STIEG
LARSSON VERGEBUNG Roman Aus dem Schwedischen von WIBKE
KUHN
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Teil I
Intermezzo in einem Korridor 8...
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STIEG
LARSSON VERGEBUNG Roman Aus dem Schwedischen von WIBKE
KUHN
Weltbild
Teil I
Intermezzo in einem Korridor 8.-12. April
Im amerikanischen B ü r g e r k r i e g haben u n g e f ä h r sechshundert Frauen g e k ä m p f t . Als Männer verkleidet, ließen sie sich fürs Heer anwerben. Hier hat sich Hollywood ein s c h ö n e s S t ü c k c h e n Kulturgeschichte entgehen lassen - oder ist diese Geschichte vielleicht ideologisch ein bisschen zu heikel? Mit Frauen, die die Geschlechtergrenzen nicht respektieren, haben sich die G e s c h i c h t s b ü c h e r schon immer schwergetan, und nirgendwo werden diese Grenzen so scharf gezogen wie bei Krieg und Waffengebrauch. Jedoch legt die Geschichte, von der Antike bis zur Moderne, immer wieder Zeugnis von weiblichen Kriegern ab - den Amazonen. Die bekanntesten Beispiele haben Eingang in die Geschichtsschreibung gefunden, weil sie als » K ö n i g i n n e n « gelten, also als R e p r ä s e n t a n t e n der herrschenden Klasse. Die politische Thronfolge b e f ö r d e r t n ä m l i c h , so unangenehm es klingen mag, mit Reg e l m ä ß i g k e i t immer wieder mal eine Frau auf den Thron. Da Kriege sich vom Geschlecht wenig beeindrucken lassen, finden auch welche statt, wenn gerade eine Frau Uber das Land herrscht. Und so verzeichnen die G e s c h i c h t s b ü c h e r z w a n g s l ä u f i g eine Reihe von K r i e g e r k ö n i g i n n e n , die genauso e r w ä h n t werden m ü s s e n wie jeder Churchill, Stalin oder Roosevelt auch. Semiramis aus Ninive, die das assyrische Reich g r ü n d e t e , und Boadicea, die einen der blutigsten englischen A u f s t ä n d e gegen das R ö m i s c h e Reich a n f ü h r t e , sind nur zwei Beispiele. Letztgenannte steht ü b r i g e n s
als Statue an der T h e m s e - B r ü c k e g e g e n ü b e r von Big Ben. Falls Sie dort vorbeikommen sollten, g r ü ß e n Sie sie s c h ö n von mir. Doch im Allgemeinen schweigen sich die G e s c h i c h t s b ü c h e r ü b e r weibliche Kriegerinnen aus, die als g e w ö h n l i c h e Soldaten den Umgang mit der Waffe erlernten, in ein Regiment eintraten und unter denselben Bedingungen wie die M ä n n e r an Schlachten gegen feindliche Heere teilnahmen. Dennoch hat es sie immer gegeben. Kaum ein Krieg hat sich ohne weibliche Beteiligung abgespielt.
l . Kapitel Freitag, 8. April
Dr. Anders Jonasson w u r d e v o n Schwester H a n n a Nicander geweckt. Es war kurz vor halb zwei U h r morgens. »Was ist los?«, fragte er benommen. »Draußen landet gerade ein Rettungshubschrauber. Z w e i Patienten. Ein älterer M a n n u n d eine junge Frau. Sie hat eine Schussverletzung.« » A h a « , sagte Anders Jonasson müde. Er hatte nur ungefähr eine halbe Stunde geschlafen. Heute hatte er Nachtdienst in der Notaufnahme im SahlgrenskaKrankenhaus v o n Göteborg. Es w a r ein furchtbar anstrengender Abend gewesen. Seit er um 18 U h r seinen Dienst angetreten hatte, waren vier Patienten hinzugekommen, die bei einem Frontalzusammenstoß bei Lindome verletzt w o r d e n waren. Eine Frau w a r schwer verletzt, eine andere w a r kurz nach der Einlieferung für t o t erklärt w o r d e n . Außerdem hatte er eine Kellnerin behandelt, die sich bei einem U n f a l l in einer Restaurantküche auf der Avenyn die Beine verbrüht hatte, u n d danach einem Vierjährigen das Leben gerettet, der m i t A t e m s t i l l stand ins Krankenhaus eingeliefert w o r d e n war, nachdem er das Rad eines Spielzeugautos verschluckt hatte. D a n n hatte er ein M ä d c h e n im Teenageralter verbunden, das m i t dem Fahrrad in eine Grube gefahren war. Passenderweise hatte das Bau-
amt die Grube d i r e k t an der A b f a h r t v o n einem Fahrradweg aufgerissen, u n d irgendjemand hatte auch noch p r o m p t die Absperrgitter umgeworfen. Sie w a r m i t vierzehn Stichen im Gesicht genäht w o r d e n u n d würde Ersatz für zwei Schneidezähne brauchen. Außerdem hatte Jonasson noch ein Stück Daumen wieder angenäht, das sich ein enthusiastischer H o b byschreiner abgehobelt hatte. Gegen elf w a r die Z a h l der Patienten in der Notaufnahme deutlich gesunken. Er drehte eine Runde u n d überprüfte den Zustand der Neuzugänge. Danach zog er sich in den Ruher a u m zurück u n d versuchte ein Weilchen zu entspannen. Seine Schicht ging bis sechs Uhr, u n d normalerweise schlief er nicht, wenn er Dienst hatte, auch w e n n keine Notfälle eingeliefert w u r d e n . D o c h ausgerechnet heute N a c h t w a r er sofort eingenickt. Schwester H a n n a Nicander reichte i h m eine Teetasse. Details zu den neuen Patienten hatte sie noch nicht. Anders Jonasson spähte aus dem Fenster u n d sah, dass es über dem Meer heftig blitzte. Der Hubschrauber k a m gerade noch rechtzeitig zurück. V o n einer Sekunde auf die andere fing der Regen an zu prasseln. Das Gewitter hatte Göteborg erreicht. Während er am Fenster stand, hörte er das Motorengeräusch und sah, wie der Helikopter in den Sturmböen über dem Landeplatz schwankte. Atemlos verfolgte er, wie der Hubschrauberpilot versuchte, das heikle Landemanöver unter Kontrolle zu behalten. Dann verschwand der Helikopter aus seinem Blickfeld, und man hörte, wie der M o t o r langsamer wurde. Er nahm einen Schluck, bevor er seine Teetasse abstellte. Anders Jonasson ging den Bahren in der Notaufnahme entgegen. Seine K o l l e g i n Katarina H o l m kümmerte sich um den ersten Patienten, der hereingefahren w u r d e - ein älterer M a n n m i t schweren Gesichtsverletzungen. Dr. Jonasson fiel es zu,
sich um die andere Patientin zu k ü m m e r n , die Frau m i t der Schussverletzung. Er untersuchte sie k u r z u n d stellte fest, dass es sich anscheinend um einen Teenager handelte, lehmverkrustet, blutverschmiert u n d schwer verletzt. Als er die Decke anhob, die die Sanitäter über sie gebreitet hatten, merkte er, dass jemand die Schusswunden an der Hüfte u n d der Schulter m i t breitem silbernem Tape zugeklebt hatte, eine M a ß n a h m e , die er ungewöhnlich k l u g fand. Das Klebeband hielt die Bakterien draußen u n d das Blut drinnen. Eine Kugel w a r außen an der Hüfte eingeschlagen u n d d i r e k t durchs Muskelgewebe gedrungen. D a n n hob er ihre Schulter an u n d sah das Einschussloch im R ü c k e n . Es gab keine A u st r i t t sw unde , was bedeutete, dass die Kugel i m m e r noch irgendwo in der Schulter stecken musste. Er hoffte, dass sie nicht die Lunge penetriert hatte, aber dass er in der M u n d h ö h l e des M ä d c h e n s kein Blut entdecken k o n n t e , w a r schon einmal ein gutes Zeichen. » R ö n t g e n « , sagte er zur Krankenschwester. M e h r musste er nicht erklären. Schließlich schnitt er den Verband auf, den die Sanitäter i h r um den K o p f gewickelt hatten. I h m w u r d e eiskalt, als er m i t den Fingern das Einschussloch ertastete u n d begriff, dass das Mädchen in den K o p f geschossen w o r d e n war. U n d hier fehlte die Austrittswunde ebenfalls. Anders Jonasson richtete sich kurz auf u n d betrachtete seine Patientin. Plötzlich überkam i h n eine gewisse Abscheu. Er hatte seine A r b e i t oft m i t der eines Torwarts verglichen. Jeden Tag w u r d e n Menschen in verschiedenstem Zustand bei i h m eingeliefert. 74-jährige D a m e n , die m i t Herzstillstand in Nordstans Galleria zusammengebrochen waren, 14-jährige Jungen, deren Lungenflügel v o n einem Schraubenzieher durchbohrt w o r d e n w a r e n , u n d 16-jährige M ä d c h e n , die ein paar Ecstasy-Tabletten geknabbert u n d achtzehn Stunden d u r c h getanzt hatten, um dann blau anzulaufen u n d zusammenzubrechen. Einige waren Opfer v o n Arbeitsunfällen oder Miss-
handlungen. Manche waren Kleinkinder, die auf dem Vasaplatsen v o n Kampfhunden angefallen w o r d e n waren. Bei anderen handelte es sich um praktisch veranlagte Männer, die m i t ihrer B l a c k & D e c k e r ein paar Bretter zurechtsägen w o l l t e n und sich dann bis aufs M a r k in die Handgelenke schnitten. Anders Jonasson war der T o r w a r t , der zwischen den Patienten u n d dem Bestattungsunternehmen stand. Seine A r b e i t bestand d a r i n , über die erforderlichen M a ß n a h m e n zu entscheiden. Wenn er die falsche Entscheidung traf, würde der Patient sterben oder vielleicht wieder aufwachen, aber lebenslang Invalide bleiben. Meistens t r a f er die richtige Entscheid u n g , was darauf zurückzuführen war, dass die M e h r z a h l der Verletzten ein ganz offensichtliches u n d spezifisches Problem hatte. Ein Messerstich in der Lunge oder eine Quetschung nach einem A u t o u n f a l l war begreiflich u n d übersichtlich. Ob der Patient überlebte, h i n g v o n der Schwere der Verletzung u n d Jonassons Kompetenz ab. Es gab zwei A r t e n v o n Verletzungen, die Anders Jonasson verabscheute. Das eine waren schwere Brandverletzungen, die ungeachtet seiner Behandlung fast immer lebenslange Leiden nach sich zogen. Das andere waren Kopfverletzungen. Das M ä d c h e n vor i h m konnte m i t einer Kugel in der Hüfte leben u n d auch m i t einer Kugel in der Schulter. Aber eine K u gel irgendwo in ihrem Gehirn w a r ein Problem ganz anderer Größenordnung. Plötzlich hörte er Schwester H a n n a etwas sagen. »Entschuldigung?« »Das ist sie.« »Was meinen Sie?« »Lisbeth Salander. Das M ä d c h e n , hinter dem sie in Stockh o l m seit Wochen wegen dreifachen M o r d e s her sind.« Anders Jonasson w a r f einen Blick auf das Gesicht der Patientin. Schwester H a n n a hatte völlig recht. Das Passfoto dieses Mädchens hatten er u n d alle anderen Schweden seit den
Osterfeiertagen auf den Schlagzeilenplakaten vor jedem Zeitschriftenladen gesehen. U n d jetzt w a r die Mörderin selbst angeschossen w o r d e n , was w o h l eine A r t poetische Gerechtigkeit darstellte. Aber das ging i h n nichts an. Seine A r b e i t bestand d a r i n , das Leben seiner Patientin zu retten, ganz gleich ob sie eine dreifache Mörderin oder eine Nobelpreisträgerin war. Oder sogar beides. Danach brach das effektive Chaos aus, das eine Notaufnahme prägt. Das Personal von Jonassons Schicht machte sich r o u t i niert ans Werk. Die Reste von Lisbeth Salanders Kleidung w u r den aufgeschnitten. Eine Schwester verkündete den Blutdruck i o o zu 70 -, während er selbst der Patientin das Stethoskop an die Brust legte und einen verhältnismäßig regelmäßigen Herzschlag und eine nicht ganz so regelmäßige A t m u n g feststellte. Dr. Jonasson zögerte nicht, Lisbeth Salanders Zustand als kritisch einzustufen. Die Verletzungen an Schulter u n d Hüfte mussten w a r t e n . Fürs Erste konnte er einfach das Klebeband drauflassen, das jemand geistesgegenwärtig angebracht hatte. Das Wichtigste w a r der K o p f . Dr. Jonasson ordnete sogleich eine Computertomografie an. Anders Jonasson w a r b l o n d u n d blauäugig u n d k a m ursprünglich aus Umeä. Seit zwanzig Jahren arbeitete er abwechselnd als Forscher, Pathologe u n d N o t a r z t im Sahlgrenskaund im Östra-Krankenhaus. Er hatte eine Eigenheit, die seine Kollegen verblüffte u n d das Personal stolz machte, m i t i h m zusammenzuarbeiten: Er hatte die Einstellung, dass während seiner Schicht kein Patient sterben durfte, u n d wundersamerweise war es i h m bis jetzt gelungen, den Z ä h l e r tatsächlich auf n u l l zu halten. Ein paar v o n seinen Patienten waren freilich gestorben, aber erst während der Folgebehandlung oder aus ganz anderen Ursachen. Außerdem vertrat Jonasson eine etwas unorthodoxe Berufs-
auffassung. Er fand, dass Ärzte manchmal dazu neigten, u n begründete Schlüsse zu ziehen, u n d daher viel zu schnell aufgaben - sie verbrachten einfach zu viel Z e i t d a m i t , ganz exakt herauszufinden, was dem Patienten fehlte, um i h n k o r r e k t behandeln zu können. Sicherlich stand es so im Lehrbuch; das Problem war nur, dass der Patient Gefahr lief zu sterben, während der A r z t noch überlegte. Schlimmstenfalls würde der A r z t zu dem Schluss k o m m e n , dass der Fall hoffnungslos war, u n d die Behandlung abbrechen. Anders Jonasson hatte jedoch noch nie einen Patienten m i t einer Kugel im Schädel vor sich gehabt. H i e r brauchte man wahrscheinlich einen Neurochirurgen. Er fühlte sich unzulänglich, aber dann ging i h m auf, dass er vielleicht mehr Glück hatte, als er verdiente. Bevor er sich wusch u n d die OP-Kleidung anzog, rief er H a n n a Nicander. »Es gibt da einen amerikanischen Professor namens Frank Ellis, der im Karolinska-Krankenhaus in Stockholm arbeitet, im M o m e n t aber in Göteborg ist. Er ist ein bekannter H i r n forscher u n d außerdem ein guter Freund von mir. Er w o h n t im H o t e l Radisson auf der Avenyn. Können Sie m i r bitte die Telefonnummer raussuchen?« Während Anders Jonasson immer noch auf die Röntgenbilder wartete, k a m H a n n a Nicander m i t der Telefonnummer des Hotels zurück. Jonasson w a r f einen Blick auf die U h r i U h r 42 - u n d griff zum Hörer. Der N a c h t p o r t i e r zeigte sich äußerst u n w i l l i g , um diese Z e i t überhaupt einen A n r u f durchzustellen,
und
Doktor Jonasson
musste
ein
paar
äußerst
scharfe Worte über die Patientin in Lebensgefahr fallen lassen, bevor er verbunden wurde. »Guten M o r g e n , F r a n k « , sagte Anders Jonasson, als der Hörer schließlich abgenommen w u r d e . »Hier ist Anders. Ich habe gehört, dass du grade in Göteborg bist. Hast du Lust, ins Sahlgrenska rüberzukommen u n d m i r bei einer Gehirnoperat i o n zu assistieren?«
»Are you
bullshitting me?«,
hörte
man
eine
zweifelnde
Stimme am anderen Ende der Leitung. O b w o h l Frank Ellis seit vielen Jahren in Schweden w o h n t e u n d fließend Schwedisch sprach - w e n n auch m i t amerikanischem Akzent -, blieb Englisch seine Leib- u n d Magensprache. Anders Jonasson sprach Schwedisch, u n d Ellis antwortete i h m auf Englisch. »Frank, t u t m i r leid, dass ich deinen V o r t r a g verpasst habe, aber ich dachte, du könntest m i r Privatstunden geben. Ich habe hier eine junge Frau, die in den K o p f geschossen w u r d e . Einschussloch direkt über dem l i n k e n Ohr. Ich w ü r d e dich nicht anrufen, w e n n ich nicht eine zweite M e i n u n g brauchte. U n d ich k a n n m i r k a u m eine geeignetere Person dafür vorstellen als dich.« »Meinst du das im Ernst?«, erkundigte sich Frank Ellis. »Es handelt sich um ein 25-jähriges M ä d c h e n . « »Und sie ist in den K o p f geschossen worden?« »Einschussloch, keine Austrittswunde.« »Aber sie lebt noch?« »Puls schwach, aber regelmäßig, A t m u n g weniger regelmäßig, Blutdruck 100 zu 70. Außerdem hat sie eine Kugel in der Schulter u n d eine Schusswunde in der Hüfte. Das sind also zwei Probleme, m i t denen ich selbst klarkomme.« »Das k l i n g t ja schon m a l vielversprechend«, meinte Ellis. » Vielversprechend ?« »Wenn einem Menschen ein L o c h in den K o p f geschossen w i r d u n d er immer noch lebt, dann muss die Situation als hoffnungsvoll angesehen werden.« »Kannst du m i r helfen?« »Ich muss zugeben, dass ich den A b e n d m i t ein paar guten Freunden verbracht habe. Ich b i n erst um eins ins Bett gekommen u n d dürfte einen ziemlich beeindruckenden Promillewert haben . . . « »Ich werde die Entscheidungen treffen u n d den Eingriff durchführen. Aber ich brauche jemand, der m i r assistiert u n d
m i r sagt, ob ich irgendeinen Blödsinn mache. U n d ehrlich gesagt ist ein stockbesoffener Professor Ellis v e r m u t l i c h noch um einige Klassen besser als i c h , wenn es d a r u m geht, Gehirnverletzungen einzuschätzen.« »Okay. Ich k o m m e . Aber du schuldest m i r einen Gefallen.« »Vor dem H o t e l wartet ein T a x i auf dich.« Professor Frank Ellis schob sich die Brille auf die Stirn u n d kratzte sich im Genick. Er blickte konzentriert auf den Comp u t e r b i l d s c h i r m , der jeden W i n k e l v o n Lisbeth Salanders Geh i r n zeigte. Ellis w a r 53 Jahre alt, hatte pechschwarzes Haar m i t grauen Strähnen, dunkle Bartstoppeln u n d sah aus wie jem a n d , der eine Nebenrolle in Emergency Room spielt. Sein Körper verriet, dass er jede Woche ein paar Stunden im Fitnessstudio verbrachte. Frank Ellis fühlte sich in Schweden sehr w o h l . Als junger Forscher w a r er im Rahmen eines Austauschprogramms Ende der 7oer-Jahre gekommen u n d zwei Jahre geblieben. Danach war er noch ein paarmal zurückgekehrt, bis m a n i h m eine Professur am K a r o l i n s k a anbot. M i t t l e r w e i l e genoss er auf seinem Fachgebiet internationales Ansehen. Anders Jonasson kannte Frank Ellis schon seit vierzehn Jahren. In einem Seminar in Stockholm waren sie sich z u m ersten M a l begegnet u n d hatten entdeckt, dass sie beide begeisterte Fliegenfischer w a r e n , w o r a u f h i n Anders i h n zu einem Angelausflug nach N o r w e g e n eingeladen hatte. Über all die Jahre waren sie i m m e r in K o n t a k t geblieben u n d hatten noch mehr Angeltouren zusammen u n t e r n o m m e n . Zusammen gearbeitet hatten sie j e d o c h noch nie. »Gehirne s i n d ein M y s t e r i u m « , sagte Professor Ellis. »Ich widme m i c h der H i r n f o r s c h u n g n u n schon seit zwanzig Jahren. Sogar schon länger.« »Ich weiß. T u t m i r leid, dass ich dich so hochgescheucht habe, aber . . . «
»Ach w a s . « Ellis w i n k t e ab. » D a s kostet d i c h eine Flasche Cragganmore, w e n n w i r das nächste M a l z u m A n g e l n fahren.« »Okay. Da k o m m ich ja günstig weg.« »Vor vielen Jahren, als ich in Boston arbeitete, hatte ich eine Patientin - über den Fall habe ich dann im New England Journal of Mediane berichtet. Es w a r ein M ä d c h e n im A l t e r deiner Patientin. Sie w a r gerade auf dem Weg in die U n i , da schoss jemand m i t einer A r m b r u s t auf sie. Der Pfeil trat links unterhalb der Augenbraue ein, ging d i r e k t durch den K o p f u n d k a m m i t ten im Nacken wieder heraus.« »Und das hat sie überlebt?«, fragte Jonasson verblüfft. »Als sie in die Notaufnahme k a m , sah es r i c h t i g übel aus. W i r haben den Pfeil abgeschnitten u n d ihren K o p f in den Computertomografen geschoben. Der Pfeil ging mitten durchs Gehirn. Jeder realistischen Einschätzung nach hätte sie t o t sein oder zumindest ein so massives Trauma haben müssen, dass sie ins K o m a gefallen wäre.« »Wie w a r ihr Z u s t a n d ? « »Sie war die ganze Zeit bei Bewusstsein. U n d nicht nur das. Natürlich hatte sie schreckliche Angst, aber sie w a r bei ganz klarem Verstand. I h r einziges Problem war, dass in i h r e m Schädel ein Pfeilschaft steckte.« »Was hast du gemacht?« »Tja, ich hab m i r eine Zange besorgt, den Pfeil rausgezogen und die Wunde versorgt. So ungefähr.« »Kam sie durch?« »Selbstverständlich war ihr Zustand kritisch, w i r haben eine ganze Weile gewartet, bis w i r sie wieder aus dem Krankenhaus entlassen haben. Aber ehrlich gesagt - sie hätte genauso gut schon am selben Tag wieder nach Hause gehen können. Ich habe nie eine gesündere Patientin gehabt.« Anders Jonasson überlegte, ob Professor Ellis i h n gerade auf den A r m nehmen w o l l t e .
»Andererseits«, fuhr Ellis f o r t , »hatte ich vor ein paar Jahren m a l einen 42-jährigen männlichen Patienten in Stockh o l m , der sich den K o p f am Fensterrahmen gestoßen hatte. I h m wurde übel, u n d dann verschlechterte sich sein Zustand so schnell, dass man i h n m i t dem Krankenwagen in die N o t aufnahme fuhr. Als er zu m i r gebracht w u r d e , w a r er schon bewusstlos. Er hatte eine kleine Beule u n d eine minimale Blutung. Aber er wachte nicht wieder auf, u n d nach neun Tagen auf der Intensivstation starb er. Bis heute weiß ich nicht, warum er gestorben ist. Im O b d u k t i o n s p r o t o k o l l haben w i r geschrieben: >Gehirnblutung infolge eines Unfalls<, aber m i t dieser Diagnose w a r keiner von uns r i c h t i g zufrieden. Die Blut u n g an sich w a r so unbedeutend, dass sie überhaupt keine A u s w i r k u n g hätte haben dürfen. Trotzdem stellten Leber, Nieren, Herz u n d Lungen nach u n d nach ihre Tätigkeit ein. Je älter ich werde, desto mehr k o m m t m i r das Ganze wie eine A r t Roulette vor. Persönlich glaube ich ja, dass w i r niemals so richtig ergründen werden, wie das Gehirn genau funktioniert. W i e w i l l s t du vorgehen?« Er klopfte m i t einem Stift auf das Röntgenbild. »Ich hatte gehofft, dass du m i r das sagen würdest.« »Erzähl erst m a l , wie du die Sache einschätzt.« » T j a , erst m a l scheint das ja eine Kugel kleineren Kalibers zu sein. Sie ist in der Schläfe eingetreten u n d ungefähr vier Zentimeter tief ins Gehirn eingedrungen. Sie liegt am lateralen Ventrikel, u n d d o r t haben w i r auch die Blutung.« »Maßnahmen?« »Um deine Terminologie zu verwenden - eine Zange besorgen u n d die Kugel auf demselben Weg rausholen, wie sie reingekommen ist.« »Großartiger Vorschlag. Aber ich würde lieber die dünnste Pinzette benutzen, die du hast.« »So einfach ist das?« »Was können w i r in diesem Fall sonst schon tun? W i r kön-
nen die Kugel da lassen, wo sie ist, u n d vielleicht w i r d sie dam i t hundert Jahre alt, aber das bedeutet auch ein gewisses R i siko. Sie könnte Epilepsie, M i g r ä n e , allen möglichen Unfug bekommen. U n d m a n w i l l ihr ja auch nicht gerne den Schädel aufbohren u n d sie operieren, ein Jahr nachdem die W u n d e verheilt ist. Die Kugel liegt ein Stück von den großen Blutgefäßen entfernt. In diesem Fall würde ich einfach empfehlen, dass du sie entfernst, aber . . . « »Aber w a s ? « »Die Kugel macht m i r nicht so viel Kummer. Das ist das Faszinierende an Hirnverletzungen - wenn sie es überlebt hat, dass sie eine Kugel ins H i r n b e k o m m t , ist das ein Zeichen dafür, dass sie es auch überlebt, wenn m a n diese Kugel wieder herausholt. Das Problem ist eher das hier.« Er zeigte auf den Schirm. » R u n d um die Einschusswunde hast du jede Menge Knochensplitter. Ich k a n n mindestens ein Dutzend Fragmente sehen, die mehrere M i l l i m e t e r lang sind. Ein paar davon haben sich in die Hirnmasse gebohrt. U n d daran w i r d sie sterben, wenn du nicht vorsichtig bist.« »Dieser Bereich des Gehirns w i r d m i t Zahlen u n d n u m e r i schen Fähigkeiten in Verbindung gebracht.« Ellis zuckte die Achseln. »Ich habe keine A h n u n g , w o z u genau die grauen Zellen an dieser Stelle gut sind. Du kannst n u r dein Bestes t u n . Du operierst sie. I c h schau d i r dabei über die Schulter. K a n n ich m i r i r g e n d w o OP-Kleidung leihen u n d m i r die H ä n d e waschen?« M i k a e l Blomkvist w a r f einen Blick auf die U h r u n d stellte fest, dass es kurz nach drei U h r morgens war. Er t r u g Handschellen. Für eine Sekunde schloss er die Augen. Er war todmüde, aber das A d r e n a l i n hielt i h n wach. Als er die Augen wieder aufschlug, musterte er wütend den sichtlich schockierten Kommissar Thomas Paulsson, der seinen Blick erwiderte. Sie
saßen am Küchentisch eines weißen Bauernhofs, an einem O r t namens Gosseberga in der N ä h e v o n Nossebro, v o n dem M i kael vor zwölf Stunden z u m ersten M a l in seinem Leben gehört hatte. Die Katastrophe w a r bereits eingetreten. »Idiot«, sagte M i k a e l . »Hören Sie mal zu ...« »Idiot«, wiederholte M i k a e l . »Verdammt noch m a l , ich hab Ihnen gesagt, dass er höchst gefährlich ist. Ich hab Ihnen gesagt, dass Sie m i t i h m umgehen müssen wie m i t einer entsicherten Handgranate. Er hat mindestens drei Menschen umgebracht, ist gebaut wie ein Panzer u n d k a n n m i t bloßen Händen töten. U n d Sie schicken zwei Bürohengste, die i h n in Gewahrsam nehmen sollen, als hätte er am Wochenende einen über den Durst getrunken.« M i k a e l schloss wieder die Augen. Er fragte sich, was in dieser N a c h t noch so alles schiefgehen w ü r d e . Er hatte Lisbeth Salander kurz nach M i t t e r n a c h t schwer verletzt aufgefunden. Er hatte die Polizei alarmiert u n d den Rettungsdienst überredet, sofort einen Hubschrauber zu schicken, um Lisbeth ins Sahlgrenska-Krankenhaus zu bringen. Dennoch hatte es über eine Stunde gedauert, bis der Rettungshubschrauber gekommen war. M i k a e l war hinausgegangen u n d hatte zwei Autos aus dem Kuhstall geholt, der auch als Garage genutzt w u r d e . D a n n hatte er die Scheinwerfer angemacht, um dem Hubschrauber die Landung auf dem Acker v o r m Haus zu erleichtern. Die Besatzung des Helikopters u n d die zwei Sanitäter hatten r o u t i n i e r t u n d professionell gehandelt. Einer v o n ihnen leistete Lisbeth Salander Erste H i l f e , während der andere sich um Alexander Zalatschenko kümmerte, auch bekannt unter dem N a m e n K a r l A x e l Bodin. Zalatschenko w a r Lisbeths Vater u n d ihr schlimmster Feind. Sein Versuch, sie umzubringen, w a r jedoch misslungen. M i k a e l hatte i h n schwer verletzt im
Holzschuppen des abgelegenen Bauernhofs gefunden, m i t einer üblen Verletzung im Gesicht, die v o n einem A x t h i e b herrührte, sowie einer schweren Verletzung am Bein. Während M i k a e l auf den Hubschrauber wartete, tat er für Lisbeth alles, was in seiner M a c h t stand. Er holte ein sauberes Laken aus einem Wäscheschrank, schnitt es in Streifen u n d legte provisorische Verbände an. Er hatte festgestellt, dass das Blut in dem Einschussloch am K o p f bereits zu einem Pfropf geronnen war, u n d wusste nicht recht, ob er es wagen sollte, die Wunde zu verbinden oder nicht. Schließlich knotete er das Laken locker um ihren Kopf, um Bakterien u n d Schmutz v o n der Wunde fernzuhalten. Hingegen brachte er die Blutung aus den Einschusswunden in Hüfte u n d Schulter auf die denkbar einfachste A r t z u m Stillstand. In einem Schrank hatte er eine Rolle m i t breitem silbernem Klebeband gefunden, m i t dem er die Wunden einfach zuklebte. D a n n tupfte er ihr Gesicht m i t einem feuchten H a n d t u c h ab, um den schlimmsten Schmutz zu entfernen. Doch er ging nicht in den Holzschuppen, um Zalatschenko zu helfen. Insgeheim stellte er fest, dass i h m Zalatschenkos Schicksal herzlich egal war. Während er auf den Rettungsdienst wartete, rief er Erika Berger an u n d setzte ihr die Situation auseinander. »Bist du unverletzt?«, fragte Erika. »Ich b i n o k a y « , antwortete M i k a e l . »Lisbeth ist verletzt.« »Das arme M ä d c h e n « , sagte Erika Berger. »Ich habe heute Abend Björcks Bericht v o n der Sicherheitspolizei gelesen. Was willst du in der Sache unternehmen?« »Ich mag jetzt k a u m drüber nachdenken«, erwiderte M i k a e l . Während er m i t Erika redete, saß er auf dem Boden neben dem Sofa u n d behielt Lisbeth Salander im Auge. Schuhe u n d Hose hatte er ihr ausgezogen, um ihre Hüfte leichter verbinden zu können. Plötzlich legte er die H a n d auf den Kleider-
häufen, den er auf den Boden geworfen hatte, u n d ertastete dabei einen Gegenstand: Er zog einen Palm Tungsten T3 aus Lisbeths Hosentasche. M i t gerunzelter Stirn betrachtete er den Palm nachdenklich. Als er das Geräusch der Rotorblätter hörte, steckte er den Taschencomputer schnell in die Innentasche seiner Jacke. Danach, solange er immer noch unbeobachtet war, beugte er sich vor u n d durchsuchte sämtliche Taschen. Er fand noch einen Satz Schlüssel zu ihrer W o h n u n g bei Mosebacke u n d einen Pass, der auf den N a m e n Irene Nesser ausgestellt war. Rasch stopfte er alles in ein Fach seiner Laptoptasche. Das erste Polizeiauto m i t Fredrik Torstensson u n d Gunnar Andersson v o m Revier Trollhättan w a r wenige M i n u t e n nach dem Rettungshubschrauber eingetroffen. Ihnen folgte K o m missar Thomas Paulsson, der sofort das K o m m a n d o vor O r t übernahm. M i k a e l ging zu i h m u n d begann zu erklären, was vorgefallen war. Paulsson k a m i h m vor wie ein aufgeblasener u n d vierschrötiger Hauptfeldwebel. Als er am Schauplatz erschien, begann alles schiefzulaufen. Paulsson schien nicht im Entferntesten zu begreifen, w o v o n M i k a e l eigentlich redete. Er schien ziemlich aufgeregt, u n d das Einzige, was er w i r k l i c h w a h r n a h m , w a r die Tatsache, dass das schwer verletzte M ä d c h e n auf dem Boden vor der Küchenbank die polizeilich gesuchte dreifache M ö r d e r i n Lisbeth Salander w a r - ein ganz schön dicker Fisch! Paulsson fragte den unter H o c h d r u c k arbeitenden Sanitäter dreimal, ob das M ä d chen nicht sofort festgenommen werden könne. Schließlich stand der Sanitäter auf u n d brüllte Paulsson an, er solle gefälligst eine Armlänge Abstand von i h m halten. Daraufhin konzentrierte Paulsson sich auf den ebenfalls schwer verletzten Zalatschenko im Holzschuppen, u n d M i k a el hörte m i t , wie Paulsson über Funk durchgab, dass Salander offenbar versucht hatte, eine weitere Person zu ermorden.
Zu diesem Z e i t p u n k t war M i k a e l schon so sauer auf Paulsson, der anscheinend gar nicht auf das hörte, was er i h m erzählen w o l l t e , dass er die Stimme hob u n d i h n aufforderte, sofort K r i m i n a l i n s p e k t o r Jan Bublanski in Stockholm anzurufen. Er zückte sein H a n d y u n d bot i h m an, die N u m m e r für i h n zu wählen. D o c h Paulsson hatte kein Interesse. W o r a u f h i n M i k a e l einen großen Fehler beging. Entschlossen erklärte er, dass der wahre dreifache M ö r d e r ein M a n n namens Ronald Niedermann war, der den Körperbau eines Panzers hatte, an angeborener Analgesie l i t t u n d derzeit gefesselt in einem Graben an der Straße nach Nossebro saß. M i k a e l beschrieb, wo m a n N i e d e r m a n n finden könne, u n d empfahl, ein Sondereinsatzkommando einzusetzen, um i h n v o n d o r t zu holen. Paulsson fragte nach, wie Niedermann denn in diesen Straßengraben gekommen sei, u n d M i k a e l gab offen zu, dass er diese Situation selbst m i t vorgehaltener Waffe herbeigeführt habe. » M i t vorgehaltener Waffe?«, vergewisserte sich Kommissar Paulsson. In diesem M o m e n t hätte M i k a e l endgültig begreifen müssen, dass Paulsson ein V o l l t r o t t e l war. Er hätte zum H a n d y greifen, Jan Bublanski selbst anrufen u n d diesen bitten sollen, einzugreifen, um die dichten Nebel zu lichten, in denen dieser Paulsson offensichtlich herumtappte. Stattdessen beging M i kael Fehler N u m m e r zwei, indem er versuchte, die Waffe in seiner Jackentasche zu übergeben - den C o l t 1911 Government, den er an diesem Tag in Lisbeth Salanders Stockholmer W o h n u n g gefunden hatte u n d m i t dessen H i l f e er Ronald N i e dermann überwältigt hatte. Dies veranlasste Paulsson jedoch, M i k a e l sofort wegen illegalen Waffenbesitzes festzunehmen. Anschließend beauftragte er die Polizisten Torstensson u n d Andersson, Mikaeis Angaben zu überprüfen. Sollte an der von i h m beschriebenen Stelle tatsächlich ein Mensch an ein Elchwarnschild gefesselt im
Straßengraben sitzen, sollten sie i h m Handschellen anlegen u n d i h n zum Bauernhof nach Gosseberga bringen. M i k a e l protestierte sofort u n d erklärte, dass Niedermann niemand war, den man einfach festnehmen u n d fesseln könne - er sei ein höchst gefährlicher Mörder. Als Paulsson dies ignorierte, forderte Mikaeis Müdigkeit ihren T r i b u t . M i k a e l nannte Paulsson einen inkompetenten T r o t t e l u n d brüllte, Torstensson u n d Andersson sollten Niedermann um H i m m e l s w i l l e n nicht losbinden, bevor sie nicht Verstärkung angefordert hätten. Das Resultat dieses Ausbruchs sah so aus, dass man M i k a el Handschellen anlegte und i h n auf die R ü c k b a n k von Paulssons Wagen verfrachtete, w o r a u f h i n er fluchend m i t ansehen musste, wie Torstensson u n d Andersson m i t ihrem Polizeiauto verschwanden. Der einzige L i c h t b l i c k in diesem D u n k e l war die Tatsache, dass m a n Lisbeth Salander z u m Hubschrauber gebracht hatte, der n u n über die Baumwipfel Richtung Sahlgrenska-Krankenhaus verschwand. M i k a e l fühlte sich völlig hilflos u n d v o m Informationsfluss abgeschnitten. Er konnte nur hoffen, dass Lisbeth in kompetente Hände k a m . Dr. Anders Jonasson legte zwei tiefe Schnitte bis zum Schädelknochen an u n d klappte die H a u t r u n d um die Einschusswunde zurück. Die Öffnung fixierte er m i t K l a m m e r n . Eine OP-Schwester saugte vorsichtig das Blut ab. D a n n k a m der ungemütliche Teil, bei dem Dr. Jonasson m i t einem Bohrer das L o c h im Schädelknochen erweitern musste. Die Prozedur ging nervenzermürbend langsam voran. Schließlich w a r das Loch so groß, dass er Zugang zu Lisbeth Salanders Gehirn hatte. Behutsam führte er eine Sonde ins H i r n ein u n d weitete den W u n d k a n a l um einige M i l l i m e t e r . Danach führte er eine dünnere Sonde ein u n d lokalisierte die Kugel. A u f dem Röntgenbild hatte er feststellen können, dass die Kugel eine Kurve beschrieben hatte u n d jetzt in einem
W i n k e l v o n 45 Grad zum W u n d k a n a l lag. Vorsichtig tastete er m i t der Sonde am Rand der Kugel entlang, bis er sie nach einer Reihe missglückter Versuche r i c h t i g platzieren konnte. Schließlich führte er eine dünne chirurgische Pinzette ein. D a n n schloss er die Pinzette fest um die Kugelbasis u n d zog sie gerade nach oben zurück. Die Kugel ließ sich fast ohne W i derstand herausziehen. Er hielt sie k u r z gegen das L i c h t , stellte fest, dass sie i n t a k t schien, u n d legte sie in eine Schale. »Tupfen«, sagte er, und der Befehl w u r d e sofort ausgeführt. Er w a r f einen Blick aufs EKG, dem m a n entnehmen k o n n t e , dass die Herztätigkeit seiner Patientin n o r m a l war. »Pinzette.« Er zog sich ein starkes Vergrößerungsglas v o n einem Hängestativ heran u n d konzentrierte sich auf die entblößte W u n d e . »Vorsichtig«, mahnte Professor Ellis. In den nächsten fünfundvierzig M i n u t e n entfernte Anders Jonasson nicht weniger als zweiunddreißig kleine Knochensplitter aus der Wunde r u n d um das Einschussloch. Der kleinste dieser Splitter w a r m i t bloßem Auge k a u m zu erkennen. Während M i k a e l Blomkvist frustriert versuchte, sich das H a n dy aus der Brusttasche seiner Jacke zu angeln - was sich m i t gefesselten Händen als unmöglich herausstellte -, trafen mehrere Autos m i t Polizisten u n d K r i m i n a l i s t e n in Gosseberga ein. Kommissar Paulsson schickte sie in den Holzschuppen, wo sie kriminaltechnische Beweise sichern sollten, u n d ins Haus, wo mehrere Waffen beschlagnahmt w o r d e n waren. Resigniert sah M i k a e l ihnen v o m Rücksitz des Polizeiautos aus zu. Erst nach einer knappen Stunde schien Paulsson zu bemerken, dass Torstensson u n d Andersson immer noch nicht zurückgekehrt waren. A u f einmal w i r k t e er sehr bekümmert u n d führte M i k a e l Blomkvist in die Küche, wo er um eine nochmalige Wegbeschreibung bat. M i k a e l schloss die Augen.
Er saß immer noch m i t Paulsson in der Küche, als der Einsatzwagen zurückkam, der Torstensson u n d Andersson hatte finden sollen. Gunnar Andersson hatte man m i t gebrochenem Genick gefunden, er w a r t o t . Sein Kollege Fredrik Torstensson lebte zwar noch, w a r aber schwer misshandelt w o r d e n . Beide lagen im Straßengraben neben dem Elchwarnschild. Ihre Dienstwaffen u n d das Polizeiauto fehlten. Nachdem er es zunächst m i t einer einigermaßen übersichtlichen Situation zu t u n gehabt hatte, sah sich Kommissar Paulsson n u n plötzlich m i t einem Polizistenmord u n d einem bewaffneten Schwerverbrecher auf der Flucht k o n f r o n t i e r t . »Idiot«, wiederholte M i k a e l Blomkvist. »Es hilft Ihnen auch nicht weiter, wenn Sie mich beleidigen.« »In dem Punkt sind w i r uns einig. Aber ich werde Sie wegen Ihrer Dienstvergehen drankriegen, dass es nur so b r u m m t . N o c h bevor ich m i t Ihnen fertig b i n , werden Sie auf jedem Zeitungsplakat des Landes als der blödeste Polizist Schwedens dastehen.« Die D r o h u n g , öffentlich der Lächerlichkeit preisgegeben zu werden, w a r offensichtlich das Einzige, was bei Paulsson zog. Er w i r k t e beunruhigt. »Was schlagen Sie vor?« »Ich verlange, dass Sie K r i m i n a l i n s p e k t o r Jan Bublanski in Stockholm anrufen. Jetzt gleich.« K r i m i n a l i n s p e k t o r i n Sonja M o d i g schreckte aus dem Schlaf hoch, als i h r H a n d y klingelte, das am anderen Ende des Schlafzimmers gerade den A k k u auflud. Sie sah auf die Uhr auf ihrem Nachttisch u n d stellte zu ihrer Verzweiflung fest, dass es kurz nach vier U h r morgens war. Danach blickte sie zu ihrem M a n n hinüber, der friedlich weiterschnarchte. N i c h t mal ein plötzlicher Artillerieangriff hätte i h n aus dem Schlaf reißen können. Sie torkelte aus dem Bett u n d drückte auf die Gesprächstaste.
Jan Bublanski, dachte sie, wer sonst. »Im Bezirk Trollhättan ist die Hölle l o s « , sagte ihr Chef, ohne sich m i t Begrüßungsformeln aufzuhalten. »Der X 2 0 0 0 nach Göteborg geht um zehn nach fünf.« »Was ist passiert?« »Blomkvist hat Salander, Niedermann u n d Zalatschenko gefunden. Er wurde wegen Beleidigung u n d Widerstand gegen einen Vollstreckungsbeamten
sowie illegalem Waffenbesitz
verhaftet. Salander w i r d gerade m i t einer Kugel im K o p f ins Sahlgrenska-Krankenhaus
transportiert.
Zalatschenko
liegt
schon d o r t m i t einer A x t im Schädel. Niedermann ist auf freiem Fuß. Er hat in der N a c h t einen Polizisten ermordet.« Sonja M o d i g blinzelte zweimal u n d spürte, wie müde sie war. M e h r als alles andere wünschte sie sich, ins Bett zurückkriechen u n d sich einen M o n a t U r l a u b nehmen zu können. »Der X 2 0 0 0 um zehn nach fünf. Okay. Was soll ich tun?« » N i m m dir ein Taxi zum Hauptbahnhof. D o r t triffst du Jerker H o l m b e r g . Du musst dich m i t einem Kommissar T h o mas Paulsson von der Polizei in Trollhättan in Verbindung setzen, der gestern N a c h t offenbar einige V e r w i r r u n g gestiftet hat u n d laut Blomkvist ein, Z i t a t , V o l l i d i o t erster Güte ist, Z i tat Ende.« »Sie haben m i t Blomkvist gesprochen?« »Ich konnte Paulsson überreden, i h n m i r kurz ans Telefon zu holen. Ich b i n gerade auf dem Weg nach Kungsholmen u n d versuche rauszukriegen, was da überhaupt los ist. W i r halten per H a n d y Kontakt.« Sonja M o d i g blickte noch einmal auf die Uhr. D a n n rief sie sich ein Taxi u n d stellte sich für eine M i n u t e unter die Dusche. Sie putzte sich die Z ä h n e , kämmte sich flüchtig die Haare u n d zog sich eine schwarze Hose, ein schwarzes T-Shirt u n d eine graue Jacke an. Ihre Dienstwaffe steckte sie in ihre Umhängetasche u n d n a h m sich noch eine dunkelrote Lederjacke zum Überziehen m i t . Anschließend rüttelte sie ihren M a n n wach
u n d erklärte i h m , dass er sich an diesem M o r g e n um die K i n der kümmern musste. Als sie aus der T ü r t r a t , hielt auch schon das Taxi vor dem Haus. Ihren Kollegen, K r i m i n a l i n s p e k t o r Jerker H o l m b e r g , musste sie im Z u g nicht lange suchen. Sie n a h m an, dass sie i h n im Speisewagen finden w ü r d e , u n d so w a r es auch. Schweigend saßen sie fünf M i n u t e n beisammen u n d frühstückten. Schließlich schob H o l m b e r g die Kaffeetasse beiseite. »Vielleicht sollte man einfach umschulen«, sagte er. Um vier U h r morgens war auch K r i m i n a l i n s p e k t o r Marcus Erlander v o m Dezernat für Gewaltverbrechen endlich in Gosseberga eingetroffen u n d hatte dem überforderten Paulsson die Leitung der E r m i t t l u n g abgenommen. Erlander war ein vollschlanker, grauhaariger M a n n um die 50. Eine seiner ersten M a ß n a h m e n hatte d a r i n bestanden, M i k a e l Blomkvist die Handschellen abzunehmen u n d i h m Kaffee aus der Thermoskanne u n d Gebäck anzubieten. Sie setzten sich für ein Gespräch unter vier Augen ins Wohnzimmer. »Ich habe m i t Bublanski in Stockholm gesprochen«, sagte Erlander. »Wir kennen uns schon seit Jahren. W i r bedauern beide sehr, wie Paulsson Sie behandelt hat.« »Ihm ist es zu verdanken, dass heute N a c h t ein Polizist sterben musste«, sagte M i k a e l . Erlander nickte. »Ich kannte Gunnar Andersson persönl i c h . Er hat in Göteborg gearbeitet, bevor er nach Trollhättan zog. Er hat eine dreijährige Tochter.« »Das t u t m i r leid. Ich habe versucht, Paulsson zu warnen ...« Erlander nickte. »Ich hab schon davon gehört. Sie sind laut geworden, u n d deswegen hat man Ihnen Handschellen angelegt. Sie haben Wennerström zur Strecke gebracht. Bublanski sagt, dass Sie ein aufdringlicher Journalist u n d ein verrückter Privatdetektiv sind, aber dass Sie höchstwahrscheinlich wissen, w o v o n Sie
hier reden. Können Sie m i r in ein paar verständlichen Sätzen erklären, was passiert ist?« »Jetzt steht fest, wer meine Freunde Dag Svensson u n d M i a Bergman in Enskede ermordet hat u n d außerdem noch eine Person, m i t der ich nicht befreundet w a r ... Rechtsanwalt N i l s B j u r m a n , der Lisbeth Salanders rechtlicher Betreuer war.« Erlander nickte. »Wie Sie wissen, ist die Polizei schon seit Ostern hinter Lisbeth Salander her, die m a n des dreifachen Mordes verdächtigt. Vor allem müssen Sie wissen, dass Lisbeth Salander an diesen M o r d e n unschuldig ist. Wenn sie überhaupt etwas m i t dieser ganzen Geschichte zu t u n hat, dann ist auch sie ein Opfer.« »Nach allem, was in den M e d i e n so geschrieben w u r d e , fällt es m i r nicht ganz leicht, zu glauben, dass sie völlig u n schuldig sein soll.« »Ist sie aber. P u n k t u m . Der w i r k l i c h e M ö r d e r ist R o n a l d Niedermann, der heute N a c h t auch Ihren Kollegen Gunnar Andersson ermordet hat. Er arbeitet für K a r l A x e l Bodin.« »Den B o d i n , der jetzt m i t einer A x t im Schädel im Sahlgrenska-Krankenhaus liegt?« »Ja. Ich gehe davon aus, dass Lisbeth i h n niedergestreckt hat. Sein echter Name ist Alexander Zalatschenko. Er ist Lisbeths Vater u n d ein ehemaliger Profikiller des russischen Nachrichtendienstes. Er ist in den yoer-Jahren ausgestiegen u n d hat danach bis zum Zusammenbruch der Sowjetunion für die SiPo gearbeitet. Danach hat er sich als freier Gangster verdingt. « Nachdenklich musterte Erlander die Person, die vor i h m auf dem Sofa saß. M i k a e l Blomkvist w a r völlig verschwitzt und sah gleichzeitig durchgefroren u n d todmüde aus. Bis jetzt hatte er seine Erklärungen rational u n d zusammenhängend vorgebracht, aber Kommissar Paulsson - auch w e n n Erlander auf dessen W o r t nicht mehr allzu viel gab - hatte i h n schon gew a r n t , dass Blomkvist irgendwas v o n russischen Agenten und
deutschen Auftragskillern faseln würde. Aber im Straßengraben auf dem Weg nach Nossebro lagen eben doch ein toter und ein schwer verletzter Polizist, und daher war Erlander bereit, i h m weiter zuzuhören. Dennoch konnte er den skeptischen U n terton in seiner Stimme nicht ganz unterdrücken. » Okay. Ein russischer Agent.« Blomkvist lächelte schwach, w e i l i h m offensichtlich klar war, wie verrückt seine Geschichte sich anhören musste. »Ein ehemaliger russischer Agent. Ich k a n n all meine Behauptungen dokumentieren.« »Erzählen Sie weiter.« »Zalatschenko gehörte in den 7oer-Jahren zu den Topspionen. Er w u r d e v o n der SiPo m i t einer neuen Identität ausgestattet. Soweit ich weiß, ist das kein Einzelfall im Kielwasser des Zusammenbruchs der Sowjetunion.« »Okay.« »Wie gesagt, ich weiß nicht, was genau hier heute N a c h t passiert ist, aber Lisbeth hatte ihren Vater aufgespürt, nachdem sie i h n fünfzehn Jahre lang nicht gesehen hatte. Er hat i h re M u t t e r damals so schwer misshandelt, dass sie an den Folgen starb. Er hat auch versucht, Lisbeth umzubringen, u n d steckt letztlich hinter Niedermanns M o r d an Dag Svensson u n d M i a Bergman. Außerdem w a r er v e r a n t w o r t l i c h für die Entführung v o n Lisbeths Freundin M i r i a m Wu.« »Wenn Lisbeth Salander i h r e m Vater eine A x t in den Schädel gerammt hat, ist sie aber nicht völlig unschuldig.« »Lisbeth Salander hat selbst drei Kugeln im Körper. Ich glaube, m a n könnte sich hier auf ein gewisses M a ß an N o t wehr berufen. Ich frage m i c h sogar . . . « »Ja?« »Lisbeth w a r so über u n d über m i t Erde bedeckt, auch ihre Haare waren nur noch eine einzige Lehmkruste. Überall in ihren Kleidern w a r Sand. Es sah aus, als w ä r e sie begraben gewesen. U n d Niedermann hat ja ganz offensichtlich die Ange-
w o h n h e i t , Leute zu vergraben. Die Polizei in Södertälje hat zwei Gräber neben diesem Lager bei N y k v a r n gefunden, das dem B i k e r k l u b Svavelsjö MC gehört.« »Es sind in der Tat schon drei. Gestern Abend ist man noch auf ein weiteres Grab gestoßen. Aber wenn Lisbeth Salander erschossen u n d vergraben w u r d e - wie k a n n sie dann plötzlich wieder m i t einer A x t in der H a n d auftauchen?« »Ich weiß n i c h t , was vorgefallen ist, aber Lisbeth ist so schnell nicht kleinzukriegen. Ich habe versucht, Paulsson zu überreden, dass er ein paar Polizeihunde holen l ä s s t . . . « »Schon auf dem Weg.« »Gut.« »Paulsson hat Sie wegen Beleidigung festgenommen.« »Ich habe i h n als inkompetenten Idioten u n d V o l l t r o t t e l bezeichnet. Keine dieser Bezeichnungen könnte in diesem Z u sammenhang als Beleidigung gewertet werden.« » H m m . Aber Sie w u r d e n auch wegen unerlaubten Waffenbesitzes festgenommen.« »Ich habe den Fehler gemacht, i h m eine Waffe übergeben zu w o l l e n . I m Übrigen w i l l ich m i c h zu dieser Sache nicht weiter äußern, bevor ich m i t meinem A n w a l t gesprochen habe.« »Okay. D a n n lassen w i r das vorerst beiseite. W i r haben ja auch ernstere Dinge zu besprechen. Was wissen Sie noch über diesen Niedermann?« »Er ist ein Mörder. Irgendwas s t i m m t nicht m i t i h m , er ist über zwei Meter groß u n d gebaut wie ein Panzer. Fragen Sie Paolo Roberto, der m i t i h m geboxt hat. Der M a n n leidet an angeborener Analgesie. Das ist eine K r a n k h e i t , bei der die Transmittersubstanzen im Nervensystem nicht mehr f u n k t i o nieren, sodass er keinen Schmerz mehr empfinden k a n n . Er ist Deutscher, geboren in H a m b u r g , u n d w a r als Jugendlicher Skinhead. Er ist äußerst gefährlich u n d auf freiem Fuß.« »Haben Sie irgendeine A h n u n g , w o h i n er geflohen sein könnte?«
»Nein. Ich weiß nur, dass ich i h n unschädlich gemacht hatte, bis dieser V o l l t r o t t e l aus Trollhättan das K o m m a n d o übernahm.« Um kurz vor fünf U h r morgens zog Dr. Anders Jonasson seine blutverschmierten Latexhandschuhe aus u n d w a r f sie in den Abfalleimer.
Eine OP-Schwester legte Kompressen auf die
Schusswunde an der Hüfte. Die O p e r a t i o n hatte drei Stunden lang gedauert. Er musterte Lisbeth Salanders übel mitgenommenen rasierten Schädel, der jetzt dick einbandagiert war. Er verspürte eine plötzliche Zärtlichkeit, wie er sie oft für Patienten empfand, die er gerade operiert hatte. Den Z e i t u n gen zufolge w a r Lisbeth Salander eine psychopathische Massenmörderin, aber in seinen Augen sah sie eher aus wie ein angeschossener Spatz. Er schüttelte den K o p f u n d sah dann zu Professor Frank Ellis hinüber, der i h n amüsiert betrachtete. »Du bist ein außergewöhnlich guter C h i r u r g « , bemerkte Ellis. »Darf ich dich zum Frühstück einladen?« »Kann m a n hier irgendwo Pfannkuchen m i t Marmelade kriegen?« »Waffeln«, bot Anders Jonasson an. »Bei mir. Lass m i c h nur k u r z zu Hause anrufen u n d meine Frau w a r n e n , dann steigen w i r ins Taxi.« Er hielt inne u n d sah auf seine Uhr. »Wenn ich genauer darüber nachdenke, dann sollten w i r das m i t dem A n r u f vielleicht doch lieber sein lassen.« Die Rechtsanwältin A n n i k a G i a n n i n i fuhr aus dem Schlaf hoch. Als sie den K o p f nach rechts wandte, stellte sie fest, dass es zwei M i n u t e n vor sechs war. Sie hatte schon um acht den ersten T e r m i n m i t einem M a n d a n t e n . Sie drehte den K o p f nach links u n d musterte ihren M a n n Enrico, der friedlich schlummerte u n d frühestens gegen acht aufwachen w ü r d e . A n n i k a blinzelte ein paarmal, bevor sie aufstand, die Kaffeemaschine
einschaltete und sich unter die Dusche stellte. Sie ließ sich Zeit im Badezimmer u n d zog dann eine schwarze Hose, einen schwarzen Rollkragenpullover und eine rote Jacke an. Anschließend toastete sie sich zwei Scheiben Brot, belegte sie m i t K ä s e , Avocadoscheiben u n d Orangenmarmelade u n d frühstückte im Wohnzimmer, während sie im Frühstücksfernsehen die Nachrichten um halb sieben verfolgte. Sie nahm einen Schluck v o n ihrem Kaffee u n d w o l l t e gerade den M u n d aufmachen, um von ihrem Brot abzubeißen, da hörte sie die M e l d u n g : Ein Polizist getötet u n d einer schwer verletzt. Dramatische Ereignisse in der N a c h t , als die dreifache Mörderin Lisbeth Salander gefasst w u r d e . Zunächst verstand sie die Z u s a m m e n h ä n g e nicht ganz, w e i l sie annahm, Lisbeth Salander habe einen Polizisten umgebracht, aber dann verstand sie so langsam, dass man wegen des Polizistenmordes einen M a n n suchte. Es w u r d e landesweit nach einem namentlich nicht genannten 37-jährigen M a n n gefahndet. Lisbeth Salander lag anscheinend schwer verletzt im Sahlgrenska-Krankenhaus in Göteborg. A n n i k a wechselte den Nachrichtensender, w u r d e dadurch aber auch nicht schlauer. Schließlich griff sie zu ihrem H a n d y u n d wählte die N u m m e r ihres Bruders M i k a e l Blomkvist. Als sie hörte, dass der Teilnehmer vorübergehend nicht erreichbar sei, spürte sie einen Stich in der Magengrube. M i k a e l hatte sie am Abend zuvor angerufen, als er gerade auf dem Weg nach Göteborg war. Er hatte sich an die Fersen von Lisbeth Salander geheftet. U n d an die eines M ö r d e r s namens Ronald N i e dermann. Als es hell w u r d e , entdeckte ein aufmerksamer Polizist Blutspuren auf dem Boden hinter dem Holzschuppen. Ein Polizeih u n d verfolgte die Spur bis zu einer Grube auf einer Waldlicht u n g , ungefähr vierhundert Meter nordöstlich des Bauernhofs in Gosseberga.
M i k a e l begleitete K r i m i n a l i n s p e k t o r Erlander. Nachdenklich betrachteten sie die Stelle. Problemlos konnte m a n eine große Menge Blut in der u n d r u n d um die Grube ausmachen. Sie fanden sogar ein abgestoßenes Zigarettenetui, das offensichtlich als Handschaufel gedient hatte. Erlander legte das Etui in eine durchsichtige Plastiktüte für Beweisstücke u n d beschriftete den Fund. Dazu n a h m er noch Proben v o n blutdurchtränkten E r d k l u m p e n . Ein Polizist in U n i f o r m machte i h n auf eine Zigarettenkippe der M a r k e Pall M a l l aufmerksam, die ein paar Meter von der Grube entfernt lag. A u c h diese wanderte in eine Plastiktüte u n d w u r d e etikettiert. M i k a e l erinnerte sich, dass er auf der Spüle in Zalatschenkos Haus eine Schachtel Pall M a l l gesehen hatte. Als Erlander in den H i m m e l blickte, sah er dicke Regenw o l k e n . Der Sturm, der in der N a c h t in Göteborg gewütet hatte, war abgezogen, doch war es nur noch eine Frage der Z e i t , bevor es anfangen würde zu regnen. Er wandte sich an einen Polizisten u n d bat i h n , eine Plane zu besorgen, m i t der man die Grube abdecken könnte. »Ich glaube, Sie haben recht«, sagte Erlander schließlich zu M i k a e l . »Eine Blutanalyse w i r d wahrscheinlich ergeben, dass Lisbeth Salander in dieser Grube gelegen hat, u n d schätzungsweise werden w i r auch ihre Fingerabdrücke auf dem Etui finden. Sie wurde angeschossen u n d begraben, muss aber irgendwie überlebt u n d es fertiggebracht haben, sich zu befreien und . . . « »... u n d dann ist sie zum H o f zurückgegangen u n d hat Zalatschenko eine A x t in den Schädel gehauen«, beendete M i k a e l den Satz. »Sie ist schon ein Teufelskerl.« »Aber wie zur H ö l l e ist sie m i t N i e d e r m a n n fertiggeworden?« M i k a e l zuckte die Schultern. In dieser H i n s i c h t staunte er genauso wie Erlander.
2. Kapitel
Freitag, 8. April
Sonja M o d i g u n d Jerker H o l m b e r g kamen kurz nach acht U h r morgens am H a u p t b a h n h o f in Göteborg an. Bublanski hatte sie angerufen u n d ihnen neue Anweisungen gegeben: Sie sollten nicht nach Gosseberga fahren, sondern stattdessen ein Taxi zur Polizeistation in der N ä h e des Sportstadions N y a Ullevi am Ernst Fontells Plats nehmen, wo die Bezirkskriminalpolizei v o n Västra Götaland ihre Zentrale hatte. D o r t warteten sie fast eine Stunde, bis K r i m i n a l i n s p e k t o r Erlander in Begleitung v o n M i k a e l Blomkvist aus Gosseberga eintraf. Dieser begrüßte Sonja M o d i g , die er schon früher kennengelernt hatte, u n d gab Jerker H o l m b e r g die H a n d . Danach teilte ihnen ein K o l lege v o n Erlander erst einmal den neuesten Stand hinsichtlich der Jagd auf Ronald N i e d e r m a n n m i t . Ein ziemlich kurzer Bericht. »Wir haben eine Fahndungsgruppe unter Leitung der Bezirkspolizei. Selbstverständlich ist landesweiter A l a r m ausgerufen w o r d e n . Das Polizeiauto wurde um sechs U h r in Alingsäs gefunden. D o r t löst sich die Spur erst m a l in L u f t auf. W i r vermuten, dass er das Fluchtfahrzeug gewechselt hat, bis jetzt ist aber keine Anzeige wegen Autodiebstahls eingegangen.« »Die M e d i e n ? « , fragte M o d i g u n d w a r f M i k a e l einen entschuldigenden Blick zu.
»Das war ein Polizistenmord, w i r ziehen hier alle Register. Für zehn U h r ist eine Pressekonferenz angesetzt.« »Weiß irgendjemand, wie es um Lisbeth Salanders Zustand bestellt ist?«, erkundigte sich M i k a e l . Er war seltsam uninteressiert an allem, was m i t der Jagd auf Ronald Niedermann zu t u n hatte. »Sie ist in der N a c h t operiert w o r d e n . M a n hat ihr eine K u gel aus dem K o p f entfernt. Bis jetzt hat sie das Bewusstsein noch nicht wiedererlangt.« »Gibt es eine Prognose?« »Wenn ich das r i c h t i g verstanden habe, müssen w i r abwarten, bis sie aufgewacht ist. Aber der A r z t , der sie operiert hat, meinte, sie habe eine Chance, wenn keine weiteren K o m p l i k a tionen dazukommen.« »Und Z a l a t s c h e n k o ? « , w o l l t e M i k a e l wissen. »Wer?«, fragte Erlanders Kollege, der in die Details der ganzen Geschichte noch nicht eingeweiht war. »Karl A x e l Bodin.« »Ach so, ja, der ist in der N a c h t auch operiert w o r d e n . Er ist m i t der A x t im Gesicht u n d unterhalb der Kniescheibe getroffen w o r d e n . Sieht übel aus, aber die Verletzungen sind nicht lebensgefährlich.« M i k a e l nickte. »Sie w i r k e n m ü d e « , stellte Sonja M o d i g fest. »Tja. Ich mache jetzt schon den d r i t t e n Tag beinahe durch.« »Auf dem Weg von Nossebro ist er im A u t o eingeschlafen«, erklärte Erlander. »Schaffen Sie es, die ganze Geschichte noch m a l v o n v o r n zu erzählen?«, bat H o l m b e r g . »Sieht ja ganz so aus, als stünde es ungefähr drei zu n u l l für die Privatdetektive.« M i k a e l lächelte schwach. »Diese Aussage würde ich zu gerne von Bublanski hören«, meinte er. Sie setzten sich in die Cafeteria der Polizeistation, um zu
frühstücken. M i k a e l brauchte eine halbe Stunde, um Schritt für Schritt zu erklären, wie er sich die Story m i t Zalatschenko zusammengebastelt hatte. Als er fertig war, schwiegen die Polizisten nachdenklich. »In Ihrer Geschichte gibt es aber schon noch ein paar L ö c h e r « , brach Jerker H o l m b e r g schließlich das Schweigen. »Vermutlich schon«, räumte M i k a e l ein. »Sie erklären nicht, wie Sie in den Besitz dieses geheimen Berichts der SiPo über Zalatschenko gekommen sind.« M i k a e l nickte. »Den hab ich gestern zu Hause bei Lisbeth Salander gefunden, nachdem ich endlich herausgekriegt hatte, wo sie sich versteckt hielt. Sie hat den Bericht vermutlich in N i l s Bjurmans Sommerhäuschen entdeckt.« »Sie haben also Salanders Versteck gefunden«, sagte Sonja Modig. M i k a e l nickte. »Und?« »Die Adresse müssen Sie schon selbst herausfinden. Lisbeth hat sich große M ü h e gegeben, sich eine geheime Adresse zuzulegen, u n d ich möchte nicht derjenige sein, der sie preisgibt. « Die Gesichter von M o d i g u n d H o l m b e r g verfinsterten sich ein wenig. » M i k a e l . . . das ist hier i m m e r h i n eine Morduntersuchung«, gab Sonja M o d i g zu bedenken. »Und Sie haben immer noch nicht so r i c h t i g kapiert, dass Lisbeth Salander unschuldig ist u n d dass die Polizei ihre Privatsphäre in einer A r t verletzt hat, die völlig beispiellos ist. Lesbische Satanistenbande, wie z u m Teufel k o m m e n Sie bloß auf so was? Wenn sie Ihnen sagen w i l l , w o sie w o h n t , dann w i r d sie das bestimmt auch tun.« »Aber da ist noch etwas, was ich nicht verstehe.« H o l m b e r g ließ nicht locker. »Was hat Bjurman m i t dieser Geschichte zu
tun? Sie behaupten, dass er die ganze Sache in Gang gebracht hat, indem er K o n t a k t m i t Zalatschenko aufnahm u n d i h n bat, Salander zu töten ... aber w a r u m sollte er das tun?« M i k a e l zögerte eine Weile. »Ich tippe darauf, dass er Zalatschenko angeheuert hat, um Lisbeth Salander aus dem Weg zu räumen. N i c h t M i r i a m W u , sondern Lisbeth hätte eigentlich in diesem Lager in N y k v a r n landen sollen.« »Er w a r ihr rechtlicher Betreuer. Was sollte er für ein M o t i v haben, sie aus dem Weg zu räumen?« »Das ist ziemlich kompliziert.« »Erklären Sie es.« »Er hatte ein verdammt gutes M o t i v . Er hatte etwas getan, was Lisbeth wusste. Sie stellte eine Bedrohung für seine Z u k u n f t u n d seinen Wohlstand dar.« »Was hat er denn getan?« »Ich glaube, das erzählt Ihnen Lisbeth am besten selbst.« Er fing Holmbergs Blick auf. »Lassen Sie m i c h raten«, mischte sich Sonja M o d i g ein. »Bjurman hatte seinem Schützling etwas angetan.« M i k a e l nickte. »Soll ich weiterraten, dass er sie in irgendeiner F o r m sexuell belästigt hat?« M i k a e l zuckte die Achseln u n d enthielt sich jedes weiteren Kommentars. »Sie wissen also nichts v o n dem Tattoo auf Bjurmans Bauch?« »Tattoo?« »Eine amateurhaft durchgeführte Tätowierung quer über den ganzen Bauch m i t folgendem Text: Ich bin ein sadistisches Schwein, ein Widerling und ein Vergewaltiger. W i r haben uns die Köpfe darüber zerbrochen, w o r u m es da eigentlich ging.« Plötzlich musste M i k a e l schallend auflachen. »Was ist denn?«
»Ich hab nachgedacht, was Lisbeth w o h l getan hat, um sich zu rächen. Aber wissen Sie ... das möchte ich nicht m i t Ihnen diskutieren, aus demselben G r u n d wie vorher. Das hier berührt ihre Privatsphäre. Lisbeth ist Opfer eines Verbrechens geworden. Sie soll selbst entscheiden, was sie Ihnen erzählen w i l l . Sorry.« Er sah sie fast entschuldigend an. »Gewaltverbrechen müssen zur Anzeige gebracht w e r d e n « , sagte Sonja M o d i g . »Da stimme ich Ihnen zu. Aber dieses Gewaltverbrechen ist vor zwei Jahren geschehen, u n d Lisbeth hat immer noch nicht m i t der Polizei über diese Sache geredet. Was den Schluss zulässt, dass sie es auch nicht vorhat. So wenig ich ihr in der Sache an sich zustimmen k a n n , so finde ich doch, dass sie diejenige sein sollte, die hier entscheidet. Außerdem . . . « »Ja?« »Sie hat nicht viel Veranlassung, sich der Polizei anzuvertrauen. Das letzte M a l , als sie erklären w o l l t e , was für ein Schwein Zalatschenko ist, wurde sie in die Psychiatrie gesperrt.« Der Leiter der Voruntersuchung, Richard Ekström, hatte ein mulmiges Gefühl, als er um kurz vor neun am Freitagmorgen den Ermittlungsleiter Jan Bublanski bat, i h m gegenüber am Schreibtisch Platz zu nehmen. Ekström rückte sich die Brille zurecht u n d strich sich über den gepflegten K i n n b a r t . Er erlebte die Situation als chaotisch u n d bedrohlich. Seit einem M o n a t w a r er der Leiter der Voruntersuchung und jagte Lisbeth Salander. Er hatte sie immer wieder als geisteskranke u n d gemeingefährliche Psychopathin dargestellt. Er hatte I n f o r m a t i o n e n nach außen durchsickern lassen, die i h m bei einer nachfolgenden Gerichtsverhandlung zugutegekommen wären. Alles hatte so gut ausgesehen. In seiner Vorstellung hatte es nicht den geringsten Z w e i -
fei gegeben, dass Lisbeth Salander w i r k l i c h des dreifachen M o r d e s schuldig w a r u n d dass er den Prozess mühelos gew i n n e n würde - eine reine Propagandaveranstaltung m i t i h m in der H a u p t r o l l e . D o c h dann w a r alles schiefgelaufen, u n d plötzlich saß er m i t einem ganz anderen M ö r d e r u n d einem Chaos da, dessen Ende nicht abzusehen war. Diese verfluchte Salander. »Tja, da sind w i r ja in einen ganz schönen Schlamassel geraten«, stellte Eckström fest. »Was haben Sie heute M o r g e n denn herausgekriegt?« » R o n a l d Niedermann ist landesweit zur Fahndung ausgeschrieben w o r d e n , aber er ist immer noch auf freiem Fuß. Im M o m e n t w i r d er nur wegen des M o r d e s an dem Polizisten Gunnar Andersson gesucht, aber ich nehme an, dass er auch die drei M o r d e hier in Stockholm begangen hat. Vielleicht könnten Sie eine Pressekonferenz einberufen.« Letzteren Vorschlag machte Bublanski nur, um Ekström zu ärgern. Denn der hasste nichts mehr als Pressekonferenzen. »Ich glaube, m i t der Pressekonferenz warten w i r vorerst n o c h « , erwiderte Ekström hastig. Bublanski bemühte sich, ein Grinsen zu unterdrücken. »Das ist ja auch in erster Linie eine Angelegenheit der G ö teborger Polizei«, argumentierte Ekström. » N a ja, Sonja M o d i g u n d Jerker H o l m b e r g sind schon vor O r t in Göteborg u n d haben die Zusammenarbeit ...« »Wir warten m i t der Pressekonferenz, bis w i r mehr wissen«, entschied Ekström m i t scharfem T o n . »Von Ihnen w i l l ich wissen, wie sicher Sie sind, dass Niedermann w i r k l i c h für die M o r d e hier in Stockholm v e r a n t w o r t l i c h ist.« »Als Polizist b i n ich überzeugt davon. Aber die Beweislage ist noch lückenhaft. W i r haben weder Zeugen noch stichhaltige kriminaltechnische Beweise. Magge L u n d i n und Sonny Nieminen v o m Svavelsjö MC weigern sich zu reden u n d t u n so, als hätten sie noch nie von Niedermann gehört. D o c h für
den M o r d an Gunnar Andersson wandert er auf jeden Fall ins Gefängnis.« » G e n a u « , sagte Ekström. »Im M o m e n t interessiert vor allem dieser Polizistenmord. Aber sagen Sie mal ... gibt es H i n weise darauf, dass Salander trotzdem irgendwie in diese M o r de verwickelt ist? Wäre es vorstellbar, dass Niedermann u n d sie die M o r d e gemeinsam begangen haben?« »Das bezweifle ich. U n d ich würde diese Theorie auch keinesfalls öffentlich äußern.« »Aber was hat sie dann d a m i t zu tun?« »Diese Geschichte ist extrem k o m p l i z i e r t . W i e M i k a e l ßlomkvist von Anfang an behauptet hat, geht es um diese Figur Zala ... Alexander Zalatschenko.« Bei dem N a m e n M i k a e l Blomkvist zuckte Staatsanwalt Ekström sichtlich zusammen. » Z a l a ist offenbar ein skrupelloser ehemaliger russischer Auftragskiller, noch aus der Z e i t des Kalten Krieges«, fuhr Bublanski fort. »Er ist in den 7oer-Jahren hierhergekommen u n d w u r d e Lisbeth Salanders Vater. Eine Gruppe innerhalb der SiPo hat i h n unterstützt, u n d als er Verbrechen beging, hat man sie vertuscht. Ein Polizist der SiPo hat auch dafür gesorgt, dass Salander in eine pychiatrische K i n d e r k l i n i k gesperrt w u r de, als sie 13 Jahre alt w a r u n d durch sie das Geheimnis um Zalatschenko zu platzen drohte.« »Sie verstehen sicher, dass das alles höchst brisant k l i n g t . Das ist nicht unbedingt die A r t Geschichte, m i t der w i r an die Öffentlichkeit gehen könnten. Wenn ich das recht verstanden habe, unterliegt die ganze Sache m i t Zalatschenko sowieso der Geheimhaltung.« »Trotzdem entspricht sie der Wahrheit. Ich habe hier schriftliche Beweise.« »Darf ich mal sehen?« Bublanski schob i h m die M a p p e m i t dem Polizeibericht v o n 1991 über den Tisch. Ekström betrachtete nachdenklich den
Stempel, der das D o k u m e n t offiziell für geheim erklärte, und das Aktenzeichen, das er sofort als eines v o n SiPo identifizierte. Er blätterte die knapp hundert Seiten durch u n d las aufs Geratewohl ein paar Stellen. Schließlich legte er den Bericht beiseite. »Wir müssen versuchen, das Ganze ein bisschen runterzuspielen, damit uns die Situation nicht völlig entgleitet. Lisbeth Salander wurde also ins Irrenhaus gesperrt, weil sie versuchte, ihren Vater umzubringen ... diesen Zalatschenko. U n d jetzt hat sie ihrem Vater eine A x t in den Schädel geschlagen. Das ist auf jeden Fall ein M o r d v e r s u c h . U n d sie muss festgenommen werden, weil sie in Stallarholmen auf Magge L u n d i n geschossen hat.« »Sie können festnehmen, wen Sie w o l l e n , aber an Ihrer Stelle wäre ich ein bisschen vorsichtig.« »Das gibt einen ungeheuren Skandal, wenn diese ganze Geschichte m i t der SiPo durchsickert.« Bublanski zuckte m i t den Achseln. In seiner Arbeitsbeschreibung stand, dass er Verbrechen aufklären, nicht Skandale vertuschten sollte. »Dieser M i s t k e r l von der SiPo, Gunnar Björck, was wissen w i r über seine Rolle?« »Er ist einer der Hauptakteure. Er w o h n t in Smadalarö u n d ist im M o m e n t wegen eines Bandscheibenvorfalls krankgeschrieben.« » O k a y ... das m i t der SiPo verschweigen w i r vorerst. Jetzt geht es erst einmal um den Polizistenmord u n d nichts anderes. Unsere Aufgabe besteht nicht d a r i n , V e r w i r r u n g zu stiften.« »Es dürfte ziemlich schwierig werden, das zu verheimlichen.« »Wie meinen Sie das?« »Ich hab C u r t Svensson losgeschickt, um Björck zum Verhör zu holen.« Bublanski w a r f einen Blick auf seine A r m banduhr. »Das dürfte in diesem M o m e n t geschehen.« »Was?«
»Ich hatte eigentlich vorgehabt, die Sache selbst in die H a n d zu nehmen, aber dann ist m i r dieser Polizistenmord dazwischengekommen. « »Ich habe Ihnen nicht die Erlaubnis gegeben, Björck festzunehmen.« »Das s t i m m t . Aber es ist ja auch gar keine Verhaftung. Ich hole i h n nur zu einem Verhör aufs Revier.« »Das gefällt m i r alles gar nicht.« Bublanski beugte sich vor u n d w a r f Ekström einen fast freundschaftlichen Blick zu, als er sagte: »Richard ... die Lage ist folgendermaßen: Lisbeth Salander w a r einer Reihe v o n Übergriffen seitens der Justiz ausgesetzt, die schon in ihrer Kindheit begonnen haben. Ich habe nicht vor, das so weiterlaufen zu lassen. Sie können m i c h als Leiter der E r m i t t l u n g absetzen, aber in diesem Fall würde ich m i c h gezwungen sehen, einen scharf formulierten Bericht über die Sache zu schreiben.« Richard Ekström sah aus, als hätte er gerade in etwas Saures gebissen. Gunnar Björck, stellvertretender Chef der Auslandsabteilung der Sicherheitspolizei, machte die T ü r seines Sommerhäuschens in Smädalarö auf u n d erblickte einen kräftigen M a n n m i t kurzen blonden Haaren in schwarzer Lederjacke. »Ich suche Gunnar Björck.« »Das b i n ich.« »Curt Svensson von der Stockholmer Polizei.« Der M a n n hielt seinen Dienstausweis hoch. »Ja?« »Sie werden gebeten, nach Kungsholmen m i t z u k o m m e n , um der Polizei bei den E r m i t t l u n g e n im Fall Lisbeth Salander behilflich zu sein.« »Ah ... da muss ein I r r t u m vorliegen.« »Es liegt kein I r r t u m v o r « , widersprach C u r t Svensson.
»Sie haben m i c h nicht r i c h t i g verstanden. Ich b i n auch Polizist. Ich glaube, Sie sollten in dieser Sache m a l Rücksprache m i t Ihrem Chef halten.« »Mein Chef w i l l m i t Ihnen sprechen.« »Ich muss anrufen und ...« »Sie können von Kungsholmen aus anrufen.« Gunnar Björck merkte, wie er plötzlich innerlich resignierte. Es ist passiert. Jetzt werde ich in diese Geschichte mit hineingezogen.
Verdammter
Blomkvist!
Verdammte
Salander!
»Bin ich verhaftet?«, fragte er. »Vorerst noch nicht. Aber das könnten w i r sicher organisieren, wenn Sie es wünschen.« »Nein ... nein, ich komme natürlich m i t . Selbstverständlich w i l l ich meinen Kollegen helfen.« » N a , w u n d e r b a r « , sagte C u r t Svensson u n d k a m m i t ins Haus. Er behielt Gunnar Björck gut im Auge, während der sich eine Jacke holte u n d die Kaffeemaschine ausschaltete. Um elf U h r vormittags stellte M i k a e l Blomkvist fest, dass sein Leihwagen immer noch hinter einer Scheune an der Auffahrt nach Gosseberga stand, aber er w a r so erschöpft, dass er i h n nicht mehr abholen, geschweige denn eine längere Strecke dam i t zurücklegen konnte, ohne zu einer Gefahr für den Straßenverkehr zu werden. Er wandte sich an K r i m i n a l i n s p e k t o r Erlander, u n d der w a r so großzügig, jemand von der Spurensicherung abzukommandieren, der das A u t o auf dem Heimweg nach Stockholm fahren konnte. »Betrachten Sie das als Entschädigung für die A r t , wie Sie heute N a c h t behandelt wurden.« M i k a e l nickte und nahm sich ein Taxi zum City H o t e l in der Lorensberggatan Ecke Avenyn. D o r t nahm er sich ein Z i m m e r für 800 Kronen die Nacht, ging sofort hinauf und zog sich aus. D a n n setzte er sich nackt aufs Bett, nahm Lisbeth Salanders
Palm Tungsten T3 aus der Innentasche seiner Jacke u n d w o g i h n in der H a n d . Es erstaunte i h n immer noch, dass der Palm nicht beschlagnahmt worden war, als Kommissar Paulsson i h n nach Waffen abtasten ließ, aber der war w o h l davon ausgegangen, dass es sich um Mikaeis Computer handelte, und praktisch gesehen war er ja auch nie in Untersuchungshaft genommen und richtig durchsucht worden. Er überlegte einen M o m e n t , bevor er den Palm in ein Fach seiner Laptoptasche steckte, in der er auch Lisbeths C D - R O M m i t der Aufschrift Bjurman aufbewahrte, die Paulsson ebenfalls entgangen war. Er war sich bewusst, dass er damit Beweismaterial unterschlug, doch handelte es sich um Gegenstände, die Lisbeth m i t allerhöchster Wahrscheinlichkeit nicht in den falschen Händen sehen w o l l t e . M i k a e l schaltete sein H a n d y ein, stellte fest, dass der A k k u schon fast leer war, u n d schloss es ans Ladegerät an. D a n n rief er seine Schwester, die Rechtsanwältin A n n i k a G i a n n i n i , an. » H a l l o , Schwesterherz.« »Was hast du m i t dem Polizistenmord v o n gestern N a c h t zu t u n ? « , fragte sie sofort. Er erklärte ihr in Kurzfassung, was vorgefallen war. »Okay. Salander liegt also auf der Intensivstation.« » G e n a u . Bis sie aufwacht, wissen w i r nicht, wie schwer sie verletzt ist, aber sie w i r d einen A n w a l t brauchen.« A n n i k a überlegte einen M o m e n t . »Glaubst d u , sie w ä r e m i t m i r einverstanden?« »Wahrscheinlich w i l l sie überhaupt keinen A n w a l t . Sie ist nicht der Typ, der um H i l f e bittet.« »Es hört sich eigentlich so an, als brauchte sie eher einen Fachanwalt für Strafrecht. Lass m i c h erst m a l die Beweisunterlagen sehen, die du hast.« »Sprich m i t Erika Berger u n d bitte sie um eine Kopie.« Sobald M i k a e l das Gespräch beendet hatte, rief er Erika Berger an. Sie ging nicht ans Handy, also rief er in der Millennium-Redaktion an. H e n r y Cortez n a h m ab.
»Erika ist irgendwo unterwegs«, sagte er. M i k a e l erklärte i h m k u r z , was passiert war, u n d bat Henry, die Informationen an die Chefredakteurin von Millennium weiterzuleiten. »Okay. Was w o l l e n w i r unternehmen?«, w o l l t e H e n r y wissen. »Heute nichts m e h r « , sagte M i k a e l . »Ich muss erst mal schlafen. Wenn nichts Unvorhergesehenes mehr passiert, k o m me ich morgen nach Stockholm. Millennium w i r d seine Version der Ereignisse in der nächsten Ausgabe darstellen, u n d bis dahin haben w i r noch fast einen M o n a t . « Er beendete das Gespräch, k r o c h ins Bett u n d w a r nach dreißig Sekunden eingeschlafen. Die
stellvertretende
Polizeipräsidentin
Monica
Spängberg
klopfte m i t einem Stift an den Rand ihres Mineralwasserglases und bat um Ruhe. Z e h n Personen hatten sich um den Konferenztisch in ihrem Dienstzimmer im Präsidium versammelt. D r e i Frauen u n d sieben Männer. Die Versammlung bestand aus dem Chef des Dezernats für Gewaltverbrechen, dessen Stellvertreter, drei Kriminalinspektoren inklusive Marcus Erlander
sowie
dem Pressesprecher der
Göteborger Polizei.
A u c h die Leiterin der Voruntersuchung, Agneta Jervas von der Staatsanwaltschaft, sowie die Kriminalinspektoren Sonja M o dig und Jerker H o l m b e r g v o n der Stockholmer Polizei waren dazugebeten w o r d e n . Letztere w u r d e n m i t einbezogen, um den guten W i l l e n zur Zusammenarbeit m i t den Kollegen aus der Hauptstadt zu demonstrieren u n d ihnen vielleicht sogar zu zeigen, wie man eine E r m i t t l u n g r i c h t i g durchführte. Spängberg, oft die einzige Frau in einer rein männlichen Umgebung, hatte nicht gerade den Ruf, ihre Zeit m i t Formalitäten u n d Liebenswürdigkeiten zu verplempern. Sie erklärte zunächst, dass sich der Polizeipräsident auf Dienstreise zu einer Europol-Konferenz in M a d r i d befand, dass er die Reise
jedoch abgebrochen hatte, als er v o n dem Polizistenmord erfuhr. M a n erwarte i h n allerdings nicht vor dem späten A b e n d zurück. Danach wandte sie sich d i r e k t an den Leiter des Gewaltdezernats, Anders Pehrzon, u n d bat i h n , die Situation zusammenzufassen. »Es ist jetzt k n a p p zehn Stunden her, dass unser Kollege Gunnar Andersson an der Straße nach Nossebro ermordet w u r d e . W i r kennen den N a m e n des M ö r d e r s , R o n a l d N i e d er m an n , allerdings fehlt uns noch ein B i l d der fraglichen Person.« »Wir besitzen ein knapp zwanzig Jahre altes Foto v o n i h m , das jedoch k a u m verwendbar ist«, w a r f Jerker H o l m b e r g ein. »Okay. Das Polizeiauto, das er entwendet hat, w u r d e , wie w i r wissen, am M o r g e n in Alingsäs aufgefunden. Es stand in einer Querstraße, ungefähr dreihundertfünfzig Meter v o m Bahnhof entfernt. Bis jetzt ist uns jedoch noch kein A u t o d i e b stahl in der Gegend gemeldet worden.« »Momentaner Stand der Fahndung?« »Wir überwachen die Z ü g e , die in Stockholm und M a l m ö a n k o m m e n . W i r haben landesweiten A l a r m ausgelöst u n d auch die Polizei in N o r w e g e n u n d D ä n e m a r k i n f o r m i e r t . Derzeit arbeiten ungefähr dreißig Polizisten direkt an diesem Fall, aber natürlich sind alle angehalten, die Augen offen zu halten.« »Keine Spur?« »Nein, noch nicht. Aber eine Person m i t Niedermanns außergewöhnlichem Aussehen sollte man früher oder später doch aufspüren können.« »Weiß irgendjemand, wie es Fredrik Torstensson geht?«, erkundigte sich einer der K r i m i n a l i n s p e k t o r e n des Gewaltdezernats. »Er liegt im Sahlgrenska. Er ist ungefähr so verletzt wie nach einem schweren A u t o u n f a l l . K a u m zu glauben, dass ein Mensch i h m m i t bloßen Händen solche Verletzungen zufügen
konnte. Außer gebrochenen Beinen u n d Rippen hat er einen verletzten N a c k e n w i r b e l . Vielleicht werden Lähmungen zurückbleiben.« Alle dachten ein paar Sekunden über die Lage ihres Kollegen nach, bevor Spängberg wieder das W o r t ergriff. Sie w a n d te sich an Erlander. »Was ist eigentlich in Gosseberga passiert?« »Thomas Paulsson ist in Gosseberga passiert.« Gleichzeitiges Aufstöhnen mehrerer Teilnehmer. »Kann den nicht endlich m a l jemand pensionieren? Der M a n n ist doch nur noch eine wandelnde Katastrophe.« »Ich kenne Paulsson sehr g u t « , sagte M o n i c a Spängberg scharf. »Aber m i r sind schon s e i t . . . na ja, seit zwei Jahren keine Klagen mehr über i h n zu O h r e n gekommen.« »Der Polizeipräsident da oben ist ja ein alter Bekannter v o n Paulsson u n d hat w o h l versucht, seine schützende H a n d über i h n zu halten. Er hat es gut gemeint, u n d das soll auch gar keine K r i t i k an i h m sein. Aber in der N a c h t hat Paulsson sich so befremdlich aufgeführt, dass mehrere Kollegen die Sache gemeldet haben.« »In welcher Hinsicht?« Marcus Erlander w a r f einen verstohlenen Blick auf Sonja M o d i g und Jerker H o l m b e r g . Er schämte sich offenbar, vor den Kollegen aus Stockholm Mängel in seiner Truppe bloßzulegen. »Das Sonderbarste w a r w o h l , dass er einen Kollegen v o n der Spurensicherung m i t der Inventarisierung aller Gegenstände in dem Holzschuppen beauftragt hat, in dem man Zalatschenko gefunden hatte.« »Inventarisierung eines Holzschuppens?«, vergewisserte sich Spängberg. »Ja ... also, er w o l l t e wissen, wie viele Holzscheite sich darin befanden. D a m i t der Bericht k o r r e k t ist.« Beredtes Schweigen r u n d um den Konferenztisch. Erlander fuhr rasch fort: » A m M o r g e n hat sich heraus-
gestellt, dass Paulsson mindestens zwei Psychopharmaka einn i m m t , Xanor und Efexor. Er hätte sich eigentlich krankschreiben lassen müssen, hat seinen Zustand aber vor den Kollegen verheimlicht.« »Was für einen Z u s t a n d ? « , fragte Spängberg scharf. »Woran er genau leidet, weiß ich natürlich nicht - der A r z t hat ja Schweigepflicht -, aber die Psychopharmaka, die er einn i m m t , sind z u m Teil stark angstlösend, zum Teil stimmungsaufhellend. Er w a r gestern N a c h t ganz einfach nicht auf der Höhe.« »Ach, du lieber G o t t ! « , sagte Spängberg m i t N a c h d r u c k . Sie sah aus wie das Gewitter, das in den Morgenstunden über Göteborg hinweggezogen war. »Ich w i l l m i t Paulsson sprechen. Sofort!« »Das dürfte schwierig werden. Er ist am M o r g e n zusammengebrochen u n d w u r d e wegen Überanstrengung ins K r a n kenhaus eingeliefert. W i r hatten einfach das denkbar größte Pech, dass er in diesem M o m e n t im Einsatz war.« »Darf ich noch m a l nachfragen?«, hakte der Leiter des Gewaltdezernats nach. »Paulsson hat M i k a e l Blomkvist gestern N a c h t also festgenommen?« »Er hat einen Bericht angefertigt u n d i h n wegen Beleidigung, wegen Widerstands gegen einen Vollstreckungsbeamten und wegen illegalen Waffenbesitzes angezeigt.« »Was sagt Blomkvist dazu?« »Er gibt die Beleidigung zu, behauptet aber, quasi in N o t wehr gehandelt zu haben. Er meint, er habe vehement versucht, Torstensson u n d Andersson davon abzuhalten, Niedermann festnehmen zu w o l l e n , ohne Verstärkung zu rufen.« »Gibt es Zeugen?« » N u r Torstensson u n d Andersson selbst. Also an Widerstand gegen einen Vollstreckungsbeamten glaube ich einfach nicht. Das ist so eine typische Reaktion Paulssons, um eventuellen Klagen von Blomkvist zuvorzukommen.«
»Und Blomkvist hatte Niedermann allein überwältigt?«, fragte die Staatsanwältin Agneta Jervas. »Mit vorgehaltener Waffe.« »Also besaß Blomkvist eine Waffe. D a n n hätte seine Festnahme zumindest eine gewisse Berechtigung gehabt. Woher hatte er die Waffe?« »Dazu w o l l t e er sich nicht äußern, bevor er m i t einem A n w a l t gesprochen hat. Aber Paulsson hat Blomkvist ja festgen o m m e n , während er versuchte, seine Waffe der Polizei zu übergeben.« »Darf ich mal einen inoffiziellen Vorschlag machen?«, sagte Sonja M o d i g vorsichtig. Alle sahen sie an. »Ich b i n M i k a e l Blomkvist im Laufe der Ermittlungen mehrmals begegnet u n d schätze i h n als eine ziemlich besonnene Person ein, auch wenn er Journalist ist. Ich denke, dass w o h l Sie über eine eventuelle Anklage entscheiden ...« Sie blickte zu Agneta Jervas, die kurz nickte. »In diesem Fall - also das m i t der angeblichen Beleidigung u n d dem Widerstand gegen einen Vollstreckungsbeamten können w i r doch w o h l vergessen.« »Vermutlich. Aber illegaler Waffenbesitz wiegt ein bisschen schwerer.« »Ich würde vorschlagen, dass Sie noch ein wenig abwarten. Blomkvist hat diese ganze Geschichte auf eigene Faust herausbekommen u n d ist uns damit um Längen voraus. W i r sollten m i t i h m zusammenarbeiten, statt zu riskieren, dass er das gesamte Polizeikorps in den M e d i e n bloßstellt.« Sie verstummte. N a c h ein paar Sekunden räusperte sich Marcus Erlander. Wenn Sonja M o d i g sich so w e i t aus dem Fenster lehnte, dann wollte er nicht zurückstehen. »Ich muss meiner Kollegin zustimmen. Ich habe Blomkvist ebenfalls als sehr vernünftigen Menschen erlebt. Ich habe m i c h bei i h m sogar für die Behandlung in der gestrigen Nacht
entschuldigt. Er scheint bereit, in dieser Sache fünfe gerade sein zu lassen. Außerdem ist er eine integre Persönlichkeit. Er hat Lisbeth Salanders W o h n u n g ausfindig gemacht, weigert sich aber, uns die Adresse mitzuteilen. Er hat keine Angst, sich einer öffentlichen Diskussion m i t der Polizei zu stellen ... u n d er befindet sich in einer Position, in der seine Stimme in den Massenmedien genauso viel zählen w i r d wie irgendeine A n zeige v o n Paulsson.« »Aber er weigert sich, Informationen über Salander an die Polizei weiterzugeben.« »Er sagt, dass w i r Lisbeth Salander selbst danach fragen müssen.« »Was ist es denn für eine Waffe?«, w o l l t e Jervas wissen. »Ein C o l t 1911
Government. Seriennummer unbekannt.
Ich habe die Waffe an die kriminaltechnische A b t e i l u n g geschickt, aber w i r wissen noch nicht, ob sie schon einmal in Z u sammenhang m i t einem Verbrechen in Schweden aufgetaucht ist. Sollte das der Fall sein, sieht die Sache freilich schon wieder anders aus.« M o n i c a Spängberg hob den Stift. » Agneta, ob Sie eine Voruntersuchung gegen Blomkvist einleiten w o l l e n , entscheiden Sie selbst. Ich schlage vor, Sie warten noch den Bericht der Spurensicherung ab. D a n n machen w i r jetzt weiter. Dieser Zalatschenko ... was können Sie aus Stockholm von i h m erzählen?« »Die Sache ist die: Bis gestern N a c h m i t t a g hatten w i r noch nie von einem Zalatschenko oder einem Niedermann gehört«, antwortete Sonja M o d i g . »Ich dachte, Sie jagen in Stockholm eine lesbische Satanistenbande«, bemerkte einer der Göteborger Polizisten. Ein paar andere verzogen den M u n d . Jerker H o l m b e r g studierte intensiv seine Fingernägel. Es fiel Sonja M o d i g zu, die Frage zu beantworten. »Sie wissen w o h l nicht, dass ein gewisser Hans Faste in u n -
serem Dezernat arbeitet, u n d das m i t dieser lesbischen Satanistenbande ist w o h l eher ein Nebengleis, für das dieser M i t a r beiter v e r a n t w o r t l i c h zeichnet.« D a n n berichteten Sonja M o d i g u n d Jerker H o l m b e r g eine knappe halbe Stunde lang, was bei ihren Ermittlungen herausgekommen war. Als sie fertig waren, herrschte lang Schweigen am Tisch. »Wenn das m i t Gunnar Björck w i r k l i c h s t i m m t , dann kriegt die SiPo gewaltigen Ä r g e r « , stellte schließlich der stellvertretende Leiter des Gewaltdezernats fest. Alle nickten. Agneta Jervas meldete sich. »Wenn ich das r i c h t i g verstehe, baut I h r Verdacht zum Großteil auf A n n a h m e n und Indizien auf. Als Staatsanwältin mache ich m i r ein bisschen Sorgen um die tatsächliche Beweislage.« »Dessen sind w i r uns durchaus bewusst«, erwiderte H o l m berg. »Wir glauben, in groben Z ü g e n zu wissen, was passiert ist, aber da sind noch so einige Fragenzeichen, bei denen w i r noch m a l genauer hinschauen müssen.« »Ich habe gehört, dass Sie gerade m i t Ausgrabungen in N y k v a r n bei Södertälje beschäftigt sind«, sagte Spängberg. »Um wie viele M o r d e geht es in dieser Geschichte eigentlich?« H o l m b e r g blinzelte müde. »Angefangen haben w i r m i t drei M o r d e n in Stockholm das sind die M o r d e , die Lisbeth Salander begangen haben soll, u n d zwar an Rechtsanwalt B j u r m a n , dem Journalisten Dag Svensson u n d der D o k t o r a n d i n M i a Bergman. Im Zusammenhang m i t diesem Lager in N y k v a r n haben w i r bis jetzt drei Gräber entdeckt. W i r haben einen bekannten Dealer u n d einen Gelegenheitsdieb gefunden, die d o r t zerstückelt und verscharrt w o r d e n sind. Außerdem gibt es noch eine unidentifizierte Frau in Grab N u m m e r zwei. Das dritte Grab haben w i r noch nicht ausheben können. Es scheint älteren Datums zu sein. Außer-
dem hat M i k a e l Blomkvist die Verbindung zu einem M o r d hergestellt, dem vor ein paar M o n a t e n eine Prostituierte in Södertälje zum Opfer gefallen ist.« » G u n n a r Andersson in Gosseberga m i t eingerechnet, k o m men w i r also auf mindestens acht M o r d e ... das sind ja entsetzliche Zahlen. Glauben Sie, dass dieser Niedermann ein wahnsinniger Massenmörder ist?« Sonja M o d i g u n d Jerker H o l m b e r g tauschten einen Blick. Jetzt mussten sie entscheiden, wie w e i t sie sich für ihre Behauptungen verbürgen w o l l t e n . Schließlich ergriff Sonja M o dig das W o r t . »Auch wenn die tatsächlichen Beweise noch ausstehen, neigen mein Chef, Jan Bublanski, u n d ich zu der Auffassung, dass Blomkvist völlig recht hat, wenn er behauptet, dass die ersten drei M o r d e v o n Niedermann verübt w u r d e n . Das würde bedeuten, dass Salander unschuldig ist. Was die Gräber in N y k v a r n betrifft, besteht insofern ein Zusammenhang m i t N i e d e r m a n n , als dass er m i t der Entführung v o n Salanders Freundin M i r i a m Wu in Verbindung gebracht w i r d . Es besteht gar kein Z w e i f e l , dass das vierte Grab schon auf sie wartete. Aber das betreffende Lagergebäude gehört einer Verwandten des Präsidenten des Svavelsjö M C , u n d solange w i r die Überreste der Leichen nicht identifizieren können, müssen w i r uns m i t unseren Schlussfolgerungen w o h l noch ein bisschen gedulden.« »Diesen Gelegenheitsdieb, den Sie da identifiziert haben ...« »Kenneth Gustafsson, 44, bekannter Dealer u n d Problemfall seit seiner Jugend. Spontan würde ich tippen, dass es dabei um irgendeine interne Abrechnung ging. Der Svavelsjö MC hat seine Finger in allen möglichen Verbrechen m i t d r i n , darunter auch beim Dealen m i t M e t h a m p h e t a m i n . Es könnte sich also um einen Waldfriedhof für Leute handeln, die sich m i t dem Svavelsjö MC überworfen haben. Aber ...« »Ja ?«
»Diese Prostituierte, die in Södertälje ermordet wurde ... sie heißt Irina Petrova, 22 Jahre alt.« »Okay.« »Die O b d u k t i o n hat ergeben, dass sie offenbar sehr schwer misshandelt wurde. Ihre Verletzungen sahen so aus, als wäre sie m i t einem Baseballschläger oder einem ähnlichen Gegenstand erschlagen worden. Die Verletzungen ließen keine eindeutigen Schlüsse zu. Blomkvist hat da eine ziemlich gute Beobachtung gemacht: Irina Petrova wies Verletzungen auf, die man ihr gut und gern m i t bloßen Händen hätte zufügen können ...« »Niedermann?« »Die V e r m u t u n g liegt nahe. Beweise fehlen noch.« »Wie w o l l e n w i r weitermachen?«, fragte Spängberg. »Ich muss m i c h erst m i t Bublanski besprechen, aber natürlich werden w i r als Nächstes ein Verhör m i t Zalatschenko führen. W i r w o l l e n natürlich erfahren, was er über die M o r d e in Stockholm weiß, u n d Sie hier werden sich bestimmt auf die Fahnung nach Niedermann konzentrieren.« Einer der K r i m i n a l i n s p e k t o r e n des Göteborger Gewaltdezernats meldete sich zu W o r t . »Was w u r d e auf dem Bauernhof in Gosseberga eigentlich gefunden?« »Ziemlich wenig. W i r haben vier Handfeuerwaffen gefunden. Eine Sig Sauer, die auseinandergenommen w a r u n d auf dem Küchentisch gerade geölt w u r d e . Eine polnische P-83 Wanad auf dem Boden neben der Küchenbank. Einen C o l t 1911 Government - das ist die Pistole, die Blomkvist Paulsson zu übergeben versuchte. U n d schließlich noch eine B r o w n i n g Kaliber 22, die sich in dieser Sammlung fast schon wie eine Spielzeugpistole ausnimmt. W i r vermuten, dass das die Waffe ist, m i t der auf Salander geschossen w u r d e , w e i l sie t r o t z einer Kugel im Gehirn noch am Leben ist.« »Sonst noch w a s ? « »Wir haben eine Tasche m i t gut 2 0 0 0 0 0 Kronen beschlag-
nahmt. Sie stand in einem Z i m m e r im Obergeschoss, das v o n Niedermann bewohnt wurde.« »Und Sie sind sicher, dass das sein Z i m m e r ist?« »Tja, er hat Kleidergröße X X L , Zalatschenko eher M . « »Gibt es irgendetwas, das Zalatschenko m i t k r i m i n e l l e n Machenschaften in Verbindung bringt?«, fragte H o l m b e r g . Erlander schüttelte den Kopf. » K o m m t natürlich drauf an, wie w i r die beschlagnahmten Waffen deuten. Aber abgesehen v o n den Waffen u n d der Tatsache, dass Zalatschenko eine sehr aufwendige V i d e o ü b e r w a chungsanlage auf dem H o f hatte, haben w i r nichts gefunden, was den Bauernhof in Gosseberga von irgendeinem anderen H o f unterscheiden würde. Das Haus ist ziemlich spartanisch eingerichtet.« Um kurz vor zwölf klopfte ein uniformierter Polizist und gab der stellvertretenden Polizeipräsidentin M o n i c a Spängberg einen Zettel. Sie hob einen Finger. »Wir haben eine Vermisstenanzeige aus Alingsäs reinbekommen. Eine 27-iährige Zahnarzthelferin namens Anita Kaspersson hat ihre W o h n u n g um 7 U h r 30 verlassen. Sie hat ihr K i n d in die Tagesstätte gebracht u n d hätte dann um k u r z vor acht an i h r e m Arbeitsplatz auftauchen sollen. Ist sie aber nicht. Sie arbeitet bei einem privaten Zahnarzt, dessen Praxis ungefähr hundertfünfzig Meter von der Stelle entfernt ist, wo das gestohlene Polizeiauto gefunden wurde.« Erlander u n d Sonja M o d i g blickten gleichzeitig auf ihre Uhren. »Dann hat er vier Stunden Vorsprung. Was ist das für ein Auto?« »Ein dunkelblauer Renault, Baujahr 9 1 . H i e r ist das Kennzeichen.« »Schreiben Sie den Wagen sofort zur Fahndung aus. In diesem M o m e n t k a n n er überall sein, in Oslo, M a l m ö oder Stockholm.«
Nachdem m a n noch eine Weile geredet hatte, beendete m a n die Konferenz m i t dem Beschluss, dass Sonja M o d i g u n d M a r cus Erlander das Verhör m i t Zalatschenko gemeinsam durchführen sollten. H e n r y Cortez runzelte die Stirn u n d folgte Erika Berger m i t den Augen, als sie aus ihrem Z i m m e r k a m u n d quer über den Flur in die kleine Küche lief. Wenige Sekunden später k a m sie m i t einem Becher Kaffee wieder heraus u n d ging zurück in ihr Zimmer. Sie schloss die Tür. Cortez hätte nicht so recht sagen können, was hier eigentlich los war. Die M i t a r b e i t e r von Millennium hatten sich i m mer nahegestanden. Er hatte vier Jahre lang als Teilzeitkraft für die Zeitschrift gearbeitet u n d in dieser Phase einige heftige Stürme miterlebt, nicht zuletzt in der Z e i t , als M i k a e l B l o m kvist eine dreimonatige Haftstrafe wegen übler Nachrede absaß u n d die Existenz der Zeitschrift akut bedroht war. Er hatte die M o r d e an dem M i t a r b e i t e r D a g Svensson u n d seiner Freundin M i a Bergman erlebt. In all diesen Stürmen w a r E r i k a Berger i m m e r der unerschütterliche Fels in der Brandung gewesen. Er w a r n i c h t überrascht, dass Erika Berger i h n in aller Frühe m i t i h r e m A n r u f geweckt u n d zusammen m i t L o t t i e K a r i m a n die A r beit geschickt hatte. D i e Salander-Affäre w a r völlig aus dem Gleis geraten, u n d M i k a e l B l o m k v i s t w a r irgendwie i n einen Polizistenmord in G ö t e b o r g verwickelt. So w e i t w a r alles klar. L o t t i e K a r i m w a r gerade im Polizeipräsidium u n d versuchte, irgendwelche vernünftigen Auskünfte zu b e k o m m e n . Cortez hatte den M o r g e n d a m i t verbracht, h e r u m zutelefonieren u n d sich zusammenzureimen, was eigentlich passiert war. Blomkvist ging zwar nicht ans Telefon, aber dank einiger Quellen hatte Cortez sich doch ein relativ gutes B i l d v o n den Geschehnissen der letzten N a c h t machen können.
Hingegen w a r Erika Berger den ganzen V o r m i t t a g über völl i g geistesabwesend gewesen. Es k a m äußerst selten vor, dass sie die T ü r zu ihrem Büro zumachte. Das geschah fast nur, w e n n sie Besuch hatte oder intensiv über irgendein Problem nachdachte. An diesem M o r g e n hatte sie weder Besuch gehabt noch gearbeitet. Nachdem Cortez ein paarmal angeklopft hatte, um ihr die Neuigkeiten mitzuteilen, fand er sie im Stuhl am Fenster vor. In Gedanken versunken, starrte sie scheinbar t e i l nahmslos auf die Menschenmenge auf der Götgatan. Seinem Bericht hörte sie nur zerstreut zu. Irgendwas stimmte hier nicht. Die Türklingel riss i h n aus seinen Überlegungen. Als er aufmachte, stand A n n i k a G i a n n i n i vor der Tür. Cortez hatte M i kael Blomkvists Schwester schon mehrmals getroffen, kannte sie aber nicht näher. » H a l l o , A n n i k a « , sagte er. » M i k a e l ist heute nicht hier.« »Ich weiß. Ich w i l l ja auch Erika treffen.« Erika Berger blickte auf u n d sammelte sich rasch, als Cortez A n n i k a hereinließ. » H a l l o « , sagte sie. »Mikael ist heute nicht hier.« A n n i k a lächelte. »Ich weiß. Ich b i n hier wegen Björcks SiPo-Bericht. M i c k e hat m i c h gebeten, i h n m i r anzusehen, w e i l ich Lisbeth Salander eventuell vertreten soll.« Erika nickte. Sie stand auf u n d holte einen Ordner v o m Schreibtisch. A n n i k a zögerte kurz u n d w a r schon fast auf dem Sprung, das Z i m m e r wieder zu verlassen. D a n n überlegte sie es sich aber doch anders u n d nahm gegenüber v o n Erika Platz. »Okay, und was ist m i t dir los?« »Ich werde bei Millennium aufhören. Aber ich habe es M i kael noch nicht erzählen können. Er w a r so beansprucht v o n dieser Salander-Geschichte, dass es einfach noch keine Gelegenheit gab, u n d ich k a n n es den anderen nicht sagen, bevor
ich es zuerst i h m gesagt habe, u n d jetzt geht es m i r einfach beschissen.« A n n i k a G i a n n i n i biss sich auf die Unterlippe. »Und jetzt erzählst du es mir. Wo w i r s t du denn stattdessen arbeiten?« »Ich
werde
Chefredakteurin
bei
der
Svenska
Morgon-
Posten.« »Hoppla. N a , wenn das so ist, wären doch w o h l eher Glückwünsche angebracht als Heulen u n d Zähneklappern.« »Aber auf diese A r t wollte ich nicht bei Millennium aufhören. M i t t e n in so einem Riesenchaos. Das Angebot von der SMP k a m wie ein Blitz aus heiterem H i m m e l , u n d ich konnte einfach nicht N e i n sagen. Ich meine, so eine Chance, so was k o m m t nie wieder. Ich habe das Angebot bekommen, kurz bevor Dag u n d M i a erschossen w u r d e n , aber seitdem w a r hier so viel los, dass einfach nie die richtige Gelegenheit w a r ... u n d jetzt hab ich ein fürchterlich schlechtes Gewissen.« »Verstehe. U n d du hast Angst, es M i k a e l zu sagen.« »Ich hab es noch niemand gesagt. Ich dachte eigentlich, ich würde erst im Sommer zur SMP gehen, aber jetzt w o l l e n sie, dass ich so schnell wie möglich anfange.« Erika schien den Tränen nahe zu sein. »Das hier ist praktisch meine letzte Woche bei Millennium. Nächste Woche b i n ich verreist u n d dann ... ich brauche ein, zwei Wochen U r l a u b , um meine Batterien wieder aufzuladen. Aber am ersten M a i fange ich bei der SMP an.« »Und was wäre passiert, wenn dich ein A u t o überfahren hätte? D a n n w ä r e n sie doch auch von einer M i n u t e auf die andere ohne Chefredakteurin dagestanden.« Erika sah auf. »Ich b i n aber nicht v o n einem A u t o überfahren w o r d e n . Ich habe ihnen diese Sache mehrere Wochen bewusst verschwiegen.« »Natürlich ist das eine dumme Situation, aber ich glaube,
dass M i c k e , Christer u n d die anderen das schon verstehen werden. Allerdings finde i c h , du solltest es ihnen jetzt gleich sagen.« »Würd ich ja gerne, aber dein verdammter Bruder ist heute in Göteborg. Er schläft u n d geht nicht ans Telefon.« »Ich weiß. Ich kenne wenige Leute, die sich so gut d a r u m drücken können, ans Telefon zu gehen, wie M i k a e l . Aber hier geht es nicht um dich und M i c k e . Ich weiß, dass ihr seit zwanzig Jahren zusammenarbeitet, aber du musst auch an Christer u n d die anderen in der Redaktion denken.« »Aber M i k a e l w i r d ...« »Micke w i r d erst m a l t o t a l an die Decke gehen. Aber w e n n er nicht d a m i t k l a r k o m m t , dass du nach zwanzig Jahren auch m a l etwas anderes machen w i l l s t , dann war er die Z e it nicht w e r t , die du i h m geschenkt hast.« Erika seufzte. » N a k o m m , gib d i r einen Ruck. T r o m m e l Christer u n d die anderen zusammen. Jetzt gleich.« Christer M a l m w a r völlig verblüfft, als Erika Berger die M i t arbeiter
in
dem
kleinen
Millennium-Konferenzraum
versam-
melt hatte. Die Redaktionsbesprechung w a r wenige M i n u t e n zuvor angekündigt w o r d e n , als er gerade einen freitäglich frühen Feierabend machen w o l l t e . Er w a r f einen Blick auf H e n r y Cortez und L o t t i e K a r i m , die ebenso überrascht waren wie er. Die Redaktionssekretärin M a l i n Eriksson wusste auch nichts, ebenso wenig die Reporterin M o n i k a Nilsson oder der M a r ketingchef Sonny Magnusson. Du lieber Gott. Mikael weiß von gar nichts, dachte Christer M a l m . Ich frag mich, wie er reagieren wird. D a n n merkte er, dass Erika Berger aufgehört hatte zu reden u n d es totenstill im Konferenzzimmer w u r d e . Schließlich schüttelte er den Kopf, stand auf, umarmte Erika u n d gab ihr ein Küsschen auf die Wange.
»Herzlichen Glückwunsch, R i c k y « , sagte er. »Chefredakteurin bei der SMP. Das ist w i r k l i c h kein übler Aufstieg nach dieser kleinen Klitsche hier.« H e n r y Cortez erwachte auch wieder z u m Leben u n d applaudierte spontan. Erika hob die H ä n d e . » S t o p p « , sagte sie. »Ich verdiene heute keinen Applaus.« Sie legte eine kurze Pause ein u n d musterte die M i t a r b e i t e r der kleinen Redaktion. »Hört zu ... es t u t m i r entsetzlich leid, dass es so gelaufen ist. Ich w o l l t e es euch schon seit Wochen erzählen, aber in diesem Chaos nach den M o r d e n w a r das einfach nicht möglich. M i k a e l u n d M a l i n haben wie besessen gearbeitet, u n d so w a r irgendwie nie der richtige Zeitpunkt.« M a l i n Eriksson ging plötzlich m i t erschreckender Klarheit auf, wie unterbesetzt die R e d a k t i o n eigentlich w a r u n d wie schrecklich leer es ohne E r i k a sein w ü r d e . Was auch geschah, sie w a r i m m e r der Fels in der Brandung gewesen, an den M a l i n sich lehnen k o n n t e . T j a ... kein Wunder, dass der Morgenzeitungs-Drache sie abgeworben
hatte.
Aber was
nun? E r i k a w a r i m m e r eine Schlüsselfigur bei Millennium gewesen. »Es gibt da ein paar Sachen, die jetzt geklärt werden müssen. Ich verstehe auch, dass das einige Unruhe in der Redakt i o n schaffen w i r d . Das w a r zwar nicht meine Absicht, aber jetzt ist es eben, wie es ist. Z u m Ersten: Ich werde Millennium nicht ganz verlassen. Ich bleibe euch als Teilhaberin u n d als M i t g l i e d des Führungskreises erhalten. D o c h werde ich natürlich keinen Einfluss mehr auf die redaktionelle A r b e i t haben das würde zu Interessenkonflikten führen.« Christer M a l m nickte nachdenklich. »Zweitens: Offiziell habe ich am 30. A p r i l meinen letzten Arbeitstag hier. Aber praktisch gesehen ist heute mein letzter Tag. Nächste Woche b i n ich verreist, wie ihr wisst, das w a r schon lange geplant. U n d ich habe beschlossen, dass ich da-
nach auch nicht mehr zurückkommen werde, um die Redakt i o n in einer Übergangsphase zu leiten.« Sie schwieg einen M o m e n t . »Die nächste N u m m e r liegt schon als fertige Datei vor. Da fehlen nur noch ein paar Kleinigkeiten. Das hier ist mein letztes Heft. Danach muss ein anderer Chefredakteur übernehmen. Ich werde heute A b e n d meinen Schreibtisch ausräumen.« Totenstille. »Wer mein Nachfolger w i r d , ist eine Entscheidung, die der Führungskreis treffen muss. Aber ihr in der Redaktion solltet auch darüber diskutieren.« » M i k a e l « , sagte Christer M a l m . »Nein. M i k a e l ganz bestimmt nicht. Er w ä r e m i t Abstand der schlechteste Chefredakteur, den ihr euch aussuchen könntet. Er ist ein vorzüglicher Herausgeber u n d k a n n die unmöglichsten Texte so erstklassig verarbeiten, dass m a n sie veröffentlichen k a n n . Aber ein Chefredakteur muss offensiv vorgehen. M i k a e l hat die N e i g u n g , sich in seine eigenen Geschichten zu vergraben und manchmal wochenlang auf Tauchstation zu gehen. Er ist der Beste, w e n n es hoch hergeht, aber die tägliche Routine liegt i h m einfach nicht. Das wisst i h r auch alle.« Christer M a l m nickte. »Millennium hat f u n k t i o n i e r t , weil M i k a e l u n d du euch perfekt ergänzt habt.« »Aber nicht nur deswegen. Ihr erinnert euch sicher, wie M i kael damals in Hedestad w a r u n d fast ein ganzes Jahr lang geschmollt hat. Da hat Millennium auch ohne i h n f u n k t i o n i e r t , genau wie die Zeitschrift jetzt eben ohne m i c h funktionieren muss.« »Okay. Wie sieht dein Plan aus?« »Ich schlage vor, dass du den Posten des Chefredakteurs übernimmst, Christer . . . «
»Nie i m Leben.« Christer M a l m machte m i t beiden Händen eine abwehrende Geste. »... aber da ich ja wusste, dass du N e i n sagen würdest, habe ich eine andere Lösung. M a l i n . Du übernimmst fürs Erste den Posten der Chefredakteurin.« »Ich?!«, rief M a l i n . » G e n a u , d u . Du warst eine großartige Redaktionssekretärin.« »Aber ich . . . « »Versuch es. Du kannst am M o n t a g m o r g e n in mein Büro einziehen. Die Maiausgabe ist so gut wie fertig, im Juni k o m m t das Doppelheft, u n d dann haben w i r einen M o n a t frei. Wenn es nicht f u n k t i o n i e r t , muss der Führungskreis im August eben jemand anders finden. Henry, du musst auf V o l l zeit aufstocken u n d M a l i n s Posten als Redaktionssekretär übernehmen. U n d dann müsst ihr noch einen neuen M i t a r beiter finden. Aber diese W a h l liegt bei euch u n d dem Führungskreis.« Sie verstummte kurz u n d betrachtete nachdenklich die k l e i ne Versammlung. » N o c h etwas. Ich fange bei einer anderen Z e i t u n g an. Die SMP u n d Millennium sind zwar praktisch gesehen keine K o n kurrenten, aber das bedeutet t r o t z d e m , dass ich v o m I n h a l t des nächsten Heftes kein bisschen mehr wissen w i l l als das, was ich jetzt schon weiß. Das müsst ihr ab jetzt alles m i t M a l i n besprechen.« »Wie w o l l e n w i r m i t der Salander-Story umgehen?«, erkundigte sich H e n r y Cortez. » M a c h t das m i t M i k a e l aus. Ich weiß gewisse Dinge über Salander, aber das behalte ich für m i c h . Dieses Wissen werde ich nicht zur SMP mitnehmen.« Plötzlich fühlte sich Erika unendlich erleichtert. »Das w a r alles«, sagte sie, beendete die Versammlung u n d ging ohne weiteren Kommentar wieder in ihr Büro.
Die Redaktionsmitglieder blieben s t u m m zurück. Erst eine Stunde später k l o p f t e M a l i n Eriksson an Erikas Zimmertür. »Hallo.« » J a ? « , sagte E r i k a . »Das Personal möchte dir etwas sagen.« »Was denn?« »Hier draußen.« Erika ging hinaus u n d erblickte einen gedeckten Tisch, auf dem eine Torte stand. »Ich finde zwar, dass w i r ein richtiges Abschiedsfest für dich veranstalten sollten«, sagte Christer M a l m . »Aber so auf die Schnelle muss erst mal Kaffee u n d Kuchen reichen.« Z u m ersten M a l an diesem Tag musste Erika Berger lächeln.
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Kspitcl
Freitag, 8. April - Samstag, 9. April
Alexander Zalatschenko w a r schon seit acht Stunden w a c h , als Sonja M o d i g u n d Marcus Erlander i h n um sieben U h r abends besuchten. In einer ziemlich umfangreichen Operation hatte m a n i h m den Wangenknochen so gut es ging wieder zusammengefügt u n d m i t Titanschrauben fixiert. Sein K o p f w a r so dick einbandagiert, dass nur sein linkes Auge zu sehen war. Ein A r z t hatte erklärt, dass der A x t h i e b das Jochbein zerschmettert, das Stirnbein u n d die Augenhöhle in M i t l e i d e n schaft gezogen sowie einen großen Teil des Gewebes der rechten Gesichtshälfte v o m Knochen gelöst hatte. A u f g r u n d der äußerst schmerzhaften Verletzungen hatte man Zalatschenko Schmerzmittel in hohen Dosen verabreicht, doch er w a r bei vollem Bewusstsein u n d konnte sprechen. Die Polizei sollte i h n jedoch nicht überanstrengen. »Guten A b e n d , H e r r Z a l a t s c h e n k o « , begrüßte i h n Sonja M o d i g . Sie stellte sich u n d ihren Kollegen Erlander vor. »Ich heiße K a r l A x e l B o d i n « , stieß Zalatschenko mühsam zwischen zusammengebissenen Z ä h n e n hervor. Seine Stimme war jedoch ganz r u h i g . »Ich weiß sehr gut, wer Sie sind. Ich habe Ihre Unterlagen bei der SiPo gelesen.« Was n i c h t ganz der W a h r h e i t entsprach, da die SiPo
noch kein einziges D o k u m e n t über Zalatschenko freigegeben hatte. »Das ist lange her«, sagte er. »Jetzt b i n ich K a r l Axel Bodin.« »Wie geht es Ihnen?«, fragte Sonja M o d i g . »Sind Sie in der Lage, ein Gespräch zu führen?« »Ich w i l l ein Verbrechen anzeigen. Meine Tochter w o l l t e m i c h ermorden.« »Das wissen w i r . Die Sache w i r d aufgeklärt w e r d e n « , versprach Erlander. »Aber im M o m e n t haben w i r Wichtigeres m i t Ihnen zu besprechen.« »Was könnte wichtiger sein als ein M o r d v e r s u c h ? « »Wir möchten wissen, was Sie uns über drei M o r d e in Stockholm sowie über drei M o r d e in N y k v a r n und eine Entführung sagen können.« »Davon weiß ich nichts. Wer ist ermordet worden?« »Herr B o d i n , w i r haben G r u n d zu der Annahme, dass Ihr K o m p a g n o n , der 37-jährige Ronald N i e d e r m a n n , für diese Taten v e r a n t w o r t l i c h ist«, sagte Erlander. »Heute N a c h t hat Niedermann außerdem einen Polizisten aus Trollhättan umgebracht.« Sonja M o d i g war ein bisschen überrascht, dass Erlander Zalatschenko den Gefallen tat, i h n Bodin zu nennen. Zalatschenko wandte den K o p f ein Stück zur Seite, d a m i t er Erlander sehen konnte. Seine Stimme wurde ein wenig sanfter. »Tut m i r leid ... das zu hören. Ich weiß nicht, was Niedermann so treibt. Ich habe keinen Polizisten umgebracht. Ich b i n gestern N a c h t selbst Z i e l eines Mordversuchs geworden.« »Nach Ronald Niedermann w i r d derzeit gefahndet. Haben Sie eine Idee, wo er sich versteckt halten könnte?« »Ich weiß nicht, in was für Kreisen er sich bewegt. Ich . . . « Zalatschenko zögerte k u r z . D a n n n a h m seine Stimme einen vertraulicheren Ton an. »Ich muss zugeben ... ganz unter uns ... manchmal hab ich m i r Sorgen wegen Niedermann gemacht.«
Erlander beugte sich i h m entgegen. »Wie meinen Sie das?« »Ich habe bemerkt, dass er ziemlich gewalttätig werden k a n n . Ich hatte tatsächlich Angst vor ihm.« »Sie meinen, Sie fühlten sich v o n Niedermann bedroht?«, fragte Erlander nach. »Genau. Ich b i n ein alter M a n n . Ich k a n n m i c h nicht verteidigen. « »Können Sie m i r erklären, in welcher Beziehung Sie zu N i e dermann stehen?« »Ich b i n behindert.« Zalatschenko wies auf seinen Fuß. »Diese Verletzung stammt v o m ersten M o r d v e r s u c h meiner Tochter. Ich habe Niedermann schon vor vielen Jahren als Gehilfen angestellt. Ich dachte, er könnte m i c h beschützen ... doch gleichzeitig hat er die K o n t r o l l e über mein Leben übernommen. Er k o m m t u n d geht, wie es i h m passt, ich habe überhaupt nichts mehr zu sagen.« »Und wobei hilft er Ihnen?«, unterbrach Sonja M o d i g . »Bei Dingen, die Sie alleine nicht mehr schaffen?« Zalatschenko bedachte sie m i t einem langen Blick aus seinem einen sichtbaren Auge. »Ich habe erfahren, dass Ihre Tochter vor fünfzehn Jahren eine Brandbombe in Ihr A u t o geworfen h a t « , fuhr sie f o r t . »Können Sie erklären, was sie dazu veranlasst hat?« »Da müssen Sie schon meine Tochter fragen. Sie ist geisteskrank.« Seine Stimme klang jetzt wieder feindselig. »Sie meinen, Sie haben keine A h n u n g , w a r u m Lisbeth Salander Sie 1991 angegriffen hat.« »Meine Tochter ist geisteskrank. Das ist durch Gutachten belegt.« Sonja M o d i g legte den K o p f zur Seite. Sie n a h m zur Kenntnis, dass Zalatschenko deutlich aggressiver u n d feindseliger w u r d e , wenn sie die Fragen stellte. Gleichzeitig spürte sie, dass
Erlander das auch bemerkt hatte. Okay ...
Good cop, bad
cop. Sonja M o d i g hob die Stimme. »Sie glauben also nicht, dass ihre Tat etwas damit zu t u n haben könnte, dass Sie Lisbeths M u t t e r schwer misshandelt haben? Sie t r u g bleibende Hirnschäden davon.« Zalatschenko betrachtete Sonja M o d i g m i t seelenruhiger Miene. »Das ist purer Blödsinn. Ihre M u t t e r w a r eine N u t t e . Wahrscheinlich hat einer von ihren Freiern sie verdroschen. Ich b i n nur zufällig kurze Zeit später gekommen.« Sonja M o d i g zog die Augenbrauen hoch. »Sie sind also völlig unschuldig?« »Natürlich.« »Zalatschenko ... ich w i l l ganz sichergehen, dass ich Sie recht verstanden habe. Sie leugnen also, dass Sie Ihre damalige Freundin Agneta Sofia Salander, Lisbeths M u t t e r , misshandelt haben - o b w o h l das Gegenstand einer geheimen U n tersuchung ist, die I h r damaliger Sachbearbeiter bei der SiPo, Gunnar Björck, durchgeführt hat?« »Ich b i n nie für irgendetwas verurteilt w o r d e n . Ich b i n nicht m a l angeklagt w o r d e n . Ich k a n n nichts dafür, was irgendein D u m m k o p f bei der SiPo sich in seinen Berichten zusammenfantasiert. Wenn ich verdächtigt w o r d e n w ä r e , hätte es ja w o h l mindestens ein Verhör geben müssen.« Sonja M o d i g w a r sprachlos. Es sah tatsächlich so aus, als würde Zalatschenko hinter seinem Verband lächeln. »Ich möchte also Anzeige gegen meine Tochter erstatten. Sie hat versucht, m i c h zu töten.« Sonja M o d i g seufzte. Ihr w u r d e auf einmal klar, w a r u m Lisbeth Salander das Bedürfnis verspürt hatte, i h m eine A x t über den Schädel zu ziehen. Erlander räusperte sich. »Vielleicht sollten w i r noch m a l darauf zurückkommen, was Sie über Ronald Niedermanns Tätigkeiten so wissen.«
Sonja M o d i g t r a t in den K o r r i d o r vor Zalatschenkos Z i m m e r u n d rief Bublanski an. »Nichts«, sagte sie. »Nichts?«, echote Bublanski. »Er hat Anzeige gegen Lisbeth Salander erstattet, wegen schwerer Körperverletzung u n d Mordversuchs. Er behauptet, nichts m i t den M o r d e n in Stockholm zu t u n zu haben.« »Und wie erklärt er, dass Lisbeth Salander auf seinem Grundstück in Gosseberga lebendig begraben wurde?« »Er sagt, er sei erkältet gewesen u n d habe fast den ganzen Tag geschlafen. W e n n Salander in Gosseberga angeschossen w o r d e n sei, müsse das R o n a l d N i e d e r m a n n gewesen sein.« »Okay. Was haben w i r sonst noch?« »Es w u r d e m i t einer B r o w n i n g Kaliber 22 auf sie geschossen, einer eher kleinkalibrigen Waffe. Deswegen lebt sie auch noch. W i r haben die Waffe gefunden. Zalatschenko hat zugegeben, dass es seine ist.« » A h a . Er wusste also, dass w i r seine Fingerabdrücke auf der Waffe finden würden.« »Ja, aber er sagt, als er die Waffe das letzte M a l gesehen hat, lag sie in seiner Schreibtischschublade.« »Also hat wahrscheinlich Niedermann die Waffe an sich gen o m m e n , als Zalatschenko schlief, u n d auf Salander geschossen. Können w i r das Gegenteil beweisen?« Sonja M o d i g überlegte ein paar Sekunden, bevor sie antwortete. »Zalatschenko ist m i t der schwedischen Gesetzgebung u n d den M e t h o d e n der Polizei bestens vertraut. Ich weiß w i r k l i c h nicht, wie w i r i h n überführen sollen. Ich habe Erlander gebeten, überprüfen zu lassen, ob es Schmauchspuren an seiner Kleidung gibt, aber wahrscheinlich behauptet er dann, dass er zwei Tage vorher Schießübungen gemacht hat.«
Lisbeth Salander n a h m einen Geruch nach M a n d e l n u n d Äthanol wahr. Als hätte sie Schnaps im M u n d . Sie versuchte zu schlucken, musste aber feststellen, dass ihre Zunge gefühllos u n d wie gelähmt war. A u c h ihre Augen konnte sie nicht öffnen. W i e aus weiter Ferne vernahm sie eine Stimme, die m i t ihr zu reden schien, aber sie konnte die Worte nicht verstehen. D o c h dann hörte sie die Stimme plötzlich k l a r u n d deutlich. »Ich glaube, sie wacht auf.« Lisbeth spürte, wie jemand ihre Stirn berührte, u n d versuchte, die zudringliche H a n d wegzuschieben. Im selben M o ment durchzuckte jedoch ein stechender Schmerz ihre linke Schulter, u n d sie erschlaffte in der Bewegung. »Können Sie m i c h hören?« Hau ab. »Können Sie die Augen aufmachen?« Wer nervt hier? Schließlich schlug sie aber doch die Augen auf. Zuerst sah sie nur seltsame L i c h t p u n k t e , bis sich vor i h r eine Gestalt abzeichnete. Sie versuchte, den Blick schärfer zu stellen, aber die Gestalt rutschte immer wieder aus ihrem Blickfeld. Als ob sie sternhagelvoll w ä r e u n d das Bett die ganze Z e i t nach hinten wegkippte. » L s s m c h « , sagte sie. »Wie bitte?« » D i o t « , sagte sie. »Das k l i n g t ja wunderbar. Können Sie die Augen noch einmal aufmachen?« Sie öffnete die Augen zu kleinen Schlitzen. Jetzt erblickte sie ein fremdes Gesicht, von dem sie sich sofort jedes Detail einprägte. Ein blonder M a n n m i t auffällig blauen Augen u n d einem etwas schiefen, kantigen Gesicht, das nicht weit von ihrem entfernt war. »Hallo. Ich heiße Anders Jonasson. Ich b i n A r z t . Sie befinden sich im Krankenhaus. Sie sind verletzt w o r d e n und wa-
chen gerade nach einer O p e r a t i o n auf. Wissen Sie, wie Sie heißen?« »Pschalandr«, sagte Lisbeth Salander. »Okay. Könnten Sie m i r einen Gefallen tun? Z ä h l e n Sie doch bitte m a l bis zehn.« »Eins zwei vier ... nein ... drei vier fünf sechs ...« D a n n schlief sie wieder ein. Dr. Anders Jonasson war jedoch sehr zufrieden m i t ihren Reaktionen. Sie hatte ihren N a m e n genannt und angefangen zu zählen. Das ließ darauf schließen, dass sie geistig einigermaßen unversehrt geblieben war. Er hielt die Z e i t ihres ersten Aufwachens fest, 21 U h r 0 6 , k n a p p sechzehn Stunden nach Operationsende. Er selbst hatte die meiste Z e i t des Tages geschlafen u n d w a r um sieben U h r abends ins Sahlgrenska zurückgefahren. Eigentlich hatte er frei, aber auf seinem Schreibtisch häuften sich schon wieder die Unterlagen, die er dringend durchgehen musste. Außerdem hatte er es sich einfach nicht verkneifen können, auf der Intensivstation vorbeizuschauen, um sich die Patientin anzusehen, in deren Gehirn er noch in den frühen M o r g e n stunden herumgewühlt hatte. »Lassen Sie sie noch ein bisschen schlafen, aber behalten Sie i h r EEG gut im Auge. Ich habe Angst, dass es Schwellungen oder Blutungen im Gehirn geben könnte. Als sie versuchte, den A r m zu bewegen, schien sie starke Schmerzen in der Schulter zu haben. Wenn sie aufwacht, können Sie ihr zwei M i l l i g r a m m M o r p h i n p r o Stunde geben.« Er w a r seltsam aufgekratzter Stimmung, als er das K r a n kenhaus durch den Haupteingang wieder verließ. Es war kurz vor zwei U h r morgens, als Lisbeth Salander zu sich k a m . Langsam schlug sie die Augen auf und sah einen Lichtkegel an der Decke. N a c h ein paar M i n u t e n drehte sie den K o p f und bemerkte dabei, dass sie eine Halskrause t r u g .
Sie verspürte ein dumpfes K o p f w e h u n d einen stechenden Schmerz in der Schulter, als sie versuchte, ihr Körpergewicht zu verlagern. Sie schloss die Augen. Krankenbaus, dachte sie sofort. Was mache ich hier? Sie fühlte sich unendlich erschöpft. Zuerst tat sie sich schwer, ihre Gedanken zu sammeln. D o c h dann kamen ihr Bruchstücke zu Bewusstsein. Ein paar Sekunden lang ergriff sie Panik, als sie v o n der Erinnerung überfallen w u r d e , wie sie sich aus ihrem Erdgrab befreit hatte. D o c h dann biss sie die Z ä h n e zusammen und k o n zentrierte sich m i t aller M a c h t . Sie stellte fest, dass sie am Leben war. Allerdings war sie nicht ganz sicher, ob das jetzt gut war oder schlecht. Lisbeth Salander wusste nicht mehr so recht, was alles geschehen war, aber sie erinnerte sich an ein schemenhaftes M o saik v o n Bildern aus dem Holzschuppen u n d wie sie ihren Vater m i t der A x t ins Gesicht getroffen hatte. Zalatschenko. War er noch am Leben? Was m i t Niedermann passiert war, hätte sie auch nicht sagen können. D o c h erinnerte sie sich vage daran, dass er um sein Leben gerannt war u n d sie nicht wusste, was i h n so erschreckt hatte. Plötzlich fiel ihr ein, dass sie auch Kalle Fucking Blomkvist gesehen hatte. Sie war nicht sicher, ob sie das Ganze nur geträumt hatte, aber sie erinnerte sich an eine Küche - es musste die Küche in Gosseberga gewesen sein - u n d meinte gesehen zu haben, wie M i k a e l auf sie z u k a m . Ich muss Halluzinationen gehabt
haben.
Die Geschehnisse in Gosseberga kamen ihr w e i t entfernt vor, wie ein verrückter T r a u m . Also konzentrierte sie sich wieder auf die Gegenwart. Sie war verletzt. Das musste man ihr nicht erst mitteilen. Als sie die rechte H a n d hob u n d ihren K o p f abtastete, stellte sie fest, dass sie einen dicken Verband t r u g . Plötzlich k a m die Er-
innerung wieder. Niedermann. Zalatschenko. Der alte Widerling hatte auch eine Pistole dabeigehabt. Eine B r o w n i n g K a l i ber 22. Im Vergleich m i t fast allen anderen Handfeuerwaffen ein ziemlich harmloses D i n g . Deswegen w a r sie jetzt ja auch noch am Leben. Ich
bin in den
Kopf geschossen
worden.
Ich
konnte einen
Finger in das Einschussloch stecken und mein Gehirn berühren. Sie wunderte sich darüber, dass sie noch lebte. U n d stellte fest, dass sie dabei seltsam gleichgültig war. Wenn der T o d diese schwarze Leere war, aus der sie gerade erwacht war, dann musste man keine Angst vor i h m haben. Sie würde den Unterschied nie bemerken. M i t dieser esoterischen Überlegung schloss sie die Augen u n d schlummerte wieder ein. Sie hatte erst ein paar M i n u t e n geschlafen, da nahm sie Bewegungen w a h r u n d öffnete die Augenlider einen Spaltbreit. Eine Krankenschwester beugte sich über sie. Lisbeth schloss die Augen u n d stellte sich schlafend. »Ich glaube, Sie sind w a c h « , stellte die Schwester fest. » M m m « , sagte Lisbeth Salander. » H a l l o , ich heiße M a r i a n n e . Können Sie m i c h verstehen?« Lisbeth versuchte zu nicken, spürte dann aber, dass i h r Nacken in der Halskrause fixiert war. »Nein, versuchen Sie lieber nicht, sich zu bewegen. Sie brauchen keine Angst zu haben. Sie sind verletzt u n d haben eine O p e r a t i o n hinter sich.« »Kann ich Wasser kriegen?« M a r i a n n e gab ihr m i t einem Strohhalm Wasser zu t r i n k e n . Während Lisbeth t r a n k , bemerkte sie, dass auf der linken Seite noch jemand auftauchte. » H a l l o , Lisbeth. Können Sie mich hören?« » M m m « , antwortete sie. »Ich b i n Dr. Helena E n d r i n . Wissen Sie, wo Sie sind?«
»Krankenhaus.« »Sie befinden sich im Sahlgrenska-Krankenhaus in Göteborg. Sie sind operiert w o r d e n u n d liegen jetzt auf der Intensivstation.« »Mmm.« »Sie brauchen keine Angst zu haben.« »Ich bin in den K o p f geschossen worden.« Dr. E n d r i n zögerte k u r z . »Das ist richtig. Können Sie sich erinnern, was passiert ist?« »Der Scheißkerl hatte eine Pistole.« »Äh ... ja, genau.« »Kaliber 22.« »Aha. Das wusste ich gar nicht.« »Wie schwer b i n ich verletzt?« »Die Prognose ist gut. Es hatte Sie ganz schön übel erwischt, aber w i r glauben, dass Sie eine gute Chance haben, wieder völl i g gesund zu werden.« Lisbeth überlegte einen M o m e n t . D a n n fixierte sie Dr. End r i n , w o b e i sie merkte, dass sie immer noch verschwommen sah. »Was ist m i t Zalatschenko passiert?« »Mit w e m ? « »Mit dem Scheißkerl. Lebt er?« »Sie meinen K a r l A x e l Bodin?« »Nein. Ich meine Alexander Zalatschenko. Das ist sein richtiger N a m e . « »Davon weiß ich nichts. Aber der ältere M a n n , der gemeinsam m i t Ihnen eingeliefert w u r d e , ist zwar auch schwer verletzt, aber außer Lebensgefahr.« Lisbeth sank der M u t . Sie überdachte die Worte der Ärztin. »Wo ist er?« »Er liegt im Z i m m e r nebenan. Aber Sie sollten sich jetzt nicht um i h n kümmern. Sie sollten sich ganz darauf konzentrieren, wieder gesund zu werden.«
Lisbeth schloss die Augen. Sie überlegte k u r z , ob sie es w o h l schaffen könnte, aus dem Bett zu steigen, eine brauchbare Waffe aufzutreiben u n d das begonnene W e r k zu Ende zu b r i n gen. D o c h dann schob sie diesen Gedanken wieder beiseite. Sie konnte ja k a u m die Augen offen halten. M i t anderen W o r ten: Ihr Vorhaben, Zalatschenko zu töten, war misslungen. Er wird
wieder
davonkommen.
»Ich würde Sie gern kurz untersuchen. D a n n können Sie weiterschlafen«, sagte Dr. E n d r i n . M i k a e l Blomkvist wachte aus unerfindlichen Gründen plötzlich auf. Ein paar Sekunden lang wusste er nicht, wo er war, bevor i h m wieder einfiel, dass er sich ein Z i m m e r im City H o t e l genommen hatte. Es w a r pechschwarz im Zimmer. Er knipste die Nachttischlampe an u n d sah auf die Uhr. H a l b drei U h r morgens. Er hatte also fünfzehn Stunden am Stück geschlafen. Er stand auf, ging auf die Toilette u n d urinierte. D a n n überlegte er eine Weile. Da er wusste, dass er nicht mehr würde einschlafen können, stellte er sich gleich unter die Dusche. Danach zog er eine Jeans u n d ein weinrotes Sweatshirt an, dem ein Waschgang durchaus nicht geschadet hätte. Er hatte einen Bärenhunger, also rief er die Rezeption an u n d erkundigte sich, ob er zu dieser frühen Stunde w o h l Kaffee u n d ein belegtes Brötchen haben könnte. Er konnte. Also zog er sich eine Jacke über, ging an die Rezeption u n d holte sich d o r t seinen Kaffee u n d ein in Folie verpacktes Roggenbrötchen m i t Käse u n d Leberwurst. Während er aß, fuhr er sein iBook hoch u n d steckte das Kabel in die Breitbandsteckdose. D a n n sah er sich die Online-Ausgabe des Aftonbladet an. Wie zu erwarten, w a r die Festnahme von Lisbeth Salander der Aufmacher. Die Berichterstattung w a r nach wie vor v o n V e r w i r r u n g geprägt, doch im Großen u n d Ganzen auf der richtigen Spur. Der 37-jährige Ronald Niedermann w u r d e wegen des Polizistenmordes gesucht; außerdem w o l l t e i h n die
Polizei in Zusammenhang m i t den M o r d e n in Stockholm vernehmen. Zu Lisbeth Salanders Zustand hatte sich die Polizei noch nicht geäußert, u n d Zalatschenko wurde namentlich überhaupt nicht erwähnt. Er tauchte in den Berichten nur als 66-jähriger Grundbesitzer auf, w o h n h a f t in Gosseberga. Ganz offensichtlich gingen die M e d i e n noch davon aus, dass er ein Opfer war. Als M i k a e l fertig gelesen hatte, klappte er sein H a n d y auf u n d stellte fest, dass er zwanzig ungelesene Nachrichten hatte. D r e i von ihnen waren Aufforderungen, Erika Berger anzurufen. Z w e i waren von A n n i k a G i a n n i n i . Vierzehn M i t t e i l u n g e n stammten von Reportern diverser Zeitungen. Eine v o n Christer M a l m , der i h m die prägnante SMS geschickt hatte: Es wäre klug, wenn du dich in den erstbesten Zug nach Hause setzen würdest. M i k a e l runzelte die Stirn. Für einen Christer M a l m war das eine seltsame N a c h r i c h t . Die SMS w a r am Vorabend um sieben U h r geschickt w o r d e n . Er unterdrückte seinen Impuls, sofort anzurufen u n d i h n um drei U h r morgens aus dem Bett zu holen. Stattdessen sah er sich im Internet die Zugfahrpläne an u n d entdeckte, dass der erste Z u g nach Stockholm um 5 U h r 20 abfuhr. Er öffnete ein neues W o r d - D o k u m e n t . Danach zündete er sich erst mal eine Zigarette an u n d starrte auf den leeren Bildschirm. Schließlich hob er die Finger u n d begann zu tippen. Ihr Name ist Lisbeth Salander. Die Schweden haben sie durch die Pressekonferenzen der Polizei und die Überschriften der Abendzeitungen kennengelernt. Sie ist 27 Jahre alt und 1 Meter 50 groß. Sie ist als Psychopathin, Mörderin und lesbische Satanistin dargestellt worden. Bei den absurden Geschichten, die bis jetzt über sie in Umlauf gebracht wurden, schienen der Fantasie fast keine Grenzen gesetzt zu sein. In diesem Heft erzählt Millennium die Geschichte, wie Beamte sich gegen Lisbeth Salander verschworen, um einen pathologischen Mörder zu schützen.
Er schrieb langsam u n d änderte nur w e n i g an seinem ersten E n t w u r f . N a c h fünfzig M i n u t e n konzentrierter A r b e i t hatte er k n a p p zwei Seiten fertiggestellt, auf denen er die N a c h t rekapitulierte, in der er D a g Svensson u n d M i a Bergman gefunden hatte, u n d nachvollzog, w a r u m die Polizei sich auf Lisbeth Salander als Mordverdächtige eingeschossen hatte. Er zitierte die Überschriften der Abendzeitungen, die v o n lesbischen Satanistinnen sprachen u n d die H o f f n u n g nährten, dass z u m Dunstkreis dieser M o r d e auch pikanter BDSM-Sex gehörte. Schließlich w a r f er einen Blick auf die U h r u n d klappte schnell sein iBook zu. Nachdem er seine Tasche gepackt hatte, ging er zur Rezeption u n d checkte aus. Er bezahlte m i t Kreditkarte u n d nahm sich ein Taxi zum Göteborger H a u p t b a h n h o f . M i k a e l Blomkvist ging direkt in den Speisewagen, wo er sich Kaffee u n d ein belegtes Brötchen bestellte. Er öffnete erneut sein iBook u n d las den Text d u r c h , den er in den M o r g e n s t u n den geschrieben hatte. Er w a r so vertieft in die F o r m u l i e r u n gen der Zalatschenko-Geschichte, dass er K r i m i n a l i n s p e k t o r i n Sonja M o d i g gar nicht bemerkte, bis sie sich räusperte u n d fragte, ob sie i h m Gesellschaft leisten dürfe. Er blickte auf u n d klappte den Laptop zu. »Auf dem H e i m w e g ? « , erkundigte sich M o d i g . Er nickte. »Sie anscheinend auch.« Sie nickte. »Mein Kollege bleibt noch einen Tag.« »Haben Sie etwas über Lisbeth Salanders Zustand gehört? Ich habe nur geschlafen, nachdem ich Sie z u m letzten M a l gesehen habe.« »Sie ist erst gestern Abend aufgewacht. Aber die Ärzte glauben, dass sie d u r c h k o m m t u n d wieder ganz gesund w i r d . Sie hat unglaubliches Glück gehabt.«
Blomkvist nickte wieder. A u f einmal fiel i h m auf, dass er sich gar keine Sorgen um sie gemacht hatte. Er war fest davon ausgegangen, dass sie überleben w ü r d e . Alles andere war u n denkbar. »Ist noch irgendwas anderes v o n Interesse passiert?«, w o l l te er wissen. Sonja M o d i g betrachtete i h n zweifelnd. Sie fragte sich, wie viel sie diesem Journalisten anvertrauen k o n n t e , der ja in der Tat mehr v o n der ganzen Geschichte wusste als sie. Andererseits hatte sie sich an seinen Tisch gesetzt, u n d r u n d hundert Reporter hatten sicher längst herausgefunden, was im Polizeipräsidium vor sich ging. »Ich möchte nicht zitiert w e r d e n « , begann sie. »Ich frage aus rein persönlichem Interesse.« Sie nickte u n d erklärte, dass die Polizei im ganzen Land per Großeinsatz nach Ronald Niedermann fahndete, vor allem in der Gegend um M a l m ö . »Und Zalatschenko? Haben Sie den schon verhört?« »Ja, w i r haben i h n vernommen.« »Und?« »Das k a n n ich nicht erzählen.« » K o m m e n Sie schon, Sonja. Ungefähr eine Stunde nachdem ich in Stockholm die Redaktion betreten habe, werde ich genau wissen, w o r ü b e r Sie gesprochen haben. U n d ich werde kein W o r t v o n dem schreiben, was Sie m i r hier erzählen.« Sie zögerte lange, bevor sie i h m in die Augen sah. »Er hat Anzeige gegen Lisbeth Salander erstattet, w e i l sie angeblich versucht hat, i h n umzubringen. Vielleicht w i r d sie in Untersuchungshaft genommen wegen schwerer Körperverletzung oder auch versuchten M o r d e s . « »Und sie w i r d sich m i t allergrößter Wahrscheinlichkeit auf ihr Recht auf N o t w e h r berufen.« »Ich hoffe es«, sagte Sonja M o d i g . M i k a e l fasste sie scharf ins Auge.
»Das klang jetzt aber nicht sehr polizeigemäß«, sagte er abwartend. »Bodin ... Zalatschenko ist aalglatt u n d hat auf jede Frage eine A n t w o r t parat. Ich b i n völlig überzeugt, dass es sich im Großen u n d Ganzen so verhält, wie Sie es uns gestern geschildert haben. Das bedeutet, dass Salander seit ihrem zwölften Lebensjahr mehr oder weniger ununterbrochen Opfer eines Justizirrtums war.« M i k a e l nickte. »Mit dieser Story werde ich an die Öffentlichkeit gehen«, sagte er. »Diese Story w i r d in gewissen Lagern nicht unbedingt auf Begeisterung stoßen.« Sie zögerte abermals. M i k a e l wartete. »Ich habe vor einer halben Stunde m i t Bublanski telefoniert. Er sagt nicht allzu viel, aber die polizeilichen E r m i t t lungen gegen Salander wegen der M o r d e an Ihren Freunden scheinen eingestellt w o r d e n zu sein. Jetzt konzentriert m a n sich v o l l auf Niedermann.« »Was bedeutet, dass ...« Er ließ die Frage im Raum stehen. Sonja M o d i g zuckte die Achseln. »Wer w i r d die Ermittlungen im Fall Salander leiten?« »Ich weiß es nicht. Die Geschichte in Gosseberga ist w o h l in erster Linie Sache der Kollegen in Göteborg. Aber ich denke, dass auch jemand in Stockholm den A u f t r a g bekommen w i r d , vor einer Anklage das gesamte M a t e r i a l zusammenzustellen.« »Verstehe. Wollen w i r wetten, dass die Ermittlungen an die SiPo weitergeleitet werden?« Sie schüttelte den Kopf. K u r z v o r Alingsäs beugte sich M i k a e l ihr entgegen. »Sonja ... ich glaube, Sie verstehen, wie hier der Hase läuft. W e n n die Zalatschenko-Geschichte an die Öffentlichkeit k o m m t , gibt es einen Skandal erster Güte. SiPo-Aktivisten ha-
ben m i t einem Psychiater zusammengearbeitet, um Salander ins Irrenhaus zu sperren. Ihre einzige Chance besteht d a r i n , hartnäckig bei der Behauptung zu bleiben, dass Lisbeth Salander w i r k l i c h geisteskrank ist u n d dass die Zwangseinweisung 1991 ihre Berechtigung hatte.« Sonja M o d i g nickte. »Ich werde alles t u n , um derartige Pläne zu durchkreuzen. Meiner M e i n u n g nach ist Lisbeth Salander genauso zurechnungsfähig wie Sie u n d ich. Eigenartig ist sie, das schon, aber ihre geistigen Fähigkeiten stehen völlig außer Frage.« Sonja M o d i g nickte wieder. M i k a e l machte eine Pause, um seine Worte w i r k e n zu lassen. »Ich brauchte einen Insider, dem ich vertrauen k a n n « , begann er. Sie sah i h n an. »Ich habe nicht die Kompetenz, zu entscheiden, ob Lisbeth Salander geisteskrank ist«, erwiderte sie. »Nein, aber Sie haben die Kompetenz, zu beurteilen, ob sie einem Übergriff seitens der Justiz ausgesetzt w i r d oder nicht.« »Was schlagen Sie vor?« »Ich sagte nicht, dass Sie Ihre Kollegen verpfeifen sollen, aber ich w i l l , dass Sie m i r entsprechende Inform a tione n geben, w e n n Sie entdecken, dass Lisbeth neuerlichen Übergriffen ausgesetzt wird.« Sonja M o d i g schwieg. »Ich b i n nicht an ermittlungstechnischen Details interessiert. Verlassen Sie sich auf Ihr eigenes U r t e i l . Aber ich muss wissen, was aus der Anklage gegen Lisbeth Salander wird.« »Klingt wie eine sichere M e t h o d e , sich eine Kündigung einzufangen.« »Sie sind für mich nur eine Quelle. Ich werde Sie niemals namentlich nennen oder irgendwie in Schwierigkeiten bringen.« Er riss eine Seite aus seinem N o t i z b u c h u n d schrieb eine Mailadresse auf.
»Das ist eine anonyme Hotmail-Adresse. Wenn Sie etwas erzählen w o l l e n , können Sie m i r an diese Adresse schreiben. Ihre normale Mailadresse dürfen Sie dabei natürlich nicht benutzen. Sie sollten sich vorübergehend ein K o n t o bei H o t m a i l einrichten.« Sie n a h m die Adresse entgegen u n d steckte sie in die Innentasche ihrer Jacke. Sie versprach nichts. K r i m i n a l i n s p e k t o r Marcus Erlander wurde am Samstagmorgen um sieben v o m Klingeln des Telefons geweckt. Er hörte Stimmen v o m Fernseher u n d roch den Kaffeeduft aus der Küche, für den seine Frau v e r a n t w o r t l i c h war. Er w a r um ein U h r nachts in seine W o h n u n g in M ö l n d a l zurückgekehrt u n d hatte knapp fünf Stunden geschlafen. Vorher w a r er fast zweiundzwanzig Stunden lang auf den Beinen gewesen, sodass er alles andere als ausgeschlafen war, als er seine H a n d nach dem Telefonhörer ausstreckte. »Märtensson, Fahndung, Nachtdienst. Sind Sie schon auf?« » N e i n « , gab Erlander zurück. »Ich w a r noch nicht m a l r i c h t i g eingeschlafen. Was ist denn passiert?« »Neuigkeiten. A n i t a Kaspersson ist aufgetaucht.« »Wo?« »In der N ä h e v o n Seglora, südlich v o n Boras.« Erlander versuchte sich die Landkarte vor Augen zu führen. »Richtung Süden«, sagte er. »Er n i m m t also den Weg über die kleinen Landstraßen. Er muss die I 8 o über Boras genommen haben u n d dann Richtung Süden gefahren sein. Haben w i r M a l m ö schon alarmiert?« »Ja, und natürlich auch Heisingborg, Landskrona, Trelleborg und Karlskrona. Ich dachte an die Fähre in Richtung Süden.« Erlander stand auf u n d rieb sich den Nacken. »Er hat mittlerweile fast einen ganzen Tag Vorsprung. Er könnte auch schon außer Landes sein. W i e hat m a n A n i t a Kaspersson gefunden?«
»Sie klopfte an die T ü r eines Einfamilienhauses in der N ä h e von Seglora.« »Was?« »Sie klopfte ...« »Ich hab schon verstanden. Sie ist also am Leben?« »Entschuldigung. Ich b i n so müde u n d drücke m i c h nicht mehr ganz so konzentriert aus. A n i t a Kaspersson t r a t um 3 U h r io gegen die T ü r eines Einfamilienhauses, wo sie eine Familie m i t K i n d e r n aufscheuchte, die schlafend in ihren Betten lagen. Sie w a r barfuß u n d schwer unterkühlt. Ihre H ä n de waren auf dem Rücken gefesselt. Im M o m e n t ist sie im Krankenhaus in Boras, wo inzwischen auch i h r M a n n eingetroffen ist.« »Irgendwie sind w i r alle davon ausgegangen, dass sie nicht mehr am Leben ist.« » M a n c h m a l erlebt man so seine Überraschungen.« »Positive Überraschungen.« »Dann ist jetzt w o h l der richtige M o m e n t für die schlechten Neuigkeiten gekommen. Die stellvertretende Polizeipräsident i n Spängberg ist seit heute M o r g e n um fünf hier. Sie hat angeordnet, dass Sie so schnell wie möglich aufstehen u n d nach Boras fahren sollen, um Kaspersson zu verhören.« Da es Samstagmorgen war, erwartete M i k a e l nicht, in der Millennium-Redaktion
jemanden
anzutreffen.
Er
rief
Christer
M a l m an, als der X 2 0 0 0 gerade die Ärsta-Brücke überquerte, u n d fragte i h n nach dem G r u n d für seine SMS. »Hast du schon gefrühstückt?«, erkundigte sich Christer. »Im Z u g , ja.« »Okay. K o m m zu m i r nach Hause, ich mach d i r was A n ständiges.« »Worum geht's denn?« »Das erzähl ich dir, wenn du kommst.« M i k a e l n a h m die U-Bahn bis zum Medborgarplatsen u n d
ging zu Fuß die Allhelgonagatan entlang. Christers Freund machte i h m die T ü r auf. Sosehr sich M i k a e l auch bemühte, konnte er sich nie ganz v o n dem Eindruck frei machen, ein Werbeplakat zu betrachten, wenn er vor A r n o l d Magnusson stand. A r n o l d Magnusson hatte früher am Dramaten gearbeitet, dem schwedischen Nationaltheater in Stockholm, u n d w a r einer der begehrtesten Schauspieler in ganz Schweden. Es war immer wieder i r r i t i e r e n d , i h m im w i r k l i c h e n Leben zu begegnen. M i k a e l ließ sich v o n Prominenz für gewöhnlich nicht beeindrucken, doch A r n o l d Magnusson hatte eben ein so charakteristisches Aussehen u n d w a r so eng m i t gewissen F i l m u n d Fernsehrollen verknüpft - vor allem m i t der Rolle des cholerischen, aber rechtschaffenen Kriminalkommissars G u n nar Frisk in einer populären Fernsehserie -, dass M i k a e l jeden M o m e n t erwartete, er müsse sich gleich w i r k l i c h wie Gunnar Frisk benehmen. » H a l l o , M i c k e « , begrüßte i h n A r n o l d . » H a l l o « , gab M i k a e l zurück. »In der K ü c h e « , sagte A r n o l d u n d ließ i h n eintreten. Christer tischte gerade heiße Waffeln m i t Himbeermarmelade auf u n d dazu frisch aufgebrühten Kaffee. N o c h bevor er sich hingesetzt hatte, lief M i k a e l das Wasser im M u n d zusammen, u n d er stürzte sich auf seinen Teller. Christer fragte i h n , was in Gosseberga passiert sei, u n d M i k a e l rekapitulierte noch einmal die Details. Erst bei der d r i t t e n Waffel fiel i h m wieder ein, sich selbst zu erkundigen, was eigentlich los sei. »Bei Millennium ist ein kleines Problem entstanden, w ä h rend du in Göteborg w a r s t « , fing er an. M i k a e l zog die Augenbrauen hoch. »Und z w a r ? « »Nichts Ernstes. Aber Erika ist ab sofort Chefredakteurin der Svenska Morgon-Posten. Gestern w a r ihr letzter Arbeitstag bei uns.«
M i k a e l , der sich gerade den nächsten Bissen in den M u n d gesteckt hatte, erstarrte. Erst nach ein paar Sekunden war die Botschaft w i r k l i c h bei i h m angekommen. »Warum hat sie das nicht früher gesagt?«, fragte er schließlich. »Weil sie es d i r zuerst erzählen w o l l t e , du aber die ganze Ze i t in der Weltgeschichte rumgesegelt bist u n d wochenlang nicht ansprechbar warst. Wahrscheinlich dachte sie, dass du m i t deiner Salander-Geschichte schon genügend Probleme hast. T j a , so verging ein Tag nach dem andern ... Plötzlich saß sie da m i t einem mordsschlechten Gewissen, u n d w i r haben überhaupt nichts gemerkt.« M i k a e l schloss die Augen. » V e r d a m m t ! « , sagte er. »Ich w o l l t e es dir sagen, damit du verstehst, was da passiert ist, u n d nicht denkst, dass m a n dich irgendwie hintergangen hat.« »So was w ü r d e ich nie denken. Ich meine, es ist großartig, dass sie diesen Job gekriegt hat, w e n n sie denn bei der SMP arbeiten w i l l ... aber was z u m Teufel machen w i r jetzt in der Redaktion?« »Wir haben M a l i n ab dem nächsten Heft zur Chefredakteurin ernannt.« »Malin?« »Wenn du nicht Chefredakteur werden w i l l s t . . . « »Nein, u m H i m m e l s willen.« »Dachte ich m i r doch. D a n n also M a l i n . « »Und wer soll Redaktionssekretär werden?« »Henry. Er ist seit vier Jahren bei uns u n d kein unerfahrener Praktikant mehr.« M i k a e l dachte über die Vorschläge nach. »Habe ich da überhaupt noch ein W o r t mitzureden?«, fragte er. » N ö « , erwiderte Christer M a l m .
M i k a e l lachte trocken. »Okay. D a n n bleibt es also bei eurer Entscheidung. M a l i n ist t o u g h , aber etwas unsicher. U n d H e n r y schießt noch ein bisschen zu o f t aus der Hüfte. W i r müssen sie gut im Auge behalten.« »Ja, das m ü s s e n wir.« M i k a e l schwieg. Er dachte daran, dass es ohne Erika verd a m m t leer w e r d e n würde u n d dass er nicht wusste, wie sie ohne sie z u r e c h t k o m m e n sollten. »Ich muss E r i k a anrufen u n d . . . « »Ich glaube, das brauchst du n i c h t . . . « »Warum?« »Sie schläft in der Redaktion. Geh h i n u n d weck sie auf.« M i k a e l fand eine tief schlafende Erika Berger auf dem Ausziehsofa in i h r e m Büro vor. Sie hatte die N a c h t d a m i t verbracht, persönliche Gegenstände u n d Papiere, die sie aufheben w o l l t e , aus den Bücherregalen u n d dem Schreibtisch zu räumen. Vier Umzugskartons hatte sie damit gefüllt. M i k a e l blieb auf der Schwelle stehen u n d betrachtete sie lange, bevor er eintrat, sich a u f die Sofakante setzte u n d sie aufweckte. »Warum in d r e i Teufels N a m e n gehst du denn nicht in meine W o h n u n g u n d schläfst d a ? « , fragte er. »Hallo, M i k a e l « , entgegnete sie. »Christer h a t es m i r schon gesagt.« Sie w o l l t e etwas erwidern, aber er beugte sich zu ihr hinab u n d küsste sie a u f die Wange. »Bist du b ö s e auf mich?« » W a h n s i n n i g « , erwiderte er lakonisch. »Es t u t m i r l e i d . Aber zu diesem Angebot konnte ich einfach nicht N e i n sagen. Trotzdem k o m m t es m i r so vor, als würde ich euch im Stich lassen.« »Ich b i n w a h r s c h e i n l i c h nicht derjenige, der das Recht hat, dich zu k r i t i s i e r e n . Vor zwei Jahren b i n ich einfach abge-
hauen, u n d das in einer Situation, die viel brenzliger w a r als die jetzige.« »Das eine hat m i t dem anderen nichts zu t u n . Du hast nur eine Pause gemacht. Ich höre endgültig auf u n d hab euch das verheimlicht. Es t u t m i r so leid.« Er streckte die H a n d aus u n d zerzauste ihr m i t einer freundschaftlichen Geste die Haare. »Dass du in diesem Irrenhaus aufhören w i l l s t , verstehe ich ja, aber dass du Chefin der knochentrockensten Altherrenzeit u n g Schwedens werden w i l l s t , da muss ich erst m a l drüber wegkommen.« »Da arbeiten eigentlich ziemlich viele Frauen.« » N a und? Guck dir doch bloß m a l ihre Leitartikelseite an. Ist doch v o n v o r n bis hinten v o n anno dazumal. Du musst w i r k l i c h eine verrückte Masochistin sein, wenn du da arbeiten w i l l s t . W o l l e n w i r rausgehen u n d irgendwo einen Kaffee trinken?« Erika setzte sich auf. »Ich muss wissen, was gestern N a c h t in Göteborg passiert ist.« »Ich sitze grade an der Story«, sagte M i k a e l . »Aber wenn w i r die veröffentlichen, dann w i r d die Hölle los sein.« »Nicht wir. Ihr.« »Ich weiß. W i r werden das Ganze parallel z u m Prozess veröffentlichen. Ich nehme ja nicht an, dass du vorhast, die Sache zur SMP mitzunehmen. Aber ich w i l l , dass d u noch etwas über die Zalatschenko-Geschichte schreibst, bevor du bei Millennium aufhörst.« » M i c k e , ich . . . « »Dein letzter Leitartikel. Du kannst i h n schreiben, w a n n du Lust hast. Wahrscheinlich w i r d er nicht vor der Gerichtsverhandlung erscheinen, w a n n auch immer die stattfinden wird.« »Vielleicht ist das keine so gute Idee. W o v o n soll er denn handeln?«
»Von M o r a l « , erklärte M i k a e l Blomkvist. »Und davon, dass einer unserer M i t a r b e i t e r ermordet w u r d e , weil der Staat vor fünfzehn Jahren seine Hausaufgaben nicht gemacht hat.« M e h r brauchte er nicht zu erklären. Erika Berger wusste gen a u , was für ein Leitartikel i h m vorschwebte. Sie überlegte kurz. Sie hatte die Zeitschrift ja mehr oder weniger allein geleitet, nachdem Dag Svensson ermordet w o r d e n war. Plötzlich war ihr wieder viel leichter ums Herz. » O k a y « , versprach sie. »Der letzte Leitartikel.«
4. Kapitel Samstag, 9. April - Sonntag, 10. April
Am Samstagmittag um ein U h r hatte sich die Staatsanwältin M a r t i n a Fransson in Södertälje endlich einen Überblick über die Situation verschafft. Der Waldfriedhof in N y k v a r n w a r eine grauenhafte Geschichte, u n d seit dem M i t t w o c h , als Paolo Roberto seinen B o x k a m p f im dortigen Lagergebäude bestritten hatte, waren bei der K r i m i n a l a b t e i l u n g Unmengen v o n Überstunden angehäuft w o r d e n . H i e r waren gleich mehrere Verbrechen im Spiel: Mindestens drei M o r d e an den Personen, die d o r t begraben w o r d e n waren, die Entführung u n d schwer e Körperverletzung v o n M i r i a m W u sowie Brandstiftung. M i t N y k v a r n w u r d e n auch die Ereignisse i n Stallarholmen i m Polizeidistrikt Strängnäs in V e r b i n d u n g gebracht, bei denen Carl-Magnus L u n d i n v o m Svavelsjö MC eine Schlüsselrolle gespielt hatte. L u n d i n lag derzeit m i t Gipsbein u n d geschientem Kiefer im Krankenhaus in Södertälje. In diesem Fall oblagen sämtliche Verbrechen der Bezirkspolizei, was bedeutete, dass Stockholm das letzte W o r t haben w ü r d e . Am Freitag w a r über die Untersuchungshaft beschieden w o r d e n . L u n d i n konnte m i t Sicherheit m i t N y k v a r n i n Verbindung gebracht werden. Schließlich w a r geklärt w o r d e n , dass das Lager der Firma M e d i m p o r t gehörte, deren Eigentümerin eine gewisse A n n e l i Karlsson war, 52 Jahre alt u n d
w o h n h a f t in Puerto Banus in Spanien. Sie w a r eine Cousine von Magge L u n d i n , hatte keinerlei Vorstrafen u n d schien bei der ganzen Geschichte allenfalls die Rolle eines Strohmanns gespielt zu haben. M a r t i n a Fransson klappte den Ordner m i t den Unterlagen der Voruntersuchung zu. M a n steckte noch in den Anfängen, es würden also noch mehrere hundert Seiten h i n z u k o m m e n , bis man für den Prozess bereit war. D o c h sie musste schon jetzt über gewisse Fragen entscheiden. Sie sah die Kollegen von der Polizei an. »Wir haben genug, um Anklage gegen L u n d i n zu erheben wegen Beteiligung an der Entführung von M i r i a m W u . Paolo Roberto hat i h n als den M a n n identifiziert, der den Lieferwagen gefahren hat. Aus gewissen Gründen betrachte ich i h n auch als mitschuldig an der Brandstiftung, auch dafür lasse ich den Haftbefehl ausstellen. M i t der Anklage wegen Beihilfe zum M o r d an den drei Personen, die w i r auf dem Gelände ausgegraben haben, warten w i r noch, bis sie alle identifiziert sind.« Die Polizisten nickten. Diesen Bescheid hatten sie sich so erwartet. »Was machen w i r m i t Sonny Nieminen?« M a r t i n a Fransson blätterte, bis sie N i e m i n e n in den Unterlagen auf ihrem Schreibtisch gefunden hatte. »Bei dem k o m m t ja ganz schön was zusammen: Raub, illegaler Waffenbesitz, Körperverletzung, schwere Körperverletzung, Totschlag u n d Rauschgift. Er wurde also zusammen m i t L u n d i n in Stallarholmen festgenommen. Ich bin restlos davon überzeugt, dass er in die Sache verwickelt ist - alles andere w ä re höchst unwahrscheinlich. Aber das Problem ist, dass w i r i h m nicht w i r k l i c h etwas nachweisen können.« »Er sagt, er sei nie im Lager in N y k v a r n gewesen u n d habe m i t L u n d i n nur eine M o t o r r a d t o u r gemacht«, sagte der K r i minalinspektor aus Stallarholmen. »Er behauptet, er habe keine A h n u n g , was L u n d i n in Stallarholmen wollte.«
M a r t i n a Fransson fragte sich, ob sie die ganze Sache vielleicht Staatsanwalt Richard Ekström in Stockholm unterschieben konnte. »Nieminen weigert sich, über die Geschehnisse zu sprechen, aber er leugnet energisch, an einem Verbrechen beteiligt gewesen zu sein«, fuhr der K r i m i n a l i n s p e k t o r fort. » N a , es sieht ja fast so aus, als wären L u n d i n u n d er in Stallarholmen
selbst Opfer eines
Verbrechens g e w o r d e n « ,
meinte M a r t i n a Fransson und trommelte gereizt m i t den Fingern auf dem Ordner herum. »Lisbeth Salander . . . « , fügte sie m i t offenkundigem Zweifel in der Stimme hinzu. »Also, w i r reden hier v o n einem M ä d chen, das aussieht, als w ä r e sie gerade m a l in die Pubertät gek o m m e n . Sie ist i Meter 50 groß u n d verfügt k a u m über die körperlichen Kräfte, die es braucht, um einen N i e m i n e n u n d einen L u n d i n zu überwältigen.« »Falls sie nicht bewaffnet war.« »Aber das lässt sich eben nicht m i t der R e k o n s t r u k t i o n der Geschehnisse in Einklang bringen.« »Nein. Sie hat Tränengas verwendet u n d L u n d i n m i t solcher W u c h t in den Schritt u n d ins Gesicht getreten, dass sie i h m einen H o d e n sowie den Kieferknochen zertrümmert hat. Der Schuss in den Fuß muss nach dieser Misshandlung erfolgt sein. Aber ich k a n n m i r nicht recht vorstellen, dass sie diejenige war, die die Waffe bei sich trug.« »Das Labor hat die Waffe identifiziert, m i t der auf L u n d i n geschossen w u r d e . Es ist eine polnische P-83 Wanad m i t M a k a r o v - M u n i t i o n . Sie wurde in Gosseberga bei Göteborg aufgefunden und trägt Salanders Fingerabdrücke. W i r können m i t großer Sicherheit davon ausgehen, dass sie diese Waffe nach Gosseberga mitgebracht hat.« »Das schon. Aber die Seriennummer zeigt, dass die Pistole vor vier Jahren bei einem Einbruch in ein Waffengeschäft in Örebro gestohlen w u r d e . Die Diebe sind zwar gefasst w o r d e n ,
die Waffe sind sie aber vorher noch losgeworden. Es w a r ein kleiner Vorstadtjunkie, der sich in den Kreisen um den Svavelsjö MC bewegte. Ich würde die Pistole viel eher m i t L u n d i n oder N i e m i n e n in Verbindung bringen.« »Es könnte ja einfach so gewesen sein, dass L u n d i n die Pistole dabeihatte, Salander i h n entwaffnete u n d dass sich dabei ein Schuss löste, der i h n in den Fuß traf.« »Oder sie hat i h n aus Sadismus in den Fuß geschossen. Was weiß ich. Aber was hat sie m i t N i e m i n e n gemacht? Er weist ja keine sichtbaren Verletzungen auf.« »Er hatte eine Verletzung. Z w e i kleine Brandwunden auf dem Brustkorb.« »Und?« »Schätzungsweise eine Elektroschockpistole.« »Salander war also m i t einer Elektroschockpistole, m i t Tränengas u n d einer Pistole bewaffnet. Wie viel wiegt das alles zusammen ... N e i n , ich bin ziemlich sicher, dass L u n d i n oder N i e m i n e n die P-83 Wanad dabeihatten u n d dass sie ihnen die Waffe abgenommen hat. W i e es n u n genau passiert ist, dass L u n d i n angeschossen w u r d e , können w i r nicht w i r k l i c h klären, solange keiner von den Beteiligten redet.« »Okay.« »Gut, dann sieht es folgendermaßen aus: L u n d i n w i r d aus den zuvor genannten Gründen in Untersuchungshaft genommen. Gegen N i e m i n e n haben w i r überhaupt nichts in der H a n d . Also gedenke ich i h n heute N a c h m i t t a g aus der H a f t zu entlassen.« Sonny N i e m i n e n w a r übelster Laune, als er das Untersuchungsgefängnis der Polizeistation v o n Södertälje verließ. Er hatte einen so trockenen M u n d , dass er zunächst bei einem Tabakladen haltmachte, wo er sich eine Pepsi kaufte, die er in einem Z u g austrank. Außerdem kaufte er eine Schachtel Lucky Strike u n d eine Dose Schnupftabak. Nachdem er sein
H a n d y aufgeklappt und den A k k u k o n t r o l l i e r t hatte, wählte er die N u m m e r von Hans-Äke W a l t a r i , 3 3-jähriger Sergeantat Arms des Svavelsjö MC u n d damit die N u m m e r drei in der klubinternen Hierarchie. Es tutete viermal, bevor W a l t a r i abnahm. »Nieminen. Ich bin wieder draußen.« » Glückwunsch.« »Wo bist du?« »Nyköping.« »Was zum Teufel machst du in N y k ö p i n g ? « »Als ihr verhaftet w u r d e t , haben w i r beschlossen, erst m a l in Deckung zu gehen.« »Und wo sind die anderen?« H a n s - Ä k e W a l t a r i erklärte i h m , w o die übrig gebliebenen fünf M i t g l i e d e r des Svavelsjö MC waren. Eine Erklärung, die Sonny N i e m i n e n weder beruhigte noch allzu glücklich machte. »Und wer z u m Henker kümmert sich um den Laden, solange ihr euch versteckt wie alte Weiber?« »Also hör m a l ! Magge u n d d u , ihr fahrt zu irgendeinem Job, von dem w i r keinen Schimmer haben, u n d werdet plötzlich in einen Schusswechsel m i t dieser landesweit gesuchten Schlampe verwickelt. Magge w i r d angeschossen u n d du verhaftet. U n d dann graben die Bullen auch noch mehrere Leichen auf unserem Lagergelände in N y k v a r n aus.« »Und?« »Und da haben w i r uns langsam doch gefragt, ob Magge u n d du uns nicht irgendwas verheimlicht.« »Und was z u m Teufel soll das sein? W i r ziehen schließlich die Aufträge für unsere Firma an Land.« »Aber ich hatte nie ein W o r t darüber gehört, dass u n ser Grundstück der reinste W a l d f r i e d h o f ist. Wer sind diese Toten?« Sonny N i e m i n e n lag eine gepfefferte A n t w o r t auf der Z u n -
ge, hielt sich aber zurück. H a n s - Ä k e W a l t a r i war ein schwerfälliger Blödmann, aber das w a r jetzt nicht der geeignete Zeitp u n k t , um einen Streit v o m Z a u n zu brechen. Jetzt ging es daru m , die Kräfte schnell wieder zu konsolidieren. Nachdem er sich durch fünf polizeiliche Vernehmungen geleugnet hatte, w a r es w o h l nicht besonders schlau, zweihundert Meter neben dem Polizeigebäude herauszuposaunen, dass er etwas von der Sache wusste. »Scheiß auf die Toten«, sagte er. »Ich hab keine A h n u n g . Aber Magge sitzt in der Pampe. Während seiner Abwesenheit werde ich die Führung übernehmen.« »Okay. U n d was passiert jetzt?«, w o l l t e W a l t a r i wissen. »Wer beaufsichtigt unser Eigentum, solange ihr euch alle verpisst habt?« »Benny Karlsson hält die Stellung im Klubhaus. Die Polizei hat an dem Tag, als ihr festgenommen w u r d e t , eine Hausdurchsuchung durchgeführt. Sie haben aber nichts gefunden.« »Benny K.? V e r d a m m t noch m a l , der ist doch noch feucht hinter den Ohren.« »Immer m i t der Ruhe. I h m leistet auch noch dieser blonde Panzer Gesellschaft, m i t dem Magge u n d du immer zu t u n habt.« A u f einen Schlag wurde Sonny N i e m i n e n eiskalt. Er sah sich hastig um u n d entfernte sich ein paar Meter von der T ü r des Tabakgeschäfts. »Was hast du gesagt?«, fragte er leise. » N a , dieser blonde Riese, m i t dem Magge und du immer zu t u n habt. Der ist bei uns aufgetaucht u n d hat uns gebeten, dass w i r i h m ein Versteck suchen.« »Verdammt, W a l t a r i , der Typ w i r d im ganzen Land wegen M o r d an einem Polizisten gesucht.« »Ja ... deswegen brauchte er ja auch ein Versteck. Was sollten w i r denn tun? Er ist doch schließlich ein K u m p e l von M a g ge und dir.«
Sonny N i e m i n e n schloss für zehn Sekunden die Augen. Ronald Niedermann hatte dem Svavelsjö MC zu diversen Jobs verholfen, die ihnen über Jahre h i n w e g gute Einkünfte gebracht hatten. Aber er w a r absolut kein Freund v o n ihnen. Er war ein gefährlicher M i s t k e r l u n d Psychopath, noch dazu ein Psychopath, den die Polizei gerade wie verrückt suchte. Sonny N i e m i n e n traute Ronald Niedermann keinen Fingerbreit über den Weg. Am besten w ä r e es, wenn er m i t einer Kugel im Schädel wieder auftauchte. D a n n würde zumindest die Polizei ein bisschen lockerlassen. »Und, was habt ihr m i t i h m gemacht?« »Benny kümmert sich um i h n . Er hat i h n zu V i k t o r gebracht.« V i k t o r G ö r a n s s o n , der Schatzmeister u n d Finanzexperte des Klubs, w o h n t e kurz hinter J ä r n a . Göransson besaß Kenntnisse in Betriebswirtschaft u n d hatte seine Karriere als Finanzberater bei einem jugoslawischen Kneipenkönig begonnen, bis die ganze Bande eines Tages wegen schwerer Steuervergehen ins Gefängnis wanderte. A n f a n g der «joer-Jahre hatte er Magge L u n d i n im Kumla-Gefängnis kennengelernt. Er w a r der Einzige im Svavelsjö M C , der m i t Schlips u n d Sakko herumlief. »Waltari, setz dich ins A u t o u n d h o l m i c h in Södertälje ab, in einer Dreiviertelstunde am Bahnhof.« »Warum plötzlich die Eile?« »Weil w i r die Situation so schnell wie möglich in den G r i f f kriegen müssen.« H a n s - Ä k e W a l t a r i w a r f einen verstohlenen Blick auf Sonny N i e m i n e n , der schweigend neben i h m saß, während sie nach Svavelsjö fuhren. Anders als m i t Magge L u n d i n w a r der U m gang m i t N i e m i n e n nie besonders u n k o m p l i z i e r t . Er hatte ein hübsches Gesicht u n d sah harmlos aus, w a r aber leicht reizbar u n d gefährlich, besonders wenn er getrunken hatte. Im M o -
ment w a r er nüchtern, aber der Gedanke, dass er in Z u k u n f t den K l u b führen w ü r d e , machte W a l t a r i ein bisschen nervös. Magge hatte N i e m i n e n immer irgendwie kontrollieren können. W a l t a r i fragte sich jedoch, wie eine Z u k u n f t m i t N i e m i nen als stellvertretendem Klubpräsidenten aussehen w ü r d e . Im Klubhaus w a r Benny K. nirgends zu sehen. Nieminen versuchte zweimal, i h n auf dem H a n d y zu erreichen, aber er ging nicht r a n . D a n n fuhren sie zu Nieminens H o f , der knapp einen K i l o meter v o m Klubhaus entfernt lag. Die Polizei hatte auch d o r t eine Hausdurchsuchung durchgeführt, jedoch nichts gefunden, was ihr bei den Ermittlungen in Sachen N y k v a r n genutzt hätte. Da sie nichts Verdächtiges entdeckt hatten, blieb N i e minen auf freiem Fuß. Er duschte u n d zog sich u m , während W a l t a r i geduldig in der Küche wartete. Danach liefen sie knapp hundertfünfzig Meter weit in den W a l d hinein u n d trugen die oberste Erdschicht ab, die eine hastig vergrabene Kiste m i t sechs H a n d feuerwaffen verbarg, darunter eine AK 5, eine größere Menge M u n i t i o n u n d knapp zwei K i l o Sprengstoff. Das w a r N i e m i nens kleines Waffenlager. Z w e i von diesen Waffen waren p o l n i sche P-83 Wanad. Sie stammten aus derselben Lieferung wie die Waffe, die Lisbeth i h m in Stallarholmen abgenommen hatte. Nieminen schob den Gedanken an Lisbeth Salander beiseite. Das war ein ungutes Thema. In der Zelle des Präsidiums in Södertälje hatte er im Geiste immer wieder vor Augen gehabt, wie Magge L u n d i n und er bei N i l s Bjurmans Ferienhäuschen angekommen waren und Salander auf dem H o f entdeckt hatten. Was dann geschah, hatte niemand vorhersehen können. Er war m i t Magge L u n d i n hinausgefahren, um das verdammte Sommerhäuschen des Rechtsanwalts abzufackeln. Das Ganze w a r auf Anweisung dieses blonden Monsters geschehen. U n d dabei waren sie über diese verfluchte Salander gestolpert - allein, 1 Meter 50 groß u n d dürr wie eine Bohnenstange. N i e -
minen fragte sich, wie viel sie wiegen mochte. D a n n war alles schiefgegangen u n d in einer Gewaltorgie explodiert, auf die keiner von beiden vorbereitet gewesen war. Die äußeren Umstände konnte er durchaus rekonstruieren. Salander hatte Tränengas dabei, das sie Magge ins Gesicht sprühte. Er hätte darauf gefasst sein müssen, w a r es aber nicht. Sie t r a t zweimal zu, u n d um einen Kieferknochen zu brechen, braucht es ja nicht sonderlich viel M u s k e l k r a f t . Sie hatte Magge einfach überrumpelt. Aber dann hatte sie auch noch ihn erledigt, Sonny N i e m i nen, einen M a n n , m i t dem sich selbst ausgewachsene, d u r c h trainierte Kerle ungern auf einen Streit einließen. Sie bewegte sich einfach so schnell. Verzweifelt hatte er versucht, seine Waffe zu ziehen. Sie hatte i h n m i t solch demütigender Leichtigkeit zusammengeschlagen, als würde sie eine lästige M ü c k e verscheuchen. Sie hatte eine Elektroschockpistole gehabt u n d am Ende auch noch Magges Harley-Davidson gestohlen u n d das K l u b l o g o des Svavelsjö MC aus seiner Lederjacke herausgetrennt - das Symbol, das die Leute in der Kneipe respektvoll beiseitetreten ließ, wenn er an die Bar k a m . Salander hatte i h n unsäglich erniedrigt. U n d jetzt hasste N i e m i n e n sie m i t einer Leidenschaft, die i h n selbst überraschte. Normalerweise behielt er immer einen kühlen Kopf, doch er wusste, dass er eines Tages die Gelegenheit bekommen w ü r d e , sich zu rächen u n d diesen Schandfleck zu tilgen. D o c h zunächst musste O r d n u n g in diesem Chaos geschaffen werden, in das Salander u n d N i e dermann den Svavelsjö MC gestürzt hatten. N i e m i n e n griff sich die beiden letzten polnischen Waffen, l u d sie u n d reichte W a l t a r i eine davon. »Haben w i r irgendeinen Plan?« »Wir fahren jetzt erst mal zu Niedermann u n d unterhalten uns m i t i h m . Er ist keiner von uns u n d nie zuvor festgenommen w o r d e n . Wenn der auspackt, k a n n er uns alle hinter G i t ter bringen.«
»Du meinst, w i r sollten ...« N i e m i n e n hatte bereits entschieden, dass Niedermann aus dem Weg geräumt werden musste, aber i h m w a r auch klar, dass er W a l t a r i nicht noch weiter erschrecken durfte, bevor sie vor O r t waren. »Wir müssen i h m erst m a l auf den Z a h n fühlen. Wenn er einen Plan hat u n d schnell ins Ausland verschwinden k a n n , könnten w i r i h m ja dabei behilflich sein. Aber solange er Gefahr läuft, v o n der Polizei gefasst zu werden, stellt er eine Bed r o h u n g für uns dar.« A u f V i k t o r Göranssons H o f bei J ä r n a w a r es dunkel, als N i e minen u n d W a l t a r i in der Dämmerung ankamen. A l l e i n das w a r schon unheilverkündend genug. Sie blieben im A u t o sitzen und warteten noch einen M o m e n t . »Vielleicht sind sie ja gerade unterwegs«, meinte W a l t a r i . » N a klar. Sie sind bestimmt m i t Niedermann in die Kneipe gegangen«, sagte Nieminen u n d öffnete die Autotür. Die Haustür war unverschlossen. N i e m i n e n schaltete das L i c h t an, dann gingen sie von Z i m m e r zu Zimmer. Alles w a r aufgeräumt u n d ordentlich, was wahrscheinlich das Verdienst von dieser Frau war, m i t der Göransson zusammenwohnte. Sie fanden V i k t o r Göransson u n d seine Freundin im Waschkeller. N i e m i n e n bückte sich u n d musterte die Leichen. M i t ausgestrecktem Finger tippte er die Frau an. Sie w a r eiskalt u n d steif. Was bedeutete, dass sie w o h l schon seit vierundzwanzig Stunden t o t war. Er brauchte kein pathologisches Gutachten, um festzustellen, wie sie gestorben waren. I h r hatte man das Genick gebrochen, indem man ihren K o p f um hundertachtzig Grad gedreht hatte. Sie t r u g T-Shirt und Jeans, u n d soweit N i e m i n e n feststellen konnte, hatte sie keine weiteren Verletzungen. V i k t o r Göransson hingegen hatte nur noch seine Unterhose
an. Er w a r entsetzlich zusammengeschlagen w o r d e n , sein K ö r per w a r m i t Blutergüssen übersät. Seine A r m e waren beide gebrochen u n d standen wie verdrehte Tannenzweige in unmöglichen W i n k e l n ab. Die brutalen Misshandlungen, denen er ausgesetzt w o r d e n war, konnte m a n ohne Weiteres als Folter bezeichnen. Getötet hatte m a n i h n letztlich m i t einem kräftigen Schlag auf den Kehlkopf, soweit N i e m i n e n das beurteilen konnte. Der K e h l k o p f w a r tief in den Hals hineingedrückt worden. Sonny N i e m i n e n stand auf, ging die Kellertreppe hinauf und t r a t aus der Haustür. W a l t a r i folgte i h m . N i e m i n e n überquerte den H o f u n d ging z u m Viehstall hinüber, der ungefähr fünfzig Meter v o m Haus entfernt stand. Er schob den Riegel beiseite u n d machte die T ü r auf. Im Stall fand er einen dunkelblauen Renault, Baujahr 1991. »Was hat Göransson für ein A u t o ? « , erkundigte sich N i e minen. »Der fährt einen Saab.« N i e m i n e n nickte. Er zog die Schlüssel aus der Jackentasche u n d sperrte d a m i t ganz hinten im Stall eine T ü r auf. Ein Blick genügte i h m , um zu erkennen, dass er zu spät k a m . Ein massiver Tresor stand sperrangelweit offen. N i e m i n e n zog eine Grimasse. » K n a p p 8 0 0 0 0 0 K r o n e n « , sagte er. »Was?«, fragte W a l t a r i . » K n a p p 8 0 0 0 0 0 K r o n e n hatte der Svavelsjö MC in diesem Tresor. Unser Geld.« N u r drei Menschen wussten, wo der K l u b sein Geld verwahrte, bis es entweder neu investiert oder gewaschen werden konnte: V i k t o r Göransson, Magge L u n d i n u n d Sonny N i e m i nen. Niedermann w a r auf der Flucht. Er brauchte Bares. Er wusste, dass Göransson sich um die finanziellen Angelegenheiten des Klubs kümmerte. N i e m i n e n zog die T ü r wieder zu u n d ging langsam in den
Stall zurück. Er dachte angestrengt nach, während er versuchte, den Umfang der Katastrophe abzuschätzen. Ein Teil des Klubvermögens war in Wertpapieren angelegt, zu denen er Zugang hatte. Der Verbleib eines Teils der investierten Gelder konnte m i t Magge Lundins H i l f e rekonstruiert werden. Aber ein großer Teil der Anlagen w a r nur in Göranssons K o p f abgespeichert, es sei denn, er hätte Magge L u n d i n eingehende I n struktionen gegeben. Was N i e m i n e n bezweifelte - Magge w a r an diesen Dingen nie r i c h t i g interessiert gewesen. Über den Daumen gepeilt, schätzte N i e m i n e n , dass der Svavelsjö MC m i t dem Tod von Göransson einen Verlust von 60 Prozent des Gesamtvermögens hinzunehmen hatte. Das w a r ein vernichtender Schlag. Um die täglichen Ausgaben bestreiten zu können, brauchte man vor allem Bargeld. »Was machen w i r jetzt?«, fragte W a l t a r i . »Jetzt geben w i r der Polizei erst m a l einen H i n w e i s , was hier passiert ist.« »Der Polizei einen H i n w e i s geben?« »Ja, zum Teufel. Im Haus sind überall meine Fingerabdrücke. Ich w i l l , dass Göransson u n d seine Tussi so schnell wie möglich gefunden werden, d a m i t die Rechtsmediziner feststellen können, dass die beiden gestorben sind, als ich noch in U-Haft war.« »Verstehe.« »Und du suchst Benny K. Ich w i l l m i t i h m reden. Falls er überhaupt noch am Leben ist. U n d dann schnappen w i r uns N i e d e r m a n n . A l l e , die w i r hier in den Klubs im N o r d e n kennen, sollen die Augen offen halten. Ich w i l l seinen K o p f auf einem Silbertablett haben. Wahrscheinlich fährt er gerade m i t Göranssons Saab durch die Gegend. Such uns mal das Kennzeichen raus.« Als Lisbeth Salander am Samstagnachmittag um zwei U h r aufwachte, machte sich gerade ein A r z t an ihr zu schaffen.
»Guten M o r g e n « , sagte er. »Ich heiße Benny Svantesson u n d b i n A r z t . Haben Sie Schmerzen?« » J a « , antwortete Lisbeth. »Sie bekommen gleich ein Schmerzmittel. Aber zuerst möchte ich Sie untersuchen.« Er drückte u n d zupfte u n d fingerte an ihrem geschundenen K ö r p e r herum. Lisbeth w a r ziemlich gereizt, beschloss aber, in Anbetracht ihrer Erschöpfung, lieber den M u n d zu halten, statt den Aufenthalt im Sahlgrenska-Krankenhaus m i t einem Streit zu beginnen. »Und, wie sieht's a u s ? « , w o l l t e sie wissen. »Das k o m m t alles wieder in O r d n u n g « , erwiderte der A r z t und machte sich ein paar N o t i z e n , bevor er aufstand. Was nicht besonders aufschlussreich war. Als er weg war, k a m eine Schwester u n d half Lisbeth m i t der Bettpfanne. D a n n durfte sie weiterschlafen. Alexander Zalatschenko alias K a r l A x e l Bodin nahm ein M i t tagessen aus Flüssignahrung zu sich. Schon die kleinste Bewegung der Gesichtsmuskulatur verursachte i h m entsetzliche Schmerzen. An Kauen w a r gar nicht zu denken. Der Schmerz w a r jedoch nicht so schlimm, dass er d a m i t nicht fertigwerden konnte. Zalatschenko w a r an Schmerzen gewöhnt. U n d es konnte sowieso nichts so furchtbar sein wie die Schmerzen, die er über Wochen u n d M o n a t e gehabt hatte, nachdem er vor fünfzehn Jahren in seinem A u t o wie eine Fackel gebrannt hatte. Die Nachsorge war ein einziger M a r a t h o n l a u f durch endlose Qualen gewesen. Die Ärzte waren sich einig, dass er wahrscheinlich außer Lebensgefahr war, doch musste er m i t Rücksicht auf sein Alter noch ein paar Tage auf der Intensivstation bleiben. Am Samstag bekam er Besuch v o n vier Personen. Gegen zehn tauchte erneut K r i m i n a l i n s p e k t o r Erlander bei i h m auf. Diesmal hatte er diese naseweise Sonja M o d i g
zu Hause gelassen u n d stattdessen den wesentlich sympathischeren K r i m i n a l i n s p e k t o r H o l m b e r g mitgebracht. Sie stellten ungefähr dieselben Fragen zu R o n a l d N i e d e r m a n n wie am A b e n d zuvor. Er hatte sich seine Geschichte zurechtgelegt u n d machte keinen einzigen Fehler. Als sie i h m m i t Fragen zu seiner eventuellen V e r w i c k l u n g in M ä d c h e n h a n d e l u n d andere k r i m i n e l l e Machenschaften zusetzten, leugnete er alles. Er w a r ein argloser behinderter Frührentner u n d wusste gar nicht, w o v o n sie redeten. Im Übrigen schob er alles auf Ronald N i e d e r m a n n u n d bot an, ihnen beim Auffinden des flüchtigen Polizistenmörders auf jede erdenkliche Weise zu helfen. Natürlich war das in der Praxis keine große H i l f e . Er hatte keine A h n u n g , in welchen Kreisen sich N i e d e r m a n n bewegte u n d bei w e m er wahrscheinlich Schutz suchen würde. Gegen elf bekam er einen kurzen Besuch von einem Vertreter der Staatsanwaltschaft, der i h m offiziell mitteilte, dass er unter Verdacht stand, mitschuldig an der schweren Körperverletzung beziehungsweise dem M o r d v e r s u c h an Lisbeth Salander zu sein. Geduldig setzte Zalatschenko i h m auseinander, dass er selbst Opfer eines Verbrechens geworden w a r u n d Lisbeth Salander vielmehr versucht habe, i h n zu ermorden. Die Staatsanwaltschaft bot i h m Rechtshilfe in F o r m eines Pflichtverteidigers an. Zalatschenko erklärte, er werde darüber nachdenken. Was er jedoch nicht w i r k l i c h vorhatte. Er hatte bereits einen A n w a l t , u n d den hatte er am M o r g e n gleich als Erstes angerufen u n d gebeten, sich umgehend bei i h m einzufinden. M a r t i n Thomasson w a r daher der dritte Gast an seinem Krankenbett. M i t unbekümmerter Miene k a m er hereingeschlendert, fuhr sich m i t der H a n d durch den dichten blonden Haarschopf, rückte sich die Brille zurecht u n d gab seinem M a n d a n t e n die H a n d . Er setzte allmählich ein bisschen Fett an u n d war äußerst charmant. Z w a r verdächtigte m a n i h n , Handlanger
der jugoslawischen M a f i a zu sein, u n d tatsächlich ermittelte man in dieser Sache noch, aber dafür hatte er auch den Ruf, seine Fälle grundsätzlich zu gewinnen. Er war Zalatschenko vor fünf Jahren von einem Geschäftsfreund empfohlen w o r d e n , als er gewisse Fonds u m s t r u k t u r i e ren musste, die an eine kleine Anlagefirma in Liechtenstein gebunden waren, die i h m gehörte. Um dramatische Summen ging es dabei nicht, aber Thomasson hatte die Sache außerordentlich geschickt gehandhabt, u n d Zalatschenko w a r um eine Besteuerung herumgekommen. Daraufhin hatte er T h o massons Dienste noch mehrfach in Anspruch genommen. Thomasson war durchaus klar, dass das Geld aus k r i m i n e l l e n Tätigkeiten stammte, doch das schien i h n nicht weiter zu bekümmern. Schließlich hatte Zalatschenko beschlossen, seine sämtlichen Tätigkeiten unter einer einzigen großen Firma zusammenzufassen, die i h m u n d Niedermann gehören sollte. Er hatte dem A n w a l t angeboten, der dritte stille Teilhaber der Firma zu werden u n d sich um ihre finanziellen Angelegenheiten zu kümmern. Ein Angebot, das Thomasson ohne U m schweife angenommen hatte. » N a , H e r r B o d i n , das sieht ja nicht allzu gut aus.« »Ich b i n einem Mordversuch z u m Opfer gefallen«, sagte Zalatschenko. »Eine gewisse Lisbeth Salander, wenn ich das r i c h t i g verstanden habe.« Zalatschenko senkte die Stimme. »Unser Partner Niedermann hat alles verpfuscht, wie Sie sicher m i t b e k o m m e n haben.« »Ja, das hab ich gehört.« »Die Polizei verdächtigt m i c h , in die Sache verwickelt zu sein ...« »Was Sie selbstverständlich nicht sind. Sie sind ein Opfer, und es ist w i c h t i g , dass w i r uns sofort d a r u m kümmern, dieses Bild in den M e d i e n zu verankern. Fräulein Salander hat ihren
Teil an Negativschlagzeilen ja schon gehabt ... Ich werde das in die H a n d nehmen.« »Danke.« »Aber lassen Sie m i c h noch einmal betonen, dass ich kein Fachanwalt für Strafrecht b i n . H i e r werden Sie die H i l f e eines Spezialisten brauchen. Ich werde Ihnen einen A n w a l t besorgen, dem Sie vertrauen können.« Der vierte Besuch des Tages t r a f um elf U h r abends ein u n d konnte sich an den Schwestern vorbeischummeln, indem er seinen Ausweis vorzeigte u n d behauptete, ein dringendes A n liegen zu haben. M a n führte i h n zu Zalatschenkos Zimmer. Der Patient lag immer noch wach u n d grübelte. »Mein N a m e ist Jonas Sandberg«, begrüßte i h n der Besucher u n d hielt i h m eine H a n d h i n , die Zalatschenko gänzlich ignorierte. Der M a n n war um die 35. Sein H a a r war sandfarben, u n d er t r u g eine Jeans, ein kariertes H e m d sowie eine Lederjacke. Zalatschenko musterte i h n schweigend. »Ich hatte m i c h schon gefragt, w a n n einer von Ihnen hier auftauchen würde.« »Ich arbeite für die SiPo«, erklärte Jonas Sandberg u n d zeigte seinen Ausweis. »Wohl k a u m « , gab Zalatschenko zurück. » Bitte ?« »Sie sind vielleicht d o r t angestellt, aber Sie arbeiten w o h l k a u m für sie.« Sandberg schwieg ein Weilchen u n d sah sich im Z i m m e r u m . D a n n zog er sich einen Besucherstuhl ans Bett. »Ich k o m m e so spät, w e i l ich keine Aufmerksamkeit erregen w i l l . W i r haben besprochen, wie w i r Ihnen helfen können, u n d müssen entscheiden, wie es jetzt weitergeht. Ich b i n gek o m m e n , um m i r Ihre Version anzuhören und Ihre Absichten zu verstehen, d a m i t ich eine Strategie erarbeiten kann.«
»Und was haben Sie sich gedacht, wie diese Strategie aussehen soll?« Nachdenklich betrachtete Jonas Sandberg den M a n n im Krankenhausbett. Schließlich hob er ratlos die Hände. »Herr Zalatschenko ... ich befürchte, dass hier ein Prozess in Gang gesetzt w o r d e n ist, dessen Folgen noch gar nicht absehbar sind. W i r haben die Situation besprochen. Das Grab in Gosseberga u n d die Tatsache, dass d r e i m a l auf Lisbeth Salander geschossen wurde - das lässt sich schwerlich uminterpretieren. Aber noch ist nicht alle H o f f n u n g verloren. Der K o n f l i k t zwischen Ihrer Tochter u n d Ihnen k a n n erklären, w a r u m Sie solche Angst vor ihr hatten u n d zu drastischen M a ß n a h men gegriffen haben. Aber ich befürchte doch, ganz ohne eine Gefängnisstrafe w i r d es nicht abgehen.« Plötzlich w a r Zalatschenko r i c h t i g vergnügt. Beinahe hätte er losgeprustet, aber das w a r in seinem derzeitigen Zustand ja schlecht möglich. Daher blieb es bei einem schwachen Kräuseln seiner Lippen. Alles andere hätte zu sehr wehgetan. »Das ist also unsere gemeinsame Strategie?« »Es geht hier um Schadensbegrenzung, H e r r Zalatschenko. W i r müssen unbedingt eine gemeinsame Lösung finden. W i r werden alles t u n , was in unserer M a c h t steht, um Ihnen zu helfen, aber w i r brauchen Ihre M i t a r b e i t und gewisse Garantien.« »Die Garantie können Sie haben. Sie werden dafür sorgen, dass sich die ganze Angelegenheit in Luft auflöst.« Er machte eine ausholende Handbewegung. »Niedermann ist Ihr Sündenbock, u n d ich kann Ihnen garantieren, dass er nicht gefunden wird.« »Es gibt aber kriminaltechnische Beweise, dass ...« »Ich scheiße auf Ihre kriminaltechnischen Beweise. Es k o m m t nur darauf an, wie die Ermittlungen geführt werden und wie m a n die Fakten präsentiert. M e i n e Garantie sieht f o l gendermaßen aus: Wenn diese Sache nicht bald v o m Tisch ist, werde ich die M e d i e n zu einer Pressekonferenz einladen. Ich
kenne die N a m e n , die Daten, die Vorfälle. Ich brauche Sie w o h l k a u m daran zu erinnern, wer ich bin.« »Sie verstehen nicht ganz ...« »Ich verstehe sogar sehr gut. Sie sind nichts weiter als ein Laufbursche. Richten Sie Ihrem Chef einfach meine Worte aus. Richten Sie i h m aus, dass ich v o n allem Kopien besitze. Ich k a n n sie problemlos ruinieren.« »Wir müssen versuchen, zu einer Einigung zu kommen.« »Das G e s p r ä c h ist beendet. Raus m i t Ihnen. U n d sagen Sie i h n e n , dass sie m i r nächstes M a l einen Erwachsenen vorbeischicken sollen, m i t dem ich w i r k l i c h etwas besprechen kann.« Zalatschenko wandte den K o p f ab, d a m i t er keinen Augenk o n t a k t m i t seinem Besucher mehr hatte. Jonas Sandberg betrachtete i h n noch einen M o m e n t lang. D a n n zuckte er m i t den Schultern u n d stand auf. Als er schon fast an der T ü r war, hörte er noch einmal Zalatschenkos Stimme: »Eines noch.« Sandberg drehte sich u m . »Salander.« »Was ist m i t ihr?« »Sie muss verschwinden.« »Wie meinen Sie das?« Sandberg sah einen M o m e n t lang so besorgt aus, dass Zalatschenko t r o t z des stechenden Schmerzes im Kiefer lächeln musste. »Ich verstehe, dass ihr M e m m e n zu feige seid, um sie zu töten, u n d wahrscheinlich habt ihr auch keinen M a n n , den ihr dafür abstellen könntet. Wer sollte das schon sein ... Sie etwa? Aber sie muss verschwinden. Ihre Zeugenaussage muss für ungültig erklärt werden. Sie muss einfach lebenslang in einer Anstalt untergebracht werden.«
Lisbeth Salander hörte die Schritte im Flur vor ihrem Z i m m e r . Den N a m e n Jonas Sandberg bekam sie nicht m i t , u n d seine Schritte hatte sie noch nie gehört. D o c h ihre T ü r hatte den ganzen A b e n d offen gestanden, w e i l die Krankenschwestern alle zehn M i n u t e n bei ihr hereinschauten. Sie hatte also gehört, wie er einer Krankenschwester direkt vor ihrem Z i m m e r erklärte, dass er H e r r n K a r l A x e l Bod i n in einer dringenden Angelegenheit sprechen müsse. D a n n bekam sie m i t , wie er sich auswies, aber weder w a r ein Name gefallen, noch hatte sie einen H i n w e i s darauf erhalten, w o m i t er sich eigentlich auswies. Die Schwester hatte i h n gebeten zu w a r t e n , während sie in Bodins Z i m m e r ging, um nachzusehen, ob er noch wach war. Lisbeth Salander folgerte daraus, dass der Besucher w o h l ein überzeugendes D o k u m e n t vorgelegt hatte. Außerdem konnte sie feststellen, dass die Krankenschwester auf dem Flur nach links ging u n d siebzehn Schritte brauchte, um ihr Z i e l zu erreichen. Für dieselbe Strecke brauchte der männliche Besucher anschließend vierzehn Schritte. Das ergab einen M i t t e l w e r t v o n fünfzehneinhalb Schritten. Die Schrittlänge schätzte sie auf sechzig Zentimeter, was, m u l t i p l i z i e r t m i t fünfzehneinhalb, bedeutete, dass Zalatschenko in einem Z i m m e r lag, das neunhundertdreißig Zentimeter links v o n ihrem Z i m m e r lag. Also knappe zehn Meter. Sie schätzte die Breite ihres eigenen Z i m m e r s auf ungefähr fünf Meter, sodass Zalatschenko sich also zwei Türen weiter befinden müsste. Den grünen Ziffern der D i g i t a l u h r auf dem Nachttisch zufolge dauerte der Besuch ziemlich genau zehn M i n u t e n . Zalatschenko lag noch lange w a c h , nachdem Jonas Sandberg i h n verlassen hatte. Er n a h m an, dass das nicht sein richtiger Name gewesen war, denn schwedische Amateurspione hatten seiner Erfahrung nach die fixe Idee, dass sie einen Decknamen benutzen mussten, auch wenn das nicht im Mindesten erfor-
derlich war. In diesem Fall war Jonas (oder wie auch immer er n u n heißen mochte) das erste Anzeichen dafür, dass die Sekt i o n N o t i z von seiner Lage genommen hatte. Bei diesem M e dieninteresse war das ja auch k a u m zu vermeiden. Der Besuch bestätigte i h m jedoch auch, dass die Situation Anlass zu größter Sorge gab. Er w o g die Vor- und Nachteile ab, ging jede Menge M ö g lichkeiten d u r c h u n d verwarf Alternativen. I h m w a r völlig klar, dass die Dinge katastrophal schiefgelaufen waren. Eigentlich hätte er in diesem M o m e n t zu Hause in Gosseberga sitzen sollen, Ronald Niedermann w ä r e im Ausland in Sicherheit und Lisbeth Salander in einem Erdloch vergraben. Es w a r i h m ein völliges Rätsel, wie sie es geschafft hatte, sich aus ihrem Grab zu befreien, sich zu seinem H o f zu schleppen u n d sein Leben m i t zwei Axthieben zu zerstören. Sie war so w a h n sinnig zäh. Hingegen wusste er nur zu gut, was m i t Ronald Niedermann passiert u n d w a r u m er um sein Leben gerannt war, statt kurzen Prozess m i t Salander zu machen. Zalatschenko wusste, dass da in Niedermanns K o p f etwas nicht ganz r i c h t i g w a r dass er Gespenster sah. M e h r als einmal hatte er schon eingreifen müssen, wenn Niedermann jeden gesunden M e n schenverstand verlor u n d sich vor Schreck zusammenrollte wie ein E m b r y o . Das machte Zalatschenko Sorgen. Er w a r überzeugt davon, dass Niedermann am Tag nach seiner Flucht aus Gosseberga wieder einwandfrei f u n k t i o n i e r t hatte, denn er w a r ja immer noch nicht gefasst w o r d e n . Wahrscheinlich würde er versuchen, sich nach T a l l i n n durchzuschlagen, wo er bei Zalatschenkos k r i m i n e l l e m I m p e r i u m Unterschlupf finden konnte. Jedoch ließ sich nie vorhersehen, w a n n Niedermann vor Furcht wieder wie gelähmt sein w ü r d e , u n d das w a r natürlich sehr beunruhigend. Wenn i h m das auf der Flucht passierte, würde er Fehler machen, u n d wenn er Fehler machte, würde er
ins Gefängnis wandern. D o c h w ü r d e er sich niemals f r e i w i l l i g ergeben, was bedeutete, dass Polizisten sterben mussten u n d N i e d e r m a n n höchstwahrscheinlich auch. Dieser Gedanke betrübte Zalatschenko. Er w o l l t e n i c h t , dass N i e d e r m a n n starb. N i e d e r m a n n w a r sein Sohn. Andererseits w a r es eine bedauerliche Tatsache, dass er nicht lebendig erwischt werden durfte. N i e d e r m a n n w a r noch nie in Untersuchungshaft gewesen, u n d Zalatschenko konnte nicht absehen, wie er bei einer Vernehmung reagieren würde. Er hatte allerdings den Verdacht, dass N i e d e r m a n n in diesem Fall leider nicht den M u n d halten würde. Daher w ä r e es eher v o n Vort e i l , w e n n er v o n der Polizei getötet w ü r d e . Freilich w ü r d e Zalatschenko um seinen Sohn trauern, aber die Alternative sah noch schlimmer aus. Denn dann w ü r d e Zalatschenko selbst den Rest seines Lebens hinter G i t t e r n verbringen. Aber mittlerweile waren achtundvierzig Stunden vergangen, seit N i e d e r m a n n geflohen war, u n d er w a r immer noch nicht gefasst w o r d e n . Das w a r gut. Das w a r ein Zeichen, dass N i e d e r m a n n funktionierte, u n d ein funktionierender Niedermann w a r unschlagbar. A u f lange Sicht gab es jedoch noch eine andere Sorge. Er fragte sich, wie Niedermann allein k l a r k o m m e n w ü r d e , wenn sein Vater nicht mehr da war, um i h n im Leben anzuleiten. Im Laufe der Jahre hatte Zalatschenko beobachten können, dass N i e d e r m a n n in eine völlig teilnahmslose, passive H a l t u n g abglitt u n d jede Entschlossenheit verlor, sobald man i h m keine Anweisungen mehr gab oder i h n an der langen Leine ließ. Z u m soundsovielten M a l stellte Zalatschenko fest, dass es schade w a r u n d eine echte Schande, dass sein Sohn diese Eigenschaften hatte. Ronald N i e d e r m a n n w a r zweifellos ein sehr talentierter Mensch, dessen körperliche Eigenschaften i h n obendrein zu einem erschreckenden u n d gefürchteten Menschen machten. Außerdem konnte er hervorragend orga-
nisieren. Sein Problem war einfach die fehlende Selbstständigkeit. Ständig brauchte er jemanden, der i h m sagte, was er t u n sollte. Aber all das entzog sich momentan Zalatschenkos Einfluss. Jetzt ging es um i h n selbst. Seine Situation w a r prekär, vielleicht prekärer als je zuvor. Den Besuch seines A n w a l t s Thomasson hatte er nicht als besonders beruhigend empfunden. Thomasson w a r u n d blieb ein Firmenjurist, u n d so effektiv er auf seinem Gebiet auch sein mochte, so w a r er i h m in dieser Lage nicht gerade die größte Stütze. Das andere w a r Jonas Sandbergs Besuch. Sandberg konnte i h m eine wesentlich stärkere Rettungsleine zuwerfen. Aber diese Rettungsleine konnte sich jederzeit als Schlinge entpuppen. K o n t r o l l e w a r alles. U n d schließlich konnte er auch noch auf seine eigenen Kräfte vertrauen. Im M o m e n t brauchte er noch medizinische Behandlung. D o c h in ein paar Tagen, vielleicht schon in einer Woche, würde er sich wieder erholt haben. Wenn es hart auf hart ging, konnte er sich wahrscheinlich nur auf sich selbst verlassen. Er würde ein Versteck brauchen, einen Pass u n d Bargeld. A l l das konnte Thomasson i h m verschaffen. Aber zuerst musste er sich so weit erholen, dass er fliehen konnte. Um ein U h r sah die Nachtschwester nach i h m . Er stellte sich schlafend. Als sie die T ü r wieder hinter sich zuzog, setzte er sich mühsam auf u n d schwang die Beine über die Bettkante. Eine ganze Weile blieb er erst m a l so sitzen u n d probierte aus, wie es um sein Gleichgewicht bestellt war. D a n n stellte er vorsichtig den linken Fuß auf den Boden. Der A x t h i e b hatte glücklicherweise nur sein bereits geschädigtes rechtes Bein getroffen. Er streckte die H a n d nach seiner Prothese aus, die in einem Schrank neben dem Bett lag, u n d befestigte sie an seinem Beinstumpf. D a n n stand er auf. Er legte sein ganzes Gew i c h t auf sein linkes, unverletztes Bein u n d versuchte, das
rechte auf den Boden zu setzen. Als er das Gewicht langsam nach rechts verlagerte, schoss i h m ein starker Schmerz durchs Bein. Er biss die Z ä h n e zusammen u n d machte einen Schritt. Er brauchte Krücken, aber er w a r sicher, dass das Krankenhaus i h m sofort welche zur Verfügung stellen würde. An die W a n d gestützt, hinkte er bis zur Tür. Dazu brauchte er mehrere M i nuten, denn nach jedem Schritt musste er stehen bleiben u n d seine Schmerzen niederkämpfen. Er stellte sich auf sein gesundes Bein, während er die T ü r einen Spalt öffnete u n d in den Flur hinausspähte. Als er niemand sah, streckte er den K o p f noch ein Stück weiter hinaus. Von links hörte er schwache Stimmen u n d wandte den Kopf. Das Z i m m e r der Nachtschwestern lag ungefähr zwanzig M e ter weiter auf der anderen Seite des K o r r i d o r s . D a n n drehte er den K o p f wieder nach rechts und sah den Ausgang am Ende des Flurs. Am Tag hatte er sich nach Lisbeth Salanders Zustand erk u n d i g t . I m m e r h i n w a r er doch ihr Vater. D o c h anscheinend waren die Krankenschwestern angewiesen w o r d e n , nicht über die Patienten zu reden. Eine Schwester hatte i h m ganz neutral mitgeteilt, dass Lisbeths Zustand stabil sei. Dabei war i h r Blick jedoch unbewusst nach links geglitten. In irgendeinem Z i m m e r zwischen seinem eigenen u n d den Räumen der Schwestern lag also Lisbeth Salander. Vorsichtig zog er die T ü r wieder zu u n d hinkte zurück zum Bett, wo er die Prothese wieder abnahm. Als er schließlich u n ter die Decke schlüpfte, war er völlig durchgeschwitzt. K r i m i n a l i n s p e k t o r Jerker H o l m b e r g kehrte am Sonntagmittag nach Stockholm zurück. Er w a r müde und hungrig u n d fühlte sich wie gerädert. Nachdem er m i t der U-Bahn bis z u m Rathaus gefahren war, ging er zu Fuß z u m Polizeipräsidium in der Bergsgatan u n d suchte d o r t Jan Bublanski auf. Sonja M o d i g
u n d C u r t Svensson waren bereits d o r t . Bublanski hatte am Sonntag unvermittelt dieses Treffen einberufen, w e i l er wusste, dass der Leiter der Voruntersuchung, Richard Ekström, an diesem Tag anderweitig beschäftigt war. »Danke, dass du gekommen bist«, sagte Bublanski. »Ich glaube, es w i r d Z e i t , dass w i r uns m a l in aller Ruhe unterhalten, um O r d n u n g in dieses ganze Chaos zu bringen. Jerker, hast du etwas Neues für uns?« »Nichts, was ich dir nicht schon am Telefon mitgeteilt hätte. Zalatschenko gibt keinen M i l l i m e t e r nach. Allerdings ...« »Ja?« »Allerdings muss ich Sonja recht geben. Er ist einer der abscheulichsten Menschen, denen ich jemals begegnet b i n . Es k l i n g t albern, wenn man so etwas sagt. Polizisten sollten sich m i t solchen Äußerungen zurückhalten, aber unter seinem kühlen Äußeren steckt etwas, was m i r Angst macht.« Bublanski räusperte sich. »Also, was wissen wir? Sonja?« Sie lächelte kühl. »Diese Runde geht an die Privatdetektive. Ich kann Zalatschenko in keinem öffentlichen Melderegister finden, sehr w o h l aber einen K a r l A x e l B o d i n , geboren 1942 in Uddevalla. Seine Eltern hießen M a r i a n n e u n d Georg Bodin. Beide kamen 1946 bei einem Unfall ums Leben. K a r l A x e l Bodin wuchs bei einem O n k e l in Norwegen auf. Vor den 7oer-Jahren gibt es also überhaupt keine Angaben zu i h m , dann zog er wieder nach Schweden. M i k a e l Blomkvists Behauptung, er sei ein ehemaliger russischer Agent, scheint nicht nachweisbar zu sein, aber ich b i n geneigt, i h m zu glauben.« »Und was bedeutet das?« »Dass er offenbar eine falsche Identität bekommen hat. U n d das muss m i t Einverständnis der Behörden geschehen sein.« »Die SiPo?« »Das behauptet Blomkvist. Wie das genau gelaufen ist, weiß ich nicht. Das würde voraussetzen, dass die Geburtsur-
künde u n d eine ganze Reihe anderer Papiere gefälscht u n d die gefälschten Informationen in die öffentlichen schwedischen Register eingetragen werden mussten. Ich wage nicht, m i c h zur Legalität dieses Unterfangens zu äußern. Wahrscheinlich k o m m t es darauf an, wer so einen Beschluss fasst. U n d in diesem Fall musste er fast auf Regierungsniveau gefallen sein.« Eine kompakte Stille legte sich über Bublanskis Dienstzimmer, während die vier Kriminalinspektoren über die I m p l i k a tionen dieser Vermutung nachdachten. » O k a y « , sagte Bublanski schließlich. »Wir sind nur vier dumme kleine Bullen. Wenn hier w i r k l i c h die Regierung ihre Finger im Spiel hat, habe ich ganz bestimmt nicht vor, sie zur Vernehmung vorzuladen.« » H m m « , machte C u r t Svensson. »Das könnte am Ende zu einer Verfassungskrise führen. In den USA kann man Regierungsmitglieder ganz n o r m a l zu einer gerichtlichen Vernehm u n g einbestellen. In Schweden muss man dazu den Verfassungsausschuss anrufen.« »Wir könnten natürlich auch den Chef persönlich fragen«, schlug Jerker H o l m b e r g vor. »Den Chef persönlich fragen?«, echote Bublanski. »Ich meine Thorbjörn Fälldin. Er war damals Ministerpräsident. « » N a klar, w i r statten dem ehemaligen Ministerpräsidenten einfach einen Besuch ab u n d fragen i h n , ob er die persönlichen Papiere eines übergelaufenen russischen Spions gefälscht hat.« »Fälldin w o h n t in Äs in der Gemeinde Härnösand. Ich b i n nur ein paar Kilometer entfernt von d o r t aufgewachsen. M e i n Vater ist in der Zentrumspartei u n d kennt Fälldin ganz gut. Ich habe i h n als K i n d u n d auch als Erwachsener ein paarmal getroffen, das ist ein ganz unkomplizierter Mensch.« D r e i Kriminalinspektoren starrten Jerker H o l m b e r g verblüfft an. »Du kennst Fälldin«, sagte Bublanski zweifelnd.
H o l m b e r g nickte. Bublanski spitzte die Lippen. »Jetzt m a l ehrlich . . . « , fuhr H o l m b e r g f o r t , »das würde doch unter Umständen eine ganze Reihe v o n Problemen lösen, w e n n w i r dem ehemaligen Ministerpräsidenten eine Erklärung entlocken können. Ich k a n n hochfahren u n d m i t i h m reden. W e n n er nichts sagt, sagt er eben nichts. U n d w e n n er redet, sparen w i r uns w o m ö g l i c h eine ganze Menge Zeit.« Bublanski überdachte den Vorschlag. D a n n schüttelte er den Kopf. Aus dem Augenwinkel heraus sah er, wie Sonja M o dig u n d C u r t Svensson nachdenklich nickten. »Danke für das Angebot, aber ich glaube, w i r legen diese Idee erst m a l auf Eis. Z u r ü c k zu unserem Fall. Sonja.« »Nach Blomkvists Angaben k a m Zalatschenko 1976 hierher. Wenn ich das recht verstanden habe, gibt es nur eine Person, v o n der er diese I n f o r m a t i o n bekommen haben kann.« »Gunnar B j ö r c k « , sagte Svensson. »Was hat Björck uns g e s a g t ? « , w o l l t e Jerker H o l m b e r g wissen. »Nicht viel. Er weist auf die Geheimhaltungspflicht h i n u n d behauptet, ohne Genehmigung seiner Vorgesetzten könne er über gar nichts reden.« »Und wer sind seine Vorgesetzten?« »Diese Auskunft verweigert er.« »Und was passiert jetzt m i t ihm?« »Ich habe i h n wegen Verstoßes gegen die Prostitutionsgesetze festgenommen. D u r c h D a g Svensson ist das alles hervorragend dokumentiert. Ekström hat sich ziemlich aufgeregt, aber da ich bereits Anzeige erstattet habe, würde er r i c h t i g Probleme kriegen, wenn er die Voruntersuchung jetzt ad acta legt«, erklärte Svensson. »Aha. Verstoß gegen die Prostitutionsgesetze. Das w i r d w o h l ein paar Tagessätze geben, schätze ich.« »Wahrscheinlich. Aber w i r haben i h n zumindest schon m a l
zu fassen gekriegt u n d können i h n noch m a l zum Verhör vorladen.« »Jetzt sind w i r also ins Revier der SiPo eingedrungen u n d stöbern d o r t h e r u m . Das könnte gewisse Turbulenzen geben.« »Aber die Sache ist n u n mal die - nichts von dem, was geschehen ist, hätte geschehen können, wenn die Sicherheitspolizei nicht auf die eine oder andere A r t darin verwickelt gewesen w ä r e . Möglicherweise war Zalatschenko w i r k l i c h ein russischer Spion, der ausgestiegen ist u n d hier politisches Asyl beantragt hat. Es ist auch möglich, dass er für die SiPo gearbeitet hat u n d es daher guten G r u n d gab, i h m eine falsche Identität und Anonymität zu verschaffen. Aber da gibt es drei Probleme: erstens der Bericht, der 1991 erstellt wurde u n d dazu führte,
dass
Lisbeth
Salander
gesetzeswidrigerweise
einge-
sperrt w u r d e . Zweitens haben Zalatschenkos Tätigkeiten seitdem nicht mehr das Geringste m i t der staatlichen Sicherheit zu t u n . Zalatschenko ist ein ganz gewöhnlicher Gangster u n d war höchstwahrscheinlich an mehreren M o r d e n u n d anderen Verbrechen beteiligt. U n d drittens k a n n es gar keinen Zweifel daran geben, dass Lisbeth Salander auf seinem Grundstück in Gosseberga angeschossen u n d lebendig begraben wurde.« » A p r o p o s , ich würde ja zu gerne m a l diesen berüchtigten Bericht lesen«, sagte H o l m b e r g . Bublanskis Miene verfinsterte sich. »Ekström hat i h n am Freitag beschlagnahmt, u n d als ich i h n bat, i h n m i r zurückzugeben, sagte er, er würde eine Kopie anfertigen, was er jedoch nie getan hat. Stattdessen rief er mich irgendwann an u n d erklärte, er habe m i t dem Generalstaatsanwalt gesprochen, es gebe da ein Problem. Laut Staatsanwaltschaft darf der Bericht nicht verbreitet oder k o p i e r t werden, w e i l er als streng geheim eingestuft w u r d e . Daher hat der Staatsanwalt alle K o p i e n einkassiert, bis die Sache geklärt ist. Das bedeutete, dass auch Sonja ihre Kopie abliefern musste.«
»Wir haben diesen Bericht also nicht mehr vorliegen?« »Nein.« »Verdammt«, sagte H o l m b e r g . »Das sieht m i r alles gar nicht gut aus.« » N e i n « , stimmte Bublanski zu. »Aber vor allem bedeutet es, dass jemand gegen uns arbeitet, u n d zwar äußerst schnell u n d effektiv. Dieser Bericht hatte uns ja überhaupt erst auf die richtige Spur gebracht.« »Dann müssen w i r jetzt herausfinden, wer da gegen uns arbeitet«, meinte H o l m b e r g . » M o m e n t m a l « , unterbrach Sonja M o d i g .
»Da w ä r e
doch auch noch Peter Teleborian. Er hat m i t einem Profil v o n Lisbeth Salander zu unseren eigenen E r m i t t l u n g e n beigetragen.« »Ganz g e n a u « , bestätigte Bublanski m i t finsterem Untert o n . »Und was hat er gesagt?« »Er habe sich die größten Sorgen um ihre Sicherheit gemacht u n d w o l l e nur i h r Bestes. Aber nachdem dieses ganze G e w ä s c h abgehakt war, fing er plötzlich an, sie sei gefährlich u n d würde uns höchstwahrscheinlich Widerstand leisten. W i r haben einen guten Teil unserer Überlegungen auf seinem Urteil aufgebaut.« »Und Hans Faste hat er auch ordentlich D a m p f gemacht«, fügte H o l m b e r g hinzu. »Habt ihr übrigens was von Faste gehört in letzter Zeit?« »Der hat sich krank geschrieben«, erwiderte Bublanski kurz. »Jetzt stellt sich die Frage, wie w i r weiter verfahren wollen.« In den nächsten zwei Stunden diskutierten sie über verschiedene Möglichkeiten. D o c h der einzige praktische Entschluss, der gefasst w u r d e , w a r der, dass Sonja M o d i g am nächsten Tag nach Göteborg zurückfahren sollte, um sich zu erkundigen, ob Lisbeth Salander irgendetwas zu sagen habe. Als sie schließlich aufbrachen, gingen Sonja M o d i g u n d C u r t Svensson gemeinsam in die Garage hinunter.
» M i r fiel nur gerade ein ...« Svensson hielt m i t t e n im Satz inne. » J a ? « , hakte M o d i g nach. » M i r fiel nur gerade ein, dass d u , als w i r m i t Teleborian geredet haben, die Einzige in der Gruppe warst, die Fragen gestellt und Einwände vorgebracht hat.« »Stimmt.« »Tja ... also ... guter Instinkt«, sagte er. Svensson w a r nicht unbedingt dafür bekannt, großzügig m i t L o b umzugehen, und dies w a r definitiv das erste M a l , dass er etwas Positives oder Ermutigendes zu ihr gesagt hatte. Er ließ die verdutzte Sonja M o d i g vor ihrem A u t o stehen.
5. Kapitel Sonntag, 1 0 . April
M i k a e l Blomkvist hatte die N a c h t m i t Erika Berger im Bett verbracht. Sie hatten keinen Sex gehabt, sondern nur nebeneinander gelegen u n d geredet. Ein Großteil dieses Gesprächs hatte sich um die Details der Zalatschenko-Geschichte gedreht. Das Vertrauen zwischen M i k a e l u n d Erika war so groß, dass er sich keine Sekunde lang v o n ihrem Wechsel zu einer konkurrierenden Z e i t u n g stören ließ. U n d Erika selbst hatte auch nicht die mindeste Absicht, sich diese Geschichte bei ihrem neuen Arbeitgeber zunutze zu machen. Das w a r Millenniums Sensationsstory, u n d vielleicht w a r sie ein wenig frustriert darüber, dass sie nicht mehr Chefredakteurin sein w ü r de, wenn dieses Heft herauskam. Das wäre ein fulminanter Schlusspunkt ihrer Karriere bei Millennium gewesen. Sie unterhielten sich auch über die Z u k u n f t u n d was die neue Situation für sie bedeuten w ü r d e . Erika w a r fest entschlossen, Teilhaberin bei Millennium u n d auch im Führungskreis zu bleiben. Dennoch begriffen beide, dass sie natürlich keine Einsicht in die laufende redaktionelle A r b e i t mehr nehmen durfte. » G i b m i r ein paar Jahre beim Morgen-Drachen ... u n d wer weiß, vielleicht k o m m e ich ja k u r z vor meiner Rente wieder zu Millennium zurück«, sagte sie.
D a n n besprachen sie noch ihr eigenes kompliziertes Verhältnis. Sie waren sich einig, dass sich daran in der Praxis nichts ändern sollte, abgesehen davon, dass sie sich in Z u kunft natürlich nicht mehr so oft treffen würden. Es würde wieder sein wie in den
8oer-Jahren, bevor sie Millennium
gründeten u n d noch getrennte Arbeitsplätze hatten. »Dann müssen w i r uns wahrscheinlich Termine geben«, meinte Erika u n d lächelte schwach. Am Sonntagmorgen verabschiedeten sie sich eilig, bevor Erika zu ihrem M a n n Greger Backman nach Hause fuhr. »Ich weiß nicht, was ich sagen soll«, meinte Erika. »Aber ich kenne die Anzeichen: Du steckst m a l wieder bis über beide Ohren in einer deiner Storys, u n d alles andere k o m m t an zweiter Stelle. Weißt d u , dass du dich manchmal wie ein Psychopath aufführst, wenn du arbeitest?« M i k a e l umarmte sie lächelnd. Als sie gegangen war, rief er als Erstes im Sahlgrenska-Krankenhaus an und versuchte herauszubekommen, wie es Lisbeth ging. N i e m a n d w o l l t e i h m etwas sagen. Schließlich rief er K r i minalinspektor Marcus Erlander an, der sich erbarmte u n d i h m erklärte, dass Lisbeths Zustand, gemessen an den Umständen, gut sei u n d die Ärzte vorsichtigen Optimismus ausdrückten. Als M i k a e l fragte, ob er Lisbeth besuchen dürfe, erwiderte Erlander jedoch, dass sie auf Beschluss des Staatsanwalts in Untersuchungshaft sei u n d keinen Besuch empfangen dürfe. Ihr Zustand ließe ohnehin noch kein Verhör zu. M i k a e l rang Erlander das Versprechen ab, i h n anzurufen, falls sich ihr Z u stand verschlechtern sollte. Als M i k a e l die Liste der eingegangenen Anrufe auf seinem H a n d y studierte, zählte er zweiundvierzig unbeantwortete Anrufe u n d eine SMS von diversen Journalisten, die verzweifelt versuchten, i h n zu erreichen. Die Neuigkeit, dass er Lisbeth Salander gefunden u n d den N o t a r z t alarmiert hatte u n d
dass er damit aufs Engste m i t den Ereignissen verknüpft war, hatte in den letzten vierundzwanzig Stunden für dramatische Spekulationen in den M e d i e n gesorgt. M i k a e l löschte sämtliche N a c h r i c h t e n , die i h m die Reporter hinterlassen hatten. Stattdessen telefonierte er m i t seiner Schwester A n n i k a u n d verabredete sich m i t ihr zum M i t t a g essen. D a n n rief er Dragan A r m a n s k i j an, den Geschäftsführer und operativen Chef des Sicherheitsunternehmens M i l t o n Security. Er erreichte i h n auf dem H a n d y in seiner W o h n u n g in Lidingö. »Sie haben auf jeden Fall ein Talent, für Schlagzeilen zu sorgen«, bemerkte A r m a n s k i j trocken. »Entschuldigen Sie, dass ich Sie diese Woche nicht schon eher angerufen habe. Ich habe eine M i t t e i l u n g bekommen, dass Sie m i c h suchen, aber ich hatte nicht so w i r k l i c h Z e i t . . . « »Wir hatten hier bei M i l t o n unsere eigenen Ermittlungen laufen. U n d ich wusste durch Holger Palmgren, dass Sie über gewisse Informationen verfügten. Aber wie es aussieht, waren Sie uns meilenweit voraus.« M i k a e l zögerte k u r z , wie er sein Anliegen vorbringen sollte. »Kann ich Ihnen vertrauen?«, fragte er. A r m a n s k i j schien einigermaßen verblüfft über die Frage. »In welcher Hinsicht?« »Stehen Sie auf Salanders Seite oder nicht? K a n n ich m i c h darauf verlassen, dass Sie n u r i h r Bestes wollen?« »Ich b i n ihr Freund. Wie Sie wissen, bedeutet das nicht u n bedingt, dass sie auch meine Freundin ist.« »Ich weiß. Aber ich w i l l wissen, ob Sie bereit sind, sich in ihre Ecke des Boxrings zu stellen u n d sich eine Schlacht m i t ihren übelsten Feinden zu liefern. Das w i r d ein Kampf, der sich über mehrere Runden hinziehen wird.« A r m a n s k i j überlegte. »Ich stehe auf ihrer Seite«, sagte er schließlich.
121
»Kann ich Ihnen Informationen z u k o m m e n lassen u n d gewisse Dinge m i t Ihnen besprechen, ohne befürchten zu müssen, dass sie zur Polizei oder zu anderen Leuten durchsickern?« »Ich kann m i c h nicht in kriminelle Handlungen m i t hineinziehen lassen«, erklärte A r m a n s k i j . »Das w a r nicht meine Frage.« »Sie können m i r absolut vertrauen, solange alles im gesetzlichen Rahmen bleibt.« »Mehr verlange ich auch gar nicht. W i r müssen uns treffen.« »Ich k o m m e am A b e n d in die Stadt. Abendessen?« »Nein, ich hab keine Zeit. Aber ich w ä r e Ihnen sehr dankbar, wenn Sie es morgen Abend einrichten könnten. Sie u n d ich u n d vielleicht noch ein paar Leute, w i r sollten uns zusammensetzen u n d uns unterhalten.« »Sie sind m i r herzlich w i l l k o m m e n bei M i l t o n . Sagen w i r i8Uhr?« » N o c h etwas ... ich treffe m i c h in zwei Stunden m i t meiner Schwester A n n i k a G i a n n i n i . Sie überlegt, ob sie Lisbeths Verteidigung übernehmen soll, aber sie k a n n selbstverständlich nicht kostenlos arbeiten. Einen Teil ihres H o n o r a r s kann ich aus eigener Tasche zahlen. Könnte M i l t o n Security auch etwas beisteuern?« »Lisbeth w i r d einen verdammt guten Fachanwalt für Strafrecht brauchen. Ihre Schwester scheint m i r nicht die passende W a h l zu sein, wenn Sie entschuldigen. Ich habe schon m i t dem Chefjuristen bei M i l t o n Security gesprochen, er w i r d einen geeigneten A n w a l t für Lisbeth finden. Ich dachte da an Peter A l t h i n oder jemand in der Richtung.« »Falsch. Lisbeth braucht eine ganz andere Sorte A n w a l t . Sobald w i r miteinander geredet haben, werden Sie verstehen, was ich meine. Aber könnten Sie Geld in ihre Verteidigung stecken, wenn es erforderlich werden sollte?« »Ich hatte schon daran gedacht, dass M i l t o n einen A n w a l t anheuern könnte . . . «
»Heißt das Ja oder Nein? Ich weiß, was m i t Lisbeth passiert ist. Ich weiß ungefähr, wer dahintersteckt, u n d ich habe einen Angriffsplan.« A r m a n s k i j musste lachen. »Okay. Ich werde m i r Ihren Vorschlag anhören. Wenn er mir nicht gefällt, k a n n ich ja immer noch einen Rückzieher machen.« »Hast du schon über meinen Vorschlag nachgedacht, Lisbeth Salander zu vertreten?«, fragte M i k a e l , nachdem er seine Schwester auf die Wange geküsst hatte u n d sie Kaffee u n d belegte Brötchen vor sich stehen hatten. »Ja. U n d ich muss N e i n sagen. Du weißt, dass ich nicht auf Strafrecht spezialisiert b i n . A u c h wenn sie v o n der M o r d a n klage freigesprochen w i r d , bleiben da noch jede Menge andere Anklagepunkte. Sie w i r d jemand brauchen, der viel massiver auftreten k a n n und viel mehr Erfahrung vorzuweisen hat als ich.« »Du irrst dich. Du bist Rechtsanwältin u n d erwiesenermaßen eine Expertin für Frauenrechtsfragen. Ich behaupte, dass du genau die Anwältin bist, die Lisbeth braucht.« »Mikael ... ich glaube, du verstehst nicht so r i c h t i g , was da alles m i t dranhängt. H i e r geht es um ein kompliziertes Verbrechen, nicht um einen einfachen Fall von Misshandlung oder sexueller Belästigung. Wenn ich m i c h bereit erkläre, sie zu verteidigen, k a n n das d i r e k t in eine Katastrophe führen.« M i k a e l lächelte. »Ich glaube, dir entgeht da etwas ganz Wesentliches. Wenn Lisbeth zum Beispiel des M o r d e s an Dag u n d M i a angeklagt w o r d e n w ä r e , hätte ich einen A n w a l t wie Silbersky oder einen anderen scharfen H u n d angeheuert. Aber in diesem Prozess w i r d es um ganz andere Dinge gehen. U n d in dieser H i n s i c h t bist du einfach die Idealbesetzung.« A n n i k a seufzte.
»Dann erklär m i r das alles m a l in Ruhe.« Sie unterhielten sich fast zwei Stunden lang. Als M i k a e l m i t seinen Erklärungen fertig war, hatte er A n n i k a überzeugt. Daraufhin zog er sein H a n d y aus der Tasche u n d rief noch einm a l M a r c u s Erlander in Göteborg an. »Hallo. H i e r ist Blomkvist.« »Ich habe keine Neuigkeiten über Salander«, sagte Erlander leicht gereizt. »So wie die Dinge liegen, ist das schon eine gute N a c h r i c h t . Aber ich habe Neuigkeiten für Sie.« »Ach ja?« »Lisbeth Salander hat jetzt eine Rechtsanwältin namens A n n i k a G i a n n i n i . Sie sitzt m i r gerade gegenüber u n d möchte m i t Ihnen sprechen.« M i k a e l reichte A n n i k a das H a n d y über den Tisch. »Guten Tag. Ich heiße A n n i k a G i a n n i n i , u n d m a n hat m i c h gebeten, die Verteidigung von Frau Salander zu übernehmen. Ich muss daher K o n t a k t m i t meiner M a n d a n t i n aufnehmen können, d a m i t sie mich als ihre Verteidigerin bestätigen k a n n . Außerdem brauche ich die Telefonnummer des Staatsanwalts.« »Verstehe«, sagte Erlander. »Soweit ich weiß, hat man aber schon K o n t a k t zu einem Pflichtverteidiger aufgenommen.« »Gut. H a t irgendjemand Frau Salander in dieser Sache nach ihrer M e i n u n g gefragt?« Erlander zögerte. »Ehrlich gesagt hatten w i r noch keine Gelegenheit, ein W o r t m i t ihr zu wechseln. W i r hoffen, morgen m i t ihr sprechen zu können, falls ihr Zustand das zulässt.« »Wunderbar. D a n n teile ich Ihnen h i e r m i t m i t , dass Sie m i c h als Frau Salanders Anwältin betrachten können, bis sie Ihnen etwas Gegenteiliges sagt. Wenn ich nicht anwesend b i n , dürfen Sie kein Verhör m i t ihr durchführen. Sie können sie besuchen u n d sie fragen, ob sie m i c h als ihre Anwältin akzeptiert oder nicht. Ich denke, Sie haben m i c h verstanden.«
» J a « , seufzte Erlander. Wie die Rechtslage eigentlich aussah, wusste er gar nicht so recht. Er überlegte kurz. »Wir möchten Frau Salander in erster Linie fragen, ob sie uns irgenwelche Informationen über den Verbleib des Polizistenmörders Ronald Niedermann geben k a n n . Sind Sie einverstanden, dass ich sie danach frage, auch wenn Sie nicht dabei sind?« A n n i k a G i a n n i n i zögerte. »In O r d n u n g ... Sie können sie zu reinen Informationszwecken befragen, ob sie der Polizei helfen k a n n , Niedermann ausfindig zu machen. Aber Sie dürfen ihr keine Fragen stellen, die eventuelle Anklagen oder Beschuldigungen betreffen. Sind w i r uns da einig?« »Ich glaube schon.« Marcus Erlander stand von seinem Schreibtisch auf u n d ging eine Treppe nach oben zur Leiterin der Voruntersuchung, Agneta Jervas. Er fasste den Inhalt seines Gesprächs m i t A n n i ka Giannini für sie zusammen. »Ich wusste nicht, dass Salander eine Anwältin hat.« »Ich auch nicht. G i a n n i n i ist v o n M i k a e l Blomkvist angeheuert w o r d e n . Vermutlich weiß Salander noch gar nichts davon.« »Aber G i a n n i n i ist doch gar keine Fachanwältin für Strafrecht. Sie beschäftigt sich m i t Frauenfragen. Ich habe einmal einen V o r t r a g v o n ihr besucht. Sie ist hochintelligent, aber für diesen Fall gänzlich ungeeignet.« »Das muss Salander trotzdem selbst entscheiden.« »Möglicherweise muss ich in ihrem eigenen Interesse dagegen Einspruch erheben. Sie braucht einen richtigen Verteidiger und nicht irgendeinen P r o m i , der nur in die Schlagzeilen k o m men w i l l . H m m . Außerdem wurde Salander für geschäftsunfähig erklärt. Ich weiß nicht, wie da die entsprechenden Regelungen aussehen.« »Was sollen w i r tun?«
Agneta Jervas überlegte k u r z . »Das ist w i r k l i c h ein einziger Schlamassel hier. Ich b i n nicht sicher, wer den Fall letzlich übernehmen w i r d , vielleicht geht er ja auch zu Ekström nach Stockholm. Aber sie braucht einen A n w a l t . O k a y ... fragen Sie sie, ob sie G i a n n i n i haben will.« Als M i k a e l gegen fünf U h r nachmittags nach Hause k a m , machte er sein iBook auf und arbeitete an dem Text weiter, den er im H o t e l in Göteborg begonnen hatte. Er arbeitete sieben Stunden lang, bis er die gröbsten Lücken in der Story ausfindig gemacht hatte. H i e r stand immer noch einiges an Recherche aus. Eine Frage, die er ohne die vorliegende D o k u m e n t a t i o n nicht beantworten k o n n t e , w a r die, welche Personen bei der SiPo, abgesehen von Gunnar Björck, n u n eigentlich an der Verschwörung beteiligt gewesen waren, die Lisbeth Salander ins Irrenhaus befördert hatte. Er hatte auch noch nicht klären können, in welcher Beziehung Björck u n d der Psychiater Peter Teleborian eigentlich zueinander standen. Gegen M i t t e r n a c h t machte er seinen Computer aus u n d legte sich schlafen. Z u m ersten M a l seit Wochen konnte er sich entspannen. Die Story hatte er weitgehend unter K o n t r o l l e . M o c h t e n auch noch einige Fragezeichen auftauchen, so hatte er doch schon genug M a t e r i a l beisammen, um eine ganze Schlagzeilenlawine loszutreten. Einen M o m e n t lang verspürte er den D r a n g , Erika Berger anzurufen u n d sie auf den neuesten Stand zu bringen. D o c h dann fiel i h m ein, dass sie ja nicht mehr zu Millennium gehörte. Plötzlich konnte er doch nicht mehr so leicht einschlafen. Der M a n n m i t der braunen Aktentasche stieg vorsichtig aus dem i 9 - U h r - 3 0 - Z u g von Göteborg nach Stockholm. Für einen M o m e n t blieb er in der Menschenmenge stehen, um sich zu orientieren. Er hatte die Reise um acht U h r morgens in La-
h o l m angetreten u n d w a r zuerst nach Göteborg gefahren, wo er m i t einem alten Freund zu M i t t a g gegessen hatte, bevor er die Reise nach Stockholm fortsetzte. Er w a r seit zwei Jahren nicht mehr in Stockholm gewesen u n d hatte eigentlich nicht vorgehabt, jemals wieder seinen Fuß in die Hauptstadt zu setzen. O b w o h l er den Großteil seines Berufslebens hier verbracht hatte, fühlte er sich in Stockholm immer noch fremd, ein Gefühl, das bei jedem seiner Besuche nach der Pensionierung zugenommen hatte. Langsam spazierte er durch den H a u p t b a h n h o f , kaufte sich die Abendzeitungen und zwei Bananen u n d musterte nachdenklich zwei verschleierte muslimische Frauen, die an i h m vorbeiliefen. Er hatte nichts gegen verschleierte Frauen. Wenn die Leute sich verkleiden w o l l t e n , w a r das nicht sein Problem. Es störte i h n nur, dass sie sich unbedingt mitten in Stockholm verkleiden mussten. Er schlenderte knapp dreihundert Meter weiter bis zu Freys H o t e l , das sich neben Bobergs alter Post in der Vasagatan befand. In diesem H o t e l wohnte er bei jedem seiner seltenen Besuche in Stockholm. Es w a r zentral gelegen, sauber u n d außerdem b i l l i g , was i h m w i c h t i g war, w e i l er für die Reisekosten selbst aufkommen musste. Er hatte das Z i m m e r gestern gebucht u n d stellte sich als Evert Gullberg vor. Sobald er auf seinem Z i m m e r war, ging er auf die Toilette. M i t t l e r w e i l e hatte er das Alter erreicht, in dem er ziemlich häufig auf die Toilette musste. Es w a r schon ein paar Jährchen her, dass er eine ganze N a c h t durchgeschlafen hatte, ohne aufzuwachen, w e i l er pinkeln gehen musste. Anschließend nahm er seinen H u t ab, einen dunkelgrünen englischen Filzhut m i t schmaler Krempe, u n d lockerte seine Krawatte. M i t seinen 68 K i l o bei einer Körpergröße von i M e ter 84 w a r er mager u n d zerbrechlich. Er t r u g ein Sakko m i t Pepitamuster u n d eine dunkelgraue Hose. Aus seiner braunen Aktentasche zog er zwei H e m d e n , einen Reserveschlips u n d
Unterwäsche, die er in die K o m m o d e legte. D a n n hängte er seinen M a n t e l u n d das Jackett auf Kleiderbügel u n d verstaute sie im Schrank hinter der Zimmertür. Es w a r zu früh, um schon zu Bett zu gehen. Es w a r aber auch zu spät, als dass er sich noch zu einem Abendspaziergang aufraffen konnte. Also setzte er sich auf den obligatorischen Stuhl im Hotelzimmer u n d sah sich u m . Er schaltete den Fernseher ein, drehte aber den Ton ab. D a n n überlegte er, ob er die Rezeption anrufen u n d sich einen Kaffee bestellen sollte, beschloss aber, dass es dafür schon zu spät war. Stattdessen w a r f er einen Blick in die M i n i b a r u n d goss sich eine kleine Flasche Johnny Walker m i t Wasser ein. Er schlug die Zeitungen auf u n d las sorgfältig d u r c h , was im Laufe des Tages über die Jagd auf Ronald Niedermann u n d den Fall Lisbeth Salander geschrieben w o r d e n war. N a c h einer Weile zückte er ein N o t i z heft m i t Ledereinband und machte sich ein paar N o t i z e n . Der ehemalige Ministerialdirektor der Sicherheitspolizei, Evert Gullberg, w a r 78 Jahre alt u n d offiziell seit vierzehn Jahren pensioniert. Aber so ist das eben m i t alten Spionen. Sie sterben nie, sondern gleiten irgendwann einfach ins Schattenreich hinüber. K u r z nach Kriegsende, als Gullberg 19 war, hatte er eine Karriere bei der M a r i n e begonnen. Er leistete seinen Militärdienst als Seekadett ab und wurde danach an der Offiziersschule angenommen. D o c h statt einer traditionellen Karriere zur See, wie er sie sich erwartet hatte, w u r d e er z u m Nachrichtendienst der M a r i n e nach Karlskrona beordert. Er verstand ohne Weiteres die N o t w e n d i g k e i t dieses Nachrichtendienstes, der sich d a m i t beschäftigte, was auf der anderen Seite der Ostsee vor sich ging. Dennoch empfand er die A r b e i t als langweil i g u n d uninteressant. A u f der Dolmetscherschule des Verteidigungsministeriums lernte er Russisch u n d Polnisch. Diese Sprachkenntnisse waren einer der Gründe, w a r u m man i h n
1950 für die Sicherheitspolizei rekrutierte. Das war zu der Zeit, als noch der untadelig korrekte Georg T h u l i n die Organisation leitete. Als Gullberg d o r t anfing, belief sich das Gesamtbudget der Geheimpolizei auf 2,7 M i l l i o n e n K r o n e n , u n d ihr Mitarbeiterstab umfasste genau neunundsechzig Personen. Als Evert Gullberg 1992 offiziell in Pension ging, w a r das Budget der Sicherheitspolizei auf über 350 M i l l i o n e n K r o n e n gestiegen, u n d er wusste gar nicht mehr, wie viele Angestellte die »Firma« eigentlich hatte. Gullberg hatte sein Leben im geheimen Dienst seiner M a jestät verbracht oder vielleicht im geheimen Dienst des sozialdemokratischen Staates. Was als Ironie des Schicksals zu betrachten war, da er stets konservativ gewählt hatte. N u r im Jahr 1991 hatte er eine Ausnahme gemacht, w e i l er Carl Bildt für eine realpolitische Katastrophe hielt. In jenem Jahr hatte er stattdessen resigniert für Ingvar Carlsson gestimmt. Die Jahre m i t Schwedens bester Regierung hatten zugleich seine schlimmsten Befürchtungen bestätigt. Das Kabinett v o n Carl Bildt hatte seinen Dienst angetreten, als die Sowjetunion zusammenbrach, und seiner M e i n u n g nach konnte k a u m eine Regierung schlechter gerüstet sein, den neuen Spionagemöglichkeiten zu begegnen, die sich n u n im Osten auftaten. Vielmehr beschnitt die Bildt-Regierung die Sowjetabteilung aus wirtschaftlichen Gründen u n d konzentrierte sich stattdessen auf das internationale Gerangel in Bosnien u n d Serbien - als ob Serbien jemals eine Bedrohung für Schweden darstellen könnte! Das Resultat dieser Vorgehensweise war, dass es bald keine Möglichkeiten mehr gab, langfristig Informanten in M o s k a u einzuschleusen. Sollte das K l i m a eines Tages wieder frostiger werden - für Gullberg nur eine Frage der Z e it -, würde m a n wieder völlig absurde politische Forderungen an die Sicherheitspolizei u n d den Nachrichtendienst stellen, als könnte m a n d o r t nach Bedarf Agenten aus dem H u t zaubern.
Gullberg begann seine Karriere in der Russlandabteilung der SiPo. N a c h zwei Jahren am Schreibtisch machte er 1952/53 seine ersten zaghaften Schritte in der Moskauer Botschaft als Militärattache m i t Kapitänsrang. Dabei t r a t er in die Fußstapfen eines anderen bekannten Spions: Seinen Posten hatte nämlich ein paar Jahre zuvor der nicht ganz unbekannte Flugoffizier Stig Wennerström innegehabt. N a c h Schweden zurückgekehrt, arbeitete er zunächst für die Gegenspionage u n d w a r zehn Jahre später einer der jüngeren Sicherheitspolizisten, die Wennerström unter dem K o m mando des operativen Chefs O t t o Danielsson fassten u n d i h n einer lebenslangen Strafe auf Längholmen zuführten. Als die Geheimpolizei 1964 unter Per Gunnar Vinge u m organisiert wurde u n d v o n da an »Sicherheitsabteilung der Reichspolizeiführung« hieß, begann auch der Mitarbeiterstab anzuwachsen. Damals war Gullberg schon seit vierzehn Jahren bei der SiPo und galt als zuverlässiger Veteran. Gullberg hatte die Sicherheitspolizei niemals als »SiPo« bezeichnet. In offiziellen Z u s a m m e n h ä n g e n verwendete er den Ausdruck »RPF/Sich«, bei inoffiziellen Gelegenheiten »die Sicherheit«. Unter Kollegen sprach er v o m »Unternehmen« oder »der F i r m a « . Der G r u n d w a r sehr einfach. Die wichtigste Aufgabe der Firma war jahrelang die sogenannte Personenk o n t r o l l e gewesen, also die Untersuchung und Registrierung schwedischer Mitbürger, die man kommunistischer oder landesverräterischer Ansichten verdächtigte. In der Firma w u r d e n die Begriffe »Kommunist« und »Landesverräter« als Synonyme benutzt. Der gebräuchliche Ausdruck »SiPo« war ursprünglich v o n der Kommunistenzeitung Clarte geprägt w o r d e n , u n d zwar als Schimpfwort für die Kommunistenjäger der Polizei. Daher verwendete weder Gullberg noch irgendein anderer Veteran diesen Ausdruck. Er konnte beim besten W i l l e n nicht begreifen, w a r u m sein ehemaliger Chef P. G. Vinge seine M e m o i ren
ausgerechnet SiPo-Chef 1962-jo
genannt
hatte.
Die Umorganisierung im Jahre 1964 entschied über G u l l bergs weitere Karriere. RPF/Sich bedeutete, dass die Geheime Staatspolizei in etwas verwandelt w u r d e , was in den Berichten des Justizministeriums
als
moderne
Polizeiorganisation
beschrieben w u r d e .
D o c h der ständige Bedarf an neuem Personal führte zu enormen Einarbeitungsproblemen, was bei einer expandierenden Organisation zur Folge hatte, dass der Feind dramatisch verbesserte Möglichkeiten v o r f a n d , Agenten in die A b t e i l u n g einzuschleusen. U n d das wiederum bedeutete, dass die internen Sicherheitskontrollen verschärft werden mussten - die Geheimpolizei w a r nicht mehr der interne K l u b , in dem ausschließlich ehemalige Offiziere arbeiteten, die sich alle untereinander kannten u n d deren Väter in der Regel schon Offiziere gewesen waren. 1963 w a r Gullberg von der Gegenspionage zur Personenkontrolle versetzt w o r d e n , die im Zuge der Enttarnung von Wennerström eine größere Bedeutung erlangt hatte. In dieser Zeit wurde der Grundstein für das Register gelegt, in dem gegen Ende der 6oer-Jahre k n a p p 3 0 0 0 0 0 schwedische Bürger m i t unliebsamen politischen Ansichten erfasst waren. Aber die Kontrolle schwedischer Bürger w a r eine Sache - eine andere war die Frage, wie die Sicherheitskontrolle bei der RPF/Sich eigentlich organisiert werden sollte. Die Wennerström-Affäre hatte der Geheimen Staatspolizei großes Kopfzerbrechen bereitet. W e n n ein Oberst der L a n desverteidigung für die Russen arbeitete - darüber hinaus war er Berater in Fragen wie Kernwaffen u n d Sicherheitspolit i k gewesen -, konnte m a n da noch sicher sein, dass die Russen nicht auch ihrerseits an zentraler Stelle einen Agenten eingeschleust hatten? Wer konnte garantieren, dass die Chefs u n d Abteilungsleiter der Firma in W i r k l i c h k e i t nicht für die Russen arbeiteten? Kurz gesagt - wer sollte den Spionen hinterherspionieren?
Im August 1964 w u r d e Gullberg zu einem nachmittäglichen Treffen beim stellvertretenden Chef der Sicherheitspolizei gebeten, dem M i n i s t e r i a l d i r e k t o r Hans W i l h e l m Francke. An diesem Treffen waren auch zwei Personen aus der Führungsebene der Firma beteiligt, der stellvertretende Amtschef u n d der Schatzmeister. Bevor der Tag zu Ende gegangen war, hatte Gullbergs Leben einen neuen Sinn bekommen. Er war auserwählt w o r d e n . Er hatte einen neuen Posten als Chef einer neu eingerichteten A b t e i l u n g m i t dem vorläufigen N a m e n »Spezial-Sektion«, abgekürzt SS, angetreten. Seine erste M a ß nahme bestand d a r i n , die A b t e i l u n g auf »Spezielle Analysegruppe« umzutaufen. D o c h nach wenigen M i n u t e n wies der Schatzmeister darauf h i n , dass die Abkürzung SA auch nicht wesentlich besser sei als SS. Schließlich nannte m a n die Organisation »Sektion für Spezielle A n a l y s e « , SSA, im alltäglichen Gebrauch meist einfach als »Sektion« bezeichnet. Die Sektion w a r Franckes Idee gewesen. Er bezeichnete sie als die hinterste Verteidigungslinie. Eine ultrageheime Gruppe, deren M i t g l i e d e r an strategischen Stellen in der Firma verteilt waren, die ansonsten aber unsichtbar blieb u n d weder in Berichten noch Budgetplänen auftauchte u n d somit auch nicht i n f i l t r i e r t werden konnte. Ihre Aufgabe lautete, über die Sicherheit der N a t i o n zu wachen. Gullberg hatte die M a c h t , das zu ermöglichen. Er brauchte den Schatzmeister u n d den A m t s chef, um diese versteckte Struktur zu schaffen, aber sie waren allesamt Soldaten der alten Schule u n d Freunde, die Dutzende v o n Scharmützeln m i t dem Feind hinter sich hatten. Im ersten Jahr bestand die gesamte Organisation aus G u l l berg u n d drei handverlesenen M i t a r b e i t e r n . In den folgenden zehn Jahren wuchs die Sektion auf elf Mitglieder an, v o n denen zwei administrativ arbeiteten u n d der Rest im operativen Geschäft tätig war. Es w a r eine Organisation m i t einer flachen Hierarchie. Gullberg w a r der Chef. Alle andere waren M i t a r -
beiter, die den Chef fast jeden Tag trafen. Effektivität w u r d e höher bewertet als Prestige u n d bürokratische Formalitäten. Offiziell w a r Gullberg mehreren Leuten unterstellt, die in der Hierarchie unter dem Amtschef der Sicherheitspolizei rangierten, dem er m o n a t l i c h berichten musste. D o c h in der Praxis hatte Gullberg eine einzigartige Position m i t außergewöhnlichen Machtbefugnissen inne. Er, u n d nur er, konnte beschließen, die höchsten SiPo-Führungskräfte einer genaueren Untersuchung zu unterziehen. Wenn es i h m gefiel, konnte er sogar Per Gunnar Vinges Leben unter die Lupe nehmen. (Was er auch tat.) Er konnte eigene Untersuchungen anordnen u n d Telefone abhören lassen, ohne seine Absichten erklären oder auch nur an höherer Stelle darüber berichten zu müssen. Sein V o r b i l d w a r die amerikanische Agentenlegende James Jesus A n g l e t o n , der eine ganz ähnliche Position bei der CIA ausfüllte u n d den er sogar persönlich kennenlernte. Organisatorisch gesehen blieb die Sektion ein M i k r o o r g a nismus innerhalb der Organisation, der außerhalb, über u n d neben der gesamten übrigen Sicherheitspolizei agierte. Das hatte auch geografische Konsequenzen. Die Sektion hatte zwar ein Büro auf Kungsholmen, w u r d e aus Sicherheitsgründen aber praktisch k o m p l e t t ausgelagert in eine private Elfzimm e r w o h n u n g in Östermalm. Die W o h n u n g w u r d e diskret zu einem v o l l ausgestatteten Büro ausgebaut, das nie unbesetzt war, da die langjährige treue Sekretärin Eleanor Badenbrink zwei v o n den Z i m m e r n dieser W o h n u n g permanent bewohnte. Badenbrink w a r v o n unschätzbarem Wert für Gullberg, der ihr absolutes Vertrauen entgegenbrachte. Finanziert w u r d e die Sektion durch einen »Sonderfonds«, tauchte aber in keinem Haushaltsplan der Sicherheitspolizei auf, der der Reichspolizeiführung oder dem Justizministerium bekannt war. N i c h t einmal der Chef der RPF/Sich wusste v o n dieser geheimsten aller geheimen Organisationen, die den Auftrag hatte, die heikelsten aller heiklen Aufgaben zu lösen.
Als Gullberg um die 40 war, befand er sich daher in einer Sit u a t i o n , in der er keinem lebenden Menschen Rechenschaft ablegen musste u n d Untersuchungen gegen jeden Menschen anordnen k o n n t e , der i h m gerade in den Sinn k a m . V o n Anfang an w a r Gullberg klar, dass die Sektion für Spezielle Analyse Gefahr lief, eine politisch riskante Gruppierung zu werden. Die Arbeitsbeschreibung war, gelinde gesagt, vage gehalten, u n d schriftliche Zeugnisse jeder A r t blieben äußerst k n a p p . Im September 1964 unterzeichnete Ministerpräsident Tage Erlander einen Erlass, dem zufolge für die Sektion Budgetmittel bereitgestellt werden mussten, d a m i t sie ihre Aufgabe erfüllen konnte, besonders heikle Untersuchungen durchzuführen, die für die Reichssicherheit entscheidend waren. Das w a r eine v o n zwölf ähnlichen M a ß n a h m e n , die der stellvertretende Chef der RPF/Sich, Hans W i l h e l m Francke, w ä h r e n d einer nachmittäglichen Sitzung durchsetzte. Das D o k u m e n t wurde umgehend als streng geheim eingestuft u n d zu den ebenso geheimen A k t e n gelegt. M i t der Unterschrift des Ministerpräsidenten w a r die Sekt i o n jedoch eine juristisch anerkannte Organisation geworden. Das erste Jahresbudget der Sektion belief sich auf 52 000 K r o n e n . Dass es so niedrig war, betrachtete Gullberg selbst als Geniestreich. Das bedeutete, dass die Gründung der Sektion wie eine reine Routineangelegenheit aussah. Daneben bedeutete die Unterschrift des Ministerpräsidenten, dass er eine Gruppe anerkannt hatte, die zu »internen Personenkontrollen« berechtigt war. Dieselbe Unterschrift k o n n te aber auch so gedeutet werden, dass der Ministerpräsident die Gründung einer Gruppe abgesegnet hatte, die auch K o n t r o l l e n »besonders heikler Personen« außerhalb der Sicherheitspolizei durchführen durfte, z u m Beispiel des Ministerpräsidenten selbst. Letzteres schuf potenziell ernste politische Probleme.
Evert Gullberg stellte fest, dass der Johnny Walker in seinem Glas zur Neige ging. Er hatte keine besondere Vorliebe für A l k o h o l , aber es w a r ein langer Tag u n d eine lange Reise gewesen u n d er fand, dass er einen Lebensabschnitt erreicht hatte, in dem es nicht mehr w i c h t i g war, ob er sich einen oder zwei Whiskys genehmigte. Er goss sich noch eine Miniflasche Glenfiddich ein. Die heikelste Affäre überhaupt w a r freilich die m i t O l o f Palme gewesen. Gullberg erinnerte sich noch an jedes Detail des Wahltags 1976. Z u m ersten M a l in der neueren schwedischen Geschichte gab es, durch den Sieg der Zentrumspartei, eine bürgerliche Regierung. Leider w u r d e T h o r b j ö r n Fälldin M i n i s t e r präsident u n d nicht Gösta B o h m a n , ein M a n n alter Schule, der unendlich besser für den Posten geeignet gewesen w ä r e . Aber Hauptsache, der Sozialdemokrat Palme w a r geschlagen. Evert Gullberg konnte aufatmen. Palmes Eignung zum Ministerpräsidenten w a r in den geheimen K o r r i d o r e n der RPF/Sich mehr als einmal Gegenstand der mittäglichen Gespräche gewesen. 1969 w a r Per Gunnar Vinge gefeuert w o r d e n , nachdem er einen Verdacht ausgesprochen hatte, der v o n vielen in der A b t e i l u n g geteilt w u r d e - dass nämlich Palme ein Spion des KGB sein könnte. Leider hatte er dies auch gegenüber Landeshauptmann Ragnar Lassinantti geäußert, als er i h n in N o r r b o t t e n besuchte. Lassinantti hatte zweimal die Augenbrauen hochgezogen u n d danach die Regierungskanzlei i n f o r m i e r t , w o r a u f h i n Vinge zu einem Einzelgespräch bestellt w o r d e n war. Zu Gullbergs Verbitterung w a r die Frage nach Palmes eventuellen KGB-Kontakten nie beantwortet w o r d e n . Trotz hartnäckiger Versuche, die Wahrheit herauszufinden u n d die entscheidenden Beweise zu liefern - tbe smoking gun -, hatte die Sektion nie auch nur den geringsten H i n w e i s darauf gefunden, dass Palme sich schuldig gemacht hatte. In Gullbergs Augen
deutete dieser Umstand jedoch nicht auf Palmes Unschuld h i n , sondern möglicherweise darauf, dass er ein besonders verschlagener u n d intelligenter Spion war, der sich nicht zu den Fehlern hinreißen ließ, die andere russische Spione begangen hatten. Palme täuschte sie Jahr für Jahr. 1982 w u r d e die Palme-Frage noch einmal aufgegriffen, als er erneut Ministerpräsident w u r d e . D o c h dann fielen die Schüsse am Sveavägen, u n d die Frage blieb auf alle Zeiten akademischer Natur. 1976 w a r ein problematisches Jahr für die Sektion gewesen. Innerhalb der RPF/Sich w a r gewisse K r i t i k laut geworden. In den letzten zehn Jahren hatten insgesamt fünfundsechzig Beamte der Sicherheitspolizei aufgrund angeblicher politischer Unzuverlässigkeit den Laufpass bekommen. In den meisten Fällen w a r die Beweislage jedoch so dürftig, dass manche Chefs in den höheren Etagen zu tuscheln begannen, die M i t a r beiter der Sektion seien paranoide Verschwörungstheoretiker. Gullberg kochte immer noch vor W u t , wenn er an einen M i t a r b e i t e r dachte, der 1968 in der RPF/Sich eingestellt w o r den w a r u n d den Gullberg schon damals als äußerst unpassende W a h l betrachtet hatte. Sein Name war Kriminalinspektor Stig Bergling, Leutnant der schwedischen Armee, der sich später als Oberst des russischen Militärnachrichtendienstes GRU erwies. In den folgenden Jahren versuchte Gullberg vier M a l , Bergling feuern zu lassen, doch jedes M a l w u r d e n seine Vorstöße ignoriert. Erst 1977, als auch außerhalb der Sektion Misstrauen gegen Bergling aufkam, änderte sich die Lage. Da war es aber leider schon zu spät. Bergling wurde der größte Skandal in der Geschichte der schwedischen Sicherheitspolizei. Die K r i t i k gegen die Sektion nahm in der ersten Hälfte der 7oer-Jahre zu, u n d um die M i t t e des Jahrzehnts hörte G u l l berg mehrfach Vorschläge, das Budget solle gekürzt oder die gesamte Sektion am besten gleich abgeschafft werden. In jenen Jahren besaß das Thema der terroristischen Bedro-
hung höchste Priorität, in puncto Spionage ein recht unergiebiger Bereich, bei dem m a n vorwiegend verwirrte Jugendliche im Visier hatte, die angeblich m i t arabischen u n d propalästinensischen Gruppierungen zusammenarbeiteten. Es w u r d e also darüber diskutiert, ob die SiPo besondere M i t t e l erhalten sollte, um ausländische Mitbürger in Schweden zu untersuchen, oder ob das ein Aufgabenbereich war, um den sich in Z u k u n f t ausschließlich die Auslandsabteilung kümmern sollte. D u r c h diese bürokratische Diskussion entstand bei der Sekt i o n das Bedürfnis, einen altgedienten M i t a r b e i t e r d a m i t zu beauftragen, die Kollegen der Auslandsabteilung verstärkt zu k o n t r o l l i e r e n , i m Grunde auszuspionieren. Die W a h l fiel auf einen jungen Mitarbeiter, der seit 1970 in der RPF/Sich arbeitete. In seiner Freizeit w a r er M i t g l i e d in einer O r g a n i s a t i o n , die sich Demokratische A l l i a n z nannte u n d v o n den sozialdemokratischen Massenmedien als rechtsextrem beschrieben w u r d e . In der Sektion stellte das freilich keine Belastung dar. In der Tat waren drei andere M i t a r b e i t e r ebenfalls M i t g l i e d e r der Demokratischen A l l i a n z , bei deren Gründung die Sektion eine entscheidende Rolle gespielt hatte. Sie trugen sogar ein wenig zu ihrer Finanzierung bei. D u r c h diese Organisation wurde m a n auch auf den neuen M i t a r b e i ter aufmerksam u n d rekrutierte i h n für die Sektion. Sein N a me w a r Gunnar Björck. Für Evert Gullberg w a r es eine glückliche Fügung, dass genau an diesem Tag, dem Wahltag 1976, an dem Alexander Zalatschenko ins Polizeipräsidium v o n N o r r m a l m spazierte u n d Asyl beantragte, ausgerechnet der junge Gunnar Björck in seiner Eigenschaft als Sachbearbeiter der Auslandsabteilung den Russen in Empfang n a h m . Ein Agent, der bereits m i t den allergeheimsten Geheimnissen vertraut war. Björck erfasste sofort Zalatschenkos Bedeutung, brach die Vernehmung ab u n d brachte den Überläufer in einem Z i m m e r
des H o t e l Continental unter. U n d er alarmierte auch nicht seinen offiziellen Chef von der Auslandsabteilung, sondern rief stattdessen Evert Gullberg an. Der A n r u f k a m zu dem Zeitp u n k t , als die Wahllokale schon geschlossen waren u n d alle Prognosen darauf hindeuteten, dass Palme verlieren würde. Gullberg war gerade nach Hause gekommen u n d schaltete seinen Fernseher ein. Zunächst hatte er gewisse Zweifel an der N a c h r i c h t , die i h m der aufgeregte Björck mitteilte. D o c h dann w a r er z u m Continental gefahren, das weniger als zweihundertfünfzig Meter v o n dem H o t e l z i m m e r entfernt lag, in dem er sich jetzt befand, u n d übernahm das K o m m a n d o über die Zalatschenko-Affäre. In jenem Augenblick hatte sich Gullbergs Leben von G r u n d auf verändert. Das W o r t »Geheimhaltung« hatte einen ganz neuen I n h a l t u n d ganz neues Gewicht erhalten. Spontan entschied er sich dafür, Gunnar Björck in die Zalatschenko-Gruppe m i t einzubeziehen. Das war ein kluger u n d logischer Entschluss, denn Björck wusste ja schließlich schon v o n Zalatschenkos Existenz. Es w a r besser, i h n im Boot zu haben, als i h n außen vor zu lassen u n d d a m i t ein Sicherheitsrisiko einzugehen. Das bedeutete aber auch, dass Björck v o n seinem offiziellen Posten in der Auslandsabteilung an einen Schreibtisch in der W o h n u n g in Östermalm versetzt w u r d e . Während der folgenden dramatischen Entwicklungen hatte Gullberg sich entschieden, von Anfang an nur eine Person in der RPF/Sich einzuweihen, nämlich den Amtschef, der schon damals Einsicht in die Tätigkeit der Sektion hatte. Der hatte ein paar Tage über die Neuigkeit nachgedacht, bevor er G u l l berg erklärte, diese Affäre habe derartige Dimensionen, dass der Chef der RPF/Sich i n f o r m i e r t werden müsse u n d die Regierung ebenso. Der neue Chef der RPF/Sich hatte zu dieser Zeit zwar vage Kenntnis über die Sektion für Spezielle Analyse, aber nur eine
verschwommene Vorstellung davon, w o m i t sich die Sektion eigentlich beschäftigte. Da er aber ohnehin ein M a n n war, der keine Fragen stellte, die unangenehme A n t w o r t e n nach sich ziehen k o n n t e n , akzeptierte er einfach, dass es da ein Gebilde namens SSA gab, m i t dem er nicht das Geringste zu t u n hatte. Es w u r d e also kurzerhand beschlossen, dass die Angelegenheit Zalatschenko weiterhin v o n der Sektion für Spezielle Analyse betreut werden sollte Den scheidenden Ministerpräsidenten noch zu informieren w a r ganz ausgeschlossen. U n d sein Nachfolger w a r v o l l auf d a m i t beschäftigt, sein Kabinett zusammenzustellen u n d m i t den anderen bürgerlichen Parteien zu verhandeln. Erst einen M o n a t nach der Regierungsbildung fuhr der Chef der RPF/Sich zusammen m i t Gullberg nach Rosenbad u n d informierte den neuen Ministerpräsidenten über die Angelegenheit. Gullberg hatte bis zum Schluss dagegen protestiert, dass die Regierung überhaupt i n f o r m i e r t werden sollte, aber der Chef der RPF/Sich blieb hart - rein verfassungstechnisch w a r es nicht zu verantworten, dass m a n den Ministerpräsidenten nicht informierte. Fälldin w a r erschüttert v o n der Neuigkeit, dass ein russischer Topagent in Schweden Asyl beantragt hatte. Der M i n i s terpräsident begann zu erklären, dass er aus rein rechtlichen Gründen gezwungen war, die Sache zumindest m i t den Vorsitzenden der beiden Koalitionsparteien zu besprechen. D o c h Gullberg w a r auf diesen E i n w a n d schon vorbereitet u n d spielte seinen größten T r u m p f aus. M i t leiser Stimme erklärte er, wenn dem so sei, dann müsse er auf der Stelle sein Abschiedsgesuch einreichen. Das w a r eine D r o h u n g , die Fälldin in der Tat beeindruckte. Das bedeutete nämlich i n d i r e k t , dass der Ministerpräsident die persönliche V e r a n t w o r t u n g haben w ü r de, w e n n die Geschichte durchsickerte u n d die Russen ein Todeskommando losschickten, um Zalatschenko zu liquidieren. U n d w e n n die Person, die für seine Sicherheit v e r a n t w o r t l i c h
war, sich notgedrungen aus dem Dienst verabschiedet hatte, dann w ä r e diese Enthüllung für den Ministerpräsidenten eine politische u n d mediale Katastrophe. Fälldin, der noch ein wenig unsicher in seiner Rolle als Staatschef war, gab nach. Er hatte einen Erlass abgesegnet, der zu den Geheimakten wanderte u n d besagte, dass die Sektion für Zalatschenkos Sicherheit u n d Debriefing v e r a n t w o r t l i c h w a r u n d keinerlei I n f o rm a tione n über i h n den R a u m des M i nisterpräsidenten verlassen durften. Fälldin hatte d a m i t ein D o k u m e n t unterzeichnet, das bewies, dass i h m quasi untersagt war, die Sache m i t irgend] emandem zu besprechen. K u r z gesagt: Er sollte Zalatschenko vergessen. Fälldin bestand jedoch darauf, dass noch eine weitere Person in seinem U m f e l d , ein persönlich ausgewählter Staatssekretär, i n f o r m i e r t werden u n d als Kontaktperson in dieser Sache fungieren sollte. D a m i t konnte Gullberg leben. M i t einem Staatssekretär w ü r d e er gerade noch fertig werden. Der Chef der RPF/Sich w a r zufrieden. H i e r m i t w a r die Zalatschenko-Affäre verfassungsmäßig abgesichert, was zugleich bedeutete, dass er den R ü cke n völlig freihatte. Gullberg w a r ebenfalls zufrieden. Es w a r i h m gelungen, eine Quarantänesituation zu schaffen, in der er den Informationsfluss k o n trollierte. Er, u n d nur er allein, k o n t r o l l i e r t e Zalatschenko. Als Gullberg in sein Dienstzimmer in Östermalm zurückk a m , setzte er sich an seinen Schreibtisch u n d erstellte handschriftlich eine Liste m i t den Personen, die über Zalatschenko Bescheid wussten. D a r a u f stand er selbst, Gunnar Björck, der operative Chef der Sektion Hans v o n Rottinger, der stellvertretende Chef Fredrik C l i n t o n , die Sekretärin der Sektion Eleanor Badenbrink sowie zwei M i t a r b e i t e r , die alle I n f o r m a t i o n e n zusammenstellten u n d analysierten, die Zalatschenko ihnen lieferte. Insgesamt waren es sieben Personen, die in den f o l genden Jahren eine besondere Sektion innerhalb der Sektion bilden sollten. Gedanklich taufte er sie die »Innere G r u p p e « .
Außerhalb der Sektion w a r die Angelegenheit also n u r dem Chef der RPF/Sich, dem stellvertretenden Chef u n d dem A m t s chef bekannt. Daneben waren auch noch der Ministerpräsident u n d ein Staatssekretär i n f o r m i e r t . Insgesamt also zwölf Personen. N o c h nie war ein Geheimnis dieser Größenordnung auf eine so kleine, handverlesene Gruppe beschränkt geblieben. D o c h dann verfinsterte sich Gullbergs Laune. Das Geheimnis w a r noch einer dreizehnten Person bekannt geworden. N e ben Björck w a r damals auch noch der Jurist N i l s B j u r m a n im Büro gewesen. D o c h B j u r m a n zu einem M i t a r b e i t e r der Sekt i o n zu erheben stand völlig außer Diskussion. B j u r m a n w a r kein richtiges M i t g l i e d der Sicherheitspolizei - er w a r eher ein schlichter Praktikant in der RPF/Sich -, u n d er verfügte auch nicht über die erforderlichen Kenntnisse. Gullberg prüfte mehrere Alternativen, entschied sich dann aber dafür, Bjurm a n behutsam aus der ganzen Affäre hinauszubugsieren. Er drohte i h m m i t lebenslanger H a f t wegen Landesverrats, falls er auch nur eine Silbe über Zalatschenko ausplaudern w ü r d e . Er bestach i h n m i t der Zusicherung künftiger Aufträge u n d zu guter Letzt m i t Schmeicheleien, die Bjurmans Eitelkeit befriedigten. Er sorgte dafür, dass B j u r m a n eine Stellung in einer renommierten Rechtsanwaltskanzlei bekam u n d durch einen nicht abreißenden Strom v o n Aufträgen beschäftigt blieb. Das einzige Problem war, dass B j u r m a n so ein mittelmäßiger Mensch u n d A n w a l t war, dass er seine Möglichkeiten einfach nicht r i c h t i g nutzen konnte. N a c h zehn Jahren verließ er die Kanzlei u n d machte ein eigenes Büro auf, das sich im Laufe der Z e i t zu einer veritablen Rechtsanwaltskanzlei m i t einer Angestellten entwickelte. In den folgenden Jahren w u r d e B j u r m a n v o n Gullberg diskret überwacht. Erst gegen Ende der 8oer-Jahre stellte er die Überwachung ein, w e i l die Sowjetunion k u r z vor dem Zusammenbruch stand u n d die Angelegenheit Zalatschenko keine Priorität mehr hatte.
Die Sektion setzte in Zalatschenko gewisse Hoffnungen, neue Aufschlüsse über das Rätsel Palme zu erlangen, eine Angelegenheit, die Gullberg unablässig beschäftigte. Palme war daher eines der ersten Themen, die Gullberg in dem langen Debriefing anschnitt. Die Hoffnungen w u r d e n jedoch rasch zunichtegemacht, denn Zalatschenko w a r nie in Schweden eingesetzt w o r d e n und besaß daher nur geringe Kenntnisse über das L a n d . Jedoch hatte er ein Gerücht über einen »roten Springer« gehört, einen Schweden in sehr hoher Position - womöglich ein skandinavischer Politiker -, der für den KGB arbeitete. Gullberg stellte eine Liste m i t N a m e n zusammen, die m i t Palme in Verbindung gebracht werden k o n n t e n . Da waren Carl L i d b o m , Pierre Schori, Sten Andersson, M a r i t a Ulvskog u n d noch eine ganze Reihe anderer. Für den Rest seines Lebens sollte Gullberg jeden Tag auf diese Liste zurückkommen, die A n t w o r t aber schuldig bleiben. Plötzlich spielte auch Gullberg ganz oben m i t . M a n begrüßte i h n m i t Respekt in den exklusiven Klubs der Auserwählten, in denen sich alle kannten u n d ihre persönlichen Beziehungen spielen ließen - fernab von offiziellen Kanälen u n d bürokratischen Regelungen. Er konnte sogar James Jesus A n g l e t o n höchstpersönlich kennenlernen u n d m i t dem Chef des M I 6 in einem diskreten K l u b W h i s k y t r i n k e n . Er w a r selbst eins von den hohen Tieren geworden. Die Kehrseite der Medaille war, dass er von seinen beruflichen Erfolgen niemals erzählen k o n n t e , nicht einmal in seinen posthumen M e m o i r e n . A u c h w u r d e er die Angst nie ganz los, dass der Feind seine Wege verfolgte u n d er die Russen so vielleicht u n f r e i w i l l i g zu Zalatschenko führen würde. Im ersten Jahr w o h n t e dieser in einer geheimen W o h n u n g , die der Sektion gehörte. Er tauchte in keinem Melderegister u n d in keinem öffentlichen D o k u m e n t auf. Innerhalb der
Zalatschenko-Gruppe glaubte m a n , dass noch genug Z e i t bliebe, um seine Z u k u n f t zu planen. Erst im Frühjahr 1978 bek a m er einen Pass, der auf den N a m e n K a r l A x e l Bodin ausgestellt war, sowie eine mühsam zusammengeschusterte Lebensgeschichte, die von den schwedischen Meldeämtern aber nicht infrage gestellt werden würde. D o c h da w a r es bereits zu spät. Zalatschenko hatte nichts Besseres zu t u n gehabt, als diese verdammte H u r e Agneta Sofia Salander, geborene Sjölander, zu ficken, u n d er hatte sich ihr unbekümmert unter seinem wahren N a m e n vorgestellt Zalatschenko. Gullberg dachte, der Russe sei übergeschnappt. M a n c h m a l k a m i h m der Verdacht, er w o l l e so schnell wie möglich enttarnt werden. Als brauchte er eine Bühne. Sonst hätte man seinen Leichtsinn nicht erklären können. Zalatschenko ging zu Prostituierten, ließ sich volllaufen, war streitsüchtig u n d gewalttätig. D r e i m a l wurde Zalatschenko von der schwedischen Polizei wegen Trunkenheit aufgegriffen u n d zweimal wegen Kneipenschlägereien. U n d jedes M a l musste die Sektion diskret eingreifen u n d dafür sorgen, dass Papiere verschwanden u n d Akteneinträge geändert w u r den. Gullberg beauftragte Gunnar Björck d a m i t , sich um den Überläufer zu kümmern, um das Schlimmste zu verhindern. Das war schwierig, aber es gab keine andere Alternative. Es hätte ja auch alles gut gehen können. Zu Beginn der 8oer-Jahre hatte Zalatschenko sich gefangen u n d begann sich anzupassen. Aber die H u r e Salander gab er nie auf - u n d was noch schlimmer war, er w a r mittlerweile Vater v o n Camilla und Lisbeth geworden. Lisbeth Salander. Gullberg hatte immer ein ungutes Gefühl, wenn er diesen Namen aussprach. Schon als die M ä d c h e n erst neun, zehn Jahre alt waren, hatte Gullberg dunkle Vorahnungen m i t dieser Lisbeth Salander gehabt. M a n brauchte keinen Psychiater, um zu erkennen,
dass sie nicht n o r m a l war. Gunnar Björck berichtete, dass sie Zalatschenko gegenüber t r o t z i g , gewalttätig u n d aggressiv w a r u n d nicht die geringste Angst vor i h m zu haben schien. Sie sprach selten, signalisierte aber in vielfacher Weise ihre Unzufriedenheit. Sie begann, ein Problem zu werden, doch wie gigantisch dieses Problem einmal werden w ü r d e , hätte Gullberg sich in seinen wildesten Fantasien nicht ausmalen können. Am meisten fürchtete er, dass die Situation in der Familie Salander zu einer Untersuchung durch das Sozialamt führen könnte. Immer wieder bat er Zalatschenko eindringlich, m i t der Familie zu brechen u n d zu verschwinden. Der versprach es, hielt sein Versprechen jedoch nie. Er hatte andere H u r e n . Er hatte jede Menge H u r e n . D o c h nach ein paar M o n a t e n kehrte er immer wieder zu Agneta Sofia Salander zurück. Dieser verfluchte Zalatschenko. Ein Spion, der sein Gefühlsleben von seinem Schwanz steuern ließ, war ein Sicherheitsrisiko. Aber es war, als stünde er über allen normalen Regeln, oder zumindest glaubte er, über allen Regeln zu stehen. Wenn er die H u r e wenigstens nur gefickt hätte, ohne sie auch noch jedes M a l zu verdreschen, hätte m a n dies noch akzeptieren können, doch misshandelte Zalatschenko seine Freundin wiederholt aufs Schwerste. Er schien seine Bewacher regelrecht provozieren zu w o l l e n : Er verprügelte seine Freundin immer wieder, nur um zu sehen, wie die Sektion sich abstrampelte, um alles wieder ins L o t zu bringen. Dass Zalatschenko völlig k r a n k im K o p f war, bezweifelte Gullberg keine Sekunde lang, aber er konnte schließlich nicht aus einer Fülle übergelaufener GRU-Agenten auswählen. Er hatte nur einen einzigen, u n d der w a r sich obendrein seines Stellenwerts bewusst. An Warnungen fehlte es nicht. Als Lisbeth Salander gerade zwölf geworden war, hatte sie Zalatschenko m i t dem Messer attackiert. Die Verletzungen waren nicht ernst, aber er wurde ins St.-Göran-Krankenhaus gebracht, u n d die Zalatschenko-
Gruppe musste umfassende Aufräumarbeiten leisten. Dieses M a l führte G u l l b e r g eine sehr ernste U n t e r r e d u n g m i t Z a latschenko, der versprach, nie wieder K o n t a k t m i t der Familie Salander aufzunehmen. D o c h nach einem halben Jahr misshandelte er Agneta Sofia Salander so schwer, dass sie für den Rest ihres Lebens in ein Pflegeheim eingewiesen werden musste. Dass Lisbeth Salander eine mordlustige Psychopathin war, die sogar in der Lage war, eine Brandbombe zu basteln, hatte Gullberg sich allerdings nie vorstellen können. Jener Tag w a r ein einziges Chaos gewesen. Die O p e r a t i o n Zalatschenko - ja die ganze Sektion - hing am seidenen Faden. Wenn Salander redete, drohte Zalatschenko aufzufliegen. Wenn Zalatschenko aufflog, wären zum einen zahlreiche Operationen, die m a n in den letzten fünfzehn Jahren in Europa durchgeführt hatte, akut bedroht, zum andern bestand die Gefahr, dass die Sekt i o n am Ende einer öffentlichen Untersuchung ausgesetzt w ü r d e . Was um jeden Preis verhindert werden musste. Gullberg machte sich Sorgen. Gegen eine öffentliche Untersuchung der Sektion würde die sogenannte IB-Affäre, bei der ein staatlicher Nachrichtendienst seine Grenzen bei der Überwachung politisch verdächtiger Bürger w e i t überschritten hatte, aussehen wie eine billige Seifenoper. W e n n das A r c h i v der Sektion geöffnet w ü r d e , kämen diverse Umstände ans L i c h t , die m i t der Verfassung nicht ganz in Einklang zu bringen w a ren. Ganz zu schweigen v o n ihrer langjährigen Überwachung O l o f Palmes u n d anderer bekannter Sozialdemokraten. Wenige Jahre nach dem P a l m e - M o r d w ä r e dies eine heikle Angelegenheit gewesen. Am Ende wären Ermittlungen gegen G u l l berg u n d andere Mitglieder der Sektion eingeleitet w o r d e n . Schlimmer noch - verrückte Journalisten würden versuchen, ihnen den P a l m e - M o r d in die Schuhe zu schieben, was zu einem weiteren L a b y r i n t h an Enthüllungen u n d Anklagen führen musste. Am schlimmsten war, dass die Leitung der Si-
cherheitspolizei sich so stark verändert hatte, dass nicht einmal der oberste Chef der RPF/Sich v o n der Existenz der Sekt i o n wusste. Den letzten K o n t a k t m i t der RPF/Sich hatte es in jenem Jahr am Tisch des neuen stellvertretenden Amtschefs gegeben, u n d der war seit zehn Jahren selbst festes M i t g l i e d der Sektion. Unter den M i t a r b e i t e r n der Zalatschenko-Gruppe herrschte die reine Panik. Schließlich war es Gunnar Björck, der m i t der Lösung k a m , u n d zwar in Gestalt eines Psychiaters namens Peter Teleborian. Teleborian w a r in einer ganz anderen Angelegenheit m i t der A b t e i l u n g für Gegenspionage in K o n t a k t gekommen, u n d zwar als Berater bei der Untersuchung eines verdächtigen I n dustriespions. N a c h Salanders A n g r i f f auf Zalatschenko hatte Björck angefangen, Teleborian vorsichtig als externen Berater an die Sektion zu binden. U n d dieser hatte sich mehr u n d mehr unentbehrlich gemacht. Die Lösung des Problems w a r so einfach. K a r l A x e l Bodin konnte in einer Rehaklinik untertauchen. Agneta Sofia Salander verschwand m i t unheilbaren Hirnschäden in der Langzeitpflege. Alle polizeilichen Ermittlungsberichte w u r d e n bei der RPF/Sich gesammelt u n d über den stellvertretenden Amtschef an die Sektion weitergeleitet. Peter Teleborian hatte vor K u r z e m seinen Dienst als stellvertretender Chefarzt an der psychiatrischen K i n d e r k l i n i k St. Stefan in Uppsala angetreten. N u n brauchte m a n n u r noch ein rechtspsychiatrisches Gutachten, das Björck u n d Teleborian gemeinsam abfassten, sowie einen kurzen, nicht besonders kontrovers diskutierten Beschluss des Amtsgerichts. Es w a r alles nur eine Sache der Präsentation. Die Verfassung hatte dam i t überhaupt nichts zu t u n . I m m e r h i n ging es ja doch um die Sicherheit des Reiches.
U n d dass Lisbeth Salander geisteskrank war, konnte nicht ernsthaft bezweifelt werden. Ein paar Jahre in einer geschlossenen psychiatrischen Anstalt würden ihr sicher g u t t u n . G u l l berg nickte also u n d gab grünes L i c h t für die O p e r a t i o n . Alle Puzzleteile lagen schließich an ihrem richtigen Platz. Die Sowjetunion existierte nicht mehr, u n d Zalatschenkos Großmachtzeit gehörte definitiv der Vergangenheit an. Sein M i n desthaltbarkeitsdatum w a r schon ein wenig überschritten. Die Zalatschenko-Gruppe hatte jedoch eine großzügige Entschädigung aus einem der Fonds der Sicherheitspolizei erw i r k t . M a n verschaffte i h m also die bestmögliche Rehabehandlung, fuhr K a r l A x e l Bodin ein halbes Jahr später z u m Flughafen Arlanda u n d drückte i h m ein einfaches Ticket nach Spanien in die H a n d . Sie machten i h m klar, dass er u n d die Sektion ab jetzt getrennte Wege gehen würden. Das w a r eine von Gullbergs letzten Amtshandlungen. Eine Woche später ging er aus Altersgründen in Pension u n d überließ seinen Platz seinem Nachfolger Fredrik C l i n t o n . Gullberg w u r d e nur noch als Berater bei schwierigen Fragen hinzugezogen. Er blieb noch drei Jahre in Stockholm, in denen er fast täglich für die Sektion arbeitete, auch wenn die Anzahl der Aufträge allmählich abnahm. Er kehrte in seinen H e i m a t o r t L a h o l m zurück und erledigte einen Teil der Arbeiten von zu Hause aus. In den ersten Jahren reiste er noch regelmäßig nach Stockholm, aber auch diese Reisen w u r d e n zum Schluss immer seltener. An Zalatschenko hatte er irgendwann überhaupt nicht mehr gedacht. Bis zu jenem M o r g e n , an dem er Zalatschenkos Tochter auf jedem Schlagzeilenplakat sah, w e i l sie des dreifachen M o r d e s verdächtigt w u r d e . Gullberg verfolgte die Berichterstattung m i t einem Gefühl der V e r w i r r u n g . I h m war nur zu klar, dass Bjurman nicht aus Z u f a l l Salanders rechtlicher Betreuer geworden war, aber er konnte keine unmittelbare Gefahr erkennen, dass die alte
Zalatschenko-Geschichte dadurch wieder an die Oberfläche k o m m e n könnte. Salander w a r geisteskrank. Dass sie eine M o r d o r g i e veranstaltet hatte, wunderte i h n nicht. Hingegen hatte er nicht ein einziges M a l daran gedacht, dass Zalatschenko selbst in dieses Spiel verwickelt sein könnte, bis er eines Morgens die Nachrichten sah u n d die Vorfälle von Gosseberga serviert bekam. Erst in diesem M o m e n t begann er herumzutelefonieren u n d löste schließlich ein Zugticket nach Stockholm. Die Sektion stand vor der schlimmsten Krise seit ihrer Gründung. Alles drohte zusammenzubrechen. Zalatschenko schleppte sich auf die Toilette und urinierte. Seit i h m das Sahlgrenska-Krankenhaus K r ü c k e n zur Verfügung gestellt hatte, k o n n t e er sich wieder bewegen. Er hatte den Sonntag m i t kurzen Trainingseinheiten verbracht. Sein Kiefer schmerzte immer noch so bestialisch, dass er w e i t e r h i n n u r Flüssignahrung zu sich n a h m , doch n u n konnte er i m m e r h i n aufstehen und kurze Strecken zurücklegen. N a c h fast fünfzehn Jahren m i t einer Prothese war er an Krücken gewöhnt. Er übte sich in der Kunst, sich trotz K r ü cken lautlos fortzubewegen, u n d wanderte in seinem Z i m m e r auf u n d ab. Jedes M a l wenn sein rechter Fuß den Boden auch nur leicht berührte, schoss i h m ein stechender Schmerz durchs Bein. D o c h er biss die Z ä h n e zusammen. Er dachte daran, dass Lisbeth Salander in seiner unmittelbaren N ä h e lag. Er hatte den ganzen Tag gebraucht, um herauszufinden, dass sie rechts von i h m , im übernächsten Z i m m e r , untergebracht war. Gegen zwei U h r nachts, zehn M i n u t e n nach dem letzten Besuch der Nachtschwester, war alles s t i l l . Zalatschenko stand mühsam auf u n d tastete nach seinen Krücken. Er ging zur T ü r u n d horchte, konnte jedoch nichts hören. Er schob die T ü r auf und t r a t auf den K o r r i d o r . Aus dem Schwesternzimmer drang
leise M u s i k . Trotzdem schleppte er sich bis zum Ausgang am Ende des Flurs, machte die T ü r auf u n d spähte ins Treppenhaus. D o r t befanden sich die Fahrstühle. Er ging über den K o r r i d o r zurück. Als er an Lisbeth Salanders Z i m m e r vorbeik a m , blieb er kurz stehen u n d stützte sich eine halbe M i n u t e auf seine Krücken. Die Schwestern hatten ihre Z i m m e r t ü r nachts geschlossen. Lisbeth Salander schlug die Augen auf, als sie ein schwaches schleifendes Geräusch v o m K o r r i d o r hörte, das sie nicht identifizieren konnte. Für einen M o m e n t w a r es ganz s t i l l , u n d sie fragte sich schon, ob sie es sich n u r eingebildet hatte. N a c h einer halben M i n u t e hörte sie das Geräusch wieder. I h r Unbehagen wuchs. Irgendwo da draußen war Zalatschenko. Sie fühlte sich in ihrem Bett wie gefesselt. Unter ihrer Halskrause juckte es. Sie hatte solche Lust, aufzustehen. I n z w i schen konnte sie sich i m m e r h i n schon im Bett aufsetzen. Sie ließ sich wieder zurücksinken u n d legte den K o p f aufs Kissen. N a c h einer Weile tastete sie die Halskrause ab u n d fand den Knopf, der sie zusammenhielt. Sie öffnete i h n u n d w a r f den Stützkragen auf den Boden. Plötzlich ließ es sich viel leichter atmen. Sie wünschte, sie hätte eine Waffe in Reichweite gehabt oder zumindest Kraft genug, um aufzustehen u n d sich Zalatschenko ein für alle M a l v o m Hals zu schaffen. Schließlich stützte sie sich auf den Ellbogen, schaltete das N a c h t l i c h t an u n d sah sich im Z i m m e r u m . D o c h nirgendwo konnte sie etwas entdecken, das sich als Waffe hätte verwenden lassen. D a n n fiel ihr Blick auf einen Tisch, der drei M e t e r von ihrem Bett entfernt stand. Jemand hatte einen Bleistift darauf liegen lassen. Sie wartete, bis die Nachtschwester ihre Runde gedreht hatte, was in dieser N a c h t ungefähr alle halbe Stunde geschah. Sie
deutete die abnehmende Häufigkeit dieser Besuche so, dass die Ärzte ihren Zustand für besser hielten als zu Anfang des Wochenendes, als man noch jede Viertelstunde nach ihr geschaut hatte. Sie selbst konnte keinen wesentlichen Unterschied bemerken. Als