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B. B. ist das Pseudonym von Denys Watkins-Pitchford, eines Autors, der in vielen Büchern das »Wildlife« schildert. Zwei Titel dieser »Wildlife«-Themen: ›Manka The Sky Gypsy‹ und ›Wild Lone‹. Für Kinder schrieb D. Watkins-Pitchford eine Serie von phantastischen Geschichten, die in dem »Magischen Wald von Boland« spielen. D. Watkins-Pitchford wurde 1905 in Northamptonshire geboren und am Royal College of Art in London erzogen. Später arbeitete er als Assistent eines Kunstdozenten an der bekannten Rugby Schule in Warwickshire. 1947 gab er seinen Lehrberuf auf, um sich ganz seinen Büchern und Illustrationen widmen zu können. 1943 wurde B. B. für seine Titel ›The Little Grey Men‹ mit der Carnegie Medal ausgezeichnet. Der vorliegende in England so erfolgreiche Jugendroman ›Brendon Chase‹ wurde zur Grundlage einer 13teiligen, beliebten englischen Fernsehserie, die nun bereits zum zweitenmal von der ARD gesendet wird.
B. B.
Im Schatten der Eule Aus dem Englischen von Annemarie Böll
Deutscher Taschenbuch Verlag
dt v
Titel der Originalausgabe: Brendon Chase Englische Ausgabe bei Methuen Children's Books Ltd., London Aus dem Englischen von Annemarie Böll Standfotos (Umschlagfoto und die Innenfotos) aus dem Fernsehfilm ›Im Schatten der Eule‹ von Tony Nutley mit freundlicher Genehmigung von RM Productions
Deutsche Erstausgabe Deutscher Taschenbuch Verlag GmbH & Co. KG, München © Denys Watkins-Pitchford Esq. Umschlaggestaltung: Celestino Piatti unter Verwendung eines Fotos von Tony Nutley • Gesetzt aus der: Aldus 10/11 Gesamtherstellung: Kösel, Kempten Printed in Germany • ISBN 3-423-07458-2 eBook:
m 2004
Das Lied der Vogelfreien Bedenke, wenn du mit mir gehst, Und hättest Lust zu speisen, Dort gibt es weder Fleisch noch Brot, Noch Bier noch kühle Weine. Kein Tuch aus Linnen für die Nacht, Kein Dach als Laub und Äste. Solch wildes Leben, süßes Herz, Ließ blaß und krank dich werden. Drum laß im grünen Walde mich Allein – geächtet, vogelfrei.
KAPITEL 1
Ein Plan wird gefaßt Das Ende der Osterferien näherte sich bedrohlich. Nur noch zwei Tage, dann würden etwa fünfhundert Jungen zwischen zwölf und neunzehn ihre Alltagskleidung ablegen, die schwarzen Fräcke und die sorgfältig gebügelten Hosen anziehen und ihre gesprenkelten Strohhüte aufsetzen – seit undenklichen Zeiten die Uniform der Schüler von Banchester. Man würde Abschied nehmen, manchmal ergeben, manchmal traurig, manchmal auch fröhlich; Taschentücher würden manchen langen Bahnsteig entlang flattern, dichtgedrängt würden Köpfe aus Abteilfenstern schauen, während die unerbittlich puffende Lokomotive die Jungen hinweg zog von ihren Familien, ihren Freunden und ihrer vertrauten Umgebung. Aber auf drei Jungen, die jetzt zusammenhockten und voller Abscheu an das neue Schuljahr dachten, traf das nicht zu. Ihre Eltern waren in die überseeischen Kolonien gegangen, als Harold, der jüngste der Brüder, erst drei Jahre alt war, und hatten sie der Fürsorge einer unverheirateten Tante anvertraut, die nichts von Kindern verstand und besonders Jungen verabscheute. Zwar entschädigte ihr Zuhause sie für manches. DowerHouse, ehemals der Witwensitz eines alten Adelsgeschlechts, lag mit seinem altmodischen Garten behaglich in einer waldigen Landschaft mit zahlreichen Bächen und Flüßchen. Wenn immer möglich, entwischten sie in die Wiesen und Wälder, suchten Vogelnester, fischten und jagten mit Schleuder und Luftgewehr und vergnügten sich mit allem, was Jungen Freude macht. Und obgleich die Atmosphäre in Dower House angespannt war, boten doch das alte Haus und der Garten, die bewaldete Umgebung und das angrenzende offene Hügelland viel Interessantes, und sie hatten das alles lieben gelernt. 9
Doch in achtundvierzig Stunden waren die Ferien zu Ende. Auf einem dämmrigen Dachboden saßen die drei Jungen mit untergeschlagenen Beinen zwischen Zwiebelschalen. Ihr Konferenzsaal war geräumig, wenn man auch nur in seiner Mitte aufrecht stehen konnte, denn zu beiden Seiten senkten sich die Dachbalken, mit Spinnweben verhangen und durchsetzt von schmalen Lichtstreifen, dort, wo die Dachziegel nicht ganz dicht lagen. In einer Ecke waren Zwiebeln zum Trocknen ausgebreitet, der besondere Stolz des alten Gärtners Rumbold, des einzigen männlichen Mitglieds des Haushalts. Robin hockte auf einem umgedrehten Blumentopf, dem kleinen Fenster gegenüber. Von dort aus konnte er sehen, wie die Efeublätter draußen erzitterten, wenn die Spatzen tschilpend darin herumhüpften. Manchmal flog einer von ihnen quer über das gelbe Lichtviereck. Robin konnte auch den oberen Teil des Fliederbusches sehen, dessen tiefpurpurne Blütenmassen in den schrägen Strahlen der Abendsonne aufleuchteten. Es war ein ideales Versteck. Rumbold stieg nur selten die wackligen Holzstufen hinauf. Er hielt die Tür unten sorgfältig verschlossen, aber die Jungen hatten das Versteck des Schlüssels unter einem Blumentopf auf dem obersten Wandbrett des Gewächshauses entdeckt. Kein Wunder, daß Rumbold die Tür zu seinem Dachboden sorgfältig verschlossen hielt, denn auf halber Höhe der Stiegen hing sein Kleinkalibergewehr. Es war mit einem Schalldämpfer ausgestattet, eine herrliche Schußwaffe, mit der er den Wildtauben zu Leibe rückte, wenn sie bei Schneewetter über sein Wintergemüse herfielen. Natürlich verbot ein Erlaß der Tante den Gebrauch von Schußwaffen jeder Art. Sogar Schleudern waren untersagt. Trotzdem besaß John eine sehr gute, in deren Gebrauch er äußerst geschickt war. Auf der Stiege fand sich auch die Munition für Rumbolds Flinte, volle hundert Schuß in einer schweren, mit einem roten Schildchen versehenen Schachtel. 10
Der Dachboden diente den Jungen nicht nur als Sitzungssaal, in dem alle wichtigen Pläne beraten wurden, er diente auch als Zuflucht vor der fremden grauen Welt der Erwachsenen, diesen armen blinden Wesen, die offenbar keine Freude am Leben im Freien hatten und deren Träume schon längst erstickt und versunken waren. Wenn Tanten und Erzieherinnen allzu lästig wurden oder »Besuch« drohte, nahmen die Jungen Zuflucht zu diesem Dachboden. Erst wenn ihre Kundschafter verkündeten, daß die Gefahr vorüber war, kamen sie ängstlich und vorsichtig wie Kaninchen wieder zum Vorschein. Hier versteckten sie sich auch, wenn die Bramshotts auftauchten. Die Bramshotts, das war die zahlreiche Familie eines benachbarten adligen Grundbesitzers, die von Zeit zu Zeit unerwartet und ungebeten – wenigstens was die Jungen betraf – hereinschneite. Sie kamen in einer offenen Kutsche, es war noch nicht die Zeit des allgegenwärtigen Autos, die von einem alten verhutzelten Familienkutscher gelenkt wurde. Diese Kutsche erinnerte Robin stets an einen komischen Sketch, den er einmal auf der Bühne gesehen hatte, wo, begleitet von den kreischenden Lachsalven des entzückten Publikums, ein nicht enden wollender Strom seltsam aufgeputzter Leute einem wackligen Einspänner entquoll. Robin, der Älteste, war fünfzehn, John dreizehn und Harold zwölf. Während sie jetzt dahockten, entwickelte Robin einen Plan, so kühn und aufregend, daß er ihnen wie ein plötzlicher Schmerz heiß in die Magengrube fuhr: »Wir sollten weglaufen und uns im Forst von Brendon verstecken.« »Weglaufen!« rief John, »und am Donnerstag nicht in die Schule zurückkehren?« »Genau. Warum sollten wir nicht wie Robin Hood und seine Leute im Wald leben können?« Einen Augenblick lang herrschte tödliches Schweigen. Die Kühnheit dieser Idee traf sie wie ein Schlag. 11
»Aber wie sollen wir uns genug zu essen besorgen?« fragte Harold nach einer atemlosen Pause. »Du gieriges kleines Schwein, du denkst immer nur ans Essen«, sagte Robin voller Verachtung. »Natürlich werden wir genug zu essen haben. Wir gehen auf die Jagd.« »Aber wenn wir keine Waffen haben, um zu jagen«, sagte John zweifelnd. »Ich habe meine Schleuder, aber die genügt doch nicht.« Wortlos stand Robin auf und stieg die Stufen hinunter. Die andern wußten schon, was er vorhatte. Als er zurückkam, hielt er Rumbolds Gewehr in der Hand. »Und was ist hiermit?« Das Gewehr! Damit konnten sie alles schießen, was sie wollten. »Eigentlich sollten wir natürlich mit Pfeil und Bogen jagen«, sagte Robin. »Aber die können wir uns erst machen, wenn wir im Wald sind. Bis dahin nehmen wir das Gewehr, es wird uns mit Fleisch und Pelzen versorgen.« »Pelze?« wunderte sich Harold. »Felle, du Dummkopf. Wir werden nicht nur wegen des Fleisches jagen, sondern auch wegen der Felle. Das tun alle Vogelfreien!« »Aber wenn wir im Wald herumschießen, dann wird uns doch jemand hören, ein Wildhüter oder so, und wir werden geschnappt und können uns auf was gefaßt machen.« »Quatsch! Siehst du nicht, daß ein Schalldämpfer an dem Gewehr ist? Ich hab gesehen, wie Rumbold eine Amsel damit schoß und es war nicht lauter als so« – dabei klatschte er in die Hände. Plötzlich hörten sie Stimmen. Mit einem warnenden Zischen waren alle drei im Nu ans Fensterchen gekrochen. Weit hinten im Gemüsegarten stand Tante Ellen mit zwei Besucherinnen, unverheirateten Damen aus dem Dorf. Sie gingen auf dem Aschenweg an der Lavendelhecke vorbei, und Tante Ellen zeigte auf die Stachelbeerbüsche. »Es sind nur die Tante und die beiden Möpse Weston«, 12
flüsterte Robin, der für jeden im Dorf einen Spitznamen hatte. »Sie bestaunen die Obstbäume.« Die Jungen sahen ihre Tante, den Kneifer auf der Nase, den Gartenhut – den sie abscheulich fanden – fest auf das eisengraue Haar gedrückt, wie sie ernsthaft auf die ältere Miß Weston einredete und dabei mit dem Zeigefinger vor deren Nase herumfuchtelte. Robin drehte sich angewidert vom Fenster weg. »Keine Aufregung, vor denen brauchen wir keine Angst zu haben. Weiber, Weiber, Weiber – wenn ich die schon sehe! Das Weiberregiment hängt mir zum Hals heraus. Ich habe die Nase voll davon, und wenn ihr nicht mitkommen wollt – ich jedenfalls gehe, und keiner wird mich kriegen. Wenn Vater und Mutter hier wären, wäre alles anders. Vater hat mir einmal erzählt, daß seine Leute ihn in den Ferien immer mit einem Gewehr und dem Zelt losziehen ließen, daß er an der ganzen schottischen Küste entlanggewandert ist und von dem lebte, was er schoß und fischte. Aber Tante Ellen fällt schon in Ohnmacht, wenn wir nur nasse Füße kriegen, und wir dürfen nicht mal das Pony reiten, das Vater uns geschenkt hat, weil sie Angst hat, wir könnten runterfallen. Ich hab's satt. Und du, John, kommst du mit?« »Natürlich komme ich mit. Hab ich je was anderes gesagt.« »Und ich auch«, sagte Harold. Die anderen betrachteten ihn zweifelnd. »Ich weiß nicht, ob das geht«, sagte Robin, »du könntest krank werden oder sonst was, und dann müßten wir dich zurückbringen.« In Harolds Gesicht arbeitete es. Er hatte alle Mühe, die Tränen zurückzuhalten. »O bitte, nimm mich mit, Robin. Ich tue alles, was du willst, ich mache die ganze Arbeit im Lager. Ich wasche das Geschirr, und du und John könnt auf die Jagd gehen. Laßt mich bloß nicht hier. Ich schwöre dir, daß ich nicht krank werde oder euch sonst zur Last falle, wirklich nicht.« Die älteren Brüder betrachteten ihn zweifelnd, und sein Geschick hing an einem seidenen Faden. 13
»Also gut, du brauchst nicht zu heulen, wir nehmen dich mit«, sagte Robin gnädig. »Aber wenn du lästig wirst, mußt du zurück, und dann darfst du kein Sterbenswörtchen davon sagen, wo wir waren.« »Es gibt noch eine Möglichkeit, wie wir uns Nahrung beschaffen können«, sagte John, »wir können Kaninchen und andere Tiere in Schlingen fangen. Bill Bobmans Sohn hat mir gezeigt, wie man Schlingen legt, es ist ganz leicht. (Bill Bobman war der Wilderer des Dorfes.) Man braucht nur ein bißchen Kupferdraht, einen Stock und etwas Kordel. Draht ist in Rumbolds Werkzeugkasten in der Remise, ich hab ihn gestern noch gesehen.« »Das ist eine gute Idee, John, wir nehmen etwas Draht mit. Alle richtigen Vogelfreien legen Schlingen und stellen Fallen.« »Und wir können Baumfallen aus Holzklötzen bauen«, sagte John begeistert, »du weißt doch, man stützt einen Holzklotz auf einen Stock, an dem man einen Köder bindet, dann kommt der Wolf oder der Biber oder das Stinktier und zerrt daran, und der Klotz fällt herunter!« »Wie die Spatzenfallen, die Bill Bobman aus Ziegelsteinen baut?« »Ja, genau so, nur größer.« »Und wir brauchen auch Salz und Mehl, um Brot zu backen, nicht wahr?« fragte John. »Ja«, sagte Robin, »wir können kein Brot mitnehmen, das nimmt zuviel Platz weg, und dann würde es auch steinhart werden. Wir dürfen nur so wenig wie möglich mitnehmen.« »Laßt uns doch statt Mehl Haferflocken mitnehmen, dann gibt es Haferbrei«, schlug Harold vor, »schönen steifen Haferbrei, so steif, daß der Löffel drin steht, nicht das dünne, klumpige Zeug, das die Köchin macht.« »Das ist gar keine schlechte Idee, Harold«, sagte Robin, »gar nicht schlecht – für dich«, fügte er hinzu. »Wir werden ohne Gabeln auskommen, schneiden können wir mit unseren Jagdmessern.« 14
»Und was ist mit Tellern?« »Ja, einen Teller für jeden, die Blechteller aus dem Picknickkorb werden's tun. Wir borgen uns auch einen Topf und eine Pfanne, sie gehören ja sowieso Vater. Und wir nehmen auch den Kompaß mit, Vaters alten Armeekompaß.« »Und einen Wasserkessel?« fragte John. »Nein, einen Wasserkessel können wir nicht auch noch tragen. Übrigens, Tee werden wir nicht trinken, wenigstens nicht, wenn wir richtige Vogelfreie sein wollen. Wir nehmen jeder eine Decke von unseren Betten. Mehr brauchen wir nicht. Sogar das wird noch zuviel sein, wenn wir fliehen müssen. Auch Streichhölzer nehmen wir mit.« »Ich dachte, Vogelfreie machen Feuer, indem sie zwei Stöckchen gegeneinanderreiben«, warf Harold ein. Robin seufzte ein wenig gereizt. »Das weiß ich auch, aber es klappt nicht, es klappt immer nur in Büchern. Ich hab's schon oft versucht. Bei den Picknicksachen ist ein wasserdichter Streichholzbehälter, den nehmen wir mit.« »Wir müssen aber auch Grünzeug essen, sonst bekommen wir Skorbut«, sagte John. »Dann werden wir eben wilde Kräuter kochen, wie alle Vogelfreien. Du glaubst doch nicht, daß die Kohl und sowas gegessen haben?« fragte Robin voller Verachtung. »Es gibt Sauerampfer und Nesseln und eine Menge Zeug, das man essen kann. Das steht in dem Pfadfinderkalender, den Miß Holcome mir zum Geburtstag geschenkt hat, darin steht auch, wie man den Weg mit Hilfe der Sterne findet und alles mögliche.« »Wir haben kein Zelt«, sagte Harold. »Nein, und wenn wir eins hätten, würden wir es nicht mitnehmen. Wir bauen uns eine Hütte aus Zweigen, wir werden im Wald schon eine geeignete Stelle finden«, sagte Robin zuversichtlich. »Und wir müssen auch richtige Namen haben. Ich bin Robin Hood, John kann der Große John, und du, Harold, kannst der Kleine John sein.« 15
Vom Garten her hörten sie plötzlich ihre Namen rufen: »Robin, John – Ha – rold!« »Kein Wort«, zischte Robin und schlich ans Fenster. »Der Pfarrer ist da«, stöhnte er. »Wahrscheinlich will Tante Ellen, daß wir uns von ihm verabschieden.« Mit Pfarrer Whiting, den sie heimlich den Weißfisch nannten, waren die Jungen gut Freund. Er war ein eifriger Insektenkundler, und in den Sommerferien gingen sie oft mit ihm auf Schmetterlingsjagd. Er lud sie auch zu bemerkenswert üppigen Nachmittagstees, die seine gemütliche alte Haushälterin auftischte, in sein weinumranktes Pfarrhaus ein. Die Haushälterin hatte einen Kropf, der die Jungen enorm interessierte und mit einem unbestimmten Schrecken erfüllte, weil Tante Ellen einmal behauptet hatte, er sei ansteckend. Zur Erdbeerzeit bog sich der Tisch des Weißfisches fast unter den Schüsseln, auf denen die Erdbeeren zu schimmernden Bergen aufgehäuft waren, reich verziert mit köstlicher Sahne und soviel Zucker, wie man nur wünschte. Tante Ellen hatte Erdbeeren von ihrem Speiseplan verbannt, weil sie behauptete, man bekäme davon Blinddarmentzündung und Ausschlag. »Der alte Weißfisch ist gar nicht so übel, und wenn wir hingehen und ihm auf Wiedersehn sagen, kriegen wir vielleicht was«, sagte John. »Gewöhnlich läßt er eine halbe Krone springen, wenn wir in die Schule zurückmüssen.« Aber nicht einmal die Aussicht auf Geld konnte Robin verlocken, der von seinen Träumen wie besessen war. »Laßt uns morgen abend hingehen und uns verabschieden. Dann ist Tante Ellen nicht dabei, und wir können uns die Weißen Admirale ansehen, die er im vorigen Jahr im Hochwald gefangen hat. Jetzt fällt mir ein«, fügte er hinzu, »im Forst bekommen wir wahrscheinlich haufenweise seltene Schmetterlinge zu sehen. Als ich in den letzten Ferien mit dem Weißfisch in seinem alten Auto hingefahren bin, erzählte er mir, er hatte einmal einen alten Mann namens Smokie Joe getroffen, der mitten im Wald lebt. Er ist ein Köhler oder sowas. Er schien eine Menge über Käfer 16
und solche Sachen zu wissen und erzählte dem Weißfisch, er hätte in einem bestimmten Teil des Waldes einen großen Schillerfalter gesehen, aber er sagte ihm nicht, wo. Der Weißfisch versuchte, es herauszukriegen und bot ihm sogar einen halben Sovereign an, aber der Alte wollte es nicht sagen. Smokie erzählte ihm allerhand über Tiere und Vögel, er hatte Hühnerhabichte und Wespenbussarde gesehen und andere seltene Vögel. Er lebt schon viele, viele Jahre dort.« »Wird er nicht herausfinden, daß wir auch im Wald leben?« fragte Harold. »Kaum. Er hat genug mit seiner Holzkohle zu tun, und er sieht auch nicht mehr gut. Wenigstens hat der Weißfisch das gesagt.« »Gibt es dort keine Wildhüter oder Aufseher?« »Früher gab es welche, aber heute nicht mehr. Der Weißfisch hat mir erzählt, daß es ein Privatrevier ist, das bedeutet, ein Jagdgebiet, das einem Privatmann gehört.« »Schade, daß es keine Wölfe und Bären mehr dort gibt«, seufzte John. »Oder Hirsche«, warf Harold ein und ließ dabei eine Zwiebel aus einer Hand in die andere fallen. »Hirsche gibt es vielleicht noch«, sagte Robin, »wenn ich auch nie einen gesehen habe, und der Weißfisch auch nicht. Aber der alte Smokie Joe sagt, er hätte welche gesehen, und ich wette, er hat auch welche geschossen.« »Wem gehört denn der Forst?« fragte Harold. »Der größte Teil gehört vermutlich dem Herzog«, erwiderte Robin. »Die ganze Gegend hier scheint ihm zu gehören. Rumbold sagte mir, daß ihm sogar Cherry Walden gehört. Aber ein Teil gehört auch dem Staat, und ich vermute, daß es dort Wildhüter gibt, aber wir brauchen ja nicht auf diese Seite zu gehen.« »Der Weißfisch hat mir erzählt, daß der Herzog ein alter Mann ist und nie in den Wald geht. Früher hat er sich einmal für Schmetterlinge interessiert und sich auf den Hochsitzen der Förster herumgedrückt und auf die großen Schillerfalter gelauert.« 17
»Der wird uns also nicht stören«, sagte Harold. Auf dem dämmrigen Dachboden wurde es still. Das Licht vor dem kleinen Fenster verblaßte, und der Fliederbusch hob sich dunkel vom Himmel ab. Spatzen raschelten im Efeu und hüpften rastlos zwischen den Blättern des Flieders herum. Sie dachten schon ans Schlafengehen und waren ebenso unruhig wie Hühner, bevor sie sich zum Schlafen auf die Stange setzen. Dann hörten die Jungen das Kratzen von Pfoten unten an der Gewächshaustür und unterdrücktes Jaulen. »Da ist Tilly«, rief Robin, und sie kletterten alle drei die knarrenden Stufen vom Dachboden hinunter und wurden unten von einem fetten Spaniel mit freudigem Gekläff und wilden Sprüngen empfangen. An diesem Abend sprachen Robin und John im Bett noch einmal über ihre Pläne. »Ich mache mir große Sorgen wegen Harold«, sagte Robin. »Ich bin sicher, daß er es nicht durchhält. Er ist noch zu klein für so ein wildes Leben, er wird uns nur stören und Heimweh bekommen, und wir werden endlose Scherereien mit ihm haben. Ich fand, er sah heute abend nicht besonders gut aus, so komisch rot, und er hatte glänzende Augen.« Harold hatte wirklich irgendwie verändert gewirkt, so daß seine scharfsichtige Tante ihn im Ankleidezimmer neben ihrem Schlafzimmer zu Bett gebracht hatte. Sie hatte einen Bazillenkomplex und ständig Angst, daß eine ganz gewöhnliche Erkältung sich zu etwas Schlimmem auswachsen könnte. Jedesmal, wenn sie auf der Straße einen unangenehmen Geruch bemerkte oder auch den recht gesunden auf einem Bauernhof, sagte sie: »Spuckt aus, Kinder«, als wäre die Luft voller Pestbazillen. »Ich glaube, es war einfach die Aufregung«, sagte John. »Jedenfalls werden wir ihn jetzt mitnehmen müssen, sonst vergeht er vor Kummer.« Weder Robin noch John hatten Angst, er könnte ihren Plan verraten, selbst wenn sie entschieden hätten, daß er 18
zu jung wäre, um sie zu begleiten. Dazu kannten sie ihn zu gut. Es dauerte lange, bis die Jungen einschlafen konnten – und dann hatten sie schreckliche Träume von vergeblichen Versuchen, Tante Ellen zu entkommen und von weiten grünen Wäldern, in denen sie von feuerspeienden Ungeheuern verfolgt wurden. Am nächsten Morgen kam ein Brief, der die Jungen ziemlich durcheinanderbrachte. Er war von ihren Eltern und kam aus Indien. Der Umschlag trug den Poststempel Simla. Sie wünschten ihnen ein erfolgreiches Sommersemester in Banchester, und wenn sie besonders fleißig wären, würden die Eltern Anfang nächsten Jahres vielleicht kommen, denn man hatte dem Vater einen Heimaturlaub versprochen. John konnte an Robins Gesicht ablesen, daß sie ihre herrlichen Pläne aufgeben mußten. »Es hat keinen Sinn, John, wir können uns jetzt nicht davonmachen, es geht einfach nicht. Wir müssen das Sommersemester durchstehen, vielleicht können wir's dann in den Sommerferien machen. Ich glaube, Vater hätte nichts dagegen, wenn wir in den Ferien ein bißchen im Wald verschwinden. Da bin ich ganz sicher. Er wird es verstehen, und auch Mutter, auch wenn sie sich schreckliche Sorgen machen wird. Aber es wäre ihnen nicht recht, wenn wir die Schule schwänzen.« John mußte das zugeben, wenn auch schweren Herzens. Wie schade, daß ihnen der Plan nicht früher eingefallen war, zum Beispiel im vergangenen Jahr, als sie sich den ganzen August und einen guten Teil des September in Cherry Walden herumdrücken mußten. Harold, der beim Frühstück wieder ganz der alte schien, wurde bald von den veränderten Plänen unterrichtet. Robin kam es so vor, als husche eine gewisse Erleichterung über das Gesicht seines Bruders, auch wenn er so tat, als sei er sehr enttäuscht. 19
Der letzte Tag war also gekommen, und trotz all ihrer kühnen Pläne würden die Jungen sich morgen auf der Fahrt ins Internat befinden. Sie lagen unter der Zeder im Gras und hörten durch das offene Fenster des Salons die Stimme von Tante Ellen, die zusammen mit Miß Holcome, ihrer ehemaligen Erzieherin, die die Tante jetzt als Hausdame unterstützte, die Liste ihrer Schulsachen durchging. »Robin – drei Hosen« – und Miß Holcomes Stimme kam wie die Antwort in einer Litanei: »Robin – drei Hosen«. »Harold – ein Pullover«. »Harold – ein Pullover.« Nach dem Essen wurden die Jungen nach oben gerufen, um beim Packen ihrer Koffer zu helfen. Und dann – griff das Schicksal ein. Harold, der am Morgen noch ganz wohl ausgesehen hatte, begann wieder zu klagen, ihm sei schlecht. Als John an der offenen Tür des Schulzimmers vorbeikam, sah er Harold auf einem Stuhl sitzen, ein Fieberthermometer wie eine Zigarre im Mund; er sah Tante Ellen und Miß Holcome über ein furchterregendes medizinisches Buch gebeugt, in dem auf Farbtafeln die verschiedenen Kinderkrankheiten abgebildet waren. Und als später am Tag der Wagen des Doktors die Auffahrt heraufkam, wurde ihnen klar, daß es ernst war. Robin und John, die gerade ihre letzte Runde durch den Garten machten, wurden von Tante Ellen nach drinnen gerufen. Sie war sichtlich besorgt, blaß und wortkarg. »Harold hat die Masern«, sagte sie, »ihr könnt morgen nicht nach Banchester zurück – ich habe Mr. Rencombe schon ein Telegramm geschickt. Vielleicht habt ihr euch schon angesteckt, denn ihr wart mit ihm zusammen – vielleicht aber auch nicht. Jedenfalls wäre es der Schule gegenüber unverantwortlich, euch fahren zu lassen.« »Wir dürfen also hierbleiben?« fragte John, der seinen Ohren kaum traute. »Wir brauchen nicht zurück?« »Ja, ihr werdet hierbleiben, aber ihr dürft auf keinen Fall in Harolds Nähe kommen. Aber wenn auch eure Rückkehr zur Schule aufgeschoben ist, so habe ich doch mit dem 20
Pfarrer vereinbart, daß er euch jeden Tag unterrichtet. Ihr werdet von elf bis eins und von halb drei bis halb fünf arbeiten. Samstags habt ihr den Nachmittag frei.« »Aber Tante«, begann Robin. »Kein Aber, Robin. Ich habe es so angeordnet, und ihr fangt morgen an. Es ist ein großes Entgegenkommen von Seiten unseres Herrn Pfarrers. Er ist ein ausgezeichneter Lehrer. Bevor er in den Dienst der Kirche trat, hat er unterrichtet, und er hat sich in Cambridge ausgezeichnet. Geht jetzt und stört mich nicht länger. Ihr müßt jetzt so rücksichtsvoll und folgsam wie möglich sein, denn ich habe viel zu tun.« »Der alte Drachen«, grollte John, sobald sie außer Hörweite waren. »Das sieht Tante Ellen ähnlich. Sie kann es nicht ertragen, daß wir noch länger Ferien haben.« Robin überlegte. »Wie lange dauert es denn, bis die Masern zum Vorschein kommen?« »Oh, ich glaube, Wochen. Wahrscheinlich gehen wir in diesem Semester überhaupt nicht mehr zurück. Es würde sich nicht lohnen. Warum?« »Vielleicht könnten wir jetzt doch weglaufen.« »Meinst du heute abend, so wie wir es geplant hatten?« »Warum nicht?« »Aber wenn sich dann herausstellt, daß wir uns angesteckt haben?« »Wir haben uns nicht angesteckt«, sagte Robin, »Vogelfreie kriegen keine Masern. Sie sind hart, braungebrannt und mager und werden nie krank, sie kriegen nicht mal einen Schnupfen. Und wenn wir uns wirklich eines Tages schlecht fühlen, dann können wir ja immer noch zurückkommen, oder nicht?« »Tante Ellen hat nicht gesagt, wie lange wir noch zu Hause bleiben sollen. Wenn sich Harold nun schnell erholt, dann müssen wir doch noch zur Schule.« »Quatsch. Er wird noch wochenlang isoliert liegen müssen. Ich will mich jedenfalls nicht noch länger in Cherry Walden herumlangweilen. Es ist schön hier, es gefällt mir 21
auch, das Haus, der Garten und all das, aber Tante Ellen ertrage ich keinen Tag länger. Ich haue heute abend ab. Kommst du mit?« »Worauf du dich verlassen kannst«, sagte John mit stillem Entzücken. Nach dem Tee versteckten die Jungen einen Teil der Sachen, die sie mitnehmen wollten, im Garten. In der Nußhecke gab es einen alten, efeubewachsenen Baumstumpf, unter dem sie einmal einen Igel im Winterschlaf gefunden hatten. In diese Höhlung versteckten sie den Topf, die Pfanne und zwei Blechteller aus dem Picknickkorb, dazu eine Packung Streichhölzer und die wasserdichte Streichholzhülle. Auch die beiden Jagdmesser versteckten sie hier, die sie heimlich von ihrem Weihnachtsgeld gekauft hatten, dazu fünf Pakete Haferflocken aus dem Laden der Posthalterin und eine große Dose Salz. Die Decken und das Gewehr würden sie erst im letzten Augenblick holen. Tilly, die instinktiv ahnte, daß ihre Abgötter sie verlassen wollten, heftete sich wie eine Klette an ihre Fersen. Wohin sie auch gingen, Tilly folgte ihnen, das stupsnäsige Gesicht fragend erhoben. Es war ein wunderschöner, milder Abend. Die Vorbereitungen waren beendet, und die Jungen schlenderten durch den Garten. Morgen abend um diese Zeit würden sie weit weg sein, sie würden tief im uralten Forst ein neues Leben beginnen, sich vielleicht für die nächtliche Jagd bereit machen. Ihre Herzen wurden warm bei diesem Gedanken. Gefolgt von Tilly sprangen sie über den Zaun der Pferdekoppel, liefen über das schimmernde Gras, weiter, immer weiter, unter dem kupfernen Laub der Buchen hindurch, bis sie an den stillen Spiegel des von Weidenbüschen umsäumten Weihers kamen. Die Forellen sprangen und erinnerten die Jungen an ihre Angelleinen und Schlingen. Sie hatten sie vergessen, ein schwerer Fehler; sie würden ihn gutmachen, wenn sie wieder ins Haus kamen. 22
An den Ufern des Weihers wuchsen Rhododendren bis ans Wasser heran. Hier scheuchte Tilly ein Kaninchen auf und jagte keuchend und japsend hinter dem auf- und abhüpfenden Schwänzchen her, das schnell Abstand gewann. Robin blickte zurück zum alten Witwensitz unter seinen Zedern und Linden. In Harolds Zimmer brannte schon Licht, und Robin konnte sehen, wie Miß Holcome vorsichtig die Vorhänge zuzog. »Harold tut mir leid. Ich fürchte, ihm ist jetzt gar nicht nach Davonlaufen, nicht nach grünem, grünem Wald.« »Es ist die Hand der Vorsehung«, sagte John mit ungewohnter Frömmigkeit. »Du weißt doch, wir hätten ihn auf keinen Fall mitnehmen können.« Tante Ellen, die alles so sorgfältig geplant hatte und den Patienten sicher im Bett wußte, ging zwischen den Rosenstöcken hin und her – sie war eine eifrige, aber erfolglose Gärtnerin. »Die arme alte Tante«, sagte John. »Eigentlich ist sie gar nicht so übel. Ich glaube, sie sorgt für uns so gut sie eben kann.« »Ja, wir sollten ihr einen Brief oder sowas hinterlassen«, sagte Robin. »Wenn wir einfach verschwinden, denkt sie vielleicht, wir wären ermordet worden.« Also entwarfen sie im Schatten der Rhododendren folgenden Brief: Liebe Tante, John und ich finden, daß es besser ist, wir halten uns fern, solange Harold so krank ist. Wir könnten uns anstecken. Wir kommen schon wieder zurück, mach dir keine Sorgen, und bitte, erklär es dem Pfarrer. Versuch nicht, uns zu finden, denn es wird dir nicht gelingen. Gezeichnet Robin (Hood) John (der Große) 23
»So«, sagte Robin, nachdem er den Brief noch einmal durchgelesen und ihn zusammengefaltet hatte, »wenn wir heute nacht abhauen, legen wir ihn in der Halle auf das Tablett. Dann findet sie ihn morgen früh.« Zufrieden gingen sie zum Haus zurück, wo die Fledermäuse schon um die Giebel jagten. In der Halle standen noch ihre verschnürten und mit Schildchen versehenen Koffer.
KAPITEL 2
Die Flucht Ein Haus, selbst wenn es noch so freundlich und vertraut ist, hat in der Stille der Nacht etwas Unheimliches. Eine wundersame Veränderung scheint stattzufinden, wenn das letzte Licht erloschen ist, als sei ein Zauberwort ausgesprochen worden, das jedes Leben erstarren läßt. Vertraute Flure und Zimmer, die bei Tageslicht voller Gelächter und Geschäftigkeit waren, sind jetzt schrecklich still, so still wie ein Grabgewölbe, voller unbestimmter Schatten. Als die Jungen nun mit klopfenden Herzen auf Zehenspitzen in den Flur hinaustraten, spürten sie diese Verwandlung und waren einen Augenblick lang wie benommen. Sie spürten die seltsame Feindseligkeit ihrer Umgebung, blieben stehen und horchten. Aber in dem alten schlafenden Haus war kein Laut zu hören außer dem leisen Ticktack der Standuhr im Treppenhaus. »Los«, flüsterte Robin, und ganz leise glitten sie zur Vordertreppe. Tante Ellens Schuhe standen vor ihrer Tür, bereit für das Dienstmädchen, das sie morgen früh zum Putzen holen würde. In Harolds Krankenstube brannte noch gedämpftes Licht, ein schmaler heller Streifen zeigte sich zwischen dem 24
unteren Rand der Tür und dem flockigen schwarzen Teppich vor der Schwelle. Aber der Patient schien zu schlafen, vielleicht war auch er in seinen Fieberträumen auf der Flucht. Er konnte nicht wissen, was seine Brüder planten. Vielleicht hatte er aber erraten, daß sie nun, wo er krank war, ihre ursprüngliche Absicht ausführen würden. Es war leicht, sich vorzustellen, wie er am nächsten Tag vorsichtig und mit Unschuldsmiene versuchen würde, herauszubekommen, was seine Brüder machten. Da sie Tante Ellen und Miß Holcome kannten, waren John und Robin sicher, daß man Harold nichts von ihrem Verschwinden sagen würde aus Angst, sein Fieber könnte steigen. Robin hob das Bein über das glatte Treppengeländer aus Eichenholz, und im nächsten Augenblick war er in der dunklen Eingangshalle verschwunden ohne mehr Lärm zu machen als eine Schlange, die wegschlüpft. John folgte und landete leise auf dem Hallenteppich. Einen Augenblick lang zögerten sie und horchten, aber es war nichts zu hören, als das leise Ticktack der alten Uhr. »John!« flüsterte Robin. »Ja?« »Wir haben die Decken vergessen!« »O Gott!« »Einer von uns muß zurück. Wir brauchen sie. Schleich zurück und hol sie, es dauert keine Minute.« Gehorsam, aber mit klopfendem Herzen machte sich John daran, die Treppe hinaufzusteigen, aber beim ersten vorsichtigen Versuch knarrte die Stufe ganz erschreckend, und die beiden Jungen wichen gegen die Vorhänge der Hallenfenster zurück. »Es hat keinen Zweck, wir lassen die Decken da. Wir werden schon nicht frieren. Sie wären auch sehr lästig zu tragen«, sagte John unsicher. »Schon gut. Laß sie. Komm jetzt.« Sie schlichen auf Zehenspitzen über die Steinplatten des Flurs, der zur Küchentür führte. Ganz langsam drehte Robin den Messingknauf der Tür. Das Schloß klickte laut. 25
Wieder warteten sie ganz still. Im Schweigen des schlafenden Hauses klang jedes Geräusch erschreckend laut. »Ting«, machte die Standuhr hinten im Treppenhaus, und die Jungen fuhren zusammen. Ein Uhr morgens – und sie mußten den Forst vor Tagesanbruch erreicht haben. In der Küche war es stockfinster. John tastete sich auf den weißgeschrubbten Tisch zu, stieß an ein Stuhlbein, und der Stuhl fiel mit einem Getöse um, das man im ganzen Haus hören mußte. »Idiot«, zischte Robin, »paß doch auf, wo du hintrittst!« »Bei der Dunkelheit...«, grollte John. Schweißtropfen standen ihm auf der Stirn. »Pst!« Die beiden waren wie erstarrt! Von oben hörte man Harolds Tür. Ihr Quietschen kannten die Jungen gut. »O Gott«, stöhnte Robin, »jetzt hat man uns gehört. Wenn jemand die Haupttreppe herunterkommt, müssen wir rennen. Paß auf!« Aber sie beruhigten sich, als sie jetzt kühne Schritte aufs Badezimmer zugehen hörten. Es war Miß Holcome, vielleicht auch die Tante, die eine Wasserkanne füllen wollte. Sie hörten Wasser laufen und Schritte, die über den Flur zurückgingen. Dann wurde Harolds Tür leise geschlossen. Vielleicht hatte der fiebernde Patient Durst gehabt. Sie holten tief Atem, schoben leise die Riegel der Hintertür zurück, und einen Augenblick später waren sie draußen im Garten. Die Sterne schienen klar und hell, und über dem Stalldach saß ein wenig schräg die feine Sichel des Mondes in seinem ersten Viertel. Es war das Werk eines Augenblicks, die Tür des Geräteschuppens zu öffnen und das Gewehr und die Munition zu holen. Dabei scheuchten sie eine riesige Ratte auf, die auf der untersten Stufe gesessen hatte. Dann holten sie aus der Nußhecke ihren Reiseproviant und die Ausrüstung, Topf und Pfanne und Teller, die Streichhölzer und die wasserdichte Streichholzhülle, Haferflocken und Salz. John vergewisserte sich, daß er die Angelschnüre und den Schlingendraht in der Tasche hatte, 26
tastete noch einmal das Wurzelloch ab, ob nichts liegengeblieben war; dann sprangen sie über die eingestürzte, efeubewachsene Gartenmauer und liefen über die Wiesen. Sie kamen am Kirchhof mit seinen dicht stehenden weißen Grabsteinen vorbei und wandten die Augen ab, um ja nichts Unheimliches zu sehen; der efeubewachsene, massige alte Kirchturm hob sich scharf gegen den lichterfüllten Himmel ab. Von Baldricks Hof her bellte sie ein Hund an, und sein Gekläff weckte alle Dorfköter in Hörweite. Und was noch schlimmer war, vom Witwensitz her hörten die Jungen Tillys klägliches Heulen. »Der verdammte Hund, er weckt noch das ganze Haus«, schimpfte Robin, während sie im Schatten einer Dornenhecke weiterliefen. »Ich glaube, er weiß, daß wir es sind, die einen Mitternachtsausflug machen.« »Er bellt, als wollte er die Stalltür einrennen«, sagte John. »Je eher wir das Dorf hinter uns haben, desto besser.« »Daran ist nur Baldricks gräßlicher Köter schuld.« Das Bellen hinter ihnen wurde immer schwächer, bis sie es kaum noch hören konnten. Sie kamen an Kühen vorbei, die in den Butterblumen schliefen, sie rochen ihren milden Grasatem und hörten, wie sie sich im Schatten leise regten. Die Landschaft, die ihnen im Tageslicht so vertraut war – wo sie meilenweit im Umkreis von Cherry Walden jeden Baum und jeden Busch kannten – schien völlig verändert und fremd. Die hohen Kastanien zum Beispiel, die die Landstraße säumten, wirkten jetzt riesengroß und feindselig wie geduckte Ungeheuer. Im Hellen waren es freundliche Bäume voller Schätze in Form von Kastanien und Eulennestern. Verborgenes wildes Leben machte sich bemerkbar, während sie schweigend dahinschritten: wie ein mattes Lichtchen hüpfte und flackerte ein Karnickelschwänzchen über das Gras, vom Pferdeteich her hörte man ein Glucksen und Platschen. Dort fischte Harold in glücklicheren Tagen nach 27
Kaulquappen und namenlosen ekelhaften Würmern, die er Pferdeegel nannte. Sie kamen sich vor wie Diebe oder Wilderer, als sie jetzt hastig die Landstraße nach Brendon überquerten und in den tiefen Schatten der Weißdornhecke tauchten. Rechts und links erstreckte sich das hellere Band der Straße leer und unheimlich ins Weite. Anfang Mai kommt die Morgendämmerung früh, und es dauerte nicht lange, bis die Jungen den Himmel im Osten hell werden sahen und Bäume und Sträucher deutlicher zu unterscheiden waren. Bald hörten sie die erste Lerche über dem Hügelland aufsteigen, die ferne, fadengleiche kalte Melodie begleitete das silbrige Licht. Sie trugen abwechselnd die Kochutensilien und das Gewehr. Sie hatten nicht daran gedacht, an dem Gewehr einen Tragriemen anzubringen. In den schweren Blütenkissen des Weißdorns begann eine Amsel zu schlagen, und bald ertönte von allen Seiten Vogelgesang, der Gesang von Amseln und Drosseln, von Buchfinken und Zaunkönigen. Während die Jungen einen Augenblick unter dem dichten Weißdorn verschnauften, hörten sie, wie sich der Vogelgesang immer reicher entfaltete; bald stimmte auch ein Kuckuck in den Chor ein und übertönte das volle Flöten der Amsel. Es war seltsam, sich vorzustellen, daß Cherry Walden noch in tiefem Schlaf lag. Tante Ellens Schuhe warteten immer noch geduldig vor ihrer Tür, alle im Haus und im Dorf lagen noch in tiefem Schlummer. Aber in einer oder zwei Stunden würde man ihr Verschwinden bemerken, und die Aufregung würde losgehen. Es dauerte nicht mehr lange, bis die Jungen den Forst erblickten. Er zog sich am ganzen Horizont entlang, ein dichtes dunkles Band vor dem dämmrigen Horizont. Und als die Sonne schließlich über den Hügeln aufstieg, überquerten die Jungen die letzte Weide, wo ein paar Kühe sich um einen Salzleckstein versammelt hatten, und tauchten in den Schutz der Bäume. Obgleich es erst kurz 28
nach vier Uhr morgens war – sie waren seit ein Uhr ohne Pause gewandert – erreichten sie den Waldrand keine Minute zu früh, denn es wurde jetzt schnell heller. Als sie zurückblickten, bemerkten sie die ersten Lebenszeichen: Ein Landarbeiter mit einer Binsenkiepe auf dem Rücken radelte auf einem entfernten Weg zur Arbeit. Robin wandte sich im Schatten der Büsche um und sah seinen Bruder mit einem seltsamen Ausdruck an, einem Ausdruck von Triumph und Erregung. »Wir haben es geschafft«, rief er, »wir haben's geschafft, Großer John!« Dann brachen sie in einen wilden Tanz aus, Robin schwenkte die Flinte über seinem Kopf wie ein Indianer, der einen Sieg feiert, und während sie tanzten, brach es aus ihnen heraus: »Keine Tante Ellen mehr! Kein Unterricht mehr, keine Schule!« In ihrem Übermut schworen sie sogar, sie würden nie mehr nach Cherry Walden zurückkehren, für alle, alle Zeiten wollten sie als Vogelfreie im Wald leben, fischen und jagen. Die Vögel sangen fröhlich, der Duft von Farnkraut und Laub ließ sie vor Freude fast den Kopf verlieren. Sie wälzten sich im Adlerfarn und gruben ihre Gesichter in das feuchte Gras, sie bewarfen einander mit Stöcken und schlugen Purzelbäume. Sie waren trunken vor Lebensfreude, die glücklichsten Geschöpfe der Welt! Inzwischen verkündeten die Hähne von Cherry Walden der übrigen Menschheit, daß es Zeit sei, aufzustehen und sich an die Arbeit zu machen. Zuerst standen die Landarbeiter auf. Sie frühstückten herzhaft und machten sich dann, ihr Tabakspfeifchen paffend, auf den Weg, einige zu Fuß, andere auf Fahrrädern. Ein wenig später erhoben sich die Dienstboten des Dorfes, um die Feuer in den Häusern anzuzünden, und bald stiegen blaue Rauchspiralen aus den Schornsteinen des Witwensitzes, des Pfarrhauses und des Herrschaftshofes, und es sah so aus, als erwachten auch diese Gebäude, und in gewissem Sinn war es auch so. 29
Hannah, das Dienstmädchen, kam mit schwerem Schritt die Hintertreppe herab. Hannahs erste Arbeit bestand darin, durchs ganze Haus zu gehen und die schweren weißen Fensterläden zu öffnen; zuerst in der Küche, dann im Speisezimmer, im Wohnzimmer, im Salon und zuletzt in der Halle. In diesem Augenblick sah sie auf dem Tablett, das auf dem antiken Tischchen stand, ein Stück weißes Papier schimmern. Da Hannah neugierig war, griff sie sofort danach, las hastig, was darauf stand, las dann langsamer, vier- oder fünfmal. Und als Emma, das Zimmermädchen, in ihrem steifen, raschelnden Kattunkleid diskret an Tante Ellens Tür klopfte, lag auf dem Tablett mit dem Tee ein weißes Stück Papier. »Hannah hat das in der Halle aufm Tablett gefunden, Gnä'Fräuln. Es muß von den jungen Herrn sein.« Tante Ellen, die erst halb wach war, schob den Zettel zur Seite, bis sie ihre Tasse geleert hatte. »Wahrscheinlich irgend so ein Blödsinn, Emma«. Aber als sie das Briefchen zweimal gelesen hatte, zog sie ihren Morgenrock über und segelte den Flur entlang zum Zimmer der Jungen. Das hatte etwas seltsam Verlassenes und Leeres, und die zerwühlten Laken gaben ein stummes Zeugnis des mitternächtlichen Auszugs. Tante Ellen, das muß man sagen, verlor die Fassung nicht. Sie ging ins Bett zurück, goß sich eine zweite Tasse Tee ein und überlegte, was zu tun sei. Sie glaubte keinen Augenblick lang, daß die Jungen wirklich weggelaufen seien, sie wollten ihr nur einen Streich spielen, was im Augenblick, wo Harold mit Masern zu Bett lag und sie so vieles regeln mußte, recht unangebracht war. Sie mußte sich eine passende Strafe ausdenken. Zusätzlicher Unterricht beim Pfarrer und keinen freien Nachmittag in dieser Woche, das würde das Richtige sein. Die Jungen mußten endlich lernen, die Autorität zu respektieren. Pfarrer Whiting war überrascht, als es kurz nach neun an 30
seiner Haustür klingelte. Wie viele Junggesellen stand er spät auf. Er hatte sich angewöhnt, bis tief in die Nacht zu lesen und erst zu Bett zu gehen, wenn es vom efeuumsponnenen Turm der nahen Kirche längst Mitternacht geschlagen hatte. Er stand selten vor zehn Uhr morgens auf und frühstückte, wenn andere Leute sich schon fragten, was es zum Mittagessen geben würde. Um die Wahrheit zu sagen: daß er die Jungen unterrichten sollte, war ihm ziemlich lästig – er würde in den kommenden Wochen seine Gewohnheiten ändern müssen... und das war höchst unangenehm. Als Tante Ellen von der Haushälterin des Pfarrers erfuhr, daß dieser noch gar nicht heruntergekommen war, war sie sichtlich verärgert. »Sagen Sie dem Pfarrer, daß ich ihn sofort sprechen muß, es ist sehr wichtig. Sagen Sie ihm, daß ich warte.« Sie wurde in das gemütliche Studierzimmer geführt, wo es nach Tabak roch, wo Briefe und Papiere auf dem Kaminsims lagen, weitere Papiere und Bücher auf Tische und Stühle gehäuft waren und – Tante Ellen zog verächtlich die Nase kraus – neben den letzten Nummern des Kirchenblattes auf seinem Schreibtisch ein Glas, eine halbleere Whiskyflasche und ein Siphon standen. In was für einem Durcheinander die Männer leben, wenn sie keine Frau haben, die sich um sie kümmert, dachte Tante Ellen ... dazu der Whisky ... abscheulich. Wenn sie mit dem Pfarrer verheiratet wäre, würde sich das bald ändern. Sie ging hin und her, zu unruhig, um sich zu setzen. Sie ließ ihren Blick über die Bücherreihen gleiten. Da standen die üblichen dicken theologischen Wälzer und viele naturkundliche Bände: über Schmetterlinge und Vögel, und oben auf dem Bücherschrank stand ein ausgestopfter Brachvogel und starrte Tante Ellen mit glasigem, mißbilligenden Blick an. Die Minuten vergingen, und Pfarrer Whiting erschien immer noch nicht. Ein Poltern und Stampfen über ihrem Kopf ließ sie ahnen, daß er verzweifelt versuchte, mit dem Ankleiden fertig zu werden. Sie ging 31
hin und her, zur Tür, dann wieder zurück zum Fenster. Ohne etwas zu sehen, starrte sie in den sonnigen Garten, wo ein gefleckter Fliegenschnäpper auf einem Krockettor unter der Zeder saß, und eine schwarze Katze den Kiesweg entlangschlich. Endlich hörte sie Schritte die Treppe hinunterkommen, und Pfarrer Whiting erschien, eine rote Schramme am Kinn, die er mit einem blutbefleckten Taschentuch betupfte. »Verzeihen Sie, daß ich Sie so früh störe, Herr Pfarrer, aber, um die Wahrheit zu sagen – ich bin in Schwierigkeiten.« »O Gott o Gott«, sagte der Weißfisch und betupfte sein Kinn, »hoffentlich nichts mit Harold? Er ist doch nicht ernsthaft krank?« »Nein, nicht Harold – Robin und John. Sie sind weggelaufen. In der Nacht.« »Weggelaufen? Weggelaufen? O mein Gott!« Der Pfarrer war so überrascht, daß er vergaß, sein Kinn zu betupfen, und plötzlich tropfte Blut auf seinen weißen Klerikerkragen. »Ts, ts, ich hab mich beim Rasieren geschnitten«, murmelte er entschuldigend und tupfte wieder mit dem Taschentuch. »Ja, weggelaufen«, wiederholte Tante Ellen streng. »Und ich bin zu Ihnen gekommen, um mir Rat zu holen. Sie haben eine Nachricht hinterlassen, daß sie ›irgendwann‹ zurückkämen. Natürlich«, fügte sie hinzu, »zweifle ich nicht daran, daß sie in ein paar Stunden wieder da sein werden, wenn die Sache ihnen langweilig wird, und sie Hunger bekommen. Aber dann müssen sie bestraft werden. Ihre Eltern sind in Indien, und natürlich fühle ich mich verantwortlich.« »Ich weiß, meine Teure, das muß sehr aufregend für Sie sein, aber soweit ich die Jungen kenne, werden sie vor dem Abend wieder zu Hause sein. Ich vermute, daß sie sich im Park verstecken oder vielleicht sogar im Haus, oder in den Nebengebäuden. Darüber würde ich mir keine Sorgen machen. Als Strafe würde ich zusätzliche Arbeit empfehlen, 32
das heißt, Hausarbeit wollte ich sagen«, fügte er hastig hinzu. Er sah schon kommen, daß er in gewissem Sinn auch bestraft werden würde, wenn Tante Ellen darauf bestand, die Unterrichtsstunden bei ihm zu verlängern. Und obgleich ihm das zusätzliche Geld, das er für den Privatunterricht bekam, sehr willkommen war, so schätzte er doch seine Freiheit ebenso wie jeder Junge. In Wirklichkeit war er tatsächlich so etwas wie ein altgewordener Junge. Vielleicht hegte er heimlich Sympathie für Robin und John und überlegte, daß er wahrscheinlich auch abgehauen wäre, hätte er einen solchen alten Drachen als Bewachung gehabt. Er beruhigte Tante Ellen, so gut er konnte, und sie kehrte in weit besserer Gemütsverfassung nach Hause zurück. Sie wäre sogar nicht überrascht gewesen, hätte sie die Übeltäter mit reuigen Gesichtern am Frühstückstisch vorgefunden. Miß Holcome und Hannah, die ihr in der Halle entgegenkamen, erinnerten sie an zwei aufgescheuchte Hühner. »O, Gnä'Fräuln, Rumbold ist gerade dagewesen und sagt, seine Flinte ist weg. Er glaubt, die jungen Herren hätten sie mitgenommen, er sagt, sie müssen rausgefunden haben, wo er sie versteckt hatte.« Hannah schien die ganze Sache richtig zu genießen. Hätte Tante Ellen etwas mehr von Jungen verstanden, so hätte diese letzte Information sie beunruhigen müssen. Aber sie glaubte immer noch, die beiden würden im Laufe des Tages wieder auftauchen. Sie ging zu Harold hinauf, der, wie Miß Holcome berichtete, eine unruhige Nacht verbracht hatte. Sie entschloß sich, das Verschwinden seiner Brüder nicht zu erwähnen. Wenn er etwas wußte, würde er es sicher sagen. Aber Harold, der unglückliche Harold, fühlte sich zu elend um zu sprechen, und nachdem sie sich vergewissert hatte, daß er seine Medizin genommen hatte und die Vorhänge zugezogen waren, machte sie sich im Haus zu schaffen. Es wurde Mittag, und nach einem unruhigen Nachmittag, während sie ein paarmal Garten und Park durchstreift und mißtrauisch jeden Busch betrachtet hatte, kehrte sie 33
zum Tee ins Haus zurück. Ihre Unruhe wuchs mit jedem Augenblick. Rumbold, den sie beim Aufbinden der Himbeerranken fand, bedrückte sie noch mehr durch seine düsteren Voraussagen. »Wenn Sie mich fragen, Gnä'Fräuln, die werden wir nicht wiedersehn, bevor sie nichts mehr zu essen haben. Sie haben mir in der Post erzählt, daß Herr Robin Haferflocken gekauft hat – fünf Pakete! Die scheinen was Richtiges vorzuhaben. Wenn ich Sie wäre, Gnä'Fräuln, ich würd's der Polizei melden. Wer weiß, was denen noch einfällt mit meinem Gewehr, das ist ne gefährliche Waffe.« Die Polizei! Tante Ellen erbebte bei diesem Gedanken. Das ganze Dorf würde bald über die Jungen Bescheid wissen. Welche Schande! Wie würde sie vor den Leuten dastehen! Sie hatte sogar die Vision von Bluthunden und Scotland Yard, von Schlagzeilen in den Zeitungen ... »Zwei Jungen aus dem Witwensitz von Cherry Walden verschwunden ...« Zum erstenmal in ihrem Leben hätte Tante Ellen Lust gehabt, sich tüchtig auszuweinen.
KAPITEL 3
Das Versteck Die Strahlen der späten Nachmittagssonne erleuchteten die Wipfel der Eichen. Alle Waldwege, alle Kaninchenwechsel lagen in kühlem Schatten, kaum ein Hauch regte sich in den vielen Millionen Blättern. Im Herzen des herrlichen Forstes, der ein Gebiet von elftausend Morgen welligen Landes bedeckte, wuchs in einer kleinen Lichtung, die eingefriedet war von Farnkraut und Salweidengestrüpp, eine dicke alte Eiche. Sie war nicht sehr hoch, sogar wesentlich niedriger als viele andere Eichen rund herum, denn schon vor Jahrhunderten war die Spitze abgestorben, 34
aber der dicke, rauhe Stamm hatte überlebt. Dichtes, gesundes Laub wuchs aus der knorrigen, verkrüppelten Krone, und diese neuen Zweige bildeten einen riesigen, viele Meter breiten dunkelgrünen Schirm. Der rauhe Stamm war mit Auswüchsen und Knoten bedeckt, sein Umfang mußte fast acht Meter betragen. Auf der Westseite befand sich am Grund des Stammes eine kleine Öffnung, etwa einen halben Meter breit und einen hoch, wie der Eingang zu einer kleinen schwarzen Höhle, wie eine Geheimtür. In der abendlichen Stille sangen die Nachtigallen, aus den Tiefen der Hasel- und Salweidenbüsche erklang die fröhliche, perlende Waldmusik der Grasmücken. Von Zeit zu Zeit flog hoch im Sonnenlicht eine Waldtaube vorüber, die Brust beleuchtet von den schrägen Strahlen der sinkenden Sonne. Eine der Tauben, die unter sich auf der Lichtung die dichte Krone der Eiche erspähte, legte die Flügel an, machte eine Drehung und kam mit lautem Geflatter zwischen den grünen Blättern zur Ruhe. Es war erstaunlich, daß ein so großer Vogel so schnell landen konnte. Er schien das dichte Laubwerk mit Leichtigkeit zu durchstoßen, fast wie ein Pfeil. Nachdem der Vogel sich ein Weilchen umgesehen hatte, plusterte er die Brust auf und begann: »Kuu, Kuu, Kuukuu, Kuu, Kuu. KuuKuu, Kuu, Kuu, Kuukuu, Ku!« Ein reizender, beruhigender Laut, der den Frieden des Waldes atmete und dann plötzlich mit einer halben Note endete, so als habe der Vogel etwas gehört und halte inne, um zu lauschen. Von den umliegenden Bäumen antworteten andere Wildtauben, ohne Zweifel gab es in den Haselbüschen viele Nester. Kaum hatte der Vogel sein Lied beendet, als Robins Gesicht in der Öffnung am Fuß des Baumes auftauchte. Seine Augen waren nach oben gerichtet, so daß das Weiße sichtbar war. Er suchte die dicke grüne Decke aus Eichblättern über seinem Kopf mit dem Blick ab. Der Vogel, der sich schon, bevor er sich auf dem Baum 35
niederließ, vergewissert hatte, daß da unten kein Feind lauerte – Vögel schauen immer direkt unter sich, bevor sie sich setzen – fing wieder an zu gurren. Vorsichtig wie ein Fuchs schob Robin sich weiter vor. Der Vogel saß gleich über ihm in den Zweigen, aber er konnte ihn nicht sehen. Er ließ den Blick umherwandern, indem er nur langsam den Kopf bewegte. Plötzlich erstarrte er, wartete, dann zog er sich leise in den schwarzen Schatten des Bauminneren zurück. Gleich darauf kam der Lauf einer Flinte zum Vorschein. Er schwankte kurz, kam dann zur Ruhe. Ein Augenblick Stille, dann kam ein gedämpfter Knall, ein verzweifeltes Flattern im Eichenlaub. Dann brach ein runder, blaugrauer Körper durch die Äste und fiel mit einem dumpfen Laut auf das kurze, von den Kaninchen abgefressene Gras. »Ich hab sie! Ich hab sie«, schrie Robin triumphierend. »Gut gemacht, Robin! Die erste Beute geht an dich – ein prima Schuß, wirklich!« Robin Hood und der Große John stürzten aus der Eiche wie Hühner aus einem Hühnerstall. »Was für ein schönes Tier! Nein, was für ein schönes Tier!« »Und ganz fett!« »Sollen wir sie braten oder kochen?« »Kochen, zum Braten haben wir kein Fett.« Sie hoben die Taube auf, befühlten ihre Brust und erklärten sie für einen wohlgemästeten Vogel, über den sich jeder Jäger freuen würde. Bald waren sie eifrig bei der Arbeit. Robin schnappte sich den Topf und verschwand damit im Haselgesträuch. In zwanzig Metern Entfernung stieß er auf einen schmalen Pfad, der sich durch das Farnkraut wand. Nachdem er diesem Pfad ein Weilchen gefolgt war, kam er an einen kleinen Bach, der zwischen niedrigen Ufern versteckt durch dichtes Farnkraut floß. Sie hatten diesen Bach erst vor kurzem ganz zufällig entdeckt. Das Wasser war klar und frisch. 36
Der Große John machte inzwischen Feuer. Er suchte zwischen den Büschen trockenes Gras und kleine Zweige und legte das Feuer ein paar Schritte vor dem Eingang zu ihrer Höhle an. Zuerst rollte er das trockene, spröde Gras zu einem losen Ball zusammen. Drum herum baute er die Reiser in der Form eines Indianerzeltes auf. Dann hielt er ein Streichholz daran. Das Gras fing sofort Feuer, und wenig später brannten auch die Zweige. Als Robin mit dem Topf voll Wasser durch die Büsche kam, brannte ein helles Feuer. Robin packte eifrig die fette Taube, bald lösten sich die blaugrauen Federn in dichten Mengen und wurden sorgfältig verbrannt. Die Jungen hatten offenbar Übung im Geflügelrupfen. Der Große John bekam die Aufgabe zugewiesen, den Vogel auszunehmen, eine unangenehme Arbeit, die aber getan werden mußte. Vogelfreie können sich nicht erlauben, zimperlich zu sein. John hatte oft zugesehen, wie die Köchin ein Huhn vorbereitete, und hatte sich gemerkt, wie man es macht. Er löste seine Aufgabe so fachmännisch, daß sogar Robin beeindruckt war. Dann wurde die Taube mit einem Löffel Salz in den Topf getan, und das Wasser begann bald fröhlich zu brodeln. Robin hatte inzwischen noch mehr Holz gesammelt. Es lag so viel umher, daß er nicht weit zu gehen brauchte. Bald hatte er einen ordentlichen Stapel beisammen, den er im Innern des Baumes verstaute. Sie verwahrten es hier, damit es trocken blieb, denn obgleich das Wetter schön war, konnte doch ein Gewitterregen in der Nacht oder der Morgentau das Holz feucht machen. Feuchtes Holz aber bedeutet Rauch, und Rauch würde ihre Anwesenheit verraten, und das war keinesfalls zu wünschen. Später waren sie in dieser Hinsicht nicht mehr so vorsichtig. Die Tür ins Lager der Vogelfreien, die Öffnung in der Eiche, war recht klein. Im Baum selbst aber war genug Raum, um zwölf erwachsene, aufrecht stehende Männer zu fassen. Die Decke bildete eine Masse von halbverfaultem Holz, und in der Mitte dieser Wölbung war ein dunkles 37
Loch, das ohne Zweifel wie ein Kamin bis in die Krone des Baumes führte. Es drang jedoch von oben kein Licht herein, und die Jungen hatten bisher keine Zeit gehabt, ihre wunderbare natürliche Höhle zu erforschen. Nur ganz zufällig hatten sie sie gefunden. Um die Wahrheit zu gestehen: Die Stunden vorher waren recht sorgenvoll gewesen. Seit dem Freudentanz, den die Vogelfreien im Morgengrauen im Farnkraut aufgeführt hatten, war viel geschehen. Der Übermut war bald verflogen und fast in Mutlosigkeit umgeschlagen. Das war gewiß auf den Mangel an Schlaf zurückzuführen, denn sie waren die ganze Nacht hindurch gewandert. Aber nach einem kurzen Schlaf erwachten sie erfrischt und hungrig, und nachdem sie sich mit ein paar Handvoll roher Haferflocken gestärkt hatten – kein besonders sättigendes und schmackhaftes Mahl für hungrige Jungen – waren sie ohne Zögern weiter in den Forst vorgestoßen. Zwei Dinge mußten sie finden: Wasser und einen geeigneten Lagerplatz. Robin hatte den Weißfisch von einem Teich oder Weiher im Wald erzählen hören, der der Blinde Teich genannt wurde. Den wollten sie suchen. Aber der Forst war so groß, daß das sehr schwierig werden konnte. Sie waren daher erleichtert, als Robin am Spätnachmittag auf den Bach stieß. Er war vorgegangen, um den Weg durch Farnkraut und Gebüsch zu bahnen. Sie waren so durstig, daß sie in tiefen Zügen tranken – Tante Ellen wäre entsetzt gewesen! Als sie dann ihren Durst gestillt hatten, sahen sie sich nach einem geeigneten Lagerplatz um. Robin hatte den vagen Plan, eine Hütte aus Zweigen zu bauen, und als sie geeignetes Holz suchten, stießen sie auf den Eichbaum. Es gehörte nicht viel Vorstellungskraft dazu, um zu erkennen, daß die Natur selbst hier einen geschützten Lagerplatz anbot. Schnell hatten sie das Innere des alten Baumes erforscht und einen in jeder Weise idealen Aufenthaltsort vorgefunden. Es war drinnen trocken wie in einem Backofen, aber sie mußten einen Haufen Laub und verfaultes Holz hinausräumen. Dabei fand der Große John viele 38
Insektenflügel. Außer den Flügeln fanden sie seltsame längliche Kügelchen, ähnlich den Wurmpillen, die sie von Zeit zu Zeit Tilly eingeben mußten; später entdeckten sie, daß es der Kot von Eulen war. Drinnen war Platz genug, um ihre wenigen Habseligkeiten unterzubringen, den Topf und die Pfanne, das Gewehr und die mageren Vorräte. Sie holten sich ganze Arme voll grüner Farnwedel, die herrlich federnde Matratzen abgaben. Bald hatten sie ihre Behausung in Ordnung gebracht, und ihr Abendessen war ihnen wie gerufen vor die Tür geflattert. Soweit war der Tag glücklich verlaufen. »Na, das riecht aber gut!« sagte der Große John, als er den Deckel vom Topf hob. Er war von einer duftenden Wolke umgeben, und das Wasser lief ihm im Mund zusammen. »Ich wünschte, wir hätten ein paar Kartoffeln dazu.« Robin reichte ihm die Tüte mit Haferflocken. »Hier, rühr ein wenig davon hinein, das wird die Soße dicken.« Die Haferflocken wurden also eingerührt, und nach einer Weile verkündete der Große John – der an der Reihe war zu kochen – daß das Abendessen fertig sei. Er teilte die Taube – argwöhnisch von Robin beobachtet – in zwei gleiche Hälften, und in bemerkenswert kurzer Zeit war der unglückliche Vogel verspeist. Danach vergruben sie die Knochen unter dem Farn, wuschen den Topf und die Teller ab und verstauten sie im Innern des Baumes. Sie waren immer noch hungrig und außerdem unzufrieden, weil es zum Frühstück außer Haferbrei nichts geben würde. Aber sie verdrängten die wehmütigen Gedanken an den Speck und die Würstchen daheim tapfer. Robin schob den gutgeölten Bolzen des Gewehrs zurück und legte eine Patrone ein. »Du bist jetzt mit dem Schießen dran. Wir müssen uns beeilen, es wird bald dunkel.« »Was machen wir mit dem Feuer?« »Tritt es aus. Wir können es nicht brennen lassen.« »Und wir dürfen auch nicht zu weit weggehen, sonst finden wir das Lager nicht wieder.« 39
»Pah«, sagte Robin Hood verächtlich. »Hast du schon mal gehört, daß ein Vogelfreier sich verirrt? Wir müssen eine Spur legen, während wir gehen.« Der Große John nahm ehrfürchtig die Flinte entgegen, zum ersten Mal würde er Gelegenheit haben, sie abzufeuern. »Schimpf nicht, wenn ich daneben treffe, Robin. Ich tue, was ich kann.« Sie machten sich auf den Weg durch die Büsche; noch einmal schauten sie zurück, um zu sehen, ob auch kein Funken mehr in der Asche ihres Feuers glühte. Dunkle Schatten sammelten sich, denn die Sonne war untergegangen, und der ganze Forst lag in einem duftenden Dämmerlicht. Während die Jungen durch die Haselbüsche und über die schmalen moosigen Pfade schlichen, brachen sie hier einen Zweig, knickten dort einen Halm, um ihren Weg zu bezeichnen. Sie überquerten den Bach und befanden sich bald am Rand einer breiten Schneise. Der Große John hielt plötzlich den Atem an und fuhr zurück: »Mein Gott, sieh dir das an!« Robin, der dicht hinter ihm ging, blieb regungslos stehen. »Was ist los? Ist da jemand?« »Nein, aber Kaninchen, Millionen!« Soweit man sehen konnte, war alles von Kaninchen wie gesprenkelt: der Rand der Schneise, der Untergrund der Büsche, die Schneise selbst. Einige grasten, andere putzten sich wie Katzen oder jagten im Kreis hintereinander her. Die Jungen hatten noch nie so viele Kaninchen gesehen. Keine dreißig Meter entfernt richtete sich ein halberwachsenes Tier auf und beäugte sie. »Ruhig!« flüsterte Robin, während der Gewehrlauf sich hob. Bums! Obwohl die Waffe mit einem Schalldämpfer ausgestattet war, knallte der Schuß erschreckend laut durch den stillen Forst – denn die Bäume warfen den Schall 40
zurück. Die Kaninchen in ihrer Nähe flitzten in Deckung, die weiter entfernten richteten sich auf wie kleine Fragezeichen. Die Kugel des Großen John hatte ihr Ziel getroffen. Es kam ihm jetzt zustatten, daß er oft mit dem Luftgewehr auf dem Speicher in Cherry Walden geübt hatte. Das Kaninchen sprang hoch und fiel dann ausgestreckt in den Farn. »Rühr dich nicht«, flüsterte Robin und legte die Hand auf Johns Arm, der, trunken vor Freude über seinen Erfolg, losstürzen wollte, um seine Beute zu holen. »Gib mir das Gewehr.« Die anderen Kaninchen, vierzig Meter und weiter entfernt, saßen immer noch still und horchten. Sie hatten den Knall gehört, wußten aber nicht, woher er gekommen war, und als Robin jetzt die Flinte hob, senkten einige schon wieder den Kopf und begannen zu grasen. Robin suchte sich ein besonders großes Tier aus, das in etwa vierzig Metern Entfernung am Rand der Schneise saß. Im schwindenden Tageslicht sah er seine Beute im Zielfernrohr nur als undeutlichen Schatten und mußte auf gut Glück zielen. Er richtete den Schnittpunkt des Fadenkreuzes auf die Stelle, wo er die Schulter des Kaninchens vermutete, hielt den Atem an und drückte ab. Sofort nach dem Knall hörte man den dumpfen Aufschlag der Kugel, die ihr Ziel getroffen hatte. Die Rückkehr ins Lager glich einem Triumphzug, sie hatten zwei fette Kaninchen für die Vorratskammer. Trotz der Spur, die sie gelegt hatten, war der Weg zurück nicht leicht zu finden. Schließlich brachen sie durch die Büsche in die Lichtung und sahen den alten Baum. Als Robin die Kaninchen versorgte, indem er bei beiden je ein Hinterbein hinter der gelösten Sehne des anderen durchzog und die Tiere an einem Zweig aufhängte, hörten sie ein leises Rascheln in der Krone der Eiche, und eine riesige Eule strich über ihre Köpfe davon. Gleich darauf 41
hörten sie ihr melancholisches »Hu – huu« durch den dunklen Forst ziehen. Sie machten wieder Feuer und bereiteten bei seinem Schein die Kaninchen für das Frühstück vor. Kaninchenleber und -herz schmecken sehr gut, viel besser als Würstchen und Speck! Nachdem sie Felle und Abfälle unter den Büschen vergraben hatten, hängten sie die abgezogenen Kaninchen wieder auf. Die gründlich gewaschenen Herzen und Lebern wurden auf einem Teller im Baum versteckt, wo sie kein räuberisches Tier in der Nacht finden konnte. Es wurde schnell dunkel. Über ihren Köpfen strahlten still die Sterne, und in den tintenschwarzen Bäumen schrieen nah und fern die Eulen. Ihre traurigen Rufe erinnerten Robin an ein Buch, das er kürzlich gelesen hatte: Thoreaus ›Leben in den Wäldern‹ – Er hatte einige der schönsten Stellen auswendig gelernt. Wie war das noch? ... »Ich liebe es, ihr Klagen zu hören, ihre Antworten voller Trauer ... es sind die Geister, die Trauer und die melancholischen Prophezeiungen gefallener Seelen, die einst in menschlicher Gestalt nächtlich die Welt durchstreiften und Taten der Finsternis taten... ›Oh–O–O–O– daß ich nie geboren worden wäre‹ seufzt einer auf diesem Ufer des Weihers und kreist mit der Ruhelosigkeit der Verzweiflung, bis er sich von neuem in den grauen Eichen niederläßt – ›daß ich nie geboren worden wäre!‹ wiederholt ein anderer auf dem fernen Ufer mit bebender Eindringlichkeit, und ›geboren‹, tönt es schwach tief in den Wäldern von Lincoln ...« Der Weiher von Walden! Ja, vielleicht war der Blinde Teich auch so ein Weiher von Walden, ein klares, tiefes Gefäß voll durchscheinenden Wassers tief im Herzen eines englischen Forstes... Das Feuer war zu einer mattroten Glut zusammengesunken, keine Flamme flackerte, kein Rauch stieg auf, die Blätter über ihrem Kopf schimmerten zauberhaft in dem matten Licht. Die Jungen lagen ausgestreckt auf dem 42
Rücken, die Köpfe nah am ersterbenden Feuer, und betrachteten das stille Laub der Eiche, das dunkel gegen den Sternenhimmel stand. »Was mag Tante Ellen wohl jetzt machen?« murmelte der Große John schläfrig. »Ich wette, das ganze Dorf ist in Aufruhr.« »Ich würd' mich nicht wundern, wenn jetzt alle mit Laternen nach uns suchten.« »Keine Sorge, hier finden sie uns nie. Wahrscheinlich können wir für immer hier bleiben – oder doch so lange, bis uns die Patronen ausgehen.« »Es würde auch im Winter Spaß machen«, sagte der Große John, »stell dir den Wald im Schnee vor, und die Bäume ganz ohne Blätter. Wir hätten es in der alten Eiche so gemütlich wie die Dachse!« »Wir würden Fallen stellen, um Pelze zu erbeuten. Wir würden ganze Reihen von Fallen aufstellen.« »Worauf du dich verlassen kannst.« »Ich bin dafür, daß wir überhaupt nicht mehr zurückgehen«, sagte Robin, »wir werden unser ganzes Leben hier verbringen, wie dieser Kerl in dem Buch von Thoreau.« »Der hat es aber doch nur zwei Jahre ausgehalten.« »Das stimmt ... aber er lebte auch allein; ganz allein wäre es mir auch ein bißchen unheimlich, wenn man niemanden hat, mit dem man reden kann, nicht einmal einen Hund.« »Schade, daß wir Tilly nicht mitgenommen haben«, sagte der Große John, »das hätte ihr Spaß gemacht. All die Kaninchen...« »Oh, ich weiß nicht. Vielleicht wäre sie auch lästig. Sie würde versuchen, nach Hause zu laufen oder sich verirren.« »Hoo, Hoo, Hoohoo!« Ein großer schwarzer Schatten streifte über sie hin. Es war die Eule. »Ich glaube, sie hat ihr Nest oben in der Eiche«, sagte Robin und richtete sich auf die Ellbogen auf. »Wir werden morgen mal nachschauen. Vielleicht finden wir ein Junges und zähmen es. Heiho! Ich geh ins Bett.« 43
»Ich auch«, erwiderte der Große John. Sie traten die Glutreste aus und krochen in den Baum. Während sie sich auf ihrem Lager aus Farnkraut zurechtlegten, sahen sie draußen den Wald undeutlich und geisterhaft. »Gute Nacht, Robin Hood!« »Gut' Nacht, Großer John, schlaf gut. Vergiß nicht, morgen bin ich dran, Frühstück zu machen.«
KAPITEL 4
Die Jagd beginnt Die Vogelfreien lagen gemütlich in ihrem Waldversteck; die Sterne schienen freundlich auf die breite Krone der Eiche; die kleine grüne Lichtung mit dem schwarzen Fleck, dort wo das Lagerfeuer gebrannt hatte, war jetzt feucht vom nächtlichen Tau. Weit entfernt in Dower House rückte mit jedem Ticken der Uhr unweigerlich die Polizei näher. Nach dem Abendessen konnte Tante Ellen die Spannung nicht länger ertragen; sie ging noch einmal zum Pfarrhaus. Der geduldige Weißfisch trat ihr in der Halle mit erhobenen Augenbrauen entgegen: »Etwas Neues von den Bengels?« »Nicht das geringste, und ich komme noch einmal zu Ihnen und bitte um Ihren Rat. Ich komme mir vor wie Hiob, Herr Pfarrer, alles Unglück ist über mich gekommen.« Sie ließ sich in einen Sessel fallen und seufzte verzweifelt. »Sehen Sie«, fuhr sie fort, »wer weiß, wo sie sind und was sie machen. Wenn sie nun die Masern kriegen ... also, ich will sagen, das ist doch wahrscheinlich, nicht wahr? Sie waren mit Harold zusammen, bis ich ihn ins Bett gesteckt habe, und keiner von beiden hat sie schon gehabt.« »Nun, diese Sorge ist jedenfalls verfrüht, meine Teure. 44
Vor allen Dingen müssen wir herausbekommen, wo sie sich verstecken.« »Ja, aber wie denn?« platzte Tante Ellen heraus. »Und wovon wollen sie leben? Sie haben kein Geld bei sich. Das wenigstens habe ich feststellen können, ihr Taschengeld ist unangetastet. Sie können doch nicht von Luft leben.« »Ich fürchte, es bleibt nichts übrig, als die Polizei zu verständigen«, sagte der Pfarrer und wiegte sorgenvoll sein rundes Gesicht. »Allein können wir sie nicht suchen. Wissen Sie, das ist eine Aufgabe für die Polizei, die werden sie bestimmt im Handumdrehen aufstöbern.« »O mein Gott, müssen wir wirklich die Polizei verständigen? Es wird in allen Zeitungen stehen, das ganze Dorf wird es erfahren.« »Was das anbetrifft, sie wissen es längst«, sagte der Pfarrer mit einem leisen Lächeln. »Alle wissen es. Als mein Dienstmädchen zur Post ging, wurde sie gefragt, ob man die Jungen gefunden habe. Und wenn das Dorf es weiß, weiß es auch der Wachtmeister. Ich fürchte, wir müssen uns an die Obrigkeit wenden.« Wachtmeister Bunting war ein Koloß von einem Mann, mit einem dreifachen Kinn. Die Enden seines gewichsten Schnurrbarts stachen wie zwei scharfe Nadeln zu beiden Seiten des Gesichts heraus. Er nahm den Helm ab und legte ihn vorsichtig auf den Tisch in der Halle. »Kommen Sie herein, Herr Wachtmeister, kommen Sie herein.« Tante Ellen flatterte in der Tür der Bibliothek. »Vielen Dank, Gnä'Fräuln.« Er stand da und hielt ein Notizbuch und einen Bleistift in den Fingern. »Sie haben wohl schon von meinen beiden Neffen gehört, Herr Wachtmeister.« »Ja, ich hab da was gehört.« Der Wachtmeister hatte eine sehr tiefe Stimme, die wie eine Orgel grollte, eine Stimme, die ganz zu seiner majestätischen Statur paßte. »Die Lage ist folgende, Wachtmeister Bunting. Meine 45
beiden ältesten Neffen sind ausgerissen. Sie haben eine Nachricht hinterlassen, daß sie für einige Zeit wegbleiben würden, denn sie hätten Angst, von meinem dritten Neffen, Harold, der jetzt oben im Bett liegt, die Masern zu bekommen. Eine schamlose Ausrede!« »Haben Sie diesen Brief, Gnä'Fräuln?« »Ja. Hier ist er.« Tante Ellen zog den inzwischen recht zerknitterten Zettel aus ihrer Handtasche und übergab ihn mit zitternder Hand. Wachtmeister Bunting las ihn langsam, halblaut, und die Enden seines Schnurrbarts bewegten sich ganz leicht, wie die Fühler eines Insekts. »Liebe Tante«, brummelte er vor sich hin, »John und ich finden, daß es besser ist, wir halten uns fern, solange Harold so krank ist wir könnten uns anstecken wir kommen schon wieder zurück mach dir keine Sorgen und bitte erklär es dem Pfarrer.« »Damit meinen sie«, unterbrach Tante Ellen eifrig, »sie wünschten, daß ich dem Pfarrer sage, daß sie nicht zum Unterricht kommen. Ich hatte mit ihm abgemacht, daß er ihnen Nachhilfestunden gibt.« »Schulunterricht, wie?« sagte der Wachtmeister und blickte auf. »Ja – hm – Schulunterricht.« »Ich verstehe, Gnä'Fräuln. Versuch nicht, uns zu finden, denn es wird dir nicht gelingen gezeichnet Robin (Hood) John (der Große). Die spielen Banditen, wie?« »Wie bitte?« »Ich sagte, Banditen, Gnä'Fräuln. Sieht so aus, als spielten sie Robin Hood oder so.« »Ja, ja, irgend so ein Unsinn... Sehen Sie, Herr Wachtmeister, ich bin verantwortlich für die Jungen, für alle drei. Man muß sie finden. Sie könnten krank werden oder sonst was; ich bin verantwortlich.« »Ich verstehe, Gnä'Fräuln«, grollte der Wachtmeister, »Sie sind sozusagen der gesetzliche Vormund. Nun, wir wollen sehen, was sich tun läßt. Sie haben ein Gewehr mitgenommen, wie ich gehört habe, ein Kleinkaliberge46
wehr, das Ihrem Gärtner gehört?« Wachtmeister Bunting schien mit den Fakten bestens vertraut. »Ja, ich glaube, zum mindesten fehlt das Gewehr, und wir vermuten, daß die Jungen es genommen haben«, antwortete Tante Ellen und schnüffelte. »Aber Sie haben keinen Beweis, daß sie es genommen haben?« Tante Ellen verlor die Fassung. Es klang beinahe, als beschuldigte der Wachtmeister sie, das Gewehr gestohlen zu haben. »Ich glaube, Sie sprechen am besten selber mit Rumbold, Wachtmeister Bunting. Ich werde ihn holen lassen. »Tut mir leid, daß ich ihnen Mühe mache, Gnä'Fräuln, aber wir müssen alle Fakten klären.« »Natürlich, natürlich.« Tante Ellen drückte die Klingel. Als Rumbold schließlich auftauchte, sehr rot im Gesicht und mit Schweißtropfen auf der. Stirn, war seine Miene schuldbewußt und trotzig. Der Grund war der, daß der unglückselige Mann keinen Waffenschein besaß. Aber Wachtmeister Bunting war ein weitherziger Mensch. »Sie wissen, Sie sollten 'nen Waffenschein haben, wenn Sie so 'ne Flinte benutzen, Mr. Rumbold«, sagte er vorwurfsvoll. »Sie haben Recht, Wachtmeister, ich weiß, aber ich hab sie unter Verschluß gehalten und nicht oft benutzt.« »Das ist ganz egal, es ist gegen das Gesetz, mit einem solchen Gewehr zu schießen ohne Waffenschein. Kaliber 22, nicht wahr?« »Ja.« »Können wir das nicht ein andermal besprechen, Wachtmeister Bunting. Schließlich ist die andere Sache viel wichtiger«, sagte Tante Ellen ungeduldig. »Schon gut, Gnä'Fräuln, aber trotzdem, er muß sich einen Waffenschein besorgen, wenn er schießen will«, fügte er hinzu. »Nun, Mr. Rumbold, was bringt Sie auf den Gedanken, daß die Jungen Ihr Gewehr genommen haben?« 47
»Nun, ich weiß nur, daß es heute morgen, als ich in meinen Schuppen kam, weg war – einfach weg.« »War auch Munition dabei?« »Ja, ein bißchen in einer Schachtel.« »Wieviel Schuß würden Sie sagen?« – der Wachtmeister machte sich Notizen in sein Buch. »Weiß nicht genau – vielleicht hundert.« »Hundert Schuß Kaliber 22«, brummelte der Wachtmeister und schrieb eifrig. »Und sie haben alles mitgenommen?« »Ja.« »Nun, Mr. Rumbold, ich denke, das wäre alles.« Der Gärtner ging erleichtert nach draußen. »Sie haben wohl keine Ahnung, wohin sie gegangen sein könnten, Gnä'Fräuln? Und Ihr Neffe Harold weiß auch nichts?« »Ich habe absolut keine Ahnung, und der Kleine oben ist zu krank, um etwas zu sagen.« »Hm... Nun, also – ich werde tun, was ich kann. Und machen Sie sich bloß keine Sorgen. Wie ich die jungen Herren kenne, können die sich ganz gut helfen.« »Und Sie werden es mich wissen lassen, sobald Sie etwas erfahren, Wachtmeister Bunting?« »Aber gewiß, Gnä'Fräuln, sofort, Gnä'Fräuln.« Der Wachtmeister stampfte durch die Halle und nahm seinen Helm vom Tisch. Er setzte ihn auf und schob den Kinnriemen unter sein erstes Kinn. »Gute Nacht, Gnä' Fräuln.« »Gute Nacht, Herr Wachtmeister.« Er ging die Auffahrt hinunter, und Tante Ellen blieb in der Tür stehen und beobachtete, wie die weiche Sommerdämmerung den schweren breiten Rücken verschluckte. Wie dunkel es war, wenn man aus der erleuchteten Bibliothek herauskam! Wo mochten die Jungen jetzt sein? Vielleicht schliefen sie wie die Landstreicher in einem Heuhaufen. Warum hatte sie sich jemals einverstanden erklärt, für anderer Leute Kinder die Verantwortung zu 48
übernehmen? Mit einem Seufzer kehrte sie in die Bibliothek zurück. Die Sache war ihr jetzt aus den Händen genommen. Sie hatte getan, was in ihrer Macht stand, die Dinge würden ihren Lauf nehmen, und sie mußte abwarten. Inzwischen konnte es allerdings nicht schaden, Harold vorsichtig auszufragen. Es ging ihm schon besser, und der Doktor hatte bestätigt, daß keine Gefahr für Komplikationen bestand. Aber Harold war auf der Hut. Er fragte sie ganz naiv, ob seine Brüder zur Schule gefahren seien, und als sie verneinte, fragte er, was sie denn täten, und wann sie ihn besuchen dürften. Tante Ellen stellte bald fest, daß sie es war, die ins Kreuzverhör genommen wurde, er versuchte offenbar, vorsichtig etwas aus ihr herauszukriegen. Aber er war dabei so geschickt, daß sie sich nicht klar darüber wurde, ob er etwas wußte. Sie betrachtete ihn mißtrauisch durch ihren Kneifer, aber seine Miene war undurchdringlich. Er fragte zum Beispiel, ob seine Brüder lernen müßten. Tante Ellen konterte: »Ich habe mit dem Pfarrer abgemacht, daß er sie unterrichtet.« »Wann fangen sie denn an?« fragte er. »Ich weiß noch nicht genau«, sagte Tante Ellen gereizt. »Ich muß an so vieles denken.« Sie war sich nicht klar darüber, ob es klug wäre, ihm reinen Wein einzuschenken. Aber Harold fand andere Mittel und Wege, die Wahrheit herauszufinden. Hannah – die schon Masern gehabt hatte – durfte ihm seine Mahlzeiten bringen. Als sie ihm am anderen Morgen das Frühstück servierte, fragte er sie geradeheraus, wo seine Brüder seien. Hannah, der strikt verboten worden war, ihm irgend etwas zu sagen, zuckte zurück. Sie war ein einfaches Gemüt, ungeübt in Verstellung. Sie machte ein verwirrtes Gesicht, stotterte etwas und sagte dann, er solle sein Frühstück essen und nicht so neugierig sein. Damit hatte sie alles verraten, er wußte jetzt, daß sie sich wirklich davongemacht hatten. Ganz ohne 49
Zweifel waren sie weg, und er fühlte sich tief getroffen, weil sein Pech ihn daran hinderte, jetzt bei ihnen im Wald zu sein. Aber, andererseits: hätte er keine Masern bekommen, säßen sie jetzt alle in der Schule. Immer war das Schicksal gegen ihn, immer war er ausgeschlossen, wenn es lustig wurde. Hannah erzählte Tante Ellen von Harolds Fragen und bat um Weisung. Tante Ellen mußte sich entscheiden, ob sie Harold einweihen wollte oder nicht. Sie dachte angestrengt nach, beriet sich mit Miß Holcome und schließlich mit dem Pfarrer, und man kam schließlich zu dem Entschluß, daß man Harold nichts sagen sollte. Als Harold daher seine Tante wieder fragte, wann seine Brüder Ihn besuchen dürften, stürzte Tante Ellen sich Hals über Kopf in eine Lüge. Robin und John seien weggefahren, bis es ihm wieder besser ginge. Sie wollte nicht, daß sie sich ansteckten. Wenn die Inkubationszeit vorüber sei, würden sie wieder zur Schule gehen. Inzwischen sollte er mit der Fragerei aufhören, sie habe Sorgen genug. Harold merkte sofort, daß seine Tante schwindelte. Die Tage vergingen. Dem armen Harold, der immer noch in seinem Zimmer bleiben mußte, kam die Außenwelt ganz besonders verlockend vor. Die Sonne schien strahlend und warm, die Bäume und Büsche des Gartens standen in vollem Laub. Im Haus war es seltsam still, die Erwachsenen waren sorgenvoll und wortkarg. Das herrliche Frühsommerwetter schien von allen Seiten gegen den Witwensitz anzubranden, und Harold quälte sich in seiner Gefangenschaft. Er durfte jetzt, in eine Decke gewickelt, in einem alten Kinderstuhl am Fenster sitzen. Von diesem Beobachtungsposten aus konnte er die sommerliche Welt draußen betrachten. Eine Woche nach dem Verschwinden seiner Brüder saß er wieder einmal am Fenster. Die Überreste seines Nachmit50
tagstees, eine Tasse mit ein paar Teeblättern, ein Teller voller Krümel, standen auf einem Tablett neben ihm, sein Lieblingsbuch ›Tom Sawyer‹, lag mit den geöffneten Seiten nach unten auf dem Boden. Der Abend war zu schön zum Lesen; er wäre so gern draußen im sonnigen Garten gewesen, wo die Schatten der Bäume schon über den Rasen fielen. Hausschwalben mit ihren weißen Westchen stürzten mit fröhlichem Gezwitscher, stiegen wieder auf und kreisten, als schwämmen sie auf den Wellen einer unsichtbaren See, und durch das offene Fenster drang schwach der Ruf eines Kuckucks. Seine Tante saß unten im Salon und schrieb Briefe, Miß Holcome war spazierengegangen, und Harold langweilte sich schrecklich. Er konnte nichts tun, als in den Garten zu starren und sich nach draußen zu wünschen. Er wußte, daß seine Brüder nicht zurückgekommen waren; ihr Verschwinden machte seine Lage nur noch schlimmer. Wie glücklich mußten sie sein weit hinter den abendlichen Hügeln, tief in den grünen Wäldern, wo sie ein Leben führten wie Tom Sawyer, ungehindert von Tanten und pedantischen Weibsleuten! Warum mußte das Schicksal gerade ihn strafen? Er hatte immer solches Pech. Wenn er nur schnell wieder gesund würde, könnte er ihnen nachlaufen. Einen Augenblick wurde ihm kalt vor Angst. Würde er das wirklich tun? Würde er den Mut haben, sich mitten in der Nacht davonzustehlen und sich ganz allein auf den Weg zu machen, wie seine Brüder es bestimmt getan hatten? Und wie sollte er sie finden. Dann beobachtete er Tilly, die Spanielhündin. Sie kam traurig unter den Bäumen hervor, ließ sich müde in der Sonne zu Boden fallen und streckte sich aus. Die Hündin War seit dem Verschwinden der Jungen verstört. Sie lag jetzt da und horchte auf alle Geräusche um sie herum. Harold konnte erkennen, daß Tilly so tat, als schliefe sie. Von Zeit zu Zeit schnappte sie nach einer Fliege oder tat so, als suchte sie einen Floh. Aber die ganze Zeit horchte sie; sie horchte 51
auf das Klappern der Töpfe, das gleichmäßige Geschwätz der Dienstboten in der Küche, sie horchte auf das Quietschen der Pumpe im Gemüsegarten, wo Rumbold eine Gießkanne füllte. Sie war ein geselliger Hund, ohne menschliche Gesellschaft reizte es sie nicht einmal, in den Rhododendronbüschen unten am Weidenteich nach Kaninchen zu jagen. Sie lag also in der Sonne und lauschte. Harold stieß den Pfiff aus, mit dem sie den Hund immer riefen. Tilly, die gerade so tat, als hätte sie über ihrem Schwanz einen Floh gefunden – die Nase war hochgestülpt, kleine, zischende Laute kamen aus der Schnauze – hörte auf zu beißen. Sie hatte die Nase immer noch gekraust, aber sie hielt den Atem an und horchte. Harold mußte lachen und pfiff noch einmal. Tilly saß plötzlich aufrecht da, die langen Hängeohren wie Fächer ausgebreitet, und schaute zum Haus hin. Harold winkte, aber sie hob den Blick nicht zum Fenster. Schließlich fing sie wieder an, Flöhe zu suchen. Harold nahm ›Tom Sawyer‹ wieder auf und las weiter: »Nach dem Mittagessen brachen sie auf, um auf der Sandbank nach Schildkröteneiern zu suchen. Sie liefen umher, stießen mit einem Stock in den Sand, und wenn sie eine weiche Stelle fanden, gingen sie in die Knie und gruben mit den Händen.« Es hatte keinen Sinn, das Lesen machte ihn nur noch trauriger. Hallo, was war das? Tilly bellte! Er schaute auf. Der Spaniel lief auf seinen kurzen dicken Beinen über den Rasen auf das Eingangstor zu, Flöhe und Langeweile waren vergessen. Er bellte aus vollem Hals. Ein Mann kam zum Tor herein, ein junger Mann in grauen Flanellhosen und Tweedjacke, ohne Hut und mit einer Ledertasche an einem Riemen über der Schulter. Wer konnte das sein? Was wollte er? Harold sah, wie der Mann das Tor sorgfältig hinter sich schloß, dann stehenblieb und auf Tilly einredete. Tilly beruhigte sich, folgte ihm aber dicht auf den Fersen die Auffahrt hinauf und schnüffelte an seinen Hosenbeinen. 52
War er ein Vertreter, einer der Männer, die von Zeit zu Zeit im schläfrigen Cherry Walden auftauchten, Wesen aus einer anderen Welt mit seltsamen und manchmal faszinierenden Waren? Er kam die kiesbestreute Auffahrt hinauf, aber anders als die gewöhnlichen Hausierer – Harold fand, daß er auch nicht wie einer aussah – nahm er nicht die Abzweigung, die Zur Rückseite des Hauses führte, sondern kam ganz kühn zum Vordereingang, der unter Harolds Fenster lag. Das graue Gewirr der Glyzinienzweige verbarg ihn jetzt vor Harolds Blick. Einen gespannten Augenblick lang war es still. Harold stellte sich vor, daß der Besucher jetzt den glänzenden Messingknauf der Türglocke zog. Es war, als warte man auf eine Explosion. Sie kam – die vollen, erschreckend lauten Töne hallten zwischen den getäfelten Wanden des Hauses wider. Es war kein zaghaftes Klingeln, sondern ein kühnes, hallendes; es duldete kein Zögern, es war ein dringender Befehl an schwatzende Dienstmädchen. Harold hörte Emmas Schritt auf den Steinfliesen des Küchenflurs: »Stapf, stapf, stapf« – dann Stille, während Emma den Teppich in der Halle überquerte, dann wieder »stapf, stapf, stapf« in der Halle. Nach einer Pause hörte er die Vordertür zuschlagen. Er beugte sich aus dem Fenster, aber niemand kam zum Vorschein. Der Fremde war eingelassen worden. War er ein Detektiv? Hatte er etwas mit Robin Hood und dem Großen John zu tun? Tilly trottete auf die Mitte des Rasens zurück. – Tante Ellen duldete keine Hunde im Haus – und dort blieb sie mit gespitzten Ohren sitzen und beobachtete das Fenster des Salons. Wer konnte das sein? Was wollte er?
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KAPITEL 5
Unter des Laubdachs Hut Unter des Laubdachs Hut Wer gern hier mit mir ruht, Und stimmt der Kehle Klang Zu luft'ger Vögel Sang: Komm geschwinde! geschwinde! geschwinde! Hier nagt und sticht Kein Feind ihn nicht, Als Wetter, Regen und Winde. Wer Ehrgeiz sich hält fern, Lebt in der Sonne gern, Selbst sucht, was ihn ernährt, Und was er kriegt, verzehrt: Komm geschwinde! geschwinde! geschwinde! Hier nagt und sticht Kein Feind ihn nicht, Als Wetter, Regen und Winde. Robin öffnete die Augen und streckte sich. Wie ein fauler Schäfer lag er da und sammelte seine Gedanken, die zwischen Traumwelt und Wirklichkeit hin und her schweiften. Er sah die dunklen Ränder aus faulem Holz, die die Eingangsöffnung umrahmten, und draußen eine silbrig, grüne Landschaft wie einen gemalten Bühnenhintergrund. Er konnte die Spuren ihres erloschenen Feuers im kurzen Gras erkennen, die kräftigen neuen Schößlinge des Farnkrautes – die wie winzige Palmbäumchen aussahen – die regungslosen Blätter an den Büschen und weiter entfernten Eichen. Auf der anderen Seite einer Wurzel lag der Große John noch in tiefem Schlaf. Er hatte sich zusammengerollt, die Knie angezogen, der Kopf lag auf dem abgebeugten 54
rechten Arm; so schlief er immer. Er atmete tief und regelmäßig. Robin drehte sich auf die rechte Seite und schauerte ein wenig. Es war überraschend kühl. Der Tau mußte durch die Öffnung hereingedrungen sein, seine Kleider und der Farn waren ganz feucht. Er wurde sich einer seltsamen Niedergeschlagenheit bewußt, die er sich nicht erklären konnte. Während er dalag, versuchte er, dieses unbestimmte Gefühl des Unbehagens zu ergründen. Plötzlich wußte er es. Er sah im Geist das weiße Tischtuch auf dem langen Frühstückstisch, den silbernen, gewölbten Deckel der Speckschüssel, die mit geschlossenem Deckel aussah wie ein großes silbernes Osterei. Er sah im Geist die krossen Speckschnitten, die Spiegeleier, die aussahen wie Aprikosenhälften, umgeben vom auseinandergeflossenen Eiweiß mit seinen unregelmäßigen Rändern, die stellenweise ein wenig kroß und braun waren. Er sah den dampfenden Haferbrei auf den Tellern, die mit einem blauen Lavendelzweig bemalt waren, den braunen Zucker und die sahnige Milch, er roch den Kaffee, spürte die Frühstücksstimmung im Speisezimmer in Cherry Walden. Ein ganzes Aufgebot an knusprigem, braunem noch heißem Toast in Reihen in einem silbernen Ständer mit Griffen aus Elfenbein – goldene Orangenmarmelade, aufgehäuft in einer runden Glasschüssel und verzerrt durch die gläsernen Wände. Und er hörte Rumbold, der in der Küche den Wassertank vollpumpte. Das »Zunk-tunk« der Pumpe in der Spülküche war eines der morgendlichen Geräusche im Witwensitz ... Alle diese Dinge traten nacheinander vor sein inneres Auge, und die Unruhe in ihm wurde immer stärker. Er stellte fest, daß er beinahe Sehnsucht nach Cherry Walden hatte. Eine Woche war vergangen, seit sie den Forst betreten hatten. Es kam ihm vor wie Jahre. Sie hatten noch mehr Kaninchen geschossen, dazu ein paar Tauben, sie hatten zweimal ohne Erfolg versucht, den »Verborgenen Weiher« zu finden, und während dieser Zeit waren sie auf keine 55
menschliche Spur gestoßen; ihre einzige Gesellschaft waren Vögel und Kaninchen gewesen. Sie hatten nicht einmal einen Fuchs oder ein Reh gesehen, und beide Jungen hatten Heimweh. Mit Heimweh hatten sie nicht gerechnet; körperlich waren sie an das veränderte Leben noch nicht ganz angepaßt, und das Abenteuer hatte den Reiz der Neuheit verloren. Keiner von beiden ließ sich jedoch etwas von seinem Heimweh anmerken. Wären sie nicht zu zweien gewesen, so wären sie bestimmt zurückgegangen, zurück in die Sicherheit und Behaglichkeit des Witwensitzes, sie hätten den Verlust der Freiheit in Kauf genommen, Tante Ellens unbekannte Strafen und die Unterrichtsstunden beim Weißfisch. Und bis jetzt war das Leben im Wald ein wenig zahm gewesen, ohne besondere Abenteuer, vielleicht, weil sie nicht den Mut gehabt hatten, es zu suchen. Robin erhob sich und kroch durch den Eingang. Er streckte seine verkrampften Glieder. Dann machte er sich daran, ein Feuer anzulegen. Zum Frühstück gab es gekochte Kaninchenbeine, Leber und ein wenig Haferbrei. Das gleiche hatten sie seit sieben Tagen zum Frühstück gegessen, und obgleich Robin hungrig war, litt er allmählich unter der Eintönigkeit ihrer Kost. Vor allem sehnten sich die Jungen nach etwas Süßem und nach Brot. Robin hätte einen ganzen Laib auf einmal essen können. Diese Sehnsüchte zeigten sich in ihren Gesprächen. Wenn sie abends am Lagerfeuer saßen, sprachen sie von nichts anderem als von den Süßigkeiten, die man in der Post kaufen konnte: die Pfefferminzbonbons wie kleine gestreifte Kissen, die schokoladeüberzogenen Würfel aus türkischem Honig – sie sprachen vom Geruch des Bäckerladens in der Hauptstraße. Kaninchen zum Frühstück, Kaninchen zum Abendessen, manchmal eine Taube oder eine Wachtel: Fleisch, Fleisch – immer nur Fleisch. Es gab noch keine Wildfrüchte im Wald, die man hätte sammeln können, es war noch zu früh für Brombeeren. Später würde es sie haufenweise geben, 56
denn überall wuchsen Brombeerbüsche. Aber sie blühten noch nicht einmal. Am dritten Tag hatte der Große John einen glänzenden Einfall: Taubeneier waren eßbar, auch die Eier verschiedener Singvögel, Amsel-, Drossel- und sogar Elsterneier. Die Jungen kochten sie und fanden sie köstlich. Das Weiße der Singvogeleier gerann allerdings beim Kochen zu einer wenig appetitlichen geleeartigen Masse, aber das Gelbe war so gut wie bei Hühnereiern. Noch etwas fehlte ihnen: Fett. Die Tauben waren manchmal fett. Das Fett saß bei ihnen in gelben Wülsten gleich unter der Haut – aber es war nicht genug. Sie mußten daher alles Fleisch kochen. Hätte diese Situation noch viel länger angedauert, so wären sie vielleicht gezwungen gewesen, in die Zivilisation und zu Tante Ellen zurückzukehren. Der menschliche Magen hat eben einen mächtigen Einfluß auf den Geist. Aber dann nahm ihr Leben auf eine wunderbare Weise einen wirklich abenteuerlichen Charakter an. Nachdem Robin das Feuer entzündet und Wasser für den Haferbrei aufgesetzt hatte, ging er zu den Haselbüschen, unter denen sie immer Knochen und Eingeweide und anderen Abfall aus dem Lager vergruben. Wie er erwartet hatte, stellte er fest, daß irgendein Tier während der Nacht die Abfälle ausgegraben hatte. Schon während der letzten drei Nächte hatte dieser geheimnisvolle Aasfresser ihnen seinen Besuch abgestattet. Jeden Morgen fanden sie jetzt seine Spuren. Der Boden war aufgekratzt, große Löcher waren unter den Büschen ausgegraben, und die Abfälle verschwunden. Sie hatten den nächtlichen Besucher noch nie zu Gesicht bekommen. Der Große John war einmal mitten in der Nacht aufgewacht und hatte von den Haselbüschen her seltsame Laute vernommen, gedämpftes Grunzen, Scharren und lautes Schmatzen. Aber zu sehen war nichts. Er hatte Robin geweckt, zusammen waren sie zum Eingang der Höhle 57
gekrochen, hatten gehorcht und in die Nacht gespäht, aber der Himmel war verhangen, und das Mondlicht konnte nicht durchdringen. Die Laute waren recht unheimlich, so daß die Jungen den Eingang der Höhle bei Einbruch der Nacht mit einem schweren Ast verbarrikadierten. Das seltsame war, daß das Tier – oder die Tiere – sich nicht vorsichtig bewegte, sondern einen beträchtlichen Lärm machte und mit vielem Grunzen und Schmatzen genußvoll fraß. Als der Große John endlich auch am flackernden Feuer erschien, sagte Robin: »dieses Tier ist heute nacht schon wieder dagewesen. Was kann es nur sein?« »Vermutlich ein Dachs«, sagte der Große John. »Dachse grunzen wie nur irgendwas und sind große Tiere.« »Es könnte natürlich ein Fuchs sein«, sagte Robin und rührte den Haferbrei um. »Aber für einen Fuchs macht es auch wieder zuviel Lärm. Vielleicht ist es ein Reh oder ein Hund.« »Hier gibt es keine Hunde.« »Ich weiß nicht, dieser alte Köhler, der hier irgendwo im Forst lebt, könnte einen haben. Ich wünschte, wir würden den alten Kerl kennenlernen, der könnte uns 'ne Menge helfen.« »Der nicht«, sagte Robin mit Nachdruck. »Wenn der uns hier fände, wären gleich alle hinter uns her, und man würde uns nach Cherry Walden zurückschleppen.« »Wie war's, wenn wir uns heute abend mit dem Gewehr auf die Lauer legten? Der Mond nimmt zu, vielleicht könnten wir das Tier treffen.« »Gut. Das machen wir. Ich würde gern mal einen Dachs schießen. Wir könnten ihm die Haut abziehen und hätten einen herrlichen Pelz. Ein paar Felle wären nicht schlecht, meine Hose ist schon ziemlich zerrissen.« Der Große John streckte sein rechtes Bein vor. Die schäbige alte Flanellhose, die er getragen hatte, als sie in den Wald kamen, war vom Knie abwärts völlig zerfetzt. Er war zu oft in den Dornen hängengeblieben. »Wenn wir noch 58
lange hier sind, werden wir nichts mehr auf dem Leib haben.« »Wirklich! Das wäre prima!« rief Robin. »Wir können auch alle Kaninchenfelle aufheben und später zusammennähen.« »Wie denn?« Robin war einen Augenblick ratlos. »Ich weiß«, rief er dann. »Wir haben etwas Bindfaden von den Haferflockenpaketen. Er ist ziemlich dick, wir können ihn auffasern, dann bekommen wir starke Fäden.« »Also, wenn ich den Dachs schnappe, mach ich mir eine Jacke aus dem Fell«, sagte der Große John. »Ich werde ihn schießen«, sagte Robin in herrischem Ton. »Ich bin der Häuptling. Es ist meine Aufgabe.« »Aber ich bin mit Schießen an der Reihe«, sagte der Große John gekränkt. »Du hast den letzten Schuß gehabt.« »Wir wollen losen.« »Na gut.« Robin zog einen Penny heraus, sein einziges weltliches Gut. »Was wählst du?« »Kopf!« Robin warf die Münze in die Luft. »Es ist Kopf«, sagte er ziemlich verdrießlich. »Also gut, Großer John, du schießt, aber wenn du danebentriffst, bin ich zweimal hintereinander dran.« Nach dem Abendessen – Taubeneier und Eichhörnchen, das überraschend gut schmeckte, zart und weiß wie Hühnerfleisch – legten sie sich früh nieder. Der Mond ging über den Waldbäumen auf, und während das Glühen der Sonne im Westen erstarb, fiel schon sein bleicher Schein auf die Lichtung. Eulen schrieen, und in der Ferne hörte man einen Fuchs bellen. Der Große John lag im Eingang der Höhle, die Mündung des Gewehrs auf die etwa zehn Meter entfernten Haselbüsche gerichtet. Sie hatten das Gewehr bei Tageslicht eingestellt und es in dieser Lage 59
mit Holzklötzen festgerammt. Selbst wenn die Sicht schlecht war, würden sie das Tier so vielleicht treffen, denn sie hatten die Abfälle sorgfältig unter den Büschen aufgehäuft und das Gewehr darauf eingestellt. Sie hatten sogar einen Versuch gemacht: hinter den Haufen ein Stück Holz in den Boden gerammt. Die Kugel hatte es in der Mitte durchschlagen. Sie konnten inzwischen nicht mehr feststellen, wie spät es war; Robins Uhr war stehengeblieben – er hatte eines Abends vergessen, sie aufzuziehen. Sie mußten nun nach dem Stand der Sonne die Zeit erraten. Als sie jetzt dahockten und warteten, kamen sie sich vor wie Löwenjäger auf dem Anstand. Der Mond hatte schon seinen Zenit überstiegen und angefangen, sich hinter die Bäume zu senken. Bald würde es vollständig dunkel sein, denn der Himmel war bedeckt. Ein leichter Wind raschelte unheimlich in den Büschen. Als sie schon glaubten, ihr geheimnisvoller Besucher werde gar nicht kommen, faßte Robin den Großen John leise am Arm. Der war beinahe schon eingeschlafen. Er fuhr hoch und hätte fast das Gewehr umgestoßen. »Pst. Es kommt.« Das Herz des Großen John begann, wild zu schlagen. Es pochte in seinem Hinterkopf, bum, bum, bum. Sein Mund wurde ganz trocken. In einiger Entfernung hörten sie Reisig knacken. Ein schwerer Körper bahnte sich seinen Weg durch die Büsche. Dann konnte er sehen, daß sich im Dunkel der Haselbüsche etwas bewegte. Es war ein großes Tier, und es grunzte. »Da ist es«, flüsterte Robin dem Großen John ins Ohr. »Warte, bis du besser siehst. Nimm dir Zeit.« »Was ist es nur?« »Ich weiß nicht. Es ist größer als ein Dachs.« In diesem Augenblick trat der Mond hinter eine Wolke, und als er wieder auftauchte, war er hinter die Krone einer entfernten Eiche getreten. »Ich kann überhaupt nichts sehen«, flüsterte der Große 60
John. Er erstickte beinahe vor Aufregung. »Aber es ist da. Es frißt das Zeug. Soll ich schießen?« »Ja, schieß!« Ganz vorsichtig drückte der Große John den Abzug. Er hörte den dumpfen Knall und den kurzen harten Aufprall der Kugel auf einen schweren Gegenstand. Im gleichen Augenblick ertönte ein Schrei, so grauenhaft, wie die Jungen ihn noch nie gehört hatten. Es klang wie ein menschlicher Aufschrei, aber viel lauter, es war ein Kreischen, ein Grunzen und Quieken, alles zugleich. Dann folgte ein schreckliches Krachen und Wühlen in den Büschen, und dann stürzte etwas gleich vor der Eiche über die Lichtung. Es war so schnell, daß es aussah wie ein riesiger Hund, aber ein Hund mit ganz kurzen Beinen. Als das Ding vorbeikam, schoß der Große John noch einmal, aber sie hörten die Kugel wie eine wütende Hornisse zwischen die Bäume surren. Eine erschreckte Eule schrie, man hörte weiter entfernt ein Krachen und Knacken von Ästen, dann war nichts mehr zu hören als das Klagen der Eule, die mit durchdringender Stimme ihr »Kiwie-wit! Kiwie-wit« schrie. »Ich hab's getroffen«, sagte der Große John atemlos. »Ich hab's wirklich getroffen. Aber es ist weg.« »Geschieht ihm recht. Es wird nicht wiederkommen.« »Aber es ist nicht tot. Wir werden nie erfahren, was es war.« Gemeinsam gingen sie vorsichtig auf die Büsche zu, Robin entzündete ein Streichholz und untersuchte den Boden. Die Abfälle waren verschwunden. Aber keine Spur von tierischen Haaren war zu sehen. »Ich glaube, du hast es nicht getroffen«, murmelte Robin und versuchte, die flackernde Flamme des Streichholz mit der Jacke zu schützen. »Ich sehe keine Haare und kein Blut.« »Ich habe getroffen. Ich schwör's. Ich hab die Kugel einschlagen hören. Ich wette, es kommt nicht weit.« »Nun, es hat keinen Sinn, jetzt danach zu suchen. Der Mond geht unter. Wir müssen bis morgen warten.« 61
Sie krochen wieder in den Baum und legten sich auf ihr Farnkrautlager. Noch lange Zeit sprachen und stritten sie miteinander. Robin sagte, es wäre ein Hund. Der Große John bestand darauf, daß es ein Dachs gewesen sei, der Großvater aller Dachse. Am nächsten Morgen waren die Vogelfreien beim ersten Tageslicht auf den Beinen und durchkämmten das Farnkraut. Die Spur: hier ein zerstampfter Farnwedel, dort ein geknickter Stock, führte sie ein Stück ins Unterholz hinein, dann fanden sie nichts mehr. Die Spur hatte sich völlig verloren, und sie liefen hin und her wie verdutzte Jagdhunde. »Wenn wir jetzt nur Tilly bei uns hätten. Sie würde es finden«, sagte Robin. Robin, der auf allen Vieren das Farnkraut untersuchte, schrie plötzlich auf. »Hier! Komm her! Hier ist Blut!« Tatsächlich fand sich am Stengel eines Farns ein Blutflekken und ein wenig daneben ein anderer. »Ich habe also getroffen«, sagte der Große John triumphierend. »Ich hab's dir doch gesagt. Gleich werden wir es finden.« Und tatsächlich fanden sie ihre Beute keine vierzig Meter von der Lichtung entfernt. Dort war ein tiefer Graben, ganz mit Brombeeren und Farn zugewachsen, sicher war es einmal ein Wassergraben gewesen, denn der Wald war stellenweise sehr feucht. Und dort bot sich ihnen unter dem Gestrüpp ein völlig überraschender Anblick. Es war ein mittelgroßes Schwein, ein ganz gewöhnliches Schwein, so, wie es beim letzten Dorffest von Cherry Walden verlost worden war. Die Jungen hatten auch Lose gekauft, aber zu ihrer Enttäuschung hatte der Gärtner des Pfarrers es gewonnen. »Aber.« Der Große John war sprachlos. Sie packten das Tier an seinem geringelten Schwanz und zogen es heraus, ein wunderschönes Schwein! Es brauchte nicht abgestochen zu werden, diese unangenehme Arbeit hatte die Kugel für sie erledigt. Das Blei hatte dem Tier die Kehle aufgerissen. 62
»Es muß ein Wildschwein sein«, sagte Robin nach einer Weile, »es kann gar nicht anders sein. Es gibt hier meilenweit im Umkreis keinen Bauern; im Wald gibt es kein Haus außer dem Haus des Köhlers.« »Dann muß es ihm gehören«, sagte der Große John und betrachtete sein Opfer fast mit Bedauern. Das Schwein lag auf der Seite und schien höhnisch zu grinsen. »Nun, dafür können wir nichts. Es sollte nicht frei herumlaufen und stehlen; geschieht ihm nur recht.« »Was machen wir denn nun? Begraben wir es?« Robin betrachtete seinen Bruder mit abgrundtiefer Verachtung. »Es vergraben? Wer hat schon mal gehört, daß Vogelfreie ein Wildschwein vergraben? Hast du denn ganz den Verstand verloren? Kapierst du denn nicht, daß es jetzt Speck zum Frühstück gibt? Jetzt haben wir Fett, wir haben Schinken, wir werden leben wie Gott in Frankreich! Ein solches Glück haben wir nicht gehabt, seit wir hergekommen sind. Denk doch nach, Großer John. Wir kamen her und fanden ein fertiges Lager vor, eine Taube fliegt liebenswürdigerweise genau auf den Baum, unter dem wir lagern und versorgt uns mit einem Abendessen, und jetzt – ein Spanferkel, ein richtiges schönes Ferkel kommt und versorgt uns mit Speck! Hier! Faß mal an, wir ziehen es ins Lager.« Robin packte den Schwanz, der Große John faßte ein Bein, und gemeinsam zogen sie das Schwein auf die Lichtung. Nach dem Frühstück hatten die Vogelfreien Muße, ihre Beute in Ruhe zu betrachten. Es ist wahr, sie fühlten sich nicht ganz wohl, kamen sich beinahe ein wenig wie Mörder vor. Schweine sind so gutmütige, fröhliche Wesen, genau wie Hausenten. Sie machen gern Spaß, gehören zu der anderen, der zivilisierten Welt draußen vor dem Wald. Aber, wie Robin dann erklärte, sind sie eigentlich auch Waldtiere, Nachkommen der Wildschweine, die früher einmal alle größeren Wälder Englands bewohnten. 63
Aber an diesem Schwein hier war gar nichts Wildes, es lag im grünen Gras auf der Seite, als schlafe es friedlich. Trotzdem mußten Robin und der Große John an die Silberschüssel mit dem gewölbten Deckel denken und an den köstlichen Duft, der ihr immer zur Frühstückszeit entströmte. »Wahrlich, Meister Robin, was ist nun mit diesem Schwein?« fragte der Große John, während er dastand und auf sein Opfer herabblickte. Sie hatten das Frühstücksgeschirr gewaschen und ihre Jacken ausgezogen. »Also, mich mußt du nicht fragen. Ich hab das arme Ferkel nicht erschossen.« »Ich weiß nicht, wie man ein Schwein häutet«, sagte der Große John. »Ein Schwein wird doch gehäutet, oder nicht?« »Wie soll ich das wissen. Wart mal...« Robin dachte angestrengt nach. »Erinnerst du dich nicht an das Schwein bei Rumbold – das war in den Weihnachtsferien. Er wollte, daß wir beim Schlachten zusehen sollten, aber wir wollten nicht. Weißt du noch, wie wir mit den Rädern wegfuhren, weil es so schrecklich quiekte? Und wir konnten nicht begreifen, wie er so biestig sein konnte, es zu schlachten, nachdem er es das ganze Jahr versorgt, ihm den Rücken gekrault und es gefüttert hatte.« »Natürlich ... und als es dann geschlachtet war, wurde es gebrüht, damit die Haare abgingen, und Rumbold schrubbte es auf dem Tisch in dem alten Waschhaus! Da haben wir doch zugesehen.« »Ja, und was kam dann? Er salzte es ein, nicht wahr?« »Ja, er rieb es überall mit Salpeter und Salz ein.« »Aber wir haben kein Salpeter und nur sehr wenig Salz.« »O Mann, was machen wir dann?« sagte der Große John düster. »Wir werden nicht viel von dem Speck haben; das Schwein wird schnell schlecht, besonders, wenn es richtig warm wird, und pfui, wird das stinken!« »Dann müssen wir das Tier vergraben. Wir schneiden soviel ab, wie wir essen können, und den Rest vergraben wir.« 64
»Was für eine schreckliche Verschwendung«, sagte der Große John. »Wir hätten es nicht geschossen, wenn wir gewußt hätten, daß es ein Schwein ist. Übrigens gehört es ja jemand – es muß jemand gehören. Wenn man rauskriegt, daß wir es getötet haben, können wir uns auf was gefaßt machen. Vielleicht werden wir wegen Diebstahl angeklagt und kommen ins Gefängnis.« »Wart mal«, rief Robin plötzlich, »erinnerst du dich noch? Als wir über die letzte Weide kamen, direkt am Wald, da haben wir doch Vieh um einen Salzleckstein gesehen.« »Ja, und was soll das?« »Nun, da haben wir unser Salz! Es lagen da mehrere Klumpen herum. Wenn wir einen nehmen, wird der Bauer es gar nicht merken. Wir können ihn zerstampfen und damit unser Schwein einsalzen, genau wie Rumbold es gemacht hat.« »Aber wir brauchen ein Gefäß, worin wir es einsalzen, nicht wahr?« »Das ist ganz einfach. Wir suchen einen hohlen Baumstamm oder höhlen einen aus.« »Du bist wirklich ein schlauer Bursche«, sagte Robin anerkennend, »daran hätte ich nicht gedacht. Heute nacht holen wir das Salz. Es ist ein weiter Weg, aber wir werden die Weide schon finden.« »Und inzwischen wollen wir uns nach unserem Pökeltrog umsehen«, sagte Robin. Die Jungen brauchten nicht lange, um genau das Richtige zu finden. Einen alten, halb verfaulten Eschenstumpf, der nicht weit von der Lichtung auf der Seite lag. Sie höhlten die Oberseite mit ihren Jagdmessern aus. Dann machten sie sich daran, das Schwein in Stücke zu schneiden. Robin, der schon ganz gut einen Braten zerlegen konnte, hatte das Tier bald zerteilt. Die fetten Schinken sahen sehr appetitlich aus. Glücklicherweise hatte die Kugel das Ausbluten für sie erledigt, sonst wäre das Fleisch vor dem Einsalzen verdorben. Sobald es dämmrig geworden war, gingen sie auf 65
demselben Weg, den sie gekommen waren, an den Waldrand zurück. Bald hatten sie die Salzklumpen entdeckt. Es war ein komisches rotes Zeug, und es war eine harte Arbeit, es zu zerstampfen. Dann holten sie Wasser aus dem Bach und füllten ihren Trog bis oben hin. Nachdem sie darauf von den einzelnen Stücken die Haare abgesengt hatten, legten sie sie in die Salzlösung und bedeckten das Ganze mit Zweigen, um es vor räuberischen Tieren zu schützen. Sie ließen das Fleisch sieben Tage im Salz liegen, dann holten sie es heraus. Es roch so frisch wie am ersten Tag. Jetzt hatte Robin einen neuen Einfall. Geräuchertes Schweinefleisch! »Hör mal, Großer John, wir haben das Schwein gepökelt, jetzt sollten wir es räuchern. Dann würde es noch viel besser schmecken.« »Ist das nicht ein bißchen riskant«, fragte der Große John, »jemand könnte doch den Rauch sehen.« »Ja, wir können nicht tagsüber räuchern. Wir tun es nach Dunkelwerden. Wir machen ein großes rauchiges Feuer und lassen das Schwein die ganze Nacht darin hängen. Dann sieht niemand den Rauch.« Am Abend entzündeten sie also ein Feuer aus verfaultem Eichenholz und errichteten darüber einen Dreifuß aus groben Ästen, an die sie die Schinken und die anderen Fleischstücke hängten. Der dicke, blaugrüne Qualm stieg in einer Säule in die stille Luft, zum sternklaren Himmel, und niemand außer den Vogelfreien sah oder roch ihn. Sie räucherten das Schweinefleisch eine Woche lang, es hatte eine goldbraune Farbe angenommen. Schließlich war alles fertig zum Verzehr. Jetzt würde es jeden Tag Speck zum Frühstück geben. Sie hatten auch eine ganze Menge Fett eingeschmolzen. Es würde ihnen viele Wochen reichen. Gebratene Taubeneier mit Speck war ein Frühstück, das den anspruchsvollstem Gaumen zufriedengestellt hätte, und die Jungen fanden, daß es besser schmeckte als zu Hause bei der Tante. 66
So begannen Robin und der Große John mit viel Glück und Unternehmungsgeist ihre dritte Woche im Forst. Niemand hatte sie gestört, sie hatten keine Menschenseele gesehen und sich an das Leben im Freien gewöhnt. Das Salzen und Räuchern des Schweins und die anderen Arbeiten im Lager hatten fast ihre ganze Zeit in Anspruch genommen. Aber jetzt, da das Schwein versorgt war, würden sie Zeit haben, die weitere Umgebung zu erkunden. Es gab so vieles, das noch zu entdecken war: zum Beispiel die Hütte von Smokie Joe, Smokie Joe selbst – sie hatten beschlossen, ihn nur von weitem zu beobachten – man konnte Schmetterlinge jagen – hatte nicht der Weißfisch das magische Wort Großer Schillerfalter gemurmelt? – Der Verborgene Weiher war noch zu entdecken, dort konnte man vielleicht fischen. Es gab Vogelnester und hundert andere Herrlichkeiten, nach denen zu suchen sie bis jetzt keine Zeit gefunden hatten. Acht Meilen entfernt lag Cherry Walden, und in Cherry Walden gab es Tante Ellen und den Wachtmeister Bunting! Aber die Vogelfreien dachten nicht an sie, sie standen weiter am Morgen mit den Vögeln auf und gingen in den grünen Wald um zu jagen oder Vogelnester auszunehmen, soviel sie wollten, ihr neues freies Leben im Farnkraut unter den mächtigen Eichen zu leben.
KAPITEL 6
Harold »Verzeihung, Gnä'Fräuln, da ist ein Herr, der Sie sprechen will.« Tante Ellen schrieb gerade einen langen Brief an die Eltern der Jungen in Indien. »Wer ist es, Emma? Hat er seinen Namen genannt?« 67
»Er hat keinen Namen genannt, Gnä'Fräuln, aber er sagt, er käme wegen Robin und John.« »Führ ihn herein, Emma.« Tante Ellen fühlte plötzlich Hoffnung in sich aufsteigen. Vielleicht waren die Jungen gefunden worden. Ein netter junger Mann trat ein und stellte sich vor. »Mein Name ist Hurling, und ich vertrete den ›Morning Star‹, Gnädige Frau. Meine Zeitung hat mich hergeschickt, um Tatsachen über das Verschwinden Ihrer beiden Neffen zu sammeln.« »O Gott«, stöhnte Tante Ellen und sank in den Schreibtischsessel zurück, »ein Reporter? Nein, nein – ich kann nicht... ich kann Ihnen keine Informationen geben. Ich will nicht, daß etwas darüber in den Zeitungen erscheint, es wissen schon viel zu viele Leute davon.« »Aber Gnädige Frau«, begann der Reporter in besänftigendem Ton. Aber Tante Ellen unterbrach ihn: »Tut mir leid, junger Mann, ich habe zu dieser Sache nichts zu sagen. Außerdem ist sie völlig unwichtig.« »Aber ich versichere Ihnen, Gnädige Frau...« Wieder fiel Tante Ellen ihm ins Wort. »Also bitte, verschonen Sie mich mit Ihren Fragen. Ich habe Aufregung genug. Ich bitte Sie dringend, die Sache nicht zu erwähnen ... ich ... ich ... ich könnte es nicht ertragen ... die Öffentlichkeit.« Tante Ellen schauderte. Rumbold goß gerade den Salat im Gemüsegarten, als er hinter sich eine Stimme hörte: »Guten Abend.« Er wandte sich um. Auf dem Schlackenweg stand ein junger Mann; von seiner Schulter hing ein braunledernes Kameraetui. »'n Tag«, sagte Rumbold nach einer Weile, streckte sich und betrachtete den Besucher voller Mißtrauen. »Sind Sie der Gärtner hier im Haus?« »Das bin ich.« »Also, ich komme vom ›Morning Star‹. Meine Zeitung 68
hat mich hergeschickt. Ich soll über das Verschwinden der beiden Jungen berichten.« »Aha?« Rumbold machte ein interessiertes Gesicht und begann, sich wichtig vorzukommen. »Sie sind also der Mann vom ›Morning Star‹, so, so. Den lese ich auch, den hab ich abonniert.« »Wunderbar. Also, Mr....« »Rumbold ist mein Name.« »Mr. Rumbold, könnten Sie meiner Zeitung irgend etwas über die Sache mitteilen?« »Aber sicher, sicher. Ich sag Ihnen was. Ich geh jetzt heim für 'ne Tasse Tee. Wollen Sie mitkommen? Dann erzähl ich Ihnen alles über die jungen Teufel. Denn Teufel sind es, alle hier machen sie mit ihren Streichen verrückt. Und die alte Dame ... die ist schon beinahe übergeschnappt.« Er führte den Fremden aus dem Gemüsegarten über den verunkrauteten Hof vor den Ställen zu seinem Häuschen. Am nächsten Morgen platzte Hannah in die Küche, den ›Morning Star‹ in der Hand, den Rumbold ihr mit der strikten Anweisung gegeben hatte, ihn vor Tante Ellen verborgen zu halten. »Hier, es steht alles in der Zeitung, und da ist auch ein Bild von Rumbold, in voller Größe, und Mrs. Rumbold, und Dower House und alles. Die Gnädige wird 'nen Schlag kriegen!« Die Zeitung wurde auf dem Küchentisch ausgebreitet, und sogar die vornehm gestärkte Emma stürzte herbei. Da war tatsächlich, wie Hannah gesagt hatte, das Photo des Witwensitzes mit Tilly mitten auf dem Rasen, daneben ein kleineres Bild von Mr. und Mrs. Rumbold, der erstere in Hemdsärmeln auf seinen Spaten gestützt. Die Köchin las laut vor: »ZWEI JUNGEN VERSCHWUNDEN von unserem Sonderkorrespondenten« »Die beiden älteren Söhne von Oberst Hensman und seiner Frau, die bei ihrer Tante in Dower House, Cherry Walden in Tiltshire wohnen, verschwanden am vergange69
nen Montagabend, dem 7. Mai. Sie hinterließen eine Nachricht, daß sie wiederkommen würden, aber seitdem hat man nichts mehr von ihnen gehört; es gibt keine Spur von den vermißten Jungen. Sie sollten am Dienstag nach Banchester zurückfahren, aber da ihr jüngster Bruder die Masern bekam, wurde ihre Rückkehr in die Schule verschoben. Im Dorf macht man sich große Sorgen über ihren Verbleib ...« Hierauf folgte eine Beschreibung der Jungen und dann eine lange Verlautbarung von Rumbold »dem Gärtner von Dower House, einem alten Familiendienstboten, der seit zweiunddreißig Jahren im Dienst von Miß Hensman steht.« – »Wenn die Gnädige das sieht«, sagte die Köchin, »dann hat seine Stunde geschlagen.« Dann kamen sie zum letzten Abschnitt. »Die Polizei ist verständigt, die Umgebung wird abgesucht. Bis jetzt ohne Erfolg. Im Dorf glaubt man, daß die beiden Jungen, die als abenteuerlustig bekannt sind, in den Wäldern untergetaucht sind, und sich versteckt halten. Wenn das der Fall sein sollte, ist die Suche schwierig, denn Cherry Walden liegt in einer waldreichen Gegend, und viele große Waldgebiete befinden sich in nächster Nähe, zum Beispiel der ›Hochwald‹, das berühmte Wildrevier, das Sir William Bary gehört. Weiter nach Westen liegt der Forst von Brendon, ein elftausend Morgen großes Waldgebiet, das teilweise der Krone gehört. Es ist zu befürchten, daß den Ausreißern ein Unglück zugestoßen ist, da man nichts mehr von ihnen gehört hat. Soweit man weiß, hatten sie kein Geld bei sich und keine Lebensmittel außer ein paar Paketen Haferflocken, die sie im Dorfladen gekauft haben. Suchmannschaften und Waldhüter haben die Gegend durchkämmt. Man nimmt allgemein an, daß sie sich im Hochwald verbergen oder dort in Schwierigkeiten geraten sind, da dieser ausgedehnte Wald nur fünf Kilometer von Cherry Walden entfernt liegt und bekannt ist, daß die Jungen häufig dorthin gingen, um Vögel und Schmetterlinge zu jagen. 70
Man hält es für sehr unwahrscheinlich, daß sie den Forst von Brendon erreicht haben könnten, denn die Entfernung dorthin beträgt achtzehneinhalb Kilometer, aber man sucht auch in dieser Richtung.« Nun folgte der Bericht über ein Interview mit Pfarrer Whiting, »dem Privatlehrer der Jungen«. »Der Pfarrer, der die Jungen genau kennt, sagte unserem Reporter: ›Es sind wackere Burschen, und ich kann mir nicht vorstellen, daß ihnen etwas zugestoßen ist. Die beiden sind sehr selbständig und wohl in der Lage, für sich selbst zu sorgen.‹« »Nein sowas«, japste die Köchin, »das ist doch die Höhe. Stell dir vor, das alles in der Zeitung. Was wird bloß die Gnädige sagen?« »Wird sie schön aus dem Häuschen bringen«, sagte Hannah mit sichtlicher Genugtuung. »Ich möcht nicht an Rumbolds Stelle ...« da ging plötzlich die Küchentür auf und Tante Ellen stand auf der Schwelle. Dann fiel ihr Blick auf die Zeitung. Die Mädchen waren erschrocken zurückgewichen. »O, Gnä' Fräuln, es ist alles in der Zeitung.« »Was ist in der Zeitung?« »Sie schauen besser selbst nach, Gnä' Fräuln.« Tante Ellen schaute. »Ich wußte es, ich wußte es, ich hab das alles kommen sehen ... ich hab's dem Pfarrer am ersten Tag gesagt...« Sie nahm die Zeitung in die Hand, zerknüllte sie dann plötzlich und schleuderte sie zu Boden. Ihr Kneifer zitterte vor Wut. Er fiel ihr von der Nase, und sie mußte ihn aufheben. »Diese Unverschämtheit... die Unverschämtheit dieses Mannes. Schickt mir Rumbold sofort in den Salon. Sofort, sage ich«, kreischte sie. »Steht nicht rum wie eine Herde Schafe!« Sie rauschte aus der Küche. Die Köchin seufzte und schüttelte langsam den Kopf. »Du meine Güte, das bringt sie noch um. Rumbold wird's ordentlich kriegen. Die setzt ihn glatt auf die Straße.« In den Wochen, die auf das Verschwinden der Jungen folgten, konnte man auf den Waldwegen um Cherry Walden oft die stämmige Gestalt des Wachtmeisters Bunting sehen. 71
Am häufigsten wurde er in der Nähe des Hochwaldes beobachtet, besonders in der Abenddämmerung und frühmorgens. Dieser und einige andere Wälder wurden mehrmals gründlich durchkämmt, was sowohl die Besitzer wie die Forstaufseher sehr ärgerte, denn der Lärm und das Getümmel störten die Fasane. Sir William Bary schimpfte zornig: »Bei all diesem Getrampele durch meine Wälder jetzt während der Brutzeit werden wir später keinen Vogel zu schießen und keinen Fuchs zu jagen haben.« Es gab verschiedene Gründe, warum man sich auf den Hochwald konzentrierte. Am Tag nach dem Verschwinden der Jungen war Tilly weggelaufen, was sie sehr selten tat. Sie suchte tatsächlich nach den Jungen, denn sie hatte sie in der Nacht weggehen hören. Man fand sie auf den Weiden beim Hochwald, wo ein Jagdhüter sah, wie sie einen Hasen aufscheuchte. Als der Wachtmeister das hörte, zählte er – so dachte er wenigstens – zwei und zwei zusammen und glaubte, Tilly hätte die Spur der Jungen verfolgt. Und er hatte den Pfarrer ausgiebig verhört. »Was unsere jungen Herrchen angeht, Herr Pfarrer, sind Sie jemals mit ihnen in den Hochwald gegangen, wegen Schmetterlingen und so?« »Aber natürlich, Wachtmeister, wir sind oft hingegangen, und ich weiß, daß sie auch oft allein dort waren. Ich würde sagen, sie kennen den Wald in- und auswendig.« »Und sind Sie noch in einem anderen Wald gewesen, wo sie hingegangen sein könnten?« »Nun, lassen Sie mich überlegen – Ja, wir waren in einigen kleineren Wäldern hier in der Nähe, und im vergangenen August bin ich mit dem ältesten Jungen, Robin, im Forst von Brendon gewesen. Wir sind mit dem Auto hingefahren.« »Hm«, machte der Wachtmeister nachdenklich. »Ich persönlich halte es für sehr unwahrscheinlich, daß sie so weit laufen würden«, sagte der Weißfisch, »aber möglich ist es natürlich. Ich glaube, wenn sie in den Forst 72
von Brendon gegangen wären, hätten sie die Fahrräder genommen.« »Tscha«, brummelte Bunting, »aber wenn wir sie nicht im Hochwald finden, müssen wir auch den Forst von Brendon durchsuchen. Ich hab die Polizei dort benachrichtigt, damit sie die Augen aufhalten, und wenn sie eine Spur finden, geben sie mir Bescheid. Es ist 'ne furchtbare Sache für Miß Hensman, finden Sie nicht auch, Herr Pfarrer. Es nimmt sie schrecklich mit.« »Ja, ja, wirklich, die Arme, sie macht sich arge Sorgen.« »Wir haben gestern abend den Weiher bei den Weiden mit dem Schleppnetz abgesucht«, sagte Wachtmeister Bunting düster, »aber wir haben nichts drin gefunden, nur einen Hecht, so lang wie mein Arm. Ein prima Abendessen.« Nach dem Reporter vom ›Morning Star‹ kamen andere, das Dorf war voll davon – in Cherry Walden hatte es nichts so Aufregendes gegeben, seit Mr. Baldricks Knecht sich in der Scheune erhängt hatte. Da man die Wahrheit nicht länger vor Harold verbergen konnte, sagte man ihm alles, und er wurde von Tante Ellen einem hochnotpeinlichen Verhör unterzogen. Es folgten Miß Holcome, der Pfarrer und schließlich Wachtmeister Bunting. Aber Harold verriet nichts. Als er gefragt wurde, ob er von dem Plan gewußt habe, wollte er nicht direkt lügen und schwieg ganz. Seine hartnäckige Haltung war nicht zu erweichen, weder die Tränen von Tante Ellen noch Wachtmeister Buntings Drohungen schienen ihn zu rühren. Er war so unglücklich, daß er beschloß, bei der ersten sich bietenden Gelegenheit auch auszureißen, aber im Augenblick war er noch nicht ganz gesund und mußte sein Kreuz allein tragen. Das Gespräch im Schankraum des »Jägerhauses« kam immer auf das gleiche Thema. »Irgendwas Neues über die Jungens?« »Sind im Hochwald tot gefunden worden – verhungert«, sagte ein Gerüchteschmied. 73
»Sind zur See ausgerissen«, lautete eine andere Version. Sir William Barys Förster fand sich zum erstenmal in seinem Leben im Mittelpunkt des Interesses; sogar der Wirt spendierte ihm ein Bier in der Hoffnung, etwas Neues aus ihm herauszubekommen. Rumbold überlebte Tante Ellens Zorn, aber nur mit knapper Not. In der Hitze des Gefechts hatte er gekündigt, aber zu seiner Erleichterung nahm Tante Ellen die Kündigung nicht an. Einen so guten, zuverlässigen Mann wie Rumbold zu verlieren, wäre eine Katastrophe gewesen. Aber sie verbot ihm, im Dorf über das Verschwinden der Jungen zu sprechen. Dieser Befehl machte ihm keine Schwierigkeiten, denn er war ein Einzelgänger und trank nicht. Aber der flinken Zunge seiner Frau konnte er nicht Einhalt gebieten. Harolds Zustand besserte sich schnell. Er durfte jetzt in den Garten gehen, aber immer ging entweder Tante Ellen oder Miß Holcome mit wie ein wachsamer Schatten. Tante Ellen hatte eine entsetzliche Angst, er könnte auch verschwinden. Am liebsten hätte sie ihn an die Leine gelegt. Es war ganz sicher, daß er viel mehr wußte, als er sagte, und sein hartnäckiges Schweigen war für sie ein Beweis seiner Schuld. Sie ging sogar soweit, nachts, wenn sie glaubte, daß er schliefe, seine Schlafzimmertür von außen abzuschließen. Sie wollte kein Risiko eingehen. Aber natürlich konnte es so nicht ewig weitergehen. Je früher er in die Schule zurückging, desto besser. Auch der Doktor fand, daß er sich soweit erholt hätte, daß es besser wäre, ihn hier aus dem Weg zu haben, und daß die strenge Disziplin in der Schule ihm gut tun würde. Der Weißfisch bekam die undankbare Aufgabe, Harold zu eröffnen, daß er am folgenden Tag nach Banchester zurückkehren sollte. Tante Ellen hielt es für besser, wenn der Pfarrer es ihm sagte, denn sie wollte eine »Szene« vermeiden. Sie bat den Pfarrer zum Mittagessen, und hinterher, als 74
Harold mit ihm durch den Garten schlenderte, platzte die Bombe. »Harold, ich muß dir sagen, daß du morgen in die Schule fährst. Der Doktor findet, daß du gesund genug bist, und deine Tante hat viel Sorgen und ist sehr nervös. Ich hatte vorgeschlagen, daß du noch ein bißchen hierbleiben und bei mir Unterricht nehmen solltest, aber sie meint, daß es besser ist, du gehst so bald wie möglich nach Banchester zurück, damit ihr die Verantwortung für dich abgenommen wird.« Harold, der neben dem Weißfisch herging, wurde das Herz schwer. Zurück nach Banchester, ohne die Brüder! Das war undenkbar! Er beschloß, in der gleichen Nacht einen Ausbruchversuch zu wagen. Er würde versuchen, vor dem Morgengrauen den Forst von Brendon zu erreichen; irgendwie würde er seine Brüder schon finden. Er hatte eine vage Vorstellung von dem Weg, den er einschlagen mußte, denn er hatte stundenlang über der Landkarte gebrütet. Aber er wußte nicht, wo in dem großen Forst er seine Brüder suchen sollte; er wollte einfach seinem Glück vertrauen. Er blickte auf und sah, daß der Weißfisch ihn gespannt beobachtete, sicher wollte er wissen, wie Harold die Nachricht aufnahm. »Nun, wenn Tante Ellen es sagt, dann muß ich wohl«, sagte er ganz zahm. »Ich wäre viel lieber hiergeblieben und hätte bei Ihnen Stunden bekommen.« Harold tat so, als sei er nicht allzu betrübt. »Ich zweifle nicht daran«, fuhr der Weißfisch fort, »daß deine Brüder in ein paar Tagen nachkommen werden.« Hierauf gab Harold keine Antwort. Er sah den Schwalben zu, die den Giebel des Hauses umkreisten. Sie hatten schon begonnen, unter der Dachtraufe ihre Nester zu bauen, diese geschickt geformten kleinen Lehmburgen, die aussahen, als Wären sie ein Teil des Mauerwerks. Harold und der Weißfisch beobachteten die Schwalben eine Weile, dann gingen sie langsam weiter. »Und versuch doch, ein paar Bläulinge für mich zu fangen«, fuhr der Pfarrer fort. »Wahrscheinlich findest du sie in den Dünen. Ich hoffe, 75
jetzt im Juni einmal nach draußen zu kommen; im Hochwald müßte es schon Weiße Admirale geben.« Der Weißfisch beobachtete seinen Begleiter aus dem Augenwinkel, aber er konnte in Harolds Miene nichts Verdächtiges bemerken. Die Sonne war im Westen untergegangen, der Spiegel des Weidenteichs glänzte wie eine Silberschüssel zwischen den Rotbuchen auf der Koppel. Harold lag wach in seinem Zimmer, sah zu, wie das Tageslicht erstarb und die großen Linden vor dem Fenster schwarz wie Ebenholz wurden. Der Mond war noch nicht aufgegangen, aber der Himmel war wolkenlos. Er konnte über der dunklen Mähne der Zeder die Milchstraße sehen, und durch das offene Fenster drangen die süßen Düfte der Sommernacht. Er hatte keine Vorbereitungen für seine Flucht getroffen; es wäre zu gefährlich gewesen. So, wie er war, wollte er losziehen. Die Nacht war warm, er würde nicht frieren, aber der Zweifel, ob er im Dunkeln den Weg finden würde, quälte ihn sehr. Er hatte sich die Strecke eingeprägt: die Landstraße von Cherry Walden überqueren, über die Wiesen, und dann parallel zur Bahnstrecke Market Harrowby-Brendon. Immer noch gingen im Haus Leute hin und her. Er hörte Miß Holcome zu ihrem Zimmer heraufkommen, er hörte, wie die Mädchen die Hintertreppe hinauf zu Bett gingen, und schließlich stieg auch Tante Ellen die Vordertreppe hoch. Seine Tür knarrte leise. Sie kam herein. Er lag ganz still und atmete tief. Er merkte, wie sie lauschte, und tat einen extra tiefen Schnarcher, so, als wälzte er sich auf die Seite. Tante Ellen sollte merken, daß er noch da war. Dann schloß sich die Tür wieder leise. Er hörte ein schwaches Knirschen und Klicken. Hatte Tante Ellen den Schlüssel umgedreht? Er mochte ihr eine solche Voraussicht kaum zutrauen. 76
Nachdem er sich einige Minuten ganz still verhalten hatte, schlich er auf Zehenspitzen zur Tür und drückte die Klinke. Sein Verdacht war richtig gewesen ... die Tür war von außen abgesperrt. Er versuchte, durch das Schlüsselloch zu spähen, aber alles war dunkel; sie hatte den Schlüssel Steckenlassen. So mußte es sein, denn unter der Tür her drang ein matter Lichtschein, die Lampe auf der Eichentruhe im Flur brannte also noch. Jetzt war alles zu Ende! Eingesperrt wie ein gemeiner Übeltäter! Er ging zum Fenster hinüber. Im Sommer blieben die großen schweren Läden vor seinem Fenster immer geöffnet. Auch das zweiteilige Schiebefenster stand am oberen Rand offen. Als er versuchte, die untere Scheibe hochzudrücken, gab es einen solchen Lärm, daß er mit klopfendem Herzen zurück ins Bett flüchtete. Tante Ellen hatte die Lampe im Flur gelöscht und war zu Bett gegangen. Das Haus war still wie ein Grab. Quietsch! Endlich war die Scheibe hochgedrückt, und Harold schaute nach draußen. Es war schrecklich tief bis zum Kiesweg und dem Staudenbeet. Er konnte es nicht wagen. Er saß in der Falle. Am nächsten Morgen würde man ihn gebunden ins feindliche Lager ausliefern. Die Jungen in Banchester würden alles über die Flucht seiner Brüder wissen, sie hatten bestimmt in der Zeitung darüber gelesen. Sie würden ihm keine Ruhe lassen. Er mußte einfach weg. Aber wie? Sollte er die Bettücher aneinanderknoten? Das war eine gewagte Sache; sie konnten reißen – wenn auch ein gebrochenes Bein immer noch besser war, als morgen ohne die Brüder nach Banchester zu müssen. Aber das Fenster lag zu hoch. Er wagte es einfach nicht. Wie friedlich die Nacht war! Eine vollkommene Juninacht. Unter sich sah er die blassen Wolken eines blühenden Baumes neben der Garage und die frischgeschnittene Taxushecke. Draußen auf der Koppel weideten Schafe; in der Stille der Nacht konnte er sie hören. Eins hustete wie ein alter Mann – Motten flogen vorbei, eine kam herein und 77
umschwirrte seinen Kopf. Die Turmuhr von Cherry Walden schlug Mitternacht. Müde und mutlos kletterte er ins Bett zurück. Schließlich schlief er ein. Als er plötzlich wieder wach wurde, kam es Harold so vor, als sei er eben erst eingeschlafen. Irgendein Geräusch hatte ihn geweckt. Ganz still und ängstlich lag er da und lauschte. Eine Motte klopfte gegen das Fenster, und in der Zeder schrie eine Eule. Aber es war etwas anderes, das ihn aus seinem tiefen Schlaf geweckt hatte. Knirsch! Der Schlüssel drehte sich im Schloß! Es war Tante Ellen, die sich überzeugen wollte, ob er immer noch im Bett lag. Er machte die Augen fest zu und öffnete sie dann einen Spalt, weil er erwartete, den schwachen Schein ihrer Taschenlampe zu sehen. Statt dessen blieb alles dunkel. Aber die Tür öffnete sich, leise, ganz leise. War es ein Alptraum? Wandelte Tante Ellen im Schlaf? Weiter, noch weiter, dann sah der entsetzte Junge die Umrisse einer Gestalt, etwas Formloses, Dunkles, und einen weißen Schimmer, dort, wo das Gesicht war. Mit einem Laut zwischen Keuchen und Rülpsen vergrub Harold den Kopf unter der Decke. Dies war ein schrecklicher Traum. Die Gestalt in der Tür war nicht Tante Ellen, es war nicht Miß Holcome ... es war ein Gespenst!
KAPITEL 7
Horrido! Harold, der sich tief in seinem Bettzeug vergraben hatte, spürte, wie jemand ihn an der Schulter rüttelte. Er war nahe daran, aus dem Bett zu springen und um Hilfe zu schreien, da sagte eine vertraute Stimme ganz leise: »Kleiner John, Kleiner John, wach auf. Robin, Robin Hood 78
aus dem wilden grünen Wald kommt, um dich zu befreien, mein treuer Geselle!« »Robin«, keuchte Harold, der aus den zerwühlten Decken auftauchte und in das Gesicht des Bruders spähte, das nur undeutlich zu erkennen war, »wieso ... was in aller Welt!...« »Mach nicht so'nen Krach«, flüsterte Robin, »Wie geht's dir, Kleiner, geht's dir besser?« »Mir geht's gut«, keuchte Harold, »sie wollen mich morgen in die Schule zurückschicken. Ich wollte weglaufen und zu euch kommen, aber Tante Ellen hat mich eingeschlossen.« »Ja, ich weiß. Also, wir müssen uns schnell entscheiden. Wir sind nur hier, um Vorräte zu holen«, flüsterte Robin hastig. »Wir haben kein Salz mehr, und wir haben schon lange nichts Süßes gegessen. Wir haben uns aus der Küche drei Pfund Zucker und ein paar Gläser Marmelade geklaut. Wir sind seit dem Dunkelwerden unterwegs, aber wir müssen weg sein, bevor es hell wird. Wir kommen nicht mehr bis zum Forst, deshalb wollen wir uns bis morgen im Hochwald verstecken ... das heißt bis heute abend – es ist schon drei durch, wir müssen also weg, wir haben keine Zeit zu verlieren.« Harold brauchte nicht weiter gedrängt zu werden. Er zog sich, so schnell er das in der Dunkelheit konnte, an, während Robin auf dem Bett saß und flüsternd erzählte. »Tilly hat uns ins Haus kommen hören«, sagte er, »sie hat schrecklich gebellt. Ich wundere mich, daß du sie nicht gehört hast.« »Nein, ich habe erst etwas gehört, als du die Tür aufgeschlossen hast. Ich dachte, du wärst ein Gespenst. Wo ist John ... ich meine, der Große John.« »Oh, der packt in der Küche das Zeug zusammen.« »Wie war es denn im Wald?« flüsterte Harold, während er in aller Eile die Schuhe zuschnürte. »Oh, phantastisch! Absolut phantastisch! Wir haben ein wildes Schwein erlegt und es geräuchert und jede Menge 79
Vögel und Kaninchen geschossen, und wir haben einen alten hohlen Baum, in dem wir wohnen. Es wird dir gefallen. Bist du sicher, daß du gesund genug bist?« »Ja«, keuchte Harold, »ganz bestimmt.« »Und keine Bazillen mehr?« »Nein.« »Der Große John und ich wollen nämlich nicht die Masern kriegen, das würde den ganzen Spaß verderben«, sagte Robin. Harold stand auf. »Ich bin fertig.« »Gut. Komm hinter mir her.« Sie schlichen aus dem Zimmer. Vorher hatte der schlaue Robin eine Decke zusammengerollt und sie an Harolds Platz zwischen die Kissen geschoben. Er dachte auch daran, die Tür hinter sich wieder abzuschließen. Das würde ihnen ein Rätsel aufgeben! Sie fanden den Großen John in der Küche, wo er zwei große Kartons mit Zucker, Salz, Tee, Mehl und Kartoffeln gefüllt hatte – es waren neue Kartoffeln, Rumbolds ganzer Stolz. Es war ein ziemliches Gewicht, aber mit vereinten Kräften würde es gehen. Robin stieg als erster in den Keller hinunter und leuchtete den anderen mit Streichhölzern. In einer Außenwand des Kellers befand sich eine Kohlenschütte, die außen von Sträuchern verdeckt war. Diese Kohlenschütte hatten die Jungen vor langer Zeit entdeckt, als sie ein zahmes Kaninchen suchten, das ihnen weggelaufen war. Sie war gerade groß genug für einen Jungen zum Durchkriechen. Draußen legten sie das Eisengitter wieder vor, das glücklicherweise nur lose auflag – und bald hatten sie die Koppel überquert und waren auf dem Weg zum Hochwald. Wie gesagt, war dieses große Waldgebiet nur fünf Kilometer vom Witwensitz entfernt. Es würde den Flüchtigen einen sicheren Unterschlupf bieten. Sie brauchten bloß 80
die Nacht abzuwarten und hatten dann Zeit genug, den Forst von Brendon zu erreichen. Ihr Weg führte am Weidenteich vorüber. Sie hörten Zwischen den Wasserpflanzen einen großen Fisch springen, und eine aufgeschreckte Moorhenne gackerte aufgeregt. Als sie den Hochwald erreichten, begannen die ersten Vögel zu singen. Sie waren keiner Menschenseele begegnet. Sie fanden ein tiefes Dickicht von Salweiden, in das sie hineinkrochen, und im ersten Tageslicht konnte Harold seine Brüder zum erstenmal deutlich sehen. Sie waren braun wie richtige Indianer – sein eigenes käsiges Gesicht sah daneben richtig gespenstisch aus – und der Große John trug um seine Hüften ein seltsames Kleidungsstück, eine Art Fellrock. Er erklärte, daß die Dornen seine graue Flanellhose völlig zerfetzt hätten, und daß er sich dieses komische Ding aus Kaninchenfellen genäht habe. Er hatte den tapferen Versuch gemacht, sich eine Hose zu schneidern, aber es hatte sich als zu schwierig erwiesen. Es regnete an diesem Tag, und im Gebüsch zu liegen, war eine ziemlich ungemütliche Sache. Die Vogelfreien vertrieben sich die langen Stunden damit, daß sie Harold alle Neuigkeiten erzählten, und Harold seinerseits erzählte, was im Witwensitz vor sich gegangen war, daß die Polizei hinter ihnen her war, und daß Bunting geschworen hatte, er werde sie finden. »Ich wette, in Dower House schwirrt es jetzt wie in einem Wespennest«, sagte Robin voller Genugtuung, während er an einem Blattstengel kaute. »Tante Ellen ist vielleicht schon in einer Gummizelle, und Bunting ruft nach BlutHunden.« »O Gott, Bluthunde!« Diese Idee war ihnen bis dahin nicht gekommen. »Bestimmt, sie werden Hunde einsetzen«, sagte Robin. »Wahrscheinlich werden wir sie bald bellen hören.« »Was machen wir dann?« »Wir streuen Pfeffer auf unsere Spur, das ist das 81
Richtige. Die Hunde bekommen den Pfeffer in die Nase, müssen niesen, und das mögen sie gar nicht.« »Das wäre ein Spaß. Ich hoffe, sie versuchen es!« Während des Nachmittags hörten sie einmal Stimmen und Schritte durch das Buschwerk kommen. Und einmal glaubten sie, irgendwo einen Terrier kläffen zu hören. Aber niemand kam in die Nähe ihres Verstecks. Die Stunden schleppten sich hin. Gegen Abend hörte der Regen auf, und die Büsche zitterten von fallenden Tropfen. Nach einer Weile begannen die Amseln zu tschilpen, ein sicheres Zeichen, daß die Nacht nahe war, und die Jungen krochen schließlich steif und mit verkrampften Gliedern aus ihrem Versteck. Der Himmel war noch hell. Der Westen flammte rot und golden, denn die niedrigen Regenwolken hingen immer noch über der untergehenden Sonne. Sie schlichen vorsichtig durch den Hochwald, bis sie an den schmalen Weg kamen, der an seiner Westseite entlanglief. In der Ferne sahen sie den Kirchturm von Cherry Walden, und hie und da leuchtete ein vereinzeltes Licht auf. Das feuchte Laub duftete köstlich nach dem Regen. Die Luft schien rein, niemand war zu sehen. Robin, der die Vorhut bildete, überzeugte sich, daß alles in Ordnung war. Wenn sie den Weg erst überquert hatten, konnten sie sich hinter den Hecken der Weiden halten, bis sie den Forst von Brendon erreichten. Sie hörten im Tal den Zehn-Uhr-vierzig-Schnellzug entlangbrausen und sahen die leuchtende Kette der Abteilfenster vorbeifliegen. »Kommt«, flüsterte Robin, »alles klar.« Sie traten auf die Straße. In diesem Augenblick entdeckte Robins scharfes Auge etwas im gegenüberliegenden Graben, etwas, das im Dämmer matt glänzte. Es war eine Fahrradklingel – und die Fahrradklingel saß an einem Fahrrad! Er blieb ganz still stehen und hob warnend die Hand, und gleichzeitig stürzte zwanzig Meter vor ihm die blaugekleidete Gestalt von Wachtmeister Bunting aus den Büschen. 82
»Hei!« brüllte er, »ho, kommt her ihr Jungens!« »Zurück in den Wald«, rief Robin, so laut er konnte, »sie sind hinter uns her!« Wachtmeister Bunting kam, seine Würde in den Wind schlagend, über die Straße gerannt. Andere Gestalten stürzten aus dem Schutz der Bäume, alles schrie wie wild. Der Wachtmeister brüllte: »Laßt sie nicht entkommen!« Aber die Jungen waren schon im dichten Unterholz des Hochwaldes untergetaucht. Erschreckte Fasane flogen auf, Eulen schrien wie außer sich; das Brüllen und das Knacken des Holzes hinter ihnen erstarb. Wachtmeister Bunting war wie ein verdutzter Bulle, der sich mit den Hörnern in einem Dickicht verfangen hat. Er zog seine Trillerpfeife und blies mit purpurnem Gesicht. Sein Helm war ihm vom Kopf gefallen und in die Sträucher gerollt, und er konnte ihn nicht finden. Er hatte seine Taschenlampe verloren, seine Hände und sein Gesicht waren zerkratzt und verschrammt. Nach einer Weile kamen keuchende Gestalten auf ihn zu. »Sie haben uns abgehängt, die kleinen Teufel, in dieser Dunkelheit ist es hoffnungslos.« Es war Sir William Barys Förster, der sprach. Andere Männer kamen, keuchend und stöhnend, Stallknechte und Gärtner, Landarbeiter und sogar der Briefträger von Cherry Walden. Alle trockneten sich die schweißnassen Stirnen, während sie sich um den ebenfalls schwitzenden Bunting sammelten. »Macht euch nichts draus, Leute«, sagte er, »morgen früh kriegen wir sie. Wir kämmen den Wald durch. Bei Tageslicht können sie nicht entkommen.« »Hab immer gesagt, daß wir sie hier finden«, sagte der Briefträger und grinste. »Wie spät ist's«, Wachtmeister?« Wachtmeister Bunting schaute auf seine Uhr. »Halb elf.« »Zu spät, einen trinken zu gehen«, sagte der Briefträger mürrisch, »ich könnte einen brauchen, nach all der Rennerei.« 83
»Alle drei waren da«, sagte ein Knecht, »der Kleine und alles, was sie mitgenommen haben.« »Wartet nur«, sagte Bunting, »morgen kriegen wir sie.« Mittlerweile hatten die drei Vogelfreien, immer noch im Besitz ihrer kostbaren Vorräte, den ganzen Hochwald durchquert und waren wie verbrühte Katzen auf der anderen Seite herausgekommen. Im ersten Morgengrauen des folgenden Tages verwandelte sich der Hochwald in einen aufgeregten Bienenstock. Aus jeder Richtung des Kompasses sah man Gestalten kommen, die sich den Weg in das düstere Versteck hineinbahnten. Bald nach Hellwerden war auch Sir William Bary zur Stelle. Er wollte bei der Jagd dabei sein. »Ich habe jeden Mann vom Gut herausgeschickt«, sagte der Baron, »wir werden die Lümmel endlich zu fassen kriegen. Die brauchen eine ordentliche Tracht Prügel, und genau das haben sie nie gekriegt. Wenn ihr Vater hier wäre, wäre das alles nicht passiert, diese ... diese jungen Hunde.« Er fuhr zusammen, als ein Fasan, aufgescheucht durch die herankommenden Männer, gackernd aus dem Wald hinausflog. »Keinen Vogel werd ich mehr behalten, keinen einzigen Vogel in dieser Saison, wenn weiter so in meinem Gebüsch herumgetrampelt wird.« Mit zunehmendem Tageslicht sammelten sich immer mehr Menschen. Ein paar Zeitungsreporter tauchten auf – einschließlich des Manns vom ›Morning Star‹ – der Briefträger war da und der Lehrer, Waldhüter und Pferdeknechte, Kleinknechte und Gärtner, Gärtnergehilfen, Landarbeiter und Schäfer; jeder Mann in der Gemeinde, der noch gesunde Glieder hatte, tauchte auf. Bevor sie den Forst »durchkämmten«, hielt der Gutsbesitzer eine Ansprache. »Wer als erster einen der Lümmel am Schlafittchen hat, kriegt ein Pfund«, schrie er. »Wenn ich ins Horn stoße, wißt ihr, daß ich sie entdeckt habe.« »Der Alte ist ganz schön wild«, sagte Bill Bobman, der manchen Fasan im Hochwald gewildert hatte, und sich 84
vielleicht vor Ende des Tages noch einen schnappen würde. »Wenn er die Jungens kriegt, können sie einem leid tun.« »Ja«, sagte ein Stalljunge, »ich wette, der wird ihnen ganz schön den Hintern versohlen.« Was für ein Tag für Cherry Walden! Auch Wachtmeister Bunting war zur Stelle und mit ihm drei weitere Polizisten. Der Wachtmeister machte ein beleidigtes Gesicht, denn der Förster hatte das Kommando über das Kesseltreiben übernommen, weil er den Wald am besten kannte. Sobald es ganz hell war, blies Sir William einen langen Ton auf seinem Jagdhorn, und das Treiben begann. Der Baron eilte zum anderen Ende des Waldes, um dort jeden Flüchtigen aufzuhalten. Jedesmal, wenn über seinem Kopf ein Fasan aufflog, stieß er einen Fluch aus. Am Ziel angekommen, ging er auf und ab und schlug dabei mit seiner Reitpeitsche gegen seine Stiefelschäfte. Mehrere seiner Leute waren beritten, aber sein Arzt hatte ihm, seit er im Frühjahr einen bösen Sturz getan hatte, das Reiten verboten, und dieses Verbot galt noch für mindestens sechs Monate. Diese Tatsache trug natürlich nicht dazu bei, seine Laune zu bessern. »Wenn ich mein Pferd hätte, würd ich sie über den Haufen reiten, bei Gott, ich würd sie über den Haufen reiten«, schwor er. Wieder flog ein Fasan auf, und aus dem Gebüsch klang das erschrockene »Tschiep, tschiep« der Fasanenküken. »Hier, Herr Pfarrer«, schrie der Gutsbesitzer dem Weißfisch zu, der hinter einem Busch auftauchte. »Gehen Sie zum anderen Ende der Schneise, vielleicht versuchen die Lümmel da durchzubrechen. Und denken Sie daran, wenn ich ins Horn blase, habe ich sie gesehen.« In diesem Augenblick flog ein Fasan, der sich erschrocken unter Farnkraut geduckt hatte, mit großem Geflatter und lautem Gegacker auf, und genau über ihren Köpfen ließ der Vogel etwas fallen, das auf Sir Williams Mütze landete. Der Anblick war zuviel für den Weißfisch, fast erstickt von unterdrücktem Lachen und krebsrot im Gesicht wandte er sich, um den ihm angewiesenen Platz einzunehmen. Als er 85
zurückschaute, sah er, wie der unglückliche Baron versuchte, seine Mütze mit einem Grasbüschel zu reinigen. Die Minuten vergingen. Der Lärm, den die Treiber machten, kam näher, und die Sonne, die bis dahin hinter Wolken versteckt war, trat in vollem Glanz hervor. Und wie auf ein Zauberwort hin begannen Schmetterlinge in der Schneise aufzutauchen. Mehrere Perlmutterfalter flogen vorbei, wie goldene glänzende Blätter flatterten sie herum, Libellen schwirrten über seinem Kopf, Bienen und Wespen summten zwischen den Bäumen. Der Weißfisch nahm die Mütze ab und trocknete sich die Stirn, dann holte er ein Paket Butterbrote heraus, das seine besorgte Haushälterin ihm im letzten Augenblick in die Tasche gesteckt hatte, und er begann mit sichtlichem Vergnügen zu essen. Seit Jahren hatte er keinen solchen Ausflug mehr gemacht. Was den unglücklichen Baron anbetrifft: der hatte keine Butterbrote und war doch sehr hungrig. Keiner seiner vielen Dienstboten hatte daran gedacht, den Herrn mit irgendwelchem Proviant zu versorgen. Er hockte auf seinem Jagdstock und betrachtete mit wütenden Blicken die rundliche Gestalt des Weißfischs, der sich in vierzig Metern Entfernung offensichtlich für nichts interessierte, was um ihn vorging, sondern ganz in die Beschäftigung mit einem dicken Schinkenbrot versunken war. Der verdammte Kerl hatte ihm nicht einmal eins angeboten. »Halten Sie die Augen offen, Pfarrer«, schrie er gereizt. Er konnte den Anblick nicht länger ertragen. Er setzte sich wieder auf seinem Jagdstock zurecht und wandte den Blick ab. Plötzlich ließ ihn ein leises Geräusch auffahren. Er sah, wie der Weißfisch sein Butterbrot mit einem lauten, unartikulierten Schrei von sich warf und sich in die Büsche stürzte. Die Mütze schwenkte er dabei über seinem Kopf. Er mußte die Jungen gesehen haben! Sir William war ein Mann der Tat. Schon hatte er das Jagdhorn hochgerissen und ein lautes, langes Signal geblasen. Am Ende der Lichtung sah er den Pfarrer zwischen den Büschen hin und her springen, er mußte den Flüchtigen auf den Fersen sein! 86
Die Töne des Horns waren kaum verklungen, als zwei Reitknechte um eine Wegbiegung gelaufen kamen, stehenblieben und um sich schauten. »Hierher, Perkins«, rief ihr Herr, »hierlang, Shoebottom, der Pfarrer hat sie gesehen; ein Pfund für den, der als erster einen Jungen schnappt!« Trotz seiner Jagdverletzung eilte der Baron hinter den laufenden Männern her. Andere Treiber brachen durch die Büsche und gingen, mit ihren Knüppeln schlagend, an ihm vorbei, angefeuert durch weitere wilde Töne aus dem Jagdhorn. Sir William folgte den Männern eilig, die inzwischen ein gutes Stück der Schneise hinter sich gebracht hatten. Dann sah er ein Knäuel von Menschen um den Weißfisch versammelt. Alle schauten auf den Boden, wo er etwas festhielt. »Der alte Whiting hat einen von ihnen am Wickel«, sagte sich der Baron, »verdammt, ich bitte ihn heute abend zum Essen; er soll von meinem besten Whisky haben!« Aber als er die Gruppe erreichte, schien sie sich auf geheimnisvolle Weise zu verflüchtigen. Pferdeknechte und Stalljungen verdrückten sich in die Büsche. Nur der Weißfisch blieb da und machte sich an einem Döschen, das er mit seiner Mütze schützte, zu schaffen. »Wo sind sie hin?« brüllte der Baron, »was ist passiert?« Der Weißfisch blickte auf und sah in das zornrote Gesicht. »Tut mir leid, tut mir leid, Sir William, ich fürchte, ich habe falsche Hoffnungen erweckt.« »Was soll das heißen, mein Herr, Hoffnungen erweckt? Sie haben sich wohl einen Scherz mit mir erlaubt, mein Herr?« Sir Williams Augen glitzerten gefährlich. »Nein, aber nein, Sir William ... ich ... ich habe den ersten Waldweißling gefangen, den ich je im Hochwald gesehen habe. Sehen Sie selbst, ein vollkommenes Exemplar, ein vollkommenes Exemplar.« Der Weißfisch streckte Sir William eine kleine Schachtel, eine Art Pillenschachtel mit einem Glasdeckel entgegen. Sir William schaute nicht einmal hinein. Eine quälende Pause entstand, dann brach der Sturm los. 87
»Sie machen Ihrem Priestergewand Schande, mein Herr, Schande, sage ich. Ein Mann Ihres Alters jagt hinter Schmetterlinge her wie ein ... wie ein ... Zweijähriger. Sie haben es mit Absicht getan ... ich ... ich...« »Aber Sir William«, unterbrach ihn der Weißfisch mit sanfter Stimme, »ich versichere Ihnen ...« »Genug«, brüllte der Baron, »Sie und Ihre... Schmetterlinge! Pah!« Mit einer wütenden Geste drehte er sich um und stampfte die Schneise hinunter. Um Mittag war der ganze Wald durchkämmt – ohne Erfolg. Nebenbei bemerkt: Bill Bobman hatte sich schon bald mit gebauschten Taschen davongemacht! Der unglückselige Zwischenfall mit dem Waldweißling wurde zum Hauptspaß des Tages, und am Abend wackelten die Wände der »Jagdklause« vom schallenden Gelächter der müden, aber vergnügten Gesellschaft. Aber die Tatsache war nicht zu leugnen: Die Jungen waren irgendwie davongekommen. Waren sie wie Silberfischchen durch die Maschen des Netzes geschlüpft? Tatsächlich waren sie zur Zeit der Treibjagd gar nicht mehr im Hochwald. Nachdem Bunting sie entdeckt hatte, waren sie quer durch den Wald gelaufen und hatten sich sofort zum Forst von Brendon aufgemacht. Als der arme Sir William voller Hoffnung im Herzen so kraftvoll in sein Horn stieß, war die Beute schon an einem weit entfernten Ort in Deckung gegangen, in dem alten Eichbaum in der Mitte einer Lichtung im Forst von Brendon, mehr als achtzehn Kilometer entfernt.
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KAPITEL 8
Das Nest des Wespenbussards Der Entschluß, den Witwensitz zu überfallen, um sich frischen Proviant zu holen, war sehr klug gewesen. Der Große John und Robin hatten immer öfter einen wahren Heißhunger auf etwas Süßes verspürt, sogar so gewöhnliche Nahrungsmittel wie Brot und Kartoffeln waren ihnen wie eine Speise für Götter vorgekommen. Außerdem hatte besonders Robin seine Bücher vermißt. Er war eine richtige Leseratte. Bis jetzt hatten sie im Wald genug zu tun gehabt, aber nun, da sich ihre Versorgungslage so gebessert hatte, brauchten sie nicht mehr täglich auf die Jagd zu gehen und würden Zeit zum Lesen haben. Robin hatte sein geliebtes ›Das Leben in den Wäldern‹ von Thoreau mitgebracht, dazu ›Der Wilddieb aus Leidenschaft‹ von Richard Jefferies, und ›Das Dschungelbuch‹ von Rudyard Kipling. Der Große John hatte sich für ›Huckleberry Finn‹ entschieden, und der Kleine John für ›Tom Sawyer‹. Aus dieser Liste kann man ersehen, welche Art von Literatur sie bevorzugten, und man versteht, daß es wohl nicht nur die Abneigung gegen das Regiment der Tante gewesen war, die in ihnen den Wunsch hatte keimen lassen, ein freies Leben im Walde zu versuchen. Nahrung für den Geist und Nahrung für den Leib, für diese Bedürfnisse war nun gesorgt, und die Jungen begannen ihre vierte Woche in Freiheit mit neuem Eifer. Die Geschichte im Hochwald hatte eine falsche Spur entstehen lassen, und für den Augenblick konnten sie sich im Forst von Brendon frei und unbesorgt bewegen. Selbst der Rauch ihres Lagerfeuers war noch niemandem aufgefallen; niemand vermutete sie im Forst von Brendon. Wenn dort Rauch aufstieg, war dies kein ungewöhnlicher Anblick, denn der alte Köhler verbrannte oft Abfälle neben 89
seiner Hütte, und wenn die Meiler frisch entzündet wurden, rauchten sie eine Zeitlang. Es war erstaunlich, wie Harold sich an das neue Leben gewöhnte. Die Flucht aus dem Hochwald hatte seine Kräfte bis aufs äußerste gefordert, und für einige Tage mußte er sich schonen. Aber bei der guten und reichlichen Nahrung erholte er sich schnell und konnte bald seinen Anteil an der täglichen Arbeit im Lager übernehmen. Das Wetter, das regnerisch und bedeckt gewesen war, besserte sich, es wurde sonnig und trocken. Tatsächlich war nicht der ganze Forst von Brendon Eigentum der Krone, ein großer Teil, viele hundert Morgen, gehörten dem Herzog von Brendon, und auf seinem Besitz hielten sich die Jungen verborgen. Hier waren die Bäume älter und schöner, aber das Unterholz war vernachlässigt, und seit der alte Herzog gestorben war, kümmerte sich niemand um den Wald. Wäre er Eigentum der Krone gewesen, wären die Jungen bestimmt viel früher von einem Wildhüter entdeckt worden. Als sie nach dem ereignisreichen Morgen ihrer Flucht aus dem Hochwald ins Lager zurückkamen, fanden sie alles in Ordnung. Aus Sicherheitsgründen hatten sie das Gewehr und die Munition oben in der hohlen Eiche versteckt, auch das geräucherte Schweinefleisch war dort verborgen. Die Spuren ihres Feuers hatten sie sorgfältig mit verdorrtem Farn und Grassoden bedeckt. Es hätte eines scharfen Auges bedurft, um festzustellen, daß jemand hier gewesen war, geschweige denn, daß er drei Wochen auf dieser Lichtung gelebt hatte. Robin klappte sein Buch zu, wälzte sich auf den Bauch und begann, einige Scheiben von dem geräucherten Schinken abzuschneiden, um sie über dem Feuer zu braten. »Wie wär's, ihr wackeren Gesellen, sollen wir morgen den Verborgenen Weiher suchen gehen? Er muß hier in der Nähe sein, und ich würde gern ein bißchen fischen.« 90
Der Kleine John fand die Idee gut. Er war jetzt zu jedem Abenteuer bereit und ebenso kräftig wie seine Brüder. »Ich glaube, wenn wir dem Bachlauf folgen, müßten wir den Weiher finden«, sagte der Große John. »Die Schwierigist nur, daß wir nicht wissen, ob der Bach in den Weiher mündet oder aus ihm geflossen kommt.« »Dann teilen wir uns einfach«, sagte Robin. »Du und der Kleine John geht stromauf – und ich gehe stromabwärts. Dann finden wir den Verborgenen Weiher bestimmt, falls er wirklich mit dem Bach in Verbindung steht. Nach der Karte ist der Wald dreieinhalb Kilometer breit. Es wird also gar nicht so leicht sein, den Weiher zu finden.« »Wie blöde«, rief der Große John aus, »ich habe vergessen, die Karte mitzunehmen. Sie lag immer in der Schublade in der Halle.« »Das macht nichts«, sagte Robin, »ich finde, ohne Karte macht es noch mehr Spaß. Ich tue gern so, als hätte ich mich verlaufen.« »Ich würde mich hier im Wald nicht gern verirren«, sagte der Kleine John, »die ganze Nacht ohne Essen herumzulaufen. Ich wüßte auch gar nicht, in welche Richtung ich gehen sollte, und würde vielleicht dem alten Köhler oder einem Förster in die Arme laufen.« »Sind die Kartoffeln fertig?« fragte Robin. Der Große John nickte. »Hier, ich habe sie in dünne Scheiben geschnitten. So ist es doch richtig, oder nicht?« Der Große John hielt ihm den Teller hin, auf dem fingerdicke Kartoffelscheiben aufgehäuft waren. »So wird es gehen. Wir stellen sie vor dem Schinken aufs Feuer, sie brauchen länger.« Er ließ einen Klumpen Schweinefett in die Mitte der Pfanne fallen, wo er zur Seite rutschte und sich mit einem leise zischenden Laut auflöste. Dann reichte der Große John ihm den Teller, und bald verschwand der Boden der Pfanne unter einem Mosaik von Kartoffelscheiben. »Es gibt einen Trick, sie schön knusprig zu bekommen«, sagte Robin. »Man darf nur wenig Fett hineintun. Bei zuviel Fett werden sie nicht braun.« 91
Von Zeit zu Zeit wendete er die einzelnen Scheiben mit seinem Jagdmesser, und bald hatten sie die goldene Farbe von reifem Korn. Nachdem die Kartoffeln zu seiner Zufriedenheit gebräunt waren, wurden sie auf einen Teller getan. Nun folgten die Schinkenscheiben, dicke Scheiben mit einem schmalen Fettrand an einer Seite. Sie glitten zischend und brutzelnd in der Pfanne herum und verbreiteten einen köstlichen Duft. Das Schwein war für die Vogelfreien ein Geschenk des Himmels gewesen, und sein Schinken schmeckte besser als aller Frühstücksspeck, den sie je zu Hause gegessen hatten. Als das Essen fertig war, langten alle kräftig zu. Mit heißem, süßen Tee hinuntergespült war es ein Festmahl, wie man es sich köstlicher nicht wünschen konnte. »Uff«, sagte der Kleine John, als er den letzten Bissen in den Mund geschoben hatte, »so gut hat's mir noch nie im Leben geschmeckt!« »Wart nur, Bürschchen«, sagte Robin. »Wir werden auch noch Wildbret essen. Ich bin sicher, daß es im Forst von Brendon Rehe gibt, denn der Weißfisch hat gesagt, er hätte mal eins gesehen. Wenn wir mit dem Gewehr ein Schwein schießen können, können wir auch ein Reh schießen. Ich finde, wir verlassen uns bis jetzt zu sehr auf Nachschub aus der Außenwelt. Wenn der Zucker zu Ende geht und die Marmelade aufgegessen ist, werde ich nicht noch einmal zum Witwensitz zurückgehen. Das ist nicht meine Vorstellung vom Leben in der Wildnis. Wir müssen mit dem auskommen, was wir jagen und fischen.« »Ich glaube, ich würde die Kartoffeln am meisten vermissen«, sagte der Große John. »Zum Nachtisch können wir bald Beeren suchen.« »Wie lange werden wir denn hierbleiben?« fragte der Kleine John, nachdem er einige Zeit geschwiegen hatte. »Wie? Du hast es schon satt?« fragte Robin Hood. »Nein. Sei doch kein Esel! Natürlich nicht! Ich möchte nie wieder nach Cherry Walden zurückgehen. Mein ganzes 92
Leben möchte ich im Wald verbringen. Ich hab mir nur ausgedacht, wie schön das sein wird, im Herbst und im Winter, wenn die Blätter fallen und der Schnee kommt.« »Na«, sagte Robin, »bis dahin gibt es noch viel zu tun. Wir müssen den Verborgenen Weiher finden und den Köhler ... und wer weiß was noch. Ich bin dafür, daß wir erst zurückgehen, wenn wir wirklich keine Lust mehr haben, oder wenn Vater und Mutter kommen ... jedenfalls mach ich mir darüber noch keine Sorgen. Ich würde am liebsten nie mehr unter einem Dach schlafen. Es ginge mir wie Mowgli im ›Dschungelbuch‹, als sie ihn zwingen wollten, in einer Hütte zu schlafen.« Der Große John mußte lachen. »Ich glaube, unsere Leute werden uns gar nicht mehr erkennen, wenn wir nach Cherry Walden zurückkommen. Die werden uns verscheuchen wollen, in die Luft schießen und auf Blechbüchsen trommeln, genau wie im ›Dschungelbuch‹.« Die Nacht war klar und still. Am Rande der Lichtung konnten sie die ersten Heckenrosen wie kleine weiße Schatten auf einer grünen Wand sehen; selbst in der Dunkelheit waren sie noch zu erkennen. Die süßen frischen Düfte des Waldes in der warmen Nacht waren unbeschreiblich. Im ganzen Wald wuchs viel Geißblatt, und bei Anbrach der Nacht war sein starker Duft fast überwältigend. »Was für ein Leben!« rief der Kleine John aus, ließ sich, die Arme hinter dem Kopf verschränkt, auf den Rücken fallen und starrte in den Himmel, bis er das Gefühl hatte, wie ein Distelflaum zwischen den Sternen zu schweben. Das sanfte, rosige Glühen des Feuers erleuchtete die Eichenblätter und die dicken, knorrigen Äste; dunkle Schatten wogten geheimnisvoll in den Höhlen, die das Laub bildete. »Ich wünschte, wir könnten immer so leben. Mir wäre es gleich, wenn ich nie mehr ein Haus sähe.« Er schloß die Augen, fühlte den warmen Atem des Feuers und roch den Duft des Holzrauches. Dann öffnete er die Augen wieder und ließ sich zwischen den Sternen treiben. 93
Einige waren größer als die anderen und sahen ihn feierlich an, andere zitterten und blinkten, ein kleiner orangefarbener Stern schien auf und ab zu hüpfen. Wenn das Schicksal nicht diese Wendung genommen hätte, läge er jetzt im Schlafsaal von Banchester zwischen einem Dutzend anderer Jungen, die um ihn herum wie die Schweine schnarchten. Und morgen früh, wenn er noch auf seinem Lager aus Farnkraut lag und die Vögel im ersten Morgengrauen singen hörte, wenn der Tau noch auf dem Gras lag und die Füchse und Dachse sich in ihre Höhlen schlichen, dann versuchten diese Unglücklichen in dem langen dunklen Schlafsaal noch ihre letzte Stunde Schlaf zu genießen. Vor ihm aber lag das Leben wie ein einziges langes Panorama der Freude; er würde seine Lektionen in einer anderen Schule lernen, in der Schule des Waldes. Er würde lernen, Fallen zu stellen, und Robin würde ihn schießen lehren. Bis jetzt hatte er noch keine Gelegenheit dazu gehabt. Robin, der sich auch neben dem ersterbenden Feuer ausgestreckt hatte, folgte ähnlichen Gedanken. Er fragte sich, wie der Verborgene Weiher wohl aussah; war er ähnlich wie der Teich in Cherry Walden? Eine Motte flog in das Licht der Glut, wirbelte mit unglaublicher Schnelligkeit um sich selbst. Dann fiel sie in die Asche. Von der anderen Seite des Feuers verkündete ein schwerer Atem, daß der Große John eingeschlafen war. Es war Zeit, in den Baum zu kriechen. Gleich nach dem Frühstück machten sie sich auf, den Verborgenen Weiher zu suchen. Robin, als der Anführer, verlangte für sich das Gewehr, der Große John und der Kleine John mußten sich mit der Schleuder begnügen. Wie Robin vorgeschlagen hatte, trennten sie sich, sobald sie den Bach erreicht hatten, und nachdem sie sich gegenseitig Glück gewünscht hatten, wandte sich Robin stromaufwärts, und die anderen gingen in der entgegengesetzten Richtung. 94
Wie die des Großen John war auch Robins Hose inzwischen völlig zerfetzt. Er hatte sich einen Kilt aus Fellen mit der haarigen Seite nach innen gemacht. Er wurde von einem Gürtel aus Schweinehaut gehalten. Während er sich entlang dem Bachlauf seinen Weg bahnte, hielt er das Gewehr in der Hand; es war jedoch nicht entsichert, da ein Zweig sich hätte im Abzug verfangen können. Nach einer Weile, als die Sonne fast senkrecht über dem Wald stand, wurde es sehr heiß. Manchmal versperrte ein dichtes Gestrüpp Robin den Weg. Der Wald war sehr vernachlässigt; für die Gesundheit der Bäume wäre es gewiß besser gewesen, wenn das Unterholz ausgedünnt worden wäre, aber Robin gefielen diese verfilzten Massen von Büschen und Dorngestrüpp. Oft mußte er wie ein Tier auf allen Vieren kriechen; dabei folgte er den kleinen Pfaden, die die Waldtiere sich gebahnt hatten. So fand er Dutzende von Nestern, die er sonst übersehen hätte. Wenn er nämlich in das grüne Gewirr der Blätter über seinem Kopf schaute, hinter dem die Sonne stand, erkannte er sofort jede Verdichtung, jedes Nest. Die meisten gehörten Grasmücken und Dorngrasmücken. Am Ende des Morgens hatte er sechs Grasmückennester gefunden, alle mit Eiern darin. Auch Dompfaffen gab es häufig im Forst von Brendon. Immer wieder entdeckte er ein brütendes Weibchen, das ihn über den Rand des Nestes hinweg mit seinen runden Beerenaugen ansah und den Kopf mit dem hübschen schwarzen Käppchen hin und her wandte. Manchmal konnte man auch von unten die Eier erkennen. Der Dompfaff baut ein sehr schütteres Nest aus Würzelchen und feinen Ästchen und polstert es mit Pferdehaar, und man kann von unten die Eier durchscheinen sehen. Im dichten Farn und Gestrüpp des Bachufers stieß er auf ein Fasanennest. Die Henne flog mit lautem Geknatter vor seinen Füßen auf und erschreckte ihn fast zu Tode. Wenn er den Hahn hätte schießen können, würde er es wohl getan haben, obwohl Brutzeit war, denn die Vogelfreien waren 95
zwar im Wald schon auf einige Fasane gestoßen, es war ihnen aber nie gelungen, einen zu erlegen. Die großen blassen Eier waren schon bebrütet, und Robin rührte das Nest nicht an. Während er sich so durch das Unterholz kämpfte, wurde ihm sehr heiß, Schweiß lief ihm in die Augen, sein Haar war naß und verklebt. Aber er bewegte sich vorsichtig, paßte wie ein richtiger Jäger auf, wohin er den Fuß setzte. Er hatte keine Möglichkeit, abzuschätzen, wie weit er gegangen war. Der Bach schlängelte sich durch Farnkraut und Sträucher, so daß es schwer war, Entfernungen zu schätzen. Ein paarmal stieß er zwischen den Bäumen auf eine Lichtung. An einer Stelle waren Eschenstämmchen geschlagen und ordentlich neben einem Pfad aufgestapelt worden. Selbst in einem trockenen Sommer bleiben diese Waldpfade feucht, weil die Sonne sie nicht erreicht, und das Moos wächst weich und grün. Robin entdeckte die Spuren genagelter Stiefel, sie sahen ganz frisch aus. Jemand mußte am Tag zuvor hier entlanggegangen sein. Diese Spuren ermahnten ihn zu äußerster Vorsicht. Es wäre lehrreich gewesen, ihn zu beobachten, denn er war ein geborener Jäger und Waldläufer. Wenn er wollte, konnte er sich so vorsichtig und lautlos bewegen wie ein Fuchs. Er war auch ein sicherer Schütze, und die Waffe unter seinem Arm erfüllte ihn mit Stolz. Wäre es nur seine eigene gewesen! Eines Tages würde er sich genau so ein Gewehr kaufen. Für Rumbold war es viel zu schade. Er ließ es im Schrank im Gewächshaus verkommen, monatelang schaute er es nicht einmal an. Robin hatte es geputzt und geölt und das Zielfernrohr adjustiert. Die Waffe schoß jetzt mit großer Treffsicherheit. Von Zeit zu Zeit kreuzte ein Kaninchen seinen Pfad, aber er schoß nicht. Die Fußspuren im Moos hatten ihn unsicher gemacht. Vielleicht war er in der Nähe der Köhlerhütte. Hin und wieder bildete er sich ein; den eigenartig duftenden Rauch der Meiler zu riechen. Im Laufe dieses Morgens stieß er auf mehrere Igel. Einer 96
war ein noch ganz junges Tier, keine zwanzig Zentimeter lang mit kleinen weichen Stacheln. Er wollte ihn mit nach Hause nehmen, wurde aber bald müde, ihn zu tragen und ließ ihn wieder laufen. Sie waren in der Dämmerung auf ihrer Lichtung schon auf manchen Igel gestoßen und hätten gern einmal einen Igelbraten versucht, aber sie konnten es nie übers Herz bringen, die drolligen kleinen Gnome zu töten. Es sah so komisch aus, wie sie sich bewegten; ihre Äuglein waren so voller Intelligenz. Sie wirkten so freundlich und liebenswert. Während Robin sich weiterschlich, traf er auf eine kleine Lichtung, die von Birken umgeben war. Es waren die ersten Birken, die er im Forst von Brendon sah, und zwischen den Bäumen flatterte ein schöner weißer Admiral. Dieser Schmetterling war im Wald sehr selten. Die Jungen hatten bis jetzt ein einziges Exemplar im Hochwald gesehen. Sie waren im vergangenen Sommer mit dem Weißfisch dort gewesen, und die Aufregung war groß, als Harold den schönen gescheckten Falter auf einer Brombeerblüte entdeckte. Robin hatte jetzt kein Netz bei sich; er wünschte, er hätte eins gehabt. Er hatte auch keine Mütze auf, so blieb ihm nichts übrig, als zu beobachten, wie der Falter umherflatterte, sich der warmen Sonne erfreute, sich hin und wieder auf einem der oberen Birkenzweige niederließ, dort saß und die Flügel öffnete und wieder schloß. Die Suche hatte Robin entsetzlich durstig gemacht, und er trank sich am Bach satt. Wie gern hätte er ein Bad genommen. Wenn er nur den Verborgenen Weiher finden könnte! Schließlich kam er an eine offene Stelle im Wald, Wo das Farnkraut ihm bis zu den Schultern reichte. Die Luft war vollkommen windstill und schwer von sommerlichen Düften. An dieser Stelle hatte sich der Bach ein ziemlich großes Becken von etwa zehn Metern Länge ausgewaschen. Es sah ziemlich tief aus. Da, wo dichte Haselsträucher ein Dach bildeten, konnte er auf dem Grund die gefleckten Kiesel erkennen und wußte, daß das Wasser höchstens einen 97
halben Meter tief war. Winzige Fische flitzten hin und her. Es waren Stichlinge. Robin lag auf dem Bauch und zog sich bis zum Rand des Beckens heran. Sein Gesicht war im üppigen duftenden Adlerfarn verborgen. Die rosa Blüten des wilden Teppichs fielen auf ihn nieder, sein Rücken lag im sonnenfleckigen Halbschatten, den das Laub über ihn warf. Was für ein lieblicher Fleck! Konnte etwas dem Paradies näher kommen? In den Bäumen über seinem Kopf gurrten die Wildtauben, es war, als murmelte der Wald mit ihren schläfrigen Stimmen. Robin war ein seltsamer Junge, wenigstens würde das manchen Leuten so scheinen. Er war am liebsten allein im Wald, jagte und streifte für sich den ganzen Tag unter den Bäumen umher, an einsamen Stellen, wo er niemandem begegnete. Das war seine Vorstellung vom Himmel. Wenn er wie jetzt auf etwas stieß, das seine Einbildungskraft gefangennahm, vergaß er die Zeit, verlor sich in einer Art seliger Versunkenheit. Als er nun dalag und in das kleine Becken hinunterschaute, nahmen seine scharfen Augen jede Einzelheit wahr, sogar die winzigen Schatten der Stichlinge. Jeder Fisch warf einen Schatten auf den sandigen Boden. Da er sich ganz still verhielt, wurden sie bald wieder kühn, kamen aus dem Schatten unter den Haselblättern hervor und tummelten sich in ihrem wäßrigen Reich. Er konnte ihre winzigen Flossen zittern sehen, und was für vollkommene Flossen! Diese winzigen Fische waren wirklich bezaubernd. Der Schöpfer muß Augen haben wie ein Uhrmacher, dachte Robin lächelnd, daß er so zarte Fische gemacht hat. Die männlichen Fische waren besonders hübsch mit ihrem leuchtend blauen Rücken und der roten Kehle. Sie glitten nicht im Wasser entlang, sie bewegten sich ruckartig. Manchmal jagte ein Männchen ein anderes davon, dann bewegte es sich schnell wie ein Pfeil, blieb dann plötzlich ganz still stehen, öffnete und schloß das Maul, blähte die Lippen auf. 98
Auf diesem Becken gab es auch Wasserspinnen. Als Robin an das Ufer getreten war, waren diese Insekten alle in den Schutz des Grases und der Kräuter am Rande geflüchtet, aber als er still liegenblieb, kamen sie wieder zum Vorschein und begannen, auf der Wasseroberfläche hin und her zu gleiten. Er sah die winzigen Dellen, die ihre Füße auf dem Wasser machten. Sie schienen so leicht darauf zu laufen, als wären sie auf festem Grund. Nach einer Weile fiel eine Florfliege von den Haselblättern. Sie fiel nahe am Rande, aber in einer Sekunde war ein halbes Dutzend Wasserspinnen zur Stelle. Die größte hatte die Fliege ergriffen und trug sie in ihren Kiefern davon, während die anderen danach sprangen. Dann hörte Robin es an seinem Ohr summen. Es war eine wilde Biene. Robin schlug mit der Hand nach ihr, und auch die Biene fiel ins Wasser, drehte sich surrend, und um sie herum bildete sich ein kreisförmiger Fächer winziger Wellen. Sofort kamen mehrere Wasserspinnen herangeglitten. Zuerst schienen sie Angst vor der Biene zu haben, aber eine, die kühner zu sein schien, stürzte sich ganz plötzlich auf sie. Die Biene wehrte sich immer schwächer, und schließlich glitt die Angreiferin davon, die Biene zwischen die Kiefer geklemmt. Robin hatte nicht gewußt, daß diese Insekten so wild sind; sie erinnerten ihn an ein Rudel Jagdhunde. Die Biene versuchte vergeblich, ihre Angreiferin zu stechen, die sie fest in den Fängen hielt. Während Robin die wilden kleinen Geschöpfe beobachtete, sah er, daß einige miteinander kämpften. Manchmal fiel eins um und zeigte seine silbrige Unterseite. Sie hüpften umeinander wie Grillen. Es war köstlich, im kühlen Farn zu liegen, aber das Wasser lockte noch mehr. Robin streifte sein Hemd und den Fellrock ab und ließ sich über den Rand rollen. Als er ausgestreckt auf dem Sandboden lag, bedeckte das Wasser eben seinen Körper; es war wie eine natürliche Badewanne. Im vollen Sonnenschein war das Wasser warm, aber als er 99
unter die Haselblätter rutschte, wurde es recht kühl. Dann legte er sich auf den Bauch, mit dem Gesicht gegen die Strömung und beobachtete die kleinen Wellen, die um eine Biegung herum auf ihn zu eilten. Er streckte den Arm aus, sie sahen unter Wasser blau aus – er hob die Finger, so daß Ströme silberner Bläschen ihm an Ohren und Nase vorbeistrichen. Er wühlte in den Steinen des Bachbetts und das Wasser trübte sich für einen Augenblick, aber bald strömte es wieder so klar, daß er seine Finger bläulich weiß zwischen den gesprenkelten Steinen und dem silbernen Sand sehen konnte. Über seinem Kopf flitzte eine Libelle hin und her, eine leuchtend blaue Libelle mit dunklen Flecken am Ende der Flügel, so wie er sie schon am Weidenteich in Cherry Walden gesehen hatte. Sie ließ sich auf einem Schilfrohr in der prallen Sonne nieder, die Schwingen hoch über dem Rücken zusammengelegt. Auch Eintagsfliegen tanzten über dem Wasser, die langen Hinterteile anmutig hochgestellt. Als Robin noch kleiner gewesen war, hatte er Angst vor ihnen gehabt, er hatte geglaubt, diese langen, fadendünnen Schwänze wären Stacheln. Es war in diesem winzigen Sommerparadies so traumhaft und kühl, daß Robin für immer hier hätte bleiben mögen. Aber schließlich stieg er doch aus dem Wasser und ließ sich in der warmen Sonne trocknen. Nach der kühlen Umarmung des klaren Wassers fühlten sich die grünen Farnwedel ganz heiß an. Als er sich wieder angezogen hatte, spürte er plötzlich, wie hungrig er war. Und er hatte nichts zu essen mitgenommen. Die Jungen aßen immer nur zwei Mahlzeiten am Tag, morgens und abends. Das genügte ihnen, aber zu jeder Mahlzeit waren sie sehr hungrig. Robin machte sich wieder auf den Weg stromaufwärts. Seine Haut prickelte noch angenehm nach dem Bad. Er hatte natürlich nicht richtig schwimmen können. Er wäre so gern in tieferes Wasser vorgestoßen, hätte sich wie ein 100
fetter Karpfen zwischen grünen Wasserpflanzen durchgeschlängelt. Vielleicht konnte er das noch, wenn er auf den Blinden Weiher stieß – falls es den überhaupt gab. Dann wurden, wie durch ein Wunder, die Bäume dünner, und er sah sich seinem Ziel gegenüber. Es war ein langgestreckter, schmaler Waldsee, dunkel und sehr still. An den Ufern wuchsen Felder von Wasserrosen. Hohe Eichen umgaben den See von drei Seiten, an der vierten standen große, düstere Kiefern, auf deren Gipfeln die späte Nachmittagssonne lag, so daß die rotbraunen Zweige fast wie künstlich bemalt oder blutbefleckt schienen. Vor dem Hintergrund der düsteren Bäume, am entgegengesetzten Ende des Weihers, stand ein Reiher, den Kopf in die Schultern gezogen. Er stand auf einem bemoosten Baumstumpf, der aus dem Wasser herausragte. Das Wasser war so ruhig, daß es ein getreues Spiegelbild des Vogels zeigte, vollkommen in jeder Einzelheit. Robin kroch durch den Farn bis an den Rand des Wassers und starrte in die Tiefen hinunter. Es war so tief, daß er den Boden nicht sehen konnte, und das Wasser war von einem ganz tiefen Grün. Als er lange und genau hinsah, konnte er das steil abfallende Ufer erkennen, das sich im Dunkel verlor. Er erblickte sein eigenes Spiegelbild, seltsam verdunkelt, so daß seine Augen fast nicht zu sehen waren, und hinter seinem Kopf stand ein indigoblauer Himmel, so wie man ihn auf alten umbrischen Gemälden sieht, und über diesen dunklen Himmel zogen ein paar weiße Wolken, gedämpft und undeutlich gespiegelt. Es war, als betrachte man ein farbiges Bild durch ein rußiges Glas. Während er, verborgen von Farn und Schilf, dort lag und nach unten in die grünen Tiefen starrte, erregte eine undeutliche Bewegung dort unten seine Aufmerksamkeit; eine feierliche Prozession dicker bronzefarbener Fische zog in etwa zwei Metern Tiefe still vorüber. Sie waren größer und schwerer als irgendwelche Süßwasserfische, die er bis dahin gesehen hatte – ausgenommen Hechte. Es waren Schleien. 101
Robin war begeistert! Dieser Ort war noch zauberhafter als das kleine Wasserbecken, das er unterwegs entdeckt hatte. Er hob den Blick und sah, daß Leben in den Reiher gekommen war. Er stakte ziemlich ungeschickt den schrägen bemoosten Baumstamm hinunter, indem er sich mit seinen langen grünen Klauen festkrallte und den Kopf auf und ab wiegte. Der Vogel hatte ihn nicht gesehen, so gut lag er im Schilf versteckt. Mehrere Moorhühner, die unter den Wildvögeln die schärfsten Augen haben, weideten ihm gegenüber auf dem schmalen Grasufer. Sie pickten herum wie Hühner und stellten ihre weißen Schwanzfedern zur Schau. Moorhühner geben einen guten Braten ab, und Robin hatte an diesem Tag noch nichts zum Essen geschossen. Er hob sein Gewehr und nahm den ihm nächsten Vogel ruhig ins Visier. Zu treffen würde nicht leicht sein, denn die Henne bewegte sich langsam pickend vorwärts. Aber Robin nahm sich Zeit, und im richtigen Augenblick gehorchte der Finger dem Gehirn, und dem Knall folgte der willkommene Aufschlag der Kugel im Ziel. Der Vogel fiel zur Seite, schlug ein- oder zweimal mit den Flügeln und lag still. Obwohl der Knall gedämpft war, sprang der Reiher senkrecht in die Luft und landete wieder auf dem Stamm. Einen Augenblick zuvor hatte er den Kopf zwischen die Schultern gezogen, jetzt sah der Vogel aus wie ein langes, schlankes, graues Rohr, und selbst aus der Entfernung konnte Robin erkennen, wie er mit runden Augen um sich starrte, was sehr komisch aussah. Der Vogel hatte den gedämpften Knall gehört, wußte aber nicht, aus welcher Richtung er gekommen war. Dann hob er sich in die Luft und schwebte auf breiten, gewölbten Schwingen davon. Eben noch war er ein grauer Vogel vor einer Wand von dunklem Laub gewesen, im nächsten Augenblick stieg er ins Sonnenlicht empor und verschwand über den Wipfeln der Eichen. Als Robin geschossen hatte, waren alle anderen Moorhühner in Deckung gegangen, der Weiher lag verlassen da, 102
nichts rührte sich außer den Ringen im Wasser, da, wo eine Moorhenne getaucht war. Die Kreise verbreiterten sich auf ihn zu, zerstörten das Spiegelbild der grünen Schatten. Robin holte seine Beute nicht sofort. Er lag immer noch verborgen zwischen dem dichten Schilf, schaute und horchte. Auf dem grünen Ufer konnte er die tote Henne wie einen dunklen rußigen Fleck erkennen. Sie würde einen köstlichen Braten abgeben. Robin war so hungrig, daß er sie roh hätte verspeisen mögen. Nach einer Weile bemerkte er, wie sich am entfernten Ufer in der Nähe des versunkenen Stammes, auf dem der Reiher gesessen hatte, ein anderer Vogel bewegte. Robin konnte nicht erkennen, was für eine Art Vogel es war, und versuchte, ihn ins Zielfernrohr zu bekommen. Schließlich stellte er fest, daß es eine Stockente war. Dicht hinter ihr her schwamm eine Schar gestreifter, piepsender Küken. Sie bahnte sich ihren Weg zwischen den Schilfwänden. Was für ein himmlischer Ort! Wie würde es den beiden andern hier gefallen! Am Vormittag mußte die Sonne voll auf dem Weiher gestanden haben, denn als Robin die Hand ins Wasser tauchte, war es ganz warm. Sie mußten bald zum Fischen und Schwimmen herkommen. Ach, Robin Hoods Tag war fast zu Ende. Warum ging die Sonne so früh unter? Er hatte noch einen weiten Weg zurück ins Lager. Er mußte aufbrechen. Aber je mehr die Sonne hinter den Bäumen versank, desto mächtiger hielt ihn der Zauber des Ortes fest. Dies hier war gewiß viel schöner als der Weiher, von dem Thoreau so oft sprach. Hier war etwas Geheimnisvolles, fast Düsteres. Warum war dies Wasser so verborgen im Herzen des uralten Forstes? Vielleicht kamen hierher die Rehe zum Trinken und all die Waldtiere, die Füchse, Dachse, die Wiesel und auch die Fasane und all die wilden Waldvögel. Als Robin den Blick noch einmal in den Zauberspiegel senkte, sah er keine weißen Wolken segeln; er sah einen Himmel von kostbarem Aquamarin, und vor diesem Hintergrund schwebte ein Vogel in sein Blickfeld, ein Vogel mit weiten Schwingen, der fort und fort seine Kreise zog. 103
Robin schaute zum Himmel auf und sah die ganze Szene, nur deutlicher und klarer und in lebhafteren Farben. Der Vogel kreiste wie ein Bussard, das Sonnenlicht lag auf den gespreizten Schwungfedern der weitgebreiteten, unbewegten Flügel. Konnte es ein Wespenbussard sein? Vielleicht hatte er sein Nest hier im Wald. Schließlich schwang sich der Vogel aus seinem Blickfeld und war hinter den Wipfeln der Eichen verschwunden. Robin machte sich auf den Rückweg, die Moorhenne sicher in der Tasche verstaut. Er warf einen letzten Blick auf den Verborgenen Weiher. Er war das Schönste, was er bis jetzt im Wald entdeckt hatte, und dieserTag war der schönste gewesen, den er bisher erlebt hatte. Er wußte damals nicht, daß er sich noch Jahre später an dieses Bild erinnern würde: den dunklen See zwischen den Bäumen, so still, so friedlich, geschmückt mit den wächsernen Wasserrosen, den grauen Reihern auf dem halbversunkenen Stamm. Der Anblick des kreisenden Wespenbussards, gespiegelt im Wasser des Verborgenen Weihers, hatte sich in Robins Gedanken festgesetzt. Vielleicht gehörte er zu einem Paar, und der Partner brütete irgendwo im Wald. Aber elftausend Morgen sind eine weite Fläche, und der Nistbaum darin wie die sprichwörtliche Nadel im Heuhaufen. Robin wußte, daß Wespenbussarde spät brüten, meist erst im Juni. Er wußte auch, daß sie gern alte Nester anderer Arten benutzen, zum Beispiel die von Krähen oder Sperbern, denn er hatte viel über Raubvögel gelesen; sie waren seine Lieblingstiere. Es lag etwas Faszinierendes in ihrem wilden, stolzen Blick, ihrer königlichen Haltung; sogar die zierlichen roten Turmfalken, die im Wind über dem Hügelland schwebten, waren schöne Vögel, ihre rötlich braunen Federn hatten eine besonders schöne Färbung. Es dauerte einige Tage, bis sie den Wespenbussard wieder zu Gesicht bekamen. Diesmal kam der Große John mit der Nachricht, er habe einen großen gestreiften Falken mit 104
abgerundeten Flügeln gesehen, der in die Krone der einen großen Kiefer am Verborgenen Weiher geflogen sei. Er war in die Krone des Baumes geschwebt und hatte dabei ein Geräusch gemacht wie eine fauchende Katze. Bei der nächsten Gelegenheit statteten alle drei Jungen den Kiefern am See einen Besuch ab, aber Robin, der die Geschichte des Großen John nicht ganz glaubte, wollte den Baum nicht erklettern. Er war unheimlich hoch. Wenn man unten an dem rauhen roten Stamm stand, schienen die obersten Zweige unerreichbar weit entfernt. Aber es war ein Nest dort oben, das erkannte Robin bald, ein Gewirr schwarzer Stöcke in der Krone des Baumes. »Pah, das ist ein Tauben- oder ein Krähennest«, sagte er. »Ich klettere nicht da hinauf, auch wenn es möglicherweise ein Bussardnest ist. Alle schottischen Kiefern haben Taubennester.« Robin hatte recht, fast keiner dieser Bäume ist ohne Taubennest. »Wenn ich nur den Vogel darin sehen könnte, dann würde ich versuchen, raufzukommen. Wir wollen Stöcke schmeißen und versuchen, das Weibchen aufzuscheuchen.« Sie sammelten also Stöcke und Steine und bombardierten den Baum. Aber das Nest war so hoch, daß nicht einmal Robin mit seinen Würfen nahe genug kam, und törichterweise hatte der Große John seine Schleuder im Lager gelassen. Aber es dauerte nicht lange, bis sie einen Beweis erhielten. Robin, der am Tag darauf im Verborgenen Weiher fischte, sah den Vogel wieder. Es war ein schöner, milder Abend. Am Himmel stand keine Wolke, die untergehende Sonne erleuchtete die roten Kiefernstämme, so daß sie sich im stillen Wasser spiegelten. Während er fischte, hörte er plötzlich etwas wie ein Miauen, und als er aufblickte, sah er zwei Wespenbussarde über den Kronen der Eichen in seinem Rücken auftauchen. Einer von ihnen trug einen grünen Zweig im Schnabel; obgleich sie ziemlich hoch flogen, konnten Robins scharfe Augen dies sofort erkennen. 105
Der Vogel mit dem Zweig flog geradewegs in die Krone der Kiefer, und sein Gefährte folgte ihm. Der Anblick dieser schönen gestreiften Bussarde, die oben vor dem blassen Himmel schwebten, war atemberaubend. Der Große John hatte recht gehabt, sie hatten ein Nest in der Kiefer. Robin war so aufgeregt, daß er am liebsten gleich hinaufgeklettert wäre, aber es wurde schon dämmrig, und er mußte seine Ungeduld zügeln. In der Nacht konnte er vor Aufregung kaum schlafen, und sobald sie am folgenden Morgen gefrühstückt hatten, machten sich alle drei auf den Weg. Der Baum war schwer zu erklettern, denn bis zu einer Höhe von drei oder vier Metern gab es keine Zweige, und ihre Steigeisen befanden sich natürlich in Cherry Walden. Robin war so versessen hinaufzuklettern, daß er überlegte, ob man die Steigeisen nicht in der Nacht holen sollte. Er wußte genau, wo sie waren: in dem weißen Schrank im Flur des obersten Stockwerks neben dem Schulzimmer. Es war eine Tantalusqual, hier unten zu stehen und zu wissen, daß dort oben im Nest eine Handvoll hübscher Eier in einem Polster von Buchenblättern lag. Wespenbussarde polstern ihr Nest fast immer mit Buchenlaub aus. Robin ließ den Großen John sich an den Stamm stellen, den Kopf dagegengelehnt, die Arme darumgeschlungen. Er sollte Robin als Steigleiter dienen. Als dieser sich aber schließlich, die Füße auf den Schultern des Großen John, aufrichtete, fand er nichts, woran er sich hätte festhalten können, die untersten Zweige waren immer noch außerhalb seiner Reichweite. Er versuchte, den Stamm zu umklammern und sich hochzuziehen, aber der Stamm war zu dick, er rutschte ab und zerkratzte sich Arme und Beine. »Es hat keinen Zweck«, sagte er, »so kommen wir nie hinauf. Wir müssen die Steigeisen holen.« »Wir könnten es mit einem schräggestellten Ast versuchen, der dir über das erste Stück hilft«, sagte der Große John. »Wenn wir einen dürren Baum oder so etwas finden, ginge es vielleicht damit.« 106
Sie suchten das Unterholz ab, und schließlich fand der Kleine John einen Kiefernast, der unter Brombeersträuchern am Seeufer lag. Er war so lang und schwer, daß es aller Kräfte bedurfte, um ihn herauszuzerren. Nach langem Kampf schafften sie es schließlich, sie richteten ihn auf und lehnten ihn gegen die rauhe Rinde der Kiefer. Der Ast bot nur einen unsicheren Halt, aber mit einiger Mühe gelang es Robin, die oberen Verästelungen zu erreichen, und als er dort mit den Füßen Halt gefunden hatte und sich streckte, konnte er eben den untersten Ast des Baumes ergreifen. Mit aller Kraft zog er sich hoch, und dann fing er an zu klettern. Robin war nicht schwindelfrei. Nach etwa fünf Metern mußte er sich ausruhen. Es war jetzt ziemlich einfach, wenn er sich konzentrierte. Es gab genug Äste; fast wie die Sprossen einer Leiter, führten sie über seinem Kopf nach oben. Er nahm sich fest vor, nicht nach unten zu schauen. Er sagte sich vor: »Ich werde nicht hinunterschauen! Ich werde nicht hinunterschauen!« Schließlich erreichte er erschöpft einen dicken Ast, auf dem er sich ausruhen wollte. Unwillkürlich fiel sein Blick nach unten. Sofort fühlte er eine schreckliche Woge der Übelkeit in sich aufsteigen. Weit unten sah er seine beiden Brüder, ihre Gesichter waren lächerlich zwergenhaft und weiß; sie starrten zu ihm hinauf, und hinter ihnen lag der Verborgene Weiher – der Verborgene Weiher aus der Vogelperspektive, eingefriedet von den Kronen der Weiden und den grünen Schilfbeeten. Robin hielt den Atem an und kniff die Augen fest zu. Dann schaute er nach oben. Mehr als die Hälfte des Aufstiegs lag noch vor ihm. Er würde es nie schaffen! »Was ist los?« schrie der Große John. »Warum hörst du auf?« Robin konnte nicht antworten. Er hielt immer noch die Augen fest geschlossen, die Wange fest an die rauhe, rote Rinde des Baumes gepreßt. Diese feste, breite Masse Holz zu spüren, gab ihm Trost. Eine leichte Brise regte sich zwischen den Nadelquasten, 107
er spürte, wie der Stamm ganz leise schwankte. Schließlich gelang es ihm herauszupressen: »Alles in Ordnung. Ich bin nur ein bißchen außer Atem.« »Du bist bald da«, rief der Kleine John, um ihn zu trösten. »Bald da«, dachte Robin; er war nicht einmal zur Hälfte oben. Ganze fünf Minuten lang saß er unbeweglich da und starrte das Nest über seinem Kopf an. Es schien danach tatsächlich näher. Er konnte die einzelnen Stöcke im Nestboden sehen und die ineinanderverflochtenen roten Zweige darunter. Nein, er würde es nicht schaffen, er wußte, er konnte es nicht. Aber wenn er jetzt hinunterstieg, wußten die anderen, daß er ein Feigling war. Er würde ihnen nie mehr ins Gesicht blicken können. Er biß die Zähne zusammen und begann wieder zu steigen und schwor sich dabei, daß er nicht mehr nach unten schauen würde. Aber während er immer höher stieg, ließ es sich nicht vermeiden, daß sein Blick seitwärts auf den Wald unten fiel. O Schrecken! Er schaute jetzt auf die Kronen der kleineren Eichen hinunter, und da, nach allen Seiten erstreckte sich ungebrochen die Oberfläche des Waldes. Sie erstreckte sich endlos in die Weite, und hinter den äußersten verschwommenen Rändern konnte er offene Weiden unterscheiden, und ja, dort im Süden, das mußte Brendon sein, ein Klumpen roter Dächer und Fabrikschornsteine, und da drüben, das war Cheshunt Toller. Er konnte den Kirchturm erkennen. Der Wind wehte hier oben stärker, er konnte ihn im Gipfel der Kiefer seufzen hören. Er ruhte noch einmal aus, den Blick fest auf das Nest über sich gerichtet. Weiße Wolken zogen über den blauen Himmel, die Kiefernnadeln wippten und schaukelten. Er würde es nicht schaffen! Die Stimme des Großen John klang herauf: »Wie kommst du voran?« »Ganz gut«, schrie Robin, ohne nach unten zu gucken. Aber es war nicht gut. Seine Arme, die den Stamm umspannten, zitterten, sein ganzer Körper bebte wie im Schüttelfrost, seine Zähne klapperten. 108
Das Nest war jetzt etwa fünf Meter über ihm. Es sah viel näher aus. Er konnte jetzt Einzelheiten erkennen. Aber Robin war völlig erschöpft. Er konnte keinen Meter mehr steigen. Es schwamm ihm vor den Augen, und sein Mund fühlte sich an wie ein alter Schuh. Fast zehn Minuten saß er da, ohne sich zu bewegen und ohne sich um die Rufe seiner Brüder unten zu kümmern. Dann schwang er ein Bein über einen Ast. Er würde hinuntersteigen. Es hatte keinen Sinn, er konnte einfach nicht mehr. In diesem Augenblick verließ das Bussard-Weibchen das Nest. Er hörte ein unbeschreibliches Geräusch, eine Art von plötzlichem Rauschen, dann sah er den großen gestreiften Vogel vom Nest abheben und davonfliegen. »Da fliegt er«, brüllte der Große John aufgeregt, »da fliegt er!« Robin, die Augen voller Borkenstaub, Hände und Gesicht verkratzt und verschrammt, fühlte plötzlich wieder einen Stoß von Begeisterung. Aber sie verschwand so schnell, wie sie aufgeflammt war. Er kam sich vor wie ein Neuling auf einem hohen Berg. Es war ihm ganz gleich, ob Eier im Nest waren oder nicht, er wollte nur wieder auf die Erde zurück, festen Grund unter den Füßen spüren und weiche Farnwedel um die bloßen Knie. »Mach weiter«, rief der Große John wieder, »du bist bald da.« Robin biß die Zähne zusammen. Er streckte sich und faßte den nächsten Ast über seinem Kopf. Die nächsten fünf Minuten kletterte er verbissen und gleichmäßig, zitterte aber so heftig, daß er sich kaum festhalten konnte. Das große Nest kam immer näher. Er konnte es durch die halbgeschlossenen Lider erkennen. Schließlich berührte Robins schmutzige Hand den Rand. Selbst jetzt wünschte er noch, unten zu sein, unten auf der guten festen Erde. Er gab sich einen weiteren Ruck, und die Hand faßte über den Rand hinweg. Die Finger fühlten kalte, trockene Blätter, und dann trafen sie auf etwas Hartes, Rundes und Warmes. »EIER!« schrie er. 109
»Gut gemacht!« rief der Große John hinauf. »Wie viele?« »Weiß nicht«, keuchte Robin. Er konnte die zitternden Finger nicht still halten. Nur zwei! Mit übermenschlicher Anstrengung gelang es ihm, eins zu nehmen; ohne es anzusehen, steckte er es in die Tasche. »Mach sie nicht kaputt«, rief der Große John. »Nimm sie in den Mund.« »Der Esel«, dachte Robin, »glaubt er, das wären Rotkehlcheneier?« Er blickte nach unten, und dieser einzige Blick hätte fast genügt, ihn abstürzen zu lassen. Die Brüder standen zwergenhaft klein am Fuß des Baumes, ihre Gesichter wie weiße Papierfetzen. Winzige Borkenstückchen, die sich unter seinen Füßen gelöst hatten, schwebten nach unten, der Verborgene Weiher sah nicht größer aus als ein Entenpfuhl. Robin hielt den Atem an, ihm war schwindlig. Wie eine riesige grüne Schüssel erstreckte sich nach allen Seiten der Forst von Brendon, jenseits sah er wellige Wiesen und das sonnenbestrahlte Hügelland. Die kleinen Bauernhöfe sahen wie Spielzeug aus. Er konnte den Park von Brendon erkennen und das große rote Herrenhaus zwischen seinen Terrassen und an einer Seite den See. Uff! Es war schrecklich! Er schloß wieder die Augen und begann abzusteigen, wobei er versuchte, nicht mit der Tasche an einen Ast zu stoßen. Einen hohen Baum hinunterzuklettern ist schlimmer, als ihn zu ersteigen, denn man muß nach unten schauen, um zu sehen, wohin man den Fuß stellt. Dieser Abstieg war wie ein Alptraum, tatsächlich tauchte diese Kletterpartie noch viele Jahre später in Robins Träumen auf und quälte ihn. Aber schließlich war das Schlimmste vorbei, Bäume und Büsche nahmen wieder ihr normales Aussehen an, er fühlte sich nicht mehr wie ein winziges Insekt am Rande eines Abgrunds. Immer tiefer ging es, und schließlich stand er auf dem 110
untersten Ast. Seine Füße tasteten nach dem dürren Kiefernstamm, und im nächsten Augenblick landete er mit gestreckten Füßen im weichen Farn. Was für ein Anblick! Seine Arme und Knie waren rot und wund, seine Augen voller Borkenstaub, das Gesicht kohlschwarz. »Zeig uns das Ei«, sagte der Große John eifrig, »zeig es her.« Robin steckte die Hand in die Tasche und zog das runde harte Ding heraus, das ihn soviel Mühe und Mut gekostet hatte. Da lag es in der Wölbung seiner harzverschmierten Hand, ein kostbarer Schatz. Es war beinahe rund, der weiße Untergrund war fast verborgen unter den üppigen rotbraunen Flecken. »Hah!« keuchte der Große John, »wie schön! Warum hast du nicht alle genommen?« »Du Esel«, Robin war empört, »es waren nur zwei, und eigentlich hätte ich auch dies nicht nehmen sollen. Aber ... aber nach diesem Aufstieg mußte ich es einfach.« Er nahm das Ei und drehte es hin und her. War nicht dieses Bussardei der kostbarste Preis, den es geben konnte? »O Gott«, stöhnte Robin unwillkürlich, »dieser schreckliche Aufstieg hat sich doch gelohnt.« »Was für ein schrecklicher Aufstieg?« fragte der Kleine John. »Es war doch ein leichter Baum, oder nicht?« »Ein leichter Baum«, antwortete Robin voller Verachtung. »Ich möchte einen von euch da oben sehen! Ich dachte, ich würde es nie schaffen. Man kann von oben meilenweit sehen, Brendon und die Hügel und den ganzen Forst.« Dann merkte er, daß seine Brüder sich hier unten auf der Erde diesen atemberaubenden Anblick nicht vorstellen konnten, sie konnten nicht ahnen, welche schrecklichen Qualen er da oben im Wipfel der Kiefer ertragen hatte. Aber jetzt spürte er in sich eine Glut, die ihn wärmte wie ein Feuer. Er hatte seine Feigheit und den Schwindel überwunden, sein Mut hatte den Sieg davongetragen. Und dieses kostbare Ei war es wert, es war ein unschätzbares Juwel. »Es fühlt sich ziemlich schwer an«, sagte der Große John, 111
der es gegen das Licht hielt. »Es wird schwierig sein, es auszublasen.« Robin nahm das Ei. »Gib es mir, du wirst es zerbrechen.« Über sich hörten sie wieder den Katzenschrei und sahen beide Vögel über den Eichen ihre Kreise ziehen. Sie bewegten die auffällig gestreiften und gefleckten Schwingen kaum. Robin beobachtete sie und kam sich plötzlich gemein vor. Schade, daß nur zwei Eier im Nest gewesen waren! Aber Bussarde legen allerhöchstens drei Eier. Vielleicht waren die Vögel darum so selten. Er betrachtete das Ei in seiner Hand. Es war eine Schande, es zu nehmen, eine elende Schande. Oben im Gipfel der Kiefer war ihm die wirkliche Bedeutung seiner Handlung nicht bewußt geworden. Es war ein so schönes Ei, und diese Tortur noch einmal durchzumachen, war undenkbar. Er hielt das Ei gegen das Licht, wie John es getan hatte. Wenn das Ei frisch ist, ist es durchscheinend. Aber durch dieses konnte man nicht hindurchsehen, es war wolkig und fleckig. Es fühlte sich auch komisch an. Dann schüttelte er es an seinem Ohr. Plötzlich wußte er, daß alles in Ordnung war. Er brauchte nicht daran zu denken, seinen Schatz zurückzubringen. Das Ei war faul. Wenn er es schüttelte, hörte er drinnen die Flüssigkeit platschen, das war ein sicheres Zeichen. Er atmete tief, es war ein zufriedener und erleichterter Seufzer. Es war, als sei er von einer freundlichen Vorsehung für seinen Mut belohnt worden. Er brauchte sich keine Gewissensbisse zu machen, weil er diese kreisenden Vögel, deren Existenz so gefährdet war, beraubt hatte. Als sie ins Lager zurückgekehrt waren, bliesen sie ihr kostbares Ei aus. Der Gestank war entsetzlich. Robin hatte später dieses Ei immer noch in seiner Sammlung, und immer wenn er es betrachtete, erinnerte er sich wieder an seine große Prüfung.
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Eine Woche nach Robin Hoods großem Abenteuer kam der Große John eines Morgens atemlos vor Aufregung ins Lager gerannt. Er hatte in der Nähe der Lichtung Brennholz gesammelt, da hatte er, so erzählte er, ein lautes Summen gehört, und als er aufblickte, hatte er eine dunkle Wolke von Bienen gesehen, die das Ende eines alten Eichenstumpfs umschwärmten. »Es sind Millionen«, keuchte der Große John, »sie schwärmen genau wie Rumbolds Bienen. Können wir den Schwarm nicht einfangen?« Die anderen sprangen auf und liefen hinter ihm her. Im strahlenden Sonnenschein, der eine der vielen kleinen Waldlichtungen überflutete, wies der Große John auf den Rest eines Eichenstammes. Er war offensichtlich hohl, und um seine Krone verdunkelten Bienen den Himmel wie ein kleiner Sandsturm. »In dem Baum ist bestimmt Honig«, sagte der Große John. »Wenn wir ihn nur herausholen könnten. Honig hält sich jahrelang, wenn die Waben nicht zerstört werden. Das wäre doch prima, wenn wir Honig hätten.« »Da fliegt der Schwarm«, rief der Kleine John aufgeregt. »Die alte Königin ist weggeflogen und hat ihren Anhang mitgenommen. Laßt uns hinterherlaufen.« »Das ist hoffnungslos«, sagte Robin, »sie können meilenweit durch den Wald fliegen, bevor sie sich sammeln.« Aber die Bienen flogen nicht weit. Mit einem tiefen Summen, das erschreckend klang, flogen sie über die Lichtung und ließen sich alle auf einem Weidenzweig nieder. Bald begann sich der Zweig unter der Last des großen braunen, ziemlich widerlich aussehenden Klumpens aus glitzernden Insekten zu senken. Schließlich sah es aus, als hinge da ein prall gefüllter Einkaufsbeutel. »Wenn wir nur einen Korb hätten, um den Schwarm aufzufangen«, rief der Kleine John. »Können wir keinen machen?« Robin saß in Gedanken versunken da und beobachtete den Schwarm, der jetzt regungslos dahing. »Ich hab's. Wir flechten einen aus Stroh wie den, den 113
Rumbold hat. Es geht ganz leicht. Ich hab einmal zugesehen, wie er es machte.« »Aber wir haben kein Stroh.« »Nein, aber wir können langes, trockenes Gras nehmen. Davon gibt es genug auf den Schneisen. Los, kommt!« Sie fanden genug dürres Gras und rissen ganze Arme voll davon aus. Robin begann, dicke Seile daraus zu drehen, so, wie er es bei Rumbold gesehen hatte. Bald hatten sie ein langes festes Seil. Nun wickelten sie daraus, während sie den Strang die ganze Zeit weiterdrehten, eine Art kegelförmigen Hut. Sie banden die einzelnen Runden mit Brombeerranken zusammen, und in erstaunlich kurzer Zeit hatten sie einen ganz fachmännisch aussehenden Bienenkorb hergestellt. »So, jetzt haben wir das Ding«, bemerkte Robin. »Ich wette, wenn wir auf die Lichtung kommen, sind die Bienen weg.« Aber sie waren nicht weg. Der große glitzernde Beutel hing immer noch an dem Weidenzweig, keine zwei Meter über dem Boden. »Es ist alles in Ordnung«, sagte Robin, der allerhand über die Lebensweise dieses geheimnisvollen Völkchens wußte, das so schwer arbeitet und in so geordneten Gemeinschaften lebt. »Ich glaube nicht, daß sie jetzt noch wegfliegen. Wir warten noch ein wenig, bis die Sonne untergeht, dann holen wir den Schwarm. Aber zuerst müssen wir überlegen, wohin wir ihn bringen. Wir dürfen ihn nicht zu nahe an unserem Baum haben. Wir verstecken den Korb irgendwo auf einer offenen Stelle in der Nähe, wo wir ihn vom Lager aus leicht erreichen.« Nach kurzem Suchen hatten sie die Stelle gefunden, sie war in zehn Minuten von der Eiche aus zu erreichen, und dort befand sich, als sei er eigens dort hingestellt, ein Eschenstumpf, der einen natürlichen Tisch bildete. Der Stumpf war etwas über einen Meter hoch, oben ziemlich eben, und darauf wollten sie den Korb stellen, nachdem sie den Schwarm eingefangen hatten. Robin löste ein wenig von ihrem kostbaren Zucker in 114
Wasser und bespritzte damit die Innenseite des Heukorbes. »Sie sollen sich zu Hause fühlen«, sagte Robin, »sie haben es gern, wenn der neue Korb innen süß riecht.« Jetzt mußten sie noch die Bienen einfangen, und es erforderte einigen Mut, sich dem glitzernden, krabbelnden Beutel zu nähern. Diese kleinen Wesen hatten genug Gift in sich, um die Jungen mehr als einmal zu töten. Aber sie hatten oft zugesehen, wie Rumbold einen Schwarm einfing, und hatten sogar dabei geholfen. Nie waren sie gefährlich gestochen worden. Als die Sonne fast untergegangen war, breiteten sie die Jacke des Kleinen John flach auf dem Boden aus und stellten den Korb darauf. Beides hoben sie dann auf einen flachen Lehmhügel. Am unteren Rand des Korbes ließen sie einen kleinen Eingang. Vor dieses Loch legten sie ein flaches Stück Holz, das sie mit einem weißen Taschentuch bedeckt hatten. Das Holz lag ein wenig schräg, so daß es eine kleine Leiter bildete, die zum Eingang führte. Dann schnitt Robin den Zweig oberhalb des Schwarms ganz vorsichtig durch. Er bewegte sich dabei ganz langsam und vorsichtig, so, wie er es bei Rumbold gesehen hatte, und ganz sanft senkte sich der Schwarm auf die ausgebreitete Jacke vor der »Leiter« zum Bienenkorb. Die Bienen fanden bald die kleine Brücke. Zuerst ging die Königin, und hinter ihr der ganze Zug. Es dauerte einige Zeit, bis alle Bienen hineingekrochen waren, aber sie taten so, als wüßten sie, daß hier ein neues Haus für sie bereitet war. »Ich kann mir nicht vorstellen, warum sie nicht wieder wegfliegen«, sagte der Kleine John, »ich finde, sie sind wirklich äußerst zuvorkommend.« Als es endlich dunkel war, hatten sich alle Bienen zu Bett begeben, und die Jungen trugen den Korb, in dem es ärgerlich brummte – zu der kleinen Lichtung und stellten ihn auf den Baumstumpf. Robin befestigte vor dem Eingang ein Brettchen, das als Landestelle dienen sollte. Sie zogen ganz vorsichtig die Jacke unter dem Korb weg, aber die meisten Bienen hatten sich, wie Robin vorhergesehen hatte, oben in der Wölbung niedergelassen. 115
Als sie die Stelle am nächsten Morgen besuchten, hatten sich die Bienen schon in ihrem neuen Heim eingerichtet und mit der Arbeit begonnen; sie flogen ein und aus, genau wie Rumbolds Bienen im Obstgarten daheim. »Wann werden wir denn Honig bekommen?« fragte der Kleine John. »Wie lang müssen wir noch warten?« »Nun, vielleicht bis August. Die Königin ist alt und wird eine Menge Eier legen.« »Was ist denn mit der jungen Königin?« fragte der Kleine John, der offensichtlich noch nicht viel über die Lebensweise der Bienen wußte. »Oh, die ist noch in dem alten Baum. Und dabei fällt mir ein, Jungs, wir müssen uns das alte Nest ansehen. Wenn wir nur in den Baum hineinkommen könnten, wir würden bestimmt pfundweise Honig finden.« Als sie den Eichenstumpf genau untersuchten, bemerkten sie, daß er, wie das meist bei Bäumen ist, in denen Bienen nisten, hohl war. Ein Mensch konnte aufrecht in der Höhlung stehen, und über dem Kopf konnte man das Summen des Bienenstocks hören. Das Holz schien faul zu sein, und sie hackten und stocherten so lange darin herum, bis sich ein Stück modriges Holz löste und ein paar Bienen aus dem Nest darüber herunterfielen. Eine landete auf Robins Hals und stach ihn prompt. Wenn sie den Honig nehmen wollten, mußten sie schnell handeln, denn die Bienen oben begannen, mißtrauisch zu werden. Die Jungen entzündeten in der Baumhöhle schnell ein Feuer und legten vermodertes Laub und Moos darauf, so daß ein dicker weißer Qualm entstand. Dieser kam bald oben aus dem Stumpf in einer dicken gelb-bläulichen Spirale herausgequollen, und die Bienen, die den erstickenden Gestank nicht ertragen konnten, begannen, das Nest zu verlassen und auf die umgebenden Bäume zu fliegen. Viele fielen halb betäubt innerhalb der Höhle zu Boden, und der Große John wurde dreimal in den Kopf und den Hals gestochen. Als aus dem oberen Loch keine Bienen mehr herauska116
men, machte sich Robin noch einmal an das faule Holz über seinem Kopf. Plötzlich gab es nach, fiel in Brocken herunter, und da waren die Waben, eine über der anderen, in vollkommen symmetrischen Lagen an der inneren Rinde des Eichenstumpfes festgeklebt. Die oberen Waben hatten eine tiefbraune, fast mahagonibraune Färbung. »Das sind die alten Waben«, sagte Robin, der jetzt die goldenen Schätze löste und seinen Brüdern herunterreichte. »Die oberen sind immer so dunkel. Die Bienen müssen jahrelang hier gewohnt haben. Mein Gott. Es muß fast ein halber Zentner Honig hier drin sein.« Und so war es auch. Der alte Honig schmeckte so gut wie der neue, obwohl er wohl zehn Jahre, vielleicht noch länger hier gelegen hatte. Mit Bienenstichen bedeckt und honigverklebt kamen die Vogelfreien mit ihrer Beute auf ihre Lichtung zurück. Sie verstauten die Waben in einer Höhlung ihres Eichbaumes und bedienten sich, sooft es sie danach gelüstete. Jetzt brauchten sie nicht mehr auf Süßigkeiten zu verzichten. Der Wald hatte sie versorgt. Die Bienen in ihrem Korb lebten sich gut ein und hätten den Vogelfreien ganz sicher im Herbst eine zweite goldene Ernte geliefert, hätte nicht irgendein Tier – Robin meinte, es wäre ein Dachs gewesen – eines Nachts den Korb aufgebrochen und sie aller Bienen beraubt.
KAPITEL 9
Bunting Für Tante Ellen und die Polizei war es unbegreiflich, wie Harold aus dem Witwensitz entkommen konnte. Sein Schlafzimmer war von außen abgeschlossen – hatte die Tante es nicht selbst am Morgen aufgeschlossen? Und eingehende Untersuchungen unter dem Fenster hatten 117
keine Spur von Fußabdrücken ergeben. Aber irgendwie war er aus dem Haus entkommen, und, was noch seltsamer war: er hatte verschiedene Sachen aus der Küche mitgenommen. Wachtmeister Bunting kam zu dem Schluß, daß die Brüder ins Haus eingebrochen waren, die Schlafzimmertür aufgeschlossen und die Küchenschränke geplündert hatten. Daraufhin wurden alle Fenster und Türen untersucht, aber es fand sich keine Spur, die verraten hätte, wie die Jungen ins Haus gekommen waren. Die Kohlenschütte wurde seit Jahren nicht mehr benutzt, man hatte sie ganz vergessen. Sie war hinter dem Strauchwerk verborgen und von außen nicht zu sehen. Aber hätte Wachtmeister Bunting sorgfältiger gesucht, wäre er bestimmt darauf gestoßen. Aber so wurde sie nicht gefunden, und für alle Beteiligten blieb die Sache vollkommen rätselhaft. Seitdem man die Jungen im Hochwald entdeckt hatte, wurden dieser und die angrenzenden Wälder natürlich sorgfältig überwacht. Aber die Flüchtlinge blieben auf so rätselhafte Weise verschwunden, wie sie gekommen waren. Tante Ellen hatte inzwischen aufgehört, sich aufzuregen. Sie hatte resigniert und ging mit einer Märtyrermiene umher. Seit der Treibjagd im Hochwald war die ganze Sache natürlich in die Schlagzeilen geraten, nicht nur in der örtlichen Presse, sondern auch in Londoner Zeitungen. In Leserbriefen wurden Vorschläge gemacht, wie man der Jungen habhaft werden könnte; manche waren recht originell. Der ›Morning Star‹ bot – auch aus Reklamegründen – eine beachtliche Belohnung für jeden Hinweis an, der zur Entdeckung der Jungen führen würde, und das brachte alle Amateurdetektive nah und fern auf die Beine. Der Wirt »der Jagdklause« klagte über das Ausbleiben der Stammgäste. Viele von ihnen waren draußen und durchsuchten Wiesen und Wälder. Sir William fuhr in seiner Verzweiflung an die Riviera und versuchte, alles zu vergessen. Wachtmeister Bunting aber, der sich gern als Held erweisen wollte, strich nach Einbruch der Dunkelheit um 118
den Witwensitz. Er glaubte, da die Jungen gekommen waren, um sich Lebensmittel zu holen, würden sie auch wiederkommen; man mußte nur aufpassen und abwarten. Er verbrachte manche mühsam durchwachte Nacht in den Büschen oder auf den verschiedenen Dachböden der Ställe in der Gesellschaft von Eulen, Ratten und Mäusen. Die Tage vergingen, keine Nachricht kam von den freiwilligen Helfern, und nach einer Weile begann sich der Schankraum der »Jagdklause« wieder allabendlich zu füllen, und es gab auch anderen Gesprächsstoff als »diese Bengels«. Wachtmeister Buntings Ruf war auf dem Tiefstand. Jedermann sagte, da könne man sehen, wie machtlos die Polizei sei und wie leicht es für Verbrecher sei, davonzukommen. Die Jungen hatten natürlich kein Verbrechen im Sinne des Gesetzes begangen, es sei denn, Rumbold hätte sie wegen Diebstahls anzeigen wollen. Aber das wäre natürlich nicht angebracht gewesen, denn die Jungen hatten die Flinte nicht »gestohlen«, sondern nur »geborgt«, und würden sie sicher in allen Ehren zurückgeben, sobald sie des Lebens im Wald müde waren. Man hätte sie vielleicht wegen Vagabundierens festnehmen können, sogar wegen Herumtreibens ohne ersichtliche Einkünfte zum Lebensunterhalt – falls Tante Ellens Behauptung stimmte: daß sie kein Geld bei sich hatten. Tatsächlich hatte der Kleine John aber fünfzehn Schilling in Silber in seiner Börse, so daß diese Anklage auch nicht standgehalten hätte. Es war alles sehr kompliziert. Tatsächlich war Tante Ellen ein wenig erleichtert, als sie hörte, daß man die Jungen im Hochwald gesehen hatte. Sie lebten also noch und waren gesund. Natürlich war es sehr unrecht von ihnen, einfach davonzulaufen, unrecht war ein viel zu schwacher Ausdruck; trotzdem war sie erleichtert. Der Juni zog sich in brütender Hitze dahin. Es war ein Heujahr wie noch nie. Eine Rekordernte. Die Landarbeiter verzehrten ihr Mittagsmahl an den Grabenrändern unter 119
den Hecken, und dabei bildete das Verschwinden der Jungen immer noch das Hauptgespräch. »Man wird sie im Hochwald fangen, ihr werdet sehen.« »Ich glaub nicht, daß die da sind, die verstecken sich auf irgendeinem Dachboden oben in Dower House.« Niemand dachte an den Forst von Brendon ... niemand außer Wachtmeister Bunting. Der Forst von Brendon lag zwar nicht mehr in Buntings Amtsbereich, aber er rief jeden Abend Wachtmeister Cornes im Gasthaus »Zu den Märtyrern« an, das sieben Kilometer von Cherry Walden entfernt war. Wachtmeister Cornes hatte sich auf Buntings Bitte hin in der Umgebung des Forstes von Brendon umgeschaut. Er hatte Smokie Joe, den Köhler, aufgesucht, aber Smokie hatte nichts bemerkt, er hatte auch keine Schüsse gehört und keine Anzeichen von Feuer gesehen. Das war nicht überraschend. Smokie Joe war nicht mehr der Jüngste, er sah nicht mehr gut und hörte noch schlechter. Eine ganze Horde von Vogelfreien hätte einen Kilometer von ihm entfernt kampieren können, und er hätte nichts gemerkt. Er blieb meist in der Nähe seiner kleinen Blockhütte. Nur samstags stapfte er gelegentlich die sechs Kilometer bis Cheshunt Toller, dem nächsten Dorf, machte dort seine spärlichen Einkäufe – und trotzte dem Spott der Dorfjugend. Er lebte allein mit seinem Hund, einer Mischung aus Spaniel und Terrier – dazu kamen noch ein paar Hühner und Schweine. Wasser holte er aus einem alten Brunnen hinter seiner Hütte und schoß gelegentlich ein Kaninchen oder einen Fasan. In harten Wintern hatte er auch schon einmal ein Reh gewildert, das er an Samuel Snigg, den Metzger in Cheshunt Toller, verkaufte. Smokie war ein verhutzelter, bärtiger kleiner Kerl mit einer häßlichen Geschwulst an der Nase. Zu jeder Jahreszeit trug er ein Lederwams, das von einem breiten Lederriemen zusammengehalten wurde, und einen komischen alten kegelförmigen Filzhut. Kurz gesagt, er war eine recht malerische Erscheinung. Sein ganzes Leben hatte er in Wäldern zugebracht, wie 120
schon seine Vorfahren seit vielen Generationen; Bäume lagen ihm im Blut. Im Dorf erzählte man sich, er sei ein Zauberer und könne Warzen und Kröpfe heilen. Aber seine schreckliche Nase, die ihn wie einen verhutzelten alten Zwerg aussehen ließ, konnte er offenbar nicht heilen. Seinen Hund liebte er wie einen Bruder, er war seine einzige Freude, sein ständiger Gefährte, sein Augapfel. Wenn er während der Sommermonate nicht mit seinen Meilern beschäftigt war, mähte er Gras auf den Schneisen in der Nähe seiner Hütte. Der Forst war für ihn kein Gegenstand der Bewunderung oder des Entzückens, aber seine Kenntnisse im Bereich der Natur waren umfassend, besonders über Vögel und Schmetterlinge wußte er viel. Hätte er das Kohlebrennen aufgeben und in eins der neuen Gemeindehäuser in Cheshunt Toller ziehen sollen – wie man ihm vorgeschlagen hatte – er wäre todunglücklich gewesen. Der Wald war sein Element, wie die See das des Seemanns. Vielleicht glich der Forst von Brendon wirklich manchmal der See. Smokie dachte das oft, wenn er in wilden Winternächten den Sturm in den Bäumen brausen hörte, oder im Sommer, wenn sich die mächtigen Eichen im Weststurm beugten und rauschten. Manche Leute behaupteten, Smokie sei ein reicher Mann und habe einen Schatz in seiner Hütte versteckt. Man rätselte darüber, wo er das Gold wohl verborgen hatte: in der Matratze, einem mit Farnkraut gefüllten Sack, oder irgendwo im Schornstein. Zweimal im Jahr, im Frühling und im Herbst, machte er gründlich sauber. Auf manche Weise war er einem Dachs sehr ähnlich. Er brachte die schmutzigen alten Säcke nach draußen, schüttelte das Farnkraut vom vergangenen Jahr heraus und füllte sie mit frischen getrockneten Wedeln. Sein Gewehr war ein alter Vorderlader, eine wunderliche Waffe mit einer trichterförmigen Mündung und einem Lauf, der mit Messingbändern an dem hölzernen, mit Kerben bedeckten Kolben befestigt war. Man erzählte sich, daß es einmal dem Wächter der Postkutsche London-Bren121
don gehört habe. Wie er dazu gekommen war, wußte niemand. So war der alte Smokie Joe: ein wenig Zauberer – wer sonst konnte ganz allein an einem solchen Ort leben? – ein Sonderling, halb Zigeuner, halb Wilddieb, der sich nichts aus menschlicher Gesellschaft machte, sich außerdem seines entstellenden Gebrechens bewußt war. Aber auch die anderen mieden ihn, Smokie, der ledern war wie eine alte Schildkröte, verhutzelt wie ein alter Affe, hart wie Eisen und, wie manche behaupteten, stark wie ein junger Mann. Niemand wußte, wie alt er war, Smokie selbst wußte es nicht. Die Zeit kümmerte ihn nicht, er ordnete seine Tage nach der Sonne und den Jahreszeiten. Wachtmeister Cornes bekam nichts aus Smokie Joe heraus. Nur sehr wenigen gelang das. Und Smokies Hund hätte den Wachtmeister beinahe ins Bein gebissen. Er lief mit einer von Wachtmeister Cornes Hosenklammern davon, und Cornes bekam sie nie zurück. Er war so wütend, daß er Smokie beinahe nach der Hundemarke gefragt hätte, besann sich aber noch rechtzeitig. Bunting, der Cornes nicht besonders mochte, weil dieser so melancholisch war und selten lachte, beschloß, selber in den Forst von Brendon zu fahren und sich dort umzuschauen. Man konnte nie wissen. Die Jungen waren vielleicht doch da, ohne daß Cornes oder Smokie Joe sie bemerkt hatten. Also holte der Wachtmeister eines Tages Anfang Juli sein Fahrrad heraus und verließ Cherry Walden in Richtung Brendon. Unglücklicherweise hatte er sich einen heißen Tag ausgesucht, es wurde wirklich der heißeste Tag dieses sehr heißen Sommers. Wir sehen ihn also, diese vierschrötige majestätische Gestalt, die Straße nach Brendon dahinstrampeln, korrekt in jeder Einzelheit seiner Uniform, die weißen Handschuhe vorn in den Uniformrock geschoben, die Knöpfe glänzend poliert, die blaue Tuchuniform – am Hosenboden schon ein bißchen glänzend – von Mrs. Bunting sorgfältig gebürstet. 122
Seht nur, wie diese mächtige Festung des Gesetzes unaufhaltsam die schattige Straße entlang unter den Linden vorrückt! Damals waren die Straßen noch nicht asphaltiert wie heute, es gab keine betonierten Autobahnen mit weißen Streifen. Die Straße nach Brendon war nur wenig breiter als ein Feldweg, und sie war weiß von Staub, der hinter Buntings Fahrrad wie eine kleine Rauchfahne hochwirbelte. Die Straße nach Brendon steigt und fällt abwechselnd durch eine freundliche, baumreiche Landschaft. Sie führt durch zwei Dörfer und über vier Kanalbrücken und überquert schließlich, kurz bevor sie das Wirtshaus »Zu den Märtyrern« erreicht, den Blindbach, den gleichen Bach, der seinen Ursprung in dem wunderbaren Blinden Weiher hat. Beim Wirtshaus »Zu den Märtyrern« hat der Bach schon viel von seiner Wildheit verloren, er fließt ruhig und klar in seinem Bett aus Kalkstein, wedelt mit den Mähnen der Wasserpflanzen und spielt in den breiten Schilffeldern, in denen die schneeweißen Dorfenten funkelnde Bahnen ziehen. Hinter der Brücke vor dem Wirtshaus fließt der Bach weiter durch freundliche Wiesen nach Brendon Park, dem Sitz des Herzogs von Brendon. Hier ist sein gezähmter Lauf den Blicken gewöhnlicher Sterblicher entzogen. Als Bunting die Brücke vor den »Märtyrern« erreichte, war es ihm heißer als je zuvor in seinem Leben. Er stieg ab, nahm den Helm ab und trocknete sich die Stirn mit einem sehr weißen Taschentuch. Während er dastand und in die kühlen Wasser des Blindbaches schaute, die in der Sonne funkelten, hörte er ein Fahrzeug herankommen. Er dachte zuerst, es wäre ein Traktor, aber dann ratterte das uralte Auto des Weißfischs um die Biegung. Es kam schüttelnd und stampfend durch die Hitze daher, ratterte in einer Staubwolke an Bunting vorbei und hinterließ diesen, von Kopf bis Fuß mit weißem Kalkstaub bedeckt. Der Pfarrer, der seine ganze Aufmerksamkeit darauf 123
gerichtet hatte, sein erstaunliches Vehikel in der Mitte der engen Brücke zu halten, hatte Bunting nicht einmal gesehen. Dieser beobachtete, wie die stampfende Maschine bei den »Märtyrern« keuchend um die Ecke bog, klopfte sich mit dem Taschentuch den Staub von der Uniform und schwang sich wieder aufs Rad. Es war kurz nach Mittag. Diese Tatsache wurde von der Kirchturmuhr verkündet. Bunting war nicht nur sehr erhitzt, er war auch sehr durstig. Obwohl ein Polizist im Dienst keine alkoholischen Getränke zu sich nehmen darf, waren die Umstände in diesem Fall doch außergewöhnlich. Er würde sich, bevor er in den Wald fuhr, in den »Märtyrern« einen genehmigen. Er lehnte sein Rad unter dem Wirtshausschild, auf dem ein bärtiger Mensch im Nachthemd und von Pfeilen durchbohrt abgebildet war, an die Wand und betrat den kühlen Schankraum, in dem es nach Bier roch. Der Raum war leer, denn es war noch früh. Ausgezeichnet; er konnte also einen trinken. Der Wirt, der zufällig Buntings Schwager war, hieß ihn herzlich willkommen, und als Bunting einen halben Liter bestellt hatte, stieg er in den kleinen kühlen Keller hinter der Theke hinunter, wo an der geweißten Wand nebeneinander drei Fäßchen standen. Das Geräusch des Biers, das langsam in den großen Humpen floß, war himmlische Musik. Bunting zog an seinem gewichsten Schnurrbart und starrte feierlich die ausgestopfte Forelle über dem offenen Kamin an. Im Schankraum herrschte eine seltsame Beleuchtung. Das Sonnenlicht wurde draußen von der grellweißen Kalkstraße reflektiert und fiel schräg von unten durch die Fenster. Fliegen umkreisten träge einen Fliegenfänger, der von der Gaslampe mitten im Raum herunterbaumelte. Bunting hielt den Blick fest auf die Dorfstraße gerichtet, für den Fall, daß jemand sehen sollte, wie er seinen Durst stillte. »Heiß heute, Tom«, sagte der Wirt und stellte den kühlen, schäumenden Krug auf den Tisch und fuhr mit einem Lappen über die Theke. 124
»Stimmt, Ernie.« Bunting ergriff den Humpen und leerte ihn hastig. »Ich hab unter der Brücke da 'ne schöne Forelle gesehn.« »Ja, da gibt's schöne Fische.« Der Wirt schnüffelte und schenkte sich auch einen Viertelliter ein. »Das beste, was man an so einem Tag sein kann«, sagte Bunting: »ein Fisch. So schön im Kühlen herumschwimmen.« »Tja. Na Tom, wie geht's denn?« »Ach, so-so, Ernie. Mabel geht's gut und den Kindern auch. Ich soll dich von ihr grüßen, sie hätte dich schon seit Weihnachten nicht mehr gesehen.« »Ihr habt wohl nichts mehr von den jungen Herrchen gehört?« fragte der Wirt. »Es steht in allen Zeitungen; aber das weißt du ja.« »Nein, noch nicht«, antwortete Bunting und schüttelte feierlich den Kopf. »Ist aber nur eine Frage der Zeit, nur eine Frage der Zeit, Ernie.« »Würd mich nicht wundern, wenn sie im Forst wären«, sagte der Wirt. »Die Frau sagt, sie vermutet, daß sie da drin sind. Es ist ein großer Wald.« Bunting schüttelte wieder den Kopf. »Cornes hat sich immer wieder da rumgetrieben, hat aber nichts gesehen. Smokie Joe hat sie wohl auch nicht gesehen?« »Smokie Joe!« der Wirt lachte. »Smokie Joe würd nicht mal sehen, wenn 'ne ganze Armee auf seiner Türschwelle säße. Willst du dich mal im Forst umgucken, Tom? Ein heißer Job an so einem Tag!« »Ich weiß noch nicht.« »Ich will ja nicht neugierig sein, Tom«, sagte der Schwager, »aber es könnte sich lohnen, wenn du dich mal umschaust. Unter uns gesagt«, fügte er hinzu und lehnte sich dabei über die Theke, »Cornes ist nicht gerade ein eifriger Beamter, du weißt, was ich meine, nimmt's ein bißchen zu leicht. Ein netter Kerl, o ja, ich hab nichts gegen ihn. Aber er macht's sich entschieden zu leicht. Denk nur an 125
die Heuschober Seiner Gnaden in Yoho, die vor zwei Jahren angezündet wurden – na, ich meine nur ...« Bunting hatte nicht die Absicht, über einen Kollegen zu diskutieren, nicht einmal mit seinem Schwager. »Also Ernie, ich mach mich mal wieder auf die Beine. Vielen Dank, du weißt schon wofür.« Bunting zwinkerte und wies mit dem Kopf auf den Humpen. »Ich schau auf dem Heimweg noch mal vorbei.« »Wiedersehn, Tom. Bis später.« »Tschüß!« Bunting trat aus dem kühlen Schankraum und hatte das Gefühl, in ein Treibhaus zu kommen. Er blies die Backen auf und strich sich verstohlen über den Schnurrbart. Er wünschte, er hätte die Sache auf einen kühleren Tag verschoben. Es war noch ein gutes Stück bis zum Forst. Er bestieg sein Fahrrad von hinten. Er stellte den linken Fuß auf die Hinterradachse, stieß sich mit dem rechten Fuß ab, schwang sich hoch und ließ sich mit eindrucksvoller, fast anmutiger Würde auf den Sattel heruntersinken. Bald war nichts mehr zu hören als das knirschende Schleifen der Räder auf der staubigen Straße. Sein blauer Schatten glitt vor ihm her; er hatte das Gefühl, als bohre sich die Sonne in seinen breiten Rücken. Hinter dem Wirtshaus »Zu den Märtyrern« verläuft die Straße mindestens drei Kilometer ohne Bäume, bis man den Ort erreicht, der sich des eigenartigen Namens Yoho erfreut. Auf dieser Strecke reichen zu beiden Seiten Kornfelder bis an die Straße heran, eingefaßt von niedrigen Mauern aus dem Kalkstein der Gegend. Diese Steinwälle schienen die Hitze zurückzustrahlen, so daß die Straße wirklich einem Backofen glich. Lerchen trillerten in der Höhe, und auf den Gatterpfosten saßen Grauammern und verfolgten Bunting mit ihrem aufreizend monotonen Gezwitscher. Kein Baum! Nur ein zwei Hände breiter Schatten von der linken Mauer, und der lag auf dem staubigen Grasrand. Bunting erreichte den Anfang einer langen Steigung und stieg ab. Jetzt aber! Die Straße streckte sich vor ihm wie ein 126
weißes Band in die Ferne, eingefaßt von ihren Steinwällen, bis sie am Ende auf das harte, unerbittliche Blau des Himmels stieß. Das Weiß des sonnenbestrahlten Kalksteins blendete ihn, ihm war schwindlig. Seine Hose war jetzt grau statt blau, und der Schweiß, der unter seinem Helm hervorrann, bildete auf seinen glattrasierten Wangen häßliche Rinnsale. Aber schließlich war die Kuppe des Hügels erreicht, und unter sich sah er den Flecken Yoho und dahinter zu seiner Linken den Forst von Brendon wie eine lange niedrige Wand von dunklen Bäumen. Bevor er den Ort erreichte – er bestand außer dem Haus des Arztes nur aus sechs Häusern, hatte weder eine Kirche noch einen Laden – kam er an einen Seitenweg, der auf den Wald zuführte. Wenige Augenblicke später hatte er die Ausläufer des Forstes erreicht. Dieser Weg führte in gerader Linie auf einer Länge von zwei Kilometern durch den Wald hindurch und schnitt so eine Ecke ab. Über der weißen Oberfläche schien die Luft zu zittern und zu tanzen, ihm kam es so vor, als schwankten die Bäume auf und ab. Schmetterlinge flogen von einer Seite zur ändern. Weit hinten an einer Seite erblickte er ein zitterndes Bild. War es ein Zigeunerwagen? ein Karren? eine Dampfwalze? Als er näher herankam, sah er, daß es ein Auto war, und ein wenig später, daß es das Auto des Pfarrers war. Wie ärgerlich! Hätte Bunting gewußt, daß der Pfarrer in den Forst fuhr, hätte er ihn bitten können, ihn mitzunehmen, und hätte sich diese schreckliche Radtour erspart. Ohne Zweifel war der Pfarrer hinter Schmetterlingen her. Als er das Auto erreicht hatte, schaute Bunting seitlich durch das Wildgatter. Tatsächlich, da war der Weißfisch. Er lief in ziemlicher Entfernung einen breiten, grasbewachsenen Waldweg entlang und verfolgte ein unsichtbares Insekt. Bunting nahm den Helm ab und trocknete sich den Schädel. Der Pfarrer hätte sich eine bessere Freizeitbeschäftigung aussuchen können, als hinter Schmetterlingen herzurennen ... zum Beispiel Golf, das hätte Bunting verstanden, aber Schmetterlinge und Käfer...! 127
Er hatte keine besondere Lust, dem Pfarrer zu begegnen. Er wollte die Straße entlanggehen, bis er zur nächsten Schneise kam, die, wie Cornes ihm gesagt hatte, auf die Hütte von Smokie Joe zuführte. Bunting war entschlossen, Smokie persönlich aufzusuchen und zu sehen, was er aus ihm herauskriegen konnte. Bunting war nicht ganz sicher, daß diese zweite Schneise die richtige war. Schließlich hatte er sie erreicht, schob sein Fahrrad durch das Wildgatter und lehnte es gegen eine Hecke. Wäre diese Schneise nicht so schmal und uneben gewesen, wäre er mit dem Rad gefahren, aber so schien es ihm besser, zu Fuß zu gehen. Cornes hatte gesagt, zu Smokies Hütte wäre es nicht mehr als ein knapper Kilometer. Bunting hatte geglaubt, es würde im Wald kühler sein, aber das stimmte nicht. Es war nicht nur heiß, bei jedem Schritt, den er tat, scheuchte er einen Schwarm von Fliegen auf, die seinen Kopf umsummten. Sie schienen nur auf ihn gewartet zu haben. Sie kitzelten ihn an den Ohren, an der Nase, verfingen sich in seinem Schnurrbart, krabbelten in dem kurzen Haar in seinem Nacken nach oben. Wenn er den Mund öffnete, um zu schnaufen, kamen sie ihm in den Hals. Er schnitt sich eine Gerte ab, wedelte damit heftig vor seinem Gesicht herum, was ihm einige Erleichterung verschaffte, aber immer noch brach die eine oder andere Fliege zu ihm durch. Ihr wahnwitziges Gesumm machte ihn fast verrückt. Die Schneise wurde immer schmaler und schrumpfte zu einem Pfad, zu einem wenig begangenen Pfad. Dieser teilte sich plötzlich. Bunting nahm die rechte Abzweigung, es gab keinen Hinweis dafür, welcher Weg der richtige war. Dann teilte der Pfad sich noch einmal. Das konnte nicht der Weg zu Smokie Joes Hütte sein. Er mußte zurück. Er drehte sich um und ging den Weg, den er gekommen war, zurück; plötzlich war er nicht mehr sicher, ob er wirklich schon hiergewesen war. Salweiden und Dornengestrüpp begleiteten ihn an beiden Seiten. Er kam 128
an eine Salweide, die quer über den Pfad gestürzt war. Jetzt wußte er: auf diesem Pfad war er vorhin nicht gewesen! Wachtmeister Bunting hatte sich verirrt, verirrt im elftausend Morgen großen Forst von Brendon! Er wußte nicht mehr, in welcher Richtung die Landstraße lag, und nur die Sonne konnte ihm weiterhelfen. Wachtmeister Bunting war wütend. Dieser blöde Idiot Cornes, Cornes hätte mitkommen und ihm den Weg zeigen sollen. Vielleicht traf er auf diesen verrückten Pfarrer. Erschöpft blieb er stehen. Der Himmel mochte wissen, wo er sich befand. Die Luft war erfüllt vom leisen spöttischen Summen der Fliegen, in den Tiefen des Gesträuchs ließ ein melancholisches Rotkehlchen ein paar traurige Töne fallen. Er roch das heiße Laub, das trockene Gras und die glänzenden Kuppeln der Eichen. Ein Eichelhäher kreischte, er sah ihn einen Augenblick zwischen dem Eichenlaub auftauchen. Plötzlich lief ihm der Schweiß unter dem Helm herunter. Wachtmeister Bunting kam sich dumm vor. Ein Polizist in voller Uniform mitten im Forst von Brendon! O Gott, wenn er nur diese Jungen schnappen könnte. Statt daß die Hitze im Laufe des Nachmittags nachließ, wurde sie nur noch drückender. Noch nie in seinem Leben hatte Wachtmeister Bunting eine solche Hitze erlebt. Er hatte hier einen freundlichen Schatten erwartet, einen angenehmen Spaziergang durch den Wald zu Smokie Joes Hütte, ein nützliches Gespräch und eine schöne Heimfahrt in der Kühle des Abends. Er dachte an den Blindbach. Wie er sich nach einem Bad sehnte! Bunting war ein großartiger Schwimmer. Er hatte bei einem Polizeisportfest einmal einen Preis für Wasserpolo gewonnen. Ermattet stapfte er weiter. Irgendwann mußte er doch auf eine Art Straße stoßen. Sein einziger Wunsch war jetzt, aus dem Wald herauszukommen. Er haßte die Bäume, die Büsche und diesen endlosen Farn. Einige Kiefern mit dunklen Mähnen tauchten über den 129
Eichen und Weiden auf. Die hatte er bestimmt noch nicht gesehen! Dann verlief sich der Pfad, dem er folgte, in einem Gewirr von Farnkraut und Brombeersträuchern, und siehe da!... er befand sich am Rand des Verborgenen Weihers. Das war eine Überraschung. Er hatte natürlich von dem Weiher als dem Ursprung des Verborgenen Baches gehört, aber er hatte ihn noch nie gesehen. Und plötzlich lag er hier vor ihm, ein dunkles stilles Gewässer, das unglaublich tief und kühl wirkte mit seinen weißen Seerosen, die sich der Sonne weit öffneten. Moorhühner flitzten ins Schilf, als er aus den Büschen trat, und eine Wildente floh laut quakend zum anderen Ende. Sie konnte nicht richtig fliegen, weil sie sich gerade mauserte. Sie humpelte flatternd mit großem Getöse über die Oberfläche des Wassers und verschwand schließlich in einem Weidengestrüpp. Das aufgewühlte Wasser beruhigte sich wieder. Kein Vogel rührte sich. Bunting hatte das Gefühl, daß viele kleine Wesen ihn beobachteten. Aber ach, das Wasser! Das dunkelgrüne Wasser, über dem die Mücken spielten und tanzten! Hier würde er jedenfalls eine Weile ausruhen, und er wollte schwimmen, ja, schwimmen! Ganz allein und ungesehen würde er, Wachtmeister Bunting, wieder ein Mensch sein. Einen Augenblick später lagen Helm, Jacke und Hose auf dem Boden. Er riß sich das Hemd über den Kopf; Stiefel und Socken, Unterhemd und Unterhose folgten. In der Nähe lag ein bemooster Baumstamm halb im Wasser. Bunting schritt diesen Stamm entlang. Seine Füße waren bloß, riesige schmutzige Füße, staubig vom Staub der vielen Kilometer seit Cherry Walden, befreit jetzt aus ihrem verschwitzten Gefängnis! Das Moos war elastisch, kühl, weich wie Samt. Wachtmeister Bunting stand jetzt hochaufgerichtet am Ende des Baumstamms. Das Wasser unten war tief, ein Schwarm silbriger Fische flitzte erschrocken davon. Jetzt 130
hob er die Arme über den Kopf. Bereit zum Sprung stand er da, nackt, weiß, mit rundem Bauch und ausgestreckten Armen in der heißen Sonne. Dann sprang er, das eisige Wasser schloß sich über seinem Kopf. Einige Meter vom Ufer entfernt kam er hoch, schüttelte sich wie ein fröhlicher Terrier das Wasser aus Nase und Ohren und schwamm los. Wie herrlich! Wie unbeschreiblich herrlich! Die Fahrt, diese lange Fahrt von Cherry Walden hierher hatte sich doch gelohnt. Ja, es hatte sich gelohnt! Seit Jahren war er nicht mehr geschwommen! Bunting kraulte quer durch den Weiher, drehte dann um und schwamm langsam im Bruststil zurück. Das Wasser spielte um seinen Mund. Er durchquerte einen Mückenschwarm, er roch den seltenen, blättrigen Tang der Waldgewässer. Er streifte die Seerosenfelder – spürte ein paarmal die unheimlich schlangengleichen Windungen ihrer Stengel an seinen stoßenden Beinen. Er drehte sich auf den Rücken und ließ sich wie ein gekentertes, bauchiges Boot treiben und starrte in das sommerliche Blau. Oh, es war himmlisch! einfach himmlisch! Der Schweiß, die staubige Straße, die Gluthitze, die Fliegen, die Dornen–alles lag hinter ihm. Träumerisch ließ er sich treiben, ruderte mit leicht nach innen gebogenen Handflächen wie ein Waldschrat und starrte dabei in den Himmel. Wieder schrie in der Ferne ein Eichelhäher, nur einmal, dann lag wieder eine träumerische Stille über diesem Ort, diesem Paradies. Er ließ sich in den Schatten treiben, wo das Wasser plötzlich kalt wurde, das blendende Licht ausgesperrt war. Weidenzweige hingen über ihm. In der Nähe klagte ein Wasservogel. Oh, diese Erfrischung des stillen Wassers! Oh, diese kühle Umarmung des Verborgenen Weihers, die ihn emporhob!
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KAPITEL 10
Der Weißfisch Als Weißfischs Blechungetüm mit einem letzten japsenden Rülpser zum Stillstand kam, griff er als erstes auf den Rücksitz, um das Schmetterlingsnetz zu holen. Es war ein grünes Netz mit verstärkter Rute, das beste der Firma Watkins & Doncaster. Die zweite Handlung bestand darin, daß er sich seinen Rucksack über die Schulter warf, der folgendes enthielt: eine Flasche helles Bier, ein dickes Paket Schinkenbrote, ein hartgekochtes Ei und Radieschen und als letztes, sorgfältig in Seidenpapier eingewickelt, einen Hühnerschenkel. Seine »Alte« war doch ein richtiger Schatz. Ohne sie wäre er arm dran. Das hatten ihm schon mehrere Leute, einschließlich Tante Ellen, gesagt. Als ob er das nicht wüßte! Aus den Eingeweiden des Wagens kamen seltsam gurgelnde Laute, so daß der Weißfisch nach vorn ging und den Kühler fast zärtlich betrachtete. Er kochte beinahe, der Arme, und das war an einem solchen Tag kein Wunder. Aber bald, so überlegte er, würden die Eichen Schatten geben, und der alte Wagen würde abkühlen. Er stieg über das Wildgatter und ging nahe an dem seitlichen Gebüsch die Schneise entlang. Seine Augen, sehr scharfe Augen, nahmen jede Einzelheit am Laub und im Geäst wahr. Hier war eine schöne Salweide! Genau das Richtige für einen Großen Schillerfalter. Und doch hatte er in diesem Forst noch nie einen gesehen. Sein großer Ehrgeiz war, ihn eben hier zu finden. Der Große Schillerfalter war einer der wenigen Falter, die er noch nie gesehen hatte. Er untersuchte den Busch genau, bog die Zweige, so daß sich die weichen hellen Unterseiten der Blätter seinem durchdringenden Blick darboten. Aber alles, was er entdeckte, waren Käfer, seltsame hammerköpfige Käfer. Er ging weiter, arbeitete sich langsam vorwärts, beäugte wie ein Vogel das kleinste Blättchen. 132
Immer wieder suchte er mit dem Blick die Kronen der Eichen ab, bis seine Augen schmerzten. Wie dumm, daß er seine Sonnenbrille zu Hause vergessen hatte. Die »Alte« konnte wirklich nicht an alles denken... Wie still und heiß der Wald unter der brennenden Julisonne lag. O, wenn doch ein Schillerfalter auftauchte! Ein rotbrauner Schmetterling kam über das Gebüsch gegaukelt und ließ sich auf einer Brombeerblüte nieder. Es war ein Fleckenfalter – auch nicht zu verachten. Der Weißfisch schlug mit dem Netz nach dem Schmetterling, verpaßte ihn aber. Dann verfolgte er ihn noch eine Zeitlang die Schneise hinunter, bis der Falter schließlich hinter einem Haselgebüsch verschwand. Schade! Es war ein schönes Exemplar gewesen... Er ging weiter, erst diesen Weg, dann einen anderen entlang. Die Augenfalter schlüpften gerade. Überall flatterten sie herum, lauter Augenfalter, langweilige Augenfalter. Sie saßen im warmen Gras und schienen ihn mit ihren frechen Augenflecken an den Spitzen ihrer Flügel anzuschauen... Er kam an die Stelle, wo zwei Hauptschneisen sich kreuzten. Hier waren die Eichen groß und gerade gewachsen, schöne Bäume. Es gab auch Salweiden hier, überall Dickichte von Salweiden. Der richtige Ort für den Großen Schillerfalter! Und dann ... sah er ihn. Ganz plötzlich sah er ihn, das herrliche, königliche Insekt seiner Träume! Es kam ihm den Weg hinunter entgegen und ließ sich für einen Augenblick auf einem Blatt nieder. Dann, als er, zitternd vor Aufregung, näher kam, schwang es sich himmelwärts in die Krone einer Eiche. Da konnte er es sehen, wie es, weit außerhalb seiner Reichweite, um einen der obersten Zweige herumgaukelte, ihn zu verspotten schien, der Unerreichbare, das Juwel, der König der Schmetterlinge! Wahrhaft majestätisch die Form, die Farbe und die Flugfiguren. Die alten Insektenforscher hatten diesen Schmetterling »Kaiserliche Majestät« genannt. Sie hatten recht, die alten Knaben; es war wirklich ein kaiserliches Insekt. Der 133
Weißfisch stand unten und schaute zu dem Schmetterling hinauf wie ein Fuchs, der einen Fasan auf einem Baum beobachtet. Aber das verflixte Insekt kam nicht herunter. Nach einer Weile verschwand es aus seinem Blickfeld, und er sah es nicht wieder. Er seufzte tief. Zum mindesten hatte er es gesehen und konnte den Jungen erzählen – falls er die je wieder sah – daß der »Apatura Iris« tatsächlich im Forst von Brendon vorkam. Wenn er nur ein altes Kaninchen hätte, das er als Köder aufhängen könnte! Das wäre das Richtige. Oder vielleicht stieß er auf eine Pfütze. Schillerfalter lieben Feuchtigkeit... Wenn er früh am Morgen herkäme; hatte er vielleicht eine Chance. Er zog seine Bierflasche und seine Butterbrote heraus und stellte dann fest, daß er den Flaschenöffner vergessen hatte. Also mußte er die Flasche mit dem Messer öffnen – o Gott, sein Gedächtnis! Es wurde immer schlimmer damit, wie seine Haushälterin sagte. Schließlich hatte er seine geruhsame Mahlzeit beendet und machte sich wieder auf die Suche. Er verließ die Hauptschneise und wanderte auf den Verborgenen Weiher zu, von dem er wußte, daß er links von ihm lag. Genau wie Bunting, der sich nicht weit von ihm entfernt durch das Gehölz kämpfte, begann der Weißfisch, schrecklich unter der Hitze zu leiden. Aber er brauchte nicht lange, bis er den schmalen Pfad erreichte, von dem er wußte, daß er zum Verborgenen Weiher führte. Warum sollte der Große Schillerfalter nicht dort sein? Er konnte sich gut vorstellen, wie er wie ein großes schwarz-weißes Blatt durch den heißen Sonnenschein herunterschwebte, um an dem sumpfigen Ufer zu trinken. Als er sich dem Weiher näherte, glaubte er einmal, links vom Pfad im Unterholz eine Bewegung wahrzunehmen. Das Farnkraut zitterte, als bahne sich ein Tier dort seinen Weg, aber gleich darauf war alles wieder still. Vielleicht ein Reh oder ein Kaninchen... Schließlich stieß er durch die Büsche und sah den Weiher vor sich liegen, schweigend und verlassen wie gewöhnlich, obgleich sich viele kleine Wellen 134
kreisförmig ausbreiteten, die unter den Weiden ihren Ursprung zu haben schienen. Wassergeflügel, dachte er, das in Deckung gegangen ist. Aber durch die Sonnenglut schwebte kein Großer Schillerfalter, keiner trank am dunkelgrünen Ufer. Nachdem er eine Zigarette geraucht und einen Zug aus der Bierflasche getan hatte, ging der Weißfisch auf dem Pfad, den er gekommen war, wieder zurück. Die Sonne stand schon im Westen, und als er sein Auto erreichte, waren die meisten Schmetterlinge schon schlafen gegangen. Das alte Auto erwartete ihn am Gatter wie ein geduldiges Pferd und sprang bei der ersten Drehung der Handkurbel an. Es bebte, dröhnte und blies ätzenden blauen Qualm aus seinem Hinterteil. Der Weißfisch warf seinen Rucksack auf den Rücksitz und das Netz hinterher. Der Rucksack fiel vom Sitz auf den Boden, aber der Weißfisch drehte sich nicht danach um. Er legte den Gang ein, und dann ging es in einer Staubwolke die gerade weiße Straße hinunter. Er hatte den Großen Schillerfalter gesehen! Er konnte an nichts anderes denken. Er würde versuchen, während des heißen Wetters wiederzukommen. Er würde ein gut abgehangenes Kaninchen mitbringen und es in einer der Eichen aufhängen. Die schnaubende Karre ratterte dahin, und bald lag der Forst von Brendon weit zurück. Das Wirtshaus »Zu den Märtyrern« flog vorüber, der hemdsärmelige Ernie stand in der Tür; weiter ging es über die Brücke, hügelauf und hügelab durch die abendliche Luft, die jetzt so kühl und weich geworden war. Weiße Enten flatterten, erbost quakend, fast in die Räder hinein, Hühner, Katzen und Hunde flohen nach rechts und nach links, die duftende Abendluft stank noch nach den Auspuffgasen, lange nachdem der Wagen verschwunden war. Schließlich erblickte der Pfarrer den Turm seiner uralten Kirche über den Wipfeln der süßduftenden Linden, und einen Augenblick später fuhr er in den Wirtschaftshof des Pfarrhauses. Es war ein interessanter Tag gewesen, ein 135
sehr interessanter Tag! Nur schade, daß er nicht die Zeit gehabt hatte, Smokie Joe zu besuchen. Die alte Haushälterin kam eifrig heraus, um ihn zu begrüßen. »Na, Herr Pfarrer, da sind Sie ja gesund und munter zurück. Hoffentlich haben Sie einen schönen Tag gehabt und all ihre Sachen wieder mitgebracht.« »Ja, ja, ein interessanter Tag, aber heiß, wissen Sie, schrecklich heiß.« Die Alte öffnete die hintere Tür des Wagens und zog den Rucksack heraus. Dann fielen ihr beinahe die Augen aus dem Kopf, und der Kropf tanzte auf und ab. »Aber, Herr Pfarrer ... was ... was haben Sie denn da?« »Wie? Wie? Was sagen Sie da?« Der Weißfisch kam eilig an ihre Seite. Auf dem Rücksitz lagen eine blaue Tuchhose, ein Paar Socken, Unterhose und Unterhemd und eine Uniformjacke. Die Uniformjacke eines Polizisten! »Das verstehe ich nicht! Das verstehe ich nicht!« sagte der Weißfisch immer wieder mit schwacher Stimme. »Ich hab's nicht dahin getan. Ich versteh es nicht.« Die Haushälterin zog die Jacke heraus, deren Brusttasche voller Papiere steckte. Eine kurze Prüfung verriet den rechtmäßigen Besitzer. »Wachtmeister Buntings Uniformrock«, stammelte der Weißfisch ungläubig. »Ich hab ihn den ganzen Tag nicht gesehen. Wie um Himmels willen kommen seine Sachen in mein Auto?« »Das möchte ich auch wissen«, sagte die Haushälterin grimmig. »Ich vermute, das ist wieder Ihre Zerstreutheit, Herr Pfarrer.« Wie seine Sachen in das Auto des Pfarrers kamen, hätte auch Bunting gern gewußt, als er nach Cherry Walden zurückkehrte, bekleidet mit einer geliehenen Hose. Bunting, der unter den Weiden des Verborgenen Weihers auf dem Rücken im Wasser trieb, hörte von jenseits des Weihers das Knacken von Ästen. Er drehte sich wie eine 136
große weiße Schildkröte um und hielt sich an einem Weidenzweig fest. Wasserkäfer kitzelten ihn an den Beinen. Er spähte unter den Blättern hindurch. Lieber Himmel! Da kam jemand durch die Büsche. Dann sah er mit klopfendem Herzen über dem Unterholz ein Schmetterlingsnetz auftauchen, und gleich darauf kam die untersetzte Gestalt des Weißfischs zum Vorschein. Bunting sah, wie er stehenblieb und sich umschaute; er blickte auch einmal in Buntings Richtung, sah ihn aber nicht. Was für ein Glück, denn wäre der Pfarrer nur ein paar Minuten früher aufgetaucht, hätte er ihn, Bunting, wie einen Wal mitten im Weiher in der Sonne treiben sehen. Aber was, wenn der Pfarrer seine Kleider entdeckte? Er hatte sie auf der gegenüberliegenden Seite, nicht weit vom Standort des Pfarrers entfernt, unter den Haselbüschen versteckt. Er sah, wie der Weißfisch sich eine Zigarette ansteckte und sich auf dem farnbewachsenen Ufer niederließ. Und während der ganzen Zeit wagte der unglückliche Bunting nicht, sich zu rühren, denn bei jeder Bewegung breiteten sich Wellenkreise aus, die seine Stellung verrieten. Schließlich stand der Weißfisch auf, warf seinen Zigarettenstummel weg und verschwand zwischen den Bäumen. Er war weg! Gott sei Dank! Bunting seufzte tief vor Erleichterung. Wie außerordentlich peinlich wäre es gewesen, wie hätte er dagestanden, hätte der Weißfisch ihn dabei ertappt, wie er pudelnackt im Verborgenen Weiher schwamm! Bunting war fast eine Stunde im Wasser gewesen und war jetzt froh, herauszukommen. Dieser blöde Pfarrer! Warum mußte er ausgerechnet hier auftauchen. Er stelzte vorsichtig durch das Farnkraut zu der Stelle, wo er seine Kleider gelassen hatte. Plötzlich blieb er wie angewurzelt stehen. Sein Hemd war da, auch seine Stiefel, die Handschuhe und der Helm, aber das war auch alles. Der Rest der Kleider, die blaue Tuchhose, sein Uniformrock, Unterhemd und Unterhose waren weg. Der unglückliche Mann war so verdutzt, daß er sich nicht rühren konnte. Entsetzt schaute er sich um. Vielleicht hatte 137
ein Tier das Zeug verschleppt, vielleicht ... er fühlte, wie eine kalte Hand nach seinem Herzen griff – vielleicht hatte der Weißfisch sie in einem Anfall seiner berüchtigten Zerstreutheit mitgenommen. Aufgeregt ergriff er sein Hemd und zog es an, bevor es weggezaubert wurde. Er zitterte jetzt, nicht vor Kälte, denn das war an einem solchen Tag unmöglich, sondern vor Aufregung. Er zog seine Stiefel an, setzte den Helm auf und begann aufgeregt das Ufer des Weihers abzusuchen, er suchte unter jedem Busch, jedem Baum, hinter jedem Schilfbüschel. Aber er entdeckte keine Spur der fehlenden Kleidungsstükke. Der Pfarrer mußte sie haben. Aber warum? Warum um Himmels willen hätte er sie nehmen sollen? Man hatte ihm einen üblen Streich gespielt. »Was soll ich nur machen?« sagte er sich immer wieder. Es wurde Abend. Schon hatte die Sonne ihre Kraft verloren, Mücken spielten wie zauberhafte Fontänen über dem stillen Wasser, Ringeltauben gurrten zärtlich in den Kronen der Eichen. Bunting wurde immer verzweifelter. Sollte er versuchen, Smokie Joe zu finden und sich von ihm eine Hose und eine Jacke borgen? Nein, dann wüßte es bald das ganze Land. Er kannte den Weg zu Smokies Hütte auch gar nicht. In Yoho wohnte niemand, den er kannte. Und außerdem... welche Schande! Nein, das war unmöglich ... Er setzte sich am Ufer hin und versuchte, ruhig nachzudenken. Er dachte an alles mögliche: einen Schurz aus Blättern oder Gras, einen dicken Zweig, den er sich vorn und hinten vorhalten würde. Schließlich blieb nur eine Möglichkeit. Er mußte versuchen, aus dem Wald herauszukommen, sein Fahrrad zu finden und im Schutz der Dunkelheit zu Ernie in den »Märtyrern« zu fahren. Ernie würde ihm eine Hose leihen. Aber würde Ernie den Mund halten? Wäre es nicht besser, nach Hause zu fahren, so, wie er war, nur mit Hemd, Stiefeln, Helm und Handschuhen bekleidet? Aber der Weg nach Cherry Walden war lang. Nein, später würde der Mond aufgehen. Bei Mondlicht 138
konnte man ihn sehen und erkennen. Nein, er hatte keine Wahl: Ernie oder ewige Schande. Zuerst aber mußte er versuchen, ohne Hose aus dem Forst herauszukommen. Eine schmerzliche Angelegenheit. Kurz nach Mitternacht wurde Ernie, der fest an der Seite seiner Frau schlief, dadurch wach, daß ein Stein gegen sein Fenster klirrte. Er grunzte und drehte sich auf die andere Seite. Jemand verlangte etwas zu trinken. Vielleicht einer der Dorftrunkenbolde. Wieder