüfungsamt bereit.829 Im September 1945 erhielt die Stuttgarter Firma Carl Ganter (VP) vom Oberbürgermeister der Stadt (Wirtschaftsamt, Abt. Wirtschaftskontrolle) eine vorläufige Erlaubnis zur Weiterführung des Betriebes. Carl Ganter durfte Samen- und Drogeriebeutel sowie Packpapier im Großhandel vertreiben. Änderungen im Betriebsprogramm mussten vorher vom Wirtschaftsamt genehmigt werden. Die Genehmigung wurde vorbehaltlich einer noch folgenden persönlichen Überprüfung nach politischen Gesichtspunkten (Entnazifizierungs-Verfahren) erteilt.830 Am 8. Januar 1946 wollte ein Vertreter der amerikanischen Militärregierung von der Papierfabrik Ismaning/Bayern Auskunft darüber haben, was aus den rund 40 t Aktenpapier geworden war, die kurz vor Kriegsende von der Reichsleitung der NSDAP aus den Beständen von Partei, Luftwaffe und Gestapo zur Vernichtung angeliefert worden waren. Die Papierfabrik hatte diese Bestände inzwischen auftragsgemäß verarbeitet.831 Am 20. Januar 1946 fragte die Papierfabrik Ismaning bei der zuständigen Militärregierung an, ob sie die 6-10 t Schulbücher aus der NS-Zeit verarbeiten dürfe, die in Miesbach gelagert wurden.832 Das Betriebsprogramm bei Windmöller & Hölscher/Lengerich wurde 1947 durch einen allgemeinen Nachholbedarf an Verpackungsmaschinen bestimmt. Die Arbeitszeit konnte aufgrund von Nahrungsmittelmangel jedoch nur begrenzt genutzt werden.833 Im Mai 1945 war der Betrieb von englischen technischen Truppen besetzt und teilweise ausgeplündert worden. Im Juli wurde bereits die erste Kreuzbodenbeutel-Maschine aus828 829 830 831 832 833
Vgl. WWA – Stora Enso-Bestand/Hagen. Vgl. ebd. Vgl. entsprechendes Genehmigungsschreiben vom 19.9.1945, VP-Firmenarchiv München. Vgl. entsprechende Gesprächsnotiz im VP-Firmenarchiv München, Jg. 1946. Vgl. entsprechendes Schreiben im VP-Firmenarchiv München, Jg. 1946. Vgl. Verpackte Märkte, Chronik-Anhang.
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geliefert. Weihnachten 1945 hatte dieser Betrieb von den alliierten Behörden eine Anordnung zur völligen Stillegung erhalten und war auf die Liste der zu demontierenden Betriebe gesetzt worden. Schrittweise wurden in den folgenden Monaten diese Anordnungen zurückgenommen. Zwar durfte W & H auch 1946 den Bau und die Montage von Maschinen für die Papierverarbeitung noch nicht wieder aufnehmen, der Betrieb konnte aber wieder Reparaturarbeiten ausführen und Ersatzteile herstellen. Um minderwertige Kohle zu kompensieren, musste W & H zwischenzeitlich den Bau von Waschmaschinen aufnehmen.834 Erst 1947 kam von deutschen und alliierten Stellen die Erlaubnis zur Wiederaufnahme des vollen Betriebes, soweit das unter den gegebenen Umständen des allgemeinen Material-, Betriebsstoff-, Packstoff- und Fachkräftemangels überhaupt möglich war. Der Werkstoffmangel war für die Papier verarbeitende Industrie besonders belastend und nur unter sehr erschwerten Bedingungen auszugleichen. Auch die Papier erzeugende Industrie war wegen Rohstoffmangels nahezu vollständig zum Erliegen gekommen. Ein Geschäftsvorgang aus den Jahren 1946/47 belegt stellvertretend die Situation der gesamten Branche. Ende Januar 1946 bot ein Bremer Industrievertreter, der für die Papierfabrik Gebr. Palm/Neukochen tätig war, einem Kunden den Bezug von Packpapier an. Der Betrieb der Papierfabrik war inzwischen wieder in kleinem Umfang angelaufen. Fühlbare Schwierigkeiten machten allerdings der Kohle- und Rohstoffmangel. Trotzdem bestand die Möglichkeit für eine Aushilfslieferung.835 Der Kunde musste sich im März und Mai wieder in Erinnerung bringen. Bis dahin war noch keine Lieferung erfolgt. Im September musste er erneut nachfragen, ob für 1946 überhaupt noch eine Aussicht auf Lieferung bestünde. Vom Vertreter erhielt er die Auskunft, von der Firma Palm seit dem Frühjahr überhaupt noch keine Lieferung erhalten zu haben. Seit einiger Zeit liege das Werk aufgrund von Rohstoffmangel völlig still. Die Produktion sollte aber schnellstens wieder aufgenommen werden und es bestünde Aussicht, dass über den Bremer Industrievertrieb bald ein kleiner Posten verteilt werden könne. Für den Kunden bestand aber nur die Hoffnung, selbst davon nur einen ganz geringen Anteil zu erhalten.836 Dieser Geschäftsvorgang konnte auch während des gesamten Jahres 1947 nicht abgeschlossen werden. Nach wiederholten Erinnerungen des Kunden musste der Industrievertreter im Dezember 1947 endlich die Mitteilung machen, dass ihm beide in der Zwischenzeit von der Firma Gebr. Palm zugeteilten Aushilfslieferungen gestohlen worden waren. Es blieb in dieser Situation nur noch die Hoffnung auf eine Ersatzlieferung.837 In weiteren Briefen an den Kunden wurden die Lieferschwierigkeiten vor allem mit Rohstoffknappheit, Stromsperren, Kohlenmangel, Arbeitskräftemangel und Kontingentierung begründet. Die Papierfabrik Gebr. Palm lag in der amerikanischen Besatzungszone. Dort hatte das sonst übliche Papierscheck-Verfahren (Zuteilungsverfahren in der britischen Besatzungszone) keine Gültigkeit. Die Papierfabrik hatte somit eine gewisse Möglichkeit, gegen Lieferung von Altpapier 50 Prozent der entsprechenden Gesamtmenge in Neupapier nach den Wünschen des Kunden zu liefern.838 Der Industrievertrieb bot als einfachste Lösung an, das Altpapier lose oder gepresst über eine Sammelfirma 834 Vgl. Für Dich, Heft 9, 1953, S. 2, Sp. 2. 835 Vgl. Kundenschreiben des Industrievertriebs Erich Hansen, Bremen, 27.1.1946; dieses und die folgend zitierten Schreiben sind im Besitz des Verf. 836 Vgl. Hansen, 16.9.1946. 837 Vgl. Hansen, 8.12.1947. 838 „Die von den Besatzungsmächten eingeführten Papierschecks waren wertlos. Die Bedarfsdeckung vollzog sich nur über Altpapier oder über sogenannte Ringtauschgeschäfte.“ Werden und Wachsen der Papierwirtschaft im Bielefelder Raum, S. 39.
324 Teil I – Papierverarbeitung im 19. und 20. Jahrhundert bei Gebr. Palm abliefern zu lassen und ihm die Quittung zu schicken, mit der er dann die Auslieferung des Neupapiers veranlassen wollte.839 Die Stuttgarter Papierwarenfabrik Carl Ganter machte im April 1947 ihren Kunden wieder Lieferangebote für Pack-, Einschlag- und Seidenpapier sowie Papierbeutel jeder Art (bei größeren Auflagen auch mit Druck). Zum Angebot gehörten ebenso Umschläge, Wellpappe und diverse Papierwaren. Angesichts der bestehenden Schwierigkeiten und der herrschenden Papierknappheit konnte die Firma ihren Kunden die Ausführung der Aufträge nur zusichern, wenn als Gegenleistung ausreichend Altpapier in einem bestimmten Verhältnis der Menge zur Neuware geliefert würde. In umständlichen Hinweisen mussten auch äußerst banale Vorgänge geklärt werden. So mussten die Kunden das Altpapier ladefertig verpackt übergeben, das heißt in Ballen gepresst oder in alten Kartons verpackt. Zeitungen, Akten und Geschäftsbücher mussten gebündelt sein. Die Kunden konnten sich aber auch mit einer flachen Kiste behelfen, in die zweckmäßigerweise zunächst eine feste Unterlage und darunter eine lange Kordel zu legen empfohlen wurde. Dann sollte das Altzeug hineingestampft werden, darauf festes, großes Zeug gelegt werden und schließlich der heraushängende Schnurteil festgeknüpft werden. Diese Pressung konnte dann aus der Kiste gestürzt oder gehoben werden.840 Am 5. Juni 1947 war der Marshall-Plan als Hilfsprogramm für den europäischen Wiederaufbau verkündet worden.841 Darin miteinbezogen waren auch die westlichen Besatzungszonen Deutschlands. Das System der Marktwirtschaft und damit das des freien Wettbewerbs ohne Zwangskartelle wurde reaktiviert. Mit Stand vom 30. Juni 1947 gab es im Wirtschaftsbereich Papier- und Pappepackungen u. a. folgende Organisationen: Verband der Papier und Pappe verarbeitenden Industrie Nordwestdeutschlands (VPV, Sitz Bielefeld), gegliedert in zehn Fachverbände und in vier Regionalverbände. Zu den Regionalverbänden gehörten 1. Nord-Rhein – Wirtschaftsvereinigung Papierverarbeitung der Rheinprovinz (Sitz Düsseldorf), 2. Westfalen 3. Niedersachsen 4. Hamburg und Umgebung. Zu den Gliederungen der Fachabteilungen im VPV gehörten: – Faltschachteln (Sitz Höxter, Vorsitzender Breidenbach), – Fachabteilung Hartpapier und Rundgefäße (Sitz Bad Salzuflen, Leiter Karl Hornung), – Fachabteilung Kartonagen und sonstige Papierverarbeitung (Sitz Velbert/Rhld., Leiter Fritz Nießen), – Fachabteilung Papiersäcke (Sitz Brackwede, Vorsitzender Erwin Behn), – Fachabteilung Papierveredelung (u. a. Kleberollen – Sitz Bielefeld), – Fachabteilung sonstige Papierverarbeitung (Sitz Dissen/Teutoburger Wald), – Fachabteilung Tüten und Beutel (Sitz Bielefeld, im Juni 1947 93 Hersteller, Vorsitzender Hans Stolzmann, Geschäftsführer der Firma Papierindustrie, 839 Vgl. Hansen, 8.12.1947. 840 Vgl. Carl Ganter, Firmen-Rundbrief Nr. 4, Stuttgart, April 1947. VP-Firmenarchiv München. 841 Zum Thema „Marshallplan – „Mythos und Realität“ vgl. Abelshauser, Deutsche Wirtschaftsgeschichte, S. 130 ff.
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Vereinigung Nordwestdeutscher Wellpappe-Fabrikanten – V. d. W. (Sitz Köln-Rodenkirchen, Vorsitzender Robert Sieger), Wirtschaftsvereinigung der Papierverarbeitung der Rheinprovinz (Sitz DüsseldorfStockum) Zentralstelle für die Wachspapierindustrie (Sitz Bad Oeynhausen – mit den Erzeugnisgruppen Teerpapier, Wachspapier, Wasserdichte Packstoffe).842
1948 kam die „Vereinigung Kraftpapier e. V.“ (Sitz Holzminden-Brackwede) hinzu.843 Erster Vorsitzender (Präsident) dieses Verbandes war Friedrich Schaarschmidt. Schaarschmidt war als „Betriebsführer“ der Oetker-Tochter Gundlach AG/Bielefeld bis 1945 aktives NSDAP-Mitglied844 und hatte sich bald nach der Neuordnung der NS-„völkischen“ Wirtschaft in der Organisation der Wirtschaftsgruppe Papierverarbeitung auf der „bezirklichen“ Ebene der Industrie- und Handelskammern verdient gemacht.845 Er wurde „Führer“ des innerhalb der deutschen Papierverarbeitung bedeutenden IHK-Bezirks Bielefeld. Die Abteilung Industrie- und Handelskammern war der Reichswirtschaftkammer unterstellt. Ihre Mitglieder hatten sich bedingungslos dem obersten Willen des Führers der Reichswirtschaftkammer zu fügen.846 Friedrich Schaarschmidt fügte sich bedingungslos. Er war aus Überzeugung aktiv an der Gestaltung der nationalsozialistisch ausgerichteten Wirtschaft beteiligt. Unmittelbar nach Kriegsende wurde er nahezu übergangslos zu einer der aktivsten und einflussreichsten Persönlichkeiten der bundesdeutschen Papier und Pappe verarbeitenden und Verpackungen herstellenden Industrie, die seine Verdienste anzuerkennen und zu würdigen wusste. Er war führend an den Vorbereitungen zur Gründung des Verbandes Papier und Pappe verarbeitende Industrie Nordwestdeutschland/VPV beteiligt. Nach der Genehmigung zur Gründung dieses ersten wieder zugelassenen Verbandes durch die britische Besatzungsmacht wurde Schaarschmidt von den Mitgliedern einstimmig zu dessen Präsidenten gewählt. Diesen Posten hatte er bis 1948 inne.847 Friedrich Schaarschmidt wurde nach Kriegsende von seinen „Fachgenossen“ bestätigt, dass er sich in der NS-Zeit in der „bezirklichen Organisation“ des Raumes Bielefeld „das Vertrauen der Berufskollegen und maßgeblichen Einfluss erworben“ hätte.848 Der Bezirk der IHK Bielefeld, in der NS-Zeit Untergruppe der Hauptgruppe Westfalen und Lippe mit Sitz in Münster, bildete in den 1950/60er Jahren den Schwerpunkt sowohl der graphischen als auch der Papier verarbeitenden Industrie Westfalens. In rund 80 graphischen Betrieben arbeiteten ca. 7000 Beschäftigte – in rund 50 Papier verarbeitenden Betrieben waren es ca. 8000. Das waren im Kammerbezirk Bielefeld bezogen auf Westfalen gut die Hälfte aller Betriebe mit mehr als der Hälfte aller Beschäftigten. Diese Zahl von rund 130 Betrieben mit ca. 15 000 Beschäftigten ist (weitgehend) identisch mit der in der NSZeit vor 1945. Friedrich Schaarschmidt hatte seine fachliche Kompetenz, seine Führungsqualitäten und seine Durchsetzungsfähigkeit seit den 1920er Jahren immer wieder unter Beweis gestellt. Der Hauptverband der Papier und Pappe verarbeitenden Industrie e. V./HPV stellte 842 Vgl. Die deutsche Verpackungsindustrie 1947, bearb. v. Johannes Hoffmann [= Dr. Kauperts Fachadressbuch-Bibliothek Bd. 1, Berlin 1947], S. 8. 843 Vgl. Teuteberg, Bischof + Klein, S. 41. 844 Vgl. auch Abschn. „Graphische Industrie“/-Gundlach/-Schaarschmidt der v. A. 845 Vgl. Werden und Wachsen der Papierwirtschaft im Bielefelder Raum, S. 46. 846 Vgl. vorangegangenen Abschn. „Papierverarbeitung in der NS-Zeit“ der v. A. 847 Vgl. Werden und Wachsen der Papierwirtschaft im Bielefelder Raum, S. 46. 848 Ebd.
326 Teil I – Papierverarbeitung im 19. und 20. Jahrhundert fest, dass es auf Grund seiner Verdienste und bewiesenen Fähigkeiten während der NSZeit „für eine [...] Breitenarbeit zugunsten seiner Mitglieder keine geeignetere Persönlichkeit gab“849 als Friedrich Schaarschmidt. Im von ihm maßgeblich initiierten Hauptverband gehörte Schaarschmidt bald zu den angesehensten und meistbeschäftigten Mitgliedern. Im umfangreichen Organisationsplan des Verbandes wurde er zehnmal geführt – u. a. als Mitglied des Präsidiums (später auf Lebenszeit) und des Vorstandes, als Vorsitzender mehrerer Ausschüsse (z. B. in den Bereichen Technik, Forschung, Ausbildung). Sein Name verbindet sich mit der 1949 eingerichteten „Abteilung Papiertechnik“ mit den Fachrichtungen Papiererzeugung und Papier- und Pappeverarbeitung am Oscar-vonMiller-Institut München ebenso850 wie mit der Papiertechnischen Stiftung München/PTS, die auf seine Initiative hin und unter seinem persönlichem Einsatz 1950 gegründet worden war. Während der 1950er/frühen 1960er Jahre war Schaarschmidt zudem Präsident des Verbandes Versand-Kartonagen e. V. (Vollpappe Kartonagen – VVK) und der entsprechenden Europäischen Fabrikanten-Assoziation (ASSCO). Schließlich war Schaarschmidt neben seiner Tätigkeit als Privatunternehmer (F. Luce-Verpackungswerke/Bielefeld) auch Vorsitzender der Rationalisierungs-Gemeinschaft Verpackung im Rationalisierungs-Kuratorium der Deutschen Wirtschaft/RKW. Als weitere Organisationen der Papier und Pappe verarbeitenden Industrie (einschließlich der sowjetischen Besatzungszone) bestanden im Sommer 1947: – Verein der Papier und Pappe verarbeitenden Industrie Groß-Hessen e. V. (Sitz Frankfurt/M.), – Fachvereinigung Papierverarbeitende Industrie (Sitz Freiburg), – Fachvereinigung Papierverarbeitende Industrie und Graphisches Gewerbe für Baden (Sitz Lahr/Schwarzwald), – Fachausschuss Papierverarbeitung bei der IHK für die Provinz Sachsen (Sitz Halle/ Saale), – Wirtschaftsverband Papier und Pappe (Sitz Berlin, Kurfürstendamm, zuständig für die Bereiche Papiererzeugung, Papierverarbeitung und Papier-Großhandel im Britischen Sektor von Groß-Berlin).851 1948 wurde in Wiesbaden die Gemeinschaft Papiersackindustrie e. V.“ gegründet.852 In der Warengruppe Tüten und Beutel, die für die Versorgung der Bevölkerung vor allem mit Lebensmitteln weiterhin von herausragender Bedeutung waren, waren ca. 280 Hersteller erfasst für Apotheker- (Arzneimittel-)Beutel, Bäcker (Bäckerfalten-)Beutel, Bettfeder-Versandbeutel, Bodenbeutel, Brötchenbeutel, Drogenbeutel, Faltenbeutel, Gewürz- (Puddingpulver-)Beutel, Großbeutel, Hutbeutel, Kaffee-, Kakao-, Konfekt-, Teebeutel, Kranzbeutel, Kreppbeutel und -taschen, Kreuzboden-Beutel und -taschen, Lebensmittel- (und Kolonialwaren-)Beutel, Lohnbeutel, Musterbeutel, Samenbeutel, Schuhbeutel, Spitztüten, Tragetaschen (Schallplatten), Tüten und Beutel für die chemische Industrie, Tüten und Beutel für die Lebensmittel- und Genussmittel-Industrie, Versandtaschen, Weißweinbeutel, Wäschebeutel, Zellglasbeutel, Zigarren- und Zigarettenbeutel, Zwiebackbeutel.853 849 850 851 852 853
Ebd. Vgl. u. a. Sporhan-Krempel, Vom Papier, S. 74 ff. Vgl. Die deutsche Verpackung, Berlin 1947, S. 7 ff. Vgl. Teuteberg, Bischof + Klein, S. 41. Vgl. Die deutsche Verpackung, Berlin 1947, S. 166 ff.
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Am 6. April 1948 schlossen sich in Miltenberg sieben Landes- und 19 Fachverbände854 zur APV zusammen.855 Eine der wichtigsten Aufgaben war, die angeschlossenen Mitgliedsfirmen (1500 Betriebe mit rund 35 000 Beschäftigten) über die noch zahlreichen Reglementierungen, z. B. in Bezug auf Rohstoffe, Devisenzuteilungen, Ein- und Ausfuhrbestimmungen, Kompensationsgeschäfte usw. zu informieren.856 Die „eingefrorenen“ Löhne waren aus der NS-Zeit übernommen worden. Ein männlicher Hilfsarbeiter hatte in der Papierverarbeitung in den ersten Nachkriegsjahren (1945 bis 1947) einen Brutto-Stundenlohn von 22 Pf. Das entsprach einem durchschnittlichen Brutto-Monatslohn von 42 bis 45 RM.857 Diese Summe lag somit erheblich unterhalb des durchschnittlichen Brutto-Wochenlohnes eines gelernten Fabrikarbeiters, der im Sommer 1947 57,80) RM (= Monatslohn rund 230 RM) betrug.858 Nach der Währungsreform im Juni 1948 konnte eine weibliche Hilfsarbeiterin in der Tüten- und Beutel herstellenden Industrie je nach Tätigkeit mit einem Stundenlohn von 32 bis 38 Pf. rechnen.859 Die wöchentliche Arbeitsdauer war tariflich mit 48 Stunden festgelegt. Bei monatlich rund 200 Arbeitsstunden kam eine weibliche Hilfskraft auf einen Monats-Bruttolohn von 64 bis 76 DM.860 „Die letzten Tage vor der Währungsreform waren hochdramatisch. Alle Papier- und Pappefabriken hatten ‚Maschinenschaden‘ und lieferten nicht.“861 Seit der Währungsreform vom 21. Juni 1948 waren auch die Bewirtschaftungs- und Preisbindungsbestimmungen aufgehoben worden. Das galt, bis auf unwesentliche Einschränkungen, auch für die Papierwirtschaft. Unmittelbar nach der Aufhebung dieser Bestimmungen kam es, begründet durch die erheblich verstärkte Nachfrage des nun weitgehend offenen Marktes und durch die mehrfachen Preiserhöhungen bei Kohle und Zellulose, auch zu Heraufsetzungen der Papierpreise.862 Diese Preise stiegen innerhalb weniger Wochen sofort „ins Ungeheure“ und die Hersteller berieten, ob sie die einzuführende Zellulose und sonstigen Rohstoffe den Weltmarktpreisen anpassen sollten. Dadurch waren weitere Steigerungen zu erwarten.863 854 U. a. der im selben Jahr gegründete Papierbeutelverband (ab 1955: Fachverband der Beutelindustrie, ab 1962: Industrieverband Papierverpackung e. V., seit 1970: Industrieverband der Papier und Plastik verarbeitenden Industrie/IPV; um 2000: Industrieverband der Papier und Folien verarbeitenden Industrie/IPV – IPV-Archiv, Frankfurt/M. 855 Vgl. Vierzig Jahre HPV – Eine Chronik, hrsg. v. Hauptverband der Papier, Pappe und Kunststoffe verarbeitenden Industrie e. V., Frankfurt/M. [1988], o. S. [S. 2 f.]; seit der Mitgliederversammlung vom 24.5.1955 in Bielefeld: Hauptverband der Papier und Pappe verarbeitenden Industrie e. V./HP; seit der Mitgliederversammlung vom 23.6.1970 in München erweitert zum Hauptverband der Papier, Pappe und Kunststoffe verarbeitenden Industrie e. V./HPV. 856 Vgl. Vierzig Jahre HPV [S. 9]. 857 Vgl. u. a. entsprechende Lohn- und Gehaltsunterlagen der Fa. Heinrich Schnitzler; vgl. auch Grothe, 23.6.1992. 858 Vgl. Grebing u.a., Nachkriegsentwicklung in Westdeutschland, S. 39 ff. 859 „Das warme Mittagessen [...] wurde [um 1948] für 50 bis 60 Pf. abgegeben, was einem damaligen Stundenlohn entspricht.“ Teuteberg, Bischof + Klein, S. 37. B+K hatte bis 1945 fast ausschließlich eine Großsack-Produktion. Die Tüten/Beutel-Produktion wurde erst im Sommer 1945 aufgenommen. 860 Vgl. Lohn- und Gehaltsunterlagen der Fa. Heinrich Schnitzler; der durchschnittliche Stundenlohn lag 1948 zwischen 50 und 60 Pf.; vgl. Teuteberg, Bischof + Klein, S. 37. 861 Werden und Wachsen der Papierwirtschaft im Bielefelder Raum, S. 39. 862 Vgl. Kunden-Rundschreiben des Industrievertriebs Erich Hansen, Bremen, 29.7.1948, im Besitz des Verf. 863 Vgl. Kunden-Rundschreiben der Großdruckerei H. M. Hauschild, Bremen, 8.8.1948, im Besitz des Verf.; vgl. auch Hans-Carl Strohmayer, Was bleibt für die Verpackung? – Die Preissituation in den Westzonen. In: Die neue Verpackung, Nr. 1/1945, S. 7 f.
328 Teil I – Papierverarbeitung im 19. und 20. Jahrhundert Somit blieb, trotz der Aufhebung der Zwangsbewirtschaftung, die Situation für die verarbeitende Industrie auch noch im Sommer 1948 höchst angespannt. Auch in der Kartonagen-Industrie wurde darüber geklagt, dass immer noch nicht genügend Rohstoff bezogen werden konnte. Vor allem fehlte es an Kohle, Strom, Altpapier, Zellulose und Schleifholz. Hinzu kam, dass ein großer Teil der traditionellen Papier- und Pappelieferanten auf dem Gebiet der Sowjetischen Besatzungszone/Ostzone lagen und somit für den westdeutschen Markt weitgehend ausfielen.864 Zum Teil war der Engpass auf dem Papier- und Pappemarkt aber auch darauf zurückzuführen, dass allgemein die Vorstellung herrschte, nun nicht mehr auf die Verarbeitung von Altpapier angewiesen zu sein. Gerade für die Pappeerzeugung blieb Altpapier aber ein kaum verzichtbarer Grundstoff. Für einen funktionierenden Altpapierhandel fehlten jedoch Personal, genügend geeignete Lagermöglichkeiten, Fahrzeuge und Kapital.865 1949 wurde vom Statistischen Bundesamt die erste amtliche Nachkriegsstatistik veröffentlicht. Danach betrug die 1948 erzeugte Papiermenge insgesamt 875 000 t.866 Das entsprach einem Pro-Kopf-Verbrauch von 36 kg.867 Bei der Behebung des allgemeinen Rohstoffmangels während der ersten Nachkriegsjahre spielte Stroh eine wichtige Rolle. Vor allem die Pappe erzeugenden Betriebe waren an Strohlieferungen stark interessiert.868 Die Preisgestaltung für Stroh unterlag auch noch 1949 amtlichen Richtlinien, die jedoch nach Möglichkeit umgangen wurden.869 1949 machte das Thema Strohbeschaffung, -transport und -verarbeitung noch einen Großteil des Schriftverkehrs zwischen Pappeherstellern und -verarbeitern aus.870 Im Herbst 1949 wurde am Münchener Oskar-von-Miller-Institut/Polytechnikum als Ersatz für das in der DDR liegende Papiertechnikum Köthen und die Papiermacherschule Altenburg die Abteilung Papiertechnik eingerichtet. Sie hatte (erstmalig) die Aufgabe, Techniker und Ingenieure in den Fachbereichen Papiererzeugung und -verarbeitung auszubilden. Ein Jahr später im Juli 1950 wurde, ebenfalls in München, die Papiertechnische Stiftung (PTS) gegründet und im Dezember 1951 eröffnet. Geschäftsführer war Rudolf Popp). Der PTS wurde die Aufgabe zugewiesen, für die Papier erzeugende und -verarbeitende Industrie in den Bereichen Forschung und Entwicklung, Beratung, Prüftechnik, Information und Weiterbildung tätig zu werden.871 Im Verlauf des Jahres 1949 wurde allmählich die Lage im Bereich der Papier-/ PappeErzeugung und -verarbeitung postiver eingeschätzt. Während im Frühjahr noch über das knappe Rohstoffaufkommen geklagt wurde,872 wurde im Herbst festgestellt, dass die 864 Vgl. Kundenschreiben der Papierverarbeitungs-Firma Ernst Hamanns, Düren, 23.8.1948, im Besitz des Verf. 865 Vgl. Neue Zeitung, 4. Jg., Nr. 67, München, 21.8.1948, S. 7, Sp. 2. 866 Vgl. Gerhard Schäfer, Struktur, Funktion und Bedeutung des Deutschen Schreib- und Papierwaren-Großhandels – Seine Entwicklung im besonderen seit dem Stichtag der Währungsreform, Baden-Baden 1953, S. 41. 867 Gegenüber weniger als 10 kg um 1945 bzw. 38 kg um 1938; vgl. apr, Nr. 9/1958, S. 412. 868 Vgl. Kundenbriefe der Firmen Ernst Schelper (Pappen-Großverarbeitung), Hannover, 12.9. 1948; Industrievertrieb Erich Hansen, Bremen, 14.9.1948, im Besitz des Verf. 869 Vgl. Kundenschreiben der Industrievertriebs Erich Hansen, Bremen, 6.2.1949, im Besitz des Verf. 870 Vgl. entsprechende Unterlagen im Besitz des Verf. 871 Vgl. Sporhan-Krempel, Vom Papier, S. 70 f.; vgl. auch 50 Jahre PTS 1995–2001, Heusenstamm 2001, S. 26, Sp. 1 f. 872 Vgl. Kundenschreiben des Industrievertriebs Erich Hansen, Bremen, 26.3.1949, im Besitz des Verf.
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Voraussetzungen für die Entwicklung eines geregelten Tagesgeschäftes nunmehr wieder weitgehend bestünden.873 Die Angebote und Bemühungen der Hersteller um Aufträge häuften sich. Lieferschwierigkeiten wurden zunehmend weniger gemeldet. Gegenüber dem Vorjahr hatte sich 1950 die Verbrauchsquote pro Kopf um 6 kg auf 32 kg Papier erhöht.874 Insgesamt war die Situation im Bereich der Papierwirtschaft noch sehr instabil. Auch zu Beginn der 1950er Jahre gab es z. B. für die Tüten und Beutel herstellende Industrie noch zeittypische Schwierigkeiten zu überwinden. Der Interessen vertretende Fachverband hatte sich in seinen Sitzungen wiederholt mit Problemen zu befassen wie Mengenzuteilung durch die Papier erzeugende Industrie, Preisverfall (im Frühsommer 1950 war die Wirtschaft von einer allgemeinen Depression betroffen) oder Klarstellungen gegenüber den Preisüberwachungsstellen.875 Die Papier und Pappe verarbeitende Industrie insgesamt musste sich mit Entwürfen gemeinsamer kaufmännischer und technischer Verkaufs- und Lieferbedingungen der Papier und Pappe erzeugenden Industrie auseinandersetzen.876 Auch die Rohstoffbeschaffung war zu Beginn der 1950er Jahre für die Papier verarbeitende Industrie noch nicht völlig problemlos. Vor allem die Beschaffung guter, hochwertiger Qualitäten war nicht immer in ausreichendem Maße möglich. Selbst weniger gute Papiersorten standen oft noch nur in beschränkter Menge zur Verfügung. 877 Diese Lieferengpässe wurden von der Papier erzeugenden Industrie seit dem letzten Quartal 1950 zu wiederholten Preiserhöhungen genutzt, die von der Papier verarbeitenden Industrie an die Kunden weitergegeben und erklärt werden mussten.878 Am 1. April 1950 nahm Gustav Dyckerhoff in Drolshagen/Sauerland mit 34 Mitarbeitern und zwei Maschinen879 die Produktion von Papiersäcken auf (zunächst ausschließlich für die Zementwerke Dyckerhoff/Wiesbaden). Die verarbeitete Papiermenge lag bei knapp 900 t, die Sackeinheiten bei knapp fünf Mio. 1960 konnte Dyckerhoff nach den Jahren des „Wirtschaftswunders“ mit 100 Beschäftigten und 23 Mio. Sackeinheiten einen Umsatz von 8 Mio. DM erreichen.880 Zum Dyckerhoff-Programm gehörten schließlich auch verbrauchernahe Produkte wie Kleinsäcke für Einzelverkauf (Tierfutter, Baumärkte, Supermärkte), Müll- und Kompostsäcke, Beutel und Tragetaschen.881 50 Jahre 873 Vgl. Kundenschreiben der Firma Paul Armbruster, Hamburg-Bergedorf, 2.9.1949, im Besitz des Verf. Die Groß-(Luxus-)Kartonagenfabrik Armbruster, gegründet 1909 von Max Armbruster (1886–1936, Familie aus Lahr/Baden) in Bergedorf, Betriebseinstellung 1967, produzierte in den späten 1940er Jahren vor allem für die Bereiche Parfümerie, Kosmetik, Zucker, Konfekt/Pralinen, u. a. für 4711, Tosca, Sprengel, Stollwerck, Trumpf usw.; vgl. Schätze in Papier, S. 63 ff. 874 Vgl. apr. Nr. 9/1958, S. 412. 875 Vgl. Papierbeutelverband, Geschäftsbericht 1952 (Jahreshauptversammlung in Garmisch am 4.5.1951), S. 4 f. (IPV-Archiv Frankfurt/M.). 876 Vgl. Vierzig Jahre HPV [S. 3]. 877 Vgl. Rundschreiben an die Kapselkundschaft, Windmöller & Hölscher, Lengerich, Frühjahr 1951 (W & H-Firmenarchiv). Die Firma stellte die seit 1869 bestehende Kapselproduktion für Apotheker Mitte der 1950er Jahre völlig ein. 878 Vgl. u. a. apr, Nr. 6/1951, S. 206 f.; vgl. auch Rundschreiben der Papierwaren-Fabrik Severin Schmidt, Flensburg, März 1951, im Besitz des Verf. 879 „Eine Schlauchmaschine und eine Bodenlegermaschine, beide alt und klapprig“, Helmut Uebbing, Helmut, Ein Familienunternehmen zieht Resümee – Festschrift zum 50jährigen Firmenjubiläum (Dyckerhoff/Drolshagen), Erfurt 2000, S. 8 u. S. 14. 880 Vgl. ebd., S. 14. 881 1970 betrug die Anzahl der Mitarbeiter 125, die verarbeitete Papiermenge lag bei nahezu 8000 t, die Sackeinheiten bei fast 31 Mio. (1980: 99 Mitarbeiter, Papierverbrauch 9000 t,
330 Teil I – Papierverarbeitung im 19. und 20. Jahrhundert nach der Gründung war Dyckerhoff (dy-pack) im Jahr 2000 unter den verbliebenen sechs unabhängigen deutschen Papiersackherstellern mit Abstand der größte.882 Mitte Juli 1950 wurde innerhalb des (noch gesamt-)Deutschen Normausschusses/ DNA der Fachnormen-Ausschuss/FNA „Papier und Pappe“/NPa gegründet. Dieser Ausschuss kam auf eine Initiative der Landesregierung Sachsen vom Dezember 1947 zustande (Umwandlung der DDR-Länder in Bezirksstrukturen im Jahr 1952). Mit dieser Initiative sollte die möglichst zügige Anwendung der DIN 827 „Papier: Stoff, Festigkeit, Verwendung“ erreicht werden. Die DIN 827 enthielt bis dahin lediglich die Forderung nach prüftechnischer Kontrolle. Im September 1949 hatte der DNA ein vorläufiges, in sechs Abschnitte unterteiltes Arbeitsprogramm erstellt. Unter Abschnitt 3 war beispielsweise die „Normung der Begriffsbestimmungen und Festlegung einheitlicher Bezeichnungen“ zu erarbeiten. Im Dezember 1949 fand (in West-Berlin) eine erste MitarbeiterVersammlung statt; beschlossen wurde die Aufnahme von Normungsarbeiten im Bereich „Papier und Pappe“. Dafür wurden fünf Arbeitsgruppen gebildet. „Die Weichen zur Gründung eines FNA ‚Papier und Pappe‘ waren somit gestellt.“883 Als Vorsitzender wurde Direktor Unger von der Vereinigung Volkseigener Betriebe/VVB Papier/Heidenau vorgeschlagen. Endgültig konstituiert wurde der Fachnormen-Ausschuss/FNA mit fünf Unterausschüssen (u. a. „Materialprüfung“ mit integriertem Unterausschuss „Prüfverfahren“) im Juli 1950. Dazu hatten sich 30 Vertreter – darunter Behördenvertreter – aus Ost und West am Sitz des Deutschen Normenausschusses in West-Berlin (Uhlandstraße) getroffen.884 Am 22. Februar 1951 wurde das Selbstverwaltungsgesetz für Berufsgenossenschaften verabschiedet. Es stellte im Wesentlichen den Zustand von vor 1934 wieder her. Das bis 1949 praktizierte NS-„Leiter“-Prinzip wurde abgeschafft und durch die demokratischen Organe der Vertreterversammlung und eines Vorstandes als Führungsstruktur abgelöst. Als wichtigste Neuerung brachte das Gesetz die paritätische Beteiligung der Arbeitgeber und der Versicherten. Am 26. August 1949 beschlossen die Leiter der Sektionen Buchdruck und Papierverarbeitung, die jeweiligen Berufsgenossenschaften zur Berufsgenossenschaft Druck und Papier zu vereinigen und eine gemeinsame Hauptverwaltung in Wiesbaden einzurichten. Für ein Jahr, bis 1950, gehörte dieser Vereinigung auch die Berufsgenossenschaft der Papiermacher an. 1951 standen (u. a.) in der Geschäftsbücher-Branche Beratungen zu einem neuen Kartellgesetzentwurf an. Darin waren vor allem die Instrumente der Selbstkontrolle auf Sackeinheiten, 44 Mio. Einheiten; 2000 = 170 Mitarbeiter; 22 000 t, 140 Mio. Einheiten); vgl. Uebbing, Ein Familienunternehmen, S. 38. 882 Vgl. ebd., S. 37; zur technischen Ausrüstung bei dy-pack zwischen 1950 und 2000 gehörten 1950: Honsel Schlauchziehmaschine (SZ) „Honco“, Ventilbodenleger (VB) „Progress“; 1951: Gartemann & Hollmann (G&H) VB „Progress“ (SZ); 1952: G&H Kreuzbodenleger (KB), VB „Progress G“, SZ „501“; 1955: G&H VB „Progress G“, SZ; 1958: G&H Bodenleger (BL) „525“; 1960: G&H KB „Favorit 51“; 1961: G&H SZ Typ“ 507“; 1964: Honsel SZ m. Druckwerk Typ „Honco“; 1965: Windmöller & Hölscher (W&H) VB „AD 1500“; 1975: W&H zwei VB „AD 2360/16“; 1979: G&H SZ „982“; 1984: W&H VB „AD 2366“; 1986: Kochsiek Doppelfalz BL „Rolli“, W&H Tragegriffaggregat „T 1441“; 1987: F&K Flexodruckmaschine „43 DF/6“; 1990: W&H VB „AD 2368NC“; 1992: W&H Tragetaschenanlage „NP 38“; 1993: W&H VB „AD 2378“; 1996: F&K Flexodruckmaschine „14 DF/6“; W&H komplette Papiersackmaschine „AN 2155/AD 23 79“; 1999: W&H wie 1996 Typ „AN 2155/AD 2379“; vgl. Uebbing, Ein Familienunternehmen, S. 62. 883 Renker, Historischer Exkurs, S. 17. 884 Vgl. ebd., S. 18.
Papierverarbeitung im 20. Jahrhundert
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Abb. 25: Bericht des Papierbeutel-Verbandes zur Situation der Branche um 1950, S. 1 (von 7)
der Grundlage eines fairen Wettbewerbs und einer Kartellbehörde vorgesehen. Damit sollten die bis 1945 gültigen Zwangskartelle und -Konventionen der NS-Zeit abgelöst werden, aber auch der ursprüngliche Geist der Kartellbildungen („Kartelle sind Kinder der
332 Teil I – Papierverarbeitung im 19. und 20. Jahrhundert Not“) aufgegeben werden, nach dem die Probleme der einzelnen Branchen insbesondere durch feste Preise und verbindliche Geschäfts- und Lieferbedingungen zu lösen wären.885 Obwohl die verbrauchte Papiermenge pro Kopf von 26 kg im Jahre 1948 auf 36 kg im Jahre 1952 gestiegen war,886 hielt die allgemeine Unruhe auf dem Papiermarkt auch im Frühjahr 1952 noch an. Altpapierhaltige Papiere waren in den ersten Wochen billiger geworden, zellulosehaltige dagegen teurer. Reguläre Papiersorten wurden zu Preisen verkauft, die nicht einmal mehr die Wiederbeschaffungskosten deckten. Von dieser Entwicklung war besonders die Tüten- und Beutelindustrie betroffen.887 Im Sommer 1952 veröffentlichte die Allgemeine Papier-Rundschau einen Leserbeitrag zum Thema „Tütenpapier und Hygiene“. Darin wurden als „Zeichen der Zeit“ beschrieben: stark gedrückte Papierpreise, überfüllte Lager beim Verarbeiter – mit der Folge einer zu geringen Beschäftigung beim Erzeuger. Deren als „typisch“ beschriebene Reaktion bestand in solchen Fällen darin, vermehrt geringerwertige Papiersorten („Kampfsorten“) herzustellen und zu niedrigen Preisen anzubieten. Besonders die Packpapier-Industrie schien im Sommer 1952 von dieser Krise schon seit geraumer Zeit betroffen zu sein. Gerade im Bereich der Tütenpapiere wurden Sorten angetroffen, „die jeder Beschreibung spotten“ und jeglichen Hygieneanspruch vermissen ließen. Diese Papiersorten bestanden oft zu 100 Prozent aus „gemischten Abfällen“, das heißt aus Resten, die in der Hauptsache aus Papierkörben oder Kellerräumen stammten. Der Verarbeitungsweg bis zum – meist unansehnlichen – Tütenpapier wurde als vollkommen unhygienisch beschrieben und die Verbraucher aufgefordert, eine derartige Ware zurückzuweisen.888 1952 lag die Rangfolge der Produktionsanteile im Bereich der Papier und Pappe verarbeitenden Industrie bei Kartonagen mit rund 212 000 DM an erster Stelle; Papiersäcke mit rund 143 000 DM an zweiter; Geschäftsbücher, Büromittel, Kalender, Lernmittel usw. mit rund 130 000 DM an dritter Stelle und der Anteil von Tüten und Beuteln mit rund 126 000 DM an vierter Stelle.889 In weiten Teilen der Tüten-/Beutel-Branche herrschte (mal wieder) Krisenstimmung. Nur die Firmen, die den Umbruch im Verkaufsund Verpackungswesen erkannt hatten (Beutel = Regal-„Packung“890 mit ZellglasSichtfenster), konnten sich weiterhin am Markt behaupten.891 Bereits in den 1930er Jahren hatte der schwedische Verpackungsmittel-Hersteller Ruben Rausing892 die Idee entwickelt, 885 886 887 888
889 890 891
892
Vgl. Gedanken zum Kartellproblem, S. 629 ff. Vgl. apr, Nr. 9/1958, S. 412. Vgl. Rundschreiben der VP, 8.3.1952 (VP-Firmenarchiv München). Vgl. Tütenpapier und Hygiene. In: apr, Nr. 16/1952, S. 722. Nach diesem Beitrag erteilte der Verein zur Förderung des Altpapieraufkommens Aufträge zur Erstellung eines Gutachtens. Ein Auftrag erging an das Institut für Hygiene und Mikrobiologie an der Medizinischen Akademie Düsseldorf; ein zweiter Auftrag erging an die Hautklinik der Medizinischen Akademie Düsseldorf. Bei der Erstellung des Gutachtens ging das Institut – noch in den 1950er Jahren! – davon aus, dass bei „der Fabrikation von Papierbeuteln das Papier in Handarbeit geklebt und gefalzt“ wurde; vgl. apr, Nr. 8/1953, S. 328. Vgl. apr, Nr. 12/1953, S. 507. Vgl. u. a. Anne Marie Eschenbach, Gegenwartsfragen bei Tüten und Beuteln. In: Die neue Verpackung, Nr. 5/1954, S. 210 f. „[...] wurden in den sechziger Jahren des 20. Jahrhunderts in manchen Betrieben [...] teilweise vorschnell technische Umstellungen gegen die Tütenfertigung eingeleitet. Die Vermutung mancher Unternehmer, der Papierbeutel werde sich im Zeichen der neuen Zeit gegen die Vorzüge der modernen Faltschachtel überhaupt nicht mehr halten können, erwies sich [...] als keineswegs zutreffend.“ Böcher, Design, S. 44, Sp. 2. Akerlund & Rausing, Lund/Schweden, gegr. 1931; vgl. Akerlund & Rausing, Lund. In: Die neue Verpackung, Nr. 8/1956, S. 522.
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die Warenverteilung durch Konsumverpackung (Vorverpackung bereits beim Produzenten) zu rationalisieren. Nach diesem betriebswirtschaftlichen Konzept hätte im Einzelhandel bereits in der Vorzeit der Selbstbedienung erheblich an Kosten, Zeit und Platz gespart werden können. Rausing konnte sich mit seiner Idee für lange Zeit jedoch nur schwer gegen die beruflichen Grundsätze und gegen das über Jahrhunderte eingeübte Selbstverständnis der Einzelhändler durchsetzen, denn diese sahen sich durch diese Form der Rationalisierung vor allem in ihrer Ratgeberfunktion beeinträchtigt. Im zunehmenden Zusammenspiel der Rausing(Vorverpackungs893)-Idee und der Selbstbedienungs-Idee während der 1940er und 50er Jahre verlor die traditionelle Tüten-/Beutel-Funktion zunehmend an Bedeutung. 1952 existierten in der Bundesrepublik Deutschland noch 190 Tüten und Beutel herstellende Betriebe (bis 1970 sank diese Zahl auf 145).894 1958895 lag die verbrauchte Papiermenge pro Kopf bei mehr als 62 kg – zehn Jahre zuvor (1949) waren es 28.896 1959 gab es knapp 10 000 Selbstbedienungsgeschäfte in Deutschland. 1962 wurde bereits die Hälfte des Gesamtumsatzes im Lebensmittelhandel (vorverpackt) über das SB-System erreicht. Der Loseverkauf in Tüten/Beuteln gehörte zunehmend der Vergangenheit an. Bereits Ende der 1940er Jahre war es z. B. Bischof + Klein gelungen, die Hamburger Edeka, die Zentrale der damals größten EinzelhandelsOrganisation für Lebensmittel, als Kunden zu gewinnen. Im Zuge der Entwicklung zur Selbstbedienung wurde der kaufmännische Nachwuchs in Fortbildungskursen insbesondere auf die Vorzüge der Vorverpackung in Klotz- und Kreuzbodenbeuteln hingewiesen und die Nachteile der nicht stapelbaren und standfesten Spitztüte herausgestellt. Neben Edeka versuchte B + K auch andere Großkunden für die verkaufsfertige Vorverpackung in Bodenbeuteln zu gewinnen. Das gelang vor allem im Bereich der Mehl-, Haferflockenund Zuckerindustrie.897 Spitztüten hatten zunehmend nur noch auf Wochen- und Jahrmärkten eine Chance. Der Verpackungsmarkt im SB-Zeitalter ging mehr und mehr zugunsten der (Falt-)Kartonagen über – Papier und Pappe mussten sich diesen Markt zunehmend mit dem Werkstoff Kunststoff teilen.
893 Zum Stand und zur Entwicklung der Vorverpackung der Jahre 1954/55 vgl. Die neue Verpackung, Nr. 10/1957, S. 651. Ende der 1950er Jahre waren 50 Prozent der von der Lebensmittelindustrie gelieferten Ware vorverpackt. 894 Vgl. Klaus Grefermann, Papierverarbeitung und Druckerei-Industrie aus der Sicht der siebziger Jahre, hrsg. v. Ifo-Institut für Wirtschaftsforschung (Struktur und Wachstum, Reihe Industrie, H. 22) Berlin/München 1973, S. 43. 895 Es war „die Zeit des Arbeitskräftemangels, der Arbeitsverweigerung, der Lohnerpressung.“ Gissler-Weber, Der Gissler-Stamm, S. 154, Sp. 2; so begründete der Unternehmer Richard Gissler-Weber die damalige Anwerbung von „Gastarbeitern“; rund 50 Jahre später, um 2007, klagten umgekehrt die Gewerkschaften über zunehmende „Arbeits-/Leistungsverdichtung“ und über „Lohndumping“. 896 Vgl. apr, Nr. 9/1958, S. 412; 1938 waren es 48 kg; vgl. ebd. 897 Vgl. Teuteberg, Bischof + Klein, S. 39 ff.
334 Teil I – Papierverarbeitung im 19. und 20. Jahrhundert
DDR898 Noch vor der Unterzeichnung der Kapitulationsurkunde am 8. Mai 1945 wurde am 27. April 1945 beim vollständig erhalten gebliebenen Maschinenbau-Unternehmen Brehmer/Leipzig (Papierverarbeitung) die Rüstungsproduktion eingestellt und die Friedensproduktion wieder aufgenommen. „Das hochspezialisierte Unternehmen musste bis 1948 [...] auch fehlende Dinge des täglichen Bedarfs wie Fahrrad-Tretlagerachsen, Fahrrad-Schlauchventile, Tabakpfeifen und Handbohrmaschinen fertigen.“899
In der von der Sowjetunion/UdSSR besetzten Zone/SBZ wurde noch im Jahre 1945 unverzüglich mit der Sowjetisierung von Wirtschaft und Gesellschaft begonnen. Die materiellen (und zum Teil auch psychologischen900) Voraussetzungen dafür waren günstig. „Die spätere DDR war zweifellos die am weitesten industrialisierte Zone Deutschlands.“901 Bereits am 21. Juni 1945 erging der Befehl Nr. 9 des Obersten Chefs der Sowjetischen Militäradministration in Deutschland/SMAD902 zur Wiederingangsetzung der Industrieproduktion,903 die insbesondere in den Ländern Sachsen, Sachsen-Anhalt und Thüringen sowie in Berlin konzentriert und vor allem auf Verarbeitung ausgerichtet war. Am 25. Juli 1945 veranlasste die Planökonomische Abteilung der SMAD mit Befehl Nr. 17 die Gründung der ihr unterstellten Deutschen Zentralverwaltungen für die verschiedenen Wirtschaftsbereiche.904 In diesen Zentralverwaltungen wurden nach sowjetischem Vorbild Planungskader herangebildet, die den Stamm des 1949 gegründeten DDR-Ministeriums für Planung bildeten. Nach Beendigung der NS-Planwirtschaft wurde dieses zentral gesteuerte, dirigistische Wirtschaftssystem, jedoch unter den Vorzeichen der Enteignung/Vergesellschaftung/Verstaatlichung, fast übergangslos weitergeführt. „Mit den [...] Maßnahmen der SMAD war das aus der deutschen Kriegswirtschaft vorgefundene System [...] mit Preisstopp, Produktionssteuerung, Lenkung des Faktoreinsatzes und der Rationierung nicht nur beibehalten, sondern systematisch nach sowjetischem Vorbild ausgebaut worden.“905
898 Zum Bereich der Papierverarbeitung in der DDR können aufgrund des gegenwärtigen Stands der Forschung hier nur erste Versuche unternommen werden. 899 Kettlitz, Drahtheften, S. 39. 900 „Die Produktionsorientierung der Sowjets fand zunächst in der Mehrheit der Bevölkerung durchaus Resonanz.“ Abelshauser, Deutsche Wirtschaftsgeschichte, S. 113. 901 Ebd.; bibliographische Angaben zur Wirtschaftsgeschichte der DDR in: ebd., S. 485 ff. 902 Zum SMAD vgl. u. a. Soziale Marktwirtschaft – Sozialistische Planwirtschaft. Ein Vergleich Bundesrepublik Deutschland – DDR, hrsg. v. Hannelore Hamel, München 1989, S. 25 ff.; zur exemplarischen, auf andere Industrie-/Wirtschaftsbereiche übertragbaren Geschichte der Papierfabrik Neu-Kaliß/Mecklenburg in den Jahren 1945 bis 1950 (Demontage, Wiederaufbau, Enteignung und Überführung in Volkseigentum) vgl. Erika von Hornstein, Der gestohlene Phönix, 4. Aufl., Berlin 2002 [Bericht in Erzählform]. 903 Vgl. Jörg Roesler, Die Herausbildung der sozialistischen Planwirtschaft. Aufgaben, Methoden und Ergebnisse der Wirtschaftsplanung in der zentralgeleiteten volkseigenen Industrie während der Übergangsperiode vom Kapitalismus zum Sozialismus, Berlin/Ost 1978, S. 2. 904 Vgl. ebd., S. 3. 905 Hamel, Soziale Marktwirtschaft – Sozialistische Planwirtschaft, S. 26.
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In den Jahren 1945–1947 gelang es sogar, die wirtschaftliche Dynamik in der SBZ stärker als in den Westzonen voranzutreiben. Während die amerikanischen und britischen Vorstellungen hinsichtlich der weiteren wirtschaftlichen Entwicklung in ihren Besatzungszonen noch relativ lange unbestimmt, zum Teil auch widersprüchlich blieben, war das sowjetische Lenkungs-System klar definiert und eingeübt. Es erwies sich in dieser besonderen Situation – vor allem für die Sowjetunion und ihre Reparationsansprüche – als vorteilhaft. Ende 1946 waren in der SBZ-Produktion wieder 55 Prozent des Vorkriegsstandes erreicht.906 Mit der konsequenten Enteignung von wirtschaftlichem Privateigentum unterschied sich das sozialistische Wirtschaftssystem grundsätzlich vom nationalsozialistischen – ebenfalls auf Dirigismus ausgerichteten – Wirtschaftssystem. Die an den NS-Staat „gebundene“ Wirtschaft blieb privatwirtschaftlich organisiert und im Sinne und Verständnis der Nationalsozialisten „frei, [...] weil die persönliche Schöpferkraft und Leistung [von Betriebs,führung‘ und ,Gefolgschaft‘] sich voll entfalten“ und (auch so) ganz in „den Dienst der völkischen Gemeinschaft“ gestellt bzw. dafür genutzt werden konnte.907 Bereits im Sommer 1945 war die Planökonomische Abteilung der SMAD damit beschäftigt, für den Bereich ihrer Besatzungszone einen Plan für das IV. Quartal des Jahres festzulegen.908 Die sowjetische Besatzungszone hatte in den nächsten Jahren vor allem über die Bereiche Chemie, Energie, Maschinenbau und Optik mit 14 Mrd. Dollar die höchsten Reparationsleistungen des 20. Jahrhunderts zu erbringen.909 Die größten und leistungsfähigsten Unternehmen – vor allem in Sachsen und Thüringen – wurden ab Oktober 1945 im Rahmen dieser Leistungen unmittelbar der SMAD unterstellt oder (darunter die Maschinenbauer Gebr. Brehmer/Leipzig, Karl Krause/Leipzig, PLANETA/ Radebeul, PLAMAG/Plauen, PERFECTA/Bautzen, der Papierverarbeiter H. C. Bestehorn/Aschersleben, die Großbuchbinderei H. Fikentscher/Leipzig, die Aktiengesellschaft Vereinigte Altenburger und Stralsunder Spielkartenfabrik/ASS Altenburg u. a.) enteignet („nationalisiert“). Sie wurden bis zur Klärung der Eigentumsfrage den im Juli 1945 gegründeten (deutschen) Ämtern für Wirtschaft bei den Landes- und Provinzialverwaltungen als Sequester-/(amtliche) Zwangsverwaltungsorgane übergeben. Diese Ämter gingen in die im Juni 1947 (SMAD-Befehl Nr. 38) geschaffene und im April 1948 mit gesetzlichen Vollmachten ausgestattete Deutsche Wirtschaftskommission (DWK) über. Die DWK bildete örtliche bzw. zentrale Organe der Wirtschaftsplanung.910 Begründet wurden die Enteignungsmaßnahmen mit der Beteiligung der Unternehmen an der NS-Rüstung als nationalsozialistische und Kriegsverbrechen.911 H. Fikentscher z. B. beschäftigte kurz vor Kriegsende zwischen 600 und 700 Arbeitskräfte; er konnte einen Jahresumsatz von nahezu 4 Mrd. RM erreichen und fiel damit unter die Kategorie Großbetriebe (Aktiengesellschaften u. ä.). Bei Fikentscher wurden täglich allein 30 000 Romanbände hergestellt, 30 Drahtheftmaschinen waren in Betrieb.912 906 Vgl. Abelshauser, Deutsche Wirtschaftsgeschichte, S. 114. 907 Vgl. Messerschmidt, zit. in: Nationalsozialismus. Dokumente 1933–1945, S. 86. 908 Vgl. Roesler, Die Herausbildung der sozialistischen Planwirtschaft, S. 2. 909 14 Mrd. Dollar bezogen auf 1938; nach dem Kaufkraftvergleich von 2005 entsprach das einem hohen zweistelligen Milliardenbetrag in Euro; vgl. stern, 12/05, S. 91, Sp. 3 f. 910 Vgl. Roesler, Die Herausbildung der sozialistischen Planwirtschaft, S. 3. 911 Vgl. u. a. Kettlitz, Drahtheften, S. 43. 912 Vgl. u. a. Briefwechsel Emil Lumbeck, Allagen/Hans Ehlermann, Verden a.d. Aller. In: Klebegebundener Ordner „E. Lumbeck 1948/49/50“, Archiv Hans-Dieter Ehlermann, Verden/Aller; um 1950 waren in dem nunmehr volkseigenen Betrieb an die 1100 Arbeitskräfte beschäftigt
336 Teil I – Papierverarbeitung im 19. und 20. Jahrhundert
Abb. 26: Papierbeutel für Eierlege-Pulver mit von der offziellen Terminologie abweichendem Hinweis („russisch“ statt „sowjetisch“) des Anbieters „Alleinhersteller für die russische Besatzungszone“, um 1947
Im Juni 1946 wurde auf Veranlassung der SMAD ein Volksentscheid durchgeführt. Nach diesem Ergebnis mit fast 78 Prozent Ja-Stimmen wurde am 30. Juni 1946 das „Gesetz über die Übergabe von Betrieben von Kriegs- und Naziverbrechern in das Eigentum des Volkes“ verkündet.913 Das Gesetz sah u. a. die Möglichkeit der Zusammenlegung von (nun den Landesregierungen unterstellten) Betrieben je nach wirtschaftlichen Gesichtspunkten vor. Damit war der Ausgangspunkt für die Gründung der späteren Vereinigungen Volkseigener Betriebe (VVB) und des Kombinats-Wesens geschaffen. Laut SMAD-Befehl Nr. 167 vom 5. Juni 1946 wurden andere „Nazi- und Kriegsverbrecher“-Unternehmen in sowjetisches Staatseigentum übernommen, in „Sowjetische Aktiengesellschaften“/SAG umgewandelt oder – bereits ab März 1946 – im großen Stil vielfach vollständig demontiert; so geschehen etwa bei Karl Krause/ Leipzig (50 Prozent Bombenschäden), wo trotz Einspruches 600 Bearbeitungsmaschinen demontiert und abtransportiert wurden.914 Insgesamt gilt jedoch:
„Während die schwerindustrielle Basis fast vollständig fehlte, verfügte die Zone in der verarbeitenden Industrie über große ‚Überkapazitäten‘, die die höhere Belastung durch Demontage erträglicher machten und noch auf Jahre hinaus als Reservoir für eindrucksvolle Plan(über)erfüllung dienten.“915
Die etappenweise Rückführung (1952 und 1954) der SAG in DDR-„Volks“-/Kollektiv-/ Staats(Partei-)-Eigentum war 1954 mit der Rückgabe der letzten 33 Betriebe (Januar/1954) abgeschlossen. Diese Betriebe bildeten oft die Stammunternehmen der Kombinate (sozialistische Wirtschaftseinheiten nach dem Typus kapitalistischer Konzerne). Als Folge des Enteignungsgesetzes vom Juni 1946 wurde 1948 auf staatliche Anordnung (SMAD-Befehl Nr. 76 vom 23.4.1948 und DWK-Beschluss vom 12.5.1948) die Polygraph Vereinigung Volkseigener Betriebe (darunter PLAMAG/Plauen, Gebr. Brehmer/Leipzig als nunmehr VEB Falz- und Heftmaschinenwerk Leipzig) als Anstalt des öffentlichen Rechts gegründet und damit beauftragt, Druckerei- und PapierverarbeitungsMaschinen, Feuerlöschgeräte und Waagen zu bauen. Zu Polygraph gehörten ferner Karl Krause, nunmehr VEB Buchbinderei-Maschenwerk Leipzig; G. E. Reinhardt Buchdruck-, 913 Vgl. Peter, Aspekte, S. 79. 914 Die Eigentümer des Unternehmens Karl Krause verlegten den Firmensitz nach Bielefeld und führten dort den Betrieb unter dem Namen Krause-Biagosch weiter. Nach 1991 gründete Krause-Biagosch/Bielefeld eine Filiale am Gründungsort Leipzig; vgl. Peter, Aspekte, S. 79 f. 915 Abelshauser, Deutsche Wirtschaftsgeschichte, S. 113.
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Utensilien- und Liniermaschinen-Fabrik/Leipzig (gegr. 1897); Kohlbach & Co. Druckmaschinenwerk/Leipzig (gegr. 1904); Leidenberg & Knick GmbH/Berlin (Abt. Setzmaschinen); RODAS Maschinenfabrik/Taucha (gegr. 1927).916 Die Firmenleitung der Polygraph wurde bei PLANETA-Druckmaschinen in Radebeul/Sachsen (Bez. Dresden) eingerichtet. Für Gebr. Brehmer wurde bereits 1946 in einem Produktionsplan festgelegt, dass das Unternehmen im Jahre 1947 240 Fadenbuchheft-Maschinen, 84 Falzmaschinen, 14 Broschuren-Einhängemaschinen, Bogenanklebe-Maschinen, Fälzel- und Rändelmaschinen sowie 38 Sammeldraht-Heftmaschinen und 360 Drahtheftmaschinen fertig zu stellen habe. Bis 1948 konnte bei Brehmer wieder der Produktionsstand von 1936 erreicht werden.917 Für 1949 sah der Produktionsplan vor, dass die rund 800 Beschäftigten, die wieder bei Brehmer arbeiteten, 370 Drahtheftmaschinen unterschiedlicher Typen, 48 Sammeldraht-Heftmaschinen unterschiedlicher Typen, 1345 Kartonagen-, Kisten- und HolzDrahtheft-Maschinen sowie 1080 Handhefter zu liefern hatten. Der Plan konnte – bis auf die Position Handheftmaschinen – voll erfüllt, teilweise übererfüllt werden.918 Am 1. Januar 1951 wurde dem VEB Polygraph, Gebr. Brehmer die Maschinenfabrik A. Gutberlet & Co./Leipzig-Mölkau, nunmehr VEB Triumph Falz- und Heftmaschinen, angeschlossen.919 Ab 1951 lautete der neue Firmenname VEB Falz- und Heftmaschinenwerk Leipzig, dem Ende 1952 das Setzmaschinen-Reparaturwerk Eisenach angegliedert wurde.920 Der Exportanteil an der Gesamtproduktion des Firmenverbundes lag in diesen Jahren bei 91 Prozent.921 Im SMAD-Befehl Nr. 38 vom 4. Juni 1947 wurde die Bildung der „Deutschen Wirtschaftkommission“/DWK verfügt, über die noch vor Gründung der DDR (7. Oktober 1949) die institutionellen Grundlagen für die Planung, Lenkung, Zentralisierung und Kontrolle der gesamten Wirtschaft gelegt wurden. Im Februar 1948 wurde die DWK qua SMAD-Befehl Nr. 32 mit gesetzgeberischen Vollmachten ausgestattet. Sie wurde zur Keimzelle der DDR-Regierung. Die DKW bildete 1948 das Oberste Leitungs- und Planungsorgan. Ihr untergeordnet war auf oberer Leitungsebene die Industrielle Hauptverwaltung. 1950 wurde aus der DWK das „Ministerium für Planung“ gebildet;922 zwischen 1951 und 1957 erfolgte dessen Auflösung in verschiedene Industrieministerien bzw. Hauptverwaltungen; 1958 waren bereits sechs Industriezweig-Ministerien und 40 Hauptverwaltungen wieder aufgelöst worden, denen 2084 VEB unterstellt waren.923 Zwischen 1958 und 1960 wurde die Staatliche Plankommission/SPK mit mehreren Abteilungen/ Sektoren als operative Leitungsorganen gebildet; 1961/62 wurde die Einrichtung eines Volkswirtschaftsrates/VWR mit den Untergliederungen in Amts-Sektoren verkündet.924 Der oberen Leitungsebene war die mittlere mit den Vereinigungen Volkseigener Betriebe/ VVB untergeordnet. Aufgabe der VVB war es, „für die Ministerien die Planung des Wirtschaftsprozesses zu vereinfachen und in ihrem Industriezweig die Richtung für die 916 917 918 919 920 921 922 923 924
Vgl. Kettlitz, Drahtheften, S. 46, Sp. 2 f. Vgl. ebd., S. 45, Sp. 1 f. Vgl. ebd., S. 45, Sp. 2. Vgl. ebd., S. 45, Sp. 2. Gutberlet hatte 1938 die (jüdische?) Herfurth & Heyden DrahtheftMaschinenfabrik in Leipzig-Mölkau aufgekauft. Ab 1942 mussten die beiden Unternehmen arbeitsteilig arbeiten; vgl. ebd., S. 38, Sp. 1. Vgl. ebd., S. 45, Sp. 2. Vgl. ebd., S. 46, Sp. 1. Vgl. Roesler, Die Herausbildung der sozialistischen Planwirtschaft, Schema 1, S. 33. Vgl. ebd., S. 150. Vgl. Roesler, Die Herausbildung der sozialistischen Planwirtschaft, Schema 1, S. 33 u. S. 150.
338 Teil I – Papierverarbeitung im 19. und 20. Jahrhundert wissenschaftlich-technische Entwicklung vorzugeben.“925 Die Volkseigenen Betriebe/ VEB bildeten mit einem Status von Betriebsteilen der VVB die untere Leitungsebene.926 Die VVB standen wegen ihrer Doppelanweisungen und Kompetenzstreitigkeiten unter anhaltender Kritik.927 Ab 1. Juli 1948 wurde das System der „volkseigenen Betriebe“ förmlich eingerichtet. Die SAG und weitere Betriebe gingen zunächst in das Eigentum der Länder/Provinzen über: Thüringen, Sachsen, Mecklenburg, Brandenburg, Sachsen-Anhalt. Für diese fünf Länder bestanden fünf Zentralverwaltungen der DWK. Das Land Sachsen-Anhalt (Halle/ Saale) konnte den sowjetischen Besatzungsbehörden 1947 bereits siebenhundert „Betriebe des Volkes“ mit 10 000 Beschäftigten als Lieferanten für industrielle Erzeugnisse aller Art melden.928 Diese Unternehmen unterstanden als „zentral geleitete Industrie“ der DWK, wurden als „bezirklich geleitete Betriebe“ (nach NS-organisatorischem IHKVorbild) geführt und waren dem jeweiligen Bezirks-Wirtschaftsrat unterstellt. Dagegen unterstanden die zentral geleiteten, überregional bedeutenden Kombinate unmittelbar dem Ministerrat der DDR. In die frühen 1950er Jahre fällt auch die erste größere Enteignungswelle. „In mehreren Wellen – 1952/53, 1958–1960 und 1970–1972 – waren die ‚Industriekapitalisten‘, d. h. vor allem die kleinen und mittleren Unternehmer, Ziel von Kampagnen zur Sozialisierung der Privatwirtschaft.“929
Im Zeitraum des ersten DDR-„Zweijahresplans“ (1949–1950) verringerte sich der Anteil privat geführter Betriebe von 36 000 auf etwa 17 500. Volkseigen/staatlich war zunächst allein der Bereich Grundstoff-/Schwerindustrie.930 1950 wurde noch fast die Hälfte des DDR-Gesamtproduktes durch private Unternehmen/Betriebe erzeugt. In der Industrie, vor allem aber im Bauwesen und in der Landwirtschaft, waren trotz der verstärkten Bemühungen, die Wirtschaft zu verstaatlichen, noch beträchtliche Anteile in privater Hand. Der Industrie-Privatanteil lag bei knapp drei Viertel (insges. 17 500). In diesem Sektor arbeiteten knapp 550 000 Beschäftigte, also knapp ein Viertel aller Beschäftigten. Sie erzeugten 23,5 Prozent des Industrie-Bruttoproduktes. Besonders in der Leicht- und Lebensmittel-Industrie war der Anteil privat geführter Betriebe noch besonders hoch. Die Leichtindustrie (u. a. Papier- und Pappeverarbeitung) hatte 1950 noch einen privaten Anteil von über 42 Prozent. 1951 lief der erste DDR-„Fünfjahresplan“ an. Eines der wesentlichen Vorhaben dieses Plans war die „Zurückdrängung des privatkapitalistischen Sektors und der kleinen Warenproduktion zugunsten des staatlichen und genossenschaftlichen Eigentums.“931 Ab 1. Januar 1951 wurden ganze Industriebereiche mit branchengleichen Produktgruppen als Industrievereinigungen (während der NS-Zeit als „Wirtschaftsgruppen“) von der DWK zu VVB im Rang von Leitungsbehörden zusammengeführt (bis Ende der 1950er Jahre 75 VVB) und den jeweils zuständigen Ministerien unterstellt. Ein Jahr später 1952 wurden auf der Ebene der bezirklich geleiteten Betriebe die ersten Kombinate gegründet (bis 1966 39). 925 Thüringen – Blätter zur Landeskunde, hrsg. v. d. Landeszentrale für politische Bildung, Erfurt, hier: 2000/5, S. 3, Sp. 1. 926 Vgl. Roesler, Die Herausbildung der sozialistischen Planwirtschaft, Schema 1, S. 33. 927 Vgl. ebd., S. 37. 928 Vgl. Die deutsche Verpackungsindustrie, Werbeeintrag, Einband, Rückseite, innen. 929 Abelshauser, Deutsche Wirtschaftsgeschichte, S. 364. 930 Vgl. Roesler, Die Herausbildung der sozialistischen Planwirtschaft, S. 5 f. 931 Ebd., S. 102.
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„Eine Definition des Begriffes Kombinat gestaltet sich schwierig. Im Laufe der Zeit wurden immer neue Ausprägungsfor men entwickelt [...] Kombinate waren ‚sozialistische Wirtschaftseinheiten‘, die sich im ‚Volkseigentum‘ befanden. Sie bestanden aus Betrieben, die juristisch und ökonomisch selbständig waren, ihren eigenen Namen führten, staatliche Planauflagen erhielten und nach dem Prinzip der Einzelleitung durch einen Direktor geführt wurden.“932
Durch die Gründung der DDR (Oktober/1949) wurde die Wirtschaft des Landes nicht aus dem Vorbild- und Führungsanspruch der Sowjetunion entlassen.933 Über den Beitritt der DDR zum 1949 gegründeten sozialistischen RGW (Rat für Gegenseitige Wirtschaftshilfe – dem Gegenstück zur westlichen EWG – Europäische Wirtschaftsgemeinschaft) wurde sie ideologisch und machtpolitisch auch weiterhin sowjetisch dominiert. Bis Juli 1952 stieg der Anteil der „volkseigenen“ Betriebe an der DDR-Industrie auf über 25 bis knapp 30 Prozent. Der Anteil der Beschäftigten lag bei über 80 Prozent; der Anteil am industriellen Bruttoprodukt bei knapp 85 Prozent.934 Aber noch „Mitte der 50er Jahre wurden in der DDR über 40 Prozent der [Gesamt-] Wirtschaftsleistung in mittelständischen Betrieben erzeugt. Doch eine rigorose Verstaatlichungspolitik beseitigte den gewerblich-industriellen Mittelstand fast vollständig.“935
Das traf besonders ausgeprägt auf die Jahre 1952/53 zu.936 1954/55 verlief der Verstaatlichungsprozess nur noch in sehr abgeschwächter Form; in diesen beiden Jahren erhöhte sich vorübergehend die Beschäftigtenzahl im privaten Sektor sogar wieder.937 Als Argumente für die „sinnvolle und berechtigte Umwandlung von Privat- in Volkseigentum“ führte u. a. die Gewerkschaftsleitung des VEB Papierund Pappeverarbeitung Luckenwalde938 1954 an, dass die vier dem VEB angeschlossenen Werke (Henschel, Richard Grunewald, Schlüter, Trettner) vor der Überführung in „Volkseigentum“ nur über äußerst unzureichende bis menschenunwürdige bzw. über gar keine Sozial- und Sanitäreinrichtungen (Kantinen, Garderoben usw.) verfügt hätten939 und dass z. B. die Firma Richard Grunewald 1952 eine Gesamtlohnsumme für 65 Beschäftigte in Höhe von knapp 190 000 Mark (= 2 920) Mark940) auszahlte, während der Gewinn in der Bilanz mit 119 206 M. ausgewiesen war941 – dass also (unausgesprochen) ausbeuterische Verhältnisse herrschten. 932 Thüringen – Blätter zur Landeskunde, S. 1, Sp. 2 f. 933 Dieser Vorbildcharakter wurde von den Führungsorganen der DDR-Wirtschaft ständig betont; vgl. insbes. Roesler, Die Herausbildung der sozialistischen Planwirtschaft 934 Vgl. ebd., Tabelle 27, S. 104. 935 Harald Frank, 90 Jahre Gebr. Frank – Von der Zinkätzung zum digitalen Mehrfarbendruck. Eine Chronik, Gera 2004, S. 76. 936 Vgl. Roesler, Die Herausbildung der sozialistischen Planwirtschaft, S. 103. 937 Vgl. ebd. 938 Werke I bis IV; I = ehem. H. Henschel (1867, Gründungsbetrieb der Pappteller-Fabrikation in Deutschland), II = ehem. Richard Grunewald, III = Wilh. Schlüter, IV = Karl Tretner; alle VEB Papier- und Pappeverarbeitung Luckenwalde betreffenden Angaben vgl. Betriebs-Wandzeitung 1954, im Besitz des Verf. Die zentrale Parole der Wandzeitung lautete „Deutschland einig Vaterland“. 939 Der VEB Luckenwalde stand 1954 unter der FDGB-Initiative zur Frauen- und Jugendförderung bezüglich der beruflich/fachlichen Qualifikation; vgl. Wandzeitung VEB Papier- und Pappeverarbeitung Luckenwalde 1954, im Besitz des Verf. 940 VEB-Jahreslohn 1954: 30 000 M; vgl. Wandzeitung VEB Papier- und Pappeverarbeitung, Luckenwalde 1954. 941 Der Durchschnitts-Stundenlohn stieg von 50 Pf. (1932), auf 75 Pf. (1939) und erreichte 1945 80 Pf. 1954 lag er in der DDT bei 1,60 M; vgl. Wandzeitung VEB Papier- und Pappeverarbeitung, Luckenwalde 1954, im Besitz des Verf. Diese Lohnangaben liegen alle unterhalb der
340 Teil I – Papierverarbeitung im 19. und 20. Jahrhundert Nach Ablauf des ersten „Fünfjahresplans“ (zweiter Plan 1956–1960) übte der „sozialistische Sektor [...] den bestimmenden Einfluß“ in der zentral gelenkten Wirtschaft der DDR aus.942 Das galt vor allem jedoch für den Bereich der Grundstoff-/Schwerindustrie. In den Jahren 1953/54 war in der DDR eine Entwicklung zu beobachten, nach der sich insbesondere größere private Handwerksbetriebe zunehmend zu Betriebsgrößen kleinerer Unternehmen ausdehnten. Der private Sektor der Leicht- und Lebensmittelindustrie verfügte auch am Ende des ersten Fünfjahrplanes trotz aller Repressalien und Anstrengungen zur Verstaatlichung der Wirtschaft noch über beträchtliche Ressourcen. 1955 gab es in der DDR insgesamt noch 13 800 Privatunternehmen mit 447 000 Beschäftigten. Zum Teil standen volks- Abb. 27: FDGB/Gewerkschaft Druck und Papier, Aufruf eigene Betriebe noch in der zur erhöhten Planerfüllung und freiwilligen Selbstverpflichtung, 1952 Abhängigkeit von Zulieferungen privater Unternehmen.943 Auf zentral geleiteter Ebene war die Kombinatsbildung bis 1967 im Wesentlichen auf die Bereiche Montan und Chemie beschränkt und erst nach 1967 auf andere Industriezweige ausgeweitet worden (im Juli 1953 – ein paar Wochen nach dem Arbeiteraufstand vom 17. Juni 1953 – war die Produktion in der Nahrungs-, Genussmittel und Leichtindustrie zu Lasten der Schwerindustrie erhöht worden). In den folgenden Jahren wurde die Organisation der DDR-Wirtschaft mehrfach umstrukturiert. Ab Februar 1958 wurde die (bedeutend vergrößerte) Staatliche Planungskommission/SPK als zentrales Organ des DDR-Ministerrates tätig. Im Mai 1958 wurde nach fast 20 Jahren die Lebensmittel-Rationierung nach dem seit 1938 gültigen Kartensystem abgeschafft. 1958 lag die Papierproduktion in der DDR bei 36 kg Verbrauch Durchschnittslöhne eines Industriearbeiters – sie waren jedoch – allein bezogen auf das Jahr 1945 – mindestens doppelt so hoch wie in Westdeutschland; vgl. auch Abschn. „Papierverarbeitung in der NS-Zeit“ und „Papierverarbeitung – Nachkriegszeit“ der v. A. 942 Vgl. Roesler, Die Herausbildung der sozialistischen Planwirtschaft, S. 102. 943 Vgl. ebd., S. 104 f.
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pro Kopf. Sie hatte damit noch nicht den Vorkriegsstand von 1938 mit je 38 kg erreicht.944 Auf dem V. Parteitag der Sozialistischen Einheitspartei Deutschlands/SED im Juli 1958 wurde beschlossen, „den Sozialismus in der DDR [endgültig] zum Siege zu führen“.945 Um dies zu erreichen, sollte die Volkswirtschaft konsequent nach sozialistischen Prinzipien ausgerichtet werden. Dazu gehörte, dass die restlichen Privatbetriebe (in der Regel in der Größenordnung von größeren Handwerksbetrieben) nach einer gesetzlichen Regelung vom März 1959 mit halbstaatlicher Beteiligung (meist über 50 Prozent) zu führen waren.946 Der Anteil halbstaatlicher Betriebe an der industriellen Gesamtproduktion lag 1957 bei 1,2%; 1958 bei 3,5%; 1959 bei über 7%; 1960 über 8%; 1961 bei 8,5% und 1962 bei 8,4%).947 Mit dem Parteitags-Beschluss wurde eine Direktive aus dem Jahr 1956 (die die Durchführung des zweiten „Fünfjahresplans“ 1956–1960 betraf) konsequent befolgt, nach der der Anteil der volkseigenen/sozialistischen Industriebetriebe bis 1960 auf einen Anteil von 90 Prozent an der gesamten industriellen Bruttoproduktion zu steigern wäre.948 1954 wurde in Ost-Berlin das „Amt für Standardisierung“ als staatliche Behörde gegründet. Es gab ab 1955 – in Entsprechung zur DIN – die „Technischen Güter- und Lieferbedingungen/TGL“ heraus. Im Gegensatz zum Empfehlungscharakter der DIN war die TGL als dienstliche Vorschrift verbindlich anzuwenden. Im Mai 1974 wurde die Behörde (mit Sitz in Berlin-Köpenick) in „Amt für Standardisierung, Messwesen und Warenprüfung der DDR/ASMW“ umbenannt. Besonders im Maschinenbau war die TGL – vor allem aus Exportgründen – mit der DIN identisch. Nach der Wiedervereinigung ging das ASMW 1990 in das Deutsche Institut für Normung/DIN, Berlin-Charlottenburg, über. 1960 wurden der VEB Falz- und Heftmaschinenwerk Leipzig (vorm. Gebr. Brehmer, Gutberlet) und der VEB Buchbinderei-Maschinenwerk Leipzig (vorm. Karl Krause) als VEB Leipziger Buchbinderei-Maschinenwerke (LBW, ab 1979 „Werner Lamberz“) zum größten Buchbinderei-Maschinenhersteller innerhalb der VVB Polygraph zusammengeschlossen. Bis 1969 folgten weitere Betriebe mit schließlich insgesamt rund 3000 Beschäftigten.949 1960/61 waren von der „Zentralstelle Standardisierung – Verpackung“ beim Institut für Verpackung und Papierverarbeitung/Dresden in den Technischen Güter- und Lieferbedingungen/TGL 7-1023950 z. B. Begriffe und Arten für Beutel für Verpackungszwecke festgelegt worden.951 Im Mai 1962 wurde der Volkswirtschaftsrat (VWR) als Organ des Ministerrates zur Leitung der Industrie, der Dienstleistungsbetriebe und des Handwerks gebildet. Die ständig verstärkte Einmischung
944 945 946 947 948 949 950 951
Vgl. apr, Nr. 9/1958, S. 412 (BRD 1958 bereits mehr als 62 kg ; vgl. ebd.). Vgl. Roesler, Die Herausbildung der sozialistischen Planwirtschaft, S. 130. Vgl. ebd., S. 131. Vgl. ebd., S. 285, Tabelle 94; vgl. auch Hamel, Soziale Marktwirtschaft – Sozialistische Planwirtschaft, S. 37. Vgl. Roesler, Die Herausbildung der sozialistischen Planwirtschaft, S. 130, Anm. 3. Vgl. Kettlitz, Drahtheften, S. 46, Sp. 2 f. Veröffentlicht Februar/1962, Blatt 1, Seite 1 f. Vgl. S. 255, Fußnote 411.
342 Teil I – Papierverarbeitung im 19. und 20. Jahrhundert „von Politik und Partei reichte bis in einzelne Betriebsabläufe. In Verbindung mit dem Verwaltungsapparat der großen Kombinate führte das zu Schwerfälligkeit und Intransparenz, die sich kontraproduktiv auf die Effektivität der Produktion auswirkte.“952
Im Dezember 1962 wurde erneut ein SEDKonzept zur Reform der DDR-Wirtschaft vorgelegt (Arbeiter- und Bauerninspektionen/ABI zur Kontrolle des Gehorsams am Arbeitsplatz). 1962 lag der Anteil volkseigner Betriebe am Gesamtprodukt bei 71 Prozent (1955 bei etwas mehr als 64 Prozent; Beschäftigte in sozialistischen Betrieben mehr als 83 Prozent (gegenüber 1955 unverändert); der Anteil staatlicher/ nichtvolkseigener Betriebe lag 1962 bei mehr als 8 Prozent (1957 – etwas mehr als ein Prozent). Der Anteil privater Betriebe am DDR-Gesamtprodukt war von mehr als 28 Prozent im Jahre 1955 auf gut 6,5 Prozent gesunken (Anzahl der Beschäftigten 1955 mehr als 16 Prozent; 1962 mehr als 4,5 Prozent).953 Im Juli 1963 ergingen Richtlinien für das „Neue Ökonomische System der Planung und Leitung“/NÖSPL als Reformprogramm, das im Dezember 1970 scharf Abb. 28: Papierbeutel-Werbung für die Handelskritisiert und beendet wurde. organisation (HO), um 1970 Im Dezember 1965 wurde der – im Mai 1962 gebildete – Volkswirtschaftsrat/VWR der DDR aufgelöst und die einzelnen Abteilungen in den Rang jeweils separater Industrie-Ministerien erhoben. Ab April 1967 galten die Fünf-Tage-Woche und Mindestlöhne von 300 M. sowie der Mindesturlaub von 15 Tagen. Im November 1971 erging ein Preisstopp für Konsumgüter und Dienstleistungen, der bis 1975 wirksam blieb. Am 1. Juli 1970 wurde der gesamte polygraphische Maschinenbau der DDR im Kombinat Polygraph Leipzig (vorm. Gebr. Brehmer) zusammengefasst.954 Als 1972 der Schneidemaschinenbauer Perfecta/Bautzen ebenfalls eingegliedert wurde, war das Polygraph-Kombinat „weltweit der einzige Hersteller, der das gesamte Sortiment polygraphischer Maschinen anbieten“ konnte.955 Am 9. Februar 1972 beschlossen auf Betreiben Erich Honeckers (1912–1994) das Politbüro der SED und der Ministerrat der DDR die Verstaatlichung der gesamten Wirtschaft.
952 Kettlitz, Drahtheften, S. 49, Sp. 1. 953 Vgl. Roesler, Die Herausbildung der sozialistischen Planwirtschaft, S. 285, Tabelle 94 sowie S. 286, Tabelle 96. 954 Vgl. Kettlitz, Drahtheften, S. 46, Sp. 3 f. 955 Vgl. Bindereport, 11/1996, S. 593, Sp. 1.
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„Im Frühjahr 1972 verbreitete sich das Gerücht, dass die privaten und halbstaatlichen Betriebe ab einer bestimmten Beschäftigtenzahl in ‚Volkseigentum‘ überführt werden sollten. In der Zeitung war darüber [...] nichts zu lesen. Dass das Ganze kein Gerücht war, wurde im Juni 1972 deutlich.“
Am 9. Juni legte der Prokurist des Feinkartonagen-Werks Adler & Co. KG/AnnabergBuchholz eine Aktennotiz an: „Infolge Überleitung in die volkseigene Wirtschaft soll umgehend der Gewerbeschein zurückgegeben werden. Außerdem Löschungsantrag für die Firma [...] gestellt werden. Kollege [...] bittet, dass dies Ersuchen in den nächsten Tagen erledigt“
wird. Der Begriff der „Überleitung“ wurde im politischen Sprachgebrauch später in „Umwandlung“ geändert. „Die Abwicklung der ganzen ‚Umwandlung‘ ging [bei Adler & Co.] innerhalb weniger Wochen vonstatten.“ Dazu gehörte eine umfangreiche Inventur. „Es war die genaueste Inventur, die ich jemals erlebt habe. Auch die Kontrolle der aufgenommenen Materialien und Halb- sowie Fertigprodukte war sehr penibel und wurde von Leuten anderer Betriebe durchgeführt. Der Eigentumswechsel erfolgte am 7. August 1972.“
Das Kartonagenwerk Adler gehörte von diesem Tag an zum VEB Verpackungsmittelkombinat Ehrenfriedersdorf (später Kombinat Verpackung Leipzig).956 Die Produktion wurde weitgehend auf hochwertige Etuis und Schmuck-Kassetten ausgerichtet. – „Vom Bezirkswirtschaftsrat erschienen [im Graphischen Betrieb Gebr. Frank KG/Gera] zwei Genossen mit der ultimativen Aufforderung: ‚Sie haben dafür zu sorgen, daß der Betrieb [geordnet überführt werden kann]‘“.957 Die Frank KG wurde zum „Volkseigenen Betrieb Verpackungsdruck Gera“ erklärt. Die bisherigen Eigner wurden (wie allgemein üblich) zum Betriebsdirektor bzw. zum Technischen Leiter ernannt.958 Von diesem Beschluss des Politbüros waren rund 3000 private und 5600 halbstaatliche Betriebe betroffen. Ab 1972 war nahezu die gesamte Wirtschaft „volkseigen“ organisiert und „durch die Enteignung der rund 11 000 bis dahin noch privat geführten Unternehmen und ihre Eingliederung in Großbetriebsstrukturen“ fast der gesamte Mittelstand aufgelöst.959 Zu den verstaatlichten Betrieben gehörte u. a. die 1850 gegründete Firma Heinrich Ludwig/Siebenlehn (Sachsen), die 1860 die Tüten-/Beutel-Produktion aufgenommen hatte und 112 Jahre später mit dieser Sparte als Werk 3 Siebenlehn (Werk 2 Rich. Weinberger Zwickau) Teil des VEB Verpackungsmittelwerks Crimmitschau, VEB Kombinat Verpackung Leipzig, wurde. Dieses Kombinat, gegründet am 1. Januar 1979, war der größte Tüten- und Beutelhersteller der DDR.960 Ebenfalls 1972 wurde der VEB Polygraph Köthen, 1976 der VEB Drahtheftmaschinen (vorm. Karl Gebler/Leipzig) dem VEB Leipziger Buchbinderei-Maschinenwerke (LBW) angegliedert. Damit war LBW der alleinige Hersteller von Drahtheftmaschinen in der DDR.961 Bis Ende 1980 war die Kombinats-Bildung im Wesentlichen abgeschlossen. Zum System gehörten 420 zentral- und bezirksgeleitete Kombinate/Großbetriebe mit je 15 bis 30 Einzelbetrieben – darunter rund 270 Kombinate im produzierenden Gewerbe.962 956 Alle Adler & Co./Annaberg-Buchholz betreffenden Angaben wie auch die letzten Zitate nach Johannes Baumert, Beruf: Kartonagenmacher, Annaberg-Buchholz 2009 (bebildertes Typoskript), S. 20 und 22. 957 90 Jahre Gebr. Frank, S. 76. 958 Vgl. ebd., S. 78. 959 Ebd., S. 76. 960 Vgl. 150 Jahre Heinrich Ludwig; die Firma wurde 1989 reprivatisiert. 961 Vgl. Kettlitz, Drahtheften, S. 47, Sp. 1. 962 Vgl. u. a. 90 Jahre Gebr. Frank, S. 76.
344 Teil I – Papierverarbeitung im 19. und 20. Jahrhundert Am 1. Januar 1979 wurde das VVB Verpackungskombinat Leipzig mit 32 Hauptbetrieben und 15 000 Beschäftigten, einschließlich diverser Unterbetriebe zwischen Schwerin und Lößnitz, gegründet (einschließlich des VEB Forschungszentrums Verpackung Dresden, Gestaltungszentrum für Verpackung Leipzig, eines Rationalisierungsbetriebes sowie eines Außenhandelsbetriebes Verpackung und Bürobedarf Export/Import Leipzig/Nikolaistraße). Das Lieferangebot des VEB Verpackung Leipzig umfasste von „Ausstattungsetiketten“ über Bürobedarf, Tapeten, Technische Papiere usw. bis „Zylindrische Kreuzspulhülsen“ eine Vielzahl von Produkten aus dem Bereich der Papier-, Karton/Pappe- und Kunststoff-Verarbeitung. In den späten 1980er Jahren gehörten zum VEB Kombinat Verpackung Leipzig/Lessingstraße 25 Betriebe in 18 Standorten. Darunter Betriebe für – – – – – – –
Versandverpackungen: Leipzig (Wellpappe), Arnstadt (Wellpappe), Waren (Wellpappe), Berlin, Aschersleben, Gera Verkaufsverpackungen: Halle, Saalfeld, Leipzig, Schwerin, Grimmitschau, Dresden, Gera, Aschersleben Beschichtete Papiere, Verbunde und Folien für Verpackungen: Schwarzhammermühle/ Reichenbach, Dresden, Markkleeberg, Berlin Tapeten: Coswig, Berlin, Leipzig, Aschersleben, Schwerin Bürohilfsmittel und Schulbedarf: Torgau, Dresden, Peitz, Halle, Schwarzhammermühle/Reichenbach, Lößnitz Sonstige Erzeugnisse: Ehrenfriedersdorf (Fest- und Füllartikel – Ostereier usw. Schultüten), Dresden (Polypack), Torgau, Zittau (Hülsen) Technische Papiere: Dresden, Lößnitz, Zittau, Markkleeberg.963
Der Umstrukturierungsprozess in der Papier- und Verpackungswirtschaft war 1980/81 im Wesentlichen beendet. Das dreistufige Leitungssystem (Ministerium-VVB-VEB) war auf ein zweistufiges reduziert (Ministerium-Kombinat). Die VVB wurden aufgelöst. Beispielweise wurde 1980 z. B. der VVB Zellstoff, Papier und Pappe Heidenau (bei Dresden) zum Kombinat Zellstoff, Papier und Pappe Heidenau mit einem aber weiterhin (in diesem Fall sogar) vierstufigen Leitungssystem (Ministerium – Kombinat Heidenau – Betrieb Trebsen – Werk Fockendorf) und den Leitungsebenen Minister-GeneraldirektorDirektor-Betriebsleiter. Die Kombinatsbildung im Papier- und Verpackungsbereich galt 1982 DDR-weit als endgültig abgeschlossen. Das Kombinatssystem bildete nunmehr das alleinige Rückgrat der gesamten sozialistischen Wirtschaftsordnung. Dementsprechend deklarierte Erich Honecker 1986 auf dem XI. Parteitag der SED: „Das Rückgrat der sozialistischen Planwirtschaft sind die Kombinate mit ihren Betrieben.“964 In diesem Sinne wurden nahezu 100 Prozent der industriellen Warenproduktion erzeugt. Daneben gab es in der DDR-Wirtschaftsgeschichte viele Systemabweichungen und Sonderformen (s. Heidenau). Neben den zentral und bezirklich geleiteten Betriebseinheiten gab es noch eine Vielzahl von örtlich, halbstaatlich, genossenschaftlich oder privat geleiteten Betrieben oder SED-Betrieben (vor allem Verlage965 als „Vereinigung organi963 Vgl. VEB Kombinat Verpackung Leipzig, Käufer vertrauen uns (Exportkatalog), AG 16/4/87 III 6/15, o. S. 964 Zit. nach Thüringen – Blätter zur Landeskunde, S. 1, Sp. 1. 965 U. a. wurde der 1972 in Volkseigentum umgewandelte und gewinnbringende Graphische Betrieb Gebr. Frank (VEB Verpackungsdruck Gera) 1975 in die parteieigene Betriebsvereinigung/VOB „Zeitung“ eingegliedert und zum Bereich III der „Druckerei Volkswacht Gera“ er-
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sationseigener Betriebe“/VOB). Die Tüten- und Beutelindustrie der DDR war entweder dem Verpackungsmittel-Kombinat (Leipzig) oder dem Zellstoff- und PapierindustrieKombinat (Heidenau) zugeordnet.966 „Den juristischen Schlusspunkt unter das ‚Experiment Kombinate‘ bildete die Verordnung zur Umwandlung der volkseigenen Kombinate, Betriebe und Einrichtungen in Kapitalgesellschaften vom 1. März 1990. Die damit verbundene Möglichkeit der Herauslösung von Betrieben aus dem Kombinatsverband führte zu massenhaften Austritten. Verbliebene Kombinats-Konzerne wurden dann von der [westdeutschen] Treuhandanstalt umstrukturiert, verkauft liquidiert oder zerschlagen.“967
Das sozialistische Wirtschafts-System hatte sich ebenso wie das reformunfähige politische „Hardliner-Regime“968 als veraltet,969 als nicht funktions- und damit als nicht konkurrenzfähig erwiesen. Der realitätsferne, ideologisch definierte Ansatz des autoritären Funktionärs-Apparates erlaubte nur ein „operatives“ Denken und Handeln aufgrund von plan-ökonomischen, in sich geschlossenen und sich damit selbst blockierenden Kategorien. Im Gegensatz zur NS-Kommando-Wirtschaft, die die „Schöpferkraft und den Leistungswillen“970 der Unternehmer zu nutzten wusste – dabei jedoch auf deren weitgehende Bereitwilligkeit setzen konnte – sahen die DDR-Planwirtschaftler in den Unternehmern vor allem ideologische Gegner, deren „Schöpferkraft“ und „Leistungswille“ nur im kontrollierten Abhängigkeitsverhältnis übergeordneter Polit-Instanzen zugelassen wurde. Die meist mittelständischen „Industriekapitalisten“971 wurden nach 1945 in mehreren Wellen zunächst systematisch vernachlässigt und schließlich, insbesondere um 1972, völlig verdrängt. Im „sozialistischen Weltbild, das von der historischen Überlegenheit zentraler Planung und Lenkung der Wirtschaft überzeugt war, [war] kein Platz für den Unternehmer als Spezialisten für Entscheidungen unter Unsicherheit, der Informationen sammelt, Daten, Konzepte und Ideen beurteilt und deren Wert für Produktionsprozesse und Vermarktung in besonderem Maße zu erkennen in der Lage ist.“972
Ein bestimmendes Merkmal der DDR-Wirtschaft war ihre hypertrophe Bürokratie. Dieses Phänomen war aber nicht unbedingt DDR-typisch. Auch im System der ‚freien Marktwirtschaft“ fühlte sich die Wirtschaft zu Beginn des 21. Jahrhunderts bedrängt von der „Riesenkrake [vor allem auch EU-]Bürokratie mit oft nicht zu erfüllenden Forderungen. Die überbordende Bürokratie wird mehr und mehr zu einem zentralen Hemmnis [...]. Sie kostet Manpower [Arbeitskraft], Geld, Energie und raubt kostbare Zeit für das Wesentliche [...]. Der bürokratische Aufwand, der durch die 2100 zugrunde liegenden Vorschriften erforderlich ist,
966
967 968 969 970 971 972
klärt; vgl. 90 Jahre Gebr. Frank, S. 78; zur VOB gehörte u. a. ebenfalls die Papierfabrik Fährbrück (Lebensmittelkartenpapier). Quellen nach: Andre Beyermann, Kombinate. In: Thüringen – Blätter zur Landeskunde; VEB Kombinat Verpackung Leipzig; Frank Heinzig, Fockendorf, schriftl. Auskunft vom 19.4.2001, im Besitz des Verf.; Spurensicherung – 40 Jahre Werbung in der DDR, Frankfurt/M. 1990, S. 51 ff. (nach: FAZ, 2./3.10.1990), sowie Materialsammlung der Geschichtswerkstatt „Entwicklung von Industrie, Handel, Handwerk und Gewerbe in Aschersleben“ der Kreisvolkshochschule Aschersleben. Thüringen – Blätter zur Landeskunde, S. 5, Sp. 1 f. Vgl. Hobsbawm, Eric J., Das Zeitalter der Extreme – Weltgeschichte des 20. Jahrhunderts, 5. verb. Aufl. München/Wien 1997, S. 498; s. in diesem Titel insbes. die Abschnitte „Der real existierende Sozialismus“, S. 465-502 u. „Das Ende des Sozialismus“, S. 572-617. Vgl. Abelshauser, Deutsche Wirtschaftsgeschichte, S. 364. Messerschmidt, zit. in: Nationalsozialismus. Dokumente 1933–1945, S. 84. Abelshauser, Deutsche Wirtschaftsgeschichte, S. 364. Ebd.
346 Teil I – Papierverarbeitung im 19. und 20. Jahrhundert kostet die Unternehmen 27 Mrd. Euro pro Jahr. [...] Rund 11 000 Informationspflichten legen die Vorschriften des Bundes und der EU den Unternehmen auf, sodass sich die Bürokratiebelastung der Wirtschaft auf insgesamt 35 bis 40 Mrd. Euro addiert. [...] Vom Bürokratieabbau ist in unserer Branche [Papier- und Folienverpackung] nichts zu spüren. Die gesetzlichen Auflagen werden umfangreicher, die Forderungen unrealistischer.“973
Im Zuge der Restitution/(Re)Privatisierung kam es nach 1990 im System der „freien Marktwirtschaft“ zu flächendeckenden Stilllegungen und Übernahmen auch traditionsreicher Betriebe, hinter denen als Motiv – auch – die Ausschaltung unerwünschter Konkurrenz für westliche Konzerne und Unternehmen stand (u. a. Bestehorn/Aschersleben, Brehmer/Leipzig). Diese Konzerne und Unternehmen waren mit ihrer eingeübten marktwirtschaftlichen Praxis dabei im Vorteil. Unternehmer, die ihnen ebenbürtig gegenübertreten konnten, fehlten. „Erfolgreiches Unternehmertum war in der DDR ein entscheidender Engpassfaktor der wirtschaftlichen Entwicklung und blieb es nach 1990 auch in der Wirtschaft der neuen Länder.“974
Zahlen und Produkte Zusammen mit der Papier erzeugenden und der Druckindustrie bildet die Papier, Pappe und Kunststoffe verarbeitende Industrie den Sektor der Papierwirtschaft. Die Grenzen zwischen den Produktionsbereichen sind häufig unscharf.975 Viele Betriebe sind sowohl Hersteller als auch Verarbeiter. So ist es in der industriellen Papierund Pappeverarbeitung traditionell üblich, auch Druckarbeiten auszuführen. Laut Karl Weissenfels „[...] liegt die geringe Beachtung der papierverarbeitenden Industrie in der Literatur darin begründet, dass der Begriff der Industrie zu vieldeutig ist und andererseits die Einzelbetriebe selbst keine einheitlichen Gebilde darstellen, sondern [...] oft die verschiedensten Zweige der Papierindustrie und des Vervielfältigungsgewerbes mit umfassen. Da sie auch zahlenmäßig die umfangreichste Industrie der Gewerbe ähnlicher Art ist – sie umfasst 12½ Tausend Betriebe verschiedenster Fabrikationszweige, also mehr als 10 mal so viele Betriebe wie die Papiererzeugung –, ist eine Bearbeitung dieses Gebietes mit vielen Schwierigkeiten verknüpft.“976
Im Jahre 1944 führte der RDP eine Untersuchung zur Ermittlung von Richtsätzen von Verkaufspreisen u. a. für Tüten und Papierbeutel durch. Dafür wählte er acht typische Betriebe dieser Branche aus. Entsprechend der Auswertung dieser Untersuchung stellten z. B. nur zwei der untersuchten Betriebe ausschließlich Tüten und Papierbeutel her. Bei zwei weiteren wurde neben der Beutelerzeugung ein erheblicher Umsatz im PackpapierGroßhandel erzielt.977 Eine fünfte Firma betätigte sich neben der Papierbeutel-Erzeugung und der Herstellung von (bedruckten) Rollenpapieren zu etwa zehn Prozent auch auf dem Gebiet des Buchdrucks. Eine sechste Firma stellte neben Papierbeuteln in beinahe gleichem Umfang Papier-Großsäcke her. Eine andere Firma betrieb neben der Erzeu973 IPV-Geschäftsbericht 2007/08, Frankfurt/M. 2008, Vorwort [S.1]. 974 Abelshauser, Deutsche Wirtschaftsgeschichte, S. 365. 975 Vgl. Horst Kohl, Die Papier und Pappe verarbeitende Industrie in der Bundesrepublik Deutschland. Ein Branchenbild. In: Grenzen der Planung. Aufsätze zur Sozial- und Wirtschaftsordnung, hrsg. v. Edwin H. Buchholz, Heinz Schimmelbusch u. Manfred Wulff, Tübingen 1976, S. 39 ff. Zu den speziellen Abgrenzungsschwierigkeiten zwischen den Bereichen Druck und Papierverarbeitung s. auch 100 Jahre Berufsgenossenschaft Druck und Papierverarbeitung, S. 27 ff. 976 Weissenfels, Standorte, S. 12. 977 Vgl. zu Papier-Großhandel u. a. Feyerabend, Papiergroßhandel, S. 6, Sp. 1.
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gung von Papier-Großsäcken in erster Linie die Produktion von Spezialverpackungen aus Papier in Beutel-, Versandtaschen und Sackform. Die achte Firma schließlich besaß neben ihrer Papierbeutel-Fabrikation auch eine Kartonagen- und Buchdruck-Abteilung.978 So schwierig die Abgrenzung der einzelnen Sparten und Fachbereiche ist, so problematisch ist auch der Umgang mit den Statistiken. Die häufig sprunghaften Abweichungen innerhalb kürzester Zeiträume und innerhalb eines Sachgebietes lassen sich als weiterer Hinweis auf die Schwierigkeit auch der (halb-)amtlichen Einrichtungen deuten, zweifelsfreie sachliche/fachliche Zuordnungen zu treffen. Wenn hier trotzdem Zahlen und statistische Angaben (mit allem Vorbehalt) wiedergegeben werden, so aus Gründen der Vollständigkeit im Umgang mit den Quellen. Von einer Papierwaren-Industrie kann erst ab der Zeit der 1850er Jahre gesprochen werden. Davor gab es begrifflich und inhaltlich genau zu beschreibende Spartenbetriebe, die Tapeten, Dosen, Papiermaché, Blumen, Geschäftsbücher, Briefumschläge usw. herstellten. Seit Mitte der 1850er Jahre gab es einen raschen Übergang zur PapierwarenIndustrie mit gemischter, diversifizierter Produktion unter einem Dach (u. a. Lernmittel, Kartonagen, Tüten/Beutel, Briefumschläge, Geschäftsbücher usw.). Die PapierwarenIndustrie wurde zu einer weiteren, und für die Branche typischen, Sparte innerhalb der Papier- und Pappe verarbeitenden Industrie. Die Veränderungen in der Produktpalette – vom Fidibus bis zur Herstellung von Displays oder Plastiktüten – gewähren auch Einsicht in die Kultur-, Wirtschafts- und Sozialgeschichte der vergangenen 150 Jahre. Hier ein Beispiel: Die Papierwaaren- und Cartonagenfabrik Friedrich Melsbach/Sobernheim nannte in ihrer Preisliste aus dem Jahre 1868 u. a. „Duten, Beutel und Envelopen, Wein-, Tabak- und Carton-Etiketten, Schreibhefte, Copier- & Geschäftsbücher, Briefcouverts, Siegeloblaten, Capseln, Papp-Schachteln, Pulverschieber und Kästchen, Steindruck- und Buchdruck-Sachen.“979
Um 1875 lieferte die Papier verarbeitende Industrie u. a. Briefumschläge, Tüten, Beutel, Akten- und Geldkuverts, Flaschen-, Beutel- und Dosen-Etiketten, Formulare und unzählige Druckerzeugnisse für Handel und Gewerbe, Schulhefte, Apothekenkapseln, Geschäftsbücher aller Art, Tapeten, Karten, Buntpapiere, Kinderspielzeug aus Papiermaché, Pergamentpapiere, Papierwäsche usw.980 Bis auf Tapeten, Buntpapier, Kinderspielzeug und Papierwäsche, die als jeweils eigenständige Spartenbereiche bestanden, waren die weiteren (und andere) Produkte in beliebiger Zusammenstellung und Anzahl als Positionen in der Papierwaren-Industrie zu finden. Die wenigen Aussteller aus dem Bereich der Papier- und Schreibwarenbranche, die vor 1885 jeweils unter denkbar anspruchslosen Bedingungen auf der Leipziger Frühjahrsmesse vertreten waren, boten vor allem Einzelsparten-Produkte wie Kartonagenwaren (Pappspiele, -kästchen, -rahmen), Bilderbücher, Öldrucke, Stammbücher oder Reißzeuge, Tintenzeuge, Masken, Papiermaché-Waren, Siegellack, Foto-Alben usw. an. „Die Fertigung von Photoalben wurde bereits seit deren Aufkommen in Spezialbetrieben durchgeführt, die sich 1858 bildeten und zunächst das sogenannte ‚Deutsche Album‘ herstellten. Diese noch recht einfachen Alben wurden 1860 mit Einführung des aus Paris stammenden ‚Französischen Albums‘ völlig verdrängt“.981
978 979 980 981
Vgl. Preisrechnungsvorschriften, S. 3. Vgl. Fr. Melsbach, Bad Sobernheim, Firmenarchiv. Vgl. Hannoverscher Courier, 13.3.1875, S. 2, Sp. 2 f. Biesalski, Mechanisierung, S. 39, Sp. 2.
348 Teil I – Papierverarbeitung im 19. und 20. Jahrhundert
Abb. 29: Produkt-Beispiel der industriellen Papierverarbeitung, Apotheken-Kuvert, um 1890
Erst nach 1885 kamen allmählich Patenbriefe, Reliefs, Glückwunschkarten, Bilder- und Modellierbogen, Geschäfts- und Notizbücher, Briefordner, Buchholzer Prägeartikel usw. hinzu. Zu einem geregelten Angebot dieser Branche mit einer Vielzahl von Erzeugnissen kam es auf der Leipziger Messe erst ab 1900.982 Die Papierverarbeitungs-Berufsgenossenschaft veröffentlichte 1890 eine Aufstellung der ihr angeschlossenen Betriebe nach Gewerbszweigen983. Dazu gehörten (in historischer Schreibweise): – – – – – – – – – – – –
Abziehpapier-Fabriken (4) Albumfabriken (44) Bilderbogen-Fabriken (4) Billetfabriken (2) Buchbindereien (252) Buntpapier-Fabriken (55) Bürstenfabriken (1) Cartonagenfabriken (272) Cartonpapier-Fabriken (9) Chemigraphische Anstalten (s. unten) Colorier-Anstalten (4) Contobücher-Fabriken (35)
982 Zur Entwicklung der Papier- und Schreibwarenbranche auf der Leipziger Messe vgl. u. a. Papier-Zeitung, Nr. 79/1927, 7.12.1927, S. 3666, Sp. 1. 983 Alphabetisch gegliedert in der historischen Schreibweise. Die Ziffern in Klammern hinter den jeweiligen Gewerbszweigen geben die Anzahl der Betriebe um 1890 wieder.
Papierverarbeitung im 20. Jahrhundert
– – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – – –
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Cotillon-Ordenfabriken (1) Couvertfabriken (34) Dütenfabriken (61) Etiquettenfabriken (3) Etuisfabriken (46) Fabriken bezogener Papiere (1) Fabriken chemischer Papiere (3) Fabriken gummierter Papiere (2) Fabriken lackierter Delpappwaaren (2) Geographische Anstalten (2) Gewehrpfropfenfabriken (2) Jacquardkarten-Fabriken (3)984 Kupfertief-Druckereien (8) Lichtdruckerein (34) Linir-Anstalten (5) Lithographie & Steindruckerei (580) Luxuspapier-Fabriken (75) Maskenfabriken (2) Notendruckereien (9) Oeldruckbilderfabriken (10) Papierausstattungs-Fabriken (11) Papierbuchstaben-Fabriken (1) Papierhülsen-Fabriken (30) Papierlaternen-Fabriken 4)985 Papiermaché-Fabriken (13) Papiersack-Fabriken (3) Papierspulen-Fabriken (4) Papierstramin-Fabriken (2) Papierstuck-Fabriken (3) Papierwaaren-Fabriken (89) Papierwäsche-Fabriken (2) Papprahmen-Fabriken (6) Pappwaaren-Fabriken (5) Papyrolin-Fabrikenb (1) Pauspapier-Fabriken (3) Pergamentpapier-Fabriken (10) Photographie-Kartenfabriken (4) Photographie-Rahmenfabriken (1) Photographische Anstalten (25) Phototypische Anstalten (1) Prägeanstalten (10) Puppenfabriken (36)
984 Jacquardkarten werden als gelochte Musterschablonen in der Jaquard-Weberei eingesetzt; der Name leitet sich von dem Seidenweber J.-M. Jacquard (1752–1834) ab; vgl. u. a. BE, Bd. 11, S. 64, Sp. 2 f. sowie Weiß, Zeittafel, S. 246. 985 U. a. C. Riethmüller, Kirchheim-Teck, gegr. 1855; vgl. Geschäftsanzeige in: Papier-Zeitung, Jubiläums-Ausgabe 1925, S. 4025.
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Roleau-Fabriken (4) Sand- und Schmirgelpapier-Fabriken (11) Schreibmappen-Fabriken (4) Siegeloblaten-Fabriken (2) Spielkarten-Fabriken (19) Spielwaren-Fabriken (14)986 Spitzenpapier-Fabriken (15) Tapetenfabriken (58) Telegraphenrollen-Papierfabriken (2) Wachspapier-Fabriken (3) Wollstaub-Fabriken (2) Zinkdruckereien (4)987.
Zu dieser Gewerbe-Aufstellung von 1890 gehören auch elf Chemigraphische Anstalten. Harald Frank stellte in diesem Zusammenhang fest, dass „Gillot in Paris [...] im Verlauf der 50er Jahre des 19. Jahrhunderts die Technik der Metallätzung so ausgebaut [hatte], daß er als der Vater der Chemigraphie bezeichnet werden kann“.988 1882 erfand Georg Meisenbach/München das Linienraster (Autotypie). Um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert hatte die Ätztechnik (Chemigraphie) ihren endgültigen Stand erreicht.989 Die ebenfalls in dieser Aufstellung angeführten Papprahmen wurden bereits im Jahre 1854 auf der Gewerbe-Ausstellung in München von der Berliner Firma Anders & Blumberg vorgestellt. Im Papier-Adressbuch von 1892 wurden 25 Hersteller erwähnt; 1901 waren es 36; 1905: 38; 1914: 24; nach Ende des Ersten Weltkrieges wurden keine Hersteller mehr aufgeführt.990 Insgesamt waren der Papierverarbeitungs-Berufsgenossenschaft im Jahre 1890 1983 Betriebe mit über 58 366 Beschäftigten angeschlossen.991 Diese Zahlen stiegen bis zum Jahre 1900 auf 2933 Betriebe mit 96 869 Beschäftigten.992 Zahlen der Beschäftigten in den einzelnen Branchen der Papier-/Pappeverarbeitungs-Industrie liegen nicht vor. Die Zahl der Beschäftigten in der Tüten-/Beutelindustrie z. B. stieg zwischen 1895 und 1900 um etwa 20 Prozent an. Diese Steigerung galt als „lebhaft“, da die Artikel dieser Branche „naturgemäß vorzugsweise von weniger leistungsfähigen [in der Hauptsache – bis über 80 Prozent – ungelernten, nicht organisierten weiblichen Gelegenheits-]Arbeitskräften verfertigt [wurden].“993 Die Arbeit galt als leicht und sauber. Als gelernte Arbeitskräfte waren lediglich (männliche) Drucker und Buchbinder beschäftigt.994
986 Zu: Spielwaren und Festartikel aus Pappe und Papier s. u. a. auch Kartonagen- und PapierwarenZeitung, Nr. 39/1937, 24.9.1937, S. 414, Sp. 1 u. 2. 987 Zum Zinkdruckverfahren vgl. u. a. Otto Krüger, Die lithographischen Verfahren und der Offsetdruck, Leipzig 1926, S. 126-145. 988 90 Jahre Gebr. Frank, S. 8. 989 Vgl. ebd., S. 8 ff. 990 Vgl. Pieske, ABC des Luxuspapiers, S. 212 f. 991 Vgl. 100 Jahre Berufsgenossenschaft Druck und Papierverarbeitung, S. 41. 992 Vgl. Demuth, Papierindustrie, S. 267. 993 Vgl. ebd., S. 268. 994 Vgl. ebd., S. 268.
Papierverarbeitung im 20. Jahrhundert
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Der Jahreslohn pro Kopf stieg von 707 M. 1890, mit einem starken Einbruch im Jahre 1894 auf 660 M., auf 766 M. im Jahre1900.995 „Wirklich starke Fortschritte erzielten [in den Jahren zwischen 1895 und 1900] nur die organisierten Buchbinder und Buchdrucker, während die Löhne der Steindrucker und Lithographen vielfach sogar einen Rückgang erfuhren. Die Buchdrucker setzten 1897 eine Lohnerhöhung um 10%, 1900 eine weitere um 6 2/3 % durch. Die Binder erreichten 1892 einen Arbeitslohn von 18 Mk., 1896 einen solchen von 21 und 1898 einen von 24 Mk. pro Woche“.996
Die durchschnittliche Arbeitszeit lag vor 1900 bei zehn Stunden. Die zulässige Verlängerung der Arbeitszeit lag gesetzlich bei 40 Tagen im Jahr. Viele Betriebe hatten mit dieser Überstunden-Regelung, vor allem in der Hauptsaisonzeit, Probleme und verlangten daher eine Änderung der Quote, da „bei der leichten Beschäftigungsart (in der Papierund Pappeverarbeitung) keine Überlastung der Arbeiter zu befürchten“ sei.997 Nach 1900 lag die Arbeitszeit bei neun bis neuneinhalb Stunden. Lediglich die (organisierten) Lithographen hatten eine Arbeitszeit von acht bis achteinhalb Stunden.998 Im Juni 1895 führte das Kaiserliche Statistische Amt in Berlin eine Berufs- und Gewerbezählung durch. Dabei wurde das Gesamtgewerbe in 21 Gruppen mit 110 Klassen und 320 Berufsarten eingeteilt. Unter Gruppe X „Papier“ fiel als Sammelbezeichnung auch die Buchbinderei und Kartonagen-Fabrikation mit folgenden Unterabteilungen (historische Schreibweise): A. Alben, Briefkuverts, Düten, Galanteriewaren, Gebetbücher, Geschäftsbücher, Marmorieranstalten, Monogrammprägereien, Papeterien, Papierballons, Papierfahnen, Papierlaternen, Papiersäcke, Papierwaren, Perforieranstalten, Schreibbücher, Springfolien, Transparentfabrikation, Vergoldeanstalten. B. Kartonagen-Fabrikation mit den Unterabteilungen: Albumkoulissen, Attrappen, Bilderrahmen (Pappe), Billetts, Bonbonieren, Briefordner, Brillenetuis, Devisen, Futterale, Hutschachteln, Kartons und Kartonagewaren, Kotillonartikel und -orden, Mappen, Musterbücher und -karten, Papierkragen und -wäsche, Pappschachteln und Pappspielwaren.999 Diese Auflistung verdeutlicht wiederholt das Problem der Zuordnung von Papier- und Pappeprodukten zu einzelnen Branchen bzw. deren genaue Abgrenzung voneinander. Papeteriewaren, Papierfahnen, Papierlaternen, -säcke, Galanteriewaren usw. gehörten nach dem Verständnis des Buchbinde-Gewerbes in den Kartonagen-Bereich, während Musterkarten oder Mappen der Buchbinderei zuzuordnen waren.1000 Die Tüten/Beutelfabrikation z. B. wurde in späteren Statistiken unter Kartonagen geführt. 1897 wurden in der Papier und Pappe verarbeitenden Industrie folgende (auf-/abgerundete) Umsätze erzielt:
995 996 997 998 999 1000
Vgl. ebd., S. 267. Ebd., S. 270. Vgl. Papier-Zeitung, Nr. 26/1898, S. 950, Sp. 2. Vgl. Demuth, Papierindustrie, S. 268 f. Vgl. Harms, Entwicklungsgeschichte, S. 37 f. Vgl. ebd., S. 38 f.
352 Teil I – Papierverarbeitung im 19. und 20. Jahrhundert Chromolithographie Luxuspapierfabrikation Kartonagen und Etuis Tüten und Beutel Kleinbuchbinderei Tapeten Briefumschläge und feine Papierwaren Geschäftsbücher Puppen u. Spielwaren Großbuchbinderei Albumfabrikation
49 Mio. M. 1001 31 Mio. M. 27 Mio. M. 21 Mio. M. 17 Mio. M. 17 Mio. M. 14 Mio. M. 11 Mio. M. 8 Mio. M. 6 Mio. M. 5 Mio. M.1002
Im Zeitraum zwischen 1895 und 1900 konnten Chromolithographie-Anstalten und Luxuspapier-Fabriken ihre Produktion um mindestens 30 Prozent steigern, Buchbindereien um etwa 30-40 Prozent, Geschäftsbücher-Fabriken um 25 Prozent, Kartonagen-Hersteller und Tüten/Beutelfabriken um etwa 20 Prozent.1003 Der ehemalige Fabrikdirektor und Professor an der Königl. Hochschule zu Dresden, Max Schubert, veröffentlichte in den Jahren 1900/1901 ein praktisches Handbuch in zwei Bänden für Techniker, Direktoren und Papierwaren-Fabrikanten, in dem die Bereiche Buntpapier, Tapeten, Briefumschläge, Tüten, Papiersäcke, fotomechanische Papierfabrikation und Papierwäsche behandelt werden.1004 Im selben Jahr, 1901, ging das im Verlag der Papier-Zeitung (Carl Hofmann/Berlin) erschienene Papier-Adressbuch nach einer Fünfteilung des Papierfaches vor, wobei die „Papierverarbeitung“ unter Teil 2 mit über 15 000 Betrieben erfasst war, zu denen der Verlag Papierfabriken ebenso zählte wie die Tapeten-, Luxuspapier- und Papierausstattungs-Fabriken, Lithographie, Buch-, Lichtund Steindruckereien, graphische Anstalten, Geschäftsbücher, Düten-, Briefumschlag-, Papierwaren-, Kartonagen-, Etuifabriken sowie die Buchbinder, die der Berufsgenossenschaft angeschlossen waren.1005 Zwischen 1899 und 1902 gab es eine Zunahme der Arbeitskräfte in der Papierverarbeitung von rund 91 000 auf über 100 000. Nur die Bereiche, die in der Hauptsache Massen-/Gebrauchsartikel herstellten (Tüten/Beutel, Kartonagen, Briefumschläge) und die im erheblichen Umfang mit (ungelernten) Gelegenheitsarbeitern produzierten, mussten Arbeitskräfte entlassen.1006 1001 Chromolithographische Produkte werden üblicherweise mit „Chromos“ abgekürzt. Es handelt sich um eine „... Bezeichnung für eine kleinformatige, chromolithographische Darstellung“, solche Darstellungen wurden zum Bekleben/Montieren von Schachteln, Briefbogen und Gratulationskarten insbes. in der Luxuspapier-Industrie gebraucht. Zu den Produkten der Chromolithographischen Kunstanstalten/Industrie zählten Chromos, Chromobilder und – karten; vgl. Pieske, ABC des Luxuspapiers, S. 103. 1002 Vgl. Demuth, Papierindustrie, S. 252 f. 1003 Vgl. ebd., S. 261. 1004 Max Schubert, Die Papierverarbeitung. Bd. I, Die Kartonnagen-Industrie. Praktisches Handbuch für Techniker, Papier-, Kartonnagen-Fabrikanten und Buchbinder, u. Bd. II, Die Buntpapier-, Tapeten-, Briefumschlag-, Düten- oder Papiersack-, Papierwäsche- und photographische Papier-Fabrikation. Praktisches Handbuch für Techniker, Buntpapier-, Tapetenund Dütenfabrikanten, Direktoren, Berlin 1900/1901. 1005 Vgl. Papier-Adressbuch von Deutschland, 2. Aufl., Berlin, Dezember 1901, InhaltsErklärung (o. S.). 1006 Vgl. Demuth, Papierindustrie, S. 279.
Papierverarbeitung im 20. Jahrhundert
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1925 wurden von der Statistik des Deutschen Reiches „Die Ergebnisse der Volks-, Berufs- und Betriebszählung vom 16. Juni 1925“ teilweise veröffentlicht. Darin wurde die Papierverarbeitung als Gewerbeklasse 3 „Papierverarbeitung“ zur Gewerbegruppe XI: Papierindustrie und Vervielfältigungsgewerbe, der Gewerbeabteilung B: „Industrie und Handwerk“ geführt.1007 Danach gehörten zu den Produktgruppen der Papierverarbeitung: –
– –
–
–
Herstellung von Massenpackungen, Kartonagen und Wellpappenindustrie (37 Fabrikationszweige, u. a. Tüten, Papierbeutel, Zigarrenbeutel, Herstellung von Faltschachteln, Hülsen, Luxuskartonagen, Pappkoffern, Zigarrenkartonagen, Zigarrenkisten aus Pappe usw.) Papierausstattung und Herstellung von Briefumschlägen (elf Fabrikationszweige, u. a. Luxuspapierprägerei, Monogrammprägerei usw.) Buchbinderei und Herstellung von Büro- und Schulhilfsmitteln (42 Fabrikationszweige, u. a. Herstellung von Briefordnern, Alben, Kassenblocks, Schreibblocks, Notizbüchern, Schreibheften, -mappen usw.) Herstellung von Hartpapierwaren (39 Fabrikationszweige, u. a. Attrappen, Bilderrahmen, Dosen, Etuis, Fahrkarten, Pappsohlen, Pappteller, Papiermaché, Kartonschilder usw.) Herstellung von sonstigen Papierwaren (62 Fabrikationszweige, u. a. Andenkenartikel aus Papier, Banderollen, Etiketten, Galanteriewaren aus Papier, Lampenschirme, Papierblumen, -dekotationsgegenstände, -lackwaren, -reklameartikel-, -spulen, -wäsche usw.).1008
Nach dieser Statistik umfasste die Papierverarbeitung Mitte der 1920er Jahre knapp 200 Fabrikationszweige. Nicht aufgeführt waren z. B. Produkte des graphischen Gewerbes, die vielfach ebenfalls ins Gebiet der Papierverarbeitung fallen (Geschäftsbücher, Speisekarten, Kataloge usw.) oder der Bereich der Luxuspapier-Herstellung. Besonders über diese Statistik wird die Vielfalt der Papierverarbeitung und Papierveredlung vermittelt. Es werden aber auch die unterschiedlichen Auffassungen darüber deutlich, welche Produkte diesem Wirtschaftszweig oder dem der Kartonagenherstellung oder dem des Druckereigewerbes zuzuzählen sind. Als unbestritten zur Papierverarbeitung gehörig galten jedoch aus Papier gefertigte Massenartikel für den täglichen Gebrauch wie Tüten, Beutel oder Briefumschläge. 1923 gab der Jahresbericht der Papierverarbeitungs-Berufsgenossenschaft einen Bestand von 4834 Betrieben mit über 125 319 Beschäftigten an.1009 Die Angaben zur Anzahl der Beschäftigten blieben mit rund 140 000 über viele Jahrzehnte in allen Statistiken konstant. Entsprechend der Betriebszählung vom 16. Juli 1925 wurden im Deutschen Reich insgesamt 14 136 Betriebe im Bereich der gesamten Papierindustrie gezählt. Davon 1113 (fast 8 Prozent) in der Erzeugung;1010 269 (fast 2 Prozent) in der Veredlung; 12 674 (nahezu 90 Prozent) in der Papierverarbeitung;1011 80 (0,5 Prozent) in der Tapeten-Industrie. 1007 Vgl. Weissenfels, Standorte, Anhang. 1008 Statistik des Deutschen Reiches, S. 107. Der Komplex „Papierherstellung und -verarbeitung – Berufe in ihr“ wurde 1925 veröffentlicht in Nicklisch, Papierherstellung, S. 303 ff. 1009 Vgl. Nicklisch, Papierherstellung, S. 310. 1010 Dazu zählten: Holzschleiferei, Zellstoff- und Papierherstellung. Vgl. Nicklisch, Papierherstellung, S. 303. 1011 Vgl. ebd., S. 310.
354 Teil I – Papierverarbeitung im 19. und 20. Jahrhundert Von den insgesamt 270 749 Beschäftigten wurden 114 715 (etwas über 42 Prozent) in der Papiererzeugung, 11 431 (etwas über 4 Prozent) in der Papierveredlung, 140 028 (nahezu 52 Prozent) in der Papierverarbeitung und 4575 (1,7 Prozent) in der TapetenIndustrie gezählt. Von der Gesamtzahl der Beschäftigten waren 102 788 (38 Prozent) Frauen, wobei dieser Anteil in der Papierverarbeitung mit 54,3 Prozent am stärksten war (davon wiederum in der Herstellung von Massenpackungen, Kartonagen und Wellpapier über 63 Prozent; Papierausstattung und Briefumschläge fast 62 Prozent; Papierveredlung 35 Prozent; Tapeten-Industrie 19 Prozent; Papiererzeugung ebenfalls 19 Prozent Frauenanteil).1012 „Die Papierverarbeitung beschäftigt noch wesentlich mehr Personen, wenn man ihr [...] die Luxuspapierwarenherstellung zuzählt. In der Statistik [...] erscheint [dieser Zweig] überhaupt nicht. [...] schätzt die Zahl [...] auf 100 000.“1013
Mitte der 1930er Jahre führte beispielsweise die Firma Fried. Serong Großdruckerei und Papierwarenwerk, Höxter/Westfalen, einen typischen Querschnitt aus dem Fertigungsprogramm der Papier und Pappe verarbeitenden Industrie: Faltschachteln, Kleiderschachteln, Zuschnitt, Gürtelschachteln, Gestanzte Ausstellschachteln, Tragetaschen, Flachbeutel für Reklame, Nahrungs- und Genussmittel etc., Seitenfalzbeutel, Bodenbeutel für alle Branchen z. B. für Kaffee, Mehl, Bonbons und sonstige Nahrungs- und, Genussmittel, Reklamestreifen, Reklamefahnen, Wimpelketten, Affichen1014, Prospekte, Einschläge, Etiketten, Ungeprägte Siegelmarken, Versandtaschen, Lohnbeutel1015, Zigarrenbeutel und sonstige Papierwaren.1016 1949/50 wurden von der APV in Westdeutschland etwa 1200 Betriebe mit rund 66 000 Beschäftigten gezählt. Davon waren u. a. in rund 36 Prozent der Betriebe zwischen zehn und 24 Arbeitnehmer beschäftigt, in 0,1 Prozent waren es 1000 und mehr Beschäftigte.1017 Die APV gliederte die Produktion dieses Industriezweiges in die Hauptgruppen: Erzeugnisse der Papierveredlung, wie – Tapeten, chemisch-technische Papiere, Filter, gummierte Papiere, Kleberollen, Buntpapiere, Präge- und Farbfolien, Wachspapiere, – Erzeugnisse der buchbinderischen Papierverarbeitung, – Geschäftsbücher, Buchungsmittel, Lernmittel, Kalender und Werbeartikel, Musterkarten, Verlagseinbände, Gesang- und Gebetbücher sowie Alben.
1012 Vgl. ebd., S. 304. 1013 Schöller, Kartelle, S. 2; Schöller bezieht sich bei seiner Angabe auf Meyerholz, Kunstdruckindustrie, S. 1. 1014 Anschläge, Plakate. 1015 Vor Mitte der 1920er Jahre wurden bei der Lohnauszahlung die Beträge noch häufig entweder direkt in die Hand gezählt oder in Blechdosen übergeben. In den 1920er Jahren – und noch bis in die 1960er Jahre hinein– erfolgte die Lohnzahlung fast ausschließlich in Lohntüten/ -beuteln; vgl. Stolzmann, Tüten- und Beutel-Fabrikation, S. 3970. 1016 Vgl. Muster eines Vertretervertrages, im Besitz des Verf.; zu Einzelheiten zum Wirtschaftsbereich Druck und Papier während der NS-Zeit s. Abschn. „Papierverarbeitung in der NSZeit“ der v. A. 1017 Vgl. Gerhard Struktur, Funktion und Bedeutung des Deutschen Schreib- und PapierwarenGroßhandels – Seine Entwicklung im besonderen seit dem Stichtag der Währungsreform, Baden-Baden 1953, S. 43
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Zur APV-Gliederung von 1949/50 gehörten ferner Erzeugnisse der Schreibwaren- und Bürohilfsmittelindustrie: – Briefordner, Schnellhefter, Mappen, Notiz- und Ringbücher, Briefhüllen, Briefausstattungen, – Telegraphen- und Kassenrollen. Verpackungsmittel aller Art: – Wellpappe, Kartonagen, Feinkartonagen und Etuis, Faltschachteln, Papiersäcke, Papierbeutel, – fettdichte Verpackungen, Einschlag- und Rollenpapiere, Hygienische Papiere: – Zellstoff- und Krepp-Papierwaren, Papierservietten und -taschentücher, Verschiedene Papierwaren: – Karneval- und Festartikel, Dekorationsartikel1018 sowie Etiketten und Siegelmarken.1019 1952 gab es in der Bundesrepublik Deutschland rund 1000 Betriebe mit 64 000 Beschäftigten, die 26 Prozent der gesamten Papierwirtschaft (Erzeugung/Verarbeitung/Druck) erwirtschafteten. Bis 1962 hatten sich diese Zahlen auf 1200 Betriebe mit rund 114 000 Beschäftigten verändert, die einen Anteil von 27 Prozent der papierwirtschaftlichen Gesamtproduktion erarbeiteten.1020 Zwischen 1951 und 1962 erzielte die Papierverarbeitung im Vergleich zur gesamten Papierwirtschaft eine durchschnittliche Zuwachsrate von 8,2%; 1951 + 6,4%; 1952 + 6,5%; 1953 + 13,2%; 1954 + 11,5%; 1955 + 10,7%; 1956 + 11,4%; 1957 + 6,3%; 1958 + 0,5%; 1959 + 11,0%; 1960 + 9,7%; 1961 + 0,9%; 1962 + 10,4%.1021 1966 wurden im Bereich der Papier- und Pappeverarbeitung von der Bundesstatistik 2100 Betriebe erfasst. Darunter waren rund 700 Betriebe in der Größenordnung von ein bis neun Beschäftigten. Lediglich 1200 aller bundesdeutschen Betriebe dieses Wirtschaftszweiges hatten die Größenordnung von Industriebetrieben.1022 Mit nahezu zwei Drittel Gesamtanteil an der Papierverarbeitung bildete der Bereich der Verpackungsmittel (und verwandter Erzeugnisse) den mit weitem Abstand größten Produktionsbereich (gefolgt von den Gruppen Tapeten, Geschäftsbücher oder imprägnierte Papiere usw. zwischen sieben und ein Prozent (Lampenschirme).1023 Ende der 1960er/Anfang der 1970er Jahre wurde die bundesdeutsche Wirtschaft von einem allgemeinen Konzentrationsprozess erfasst. Für die Papier und Pappe verarbeitende Industrie galt dies jedoch nur in einem sehr begrenzten Maße. Zwischen 1960 und 1968 stieg die Anzahl der Betriebe in diesem Wirtschaftsbereich von 1800 (1960) auf über 2000 (1968). Dabei stieg der Anteil der Kleinbetriebe (1 bis 99 Beschäftigte) von 1018 Vgl. ebd., S. 44/45. 1019 Zu „Siegelmarken“ s. Abschn. „Graphische Industrie“ unter „Reklamemarken“ der v. A. 1020 Vgl. Roland Schroeder, Papierverarbeitung und Druckerei-Industrie – Strukturelle Probleme und Wachstumschancen hrsg. v. Ifo-Institut für Wirtschaftsforschung München [= Struktur und Wachstum, Reihe Industrie, H. 12], Berlin/München 1965, S. 13. 1021 Vgl. ebd., S. 19. Die Entwicklung im Bereich Tüten und Beutel hatte sich von 17 451 Mio. (1960) über 17 425 Mio. Stück (1961) auf 18 658 Mio. Stück (1962) verändert. Die entsprechenden DM-Einheiten lagen bei 241,0, 255,2 und 272,1 Mio. (zum Vergleich: Lampenschirme – 21,1, 23,2, 29,0 Mio.); vgl. apr, Nr. 19/1963, S. 1063. 1022 Vgl. Die neue Verpackung, Nr. 8/1967, S. 1124. 1023 Vgl. Schroeder, Papierverarbeitung und Druckerei-Industrie, S. 22 f.
356 Teil I – Papierverarbeitung im 19. und 20. Jahrhundert über 1510 auf 1725; Mittelbetriebe (100 bis 499 Beschäftigte) von 262 auf 299; Großbetriebe (500 und mehr Beschäftigte) von 31 auf 36.1024 1971 erzeugten 135 000 Beschäftigte rund 3,9 Mio. t Papier- und Pappewaren. Die Branche erzielte einen Umsatz von 7,935 Mrd. DM. Am Produktionswert von 7,695 Mrd. DM waren die Packmittel mit nahezu zwei Dritteln beteiligt, davon erreichten Tüten, Beutel und Tragetaschen einen Anteil von 5,6 Prozent.1025 1974 gab es in der Papierverarbeitung 125 700 Beschäftigte und ein Investitionsvolumen von 430 Mio. DM, es wurden 4,4 Mio. t Papier- und Papierwaren im Wert von 11 Mrd. DM hergestellt und ein Umsatz von 11,1 Mrd. DM erzielt. Damit waren die Zahlen im Bereich Beschäftigung, Investitionen und Umsatz in der Papierverarbeitung höher als in der Papiererzeugung. Sie waren jedoch geringer als in der Druckindustrie.1026 Das bedeutete eine Umsatzsteigerung zwischen 1964 und 1974 von 4,14 Prozent auf 4,35 Prozent. Auch 1974 lag der Packmittel-Anteil an der Gesamtproduktion der Papier und Pappe verarbeitenden Industrie eindeutig an erster Stelle. Nahezu jedes zweite Packmittel wurde Mitte der 70er Jahre aus Papier oder Pappe hergestellt.1027 Die zunehmende Ausweitung der Kunststoff-Verarbeitung im Bereich der Packmittel machte sich jedoch bereits bemerkbar. So ergab sich im Bereich der Tüten, Beutel und Tragetaschen aus Papier ein Rückgang der Produktionszahlen.1028 Den zweitgrößten Anteil an der Gesamtproduktion von Papier- und Kartonwaren hatten 1974 die Bereiche Schreibwaren und Bürobedarf, gefolgt von Hygieneerzeugnissen. Als weitere Produkte folgten Lernmittel, Tapeten und Bucheinbände. 1029 Die Rangfolge der Produktgruppen hatte sich bis 1986 verändert: Den größten Anteil machte (wertmäßig) mit 50 Prozent weiterhin der Packmittel-Bereich aus. An die zweite Stelle war mit rund 25 Prozent der Bereich Hygienepapiere gerückt. Mit zehn Prozent Anteil lagen Schreibwaren und Bürobedarf nun an dritter Stelle. Der Rest wurde von einem „Sammelsurium“ gebildet, das von Lampenschirmen und Tapeten bis Karnevalsartikeln reichte.1030 1983 gab es in der Bundesrepublik Deutschland insgesamt 880 Betriebe mit dem wirtschaftlichen Schwerpunkt Papierverarbeitung, davon beschäftigten 732 Firmen mehr als 20 Arbeiter und Angestellte. Dazu kamen nahezu 1000 Firmen, von